Nikolai

GOGOL
Abende
auf dem Weiler
bei Dikanka
Erzählungen
Ihr werdet mir sicher recht geben,
daß es mehr als verwunderlich ist,
wenn der Teufel den Mond vom
Himmel stiehlt, um sich an dem
Schmied Wakula zu rächen, wenn
er mit einer Hexe firtet, die auf
ihrem Besen durch die Lüfte rei­
tet, und dann mit ihr in einem
Schornstein verschwindet. Doch
noch viel seltsamere Dinge kann
ich zum besten geben. In meinen
Geschichten ist von pfffigen Bur­
schen und einfältigen Bauern, von
wunderschönen Mädchen und häß­
lichen Weibern die Rede, von Er­
trunkenen, die den Fluten entstei­
gen, um Rabe und Kücken zu
spielen, von ungetauften Kindern,
die des Nachts an Bäumen krat­
zen, von Zauberern, die in Töp­
fen im Weltall umherschweben
oder mit den Seelen ihrer Töchter
Zwiesprache halten, und von To­
ten, die sich aus ihren Gräbern
erheben und in höllischen Qualen
winden. Ja, von phantastischen
Begebenheiten weiß ich zu berich­
ten, und auch von lustigen, trau­
rigen und sogar gruseligen, die
euch bestimmt den Schweiß auf
die Stirn treiben und eiskalte
Schauer über den Rücken jagen.
Ihr werdet schon Gefallen an mei­
nen Erzählungen fnden und auf
eure Kosten kommen, wenn ihr
mich, den alten Imker Panko Rot­
fuchs, besucht und einige Abende
bei mir auf dem Weiler bei Di­
kanka verbringt.
Schutzumschlagentwurf: Heinz Hellmis
Lithographie: Andrzej Jeziorkowski
Nikolai Gogol
Gesammelte Werke in Einzelbänden
Herausgegeben von Michael Wegner
Aufbau-Verlag
NIKOLAI GOGOL
Abende auf dem
Weiler bei Dikanka
Vom Imker
Panko Rotfuchs herausgegebene Erzählungen
he eBook wurde digitalisiert von bookmanX (02/2008).
Hnxoonan Ioioni
Benepa na xy+ope õnns ±nxan+xn
Aus dem Russischen
übersetzt von Michael Pfeifer
2. Auflage 1974
Alle Rechte an dieser Ausgabe Aufbau-Verlag Berlin und Weimar
Einbandgestaltung Heinz Hellmis
Typographie Detlef Ringer
Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30
Printed in the German Democratic Republic
Lizenznummer 301. 120/98/74
Bestellnummer 610 161 6
EVP 6,90
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Erster Teil
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Vorrede
„Was ist denn das wieder für seltsames Zeug: Abende auf
dem Weiler bei Dikanka? Was sind denn das für Abende?
Und in die Welt gesetzt hat sie irgend so ein Imker! Gott
sei’s gelobt! Als hätte man noch zuwenig Gänsen die Federn
ausgerissen und noch zuwenig Lumpen zu Papier gemacht!
Als hätten sich noch zuwenig Leute jeden Berufes und alles
mögliche sonstige Pack die Finger mit Tinte beschmiert! Da
mußte zu allem Überfuß auch dieser Imker noch Lust be-
kommen, es den anderen gleichzutun! Wahrhaftig, es gibt
schon so viel bedrucktes Papier, daß man gar nicht mehr
recht weiß, was man alles hineinwickeln soll!“
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All diese Reden habe ich in Gedanken schon gehört, schon
vor einem Monat habe ich sie gehört! Das heißt – ich will
sagen, wenn unsereiner aus dem Weiler die Nase aus sei-
nem Nest hinaussteckt und sich einmal die große Welt an-
sieht – du lieber Gott! – dann ist das genauso, wie wenn
man manchmal in die Gemächer eines großen Herrn ein-
tritt: Alle umringen einen, und schon beginnt das Narren-
spiel. Wenn es nur die höchsten Lakaien wären, dann ginge
es ja noch, aber nein, irgend so ein zerlumptes Bürschchen –
sieht man genauer hin, dann merkt man, daß es überhaupt
nichts taugt und meistens auf dem Hinterhof im Dreck
wühlt –, selbst so ein Bürschchen läßt einen nicht in Ruhe,
und alle rundherum stampfen mit den Füßen. „Wohin,
wohin, weshalb? Fort, du Bauer, fort mit dir!“ Ich kann
euch sagen … Aber was soll ich noch groß erzählen! Mir
fällt es leichter, zweimal im Jahr nach Mirgorod zu fahren,
wo mich schon seit fünf Jahren weder der Schreiber des
Landgerichts noch der ehrenwerte Priester zu Gesicht be-
kommen haben, als mich in dieser großen Welt zu zeigen.
Doch wenn man sich schon einmal zeigt, dann muß man auch
Rede und Antwort stehen, ob man will oder nicht.
Bei uns, meine lieben Leser – nehmt es mir nicht übel
(vielleicht werdet ihr euch nämlich ärgern, daß ein Imker
mit euch so ohne alle Umstände wie mit einem Brautwerber
oder Gevatter spricht) –, bei uns auf den Weilern ist seit
jeher folgendes Brauch: Sobald die Feldarbeit getan ist, der
Bauer für den ganzen Winter auf den Ofen klettert, um
sich auszuruhen, und unsereiner seine Bienen in den dunk-
len Keller schaft, wenn am Himmel keine Kraniche und am
Baum keine Birnen mehr zu sehen sind, dann blitzt zur
Abendzeit bestimmt irgendwo am Ende der Straße ein
Licht auf, dann ertönt von fern Lachen und Gesang, eine
Balalaika klimpert, und manchmal schluchzt auch eine
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Geige, Schwatzen und Lärm überall … Das sind unsere
Spinnstubenabende ! Sie ähneln, versteht ihr, euren Bällen,
aber man kann nicht sagen, daß sie ihnen in allem ähnlich
sind. Wenn ihr auf einen Ball fahrt, dann tut ihr das doch
nur, um die Beine zu bewegen und dabei in die Hand zu
gähnen, bei uns dagegen kommen die Mädchen in einer
Hütte durchaus nicht nur des Tanzes wegen zusammen; sie
bringen Spindel und Hechel mit, und zuerst sieht es auch so
aus, als würden sie sich nur um die Arbeit kümmern: Die
Spindeln surren, Lieder erklingen, und keines von ihnen
schaut auch nur auf; stürmen aber die Burschen mit dem
Geiger in die Hütte hinein, erhebt sich ein großes Geschrei;
Streiche werden verübt, es wird getanzt, und Späße werden
gemacht, die man gar nicht erzählen kann.
Am schönsten aber ist es, wenn alle eng zusammenrücken
und Rätsel raten oder auch einfach nur schwatzen. Du lieber
Gott! Was da nicht alles erzählt wird! Was für uralte Ge-
schichten da ausgegraben werden! Was für gruseliges Zeug
man da zu hören bekommt! Aber nirgends sind wahrschein-
lich so viele erstaunliche Dinge erzählt worden wie auf den
Abenden beim Imker Panko Rotfuchs. Warum mich die
Dorfbewohner Panko Rotfuchs nennen – bei Gott, das weiß
ich nicht. Mein Haar ist doch jetzt eigentlich schon eher grau
als rot. Doch ärgert euch nicht, bei uns ist es nun einmal so
Brauch: Wenn die Leute jemandem einen Spitznamen ge-
geben haben, dann behält er ihn bis in alle Ewigkeit. Am
Vorabend eines Feiertages kamen die guten Leute oft in
die kleine Imkerhütte zu Besuch, sie setzten sich an den
Tisch – und da hättet ihr mal hören sollen, was alles er-
zählt wurde. Und ich muß sagen, es waren nicht etwa ge-
wöhnliche Leute, nicht irgendwelche Bauern aus dem Wei-
ler. Ja, manch einem, der mehr ist als ein Imker, würde ihr
Besuch sicher zur Ehre gereichen. Kennt ihr zum Beispiel
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den Küster von der Kirche in Dikanka, den Foma Grigor-
jewitsch? Ah, das ist ein Kopf! Was der für Geschichten
erzählen konnte! Zwei davon fndet ihr in diesem Büchlein.
Er hat noch niemals einen bunten, grobgewebten Schlaf-
rock getragen, wie ihr ihn bei vielen Küstern auf dem
Lande fnden könnt; selbst wenn ihr ihn an einem Werktag
besuchen solltet, wird er euch immer in einem feinen Tuch-
kittel empfangen, dessen Farbe an die kalt gewordener
süßer Kartofelspeise erinnert und für den er in Poltawa
beinah sechs Rubel den Arschin bezahlt hat. Von seinen
Stiefeln wird niemand in unserem ganzen Weiler sagen,
sie röchen nach Teer; jeder weiß, daß er sie mit dem aller-
besten Schmalz eingeschmiert hat, das sich mancher Bauer,
glaube ich, mit Freuden in seine Grütze tun würde. Nie-
mand wird auch sagen, daß er sich die Nase jemals mit
seinem Rockschoß abgewischt hätte, wie das die anderen
Leute seines Standes tun; stets zog er ein sorgfältig gefalte-
tes weißes Tuch aus dem Hemd hervor, das an den Rändern
rot bestickt war, und nachdem er sich gehörig die Nase ge-
putzt hatte, faltete er es, seiner Gewohnheit gemäß, von
neuem zwölffach zusammen und verbarg es wieder in sei-
nem Hemd. Und einer der Gäste erst … Nun, das war
solch ein Herrchen, daß man ihn auf der Stelle zu einem
Beisitzer oder Vermessungsrichter hätte machen können.
Oft hob er den Zeigefnger, blickte auf dessen Spitze und
begann zu erzählen – und so verworren und spitzfndig wie
in gedruckten Büchern! Manchmal lauschte man seinen
Worten und wurde ganz nachdenklich. Und wenn man dich
hätte totschlagen wollen, man verstand nicht das geringste.
Wo er nur diese Worte hernahm! Foma Grigorjewitsch hat
aus diesem Grund einmal für ihn eine nette Geschichte er -
funden: Er erzählte ihm, wie ein Schüler, der bei einem
Küster lesen und schreiben gelernt hatte, zu seinem Vater
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fuhr und solch ein Lateiner geworden war, daß er sogar
unsere rechtgläubige Sprache vergessen hatte. Alle Worte
endeten bei ihm auf us. Die Schaufel hieß bei ihm Schau-
felus, das Weib Weibus. Eines schönen Tages geschah es,
daß er mit seinem Vater zusammen aufs Feld ging. Der
Lateiner sah einen Rechen und fragte den Vater: „Wie
nennt sich denn dieses Ding bei euch, Vater?“ Und kaum
hatte er diese Worte ausgesprochen, trat er auf die Zinken
des Rechens. Der Vater hatte noch keine Zeit gefunden,
ihm zu antworten, als der Rechenstiel in die Höhe fog und
dem Schüler an die Stirn schlug. „Dieser verfuchte Rechen!“
schrie der Schüler, grif sich an die Stirn und sprang einen
Arschin hoch in die Luft. „Wie die zuschlagen können! Der
Teufel soll ihn samt seiner ganzen Verwandtschaft holen!“
So war das also! Das Täubchen hat sich an seinen Namen
erinnert! Diese Geschichte behagte dem einfallsreichen Er-
zähler nicht besonders. Ohne ein Wort zu sagen, erhob er
sich von seinem Platz, stellte sich breitbeinig mitten ins
Zimmer, neigte den Kopf etwas nach vorn, fuhr mit der
Hand in die hintere Tasche seines erbsenfarbenen Kaftans,
zog eine runde lackierte Tabaksdose hervor, schnipste mit
dem Finger über die darauf abgebildete Fratze eines fremd-
ländischen Generals, nahm sich eine recht ansehnliche Por-
tion seines mit Asche und Liebstöckelblättern vermengten
Tabaks heraus, führte sie mit Schwung an die Nase und
sog, noch ehe der Daumen die Nase berührte, das ganze
Häufchen ein – und immer noch sagte er kein Wort; erst
als er in die andere Tasche grif und ein blaukariertes
baumwollenes Taschentuch hervorzog, erst da brummte er
etwas vor sich hin, das wie das Sprichwort klang: Man soll
Perlen nicht vor die Säue werfen. Jetzt wird’s gleich zu
einem Streit kommen, dachte ich, denn ich sah, wie sich
Foma Grigorjewitschs Hand schon hob, um dem anderen
einen Vogel zu zeigen. Zum Glück kam meine Alte auf
den Gedanken, warmen, mit Butter gebackenen Kuchen auf
den Tisch zu stellen. Alle felen darüber her. Statt sich an
den Kopf zu greifen, streckte Foma Grigorjewitsch seine
Hand nach dem Kuchen aus, und alle begannen, wie das
so Sitte ist, die tüchtige Hausfrau zu loben. Wir hatten
noch einen anderen Geschichtenerzähler, doch der (am
Abend sollte man nicht einmal an ihn denken) gab solch
gruselige Dinge zum besten, daß einem die Haare zu Berge
standen. Ich habe sie hier absichtlich nicht mit hineingenom-
men. Sonst jage ich den guten Leuten vielleicht noch solch
einen Schreck ein, daß sie den Imker dann – Gott verzeih
mir’s – wie den Teufel fürchten. Wenn ich, so Gott will,
das neue Jahr noch erlebe, bringe ich lieber ein zweites
Büchlein heraus, und dann wird es mir möglich sein, die
Leute mit Gestalten aus dem Jenseits und allen möglichen
Wundern zu schrecken, wie es sie in unserem rechtgläubigen
Land vor Zeiten gegeben hat. In ihm werdet ihr vielleicht
auch Geschichten fnden, die der Imker selber seinen Enkeln
erzählte. Ihr braucht nur zuhören und lesen, und ich müßte
mir diese verfuchte Faulheit austreiben – ich könnte ein
ganzes Dutzend solcher Bücher zusammenstellen.
Doch beinah hätte ich ja die Hauptsache vergessen: Wenn
ihr, liebe Leute, mich besuchen wollt, so schlagt gerades-
wegs die Poststraße nach Dikanka ein. Ich habe diesen Ort
absichtlich schon auf der ersten Seite angeführt, damit ihr
so schnell wie möglich in unseren Weiler gelangt. Von
Dikanka, denk ich, habt ihr bestimmt schon genügend ge-
hört. Und wahrhaftig, die Häuser dort machen einen besse-
ren Eindruck als irgend so eine Imkerhütte. Und von den
Gärten braucht man gar nicht erst zu reden: In eurem
Petersburg fndet ihr bestimmt keine ähnlichen. Und wenn
ihr in Dikanka angekommen seid, dann fragt nur den ersten
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besten Jungen, der euch entgegenkommt und in einem be-
schmierten Hemd Gänse hütet: „Wo wohnt denn hier der
Imker Panko Rotfuchs?“ – „Gleich dort!“ wird er euch
sagen und mit dem Finger die Richtung weisen; und wenn
ihr wollt, wird er euch auch direkt bis zum Weiler bringen.
Doch ich bitte euch, legt die Hände nicht gar so sehr auf
den Rücken und spielt euch nicht gar zu sehr auf, wie man
so sagt, denn die Wege in unseren Weilern sind nicht so
eben wie die Straßen vor euren riesengroßen Häusern. Vor
drei Jahren, als Foma Grigorjewitsch mit seinem neuen
zweirädrigen Einspänner aus Dikanka kam, ist er mit ihm
und seiner braunen Stute in einer Grube gelandet, obwohl
er selbst kutschiert und auf seine eigenen Augen zeitweilig
noch gekaufte gesetzt hatte.
Dafür bekommt ihr aber auch, wenn ihr mich besuchen
solltet, Melonen vorgesetzt, wie ihr sie wahrscheinlich euer
Lebtag noch nicht gesehen habt; und was erst den Honig
anbelangt, so schwöre ich bei Gott, einen besseren werdet
ihr in den anderen Weilern nicht fnden. Stellt euch vor:
Sobald man die Waben hereinbringt, verbreitet sich im
ganzen Zimmer ein Duft – ich kann gar nicht beschreiben,
was für einer, so klar wie eine Träne oder ein teurer Kri-
stall, wie man ihn in Ohrringen fndet. Und was für Paste-
ten euch meine Alte anbieten wird! Wenn ihr nur wüßtet,
was das für Pasteten sind – Zucker, der reinste Zucker! Und
die Butter, die fießt einem geradezu das Kinn hinunter,
wenn man hineinbeißt. Da kommt einem tatsächlich der
Gedanke: Was diese Weiber doch alles können! Habt ihr,
liebe Leute, schon irgendwann einmal Birnenkwaß mit
Schlehen oder Branntwein mit Rosinen und Pfaumen ge-
trunken? Oder habt ihr schon einmal Gelegenheit gehabt,
Hirsebrei mit Milch zu essen? Herrgott im Himmel, was es
auf der Welt alles für Gerichte gibt! Wenn man einmal
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von ihnen kostet, dann kann man einfach nicht mehr auf-
hören. Diese unbeschreibliche Süße! Voriges Jahr … Doch
was schwatze ich hier andauernd herum? Besucht mich nur,
besucht mich so bald wie möglich! Wir werden euch so be-
wirten, daß ihr es sicher jedem erzählt, der euch begegnet.
Panko Rotfuchs, Imker
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Der Jahrmarkt in Sorotschinzy
1 Traurig bin ich in der Hütte.
Oh, so führ mich aus dem Hause
Hin zu Lärmen und Gebrause,
Wo ein jedes Mädel springt,
Wo die Burschen lustig sind!
Aus einer alten Legende
Wie berauschend, wie herrlich ist ein Sommertag in Klein-
rußland! Wie drückend heiß sind die Stunden, in denen
der Mittag still und glutvoll erstrahlt und der blaue, un-
ermeßliche Ozean, der sich – einer wollüstigen Kuppel
gleich – über die Erde neigt, eingeschlafen zu sein scheint,
unbeschreiblich selig, da er die Schöne in seinen luftigen
Armen hält und an sich drückt! An ihm ist kein Wölkchen
zu sehen, im Felde kein Laut zu hören. Alles ist wie aus-
gestorben; nur hoch oben, in der Tiefe des Himmels, rüttelt
eine Lerche, und die silbernen Töne fiegen über luftige
Stufen zur verliebten Erde hinab, und ab und zu hallt der
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Schrei einer Möwe oder der helle Ruf einer Wachtel in der
Steppe wider. Träge und gedankenlos, wie Spaziergänger,
die ziellos umherstreifen, stehen die wuchtigen Eichen da,
und die gleißenden Strahlen der Sonne entzünden male -
rische Blättermassen und tauchen andere in nachtschwarze
Schatten, in dem nur bei starkem Wind Gold aufblitzt.
Smaragde, Topase und Saphire ätherischer Insekten regnen
auf die bunten Gärten nieder, die von mächtigen Sonnen-
blumen beschützt werden. Graue Heuschober und goldene
Korngarben haben ihr Lager im Feld aufgeschlagen und
scheinen über die endlose Fläche zu ziehen. Die breiten,
unter der Fülle der Früchte sich biegenden Zweige der
Kirschbäume, Pfaumenbäume, Apfel- und Birnbäume, der
Himmel und sein heller Spiegel – der Fluß in seinem grü-
nen, sich stolz abhebenden Rahmen … Wie wonnevoll, wie
herrlich ist doch der kleinrussische Sommer!
In solcher Pracht erstrahlte einer der heißen Augusttage
des Jahres achtzehnhundert … achtzehnhundert … Ja, un-
gefähr dreißig Jahre mag es her sein, als die Straße, die
nach Sorotschinzy führt, ungefähr ein Dutzend Werst vor
dem Städtchen von Menschen wimmelte, die aus allen um-
liegenden und entfernteren Weilern zum Jahrmarkt eilten.
Schon seit dem Morgen zog sich eine endlose Kette von mit
Salz und Fisch beladenen Wagen dahin. Berge in Heu ge-
wickelter Töpfe bewegten sich langsam voran und schienen
von ihrer Abgeschiedenheit und der Finsternis bedrückt;
nur hier und da zeigte sich unter der hoch oben über die
Fuhre geworfenen Matte prahlerisch eine buntbemalte
Schüssel oder ein breiter Topf und lenkte die entzückten
Blicke der Verehrer von allem Luxus auf sich. Viele der
Vorübergehenden blickten voller Neid auf den langen Töp-
fer, den Besitzer dieser Kostbarkeiten, der mit langsamen
Schritten hinter seiner Ware herging und seine tönernen
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Gecken und Koketten sorgsam mit dem ihnen so verhaßten
Heu zudeckte.
Etwas abseits schleppten müde Ochsen eine Fuhre, auf
der sich Säcke, Hanf, Leinen und aller möglicher Hausrat
türmten und hinter der in sauberem Leinenhemd und
schmierigen Leinenhosen ihr Besitzer schlich. Mit träger
Hand wischte er sich den Schweiß ab, der ihm in Strömen
vom gebräunten Gesicht und sogar vom langen Schnurrbart
foß, den jener unbarmherzige Barbier gepudert hatte, der
ohne Aufforderung sowohl bei der Schönheit als auch beim
Krüppel erscheint und schon mehrere tausend Jahre ge-
waltsam das ganze Menschengeschlecht pudert. Neben ihm
trottete eine an den Wagen gebundene Stute einher, deren
demütiges Aussehen auf ein vorgerücktes Alter schließen
ließ. Viele, besonders aber die jungen Burschen, zogen ihre
Mützen, wenn sie unseren Bauern einholten. Doch weder
sein grauer Schnurrbart noch seine gewichtige Gangart
brachten sie dazu; man brauchte die Augen nur etwas zu
heben, um die Ursache dieser Ehrerbietung zu erblicken:
Auf der Fuhre saß seine hübsche Tochter – mit rundem
Gesicht und schwarzen Brauen, die als ebenmäßige Bögen
über den hellbraunen Augen lagen, mit sorglos lächelnden
rosigen Lippen und auf dem Kopf festgesteckten roten und
blauen Bändern, die zusammen mit den langen Zöpfen und
einem Strauß Feldblumen ihr entzückendes Köpfchen gleich
einer reichbesetzten Krone schmückten. Alles schien für sie
von Interesse zu sein; alles war für sie wunderbar und neu,
und die hübschen Augen liefen ununterbrochen von einem
Gegenstand zum anderen. Wie sollte sie auch nicht von
allem angetan sein! Zum erstenmal fuhr sie auf den Jahr-
markt! Ein Mädchen von achtzehn Jahren fuhr zum ersten-
mal auf den Jahrmarkt! Doch keiner der Vorüberwandern-
den oder Vorbeifahrenden wußte, was es sie gekostet hatte,
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ihren Vater zu erweichen, sie mitzunehmen – der dies übri-
gens von Herzen gern schon früher getan hätte, wenn nur
die böse Stiefmutter nicht gewesen wäre, die es verstand,
ihn so geschickt in der Hand zu halten wie er die Zügel sei-
ner alten Stute, die sich jetzt, zum Lohn für ihre lange
Dienstzeit, zum Verkauf schleppte. Die unermüdliche Ehe-
gemahlin … Doch wir haben ganz vergessen zu erwähnen,
daß auch sie auf der Fuhre saß, und zwar in einer pracht-
vollen grünen Wolljacke, auf die – wie bei einem Herme-
linpelz – Schwänzchen von allerdings nur roter Farbe ge-
näht waren, in einem kostbaren Rock mit Schachbrettmuster
und mit einer farbigen Kattunhaube auf dem Kopf, die
ihrem vollen roten Gesicht besondere Gewichtigkeit ver-
lieh; dieses Gesicht aber nahm bisweilen einen so unange-
nehmen, wilden Ausdruck an, daß sich jeder beeilte, seinen
erschrockenen Blick dem fröhlichen Gesichtchen der Tochter
zuzuwenden.
Unsere Reisenden konnten schon den Psjol sehen; aus
der Ferne wehte schon ein kühler Hauch heran, der nach
der drückenden, lähmenden Hitze doppelt spürbar schien.
Durch das dunkel- und hellgrüne Laubwerk der nachlässig
über die Wiese verstreuten Birken, Schwarz- und Silber-
pappeln blitzten feurige, kalt glänzende Funken, und die
Flußschönheit entblößte ihre leuchtende Silberbrust, auf die
die grünen Locken der Bäume in üppiger Pracht hinabfelen.
Launisch, wie die Schönheit in jenen köstlichen Stunden ist,
wenn der getreue Spiegel auf so beneidenswerte Weise ihre
stolze, strahlende Stirn, ihre lilienweißen Schultern und
ihren Marmorhals umrahmt, den eine dunkle, vom blonden
Haupt hinabfießende Welle beschattet, wenn sie voller
Verachtung die einen Schmuckstücke von sich wirft, um sie
durch andere zu ersetzen, und ihre Launen einfach kein
Ende nehmen – in jenen Stunden wechselt die Schönheit
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fast jedes Jahr ihre Umgebung, sucht sich einen neuen Lauf
und umgibt sich mit neuen, verschiedenartigen Landschaf-
ten. Ganze Reihen von Mühlen hoben die breiten Wellen
mit ihren schweren Rädern empor, warfen sie kraftvoll zu-
rück, verwandelten sie in einen Tropfenregen, besprühten
die Umgebung mit Wasserstaub und erfüllten sie mit Lärm.
Die Fuhre mit den uns bekannten Passagieren fuhr zu die-
ser Zeit gerade auf die Brücke, und der Fluß breitete sich
vor ihnen, wie eine riesige Glasplatte, in seiner ganzen
Schönheit und Majestät aus. Der Himmel, die grünen und
blauen Wälder, die Menschen, die Fuhren mit den Töpfen,
die Mühlen – alles war in ihn hineingefallen, stand auf
dem Kopf und lief auf den Händen, ohne in dem blauen,
wunderbaren Abgrund zu verschwinden. Unsere Schöne
versank beim Anblick dieser Pracht in Gedanken und ver-
gaß sogar, ihre Sonnenblumenkerne zu knabbern, was sie
bisher, den ganzen Weg über, eifrig getan hatte, als plötz-
lich die Worte „Was für ein Mädchen!“ an ihr Ohr dran-
gen. Sie wandte sich um und sah auf der Brücke einige
Burschen stehen, von denen einer, der auffälliger als die
anderen angezogen war – er hatte einen weißen Kittel an
und eine graue Lammfellmütze auf –, die Hände in die
Hüften gestemmt hatte und die Vorüberfahrenden mit küh-
nen Blicken maß. Unsere Schöne mußte sein braungebrann-
tes, doch freundliches Gesicht einfach bemerken und auch
die feurigen Augen, die ihr anscheinend bis auf den Grund
der Seele sehen wollten, und bei dem Gedanken, daß viel-
leicht er diese Worte gesagt haben könnte, schlug sie die
Augen nieder. „Ein prachtvolles Mädchen!“ fuhr der
Bursche im weißen Kittel fort, ohne den Blick von ihr zu
wenden. „Ich würde Haus und Hof hergeben, nur um sie
küssen zu dürfen. Aber vor ihr sitzt ja der Teufel!“ Von
allen Seiten erhob sich Gelächter, doch der aufgeputzten
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Gefährtin des langsam ausschreitenden Gemahls schien
diese Art von Begrüßung nicht sonderlich zu gefallen: Das
leichte Rot ihrer Wangen wurde tief dunkel, und ein Regen
ausgesuchter Schimpfworte prasselte auf das Haupt des vor -
lauten Burschen nieder:
„Ersticken solltest du, du nichtsnutziger Lump! Und dei-
nem Vater sollte jemand mit einem Topf den Schädel ein-
schlagen! Den Hals brechen sollte er sich auf dem Eis, der
verfuchte Antichrist! Der Teufel sollte ihm im Jenseits den
Bart absengen!“
„Donnerwetter, die kann aber schimpfen!“ sagte der
Bursche und sah sie groß an, als hätte ihn diese mächtige
Salve unerwarteter Begrüßungsworte verwundert. „Und
daß dieser hundertjährigen Hexe nicht einmal die Zunge
weh tut, wenn sie so etwas sagt …“
„Hundertjährig?“ unterbrach ihn die betagte Schönheit.
„Du gemeiner Kerl! Geh erst einmal und wasch dich! So
ein widerlicher Herumtreiber! Ich kenne deine Mutter nicht,
aber ich weiß, daß sie einen Dreck wert ist! Und auch dein
Vater ist einen Dreck wert! Und auch deine Tante ist einen
Dreck wert! Hundertjährig! Bei ihm ist die Milch auf den
Lippen noch nicht mal trocken geworden …“
Bei diesen Worten fuhr der Wagen schon wieder von der
Brücke hinunter, und der Schluß war nicht mehr recht zu
verstehen. Doch der Bursche wollte es anscheinend nicht
da bei bewenden lassen: Ohne lange zu überlegen, bückte er
sich nach einem Klumpen Dreck und warf ihn hinter ihr
her. Der Wurf fel besser aus, als man hätte annehmen kön-
nen. Die ganze neue Kattunhaube wurde mit Dreck be-
spritzt, und das Gelächter der ausgelassenen Windbeutel
verdoppelte sich. Das stattliche, aufgeputzte Weib schäumte
vor Wut, doch der Wagen war unterdessen ein schönes
Stück weitergefahren, und so rächte sie sich an der unschul-
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digen Stieftochter und an ihrem trägen Gefährten, der
schon lange an dergleichen gewöhnt war, eisernes Schwei-
gen bewahrte und sich die wilden Reden der erzürnten Gat -
tin kaltblütig anhörte. Doch trotz alledem wetzte sie un-
ermüdlich ihre Zunge, so lange, bis sie in der Vorstadt bei
ihrem alten Bekannten und Gevatter, dem Kosaken Zy-
bulja, angelangt waren. Das Wiedersehen mit dem Gevat-
ter, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte, ließ sie
vorübergehend diesen unangenehmen Vorfall vergessen.
Er unterhielt sich mit unseren Reisenden zunächst ein wenig
über den Jahrmarkt und legte ihnen dann nahe, sich nach
der langen Fahrt etwas auszuruhen.
2 Mein Gott, du lieber Himmel! Was gibt es nicht
alles auf diesem Jahrmarkt! Räder, Glas, Teer,
Tabak, Leder, Zwiebeln, alle möglichen Händ-
ler … Selbst wenn man dreißig Rubel im Beu-
tel hätte, selbst dann könnte man nicht den
ganzen Jahrmarkt aufkaufen.
Aus einer kleinrussischen Komödie
Ihr habt bestimmt schon einmal Gelegenheit gehabt, einen
in der Ferne niederdonnernden Wasserfall zu hören, zu er-
leben, wie die aus ihrer Ruhe aufgeschreckte Umgebung
von dumpfem Getöse erfüllt ist und vor euch ein Chaos
seltsamer, unklarer Töne wie ein Wirbelwind aufsteigt.
Nicht wahr, dieselben Gefühle bemächtigen sich eurer im
Gebrause des ländlichen Jahrmarkts, wenn das Volk
zu einem einzigen riesigen Ungeheuer zusammenwächst,
das seinen Körper über den Marktplatz und durch die engen
Straßen wälzt, das schreit, lacht und brüllt! Lärmen,
Schimpfen, Muhen, Blöken, Brüllen – alles schmilzt zu einem
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disharmonischen Gemurmel zusammen. Ochsen, Säcke, Heu,
Zigeuner, Töpfe, Weiber, Lebkuchen, Mützen – alles ist
grell, bunt und sinnverwirrend, alles wimmelt in Haufen
umher und schwirrt an den Augen vorüber. Die einzelnen
Gespräche gehen ineinander unter, nichts bleibt verschont,
kein Wort rettet sich vor dieser Sintfut, kein einziger Ruf
ist deutlich zu hören. Nur die Handschläge der Händler
sind von allen Seiten des Jahrmarktes zu vernehmen. Ein
Wagen geht entzwei, Eisen klirrt, Bretter fallen donnernd
auf die Erde – der Kopf dreht sich einem, und man weiß
nicht, wohin man sich wenden soll. Unser hergereister
Bauer tummelte sich mit dem schwarzbrauigen Töchterlein
schon lange in der Menge. Bald trat er an die eine Fuhre
heran, bald befühlte er eine andere und fragte nach den
Preisen, doch die ganze Zeit über kreisten seine Gedanken
unauf haltsam um die zehn Säcke Weizen und die alte
Stute, die er zum Verkauf mitgebracht hatte. Dem Gesicht
seiner Tochter war zu entnehmen, daß es ihr nicht allzu-
großen Spaß machte, bei den Wagen mit Mehl und Weizen
herumzustehen. Sie zog es dorthin, wo unter Leinenzelten
rote Bänder, Ohrringe, Kreuze aus Zinn und Messing und
Medaillons ordentlich aufgehängt waren. Doch auch hier
fand sie vieles, was sich zu beobachten lohnte: Außer-
ordentlich belustigte sie, wie ein Zigeuner und ein Bauer
sich so fest in die Hand schlugen, daß sie beide vor Schmerz
aufschrien, wie ein betrunkener Jude ein Weib in den Rük-
ken stieß, wie streitende Händlerinnen übereinander her -
zogen und sich mit Schimpfworten bewarfen, wie ein Mos-
kowiter mit der einen Hand sein Ziegenbärtchen strich, mit
der anderen aber … Doch da fühlte sie, wie sie jemand am
gestickten Blusenärmel zupfte. Sie drehte sich um – der
Bursche mit dem weißen Kittel und den leuchtenden Augen
stand vor ihr. Sie erbebte, und ihr Herz schlug wie nie zu-
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vor; weder in der größten Freude noch im tiefsten Leid
hatte es so geschlagen: Ihr war so seltsam und gleichzeitig
so angenehm zumute, und sie konnte sich selbst nicht er-
klären, was mit ihr geschah. „Fürchte dich nicht, Herzchen,
fürchte dich nicht“, sagte er mit leiser Stimme zu ihr und
nahm sie bei der Hand. „Ich sage dir nichts Böses!“ Viel-
leicht stimmt es sogar, daß du nichts Böses sagst, dachte das
schöne Mädchen bei sich, doch mir ist so seltsam zumute …
Bestimmt ist das der Satan! Ich weiß ja, daß sich das nicht
gehört, aber ich habe einfach nicht die Kraft, die Hand
wegzuziehen. Der Bauer drehte sich um und wollte etwas
zu seiner Tochter sagen, doch plötzlich fel neben ihm das
Wort „Weizen“. Dieses magische Wort ließ ihn auf der
Stelle zu zwei laut miteinander redenden Händlern treten,
und seine Aufmerksamkeit wurde nun so in Anspruch ge-
nommen, daß sie durch nichts mehr abzulenken war. Fol-
gendes sprachen die Händler über den Weizen.
3 Siehst du nicht den Burschen hier?
Davon gibt’s wen’ge auf der Welt.
Den Schnaps trinkt er, als wär es Bier!
Kotljarewski, „Äneis“
„Du glaubst also, Landsmann, daß wir für unseren Weizen
kaum einen Abnehmer fnden werden!“ sagte der eine, der
wie ein durchreisender Kleinbürger, wie der Bewohner
irgendeines winzigen Städtchens aussah und buntgemusterte,
teerbeschmierte und feckige baumwollene Hosen anhatte,
zu dem anderen, der einen blauen, an manchen Stellen
schon mit Flicken versehenen Kittel trug und dessen Stirn
eine riesige Beule zierte.
26
„Was gibt’s denn da noch zu glauben! Ich will mir selbst
eine Schlinge um den Hals legen und an diesem Baum dort
baumeln wie eine Wurst vor Weihnachten in der Hütte,
wenn wir nur ein einziges Maß verkaufen.“
„Was redest du da für Unsinn, Landsmann? Außer uns
hat doch niemand Weizen angefahren“, empörte sich der
Mann in den baumwollenen Hosen.
Sagt, was ihr wollt, dachte der Vater unserer Schönen,
dem kein einziges Wort der beiden Händler entgangen
war. Ich habe meine zehn Säcke in Reserve.
„Das ist es eben, wenn der Teufel irgendwo seine Hand
im Spiel hat; dann hat man genausowenig Gutes zu erwar-
ten wie von einem hungrigen Moskowiter“, sagte bedeu-
tungsvoll der Mann mit der Beule auf der Stirn.
„Was für ein Teufel denn?“ fel der Mann in den baum-
wollenen Hosen ein.
„Hast du nicht gehört, was die Leute sagen?“ fuhr der
Mann mit der Beule fort und sah ihn von der Seite fnster
an.
„Was denn?“
„Was denn, ja, was denn! Der Beisitzer – möge er sich
nach dem herrschaftlichen Pfaumenschnaps die Lippen
nicht mehr wischen können! –, der Beisitzer hat für den
Jahrmarkt einen ganz verfuchten Ort ausgesucht, auf dem
du kein einziges Körnchen los wirst, und wenn du krepierst!
Siehst du dort die alte verfallene Scheune, die am Berg
steht?“ (Hier rückte der neugierige Vater unserer Schönen
noch näher heran und wurde ganz Ohr.) „In dieser Scheune
treibt ab und zu der Teufel sein Spiel, und noch kein ein -
ziger Jahrmarkt ist an diesem Ort ohne ein Unglück zu
Ende gegangen. Gestern ging der Amtsschreiber spätabends
dort vorbei – und plötzlich tauchte in der Dachluke ein
Schweinerüssel auf und grunzte, daß ihm die Gänsehaut
27
nur so über den Rücken lief. Eh du dich’s versiehst, zeigt
sich wieder der rote Kittel!“
„Was ist denn das für ein roter Kittel ?“
Hier begannen unserem aufmerksamen Zuhörer die
Haare zu Berge zu stehen. Voller Schrecken blickte er sich
um und sah, wie seine Tochter und der Bursche friedlich
dastanden, sich umarmt hielten und irgendwelche Liebes-
lieder summten, ohne überhaupt nur an Kittel zu denken.
Das verjagte seinen Schrecken und ließ ihn zu der früheren
Sorglosigkeit zurückfnden.
„Hehe, hehe, Landsmann! Wie ich sehe, bist du ja ein
Meister im Umarmen! Ich hab erst am vierten Tag nach der
Hochzeit gelernt, meine selige Chweska zu umarmen, und
auch das nur dank dem Gevatter. Er war Brautführer und
hat es mir beigebracht.“
Der Bursche merkte, daß der Vater seiner Liebsten ganz
in der Nähe war, und legte sich in Gedanken einen Plan
zurecht, wie er ihn für sich einnehmen könnte.
„Du kennst mich wahrscheinlich nicht, guter Mann, aber
ich habe dich gleich erkannt.“
„Das kann schon sein.“
„Wenn du willst, sage ich dir deinen Namen und auch
deinen Vornamen und erzähle dir eine Menge über dich.
Du heißt Solopi Tscherewik.“
„Richtig, Solopi Tscherewik.“
„Sieh mich einmal richtig an: Erkennst du mich denn
nicht?“
„Nein, ich erkenne dich nicht. Nimm mir’s nicht übel,
doch ich habe in meinem Leben schon so viele Fratzen zu
sehen bekommen, daß sich höchstens der Teufel an alle er-
innern kann!“
„Schade, daß du dich nicht an Golopupenkos Sohn er-
innerst!“
28
„Was, du bist Ochrims Sohn?“
„Wer denn sonst? Denkst du etwa, ich bin der kahle
Hausgeist ?“
Hier zogen die Freunde ihre Mützen und fngen an, sich
abzuküssen; doch Golopupenkos Sohn entschloß sich, ohne
viel Zeit zu verlieren, seinem neuen Bekannten auf den
Leib zu rücken.
„Nun, Solopi, wie du siehst, haben wir uns, deine Tochter
und ich, so liebgewonnen, daß wir bis in alle Ewigkeit zu-
sammenbleiben möchten.“
„Na, Paraska“, sagte Tscherewik und wandte sich lachend
seiner Tochter zu, „vielleicht solltet ihr wirklich beide, wie
es so schön heißt, vielleicht solltet ihr wirklich zusammen
auf einer Weide grasen! Was? Also abgemacht? Los, frisch-
gebackener Schwiegersohn, jetzt mußt du etwas springen
lassen!“
Alle drei landeten in dem bekannten Jahrmarktsrestau-
rant – bei der Jüdin unter dem Zelt –, wo sich eine ganze
Flotte von Kannen, Flaschen und Fläschchen jeglicher Art
und jeglichen Alters befand. „Ach, das ist ein Kerl! Das
hab ich gern!“ sagte Tscherewik, der schon nicht mehr ganz
nüchtern war, als er sah, wie sich sein erwählter Schwieger-
sohn ein Achtelglas vollgoß, es, ohne mit der Wimper zu
zucken, auf einen Zug leerte und dann in Stücke warf.
„Was sagst du nun, Paraska? Was ich dir doch da für einen
Bräutigam besorgt habe! Guck nur, guck, wie der den
Kornschnaps säuft!“ Und lachend und schwankend machte
er sich mit ihr auf den Weg zu seinem Wagen, während
sich unser Bursche zu den Buden mit ihren schönen Waren
begab, in denen sogar Händler aus Gadjatsch und Mir -
gorod, den beiden berühmten Städten des Gouvernements
Poltawa, ausgestellt hatten, um eine schöne Holzpfeife mit
schmucker Messingverzierung, ein geblümtes rotes Tuch
29
und eine Mütze auszusuchen – alles zusammen Hochzeits-
geschenke für den Schwiegervater und all die anderen, die
ein Geschenk erwarteten.
4 Wenn die Männer etwas wollen,
Doch die Frauen ihnen grollen,
Dann heißt es Rückzug blasen …
Kotljarewski
„He, Frauchen! Ich hab für unsere Tochter einen Bräutigam
gefunden!“
„Da hast du dir aber die richtige Zeit ausgesucht, um
einen Bräutigam zu fnden! Ein Dummkopf bist du, ein
Dummkopf! Du bist immer einer gewesen und wirst auch
immer einer bleiben! Wo hast du jemals gesehen, wo hast
du jemals gehört, daß ein anständiger Mensch jetzt hinter
einem Bräutigam herläuft? Du hättest besser darüber nach-
denken sollen, wie wir den Weizen loswerden. Das wird ja
ein feiner Bräutigam sein! Sicher ist er von den Hunger-
leidern der zerlumpteste!“
„Äh, was du denkst! Du müßtest mal sehen, was das für
ein Bursche ist! Schon sein Kittel ist mehr wert als deine
grüne Jacke und deine roten Stiefel. Und wie würdevoll er
den Schnaps hinuntergießt … Der Teufel soll mich mit dir
zusammen holen, wenn ich jemals in meinem Leben gesehen
haben sollte, daß ein junger Bursche ein Achtelglas, ohne
mit der Wimper zu zucken, auf einen Zug leert.“
„Ah, so ist das: Sowie einer ein Säufer und Herum -
treiber ist, dann ist er auch gleich dein Freund. Ich gehe
jede Wette ein, daß das derselbe Lump ist, der auf der
Brücke mit uns angebunden hat. Schade, daß er mir bis
30
jetzt noch nicht unter die Augen gekommen ist, ich würde es
ihm schon eintränken.“
„Was denn, Chiwrja – und wenn es nun derselbe wäre –
weshalb muß er gleich ein Lump sein?“
„Ha! Weshalb muß er ein Lump sein! Du Hohlkopf!
Hör zu! Weshalb muß er ein Lump sein! Wo hast du nur
deine dummen Augen gehabt, als wir an der Mühle vorbei-
fuhren! Selbst wenn jemand hier, vor deiner mit Tabak
beschmierten Nase, deine Frau beleidigen würde, selbst
dann würde dir das nichts ausmachen.“
„Trotzdem sehe ich aber nicht ein, weshalb er nichts tau-
gen soll. Der Bursche ist ein Prachtkerl! Höchstens, daß er
dir mal für einen Augenblick die Fratze mit Mist voll-
gekleistert hat.“
„Aha! Wie ich sehe, läßt du mich nicht einmal zu Wort
kommen! Was soll denn das heißen? Seit wann gibt es denn
so etwas? Du hast bestimmt schon getrunken, noch ehe du
überhaupt etwas verkauft hast …“
Jetzt merkte unser Tscherewik selbst, daß er zuviel ge -
sagt hatte, und bedeckte den Kopf sofort mit den Händen,
denn er zweifelte nicht daran, daß seine erzürnte Gattin
ihre ehelichen Krallen unverzüglich in sein Haar versenken
würde. Hol’s der Teufel! Jetzt ist’s mit der Hochzeit vor-
bei! dachte er und wich vor dem heftigen Ansturm seiner
Gattin zurück. Da muß ich dem guten Mann für nichts und
wieder nichts eine abschlägige Antwort geben. Herrgott im
Himmel, wofür werden wir armen Sünder nur so gestraft !
Es gibt so schon genug Unrat auf der Erde, und da mußtest
du auch noch die Frauen in die Welt setzen.
31
5 Ahorn, laß den Kopf nicht hängen,
Weil du noch so grün bist.
Mußt, Kosak, nicht traurig werden,
Weil du noch so jung bist!
Kleinrussisches Lied
Zerstreut blickte der Bursche im weißen Kittel, der neben
seiner Fuhre saß, auf die dumpf lärmenden Menschen um
ihn herum. Die müde Sonne verließ diese Welt; ruhig hatte
sie am Mittag und am Morgen vom Himmel hinabgestrahlt,
und der verlöschende Tag nahm nun ein bezauberndes und
leuchtendes Rot an. Die Dächer der weißen Zelte und
Buden, die von einem kaum wahrnehmbaren feurig-rosigen
Licht übergossen waren, glänzten hell. Das zu Haufen ge-
stapelte Fensterglas glühte; die grünen Flaschen und Glä-
ser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten sich in
Feuer; die Berge von Melonen, Arbusen und Kürbissen
schienen aus Gold und dunklem Kupfer gegossen zu sein.
Die Gespräche ließen merklich nach und wurden leiser, die
müden Zungen der Händlerinnen, Bauern und Zigeuner
bewegten sich zögernder und langsamer. Hier und da
fammte ein Feuerchen auf, und der wohlriechende Dampf
von kochenden Mehlklößchen durchzog die immer stiller
werdenden Straßen.
„Was läßt du den Kopf hängen, Grizko?“ rief ein gro-
ßer braungebrannter Zigeuner und schlug unserem Burschen
auf die Schulter. „Na, gib schon die Ochsen für zwan -
zig ab!“
„Du denkst immer nur an Ochsen. Ihr seid immer nur
einzig und allein auf euren Vorteil aus. Ihr wollt einen an-
ständigen Menschen nur dauernd betrügen und übers Ohr
hauen.“
„Pfui Teufel! Dich hat’s ja ganz schön gepackt. Ärgerst
32
du dich vielleicht darüber, daß du dir selbst eine Braut auf
den Hals geladen hast?“
„Nein, das ist nicht meine Art, ich halte mein Wort; für
das, was ich einmal getan habe, werde ich immer gerade -
stehen. Aber dieser Alte, der Tscherewik, hat anscheinend
nicht für einen Pfennig Gewissen: Erst sagt er ja, dann
wieder nein … Na, was soll ich ihn groß beschuldigen, er
ist ein Klotz, weiter nichts. Hinter allem steckt diese alte
Hexe, die wir Burschen heute auf der Brücke so herunter-
geputzt haben! Ach, wenn ich der Zar oder ein großer Herr
wäre, ich würde zuerst all die Dummköpfe aufhängen, die
sich von ihren Frauen unter den Pantofel bringen las-
sen …“
„Läßt du uns die Ochsen für zwanzig ab, wenn wir den
Tscherewik dazu bringen, die Paraska herauszurücken?“
Erstaunt blickte Grizko ihn an. In den dunklen Zügen
des Zigeuners lag etwas Bösartiges, Höhnisches, Niedriges
und gleichzeitig Hochmütiges. Jeder, der ihn ansah, mußte
sich eingestehen, daß in dieser seltsamen Seele große Tu-
genden brodelten, für die es auf der Erde jedoch nur einen
einzigen Lohn gibt – den Galgen. Der zwischen der Nase
und dem spitzen Kinn völlig versteckte Mund, der ewig von
einem höhnischen Lächeln umspielt wurde, die kleinen, doch
wie Flammen züngelnden Augen, die Pläne und Gedanken,
die fortwährend gleich Blitzen sein Gesicht erhellten – all
das schien nach einem ganz besonderen Kostüm zu ver-
langen, das ebenso seltsam war wie er selbst, und gerade
solch ein Kostüm trug er auch. Der dunkelbraune Kaftan,
der aussah, als würde er schon bei der geringsten Berührung
zu Staub zerfallen, die langen, in Strähnen über die
Schultern hängenden schwarzen Haare, die Schuhe an den
nackten braunen Füßen – all dies schien mit ihm verwach-
sen zu sein und seine ureigenste Natur darzustellen.
33
„Nicht für zwanzig, für fünfzehn gebe ich sie dir, wenn
du nicht lügst!“ antwortete ihm der Bursche, ohne seinen
prüfenden Blick von ihm abzuwenden.
„Für fünfzehn? Abgemacht. Sieh dich aber vor – vergiß
es nicht: Für fünfzehn! Hier hast du einen Blauen als An-
zahlung!“
„Und wenn du aber lügst?“
„Wenn ich lüge, gehört die Anzahlung dir!“
„Gut! Also abgemacht!“
„Abgemacht!“
6 So ein Unglück, da kommt Roman; jetzt wird
er mir den Buckel voll hauen, und auch Sie,
Herr Choma, werden nicht leer ausgehen.
Aus einer kleinrussischen Komödie
„Hierher, Afanassi Iwanowitsch, hier ist der Zaun niedri-
ger; heben Sie das Bein hoch, und fürchten Sie sich nicht –
mein Dummkopf ist mit dem Gevatter zusammen für die
ganze Nacht unter die Fuhren gekrochen, damit die Mosko-
witer nicht zufällig etwas mitgehen heißen.“
So liebenswürdig ermutigte die furchteinfößende Gattin
Tscherewiks den ängstlich am Zaun klebenden Popensohn,
der ihn gleich darauf auch erklomm und wie ein hageres,
entsetzliches Gespenst lange unschlüssig auf ihm stehen-
blieb, um abzuschätzen, wohin er am besten springen
könnte. Schließlich landete er geräuschvoll im Unkraut-
gestrüpp.
„So ein Unglück! Sie haben sich doch nicht weh getan?
Sie haben sich doch, Gott behüte, nicht den Hals gebro-
chen?“ stammelte die besorgte Chiwrja.
34
„Pst! Mir ist nichts passiert, liebwerte Chawronja Niki-
forowna!“ füsterte der Popensohn unter Schmerzen und er-
hob sich. „Nichts, wenn man von den Verwundungen ab-
sieht, die mir die Brennesseln beigebracht haben, diese
schlangenähnlichen Gewächse, wie sie der selige Oberpope
immer nannte.“
„Gehn wir doch in die Hütte, es ist niemand da. Und
ich hab schon gedacht, Afanassi Iwanowitsch, Sie hätten
die Skrofeln oder Bauchweh bekommen. Sie haben nie etwas
von sich hören lassen. Wie geht es Ihnen denn? Ich habe
gehört, daß Ihr Herr Vater jetzt eine ganze Menge Sachen
bekommen hat!“
„Der reinste Pappenstiel, Chawronja Nikiforowna: Vä-
terchen hat während der ganzen Fasten nur fünfzehn Säcke
Korn, vier Säcke Hirse und hundert mit Butter gebackene
Kuchen bekommen, und wenn man die Hühner zusammen-
zählt, dann werden es nicht einmal fünfzig Stück sein, und
die Eier sind zum größten Teil faul. Doch wahrhaft süße
Gaben, um zu einem Vergleich zu greifen, werde ich einzig
und allein von Ihnen erhalten, Chawronja Nikiforowna!“
fuhr der Popensohn fort, blickte sie schmeichlerisch an und
rutschte näher.
„Hier sind meine Gaben, Afanassi Iwanowitsch!“ sagte
sie, stellte einige Schüsseln auf den Tisch und knöpfte ge-
ziert ihre scheinbar aus Versehen aufgegangene Jacke zu.
„Hier haben Sie Quarkpastetchen, Mehlklößchen, Weiß-
brot, Pfannküchelchen und Krapfen!“
„Ich wette, das haben die geschicktesten Hände des zar-
ten Geschlechts zubereitet!“ sagte der Popensohn, machte
sich über die Krapfen her und zog mit der anderen Hand
die Quarkpastetchen heran. „Doch mein Herz, Chawronja
Nikiforowna, sehnt sich nach einer Speise von Ihnen, die
süßer ist als alle Pfannküchelchen und Mehlklößchen.“
35
„Ich weiß wirklich nicht, was Sie noch für eine Speise
haben möchten, Afanassi Iwanowitsch!“ antwortete die be-
leibte Schönheit und tat, als verstünde sie nicht.
„Ihre Liebe natürlich, unvergleichliche Chawronja Niki-
forowna!“ füsterte der Popensohn, während er in der einen
Hand ein Quarkpastetchen hielt und mit der anderen ihre
breiten Hüften umfaßte.
„Gott weiß, was Sie sich da alles ausdenken, Afanassi
Iwanowitsch!“ sagte Chiwrja und senkte verschämt ihren
Blick. „Meine Güte! Sie wollen mich womöglich noch küs-
sen!“
„Was dies anbelangt, so kann ich Ihnen vielleicht auch
etwas über mich erzählen“, führ der Popensohn fort. „Als
ich noch, um zu einem Vergleich zu greifen, ein Seminarist
war – ich erinnere mich noch daran, als wäre es heute …“
Hier hörte man auf dem Hof die Hunde bellen und je-
manden ans Tor klopfen. Chiwrja lief eilig hinaus und kam
ganz blaß wieder herein.
„Oje, Afanassi Iwanowitsch! Jetzt hat man uns erwischt;
ein ganzer Haufen Leute ist da, und mir kam’s so vor, als
hätte ich die Stimme vom Gevatter gehört …“
Die Quarkpastete blieb dem Popensohn im Hals stecken,
und seine Augen quollen hervor, als hätte ihm gerade ein
Gast aus dem Jenseits die Ehre eines Besuches erwiesen.
„Kriechen Sie hier hinauf!“ schrie die erschrockene
Chiwrja und zeigte auf ein paar Bretter, die dicht unter der
Decke auf zwei Querbalken ruhten und auf denen allerlei
Hausgerümpel lag.
Die Gefahr verlieh unserem Helden Mut. Nachdem er
etwas zu sich gekommen war, sprang er auf die Ofenbank,
und von dort kroch er vorsichtig auf die Bretter. Chiwrja
aber rannte ganz kopflos zum Tor, denn das Klopfen war
immer kraftvoller und ungeduldiger geworden.
36
7 Das sind ja Wunder, werter Herr!
Aus einer kleinrussischen Komödie
Auf dem Jahrmarkt war etwas Seltsames geschehen: Es
lief das Gerücht um, irgendwo zwischen den Waren habe
sich der rote Kittel gezeigt. Die Alte, die Kringel verkaufte,
glaubte in der Gestalt eines Schweines den Satan gesehen
zu haben. Er habe sich dauernd über die Fuhren gebeugt,
als suchte er etwas. Diese Nachricht drang mit Windeseile
bis in alle Ecken des schon still gewordenen Zeltlagers, und
alle hielten es für ein Verbrechen, an ihr zu zweifeln, ob-
wohl die Kringelverkäuferin, deren fahrbarer Laden neben
dem Zelt der Schankwirtin stand, sich den ganzen Tag
über ohne jede Veranlassung verbeugt und dabei mit den
Füßen Linien in den Boden gezeichnet hatte, die sehr an
ihre leckere Ware erinnerten. Hinzu kam noch das aufge-
bauschte Gerücht über das Wunder, das der Amtsschreiber
in der zerfallenen Scheune erblickt hatte, und so rückten am
Abend alle näher zusammen. Die Ruhe war gestört, und
die Furcht ließ keinen ein Auge zutun; diejenigen aber, die
nicht zu den Tapfersten gehörten und für ein Nachtlager
in den Hütten gesorgt hatten, beeilten sich, nach Hause zu
kommen. Zu den letzteren gehörte auch Tscherewik mit sei-
ner Tochter und dem Gevatter, die zusammen mit den
Gästen, die sich selbst eingeladen hatten, unsere Chiwrja
durch ihr kraftvolles Klopfen so in Schrecken versetzt hat-
ten. Der Gevatter stand schon nicht mehr ganz fest auf den
Beinen. Ersehen konnte man das daraus, daß er mit seiner
Fuhre zweimal um den Hof fuhr, ehe er die Hütte fand.
Auch die Gäste waren angeheitert und traten ohne alle
Umstände noch vor dem Hausherrn ein. Die Gemahlin un -
seres Tscherewiks saß wie auf Nadeln, als die Ankömmlinge
in allen Ecken des Häuschens herumzustöbern begannen.
37
„Na, Gevatterin“, schrie der Gevatter, als er eingetreten
war, „schüttelt dich das Fieber noch immer?“
„Ja, mir ist nicht gut“, antwortete Chiwrja und blickte
unruhig auf die Bretter, die dicht unter der Decke auf den
Querbalken aufgestapelt waren.
„Los, Frau, hol mal das Fäßchen aus dem Wagen!“
sagte der Gevatter zu seiner Frau, die mit ihm mitgekom-
men war. „Wir wollen es mit den guten Leuten hier leer
machen; die verfuchten Weiber haben uns solch einen
Schrecken eingejagt, daß man sich schämen muß, es auch nur
zu sagen. Bei Gott, Brüder, wir sind wegen nichts und wie-
der nichts hierhergefahren!“ fuhr er fort und nahm einen
Schluck aus einem Tonkrug. „Ich wette um eine neue Mütze,
daß die Weiber sich nur über uns lustig machen wollten.
Und wenn es wirklich der Satan wäre: Was ist schon der
Satan? Spuckt ihm auf den Kopf! Und wenn er in diesem
Augenblick hier erscheinen würde, zum Beispiel gerade hier
vor mir – ich will ein Hundesohn sein, wenn ich ihm nicht
vor seinen Augen eine Nase drehe!“
„Und warum bist du plötzlich so blaß geworden?“ schrie
ein Gast, der die anderen um einen ganzen Kopf überragte
und immer als Held gelten wollte.
„Ich … Um Gottes willen! Das ist euch nur so vorge-
kommen!“
Die Gäste lachten. Auf dem Gesicht des redseligen Hel-
den erschien ein zufriedenes Lächeln.
„Was heißt hier blaß!“ fel ein anderer ein. „Seine Bak-
ken leuchten ja wie Klatschmohn; jetzt ist Zybulja nicht
mehr eine Zwiebel, sondern eine rote Rübe – oder noch
besser, der rote Kittel, der den Leuten solch einen Schrek-
ken eingejagt hat.“
Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und stimmte
die Gäste noch heiterer als zuvor. Unser Tscherewik aber,
38
dem dieser rote Kittel schon lange im Kopf herumspukte
und seiner Neugier keine Minute Ruhe ließ, wandte sich an
den Gevatter.
„Nun erzähl mal, Gevatter, sei so gut! Die ganze Zeit
bitte und bettle ich schon und kann nicht herausbekommen,
was es mit diesem verdammten Kittel auf sich hat.“
„Ja, Gevatter, das sollte man eigentlich nicht am Abend
erzählen; ich tu das höchstens, um dir und den guten Leu-
ten hier“ (dabei wandte er sich an die Gäste) „einen Ge -
fallen zu erweisen, denn wie ich sehe, wollen sie genauso
wie du diese seltsame Geschichte erfahren. Nun gut. Hört
also zu!“
Er kratzte sich an der Schulter, wischte sich mit dem
Rockschoß den Mund, legte beide Hände auf den Tisch und
begann:
„Einmal ist wegen irgendeines Vergehens – bei Gott, ich
weiß nicht, weshalb – ein Teufel aus der Hölle geworfen
worden.“
„Was sagst du, Gevatter?“ unterbrach ihn Tscherewik.
„Wie ist denn das möglich, daß ein Teufel aus der Hölle
geworfen wird?“
„Was weiß ich, Gevatter! Man hat ihn eben hinaus -
gejagt, so wie ein Bauer den Hund aus der Hütte jagt.
Vielleicht hat er in einer albernen Laune etwas Gutes tun
wollen, und da hat man ihm eben die Tür gewiesen. Der
arme Teufel aber bekam solch ein Heimweh und sehnte
sich so nach der Hölle, daß er sich am liebsten aufgehängt
hätte. Was sollte er tun? Er begann vor Kummer zu saufen.
Er ließ sich in der Scheune nieder, die am Berg steht – du
hast sie ja gesehen – und ganz verfallen ist und an der kein
einziger guter Mensch vorübergeht, ohne vorher das heilige
Kreuz zu schlagen. Der Teufel ist dort solch ein Säufer ge-
worden, wie man unter den jungen Burschen nicht einen
39
fndet. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend sitzt er
in der Schenke!“
Hier unterbrach der strenge Tscherewik unseren Erzäh-
ler von neuem:
„Gott weiß, was du da alles erzählst, Gevatter! Wie ist
es denn möglich, daß jemand den Teufel in die Schenke
läßt? Er hat doch, Gott sei Dank, Krallen an den Pfoten
und Hörner auf dem Kopf.“
„Das ist es ja gerade. Er hatte eine Mütze auf und Hand-
schuhe an. Wer erkennt ihn da schon? Er sof und sof –
und schließlich hatte er alles, was er besaß, vertrunken.
Der Schankwirt gab ihm lange Zeit Kredit, doch dann war
es ihm über. Der Teufel mußte bei einem Juden, der damals
auf dem Jahrmarkt von Sorotschinzy eine Schenke besaß,
seinen roten Kittel versetzen, und zwar beinahe für ein
Drittel seines Wertes; er versetzte ihn also und sagte: ,Paß
auf, Jude, genau in einem Jahr komme ich wieder und hole
mir den Kittel, gib gut auf ihn acht!‘ Und schon war er
verschwunden wie ein Stein im Wasser. Der Jude besah
sich den Kittel gründlich – ein Stof war das, wie man ihn
nicht einmal in Mirgorod bekommt! Und die rote Farbe
leuchtete wie Feuer – gar nicht satt sehen konnte man sich
an ihm! Dem Juden behagte es nicht, daß er ein Jahr war-
ten sollte. Er drehte an seinen Schläfenlöckchen herum und
nahm einem durchreisenden Herrn fast fünf Goldstücke
dafür ab. An die festgesetzte Frist dachte der Jude über-
haupt nicht mehr. Eines schönen Tages nun, gegen Abend,
kam ein Mann zu ihm und sagte: ,So, Jude, jetzt gib mir
meinen Kittel wieder!‘ Der Jude erkannte den Mann zu-
nächst nicht, doch als er dann merkte, wer er war, tat er so,
als hätte er ihn noch nie gesehen: ,Was für einen Kittel?
Ich habe keinen Kittel!‘ Der Mann ging weg, doch am
Abend, als der Jude seine Hütte zugesperrt, das Geld in
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seinen Truhen gezählt und sich ein Laken übergeworfen
hatte, um nach jüdischer Art zu Gott zu beten, hörte er
plötzlich ein Geräusch. Er sah auf – zu allen Fenstern
schauten Schweinerüssel herein …“
In diesem Moment war tatsächlich ein undeutliches Ge-
räusch zu hören, das einem Schweinegrunzen sehr ähnelte.
Alle wurden blaß. Dem Erzähler trat der Schweiß auf die
Stirn.
„Was ist?“ fragte Tscherewik erschrocken.
„Nichts!“ antwortete der Gevatter, am ganzen Leibe zit-
ternd.
„Hä?“ ließ sich einer der Gäste vernehmen.
„Du hast gesagt …“
„Nein!“
„Wer hat denn hier gegrunzt?“
„Gott weiß, was uns da so beunruhigt hat! Es ist niemand
hier!“
Alle blickten sich ängstlich um und suchten die Ecken ab.
Chiwrja war halbtot vor Angst.
„Ach, was seid ihr doch für Weiber!“ rief sie laut. „Ihr
seid mir schöne Kosaken! Ihr wollt Männer sein? Euch
müßte man die Spindel in die Hand geben und an die
Hechel setzen! Einer von euch hat vielleicht … Gott ver-
zeih mir’s! Unter einem von euch hat vielleicht die Bank
ein wenig geknarrt, und schon fangt ihr alle an, wie die
Verrückten umherzulaufen!“
Das beschämte unsere Helden und ließ sie wieder neuen
Mut fassen. Der Gevatter nahm einen Zug aus dem Krug
und fuhr fort:
„Der Jude war starr vor Schrecken, doch die Schweine
stiegen – ihre Beine waren lang wie Stelzen – durch die
Fenster und brachten ihn mit ihren dreifach gefochtenen
Peitschen im Nu wieder ins Leben zurück. Sie ließen ihn
41
nämlich höher springen, als dieser Querbalken hier unter
der Decke ist. Der Jude fel vor ihnen nieder und bekannte
alles. Der Kittel aber war nicht so schnell wieder herbei-
zuschafen. Den Herrn hatte unterwegs ein Zigeuner be-
stohlen, und dieser hatte den Kittel an eine Händlerin ver-
kauft. Diese nun brachte ihn wiederum auf den Jahrmarkt
von Sorotschinzy, doch keiner wollte mehr etwas bei ihr
kaufen. Lange Zeit wunderte sich die Händlerin, und
schließlich begrif sie, daß der rote Kittel an allem schuld
war. Nicht umsonst hatte sie, wenn sie ihn trug, stets das
Gefühl, als drückte sie etwas. Ohne lange zu überlegen und
zu schwanken, warf sie ihn ins Feuer – doch der Teufels-
rock brannte nicht! Ah, das ist wohl ein Geschenk des Teu-
fels! Der Händlerin gelang es, den Kittel in die Fuhre
eines Bauern zu stecken, der Butter zum Verkauf fuhr. Der
Dummkopf freute sich auch noch, doch nach seiner Butter
fragte keiner mehr. Hm, da haben mir böse Hände den
Kittel untergeschoben! Er packte die Axt und hackte ihn in
Stücke, aber sieh da – ein Stück kroch zum anderen, bis der
Kittel wieder ganz war. Er bekreuzigte sich, schlug zum
zweitenmal mit der Axt zu, verstreute die Stücke in der
Gegend und fuhr davon. Und seitdem läuft der Teufel
jedes Jahr genau zur Jahrmarktszeit in Gestalt eines
Schweines auf dem Platz umher, grunzt und sucht sich die
Stücke seines Kittels zusammen. Es soll ihm jetzt nur noch
der linke Ärmel fehlen. Seit jener Zeit meiden die Leute
diesen Platz, und es ist auf ihm wohl schon ein Dutzend
Jahre kein Jahrmarkt mehr abgehalten worden. Den Bei -
sitzer muß der Teufel geritten haben, daß er jetzt den
Jahr …“
Die andere Hälfte des Wortes blieb dem Erzähler im
Munde stecken. Das Fenster ging krachend auf, die Schei-
ben fogen klirrend zu Boden; eine furchtbare Schweine-
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schnauze schaute herein und rollte mit den Augen, als
wollte sie fragen: Was macht ihr denn hier, ihr guten
Leute?
8 Wie ein Hund mit eingezogenem Schwanze,
Wie Kain am ganzen Leibe zitternd,
Aus seiner Nase läuft Tabak auf das Ganze.
Kotljarewski, „Äneis“
Vor Entsetzen waren alle in der Hütte wie versteinert. Der
Gevatter saß mit ofenem Munde da, zur Bildsäule erstarrt.
Seine Augen waren aufgerissen, als wollten sie etwas durch-
bohren, seine gespreizten Finger ragten unbeweglich in
die Luft. Der lange Held sprang in seiner unüberwind-
lichen Angst beinahe bis an die Decke und schlug mit dem
Kopf gegen den Querbalken; die Bretter kamen ins Rut-
schen, und der Popensohn fog mit tosendem Lärm auf die
Erde.
„Ei! Ei! Ei!“ schrie einer verzweifelt, der vor Grauen
auf die Bank gesunken war und mit Händen und Füßen
strampelte.
„Hilfe!“ röchelte ein anderer, der sich unter einem Schafs-
pelz versteckt hatte.
Der Gevatter, in den durch den zweiten Schreck wieder
Bewegung gekommen war, kroch seiner Frau zitternd unter
den Rock, der lange Held kroch trotz des kleinen Feuer-
lochs in den Ofen und schob selbst hinter sich den Riegel
vor, und Tscherewik stülpte sich anstelle der Mütze einen
Topf über den Kopf und stürzte, als hätte er sich mit
kochendem Wasser verbrüht, zur Tür hinaus. Wie ein
Wahnsinniger rannte er durch die Straßen, ohne auf den
Weg zu achten; nur die Müdigkeit drosselte nach einer
43
Weile etwas die Geschwindigkeit seines Laufes. Sein Herz
hämmerte wie ein Mörser, sein Schweiß foß in Strömen.
Erschöpft wollte er sich schon zu Boden fallen lassen, als
es ihm plötzlich so vorkam, als liefe jemand hinter ihm her.
Ihm stockte der Atem. „Der Teufel! Der Teufel!“ schrie er
ganz außer sich, verdreifachte seine Anstrengungen und
sank nach einem kurzen Augenblick halb ohnmächtig zu
Boden. „Der Teufel! Der Teufel!“ schrie es hinter ihm, und
er hörte nur noch, wie sich etwas unter Geschrei auf ihn
stürzte. Da verlor er das Bewußtsein und blieb – wie der
entsetzliche Bewohner eines engen Sarges – stumm und un-
beweglich mitten auf dem Weg liegen.
9 Von vorne mag es ja noch gehen,
Doch von hinten ähnelt er dem Teufel!
Aus einem Volksmärchen
„Hast du gehört, Wlas?“ fragte in der Nacht einer von den
vielen Leuten, die im Freien schliefen, und erhob sich. „Hier
neben uns hat einer den Teufel angerufen!“
„Was geht mich das an?“ brummte der neben ihm lie-
gende Zigeuner und reckte sich. „Von mir aus kann er seine
ganze Verwandtschaft anrufen.“
„Aber er hat so geschrien, als würde ihn jemand erwür-
gen!“
„Was wird nicht alles im Schlaf geschrien!“
„Wie du willst, aber man müßte wenigstens nachsehen.
Schlag mal Feuer!“
Der andere Zigeuner erhob sich brummend, ließ vor
seinem Gesicht zweimal Funken aufblitzen, blies dann den
Zunder an und ging mit einem Fettlämpchen in der Hand,
44
der üblichen kleinrussischen Leuchte, die aus einer mit
Hammelfett übergossenen Scherbe besteht, los, um den Weg
zu beleuchten.
„Halt, hier liegt etwas; leuchte hierher!“
Einige Männer schlossen sich ihnen in diesem Augenblick
an.
„Was liegt da, Wlas?“
„Zwei Menschen, wie es aussieht: Der eine liegt oben,
der andere unten; wer von ihnen der Teufel ist, kann ich
nicht recht erkennen!“
„Und wer liegt oben?“
„Ein Weib!“
„Na, das ist doch dann der Teufel!“
Das allgemeine Gelächter, das sich erhob, weckte beinahe
die ganze Straße auf.
„Das Weib ist auf den Mann gekrochen; na, wahrschein-
lich versteht sie sich aufs Kutschieren!“ sagte jemand aus
der Menge.
„Seht mal, Brüder!“ sagte ein anderer und nahm von
dem nur zur Hälfte ganz gebliebenen Topf, der auf Tsche-
rewiks Kopf saß, eine Scherbe hoch. „Was für eine Mütze
sich dieser tapfere Mann aufgesetzt hat!“
Das immer stärker werdende Gelärme und Gelächter ließ
unsere Toten, Solopi und dessen Gattin, wieder zu sich
kommen. Ihnen saß noch der ausgestandene Schrecken in
den Gliedern, und lange starrten sie entsetzt auf die dunk-
len Gesichter der Zigeuner. In der undurchdringlichen
Finsternis der Nacht glichen diese, von dem schwachen,
fackernden Licht beschienen, einem von schwerem, unter-
irdischem Dampf umhüllten wilden Haufen von Gnomen.
45
10 Fort, fort, verschwinde,
Versuchung des Teufels!
Aus einer kleinrussischen Komödie
Der kühle Hauch des Morgens wehte über das eben erwachte
Sorotschinzy. Aus allen Schornsteinen stiegen Rauchwolken
zu der aufgehenden Sonne empor. Der Jahrmarkt lärmte
auf. Die Schafe blökten, und die Pferde wieherten, das
Geschrei der Gänse und der Händlerinnen hallte wider
über das ganze Zeltlager, und die furchterregenden Ge -
rüchte über den roten Kittel, die in den geheimnisvollen
Stunden der Dämmerung das Volk so eingeschüchtert hat-
ten, waren jetzt, bei Tagesanbruch, verschwunden. Gäh-
nend und sich reckend dämmerte Tscherewik unter einer
strohgedeckten Scheune des Gevatters vor sich hin, zusam-
men mit den Ochsen und den mit Mehl und Weizen gefüll-
ten Säcken, und schien nicht die geringste Lust zu verspüren,
sich von seinen Träumen zu trennen, als er plötzlich eine
Stimme vernahm, die ihm so bekannt war wie der Zu-
fuchtsort seiner Faulheit, der gesegnete Ofen in seiner
Hütte oder die Schenke einer entfernten Verwandten, die
nur zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses entfernt
war.
„Steh auf, steh auf!“ schrie ihm die zärtliche Gattin mit
schriller Stimme ins Ohr und zog aus Leibeskräften an sei-
nem Arm.
Anstatt zu antworten, blies Tscherewik die Backen auf
und fuchtelte mit den Armen herum, als schlage er einen
Trommelwirbel.
„Bist du wahnsinnig?“ schrie sie und wich seiner Hand
aus, die beinah ihr Gesicht gestreift hätte.
Tscherewik erhob sich, rieb sich ein wenig die Augen und
blickte um sich.
46
„Der Teufel soll mich holen, Täubchen, wenn mir deine
Fratze nicht wie eine Trommel vorgekommen ist, auf der
ich das Wecksignal trommeln mußte wie ein Soldat – diese
Schweinefratzen haben mich dazu gezwungen, die, wie der
Gevatter sagt …“
„Wann hörst du endlich auf, Unsinn zu reden! Geh und
führ so schnell wie möglich die Stute zum Verkauf! Du
machst ja die Leute lachen: Wir sind auf den Jahrmarkt
gekommen und haben noch nicht einmal eine Handvoll
Hanf verkauft …“
„Was denn, Frauchen“, fel Solopi ein, „über uns wird
man ja doch lachen.“
„Geh jetzt! Geh! Über dich lachen sie bestimmt schon!“
„Du siehst doch, daß ich mich noch nicht gewaschen habe“,
fuhr Tscherewik fort, gähnte, kratzte sich den Rücken und
versuchte Zeit für seine Faulheit zu gewinnen.
„Dein Wunsch nach Sauberkeit kommt ja zur rechten
Zeit! Seit wann bist du denn so darauf aus? Hier ist das
Handtuch, wisch dir deine Fratze ab …“
Hier ergrif sie etwas, das zu einem Knäuel zusammen-
gewickelt war, und warf es voller Schrecken wieder von sich:
Es war der Ärmelaufschlag des roten Kittels !
„Geh und mach deine Arbeit!“ wiederholte sie und nahm
dabei all ihren Mut zusammen, denn sie sah, daß sich ihr
Gemahl vor Angst kaum auf den Beinen halten konnte und
seine Zähne nur so klapperten.
„Das wird ein schöner Verkauf werden!“ brummte er
vor sich hin, während er die Stute losband und sie auf den
Platz führte. „Als ich mich zu diesem verfuchten Jahrmarkt
aufmachte, war mir nicht umsonst so schwer ums Herz; nicht
umsonst fühlte ich mich, als hätte mir jemand eine tote Kuh
auf den Rücken geladen; und die Ochsen sind zweimal ganz
von allein umgekehrt. Ja, und beinah wären wir doch, wie
47
mir gerade einfällt, an einem Montag losgefahren. Na, da
hätten wir ja alles Unglück beisammen! Wie unermüdlich
dieser verfuchte Teufel doch ist: Wenn er wenigstens sei-
nen Kittel ohne den einen Ärmel tragen würde, aber nein,
er muß den anständigen Leuten die Ruhe stehlen. Wenn
ich zum Beispiel der Teufel wäre – was Gott verhüten
möge –, ich würde nachts nicht nach diesem verfuchten
Fetzen suchen!“
Hier wurde Tscherewik von einer rauhen, schneidenden
Stimme in seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm
stand ein großer Zigeuner.
„Was verkaufst du, guter Mann?“
Der Verkäufer schwieg, betrachtete ihn von Kopf bis
Fuß und sagte mit ruhiger Miene, ohne stehenzubleiben
und den Zaum aus der Hand zu lassen:
„Du siehst ja, was ich verkaufe!“
„Riemen?“ fragte der Zigeuner und blickte auf den
Zaum in Tscherewiks Hand.
„Ja, Riemen, falls eine Stute Riemen ähnlich sieht.“
„Aber, hol’s der Teufel, Landsmann, du hast sie an-
scheinend mit Stroh gefüttert!“
„Mit Stroh?“
Hier wollte Tscherewik am Zaum ziehen, um die Stute
vorzuführen und den schamlosen Schmäher Lügen zu stra-
fen, doch seine Hand schlug ihm mit ungewöhnlicher Leich-
tigkeit ans Kinn. Er sah sie sich an – in ihr lag der abge-
schnittene Zaum, und daran festgebunden war – o Schreck!
Die Haare standen ihm zu Berge! – ein Stück vom Ärmel
des roten Kittels ! Er spuckte aus, bekreuzigte sich, rannte,
mit den Armen fuchtelnd, vor dem unerwarteten Geschenk
davon und verschwand schneller als ein junger Bursche in
der Menge.
48
11 Mit dem eigenen Stock
klopft man mir den Rock.
Sprichwort
„Haltet ihn! Haltet ihn!“ schrien mehrere Burschen am
enger werdenden Ende der Gasse, und Tscherewik fühlte,
wie er plötzlich von kräftigen Händen gepackt wurde.
„Bindet ihn! Das ist der Mann, der einem braven Bürger
die Stute gestohlen hat.“
„Gott behüte! Warum bindet ihr mich?“
„Da fragt er auch noch! Und warum hast du die Stute
bei dem fremden Bauern, bei dem Tscherewik, gestohlen?“
„Ihr habt wohl den Verstand verloren, Burschen! Wo
gibt es denn so etwas, daß sich jemand selbst bestiehlt?“
„Alles alte Scherze! Alles alte Scherze! Warum bist du
dann so gerannt, als wäre dir der Satan persönlich auf den
Fersen?“
„Da läuft jeder, wenn er dieses Satanskleid …“
„He, Bester! Damit kannst du anderen Sand in die Augen
streuen; du wirst es auch noch mit dem Beisitzer zu tun be -
kommen, weil du mit solchem Teufelszeug die Leute er-
schreckst.“
„Haltet ihn! Haltet ihn!“ schrie jemand am anderen Ende
der Straße. „Da ist er, da ist der Ausreißer!“
Vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter, im kläg-
lichsten Aufzug, den man sich denken kann – mit auf den
Rücken gedrehten Armen und von einigen Burschen eskor-
tiert.
„Was es doch für Wunder gibt!“ sagte einer von ihnen.
„Ihr hättet hören sollen, was dieser Gauner, dem man schon
ansieht, daß er ein Dieb ist, alles erzählt hat, als wir ihn
fragten, warum er wie ein Wilder gelaufen ist. Er sagt, er
habe in die Tasche gegrifen, um den Schnupftabak heraus-
49
zuholen, aber statt der Tabaksdose habe er ein Stück von
dem Teufelskittel herausgezogen, aus dem sogleich Flam-
men geschlagen seien, und da sei er um sein Leben ge-
rannt!“
„He, he, he! Das sind ja Vögel aus demselben Nest! Bin-
det sie beide zusammen!“
12 „Was hab ich denn getan, ihr guten Leute?
Was lacht ihr über mich denn so?
Warum verhöhnt ihr mich so roh?
Warum, warum?“ so fragte laut der Arme
Und fng zu schluchzen an, daß Gott erbarme.
Artjomowski-Gulak, „Der Herr und der Hund“
„Vielleicht hast du doch etwas mitgehen heißen, Gevatter?“
fragte Tscherewik, der, an den Gevatter gebunden, in einem
strohgedeckten Schuppen lag.
„Jetzt fängst du auch noch an, Gevatter! Hände und
Beine sollen mir verdorren, wenn ich jemals irgend etwas
gestohlen habe, abgesehen von den Pasteten mit saurer
Sahne, die ich der Mutter stibitzt habe, als ich erst zehn
Jahre alt war.“
„Warum haben wir nur solch ein Pech, Gevatter? Bei dir
geht es ja noch, dir wirft man wenigstens vor, daß du bei
einem anderen geklaut hast. Womit aber habe ich Pech -
vogel diese üble Verleumdung verdient, ich soll mir selbst
eine Stute gestohlen haben? Uns stand anscheinend schon
bei der Geburt auf der Stirn geschrieben, daß wir kein
Glück haben sollen!“
„Ach, wir armen Waisen!“
Beide Gevattern begannen laut zu schluchzen.
„Was hast du denn, Solopi?“ fragte der gerade in diesem
50
Augenblick eintretende Grizko. „Wer hat dich denn ge-
bunden?“
„Ah! Golopupenko, Golopupenko!“ schrie Solopi erfreut.
„Das ist derjenige, Gevatter, von dem ich dir erzählt habe.
Ach, ein Kerl ist das! Der Schlag soll mich auf der Stelle
trefen, wenn er nicht vor meinen Augen einen Krug leer
gemacht hat, der fast so groß war wie dein Kopf – und
nicht mal das Gesicht hat er dabei verzogen.“
„Und warum hast du diesen Prachtburschen dann so ge-
ringgeachtet, Gevatter?“
„Siehst du“, fuhr Tscherewik, zu Grizko gewandt, fort,
„da hat mich Gott anscheinend dafür gestraft, daß ich mich
an dir versündigt habe. Vergib mir, guter Mann! Bei Gott,
ich würde gern alles für dich tun … Doch was soll ich
machen? Die Alte hat den Teufel im Leib!“
„Ich bin nicht nachtragend, Solopi. Wenn du willst, be-
freie ich dich!“ Er zwinkerte den Burschen zu, und die -
selben, die Solopi bewacht hatten, eilten herbei, um ihn los-
zubinden. „Dafür kümmere dich jetzt um das Nötige, um
die Hochzeit! Wir wollen sie so feiern, daß uns die Beine
noch nach einem Jahr vom Hopaktanzen weh tun!“
„Einverstanden, einverstanden!“ sagte Solopi und
klatschte in die Hände. „Mir ist so fröhlich zumute, als hät-
ten die Moskowiter meine Alte fortgeschleppt. Was gibt’s
da noch lange zu überlegen: Ob’s nun paßt oder nicht –
heute ist die Hochzeit, basta!“
„Paß auf, Solopi, in einer Stunde komme ich zu dir. Jetzt
aber geh nach Hause, dort warten Käufer für deine Stute
und deinen Weizen!“
„Was denn! Hat sich die Stute wieder angefunden?“
„Ja, das hat sie.“
Tscherewik konnte vor Freude kein Glied rühren, wäh-
rend er dem sich entfernenden Grizko hinterhersah.
51
„Na, Grizko, haben wir unsere Sache etwa schlecht ge-
macht?“ fragte der große Zigeuner den davoneilenden
Burschen. „Die Ochsen gehören doch jetzt mir?“
„Ja, dir! Dir!“
13 Mein Mädelchen, fürchte dich nicht,
Die roten Stiefel stehn dir gut zu Gesicht.
Tritt die Feinde mit den Füßen,
Daß die Absatzeisen schallen!
Und die Feinde niederfallen!
