You are on page 1of 48

F

o
t
o
s
:
E
l
C
e
lla
r
d
e
C
a
n
R
o
c
a
,
N
e
t
f
lix
,
E
P
A
WEITERS
EMPFEHLEN
WIR
POLI TI K
Straches
Pension
Enzian
Wie die FPÖ ein
Tiroler Bauernhaus
zum „Bildungs-
institut“ machte –
und zum Flucht-
ort für „Tag X“. 5
LEBEN
»Mögen Sie
junge
Menschen?«
Offener Brief eines
vom Schulsystem
frustrierten Vaters
an die Lehrer
seiner Tochter. 33
VonGrünen, Fahrrädernund denElchen
Das Eifern der Grünen macht es einem schwer, die Verkehrspolitik in Wien nüchtern zu sehen. Aber vielleicht
wollen sie ohnehin genau das verhindern. LEI TARTI KEL VON RAI NER NOWAK
J
üngst in einem durchaus emotional ge-
führten Gespräch mit einem promi-
nenten Grün-Politiker über die Sinn-
haftigkeit einer neuen Fußgängerzone
in Wien: Auf das Argument, der Verkehr in
angrenzenden Bezirken würde aufgrund von
mehr Parkplatzsuchern zunehmen, hieß es:
Mittels komplizierter Einbahnregeln werde
man dafür sorgen, dass unbedarfte Bezirks-
fremde sich das schnell wieder – wörtlich –
„abgewöhnen“ und auf die öffentlichen Ver-
kehrsmittel umsteigen würden.
Der Begriff „abgewöhnen“ lässt tief in
die grüne (Verkehrs-)Politik blicken: Es geht
nicht darum, jemanden davon zu überzeu-
gen, mit der U-Bahn zu fahren, weil es güns-
tiger, unkomplizierter und mitunter unfrei-
willig unterhaltsamer sein kann, sondern
den Bürgern das Autofahren quasi auszu-
treiben. Man muss das Herdentier Mensch
zum besseren ökologischen Bürger umerzie-
hen. Irgendwie klingt das nicht nach einer
offenen, liberalen Gesellschaft, von der die
Grünen sonst gern sprechen.
Eine Analogie zum Tierreich bietet auch
eine andere Strategie der Grünen. Sie mar-
kieren neuerdings „ihre“ Stadt und ihre Plät-
ze. Das funktioniert mit frecher Schlichtheit,
indem Fahrradwege plötzlich grün bemalt
werden. Das geht aber noch besser mit der
Rathaus-Event-Maschinerie, die ihre Wurzel
einst in den Feiern zum 1. Mai hatte und bis
zur Eisdisco viele Brot-Spiele-Facetten bietet.
Die Grünen lernen schnell. So wird auf dem
Rathausplatz ein Radfahr-Festival plötzlich
politisch und Grünen-gefällig. Der Ring wird
stundenlang mit einem schönen Radpar-
cours bespielt, die Grünen zeigen Flagge,
Stadt und Bewohner haben sich zu beugen.
Das erzeugt ein gewisses Maß an Ärger
und Unwohlsein, das sich bei Oberösterrei-
chern, Salzburgern, Kärntnern und Tirolern
angesichts ihrer jeweiligen Lokalkolorit-Um-
weltfreunde bisher nicht einstellte. Aber
vielleicht wird das ja die künftige Aufteilung
Wiens: Michael Häupls SPÖ besitzt den Rat-
hausplatz, den Grünen gehört der Ring.
Ein kleiner, politisch lächerlich rück-
schrittlicher und modisch unkorrekter Ge-
danke: Man stelle sich nur einmal ganz kurz
vor, was passieren würde, wenn ein Auto-
Festival auf dem Rathausplatz – oder gar auf
dem Heldenplatz! – abgehalten würde.
Wenn ein Parcours von Autofahrern durch
die Fußgängerzone pflügte und dazu die
Hubraum-statt-Wohnraum-Gemüter stolz
grinsten. Der Untergang der Moderne, Um-
welt und Urbanität würde wohl ebenso aus-
gerufen werden, wie der Kampfruf „Blechfa-
schisten!“ erschallte. Übrigens: Die Stadt –
namentlich Verkehrstadträtin Maria Vassila-
kou – will Aufladegeräte für die neuen Teil-
elektroautos nicht fördern, ganz weg sollen
die Ganz- und Teilbenziner. So wird Wien
nicht Kopenhagen. Die lokale Opposition
könnte das eigentlich für sich nützen, aber
die FPÖ bleibt merkwürdig ruhig, und die
Wiener ÖVP erholt sich noch immer vom Er-
folg der Parkpickerl-Unterschriftenaktion
vor einigen Monaten.
Profilierung und Eiferertum. Nein, es geht
nicht um einen Kulturkampf, die tatsächli-
che Notwendigkeit von mehr Fahrradwegen
oder das aggressive Verhalten von Pkw-Fah-
rern und Fahrrad-Partisanen – sondern um
politische Profilierung und Eiferertum. Ge-
nau das ist leider immer stärker bei der einst
an sich sympathischen Oppositionspartei zu
bemerken. In Abwandlung eines alten
Sprichworts: Eine halbe Legislaturperiode
im Rathaus und schon werden die einst
größten Kritiker der Elche selber welche.
Und was macht eigentlich Eva Glawisch-
nig? Die spielt Alexander Van der Bellen und
hält sich aus solch kontroversiellen Themen
völlig raus. Lieber preist sie fröhlich Bio-Es-
sen in den Bundesländern, beglückwünscht
zu einer Koalition – Frank Stronach? Macht
doch nichts! – und verlässt sich auf den In-
tellekt der Herren Pilz und Kogler im Parla-
ment. Und natürlich hofft sie auf eine Regie-
rungsbeteiligung infolge eines Mehrheits-
verlusts von SPÖ und ÖVP im Bund. Das
wird kaum etwas ändern. Es sei denn, man
gibt den Grünen das Verkehrsressort . . .
rainer.nowak@diepresse.com
» Die Stadt will
nicht einmal
Ladegeräte für
die neuen
Teilelektroautos
fördern. So wird
Wien nicht
Kopenhagen. «
DI EPRESSE.COM
KULTUR
Nie wieder
warten!
Mit Streaming-
Diensten wie Netflix
bahnt sich eine
TV-Revolution an.
Nebenprodukt:
Kultserien wie
„Arrested
Development“. 42
LEI TARTI KEL
DI EPRESSE. COM/
MEI NUNG
Köche, Käse,
Küchen
Der beste Koch der Welt.
Joan Roca im Gespräch über Krise,
fotografierende Köche und ignorante
Gäste. Fünf Seiten Kulinarik.
Seiten 12/13, 35, 37/38
IRAN
Der Pragmatiker Hassan Rohani gewinnt die Präsidentenwahl
im Iran. Er verspricht eine Wiederannäherung an den Westen. 7
F R E I S E I T 1 8 4 8
SONNTAG, 16. JUNI 2013*** //// //// PREIS: 2,00 EURO //// NR. 19.834

F
o
t
o
s
:
K
a
t
h
a
r
in
a
R
o
ß
b
o
t
h
,
W
ik
ip
e
d
ia
,
A
P
A
/
T
e
c
h
t
,
p
ic
t
u
r
e
d
e
s
k
.c
o
m
/
R
o
b
e
r
t
J
ä
g
e
r
,
E
l
C
e
lla
r
d
e
C
a
n
R
o
c
a
,
R
e
u
t
e
r
s
(
2
)
,
F
a
b
r
y
,
E
P
A
(
2
)
P
O
L
I
T
I
K
S
P
O
R
T
&
S
P
I
E
L
W
I
E
N
E
C
O
W
I
S
S
E
N
L
E
B
E
N
G
L
O
B
U
S
K
U
L
T
U
R
D
E
B
A
T
T
E
VomIng. zumDipl.-Ing.(FH)
berufsbegleitend,mit Fernstudienlementenin2J ahren
Studienstart: Sept. 2013
Wirtschaftsingenieurwesen
ander HTBLuVAWr.Neustadt,HTLVöcklabruck,
HTLSalzburg,HTLfür BauundDesignInnsbruck,
HTLWeiz
Maschinenbau
ander BulmeGraz
Technische Informatik
ander HTBLVAInnsbruck(A),HTLWien(3)
info@aufbaustudium.at
03172/ 603/ 4020
in Kooperation mit der HS Mittweida (D)
G L OS S E
Gerecht nach FPÖ-Art
W
er solche Parteifreunde hat,
braucht sich über politische
Gegner nicht mehr den Kopf
zerbrechen. Kaum ist es FPÖ-Obmann
Strache gelungen, einen Statthalter in
Kärnten zu installieren und in Nieder-
österreich die widerspenstige Landesob-
frau Barbara Rosenkranz auszutauschen,
pfuscht ihm der blaue Gesinnungsgenos-
se Martin Graf ins ohnehin so beschwer-
liche Wahlkampfhandwerk.
Es ist auch zu blöd: Zur Jubelveran-
staltung für den etwas außer Tritt gerate-
nen Spitzenkandidaten Strache funkt das
Oberlandesgericht Wien mit der Ent-
scheidung dazwischen: Demnach hat der
Vorstand jener Stiftung einer 91-jährigen
Wienerin, in der der Dritte Nationalrats-
präsident und weitere FPÖ-Vertreter ge-
sessen sind, pflichtwidrig gehandelt.
So schaut also eine bestmögliche
Vorsorge im Interesse der Stifterin aus!
„Mit uns wird’s gerecht“, das Motto des
FPÖ-Parteitags, klingt geradezu wie ein
Hohn, wenn eine hochbetagte Frau vor
Gericht um ihre Anliegen, die Graf und
Co. hätten vertreten sollen, kämpfen
muss. Danke, Herr Nationalratspräsi-
dent, für die Offenbarung, was Gerechtig-
keit nach FPÖ-Lesart wirklich heißt. E T T
Amuse-Gueule
NACHRICHTEN AUS DER
REDAKTIONSKONFERENZ
Wie Rainer Nowak den Uraltrekord von Karl
Kraus brechen will und warumsich in dieser
Ausgabe alles ums Essen dreht.
H
eute kocht der Chef selbst. Rainer Nowak
serviert ein mehrgängiges Menü. Den Leit-
artikel haben Sie wahrscheinlich schon ge-
nossen. Gewerkschaftsfressern wird das Interview
mit ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf auf Seite 4
Freude bereiten. Es folgt ein besonderes Gustostü-
ckerl aus Osttirol, zubereitet mit Norbert Rief: Die
FPÖ hat den Fremdenverkehr für sich entdeckt; sie
leistet sich in St. Jakob im Defereggenthal ein Bil-
dungsinstitut, dem die Pension Enzian gehört.
Heinz-Christian Strache zieht sich dorthin zum
Denken zurück. Man kann nur hoffen, dass sich die
Investition lohnt. Im Leben, auf den Seiten 36 und
37, setzt sich Nowaks kulinarischer Marathon fort.
Gemeinsam mit Christian Grünwald, Chefredakteur
von „A la Carte“, hat er Joan Roca interviewt, der
jüngst zumbesten Koch der Welt gewählt wurde.
Mit dem lukullischen Feuerwerk feiern wir den
Start der neuen Doppelseite Essen und Trinken, die
Sie ab heute in jeder Ausgabe auf den Seiten 12 und
13 finden können. Wir beginnen, womit andere die
Speisefolge schließen: Anna Burghardt hat mit Kä-
sekennerinnen gesprochen, Duygu Özkan erklärt,
wie man selbst Käse herstellt. Garniert ist das Ge-
nussprogramm mit einer Restaurantkolumne,
einem sehr, sehr alten Rezept und Essenstipps für
Leute, die es nicht ganz so dick in der Börse haben.
Schon von dieser Ausgabe, die Georg Renner als
Chef vom Dienst abgeschmeckt hat, kann man nicht
behaupten, zu viele Köche hätten den Brei verdor-
ben. Doch, hoffentlich verrate ich nicht zu viel, No-
wak will mehr. Mit einem Betreuerstab, dem Mas-
seure, Intensivmediziner und ein Hochleistungs-
guru angehören, arbeitet er daran, demnächst eine
ganze Ausgabe im Alleingang zu füllen. Damit wäre
der Rekord Karl Kraus’ gebrochen, den er in der Zwi-
schenkriegszeit mit der „Fackel“ aufgestellt hat. cu
christian.ultsch@diepresse.com diepresse.com/blattlinie
NAVIGATOR
UNSERE THEMEN AM SONNTAG
Sieg für Hassan Rohani
7 Der 64-jährige Geistliche liegt
bei den Präsidentenwahlen
im Iran klar auf Platz eins.
4 »Angriff auf Wirtschaft«
ÖVP-Klubchef Kopf rechnet
mit dem ÖGB ab.
5 Straches Pension Enzian
Die FPÖ leistet sich ein
Bildungsinstitut in Osttirol.
6 Der liberale Revolutionär
Italiens Expremier Monti
verteidigt seine Reformen.
8 Beweise für Giftgaseinsatz
Obama will Infos vorlegen.
Der nächste Sprung
26 Sergej Bubka kandidiert als
IOC-Präsident und glaubt an
österreichische Winterspiele.
25 Nationale Leidenschaft
In Brasiliens Favelas steht
Fußball für Entwicklungshilfe.
28 Bremer Neubeginn
Marko Arnautovi´c bekommt
bei Werder noch eine Chance.
29 Tod der einsamen Wölfe
Die Zukunft gehört den
Onlinespielen.
32 Ost und West
Aktuelle Buchtipps.
Impressum 2 ...............................................................
Nachrichtenüberblick 8 .....................................
Das Wetter 8 ...............................................................
Veranstaltungstipps 12 .......................................
Börse und Finanzen 21 ........................................
Spiele und Denksport 30 ..................................
Wien und die Kinder
9 Der Skandal um die
Kinderheime bringt das Bild
der SPÖ ins Wanken.
10 Tierschützer und kein Ende
Der Prozess gilt als
Justizblamage. Eine Analyse.
11 Wiens letztes Geisterhaus
Ein Besuch im alten Post-
und Telegrafenamt.
12 Alles Käse
Wie Frauen im Käsegeschäft
auf dem Vormarsch sind.
14 WG für Fahrräder
Die Sieger des Cycling-
Affairs-Wettbewerbs.
Späte Reue der ÖVP
17 Schellhorns SuperMarkt über
die gute, aber späte Idee für
eine Gebührenbremse.
18 »Trauen Sie niemandem«
„Dirk the DAX“ im Interview
über die Schuld an der Krise.
19 Das Ende der Konsumfiesta
Brasiliens Wirtschaftsmodell
scheint vorerst erschöpft.
20 Wo das Web gespeichert ist
Über die Firma Akamai läuft
ein großer Teil des Internets.
21 Let’s make money
Österreichische Ölaktien
haben Potenzial.
Ausdruck in der Musik
22 Wer und was in der Musik
etwas ausdrückt, erörtern
derzeit Grazer Forscher.
22 Dissertation der Woche
Schimmelpilzgifte aus der
Nahrung finden sich im Urin.
23 Land stärker genutzt
Der Konsum von Biomasse
hat sich verdoppelt.
24 Impfung amAuge
Neuer Impfansatz soll
gegen das Trachom helfen.
24 Wort der Woche
Warum der Begriff „Klima-
flüchtling“ problematisch ist.
Brief an die Direktorin
33 Warum die Tochter nicht gern
in die Schule geht. Der
Hilferuf eines Vaters.
34 Der Springer
Dominik Raab ist einer der
weltbesten Trialbiker.
34 Kein Beinbruch
Bettina Steiner über Sätze zur
Beruhigung nervöser Mütter.
35 Essen statt Pillen
Welches Essen gegen welche
Krankheit helfen kann.
36 Der Spitzenkoch
Interview mit Joan Roca.
Spuren der Folter
38 Ein Nuklearmediziner kann
Verletzungen durch Folter
nach Jahren sichtbar machen.
39 Friede in den Hütten
Mit Wasserprojekten hilft
Österreich in Uganda.
39 Bei den Rittern
Ausflug ins Mittelalter – nicht
so grausam wie gedacht.
40 Schotte und Patriot
Gerard Butler über seine
Heimat, die USA und Fußball.
40 Dylan kommt
Der Sänger beehrt Europa.
Engel in der Oper
41 Jubel für „Written on Skin“,
und eine Musiktheater-Bilanz
der Wiener Festwochen.
42 Online-Streaming
Die Technologie, die TV und
Serien komplett verändert.
42 Macht süchtig
Comeback der Familienserie
„Arrested Development“
43 »Mein Freund Harvey«
Heiterer Saisonausklang im
Volkstheater mit Till Firit.
44 Mutter aller Kunstmessen
Art Basel: Trends & Kitsch.
Ai Weiwei über USA
46 Warum Amerika rund um
die NSA-Affäre wie China
agiert.
48 Letzte Fragen
an den Oppositionsaktivisten
Zakhar Prilepin.
2 DIE SEITE ZWEI 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
INTERVIEWS IN DIESER AUSGABE
Karlheinz Kopf, Politiker
Der Klubobmann der ÖVP rechnet im Gespräch mit Rainer
Nowak mit der SPÖ-Gewerkschaft ab und spricht über den
ORF, neue Steuern, teure Überstunden und Privatisierungen
im Land. S E I T E 4
Dirk Müller, Börsenmakler und Autor
Was Aktienkurse noch mit der Realität zu tun haben, ob
man sich überhaupt noch an der Börse beteiligen sollte und
wem man noch vertrauen kann: Das Gesicht zum DAX im
Interview. S E I T E 1 8
Gerard Butler, Schauspieler
Schotten sind ungezähmter als typische Männer, meint
Butler. Butler im Gespräch über Patriotismus, Amerikaner
und Fußball sowie seinen neuen Kinofilm „Olympus Has
Fallen“. S E I T E 4 0
COVER
36
Der beste
Chef der
Welt
Joan Rocas
Restaurant El Celler
de Can Roca wurde
kürzlich zum
besten der Welt
gewählt. Ein
Interview.
L E B E N
TRlUMPH
DER FORM.
Lrstaun||cn f|ex|be|, erstaun||cn v|e|se|t|g, überrascnend v|e| P|atz m|t nocnstem Komfort. Und
a|| das |n e|ner dafür scn|er ung|aub||cnen lorm: Der neue BMW 3er Oran ¯ur|smo kennt m|t
se|ner coupenaft-sport||cnen S||nouette und se|nem e|nz|gart|gen laumkonzept ke|ner|e|
Konkurrenz. Au|er be| den lanre|genscnaften. D|e s|nd nam||cn genauso nerausragend w|e
be| a||en anderen Mode||en der BMW 3er le|ne.
DER NEUE BMW3er GRAN TURlSMO.
WENN lNNERE GRÖSSE GESTALT ANNlMMT.
BMW 3er Oran ¯ur|smo: 105 kW ¦143 PS) b|s 150 kW ¦21B PS), Kraftstoffverbraucn gesamt von 4,5 |/100 km b|s 5,1 |/100 km,

2
-Lm|ss|on von 119 g/km b|s 134 g/km.
S
y
m
b
o
|f
o
t
o
Der neue BMW3er
Gran Turismo
www.bmw.atl3er Freude am Fahren
WAHLLOKAL
WER SOLL
IHR/E
PATIENTEN-
OMBUDSMANN/
FRAU WERDEN?
14.-23. Juni 2013
»Klassenkampf, Angriff auf dieWirtschaft«
Im Interview rechnet ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf knapp vor dem ÖGB-Bundeskongress mit den Forderungen der
SPÖ-Gewerkschafter nach neuen Steuern, mehr Urlaub und teureren Überstunden ab. VON RAI NER NOWAK
Wenn man die letzten 20 Aussagen von
Klubobmann Kopf über den ORF Revue pas-
sieren lässt, könnte man zum Schluss kom-
men, dass das, was in Griechenland passiert
ist, die Schließung des öffentlich-rechtli-
chen Rundfunks, für Sie auch eine Variante
für Österreich wäre.
Karlheinz Kopf: Wenn man sich meine
Aussagen anschaut, sind sie zwar sehr
ORF-kritisch, aber immer mit einemBe-
kenntnis zum öffentlich-rechtlichen
Rundfunk versehen. Ich kritisiere, dass
die Verantwortlichen die Zeichen der
Zeiten nicht rechtzeitig erkannt haben,
und finde, dass der ORF keine heilige
Kuh ist, der man immer so viel Futter
zuführt, wie sie gerade verlangt. Das Ge-
bot der Stunde lautet, nicht mehr zeitge-
mäße Kostenstrukturenzu bereinigen.
Sie werfen dem ORF vor, sich nicht zeitge-
mäß entwickelt zu haben. Nächste Woche
findet der ÖGB-Bundeskongress statt.
Wenn man sich die Mühe macht, die Forde-
rungen durchzulesen, könnte man den Ein-
druck haben, eine Koalition zwischen SPÖ,
die dem ÖGB ja durchaus nahesteht, und
ÖVP ist fast nicht mehr möglich.
Der Leitantrag der Sozialdemokrati-
schen Gewerkschafter ist ein Total-
angriff auf den Wirtschafts- und Ar-
beitsstandort Österreich. Gespickt mit
Klassenkampf an allen Ecken und En-
den. Ich frage mich, was die Herrschaf-
ten treibt.
Was erregt Sie so sehr?
Explizit die Forderungen nach Verkür-
zung der Arbeitszeit, Erhöhung des Ur-
laubsanspruches, Ausdehnung der be-
zahlten Freistellungsansprüche und
die Verteuerung von Überstunden, also
eine Strafe für die Arbeitgeber. Viel-
leicht ist es den Damen und Herren
entgangen, aber wir haben ein Fach-
kräfteproblem, das uns hindert, unsere
Potenziale voll auszuschöpfen und
eine kleine Wachstumsbremse da und
dort in einzelnen Branchen darstellt.
Diese behebt man ja wohl nicht, indem
man die Arbeitszeit verkürzt und das
Problem vergrößert. Das Nächste sind
die Steuerfantasien, von Wertschöp-
fungsabgabe über die Vermögensteuer
bis hin zur Erbschafts- und Schen-
kungssteuer. Es gibt kein internationa-
les Beispiel für einen Zusammenhang
zwischen Vermögensteuer und mehr
Gleichheit in einem Land – Norwegen
und Frankreich haben Vermögensteu-
ern und trotzdem eine ungleichere
Vermögensverteilung als wir.
Gut, das kann historische Gründe haben.
In einem Land mit 44 Prozent Steuer-
abgaben überhaupt über zusätzliche
Besteuerungen nachzudenken und die
Arbeit weiter mit Zusatzabgaben belas-
ten zu wollen, das ist Jobvernichtung.
Kein Mensch scheint mehr bereit zu
sein, über Leistungsgerechtigkeit zu re-
den. Alle reden nur noch vom Vertei-
len, Verteilen, Verteilen.
Bei einem Punkt ist die Gewerkschaft zu-
mindest in der Formulierung weich: Die
sechste Urlaubswoche muss für alle Arbeit-
nehmer leichter erreichbar sein. Das ist
ziemlich harmlos, die SPÖ hat sich davon ei-
gentlich verabschiedet.
Mag schon sein, aber da kommt schon
ein weiterer Punkt hinzu. Das ist die
Aufrechterhaltung der Philosophie der
Siebzigerjahre, dass Staatsbetriebe
oder der öffentliche Dienst Instrumen-
te der Arbeitsmarktpolitik sein sollen
und wir daher Schluss machen sollen
mit dem Aufnahmestopp im öffentli-
chen Dienst. Effizienz und hohe Pro-
duktivität sind ein Gebot für alle Berei-
che, wo Menschen arbeiten. Letztend-
lich muss das immer jemand bezahlen,
entweder der Kunde oder der Steuer-
zahler. Es kann nicht sein, dass ein
Sektor ausgenommen ist. Diese ver-
fehlte Philosophie hat in der Vergan-
genheit schon einige Staatsunterneh-
men und ganze Staaten ruiniert. Dazu
kommt dann auch noch die Forderung
nach einer Abkehr von Preisstabilität,
Liberalisierung und Deregulierung,
also von Elementen, die die Wirtschaft
stärken und fit halten. Zu guter Letzt
wird dann auch noch verneint, dass es
eine Staatsschuldenkrise gibt. Viele
Staaten haben jahrelang über ihre Ver-
hältnisse gelebt, das müssen die Steu-
erzahler jetzt ausbaden.
Dies führt mich zurück zur Frage – der ÖGB
ist ja nicht irgendwer, der steht der SPÖ
doch etwas sehr nahe. Wie kann nach der
Herbstwahl eine Koalitionsregierung gebil-
det werden?
Es hat wenig Sinn, zum jetzigen Zeit-
punkt fiktive Koalitionsverhandlungen
zu führen. Jetzt ist die Zeit der Darle-
gung der unterschiedlichen Positionen
der Parteien.
Das verstehe ich. Aber weil Sie so vehement
dagegen sind: Können Sie sagen, dass es
mit einem Karlheinz Kopf in maßgeblicher
Position Dinge wie Schenkungssteuer, Ver-
mögensteuer nicht geben wird?
Da mache ich sicher nicht mit. Der ei-
gentliche Auftrag heißt: Entlasten von
Steuern, Arbeitskosten senken, Büro-
kratie abbauen, Energiekosten senken,
Arbeitszeiten flexibilisieren, Innova-
tionskräfte stimulieren.
Ein Punkt ist noch interessant: Im ÖGB-Pa-
pier ist deutlich eine totale Ablehnung jegli-
cher Privatisierung fixiert. Von der ÖVP hört
man da auch nicht mehr viel. Ist das Thema,
bei Telekom, Post endgültig alle Staatsan-
teile abzugeben, noch auf dem Tisch?
Privatisierung bleibt oben auf der ÖVP-
Agenda. Überall, wo es nicht aus öko-
nomischen oder politischen Gründen
notwendig ist, dass der Staat seine Fin-
ger drin hat, sollen das Private ma-
chen. Aber für jeden Privatisierungs-
kandidaten braucht es ein maßge-
schneidertes Konzept und gibt es den
richtigen Zeitpunkt.
Ist eine ORF-Privatisierung wünschenswert?
Das ist nicht realistisch. Wie sollte das
ausschauen?
Es gibt immer wieder Fantasien, ORF eins
zu privatisieren.
ORF eins ist ja einem Privatkanal sehr
ähnlich, daher nehme ich an, dass es
dafür schon Interessenten gäbe, wenn
diese nicht auch die anteiligen Kosten
des Küniglbergs mitnehmen müssten.
Das wiederum würde aber die Kosten-
struktur des ORF noch weiter ver-
schlechtern. Man kann den ORF auch
mit zwei Vollprogrammen und den
Spartenkanälen wirtschaftlich führen,
im Sinne von Auskommen mit den
nicht so knapp bemessenen Mitteln.
Man muss allerdings das Unterneh-
men einer Totalreform unterziehen.
Da warte ich noch immer auf ein ambi-
tioniertes Konzept.
STECKBRIEF
2008
Seit Beginn der heuer
im Herbst zu Ende
gehenden Legislatur-
periode, konkret seit
dem 25. November
2008, ist der am
27. Juni 1957 in
Hohenems geborene
Karlheinz Kopf ÖVP-
Klubobmann im
Parlament und
Mediensprecher seiner
Partei. Dem National-
rat gehört der
Vorarlberger seit
November 1994 an.
Kopf ist in der rot-
schwarzen Koalition
vielen in der SPÖ
wegen seiner offenen
Kritik an den Sozial-
demokraten ein Dorn
im Auge.
2000
Politisch war Kopf von
2000 bis 2008 als
Generalsekretär des
ÖVP-Wirtschafts-
bundes aktiv. Zuvor
war er ab 1985
insgesamt 14 Jahre
lang Gemeinde-
vertreter im
Vorarlberger Altach.
Beruflich war Kopf bei
der Sportbau Walser,
bei Hubert Tricot und
Wolford tätig.
„Steuerfantasien“
des ÖGB findet
ÖVP-Klubchef Kopf
gar nicht zum
Schmunzeln.
Clemens Fabry
4 INLAND 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
www.patientenwahl.at
PatientInnen wählen Ihre/n Ombudsmann/frau
Der/Die Wiener Patientenombudsmann/-frau ist die logische Ergänzung zum Patientenanwalt.
Während dieser stark auf Spitalsfälle fokussiert ist, wird sich der/die Patientenombudsmann/
-frau vor allem um Problembereiche im niedergelassenen Bereich kümmern.
Dank einer direktdemokratischen SMS-Wahl durch Patientinnen und Patienten kann er/sie
diese Funktion völlig unpolitisch und unabhängig ausfüllen.
Informationen zu den Kandidaten und dem SMS-Wahlmodus finden Sie auf
www.patientenwahl.at oder bei Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin.
OMBUDS
MANN|FRAU
PATIENTEN
Blauer »Inländerfreund«
FPÖ-Parteitag: Ein selbst ernannter Kanzler gegen „Miethaie“
und „Massenzuwanderung“. Graf sorgt für neue Belastung.
Der FPÖ-Spitzenkandidat für die Na-
tionalratswahl sollte nach teils mau-
en Ergebnissen bei den Landtags-
wahlen mit möglichst breiter Unter-
stützung in den Wahlkampf ge-
schickt werden. Da machten sich am
Samstag beim FPÖ-Bundesparteitag
in Linz sogar jene zwei der insgesamt
rund 500 Delegierten, die FPÖ-Ob-
mann Heinz-Christian Strache in of-
fener Abstimmung nicht zum Front-
mann gekürt hatten, beim freiheitli-
chen Funktionärsvolk unbeliebt.
Strache selbst inszenierte sich
und seine Partei in einer eineinhalb-
stündigen Rede als einzige Alterna-
tive zu den Regierungsparteien SPÖ
und ÖVP. Dementsprechend wartete
er ungeachtet der wenig berauschen-
den Umfragedaten für die Freiheitli-
chen mit einem Kanzler-Programm
auf. Auch wenn bei der Nationalrats-
wahl vorerst nur die 20-Prozent-Mar-
ke an Stimmen übersprungen wer-
den soll, so die Vorgabe Straches.
Vertraute Töne. Kritik an der Auslän-
derfeindlichkeit der Blauen setzte er
eine eigens betonte „inländerfreund-
liche“ Politik entgegen. Diese klang
freilich nicht nur für die FPÖ-Funk-
tionäre, die begeistert waren, ver-
traut. Den Regierungsparteien hielt
er vor, sie würden eine „noch nie da
gewesene Massenzuwanderung“
verfolgen. „Kriminelle Zuwanderer“,
„Integrationsunwillige“, „radikale Is-
lamisten“, sie alle fehlten in Straches
Rede nicht. Schließlich versprach er:
„Ich als Kanzler werde dafür sorgen,
eine Minuszuwanderung einzufüh-
ren.“ Beim Wohnen seien SPÖ und
ÖVP die eigentlichen „Miethaie“.
Das war noch eine der mildesten ver-
balen Attacken auf Rot und Schwarz.
Nicht zur Inszenierung passten
die neuen Probleme für den Dritten
Nationalratspräsidenten Martin Graf.
Sie kamen beim Parteitag auch nicht
zur Sprache. Dem FPÖ-Politiker
macht neuerlich die Affäre um die
Privatstiftung der 91-jährigen Wiene-
rin Gertrud Meschar zu schaffen. Das
Oberlandesgericht Wien hat („Die
Presse“ berichtete am Samstag) fest-
gestellt, Graf und weitere FPÖ-Ver-
treter im Stiftungsvorstand wären
seinerzeit den Anliegen der Frau
nicht nachgekommen.
Grafs Umfeld und ein weiterer
Exvorstand und FPÖ-Politiker wei-
sen das zurück. Im Parlament hieß es
auf Anfrage der „Presse am Sonntag“,
weil eine Abwahl Grafs nicht möglich
sei, handle es sich in erster Line um
ein FPÖ-Problem. red/APA
Eine Pension in Osttirol soll demFreiheitlichen Bildungsinstitut als Seminarzentrumdienen. Rief
Die FPÖ leistet sich ein Bildungsinstitut – in St. Jakob im
Defereggental. In das Dorf zieht sich Heinz-Christian
Strache gern zurück. Was die gesamte FPÖ-Spitze tun
sollte, wenn eine internationale Krise ausbreche, so sein
Plan vor wenigen Jahren. VON RAI NE R NOWAK UND NORBE RT RI E F
Straches blaue
PensionEnzian
E
s ist eine der schöneren Pen-
sionen in St. Jakob im Defereg-
gental. Ein altes Bauernhaus
mit von der Sonne schwarz ge-
wordenem Lärchenholz, grüne Verzie-
rungen um die Fensterrahmen, auf
drei Balkonen kann man das ein-
drucksvolle Panorama des Tals genie-
ßen, neben dem Haus fließt ein kleiner
Fluss – ein Haus wie aus einem Hei-
matfilm. Pension Enzian ist der lyri-
sche Name des Gästehauses, und wer
hier um ein Zimmer anfragt, wird von
einer ausgesprochen freundlichen
Dame betreut.
Nichts, wirklich gar nichts, weist
darauf hin, dass diese Pension der FPÖ
gehört. „Hinterm Tourismusbüro, auf
der andern Seitn von der Polizei“, er-
klärt ein Einheimischer den Weg „zum
Haus der FPÖ“. Nichts in der kleinen
Osttiroler Gemeinde bleibt geheim,
und schon gar nicht, wenn sich eine
Partei aus Wien ein Haus kauft.
Charme der 1920er-Jahre. „Zimmer
frei“, steht auf einemSchild beimneu ge-
stalteten Eingang. Der Tourismus im De-
fereggental ist wegen der Sperre der Fel-
bertauernstraße schwach, da nützt auch
„der Charme des ursprünglich im Jahre
1920 errichteten Bauernhauses“ wenig,
wie manes auf der Website anpreist.
Früher war das Haus mit der
Adresse Unterrotte 49 einmal eine
Tischlerei, dann baute man es zu einer
beeindruckenden Pension mit neun
Doppel- und einem Einbettzimmer aus
– und im Jänner 2012 kaufte es das
Freiheitliche Bildungsinstitut St. Jakob
in Osttirol, das eigens dafür am 19. No-
vember 2011 als Verein gegründet wur-
de. Die Adresse des Bildungsinstituts:
Rathaus, Stiege 6, Zimmer 234, 1082
Wien. Sitz des FPÖ-Rathausklubs. „Das
ist nur die Postadresse“, erklärt Hans-
Jörg Jenewein, Landesparteisekretär
der Wiener FPÖ. Ist auf jeden Fall recht
hilfreich, weil alle Vorstandsmitglieder
des Vereins Wiener FPÖ-Politiker sind:
Stadtrat Johann Herzog ist Präsident
des Freiheitlichen Bildungsinstituts St.
Jakob, Klubobmann Johann Gudenus
ist Vizepräsident, und Jenewein selbst
agiert als Schriftführer.
Sinn des Instituts und der Pension
in St. Jakob sei es, einen Seminarbe-
trieb für die Partei aufzubauen, erklärt
Jenewein. „Bisher müssen wir uns im-
mer irgendwo einmieten, daher kam
die Idee, ein Seminarzentrum anzu-
schaffen.“ Dass es auch ein Jahr nach
dem Kauf durch das Bildungsinstitut
noch eine Pension ist, habe damit zu
tun, dass man den Umbau erst planen
müsse.
Fluchtort für den Tag X? Das Freiheitli-
che Bildungsinstitut St. Jakob in Ostti-
rol ist ordentliches Mitglied der Wirt-
schaftskammer Tirol – nicht aber als
Seminarzentrum. Am 3. August 2012
meldete man ein „Gastgewerbe gemäß
§ 94 Z 26 GewO 1994“ an. Eine Berech-
tigung, „eingeschränkt auf Frühstück
und kalte Imbisse und auf Hausgäste,
in der Betriebsart Gästehaus mit maxi-
mal 20 Betten“. Und dass das Haus
nicht unbedingt, wie andere Parteiaka-
demien, in der Nähe Wiens liegt, son-
dern weit weg in einem abgelegenen
Seitental im Osttirol? Jenewein: Da
habe man Ruhe.
Heinz-Christian Strache schätzt
diese Ruhe: Er macht seit vielen Jahren
im Sommer und Winter in St. Jakob Ur-
laub – heuer im Winter bereits zum elf-
ten Mal zum Skifahren. Der Immobi-
lienankauf war auch Thema in einem
Bundesparteivorstand, berichtet ein
Mitglied der „Presse“. Strache selbst
hatte sich für den Ankauf – und mögli-
che weitere – starkgemacht. Mit, wie
ein Sitzungsteilnehmer gehört haben
will, einer etwas eigenartigen Argu-
mentationslinie: Eine solche Pension
könnte dem inneren Führungskreis im
Fall einer Krise als Zufluchtsort dienen.
Tatsächlich hatte er in den Jahren der
Finanzkrise ab 2008 in größeren und
kleineren Kreisen immer wieder vom
Tag X gesprochen, wenn in Europa
bürgerkriegsähnliche Unruhen ausbre-
chen könnten.
Strache wäre dann sicher – in der
Pension Enzian.
WAHLSTART
Spitzenkandidat. Mit
Unterstützung von
fast allen der rund
500 Delegierten beim
FPÖ-Bundesparteitag
in Linz wurde Obmann
Heinz-Christian
Strache formell zum
FPÖ-Spitzen-
kandidaten für die
Nationalratswahl am
29. September gekürt.
Dahinter folgen auf
der Liste General-
sekretär Herbert Kickl
und Familien-
sprecherin Anneliese
Kitzmüller.
Leitantrag. Strache
nannte als Wahlziel
20 Prozent Stimmen-
anteil oder mehr. Die
ursprünglich
angestrebten 33
Prozent wurden nun
zum langfristigen Ziel
erklärt. Abgesegnet
wurde der Leitantrag
„Mit uns wird’s
gerecht“. Die Kern-
inhalte zu gerechteren
Löhnen, Pensionen
und Wohnen stellen
vor allem eine Kampf-
ansage an die
Kanzlerpartei SPÖ dar.
//// 16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM
0 INLAND 5
Für den Kauf wurde eigens
ein Verein gegründet – mit
einer Wiener Postadresse.
Ex-Technokraten-Premier Mario Monti über eine »liberale Revolution« in Italien, den zögerlichen Sparwillen der Regierung Letta
sowie viel zu mächtige Interessengruppen. Und wieso die Italiener etwas selbstkritischer werden sollten. VON SUSANNA BASTAROL I
»MüssenPrivilegien-Urwaldentfernen«
N
ach den Exzessen der Ära
Berlusconi schaffte Mario
Monti das nahezu Undenk-
bare: Der etwas spröde wir-
kende Ökonom hat Italien ein neues
Gesicht gegeben. Auf einmal war das
Belpaese nicht mehr das international
belächelte „Bunga-Bunga-Land“, son-
dern der pflichtbewusste Streber unter
den Eurokrisenländern.
Tatsächlich verhinderte Technokra-
ten-Premier Monti (von November 2011
bis April 2013) dank seiner radikalen
Sparkur den Finanzkollaps der tief ver-
schuldeten, drittgrößten Volkswirtschaft
der Eurozone. Das machte den Ex-Wirt-
schaftsprofessor und Ex-EU-Kommissar
zum Liebkind der EU-Chefs. Auch in
den USA schwärmte man: Vor einem
Jahr kürte das „Time“-Magazin „den
Premier mit der Aura eines Gentleman-
Großvaters“ zum „wichtigsten Mann
Europas“ und „Retter des Euro“. In Ita-
lien war man weniger begeistert: Nur
knapp zehn Prozent stimmten im Fe-
bruar für den „Professore“.
Mit Senator Monti, dessen Partei
heute Juniorpartner der Regierung Let-
ta ist, sprach „Die Presse am Sonntag“
über die Reformfähigkeit Italiens.
In Europa, in den USA wurden Sie als Retter
Italiens und des Euro gefeiert. In Italien
mussten Sie eine herbe Wahlniederlage ein-
stecken. Haben Sie mit Ihrem Sparkurs den
Italienern zu viel zugemutet?
Mario Monti: Dass wir zehn Prozent der
Stimmen erhalten haben, ist beacht-
lich. Angesichts der unpopulären Maß-
nahmen meiner Expertenregierung
hätten wir keine einzige Stimme erhal-
ten sollen. Doch drei Millionen Italie-
ner haben eingesehen, dass der harte
Kurs notwendig war. Zudem haben wir
verhindert, dass Silvio Berlusconi eine
Mehrheit in beiden Parlamentskam-
mern bekommt: Unsere Stimmen ka-
men großteils vomrechten Lager.
Wie stehen die Chancen für eine glaubwür-
dige, rechtsliberale Partei in Italien?
Als Berlusconi 1994 erstmals kandidier-
te, hatte ich – so wie viele andere – ge-
hofft, dies sei der Beginn einer „libera-
len Revolution“ . Dazu kam es aber nie
– Berlusconi wollte das auch gar nicht.
Dass sich die Wirtschaft etwas öffnete,
dass Liberalisierungen umgesetzt wur-
den und die Wettbewerbsfähigkeit er-
höht wurde, geschah dank der EU. Mei-
ne Regierung hat den Weg für weitere
Reformen geebnet. Werden diese um-
gesetzt, könnten wir in fünf Jahren das
BIP um 5,75 Prozent erhöhen. Eine
rechtsliberale, proeuropäische Partei
hätte in Italien heute gute Chancen.
Mit Elementen aus Silvio Berlusconis Partei,
Volk der Freiheit?
Nicht, solange die Partei von Silvio Ber-
lusconi angeführt wird. Während mei-
ner Regierungszeit habe ich gut mit
Angelino Alfano (Parteisekretär des
Volks der Freiheit, Anm.) kooperiert.
Damals habe ich den Wunsch geäu-
ßert, gemeinsam mit moderaten Kräf-
ten des Volks der Freiheit sowie des re-
formorientierten Flügels der Linken
einen Mitte-rechts-Block zu gründen.
Blickt man auf Enrico Lettas Große Ko-
alition, haben sich die Dinge letztend-
lich gar nicht so anders entwickelt.
Genau diese Koalition scheint sich aber von
der Sparpolitik verabschieden zu wollen.
Reformen werden verschoben, Steuersen-
kungen versprochen. Kann Italien, so wie
versprochen, 2014 das Budgetdefizit unter
drei Prozent des BIPs halten?
Ich glaube schon. Die Parteien sind
realistischer geworden. Zudem hat Ita-
lien dank der Entlassung aus dem EU-
Defizitverfahren – eine Folge unserer
Reformen – mehr Flexibilität. Wir fin-
den Immobiliensteuern für die Erst-
wohnung nicht so dramatisch (Berlu-
sconi fordert die Abschaffung, Anm.),
die gibt es auch in anderen Staaten.
Und zur Mehrwertsteuer-Erhöhung
(von Montis Expertenkabinett einge-
plant, Teile der aktuellen Regierung
wollen sie nicht einführen, Anm.): Der
Verzicht darauf hängt davon ab, wie
man Ausgaben sonst reduzieren will.
Derzeit gibt es von der Regierung we-
nig Anstrengung hinsichtlich eines
„Spending Review“, einer Überprüfung
der öffentlichen Ausgaben. Unser Vor-
schlag: den Steuerdruck auf Arbeit und
Unternehmen zu erleichtern.
Ist diese fragile Große Koalition überhaupt
fähig, Reformen umzusetzen?
Derzeit gibt es keine bessere Regierung
für Italien. Eine Große Koalition kann
hilfreich sein, um unpopuläre Maß-
nahmen umzusetzen: Die Parteien tei-
len sich die politischen Kosten. Aller-
dings dürfen die Parteien eine Große
Koalition nicht missbrauchen, um für
sich Zugeständnisse zu „erkaufen“ –
auf Kosten der Zukunft des Landes.
Besteht denn nicht genau diese Gefahr?
Die Gefahr besteht, sowohl bei der
Rechten als auch bei der Linken. Die
einflussreichen Gewerkschaften etwa
lehnen weitere, notwendige Reformen
des Arbeitsmarktes ab. Ich aber habe
Vertrauen in die Italiener. Die Italiener
wissen, wie hoch die Kosten von verzö-
gerten Reformen sein können.
Aber sind die zunehmend verarmten Italie-
ner wirklich zu weiteren Opfern bereit?
Diesmal handelt es sich nicht um Op-
fer in Form von Steuern. Nun müssen
wir die Privilegien der zahlreichen In-
teressengruppen beschneiden. In Ita-
lien gibt es einen Urwald aus Vergüns-
tigungen, Barrieren, Einschränkungen,
durch die jede Interessengruppe ver-
sucht, sich zu schützen. Das macht das
Leben für die Jungen schwer, die noch
nicht imArbeitsmarkt integriert sind.
Welche Reformen fordern Sie?
Wir müssen Italien wettbewerbsfähiger
machen und dadurch Arbeitsplätze
schaffen. Notwendig sind weitere Libe-
ralisierungen, Infrastrukturreformen,
Einsparungen im öffentlichen Dienst.
Um die Jugendarbeitslosigkeit zu sen-
ken, wollen wir, dass der Schutz bereits
angestellter Arbeitnehmer reduziert
wird, um dadurch jungen Menschen
den Eintritt in den Arbeitsmarkt zu er-
möglichen.
Das Arbeitsmarktgesetz haben Sie ja bereits
reformiert – zu zaghaft, kritisierten damals
liberale Ökonomen.
Ökonomen fordern immer schnelle Er-
gebnisse. Aber das funktioniert nicht in
der Politik, wo wir von der Zustim-
mung des Parlaments abhängen. Die
Pensionsreform haben wir in einem
Blitztempo umgesetzt. Damals stimm-
ten die Parteien zu, da wir in einer dra-
matischen finanziellen Lage waren.
Später, als die Arbeitsmarktreform be-
arbeitet wurde, hatten die Parteien be-
reits Wahlen imBlick.
Noch nie waren EU und Euro in Italien so un-
beliebt. Könnten EU-skeptische Gruppen bei
der nächsten Wahl noch stärker werden?
Man kann das vermeiden. In einem
Brief an die europäischen Staats- und
Regierungschefs habe ich bei meinem
letzten EU-Gipfel genau dies angespro-
chen: dass die EU in Betracht ziehen
muss, welche Folgen ihre Wirtschafts-
politik – und die Art, diese zu kommu-
nizieren – auf einzelne Länder haben
kann. In Italien haben wir ja jetzt zum
Glück eine proeuropäische Regierung.
Trotzdem wächst der Frust über die Partei-
politik. Hat Beppe Grillos Bewegung trotz
jüngster Wahlniederlagen eine Zukunft?
Das Phänomen muss man ernst neh-
men. Die Bevölkerung distanziert sich
zunehmend von den Parteien. Und
auch meine Partei ist von der traditio-
nellen Parteipolitik frustriert. Doch un-
sere Art, Politik zu machen, ist anders
als Grillos: Uns gefällt zwar der radi-
kale, lebhafte Protest, aber wir wollen
das in einer mutigen Regierung umset-
zen. Unsere Parteispitze kommt aus
der Zivilgesellschaft, genauso wie bei
Grillo. Aber sie glaubt an den parla-
mentarischen Dialog, ist nicht vom In-
ternet gesteuert. Wir sind eine Protest-
bewegung – mit Regierungsfähigkeit.
Inzwischen gehen aber immer weniger Ita-
liener wählen, sie vertrauen Politikern nicht.
Es ist wichtig, dass wir unseren Frust
gegenüber der Politik ausdrücken.
Aber Italiens Zivilgesellschaft neigt
dazu, sich selbst als rein und integer zu
sehen und sämtliche Verantwortung
für Missstände auf die Politik abzuwäl-
zen. So einfach ist es nicht. In jedem
Land spiegelt die politische Klasse
auch die Gesellschaft wieder. Wir soll-
ten mehr von der Politik verlangen,
aber auch mehr von uns selbst.
In einem Interview sagten Sie, die Italiener
müssten „deutscher“ werden.
Das ist ein heikles Thema. Einen Tag
vor der Wahl sagte Berlusconi: „Mor-
gen holen wir uns Italien zurück und
schicken Monti nach Deutschland, wo
er hingehört.“ Ausgerechnet in Italien
muss ich mir anhören, ich hätte meine
Mitbürger verraten und die Interessen
eines anderen Landes vertreten. Das,
ja, das macht mich wirklich wütend.
Aber ich versuche, darüber zu lächeln.
Mario Monti wurde
in der EU und den
USAals „Retter
Italiens“ gefeiert.
Expa Pictures ©Insidefoto
Z U R P E R S ON
MARIO MONTI
Der Ökonom(geb. 1943) war
Professor, Rektor und Präsident der
Mailänder Eliteuniversität Bocconi.
Von 1994 bis 1999 war er EU-
Kommissar für Binnenmarkt, von 1999
bis 2004 EU-Wettbewerbskommissar.
Nach Berlusconis Rücktritt im
November 2011 beauftragte
Staatschef Napolitano Monti mit der
Bildung einer Expertenregierung, die
bis April 2013 im Amt blieb.
6 AUSLAND 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
€ 19
90
€ 0,-
W L A N R o u te r T a ri f/M o n a t
Ei nf ach anstecken und l ossurf en.
A1 Internet Box 4G/LTE
mi t i ntegri ertem WLAN.
Ei nfach auspacken, SIM-Karte rei n, anstecken
und mit 4G/ LTElossurfen. Ob i m Wohnzi mmer,
auf der Terrasse, i m Büro oder i m Wochenendhaus –
die A1 Internet Box 4G/ LTEi st mit dabei:
Ei nfach, unkompl i ziert und so flexibel wie Sie.
Und nur für kurze Zeit mit grati s Aktivierung.
Der Manndes
Kompromisses
Bei den Präsidentenwahlen im Iran ging Hassan Rohani
als klarer Sieger hervor. Der 64-Jährige kündigt einen
versöhnlichen Kurs in der Atompolitik an. VON MARTI N GEHLEN
N
ur wenige mutige Sätze wa-
ren es, die ihm am Ende die
Herzen der von jahrelanger
harter Tyrannei zermürbten
Iraner zufliegen ließen. Es gebe eine
„erdrückende Sicherheitsatmosphäre“
im Land, kritisierte Hassan Rohani und
versprach, „wir werden alle Schlösser
öffnen, die das Leben der Menschen in
den letzten acht Jahren angekettet ha-
ben“.
„Lange leben die Reformen“, skan-
dierte eine begeisterte Menge, als sie
dem 64-jährigen Geistlichen bei seiner
Schlusskundgebung in der Pilgerme-
tropole Maschad einen enthusiasti-
schen Empfang bereitete. Seit die Ex-
Präsidenten Mohammed Khatami und
Ali Akbar Rafsanjani wenige Tage vor
der Abstimmung ihr gesamtes politi-
sches Prestige für den früheren Atom-
unterhändler aufgewendet hatten,
wurde Hassan Rohani von einer Welle
öffentlicher Sympathie getragen, die
dem ruhigen und eher introvertierten
Kleriker wenige Wochen zuvor noch
niemand zugetraut hätte.
Nach Stimmenauszählung in rund
65 Prozent der Wahllokale lag Rohani
am Samstagabend mit 51 Prozent klar
in Führung. Offizielle Angaben zur
Wahlbeteiligung gab es zunächst nicht.
Es zeichnete sich jedoch eine hohe Be-
teiligung ab. Medien schätzten sie gar
auf 80 Prozent; vor allem 16-jährige
Erstwähler und Frauen hatten zahl-
reich ihre Stimme abgegeben, meldete
die staatliche Nachrichtenagentur Irna.
Sollte Rohani die absolute Mehr-
heit der Stimmen erreichen, wäre er
bereits im ersten Wahlgang zum neuen
Präsidenten gewählt. Hinter dem Kleri-
ker landete mit 16 Prozent der Stim-
men der Teheraner Bürgermeister Mo-
hammad Bagher Ghalibaf. Der präsen-
tierte sich im Wahlkampf als effizienter
Verwalter und gilt als konservativ, aber
pragmatisch. Er würde im Falle einer
Stichwahl am kommenden Freitag als
Zweitplatzierter gegen Rohani antre-
ten.
Rückkehr im Gefolge Khomeinis. Ge-
boren wurde Rohani 1948 im Örtchen
Sorkheh östlich von Teheran. Schon als
junger Theologiestudent machte er
sich einen Namen als politischer Geg-
ner von Schah Reza Pahlevi. Nach sei-
nem Juraexamen in Teheran 1972 pro-
movierte er in Glasgow an der poly-
technischen Hochschule, der späteren
Caledonian University.
Mit der Islamischen Revolution
von Ajatollah Khomeini, den er in des-
sen Exil in Paris kennengelernt hatte,
kehrte Rohani in seine Heimat zurück,
arbeitete als Berater des Militärs, war
Abgeordneter und ideologischer Aufse-
her des Regimes beim staatlichen
Fernsehen. Unter Präsident Rafsanjani
amtierte Rohani von 1989 bis 1997 als
Mitglied des Nationalen Sicherheitsra-
tes. In diese Zeit fielen zahlreiche spek-
takuläre politische Morde an Regime-
gegnern im Ausland, unter anderem
das Mykonos-Attentat in Berlin.
Unter Nachfolger Mohammed Kha-
tami rückte Rohani dann an die Spitze
des Nationalen Sicherheitsrates. ImJahr
2003 ernannte ihn der Reformpräsident
zusätzlich zum ersten Atom-
unterhändler der Islamischen Republik,
nachdem iranische Exilkreise im Jahr
zuvor das geheime Atomprogramm Te-
heran an die Weltöffentlichkeit ge-
bracht hatten. Unter seinemMandat er-
klärte sich der Iran damals bereit, die
Urananreicherung zu stoppen.
Neuer Kurs angekündigt. Mit Mahmud
Ahmadinedschad überwarf sich Roha-
ni bereits wenige Wochen nach dessen
Amtsantritt 2005 aufgrund seines ag-
gressiven Atomkurses und großmäuli-
gen Außenpolitik und trat von der in-
ternationalen Bühne ab. „Wir wollen
konstruktive Zusammenarbeit mit der
übrigen Welt. Wir werden nicht zulas-
sen, dass das alles weitergeht, wie in
den letzten acht Jahren“, versprach der
Präsidentschaftskandidat im Wahl-
kampf unter tosendem Beifall seiner
Zuhörer.
Irans Freunde in der Welt könne
man inzwischen an den Fingern einer
Hand abzählen, beklagte er, „und das
sind alles Staaten, die kein internatio-
nales Gewicht und Prestige haben“.
Noch nie in der Geschichte seien die
Beziehungen zwischen Iran und Eu-
ropa so frostig gewesen. Ahmadined-
schads Politik habe internationale
Sanktionen über das Land gebracht
und „diese Leute sind auch noch stolz
darauf“, kritisierte Rohani. Er aber wol-
le eine andere Politik verfolgen – eine
Politik der Aussöhnung und des Frie-
dens, versprach er und kündigte an, als
Präsident direkte Gespräche mit den
Vereinigten Staaten aufnehmen zu
wollen.
Als Rohani Atomunterhändler
war, stoppte der Iran die
Urananreicherung.
Kurswechsel im
Iran? Hassan Rohani
verspricht eine
Wiederannäherung
an den Westen.
EPA
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 AUSLAND 7
B I L D D E R WOC H E
H
Die wichtigsten Nachrichten
auf einen Blick
24 STUNDEN AKTUELLE NACHRICHTEN AUF DIEPRESSE.COM
21
25
29
33
37 37
33
29
25
21
Sonntag, 16. Juni 2013. Bereits am Vormittag muss man vom Berg-
land ausgehend mit Schauern und Gewittern rechnen, diese werden im
weiteren Verlauf häufiger und fallen örtlich heftig aus. Im Westen sowie
vom Innviertel bis zum westlichen Donauraum ist es großteils trocken,
im östlichen Flachland nimmt dagegen am Mittag und Nachmittag das
Gewitterrisiko zu. Es wird schwülwarm mit 23 bis 30 Grad.
Biowetter. Die schwülwarme Luft kann
zu Kreislaufbeschwerden und Konzen-
trationsproblemen führen. Ungewohnte
sportliche Aktivitäten sollte man in der
zweiten Tageshälfte vermeiden.
18
20
22
24
26
28
30
28
16
28
15
28
15
27
15
28
15
28
16
27
16
27
16
28
17
28
19
7
10
13
17
22
28
4:53 Uhr
20:57 Uhr
12:43 Uhr
0:48 Uhr
16. 6. 23. 6.
30. 6. 8. 7.
3000m
2500m
2000m
1500m
1000m
Boden
0°-Grenze Schneefallgrenze
Sonnenaufgang:
Sonnenuntergang:
Mondaufgang:
Monduntergang:
(Bezugsort Wien)
Sonne & Mond
Bergwetter
Sa So Mo Di Mi Do Fr
Süd Sieben-Tages-Prognose Nord-Ost West
Bregenz
Innsbruck
Salzburg
Lienz
Klagenfurt
Graz
Eisenstadt
Linz
St. Pölten
Wien
°C
°C
°C
°C
°C
°C
°C
T OP 3 ON L I N E
DIE MEISTGELESENEN ARTIKEL
AUF DIEPRESSE.COM
1
29-Jähriger enthüllte US-
Datenskandal
(10.703 Zugriffe)
Einer der wichtigsten Whistleblower der
Geschichte gibt seine Anonymität auf.
diepresse.com/top1
2
Apple stellt iOS 7, iTunes
Radio undneue Macs vor
(9656 Zugriffe)
Das neue System für iPhone und iPad
ist die bisher größte Neuerung.
diepresse.com/top2
3
Schweizer stimmen für
härteres Asylrecht
(8078 Zugriffe)
79 Prozent segneten die im September
in Kraft getretene Regelung ab.
diepresse.com/top3
Freihandelszone
EU/USA: Grünes Licht
für Verhandlungen
Luxemburg. Die Bedingungen,
mit denen die EU in die Ver-
handlungen mit den USA zu
einem Freihandelsabkommen
treten will, stehen: Nach einem
elfstündigen Streit bis in den
späten Freitagabend einigte
sich die EU-Kommission auf
ein Papier. Dabei setzte sich
Frankreich durch: Die Kultur-
branche wird aus den Ver-
handlungen ausgenommen.
Vor allem Deutschland ist da-
von aber wenig begeistert. Die
Gespräche sollen nächste Wo-
che starten, das Abkommen
2015 stehen. Der Handelspakt
soll Zollgrenzen einreißen,
aber auch gemeinsame
Standards schaffen.
Vermisster
Zweijähriger tot in
Fluss gefunden
Wiener Neustadt. Ein zweijähri-
ger Bub aus Wiener Neustadt ist
am Samstag tot in der Fischa
aufgefunden worden. Laut Poli-
zei ist er aller Wahrscheinlich-
keit nach ertrunken. Das Kind
wurde seit Freitag gesucht.
Auch im Schwarzlsee süd-
lich von Graz wurde ein Toter
gefunden. Es gibt keine Anzei-
chen auf Fremdverschulden.
