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Phantasie und feuernde Neuronen
VON Gerhard

Roth | 29. März 1996 - 13:00 Uhr

Descartes ist vor allem berühmt - oder berüchtigt - für seine radikale Unterscheidung von Materie (res extensa) und Geist (res cogitans). Mit dieser Unterscheidung hat er die Autonomie des Denkens und des Willens vor dem unerbittlichen Zugriff des PhysikalischNaturgesetzlichen bewahren wollen, gleichzeitig aber hat er alles andere konsequenter als irgend jemand vor ihm diesem Zugriff preisgegeben - einschließlich des Lebens: Die Reizung der Sinnesorgane und die Verarbeitung der sensorischen Information im Gehirn sind für ihn rein mechanistische, kausal ablaufende Prozesse, und zwar bis zu dem Punkt, wo diese Prozesse auf der Ober fläche der Zirbeldrüse "Figuren" (wir würden heute sagen, "Repräsentationen") hervorrufen, die dann unmittelbar von der Seele wahrgenommen werden. Vieles an der Wahrnehmungs- und Kognitionstheorie von Descartes ist außerordentlich hellsichtig. Er war mit den seinerzeit bekannten neurologischen, psychologischen und psychophysischen Befunden vertraut und hat diese mit seiner Gehirntheorie in Einklang zu bringen versucht. Den entscheidenden Schritt, auch den Geist und die Seele in ein naturwissenschaftliches Weltbild einzufügen, konnte er aus philosophisch-theologischen Gründen nicht tun, oder er hat ihn aus Furcht vor der kirchlichen Inquisition nicht gewagt. Ein solcher Schritt ist auch heute noch den meisten von uns nicht möglich: Zu verschieden erscheinen die uns umgebende physische Natur und das uns innewohnende Geistige, Mentale: bewußte Wahrnehmung, Ichgefühl, Aufmerksamkeit, Denken, Vorstellen, Erinnern, Willensakt, Handlungsplanung. Diese geistigen Zustände haben nach unserem Empfinden keinen Ort, sie sind unstofflich, verbrauchen - so scheint es - keine Energie, unterliegen nicht den Naturgesetzen. Es erscheint undenkbar, geistige Zustände und damit letztlich uns selbst auf seelenlose, kausal ablaufende Naturvorgänge reduzieren zu können. Dieser Descartessche Dualismus ist immer bekämpft worden, weil er mehr Probleme aufwirft, als er beseitigt. Wie kann denn - so heißt es - ein Geist, der nicht den Naturgesetzen unterliegt, auf das Gehirn und umgekehrt das Gehirn auf den Geist einwirken, ohne die Naturgesetze zu verletzen? Diesem Dilemma glauben manche wie John Eccles durch den Hinweis auf die begrenzte Gültigkeit des Kausalitätsprinzips im Bereich der Quantenphysik zu entgehen. Nach Eccles steuern Geist und freier Wille das Gehirn durch die Beeinflussung der Wahrscheinlichkeit, mit der an den Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen, den Synapsen, Botenstoffe (Transmitter) ausgeschüttet werden. Hier sollen nichtkausale Quantenprozesse eine entscheidende Rolle spielen. Dieser Ansatz ist von vornherein unbrauchbar, weil es keinerlei Beweis oder Hinweis dafür gibt, daß quantenmechanische Prozesse an einer einzelnen Synapse für das Funktionieren des Gehirns überhaupt eine Rolle spielen. Das menschliche Gehirn enthält zwischen hundert Milliarden und einer Billion Nervenzellen, wovon jede im Durchschnitt 10
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000 Synapsen besitzt, was zwischen einer und zehn Trillionen Synapsen ergibt - eine unvorstellbar große Zahl. Bei neuronalen Prozessen, die kognitiven oder geistigen Akten zugrunde liegen, kommt es auf viele Millionen von Neuronen an und eben nicht auf eine einzige Nervenzelle, geschweige denn auf eine einzelne Synapse. Geistige Tätigkeit und das Steuern von Bewegungen durch das Gehirn beruhen auf makroskopischen physikalischen Vorgängen, die sehr viel Stoffwechselenergie benötigen. Das menschliche Gehirn verbraucht, obwohl es nur zwei Prozent des Körpervolumens ausmacht, rund zwanzig Prozent der Stoffwechselenergie. Innerhalb des Gehirns ist die Großhirnrinde, deren Aktivität für Geist und Bewußtsein notwendig ist, besonders