Hochzeitslied
Paraska saß, ihr hübsches Kinn auf die Hand gestützt, allein
in der Hütte und dachte nach. Viele Träume umschwebten
ihr blondes Köpfchen. Bald erschien ein leises Lächeln auf
ihren roten Lippen, und Freude strahlte aus ihren hellen
braunen Augen, bald wieder verdunkelte sie eine Wolke
der Nachdenklichkeit. „Und was wird, wenn nicht in Er-
füllung geht, was er gesagt hat?“ füsterte sie mit einem
Ausdruck des Zweifels auf ihrem Gesicht. „Was wird,
wenn man mich nicht heiraten läßt? Wenn … Nein, nein,
das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut, was ihr gerade in
den Sinn kommt; kann ich nicht auch tun, was mir gerade
einfällt? Ich bin auch dickköpfg! Wie hübsch er ist! Wie
wunderbar seine schwarzen Augen leuchten! Wie liebevoll
er sagt: ,Parasja, mein Täubchen!‘ Wie gut ihm der weiße
Kittel steht! Er müßte nur noch einen schönen bunten Gür-
tel haben! Ja, ich werde ihm einen weben, sowie wir in eine
neue Hütte ziehen. Ich kann nicht ohne Freude daran den-
ken“, fuhr sie fort, zog einen kleinen, mit rotem Papier be -
klebten Spiegel aus ihrer Bluse, den sie auf dem Jahrmarkt
gekauft hatte, und besah sich darin mit verhohlener Zu-
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friedenheit, „wie ich ihr dann später einmal entgegentreten
werde – und wenn sie platzt, ich werde mich nicht vor ihr
verbeugen. Nein, Stiefmutter, lange genug hast du deine
Stieftochter geprügelt! Eher geht Sand auf Steinen auf,
eher beugt sich die Eiche wie eine Weide ins Wasser, als
daß ich mich vor dir verbeuge! Beinah hätte ich’s verges -
sen … Ich will mir einmal die Haube aufsetzen. Wenn sie
auch der Stiefmutter gehört – ich möchte aber doch sehen,
wie sie mir steht!“ Sie stand auf und ging, den Spiegel in
der Hand, in dem sie sich mit zur Seite geneigtem Kopf be-
trachtete, ängstlich durch die Hütte, als fürchtete sie zu fal -
len und als sähe sie anstatt des Fußbodens die unter der
Decke aufgestapelten Bretter vor sich, von denen vor kur-
zem der Popensohn heruntergestürzt war, und die Regale
mit den Krügen. „Was mache ich denn nur – wahrhaftig,
als ob ich ein Kind wäre“, rief sie lachend. „Ich fürchte mich
ja, richtig aufzutreten.“ Sie stampfte mit den Füßen auf, und
je länger sie das tat, desto mutiger wurde sie; schließlich
ließ sie den linken Arm fallen, stemmte ihn in die Seite
und begann zu tanzen, daß die Absatzeisen klirrten, wobei
sie sich den Spiegel vorhielt und ihr Lieblingslied sang:
„Kleines grünes Blümelein,
Blühest in der Weite!
Liebster mit den schwarzen Brau’n,
Rück an meine Seite!
Kleines grünes Blümelein,
Blühest immer eher!
Liebster mit den schwarzen Brau’n,
Rücke noch viel näher!“
In diesem Moment blickte Tscherewik zur Tür herein.
Als er seine Tochter mit dem Spiegel tanzen sah, blieb er
stehen und schaute lange lachend dieser ungewöhnlichen
Laune des Mädchens zu, das ganz in Gedanken versunken
war und nichts zu bemerken schien. Als er jedoch das be-
kannte Lied vernahm, zuckte es ihm in den Beinen; die
Arme stolz in die Seite gestemmt, trat er vor und begann
zu tanzen, wobei er alles andere vergaß. Das laute Geläch-
ter des Gevatters ließ beide zusammenfahren.
„Das ist gut; Vater und Tochter feiern hier allein Hoch-
zeit! Geht schnell hinaus: Der Bräutigam ist gekommen!“
Bei den letzten Worten wurde Paraska röter als das
Band, das ihren Kopf umschlang, und der sorglose Vater
erinnerte sich, weshalb er eigentlich gekommen war.
„Nun, Töchterchen, beeilen wir uns! Chiwrja ist vor lau-
ter Freude, daß ich die Stute verkauft habe, fortgelaufen“,
sagte er und sah sich ängstlich um, „sie ist fortgelaufen, um
sich wollene Röcke und allerlei Kleidungsstücke zu kaufen;
wir müssen alles erledigt haben, bevor sie kommt.“
Paraska hatte kaum die Schwelle überschritten, als sie
schon von dem Burschen im weißen Kittel emporgehoben
wurde, der sie mit einer Menge Volks auf der Straße er -
wartet hatte.
„Gott segne euch!“ sagte Tscherewik und legte ihre
Hände ineinander. „Seid glücklich und lebt in Frieden!“
Da erhob sich Lärm in der Menge.
„Ich will eher krepieren, als daß ich so etwas erlaube!“
schrie die Gefährtin Solopis, die jedoch unter Gelächter von
der Menge zurückgedrängt wurde.
„Tobe nicht, tobe nicht, Frau!“ sagte Tscherewik kalt-
blütig, als er sah, daß zwei kräftige Zigeuner sie bei den
Armen festhielten. „Was geschehen ist, das ist geschehen;
ich habe es nicht gern, wenn dauernd etwas geändert wird.“
„Nein, nein! Das gibt es nicht!“ schrie Chiwrja.
Niemand hörte auf sie. Einige Paare umringten das junge
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Paar und bildeten um sie eine undurchdringliche tanzende
Mauer.
Ein seltsames, unerklärliches Gefühl hätte den Zuschauer
beschlichen, wäre er Zeuge gewesen, wie beim ersten Bogen-
strich des Fiedlers in dem groben Kittel und mit dem lan-
gen gezwirbelten Schnurrbart alles plötzlich zu einem har-
monischen Ganzen wurde. Menschen, auf deren mürrischen
Gesichtern sich ofenbar schon ewig kein Lächeln mehr ge-
zeigt hatte, stampften mit den Füßen und zuckten mit den
Schultern. Alles war in Bewegung. Doch ein noch viel selt-
sameres, rätselhafteres Gefühl hätte sich in der Tiefe der
Seele beim Anblick der alten Frauen erhoben, deren ver-
fallene Gesichter den Gleichmut des Grabes atmeten und
die sich neben jungen, lachenden und lebendigen Men-
schen drängten. Die Sorglosen! Ohne jegliche kindische
Freude, ohne einen Funken von Mitgefühl, nur von dem
Rausch mitgerissen, so wie ein lebloser Automat von einem
Mechaniker zu menschenähnlichem Tun gezwungen wird,
wiegten sie bedächtig ihre berauschten Köpfe, tanzten hin-
ter der lustigen Menge her und warfen nicht einmal einen
Blick auf das junge Paar.
Das Gelärme, Gelächter und der Gesang wurden immer
leiser, das Geigenspiel erstarb, indem es allmählich ver -
klang und sich seine schwachen Töne in der Weite verloren.
Von irgendwo war noch ein Stampfen zu hören, das dem
Rauschen des fernen Meeres glich, doch bald lag alles still
und leblos da.
Verläßt uns die Freude, dieser herrliche und unbeständige
Gast, nicht auf gleiche Weise, und versucht ein einsamer
Ton dann nicht vergebens, Fröhlichkeit zum Ausdruck zu
bringen? Schon durch das eigene Echo wird er sich seines
Kummers und seiner Verlassenheit bewußt, und er lauscht
55
ihm voller Verzweif lung. Verlieren sich die lustigen
Freunde der bewegten, ungebundenen Jugendzeit nicht
ebenso, einer nach dem anderen, in der weiten Welt, und
lassen sie ihren alten Bruder schließlich nicht allein zurück?
Traurig ist dem Zurückgebliebenen zumute! Schwer und
beklommen wird einem ums Herz, und nichts kann einem
helfen.
56
Die Johannisnacht
Eine wahre Geschichte, erzählt von dem Küster
an der Kirche zu ***
Foma Grigorjewitsch hatte eine seltsame Angewohnheit:
Er konnte es auf den Tod nicht leiden, immer wieder das-
selbe erzählen zu müssen. Manchmal kam es vor, daß er,
wenn man ihn bat, eine Geschichte doch noch einmal zu
er zählen, eh du dich’s versahst, etwas Neues hineinmengte
oder sie so abänderte, daß sie keiner wiedererkannte. Ein-
mal hat einer jener Herren – wir einfachen Leute wissen
nicht recht, wie wir sie nennen sollen, sie ähneln den Schrei-
berlingen, sind aber in Wirklichkeit dasselbe wie die Auf-
käufer auf unseren Jahrmärkten; sie sammeln, betteln und
stehlen alles mögliche zusammen und bringen dann jeden
57
Monat oder jede Woche jene kleinen Bücher heraus, die
nicht dicker sind als die Fibeln –, einmal hat also einer
jener Herren Foma Grigorjewitsch diese Geschichte ab-
gelistet, und der Küster dachte gar nicht mehr daran. Doch
da kam aus Poltawa einmal dieses Herrchen in dem erbsen-
farbenen Kaftan, von dem ich euch schon erzählt habe und
dessen eine Geschichte ihr, denke ich, schon gelesen habt. Er
brachte ein kleines Büchlein mit, klappte es in der Mitte
auf und zeigte es uns. Foma Grigorjewitsch wollte schon
seine Nase mit der Brille satteln, doch da fel ihm ein, daß
er vergessen hatte, sie mit Fäden zu umwickeln und Wachs
darauf zu kleben, und so gab er das Buch mir. Da ich eini-
germaßen lesen kann und keine Brille trage, begann ich
vorzulesen. Ich hatte noch nicht einmal zwei Seiten umge-
blättert, als er plötzlich meinen Arm festhielt.
„Wartet mal! Sagt mir doch, was lest ihr da eigentlich?“
Ofen gesagt, ich wußte nicht so recht, was ich auf diese
Frage antworten sollte.
„Wie, was ich lese, Foma Grigorjewitsch? Ihre wahre
Geschichte, Ihre eigenen Worte!“
„Wer hat euch denn gesagt, daß das meine Worte sind?“
„Was wollen Sie denn noch, hier steht doch gedruckt:
Erzählt von dem und dem Küster.“
„Spuckt dem, der das gedruckt hat, auf den Kopf! Er
lügt, der Hundesohn von einem Moskowiter. Das soll ich
gesagt haben? Das ist ja so, als wäre beim Teufel ein
Schräubchen locker! Hört zu, ich will euch die Geschichte
jetzt erzählen.“
Wir rückten an den Tisch, und er begann.
Mein Großvater (Gott schenke ihm das Himmelreich!
Möge er in jener Welt nur Weißbrot und Mohnkuchen mit
Honig zu essen bekommen!) konnte wunderbar erzählen.
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Wenn er einmal etwas zum besten gab, dann hätte man am
liebsten den ganzen Tag still dagesessen und immer nur
zugehört. Gar nicht zu vergleichen ist er mit einem von den
heutigen Possenreißern – wenn so einer anfängt, einem
blauen Dunst vorzumachen, und dabei noch so tut, als hätte
er drei Tage lang nichts gegessen, dann möchte man am
liebsten zur Mütze greifen und zur Tür hinauslaufen. Ich
erinnere mich noch daran, als wäre es gestern gewesen:
Meine Mutter – die selige Alte war damals noch am Leben –
saß an einem langen Winterabend, an dem der Frost drau-
ßen klirrte und das kleine Fenster unserer Hütte mit seinen
Eisblumen überzog, vor der Hechel, zupfte mit der Hand
einen langen Faden, schaukelte mit dem Fuß die Wiege
und sang ein Lied, das mir noch jetzt in den Ohren klingt.
Das Fettlämpchen, dessen Licht zitterte und fackerte, als
wäre es von irgend etwas erschrocken, beleuchtete unsere
Hütte. Das Spinnrad surrte; wir Kinder hatten uns eng an-
einandergedrängt und hörten dem Großvater zu, der schon
seit mehr als fünf Jahren wegen seines Alters nicht mehr
vom Ofen heruntergekommen war. Doch die herrlichen Ge-
schichten von der alten Zeit, von den Überfällen der Sapo-
roger, von den Polen, von den kühnen Taten des Podkowa,
des Poltora-Koshuch und des Sagaidatschny regten uns alle
nicht so auf wie die Erzählungen über wunderbare Begeben-
heiten der Vergangenheit, bei denen einem immer eine
Gänsehaut über den Rücken lief und die Haare zu Berge
standen. Manchmal jagten sie uns solche Furcht ein, daß
uns abends Gott weiß was alles wie ein Ungeheuer vor-
kam. Mußte man nachts mal aus der Hütte hinaus, glaubte
man schon, ein Wesen aus dem Jenseits habe sich auf dem
Bett ausgestreckt. Ich will diese Geschichte nie wieder er-
zählen, wenn ich nicht oft von weitem meinen eigenen Kit -
tel, den ich selbst am Kopfende des Bettes hingelegt hatte,
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für einen Teufel gehalten habe, der dort kauerte. Doch das
Wesentliche an Großvaters Erzählungen ist, daß er nie -
mals im Leben gelogen hat; was er sagte, das stimmte auch.
Eine seiner wunderbaren Geschichten will ich euch jetzt
erzählen. Ich weiß, daß es viele von diesen Neunmalklugen
gibt, die als Schreiber in den Gerichten sitzen und sich sogar
auf die neue bürgerliche Schrift verstehen, aber nicht ein
Wort entzifern können, gibt man ihnen ein einfaches Ge-
betbuch in die Hand. Aber spöttisch ihre Zähne blecken,
das können sie. Alles, was man ihnen erzählt, fnden sie
zum Lachen. Was für ein Unglauben sich heutzutage in
der Welt breitgemacht hat! Einmal habe ich – Gott und die
heilige Jungfrau mögen sich von mir abwenden, wenn es
nicht wahr ist, vielleicht glaubt ihr es nämlich nicht –, ein-
mal habe ich über Hexen gesprochen, und was meint ihr?
Da hat sich doch so ein Windbeutel gefunden, der nicht
an Hexen glaubt! Gott sei Dank lebe ich schon lange auf
der Welt, und ich habe Heiden gesehen, denen es leichter
fel, dem Popen bei der Beichte einen Bären aufzubinden,
als unsereinem, eine Prise zu nehmen, und selbst die haben
sich vor den Hexen bekreuzigt. Wenn ihnen doch im Traum
das … Ich will gar nicht erst sagen, was ihnen im Traum
erscheinen soll, es hat keinen Zweck, noch groß von ihnen
zu reden.
Vor mehr als hundert Jahren, so erzählte mein seliger
Großvater, hätte niemand unser Dorf erkannt: Ein Weiler
war es, ein bettelarmer Weiler! Ein Dutzend unverputzte
Hütten ohne richtige Dächer standen mitten auf dem Feld
herum. Weder Flechtzäune gab es noch ordentliche Schup-
pen, in die man das Vieh oder den Wagen hätte stellen
können. Und auch nur die Reichen lebten so; ihr hättet mal
unsereinen, den Armen, sehen müssen: Eine Grube in der
Erde, das war die ganze Hütte! Nur am Rauch war zu
60
sehen, daß da ein menschliches Wesen hauste. Ihr werdet
fragen, weshalb sie so lebten. Nicht, weil sie arm waren,
hausten sie so, denn damals war fast jeder ein Kosak und
hatte in fremden Ländern nicht wenig Reichtümer zusam-
mengeraubt – der Grund war der, daß es sich eigentlich
nicht recht lohnte, eine ordentliche Hütte zu bauen. Was für
Volk sich damals überall herumtrieb – Krimtataren, Polen
und Litauer! Es ist auch vorgekommen, daß die eigenen
Leute zu Haufen angeritten kamen und ihren Landsleuten
das Fell über die Ohren zogen. Das alles hat es gegeben.
In diesem Weiler erschien oft ein Mensch oder, besser
gesagt, ein Teufel in menschlicher Gestalt. Woher er kam
und weshalb – das wußte niemand. Er bummelte umher,
sof, und plötzlich war er spurlos verschwunden, als hätte
ihn die Erde verschluckt. Dann war er plötzlich wieder da,
als wäre er vom Himmel gefallen, und streifte durch die
Straßen des Dorfes, von dem jetzt nichts mehr zu sehen ist
und das vielleicht nur hundert Schritt von Dikanka ent-
fernt lag. Die Kosaken, auf die er unterwegs stieß, schlos-
sen sich ihm an – Lachen, Singen, das Geld rollte, der
Schnaps foß in Strömen … Dann näherte er sich den hüb-
schen Mädchen und schenkte ihnen Bänder, Ohrringe und
Perlenketten – sie wußten gar nicht, wohin damit! Aller-
dings nahmen die hübschen Mädchen diese Geschenke recht
zögernd an: Weiß der Himmel, vielleicht sind sie wirklich
durch unreine Hände gegangen. Die leibliche Tante meines
Großvaters, der zu jener Zeit die Schenke an der Land -
straße nach Oposchnja gehörte, wo Bassawrjuk – so hieß
dieser Teufelsmensch – oft seine Gelage abhielt, die sagte,
daß sie für nichts auf der Welt von ihm Geschenke anneh-
men würde. Aber wie sollte man sie denn abweisen – man
bekam es mit der Angst zu tun, wenn er seine borstigen
Brauen zusammenzog und einem dann einen Blick zuwarf,
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daß man am liebsten Gott weiß wohin gerannt wäre; nahm
man sie aber an, dann besuchte einen schon in der nächsten
Nacht ein Sumpfgeist mit Hörnern auf dem Kopf, der einen
würgte, wenn um den Hals eine Perlenkette lag, einen in
den Finger biß, wenn ein Ring daran steckte, oder einen am
Zopf zerrte, wenn ein Band in ihn hineingefochten war.
Gott behüte uns vor solchen Geschenken! Doch zu allem
Unglück konnte man diese Geschenke nicht mehr loswerden:
Warf man sie ins Wasser, so gingen der Teufelsring oder
die Teufelskette nicht unter, sondern schwammen einem
geradeswegs wieder in die Hand.
Im Dorf gab es eine Kirche; sie war, wenn ich mich recht
erinnere, dem heiligen Pantelej geweiht. Ganz in ihrer
Nähe wohnte damals der Priester Afanassi seligen An-
gedenkens. Als er dahinterkam, daß Bassawrjuk auch am
Ostersonntag nicht in der Kirche war, wollte er ihn sich
vornehmen und ihm eine Kirchenbuße auferlegen. Doch
was geschah? Mit Müh und Not ist er mit heiler Haut da-
vongekommen. „Hör mal, mein Freund!“ donnerte Bassa-
wrjuk zur Antwort. „Kümmere dich lieber um deine eige-
nen Angelegenheiten und misch dich nicht in fremde, wenn
du nicht willst, daß man dir dein Ziegenmaul mit deinem
eigenen Sterbemahl aus heißen Graupen und Rosinen zu-
stopft!“ Was sollte man mit diesem gottverfuchten Kerl
machen? Der Vater Afanassi erklärte nur öfentlich, daß er
jeden, der sich mit Bassawrjuk abgebe, als einen Katho -
liken, einen Feind der Christlichen Kirche und des ganzen
Menschengeschlechts ansehe.
In diesem Dorf lebte bei einem Kosaken, der Korsh hieß,
ein Knecht, den die Leute Petro Elternlos nannten – viel-
leicht deshalb, weil niemand weder seinen Vater noch seine
Mutter kannte. Der Kirchenälteste erklärte allerdings, sie
seien beide an der Pest gestorben, als Petro erst ein Jahr
62
alt war, doch die Tante meines Großvaters wollte davon
nichts wissen und war nach Kräften bemüht, dem armen
Petro Eltern zu verschafen, obwohl ihm diese genauso -
wenig von Nutzen waren wie uns der Schnee vom vorigen
Jahr. Sie sagte, daß sein Vater auch jetzt noch im Lager der
Saporoger lebe, daß er bei den Türken in Gefangenschaft
gewesen sei, dort Gott weiß was für Qualen erduldet habe
und wie durch ein Wunder, als Eunuch verkleidet, entkom-
men sei. Die schwarzbrauigen Mädchen und die jungen
verheirateten Frauen kümmerten sich wenig um seine Ver-
wandtschaft. Sie sagten nur, daß er alle anderen Burschen
ausstechen würde, wenn man ihm einen neuen Rock anzöge,
einen roten Gürtel umbände, eine Mütze aus schwarzem
Lammfell mit einem kecken blauen Boden aufsetzte, einen
türkischen Säbel an die Seite hinge und ihm in die eine
Hand eine Peitsche und in die andere eine Pfeife mit hüb-
scher Verzierung gäbe. Doch zu allem Unglück besaß der
arme Petrussja nur einen einzigen grauen Kittel, und der
hatte mehr Löcher als mancher Jude Goldstücke in seiner
Tasche. Das aber wäre noch nicht das größte Unglück ge-
wesen; das Schlimmste war, daß der alte Korsh eine Toch-
ter hatte, eine Schönheit, wie ihr wohl kaum jemals eine
gesehen habt. Die Tante des seligen Großvaters erzählte –
und ihr wißt ja selbst, nehmt es mir nicht übel, einer Frau
fällt es leichter, den Teufel zu küssen, als eine andere Frau
schön zu nennen –, daß ihre runden Bäckchen so frisch
waren und so leuchteten wie eine Mohnblüte vom zartesten
Rosenrot, wenn sie, in Gottes Tau gebadet, erglüht, ihre
Blätter ausbreitet und sich vor der gerade aufgehenden
Sonne schönmacht, daß ihre Brauen an kleine schwarze
Schnüre erinnerten, wie sie jetzt die Mädchen für ihre
Kreuze und Medaillons bei den mit ihren Läden in den
Dörfern umherziehenden Moskowitern kaufen, und daß sie
63
sich gleichmäßig hinabbeugten, als wollten sie sich in den
klaren Augen spiegeln, daß das Mündchen, nach dem die
damalige Jugend lechzte, einzig und allein für Nachtigal-
lenweisen geschafen schien und daß ihr Haar, das schwarz
wie Rabenfügel und weich wie junger Flachs war (damals
fochten es die Mädchen noch nicht zu diesen kleinen Zöpf-
chen, in die sie jetzt die hübschen bunten, schmalen Bän-
der hineinstecken), in lockigen Wellen auf ihr goldgestick-
tes Jäckchen herniederfel. Gott der Herr soll mich kein
einziges Mal mehr von der Kanzel hinab das Halleluja
verkünden lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen
würde, obwohl der alte Wald auf meinem Schädel schon
allmählich grau wird und meine Alte ebensowenig von mir
zu trennen ist wie der Star von meinen Augen. Nun, wenn
ein Bursche und ein Mädchen so dicht beieinander woh -
nen … Ihr wißt ja selbst, was das heißt. Schon vor Tau
und Tag konnte man an den Spuren, die die Eisen der roten
Stiefel hinterlassen hatten, erkennen, wo Pidorka mit ihrem
Petrussja geplaudert hatte. Doch trotz allem kam dem
Korsh nichts Unrechtes in den Sinn, bis es dem Petrussja
einmal einfel – man merkt sofort, daß da niemand anders
als der Teufel seine Hand im Spiel gehabt hat –, den Rosen-
lippen seiner Kosakin von ganzem Herzen, wie man so sagt,
einen Kuß aufzudrücken, ohne sich vorher in der Diele or-
dentlich umgeguckt zu haben. Und da mußte doch der Teufel
– möge dem Hundesohn das heilige Kreuz im Traum er-
scheinen! – den alten Knasterbart reiten, die Hüttentür auf -
zumachen. Korsh stand mit ofenem Mund da, als wäre er
aus Stein, und hielt sich an der Tür fest. Der verdammte
Kuß schien ihn völlig betäubt zu haben. Er kam ihm lauter
vor als der Schlag eines Stößels an der Wand, mit dem der
Bauer heutzutage die bösen Geister vertreibt, da er keine
Feuerwafe und kein Pulver besitzt.
64
Als er wieder zu sich gekommen war, nahm er die
Peitsche von der Wand, die noch vom Großvater stammte,
und wollte sie schon auf dem Rücken des armen Petro tan-
zen lassen, als plötzlich, Gott weiß woher, Pidorkas sechs-
jähriger Bruder Iwas herbeigelaufen kam, voller Angst die
Beine seines Vaters umklammerte und schrie: „Vater! Va-
ter! Schlag Petrussja nicht!“ Was sollte er da tun? Ein
Vaterherz ist nicht aus Stein; er hängte die Peitsche an die
Wand zurück und führte Petro still aus der Hütte hinaus:
„Wenn du dich noch einmal in der Hütte blicken läßt oder
auch nur unter den Fenstern, dann – paß gut auf, Petro –,
dann wirst du deinen schwarzen Schnurrbart hergeben müs-
sen und auch deine Haare, die man dir schon zweimal ums
Ohr wickeln kann; ich will nicht Terenti Korsh heißen,
wenn sie dann nicht von deinem Schädel Abschied nehmen!“
Nachdem er dies gesagt hatte, gab er Petro einen leichten
Stoß in den Nacken, und dieser fog in hohem Bogen auf
die Erde. Da war es nun zu Ende mit der Küsserei! Unsere
Täubchen ließen die Köpfe hängen; zu gleicher Zeit aber
lief im Dorf das Gerücht um, zu Korsh komme dauernd ein
Pole in goldbestickten Kleidern, mit Schnurrbart, Säbel,
Sporen und mit Taschen, die klimperten wie das Glöckchen
an dem Beutel, mit dem unser Kirchendiener Taras jeden
Tag durch die Kirche wandert. Nun, warum jemand zu
einem Vater geht, der eine schwarzbrauige Tochter sein
eigen nennt, braucht wohl nicht gesagt zu werden. Einmal
nahm Pidorka schluchzend ihren Iwas auf die Arme:
„Iwas, mein Kleiner, Iwas, mein Lieber! Lauf wie der
Wind zu Petrussja, mein Goldjunge, und erzähle ihm alles.
Wie gern würde ich in seine braunen Augen blicken und
sein weißes Gesicht küssen, doch das Schicksal erlaubt es
nicht. Viele Handtücher habe ich mit heißen Tränen voll-
geweint. Ich halt es nicht mehr aus. Mir ist so schwer ums
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Herz. Mein eigener Vater ist mein Feind: Er zwingt mich,
den verhaßten Polen zu heiraten. Sag ihm, daß die Hoch-
zeit vorbereitet wird, doch Musik wird auf unserer Hoch-
zeit nicht gemacht werden, statt der Kobsa und der Flöte
werden die Lieder der Kirchensänger erklingen. Mit mei-
nem Freier werde ich nicht tanzen, man wird mich hinaus-
tragen. Dunkel, ganz dunkel wird meine Hütte sein – aus
Ahornholz –, und statt des Schornsteins wird ein Kreuz auf
dem Dach stehen!“
Wie versteinert und ohne sich vom Fleck zu rühren, hörte
Petro zu, als das unschuldige Kind Pidorkas Worte stam-
melnd wiederholte.
„Und ich Unglücklicher wollte in die Krim ziehen und
zu den Türken, um Gold zu erbeuten und dann mit all
dem Gut zu dir, meine Liebste, zurückkehren. Doch es soll
nicht sein. Wir sind unter einem unglücklichen Stern gebo-
ren. Auch bei mir, meine liebe kleine Nixe, auch bei mir
wird eine Hochzeit stattfnden, doch auf ihr werden keine
Kirchensänger anwesend sein; statt des Popen wird ein
schwarzer Rabe über mir krächzen; das ebene Feld wird
meine Hütte sein und die graue Wolke mein Dach. Der
Adler wird mir meine braunen Augen aushacken, der Regen
wird meine Kosakenknochen bloßspülen, und der Wind
wird sie bleichen. Doch was tue ich da? Wem erzähle ich
das? Wem kann ich denn mein Herz ausschütten? Gott will
es anscheinend so – und wenn ich nun schon einmal zu-
grunde gehen soll, dann will ich es auch!“
Und Petro schleppte sich geradeswegs in die Schenke.
Die Tante des seligen Großvaters wunderte sich nicht
wenig, Petro in der Schenke zu sehen, und dazu noch zu
einer Zeit, wo ein braver Mann zur Frühmesse geht, und
sie sah ihn völlig verstört an, als er einen Krug Schnaps
verlangte, der beinah so viel faßte wie ein halber Eimer.
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Doch der Arme glaubte vergebens, seinen Kummer im
Schnaps ersaufen zu können. Der Wodka brannte ihm auf
der Zunge wie Brennesseln und schmeckte ihm bitterer als
Wermut. Er warf den Krug auf den Boden.
„Was läßt du den Kopf hängen, Kosak!“ dröhnte eine
Baßstimme über ihm.
Er hob den Kopf – es war Bassawrjuk. Uh! Was für eine
Fratze! Die Haare waren die reinsten Borsten, und Augen
hatte er wie ein Ochse!
„Ich weiß, was dir fehlt: Das hier!“
Er klimperte unter teuflischem Gelächter mit seinem
ledernen Geldbeutel, den er am Gürtel hängen hatte. Petro
schreckte auf.
„He, he, he! Wie das funkelt!“ brüllte Bassawrjuk und
schüttete sich die Goldmünzen auf die Hand. „He, he, he!
Wie das klirrt! Und nur eine einzige Tat verlange ich für
einen ganzen Haufen von diesen Sächelchen!“
„Der Teufel!“ schrie Petro. „Her damit! Ich bin zu allem
bereit!“
Sie gaben sich die Hand darauf.
„Paß auf, Petro, du bist gerade zur rechten Zeit gekom-
men: Morgen ist Johannistag. Nur einmal im Jahr, in die -
ser Nacht, blüht das Farnkraut. Halte die Augen ofen! Ich
warte um Mitternacht in der Bärenschlucht auf dich.“
Ich glaube, nicht einmal die Hühner warten so ungedul-
dig auf den Augenblick, in dem ihnen die Bauersfrau die
Körner hinstreut, wie Petro auf den Abend wartete. An-
dauernd sah er nach, ob die Bäume nicht längere Schatten
warfen, ob sich die sinkende Sonne nicht endlich rötete,
und je länger er wartete, desto ungeduldiger wurde er.
Wie lange das doch dauerte! Gottes schöner Tag hatte an-
scheinend irgendwo sein Ende verloren. Doch dann war die
Sonne verschwunden. Nur noch auf der einen Seite war
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der Himmel ganz rot. Und auch dort wurde er immer fah-
ler. Auf den Feldern wurde es kühler. Es wurde dunkler
und dunkler, und endlich war es ganz fnster geworden.
Mit Müh und Not! Mit hämmerndem Herzen, das ihm vor
Aufregung bald aus der Brust sprang, machte er sich auf
den Weg und stieg durch den dichten Wald vorsichtig zu
dem tiefen, Grund hinab, der Bärenschlucht genannt wurde.
Bassawrjuk wartete dort schon auf ihn. Es war so dunkel,
daß man die Hand vor Augen nicht sehen konnte. Anein-
andergefaßt arbeiteten sie sich durch Sumpf und Morast,
blieben an Dornengestrüpp hängen und stolperten fast bei
jedem Schritt. Endlich stießen sie auf einen ebenen Platz.
Petro sah sich um: Hier war er noch niemals gewesen. Auch
Bassawrjuk blieb stehen. „Du siehst, vor dir liegen drei
Hügel. Auf ihnen werden viele verschiedene Blumen wach-
sen, doch die überirdischen Mächte mögen dich davor be-
wahren, auch nur eine von ihnen zu pfücken. Nur wenn
das Farnkraut aufblüht, pfück es ab und dreh dich nicht
um, was immer hinter deinem Rücken auch geschehen mag.“
Petro wollte ihn noch etwas fragen, doch da war er schon
verschwunden. Er trat näher an die drei Hügel heran. Wo
waren nur die Blumen? Es war nichts von ihnen zu sehen.
Der Boden war über und über mit dunklem, dichtem, wild
wucherndem Unkraut bedeckt. Doch da wurde der Himmel
von einem Wetterleuchten erhellt, und vor ihm erschien
eine ganze Reihe herrlicher, nie gesehener Blumen, und
darunter erblickte er auch die einfachen Blätter des Farn-
krauts. Petro wußte nicht recht, was er tun sollte. Beide
Arme in die Hüften gestemmt, stand er vor ihnen und
dachte nach. Was soll das für ein Wunder sein? Ein dut-
zendmal am Tag sehe ich dieses Grünzeug, was ist daran
so wunderbar? Wollte sich diese Satansfratze vielleicht
über mich lustig machen? Doch da leuchtete eine kleine rote
68
Knospe auf, und sie bewegte sich, als wäre sie lebendig.
Das war wirklich seltsam! Sie bewegte sich, wurde immer
größer und leuchtete wie eine glühende Kohle. Da blitzte
ein Sternchen auf, etwas knisterte leise, und vor seinen
Augen entfaltete sich eine Blume, die, gleich einer Flamme,
auch alle anderen neben sich beleuchtete. Jetzt ist es soweit!
dachte Petro und streckte die Hand aus. Da sah er, wie
hinter seinem Rücken Hunderte von zottigen Händen her-
vorkamen und auch nach der Blume grifen; und hinter
ihm lief andauernd etwas hin und her. Er knif die Augen
zusammen, riß an dem Stengel, und die Blume lag in sei-
ner Hand. Alles wurde still. Blau wie eine Leiche, zeigte
sich plötzlich, auf einem Baumstumpf hockend, Bassawrjuk.
Wenn er wenigstens mit einem Finger gewackelt hätte!
Seine Augen starrten etwas an, das nur er sah, der Mund
stand halb ofen, und er sagte kein Wort. Ringsum kein
Laut. Uh, wie schrecklich! Doch plötzlich ertönte ein Pff,
bei dem Petro beinah das Herz stehenblieb. Es kam ihm
vor, als begännen die Gräser zu rauschen, die Blumen mit-
einander zu reden, mit zarten Stimmchen, die an Silber-
glöckchen erinnerten, und die Bäume knarrend zu schimp-
fen … Bassawrjuks Gesicht belebte sich plötzlich, seine
Augen funkelten auf. „Endlich ist sie zurückgekommen, die
Hexe!“ murmelte er durch die Zähne. „Paß auf, Petro,
gleich wird eine schöne Frau vor dir erscheinen: Tu alles,
was sie dir sagt, sonst bist du auf immer verloren!“ Er bog
mit einem Knotenstock das Dornengestrüpp auseinander,
und vor ihnen zeigte sich ein Häuschen, das, wie es im
Märchen heißt, auf Hühnerfüßen stand. Bassawrjuk schlug
mit der Faust dagegen, daß die Wände zitterten. Ein gro-
ßer schwarzer Hund kam ihnen entgegengelaufen, verwan-
delte sich in eine Katze und sprang ihnen fauchend ins Ge -
sicht. „Tobe nicht, tobe nicht, altes Teufelsweib!“ sagte
69
Bassawrjuk und fügte noch irgend etwas Gepfefertes hin-
zu, so daß sich ein guter Mensch am liebsten die Ohren zu -
gehalten hätte. Plötzlich stand statt der Katze eine krumm-
gebogene Alte mit faltigem Gesicht da, das an einen Brat -
apfel erinnerte. Nase und Kinn berührten sich fast und
wirkten wie eine von den Zangen, mit denen man Nüsse
knackt. Eine Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes!
dachte Petro, und es rieselte ihm kalt den Rücken hinunter.
Die Hexe riß ihm die Blume aus der Hand, beugte sich
darüber, füsterte lange auf sie ein und besprengte sie dann
mit Wasser. Funken sprühten aus ihrem Mund, Schaum
zeigte sich auf ihren Lippen. „Wirf sie fort!“ sagte sie und
gab ihm die Blume. Petro warf sie weg, doch, o Wunder!
Die Blume fel nicht zu Boden, sondern schwebte als Feuer-
ball lange durch die Dunkelheit und schwamm, einem
Kahn gleich, durch die Luft; schließlich sank sie allmählich
tiefer und tiefer und fel so weit entfernt zur Erde nieder,
daß sie gerade noch als ein Sternchen von der Größe eines
Mohnkorns zu erkennen war. „Hier!“ krächzte die Alte
dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm einen Spaten und
sagte: „Grabe hier, Petro! Hier wirst du so viel Gold fn-
den, wie es weder du noch Korsh sich jemals haben träu-
men lassen.“ Petro spuckte in die Hände, packte den Spa-
ten, trat mit dem Fuß darauf und hob eine Schicht Erde
ab, dann noch eine, noch eine und wieder eine … Da war
etwas Hartes! Der Spaten klirrte und streikte. Deutlich
unterschied Petro eine kleine, eisenbeschlagene Truhe. Er
wollte schon nach ihr greifen, doch die Truhe drang in die
Erde, und je weiter er ihr folgte, desto tiefer sank sie ein;
und hinter sich hörte er ein Gelächter, das dem Zischen
von Schlangen glich. „Nein, solange du kein Menschenblut
herbeischafst, wirst du das Gold nicht zu sehen bekom-
men!“ sagte die Hexe, führte ihm ein etwa sechsjähriges
70
Kind zu, das mit einem weißen Laken bedeckt war, und
gab Petro durch ein Zeichen zu verstehen, er solle ihm
den Kopf abschlagen. Petro erstarrte. Es ist keine Kleinig-
keit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf abzu-
schlagen, noch dazu einem unschuldigen Kind! Wütend riß
er das Laken herunter, das den Kopf des Kindes umhüllte
– und was glaubt ihr? Vor ihm stand Iwas. Das bedauerns-
werte Kind hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und ließ
das Köpfchen hängen … Wie ein Rasender stürzte sich
Petro mit dem Messer auf die Hexe und wollte schon zu-
stoßen … „Und was hast du versprochen, für das Mädchen
zu tun?“ donnerte in diesem Augenblick Bassawrjuk, und
Petro hatte das Gefühl, eine Kugel in den Rücken bekom-
men zu haben. Die Hexe stampfte mit dem Fuß auf – eine
blaue Flamme schlug aus der Erde; die Erdmitte war hell er -
leuchtet und schien aus Kristall zu sein; alles, was sich unter
der Erde befand, war so deutlich zu sehen, als läge es auf
der fachen Hand. Goldstücke und Edelsteine lagen in Tru-
hen, Kesseln und Haufen direkt unter ihren Füßen. Petros
Augen brannten, sein Verstand trübte sich … Wie ein
Wahnsinniger packte er das Messer, und das unschuldige
Blut spritzte ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelächter
drang von allen Seiten auf ihn ein. Scheußliche Ungeheuer
sprangen in Scharen vor ihm umher. Die Hexe hatte sich
an dem kopflosen Leichnam festgekrallt und trank wie ein
Wolf sein Blut … Ihm drehte sich alles im Kopf! Er nahm
seine letzte Kraft zusammen und stürzte davon. Alles vor
ihm war in rotes Licht getaucht. Die Bäume waren voller
Blut und schienen zu brennen und zu stöhnen. Der Himmel
glühte und fimmerte … Feurige Flecke huschten gleich
Blitzen an seinen Augen vorbei. Völlig erschöpft lief er in
seine Hütte hinein und fel wie eine Korngarbe auf den
Boden. Ein totenähnlicher Schlaf umfng ihn.
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Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petro. Als er am drit-
ten Tag endlich erwachte, schaute er lange in alle Ecken
seiner Hütte, doch er versuchte vergebens, sich an etwas zu
erinnern: Sein Gedächtnis glich der Tasche eines alten
Geizkragens, in der nicht einmal eine Viertelkopeke zu
fnden ist. Als er sich ein wenig reckte, hörte er, daß zu sei-
nen Füßen etwas klirrte. Er senkte den Blick und sah zwei
Säcke mit Gold vor sich liegen. Erst da erinnerte er sich
dunkel daran, daß er einen Schatz gesucht und sich im
Wald allein gefürchtet hatte … Doch wie, um welchen
Preis, er zu dem Schatz gekommen war, wußte er um nichts
auf der Welt zu sagen.
Als Korsh die Säcke sah, überkamen ihn zärtliche Ge-
fühle. „Ach, mein lieber Petro, mein Bester! Habe ich dich
nicht immer liebgehabt? Hab ich dich nicht immer gehalten
wie den eigenen Sohn?“ Und der alte Knasterbart
schwatzte einen solchen Unsinn zusammen, daß Petro die
Tränen in die Augen stiegen. Pidorka kam es nur seltsam
vor, daß Petro sich nicht einmal mehr an das Gesicht von
Iwas erinnern konnte, als sie ihm erzählte, vorüberziehende
Zigeuner hätten das Kind gestohlen. So sehr stand Petro
im Banne dieses verfuchten Teufelsspuks! Es gab nun kei-
nen Grund mehr, noch länger zu warten. Man drehte dem
Polen eine Nase und bereitete die Hochzeit vor. Man buk
kleine Kuchen, nähte Handtücher und Laken, rollte ein
Fäßchen Branntwein herbei, setzte darauf das junge Paar
an den Tisch, schnitt das Hochzeitsbrot auf, ließ Bandura,
Zimbel, Flöte und Kobsa erklingen – und das Vergnügen
nahm seinen Anfang.
In alter Zeit wurde eine Hochzeit nicht so wie heute ge-
feiert. Wenn die Tante meines Großvaters davon erzählte
– das war eine Freude! Die Mädchen mit ihrem festlichen
Kopfputz, der aus gelben, blauen und rosafarbenen Bän-
72
dern bestand, die mit Goldlitze besetzt waren, drehten sich
in ihren dünnen, an den Nähten mit roter Seide bestickten
und über und über mit silbernen Blümchen verzierten
Hemden und ihren Safanstiefeln mit den hohen Absatz-
eisen leicht wie die Pfauen und tosend wie der Sturmwind
im Gorliza! Die jungverheirateten Frauen mit ihren boot-
ähnlichen Hauben, die ganz aus Silber- oder Goldbrokat
gefertigt waren und die zwei abstehende Zipfelchen aus
feinstem schwarzem Lammfell zierten, von denen der eine
nach vorn, der andere nach hinten ragte, und die im Nak-
ken einen kleinen Einschnitt besaßen, der eine goldene
Kappe sehen ließ, traten in ihren blauen, aus bester Seide
geschneiderten und mit roten Aufschlägen versehenen Über-
hängen einzeln vor und stampften, die Arme feierlich in
die Seiten gestemmt, rhythmisch ihren Hopak. Die Bur-
schen mit ihren hohen Kosakenmützen umkreisten in ihren
dünnen Tuchröcken, die mit silbergestickten Gürteln um-
schlungen waren, die Frauen wie die Teufel und schwatz-
ten dabei, die Pfeife zwischen den Zähnen, das tollste Zeug
zusammen. Selbst Korsh konnte nicht an sich halten, als er
die Jugend sah, und wollte sich wie in alten Tagen ver-
suchen. Mit der Bandura in der Hand und einem kleinen
Branntweinglas auf dem Kopf fng der Alte unter dem
lauten Geschrei der lustigen Burschen an zu tanzen, wobei
er weiterhin an der Pfeife sog und zugleich sang. Auf was
kommt man nicht alles, wenn man getrunken hat! Manch-
mal verkleideten sie sich – ach, du lieber Gott, dann sahen
sie Menschen gar nicht mehr ähnlich. Damals kostümierte
man sich nicht so wie auf unseren Hochzeiten. Was ist denn
das heute schon? Man zieht sich höchstens als Zigeuner
oder Moskowiter an. Nein, damals verwandelte sich der
eine in einen Juden und der andere in den Teufel; zuerst
küßten sie sich, doch dann gerieten sie sich in die Haare …
73
Mein Gott! Ein Gelächter erhob sich dann, daß man sich
den Bauch halten mußte. Auch in türkische und tatarische
Gewänder hüllten sie sich – und diese gleißten wie Feuer …
Und wenn sie dann erst einmal mit ihren Dummheiten an-
fngen und allerhand Unsinn verzapften, da hätte man am
liebsten die Heiligenbilder hinaustragen mögen. Der Tante
meines seligen Großvaters, die selbst auf dieser Hochzeit
war, ist folgende lustige Geschichte passiert: Sie hatte ein
weites tatarisches Gewand an, hielt einen Becher in der
Hand und wartete der ganzen Gesellschaft auf. Da ritt den
einen der Teufel – er goß ihr von hinten seinen Schnaps
über den Rücken; ein anderer, der anscheinend zeigen
wollte, daß er auch zu etwas taugte, schlug im gleichen
Augenblick Feuer und zündete sie an. Die Flamme loderte
auf, und die arme Tante, die zu Tode erschrocken war, riß
sich vor aller Augen das Kleid vom Leibe. Ein Geschrei,
Gelächter und Gelärme erhob sich da – schlimmer als auf
dem Jahrmarkt. Kurz, die alten Männer erinnerten sich
nicht, je solch eine lustige Hochzeit erlebt zu haben.
Pidorka und Petro begannen nun ein Leben zu führen,
als wären sie feine Herrschaften. Alles hatten sie in Hülle
und Fülle, alles glänzte nur so … Doch die guten Leute
schüttelten leicht den Kopf, als sie sahen, wie die beiden
lebten. „Vom Teufel kommt nichts Gutes“, sagten sie ein-
mütig. „Woher soll denn der ganze Reichtum kommen,
wenn nicht vom Versucher aller rechtgläubigen Menschen?
Woher hat er denn diesen Haufen Gold? Und weshalb
ist Bassawrjuk an dem Tag, an dem Petro so reich gewor-
den ist, so plötzlich spurlos verschwunden?“ Nun denkt
doch bloß, auf was die Leute alles kommen! Und wahr-
haftig, kaum war ein Monat vergangen, da war Petro nicht
mehr wiederzuerkennen. Warum das so war, was in ihm
eigentlich vorging, das wußte Gott allein. Er sitzt an ein
74
und derselben Stelle und redet mit niemandem ein Wort.
Er grübelt und grübelt und scheint sich an etwas erinnern
zu wollen. Wenn es Pidorka gelingt, ihn zum Reden zu
bringen, dann scheint er das alles zu vergessen, er spricht
wieder und wird sogar fröhlich, doch dann fällt sein Blick
wieder zufällig auf die Säcke, er ruft: „Halt, halt, ich hab’s
vergessen!“ und verfällt erneut in Nachdenken und ver -
sucht wiederum, sich an etwas Bestimmtes zu erinnern.
Manchmal, wenn er lange auf einer Stelle sitzt, kommt es
ihm so vor, als sähe er alles wieder vor sich, doch dann ist
alles wieder wie weggeblasen. Er glaubt in der Schenke
zu sitzen; man bringt ihm Schnaps, der Schnaps brennt ihm
auf der Zunge und widert ihn an. Jemand tritt an ihn
heran, schlägt ihm auf die Schulter … Doch was dann
kommt, ist wie hinter einer Nebelwand verborgen. Der
Schweiß läuft ihm in Strömen über das Gesicht, und völlig
erschöpft sitzt er auf seinem Platz.
Was Pidorka auch unternahm, ob sie sich nun mit weisen
Männern beriet, Blei goß oder Wasser besprach* – nichts
wollte helfen. So verging der Sommer. Viele Kosaken hat-
ten schon ihr Korn gemäht, und viele, die verwegener
waren als die andern, waren in den Krieg gezogen. Die
Entenschwärme tummelten sich noch in unseren Sümpfen,
doch die Zaunkönige waren schon längst verschwunden.
Die Steppe färbte sich rot. Die Getreidegarben lagen wie
bunte Kosakenmützen über das Feld verstreut. Auf den
* Blei wird bei uns gegossen, wenn jemand erschreckt worden ist und man
hinter die Ursache des Schrecks kommen will; man wirft geschmolzenes Blei
oder Wachs ins Wasser, und die Form, die es annimmt, weist darauf hin, wo-
durch der Kranke in Schrecken versetzt worden ist, worauf er sich von seinem
Schrecken erholt. Wasser bespricht man gegen Übelkeit und Bauchschmerzen. Zu
diesem Zweck wird ein Stück Hanf angebrannt; man wirft es in einen Krug
und stülpt diesen in eine mit Wasser gefüllte Schüssel, die auf dem Bauch
des Kranken steht. Nachdem man das Wasser besprochen hat, gibt man dem
Kranken einen Löfel von diesem Wasser zu trinken. (Anm. d. Verf.)
75
Wegen stieß man bereits auf Fuhren, die mit Reisig und
Brennholz beladen waren. Die Erde wurde härter, und
stellenweise grif schon der Frost nach ihr. Auch Schnee
rieselte bereits vom Himmel hernieder, und die Äste der
Bäume hatten sich in Rauhreif gehüllt wie in einen Hasen-
pelz. Und an klaren kalten Tagen stolzierte schon der rot-
brüstige Gimpel wie ein eitler polnischer Adelsherr auf
den Schneehaufen umher und suchte nach Körnern, wäh-
rend die Kinder mit riesigen Stäben Holzkreisel über das
Eis trieben und es sich ihre Väter auf dem Ofen bequem
gemacht hatten und nur hin und wieder mit der brennenden
Pfeife zwischen den Zähnen hinausgingen, um ordentlich
auf den russischen Frost zu schimpfen oder etwas frische
Luft zu schöpfen und im Flur das dort schon lange auf-
bewahrte Getreide zu dreschen. Schließlich schmolz der
Schnee, und der Hecht schlug mit dem Schwanz das Eis ent-
zwei, doch Petro hatte sich nicht geändert, und je mehr
Zeit verstrich, desto schlimmer wurde es mit ihm. Wie an-
genagelt sitzt er mitten in der Hütte, und sich zu Füßen hat
er seine Säcke aufgestellt. Er sieht verwildert aus; sein
Gesicht ist ganz mit Haaren bedeckt, er wirkt furchtbar. Er
denkt immer nur an ein und dasselbe, immer versucht er,
sich an etwas Bestimmtes zu erinnern, und er ärgert sich
und wird wütend, weil ihm das nicht gelingt. Oft springt
er wie ein Wilder von seinem Platz auf, fuchtelt mit den
Armen, starrt ins Leere, als wolle er dort etwas mit seinen
Blicken verschlingen, die Lippen bewegen sich, als wolle er
ein längst vergessenes Wort aussprechen – doch dann preßt
er sie fest zusammen … Ihn überkommt Zorn; wie ein
Wahnsinniger beißt er sich in die Hände und nagt an ihnen
herum, und in seiner Wut reißt er sich das Haar büschel-
weise aus, bis er stiller wird und scheinbar ohnmächtig zu
Boden sinkt, doch dann kommt er wieder ins Grübeln, von
76
neuem beginnt die Raserei und die Qual … Wofür strafte
ihn Gott nur so hart? Pidorka konnte dieses Leben kaum
noch ertragen. Zuerst hatte sie Angst gehabt, allein in der
Hütte zu bleiben, doch dann hatte sich die Ärmste mit ihrem
Unglück abgefunden. Doch die frühere Pidorka war nicht
mehr wiederzuerkennen. Ihre roten Wangen und ihr Lä-
cheln hatte sie verloren, ihr Gesicht war abgehärmt und
eingefallen, und ihre klaren Augen hatte sie sich fast blind
geweint. Einmal hatte jemand anscheinend Mitleid mit ihr
gehabt und ihr geraten, zu der Zauberin zu gehen, die in
der Bärenschlucht wohnte und in dem Ruf stand, alle
Krankheiten der Welt heilen zu können. Sie beschloß, die-
ses letzte Mittel zu versuchen. Mit Müh und Not konnte sie
die Alte dazu bewegen, ihr zu folgen. Es war am Abend
vor dem Johannistag. Petro lag bewußtlos auf der Bank
und nahm von dem neuen Gast überhaupt keine Notiz.
Doch dann erhob er sich langsam und blickte um sich.
Plötzlich begann er zu zittern, als läge er auf dem Schafott;
die Haare standen ihm zu Berge, und er brach in solch ein
Gelächter aus, daß die Angst Pidorka ins Herz schnitt.
„Jetzt weiß ich’s wieder! Jetzt weiß ich’s wieder!“ schrie er
erschreckend fröhlich auf, holte mit der Axt aus und ließ sie
mit aller Wucht auf die Alte niedersausen. Die Axt fuhr
zwei Finger tief in die Eichentür. Die Alte war verschwun-
den, und ein etwa siebenjähriges Kind stand mitten in der
Hütte, in einem weißen Hemdchen und mit verhülltem
Haupt … Das Laken fel ab. „Iwas!“ schrie Pidorka und
stürzte zu ihm hin, doch die Erscheinung bedeckte sich von
Kopf bis Fuß mit Blut und tauchte die ganze Hütte in rotes
Licht. In ihrem Schreck lief Pidorka in den Flur, doch als
sie sich wieder ein wenig erholt hatte, wollte sie ihm helfen.
Aber alles war umsonst! Die Tür war hinter ihr so fest zu-
geschlagen, daß ihre Kraft nicht ausreichte, sie zu öfnen.
Leute kamen herbeigelaufen und klopften eine ganze Weile,
dann hoben sie die Tür aus – keine Menschenseele war in
der Hütte. Sie war voller Qualm, und nur in der Mitte, wo
Petro gestanden hatte, lag ein Aschehäufchen, von dem noch
ein wenig Rauch aufstieg. Sie stürzten zu den Säcken. Statt
der Goldstücke fanden sich nur zerbrochene Scherben darin.
Wie vom Donner gerührt, mit aufgerissenen Augen und
ofenem Mund, standen die Kosaken da und wagten nicht
einmal, die Schnurrbartspitzen zu bewegen. Solch einen
Schrecken hatte ihnen dieses Wunder eingejagt.
Was weiter geschah, weiß ich nicht mehr. Pidorka legte
das Gelübde ab, eine Pilgerfahrt zu machen; sie packte das
vom Vater geerbte Hab und Gut zusammen, und einige
Tage später war sie schon nicht mehr im Dorf. Wohin sie
gegangen war, konnte niemand sagen. Die übereifrigen
alten Weiber meinten schon, sie sei auch dort, wo Petro
hingekommen sei, doch einmal kam ein Kosak aus Kiew und
erzählte, daß er in einem Kloster eine Nonne gesehen habe,
die dürr wie ein Skelett gewesen sei, pausenlos gebetet habe
und in der die Landsleute nach allem, was er von ihr sagte,
Pidorka zu erkennen glaubten; er erzählte, daß aus ihrem
Mund noch keiner ein Wort vernommen habe, daß sie zu
Fuß gekommen sei und für das Bild der Heiligen Mutter
Gottes eine Einfassung mitgebracht habe, die mit solch
leuchtenden farbigen Steinen besetzt gewesen sei, daß alle
bei ihrem Anblick blinzeln mußten.
Doch gestattet, damit ist noch nicht alles zu Ende. Am
selben Tag, an dem der Böse Petro zu sich geholt hatte, er-
schien von neuem Bassawrjuk, doch alle fohen vor ihm. Sie
wußten jetzt, was das für ein Vogel war: Er war niemand
anderes als der Satan, der Menschengestalt angenommen
hatte, um von den Heiligenbildern die Einfassungen ab-
zureißen. Doch da dies unreinen Händen nicht gelingt,
78
hatte er es nun auf die jungen Burschen abgesehen. Im sel-
ben Jahr verließen alle ihre Erdhütten und siedelten sich
im Kirchdorf an, doch auch dort hatten sie keine Ruhe vor
dem verfuchten Bassawrjuk. Die Tante des seligen Groß-
vaters sagte immer, daß er auf sie eine ganz besondere Wut
gehabt habe, weil sie ihre frühere Schenke an der Land -
straße nach Oposchnja aufgegeben hatte, und daß er sich
alle Mühe gegeben habe, ihr das heimzuzahlen. Einmal
hatten sich die Dorfältesten in der Schenke versammelt und
unterhielten sich, wie es so schön heißt, ihrem Amt und
ihrer Würde entsprechend, und mitten auf dem Tisch stand
– es wäre eine Sünde zu sagen, er sei klein gewesen – ein
gebratener Hammel. Sie schwätzten über dies und das, auch
über allerhand seltsame Ereignisse und Wunder. Und da
sahen alle – wenn es nur einer gesehen hätte, wäre es ja
nicht weiter schlimm gewesen, aber alle sahen es –, wie der
Hammel den Kopf hob, in seine in verschiedene Richtungen
blickenden Augen Leben kam, wie sie zu leuchten anfngen
und wie sich der schwarze borstige Schnurrbart, der im Nu
gewachsen war, bedeutungsvoll bewegte. Alle erkannten in
dem Hammelkopf sofort die Fratze Bassawrjuks wieder;
die Tante meines Großvaters dachte schon, er würde so -
gleich Schnaps verlangen … Die aufrechten Dorfältesten
grifen nach ihren Mützen und liefen nach Hause, so schnell
sie konnten. Ein andermal sah der Kirchenälteste, der es
liebte, seine Zeit bisweilen mit dem vom Großvater geerb-
ten Becher zu verbringen, wie dieser, als er ihn noch nicht
zweimal geleert hatte, sich tief vor ihm verbeugte. Hol’s
der Teufel! Da fng er aber schleunigst an, sich zu bekreu-
zigen! Zur selben Zeit erlebte aber auch seine Ehehälfte ein
Wunder: Sie hatte gerade begonnen, Teig in einem riesigen
Trog zu kneten, als der Trog plötzlich hochsprang. „Bleib
stehen! Bleib stehen!“ schrie sie, doch der Trog dachte gar
79
nicht daran! Die Grife wichtigtuerisch in die Seiten ge-
stemmt, fng er an, in der Hütte ein Tänzchen aufzufüh-
ren … Ja, lacht nur – unseren Großeltern aber war damals
gar nicht zum Lachen zumute. Und es half auch nichts, daß
der Vater Afanassi mit Weihwasser durchs Dorf ging, mit
seinem Wedel alle Straßen besprengte und dem Teufel das
Leben sauer machte – die Tante des seligen Großvaters
beklagte sich noch lange, daß jemand bei ihr aufs Dach
klopfte und an den Wänden kratzte, sowie es Abend wurde.
Und überhaupt! Jetzt scheint hier an der Stelle, an der
unser Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber noch vor kur -
zem – mein seliger Vater hat sich noch daran erinnert, und
auch ich weiß es noch – konnte kein anständiger Mensch an
der zerfallenen Schenke vorübergehen, die dieses Höllen-
gezücht noch lange danach auf eigene Rechnung instand
hielt. Aus dem rußgeschwärzten Schornstein stieg der Rauch
wie eine Säule in den Himmel, er stieg so hoch, daß man
die Mütze verlor, wenn man ihm nachsehen wollte, und
streute glühende Kohlen über die ganze Steppe, und der
Teufel, der Hundesohn – er ist es gar nicht wert, genannt
zu werden –, heulte so kläglich in seiner Kammer, daß sich
die erschrockenen Saatkrähen in Schwärmen aus dem nahen
Eichenwäldchen erhoben und unter wildem Gekrächze am
Himmel umherschossen.
80
Eine Mainacht oder Die Ertrunkene
Weiß der Teufel! Wenn ehrliche, getaufte
Leute irgend etwas unternehmen, dann müssen
sie sich abquälen und abschinden wie Wind-
hunde bei der Hasenjagd, und heraus kommt
dabei doch nichts. Wenn aber der Teufel auf
der Bildfäche erscheint und nur mit dem
Schwänzchen wackelt, dann geht alles bestens,
so, als habe es der Himmel beschert.
1 Hanna
Gleich einem Fluß strömte ein klangvolles Lied durch die
Straßen des Dorfes ***. Es war die Zeit, da sich unter dem
glänzend-reinen Abendhimmel die von der täglichen
Arbeit und Sorge ermüdeten Burschen und Mädchen lär-
mend im Kreise versammeln, um ihre Fröhlichkeit durch
Lieder zum Ausdruck zu bringen, denen immer eine leise
Trauer anhaftet. Ewig in Sinnen versunken, umfng der
Abend träumerisch den blauen Himmel und ließ alles wie
in unbestimmter Ferne erscheinen. Schon nahte die Däm-
merung, doch die Lieder wollten nicht verstummen. Mit der
Bandura in der Hand, schritt der junge Kosak Lewko da-
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hin, der Sohn des Gemeindevorstehers – er hatte sich von
den anderen Sängern fortgestohlen. Die betreßte Kosaken-
mütze auf dem Kopf, ging er die Straße entlang, zupfte an
den Saiten und machte ab und zu einen Tanzschritt. Dann
blieb er leise vor der Tür eines Häuschens stehen, vor dem
einige niedrige Kirschbäume standen. Wessen Häuschen
war das? Wessen Tür war das? Er schwieg eine Weile,
spielte dann auf und sang:
„Unter geht die Abendsonne,
Komm heraus, du meine Wonne!“
Als der Kosak sein Lied zu Ende gesungen hatte und sich
dem Fenster näherte, sagte er:
„Nein, anscheinend ist meine helläugige Schöne fest ein-
geschlafen! Halja! Halja! Schläfst du, oder willst du nicht
zu mir herauskommen? Du hast bestimmt Angst, daß uns
jemand sieht, oder vielleicht willst du dein weißes Gesicht-
chen nur nicht der Abendkälte aussetzen? Hab keine Angst
– es ist niemand hier! Und der Abend ist warm. Doch soll-
te jemand kommen, dann verstecke ich dich unter meinem
Kittel, dann umwickle ich dich mit meinem Gürtel, dann
decke ich dich mit meinen Händen zu – und niemand wird
uns sehen. Und sollte es kühler werden, dann drücke ich
dich fest an mein Herz, dann wärme ich dich mit meinen
Küssen, dann ziehe ich meine Mütze über deine weißen
Füßchen. Mein Herzchen, mein Nixchen, mein Kleinod, sieh
nur einen Augenblick aus dem Fenster! Strecke doch wenig-
stens einmal dein weißes Händchen aus dem Fenster her-
aus! – Nein, du schläfst nicht, du stolzes Mädchen!“ sprach
er dann lauter, und in seiner Stimme schwang die Scham
über diese Demütigung mit. „Dir gefällt es, dich über mich
lustig zu machen; leb wohl!“
82
Er wandte sich ab, schob sich die Mütze aufs Ohr und
ging stolz vom Fenster weg, während er leise an den Saiten
seiner Bandura zupfte. In diesem Augenblick bewegte sich
die hölzerne Türklinke; die Tür öfnete sich quietschend,
und ein Mädchen von siebzehn Lenzen trat, vom Dämmer-
licht umhüllt, über die Schwelle, wobei sie ängstlich um sich
blickte und die Klinke nicht aus der Hand ließ. Ihre hellen
Augen leuchteten im Halbdunkel so freundlich wie Stern-
chen, ihre rote Korallenkette funkelte, und dem Adlerblick
des Burschen entging auch nicht, daß ihre Wangen ein
schamhaftes Rot übergoß.
„Wie ungeduldig du bist“, sagte sie halblaut zu ihm.
„Immer bist du gleich wütend! Warum kommst du zu die-
ser Stunde – eine Menge Leute schlendern durch die Stra-
ßen … Ich zittere am ganzen Körper …“
„Oh, zittere nicht, meine schöne Blume! Drück dich fest
an mich ran!“ sagte der Bursche und umarmte sie, wobei er
die Bandura losließ, die an einem langen Riemen hing, den
er sich um den Hals gehängt hatte, und setzte sich mit ihr
zusammen vor die Tür des Häuschens. „Du weißt doch, wie
hart es mich ankommt, wenn ich dich nur eine Stunde lang
nicht sehe.“
„Weißt du, was ich denke?“ unterbrach ihn das Mädchen
und blickte ihn sinnend an. „Mir ist, als füstere mir
dauernd jemand ins Ohr, daß wir uns in Zukunft nicht
mehr so häufg sehen werden. Die Menschen hier sind so
böse, die Mädchen sehen einen immer so neidisch an, und
die Burschen erst … Ich merke sogar, daß die Mutter seit
kurzem strenger ist und mehr auf mich aufpaßt. Ehrlich
gesagt, in der Fremde hat es mir besser gefallen.“
Bei den letzten Worten malte sich auf ihrem Gesicht
leise Trauer.
„Zwei Monate bist du erst in der Heimat, und schon
83
plagt dich die Langeweile! Vielleicht langweile auch ich
dich schon?“
„Oh, du langweilst mich nicht“, sagte sie lächelnd. „Ich
liebe dich, du Kosak mit den schwarzen Brauen! Ich liebe
dich wegen deiner braunen Augen – wenn du mich mit
ihnen ansiehst, dann lacht mein Herz, dann wird mir so
wohl und fröhlich zumute; ich liebe dich wegen deines
schwarzen Schnurrbarts, der sich so lustig sträubt, und ich
liebe dich, weil du, wenn du die Straße entlanggehst, so
schön singst und auf der Bandura spielst und weil es Spaß
macht, dir zuzuhören.“
„Oh, mein liebes Mädchen!“ rief der Bursche aus, und
dabei drückte er sie unter Küssen noch fester an seine Brust.
„Hör auf! Genug, Lewko! Sage mir erst, ob du mit dei-
nem Vater gesprochen hast!“
„Was?“ fragte er, als erwache er aus tiefem Schlaf. „Ja,
daß ich heiraten will und du meine Frau werden willst –
darüber habe ich gesprochen.“ Doch dieses „gesprochen“
klang irgendwie hofnungslos.
„Nun, und?“
„Was soll man mit ihm machen! Der alte Knasterbart
hat wie immer so getan, als sei er taub: Er hört überhaupt
nicht hin und schimpft auch noch, daß ich mich Gott weiß
wo herumtreibe und mit den anderen Burschen auf den
Straßen dumme Streiche mache. Doch sei nicht traurig,
meine Halja! Ich gebe dir mein Kosakenwort, daß ich ihn
herumbekommen werde.“
„Du brauchst ja auch nur ein Wort zu sagen, Lewko, und
alles wird so, wie du es willst. Ich weiß das ja von mir;
manchmal möchte ich mich dir widersetzen, doch sagst du
ein Wort, dann tue ich unwillkürlich alles, was du willst.
Sieh doch, sieh!“ fuhr sie fort, legte ihren Kopf an seine
Schulter und hob die Augen zu dem warmen dunkel-
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blauen ukrainischen Himmel empor, der sich über den
krausen Zweigen der vor ihnen stehenden Kirschbäume
wölbte. „Sieh doch, dort in der Ferne sind Sterne aufge-
blitzt – eins, zwei, drei, vier, fünf … Nicht wahr, das sind
Gottes Engel, die dort oben die Fenster ihrer hellen Häus-
chen geöfnet haben und nun zu uns heruntersehen? Ja,
Lewko? Sie sind es doch, die auf unsere Erde herunter -
sehen? Wenn die Menschen Flügel hätten wie die Vögel,
dann könnten sie hoch hinauffiegen, ganz hoch … Uh,
wie schrecklich! Bei uns reicht keine einzige Eiche bis an
den Himmel. Aber irgendwo, in einem fernen Land, soll es
einen Baum geben, dessen Wipfel in den Himmel hinein-
ragt und dort rauscht; und Gott soll in der Nacht vor einem
großen Feiertag auf ihm zur Erde herabsteigen.“
„Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Him-
mel bis zur Erde reicht. Vor dem Ostersonntag stellen die
heiligen Erzengel sie auf, und sowie Gott auf die erste
Stufe tritt, fiegen alle bösen Geister Hals über Kopf davon
und fahren zu Haufen in die Hölle, und deshalb gibt es
zum Osterfest keinen einzigen bösen Geist auf der Erde.“
„Wie leise sich das Wasser bewegt – wie ein Kind in der
Wiege!“ fuhr Hanna fort und zeigte auf den Teich, den
ein dunkler Ahornwald mißmutig umgab und den die Wei-
den beweinten, die ihre traurigen Zweige in ihn versenkt
hatten. Gleich einem kraftlosen Greis hielt er den fernen
dunklen Himmel in seinen kalten Armen, und die feurigen
Sterne, die in der warmen Nachtluft matt fimmerten, als
ahnten sie, daß bald der glanzvolle König der Nacht auf-
tauchen würde, überschüttete er mit eisigen Küssen. Auf
einem Berg neben dem Wald dämmerte ein altes hölzernes
Haus mit geschlossenen Fensterläden vor sich hin; sein
Dach war mit Moos und Unkraut bedeckt; vor seinen Fen-
stern wuchsen krause Apfelbäume; der Wald umarmte es
85
mit seinem Schatten und hüllte es in tiefe Finsternis ein;
zu seinen Füßen breitete sich ein Nußgehölz aus, das sich
bis zum Teich hinzog. „Ich erinnere mich dunkel daran“,
sagte Hanna, ohne das Haus aus den Augen zu lassen, „daß
man sich vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war
und bei meiner Mutter lebte, etwas Schreckliches über die-
ses Haus erzählt hat. Du weißt bestimmt, was es war,
Lewko, erzähl es mir!“
„Laß doch das Haus, meine Schöne! Die Weiber und die
dummen Leute erzählen sich so allerhand. Du regst dich
nur auf, fängst dann an, dich zu fürchten, und kannst nicht
ruhig einschlafen.“
„Erzähl es, erzähl es doch, mein lieber Junge mit den
schwarzen Brauen!“ sagte sie, preßte ihr Gesicht an seine
Wange und umarmte ihn. „Nein, du liebst mich anschei-
nend nicht, du hast anscheinend ein anderes Mädel. Ich
werde mich nicht fürchten und nachts ruhig schlafen. Im
Gegenteil, ich werde nicht einschlafen können, wenn du es
mir nicht erzählst. Ich werde mich quälen und mir den Kopf
zerbrechen … Erzähl es, Lewko!“
„Die Leute haben anscheinend recht, wenn sie sagen, daß
in den Mädchen ein Teufel sitzt, der fortwährend ihre
Neugier reizt. Also, hör zu. Vor langer Zeit, mein Herz-
chen, wohnte in diesem Haus ein Kosakenhauptmann. Der
Hauptmann hatte ein Töchterchen, ein hübsches Fräulein,
weiß wie der Schnee, so weiß wie dein Gesicht. Die Frau
des Hauptmanns war schon lange tot, und der Hauptmann
wollte eine andere Frau heiraten. ,Wirst du mich auch
weiterhin so liebhaben wie jetzt, Väterchen, wenn du dir
eine neue Frau nimmst?‘ – ,Ja, mein Töchterchen, das
werde ich; noch viel fester als früher werde ich dich an
mein Herz drücken! Das werde ich, mein Töchterchen; und
noch viel schönere Ohrringe und Halsketten schenke ich
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dir.‘ Der Hauptmann holte die junge Frau in sein neues
Haus. Hübsch war die junge Frau, wie Milch und Blut war
sie, doch ihrer Stieftochter warf sie einen so schrecklichen
Blick zu, daß diese bei ihrem Anblick aufschrie, und den
ganzen Tag über sprach die strenge Stiefmutter kein Wort.
Es wurde Nacht, und der Hauptmann zog sich mit seiner
jungen Frau in die Schlafkammer zurück, und auch das
weiße Fräulein schloß sich in ihr Zimmer ein. Ihr war so
weh ums Herz, daß sie weinte. Da sieht sie, wie eine furcht-
bare schwarze Katze auf sie zuschleicht, aus ihrem Fell
sprühen Funken, und ihre eisernen Krallen schlagen auf
dem Boden auf. Voller Schreck springt sie auf die Bank –
die Katze springt hinterher. Von dort springt sie auf die
Ofenbank – die Katze folgt ihr, springt ihr dann plötzlich
an den Hals und würgt sie. Mit einem Aufschrei reißt sie
die Katze los und wirft sie auf den Boden. Doch wieder
schleicht die furchtbare Katze auf sie zu. Sie ist ganz ver-
zweifelt. An der Wand hängt der Säbel des Vaters. Sie
packt ihn und läßt ihn auf den Boden niedersausen; eine
Pfote – auch sie hat eiserne Krallen – fiegt ab, und die
Katze zieht sich jaulend in eine dunkle Ecke zurück und
verschwindet. Am nächsten Tag verließ die junge Frau ihre
Kammer nicht, und am dritten Tag erschien sie mit einer
verbundenen Hand. Da erriet das arme Fräulein, daß ihre
Stiefmutter eine Hexe war und sie ihr die Hand abgeschla-
gen hatte. Am vierten Tag befahl der Hauptmann seiner
Tochter, Wasser zu tragen und das Haus zu fegen, als wäre
sie ein einfaches Bauernmädchen, und verbot ihr, sich in
den herrschaftlichen Gemächern zu zeigen. Dem Mädchen
wurde ganz schwer ums Herz, doch da war nichts zu
machen; sie fügte sich dem väterlichen Willen. Am fünften
Tag jagte der Hauptmann seine Tochter barfuß aus dem
Haus und gab ihr nicht einmal ein Stück Brot mit auf den
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Weg. Erst da schlug das Fräulein die Hände vor ihr weißes
Gesicht und brach in Tränen aus: ,Deine eigene Tochter
hast du ins Verderben gestürzt, Vater! Deine sündige Seele
hat diese Hexe ins Verderben gestürzt! Gott möge dir ver-
zeihen, doch mich will er wohl nicht länger auf dieser Welt
leben lassen!‘ Und siehst du, dort“, sagte Lewko, wandte
sich Hanna zu und wies auf das Haus, „guck nur, dort,
etwas weiter vom Haus weg, siehst du das hohe Ufer? Von
diesem Ufer hat sich das Fräulein ins Wasser gestürzt, und
seitdem ist sie nicht mehr auf der Welt …“
„Und die Hexe?“ unterbrach ihn Hanna furchtsam und
sah ihn mit tränenfeuchten Augen an.
„Die Hexe? Die alten Weiber haben sich da ausgedacht,
daß seit jener Zeit in Mondnächten alle Ertrunkenen aus
dem Wasser steigen und in den herrschaftlichen Garten
gehen, um sich im Mondschein zu wärmen; und angeführt
werden sie von der Tochter des Hauptmanns. Eines Nachts
erblickte sie ihre Stiefmutter neben dem Teich, fel über sie
her und zog sie mit einem Schrei ins Wasser. Doch die
Hexe wußte auch hier einen Ausweg: Sie verwandelte sich
im Wasser in eine der Ertrunkenen, und dadurch ist sie der
grünen Schilfpeitsche entgangen, mit der die Ertrunkenen
sie schlagen wollten. Und das soll man den Weibern nun
glauben! Man erzählt sich noch, daß das Fräulein jede
Nacht die Ertrunkenen um sich versammelt und jeder Er-
trunkenen ins Gesicht blickt, um zu erkennen, wer von
ihnen die Hexe ist, doch bis jetzt hat sie sie noch nicht ge-
funden. Und trift sie auf einen Menschen, dann zwingt sie
ihn sofort, nach der Hexe zu suchen, und weigert er sich,
dann droht sie, ihn zu ertränken. Das, meine Halja, er -
zählen die alten Leute! Der jetzige Herr will an dieser
Stelle eine Schnapsbrennerei bauen und hat aus diesem
Grund schon einen Schnapsbrenner hergeschickt … Doch
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ich höre Stimmen. Das sind unsere Burschen, die nun genug
gesungen haben und zurückkehren. Leb wohl, Halja!
Schlafe ruhig, und denk nicht an diese Altweibermärchen!“
Mit diesen Worten umarmte er sie noch einmal fest,
küßte sie und ging davon.
„Leb wohl, Lewko!“ sagte Hanna und ließ ihre Augen
sinnend auf dem dunklen Wald ruhen.
In diesem Augenblick tauchte der riesige feuerrote Mond
majestätisch aus der Erde auf. Die eine Hälfte war noch
unter der Erde, doch die Welt war schon in feierliches Licht
getaucht. Der Teich funkelte nur so. Der Schatten der
Bäume lief sichtbar von dem dunklen Grün fort.
„Leb wohl, Hanna!“ ertönte es hinter ihr, und diese
Worte wurden von einem Kuß begleitet.
„Du bist zurückgekommen?“ fragte sie und drehte sich
um; doch als sie einen unbekannten Burschen vor sich sah,
wandte sie sich ab.
„Leb wohl, Hanna!“ ertönte es von neuem, und wieder
küßte sie jemand auf die Wange.
„Da hat mir der Teufel auch noch einen zweiten zuge-
führt!“ sagte sie ärgerlich.
„Leb wohl, liebe Hanna!“
„Und jetzt auch noch einen dritten!“
„Leb wohl! Leb wohl! Leb wohl, Hanna!“
Von allen Seiten regneten Küsse auf sie herab.
„Das ist ja eine ganze Bande!“ rief Hanna und riß sich
gewaltsam von den Burschen los, die sie nacheinander um-
armen wollten. „Daß denen das dauernde Küssen nicht
über wird! Bei Gott, wenn das so weitergeht, kann ich mich
bald nicht mehr auf der Straße zeigen!“
Nach diesen Worten fel die Tür zu, und es war nur noch
zu hören, wie der eiserne Riegel quietschend vorgeschoben
wurde.
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2 Der Gemeindevorsteher
Kennt ihr die ukrainischen Nächte? Oh, ihr kennt die ukrai-
nischen Nächte nicht! Seht sie euch an. Der Mond schaut
vom Himmel herab. Das riesige Himmelsgewölbe hat sich
ausgedehnt, es ist noch riesiger geworden. Es funkelt und
atmet. Die Erde ist von silbernem Licht übergossen, und
die wunderbare Luft ist kühl und warm zugleich, sie ist
voller Zärtlichkeit und strömt einen Ozean von Wohlge-
rüchen aus. Göttliche Nächte! Herrliche Nächte! Unbeweg-
lich, als seien sie tief beeindruckt, stehen die fnsteren Wäl-
der da und werfen riesenhafte Schatten. Still und friedlich
ruhen die Teiche; ihre kühlen, dunklen Wasser werden von
dunkelgrünen Gärten mürrisch umzäunt. Die jungfräu -
lichen Haine der Kirsch- und Faulbeerbäume strecken ihre
Wurzeln ängstlich nach dem kühlen Naß der Quellen aus
und wispern mitunter, als seien sie ärgerlich und unzu-
frieden, wenn sich ihnen der leichtsinnige und wunder-
schöne Nachtwind plötzlich nähert und sie küßt. Die ganze
Gegend ist in Schlaf versunken. Doch oben atmet alles
Leben, alles ist so wunderbar und feierlich. Unendlich wohl
ist einem zumute, und in der Tiefe der Seele erhebt sich
nach und nach eine Vielzahl silberner Visionen. Göttliche
Nächte! Herrliche Nächte! Und plötzlich erwacht alles
ringsum: die Wälder, die Teiche und die Steppe. Majestä-
tisch schmettert die ukrainische Nachtigall ihr perlendes
Lied, und selbst der Mond am Himmel scheint ihr, alles
vergessend, zu lauschen … Wie verzaubert schlummert auf
der Anhöhe das Dorf. Noch heller und schöner als sonst
leuchten im Mondschein die sich eng aneinanderdrängen-
den Häuschen, noch greller als sonst heben sich in der Fin-
sternis ihre niedrigen weißen Wände ab. Die Lieder sind
verstummt. Alles ist still. Die gottesfürchtigen Leute schla-
90
fen schon. Nur hier und da schimmert noch Licht in einem
schmalen Fenster. Und vor wenigen Häusern nehmen spät
heimgekommene Familien noch ihr Abendessen zu sich.
„Ja, der Hopak wird anders getanzt! Die ganze Zeit
merke ich schon, daß es so nicht geht. Was erzählt der Ge-
vatter da nur? Vorwärts! Hopp trala! Hopp trala, hopp,
hopp, hopp!“ Das sprach ein angeheiterter Bauer mittleren
Alters vor sich hin und tanzte dabei mitten auf der Straße.
„Bei Gott, der Hopak wird anders getanzt! Warum sollte
ich lügen! Bei Gott, so nicht! Vorwärts! Hopp trala! Hopp
trala, hopp, hopp, hopp!“
„Hat dieser Mensch denn den Verstand verloren? Wenn
es noch ein junger Bursche wäre, aber so ein alter Eber
tanzt hier nachts – zur Freude der Kinder – mitten auf der
Straße!“ rief eine ältere Frau, die, ein Bund Stroh im Arm,
an ihm vorüberging. „Geh nach Hause! Es ist längst Schla-
fenszeit!“
„Ich gehe ja auch nach Hause!“ erklärte der Bauer und
blieb stehen. „Das tue ich ja. Was kümmert mich denn
irgend so ein Vorsteher. Was denkt er sich nur – der Teufel
soll seinen Vater holen! Weil er der Vorsteher ist, weil er
den Leuten bei Frostwetter kaltes Wasser über den Kopf
gießt, deshalb denkt er, er kann die Nase hoch tragen! Ja,
der Vorsteher, der Vorsteher. Ich bin mein eigener Vor -
steher! Gott soll mich strafen! Gott strafe mich! Ich bin
mein eigener Vorsteher. So ist es, und nicht etwa …“, fuhr
er fort, näherte sich dem ersten besten Häuschen, blieb vor
dem Fenster stehen, fuhr mit seinen Fingern über das
Fensterglas und versuchte die hölzerne Klinke zu fnden.
„Frau, mach auf! Frau, ein bißchen schnell, sage ich dir;
mach auf! Für einen Kosaken ist es Zeit zu schlafen!“
„Wo willst du denn hin, Kalenik? Du bist an ein fremdes
Haus geraten!“ riefen hinter ihm lachend die Mädchen, die
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nun, nachdem sie genug fröhliche Lieder gesungen hatten,
heimkehrten. „Sollen wir dir dein Haus zeigen?“
„Zeigt es mir, ihr netten jungverheirateten Frauen!“
„Jungverheiratete Frauen? Habt ihr das gehört?“ sagte
eine von ihnen. „Wie höflich Kalenik ist! Dafür müssen
wir ihm auch sein Haus zeigen … Doch nein, tanz uns erst
was vor!“
„Etwas vortanzen? Ach, ihr listigen Mädchen!“ sagte
Kalenik gedehnt, lachte, drohte mit dem Finger und trat
etwas zurück, weil sich seine Beine nicht lange auf ein und
demselben Fleck halten wollten. „Laßt ihr euch auch ab-
küssen? Ich küsse euch alle ab, alle miteinander!“
Kalenik lief mit unsicheren Schritten auf sie zu. Die
Mädchen stoben aufschreiend auseinander, doch als sie
sahen, daß seine Beine ihn nicht allzu schnell trugen,
faßten sie wieder Mut und liefen auf die andere Straßen -
seite hinüber.
„Dort bist du daheim!“ riefen sie ihm im Wegrennen zu
und zeigten auf ein Haus, das größer als die übrigen war
und dem Gemeindevorsteher gehörte. Kalenik pilgerte ge-
horsam in die ihm gewiesene Richtung, wobei er wiederum
auf den Vorsteher schimpfte.
Aber wer ist denn nun eigentlich dieser Vorsteher, über
den man so unvorteilhafte Meinungen und Gedanken
äußert? Oh, dieser Vorsteher ist eine wichtige Persönlich-
keit im Dorf! Während Kalenik den Rest seines Weges
zurücklegt, werden wir es wohl schafen, etwas über ihn zu
sagen. Jeder im Dorf zieht bei seinem Anblick die Mütze,
und die Mädchen, auch die allerjüngsten, wünschen ihm
einen guten Tag. Wer von den Burschen möchte nicht Vor-
steher sein! Der Vorsteher hat freien Zugang zu allen
Tabaksdosen; jeder stämmige Bauer steht die ganze Zeit
über ehrerbietig und mit gezogener Mütze da, während der
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Vorsteher seine dicken, groben Finger in dessen Tabaks -
dose aus Birkenrinde versenkt. In der Gemeindeversamm-
lung, der sogenannten Gromada, hat der Vorsteher immer
die Oberhand, wenn seine Macht auch nur auf einigen we-
nigen Stimmen beruht, und fast nach eigenem Gutdünken
schickt er den einen oder anderen weg, um die Straße aus-
zubessern oder zu ebnen oder um Gräben zu ziehen. Der
Vorsteher sieht mürrisch und streng aus und liebt es nicht,
viel zu reden. Vor langer, langer Zeit, als die große Zarin
Katharina seligen Angedenkens nach der Krim reiste,
wurde er zum Begleiter auserkoren; ganze zwei Tage be-
kleidete er dieses Amt und hatte sogar die Ehre, auf dem
Bock neben dem Kutscher der Zarin zu sitzen. Und seit
jener Zeit hat der Vorsteher die Angewohnheit, nachdenk-
lich und gewichtig den Kopf zu senken, den langen, nach
unten gebogenen Schnurrbart zu streichen und Falkenblicke
unter seinen Brauen hervorzuschießen. Seitdem versteht es
der Vorsteher, worüber man mit ihm auch sprechen mag,
die Rede immer darauf zu bringen, daß er die Zarin be-
gleitet und auf dem Kutschbock Ihrer Majestät gesessen
hatte. Der Vorsteher liebt es, sich mitunter taub zu stellen,
besonders, wenn er etwas vernimmt, was er nicht hören
möchte. Der Vorsteher kann Stutzerhaftigkeit nicht aus-
stehen; er trägt stets einen Kittel aus schwarzem, hausge-
webtem Tuch, der mit einem bunten Wollgürtel umschlun-
gen ist; niemand hat ihn je in einem anderen Aufzug ge-
sehen, ausgenommen zu jener Zeit, da die Zarin, als sie
nach der Krim fuhr, hier durchreiste und er einen dunkel-
blauen Kosakenrock anhatte. Doch an diese Zeit kann sich
im ganzen Dorf wohl kaum jemand erinnern; und den
Kosakenrock bewahrt er in einer wohlverschlossenen Truhe
auf. Der Vorsteher ist verwitwet, doch er lebt mit einer
Schwägerin zusammen, die ihm das Mittagessen und das
93
Abendbrot zubereitet, die die Bänke scheuert, das Haus
weißt, ihm Tuch für Hemden webt und den ganzen Haus-
halt führt. Im Dorf erzählt man sich, sie sei überhaupt nicht
mit ihm verwandt, doch wir haben ja schon gesehen, daß
der Vorsteher viele Feinde besitzt, die gern alle möglichen
üblen Gerüchte über ihn in Umlauf setzen. Vielleicht hat
dazu übrigens die Tatsache Anlaß gegeben, daß es die
Schwägerin nicht gern sah, wenn der Vorsteher aufs Feld
ging, auf dem es vor Schnitterinnen nur so wimmelte, oder
einen Kosaken besuchte, der eine junge Tochter sein eigen
nannte. Der Vorsteher hat nur ein Auge, doch dieses ist
dafür ein Bösewicht und erblickt schon von weitem ein hüb-
sches Mädchen. Ehe er es allerdings auf das niedliche Ge-
sichtchen richtet, guckt er sich sorgfältig um, ob ihn nicht
etwa die Schwägerin beobachtet. Doch wir haben nun schon
beinahe alles erzählt, was über den Vorsteher zu sagen ist,
der betrunkene Kalenik jedoch hat noch nicht einmal die
Hälfte des Weges zurückgelegt; noch lange bedenkt er den
Vorsteher mit den ausgesuchtesten Worten, die ihm nur
auf seine schwere Zunge kommen konnten.