Geklärt wurde die Identität von
zwei Leichen im Bodensee: Es
handelt sich um jenen 24-Jähri-
gen, der seit April nach einem
Badeunfall in Ludesch vermisst
wurde, und um einen 49-Jähri-
gen aus Lustenau, der ebenfalls
seit mehreren Wochen abgän-
gig war.
Brave Rocker. Von Freitag bis Sonntag befindet sich das burgenländische Nickelsdorf imAusnahmezustand –
denn dann findet das alljährliche Festival Nova Rock statt. Lob gab es für die Besucher ausgerechnet von der
Polizei, die Lage sei „absolut ruhig“. AmSamstag standen als Haupt-Act Kiss auf demProgramm. APA
Giftgas: Obamawill Putin
»alleBeweise«vorlegen
Syrien-Krise: USA erwägen die Einrichtung von Flugverbotszone –
Russlands Außenminister nennt den Schritt »Völkerrechtsverstoß«.
Washington. Nach der Entscheidung
über die Bewaffnung der syrischen Re-
bellen will US-Präsident Barack Obama
dem russischen Staatschef Wladimir
Putin beim Gipfel der acht großen In-
dustriestaaten (G8) ab Montag detail-
lierte Beweise für den Einsatz von Che-
miewaffen im Syrien-Konflikt präsen-
tieren. Obama werde seinem Amtskol-
legen „alle seine Beweise“ vorlegen und
„die Gründe nennen, warum wir uns so
sicher sind“, kündigte eine Sprecherin
des US-Außenministeriums an.
Die Vereinigten Staaten hätten ihre
Schlüsse auf Basis einer Vielzahl „un-
abhängiger Informationen“ gezogen,
versicherte Sprecherin Jennifer Psaki.
Sie deutete indirekt an, dass sich eine
Fehleinschätzung wie vor der Militärin-
vasion im Irak 2003 nicht wiederholen
werde. Damals hatten die USA Massen-
vernichtungswaffen in den Händen des
Diktators Saddam Hussein als Grund
für die Intervention angegeben.
Nach Angaben von Diplomaten er-
wägen die USA, den Rebellen auch
durch eine Flugverbotszone zu helfen.
Russland, ebenfalls Mitglied der G8
und wichtigster Verbündeter der syri-
schen Regierung, kritisierte die Ankün-
digung. Moskau spricht sich gegen eine
Bewaffnung aus und kritisierte eine
Flugverbotszone mit scharfen Worten.
„Man muss kein Experte sein, um zu
verstehen, dass dies gegen Völkerrecht
verstoßen würde“, hieß es gestern nach
Angaben der Nachrichtenagentur Itar-
Tass. Russland ist ein enger Partner des
syrischen Regimes.
Angesichts westlicher Berichte über
den möglichen Einsatz von Giftgas for-
derte Lawrow erneut eine unabhängige
Analyse.
Waffenbedarf wird eruiert. Syriens Rebel-
len wollen nach der US-Zusage zur mi-
litärischen Unterstützung mit verbün-
deten Staaten über ihren aktuellen Waf-
fenbedarf beraten. Wie der Sprecher
der Freien Syrischen Armee (FSA), Luai
al-Mekdad, sagte, wollen Vertreter ara-
bischer und westlicher Staaten bereits
am Samstag in Istanbul mit syrischen
Oppositionsrepräsentanten zu Gesprä-
chen zusammenkommen. Die Opposi-
tion wolle auch darüber beraten, in
welchen Gebieten aus ihrer Sicht eine
Flugverbotszone nötig sei.
Lehrer: SPÖ-Ultimatumläuft
Faymann droht Lehrergewerkschaft mit Beschluss über Dienstrecht
ohne Einigung. Versäumnisse amFinanzmarkt als »größter Fehler«.
Wien. Bundeskanzler SPÖ-Chef Werner
Faymann versucht, den Druck auf die
Lehrergewerkschaft zu steigern. Vorerst
läuft eine Art Ultimatum: Wenn es bei
der nächsten Verhandlungsrunde von
Regierung und Gewerkschaft am 3. Juli
wieder keine Einigung gibt, wird es, wie
der „Presse“ bestätigt wurde, Einladun-
gen zu Gipfelgesprächen geben. Der
Bundeskanzler will damit noch vor der
Nationalratswahl eine Lösung schaffen.
Faymann schließt nun ausdrücklich
einen Gesetzesbeschluss ohne Zustim-
mung der Gewerkschaft nicht mehr
aus, wenngleich er am Samstag im
ORF-Radio-Mittagsjournal nicht von
einer Drohung sprechen wollte: Er stel-
le dies fest, „weil niemand glauben soll,
er kann bis zum Sankt-Nimmerleins-
Tag eine Regelung verhindern“.
Eingeständnis. Als „größten Fehler“ sei-
ner Generation wertete es Faymann,
dass es nicht gelungen sei, in Europa
die Finanzmärkte zu regulieren. An
dem Versäumnis sei Österreich betei-
ligt. Damit werde weiter „Geld vernich-
tet“. Spekulationen um den künftigen
EU-Kommissar Österreichs versucht
man in der SPÖ herunterzuspielen.
Faymann schließt sich selbst auch nicht
für diese Funktion aus. Zuletzt ist der
Name von SPÖ-Finanzstaatssekretär
Andreas Schieder genannt worden.
WE T T E R DAS WETTER IHRER REGION AUF DIEPRESSE.COM Ü B E R B L I C K
Steueroasen: Daten online
Eine Gruppe von Journalisten hinter
den sogenannten OffshoreLeaks-Ent-
hüllungen hat eine umfangreiche Da-
tensammlung zu Steueroasen veröffent-
licht. Unter www.icij.org finden sich In-
formationen zu rund 100.000 Unterneh-
men, Fonds und Stiftungen.
Anschlag auf Studentinnen
Bei einem Bombenanschlag auf einen
Bus mit Studentinnen einer Frauenuni-
versität in Pakistan sind am Samstag elf
Menschen getötet worden. Im Südwes-
ten des Landes kommt es immer wieder
zu Angriffen auf Frauen, die in die
Schule oder auf die Universität gehen.
Facebook zu US-Spionage
Im Skandal um US-Spionage im Inter-
net hat Facebook Zahlen zu Anfragen
amerikanischer Behörden nach Nut-
zerdaten veröffentlicht: Im zweiten
Halbjahr 2012 beantwortete das Unter-
nehmen bis zu 10.000 Anträge. Betrof-
fen sind rund 19.000 Mitgliederprofile.
Golan: Kritik von Petritsch
Der österreichische Botschafter bei der
OECD, Wolfgang Petritsch, hat den Ab-
zug der österreichischen UNO-Truppen
vom Golan als „völlige Aufgabe der Au-
ßenpolitik Österreichs“ kritisiert. „Da
verabschiedet sich ein Außenminister
von unseren internationalen Verpflich-
tungen“, sagte er dem„Profil“.
18. Regenbogenparade
Am Samstag fand zum 18. Mal die Re-
genbogenparade in Wien statt. Symbo-
lisch entgegen der Fahrtrichtung zogen
die Teilnehmer über den Ring. Die
Veranstalter fordern, dass Homosexua-
lität in der Gesellschaft breiter akzep-
tiert wird.
8 NACHRICHTEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
In Wiens Kinderheimen, etwa „AmHimmel“ in Döbling, herrschten zumTeil skandalöse Zustände. Reuters
Der Sündenfall des RotenWien
Bis Ende der Siebziger galten Heimkinder als wertlos, nicht nur auf dem Wilhelminenberg. Politische
Ignoranz und Vertuschung ermöglichten Gewalt und sexuellen Missbrauch. VON MARTI N STUHLPFARRER
A
n diesen schwarzen Mänteln
haben wir sie erkannt. Ich
habe gesehen, wie sie ein Mäd-
chen auf die Bank gezerrt ha-
ben. Der eine hat sie mit den Händen
nach hinten gezerrt, der andere hat sie
vergewaltigt. Die hat geschrien und ge-
tobt. Die war in meinem Alter damals,
so umdie elf, zwölf Jahre.
Es sind erschütternde Aussagen,
die sich im Endbericht jener unabhän-
gigen Kommission finden, die im Auf-
trag der Stadt Wien die Vorwürfe gegen
das ehemalige Kinderheim auf dem
Wilhelminenberg untersucht hat: Se-
xueller Missbrauch und Gewaltexzesse
standen an der Tagesordnung.
Von der Außenwelt abgeschottet,
weit entfernt am Stadtrand, waren die
Kinder sadistischen Erziehern und se-
xuellen Übergriffen schutzlos ausgelie-
fert – von Betreuern, Heimangestellten
und Männern, die in der Nacht in das
Heim eindrangen bzw. von Erzieherin-
nen extra dafür eingelassen wurden. Es
waren geschlossene Systeme ohne jeg-
liche Kontrolle. Kinder, die sich auf-
lehnten, wurden halb totgeprügelt.
Der Wilhelminenberg, der nun die
Staatsanwaltschaft beschäftigt, war nur
ein besonders grausames Beispiel für
die Situation in den Wiener Kinderhei-
men bis Anfang der Achtzigerjahre. In
den anderen Wiener Heimen wie Eg-
genburg (Niederösterreich) und auf
der Hohen Warte war es nicht viel bes-
ser, wie die Wiener Historikerkommis-
sion, die die damalige Situation in den
städtischen Heimen untersucht hat,
herausfand. Viele dieser Heime galten
als „Endstation“ für schwer erziehbare
Kinder. Wobei es wenig bedurfte, dass
ein Kind damals wegen „Verwahrlo-
sung“ zwangseingewiesen wurde. In
einem österreichischen Handbuch der
Fürsorge von 1954 wird Verwahrlosung
(unter anderem) so definiert: „Frech-
heiten, Auflehnung gegen die Eltern,
Putzsucht und Naschhaftigkeit.“
Gern wurden in dieser Zeit Mäd-
chen wegen „sexueller Verwahrlosung“
eingewiesen – beispielsweise auch
dann, wenn sie missbraucht worden
waren. Wobei diese Kriterien kaum bei
der Bürgerschaft oder gehobenen Ge-
sellschaftsschichten angewandt wur-
den. Die meisten Kinder kamen aus
dem Bereich der ärmlichen, gürtelna-
hen Gründerzeithäuser. Dort gab es
viele Alleinerzieherinnen, keine Parks,
keine Spielmöglichkeiten – der Vor-
wurf der Verwahrlosung, wenn Kinder
daher allein auf der Straße oder im In-
nenhof spielten (und damit die Nach-
barn störten), war schnell erhoben.
Drohung gegen Aufdeckerin. Die Ge-
schichte der Wiener Kinderheime ist
ein dunkles Kapitel der Stadt Wien. Und
damit auch der SPÖ, die damals für die
Bereiche verantwortlich war, in denen
diese Verbrechen geschahen. Seit weni-
gen Tagen ist das auch amtlich: Die Zu-
stände auf dem Wilhelminenberg wa-
ren den damals Verantwortlichen seit
den Sechzigerjahren nachweislich be-
kannt. Sie wurden ignoriert und ver-
tuscht. Bürgermeister Michael Häupl
und Jugendstadtrat Christian Oxonitsch
haben sich öffentlich bei den Opfern
entschuldigt. Und auch Entschädigung
sollen sie erhalten.
Die historische Schuld bringt das
Selbstbild einer Partei ins Wanken, die
sich seit ihrer Gründung den Kampf für
die Schwächsten der Gesellschaft auf
ihre Fahnen geschrieben hat. Denn
spätestens seit dem Bericht von Irm-
traut Karlsson Anfang der Siebzigerjah-
re lagen alle Fakten auf dem Tisch. Die
damalige Beamtin der Stadt und spä-
tere SP-Nationalratsabgeordnete un-
tersuchte die Wiener Kinderheime,
stellte gravierende Missstände fest und
sprach wörtlich von „Kindergefängnis-
sen“. Die Folge waren massive Dro-
hungen gegen Karlsson bis hin zu
dienstlichen Konsequenzen. Diese ka-
men von den zuständigen Spitzenbe-
amten, erklärt sie der „Presse am
Sonntag“. Der Bericht selbst blieb ohne
Folgen. Es bleiben damit zwei Inter-
pretationen: Die verantwortlichen Poli-
tiker (die Missstände fallen in die Zeit
der SP-Stadträtinnen Maria Jacobi und
Gertrude Fröhlich-Sandner) waren völ-
lig hilflos gegen den Widerstand der
Beamtenschaft, die nichts ändern woll-
te. Oder: Das politische Interesse, et-
was zu ändern, war nicht groß genug.
Damals herrschte ein gesellschaft-
liches Klima, in dem Heimkinder als
wertlos galten. Kamen Missstände an
die Öffentlichkeit (was kaum passier-
te), reagierte kein einziger Wiener Poli-
tiker, kein Beamter – weder Polizei (sie
weigerte sich damals, derartige Anzei-
gen überhaupt aufzunehmen) noch die
Öffentlichkeit. Es wurde von allen Sei-
ten totgeschwiegen. Deshalb konnten
Erzieher und Heimmitarbeiter schal-
ten und walten, wie sie wollten.
NS-Ideologie. Mit ein Auslöser dieser
Zustände war die Auswahl der Erzie-
her. Es wurde de facto jeder genom-
men. Die Heime zogen nach dem Krieg
auch jene an, die bereits in NS-Heimen
gearbeitet hatten, im Sinne der NS-
Ideologie ausgebildet waren und sich
auch damit identifizierten. Beispielhaft
dafür: Im Heim Eggenburg (Nieder-
österreich) wurde 1955 ein „Erzieher“
eingestellt, der in der SS-Totenkopf-
standarte „Thüringen“ gedient hatte.
Er gehörte auch zum Wachpersonal
des Konzentrationslagers Buchenwald.
Die damalige Begründung, warum er
für „schwer erziehbare“ Kinder einge-
setzt wurde, ist an menschenverach-
tendem Zynismus nicht mehr zu über-
bieten: „Weil seine Stärke überwiegend
auf dem Gebiete einer lückenlosen Be-
aufsichtigung liegt.“
Der Geist der NS-Erziehung war in
den Heimen bis Ende der Siebzigerjah-
re spürbar. Denn neue Erzieher hatten
in diesem geschlossenen System nur
zwei Möglichkeiten. Entweder die
herrschenden Methoden übernehmen,
oder gehen. Sadismus, harte Strafen
und strenge Regeln, die die Kinder oft
unmöglich einhalten konnten, prägten
dadurch den Alltag. Beispielsweise war
es oft verboten, in der Nacht auf das
WC zu gehen. Wer es tat, bezog Prügel.
Wer es nicht tat und ins Bett machte,
musste ebenfalls mit Schlägen rech-
nen. „Dass manche Erzieherinnen sehr
sadistische, bösartige Geschöpfe waren
– das war gang und gäbe, das streitet ja
niemand ab“, erklärte eine Ex-Betreue-
rin gegenüber der Wilhelminenberg-
Kommission. Dass in anderen österrei-
chischen Kinderheimen die Situation
nicht viel anders war, wie Historiker-
Kommissionen aus einigen Bundeslän-
dern aufzeigten, ist für die Betroffenen
kein Trost.
Die Zustände auf dem Wilhelmi-
nenberg waren so unerträglich, dass
laut Karlsson 1971 die Notwendigkeit
für Reformen in Wien zumindest er-
kannt wurde. Doch bis die umgesetzt
wurden, sollte es Jahrzehnte dauern.
Die Missstände wurden von
der damaligen Stadtregierung
ignoriert und vertuscht.
1955 wurde ein Aufseher
eingestellt – wegen seiner
»Qualitäten« als KZ-Wächter.
LEXIKON
Schloss
Wilhelminenberg im
Westen Wiens diente
1927 erstmals als
städtische Kinder-
herberge.
1945 wurde es zum
Heim für „erholungs-
bedürftige“ Kinder,
von 1961 bis 1977
diente es als Heim für
Sonderschülerinnen.
2011 erhoben einstige
Bewohnerinnen
schwere Vorwürfe. Im
November wurde zur
Untersuchung eine
Kommission
eingesetzt.
Am12. Juni 2013
wurde der Endbericht
präsentiert. Er
bestätigt, dass Kinder
über Jahrzehnte
physischer und
psychischer Gewalt
ausgesetzt waren.
Auch massiver
sexueller Missbrauch
habe stattgefunden.
Die Stadtverwaltung
habe davon gewusst.
Der Bericht geht an die
Staatsanwaltschaft.
DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 ÖSTERREICH 9
ALLES
KÄSE
FRAUEN IM
VORMARSCH
Die
Milchwirtschaft
ist männlich. Aber
es sind die
Frauen, die das
Produkt auch
unter die Leute
bringen. Von den
Frauen der
Käsebranche.
EPA
SEITE 12
JUSTIZ
Warum einige
der
Tierschützer
schon wieder
vor Gericht
müssen. Eine
Analyse.
SEITE 10
POST
Das Post- und
Telegrafenamt
ist das letzte
Geisterhaus
der Wiener
Innenstadt.
Jetzt kommen
Wohnungen.
SEITE 11
CHRONIK,
STADTLEBEN,
FREIZEIT
WARUM MAN VOR IHNEN (FAST)
KEINE ANGST HABEN MUSS
Ein paar Momente der Entgeisterung oder:
Mein Erstkontakt mit einemHofrat und mit
demösterreichischen Schulsystem.
VON DI ETMAR KRUG
W
er in Österreich auf eine Schular-
beit einen Fünfer bekommt, der ist
beschmutzt. Er hat einen „Fleck“
davongetragen. Immerhin, einen
Fleck kann man bedecken oder
wegrubbeln. Die Deutschen kennen noch eine Stei-
gerungsstufe zum Fleck: die Sechs, das „Ungenü-
gend“, das es im österreichischen Schulkosmos
nicht gibt. Ein Sechserkandidat ist ein hoffnungslo-
ser Fall: „Setzen, sechs!“
In meinen ersten Jahren in Österreich hat mir
eine Wiener Freundin einmal eine Deutschschular-
beit ihrer fünfzehnjährigen Tochter gezeigt, einen
Aufsatz über ein Meinungsthema. Es war eine gute
Arbeit, engagiert, mit Verve argumentiert, manch-
mal auch witzig. Das Ergebnis: Fleck. Begründung:
acht Rechtschreib- bzw. Beistrichfehler. Zum Inhalt
keinen Kommentar.
Als Kind der deutschen Reformpädagogik der
Siebzigerjahre war ich entsprechend entgeistert.
Ein Lehrer darf eine Fünf geben, egal, ob der Inhalt
gescheit ist oder dumm? Eine derart absolute und
plumpe Dominanz der Form über den Inhalt hätte
zu meiner Schulzeit Eltern wie Schüler auf die Bar-
rikaden getrieben. Wie ist es möglich, dass man
sich hierzulande dieses k. u. k. Relikt aus den Zei-
ten des Rohrstock-Formalismus so lange hat gefal-
len lassen? Vom Lehrplan war so etwas längst nicht
mehr gedeckt. Es musste doch jedem klar sein, dass
man auf diese Weise einem Schüler mit wackliger
Rechtschreibung jede Motivation nimmt, noch ein-
mal einen anspruchsvollen Gedanken zu formulie-
ren. Es ist die sicherste Methode zur Hervorbrin-
gung denkfauler Schüler – und Lehrer.
In meiner Studienzeit habe ich mich als Nachmit-
tagsbetreuer an einer Wiener Schule beworben.
Mein Job hätte darin bestanden, darauf zu achten,
dass die Kids ihre Nase in die Schulhefte stecken.
Ich musste dafür beim Stadtschulrat vorsprechen,
einem Hofrat. Der wollte einiges von mir wissen,
nicht etwa, was ich studiere, sondern ob ich eine
Freundin hätte und plane, in Österreich zu bleiben.
Dann führte er mich in einen Nebenraum und sag-
te zu einem Mitarbeiter: „Rudi, hier haben wir
einen bundesdeutschen Studenten, der vorhat, in
Österreich zu ehelichen.“ Davon war zwar keine
Rede gewesen, aber Herr Rudi trug mich freudig in
eine Liste ein und rief mich nie zurück.
Bald darauf erfuhr ich, dass es rote und schwar-
ze Schulen gibt, und dass ein Direktor entsprechend
getüncht sein muss, um an seinen Job zu kommen.
Tünche reicht völlig, der Rest ist Formsache.
Die Schule ist offenbar jener Bereich der öster-
reichischen Gesellschaft, auf den die Bürger am
wenigsten Einfluss zu haben glauben, ein Raum der
machtvollen Äußerlichkeiten, geschützt vor dem
Zugriff der Zivilgesellschaft. Kein Wunder, dass bis-
her jede ReformimSande verlaufen ist.
dietmar.krug@diepresse.com diepresse.com/diesedeutschen
10 WIEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Weitblick bewiesen Demonstranten mit ihrer Botschaft vor demGericht imMai 2011: Nun folgt tatsächlich eine Neuauflage. APA/Pessenlehner
K(r)ampf der Tierschützer
Der »Mafiaprozess« gegen Tierschützer gilt als Justizblamage, ja sogar schon als ein
Stück Zeitgeschichte. Doch die Sache ist nicht abgehakt. Eine Analyse. VON MANF RED SEEH
D
er Prozess ist die Strafe“,
hieß es, als 13 Tierschützer
14 Monate hindurch immer
und immer wieder von
Wien, in einem Fall sogar von Tirol, in
das Landesgericht Wiener Neustadt
(Niederösterreich) fahren mussten, wo
sie sich etwa wegen Protestkundgebun-
gen gegen den Pelzhandel als Mitglie-
der einer kriminellen Organisation
(§ 278 a Strafgesetzbuch, StGB) zu ver-
antworten hatten. Das (schon 2006 be-
gonnene!) Verfahren war enorm auf-
wendig, enorm teuer, löste eine Debatte
über die Rechte von NGOs aus, setzte
den Gesetzgeber unter Druck, den
„Mafia-Paragrafen“ zu ändern (was bis
heute nicht geschehen ist) – und endete
im Mai 2011 mit 13 glatten Freisprü-
chen. Doch nun ist wieder alles anders.
Bei fünf der 13 Freigesprochenen
fand der zuständige Drei-Richter-Senat
des Oberlandesgerichts (OLG) Wien,
jener Senat (Vorsitz: Ingrid Jelinek),
der als der strengste des Hauses gilt,
„ein Haar in der Suppe“, wie es einer
der Verteidiger, der Wiener Anwalt
Phillip Bischof, ausdrückt. Fünf Tier-
schützer werden also erneut nach Wie-
ner Neustadt fahren müssen.
Allerdings nicht mehr pauschal
eingestuft als Mitglieder einer krimi-
nellen Organisation, sondern wegen
einzelner Straftaten: Nötigung, Sachbe-
schädigung, Widerstand gegen die
Staatsgewalt und – Tierquälerei. Einer
der Angeklagten soll durch die Freilas-
sung von Schweinen, deren Haltebe-
dingungen als fragwürdig galten, Re-
vierkämpfe unter den kurze Zeit frei
laufenden Tieren ausgelöst haben. Da-
bei sollen einige Schweine Verletzun-
gen davongetragen haben. Schon in
der ersten Prozessrunde sahen Beob-
achter diesen Vorwurf als Kuriosum.
Der ursprünglich tätigen Richterin
Sonja Arleth, die nicht bei allen Pro-
zesskiebitzen den Eindruck souveräner
Gelassenheit hinterlassen haben dürf-
te, wird auf nicht weniger als 101 Seiten
(das OLG-Urteil liegt der „Presse“ vor)
nachgesagt, ihre Begründung der Frei-
sprüche sei mangelhaft ausgefallen.
Arleth ist einige Monate nach Prozess-
ende vom Personalsenat zur reinen
Haft- und Rechtsschutzrichterin erklärt
worden. Sie leitete damit keine Ver-
handlungen mehr. Die SPÖ ortete da-
mals angesichts der Freisprüche (nach
denen es anfangs überhaupt nicht aus-
gesehen hatte) „eine Strafversetzung
für unbequeme Geister“. Im Gericht
wollte man dazu nichts sagen.
Zurück zur jüngsten Entwicklung:
Hervorzuheben ist zunächst, dass jene
acht Freisprüche, die sich auf den Vor-
wurf der Mitgliedschaft in einer Mafia-
Organisation bezogen, vom Staatsan-
walt (nach Rückkoppelung mit dem
Justizministerium) gar nicht erst be-
kämpft wurden. Sie sind daher rechts-
kräftig. Man wollte augenscheinlich
den viel zitierten „Mafia-Paragrafen“
nicht neuerlich gerichtsöffentlich ab-
handeln.
Apropos: Auf eine Reform dieser
Gesetzesstelle, die eigentlich der Be-
kämpfung von Drogenschmugglern
oder Menschenhändlern dient, wartet
man immer noch. Zu unbestimmt liest
sich etwa jene Passage im § 278 StGB
(„Kriminelle Vereinigung“), auf die der
§ 278a StGB („Kriminelle Organisa-
tion“) abstellt, in der es heißt: „Als Mit-
glied beteiligt sich an einer kriminellen
Vereinigung, wer im Rahmen ihrer kri-
minellen Ausrichtung eine strafbare
Handlung begeht oder sich an ihren
Aktivitäten durch die Bereitstellung
von Informationen oder Vermögens-
werten oder auf andere Weise in dem
Wissen beteiligt, dass er dadurch die
Vereinigung oder deren strafbare
Handlungen fördert.“
„Auf andere Weise“ also. Hier
kann, salopp ausgedrückt, von einem
findigen Staatsanwalt sehr, sehr viel hi-
neingepackt werden.
Ruf nach neuem Gesetz. Staatsrechtler
Bernd-Christian Funk spricht sich da-
her dafür aus, diese Passage zu strei-
chen. Die Definition der Mitgliedschaft
in einer kriminellen Vereinigung sei
„zu breit gestreut“. Gerade dieses be-
drohliche „auf andere Weise“ sei stets
„wie ein Gespenst“ im Tierschützer-
prozess aufgetaucht.
In der nun bevorstehenden Neu-
auflage der Verhandlung spielt all dies
aber (siehe oben) keine Rolle mehr.
Und doch geht es um Grundsätzliches.
Etwa um die Frage, inwieweit das An-
kündigen legaler Demonstrationen als
Nötigung gesehen werden kann. Was
schreibt dazu das OLG? Vorab sei er-
wähnt: Die Vorsitzende des OLG-Se-
nats hat seinerzeit auch über die
U-Haft für die Tierschützer entschie-
den; dass sie nun auch über die Beru-
fung des Staatsanwaltes urteilte, ist
rechtlich gedeckt, OLG-Sprecher Rein-
hard Hinger sieht darin auch keine
schiefe Optik. Also, was sagt das OLG?
In dem Entscheid (er ist kompliziert
abgefasst, 20-zeilige Sätze sind keine
Seltenheit) heißt es: „Die Ankündigung
von legalen Permanentdemonstratio-
nen (etwa gegen die Firma Kleider Bau-
er, Anm.) in einer Art und Weise, die
geeignet ist, einem Unternehmen nicht
unwesentliche Umsatzeinbußen zu be-
scheren, ist daher als Drohung mit
einer Verletzung am Vermögen, somit
als gefährliche Drohung (. . .) zu quali-
fizieren und stellt daher ein geeignetes
Nötigungsmittel (. . .) dar.“
Vorrecht der freien Meinung. Damit ist
eine neue Diskussion eröffnet: jene um
das Grundrecht auf Versammlungsfrei-
heit. Diese wird vom Europäischen Ge-
richtshof für Menschenrechte im de-
mokratischen Sinne weit ausgelegt:
Selbst Äußerungen von Ideen, die den
Staat beleidigen, seien durch die Mei-
nungsäußerungsfreiheit geschützt. Da-
rauf macht auch Verteidiger Bischof
aufmerksam. Und er fragt rhetorisch:
„Wenn man schon die Ankündigung
einer legalen Demo als Nötigung sieht,
was passiert dann, wenn man tatsäch-
lich demonstriert? Gibt es dann fünf
Jahre schweren Kerker bei Wasser und
Brot?“
Wann der neue Tierschützer-
prozess startet, steht noch nicht fest.
»Gibt es fürs Demonstrieren
fünf Jahre schweren Kerker
bei Wasser und Brot?«
FA KT E N
ZWEITE RUNDE
13 Tierschützer, nach Diktion der
Ermittler „militante Tierschutz-
Aktivisten“, allen voran der Chef des
Vereins gegen Tierfabriken, Martin
Balluch, wurden im Mai 2011 nach
einem monströsen Strafverfahren
glatt freigesprochen.
In fünf Fällen ordnete nun ein Senat
des Wiener Oberlandesgerichts eine
Neuauflage an (Balluch ist nicht
betroffen). Um den „Mafia-
Paragrafen“ wird es nicht mehr
gehen, aber eine Debatte über Grund-
rechte – Beispiel: Versammlungs-
freiheit – ist programmiert.
QUELLE: APA
GRAFIK: „Die Presse“ [PW]
Altes Post- und
Telegrafenamt
Börse
Universität
Burgtheater
Votiv-
kirche
S
c
h
o
tte
n
rin
g
U
n
i
v
e
r
s
i
t
ä
t
s
r
i
n
g
I.
H
e
r
r
e
n
g
.
Freyung
IX.
Diamanten
und exklusive
Farbsteinvarietäten
i, 14 Uhr
Investieren in bleibende Werte
• Über 200 Farbsteine und Brillanten
in unterschiedlichen Größen
• Geprüfte Qualität
• Unsere Experten beraten Sie gerne
Dorotheergasse 17, 1010 Wien
Tel. +43-1-515 60-303
juwelenauktion@dorotheum.at
www.dorotheum.com/dailyauction
Die Partnervermittlung für Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
M: +43-699-187 711 00 T: +43-1-877 11 11 eva@kinauer.com
www.kinauer-bechter.com Jagdschloßgasse 79 1130 Wien
E. Kinauer-Bechter
Sie ist 49/173, und in der privilegierten Situation ein fnanziell unabhängiges Leben führen zu können. Berufich begegnet Ihnen
eine professionelle, souveräne und korrekte Geschäftspartnerin. Privat eine liebenswerte und einfühlsame Frau voller Optimis-
mus und Begeisterung. Kunst begleitet sie ihr ganzes Leben und ist auch ihre große Leidenschaft. Entspannung fndet sie in
ihren eigenen Wohnsitzen. Um Neues zu erleben, unternimmt sie gerne kurze spannende Reisen. Sie wünscht sich einen
interessanten, eloquenten, phantasiebegabten Genießer, der genau wie sie, das Leben liebt. Sind SIE dieser Mann?
Dann handeln Sie – jetzt!
Verlieben Sie sich in diese unglaublich ofene und jugendliche Frau mit toller Ausstrahlung!
Es erwartet Sie kein harter, kalter Geschäftsmann sondern ein humanistisch gebildeter Mann mit hoher
sozialer Kompetenz und einem großen Herzen, auf den Sie sich in jeder Lebenssituation verlassen kön-
nen. Heute verwaltet er mit viel Freude, Kreativität und kaufmännischem Talent seine eigenen Immobi-
lien und führt ein entspanntes Leben. Eine attraktive Frau mit Klasse und Stil die sich ihre Natürlichkeit
bewahrt hat möchte er auf Händen tragen und verwöhnen. Sie möchten diesen außergewöhnlichen
Mann kennenlernen? Dann handeln Sie - jetzt
Attraktiver, sportlicher Unternehmer, 43/176, freut sich auf seine Traumfrau!
Das EndevonWiens letztemGeisterhaus
Im alten Post- und
Telegrafenamt am
Börseplatz 1 sollen bald
noble Wohnungen
entstehen. Noch ist es
schaurige Theaterkulisse.
Und der letzte verfallene
Prachtbau der Innenstadt.
VON C HRI S T I NE I ML I NGE R
A
llein möchte man hier nicht
sein. Allein mit dem tief von
der Decke hängenden Greif-
vogel, mit den schweren Vor-
hängen, den unzähligen abgebrannten
Kerzen. Oder den eisernen Kranken-
hausbetten. Den ausgestopften Pup-
pen, mit dem metallenen Gynäkolo-
genstuhl. Schon, wenn draußen
schönster Frühsommer ist, bleibt es
hinter den Mauern am Börseplatz 1
düster. Tritt man ein, stockt kurz der
Atem. Vor Staunen und ein bisschen
auch vor Schauer. Ein Geisterhaus,
mitten in der Stadt, das sich hinter den
heruntergekommenen Mauern des
Post- und Telegrafenamtes verbirgt.
Aber nicht mehr lang. Ende 2011
hat die Grazer Immobilienfirma Im-
movate das Haus gemeinsam mit Buhl
Immobilien – jeweils zur Hälfte – ge-
kauft. Nun sollen darin hochwertige
Wohnungen entstehen, sagt Christian
Almesberger von Immovate, der Pro-
jektleiter am Börseplatz 1. Derzeit be-
findet sich das Projekt in der Entwick-
lung. Architekturconsult und das Ar-
chitekturbüro Wehdorn planen das
Projekt: Konkret sind das 39 Tops, im
Hochparterre sollen Büroräume ent-
stehen. Almesberger spricht von
„hochwertigemWohnen“.
Ein Loft auf 500 Quadratmetern.
Hochwertig, das sieht am Börseplatz 1
so aus: Ein Prunksaal, 500 Quadratme-
ter groß (mit der Möglichkeit, eine Zwi-
schendecke einzuziehen), im obersten
Geschoß soll zu einem Loft werden.
Der Saal, in dem noch die große Tafel
aus Paulus Mankers Theaterinszenie-
rung „Alma“ steht, mit Blick auf den
Hermann-Gmeiner-Park, wird wohl
eines der Prachtstücke sein. Schließ-
lich sollen die Wohnungen zwischen
80 und 500 Quadratmeter groß sein.
Von Luxus will man nicht sprechen.
In Summe sollen 9400 Quadratme-
ter Nutzfläche entstehen. Die Geneh-
migungen für den Umbau sollen bis
Ende des Jahres ausgestellt sein, so Al-
mesberger. Mit dem Denkmalschutz
seien die Pläne bereits abgestimmt.
Dann kann der Bau Anfang 2014 be-
ginnen, im Herbst 2015 könnten die
Wohnungen fertig sein. Dazu sollen im
Tiefgeschoß Garagen entstehen. Dort,
wo heute Wagners Musik durch die
finsteren Kellergewölbe auf mehreren
Etagen dröhnt. Der Theatermacher
Manker ist – neben anderen Kunstpro-
jekten – einer der Zwischennutzer des
Palais. Einige Jahre hat er in den obe-
ren Sälen seine „Alma“ aufgeführt. Ak-
tuell arbeitet er – beim Rundgang
taucht er im dunklen Kellergewölbe
auf – ebendort an Wagner-Spielen.
„Eine Reise in die Unterwelt und in Ri-
chard Wagners Kopf“ soll es sein. Und
dort muss es düster zugegangen sein.
Feuer lodert in Verließen, Gliedmaßen
von Puppen hängen herunter. Betäu-
bender Lärm simuliert Geräusche von
Maschinen und Turbinen.
Wagner-Spiele in der Grotte. 40 finste-
re Räume, gleich einer Grotte, werden
ab 18. Juli Schauplatz des Stücks „Wag-
nerdämmerung“ sein. Zugleich kommt
die Ausstellung „Wagner sehen“ ins Pa-
lais. In brennenden Buchstaben steht
schon jetzt „WA ER“ an der Kellermau-
er. Aber, es ist die wohl letzte Saison für
Produktionen dieser Art, bevor die
Bauarbeiter kommen. Gehen die Pläne
von Immovate auf, werden anstelle der
schaurigen Gewölbe in wenigen Jahren
60 Autos in neuen Tiefgaragen stehen.
Jahrelang hat niemand die Gewölbe
genutzt. Wie den Großteil des Palais.
1996 hat es die Post als Bürositz aufge-
geben, einzelne Räume zeugen noch
vom jahrzehntelangen Sitz der Post-
und Telegrafenverwaltung. Seither gab
es viele Pläne. Und fast ebenso viele
sind gescheitert.
Viele Pläne, viel gescheitert. So hat
etwa Wlaschek-Schwiegersohn Tho-
mas Hönigsberger das Gebäude ge-
kauft und wollte daraus ein Hotel ma-
chen. Das scheiterte am Denkmal-
schutz. Also wurde das Palais 2006 an
eine Privatstiftung verkauft, hinter der
unter anderem der kroatische Ex-Ge-
neral Vladimir Zagorec steht. Dieser
sitzt seit 2009 in Kroatien wegen Amts-
missbrauchs in Haft. Diese Eigentümer
hatten ebenfalls ein Hotel geplant,
doch nichts geschah.
Wegen finanzieller Probleme wur-
de das Gebäude schließlich an die
Hypo-Alpe-Adria-Bank verpfändet, die
das Telegrafenamt – und eine Immobi-
lie auf der Hohen Warte – Ende 2011
schließlich an Immovate und Buhl ver-
kauft hat. Immovate ist das Unterneh-
men des Grazers Martin Kurschel, dem
eine Vorliebe für historische, denkmal-
geschützte Bausubstanz nachgesagt
wird. Ebenso wie große Ambitionen.
Und so dürfte das Palais als letztes
Geisterhaus der Innenstadt, als letzter
großer Repräsentativbau, der noch
nicht renoviert und als Luxushotel, als
Wohn-, Business- oder Shopping-Im-
mobilie wiederbelebt wurde, bald Ge-
schichte sein.
Und mit ihm die schaurige Kulisse
hinter den alten Mauern. Aber noch
bleiben die Künstler. „Es ist gut, dass
Immobilien wie diese zwischengenutzt
werden. Das schützt sie auch, es bringt
Leben“, sagt Almesberger. Und ihm
bringt es manchmal Erklärungsbedarf.
Kulisse als Show für Interessenten.
Wenn er mögliche Käufer der Woh-
nungen (davon gebe es schon jetzt,
lang bevor diese offiziell auf dem Markt
sind, genug) durch die Gemäuer führt.
Und diese sich wundern, in den monu-
mentalen, sieben Meter hohen Sälen
die gedeckte Tafel oder den alten Spi-
talssaal zu finden. Alles nur Kulisse der
Theaterleute, muss er sie dann enttäu-
schen. Oder beruhigen.
HISTORIE
1870
bis 1873 als
Telegrafen-Zentral-
station nach Plänen
von Eugen Fassbender
erbaut, wurde das
Palais als Bürohaus
genutzt. 1902 bis 1905
wurde der Bau
erweitert, 1964 ein
Funkturm aufgesetzt.
1996
beendet die Post die
Nutzung als Büro-
gebäude. Thomas
Hönigsberger kauft
das Gebäude,
scheitert aber mit dem
Plan eines Hotels.
2006 kauft eine
Stiftung, hinter der
u. a. Ex-General
Vladimir Zagorec
steht, das Palais.
2011
wurde es zu je 50
Prozent von Immovate
und Buhl Immobilien
gekauft. Nun sind 39
Wohnungen geplant.
Noch ist in der obersten Etage ein schauriger Krankenhaussaal aufgebaut – eine Theaterkulisse. Bald werden hier noble Lofts entstehen. Katharina Roßboth
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 WIEN 11
ICHWEISS,
WAS DUDIESEN
SOMMER TUN
WIRST.
FESTIVAL
SOMMER
-
Jetzt gewinnen:
DiePresse.com/festivals
Chef’s Table
EMPFEHLUNGEN
MIT LEISER KRITIK
Heinz Reitbauer ist mit seinemSteirereck
unangefochten auf Platz eins. Was kann der
Mann mit diesemRestaurant noch erreichen?
Es gibt immer Potenzial. VON HANS BRE NNE R
A
uf der Liste der besten Restaurants der
Welt rückt er beständig vor (aktuell Platz
sieben), Österreichs Spitze gebührt ihm
uneingeschränkt, und es ist nur eine Fra-
ge der Zeit, bis er den dritten „Michelin“-
Stern bekommt. Wer, wenn nicht er, sagte man
einst über Jörg Wörther – nun ist es Heinz Reitbau-
er, und man wird nur schwer einen österreichi-
schen Koch finden, der das bestreiten oder kritisie-
ren würde. Und das sagt schon eine ganze Menge.
Was kann oder kocht Reitbauer, was ihn dort-
hin brachte – und was könnte den dritten Stern
bringen/verhindern? Diese etwas impertinente
Fragestellung sei weniger dem Kritiker als dem
mehrjährigen Gast erlaubt. „Mehrjährig“, das klingt
nach einer Pflanze, was wieder passt, denn denen
hat sich Reitbauer verschrieben. Und das sei der
einzige zart-leise Kritikpunkt an der großen Schaf-
fensphase Reitbauers: Es sind vielleicht der süßli-
chen Karotten-Aromen („Purple Haze“), des eben-
falls marmeladehaften Rote-Rüben-Mantels und
Honig-Lavendel-Nebels zu viel.
Das überdeckt das, was Reitbauer so unglaub-
lich gut kann: die subtilen, die leisen Aromen zu
bewahren. Der Saibling etwa – mit der unterhaltsa-
men Wachsgarmethode – oder die Reinanke wer-
den nirgendwo exzellenter zubereitet. Um nicht
falsch verstanden zu werden: Reitbauer kann und
soll mit Gewürz und Kraft kochen, sein Stör mit
rauchigem Aroma schmeckt großartig und mutet –
wie sein aktueller Enten-Gang – asiatisch an.
Das Goldene Ehrenkreuz für Wissenschaft und
Kunst hätte sich Reitbauer aber für Wiederentde-
ckung und Pflege vergessener Zutaten und Gerichte
verdient. Das könnte the new hot thing sein, um es
mit einem unübersetzbaren Anglizismus zu formu-
lieren. Was Heston Blumenthal in London mit sei-
nem Historienrestaurant übertreibt, geht Reitbauer
locker von der Hand und ist wirklich interessant:
Ein Entenritschert neu zu interpretieren, ohne zu
verfälschen. Innereien fürchtet er ebenso wenig wie
vegetarische Gänge, das zeigt Können und sollte
vielleicht noch stärker in den Vordergrund treten.
Reitbauer als Schutzherr des Küchenerbes? Zu-
gegeben, das klingt auch wieder etwas anstren-
gend: Was soll der Mann noch alles machen? Jetzt
warten wir einmal auf den dritten Stern. Obwohl es
sich ohne den – siehe Noma – auch gut lebt. mib
schaufenster@diepresse.com diepresse.com/schaufenster
BotschafterinneninSachen
Die Milchwirtschaft ist
traditionell männlich
dominiert. Frauen sind
dafür heute die
Multiplikatorinnen: Sie
bringen Käse unter die
Leute.
VON ANNA BURGHARDT
W
er Käse liebt, muss leiden.
Zumindest manchmal.
Käsesommeli` ere und Sen-
sorikerin Eva Derndorfer
etwa erzählt von einem Hof in den
Marken, wo nicht nur eine Horde bel-
lender Hunde sie verstörte, sondern
auch ein Grubenkäse. „Der war so arg,
so ein Schmerz! Das war über der
Grenze.“ Solche Erlebnisse gehören
dazu, wenn man sich mit Käse be-
schäftigt, die Zunge wird mitunter vor
allem von extrem lang gereiften Käsen
hart in Mitleidenschaft gezogen. Auch
Dagmar Gross, ebenfalls Käsesomme-
li` ere – sie und Derndorfer hatten sich
im Kurs kennen gelernt –, entschlüpfte
bei einer Käsefreakshow schon einmal
das eine oder andere tief empfundene
„Autsch“. Das Wort Käsefreak bezeich-
nete übrigens bei jener Veranstaltung
nicht menschliche Besessene, sondern
milchige Freaks – unter anderem gab
es da einen Ziegenkäse zu verkosten,
der lange im Ziegenmagen gereift war,
was wiederum nicht unintensiv nach –
nun . . . – schmeckte. Der Schmerz hat
die Liebe zum Käse allerdings bei Dag-
mar Gross nicht nachhaltig gestört.
Ablöse. Gross und Derndorfer gehören
zu jenen Frauen, die sich als Käse-Mul-
tiplikatorinnen sehen, als Botschafterin-
nen. „Erst vor Kurzem ist uns aufgefal-
len, wie viele Frauen in der Käsebran-
che heute an vorderster Front arbeiten,
wir bringen Käse an die Leute, als Som-
meli` eren, im Marketing“, sagt Dagmar
Gross, in deren Elternhaus schon eine
gewisse Käsekultur herrschte und die
sich bereits im Teenageralter teure Bü-
cher über Käse kaufte. „Bis vor wenigen
Jahren war die Milch- und Käsebranche
praktisch rein in männlicher Hand, wie
früher beim Wein. Es sieht fast nach
einer Art Ablöse aus, weil wir Frauen
frei von alten Meinungen arbeiten.“
Und die Frauen in der Käsebran-
che sind eng vernetzt. Christiane Mösl,
Heumilch-Verfechterin, ist genauso
mit Gross und Derndorfer befreundet
wie Christina Nussbaumer. Letztere ist
Genusspädagogin, war zweimal Käse-
sommeli` ere des Jahres – „Ich hab die
Männerbranche geknackt“ – und un-
terrichtet am Wifi angehende Käse-
sommeliers. An der HLW Hallein hat
sie das Fach „Käsekenner“ eingeführt.
Und zwar bewusst als Freigegenstand:
„Wie viel Wissen junge Leute aufsau-
gen, wenn etwas ohne Prüfungen ab-
läuft!“ Am Käse liebt sie, dass alles
ständig in Bewegung ist. „Jeder Jahr-
gang bei Käse ist anders. Jungen Leu-
ten genau das zu vermitteln ist extrem
spannend. Wenn die plötzlich ein eige-
nes sensorisches Vokabular entwi-
ckeln!“ Heumilch-Fachfrau Christiane
Mösl war externe Prüferin bei den an-
gehenden Käsekennern in Hallein und
„erstaunt, was die alles wissen“. Schon
Mösls Vater war Käser, „ich bin in einer
Emmentaler-Käserei aufgewachsen,
hab im Käsekeller Fangen gespielt“. Sie
hat 2004 die Ausbildung zur Käsesom-
meli` ere gemacht und tingelt nun durch
die Lande, um Heumilch zu vermark-
ten. Der Name wurde erst in den
Neunzigern eingeführt, erzählt sie, frü-
her hieß es silofreie Milch. „Heumilch
kann man so, wie sie aus der Kuh he-
rauskommt, verarbeiten. Bei Silage-
milch würden Sporen den Käse rissig
machen, bilden sich Fehlaromen.“ Auf
Messen hat Mösl immer Heu zum Rie-
chen mit. Aus der international als Kä-
seland geltenden Schweiz kommen
mittlerweile neidische Blicke auf Öster-
reich, „ich bekomme viele Anfragen
von Schweizern, die bewundern, wie
etabliert Heumilch bei uns ist“.
Die vier Käsesommeli` eren haben
immer mehr zu tun. „Man merkt, wie
sehr die Nachfrage steigt“, sagt etwa
Dagmar Gross. „Wenn ich heute sage,
ich bin Käsesommeli` ere, springen die
Leute total drauf an, wollen wissen,
was dahintersteckt.“
Slow Food. Sensorikerin Eva Derndor-
fer, die seit 22 Jahren Vegetarierin ist
und für die Milchprodukte deshalb
auch persönlich eine große Rolle spie-
len, führt das gestiegene Interesse am
Käse nicht zuletzt auf den Regionalitäts-
gedanken zurück – „der spielt
uns sicher in die Hände“. Und
Käse sei Slow Food aus sich
heraus, „gereifter Käse muss
einfach lang reifen“.
»Wenn ich heute sage, ich bin
Käsesommeli`ere, springen die
Leute total drauf an.«
Mit WindelnundSpielzeugsieb
WennKäseselbst hergestellt wird
Käse in der eigenen Küche herzustellen ist populär. Ein Blick in diverse
Internetforen beweist: Die Hobbysenner sind kreativ. VON DUYGU ÖZ KAN
Diejenigen, die keine Geduld haben,
sind im Supermarkt besser aufgeho-
ben. So auch diejenigen, die keine Fan-
tasie in Sachen Küchenutensilien auf-
bringen können. Wer Käse selbst zu
Hause herstellen möchte, kann Kinder-
windeln verwenden (die aus Stoff na-
türlich), Gitterabstreifer für Malerrol-
len und ein (grobes) Spielzeugsieb, das
eigentlich für den Strand gedacht ist.
Für die Aufbewahrung des Käses kön-
nen ausgewaschene Plastikbecher ver-
wendet werden, die in ihrem vorheri-
gen Leben Krautsalat verwahrt haben.
Oder Topfen. Bisweilen kommen Plas-
tikdeckel von Wasserflaschen zum Ein-
satz. Und auch Omas Wolldecke.
Ein Blick in die Internetforen, in
denen über hausgemachten Käse sin-
niert wird, zeigt: Das Anschaffen der
Utensilien ist das geringste Problem. Es
zeigt aber auch, dass die Eigenherstel-
lung durchaus populär ist, zumindest,
was Frischkäse betrifft: Rohmilch und
Butter unter ständigem Rühren ko-
chen, Zitronensaft in die kochende
Milch hineingeben, bis eine brüchige
Masse entsteht, die Masse durch ein
Tuch pressen, damit die Molke durch-
rinnt, längere Zeit abtropfen lassen, in
Form bringen, kühl stellen. Gut, das ist
wirklich die Minimalversion.
Ernsthaftere Käsehersteller arbei-
ten mit einem Thermometer: Nach-
dem die Rohmilch auf 25 Grad er-
wärmt wurde, wird Sauermilch beige-
mengt, der Topf mit Decken umman-
telt, und dann wird einige Stunden ge-
wartet. Es wird Lab (in Tablettenform
oder flüssig) hinzugefügt und dann
wird einige Stunden gewartet. Die
Masse wird dann „gebrochen“, also mit
einem stumpfen Messer geschnitten,
und dann wird einige Stun-
den gewartet. Am nächsten
Tag wird die Masse durch
das Tuch gepresst, eventuell
in eine Form (siehe Krautsa-
Vier Frauen und ihr Käse: Christiane Mösl, Dagmar Gross, Christina Nussbaumer und Eva Derndorfer
12 ESSEN UND TRINKEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Kochhistorie VON ANNA BURGHARDT
Zungenragout
Zutaten: eine mittelgroße grüne Zunge, 5 Deka-
gramm Butter, 3 Dekagramm Parmesan, 1 Liter
Suppe, etwas Mehl, Suppenwurzeln, Zwiebel, Ka-
pern, Zitronensaft, 3 Sardellen, Schwämme, Weiß-
wein, Salz, Pfeffer.
Die Zunge wird weichgekocht, geschält, zu Streifen
geschnitten und in eine Sauce gegeben, die folgen-
dermaßen zubereitet wird: Aus Butter und Mehl
macht man eine lichtbraune Einmach, gießt sie mit
Suppe auf und lässt sie mit Parmesan und reichli-
chem Suppengemüse eine Dreiviertelstunde unzu-
gedeckt kochen. Dann wird sie passiert, die fein ge-
hackten Kapern, Sardellen, Zwiebeln, Schwämme
hineingegeben, dann mit Zitronensaft, Pfeffer, Salz
und Wein abgeschmeckt.
Anmerkung: Rezept aus dem Buch „Kochrezepte aus
der Kochschule des Wiener Frauen-Erwerb-Verei-
nes“, Josefine Fillunger, 1925.
Der Begriff „grüne Zunge“ kursiert zwar heute vor
allem unter Ärzten, hier ist freilich eine nicht ge-
selchte Rindszunge gemeint. Als Schwämme
nimmt man am besten Champignons. Wo keine
Mengenangaben angeführt sind, muss man das Ge-
fühl walten lassen.
Einkaufstipps Einkaufstipps VON ERI CH KOCI NA
Vollkorn- und Biobrot
Das Spannende amVollkornbrot: Das Gefühl
der Sättigung hält viel länger an. Drei Quellen
für besonders gehaltvolles Brot und Gebäck.
1
Gragger & Cie, Spiegelgasse 23, 1010 Wien; Mo–Fr,
8–19 Uhr, Sa, 8–18 Uhr
Gegenüber vom Dorotheum hat Helmut Gragger
im Jahr 2010 eine Holzofenbäckerei mitten in der
City eröffnet, in der man auch gern ein paar Minu-
ten länger wartet, bis nämlich das frische Brot aus
dem Ofen kommt – den Rhythmus gibt der Sauer-
teig vor. Das ist zwar nicht billig – aber gut.
2
Bäckerei Joseph, Naglergasse 9, 1010 Wien; Mo–Fr,
7–19 Uhr, Sa, 8–18 Uhr
Der Slogan „Brot vom Pheinsten“ verrät, dass die
Brotboutique in der Innenstadt sehr auf ein hippes
Image achtet. Brot und Gebäck sind allerdings ur-
tümlich, bio und händisch verarbeitet. Dafür
nimmt man auch in Kauf, dass so mancher Laib
Brot sechs Euro kostet.
3
Vollkornbäckerei Kornradl, Lerchenfelder Straße 13,
1070 Wien; Di–Fr, 6–12 u. 16–19 Uhr, Sa, 6–15 Uhr
Schon die Lage im romantischen Durchhaus zwi-
schen Neustiftgasse und Lerchenfelder Straße ist
ein Pluspunkt. Abgesehen davon kann man Dieter
Smolle auch zuschauen, wie er aus dem frisch ver-
mahlenen Korn Brot und Weckerln formt. So könn-
te ein Bäcker vor 100 Jahren gearbeitet haben . . .
Unter 20 EuroVON ERI CH KOCI NA
Caf´e Phönixhof
Neustiftgasse 55, 1070
Wien, )0699 1733
1072, tägl. 12–24 Uhr;
www.phoenixhof.at
Man muss nicht studieren, um sich im Phönixhof
wohlzufühlen, aber das Label Studentenlokal passt
trotzdem ganz gut. Was unter anderem an der Karte
liegt: leistbare Hausmannskost (Wiener Schnitzel
um 8,90 Euro), eine recht große Auswahl an vegeta-
rischen – teils auch veganen – Gerichten (Chili Non
Carne um 8,90, Knödel mit Ei um 7,50 Euro etc.)
und Desserts wie der politisch korrekte Schokohupf
mit Schlag um 3,50 Euro. Qualitativ gibt es dabei
nichts auszusetzen – solide Kost zu geringen Kos-
ten. Dazu wird das sonst eher selten zu findende
tschechische Hostan-Bier ausgeschenkt – und Fair-
Trade-Kaffee. Das eher, sagen wir, urige Ambiente
(Setzkasten mit Minilikörflaschen inklusive) wird
dabei allerdings nicht durch Rauchschwaden ver-
nebelt – der Phönixhof ist ein Nichtraucherlokal.
Wer deswegen nicht weiß, was er mit seinen Hän-
den anfangen soll, kann zu einem der Brettspiele
greifen, die den Gästen zur Verfügung gestellt wer-
den. Oder mit dem Laptop das Gratis-WLAN nüt-
zen – ob fürs Studiumoder einfach so.
Käse
Reifen muss allerdings auch erst
das Bewusstsein für Käse im Handel.
„Die Leute an den Käsetheken im Su-
permarkt sind nicht geschult, da wer-
den Käsewürfel zur Verkostung aufge-
legt, und keiner kann dir sagen, was
das ist“, beklagt Christiane Mösl. „Vom
Handel erwarte ich schon gar nichts
mehr“, sagt indes Christina Nussbau-
mer, „außer ich gehe in ein Spezialge-
schäft“. „Aber auch im Fachhandel hab
ich schon Camembert verlangt und
Rotschmierkäse bekommen“, wirft
Dagmar Gross ein. Viel zu tun gäbe es
bei aller Weiterentwicklung auch noch
in der Gastronomie. „Schlimm, wenn
in der Spitzengastronomie mehr
Schein als Sein ist“, meint Nussbau-
mer. „Wenn sich der Kellner mit der
Riesenpfeffermühle, für die man fast
einen zweiten zum Tragen braucht,
von hinten anschleicht und bei einem
Käseteller um 18 Euro sagt: „Darf ich
eh?“. Bei den typischen Beigaben zum
Käseteller – für Puristen ein Graus – ge-
hen die Meinungen der Käsenetzwerk-
erinnen allerdings auseinander: Chris-
tina Nussbaumer macht Rotwein- oder
Spätlesegelee mit ihren Schülern selbst
und „will sie nicht verteufeln“. Chris-
tiane Mösl findet vor allem die fertigen
süßen Senfsaucen nicht gut – „wäh-
rend man Mostarda in Italien nur zu
manchen Hartkäsen serviert, gibt man
den Senf bei uns mittlerweile völlig un-
reflektiert drüber“. Dagmar Gross
reicht die Weinvielfalt zum Käse. Und
Eva Derndorfer überrascht – „um den
Süßwein auch mal zu ersetzen“ – mit
der Kombination von reifen Bananen
zu Hartkäse. Auch das ist Vernetzen.
Eine Anekdote, die Sensorikerin
Derndorfer erzählt, beleuchtet den Zu-
sammenhang zwischen Frauen und
Käse übrigens etwas anders: „Eine
Freundin aus Vorarlberg hat erzählt,
dass in der Großvatergeneration die
Ehefrau nach dem Käserindenweg-
schneideverhalten ausgewählt wurde.“
Eine Schnitt zu viel weg – eine Ver-
schwenderin also, nicht zu gebrau-
chen. Eine andere hobelte zu wenig
Rinde weg, „na, das wollte man auch
nicht“. Wie halten es die Käsebotschaf-
terinnen mit der Rinde? Nussbaumer:
„Die Rinde ist der Absender des Käses
– ich hab sie gern auf demTeller.“
»Diese folierten Ministücke im
Supermarkt sind nichts. Käse
im Großformat ist sexy.«
T I P P S V ON D E N E X P E R T I N N E N
KÄSE KAUFEN
Pöhl amNaschmarkt, Stand 167, 1060
Wien; Mo–Fr, 9 bis 19 Uhr, Sa, 8-17 Uhr,
www.poehlamnaschmarkt.at
Kaes.at, Karmelitermarkt; Sa, 8–13 Uhr;
Naschmarkt, Sa 8–14 Uhr, www.kaes.at
Kasalm, Kaiser-Josef-Platz, Stand 14,
8010 Graz; Mo–Sa, 7–13 Uhr;
www.kasalm.at
Käseglocke, Südbahnhofmarkt, Koje 17,
4020 Linz; Mo–Do, 8–17.30, Fr; 6–17.30,
Sa 6–13 Uhr, www.kaeseglocke.at
Fredis Käslädele, Deuringstraße 9,
6900 Bregenz; Mo–Fr, 8.30–12.30, 15–18,
Sa 8.30–13 Uhr, www.kaesefredi.eu
Käsehütte Stix, Wimm 6–7, 3672 Maria
Taferl, Mi, Fr, Sa, 9–18, Do, 15–18, So,
13-18 Uhr. Mehrere Wochenmärkte –
Infos unter www.kaesehuette.at
lat) gegeben, wobei die Form durchlö-
chert sein muss (damit Flüssigkeit wei-
terhin abrinnen kann), anschließend
wird der Käse in der Form mehrmals
gewendet, zwischendurch wird gewar-
tet. Oder der Käse wird – noch im Tuch
– gepresst, indem es beschwert wird,
mit Büchern, Töpfen oder anderen
schweren Dingen, die gerade verfügbar
sind. Wie gesagt, ohne Geduld kein
Käse. Die Vorteile der Eigenherstellung
liegen aber auch auf der Hand. Abgese-
hen davon, dass sich der Konsument
mit seinem Essen beschäftigt, kann er
den Käse selbst „gestalten“: Pfeffer hin-
zufügen zum Beispiel. Oder Veilchen.
