You are on page 1of 4

WISSEN

Die Leichen im Keller des Dr. van Velzen
In Großbritannien empört ein Fall von organisierter Leichenfledderei Angehörige, Presse und Politik. Jetzt sind die Ärzte in Erklärungsnot. Denn Lehre und Forschung in der Medizin sind auf Gewebeproben und Organsammlungen dringend angewiesen
VON Reiner

Luyken | 08. Februar 2001 - 13:00 Uhr

Bis zum 7. September 1999 galt das größte Kinderkrankenhaus Europas auch als eines der besten. Die kardiologische Abteilung und das dem Krankenhaus angeschlossene Institute of Child Health genossen Weltruf. Das Motto der Alder-Hey-Klinik in Liverpool lautet, "einen umfassenden, hochqualitativen Gesundheitsdienst zu bieten, der die Integration von Klinik und Gemeinde in einem familienorientierten, freundlichen und sicheren Umfeld zum Ziel hat". Das Symbol der Klinik ist ein Schaukelpferd mit umgebundenem Latz. An jenem 7. September erwähnte der Morphologe Robert Anderson bei einer öffentlichen Anhörung, Alder Hey besitze die umfangreichste Organsammlung Englands. Er hob besonders die dort verwahrten Kinderherzen und -lungen hervor, "vermutlich die größte und beste Sammlung überhaupt", und beschrieb den Nutzen solcher Kollektionen für Forschung und Lehre. Die illegale Sammelleidenschaft eines Arztes brachte die Klinik in Verruf Heute steht der Name Alder Hey fast gleichbedeutend für Leichenfledderung und Gruselkabinett. Vergangene Woche veröffentlichte die Regierung einen über 800-seitigen Bericht über die pathologische Abteilung des Krankenhauses. Sogar vornehme Tageszeitungen schmückten ihre Titelseiten mit Boulevardüberschriften wie Organ Horror Empörung. Gesundheitsminister Alan Milburn brandmarkte die in Liverpool üblichen Prozeduren als "schockierend" und "grotesk". Er versprach Gesetzesänderungen und attackierte den "arroganten Habitus des Ärztestandes". Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Unterhauses fühlte sich an die Grabräuber des 19. Jahrhunderts erinnert. Ist die Empörung gerechtfertigt? Die Bemerkung des Morphologen Anderson löste im September 1999 eine Flut von Telefonanrufen aus. Eltern in der Kardiologie verstorbener Kinder wollten wissen, was mit deren Herzen geschehen sei. Das Krankenhaus richtete eine rund um die Uhr besetzte Rufnummer ein. Anne Povall, die 35 Jahre in der Kardiologie gearbeitet hatte, wurde aus
1