3 Ein unerwarteter Nebenbuhler
Die Verschwörung
„Nein, Burschen, nein, ich will nicht! Was sind das nur für
Tollheiten! Ist euch denn das Unfugtreiben immer noch
nicht über? Man hält uns so schon für Gott weiß was für
Raufbolde. Geht lieber schlafen!“ So sprach Lewko zu sei-
nen übermütigen Kameraden, die ihn zu neuen Streichen
überreden wollten. „Lebt wohl, Brüder, gute Nacht!“ Und
schnell ging Lewko die Straße entlang. Ob meine hell-
94
äugige Hanna schon schläft? dachte er, als er sich dem uns
bereits bekannten Häuschen mit den Kirschbäumen näherte.
In der Stille war leises Sprechen zu vernehmen. Lewko blieb
stehen. Zwischen den Bäumen schimmerte ein weißes Hemd …
Was bedeutet denn das? dachte er, schlich sich näher
heran und verbarg sich hinter einem Baum. Im Mondschein
unterschied er das Gesicht eines vor ihm stehenden Mäd-
chens … Es war Hanna! Doch wer war dieser große Mann,
der ihm den Rücken zukehrte? Umsonst betrachtete er ihn
genauer – der Schatten umhüllte ihn von Kopf bis Fuß.
Nur von vorn fel etwas Licht auf ihn, doch der kleinste
Schritt konnte ihn schon der Unannehmlichkeit einer Ent-
deckung aussetzen. Leicht an den Baum gelehnt, beschloß
er zu warten. Das Mädchen nannte deutlich seinen Namen.
„Lewko? Lewko ist doch noch ein Milchbart!“ erklärte
der große Mann halblaut mit heiserer Stimme. „Wenn ich
ihn irgendwann einmal bei dir trefen sollte, werde ich ihn
bei seinem Kosakenschopf nehmen …“
„Ich möchte doch zu gern wissen, was für ein Schlauber-
ger damit prahlt, mich beim Schopf nehmen zu wollen!“
sprach Lewko leise vor sich hin und reckte seinen Hals, um
sich kein einziges Wort entgehen zu lassen. Doch der Un-
bekannte fuhr in seiner Rede so leise fort, daß nichts zu
verstehen war.
„Daß du dich nicht schämst!“ sagte Hanna, als er zu
Ende gesprochen hatte. „Du lügst, du betrügst mich, du
liebst mich nicht, niemals glaube ich dir, daß du mich
liebst!“
„Ich weiß“, fuhr der große Mann fort, „Lewko hat dir
allen möglichen Unsinn erzählt und dir den Kopf ver-
dreht.“ (Hier kam es dem Burschen so vor, als sei ihm die
Stimme des Unbekannten nicht ganz unbekannt, als habe
er sie irgendwann schon einmal gehört.) „Doch Lewko soll
95
mich kennenlernen!“ fuhr der Unbekannte fort. „Er glaubt,
ich bemerke all seine Dummheiten nicht. Dieser Hunde-
sohn wird meine Fäuste zu kosten bekommen.“
Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht mehr
unterdrücken. Er trat bis auf drei Schritte an ihn heran und
holte mit aller Kraft zu einem Schlag aus, der den Unbe-
kannten, trotz dessen sichtlicher Stärke, wahrscheinlich zu
Boden geworfen hätte; doch in diesem Augenblick fel auf
das Gesicht des Unbekannten Licht, und Lewko erstarrte –
er sah seinen Vater vor sich stehen. Nur ein unwillkürliches
Kopfschütteln und ein leiser Pff durch die Zähne ließen
sein Erstaunen erkennen. Ganz in der Nähe war ein Ge-
räusch zu vernehmen; Hanna foh eilig in das Haus und
schlug die Tür hinter sich zu.
„Leb wohl, Hanna!“ rief in diesem Augenblick einer der
Burschen, der sich herangeschlichen hatte und nun den Vor-
steher von hinten umarmte. Voller Schrecken sprang er
zurück, als er einen borstigen Schnurrbart fühlte.
„Leb wohl, meine Schöne!“ schrie ein anderer, doch ein
Schlag des Vorstehers ließ diesen in hohem Bogen zurück-
fiegen.
„Leb wohl, leb wohl, Hanna!“ riefen mehrere Burschen
und hängten sich ihm an den Hals.
„Verschwindet, ihr verfuchtes Lumpengesindel!“ schrie
der Vorsteher, schlug um sich und trat mit den Beinen nach
ihnen. „Was bin ich denn für eine Hanna! Fort mit euch,
an den Galgen, zu euren Vätern, ihr Teufelsbrut! Kleben
an einem wie die Fliegen am Honig! Ich werd euch zeigen,
was ich für eine Hanna bin!“
„Der Vorsteher! Der Vorsteher! Das ist der Vorsteher!“
schrien die Burschen und stoben nach allen Seiten ausein-
ander.
„Sieh da, der Vater!“ sagte Lewko, der sich von seinem
96
Erstaunen erholt hatte und dem Vorsteher nachsah, der
fuchend davonging. „Solche Streiche machst du also! Das
ist ja großartig! Und ich wundere mich und grüble, warum
er sich taub stellt, wenn ich auf diese Angelegenheit zu
sprechen komme. Warte nur, du alter Knasterbart, du wirst
noch zu spüren bekommen, was es heißt, unter den Fenstern
junger Mädchen herumzustreichen; du wirst noch merken,
was es bedeutet, anderen die Braut abspenstig zu machen!
He, Burschen! Hierher! Hierher!“ schrie er und winkte den
Burschen zu, die sich wieder zu einem Haufen zusammen-
gefunden hatten. „Kommt her! Ich hab euch geraten, schla-
fen zu gehen, doch jetzt habe ich es mir anders überlegt.
Von mir aus können wir die ganze Nacht durch bummeln.“
„Das laß ich mir gefallen!“ sagte ein breitschultriger,
kräftiger Bursche, der im Dorf als erster Herumtreiber und
Tunichtgut galt. „Mir ist einfach alles zuwider, wenn ich
nicht ordentlich bummeln kann und allerlei Unsinn ver-
zapfen darf. Mir ist dann zumute, als fehle irgend etwas.
Es ist, als ob ich meine Mütze oder meine Pfeife verloren
hätte – kurz, ich fühle mich dann nicht mehr als richtiger
Kosak.“
„Seid ihr damit einverstanden, heute dem Vorsteher
ordentlich eins auszuwischen?“
„Dem Vorsteher?“
„Ja, dem Vorsteher. Was der sich so einbildet! Er springt
mit uns um, als sei er ein Hetman. Und nicht nur, daß er
uns behandelt, als seien wir seine Knechte, nein, er hat es
auch noch auf unsere Mädchen abgesehen! Ich glaube, es
gibt kein hübsches Mädchen im Dorf, auf das der Vorsteher
nicht aus ist.“
„Das stimmt, das stimmt!“ riefen die Burschen einstim-
mig.
„Was sind wir denn für Knechte, Burschen? Sind wir
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nicht von gleicher Herkunft wie er? Wir sind doch, Gott sei
Dank, freie Kosaken! Wir wollen es ihm zeigen, Burschen,
daß wir freie Kosaken sind!“
„Ja, das wollen wir!“ schrien die Burschen. „Und wenn
wir dem Vorsteher eins auswischen, dann wollen wir auch
den Schreiber nicht vergessen!“
„Jawohl, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen!
Mir ist eben, wie gerufen, ein herrliches Lied über den
Vorsteher in den Sinn gekommen. Gehen wir, ich werde es
euch beibringen“, fuhr Lewko fort und strich mit der Hand
über die Saiten seiner Bandura. „Und paßt auf – verklei-
det euch, zieht an, was euch unter die Hände kommt!“
„Vorwärts, Kosaken!“ rief der kräftige Tunichtgut,
schlug die Hacken zusammen und klatschte in die Hände.
„Das wird was geben! Das ist das wahre Leben! Sowie
man nur anfängt herumzutollen, kommt es einem vor, als
würden die alten Jahre wiederauferstehen. Da wird einem
so weit und warm ums Herz, und die Seele fühlt sich wie
im Paradies. He, Burschen! Vorwärts!“
Und der Haufen zog lärmend durch die Straßen. Und
die frommen alten Weiblein, die von dem Geschrei erwacht
waren, machten die Fenster auf, bekreuzigten sich mit
verschlafenen Händen und sagten: „Da bummeln wieder
die Burschen!“
4 Die Burschen bummeln
Nur noch ein Haus am Ende der Straße war erleuchtet;
es war die Wohnung des Vorstehers. Der Vorsteher hatte
schon längst zu Abend gegessen und hätte ohne Zweifel
schon längst geschlafen, wenn nicht Besuch bei ihm gewesen
98
wäre, und zwar der Schnapsbrenner, der von dem Guts-
herrn, der im Gebiet der freien Kosaken ein kleines Stück
Land besaß, hierhergeschickt worden war, um eine Schnaps-
brennerei zu errichten. Der Gast saß in der Ecke mit den
Heiligenbildern, auf dem Ehrenplatz. Er war ein kleiner,
dicker Mann mit winzigen, ewig lachenden Augen, in denen
sich sichtlich die Zufriedenheit widerspiegelte, mit der er
seine kurze Pfeife rauchte, alle Augenblicke ausspuckte und
mit dem Finger den in Asche verwandelten Tabak, der
dauernd aus der Pfeife herauskroch, zurückdrückte. Die
Tabakswolken über ihm wuchsen schnell und hüllten ihn
in einen bläulichen Nebel. Es hatte den Anschein, als sei
es dem breiten Schornstein irgendeiner Schnapsbrennerei
langweilig geworden, immer auf seinem Dach zu sitzen,
als habe er sich deshalb auf den Weg gemacht und sich
sittsam am Tisch im Hause des Vorstehers niedergelassen.
Unter seiner Nase sträubte sich ein kurzer, dichter Schnurr-
bart, doch in dem Tabaksqualm war er kaum zu erkennen,
er schien eher eine Maus zu sein, die der Schnapsbrenner
in seinem Mund gefangenhielt, womit er das Monopol des
Speicherkaters untergraben hätte. Der Vorsteher als der
Hausherr hatte nur ein Hemd und Leinenhosen an. Sein
Adlerauge fng gleich der Abendsonne an zu blinzeln und
zu erlöschen. Am Tischende rauchte einer der Dorfpoli -
zisten, der zu dem Kommando des Vorstehers gehörte,
seine Pfeife; aus Achtung vor dem Hausherrn saß er im
Kittel da.
„Gedenkt Ihr bald“, fragte der Vorsteher, zu dem
Schnapsbrenner gewandt, wobei er seinen gähnenden Mund
bekreuzigte, „gedenkt Ihr bald Eure Schnapsbrennerei zu
errichten?“
„Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht im Herbst schon
brennen. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß der
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Herr Vorsteher schon zu Maria Schutz und Fürbitte mit
seinen Füßen Linien in den Straßenstaub malen wird, die
an deutsche Brezeln erinnern.“
Als der Schnapsbrenner diese Worte ausgesprochen
hatte, verschwanden seine Äuglein ganz; an ihrer Stelle
zogen sich strahlenförmig Falten bis hin zu den Ohren;
sein ganzer Körper schüttelte sich vor Lachen, und die fröh-
lichen Lippen lösten sich für einen Moment von der qual-
menden Pfeife.
„Geb’s Gott“, sagte der Vorsteher, und auf seinem Ge-
sicht zeigte sich etwas, das einem Lächeln ähnlich sah. „Bis
jetzt haben sich die Schnapsfabriken Gott sei Dank noch
wenig verbreitet. Aber in früheren Zeiten, als ich die Zarin
auf der Landstraße nach Perejaslaw begleitete, da hat noch
der selige Besborodko …“
„Na, Gevatter, an was für Zeiten du da denkst! Da-
mals gab es ja zwischen Krementschug und Romny noch
nicht einmal zwei Schnapsbrennereien. Und jetzt … Hast
du gehört, was die verdammten Deutschen sich da ausge-
dacht haben? Bald, heißt es, wird man den Schnaps nicht
mehr mit Holz brennen, wie es alle ehrlichen Christen-
menschen tun, sondern mit Hilfe von irgend so einem Teu-
felsdampf.“ Während der Schnapsbrenner diese Worte
sprach, sah er nachdenklich auf den Tisch und auf seine
Hände, die darauf lagen. „Wie man das mit Dampf ma-
chen will – bei Gott, das weiß ich nicht!“
„Was für Dummköpfe doch diese Deutschen sind, Gott
verzeih mir’s!“ sagte der Vorsteher. „Ich würde sie die
Rute kosten lassen, diese Hundesöhne! Wer hat je gehört,
daß man mit Dampf etwas kochen kann? Dann könnte
man ja keinen Löfel mit dampfender Roterübensuppe
mehr an den Mund führen, ohne daß die Lippen zu brut-
zeln anfngen wie ein bratendes Spanferkel …“
100
„Gevatter“, ließ sich die Schwägerin vernehmen, die im
Schneidersitz auf der Ofenbank hockte, „wirst du die ganze
Zeit ohne deine Frau bei uns wohnen?“
„Was soll ich mit ihr? Etwas anderes wär’s, wenn etwas
an ihr dran wäre.“
„Ist sie etwa nicht hübsch?“ fragte der Vorsteher und
richtete sein Auge auf ihn.
„Wo denkst du hin! Sie ist so alt wie der Teufel selbst.
Ihre Fratze ist so faltig wie ein leerer Beutel.“
Der untersetzte Körper des Schnapsbrenners schüttelte
sich von neuem vor lautem Lachen. In diesem Augenblick
kratzte irgend etwas an der Tür, die Tür öfnete sich, und
ein Bauer trat, ohne die Mütze abzunehmen, über die
Schwelle. Er stellte sich gedankenverloren mitten ins Zim-
mer und betrachtete mit ofenem Mund die Decke. Es war
unser alter Bekannter, Kalenik.
„Jetzt bin ich endlich zu Hause!“ sagte er und setzte
sich auf die Bank neben der Tür, ohne die Anwesenden
überhaupt zu beachten. „Wie mir dieser dreimal verfuchte
Satan doch den Weg verlängert hat! Man geht und geht,
aber der Weg will kein Ende nehmen! Die Beine muß mir
doch jemand zerschlagen haben. Bring mal den Schafspelz
her, Frau, und breit ihn mir aus. Zu dir auf den Ofen
komme ich nicht, bei Gott auf den Ofen komme ich nicht –
meine Beine tun mir zu weh! Bring ihn her, er liegt dort
neben dem Heiligenbild, paß aber auf, daß du den Topf
mit dem geriebenen Tabak nicht umwirfst. Oder nein, rühr
ihn nicht an, rühr ihn nicht an! Du bist heute vielleicht be-
trunken … Warte, ich hol ihn mir selbst.“
Kalenik erhob sich ein wenig, doch eine unbezwingbare
Macht fesselte ihn an die Bank.
„Der Mann gefällt mir“, sagte der Vorsteher. „Kommt
in ein fremdes Haus und kommandiert herum, als wär es
101
sein eigenes! Bringt ihn hinaus, ohne viel Aufhebens zu
machen!“
„Laß ihn sich doch hier ausruhen, Gevatter!“ sagte der
Schnapsbrenner und hielt ihn am Arm fest. „Das ist ein
nützlicher Mann; von solchen Leuten müßten wir mehr ha-
ben, dann ginge es mit unserer Schnapsbrennerei großartig
voran …“
Doch diese Worte waren nicht seiner Gutmütigkeit ent-
sprungen. Der Schnapsbrenner war sehr abergläubisch, und
einen Mann davonzujagen, der sich schon auf der Bank
niedergelassen hatte, mußte seiner Meinung nach zu einem
Unglück führen.
„Jaja, das Alter!“ brummte Kalenik und legte sich auf
die Bank. „Wenn ich wenigstens noch betrunken wäre,
dann wär das was anderes, aber ich bin nicht betrunken.
Bei Gott, ich bin nicht betrunken! Warum sollte ich denn
lügen! Ich will das meinetwegen dem Vorsteher selbst
sagen. Was heißt hier Vorsteher? Wenn er doch verrecken
würde, dieser Hundesohn! Ich spucke auf ihn! Wenn die-
sen einäugigen Teufel doch ein Wagen überfahren würde!
Was gießt er den Leuten bei Frost Wasser über den
Kopf …“
„Hoho! Da kommt das Schwein ins Haus gekrochen und
legt auch noch seine Pfoten auf den Tisch“, sagte der Vor-
steher und erhob sich zornig von seinem Platz. In diesem
Augenblick aber zerschlug ein großer Stein klirrend das
Fenster und fel vor seine Füße. Der Vorsteher blieb ste -
hen. „Wenn ich wüßte“, sagte er und hob den Stein auf,
„wenn ich nur wüßte, was für ein Galgenbruder das ge -
wesen ist; ich würde ihm zeigen, wie man Steine wirft! –
Das sind mir Scherze!“ fuhr er fort und betrachtete den
Stein in seiner Hand mit fammenden Blicken. „Ersticken
soll er an diesem Stein …“
102
„Halt, halt! Gott sei mit dir, Gevatter!“ fel der blaß
gewordene Schnapsbrenner ein. „Gott sei mit dir und be -
hüte dich davor, in dieser und auch in jener Welt jeman -
den mit solch einem Fluch zu bedenken!“
„Da hat sich auch noch ein Beschützer angefunden! Kre-
pieren soll er!“
„Hör auf, Gevatter! Bestimmt weißt du nicht, was mei-
ner seligen Schwiegermutter passiert ist!“
„Deiner Schwiegermutter?“
„Ja, meiner Schwiegermutter. Eines Abends, es war
vielleicht noch ein wenig früher als heute, hatten sich alle
zum Abendessen hingesetzt: die selige Schwiegermutter,
der selige Schwiegervater, der Knecht, die Magd und un-
gefähr fünf Kinder. Die Schwiegermutter schüttete aus
einem großen Kessel ein paar Mehlklöße in eine Schüssel;
sie sollten kalt werden. Nach der Arbeit waren alle hung-
rig; sie wollten nicht warten, bis sie sich abgekühlt hatten.
Sie spießten die Klöße auf ihre langen Holzstäbchen und
fngen an zu essen. Plötzlich erschien ein Mann – woher
er kam und wer er war, das wußte Gott allein – und bat
darum, ihn mitessen zu lassen. Wer kann einem Hung -
rigen diese Bitte abschlagen! Man gab also auch ihm ein
Stäbchen. Aber der Gast verputzte die Klöße wie die Kuh
das Heu. Als die anderen ihren ersten Kloß verspeist hat-
ten und die Stäbchen nach dem nächsten ausstreckten, da
war der Schüsselboden schon so glatt wie die Diele eines
Herrenhauses. Die Schwiegermutter schüttete neue in die
Schüssel und glaubte, der Gast würde sich nun satt ge-
gessen haben und nicht mehr so zulangen. Aber nichts
dergleichen. Er schlang noch hastiger und machte auch
die zweite Schüssel leer! Ersticken soll er an diesen
Klößen! dachte die hungrige Schwiegermutter bei sich;
und plötzlich verschluckte sich der Gast und fel zu Boden.
103
Alle stürzten zu ihm hin – doch er war schon tot. Er war
erstickt.“
„Da ist dem verfuchten Freßsack ganz recht geschehen!“
sagte der Vorsteher.
„Ja, es ist aber ganz anders gekommen: Seit jener Zeit
hat die Tante keine Ruhe mehr gefunden. Sowie es Nacht
wurde, kam der Tote und setzte sich auf den Schornstein,
und zwischen den Zähnen steckte dem Verfuchten immer
ein Klößchen. Tagsüber ist alles still und nichts von ihm
zu sehen. Aber sowie es zu dämmern anfängt, brauchst du
nur aufs Dach zu gucken, und schon siehst du den Hunde-
sohn auf dem Schornstein reiten …“
„Und zwischen den Zähnen hält er ein Klößchen?“
„Ja, zwischen den Zähnen hält er ein Klößchen.“
„Das ist aber seltsam, Gevatter! Etwas Ähnliches habe
ich schon zu Zeiten der seligen Zarin …“
Hier hielt der Vorsteher inne. Draußen war Lärm zu
hören und das Füßestampfen Tanzender. Die Saiten einer
Bandura erklangen, zuerst nur leise, und die Stimme eines
Sängers fel ein. Dann tönten die Saiten lauter, mehrere
Stimmen summten mit, und ein Lied rauschte auf:
„Burschen, wußtet ihr’s nicht eher?
Raus bekamen wir’s zusammen!
Unser schöner Dorfvorsteher
Hat nicht alle mehr beisammen.
Mach ihn, Böttcher, wieder ganz
Mit den krummen Eisenreifen!
Spiel ihm auf zu einem Tanz,
Laß dabei die Ruten pfeifen!
Grau ist er und einäugig,
Alt und räudig wie ein Hund!
104
Nach den Mädchen sehnt er sich,
Er ist ganz und gar verdummt!
Hält sich dieser alte Tropf
Noch für einen jungen Mann,
Reißt ihn am Kosakenschopf,
Bis er nicht mehr schreien kann!“
„Ein herrliches Lied, Gevatter!“ sagte der Schnapsbren-
ner, legte den Kopf ein wenig auf die Seite und wandte
sich dem Vorsteher zu, der angesichts solcher Frechheit vor
Verwunderung zur Salzsäule erstarrt war. „Ein herrliches
Lied! Häßlich ist nur, daß der Vorsteher darin mit nicht
ganz anständigen Worten bedacht wird …“ Und wieder
legte er, mit tiefer Rührung in den Augen, die Hände auf
den Tisch und wartete darauf, noch mehr zu hören, denn
draußen ertönten donnerndes Gelächter und die Rufe: „Noch
einmal! Noch einmal!“ Ein scharfer Beobachter hätte je-
doch sofort bemerkt, daß es nicht die Verwunderung war,
die den Vorsteher so lange auf einer Stelle hielt. So läßt
ein alter, erfahrener Kater mitunter eine unerfahrene Maus
an seinem Schwanz hin und her laufen, während er sich
schnell einen Plan zurechtlegt, wie er ihr den Weg ins
Loch abschneiden könnte. Das Auge des Vorstehers war
noch auf das Fenster geheftet, aber die Hand hatte dem
Dorfpolizisten schon ein Zeichen gegeben, ruhte nun auf
der hölzernen Türklinke, und plötzlich erhob sich auf der
Straße Geschrei … Der Schnapsbrenner, zu dessen vielen
hervorragenden Eigenschaften auch die Neugier gehörte,
stopfte schnell seine Pfeife und lief hinaus, doch die Böse-
wichter waren schon auseinandergestoben.
„Nein, du entgehst mir nicht!“ schrie der Vorsteher und
zog am Arm einen Mann hinter sich her, der einen schwar-
zen Schafpelz trug, dessen Fell nach außen gekehrt war.
105
Der Schnapsbrenner nutzte diesen Augenblick und lief her-
bei, um sich das Gesicht dieses Ruhestörers anzusehen, doch
als er einen langen Bart und eine schrecklich bemalte
Fratze gewahrte, stolperte er schüchtern zurück. „Nein, du
entgehst mir nicht!“ schrie der Vorsteher und zerrte sei -
nen Gefangenen geradeswegs in den Flur. Dieser leistete
übrigens keinerlei Widerstand und folgte dem Vorsteher
so ruhig, als ginge er in sein eigenes Haus. „Karpo, schließ
die Kammer auf!“ sagte der Vorsteher zu dem Dorfpoli -
zisten. „Wir stecken ihn in die dunkle Kammer! Dann
wecken wir den Schreiber, holen die anderen Dorfpolizi-
sten, fangen all diese Raufbolde ein und urteilen sie heute
noch ab!“ Der Dorfpolizist klirrte im Flur mit dem kleinen
Vorhängeschloß und sperrte die Kammer auf. In diesem
Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit, die
im Flur herrschte, zunutze und riß sich plötzlich mit unge-
wöhnlicher Kraft los.
„Wohin?“ schrie der Vorsteher und packte ihn noch
fester am Kragen.
„Laß mich, ich bin es doch!“ ließ sich ein dünnes Stimm-
chen vernehmen.
„Das nützt dir nichts! Das nützt dir nichts, Bruder! Win-
sele meinetwegen wie der Teufel selbst und nicht nur wie
ein Weib, mich führst du nicht hinters Licht!“
Er stieß den armen Gefangenen so heftig in die Kam -
mer, daß dieser zu Boden fiel und stöhnend liegen -
blieb. Dann machte sich der Vorsteher in Begleitung des
Dorfpolizisten zum Haus des Schreibers auf, und ihnen
folgte, gleich einem Dampfer, der Schnapsbrenner.
In Gedanken versunken, mit gesenkten Köpfen, gingen
alle drei die Straße entlang und schrien plötzlich, als sie
in eine dunkle Gasse einbogen, auf – sie hatten einen star-
ken Schlag gegen die Stirn bekommen –, und ein eben -
106
solcher Aufschrei antwortete ihnen. Der Vorsteher knif
sein Auge zusammen und erblickte voller Erstaunen den
Schreiber mit zwei Dorfpolizisten.
„Ich bin gerade auf dem Wege zu dir, Herr Schrei-
ber.“
„Und ich zu dir, Euer Gnaden, Herr Vorsteher.“
„Es geschehen Wunder bei uns, Herr Schreiber.“
„Ja, seltsame Dinge geschehen, Herr Vorsteher.“
„Was denn?“
„Die Burschen sind toll geworden! Sie toben haufen -
weise auf den Straßen herum. Dich, Euer Gnaden, beden-
ken sie mit solchen Worten … Kurz, man kann es gar nicht
aussprechen; ein betrunkener Soldat würde sich schämen,
sie in seinen ungläubigen Mund zu nehmen.“ (All diese
Worte begleitete der dürre Schreiber, der eine bunte baum-
wollene Hose und eine Weste von der Farbe der Wein-
hefe anhatte, mit einem Vorrecken des Halses und einem
sofortigen Zurückziehen desselben in die Ausgangsstel -
lung.) „Ich hatte mich gerade hingelegt, da jagen einen
diese verfuchten Lumpen mit ihren schamlosen Liedern
und ihrem Geklopfe aus dem Bett! Ich wollte ihnen ordent-
lich eins überziehen, aber bis ich meine Hose und die
Weste angezogen hatte, waren sie schon nach allen Him-
melsrichtungen auseinandergelaufen. Der Hauptanstifter
ist uns aber nicht entwischt. Er singt jetzt sein Lied-
chen in dem Haus, in dem die Arrestanten untergebracht
werden. Ich brannte darauf, diesen Vogel zu erkennen,
aber seine Fratze ist ganz mit Ruß beschmiert; er sieht
aus wie der Teufel, der die Nägel für die Sünder schmie-
det.“
„Und was hat er an, Herr Schreiber?“
„Einen schwarzen Schafpelz hat der Hundesohn an, des-
sen Fell nach außen gekehrt ist, Herr Vorsteher.“
107
„Und du lügst nicht, Herr Schreiber? Und was ist, wenn
ich dir nun sage, daß dieser Lump jetzt bei mir in der
Kammer sitzt?“
„Nein, Herr Vorsteher. Da hast du dich, nimm mir’s nicht
übel, wohl selbst ein wenig geirrt.“
„Licht her! Wir wollen ihn uns ansehen!“
Es wurde Licht gebracht und die Tür geöfnet, und der
Vorsteher stieß vor Verwunderung einen Schrei aus, als er
seine Schwägerin vor sich sah.
„Sag mir doch bitte“ – mit diesen Worten näherte sie
sich ihm drohend –, „sag mir doch bitte, ob dir dein letztes
bißchen Verstand nicht auch noch verlorengegangen ist?
War in deinem einäugigen Schädel wenigstens für einen
Sechser Gehirn, als du mich in diese dunkle Kammer ge-
stoßen hast? Ein Glück, daß ich mit dem Kopf nicht gegen
den eisernen Riegel geschlagen bin! Habe ich denn nicht
andauernd geschrien, daß ich es bin? Da packt einen dieser
verfuchte Bär mit seinen eisernen Pranken und stößt einen
vor sich her! Wenn dich doch die Teufel im Jenseits ein -
mal so stoßen würden!“
Die letzten Worte sprach sie schon hinter der Haustür –
sie war aus irgendwelchen privaten Gründen auf die
Straße getreten.
„Ich sehe ja, daß du es bist!“ sagte der Vorsteher, der
seine Fassung wiedergefunden hatte. „Was denkst du,
Herr Schreiber, ist dieser verfuchte Kerl nicht ein Spitz-
bube?“
„Das ist er, Herr Vorsteher.“
„Wäre es nicht an der Zeit, all diesen Taugenichtsen
einmal eine kräftige Lehre zu erteilen und sie zu zwingen,
sich mit vernünftigen Dingen zu befassen?“
„Schon lange wäre es an der Zeit, Herr Vorsteher, schon
lange.“
108
„Diese Narren bilden sich ein … Zum Teufel, hat da
draußen nicht eben die Schwägerin geschrien? Diese Nar-
ren bilden sich ein, daß sie mit mir auf einer Stufe stehen.
Sie denken, daß ich einer von ihnen bin, ein einfacher
Kosak!“ Ein Hüsteln, das diesen Worten folgte, und ein
scharfer Blick, der unter den Augenbrauen hervorschoß und
umherwanderte, ließen darauf schließen, daß der Vor-
steher etwas Wichtiges sagen wollte. „Im Jahre tausend-
und … diese verfuchten Jahreszahlen! Und wenn ich des-
wegen krepieren sollte, ich kann sie einfach nicht ausspre-
chen! Also, in dem und dem Jahr erhielt der damalige
Kommissar Ledatschi den Befehl, unter den Kosaken je-
manden auszuwählen, der klüger war als alle anderen.
Oh!“ (Bei diesem „Oh!“ hob der Vorsteher den Zeigefn-
ger.) „Klüger als alle anderen! Er sollte die Zarin beglei-
ten. Ich bin damals …“
„Was gibt es da groß zu erzählen! Das weiß doch jeder
schon, Herr Vorsteher. Alle wissen, wie du dir die Gnade
der Zarin erworben hast. Gib nur zu, daß ich recht gehabt
habe. Hast du nicht doch ein wenig Sünde auf dich ge-
laden, als du sagtest, du hättest diesen Lumpen im Schaf-
pelz gefangen?“
„Was diesen Teufel im Schafpelz anbelangt, den wollen
wir als abschreckendes Beispiel für die anderen in Ketten
legen und exemplarisch bestrafen. Die sollen wissen, was
die Obrigkeit vermag! Wer hat denn den Vorsteher ein-
gesetzt, wenn nicht der Zar! Und auch die anderen Bur-
schen werden wir noch fassen! Ich hab nicht vergessen, daß
diese verdammten Lumpen eine Schweineherde in meinen
Garten getrieben haben und daß diese meinen Kohl und
meine Gurken aufgefressen hat; ich habe nicht vergessen,
daß diese Satansbrut es abgelehnt hat, mein Korn zu dre-
schen; ich habe nicht vergessen, daß … Doch zum Teufel
109
mit ihnen, ich muß unbedingt erst einmal erfahren, wer
dieser Spitzbube im Schafpelz ist.“
„Das ist sicher ein ganz gerissener Vogel!“ sagte der
Schnapsbrenner, der das ganze Gespräch über seine Backen
immer wieder mit Rauch aufgeladen hatte, als seien sie
eine Belagerungskanone, und aus dessen Lippen ganze
Rauchfontänen schossen, wenn sie sich von der kurzen
Pfeife lösten. „Es wäre gar nicht schlecht, solch einen Mann
in der Brennerei zu haben, für alle Fälle, noch besser wäre
es aber, ihn an den Wipfel einer Eiche zu hängen, anstelle
eines Kirchenkronleuchters.“
Dieser Witz schien dem Schnapsbrenner nicht ganz un-
gelungen, und so beschloß er, ohne den Beifall der ande -
ren abzuwarten, sich mit einem krächzenden Lachen zu
belohnen.
Zu diesem Zeitpunkt näherten sie sich einem kleinen,
halbverfallenen Häuschen, das sich nur mit Mühe aufrecht
hielt. Unsere Wanderer wurden immer neugieriger. Sie
drängten sich um die Tür. Der Schreiber zog einen Schlüs-
sel hervor und klirrte mit ihm am Schloß herum, doch es
war nicht der richtige, er gehörte zu seiner Truhe. Ihre
Ungeduld wuchs. Er steckte die Hand tief in die Tasche,
wühlte darin herum, fuchte ohne Unterlaß, konnte den
Schlüssel aber nicht fnden. „Ich hab ihn!“ sagte er schließ-
lich, krümmte sich und zog ihn aus der Tiefe der geräumi-
gen Tasche, mit der seine bunte baumwollene Hose ausge-
stattet war. Bei diesen Worten schienen die Herzen unserer
Helden zu einem einzigen zu verschmelzen, und dieses rie-
sige Herz hämmerte so laut, daß nicht einmal das Klirren
des Schlosses sein unruhiges Klopfen übertönte. Die Tür
öfnete sich, und … Der Vorsteher wurde blaß wie ein
Stück Leinwand, dem Schnapsbrenner kroch es eisig über
den Rücken, und die Haare standen ihm zu Berge, als
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wollten sie himmelwärts fiegen, Entsetzen malte sich auf
dem Gesicht des Schreibers, die Dorfpolizisten standen
wie angenagelt und waren nicht in der Lage, ihren geöf-
neten Mund zu schließen – vor ihnen stand die Schwäge-
rin.
Sie war nicht weniger verwundert als diese, doch als sie
sich von dem Schreck ein wenig erholt hatte, wollte sie zu
ihnen gehen.
„Halt!“ schrie da der Vorsteher wild und schlug die Tür
vor ihr zu. „Meine Herren! Das ist der Satan!“ fuhr er
fort. „Feuer her! Schnell Feuer her! Das Amtshaus darf
nicht geschont werden! Steckt es an, steckt es an! Nicht ein-
mal die Knochen des Satans dürfen übrigbleiben!“
Als die Schwägerin hinter der Tür diesen entsetzlichen
Beschluß vernahm, schrie sie vor Angst laut auf.
„Was fällt euch ein, Brüder“, sagte da der Schnaps -
brenner. „Unsere Haare sind gottlob fast so weiß wie
Schnee, aber gescheit sind wir immer noch nicht geworden:
In einem gewöhnlichen Feuer brennt doch eine Hexe gar
nicht! Nur Feuer aus einer Pfeife kann dieses Gezücht zum
Brennen bringen. Einen Augenblick, ich bringe das gleich
in Ordnung!“
Mit diesen Worten schüttete er aus seiner Pfeife etwas
glühende Asche in ein Bündel Stroh und begann, das Feuer
anzublasen. Die Verzweiflung verlieh der armen Schwä -
gerin Mut; sie fng an, alle laut anzufehen und von ihrer
Unschuld zu überzeugen.
„Wartet, Brüder! Warum sollen wir für nichts und wie-
der nichts Sünde auf uns laden; vielleicht ist das gar nicht
der Satan“, sagte der Schreiber. „Wenn das Wesen, das
dort sitzt, einverstanden ist, sich zu bekreuzigen, dann wäre
das ein sicheres Zeichen, daß es nicht der Teufel ist.“ Der
Vorschlag wurde gutgeheißen. „Fort mit dir, Satan!“ sagte
111
der Schreiber und legte dabei die Lippen an die Türritze.
„Wenn du dich nicht von der Stelle rührst, öfnen wir die
Tür.“
Die Tür wurde geöfnet.
„Bekreuzige dich!“ sagte der Vorsteher und blickte sich
um, als suche er für den Fall eines Rückzuges einen unge-
fährlichen Platz.
Die Schwägerin bekreuzigte sich.
„Was Teufel! Wahrhaftig, es ist die Schwägerin!“
„Was für eine unreine Gewalt hat dich denn hier in
diese Kammer geschleppt, Gevatterin?“
Und schluchzend erzählte die Schwägerin, wie sie die
Burschen auf der Straße gepackt, trotz ihres Widerstandes
durch das breite Fenster des Häuschens geschoben und die-
ses mit dem Fensterladen zugesperrt hatten. Der Schreiber
sah nach: Die Angeln waren abgerissen; der breite Laden
war oben nur mit einem Holzstock festgeklemmt.
„Ein feiner Bursche bist du, du einäugiger Satan!“ schrie
sie und näherte sich dabei dem Vorsteher, der daraufhin
etwas zurückwich, wobei er sie immer noch mit seinem
Auge maß. „Ich kenne deine Absicht: Du hast dich über
diese Gelegenheit nur gefreut; du wolltest mich verbren-
nen, damit du ungehinderter den Mädchen nachlaufen
kannst, damit niemand mehr sieht, wie du grauhaariger
Großvater Dummheiten machst. Denkst du vielleicht, ich
weiß nicht, worüber du heute abend mit Hanna gesprochen
hast? Oh, ich weiß alles! Mich zu betrügen ist schwer, und
du Strohkopf bist dazu schon gar nicht in der Lage. Meine
Geduld ist unerschöpflich, aber wundere dich nicht, wenn
sie doch einmal reißt …“
Nachdem sie dies gesagt hatte, zeigte sie ihm die Faust,
ging schnell davon und ließ den Vorsteher wie versteinert
zurück.
112
Nein, hier hat der Satan wirklich seine Hand im Spiel
gehabt, dachte er und kratzte sich heftig den Kopf.
„Wir haben ihn!“ riefen die Dorfpolizisten, die in die -
sem Augenblick eintraten.
„Wen habt ihr?“ fragte der Vorsteher.
„Den Teufel im Schafpelz.“
„Her mit ihm!“ schrie der Vorsteher und packte den
Gefangenen, den man hereinführte, am Arm. „Ihr seid
wohl wahnsinnig – das ist doch der betrunkene Kalenik!“
„Himmel und Hölle! Wir haben ihn gehabt, Herr Vor-
steher. An der Ecke haben uns dann die verfuchten Bur-
schen umringt, sie haben getanzt, uns hin und her ge -
zerrt, uns die Zunge herausgestreckt und ihn uns aus den
Händen gerissen … Der Teufel soll sie holen! Und wie
wir statt seiner zu dieser Krähe gekommen sind, das weiß
Gott allein!“
„Kraft meines Amtes und im Namen aller Gemeinde-
mitglieder wird der Befehl erlassen, auf der Stelle diesen
Räuber gefangenzunehmen und mit allen übrigen, die auf
der Straße angetrofen werden, ebenso zu verfahren und
sie mir zur Aburteilung vorzuführen!“
„Erbarme dich unser!“ riefen einige und verneigten sich
bis zur Erde. „Wenn du gesehen hättest, was die für
Schnauzen haben: Gott soll uns strafen – seit unserer Ge-
burt und Taufe haben wir nicht solche widerlichen Fratzen
gesehen. Wie schnell ist da etwas passiert, Herr Vorsteher;
die jagen einem braven Mann solch einen Schrecken ein,
daß einen dann kein einziges altes Weib mehr durch Blei-
gießen heilen will.“
„Ich werde euch das Bleigießen schon lehren! Was? Ihr
wollt nicht gehorchen? Ihr steckt wohl mit denen unter
einer Decke? Ihr seid wohl Aufrührer? Was soll das hei-
ßen? Was soll das heißen? Ihr seid für Raub! Ihr … Ich
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werde das dem Kommissar melden! Auf der Stelle! Hört
ihr, auf der Stelle. Lauft wie der Wind! Ich werde euch …
Ihr sollt mir …“
Alle liefen auseinander.
5 Die Ertrunkene
Ohne irgendwie beunruhigt zu sein und ohne sich um die
ausgeschickten Streifen zu kümmern, ging der Mann, der
an diesem ganzen Durcheinander schuld war, langsam zu
dem alten Haus am Teich. Ich glaube, es ist nicht nötig,
darauf hinzuweisen, daß es Lewko war. Sein schwarzer
Schafpelz stand ofen, die Mütze hielt er in der Hand, und
der Schweiß foß ihm in Strömen über das Gesicht. Erhaben
und düster ragte der Ahornwald auf; nur auf den Zweigen,
die sich dem Mond entgegenstreckten, lag feiner Silber-
staub. Der unbeweglich daliegende Teich sandte dem müden
Wanderer einen Hauch frischer Kühle zu und ließ ihn sich
am Ufer niedersetzen. Alles war still, nur tief drinnen im
Waldesdickicht war das Schlagen einer Nachtigall zu hören.
Eine unüberwindliche Müdigkeit schloß ihm die Augen, die
matten Glieder sehnten sich danach, sich ausstrecken zu kön-
nen, der Kopf sank zur Seite … „Nein, womöglich schlafe
ich hier noch ein!“ sagte er, erhob sich und rieb sich die
Augen. Er blickte um sich: Die Nacht lag noch glänzender
vor ihm. Ein seltsames, herrliches Leuchten hatte sich dem
Schein des Mondes zugesellt. Niemals hatte er etwas Ähn-
liches gesehen. Silberner Nebel senkte sich auf die Erde
herab. Der Duft blühender Apfelbäume und nächtlicher
Blumen zog über das Land. Erstaunt blickte er auf das un-
bewegliche Wasser des Teiches: Deutlich, in einer Art rei-
114
ner Erhabenheit, spiegelte sich darin das alte Herrenhaus.
Anstelle der dunklen Läden blinkten lustige Glasfenster
und Türen. Hinter den hellen Scheiben glänzte es wie lau-
ter Gold. Und jetzt kam es ihm so vor, als öfne sich ein
Fenster. Er hielt den Atem an, rührte sich nicht und ließ
kein Auge von dem Teich, so daß er glaubte, sich selbst in
der Tiefe zu befnden. Er sah, wie sich zunächst ein weißer
Ellenbogen ins Fenster schob, wie dann ein liebliches Köpf-
chen auftauchte, mit leuchtenden Augen, die sanft durch
dunkelblonde, wellige Haare hindurchschimmerten, und
wie sich das Mädchen auf den Ellenbogen aufstützte. Und
er sah, wie es ihm zunickte, zuwinkte, lachte. Sein Herz
hämmerte zum Zerspringen. Das Wasser erzitterte, und
das Fenster schloß sich wieder. Leise ging er vom Teich
fort und blickte zu dem Haus hinüber: Die düsteren Läden
standen ofen; die Scheiben glänzten im Mondschein. Wie
wenig man sich doch auf das Gerede der Leute verlassen
kann, dachte unser Held bei sich. Das Haus ist neu; seine
Farben sind so frisch, als wäre es heute erst gestrichen wor-
den. Hier wohnt bestimmt jemand! Schweigend trat er
näher, doch im Haus war alles still. Kräftig und laut er -
tönten die wunderbaren Lieder der Nachtigallen, und wenn
sie vor Sehnsucht und Zärtlichkeit zu ersterben schienen,
dann hörte man das Zirpen der Heuschrecken oder den
Ruf eines Sumpfvogels, der mit seinem glatten Schnabel
auf das weite spiegelgleiche Wasser schlug. Süße Ruhe und
stille Heiterkeit machten sich in seinem Herzen breit. Er
stimmte die Bandura, grif in die Saiten und sang:
„Oh, du lieber Mond, mein kleiner lieber Mond,
Und der Sterne heller Schein!
Oh, leuchtet, wo ein schönes Mädel wohnt,
In den Hof hinein!“
115
Leise öfnete sich das Fenster; dasselbe Köpfchen, dessen
Abbild er in dem Teich gesehen hatte, tauchte auf und
lauschte dem Lied. Die langen Wimpern bedeckten beinah
die Augen. Das Mädchen war bleich wie ein Stück Lein-
wand, wie der Glanz des Mondes, doch wie wunderbar, wie
schön war es! Und nun lachte sie. Lewko schreckte auf.
„Sing mir ein Lied, junger Kosak!“ bat sie still, neigte
den Kopf zur Seite und senkte ihre dichten Wimpern ganz
herab.
„Was für ein Lied soll ich dir singen, mein schönes Fräu-
lein?“
Still rannen ihr Tränen über das bleiche Gesicht.
„Jüngling“, sagte sie, und etwas unerklärlich Ergreifen-
des schwang in ihrer Stimme mit, „Jüngling, fnde mir
meine Stiefmutter! Ich will auch alles für dich tun. Ich
werde dich belohnen. Ich werde dich reich und herrlich
belohnen! Ich habe seidenbestickte Armbänder, Korallen
und Edelsteine. Ich werde dir einen mit Perlen besetzten
Gürtel schenken. Ich habe Gold … Jüngling, fnde mir
meine Stiefmutter! Sie ist eine furchtbare Hexe, ich habe
nirgends auf der Welt vor ihr Ruhe gehabt. Sie hat mich
gequält, sie ließ mich arbeiten wie eine einfache Magd. Sieh
mein Gesicht an: Mit ihrer teuflischen Zauberkunst hat sie
mir die Röte von den Wangen genommen. Sieh dir meinen
weißen Hals an: Sie lassen sich nicht abwaschen! Sie lassen
sich nicht abwaschen! Diese blauen Flecken, die von ihren
eisernen Krallen herrühren, lassen sich nicht abwaschen.
Sieh dir meine weißen Füße an: Sie sind viel gelaufen, und
nicht nur über Teppiche, sondern auch über heißen Sand,
über feuchte Erde und über stechende Dornen. Und meine
Augen, sieh dir meine Augen an: Sie können vor Tränen
nichts mehr sehen … Finde sie mir, Jüngling, fnde mir
meine Stiefmutter!“
116
Ihre Stimme, die sich plötzlich erhoben hatte, versagte.
Ganze Tränenbäche stürzten über ihr blasses Gesicht. Tie-
fes Mitleid und Kummer schnürten dem Jüngling die Kehle
zu.
„Ich bin bereit, alles für dich zu tun, mein Fräulein!“
sagte er äußerst erregt. „Doch wie soll ich sie fnden – und
wo?“
„Sieh nur, sieh!“ sagte sie schnell. „Sie ist hier! Sie tanzt
zusammen mit meinen Mädchen am Ufer den Reigen und
wärmt sich im Mondenschein. Doch sie ist schlau und listig.
Sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen, aber
ich weiß und ich fühle, daß sie hier ist. Mir ist so unwohl,
so beklommen zumute, wenn sie zugegen ist. Ihretwegen
kann ich nicht so mühelos und fink schwimmen wie ein
Fisch. Ich sinke unter und falle auf den Grund wie ein
Schlüssel. Finde sie mir, Jüngling!“
Lewko blickte zum Ufer: Im feinen, silbernen Nebel
bewegten sich leichte, schattengleiche Mädchengestalten in
Hemden, die so weiß waren wie eine mit Maiglöckchen
übersäte Wiese; goldenes Geschmeide, Dukaten und Per-
lenketten blitzten an ihren Hälsen, doch sie alle waren
bleich; ihre Leiber schienen aus durchsichtigen Wolken ge-
woben, und beim silbernen Licht des Mondes glaubte man
durch sie hindurchsehen zu können. Die tanzenden, spie-
lenden Mädchen schwebten auf Lewko zu. Er hörte Stim-
men.
„Wir wollen Rabe und Kücken spielen, wir wollen Rabe
und Kücken spielen!“ rauschten die Stimmen auf wie Schilf
am Ufer eines Flusses, das der Wind zu stiller Abend -
stunde mit seinen Lippen berührt. „Wer von uns soll Rabe
sein?“
Es wurde ausgelost, und ein Mädchen trat aus der Menge
hervor. Lewko sah sie sich genauer an. Ihr Gesicht, ihr
117
Kleid, alles an ihr war genauso wie bei den anderen auch.
Er merkte nur, daß sie diese Rolle nicht gern spielte. Die
Menge bildete eine lange Reihe und wich den Überfällen
des räuberischen Feindes eilig aus.
„Nein, ich mag nicht mehr Rabe sein!“ sagte das Mäd-
chen schließlich, das sich vor Müdigkeit kaum noch auf den
Beinen halten konnte. „Es tut mir so leid, daß ich der
armen Mutter die Kücken rauben soll!“
Du bist keine Hexe! dachte Lewko.
„Wer soll nun Rabe sein?“
Die Mädchen wollten wieder das Los werfen.
„Ich will Rabe sein!“ rief da eine aus ihrer Mitte.
Lewko sah sich aufmerksam ihr Gesicht an. Schnell und
gewandt lief sie hinter der Reihe her und stürzte nach allen
Seiten, um ihr Opfer einzufangen. Da bemerkte Lewko,
daß ihr Leib nicht so stark leuchtete wie der der anderen:
Im Innern sah er etwas Schwarzes. Plötzlich ertönte ein
Schrei: Der Rabe warf sich auf ein Mädchen aus der Reihe
und packte es, und Lewko kam es vor, als zeigten sich ihre
Krallen und als malte sich auf ihrem Gesicht boshafte
Freude.
„Das ist die Hexe!“ sagte er plötzlich und wies mit dem
Finger auf sie, wobei er sich dem Haus zuwandte.
Das Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten
diejenige, die den Raben gespielt hatte, unter Geschrei
fort.
„Womit soll ich dich belohnen, Jüngling? Ich weiß, du
sehnst dich nicht nach Gold: Du liebst Hanna, doch der ge-
strenge Vater will nicht, daß du sie heiratest. Aber jetzt
wird er dich nicht mehr daran hindern können; hier, nimm,
gib ihm diesen Brief …“
Die weiße Hand streckte sich ihm entgegen, und ihr Ge-
sicht strahlte und leuchtete ganz sonderbar. Ein unbegreif-
118
liches Zittern ging durch seinen Körper, und sein Herz
schlug bis zum Hals, als er den Brief an sich nahm und
erwachte.
6 Das Erwachen
„Habe ich denn wirklich geschlafen?“ fragte sich Lewko,
als er sich von dem kleinen Hügel erhob. „So lebendig
stand mir alles vor Augen – als hätte ich es tatsächlich ge-
sehen! Seltsam, seltsam!“ wiederholte er und blickte um
sich. Der Mond, der über ihm stand, zeigte, daß es Mitter-
nacht war; ringsum war es still; vom Teich wehte ein küh-
ler Hauch herüber; über ihm duckte sich traurig das ver-
fallene Haus mit den verschlossenen Läden; Moos und Un-
kraut wiesen darauf hin, daß es schon lange verödet war.
Plötzlich öfnete er seine Hand, die er während des Schla -
fes krampfhaft zur Faust zusammengeballt hatte, und schrie
vor Erstaunen auf, als er in ihr einen Brief gewahrte. Ach,
wenn ich doch nur lesen könnte! dachte er und drehte den
Brief hin und her. In diesem Augenblick vernahm er hinter
sich Lärm.
„Habt keine Angst, faßt ihn! Wovor fürchtet ihr euch
denn? Wir sind ein ganzes Dutzend. Ich wette, daß das ein
Mensch ist und kein Teufel!“ schrie der Vorsteher seinen
Begleitern zu, und Lewko fühlte, wie ihn mehrere Hände
zugleich packten, von denen einige vor Angst zitterten.
„Wirf deine furchterregende Hülle ab, Freundchen! Du
hast lange genug die Leute zum Narren gehalten!“ sagte
der Vorsteher, packte ihn beim Kragen und erstarrte, nach-
dem er einen Blick auf ihn geworfen hatte. „Lewko, mein
Sohn!“ rief er, trat vor Verwunderung ein paar Schritte
119
zurück und ließ die Arme sinken. „Du bist es also, du
Hundesohn! Du Ausgeburt der Hölle! Ich grüble, was für
ein Spitzbube, was für ein Teufel im Schafpelz uns da zum
Narren halten mag! Und dann bist du es! Die ungekochte
Mehlspeise soll deinem Vater im Halse steckenbleiben! Du
hast also diesen Unfug auf der Straße angestiftet, du hast
dir also diese Lieder ausgedacht! He, he, he, Lewko! Was
soll das heißen? Dein Rücken sehnt sich anscheinend nach
der Rute! Bindet ihn!“
„Warte, Vater, ich soll dir diesen Brief übergeben“, sagte
Lewko.
„Hier geht es nicht um Briefe, mein Bester! Bindet ihn!“
„Warte, Herr Vorsteher!“ sagte der Schreiber und öf -
nete den Brief. „Das ist die Handschrift des Kommissars!“
„Des Kommissars?“
„Des Kommissars?“ wiederholten die Dorfpolizisten
mechanisch.
Die Handschrift des Kommissars? Seltsam! Das ist noch
unverständlicher! dachte Lewko bei sich.
„Lies ihn vor, lies ihn vor!“ sagte der Vorsteher. „Was
schreibt der Kommissar?“
„Laßt uns hören, was der Kommissar schreibt!“ ließ sich
der Schnapsbrenner vernehmen, der die Pfeife zwischen
den Zähnen hielt und gerade Feuer schlug.
Der Schreiber beugte seinen Oberkörper zurück und be-
gann zu lesen:
„Befehl an den Vorsteher, Jewtuch Makogonenko. Uns ist
zu Ohren gekommen, daß Du alter Dummkopf, statt die
alten Steuern einzutreiben und für Ordnung im Dorf zu
sorgen, völlig den Verstand verloren hast und lauter Un-
sinn treibst …“
„Bei Gott!“ unterbrach ihn der Vorsteher. „Ich verstehe
kein Wort!“
120
Der Schreiber begann von neuem:
„Befehl an den Vorsteher, Jewtuch Makogonenko. Uns
ist zu Ohren gekommen, daß Du alter Dummkopf …“
„Halt, halt! Das ist nicht nötig!“ schrie der Vorsteher.
„Wenn ich auch kein Wort verstanden habe, so weiß ich
doch, daß das noch nicht die Hauptsache ist. Lies weiter!“
„Infolgedessen befehle ich Dir, Deinen Sohn, Lewko
Makogonenko, eilends mit dem Kosakenmädchen Hanna
Petrytschenkowa aus eurem Dorf zu verehelichen, desglei-
chen die Brücken auf den Landstraßen instand zu setzen
und die Gutspferde niemals ohne mein Wissen den Herren
vom Gericht zu überlassen, selbst wenn sie geradeswegs
vom Kameralhof kommen sollten. Falls bei meiner An -
kunft diese meine Befehle nicht ausgeführt sind, werde ich
Dich allein dafür zur Verantwortung ziehen. Kommissar
und Oberleutnant a. D. Kosma Derkatsch-Drischpanowski!“
„So stehen also die Dinge!“ sagte der Vorsteher und
sperrte den Mund auf. „Hört ihr es, hört ihr es: Für alles
muß der Vorsteher geradestehen, und deshalb verlange ich
Gehorsam! Unbedingten Gehorsam! Sonst werde ich, ent-
schuldigt … Und dich“, fuhr der Vorsteher, an Lewko ge-
wandt, fort, „dich werde ich entsprechend dem Befehl des
Kommissars, obwohl es mich wundert, wie er all das in Er-
fahrung gebracht hat, verheiraten. Aber vorher bekommst
du noch meine Nagaika zu kosten! Du kennst sie doch – die,
die bei mir neben den Heiligenbildern an der Wand
hängt? Ich werde sie morgen reparieren … Wie bist du zu
dem Brief gekommen?“
Trotz der Verwunderung, die diese unerwartete Wen-
dung der Dinge bei Lewko hervorrief, war dieser so klug
gewesen, sich eine andere Antwort auszudenken, und ver-
schwieg nun, wie er in Wirklichkeit zu dem Brief gekom-
men war.
„Ich bin gestern abend noch in die Stadt gegangen“,
sagte er, „und habe den Kommissar getrofen, als er ge -
rade aus seiner Kutsche stieg. Als er erfuhr, daß ich aus
unserem Dorf bin, hat er mir diesen Brief gegeben und be-
fohlen, dir, Vater, mündlich auszurichten, daß er auf dem
Rückweg zu uns zum Mittagessen kommt.“
„Hat er das wirklich gesagt?“
„Ja, das hat er.“
„Hört ihr das?“ fragte der Vorsteher, nahm eine respekt-
gebietende Haltung an und wandte sich seinen Begleitern
zu. „Der Kommissar wird höchstpersönlich einen von uns,
das heißt mich, zum Mittagessen aufsuchen. Oh!“ (Hier
erhob der Vorsteher den Zeigefnger und neigte den Kopf
zur Seite, als horche er auf etwas.) „Der Kommissar, hört
ihr, der Kommissar kommt zu mir zum Mittagessen! Was
sagst du dazu, Herr Schreiber, und du, Gevatter? Das ist
durchaus keine geringe Ehre! Habe ich nicht recht?“
„Soweit ich mich erinnern kann“, unterbrach ihn der
Schreiber, „hat noch niemals ein Vorsteher einen Kommis-
sar als Gast an seinem Tisch gehabt.“
„Nicht alle Vorsteher sind gleich!“ erklärte der Vor -
steher mit selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog
sich, und so etwas wie ein schwerfälliges, krächzendes La-
chen, das eher dem Donnern eines fernen Gewitters glich,
entrang sich seinem Mund. „Was meinst du, Herr Schrei-
ber, man müßte doch eigentlich zu Ehren des hohen Gastes
den Befehl erteilen, daß jedes Häuschen wenigstens ein
Hühnchen, nun, etwas Leinwand und noch einiges ablie-
fert … Wie?“
„Ja, das müßte man, das müßte man, Herr Vorsteher!“
„Und wann wird die Hochzeit sein, Vater?“ fragte
Lewko.
„Die Hochzeit? Ich hätte dir die Hochzeit schon versal-
122
zen! Na, zu Ehren des hohen Gastes … Morgen wird euch
der Pope trauen. Zum Teufel mit euch! Der Kommissar soll
sehen, daß hier Ordnung herrscht! Nun, Kinder, es ist Zeit
zum Schlafen! Geht in eure Häuser! Der heutige Vorfall
hat mich an jene Zeiten erinnert, da ich …“
Diese Worte begleitete der Vorsteher mit einem seiner
vielsagenden, bedeutsamen Blicke, die er stets unter den
Brauen hervorschoß.
„Nun, jetzt wird der Vorsteher gleich wieder erzählen,
wie er die Zarin begleitet hat!“ sagte Lewko und eilte mit
schnellen Schritten und freudig erregt dem bekannten
Häuschen zu, das von niedrigen Kirschbäumen umgeben
war.
Gott schenke dir das ewige Himmelreich, du gutes und
herrliches Fräulein! dachte er bei sich. Mögest du in jener
Welt unter den heiligen Engeln ewig lächeln können! Ich
werde niemandem von dem Wunder erzählen, das in die -
ser Nacht geschehen ist, nur dir allein, Halja, werde ich
es beschreiben. Du allein wirst mir glauben und mit mir
zusammen für das Seelenheil der unglücklichen Ertrun-
kenen beten!
Er näherte sich dem Häuschen. Das Fenster stand ofen,
und der Mondschein fel auf die schlafende Hanna; sie hatte
einen Arm unter ihren Kopf geschoben, ihre Wangen wa-
ren von einem zarten Rot überzogen, ihre Lippen be-
wegten sich und f lüsterten undeutlich seinen Namen.
„Schlaf, meine Schöne! Träume von dem Schönsten, das
es nur gibt auf der Welt, doch selbst dies wird nicht so
schön sein wie das Erwachen!“ Er schlug das Kreuz über
sie, schloß das Fenster und entfernte sich leise. Und schon
wenige Minuten später schlief im Dorf alles, nur der Mond
schwamm ebenso leuchtend und wunderbar wie zuvor in
der unermeßlichen Weite des herrlichen ukrainischen Him-
123
mels. Ebenso feierlich wie zuvor strahlte das Firmament,
und die Nacht, die göttliche Nacht, verlosch allmählich.
Ebenso herrlich wie zuvor war das Land in seinem wun-
derbaren Silberglanz, doch niemand berauschte sich mehr
daran: Alles lag in tiefem Schlaf. Nur manchmal wurde
die Stille von einem Hundebellen unterbrochen, und der
betrunkene Kalenik schwankte noch lange durch die schla-
fenden Straßen und suchte sein Häuschen.
124
Der verschwundene Brief
Eine wahre Geschichte, erzählt von dem Küster
an der Kirche zu ***
Ihr wollt also, daß ich euch noch mehr von meinem Groß-
vater erzähle? Meinetwegen, warum soll ich euch nicht die
Freude machen und etwas Lustiges zum besten geben? Ach,
die alten Zeiten, die alten Zeiten! Wie froh und frei wird
einem ums Herz, wenn man hört, was vor langer, langer
Zeit – Jahr und Monat sind schon längst vergessen – alles
passiert ist! Und wenn erst irgendein Verwandter, ein
Großvater oder Urgroßvater seine Hand im Spiel hat, da
kann man einfach nur mit den Schultern zucken – ich will
bei einem Loblied auf die heilige Märtyrerin Barbara
einen Hustenanfall bekommen, wenn es einem dann nicht
125
so zumute ist, als sei man es selbst, als stecke man in der
Haut des Urgroßvaters oder der Urgroßvater in der eige-
nen Haut … Am meisten machen mir unsere Mädchen und
die jungen Ehefrauen zu schafen; sowie sie einen zu Ge-
sicht bekommen, geht es schon los: „Foma Grigorjewitsch,
Foma Grigorjewitsch, erzählen Sie uns doch irgendein
grusliges Märchen, irgendeins, tun Sie es doch!“ Und tara-
tata, tatata – sie wollen sich gar nicht mehr beruhigen …
Es macht mir natürlich nichts aus, eins zu erzählen, aber
ihr müßtet sie dann mal sehen, wenn sie in ihren Betten
liegen. Ich weiß doch, daß dann eine jede von ihnen unter
ihrer Bettdecke zittert, als schüttele sie das Fieber; am
liebsten würde sie dann mit dem Kopf in ihren Schafpelz
kriechen. Wenn eine Ratte an einem Tonkrug kratzt oder
sie selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken stößt – du All-
mächtiger! Wie ihr da das Herz in die Hosen rutscht! Aber
am nächsten Tag haben sie all das wieder vergessen und
bitten von neuem, ihnen ein grusliges Märchen zu erzäh-
len, und wenn es nur ein einziges ist. Was könnte ich euch
denn nun erzählen? So auf Anhieb fällt mir gar nichts
ein … Ja, ich erzähle euch, wie die Hexen mit dem seli -
gen Großvater Schafskopf gespielt haben. Aber ich bitte
schon im voraus darum, meine Herren, mich nicht zu un-
terbrechen, denn sonst wird ein Brei daraus, den keiner
genießen kann. Der selige Großvater, müßt ihr wissen, war
kein gewöhnlicher Kosak. Er verstand sich gar nicht schlecht
aufs Lesen und Schreiben. An Feiertagen sagte er auch die
Apostel her, so daß sich heute noch mancher Popensohn
verstecken müßte. Na, ihr wißt’s ja selbst – wenn man
in den damaligen Zeiten alle Schriftkundigen von Batu-
rin zusammengeholt hätte, wäre selbst eine Mütze zu
groß gewesen; in die hohle Hand gingen sie hinein. Da
brauchte man sich also gar nicht zu wundern, daß jeder,
126
der dem Großvater entgegenkam, sich tief vor ihm ver-
beugte.
Zu dieser Zeit kam es dem vornehmen Herrn Hetman
einmal in den Sinn, aus irgendeinem Grund der Zarin
einen Brief zu schicken. Der damalige Feldschreiber – hol’s
der Teufel, ich kann mich nicht mehr an seinen Namen er-
innern … Wiskrjak hieß er nicht, Motusotschka auch nicht,
Golopuzek auch nicht, ich weiß nur noch, daß sein Name
ganz wunderlich anfng –, der Schreiber ließ also den
Großvater rufen und sagte ihm, daß ihn der Hetman per-
sönlich als Kurier mit einem Brief zu der Zarin schicken
wolle. Der Großvater liebte lange Vorbereitungen nicht;
er nähte den Brief in die Mütze ein, führte das Pferd hin-
aus, gab seiner Frau einen Schmatz und auch seinen bei -
den Ferkelchen – so nannte er sie selbst –, von denen spä-
ter das eine der leibliche Vater von unsereinem wurde,
und ließ eine Staubwolke hinter sich, als würden fünfzehn
Burschen mitten auf der Straße übereinander herfallen.
Am nächsten Tag war der Großvater, bevor der Hahn zum
viertenmal gekräht hatte, schon in Konotop. Zu dieser Zeit
war dort gerade Jahrmarkt, und auf den Straßen liefen
die Leute in solchen Scharen umher, daß es einem nur so
vor den Augen fimmerte. Aber weil es noch früh war,
schliefen alle noch; sie lagen lang ausgestreckt auf der
Erde. Neben einer Kuh lag ein versofener Bursche mit
einer roten Nase, die wie ein Gimpel aussah; etwas ent-
fernter schnarchte im Sitzen eine Händlerin, die Feuer-
steine, blaue Farbe, Schrot und Kringel feilhielt; unter
einem Wagen lag ein Zigeuner; auf einem anderen, der
mit Fischen beladen war, schlief der Fuhrmann; mitten auf
der Straße lag, die Beine weit von sich gestreckt, ein bär -
tiger Moskowiter, der mit Gürteln und Fausthandschuhen
handelte … Kurz, alles mögliche Pack war versammelt,
127
wie das auf Jahrmärkten so üblich ist. Der Großvater blieb
stehen, um sich ordentlich umzusehen. Unterdessen kam
allmählich Leben in die Zelte; die Jüdinnen klirrten mit
ihren Flaschen, hier und da stieg in Ringen Rauch auf, und
der Duft warmen, süßen Backwerks verbreitete sich über
das ganze Lager. Dem Großvater fel plötzlich ein, daß
er weder etwas zum Feuerschlagen noch Tabak bei sich
hatte, und so schlenderte er über den Jahrmarkt. Er war
noch keine zwanzig Schritte gegangen, da kam ihm ein
Saporoger entgegen. Ein Saufbruder, das sah man schon
am Gesicht! Feuerrote Hosen, ein blauer Rock, ein greller
bunter Gürtel, an der Seite einen Säbel und im Mund
eine Pfeife mit einer Messingkette, die bis an die Fersen
reichte – ein echter Saporoger war das! Das ist ein Volk!
Da steht so einer da, reckt sich, streicht sich seinen verwe-
genen Schnurrbart, stampft mit den Stiefeleisen auf und
fängt dann an zu tanzen! Aber wie! Die Beine hüpfen wie
eine Spindel in Weiberhänden; wie der Wind fiegt seine
Hand über die Saiten der Bandura, und dann stemmt er
die Hände in die Hüften und geht beim Tanzen in die
Knie; dazu singt er auch noch – das Herz lacht einem im
Leibe! Nein, die Zeiten sind nun vorbei – jetzt gibt es
keine Saporoger mehr! Ja, so haben sie sich getrofen. Ein
Wort gab das andere, und im Nu hatten sie Bekanntschaft
geschlossen. Da ging ein Reden und Erzählen los, daß der
Großvater seine Reise ganz vergaß. Und gesofen wurde
wie auf einer Hochzeit vor den großen Fasten. Doch schließ-
lich wurde es ihnen über, Krüge zu zerschlagen und Geld
unter das Volk zu werfen, und außerdem kann man ja
auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben! Und so kamen
die beiden neuen Freunde überein, sich nicht zu trennen
und den Weg gemeinsam zurückzulegen. Es war schon spät
am Abend, als sie aufs freie Feld hinausritten. Die Sonne
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war bereits zur Ruhe gegangen; hier und da glühten statt
ihrer noch rötliche Streifen am Himmel; die Felder leuch-
teten wie die Feiertagsröcke schwarzbrauiger junger Ehe-
frauen. Unseren Saporoger überkam eine schreckliche
Schwatzsucht. Der Großvater und noch ein anderer Sauf-
bruder, der sich ihnen angeschlossen hatte, dachten schon,
er sei vom Teufel besessen. Was er da alles hervorholte.
Er kramte solche tollen Geschichten und Redensarten aus,
daß der Großvater sich vor Lachen die Seiten halten mußte
und beinahe gestorben wäre. Doch auf dem Feld wurde
es mit der Zeit immer dunkler, und die Reden des tollküh-
nen Burschen wurden allmählich immer unzusammenhän-
gender. Schließlich war unser Geschichtenerzähler ganz
still geworden und zuckte bei dem kleinsten Geräusch zu-
sammen.
„He, he, Landsmann! Dir ist wohl ernstlich das Herz in
die Hosen gerutscht! Du sehnst dich wohl nach Hause und
möchtest am liebsten auf dem Ofen liegen!“
„Was soll ich’s vor euch verbergen“, sagte er und drehte
sich dabei plötzlich um und sah sie mit starren Blicken an.
„Damit ihr es wißt, ich habe meine Seele schon lange dem
Teufel verkauft!“
„Was ist da schon groß dabei! Wer hat denn in seinem
Leben noch nicht mit dem Teufel zu tun gehabt? Da hilft
nur eins, feiern, wie es so schön heißt, auf Teufel komm
raus!“
„Ach, Brüder, ich würde ja gern feiern, doch heute nacht
läuft meine Zeit ab! He, Brüder“, sagte er und schüttelte
ihre Hände, „he, laßt mich nicht im Stich! Schlaft nur diese
eine Nacht nicht, niemals werde ich euren Freundesdienst
vergessen!“
Warum sollte man einem Menschen in solcher Not nicht
helfen? Der Großvater erklärte geradeheraus, daß er sich
129
eher den Kosakenschopf abschneiden ließe, als daß er es
dem Teufel erlaubte, mit seiner Hundeschnauze an einer
Christenseele herumzuschnüfeln.
Die Kosaken wären vielleicht noch weiter geritten, wenn
die Nacht den Himmel nicht wie mit schwarzer Leinwand
überzogen hätte und es im Felde nicht so dunkel gewor-
den wäre wie unter einem Schafpelz. Nur in der Ferne
blinzelte ein Licht, und die Pferde, die den nahen Stall
witterten, grifen aus, spitzten die Ohren und bohrten die
Augen in die Finsternis. Das Licht schien ihnen entgegen-
zukommen, und vor den Kosaken tauchte eine Schenke auf,
die Schlagseite hatte wie eine Bauersfrau, die von einer
lustigen Taufe kommt. Damals waren die Schenken nicht
so wie heute. Nicht nur, daß ein braver Mann sich in ihnen
nicht austoben und keinen Gorliza oder Hopak tanzen
konnte – es war nicht einmal Platz zum Hinlegen da, wenn
einem der Schnaps zu Kopf stieg und die Beine anfngen,
Buchstaben auf den Boden zu malen. Der Hof stand vol-
ler Wagen, und im Schuppen, in den Raufen und auf dem
Flur lagen Leute zusammengekrümmt oder ausgestreckt
und schnarchten wie die Kater. Nur der Schankwirt war
noch wach und kerbte beim Schein eines Fettlämpchens die
Zahl der Viertel und Achtel, die die Fuhrleute geleert hat-
ten, in ein Stöckchen ein. Der Großvater bestellte für sich
und die anderen zwei einen Dritteleimer und ging dann
in den Schuppen. Sie legten sich nebeneinander. Der Groß-
vater hatte noch nicht einmal Zeit gefunden, sich auf die
Seite zu drehen, als er sah, daß seine Landsleute schon
wie die Toten schliefen. Der Großvater weckte den dritten
Kosaken, der sich ihnen angeschlossen hatte, und erinnerte
ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben
hatten. Der Kosak stand daraufhin auf, rieb sich die Augen
und schlief von neuem ein. Da blieb ihm nichts anderes
130
übrig, als allein Wache zu halten. Um den Schlaf zu ver-
treiben, besah er sich alle Wagen, nahm die Pferde in
Augenschein und zündete sich eine Pfeife an. Dann kam
er zurück und setzte sich wieder zu seinen Kameraden.
Alles ringsum war still, nicht einmal eine Fliege hörte man
summen. Doch plötzlich war ihm, als strecke hinter dem
nächsten Wagen etwas Graues seine Hörner hervor … An-
dauernd felen ihm die Augen zu, so daß er sie fortwäh-
rend mit der Faust reiben und mit dem Rest Schnaps aus-
waschen mußte. Doch sowie er wieder etwas klarer sah,
war alles verschwunden. Nach einer Weile schließlich zeigte
sich das Ungeheuer wieder, diesmal unter dem Wagen …
Der Großvater riß seine Augen auf, so weit er konnte,
aber die verfuchte Müdigkeit umnebelte seinen Blick;
seine Arme wurden schwer wie Blei, sein Kopf sank her-
ab, und der Schlaf übermannte ihn so plötzlich, daß er wie
tot hinschlug. Der Großvater schlief lange; er stand erst
auf, als die Sonne schon ordentlich auf seinen kahlrasier-
ten Schädel brannte. Er reckte sich zweimal, kratzte sich
am Rücken und sah dann, daß nicht mehr so viele Wagen
auf dem Hof standen wie am Abend. Die Fuhrleute hatten
sich anscheinend schon vor Sonnenaufgang auf den Weg
gemacht. Er wendete sich seinen Kameraden zu – der Ko-
sak schlief, der Saporoger aber war fort. Er fragte nach
ihm – keiner konnte etwas sagen; nur sein langer Bauern-
kittel lag noch da. Da erschrak der Großvater und begann
zu grübeln. Er ging, um nach den Pferden zu sehen – we-
der das eigene noch das des Saporogers fand er da! Was
konnte das nur bedeuten? Angenommen, der Beelzebub
hat den Saporoger mitgenommen – wo sind aber dann die
Pferde? Als der Großvater alle Möglichkeiten erwogen
hatte, kam er zu dem Schluß, daß der Teufel sicherlich zu
Fuß gekommen sei und sein Pferd habe mitgehen heißen,
131
da der Weg zur Hölle nicht gerade kurz ist. Er war ganz
niedergeschlagen, weil er sein Kosakenwort nicht gehalten
hatte. Na, da bleibt eben nichts anderes übrig, als zu Fuß
zu gehen – vielleicht trefe ich unterwegs einen Händler,
der vom Jahrmarkt kommt; irgendwie werde ich schon zu
einem Pferd kommen, dachte er. Doch als er nach seiner
Mütze grif, war sie weg. Wie hat da der selige Großvater
die Hände zusammengeschlagen, als er sich erinnerte, daß
er seine Mütze gestern vorübergehend mit der des Sapo-
rogers vertauscht hatte! Wer anderes als der Beelzebub
hatte sie mitgenommen! Ein schöner Kurier vom Hetman
bin ich! Da habe ich den Brief an die Zarin ja wirklich
pünktlich abgeliefert! Der Großvater bedachte den Teufel
mit solchen Namen, daß der, glaub ich, nicht nur einmal
in seiner Hölle hat niesen müssen. Doch Schimpfen hilft
immer wenig, und wie sehr sich der Großvater auch den
Nacken kratzte, er wußte nicht, was er machen sollte. Was
tun? Er wollte fremden Geist zu Rate ziehen: Er rief all
die guten Leute zusammen, die damals in der Schenke wa-
ren, die Fuhrleute und die gewöhnlichen Reisenden, und
erzählte ihnen, was geschehen und was für ein Unglück
über ihn hereingebrochen war. Die Fuhrleute dachten lange
nach, wobei sie das Kinn auf den Peitschenstiel stützten;
dann schüttelten sie den Kopf und sagten, daß ihnen solch
ein Wunder in der Welt der Rechtgläubigen noch niemals
zu Ohren gekommen ist, daß sie noch nie gehört haben,
der Teufel hätte einen Brief vom Hetman gestohlen. An-
dere fügten hinzu, daß man niemals wieder zu Gesicht b e-
kommt, was der Teufel oder ein Moskowiter gestohlen hat.
Nur der Schankwirt saß still in seiner Ecke. Der Groß -
vater ging zu ihm hin. Wenn ein Mensch stillschweigt, hat
er sicherlich viel Verstand. Doch der Schankwirt war nicht
besonders freigebig mit Worten, und wenn der Großvater
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nicht die fünf Goldstücke aus seiner Tasche geholt hätte,
dann wären alle Fragen umsonst gewesen.
„Ich werde dir sagen, wie du den Brief fnden kannst“,
sagte er und führte ihn beiseite. Dem Großvater fel ein
Stein vom Herzen. „Ich sehe dir an den Augen an, daß
du ein Kosak bist und kein Weib. Paß auf! Dicht bei der
Schenke biegt der Weg rechts in den Wald ab. Sowie es
draußen anfängt zu dämmern, halt dich bereit. Im Wald
wohnen Zigeuner; in einer solchen Nacht, in der nur die
Hexen auf ihren Feuerhaken reiten, kommen sie aus ihren
Höhlen heraus, um Eisen zu schmieden. Was sie in Wirk-
lichkeit tun, geht dich nichts an. Der Wald wird von Ge-
hämmer erfüllt sein, doch geh nicht in die Richtung, aus
der das Geklopfe zu dir dringt. Du wirst einen Pfad vor
dir sehen, der an einem verkohlten Baum vorbeiführt, die-
sen Pfad schlage ein und gehe auf ihm weiter und immer
weiter … Dornen werden dich kratzen, dichte Haselnuß-
büsche werden dir den Weg versperren – du aber mußt im-
mer weiter gehen; erst wenn du an ein kleines Flüßchen
kommst, darfst du stehenbleiben. Dort wirst du denjenigen
sehen, den du brauchst, vergiß aber nicht, deine Taschen
mit all den Dingern vollzustopfen, für die die Taschen be-
stimmt sind … Du verstehst, diese Ware lieben sowohl die
Teufel als auch die Menschen.“
Nach diesen Worten ging der Schankwirt in seine Kam-
mer und wollte kein Wort mehr sagen.
Mein seliger Großvater gehörte durchaus nicht zu den
Angsthasen; es ist vorgekommen, daß er, wenn er auf
einen Wolf traf, ihn einfach beim Schwanz packte; und
wenn er seine Fäuste unter den Kosaken spielen ließ, dann
plumpsten alle wie die reifen Birnen auf die Erde. Aber
als er in jener fnsteren Nacht in den Wald trat, lief es
ihm doch eiskalt über den Rücken. Wenn wenigstens ein
133
Sternchen am Himmel geleuchtet hätte. Es war dunkel und
still wie in einem Weinkeller; nur weit, weit oben, über
seinem Kopf, strich ein kalter Wind durch die Wipfel der
Bäume, und die Bäume schwankten trunken hin und her
wie berauschte Kosakenköpfe, und das Flüstern der Blät-
ter glich dem Reden Betrunkener. Da wehte den Groß-
vater plötzlich solch ein kalter Hauch an, daß er an seinen
Schafpelz denken mußte, und im Wald erhob sich ein Ge-
klopfe wie von hundert Hämmern, so daß ihm der Kopf
dröhnte, und eine Art Wetterleuchten erhellte für einen
Augenblick den Wald. Der Großvater bemerkte sofort den
Pfad, der sich zwischen niedrigem Gesträuch dahinschlän-
gelte. Da waren auch schon der verkohlte Baum und die
Dornenhecken! Alles war so, wie ihm gesagt worden war;
nein, der Schankwirt hatte ihn nicht betrogen. Allein, be-
sonderen Spaß machte es nicht, sich durch dieses Dornen-
gestrüpp hindurchzuarbeiten; sein Lebtag lang war ihm
noch nicht vorgekommen, daß die verfuchten Dornen und
Äste ihn so schmerzhaft kratzten; fast bei jedem Schritt
hätte er aufschreien mögen. Allmählich verbreiterte sich der
Pfad, und die Bäume wurden, soweit er das sehen konnte,
seltener, und je weiter er ging, desto größer wurden sie –
solche Bäume hatte der Großvater nicht einmal jenseits
von Polen gesehen. Und da blitzte zwischen den Bäumen
auch schon das Flüßchen auf, das schwarz wie brünierter
Stahl war. Lange stand der Großvater am Ufer und blickte
nach allen Seiten. Am anderen Ufer brannte ein Feuer;
es sah aus, als wollte es verlöschen, doch es fammte von
neuem auf, spiegelte sich im Flüßchen und zitterte wie ein
polnischer Edelmann vor Kosakenfäusten. Da war auch
eine kleine Brücke! Nun, über die hätte höchstens der Ein-
spänner des Teufels fahren können! Doch der Großvater
betrat sie tapfer und war schneller am anderen Ufer, als
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ein anderer vielleicht seine Tabaksdose hervorzieht, um
eine Prise zu nehmen. Jetzt sah er erst, daß am Feuer
Leute saßen. Sie hatten solche widerlichen Fratzen, daß er
zu einem anderen Zeitpunkt wer weiß was darum gegeben
hätte, die Bekanntschaft dieser Leute nicht machen zu müs-
sen. Doch jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als mit ihnen
anzubändeln. Der Großvater verbeugte sich vor ihnen fast
bis zur Erde. „Gott zum Gruß, ihr guten Leute!“ Wenn
wenigstens einer mit dem Kopf genickt hätte! Aber sie
saßen da, redeten kein Wort und schütteten nur etwas ins
Feuer. Als der Großvater sah, daß noch ein Platz frei war,
setzte er sich ohne große Umstände zu ihnen. Die wider-
lichen Fratzen sagten nichts, und der Großvater sagte auch
nichts. Lange saßen sie so schweigend da. Dem Großvater
wurde es schon langweilig, er kramte in seiner Tasche her-
um, zog die Pfeife hervor und blickte sich um – niemand
sah ihn an. „Euer Wohlgeboren, würden Sie so freundlich
sei und, wie soll ich es ausdrücken …“ (Der Großvater
hatte viel von der Welt gesehen, er verstand sich auf
Komplimente und hätte sich bei Gelegenheit nicht einmal
vor dem Zaren blamiert.) „Wie soll ich es ausdrücken, um
mir selbst nichts Schlechtes anzutun und auch Sie nicht zu
beleidigen – die Pfeife habe ich, aber nichts, womit ich
sie in drei Teufels Namen anzünden könnte!“ Wenn sie
daraufhin wenigstens ein Wort gesagt hätten! Nur eine
der Fratzen schleuderte dem Großvater ein brennendes
Holzscheit direkt an die Stirn – wenn er nicht schnell ein
wenig zur Seite gerückt wäre, hätte er wahrscheinlich für
immer von einem Auge Abschied nehmen müssen. Als er
schließlich sah, daß die Zeit nur unnütz verstrich, entschloß
er sich – ob die Satansbrut nun zuhören wollte oder nicht –,
ihr sein Anliegen vorzutragen. Da spitzten die Fratzen
ihre Ohren und streckten ihre Pfoten aus. Der Großvater
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erriet, was sie wollten; er nahm alles Geld, das er besaß,
in die Hand und warf es unter sie, als wären es Hunde.
Sowie er ihnen das Geld hingeworfen hatte, ging alles drü-
ber und drunter; die Erde erbebte, und er geriet – wie, das
konnte er später selbst nicht mehr sagen – allem Anschein
nach direkt in die Hölle. „Du lieber Gott!“ seufzte der
Großvater, als er sich etwas genauer umgesehen hatte. Was
waren das für Ungeheuer! Man konnte vor lauter Fratzen
die Fratzen nicht sehen, wie es so schön heißt. Und Hexen
gab es in solchen Mengen wie Schneefocken zu Weihnach-
ten; sie waren aufgeputzt und angemalt wie die Fräulein
auf dem Jahrmarkt. Und alle, wie viele es auch immer
waren, tanzten wie im Rausch einen Teufelstanz. Gott im
Himmel, was die für Staub aufwirbelten! Ein getaufter
Christenmensch hätte Gänsehaut bekommen, wenn er nur
gesehen hätte, wie hoch dieses Teufelsgezücht sprang. Doch
der Großvater mußte trotz seines großen Schreckens lachen,
als er sah, wie die Teufel mit ihren Hundeschnauzen und
ihren krummen Beinen den Hexen schwanzwedelnd den
Hof machten wie die Burschen den schönen Mädchen und
wie die Musikanten ihre Backen mit Fäusten bearbeiteten,
als wären sie Trommeln, und durch ihre Nasen bliesen
wie durch Waldhörner. Kaum hatten sie den Großvater
entdeckt, da stürzte schon eine ganze Horde auf ihn zu;
Schweinerüssel, Hundeschnauzen, Bocksmäuler, Vogelfrat-
zen, Pferdeköpfe – alle streckten sich ihm entgegen und
wollten ihn küssen. Der Großvater spuckte aus, so sehr
widerte ihn das an! Schließlich packten sie ihn und setzten
ihn an einen Tisch, der vielleicht so lang war wie der Weg
von Konotop bis nach Baturin. Na, das wäre ja noch nicht
das Schlimmste, dachte der Großvater, als er auf dem Tisch
Schweinefeisch, Wurst, feingeschnittene, mit Kraut ver-
mengte Zwiebeln und alle möglichen Süßigkeiten sah. An-
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scheinend hält sich dieses Teufelspack nicht an die Fasten.