Oder Nüsse.
Mehrmals wenden. „Vor 20 Jahren
konnte man noch in Sennereien hinein-
gehen, das gibt es jetzt nicht mehr“, sagt
Stefan Kohler vomBregenzerwälder Kä-
sehaus in Andelsbuch. Allein deswegen
sei das Interesse amHaus ungebrochen:
Neben einer anderen Sennerei im Bre-
genzerwald (etliche haben sich zu
einem Netzwerk – „Käsestraße“ – zu-
sammengeschlossen) können die Besu-
cher hier zusehen, wie Käse hergestellt
wird – ohne technische Hilfsmittel, so
wie auf der Alm. Die Senner werden da-
bei oft gefragt, ob eine eigene Herstel-
lung möglich ist. Bei Frischkäse würde
das durchaus gehen, wenn auf eine hy-
gienische Umgebung geachtet wird, al-
les andere sei zu aufwendig, sagt Kohler
dann. Für den Bergkäse werden ein gro-
ßer Kupferkessel, eine Käseharfe und
anderes Geschirr benötigt, ein Lager-
raum mit zwölf Grad und über 70 Pro-
zent Luftfeuchtigkeit sowie eine Person,
die den Käse wendet und mit Salz ein-
reibt – in den ersten Wochen jeden Tag,
in den folgenden Monaten zwei- bis
dreimal die Woche. Die eigene Herstel-
lung von Käse passt jedenfalls zum Do-
it-yourself-Trend, der seit geraumer Zeit
grassiert.
In den USA werden über das Portal
urbancheesecraft.com Utensilien zur
Eigenherstellung verkauft, auf You-
Tube gibt es etliche Anleitungen, Bü-
cher sind auch erschienen. Portale wie
kaese-selber.de oder kaese-selberma-
chen.de liefern alle möglichen Infor-
mationen. Viel interessanter dürfte die
eigene Herstellung für Veganer sein, da
Käse ohne Milch selten im Supermarkt
zu finden ist. Die vegane Version wird
beispielsweise mit Cashewkernen her-
gestellt: Die Kerne werden, nachdem
sie über Nacht in einem Salzbad wa-
ren, püriert, durch ein Tuch mit klei-
nen Löchern gepresst, das mehrere
Stunden zwecks Abtropfens aufge-
hängt wird. Die Masse wird anschlie-
ßend gebacken.
Butter und Buttermilch. Für die ande-
ren Käsesorten gilt: am besten Roh-
milch (unbehandelte Milch) verwen-
den – oder noch besser Rohmilch vom
Bauern. Vollmilch geht ebenfalls, nur
mit der haltbaren Milch wird es nicht
funktionieren. Für Schnitt- und Hart-
käse wird außer Lab noch Buttermilch
benötigt, wer mit Brie bzw. Camembert
experimentieren möchte, kann ein
paar Streifen Rand von diesem Käse
(und nur vom Rand) abschneiden und
der Masse hinzufügen, damit sich
Schimmel bilden kann.
Und wer besonders viel Zeit und
Ehrgeiz hat, kann auch die anderen
Zutaten selbst herstellen: Butter, But-
termilch oder auch Joghurt. Die Quali-
tät des Endproduktes hängt freilich von
der Qualität der Zutaten sowie der Hy-
giene während der Bearbeitung ab. Ge-
lingt das Käseprojekt trotzdem nicht,
ist der Supermarkt vielleicht doch die
bessere Lösung.
Die eigene Herstellung passt
zum derzeit grassierenden
Do-it-yourself-Trend.
(v. l.) beschäftigen sich damit, das Bewusstsein für guten Käse zu wecken. Clemens Fabry
//// 16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM
0 ESSEN UND TRINKEN 13
WIRTSCHAFT
MODE,
DESIGNUND
SOWEITER
GUTE
IDEE
TÜREN AUS
BÜCHERN
Damit gewann
Josef Pfeiffer den
REdesign+ Award
2013: „Altstoff
Buch als
Werkstoff“ heißt
sein Prinzip. Und
das ist für
Bodenbeläge,
Türen oder zur
Schalldämmung
einsetzbar.
I MP R E S S U M
Entgeltliche Einschaltung.
Die Seiten „Kreativ“
sind eine redaktionell
unabhängige
wöchentliche Serie von
„Die Presse am
Sonntag“
mit Unterstützung der
Stadt Wien und der
Wirtschaftskammer Wien
Redaktion: Christine
Imlinger, Daniel Kalt,
Norbert Philipp
Alle: 1030 Wien,
Hainburger Straße 33,
www.diepresse.com/kreativ
Josef Lueger, Jan Hosa und Lisa Schmidt (v. l.) haben mit ihrer Rad-WGden ersten Preis imDeparture-Wettbewerb gewonnen. departure/vyhnalek
Sicher parken, wenigschleppen
Wie Kreative mit WG für Fahrräder, Anhängern zum Einkaufen oder Social-Apps die Mobilität
weiterbringen wollen: Die Sieger des Ideenbewerbs Cycling Affairs stehen fest. VON C HRI S T I NE I ML I NGE R
S
chuld sind Fahrraddiebe, die
Tauben und ein Rad, das beim
Frühstück im Cuchina in der
Wiener Lilienbrunngasse an der
Wand hing. Dort sei er, erzählt Raum-
planer Josef Lueger, mit Lisa Schmidt,
die sich mit Zwischennutzung beschäf-
tigt, und Marketingexperten Jan Hosa
auf die Idee der Rad-WG gekommen.
Leerstehende Räume, die von Radfah-
rern aus der Nachbarschaft als Abstell-
platz genutzt werden. Samt Zugangs-
system, Austausch von Wissen rund
ums Radreparieren, gemeinsamem
Saubermachen usw. Und, eines Tages,
wenn das Netz an Rad-WGs gewachsen
ist, einer App, die freie Gastplätze in der
nächsten WG anzeigt. Dieses Projekt
wurde jüngst im Ideenwettbewerb Cyc-
ling Affairs von Departure mit dem
Hauptpreis (und damit 7000 Euro Prä-
mie) ausgezeichnet.
Ein Schritt, damit die WGs nicht nur
Konzept bleibt. „Sind alle technischen,
juristischen und wirtschaftlichen Fra-
gen geklärt“, sagt Lueger und spricht
nötige Förderungen an, „kann im
Herbst die erste WG eröffnen.“ Ein
Raum, den Eigentümer an selbst ver-
waltete Gruppen vermieten. Diese wür-
de der WG-Platz fürs Rad, je nach Lage,
etwa fünf bis acht Euro im Monat kos-
ten. Die Wiener Rad-WG würde Soft-
ware, App, Zutritts- und Sicherheitssys-
teme entwickeln. Und irgendwann,
ähnlich einem Franchise-System, WGs
in ganz Wien vernetzen.
Mobiler Großparkplatz. Die WG ist
nicht die einzige prämierte Idee zum
Parken: Der zweite Platz im Wettbe-
werb, damit 5000 Euro, geht an die
„Mobilen Fahrradständer“ vom Wiener
Studio Walking Chair. Eine Abstellmög-
lichkeit aus einem Betonfuß und einem
Metallring, mit deren Hilfe etwa bei
Großveranstaltungen schnell und un-
kompliziert große Rad-Parkplätze auf-
gestellt werden können. Platz drei ging
an eine Idee aus Tel Aviv: Designer Udi
Rimon hat einen Anhänger entwickelt,
der wackeliges Fahren mit vollen Sa-
ckerln am Lenker oder überladenem
Gepäcksträger vergessen machen soll:
Den „Tel-O-Porter“, der an jedes Rad
gehängt werden kann. Ein Verleihsys-
tem – ähnlich der Citybikes – könnte
eine günstige Möglichkeit schaffen, das
Rad auch für Großeinkäufe zu nutzen.
Großes Potenzial zur Verbesserung.
Eingereicht wurden daneben auch
Ideen zum stilvollen Radeln, zum Rad-
fahren mit Kindern, stadtplanerische
Konzepte oder Apps. Zum Beispiel
„Cycling Public“, eine Idee, die mit
einem Spezialpreis ausgezeichnet wur-
de: Über einen Vertrag zwischen Stadt
und Radfahrern sollen diese für jeden
Kilometer, den sie auf dem Sattel statt
im Auto sitzen, belohnt werden. Ein fix
montierter Zähler würde jeden Kilo-
meter registrieren, für 100 Kilometer
im Monat gebe es dann zum Beispiel
Lotto-Tickets, für 500 Kilometer Tickets
fürs Ernst-Happel-Stadion. Das Poten-
zial, Radfahren in der Stadt bequemer,
sicherer oder schicker zu machen, ist
offenbar groß. 235 Kreative haben in-
nerhalb von gut acht Wochen ihre
Ideen eingereicht.
Nicht nur für die Schublade. Bettina
Leidl, die Geschäftsführerin von Depar-
ture, spricht von einem „vollen Erfolg“,
nun wolle man „ausgesuchte Projekte
bei der Umsetzung unterstützen“. Diese
seien nicht für Schubladen erdacht
worden, ist doch auch das Interesse –
und offenbar der Wunsch nach Verbes-
serung – der Wiener groß: Immerhin
haben sich am Publikumsvoting 16.798
Interessierte beteiligt. Gewonnen hat
dort „BikeLikeVienna“, eine Synergie
aus App fürs Smartphone und einer
Online-Plattform, bei der zum Beispiel
Steigungen, Staus, Stop-and-go-Situa-
tionen per GPS genau aufgezeichnet
und automatisch in bestehende Rou-
tenplaner integriert werden könnten.
Und vielleicht eines Tages auch zeigt,
wo die nächste Rad-WG ein Plätzchen
frei hat oder der nächste Anhänger zum
Ausborgen bereitsteht.
Von der Idee zur Pilot-WG in
kurzer Zeit: Im Herbst könnte
die erste Rad-WG eröffnen.
DIE SIEGER
Wiener Rad-WG. Ein
Projekt, bei dem leer
stehende
Gassenlokale als
Raum für Räder
genutzt werden
sollen, wurde als
Sieger ausgezeichnet.
Mobiler Radständer.
Platz zwei ging auch
an ein Parkprojekt:
eine temporäre
Abstellmöglichkeit mit
Betonfuß und Metall-
ring vom Wiener Büro
Walking Chair (siehe
Bild unten rechts).
Tel-O-Porter. Der
drittplatzierte
„Shared Urban Bike
Trailer“ ist ein
Anhänger mit großem
Volumen, der an jedes
Rad montiert werden
kann (unten links).
Ausgewählte Beiträge
des Wettbewerbs sind
derzeit in der Säulen-
halle des Wiener MAK
ausgestellt.
»Jetzt werden wir aktiv
ausgesuchte Projekte bei der
Umsetzung unterstützen.«
K
r
e
a
t
i
v
MEHR AUF
DI EPRESSE. COM/KREATI V
K L E I N Z E U G
DARLING DER WOCHE
Schwimmflügel
Im Flugzeug braucht man sie zum
Glück selten. Deshalb kann man
aus den Schwimmwesten unter
dem Sitz auch andere Dinge
machen: wie Flugzeughüllen für
i-Phone und i-Pad.
Um 49 bzw. 69 Euro unter
www.flug-zeug.at.
AUSSTELLUNG
Meisterstücke
Manufakturen, Designer und
Kreative, die sich mit ihrer Arbeit
bemühen, Produktions- und
Handwerkskultur zu pflegen und
für ihre gestalterischen Zwecke
zu nützen. Die Ausstellung
Masterpiece Collection 2013
zeigt noch heute, Sonntag, wie
es den Herstellern gelingt, Werte
der handwerklichen Produktion
hochzuhalten. Darunter finden
sich vor allem auch Wiener
Betriebe, die sich unter dem Dach
„Wien Products“, gegründet von
der Wirtschaftskammer Wien,
vereinen, wie Augarten Porzellan
oder auch die Zinngießerei Rudolf
Chlada. Aber auch internationale,
wie die italienische Möbelmanu-
faktur Poltrona Frau.
Heute, 16. 6., bis 18.30 Uhr, im
Novomatic-Forum, 1010 Wien.
QUERGELESEN
» In dieser schwarzen
Endlosigkeit ist die
Raumstation als Artefakt
ein Spiegelbild unserer
Erde. «
„Architektur für die russische
Raumfahrt. Vom
Konstruktivismus zur
Kosmonautik: Pläne, Projekte und
Bauten“, von Philipp Meuser,
DOM Publishers
PREISE
Engagement
Bei den Elevate Awards werden
Menschen, Projekte und
Initiativen ausgezeichnet, die sich
für die Gesellschaft und ihre
positive Entwicklung einsetzen.
Drei Preise werden vergeben:
Elevate Award Steiermark, Inter-
national Elevate Award und der
Elevate Artivism Award.
Nominierungen können noch bis
Montag, den 17. Juni eingereicht
werden. Mehr Informationen
unter http://2013.elevate.at.
DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 KREATIV 15
Jenseits von»GangnamStyle«
Der Laufsteg als
diplomatisches Parkett:
Der südkoreanische
Designer Sang-Bong Lie
gastierte bei einer Gala im
Wiener Weltmuseum.
VON DANI E L KALT
F
ünf Jahrzehnte diplomatischer
Beziehungen lassen sich auf
alle erdenklichen Weisen fei-
ern – offenbar auch mit einer
Modeschau. So lud die diplomatische
Vertretung Südkoreas in Österreich
vergangene Woche zu einem Festakt
mit dem Titel „Korea Style in der Welt“
und präsentierte in diesem Rahmen
die Arbeit des in Seoul lebenden Desi-
gners Sang-Bong Lie einer geladenen
Gästeschar. In einem exklusiven Inter-
view mit der „Presse am Sonntag“ er-
gab sich die Gelegenheit, über struktu-
relle Ähnlichkeiten der Kreativszene in
beiden Ländern zu sprechen.
Sie sind gleichsam in diplomatischer Mis-
sion nach Wien gekommen – vielleicht aber
auch in der Hoffnung, den österreichischen
Markt zu erschließen?
Sang-Bong Lie: In diesem Fall nicht. Der
Sinn der Veranstaltung war ja, die
Freundschaft unser beider Länder zu
feiern; die Modeschau funktioniert da
als Teil des kulturellen Austausches.
Ein solches Event sollte nicht von kom-
merziellen Interessen dominiert sein.
Es gab auch keinen B2B-Showroom für
österreichische Buyer.
Es überrascht ein wenig, dass die Mode eine
so prominente Rolle bei diesem besonderen
Anlass spielen darf. Ist man in Südkorea au-
ßerordentlich modebewusst?
Das würde ich nicht sagen. Die Mode
gehört aber auf der ganzen Welt zur
Alltagskultur der Menschen. Als visuel-
les Phänomen, das sich inhaltlich
leicht erschließt, ist sie ein besonders
geeignetes Kommunikationsmittel.
Fühlen Sie sich zum Botschafter südkorea-
nischen Kreativschaffens berufen?
Höchstens in meiner Eigenschaft als
Vorsitzender des „Council of Fashion
Designers of Korea“. Dort besteht mei-
ne Aufgabe hauptsächlich darin, jun-
gen Designern dabei zu helfen, den
Sprung ins Ausland zu machen.
In New York nehmen Sie mit anderen Desi-
gnern an der staatlich finanzierten Grup-
penshow „Concept Korea“ teil. Solche Auf-
tritte im Kollektiv, die es auch von österrei-
chischer Seite immer wieder gibt, sorgen
für Aufmerksamkeit. Wie schwierig ist es
aber, eine stimmige Mischung zu zeigen?
Es gibt diese Gruppenshow seit sieben
Saisonen, ich habe bislang fünfmal
selbst teilgenommen, und im Großen
und Ganzen sind die Reaktionen gut;
besonders für die jungen Designer ist
die Show, die Teil des offiziellen Kalen-
ders der New Yorker Modewoche ist,
wichtig. Die Mischung aus Newcomern
und Etablierten führt aber zu einigen
Herausforderungen; hin und wieder
muss eben der eine oder andere einen
Kompromiss eingehen, damit sich ein
stimmiges Ganzes ergibt.
Bedingen nicht solche Gruppenpräsentatio-
nen von Designern, ob sie nun aus Südkorea
oder aus Österreich kommen, eine implizite
Erwartungshaltung hinsichtlich einer lan-
destypischen Modeästhetik?
Das ist ganz bestimmt so, ist aber zu-
gleich unsinnig, weil es imModedesign
wie bei jeder kreativen Tätigkeit, egal,
ob aus demselben Land oder nicht, im-
mer um Vielfältigkeit, um Diversität
geht. Künstlich eine gemeinsame Äs-
thetik zu lancieren, ist sicherlich nicht
imSinn der Beteiligten.
Hat es in den Creative Industries von Süd-
korea eine parallele Entwicklung zum Wirt-
schaftsboom des Landes gegeben?
In bestimmter Weise, ja. Nach dem
Boom der Achtziger- und Neunziger-
jahre ist es kurz nach der Jahrtausend-
wende zu einem neuen Bewusstsein
für das Potenzial unserer Kreativwirt-
schaft gekommen. Bei uns unterschei-
det man oft zwischen der Hardware
und der Software des Landes, und die
Mode ist wie die gesamte Kreativwirt-
schaft Teil der Software, die nun ver-
stärkt gefördert werden soll. Auch um
im Ausland ein anderes Bild des Lan-
des zu transportieren.
Begleiten die Konsumenten diese Entwick-
lung durch ihr Einkaufsverhalten?
Nicht wirklich, noch nicht. Meist sind
noch die internationalen Marken ge-
fragter, aber sie haben auch einen
Startvorteil. Die koreanische Szene, wie
wahrscheinlich die österreichische, hat
relativ spät begonnen sich zu entwi-
ckeln. Es gilt also, Boden gutzumachen.
Unsere Regierung hat diese Situation
erkannt und versucht, die Kreativen zu
unterstützen. Ich bin zuversichtlich,
dass sich das Verhalten der Konsumen-
ten, wenn erst vom Handel Support für
die lokale Kreativszene kommt, ent-
sprechend verändern wird.
Während „Concept Korea“ in New York ge-
zeigt wird, präsentieren Sie selbst Ihre Kol-
lektionen in Paris – aus welchem Grund?
Als ich in den Neunzigerjahren be-
gann, meine Mode in Paris zu zeigen,
war es die unangefochtene Welthaupt-
stadt der Mode, und in mancher Hin-
sicht ist es das noch immer. Paris ist
nach wie vor die einzige Modemetro-
pole, die kommerziell von Belang ist
und in der auch Wertschätzung für
avantgardistische Positionen herrscht.
Wie wichtig ist die Modewoche in Seoul?
Als südkoreanischer Designer fühle ich
mich verpflichtet, in Seoul zu präsen-
tieren. Dort stelle ich die Anbindung zu
meinem Heimatmarkt sicher, der nach
wie vor der wichtigste für mich ist.
Ein letztes Stichwort: „Gangnam Style“.
Wie beurteilen Sie den Impakt dieses musi-
kalischen Welterfolges?
Es ist natürlich großartig, dass ein süd-
koreanischer Musiker diesen Hit lan-
den konnte. Doch um aufzuzeigen,
dass es auch Facetten der Gegenwarts-
kultur mit aufrechtem Bezug zur Tradi-
tion gibt, habe ich für die Präsentation
von „Korea Style in der Welt“ auch eine
auf aktualisierte Versionen der Gugak-
Musik spezialisierte Band ausgesucht.
Popmusik, Mode, Design sind Teil der
Kultur, und Kultur bildet sich nicht von
heute auf morgen aus. Darum sind mir
Bezüge zur Vergangenheit, die im Fall
Südkoreas im Ausland vielleicht weni-
ger bekannt sind als die zeitgenössi-
sche Produktion, besonders wichtig. In
Österreich mag sich das genau anders-
herumdarstellen.
Sang-Bong Lie, Designer des Labels „Lie Sang Bong“, in kluger Pose und schöner Schale. Fabry
STECKBRIEF
Lie Sang Bong
Das Label des
Designers trägt seinen
Eigennamen in der
südkoreanischen
Schreibweise. Nach
einer Ausbildung zum
Schauspieler beginnt
Lie 1983, Kollektionen
zu präsentieren. 1993
bester Designer des
Landes. Defilees in
Paris seit 2002,
derzeit Vorsitzender
des Council of Fashion
Designers of Korea.
Concept Korea
Seit 2009 findet als
Teil der New York
Fashion Week diese
staatlich finanzierte
Gruppenpräsentation
südkoreanischer
Designer statt.
Hans Renzler
16 KREATIV 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
BILDTEXT
» «
Es geht umBegrüßung, Berührung, Identität. Darum, einen Eindruck zu hinterlassen.
Die Südtiroler sagen: „Hoi!“ Hans Renzler
SuperMarkt
WAS KAPITALISMUS KANN – UND
WOFÜR ER NICHTS KANN
Die ÖVP fordert kurz vor den Wahlen eine Gebühren-
bremse, um die staatliche Preistreiberei zu bremsen.
Gute Idee. Aber warum erst jetzt? VON FRANZ SCHELLHORN
Zuerst nehmen, danngeben
F
ür Reue ist es bekanntermaßen
nie zu spät. Wer ein Leben lang
in Saus und Braus lebt, darf auf
Vergebung hoffen, solange das
sündige Dasein noch vor Verlassen
dieses Planeten mit schuldigem Blick
eingestanden wird. Daran dürfte sich
auch die Parteiführung der dem christ-
lichen Glauben durchaus nahestehen-
den ÖVP erinnert haben, als sie Mitte
vergangener Woche eine Gebühren-
bremse für den öffentlichen Sektor for-
derte. Das kommt keine Sekunde zu
früh, schließlich liegt die aktuelle Le-
gislaturperiode in ihren letzten Zügen,
da bleibt für reumütige Geständnisse
nur mehr wenig Zeit.
Nun kann auch gar nicht oft genug
gesagt werden, dass der Staat den Bür-
gern zu viel Geld aus den Taschen
zieht, gemessen an der gebotenen Ge-
genleistung. Aus Sicht der ÖVP tun das
natürlich vor allem die „roten“ Ge-
meinden. Die Stadt Wien habe in nur
einem Jahr die Parkgebühr um 66 Pro-
zent angehoben, Wasser um33 Prozent
und Gas um 15 Prozent verteuert. Zwi-
schen 2001 und 2010 habe die Stadt
Wien ihren Bürgern um eine Milliarde
Euro zu viel für Müll und Wasser ver-
rechnet, kritisiert der Rechnungshof.
Das müsse ein Ende haben, des-
halb dürften die Gebühren nur im sel-
ben Ausmaß wie die tatsächlichen Kos-
ten steigen. Ein guter Vorschlag, zumal
die meisten Bürger bisher ohnehin an-
genommen haben, dass sich öffentli-
che Gebühren an den laufenden Kos-
ten orientieren und nicht am Geldbe-
darf der kommunalen Kassen.
Eine nette Geste. Um das Leben leist-
barer zu gestalten, müsse die menschli-
che Arbeitskraft endlich entlastet wer-
den, wie die im ÖVP im Abendrot die-
ser Legislaturperiode erkennt. Dem-
nach sollen die Lohnnebenkosten nach
der Wahl um 80 Euro sinken. Pro Haus-
halt und pro Jahr. Um die Dimension
dieses Betrages etwas besser einordnen
zu können: Jemand, der 2000 Euro
brutto imMonat verdient, muss für den
Staat pro Jahr 16.661,28 Euro an Lohn-
nebenkosten erwirtschaften. Nun sind
80 Euro besser als nichts, aber dennoch
so, als würde ein Straßenräuber nach
erfolgreicher Arbeit seinem Opfer noch
schnell einen Fünf-Euro-Schein zuste-
cken.
Überhaupt drängt sich die Frage
auf, was die Volkspartei der Bevölke-
rung eigentlich sagen will. Dass sie im
Vorjahr einer Erhöhung der Lohnne-
benkosten nur deshalb zugestimmt
hat, um vor der Wahl deren Senkung
einfordern zu können? Dass sie in den
vergangenen fünf Jahren nicht gesehen
hat, wie Steuern und öffentliche Ge-
bühren durch die Decke gingen? Wie
die Staatsausgaben angeschwollen
sind und die allesamt im öffentlichem
Eigentum stehenden Energieversorger
den wettbewerbsfreien Raum nutzten,
um die Tarife in die Höhe zu treiben?
Oder dass sie keine Gelegenheit sah,
dem Gebührenrausch ein Ende zu set-
zen? Dass sie den Koalitionsfrieden
nicht stören wollte? Schwer zu sagen.
Die SPÖ tut sich da wesentlich
leichter. Sie steht nämlich voll und
ganz hinter den überhöhten Tarifen im
öffentlichen Bereich. Schließlich hät-
ten eine funktionierende Abwasserent-
sorgung und Müllabfuhr eben ihren
Preis, wie Sozialminister Rudolf
Hundstorfer (SPÖ) amDonnerstag sag-
te. Um hinzuzufügen, dass dafür ja
auch der Kindergartenbeitrag auf null
gesenkt und die Jahreskarte für die
Wiener Linien verbilligt worden wäre.
Das ist zumindest ehrlich: Ja, wir ha-
ben die Gebühren für Wasser und Müll
gezielt nach oben geschraubt, um der
Wiener SPÖ den „Gratis“-Kindergarten
zu ermöglichen und die Wiener Linien
quersubventionieren zu können. Das
erklärt auch, warum die „gemeinnützi-
gen“ Wasserwerke eine Gewinnspanne
von 37 Prozent verrechnen.
Nicht wirklich viel hält die SPÖ von
einer Senkung der Lohnnebenkosten.
Das käme nämlich nur den Firmen zu-
gute. In den Reihen der Sozialdemo-
kraten glaubt man offensichtlich noch
immer, dass die Biersteuer von der
Brauerei, die Mineralölsteuer von der
OMV und die Bankensteuer von den
Banken bezahlt wird – und nicht von
den Kunden.
Das Ziel heißt Umverteilung. Der SPÖ
geht es eben nicht so sehr darum, den
Menschen mehr von ihrem selbst ver-
dienten Geld zu überlassen – sondern
ihnen zuerst über hohe Steuern und
Gebühren so viel wie möglich abzu-
nehmen, um es dann ihrer Wähler-
schicht mit einem Augenzwinkern zu-
zuschieben. Die ÖVP wiederum erklärt
gern, wie befruchtend der Wettbewerb
sei, wie sehr es sich die arbeitende Be-
völkerung verdient hätte, mehr von ih-
rem Markteinkommen zu behalten,
und wie sehr der Partei doch die Leis-
tungsträger am Herzen lägen. Leider
immer erst vor anstehenden Wahlen.
Während der Legislaturperiode wird
aber Schmiere gestanden, wenn Staats-
schulden und öffentliche Ausgaben zur
Beglückung des Wahlvolkes gnadenlos
erhöht werden.
Wer also wirklich will, dass die Bür-
ger entlastet werden, wird nicht um-
hinkommen, deutlich sinkende Staats-
ausgaben zur Bedingung einer künfti-
gen Regierungsbeteiligung zu erheben.
Sinkende öffentliche Ausgaben sind
nämlich der einzige Weg, um Steuern
und Abgaben nachhaltig zu senken.
Ein öffentlicher Haushalt kann schließ-
lich nur ausgeben, was er seinen Bür-
gern abnimmt. Und wer es mit sinken-
den Preisen wirklich ernst nimmt, sorgt
für mehr Wettbewerb innerhalb des
staatlichen Systems, liberalisiert den
Energiemarkt wirklich, entrümpelt die
mittelalterliche Gewerbeordnung und
erhöht damit die unternehmerische
Dynamik.
Die Vertreter der ÖVP wissen
schließlich am besten: Reue allein
reicht nicht. Zur Vergebung der Sün-
den gehört auch das aufrichtige Gelöb-
nis zur Besserung.
franz.schellhorn@diepresse.com
Als die Welt noch in
Ordnung war. Kurz
vor der Wahl sind
sich SPÖund ÖVP
uneinig, ob hohe
Gebühren nun gut
oder schlecht sind.
picturedesk.com/Robert Jäger
MEHR
SUPERMARKT
DI EPRESSE. COM/
SUPERMARKT
TWI TTER
FOLGEN
SI E FRANZ
SCHELLHORN
AUF TWI TTER:
@FranzSchellhorn
Franz Schellhorn
war bis 31. Jänner
stellvertretender
Chefredakteur dieser
Zeitung und leitete
von 2004 bis 2013
deren Wirtschafts-
ressort. Derzeit baut
er die unabhängige
Denkfabrik Agenda
Austria auf. Bis zu
deren Start wird an
dieser Stelle seine
Kolumne erscheinen.
DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 ECO 17
WIRTSCHAFT
GELD&
FINANZEN
MR. DAX
INTERVIEW
Der deutsche
Börsenhändler
und Buchautor
Dirk Müller gibt
den USA die
Schuld an der
Krise.
Fabry
SEITE 18
SIESTA
Der Boom in
Brasilien hat
eine Pause
eingelegt.
SEITE 19
DATEN
Über die
US-Firma
Akamai laufen
30 Prozent des
Internet-
verkehrs.
SEITE 20
E
c
o
»Mankannniemandemtrauen«
Als das Gesicht zum DAX
wurde Dirk Müller zu
einem der bekanntesten
Börsenmakler. Heute ist er
Buchautor. Die Schuld am
Ausbruch der Eurokrise
gibt er den USA, den Euro
will er am liebsten
abschaffen.
VON MAT T HI AS AUE R
Sie haben Ihr halbes Leben an der Börse
verbracht. Heute schlagen die Kurse dort
mit jedem Wort der Notenbanker nach
oben oder unten aus. Was hat das noch mit
der Realität zu tun?
Dirk Müller: Leider oft sehr wenig. An
den Finanzmärkten werden in Sekun-
den Milliarden geschaffen und ver-
nichtet. Anleger sollten sich vor dem
teuren Hobby Spekulation daher hü-
ten. Besser man investiert in Unterneh-
men, denen man vertraut. Da gibt es
genug, die Weltkriege und zig Währun-
gen überlebt haben.
Sind Aktien noch empfehlenswert? Viele
warnen, dass die Geldschwemme der Noten-
banken schon die nächste Blase gefüllt hat.
Im Moment haben wir keine Blase. Na-
türlich, Schnäppchen gibt es kaum,
aber Unternehmen, die fair bewertet
sind. Und da das Geld auf dem Konto
unweigerlich an Wert verlieren wird,
muss man sich eben etwas überlegen.
Ist Gold als Kriseninvestment nach dem
jüngsten Preisrutsch entzaubert?
Definitiv nicht. Gold ist wegen der Ter-
minmärkte unter Druck. Reales Gold
wird so stark nachgefragt wie nie zuvor.
China kann gar nicht so viel importie-
ren, wie es gern würde, die Münzprä-
ger machen Überstunden. Es ist eine
gute Chance, billig an Gold zu kom-
men. Nicht als Spekulation, sondern
als Sicherheit. Eine Unze Gold bleibt
eine Unze Gold. Und davon bekommt
man immer einen vernünftigen Anzug.
Sie waren lange Börsenmakler, wurden
dann Autor, Krisenerklärer, Berater des
deutschen Bundesrats. Woher kam das
plötzliche Interesse an der Politik?
Mein Bild war oft in der Zeitung, mit
der Zeit kamen die Anfragen automa-
tisch. Ich habe den Menschen erklärt,
was ich sehe, und die haben es verstan-
den. Ich habe nicht den Anspruch, al-
les zu wissen oder die Welt zu retten,
aber ich gebe meine Informationen
ehrlich und offen. Ich muss niemandes
Lied singen, keinem Werbekunden ge-
fallen. Das ist ein großer Unterschied.
In den vergangenen fünf Jahren haben wir
schon fast alles über die Krise gehört. Wem
kann man denn noch trauen? Politikern,
Ökonomen, Analysten?
Man kann niemandem trauen. Das
liegt nicht daran, dass immer gelogen
wird. Aber jeder sieht nur einen klei-
nen Teil vomKuchen. Es gibt Leute, die
zu hundert Prozent glauben, dass sie
recht haben. Die ignorieren, dass sie
gar nicht alles wissen können. Die Bör-
se lehrt diese Demut, dass man immer
dann auf die Schnauze fällt, wenn man
sich zu sicher ist. Diese Demut habe
ich. Ich kann nur über das sprechen,
was ich aus erster Hand erfahren habe.
In Ihrem jüngsten Buch „Showdown: Der
Kampf um Europa und unser Geld“ malen
Sie ein düsteres Bild. Sie prophezeien der
Weltwirtschaft ein Desaster.
Ich prophezeie keines. Wir sind schon
mittendrin.
Woran erkennen wir das?
Daran, dass US-Banken zusammen-
brechen, Immobilienmärkte, Währun-
gen und Staaten kollabieren. Da muss
ich nicht darauf warten, dass irgendwo
ein Atompilz aufsteigt.
Sie haben schon 2009 vieles vorhergesagt,
etwa die Enteignung der Sparer in Zypern.
Was kommt noch auf uns zu?
Wenn die Politiker weiter so verbohrt
sind zu glauben, dass es keine Alterna-
tiven gibt, kann sich alles, was wir ge-
sehen haben, intensivieren. Natürlich
war Zypern eine Blaupause für andere
Eurostaaten, natürlich kann es nach
Frankreich auch Deutschland an den
Kragen gehen. Aber es gibt einen Weg,
alles ins Positive zu wenden.
Ein Vorschlag aus Ihrem Buch ist, den Euro
abzuschaffen . . .
Ich plädiere nicht für die Abschaffung
des Euro, aber so, wie wir ihn heute ha-
ben, bringt er mehr Probleme als Vor-
teile. Mit den nationalen Währungen
hätten wir diese Probleme nicht. Aber
ich nehme die ernst, die Sorge haben,
was passiert, wenn man ihn abschafft.
Schmerzlos wird kein Szenario sein.
Mein Vorschlag ist ein Kompromiss:
die Rückkehr zu den alten Währungen
und den Erhalt des Euro als übergeord-
netes Zahlungsmittel. So wie es der Ecu
(Vorläufer des Euro, Anm.) war.
An der Verschuldung der europäischen
Staaten ändert das aber nichts, oder?
Nein. Aber das erleben wir in allen ent-
wickelten Volkswirtschaften als logi-
sche Folge unseres Finanzsystems, in
dem Geld nur durch Kredit entstehen
kann. Das führt automatisch zu einer
ausufernden Verschuldung und zu
einem Anstieg der Geldvermögen in
gleichem Ausmaß. Das Problem ist die
Verteilung. Wir sind an einem Punkt
angelangt, an dem die Menschen die
extreme Menge an Schulden nicht
mehr stemmen können.
Und die Lösungen heißen Schuldenschnitt
und Sparkurs?
Derzeit überlegen wir mit aller Gewalt,
wie wir diese Schulden loswerden kön-
nen. Alle sagen, dass wir Schulden ab-
bauen müssen. Aber jeder Politiker
verschweigt, dass Schulden und Geld-
vermögen ident sind. Vernichtung von
Schulden heißt Vernichtung von Geld-
guthaben. Das heißt, derzeit vernich-
ten wir Geld. Das muss nicht so sein.
Wie könnte es noch sein?
Die Ersparnisse der Privaten müssen
wieder in den Umlauf, damit die, die
Schulden haben, diese durch Leistung
zurückzahlen können. Menschen in
Europa müssten motiviert werden, sich
an Unternehmen zu beteiligen. Der
Staat sollte die Investitionen absichern.
So könnte jeder Sparer sein Geld vom
Konto abheben, ein Stück Windpark
oder Glasfaserkabel besitzen und daran
verdienen. Wenn er sein Geld zurück-
will, gehören dem Staat im schlimms-
ten Fall Kraftwerke und Leitungen. Für
die Milliarden an Bankgarantien, die er
bezahlt, bekommt er nichts.
Sehen Sie die Banken als Krisengewinner?
Die Banken haben uns in die Krise ge-
führt, mithilfe der Politik. Heute wei-
gern sie sich, die Konsequenzen zu tra-
gen. Europas Staaten und die EZB
schützen die Banken maximal, um ih-
nen jede Form der Verlustbeteiligung
zu ersparen. Das bürden sie stattdes-
sen uns Bürgern auf. Banken werden
massiv bevorzugt. Sie verdienen heute
wieder Milliarden.
Woran liegt das?
Politiker verstehen oft die Zusammen-
hänge nicht ganz und lassen sich von
der Lobby der Banken Lösungsansätze
diktieren. Beim fünften Abendessen
glaubt man es eben auch. Vor allem,
weil die Gegenexpertise fehlt. So ist es
normal, dass die Entscheidungen eher
zugunsten der Banken ausfallen als zu-
gunsten der Zivilgesellschaft.
Ihr Buch liest sich wie ein Krimi über die
Euro-Schuldenkrise. Mit den USA als Unru-
hestiftern. Haben wir die Krise Ihrer Mei-
nung nach Amerika zu verdanken?
Es gibt seit 2008 gezielte Einflussnah-
men auf Europa. Es ist normal, dass
Länder geostrategische Interessen ver-
treten. Amerika macht das aggressiver
als andere. 2007 war Europa für Ame-
rika ein Problem. Der Euro war auf dem
Weg, den Dollar als Weltwährung abzu-
lösen. Ein Viertel der Weltwährungsre-
serven war in Euro. Das Land lebt aber
davon, dass man Öl fast nur gegen Dol-
lar kaufen kann. Die USA brauchen die-
se ständige Nachfrage nach ihremGeld.
Kein Wunder, dass man dafür Sorge ge-
tragen hat, dass der Euro dem Dollar
nicht gefährlich werden kann.
Können die USA den Euro tatsächlich so
einfach in Bedrängnis bringen?
Die Probleme des Euro waren hausge-
macht. Man kann keine Krise hervorru-
fen, deren Ursache nicht schon da ist.
Die Spannungen und Ungleichgewich-
te in Europa waren selbst gemacht. Die
Angriffe, die das Beben ausgelöst ha-
ben, kamen aber gezielt über den Gro-
ßen Teich. Im Stakkato stattfindende
Herabstufungen der Ratingagenturen
zu den unpassendsten Zeiten. Obwohl
es in den USA viel schlimmer ausgese-
hen hat. Amerika war vor dem Zusam-
menbruch, weil die Schuldenlimits er-
reicht waren – und dennoch mit der
besten Bonität bewertet. In Europa gin-
gen die Bewertungen reihenweise in
Richtung Ramsch. Gleichzeitig gab es
gezielte Versuche, Griechenland auch
politisch zu destabilisieren.
Das klingt nach Verschwörungstheorie.
Wenn man sich nicht damit beschäftigt
hat, kann man es als Verschwörungs-
theorie abtun. Als etwas, was gar nicht
passiert sein kann. Hätte ich vor einem
Jahr erzählt, dass die CIA sämtliche
Handys abhört, hätten alle gelacht:
Haha, der Spinner. Heute ist es pas-
siert. Hätte ich einst erzählt, dass die
USA in Kuba Gefangenenlager haben,
in denen sie Insassen über Jahre ohne
Anklage festhalten, hätte jeder gesagt:
Verschwörungstheorie. Ich bin nach
Griechenland gefahren, wo die Staats-
anwaltschaft Anzeige erhoben hat we-
gen Hochverrats und versuchten Mor-
des am damaligen Präsidenten. Das
muss man doch so ernst nehmen, dass
man darüber reden darf, ohne als Ver-
schwörungstheoretiker zu gelten.
Passiert Ihnen das oft?
Leider immer wieder. Was nicht ins
Bild passt, wird oft ausgeblendet. Es
macht mich ärgerlich, wenn ich inten-
siv recherchiere und dann Leute kom-
men, die keine Ahnung haben und ein-
fach sagen: Das ist alles Quatsch.
STECKBRIEF
Dirk Müller (45)
ist deutscher Börsen-
makler und Buchautor.
Jahrelang hatte er
seinen Platz an der
deutschen Börse
direkt unter der Kurs-
tafel und wurde so
zum begehrten Objekt
von Fotografen,
denen die Charts
allein zu emotionslos
waren. Seit einigen
Jahren ist „Dirk the
DAX“ als Autor,
Krisenerklärer und
Sachverständiger für
den deutschen
Bundesrat tätig. Im
Internet betreibt Dirk
Müller die Finanz-
Informationsplattform
www.cashkurs.com.
In seinem jüngst
erschienenen Buch
„Showdown: Der
Kampf um Europa und
unser Geld“ schreibt
er über die Geburts-
fehler des Euro, die
gezielten Attacken der
USA auf Europa und
den teuren Irrweg,
den die Politiker heute
eingeschlagen haben.
Will nicht als
Verschwörungs-
theoretiker gelten:
„Dirk the DAX“ alias
Dirk Müller.
Clemens Fabry
18 ECO 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Mehr Raum für Lehre und Forschung
Nicht nur der Neubau wird vorangetrieben, auch in die Sanierung von Uni-Gebäude wird gezielt investiert.
B E Z A H L T E A N Z E I G E
Lernen, Lehren, Denken und For-
schen brauchen wie jede andere
Tätigkeit einen geeigneten Rah-
men; einen Rahmen, der es Studie-
renden und Lehrenden ermög-
licht, sich ganz auf ihre Aufgaben
zu konzentrieren. Weiters machen
steigende Studentenzahlen den
Ausbau bestehender Flächen not-
wendig. UmdemRechnung zu tra-
gen und Lehrenden und Studie-
renden optimale Arbeitsbedingun-
gen zu bieten, investiert das Wis-
senschafts- und Forschungsminis-
teriumlaufend in den Neubau und
die Modernisierung universitärer
Infrastruktur.
Nachhaltig bauen
Seit 2007 wurden und werden 42
Großprojekte mit einem Gesamt-
volumen von 1,55 Milliarden Euro
umgesetzt beziehungsweise einge-
leitet. Viel Wert wird dabei nicht
nur auf eine ansprechende Archi-
tektur gelegt, sondern auch auf
nachhaltiges Bauen.
Ein Beispiel ist der Neubau der WU
Wien. Der gesamte Campus wird
als „Green Building“ errichtet. Die
Minimierung der Lebenszyklus-
kosten, hohe Dauerhaftigkeit der
gewählten Konstruktionen, Ener-
gieeffizienz der Gebäudehülle und
regenerative Energiequellen waren
die Grundsätze, nach denen die
Planung erfolgte. Das Herzstück
der Energieversorgung ist die Nut-
zung von Grundwasser sowohl zur
Kühlung als auch zur Wärmever-
sorgung.
Die TU Graz setzt bei der Behei-
zung des „Hauses der Chemie“
zum Teil auf eine Betonkernakti-
vierung, die Raumlüftung in den
Laborbereichen funktioniert über
eine zentrale Lüftungsanlage mit
integrierter Wärmerückgewin-
nung.
Besonders leistungsfähige Anlagen
zur Luftumwälzung wurden im
Centrum für Chemie und Biome-
dizin an der Uni Innsbruck instal-
liert. Die Wärmerückgewinnung
liegt dabei bei etwa 85 Prozent.
Mehr Platz für die Zahnmedizin
Sieben Jahre haben die Erweite-
rung und Sanierung der Universi-
tätszahnklinik inWieninAnspruch
genommen, die vor Kurzem abge-
schlossen wurden. Rund 80 Millio-
nen Euro wurden investiert, unter
anderem in einen rund 9800 Qua-
dratmeter großen Zubau im Hof
des denkmalgeschützten Komple-
xes. Hier befinden sich Behand-
lungskojen für die Studierenden,
Spezialambulanzen, ein Seminar-
raumzentrum und ein 200 Perso-
nen fassender Hörsaal. Ebenfalls
Platz gefunden haben eine Cafete-
ria und die Kantine. Der rund
14.000 Quadratmeter umfassende
denkmalgeschützte Bestand wur-
de in enger Zusammenarbeit mit
dem Bundesdenkmalamt saniert.
Durch Umstrukturierungen der
Räume konnten die vorhandenen
Flächen effizient genutzt werden.
Alt und Neu ergeben bei der neuen Universitätszahnklinik in Wien ein harmonisches Ganzes. HARALD A. JAHN/BIG
Der Neubau für Publizistik und Informatik der Universität Wien. [HARALD A. JAHN/BIG]
80 Millionen Euro wurden in die Sanierung und Erweiterung der Zahnklinik investiert. [HARALD A. JAHN/BIG]
Das Endeder
Konsumfiesta
Die Wirtschaft Brasiliens wächst kaum, die Investitionen
stottern, die Inflation steigt rasant. Das bisherige
Wirtschaftsmodell scheint erschöpft. VON ANDREAS F I NK
J
ust in dieser Woche, in der sich die
Weltpresse nach Brasilien auf-
machte, entbrannten die ersten
sozialen Proteste seit vielen Jah-
ren. Kurz vor dem Anstoß zum
Confederations Cup, dem Testlauf zur
Fußball-WMin einemJahr, erlebten Rio
de Janeiro und vor allem S˜ ao Paulo Sze-
nen, die an den Taksim-Platz von Istan-
bul erinnerten. Offene Gefechte zwi-
schen Demonstranten und Ordnungs-
kräften, etwa hundert ausgebrannte öf-
fentliche Busse und ein äußerst bruta-
ler Polizeieinsatz amDonnerstagabend.
Entzündet hatte sich der Protest
am Beschluss, die Fahrpreise für den
öffentlichen Nahverkehr um sechs Pro-
zent zu erhöhen, auf umgerechnet
1,12 Euro pro Ticket, das drei Stunden
gültig ist. Für viele ist das ein massives
Problem. Da es keine Monatskarten
gibt, muss ein Paulista, der sechsmal
pro Woche zur Arbeit fährt und dessen
Reisezeit im Verkehrschaos von S˜ ao
Paulo gelegentlich drei Stunden über-
steigt, 60 Euro monatlich für Tickets
kalkulieren. Der Mindestlohn liegt bei
umgerechnet 238 Euro imMonat.
Bürgermeister und Gouverneur
verteidigten die Preiserhöhung mit
dem Argument, sie liege unterhalb der
Inflationsrate. Damit haben sie recht.
Und das ist das größte Problem Brasili-
ens: Die Teuerung beträgt derzeit
6,5 Prozent, was weitaus mehr ist als
jene maximal 4,5 Prozent, die Regie-
rungschefin Dilma Rousseff anvisiert.
Der Preisauftrieb bringt vor allem jene
20 bis 30 Millionen Brasilianer in
Schwierigkeiten, die während des ver-
gangenen Jahrzehnts den Aufstieg aus
der Armut in die Mittelklasse schafften.
Diese Erfolge der Ära Lula erregten
die Fantasien vieler internationaler Un-
ternehmen und Investoren. Doch das
Land konnte die Erwartungen nicht er-
füllen. 2013 wird das dritte Jahr sein, in
dem das Wachstum stottert. Um
2,5 Prozent wuchs die Volkswirtschaft
2011, nur 0,2 Prozent 2012, und für
heuer werden nicht mehr als 2,5 Pro-
zent erwartet. Es scheint, als sei das
Lula-Wirtschaftsmodell erschöpft.
Familien sind verschuldet. Dieses setzte
vor allem auf die Erschließung eines
soliden Inlandsmarktes, getragen von
der neuen unteren Mittelklasse. Nach
einer – vor allem in der zweiten Amts-
periode Lulas von 2007 bis 2010 mit
großzügigen staatlichen Förderungen
finanzierten – Konsumfiesta haben
etwa 50 Millionen Menschen neue Eis-
kästen, Stereoanlagen, Motorräder und
Autos, manche haben ihre Behausun-
gen ausgebaut oder einen ersten Aus-
landsurlaub gemacht. Doch nun sind
62 Prozent der Familien verschuldet,
mit 46 Prozent ihres Haushaltseinkom-
mens. Obwohl Lulas Nachfolgerin
Rousseff weiter mit Krediten und Steu-
ererleichterungen nachhalf, kaufen die
Brasilianer nur noch zurückhaltend.
Die Industrie dümpelt. Einziger Wachs-
tumssektor ist die Landwirtschaft, die
mit 9,5 Prozent anzog. Doch das ist
auch nur beschränkt gut. Denn die ge-
stiegenen Lebensmittelpreise spüren
vor allem die Armen. Und die flaue
Konjunktur hat den lange so starken
Real absinken lassen. Nun ist ein Dollar
noch 2,20 Reais wert, 2009 lag die US-
Devise bei 1,50. Der Verfall hilft den Ex-
porteuren, aber er verteuert die Impor-
te. Auch das treibt die Inflation.
Nun hat die Zentralbank erstmals
wieder den Leitzins angehoben, von
7,5 auf acht Prozent. Nach dem Nach-
geben der Währung hat die Regierung
auch die Sondersteuer auf ausländi-
sche Finanzinvestitionen gestrichen,
die in der Boom-Phase einführt wurde,
um die Dollarflut zu bremsen. Nun
sind ausländische Dollars wieder ge-
fragt, um endlich Fortschritte bei den
dringend notwendigen Investitionen in
Infrastruktur und Bildung zu machen.
2012 legte Rousseff einen Plan vor, um
die schwache Investitionsquote von zu-
letzt 18,4 Prozent des Bruttoinlands-
produktes zu erhöhen. Doch viele Fir-
men klagen, dass Bürokratie und staat-
liche Eingriffe private Infrastruktur-
Investitionen immer noch erschweren.
Nun bekommt erstmals auch die
Regierungschefin zu spüren, dass ihre
Landsleute nicht mehr so zufrieden
sind. In einer Umfrage des Instituts Da-
tafolha verlor Rousseff acht Prozent Zu-
stimmung, der erste Rückgang, seit sie
2011 die Regierung übernahm. Noch
liegt sie bei 57 Prozent. Gestern, Sams-
tag, war Anstoß bei der WM-General-
probe. Die Performance von Brasiliens
Nationalmannschaft war in den letzten
drei Jahren ähnlich durchwachsen wie
die seiner Volkswirtschaft. Es ist höchs-
te Zeit für eine Trendwende. In einem
Jahr rollt der Ball bei der Fußball-WM.
Und drei Monate später wird gewählt.
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 ECO 19
IN ZAHLEN
2012 wuchs Brasiliens
Volkswirtschaft nur
um 0,2 Prozent, für
heuer werden
2,5 Prozent erwartet.
238 Euro beträgt der
Mindestlohn, davon
muss ein Angestellter
in S˜ao Paulo allein
60 Euro monatlich für
Fahrscheine
kalkulieren.
HI NWEI S
MEHR ZUM THEMA
BRASI LI EN AUF
SEI TE 25
QUELLE: Bloomberg //// GRAFIK: „Die Presse“ //// PW
2600
2300
2000
1700
1400
1100
800
1900
1700
1500
1100
900
700
2175
1390
2008 2009 2010 2011 2012 2013
Flucht aus dem"Papiergold"
Von ETFs gehaltene Goldbestände, in Tonnen
Goldpreis pro Feinunze, in Dollar
B
Ö
R
S
E
N
I
N
D
I
Z
E
S
OMV +1,45% º
RHI +0,80% º
Amag Austria Metall +0,41% º
EVN +0,08% º
Mayr Melnhof +0,05% º
Conwert Immobilien -6,84% »
Zumtobel -4,81% »
Lenzing -4,50% »
Raiffeisen Bk. Internat. -4,11% »
Andritz -3,53% »
2360
2400
2440
2480
2520
1.5. 1.6.
ATX KW 24
» -1,70% -41,02 2369,76 Gewinner und Verlierer dieser Woche
Infineon +1,85% º
Adidas +0,99% º
Fresenius SE +0,88% º
E.On +0,77% º
Fresen.Med.Care +0,77% º
Heidelb.Cement -7,20% »
Dt. Bank -4,83% »
Volkswagen Vz. -4,27% »
ThyssenKrupp -4,05% »
BMW St. -3,01% »
7600
7800
8000
8200
8400
1.5. 1.6.
DAX KW 24
» -1,54% -126,72 8127,96 Gewinner und Verlierer dieser Woche
Anheuser Busch +2,10 % º
Carrefour +2,06 % º
GDF Suez +1,11 % º
LVMH -5,57 % »
Société Généra -4,93 % »
Dt. Bank -4,83 % »
2580
2640
2700
2760
2820
1.5. 1.6.
EuroStoxx50 KW 24
» -2,08% -56,76 2667,32
Pfizer +2,94 % º
UnitedHealth +2,06 % º
Verizon +1,71 % º
Amer. Express -6,47 % »
Du Pont -5,03 % »
Microsoft -3,59 % »
14600
14800
15000
15200
15400
1.5. 1.6.
DowJones KW 24
» -1,17% -177,94 15070,18
Kraft Foods +2,35 % º
Intel Corp. +1,53 % º
Facebook +1,41 % º
Biogen Idec -5,73 % »
Microsoft -3,59 % »
Adobe Systems -2,83 % »
3220
3290
3360
3430
3500
1.5. 1.6.
Nasdaq 100 KW 24
» -1,26% -43,76 3425,46
1,3000
1,3200
1,3400
1.5. 1.6.
Euro in Dollar KW 24
º +0,95% 0,0125 1,3347
1,2200
1,2400
1,2600
1.5. 1.6.
Euro in Franken KW 24
» -0,60% -0,0075 1,22953
99
102
105
1.5. 1.6.
Rohöl ($/Barrel) KW 24
» -0,18% -0,19 104,26
1380
1440
1500
1.5. 1.6.
Gold ($/Feinunze) KW 24
º +0,16% 2,25 1391,25
0,1140
0,1170
0,1200
1.5. 1.6.
Euribor 1 Monat KW 24
º +5,22% 0,0060 0,121
E D E L ME TA L L E
DI EPRESSE.COM
Let’s make money
EMPFEHLUNGEN FÜR ZEITGENOSSEN,
DIE AUF IHR GELD SCHAUEN
Warum der Kurzfristtrend weiter nach unten zeigt,
ausgewählte österreichische Ölaktien aber
Kurspotenzial besitzen. VON J OSEF URSCHI TZ
V
iel Positives hat sich in der ab-
gelaufenen Woche an den
Märkten nicht getan. Alle für
heimische Anleger wichtigen Indizes
(auch der ATX) bewegen sich stabil in
ihren kurzfristigen Abwärtstrends.
Dass es bei Dow Jones, DAX & Co.
langfristig noch immer nicht so
schlecht aussieht (da sind die Auf-
wärtstrends noch nicht wirklich ver-
letzt), ist in dieser Situation ein relativ
schwacher Trost.
Für langfristig orientierte Anleger
sind kurzfristige Kursrückgänge prinzi-
piell zwar ein Segen. Für großflächige
Einstiege sollte man aber doch Boden-
bildung abwarten. Es ergibt ja keinen
Sinn, erst einmal talwärts zu fahren,
wenn man die gewünschten Papiere in
nächster Zeit möglicherweise auch bil-
liger haben kann. Ein Boden lässt sich
aus den derzeitigen Indexcharts aber
nirgendwo ablesen.
Auch im fundamentalen Umfeld
spricht zurzeit nichts dafür, dass es
bald wieder scharf nach oben geht.
Dazu ist die Unsicherheit im Markt
über die weitere Linie der US-Noten-
bank Fed zu groß. Wie an dieser Stelle
schon öfter erläutert, war ja eine
Schwemme an billigem Notenbank-
geld der Hauptkurstreiber der vergan-
genen Monate. Jedes kleine Gerücht
über ein baldiges Ende der Fed-Geld-
schwemme lässt die Börsianer sofort
extremnervös werden.
Zumal man in Japan gerade live be-
obachten kann, dass auch eine Geld-
schwemme nicht unbedingt ein immer
wirksames Kurserhöhungsmittel ist:
Dort ist an der Börse gerade der Abe-
nomics Crash in Gang. Trotz anhaltend
lockerer Notenbankpolitik hat der Nik-
kei-Index schon einen relativ großen
Teil des seit der Lockerung der Geld-
politik aufgebauten Bonus verloren.
Das Börsenbarometer steht schon hart
an der Grenze zum „Bären-Territo-
rium“, das bei einem Kursrückgang
von mehr als 20 Prozent vom letzten
Hoch beginnt. Auch das hebt das Ani-
mo der Aktienkäufer nicht unbedingt
an.
Mangels breitflächiger Einstiegs-
möglichkeiten lohnt es sich weiter,
nach kürzerfristigen Tradingmöglich-
keiten Ausschau zu halten. Eine solche
könnte beispielsweise die Aktie des in
Deutschland notierten österreichi-
schen Unternehmens C.A.T. Oil (ISIN
AT0000A00Y78) bieten. Der Gas- und
Ölfeldausrüster hat in der Vorwoche
ein Rekordquartal mit einer Verdreifa-
chung des Nettoergebnisses berichtet,
eine Verdoppelung der Dividende in
Aussicht gestellt und auch eine sehr
schöne Prognose für das laufende Jahr
abgegeben. Das Unternehmen ist
schwerpunktartig in Russland tätig und
profitiert vom sibirischen Öl- und Gas-
boom. Das Ergebnis hat am Freitag
einen flotten Kurssprung um annä-
hernd sechs Prozent ausgelöst, die Ak-
tie hat aber noch Potenzial.
Eine ähnlich starke Kursperfor-
mance hatte zu Wochenschluss die
deutsche Hochtief AG (ISIN
DE0006070006). Baukonzerne sind
zwar nicht unbedingt die Art von Un-
ternehmen, in denen man in rezessi-
ven Zeiten investiert sein möchte, der
deutsche Bauwert könnte da aber eine
Ausnahme sein. Die Aktie hat nach
einem scharfen Anstieg im Winter zu-
letzt ein wenig geschwächelt, bekommt
jetzt aber starken Rückenwind durch
die Ankündigung eines Aktienrück-
kaufprogramms. Bis zu 250 Mio. Euro
sollen heuer noch in eigene Aktien in-
vestiert werden. Die Analysten finden
das attraktiv: Independent Research
hat diese Woche eine Kaufempfehlung
mit einem Kursziel von 60 Euro abge-
geben. Das wären vom derzeitigen
Stand aus fast 20 Prozent Potenzial.
Ein paar interessante Chartbilder
kann man derzeit im deutschen Tech-
nologieindex TecDAX besichtigen: Der
IT-Dienstleister QSC AG (ISIN
DE0005137004) beispielsweise hat am
Freitag ein Kaufsignal generiert. Steigt
der Wert über 2,75 Euro, dann könnte
der Weg in die Dreiergegend frei sein.