WISSEN
dem Ruhestand zurückgebeten, um die Anrufe zu beantworten. Sie fand die neue Aufgabe "schaurig". Sie wusste, dass Herzen und Lungen für Forschungszwecke aufgehoben wurden. "Dafür habe ich Verständnis", sagte sie. "Aber Augen und Genitalien?" Am 6. Oktober wurden in einem Kellerraum 3500 in Formalin eingelegte Organe gefunden, von denen bis dahin niemand etwas zu ahnen schien. Ein Professor van Velzen hatte sie 800 von ihm obduzierten Patienten entnommen. Van Velzen leitete von 1988 bis 1995 die Pathologie der Klinik. Er galt als Spezialist für plötzlichen Kindstod und war offenbar von einer regelrechten Sammelleidenschaft besessen. Er hielt sich weder an den Human Tissue Act von 1961 noch an den Coroners Act von 1984, die der Organentnahme einen rechtlichen Rahmen setzen. Als der 15-jährige Christopher an Lymphknotenkrebs starb, stimmten die Eltern einer Lungenbiopsie durch einen kleinen Einschnitt in der Brust zu. Doch van Velzen weidete den Leichnam regelrecht aus, obwohl das Krankenhaus weder über das Personal noch über Geldmittel verfügte, um all das Material zu untersuchen. Er unterzeichnete ein Memorandum, dass alle Gewebeproben und Organe konserviert werden sollten. 1999 waren die in dem feuchten Keller gelagerten Behälter mit einer schwarzen Schmutzschicht überzogen. Bei einigen lösten sich die Beschriftungen, bei anderen waren sie verblichen. Manche Organe lösten sich auf, da niemand den Formalinstand geprüft hatte. Der jetzt unter Leitung eines Juristen verfasste Untersuchungsbericht macht für die Zustände in Alder Hey nicht nur den sammelwütigen Professor verantwortlich, er attackiert die medizinische Zunft schlechthin. Die Verfasser werfen Ärzten vor, sich über den Wert von Organsammlungen gar keine Gedanken zu machen. Sie kümmerten sich wenig um die rechtlichen Beschränkungen und hegten die Einstellung, dass man sich nicht aufregen solle, wenn van Velzen mehr als andere Kliniken angehäuft habe. Englische Pathologen schneiden jedes Jahr rund 100 000 Leichname auf. Seit 1970 konservierten 210 Krankenhäuser und Universitäten insgesamt 54 300 Körperteile, Totgeburten und Föten. Darüber hinaus verfügen medizinische Museen und Archive über 47 300 schon vor 1970 entnommene Körperteile und über 480 600 Gewebeproben. Dass Eltern, deren toten Kindern ohne Zustimmung Organe entnommen wurden, geschockt sind, dass sie sich entrechtet fühlen, ist verständlich. Doch die Reaktionen haben einen Grad der Hysterie erreicht, der sich nur in ethnologischen Dimensionen begreifen lässt. Sie offenbaren eine Vorstellungswelt, die weitab von jeglicher Rationalität durch Tabus und mystische Ahnungen gekennzeichnet ist. Janet Dacombes drei Monate altes Baby wurde im Januar 1991 wegen einer undichten Herzscheidewand in Alder Hey operiert. Es starb im Februar. Als die Klinik die Mutter jetzt benachrichtigte, dass ihrem Baby bei der Obduktion Herz, Hirn, Darm und Nieren entnommen worden waren, forderte sie die Herausgabe der Organe. Denn "ich fühlte, dass

2

WISSEN
ich mein Baby nicht einmal im Tod beschützt hatte. Ich hatte geglaubt, es sei intakt zur Ruhe gelegt worden. Aber wir hatten nur einen Teil von ihm begraben." Das Krankenhaus schickte ihr die fehlenden Körperteile. Sie kamen in einer kleinen Kiste auf dem Rücksitz eines Bestattungswagens. In einer zweiten Zeremonie wurde das Grab geöffnet und die Kiste auf den Sarg gelegt. Der makabre Ritus griff um sich wie eine hysterische Besessenheit. Zweitbegräbnisse, Drittbegräbnisse, sogar ein Viertbegräbnis soll es gegeben haben. In Carol Wainwrights Vorstellung wandelte sich die erste Bestattung ihres vor sechs Jahren gestorbenen Babys Oliver zur "Beisetzung eines Kadavers". Das zweite Begräbnis fand im Dezember 1999 statt. Im Mai 2000 hörte sie, dass die Organsammlung in Alder Hey auch Zungen enthielt. Das Krankenhaus bestand darauf, Olivers Zunge in der zweiten Sendung mitgeschickt zu haben. Frau Wainwright will das nicht glauben: "Sie haben ihn seiner Stimme beraubt, sogar im Tod." Im Dezember 2000 erfuhr sie, dass die Klinik ebenfalls zehn Gewebeproben aufgehoben hatte. Auch die wollte sie nun zurückhaben. Am Tag der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts trug sie die auf Glasplättchen aufgetragenen und in einem Karton verpackten Abstriche stolz nach Hause. Einer der vielleicht bemerkenswertesten Aspekte des Skandals ist die bereitwillige Zustimmung auch sonst aufgeklärter Wissenschaftlichkeit verschriebener Zeitungen zu der von den Eltern beschworenen Beseeltheit toten Fleisches. Die Regierung, die erst kürzlich therapeutisches Klonen an Embryonen durchsetzte, heizt das archaische Volksempfinden noch auf. Kurz vor Veröffentlichung des Untersuchungsberichts war Alder Hey erneut in die Schlagzeilen geraten. Bei manchen pädiatrischen Herzoperationen muss der Thymus, ein in der Pubertät absterbendes Drüsengewebe, entfernt werden. Anstatt es als Klinikmüll zu entsorgen, gaben die Chirurgen - das war auch in anderen englischen Krankenhäusern üblich - die Gewebereste der Impfstofffirma Aventis Pasteur zur Entwicklung von Immun- und Autoimmunmedikamenten weiter. Die Firma zahlte einen symbolischen Betrag von fünf Pfund pro Gewebe. Die Presse deckte den "neuen Alder-Hey-Skandal" unter Überschriften wie Organe lebender Kinder verkauft (The Times) auf. Gesundheitsminister Milburn verurteilte die Gewebeverwertung mit einem parteipolitischen Schuss aus der Hüfte: "Unter dieser Regierung sind solche Verfahrensweisen völlig unakzeptabel." Eine Erklärung, warum die Verwendung des Gewebes so unakzeptabel sei, blieb der Minister schuldig. Mahnungen, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, bleiben einigen Ärzten überlassen, die sich auf Leserbriefseiten zu Wort melden. "Wenn ein Mensch stirbt", notiert