Der Großvater, müßt ihr wissen, hatte gar nichts dagegen,
bei Gelegenheit ordentlich zuzulangen. Der Selige aß im-
mer mit großem Appetit, und deshalb zog er, ohne sich
auf lange Erklärungen einzulassen, eine Schüssel mit klei-
nen Speckstückchen und eine Schinkenkeule zu sich heran,
ergrif eine Gabel, die nur wenig kleiner als eine Heugabel
war, spießte das größte Stück auf, nahm noch einen Brot-
kanten und – bums, schon hatte er all das in einen frem-
den Mund geschoben. Gerade neben seinen Ohren mußte
er sein, es war sogar zu hören, wie dieses Maul kaute und
dabei mit den Zähnen knirschte, daß es über den ganzen
Tisch schallte. Der Großvater ließ sich nicht stören; er
packte ein anderes Stück und berührte es scheinbar schon
mit den Lippen, doch wieder landete es nicht in seinem
Mund. Zum drittenmal versuchte er es – und wieder ging
es daneben. Da wurde der Großvater wütend. Er vergaß
seine Angst und auch, in welchen Händen er sich befand.
Er sprang auf die Hexen zu und sagte: „Ihr Satansbrut,
ihr wollt euch wohl über mich lustig machen? Wenn ihr
mir nicht sofort meine Kosakenmütze wiedergebt, dann
will ich ein Katholik sein, wenn ich euch eure Schweinefrat -
zen nicht auf den Rücken drehe!“
Kaum hatte er die letzten Worte gesagt, da bleckten alle
Ungeheuer ihre Zähne und stimmten solch ein Geläch-
ter an, daß dem Großvater vor Schreck das Herz still-
stand.
„Gut!“ kreischte eine von den Hexen, die der Großvater
für die Anführerin hielt, weil ihre Fratze fast noch häß-
licher war als die der anderen. „Ich werde dir die Mütze
geben, aber zuvor mußt du dreimal mit uns Schafskopf
spielen!“
Was war da zu machen? Ein Kosak – und dann mit Wei-
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bern Schafskopf spielen! Dem Großvater widerstrebte das
sehr, doch schließlich setzte er sich hin. Man brachte die
Karten; sie waren ebenso speckig wie die, die sich die
Popentöchter legen, um zu sehen, ob sich ein Bräutigam
einstellt.
„Paß auf!“ kläfte die Hexe zum zweitenmal. „Wenn du
nur ein einziges Mal gewinnst, gehört die Mütze dir,
wenn du aber alle drei Spiele verlierst und Schafskopf
wirst, dann ärgere dich nicht, wenn du nicht nur die Mütze,
sondern auch die Erde nicht mehr wiedersiehst!“
„Teil aus, Alte, teil aus! Ich laß es drauf ankommen!“
Die Karten waren verteilt. Der Großvater nahm seine
in die Hand – am liebsten hätte er sich abgewandt, sie
taugten alle nichts, nur ein einziger Trumpf war wie zum
Hohn dabei. Das Höchste von jeder Farbe war die Zehn,
nicht einmal ein Paar hatte er, die Hexe aber spielte im-
merzu Fünfer aus. Er mußte einfach Schafskopf werden!
Kaum hatte der Großvater verloren, da wieherten, bellten
und grunzten von allen Seiten die Mäuler:
„Schafskopf! Schafskopf! Schafskopf!“
„Wenn ihr doch platzen würdet, ihr Teufelsbrut!“ schrie
der Großvater und hielt sich die Ohren zu.
Na, dachte er bei sich, die Hexe hat nicht richtig ge-
mischt; jetzt werde ich die Karten geben. Das tat er auch.
Er sagte den Trumpf an und betrachtete seine Karten. Es
waren fabelhafte Karten, auch Trümpfe hatte er dabei. Zu-
erst lief auch alles ausgezeichnet, aber die Hexe hatte eine
Fünf und alle Könige! Der Großvater hatte lauter Trümpfe
in den Händen. Ohne lange zu überlegen, packte er mit sei-
nen Trümpfen alle Könige bei den Schnurrbärten.
„He, he, das ist aber nicht Kosakenart! Womit stichst
du denn, Landsmann?“
„Was heißt hier womit? Natürlich mit Trümpfen!“
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„Vielleicht sind das bei euch Trümpfe, bei uns sind das
aber keine!“
Er guckte – wahrhaftig, es war nur eine einfache Farbe.
Was war das nur für Teufelsspuk! Da mußte er also zum
zweitenmal Schafskopf werden, und dieses Teufelspack fng
wieder an, sich die Kehlen wund zu schreien: „Schafskopf,
Schafskopf!“ Sie schrien so, daß der Tisch zitterte und die
Karten darauf hochsprangen. Der Großvater geriet in Wut
und gab die Karten zum letzten Mal. Wieder ging alles
gut. Die Hexe hatte wieder einen Fünfer; der Großvater
stach ihn und kaufte eine ganze Handvoll Trümpfe.
„Trumpf!“ schrie er und hieb die Karte so auf den Tisch,
daß sie ganz krumm wurde; die Hexe aber stach die Karte,
ohne ein Wort zu sagen, mit einer einfachen Acht. „Womit
hast du altes Teufelsweib da gestochen!“ Die Hexe hob ihre
Karte hoch: Darunter lag eine einfache Sechs. „Da hat der
Teufel seine Hand im Spiel!“ sagte der Großvater und ließ
vor Ärger die Faust auf den Tisch niedersausen. Glück-
licherweise hatte die Hexe ein schlechtes Blatt; der Groß -
vater aber hatte in diesem Augenblick lauter Paare, als
hätte er sie bestellt. Er kaufte sich Karten, doch ihm wurde
ganz schwach: Sie waren so schlecht, daß er die Hände sin-
ken ließ. Keine einzige gute Karte war darunter. Er spielte
nun, ohne achtzugeben, eine einfache Sechs aus, die Hexe
nahm sie an. Donnerwetter! Was war denn das? He, he,
irgendwas stimmte doch hier nicht! Der Großvater hielt die
Karten unauffällig unter den Tisch und schlug das Kreuz
über sie; sieh da – er hatte Trumpfas, Trumpfkönig und
Trumpfbube in der Hand, und statt der Sechs hatte er eine
Dame ausgespielt. „Was bin ich nur für ein Schafskopf
gewesen! Trumpf könig! Was? Angenommen, wie? Du
Katzenvieh! Und das As willst du wohl nicht? As! Bube!“
Ein Donnerrollen ging durch die Hölle, die Hexe bekam
Krämpfe, und plötzlich, niemand weiß, woher, fog dem
Großvater die Mütze – bums! – mitten ins Gesicht.
„Nein, das ist noch nicht alles!“ schrie der Großvater, der
Mut gefaßt und sich seine Mütze aufgesetzt hatte. „Wenn
nicht auf der Stelle mein braves Pferd hier erscheint, so soll
mich auf diesem unreinen Platz sogleich der Blitz trefen,
wenn ich nicht über euch alle das heilige Kreuz schlage!“
Er hatte schon die Hand erhoben, da klapperten plötzlich
Pferdeknochen vor ihm.
„Da hast du dein Pferd!“
Als der Arme die Knochen vor sich sah, brach er wie ein
törichtes Kind in Tränen aus. Sein Gefährte tat ihm leid!
„Gebt mir wenigstens irgendein anderes Pferd, damit
ich aus eurem Teufelsnest hier herauskomme!“
Der Teufel klatschte mit der Peitsche, und so wie Feuer
aus der Erde schlägt, wuchs unter ihm ein Pferd empor
und trug ihn in Windeseile nach oben.
Allein, Angst überkam ihn während des Rittes, als das
Pferd, ohne auf Schreie und Zügel zu achten, über Schluch-
ten und Sümpfe dahinjagte. Wenn der Großvater später
nur davon erzählte, an welchen Orten er überall gewesen
war, lief es ihm schon kalt über den Rücken. Er guckte vor
sich hin und erschrak noch mehr: Ein Abgrund! Und furcht-
bar steil! Aber dem Teufelspferd machte das überhaupt
nichts aus, es brauste einfach darüber hinweg. Der Gro ß -
vater wollte sich festhalten, aber das gelang ihm nicht. Über
Baumstümpfe und Erdhügel fog er kopfüber in die Schlucht
und schlug in der Tiefe so hart auf, daß er fast den Geist
aufgab. Jedenfalls konnte er sich später nicht mehr daran
erinnern, was mit ihm geschehen war; als er sich ein wenig
erholt hatte und sich umschaute, war es schon ganz hell ge-
worden; vor ihm lag eine bekannte Gegend, und er selbst
befand sich auf dem Dach seines Hauses.
Da hat sich der Großvater aber bekreuzigt, als er hinun-
tergestiegen war! Was, zum Donnerwetter, der Mensch
doch für Wunder erleben kann! Er sah seine Hände an –
sie waren voller Blut; er blickte in ein dastehendes Wasser-
faß – auch sein Gesicht war voller Blut. Als er sich ordent-
lich gewaschen hatte, um die Kinder nicht zu erschrecken,
trat er leise in das Häuschen, und da sah er, wie ihm die
Kinder rückwärts entgegenstolperten, dabei voller Schrek-
ken auf die Mutter wiesen und sagten: „Guck mal, guck
mal, die Mutter springt herum wie verrückt!“ Und wahr-
haftig, das Weib war vor der Hechel eingeschlafen, hielt
in der Hand die Spindel und hüpfte im Schlaf auf der
Ofenbank herum. Der Großvater nahm sie vorsichtig bei
der Hand und weckte sie auf.
„Guten Tag, Frau! Fehlt dir etwas?“
Die Frau sah den Großvater lange mit großen Augen
an, dann erkannte sie ihn und erzählte, wie sie geträumt
habe, der Ofen sei in der Stube umhergefahren, habe mit
der Schaufel die Krüge und Kübel hinausgejagt und der
Teufel weiß, was noch alles.
„Na“, sagte der Großvater, „du hast das geträumt, aber
ich habe es erlebt. Ich seh schon, wir werden unser Haus
mit Weihwasser besprengen lassen müssen, jetzt aber will
ich mich nicht mehr länger verweilen.“
Als er das gesagt und sich ein wenig ausgeruht hatte,
holte der Großvater sein Pferd aus dem Stall und ritt, ohne
anzuhalten, Tag und Nacht, bis er endlich am Ziel war und
der Zarin den Brief überreicht hatte. Dort bekam der
Großvater solche Wunderdinge zu sehen, daß er noch lange
davon zu erzählen wußte: Wie sie ihn durch Säle führten,
die so hoch waren, daß wahrscheinlich nicht einmal zehn
übereinandergestellte Häuser bis an die Decke reichten,
wie er in das erste Zimmer hineintrat und keinen sah, wie
er in das zweite hineintrat und keinen sah, wie er in das
dritte hineintrat und immer noch keinen sah, wie er sogar
im vierten niemanden erblickte und wie sie erst im fünften
saß, mit einer goldenen Krone, in einem neuen grauen Kit-
tel und roten Stiefeln, und goldene Klöße aß. Und wie sie
befahl, ihm die ganze Mütze mit blauen Banknoten voll-
zuschütten, und wie … Doch an alles kann man sich gar
nicht mehr erinnern. An seine Erlebnisse mit den Teufeln
dachte der Großvater überhaupt nicht mehr, und wenn ihn
jemand daran erinnerte, dann schwieg der Großvater, als
ginge ihn das Ganze nichts an, und es kostete große Mühe,
ihn dazu zu bringen, daß er erzählte, was sich zugetragen
hatte. Und ofensichtlich zur Strafe, daß er es versäumt
hatte, das Haus sofort mit Weihwasser besprengen zu las-
sen, geschah mit der Frau alljährlich um die fragliche Zeit
ein Wunder – sie mußte immerzu tanzen, ob sie wollte oder
nicht. Was sie auch anfng, die Beine hatten ihren eigenen
Willen und zwangen sie, sich im Tanze zu drehen.
143
Zweiter Teil
144
145
Vorrede
Da habt ihr auch das zweite Büchlein oder, besser gesagt,
das letzte! Auch dieses wollte ich erst gar nicht heraus -
geben, nein, ich wollte es nicht, denn man muß ja schließ-
lich auch Grenzen kennen. Ich sage euch, im Weiler lachen
sie schon über mich. „Seht mal“, so sagen sie, „der Alte
ist verrückt geworden, in seinen Jahren gibt er sich noch
mit solchen Kindereien ab!“ Sie haben recht, es ist schon
lange an der Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Ihr, liebe
Leser, denkt bestimmt, daß ich nur so tue, als sei ich alt.
Was heißt hier aber so tun, wenn ich schon keinen Zahn
mehr im Mund habe! Wenn mir jetzt etwas Weiches in
146
den Mund kommt, dann werde ich schon noch damit fertig,
doch wenn es etwas Hartes ist, dann ist nichts zu machen.
Hier habt ihr also wieder ein Büchlein! Schimpft nur nicht
über mich! Es ist nicht schön, beim Abschied zu schimpfen,
und schon gar nicht mit jemandem, den ihr Gott weiß
wann einmal wiederseht. In diesem Büchlein hört ihr die
Geschichten von Leuten, die ihr fast alle nicht kennt, aus-
genommen höchstens Foma Grigorjewitsch. Das erbsen-
farbene Herrchen aber, das seine Geschichten immer in so
wunderlicher Sprache zum besten gab, daß ihn selbst unter
den Moskauern viele Witzbolde nicht verstehen konnten,
das ist schon lange nicht mehr da. Nachdem er sich mit
allen verzankt hatte, ist er nicht mehr zu uns zu Besuch
gekommen. Ach, ich habe euch diese Geschichte noch gar
nicht erzählt? Hört gut zu, es war urkomisch. Voriges Jahr
zur Sommerszeit, ich glaube fast, es war mein Namenstag,
kamen Gäste zu mir. (Ihr müßt wissen, liebe Leser, daß
meine Landsleute, Gott gebe ihnen Gesundheit, mich alten
Mann nicht vergessen. Schon seit fünfzig Jahren feiere ich
meinen Namenstag. Wie alt ich wirklich bin, das können
euch weder ich noch meine Alte sagen. Es muß so gegen
die Siebzig sein. Der Pope von Dikanka, der Vater Char-
lampi, wußte, wann ich geboren bin, aber leider weilt er
schon seit fünfzig Jahren nicht mehr unter den Lebenden.)
Also, es kamen Gäste zu mir: Sachar Kirilowitsch Tschu-
chopupenko, Stepan Iwanowitsch Kurotschka, Taras Iwano-
witsch Smatschnenki, der Beisitzer Charlampi Kirilowitsch
Chlosta, außerdem kam noch … Jetzt hab ich doch wahr-
haftig den Vornamen und auch den Familiennamen ver -
gessen … Ossip … Ossip … Mein Gott, ganz Mirgorod
kennt ihn doch! Wenn er spricht, dann schnipst er zuvor
immer mit den Fingern und stemmt die Arme in die Sei -
ten … Na, lassen wir es! Ein andermal fällt es mir be -
147
stimmt wieder ein. Auch das Herrchen aus Poltawa, das
ihr schon kennt, war gekommen. Foma Grigorjewitsch
nenne ich erst gar nicht, der gehört schon so gut wie zu
uns. Alle unterhielten sich (hier muß ich wieder bemer-
ken, daß bei uns niemals über irgendwelche Nichtigkeiten
geredet wird. Ich bin schon immer für anständige Ge-
spräche gewesen, die einen, wie man so sagt, sowohl er-
bauen als auch belehren), alle unterhielten sich also dar-
über, wie man am besten Äpfel einlegt. Meine Alte fng
an, darzulegen, daß man die Äpfel zunächst gut ab-
waschen, dann in Kwaß legen muß, und dann … „Das
wird was Schönes werden!“ unterbrach sie da der aus Pol-
tawa, steckte die Hände unter seinen erbsenfarbenen Kaf-
tan und ging mit würdevollen Schritten durchs Zimmer.
„Das wird was Schönes werden! Zuerst muß man Frauen-
minze darüber streuen, und dann erst …“ Na, ich frage
euch, liebe Leser, sagt’s ehrlich, habt ihr jemals gehört, daß
Äpfel mit Frauenminze bestreut werden? Es werden aller-
dings Johannisbeerblätter darüber gelegt, und Habichts-
kraut, und Wiesenklee, aber daß man Frauenminze dar-
aufegt … nein, das habe ich noch nicht gehört. Besser als
meine Alte weiß doch wohl in diesen Dingen kaum jemand
Bescheid. Na, sagt es selbst! Da er ein ehrbarer Mensch
ist, nehm ich ihn absichtlich unaufällig beiseite und sagte:
„Hör mal, Makar Nasarowitsch, mach die Leute nicht
lachen! Du bist doch ein hochachtbarer Mann; du hast doch,
wie du uns selbst erzählt hast, sogar mit dem Gouverneur
an einem Tisch gesessen. Wenn du solche Sachen von dir
gibst, dann lachen dich doch alle aus!“ Was meint ihr –
was hat er wohl darauf geantwortet? Nichts! Er spuckte
aus, ergrif seine Mütze und ging weg. Nicht einmal ver-
abschiedet hat er sich, nicht einmal zugenickt hat er jeman-
dem von uns, wie sein Wagen mit den Glöckchen vorfuhr,
148
wie er sich hineinsetzte und fortfuhr. Und das war auch
das beste! Solche Gäste brauchen wir nicht! Ich muß euch
gestehen, liebe Leser, es gibt nichts Schlimmeres auf der
Welt als diese Aristokraten. Weil sein Onkel irgendwann
einmal Kommissar war, sitzt er jetzt auf dem hohen Roß.
Als ob es keinen höheren Rang auf der Welt gäbe als
Kommissar. Gottlob gibt es noch Leute, die mehr sind als
ein Kommissar. Nein, ich liebe diese Aristokraten nicht.
Nehmt zum Beispiel Foma Grigorjewitsch: Wenn ich mich
nicht irre, ist er kein berühmter Mann, aber seht ihn nur
einmal an. Sein Gesicht strahlt Würde aus; selbst wenn er
gewöhnlichen Tabak schnupft, empfndet man unwillkür-
lich Achtung vor ihm. Und wenn er erst im Kirchenchor
singt – unbeschreiblich ergreifend ist das! Man zerfießt
beinah vor Rührung! Aber der da … Gott mit ihm! Er
denkt, daß es ohne seine Märchen nicht geht. Und doch
ist das Büchlein zustande gekommen.
Ich glaube, ich hab euch versprochen, daß in diesem
Büchlein auch ein Märchen von mir sein wird. Und ich habe
das auch wirklich vorgehabt, doch dann habe ich gemerkt,
daß ich für mein Märchen mindestens drei solcher Bücher
brauche. Erst wollte ich es für sich allein drucken lassen,
aber dann bin ich davon abgekommen. Ich kenne euch
doch! Ihr lacht ja doch nur über mich alten Mann. Nein,
ich hab mir’s anders überlegt! Lebt wohl! Wir werden
uns lange nicht mehr sehen und vielleicht auch niemals
mehr. Was tut’s? Es ist euch doch ganz gleich, ob ich auf
der Welt bin oder nicht. Die Jahre werden vergehen, und
niemand von euch wird sich später noch an mich erinnern,
und keiner wird Mitgefühl haben mit dem alten Imker
Panko Rotfuchs.
149
Die Nacht vor Weihnachten
Der Tag vor Weihnachten war zu Ende gegangen. Die
klare Winternacht brach an. Die Sterne funkelten. Der
Mond ging majestätisch am Nachthimmel auf, um den bra-
ven Leuten und aller Welt zu leuchten – das Singen der
Koljadki* zum Lobe Christi sollte ihnen Spaß machen.
* Koljadki nennt man bei uns die Lieder, die am Abend vor Weihnachten
unter den Fenstern gesungen werden. Derjenige, der die Koljadki singt, be-
kommt vom Hausherrn oder der Hausfrau – wer gerade daheim ist – eine
Wurst, ein Brot oder einen Kupfergroschen in den Sack geworfen, was einer
so gerade hat. Es heißt, irgendwann hätte es einmal einen Narren namens
Koljada gegeben, den man für einen Gott hielt, und von ihm seien auch die
Koljadki abgeleitet. Wer weiß das schon? Wir einfachen Leute können uns
darüber kein Urteil erlauben. Voriges Jahr hatte der Vater Ossip verboten,
150
Der Frost war jetzt stärker als am Morgen, doch dafür war
es so still, daß es eine halbe Werst weit zu hören war,
wenn der Schnee unter einem Stiefel knirschte. Noch hat-
ten sich keine Burschen unter den Fenstern versammelt,
nur der Mond sah heimlich in die Häuschen, als wollte er
die sich schmückenden Mädchen auffordern, so schnell wie
möglich hinauszulaufen in den knirschenden Schnee. Aus
dem Schornstein eines Häuschens quoll in dichten Schwa-
den Rauch, der wie eine Wolke zum Himmel emporstieg,
und mit dem Rauch zusammen erhob sich auf ihrem Besen
eine Hexe in die Lüfte.
Wenn in diesem Augenblick der Beisitzer von Soro -
tschinzy vorbeigekommen wäre, mit seinen drei Gutspfer-
den vor dem Wagen, der lammfellverbrämten Mütze auf
dem Kopf, die nach Ulanenart gefertigt war, in seinem
blauen, mit schwarzem Lammfell gefütterten Pelz und sei-
ner gefochtenen Teufelspeitsche in der Hand, mit der er
gewöhnlich die Kutscher anzutreiben pfegte – er hätte sie
bestimmt gesehen, denn dem Beisitzer von Sorotschinzy
entgeht keine Hexe. Er weiß von vornherein, wieviel Fer -
kel die Sau bei jeder Bauersfrau wirft; er weiß, wieviel
Leinwand in der Truhe liegt und was ein braver Mann
am Sonntag in der Schenke an Kleidung und Hausrat ver-
setzt. Doch der Beisitzer von Sorotschinzy fuhr nicht vor-
bei; was kümmern ihn auch die anderen, er hat ja seinen
eigenen Bezirk. Die Hexe hatte sich unterdessen so hoch
erhoben, daß sie nur noch als schwarzes Pünktchen zu er-
kennen war. Doch wo dieses schwarze Pünktchen erschien,
verschwand am Himmel ein Stern nach dem anderen. Bald
in den Weilern die Koljadki zu singen, da seiner Meinung nach das Volk
damit dem Satan Vorschub leiste. Doch in Wirklichkeit wird in diesen Koljadki
der Koljada gar nicht erwähnt. Meistens wird von Christi Geburt gesungen;
und zum Schluß wünscht man dem Hausherrn, der Hausfrau, den Kindern und
151
dem ganzen Haus Gesundheit. (Anm. d. Verf.)
hatte die Hexe eine Menge Sterne in ihrem weiten Ärmel
gesammelt. Nur noch drei oder vier blinkten am Himmel,
plötzlich schwebte von der anderen Seite ein zweites Pünkt-
chen heran, wurde größer, zog sich in die Länge und war
schon bald kein Pünktchen mehr. Selbst wenn sich ein Kurz-
sichtiger statt einer Brille die Räder von dem Einspänner
des Kommissars aufgesetzt hätte, wäre ihm nicht klar ge-
worden, was das war. Von vorn sah das Geschöpf ganz
wie ein Welscher* aus: Er hatte eine schmale, sich an-
dauernd hin und her bewegende Schnauze, die an allem,
was ihr in den Weg kam, schnüfelte und, wie bei unseren
Schweinen, in einem runden Fünfkopekenstück endete, und
Beinchen, die so dünn waren, daß sie, wenn sie dem Vor-
steher von Jareski gehörten, schon beim ersten Kosaken-
tanz zerbrächen. Doch dafür sah es von hinten wie ein
echter Gouvernementsbeamter in Uniform aus, denn da
hing ihm ein Schwanz herab, der so spitz und lang war
wie die Schöße an den heutigen Uniformen; höchstens der
Bart unter der Schnauze, die kleinen Hörner, die es auf
dem Kopf hatte, und die Tatsache, daß es nicht weißer war
als ein Schornstein, ließen darauf schließen, daß es kein
Welscher und kein Gouvernementsbeamter, sondern ein-
fach der Teufel war, der nur noch diese eine Nacht auf
der Gotteswelt herumstrolchen und die guten Leute zu
Bösem verführen konnte. Denn am nächsten Morgen, so-
wie die ersten Glocken zur Frühmesse läuteten, mußte er
mit eingezogenem Schwanz und ohne sich noch einmal um -
schauen zu dürfen in die Hölle fahren. Unterdessen schlich
sich der Teufel an den Mond heran und streckte schon die
Hand aus, um ihn zu greifen – doch plötzlich riß er sie
* Einen Welschen nennt man bei uns jeden, der aus der Fremde kommt,
152
sei er nun ein Franzose, ein Römer oder ein Schwede – er ist immer ein Wel -
scher (Anm. d. Verf.)
wieder zurück, lutschte an den Fingern, als hätte er sich
verbrannt, schlenkerte mit einem Bein und schlich sich
dann von der anderen Seite heran, sprang wieder zurück
und zog eilig die Hand weg. Doch trotz aller Mißerfolge
ließ der Teufel seine Streiche nicht sein. Er sprang auf ihn
zu, packte den Mond plötzlich mit beiden Händen, verzog
das Gesicht, pustete und warf ihn von einer Hand in die
andere, wie ein Bauer, der sich mit einer glühenden Kohle
seine Pfeife anstecken will. Schließlich steckte er ihn eilig
in die Tasche und lief weiter, als ob nichts geschehen sei.
In Dikanka hatte niemand gemerkt, daß der Teufel den
Mond gestohlen hatte. Der Bezirksschreiber hatte aller -
dings gesehen, als er auf allen vieren aus der Schenke
kroch, daß der Mond am Himmel plötzlich, ohne jeden
Grund, zu tanzen anfng, und beteuerte das, wobei er sich
auf Gott berief, dem ganzen Dorf gegenüber; doch die
Dorfbewohner schüttelten den Kopf und lachten ihn sogar
aus. Doch was hatte den Teufel zu solch ungesetzlicher Tat
veranlaßt? Der Grund war folgender: Er wußte, daß der
reiche Kosak Tschub vom Küster zu Gast geladen worden
war, daß außerdem der Gemeindevorsteher, dann ein auf
Besuch gekommener Verwandter des Küsters, der Sänger
im bischöflichen Chor war, einen blauen Rock trug und
den tiefsten Baß sang, den man sich nur denken kann, der
Kosak Swerbygus und noch verschiedene andere bei ihm
sein würden und daß es außer Rosinenreis noch Beeren-
branntwein, Safranschnaps und alle möglichen leckeren
Dinge geben sollte. In dieser Zeit aber war Tschubs Toch-
ter, die Schönste im ganzen Dorf, allein zu Hause und
wurde sicherlich vom Schmied besucht, einem kräftigen
Burschen, der dem Teufel noch widerwärtiger war als die
153
Predigten des Vaters Kondrat. In seinen Mußestunden
widmete sich der Schmied der Malerei; er galt als der beste
Maler im ganzen Umkreis. Der Kosakenhauptmann
L . . . ko, der damals noch lebte, hatte ihn extra nach Pol -
tawa geholt, um sich von ihm den Bretterzaun streichen zu
lassen, der sein Haus umgab. Alle Schüsseln, aus denen die
Kosaken in Dikanka ihre Suppe löfelten, waren vom
Schmied bemalt. Der Schmied war ein gottesfürchtiger
Mann und malte oft Heiligenbilder; noch jetzt kann man
in der Kirche zu T . . . . seinen Evangelisten Lukas sehen.
Doch die Krönung seiner Kunst ist ein Wandbild im rech-
ten Kirchenvorraum, das den heiligen Petrus darstellt; es
zeigt, wie er am Tage des Jüngsten Gerichts, mit Schlüs-
seln in der Hand, den bösen Geist aus der Hölle vertreibt;
der erschrockene Teufel rennt hin und her, denn er ahnt,
daß sein Untergang naht, und die bislang eingeschlosse-
nen Sünder schlagen und verjagen ihn mit Peitschen, Holz-
scheiten und allem, was ihnen gerade in die Hände kommt.
Als der Künstler an diesem Bild arbeitete und es auf ein
großes Brett malte, war der Teufel bemüht, ihn nach
Kräften zu stören: Er stieß ihm ungesehen die Hand fort,
ließ die Asche in der Schmiedeesse hochfiegen und streute
sie über das Bild; doch trotz alledem wurde die Arbeit
beendet, das Bild in die Kirche gebracht und im Vorraum
aufgehängt. Seit jener Zeit aber hat der Teufel dem
Schmied Rache geschworen. Nur noch eine Nacht konnte er
sich jetzt auf der Gotteswelt herumtreiben, doch in dieser
Nacht wollte er sich auf irgendeine Weise an dem Schmied
rächen. Aus diesem Grund hatte er beschlossen, den Mond
zu stehlen, und zwar in der Hofnung, der alte Tschub
sei zu faul und werde sich nicht aufrafen können, zu dem
Küster zu gehen, denn der Weg war weit; er führte um
das Dorf herum, lief an der Mühle und dem Friedhof vor-
154
bei und wich auch noch einer Schlucht aus. In einer Mond-
nacht hätte der Beerenbranntwein und der Safranschnaps
Tschub vielleicht noch gelockt. Doch bei dieser Dunkelheit
würde es wohl kaum jemandem gelingen, ihn vom Ofen
zu holen und auf die Straße zu bringen. Und der Schmied,
der sich schon lange nicht mit ihm vertrug, würde es trotz
seiner Kraft um nichts auf der Welt wagen, in Tschubs
Gegenwart dessen Tochter aufzusuchen. Und so wurde es,
sowie der Teufel den Mond in seine Tasche gesteckt hatte,
dermaßen dunkel auf der Erde, daß man kaum den Weg
in die Schenke fand – und zu dem Küster schon gleich gar
nicht. Als sich die Hexe plötzlich im Dunkeln sah, schrie
sie auf. Da näherte sich ihr schmeichlerisch der Teufel,
schob seinen Arm in den ihren und füsterte ihr allerhand
Dinge ins Ohr, die man Vertretern des weiblichen Ge-
schlechts gewöhnlich zuzumurmeln pfegt. Wie seltsam ist
es doch auf unserer Welt! Alles, was auf ihr lebt, bemüht
sich, einander alles nachzumachen und sich gegenseitig
nachzuäfen. Früher trugen in Mirgorod, wenn es winterte,
nur der Richter und der Stadthauptmann Pelze, die mit
Stof bezogen waren; die ganze kleine Beamtenschaft hatte
gewöhnliche Schafspelze ohne Stofüberzug an. Jetzt aber
leisten sich sogar der Beisitzer und der Feldmesser neue
Pelze aus schwarzem Lammfell mit Stofbezug. Der Kanz-
list und der Bezirksschreiber haben sich vor zwei Jahren
blauen Nankingstof gekauft, sechzig Kopeken der Ar-
schin. Der Kirchendiener hat sich für den Sommer Nan-
kinghosen und eine Weste aus gestreiftem Wollgarn
machen lassen. Kurz, alle wollen etwas darstellen! Wann
wird es jemals Leute geben, die die Eitelkeit nicht ken-
nen! Ich wette, viele werden sich darüber wundern, daß
der Teufel denselben Weg wandert wie die andern. Am
ärgerlichsten aber ist, daß er sich ganz sicher für einen
155
schönen Mann hält – dabei hat er eine Figur, die jeden
abschreckt. Eine Fratze hat er, daß man, wie Foma Grigor-
jewitsch sagt, vor Abscheulichkeit die Scheußlichkeit nicht
sehen kann, und doch bewegt er sich auf Liebespfaden!
Doch am Himmel und auf der Erde war es so dunkel ge-
worden, daß man nicht mehr erkennen konnte, was weiter
zwischen den beiden geschah.
„Du bist also noch nicht in dem neuen Häuschen vom
Küster gewesen, Gevatter?“ fragte der Kosak Tschub, als
er aus der Tür seines Hauses trat, einen mageren, großen
Bauern in einem kurzen Schafspelz, dessen Gesicht ein Bart
zierte, der ahnen ließ, daß er schon länger als zwei Wochen
nicht mit der abgebrochenen Sensenspitze in Berührung ge -
kommen war, mit der sich die Bauern gewöhnlich rasieren,
da sie kein Rasiermesser besitzen. „Dort wird es heute einen
herrlichen Saufabend geben!“ fuhr Tschub fort, und sein
Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln. „Daß wir nur
nicht zu spät kommen!“ Bei diesen Worten rückte Tschub
seinen Gürtel zurecht, der fest um seinen Schafspelz ge-
schlungen war, zog sich die Mütze tiefer ins Gesicht, nahm
die Peitsche – die Angst und der Schrecken aller aufdring-
lichen Hunde – fester in die Hand und blieb, nachdem er
nach oben geblickt hatte, stehen. „Zum Teufel! Guck mal!
Guck doch mal, Panas!“
„Was ist denn?“ fragte der Gevatter und hob seinen
Kopf ebenfalls zum Himmel empor.
„Was heißt: ,was ist denn’? Der Mond ist weg.“
„Was sagst du da? Wahrhaftig, der Mond ist weg.“
„Das ist es ja eben – er ist einfach weg“, sagte Tschub,
etwas ärgerlich über den unerschütterlichen Gleichmut des
Gevatters. „Dich interessiert das anscheinend gar nicht.“
„Was soll ich denn machen?“
156
„Da mußte sich unbedingt auch noch so ein Teufel ein-
mengen“, fuhr Tschub fort und wischte sich dabei mit sei -
nem Ärmel den Schnurrbart ab. „Wenn er doch morgen
kein einziges Gläschen Schnaps mehr trinken könnte!
Wahrhaftig, er scheint sich über uns lustig zu machen …
Als ich in der Stube saß, habe ich extra zum Fenster hin-
ausgesehen – eine herrliche Nacht. Hell war es; der Schnee
hat im Mondlicht nur so geglänzt. Alles war zu sehen wie
am hellichten Tag. Und kaum bin ich zur Tür hinaus, da
kann man nicht mehr die Hand vor Augen erkennen!“
Tschub brummte und schimpfte noch lange, überlegte
sich aber gleichzeitig, was er machen sollte. Für sein Le -
ben gern hätte er beim Küster über allen möglichen Un-
sinn geschwatzt, denn zweifellos saßen bei ihm schon der
Gemeindevorsteher, der auf Besuch gekommene Baßsän -
ger und der Teerbrenner Mikita, der alle zwei Wochen
nach Poltawa fuhr, um dort seine Ware zu verkaufen, und
der solche Witze vom Stapel ließ, daß sich alle Dorfbe-
wohner den Bauch vor Lachen halten mußten. Tschub sah
im Geist bereits den Beerenbranntwein auf dem Tisch
stehen. All das war in der Tat sehr verlockend, doch die
Dunkelheit der Nacht ließ in ihm die Trägheit erwachen,
die alle Kosaken so lieben. Wie schön wäre es, jetzt mit
angezogenen Beinen auf der Ofenbank zu faulenzen, ruhig
sein Pfeifchen zu rauchen und, von wohliger Mattigkeit
umfangen, den Liedern und Koljadki der fröhlichen Bur-
schen und Mädchen zu lauschen, die sich bald in Scharen
unter den Fenstern drängen würden. Er hätte sich zweifel-
los für das letztere entschieden, wenn er allein gewesen
wäre, doch zu zweit war es nicht so langweilig und schreck-
lich, durch die dunkle Nacht zu gehen, und außerdem
wollte er vor den anderen auch nicht für faul und feige
gelten. Als er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er
157
sich von neuem an den Gevatter.
„Der Mond ist also weg, Gevatter?“
„Ja.“
„Das ist wirklich seltsam. Gib mir mal eine Prise! Das
ist aber ein ausgezeichneter Tabak, Gevatter! Wo hast du
den denn her?“
„Was, zum Teufel, heißt hier ausgezeichnet!“ antwortete
der Gevatter und schloß seine mit eingeritzten Mustern ver -
zierte Tabaksdose aus Birkenholz. „Nicht einmal ein altes
Huhn schnupft davon!“
„Da fällt mir gerade ein“, fuhr Tschub unbekümmert
fort, „daß mir der selige Schankwirt Susulja einmal Tabak
aus Neshin mitgebracht hat. Ach, das war ein Tabak! Ein
guter Tabak war das! – Also, was ist nun, Gevatter, was
machen wir? Es ist doch so dunkel draußen.“
„Da bleiben wir eben zu Hause“, erklärte der Gevatter
und grif nach der Türklinke.
Hätte der Gevatter das nicht gesagt, wäre Tschub sicher
dafür gewesen, zu Hause zu bleiben, doch jetzt reizte es
ihn, ihm zu widersprechen.
„Nein, Gevatter, gehen wir! Unmöglich, wir müssen
gehen!“
Als er das gesagt hatte, ärgerte er sich schon über seine
Worte. Er verspürte nicht die geringste Lust, in solch einer
Nacht hinauszugehen, doch ihn tröstete der Gedanke, daß
er seinen eigenen Willen durchgesetzt hatte und nicht dem
Rat des anderen gefolgt war.
Auf dem Gesicht des Gevatters malte sich nicht die lei-
seste Spur von Ärger; ihm war es vollkommen egal, ob er
zu Hause saß oder nicht. Er blickte um sich, kratzte sich mit
dem Stiel seiner Peitsche den Rücken, und beide Gevattern
machten sich auf den Weg.
158
Jetzt wollen wir sehen, was die schöne Tochter macht,
die allein zurückgeblieben ist. Oxana war noch nicht ein -
mal siebzehn Jahre alt, als beinah überall in der Welt,
sowohl auf der einen Seite von Dikanka als auch auf der
anderen, nur von ihr geredet wurde. Die Burschen erklär-
ten einstimmig, daß es im Dorf niemals ein schöneres
Mädchen gegeben habe und geben werde. Oxana wußte
und hörte alles, was man über sie sprach, und war so lau-
nisch, wie nun einmal ein schönes Mädchen ist. Wenn sie
statt des bunten Tuchs und der Schürze einen Rock aus
feinem Tuch getragen hätte, dann hätte sie alle Mädchen
ausgestochen. Die Burschen liefen in Scharen hinter ihr
her, doch als sie die Geduld verloren hatten, ließen sie sie
allmählich in Ruhe und wandten sich weniger anspruchs-
vollen Mädchen zu. Nur der Schmied blieb dickköpfg und
hörte nicht auf, ihr den Hof zu machen, obwohl er durch-
aus nicht besser behandelt wurde als die anderen. Als der
Vater gegangen war, putzte sie sich noch lange vor einem
kleinen Spiegel in Zinnfassung, drehte sich vor ihm
hin und her und konnte sich an ihrem Gesicht nicht satt
sehen.
„Was die Leute da nur immer zusammenreden, ich sei
hübsch“, sagte sie scheinbar zerstreut, nur um mit sich
selbst über irgend etwas ein wenig zu plaudern. „Die Leute
lügen, ich bin überhaupt nicht hübsch.“ Doch der Spiegel,
der das frische, kindlich-junge, lebhafte Gesicht mit den
schwarzen, glänzenden Augen und dem unsagbar angeneh-
men Lächeln wiedergab, das einem das Herz höher schla-
gen ließ, bewies sofort das Gegenteil. „Sind meine schwar-
zen Brauen und Augen denn wirklich so hübsch“, fuhr das
schöne Mädchen fort, ohne den Spiegel aus der Hand zu
legen, „daß es ihresgleichen auf der Welt nicht gibt? Was
ist schon hübsch an dieser Stupsnase? Und an den Wan-
159
gen? Und an den Lippen? Sind meine schwarzen Zöpfe
etwa hübsch? Hu! Vor ihnen kann man ja abends Angst
bekommen; wie lange Schlangen winden und schlingen sie
sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt, daß ich überhaupt
nicht hübsch bin!“ Sie hielt den Spiegel etwas weiter von
sich ab und rief plötzlich: „Nein, ich bin doch hübsch! Ach,
wie hübsch! Wunderschön! Wie wird sich der Mann freuen,
den ich einmal heirate! Wie sehr werde ich meinem Mann
gefallen! Er wird ganz außer sich sein. Er wird mich zu
Tode küssen.“
„Ein wunderbares Mädchen!“ füsterte der Schmied, der
leise hereingekommen war. „Aber eitel ist sie gar nicht
wenig! Eine ganze Stunde steht sie vorm Spiegel, kann
sich nicht satt sehen und lobt sich auch noch laut!“
„Ja, ihr Burschen, passe ich denn überhaupt zu euch?
Seht mich doch einmal an“, fuhr die schöne Kokette fort,
„wie würdevoll mein Gang ist; und mein Hemd ist mit
roter Seide bestickt. Und was für Bänder ich am Kopfputz
trage! Ihr werdet nie schönere Goldborten zu sehen be-
kommen! All das hat mir mein Vater gekauft, damit der
schönste Mann auf der Welt um mich freit!“
Lachend wandte sie sich zur Seite und erblickte den
Schmied. Sie schrie auf und blieb streng vor ihm stehen.
Der Schmied ließ die Arme sinken.
Es ist schwer zu sagen, was das bräunliche Gesicht des
schönen Mädchens ausdrückte: Strenge malte sich auf ihm,
und durch die Strenge schimmerte so etwas wie Spott dem
verlegenen Schmied gegenüber hindurch, zudem überzog
eine kaum merkliche Zornesröte ihr Antlitz – und all das
ging ineinander über und war so unsagbar schön, daß das
Beste, was man hätte tun können, gewesen wäre, sie ein-
fach eine millionmal zu küssen.
„Warum bist du hierhergekommen?“ fragte Oxana. „Du
160
willst wohl, daß ich dich mit der Schaufel zur Tür hinaus-
jage? Wie ihr es alle versteht, zu uns hereinzukommen!
Ihr riecht es geradezu, wenn der Vater nicht da ist. Oh!
Ich kenne euch! Ist meine Truhe wenigstens fertig?“
„Sie wird bald fertig sein, mein Herzchen, nach den
Feiertagen wird sie fertig sein. Wenn du wüßtest, wie ich
an ihr gearbeitet habe – zwei Nächte lang habe ich die
Schmiede nicht verlassen. Dafür wird aber auch keine Po-
pentochter solch eine Truhe haben. Für die Beschläge habe
ich Eisen genommen, wie ich es nicht einmal für den Wa-
gen des Kosakenhauptmanns verwendet habe, als ich in
Poltawa arbeitete. Und wie sie erst bemalt wird! Du
kannst die ganze Gegend hier mit deinen weißen Füßen
ablaufen – solch eine Truhe wirst du nicht fnden! Der
Boden wird mit roten und blauen Blumen nur so übersät
sein! Sie werden leuchten wie Feuer. Sei nicht böse auf
mich! Erlaube mir wenigstens, mit dir zu reden und dich
anzuschauen!“
„Wer verbietet dir denn das? Rede nur und gucke!“
Sie setzte sich auf die Bank, blickte wieder in den Spie-
gel und begann, ihre Zöpfe auf dem Kopf in Ordnung
zu bringen. Sie besah sich ihren Hals, ihre neue Bluse, die
mit Seide bestickt war, und Selbstgefälligkeit spiegelte sich
auf ihren Lippen, ihren frischen Wangen und glänzte in
ihren Augen.
„Erlaube mir, daß ich mich zu dir setze!“ sagte der
Schmied.
„Setz dich nur“, sagte Oxana, und auf ihren Lippen und
in ihren zufriedenen Augen spiegelte sich noch immer
Selbstgefälligkeit.
„Du wunderbare, herrliche Oxana, erlaube mir, daß ich
dich küsse!“ bat der mutig gewordene Schmied und drückte
sie an sich, in der Absicht, ihr einen Kuß zu stehlen, doch
161
Oxana drehte ihren Kopf weg, dem der Schmied mit sei-
nen Lippen schon ganz nah war, und stieß ihn zurück.
„Was willst du denn noch alles? Gibt man dir den klei-
nen Finger, nimmst du gleich die ganze Hand! Geh weg,
deine Hände sind ja härter als Eisen. Und du selbst riechst
ganz nach Rauch. Ich glaube, du hast mich von oben bis
unten mit Ruß beschmiert!“
Sie hielt sich wieder den Spiegel vor und begann, sich
vor ihm von neuem schönzumachen.
Sie liebt mich nicht, dachte der Schmied bei sich und ließ
den Kopf hängen. Für sie ist alles Spielerei, und ich stehe
da wie ein Dummkopf und kann kein Auge von ihr wen-
den! Was für ein wunderschönes Mädchen! Was würde ich
nicht alles darum geben, wenn ich erfahren könnte, wie es
in ihrem Herzen aussieht, wen sie liebt. Doch nein, sie hat
für niemanden Interesse. Sie liebt nur sich selbst; sie quält
mich Armen, und ich sehe vor lauter Kummer nicht, was
um mich herum geschieht; ich liebe sie so, wie nie in der
Welt ein Mensch geliebt hat und lieben wird.
„Stimmt es, daß deine Mutter eine Hexe ist?“ fragte
Oxana und lachte auf.
Der Schmied fühlte, wie alles in ihm zu lachen begann,
und dieses Lachen schien plötzlich in seinem Herzen Wider-
hall zu fnden – und auch in den vibrierenden Adern, doch
gleichzeitig stieg auch Ärger in ihm auf, da es nicht in sei -
ner Macht stand, dieses so lieblich lachende Gesicht zu küs-
sen.
„Was kümmert mich die Mutter? Du bist für mich Mut-
ter und Vater und alles, was mir auf der Erde teuer ist.
Wenn mich der Zar zu sich riefe und sagte: Schmied
Wakula, du darfst mich um alles bitten, was es nur an herr-
lichen Dingen gibt in meinem Reich – ich werde dir alles
geben. Wenn du willst, befehle ich, dir eine goldene
162
Schmiede zu bauen, in der du mit silbernen Hämmern
schmieden wirst. – Ich will weder Edelsteine noch eine gol -
dene Schmiede noch dein ganzes Reich, würde ich zu dem
Zaren sagen. Gib mir lieber meine Oxana!“
„So einer bist du also! Doch mein Vater hat es auch
hinter den Ohren. Eh du es dich versiehst, hat er deine
Mutter geheiratet!“ sagte Oxana listig lächelnd. „Doch
warum kommen nur die Mädchen nicht? Was soll das be-
deuten? Es ist schon lange Zeit, die Koljadki zu singen.
Mir wird es allmählich langweilig.“
„Sollen sie bleiben, wo sie sind, meine Schöne!“
„Warum nicht gar! Mit ihnen zusammen kommen sicher
auch die Burschen. Dann wird es lustig. Wenn ich mir vor-
stelle, was da wieder für lustige Geschichten erzählt wer-
den!“
„Mit ihnen amüsierst du dich also?“
„Jedenfalls mehr als mit dir. Ah! Da hat schon jemand
geklopft; bestimmt sind das die Mädchen mit den Bur-
schen.“
Worauf soll ich noch warten? fragte sich der Schmied.
Sie macht sich ja doch nur über mich lustig. Ich bin ihr so
viel wert wie ein rostiges Hufeisen. Doch wenn die Dinge
so stehen, dann soll wenigstens keiner über mich lachen
können. Sowie ich sicher weiß, wer ihr besser gefällt als
ich, dann will ich es dem aber zeigen …
Ein erneutes Klopfen an der Tür und eine im Frost
scharf klingende Stimme: „Mach auf!“ unterbrachen seine
Überlegungen.
„Warte, ich mache auf “, sagte der Schmied und ging in
den Flur hinaus, in der Absicht, vor Ärger dem ersten
besten Menschen die Rippen einzuschlagen.
Der Frost wurde stärker, und am Himmel wurde es so
163
kalt, daß der Teufel von einem Huf auf den anderen
sprang und sich in die Fäuste blies, um die erstarrten
Hände ein wenig zu erwärmen. Es ist ja auch nicht weiter
verwunderlich, wenn einer friert, der sich von früh bis spät
in der Hölle herumtreibt, in der es ja bekanntlich nicht so
kalt ist wie bei uns im Winter und in der er mit der Mütze
auf dem Kopf vor dem Feuer steht, als sei er ein richtiger
Koch, und die Sünder mit dem gleichen Vergnügen brät, mit
dem gewöhnlich die Bauersfrauen zu Weihnachten ihre
Würste braten. Sogar die Hexe spürte die Kälte, obwohl
sie warm angezogen war; aus diesem Grunde hob sie die
Arme über den Kopf, schob ein Bein vor, nahm die Haltung
eines Schlittschuhläufers ein und fog, ohne dabei ein Glied
zu rühren, durch die Luft wie über einen steilen eisbedeck-
ten Hang und geradeswegs in einen Schornstein hinein. Der
Teufel folgte ihr auf gleiche Weise. Doch da dieses Vieh
viel finker ist als jeder bestrumpfte Stutzer, war es kein
Wunder, daß er kurz vor dem Eingang zum Schornstein
seiner Geliebten an den Hals fog und sich dann beide zu-
sammen in einem geräumigen Ofen zwischen Töpfen wie-
derfanden. Die Besenreiterin öfnete leise die Ofentür, um
nachzusehen, ob sich ihr Sohn Wakula nicht etwa Gäste ein-
geladen hatte, doch als sie merkte, daß niemand da war
außer den Säcken, die mitten in der Stube lagen, kroch sie
aus dem Ofen hinaus, warf den warmen Schafspelz von
sich, brachte ihre Kleider wieder in Ordnung, und niemand
konnte ihr mehr ansehen, daß sie noch vor einer Minute
auf einem Besen geritten war.
Die Mutter des Schmiedes war nicht älter als vierzig
Jahre. Sie war weder hübsch noch häßlich. Es ist ja auch
schwer, in diesem Alter hübsch zu sein. Trotzdem verstand
sie es, die würdigsten und gesetztesten Kosaken an sich zu
fesseln (die übrigens, dies sei hier nur nebenbei bemerkt,
164
gar nicht so viel Wert auf Schönheit legten), so daß sie der
Gemeindevorsteher oft besuchte, und auch der Küster Ossip
Nikiforowitsch (natürlich nur, wenn die Küstersfrau nicht
zu Hause war), und auch der Kosak Korni Tschub sowie
der Kosak Kassjan Swerbygus. Zu ihrer Ehre sei gesagt,
daß sie es wohl verstand, mit ihnen umzugehen. Keinem
von ihnen kam der Gedanke, er könne einen Nebenbuhler
haben. Wenn der gottesfürchtige Bauer oder der Edel-
mann, wie sich der Kosak selbst nennt, in seinem Umhang
mit der daran festgenähten Kapuze sonntags in die Kirche
ging oder bei schlechtem Wetter in die Schenke, warum
sollte er dann nicht mal bei der Solocha hineinschauen, fette
Pasteten mit saurer Sahne essen und in der warmen Stube
ein Weilchen mit der gesprächigen und entgegenkommen-
den Hausherrin schwatzen? Und extra deshalb machte der
Edelmann absichtlich einen großen Umweg, wenn er zur
Schenke ging, und nannte das „etwas vom Wege abwei-
chen“. Und wenn die Solocha an einem Feiertag in ihrem
grellen Tuch, ihrer Nankingschürze und dem blauen Jäck-
chen darüber, auf das hinten Goldborten aufgenäht waren,
in die Kirche ging und sich direkt neben den rechten Chor
stellte, dann hüstelte der Küster bestimmt und blinzelte
unwillkürlich in diese Richtung; der Gemeindevorsteher
strich sich den Schnurrbart, wickelte sich die Kosakenlocke
um das Ohr und sagte zu dem neben ihm Stehenden: „Ach,
ein prima Weib ist das! Ein Teufelsweib!“ Die Solocha
grüßte jeden, und jeder dachte, daß sie ihn allein grüße.
Doch einer, der sich gern in fremde Angelegenheiten
mischte, hätte sofort gemerkt, daß die Solocha am freund-
lichsten zu dem Kosaken Tschub war. Tschub war Witwer;
und acht Getreideschober standen stets vor seinem Häus-
chen. Zwei Paar kräftige Ochsen streckten jedesmal ihre
Köpfe aus dem gefochtenen Stall auf die Straße hinaus und
165
muhten, wenn sie eine Gevatterin von ihnen, eine Kuh,
oder auch einen Onkel, einen mächtigen Stier, vorüber-
ziehen sahen. Der bärtige Ziegenbock kletterte bis aufs Dach
und meckerte von dort mit schriller Stimme herab, die an
die eines Stadthauptmanns erinnerte, reizte die auf dem
Hof herumstolzierenden Truthühner, und wenn er seine
Feinde erblickte, die kleinen Jungen, die sich über seinen
Bart lustig machten, dann wandte er sich um. In Tschubs
Truhen lagen eine Menge Leinwand, altertümliche Halb-
kaftane und alte, goldverzierte Röcke. Seine selige Frau
war sehr putzsüchtig gewesen. Im Garten wurden außer
Mohn, Kohl und Sonnenblumen jedes Jahr noch zwei Beete
Tabak angebaut. All dies ihrer eigenen Wirtschaft einzu-
verleiben schien der Solocha gar nicht schlecht; sie dachte
schon im voraus darüber nach, wie sie alles ordnen werde,
wenn es in ihre Hände überginge; aus diesem Grunde war
sie dem alten Tschub doppelt geneigt. Und damit sich ihr
Sohn Wakula nicht etwa auf irgendeine Weise seiner Toch-
ter näherte und alles sich zuschanzte – dann würde er
sicherlich keinerlei Einmischung ihrerseits dulden –, nahm
sie zu dem üblichen Mittel aller vierzigjährigen Weiber
Zufucht: Sie versuchte, Tschub und den Schmied so oft wie
möglich zu entzweien. Vielleicht trugen diese Finten und
ihr Scharfsinn die Schuld daran, daß die alten Weiber dann
und wann – besonders wenn sie bei einer fröhlichen Zu-
sammenkunft etwas zuviel getrunken hatten – davon spra-
chen, die Solocha sei eine Hexe; der junge Kisjakolupenko
habe an ihr hinten einen Schwanz von der Größe einer
Spindel gesehen; vorvorigen Donnerstag sei sie noch als
schwarze Katze quer über den Weg gelaufen; zur Popen-
frau sei einmal ein Schwein gekommen, habe wie ein Hahn
gekräht, die Mütze des Vaters Kondrat aufgesetzt und sei
dann wieder weggelaufen. Als sich die alten Weiber einmal
166
darüber unterhielten, kam gerade der Kuhhirt Tymisch
Korostjawy dazu. Er versäumte nicht, zu erzählen, er habe
im Sommer, gerade vor Peter und Paul, als er sich im Stall
zum Schlafen niederlegen wollte und sich Stroh unter den
Kopf schob, „mit eigenen Augen gesehen, wie eine Hexe mit
aufgelöstem Haar, die nur ein Hemd auf dem Leibe trug,
die Kühe melkte, und er habe kein Glied rühren können,
so sehr hatte sie ihn behext. Als sie mit Melken fertig war,
sei sie zu ihm gekommen und habe ihm die Lippen mit
solch einem widerlichen Zeug eingeschmiert, daß er den
ganzen nächsten Tag spucken mußte. Doch all dies ist anzu-
zweifeln, denn nur der Beisitzer von Sorotschinzy kann eine
Hexe erkennen. Und deshalb winkten alle angesehenen
Kosaken auch immer ab, wenn sie solche Reden hörten. „Die
phantasieren ja, die verfuchten Weiber!“ war gewöhnlich
ihre Antwort.
Als die Solocha aus dem Ofen gekrochen war und ihre
Kleidung in Ordnung gebracht hatte, fng sie als gute
Hausfrau an, aufzuräumen und alles an seinen Ort zu stel-
len, doch die Säcke rührte sie nicht an: Die hatte Wakula
hergebracht, und er sollte sie auch wieder hinaustragen!
Der Teufel aber hatte unterdessen, gerade als er in den
Schornstein fuhr und sich dabei aus Versehen umdrehte,
Tschub erblickt, der, schon recht weit von dem Häuschen
entfernt, mit dem Gevatter Hand in Hand die Straße ent-
langschritt. Schleunigst fuhr er wieder aus dem Ofen hinaus,
lief vor ihnen über den Weg und begann, überall den ge-
frorenen Schnee loszukratzen und hochzuwerfen. Ein
Schneesturm erhob sich. Die Luft war weiß von Schnee. Die
Schneefocken wirbelten hin und her, bildeten ein Netz und
drohten den Fußgängern Augen, Mund und Ohren zu ver-
kleben. Der Teufel aber fuhr wieder in den Schornstein;
er war fest davon überzeugt, daß Tschub mit seinem Ge-
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vatter zurückkehren, den Schmied vorfnden und ihm so
heimleuchten werde, daß dieser auf lange Zeit nicht mehr
in der Lage sein würde, einen Pinsel in die Hand zu neh-
men und beleidigende Karikaturen zu malen.
Und wirklich, sowie sich der Schneesturm erhoben hatte
und der Wind den beiden gerade entgegenkam, bereute
Tschub schon, sich auf den Weg gemacht zu haben. Er zog
die Mütze mit den Ohrenklappen fester über den Kopf und
bedachte sich, den Teufel und den Gevatter mit Flüchen.
Übrigens war diese Wut nur geheuchelt. Tschub freute sich
sehr über den Schneesturm. Bis zum Küster hätten sie noch
achtmal so weit gehen müssen, wie sie bereits gelaufen
waren. Die Wanderer kehrten um. Der Wind blies ihnen
in den Nacken, doch durch die umherwirbelnden Schnee-
focken war nichts zu sehen.
„Warte mal, Gevatter! Ich glaube, wir laufen in die
falsche Richtung“, sagte Tschub und ging ein wenig zur
Seite. „Ich sehe kein einziges Haus. Ach, was ist das für
ein Schneesturm! Geh du ein wenig nach dieser Seite, Ge-
vatter, vielleicht fndest du den Weg, ich werde unterdes -
sen hier suchen. Wie einen der Teufel bloß auf den
Gedanken bringen kann, in solch einem Schneetreiben um-
herzulaufen! Vergiß nicht zu rufen, wenn du den Weg ge-
funden hast. Ih, das war ja ein richtiger Schneehaufen,
den mir der Satan da in die Augen geworfen hat!“
Vom Weg war aber nichts zu sehen. Der Gevatter, der
zur Seite abgebogen war, wanderte in seinen langen Stie -
feln hin und her und stieß schließlich direkt auf die
Schenke. Dieser Fund erfreute ihn so, daß er alles vergaß,
sich den Schnee abklopfte und in den Flur trat, ohne sich
im geringsten um den draußen gebliebenen Gevatter zu
kümmern. Tschub kam es mittlerweile so vor, als habe er
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den Weg gefunden; er blieb stehen und schrie aus vollem
Halse nach dem Gevatter, doch als er sah, daß dieser nicht
auftauchte, beschloß er, sich allein auf den Weg zu machen.
Nach wenigen Schritten erblickte er schon sein Häuschen.
Hohe Schneewehen lagen davor und auch auf dem Dach,
Er schlug die in der Kälte klamm gewordenen Hände zu-
sammen, klopfte dann an die Tür und rief gebieterisch sei-
ner Tochter zu, sie möge aufmachen.
„Was willst du denn hier?“ schrie wütend der Schmied,
der hinausgekommen war.
Als Tschub die Stimme des Schmieds vernahm, wich er
etwas zurück.
„Oh, das ist nicht mein Häuschen“, sagte er zu sich, „in
mein Häuschen verirrt sich der Schmied nicht. Aber wenn
man sich die Sache bei Licht besieht, so gehört das Haus
auch nicht dem Schmied. Wessen Haus könnte das nur
sein? Heh! Daß ich das nicht gleich gemerkt habe! Das ist
doch das Haus vom lahmen Lewtschenko, der sich erst vor
kurzem mit einer jungen Frau verheiratet hat. Sein Haus
ist das einzige, das meinem ähnlich sieht. Deshalb kam es
mir zu Anfang auch ein wenig komisch vor, daß ich so
schnell zu Hause war. Aber der Lewtschenko sitzt doch
jetzt beim Küster, das weiß ich genau, was will denn nur
der Schmied hier? Eh, hehe! Er besucht die junge Frau.
So ist das also! Das ist ja prächtig. Jetzt habe ich alles be-
grifen.“
„Wer bist du, und was schleichst du hier vor den Türen
herum?“ rief der Schmied noch wütender als zuvor und
trat näher.
Nein, ich sag ihm nicht, wer ich bin, dachte Tschub, wo-
möglich verprügelt mich diese verfuchte Mißgeburt noch!
Und mit verstellter Stimme antwortete er:
„Ich bin es, guter Mann! Ich wollte euch eine Freude
169
machen und unter euren Fenstern ein Weilchen Koljadki
singen.“
„Geh zur Hölle mit deinen Koljadki!“ schrie Wakula
böse. „Was stehst du noch herum? Hörst du denn nicht,
du sollst auf der Stelle verschwinden!“
Tschub hatte selbst schon diese vernünftige Absicht
gehabt, doch es widerstrebte ihm, den Befehlen des
Schmiedes zu gehorchen. Ein böser Geist schien ihn von
hinten anzustoßen und zu einer Entgegnung zu zwin -
gen.
„Wahrhaftig, was schreist du nur so herum?“ fragte er
mit der gleichen verstellten Stimme. „Ich will Koljadki
singen, weiter nichts.“
„Hehe! Worte scheinen bei dir nicht zu wirken!“
Nach diesen Worten verspürte Tschub einen äußerst
schmerzhaften Schlag an der Schulter.
„Wie ich sehe, fängst du schon mit Prügeln an!“ sagte
er und trat ein wenig zurück.
„Verschwinde, verschwinde!“ schrie der Schmied und
verpaßte Tschub einen zweiten Schlag.
„Was hast du nur!“ sagte Tschub mit einer Stimme, aus
der sowohl Schmerz als auch Ärger und Schüchternheit
herauszuhören waren. „Wie ich sehe, prügelst du ja ganz
ernsthaft, und dazu tut es auch noch weh!“
„Verschwinde, verschwinde!“ schrie der Schmied und
warf die Tür zu.
„Sieh mal einer an, wie der sich aufbläst!“ sagte Tschub,
als er allein auf der Straße stand. „Versuch doch mal, her-
anzukommen! Ja, siehst du! Was für ein großer Angeber
du bist! Du denkst vielleicht, ich werde mit dir nicht fer-
tig. Nein, mein Täubchen, ich gehe zu ihm, geradeswegs
zum Kommissar gehe ich. Du wirst mich kennenlernen.
Mich interessiert überhaupt nicht, daß du Schmied und Ma-
170
ler bist. Für meinen Rücken und meine Schultern müßte
ich mich aber mal interessieren, ich glaube, ich habe da ein
paar blaue Flecken. Der Teufelssohn muß mich ganz schön
geschlagen haben! Schade, daß es kalt ist und ich keine
Lust habe, den Rock auszuziehen! Warte nur, du Spitz -
bube von Schmied, der Teufel wird dich und deine
Schmiede noch in Stücke schlagen, du wirst mir schon noch
tanzen lernen! So ein verfuchter Galgenbruder! Aber jetzt
ist er ja nicht zu Hause. Die Solocha wird, denk ich, ganz
allein sein. Hm … Bis zu ihr ist es gar nicht so weit, ich
könnte zu ihr gehen! Zu dieser Zeit trift uns keiner. Viel-
leicht ist es sogar möglich … Wie schmerzhaft mich die -
ser verfuchte Schmied geschlagen hat!“
Tschub kratzte sich den Rücken und ging in die andere
Richtung. Der Gedanke an die Annehmlichkeiten, die ihn
beim Stelldichein mit der Solocha erwarteten, linderten
ein wenig seinen Schmerz und ließen ihn den Frost nicht
so empfnden, der in allen Straßen klirrte und vom Pfei-
fen des Schneesturms nicht übertönt wurde. Von Zeit zu
Zeit erschien ein süßsaurer Ausdruck auf seinem Gesicht,
dessen Bart und Schnurrbart der Schneesturm finker einge-
seift hatte als jeder Barbier, der sein Opfer tyrannisch bei
der Nase packt. Und wenn der Schnee nicht immer vor
den Augen umhergewirbelt wäre und alles durcheinander-
gebracht hätte, dann hätte man noch lange sehen können,
wie Tschub immer wieder stehenblieb, seinen Rücken
kratzte, sagte: „Wie schmerzhaft mich dieser verfuchte
Schmied geschlagen hat!“ und weiterging.
Während der finke Stutzer mit Schwanz und Bart aus
dem Schornstein gefogen und dann wieder in ihn hinein-
gefahren war, blieb die Tasche, die an seiner Seite hing
und in die er den gestohlenen Mond gesteckt hatte, aus
171
Versehen im Ofen hängen, ging auf, und der Mond nutzte
die Gelegenheit, fog zum Schornstein von Solochas Häus-
chen hinaus und schwebte zum Himmel empor. Alles wurde
hell. Es war, als hätte es nie einen Schneesturm gegeben.
Der Schnee glitzerte wie ein weites, silbernes Feld und
war ganz mit kristallenen Sternen übersät. Der Frost schien
nachzulassen. In Scharen tauchten Burschen und Mädchen
mit Säcken auf. Die Lieder erklangen, und es gab kaum
ein Häuschen, vor dem sich nicht die Koljadki-Sänger
drängten. Wie herrlich der Mond glänzt! Es ist schwer zu
beschreiben, wie schön es ist, sich in solch einer Nacht mit-
ten in eine Schar lachender und singender Mädchen und
mitten unter die Burschen zu mischen, die zu allen Scher-
zen und Streichen bereit sind, die die fröhlich lachende
Nacht nur eingeben kann. Unter dem dicken Pelz ist es
warm, der Frost läßt die Wangen noch stärker erglühen,
und der Teufel selbst treibt einen von hinten zu allem
möglichen Unfug an.
Scharenweise stürzten die Mädchen mit Säcken in Tschubs
Häuschen und umringten Oxana. Das Geschrei, das Ge-
lächter und das Erzählen betäubten den Schmied. Jede
wollte die erste sein und unserer Schönen eine Neuigkeit
mitteilen; sie packten ihre Säcke aus und prahlten mit den
Brotfaden, den Würsten und Quarkpasteten, von denen
sie für ihre Koljadki schon eine ganze Menge bekommen
hatten. Oxana schien sehr zufrieden und erfreut zu sein,
schwatzte bald mit der einen und bald mit der anderen
und lachte ohne Unterlaß. Der Schmied betrachtete dieses
fröhliche Treiben mit einem gewissen Ärger und voller
Neid und verdammte dieses Mal die Koljadki, obwohl er
sonst ganz versessen auf sie gewesen war.
„Ach, Odarka!“ sagte die fröhliche Schöne und wandte
sich einer aus der Schar der Mädchen zu. „Du hast ja neue
172
Schuhe an! Ach, wie schön sie sind! Und mit Gold! Du hast
es gut, Odarka, du hast jemanden, der dir alles kauft, ich
aber habe niemanden, der mir solche herrlichen Schuhe be -
sorgen könnte.“
„Sei nicht traurig, meine allerliebste Oxana!“ unterbrach
sie der Schmied. „Ich werde dir Schuhe besorgen, wie sie
kaum ein herrschaftliches Fräulein trägt.“
„Du?“ fragte Oxana und warf ihm einen füchtigen und
hochmütigen Blick zu. „Ich möchte doch einmal sehen, wo -
her du Schuhe besorgen willst, die zu meinem Fuß passen.
Das ginge höchstens, wenn du die bringst, die die Zarin
trägt.“
„Da siehst du, was sie für Schuhe will!“ rief die Mäd-
chenschar unter Lachen.
„Ja“, fuhr die Schöne stolz fort, „ihr alle seid Zeugen –
wenn mir der Schmied Wakula die gleichen Schuhe bringt,
die die Zarin trägt, gebe ich mein Wort, daß ich dann auf
der Stelle seine Frau werde.“
Die Mädchen führten die launenhafte Schöne mit sich
fort.
„Lach nur, lach nur über mich!“ sagte der Schmied und
ging hinter ihnen hinaus. „Ich lache ja selbst über mich!
Die ganze Zeit überlege ich und komme nicht darauf, wo
ich nur meinen Verstand gelassen habe. Sie liebt mich nicht
– na, Gott befohlen! Als ob es auf der ganzen Welt einzig
und allein Oxana gäbe. Gott sei Dank gibt es auch ohne
sie viele hübsche Mädchen im Dorf. Und was fnde ich
überhaupt an Oxana? Aus ihr wird niemals eine gute
Hausfrau werden, sie versteht es nur, sich zu schmücken.
Nein, jetzt reicht es, es ist an der Zeit, mit den Dumm -
heiten aufzuhören.“
Doch in dem Augenblick, in dem sich der Schmied zu
einem Entschluß durchringen wollte, ließ irgendein böser
173
Geist vor seinen Augen die lachende Oxana vor ihm er -
stehen, die spöttisch zu ihm sagte: „Besorge die Schuhe der
Zarin, Schmied, dann werde ich deine Frau!“ Sein Blut
geriet in Wallung, und er dachte einzig und allein an
Oxana.
Die Scharen der Koljadki-Sänger – Burschen und Mäd-
chen gingen getrennt – eilten von einer Straße in die an -
dere. Doch der Schmied schritt dahin, ohne etwas zu sehen
und ohne Anteil zu nehmen an den Freuden, die er einst
von allen am meisten geliebt hatte.
In dem Teufel stiegen unterdessen ernsthaft zärtliche
Gefühle für die Solocha hoch: Er küßte ihr die Hand und
verrenkte sich dabei so wie der Beisitzer, wenn dieser die
Popentochter küßt; er grif sich ans Herz, stöhnte und
erklärte geradeheraus, daß er alles tun werde, daß er sich
ertränken und seine Seele schlankweg in die Hölle schik -
ken werde, wenn sie seine Leidenschaft nicht stille und ihn
nicht belohne, wie das so üblich ist. Die Solocha war nicht
so hartherzig, und außerdem steckte ja der Teufel, wie
bekannt, mit ihr unter einer Decke. Sie sah es nicht un-
gern, wenn ihr eine Männerschar nachlief, und war selten
allein, doch diesen Abend wollte sie ohne jede Gesellschaft
verbringen, denn alle Dorfbewohner von Rang und Na-
men waren vom Küster zum Rosinenreis eingeladen wor-
den. Aber es kam anders: Der Teufel hatte gerade
vorgebracht, was er wünschte, als plötzlich an die Tür ge-
klopft wurde und die Stimme des mächtigen Vorstehers
ertönte. Die Solocha lief, um die Tür zu öfnen, und der
finke Teufel kroch in einen daliegenden Sack. Der Vor -
steher schüttelte den Schnee von seiner Mütze, ließ sich
von der Solocha einen Becher Schnaps reichen, trank ihn
aus und erzählte dann, daß er nicht zum Küster gegangen
174
sei, da sich ein Schneegestöber erhoben habe; als er in
ihrem Häuschen Licht gesehen habe, sei er zu ihr gekom-
men, um den Abend mit ihr zusammen zu verbringen.
Kaum hatte der Vorsteher all das gesagt, als wieder an
die Tür geklopft wurde und die Stimme des Küsters er-
schallte. „Versteck mich irgendwo bei dir“, füsterte der
Vorsteher, „ich möchte jetzt nicht mit dem Küster zusam-
mentrefen.“ Die Solocha überlegte lange, wo sie solch
einen beleibten Gast verbergen könnte; endlich wählte sie
den größten Kohlensack, schüttete die Kohle in einen Zu-
ber, und der dicke Vorsteher kroch mit seinem Schnurr-
bart, seinem Kopf und seiner Mütze mit den langen
Ohrenklappen in den Sack.
Der Küster trat, sich räuspernd und die Hände reibend,
ein und erzählte, daß niemand zu ihm gekommen sei, daß
er sich sehr über die Gelegenheit freue, sich bei ihr ein
wenig vergnügen zu können, und daß ihn das Schnee -
gestöber nicht abgeschreckt habe. Er trat näher an sie her-
an, hüstelte, lachte kurz auf, berührte mit seinen langen
Fingern ihren vollen bloßen Arm und fragte mit einer
Miene, die sowohl Verschmitztheit als auch Zufriedenheit
ausdrückte:
„Was ist denn das, beste Solocha?“
Nach diesen Worten sprang er einige Schritte zu -
rück.
„Was soll es sein? Ein Arm ist es, Ossip Nikiforowitsch!“
antwortete die Solocha.
„Hm! Ein Arm! Hehehe!“ lachte der mit seinem Be-
ginn höchst zufriedene Küster und ging quer durch das
Zimmer.
„Und was ist denn das, teuerste Solocha?“ fragte er mit
der gleichen Miene, trat wieder an sie heran, berührte mit
seiner Hand leicht ihren Hals und sprang dann wieder
175
einige Schritte zurück.
„Als ob Sie das nicht selber sähen, Ossip Nikiforowitsch!“
antwortete die Solocha. „Ein Hals ist das, und daran hängt
eine Halskette.“
„Hm! Daran hängt eine Halskette! Hehehe!“ Der Kü -
ster ging wieder quer durchs Zimmer, wobei er sich die
Hände rieb. „Und was ist denn das, unvergleichliche So-
locha?“
Wir wissen nicht, was der Küster als nächstes mit seinen
langen Fingern berührt hätte, denn plötzlich wurde an die
Tür geklopft, und die Stimme des Kosaken Tschub ertönte.
„Mein Gott, ein Fremder!“ rief der Küster angsterfüllt.
„Was soll werden, wenn eine Person von meinem Rang
in solch einer Lage angetrofen wird? Der Vater Kondrat
wird es erfahren!“ Doch die Angst des Küsters hatte einen
anderen Grund: Am meisten fürchtete er, seine bessere
Hälfte könnte davon erfahren, die mit ihrer schrecklichen
Hand aus seinem dicken Schopf ohnehin schon solch einen
spärlichen gemacht hatte. „Bei Gott, tugendreiche Solocha!“
sprach er, am ganzen Körper zitternd. „Ihre Güte, wie es
geschrieben steht bei Lukas, Kapitel dreiz … drei … Es
klopft jemand, bei Gott, es klopft jemand! Ach, verstecken
Sie mich irgendwo!“
Die Solocha ergrif einen anderen Sack, schüttete die
Kohlen in den Zuber, und der nicht allzu umfangreiche
Körper des Küsters verschwand im Sack und ließ sich auf
dessen Boden nieder, so daß noch ein halber Sack mit
Kohle auf ihm Platz gehabt hätte.
„Guten Tag, Solocha!“ sagte Tschub und trat in das
Häuschen ein. „Du hast mich vielleicht nicht erwartet, wie?
Stimmt’s, du hast mich nicht erwartet? Vielleicht störe ich
sogar …“, fuhr Tschub fort und setzte eine fröhliche und
bedeutungsvolle Miene auf, die schon im voraus darauf
176
schließen ließ, daß sein schwerfälliger Kopf damit be -
schäftigt war, einen scharfsinnigen und amüsanten Scherz
zu fabrizieren. „Vielleicht haben Sie sich hier mit jeman-
dem vergnügt! Vielleicht hältst du hier schon jemanden
versteckt, wie?“ Und Tschub brach, entzückt von seiner
geistreichen Bemerkung und innerlich triumphierend, da ja
nur er allein sich der Zuneigung Solochas erfreute, in Ge-
lächter aus. „Na, Solocha, jetzt gib mir einen Schnaps. Ich
glaube fast, der verfuchte Frost hat mir die Kehle eingefro-
ren. Was uns Gott in der Nacht vor Weihnachten nur für
ein Wetter beschert! Als das Schneetreiben anfng – hörst
du, Solocha –, als das Schneetreiben … Ach, die Hände sind
mir ganz steif geworden: Ich bekomme nicht einmal den
Schafspelz auf! Als das Schneetreiben anfng …“
„Mach auf!“ ertönte draußen eine Stimme, die von einem
Klopfen begleitet wurde.
„Klopft da jemand?“ fragte Tschub und blieb stehen.
„Mach auf!“ ertönte es lauter als vorher.
„Das ist der Schmied!“ entfuhr es Tschub, und er faßte
an seine Mütze mit den Ohrenklappen. „Hörst du, Solocha,
versteck mich, wo du willst; um nichts in der Welt will ich
aber von dieser verfuchten Mißgeburt gesehen werden –
wenn diesem Hundesohn doch auf der Stelle unter jedem
Auge eine Blase anschwölle, so groß wie ein Heuhaufen!“
Die Solocha bekam selbst einen Schreck, lief umher, als
hätte sie den Verstand verloren, und gab Tschub ein Zei-
chen, in den gleichen Sack zu kriechen, in dem schon der
Küster saß, was sie ganz vergessen hatte. Der arme Küster
konnte weder durch Hüsteln noch durch Räuspern seinem
Schmerz Ausdruck verleihen, als der schwere Bauer sich
fast direkt auf seinen Kopf setzte und seine steifgefrorenen
Stiefel rechts und links von seinen Schläfen zurechtrückte.
Der Schmied trat ein, ohne ein Wort zu sagen, nahm
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nicht einmal die Mütze ab und ließ sich auf die Bank fal -
len. Er war ofensichtlich sehr schlechter Laune. Als die
Solocha die Tür hinter ihm wieder zumachte, klopfte es
von neuem. Es war der Kosak Swerbygus. Dieser konnte
in keinem Sack versteckt werden, denn solch einen Sack gab
es nicht. Er war dicker als der Vorsteher und größer als
Tschubs Gevatter. Die Solocha führte ihn deshalb in den
Garten, um sich dort all das anzuhören, was er ihr mit-
teilen wollte. Der Schmied blickte zerstreut in die Ecken
der Stube, lauschte hin und wieder den Liedern der Ko-
ljadki-Sänger, die von fern an sein Ohr drangen, und
schließlich blieb sein Blick an den Säcken hängen.
„Was suchen diese Säcke hier? Sie sollten schon längst
hinausgeschaft sein. Diese dumme Liebe macht mich ganz
närrisch. Morgen ist Feiertag, aber in der Stube ist nicht
einmal ordentlich aufgeräumt. Ich bringe sie am besten in
die Schmiede!“
Und der Schmied hockte sich neben die riesigen Säcke,
schnürte sie so fest wie möglich zu und machte sich daran,
sie sich auf die Schultern zu laden. Doch mit seinen Ge-
danken war er ofensichtlich ganz woanders, denn sonst
hätte er gehört, wie Tschub aufzischte, als der Strick, mit
dem der Sack zugeschnürt werden sollte, auch sein Haar
erfaßte, und wie der beleibte Vorsteher ziemlich heftig den
Schluckauf bekam.
„Will mir denn diese unglückselige Oxana überhaupt
nicht mehr aus dem Kopf heraus?“ sprach der Schmied.
„Ich will gar nicht an sie denken, aber dauernd denke ich
an sie, und nur an sie. Woher kommt das nur, daß einem
die Gedanken gegen den eigenen Willen in den Kopf kom-
men? Teufel noch mal, die Säcke scheinen ja schwerer zu
sein als vorher! Da ist doch bestimmt noch etwas anderes
drin als nur Kohle. Ich Narr! Ich hab ja ganz vergessen,
178
daß mir jetzt alles schwerer vorkommt. Früher konnte ich
mit einer Hand einen kupfernen Fünfer und auch ein Huf-
eisen krummbiegen, jetzt aber kann ich nicht einmal mehr
ein paar Kohlensäcke hochheben. Bald wird mich auch der
Wind umblasen. – Nein“, rief er, nachdem er eine Weile
geschwiegen und wieder Mut gefaßt hatte, „was bin ich
nur für ein Weib! Mich soll niemand auslachen können!
Und wenn es ein Dutzend Kohlensäcke sind, ich hebe sie
alle hoch!“ Und munter lud er sich die Säcke auf die Schul-
tern, die nicht einmal zwei kräftige Männer davongetra -
gen hätten. „Den könnte ich auch noch mitnehmen“, fuhr
er fort und hob den kleinen Sack hoch, auf dessen Boden
zusammengekrümmt der Teufel lag. „Hier habe ich,
glaub ich, mein Werkzeug hineingetan.“ Mit diesen Wor-
ten ging er aus dem Haus und pff dabei das Lied vor
sich hin:
Pfeifen t-u ich auf die Frauen …
Lauter und immer lauter wurden in den Straßen der
Gesang und das Geschrei. Durch Leute aus den Nachbar-
dörfern waren die Scharen der Umherziehenden noch grö-
ßer geworden. Die Burschen scherzten und trieben allerlei
Unfug. Oft ertönten zwischen den Koljadki lustige Lieder,
die die jungen Kosaken im Handumdrehen erfanden. Und
plötzlich stimmte einer aus der Menge statt eines Weih-
nachtsliedes ein Neujahrslied an und sang aus vollem
Halse:
„Neujahrslieder
Sing ich wieder!
Helft uns suchen
Brei, Wurst, Kuchen!“
179
Lautes Gelächter belohnte den Spaßvogel. Die kleinen
Fenster öfneten sich, und die dürren Hände der alten
Frauen, die mit den bejahrten Männern allein zu Hause
geblieben waren, reichten eine Wurst oder ein Stück Kuchen
hinaus. Die Burschen und Mädchen hielten, so schnell sie
konnten, ihre Säcke hin und heimsten ihre Beute ein. An
einer Stelle hatten Burschen eine Schar Mädchen umkreist:
Da gab es ein Gelärme und Geschrei; einer warf mit
Schnee, und ein anderer raubte einen Sack mit allem mög-
lichen Plunder. An einer anderen Stelle jagten Mädchen
einen Burschen – sie stellten ihm ein Bein, und er fel zu-
sammen mit dem Sack kopfüber hin. Es sah aus, als woll-
ten sie sich die ganze Nacht hindurch vergnügen. Und die
Nacht selbst war so herrlich mild geworden, als wollte sie
ihr Scherflein dazu beitragen. Der Glanz des Schnees ließ
das Licht des Mondes noch greller erscheinen. Der Schmied
blieb mit seinen Säcken stehen. Ihm kam es so vor, als hätte
er aus der Mädchenschar Oxanas Stimme und auch ihr
liebliches Lachen herausgehört. Das Herz schlug ihm bis
zum Hals; er warf die Säcke auf den Boden, so daß der
Küster, der unten lag, vor Schmerz aufstöhnte und der Vor-
steher einen heftigen Schluckauf bekam, und zog mit dem
kleinen Sack auf dem Rücken hinter den Burschen her, die
der Mädchenschar folgten, aus der er Oxanas Stimme ver-
nommen zu haben glaubte.
Ja, da war sie! Wie eine Königin stand sie da, und ihre
schwarzen Augen funkelten! Ein Prachtkerl von Bursche
erzählte ihr gerade etwas, anscheinend etwas Lustiges,
denn sie lachte. Aber sie lachte ja immerzu. Ganz gegen
seinen Willen – er wußte selbst nicht, wie es geschah –
drängte sich der Schmied durch die Menge und stellte sich
neben sie.
„Ah, Wakula, du bist auch hier, guten Tag!“ sagte die
180
Schöne mit jenem Lachen, das dem Schmied fast den Ver-
stand raubte. „Nun, hast du schon viel für deine Lieder
bekommen? Ih, wie klein der Sack ist! Und hast du schon
Schuhe besorgt, wie sie die Zarin trägt? Besorge die Schuhe,
dann heirate ich dich auch!“
Unter lautem Lachen lief sie mit den anderen fort, der
Schmied aber blieb wie angewurzelt stehen.
„Nein, ich kann nicht mehr, meine Kraft reicht nicht
aus …“, sagte er schließlich. „Aber Gott im Himmel, war-
um ist sie nur so verteufelt hübsch? Ihr Blick, ihre Worte,
überhaupt alles – wie das brennt, wie das brennt … Nein,
ich bin nicht mehr Herr über mich! Es wird Zeit, daß ich
mit alldem ein Ende mache: Ade, Leben, ich werde mich
im Eisloch ertränken, und bald wird sich keiner mehr an
mich erinnern!“ Mit entschlossenen Schritten ging er wei-
ter, holte die Menge ein, drängte sich an Oxanas Seite
und sagte mit fester Stimme: „Leb wohl, Oxana! Nimm
dir zum Bräutigam, wen du willst, verdreh den Kopf,
wem du willst, mich aber wirst du auf dieser Welt nicht
mehr sehen.“
Das schöne Mädchen schien erstaunt zu sein; sie wollte
irgend etwas sagen, doch der Schmied winkte ab und lief
davon.
„Wakula, wohin?“ schrien die Burschen, als sie den da-
vonlaufenden Schmied sahen.
„Lebt wohl, Brüder!“ rief ihnen der Schmied zu. „Wenn
Gott will, sehen wir uns in jener Welt wieder, doch in die-
ser werden wir uns nicht mehr trefen. Lebt wohl, behaltet
mich in gutem Andenken! Sagt dem Vater Kondrat, daß
er eine Totenmesse für meine sündige Seele lesen soll. Ich
bin leider vor lauter weltlichen Dingen nicht dazu gekom-
men, die Kerzen vor den Ikonen des Wundertäters und
der Mutter Gottes zu bemalen, ich bin ein sündiger Mensch.
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Alles Hab und Gut, das in meiner Truhe ist, soll die
Kirche bekommen! Lebt wohl!“
Nachdem der Schmied dies gesagt hatte, lief er mit dem
Sack auf dem Rücken weiter.
„Er hat den Verstand verloren!“ meinten die Burschen.
„Eine unglückliche Seele!“ murmelte ein altes Mütter-
chen, das gerade vorüberging, fromm vor sich hin. „Ich
muß den anderen gleich erzählen, wie der Schmied sich
erhängt hat!“
Wakula war unterdessen schon durch mehrere Straßen
gelaufen und blieb schließlich stehen, um zu verschnaufen.