Unmittelbar vor einem Kaufsignal
steht der kleine deutsche Halbleiter-
hersteller Elmos Semiconductor (ISIN
DE0005677108). Der sieht (auch von
den Fundamentaldaten her) recht viel-
versprechend aus. Interessant wird es,
wenn die Aktie den in der Gegend von
neun Euro liegenden „Deckel“ sprengt.
In Richtung Kaufsignal marschiert
auch die Aktie des österreichischen
ATX-Schwergewichts OMV (ISIN
AT0000743059): Das Energiepapier hat
seit Mitte Mai scharf konsolidiert, seit
einigen Tagen sieht es aber sehr nach
Bodenbildung aus. Dreht die Aktie,
dann hat sie bis zum nächsten größe-
ren Widerstand erst einmal gut zehn
Prozent „Anlaufstrecke“. Das sieht ir-
gendwie vielversprechend aus.
josef.urschitz@diepresse.com diepresse.com/money
Fonds »fluten«Markt mit Gold
Die anhaltende Flucht aus dem Papiergold bringt den Markt unter Druck.
Die Goldmünzen-Prägeanstalten laufen auf
Hochtouren, die Nachfrage nach Barren ist unge-
brochen, aber der Goldpreis, der seit Wochen an
der 1400-Dollar-Marke klebt, kommt nicht vom
Fleck. Als Hauptgrund dafür orten Experten die
breit angelegte Flucht der Anleger aus mit physi-
schem Gold unterlegten Papiergold-Produkten.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloom-
berg haben Investoren ihre Bestände an goldun-
terlegten ETFs (Exchange Traded Funds) seit An-
fang Februar um knapp 500 Tonnen abgebaut –
und damit immerhin 22 Mrd. Dollar aus dem
Goldmarkt abgezogen.
Die ETF-Bestände wurden damit um fast ein
Fünftel auf den niedrigsten Stand seit März 2011
abgebaut. Die verstärkte Nachfrage nach Barren
und Münzen in Europa und den USA wurde
durch die aus ETF-Beständen auf den Markt ge-
worfenen 500 Tonnen offenbar mehr als kompen-
siert, was Preisdruck erzeugt.
Gleichzeitig wird die Nachfrage in Südost-
asien, einem traditionell starken Absatzmarkt,
künstlich gebremst. Etwa durch eine Erhöhung
der Gold-Importsteuer von sechs auf acht Prozent
in Indien. Das alles deutet darauf hin, dass eher
die Pessimisten, die einen weiteren Abfall der
Goldnotierungen erwarten, recht behalten wer-
den. Tatsächlich sind die einschlägigen Analysten
zumindest kurzfristig extrem „bärisch“ drauf: Die
Mehrzahl der von Bloomberg regelmäßig befrag-
ten Experten erwartet für die nächsten Tage wei-
tere Preisrückgänge.
Vom Markt her wird Gold jedenfalls keine Im-
pulse bekommen. Außer, die Krise eskaliert wie-
der und es kommt zu neuerlichen Angstkäufen.
Danach sieht es aber nicht aus. J U ALLE CHARTS UND FONDS:
DI EPRESSE.COM/WI RTSCHAFT/KURSE
DEVISEN&CO
Gasfeld in Sibirien:
Der Boombeschert
der österreichischen
C.A.T. Oil schöne
Zuwächse.
EPA
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 MEIN GELD 21
FORSCHUNG
TECHNIK&
INNOVATION
IM
AUGE
NEUE ART
ZU IMPFEN
Gegen das
Trachom soll
direkt imAuge
geimpft werden.
Fotolia/By-Studio
SEITE 24
D I S S E R TAT I ON D E R WOC H E
WIR LESEN ABSCHLUSSARBEITEN JUNGER WISSENSCHAFTLER
DI EPRESSE.COM/DI SSERTATI ON
SchimmelpilzgifteimUrinfinden
Benedikt Warth sucht in Österreich und Afrika nach Stoffwechselprodukten von Schimmelpilzgiften,
die wir über die Nahrung aufnehmen. VON VE RONI KA S C HMI DT
Verschimmeltes Brot werfen wir sofort
weg. Doch wie viele Schimmelpilzgifte
(Mykotoxine) nehmen wir auf, ohne es
zu wissen? Dieser Frage ging Benedikt
Warth in seiner Dissertation nach (Bo-
ku, Department IFA-Tulln, Betreuung:
Rudolf Krska, Michael Sulyok). „Welt-
weit ist die Belastung von Getreide
durch Mykotoxine ein großes Pro-
blem“, so Warth. Auch in Österreich,
das als Mitglied der EU sehr strenge
Regeln der Lebensmittelkontrolle hat,
findet man eine gewisse Schimmelbe-
lastung des Getreides. Manche Pilze
wachsen auf dem Feld, andere Schim-
melarten kommen bei der Lagerung
hinzu. „Doch in Österreich muss man
nicht beunruhigt sein, die Belastung ist
normalerweise sehr gering. Anders ist
es in tropischen Ländern, besonders in
Afrika: Viele Menschen können es sich
nicht erlauben, verschimmelte Nah-
rung wegzuwerfen“, sagt Warth. In sei-
ner Dissertation (finanziert vom Dok-
toratskolleg der TU Wien und der Boku
sowie vom EU-Projekt Mycored) war er
zweimal zur Schulung lokaler Partner
in Afrika und etablierte Kooperationen
mit Forschern von vier Kontinenten.
Entwickelt wurde eine völlig neuartige
analytische Methode, Mykotoxine in
der Nahrung aufzudecken.
Bisher startete man die Suche vorn:
Die Analyse der Lebens- und Futter-
mittel zeigt, wie viel Schimmelpilzgift
darin enthalten ist. „Doch man weiß
nie, wie viel davon im Körper als Gift
wirkt.“ Daher sucht die neue Methode
am hinteren Ende der Stoffwechselket-
te: im Urin der Menschen und Tiere.
Dort kann man die Giftstoffe, aber
auch ihre Stoffwechselprodukte als
Biomarker messen, z. B. wenn Mykoto-
xine vom Körper durch Anhängen von
Zuckermolekülen entgiftet wurden.
Das zeigt, wie viel Gift ausgeschieden
und wie viel vom Körper aufgenom-
men wurde. In einer österreichischen
Pilotstudie zeigte sich eine verbreitete,
aber vermutlich unbedenkliche Belas-
tung mit dem Schimmelpilzgift Deoxy-
nivalenol. „In Afrika fanden wir in ein-
zelnen Probanden bis zu fünf verschie-
dene Mykotoxine, die Personen sind
ständig einem Cocktail an toxischen
Substanzen ausgesetzt.“
Nun soll die Methode genutzt wer-
den, um aufzudecken, ob chronische
Krankheiten mit verdeckten Mykoto-
xinbelastungen zusammenhängen,
und um das Entgiftungspotenzial, die
Verstoffwechselung von Toxinen, bes-
ser zu erforschen. „Es zeigt, dass man-
che Gifte nur wenig wirken, da sie so-
fort ausgeschieden oder effektiv in der
Leber verstoffwechselt werden.“
I MP R E S S U M
Entgeltliche Einschaltung
„Wissen“ wird von der
„Presse“-Redaktion
in völliger Unabhängig-
keit inhaltlich gestaltet
und erscheint mit finan-
zieller Unterstützung
durch das Wissen-
schaftsministerium
(BMWF), den
Wissenschaftsfonds
(FWF), das Wirtschafts-
ministerium (BMWFJ)
und die Akademie der
Wissenschaften (ÖAW).
Redaktion:
Martin Kugler
1030 Wien,
Hainburger Str. 33
Der Ausdruckinder Musik
Musikwissenschaftler der
Kunst-Uni Graz wollen neu
beschreiben, wieso Musik
ausdrucksvoll ist. Dabei
wollen sie zerstrittene
Theorieschulen näher
zusammenbringen.
VON VE RONI KA S C HMI DT
W
ow, das ist ausdrucksvolle
Musik! Diesen Kommen-
tar hört man oft, sei es in
klassischen Konzerten
oder bei der Lieblingsband beim Festi-
val. Musikwissenschaftler der Kunst-
Uni Graz untersuchen in einem FWF-
Projekt, wie man den Ausdruck in mu-
sikalischen Stücken besser beschrei-
ben kann. „Was ist musikalische Ex-
pressivität?“, fragen Andreas Dorschel,
der seit 2002 in Graz Musikästhetik
lehrt, und sein Mitarbeiter Deniz Pe-
ters. Es geht ihnen um den Ausdruck
von Emotionen, Stimmungen, Ideen,
Haltungen und Charakteren in der Mu-
sik. „Dass man Freude und andere Ge-
fühle ausdrücken kann, ist ja nichts
spezifisch Menschliches: Hunde we-
deln mit dem Schwanz, Katzen mi-
auen, wenn sie etwas wollen. Seit Dar-
wins Buch ,The Expression of the Emo-
tions in Man and Animals‘ von 1872
wissen wir, dass höhere Tiere ihr In-
nenleben auch ausdrücken können“,
erzählt Dorschel.
Seit etwa 1890 gibt es in der Musik-
theorie detaillierte Studien über das,
was ein Stück ausdrücken kann. „Mu-
sik ist Ausdruck“, sagen Ausdrucks-
theoretiker der Musikästhetik. Das be-
ginnt bereits ganz schlicht, z. B. beim
Vorsingen eines Wiegenlieds. „Diame-
tral entgegengesetzt beschreiben an-
dere die Musik als komplexe ,tönende
Mathematik‘. Dem entspricht auch
unser System der Notenwerte sowie
der Intervalle, denn da haben wir es
mit Zahlen zu tun: halbe und Viertel-
noten; Prime, Sekunde, Terz etc.“, so
Dorschel. Die verschiedenen Schulen
der Musiktheorie haben sich seit Jahr-
hunderten gegeneinander ausgespielt
– nun wollen die Grazer Forscher ge-
gensätzliche Standpunkte zusammen-
bringen.
„Gerade durch die Komplexität
musikalischer Stücke soll doch etwas
ausgedrückt werden. Das beste Bei-
spiel ist Richard Wagner: Seine Werke
sind sehr komplex und extrem aus-
drucksvoll“, schwärmt Dorschel. Musik
könne alles ausdrücken, was Men-
schen empfinden. Und Menschen kön-
nen sogar das zum Ausdruck bringen,
was sie nicht empfinden: „Sie können
heucheln und lügen – also mit der äu-
ßeren Erscheinung über das Innenle-
ben täuschen. Auch Musik kann heu-
cheln oder sich aufplustern: Pompöse
Musik will mehr sein, als sie ist.“
Die erste Frage bei der Suche nach
dem Ausdruck in der Musik sei immer:
Wer drückt etwas aus? Da gibt es drei
Kandidaten: Komponist, Interpret, Zu-
Es geht um den Ausdruck von
Stimmungen, Ideen, Gefühlen
und Charakteren in der Musik.
Gustav Mahler
(Schattenbild, Otto
Böhler, vor 1900):
Ringen nach dem
richtigen Ausdruck.
Wikipedia
W
i
s
s
e
n
T E R MI N E
Wozu Religion?
Der Theologe Eugen Drewermann
erläutert in der Wr. Vorlesung eine
Grundfrage des Lebens: Wozu
brauchen wir Religion?
Mo, 17. .6, 19 Uhr, Rathaus,
Festsaal, 1., Lichtenfelsgasse 2
Über die Liebe
Bei der Salzburger Vorlesung
spricht der Psychoanalytiker Otto
Kernberg über Zusammenspiel und
Dynamik von Liebe und Aggression.
Mo, 17. .6, 19 Uhr, Uni Salzburg,
Hörsaal 230, Kapitelgasse 4
Soziales Denken
Der Soziologe Colin Crouch erklärt
in der Akademie der bildenden
Künste, wie sich das soziale Denken
in Zeiten wie diesen stärken lässt.
Mo, 17. .6, 19.30 h, Atelierhaus
der Akad. der bild. Künste (ehem.
Semperdepot), 6., Leharg. 6
Die Strahlung in und umuns
Der Spezialist für Strahlenkrank-
heiten (Hämatologe, Onkologe)
Robert Gale beantwortet die
Fragen: Was ist Strahlung?
Was müssen wir wissen?
Di, 18. .6, 17 Uhr, Johannessaal,
ÖAW, 1., Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 2
DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 WISSEN 23
DieMenschheit verdoppelt ihrenBiomassekonsum
Die Landnutzung wurde im vergangenen Jahrhundert effizienter, der Druck auf die Umwelt steigt. VON MARTI N KUGLER
In den vergangenen 100 Jahren hat sich
die Weltbevölkerung vervierfacht, die
globale Wirtschaftsleistung versieb-
zehnfacht. Gewachsen ist in diesem
Zeitraum natürlich auch der Verbrauch
von Biomasse – für Nahrung, Futter, als
Baustoff und als Energieträger. Aller-
dings fiel dieser Zuwachs deutlich ge-
ringer aus: 2005 hat die Menschheit
14,8 Mrd. Tonnen Kohlenstoff ver-
braucht, 1910 waren es 6,9 Mrd. Ton-
nen. Das ist ungefähr eine Verdopp-
lung – also im Vergleich zum Bevölke-
rungs- und Wirtschaftswachstum rela-
tiv wenig. Anders formuliert: Der jähr-
liche Pro-Kopf-Konsum von Biomasse
(HANPP) ist im Schnitt von 3,9 auf 2,3
Tonnen Kohlenstoff gesunken.
Dafür gibt es laut einer internatio-
nalen Forschergruppe um Fridolin
Krausmann (Institut für Soziale Ökolo-
gie der Uni Klagenfurt) zwei Erklärun-
gen: Erstens wurde seit 1950 immer
mehr Biomasse durch fossile Brenn-
stoffe substituiert. Und zweitens wurde
die Effizienz bei der Landnutzung
deutlich gesteigert – v. a. im Ackerbau.
Der Preis dafür sei ein zunehmender
Druck auf die Umwelt, so die Forscher
(PNAS, 3. Juni).
Die Menschheit nutzt derzeit 25
Prozent der jährlich zuwachsenden
Biomasse (NPP) – 1910 lag dieser Wert
noch bei 13 Prozent. Wenn die Ent-
wicklung wie bisher weitergeht, werde
der Anteil der genutzten Biomasse bis
zum Jahr 2050 auf 27 bis 29 Prozent
steigen. Sollte die Bioenergie-Erzeu-
gung allerdings stark angekurbelt wer-
den, dann steigt der Wert auf 44 Pro-
zent – und damit viel stärker als in den
vergangenen Jahrzehnten. „Bei Bio-
energie ist Vorsicht geboten“, warnt
Krausmann. Man müsse auf eine
„nachhaltige Intensivierung“ der Land-
nutzung setzen.
Interessant ist die regionale Vertei-
lung der Biomassenutzung: Mit 5,8
Tonnen Kohlenstoff pro Kopf und Jahr
ist sie in Lateinamerika besonders
hoch. Die niedrigsten Werte werden in
Asien mit 1,3 Tonnen verzeichnet (dort
werden weniger Fleisch und Holz kon-
sumiert). Die westlichen Industriestaa-
ten liegen mit 3,5 Tonnen dazwischen
– dieser Wert ist seit 30 Jahren stabil.
Alarmierend ist die Entwicklung in
Afrika: Dort hat sich die Biomassenut-
zung auf 2,6 Tonnen Kohlenstoff pro
Kopf und Jahr halbiert – wegen des sin-
kenden Viehbestands pro Kopf bei
gleichbleibend schlechten Erträgen.
Diese regionale Betrachtung ist al-
lerdings nur die halbe Wahrheit. Denn
wegen des globalen Handels wird nur
ein Teil der Biomasseproduktion vor
Ort verbraucht. Das jeweilige Ausmaß
wurde in einer kürzlich veröffentlich-
ten Studie beziffert, an der Klaus Huba-
cek mitgearbeitet hat, ein aus Öster-
reich stammender Geograf, der derzeit
an der Universität Maryland forscht
(Global Environm. Change, 23. Mai).
Demnach kann die EU nur weniger als
die Hälfte ihres Bedarfs auf eigenem
Territorium produzieren. Die USA hän-
gen zu 33 Prozent von Flächen in ande-
ren Regionen ab, Japan zu 92 Prozent.
Die größten „Landexporteure“ sind Au-
stralien, China, Russland, Afrika und
Südamerika. 47 Prozent des Landes in
Brasilien und 88 Prozent in Argentinien
werden für Güter verwendet, die an-
derswo konsumiert werden.
LEXIKON
NPP (Netto-Primär-
Produktion) ist die
Menge der in einem
Jahr nachwachsenden
Biomasse: NPP liegt
derzeit bei 59 Mrd.
Tonnen Kohlenstoff.
Durch Fortschritte in
der Agrartechnik
wurde sie durch den
Menschen um 6,9 Mrd,
Tonnen gesteigert.
HANPP (Human
appropriation of
NPP; menschliche
Aneignung der NPP)
bezeichnet die Menge
an Biomasse, die die
Menschheit nutzt.
Aktuell sind das 14,8
Mrd. Tonnen pro Jahr,
das entspricht 25
Prozent der gesamten
nachwachsenden Bio-
masse (NPP).
hörer. „Dass Komponisten
etwas ausdrücken, ist klar:
,Espressivo‘ steht nicht nur
bei Beethoven oft als Vor-
tragsbezeichnung in einer Partitur“, so
Dorschel. Auch die Interpreten können
den Ausdruck des Musikstückes be-
stimmen, je nachdem, wie ein Pianist
z. B. eine Klaviersonate spielt. „Dass
der Hörer den Ausdruck bestimmt,
klingt zunächst seltsam: Ihm sollte
doch der Ausdruck serviert werden.
Doch verschiedene Menschen erleben
das gleiche Musikstück unterschied-
lich, mehr melancholisch oder heiter,
je nach der eigenen Stimmung.“
Die „projektive Theorie“ der Mu-
sikphilosophie lege allen Ausdruck in
den Hörer. „Insgesamt wurde bisher
keine klare Antwort gefunden: Es ist
eben ein komplexes Wechselspiel zwi-
schen diesen drei Kandidaten“, sagt
Dorschel. Die aktuelle Studie ist nicht
empirisch angelegt, weil „Beethoven
können wir schlecht befragen“,
schmunzelt Dorschel. Auch auf Experi-
mente mit Interpreten und Hörern
wird verzichtet, vielmehr wurde ein
philosophischer Ansatz gewählt. „Die
meisten Wissenschaftsdisziplinen su-
chen in Experimenten die Lösung. In
der Mathematik und Philosophie fin-
det man im Durchdenken eines Pro-
blems Lösungen“, betont Dorschel. Die
Ausgangslage für das aktuelle Problem
ist nicht, dass es keine Antworten gibt,
sondern zu viele.
Vier zerstrittene Schulen. Seit Ende des
19. Jahrhunderts haben sich vier Schu-
len gebildet, die vorwiegend aneinan-
der vorbeireden: Jede beharrt auf ihrer
Antwort der Frage, was den Ausdruck
in der Musik bestimme. Die Phänome-
nologie untersucht Ausdruck ganz von
der Erfahrung des Hörers her, die ana-
lytische Philosophie hingegen denkt bei
diesem Thema an die Konstruktion der
Musik durch den Komponisten. Die
Frankfurter Tradition seit Theodor W.
Adorno beschreibt den Ausdruck als
gestischen Verlauf der Musik, an Dar-
win orientierte Autoren wie Friedrich
von Hausegger aus Graz (geboren 1837)
sehen ihn als Kommunikation, die auf
Empathie („Mitempfinden“) stößt.
„Diese Schulen stecken in einer
verfahrenen Situation, kaum einer be-
rücksichtigt die Antworten der ande-
ren. Unser Projekt soll eine Überset-
zungsleistung bieten und analysieren,
welche Antworten sich überschneiden,
welche zusammenspielen – kurz: ob
man einen Dialog herstellen kann“,
sagt Dorschel.
Beispielsweise beschreibt Adorno
den Bewegungsablauf
als „Gestik“, ohne zu
denn da gestikuliere,
auf- oder abschwillt.
schen Tradition gibt
„Persona“ – also eine
lyrische Ich eines Ged
sikstücken etwas erleb
mal düster ist. „Wir
Ansätze aufeinander
wieweit lässt sich Ausd
Gestik dieser virtuell
son verstehen, die in d
sik verkörpert ist?“, fra
Ziel des Projekts i
dant zur Formanalyse
Musik als Konstruktio
neue Ausdrucksanalyse. Sie soll nicht
zu einer stärkeren Mathematisierung
der Stücke führen, sondern in Worten
beschreibbar machen, wie der Aus-
druck zustande kommt.
Gut vernetzt. Kooperationspartner sind
das AHRC Research Centre for Musical
as Creative Practice in
d ein wissenschaftlicher
schern an Universitäten
, Berkeley, Philadelphia,
o und Oxford. Zusätzlich
WF-Projekt, das von nie-
ner Musik ausgeht, wur-
rs auch ein PEEK-Projekt
WF-Projekt für Künstleri-
ng), in dem Musikimpro-
eu untersucht werden.
e haben wir zeitlich und
h so verzahnt, dass wir
uss umfassendes neues
ber die expressiven Ele-
on Musik erwarten“, so

RundeFormenwerdenbevorzugt –auchinRäumen
Psychologen und Architekten zeigten erstmals, dass bei Innenarchitektur runde Formen als schön empfunden werden. Das bestätigen
sowohl die Antworten von Probanden als auch die Aufnahmen ihrer Hirnaktivität. VON VE RONI KA S C HMI DT
„Es ist erstaunlich, dass wir in so einer
eckigen Welt leben, obwohl wir doch
runde Formen als schön und ange-
nehm empfinden“, sagt Helmut Leder
vom Institut für Psychologische
Grundlagenforschung der Uni Wien. Er
hat gemeinsam mit Architekten und
Forschern aus Kanada, Dänemark und
Wien erstmals in das Gehirn von Leu-
ten geblickt, die Bilder von Räumen
mit runder bzw. mit eckiger Planung
und Einrichtung betrachten (PNAS,
10. Juni). „Wir konnten bereits zeigen,
dass bei Alltagsgegenständen, im Auto-
design und bei abstrakten Formen run-
de Dinge bevorzugt werden und
eckige, scharfkantige Dinge eher ver-
mieden“, sagt Leder.
Die Psychologen vermuten dahin-
ter eine natürliche Furcht vor harten
Kanten und Ecken: „Das Gebiss von
Raubtieren, die Dornen auf gefährli-
chen Pflanzen, spitze Steine mit Kan-
ten – darin steckt Gefahrenpotenzial,
das man eher meidet, während runde
Formen in der Natur Weichheit und
Angenehmes vermitteln“, so Leder.
„Noch nie hat jemand gefragt, ob wir
auch bei Räumen runde Dinge bevor-
zugen.“ Immerhin verbringen Ameri-
kaner fast 90 Prozent ihrer Zeit in In-
nenräumen, die Europäer liegen ver-
mutlich nur knapp dahinter. „Erst we-
nige Forscher beschäftigen sich mit
den Reaktionen, die unsere Umgebung
in uns auslöst“, sagt Leder. Interessant
ist, ob die Entscheidung, was wir schön
finden, auch Einfluss auf unser Verhal-
ten hat, und ob sich dieses in der Hirn-
aktivität nachvollziehen lässt.
Befragt und durchleuchtet. Darum
durchleuchteten die Forscher die Ge-
hirne von 18 Probanden, die in der
Magnetresonanzröhre (fMRI) mit Bil-
dern von Räumen konfrontiert wur-
den. „Wir können das nicht in echten
Räumen testen, denn tragbare
fMRI-Geräte gibt es noch nicht“,
scherzt Leder. Die Fotos der Räume
waren ganz unterschiedlich: hohe Räu-
me, enge Räume, offene bzw. geschlos-
sene Räume. Was die Probanden nicht
wussten: Ihre Antwort, ob ihnen der
Raum gefällt oder nicht, ob sie diesen
Raum gern betreten oder lieber schnell
verlassen möchten, wurde daraufhin
ausgewertet, ob die Ästhetik von run-
den oder eckigen Formen geprägt war.
„Das Ergebnis war ganz eindeutig:
Runde Formen gefallen den Men-
schen, sie finden sie schön, angenehm.
Das beeinflusst aber nicht ihr Verhal-
ten: Die Leute wollten runde Räume
nicht lieber betreten als eckigere“, so
der Psychologe.
Auch die Gehirnaktivität zeigte,
dass bei Bildern von runder Ästhetik
die Belohnungszentren stärker feuer-
ten (Orbitofrontal-Kortex, Basalgan-
glien, ventraler anteriorer cingulärer
Kortex). „Was wir nicht bestätigen
konnten, ist, dass bei eckigen Formen
die Amygdala, Furchtzentren, stärker
aktiv sind“, sagt Leder. Bei Räumen sei
die Angst vor scharfen Kanten nicht so
ausgeprägt, da ja fast alles in Räumen
eckig und nicht rund ist. „Wir können
uns im Alltag nicht aussuchen, in wel-
che Gebäude wir gehen. Vielleicht ist
der Effekt durch die Vertrautheit mit
den von Menschen geschaffenen ecki-
gen Dingen einfach abgestumpft.“
Z U M P R OJ E KT
EXPRESSIVITÄT
„Worin besteht und was bedingt
musikalische Expressivität“ heißt das
FWF-Projekt an der Universität für
Musik und darstellende Kunst Graz,
das Andreas Dorschel seit Oktober
2012 leitet. Obwohl bekannt ist, dass
Musik psychologische Erfahrungen
vermittelt, ist es schwierig, ein tiefes
Verständnis für diesen „musikalischen
Ausdruck“ zu erlangen.
Andreas Dorschel (* 1962 in
Wiesbaden) studierte an der Uni Wien
und der Uni Frankfurt. Der Philosoph
ist seit 2002 Vorstand des Instituts für
Musikästhetik der Kunstuniversität
Graz: „Meine Lehrveranstaltungen
wenden sich an Studierende, die gern
nachdenken.“
Verschiedene Leute erleben
das gleiche Musikstück ganz
unterschiedlich.
FORMEN
Runde Formen
fördern nicht nur bei
Feng Shui die
Harmonie: Auch
Marketingstrategen
lehren, dass Formen
tiefenpsychologisch
auf Kunden wirken.
Frauen bevorzugen
demnach runde,
liebliche, Männer eher
quadratische, gerad-
linige Formen.
Die Wiener Forscher
zeigten bereits, dass
Rundes bei Design
und Kunst bevorzugt
und als angenehm
empfunden wird.
Amerikaner verbringen fast
90 Prozent ihrer Zeit in
geschlossenen Räumen.
Wort der
Woche
BEGRIFFE DER WISSENSCHAFT
Wenn Zahlen von Klimaflüchtlingen genannt
werden, ist Vorsicht geboten, meinen zwei
Geografen: Der Begriff sei recht unbestimmt
und die Messung beinahe unmöglich.
VON MART I N KUGL E R
D
ass das Klima eine wichtige Rahmenbe-
dingung für das Leben der Menschen ist,
ist unbestritten. Ebenso, dass ein sich
wandelndes Klima zu Veränderungen
der Lebensumstände führt. Wenn aber
jemand davor warnt, dass es daher Scharen von
„Klimaflüchtlingen“ gebe, dann ist Vorsicht gebo-
ten – wie die Geografen Carsten Felgentreff (Uni
Osnabrück) und Philipp Aufenvenne (Uni Klagen-
furt) nahelegen. „Es ist nicht nur schwer zu sagen,
ob Umwelt und Klima für Migration verantwortlich
sind, sondern auch eine Bezifferung ist nahezu un-
möglich“, betonten sie diese Woche bei einer Ver-
anstaltung in Klagenfurt. Daran ändert auch nichts,
dass immer wieder exakte Zahlen genannt werden.
UNHCR sprach im Jahr 2002 von 24 Mio. „Umwelt-
flüchtlingen“, Greenpeace 2007 von aktuell 20 Mio.
„Umweltflüchtlingen“ und 150 bis 200 Mio. „Klima-
flüchtlingen“ in den nächsten 30 Jahren.
Diese Zahlen führen in die Irre, meinen die bei-
den Geografen. Denn zum einen seien die Begriffe
„Umweltflüchtling“ oder „Klimaflüchtling“ sehr un-
scharf definiert – kaum zwei Schätzungen verwen-
den die gleiche Definition. Zum anderen könnten
menschliche Migrationsbewegungen nur in den
wenigsten Fällen monokausal erklärt werden – ne-
ben Veränderungen der physisch-materiellen Au-
ßenwelt müssten stets auch soziale, politische, öko-
nomische oder demografische Faktoren berück-
sichtigt werden. Und außerdem: Wie die Geschich-
te lehrt, ist der Mensch sehr anpassungsfähig. In
der wissenschaftlichen Debatte ist solche Kritik
gang und gebe, dort wird nur selten von „Klima-
flüchtlingen“ geredet. Außerhalb der Wissenschaft
hat der Begriff aber Hochkonjunktur. Felgentreff
umschreibt diese Diskrepanz so: Die Debatte sei
„untertheoretisiert und zugleich überpolitisiert“.
Vereinfachende Kausalmodelle seien nicht nur
eingängig, sondern könnten auch Aufmerksamkeit
und politischen Handlungsdruck erzeugen. Die po-
litische Wirkung – die von manchen Klimafor-
schern und allen NGOs erwünscht und von vielen
Medien bereitwillig aufgegriffen wird – kann in
mehrere Richtungen gehen: So können mit der Be-
tonung des menschlichen Leides schärfere Klima-
schutzmaßnahmen argumentiert werden. Es wird
aber auch eine Verknüpfung der Themen Klima
und Sicherheit hergestellt – frei nach dem Motto: In
Afrika müssen Menschen fliehen – und wo sollen
sie sonst hinziehen, wenn nicht zu uns? Oder wie es
die beiden Geografen formulieren: Mehr noch als
Klimakurven, statistische Darstellungen, Fotos von
schmelzenden Gletschern und einsamen Eisbären
sei die Figur des Klimaflüchtlings geeignet, dem
Thema Evidenz und Dringlichkeit zu verleihen.
martin.kugler@diepresse.com diepresse.com/wortderwoche
E L E ME N T E
VSC 3+: Österreichs größter Computer
wird weiter ausgebaut.
Der „Vienna Scientific Cluster“ (VSC), der mit Abstand
leistungsfähigste Computer Österreichs, wird weiter aus-
gebaut. Zu den bisherigen Trägern – Uni Wien, TU Wien
und Boku Wien – gesellen sich nun weitere Universitä-
ten: die Uni Innsbruck, TU Graz, Uni Graz, Uni Klagen-
furt und die Montan-Uni Leoben. Gemeinsam werden
gut sechs Mio. Euro investiert, die Rechenleistung soll
mehr als verdoppelt werden. Als die jetzige Ausbaustufe
VSC 2 fertig war, lag der Rechner auf Platz 56 in der Welt-
rangliste; in den vergangenen eineinhalb Jahren ist er
freilich weit zurückgefallen. VSC 3+ soll dann wieder un-
ter den 100 schnellsten Rechnern der Welt sein.
IIASA und Boku: Gemeinsame
Forschung und Ausbildung
Das Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) und
die Uni für Bodenkultur wollen künftig die Zusammen-
arbeit bei der Forschung – in Themen wie Lebensmittel,
Umweltsysteme oder Klimawandel – intensivieren und
zudem bei der Ausbildung, etwa bei Doktoratsprogram-
men oder Summer Schools, zusammenarbeiten.
24 WISSEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Bisher galt es als unmöglich, Impfungen per Augentropfen zu verabreichen. Wiener Forscherinnen beweisen nun, dass es geht. Fotolia/vision images
EineImpfungimAuge
Am Laura-Bassi-Zentrum OCUVAC wird ein neuartiger Impfstoff gegen das Trachom
entwickelt – eine Krankheit, an der Millionen Menschen erblinden. VON SONJ A BURGER
Z
weifellos zählt die Entwick-
lung von Impfstoffen zu
den bedeutendsten Errungen-
schaften der medizinischen
Forschung. Ist das Auge von einer bak-
teriellen Bindehautentzündung wie
dem Trachom betroffen, stößt die Me-
dizin derzeit allerdings noch an ihre
Grenzen. Denn trotz der Behandlung
mit Antibiotika ist die Krankheit in den
betroffenen Gebieten in Afrika, Südost-
asien, dem Mittleren Osten und Zen-
tralasien nur schwer in den Griff zu be-
kommen.
Die Gründe dafür sind vielfältig.
Ganz entscheidend ist jedoch die Tat-
sache, dass die Krankheit höchst anste-
ckend ist und über Schmierinfektion
verbreitet wird. Frauen sind besonders
gefährdet, da sie sich bei ihren Kindern
immer wieder mit dem Krankheitserre-
ger – Bakterien der Art Chlamydia tra-
chomatis – infizieren. Die wiederholte
Infektion führt in vielen Fällen zu chro-
nischen Entzündungen und letztend-
lich zumErblinden.
In Entwicklungsländern verloren
wegen der Krankheit bisher rund zehn
Millionen Menschen ihr Augenlicht.
Zudem sind die wirtschaftlichen Fol-
gen für die betroffenen Familien und
die Gesellschaft fatal. Um eine Neu-
und Reinfektion zu verhindern, müss-
ten aber nicht nur die Infizierten, son-
dern alle medikamentös behandelt
werden. Was fehlt, ist eine geeignete
Impfung.
Leere Bakterienhüllen. Bis vor wenigen
Jahren galt eine Impfung gegen Tra-
chom über das Auge als völlig unmög-
lich. „Meine Idee, dass sich die Augen-
schleimhaut als Impfort eignen könnte,
hat man anfangs als utopisch abgetan,
und ich hatte gegen einiges an Wider-
stand zu kämpfen. Heute sieht die Lage
jedoch anders aus“, berichtet die Au-
genmedizinerin Talin Barisani-Asen-
bauer, Leiterin des Laura-Bassi-Zen-
trums OCUVAC (Centre for Ocular In-
flammation and Infection) an der Me-
dizinischen Universität Wien.
Ihr vierzehnköpfiges Team arbeitet
seit 2010 an einer Impfung gegen das
Trachom. Erst kürzlich sei laut Barisani
ein wichtiger Nachweis dafür gelun-
gen, dass sich die Augenoberfläche
prinzipiell als Impfort eignen dürfte.
„Um zu sehen, ob ein Antigen, das wir
in Form von Augentropfen verabrei-
chen, eine Immunreaktion auslöst,
führten wir Versuche mit dem Antigen
Tetanus-Toxoid durch“, berichtet die
Forscherin.
Obwohl es noch nicht auf diese
Form der Verabreichung optimiert
worden war, überlebten mehr als
50 Prozent der Versuchstiere die tödli-
che Dosis. Daraus schloss man, dass
sich die Bindehaut als Impfort eignet
und es zu einer lokalen und allgemei-
nen Immunantwort kommt, ohne dass
das Auge gefährdet ist.
Dass die Augenoberfläche unbe-
schadet bleibt, beruht auf einem spe-
ziellen Verfahren der österreichischen
Biotech-Firma BIRD-C, die für dieses
Forschungsvorhaben an Bord geholt
wurde. Sogenannte „Bacterial Ghosts“
(BGs) (Phantombakterien) werden zu
„Trägern“ für Antigene: Es handelt sich
dabei um leere Bakterienhüllen: Diese
entstehen, wenn man in die Zellwand
gramnegativer Bakterien kontrolliert
ein Loch bildet – dadurch wird deren
Zelltod herbeigeführt. In die leeren
Bakterienhüllen lassen sich dann Anti-
gene verankern.
Für die Entwicklung eines Impfs-
toffs gegen Trachom verwenden die
Forscherinnen das Bakterium E. coli
Nissle, das selbst von Frühgeborenen
sehr gut vertragen wird. Barisanis An-
nahme, dass sich die leeren Bakterien-
hüllen von E. coli Nissle als Träger für
Impfstoffe über die Augenoberfläche
eignen, konnte nun in weiteren Versu-
chen sowohl im Labor an Zelllinien als
auch im Tiermodell bestätigt werden.
Während der richtige „Träger“ der
Impfung damit quasi feststeht, beginnt
bei der aufwendigen Suche nach den
geeigneten Antigenen nun eine neue
Phase. Mit Unterstützung der Universi-
tät Jimma in Äthiopien sammelte das
Team insgesamt 1800 Proben von Blut,
Tränen, Abstrichen und Biopsien bei
Erwachsenen während Trichiasis-Ope-
rationen (das ist das Reiben von Wim-
pern auf der Hornhaut oder der Binde-
haut des Auges) aus betroffenen Gebie-
ten im Sudan, Marokko und Äthiopien.
Deren Bandbreite reicht von Neuinfek-
tionen bis zum Endstadium des Tra-
choms und deckt verschiedene Alters-
gruppen ab.
Suche nach den Antigenen. Vor Kur-
zem trafen die letzten Proben an der
Medizinischen Universität Wien ein,
sodass nun deren Analyse beginnt. Da-
bei steht neben der Charakterisierung
des Erregers auch der Erkenntnisge-
winn über den Krankheitsverlauf im
Mittelpunkt des Forschungsinteresses.
Ziel ist es, jene Antigene mittels mole-
kularbiologischer Testmethoden und
Bioinformatik („-omik-Technologien“)
ausfindig zu machen, die in biologi-
schen Abläufen relevant sind.
In den kommenden ein bis zwei
Jahren liege der Schwerpunkt der Ar-
beit laut Barisani dann vor allem auf
der Prüfung, ob sich die durch die Ana-
lyse identifizierten Antigene als Impf-
stoff tatsächlich eignen. Ab 2015 sind
nach Abschluss der notwendigen Vor-
versuche die ersten klinischen Prüfun-
gen amMenschen geplant.
Z U M P R OG R A MM
LAURA BASSI
2009 wurde das Impulsprogramm
„Laura Bassi Centres of Expertise“
geschaffen, das auf „Chancen-
gleichheit und eine zeitgemäße
Forschungskultur an der Schnittstelle
Wissenschaft und Wirtschaft“ setzt.
Ziel war die Förderung von Frauen als
Laborleiterinnen – wobei die
Ausschreibung genderneutral war.
Durchgesetzt haben sich letztlich
acht Wissenschaftlerinnen mit ihren
Projektideen aus den Bereichen
Medizin, Life Science und IT.
Die acht Laura-Bassi-Zentren
wurden kürzlich einer Zwischen-
evaluierung unterzogen – alle Zentren
bestanden das internationale Peer-
Review-Verfahren. Für die zweite
Förderperiode stellt das Wirtschafts-
ministerium (BMWFJ) 6,6 Mio. Euro
zur Verfügung. Für die Gesamtlaufzeit
liegt das Budget – inklusive Beiträgen
der Partnerfirmen – bei 26 Mio. Euro.
Die Krankheit ist höchst
ansteckend, bei wiederholter
Infektion kann man erblinden.
Das Verfahren der neuen
Impfung beruht auf Ideen und
Technologien aus Österreich.
In den Favelas lernen die Kinder beimFußballspielen nicht nur Tricks und Finessen, sondern auch Werte wie Respekt, Disziplin und Solidarität. Reinhard Krennhuber
Abseits der Copacabana
Viele große Fußballer entstammen Rios Favelas. Exprofi Marcelo ist nach seiner abenteuerlichen
Karriere wieder in das Armenviertel Jacarezinho zurückgekehrt. VON RE I NHARD KRE NNHUBE R
D
er Zuckerhut war gestern.
Heute geht die Reise in die
Nordzone von Rio de Janei-
ro – in jenen Teil, in dem die
Masse der 6,5 Millionen Einwohner der
zweitgrößten Stadt Brasiliens zu Hause
ist. Touristen betreten diese Viertel ab-
seits der Strände und Sambaschuppen
von Copacabana, Ipanema und Lapa
in der Regel nur, wenn sie zum Mara-
can˜ a-Stadion oder zum nahe gelege-
nen Nationalmuseumpilgern.
Ein paar Kilometer hinter dem Ma-
racan˜ a liegt Jacarezinho, die drittgröß-
te Favela der Metropole. Zwischen
30.000 und 70.000 Menschen leben
hier auf engstem Raum. Genauere
Zahlen existieren nicht, eine Volkszäh-
lung in den Favelas soll es erst im
nächsten Jahr geben.
Mitten in dem Gewirr aus engen
Gassen, verworrenen Stromleitungen
und kleinen, unverputzten Häusern
empfängt mich Marcelo. Er ist wie der
ehemalige brasilianische Stürmerstar
Romario ein Kind von Jacarezinho, in
der Favela geboren und aufgewachsen.
Sein fußballerisches Können hat es
ihm ermöglicht, auch eine andere Welt
kennenzulernen. „Ich habe die guten
und schlechten Seiten des Fußballs
kennengelernt. Soweit es mein Talent
und Gott zugelassen haben, konnte ich
meine Träume dadurch verwirkli-
chen“, sagt Marcelo.
Fern der Heimat. Der erste Profivertrag
beim lokalen Klub Bonsucesso war
Startschuss zu einer Karriere, die den
offensiven Mittelfeldspieler durch halb
Brasilien und weit darüber hinaus
führte: erst in den Süden zu Gremio
Porto Alegre, wo er mit dem späteren
Weltmeister Ronaldinho spielte, dann
in den Norden nach Recife und Forta-
leza. Wie tausende andere brasiliani-
sche Kicker suchte Marcelo sein Glück
schließlich in der Fremde, genauer ge-
sagt in Indonesien. „Der Kontakt ist
durch einen Trainer aus dem Viertel
entstanden, der beim dortigen Klub
Persebaya als Trainer gearbeitet hat. Er
hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, für
ihn zu spielen, und da habe ich meine
Sachen gepackt und bin hingeflogen.“
Die abenteuerliche Etappe dauerte drei
Jahre, reich wurde Marcelo dadurch
nicht. Danach ließ er seine Karriere in
Brasilien ausklingen, gründete eine Fa-
milie und kehrte mit ihr nach Jacare-
zinho zurück. Bilderbuchgeschichten
sehen anders aus. „Das Geld, das ich
als Fußballer verdient habe, ist lange
weg. Ich habe in Rio eine Ausbildung
zum Spengler gemacht und in einer
Werkstatt gearbeitet. Seit einer Woche
bin ich arbeitslos“, sagt Marcelo.
Wir verlassen die für Favela-Ver-
hältnisse sehr geräumige Vierzimmer-
wohnung und gehen zum nahe gelege-
nen Bolzplatz, auf dem Marcelo seine
ersten Tricks einstudiert hat. Auf dem
100 Quadratmeter großen, von einem
löchrigen Maschendraht begrenzten
Betonfeld kicken die Schüler der Sale-
sianer-Schule. Immer wieder fliegt der
Ball über die viel zu niedrige Umzäu-
nung, und einer der Buben muss ihm
über die steilen Stiegen hinterherjagen.
Private Entwicklungshilfe. Der katholi-
sche Orden der Salesianer Don Boscos
betreibt in der Favela bereits seit
44 Jahren diverse Sozial- und Schul-
projekte – und wird dabei auch vom
österreichischen Hilfswerk Jugend Eine
Welt und der Fundaci´ on Real Madrid
unterstützt. Padre Carlos Sebasti˜ ao da
Silva ist Direktor der kirchlichen Ein-
richtungen in Jacarezinho, in denen
rund 800 Kindern betreut und ausge-
bildet werden. „Es gibt hier nur zwei
Schulen, beide werden von privaten
Einrichtungen betrieben“, sagt der
50-Jährige, der statt eines kirchlichen
Gewands lieber Turnschuhe und ein
Nike-Shirt trägt.
Staatliche Schulen sucht man in Ja-
carezinho vergebens. Zwar habe sich
die Sicherheitslage in Jacarezinho ver-
bessert, und die Drogenkriminalität sei
signifikant zurückgegangen, weil seit
November 2012 die Friedenspolizei
UPP anstatt der Drogenkartelle im
Viertel patrouilliert, sagt Padre Carlos:
„Aber die sozialen Errungenschaften
unter Präsident Lula und seiner Nach-
folgerin Dilma Rousseff sind in den Fa-
velas noch nicht angekommen.“
Schulfrei. Fußball spielt in der Arbeit
der Salesianer eine wichtige Rolle –
nicht nur als sportliche Betätigung.
„Wir können den Kindern dadurch
Werte wie Respekt, Disziplin und Soli-
darität vermitteln. Und ,Futebol‘ ist
eine nationale Leidenschaft, die alle
sozialen Schichten durchdringt“, sagt
Padre Carlos. Wenn, wie jetzt beim
Confederations Cup, Spiele der brasi-
lianischen Nationalmannschaft statt-
finden, schließen die Salesianer ihre
Schule. „Es würde ohnehin niemand
kommen“, sagt der Pater.
Schulfrei hat dann auch Marcelos
achtjähriger Sohn Eric. Er hat zwar das
Talent des Vaters in die Wiege gelegt
bekommen, ein Kicker soll aber nicht
unbedingt aus ihm werden. Für Mar-
celo stehen bei der Erziehung seines
Sohnes längst andere Punkte im Vor-
dergrund. „Es ist wichtig, dass die
Menschen ihre Talente entdecken kön-
nen“, sagt der Exprofi. „Und genau das
ist durch die Unterstützung der Sale-
sianer der Fall.“
»Fußball ist eine nationale
Leidenschaft, die alle sozialen
Schichten durchdringt.«
C ON F E D E R AT I ON S C U P
DIE WM-GENERALPROBE
Für WM-Gastgeber Brasilien ist der Confederations Cup der
Test für die Endrunde 2014. Die Spiele finden in sechs von
zwölf WM-Austragungsorten statt: Brasilia, Fortaleza, Recife,
Belo Horizonte, Salvador und Rio de Janeiro.
Heute spielt im Maracan˜a-Stadion Mexiko gegen Italien
(20.55 Uhr/ORF Sport +), Spanien und Uruguay (23.55Uhr/
ORF eins) bestreiten in Recife das Auftaktspiel der Gruppe B.
BRASILIEN
196,7
Millionen Einwohner
leben in dem süd-
amerikanischen Land.
6
Prozent
der Brasilianer leben
in Armenvierteln, den
sogenannten Favelas,
die zumeist von
Drogenbanden
kontrolliert werden.
40
Favelas
will die Polizei in den
letzten Monaten in Rio
de Janeiro „befriedet“
haben, bis zur WM
2014 sollen es 100
werden. Doch allein
in der Großstadt an
der berühmten
Copacabana gibt es
rund 1000 solcher
Viertel.
DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 SPORT 25
MACHT
OLYMPIA
Sergej Bubka will
IOC-Präsident
werden. Im
Exklusivinterview
schildert der
Stabhochsprung-
star seine Ziele.
Er will die Jugend
forcieren, Kosten
senken und die
Olympia-Zukunft
absichern.
„Winterspiele in
Österreich?
Warum nicht!“
EPA
SEITE 26
WAHL
ÖFB-Präsident
Leo Windtner
stellt sich ohne
Gegner der
Wiederwahl.
SEITE 28
CHANCE
In Bremen will
Trainer Robin
Dutt weiter
auf Marko
Arnautovi´c
setzen.
SEITE 28
»Sport kannmit einfachsten
AktionendieWelt verändern«
Sergej Bubka kandidiert für das Amt des IOC-Präsidenten. Der ukrainische Stabhochsprungstar
plädiert für olympische Werte, will die Jugend forcieren, den Gigantismus bremsen und gezielt in die
Zukunft der Spiele investieren. Der Sportpolitiker gibt dabei auch Österreich Chancen. VON MARKKU DATL ER
Herr Bubka, Sie waren als Stabhochspringer
unschlagbar und sind jetzt Präsident des
ukrainischen Olympischen Komitees sowie
seit vielen Jahren Mitglied im IOC – ist diese
Ausnahmestellung letztlich der Auslöser
dafür, dass Sie nun für das Präsidentenamt
im Internationalen Olympischen Komitee
kandidieren?
Sergej Bubka: Vorweg: Ich bin Sportler,
schon mein ganzes Leben lang. Ich
habe als Stabhochspringer so viel er-
lebt. Ich habe nur gute Erinnerungen
an meine Karriere, aber ich bin auch
schon seit 1996 Teil der olympischen
Bewegung. Ich bin NOK-Chef in der
Ukraine, sitze im Exekutivkomitee, bin
Vizepräsident des Leichtathletikwelt-
verbands und Geschäftsmann. Es sind
nun zwanzig Jahre, in denen ich Erfah-
rungen sammeln und mithelfen konn-
te, den Sport und die Olympia-Bewe-
gung kennenzulernen, zu fördern. Ich
war für Vereine tätig, ich habe das Wis-
sen, was zu tun ist, um eine große Idee
anzuführen. Ich habe finanzielles
Know-how, Kontakte – ich will dem
Sport etwas zurückgeben. Diese Sicht-
weise ist von großem Vorteil: Ich sehe
das Amt als IOC-Präsident sowohl als
Sportler als auch als Funktionär als He-
rausforderung, als große Ehre. Ich bin
happy, die Mitglieder vertrauen mir.
Ich gebe dafür mein Bestes – 24 Stun-
den lang, jeden Tag.
Warum wollen Sie IOC-Präsident werden,
welche Ziele und Ideen verfolgen Sie?
Jeder Mensch muss Visionen, Ideen
und ein Programm haben. Ich muss
nun meine Vorstellungen präsentieren,
sie sollen der Zukunft des IOC, der
Spiele und denen der Gesellschaft hel-
fen. Die Welt verändert sich, die Men-
schen und ihre Ansprüche verändern
sich. Und damit auch der Sport und die
Spiele. Ich will dabei die Gesellschaft
einbinden. Wie reagiert sie, welche An-
forderung stellt sie, welche Wünsche
hat sie? Etwa: Wie bringen wir Kinder
zum Sport, anstatt sie nur vor dem
Computer sitzen zu sehen? Ich sage
Drogen und Kriminalität den Kampf
an. Rassismus darf in unserer Gesell-
schaft keinen Platz haben, auch die Po-
litik muss da eingreifen.
Haben Sie ein Vorbild, das Sie inspiriert?
Natürlich, gar keine Frage! „Sport kann
mit einfachsten Dingen die Welt verän-
dern“, das hat auch schon Nelson
Mandela gesagt. „Nichts anderes, Sim-
ples kann weltweit so viel bewegen wie
der Sport“ – wahre Worte eines großen
Mannes. Erinnern wir uns zum Bei-
spiel nur an die London-Spiele. Erst-
mals waren in allen Sparten Frauen
vertreten. Die olympische Familie und
Präsident Jacques Rogge haben es ge-
schafft, alle Bedenken und Widersprü-
che auszuräumen. Es ist jetzt leicht ge-
sagt, dass Sport Frieden, Zusammen-
halt und Freude bewirken kann, aber
er schafft es. Ich glaube an eine bessere
Welt, Sie etwa nicht?
Wie viel Macht hat der IOC-Präsident?
Diese Funktion hat enorme Stärke, die
Worte und Handlungen des IOC-Präsi-
denten haben weltweit Gewicht, da
gibt es gar keine Diskussion. Es ist eine
bedeutsame Aufgabe. Ich will dem
Sport und der olympischen Familie
dienen. Ich will, dass wir unsere Ziele
verwirklichen und nicht nur darüber
reden. Hier geht es aber nicht um Par-
teien oder Politik, sondern einfach
darum, wie man am leichtesten Wege
aufzeigt, das Miteinander zu schaffen.
Noch einmal: Ich will Probleme wie
Drogensucht und Gewalt bekämpfen,
ich will Kinder schützen, das IOC wird
auch weiterhin die UNO unterstützen
oder Stellung im Kampf gegen Rassis-
mus beziehen. Das ist die große Aufga-
be. Ich werde nie stillsitzen, das kann
ich nicht. Ich will immer mein Bestes
geben, wie schon als Sportler.
Die olympische Familie, das IOC – wer ist
das eigentlich? Ist es die größte, längst-
dienende Sportvereinigung, mit weltweiten
tiefen Wurzeln in Politik und Wirtschaft? Ein
Clan, der selbst auch vor Korruption . . .
Moment: Im IOC sitzen hohe Persön-
lichkeiten, die enormes Fachwissen
und weltweit die besten Kontakte zu
Politikern haben. Ich bin davon über-
zeugt: Es ist die Garde des Sports. Es ist
ein starkes, vereintes Team. Es verfolgt
seine Ziele und erreicht sie auch. Und
der Präsident steht ihnen vor, er ist das
Aushängeschild – aber er muss ein
Teamplayer sein, so verstehe ich je-
denfalls diese Position.
Dennoch: Der Faktor Geld ist mit dem IOC
eng verbunden, Olympia ist ein gewinnbrin-
gendes Ereignis. In der Geschäftsperiode
von Vancouver 2010 bis London 2012 wur-
den 5,6 Milliarden Euro allein aus dem
Verkauf von TV-Rechten verbucht. Welche
Rolle spielt Geld für Sie?
Ich habe vor IOC-Präsident Jacques
Rogge größten Respekt. Er hat großarti-
ge Arbeit geleistet, in seiner Ära ist per-
fekt gearbeitet worden. Er hat vielen
Hoffnung gegeben – sein Wort hat Ge-
wicht. Auch hat er viel mit den Jugend-
spielen erreicht: Beeindruckend. Und
ich will, dass wir daran anknüpfen und
dieses Geld in die Zukunft unserer Kin-
der investieren. Da müssen große Or-
ganisationen wie IOC, die jeweiligen
NOKs oder Verbände aus der Leicht-
athletik oder Fußball mithelfen. Wir
müssen auf Trends in der Gesellschaft
reagieren, damit Sport ein wichtiger
Punkt bleibt. Aber, wir müssen auch für
Sponsoren und TV entscheiden, denn
die Spiele sind das attraktivste, spekta-
kulärste Event der Welt!
Nur für Sportler, Zuschauer und Medien;
was bedeuten Olympische Spiele für Sie?
Olympia ist mehr als nur ein sportli-
ches Spiel. Olympia inspiriert doch die
ganze Welt. Nach jedem Ereignis heißt
es, es könne nicht mehr besser werden.
Auch jetzt nach London, diese Som-
merspiele waren wirklich ein unfassba-
rer Erfolg mit all der Begeisterung und
den guten Leistungen. Was aber dahin-
tersteckt, sehen viele schon gar nicht
mehr – den Spirit, die Kraft, die sie aus-
strahlen. Und was sie verändern: be-
ginnend bei Arbeitsplätzen oder Infra-
strukturen. Oder: Erinnern Sie sich an
Moskau 1980, die Boykottspiele und
deren eigentliche Idee dahinter. Olym-
pia kennt keine Grenzen, Diskriminie-
rungen oder religiöse Verfolgung – die-
se Botschaft wollen wir, die müssen wir
vermitteln. Alle vier Jahre gibt es neue
Zugänge, bessere Technik, Stadien und
neue Stars. Warum sonst würden sich
Milliarden für Olympia interessieren?
Es ist unique.
Der Wahl zum IOC-Präsidenten stellen sich
nun sechs Kandidaten. Was unterscheidet
Sie von allen anderen?
Ach, wir sind alle sehr gut miteinander
befreundet, und jeder von uns würde
ein sehr guter Präsident sein, davon bin
ich überzeugt. Ich werde jetzt sicher
nicht sagen, ich kann dieses oder jenes
besser und der andere nicht, das wäre
nicht fair. Wir haben alle eigene Zugän-
ge und Ideen, diese werden wir bis zur
Wahl am10. September vorstellen.
Was passiert, wenn Sie die Wahl verlieren?
Das Allerwichtigste zuerst: Ich bin Mit-
glied der olympischen Familie. Ich bin
dankbar dafür, und darauf konzentrie-
re ich mich. Natürlich will ich ein gutes
Resultat erreichen und gewinnen. Aber
diese Entscheidung obliegt den IOC-
Mitgliedern – und ihnen will und kann
ich nicht vorgreifen.
Gut, bleiben wir beim Thema Olympia: Es ist
auch zu einem extrem riskanten Kostenfak-
tor geworden. Insgesamt soll London 11,5
Milliarden Euro eingesetzt haben. Das ist
eine sehr hohe Summe, und selten ist das
Event unter der Schirmherrschaft der fünf
Ringe letztlich für Veranstalter ein Gewinn.
Das ist der vielleicht wichtigste Zugang
bei dieser Thematik. Der Gigantismus
darf nicht überhandnehmen, und mit
ihm auch nicht die Kosten. Eine
Host-City muss es sich leisten können.
Mit diesem Schritt können mehr Län-
der, vielleicht schon bald auch Afrika,
eine Kandidatur erwägen. Auch in die-
sem Punkt wird das IOC in Zukunft
eine dynamische, starke Rolle spielen.
Hätte, aus Ihrer Sicht, auch Österreich eine
Chance auf die dritten Winterspiele nach
1964 und 1976 in Innsbruck? Bewerbungen
für Kärnten oder Salzburg waren zuletzt
stets gescheitert.
Warum denn nicht? Österreich hat
enorme Tradition, eine großartige In-
frastruktur, euer Land ist als Winter-
sportnation weltberühmt. Auch hat das
ÖOC einen großen Wert für die olym-
pische Familie, es ist fester Bestandteil
von uns. Also, ich bin mir sicher: Eines
Tages werden wieder Olympische Spie-
le in Österreich stattfinden. Wann, das
kann ich aber nicht beantworten. Das
liegt an eurer Bewerbung, der Stadt,
den Zielen, Initiativen, an eurem Pro-
gramm. Es ist sicherlich viel Arbeit.
aber das ist es auch wert.
Sie sprachen Veränderungen an: Zuletzt
sorgte der Vorstoß, dass Ringen 2020 aus
dem Olympiaprogramm verbannt werden
soll, für Unverständnis. Es soll aus „Image-
gründen“, also wegen schlechter TV-Quoten
und geringen Zuschauerinteresses, gesche-
hen sein. Wie stehen Sie zu diesem Fall?
Auch das olympische Programmunter-
liegt dem Anspruch, stets attraktiv, dy-
namisch, jung zu sein. Es gibt immer
wieder neue Sportarten, die weltweit
Ansehen genießen, und es gilt, diese
durch die IOC-Exekutive genau zu prü-
fen. Wie reagieren die Sportler darauf,
welchen Stellenwert nimmt die jewei-
lige Sportart weltweit, oder wie im Fall
von Ringen speziell in Ländern wie
Griechenland, Türkei oder Iran, ein?
Dort ist Ringen ein Nationalsport, da-
her verstehe ich, wie wichtig es für vie-
le Menschen ist. Die Reaktion der Ver-
antwortlichen auf die Entscheidung,
dass es nicht mehr bei Olympia sein
soll, fand ich fantastisch. Sie haben
enorm viel binnen sehr kurzer Zeit be-
wegt, sich neue Zugänge überlegt. Es
ist ein Sport aus der Antike, und ich
will zu diesem Punkt und all den Dis-
kussionen eines klarstellen: Wer sich
nicht an die Vergangenheit erinnert,
hat in der Zukunft keine Chance.