3

WISSEN
ein Chirurg mit ironischem Unterton in der Times, "verlässt die ,Seele' den Körper. So hat man uns das in der Sonntagsschule beigebracht. Die trauernde Verwandtschaft entledigt sich der Hülle durch Verbrennung oder Kompostierung. Tut es etwas zur Sache, ob das Herz und die Leber in der Hülle stecken? Können Verwandte überhaupt eine rationale Entscheidung über eine Organentnahme treffen? Ja, wenn sie medizinisch bewandert oder halbwegs gebildet sind. Dann werden sie verstehen, warum eine Hirn- oder Nierenuntersuchung Aufschluss über eine Herzklappenerkrankung geben kann." Eine Mutter schreibt, nach dem Tod ihres Kindes sei sie so traumatisiert gewesen, dass sie ihre Zustimmung zu einer Organentnahme sicherlich verweigert hätte. Heute hoffe sie, dass sein Körper zum Nutzen anderer verwendet worden ist. "Eltern besitzen ihre Kinder nicht. Im Umgang mit Toten sollte das Allgemeinwohl Vorrang haben." Das Gemeinwohl gerät zusehends ins Hintertreffen. Schon am 21. September 1999 hatte einer der zwei führenden Herzchirurgen der Alder-Hey-Klinik erklärt, er sehe sich aufgrund der zunehmenden öffentlichen Angriffe nicht mehr imstande, in der pädiatrischen Kardiologie zu operieren. Und die Zahl pathologischer Untersuchungen ist landesweit fast auf null zurückgeschnurrt - mit schwerwiegenden Folgen. Bei manchen Organen - Nieren, Leber, Darm und Lunge - ist es möglich, Biopsien zu machen. Andere Organe kann man nur schwer am lebenden Körper studieren. Die Hirnforschung hätte ohne die Untersuchungen von toten Gehirnen nie ihren heutigen Stand erreicht. Hirngewebeproben helfen bei der Erforschung der neuen Variante der CreutzfeldtJakob-Krankheit. Rachenmandeln sind eine Quelle für Antikörper, die genutzt werden, um das Immunsystem zu testen. Nierengewebe hilft bei der Entwicklung neuer Tests zur Krebsdiagnose. Das Gewebe von abgetriebenen Föten wird in manchen Ländern zur experimentellen Behandlung von Parkinson-Patienten verwendet. Kinderherzen werden aufgehoben, um neue Generationen von Chirurgen zu schulen. Angeborene Herzkrankheiten seien vielfältig, erklärt John Lilleyman, Präsident des Royal College of Pathologists. Jede Deformation hat andere Charakteristika. Deshalb dienten die Sammlungen verformter Herzen als wertvolles Lehrmittel. "Wie sollen wir das der Öffentlichkeit begreiflich machen?"
COPYRIGHT: DIE

ZEIT, 07/2001

ADRESSE: http://www.zeit.de/2001/07/Die_Leichen_im_Keller_des_Dr_van_Velzen

4