Wo laufe ich denn eigentlich hin? dachte er. Als ob schon
alles verloren wäre! Ich will noch etwas versuchen: Ich
werde zu dem Saporoger Pazjuk Dickbauch gehen. Er soll
doch alle Teufel kennen und alles machen können, was er
nur will. Zu ihm werde ich gehen; meine Seele ist ohnehin
schon verloren! Da sprang der Teufel, der bis dahin reglos
im Sack gelegen hatte, vor Freude hin und her; doch der
Schmied, der glaubte, mit dem Arm am Sack hängengeblie-
ben zu sein und dieses Rütteln selbst hervorgerufen zu
haben, schlug mit seiner kräftigen Faust auf den Sack, schob
ihn sich richtig auf die Schultern und machte sich auf den
Weg zu Pazjuk Dickbauch.
Dieser Pazjuk Dickbauch war früher wahrhaftig einmal
ein Saporoger gewesen; doch ob man ihn aus der Kosaken-
armee hinausgejagt hatte oder ob er selbst davongelaufen
war, das wußte niemand. Schon lange, zehn oder vielleicht
auch fünfzehn Jahre, wohnte er jetzt in Dikanka. Zuerst
lebte er wie ein echter Saporoger: Er arbeitete nicht, schlief
fast den ganzen Tag, aß für sechs und trank auf einen Zug
beinah einen ganzen Eimer leer – Platz genug war übrigens
dafür da, denn Pazjuk war trotz seines kleinen Wuchses
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ungeheuer beleibt. Die Tuchhosen, die er trug, waren so
weit, daß die Füße, selbst wenn er noch so große Schritte
machte, nicht zu erkennen waren und sich eher ein Zuber,
wie er zum Branntweinbrennen verwendet wird, die Straße
entlang zu bewegen schien. Vielleicht war das der Grund
dafür, daß man ihn Dickbauch nannte. Schon wenige Tage
nach seiner Ankunft im Dorf wußten alle, daß er ein Zau-
berer war. Erkrankte jemand, rief man sofort Pazjuk; und
Pazjuk brauchte nur einige Worte zu füstern, und die
Krankheit war verfogen, als hätte es sie nie gegeben. Ge-
schah es einmal, daß einem hungrigen Edelmann eine
Fischgräte in der Kehle steckenblieb, dann verstand es
Pazjuk so prächtig, dem Herrn mit der Faust auf den Rük-
ken zu schlagen, daß die Gräte sogleich den Weg wanderte,
den sie gehen mußte, ohne der herrschaftlichen Gurgel
einen Schaden zuzufügen. In letzter Zeit hatte man ihn
allerdings nur selten zu Gesicht bekommen. Vielleicht war
seine Faulheit daran schuld oder auch die Tatsache, daß es
ihm mit jedem Jahr schwerer fel, sich durch die Türen zu
zwängen. So mußten die Leute nun eben selbst zu ihm
gehen, wenn sie etwas von ihm wollten. Der Schmied öf-
nete etwas schüchtern die Tür und sah Pazjuk nach Türken-
art auf dem Boden sitzen, direkt vor einem kleinen Faß,
auf dem eine Schüssel mit Klößen stand. Diese Schüssel
schien absichtlich so hingestellt zu sein, daß sie sich mit sei-
nem Mund in gleicher Höhe befand. Ohne einen Finger zu
rühren, beugte er den Kopf ein wenig zur Schüssel hin,
schlürfte die Brühe und schnappte sich mit den Zähnen hin
und wieder einen Kloß. Nein, dachte Wakula, der ist noch
fauler als Tschub: Jener ißt wenigstens noch mit dem Löfel,
der hier aber will nicht einmal die Hände heben! Pazjuk
war anscheinend sehr mit seinen Klößen beschäftigt, denn
er schien die Ankunft des Schmiedes gar nicht bemerkt zu
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haben, obwohl sich dieser, kaum daß er über die Schwelle
getreten war, vor ihm bis zur Erde verneigte.
„Ich bin zu dir gekommen, hochgeehrter Pazjuk!“ sagte
Wakula und verbeugte sich von neuem.
Der dicke Pazjuk hob den Kopf und schlürfte dann seine
Kloßbrühe weiter.
„Es heißt – nimm mir das bitte nicht übel“, sagte der
Schmied und nahm seinen ganzen Mut zusammen, „ich sage
das nicht, um dich zu kränken –, es heißt, daß du mit dem
Teufel ein wenig verwandt seist.“
Als Wakula das gesagt hatte, erschrak er, denn er
glaubte, sich zu unverblümt ausgedrückt und die harten
Worte zuwenig gemildert zu haben; er erwartete, daß
Pazjuk das kleine Faß mit der Schüssel packen und ihm an
den Kopf werfen würde; aus diesem Grunde trat er ein
wenig zur Seite und bedeckte sein Gesicht mit dem Ärmel,
um es vor der heißen Kloßbrühe zu schützen.
Pazjuk aber sah nur kurz auf und schlürfte dann seine
Kloßbrühe weiter.
Der Schmied fühlte sich ermutigt und beschloß, weiter-
zureden.
„Ich bin zu dir gekommen, Pazjuk. Gott schenke dir
alles Gute in Hülle und Fülle und auch Brot in entspre-
chender Proportion!“ (Der Schmied verstand es, zuweilen
ein modisches Wörtchen einfießen zu lassen; das hatte er
sich schon in Poltawa angewöhnt, als er dem Kosaken-
hauptmann den Holzzaun strich.) „Ich sündiger Mensch
gehe zugrunde! Nichts auf der Welt kann helfen! Sei es,
wie es sei, ich muß den Teufel in eigener Person um Hilfe
angehen. Was meinst du, Pazjuk?“ fragte der Schmied, als
jener auch weiterhin Schweigen bewahrte. „Wie könnte
man das am besten machen?“
„Wenn du den Teufel brauchst, dann wende dich auch
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an ihn!“ antwortete Pazjuk und aß, ohne auch nur für
einen Moment die Augen zu heben, weiter seine Klöße.
„Deshalb bin ich ja zu dir gekommen“, antwortete der
Schmied und verbeugte sich. „Außer dir, meine ich, kennt
niemand sonst auf der Welt den Weg zu ihm.“
Pazjuk sagte kein Wort und aß den Rest der Klöße auf.
„Erbarme dich meiner, guter Mann; schlag mir meine
Bitte nicht ab!“ drang der Schmied in ihn. „Schweinefeisch,
Würste, Buchweizenmehl, nun, vielleicht Leinen, Hirse oder
andere Dinge, falls sie gebraucht werden – wie es zwischen
guten Menschen üblich ist –, all das will ich dir geben, und
ich will mich dabei nicht lumpen lassen. Sag mir doch
wenigstens, wie ungefähr fndet man den Weg zu ihm?“
„Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel auf
dem Rücken trägt“, erklärte Pazjuk gleichmütig, ohne seine
Haltung zu verändern.
Wakula glotzte ihn an, als stünde ihm die Erklärung
dieser Worte auf der Stirn geschrieben. Was sagt er da?
schien seine Miene zu fragen, und sein halbgeöfneter
Mund war bereit, das erste Wort der Erklärung wie ein
Klößchen zu verschlucken. Doch Pazjuk schwieg. Da be-
merkte Wakula, daß weder die Klöße noch das kleine Faß
mehr vor ihm standen; statt dessen befanden sich zwei
Holzschüsseln auf dem Boden, von denen die eine mit
Pasteten und die andere mit saurer Sahne gefüllt war.
Diese Speisen lenkten unwillkürlich seine Gedanken und
Augen auf sich. Ich will doch mal sehen, sagte er sich,
wie Pazjuk die Pasteten ißt. Sicherlich hat er keine Lust,
sich hinunterzubeugen, um sie wie die Klöße zu verspei-
sen – ja, und das geht ja auch gar nicht; die Pastete muß
doch zuerst in die saure Sahne getaucht werden. Kaum
hatte er das gedacht, da machte Pazjuk auch schon den
Mund auf, sah die Pasteten an und riß den Mund noch
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weiter auf. In diesem Augenblick sprang eine Pastete aus
der Schüssel, landete in der sauren Sahne, drehte sich auf
die andere Seite, hüpfte hoch und fog geradeswegs in sei-
nen Mund. Pazjuk aß sie auf und öfnete den Mund von
neuem, und die nächste Pastete tat genau das gleiche. Er
selbst machte sich nur die Mühe, zu kauen und zu schluk-
ken. Das ist aber seltsam, dachte der Schmied, sperrte vor
Verwunderung den Mund auf und fühlte im gleichen
Augenblick, daß auch ihm eine Pastete in den Mund
wollte und seine Lippen schon mit saurer Sahne beschmiert
hatte. Der Schmied stieß die Pastete fort, wischte sich die
Lippen ab und dachte darüber nach, was für Wunder es
doch auf der Welt gab und was für Knife der Böse den
Menschen beibrachte, wobei ihm wieder einfel, daß nur
Pazjuk ihm helfen konnte. Ich werde ihn noch einmal bit-
ten, damit er es mir genau erklärt … Aber zum Teufel!
Heute ist doch Heiligabend, und er ißt Pasteten, die in den
Fasten gar nicht erlaubt sind! Was bin ich nur für ein Narr,
daß ich hier stehe und mich mitschuldig mache! Zurück!
Und der gottesfürchtige Schmied lief, so schnell er konnte,
aus dem Häuschen.
Doch der Teufel, der im Sack saß und sich schon im vor-
aus gefreut hatte, konnte bei dem Gedanken, daß ihm
solch eine herrliche Beute entgehen sollte, nicht mehr an
sich halten. Sowie der Schmied den Sack hingestellt hatte,
sprang der Teufel hinaus und setzte sich ihm auf die
Schultern.
Dem Schmied lief es kalt über den Rücken; er war er-
schrocken und blaß geworden und wußte nicht, was er tun
sollte; er wollte sich schon bekreuzigen … Doch da schob
der Teufel seine Hundeschnauze an das rechte Ohr des
Schmiedes und sagte:
„Ich bin es, dein Freund, und für einen Kameraden und
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Genossen tue ich alles! Ich gebe dir Geld, soviel du willst“,
piepste er ihm in das linke Ohr. „Oxana wird noch heute
uns gehören“, füsterte er, nachdem er seine Schnauze wie-
der an das rechte Ohr gedrückt hatte.
Der Schmied stand da und dachte nach.
„Gut“, sagte er schließlich, „für diesen Preis will ich der
Deine sein.“
Der Teufel klatschte in die Hände und begann vor
Freude auf den Schultern des Schmiedes Galopp zu reiten.
Jetzt habe ich den Schmied! dachte er sich. Jetzt, mein
Lieber, werde ich dir all deine Schmierereien und Verleum-
dungen heimzahlen, mit denen du uns Teufel bedacht hast.
Was werden meine Genossen sagen, wenn sie erfahren,
daß ich den frömmsten Mann des Dorfes in meinen Hän-
den habe? Vor Freude lachte der Teufel auf, denn er malte
sich aus, wie er in der Hölle die ganze geschwänzte Sipp-
schaft verspotten und wie der lahme Teufel vor Wut
schäumen würde, der unter ihnen als der Einfallsreichste
galt.
„Nun, Wakula!“ piepste der Teufel, ohne jedoch von
den Schultern des Schmiedes hinunterzuklettern, als hätte
er Angst, jener könnte ihm davonlaufen. „Du weißt ja,
daß zu allen Abmachungen ein Kontrakt gehört.“
„Ich bin bereit!“ sagte der Schmied. „Bei euch wird ja,
wie ich gehört habe, mit Blut unterzeichnet; warte einen
Augenblick, ich hole nur einen Nagel aus der Tasche!“
Er grif hinter sich, und schon hatte er den Teufel beim
Schwanz gepackt.
„Du bist ja ein richtiger Spaßmacher“, schrie der Teufel
unter Lachen. „Na, hör auf, es langt jetzt!“
„Einen Augenblick, mein Lieber“, rief der Schmied.
„Was sagst du denn hierzu?“ Bei diesen Worten schlug
er ein Kreuz, und der Teufel wurde so fromm wie ein
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kleines Lämmchen. „Einen Augenblick“, sagte Wakula und
zog den Teufel am Schwanz zu Boden, „ich werde dich
lehren, anständige Menschen und ehrliche Christen zur
Sünde zu verführen.“
Der Schmied sprang, ohne den Schwanz loszulassen,
rittlings auf den Teufel und hob die Hand, um das Zei-
chen des Kreuzes zu schlagen.
„Erbarme dich, Wakula!“ winselte der Teufel kläglich.
„Ich tue für dich, was du willst, nur laß mich in Ruhe und
schlag nicht das schreckliche Kreuz über mich!“
„Ach, jetzt schlägst du andere Töne an, du verfuchter
Welscher! Ich weiß auch, was ich jetzt tue. Fliege auf der
Stelle mit mir fort! Hörst du, fiege mit mir fort, als wärst
du ein Vogel!“
„Wohin?“ fragte der Teufel traurig.
„Nach Petersburg, geradeswegs zur Zarin!“
Und dem Schmied schwanden vor Schreck fast die Sinne,
als er merkte, wie er in die Lüfte gehoben wurde.
Lange stand Oxana da und dachte über die seltsamen
Reden des Schmiedes nach. Eine innere Stimme füsterte
ihr zu, daß sie zu hart mit ihm verfahren war. Wenn er
sich nun wirklich etwas antut? Was dann? Womöglich ver-
liebte er sich aus Kummer in eine andere und erklärt sie
aus Ärger noch zur Schönsten des Dorfes? Doch nein, er
liebt mich. Ich bin doch so hübsch! Er wird um nichts in
der Welt von mir lassen; er scherzt, er tut nur so. Noch
keine zehn Minuten werden vergehen, und schon wird er
wiederkommen, um mich anzusehen. Ich war wirklich zu
streng mit ihm. Ich muß ihm – wenn auch scheinbar wider-
willig – erlauben, mich zu küssen. Da wird er sich aber
freuen! Und die leichtsinnige Schöne scherzte schon wieder
mit ihren Freundinnen.
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„Wartet doch mal“, sagte eine von ihnen, „der Schmied
hat seine Säcke vergessen; guckt doch nur, was das für
furchtbare Säcke sind! Er muß ganz andere Sachen für
seine Lieder bekommen haben als wir! Ich glaube fast, sie
haben ihm ein ganzes Hammelviertel hineingeworfen, und
Wurst und Brote ohne Zahl. Herrlich! Die ganzen Feier-
tage kann man davon essen.“
„Sind das die Säcke vom Schmied?“ fel Oxana ein. „Wir
wollen sie so schnell wie möglich zu mir ins Häuschen
tragen und uns genau ansehen, was er alles drin hat.“
Alle stimmten diesem Vorschlag unter Lachen zu.
„Aber wir bekommen sie nicht hoch!“ rief die ganze
Schar einstimmig, als sie versuchte, die Säcke von der
Stelle zu rücken.
„Wartet“, sagte Oxana, „wir wollen schnell einen
Schlitten holen und sie dann auf dem Schlitten wegschaf-
fen!“
Die Mädchenschar lief nach einem Schlitten.
Den Gefangenen war es schon lange über, in den Säk-
ken zu sitzen, wenn sich der Küster auch mit dem Finger
ein ordentliches Loch in den Sack gebohrt hatte. Wenn
nicht die vielen Leute dagewesen wären, hätte er vielleicht
sogar Mittel und Wege gefunden, hinauszukriechen, doch
vor den Augen aller aus dem Sack zu kriechen und sich
auslachen zu lassen … Das hielt ihn zurück, und so be-
schloß er zu warten und hüstelte nur leise unter Tschubs
unhöflichen Stiefeln. Tschub sehnte sich nicht weniger nach
Freiheit, denn er fühlte, daß unter ihm etwas lag, worauf
zu sitzen äußerst peinlich war. Doch sowie er den Beschluß
seiner Tochter vernommen hatte, beruhigte er sich und
wollte nicht mehr hinauskriechen, denn er überlegte sich,
daß er dann bis zu seinem Haus mindestens hundert Schritt
zurücklegen mußte, vielleicht sogar doppelt soviel. Und
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wenn er hinauskroch, müßte er seine Kleider in Ordnung
bringen, er müßte den Schafspelz zuknöpfen, den Gürtel
umbinden – wieviel Arbeit das alles machen würde! Und
seine Mütze mit den Ohrenklappen hatte er zudem noch
bei der Solocha gelassen. Da war es schon das beste, die
Mädchen fuhren ihn auf dem Schlitten nach Hause. Doch
es kam anders, als Tschub gedacht hatte. Während die
Mädchen fortliefen, um einen Schlitten zu holen, trat der
hagere Gevatter verärgert und böse aus der Schenke. Die
Schankwirtin hatte sich einfach nicht dazu entschließen kön-
nen, ihm zu borgen; dann hatte er auf einen frommen
Edelmann warten wollen, der ihn vielleicht bewirtete, doch
wie zum Trotz blieben alle Edelleute zu Hause und aßen
als ehrliche Christenmenschen im Kreise der Familie ihren
Rosinenreis. Während der Gevatter noch über die Ver-
derbtheit der Sitten und das steinerne Herz der Wirtin
grübelte, die den Wein verkaufte, stieß er auf die Säcke
und blieb erstaunt stehen.
„Sieh mal einer an, was für Säcke da jemand auf die
Straße geworfen hat!“ sagte er und sah sich um. „Da ist
doch bestimmt auch Schweinefeisch drin. Der Mann kann
aber wirklich von Glück reden, daß er soviel Zeug für seine
Koljadki bekommen hat! Was für Riesensäcke das
sind! Und selbst wenn sie nur mit Buchweizenbroten und
Backwerk gefüllt sind, ist das noch gut. Und auch wenn
einzig und allein Flachbrote drin sind, ist das nicht schlecht;
die Wirtin gibt für jedes ein Achtel Schnaps. Ich müßte
die Säcke so schnell wie möglich fortschafen, damit sie
keiner sieht.“ Er hob sich den Sack, in dem sich Tschub
und der Küster befanden, auf die Schulter, merkte aber,
daß er zu schwer war. „Nein, für mich allein ist der zu
schwer“, murmelte er, „aber dort kommt wie gerufen der
Weber Schapuwalenko. – Guten Tag, Ostap!“
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„Guten Tag“, sagte der Weber und blieb stehen.
„Wohin gehst du denn?“
„Nirgendwohin. Immer der Nase nach.“
„Hilf mir beim Säcketragen, lieber Freund! Hier hat
jemand die Geschenke, die er für seine Lieder bekommen
hat, mitten auf die Straße geworfen. Wir teilen uns, was
darin ist.“
„Säcke sagst du? Was ist denn drin, Weizenkuchen oder
Flachbrot?“
„Ich glaube, da ist alles drin.“
Sie zogen schnell zwei Stöcke aus dem Flechtzaun, legten
den Sack darauf und trugen ihn auf den Schultern fort.
„Wo tragen wir ihn denn hin? In die Schenke?“ fragte
der Weber unterwegs.
„Ich bin eigentlich auch dafür, daß wir ihn in die Schenke
bringen, doch die verfuchte Wirtin wird uns nicht trauen;
sie denkt womöglich noch, wir hätten ihn irgendwo ge-
stohlen; außerdem komme ich eben erst aus der Schenke.
Wir tragen ihn in mein Häuschen. Dort wird uns keiner
stören – meine Frau ist nicht zu Hause.“
„Ist sie auch wirklich nicht zu Hause?“ fragte der vor-
sichtige Weber.
„Ich habe meinen Verstand Gott sei Dank noch nicht
ganz verloren“, sagte der Gevatter, „selbst der Teufel
brächte mich nicht dorthin, wo sie ist. Sie wird sich be-
stimmt bis zum Morgen mit den anderen Weibern herum-
treiben.“
„Wer ist da?“ schrie die Frau des Gevatters, die den
Lärm im Flur vernommen hatte, den die beiden Freunde
bei ihrer Ankunft mit ihrem Sack machten, und öfnete die
Tür.
Der Gevatter erstarrte.
„Da haben wir die Bescherung“, sagte der Weber und
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ließ die Hände sinken.
Die Frau des Gevatters war ein Kleinod, wie man es
auf der weiten Welt gar nicht selten fndet. Wie ihr Mann
saß auch sie fast niemals zu Hause, sondern verbrachte bei-
nah den ganzen Tag bei Basen und wohlhabenden Alten,
lobte alles, aß mit großem Appetit und prügelte sich nur
des Morgens mit ihrem Mann, weil sie ihn nur zu dieser
Tageszeit manchmal sah. Ihr Häuschen war doppelt so
alt wie die Hosen vom Bezirksschreiber, und auf dem Dach
fehlte an manchen Stellen das Stroh. Vom Flechtzaun wa-
ren nur noch einige Überreste vorhanden, denn keiner,
der sein Haus verließ, dachte daran, einen Stock gegen die
Hunde mitzunehmen, weil stets alle hoften, am Gemüse-
garten des Gevatters vorbeizukommen, wo man ja einen
beliebig großen Knüppel aus dem Zaun ziehen konnte. Im
Ofen brannte oft drei Tage hintereinander kein Feuer.
Alles, was sich die zärtliche Gattin bei guten Leuten zu
erbetteln pfegte, versteckte sie vor ihrem Mann, so gut sie
konnte, und oft nahm sie ihm noch selbstherrlich seine
eigene Beute ab, falls er noch nicht dazu gekommen war,
sie in der Schenke zu vertrinken. Der Gevatter liebte es
trotz seiner Kaltblütigkeit nicht, dies ruhig hinzunehmen,
und verließ das Haus deshalb fast immer mit blauen Flek-
ken unter beiden Augen; die werte Ehehälfte aber schleppte
sich dann ächzend zu den alten Weibern, um ihnen von
den Gemeinheiten ihres Mannes und den Schlägen, die sie
aushalten müsse, zu erzählen.
Jetzt kann man sich vorstellen, wie sehr der Weber
und der Gevatter über das unerwartete Erscheinen der
Frau erstaunt waren. Sie stellten den Sack auf den Boden,
traten vor ihn hin und verdeckten ihn mit ihren Rockschö-
ßen; doch es war schon zu spät – obwohl die Frau des
Gevatters mit ihren alten Augen nicht gut sah, hatte sie
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den Sack doch bereits entdeckt.
„Das ist schön!“ sagte sie mit einer Miene, die die Freude
eines Habichts erkennen ließ. „Das ist schön, daß ihr für
eure Koljadki soviel bekommen habt! So machen es alle
anständigen Leute – doch nein, ich denke mir, ihr habt es
euch irgendwo beiseite geschaft. Ihr zeigt mir sofort, hört
ihr, ihr zeigt mir sofort euren Sack!“
„Der glatzköpfge Teufel wird das tun, wir aber nicht!“
erklärte der Gevatter und nahm eine würdevolle Haltung
an.
„Was geht dich das an?“ meinte der Weber. „Schließ-
lich haben wir das für unsere Koljadki bekommen und nicht
du.“
„O nein, du wirst ihn mir schon zeigen, du Taugenichts
von einem Säufer!“ schrie die Frau, schlug dem langen
Gevatter mit der Faust ans Kinn und wollte sich zum Sack
durchschlagen.
Doch der Weber und der Gevatter verteidigten mann-
haft den Sack und zwangen sie zum Rückzug. Kaum waren
sie wieder etwas zu sich gekommen, stürzte die Gemahlin
mit einem Feuerhaken in den Flur. Rasch schlug sie ihrem
Mann mit dem Feuerhaken auf die Hände und dem We-
ber auf den Rücken, und schon stand sie neben dem Sack.
„Warum haben wir sie nur herangelassen?“ fragte der
Weber, als er wieder etwas zur Besinnung gekommen war.
„Eh, was heißt hier ,wir‘! Warum hast du sie heran-
gelassen!“ sagte der Gevatter kaltblütig.
„Euer Feuerhaken scheint aus Eisen zu sein!“ sagte der
Weber nach einem kurzen Schweigen und rieb sich den
Rücken. „Meine Frau hat voriges Jahr auf dem Jahrmarkt
einen Feuerhaken gekauft, fünfundzwanzig Kopeken hat
sie dafür bezahlt, er ist nicht schlecht, er tut jedenfalls nicht
so weh …“
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Währenddessen stellte die triumphierende Gemahlin
das Fettlämpchen auf den Boden, band den Sack auf und
sah hinein. Doch ihre alten Augen, die den Sack so gut
wahrgenommen hatten, irrten sich diesmal wohl.
„Ja, das ist ja ein ganzer Eber!“ rief sie und schlug vor
Freude die Hände zusammen.
„Ein Eber! Hörst du, ein ganzer Eber!“ sagte der We-
ber und stieß den Gevatter in die Seite. „Und schuld dar-
an bist nur du!“
„Was können wir schon tun!“ meinte der Gevatter und
zuckte mit den Schultern.
„Was heißt hier ,schon tun‘? Was stehen wir denn her-
um? Wir müssen ihr den Sack wieder wegnehmen! Los,
vorwärts!“
„Verschwinde! Schnell! Das ist unser Eber!“ schrie der
Weber und trat vor.
„Geh weg! Geh weg, du Teufelsweib! Das gehört
dir nicht!“ sagte der Gevatter und näherte sich eben-
falls.
Die Gemahlin ergrif von neuem den Feuerhaken, doch
in diesem Augenblick kroch Tschub aus dem Sack, stellte
sich mitten in den Flur und reckte sich wie ein Mensch, der
nach langem Schlaf eben erst aufgewacht ist.
Die Frau des Gevatters schrie auf und ließ die Hände
auf die Schürze sinken, und alle sperrten unwillkürlich den
Mund auf.
„Was erzählt denn dieses dumme Weibsbild von einem
Eber! Das ist doch kein Eber!“ sagte der Gevatter mit weit
aufgerissenen Augen.
„Was die da für einen Menschen in den Sack geworfen
haben!“ sagte der Weber und stolperte vor Schreck zu-
rück. „Da kann einer sagen, was er will, ich will auf der
Stelle zerplatzen, wenn hier nicht der Böse seine Hand im
194
Spiel gehabt hat! Der hier geht doch durch kein Fenster
durch!“
„Das ist ja der Gevatter!“ rief der Gevatter, als er ge-
nauer hinsah.
„Was hast du denn gedacht?“ fragte Tschub unter
Lachen. „Habe ich euch nicht herrlich an der Nase herum-
geführt? Und ihr wolltet mich statt Schweinefeisch essen.
Wartet mal, ich habe noch eine kleine Freude für euch:
Im Sack liegt noch etwas-, und wenn es auch kein Eber
ist, dann ist es bestimmt ein Ferkelchen oder ein anderes
ähnliches Lebewesen. Unter mir hat sich nämlich immer
etwas bewegt.“
Der Weber und der Gevatter stürzten zu dem Sack; die
Hausherrin packte von der anderen Seite zu, und die Prü-
gelei hätte von neuem begonnen, wenn der Küster, der
einsah, daß er sich nicht länger verbergen konnte, nicht
herausgekrochen wäre.
Die Frau des Gevatters erstarrte vor Schreck und ließ
das Bein fahren, an dem sie den Küster gerade aus dem
Sack ziehen wollte.
„Und da ist der zweite!“ rief der Weber angsterfüllt.
„Der Teufel weiß, was das heutzutage ist … Mir dreht sich
der Kopf; weder Wurst noch Flachbrot, sondern Leute wirft
man jetzt in die Säcke!“
„Das ist ja der Küster!“ sagte Tschub, der am meisten
von allen staunte. „Wer hätte das gedacht! Sieh mal einer
die Solocha an! Sie hat ihn in den Sack gesteckt … Ich hab
mich schon gewundert, als so viele Säcke bei ihr in der
Stube lagen … Jetzt begreife ich alles: In jedem Sack hat
sie zwei Männer gehabt. Und ich habe geglaubt, sie hat nur
mit mir allein … Wer hätte das von der Solocha gedacht!“
Die Mädchen wunderten sich etwas, als sie den einen
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Sack nicht mehr vorfanden. „Das hilft nichts, einer reicht
uns ja auch“, meinte Oxana. Alle packten den Sack an
und wälzten ihn auf den Schlitten. Der Vorsteher beschloß
zu schweigen, denn er dachte, daß die dummen Mädchen,
wenn er riefe, sie sollten ihn herauslassen und den Sack
aufbinden, auseinanderlaufen und denken würden, im Sack
säße der Teufel, und daß er dann womöglich noch bis
zum Morgen auf der Straße bleiben müßte. Die Mädchen
faßten sich unterdessen bei den Händen und liefen wie
der Wind mit dem Schlitten über den knirschenden Schnee.
Viele setzten sich aus Spaß auf den Schlitten, manche klet-
terten sogar auf den Vorsteher drauf. Der aber war ent-
schlossen, alles zu ertragen. Schließlich kamen sie an; sie
sperrten die Türen zur Diele und zur Stube weit auf und
zerrten den Sack unter Gelächter hinein. „Wir wollen mal
sehen, was hier liegt“, riefen alle und machten sich eilig
daran, den Sack aufzubinden. In diesem Moment wurde
der Schluckauf, der den Vorsteher schon die ganze Zeit
über gequält hatte, während der er im Sack saß, so heftig,
daß er aus vollem Halse schlucken und husten mußte.
„Ach, hier sitzt jemand!“ riefen sie voller Angst und
stürzten zur Tür.
„Teufel noch eins! Wohin rennt ihr denn alle wie die
Verrückten?“ fragte Tschub, der gerade zur Tür herein-
kam.
„Ach, Vater!“ rief Oxana. „Hier in dem Sack sitzt einer!“
„In dem Sack hier? Wo habt ihr den denn her?“
„Der Schmied hat ihn mitten auf der Straße liegenlas-
sen“, sagten alle wie aus einem Munde.
Nun natürlich, habe ich es nicht gesagt! dachte Tschub.
„Und warum seid ihr da so erschrocken? Das werden
wir gleich haben: Vorwärts, guter Mann – nimm es uns
nicht übel, wenn wir dich nicht mit deinem Vor- und Va-
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tersnamen anreden –, komm aus dem Sack heraus!“
Der Vorsteher kam herausgekrochen.
„Ach!“ riefen die Mädchen.
Auch der Vorsteher ist in einen Sack gekrochen, sagte
sich Tschub verblüft und maß ihn von Kopf bis Fuß. Wer
hätte das gedacht! „Oho!“ Mehr konnte er nicht sagen.
Der Vorsteher war nicht weniger verwirrt und wußte
nicht, wie er das Gespräch beginnen sollte.
„Draußen scheint es recht kalt zu sein!“ sagte er und
wandte sich an Tschub.
„Ein ganz schöner Frost“, antwortete Tschub. „Aber ge-
statte die Frage, womit schmierst du dir deine Stiefel ein,
mit Hammelfett oder mit Teer?“
Er hatte eigentlich ganz etwas anderes sagen wollen; er
hatte fragen wollen: Wie bist du denn in diesen Sack ge-
kommen, Vorsteher?, und er verstand nun selbst nicht,
warum er etwas völlig anderes gesagt hatte.
„Teer ist besser!“ sagte der Vorsteher. „Nun, Tschub,
lebe wohl!“
Er setzte sich seine Mütze mit den Ohrenklappen auf
und ging aus der Stube.
„Weshalb habe ich ihn in meiner Dummheit nur gefragt,
womit er sich die Stiefel einschmiert!“ sagte Tschub und
blickte auf die Tür, durch die der Vorsteher eben ver-
schwunden war. „Sieh mal einer die Solocha an! Solch
einen Mann steckt sie in den Sack! Ein Teufelsweib ist
das! Und ich bin ein Dummkopf … Wo ist denn eigent-
lich dieser verfuchte Sack?“
„Ich habe ihn in die Ecke geworfen, es ist nichts mehr
drin“, sagte Oxana.
„Das kennen wir schon – nichts mehr drin! Gebt ihn
her, dort sitzt bestimmt noch jemand! Schüttelt den Sack
mal kräftig aus! – Was, alles leer? Dieses verfuchte Weib!
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Und wenn man sie ansieht, denkt man, sie ist eine Hei-
lige, die stets die Fasten eingehalten hat!“
Doch lassen wir Tschub in aller Ruhe seinem Ärger Luft
machen und kehren wir wieder zu dem Schmied zurück,
denn draußen geht es jetzt bestimmt schon auf neun Uhr
zu.
Zuerst hatte Wakula Angst, als er so hoch emporge-
hoben wurde, daß er unten auf der Erde nichts mehr er-
kennen konnte, und wie eine Fliege dicht unter dem Mond
vorbeifog, daß er mit seiner Mütze an ihm hängengeblie-
ben wäre, hätte er sich nicht schnell ein wenig gebückt. Doch
schon nach einer kleinen Weile wurde er mutiger und be-
gann mit dem Teufel zu scherzen. Er wollte sich schief-
lachen über die Art, wie der Teufel nieste und hustete,
wenn er sein Kreuz aus Zypressenholz vom Hals nahm
und es dem Teufel hinhielt. Mit Absicht hob er die Hand,
um sich über die Haare zu fahren, denn der Teufel glaubte
jedesmal, er wolle das Kreuz über ihn schlagen, und fog
noch schneller. Oben war alles hell. Die Luft in dem leich-
ten silbrigen Nebel war durchsichtig. Alles war zu sehen:
Man konnte sogar erkennen, wie ein Zauberer, der
in einem Topf saß, wie der Wind an ihnen vorbeijagte,
wie die Sterne sich versammelten und Blindekuh spielten,
wie sich etwas seitwärts ein ganzer Haufe von Geistern
gleich einer Wolke zusammenballte, wie ein Teufel, der
im Mondschein tanzte, die Mütze zog, als er den Schmied
vorbeireiten sah, wie ein Besen allein wieder zurückfog,
nachdem er offenbar eine Hexe an ihr Ziel gebracht
hatte … Und noch einer ganzen Menge allen möglichen
Lumpenpacks begegneten sie. Alle blieben beim Anblick
des Schmieds einen Augenblick stehen, um ihn zu betrach-
ten, und jagten dann weiter und taten das ihre; der Schmied
198
aber fog und fog, und plötzlich blitzte vor ihm in strah-
lendem Lichterglanz Petersburg auf. (Es war damals aus
irgendeinem Grunde illuminiert.) Als der Teufel den
Schlagbaum überfogen hatte, verwandelte er sich in ein
Pferd, und der Schmied sah sich nun auf einem feurigen
Roß mitten auf der Straße. Mein Gott! Lärm, Getöse,
Glanz; zu beiden Seiten der Straße standen riesige drei-
stöckige Häuser; das Aufschlagen der Pferdehufe und das
Rasseln der Räder hallten donnernd von allen Seiten wider;
wo man hinsah, erhoben sich Häuser, als seien sie aus dem
Schoß der Erde emporgewachsen; die Brücken bebten; die
Kutschen fogen nur so dahin; Fuhrleute und Vorreiter
schrieen; der Schnee knirschte unter Tausenden von Schlit-
ten, die von allen Seiten angesaust kamen; die Fußgänger
drückten und drängten sich an den mit Lampen übersäten
Häusern entlang, und ihre riesigen Schatten huschten über
die Wände und stießen mit den Köpfen an die Dächer und
Schornsteine. Verwundert blickte der Schmied um sich. Ihm
schien es, als richteten sämtliche Häuser ihre unzähligen
feurigen Augen auf ihn und sähen ihn an. Er erblickte so
viele Herren in stofüberzogenen Pelzen, daß er gar nicht
wußte, wen er zuerst grüßen sollte. Mein Gott, wieviel
vornehme Herren es hier gibt! dachte der Schmied. Ich
glaube, jeder, der hier auf der Straße in einem Pelz an
mir vorübergeht, ist ein Beisitzer! Und jene erst, die in
diesen wunderbaren kleinen Kutschen mit den Glasfenstern
fahren! Die sind, wenn nicht Stadthauptmänner, dann
ganz sicher aber besondere Bevollmächtigte, ja vielleicht
sogar noch wichtigere Leute. Hier wurden seine Gedanken
von der Frage des Teufels unterbrochen:
„Soll ich dich geradeswegs zur Zarin bringen?“
Nein, ich fürchte mich, ging es dem Schmied durch den
Kopf.
199
„Hier müßten doch irgendwo, ich weiß aber nicht genau
wo, die Saporoger wohnen, die im Herbst durch Dikanka
gekommen sind. Sie sind aus dem Lager der Saporoger
mit einem Schreiben zur Zarin gefahren; mit denen müßte
ich mich beraten. He, Satan, kriech mir in die Tasche und
führe mich zu den Saporogern!“
Der Teufel schrumpfte im Nu zusammen und wurde so
klein, daß er mühelos in die Tasche schlüpfen konnte. Und
ehe es sich Wakula versah, stand er schon vor einem gro-
ßen Haus, ging – er wußte selbst nicht wie – die Treppe
hinauf, öfnete die Tür und wich, als er ein herrlich aus-
gestattetes Zimmer sah, ein wenig zurück vor dem Glanz,
doch dann faßte er wieder etwas Mut, denn er erkannte
die Saporoger, die durch Dikanka gekommen waren. Sie
saßen auf seidenbezogenen Diwanen, hatten die mit Fett
eingeschmierten Stiefel unter sich gezogen und rauchten
den allerstärksten Tabak, den, der gewöhnlich Wurzel-
tabak genannt wird.
„Guten Tag, ihr Herren, Gott zum Gruß! Hier sehen
wir uns also wieder!“ sagte der Schmied, trat näher an sie
heran und verneigte sich bis zur Erde.
„Was ist denn das für ein Mann?“ fragte ein Kosak,
der direkt vor dem Schmied saß, einen anderen, der etwas
entfernter der Ruhe pfegte.
„Erkennt ihr mich denn nicht?“ fragte der Schmied. „Ich
bin es doch, Wakula, der Schmied! Als ihr im Herbst durch
Dikanka durchgefahren seid, wart ihr, Gott schenke euch
Gesundheit und langes Leben, fast zwei Tage lang unsere
Gäste. Ich habe euch damals einen neuen Eisenreifen für
das Vorderrad eures Wagens gemacht.“
„Ach ja!“ sagte der gleiche Kosak. „Das ist ja der
Schmied, der so gut malt. Guten Tag, Landsmann, was hat
dich denn hierher geführt?“
200
„Ich wollte nur mal gucken; es heißt doch …“
„Nun, Landsmann“, sagte der Saporoger, warf sich in
die Brust und wollte zeigen, daß er auch die russische Sprache
beherrschte, „eine große Stadt, wie?“
Der Schmied wollte sich ebenfalls nicht blamieren und
wie ein Neuling dastehen, außerdem verstand auch er –
wie wir schon früher gesehen haben – etwas von der
Schriftsprache.
„Ein beachtliches Gouvernement!“ antwortete er gleich-
mütig. „Da ist nichts dagegen zu sagen; die Häuser sind
recht umfangreich und die Gemälde an ihnen hervorragend.
Viele Häuser sind mit Buchstaben aus Blattgold ungeheu-
erlich kunstvoll bemalt. Eine durchaus wundervolle Propor-
tion!“
Als die Saporoger hörten, wie gekonnt sich der Schmied
ausdrückte, stieg er sehr in ihren Augen.
„Später unterhalten wir uns noch mehr mit dir, Lands-
mann, jetzt müssen wir gleich zur Zarin.“
„Zur Zarin! Seid so freundlich, ihr Herren, und nehmt
mich mit!“
„Dich?“ fragte der Saporoger mit der Miene eines Kin-
derwärters, von dem sein vierjähriger Zögling verlangt,
auf ein richtiges großes Pferd gesetzt zu werden. „Was
willst du denn dort? Nein, das geht nicht.“ Sein Ge-
sicht nahm einen gewichtigen Ausdruck an. „Wir werden
mit der Zarin über unsere Angelegenheiten reden, Bru-
der.“
„Nehmt mich doch mit!“ drängte der Schmied. „Bitte
sie darum!“ füsterte er dem Teufel zu und schlug mit der
Faust auf die Tasche.
Kaum hatte er das gesagt, als ein anderer Saporoger
meinte:
„Nehmen wir ihn doch ruhig mit, Brüder!“
201
„Ja, nehmen wir ihn mit!“ meinten einige andere.
„Zieh dich so an wie wir.“
Der Schmied wollte gerade in einen grünen Rock schlüp-
fen, als plötzlich die Tür aufging, ein Mann in bestickter
Uniform eintrat und sagte, daß es Zeit sei zu fahren.
Wiederum kam es dem Schmied wie ein Wunder vor,
als er in einer riesigen, auf Federn schwankenden Kutsche
dahinfuhr, als zu beiden Seiten dreistöckige Häuser an
ihm vorüberfogen und das dröhnende Pfaster den Pfer-
den von selbst unter die Hufe zu laufen schien.
Mein Gott, wieviel Licht! dachte der Schmied. Bei uns
ist es nicht einmal am Tage so hell.
Die Kutschen hielten vor dem Schloß. Die Saporoger
stiegen aus, traten in die prachtvolle Vorhalle und gingen
eine strahlend hell beleuchtete Treppe hinauf.
„Was für eine Treppe!“ füsterte der Schmied. „Es ist
direkt schade, darauf zu treten. Diese Verzierungen! Da
heißt es immer: Die Märchen lügen! Zum Teufel, die reine
Wahrheit sagen sie! Mein Gott, was für ein Treppenge-
länder! Was für eine Arbeit! Hier ist schon allein für
fünfzig Rubel Eisen verwendet worden!“
Als die Saporoger die Treppe hinaufgestiegen waren,
gingen sie durch den ersten Saal. Der Schmied folgte ihnen
schüchtern, denn er fürchtete bei jedem Schritt, auf dem
Parkett auszurutschen. Sie durchschritten drei Säle, und der
Schmied konnte sich nicht genug wundern. Als sie in den
vierten kamen, näherte er sich unwillkürlich einem Bild,
das hier an der Wand hing. Auf ihm war die heilige Jung-
frau mit dem Kind auf dem Arm dargestellt. Was für ein
Bild! Was für ein herrliches Gemälde! ging es ihm durch
den Kopf. Es scheint zu sprechen! Es scheint zu leben! Und
das Christuskind! Es hat die Ärmchen angewinkelt! Und
wie es lacht, das Ärmste! Und die Farben! Mein Gott, was
202
für Farben! Ich glaube, hier ist nicht einmal für eine Ko-
peke Ocker verwendet worden, nur lauter Kupfergrün und
Karminrot. Und wie das Blau leuchtet! Eine ausgezeich-
nete Arbeit! Wahrscheinlich ist sie mit Bleiweiß grundiert
worden. Doch wie wunderbar dieses Gemälde auch ist, diese
Kupferklinke, fuhr er in seinen Überlegungen fort, ging
zur Tür und befühlte das Schloß, diese Kupferklinke hier
verdient noch mehr Bewunderung. Was für eine saubere
Arbeit! Das haben bestimmt alles welsche Schmiede für
allerteuerste Preise gemacht … Der Schmied hätte viel-
leicht noch lange seinen Gedanken nachgehangen, wenn
ihn nicht ein betreßter Lakai am Arm gestoßen und daran
erinnert hätte, daß er hinter den anderen nicht zurück-
bleiben dürfe. Die Saporoger durchschritten noch zwei Säle
und blieben dann stehen. Sie hatten die Weisung erhalten,
hier zu warten. Im Saal drängten sich mehrere Generale
in goldbestickten Uniformen. Die Saporoger verneigten
sich nach allen Seiten und stellten sich zu einer kleinen
Gruppe zusammen.
Einen Augenblick später trat mit einem großen Gefolge
ein recht korpulenter Mann von majestätischem Wuchs ein.
Er trug eine Hetmansuniform und gelbe Stiefel; seine
Haare waren zerwühlt, sein einziges Auge schielte ein
wenig, sein Gesicht drückte sowohl Hochmut als auch
Würde aus, und alle seine Bewegungen verrieten, daß er
gewohnt war zu befehlen. Die Generale, die zuvor in ihren
goldenen Uniformen alle recht stolz auf und ab gegangen
waren, liefen nun aufgeregt hin und her und schienen dann
unter tiefen Verbeugungen nur auf ein Wort, ja nur auf
eine kleine Bewegung zu warten, um alle Befehle sofort
im Fluge auszuführen. Doch der Hetman kümmerte sich
überhaupt nicht um sie, nickte kaum mit dem Kopf und
ging zu den Saporogern.
203
Die Saporoger verbeugten sich bis zur Erde.
„Sind alle da?“ näselte er gedehnt.
„Alle sind wir da, Väterchen!“ antworteten die Sapo-
roger und verbeugten sich von neuem.
„Vergeßt ihr auch nicht, so zu reden, wie ich es euch
beigebracht habe?“
„Nein, Väterchen, wir vergessen es nicht!“
„Ist das der Zar?“ fragte der Schmied einen der Sapo-
roger.
„Das ist doch nicht der Zar! Das ist Potjomkin“, antwor-
tete jener.
Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der Schmied
wußte nicht, wo er hinblicken sollte, soviel Damen in Atlas-
kleidern mit langen Schleppen und soviel Höflinge in gold-
gestickten Röcken und mit Zöpfen traten ein. Er sah nichts
als ein Glänzen. Die Saporoger felen alle sofort auf die
Erde nieder und schrien wie aus einem Munde:
„Gnade, Mütterchen, Gnade!“
Der Schmied, der überhaupt nichts sah, streckte sich eben-
falls eifrig auf dem Boden aus.
„Steht auf!“ erklang über ihnen eine gebieterische und
zugleich angenehme Stimme.
Einige Höflinge liefen zu den Saporogern und stießen
sie an.
„Wir stehen nicht auf, Mütterchen! Wir stehen nicht auf!
Eher sterben wir, als daß wir aufstehen!“ riefen die Sapo-
roger.
Potjomkin biß sich auf die Lippen, trat schließlich selbst
zu ihnen und füsterte einem der Saporoger gebieterisch
etwas ins Ohr.
Die Saporoger erhoben sich.
Nun fand auch der Schmied den Mut, seinen Kopf zu
heben, und er erblickte vor sich eine gepuderte Frau von
204
nicht sehr großer, sogar etwas fülliger Statur mit himmel-
blauen Augen und einer majestätisch lächelnden Miene, die
es wohl verstand, alles zu bezaubern, und nur einem könig-
lichen Weibe eigen sein konnte.
„Durchlaucht versprachen mir, mich heute mit einem mei-
ner Völker bekannt zu machen, das ich bisher noch nicht
gesehen habe“, sagte die Dame mit den hellblauen Augen
und betrachtete interessiert die Saporoger. „Habt ihr es
auch gut hier?“ fuhr sie fort und trat näher.
„Vielen Dank, Mütterchen! Die Verpfegung ist gut,
wenn auch die Hammel hier mit denen in unserem Kosa-
kenlager nicht zu vergleichen sind. Warum sollten wir
nicht einigermaßen zurechtkommen?“
Potjomkin zog die Stirn kraus, als er merkte, daß die
Saporoger etwas ganz anderes sagten, als das, was er ihnen
beigebracht hatte.
Einer der Saporoger warf sich in Positur und trat vor:
„Gnade, Mütterchen! Warum richtest du dein treues Volk
zugrunde? Wodurch haben wir dich erzürnt? Haben wir
etwa den heidnischen Tataren die Hand gereicht, haben
wir uns etwa mit den Türken zusammengetan, oder haben
wir jemals in Wort und Tat Verrat an dir geübt? Weshalb
versagst du uns deine Gnade? Zuerst hörten wir, du habest
befohlen, überall Festungen gegen uns errichten zu lassen,
später erfuhren wir, daß du Regierungstruppen aus uns
machen willst, und jetzt hören wir von neuem Unheil. Was
hat sich denn das Heer der Saporoger zuschulden kommen
lassen? Besteht seine Schuld darin, daß es deine Armee
über den Perekop geführt und deinen Generalen geholfen
hat, die Krimtataren zu schlagen?“
Potjomkin schwieg und putzte mit einem kleinen Bürst-
chen nachlässig die Brillanten, mit denen seine Finger über-
sät waren.
205
„Und was wollt ihr?“ fragte Katharina freundlich.
Die Saporoger sahen sich bedeutungsvoll an.
Jetzt ist es soweit! Die Zarin fragt, was wir wollen!
sagte sich der Schmied und warf sich plötzlich zu Boden.
„Eure Kaiserliche Hoheit! Zürnen Sie mir nicht, haben
Sie Erbarmen. Woraus sind – Eure Kaiserliche Hoheit
mögen es mir nicht übelnehmen – die Schuhchen gemacht,
die Sie an Ihren Füßen tragen? Ich glaube, daß kein Schu-
ster in der Welt solche Schuhe machen kann. Mein Gott,
wenn meine Frau doch nur solche Schuhe hätte!“
Die Herrscherin brach in Lachen aus. Die Höflinge lach-
ten ebenfalls. Potjomkin lächelte mit fnsterem Gesicht. Die
Saporoger stießen den Schmied an den Arm; sie dachten,
er hätte den Verstand verloren.
„Steh auf!“ sagte die Herrscherin sanft. „Wenn du so
gern solche Schuhe haben möchtest, so ist dem leicht ab-
zuhelfen. Bringt ihm sofort die teuersten, mit Gold ver-
zierten Schuhe! Wahrhaftig, diese Naivität gefällt mir
sehr! Da haben Sie ein Sujet“, fuhr die Herrscherin fort,
wobei sie ihren Blick auf einen etwas abseits stehenden
Mann mit einem vollen, doch ein wenig blassen Gesicht
richtete, dessen bescheidener Rock mit großen Perlmutt-
knöpfen darauf hinwies, daß er nicht zu den Höflingen
gehörte, „welches Ihrer geistreichen Feder würdig ist!“
„Eure Majestät sind zu gnädig. Hier wäre zumindest
ein La Fontaine vonnöten!“ antwortete der Mann mit den
Perlmuttknöpfen und verbeugte sich.
„Ich sage es Ihnen bei meiner Ehre: Ich bin noch jetzt
ganz begeistert von Ihrem ,Brigadier‘. Sie lesen aber auch
wunderbar vor! – Doch ich habe gehört“, fuhr die Herr-
scherin, wiederum an die Saporoger gewandt, fort, „daß
ihr in eurem Kosakenlager niemals heiratet.“
„Wieso, Mütterchen? Ein Mann kann doch ohne Frau
206
nicht leben, das weißt du doch selbst!“ antwortete der
gleiche Saporoger, der auch mit dem Schmied gesprochen
hatte; und der Schmied wunderte sich, als er hörte, wie
dieser Saporoger, der die Schriftsprache doch so gut be-
herrschte, der Zarin gegenüber scheinbar absichtlich die
allergröbste Mundart gebrauchte, eine Mundart, die man
gewöhnlich den Bauerndialekt nennt.
Ein schlaues Volk! dachte er. Bestimmt macht er das mit
Absicht!
„Wir sind keine Mönche“, fuhr der Saporoger fort, „son-
dern sündige Menschen. Wie die ganze ehrliche Christen-
heit halten auch wir nicht immer die Fasten ein. Es gibt
unter uns nicht wenige, die Frauen haben, aber die leben
nicht mit ihnen im Kosakenlager. Es gibt welche, die Frauen
haben in Polen; es gibt welche, die Frauen haben in der
Ukraine, und es gibt sogar welche, die Frauen haben in
der Türkei.“
Währenddessen brachte man dem Schmied die Schuhe.
„Mein Gott, wie herrlich sie sind!“ rief der Schmied
voller Freude aus und grif nach ihnen. „Eure Hoheit!
Wenn Eure Majestät diese Schuhe anhaben und in ihnen
womöglich Schlittschuhlaufen gehen – wie müssen dann
erst die Füßchen selber sein? Ich glaube, sie sind minde-
stens aus reinem Zucker.“
Die Herrscherin, die in der Tat die wohlgeformtesten
und entzückendsten Füßchen hatte, konnte sich eines Lä-
chelns nicht erwehren, als sie dieses Kompliment aus dem
Munde des einfachen Schmiedes vernahm, der trotz seines
dunkelhäutigen Gesichts in seinem Saporogerrock durch-
aus für einen schönen Jüngling gelten konnte.
Der Schmied war sehr erfreut über diese wohlwollende
Aufmerksamkeit und wollte die Zarin schon über alles ge-
nauestens ausfragen – ob es wahr sei, daß die Zaren nichts
207
als Honig und Schmalz äßen und ähnliches mehr –, doch
als er merkte, daß ihn die Saporoger heimlich anstießen,
beschloß er zu schweigen. Als sich die Herrscherin dann
wieder an die Alten wandte und mehr über das Leben
und die Bräuche im Kosakenlager wissen wollte, trat er
zurück, neigte sich zur Tasche hinab und füsterte: „Bring
mich, so schnell du kannst, von hier fort!“ Und plötzlich
befand er sich wieder hinter dem Schlagbaum.
„Er ist ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Auf der
Stelle will ich krepieren, wenn er nicht ertrunken ist!“
plapperte die dicke Weberin, die in einem Haufen von
Weibern mitten auf der Straße von Dikanka stand.
„Bin ich denn irgend so eine Lügnerin? Habe ich denn
schon jemandem die Kuh gestohlen? Oder habe ich viel-
leicht schon jemanden verhext, daß man mir nicht glaubt?“
schrie ein Weib mit violetter Nase, das einen Kosaken-
kittel trug und mit ihren Händen herumfuchtelte. „Ich will
kein Tröpfchen Wasser mehr zu mir nehmen, wenn die alte
Perepertschicha nicht mit ihren eigenen Augen gesehen
hat, wie sich der Schmied erhängt hat!“
„Der Schmied hat sich erhängt! Wer hätte das gedacht!“
sagte der Vorsteher, der gerade von Tschub kam, blieb ste-
hen und drängte sich näher an die Sprechenden heran.
„Sag lieber, daß du kein Tröpfchen Schnaps mehr zu
dir nehmen willst, alte Säuferin!“ antwortete die Webe-
rin. „Da muß einer schon so verrückt sein wie du, um sich
zu erhängen! Er ist ertrunken! Im Eisloch ertrunken ist er!
Das weiß ich so genau, wie ich weiß, daß du eben bei der
Schankwirtin warst.“
„Das schamlose Weib! Was sie mir vorwirft!“ entgeg-
nete wütend das Weib mit der violetten Nase. „Du soll-
test besser schweigen, du nichtsnutziges Frauenzimmer! Als
208
ob ich nicht wüßte, daß jeden Abend der Küster zu dir
kommt!“
Die Weberin brauste auf.
„Was macht der Küster? Wohin geht der Küster? Was
lügst du da zusammen?“
„Der Küster“, ertönte die melodiöse Stimme der Küsters-
frau, die sich in einem mit blauem Nankingstof überzoge-
nen Hasenpelz zu den Streitenden durchdrängte. „Ich werde
euch den Küster schon austreiben! Wer spricht hier vom
Küster?“
„Hier, die da besucht der Küster immer!“ sagte das
Weib mit der violetten Nase und zeigte auf die Weberin.
„Du bist es also, du Gottverfuchte“, sagte die Küsters-
frau und näherte sich der Weberin. „Du bist es also, du
Hexe, die ihm die Sinne verwirrt und ihm immer solch
einen unreinen Trank eingibt, damit er zu dir kommt.“
„Laß mich in Frieden, du Satansweib!“ sagte die Webe-
rin zurückweichend.
„Du verfuchte Hexe, niemals sollst du das Glück haben,
deine Kinder zu sehen, du nichtsnutziges Stück! Pfui!“
Die Küstersfrau spuckte der Weberin genau in die Augen.
Die Weberin wollte ihrerseits dasselbe tun, doch statt des-
sen spuckte sie dem Vorsteher, der sich, um alles besser
hören zu können, bis zu den Streitenden durchgedrängt
hatte, in den unrasierten Bart.
„Ah, verfuchtes Weib!“ schrie der Vorsteher, rieb sich
mit dem Rockschoß das Gesicht ab und hob die Peitsche.
Diese Bewegung zwang alle, unter Schimpfen in die ver-
schiedenen Himmelsrichtungen auseinanderzulaufen. „Was
für eine Niedertracht!“ wiederholte er, wobei er sich noch
immer das Gesicht abrieb. „Der Schmied ist also ertrun-
ken! Du lieber Gott! Und was für ein ausgezeichneter Ma-
ler er war! Was für haltbare Messer, Sicheln und Pfüge
209
er zu schmieden verstand! Was für eine Kraft er hatte!
Ja“, fuhr er nachdenklich fort, „solche Leute gibt es in
unserem Dorf nur wenig. Ich habe schon gemerkt, als ich
noch in dem verfuchten Sack saß, daß der arme Schmied
ordentlich mißgestimmt war. Nun gibt es also den Schmied
nicht mehr. Erst gab es ihn, und jetzt gibt es ihn nicht
mehr! Und ich wollte mir noch meine scheckige Stute be-
schlagen lassen!“ Und voller christlicher Gedanken dieser
Art trollte sich der Vorsteher langsam in sein Häuschen.
Oxana war bestürzt, als sie von diesen Gerüchten erfuhr.
Sie traute den Augen der Perepertschicha und dem Ge-
schwätz der Weiber nicht, denn sie wußte, daß der Schmied
zu gottesfürchtig war, um seine Seele ins Verderben zu
stürzen. Aber wenn er nun wirklich fortgegangen war, um
niemals wieder ins Dorf zurückzukehren? Solch einen
Prachtburschen wie den Schmied würde sie wohl kaum
noch einmal fnden! Und wie er sie geliebt hatte! Er hatte
länger als alle anderen ihre Launen ertragen! Die Schöne
wälzte sich die ganze Nacht unter ihrer Bettdecke von der
rechten Seite auf die linke und von der linken auf die
rechte und konnte nicht einschlafen. Bald warf sie die Decke
von sich und machte sich in ihrer bezaubernden Nacktheit,
die das Dunkel der Nacht sogar vor ihr selbst verbarg,
laute Selbstvorwürfe, bald wieder verstummte sie und be-
schloß, an nichts zu denken, und grübelte doch. Ihre Wan-
gen brannten, und gegen Morgen hatte sie sich bis über
beide Ohren in den Schmied verliebt.
Tschub zeigte, als er vom Schicksal des Schmiedes erfuhr,
weder Freude noch Trauer. Seine Gedanken kreisten nur
um eines: Er konnte den Treuebruch der Solocha nicht ver-
winden und hörte selbst im Halbschlaf nicht auf, sie zu
beschimpfen.
Der Morgen brach an. Die Kirche war noch vor Sonnen-
210
aufgang voller Menschen. Die älteren Frauen standen in
weißen Kopftüchern und langen weißen Stofkitteln neben
dem Eingang und bekreuzigten sich fromm. Vor ihnen
standen die adligen Damen in grünen und gelben kurzen
Jacken und manche sogar in dunkelblauen Überwürfen mit
Goldborten auf dem Rücken. Die Mädchen, um deren
Köpfe Bänder geschlungen waren, wie man sie sonst in
derartiger Vielfalt nur in einem Laden zu sehen bekommt,
und an deren Hälsen ein ganzer Laden von Ketten, Kreu-
zen und Dukaten hing, versuchten, sich noch näher an die
Ikonenwand vor dem Altar zu drängen. Doch ganz vorn
standen die Adligen und die einfachen Bauern mit Schnurr-
bart, Kosakenlocke, dickem Hals und frischrasiertem Kinn;
sie hatten zum größten Teil Kapuzenmäntel an, unter
denen weiße und bei manchen auch blaue Kittel hervor-
lugten. Jedes Gesicht, wohin man auch sah, spiegelte die
Festtagsstimmung wider; der Vorsteher leckte sich beim
Gedanken an die Wurst, mit der er die Fasten beschließen
wollte, schon die Lippen; die Mädchen dachten daran, wie
sie mit den Burschen auf dem Eis Schlittschuh laufen wür-
den; und die alten Weiber füsterten eifriger als je ihre
Gebete. In der ganzen Kirche war zu hören, wie sich der
Kosak Swerbygus zum Gebet auf die Knie niederließ. Nur
Oxana stand völlig abwesend da. Sie betete und betete
eigentlich auch nicht. So viele verschiedenartige Gefühle,
von denen eines immer trauriger und niederdrückender war
als das andere, stürmten auf sie ein, daß sich auf ihrem
Gesicht völlige Verwirrung malte; in ihren Augen zitter-
ten Tränen. Die Mädchen konnten den Grund dafür nicht
wissen und ahnten nicht, daß der Schmied an allem schuld
war. Doch nicht allein Oxanas Gedanken drehten sich um
den Schmied. Alle Dorfbewohner spürten, daß der Feier-
tag nicht so war wie sonst, daß ihm irgend etwas fehlte.
211
Zu allem Unglück war der Küster nach seiner Reise in dem
Sack auch noch heiser geworden und krächzte mit kaum
hörbarer Stimme; allerdings hatte der auf Besuch gekom-
mene Sänger einen herrlichen Baß, doch noch viel schöner
wäre es gewesen, wenn auch der Schmied dagewesen wäre,
der immer, sowie das „Vaterunser“ oder das „Jauchzet ihr,
Cherubim“ angestimmt wurde, auf den Chor gestiegen
war und dort so gesungen hatte, wie es in Poltawa üblich
ist. Zudem hatte er ganz allein das Amt des Kirchenvor-
stehers versehen. Schon war die Frühmesse zelebriert und
nach der Frühmesse auch das Hochamt … Wo war eigent-
lich der Schmied geblieben?
Noch schneller als zuvor fog der Teufel gegen Ende der
Nacht mit dem Schmied zurück. Und im Nu stand Wakula
neben seinem Häuschen. Gerade krähte der Hahn. „Wo-
hin?“ schrie der Schmied und ergrif den Teufel, der da-
vonlaufen wollte, beim Schwanz. „Einen Augenblick,
Freundchen, das ist noch nicht alles – ich habe dir noch
nicht gedankt.“ Er ergrif eine Rute und verabreichte dem
Teufel drei Schläge, so daß der Arme davonrannte wie ein
Bauer, den der Beisitzer eben verprügelt hatte. Statt andere
zu betrügen, zu verführen und zu narren, wurde so der
Feind des Menschengeschlechts selber zum Narren gehalten.
Nachdem Wakula dem Teufel auf diese Weise gedankt
hatte, trat er in den Flur, wühlte sich ins Heu und schlief
bis zum Mittag. Als er aufwachte, erschrak er, denn er sah,
daß die Sonne schon hoch am Himmel stand. „Ich habe ja
die Frühmesse und das Hochamt verschlafen!“ Der gottes-
fürchtige Schmied war ganz niedergeschlagen, denn er
glaubte, Gott habe ihm diesen Schlaf, der ihn an einem
solchen Feiertag davon abgehalten hatte, die Kirche zu be-
suchen, absichtlich geschickt, um ihn für seine sündigen,
Selbstmordabsichten zu strafen. Doch als er sich beruhigt
hatte, indem er gelobte, in der nächsten Woche alles dem
Popen zu beichten und sich von jetzt an das ganze Jahr über
täglich fünfzigmal zu verbeugen, warf er einen Blick in die
Stube – aber es war niemand da. Die Solocha war ofenbar
noch nicht zurückgekommen. Vorsichtig holte er die Schuhe
unter seinem Hemd hervor, wunderte sich von neuem über
die teure Arbeit und die seltsamen Ereignisse der letzten
Nacht, wusch sich, zog sich seine besten Sachen an, zu denen
auch der Rock gehörte, den ihm die Saporoger gegeben
hatten, holte aus seiner Truhe eine neue Lammfellmütze
mit dunkelblauem Tuchboden, die er noch nie aufgesetzt
hatte, seit er sie seinerzeit in Poltawa erstand, holte auch
einen neuen Gürtel hervor, der in allen Farben spielte,
wickelte all das zusammen mit einer Peitsche in ein Tuch
und begab sich geradeswegs zu Tschub.
Tschub riß die Augen auf, als der Schmied bei ihm
eintrat, und er wußte nicht, worüber er sich mehr wundern
sollte: darüber, daß der Schmied von den Toten aufer-
standen war, darüber, daß der Schmied es wagte, bei ihm
zu erscheinen, oder darüber, daß er wie ein Stutzer und
Saporoger gekleidet war. Doch noch mehr wunderte er sich,
als Wakula das Tuch aufknüpfte, eine neue Mütze und
einen Gürtel, wie ihn noch keiner im Dorf gesehen hatte,
vor ihm ausbreitete, ihm dann zu Füßen fel und mit fehen-
der Stimme sprach:
„Gnade, Väterchen! Zürne mir nicht! Hier hast du die
Peitsche – schlag mich, so lange du willst, ich bin selbst zu
dir gekommen und bereue alles; schlag zu, doch zürne mir
nicht mehr! Du hast doch einst mit meinem seligen Vater
Brüderschaft getrunken, zusammen habt ihr Brot und Salz
gegessen und euch gegenseitig bewirtet.“
Tschub sah nicht ohne heimliche Freude, wie der Schmied,
213
der sich nach keinem im Dorf richtete, der mit der bloßen
Hand Fünfkopekenstücke und Hufeisen zusammenbog wie
Buchweizenfaden, wie dieser Schmied jetzt zu seinen
Füßen lag; und um dieser Ehre noch mehr Nachdruck zu
verleihen, nahm Tschub die Peitsche und schlug Wakula
dreimal auf den Rücken.
„Nun, wir wollen es dabei bewenden lassen, steh auf!
Hör immer auf die alten Leute! Vergessen wir alles, was
zwischen uns war! Nun, und jetzt sag mir, was du auf dem
Herzen hast!“
„Väterchen, gib mir deine Oxana!“
Tschub dachte ein Weilchen nach, blickte auf die Mütze
und den Gürtel – die Mütze war herrlich, und der Gürtel
stand ihr in nichts nach –, erinnerte sich an die treubrüchige
Solocha und sagte entschlossen:
„Gut, schicke die Brautwerber!“
„Ach!“ rief Oxana, als sie über die Schwelle trat und
den Schmied erblickte, und sah ihn erstaunt und erfreut an.
„Sieh mal, was für Schuhe ich dir mitgebracht habe!“
sagte Wakula. „Es sind die gleichen, die auch die Zarin
trägt.“
„Nein! Nein, ich brauche keine Schuhe!“ sagte sie, winkte
ab und wandte kein Auge von ihm. „Ich will auch ohne
Schuhe …“
Sie brach ab und errötete. Der Schmied trat näher und
nahm sie bei der Hand; die Schöne senkte ihren Blick. Noch
nie war sie so schön gewesen. Der entzückte Schmied küßte
sie sanft; ihr Gesicht wurde noch röter, und sie sah noch
schöner aus.
Als der Erzbischof seligen Angedenkens einmal durch
Dikanka reiste, lobte er die Lage des Dorfes und blieb,
als er die Straße entlangfuhr, vor einem neuen Häuschen
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stehen.
„Wem gehört denn dieses so schön angemalte Häus-
chen?“ fragte Seine Eminenz eine hübsche Frau mit einem
Kind auf dem Arm, die an der Tür stand.
„Dem Schmied Wakula!“ sagte ihm mit einer Verbeu-
gung Oxana, denn gerade sie war es.
„Prächtig! Eine prächtige Arbeit!“ sagte Seine Eminenz
und betrachtete die Türen und Fenster.
Die Fenster waren alle mit roter Farbe umrahmt, und
auf den Türen waren überall Kosaken, hoch zu Roß und
mit Pfeifen zwischen den Zähnen, abgebildet. Doch Seine
Eminenz lobte Wakula noch viel mehr, als er erfuhr, daß
er die Kirchenbuße erfüllte und den linken Chor ganz um-
sonst grün bemalt und mit roten Blumen verziert hatte.
Doch das ist noch nicht alles: Auf der Seitenwand – gleich
wenn man zur Kirche hineinkommt – hatte der Schmied
den Teufel abgebildet, wie er in der Hölle sitzt, und zwar
so abstoßend, daß alle, die vorübergingen, ausspucken muß-
ten; und wenn ein kleines Kind auf dem Arm der Mutter
zu heulen anfng und sich nicht beruhigen wollte, dann trug
es die Mutter zu dem Bild und sagte: „Sieh mal, was da zu
sehen ist!“, und das Kind schluckte die Tränen hinunter,
blickte das Bild von der Seite an und schmiegte sich ängst-
lich an die Brust der Mutter.
215
Schreckliche Rache
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Kiews Vorstadt lärmte und dröhnte: Der Kosakenhaupt-
mann Gorobez feierte die Hochzeit seines Sohnes. Viele
Menschen waren zu ihm zu Gast gekommen. In alter Zeit
aß man gern gut, noch lieber trank man viel, und noch
lieber vergnügte man sich. Auch der Saporoger Mikitka war
auf seinem Braunen herbeigeeilt, geradeswegs von einem
Trinkgelage auf dem Pereschljai-Feld, wo er sieben Tage
und sieben Nächte lang die königlichen Schlachtschitzen mit
rotem Wein bewirtet hatte. Auch der Blutsbruder des
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Kosakenhauptmanns, Danilo Burulbasch, war zusammen
mit seiner jungen Frau Katerina und seinem einjährigen
Sohn vom anderen Ufer des Dnepr gekommen, wo sein
Weiler zwischen zwei Bergen eingebettet lag. Die Gäste
staunten über das weiße Gesicht seiner Frau Katerina, über
die Brauen, die schwarz waren wie deutscher Samt, über
den prächtigen Sarafan, das Hemd aus blauer Seide und
über die Stiefel mit den silbernen Absatzeisen; doch am
meisten wunderten sich die Gäste darüber, daß ihr alter
Vater nicht mitgekommen war. Er lebte erst seit einem
Jahr am anderen Ufer des Dnepr, denn einundzwanzig
Jahre lang war er verschollen gewesen und war erst zu sei-
ner Tochter zurückgekehrt, als diese schon geheiratet und
einem Sohn das Leben geschenkt hatte. Er hätte bestimmt
viel Erstaunliches erzählen können. Und wie sollte er auch
nicht, wo er doch so lange in der Fremde gewesen war!
Dort ist alles ganz anders: Die Menschen sind anders, und
christliche Kirchen gibt es dort nicht … Doch er war nicht
gekommen. Den Gästen wurde Schnaps mit Rosinen und
Pfaumen angeboten und auf einer großen Platte ein Brot.
Die Musikanten hörten auf zu spielen, legten die Zimbeln,
Geigen und Schellentrommeln neben sich und grifen tief
in den Brotlaib, in den Geld eingebacken war. Unterdes-
sen wischten sich die jungen Frauen und Mädchen mit be-
stickten Tüchern den Mund ab und stellten sich wieder zum
Tanz auf; die Burschen stemmten die Hände in die Seiten
und wollten ihnen, stolz um sich blickend, gerade entgegen-
ziehen, als der alte Kosakenhauptmann zwei Ikonen her-
beitrug, um die Jungverheirateten zu segnen. Diese Ikonen
hatte er von einem ehrwürdigen Mönch, dem alten War-
fomolej, erhalten. Sie waren nicht reich verziert, weder
Gold noch Silber glänzte an ihnen, doch keine böse Kraft
hatte Gewalt über denjenigen, der sie besaß. Der Kosaken-
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hauptmann hob die Ikonen empor und wollte ein kurzes
Gebet sprechen … Doch plötzlich schrien die Kinder, die
im Sand spielten, vor Schreck auf, und auch die Erwach-
senen wichen zurück und wiesen voller Entsetzen auf einen
Kosaken, der mitten unter ihnen stand. Wer er war, das
wußte niemand. Doch er hatte schon einen prachtvollen
Kosakentanz vollführt und die Menge, die ihn umringte,
mit seinen Späßen zum Lachen gebracht. Aber als nun der
Kosakenhauptmann die Ikonen emporhob, veränderte sich
plötzlich das Gesicht des Kosaken: Die Nase wurde immer
länger und bog sich zur Seite, statt der braunen Augen
funkelten plötzlich grüne auf, die Lippen wurden blau, das
Kinn zitterte und wurde so spitz wie eine Lanze, im Mund
erschien ein Hauer, auf dem Rücken wuchs ihm ein Buckel,
und der Kosak verwandelte sich in einen uralten Mann.
„Das ist er! Das ist er!“ wurden in der Menge Schreie
laut, und man drängte sich enger aneinander. „Der Zau-
berer ist wieder erschienen!“ schrien die Mütter und nah-
men ihre Kinder auf die Arme.
Majestätisch und würdevoll trat der Kosakenhauptmann
vor und sagte mit lauter Stimme, während er die Ikonen
gegen den Zauberer erhob:
„Verschwinde, du Abbild des Satans, hier ist kein Platz
für dich!“
Und wie ein Wolf knurrend und mit den Zähnen fet-
schend, verschwand der seltsame Alte. Und wie Wellen-
rauschen auf stürmischer See hub unter dem Volk nun ein
Reden und Fragen an.
„Was war das für ein Zauberer?“ fragten die jungen
und noch unerfahrenen Leute.
„Es wird ein Unglück geschehen!“ meinten die Alten
und wiegten bedenklich ihre Köpfe.
Auf dem großen Hof des Kosakenhauptmanns fanden
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sich die Menschen überall zu kleinen Gruppen zusammen
und lauschten den Erzählungen über den seltsamen Zau-
berer. Doch jeder erzählte etwas anderes, und etwas Be-
stimmtes wußte niemand über ihn zu sagen. Ein Faß Met
wurde auf den Hof gerollt, und neben das Faß wurden
eine nicht geringe Anzahl Eimer griechischen Weines ge-
stellt. Alle gaben sich wieder dem Vergnügen hin. Die
Musikanten grifen nach ihren Instrumenten, und die Mäd-
chen und Burschen, die ganze verwegene Kosakenschaft in
ihren bunten Röcken tanzte los. Selbst Neunzig- und Hun-
dertjährige drehten sich nach einigen Gläsern im Tanz und
gedachten der vergangenen Jahre. Bis in die späte Nacht
hinein wurde gefeiert, und zwar so, wie man es heute gar
nicht mehr versteht. Schließlich löste sich die Gesellschaft
auf, doch kaum einer ging nach Hause. Viele blieben, um
auf dem großen Hof des Kosakenhauptmanns zu übernach-
ten, noch mehr aber waren bereits vom Schlaf übermannt
worden und schliefen nun, ohne um Erlaubnis gefragt zu
haben, unter einer Bank, auf dem Boden, neben dem
Pferd oder neben dem Stall – überall dort, wo ihm die
Beine nicht mehr hatten gehorchen wollen, lag ein Kosak
und schnarchte, daß es in ganz Kiew zu hören war.
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Sanftes Licht ergießt sich über die Erde – der Mond ist
hinter dem Berg hervorgekommen. Wie mit einem wert-
vollen schneeweißen Damaszener Schleier überzieht er das
bergige Ufer des Dnepr, und die Schatten weichen noch
tiefer in das Kieferndickicht zurück.
Mitten auf dem Dnepr schwimmt ein eichenes Boot. Vorn
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hocken zwei Burschen; die schwarzen Kosakenmützen sit-
zen schief auf ihren Köpfen, und unter den Rudern fiegen,
als würde man mit einem Feuerstein Funken schlagen,
Spritzer nach allen Seiten.
Warum singen die Kosaken nicht? Sie sprechen weder
davon, daß bereits polnische katholische Geistliche in der
Ukraine umherziehen und das Kosakenvolk zu Katholiken
bekehren, noch davon, daß sich ihre Horde am Salzsee zwei
Tage geschlagen hat. Wie können sie auch singen oder
von kühnen Taten reden – Danilo, ihr Herr, ist in Nach-
denken versunken, der Ärmel seines karminroten Rockes
hängt über den Rand des Bootes und schöpft Wasser, und
Katerina, seine Frau, wiegt leise das Kind und wendet
kein Auge von ihm, und auf das von keiner Decke um-
hüllte prachtvolle Kleid sprüht graues Wasser nieder. Wie
schön es ist, von der Mitte des Dnepr auf die hohen Berge,
die weiten Wiesen und die grünen Wälder zu schauen!
Doch die Berge sind gar keine Berge – ihnen fehlt der
Fuß, unten wie oben laufen sie in einem spitzen Gipfel
aus, und sowohl unter als auch über ihnen wölbt sich der
hohe Himmel. Und die Wälder, die dort die Hügel be-
decken, sind gar keine Wälder – es sind Haare, die auf
dem zottigen Kopf des Waldgeistes wachsen. Seinen Bart
umspült Wasser, und unter dem Bart und über den Haa-
ren wölbt sich wieder der weite Himmel. Und die Wiesen
dort sind gar keine Wiesen – es ist ein grüner Gürtel, der
den runden Himmel in der Mitte umschlingt, und sowohl
in der oberen Hälfte als auch in der unteren zieht der
Mond dahin. Danilo aber blickt nicht um sich, er sieht
seine junge Frau an.
„Warum bist du so traurig, meine junge Frau, meine
goldene Katerina?“
„Ich bin nicht traurig, mein Danilo! Mich haben die
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seltsamen Geschichten über den Zauberer erschreckt. Es
heißt, er ist schon so furchtbar zur Welt gekommen … Und
schon von klein an wollte kein Kind mit ihm spielen. Höre,
Danilo, was Entsetzliches erzählt wird: Ihm schien immer,
daß alle über ihn lachen. Wenn er an einem dunklen
Abend einen Menschen traf, so war ihm immer, als öfnete
jener den Mund und bleckte seine Zähne. Am nächsten
Tag aber wurde dieser Mensch tot aufgefunden. Mir war
so seltsam, so entsetzlich zumute, als ich diese Geschichten
hörte“, sagte Katerina, zog ein Tuch hervor und wischte
damit das Gesicht des auf ihren Armen schlafenden Kin-
des ab. Auf das Tuch hatte sie mit roter Seide Blätter und
Beeren gestickt.
Danilo sagte kein Wort, sah nach der im Dunkeln lie-
genden Seite, wo weit, weit hinter dem Wald ein dunkler
Erdwall zu erkennen war, hinter dem ein altes Schloß auf-
ragte. Auf Danilos Stirn erschienen drei Falten; mit der
linken Hand glättete er seinen prachtvollen Schnurrbart.
„Schrecklich ist nicht, daß er ein Zauberer ist“, sagte
er, „sondern daß er ein böser Gast ist! Was hat ihn nur
dazu bewogen, hierherzukommen? Ich habe gehört, die
Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg zu den
Saporogern abzuschneiden. Wenn das wahr sein sollte …
Ich werde das Teufelsnest vernichten, sowie nur das Ge-
rücht aufkommt, daß er einen Schlupfwinkel hat. Ich werde
den alten Zauberer verbrennen – nicht einmal für die
Raben soll etwas übrigbleiben. Ich kann mir aber denken,
daß er Gold und alles mögliche Gut besitzt. Hier wohnt
dieser Teufel! Wenn er Geld hat … Gleich werden wir an
Kreuzen vorbeifahren – das ist der Friedhof! Dort modern
seine bösen Vorfahren. Es heißt, sie alle seien bereit ge-
wesen, sich für Geld dem Satan mitsamt ihrer Seele und
ihren zerlumpten Röcken zu verschreiben. Falls er wirk-
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lich Gold haben sollte, dann dürfen wir jetzt nicht mehr
zögern – im Krieg erbeutet man es nicht immer …“
„Ich weiß, was du vorhast. Ein Zusammentrefen mit
ihm verheißt mir nichts Gutes! Doch du atmest so schwer,
du guckst so böse, du hast die Brauen über den Augen so
fnster zusammengezogen …“
„Sei still, Weib!“ sagte Danilo wütend. „Wer sich mit
euch einläßt, wird selbst zum Weibe. – Gib mir Feuer für
meine Pfeife, Junge!“ wandte er sich an einen der Ruderer,
der daraufhin etwas glühende Asche aus seiner Pfeife in
die seines Herrn tat. „Sie will mir Angst machen mit dem
Zauberer!“ fuhr Danilo fort. „Ein Kosak fürchtet Gott
sei Dank weder den Teufel noch den polnischen Geistlichen.
Das würde etwas Schönes werden, wenn wir auf die Frauen
hörten. Hab ich nicht recht, ihr Burschen? Unsere Frau ist
die Pfeife und der geschlifene Säbel!“
Katerina schwieg und blickte auf das träge dahinfie-
ßende Wasser; der Wind kräuselte es, und der ganze
Dnepr schimmerte silbern wie ein Wolfsfell in der Nacht.
Das Boot wendete und schwamm am bewaldeten Ufer ent-
lang. Am Ufer war der Friedhof zu sehen: Die schiefen
Kreuze standen dicht nebeneinander.
Keine Schneeballsträucher wuchsen zwischen ihnen, und
kein Gras grünte, nur der Mond hoch oben am Himmel
wärmte sie.
„Hört ihr die Schreie, Burschen? Da ruft jemand um
Hilfe!“ sagte Danilo und wandte sich seinen Ruderern zu.
„Wir hören die Schreie, und sie kommen anscheinend
von dort“, sagten die Burschen wie aus einem Munde und
wiesen auf den Friedhof.
Doch alles war wieder still geworden. Das Boot wendete
und umfuhr das vorspringende Ufer. Plötzlich ließen die
Burschen die Ruder los und starrten auf einen Fleck. Auch
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Danilo verharrte reglos; Angst und Entsetzen bemächtigten
sich der Kosaken. Auf einem Grabhügel bewegte sich ein
Kreuz, und dem Grab entstieg langsam ein ausgetrockneter
Leichnam. Der Bart reichte ihm bis zum Gürtel, die Kral-
len an den Fingern waren sehr lang, noch länger als die
Finger selbst. Langsam hob er die Arme in die Höhe. Sein
Gesicht bebte und verzerrte sich. Anscheinend litt er ent-
setzliche Qualen. „Ich bekomme keine Luft! Ich bekomme
keine Luft!“ stöhnte er mit wilder, nicht menschlicher
Stimme. Wie ein Messer fuhr einem diese Stimme ins Herz,
und plötzlich verschwand der Leichnam wieder in der Erde.
Ein anderes Kreuz begann zu schwanken, und wieder
tauchte ein Leichnam auf, der noch schrecklicher und größer
war als der vorherige: Er war ganz mit Haaren bedeckt,
der Bart reichte ihm bis an die Knie, und die knochigen
Krallen waren noch länger. Mit noch viel wilderer Stimme
schrie er: „Ich bekomme keine Luft!“ und verschwand dann
in der Erde. Ein drittes Kreuz bewegte sich, und ein drit-
ter Leichnam erschien. Es sah aus, als hätten sich nur Kno-
chen aus dem Boden erhoben. Der Bart reichte ihm bis zu
den Fersen, und die Finger mit den langen Krallen bohr-
ten sich in die Erde. Mit einem entsetzlichen Gesichtsaus-
druck hob er die Arme empor, als wollte er nach dem Mond
greifen, und schrie dermaßen, als würde jemand seine
gelben Knochen zersägen … Das Kind, das in Katerinas
Armen geschlafen hatte, stieß einen Schrei aus und er-
wachte. Und auch die Herrin schrie auf. Den Ruderern
felen die Mützen in den Dnepr. Sogar der Herr zuckte zu-
sammen. Plötzlich verschwand alles, als hätte es derglei-
chen nie gegeben, jedoch noch lange danach grifen die Ru-
derer nicht zu ihren Rudern. Besorgt blickte Burulbasch auf
seine junge Frau, die, noch ganz erschrocken, das schreiende
Kind auf ihren Armen wiegte; er drückte sie an sein Herz
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und küßte sie auf die Stirn.
„Hab keine Angst, Katerina! Sieh – es ist nichts mehr
da!“ sagte er und zeigte rundum. „Der Zauberer will nur
die Leute schrecken, damit sich keiner an sein unreines
Teufelsnest heranwagt. Damit kann er aber nur die Frauen
schrecken. Gib mir den Sohn!“ (Bei diesen Worten hob
Danilo seinen Sohn empor und drückte ihn an seine Lip-
pen.) „Nicht wahr, Iwan, du hast keine Angst vor Zau-
berern? Sag: Nein, Vater, ich bin ein Kosak. – Nun, hör
auf zu weinen! Bald sind wir zu Hause! Und wenn wir
zu Hause sind, wird dich die Mutter mit Brei füttern, in
die Wiege legen und singen:
Eia popeia, schlaf,
Schlaf, mein Söhnchen, schlaf!
Werde groß und voller Kraft,
Zum Ruhme der Kosakenschaft,
Zum Schaden aller Feindherrschaft!
Höre, Katerina, mir scheint, dein Vater will mit uns nicht
in Eintracht leben. Als er kam, war er mürrisch und böse,
als ärgerte er sich über etwas … Wenn er unzufrieden
ist, warum ist er dann überhaupt gekommen! Er wollte
nicht einmal auf unsere Kosakenfreiheit trinken! Er hat
das Kind nicht auf seinen Armen gewiegt! Zuerst wollte
ich ihm alles anvertrauen, was mir das Herz schwer macht,
doch dann konnte ich es auf einmal nicht, kein Wort brachte
ich hervor. Nein, er besitzt kein Kosakenherz! Wenn sich
zwei trefen, die ein Kosakenherz haben, so schlägt es ihnen
vor Freude bis an den Hals, und sie streben aufeinander
zu! – Wie steht es, meine lieben Burschen, haben wir das
Ufer bald erreicht? Ich werde euch neue Mützen geben.