Wenn Sie gerade in Erinnerun-
gen schwelgen: Haben Sie Ihre
Karriere und die 35 Weltrekorde
noch vor Augen?
STECKBRIEF
Sergej Bubka
wurde am
4. Dezember 1963 in
Woroschilowgrad,
Ukraine, geboren.
Hoch hinaus
Als Stabhochspringer
gewann er sechsmal
WM- und 1988 auch
Olympiagold. Er
stellte 35 Weltrekorde
auf, seine Bestmarken
liegen bei 6,14
(Freiluft) und
6,15 Meter (Halle).
IOC-Mitglied
Bubka ist seit 2000
im Internationalen
Olympischen Komitee
(IOC) und sitzt als
Vorsitzender der IOC-
Athletenkommission
in der Exekutive der
Ringe-Organisation.
Politiker und Bankier
Der Ex-Parlamentarier
und Bankier ist zudem
ukrainischer NOK-
Präsident sowie
Vizepräsident des
Leichtathletik-Welt-
verbandes IAAF.
35 Weltrekorde: Stabhochsprungstar Sergej Bubka wollte schon immer hoch hinaus. Rolf Kosecki
26 SPORT 0
Spielraum
WARUM DAS RUNDE
EIGENTLICH INS ECKIGE SOLLTE
Schwer verdienende Spitzensportler haben oft Probleme mit dem
Finanzamt. Jetzt ist in Spanien auch Lionel Messi ins Visier der
Steuerbehörden geraten. Der weist natürlich alle Vorwürfe
zurück, aber sein Image ist angepatzt.
VON WOL F GANG WI E DE RS T E I N
S
pitzensportler sind gern ein wenig schlampig, wenn es darum
geht, diverse Einnahmen ordentlich und vorschriftsmäßig zu
versteuern. Das Dilemma hat längst Tradition, schon die deut-
sche Tennis-Queen Steffi Graf hat es nicht so genau genom-
men, auch Boris Becker war etwas säumig, Diego Maradona
scheint überhaupt ein vergesslicher Typ zu sein. Uli Hoeneß hat im letz-
ten Moment mit einer Selbstanzeige versucht, die Reißleine zu ziehen,
welche Konsequenzen das noch alles für den Präsidenten des FC Bay-
ern München hat, wird sich erst weisen. Aber auch in Spanien ist man
nicht untätig, dieser Tage wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft
gegen Lionel Messi ermittelt. Sie legt dem Superstar und mehrmaligen
Weltfußballer Steuerbetrug zur Last. Gemeinsam mit seinem Vater Jorge
Horacio soll er mehr als vier Millionen Euro an Steuern hinterzogen ha-
ben.
Messi und Skandale, das hat es bislang nicht gegeben, der Begnade-
te und Auserwählte wollte noch kein Leben eines Polizisten kaufen,
wurde nicht mitten in der Nacht mit überhöhter Geschwindigkeit auf
der Autobahn gestoppt, verkehrt auch nicht in einschlägigen Lokalen.
Doch jetzt steht das „Symbol unter Verdacht“, wie die spanische Sport-
zeitung „Marca“ formuliert hat. Das Image des Saubermanns ist leicht
bekleckert, laut „El Pais“ spielt Messi unter „finanzieller Manndeckung“
durch die Staatsanwaltschaft.
Für Lionel Messi gilt die Unschuldsvermutung, auch Spaniens
Sportminister hat das zuletzt mehrfach betont. „Die Gesetze sind für alle
gleich, auch für die Nummer eins“, heißt es weiter. „Wir werden Geduld
haben und abwarten müssen, was die Ermittlungen ergeben.“ Der klein
gewachsene Argentinier, der gern „La Pulga“ genannt wird, ging auf je-
den Fall einmal in die Offensive. Er wies via Facebook alle Verdächti-
gungen zurück. „Von den Anschuldigungen haben wir aus den Medien
erfahren. Wir waren überrascht, denn wir haben niemals eine Straftat
begangen. Wir sind immer unseren Steuerverpflichtungen nachgekom-
men nach den Empfehlungen unserer Steuerberater, die auch jetzt für
uns diese Angelegenheit klären werden.“ Auch Messis Anwalt hat alle
Vorwürfe zurückgewiesen.
Es geht um die Jahre zwischen 2006 und 2009, angeblich hat der
Barcelona-Superstar Teile seines Einkommens über Unternehmen in
Belize und Uruguay abgewickelt. Schon wieder also Steuerparadiese. Es
geht dabei um Lizenzgebühren, die Messi an Scheinfirmen abgetreten
haben soll. Die Werbeeinnahmen sollen rund 19 Millionen Euro im Jahr
betragen.
Lionel Messi, der einem Spitzensteuersatz von 56 Prozent unterliegt,
befindet sich in prominenter Gesellschaft, er ist auch nicht der erste
Multimillionär, der sich Ärger mit dem spanischen Finanzamt einge-
handelt hat. Der portugiesische Wunderspieler Luis Figo musste bei-
spielsweise 2,5 Millionen Euro Steuern nachzahlen. Arantxa Sanchez-
Vicario, die ehemalige Tennisspielerin, wurde zu einer Zahlung von 3,5
Millionen Euro verdonnert. Diese Summe, so wird gemunkelt, soll laut
Staatsanwaltschaft auch Kameruns Fußballstar Samuel Eto’o dem Fis-
kus schuldig sein.
Bei den Spaniern ist Schluss mit lustig, die Zeit der Extrawürste und
Augenzudrückerei ist vorbei. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit im
Land denkt die Regierung um. Neuerdings lässt sich das Finanzamt
eben doch nicht so leicht überdribbeln und austricksen.
wolfgang.wiederstein@diepresse.com diepresse.com/sport
Ja, an fast jeden meiner Sprünge kann
ich mich noch sehr gut erinnern, vor
allem aber an die Rekorde. Sie waren,
jeder für sich, einzigartig. Ich erinnere
mich noch an den ersten WM-Titel in
Helsinki 1983 oder an meinen Sieg bei
den Sommerspielen in Seoul 1988. Bei-
des waren großartige Events, aber an
Olympia reicht wirklich nichts heran.
1988 war ich in Seoul im ersten Augen-
blick vollkommen verloren. Die Stim-
mung im olympischen Dorf war so her-
vorragend, Sportler aus aller Herren
Länder haben sich unterhalten, Hände
geschüttelt, und wirklich jeder hat sich
für den anderen gefreut. Das muss
man doch erst einmal zu genießen ver-
stehen.
Sergej Bubka: Im
Olympia-Museum
in Lausanne wurde
sein Fußabdruck
bereits vergoldet.
Action Press/picturedesk.com
Auf Stimmenjagdfür das Milliardengeschäft Olympia
Sechs Kandidaten bestreiten den Wahlkampf umdie IOC-Präsidentschaft, am10. September wird der Nachfolger des Belgiers Jacques Rogge gekürt. Er übernimmt das
mächtigste Sportamt der Welt und muss das Zusammenspiel von Geld, Lobbying, Politik und Sport beherrschen. Von persönlichen Befindlichkeiten ganz zu schweigen.
G
eld ist immer die treibende
Kraft, wenn es darum geht,
neue Bündnisse zu besie-
geln, Seilschaften fortzuset-
zen, Geschäfte zu machen oder eine
Wahl zu gewinnen. Auch bei der Wahl
des neuen IOC-Präsidenten – am 10.
September wählen die Mitglieder des
Internationalen Olympischen Komi-
tees einen Nachfolger für den Belgier
Jacques Rogge – spielt der finanzielle
Aspekt eine tragende Rolle. Sechs
Mann (siehe Interview links und Steck-
briefe rechts) treten zu dieser „Krö-
nung“ an, der IOC-Präsident gilt im-
merhin als der mächtigste Mann im
Sport. Doch Geld allein wird diese
Wahl nicht entscheiden.
In dieser illustren Runde geht es
um Lobbying, Networking, Macht, Pos-
ten, Aufträge und Politik. Das IOC ist
Veranstalter der Olympischen Spiele,
alle zwei Jahre wechseln sich Winter-
und Sommer-Events ab und längst sind
diese Spektakel nebst sportlichen Sen-
sationen und menschlichen Hinter-
grundstorys durch Kommerz, TV- und
Sponsorverträge zur größten Geldma-
schinerie im modernen Sport gewor-
den. In den vergangenen zehn Jahren
hat der in Lausanne angesiedelte Ver-
ein seine Rücklagen von 100 auf 900
Millionen Dollar aufgestockt, in der
Geschäftsperiode von 2010 bis 2012
wurden 5,6 Milliarden Euro allein
durch das TV-Geschäft eingenommen.
Wie viele Milliarden durch Sponsoren
und weitere Einnahmequellen lukriert
wurden, bleibt ein Geheimnis.
Kernsportart Geldverdienen. Das IOC
versteht sich als „nicht staatliche Orga-
nisation“, die „Herren der Ringe“ zäh-
len 115 Mitglieder. Es sind durchwegs
Personen, deren Tätigkeit quer durch
Finanz-, Sport- und Politikwelt führt.
Leo Wallner, der Ex-Casino-Chef, ist
Österreichs Vertreter in dieser Elite.
Aber nicht nur Erfolge schrieben
die Geschichte der Olympier, auch
zahlreiche Skandale und Korruption
begleiteten viele Vergaben und deren
sogenannte „Evaluierungen“. Instal-
liert wurden daraufhin Alterslimits
(maximal 70) sowie Compliance-Re-
geln bei Wahlen und Besuchen. Wei-
terhin zu finden sind hingegen „Kon-
sulenten“-Verträge diverser „Member“
bei unterschiedlichen Firmen. Etwa in
der Elektronikbranche. Dass just diese
Firmen dann bei Olympia Großaufträ-
ge erhalten, stimmt nachdenklich.
Das IOC wurde in seiner 119-jähri-
gen Geschichte bisher nur einmal von
einem Nichteuropäer angeführt, von
1952 bis 1972 leitete der Amerikaner
Avery Brundage die Geschäfte. Sehr
zum Leidwesen von Karl Schranz, der
Skistar wurde bei den Spielen 1972 in
Sapporo wegen eines T-Shirts mit Wer-
beaufschrift ausgeschlossen. In der Ge-
genwart ist das undenkbar – sofern die
IOC-eigenen Sponsoren zu sehen sind.
Am 10. September entscheidet die
Vollversammlung, wer als neunter Prä-
sident nach Rogge, der seit 2001 im
Amt ist, die Geschäfte lenken soll. Die
„Kernsportart Geldverdienen“ müsse
dabei gepflegt werden, wird gemun-
kelt. Dem im Rennen befindlichen
Bankier kommt das äußerst gelegen.
STECKBRIEFE
Neben Sergej Bubka
kandidieren fünf
weitere IOC-Mitglieder
für das Präsidenten-
amt. Bei der 125. Voll-
versammlung am
10. September wird in
Buenos Aires der
Nachfolger des
Belgiers Jacques
Rogge, 71, gewählt.
Wu Ching-kuo
Präsident Amateur-
boxwWeltverband
aus Taiwan. Der
Architekt, 66, ist am
längsten im IOC – seit
1988 – vertreten.
Denis Oswald
Präsident Ruder-Welt-
verband, 1968 Bronze
in Mexiko. Schweizer
Jurist, 66, seit 1991 im
IOC.
Thomas Bach
Präsident Deutscher
Sportbund, Jurist, 59,
und Olympiasieger
1976 (Fechtteam), ist
IOC-Vizepräsident und
seit 1991 im IOC.
Ng Ser Miang
Diplomat, Segler und
Multimillionär aus
Singapur, 64, seit
1998 im IOC, seit 2009
auch Vizepräsident.
Richard Carrion
Chef Banco Popular in
Puerto Rico, 60, seit
1990 im IOC, seit 2002
Finanzchef. Er sicherte
den NBC-Deal über
4,38 Mrd. Dollar. EPA
0 SPORT 27
B I L D D E R WOC H E
A N S A G E
Sportnachrichten
auf einen Blick.
24 STUNDEN AKTUELLE NACHRICHTEN AUF DIEPRESSE.COM
H
WM-Spitzenreiter Dani Pedrosa sicherte sich für den heutigen Motorrad-Grand-Prix von Spanien die Pole-
Position. Zudem unterbot der spanische Honda-Pilot im Qualifying auch den fünf Jahre alten Rundenrekord
von Casey Stoner. WM-Verfolger Jorge Lorenzo startet hinter Cal Crutchlowvon Rang drei. Reuters
Football: Vikings und
Raiders erobern Europa –
ein rein österreichisches
Eurobowl-Finale winkt
Wien. Für die Raiffeisen Vikings und
die Swarco Raiders Tirol steht heute
der Einzug in das Finale der Euro-
pean Football League (EFL) auf dem
Spiel. Die Wiener treffen im Halb-
finale auf der Hohen Warte auf die
Berlin Adler (15 Uhr), die Tiroler
empfangen im Tivoli-Stadion den Ti-
telverteidiger aus der Schweiz, die
Calanda Broncos (14.15 Uhr).
Es handelt sich um die exakt glei-
chen Vorschlussrundenpaarungen
wie im Vorjahr. Die Vikings hatten
sich wie die Broncos ins Endspiel ge-
kämpft, waren dem Verein aus Chur
aber unterlegen. Die Vikings hoffen
auf einen ähnlich klaren Erfolg wie
2012, als die Deutschen mit 34:7 be-
siegt wurden. Die Wiener sind heuer
überhaupt noch ungeschlagen. „Auf
uns wartet ein hartes Stück Arbeit.
Wir werden hoch konzentriert ins
Spiel gehen müssen und dürfen uns
keinen Fehler erlauben“, weiß Head-
coach Chris Calaycay, der allerdings
Verletzungssorgen hat. Die Stützen
Manuel Thaller, Christoph Budimir
und Paul Werner sind fraglich.
Die Raiders brennen auf den Tag
genau ein Jahr nach dem EFL-Aus
2012 auf Revanche, der dreifache Eu-
robowl-Champion aus Tirol will den
Titelverteidiger dieses Mal überrol-
len. „Schon direkt nach der Nieder-
lage vor einem Jahr habe ich meinen
Jungs gesagt, dass wir die Broncos
eines Tages wiedersehen werden“, er-
innerte sich Raiders-Headcoach Shu-
an Fatah. „Nun ist es soweit. Und na-
türlich wollen wir Wiedergutma-
chung für die schmerzliche Nieder-
lage von 2012. Das wird ein ganz
spannendes Spiel.“ Vor allem eine
Aussicht ist verlockend: ein rein ös-
terreichisches Eurobowl-Finale.
Segeln: Vadlau/Ogar
versilbern ihr EM-Debüt
Formia. Die Seglerinnen Lara Vadlau/
Jolanta Ogar haben bei ihremEM-De-
büt im 470er die Silbermedaille ge-
wonnen. Die Steuerfrau aus Kärnten
und ihre polnische Vorschoterin
mussten sich vor Formia (ITA) nur
den Französinnen Camille Lecointre/
Mathilde G´ eron geschlagen geben.
Eine Medaille war dem Duo bereits
vor dem abschließenden Medal Race
sicher, mit demsiebten Platz wurde es
schließlich Rang zwei.
Dreifach-Olympiasiegerin
unter Dopingverdacht
Kingston. Die dreifache Sprint-Olym-
piasiegerin Veronica Campbell-
Brown ist offenbar des Dopings über-
führt worden. Bei einem Test im Mai
sei bei der 31-jährigen Jamaikanerin
ein verbotenes Diuretikum gefunden
worden, das zur Verschleierung von
Dopingmitteln eingesetzt werden
könne.
Der Leichtathletik-Weltverband
will sich Anfang kommender Woche
äußern. Es drohen zwei Jahre Sperre.
Handball-Entscheidung
gegen Russland
Innsbruck. Österreichs Handballteam
darf nach wie vor auf die erstmalige
EM-Qualifikation aus eigener Kraft
hoffen. Am Sonntag (19.15 Uhr/ORF
Sport +) kommt es in Innsbruck zum
Showdown mit Russland. Ein Unent-
schieden würde genügen, um als bes-
ter Gruppendritter die Fahrkarte zur
Endrunde in Dänemark im Jänner
2014 zu lösen. In Sarajewo hat Öster-
reich zuletzt nur ein überaus glückli-
ches Remis (28:28) erreicht.
» Der Fußball
hat sein
Gesicht
behalten.
Wenn es Hilfe
gibt, muss
man sie
einsetzen. «
JOSEPH
BLATTER
Fifa-Präsident,
einst Gegner der
Torlinientechnik,
jetzt begeisterter
Fan. EPA
ZAHL DER WOCHE
2500
Dollar
Nigerias Fußballer
nehmen nach einer
Streikdrohung doch
am Confederations
Cup teil. Die Super
Eagles verpassten
jedoch nach ihrer
Boykottdrohung den
Flug nach Brasilien.
Auslöser war ein
Streit um die
Turnierprämie: Statt
2500 Dollar
(1882,96 Euro) pro
Kopf wollen die
Spieler nun das
Doppelte.
ÖFB-Präsidentenwahl:
KeinGegenkandidat
Die Hauptversammlung wird Leo Windtner im Amt bestätigen.
Wien. ÖFB-Präsident Leo Windtner
kann dem heutigen Sonntag gelassen
entgegenblicken. Bei der Hauptver-
sammlung des Österreichischen Fuß-
ball-Bundes stellt sich der 63-jährige
Oberösterreicher in Pamhagen seiner
Wiederwahl, Gegenkandidaten gibt es
keinen. „Wir erwarten diesmal eine
sehr einfache Sitzung“, meinte ÖFB-
Generaldirektor Alfred Ludwig im Hin-
blick auf das Wochenende.
Im weiteren Verlauf wird auch
über die Zukunft des ÖFB-Direktori-
ums entschieden. Das vor drei Jahren
gegründete Direktorium, in dem als
stimmberechtigte Mitglieder neben
dem Präsidenten je ein Vertreter der
Regionen Ost/Mitte/West, der Bundes-
liga-Präsident und ein weiterer Vertre-
ter der Bundesliga saßen, soll wieder
abgeschafft werden. Entscheidungen
des Direktoriums, darunter auch die
Bestellung des Teamchefs, sollen dann
wieder vomPräsidiumgefällt werden.
Zudem soll auch über den umstrit-
tenen Aufstiegsmodus der Regional-
ligisten entschieden werden. Nachdem
man sich in puncto Erste Liga bereits
auf zwei anstelle bisher eines Fixabstei-
gers ab der Saison 2014/15 geeinigt hat,
gilt es nun festzulegen, auf welche Art
und Weise die Meister der dritten Leis-
tungsstufe dann diese freien Plätze auf-
füllen.
Cupfinale in Klagenfurt. Bereits am
Samstag wurde in der Präsidiums-
sitzung Klagenfurt als Austragungsort
des Cupfinales für die nächsten fünf
Jahre bestimmt. Voraussetzung dafür
ist jedoch die Fertigstellung des Um-
baus an den Oberrängen der Wörther-
see-Arena bis November 2013.
Nur im Falle eines Aufeinandertref-
fens der beiden Wiener Klubs, Rapid
und Austria, würde das Endspiel in das
Ernst-Happel-Stadion in der Bundes-
hauptstadt verlegt werden.
Leo Windtner will bis 2017 bleiben. APA/Jäger
»Spezielles Gewürz«: Trainer Dutt
schreibt Arnautovi´ c noch nicht ab
Bremen. Werder Bremens neuer Trainer
Robin Dutt betonte, den zuletzt sus-
pendierten Marko Arnautovi´ c noch
nicht abgeschrieben zu haben. Als geg-
nerischer Trainer habe er immer Res-
pekt vor dem ÖFB-Teamspieler gehabt,
deshalb wolle er sich in Bremen erst
ein eigenes Bild von dem 24-Jährigen
machen. „Warum sollte ich negativ he-
rangehen? Ich werde mir ein eigenes
Urteil bilden. Und vielleicht überrascht
er uns ja“, sagte er im Interview mit der
„Bild“-Zeitung. „An einem guten Tag
kann Marko eine ganze Abwehr ausei-
nandernehmen.“
Arnautovi´ c und sein niederländi-
scher Teamkollege Eljero Elia wurden
nach einer nächtlichen Autofahrt Ende
April von Dutt-Vorgänger Thomas
Schaaf wegen Disziplinlosigkeit bis
zum Saisonende verbannt. Die Bremer
standen zu dem Zeitpunkt im Bundes-
liga-Abstiegskampf. „Elia und Arnauto-
vi´ c sind zwei spezielle Gewürze, die
einem Gericht guttun können“, sagte
Dutt. „Aber nicht jeder Mahlzeit. Wenn
wir es gut hinbekommen, bereichern
sie jedes Essen.“ Einen Freibrief erteilte
Dutt den beiden Skandalkickern aber
nicht. „Es kann sein, dass wir im Au-
gust noch Spieler abgeben.“ Vorerst
aber liege die Konzentration darauf,
die Abgänge von Offensivspieler Kevin
de Bruyne (Ende der Leihe von Chel-
sea) und Verteidiger Sokratis (Dort-
mund) zu kompensieren.
Deutsche Medien haben zuletzt
immer wieder über einen Wechsel von
Arnautovi´ c spekuliert. Der Offensiv-
spieler, der 2010 für 6,5 Millionen Euro
nach Bremen gekommen ist, gehört
nämlich zu den Topverdienern und
könnte den Klub mit Vertragsende
2014 ablösefrei verlassen.
24 STUNDEN AKTUELL: DI EPRESSE.COM
Federer steht in
Halle imFinale
Halle. Im Duell der Routiniers besiegte
Roger Federer im Halbfinale des ATP-
Turniers in Halle Lokalmatador Tommy
Haas 3:6, 6:3, 6:4 und nahm damit Re-
vanche für das verlorene Endspiel im
Vorjahr. Nach vielen Eigenfehlern im
ersten Satz steigerte sich der Weltrang-
listendritte aus der Schweiz im Verlauf
der Partie und nutzte schließlich seinen
zweiten Matchball.
Federer hat damit die Chance auf
seinen insgesamt sechsten Titel in Hal-
le, den ersten in diesem Jahr. Das Ra-
senturnier in Deutschland ist zugleich
die Generalprobe für Wimbledon (ab
24. Juni), wo es für den Schweizer um
die Titelverteidigung geht.
Spannung vor
Traber-Derby
Wien. Die Stute Four Roses Venus ist
mit Hubert Brandstätter jun. im Sulky
die Favoritin im 128. Traber-Derby am
heutigen Sonntag in der Wiener Krie-
au. Der Saisonhöhepunkt der heimi-
schen Vierjährigen-Elite ist mit 65.000
Euro dotiert, 32.000 davon für den Sieg.
Der Kurs führt wegen des Umbaus des
Sandovals auf 1000 Meter wieder über
die Distanz von 2600 Meter. Mitfavori-
ten sind MS Dreamer, gesteuert von
Michael Schmid, Edo Venus mit Ger-
hard Biedl und Ribery, für den sogar
Weltchampion Heinz Wewering enga-
giert wurde. Ribery gilt als Steher bei
jedem Wetter, für Four Roses Venus
hoffen die Trainer auf kühleres Wetter.
28 SPORT 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
H
I
G
H
L
I
G
H
T
S
Maschinenraum
VOLLE KRAFT VORAUS
DURCH DIE TECHNIKWELT
Audio. Austropop für Außerirdische? Diese
»Golden Records« sind jedenfalls rare
Sammlerstücke. VON WALTER GRÖBCHEN
DI EPRESSE.COM/SPI ELZEUG
I
n den letzten Wochen und Monaten hatte
ich viel mit Plattensammlern zu tun. Das
ist eine eigene Spezies. Mit eigenen Spiel-
regeln: je seltener eine Schallplatte, desto
wertvoller. Im Idealfall ist sie auch noch „ori-
ginalverschweißt“, also nicht einmal ausge-
packt und keinmal gehört worden. Was in die
Rillen des Vinyltonträgers an Audio-Informa-
tionen gepresst wurde, ist egal. Na ja, nicht
ganz. Aber fast. So kommt es, dass auch grau-
enhafter Prog-Rock der Siebzigerjahre oder
Störgeräusche aus dem Elektronik-Under-
ground äußerst wertvoll und gefragt sein kön-
nen. Oder eine Probepressung von DJ Ötzi.
Ich bin geneigt, die Renaissance von Vinyl
als Gegentrend zur Entmaterialisierung von
Musik zu betrachten. Eine ebenso wunderli-
che wie sympathische Zeiterscheinung. Und
keinesfalls nur ein Hobby für schmerbäuchige
alte Männer und abgeklärte Hi-Fi-Nostalgiker.
Pro-Ject z. B., der umsatzstärkste Hersteller
von Plattenspielern (und auch sonst auf Welt-
eroberungskurs), bringt gerade mit dem „Ele-
mental“ ein Modell auf den Markt, das fri-
sches Design mit einem Low-End-Preis kom-
biniert. Das Ding gibt es übrigens auch mit
USB-Anschluss, falls man die analogen Töne
in den Computer transferieren will. Eindeutig
ein Signal an die jüngere Generation – die
mittlerweile auf die CD gern verzichtet und im
Plattenschrank der Eltern nach Hörfutter
kramt. Oder zwischen den trostlosen Regal-
metern von Mediamarkt, Saturn und Co. ziel-
gerichtet die Vinyl-Abteilung ansteuert.
Was ist aber nun die seltenste – und damit
in Sammlerkreisen potenziell wertvollste –
Platte aller Zeiten? Gar mit Österreich-Bezug?
Ich hab’ da lange drüber nachgedacht. Bis ich
auf einen Artikel über die Raumsonde Pioneer
10 stieß. Man hat das letzte Mal vor über zehn
Jahren von ihr gehört, aus einer Entfernung
von zwölf Milliarden Kilometern. Traurig, ir-
gendwie. So surfte ich traumverloren im Cy-
berspace – und landete bei den etwas später
gestarteten Sonden der Voyager-Klasse. Auch
sie führen Botschaften an außerirdische Intel-
ligenzen mit sich. Auf einer goldenen Daten-
platte mit einer geschätzten Lebensdauer von
500 Millionen (!) Jahren. Darunter Musik von
Bach, Beethoven, Mozart und Chuck Berry.
Und eine Ansprache des UN-Generalsekretärs
und späteren Bundespräsidenten Kurt Wald-
heim. Würde mich nicht wundern, wenn ein
Spezi aus der Hardcore-Sammlerszene eine
Kopie davon imPanzerschrank hat.
Mehr unter groebchen.wordpress.com
SYSTEMERROR
Hämefür Apples
„Drogentrip“
Apple findet, dass die Stärke des
nächsten iPhone-Systems im
minimalistischen Design liegt.
Geschmäcker sind bekanntlich
verschieden, und so ist es passiert,
dass sich einige Beobachter von
dem neuen iOS 7 eher belustigt
fühlten. Einen „LSD-Drogentrip“
nennt der „Spiegel“ die neue
Oberfläche, die in zarten,
transparenten Farbtönen schillert.
Und unter jonyiveredesigns-
things.tumbler.com werden Bilder
gesammelt, die andere Objekte im
Regenbogenpastell zeigen. Man
muss eben mit der Zeit gehen.
Der ultimative
Spielebaukasten
Auf der E3 konnte inmitten all der Actiontitel
„Project Spark“ auf sich aufmerksam machen.
Darin können Spieler neue Welten und Minispiele
erschaffen oder selbst Missionen erstellen. Jeder
Gegenstand, selbst ein Felsen, lässt sich verändern
und sogar mit einem „Gehirn“ ausstatten, das
bestimmte Verhaltensweisen ausführt.
„Project Spark“, ab November für Xbox One und PC
Rückkehr einer alten
Fan-Favoritin
2009 konnte das ungewöhnliche First-Person-
Jump-’n’-Run für Furore sorgen. Lange mussten Fans auf
eine Fortsetzung warten, jetzt hat Electronic Arts den
nächsten Teil angekündigt. Das gezeigte Video sorgte für
mehr Jubel als alle anderen Titel, die der Hersteller bei
seiner E3-Präsentation vorstellte. Einen Erscheinungs-
termin gibt es aber noch nicht.
„Mirror’s Edge 2“, kommt, „wenn es fertig ist“
Grafischopulentes
Rennspiel
Spiele, in denen exotische Sport-
wagen vorkommen, versuchen
immer, das Bestmögliche aus der
verfügbaren Hardware
herauszuholen. Ein
beeindruckendes Beispiel dafür
war auf der E3 neben dem
Playstation-4-Shooter „Killzone:
Shadow Fall“ das Xbox-One-Renn-
spiel „Forza Motorsport 5“.
Realistische Lichteffekte
verstärkten die hochauflösenden
Automodelle. Insbesondere die
Reflexionen sind gut gelungen. Die
Fahrphysik wurde auch verbessert.
„Forza Motorsport 5“, ab November
Apokalyptisches
Teamwork
Was passiert, wenn selbst-
verständliche Dinge wie Strom und
Wasser längere Zeit ausfallen?
Laut Hersteller Ubisoft bricht
irgendwann Panik aus. Genau hier
setzen gewissermaßen positive
Schläferzellen an, die innerhalb
dieses Chaos die Ordnung wieder-
herstellen sollen. Gemeinsam mit
anderen Spielern kämpft man
dabei gegen diverse feindliche
Gruppierungen. Das Spiel wurde
grafisch beeindruckend in Szene
gesetzt.
„The Division“, erscheint 2014
ALLE I NFOS UND
LI NKS ZUR SEI TE
DI EPRESSE. COM/
SPI ELZEUG
Der Vormarsch der Online-Games drängt das klassische Einzelspielerverhalten immer mehr in den
Hintergrund. Cloud-Computing erweitert das Spielerlebnis. VON DANI E L BRE US S
DieeinsamenWölfesterbenaus
I
n den frühen Neunzigern war al-
les so einfach. Da hatte man eine
Konsole, in die legte man ein
Spiel ein, und damit hatte man
ein paar vergnügliche Stunden allein
oder gelegentlich zu zweit mit einem
Freund. Diese Art des Videospielens
wird in ein paar Jahren wohl komplett
Geschichte sein. Auf der Electronic En-
tertainment Expo (E3) in Los Angeles
häuften sich immer mehr Titel, die den
freundschaftlichen Wettstreit oder das
gemeinschaftliche Lösen von Aufgaben
propagierten. „Alles online“ lautet also
die Devise der Veranstaltung, die jedes
Jahr als richtungsweisend für die Spie-
lebranche gilt.
Wegbereiter für diese „Immer-on-
line-Zukunft“ ist unter anderem die
neue Spielkonsolen-Generation. Mi-
crosoft hat sich viel Kritik dafür einge-
handelt, dass seine neue Xbox One
mindestens alle 24 Stunden einmal
Verbindung mit den Servern des Un-
ternehmens aufnehmen muss. Die
Konsole soll aber die Möglichkeit bie-
ten, gewisse Berechnungen von dem
Gerät auf Microsofts Serverfarmen aus-
zulagern. Dadurch werden neuartige
Spielkonzepte möglich. Selbst wenn
man nur allein spielen möchte, ließe
sich dadurch das Erlebnis erweitern,
sagt Entwickler Josh Bridge vom Studio
Capcom im Gespräch mit der „Presse“
und ergänzt: „Wir sind nicht mehr
durch einen Kasten unter dem Fernse-
her eingeschränkt.“
In die Wolke. Eines der ersten Spiele,
das diese Funktion nutzt, ist das Renn-
spiel „Forza Motorsport 5“. Hier wird
gewissermaßen ein Klon des Spieler-
verhaltens online abgelegt. Gegen die-
sen können dann Freunde des Spielers
fahren, selbst wenn er gerade nicht
verfügbar ist.
Aber auch unabhängig von solchen
Cloud-Computing-Funktionen wird es
in Zukunft auch für Besitzer einer Play-
station 4, die damit wirbt, im Gegen-
satz zur Xbox One nicht ständig online
sein zu müssen, immer schwieriger
werden, reines Offline-Spielen zu be-
treiben. Sony will ältere Playsta-
tion-3-Games in Zusammenarbeit mit
dem Cloud-Gaming-Dienst Gaikai on-
line anbieten. Und Titel wie das zum
Start der neuen Konsole verfügbare
„Driveclub“ sowie die ebenfalls für an-
dere Systeme angekündigten Action-
spiele „Destiny“ und „The Division“
und das Autospiel „The Crew“, in dem
man die gesamten USA befahren kann,
sind als reinrassige Mehrspieler-Titel
ausgelegt.
Selbst der eher traditionelle Her-
steller Nintendo setzt auf die Macht der
Vernetzung. Die aktuelle Konsole Wii
U verkauft sich suboptimal. Das will
der Hersteller mit einer Wiederbele-
bung eines Klassikers, des humorvol-
len Rennspiels „Mario Kart 8“, ändern.
Dieses entfaltet sein größtes Potenzial
erst, wenn mehrere Fahrer gegenei-
nander antreten. Bis zu zwölf Spieler
können online um den Sieg fahren und
sich dabei Bananenschalen und
Schildkrötenpanzer in den Weg legen.
Vor drei Jahrzehnten erfreute sich
die Rollenspiel-Buchserie „Einsamer
Wolf“ großer Beliebtheit. Das Eintau-
chen in die Fantasywelt fesselte ein
Millionenpublikum. Videospiele boten
aber bald mehr Komplexität unter In-
teraktivität und lösten das Genre des
Spielbuchs ab. Und jetzt scheint es so,
als ob das Offline-Spielen bald der Ver-
gangenheit angehören wird. Selbst al-
lein wird man eine Internetverbindung
benötigen, um gewisse Elemente und
Funktionen nutzen zu können. Das
sollte aber niemanden verwundern.
Denn im Bereich der Smartphones
sind wir schon längst in einer vernetz-
ten Welt angelangt.
Dieses
Videospielbild
gehört bald der
Vergangenheit an.
Reuiers
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 SPIELZEUG 29
MEHR TECH
DI EPRESSE. COM/TECH
C
o
p
y
r
ig
h
t
:
P
h
ilip
p
H
ü
b
n
e
r
,
w
w
w
.p
u
z
z
le
p
h
il.c
o
m
9x 1-
5+

3 2 1
1 3 2
2 1 3
4 2
2 4
5 2
2 3
2
1
1
3
2
2
2 2
3 1
1 2
20 30 10
10 20 30
30 10 20
2 3 3 2 1
3 4 2 2 2
2 1 2 2
2 2
5 3 2 2
3 2 6 3
4 4 3
5 5 3 3
3 4 4 2 4 3
2 1
4 4
4 3 1 3 2
1 3 4 4 2
4 3 3 2
3
2
4
2
4
1
2
3
1
2
3 1
2 2
1 3
2 4
3 2
18+ 6+ 3- 5+
1-
3÷ 13+ 7+
20x 6+
6x 90x 40x

I MP R E S S U M
Zu einfach? Zu schwierig?
Anregungen zur Rätselseite:
Georg Renner
georg.renner@diepresse.com
Lösung der Vorwoche:
DIE FRAGE
ZUM
SONNTAG
Herren der Ringe: Wie
viele Mitglieder hat
das mächtige Inter-
nationale
Olympische
Komitee?
Lösung der Vorwoche:
APA
KULT-QUIZ
Am16. Juni 1973, vor
genau 40 Jahren, kam
zumersten Mal die
Rocky Horror Show
auf die Bühne.
Wo?
New York
London
San Francisco
Kendoku: Tragen Sie die Zahlen 1 bis 6 so ein, dass jede Zahl
in jeder Spalte und jeder Reihe ein Mal vorkommt. Alle Zahlen
müssen in ihrem dick eingerahmten Bereich die klein gedruck-
te Zahl oben links ergeben, wenn sie der angeführten Rechen-
operation unterworfen werden (vgl. Beispiellösung links).
Hashiwokakero: Die Zahl in einer „Insel“ gibt an, wie viele
Brücken waag- oder senkrecht zu Nachbarinseln verlaufen.
Zwischen zwei Inseln gibt es maximal zwei Brücken, Brücken
dürfen sich nie kreuzen. Am Ende müssen alle Inseln
verbunden sein (vgl. Lösung links).
Skyline:
In jeder Zeile und jeder Spalte stehen 5 Hochhäuser – 10, 20,
30, 40 und 50 Etagen hoch. Die Zahlen am Rand geben an,
wie viele Hochhäuser man sieht, wenn man von diesem
Punkt in die Zeile oder Spalte schaut.
KENDOKU HASHIWOKAKERO SKYLINE
30 SPIEL 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
5-Minuten-Krimi
LÖSEN SIE DEN FALL
WER WAR DER VANDALE?
Die Blumenbeete glichen einem Schlachtfeld. Die
Blüten waren niedergetrampelt oder gleich die
Pflanzen ausgerissen worden. VON ERNST SCHMI D
Pollenattacke
B
eck schlug gerade die „Presse
am Sonntag“ auf, um sich den
neuesten Rätselkrimi von Ha-
rald Mini zu Gemüte zu füh-
ren, da läutete das Telefon. „Kurt, du
musst sofort kommen! Es ist etwas
Furchtbares passiert.“ Als er die Stimme
seiner Tante hörte, verdrehte er genervt
die Augen. Vorbei war es mit der Sonn-
tagsruhe. „Ist dir wieder etwas abhan-
dengekommen?“, fragte er scheinheilig.
Erst vor zwei Wochen hatte ihn seine
Tante wegen eines Diebstahls zu sich
gerufen. Angeblich war ihr eine wert-
volle Kette gestohlen worden. Nach
stundenlanger Suche war ihr plötzlich
eingefallen, dass sie diese zum Juwelier
gebracht hatte.
„Viel schlimmer! Hier ist ein Ver-
brechen verübt worden. Du musst den
Täter unbedingt ausforschen.“ Am
liebsten hätte Beck sie an die Beamten
von der Bereitschaft verwiesen, aber
das konnte er seinen Kollegen nicht an-
tun. Außerdem wollte er es sich mit der
Tante nicht verscherzen. Also fügte er
sich in sein Schicksal und machte sich
auf den Weg zu ihr. Eine Viertelstunde
später stellte er den Wagen vor ihrem
Wohnhaus ab. Seine Tante stand mit
einer Frau im Garten. Als sie ihn er-
blickte, rannte sie zu ihm und zerrte ihn
hinter das Haus. Dort bot sich ihm ein
Bild der Verwüstung. Die Blumenbeete
glichen einem Schlachtfeld. Die Blüten
waren entweder niedergetrampelt oder
gleich die Pflanze samt der Wurzel aus-
gerissen worden.
„Die arme Frau Holz hat die Blu-
men erst gestern eingesetzt. Und dann
das . . .“ „Ich habe die Beete extra hier
angelegt, damit die Blumen niemanden
stören.“ Sie zeigte auf das Haus. „Hier
gibt es nämlich keine Fenster.“ Beck
verstand zwar nicht, warumdie Blumen
jemanden stören sollten, aber seiner
Meinung nach tat das nichts zur Sache.
„Wenn ihr mich fragt, waren das Ju-
gendliche, die nicht gewusst haben, was
sie mit ihrer Zeit anfangen sollen.“ „Si-
cher nicht!“, echauffierte sich seine Tan-
te. „Das Gartentor ist in der Nacht im-
mer zugesperrt. Das muss jemand aus
dem Haus gewesen sein.“ „Wie ich dich
kenne, hast du auch schon einen Ver-
dacht.“ „Und ob! Da wäre einmal, die
Walz aus dem zweiten Stock. Die kann
nämlich Blumen nicht ausstehen. Dann
der Wurzer, der alte Griesgram. Der
würde am liebsten den Garten zubeto-
nieren. Besonders verdächtig ist jedoch
das junge Paar, das vor einem halben
Jahr eingezogen ist. Die beiden sind auf
Frau Holz nicht gut zu sprechen, weil
sie vor ein paar Tagen die Polizei wegen
nächtlicher Ruhestörung angerufen hat.
Du musst alle verhören.“ „Aber nur,
wenn du inzwischen hier wartest!“ Al-
lein der Gedanke, dass ihm seine Tante
bei der Befragung zur Seite stand, trieb
ihmdie Schweißperlen auf die Stirn.
Er läutete bei den neuen Mietern im
Erdgeschoß. Eine junge Frau öffnete die
Tür. Auf einer Kommode im Flur stand
eine Vase mit Blumen, die jenen glichen,
die im Garten ausgerissen worden wa-
ren. „Einen schönen Blumenstrauß ha-
ben Sie da.“ „Den hat mir mein Freund
gestern Abend mitgebracht. Als Wieder-
gutmachung. Er hat mich nämlich ver-
setzt.“ „Ist Ihr Freund zu Hause?“ „Wa-
rumfragen Sie? Hat er etwas angestellt?“
Beck berichtete ihr, was passiert war.
Während er sprach, nahm ihr Gesicht
einen ärgerlichen Ausdruck an. „So ein
Betrüger! Ich habe gedacht, er hat sie für
mich gekauft. Willi, komm auf der Stelle
zu mir!“ Ein junger Mann trat in den
Flur. „Willi! Irgendjemand hat die Blu-
men im Garten ausgerissen. Warst du
das etwa?“ Er sah sie schuldbewusst an.
„So etwas würde ich nie machen.“ „Und
wo hast du die Blumen her?“ „Aus dem
Garten“, gab er zu. „Als ich nach Hause
gekommenbin, sind überall Blumen he-
rumgelegen, da dachte ich, ich nehme
einenStrauß für dichmit.“
Beck beschloss, später noch einmal
allein mit dem Mann zu sprechen. In
Gegenwart seiner Freundin würde er
nie zugeben, dass er etwas angestellt
hatte. Als Nächstes läutete er bei Rita
Walz. Eine Blondine Mitte dreißig öff-
nete die Tür. Ihre Augen waren zuge-
schwollen, die Nase gerötet wie eine
überreife Tomate. Anstelle einer Begrü-
ßung nieste sie dreimal. „Kommen Sie
schnell herein“, keuchte sie, „sonst er-
sticke ich noch!“ Als Beck sie fragend
anblickte, schniefte sie: „Pollenallergie!
Zurzeit ist es besonders schlimm. Ich
bin am Freitag nach der Arbeit sofort
nach Hause geeilt und habe seither die
Wohnung nicht mehr verlassen. Was
kann ich eigentlich für Sie tun?“ Beck
nannte ihr den Grund seines Kom-
mens. „Das tut mir aber leid“, schnaufte
sie. „Frau Holz gibt sich immer so viel
Mühe mit den Beeten. Wissen Sie, ich
mag Blumen, aber augenblicklich treibt
mir allein der Gedanke daran Tränen in
die Augen.“ Wie zur Bestätigung nieste
sie herzhaft. „Besonders schade ist es
um die gelben Ranunkeln, die sie heuer
gepflanzt hat. Das sind meine Lieblings-
blumen.“ Sie wies auf einen Plastikblu-
menstrauß hinter sich. „Allerdings kann
ich sie im Frühling nur in dieser Form
genießen. Ich bin sicher, das war der
Wurzer, demtraue ich alles zu.“
Beck begab sich in den dritten
Stock. Ein Mann öffnete die Tür, neben
ihm wedelte ein kleiner Hund mit dem
Schwanz. Herr Wurzer wies die glei-
chen Symptome wie Frau Walz auf.
„Kommen Sie mir nicht zu nahe!“, rö-
chelte er. „Sie sind sicher mit Pollen
kontaminiert.“ Beck trat zwei Schritte
zurück und erläuterte ihm, warum er
hier war. „Recht geschieht ihr! Zubeto-
nieren sollte man das Ding, dann hätten
Carlo und ich endlich Ruhe. Voriges
Jahr hat sie mich nämlich bei der Haus-
verwaltung angezeigt, weil mein Hund
angeblich immer Häufchen in ihre Bee-
te macht.“ „Und um das zu vermeiden,
haben Sie die Blumen zertrampelt.“
„Das hätte ich gern, aber dann läge ich
jetzt mit einem Allergieschock dort un-
ten. Wegen der paar Blumen riskiere ich
doch nicht meine Gesundheit. Wenn
Sie keine Fragen mehr haben, würde
ich mich gerne wieder in meine Woh-
nung zurückziehen und nicht weiter der
Kontamination aussetzen.“
Nachdenklich ging Beck nach un-
ten. Höchstwahrscheinlich waren doch
Jugendliche für dieses Blumenmassaker
verantwortlich. Als er ins Freie trat,
musste er niesen. Plötzlich wusste er,
wer der Täter war.
Wer hat die Blumenbeete zerstört?
DI E KRI MI SERI E
ZUM NACHLESEN:
DI EPRESSE. COM/
KRI MI
DER AUTOR
Ernst Schmid
ist Hauptschullehrer
in Linz und hat bereits
zahlreiche Gedicht-
bände und Kriminal-
romane veröffentlicht,
zuletzt „Kalt machen“
(Thriller, 2011) und
„Mord im Himmel-
reich“ (Kriminal-
roman, 2011).
krimiautoren.at
www.krimiautoren.at
Lösung der vergangenen Woche:
K
r
e
u
z
w
o
r
t
r
ä
t
s
e
l:
R
e
d
m
a
z
e
C
o
p
y
r
ig
h
t
:
P
h
ilip
p
H
ü
b
n
e
r
,
w
w
w
.p
u
z
z
le
p
h
il.c
o
m
Die Lösungen aller
Rätsel finden Sie
jeweils in der folgen-
den Woche hier
oder ab Dienstag auf:
www.diepresse.com/
loesungen
3- 4÷ 3- 8+
6÷ 6+
12+ 18x 100x 36x
6+
13+ 1- 48x
2 1 4 6 3 5
5 6 1 3 2 4
4 3 6 5 1 2
6 2 5 1 4 3
1 4 3 2 5 6
3 5 2 4 6 1
3 5 4 2
2 4 3 1 1
2 2 1
1 2 3
2 4 5 6 3 2
5 3 3 2 2 4
1 5 4
3 3 3 5
2 1 5 4
2 5 5 1
2 7 4 3
4 3 5 2
2 4 4 2 2
2
2
3
2
1
4
5
1
2
2
3 2
1 5
2 4
3 1
2 2
20 30 50 10 40
50 40 30 20 10
10 50 40 30 20
30 10 20 40 50
40 20 10 50 30
1 6 3 8 9 2 7 5 4
4 2 9 7 1 5 6 3 8
7 8 5 6 4 3 9 1 2
5 4 7 9 2 1 3 8 6
8 1 2 4 3 6 5 7 9
9 3 6 5 8 7 2 4 1
3 7 8 1 6 9 4 2 5
6 5 1 2 7 4 8 9 3
2 9 4 3 5 8 1 6 7
2
1
3
1
3
2 1 3 0 4 6 5 4 3 8 9 1 7 2
9 1 3 2 7 4 6 5 8
2 8 7 1 6 5 3 9 4
1 6 9 7 4 2 8 3 5
3 4 5 8 1 6 9 2 7
8 7 2 9 5 3 4 1 6
7 3 6 5 9 8 2 4 1
4 9 1 6 2 7 5 8 3
5 2 8 4 3 1 7 6 9
6
0
1
1
2
1
2
1
4
1
3 1 2 2 2 1 1 3 3 1
4 8 2
9 3 7 1
5 3
1 2
7 5 6
6 9
9 4
8 5 7 3
9 7 8
F
Ü
R
K
I
N
D
E
R
Kendoku
Hashiwokakero
Skyline
Battleships
Sudoku Nr. 3074
Waagrecht
5 Nach dem Tage dieser Ausgabe empfinden ihn viele als
besondere Plage.
13 Weshalb Kassandra rief: „In ihm läuft gründlich etwas schief!“
14 Ein Ding der Unmöglichkeit, dass sich ein Individuum auf zwei
gleichzeitig verteilt?
15 In John Paul Youngs Hit vermischt die Liebe sich damit.
16 Ist, vom ursprünglichen Kontext befreit, nicht nur harte Land-
arbeit.
17 Lorteai und Npaleis sind ihre vertikal angrenzenden
(spätestens, wenn Sie dieses Rätsel korrekt beenden).
18 Mit Schieles Worten: „Den Künstler ... ist ein Verbrechen, es
heißt keimendes Leben morden!“
19 So war Clint als namenloser Reiter – beim Pentathlon ging’s
damit nach dem Speerwurf weiter.
21 in Egons Spruch steht es schon da – mit ihm wird 11 senkrecht
zum Vaterlandsfanatiker.
22 Liberale im Misch: Das Ergebnis ist verlässlich.
24 Amimaloche.
26 Womit sich Hotlines rumschlagen, weil Anrufer mutmaßliche
Mängel plagen.
29 Können Sie etwa verzeihen, wenn Missetäter keine zeigen?
30 Von Kleists Vergleich: „Den wir mit unsers Lebens Gefahr
erretteten, der ist uns teuer, so wie dem Araber der teuer ist, dem
er ein Stück von seinem ... gab.“
31 Colonel Nicholson sollte ihn überbrücken, unter Japaner-
Schikane und Dschungeltücken.
32 Wie 3 senkrecht werden kann, in starker Emotionen Bann.
33 Tiroler Kennzeichen in Pendelzeiten.
Senkrecht
1 Hort der Wellnässe, auch vorteilhaft für die Gefäße.
2 Manch ein Topf träumt heute gerne, dass er „dort“ trotz großer
Ferne, seinen Deckel kennenlerne.
3 Lorenz’ Forschungsgegenstand – das des Gentlemans ist meist
galant.
4 Nach immer höheren zu streben: Kann das dem Leben immer
neue Sinne geben?
5 Was wahrscheinlich jeder denkt, der seinen Blick auf die
Dispozinsen lenkt.
6 Klingt vertrackt: Trick ist einer, der bei dem seinen wiederholt
nach Talern fragt.
7 Kann prinzipiell einen Nobelpreis erhalten, und im 24
waagerecht mengen und spalten.
8 Mit die oder der vermisst ein deckelloser Topf sie sehr.
9 Gut – ihn als Schein zu bekommen, doch vom Discounter wird
er oft nicht mitgenommen.
10 Spaß in Stringtangas? Gab nicht nur mit San Andreas zu
Gewaltkritiken Anlass.
11 Bundesbezüglich – fast gänzlich mit 32 waagrechtem Ende
identisch.
12 Für diesen Stimulus manch Genieser in die Sonne gucken oder
Pulver konsumieren muss.
19 Dessen Art der Liebe befriedigt eher philosophische Triebe.
20 Dieser Kläfferin folgte später Gagarin.
23 Was Dr. Schultz trug – als Soul Patch stand er Zappa gut.
25 Tückische Schale: Wer naiv nach ihren Früchten fischt, wird oft
vom Kater kalt erwischt.
27 Beendet das die Sorgen? Einer für den Süden, einer für den
Norden?
28 Wie endet das Zitat, von Ludwig über sich, den Staat?
ELEFANTENTOUR
Vergnügt radeln diese Dickhäuter durch die Gegend.
Zu welchem der fünf sportlichen Duos passt das
Schattenbild links oben?
ZERLEGTER FISCH
Suche die acht Puzzleteile, die den Fisch in der
Mitte ergeben. Die Buchstaben, von oben nach unten
gelesen, ergeben einen Raubfisch.
FALTSCHACHTELN
Welche der sieben kleinen Behältnisse ist aus
dem Netz entstanden? Vergleiche die roten Kugeln
und die grünen Stiele.
BATTLESHIP
Battleship: Verteilen Sie die Schiffe, die rechts und unterhalb
des Rasters aufgelistet sind. Die Schiffe dürfen einander nicht
berühren, auch nicht an den Ecken. Die Zahlen geben an, wie
viele Schiffsteile in der jeweiligen Zeile bzw. Spalte sind
(vgl. Lösung links).
Sudoku: Füllen Sie das Diagramm so aus, dass in jeder Zeile,
in jeder Spalte und in jedem der neun 3 x 3-Quadrate jede
Ziffer von 1 bis 9 genau ein Mal vorkommt.
Weitere Sudokus aller Schwierigkeitsgrade finden Sie unter
diepresse.com/sudoku.
SUDOKU KNIFFLIG Nr. 3082
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 SPIEL 31
Lösung der
Kinderrätsel
der Vorwoche:
K R E U Z WOR T R ÄT S E L AENIGMANIE

-
215 Lösung Kreuzworträtsel der vergangenen Woche:
B
Ü
C
H
E
R
B
O
A
R
D
S
O
N
G
Z
U
M
S
O
N
N
T
A
G
MEHR BÜCHER
DI EPRESSE. COM/LI TERATUR
B E S P R OC H E N
Präzisewiedie
Schweizer Uhr
Vergewaltigungsvorwurf
gegen Swisscoy-Soldaten im
Kosovo: Petra Ivanov liefert
mit »Tatverdacht« weit mehr
als die handelsübliche
Kriminalromanware.
Schon das Rundherumdes
Falls ist außergewöhnlich: Der
Schweizer Soldat Fabian
Zaugg, imCamp Casablanca
imKosovo stationiert, steht
unter Verdacht, eine Kosova-
rin in seinemWohncontainer
vergewaltigt zu haben.
Ein Duo soll Licht in die
Causa bringen, beauftragt
wurde es von der Schwester
des Beschuldigten. Das „Er-
mittler“-Paar haucht dem
Krimi der Schweizer Autorin
Petra Ivanov viel Leben ein: Da
ist der kosovostämmige An-
walt Pal Palushi, der in der
Schweiz Karriere macht. Der
Verteidiger holt sich Hilfe von
der eigensinnigen Expolizistin
Jasmin Meyer. Sie ist nicht nur
seine Exfreundin, sondern war
einmal monatelang in der
Hand eines Psychopathen.
Ivanov zeichnet vor allem
ein detailliertes Bild des bru-
tal-patriachalischen Umfelds
des Opfers Besarta Sinani im
Kosovo und der gesellschaft-
lichen Widersprüche in einem
Land imAuf- und Umbruch.
Als bedrückend schildert die
Autorin das familiäre Schicksal
der jungen Frau, die die An-
zeige wegen Vergewaltigung
erstattet hat. Die jeweils in
kurzen Einschüben einge-
flochtenen Aussagen der
Swisscoy-Camp-Kameraden
runden das Bild von Zaugg ab.
Nach und nach wird bei
den Nachforschungen deut-
lich, dass es in demFall um
mehr geht als umden Verge-
waltigungsvorwurf. Genau da
bringt die Autorin aus Zürich,
die auch als Übersetzerin tätig
war, ihre Stärke ein, die ihren
Kriminalroman nicht nur vom
Schauplatz her von vielen
anderen abhebt: Sie schreibt
präzise wie das sprichwört-
liche Schweizer Uhrwerk. ett
Petra Ivanov: „Tatverdacht“, Uni-
onsverlag, 475 Seiten, 13,95 Euro.
Furznicht auf denFührer!
Roman aus Syrien. Am unaktuellsten wirken Bücher, die die Aktualität
knapp verpassen. Wie Nihad Siris’ (im Original 2004 erschienener)
Roman, der das Ringen eines jungen Autors mit einer – von keiner
Revolution gefährdeten – Diktatur schildert. Seit der Ich-Erzähler in
Rage „Ich furz auf die Partei“ gerufen hat, steht er unter Schreibverbot.
Das Land wird nie genannt, der Staatschef schlicht „Führer“ (was man
in einer deutschen Übersetzung anders hätte lösen sollen), aber das
Vorbild ist klar. Die besten Momente der Geschichte sind die gewollt
grotesken, manches wirkt aber sehr an den Haaren herbeigezogen. hd
Nihad Siris: „Ali Hassans Intrige“, übersetzt von Regina Karachouli, Lenos Verlag, 174 Seiten, 12,50 Euro.
Das Geheimnis der Waffenkammer
New-York-Thriller. Nur wenige Minuten, nachdem sein Partner getötet
wurde, entdeckt der New Yorker Detective Tallow einen mit High-Tech-
Systemen gesicherten Raum. Darin befinden sich hunderte Schusswaffen.
Mit jeder wurde ein Mensch ermordet. Der renommierte Graphic Novelist
Warren Ellis konterkariert mit seiner wilden, grotesken Geschichte das
manchmal allzu ernste Serienkiller-Genre. Er serviert einen blut-
durchtränkten, schrillen Thriller, der aber auch mit stillen Momenten
aufwartet. Das liest sich bizarr und realistisch zugleich. „Gun Machine“
nimmt sich nicht ernst, ist aber ernst zu nehmende Kriminalliteratur. phu
Warren Ellis: „Gun Machine“, übersetzt von Ulrich Thiele, Heyne, 383 Seiten, 9,30 Euro.
DI EPRESSE.COM/MUSI K
AndrewWyatt aus
NewYork ist Sänger
der schwedischen
Elektropop-Band
Miike Snow. Auf
seinemersten
Soloalbum
„Descender“
begleitet ihn ein
großes Orchester.
AmEndebleibt Freundschaft
AndrewWyatt: „There Is A Spring“. „Symphonic Rock“ gilt zu
Recht als Wort des Schreckens: Die Zusammenarbeit von Pop-
musikern mit Orchestern war nur in wenigen Ausnahmefällen
ästhetisch erfolgreich. Dies ist so ein Ausnahmefall: Andrew Wyatt
ist mit seinem zart an Phil Collins erinnernden nasalen Timbre ein
Sänger, der seine Stimme höchst bewusst einsetzt. Genauso
bewusst setzt er die Prager Philharmoniker ein: An einen Gral habe
er geglaubt, singt er für eine Adina, ganz neue Dinge gefühlt, jetzt
sei er bereit, dafür zu sterben. Feierliche Streicher antworten ihm,
es glimmen die Flöten. Dann kommt es anders: „Now I have to live
with it“, eine harsche Akkordprogression, die tatsächlich an späten
Wagner erinnert, stellt die Zuversicht infrage. Ein Klavier führt zur
feierlichen, von Glocken begleiteten Erklärung: „I’ll be here as a
friend, I never meant to make you cry.“ Eine Art Fanfarenmotiv
steht am Ende dieses Endspiels einer Liebe. T HOMAS KRAMAR
Den Song der Woche küren allwöchentlich
Thomas Kramar („Die Presse“) und Philipp
L’Heritier (Radio FM4). Zu hören ist er am
Sonntag zwischen 19 Uhr und 21 Uhr auf FM4. Weitere
Infos auf www.diepresse.com/songderwoche und
fm4.ORF.at.
NEU
ERSCHIENEN
Nellja Veremej
„Berlin liegt im
Osten“
Jung und Jung
318 Seiten
22 Euro
ImZickzackdurchs Leben
Zwischen Ost und West: Nellja Veremej springt in ihrem Roman von einer Kindheit in der
Sowjetunion in die urbane Gegenwart Berlins. Eine überraschende Erzählerin. VON J UT TA S OMME RBAUE R
D
as Land, in dem Nellja Ver-
emej geboren wurde, gibt es
nicht mehr. Es ist von der
Erdoberfläche verschwun-
den, überdeckt von neuen Erdschich-
ten wie nach einer Verschiebung tekto-
nischer Platten. Nicht nur das Land ist
verschollen; mit ihm auch seine Sym-
bole, seine Werte, seine Produkte und
schließlich auch seine Bewohner, die
Sowjetmenschen.