Dir, Stezko, gebe ich eine, die mit Samt und Gold verziert
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ist. Ich habe sie einem Tataren abgenommen, zusammen
mit seinem Kopf. Seine ganze Ausrüstung ist mir zugefal-
len, nur seiner Seele habe ich freien Lauf gelassen. Nun,
legt an! Siehst du, Iwan, jetzt sind wir schon da, und du
weinst noch immer! Nimm ihn, Katerina!“
Alle stiegen aus dem Boot. Hinter dem Berg war ein
Strohdach zu sehen, Danilos Vaterhaus. Dahinter ragte
noch ein Berg auf, und dann kam schon das weite Feld,
auf dem man hundert Werst weit gehen konnte, ohne auf
einen einzigen Kosaken zu trefen.
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Danilos Weiler liegt zwischen zwei Bergen, in einem engen
Tal, das sich bis zum Dnepr hinzieht. Sein Haus ist nicht
groß, es sieht aus wie das Haus eines einfachen Kosaken
und hat nur eine Stube, doch in ihr ist Platz genug für ihn,
seine Frau, die alte Magd und zehn auserlesene Burschen.
An den Wänden ziehen sich oben eichene Bretter entlang.
Auf ihnen stehen dicht nebeneinander Schüsseln und Töpfe
für die Speisen. Unter ihnen befnden sich auch Silber-
pokale und mit Gold eingefaßte Becher – Geschenke oder
auch Beutegut. Darunter hängen wertvolle Musketen, Säbel,
Hakenbüchsen und Lanzen. Die Tataren, Türken und
Polen gaben sie gutwillig oder auch gegen ihren Willen
her, und deshalb haben sie auch so manche Scharte. Für
Danilo sind sie eine Art Merkzeichen – ihr Anblick er-
innert ihn an seine Kämpfe. Unten stehen an der Wand
glattgehobelte Eichenbänke. Neben ihnen, vor der Ofen-
bank, hängt an Stricken, die durch einen Ring an der Decke
gezogen sind, die Wiege. In der ganzen Stube ist der Boden
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glattgestampft und mit Lehm verschmiert. Auf den Eichen-
bänken schläft Danilo mit seiner Frau und auf der Ofen-
bank die alte Magd. Das kleine Kind spielt und schläft
in der Wiege. Die Burschen schlafen auf dem nackten Bo-
den. Doch der Kosak schläft lieber auf der Erde unter
freiem Himmel. Er braucht keine Kissen und Federbetten;
er schiebt sich ein Bündel frisches Heu unter den Kopf und
streckt sich behaglich auf dem grünen Gras aus. Ihn freut
es, wenn er mitten in der Nacht aufwacht und dann über
sich den weiten, mit Sternen übersäten Himmel sieht oder
wenn ihn die nächtliche Kälte erschauern läßt und seine
Kosakenknochen erfrischt. Er reckt sich, murmelt im Halb-
schlaf etwas vor sich hin, zieht an seiner Pfeife und wik-
kelt sich dann fester in seinen warmen Pelz.
Burulbasch erwachte nach dem gestrigen Fest nicht allzu
früh. Er stand auf, setzte sich auf eine Bank in die Ecke
und begann seinen neuen, erst kürzlich eingetauschten tür-
kischen Säbel zu schleifen; Katerina aber stickte ein Sei-
dentuch mit Gold aus. Plötzlich trat, zornig und mürrisch,
mit einer fremdländischen Pfeife zwischen den Zähnen,
Katerinas Vater ein, näherte sich der Tochter und fragte
sie streng aus, weshalb sie so spät nach Hause gekommen
sei.
„Da, Schwiegervater, mußt du nicht sie, sondern mich
fragen! Nicht der Frau, sondern dem Mann steht die Ant-
wort zu. So ist es nun einmal bei uns Sitte, nimm es mir
nicht übel!“ sagte Danilo, ohne seine Arbeit zu unterbre-
chen. „Vielleicht ist das in manchen heidnischen Ländern
anders – das weiß ich nicht.“
Das mürrische Gesicht des Schwiegervaters lief vor Zorn
rot an, und seine Augen funkelten wild.
„Wer hat auf die Tochter zu achten, wenn nicht der
Vater!“ murmelte er. „Nun, ich frage dich also – wo hast
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du dich bis in die späte Nacht herumgetrieben?“
„Das gefällt mir schon besser, lieber Schwiegervater!
Und darauf antworte ich dir, daß ich schon lange aus den
Jahren heraus bin, in denen mich die Weiber gewindelt
haben. Ich weiß, wie man auf einem Pferd sitzt. Ich ver-
stehe auch einen scharfen Säbel zu führen. Und ich verstehe
noch einiges mehr … Ich verstehe auch, niemandem Rede
und Antwort zu stehen über das, was ich tue.“
„Ich sehe, Danilo, ich weiß – du suchst Streit! Wer
etwas zu verbergen hat, der hat sicherlich Böses im
Sinn.“
„Denke, was du willst“, sagte Danilo, „ich denke auch,
was ich will. Ich war Gott sei Dank noch an keiner un-
ehrenhaften Tat beteiligt, ich habe immer den rechten
Glauben und das Vaterland verteidigt, ich habe es nicht so
gemacht wie manche Landstreicher, die sich Gott weiß wo
herumtreiben, während die Rechtgläubigen auf Tod und
Leben kämpfen, und die dann später in das Land einfallen
und ernten, was sie nicht gesät haben. Sie gleichen nicht
einmal den Unierten, denn sie schauen nie in Gottes Kirche
hinein. Diese Leute müßte man einmal ordentlich ausfra-
gen, wo sie sich überall herumtreiben.“
„He, Kosak! Damit du es weißt, ich schieße schlecht, nur
auf hundert Schritt durchbohrt meine Kugel das Herz. Ich
schlage mich auch nicht besonders gut – von meinem Wi-
dersacher bleiben nur Stückchen übrig, die kleiner sind als
Buchweizenkörner, aus denen man Grütze kocht.“
„Ich bin bereit“, sagte Danilo und fuhr mit dem Säbel
verwegen durch die Luft; es war, als hätte er gewußt, wo-
für er ihn geschlifen hatte.
„Danilo!“ schrie Katerina laut auf, faßte ihn am Arm
und hängte sich an ihn. „Komm zu dir, du Wahnsinniger,
siehst du denn nicht, gegen wen du die Hand erhebst? –
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Vater, deine Haare sind schneeweiß, doch du verlierst den
Verstand wie ein unerfahrener Bursche!“
„Weib!“ rief Danilo drohend. „Du weißt, ich liebe so
etwas nicht. Kümmere dich um deine Weibersachen!“
Schrecklich klirrten die Säbel, Eisen schlug gegen Eisen,
und Funken umfogen die Kosaken wie Staub. Weinend
ging Katerina in die Kammer, die sich noch im Haus be-
fand, warf sich auf das Lager und hielt sich die Ohren
zu, um das Säbelgeklirr nicht zu hören. Aber so schlecht
schlugen sich die Kosaken nicht, daß man nichts davon ge-
hört hätte. Ihr Herz wollte in Stücke zerspringen. Am gan-
zen Leib fühlte sie die Schläge – tuck, tuck. „Nein, das
halte ich nicht aus, das halte ich nicht aus … Vielleicht
spritzt jetzt schon das rote Blut aus seinem weißen Kör-
per. Vielleicht verlassen meinen Liebsten jetzt schon die
Kräfte, ich aber liege hier!“ Totenbleich und schwer atmend,
trat sie wieder in die Stube.
Ruhig und furchtbar schlugen die Kosaken aufeinander
ein. Weder der eine noch der andere gewann die Ober-
hand. Da dringt Katerinas Vater vor – Danilo tritt zurück.
Nun dringt Danilo vor – der gestrenge Vater weicht aus,
und wieder stehen sich beide gegenüber. Sie kochen vor
Wut. Sie holen aus … Aaah! Die Säbel schlagen aufein-
ander, und klirrend fiegen die Klingen zur Seite.
„Mein Gott, ich danke dir!“ sagte Katerina und schrie
von neuem auf, als sie sah, daß die Kosaken zu den Mus-
keten grifen. Sie untersuchten die Feuersteine und spann-
ten dann die Hähne. Danilo schoß und traf nicht. Nun legte
der Vater an … Er war schon alt, er sah nicht mehr so
gut, doch seine Hand war ruhig. Der Schuß krachte.
Danilo wankte. Rotes Blut färbte den linken Ärmel des
Kosakenrocks.
„Nein!“ schrie Danilo. „So leicht bekommst du mich
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nicht. Nicht die linke Hand, die rechte ist der Ataman.
An der Wand hängt meine türkische Pistole; noch nie im
Leben hat sie mich im Stich gelassen. Komm herunter von
der Wand, alter Kamerad! Erweise deinem Freund einen
Dienst!“ rief er und streckte die Hand nach der Pistole aus.
„Danilo!“ schrie Katerina verzweifelt, packte ihn bei den
Händen und warf sich ihm zu Füßen. „Nicht um meinet-
willen fehe ich dich an. Für mich gibt es nur einen Aus-
weg – eine Frau, die ihren Mann überlebt, ist nicht mehr
ehrenhaft; der Dnepr, der kalte Dnepr wird mein Grab
sein … Doch blicke den Sohn an, Danilo, blicke den Sohn
an! Wer wird sich um das arme Kind kümmern? Wer wird
es liebkosen? Wer wird ihm beibringen, auf einem Rap-
pen dahinzujagen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen,
nach Kosakenart zu trinken und zu tanzen? Wärest du nur
nicht geboren, mein Sohn, oh, wärest du nur nicht gebo-
ren! Dein Vater will nichts von dir wissen. Sieh nur, wie
er sein Gesicht abwendet. Oh, jetzt habe ich dich erkannt!
Du bist ein Tier und kein Mensch! Du hast das Herz eines
Wolfes und die Seele einer hinterlistigen Natter. Ich dachte,
du hättest wenigstens ein bißchen Mitleid, in deinem stei-
nernen Körper brennte ein menschliches Gefühl. Wie habe
ich mich doch getäuscht. Dich freut dies alles. Deine Ge-
beine werden noch im Grabe vor Freude tanzen, wenn sie
hören, wie die polnischen Bestien deinen Sohn in die Flam-
men werfen, wie dein Sohn unter ihren Messern und im
kochenden Wasser aufschreit. Oh, jetzt kenne ich dich!
Mit Freuden würdest du dich aus deinem Grab erheben
und mit deiner Mütze das Feuer unter deinem Sohn an-
fachen!“
„Halt ein, Katerina! – Komm, mein lieber Iwan, ich
will dich küssen! Nein, mein Kind, niemand wird dir ein
Haar krümmen. Du wirst zum Ruhme des Vaterlandes auf-
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wachsen; wie der Sturmwind wirst du vor den Kosaken
herbrausen; auf dem Kopf wirst du eine Samtmütze haben
und in der Hand einen scharfen Säbel. – Vater, gib mir die
Hand! Vergessen wir alles, was zwischen uns gewesen
ist. Sollte ich dir ein Unrecht angetan haben – vergib es
mir. – Warum gibst du mir nicht deine Hand?“ fragte
Danilo Katerinas Vater, der reglos an seinem Platz stand
und weder zornig aussah noch bereit schien, sich auszu-
söhnen.
„Vater!“ schrie Katerina, und sie umarmte und küßte
ihn. „Sei nicht unerbittlich. Vergib Danilo; er wird dich
auch nie wieder beleidigen!“
„Nur dir zuliebe, meine Tochter, will ich ihm vergeben!“
antwortete er und küßte sie, wobei seine Augen seltsam
funkelten.
Katerina erschauerte ein wenig; sowohl der Kuß als
auch das seltsame Funkeln der Augen kam ihr sonderbar
vor. Sie stützte sich auf den Tisch, an dem Danilo saß, sei-
nen Arm verband und sich überlegte, daß er doch eigentlich
schlecht und nicht nach Kosakenart gehandelt hatte, als er
um Vergebung bat, ohne etwas Böses getan zu haben.
4
Der Tag zog herauf, doch ohne Sonne: Der Himmel war
verhangen, und ein feiner Regen fel auf die Felder, die
Wälder und den breiten Dnepr. Katerina wachte auf, doch
nicht froh: Ihre Augen waren verweint, und sie selbst war
bedrückt und unruhig.
„Mein lieber Mann, mein teurer Mann, ich hatte einen
seltsamen Traum!“
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„Was für einen Traum denn, meine liebe Katerina?“
„Ich habe geträumt – ganz seltsam war es, wirklich, und
so deutlich, als sei es wahr gewesen –, ich habe geträumt,
daß mein Vater der entsetzliche Krüppel ist, den wir bei
dem Kosakenhauptmann gesehen haben. Doch ich bitte dich,
glaube nicht meinem Traum! Was für Unsinn sieht man
doch im Schlaf! Ich habe im Traum vor ihm gestanden, zit-
terte am ganzen Leibe, fürchtete mich, und jedes seiner
Worte ließ mir das Blut in den Adern erstarren. Wenn du
nur gehört hättest, was er gesagt hat …“
„Und was hat er gesagt, meine goldene Katerina?“
„Er hat gesagt: Sieh mich an, Katerina, wie gut ich aus-
sehe! Die Leute irren sich, wenn sie sagen, ich sei häßlich.
Ich werde dir ein guter Mann sein. Sieh doch nur, wie
meine Augen funkeln! – Und er sah mich mit solch feuri-
gen Augen an, daß ich aufschrie und erwachte.“
„Ja, in Träumen ist viel Wahres verborgen. Weißt du
übrigens, daß es hinter dem Berg nicht so ruhig ist wie
sonst? Ich glaube beinah, die Polen werden sich wieder
zeigen. Gorobez hat mir ausrichten lassen, ich solle nicht
schlafen. Doch er sorgt sich ganz umsonst, ich schlafe auch
ohne seine Warnung nicht. Meine Burschen haben in dieser
Nacht aus gefällten Bäumen zwölf Verhaue errichtet. Wir
werden die Herren Polen mit Bleipfaumen empfangen,
und die Schlachtschitzen werden unter unseren Knüppeln
tanzen.“
„Weiß der Vater davon?“
„Dein Vater hängt mir zum Halse heraus! Mir ist bis
heute noch nicht klar, was er für ein Mensch ist. Sicher
hat er in fremden Landen viele Sünden auf sich geladen.
Was mag das nur für einen Grund haben? Etwa einen
Monat lebt er nun schon bei mir, doch noch kein einziges
Mal hat er sich nach guter alter Kosakenart vergnügt! Nicht
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einmal Met wollte er trinken! Hörst du es, Katerina, er
wollte den Met nicht trinken, den ich den Brester Juden
abgenommen habe! He, Bursche!“ rief Danilo. „Lauf in
den Keller, Junge, und bring den jüdischen Met! Nicht ein-
mal Schnaps trinkt er! Unglaublich ist das! Ich glaube,
Katerina, daß er nicht einmal an unseren Herrn Jesus
Christus glaubt. Wie? Was meinst du?“
„Gott weiß, was du da alles zusammenredest, Danilo!“
„Es ist seltsam, Katerina!“ fuhr Danilo fort und nahm
dem Kosaken den Tonkrug ab. „Sogar die verfuchten
Katholiken sind dem Schnaps nicht abgeneigt, nur die Tür-
ken trinken nicht. Na, Stezko, hast du im Keller viel von
dem Met probiert?“
„Nur ein wenig, Herr!“
„Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen
auf deinem Schnurrbart niedergelassen haben! Ich sehe es
deinen Augen an, daß du einen halben Eimer ausgetrun-
ken hast. Ja, die Kosaken! Was für ein verwegenes Volk
sind sie doch. Alles tut ein Kosak für seinen Freund,
aber den Schnaps, den trinkt er selber. Ich bin, glaube ich,
schon lange nicht mehr betrunken gewesen, Katerina,
wie?“
„Schon lange nicht mehr? Aber das letzte Mal …“
„Hab keine Angst, hab keine Angst, mehr als einen Krug
trinke ich nicht! – Da kommt ja auch schon der türkische Abt
zur Tür herein!“ murmelte er durch die Zähne, als er sei-
nen Schwiegervater gewahrte, der sich bücken mußte, um
durch die Tür zu kommen.
„Was soll denn das bedeuten, meine Tochter!“ sagte der
Vater, nahm die Mütze vom Kopf und rückte den Gürtel
zurecht, an dem ein mit wunderbaren Steinen geschmückter
Säbel hing. „Die Sonne steht schon hoch am Himmel, aber
das Essen ist noch nicht fertig.“
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„Es ist fertig, Vater, gleich wird aufgetragen. Bring die
Schüssel mit den Klößen!“ sagte Katerina zu der alten
Magd, die das hölzerne Geschirr sauber rieb. „Warte, ich
hole sie selbst“, fuhr Katerina fort, „ruf du lieber die Bur-
schen!“
Alle ließen sich im Kreise auf dem Boden nieder, den
Ikonen gegenüber der Vater, links von ihm Danilo, rechts
von ihm Katerina und zehn der getreuesten Burschen in
ihren blauen und gelben Kosakenröcken.
„Ich mag diese Klöße nicht!“ sagte der Vater, nachdem
er ein wenig gegessen und dann den Löfel beiseite gelegt
hatte. „Sie schmecken nach nichts!“
Ich weiß, daß du jüdische Nudeln lieber ißt, dachte
Danilo bei sich. „Weshalb sagst du denn, Schwiegervater“,
fuhr er laut fort, „daß die Klöße nach nichts schmecken?
Sind sie etwa schlecht gekocht? Meine Katerina macht
Klöße, wie sie selbst ein Kosakenhauptmann nur selten zu
essen bekommt. Und Klöße nicht mögen – dafür liegt kein
Grund vor. Sie sind ein christliches Gericht! Alle Heiligen
und alle frommen Männer haben Klöße gegessen.“
Der Vater sagte kein Wort, und Danilo schwieg eben-
falls.
Ein gebratener Eber mit Kraut und Pfaumen wurde
aufgetragen.
„Ich mag Schweinefeisch nicht!“ sagte Katerinas Vater
und holte mit dem Löfel das Kraut hervor.
„Weshalb magst du denn Schweinefeisch nicht?“ fragte
Danilo. „Nur die Türken und Juden essen kein Schweine-
feisch.“
Der Vater zog die Brauen noch mehr zusammen.
Nur ein wenig Mehlbrei mit Milch aß der alte Vater, und
statt Schnaps trank er aus einer kleinen Flasche, die er
unter seinem Hemd hervorgeholt hatte, eine schwarze Flüs-
233
sigkeit.
Nach dem Essen fel Danilo in einen gesunden Schlaf,
und er wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin
und begann Sendbriefe an das Kosakenheer zu schreiben;
Katerina saß auf der Ofenbank und schaukelte mit einem
Bein die Wiege. Danilo saß da und blickte mit dem linken
Auge auf das Geschriebene und mit dem rechten zum Fen-
ster. Hinter dem Fenster schimmerten in der Ferne die
Berge und der Dnepr. Hinter dem Dnepr zogen sich bläu-
liche Wälder hin. Darüber wölbte sich ein Stück des klar-
gewordenen Nachthimmels; doch nicht der weite Himmel
und der bläuliche Wald nahmen Danilos Aufmerksamkeit
gefangen – er sah zu der vorspringenden Landzunge hin,
auf der sich schwarz ein altes Schloß erhob. Er glaubte, in
einem kleinen Fenster des Schlosses Licht gesehen zu
haben. Doch alles war ruhig. Sicherlich hatte er sich ge-
irrt. Er hörte nur, wie unten dumpf der Dnepr rauschte
und wie nacheinander von drei Seiten das Aufschlagen der
frisch aufgekommenen Wellen widerhallte. Der Dnepr
empörte sich nicht. Er murrte und schimpfte nur wie ein
Greis; nichts gefel ihm mehr, alles um ihn herum hatte sich
verändert; er führte einen geheimen Krieg mit den Ufer-
bergen, den Wäldern und Wiesen und trug seine Klagen
über sie dem Schwarzen Meere zu. Plötzlich zeigte sich auf
dem breiten Dnepr ein schwarzer Kahn, und im Schloß
schien wieder etwas aufzublitzen. Danilo pff leise, und
auf diesen Pff erschien der treue Bursche.
„Nimm schnell den scharfen Säbel und das Gewehr,
Stezko, und folge mir!“
„Du gehst weg?“ fragte Katerina.
„Ja, Frau. Ich muß mir sämtliche Orte ansehen, ob auch
alles in Ordnung ist.“
„Ich habe aber Angst, ganz allein zurückzubleiben. Ich
234
bin auch schon ganz müde. Und was wird, wenn ich wie-
der dasselbe träume? Ich bin nicht einmal davon überzeugt,
daß es nur ein Traum gewesen ist, ich habe alles so deut-
lich gesehen.“
„Die alte Magd bleibt ja bei dir, und im Flur und auf
dem Hof schlafen die Kosaken!“
„Die Magd schläft schon, und den Kosaken traue ich nicht
ganz. Höre, Danilo, schließ mich in der Stube ein und nimm
den Schlüssel mit. Dann werde ich nicht solche Angst haben,
und die Kosaken sollen sich vor die Tür legen.“
„So wollen wir es machen!“ sagte Danilo, rieb den Staub
vom Gewehr und schüttete Pulver auf die Pfanne.
Der treue Stezko stand schon in voller Kosakenaus-
rüstung da. Danilo setzte sich seine Lammfellmütze auf,
schloß das Fenster, riegelte die Tür zu, schloß sie ab
und ging zwischen den schlafenden Kosaken hindurch
leise über den Hof in die Berge. Der Himmel hatte sich
beinahe ganz aufgeklärt. Vom Dnepr wehte schwach ein
frischer Wind. Wäre in der Ferne nicht das Kreischen
der Möwen zu hören gewesen, hätte man meinen kön-
nen, alles ringsum schlafe. Doch da schien sich etwas zu
regen … Burulbasch versteckte sich mit seinem treuen Die-
ner leise hinter einem Dornenstrauch, der einen Verhau
verdeckte. Ein Mann in einem roten Kosakenrock, mit zwei
Pistolen und einem Säbel an der Seite, kam den Berg her-
unter.
„Das ist der Schwiegervater!“ murmelte Danilo und be-
obachtete ihn durch den Strauch hindurch. „Wohin geht er
nur zu solcher Zeit und warum? Stezko, schlaf nicht, paß
genau auf, wohin der Vater geht.“ (Der Mann im roten
Kosakenrock ging bis zum Ufer hinab und wendete sich
der vorspringenden Landzunge zu.) „Ah! Dahin geht er
also!“ sagte Danilo. „Stezko, was meinst du, er geht ja
235
geradeswegs in die Höhle des Zauberers!“
„Ja, woanders ist er wohl kaum hingegangen, Herr!
Sonst würden wir ihn auf der anderen Seite sehen. Doch
er ist beim Schloß verschwunden.“
„Warte, wir kriechen hier heraus und gehen seinen Spu-
ren nach. Hier verbirgt sich irgend etwas. Nein, Katerina,
ich habe es dir gleich gesagt, dein Vater ist ein böser
Mensch, er hat in allem niemals so gehandelt wie ein Recht-
gläubiger.“
Schon erschienen Danilo und sein getreuer Diener auf
dem vorspringenden Ufer. Schon waren sie verschwunden
– der undurchdringliche Wald, der das Schloß umgab, ver-
barg sie. Im obersten Fenster blitzte schwach ein Licht
auf. Unten standen die Kosaken und überlegten, wie sie
hineingelangen könnten. Weder Tor noch Türen waren
zu sehen. Vom Hof aus gab es bestimmt einen Eingang,
doch wie wollten sie da hineingelangen? Sie hörten von
fern, wie Hunde umherliefen und mit ihren Ketten klirr-
ten. „Was überlege ich da lange!“ sagte Danilo, als er
vor dem Fenster eine hohe Eiche erblickte. „Bleib hier
stehen, Junge! Ich klettere auf die Eiche, von dort oben
kann ich genau in das Fenster hineinsehen.“ Er legte den
Gürtel ab, warf den Säbel auf den Boden, damit er ihn
nicht durch sein Klirren verrate, ergrif die untersten
Zweige und kletterte hoch. Das Fenster war immer noch
erhellt. Er setzte sich auf einen Ast neben dem Fenster,
hielt sich mit einer Hand am Baum fest und sah, daß im
Zimmer keine Kerzen standen und es darin trotzdem hell
war. An den Wänden gewahrte er seltsame Zeichen. Waf-
fen hingen da, aber ganz ungewöhnliche – solche Wafen
benutzten weder die Türken noch die Krimtataren, weder
die Polen noch die Christen noch das wackere schwedische
Volk. Unter der Decke fatterten Fledermäuse hin und her,
236
und ihre Schatten huschten über die Wände, die Tür und
den Fußboden. Plötzlich öfnete sich lautlos die Tür. Ein
Mann in einem roten Kosakenrock trat ein und ging ge-
radeswegs auf den Tisch zu, auf dem ein weißes Tischtuch
lag. Das war er, das war der Schwiegervater! Danilo klet-
terte etwas weiter hinunter und drückte sich fester an den
Baum. Doch der Schwiegervater hatte keine Zeit, nachzu-
sehen, ob jemand zum Fenster hineinsah oder nicht. Er war
mürrisch und mißgelaunt, riß das Tischtuch vom Tisch –
und plötzlich verbreitete sich im Zimmer ein sanftes, durch-
sichtiges hellblaues Licht. Die Wellen des blaßgoldenen
Lichtes, das zuvor den Raum erfüllt hatte, vermischten sich
nicht mit diesem, sie schillerten, tauchten unter wie in
einem blauen Meer und zogen sich in Streifen dahin wie
die Adern auf einer Marmorplatte. Der Mann stellte einen
Topf auf den Tisch und warf irgendwelche Kräuter hinein.
Danilo schaute genau hin und sah schon den roten Kosaken-
rock nicht mehr, statt dessen hatte der Mann plötzlich weite
Hosen an, wie sie die Türken tragen, im Gürtel steckten
Pistolen, auf seinem Kopf saß eine seltsame Mütze, die
weder mit russischen noch mit polnischen Schriftzeichen be-
deckt war. Danilo sah ihm ins Gesicht – auch das Gesicht
begann sich zu verändern: Die Nase wurde immer länger
und hing ihm bald bis über die Lippen, der Mund zog sich
in einem Augenblick von einem Ohr zum anderen, ein Zahn
wuchs aus dem Mund hervor und bog sich zur Seite – vor
Danilo stand der gleiche Zauberer, der während der Hoch-
zeit beim Kosakenhauptmann erschienen war. In deinem
Traum lag Wahrheit, Katerina! dachte Burulbasch. Der
Zauberer lief um den Tisch herum; die Zeichen an den
Wänden wechselten immer schneller, und die Fledermäuse
fogen aufgeregter hin und her und auf und nieder. Das
hellblaue Licht wurde immer schwächer und schien ganz
237
zu verschwinden. Das Zimmer war bereits von einem mil-
den rosigen Licht erhellt. Das wunderbare Licht schien un-
ter leisem Klingen in alle Ecken zu fießen, doch plötzlich
verschwand es, und Dunkelheit breitete sich aus. Nur ein
Rauschen war zu hören, als spiele und kreise ein Wind
in stiller Abendstunde auf einer spiegelglatten Wasser-
fäche und beuge die Silberweiden noch tiefer zum Was-
ser hinab. Und Danilo glaubte in dem Zimmer den Mond
leuchten, die Sterne wandern und den dunkelblauen Nacht-
himmel glänzen zu sehen, sogar die kühle Nachtluft schien
ihm ins Gesicht zu wehen. Und dann schien es Danilo
(er zupfte sich am Schnurrbart, um sich davon zu überzeu-
gen, daß er nicht etwa schlafe), als sähe er in dem Zim-
mer schon nicht mehr den Himmel, sondern seine eigene
Stube: An der Wand hingen seine tatarischen und türki-
schen Säbel, an den Wänden zogen sich die Bretter ent-
lang, auf denen das Geschirr und Hausgerät stand, auf
dem Tisch gewahrte er Brot und Salz, dort hing die
Pfeife … Doch statt der Heiligenbilder blickten ihn fürch-
terliche Fratzen an, und auf der Ofenbank … Aber ein
immer dichter werdender Nebel verbarg alles; es wurde
wieder dunkel. Und von neuem erhellte das rosige Licht
unter wunderbarem Klingen das ganze Zimmer, und wie-
der stand der Zauberer regungslos da, mit seinem selt-
samen Turban auf dem Kopf. Die Töne schwollen an und
lösten einander schneller ab; das sanfte rosige Licht wurde
kräftiger, und etwas Weißes, das einer Wolke glich,
schwebte mitten im Zimmer. Und Danilo deuchte es, als
wäre diese Wolke keine Wolke, sondern als stünde eine
Frau da. Doch woraus bestand sie nur; war sie denn aus
Luft gewebt? Wie konnte sie nur stehen, ohne den Boden
zu berühren und ohne sich auf etwas zu stützen; wie kam
es, daß das rosige Licht und die Zeichen an der Wand
238
durch sie hindurchschienen? Sie bewegte ihren durchsich-
tigen Kopf; ihre blaßblauen Augen leuchteten sanft; ihre
Haare felen gleich hellgrauem Nebel in Locken auf ihre
Schultern hinab; die Lippen färbten sich blaßrot, so als
überzöge die kaum merkliche Morgenröte den weißen,
durchsichtigen Morgenhimmel; die dunklen Brauen glänz-
ten schwach … Ach! Das war ja Katerina! Danilo fühlte,
wie seine Glieder vor Schreck erstarrten; er wollte etwas
sagen, doch seine Lippen brachten keinen Laut hervor. Reg-
los stand der Zauberer an seinem Platz.
„Wo bist du gewesen?“ fragte er, und die vor ihm
Stehende erschauerte.
„Oh! Warum hast du mich nur gerufen?“ fragte sie un-
ter leisem Stöhnen. „Mir war so froh zumute. Ich war dort,
wo ich geboren bin und fünfzehn Jahre gelebt habe. Oh,
wie schön es dort ist! Wie grün die Wiese ist, auf der ich
in meiner Kindheit gespielt habe – und wie sie duftet!
Die Feldblumen sind noch die gleichen wie damals, und
unser Häuschen erst, und unser Garten! Oh, wie hat mich
meine liebe Mutter immer umarmt! Was für eine Liebe
leuchtete aus ihren Augen! Sie streichelte mich, küßte mich
auf den Mund und die Wangen und kämmte mit einem
feinen Kamm meinen blonden Zopf … Vater!“ sagte sie
und sah den Zauberer mit ihren blaßblauen Augen an.
„Warum hast du meine Mutter erstochen?“
Zornig drohte ihr der Zauberer mit dem Finger.
„Habe ich dich etwa gebeten, davon zu reden?“ (Die nur
aus Luft bestehende Schönheit erzitterte.) „Wo ist jetzt
deine Herrin?“
„Meine Herrin, die Katerina, ist jetzt eingeschlafen; ich
freute mich darüber; ich schlüpfte hervor und fog davon.
Ich wollte die Mutter schon lange einmal wiedersehen.
Plötzlich war ich wieder fünfzehn Jahre alt. Ich fühlte mich
239
so leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen?“
„Erinnerst du dich noch an all das, was ich dir gestern
gesagt habe?“ fragte der Zauberer so leise, daß es kaum
zu hören war.
„Ich erinnere mich, ich erinnere mich, doch was würde
ich nicht alles darum geben, es wieder zu vergessen. Arme
Katerina! Sie weiß vieles nicht von dem, was ihre Seele
weiß.“
Das ist Katerinas Seele, dachte Danilo, doch er wagte
immer noch nicht, sich zu rühren.
„Gehe in dich, Vater! Ist es denn nicht entsetzlich, daß
sich nach jedem Mord die Toten aus ihren Gräbern er-
heben?“
„Du fängst schon wieder damit an!“ unterbrach sie der
Zauberer drohend. „Ich bleibe bei dem, was ich gesagt
habe; ich werde dich zwingen, meinen Willen auszufüh-
ren. Katerina wird mich lieben!“
„Oh, du bist ein Ungeheuer, aber nicht mein Vater!“
stöhnte sie. „Nein, niemals werde ich nach deinem Wil-
len handeln. Es ist wahr, du hast durch unreine Zauber-
künste die Macht erlangt, die Seele herbeizurufen und sie
zu quälen – doch nur Gott allein kann sie zwingen, das
zu tun, was ihm gefällt. Nein, solange ich in Katerinas
Körper wohne, wird sie sich niemals zu einer gottlosen
Handlung entschließen. Vater, das Jüngste Gericht ist nahe!
Und auch wenn du nicht mein Vater wärst, könntest du
mich nicht dazu zwingen, meinen lieben treuen Mann zu
hintergehen. Und selbst wenn mein Mann mir untreu wäre
und ich ihn nicht liebte, sogar dann würde ich ihn nicht
hintergehen, denn Gott liebt nicht die meineidigen und
treulosen Seelen.“
Sie richtete ihre blaßblauen Augen auf das Fenster, hin-
ter dem Danilo saß, und blieb unbeweglich stehen …
240
„Wo schaust du hin? Wen siehst du dort?“ schrie der
Zauberer, und das durchsichtige Gebilde erbebte.
Doch Danilo war schon lange wieder unten und wan-
derte mit seinem treuen Stezko den Bergen zu. „Entsetz-
lich, entsetzlich!“ murmelte er vor sich hin und fühlte, wie
eine gewisse Unsicherheit von seinem Kosakenherzen Be-
sitz ergrif. Bald darauf schritt er über seinen Hof, auf
dem die Kosaken noch ebenso tief schliefen wie zuvor –
außer einem, der Wache hielt und seine Pfeife rauchte.
Der Himmel war von Sternen übersät.
5
„Wie gut du daran getan hast, mich zu wecken!“ sagte
Katerina, rieb sich die Augen mit dem bestickten Jacken-
ärmel und betrachtete den vor ihr stehenden Mann von
Kopf bis Fuß. „Was für einen entsetzlichen Traum ich
hatte! Wie sehr ich nach Atem gerungen habe! Ach … Mir
war, als müßte ich sterben.“
„Was für ein Traum ist es denn gewesen? War es viel-
leicht dieser?“ fragte Burulbasch und erzählte seiner Frau
alles, was er gesehen hatte.
„Wie hast du das nur erfahren, mein lieber Mann?“
fragte Katerina verwundert. „Aber nein, vieles von dem,
was du mir sagst, ist mir neu. Nein, mir hat nicht geträumt,
daß der Vater die Mutter erstochen hat; ich habe auch
die Toten nicht gesehen, nichts habe ich gesehen. Nein,
Danilo, du erzählst anders. Ach, wie schrecklich mein Vater
ist!“
„Es ist kein Wunder, daß du vieles nicht gesehen hast.
Du weißt ja noch nicht einmal den zehnten Teil von dem,
241
was deine Seele weiß. Weißt du, daß dein Vater der Anti-
christ ist? Schon im vorigen Jahr, als ich mit den Polen
gegen die Krimtataren zog, damals kämpfte ich noch auf
der Seite dieses treulosen Volks, erzählte mir der Abt des
Brüderklosters – er ist ein heiliger Mann, Frau! –, daß der
Antichrist über die Macht verfügt, die Seele eines jeden
Menschen herbeizurufen. Die Seele tut nämlich, was sie
will, wenn der Mensch schläft, und fiegt mit den Erz-
engeln zusammen um Gottes Tempel herum. Schon beim
ersten Mal hat mir das Gesicht deines Vaters nicht gefal-
len. Hätte ich gewußt, daß du so einen Vater hast, hätte
ich dich nicht geheiratet; ich hätte dich verlassen und nicht
die Sünde auf mich geladen, mit dem Stamm des Anti-
christ verschwägert zu sein.“
„Danilo“, sagte Katerina, bedeckte ihr Gesicht mit den
Händen und brach in Tränen aus. „Habe ich mir jemals
vor dir etwas zuschulden kommen lassen? Bin ich dir etwa
untreu geworden, mein lieber Mann? Womit habe ich dich
erzürnt? Habe ich dir nicht treu gedient? Habe ich dir je
ein einziges Wörtchen gesagt, wenn du von einem lustigen
Gelage angeheitert nach Hause kamst? Habe ich dir nicht
einen Sohn mit schwarzen Brauen geboren?“
„Weine nicht, Katerina, ich kenne dich jetzt und werde
dich um nichts in der Welt verlassen. Alle Sünden fallen
auf deinen Vater zurück.“
„Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist mir kein
Vater. Gott ist mein Zeuge – ich sage mich von ihm los,
ich sage mich von meinem Vater los! Er ist der Antichrist
und ein Gottesleugner! Mag er zugrunde gehen, mag er
ertrinken – ich werde ihm nicht die Hand zur Rettung
reichen. Mag er an einem giftigen Kraut verdorren – ich
werde ihm kein Wasser zu trinken geben. Du bist mein
Vater!“
242
6
An eiserne Ketten geschmiedet, sitzt der Zauberer im tie-
fen Verlies Danilos hinter Schloß und Riegel; und in der
Ferne, über dem Dnepr, glüht sein Teufelsschloß, und blut-
rote Wellen umrauschen und umspülen die alten Mauern.
Nicht wegen seiner Zaubereien und seiner gottesläster-
lichen Taten sitzt der Zauberer im tiefen Verlies. Darüber
hat nur Gott zu richten. Er sitzt dort wegen geheimen Ver-
rats, wegen Verschwörung mit den Feinden des rechtgläu-
bigen russischen Landes, wegen seiner Absicht, das ukrai-
nische Volk den Katholiken zu verkaufen und die christ-
lichen Kirchen zu verbrennen. Der Zauberer blickt fnster
drein; die Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen, sind
schwärzer als die Nacht. Nur noch einen Tag hat er zu
leben, morgen schon muß er diese Welt verlassen. Morgen
erwartet ihn die Todesstrafe. Keine leichte Todesstrafe er-
wartet ihn – es wäre noch eine Gnade zu nennen, wenn
man ihn nur in einem Kessel sieden oder ihm bei lebendi-
gem Leibe die sündige Haut abziehen würde. Der Zau-
berer blickt fnster drein und läßt den Kopf hängen. Viel-
leicht geht er vor seinem Tode schon in sich, doch seine
Sünden sind nicht von der Art, daß Gott sie ihm verzeihen
könnte. Über ihm befndet sich ein schmales Fenster, das
mit Eisenstäben vergittert ist. Mit den Ketten klirrend, be-
wegt er sich auf das Fenster zu, um zu sehen, ob seine
Tochter nicht kommt. Sie ist sanft und nicht rachsüchtig, sie
ist wie eine Taube; vielleicht hat sie Mitleid mit ihrem
Vater … Doch niemand ist zu sehen. Dort unten ist ein
Weg, niemand begeht ihn. Unterhalb des Weges fießt der
Dnepr vorbei; er kümmert sich um nichts, er braust dahin,
243
und sein eintöniges Rauschen stimmt den Gefangenen
traurig. Jetzt taucht jemand auf dem Wege auf – ein
Kosak! Der Gefangene seufzt tief auf. Wieder liegt alles
wie ausgestorben da. Doch da steigt in der Ferne jemand
den Berg hinab. Ein grünes Kleid fattert im Wind. Ein
golddurchwirkter Kopfputz glänzt. Das ist sie. Noch näher
zieht er sich an das Fenster heran. Jetzt ist sie schon ganz
nah. „Katerina! Tochter! Hab Mitleid mit mir, gib mir
ein Almosen!“ Sie stellt sich taub; sie will nichts hören;
ja sie streift das Verlies nicht einmal mit einem Blick;
schon ist sie vorüber, und schon ist sie verschwunden. Wie
ausgestorben ist die ganze Welt. Trostlos rauscht der
Dnepr, Wehmut ergreift das Herz. Doch spürt der Zau-
berer diese Wehmut? Der Tag neigt sich dem Abend zu.
Schon nähert sich die Sonne dem Horizont. Nun ist sie
untergegangen. Schon ist es Abend; es ist kühl; irgendwo
brüllt ein Ochse; von irgendwoher dringen Laute an sein
Ohr – bestimmt kehren da Leute fröhlich von ihrer Arbeit
zurück; auf dem Dnepr taucht ein Boot auf … Niemand
kümmert sich um den Zauberer! Am Himmel glänzt die
silberne Sichel auf. Da kommt jemand von der anderen
Seite den Weg entlang. Wer es ist, kann man in der Dun-
kelheit schwer erkennen. Es ist die zurückkehrende Kate-
rina.
„Tochter – um Christi willen, selbst die wilden Wolfs-
kinder zerreißen ihre Mutter nicht –, Tochter, wirf wenig-
stens einen Blick auf deinen verbrecherischen Vater!“ (Sie
hört nicht auf ihn und geht weiter.) „Tochter, um der un-
glücklichen Mutter willen!“ (Sie bleibt stehen.) „Komm
und höre meine letzten Worte!“
„Weshalb rufst du mich, du Gotteslästerer? Nenn mich
nicht Tochter! Wir beide sind nicht miteinander verwandt.
Was willst du von mir um meiner unglücklichen Mutter
244
willen?“
„Katerina! Mein Ende naht; ich weiß, daß mich dein
Mann an einen Stutenschweif binden und über das Feld
schleifen lassen will; vielleicht denkt er sich sogar noch
eine viel schrecklichere Strafe aus …“
„Ja, gibt es denn auf der Welt überhaupt eine Strafe,
die all deinen Sünden angemessen ist? Nimm sie jetzt auch
hin; um Gnade bitten wird für dich niemand!“
„Katerina! Nicht vor der Strafe fürchte ich mich, son-
dern vor den Qualen in jener Welt … Du bist unschuldig,
Katerina, deine Seele wird im Paradies Gott umschweben,
doch die Seele deines Vaters, des Gottesleugners, wird im
ewigen Feuer schmoren; niemals wird dieses Feuer ver-
löschen; immer stärker wird es lodern, und weder ein
Tröpfchen Tau wird hineinfallen noch ein kühler Wind
wehen.“
„Es liegt nicht in meiner Macht, diese Strafe zu mildern“,
sagte Katerina und wandte sich ab.
„Katerina! Noch ein Wort! Du kannst meine Seele ret-
ten. Du weißt noch nicht, wie gütig und nachsichtig Gott ist.
Hast du noch nie von dem Apostel Paulus gehört, der ein
äußerst sündiger Mensch war, doch dann bereute und ein
Heiliger wurde?“
„Was kann ich schon tun, um deine Seele zu retten!“
sagte Katerina. „Ich bin doch nur eine schwache Frau!“
„Wenn es mir gelänge, hier herauszukommen, würde ich
alles bleiben lassen. Ich würde Buße tun, in einer Höhle
leben, ein härenes Hemd anlegen und Tag und Nacht zu
Gott beten. Nicht nur Fleischspeisen würde ich nicht mehr
essen – selbst Fisch würde ich nicht mehr in den Mund neh-
men! Zum Schlafen will ich mir kein Lager bereiten! Ich
werde nur beten, beten und immer wieder beten! Und so-
lange mir Gott in seiner Güte nicht wenigstens ein Hun-
245
dertstel meiner Sünden vergeben hat, will ich mich bis zum
Hals in die Erde eingraben oder mich einmauern; ich will
weder Speise noch Trank zu mir nehmen und so sterben;
und all mein Gut will ich den Mönchen geben, damit sie
vierzig Tage und Nächte lang die Seelenmesse für mich
lesen.“
Katerina dachte nach.
„Selbst wenn ich dir aufmache – von deinen Ketten kann
ich dich nicht befreien.“
„Ich fürchte die Ketten nicht“, sagte er. „Du glaubst,
meine Hände und Füße seien gefesselt? Nein, ich habe
ihnen den Blick getrübt und ihnen statt der Hände einen
trockenen Baum hingehalten. Sieh her, ich trage keine Ket-
ten mehr!“ sagte er und trat in die Mitte des Verlieses.
„Auch die Wände würde ich nicht fürchten, ich würde
einfach durch sie hindurchgehen, doch dein Mann weiß
nicht einmal, was das für Wände sind. Ein heiliger Mönch
hat sie gebaut, und keine unreine Kraft ist in der Lage,
einen Gefangenen aus diesem Verlies zu befreien, ohne
denselben Schlüssel zu benutzen, mit dem der Heilige
seine Zelle einst zuschloß. Solch eine Zelle werde auch
ich unerhörter Sünder mir bauen, wenn ich freigelassen
werde.“
„Höre, ich werde dich freilassen – doch wenn du mich
nun hintergehst?“ sagte Katerina und blieb vor der Tür
stehen. „Wenn du dich nun wieder, statt Buße zu tun, mit
dem Teufel verbündest?“
„Nein, Katerina, ich habe jetzt nicht mehr lange zu
leben. Auch ohne Todesstrafe ist mein Ende nahe. Glaubst
du wirklich, ich würde mich in die ewige Verdammnis stür-
zen?“
Die Schlösser klirrten.
„Leb wohl! Gott möge dich in seiner Güte beschützen,
246
mein Kind!“ sagte der Zauberer und küßte sie.
„Rühr mich nicht an, du schrecklicher Sünder! Geh fort,
so schnell du kannst!“ sagte Katerina, doch er war schon
verschwunden.
„Ich habe ihn freigelassen“, sagte sie voller Schrecken
und blickte entsetzt die Wände an. „Was werde ich jetzt
meinem Mann sagen? Ich bin verloren. Mir bleibt nur noch
das eine – mich lebendig ins Grab zu legen!“ (Sie schluchzte
und wäre beinahe auf den Holzklotz gefallen, auf dem der
Gefangene gesessen hatte.) „Doch ich habe eine Seele ge-
rettet“, sagte sie leise. „Ich habe ein gottgefälliges Werk
getan. Doch mein Mann … Ich habe ihn zum erstenmal
hintergangen. Oh, wie schrecklich wird es für mich sein, wie
schwer wird es mir fallen, ihn belügen zu müssen. Da
kommt jemand! Das ist er! Mein Mann!“ schrie sie ver-
zweifelt und fel bewußtlos zu Boden.
7
„Ich bin es, mein liebes Töchterchen! Ich bin es, mein Herz-
chen!“ hörte Katerina, als sie wieder zu sich kam, und sah
die alte Magd vor sich stehen. Die Alte beugte sich über sie,
schien etwas zu füstern, streckte ihre dürre Hand aus und
bespritzte ihre Herrin mit kaltem Wasser.
„Wo bin ich?“ fragte Katerina, stand auf und blickte um
sich. „Vor mir rauscht der Dnepr, hinter mir sind die
Berge … Wo hast du mich nur hingeführt, Alte?“
„Hingeführt habe ich dich nirgends – ich habe dich hin-
ausgeführt, auf meinen Armen habe ich dich aus dem
dumpfen Verlies getragen. Ich habe es wieder abgeschlos-
sen, damit dir Danilo keine Vorwürfe macht.“
247
„Und wo ist der Schlüssel?“ fragte Katerina und sah auf
ihren Gürtel. „Ich sehe ihn nicht.“
„Dein Mann hat ihn genommen, um sich den Zauberer
anzusehen, mein Kind.“
„Anzusehen? Gute Frau, ich bin verloren!“ schrie Kate-
rina.
„Gott behüte uns davor, mein Kind! Sprich nur nicht
darüber, meine liebe Herrin; niemand wird etwas erfah-
ren!“
„Er ist gefohen, der verdammte Antichrist! Hast du es
gehört, Katerina, er ist gefohen!“ sagte Danilo und näherte
sich seiner Frau.
Seine Augen schleuderten Blitze, der Säbel an seiner
Seite pendelte klirrend hin und her. Seine Frau wurde
totenblaß.
„Hat ihn jemand herausgelassen, mein geliebter Mann?“
fragte sie zitternd.
„Ja, du hast recht; es hat ihn jemand herausgelassen,
der Teufel hat ihn herausgelassen. Sieh nur, statt des Zau-
berers liegt ein Balken in den eisernen Ketten. Warum hat
Gott nur zugelassen, daß der Teufel keine Angst vor Ko-
sakenfäusten hat! Sollte auch nur ein einziger von meinen
Kosaken in Gedanken erwogen haben, ihn zu befreien, und
sollte ich das erfahren – die schlimmste Todesstrafe wäre
für ihn nicht schlimm genug!“
„Und wenn ich es nun gewesen wäre?“ fragte Katerina
unwillkürlich und schwieg dann voller Schrecken.
„Wenn dir das in den Sinn gekommen wäre, würdest
du nicht mehr länger meine Frau sein. Ich würde dich in
einen Sack einnähen und in der Mitte des Dnepr erträn-
ken!“
Katerina stockte der Atem, und sie hatte das Gefühl, die
Haare stünden ihr zu Berge.
248
8
In einer Schenke am Grenzweg haben sich die Polen ver-
sammelt und zechen schon seit zwei Tagen. Gar nicht wenig
hat sich von diesem Gesindel zusammengefunden. Sie pla-
nen bestimmt einen Überfall: Einige haben Musketen bei
sich; Sporen klirren und Säbel rasseln. Die Herren ver-
gnügen sich und prahlen mit Taten, die sie nie vollbracht
haben; sie machen sich über die Rechtgläubigkeit lustig,
nennen die Ukrainer ihre Knechte, zwirbeln sich wichtig-
tuerisch ihre Schnurrbärte und rekeln sich mit stolz erho-
benen Köpfen auf den Bänken. Unter ihnen befndet sich
auch ein Geistlicher. Doch auch der Geistliche paßt zu ihnen.
Selbst sein Äußeres ähnelt nicht dem eines christlichen Prie-
sters. Er zecht und vergnügt sich mit ihnen, und seinem
sündigen Mund entströmen lasterhafte Reden. Auch die
Knechte stehen ihren Herren in nichts nach. Sie haben die
Ärmel ihrer abgerissenen Röcke hochgestreift und stolzie-
ren einher wie die Hähne, so als hätten sie es zu etwas
Rechtem gebracht; sie spielen Karten und schlagen sie sich
einander auf die Nasen. Sie haben eine Menge fremder
Frauen bei sich; sie lärmen und prügeln sich. Die Herren
spielen verrückt und treiben allerlei Unfug – sie packen
einen Juden beim Bart und malen ihm ein Kreuz auf seine
unreine Stirn, sie feuern blinde Schüsse auf die Weiber ab
und tanzen mit ihrem heidnischen Geistlichen Krakowiak.
Solch ein Sündenbabel gab es auf russischem Boden nicht
einmal unter den Tataren. Anscheinend ist es der Wille
Gottes, daß Rußland für seine Sünden diese Schmach er-
tragen muß! Aus dem wüsten Lärm ist herauszuhören, wie
von dem Dorf des Danilo hinter dem Dnepr und von Dani-
249
los schönem Weib gesprochen wird …
Zu nichts Gutem hat sich diese Bande zusammengefunden!
9
Danilo saß in seiner Stube am Tisch, hatte die Ellbogen
aufgestützt und dachte nach. Auf der Ofenbank saß Kate-
rina und sang ein Lied.
„Mir ist so traurig zumute, mein Weib!“ sagte Danilo.
„Mein Kopf schmerzt, und mir ist so weh ums Herz. Mich
bedrückt etwas! Anscheinend ist mein Tod nicht mehr all-
zufern.“
Oh, mein liebster Mann! Neige deinen Kopf zu mir!
Warum hegst du solche schwarzen Gedanken? dachte Kate-
rina, doch sie wagte nicht, es auszusprechen. Ihr, die sich
schuldig gemacht hatte, taten die Liebkosungen ihres Man-
nes weh.
„Höre, mein Weib!“ sagte Danilo. „Verlaß den Sohn
nicht, wenn ich nicht mehr da bin. Gott wird dir kein Glück
gewähren, wenn du ihn verläßt, weder in dieser noch in
jener Welt. Meine Gebeine werden in der feuchten Erde
nicht in Ruhe verfaulen können, und meine Seele wird erst
recht keine Ruhe fnden.“
„Was redest du da, mein Mann! Warst du es nicht, der
sich über uns schwache Frauen lustig gemacht hat? Und jetzt
redest du selbst wie eine schwache Frau. Du mußt noch
lange leben!“
„Nein, Katerina, meine Seele ahnt den nahen Tod. Es
wird traurig auf der Erde. Schlimme Zeiten werden kom-
men. Ach, wenn ich an jene Jahre denke – sie werden be-
stimmt nie wiederkehren! Damals lebte noch der alte Ko-
naschewitsch, die Ehre und der Ruhm unseres Heeres! Ich
sehe die Kosakenregimenter vorbeiziehen, als geschehe das
in diesem Augenblick! Das war eine goldene Zeit, Kate-
250
rina! Der alte Hauptmann saß auf dem Rappen. In seiner
Hand blitzte der Hetmansstab, um ihn herum standen die
Führer, und ringsum brauste das rote Meer der Saporoger.
Der Hetman ergrif das Wort, und alle standen wie ange-
wurzelt. Der alte Hetman weinte, als er uns an die ver-
gangenen Taten und Gefechte erinnerte. Ach, wenn du
wüßtest, Katerina, wie wir uns damals mit den Türken ge-
schlagen haben! Auf meinem Kopf habe ich noch jetzt eine
Narbe. Vier Kugeln sind mir an vier verschiedenen Stellen
durch den Körper gedrungen. Und keine der Wunden ist
völlig verheilt. Wieviel Gold wir damals erbeutet haben!
Und Edelsteine schöpften die Kosaken mit den Mützen.
Und was für Pferde, oh, Katerina, wenn du wüßtest, was
für Pferde wir damals fortgetrieben haben! Ach, solche
Schlachten werde ich nicht mehr erleben! Anscheinend bin
ich weder alt noch krank, doch der Kosakensäbel gleitet mir
aus der Hand; ich lebe tatenlos dahin und weiß selbst nicht,
wofür ich eigentlich lebe. Es herrscht keine Ordnung mehr
in der Ukraine: Die Obersten und Hauptmänner knurren
sich an wie die Hunde. Es gibt kein Oberhaupt mehr. Un-
sere Adligen haben polnische Sitten angenommen und sich
die Falschheit zu eigen gemacht; sie haben ihre Seele ver-
kauft, indem sie die Union guthießen. Die Juden unter-
drücken das arme Volk. Oh, ihr Zeiten, ihr Zeiten, ihr
längst vergangenen Zeiten! Wohin seid ihr nur entschwun-
den, meine Jugendjahre? Geh in den Keller, Junge, und
hol mir einen Krug mit Honigwein! Ich will auf frühere
Zeiten und vergangene Jahre trinken!“
„Womit wollen wir die Gäste empfangen, Herr? Von
der Wiesenseite kommen die Polen!“ sagte Stezko, der in
die Stube getreten war.
„Ich weiß, weshalb sie kommen“, sagte Danilo und er-
hob sich. „Sattelt die Pferde, meine getreuen Freunde!
251
Legt ihnen das Geschirr an! Zieht die Säbel blank! Ver-
geßt auch nicht, genügend Bleibohnen mitzunehmen. Wir
wollen die Gäste mit den ihnen gebührenden Ehren emp-
fangen.“
Die Kosaken hatten nicht einmal Zeit, ihre Rosse zu be-
steigen, und sie hatten ihre Musketen noch nicht laden
können, als der Berg schon mit Polen besät war wie mit
Herbstblättern.
„Oh, das sind ja gar nicht wenig Gäste, die wir empfan-
gen müssen!“ sagte Danilo und schaute auf die dicken Her-
ren, die auf Pferden in goldenem Geschirr allen anderen
würdevoll vorausschaukelten. „Es ist uns also noch einmal
vergönnt, ein Fest zu feiern! Vergnüge dich, Kosakenherz,
zum letztenmal! Vorwärts, Burschen, unser Feiertag ist an-
gebrochen!“
Das Fest auf den Bergen begann. Es war ein wahres Ge-
lage: Schwerter wirbeln durch die Luft, Kugeln sausen,
und Pferde wiehern und stampfen. Von dem Geschrei wird
einem ganz wirr im Kopf, vor Pulverdampf kann man
nichts sehen. Alles hat sich miteinander vermischt. Doch
der Kosak fühlt, wo der Freund ist und wo der Feind.
Wenn eine Kugel pfeift, fällt ein verwegener Reiter aus
dem Sattel, wenn ein Säbel durch die Luft zischt, rollt ein
Kopf auf die Erde, wobei der Mund noch unzusammen-
hängende Worte murmelt. Doch der rote Boden von Da-
nilos Kosakenmütze leuchtet aus der Menge heraus; sein
goldener Gürtel auf dem blauen Kosakenrock springt allen
ins Auge; und die Mähne seines Rappen fattert wild. Wie
ein Vogel fiegt Danilo dahin; laute Schreie ausstoßend,
schwingt er die Damaszener Klinge und schlägt nach rechts
und nach links. Schlag zu, Kosak! Freue dich deines Lebens,
Kosak! Bereite deinem kühnen Herzen eine Freude, doch
sieh nicht auf die goldenen Geschirre und Röcke: Zer-
252
stampfe das Gold und auch die Edelsteine! Stich zu, Kosak!
Freue dich deines Lebens, Kosak! Doch drehe dich auch
einmal um, denn da verbrennen die heidnischen Polen
schon die Häuser und treiben das verängstigte Vieh fort.
Blitzschnell wendet Danilo sein Pferd, und schon taucht die
Mütze mit dem roten Boden neben den Häusern auf, und
schon lichten sich dort die Reihen der Feinde. Stundenlang
schlagen sich die Polen und Kosaken. Auf beiden Seiten
gibt es nicht mehr viele Kämpfer. Doch Danilo kennt keine
Müdigkeit – er hebt die Widersacher mit seiner langen
Lanze aus dem Sattel, und das Fußvolk zerstampft er mit
den Hufen seines feurigen Pferdes. Schon ist der Hof wie-
der frei, schon laufen die Polen auseinander, schon neh-
men die Kosaken den Erschlagenen die goldenen Röcke und
den Pferden das reich verzierte Zaumzeug ab, schon denkt
Danilo an ihre Verfolgung und blickt um sich, um die Sei-
nigen zu versammeln, doch da übermannt ihn die Wut:
Er entdeckt Katerinas Vater. Gerade vor ihm steht er auf
dem Berg und zielt mit der Muskete nach ihm. Danilo
jagt sein Pferd geradeswegs auf ihn zu … Kosak, du
galoppierst in dein Verderben! Die Muskete donnert, und
schon ist der Zauberer hinter dem Berg verschwunden. Nur
der getreue Stezko sah, wie der rote Rock und die seltsame
Mütze verschwanden. Der Kosak schwankte und fel zu
Boden. Der getreue Stezko stürzte zu seinem Herrn. Er lag
lang ausgestreckt auf der Erde und hatte seine klaren
Augen geschlossen. Dunkelrotes Blut quoll ihm aus der
Brust. Doch anscheinend fühlte er, daß sein getreuer Die-
ner bei ihm war. Langsam hoben sich die Lider, seine
Augen leuchteten auf, und er sagte: „Leb wohl, Stezko!
Sag Katerina, sie soll den Sohn nicht verlassen! Und ver-
laßt auch ihr ihn nicht, meine getreuen Diener!“ Dann
verstummte er. Die Seele entfoh dem Körper des adligen
253
Kosaken, die Lippen wurden blau – der Kosak schlief den
ewigen Schlaf.
Der getreue Diener brach in Tränen aus und winkte
Katerina mit der Hand herbei: „Komm näher, Herrin,
komm näher – dein Herr hat lange gezecht, jetzt liegt er
berauscht auf der feuchten Erde. Er wird lange nicht wie-
der zu sich kommen!“
Katerina schlug die Hände zusammen und fel wie eine
Korngarbe auf den toten Leib.
„Mein Mann, bist du es denn, der hier mit geschlosse-
nen Augen liegt? Steh auf, mein herzlieber Falke, reich
mir deine Hand! Erhebe dich! Sieh doch wenigstens ein-
mal deine Katerina an, bewege deine Lippen, sag doch
wenigstens ein Wort! Aber du schweigst, du schweigst,
mein lieber Mann! Du bist so blau geworden wie das
Schwarze Meer. Dein Herz schlägt nicht mehr! Warum bist
du denn so kalt, mein Mann? Meine Tränen sind ofen-
bar nicht heiß genug; sie können dich nicht mehr erwär-
men! Mein Weinen ist ofenbar nicht laut genug; es kann
dich nicht mehr wecken! Wer führt jetzt deine Regimenter
an? Wer reitet jetzt auf deinem Rappen? Wer stößt jetzt
vor den Kosaken die Kampfschreie aus und schwingt den
Säbel? Kosaken, oh, ihr Kosaken, wo ist eure Ehre und
euer Ruhm? Eure Ehre und euer Ruhm liegt mit geschlos-
senen Augen auf der feuchten Erde. Begrabt mich, begrabt
mich mit ihm zusammen! Schüttet meine Augen mit Erde
zu! Legt mir Ahornbretter auf die weiße Brust! Ich
brauche meine Schönheit nicht mehr!“
Katerina weint und jammert, doch in der Ferne wirbelt
Staub auf: Der alte Kosakenhauptmann Gorobez kommt
zu Hilfe geritten.
254
10
Wunderbar ist der Dnepr bei stillem Wetter, wenn seine
Wasser sich ruhig und zufrieden durch die Wälder und
Berge schlängeln. Er rauscht nicht, und er tobt nicht. Du
schaust auf ihn hinab und weißt nicht, ob er sich in seiner
majestätischen Breite bewegt oder ob er stillsteht, und es
kommt dir so vor, als sei er aus Glas gegossen und als
ziehe er sich gleich einer unermeßlich breiten und endlos
langen hellblauen Spiegelstraße durch die grüne Welt.
Auch die heiße Sonne freut sich an solchen Tagen, auf ihn
hinabblicken und ihre Strahlen in seine kühlen kristall-
klaren Wasser tauchen zu können, und die Uferwälder
haben ihre Freude an dem deutlichen Spiegelbild, das ihnen
der Fluß zuwirft. Ihr grüngelockten Wälder! Zusammen
mit den Feldblumen drängt ihr euch zum Wasser, beugt
euch hinab, schaut hinein, staunt und könnt euch doch nicht
satt sehen an eurem durchsichtigen Abbild; ihr lacht es an
und grüßt es, indem ihr eure Zweige schwenkt. In die
Mitte des Flusses dürft ihr jedoch nicht schauen – niemand
außer der Sonne und dem blauen Himmel spiegelt sich
darin. Selten fiegt ein Vogel bis zur Mitte des Dnepr. Ein
herrlicher Fluß! Ihm kommt kein anderer Fluß in der Welt
gleich. Wunderbar ist der Dnepr auch in einer warmen
Sommernacht, wenn alles schläft, sowohl die Menschen als
auch die wilden Tiere und die Vögel. Nur Gott allein schaut
majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt maje-
stätisch sein Ornat. Aus seinem Ornat rieseln die Sterne.
Sie glühen und leuchten über der Erde und spiegeln sich
alle miteinander im Dnepr. Der Dnepr hält sie alle in sei-
nem dunklen Schoß gefangen. Kein einziger Stern entgeht
255
ihm, es sei denn, er verlischt am Himmel. Der dunkle, mit
schlafenden Raben übersäte Wald und die vor uralten Zei-
ten zerklüfteten Berge neigen sich vor und bemühen sich,
ihn wenigstens mit ihren langen Schatten zuzudecken –
doch vergebens! Es gibt nichts auf der Welt, was den Dnepr
zudecken könnte. Tiefblau fießt er langsam dahin, und
auch in der Nacht ist er zu erkennen wie am Tage – er ist
zu sehen, so weit das Menschenauge reicht. Wenn er in der
nächtlichen Kühle erschauert und sich fester an die Ufer
schmiegt, blitzt er silbern auf wie eine Damaszener Klinge
– doch schon ist der tiefblaue Fluß wieder eingeschlafen.
Wunderbar ist der Dnepr auch dann – es gibt keinen Fluß
in der Welt, der ihm gleichkommt! Doch wenn dunkel-
blaue Wolken gleich Gebirgen über den Himmel ziehen,
wenn der dunkle Wald bis in die Wurzeln erbebt, wenn
Eichen splittern und ein Blitz zwischen den Wolken her-
vorspringt und die ganze Welt auf einen Schlag erhellt,
dann ist der Dnepr fürchterlich! Donnernd schlagen seine
Wasserhügel gegen die Berge, prallen funkelnd und stöh-
nend zurück, zerfießen in Tränen und verlieren sich in
der Ferne. So quält sich die alte Mutter eines Kosaken,
die ihren Sohn begleitet, der zum Heer zieht. Verwegen
und lustig reitet er, die Arme in die Hüften gestemmt und
die Mütze kühn aufs Ohr geschoben, auf seinem Rappen
dahin, doch sie läuft jammernd hinter ihm her, ergreift die
Steigbügel, faßt nach dem Zaum, ringt die Hände und ver-
gießt bittere Tränen.
An dem vorspringenden Ufer ragen aus den kämpfen-
den Wellen bizarr verkohlte Baumstümpfe und rußge-
schwärzte Steine empor. Ein Boot, das landen will, schlägt
auf dem Ufer auf, wird von den Wellen hochgehoben und
mit ihnen wieder zurückgerissen. Wer von den Kosaken
wagt sich in einem Boot hinaus, wenn der alte Dnepr wütet?
256
Der Kosak weiß anscheinend nicht, daß der Fluß Men-
schen schluckt wie Fliegen. Das Boot legte an, und ihm
entstieg der Zauberer. Er war mürrisch – die Totenfeier,
die die Kosaken für ihren erschlagenen Herrn abgehalten
hatten, war ihm gegen den Strich gegangen. Den Polen
war der Überfall teuer zu stehen gekommen: Vierundvier-
zig Herren samt Röcken und Pferdegeschirren und drei-
unddreißig Bauern waren in Stücke gehauen, und der Rest
war samt der Pferde gefangengenommen worden. Sie
sollten an Tataren verkauft werden. Der Zauberer stieg
zwischen verkohlten Baumstümpfen steinerne Stufen hin-
unter, denn dort unten, tief in der Erde, war sein Unter-
schlupf. Leise trat er ein, ohne daß die Tür knarrte, stellte
auf den mit dem Tischtuch bedeckten Tisch einen Topf
und warf mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter
in ihn hinein. Er nahm einen Krug, der aus seltsamem Holz
geschnitzt war, schöpfte mit ihm Wasser und goß es wie-
der aus, wobei sich seine Lippen bewegten und Beschwö-
rungsformeln murmelten. Das rosige Licht erfüllte wieder
den Raum, und es war entsetzlich, sein Gesicht anzublik-
ken. Es schien blutbespritzt zu sein – nur die tiefen Falten
hoben sich schwarz ab –, und aus den Augen schienen Flam-
men zu schlagen. Furchtbarer Sünder! Der Bart ist schon
lange grau, das Gesicht ist voller Runzeln und ganz ver-
trocknet, doch er brütet noch immer über gottlosen Plänen.
Mitten im Raum schwebte plötzlich eine weiße Wolke, und
so etwas wie Freude malte sich auf seinem Gesicht. Doch
warum blieb er so plötzlich mit ofenem Munde stehen, als
wäre er angewurzelt, warum wagte er nicht, sich zu rüh-
ren, und warum sträubten sich die Haare auf seinem Kopf
wie das Fell eines Tieres? In der Wolke vor ihm leuchtete
ein fremdes Gesicht auf. Es war ungebeten, uneingeladen
zu ihm zu Besuch gekommen; mit der Zeit trat es immer
257
klarer hervor und starrte mit unbeweglichem Blick den
Zauberer an. Die Gesichtszüge, die Brauen, die Augen und
die Lippen – alles war dem Zauberer unbekannt. Niemals
in seinem Leben hatte er es gesehen. Es schien nicht viel
Schreckliches an sich zu haben, doch ihn übermannte ein
unüberwindliches Entsetzen. Der unbekannte sonderbare
Kopf sah ihn durch die Wolke noch ebenso unbeweglich
an. Die Wolke war schon verschwunden, doch die unbe-
kannten Züge traten noch stärker hervor, und die stechen-
den Augen ließen nicht von ihm ab. Der Zauberer wurde
totenblaß. Mit wilder, fremder Stimme schrie er auf und
warf den Topf um … Alles war verschwunden.
11
„Beruhige dich doch, meine liebe Schwester!“ sagte der
alte Kosakenhauptmann Gorobez. „Träume sprechen selten
die Wahrheit!“
„Leg dich hin, Schwester!“ sagte seine junge Schwieger-
tochter. „Ich werde die alte Wahrsagerin holen lassen;
gegen sie kommt keine Macht der Welt an. Sie wird deine
Unruhe bannen.“
„Fürchte nichts“, sagte sein Sohn und grif nach dem
Säbel. „Niemand wird dir etwas zuleide tun.“
Katerina sah alle fnster, mit glanzlosen Augen an und
brachte zunächst kein Wort hervor.
„Ich habe mich selbst ins Verderben gestürzt. Ich habe
ihn freigelassen.“ Und schließlich sagte sie: „Ich fnde keine
Ruhe vor ihm! Jetzt bin ich schon zehn Tage bei euch in
Kiew, doch mein Schmerz ist kein bißchen kleiner gewor-
den. Ich dachte, ich könnte hier in Ruhe den Sohn groß-
258
ziehen, damit er mich einmal rächt … Furchtbar, ganz
furchtbar ist er mir im Traum erschienen! Gott bewahre
euch davor, ihn jemals zu sehen! Mein Herz schlägt mir
jetzt noch bis zum Halse. ,Ich erschlage dein Kind, Kate-
rina, wenn du nicht meine Frau wirst!‘ hat er gerufen.“
Sie schluchzte auf und stürzte zu der Wiege, wo das er-
schrockene Kind die Händchen ausstreckte und losschrie.
Der Sohn des Kosakenhauptmanns schäumte vor Wut, als
er diese Reden hörte. Und sogar der Kosakenhauptmann
geriet außer sich.
„Er soll es nur versuchen, hierherzukommen, der ver-
fuchte Antichrist, dann wird er schon merken, ob im Arm
eines alten Kosaken noch Kraft steckt. Gott ist mein Zeuge“,
sagte er und hob die durchdringenden Augen zum Him-
mel empor, „daß ich nur so dahingefogen bin, um dem
Bruder Danilo zu helfen. Es war sein heiliger Wille. Ich
fand ihn schon auf der kühlen Erde, auf der so viele, ach
so viele Kosaken ruhten. Aber war seine Totenfeier nicht
herrlich? Haben wir auch nur einen einzigen Polen am
Leben gelassen? Beruhige dich, mein Kind! Niemand wird
es wagen, dich zu beleidigen, solange ich und mein Sohn
noch am Leben sind.“ Nach diesen Worten trat der alte
Kosakenhauptmann an die Wiege, und als das Kind die
schöne Pfeife in Silberfassung und die Tasche mit dem
glänzenden Feuerstahl an seinem Gürtel hängen sah,
streckte es die Händchen danach aus und lachte. „Der
kommt nach seinem Vater“, sagte der alte Kosakenhaupt-
mann, nahm die Pfeife ab und gab sie dem Kind. „Da liegt
er noch in der Wiege und will schon ein Pfeifchen rau-
chen.“
Katerina seufzte leise auf und schaukelte die Wiege. Sie
beschlossen, die Nacht gemeinsam zu verbringen, und nach
kurzer Zeit waren alle eingeschlafen. Auch Katerina
259
schlief.
Auf dem Hof und im Haus war alles still, nur die Ko-
saken, die Wache hielten, schliefen nicht. Plötzlich wachte
Katerina mit einem Schrei auf und weckte damit alle. „Er
ist tot, man hat ihm den Hals durchgeschnitten!“ schrie sie
und stürzte zur Wiege. Alle drängten sich um die Wiege
und erstarrten vor Schreck, als sie das Kind darin leblos
liegen sahen. Niemand sagte einen Ton, denn niemand
wußte, was er von dieser unerhörten Missetat halten sollte.
12
Weit entfernt von dem Lande der Ukrainer, wenn man
durch Polen gereist ist und die menschenreiche Stadt Lem-
berg hinter sich gelassen hat, stößt man auf Reihen hoher
Berge.
Die Berge umschlingen die Erde links und rechts gleich
einer steinernen Kette und beschützen sie mit ihrer Ge-
steinsmasse vor dem tosenden und stürmischen Meer. Diese
steinerne Kette zieht sich bis zur Walachei und bis nach
Siebenbürgen und türmt sich in Hufeisenform zwischen dem
galizischen und ungarischen Volk. Solche Berge gibt es bei
uns nicht. Man wagt nicht einmal, die Augen zu ihnen
emporzuheben; und manchen Gipfel hat noch keines Men-
schen Fuß betreten. Seltsam ist auch ihr Anblick: Ist das
wilde Meer bei einem Sturm vielleicht einmal aus seinen
breiten Ufern getreten? Hat der Sturm die bizarren Wel-
len vielleicht hochgeschleudert, sind sie zu Stein geworden
und in der Luft stehengeblieben? Oder sind vom Himmel
vielleicht schwere Wolken herabgefallen und haben sich
dann auf der Erde übereinandergetürmt? Die Berge sind
260
nämlich ebenso grau, und ihr weißer Gipfel leuchtet und
blitzt in der Sonne. Noch bis zu den Karpaten hört man
russische Laute, und auch hinter den Bergen vernimmt man,
glaube ich, noch hier und da ein heimatliches Wort, doch
dann wird der Glaube und auch die Sprache anders. Dort
lebt das zahlreiche Volk der Ungarn. Sie reiten, kämpfen
und zechen nicht schlechter als die Kosaken, und sie zögern
nicht, für Pferdegeschirr und teure Röcke tief in die Tasche
zu greifen. Groß und breit liegen dort die Seen zwischen
den Bergen. Sie sind unbeweglich wie Glas und spiegeln
die kahlen Gipfel der Berge und ihre grünen Sohlen wider.
Doch wer reitet da mitten in der Nacht auf einem riesigen
Rappen dahin, ob nun die Sterne leuchten oder nicht? Was
für ein Recke von übermenschlicher Größe reitet am Fuße
der Berge und an den Seen entlang, spiegelt sich mitsamt
seinem riesenhaften Pferd in den unbeweglichen Wassern
und wirft einen endlos langen Schatten, der eilig über die
Berge huscht? Der ziselierte Harnisch blitzt; auf der Schul-
ter liegt die Lanze, am Sattel rasselt der Säbel; der Helm
ist auf die Brauen herabgezogen; der Schnurrbart glänzt
schwarz; die Augen sind geschlossen – er schläft. Schlafend
hält er die Zügel; und hinter ihm sitzt ein junger Page
auf dem Pferd, und auch er schläft, und schlafend hält er
sich an dem Recken fest. Wer ist der Recke, wohin reitet
er und weshalb? Niemand weiß es. Nicht erst seit gestern
reitet er so durch die Berge. Wenn der Tag anbricht und
die Sonne aufgeht, ist er verschwunden; nur ganz selten
haben die Bergbewohner bemerkt, daß ein überlanger
Schatten über die Berge zieht, obwohl der Himmel klar
und kein Wölkchen an ihm zu sehen ist. Doch sobald es
dunkelt, taucht er wieder auf, und die Seen werfen sein
Bild zurück, und neben ihm jagt zitternd sein Schatten
dahin. Schon viele Berge hat er hinter sich gelassen – jetzt
261
reitet er auf den Kriwan. Einen höheren Berg gibt es in
den Karpaten nicht; wie ein König überragt er alle ande-
ren. Hier halten Pferd und Reiter an; er versinkt in noch
tieferen Schlaf, und Wolken senken sich auf ihn hinab
und hüllen ihn ein.
13
„Pst! Sei leise, Weib! Klopf nicht so laut, mein Kind ist
eingeschlafen. Lange hat mein Sohn geschrien, doch jetzt
ist er eingeschlafen. Ich gehe in den Wald, Weib! Was
guckst du mich so an? Du siehst fürchterlich aus; aus dei-
nen Augen kriechen eiserne Zangen … Uh, wie lang sie
sind. Und sie brennen wie Feuer! Du bist bestimmt eine
Hexe! Oh, wenn du eine Hexe bist, dann verschwinde! Du
willst nur meinen Sohn stehlen. – Dieser Kosakenhaupt-
mann hat doch gar keinen Verstand: Er denkt, mir macht
es Spaß, in Kiew zu leben. Nein, hier sind mein Mann und
mein Sohn, und außerdem, wer paßt auf das Häuschen
auf? Ich bin so leise fortgeschlichen, daß mich weder der
Hund noch die Katze gehört haben. Du willst wieder jung
werden, Weib? Das ist gar nicht schwer: Du mußt nur
tanzen, sieh, so wie ich tanze …“
Nach diesen unzusammenhängenden Reden begann sich
Katerina im Tanze zu drehen, wobei sie verständnislos um
sich blickte und die Arme in die Seiten stemmte. Sie
kreischte und stampfte mit den Füßen; die silbernen Ab-
satzeisen klirrten maßlos und hielten den Takt nicht. Die
aufgelösten schwarzen Zöpfe wirbelten um ihren weißen
Hals. Wie ein Vogel fog sie umher, ohne einzuhalten, wo-
bei sie die Arme emporwarf und den Kopf schüttelte; es
262
sah aus, als müßte sie bald kraftlos zu Boden stürzen oder
diese Welt verlassen. Traurig stand die alte Kinderfrau
da, und die tiefen Falten ihres Gesichts füllten sich mit
Tränen; den getreuen Kosaken schien ein schwerer Stein
auf dem Herzen zu liegen, als sie ihre Herrin so sahen.
Sie war schon ganz erschöpft und stampfte an ein und
derselben Stelle nur noch matt mit den Füßen, wobei sie
glaubte, den Gorliza zu tanzen.
„Ich habe eine Halskette, ihr Burschen!“ sagte sie schließ-
lich und hielt inne. „Und ihr habt keine! Wo ist mein
Mann?“ schrie sie plötzlich und zog schnell einen Türken-
dolch aus ihrem Gürtel. „Oh! Das ist nicht das richtige
Messer.“ (Bei diesen Worten rannen Tränen ihr schmerz-
erfülltes Gesicht hinab.) „Mein Vater trägt das Herz tief
in der Brust; dieses Messer wird es nicht erreichen. Sein
Herz ist aus Eisen. Eine Hexe hat es über dem Höllenfeuer
geschmiedet. Warum kommt mein Vater denn nicht? Weiß
er denn nicht, daß es Zeit ist, ihn zu erstechen? Er will an-
scheinend, daß ich selber komme …“ (Sie sprach den Satz
nicht zu Ende und brach in ein seltsames Lachen aus.) „Da
ist mir eben eine lustige Geschichte eingefallen; ich habe an
das Begräbnis meines Mannes gedacht. Man hat ihn doch
lebendig begraben. Wie ich da lachen mußte. Hört her, hört
her!“ Doch statt weiterzureden, stimmte sie ein Lied an:
„Es fährt ein blutiger Wagen,
Der Kosak darin ist tot,
Die Brust ist ihm zerschlagen,
Sein Spieß in der Hand ganz rot.
Das Blut fießt in Bächen zu Boden.
Ein Ahorn steht an dem Bach,
Es sitzt ein Rabe droben.
Der Rabe kann nur krächzen,
263
Die Mutter kann nur ächzen.
Ach Mutter, laß das Klagen!
Dein Sohn wird noch vorm Tagen
Ein hübsches Fräulein frein.
Er bringt sie in sein Haus hinein.
Doch wohin soll das führen –
Es fehlen Fenster, Türen.
Es tanzte der Krebs mit dem Fischfräulein …
Und wer mich nicht liebt, der lasse es sein!“
Sie brachte alle Lieder durcheinander. Schon seit meh-
reren Tagen wohnt sie in ihrem Haus, will nichts von Kiew
wissen, betet nicht und fieht die Menschen. Vom Morgen
bis zum späten Abend streift sie durch die dunklen Eichen-
wälder. Die spitzen Äste zerkratzen ihr das weiße Gesicht
und die Schultern, der Wind spielt in den aufgelösten Zöp-
fen, das alte Laub zu ihren Füßen raschelt – doch sie achtet
auf nichts. Wenn die Abendröte verblaßt, die Sterne noch
nicht erschienen sind und der Mond noch nicht scheint, ist
es schrecklich, durch den Wald zu laufen. Auf den Bäumen
greifen ungetaufte Kinder nach den Ästen und kratzen an
den Stämmen; sie schluchzen, lachen und wälzen sich zu
mehreren auf den Wegen und im dichten Brennesselge-
strüpp; aus den Wellen des Dnepr steigen in Scharen die
Jungfrauen, die ihre Seele ins Verderben gestürzt haben;
die Haare fießen ihnen von den grünen Köpfen auf die
Schultern, und plätschernd läuft das Wasser von den lan-
gen Haaren auf die Erde; und die Jungfrauen schimmern
durch das Wasser wie durch ein gläsernes Hemd; die Lip-
pen verziehen sich zu einem seltsamen Lächeln; die Wan-
gen glühen; die Augen wollen die Seelen verführen. Sie
möchten in Liebe entbrennen, sie möchten dich küssen.
Fliehe, getaufter Christ! Ihre Lippen sind aus Eis, ihr Bett
264
ist das kalte Wasser, sie kitzeln dich und ziehen dich in
den Fluß. Katerina aber kümmert sich um niemanden, die
Wahnsinnige fürchtet die Nixen nicht; sie streift zu nächt-
licher Zeit, mit dem Messer in der Hand, umher und sucht
den Vater.
Eines frühen Morgens kam ein stattlicher Gast in einem
roten Rock ins Haus und erkundigte sich nach Danilo. Er
hörte sich alles an, rieb sich mit dem Ärmel die verwein-
ten Augen und zuckte dann mit den Schultern. Er hätte, so
sagte er, zusammen mit dem seligen Burulbasch gekämpft
und mit ihm gegen die Krimtataren und Türken gefoch-
ten. Er hätte nicht geglaubt, daß Danilo so enden würde.
Noch von vielem anderem erzählte der Gast und wollte
dann Katerina sehen.
Katerina hörte dem Gast zuerst überhaupt nicht zu, doch
dann lauschte sie seinen Reden wie ein verständiger Mensch.
Er erzählte, daß er und Danilo wie Brüder gelebt hätten,
daß sie sich einmal vor den Krimtataren unter einem
Damm versteckten … Katerina hörte aufmerksam zu und
ließ ihn nicht aus den Augen. Sie kommt wieder zu sich,
dachten die Kosaken, als sie sie anblickten. Der Gast wird
sie heilen! Sie hört ihm zu, als sei sie bei Verstand! Der
Gast erzählte unterdessen, Danilo hätte ihm in einer ver-
traulichen Stunde einmal gesagt: „Hör zu, Bruder Kop-
rjan! Wenn ich durch Gottes Willen nicht mehr auf dieser
Erde weile, nimm meine Frau zu dir; mag sie dann deine
Frau sein …“
Katerinas Augen durchbohrten ihn mit einem entsetz-
lichen Blick.
„Ah!“ schrie sie. „Das ist er! Das ist der Vater!“
Und mit dem Messer in der Hand stürzte sie sich auf
ihn. Lange kämpfte der Gast mit ihr und versuchte immer
wieder, ihr das Messer zu entreißen. Endlich gelang es
265
ihm; er hob die Hand – und die entsetzliche Tat war voll-
bracht: Der Vater hatte seine wahnsinnige Tochter ermor-
det. Die erstaunten Kosaken wollten sich auf ihn werfen,
doch der Zauberer hatte sich schon auf sein Pferd ge-
schwungen und war den Blicken entschwunden.
14
Hinter Kiew trug sich ein unglaubliches Wunder zu. Alle
Herren und Hetmane versammelten sich, um dieses Wun-
der zu bestaunen: Plötzlich konnte man weit in die Ferne
sehen, bis ans Ende der Welt. Dort leuchtete blau eine
Flußmündung, und dahinter wogte das Schwarze Meer.
Weitgereiste Männer erkannten sogar die Krim, die sich wie
ein Berg aus dem Meer erhob, und auch den sumpfgen
Siwasch. Linkerhand war das Land Galizien zu sehen.
„Und was ist das dort?“ fragten die vielen Menschen,
die sich versammelt hatten, die alten Leute und wiesen da-
bei auf die sich fern am Himmel abzeichnenden grauen
und weißen Gipfel, die wie Wolken aussahen.
„Das sind die Karpaten!“ sagten die alten Leute. „Da
gibt es Berge, auf denen ewiger Schnee liegt; die Wol-
ken lassen sich auf ihnen nieder und übernachten dort.“
Da trug sich ein neues Wunder zu: Die Wolken gaben
den höchsten Berg frei, und auf dem Gipfel war ein Mann
in Ritterrüstung zu sehen, der mit geschlossenen Augen auf
einem Pferd saß; er war so gut zu erkennen, als stünde er
ganz in der Nähe.
Plötzlich sprang ein Mann aus der ängstlich staunenden
Menge auf sein Pferd, blickte wild um sich, als wollte er
sich überzeugen, daß ihn niemand verfolgte, und trieb
266
dann mit aller Kraft sein Pferd an. Es war der Zauberer.