Doch stimmt das wirklich? Die In-
signien des Staates und seine Ideologie
gibt es nicht mehr; und noch weniger
seine Würde und seine Würdenträger.
Doch Menschen können nicht unter-
gehen. Sie leben weiter auf dieser Erde,
Millionen ehemalige Sowjetbürger,
auch wenn sich nur mehr wenige mit
Stolz so bezeichnen. Trotz des Unter-
gangs des sowjetischen Imperiums ist
eines nicht untergegangen: die Erinne-
rung an das, was einmal war. Und die
ist meistens, was dieser Staat, dessen
Fetisch das Kollektiv und die „histori-
sche Bestimmung“ waren, nicht zur
Kenntnis nehmen wollte: die Erinne-
rung an das eigene, individuelle Leben.
Die Erinnerung macht Nellja Ver-
emej in ihrem Romandebüt zum Aus-
gangspunkt des Erzählens. Sie erzählt
in einer schöpferischen, treffsicheren
Sprache und einem erfrischend unnos-
talgischen Tonfall von einer (vermut-
lich: ihrer) Kindheit, vom Kleinen im
Großen, vom Persönlichen im Riesen-
reich. Für die Leute imWesten „war das
Leben hinter dem Eisernen Vorhang
entweder verbrecherisch, miserabel
oder anekdotisch ulkig. Für uns ist es
imRückblick auch so, aber es war unser
Leben, und nicht ihres“.
Gelandet am Alex in Berlin. Veremej
hat ihren Roman, der bei Jung und
Jung erschienen ist, „Berlin liegt im
Osten“ genannt. Berlin ist die Stadt ih-
res Erwachsenenlebens; hier ist sie ge-
landet, nachdem sie die Sowjetunion,
die damals Anfang der Neunziger
schon nur noch Russland war, verlas-
sen hat. In ihren Streifzügen durch die
eigene Biografie wandert Veremej zwi-
schen dem Damals und dem Heute,
verknüpft geschickt Zeit- und Hand-
lungsebenen und schafft überraschen-
de Übergänge.
Da ist der Alexanderplatz, Sinnbild
„ihres“ Berlin, den sie tagtäglich über-
quert. Da sind ihre Berliner Familie
und Freunde, Russen und Angehörige
aller möglichen Nationen, die sich – so
gut es eben geht – im neuen Leben ein-
gerichtet haben. Da ist ihr aufreibender
und wenig glamouröser Alltag als Al-
tenpflegerin – in dem manchmal magi-
sche Momente geschehen: etwa die
Bekanntschaft mit Herrn Seitz, einem
alten Mann, mit dem sich, so ganz un-
professionell, durch den Roman hin-
durch eine zarte Liebesgeschichte ent-
spinnt.
Aber da sind auch die ständigen
Erinnerungen an das Leben davor: an
die Kindheit in einer sibirischen Stadt
weit im Osten der Sowjetunion. An das
spätere Heranwachsen in einer Stadt
im russischen Nordkaukasus, als die
junge Lena Bücher lieben lernt. Die Be-
suche in der Bibliothek eines Fleisch-
kombinats sind eine Flucht aus dem
stupiden, monotonen Alltag. Später
dann Studium in Leningrad, wo das
junge Mädchen zwischen „Perestroika-
partymarathon“ und „chronischem
Kater“ aus Antriebslosigkeit schwankt.
Die junge Lena verliebt sich, ihre Toch-
ter Marina wird geboren. Doch die
überschwängliche Liebe zum unbe-
ständigen Schura hält nicht.
Bausteine des Lebens. Erinnerung ist
bei Veremej nicht berauschend, be-
schwerlich oder trügerisch. Sie ist ein-
fach da: Bestandteil unserer selbst,
Baustein des Lebens.
Indem die Autorin diese Teile zer-
legt und wieder zusammenfügt, macht
sie die Bausteine des Biografischen
sichtbar; den Leerlauf, die überra-
schenden Wendungen, die traurigen,
die schönen Augenblicke. Veremej hat
es vielleicht gar nicht beabsichtigt, aber
sie hat ein sehr tröstliches Buch über
das Leben geschrieben.
32 LESENHÖREN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Buch der
Erinnerungen:
Nellja Veremej über
ein Leben zwischen
Ost und West.
Jung und Jung
»MögenSiejungeMenschen?«
Eine Tochter, die in der Schule leidet, die das Gefühl hat, dass ihre Lehrerin sie nicht mag – und auch die
anderen Schüler nicht. Ein Brief an die Direktorin als Hilferuf eines Vaters. VON OL I VE R L E HMANN
S
ehr geehrte Frau Direktorin,
anderntags habe ich mit mei-
ner Tochter Mathematik geübt.
Keine große Sache. Meine
Tochter hat die Erklärungen der Lehre-
rin zu Prozentrechnungen nicht ganz
nachvollziehen können. Also hat sie
mich gebeten, den Stoff noch einmal
mit ihr durchzuarbeiten. Ich hab mir
das Übungsbuch angesehen, sie hat
einen Block aus dem Rucksack hervor-
gekramt, drei Blätter abgerissen, an Ort
und Stelle fallen lassen und sich an den
Küchentisch gesetzt. Wir sind den Stoff
durchgegangen, haben gemeinsam
drei Beispiele gerechnet. Dann hat sie
gemault, weil sie noch ein paar Bei-
spiele allein rechnen sollte, weswegen
wir uns auf einen Kompromiss geeinigt
haben und sie versprochen hat, die
restlichen Beispiele tags darauf zu
rechnen. Dann war sie fertig, und wir
sind ein Eis essen gegangen.
Später habe ich die drei abgerisse-
nen Blätter aufgehoben. Auf dem ers-
ten waren sehr schöne Skizzen von Au-
gen. Ob eigens für den Zeichenunter-
richt oder aus Spaß an der Freude „nur
so“ gemacht, kann ich nicht beurteilen.
Macht auch nichts. Auf dem zweiten
Blatt waren elf Sätze in unterschiedli-
chen Handschriften.
Klagen über die Lehrerin. Die meisten
Sätze beginnen mit „Sie“ und werden
fortgesetzt mit Klagen wie „schreit uns
immer an“, „akzeptiert unsere Mei-
nung nicht“, „kann nicht mit Kindern
umgehen“. Auf dem dritten Blatt sind
zehn Unterschriften. Zwei Schülerin-
nen haben mit „Anonym“ gezeichnet.
Die Klagen – das erschließt sich aus
dem Inhalt – betreffen das Verhalten
ihrer Klassenvorständin Mag. M.
Die Klagen betreffen wie oben be-
schrieben ihr Verhalten, organisatori-
sche Schwierigkeiten („Tauscht Klas-
senstunde u. Englisch“) und den Man-
gel an Verständnis für die Anliegen der
Kinder („Sie macht keine Ausflüge mit
uns“). Sie, Frau Direktorin, werden als
erfahrene Schulleiterin und Pädagogin
anführen können, dass es sich dabei
eben um die alltäglichen Schwierigkei-
ten im Schulbetrieb handle. Manches
sei nicht zu ändern (wie die Organisa-
tion von Ausflügen), manches für die
Schüler eben nicht immer nachvoll-
ziehbar (wie der Tausch von Unter-
richtsstunden).
Selbstverständlich werden Sie auch
konzedieren, dass es nicht angeht,
wenn Lehrer Schüler anschreien. Sie
werden ankündigen, mit der Kollegin
zu reden und auf sie einzuwirken.
Möglicherweise werden Sie darauf hin-
weisen, dass der Beginn der Pubertät
ein nicht ganz einfaches Alter sei – für
alle Beteiligten. Und Sie werden schon
recht haben.
Man kann über alles reden, werden
Sie sagen. Also gut. Ich habe meine
Termine bei der Klassenvorständin
und bei Ihnen absolviert. Ich habe die
Klassenvorständin erlebt, wie sie sich
eine zweite, in der Sache nicht befasste
Kollegin mitgenommen hat, damit sie
in ihrer als Patzigkeit zum Ausdruck
gebrachten Panik vor dem Gespräch
nicht allein ist. Ich habe an einem El-
ternabend teilgenommen, der von dem
unermüdlichen Elternsprecher unter
immensen Schwierigkeiten organisiert
erst sechs (!) Monate nach Schulbeginn
abgehalten werden konnte, weil sich
die Klassenvorständin erst darauf be-
rief, dass ein Klassenabend nur alle
zwei Jahre abzuhalten sei und dann
lange keinen Termin finden konnte.
Bei diesem Klassenabend drohte die
Klassenvorständin den Raum sofort zu
verlassen, sollte noch eine kritische
Frage gestellt werden. Ihre Kollegen
blickten betreten zur Seite.
Doch blenden wir mein Verhältnis,
meine Schwierigkeiten mit Frau Mag.
M. aus. Es geht hier nicht um mich. Ich
bitte Sie aber, sich einen Moment lang
zu überlegen, wie groß die Frustration
dieser Schüler ist, dass sie sich die
Mühe machen, sich hinzusetzen und
diese Klagen gemeinsam zu verfassen,
wie stark das Leid ist, dass sie sich ge-
genseitig dabei unterstützen, diese Fru-
stration zum Ausdruck zu bringen, wie
mächtig die Ohnmacht ist, wenn sie
dann bemerken, dass sie damit doch
nichts ausrichten können. Alles ist sinn-
voller, als sich wegen einer Klassenvor-
ständin solche Gedanken machen zu
müssen. Wie gut könnte die Zeit ge-
nutzt werden! Etwa für unendlich aus-
drucksstarke Skizzen von Augen.
Und sagen Sie mir bitte jetzt nicht,
wie bedauerlich das sei, aber immerhin
würden die Schüler bei der Auseinan-
dersetzung mit Frau Mag. M. lernen,
sich zu organisieren, ihre Anliegen aus-
zudrücken und mit Widerständen um-
zugehen. Es ist dies die armseligste und
feigste Aussage, die mir von Lehrern
(auch Ihrer Schule) in der nun zwölf-
jährigen Schulkarriere meiner Kinder
untergekommen ist.
Die Aussage ist perfide, weil sie
Sympathie für die Schüler heuchelt.
„Wir verstehen euch ja!“, scheinen die-
se Lehrer zu sagen, die sich selbst gern
als „engagiert“ bezeichnen. Was sie
nicht sagen ist: „Aber findet euch da-
mit ab, so wie wir uns mit unfähigen
Kollegen, desinteressierten Vorgesetz-
ten, einer selbstbezogenen Personal-
vertretung und einemerstarrten Schul-
system abgefunden haben.“ Die Aussa-
ge ist der Versuch, eine Komplizen-
schaft im Versagen herzustellen, die
Aufforderung zur Resignation, die
Rechtfertigung der Kleinmut, die Ver-
herrlichung der Fügsamkeit. Wie wirk-
sam dieses Gift der Entmutigung wirkt,
können Sie daran ermessen, dass zwei
Schülerinnen mit „Anonym“ unter-
schrieben haben. Die beiden beginnen
sich schon zu fügen.
Organisatorische Unzulänglichkeiten.
Sie werden sich also den Satz der
heuchlerischen Sympathie sparen und
mit der in Ihrer Funktion zweifellos an-
gebrachten Gelassenheit anmerken,
immerhin sei ja das Schuljahr bald vor-
bei. Nach Notenschluss werde sich al-
les beruhigen, dann werde es auch
Ausflüge geben, werde sich die Stim-
mung entspannen. Und dann kommen
ja eh die großen Ferien. Ja eh. Und wis-
sen Sie was? Ich würde Ihnen so un-
endlich gern zustimmen. Ich will mich
als Vater nicht mit organisatorischen
Unzulänglichkeiten herumschlagen
(davon habe ich selbst genug auf La-
ger). Ich weiß bei Gott, wie unendlich
nervig Jugendliche sind, die den Will-
kürlichkeiten der unausgegorenen Bio-
chemie in ihrem Hirn ausgesetzt sind.
Ich würde mir viel lieber diese wunder-
schönen Augen auf den Skizzenblät-
tern meiner Tochter ansehen. Oder
von mir aus Mathematik mit ihr üben.
Aber da ist noch dieser andere Satz,
zufälligerweise in der Mitte des Blattes,
eingerahmt von den anderen Klagen.
Da steht: „Wir haben alle das Gefühl,
dass sie uns gar nicht mag.“ Der Satz ist
im Kontext des Schul- und Unterrichts-
systems komplett belanglos. Er stellt
bloß eine Behauptung auf, liefert keine
Begründung, argumentiert rein emotio-
nal. Der Satz ist in dem Personalakt
einer Lehrerin völlig unerheblich. Der
Satz schadet keiner Karriere, weder je-
ner der Lehrerin noch der Vorgesetz-
ten, schon gar nicht der Person, die
über ihren weiteren Berufsweg in der
Schulbürokratie entscheidet. Er stammt
von einer zwölfjährigen Schülerin.
Gift der Entmutigung. Sie ahnen, wo-
rauf ich hinauswill. Der Satz sagt alles.
Er sagt alles über die Traurigkeit der
Schüler und ihren Wunsch, gemocht
zu werden. Er sagt alles über die Ver-
zweiflung, die sie dazu gebracht hat,
gemeinsam etwas zu tun, man kann
auch sagen: solidarisch zu handeln. Er
sagt alles über den Mangel, sich anders
Gehör zu verschaffen. Er sagt alles da-
rüber, wie die Lust am Lernen ausge-
trieben, wie das Gift der Entmutigung
eingeträufelt wird.
Über den Anlass hinaus sagt der
Satz auch viel über die tatsächlichen
oder vermeintlichen Schulreformen
und das Beharrungsvermögen, mit
dem nicht etwa die Reformen, sondern
vorzugsweise gleich die Debatten da-
rüber verzögert, verhindert oder desa-
vouiert werden. Der Satz zieht auch die
vielen löblichen Initiativen in Zweifel,
mit denen Komponenten einer Wis-
sensgesellschaft verfestigt werden sol-
len – in einem Land, das sich eh schon
so schwer tut mit der Würdigung von
Engagement, Individualität, Nonkon-
formismus, Risikobereitschaft und Kri-
tikfähigkeit.
Und der Satz sagt etwas über das
Elend der Klassenvorständin. Was
muss es für ein Gefühl sein, täglich
einer Gruppe von im Großen und Gan-
zen aufgeweckten, gescheiten, lernwil-
ligen, jungen Menschen gegenüberzu-
stehen und zu ahnen: Ich mag sie
nicht, und deswegen mögen sie mich
nicht. Was mache ich falsch? Bin ich
hier richtig?
Und deswegen weiß ich, dass diese
Frage amAnfang der Lehrerausbildung
stehen sollte: „Haben Sie das Gefühl,
dass Sie junge Menschen mögen.“ Ich
würde ihn gern ergänzen um: „. . . und
dass junge Menschen Sie mögen.“
Wer diesen Satz nicht bejahen
kann, ehrlich und auf das Wohl dieser
jungen Menschen bedacht und dann
noch durch ein Propädeutikum bestä-
tigt, sollte sich für eine andere Tätigkeit
ausbilden lassen. Und wer den Beruf
schon ausübt und ihn nicht bejahen
kann, sollte sich nach echter, professio-
neller Hilfe oder letztlich einem ande-
ren Beruf umsehen können. Ohne exis-
tenziellen Druck, aber mit diesem kla-
ren Ziel.
Was ich mir also im Kern wünsche,
ist dies: Meine Tochter möge ganze
Skizzenbücher – gern gemeinsam mit
anderen – mit diesen wunderbaren
Augen vollzeichnen statt Klagen über
ihre Klassenvorständin zu formulieren.
Und von mir aus erkläre ich ihr dann
auch, wie das mit den binomischen
Formeln funktioniert.
Mit freundlichen Grüßen
Oliver Lehmann
DER AUTOR
Oliver Lehmann ist
Wissenschafts-
journalist
(www.oliverlehmann.
at) und Sprecher von
IST Austria.
Privat
Müssen Lehrerinnen
und Lehrer Kinder
mögen?
Peter M. Fisher/Corbis
DIEPRESSE.COM //// 16. Juni 2013
0 LEBEN 33
ERZIEHUNG,
FAMILIE UND
ALLTAG
DER
BESTE
JOAN
ROCA
Mit seinen
Brüdern Josep
und Jordi und
ihrem Lokal El
Celler de Can
Roca darf sich der
Spitzenkoch
Inhaber des
besten
Restaurants der
Welt nennen.
El Cellar de Can Roca
SEITEN 36, 37
DER
SPRINGER
Dominik Raab
ist einer der
besten Trial-
biker der Welt.
Er kann sogar
davon leben.
SEITE 34
DAS
GESUNDE
Manchmal
geht es ohne
Medikamente
auch – mit
gesunden
Lebensmitteln.
SEITE 35
L
e
b
e
n
CLUB-
APPGRADE.
JETZT
NEU!
Einfach die „mobile-pocket“-App
downloaden, Abo-Nummer ein-
geben und Sie haben alle Vorteile
des „Presse“-Clubs immer dabei!
DiePresse.com/mobilepocket
AmHerd
BRANDHEISS UND
HÖCHST PERSÖNLICH
Zwei Sätze, umnervöse Eltern zu beruhigen:
Das ist doch kein Beinbruch. Das ist nur ein
Armbruch!
VON BE T T I NA S T E I NE R
D
u wirst sehen“, sagte mein ehemaliger
Chef zu mir, als ich mit Hannah schwan-
ger war: „Kinder zu erziehen ist nicht
schwer. Wenn sie 18 werden, ohne sich
etwas gebrochen zu haben, hat man es
geschafft.“ Nicht gerade ehrgeizig, dachte ich mir
damals. Für mich aber, stelle ich heute fest, immer
noch zu ambitioniert: Marlene, 10, hat sich den
Arm gebrochen, bei einem Kindergeburtstag. Sie ist
rückwärts von der Hüpfburg gefallen, hat sich mit
den Händen abgestützt, linke Speiche ab, so ist das.
Ich habe weiter Pizza für sechs Teenager geba-
cken, die bei uns zu Gast waren, Stephan ist mit
Marlene ins Spital gefahren, so wie immer, wir ha-
ben nämlich Routine. Unsere Familie landet min-
destens einmal im Jahr in der Ambulanz, ich kann
schon ein Bruch-Ranking aufstellen. Am blödesten:
mein Nasenbeinbruch. Es war schon spät, wir gin-
gen im Laufschritt vom Park nach Hause, ich warf
noch einen Blick zurück, um zu kontrollieren, ob
ich eh nicht schon wieder was vergessen habe – da
steht doch dort glatt ein Verkehrsschild. Direkt vor
meiner Nase! Knacks. Am sportlichsten: Hannahs
Bruch des kleinen Fingers, Ergebnis eines Zusam-
menstoßes mit einem Basketball. Am schnellsten
verheilt: Marlenes Schlüsselbein mit fünf, sie
brauchte nicht einmal einen Gips.
Auch Zähne brechen. Den schlimmsten, aller-
schlimmsten, allerallerschlimmsten Unfall hatte ver-
gangenes Jahr mein Mann: Er setzte sich imFrühling
auf sein eben repariertes Fahrrad, brauste los wie ein
Teenie, verlor in voller Fahrt durch den Wald den
Walkman (bitte, den Walkman!), griff in die Brem-
sen, ohne daran zu denken, dass die gerade ausge-
tauscht worden waren – und flog übers Lenkrad. Um
aufzuzählen, was er sich alles gebrochen hat, ist die
Kolumne zu kurz. Drei Zähne sind auch dabei.
Zu guter Letzt komme ich wieder zu mir zurück,
mit dem am besten getimten Bruch: Am Tag vor der
Abfahrt in den Sommerurlaub sprang ich beim Pa-
cken ` a la Nurejew über eine Tasche und blieb mit
dem großen Zeh in der Schlaufe hängen. Drei Wo-
chen trug ich ausschließlich Flipflops. Dann war al-
les gut (steif war der Zeh eh schon vorher, da war
mir als Kind ein Freund mit Cloggs draufgestiegen).
Warum das immer uns passiert? Ich vermute
eine familiär bedingte Mischung aus Zerstreutheit
(von meiner Seite) und Übermut (die Familie Ei-
bel). Wie immer: Marlene hat jetzt einen schwarzen
Gips, die Farbe kann man sich neuerdings aussu-
chen, es gibt sogar Gips mit Bärentatzen. Ihr einzi-
ger Kummer ist, dass sie ihn im Urlaub tragen
muss. Italien! Erstmals mit Pool! Und dann das.
Den heutigen Morgen habe ich damit zuge-
bracht, zu recherchieren, ob der Dry Pro, ein Was-
serschutz für den Gips, der mit einer Pumpe funk-
tioniert, wirklich etwas taugt.
Ich werde aus demUrlaub berichten.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com diepresse.com/amherd
34 LEBEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Springen als Beruf: Dominik Raab verdient sein Geld mit spektakulären Stunts auf seinemTrialbike. AndrewTonkery
Z U R P E R S ON
DER SPRINGER
Dominik Raab (27), aus Leonding bei
Linz, holte 2003 den Staatsmeister-
titel im Wettkampf-Trial. Heute zählt
der Oberösterreicher zu den besten
und gefragtesten Trialbikern der Welt.
Durch seinen spektakulären Fahrstil in
der Freestyle-Disziplin Street Trial und
seine Internetvideos hat er den
Sprung auf die Profibühne geschafft.
2007 wurde Raab Mitglied des inter-
nationalen Radteams Merida UMF und
reist seither mit seinem Bike für
Shows, Foto- und Videoshootings um
den Globus. Andrew Tonkery
Springer auf zwei Rädern
Dominik Raab zählt zu den weltbesten Trialbikern. Auf seinem Fahrrad verwandelt er
die Stadt zu seinem ganz persönlichen Hindernisparcours. VON T ONI OBE RNDORF E R
A
uf seinemFahrrad kennt er so
gut wie kein unbezwingbares
Hindernis. Er überwindet
meterhohe Wände, landet mit
dem Hinterrad auf dünnen Eisenstan-
gen. Hopst auf ein zentimeterbreites
Brückengeländer und überquert den
Bach in abgefahrener Manier. Dominik
Raab ist Trialbiker.
Besonders sprungfreudig präsen-
tiert sich Raab auf der Internetplatt-
form YouTube im fünfminütigen Video
„Autumn Edit 2010“ – einer Demon-
stration in satter Musikvideo-Optik.
Dem Profi-Radfahrer, der für das inter-
nationale Team United Merida Freeri-
ders im Einsatz ist, gelang mit diesem
Online-Clip der endgültige Durch-
bruch in der Trial-Szene. „Das Beson-
dere an dem Video ist, dass wir alles in
Linz gefilmt haben – und das über
einen Zeitraum von drei Monaten“, er-
zählt Raab. Normalerweise geht er für
derartige Filmaufnahmen „irgendwo-
hin, in eine unbekannte Stadt“, wo ihm
nur knapp zwei Wochen zur Verfügung
stehen. In Linz aber kennt der Leon-
dinger jede Ecke. Also konnte er sich
für „Autumn Edit 2010“ nach Belieben
austoben. „Da haben wir uns richtig
reingehängt.“ Mit „wir“ meint der
27-Jährige auch seinen Freund Tobias,
einen BMX-Fahrer, der in seiner Frei-
zeit zum Kameramann avanciert. Für
den Dreh des spektakulären Videos be-
fand sich Tobias nach einem Unter-
armbruch im Krankenstand und hatte
„jede Menge Zeit“.
Security und Polizei. Genehmigungen
für seine Tricks auf öffentlichen Plät-
zen holt er in der Regel nicht ein. Hüpft
Raab auf einem Hausdach hin und her,
reichen oft mündliche Vereinbarungen
mit den Gebäudeverantwortlichen.
Passanten seien – zumindest in Öster-
reich – größtenteils sehr tolerant. „Als
Radfahrer hat man Vorteile. Ich mache
keinen Lärm und auch nichts kaputt.“
Auf kulturgeschützte Denkmäler wür-
de er ohnehin nicht springen. In Los
Angeles, erzählt Raab, war es bei Vi-
deoaufnahmen dagegen „ziemlich
stressig“. An vielen städtischen Hinder-
nissen musste er seine Tricks spätes-
tens beim zweiten Versuch perfekt hin-
bekommen – andernfalls „rücken sehr
schnell Securities oder Polizei an“.
USA, China, Großbritannien – mit
seinem Trialbike, einem Fahrrad mit
niedriger Rahmenhöhe, kleiner Über-
setzung und geringem Gewicht, tourt
Dominik Raab um den Globus. Bei
Shows, Video- und Fotoshootings ist er
ein weltweit gebuchter Mann. „Es gibt
nicht viele, die vom Trialbiken leben
können. Aber ich kann es.“
Studium auf Eis. Erste Live-Auftritte
zeigte Raab bereits in der Schulzeit,
dann als Zivildiener. „Da hab ich oft
nicht gewusst, ob ich zur nächsten
Show Zeit hab.“ Das Jusstudium legte
Raab auf Eis, die Auftragslage ist zu er-
freulichen Dimensionen angewachsen.
„Für mich passt es gut zurzeit. Aber na-
türlich hab ich noch nicht ausgesorgt.“
Zur Karriere danach: „Das Gute ist,
dass ich durch Events viele Leute ken-
nenlerne. Da werde ich schon irgend-
wo unterkommen.“
Als Entertainer auf zwei Rädern
tourt er von einer Veranstaltung zur
nächsten. „Ich baue meinen Parcours
auf, mache meine 20-Minuten-Show,
baue wieder ab und fahre zum nächs-
ten Event.“ Um eingefahrene und -ge-
sprungene Routinen zu vermeiden,
„verändere ich meinen Parcours regel-
mäßig“. Denn Raab möchte erfahre-
nen Bikern wie auch dem Laienpubli-
kum eine gute Show bieten, und kei-
nen Zirkusclown mimen, der seine
Standardschmähs abspult.
Für Firmen kann es für Raab im
Sinne einer effektiven Produktpräsen-
tation schon einmal heißen, auf einem
Gabelstapler oder auf Baumstämmen
hin- und herzuhopsen. Für näher gele-
gene Eventschauplätze koppelt Raab
einen Kastenanhänger an seinen VW-
Bus, lädt Metallboxen, -stangen und
anderes Hindernisequipment ein und
düst los. Auf der Showbühne dient
dann auch der zwei Meter hohe An-
hänger als Requisit. Außerdem werden
bei Raabs Performances gelegentlich
Freiwillige aus dem Publikum zu
menschlichen Barrieren, die es zu
überspringen gilt.
Wenn etwas schiefgeht. Trotz gefähr-
lich aussehender Sprungmanöver und
artistischer Balanceakte in gewagten
Höhen: Raab ist bisher von langwieri-
gen Verletzungen verschont geblieben.
Knochen hat er sich beim Biken noch
keinen gebrochen, ein- und angeris-
sene Bänder im Sprunggelenk und in
der Schulter waren „meine schwersten
Verletzungen“ – die meist aus Leicht-
fertigkeit resultieren: „Wenn etwas
schiefgeht, dann meist bei einfachen
Übungen. Wenn man nicht voll kon-
zentriert ist.“ Seine Darbietungen er-
fordern höchstmögliche Präzision und
Technik, trotzdem sieht sich Raab im
Vorteil gegenüber anderen Bikesport-
lern: „Wir sind ja eher langsam unter-
wegs. Bei Unfällen im Motocross oder
im Mountainbike-Downhill, wo mehr
Geschwindigkeit dahintersteckt, kann
schon Schlimmeres passieren.“
Ob mit oder ohne Crash – ohne In-
ternet würde es nicht funktionieren.
Der britische Trialbiker Danny MacAs-
kill setzte auf YouTube überhaupt neue
Maßstäbe. Sein Clip „Inspired Bicy-
cles“ wurde von Usern bereits inner-
halb der ersten beiden Tage 350.000
Mal aufgerufen, heute weist der Kurz-
film über 30 Millionen Klicks auf. Auch
Raab glaubt, dass ohne YouTube sein
Bekanntheitsgrad und folglich die Kun-
dennachfrage deutlich geringer wären.
„Man baut durch viel geklickte Videos
auch ein Image auf.“ Und das Image
stimmt. Aus vielen Blickwinkeln.
GESUNDHEIT
Medikamenteaus der Küche
Zwiebel kann die Muskel-
leistung erhöhen, Kaffee
bis zu einem gewissen
Grad die Hautkrebsgefahr
senken. Die Nahrung als
Medizin. VON C L AUDI A RI C HT E R
M
anche rümpfen schon bei
der Vorstellung von „ge-
sundem Essen“ die Nase.
Denn sie verbinden ge-
sund mit fad. Weit gefehlt. Der Zwiebel
beispielsweise kann wohl keiner Ge-
schmacklosigkeit nachsagen. Doch die
Pflanze ist so etwas wie ein gesundheit-
licher Tausendsassa. Allein schon we-
gen ihres hohen Anteils an Flavonoid
Quercetin. „Es ist die einzige natürliche
Substanz, die Mitochondrien, also die
Kraftwerke unserer Zellen, vermehren
und damit die Leistung der Muskeln
erhöhen kann“, sagt Markus Metka,
Gynäkologe und Präsident der Öster-
reichischen Anti-Aging-Gesellschaft.
Das Schöne am Quercetin: Es ist
hitzestabil, also auch gekocht verleihen
Zwiebeln unseren Muskeln Kraft. „Das
gute alte Gulasch ist somit eine gesun-
de Speise“, sagt Metka. Auch deswe-
gen, weil Quercetin – im Verein mit
dem Zwiebelinhaltsstoff Anthocyanin –
chronische Entzündungsprozesse dras-
tisch reduzieren kann. „Auch Soja
scheint neuesten Forschungen zufolge
eine antientzündliche Wirkung zu ha-
ben“, sagt Johannes Huber, gern als
Österreichs Hormonpapst bezeichnet.
Bei entzündungshemmenden Nah-
rungsmitteln dürfen freilich Fische
nicht fehlen, deren Reichtum an Ome-
ga-3-Fettsäuren einen positiven Ein-
fluss auf Entzündungsgeschehen hat.
„Ein bis zwei Fischmahlzeiten pro Wo-
che plus regelmäßig Lein- und Rapsöl
sowie Leinsamen können Entzündun-
gen wirkungsvoll vorbeugen“, sagt Pe-
tra Rust, Professorin am Departement
für Ernährungswissenschaften der Uni
Wien. „Auch das Allicin im Knoblauch
kann entzündungshemmend wirken.“
Das kann auch das Curcumin, der
Farbstoff der Gelbwurzel. Sie kann
ebenso punkten, wenn es um Schutz
vor Krebserkrankungen geht. „Da Cur-
cumin Wachstumsfaktoren hemmt, die
zu Krebs führen können“, erklärt Hu-
ber. Krebsschutz bieten aber auch
Capsaicin (etwa in Chili oder Ingwer
enthalten) und grüner Tee. Huber:
„Sein Antioxidans Epigallocatechingal-
lat kann in die Entstehung eines Karzi-
noms eingreifen und dessen Wachs-
tum hemmen.“ Rust holt das Lycopen
der Paradeiser und der Hagebutte vor
den Vorhang, wenn es um essbare
Krebsvorbeugung geht. Lycopen stei-
gert zudem die Schutzmechanismen
der Haut vor übermäßiger Sonnenein-
strahlung. Rusts spezieller Rat: „Lyco-
pen wirkt besser, wenn es verarbeitet
ist.“ Paradeissuppe ist also noch gesün-
der als Paradeissalat.
Anti-Age-Bombe Petersilie. Krebsprä-
vention lässt sich aber auch beim Kaf-
feekränzchen betreiben: „Das Koffein
und andere antikanzerogene Stoffe
senken ab drei Tassen täglich die Haut-
krebsgefahr“, heißt es in dem Buch
„Essen als Medizin. 140 Lebensmittel
für mehr Gesundheit“ (Dr. Marcela
Ullmann, Friedrich Bohlmann, Verlag
Gräfe und Unzer, 256 Seiten, 13,40 €).
Italienische Forscher wiederum haben
einen protektiven, prebiotischen Effekt
von Kaffee untersucht, der das Darm-
krebsrisiko senken soll.
Aber auch in unserer Heimat
wächst „Medizin“ aus der Erde: Aktuel-
len Forschungen zufolge ist das in der
Gerste enthaltene Beta-Glucan der
stärkste natürliche Immunmodulator.
„Dieses Polysaccharid ist gleichzeitig
Krebs- wie auch Infektionsbremse“,
weiß Metka, der sich seit Jahren inten-
siv auch mit Kräutern und Gewürzen
beschäftigt. Er schwärmt richtiggehend
von Petersilie und Schnittlauch: „Wer
viel davon isst, nimmt jede Menge Po-
lyphenole zu sich, die wirken antient-
zündlich, antioxidativ und schützen
damit auch vor Krebs.“
Außerdem seien sie wahre „Anti-
Aging-Bomben“, sagt Metka und lüftet
eines von mehreren Geheimnissen des
Anti-Aging-Effekts des Weins. „Sein
Resveratrol ist nicht nur stark entzün-
dungshemmend und antioxidativ, son-
dern auch lebensverlängernd. Denn es
beeinflusst den Sirtuin-Mechanismus
und ist so in der Lage, die Zellen unse-
res Organismus in eine Art zarten Win-
terschlaf zu versetzen. Sie laufen dann
nicht mehr so auf Hochtouren und al-
tern langsamer.“ Rotwein weist übri-
gens wesentlich mehr Resveratrol als
Weißwein auf, und Rotwein von Trau-
ben mit dicken Schalen bietet noch
mehr von dieser Wunderdroge. „Einer
der gesündesten Weine ist der chileni-
sche Cabernet Sauvignon, die Trauben
haben dicke Schalen, die Weinstöcke
sind starkem klimatischen Wechsel
ausgesetzt und produzieren zum
Schutz noch mehr Resveratrol“, weiß
Metka. Auch auf den Zuckerspiegel wir-
ke roter Rebensaft positiv. „100 ml ha-
ben denselben Effekt wie eine Tablette
des Diabetesmedikaments Metformin.“
Abschließend verrät Metka noch
ein bis dato geheim gehaltenes Rezept
für eine Gewürzmischung, die sowohl
den Zucker- als auch den Fettstoffwech-
sel günstig beeinflusst: Chilipulver, Pfef-
fer, Korianderkörner und Kümmel zu je
einem Viertel mischen, ein wenig Mus-
kat dazu, und fertig ist der wirkungsvol-
le Mix. „Ein idealer Fett- und Zucker-
verbrenner“, so Metka, „und schmeckt
auch noch gut, sowohl mit Fleisch als
auch mit Gemüse.“ Soll noch einer sa-
gen, gesundes Essen sei fad.
Gschmackig, würzig:
Gesundes Essen
kann durchaus zum
Genuss werden –
von heimischen
Kräutern mit
Anti-Aging-Wirkung
bis zumKaffee, der
Krebserkrankungen
vorbeugen kann.
Montage: „Die Presse“/NS
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 LEBEN 35
Auch Inszenierung gehört zumGeschäft: Die drei Brüder Joan, Josep und Jordi Roca (v. l.) posieren auf Werbefotos für ihr Lokal El Celler de Can Roca in ungewohnt feuchter Umgebung. www.cellercanroca.com
»Es geht auchohneSilbertablett«
Joan Rocas Restaurant El Celler de Can Roca in Girona
wurde kürzlich zum weltbesten Restaurant gekürt. Ein
Gespräch mit dem Spitzenkoch über fotografierende
Gäste, die Krise und warum man mit Spitzengastronomie
eher nicht reich wird. VON RAI NE R NOWAK UND C HRI S T I AN GRÜNWAL D
Gratuliere zum ersten Platz in der San-Pel-
legrino-Liste der weltbesten Restaurants.
Wie lange wurde die Reservierungsliste?
Joan Roca: Es dauert etwa elf Monate,
bis man einen Tisch bekommt. Vor der
Entscheidung waren es sechs Monate.
Braucht man da neue Mitarbeiter, um die
Reservierungen entgegenzunehmen?
Nein, da ist alles gleich geblieben. Auf
der Liste von London waren wir zwei
Jahre hintereinander auf Platz zwei, ein-
mal Vierter, einmal Fünfter, da ist man
schon richtig trainiert. Und langsam,
aber sicher bin ich so weit, dass ich sage:
Egal, was kommt, ich bin vorbereitet.
Aber zwischen zweitem und erstem
Platz ist natürlich ein großer Unter-
schied. Vor allem, was die Medien anbe-
langt, hat der erste Platz viel ausgelöst.
Aber ich selbst fühle mich wie in der Zeit
vor dem ersten Platz. Und wir möchten
auch intern, dass sich nichts verändert.
Wir möchten normal und natürlich blei-
ben. Es ist nur sehr schwer geworden,
einen Tisch zu bekommen. Am Don-
nerstag hatte ich ungefähr 3800 Mails,
die ich nicht beantworten konnte.
Besteht nicht die Gefahr, dass man dann
ausschließlich Foodies als Gäste hat, aber
keine lokalen Gäste mehr? Im Noma sind
zum Beispiel fast nur mehr Foodies.
Nein, das Restaurant ist mittlerweile
etwa 27 Jahre alt. Und wir suchen wei-
ter die Nähe zu den Leuten und den
Kunden – auch zu denen aus Girona.
Ist das eine Zeiterscheinung, dass man die-
ses Kurzfeuerwerk am Beginn eines Essens
hat, vier, fünf kleine Gänge, die die ganze
Kreativität zeigen müssen?
Das möchten wir weiterhin machen. Es
ist eine Art Vorspiel, eine Deklarierung.
Vielleicht, weil die Gäste immer das Falsche
bestellen?
Nein, es gibt nur zwei Menüs. Ein neu-
es, das auf Kreativität setzt. Und ein
zweites mit klassisch katalanischer Kü-
che. Das sind diese Speisen, die wirk-
lich bei den Leuten angekommen sind.
Ist es nach Molekularküche, nordischer Kü-
che etc. das neue, heiße Ding, sich wieder
auf traditionelle Küche zu besinnen? Etwas,
auf das sich alle verständigen können?
Die El-Bulli-Generation hat die neue
Technik, die Generation Noma ist so
etwas wie eine grüne Etappe. Unsere
Küche ist dagegen sehr emotional, ich
möchte das Gedächtnis der Menschen
wiedererwecken.
Aber sich zwangsläufig nur auf regionale
Küche zu besinnen bedeutet das nicht?
Alles wird sich öffnen, und alles wird
von überall kommen. Es gibt ja auch
sehr gute Restaurants in Asien und
Südamerika.
Brasilien steht ja kommendes Jahr wegen
der Fußball-WM als Land sehr im Fokus. Hat
das auch Auswirkungen auf die Küche?
Die Südamerikaner wachsen
in jeder Hinsicht. Was die Gas-
tronomie betrifft, wird Brasili-
en wirklich näher kommen.
Dort gibt es spezielle Dinge,
Ren´e Redzepi will zurück auf Platz eins. Panos Pictures / Visum/picturedesk.com
DerSteveJobsderWeltküche
Ren´e Redzepi hat mit seinemNoma in Kopenhagen vielleicht mehr unter demlangen Winter gelitten als unter dem
Verlust des ersten Platzes unter den Spitzenköchen der Welt. Nun arbeitet er an einemBuch und neuen Rezepten.
Eine kleine, bereits heiße Kochplatte
wird eingestellt, der Gast hat ein Lätz-
chen bekommen, er schlägt das große
Entenei auf und bereitet sich sein Rühr-
ei zu. Oder ein Spiegelei. Ein paar hand-
gepflückte Kräuter liegen auf einemTel-
lerchen daneben. Zum Drüberstreuen.
Es sind Momente wie diese, in denen
man sich als Besucher des Noma an das
Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ er-
innert. An den anderen Tischen wird
feierlich und mit wohligem Genuss das
Ei verzehrt. Unter den Gästen sind nicht
nur Foodies, wie Touristen genannt
werden, deren Sehenswürdigkeiten mit
einem Michelinstern ausgestattet sein
müssen, sondern auch Geburtstags-
und Hochzeitstagsrunden sowie eben
Köche und Gastronomen. Die spei-
chern jeden Gang, jedes Detail und jede
Kombination. So war das Noma in den
vergangenen Jahren nicht nur das – laut
der legendären San-Pellegrino-Liste –
beste Restaurant der Welt, sondern das
einflussreichste.
Ren´ e Redzepi gründete in Kopen-
hagen die neue grüne nordische Küche,
die stark auf lokale Ingredienzien, strik-
tes Kochen nach Saison und das Ver-
wenden von Gemüse, Kräutern und
Pflanzen setzt, die in der Küche verges-
sen oder unbekannt werden. Es wurde
zitiert, kopiert und weiterentwickelt.
Gänge zum Spielen. Essen als Unterhal-
tungsprogramm, das man Monate zuvor
reservieren muss. Es sind immer die
gleichen Geschichten, die die Noma-Es-
ser erzählen: Wie schön es sei, wie
freundlich die bärigen jungen Herrenim
Service seien und wie schräg es sei, eine
lebendige Garnele zu verzehren, die nur
einen Steinwurf entfernt gefangen wur-
de. Was und wo sonst? Oder von einem
der stakkatoartig servierten Küchengrü-
ße, einem essbaren Zweig, der für die
Tischdeko gehalten wurde. Der Rinds-
rippe, die vor der Tür auf einem betont
schäbigen Griller gegart wurde. Bobo-
Style, für den es eben keinen
dritten Michelinstern geben
kann. Da vergisst man viel-
leicht, dass irgendwann eine
nur zart erhitzte Garnele ser-
N OMA
DIE NUMMER ZWEI
Das Noma wurde 2003 von Ren´e
Redzepi und Claus Meyer in
Kopenhagen gegründet. 2010 bis 2012
wurde das Noma mit seiner nordischen
Küche in der San-Pellegrino-Liste zum
besten Restaurant der Welt gewählt.
2013 fiel es zurück auf Platz zwei.
DREI BRÜDER
Joan Roca ist als
ältester der Roca-
Brüder der Chef des
Restaurants El Celler
de Can Roca im
katalanischen Girona.
Josep Roca ist als
mittlerer Bruder der
Hauptverantwortliche
für die Weine des
Lokals.
Jordi Roca ist der
jüngste der drei
Brüder. Er kümmert
sich vorrangig um die
Desserts.
36 LEBEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Welche Geheimnisse Spitzen- Köche auch haben – seit 1999 ist es eins weniger.
Sein bestes Rezept gibt ein Prof niemals preis. Seine bevor-
zugte Zubereitungsweise haben wir ihm entlockt. So haben
wir vor über einem Jahrzehnt mit dem Dampfbackofen die
private Küche revolutioniert. Damit eröffneten sich unge-
ahnte Geschmackserlebnisse. Wie mit so vielen Geräten,
bei denen wir professionelle Technik mit Komfort und
Design verbinden. Eine Tradition, die wir mit Leidenschaft
leben – und das ist kein Geheimnis.
Informieren Sie sich unter 0810.700.400 (Regionaltarif),
+43.(0)1.60575 - 0 oder unter www.gaggenau.at.
Der Unterschied heißt Gaggenau.
die eine große Kraft haben. Ta-
lent ist auch vorhanden, und
viele Köche haben in Europa
neue Techniken gelernt. Das
bringt die Küche dort natür-
lich auch weiter.
Wie sehr beeinflusst die aktuelle Krise in
Spanien Ihren Umgang mit der Küche, mit
Gästen, mit Mitarbeitern?
Die Krise hat viele Dinge verändert.
Aber das hat sie überall auf der Welt.
Die sogenannte Luxuswelt ändert sich,
auch in der guten Küche. Die Authenti-
zität ist wichtig, dass der Chef immer
präsent ist, nicht die ganze Zeit auf
Weltreise. Es soll komfortabel sein,
aber nicht unbedingt luxuriös – der
Gast muss sich nur wohlfühlen. Es ist
nicht wichtig, ob Silber auf dem Tisch
liegt oder irgendein Stoff, man ist wie-
der ein bisschen heruntergekommen.
Und viele Köche machen heute Lokale
auf ohne viel Geld, so kleine Bistros.
Aber dort isst man wirklich sehr gut.
Das hat die Krise auch mit sich ge-
bracht. Man will das Essen genießen,
aber es muss nicht immer auf dem Sil-
bertablett serviert werden.
Gibt es in Spanien eine enge Kooperation
mit anderen Lokalen?
Wir haben sehr gute Beziehungen. Und
wir sind zumTeil sehr gute Freunde.
Wie oft begegnet man da einander? Und
kocht man da ganz einfache Dinge wie Pa-
ella oder grillt nur einen Fisch?
Bei Gastronomiekongressen trifft man
sich, in New York, Lima, Tokio, vor al-
lem außerhalb Spaniens. Aber natür-
lich gibt es Privateinladungen, und
dort essen wir ganz normale Dinge –
nicht das, was wir sonst kochen.
Geht Ihnen das auf die Nerven, wenn Men-
schen in Ihr Restaurant kommen und statt
zu essen ständig Fotos machen oder schrei-
ben, aber nicht das Essen genießen?
Nein, das stört mich nicht. Der Gast
soll es einfach so erleben, wie er es er-
leben will.
Aber Sie machen keine Fotos?
Nein. Ich genieße lieber.
Wie groß ist der Druck, immer wieder neue
Dinge zu kreieren und zu servieren? Wie
hoch ist der Anspruch der Gäste, immer et-
was Neues haben zu wollen?
Es gibt zwei Arten von Druck: einen,
dass etwa ein Gast aus Chicago oder
Hongkong speziell meinetwegen
kommt – den darf man nicht enttäu-
schen. Der zweite Druck ist, dass man
ununterbrochen nachdenken muss,
was man jetzt alles Neues machen
kann. Ich möchte persönlich nicht da-
runter leiden, ich möchte auf eine na-
türliche Weise darüber nachdenken,
dass eine Kreativität entsteht. Ich habe
das große Glück, zwei Brüder zu ha-
ben. Mein Bruder Jordi ist wirklich sehr
kreativ. Mein anderer Bruder, Josep,
kennt sich sehr gut mit Weinen aus.
Und er hat eine poetische Sensibilität.
Dann ist es leicht, kreativ zu sein.
Haben Sie auch Ideen, neue Geschäftszwei-
ge zu erschließen?
Ich selbst habe nicht vor, etwas außer-
halb meines Restaurants zu machen.
Aber neue Konzepte möchte ich schon
kreieren. Wir haben etwa Eisgeschäfte
aufgemacht. Jordi hat das entwickelt.
Und er macht wirkliche Desserts, die
man auf der Straße essen kann. Die ha-
ben nichts mehr mit meinem Restau-
rant zu tun, aber mit unserem Know-
how. Wir haben auch eine Tapas-Bar in
Barcelona gemacht, die Roca-Bar. Das
könnte man schon weiterverfolgen an
einemzweiten Standort.
Es heißt oft, dass Spitzengastronomie nicht
kostendeckend gemacht werden kann.
Das stimmt.
Man braucht also Zusatzgeschäfte, um fi-
nanziell überleben zu können.
Das auf jeden Fall. Wir haben etwa eine
eigene Cateringfirma, die bei Konzer-
ten an der Costa Brava das Essen lie-
fert, dann auch noch das Eisgeschäft
und die Tapas-Bar. All diese Dinge hel-
fen uns in finanzieller Hinsicht. Es
kommt nicht viel herein, aber es
kommt. Ein Restaurant wie das El Cel-
ler de Can Roca ist jedenfalls kein gro-
ßes Geschäft. Wenn ich mit dem Lokal
in London wäre, könnte ich dreimal so
hohe Preise verlangen – 160 Euro für
ein Menü. In meinem Lokal arbeiten
35 Köche, wir haben 20 Kellner, das be-
deutet schon sehr große Ausgaben.
Aber würde ich die Preise erhöhen,
würden nur diese Foodies kommen –
und das will ich nicht. Ich möchte
auch, dass ein Hochzeitspaar zum Es-
sen kommen kann. Genau solche Gäs-
te will ich haben.
viert wird, die dank der Wucht ihres Ge-
schmacks jedes bisher verzehrte Mee-
resgetier vergessen macht.
Redzepis Team arbeitet aber schon
an der Rückkehr auf Platz eins – vor al-
lem an neuen Rezepten. Der Däne mit
kosovarischen Wurzeln bereitet gerade
ein neues Kochbuch vor, wie er sagt.
Und: Längst ist das Trainingsprogramm
in seiner Küche zum Elite-College ge-
worden. Dutzende junge Köche bewer-
ben sich, bekommen für ein paar Mo-
nate die Chance, in den Räumen über
dem Restaurant zu lernen und zu pro-
bieren. Jeden Samstag präsentieren ein
paar ihre neuesten Ideen und Gerichte,
nachdem das Restaurant geschlossen
hat. Bis zumfrühen Morgen wird geges-
sen, jedes Gericht und Detail diskutiert
und natürlich ein bisschen getrunken.
Gegenüber dem Lokal liegt ein Schiff, in
dem ein eigenes Food-Laboratorium
mit staatlicher Unterstützung eingerich-
tet wurde: Dort wird experimentiert, Le-
bensmittel werden „vermessen“. All das
zeigen Redzepi und seine Köche jedem
willigen Gast persönlich. Ren´ e Redzepi
ist der Steve Jobs der Weltküche. Das
bedeutet nicht zuletzt: Konzentration
auf perfektes Marketing. no
E L C E L L E R DE C AN R OC A
DIE NUMMER EINS
Das Lokal: Im Top-50-Ranking der
besten Restaurants der Welt hat das
El Celler de Can Roca in Girona Ende
April das Noma vom Thron gestoßen.
Betrieben wird es von den Brüdern
Joan, Josep und Jordi Roca. Eröffnet
wurde das Restaurant, das auf
klassische katalanische Küche setzt,
1986 – zunächst in der Nähe des
Restaurants der Eltern, ehe es 2007 an
seinen aktuellen Standort übersiedelte.
Joan Roca spricht
beimWien-Besuch
mit „Presse“-
Chefredakteur
Rainer Nowak.
Katharina Roßboth
//// 16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM
0 LEBEN 37
REPORTAGE,
REISE &
RELIGION
PATRIOT
GERARD
BUTLER
Der Schotte rettet
imKino gerade
das Weiße Haus.
Ein Gespräch über
das Leben in
Amerika,
Patriotismus und
Fußball.
EPA
SEITE 40
BOB
DYLAN
Der große
Sänger geht
imHerbst auf
Europa-Tour.
SEITE 40
CIA IM
OUTLOOK
Florian
Asamer über
Hochwasser,
Datenflut und
unentspanntes
Radfahren.
SEITE 40
DIEPRESSE.COM //// 16. Juni 2013
0 GLOBUS 38
Doktor Mirzaeis Spurensuche
Der Nuklearmediziner Siroos Mirzaei kann die Spuren von Folter auf demKörper entdecken, wenn sie für
das Auge längst unsichtbar geworden sind. Doch es ist ein Kampf gegen die Zeit. VON J UTTA SOMMERBAUER
D
oktor Siroos Mirzaei sucht
nach schwarzen Punkten. Es
können Pünktchen sein, zart
wie Nadelstiche. Fette Punk-
te, voll wie Tintenkleckse. Oder wol-
kenartige Gebilde, die sich auf den Be-
funden über ganze Körperteile des Pa-
tienten ziehen. Mirzaei findet die
Punkte häufig auf dem Hinterkopf, auf
demNasenbein, an den Rippen.
Das Arbeitszimmer des Mediziners
im Pavillon 25 des Wilheminenspitals
liegt im Dämmerlicht, die Sonnen-
strahlen brechen sich an den Jalousien.
In seinem Blickfeld hängen Gemälde,
hinter seinem Rücken Diplome. Vor
Mirzaeis Augen, auf dem Bildschirm,
erscheinen die Befunde aus den Räu-
men einen Stock tiefer, an deren Türen
vor Radioaktivität gewarnt wird. Es sind
Bilder, aufgenommen mit Gamma-
Strahlung.
Mirzaei ist Vorstand des Instituts
für Nuklearmedizin. Ein Mann mit
bronzefarbenem Teint, das Haar zur
Glatze geschoren. Die Drahtgestellbrille
lässt den 50-Jährigen wie einen Asketen
wirken, wenn er auch dafür zu kräftig
ist. Mirzaeis Stimme ist ruhig und tief,
und es scheint, als könnte ihn nichts
aus der Ruhe bringen, weder die Auto-
fahrer im hektischen Stadtverkehr noch
seine Arbeit, bei der er nach den
schwarzen Flecken auf dem weißen
Knochengerüst seiner Patienten sucht.
Die schwarzen Punkte sind die Spuren,
die Folter im Inneren des Körpers hin-
terlässt, auch dann, wenn die äußerli-
che Schwellung zurückgegangen ist
und die blutigen Wunden auf der Haut
verheilt sind. „Wenn man viele Schläge
an einer Stelle bekommen hat, ist das
auch später noch sichtbar“, sagt er.
Knochenszintigraphie nennt sich
die Untersuchungsmethode, die die
verborgenen Spuren der Gewalt sicht-
bar macht. Eine radioaktive Substanz
wird dem Patienten in die Vene ge-
spritzt. Sie bahnt sich ihren Weg durch
den Körper und setzt sich in den Ge-
beinen fest. An den Stellen, wo ein er-
höhter Stoffwechsel feststellbar ist, weil
der Körper nach der Gewaltanwen-
dung einen Schaden reparieren muss-
te, lagert sich die Substanz ab. Durch
die Bestrahlung des Patienten mit
Gamma-Strahlen wird das sichtbar.
Die Punkte sind einfarbig, doch die
Methoden der Gewaltanwendung viel-
fältig. Schläge, Elektroschocks, Aufhän-
gen sind besonders häufige Folterprak-
tiken. Immer häufiger versuchen die
Verursacher, keine Spuren zu hinter-
lassen. Man kann die Haut anfeuchten,
bevor man Elektroden für Elektrofolter
an Zehen und Ohrläppchen ansetzt. So
werden Wunden vermieden. Auch die
Glut der Zigaretten lässt sich an Stellen
löschen, an denen man es nicht sofort
bemerkt: etwa an stark behaarten Kör-
perteilen. Die Gewalttäter entwickeln
immer neue Techniken – und brechen
neben den Menschenrechten beson-
ders perfide die größten Tabus ihrer
Gesellschaft. Seit einigen Jahren werde
im Iran sexuelle Gewalt gegen Männer
als Foltermethode eingesetzt, sagt Mir-
zaei. Als er einen 43-jährigen Iraner,
der in der Haft mit unbekannten Ge-
genständen und Elektroschocks im Af-
ter malträtiert worden war, untersuch-
te, habe er „das zuerst nicht geglaubt“.
Er habe eine große „menschliche Ent-
täuschung“ gespürt, sagt der Arzt, und
es klingt fast eine Spur zu diploma-
tisch. Courtoisie wird den Menschen
aus dem Iran gern nachgesagt. Mirzaei
ist 1980 von dort geflohen. Zurück
kann er – „angesichts meiner Tätigkeit“
– unter der derzeitigen Führung nicht.
Blutige Fußsohlen. Mirzaeis Gegner ist,
das mag zynisch klingen, die Selbsthei-
lungskraft des Menschen. In den ersten
Monaten nach der Tat ist Folter pro-
blemlos nachweisbar. Danach wird es
schwieriger. „Je mehr Zeit verstreicht,
desto kleiner wird die Chance. Die Zeit
heilt viele körperliche Wunden“, sagt er.
Türkische Kollegen hätten „Falanga“
(Auspeitschen der Fußsohlen) auch
nach zehn Jahren nachweisen können,
allerdings nur in der Hälfte der Fälle.
Die Nicht-Nachweisbarkeit kann für Be-
troffene dramatische Folgen haben:
etwa wenn Beweismittel in einem Asyl-
verfahren fehlen.
Folter ist „eine absichtliche, syste-
matische oder mutwillige Verursa-
chung von physischem und psychi-
schem Leid durch eine oder mehrere
Personen, . . . um eine andere Person
zur Herausgabe von Informationen zu
zwingen, ein Geständnis zu erpressen
oder aus einem anderen Grund“, steht
in der Tokio-Deklaration des Weltärzte-
bundes von 1975 geschrieben. Aus der
Sicht der Überlebenden ist Folter tota-
les Ausgeliefertsein und Ohnmacht.
Für Betroffene ist daher Therapie
ebenso wichtig wie die Diagnose. Mir-
zaei hat vor 15 Jahren den Verein He-
mayat mitgegründet, in dessen Vor-
stand er ist. Hier werden Folteropfer
ebenso wie Kriegstraumatisierte behan-
delt. Die Symptome sind ähnlich:
Schlafstörungen, Unruhe, Reizbarkeit.
Oft reicht ein kleiner Auslöser – etwa
der Anblick einer Uniform –, damit die
Menschen die Foltersituation innerlich
nochmals durchmachen. Überlebende
werden von ihrem Trauma überwältigt,
wieder und wieder. „In der Therapie
soll sich das Erlebte, das oft nur als un-
kontrollierbare und fragmentierte Erin-
nerung existiert, wieder zu einer Ge-
schichte verbinden“, sagt Geschäftsfüh-
rerin Cecilia Heiss. „Vergessen kann
man Folter nicht, aber verarbeiten.
Mirzaei hat nach vielen wissen-
schaftlichen Artikeln unlängst einen
Roman geschrieben. „Irdische Träume
im Paradies“ heißt er. Auch darin wird
gefoltert, von schwarzen Punkten ist
aber nicht die Rede. Shokufeh, eine jun-
ge Frau, wird wegen Ehebruchs gestei-
nigt. Sie erwacht im Paradies. Jeden
Freitag wird sie auf eine Erinnerungs-
reise in ihr früheres Leben geschickt.
FAKTEN
150
In mehr als 150
Ländern weltweit wird
nach Angaben der
Menschenrechts-
organisation Amnesty
International
gefoltert. Häufige
Methoden: Schläge,
Aufhängen, Elektro-
schocks, simuliertes
Ertränken
(Waterboarding),
psychologische Folter.
5
In Artikel 5
der Allgemeinen
Erklärung der
Menschenrechte der
Vereinten Nationen
ist das Folterverbot
festgeschrieben:
„Niemand darf der
Folter oder
grausamer,
unmenschlicher oder
erniedrigender
Behandlung oder
Strafe unterworfen
werden.“
S E R V I C E
HILFE FÜR FOLTEROPFER
Der Begriff „Trauma“ bedeutet in der Medizin Wunde,
Verletzung oder Schädigung des Körpers.
Hemayat ist ein Verein, der Folterüberlebende und Kriegs-
traumatisierte Menschen betreut. 2012 waren 692 Menschen
in psychotherapeutischer und psychologischer Behandlung.
Die meisten kamen aus der russischen Teilrepublik
Tschetschenien (320), gefolgt von Afghanistan (109) und Iran
(61). Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt ein Jahr.
Mit demSommerfest für Hemayat (mit Benefiz-Auktion)
sollen neue Therapieplätze finanziert werden. Termin: 21. Juni
ab 19 Uhr im Amerlingbeisl, 7., Stiftgasse 7. www.hemayat.org
Die Gewalttäter entwickeln
immer neue Foltertechniken,
die kaum Spuren hinterlassen.
Unsichtbare Wunden. Der Nuklearmediziner Siroos Mirzaei blickt durch die Maschine für Strahlentherapie, die ihmbeimNachweis von Folter hilft. Katharina Roßboth
G
l
o
b
u
s
AU F D E M R A DA R
Bristol: Grüne
Hauptstadt 2015
Wir schreiben zwar erst
das Jahr 2013, doch in Europa wer-
den bereits Preise für die Zukunft
vergeben. So darf sich die englische
Stadt Bristol „Grüne Hauptstadt Eu-
ropas 2015“ nennen, wie die EU-
Kommission am Freitagabend be-
kannt gab. Die englische Stadt wer-
de für seine innovativen Pläne bei
der Verkehrspolitik und imEnergie-
bereich ausgezeichnet, man setze
sich für die Umwelt und Lebens-
qualität der Bürger ein. In die en-
gere Auswahl sind noch Brüssel,
Glasgow und Ljubljana gekommen.
Die Auszeichnung wird jährlich
verliehen und soll Städte ermuti-
gen, die Lebensqualität zu verbes-
sern. „Grüne Hauptstadt Europas
2014“ wird übrigens die dänische
Hauptstadt Kopenhagen. Und falls
Sie es nicht wussten: In diesem Jahr
wurde die französische Stadt
Nantes ausgezeichnet.
Falsch reisen
PANNEN UND TRIUMPHE
VON PROFIS
Burg Heidenreichstein
oder: Ein kleiner Ausflug
ins Mittelalter.
VON T I MO VÖL KE R
W
er in der Schule nichts
gelernt hat, dem
bleibt immer noch
„Geo Epoche“. Die Magazin-
reihe eignet sich hervorra-
gend, zeitgeschichtliche Lü-
cken ambulant zu schließen
und sauber zu verspachteln –
sogar spätes Expertentum
scheint greifbar. Ich zum Bei-
spiel belehre Wehrlose gern
über das Mittelalter. Faszinie-
rendes Zeitalter! Wir nennen
es dunkel, weil wir immer
noch wenig darüber wissen.
Nicht, weil wir heute viel hel-
ler wären als damals.
Ritter, Burgen, Kreuz-
züge – wie konnte man diese
Kapitel nur so langweilig ab-
handeln in der Schule? Alles,
was an bildlicher Vorstellung
hätte entstehen können – ge-
bügelt durch das Hämmern
öder Jahreszahlen, die schon
wieder vergessen waren, ehe
das Schuljahr zu Ende war.
Hoffentlich geben sich Lehrer
heute mehr Mühe als die
meisten, die ich hatte. (Ich
wünsche allen beseelten Cap-
tains – Club der toten Dichter,
remember? – dafür auch kei-
ne Schüler wie mich.)
Auf dem Pfad ins Mittelal-
ter stößt man zwangsläufig auf
die Waldviertler Burg Heiden-
reichstein, prächtiges Beispiel
einer Wasserburg und noch
sehr gut erhalten (sie war stra-
tegisch nicht allzu bedeut-
sam). Womit wir beim Aus-
flugstipp für diese Woche wä-
ren. Mangels Ansturm hatten
wir das Glück einer Privatfüh-
rung. Der Bergfried stammt
aus dem zwölften Jahrhun-
dert, imRittersaal: Saufsessel!
Wir staunten und lausch-
ten gebannt: im Stich lassen,
den Löffel abgeben, Pech ha-
ben – drei Redewendungen,
die direkt auf mittelalterliche
Gepflogenheiten zurückge-
hen. Hätten Sie’s gewusst? Wir
haben nur eine Bitte: Entfernt
diese schnöden Automobile
aus dem Hof! Sie stören bei
der imaginierten Zeitreise.
timo.voelker@diepresse.com
Nächste Woche: Karl Gaulhofer
//// DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 GLOBUS 39
ImNorden Ugandas wütete die berüchtigte Rebellenarmee des Joseph Kony. Die Regierung in Kampala
und die Entwicklungszusammenarbeit pumpen Wiederaufbauhilfe in die Region. VON THOMAS VI EREGGE
FriedeinHütten, KrieginKöpfen
S
ie schnalzen mit der Zunge und
jaulen, als wäre es Kriegsgeheul.
Sie kichern, singen, tanzen und
wiegen sich über dem mit Holz-
stauden abgezäunten Wasserloch, aus
dem stoßweise milchiges Wasser aus
dem Rohr sprudelt. Nach dem Ende der
Regenzeit steht das Dörfchen Baluala
im Norden Ugandas im satten Grün,
üppig wachsen die Mangos auf den
Bäumen, die Reis- und Maisfelder tra-
gen Ernte. Und so gilt die Zeremonie
der Handvoll Frauen auch nicht der Be-
schwörung des Regens, sondern der Be-
grüßung von Besuchern, die sich zur
Mittagshitze im Schatten einer Baum-
gruppe einfinden.
Viehhirten treiben eine Herde vor-
bei, Frauen hocken im Gras, die Män-
ner kommen per Rad von der Feldar-
beit und nehmen auf Baumstümpfen
Platz zum Palaver über das Wasserpro-
jekt und dessen Früchte. Während ihr
Baby an der Brust saugt, ergreift Betty
das Wort, die Vorsitzende der Kirchen-
gemeinde. „Die Wasserstelle hat das
ganze Dorf zusammengeführt. Es gibt
weniger Streit. Die Männer haben ge-
lernt, die Arbeit der Frauen zu schätzen.
Ein Faktor der Einheit.“
In Uganda – wie im Großteil Afrikas
– ist es traditionell Frauenarbeit, das
Wasser herbeizuschleppen. In gelben
Plastikkanistern zu 25 Liter balancieren
sie es auf dem Kopf, oft über ein, zwei
Kilometer. Früher, als Kühe und Ziegen
das Wasserloch mit den Bewohnern
teilten, grassierten Cholera und Durch-
fall, erzählt Moses, der Ortsvorsteher.
Damit sei es nun weitgehend vorbei –
kleines Mittel, großer Effekt.
Mikrokredite der Österreichischen
Entwicklungszusammenarbeit (ÖEZA,
sie finanzierte die Reise) über 500 Euro
stachelten die Eigeninitiative der Dorf-
bewohner an, die jahrelang in Flücht-
lingslagern zusammengepfercht waren.
Dort, wo draußen Vergewaltigung und
Entführung lauerten, erlahmte der Le-
bensgeist. Eine Frau berichtet jetzt da-
von, dass sie sich von den Erträgen der
Ernte ein Rad gekauft habe, einer inves-
tierte in eine Ziege, ein anderer in eine
Baumschule. So kommt das Geld in
Umlauf, mit Rückzahlraten von drei
Prozent innerhalb von drei Monaten.
Korruptionsskandal. „Wasser ist Leben“,
lautet das Motto der Regierung in Kam-
pala, das landauf, landab in blauer
Schrift an Wasserdepots prangt. Da sich
die österreichischen Entwicklungsko-
operation in dem ostafrikanischen
Land, Heimat des Victoriasees und so-
mit Quelle des Weißen Nil, auf die Was-
serversorgung konzentriert und das Mi-
nisterium sogar Konsulenten aus Öster-
reich beschäftigt, eilt selbst Wassermi-
nister Ephraim Kamuntu im glitzernd-
braunen Outfit der Seventies ` a la Soul-
star James Brown aus einer Regierungs-
sitzung, um einer rot-weiß-roten Dele-
gation seine Reverenz zu erweisen. Auf
das Geld und die Expertise aus Europa
mag – und kann – er nicht verzichten.
Dabei hat ein im Vorjahr aufgeflo-
gener Skandal das prächtige Einverneh-
men getrübt. Ein hochrangiger Mitar-
beiter des Premierministers hatte zwölf
Millionen Euro an Hilfsgelder abge-
zweigt, woraufhin die EU-Partnerländer
ihre Finanzmittel einstweilen stornier-
ten. Eilfertig führt Kamuntu die Parole
„Null Toleranz für Korruption“ im
Mund. Nach Zusagen, die Summe zu-
rückzuerstatten, soll das Geld bald wie-
der fließen – und erst recht das Wasser.
Die Regierung und die NGOs pum-
pen es vornehmlich in den Norden,
eine vernachlässigte Region, verheert
durch Bürgerkrieg und Verwüstung.
„Hier gab es nichts mehr, Elefantengras
wucherte, der Busch breitete sich aus“,
schildert Mary O’Neil von der irischen
Hilfsorganisation Concern. Der Kriegs-
tanz Otole, mit Fußrasseln, Speeren,
Schildern und rollenden Augen aufge-
führt, klingt nach als Echo einer Zeit,
die eine Generation in den Nordprovin-
zen traumatisiert hat.
Bis hin in entlegene Weiler voller
Stroh- und Lehmhütten, bis nach Ba-
lualu, Alumeri oder Obatajali, reichte
der Arm der Lord’s Resistance Army
(LRA) des Joseph Kony. Fast 20 Jahre
wütete der berüchtigt-bizarre Rebellen-
führer, ein ehemaliger Ministrant, der
im Norden Ugandas einen „Gottes-
staat“ schaffen wollte, modelliert nach
den Zehn Geboten – die er selbst mit
den Füßen trat. Über Nacht drangen
marodierende Häscher in die Dörfer
ein, schnappten sich reihenweise Kin-
der, um sie zu Killern auszubilden, zu
Sexsklavinnen zu degradieren – oder sie
gleich zu verstümmeln oder zu töten.
Mehr als 100.000 Opfer hat Kony laut
einer UN-Statistik auf dem Gewissen,
Tausende gelten als vermisst.
„Ich kann meine drei Geschwister
nicht vergessen. Wenn ich allein bin,
muss ich an sie denken“, sagt die
36-jährige Helen Adong, selbst sechsfa-
che Mutter. Bony Komacech verlor drei
Verwandte, er erinnert sich an ein Mas-
saker: „Sie waren an Seilen zusammen-
gebunden und wurden durch den Fluss
getrieben, als Regierungshubschrauber
angriffen. Die meisten ertranken.“
Scheu zeigt Thomas Kotega auf eine tie-
fe Narbe am Unterschenkel. „Sie trich-
terten uns ein: ,Der Feind ist der, auf
den wir zu schießen haben.‘“ Als im La-
ger die Cholera ausbrach, gelang ihm
die Flucht. Daniel war erst zwölf Jahre
alt, als ihn die LRA aus der Hütte holte.
Nach vier Jahren floh er aus dem Ver-
steck im Sudan. Heute lacht er die
Gräuel weg, die ihm als Kindersoldaten
widerfuhren. Als er heimkehrte, vollzog
er eine Art Reinigungsritual, um mit der
Vergangenheit zu brechen: Vor dem
Eingang zur Hütte trat er auf ein Ei.
Warten auf Versöhnung. Ein nationaler
Versöhnungsprozess, eine Katharsis,
wie sie Südafrika oder Ruanda im Gro-
ßen wie im Kleinen vorexerziert haben,
steht in Uganda noch aus, beklagt der
Rechtsexperte Michael Otim. „Die
Angst ist noch da, den Opfern dauert
das alles zu lang.“ Kony ist zwar seit
Jahren aus Uganda vertrieben, er hält
sich mit seinen Getreuen vermutlich ir-
gendwo im Dickicht des Buschs zwi-
schen Kongo, Zentralafrikanischer Re-
publik und Sudan verborgen, wo er
weiterhin sein Unwesen treibt. Das UN-
Tribunal in Den Haag hat ihn wegen
Menschenrechtsverbrechen angeklagt,
die USA haben ein Kopfprämie von fünf
Millionen Dollar ausgesetzt, der Elite-
trupp der Green Berets hat sich an seine
Fersen geheftet. Im Vorjahr sorgte eine
Internetkampagne gegen Kony weltweit
für Furore, in Uganda wird er indes
wohl noch lange als Schreckgespenst in
den Köpfen herumspuken.
Vor demBrunnen und der Tränke: Oft teilen sich Mensch und Vieh die Brunnen und Wasserstellen. Vieregge
Der Arm der Lord’s Resistance
Army reichte bis in entlegene
Weiler.
Ein entführtes
Mädchen verarbeitet
die Gräuel in einer
Therapie.
EPA
Gerard Butler gibt im US-Action-Spektakel „Olympus Has Fallen“ den patriotischen
amerikanischen Helden. Und ist trotzdem„Schotte durch und durch“.
Reuters
Walk of Häme
GLAMOUR, GOSSIP, LIPGLOSS.
UND SO . . .
Barack W. Obama
oder: Wie soll die CIA in unserem Outlook etwas
finden, wenn wir das nicht können? VON FLORI AN ASAMER
DI EPRESSE.COM
D
er Hochwasserwoche folgte also
die Radwoche. In Wien ist da eine
etwas eigenartige Stimmung ent-
standen: Das Fahrrad ist in den
letzten Monaten so stark mit allen
möglichen Bedeutungen aufgeladen worden,
dass entspanntes Radeln irgendwie unmög-
lich scheint. Einfach irgendwohin zu fahren ist
nicht mehr. Alles wird zum verkehrspoliti-
schen Statement. Wir haben uns die Urbanität
irgendwie anders vorgestellt. Entspannter.
Doch egal, ob wir Auto, Rad oder U-Bahn
fahren, und was wir letztlich damit sagen wol-
len, die USA hören mit. Seit dieser Woche wis-
sen wir es definitiv: Auch Barack Obama ist im
Herzen ein kleiner Doppel-U. Handygesprä-
che schneidet sein Geheimdienst mit, in unse-
ren E-Mails schnüffelt er herum, und an unse-
ren SMS delektiert er sich.
Das alles weltweit, fleißig gespeichert wird
das Abgehörte auch. Ja, es ist schon wahr, das
ist keine besonders schöne Aussicht. Komisch
nur, dass sich diejenigen am meisten sorgen,
die alles und jedes (sei es noch so persönlich,
noch so heikel, noch so uninteressant) mit al-
len und jedem teilen müssen. Mit ihren halb
nackten Urlaubsfotos soziale Netzwerke ver-
stopfen, mit ihren entbehrlichen Mikro-
erkenntnissen die Zwitscherwelten fluten oder
wirklich Wichtiges bedenkenlos an Riesenver-
teiler mailen. Aber wehe, die Daten kommen
in falsche Hände . . .
Wir sind da gänzlich unbesorgt: Wenn wir
uns schon nicht in unserem Outlook zurecht-
finden, wie soll das dann der US-Geheim-
dienst schaffen? Das Einzige, was uns wirklich
zu schaffen macht: Am Ende – Gott bewahre –
liest die CIA oder diese NSA, von der jetzt alle
sprechen, gar noch die Zeitung – und das
ohne Abo.
Von der Datenflut noch einmal zurück zur
richtigen: Die Versicherungen haben noch
nicht einmal alle Schadensmeldungen aus der
Poststelle holen können, da lesen wir von
einer Hitzewelle, die kommende Woche aus
den Sümpfen Wüsten machen soll. Aus dem
Kaltluftsee unter die Hitzeglocke, davon ist die
Rede. Auch Allzeitrekorde sind wieder einmal
nicht auszuschließen.
Wir glauben das nicht. Es ermüdet uns.
Wir hätten gern einfach einmal ganz normales
Wetter: warm im Juni, heiß im Juli und Au-
gust, golden im Herbst, kalt im Winter usw.
Vielleicht kann ja die NSA da einmal etwas
unternehmen.
florian.asamer@diepresse.com
S MA L LTA L K
HerzoginKates
letzteAuftritte
Es war ein standesgemäßer
Abschied in Richtung Babypause:
Am Donnerstag taufte Herzogin
Kate ein Schiff in Southampton
auf den Namen „Royal Princess“.
Schwiegermutter Diana hatte
1984 das Vorgängerschiff getauft.
Dutzende Fotografen verfolgten
Kates vermutlich letzten Solo-
auftritt im schwarz-weißen
Leopardenkleid. Gestern saß Kate
dann in Zartrosa in der
Kutsche neben Herzogin
Camilla auf dem Weg
zur „Trooping the
Colour“-Parade
zum 87. Geburts-
tag der Queen.
APA
BobDylangeht auf
großeEuropa-Tour
Good News für Fans brachte der
Freitag: „Bob Dylan und seine
Band werden im Herbst durch
Europa touren“, lautete das
Statement auf Dylans Website.
Ebenfalls am Freitag gingen die
Tickets in den Verkauf. Die Tour
umfasst zehn Länder und
33 Stationen und geht ab dem
10. Oktober von Oslo über Berlin,
Rom und Paris nach London.
Österreich-Besuch ist keiner
geplant. Noch bis zum 4. August
ist Dylan in den USA unterwegs.
» Mein Name ist John,
und Sie werden wieder
auf die Beine kommen. «
JOHN MALKOVICH
Mit knappen Worten leistete der
US-Schauspieler in Toronto Erste Hilfe,
nachdem sich ein älterer Mann an
einem Baugerüst die Kehle
aufgeschnitten hatte. Reuters
EHE-AUS DER WOCHE
Murdochhofft auf
ruhigeScheidung
Er hätte es sich mit seinen
Boulevardblättern wohl nicht
entgehen lassen, die dritte
Scheidung eines weltbekannten
Medienmoguls auszuschlachten.
Doch da es hierbei um ihn selbst
geht, will Rupert Murdoch doch
lieber alles unauffällig und vor
allem: ohne Medienspektakel. Der
82-jährige Australier scheine eine
ruhige Scheidung von seiner
Ehefrau Wendi Deng (44)
anzustreben, meinen Beobachter.
Darauf deuten würden die Wahl
seines Anwalts (der verstehe sich
gut mit der Anwältin Dengs) und
das Fehlen jeglicher
Anschuldigungen. Ein dicker Ehe-
vertrag dürfte sein Übriges tun.
40 MENSCHEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
In »Olympus Has Fallen« kämpft Gerard Butler wörtlich um das Weiße Haus – und gleich auch noch
um das Schicksal der USA. Ein Interview über Patriotismus, seine Eigenschaften als Schotte in Los
Angeles und das seltsame Verhältnis der Amerikaner zum Fußball. VON BE T T I NA AUS T
»LeuteinL. A. sindmanikürter«
Wie viel Patriotismus ist angemessen für
eine Nation wie die USA?
Gerard Butler: Das ist schwer zu sagen.
Ein Typ wie ich ist keine Autorität für
Fragen dieser Art.
Aber Ihr neuer Film hat eine sehr patriotische
Botschaft, und Sie haben ihn mitproduziert.
Gut, aber wir sollten das etwas ein-
grenzen. Meinen Sie mit Patriotismus,
dass jemand stolz darauf ist, Amerika-
ner zu sein? Es ist eine wirklich schwie-
rige Frage, die sich nicht so einfach be-
antworten lässt.
Dann lassen Sie uns konkreter werden: Sie
stammen aus Schottland, wie patriotisch
sind Sie denn selbst?
Ich glaube, dass ich ein ziemlich patrio-
tischer Mensch bin. Ich liebe mein
Land. Und ich bin sehr stolz auf meine
Herkunft und auf das, was wir als Volk
erreicht haben. Gerade wenn man be-
denkt, welche Einschränkungen wir er-
tragen mussten. Aber ich sehe natürlich
auch die Seiten, die nicht so toll an uns
Schotten sind. Trotzdem möchte ich
keinem anderen als diesem großartigen
Volk angehören. Ich bin Schotte durch
und durch. Aber nun lebe ich in den
USA, auch diese Nation hat mir viel ge-
geben. Ich mag, wofür dieses Volk steht.
Was ist typisch schottisch an Ihnen, bezie-
hungsweise was unterscheidet Sie von den
Menschen in Hollywood?
Ich finde es bizarr, über meinen Cha-
rakter zu sprechen. Eigentlich müssten
Sie die Leute fragen, die mit mir zu tun
haben. Ich sage es mal so: Als Schotte
bin ich ungezähmter als der typische
Mann, den man normalerweise in Los
Angeles trifft. Wir haben einfach eine
wildere, gefährlichere Energie . . .
(lacht) Außerdem sind wir selbstiro-
nisch und leidenschaftlich. Wir Schot-
ten sind ein Volk mit ziemlich vielen
Facetten. Ich bin ganz anders als zum
Beispiel die meisten Leute in Los Ange-
les, die sind irgendwie manikürter, par-
fümierter, stromlinienförmiger. Lassen
Sie es mich so sagen: Ich bin eher der
Typ, über dessen Bemerkungen bei
einer Dinnereinladung alle die Stirn
runzeln. Denn ich sage immer direkt,
was ich denke, und wahrscheinlich bin
ich nicht nur laut und lustig, sondern
auch ein bisschen vulgär . . . (lacht)
Und das zeichnet die Schotten aus?
Ich habe aber auch eine andere, dunk-
lere Seite. Das hat mit dem „keltischen
Nebel“ zu tun, den wir Schotten in un-
serer Seele tragen. Das hängt mit dem
Wetter zusammen und den vielen
dunklen und stürmischen Tagen vor al-
lem im Winter. Das lässt besonders die
Männer trübsinnig werden. Diese
Stimmung ist ein Teil von mir, und ich
habe sie immer wieder in meine Cha-
raktere einfließen lassen, zum Beispiel
beim „Phantom der Oper“. Es fällt mir
wirklich schwer, so eine Selbstanalyse
abzuliefern. Ich kann nur so viel sagen:
Ich bin ein Mann der Gegensätze. Lus-
tig und verrückt, anderseits bin ich das
genaue Gegenteil, nämlich schüchtern
und ohne inneren Halt.
Was ist Ihnen denn an der amerikanischen
Kultur fremd geblieben?
Bis heute habe ich das Verhältnis der
Amerikaner zum Fußball nicht so ganz
verstanden. Das Verrückte ist: Sie mö-
gen die Sportart schon, sie ist zwar
nicht so populär wie ihre eigenen, aber
sie spielen doch viel Fußball, gerade
Kinder. Aber in kommerzieller Hinsicht
hat er es nicht geschafft. Es ist ein Rät-
sel für mich, warum sich so wenige
Amerikaner Fußball im Fernsehen an-
sehen. Es lebt sich angenehm in den
USA, das Land ist auch eine Art Heimat
geworden. Aber meine emotionale Hei-
mat wird immer Schottland bleiben.
Es fällt ein bisschen schwer, sich Sie als kühl
rechnenden Filmproduzenten vorzustellen,
der Kosten einspart?
Ich erinnere mich noch genau an „Law
Abiding Citizen“, den ersten Film, den
ich mitproduziert habe. Wir hatten eine
Besprechung, in der es darum ging, die
Kosten für das Projekt zu senken. Einer
der Produzenten sagte zu mir: „Nun
wollen wir mal sehen, ob ein wirklicher
Produzent in dir steckt.“ Sie dachten,
ich sei gegen eine Reduzierung der
Ausgaben. Doch schon meine ersten
drei Vorschläge sparten uns 75.000 Dol-
lar. Ich fand drei statt zehn Explosionen
imFilmvollkommen ausreichend.
Sie sind also ein Geschäftsmann?
Das bin ich. Ich habe gelernt, dass man
viele Probleme auf sehr einfache Art lö-
sen kann. Statt aufwendiger, endloser
Actionszenen ist manchmal das gute
alte Messer im Schädel viel wirkungs-
voller. Und einen Charakter mit Humor
auszustatten sagt manchmal mehr über
ihn aus als protzige Kampfszenen.
STECKBRIEF
1969 wurde Gerard
Butler in Glasgow
geboren. Er studierte
Jus und begann die
Ausbildung in einer
Anwaltskanzlei, verlor
den Job aber. In einem
Londoner Caf´e wurde
er fürs Theater
entdeckt.
2000 wurde er als
Wes Cravens Dracula
bekannt. Es folgten
„300“ oder „Machine
Gun Preacher“.
Privat scheint Butler
gewisse Bindungs-
schwierigkeiten zu
haben. Von Model
Madalina Ghenea hat
er sich kürzlich
getrennt.
Josef Hoffmann
Wanduhr, Ausführung:
Max Welz, um 1935
€ 15.000–25.000
Auktion am
20. Juni 2013
Besichtigung: 13.–20. Juni 2013
Mo–Fr 10–18, Sa 10–17, So 11–17 Uhr
Online-Katalog: www.imkinsky.com
Information: +43 1 532 42 00
Gratis Print-Katalog bestellen:
office@imkinsky.com(solange der Vorrat reicht)
Nächste Auktion: 8. Oktober 2013
Zeitgenössische Kunst
Auktionstage 18.–20. Juni 2013
Alfons Walde
Sitzende mit blauem Schuh
(Detail), um 1925
€ 35.000–70.000
Auktion am
20. Juni 2013
Alte Meister
Bilder 19. Jh.
Antiquitäten
Jugendstil
Klassische Moderne
Zeitgenössische Kunst
18. 6.
18. 6.
19. 6.
20. 6.
20. 6.
20. 6.
18 h
18 h
19.30h
17 h
17 h
16h
ım Kinsky
Auktionshaus im Kinsky GmbH, Palais Kinsky, 1010 Wien, Freyung 4
Engel, Kunst, blutendeHerzen
Katie Mitchell inszenierte »Written on Skin«, eine Oper
von Martin Crimp und George Benjamin: blutrünstige
Story in epischer und doch poetischer Brechung bei den
Festwochen im Theater an der Wien. VON WALT E R WE I DRI NGE R
D
er Engel der Geschichte hat
nach Walter Benjamin „das
Antlitz der Vergangenheit
zugewendet“ und erblickt in
ihr „eine einzige Katastrophe, die un-
ablässig Trümmer auf Trümmer häuft
und sie ihm vor die Füße schleudert“.
Das Bild aus Benjamins letzter Schrift
„Über den Begriff von Geschichte“ ist
eine der Inspirationsquellen für „Writ-
ten on Skin“: Dieser ersten abendfül-
lenden Oper des englischen Dramati-
kers Martin Crimp und des Komponis-
ten George Benjamin, einem aus Lon-
don stammenden Namensvetter des
deutschen Geschichtsphilosophen,
galt die letzte, lang und laut akklamier-
te Festwochen-Premiere am Freitag im
Theater an der Wien – mit der sich In-
tendant Luc Bondy und Musikchef St´ e-
phane Lissner verabschieden.
Wenig Erfolge für Lissner. Einen Trüm-
merhaufen muss zwar nicht schauen,
wer auf Lissners Programm blickt. Aber
dünn gesät waren die hiesigen Erfolge
des zwischen Aix-en-Provence und der
Mailänder Scala viel beschäftigten Ma-
nagers: Nie konnte er den Vorwurf ent-
kräften, Wien stiefmütterlich zu behan-
deln. Im ORF beklagte Lissner jüngst
das geringe Budget und Schwierigkei-
ten bei der Zusammenarbeit mit dem
Theater an der Wien an: Dadurch sei es
unmöglich geworden, zum Verdi-Jahr
wieder „Rigoletto“ (2011, Regie: Luc
Bondy) und „Traviata“ (2012, R.: Debo-
rah Warner) neben dem heuer als Pre-
miere gezeigten, szenisch profilierten
„Trovatore“ (R.: Philip Stölzl) aufzu-
nehmen. Musikalisch war diese „Trilo-
gia popolare“ unausgeglichen geraten.
Mehr Fortune hatte Lissner zuletzt
mit dem zeitgenössischen Kontra-
punkt: Nach zu viel Opern von Philip
Boesmans gab es dichtes Musiktheater
von Beat Furrer und Christoph Mar-
thaler („Wüstenbuch“, 2011) sowie zu-
letzt Luca Francesconis eindringliches
„Quartett“ nach Heiner Müller. Daran
knüpft indirekt „Written on Skin“ mit
einem weiteren Stück über Bezie-
hungs- und Geschlechterprobleme an.
Ja, auch „Written on Skin“ kommt
aus Aix, wo letzten Sommer die Urauf-
führung stattfand; eine ganze Reihe eu-
ropäischer Häuser sind Koproduk-
tionspartner. Ausgehend von ihrem
2008 bei den Festwochen gezeigten
Mini-Musiktheater „Into the Little Hill“
haben Crimp und Benjamin ihren Be-
griff von Oper als einem zwischen Dra-
ma, Prosa und Lyrik fluktuierenden
Kunstwerk weiterentwickelt. Crimp ad-
aptiert in seinem Libretto jene schau-
rige provenzalische Legende vom ver-
speisten Herzen, fasst sie aber zeitge-
nössisch ein: Weil er den im Zentrum
stehenden Troubadour zu einem
Buchmaler macht, nimmt er die in illu-
minierten mittelalterlichen Manu-
skripten auf vielen Seiten zu findenden
Engel als Motiv und verquickt dies mit
Benjamins Engel der Geschichte – der
von einemBild Paul Klees inspiriert ist.
Anleihen bei Brecht. Engel der Gegen-
wart sind es also, die hier als mehrheit-
lich stumme Rollen nicht verändernd
in die Handlung von einst eingreifen
(können), sondern eher dafür sorgen,
dass diese ordnungsgemäß abläuft –
vielleicht immer wieder. Regisseurin
Katie Mitchell zeigt sie als Requisiteu-
re, Bühnenarbeiter und Nebenfiguren:
eine Idee, die mit den oft mitkompo-
nierten Regieanweisungen korrespon-
diert. Brecht lässt grüßen, wenn Reprä-
sentation und Erzählung eins werden.
Der famose Eklektiker George Ben-
jamin sorgt für expressive und reich-
haltige, schöne Musik, die das Klangfo-
rum Wien, viel zu selten als Opernor-
chester zu hören, unter Kent Nagano
höchst konzentriert und sinnlich aus-
breitet. Der Text ist meist gut verständ-
lich. Grandios focht Sopranistin Barba-
ra Hannigan den Freiheitskampf der
unterdrückten Agn` es, welcher Coun-
tertenor Iestyn Davies als ätherisch tö-
nender Buchmaler zur Seite stand; Au-
dun Iversen sang imposant, schien
aber noch nicht ganz mit seiner Rolle
des herrischen Protectors verwachsen.
Viel Jubel für kurze 90 Minuten.
„Written on Skin“:
Liebesprobleme und
eine schaurige
Legende aus der
Provence.
APA/Techt
KARRIERE
1974 begann der
damals 14-jährige
George Benjamin am
Konservatorium in
Paris bei Olivier
Messiaen zu studieren.
2006 wurde „Into the
Little Hill“
uraufgeführt,
Benjamins erstes,
Musiktheaterwerk mit
Martin Crimp: die
Geschichte vom
Rattenfänger als
Parabel auf das
Verhältnis von Kunst
und Politik.
2012 „Written on
Skin“, bei den Inter-
national Opera
Awards als Premiere
des Jahres geehrt.
(Wien: 16., 17. 6.)
DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 KULTUR 41
KUNST &
MEDIEN
RASCH!
REVOLUTION
Online-Streaming
löst bald das
reguläre
Fernsehen ab,
beschleunigt,
verändert die
Produktion von
Serien komplett.
Österreich ist hier
noch ein
Entwicklungsland.
Netflix
SEITE 42
K
u
l
t
u
r
S
E
R
I
E
N
POLITSERIE ALS
PRESTIGE-PRODUKT
„House of Cards“. Die Politserie mit Kevin
Spacey – das Remake einer BBC-Serie von
1990 – ließ sich das Onlineportal Netflix
100 Millionen Dollar kosten. Die Internet-
premiere des Prestige-Produkts im
Februar 2013 sorgte für großes Aufsehen.
POLIT-SITCOM AUF
USERWUNSCH
„Alpha House“. Noch eine Serie über
Politiker in Washington – aber diesmal
lustig. Die Sitcom mit John Goodman geht
in Produktion, nachdem der Pilotfilm von
den Usern des Amazon-Onlineportals
Lovefilm positiv bewertet worden ist.
»Wartenist tot«:
Netzrevolutionfür
SerienundTV
Netflix, die größte Online-Videothek der USA, produziert
nun selbst Serien, mit großen Namen und viel Geld:
Online-Streaming soll neue Dimensionen eröffnen und
bald das reguläre TV ablösen. Europa hinkt noch nach,
Österreich ist ein Entwicklungsland. VON CHRI STOPH HUBER
R
eed Hastings, Mitgründer und
CEO der Online-Videothek
Netflix, Inc. mit Sitz im kali-
fornischen Los Gatos, hat eine
Kurzformel für den Umbruch unserer
Sehgewohnheiten: „Waiting is dead“.
Warten ist tot, Hastings fordert den
Ausbruch aus dem „künstlichen prime-
time prison“. Das traditionelle TV-Pro-
gramm nennt er knapp „managed dis-
satisfaction“, verwaltete Unzufrieden-
heit: „Warum soll jemand warten, bis
seine Lieblingsshow mittwochs um
acht Uhr abends ausgestrahlt wird?“
Sofortige Verfügbarkeit bei Anfor-
derung ist das Versprechen der Inter-
net-Ära: Online-Streaming on demand
statt Fernsehprogrammzwang. In den
USA sehen laut einer Studie von Ende
2012 zwar noch 43% der Seher regulär
fern, aber Streaming ist der Zukunfts-
markt, mit fast 14% des Entertainment-
Konsums beinahe gleichauf mit TV-
Aufzeichnungen (14,5%). DVD und
Blu-Ray (nahezu 11%), Kabelkanäle
wie HBO und Kinobesuche (beide un-
ter 7%) sind schon weit abgeschlagen.
Kampf um Serienformate. Netflix trug
zu dieser Entwicklung entscheidend
bei: Die 1997 gegründete Firma wurde
in den USA zum Synonym für den On-
line-Verleih mit per Post verschickten
DVDs zum Flatrate-Tarif. 2007 war eine
Milliarde DVDs verliehen, die techno-
logische Entwicklung förderte einen
Seitenarm des Geschäfts: Online-
Streaming ersetzte Trägermedien, und
Netflix sparte Portokosten. Trotz kur-
zen Strauchelns bei der Teilung seiner
Geschäftszweige hat Netflix nun mit
über 29 Millionen Abonnenten natio-
nal alle TV-Sender überrundet.
Und will zur zeitgemäßen Distribu-
tionsform entsprechende Inhalte bie-
ten: Netflix ist groß in die Serienpro-
duktion eingestiegen. Im Kulturwandel
der letzten Dekade sind Serien zu Pres-
tigeprodukten mit Massentauglichkeit
geworden, haben dank den „Sopranos“
oder „The Wire“ demKino den Rang als
großes Erzählformat abgelaufen. Quo-
tenrekorde und übergreifende Pub-
likumsbindung sind dabei durch Zer-
splitterung des Marktes obsolet gewor-
den: Wo Reality-TV und anderen Billig-
formaten der Sender Nachhaltigkeit
fehlt, haben Konsum und Erzählweise
von Serien mit DVD-Boxen und On-
line-Verfügbarkeit im Paket eine andere
Dimension erreicht. Der Trend heißt
„binge viewing“, das Schauen – oft gan-
zer Staffeln – am Stück. Zuletzt schie-
nen viele der wichtigsten Shows dafür
gemacht: Ein Extrem war die pausen-
lose Spannungssteigerung in „24“, ein
anderes die vielschichtige, detaillierte
Dramaturgie von „The Wire“. Die TV-
Herkunft zeigte sich aber noch etwa im
Cliffhanger am Ende jeder „24“-Epi-
sode, um zum Wiedereinschalten
nächste Woche zu motivieren.
Alles sofort verfügbar. Doch warum
eine Woche warten? Im Februar 2012
präsentierte Netflix seine erste Stream-
serie. „Lillyhammer“ über einen New
Yorker Gangster (Steven Van Zandt aus
Bruce Springsteens E-Street-Band und
den „Sopranos“) auf norwegischen Ab-
wegen war Testlauf für eine neue Stra-
tegie: Alle Folgen waren sofort zugäng-
lich. 2013 ging es Schlag auf Schlag: Im
Februar ging die ganze erste Staffel der
Politserie „House of Cards“ online, für
deren zwei Staffeln Netflix angeblich
100 Millionen Dollar springen ließ. Mit
Stars wie Kevin Spacey und Regisseu-
ren wie David Fincher war sie eine kla-
re Kampfansage an den Qualitäts-
kabelkanal und direkten Rivalen HBO.
CEO Hastings: „Wir wollen schneller
zu HBOwerden, als HBOzu uns wird.“
Am 25. Mai gelang ein noch größe-
rer Coup: die Wiederauferstehung von
„Arrested Development“, jener Come-
dyserie, die als Vorbote der Internet-
Ästhetik galt (siehe unten). Deren Ra-
sanz im Servieren gleichzeitiger Poin-
ten und Running Gags lud schon 2003
zum „binge viewing“ ein, ihre Innova-
tionen wurden gefeiert und mit Emmys
prämiert, aber die Quote enttäuschte.
Also machte der Sender Fox nach drei
Staffeln Schluss. Aber die Show wurde
posthum über DVDs und Online-Prä-
senz zur Kultserie: Mit dem Revival des
Dauerbrenners wollte Netflix alte Fans
begeistern und neue Abonnenten an-
locken. Die radikale Erneuerung des
Erzählkonzepts – ursprünglich sollten
alle 15 neuen Episoden in beliebiger
Reihenfolge ansehbar sein – gelang
letztlich nicht, doch das Publikum
sprang an. Am Startwochenende sorgte
„Arrested Development“ für über ein
Drittel des Online-Verkehrs von Net-
flix, „House of Cards“ hatte es „nur“ auf
11% gebracht. Im Juli folgt „Orange Is
the New Black“ von „Weeds“-Schöpfe-
rin Jenji Kohan: Die neuen Serien sind
jedoch nur die Speerspitze zum Gene-
rieren von Aufmerksamkeit. Bei ständi-
ger Verfügbarkeit des Angebots ist Ak-
tualität relativ, viele Netflix-Hits sind
abgelaufene Serien, die von neuen Zu-
sehern entdeckt werden, etwa „24“
oder „Lost“, beide 2010 abgeschlossen.
Dennoch fiel der Aktienkurs von
Netflix Ende Mai kurzfristig. Denn die
Firma gab Streaming-Rechte an
„Sponge Bob“ und anderen Kinderse-
rien von Viacom auf: Netflix will auf
eine Auswahl ` a la carte umstellen, die
User-Wünsche sollen durch detaillierte
EineschrecklichsüchtigmachendeFamilienserie
Vor zehn Jahren startete die bahnbrechende Sitcom»Arrested Development«: Damals war sie der Zeit voraus – und wurde abgesetzt.
Längst gilt sie als eine der besten Fernsehserien. Ende Mai kamendlich das große Online-Comeback. VON CHRI STOPH HUBER
„They’ve made a huge mistake.“ Das ist
einer von Dutzenden Sätzen, der in un-
zähligen Variationen (nicht nur) im In-
ternet grassiert und den Fans der Serie
„Arrested Development“ leicht von der
Zunge geht: Es ist einer der zahllosen
kunstvoll variierten Running Gags die-
ser bahnbrechenden Sitcom – und bie-
tet sich als ironischer Kommentar zu
ihrem Schicksal an. Denn aus heutiger
Sicht hat der Sender Fox zweifellos
einen Riesenfehler gemacht, als er sie
nach drei Staffeln kurzerhand absetzte.
Aber als „Arrested Development“
2003 auf ein unvorbereitetes Publikum
losgelassen wurde, waren das Tempo
und der explosiv postmoderne Zugang
zum Gestalten von Gag-Kaskaden wie
ein Schock für das Publikum. Die Kritik
überschlug sich vor Begeisterung, es
gab Emmys, aber ein schlechter Sende-
platz und schlechtes Marketing führten
zu schlechten Quoten. Die zweite und
dritte Season wurden während der
Produktion gekürzt, was – typisch für
den hintersinnigen Humor der Serie –
prompt auf satirische Weise in die
Handlung eingearbeitet wurde.
Trotzdem bilanzierte Schöpfer Mit-
chell Hurwitz, das Fernsehen sei für
„Arrested Development“ noch nicht
bereit gewesen. Zurecht: Kaum eine
Serie hat nach ihrer Absetzung ein so
intensives Nachleben gehabt, dank
DVDs und Online-Angeboten. Auch
weil „Arrested Development“ zum viel-
fachen Sehen einlädt. Wenig in der TV-
Geschichte hat solche Humordichte
(und entsprechenden Suchtfaktor) er-
reicht: Gleichzeitig diverse Witze in
Bild und Dialog, rasant vermischt mit
verblüffenden Rückblenden und stets
im Standbild studierenswerten Ein-
blendungen von Zeitungsartikeln usw.
Wobei die Stimme des Erzählers (ge-
sprochen von Koproduzent Ron Ho-
ward) gern noch eine Pointe draufsetz-
te. Viele komische Ideen waren so sub-
til verbunden, dass sie erst beim zwei-
ten oder dritten Ansehen auffielen.
Geniale Missverständnisse. Mitchell
Hurwitz, ein vom Sitcom-Alltag bei Se-
rien wie „Golden Girls“ schon etwas
gelangweilter Veteran, hatte sich bei
„Arrested Development“ endlich aus-
toben dürfen: So entwickelte er die ab-
surde Saga der Bluth-Familie, deren
Imperium mit einemkleinen Bananen-
stand begonnen hatte, deren korrupte
Geschäfte aber schließlich sogar den
Irakkrieg beeinflussten. Das geniale
Grundprinzip der Serie war das Miss-
Die Online-Videothek Netflix
bedient in den USA mehr
Zuseher als alle TV-Sender.
42 KULTUR 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Sehr wichtig sind auch Serien
für Kinder – die zukünftigen
Streaming-Kunden.
galerie c | Sonnenfelsgasse 15 | 1010 Wien
Di – Fr 14 bis 18 Uhr | Samstag 10 bis 14 Uhr
Alfred Kornberger
Einzelausstellung | 7.6. – 6.7.2013
Papier- und Ölarbeiten von 1975–1995
Till Firit begeistert als
liebenswerter Sonderling
Das Volkstheater zeigt »Mein Freund Harvey« von Mary Chase in
einer eigenwilligen Inszenierung von Katrin Hiller: Der charmante
Antiheld Dowd ist hier bloß ein Alkoholiker. VON BARBARA P E T S C H
Saisonschluss: Noch schnell eine
Premiere und dann ab in den
Sommer. Das riecht nach liebloser
Pflichtübung. Aber es kommt an-
ders. Im Volkstheater ist seit Frei-
tag „Mein Freund Harvey“ von
Mary Chase zu sehen, berühmt
durch den Film mit James Stewart
von 1950. Der schrullige Elwood P.
Dowd, dessen bester Freund ein
weißer Riesenhase ist, prägte Ste-
warts Image. Mit seinem gläubig-
sanftmütigen Blick zeichnete der
Weltstar hier ein Gegenbild zu den
Revolver- und Westernhelden sei-
ner Zeit, zu den skrupellosen Lieb-
habern mit dem schmachtenden
Blick. Heute ist Henry Kosters Film
ein Beleg dafür, dass Hollywood
„Feel Good“ und „Glück für die
ganze Familie“ schon lange vor
der Erfindung dieser Begriffe
kannte. „Mein Freund Harvey“ fei-
ert aber auch das Individuum, das
gemocht wird, auch wenn es sich
nicht anpasst – und nebenbei na-
türlich spendete die Story Trost für
die Nachkriegsgeneration.
Klipp, klapp und Heiterkeit. Im
Volkstheater werden allerhand
Kunststücke geboten: Klipp, klapp
macht das Bühnenbild, Dekor
poppt aus dem Boden. Klipp,
klapp machen auch die Türen,
wenn Akteure flüchten oder der
unsichtbare Hase die Begleitung
wechselt. Katrin Hiller, die an der
Folkwang-Hochschule in Essen
studierte und am Volkstheater
eine Reihe von Inszenierungen ge-
macht hat, zuletzt „Unter der
Treppe“, führte Regie.
Sie treibt der Geschichte die
Transzendenz weitgehend aus:
Der Antiheld Elwood hat einen
Puka. Das ist kein Vogel, sondern
ein irischer Geist, der seine Gestalt
wechselt und allerhand Schaber-
nack treibt. Lob für das großartige
Programmheft! Elwood hat den
Puka möglicherweise deswegen,
weil er trinkt, jedenfalls redet er
die ganze Zeit von Drinks, wirkt
angeheitert und schwankt herum.
Das ist ein grobes Missverständ-
nis, aber Till Firit ist derart großar-
tig, dass die Fehlinterpretation
leicht verziehen ist. Rein äußerlich
hat der schlaksige, leichtfüßige Fi-
rit mit dem gewichtig wirkenden
James Stewart wenig gemein. Firit
ist ein echter Widerpart, er ver-
sieht Elwood mit tänzelnder Ele-
ganz und der Grandezza eines
Sohnes aus gutem Hause. Die an-
deren Figuren sind kaum weniger
verrückt als der Protagonist: Inge
Maux spielt Elwoods Schwester
Veta, die vor Ärger über ihren Bru-
der schon selbst Hasen sieht, Mat-
thias Mamedof, Ronald Kuste ge-
ben die vom Irrsinn ihrer Patien-
ten leicht infizierten Psychiater.
Gut geführtes Ensemble. Johanna
Mertinz möchte sich als Psychia-
terfrau nur zu gern in den Wahn-
sinn stürzen, um ihrem egozentri-
schen Ehemann, dem Klinikchef,
zu entfliehen. Nur Vetas Tochter
Myrtle (Claudia Sabitzer) behält
kühlen Kopf, sie will endlich an-
fangen zu leben und fängt den
vierschrötigen Pfleger im Sanato-
rium, Marvin (Christoph F. Krutz-
ler) ein. Andrea Bröderbauer ist
als blonde Oberschwester Ruth
eine wahre Augenweide – und
Thomas Bauer sorgt als Taxifahrer,
der wirkt wie ein Bote aus einer
anderen Welt, am Schluss für eine
letzte, überraschende Volte . . .
Wer ist Harvey? Ein Symbol für
die innere Stimme, eine Phantas-
magorie, die aus verdrängter Se-
xualität (hetero oder homo) resul-
tiert, der Wunschpartner, der ge-
heime Freund, eine Projektion,
das Alter Ego, der Schatten? Die
vielschichtige Idee der US-Autorin
und Journalistin Mary Chase
(1907–1981), die irische Wurzeln
hat, irische Mythologie in ihr Stück
einfließen ließ, hat Hiller mit ihrer
Inszenierung zwar plattgemacht.
Dafür erfreut sie mit unvorher-
gesehenen Wendungen und origi-
nellen Einfällen, die an angelsäch-
sische Kurzgeschichten erinnern.
Nach einer etwas mühsamen ers-
ten halben Stunde, in der sich
mancher fragen mag, was diese
museale Veranstaltung aus den
1950er-Jahren soll, wird die Auf-
führung stetig erfrischender, erhei-
ternder. Alles in allem: ein ent-
spannender Abend.
SERIEN-TESTLAUF
IN NORWEGEN
„Lillyhammer“. Ein New Yorker
Gangster packt aus – und taucht ab:
nach Lillehammer, Norwegen. Die
erste Netflix-Eigenproduktion 2012
war ein erfolgreicher Testlauf. Alle
Folgen gingen gleichzeitig online.
KINDERSERIE ALS
ZUKUNFTSMARKT
„Tumbleaf“. Animationsabenteuer
eines blauen Fuchses: eine von drei
Kinderserien, die auch auf Basis des
Pilotfilms von den Amazon-Usern
ausgewählt wurden. Die Jüngsten
gelten als wichtige Zielgruppe.
Datenauswertung erkannt werden.
Kleinkinder, die als Streaming-Kunden
der Zukunft gelten, haben für solche
Pläne aber wenig Verständnis: Es ha-
gelte Beschwerden entnervter Eltern.
User entscheiden Serienzukunft. Das
„Sponge Bob“-Paket ist indessen zu
Amazon gewandert: Der Internetriese
etabliert über seinen Online-Verleih
Lovefilm in England, Deutschland und
Skandinavien DVD-Postversand und
Online-Streaming ` a la Netflix. Und ließ
kürzlich seine User direkt über die Se-
rienzukunft entscheiden: 14 Pilotfilme
wurden angeboten, die am besten be-
werteten gehen nun in Serie, etwa die
Polit-Sitcom „Alpha House“ mit John
Goodman und gleich drei Kinderserien
mit Titeln wie „Creative Galaxy“. An-
dere US-Streaming-Portale wie Hulu
haben ähnliche Aktionen gestartet.
Entgegen Ankündigungen konnten
deutsche Lovefilm-Kunden übrigens
doch nicht mitstreamen und -stim-
men: In Europa ist die legale Situation
schwieriger, Urheberrechte sind natio-
nal unterschiedlich, ebenso das En-
gagement der Industrie beim ungewis-
sen neuen Geschäftsmodell. Der Kon-
sument im globalen Internetdorf hat
dafür wenig Verständnis, schließlich
sieht er, was anderen zugänglich ist. So
amüsierten sich US-Webseiten zum
Start von „Arrested Development“ über
Twitter-Verzweiflung von Deutschland
über Frankreich bis nach Australien –
offiziellen Zugang gab es nur in den
USA, Großbritannien, Lateinamerika
und der Karibik. Viele User greifen also
zu illegalen Downloads oder stoßen in
rechtliche Grauzonen vor: Durch Be-
schaffung von US-Adressen (postalisch
wie beim DNS-Server) kann man sich
bei Netflix anmelden. Das verstößt nur
gegen die Nutzungsbedingungen.
Bald nur mehr Internet-TV? Österreich
ist überhaupt noch im Stadium eines
Entwicklungslandes, quasi zwischen
Angola und Papua-Neuguinea: Nicht
einmal das deutsche Lovefilm-Angebot
ist hierzulande nutzbar. Der österrei-
chische Verein für Antipiraterie der
Film- und Videobranche listet auf sei-
ner Homepage die kleine Auswahl der
legalen Angebote (siehe Kasten unten).
Zu den bekannten TV-Mediathe-
ken von deutschen und österreichi-
schen Fernsehprogrammen und Abo-
Bezahlsendern wie Sky (wo übrigens
u. a. „House of Cards“ für den deut-
schen Sprachraum landete) kommen
noch einige Verleiher wie Warner Bros.
und der Filmladen, dazu spezialisierte
Seiten etwa für Dokumentationen oder
Musik sowie Anbieter wie flimmit.com
oder myvideo.at. Dabei hat vor einer
Dekade das Musikindustrie-Debakel
um Napster mit seinen Folgen gezeigt:
Online-Angebote müssen schnell da
und breitgefächert sein. Denn die Kon-
sumenten sind bereit zu zahlen, sie
wollen nur nicht mehr warten. Warten
ist (bald) tot: „In fünf bis zehn Jahren“,
sagt Netflix-CEO Hastings, „wird es nur
mehr Internet-TV geben.“
verständnis: kaum ein Gespräch, in
dem die Figuren nicht erheiternd anei-
nander vorbeiredeten oder sich unbe-
wusst in Doppeldeutigkeiten ergingen.
Das war nicht nur herausragend
geschrieben, sondern auch gespielt:
Vom da (noch blutjungen) Michael Ce-
ra bis zu Will Arnett wurden die Dar-
steller zu Comedy-Stars, während Ne-
benrollen mit Liza Minelli oder Charli-
ze Theron besetzt waren. Heraus kam
ein so perfekter wie perfid schlauer Stil,
der rückblickend die letzte Fernsehde-
kade geprägt hat: Eine Satire wie „30
Rock“ ist ohne den Vorläufer undenk-
bar – so wie eine Liste der besten TV-
Serien ohne „Arrested Development“.
Diese Sitcom wirkte eigentlich, als
würde man sich im Irrsinnstempo von
einem lustigen Internetlink zum
nächsten klicken: schon deshalb ein
idealer Kandidat für eine Online-Wie-
derbelebung. Die 15 neuen Folgen für
die Internetplattform Netflix wollte
Hurwitz erst entsprechend gestalten,
sodass sie in beliebiger Reihenfolge an-
gesehen werden können. Das scheiter-
te an praktischen Gründen: Durch den
Erfolg der Schauspieler waren ihre
Zeitpläne nicht koordinierbar.
Nun erzählt die neue Staffel eine
viel überschaubarere Handlung als die
wild herumspringenden alten Folgen.
Die Erzählung wird dafür aus der Per-
spektive der verschiedenen Hauptfigu-
ren immer wieder neu aufgerollt, mit
überraschenden wie komischen Effek-
ten: eine andere Art, zum wiederholten
Sehen zu animieren und vielleicht wie-
der ein visionärer Ansatz für neue Er-
zählstrategien in der Internet-Ära.
Da dafür die Geschwindigkeit ge-
drosselt wurde, gab es erst einige ent-
täuschte Kritiken, doch die Fans sind
zufrieden. Eine weitere Staffel oder ein
Kinofilm mit den Bluths ist im Ge-
spräch. Wie man aus einem anderen
Running Gag der Serie weiß: „There’s
always money in the banana stand.“
STREAMS IN
ÖSTERREICH
Legale Angebote. Die
Liste ist online beim
Antipiraterie-Verein:
www.dach-content-
protection.org/legale-
angebote.html
Mediatheken. Die
Stream-Angebote der
öffentlich-rechtlichen
und privaten Sender
sind natürlich dabei.
Plattformen. Es gibt
auch Aboservices von
UPC bis Sky, Film-
Streams von
Verleihern wie Warner
und Filmladen sowie
Online-Portale, ob
spezialisiert wie
Docufilms oder breit
gestreut wie Flimmit.
In Europa ist die rechtliche
Lage problematischer: Viele
User agieren in Grauzonen.
Die Darsteller der
Kultserie „Arrested
Development“, neu
belebt von Netflix.
Netflix
»Arrested Development« hat
das Comedy-Fernsehen der
letzten Dekade geprägt.
//// 16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM
0 KULTUR 43
Radioprogramm
20h
22h
ab
18h
TV
RADIO STEPHANSDOM
FM4 Ö1
ARTE 3SAT PULS4 ATV ORF2
ORF III ARD
SAT1
RTL VOX
PRO7
SERVUS TV
ZDF KIKA
SIXX AUSTRIA
DAS KOMPLETTE TV- PROGRAMM: DI EPRESSE. COM/ TV
ORF eins
IM ZENTRUM | SO | 22:00 | ORF 2
A
n
z
e
i
g
e
18.00 Sportschau 18.30 Bericht aus Berlin 18.50
Lindenstraße 19.20 Weltspiegel 20.00 Tages-
schau 20.15 Tatort. Die Wahrheit stirbt zuerst.
TV-Kriminalfilm, D 2013. Mit Simone Thomalla
u.a. 21.45 Günther Jauch 22.45 Tagesthemen
23.00 ttt – Titel, Thesen, Temperamente. U.a.:
„Der geplünderte Planet“ - „ttt“ über den Club
of Rome und die globale Ressourcen-Krise 23.30
Parteitag Linke 23.45 Die Eleganz der Madame
Michel. Drama, F/I 2009. Mit Josiane Balasko u.a.
1.20 Hängt ihn höher. Western, USA 1968
18.00ZDF-Reportage18.30TerraXpress 19.00heute
19.10 Berlin direkt 19.30 Terra X 20.15 Therese geht
fremd. TV-Liebesfilm, D 2011. Mit Christiane Hörbi-
ger u.a. 21.45 heute-journal. Wetter 22.00 Aida.
Oper, I 2013. Mit RobertoTagliavini u.a. 23.40Bericht
vom Parteitag von Die Linke in Dresden 23.55
Fußball. Confederations Cup. Vorrunde, Gruppe B:
Spanien–Uruguay; ZusammenfassungGruppeA:
Mexiko – Italien. Live aus Recife (BRA) 1.55 James
Bond 007 – Octopussy. Agentenfilm, GB 1983
18.55 Tierisch verliebt! 20.05 Koch mit! Oliver
20.15 NavyCIS. Was wärewenn... Krimiserie21.15
NCIS – Los Angeles. Die Spinat-Spur. Krimiserie
22.15 Hawaii Five-0. Wolframstahl. Actionserie
23.15 Criminal Minds. TabulaRasa. Krimiserie0.10
Blockbuster TV – Making of. The Place Beyond
the Pines 0.25 News & Stories. Eine Geschichte
des Gesichts – Hans Belting und sein neues
Buch „Faces“ 1.15 Navy CIS. Was wäre wenn ...
Krimiserie 1.55 NCIS – Los Angeles
18.10 Die Simpsons. Familienkrawall – Maggie
verhaftet 18.40 DieSimpsons. DiesüsssaureMar-
ge 19.05 Galileo 20.15 The Tourist. Thriller, F/USA
2010. Mit Johnny Depp u.a. 22.30 S.W.A.T.: Fire-
fight. Actionfilm, USA 2011. Mit Gabriel Macht u.a.
0.15 Assassination Games. Actionfilm, USA 2011.
Mit Jean-Claude Van Damme u.a. 2.05 S.W.A.T.:
Firefight. Actionfilm, USA 2011. Mit Gabriel Macht
u.a. 3.35 Assassination Games. Actionfilm, USA
2011. Mit Jean-Claude Van Damme u.a.
18.05 Das Zauberkarussell 18.15 Babar und die
Abenteuer von Badou 18.40 Siebenstein Mini
18.50 Unser Sandmännchen 19.00 Peter Pan –
Neue Abenteuer. Der Tempel der Chumbas. Ani-
mationsserie 19.25 pur+. Das Entdeckermagazin.