Weshalb war er nur so erschrocken? Als er voller Entset-
zen den seltsamen Ritter gewahrte, sah er, daß dieser das
gleiche Gesicht hatte, das einst ungerufen bei ihm erschie-
nen war, als er zauberte. Er verstand selbst nicht, warum
er bei seinem Anblick in solche Bestürzung geriet. Ängst-
lich um sich blickend, jagte er auf seinem Pferd dahin, so
lange, bis es Abend geworden war und die Sterne am
Himmel auf blinkten. Da erst lenkte er sein Pferd nach
Hause, vielleicht, um eine böse Macht zu befragen, was
dieses Wunder bedeuten sollte. Er wollte mit seinem Pferd
schon über einen schmalen Bach setzen, der seinen Weg
durchschnitt und nicht breiter als sein Rockärmel war, als
das Pferd mitten im Lauf plötzlich innehielt, ihm sein
Maul zudrehte und – oh Wunder! – zu lachen anfng. Die
zwei Reihen weißer Zähne bleckten ihn in der Finsternis
erschreckend an. Dem Zauberer standen die Haare zu
Berge. Er schrie wild auf, schluchzte wie ein Besessener und
trieb sein Pferd geradeswegs auf Kiew zu. Er glaubte, von
allen Seiten käme man auf ihn zu, um ihn einzufangen.
Die Bäume, die ihn als ein dunkler Wald umgaben und
lebendig zu sein schienen, da sie mit ihren schwarzen Bär-
ten nickten und ihre langen Zweige ausstreckten, versuch-
ten, ihn zu erwürgen; die Sterne schienen vor ihm her zu
laufen, um alle auf den Sünder aufmerksam zu machen; ja
selbst der Weg schien ihn zu verfolgen. Der verzweifelte
Zauberer eilte zu den heiligen Stätten in Kiew.
15
Einsam saß ein Einsiedler beim Schein des Lämpchens in
267
seiner Höhle und las, ohne die Augen zu heben, in einem
heiligen Buch. Schon vor vielen Jahren hatte er sich in
seine Höhle zurückgezogen. Er hatte sich auch schon einen
hölzernen Sarg gebaut, in den er sich zum Schlafen nieder-
legte wie in ein Bett. Der fromme Alte schloß das Buch und
begann zu beten. Plötzlich stürzte ein Mensch von seltsamem,
erschreckendem Aussehen zu ihm hinein. Der fromme Ein-
siedler wunderte sich zum erstenmal und wich beim An-
blick dieses Menschen zurück. Dieser bebte am ganzen Kör-
per wie Espenlaub und blickte wild um sich; ein schreck-
liches Feuer brannte düster in seinen Augen, und sein ab-
stoßendes Gesicht ließ die Seele erschauern.
„Vater, bete! Bete!“ schrie er verzweifelt. „Bete für eine
verlorene Seele!“
Mit diesen Worten stürzte er zu Boden. Der fromme
Einsiedler bekreuzigte sich, nahm das Buch, schlug es auf,
trat voller Entsetzen einen Schritt zurück und ließ es fal-
len.
„Nein, du fürchterlicher Sünder! Für dich gibt es kein
Erbarmen! Verlasse diesen Ort! Ich kann für dich nicht
beten!“
„Nein?“ schrie der Sünder wie ein Besessener.
„Sieh her: Die Buchstaben in dem heiligen Buch sind
voller Blut. Solch einen Sünder hat es auf der Erde noch
nie gegeben!“
„Vater, du verspottest mich!“
„Geh fort, du verdammter Sünder! Ich verspotte dich
nicht. Ich fühle Angst in mir aufsteigen. Es ist nicht gut
für einen Menschen, mit dir zusammen zu sein!“
„Nein, nein, du verspottest mich, rede nicht! Ich sehe
doch, wie sich dein Mund spöttisch verzieht, wie die beiden
Reihen deiner alten Zähne glänzen!“
Wie ein Wahnsinniger warf er sich auf den frommen
268
Einsiedler und erschlug ihn. Irgend etwas stöhnte schwer
auf, und dieses Stöhnen hallte durch Felder und Wälder.
Hinter dem Wald tauchten magere, dürre Hände mit lan-
gen Krallen auf; sie drohten und verschwanden wieder.
Der Zauberer fühlte schon keine Furcht mehr; nichts
fühlte er mehr. Alles kam ihm irgendwie verschwommen
vor. In seinen Ohren sauste es, in seinem Kopf lärmte es,
als wäre er betrunken, und alles vor seinen Augen schien
wie mit Spinnweben überzogen zu sein. Er sprang auf sein
Pferd und ritt geradeswegs auf Kanew zu; von dort wollte
er über Tscherkassy zu den Krimtataren – warum, das
wußte er selbst nicht. Er ritt einen Tag lang und dann noch
einen zweiten, doch Kanew wollte und wollte sich nicht
zeigen. Es war der richtige Weg, und Kanew hätte schon
längst vor ihm auftauchen müssen, doch es war nicht zu
sehen. Endlich glänzten in der Ferne Kirchenkuppeln. Doch
das war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der Zauberer wun-
derte sich, als er merkte, daß er in eine ganz andere Rich-
tung geritten war. Er trieb sein Pferd zurück nach Kiew,
und schon nach einem Tag tauchte eine Stadt auf, doch
das war nicht Kiew, sondern Galitsch, eine Stadt, die noch
weiter von Kiew entfernt liegt als Schumsk und sich schon
gar nicht mehr weit weg von Ungarn befndet. Er wußte
nicht, was er tun sollte, und wendete von neuem sein Pferd,
doch wieder fühlte er, daß er in die entgegengesetzte Rich-
tung ritt. Kein Mensch auf der ganzen Erde könnte be-
schreiben, was in der Seele des Zauberers vor sich ging,
doch wenn einer in diese Seele hineingeguckt und gesehen
hätte, was sich dort tat, dann hätte er nachts nie mehr
schlafen und auch niemals mehr lachen können. Weder Wut
noch Furcht noch großer Ärger hatte ihn gepackt. Es gibt
auf der Welt kein Wort für diesen Zustand. In ihm
brannte und loderte es; er hätte die Erde am liebsten unter
269
den Hufen seines Pferdes zerstampft, er hätte das Land
zwischen Kiew und Galitsch am liebsten mitsamt seinen
Menschen gepackt und im Schwarzen Meer ertränkt. Doch
nicht aus Wut wollte er dies tun, nein, er wußte selbst nicht,
warum. Er erbebte, als schon dicht vor ihm die Karpaten
und der hohe Kriwan auftauchten, der sich eine graue
Wolke wie eine Mütze über den Kopf gezogen hatte. Das
Pferd grif aus und trabte schon zwischen den Bergen da-
hin. Plötzlich zerriß die Wolkenwand, und vor ihm erhob
sich in furchterregender Größe der Reiter. Der Zauberer
wollte anhalten und zog die Zügel straf, doch das Pferd
wieherte wild auf, sträubte die Mähne und galoppierte auf
den Ritter zu. Der Zauberer hatte das Gefühl, als ob alles
in ihm erstarrte; der reglose Reiter bewegte sich und öf-
nete seine Augen; er erblickte den Zauberer und brach in
Lachen aus. Wie Donner hallte das wilde Lachen in den
Bergen wider, drang dem Zauberer ins Herz und erschüt-
terte seine Eingeweide. Ihm war zumute, als wäre ein mäch-
tiges Wesen in seinen Körper gekrochen, ginge dort umher
und schlüge mit Hämmern auf sein Herz und seine Sehnen
ein … So entsetzlich wirkte dieses Lachen auf ihn!
Der Reiter packte den Zauberer mit seiner furchtbaren
Hand und hob ihn hoch in die Luft. Der Zauberer starb
und öfnete nach dem Tod seine Augen. Doch er war tot,
und seine Augen blickten auch wie die eines Toten. Solch
einen entsetzlichen Blick hat weder ein Lebender noch ein
Auferstandener. Er rollte die erstorbenen Augen hin und
her und erblickte die sich erhebenden Toten von Kiew,
von Galizien und von den Karpaten, und alle sahen sie
ihm ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem anderen.
Bleich, totenbleich, einer immer größer als der andere
und einer immer knochiger als der andere, so umringten
sie den Reiter, der das schreckenerregende Opfer in seiner
270
Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter auf, dann warf
er den Zauberer in den Abgrund. Und alle Toten spran-
gen hinterher, fngen den Toten auf und bohrten ihre
Zähne in ihn hinein. Und noch einer, der größer und furcht-
barer war als die änderen, wollte der Erde entsteigen, doch
er konnte es nicht, seine Kräfte reichten dazu nicht aus,
denn er war in der Erde zu sehr gewachsen; wenn er sich
aber erhoben hätte, dann hätte er die Karpaten, Sieben-
bürgen und die türkischen Lande in Trümmer gelegt. Er
bewegte sich nur ganz wenig, und doch erbebte davon schon
die ganze Erde. Und viele Häuser stürzten ein, und viele
Menschen kamen um.
Oft hört man in den Karpaten ein Sausen; es klingt, als
rausche Wasser über die Räder von tausend Wassermüh-
len. Dann nagen in einem Abgrund, aus dem es kein Ent-
rinnen gibt, den noch kein Mensch gesehen hat und an
dem sich jeder fürchtet, vorbeizugehen, die vielen Toten
an dem einen Toten. Nicht selten geschieht es, daß die Erde
von einem Ende bis zum anderen erbebt. Das kommt da-
her, so sagen die Gelehrten, daß irgendwo in der Nähe
eines Meeres ein Berg steht, aus dem Flammen schlagen
und brennende Flüsse strömen. Doch die alten Leute, die
in Ungarn und Galizien leben, wissen es besser und mei-
nen, daß sich dann jedesmal der in der Erde zu groß ge-
wordene, riesenhafte Leichnam erheben will und so die
Erde erschüttert.
16
In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen alten
Banduraspieler versammelt und hörte schon eine Stunde
271
lang dem Spiel des Blinden zu. Solche wunderbaren Lie-
der hatte noch kein Banduraspieler gesungen, und auch
noch keiner hatte so gut vorgetragen. Zuerst sang er von
den Zeiten der alten Hetmane, von Sagaidatschny und
Chmelnizki. Das war eine andere Zeit gewesen: Die Ko-
saken standen hoch in Ehren, sie zerstampften ihre Wider-
sacher unter den Hufen ihrer Pferde, und niemand wagte
es, sie zu verspotten. Auch lustige Lieder sang der Alte,
und seine Augen glitten über das Volk, als könnte er sehen,
und die Finger mit den Holzstäbchen daran fogen über die
Saiten wie die Fliegen, und es sah aus, als spielten die
Saiten von allein, und die Menschen ringsum, alte Leute,
die die Köpfe gesenkt hielten, und junge, die den Alten
mit großen Augen ansahen, wagten nicht einmal, mitein-
ander zu füstern.
„Wartet“, sagte der Alte, „ich will euch von einer ur-
alten Begebenheit singen.“
Das Volk drängte sich noch dichter an ihn heran, und
der Blinde begann:
„Unter Stephan, dem Fürsten von Siebenbürgen – der
Fürst von Siebenbürgen war auch König von Polen –, leb-
ten zwei Kosaken: Iwan und Petro. Sie lebten zusammen
wie zwei Brüder. ,Hör zu, Iwan, alles, was wir erbeuten,
wollen wir miteinander teilen. Die Freude des einen sei
auch die Freude des anderen, der Schmerz des einen sei
auch der Schmerz des anderen, die Beute des einen auch
die Beute des anderen; sollte einer von uns in Gefangen-
schaft geraten, so soll der andere alles aufwenden, ihn los-
zukaufen, oder auch selbst in Gefangenschaft gehen.‘ Und
wirklich, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie mit-
einander – ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder
Pferde –, alles teilten sie miteinander.
272
König Stephan führte Krieg gegen die Türken. Schon
drei Wochen kämpfte er mit ihnen und konnte sie einfach
nicht verjagen. Die Türken hatten einen Pascha, der mit
nur zehn Janitscharen ein ganzes Heer niedermachen
konnte. Da ließ König Stephan bekanntgeben, daß er, falls
sich ein Waghals fände, der ihm den Pascha tot oder leben-
dig brächte, diesem einen Lohn auszahlen werde, so groß,
wie ihn sein ganzes Heer bekam. »Machen wir uns auf,
Bruder, den Pascha zu fangen!‘ sagte Bruder Iwan zu
Petro. Und die Kosaken ritten los – der eine nach der einen
Seite und der andere nach der anderen.
Ob es nun Petro gelungen wäre, den Pascha zu fangen
oder nicht, das läßt sich schwer sagen, doch schon führte
Iwan den Pascha mit der Fangschlinge um den Hals vor
den König. ,Ein richtiger Kosak!‘ sagte der König Stephan
und befahl, ihm einen Lohn zu geben, wie ihn sonst das
ganze Heer erhielt, und er befahl auch, ihm Land zu
schenken, wo er nur wollte, und Vieh, soviel er nur wollte.
Als Iwan den Lohn vom König empfangen hatte, teilte
er ihn sogleich mit Petro. Petro erhielt die Hälfte der
königlichen Belohnung, doch er konnte nicht verwinden,
daß Iwan solch hoher Ehre durch den König teilhaftig ge-
worden war, und tief in seinem Herzen brütete Rache.
Beide Ritter machten sich auf den Weg zu den Lände-
reien, die ihnen der König geschenkt hatte und die hinter
den Karpaten lagen. Der Kosak Iwan setzte seinen kleinen
Sohn mit auf sein Pferd und band ihn an sich fest. Schon
brach die Dämmerung herein, aber sie ritten immer wei-
ter. Der Kleine war eingeschlafen, und auch Iwan sank in
Schlummer. Schlaf nicht, Kosak, die Wege in den Bergen
sind gefährlich! Doch der Kosak hat ein Pferd, das überall
den Weg fndet, das nicht stolpert und nicht fehltritt. Zwi-
schen den Bergen liegt ein Abgrund, von dem noch nie-
mand den Boden gesehen hat – bis zu dem Boden ist es
so weit wie von der Erde bis zum Himmel. Genau über
dem Abgrund zieht sich ein Weg hin; auf ihm können
zwei Menschen nebeneinander reiten, aber drei um keinen
Preis. Das Pferd mit dem schlummernden Kosaken schritt
behutsam voran. Daneben ritt Petro; er zitterte am ganzen
Leib und hielt vor Freude den Atem an. Er drehte sich
um und stieß dann seinen Blutsbruder in den Abgrund.
Und das Pferd mit dem Kosaken und dem kleinen Sohn
fog in den Abgrund hinab.
Doch der Kosak hielt sich an einem Ast fest, und nur
das Pferd landete auf dem Boden des Abgrunds. Er klet-
terte mit dem Sohn auf den Schultern wieder hinauf, und
als er fast oben angelangt war, hob er die Augen und sah,
daß Petro seine Lanze auf ihn gerichtet hielt, um ihn zu-
rückzustoßen. ,Gerechter Gott im Himmel, hätte ich doch
nicht die Augen gehoben, das wäre besser gewesen als zu
sehen, wie mein eigener Bruder mit der Lanze nach mir
zielt, um mich hinabzustoßen! Mein lieber Bruder! Wenn
ich durch deine Lanze sterben soll, so ist das eben mein
Schicksal, doch nimm meinen Sohn! Was für eine Schuld
hat denn das unschuldige Kind auf sich geladen, daß es
solch eines entsetzlichen Todes sterben soll?‘ Petro brach
in Gelächter aus und stieß mit der Lanze nach ihm, und
der Kosak fog mit dem kleinen Kind in den Abgrund hin-
ab. Petro eignete sich alle Güter Iwans an und begann
ein Leben zu führen wie ein Pascha. Niemand besaß solche
großen Herden wie Petro. Nirgends gab es Schafe und
Hammel in solcher Menge. Schließlich starb Petro.
274
Als Petro gestorben war, rief Gott die Seelen der bei-
den Brüder Petro und Iwan zu sich, um über sie zu richten.
,Dieser Mensch ist ein großer Sünder!‘ sagte Gott. ,Iwan!
Mir fällt im Moment keine Strafe für ihn ein, wähle du
selbst eine Strafe für ihn aus!‘ Iwan überlegte lange, suchte
nach einer Strafe und sagte dann schließlich: Dieser
Mensch hat mir viel Leid zugefügt: Er hat mich, seinen
Bruder, verraten wie Judas und mich meiner ehrenhaften
Familie und meiner Nachkommenschaft auf Erden beraubt.
Und ein Mensch ohne ehrenhafte Familie und ohne Nach-
kommenschaft ist wie ein Getreidekorn, das auf die Erde
geworfen wurde und dort unnütz verkommt. Es geht nicht
auf – niemand weiß, daß dort ein Samenkorn gelegen hat.
Gib, Gott, daß alle seine Nachkommen auf Erden un-
glücklich werden! Daß der Letzte seines Stammes ein
Missetäter wird, wie ihn die Erde noch nie gesehen hat!
Und nach jeder Schandtat sollen die Ahnen und Urahnen
in ihren Gräbern keine Ruhe mehr fnden und sich unter
Qualen, wie sie diese Welt noch nicht gekannt hat, aus
ihren Särgen erheben! Und Judas Petro soll nicht die Kraft
dazu haben, dem Grab zu entsteigen, und dadurch noch
bitterere Qualen erdulden; er soll wie ein Besessener Erde
fressen und sich unter der Erde winden!
Und wenn das Maß der Schandtaten dieses Menschen
voll ist, dann, Gott, hebe mich mit meinem Pferd aus dem
Abgrund und stelle mich auf den höchsten Berg; dann soll
er zu mir kommen, und dann werde ich ihn von diesem
Berg in den tiefsten Abgrund schleudern, und alle Toten,
seine Ahnen und Urahnen, wo sie auch vor ihrem Tode
gelebt haben mögen, sollen aus allen Himmelsrichtungen
zusammenströmen und für die Qualen, die er ihnen bereitet
275
hat, an ihm nagen: Ewig sollen sie an ihm nagen, und ich
werde mich freuen, wenn ich seine Pein sehe! Und Judas
Petro soll sich nicht aus der Erde erheben können, er soll
es immer wieder versuchen, um auch zu nagen, und dann
soll er sich selber benagen, und seine Knochen sollen im-
mer länger werden, damit seine Qualen immer größer wer-
den. Diese Qual wird für ihn die allerschlimmste sein, denn
für einen Menschen gibt es keine größere Qual, als sich
rächen zu wollen, ohne dazu in der Lage zu sein.‘
,Das ist eine schreckliche Strafe, die du dir ausgedacht
hast!‘ sagte Gott. ,Es soll alles so geschehen, wie du gesagt
hast, doch auch du sollst ewig dort auf deinem Pferd sitzen,
und solange du dort auf deinem Pferd sitzt, sollst du das
Himmelreich nicht erblicken!‘ Und alles geschah, wie ge-
sagt: Auch jetzt noch sitzt der wunderbare Ritter auf sei-
nem Pferd in den Karpaten und sieht zu, wie in dem
bodenlosen Abgrund die Toten den einen Toten benagen,
und er merkt, wie der Tote unter der Erde wächst, wie er
unter entsetzlichen Qualen an seinen eigenen Knochen nagt
und die Erde schrecklich erbeben läßt …“
Schon hat der Blinde seinen Gesang beendet, schon glei-
ten seine Hände von neuem über die Saiten, schon singt er
Scherzlieder von Choma und Jeroma und von Stkljar und
Stokosa … Doch Alt und Jung denken nicht daran, die
Augen zu heben; noch lange stehen sie mit gesenkten
Köpfen da und sinnen über die entsetzliche Begebenheit
nach, die sich in alten Zeiten zutrug.
276
Iwan Fjodorowitsch Schponka
und seine Tante
Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert:
Uns hat sie der aus Gadjatsch gekommene Stepan Iwano-
witsch Kurotschka erzählt. Ihr müßt wissen, daß mein Ge-
dächtnis so schlecht ist, daß man es gar nicht mit Worten
ausdrücken kann: Ob mir jemand etwas erzählt oder ob
er mir nichts erzählt, das ist ein und dasselbe. Es ist so, als
gieße man Wasser in ein Sieb. Weil ich aber meine
Schwäche kenne, habe ich ihn absichtlich gebeten, die Ge-
schichte in ein Heftchen zu schreiben. Nun – Gott gebe ihm
277
Gesundheit, für mich war er immer ein guter Mensch –,
er hat sie mir also aufgeschrieben. Ich habe das Heftchen
in die Schublade von dem kleinen Tischchen gelegt, das
ihr, glaube ich, gut kennt: Es steht gleich in der Ecke, wenn
man zur Tür hineinkommt … Ach, ich habe ja ganz ver-
gessen, daß ihr niemals bei mir gewesen seid. Meine Alte,
mit der ich schon dreißig Jahre zusammen lebe, hat nie-
mals das Lesen und Schreiben gelernt, wie soll ich es groß
verbergen! Und da sehe ich, daß sie Pasteten auf so einem
Papier bäckt. Sie bäckt diese Pasteten erstaunlich gut, wer-
teste Leser; bessere Pasteten werdet ihr nirgends zu essen
bekommen. Einmal guckte ich auf die Unterseite von so
einer Pastete und sah, daß da etwas geschrieben stand.
Als hätte ich es geahnt! Ich ging zu dem Tischchen, und
da fehlte über die Hälfte von dem Heftchen! Die übrigen
Blätter hatte sie alle zum Pastetenbacken verwendet. Was
war da zu tun? Ich wollte mich im Alter nicht noch prü-
geln! Voriges Jahr reiste ich zufällig durch Gadjatsch. Noch
bevor ich in die Stadt hineinkam, habe ich absichtlich einen
Knoten in mein Taschentuch gemacht, um nicht zu verges-
sen, mich wegen der Geschichte an Stepan Iwanowitsch zu
wenden. Und nicht nur das: Ich habe mir selbst das Wort
gegeben, sofort an ihn zu denken, sobald ich in der Stadt
zum erstenmal niese. Doch alles war umsonst. Ich bin durch
die Stadt hindurchgefahren, ich habe geniest, mir die Nase
geputzt und trotzdem nicht daran gedacht; erst sechs Werst
hinter dem Schlagbaum ist es mir eingefallen. Da war
nichts zu machen, ich mußte die Geschichte ohne das Ende
drucken lassen. Wenn übrigens jemand unbedingt wissen
will, wie sie ausgegangen ist, der braucht nur nach Gad-
jatsch zu fahren und Stepan Iwanowitsch zu fragen. Er
wird ihm die Geschichte mit großem Vergnügen erzählen,
wenn auch wahrscheinlich wieder von Anfang an. Er wohnt
278
gar nicht so weit, gleich neben der steinernen Kirche. Dort
ist ein kleines Gäßchen, und sowie man in das Gäßchen ein-
biegt, ist es das zweite oder dritte Tor. Oder noch besser:
Wenn ihr auf einem Hof eine große Stange mit einer
Wachtel seht und euch eine dicke Frau in einem grünen
Rock entgegenkommt (er führt, das soll noch erwähnt wer-
den, ein Junggesellenleben), dann ist das sein Hof. Ihr
könnt ihn übrigens auch auf dem Markt trefen, wo er je-
den Morgen bis neun Uhr ist, Fisch und Gemüse für seinen
Mittagstisch aussucht und sich mit dem Vater Antip oder
mit dem jüdischen Pächter unterhält. Ihr werdet ihn sofort
erkennen, weil nämlich niemand außer ihm Hosen aus ein-
farbig gemustertem Kattun und einen Überrock aus gelbem
Nankingstof trägt. Und hier habt ihr noch ein Merkmal:
Wenn er geht, dann fuchtelt er immer mit den Armen.
Schon der selige Zollbeisitzer Denis Petrowitsch sagte je-
desmal, wenn er ihn von ferne sah: „Guckt mal, guckt
mal, da geht die Windmühle!“
1 Iwan Fjodorowitsch Schponka
Es ist schon vier Jahre her, seit Iwan Fjodorowitsch Schpon-
ka seinen Abschied beim Militär genommen hat und auf
seinem Gut Wytrebjonki lebt. Als er noch der kleine Wan-
juscha war, besuchte er die Kreisschule von Gadjatsch, und
es muß gesagt werden, daß er ein außerordentlich sittsamer
und feißiger Junge war. Der Lehrer, der russische Gram-
matik unterrichtete, Nikifor Timofejewitsch Dejepritscha-
stije, pfegte immer zu sagen, daß er, wenn alle bei ihm
so feißig wären wie Schponka, niemals das Lineal aus
Ahornholz in die Klasse mitzunehmen brauchte, mit dem
279
er den Faulpelzen und den unruhigen Geistern auf die
Finger klopfte, was ihm, wie er selbst zugab, schon über
war. Wanjuschas Heft war immer sauber, hatte immer
einen Rand und nirgends ein Fleckchen. Er saß immer
gehorsam und mit gefalteten Händen da, hielt die Augen auf
den Lehrer gerichtet, hängte niemals seinem Vordermann
Papierschnitzel an den Rücken, schnitzte nicht an seiner
Bank und spielte niemals „Wegschieben“, bevor der Leh-
rer eintrat. Wenn jemand ein Messer brauchte, um sich die
Feder zu spitzen, dann wandte er sich sofort an Iwan Fjo-
dorowitsch, denn er wußte, daß er immer ein kleines Mes-
serchen bei sich hatte, und Iwan Fjodorowitsch, damals
noch der kleine Wanjuscha, holte es aus der kleinen Leder-
hülle, die am Knopfloch seiner grauen Jacke hing, und bat
nur darum, die Feder nicht mit der scharfen Seite zu scha-
ben, weil, wie er betonte, dazu die stumpfe Seite da wäre.
Diese Sittsamkeit lenkte sogar die Aufmerksamkeit des
Lateinlehrers auf ihn, dessen Husten auf dem Korridor die
ganze Klasse in Schrecken versetzte, noch ehe der Fries-
mantel und das blatternarbige Gesicht in der Tür erschienen.
Dieser furchterregende Lehrer, bei dem immer zwei Ruten-
bündel auf dem Katheder lagen und die Hälfte der Schü-
ler knien mußte, machte Iwan Fjodorowitsch zu seinem
Gehilfen, obwohl es viele in der Klasse gab, die bei wei-
tem begabter waren als er. Hier darf ein Vorfall nicht
übergangen werden, der auf sein ganzes weiteres Leben
von Einfuß war. Einer der Schüler, die er zu betreuen
hatte, brachte einen in Papier gewickelten, butterübergos-
senen Pfannkuchen in die Klasse mit, um seinen Mentor
dazu zu bewegen, scit in die Liste zu schreiben, obwohl er
die Schulaufgaben überhaupt nicht gemacht hatte. Iwan
Fjodorowitsch sah zwar immer auf Gerechtigkeit, doch er
war gerade hungrig und konnte der Versuchung nicht wi-
280
derstehen. Er nahm den Pfannkuchen, stellte ein Buch vor
sich auf und begann zu essen. Und er war so damit be-
schäftigt, daß er gar nicht merkte, wie es in der Klasse
plötzlich still wurde. Er kam erst voller Schrecken zu sich,
als eine furchterregende Hand aus dem Friesmantel her-
vorkam, ihn beim Ohr packte und in die Mitte der Klasse
zerrte. „Gib den Pfannkuchen her! Ich sage dir, gib ihn
her, du Lump!“ sagte der schreckliche Lehrer, ergrif den
buttertriefenden Pfannkuchen und warf ihn zum Fenster
hinaus, wobei er den auf dem Hof umherlaufenden Schü-
lern strengstens verbot, ihn aufzuheben. Danach schlug er
Iwan Fjodorowitsch sehr schmerzhaft auf die Finger. Und
das war richtig, denn die Finger waren schuld, sie hatten
den Pfannkuchen genommen und nicht ein anderer Kör-
perteil. Wie dem auch sei, die Schüchternheit, die ihm
ohnehin schon eigen war, nahm seit dieser Zeit noch zu.
Vielleicht war dieser Vorfall auch der Grund, daß er nie-
mals den Wunsch hatte, in den Staatsdienst einzutreten,
denn er wußte ja aus Erfahrung, daß sich nicht immer alles
verbergen ließ. Er war schon fast fünfzehn Jahre alt, als
er in die zweite Klasse kam, wo er von dem gekürzten
Katechismus und den vier Regeln der Arithmetik zu dem
ausführlichen Katechismus, dem Buch über die Pfichten des
Menschen und den Brüchen überging. Doch als er merkte,
daß der Wald dichter wurde, je tiefer man in ihn eindrang,
und außerdem die Nachricht erhielt, daß sein Vater ge-
storben war, blieb er noch zwei Jahre auf der Schule und
trat dann mit dem Einverständnis seiner Mutter in das
P-er Infanterieregiment ein. Das P-er Infanterieregiment
ähnelte überhaupt nicht den üblichen Infanterieregimen-
tern, und obwohl es größtenteils in Dörfern lag, lebte man
doch auf solch großem Fuße, daß man sich schon mit man-
chen Kavallerieregimentern messen konnte. Der größte
281
Teil der Ofziere trank starken, durch Ausfrieren gewon-
nenen Schnaps und verstand es nicht schlechter als die
Husaren, die Juden an ihren Schläfenlocken herumzuzerren;
manche konnten sogar Masurka tanzen, und der Oberst des
P-er Regiments versäumte keine Gelegenheit, dies zu er-
wähnen, wenn er sich in Gesellschaft mit jemandem unter-
hielt. „Bei mir, mein Herr“, sagte er gewöhnlich, wobei er
sich nach jedem Wort auf den Bauch klopfte, „bei mir tan-
zen viele Masurka, sehr viele, mein Herr, sogar außer-
ordentlich viele.“ Um die Bildung, die das P-er Infan-
terieregiment besaß, den Lesern noch besser vor Augen
zu führen, möchten wir noch hinzufügen, daß zwei Of-
ziere fürchterliche Spieler waren; sie verspielten ihre Uni-
form, ihre Mütze, den Mantel, das Degenband und sogar
die Unterwäsche, was nicht einmal von allen Kavalleristen
gesagt werden kann. Der Umgang mit solchen Kameraden
machte Iwan Fjodorowitsch jedoch keinesfalls weniger
schüchtern. Und da er nur gewöhnlichen Schnaps trank,
und zwar ein Gläschen vor dem Mittagessen und eins vor
dem Abendbrot, und außerdem keine Masurka tanzte und
nicht Karten spielte, mußte er natürlich immer allein blei-
ben. Während die anderen mit Bauernpferden zu den klei-
nen Gutsbesitzern zu Besuch fuhren, saß er in seinem Zim-
mer und widmete sich Beschäftigungen, die seiner sanften
und gutmütigen Seele entsprachen: Entweder putzte er die
Knöpfe seiner Uniform, oder er las in einem Wahrsage-
buch, oder er stellte Mausefallen in den Zimmerecken auf,
oder er lag schließlich ohne Uniform auf seinem Bett. Da-
für gab es keinen im Regiment, der ordentlicher als Iwan
Fjodorowitsch gewesen wäre. Er befehligte seinen Zug so
gut, daß ihn der Kompaniechef allen anderen als Vorbild
hinstellte. Deshalb wurde er auch bald – elf Jahre, nach-
dem er den Rang eines Fähnrichs erhalten hatte – zum
282
Leutnant befördert. Im Laufe dieser Zeit hatte er die Nach-
richt erhalten, daß seine Mutter gestorben war; und die
Tante, eine leibliche Schwester der Mutter, die er nur
kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit gedörrte Birnen
oder selbstgebackene, außerordentlich schmackhafte Plätz-
chen mitgebracht und auch nach Gadjatsch geschickt hatte
(mit der Mutter hatte sie sich dann zerstritten, und deshalb
hatte sie Iwan Fjodorowitsch später nicht mehr zu Gesicht
bekommen), diese Tante hatte in ihrer Gutmütigkeit
die Aufgabe übernommen, sein kleines Gut zu verwal-
ten, was sie ihm auch seinerzeit in einem Brief mitgeteilt
hatte. Iwan Fjodorowitsch war von der Klugheit seiner
Tante völlig überzeugt und verrichtete seinen Dienst wie
bisher. Ein anderer an seiner Stelle hätte sich vor Stolz
nicht zu lassen gewußt, wenn er einen solchen Rang erhal-
ten hätte, doch für Iwan Fjodorowitsch war Stolz etwas
völlig Unbekanntes – auch nachdem er Leutnant geworden
war, blieb er noch immer der gleiche Iwan Fjodorowitsch,
der er auch früher als Fähnrich gewesen war. Vier Jahre
nach diesem für ihn so schmeichelhaften Vorfall bereitete
er sich darauf vor, zusammen mit dem Regiment aus dem
Gouvernement Mogiljow nach Großrußland zu ziehen, als
er einen Brief folgenden Inhalts erhielt:
Lieber Nefe Iwan Fjodorowitsch!
Ich schicke dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken und vier
feine Leinenhemden. Und ich will mit dir auch über eine
wichtige Sache reden. Da du schon einen nicht unbedeu-
tenden Rang erlangt hast, was du, wie ich glaube, auch
weißt, und in die Jahre gekommen bist, in denen es Zeit
wird, sich mit der Wirtschaft zu beschäftigen, solltest du
deinen Dienst beim Militär aufgeben. Ich bin schon alt und
kann nicht mehr überall in deiner Wirtschaft nach dem
283
Rechten sehen, und außerdem habe ich dir tatsächlich auch
noch viel persönlich zu eröfnen. Komme bald, Wanjuscha!
In Erwartung deiner Ankunft, die für mich ein aufrich-
tiges Vergnügen sein wird, verbleibe ich deine dich innig
liebende Tante
Wassilissa Zyptschewska
PS: Wunderbare Rüben sind bei uns im Garten gewach-
sen. Sie ähneln eher Kartofeln als Rüben.
Eine Woche, nachdem Iwan Fjodorowitsch diesen Brief
erhalten hatte, schrieb er folgende Antwort:
Sehr geehrte Frau Tante Wassilissa Kaschporowna!
Ich danke Ihnen vielmals für die Wäsche, die Sie mir
geschickt haben. Besonders meine Socken waren schon sehr
alt; mein Bursche hatte sie sogar schon viermal gestopft,
und deshalb waren sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre
Meinung über meinen Militärdienst anbelangt, so bin ich
völlig einer Meinung mit Ihnen und habe schon zwei Tage
später meinen Abschied eingereicht. Sowie ich meine Ent-
lassung erhalte, werde ich mir eine Kutsche mieten. Ihren
früheren Auftrag, sibirischen Hartweizen zu besorgen,
konnte ich nicht ausführen: Im ganzen Gouvernement Mo-
giljow gibt es kein solches Saatgut. Die Schweine werden
hier größtenteils mit Maische gefüttert, unter die ein wenig
gegorenes Bier gemischt wird.
In tiefster Hochachtung, sehr geehrte Frau Tante, ver-
bleibe ich Ihr Nefe
Iwan Schponka
Schließlich erhielt Iwan Fjodorowitsch den Abschied im
Rang eines Leutnant, mietete sich für vierzig Rubel einen
284
Juden für die Fahrt von Mogiljow nach Gadjatsch und
setzte sich in den Wagen, gerade zu der Zeit, als an den
Bäumen die ersten, noch seltenen Blätter sprießten, das
Land von einem frischen hellen Grün bedeckt war und es
überall auf den Feldern nach Frühling roch.
2 Die Reise
Unterwegs passierte nichts, was besondere Erwähnung
verdient. Sie fuhren gute zwei Wochen. Vielleicht wäre
Iwan Fjodorowitsch noch früher angekommen, doch der
fromme Jude beging jeden Sonnabend seinen Sabbat, wo-
bei er sich in die Pferdedecke hüllte und den ganzen Tag
betete. Iwan Fjodorowitsch war übrigens ein Mensch, der,
wie ich schon früher erwähnte, keine Langeweile aufkom-
men ließ. Er schnallte dann eben seinen Kofer auf, nahm
die Wäsche heraus, untersuchte genau, ob sie gut gewaschen
und richtig zusammengelegt war, entfernte vorsichtig ein
Fläumchen von der neuen Uniform, die schon keine Ach-
selklappen mehr schmückten, und legte alles wieder schön
ordentlich zusammengefaltet zurück. Im allgemeinen liebte
er es nicht, Bücher zu lesen, und wenn er manchmal in das
Wahrsagebuch hineinschaute, so tat er das, weil es ihm
gefel, Bekanntem und schon oft Gelesenem noch einmal
zu begegnen. So macht sich auch der Städter jeden Tag
auf den Weg in den Klub – er geht nicht etwa, um dort
etwas Neues zu erfahren, sondern nur, um dort die alten
Bekannten zu trefen, mit denen er schon seit undenklichen
Zeiten gewohnt ist, im Klub zu schwatzen. So liest der
Beamte mit großem Genuß mehrere Male am Tag das
Adreßbuch – er liest es nicht mit irgendwelchen diploma-
285
tischen Absichten, sondern weil ihm der Anblick der ge-
druckten Namen eine außerordentliche Freude bereitet.
„Ah! Hier ist Iwan Gawrilowitsch Soundso!“ wiederholt
er dumpf vor sich hinmurmelnd. „Ah! Und hier bin ja
auch ich! Hm!“ Und das nächste Mal liest er alles wieder
mit genau denselben Ausrufen.
Nach einer vierzehntägigen Fahrt kam Iwan Fjodoro-
witsch in einem Dörfchen an, das hundert Werst von Gad-
jatsch entfernt liegt. Es war an einem Freitag. Die Sonne
war schon lange untergegangen, als er mit seinem Wagen
und seinem Juden auf den Hof des Gasthauses fuhr. Die-
ses Gasthaus unterschied sich in nichts von den anderen
Gasthäusern, die in anderen kleinen Dörfern stehen. In
ihnen wird dem Reisenden gewöhnlich mit großem Eifer
Heu und Hafer angeboten, als sei er ein Postpferd. Doch
wenn er frühstücken will, wie anständige Menschen ge-
wöhnlich frühstücken, merkt er bald, daß er besser daran
tut, seinen Appetit unverändert für eine bessere Gelegen-
heit aufzuheben. Iwan Fjodorowitsch wußte dies alles und
hatte sich rechtzeitig mit zwei Kringelbündeln und Wurst
versehen. Er bat um einen Schnaps, an dem es in keinem
einzigen Gasthaus mangelt, setzte sich auf eine Bank vor
einen Eichentisch, der felsenfest in dem Lehmboden ein-
gelassen war, und begann sein Abendbrot. Währenddessen
wurde das Rasseln eines Wagens vernehmbar. Die Tor-
fügel quietschten, doch der Wagen fuhr lange Zeit nicht
auf den Hof. Eine laute Stimme schimpfte mit der Alten,
der das Gasthaus gehörte. „Gut, ich werde auf den Hof
fahren“, hörte Iwan Fjodorowitsch die laute Stimme sagen,
„doch wenn mich auch nur eine einzige Wanze in deiner
Hütte beißt, dann verprügele ich dich, bei Gott, ich ver-
prügele dich, alte Hexe! Und für das Heu gebe ich dir
auch nichts!“ Ein wenig später öfnete sich die Tür, und
286
ein dicker Mann in einem grünen Rock trat ein oder, bes-
ser gesagt, wälzte sich herein. Der Kopf ruhte unbeweglich
auf einem kurzen Hals, der durch das Doppelkinn noch
dicker wirkte. Nach dem Äußeren des Mannes zu schlie-
ßen, gehörte er zu jenen Menschen, die sich niemals über
Kleinigkeiten den Kopf zerbrechen und bei denen im Le-
ben alles geht wie geschmiert.
„Wünsche einen guten Tag, sehr geehrter Herr!“ sagte
er, als er Iwan Fjodorowitsch erblickte.
Iwan Fjodorowitsch verbeugte sich stumm.
„Gestatten Sie die Frage: Mit wem habe ich die Ehre
zu sprechen?“ fuhr der dicke Neuankömmling fort.
Bei dieser Frage erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwill-
kürlich und stand stramm, wie er es gewöhnlich zu tun
pfegte, wenn ihn der Oberst etwas fragte.
„Leutnant a. D. Iwan Fjodorowitsch Schponka“, antwor-
tete er.
„Darf ich so kühn sein, Sie zu fragen, wohin Sie zu fah-
ren belieben?“
„Auf mein eigenes Gut Wytrebjonki.“
„Wytrebjonki!“ rief der gestrenge Frager. „Gestatten
Sie, werter Herr, gestatten Sie!“ sagte er und näherte sich
ihm, wobei er mit den Händen fuchtelte, als wolle er je-
mand nicht heranlassen oder als dränge er sich durch eine
Volksmenge. Als er herangekommen war, nahm er Iwan
Fjodorowitsch in seine Arme und küßte ihn zuerst auf die
rechte Wange, dann auf die linke und dann von neuem
auf die rechte. Iwan Fjodorowitsch gefelen diese Lieb-
kosungen sehr, denn seine Lippen sahen die großen Wan-
gen des Fremden für weiche Kissen an. „Gestatten Sie,
werter Herr, daß wir uns bekannt machen!“ fuhr der Dicke
fort. „Ich bin auch ein Gutsherr des Kreises Gadjatsch
und Ihr Nachbar. Ich wohne nicht mehr als fünf Werst
287
von Ihrem Gut Wytrebjonki entfernt, und zwar auf dem
Gut Chortyschtsche, und mein Name ist Grigori Grigorje-
witsch Stortschenko. Unbedingt, mein Herr, unbedingt …
Ich will nichts mehr von Ihnen wissen, wenn Sie mich nicht
in Chortyschtsche besuchen. Ich habe jetzt eilige Geschäfte
zu erledigen … Und was soll das bedeuten?“ fragte er
mit sanfter Stimme seinen eingetretenen Reitknecht, einen
Jungen im Kosakenrock mit Flicken an den Ellenbogen, der
mit verständnislosem Gesicht Bündel und Kästen auf den
Tisch stellte. „Was soll das bedeuten? Was?“ (Die Stimme
Grigori Grigorjewitschs wurde unmerklich immer drohen-
der.) „Habe ich dir etwa befohlen, das hierherzustellen,
mein Lieber? Habe ich dir etwa gesagt, du sollst es hier-
herstellen, du Schuft? Habe ich dir etwa nicht gesagt, du
sollst erst das Hühnchen warm machen, du Schurke? Fort
mit dir!“ schrie er und stampfte mit dem Fuß auf. „Halt,
warte, du Schiefmaul! Wo ist der Reiseschrank mit den
Fläschchen? Iwan Fjodorowitsch!“ sagte er und goß Kräu-
terlikör ein. „Ich bitte ergebenst, nehmen Sie etwas von
diesem Heilmittel zu sich!“
„Bei Gott, ich kann nicht … Ich habe schon …“, stam-
melte Iwan Fjodorowitsch.
„Das will ich nicht gehört haben, werter Herr!“ sagte
der Gutsbesitzer mit erhobener Stimme. „Das will ich nicht
gehört haben! Ich gehe nicht eher hier fort, bis Sie getrun-
ken haben …“
Als Iwan Fjodorowitsch sah, daß er das Anerbieten nicht
abschlagen konnte, trank er das Glas nicht ohne Vergnü-
gen aus.
„Das ist ein Hühnchen, werter Herr“, fuhr der dicke
Grigori Grigorjewitsch fort, wobei er es in einem Holz-
kästchen mit einem Messer zerlegte. „Sie müssen wissen,
daß meine Köchin Jawdocha manchmal gern einen hebt,
288
und deshalb werden die Hühnchen oft zu braun. – He,
Bursche!“ wandte er sich an den Jungen in dem Kosaken-
rock, der gerade ein Federbett und mehrere Kissen herein-
brachte. „Mach das Bett mitten im Zimmer auf dem Fuß-
boden zurecht! Paß ja auf, daß du auch recht viel Heu
unter die Kissen tust! Und reiß der Alten etwas Flachs
aus der Flachsdocke, damit ich mir zur Nacht die Ohren
zustopfen kann! – Sie müssen wissen, werter Herr, daß
ich die Angewohnheit habe, mir zur Nacht die Ohren zuzu-
stopfen, und zwar seit dem verfuchten Tag, an dem mir
in einer großrussischen Schenke eine Küchenschabe in das
linke Ohr gekrochen ist. Die verfuchten Großrussen essen,
wie ich später erfahren habe, sogar die Kohlsuppe mit
Schaben. Es ist unmöglich zu beschreiben, was in mir vor-
ging: In dem Ohr hat es gekitzelt, so wahnsinnig gekitzelt
– es war, um die Wände hochzusteigen. Erst eine einfache
Alte aus unserer Gegend hat mir geholfen. Und raten Sie
mal, womit? Einfach mit Besprechen. Was halten Sie von
den Ärzten, werter Herr? Ich denke, daß sie uns einfach
zum Narren halten und über den Löfel halbieren. Manch
eine Alte weiß zwanzigmal mehr als all diese Ärzte.“
„Wahrhaftig, Sie belieben die reine Wahrheit zu sagen.
Manchmal ist es wirklich so, daß …“
Hier stockte Iwan Fjodorowitsch, als suche er nach
einem passenden Wort. Ich möchte hier auch noch erwäh-
nen, daß er sich im allgemeinen nicht durch besonderen
Wortreichtum auszeichnete. Vielleicht war seine Schüch-
ternheit daran schuld, vielleicht aber auch der Wunsch,
sich möglichst schön auszudrücken.
„Schüttele das Heu ja ordentlich auf!“ sagte Grigori
Grigorjewitsch zu seinem Lakai. „Hier ist das Heu scheuß-
lich; eh man es sich versieht, ist ein Ästchen dazwischen.
Gestatten Sie, werter Herr, daß ich Ihnen eine gute Nacht
289
wünsche! Morgen früh sehen wir uns nicht mehr; ich fahre
noch vor Sonnenaufgang fort. Der Jude wird seinen Sab-
bat feiern, weil morgen Sonnabend ist, und deshalb brau-
chen Sie ja nicht früh aufzustehen. Vergessen Sie aber
meine Bitte nicht: Ich will nichts mehr von Ihnen wissen,
wenn Sie mich nicht auf meinem Gut Chortyschtsche be-
suchen.“
Darauf zog der Kammerdiener Grigori Grigorjewitsch
den Rock und die Stiefel aus, half ihm in einen Schlafrock
hinein, und Grigori Grigorjewitsch wälzte sich auf sein
Nachtlager, was aussah, als lege sich ein Federbett auf ein
anderes. „He, Bursche! Wo willst du denn hin, du Schurke?
Komm her und zieh mir die Bettdecke zurecht! He, Bur-
sche, schieb mir noch Heu unter den Kopf! Sind eigentlich
die Pferde schon getränkt? Noch mehr Heu! Hierher, an
diese Seite! Und zieh die Bettdecke ordentlich zurecht, du
Schurke! So ist es gut, nur noch hier ein wenig! Uf!“
Grigori Grigorjewitsch seufzte noch zwei-, dreimal tief
auf und ließ seiner Nase in regelmäßigen Abständen
einen schrecklichen Pfeifton entweichen, der das ganze Zim-
mer erfüllte, wobei er hin und wieder so laut schnarchte,
daß die Alte, die auf der Ofenbank schlummerte, auf-
wachte, eilig nach allen Seiten Ausschau hielt, sich jedoch
wieder beruhigte, als sie nichts fand, und von neuem ein-
schlief.
Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Tag aufwachte,
war der dicke Gutsbesitzer schon nicht mehr da. Das war
der einzige bemerkenswerte Vorfall während seiner Heim-
reise. Drei Tage später näherte er sich schon seinem Gut.
Er fühlte, daß sein Herz stark zu klopfen begann, als die
Windmühle, ihre Flügel drehend, vor ihm auftauchte und
als sich in dem Maße, wie der Jude seine Schindmähre den
Berg hochtrieb, unten eine Reihe von Weiden zeigte. Le-
290
bendig und hell schimmerte durch sie der Teich hindurch,
dem eine herrliche Frische entströmte. Hier hatte er frü-
her immer gebadet. In diesem Teich war er zusammen mit
anderen Kindern bis zum Hals im Wasser umhergewatet
und hatte nach Krebsen gesucht. Der Wagen fuhr den
Damm hinauf, und Iwan Fjodorowitsch erblickte das alte
Häuschen mit dem Schilfdach und die Apfel- und Kirsch-
bäume, in denen er früher heimlich herumgeklettert war.
Kaum war er auf den Hof gefahren, da rannten von allen
Seiten Hunde jeder Art herbei: schwarze, rotbraune, graue
und scheckige. Manche stürzten sich mit Gebell den Pfer-
den vor die Beine, andere liefen hinter dem Wagen her,
denn sie hatten gemerkt, daß die Achse mit Fett geschmiert
war, einer stand neben der Küche, hatte die Pfote auf
einen Knochen gelegt und heulte, so laut er konnte, wie-
der ein anderer bellte von fern und lief dabei schwanz-
wedelnd hin und her, als wollte er sagen: Schaut doch ein-
mal her, ihr Christenmenschen, was für ein prächtiger jun-
ger Mann ich bin! Kleine Jungen in beschmutzten Hemden
kamen angelaufen, um sich alles anzusehen. Ein Schwein,
das sich mit sechzehn Ferkeln würdevoll über den Hof be-
wegte, hob mit einem prüfenden Gesichtsausdruck seinen
Rüssel hoch und grunzte lauter als gewöhnlich. Auf dem
Hof waren viele Leinwandtücher ausgebreitet, auf denen
Weizen, Hirse und Gerste in der Sonne trockneten. Auf
dem Dach lagen auch eine Menge der verschiedensten Kräu-
ter zum Trocknen – Wegwarte, Habichtskraut und andere.
Iwan Fjodorowitsch war so damit beschäftigt, all dies
zu betrachten, daß er erst wieder zu sich kam, als der
scheckige Hund den vom Bock kletternden Juden in die
Ferse biß. Das Gesinde, das zusammengelaufen war und
aus der Köchin, einer Frau und zwei Mädchen in wollenen
Hemden bestand, erklärte nach den ersten Ausrufen: „Das
291
ist doch der junge Herr!“, daß die Tante zusammen mit
der Magd Palaschka und dem Kutscher Omelko, der oft
das Amt eines Gärtners und Wächters versah, im Garten
Weizen aussäte. Doch die Tante, die schon von fern den mit
Bastmatten bedeckten Wagen erblickt hatte, war bereits
da. Und Iwan Fjodorowitsch wunderte sich, als sie ihn bei
der Umarmung fast hochhob, und wollte kaum glauben,
daß das dieselbe Tante war, die ihm geschrieben hatte,
daß sie schon alt und schwach sei.
3 Die Tante
Die Tante Wassilissa Kaschporowna war zu dieser Zeit
ungefähr fünfzig Jahre alt. Verheiratet war sie nie ge-
wesen, und sie pfegte gewöhnlich zu sagen, daß ihr das
jungfräuliche Leben über alles in der Welt gehe. Übrigens
hatte – soweit ich mich erinnere – niemals jemand um sie
gefreit. Der Grund dafür war, daß alle Männer in ihrer
Gegenwart eine gewisse Schüchternheit empfanden und ein-
fach nicht den Mut aufbrachten, ihr ihre Gefühle zu erklä-
ren. „Wassilissa Kaschporowna hat sehr viel Charakter!“
sagten die Freier immer wieder, und sie hatten völlig recht,
denn Wassilissa Kaschporowna verstand es, jeden, wer im-
mer es auch war, ganz klein werden zu lassen. Aus dem
versofenen Müller, der einfach zu nichts mehr taugte,
hatte sie es verstanden, ohne jede fremde Hilfe, nur indem
sie ihn mit ihrer männlichen Hand jeden Tag an den
Haaren zog, einen ordentlichen Menschen, ja eine Gold-
grube zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre
Körperfülle und ihre Kraft entsprachen diesem Wuchs in
jeder Hinsicht. Die Natur schien einen unverzeihlichen
292
Fehler begangen zu haben, als sie sie dazu bestimmte, all-
tags ein dunkelbraunes Hauskleid mit kleinen Rüschen zu
tragen und am Ostersonntag und an ihrem Geburtstag
einen roten Kaschmirschal, wo doch am besten ein Dra-
gonerschnurrbart und lange Schaftstiefel zu ihr gepaßt hät-
ten. Dafür entsprach ihre Tätigkeit aber völlig ihrem
Äußeren: Sie fuhr selbst in einem Fischerkahn und ruderte
besser als jeder Fischer, sie ging auf die Jagd, sie paßte
streng auf die Schnitter auf, sie hatte die Zahl der Honig-
und Wassermelonen auf den Feldern genau im Kopf, sie
nahm fünf Kopeken Zoll für jede Fuhre, die über ihren
Damm fuhr, sie kletterte auf die Obstbäume und schüttelte
die Birnen hinunter, sie prügelte die faulen Untertanen mit
ihrer schrecklichen Hand und reichte denen, die es verdient
hatten, mit der gleichen schrecklichen Hand ein Gläschen
Schnaps. Fast zur gleichen Zeit konnte sie schimpfen, Garn
färben, in die Küche laufen, Kwaß machen und Honig-
konftüre kochen; sie war den ganzen Tag auf den Beinen
und versäumte nie etwas. Die Folge davon war, daß das
kleine Gut von Iwan Fjodorowitsch, das nach der letzten
Revision achtzehn Seelen zählte, im wahrsten Sinne des
Wortes aufblühte. Außerdem liebte sie ihren Nefen sehr
und hob sorgfältig jede Kopeke für ihn auf. Nach seiner
Ankunft änderte sich das Leben Iwan Fjodorowitschs in
entscheidender Weise und verlief von nun an in ganz ande-
ren Bahnen. Die Natur schien ihn geradezu dazu geschaf-
fen zu haben, ein Gut mit achtzehn Seelen zu verwalten.
Sogar die Tante sagte, aus ihm würde einmal ein guter
Landwirt werden, obwohl sie ihm noch nicht gestattete, sich
in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. „Er ist doch
noch ein kleines Kind!“ sagte sie gewöhnlich, obwohl Iwan
Fjodorowitsch fast vierzig Jahre alt war. „Woher soll er
denn schon alles wissen!“ Trotzdem wich er auf dem Feld
293
den Schnittern und Mähern nicht von der Seite, was seiner
sanften Seele ein unbeschreibliches Vergnügen bereitete.
Ein Dutzend oder noch mehr blitzender Sensen sausen ein-
mütig durch die Luft, das Gras legt sich rauschend in ge-
raden Reihen auf den Boden, manchmal stimmen die Schnit-
terinnen ein Lied an – bald ein fröhliches, als wolle man
Gäste empfangen, bald ein trauriges, als wolle man von
jemandem Abschied nehmen –, ein ruhiger, klarer Abend
senkt sich herab; was für ein herrlicher Abend! Wie rein
und frisch ist die Luft! Alles scheint sich zu beleben: Die
Steppe färbt sich erst rot, dann blau und brennt schließ-
lich in allen Farben; die Wachteln, Trappen, Möwen, Gril-
len und Tausende von Insekten scheinen zu erwachen – sie
pfeifen, summen, krächzen und schreien und bilden plötz-
lich einen genau aufeinander abgestimmten Chor; nicht
einen Augenblick ist es still. Langsam geht die Sonne un-
ter. Ah! Wie frisch es ist und wie schön! Auf dem Feld
werden hier und da Feuer angezündet, Kessel darauf ge-
stellt, und rund um die Kessel lassen sich die schnurrbär-
tigen Schnitter nieder. Von den Klößen steigt Dampf auf.
Die Abendröte verblaßt … Es ist schwer zu sagen, was
dann im Innern Iwan Fjodorowitschs vor sich ging. Er ver-
gaß, wenn er sich zu den Schnittern gesellte, von ihren
Klößen zu kosten, die er so gern aß, stand unbeweglich
an ein und derselben Stelle und verfolgte mit den Augen
eine in der Weite des Abendhimmels verschwindende
Möwe oder zählte die frisch gemähten Garbenreihen, die
das Feld überzogen.
Schon nach kurzer Zeit hörte man überall von Iwan
Fjodorowitsch sagen, er wäre ein außerordentlich guter
Landwirt. Die Tante konnte sich gar nicht genug über ihren
Nefen freuen und ließ sich niemals eine Gelegenheit ent-
gehen, mit ihm zu prahlen. Eines Tages – es war schon
294
nach der Mahd und Ende Juli – nahm Wassilissa Kasch-
porowna Iwan Fjodorowitsch mit geheimnisvoller Miene
bei der Hand und sagte, daß sie jetzt mit ihm über die
Sache sprechen wolle, die sie schon seit langem beschäf-
tige.
„Dir ist ja bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch“, begann
sie, „daß dein Gut achtzehn Seelen zählt, übrigens nur der
letzten Revision zufolge, vielleicht zählt es auch mehr, viel-
leicht sogar vierundzwanzig. Doch nicht darum handelt es
sich. Du kennst doch das Wäldchen, das hinter unserem
Feld mit dem Entwässerungsgraben liegt, und du kennst
sicherlich auch die breite Wiese hinter diesem Wäldchen –
sie ist fast zwanzig Deßjatinen groß und hat so viel Gras,
daß man dafür jährlich mehr als hundert Rubel erhalten
könnte, besonders wenn, wie es heißt, wieder ein Reiter-
regiment nach Gadjatsch kommt.“
„Natürlich kenne ich sie, Tante, das Gras dort ist sehr
gut.“
„Ich weiß selbst, daß das Gras dort sehr gut ist, doch
weißt du auch, daß dieses ganze Land eigentlich dir ge-
hören müßte? Was guckst du mich so dumm an? Hör zu,
Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an Stepan
Kusmitsch? Was sage ich denn da – erinnern! Du warst ja
damals noch so klein, daß du nicht einmal seinen Namen
aussprechen konntest. Wie solltest du dich erinnern! Ich
weiß noch, wie ich vor Weihnachten kurz vor den Fasten
zu euch kam und dich auf den Arm nahm – du hättest mir
damals beinahe das ganze Kleid verdorben; zum Glück
konnte ich dich noch rechtzeitig der Kinderfrau Matrjona
übergeben. So böse warst du damals! Doch nicht darum
handelt es sich. Das ganze Land hinter unserem Gut und
auch das Dorf Chortyschtsche gehörte Stepan Kusmitsch.
Du mußt wissen, daß er, als du noch nicht auf der Welt
295
warst, immer deine Mutter besuchte, allerdings nur dann,
wenn dein Vater nicht zu Hause war. Ich mache ihr das
übrigens nicht zum Vorwurf. Gott sei ihrer Seele gnädig,
wenngleich die Selige mir auch immer unrecht tat. Doch
nicht darum handelt es sich. Wie dem auch sei, Stepan
Kusmitsch ließ eine Schenkungsurkunde schreiben, in der
er dir den Besitz vermachte, von dem ich dir erzählt habe.
Doch deine selige Mutter hatte, unter uns gesagt, einen
höchst seltsamen Charakter. Selbst der Teufel – Gott ver-
zeihe mir dieses schlimme Wort! – hätte sie schwerlich ver-
standen. Wohin sie diese Urkunde getan hat, das weiß
Gott allein. Ich denke einfach, daß sie sich in den Händen
dieses alten Junggesellen Grigori Grigorjewitsch Stor-
tschenko befndet. Diesem dickbäuchigen Spitzbuben fel
der ganze Besitz zu. Ich wette um Gott weiß was, daß er
die Schenkungsurkunde unterschlagen hat.“
„Gestatten Sie mir die Frage, Tante – ist das vielleicht
derselbe Stortschenko, den ich im Gasthaus kennengelernt
habe?“
Iwan Fjodorowitsch erzählte von seiner Begegnung.
„Weiß der Himmel!“ antwortete die Tante, nachdem
sie ein Weilchen nachgedacht hatte. „Vielleicht ist er auch
gar kein Schurke. Er ist ja erst vor einem halben Jahr
hierhergezogen, und in solch einer kurzen Zeit lernt man
einen Menschen nicht kennen. Von der Alten, das heißt von
seiner Mutter, habe ich gehört, daß sie eine sehr kluge
Frau ist – sie soll sich meisterhaft aufs Gurkeneinsalzen
verstehen. Ihre Mägde können auch ausgezeichnet Teppiche
weben. Doch da er dich, wie du sagst, gut empfangen hat,
fahre doch einfach zu ihm! Vielleicht regt sich das Gewis-
sen des alten Sünders, und er gibt her, was ihm nicht ge-
hört. Ich glaube, du kannst sogar mit der Kutsche fahren,
nur haben die verfuchten Kinder hinten alle Nägel her-
296
ausgezogen. Ich muß dem Kutscher Omelka sagen, daß er
überall das Leder besser annageln soll.“
„Warum denn, Tante? Ich nehme den kleinen Wagen,
mit dem Sie manchmal auf die Jagd fahren.“
Damit war das Gespräch beendet.
4 Das Mittagessen
Zur Mittagszeit kam Iwan Fjodorowitsch im Dorfe Chor-
tyschtsche an, und der Mut sank ihm ein wenig, als er
sich dem Herrenhaus näherte. Das Haus war sehr lang
und nicht mit Schilf gedeckt wie bei den meisten Gutsher-
ren der Nachbarschaft, sondern besaß ein Holzdach. Die
zwei Speicher im Hof hatten ebenfalls ein Holzdach, und
das Tor war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch ähnelte
einem jungen Stutzer, der eben auf einen Ball gekommen
ist und überall, wohin er auch sieht, Menschen erblickt, die
schönere Kleider tragen als er. Aus Ehrfurcht hielt er den
Wagen neben einem Speicher an und ging zu Fuß zur Frei-
treppe.
„Ah! Iwan Fjodorowitsch!“ schrie der dicke Grigori Gri-
gorjewitsch, der gerade in einem Rock, doch ohne Kra-
watte, ohne Weste und ohne Hosenträger auf dem Hof
umherwandelte. Doch auch diese Aufmachung schien der
ausladenden Fülle seines Körpers noch zur Last zu fallen,
denn der Schweiß foß ihm in Strömen vom Gesicht. „Sie
haben doch gesagt, daß Sie gleich zu mir kommen, sobald
Sie Ihre Tante begrüßt haben, und nun kommen Sie erst
jetzt!“ Nach diesen Worten fühlte Iwan Fjodorowitsch
auf seinen Lippen die schon bekannten weichen Kissen.
„Ich hatte meist in der Wirtschaft zu tun … Ich bin auf
297
einen Augenblick zu Ihnen gekommen, um wegen einer
bestimmten Angelegenheit …“
„Auf einen Augenblick? Das gibt es gar nicht! He,
Bursche!“ schrie der dicke Hausherr, und der schon be-
kannte Junge im Kosakenrock kam aus der Küche gelau-
fen. „Sag Kassjan, er soll sofort das Tor zumachen, hörst
du, er soll es so fest wie möglich zumachen! Und die Pferde
dieses Herrn soll er augenblicklich ausspannen! Kommen
Sie doch bitte ins Zimmer, hier ist es so heiß, daß mein
Hemd ganz naß ist.“
Als Iwan Fjodorowitsch im Zimmer stand, faßte er den
Beschluß, nicht unnütz Zeit zu verlieren und trotz seiner
Schüchternheit entschieden vorzugehen.
„Meine Tante hatte die Ehre … Meine Tante sagte mir,
daß die Schenkungsurkunde des seligen Stepan Kus-
mitsch …“
Es läßt sich schwer beschreiben, was für einen unange-
nehmen Ausdruck das breite Gesicht Grigori Grigorje-
witschs bei diesen Worten annahm.
„Bei Gott, ich verstehe kein Wort!“ sagte er. „Sie müs-
sen wissen, daß in meinem linken Ohr eine Küchenschabe
gesessen hat. Diese verfuchten Großrussen haben überall
in ihren Häusern Schaben gezüchtet. Keine Feder kann
beschreiben, was ich für Qualen ausgehalten habe. Wie das
gekitzelt hat, wie das gekitzelt hat! Mir hat dann eine
Alte auf ganz einfache Weise geholfen …“
„Ich wollte sagen …“, wagte ihn Iwan Fjodorowitsch
zu unterbrechen, als er sah, daß Grigori Grigorjewitsch
absichtlich das Gespräch auf ein anderes Tema bringen
wollte, „ich wollte sagen, daß im Testament des seligen
Stepan Kusmitsch eine Schenkungsurkunde erwähnt wird …
Laut dieser Urkunde steht mir zu …“
„Ich weiß, was Ihnen Ihre Tante da erzählt hat. Das ist
298
eine Lüge, bei Gott, das ist eine Lüge! Der Onkel hat nie
eine Schenkungsurkunde verfaßt. Es wird im Testament
allerdings eine Urkunde erwähnt, das stimmt – aber wo
ist sie denn? Niemand hat sie vorgelegt. Ich sage Ihnen
dies alles, weil ich Ihnen von ganzem Herzen wohlwill.
Bei Gott, das ist eine Lüge!“
Iwan Fjodorowitsch entgegnete nichts, denn ihm war
der Gedanke gekommen, daß sich seine Tante vielleicht
in der Tat dies alles nur eingebildet haben könnte.
„Da kommt ja auch die Mutter mit den Schwestern!“
sagte Grigori Grigorjewitsch. „Folglich ist das Mittagessen
fertig. Kommen Sie!“
Mit diesen Worten nahm er Iwan Fjodorowitsch bei der
Hand und zog ihn in ein Zimmer, in dem auf einem Tisch
Schnaps und Vorspeisen standen. In diesem Augenblick
trat eine alte Frau ein; sie war klein und sah aus wie eine
Kafeekanne mit einer Haube darauf. Neben ihr gingen
zwei Fräulein – ein blondes und ein schwarzhaariges. Als
wohlerzogenei Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch zuerst
der Alten die Hand und dann auch den beiden Fräulein.
„Das ist unser Nachbar Iwan Fjodorowitsch Schponka,
Mütterchen!“ sagte Grigori Grigorjewitsch.
Die Alte blickte Iwan Fjodorowitsch durchdringend an,
oder vielleicht sah es auch nur so aus, als ob sie das täte.
Sie war übrigens die Güte in Person. Ihr ganzes Wesen
schien Iwan Fjodorowitsch fragen zu wollen: Wieviel Gur-
ken salzen Sie für den Winter ein?
„Haben Sie schon Schnaps getrunken?“ fragte die Alte.
„Sie haben bestimmt nicht richtig ausgeschlafen, Mütter-
chen“, sagte Grigori Grigorjewitsch. „Wer wird denn einen
Gast fragen, ob er getrunken hat? Sie haben nur anzubie-
ten, ob wir aber getrunken haben oder nicht, das ist unsere
Sache. Iwan Fjodorowitsch! Nehmen Sie etwas von dem
299
Tausendgüldenkrautschnaps oder von dem Kornbrannt-
wein hier – welchen ziehen Sie vor? Iwan Iwanowitsch,
was stehst du denn herum?“ fragte Grigori Grigorjewitsch,
wobei er sich umwandte.
Iwan Fjodorowitsch sah, wie Iwan Iwanowitsch zu den
Schnäpsen ging. Er trug einen langschößigen Rock mit
einem riesigen Stehkragen, der den ganzen Nacken be-
deckte, so daß der Kopf in dem Kragen wie in einer Kut-
sche zu ruhen schien. Iwan Iwanowitsch trat an die Schnäpse
heran, rieb sich die Hände, betrachtete aufmerksam ein
Glas, schenkte sich ein, hielt das Glas gegen das Licht,
goß sich den ganzen Schnaps auf einmal in den Mund,
schluckte ihn aber nicht hinunter, sondern spülte sich zu-
vor gründlich den Mund damit aus. Er aß etwas Brot und
gesalzene Eierschwämme und wandte sich dann an Iwan
Fjodorowitsch.
„Habe ich vielleicht die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodoro-
witsch Schponka zu sprechen?“
„Ja, die haben Sie“, antwortete Iwan Fjodorowitsch.
„Sie geruhten sich außerordentlich zu verändern seit der
Zeit, da ich Sie kenne. Aber ja!“ fuhr Iwan Iwanowitsch
fort. „Ich erinnere mich noch an Sie, als Sie so klein
waren!“ (Bei diesen Worten hielt er die Hand einen Ar-
schin über den Boden.) „Ihr seliger Herr Vater, Gott
schenke ihm das Himmelreich, war ein Mensch, wie man
ihn selten fndet. Die Wasser- und Honigmelonen waren
bei ihm stets so groß, wie man sie jetzt gar nicht mehr
sieht. Zum Beispiel hier“, fuhr er fort und führte seinen
Gesprächspartner zur Seite, „hier werden jetzt bei Tisch
auch Honigmelonen gereicht. Doch was sind das schon für
Honigmelonen? Nicht einmal ansehen möchte man sie! Sie
können mir glauben, lieber Herr, seine Wassermelonen“
(er breitete mit geheimnisvoller Miene die Arme aus, als
300
wolle er einen dicken Baum umfangen), „seine Wasser-
melonen waren so groß, bei Gott, so groß!“
„Kommen Sie zu Tisch!“ sagte Grigori Grigorjewitsch
und faßte Iwan Fjodorowitsch beim Arm.
Alle begaben sich in das Speisezimmer. Grigori Grigor-
jewitsch setzte sich auf seinen gewohnten Platz am Tisch-
ende und band sich eine riesige Serviette um, so daß er
den Helden ähnelte, die auf den Aushängeschildern der
Barbiere abgebildet sind. Iwan Fjodorowitsch setzte sich
errötend auf den ihm zugewiesenen Platz, den beiden Fräu-
lein gegenüber, und Iwan Iwanowitsch versäumte nicht,
sich neben ihm niederzulassen, denn er war herzlich froh
darüber, daß er jemanden hatte, dem er seine Erkenntnisse
mitteilen konnte.
„Sie hätten sich nicht den Bürzel nehmen sollen, Iwan
Fjodorowitsch! Das ist doch ein Puter!“ sagte die Alte zu
Iwan Fjodorowitsch, dem in diesem Augenblick ein bäuer-
licher Diener in grauem Frack mit einem schwarzen Flicken
darauf eine Schüssel reichte. „Nehmen Sie den Rücken!“
„Mütterchen! Niemand hat Sie gebeten, sich einzu-
mischen!“ rief Grigori Grigorjewitsch. „Sie können mir
glauben, der Gast weiß selber, was er nehmen will! –
Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie ein Flügelchen, das an-
dere da, zusammen mit dem Magen! Was nehmen Sie sich
denn so wenig? Nehmen Sie ein Beinchen! – Was stehst
du denn so dumm mit deiner Schüssel herum? Bitte ihn!
Knie nieder, du Schurke! Sage sofort: ,IwaFjodorowitsch,
nehmen Sie ein Beinchen!‘“
„Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie ein Beinchen!‘“
brüllte der niederkniende Diener mit der Schüssel.
„Hm, was sind das nur für Puter!“ sagte Iwan Iwano-
witsch halblaut und mit verächtlicher Miene, wobei er sich
an seinen Nachbarn wandte. „Sehen richtige Puter etwa
301
so aus? Sie sollten einmal meine Puter zu Gesicht bekom-
men! Sie können mir glauben, ein Puter hat bei mir mehr
Fett als ein Dutzend von denen hier. Ob Sie es glauben
oder nicht, mein Herr, sie sind so fett, daß allein schon ihr
Anblick widerlich ist, wenn sie über meinen Hof stolzie-
ren!“
„Iwan Iwanowitsch, du lügst!“ sagte Grigori Grigorje-
witsch, der seine Worte gehört hatte.
„Ich sage Ihnen“, fuhr Iwan Iwanowitsch, an seinen Nach-
barn gewandt, fort, wobei er so tat, als habe er die Worte
Grigori Grigorjewitschs nicht vernommen, „voriges Jahr,
als ich sie nach Gadjatsch brachte, hat man mir fünfzig
Kopeken für das Stück geboten. Und selbst dafür wollte
ich sie noch nicht hergeben.“
„Iwan Iwanowitsch, ich sage dir, du lügst!“ rief Grigori
Grigorjewitsch lauter als zuvor, wobei er der Deutlichkeit
halber die Worte skandierte.
Doch Iwan Iwanowitsch tat so, als bezöge sich das über-
haupt nicht auf ihn, und sprach weiter, wenn auch mit viel
leiserer Stimme:
„Ja, mein Herr, selbst dafür wollte ich sie noch nicht her-
geben. Kein einziger Gutsbesitzer in Gadjatsch …“
„Iwan Iwanowitsch! Du bist nur dumm und weiter
nichts“, sagte Grigori Grigorjewitsch laut. „Iwan Fjodoro-
witsch weiß das doch alles viel besser als du und wird dir
bestimmt nicht glauben.“
Nun war Iwan Iwanowitsch zutiefst beleidigt; er ver-
stummte und gab sich ganz dem Puter hin, wenn dieser
auch nicht fo fett war wie jene, deren Anblick widerlich
ist.
Das Klappern von Messern, Löfeln und Tellern löste
vorübergehend die Unterhaltung ab; am lautesten von
allem war jedoch zu hören, wie Grigori Grigorjewitsch das
302
Mark aus einem Hammelknochen sog.
„Haben Sie Schon das Buch ,Die Reise Korobejnikows in
das Heilige Land‘ gelesen“, fragte Iwan Iwanowitsch nach
kurzem Schweigen Iwan Fjodorowitsdh, wobei er den Kopf
aus seiner Kutsche hervorstreckte. „Ein wahrer Genuß für
Leib und Seele! Jetzt werden solche Bücher nicht mehr
gedruckt. Es ist sehr schade, daß ich nicht nachgesehen habe,
aus welchem Jahr es stammt.“
Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es um ein Buch
ging, begann er sich eifrig Soße auf den Teller zu löf-
feln.
„Es ist wirklich erstaunlich, mein Herr, wenn man sich
vorstellt, daß ein einfacher Bürger an all diesen Orten ge-
wesen ist. Mehr als dreitausend Werst, mein Herr! Mehr
als dreitausend Werst! Wahrlich, der Herr selbst hat ihn
für würdig befunden, in Palästina und Jerusalem zu wei-
len!“
„Sie sagen da“, meinte Iwan Fjodorowitsch, der schon
viel von seinem Burschen über Jerusalem gehört hatte, „daß
er auch in Jerusalem war!“
„Wovon reden Sie, Iwan Fjodorowitsch?“ ließ sich Gri-
gori Grigorjewitsch vom Tischende her vernehmen.
„Ich hatte gewissermaßen Gelegenheit zu bemerken, daß
es auf der Welt viele ferne Länder gibt!“ sagte Iwan Fjo-
dorowitsch und war herzlich froh darüber, daß es ihm ge-
lungen war, solch einen langen und schwierigen Satz aus-
zusprechen.
„Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!“ sagte
Grigori Grigorjewitsch, der nicht ordentlich zugehört hatte.
„Alles, was er sagt, ist Lüge!“
Unterdessen wurde die Tafel aufgehoben. Grigori Gri-
gorjewitsch zog sich in sein Zimmer zurück, um seiner
Gewohnheit nach ein Mittagsschläfchen zu machen, und
303
die Gäste folgten der alten Hausherrin und den Fräulein
in den Salon, wo derselbe Tisch, auf dem sie vor dem
Mittagessen den Schnaps zurückgelassen hatten, wie durch
Zauberei von Schüsselchen mit den verschiedensten Kom-
potten und von Schalen mit Wassermelonen, Kirschen und
Honigmelonen bedeckt war. Daß Grigori Grigorjewitsch
nicht mehr anwesend war, war in allem zu spüren. Die
Hausherrin wurde gesprächiger und plauderte, ohne dazu
aufgefordert worden zu sein, eine Menge Geheimnisse aus,
die bei der Herstellung von Marmelade und beim Dörren
von Birnen eine große Rolle spielen. Sogar die Fräulein
begannen zu reden, doch die Blonde, die sechs Jahre jün-
ger als ihre Schwester und dem Aussehen nach fünfund-
zwanzig Jahre alt zu sein schien, war die schweigsamere
von beiden. Am allermeisten aber sprach und betätigte
sich Iwan Iwanowitsch; er hatte nun die Gewißheit, daß
ihn niemand stören und aus dem Konzept bringen würde.
Er sprach über Gurken und über das Kartofellegen und
darüber, was es in früheren Zeiten doch für kluge Leute
gegeben habe und daß die jetzigen mit ihnen überhaupt
nicht zu vergleichen seien, und auch davon, daß alles sich
immerwährend vervollkommne und noch die wunderlich-
sten Erfndungen zu erwarten seien. Kurz, er gehörte zu
jenen Leuten, die es lieben, sich mit dem allergrößten Ver-
gnügen einer genußspendenden Unterhaltung zu widmen,
und die über alles sprechen, worüber man nur sprechen
kann. Wenn das Gespräch wichtige oder fromme Temen
berührte, seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Wort auf
und nickte leicht mit dem Kopf, wenn es aber Fragen der
Wirtschaft streifte, dann streckte er den Kopf aus seiner
Kutsche heraus und zog Gesichter, von denen man förm-
lich ablesen konnte, wie Birnenkwaß gemacht werden
mußte, wie groß die Melonen waren, von denen er gerade
304
sprach, und wie fett die Gänse, die bei ihm über den Hof
liefen. Schließlich gelang es Iwan Fjodorowitsch unter gro-
ßen Schwierigkeiten – es war schon gegen Abend –, sich
zu verabschieden. Und obwohl er leicht zu überreden war
und man ihn mit Gewalt dazu bringen wollte, über Nacht
dazubleiben, beharrte er auf seiner Absicht und fuhr ab.
5 Der neue Plan der Tante
„Nun, wie steht’s? Hast du dem alten Spitzbuben die Ur-
kunde entlockt?“
Mit dieser Frage wurde Iwan Fjodorowitsch von der
Tante empfangen, die schon voller Ungeduld mehrere
Stunden auf der Freitreppe gewartet hatte und schließlich
der Versuchung, vor das Tor zu laufen, nicht mehr hatte
widerstehen können.
„Nein, Tante!“ sagte Iwan Fjodorowitsch und kletterte
von dem Wägelchen. „Grigori Grigorjewitsch besitzt keine
Urkunde.“
„Und du hast es ihm geglaubt? Er lügt, der Verfuchte!
Irgendwann einmal werde ich ihn zu fassen kriegen, und
dann prügele ich ihn mit meinen eigenen Händen durch.
Oh, ich werde ihm das Fett schon durchwalken! Wir wol-
len aber erst mit unserem Gerichtsschreiber reden – viel-
leicht kann man ihn auf gerichtlichem Wege dazu brin-
gen … Doch nicht darum handelt es sich jetzt. Nun, war
das Essen gut?“
„Ja, sehr gut, außerordentlich gut, Tante.“
„Was für Gerichte hat es denn gegeben, erzähle! Ich
weiß, die Alte versteht etwas von der Küche.“
„Quarkpasteten mit Rahm, liebe Tante, Soße mit ge-
305
füllten Tauben …“
„Und hat es auch Puter mit Pfaumen gegeben?“ fragte
die Tante, die dieses Gericht selbst meisterhaft zuzuberei-
ten verstand.
„Ja, Puter hat es auch gegeben! … Die Schwestern Gri-
gori Grigorjewitschs sind sehr hübsch, besonders die
Blonde!“
„Ah!“ sagte die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch
durchdringend an.
Iwan Fjodorowitsch errötete und senkte den Blick. Ein
neuer Gedanke schoß der Tante durch den Kopf.
„Nun und?“ fragte sie lebhaft und voller Neugier. „Was
hat sie denn für Augenbrauen?“
Es sei hier darauf hingewiesen, daß für die Tante die
Schönheit einer Frau in erster Linie von den Brauen ab-
hing.
„Ihre Brauen, liebe Tante, sind genauso, wie Ihre Brauen
nach Ihren Erzählungen in Ihrer Jugend gewesen sein müs-
sen. Und im Gesicht hat sie überall kleine Sommerspros-
sen.“
„Ah!“ sagte die Tante, denn sie war mit der Bemer-
kung Iwan Fjodorowitschs sehr zufrieden, obwohl er nicht
einmal daran gedacht hatte, ihr ein Kompliment zu ma-
chen. „Was hatte sie denn für ein Kleid an? Obwohl es
jetzt natürlich schwer ist, solch einen haltbaren Stof zu
fnden wie zum Beispiel den, aus dem mein Hauskleid
hier gemacht ist. Doch nicht darum handelt es sich. Nun,
und hast du dich mit ihr über irgend etwas unterhal-
ten?“
„Wie meinen Sie das? Ich, ich soll mich mit ihr unter-
halten haben, Tante? Sie glauben womöglich schon …“
„Nun und? Was ist denn Schlimmes dabei? Es ist eben
Gottes Wille! Vielleicht will es nun einmal die Vorsehung,
306
daß ihr ein Pärchen werdet.“
„Ich begreife nicht, liebe Tante, wie Sie so etwas sagen
können. Das beweist mir, daß Sie mich überhaupt nicht
kennen …“
„So sei doch nicht gleich beleidigt!“ sagte die Tante.
Er ist noch ein kleines Kind! dachte sie bei sich. Er weiß
noch nichts! Man muß sie zusammenbringen, sie müssen
sich näher kennenlernen! Danach ging die Tante weg, um
einen Blick in die Küche zu werfen, und ließ Iwan Fjodoro-
witsch allein zurück. Doch seit dieser Zeit dachte sie nur
darüber nach, wie sie es anstellen könnte, ihren Nefen
so schnell wie möglich zu verheiraten und so bald wie mög-
lich kleine Enkel in ihren Armen zu wiegen. In Gedanken
traf sie nur noch Vorbereitungen für die Hochzeit, und es
war deutlich zu merken, daß sie sich in allen Dingen noch
viel mehr Mühe gab als früher, obwohl alles eher schlech-
ter als besser ging. Oft geschah es, daß sie beim Kuchen-
backen, das sie ja nie der Köchin überließ, mit ihren Ge-
danken ganz woanders weilte, sich einbildete, neben ihr
stünde ein kleiner Enkel und bettelte um einen Kuchen,
und ihm dann zerstreut das beste Stück hinreichte, worauf
der Hofhund die Gelegenheit nutzte, den leckeren Bissen
schnappte und durch sein lautes Schmatzen die Tante aus
ihren Träumen riß, wofür er jedesmal mit dem Feuerhaken
geschlagen wurde. Sogar ihre Lieblingsbeschäftigung, die
Jagd, hatte sie aufgegeben – besonders, seitdem sie statt
eines Rebhuhns eine Krähe geschossen hatte, was ihr frü-
her niemals passiert war.
Vier Tage später erblickten schließlich alle die Kutsche,
die aus dem Schuppen in den Hof gerollt worden war. Der
Kutscher Omelko, der auch das Amt eines Gärtners und
eines Wächters versah, hämmerte schon seit dem frühen
Morgen und nagelte das Leder fest, wobei er ununterbro-
307
chen die Hunde verjagen mußte, die an den Rädern leck-
ten. Ich halte es für meine Pficht, den Lesern mitzuteilen,
daß dies dieselbe Kutsche war, in der schon Adam fuhr.
Wenn jemand eine andere Kutsche für die Adams aus-
geben sollte, so wäre das eine grobe Lüge, und die Kutsche
wäre nicht echt. Es ist völlig unklar, wie sie sich seinerzeit
vor der Sintfut retten konnte. Man muß annehmen, daß
es auf der Arche Noah einen besonderen Schuppen für sie
gegeben hat. Es ist sehr schade, daß ich den Lesern ihr
Äußeres nicht lebendig genug beschreiben kann. Es genügt
aber zu sagen, daß Wassilissa Kaschporowna mit ihrer Bau-
art sehr zufrieden war und immer ihr Bedauern darüber
äußerte, daß die alten Equipagen aus der Mode gekom-
men seien. Die etwas schiefe Lage der Kutsche – die rechte
Seite war bei ihr bedeutend höher als die linke – gefel
ihr außerordentlich, denn so konnte, wie sie sagte, von
der einen Seite jemand Kleines und von der anderen Seite
jemand Großes einsteigen. Im Innern der Kutsche hatten
übrigens fünf kleinere Menschen und drei vom Wuchs
der Tante Platz. Um die Mittagszeit war Omelko mit
seinen Reparaturarbeiten an der Kutsche fertig, führte
drei Pferde aus dem Stall, die nicht sehr viel jünger als
das Gefährt waren, und begann, sie an Stricken vor die
großartige Equipage zu spannen. Iwan Fjodorowitsch und
die Tante stiegen – er von der einen Seite und sie von der
anderen – in die Kutsche und fuhren los. Als die Bauern,
denen sie unterwegs begegneten, diese herrliche Equipage
sahen (die Tante fuhr nur selten in ihr aus), blieben sie
ehrfürchtig stehen, zogen ihre Mützen und verbeugten sich
fast bis zur Erde. Nach ungefähr zwei Stunden hielt das
Gefährt vor der Freitreppe – ich glaube, ich brauche
nicht erst zu sagen: vor der Freitreppe Stortschenkos.
Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause. Die Alte
308
kam zusammen mit den Schwestern in den Salon, um
die Gäste zu begrüßen. Die Tante trat majestätischen
Schrittes näher, schob sehr gewandt einen Fuß vor und
sagte laut:
„Ich freue mich sehr, gnädige Frau, daß ich die Gelegen-
heit habe, Ihnen persönlich meine Ehrerbietung darzubrin-
gen. Zugleich mit meiner Hochachtung möchte ich Ihnen
auch Dank sagen für Ihre Gastfreundschaft meinem Nef-
fen Iwan Fjodorowitsch gegenüber, der diese außerordent-
lich lobte. Sie haben einen herrlichen Buchweizen, gnädige
Frau! Ich habe ihn gesehen, als wir uns dem Dorf näher-
ten. Gestatten Sie die Frage – wieviel Garbenreihen ern-
ten Sie von einer Deßjatine?“
Auf diese Worte folgte ein allgemeines Umarmen. Als
man sich aber endlich im Salon gesetzt hatte, begann die
alte Hausherrin wie folgt:
„Über den Buchweizen kann ich Euch nichts sagen: Da-
mit befaßt sich Grigori Grigorjewitsch. Ich gebe mich schon
lange nicht mehr damit ab; ich könnte es auch gar nicht
mehr, ich bin schon zu alt dazu! Ich erinnere mich noch, in
den alten Zeiten, da ging einem der Buchweizen bis zum
Gürtel, aber jetzt taugt er weiß Gott überhaupt nichts mehr.