Eric versinkt im Moor 19.50 logo! Die Welt und
ich 20.00 Erde an Zukunft. Endlich Schluss mit
Lebensmittelverschwendung! 20.10 Fluch des
Falken. Angeklagt / Alles oder nichts! / Oma
tanzt Haie/ DieErlösungdes Falken. Mysteryserie
6.00 FM4-Morning Show 10.00 FM4-Sunny Side
Up13.00 FM4-Connected. DieOpen-House-Show
mit Stories, PhoneInundService. DeinDraht zum
Sender, dein Draht zur Welt: Connected ist die
Spielwiese am Nachmittag, der Platz für Musik-
wünsche und Livegäste, Buchtipps und Spiele-
neuheiten, politische Diskussionen und natürlich
viel Musik. 17.00 FM4-World Wide Show. Die
wöchentliche Radioshow von Gilles Peterson
19.00 FM4-Zimmerservice. Die Hörerwunschsen-
dung mit Martin Blumenau und Martin Pieper
21.00 FM4-Im Sumpf 23.00 FM4-Graue Lagune
0.00 FM4-Liquid Radio 1.00 FM4-Soundpark
8.00 Morgenjournal
8.15 Du holde Kunst. „Des Menschen Seele
gleicht dem Wasser“
9.05 Café Sonntag. „Kinder und Literatur“.
Zu Gast ist Thomas Brezina, Kinder- und
Jugendbuchautor und Fernsehmoderator
10.05 Ambiente. Vulkane, Regenwälder,
Artenvielfalt und nachhaltiger Touris-
mus. Naturstudienreise nach Costa Rica
11.03 Wiener Festwochen 2013 – Matinee
13.00 Sonntagsjournal
13.10 gehört – gewusst. Das Ö1-Quiz
14.05 Menschenbilder. „Gelebte Geschichte“.
Die Historikerin Gertrude Schneider
15.05 Apropos Musik. Nicht nur „hochdrama-
tisch“: Eva Marton zum 70. Geburtstag
16.00 Ex libris. Bücher, Menschen, Themen
17.00 Journal um fünf
17.10 Die Ö1-Kinderuni
17.30 Spielräume. Sempre – Erinnerung an
Gabriella Ferri
18.00 Abendjournal
18.15 Moment am Sonntag
Das Leben nach der Abschiebung
19.05 Motive. Glauben und Zweifeln
19.30 Wiener Festwochen 2013
21.30 Heimspiel
22.05 Contra. Kabarett und Kleinkunst
22.30 matrix. Der Kampf um das EU-
Datenschutzgesetz
23.03 Kunstradio – Radiokunst
0.05 Du holde Kunst
18.40 Private Practice. Zweite Wahl 19.25 Grey’s
Anatomy – Die jungen Ärzte. Dankbarkeit 20.15
Von Frau zu Frau. Komödie, USA 2007. Mit Diane
Keatonu.a. 21.55 Blockbuster TV–Makingof 22.05
Weiblich, ledig, jungsucht II. Thriller, USA2005. Mit
KristenMiller u.a. 23.35 VonFrauzuFrau. Komödie,
USA2007 1.15 Weiblich, ledig, jungsucht II. Thriller,
USA2005. Mit KristenMiller u.a. 2.40 All YouNeed
is Love–MeineSchwiegertochter ist einMann. TV-
Komödie, D 2009. Mit Frank Röth u.a.
18.00 Retroalpin. Eiger Solo 19.00 Die Welt der
Tierbabys. Der Lauf der Natur 20.00 WwieWetter
20.15 Neuseeland von oben. Rauchende Vulkane
und dampfende Quellen 21.15 Hafenwelten. Lon-
gyearbyen: Schätze im Ewigen Eis 22.10 Koper-
nikus –Rätsel der Galaxis. Schwarze Löcher –Die
dunkelsten Geheimnisse des Universums 23.10
Voyager: Expeditionsreise durch das äußere Pla-
netensystem 0.10 Neuseeland von oben. Rau-
chende Vulkane und dampfende Quellen
18.15 Die Superchefs 19.15 Ab ins Beet! 20.15 Pro-
mi Shopping Queen. Motto in Hamburg: Femme
fatale –Wickle deinenMannumdenFinger 23.15
Prominent! 23.55 Daniela Katzenberger – natür-
lichblond. Katzeals Mann1.00 GoodbyeDeutsch-
land! DieAuswanderer 2.35 Auf unddavon–Mein
Auslandstagebuch 3.40 Ab ins Beet! Die Garten-
Soap. Claus undseineFreunde: Kleingarten/ Sonja
undThorsten: Teichgestaltung/ MarcoundAndré:
Hühnerstall 4.25 Schneller als die Polizei erlaubt
18.45 RTL aktuell 19.05 Bauer sucht Frau – Das
Leben ist (k)ein Ponyhof 20.15 Reine Fellsa-
che – Jetzt wird’s haarig! Komödie, USA/VAE
2010. Mit Brendan Fraser u.a. 22.00 „Spiegel“-TV
Magazin. Machtlos gegen Diebesbanden – Woh-
nungseinbrüche boomen / Rechter Mob – Nazis
terrorisieren Nachbarn / Aufstand der Anständi-
gen – Revolte gegen Erdogan 22.45 Wir wollen
freieMenschensein! Volksaufstand1953 23.30 Die
große Reportage 0.05 Faszination Leben
14.50 Im Spessart sind die Geister los. TV-
Komödie, D 2010. Mit Annette Frier u.a. 16.25
Mein Flaschengeist und ich. TV-Komödie, D
2009. Mit Torben Liebrecht u.a. 18.00 Sport
am Sonntag 19.05 My Name Is Earl 19.30 My
Name Is Earl 19.54 Wetter
20.00 ZIB 20
20.15 The Tourist. Thriller, F/USA 2010
Mit Johnny Depp, Angelina Jolie,
Paul Bettany. Regie: Florian Henckel
von Donnersmarck
21.50 ZIB Flash
22.00 Machtlos
Thriller, USA 2007. Mit Jake Gyllen-
haal, Reese Witherspoon
23.55 Fußball. Confederations Cup. Vorrun-
de, Gruppe B: Spanien – Uruguay.
Live aus Recife (BRA)
1.50 The Tourist. Thriller, F/USA 2010
13.05 Panorama13.25 Heimat, fremdeHeimat
13.55 Jenseits von Afrika. Liebesdrama, USA
1985 16.30 Erlebnis Österreich17.05 Zurück zur
Natur 17.55 DieBrieflos Show18.25 Österreich-
Bild 19.00 Bundesland heute 19.17 Lotto 19.30
Zeit imBild 19.49 Wetter 19.55 Sport aktuell
20.05 Seitenblicke
20.15 Tatort. Die Wahrheit stirbt zuerst
TV-Kriminalfilm, D 2013. Mit Simone
Thomalla, Martin Wuttke, Pasquale
Aleardi. Regie: Miguel Alexandre
21.50 ZIB
22.00 Im Zentrum
23.05 dok.film. WikiLeaks –
Geheimnisse und Lügen
0.30 Der Bulle von Tölz. Unter Freunden
TV-Kriminalfilm, D 1995. Mit Ottfried
Fischer, Ruth Drexel, Katerina Jacob
2.05 Matinee
13.15 ATV Die Reportage 14.15 ATV Die Repor-
tage. Tankstellen(3/6) 15.15 Diewirklichwich-
tigsten Österreicher 16.15 Pfusch amBau 17.15
Notaufnahme 18.20 Hubert und Staller 19.20
ATV Aktuell 19.27 ATV Sport 19.33 King of
Queens. Die geborgte Frau. Comedyserie
20.00 Hi Society
20.15 Verrückt nach Dir
Romantikkomödie, USA 2010
Mit Drew Barrymore, Justin
Long, Charlie Day
Regie: Nanette Burstein
22.20 Moon
Drama, GB 2009. Mit Sam Rockwell,
Kevin Spacey, Dominique McElligott.
Regie: Duncan Jones
0.05 Verrückt nach Dir
Romantikkomödie, USA 2010
2.05 Moon. Drama, GB 2009
12.50 Wunderbare Jahre 13.15 X-Factor: Das
Unfassbare 14.10 Titanic. Liebesdrama, USA
1997. Mit Leonardo DiCaprio u.a. 17.45 Miss
Austria 18.45 Guten Abend Österreich. Die
AustriaNews Show 19.20 Navy CIS. Familien-
geheimnis. Krimiserie
20.15 Miss Austria
Wer wird Miss Austria und wird
österreichische Botschafterin beim
Miss World Finale in Indonesien?
21.15 PULS 4 Reportage. Die Party-Millio-
näre – Helden der Spaßgesellschaft
22.15 TABU – Österreichs großer Sexreport.
Bundesländercheck – Sex ohne Ende
von der Hauptstadt ins Ländle
23.15 Sex & Reden
23.45 Wild Things II
Thriller, USA 2004
1.35 Miss Austria
14.45 Abenteuer Nordsee 15.30 Abenteuer
Nordsee 17.00 Das Bad auf der Tenne. Komö-
die, A/D195618.15 Zauber der Buchkunst –Das
Mainzer Evangeliar 18.30 Museums-Check mit
Markus Brock 19.00 heute 19.10 Con amore e
gusto 19.40 Schätze der Welt
20.00 Tagesschau
20.15 Das Halstuch
TV-Kriminalfilm, D 1962. Mit Heinz
Drache, Eckart Dux, Gerhard Becker
21.30 Das Halstuch
TV-Kriminalfilm, D 1962
22.40 Das Halstuch
TV-Kriminalfilm, D 1962. Mit Heinz
Drache, Albert Lieven
23.50 Polizeiruf 110. Still wie die Nacht
TV-Kriminalfilm, DDR 1988
1.15 Heiße Nächte in L.A.
Thriller, USA 1992. Mit Michael Paré
14.20 Amphoren 15.15 Konstantinopels ver-
sunkener Hafen 16.15 Abgedreht! 17.00 Von
Cézannebis Bonnard, großeMaler inSüdfrank-
reich18.00 Wiedas Land, soder Mensch18.30
KöniginElisabethWettbewerb19.15 Arte-Jour-
nal 19.30 Karambolage 19.45 Zu Tisch ...
20.15 Das Fenster zum Hof
Psychothriller, USA 1954. Mit James
Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey
Regie: Alfred Hitchcock
22.05 Die Pferdeakademie von Versailles
Dokumentation
23.10 Musik im Salon – Mozart und Haydn
0.15 Die Vögel
Thriller, USA 1963. Mit Tippi Hedren,
Suzanne Pleshette, Rod Taylor
Regie: Alfred Hitchcock
2.10 Heimatklänge
Dokumentarfilm, CH/D 2007
18.10 Má Vlast – Mein Vaterland. Konzert 19.45
Erlebnis Bühne. Künstlerportrait. Harnoncourt
probt Smetana 20.15 Die verkaufte Braut. Oper.
Mit AntonScharinger, ElisabethKulman, Dorothea
Röchmann u.a. 23.20 Sommernachtsgala 2012.
Moderation: Barbara Rett 0.55 Ernesto Guevara,
genannt Che 1.15 Ernesto „Che“ Guevara 2.05
Fidel, der Che und die afrikanische Odyssee 2.50
Kult.reloaded. Der Knopf imTaschentuch 3.35 Im
Mittelpunkt. Schauspiel. Mit Ernst Stankovski u.a.
4.45 Kultur heute, Magazin
00:00 Notturno
06:58 Allegro
09:00 Messe
11:00 Konzertübertragung
14:00 Wunschkonzert
15:00 Continuo
17:00 Allegro Moderato
18:00 Alte Musik
19:00 Faszination Kirchenmusik
21:00 Nachgedacht
22:00 Orgelkonzert
23:00 Kammermusik
BlueChips und
FavelaCaf´ e
Die Art Basel überschreitet heuer wieder alle Grenzen,
sie gibt sich »unlimited« und erreicht teilweise die
Qualität der Biennale von Venedig. VON SABI NE B. VOGEL
G
rößer könnte der Gegensatz
nicht sein: Vor dem silbern
glänzenden Neubau stehen
zusammengenagelte Hütten
aus Wellblech und Holz. Tadashi Ka-
wamatas improvisiertes „Favela Caf´ e“
vor Herzog & de Meurons perfekter
Messehalle ist ein beeindruckender
Auftakt der 44. Art Basel. Damit be-
grüßt uns die Mutter aller Kunstmes-
sen schon auf dem Vorplatz mit einem
starken Bild für unsere globale Welt.
Und betont gleichzeitig die besondere
Qualität der Veranstaltung: Zeitgenös-
sischer als auf der Art Basel geht es
kaum. Und kontrastreicher auch kaum,
das zeigt sich dann in der Auswahl der
306 Galerien aus 39 Ländern, in den
Werken der über 4000 Künstler und am
eindrücklichsten in der kuratierten
Sektion „Unlimited“. Die Mega-Skulp-
turen und begehbaren Installationen
sind in dem 35 Meter hohen, mit ef-
fektvoller Stahlgeflechtfassade ausge-
statteten Messeneubau untergebracht.
Um 30 Prozent ist die Fläche für
„Unlimited“ vergrößert, erklärt Kurator
Giani Jetzer. Wurden letztes Jahr 62, so
sind heuer 79 Künstler aus fast 200 Ein-
reichungen ausgewählt worden, hier
ein Werk zu zeigen. 16.000 Schweizer
Franken (13.000 Euro) zahlen die Gale-
rien für einen vier Meter hohen Kubus,
zusätzlich zu ihrer Standmiete. Aber
die Investition lohnt sich, denn gerade
diese Sektion gehört zu den Höhe-
punkten der Messe, hier kommt eine
Ausstellung mit Biennale-Charakter
zusammen – und dies nicht aufgrund
der bisweilen zu groß geratenen Di-
mensionen, sondern aufgrund der
Qualität: Zu sehen sind hochkarätige
Werke, die sich mit der Welt beschäfti-
gen, dem Vergessen etwas entgegen-
setzen wie Huang Yong Ping mit sei-
nem Terrakotta-Nachbau von Osama
bin Ladens Grundstück in Pakistan
oder kritisch sind wie Alfredo Jarrs
„Sound of Silence“: Hauptsächlich im
Medium Schrift kreist dieses Video um
das weltberühmte Foto eines verhun-
gernden Kindes mit Geier im Hinter-
grund, Kevin Carter nahm es 1994 im
Sudan auf. Die Macht von Bildern ist
selten so drastisch zu erleben wie in
dieser Installation. Weniger kritisch,
dafür umso globaler geht es bei den
Galerien in Halle 1 weiter. Hier treffen
Blue Chips auf Innovatives: Auf eine
Picasso-Zeichnung für 4 Mio., ein Bild
von Willem de Kooning für 8,5 Mio.,
eines von Rene Magritte für 12,5 Mio.
Dollar folgen Werke von Künstlern der
heurigen Biennale Venedig, eine Mini-
Version von Ai Weiweis Hocker-Skulp-
tur (Neugerriemschneider) oder von
jenem „Krüppelholz“, das Berlinde de
Bruyckere im belgischen Pavillon wie
ein verletztes Wesen dramatisch insze-
niert hat (250.000 Euro, Continua).
Radikales wird seltener. Manches
stimmt ratlos wie die orange Schlange
von Carsten Höller, die auf dem Boden
liegt und offenbar etwas Großes ge-
schluckt hat (90.000 Euro, 5er Edition,
Air de Paris, Paris) – pure Dekoration
oder subtile Konzeptkunst? Je globaler
der Kunstmarkt wird, das zeigt die heu-
rige Art Basel, desto facettenreicher
wird das Angebot: Handwerklichkeit
(Liu Weis „Library“ aus Papierstapeln)
und materialintensive Improvisationen
(Karla Black) sind im Kommen, immer
mehr Kunst wird immer größer, Skulp-
turen werden immer gefragter.
Kritisches und Konzeptuelles wird
von Kitschigem flankiert (Farhad Mos-
hiri), kulturelle Grenzen werden im-
mer unbedeutender, Radikales und Re-
duziertes wird immer seltener. Diese
Entwicklung hat den Vorteil, dass die
Freude an Kunst zunehmend auf Vor-
wissen verzichten kann und damit die
Menge der Kunden – von Sammlern
spricht hier kaum noch jemand –
enorm wächst. Mehr als 65.000 Besu-
cher kommen jährlich zur Art Basel,
die meisten als Käufer.
Carsten Höllers
orange Schlange
weckt Ratlosigkeit.
Sabine B. Vogel
A R T B A S E L
GLOBAL
An der 44. Art Basel nehmen 306
Galerien aus 39 Ländern teil, darunter
sieben aus Österreich: Georg Kargl,
Krinzinger, Martin Janda, Mezzanin,
Nächst St. Stephan, Hubert Winter
und Krobath, deren Künstlerin Jenni
Tischer heuer den mit 30.000 Euro
dotierten Baloise-Preis gewann.
44 KUNSTMARKT 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
i
MEDUNI WIEN 45
Großes Staunen im Josephinum
Die MedUni Wien möchte eine der größten medizinhistorischen Sammlungen der Welt zu neuem Leben erwecken.
Startschuss ist eine faszinierende Ausstellung mit anatomischen Wachsmodellen aus dem 18. Jahrhundert.
Wenn Ärzte aus aller Welt nach
Wien kommen, findet sich auf der
Liste jener Sehenswürdigkeiten,
die sie besuchen, neben Hofburg,
Stephansdom, Oper und Muse-
umsquartier auch die Adresse
Währinger Straße 25. In dem alt-
ehrwürdigen, aus dem 18. Jahr-
hundert stammenden Bau findet
sich nämlich eine medizinhistori-
sche Sammlung von internationa-
lem Rang: Das Josephinum beher-
bergt Bilder, Instrumente und
Wachsmodelle, die tiefe Einblicke
in die Entwicklung der Medizin ge-
ben.
Dieses kulturelle Erbe der Me-
dizinischen Universität Wien aus
sechs Jahrhunderten – die Fakultät
als Vorläuferin wurde bereits 1365
gegründet – gehört zu den größten
gewachsenen medizinhistorischen
Sammlungen der Welt. Mit diesen
Kostbarkeiten möchte die MedUni
Wien jetzt stärker als bisher neben
medizinisch ausgebildetem Publi-
kum auch interessierte Besucher
ohne medizinischen Hintergrund
anlocken. „Wir wollen die hier be-
findlichen Schätze aktiver und at-
traktiver als bisher präsentieren
und dieses reiche kulturelle Erbe
zum Leben erwecken“, so Vizerek-
torin Christiane Druml, die für das
Josephinumverantwortlich ist.
Kunstwerke aus Wachs
Den ersten Schritt bildet die vor
Kurzem eröffnete Sonderausstel-
lung „Amazing Models“. Sie ist ein
spektakulärer Startschuss, der die
Besucher staunen lässt. Gezeigt
werden anatomische und geburts-
hilfliche Wachsmodelle aus dem
18. Jahrhundert, die durch ihren
künstlerischen Ausdruck und zu-
gleich durch ihre medizinische
Präzision verblüffen. Schnitte
durch lebensecht wirkende Körper
sind hier zu sehen, bei denen Or-
gane, Knochen und selbst feinste
Äderchen detailgetreu dargestellt
werden. Bei keinem einzigen Mo-
dell handelt es sich um ein
menschliches Präparat, alle Aus-
stellungsstücke wurden von italie-
nischen Künstlern mit großem
Können aus Wachs gefertigt. Die
Sammlung des Josephinums, die
für diese Sonderausstellung mit
Modellen aus den Museen in Lei-
den und Bologna ergänzt wurde,
ist ein beeindruckendes Doku-
ment für das Zeitalter der Aufklä-
rung und eng mit der Gründung
des Institutes verbunden. Der
Habsburgerkaiser Joseph II. schuf
auf Anregung seines Leibchirurgen
1784 diese „Academie“. Ärzte und
Wundärzte für die Armee sollten
hier ausgebildet werden. Während
eines Italien-Aufenthaltes bei sei-
nem Bruder, dem damaligen
Großherzog Pietro Leopoldo von
Toskana (und späteren Kaiser Leo-
pold II.), entdeckte Joseph II. die
Wachsmodelle des Museums La
Specola: „Diese Sammlung hat
dem Kaiser so gut gefallen, dass er
für seine Akademie solche Modelle
bestellte“, erzählt Druml über die
Ursprünge der „Amazing Models“.
Damals waren die Wachsmo-
delle ein wesentliches Element bei
der Ausbildung der Mediziner und
– so der Wunsch von Joseph II. –
auch der Öffentlichkeit zu deren
Aufklärung zugänglich. Heute sind
sie ebenso wie die anderen Samm-
lungen des Josephinums Doku-
mente der Geschichte der Medizin
in Wien: „Sie stellen einen Teil des
kulturellen Erbes Österreichs und
der mitteleuropäischen Kultur-
und Wissenschaftsgeschichte dar“,
betont Druml. Die Vizerektorin der
MedUni, die auch Vorsitzende der
Bioethikkommission im Bundes-
kanzleramt der Republik Öster-
reich ist, ortet eine Verpflichtung
zur Bewahrung dieses Erbes: „Um
die Gegenwart zu verstehen, muss
man die Vergangenheit kennen“,
sagt sie.
Kooperationen geplant
Damit sich in Zukunft mehr Men-
schen für die Medizingeschichte
begeistern, sollen der jetzigen Aus-
stellung, die bis zum Nationalfeier-
tag läuft, weitere Highlights folgen.
Druml kündigt an, dabei auch völ-
lig neue Wege zu beschreiten:
„Faszinierend sind etwa die Über-
gänge zur Kunst, zur intellektuel-
len Geschichte des Ganzen“, sagt
sie. Deshalb denkt Druml etwa
daran, die medizinhistorische
Sammlung mit Ausstellungen mo-
derner Kunst zu verbinden. Das
Interesse der Künstler ist jedenfalls
da: Anlässlich seiner letzten Aus-
stellung in Wien besuchte etwa
Gottfried Helnwein gleich zweimal
die Sammlungen. Die Kooperation
mit anderen Museen ist ebenfalls
geplant.
So wird überlegt, gemeinsam
mit dem Naturhistorischen Mu-
seum, in dessen Verantwortungs-
bereich das pathologisch-anato-
mische Bundesmuseum im nahe-
gelegenen Narrenturm fällt, eine
medizinhistorische Museums-
meile zu schaffen.
Um für solche Aktivitäten das
nötige Geld aufzutreiben, werden
ebenfalls neue Wege beschritten.
Bislang erfolgte die Finanzierung
der „Sammlungen der Medizini-
schen Universität Wien“ aus dem
Gesamtbudget der MedUni. Nun
will man über Patenschaften von
Privatpersonen, Firmen und Insti-
tutionen zusätzliche Mittel auftrei-
ben. Bedarf gibt es mehr als genug:
Die konservatorischen Arbeiten
wollen ebenso finanziert werden
wie verschiedene Forschungen. Im
Josephinum finden sich histori-
sche Dokumente, die teilweise
noch auf wissenschaftliche Bear-
beitung warten.
Der Bestand reicht von den
chronologischen Aufzeichnungen
der Wiener Medizinischen Fakul-
tät, mit denen am 6. Mai 1399 be-
gonnen wurde, bis zu kompletten
Nachlässen berühmter Mediziner
wie Julius Tandler oder Julius Wag-
ner-Jauregg sowie die von der Ge-
sellschaft der Ärzte zur Verfügung
gestellte Autografensammlung von
Theodor Billroth. Material für wei-
tere Ausstellungen gibt es ausrei-
chend, meint Druml.
Hinter den Mauern des Josephinums verbirgt sich die faszinierende Geschichte der Medizin. MEDUNI WIEN Eines der Wachsmodelle. MEDUNI WIEN
Christiane Druml, Vizerektorin der
MedUni Wien. MEDUNI WIEN
Diese Seite erscheint mit
finanzieller Unterstützung
der MedUni Wien.
Paten gesucht
Firmen und Private soll bei der Erhaltung der
Kostbarkeiten des Josephinums mithelfen
Als Vorsitzender des Universitäts-
rates ging Erhard Busek mit gutem
Beispiel voran: Er übernahm die
erste Buchpatenschaft des Josephi-
nums. Mittlerweile sind viele sei-
nem Beispiel gefolgt. „Die Medizi-
ner sind damals aus einem dunk-
len Hintergrund hervorgetreten
und haben Pionierleistungen er-
bracht, die unseren heutigen gro-
ßen Erkenntnissen um nichts
nachstehen“, meint etwa Dont-
scho Kerjaschki, Leiter des Klini-
schen Institutes für Pathologie der
MedUni Wien. Kerjaschki hat nicht
nur selbst eine Patenschaft für ein
Wachsmodell übernommen, son-
dern auch eine Reihe von Bekann-
ten als Paten gewonnen. Der inter-
national anerkannte Pathologe
führt immer wieder Kollegen aus
dem Ausland durch die Samm-
lung: „Bis jetzt gab es keinen, der
nicht sehr berührt und beein-
druckt von diesem großen Erbe
der Vergangenheit war.“ Kerjasch-
ki freut sich, dass nun zumindest
ein „Minibudget“ zur Verfügung
steht, um notwendige Restaurie-
rungsarbeiten vorzunehmen.
Mehr als eine halbe Million
Bücher lagern in den insgesamt
vier Bibliotheken, der größten me-
dizinhistorischen Fachbibliothek
im deutschen Sprachraum. Das äl-
teste Buch stammt aus dem Jahr
1478. „Die Erhaltung dieser wis-
senschaftshistorischen Schätze
und auch die Erhaltung der
Wachsmodelle ist sehr aufwendig“,
erklärt Christiane Druml, Vizerek-
torin der MedUni Wien und Leite-
rin des Josephinums. Die neuen
Patenschaften sind ihr deshalb ein
großes Anliegen.
Eine Buchpatenschaft ist be-
reits ab 500 Euro möglich, wer Pate
eines der anatomisch-pathologi-
schen Wachsmodelle werden will,
muss mindestens 700 Euro inves-
tieren. Aber auch geringere Beiträ-
ge für allgemeine Restaurierungs-
vorhaben im Josephinum sind
möglich und willkommen.
„Amazing Models“
Die Ausstellung im Josephinum ist jeden Freitag und
Samstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Noch bis 26. Oktober präsentiert
die MedUni Wien im Josephinum
unter dem Titel „Amazing Models“
einzigartige historische Anatomie-
modelle. Das gemeinsame Projekt
mit dem Museum Boerhaave in
Leiden und dem Museo delle Cere
Anatomiche „Luigi Cattaneo“ in
Bologna konnte mit Förderung der
EU auf die Beine gestellt werden.
Die Ausstellung soll auch erinnern,
dass die drei Städte über viele Jahr-
hunderte hinweg Zentren medizi-
nischer Exzellenz waren und in
wissenschaftlichem Austausch
standen.
Die Ausstellung in der Währin-
ger 25 ist jeweils Freitag und Sams-
tag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der
Eintritt für Erwachsene beträgt vier
Euro, Kinder und Jugendliche bis
19 Jahre zahlen nichts. Studieren-
de, Präsenz-, Zivildiener, Senioren
zahlen zwei Euro.
Nach Voranmeldung unter
01/401 60-26001 sind Führungen
möglich, bei denen ExpertInnen
der MedUni Wien informieren.
Historische Wachsmodelle versetzen im Josephinum in Staunen. MEDUNI WIEN
Vom Josephinum
bis zum Lusthaus
Sehenswert sind nicht allein die
historischen Schätze des Josephi-
nums, sondern auch der prächtige
Bau selbst. Er wurde im Auftrag
von Kaiser Joseph II. von 1783 bis
1785 nach Plänen von Isidor Cane-
vale errichtet.
Der Bauplatz in der Währinger
Straße lag neben einem gleichzei-
tig errichteten Militärgarnisons-
Hauptspital – ideal für eine „Aca-
demie“, in der Ärzte und Wund-
ärzte für die Armee ausgebildet
wurden. Das Josephinum gestal-
tete Canevale nach dem Vorbild
französischer Stadtpalais. Auch
der „Narrentum“ wurde von ihm
entworfen. Das Lusthaus im Prater
und das Tor zum Augarten stam-
men ebenfalls von ihm.
L
E
S
E
R
B
R
I
E
F
E
S
A
G
E
N
S
I
E
U
N
S
D
I
E
M
E
I
N
U
N
G
THESEN,
TEXTE,
THEORIEN
EINWURF
APROPOS
KOCHEN
Wussten Sie, dass
die steife Kochmütze
vomChefkoch des
Wiener Kongresses
erfunden wurde?
Die weiße Koch-
mütze, Statussymbol
und Berufskleidung
ordentlicher Chefs,
hat vor allem
hygienische Gründe.
Erfunden wurde die
heute ikonische
„steife“ Mütze von
Marie-Antoine
Carˆeme, einem der
Väter der
französischen Küche.
Der Konditor und
Koch bestellte unter
anderem die Tafel zur
Hochzeit von
Napoleon mit Marie
Louise von Österreich
und bewirtete auch
die Teilnehmer des
Wiener Kongresses.
Carˆeme versteifte
seine Mütze – bis
dahin wurden sie wie
ein Barett getragen
– mit einem Papier-
streifen und schuf so
eine Hierarchie, die
den Chef- von
niedereren Köchen
abgrenzen sollte.
Ihre Briefe an: leserbriefe@diepresse.com – Die Presse, Hainburger Straße 33, 1030 Wien.
Hinweis: Die abgedruckten Leserbriefe müssen nicht der Meinung der „Presse“ entsprechen.
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.
The USA should not take advantage of its
technical superiority by interfering in
people’s privacy. VON AI WE I WE I
The US is
behaving
like China
E
ven though we know govern-
ments do all kinds of things I
was shocked by the informa-
tion about the US surveillance
operation, Prism. To me, it’s abusively
using government powers to interfere
in individuals’ privacy. This is an im-
portant moment for international so-
ciety to reconsider and protect indivi-
dual rights.
I lived in the United States for 12
years. This abuse of state power goes
totally against my understanding of
what it means to be a civilised society,
and it will be shocking for me if Ameri-
can citizens allow this to continue. The
US has a great tradition of individual-
ism and privacy and has long been a
centre for free thinking and creativity
as a result.
Interfering in individual rights. In our
experience in China, basically there is
no privacy at all – that is why China is
far behind the world in important re-
spects: even though it has become so
rich, it trails behind in terms of pas-
sion, imagination and creativity.
Of course, we live under different
kinds of legal conditions – in the west
and in developed nations there are
other laws that can balance or restrain
the use of information if the govern-
ment has it.
That is not the case in China, and
individuals are completely naked as a
result. Intrusions can completely ruin a
person’s life, and I don’t think, that
could happen in western nations.
But still, if we talk about abusive in-
terference in individuals’ rights, Prism
does the same. It puts individuals in a
very vulnerable position. Privacy is a
basic human right, one of the very core
values. There is no guarantee that Chi-
na, the US or any other government
will not use the information falsely or
wrongly. I think especially that a nation
like the US, which is technically advan-
ced, should not take advantage of its
power. It encourages other nations.
We’ve never been exposed like this.
Before the information age the Chinese
government could decide you were a
counter-revolutionary just because a
neighbour reported something they
had overheard. Thousands, even mil-
lions of lives were ruined through the
misuse of such information.
Today, through its technical abili-
ties, the state can easily get into anybo-
dy’s bank account, private mail, con-
versations, and social media accounts.
The internet and social media give us
new possibilities of exploring our-
selves.
But we have never exposed our-
selves in this way before, and it makes
us vulnerable if anyone chooses to use
it against us. Any information or com-
munication could put young people
under the surveillance of the state.
Very often, when oppressive states ar-
rest people, they have that information
in their hands. It can be used as a way
of controlling you, to tell you: we know
exactly what you’re thinking or doing.
It can drive people to madness.
When human beings are scared
and feel everything is exposed to the
government, we will censor ourselves
from free thinking. That’s dangerous
for human development.
In the Soviet Union before, in Chi-
na today, and even in the US, officials
always think what they do is necessary,
and firmly believe they do what is best
for the state and the people. But the
lesson that people should learn from
history is the need to limit state power.
If a government is elected by the
people and is genuinely working for
the people, they should not give in to
these temptations.
There are always humanity and pri-
vacy. During my detention
in China I was watched 24
hours a day. The light was
always on. There were two
guards on two-hour shifts
»Ex-Verteidigungsminister Platter kritisiert
(Golan-)Abzug« – 9. 6.
Kreisky’schePolitikobsolet
Österreich hat seine Kreisky’sche Poli-
tik nie revidiert. Sie war gut für den
Kalten Krieg, hat auch darüber hinaus
noch einiges erreicht. Nun ist sie aber
durch die Krise Europas ziemlich obso-
let geworden. Die Handlungsunfähig-
keit der EU und außenpolitische Pro-
bleme der USA haben uns nun im Na-
hen Osten auf die Situation vor der
Suezkrise zurückgebracht.
Paris und London kehren daher zu
ihrer traditionellen Außenpolitik aus
dieser Zeit zurück, umihre Machtinter-
essen gegenüber Russland zu sichern.
Syrien ist ein Relikt einer politischen
Situation aus dem Jahr 1943. Es stellt
durch die innenpolitische Destabilisie-
rung ein Machtvakuum für den Westen
dar – vergleichbar mit dem geteilten
Zypern. Es galt daher für die beiden
ständigen Mitglieder des Sicherheits-
rats keine Zeit zu verlieren. So sind die
Entscheidungen in Brüssel gefallen,
wie sie sind. Österreich hat seine Poli-
tik an die der UNO im Kalten Krieg an-
gelehnt und ist daher in Libyen wie in
Syrien gescheitert – massiv gescheitert.
Wenn nun eine innenpolitische
Diskussion über die Medien geführt
wird, hilft das niemandem. Die Lösung
liegt nur in einem Abzug der Österrei-
cher und einer innereuropäischen Ab-
stimmung, aber nicht in einer media-
len innerösterreichischen Auseinan-
dersetzung.
Ferdinand Kaser, 4632 Pichl b. Wels
»Die Fotoausgabe« – 9. 6.
DiebesteBildzeitung
Ich bin keine professionelle „Leser-
briefschreiberin“, aber heute muss es
sein: Danke für diese wunderbare Aus-
gabe, danke für die Doppelseite über
die herausragende Margherita Spilutti-
ni, danke für Hanna Putz, Obamas La-
serblick und, und, und. Kurzum: Danke
für die beste Bildzeitung aller Zeiten . . .
Dr. Ursula Pasterk, 1090 Wien
ZUM AUTOR
Ai Weiwei, geboren
1957 in Peking, ist
Konzeptkünstler, Bild-
hauer und Kurator.
Nach regierungs-
kritischen Äußerungen
war er ab 3. April 2011
in Haft. Ihm wird ein
Wirtschaftsdelikt
vorgeworfen. Am
22. Juni 2011 wurde
er unter strengen
Auflagen gegen
Kaution freigelassen.
Bei der Biennale in
Venedig gestaltet er
einen Beitrag für den
deutschen Pavillon.
EPA
I was shocked by the
information about the US
surveillance operation, Prism.
D
e
b
a
t
t
e
Culture Clash
FRONTNACHRICHTEN
AUS DEM KULTURKAMPF
Staatskapitalismus neu. Nicht, dass nun auch
ein ÖVPler für Frauenquoten eintritt, lässt
aufhorchen. Sondern, dass er Unternehmen per
Gesetz zu höheren Gewinnen zwingen will.
VON MI C HAE L P RÜL L E R
D
er ÖVP-Abgeordnete Michael Ikrath for-
dert eine gesetzliche Frauenquote für
Aufsichtsräte und Vorstände in privaten
Unternehmen. Noch will der Rest der
Partei nicht mitziehen. Aber da gibt’s den
alten Spruch: Was will die ÖVP? Dasselbe wie die
SPÖ, nur zehn Jahre später und minus zehn Pro-
zent. Also mal sehen?
Ikrath kennt sich aus, als Generalsekretär des
Sparkassenverbands, in dessen Vorstand 22 Män-
ner und vier Frauen sitzen. Seine Wortmeldung ist
natürlich wahlkampftechnisch aufmerksamkeits-
orientiert zu verstehen, aber die Quote ist immer
eine spannende Frage. Ich persönlich bin ja im
Zweifel für die Freiheit. Unternehmer sollen sich
frei aussuchen dürfen, mit wem sie zusammenar-
beiten wollen – und seien es ausschließlich einäu-
gige Zwei-Meter-Albinos von ukrainischen Berg-
bauernhöfen. Aber ich verstehe, dass andere weni-
ger Respekt vor der Privatautonomie haben.
So haben etwa vor drei Jahren hochinteressante
Experimente der Universität Innsbruck gezeigt,
dass Frauen eher mit Niederlagen rechnen als
Männer und sich daher nicht so gern einem Wett-
bewerb aussetzen. Sie bewerben sich aus diesem
Grund oft nicht um Jobs, die sie aber gern hätten.
Gibt man Frauen zusätzliche Sicherheiten, machen
sie mit – und sind so erfolgreich wie die Männer. Es
kann also tatsächlich sein, dass nur eine Quote
Chancengleichheit herstellt.
Ich kann also nachvollziehen, dass auch ein Li-
beraler aus Gründen der Gerechtigkeit Quoten will.
(Allerdings wünsche ich mir, der ich ja auch nicht
gern an Wettbewerben teilnehme, dann auch eine
Quote für schüchterne Männer.) Aber Michael Ik-
rath argumentiert ganz anders: Laut „Wiener Zei-
tung“ begründet er seine Quotenforderung mit „Stu-
dien von Deloitte und Boston Consulting“, wonach
sich in Unternehmen mit mehr Frauen im Vorstand
„die Unternehmenskultur, die Wertentwicklung der
Aktien und das betriebswirtschaftliche Ergebnis ver-
bessern“. Wo Freiwilligkeit nichts bringe und das
„für den Wirtschaftsstandort zum Nachteil wird“, sei
es zulässig, „ordnungspolitisch einzugreifen“.
Also nicht der Unternehmer soll mehr über sei-
ne Business-Strategien entscheiden, sondern der
Staat? Ich weiß nicht, ob der an sich nicht unver-
nünftige Ikrath das so gemeint hat. Aber gesagt hat
er es. Ausdrücklich. Ist er auch für Pönalen für Un-
ternehmen, die zu wenig ins Marketing investieren?
Und wer nicht rechtzeitig modernisiert, kommt ins
Gefängnis? Wo bliebe sonst der Wirtschaftsstand-
ort? Unvernunft als Strafdelikt! Das ist nicht liberal,
sondern bestenfalls originell. Aber in Österreich
kennt man den Unterschied eh nicht so genau.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist
nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
meinung@diepresse.com diepresse.com/cultureclash
» Österreich
hat seine
Politik an die
Politik der
UNO im
Kalten Krieg
angelehnt und
ist daher in
Libyen wie in
Syrien massiv
gescheitert. «
FERDINAND
KASER
standing next to me – even watching
when I swallowed a pill; I had to open
the mouth so they could see my throat.
You have to take a shower in front of
them; they watch you while you brush
your teeth, in the name of making sure
you’re not hurting yourself. They had
three surveillance cameras to make
sure the guards would not communi-
cate with me.
But the guards whispered to me.
They told stories about themselves.
There are always humanity and pri-
vacy, even under the most restrictive
conditions.
To limit power is to protect society.
It is not only about protecting indivi-
duals’ rights but making power healt-
hier.
Civilisation is built on that trust and
everyone must fight to defend it, and to
protect our vulnerable aspects – our in-
ner feelings, our families. We must not
hand over our rights to other people.
No state power should be given that
kind of trust. Not China. Not the US.
©The Guardian, 2013
Es hat gelangweilt
Es gelingt Ihnen fast immer, die „Presse
am Sonntag“ interessant zu gestalten,
auch wenn ich mich oft frage, wen die
Seiten „Kreativ“ wohl vom Hocker rei-
ßen sollen. Der Beitrag von Herrn
Schellhorn hat mich für den Frust über
diese Seiten aber immer entschädigt.
Leider sind Sie den Lesern in der
Fotografie-Nummer den Schellhorn-
Beitrag schuldig geblieben. Es war ein
Trost, dass Sie wenigstens auf das
Kreuzworträtsel nicht vergessen ha-
ben. 44 Seiten über Fotografie haben
nämlich mehr als gelangweilt. Ich hof-
fe, dass diese Art, ein Wochenmagazin
zu gestalten, nicht Schule macht.
Dr. Gerhard Forsthuber, 4020 Linz
»›Tut der Tod weh?‹« – Von Erich Kocina, 9. 6.
Der Todtrifft uns alle
Schon der Titel des Artikels steht für
eine der Grundfragen rund umdie The-
matik Tod, Endlichkeit und Sterben. Als
Psychoonkologe hatte und habe ich in
meiner Praxis naturgemäß auch mit
diesen Aspekten des Lebens zu tun. Es
zeigt sich einfach, dass verschiedenste –
sozusagen innere und äußere Faktoren
– die persönliche Einstellung, das indi-
viduelle „Damit-Umgehen und -Fertig-
werden“ der Betroffenen prägen.
Um zwischendurch eine Phrase zu
bemühen: Der Tod trifft uns alle – ob
mit oder ohne Krebsdiagnose. Die
einen verdrängen die Tatsache, sterben
zu müssen, ein Leben lang – und man-
che von ihnen fahren vielleicht gar
nicht so schlecht mit dieser Strategie.
Andere wiederum profitieren von
der Gnade eines tiefen (nicht extrover-
tiert fanatischen!) religiös-spirituellen
Zugangs, der ihnen Sicherheit, ja Ge-
borgenheit gibt und damit viel an
Angstbesetztheit nimmt. Denn Ängste
fungieren klarerweise für viele Men-
schen als Begleiter auf dem „letzten
Weg“ oder häufig schon mehr oder we-
niger lange davor. Eben solche Fragen
wie „Tut das Sterben weh?“, „Wird
mein Tod ein Kampf?“, „Werde ich los-
lassen können?“, „Wer wird bei mir
sein?“, „Wo werde ich sterben?“, sind
gleichsam Klassiker, die uns Menschen
nicht nur beschäftigen, sondern nicht
selten schwer zusetzen.
Dr. Alexander Bernhaut, Psychiater/
Psychoonkologe, 1090 Wien
»Klassenkampf in der Türkei« – Debatten-
beitrag von Ian Buruma, 9. 6.
Der Ast darf nicht brechen!
Ian Buruma bringt das Problem der ge-
genwärtigen Unruhen in der Türkei mit
scharfer Analyse auf den Punkt!
Was der Regierung Erdo˘ gans fehlt,
ist eine Partei, die wie einstmals in der
Bundesrepublik Deutschland aus einer
Protestbewegung hervorgegangen ist:
eine Partei wie die Grünen! Eine Partei,
in der diese Menschen eine Stimme
haben, mit der sie sich identifizieren
können, die die demokratischen Ent-
wicklungen in der Türkei in einem ge-
sunden Gleichgewicht hält. Sonst näm-
lich verkommt die Türkei zu einem
habgierigen Staat neureicher Bauern,
die sich nun rächen an einer Schicht,
der sie immer schon misstraut haben.
Genau diese Polarisierungen sind
das Problem. Und es wäre entsetzlich
schade, wenn das neudemokratische
Experiment, das sich nun auftut, daran
zerbräche.
Ian Buruma, ein Experte asiati-
scher Literatur, kennt sicherlich die ja-
panische Anekdote vom schneebela-
denen Tannenzweig, der sich bis auf
die Erde mit seiner Last beugt, und in
dem Moment, in dem die Last von ihm
rutscht, mit ungeheuerlicher Wucht
nach oben schnellt und sich befreit. Es
darf nicht passieren, dass dabei der Ast
zerbricht! Das aber muss vor allem Er-
do˘ gan durch diese liberalen Proteste
bewusst werden!
Anette Aslan, 2483 Ebreichsdorf
DIEPRESSE.COM //// 16. JUNI 2013
0 DEBATTE 47
BewaretheNSA: Human
vs. MachineIntelligence
The NSA revelations should open a discussion about how necessary
it is to collect massive data – and to which extent. VON AMY ZALMAN
Data mining technology is only as good
as the inherently human effort to deter-
mine which data are relevant. This is art
as much as science. Unless we begin to
value this critical human effort, data
mining will not yield results that make
us safer. Americans have always excel-
led at technological innovation and ad-
mired the alluring rationality of science.
Today, our defense establishment seeks
to find ways to eliminate human error
from the all-too-human practice of war.
Thus, the development of smart
weapons able to hit targets with super-
human precision.
The era of supercomputers has ar-
guably given rise to the greatest opti-
mism ever about the primacy of tech-
nology. The ability for a supercomputer
to „crunch“ incredibly large data sets
has allowed some to argue that we can
bypass human analysis altogether. The
underlying belief in the „power of big
data“ inverts reality. It isn’t the data that
are powerful. It’s the people with their
insightful grasp of the context of a par-
ticular phenomenon. And it is their abi-
lity to build algorithms that capture ex-
pression of those contexts in massive
data sets that we should be focusing on.
Right after the NSA issue broke, for-
mer CIA director Leon Panetta’s chief of
staff, Leon Bash, remarked that, if you’re
looking for a needle in the haystack, you
need a haystack.
Not so. Actually, what you need is
an accurate narrative, or theory, about
the needle and how to characterize it.
Moreover, its characteristics must leave
digital indicators, if you are planning to
search in a digital haystack. There must
be enough examples of needles in the
world for researchers to be certain that
they can distinguish a needle from a
stalk of dried grass. Without a precise
sense of how to recognize a needle, all
you will get are a lot of false positives.
Any process for selecting particular data
from a larger set represents a story
about the world outside the data.
It has been almost a quarter of a
century since Princeton professor Orley
Ashenfelter used statistics on rainfall
and temperature to predict the quality
of Bordeaux wines. The reason that
Ashenfelter could compute the value of
a wine using statistics is that he had de-
veloped a strong theory about howrain-
fall and temperature combine to pro-
duce good wine. In other words, he im-
posed a pre-existing story onto data and
correctly collected those particular data
that served the story.
The content of our online searches
may not be the best data for analyzing
political violence. But it is easier to col-
lect the data than it is to develop an on-
the-ground nuanced understanding of
behind-the-scenes conspiracy building
in, for example, Peshawar.
In other words, if you are looking for
a needle, and collection technology
makes it easy to build a haystack, it
would be an entirely understandable
tendency for you to elevate the impor-
tance of the haystack. The task facing
those seeking to use data mining to sup-
port counterterrorism is not fundamen-
tally different from the detective work
that has always faced the investigator.
Intelligence is the job of selecting
and putting together evidence into a
feasible narrative. But it also requires
having a nuanced sense of which evi-
dence to look for to fill in the developing
story. Poor stories will lead to poor data
extraction and collecting more data will
not solve the problem. We will not make
the necessary advance with an im-
balanced focus on the technological ca-
pability, without an equally strong focus
on our human capabilities.
We need critical thinking that helps
us defend against our own biases,
knowledge of societies and histories in
which we are engaged, and imaginative
and nuanced understanding of howsta-
tistical data do (and do not) express so-
cial patterns. In order to understand
problems that are fundamentally social
and political, such as international ter-
rorism, analysts need encouragement
from their leadership to relentlessly in-
terrogate their own narratives.
Is the story we are imposing on
these data the right one? Are we explo-
ring the right data? Are we using these
data because they are the right source
for insight, or simply because they are
available? This encouragement can be
reflected in the allocation of resources
to projects that develop the human side
of cyber-security. And it needs to be re-
flected in the education and training of
national security professionals, in the
hiring process and via a general culture
of appreciation for the degree to which
cyber is a human endeavor.
Above all, we Americans should re-
cognize our technological bias and our
tendency to tell ourselves that technol-
ogy has self-generating power. Perhaps
that means developing greater faith in
our ability to stay critically engaged in a
complex world using the power of
knowledge and imagination. That
would be an excellent starting point to
learn the lesson fromthe NSAstory.
Amy Zalman ist Informationsbeauftrag-
te des US-Verteidigungsministerium.
©The Globalist 2013
Reuters
48 LETZTE FRAGEN 0
16. JUNI 2013 //// DIEPRESSE.COM ////
Er studierte Linguistik, zog für Russland in den Tschetschenien-Krieg, schloss sich den »rot-braunen« Nationalbolschewisten von
Eduard Limonow an. Heute ist Zakhar Prilepin Oppositionsaktivist und erfolgreicher Schriftsteller. Im Interview mit der »Presse am
Sonntag« erklärt er, warum das alles kein Widerspruch ist. Und warum aus ihm kein Liberaler mehr wird. VON J UTTA SOMMERBAUER
»Binsogar für Russenschwer zuverstehen«
Ihr Roman „Sankya“, der unlängst auf
Deutsch erschienen ist, wurde in Russland
vor sieben Jahren veröffentlicht. Sie verar-
beiten darin Ihre eigenen Erfahrungen als
Aktivist der russischen Nationalbolschewis-
ten, einer verbotenen radikalen Partei, die
ein Sammelbecken für linke und rechte
„Unzufriedene“ ist. Der Roman mündet in
einen Jugendaufstand gegen die brutale
russische Obrigkeit. Wie ist es, nach so lan-
ger Zeit wieder aus dem Buch zu lesen?
Zakhar Prilepin: Es ist, als wäre es nicht
mehr mein Text. Wenn ich die Zeilen
lese, begegne ich ihnen leidenschafts-
los. Früher habe ich den Roman als
Teil meiner Biografie und der meiner
Freunde empfunden, als Teil meines
Lebens, meines Schicksals.
Das Geschriebene war Ihnen also früher ein-
mal emotional viel näher?
Vor zwei Jahren wurde in Deutschland
die Bühnenfassung von „Sankya“ auf-
geführt. Ich war im Saal, und was ich
sah, brachte mich das erste Mal in
zehn Jahren zum Weinen. Ich war in
einemSchockzustand.
Ist es nicht schwierig, einen Stoff, der einem
so nah ist, jemand anderem zu geben?
Ich versuche grundsätzlich, dazu über-
haupt keine Beziehung zu haben. In
Russland wird gerade ein anderes mei-
ner Bücher verfilmt. Ich versuche im-
mer den Regisseuren zu entkommen,
damit sie mich nicht mit ihren Fragen
nerven können. Wenn ich einen Text
geschrieben habe, ist die Sache für
mich erledigt. Die anderen Künstler
sollen damit machen, was sie wollen –
von mir aus, die Frauen zu Männern
machen oder umgekehrt.
Nach „Sankya“ hat man Sie in Russland als
„Stimme einer Generation“ bezeichnet.
Fühlen Sie sich geehrt?
Ich habe niemandem meine Stimme
gegeben, ich habe einfach mit meiner
eigenen Stimme gesprochen. Zufällig
war meine Stimme zum Teil auch für
andere Menschen dieser Generation
zutreffend – und auch für ältere In-
tellektuelle. Sie haben meinen Text als
wichtig oder auch als gefährlich emp-
funden. Beim Schreiben habe ich an
diese Dinge nicht gedacht. Wenn ich
daran denken würde „Wie kann ich
wieder zur Stimme der Generation
werden?“, dann könnte ich mich gleich
ins Krankenhaus einliefern lassen.
Fühlen Sie sich überhaupt irgendeiner Ge-
neration zugehörig?
Ich wurde in der Sowjetunion geboren
und gehörte zum letzten Jahrgang der
Pioniere. In den Neunzigern haben
viele meiner Altersgenossen weder von
der Privatisierung noch vom Geschäf-
temachen profitiert. Die Leute um uns
herum teilten sich die Pfründe unterei-
nander auf. Wenn ich zu einer Genera-
tion gehöre, dann zur „Generation
BMP“, der Abkürzung für „bez menja
podelili“: „Ohne mich aufgeteilt“.
Mitte der Neunziger haben Sie sich dann der
Nationalbolschewistischen Partei von Edu-
ard Limonow angeschlossen. Was hat Sie an
dieser Bewegung fasziniert?
Es waren verschiedene Dinge. Erstens
habe ich Limonows Bücher gelesen.
Ich habe den Niedergang des Landes
als sehr schmerzhaft erfahren: Mein
Vater war Professor, meine Mutter
Krankenschwester, es ging uns gut.
Und plötzlich wurden wir zu nichts.
Ich sah das Land zerfallen, das Gesetz
und die Ersparnisse verschwinden. Es
war ein Schock. 1996 war ich im Tsche-
tschenien-Krieg, 1997 lernte ich Limo-
now kennen und sagte ihm, dass ich
mit ihm zusammenarbeiten will. Limo-
nows Partei war eine Schule der Kunst
und Freiheit, Konfrontation und
Männlichkeit. Ein Platz für Nonkonfor-
mismus. Viele heute bekannte Journa-
listen und Intellektuelle sind durch
diese Schule gegangen.
War in Ihrer Beziehung zum exaltierten Li-
monow die politische oder die künstlerische
Anziehung wichtiger?
Man kann eines nicht vom anderen
trennen. Das, was Limonow in der Po-
litik gemacht ist, ist keine Performance,
kein Kunstprojekt. Für ihn ist schmerz-
haft, was im Land vorgeht. Er will eine
Veränderung erzielen. Es gibt natürlich
das Element seines Egos, aber das gibt
es immer, bei jedem Politiker: Alle wol-
len bedeutsam sein. Limonow will kein
Geld verdienen oder Vorteile für sich
herausholen, er macht das alles, weil
ihm die Sache wichtig ist. Er ist ein Po-
litiker im ursprünglichen Sinne des
Wortes; die Politik ist sein Schicksal. Er
hatte nicht viel davon außer Unan-
nehmlichkeiten: Überwachung durch
den Geheimdienst FSB, Verfolgung,
Haft.
Für mich ist die ideologische Faszination an
Limonow schwer zu verstehen. War für Sie
der Weg des Liberalismus nie eine Option?
Für mich ist der Liberalismus keine
Wahl. In Russland tritt der Liberalis-
mus nur in seiner sozialdarwinisti-
schen Ausformung auf. Einen solchen
Liberalismus erleben wir seit zwei Jahr-
zehnten. Ich weiß, dass es im Westen
einen anderen Liberalismus gibt. Aber
nicht hier. In diesem Sinne ist mein
Weg nicht nur meine Wahl, sondern
die Wahl der Mehrheit der Intellektuel-
len und der russischen Bevölkerung. In
Russland ist die Mehrheit gegen Putin,
aber nicht auf der Seite der Liberalen.
Wir betrachten die Dinge von einer
linkskonservativen Seite. Das kann
man dem Westen schwer erklären.
Und was die angebliche imperialisti-
sche Rhetorik Limonows betrifft:
Schwachsinn! Wir wollen nur, dass jene
Grenzen gewahrt bleiben, in denen die
Russische Föderation jetzt ist.
In einem Interview haben Sie einmal ge-
sagt, Sie wären noch immer bei der Elite-
einheit Omon, wenn nur die Bezahlung
stimmen würde. Ist das so?
Ja natürlich. Das streite ich überhaupt
nicht ab.
Sie haben Linguistik studiert und sind in
den Krieg gezogen, Sie haben sich Limo-
nows Radautruppe angeschlossen und
schreiben für die Oppositionszeitung „No-
waja Gazeta“, die im Westen vor allem des-
halb bekannt ist, weil Anna Politkowskaja
dort vor ihrer Ermordung als Journalistin
gearbeitet hat. Und Sie sind in Russland ein
berühmter Schriftsteller. Wie passt das alles
zusammen?
Das sind alles verschiedene Dinge. Ich
bin manchmal sogar für Russen schwer
zu verstehen. Ich wurde Schriftsteller,
weil ich gerne schreibe. Ich gehe auf
Demonstrationen, weil mir etwas in
meinem Land nicht gefällt. Ich war für
Omon tätig, weil es für mich als Mann
normal ist, mit anderen Männern und
mit Waffen zu tun zu haben.
Wie erklären Sie sich, dass im Herbst 2011
nach den Parlamentswahlen plötzlich so
viele Menschen auf den Straßen waren?
Es war klar, dass die Wahlen gefälscht
waren. Und es hat sich in den vergan-
genen Jahren eine Mittelschicht gebil-
det; viele Bürger waren schon im Wes-
ten und haben einen politischen Wil-
len entwickelt. Doch all die Jahre, in
denen ich mich mit Politik beschäftigt
habe, haben sich diese Menschen nur
mit sich selbst beschäftigt. Ich weiß,
dass Politik eine langwierige Sache ist,
nicht nur ein Flashmob.
Ist das der Grund dafür, dass die Bewegung
mit der Zeit verpufft ist?
Mir scheint, dass wir schon ganz am
Anfang die reale Möglichkeit verpasst
haben, etwas grundlegend zu verän-
dern. Ich spreche von der Kundgebung
am 10. Dezember 2011. Limonow woll-
te damals zur Zentralen Wahlkommis-
sion ziehen, die liberale Opposition
lehnte das ab. Sie haben die Revolution
verpatzt. Limonowhatte recht.
Hat sich der Protest erledigt, hat Putin sein
Russland wieder zurückerobert?
Es ist schwierig, in Russland etwas vor-
herzusagen. Die Dinge passieren im-
mer unerwartet. Wenn in einemJahr al-
les in Rauch und Feuer aufgeht, würde
es mich nicht wundern; wenn Putin in
zehn Jahren noch immer fest im Sattel
sitzt, ebenfalls nicht. Veränderungen
wie 1917 oder 1991 brechen stets wie
Naturkatastrophen über uns herein.
Wie denken Sie über den Prozess gegen die
Aktivistinnen von Pussy Riot?
Ich fand den Prozess und die Haftstrafe
schrecklich. Aber ich bin kein Anhän-
ger von Pussy Riot. Im Westen denken
nun alle, Pussy Riot – das ist die russi-
sche Opposition. In diesem Sinne hat
Putin gesiegt: Er hat uns diskreditiert.
Die Nazboly haben bei ihren Aktionen auch
häufig Gesetze übertreten.
Aber wir haben niemals Aktionen in
Kirchen gemacht. Wir richteten uns
stets direkt gegen die Behörden – aber
nicht gegen die Werte der Gesellschaft.
Sie leben das halbe Jahr auf dem Land. Ist
der Rückzug so etwas wie ein Lebensideal?
Für mich ist das die einzig richtige
Form des Lebens. Wenn es eine Revo-
lution gebe, würde ich sofort in die
Stadt fahren – und danach wieder ins
Dorf zurückkehren.
1
. . . ob Sie eine bestimmte
Methode bei der Erziehung Ihrer
vier Kinder haben?
Ich versuche ein gutes Vorbild zu sein.
Der Vater muss ein Mann sein, der sich
vorbildlich und männlich benimmt. Die
Ästhetik bringt die Ethik hervor.
2
. . . ob Ihre Kinder wissen, dass
Sie mehrfach festgenommen
wurden?
Ja. Meine Frau hat es meinem Ältesten
erklärt, und er hat es normal
aufgenommen. Er versteht, dass das
Vaterland und der Staat zwei
verschiedene Sachen sind, die im
Konflikt miteinander stehen können.
Als dann einmal der Gouverneur an die
Schule meines Sohnes kam, hat er nicht
applaudiert wie alle anderen Kinder.
3
. . . ob Sie schon einmal daran
gedacht haben, aus Russland
auszuwandern?
Nein, natürlich nicht. Ich lebe auf dem
Dorf, dort findet mich sowieso
niemand. Es gibt nicht einmal
vernünftige Straßen dorthin.
Er würde sich an der Revolution beteiligen – und dann wieder in sein Dorf zurückfahren: Zakhar Prilepin. Florian Rainer
DI EPRESSE.COM/DEBATTE
STECKBRIEF
1975
Zakhar Prilepin wird
geboren. Nach der
Schule Studium der
Linguistik in Nischni
Nowgorod.
1997
Bekanntschaft mit
Eduard Limonow,
Prilepin schließt sich
den „Nazboly“ an.
2008
Für seinen Roman
„Sankya“ erhält er
den Russian National
Bestseller Award.
Er lebt mit seiner Frau
und vier Kindern in
Nischni Nowgorod
und Umgebung.
BUCHTIPP
„Sankya“, Prilepins
erster Roman, wurde
2006 in Russland
veröffentlicht.
Auf Deutsch ist er
2012 in der
Übersetzung von Erich
Klein und Susanne
Macht bei Matthes &
Seitz erschienen
(362 S., 23,60 €).
H
r. P
rile
p
in
,
d
a
rf
m
a
n
S
ie
a
u
c
h
fra
g
e
n
. . .