Obwohl es immer heißt, daß alles laufend besser wird.“
Die Alte seufzte tief auf. Und ein fremder Beobachter
hätte in diesem Seufzer das Aufseufzen des altehrwürdigen
achtzehnten Jahrhunderts vernommen.
„Ich habe gehört, gnädige Frau, daß Ihre Mägde aus-
gezeichnet Teppiche weben können“, sagte Wassilissa
Kaschporowna.
Damit hatte sie die empfndlichste Seite der Alten be-
rührt. Sie schien bei diesen Worten aufzuleben; die Worte
fossen ihr nur so von den Lippen, als sie erzählte, wie das
Gewebe gefärbt und der Faden dafür vorbereitet werden
309
müsse. Von den Teppichen kam das Gespräch schnell auf
das Einlegen der Gurken und das Dörren der Birnen. Kurz,
es war noch keine Stunde vergangen, da unterhielten sich
die beiden Damen bereits so miteinander, als wären sie
uralte Bekannte. Wassilissa Kasdiporowna sprach mit ihr
über viele Dinge sogar so leise, daß Iwan Fjodorowitsch
nichts verstehen konnte.
„Wollen Sie es sich nicht selbst einmal ansehen?“ fragte
die alte Hausherrin und erhob sich.
Nach ihr standen auch die Fräulein und Wassilissa
Kasdiporowna auf, und alle gingen zu der Mägdestube. Die
Tante gab indessen Iwan Fjodorowitsch ein Zeichen, zu-
rückzubleiben, und füsterte dann der Alten etwas zu.
„Maschenka!“ sagte die Alte und wandte sich dabei an
das blonde Fräulein. „Bleib hier bei unserem Gast und
unterhalte ihn, damit er sich nicht langweilt!“
Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf den
Diwan. Iwan Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhl wie auf
Nadeln; er wurde ganz rot und senkte den Blick, doch das
Fräulein schien dies überhaupt nicht zu bemerken. Sie saß
gleichmütig auf dem Diwan und betrachtete aufmerksam
die Fenster und Wände oder verfolgte mit den Augen die
Katze, die ängstlich von einem Stuhl zum anderen huschte.
Iwan Fjodorowitsch faßte etwas Mut und wollte eigent-
lich ein Gespräch beginnen, doch er schien auf der Her-
fahrt alle seine Worte verloren zu haben. Kein einziger
Gedanke kam ihm in den Kopf.
Das Schweigen dauerte schon über eine Viertelstunde.
Das Fräulein saß noch immer da, ohne sich zu rühren.
Schließlich nahm Iwan Fjodorowitsch all seinen Mut zu-
sammen:
„Im Sommer gibt es sehr viele Fliegen, gnädiges Fräu-
lein!“ sagte er mit leicht zitternder Stimme.
310
„Ja, außerordentlich viele!“ antwortete das Fräulein.
„Der Bruder hat extra dafür eine Patsche aus Mamas
altem Pantofel gemacht, doch es gibt immer noch sehr
viele.“
Das Gespräch stockte wieder. Iwan Fjodorowitsch wußte
einfach nicht, was er sagen sollte.
Schließlich kehrte die Hausherrin mit der Tante und
dem schwarzhaarigen Fräulein zurück. Wassilissa Kasch-
porowna unterhielt sich noch ein wenig und verabschiedete
sich dann von der Alten und den beiden Fräulein, trotz
aller Bitten, über Nacht dazubleiben. Die Alte und die
Fräulein traten auf die Freitreppe, um die Gäste zu beglei-
ten, und verbeugten sich noch lange vor der Tante und
ihrem Nefen, die aus ihrer Kutsche hinausblickten.
„Nun, wie steht es, Iwan Fjodorowitsch! Worüber habt
ihr denn zu zweit gesprochen?“ fragte die Tante unter-
wegs.
„Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sitt-
sames Mädchen!“ sagte Iwan Fjodorowitsch.
„Hör zu, Iwan Fjodorowitsch! Ich will einmal ernsthaft
mit dir reden. Du bist jetzt mit Gottes Hilfe achtunddrei-
ßig Jahre alt geworden und hast einen angesehenen Rang.
Es wird Zeit, nun auch an Kinder zu denken! Du brauchst
unbedingt eine Frau …“
„Wie denn, Tante“, rief Iwan Fjodorowitsch schrecker-
füllt, „wie denn, eine Frau? Nein, liebe Tante, seien Sie
so gut … Sie lassen mich ja rot werden vor Scham … Ich
bin doch noch nie verheiratet gewesen … Ich weiß einfach
nicht, was ich mit einer Frau anfangen soll!“
„Du wirst es erfahren, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es
erfahren!“ sagte die Tante lächelnd und dachte bei sich:
Mein Gott! Er ist ja noch ein kleines Kind, er weiß nichts!
„Ja, Iwan Fjodorowitsch“, fuhr sie laut fort, „eine bessere
Frau als Marja Grigorjewna wirst du nirgends fnden.
Außerdem hat sie dir sehr gefallen. Ich habe schon die
ganze Zeit mit der Alten darüber gesprochen – sie würde
sich sehr freuen, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Es
ist allerdings noch nicht klar, was dieser alte Sünder Gri-
gorjewitsch dazu sagt. Doch wir kümmern uns nicht um
ihn, und wenn er es wagen sollte, die Mitgift zurückzube-
halten, dann werden wir ihm mit dem Gericht kom-
men …“ Zu diesem Zeitpunkt näherte sich die Kutsche
dem Hof, und die alten Mähren wurden etwas lebhafter,
da sie den nahen Stall witterten. „Hör zu, Omelko! Laß
die Pferde erst eine Weile verschnaufen, führe sie nicht
gleich zur Tränke, wenn du sie ausgespannt hast! Es sind
hitzige Pf erde. – Nun, Iwan Fjodorowitsch“, fuhr die Tante
fort und kletterte aus der Kutsche, „ich rate dir, überlege
dir alles gut. Ich muß noch in die Küche, ich habe der So-
locha vergessen zu sagen, daß sie das Abendessen vorbe-
reiten soll, und die dumme Trine hat sicher nicht von allein
daran gedacht.“
Doch Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner ge-
rührt. Marja Grigorjewna war ja wirklich ein sehr hüb-
sches Fräulein – aber heiraten! Das kam ihm so seltsam
vor, daß er nicht ohne Schrecken daran denken konnte.
Zusammen mit einer Frau sollte er leben! Unbegreiflich!
Er würde nicht mehr allein in seinem Zimmer sein, son-
dern immer und überall mit einer Frau zusammen! Schweiß
trat auf seine Stirn, je mehr er sich in diese Überlegungen
vertiefte.
Früher als sonst legte er sich zu Bett, doch trotz aller
Bemühungen konnte er nicht einschlafen. Schließlich über-
mannte ihn der ersehnte Schlaf, dieser Tröster aller Men-
schen. Doch was war das für ein Schlaf! Unzusammenhän-
gendere Träume hatte er noch nie gehabt. Bald träumte
312
er, daß alles um ihn herum rauscht und sich dreht. Er aber
läuft und läuft und spürt seine Beine nicht mehr … Die
Kräfte verlassen ihn … Doch plötzlich packt ihn jemand
beim Ohr. „Au! Wer ist denn das?“ – „Ich bin es, deine
Frau!“ sagt laut eine Stimme. Und plötzlich wachte er auf.
Bald wieder kam es ihm so vor, als sei er schon verheira-
tet. Alles in seinem Haus ist so seltsam, so komisch: In
seinem Zimmer steht statt seines einfachen Bettes ein Dop-
pelbett. Auf dem Stuhl sitzt eine Frau. Ihm ist so seltsam
zumute, er weiß nicht, wie er sich ihr nähern soll, worüber
er mit ihr sprechen könnte, und plötzlich merkt er, daß
sie einen Gänsekopf hat. Unbeabsichtigt dreht er sich zur
Seite und sieht eine zweite Frau, und auch sie hat einen
Gänsekopf. Er blickt nach der anderen Seite – eine dritte
Frau steht da. Er wendet sich um, und auch dort ist eine
Frau. Er bekommt es mit der Angst zu tun. Er läuft in den
Garten, doch im Garten ist es heiß. Er nimmt den Hut ab,
und da sieht er auch im Hut eine Frau sitzen. Schweiß tritt
ihm auf die Stirn. Er fährt mit der Hand in die Hosen-
tasche, um das Taschentuch hervorzuholen, doch auch in
der Tasche sitzt eine Frau. Er zieht die Watte aus seinem
Ohr – und auch dort sitzt eine Frau … Plötzlich hüpft er
auf einem Bein, und die Tante sieht ihm dabei zu und
sagt mit wichtiger Miene: „Ja, jetzt mußt du hüpfen, denn
jetzt bist du schon ein verheirateter Mann.“ Er geht zu ihr
hin, doch die Tante ist keine Tante mehr, sondern ein
Glockenturm. Und er fühlt, wie ihn jemand mit einem
Strick auf den Turm zieht. „Wer zieht mich denn da hoch?“
fragt Iwan Fjodorowitsch kläglich. „Ich bin es, deine Frau,
ich ziehe dich hoch, weil du eine Glocke bist.“ – „Nein, ich
bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!“ schreit er.
„Doch, du bist eine Glocke“, sagt der Oberst des P-er
Infanterieregiments, der gerade vorübergeht. Bald wieder
313
träumte er, daß seine Frau überhaupt kein Mensch sei, son-
dern ein Wollstof. Er ist in Mogiljow und kommt zu einem
Kaufmann in den Laden. „Was für einen Stof wünschen
Sie?“ fragt der Kaufmann. „Nehmen Sie doch Ehefrau,
das ist jetzt der modischste Stof! Sehr haltbar! Daraus
läßt sich jetzt alle Welt Röcke machen.“ Der Kaufmann
mißt die Ehefrau und schneidet sie ab. Iwan Fjodorowitsch
nimmt sie unter den Arm und geht zu dem jüdischen
Schneider. „Nein“, sagt der Jude, „das ist ein schlechter
Stof! Daraus läßt sich doch jetzt niemand mehr einen
Rock machen …“ Voller Angst und Entsetzen wachte Iwan
Fjodorowitsch auf. Kalter Schweiß foß ihm in Strömen
vom Leib.
Sowie er am nächsten Morgen aufgestanden war, sah er
im Wahrsagebuch nach, an dessen Ende ein wohltätiger
Buchhändler aus seltener Güte und Uneigennützigkeit
einen gekürzten Traumdeuter veröfentlicht hatte. Doch
dort war einfach nichts zu fnden, was solch einem zusam-
menhanglosen Traum auch nur im entferntesten geähnelt
hätte.
Unterdessen aber reifte im Kopf der Tante ein völlig
neuer Plan heran, von dem Sie im nächsten Kapitel hören
werden.
314
Die verhexte Stelle
Eine wahre Geschichte, erzählt von dem Küster
an der Kirche zu ***
Bei Gott, es hängt mir schon zum Hals heraus, immer nur
zu erzählen! Was glaubt ihr denn? Es ist in der Tat lang-
weilig! Immer heißt es: Erzähle, erzähle! Ich komme gar
nicht mehr zur Ruhe! Also schön, ich werde noch etwas
erzählen, doch das ist wirklich das letzte Mal. Ihr habt
davon gesprochen, daß der Mensch mit dem Bösen, wie
es heißt, fertig werden kann. Natürlich, das kann schon
sein; das heißt, wenn man sich’s genau überlegt, kommt
auf der Welt so alles mögliche vor … Doch sagt das nicht!
315
Wen der Satan übers Ohr hauen will, den haut er übers
Ohr, bei Gott, er tut es! Seht doch selbst: Mein Vater hatte
vier Kinder. Ich war damals noch nicht trocken hinter den
Ohren. Ich war gerade erst elf Jahre alt, das heißt, nein,
nicht elf – ich erinnere mich daran, als wäre es erst heute
gewesen: Als ich einmal auf allen vieren umherkroch und
anfng, wie ein Hund zu bellen, da rief der Vater kopf-
schüttelnd: „Ach, Foma, Foma! Eigentlich ist es Zeit für
dich zu heiraten, du aber treibst wie ein junger Maulesel
nur Unfug!“ Der Großvater lebte damals noch – möge ihm
in jener Welt der Schluckauf leichtfallen – und stand noch
recht fest auf seinen Beinen. Manchmal hat er sogar … Ja,
für wen erzähle ich denn hier eigentlich? Der eine sucht
schon eine ganze Stunde im Ofen nach einer Kohle für
seine Pfeife, und der andere ist aus irgendeinem Grund in
die Kammer gelaufen. Was soll denn das heißen! Ich
würde das noch verstehen, wenn ihr euch das alles ge-
zwungenermaßen anhören müßtet, aber ihr habt mich doch
selbst darum gebeten. Entweder ihr hört zu, oder ich er-
zähle nicht weiter! – Der Vater brachte schon zu Beginn des
Frühlings Tabak auf die Krim, um ihn dort zu verkaufen.
Ich erinnere mich nur nicht mehr, ob er zwei oder drei
Fuhren ausgerüstet hat. Tabak war damals sehr gefragt.
Er nahm meinen dreijährigen Bruder mit, um ihm schon
von klein auf das Handeln beizubringen. Zurückgeblieben
waren der Großvater, die Mutter, ich, ein Bruder und noch
ein Bruder. Der Großvater besäte das Melonenfeld dicht
an der Landstraße und war in die Hütte auf dem Feld
übergesiedelt; auch uns hatte er mitgenommen – wir soll-
ten Spatzen und Elstern von dem Melonenfeld verjagen.
Uns ging es alles andere als schlecht. Es kam vor, daß wir
im Laufe des Tages so viele Gurken, Honigmelonen, Ret-
tiche, Zwiebeln und Schoten gegessen hatten, daß es, bei
316
Gott, in unserem Bauch rumorte, als krähten darin Hähne.
Und außerdem brachte es uns auch etwas ein. Die Vorüber-
reisenden drängten sich nur so am Weg; jeder wollte sich
durch eine Wasser- oder Honigmelone erfrischen. Und aus
den umliegenden Weilern brachte man zuweilen Hühner,
Eier und Truthähne, um sie einzutauschen. Das war ein
feines Leben! Am meisten gefel jedoch dem Großvater,
daß jeden Tag ungefähr fünfzig Fuhrleute mit ihren
Wagen vorbeikamen. Diese Leute, wie ihr wißt, haben eine
Menge gesehen; wenn einer von ihnen ins Erzählen kam,
dann hieß es nur die Ohren spitzen! Für den Großvater
war dies dasselbe wie für einen Hungrigen Klöße. Manch-
mal geschah es, daß er einen alten Bekannten wiedersah
(den Großvater kannte ein jeder); ihr könnt euch ja selbst
denken, was passiert, wenn sich alte Leute trefen: Tratatata,
damals und vor alten Zeiten, als sich das und das und das
und das zutrug … Na, das nahm kein Ende! Gott weiß,
was sie alles wieder aufwärmten. Einmal – ich erinnere
mich noch daran, als ob es erst heute gewesen wäre –, die
Sonne wollte schon untergehen, ging der Großvater durch
das Feld und nahm von den Melonen die Blätter ab, mit
denen er sie tagsüber zuzudecken pfegte, damit sie nicht
allzuviel Sonne abbekämen.
„Guck mal, Ostap!“ sagte ich zu meinem Bruder. „Dort
kommen Fuhrleute angefahren!“
„Wo kommen Fuhrleute?“ fragte der Großvater, der
gerade ein Zeichen auf eine große Melone machte, damit
sie die Burschen nicht zufällig äßen.
Auf dem Weg kamen in einer Reihe tatsächlich an die
sechs Wagen näher. Voran schritt ein Fuhrmann, der schon
graue Schnurrbarthaare hatte. Er war – wie soll ich es euch
sagen –, ungefähr zehn Schritte war er noch von uns ent-
fernt, als er stehenblieb.
317
„Guten Tag, Maxim! Hier hat uns also Gott wieder
zusammengeführt!“
Der Großvater knif die Augen zusammen.
„Ah! Guten Tag, guten Tag! Woher kommst du denn?
Ist auch Boljatschka da? Guten Tag, guten Tag, Bruder!
Teufel noch eins! Ihr seid ja alle hier! Krutotryschtschenko!
Und Petscheryzja! Und Koweljok! Und Stetzko! Guten
Tag! Ah, haha! Hoho!“
Und dann fng das Abküssen an! Die Ochsen wurden
ausgespannt und auf die Wiese zum Weiden getrieben; die
Wagen ließen die Fuhrleute auf dem Weg stehen, sie selbst
aber setzten sich im Kreis vor die Hütte und zündeten ihre
Pfeifen an. Doch wer hatte schon große Lust zum Rauchen?
Über dem Erzählen und Klatschen wurde nicht einmal eine
einzige aufgeraucht. Nach dem Essen bot der Großvater
seinen Gästen Melonen an. Jeder nahm sich eine, schälte
sie fein säuberlich mit seinem Messer (die Burschen hatten
es faustdick hinter den Ohren; sie waren schon weit in der
Welt herumgekommen und wußten, wie man mit Anstand
ißt; sie hätten nicht gezögert, auf der Stelle an einem herr-
schaftlichen Tisch Platz zu nehmen), und nachdem dies ein
jeder getan hatte, bohrte ein jeder mit dem Finger ein klei-
nes Loch in seine Melone, trank die Flüssigkeit aus, zer-
schnitt dann das Melonenfeisch und schob sich die Stück-
chen in den Mund.
„Was haltet ihr Burschen denn Maulafen feil?“ rief der
Großvater uns zu. „Tanzt, ihr Hundesöhne! Wo hast du
deine Flöte, Ostap? Spiel den Kosakentanz! Foma, stemm
die Arme in die Seiten! Vorwärts! So ist’s richtig! He,
hopp!“
Ich war damals ein äußerst beweglicher Bursche. Ja, das
verfuchte Alter! Jetzt kann ich schon nicht mehr so tanzen;
statt die Beine umherwirbeln zu lassen, stolpere ich jetzt
318
über sie.
Der Großvater saß mit den Fuhrleuten da und schaute
uns lange zu. Ich merkte, daß er seine Beine nicht still
halten konnte. Es sah aus, als zöge jemand an ihnen. „Paß
auf, Foma“, sagte Ostap, „der alte Knasterbart wird sicher
selbst noch tanzen!“ Und was denkt ihr? Kaum hatte er das
gesagt, da hielt es der Alte auch schon nicht mehr aus! Er
wollte eben gar zu gern vor den Fuhrleuten ein wenig
prahlen, müßt ihr wissen. „Ach, ihr Teufelskinder! Seit
wann tanzt man denn so? Seht her, so wird getanzt!“ sagte
er, erhob sich, streckte die Arme aus und trommelte mit den
Absätzen auf den Boden. Nun, dagegen war nichts zu
sagen, tanzen konnte er, sogar mit der Frau eines Hetmans
hätte er tanzen können. Wir traten zur Seite; der Alte warf
die Beine in die Luft und bewegte sich tanzend über den
Platz neben dem Gurkenbeet. Doch kaum war er in seiner
Mitte angelangt, und gerade wollte er zeigen, was er
konnte, und eins von seinen tollen Kunststückchen vorfüh-
ren – da bewegten sich die Beine nicht mehr und damit
basta! Was sollte das heißen! Er begann wieder von vorn,
tanzte bis zur Mitte – und wieder ging es nicht! Er konnte
tun, was er wollte, es ging nicht und damit basta! Die Beine
waren wie aus Holz. „Diese verfuchte Teufelsstelle! Da hat
wieder der Satan die Hand im Spiel! Überall muß sich
dieser Unmensch einmischen, dieser Feind des Menschen-
geschlechts!“ Sollte er sich vor den Fuhrleuten etwa bla-
mieren? Er fng noch einmal von vorn an und trommelte
schnell und gekonnt mit den Beinen auf den Boden; es war
eine Freude, zuzusehen; doch kaum kam er in die Mitte,
war es wieder aus! Er konnte einfach nicht tanzen und da-
mit basta! „Ah, du Schurke von Satan! Wenn du doch an
einer faulen Melone ersticken wolltest! Wärst du doch
schon als kleines Kind krepiert, du Hundesohn! Mich alten
319
Mann jetzt noch so bloßzustellen!“ Und da lachte wahr-
haftig jemand hinter ihm auf. Er drehte sich um – weder
das Melonenfeld noch die Fuhrleute waren da, nichts war
mehr da, hinter ihm, vor ihm und zu beiden Seiten war
nur freies Feld zu sehen. „Herrje! Wer hätte das gedacht!“
Der Großvater knif die Augen zusammen – die Gegend
schien ihm nicht ganz unbekannt zu sein. Auf der einen
Seite zog sich ein Wald hin, und dahinter ragte eine lange
Stange weit sichtbar in den Himmel. Was sollte das heißen
– das war doch der Taubenschlag, der bei dem Popen im
Garten stand! Und auf der anderen Seite zeichnete sich
etwas Graues ab; er sah genau hin – es war die Scheune
des Bezirksschreibers. Hierher hatte ihn also der Böse ver-
schleppt! Der Großvater lief ein wenig umher und stieß auf
einen Pfad. Der Mond war nicht zu sehen, nur ein
heller Fleck schimmerte durch die Wolken. Morgen wird
es aber windiges Wetter geben! dachte der Großvater.
Doch da fammte plötzlich auf einem kleinen Grabhügel
neben dem Pfad ein Lichtchen auf. „Nanu?“ Der Groß-
vater blieb stehen, stemmte die Arme in die Seiten und
schaute hin. Das Lichtchen erlosch wieder, aber etwas wei-
ter entfernt fammte ein anderes Lichtchen auf. „Dort liegt
ein Schatz!“ rief der Großvater. „Ich wette um Gott weiß
was, daß dort ein Schatz liegt!“ Und schon wollte er in
die Hände spucken, um zu graben, doch da fel ihm ein, daß
er ja keine Schaufel und keinen Spaten bei sich hatte. „Das
ist schade! Wer weiß, vielleicht braucht man nur die Gras-
narbe abzuheben, und schon liegt das Schätzchen da. Ja,
da ist nichts zu machen, ich werde wenigstens den Platz
kennzeichnen, damit ich ihn später auch wiederfnde!“ Er
schleppte einen großen Ast, den der Sturm anscheinend aus
einem Baum gebrochen hatte, auf den Grabhügel, auf dem
das Lichtchen aufgefammt war, und ging dann weiter den
320
Pfad entlang. Der junge Eichenwald lichtete sich allmäh-
lich, und da tauchte auch schon ein Flechtzaun auf. Hab ich
es nicht gesagt, dachte der Großvater. Das ist der Garten
des Popen! Das ist sein Zaun. Jetzt ist es keine Werst mehr
bis zum Melonenfeld. Er kam jedoch sehr spät nach Hause
und wollte nicht einmal Klöße essen. Er weckte meinen
Bruder Ostap, fragte ihn nur, ob die Fuhrleute schon lange
weg seien, und wickelte sich dann in seinen Schafspelz. Und
als Ostap ihn fragte: „Wo, zum Teufel, warst du denn
heute nur?“, da antwortete er, wobei er sich noch fester
zudeckte: „Frag mich nicht, Ostap, frag mich nicht, sonst
bekommst du vor Schreck graue Haare!“, und begann so
laut zu schnarchen, daß die Spatzen, die sich auf dem
Melonenfeld niedergelassen hatten, vor Furcht auffogen.
Doch er hat überhaupt nicht geschlafen! Das muß ihm der
Neid lassen, er war eine gerissene Bestie – Gott schenke
ihm das ewige Himmelreich! –; er verstand es immer, sich
aus der Schlinge zu ziehen. Manchmal hat er sich Dinge
geleistet, daß man sich auf die Lippen beißen mußte.
Am nächsten Tag, es begann gerade erst zu dämmern,
zog der Großvater seinen Kittel an, schlang sich den Gür-
tel darum, nahm die Schaufel und den Spaten unter den
Arm, setzte die Mütze auf, trank einen Krug Brotkwaß aus,
wischte sich die Lippen mit dem Rocksaum ab und ging
geradeswegs zum Garten des Popen. Schon hatte er den
Flechtzaun und auch den niedrigen Eichenwald hinter sich
gelassen. Zwischen den Bäumen schlängelte sich ein Pfad
hindurch und führte aufs Feld. Es schien der gleiche zu
sein, den er gestern entlanggegangen war. Er trat aufs
freie Feld hinaus – es war genau dieselbe Stelle wie gestern;
da war ja auch der Taubenschlag, nur die Scheune war
nicht zu sehen. „Nein, das ist doch nicht die richtige Stelle,
sie ist wahrscheinlich etwas weiter weg, ich muß sicher mehr
321
auf die Scheune zuhalten!“ Er drehte um und ging einen
anderen Weg entlang – jetzt sah er die Scheune, doch da-
für war der Taubenschlag verschwunden! Wieder machte
er kehrt und ging auf den Taubenschlag zu – jetzt war die
Scheune fort. Zu alledem fng es auf dem Feld auch noch
an zu regnen. Er lief wieder zur Scheune – da war der
Taubenschlag weg, dann rannte er wieder zum Tauben-
schlag – nun fehlte wieder die Scheune. „Du verfuchter
Satan, nie sollst du die Geburt deiner Kinder erleben!“ Es
goß wie aus Kannen. Er zog seine neuen Stiefel aus, wik-
kelte sie in ein Tuch, damit sie der Regen nicht verdarb,
und rannte dann so schnell fort, als wäre er ein herrschaft-
licher Paßgänger. Naß bis auf die Haut kroch er in seine
Hütte, deckte sich mit seinem Schafspelz zu und begann vor
sich hinzumurmeln und den Teufel mit solchen Ausdrücken
zu bedenken, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört
hatte. Ehrlich gesagt, ich wäre rot geworden, wenn ich sie
am hellichten Tag gehört hätte. Als ich am nächsten Tag
aufwachte, sah ich, daß der Großvater schon auf dem
Melonenfeld umherging, als wäre nichts geschehen, und
die Melonen mit Klettenblättern zudeckte. Beim Mittag-
essen fand der Alte seine Sprache wieder – er machte dem
jüngsten Bruder Angst, indem er ihm einredete, er würde
ihn anstelle einer Melone gegen Hühner eintauschen –, und
nach dem Essen schnitzte er aus Holz selbst eine Lockpfeife
und spielte auf ihr; dann gab er uns, damit wir eine Freude
hatten, eine Melone, die sich wie eine Schlange dreimal um
sich selbst gewunden hatte und die er eine türkische Melone
nannte. Jetzt habe ich solche Melonen nirgends mehr ge-
sehen. Die Samenkerne hatte er allerdings von weit her
geschickt bekommen. Abends, nach dem Abendbrot, ging
er mit dem Spaten fort, um ein neues Beet für eine späte
Kürbissorte umzugraben. Als er an dem verhexten Platz
322
vorbeikam, hielt er es nicht mehr aus und murmelte vor
sich hin: „Dieser verfuchte Platz!“ Dann ging er bis zur
Mitte, wo er vorgestern einfach nicht mehr weitertanzen
konnte, und schlug wütend mit dem Spaten auf den Boden.
Da umgab ihn plötzlich wieder dasselbe Feld – auf der
einen Seite war der Taubenschlag zu sehen und auf der
anderen die Scheune. „Nur gut, daß ich daran gedacht habe,
den Spaten mitzunehmen. Da ist ja auch der Pfad! Und
da ist der Grabhügel! Und da liegt auch der Ast! Und
dort brennt ja auch das Lichtchen! Jetzt muß ich nur auf-
passen, daß ich mich nicht irre.“ Mit erhobenem Spaten ging
er vorsichtig weiter, so, als wolle er mit ihm einem Eber eins
versetzen, der sich in das Melonenfeld eingewühlt hatte,
und blieb dann vor dem Grabhügel stehen. Das Lichtchen
erlosch; auf dem Grab lag ein Stein, der mit Gras bewach-
sen war. Diesen Stein muß ich wegnehmen! dachte der
Großvater und begann, ihn von allen Seiten freizugraben.
Groß war dieser verfuchte Stein! Er stemmte die Beine
mit aller Kraft gegen den Boden und wälzte den Stein vom
Grab hinunter. „Puh!“ schnaufte der Großvater, daß es im
Tal widerhallte. „Dort liegst du viel besser! Jetzt geht die
Arbeit schneller.“ Der Großvater hielt inne, holte das Horn
mit dem Tabak hervor, schüttete sich etwas Tabak auf die
Faust und wollte ihn gerade an die Nase heranführen, als
plötzlich jemand über seinem Kopf – „Happtschi!“ – so stark
nieste, daß die Bäume schwankten und das Gesicht des
Großvaters vollgespritzt wurde. „Du könntest dich wenig-
stens etwas abwenden, wenn du niesen willst!“ sagte der
Großvater und rieb sich die Augen. Dann drehte er sich
um, doch es war niemand da. „Nein, der Teufel scheint den
Tabak nicht zu lieben!“ fuhr er fort, steckte sich das Horn
ins Hemd und grif zu dem Spaten. „Ein Dummkopf ist er,
solch einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein
323
Vater zu schnupfen bekommen!“ Er fng an zu graben, die
Erde war weich, der Spaten versank förmlich darin. Plötz-
lich klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg und erblickte
einen Topf.
„Ah, mein Schätzchen, hier bist du ja!“ rief der Groß-
vater und schob den Spaten unter den Topf.
„Ah, mein Schätzchen, hier bist du ja!“ piepste ein Vogel
und pickte am Topf.
Der Großvater trat zur Seite und ließ den Spaten fallen.
„Ah, mein Schätzchen, hier bist du ja!“ blökte ein Ham-
melkopf auf einem Baumwipfel.
„Ah, mein Schätzchen, hier bist du ja!“ brüllte ein Bär
und streckte seine Schnauze hinter einem Baumstamm her-
vor.
Den Großvater überlief es eiskalt.
„Hier bekommt man ja Angst, überhaupt ein Wort zu
sagen!“ brummte er vor sich hin.
„Bekommt man ja Angst, überhaupt ein Wort zu sagen!“
piepste der Vogel.
„Angst, überhaupt ein Wort zu sagen!“ blökte der Ham-
melkopf.
„Ein Wort zu sagen!“ brüllte der Bär.
„Hm“, sagte der Großvater und erschrak gleich darauf.
„Hm!“ piepste der Vogel.
„Hm!“ blökte der Hammel.
„Hm!“ brüllte der Bär.
Angsterfüllt drehte er sich um – mein Gott, was für eine
Nacht! Am Himmel weder Mond noch Sterne, ringsum tiefe
Schluchten, zu seinen Füßen lag ein bodenloser Abgrund
und zu seinen Häupten ein Berg, der jeden Augenblick über
ihm zusammenzustürzen drohte! Und dem Großvater kam
es vor, als schaue hinter dem Berg eine Fratze hervor:
Huh! Huh! Die Nase sah aus wie der Blasebalg einer
Schmiede, und in die Nasenfügel hätte man je einen Eimer
Wasser gießen können! Und die Lippen, bei Gott, sie sahen
aus wie zwei Baumstämme! Die roten Augen waren ganz
nach oben gedreht, und die Zunge hing der Fratze aus dem
Mund – sie verhöhnte ihn auch noch!
„Hol dich der Teufel!“ sagte der Großvater und ließ den
Topf sein. „Hier hast du deinen Schatz! Was für eine
widerliche Fratze!“ Er wollte schon fortlaufen, doch er
drehte sich noch einmal um, und da sah er, daß alles wieder
so war wie zuvor. „Der Böse will mir nur Angst machen!“
Er grif wieder nach dem Topf – nein, der war zu schwer!
Was sollte er machen? Er konnte ihn doch nicht liegenlas-
sen! Er nahm all seine Kraft zusammen und packte mit
beiden Händen zu. „Hau ruck! Hau ruck! Noch einmal und
noch einmal!“ Er hob den Topf heraus. „Puh! Jetzt werde
ich erst einmal ein bißchen Tabak schnupfen!“ Er holte sein
Horn hervor, doch ehe er sich den Tabak auf die Hand
schüttete, sah er sich genau nach allen Seiten um, ob auch
niemand da war – es schien wirklich niemand da zu sein.
Doch da kam es ihm so vor, als fnge ein Baumstamm an zu
schnaufen und sich aufzublasen; Ohren kamen zum Vor-
schein, rot angelaufene Augen zeigten sich, Nasenfügel
blähten sich auf, eine Nase zog sich kraus – alles wies dar-
auf hin, daß jener gleich niesen würde. Nein, ich schnupfe
jetzt lieber nicht! dachte der Großvater und steckte sein
Horn wieder weg. Sonst spuckt mir der Satan wieder die
Augen voll! Er packte eilig den Topf und lief davon, so
schnell er konnte, er spürte nur, wie jemand von hinten
seine Füße mit Ruten bearbeitete … „Au! Au! Au!“ schrie
der Großvater und rannte weiter, so schnell ihn seine Beine
trugen; erst als er beim Garten des Popen angelangt war,
verschnaufte er ein wenig.
Wo der Großvater nur bleibt? ging es uns durch den
Kopf, nachdem wir schon ungefähr drei Stunden gewartet
hatten. Die Mutter war schon lange vom Weiler gekom-
men und hatte einen Topf mit heißen Klößen mitgebracht.
Doch vom Großvater war immer noch keine Spur zu ent-
decken! So aßen wir eben wieder allein. Nach dem Abend-
essen wusch die Mutter den Topf aus und sah sich nach
einer Stelle um, wo sie das Spülwasser hingießen könnte,
denn ringsum waren ja lauter Beete – da sah sie, wie ein
Fäßchen direkt auf sie zurollte. Es war schon recht dunkel
am Himmel. Bestimmt steckte einer von den Burschen da-
hinter und stieß es aus Spaß vorwärts.
„Da könnte ich eigentlich gleich mein Spülwasser hinein-
gießen!“ sagte die Mutter und goß das heiße Wasser hin-
ein.
„Au!“ schrie da eine Baßstimme.
Sieh da – es war der Großvater. Nun, wer hätte das
ahnen können! Bei Gott, wir hatten geglaubt, ein Fäßchen
käme da angerollt. Ehrlich gesagt – wenn es auch nicht
ganz recht ist –, es sah wirklich komisch aus, wie Großvaters
grauer Kopf ganz naß vom Spülwasser und mit den Schalen
von den Wasser- und Honigmelonen behängt war.
„Du verfuchtes Weib!“ sagte der Großvater und rieb
sich seinen Kopf mit dem Kittel trocken. „Du hast mich ja
gebrüht wie ein Schwein vor Weihnachten! Na, ihr Bur-
schen, jetzt kriegt ihr Kringel, soviel ihr nur wollt! In
goldenen Röcken werdet ihr Hundesöhne umherspazieren!
Seht nur mal her, seht doch nur mal her, was ich euch mit-
gebracht habe!“ sagte der Großvater und öfnete den Topf.
Und was glaubt ihr, was in dem Topf war? Na, wenn ihr
euch nur ein bißchen Mühe gebt und gut nachdenkt, wie?
Ihr meint Gold? Das war es eben gerade nicht! Schmutz,
Dreck … Man kann gar nicht aussprechen, was es war. Der
Großvater spuckte aus, warf den Topf weg und wusch
sich danach gleich die Hände.
Und seit dieser Zeit beschwor uns der Großvater, nie-
mals dem Teufel zu glauben. „Tut das niemals!“ pfegte er
uns oft zu sagen. „Alles, was der Feind des Herrn Christus
erzählt, alles hat dieser Hundesohn nur erlogen! Nicht ein-
mal für eine Kopeke Wahrheit ist in seinen Reden!“ Und
sowie der Alte vernahm, daß es irgendwo nicht mit rechten
Dingen zuging, rief er uns gleich zu: „Los, Burschen, be-
kreuzigt euch! So ist’s recht! So ist’s recht! Wir wollen es
ihm zeigen!“ Und auch er selbst schlug pausenlos Kreuze.
Und die verhexte Stelle, an der er mit seinem Tanz einfach
nicht weitergekommen war, zäunte er ein, und er befahl,
alles, was nicht mehr gebraucht wurde, allen Unrat und
allen Dreck, den er aus dem Melonenfeld hervorwühlte,
darauf zu werfen. So übel kann der Böse einem Menschen
mitspielen. Ich kenne dieses Land gut: Die Nachbarkosaken
haben es später von meinem Vater für den Melonenanbau
gepachtet. Ein herrlicher Boden! Die Ernte war immer
wunderbar, doch auf der verhexten Stelle wollte niemals
etwas Vernünftiges wachsen. Sie säten zwar so, wie es sich
gehört, doch was dann zum Vorschein kam, das begrif
keiner: Es war keine Wassermelone, es war auch kein Kür-
bis, und es war auch keine Gurke – weiß der Teufel, was es
war!
327
Anhang
328
329
Nachwort
Im September des Jahres 1831 erscheint auf dem russischen
Büchermarkt ein Werk mit dem seltsamen Titel „Abende
auf dem Weiler bei Dikanka. Vom Imker Panko Rotfuchs
herausgegebene Erzählungen“. Anfang 1832 folgt ein zwei-
ter Teil dieses Werkes. Sein Verfasser ist ein gewisser
Nikolai Gogol, der dem russischen Leser bis dahin nicht
bekannt war. Wenig später gehört dieser Gogol schon zu
den bekanntesten russischen Autoren. Der Kritiker Belinski
feiert ihn sofort als ein „außergewöhnliches Talent“, und
330
Puschkin, der führende Repräsentant des aufstrebenden
russischen Realismus, schreibt an eine vielgelesene litera-
rische Zeitschrift über die Erzählungen Gogols: „Das ist
echte Fröhlichkeit, aufrichtig, ungezwungen, ohne Ziererei
und Prüderie. Und stellenweise welche Poesie! Welche
Empfndsamkeit! Das alles ist in unserer heutigen Litera-
tur so ungewohnt, daß ich mich noch immer nicht von mei-
nem Erstaunen erholt habe.“
Mit den „Abenden auf dem Weiler bei Dikanka“ legt
Gogol seine erste größere literarische Arbeit vor, mit der
er die Zuneigung des Publikums im Sturm erobert. Ende
1828 war der Neunzehnjährige aus seiner ukrainischen
Heimat nach Petersburg gekommen. Voller Erwartungen
betrat der Jüngling die Metropole des Zarenreiches. Er
hatte die Provinz, das heimatliche Städtchen Neshin, das
Gut seiner Eltern in Wassiljewka bei Mirgorod, in der
Hofnung verlassen, in der Hauptstadt eine Gelegenheit
zu fnden, „der Menschheit einen Dienst“ zu erweisen, wie
er in einem Brief an seine Verwandten formulierte. Die
Freude, die er zunächst über seinen Ausbruch aus der be-
drückenden Enge des provinziell-kleinbürgerlichen Lebens
empfndet, wird jedoch sehr bald von einer tiefen Enttäu-
schung über die wirklichen Verhältnisse in Petersburg ab-
gelöst. Wie ein schöner Traum zerrinnen die Hofnungen
des jungen Gogol, Großes zum Wohle der Allgemeinheit
zu vollbringen. Überall begegnen dem jungen Mann Miß-
gunst, Heuchelei und Standesdünkel. Erschrocken sieht er
die krassen Gegensätze im sozialen Gefüge der zaristischen
Hauptstadt und verspürt am eigenen Leib die erniedri-
gende soziale Ungerechtigkeit. Eine bittere Enttäuschung
folgt der anderen. Die erhofte Stellung im Staatsdienst
fndet er nicht. Erst nach vielen Bemühungen kann er end-
lich als Schreiber in einer Kanzlei unterkommen. Not und
331
Entbehrungen bestimmen sein Leben in einer billigen Be-
hausung mitten im Armenviertel Petersburgs. Das mit so
vielen Erwartungen verknüpfte literarische Debüt Gogols
gestaltet sich zu einem völligen Mißerfolg. Das roman-
tisch-idyllische Poem „Hans Küchelgarten“, ein unausge-
reiftes Produkt der schwärmerischen Phantasie des jungen
Gogol, das dieser 1829 unter dem Pseudonym W. Alow
veröfentlicht, fndet keine Beachtung und ist der Gegen-
stand spöttischer Rezensionen. Zutiefst getrofen, kauft
Gogol in den Buchhandlungen Petersburgs fast alle Exem-
plare des Poems auf und verbrennt sie. Auch sein Debüt
als Schauspieler scheitert kläglich. Niemand erkennt in der
mufgen Atmosphäre des pseudoklassizistischen, lebens-
fremden Teaters in der zaristischen Residenz die echte,
ungekünstelte schauspielerische Begabung Gogols. Von den
dauernden Mißerfolgen entmutigt, entschließt sich Gogol
plötzlich, Rußland zu verlassen. Er schift sich nach Lübeck
ein. Dort aber ändert er seinen spontanen Entschluß und
kehrt nach Petersburg zurück. Die trügerischen Illusionen,
mit denen er in die zaristische Hauptstadt gereist war, ver-
fiegen immer mehr. An ihre Stelle tritt in zunehmendem
Maße die bittere Erkenntnis, daß in dieser Gesellschaft,
in der die Reichen immer reicher und die Armen immer
ärmer werden, der „kleine Mann“ keine Aussicht hat,
soziale Sicherheit und persönliches Glück zu erlangen.
„Petersburg hat sich mir ganz anders gezeigt, als ich er-
wartet habe“, schreibt der junge Gogol an seine Mutter.
„Ich stellte es mir viel schöner und großartiger vor, und
die Gerüchte, die andere über die Stadt verbreitet haben,
sind auch erlogen. Wenn man hier nicht ganz wie ein Hund
leben, das heißt einmal täglich mindestens Krautsuppe und
Grütze essen will, so ist das Leben viel teurer, als wir
dachten. Das zwingt mich, wie in einer Wüste zu leben.“
332
Gogol scheitert nicht in dieser für ihn verzweifelten
Situation. Er resigniert nicht vor dem aufreibenden Zwie-
spalt zwischen Ideal und Wirklichkeit, er schließt keinen
Frieden mit den bedrückenden Lebensverhältnissen. Der
Glaube an seine künstlerische Berufung, sein starker Cha-
rakter und die Freundschaft mit Puschkin bewahren ihn
davor. Vor allem der Freundschaftsbund mit Puschkin, der
im Sommer des Jahres 1831 geschlossen wird, beeinfußt
sein weiteres Leben entscheidend. Inmitten der Leere der
russischen Gesellschaft wird die Persönlichkeit Puschkins
für Gogol zur Verkörperung echten Dichtertums, fndet er
im älteren Puschkin einen wahren Freund und Vertrauten.
Als sich Gogol und Puschkin begegnen, herrscht in Ruß-
land die fnsterste Reaktion. 1825 hatte der Absolutismus
den Aufstand der Dekabristen blutig niedergeschlagen.
Seitdem unterdrückte die zaristische Selbstherrschaft mit
brutaler Gewalt alle freiheitlichen Regungen im Land. Der
Terror der berüchtigten Dritten Abteilung, der zaristischen
Geheimpolizei, richtete sich besonders gegen oppositionell
gesinnte Schriftsteller. Mit Repressalien, Verfolgungen und
Einschüchterungen suchte die zaristische Reaktion die
Stimme des unterdrückten Rußland, die vor allem in der
russischen Dichtung erklang, zum Schweigen zu bringen.
Das geknechtete, ausgebeutete Rußland empörte sich in
zahllosen spontanen Bauernaufständen, die in diesen Jah-
ren die russischen Provinzen überfuteten. Hungersnöte und
Choleraepidemien forderten Zehntausende von Opfern in-
nerhalb der bäuerlichen Bevölkerung, verschärften die
Klassengegensätze und erschütterten das morsche Gefüge
des Zarenreiches.
In dieser Situation kreisen die Gedanken des jungen
Gogol immer stärker um das Schicksal des Volkes. Aus
zahlreichen Selbstzeugnissen und aus Erinnerungen von
333
Zeitgenossen wissen wir, daß Gogol um 1830, von Pusch-
kin entscheidend angeregt, vor allem über die Bestimmung
des einfachen Volkes nachdenkt und darüber grübelt, wie
die russische Dichtung beschafen sein muß, wenn sie An-
spruch auf wahrhaft nationale Repräsentanz erheben will.
Zahlreiche Momente rufen das Interesse Gogols für das
Leben des einfachen Volkes, insbesondere für das Leben
in seiner ukrainischen Heimat, wach. Da ist zunächst die
tiefe persönliche Enttäuschung des angehenden Dichters
über das Scheitern seiner hochgesteckten Pläne in Peters-
burg. Die zaristische Großstadt erscheint ihm bald in ihrem
wahren unmenschlichen Wesen, als der Knotenpunkt sozia-
ler Widersprüche, vor denen Gogol erschreckt und er-
schauert. Im Licht seiner jugendlich-romantischen Ideale
stellt sich ihm die Lebenswirklichkeit der zaristischen Me-
tropole als etwas Fremdes und Bedrohliches dar. In dem
Maße, wie sich der junge Gogol von der unpersönlichen,
frostigen Sphäre des bürokratischen Petersburg abgestoßen
fühlt, steigt in seinen Erinnerungen jene schöne Welt auf,
die er aus der Volkspoesie seiner ukrainischen Heimat
kennt. Je mehr er begreift, wie grundlegend sich seine neue
Umwelt, die ihm fremd bleibt, von dem stillen, beschau-
lichen Leben in der Provinz unterscheidet, desto stärker
erwacht seine Liebe zur heimatlichen Ukraine, zum ukrai-
nischen Volk, zu seiner Lebensweise, zu seinem Denken und
Fühlen. Dem düsteren Beamtenmilieu Petersburgs stellt
Gogol das harmonische Leben der einfachen Menschen in
seiner Heimat gegenüber. Namentlich in den Überliefe-
rungen, in den Legenden, Märchen und Liedern des ukrai-
nischen Volkes sieht er die Manifestation echter Mensch-
lichkeit und zugleich die Quelle echter nationaler Poesie.
So erklärt sich die Hinwendung Gogols zum Leben des
ukrainischen Volkes und zu seiner Folklore zu einem maß-
334
geblichen Teil aus den bitteren Erfahrungen, die er in
und mit der Hauptstadt des Zarenreiches machen mußte.
Er versenkt sich bewußt in die Welt der Volkspoesie, weil
das dort geschilderte Leben für ihn das wirkliche, bejahens-
werte Leben ist, das nichts gemein hat mit der egoistischen,
heuchlerischen und korrupten sogenannten höheren Ge-
sellschaft Petersburgs.
Als sich Gogol mit Puschkin trift, um die spezifsche
Rolle des einfachen Volkes in den geschichtlichen Bewe-
gungen des Jahrhunderts und die Bedeutung der künstle-
rischen Darstellung des Volkes für den weiteren Weg der
russischen Literatur zu erörtern, ist die Diskussion um
diese Probleme in den progressiven Kreisen der russischen
Öfentlichkeit im vollen Gange. Mit der machtvollen Bau-
ernerhebung unter Pugatschow in den Jahren von 1773 bis
1775 hatte sich das unterdrückte russische Volk sehr nach-
haltig bei den herrschenden Klassen in Erinnerung gebracht.
Im siegreichen Vaterländischen Krieg von 1812 ofenbarte
es, welch unermeßliche Kräfte in ihm schlummerten. Der
eigentliche Sieger über die französischen Eindringlinge wa-
ren die einfachen Volksmassen im Soldatenrock. Sie hatten
Rußland und Europa von der napoleonischen Fremdherr-
schaft befreit. Der gescheiterte Dekabristenaufstand führte
allen fortschrittlichen Menschen in Rußland die Tragik
einer vom Volk isolierten Bewegung gegen den Zarismus
vor Augen. Zahlreiche progressive Persönlichkeiten wer-
den sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer stärker be-
wußt, welch entscheidende Rolle das Volk in der Geschichte
spielt. Namentlich Puschkin erkennt die große Bedeutung
des Volkes für den historischen Fortschritt. In dem Drama
„Boris Godunow“ (1825) gestaltet er zum erstenmal in der
russischen Literatur das Volk als eine geschichtsbildende
Kraft.
335
Das allgemeine Interesse an den Problemen des Volkes
erhält auch durch die Literatur starken Auftrieb. Die Ro-
mantik, die sich etwa 1810 in Rußland durchsetzt, fördert
es mit ihrem ausgeprägten Sinn für Folklore und Volks-
kunst. Shukowski, die Lyriker der Dekabristen und der
junge Puschkin beziehen in breitem Maße die russische
Volksdichtung in ihr künstlerisches Schafen ein. Vor allem
aber rückt das Volk selbst in den Vordergrund künstle-
rischer Gestaltung. Es kennzeichnet die wichtige Rolle, die
Puschkin im Prozeß der russischen Literaturentwicklung
spielt, daß er beginnt, die reiche Welt der russischen Volks-
poesie für die Kunstliteratur zu erschließen. Programma-
tische Bedeutung erhält in diesem Zusammenhang sein
Märchenpoem „Ruslan und Ludmilla“ (1820). Darüber
hinaus führt Puschkin – namentlich in seiner realistischen
Schafensperiode – immer mehr Gestalten aus dem ein-
fachen Volk in sein Werk ein. Er betrachtet die soziale
Wirklichkeit aus der Sicht dieser „kleinen Leute“ und
mißt die gestaltete Realität des zaristischen Rußland immer
häufger an den gesunden, demokratischen Moralvorstel-
lungen des Volkes. Diese Tendenz spiegelt die allgemeine
Richtung in der Entwicklung der russischen Literatur
wider. Vornehmlich ihre besten Repräsentanten begnügen
sich nicht mit der naturgetreuen Darstellung von Sze-
nen aus dem Leben des Volkes, sondern versuchen seine
spezifsche Denk- und Fühlweise sinnfällig zu machen, um
schließlich von diesen Positionen zur künstlerischen Ge-
staltung der entscheidenden Probleme der Epoche vorzu-
stoßen. Eben in diesem Sinne wirkt auch Puschkin auf
Gogol. „Puschkin hatte einen starken Einfuß auf Gogol“,
schrieb Belinski, „nicht als Vorbild, das Gogol hätte nach-
ahmen können, sondern als Künstler, der die Kunst kraft-
voll vorwärtstreibt, und zwar nicht nur für sich selbst, son-
336
dern auch für die anderen Künstler, denen er in der Sphäre
der Kunst neue Wege eröfnete. Der Haupteinfuß Pusch-
kins auf Gogol bestand in jener Volkstümlichkeit, die nach
Gogols eigenen Worten nicht in der Beschreibung eines
Sarafans besteht, sondern in der Beschreibung des Volks-
geistes selbst.“ Natürlich verlief der Prozeß der „Demo-
kratisierung“ der russischen Literatur äußerst widerspruchs-
voll. Die fortschrittlichen Schriftsteller dieser Periode, allen
voran Alexander Puschkin, stellten die schöpferischen
Kräfte des Volkes, seine Freiheitsliebe, seinen Patriotismus
und seine gesunden Moralanschauungen, dem parasitären
Leben der Adelsklasse gegenüber. Dagegen orientierten
sich die konservativen Kreise an den mittelalterlichen,
überlebten, patriarchalischen Denk- und Lebensgewohnhei-
ten der russischen Bauernschaft und gaben diese als den
besonderen Geist des russischen Volkes aus. Und die zari-
stische Selbstherrschaft scheute keine Anstrengung, dieser
allgemeinen Hinwendung zum Volk einen reaktionären
Anstrich zu geben.
Der Kampf um die Volkstümlichkeit der Literatur wurde
zur Devise der progressiven russischen Schriftsteller.
„Volksgeist, das ist das Alpha und Omega der neuen
Ästhetik“, schrieb Belinski und forderte literarische Werke,
in denen die charakteristischen Merkmale des Volkes, sein
inneres und äußeres Leben deutlichen Ausdruck fnden.
Sein unermüdliches Eintreten für eine volksverbundene
russische Literatur ebnete vielen angehenden Schriftstel-
lern, darunter auch Gogol, den Weg zur Größe und Ori-
ginalität.
In dieser Situation rät Puschkin seinem jungen Freund,
seine dichterische Lauf bahn mit der Aufzeichnung von
volkstümlichen Geschichten aus seiner kleinrussischen Hei-
mat zu beginnen. Sein Rat fällt auf fruchtbaren Boden.
337
Das tiefe Unbehagen Gogols über die ihn bedrückenden
Lebensverhältnisse in Petersburg läßt ihn nur allzugern
an die heitere, unbeschwerte Jugendzeit zurückdenken,
an das ungebundene Leben im ukrainischen Dorf, an
seine lebensfrohen Sitten und Gebräuche und vor allem
an die reiche geistige Welt seiner Bewohner. Auf der Suche
nach positiven Lebensidealen besinnt sich Gogol auf die
ihm vertraute Poesie seiner Heimat, auf die in ihr darge-
stellten gesunden und schönen Lebensformen, die er der
inhumanen aristokratisch-bürokratischen Gesellschaft ent-
gegenstellt. In Briefen an seine Mutter – sein Vater, der
sich ebenfalls literarisch betätigte, war 1825 gestorben –
fragt er nach ukrainischen Volksbräuchen, nach Sagen und
Legenden. Er bittet sie, ihm von Geschichten aus dem
Volksglauben, von alten Überlieferungen zu berichten:
„Ein paar Worte über Weihnachtsbräuche oder den Jo-
hannistag, über Nixen … Im Volk laufen viele Legenden,
gruselige Sagen, Märchen und Anekdoten um …“ Er liest
die ukrainischen Laienspiele seines Vaters und studiert
zahlreiche wissenschaftliche Quellen. Aus diesem ethno-
graphischen Material, das Gogol durch seine eigenen aus-
gezeichneten Kenntnisse der ukrainischen Folklore ergänzt,
formt er den Zyklus der ukrainischen Erzählungen, deren
erstes Buch, „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“, 1831
bis 1832 erscheint.
Der Erfolg des Buches wird von dem besonderen Inter-
esse begünstigt, das die russische Öfentlichkeit in diesen
Jahren der ukrainischen Tematik überhaupt entgegen-
bringt. Im Zusammenhang mit der umfassenden Diskus-
sion um die Volkstümlichkeit, die die Gemüter erregt, ver-
öfentlichen die Zeitschriften laufend ethnographische Un-
tersuchungen über das Leben der verschiedenen Nationali-
täten des Zarenreiches, bringen interessante Studien zur
338
Folklore dieser Völkerschaften und stellen viele bisher un-
bekannte Werke der Volksdichtung vor. Besonderer Be-
liebtheit erfreut sich die ukrainische Tematik, auf die man
durch aufsehenerregende Forschungsergebnisse besonders
aufmerksam wird. Hauptsächlich die Volksliedersammlun-
gen des ukrainischen Folkloristen Michail Maximowitsch,
die 1827 und 1834 erschienen, fördern nachhaltig die Be-
schäftigung mit der Ukraine und dienen zahlreichen Belle-
tristen, darunter auch Gogol, als wichtige Quellen. In der
russischen Literatur dieser Jahre werden sehr häufg ukrai-
nische Stofe gestaltet, so zum Beispiel in den Romanen von
Wassili Nareshny und Antoni Pogorelski und in den Er-
zählungen von Orest Somow.
Doch die stofliche Vorlage der Erzählungen Gogols er-
klärt nur zum geringeren Teil den Erfolg des Gogolschen
Werkes. Was den russischen Leser der „Abende auf dem
Weiler bei Dikanka“ faszinierte, war die neue dichterische
Welt, die Gogol erschloß, eine lebensfrohe, strahlende, an-
ziehende Welt, in der – im Gegensatz zur zeitgenössischen
Wirklichkeit – das Gute über das Böse und das Schöne
über das Häßliche triumphierte. Gogol zeichnet das Bild
einer optimistischen, harmonischen Menschengemeinschaft,
die sich Natürlichkeit und Menschlichkeit bewahrt hat. Er
kündet in seinen Erzählungen von der unbändigen Kraft
des Volkes und von dem riesigen Schatz an geistigen und
moralischen Werten, die zum unverlierbaren Besitz des
Volkes zählen. Er beschreibt die jahrhundertealte Weisheit
der ukrainischen Bauernschaft, ihre Denkweise, ihre
Sprache, ihre Auffassungen vom Leben, von Gut und Böse,
vom Schönen und vom Häßlichen. Im Mittelpunkt dieser
poetischen Welt stehen urwüchsige, kraftvolle, freiheits-
liebende, anmutige Menschen, ungemein lebendige, unge-
brochene, lebensfrohe Gestalten aus dem Volk, die, physisch
339
und seelisch gesund, alles genießen, was das verschwende-
rische Füllhorn der üppigen russischen Natur vor ihnen aus-
schüttet. Und das fröhliche, ungezwungene Treiben dieser
Menschen ist eingebettet in die herrliche Landschaft des
russischen Südens, deren Schönheit dem stolzen und schö-
nen Antlitz der Menschen entspricht, die im Einklang mit
dieser bezaubernden Natur leben. Unter dem überwälti-
genden Eindruck des Gogolschen Werkes feiert Belinski
„Die Abende“ als Skizzen voller Leben und Zauber. „Alles,
was die Natur an Schönem, das Landleben der einfachen
Menschen an Bezauberndem, ein Volk an Originellem, Ty-
pischem besitzt, glänzt in allen Regenbogenfarben in die-
sen ersten dichterischen Träumen Gogols. Das ist eine
junge, frische, duftige, kostbare, berauschende Poesie,
einem Liebeskusse gleich …“
Gogols ukrainische Geschichten atmen den Geist der pro-
gressiven volkstümlichen Romantik. Märchen und Wirk-
lichkeit sind bunt durcheinandergewürfelt. Da wimmelt es
von Hexen und Geistern, da entsteigt den Fluten des Dnepr
ein Reigen von Jungfrauen, ungetaufte Kinder kratzen an
Baumstämmen, hängen an Bäumen und wälzen sich durch
dichtes Dornengestrüpp, der Teufel springt als schreckliches
Ungeheuer, die Augen rollend, mitten hinein in das bunte
Jahrmarktstreiben und erfüllt alle mit lähmendem Ent-
setzen. Da sind aber auch die Liebespaare Grizko und
Paraska sowie Petro und Pidorka mit ihrer so irdi-
schen Liebe, da sind die jungen verwegenen Kosaken
Lewko und Danilo, da ist der Schmied Wakula, der bis zu
Katharina II. vordringt, um den Wunsch seiner Geliebten
Oxana zu erfüllen, ein Paar Schuhe von den Füßen Ihrer
Majestät ihr eigen zu nennen, da ist der Bürgermeister des
Kosakendorfes, der selbstherrlich über die ganze Gemeinde
gebietet und sich den wohlverdienten Haß aller Dorfbe-
340
wohner zuzieht. Da sind schließlich auch die feudalen Guts-
herren, Fremdkörper in dieser lichten Welt der Lebens-
freude, deren träge, sinnlose Existenz tiefe Schatten auf
das ungezwungene Leben im ukrainischen Dorf wirft.
In Gogols Erzählungen verschmilzt das Wirkliche mit
dem Phantastischen. Phantastik und Realität bilden ein
dichterisches Ganzes und verleihen der romantischen Er-
zählkunst Gogols einen besonderen Reiz. Gogol erzählt
reale Begebenheiten aus dem Alltag des ukrainischen Dor-
fes auf dem Hintergrund der phantastischen Vorstellungen
seiner Bewohner. Er verbindet das wirkliche Leben des
einfachen Volkes mit der geheimnisumwitterten, phanta-
stischen Welt seiner uralten Sagen, Märchen und Legen-
den. Dadurch nimmt er dem geschilderten Alltag des ukrai-
nischen Dorfes jeden Anfug eines prosaischen, gewöhn-
lichen Daseins und gibt ihm eine ungewöhnliche Note. Auf
diese Weise poetisiert er das Leben des Volkes und macht
es moralisch und ästhetisch gleichermaßen bedeutsam. Zu-
gleich hat diese Verschmelzung von Phantastik und Reali-
tät bei Gogol einen tiefen poetischen Sinn. Der Dichter
unterstreicht damit, daß das Leben des Volkes seinem
Wesen nach genau so schön, ungewöhnlich und erre-
gend ist wie die bezaubernde Welt der Märchen und Sa-
gen, denen das Volk seine lichtesten Träume und Hof-
nungen von einem schönen Leben auf Erden mitgegeben
hat.
Die phantastische Welt in Gogols Erzählungen trägt dies-
seitsgewandte Züge. Dies unterscheidet den Romantiker
Gogol in starkem Maße von vielen seiner literarischen
Zeitgenossen in Rußland und in Westeuropa. Die Teufel,
Hexen, Zauberer und sonstigen Geister in den Geschichten
Gogols sind keine mystischen Geschöpfe. Sie verkörpern
auch nicht irgendwelche geheimnisvollen Kräfte im Irdi-
341
schen, sie sind keine übernatürlichen Wesen. Sie haben
überhaupt sehr wenig mit ihresgleichen in den phantastisch-
romantischen Novellen des Russen Wladimir Odojewski
oder der Deutschen E. T. A. Hofmann und Novalis ge-
mein. Sie sind leibliche, irdische Gestalten und gleichen im
Grunde den Menschen, den einfachen Dorf bewohnern.
Nur verfügen sie im Vergleich zu diesen über zusätzliche
physische Gaben. Gogol geht auch hier bewußt darauf aus,
die Grenzen zwischen dem Phantastischen und dem Wirk-
lichen verschwinden zu lassen. Deshalb „vermenschlicht“
er seine phantastischen Figuren. Der Teufel aus „Die Nacht
vor Weihnachten“ trägt menschliche Züge; er erliegt ech-
ten menschlichen Leidenschaften, er liebt, scherzt und ist
stets – er stiehlt zum Beispiel den Mond vom Himmel –
zu übermütigen Streichen aufgelegt. Die Hexen in „Der
verschwundene Brief “, in deren Gesellschaft der Saporoger
Kosak unversehens gerät, laben sich nicht an irgendwel-
chen ausgefallenen Höllengerichten, sondern halten sich an
Schweinebraten, Würste, Salat aus Kohl und Zwiebel und
allerlei Süßspeisen; sie vertreiben sich ihre Zeit mit be-
liebten Kartenspielen, zum Beispiel mit Schafskopf, einem
sehr volkstümlichen Kartenspiel, und verstehen sich präch-
tig aufs Mogeln. So nimmt Gogol seinen Gespenstererschei-
nungen ihre dämonische Kraft, ihr furchterregendes We-
sen, ihre weltfremde Abstraktheit. Indem er sie mit rea-
len, irdischen, „menschlichen“ Eigenschaften ausstattet,
„verweltlicht“ Gogol das Phantastisch-Irrationale seiner
romantischen Geschichten und gibt ihnen einen wirklich-
keitsbezogenen Charakter. Während im Schafen anderer
zeitgenössischer Romantiker – vornehmlich konservativer
Richtungen – das phantastische Erzählelement eine mysti-
fzierende Funktion erhält und zur irrationalen Verschlüs-
selung des Dargestellten führt, erfährt es bei Gogol eine
342
progressiv-romantische Interpretation. In diesem Sinne
wurden die „Abende“ von ihren zeitgenössischen Lesern
zu Recht als ein vorwärtsweisendes Werk einer volksver-
bundenen romantischen Dichtung angesehen.
Die Verschmelzung von Wirklichem und Phantastischem
ist auch in anderer Hinsicht höchst bedeutsam. Gogol ver-
wischt bewußt die Grenzen zwischen Realem und Irrealem,
zwischen Traum und Wirklichkeit und verleiht seinen Ge-
schichten dadurch noch komischere Züge. Er schildert zum
Beispiel eingehend das Milieu, beschreibt völlig normale,
„gewöhnliche“ Begebenheiten, und plötzlich versieht er –
ohne die Intonation seiner Erzählweise zu ändern – die
normale Situation mit einem „ungewöhnlichen“ Vorgang
und führt ganz unverhoft ein mehr als seltsames Wesen
in das Geschehen ein. Der folgende Abschnitt aus „Die
Nacht vor Weihnachten“ ist für diese Art der Gogolschen
Schilderung charakteristisch: „Der Tag vor Weihnachten
war zu Ende gegangen. Die klare Winternacht brach an.
Die Sterne funkelten. Der Mond ging majestätisch am
Nachthimmel auf, um den braven Leuten und aller Welt
zu leuchten – das Singen der Koljadki zum Lobe Christi
sollte ihnen Spaß machen. Der Frost war jetzt stärker als
am Morgen, doch dafür war es so still, daß es eine halbe
Werst weit zu hören war, wenn der Schnee unter einem
Stiefel knirschte. Noch hatten sich keine Burschen unter
den Fenstern versammelt, nur der Mond sah heimlich in
die Häuschen, als wollte er die sich schmückenden Mäd-
chen auffordern, so schnell wie möglich hinauszulaufen in
den knirschenden Schnee. Aus dem Schornstein eines Häus-
chens quoll in dichten Schwaden Rauch, der wie eine Wolke
zum Himmel emporstieg, und mit dem Rauch zusammen
erhob sich auf ihrem Besen eine Hexe in die Lüfte.“ Wer
schmunzelt da nicht, wenn die Hexe auf solch natürliche,
343
einfache Weise vorgestellt wird oder wenn der Teufel,
auf dem der Schmied Wakula seinen verwegenen Ritt nach
Petersburg wagt, einem leibhaftigen Bezirksbeamten in
Uniform gleicht, nur daß ihm hinten ein Schwanz herab-
hängt, der so spitz und lang ist, wie neuerdings die Rock-
schöße der Uniformen sind. Nur an dem Bart unterm
Maul und den zwei kleinen Hörnern auf seinem Kopf,
meint Gogol, läßt es sich zur Not erraten, daß es schlecht-
weg der Teufel selbst ist. Gogol will seinen phantasti-
schen Gestalten den Schein des Außergewöhnlichen neh-
men. Er integriert sie in die gewöhnliche Umgebung des
ukrainischen Provinzlebens, er erzählt von ihnen als von
ganz normalen, harmlosen Wesen. Er gibt dem Irrealen
eine sinnlich-konkrete, personifzierte Form und erreicht
durch die natürliche Darstellung des Unnatürlichen zwei-
fellos eine erheiternde Wirkung. Unverkennbar ist bei die-
ser dichterischen Gestaltung des Phantastischen auch die
feine Ironie des Dichters gegenüber allem Überirdischen.
Die „Abende“ sind ein romantisches Werk, sie sind aber
keine Idylle, kein idealisiertes Bild vom Leben des ein-
fachen Volkes. Wohl dominieren in der farbenprächtigen
Palette Gogols die hellen Töne, doch greift der Dichter
auch zu dunklen Farben. In der Poesie des Volkslebens,
die Gogol einfängt, erklingen auch düstere Akkorde. In der
heiteren, unbeschwerten Welt des kleinrussischen Dorfes
gibt es auch schmerzliche, zuweilen tragische Augenblicke.
Schon die erste der Gogolschen Erzählungen „Der Jahr-
markt in Sorotschinzy“, eine wahre Apotheose der Liebe
und Lebensfreude, schließt mit einem schwermütigen Finale.
Der Lärm, das Lachen, die Lieder der Dorfbewohner auf
der Hochzeit des jungen Paares Grizko und Paraska ver-
stummen, einem fernen Echo gleich. Es ist so, als wollte
Gogol sagen: Die Freude vergeht, verfiegt, zurück bleibt
344
nur ein füchtiges Echo; diese fröhliche, ausgelassene dörf-
liche Welt verschwindet – was noch da ist, ist nur ein
schwacher Widerschein der ursprünglichen Freude und
Lebenslust. Auch in den anderen Erzählungen Gogols fn-
den sich diese düsteren, schwermütigen Töne. Er verweist
auf mächtige, unheilvolle Kräfte, die das harmonische Zu-
sammenleben im ukrainischen Dorf stören und drohend
dem wahren Glück seiner Bewohner im Wege stehen. Tra-
gisch ist das Schicksal des armen Kosaken Petro in „Die
Johannisnacht“. Er vermag das Vermögen, das er braucht,
um sein geliebtes Mädchen heiraten zu können, nur durch
ein Verbrechen zu erwerben. Der auf diese Weise erwor-
bene Reichtum erweist sich aber als eine verderbenbrin-
gende Kraft und bringt Petro nicht das erwartete Glück.
Hier klingt bereits eines der zentralen Motive an, die sich
durch das gesamte Schafen Gogols ziehen: die unheilvolle
Macht des Geldes, des Kapitals, das alles Menschliche im
Menschen tötet und lebendige Personen in „tote Seelen“
verwandelt. Gogol antizipiert dieses große Tema seines
Schafens im Lebensschicksal des jungen Petro. Die Grund-
gedanken der Erzählung, daß ein Glück, allein auf Geld
gegründet, trügerisch ist, daß der einfache Mann nur durch
Verbrechen zu Reichtum gelangen kann, gewinnt für Gogol
allgemeine Bedeutung. Schon hier macht der Dichter in-
direkt auf die zersetzenden Auswirkungen der merkanti-
len Ware-Geld-Beziehungen innerhalb der Leibeigen-
schaftsordnung, auf die beginnende Allmacht des Geldes
aufmerksam.
Ein tragischer Unterton durchzieht auch die Erzählung
„Furchtbare Rache“, die sehr stark an die wenige Jahre
später entstehende „Taras Bulba“-Geschichte erinnert. Tie-
fes Unglück bricht über die Familie des stolzen Kosaken-
recken Danilo Burulbasch und seiner Frau Katerina her-
345
ein. Schuld daran ist der böse Zauberer, in den sich der
Vater Katerinas verwandelt, um das glückliche Leben die-
ser Kosakenfamilie zu zerstören. Durch die Verfechtung
von phantastischen Begebenheiten mit realen historischen
Geschehnissen gibt Gogol hier einer traditionellen Gestalt
der Volkspoesie, der Gestalt des Zauberers, eine völlig
neue Interpretation. Der Zauberer in der Erzählung
„Furchtbare Rache“ ist ein Verräter, der sein Volk, seine
Heimat der Fremdherrschaft ausliefern will. Aus der Sicht
des nationalen Befreiungskampfes des ukrainischen Volkes
gegen den polnischen Adel motiviert Gogol die heimtücki-
schen Handlungen seiner mythischen Gestalt. Er lenkt die
Aufmerksamkeit auf die volksfeindlichen Kräfte innerhalb
der Kosakenschaft, die Unheil und Not über das eigene
Volk bringen. Damit gibt er natürlich der ganzen Erzäh-
lung einen wichtigen sozialen Akzent und nimmt ihr vie-
les von ihrem phantastisch-irrationalen Gehalt. So kündigt
sich vor allem in den Partien der Gogolschen Erzählungen,
die auf das wirkliche Leben, den Alltag des ukrainischen
Dorfes, zurückgreifen, der allmähliche Abschied Gogols
von seinen romantischen sozialen und moralischen Idealen
an. Wohl sieht er noch im Leben und Denken seiner ukrai-
nischen Landsleute eine moralisch bejahenswerte und
ästhetisch schöne Wirklichkeit, doch drängen die tiefgrei-
fenden Widersprüche des russischen Lebens seine ersten
dichterischen Träume immer stärker zurück.
In diesem Zusammenhang verdient die Erzählung „Iwan
Fjodorowitsch Schponka und seine Tante“ innerhalb des
Dikanka-Zyklus unsere besondere Beachtung. Auf den
ersten Blick scheint sie sich überhaupt nicht in den vor-
liegenden Band einzuordnen, und man ist zu der Annahme
geneigt, Gogol habe sie rein zufällig in den Zyklus aufge-
nommen. In der Tat fällt diese Geschichte sowohl thema-
346
tisch als auch in ihrer ideell-künstlerischen Eigenart aus dem
Ensemble der übrigen Dikanka-Erzählungen heraus. Fin-
den wir dort eine heitere, poetische Welt, so überrascht uns
hier eine nüchterne, prosaische Wirklichkeit. Die gehobene,
lyrisch-romantische Stimmung, die in den Dikanka-Erzäh-
lungen vorherrscht, weicht einer drückenden, mufgen
Atmosphäre, und der Humor, heiter und befreiend, erhält
plötzlich satirische Züge. So scheint es vorerst nicht verwun-
derlich, wenn man angesichts dieser auffallenden Kontraste
die Geschichte vom Gutsbesitzer Schponka als einen
Fremdkörper innerhalb des gesamten Erzählbandes emp-
fndet. Doch der Schein trügt, und wir haben allen Grund,
namentlich dieser Erzählung einen völlig legitimen Platz
in dem dichterischen Erstlingswerk Gogols zu bescheinigen.
Schon die Aufnahme der Schponka-Geschichte in den
Dikanka-Band ist eine gelungene künstlerische Provokation
des Lesers. Das unerwartete Auftauchen des skurrilen,
trockenen Gutsbesitzers Iwan Fjodorowitsch inmitten des
lustigen Völkchens, inmitten der fröhlichen Burschen und
Mädchen des ukrainischen Dorfes, wirkt ungemein erhei-
ternd und zwingt uns, ob wir es wollen oder nicht, diese
Figur und ihre Umgebung mit der lebenssprühenden Welt
der ukrainischen Bauern zu vergleichen. Und gerade das ist
Gogols Absicht. Die Konfrontation des Gutsbesitzers
Schponka mit dem Leben der einfachen Dorfbewohner hat
für ihn einen tiefen Sinn und wird in zunehmendem Maße
bestimmend für sein ganzes weiteres Schafen. In Schponka
und seinesgleichen stellt Gogol typische Vertreter des russi-
schen Provinzadels dar. Charakteristisch für sie ist ihre
parasitäre Existenz. Innerlich hohl, lebensuntüchtig, klein-
lich, ängstlich, mit einem äußerst begrenzten geistigen Ho-
rizont, versinnbildlichen sie die tödliche Langeweile, die er-
schreckende Überlebtheit der russischen Gutsbesitzerskaste.
Sie personifzieren die lähmende Ruhe, die alles abtötende
Statik des feudalen Junkerlebens, das mit seinen erstarrten
Normen den einzelnen Menschen seelisch und moralisch de-
formiert. Das fade Dahinvegetieren des Gutsbesitzers
Schponka wirkt wie eine Parodie auf das menschliche Leben.
Schponka gleicht nur äußerlich einem Menschen. Sein Wesen
ist durch innere Leere charakterisiert, die ihm allmählich alle
menschlichen Züge nimmt. Zwar lebt er, doch haftet seinem
banalen Leben bereits der Geruch des Todes an. So er-
schließt sich der tiefere Sinn der Konfrontation Schponkas
mit den übrigen realen Gestalten des Bandes. Die Gegen-
überstellung von Vertretern der herrschenden Klasse und
dem einfachen Volk weitet sich bei Gogol immer mehr zu
dem philosophischen Gegensatz von Tod und Leben aus.
Die völlige Inhaltslosigkeit des gutsherrlichen Lebens, die
Sinnlosigkeit des feudal-aristokratischen Daseins – das
sind Symptome einer Gesellschaft, die unausweichlich ihrem
Untergang entgegengeht. Das ist der Tod. Die natürliche
Leidenschaft der einfachen Menschen, die Kraft des Volkes
dagegen, das ist das Leben, ein schöpferisches, überströ-
mendes Leben. Leben und Volk werden so zu poetischen
Synonyma: Leben – das ist das Volk, und das Volk – das
ist Leben. So gesehen kommt der Geschichte vom Guts-
besitzer Schponka innerhalb der Dikanka-Erzählungen
konzeptionelle Bedeutung zu. Deshalb nimmt sie Gogol be-
wußt in die Sammlung auf. Deshalb steht sie folgerichtig
am Ende der poetischen Skizzen aus Kleinrußland.
Dieser Stof und seine künstlerische Bewältigung sind für
die dichterische Entwicklung Gogols zum Realismus höchst
bedeutsam. Hier klingt ein Grundthema seines ganzen wei-
teren Schafens an: die Aufdeckung der inneren Leere der
privilegierten Schichten der russischen Gesellschaft, ein
Tema, das in der Komödie „Der Revisor“ und in dem
Roman „Die toten Seelen“ seine weltliterarische Gestaltung
erfährt. Schponka ist eine echte künstlerische Entdeckung
des jungen Gogol. Mit diesem Typ bringt der Dichter bis-
her unbekannte Bereiche der sozialen Wirklichkeit an die
literarische Öfentlichkeit. Schponka wird zur literarischen
Kampfansage des künftigen großen Satirikers gegen die
Banalität und Verkommenheit im Leben der russischen
Gutsbesitzerklasse. Der Adlige Schponka führt die Galerie
der unvergeßlichen Gogolschen Gutsbesitzertypen an, jener
meisterhaft gezeichneten satirischen Gestalten, die im
Leser Abscheu und Widerwillen gegen das Leibeigen-
schaftssystem erwecken.
Die Erzählung vom Gutsbesitzer Schponka läßt auch be-
reits die künftige künstlerische Eigenart Gogols erkennen.
Die späteren realistischen Gestaltungsprinzipien des Dich-
ters sind hier schon deutlich vorgebildet. Gogol schenkt dem
Detail seine besondere Aufmerksamkeit. Der Dichter er-
schließt die Psyche der betrefenden Gestalt durch eine
genaue Beschreibung der sie umgebenden gegenständlichen
Welt; aus oft scheinbar nebensächlichen, verblüfend wich-
tig genommenen äußerlichen Details formt er ein plasti-
sches, höchst lebendiges Bild des jeweiligen Menschen. Die
Gestalt wird gewissermaßen im Gegenständlichen aufgeho-
ben, die Welt der Dinge wird vermenschlicht und charak-
terisiert das Wesen der dargestellten Figur. Immer aber ist
die Zeichnung der Details dem ideellen Anliegen des Autors
untergeordnet. In der Geschichte vom Gutsbesitzer
Schponka lenkt sie unsere Aufmerksamkeit auf das er-
starrte, stagnierende Leben, auf die geistige Leere seiner
Klasse. Namentlich im Briefwechsel zwischen Schponka und
seiner Tante fndet diese Gogolsche Erzählweise ihren un-
verwechselbaren Ausdruck. Obwohl beide Briefschreiber
nur von belanglosen, nichtigen, völlig unbedeutenden,
349
scheinbar abseitigen Dingen reden, sind es gerade diese
Details, die dem Leser das eigentliche Wesen dieser Perso-
nen zum Bewußtsein bringen. Diese Erzählweise nimmt
wichtige Formen der späteren Gogolschen Satire vorweg,
wenn der Dichter mit grotesken sprachlichen Ausdrucks-
mitteln eine anachronistische, gespenstische Gesellschaft als
eine todkranke, zum Untergang verurteilte Welt darstellt.
In den „Abenden auf dem Weiler bei Dikanka“ über-
wiegt noch das heitere, befreiende Lachen. Schon wenige
Jahre später wird die ungezwungene Heiterkeit, der sou-
veräne Humor einer bitteren Komik weichen müssen, jenem
berühmten Gogolschen „Lachen unter Tränen“, das uns er-
heitert und zugleich so nachdenklich stimmt. Als dichterische
Visionen von einem natürlichen, harmonischen Leben der
Menschen haben die ukrainischen Erzählungen Gogols bis
heute ihre faszinierende Kraft behalten.
Michael Wegner
350
Anmerkungen
23 Kotljarewski – Iwan Petrowitsch Kotljarewski (1768 – 1838),
ukrainischer Lyriker und Dramatiker; wurde vor allem
durch „Eneida“ (1798), eine Travestie der Vergilschen
„Äneis“, bekannt.
31 einen Blauen als Anzahlung – Gemeint ist ein Fünfrubel-
schein.
47 Artjomowski-Gulak – Gemeint ist Pjotr Petrowitsch Gulak-
Artjomowski (1790 – 1865), ukrainischer Fabel- und Bal-
ladendichter, Vertreter der frühen romantischen Dichtung in
der ukrainischen Literatur.
56 Podkowa – Iwan Podkowa, ukrainischer Hetman; eroberte
1577 den moldauischen Tron und wurde 1578 vom polni-
schen König Stephan Báthory hingerichtet.
56 Poltora-Koshuch – von 1638 bis 1642 ukrainischer Hetman;
leitete zahlreiche Feldzüge der Saporoger Kosaken gegen
Polen.
Sagaidatschny – Pjotr Konaschewitsch-Sagaidatschny (gest.
1622), ukrainischer Hetman; leitete mehrere Feldzüge der
Saporoger Kosaken gegen die Türken.
90 als die große Zarin Katharina … nach der Krim reiste –
1787 unternahm Katharina II. eine ausgedehnte Reise in die
südlichen Provinzen des Zarenreiches.
97 der selige Besborodko – Alexander Andrejewitsch Besbo-
rodko (1747 – 1799), ab 1755 Sekretär Katharinas II.; beglei-
tete die Zarin als deren Außenminister bei ihrer Reise nach
der Krim (1787).
123 Baturin – ukrainische Stadt, im 17. Jh. administratives und
kulturelles Zentrum, von 1669 bis 1708 Residenz der ost-
ukrainischen Hetmanschaft.
149 Jareski – Städtchen in der Nähe der Kreisstadt Mirgorod.
155 Neshin – ukrainische Kreisstadt. Gogol besuchte hier von
1821 bis 1828 das Gymnasium.
201 Potjomkin – Grigori Alexandrowitsch Potjomkin (1739 bis
1791), russischer Staatsmann und Generalfeldmarschall, ab
1774 Günstling Katharinas II.
202 Einer der Saporoger warf sich in Positur … – In der Rede
des Saporoger Kosaken wird auf historische Ereignisse an-
gespielt, die der Auflösung der Saporoger Setsch, einer auto-
nomen Kosakensiedlung auf der Dneprinsel Chortiza nörd-
lich der Krim, die vom 16. bis 18. Jh. bestand, vorangingen.
Beispielsweise wird an die Teilnahme des Saporoger Kosa-
kenheeres am siegreichen Feldzug der Russen gegen die
Krimtataren (1768 – 1774) erinnert
203 abseits stehender Mann – Gemeint ist der russische Drama-
tiker Denis Iwanowitsch Fonwisin (1744 oder 1745 – 1792),
der Autor der satirischen Komödien „Der Brigadier“ und
„Der Landjunker“.
La Fontaine – Jean de La Fontaine (1621 – 1695), französi-
scher Fabeldichter.
217 am Salzsee zwei Tage geschlagen – Gemeint ist der Feldzug
der Saporoger Kosaken gegen das Krim-Khanat im Jahre
1620 unter dem Hetman Sagaidatschny und die Schlacht bei
Perekop am Ufer des Salzsees Siwasch.
224 Unierte – Gemeint sind die Anhänger der Union von Lublin
(1569), in der die orthodoxe Kirche mit der katholischen
Kirche unter der Ägide des Papstes vereinigt wurde.
239 Brüderkloster – Kloster in Kiew.
254 Sie sollten an Tataren verkauft werden – historische Be-
gebenheit aus dem Feldzug des ukrainischen Hetmans Pol-
tora-Koshuch gegen die Polen.
269 Chmelnizki – Bogdan Chmelnizki (um 1595 – 1657), Kosaken-
hetman, bedeutender ukrainischer Staatsmann, Führer des
nationalen Befreiungskampfes der Ukrainer gegen die pol-
nische Herrschaft; führte 1654 die Vereinigung der Ukraine
mit Rußland herbei.
Stephan, Fürst von Siebenbürgen – Stephan Báthory (Ist-
van IV.), von 1576 bis 1586 König von Polen. Unter seiner
Herrschaft unternahmen die Kosaken, geführt von Iwan
Podkowa, einen Feldzug gegen die Türken.
299 Die Reise Korobejnikows in das Heilige Land – sehr popu-
läre, in vielen Handschriften verbreitete Aufzeichnungen des
Moskauer Kaufmanns Trifon Korobejnikow über seine Rei-
sen nach Konstantinopel und Athen (1582) sowie nach Kon-
stantinopel und Palästina (1593 – 1594).
Inhalt
Erster Teil
Vorrede 7
Der Jahrmarkt in Sorotschinzy 15
Die Johannisnacht 54
Eine Mainacht oder Die Ertrunkene 78
Der verschwundene Brief 122
Zweiter Teil
Vorrede 143
Die Nacht vor Weihnachten 147
Schreckliche Rache 213
Iwan Fjodorowitsch Schponka und seine Tante 274
Die verhexte Stelle 312
Anhang
Nachwort 327
Anmerkungen 349
Alexander
Sergejewitsch
Puschkin
Gesammelte Werke
in Einzelbänden
Herausgegeben von Harald Raab
6 Bände . 3070 Seiten
Ganzleinen 69,90 M
Best.-Nr. 611 303 5
Band 1
Gedichte
Band 2
Poeme und Märchen
Band 3
Eugen Onegin . Dramen
Band 4
Romane und Novellen
Band 5
Aufsätze und Tagebücher
Band 6
Briefe
Aufbau-Verlag
6,90

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