energiezehrend. Als Alternative zum Dualismus des Denkens wird ein radikaler Reduktionismus angeboten, für den Geist "nichts anderes" ist als ein besonderer Zustand von Gehirntätigkeit. Diese Alternative war aber so lange von philosophischer und psychologischer Seite nicht ernst zu nehmen, als es keine empirisch-experimentellen Möglichkeiten gab, eine solche Reduzierbarkeit zu beweisen oder zumindest plausibel zu machen. Dies scheint sich mit der rasanten Entwicklung der Hirnforschung grundlegend gewandelt zu haben. Hier sind neben einer verbesserten EEG-Technik zur Aufzeichnung von Hirnströmen vor allem die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und die funktionelle Kernresonanz-Spektroskopie (fNMR, "Functional Imaging") zu nennen. Diese Methoden messen die elektrische Aktivität des Gehirns nicht direkt, sondern beruhen auf der Tatsache, daß neuronale Erregungen von einer lokalen Erhöhung der Hirndurchblutung und des Hirnstoffwechsels (vornehmlich hinsichtlich des Sauerstoff- und Zuckerverbrauchs) begleitet sind. Wenn man nun mit Hilfe dieser bildgebenden Verfahren die Hirnaktivität (also Hirnstoffwechsel und Hirndurchblutung) untersucht, dann ist die Aktivität einer Versuchsperson immer dann erhöht, wenn das Gehirn mit komplexen Aufgaben konfrontiert ist, die Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern, wenn es ein unbekanntes Gesicht erkennen oder einen komplizierten Satz verstehen muß. Die Aktivität erhöht sich dort, wo man es aufgrund der Kenntnisse der funktionalen Organisation der Hirnrinde und anderer Hirnzentren erwarten würde. Man kann mit Hilfe von PET und fNMR also feststellen, welche Hirnteile bei bestimmten kognitiven oder geistigen Leistungen einschließlich des Denkens, Vorstellens oder Erinnerns tätig sind. So entstehen Karten mit einer Genauigkeit von einigen Millimetern. Die neuen Befunde haben die bisherige Theorie glänzend bestätigt: Geistige beziehungsweise mentale Prozesse sind stets an neuronale Aktivität in bestimmten Hirngebieten gebunden, auch wenn diese Aktivitäten oft über weite Teile des Gehirns verteilt sind und "parallel" arbeiten. Aus der Kenntnis solcher "geographischen Verteilungen" kann man im günstigen Fall auf den Typ geistiger Aktivität schließen. Weiterhin gilt: Je aufmerksamer und konzentrierter wir uns etwas vorstellen oder in Erinnerung rufen, je intensiver wir über eine bestimmte Sache nachdenken, desto stärker
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ist diese neuronale Aktivität und damit der Hirnstoffwechsel an bestimmten Stellen ausgeprägt. Und je müheloser und automatisierter wir Dinge gedanklich erledigen, desto weniger neuronale Erregung und desto weniger Sauerstoff- und Zuckerverbrauch lassen sich nachweisen. Geistige Aktivität ist also untrennbar an die anatomischen und physiologischen Gegebenheiten des Gehirns gebunden, und wenn wir über Pharmaka den Hirnstoffwechsel beeinflussen, dann beeinflussen wir auch die geistige Tätigkeit. Dies bedeutet: Geist ist etwas, das sich im Rahmen und auf der Grundlage meßbarer physikalischer und physiologischer Prozesse abspielt. Er entzieht sich nicht dem Naturgeschehen, sondern fügt sich im Gegenteil in dieses Geschehen ein. In diesem Sinne geht die Hirnforschung über Descartes hinaus. Sie setzt sein Werk der völligen "Physikalisierung" der Welt fort. Die Feststellung, daß Geist ein physikalischer Zustand ist, kann natürlich zu vielen Mißverständnissen führen. Zuallererst sagt diese Feststellung überhaupt nicht, der Geist müsse nun mit irgendeinem bereits bekannten physikalischen Zustand wie elektromagnetischen Wellen identisch sein oder er sei gar ein fester Körper. Geistige Zustände können durchaus physikalische Phänomene ganz eigener Art sein, die sich nicht auf andere physikalische Zustände reduzieren lassen. Dies ist auch bei elektromagnetischen Wellen und Festkörpern weder gefordert noch möglich. Weiterhin können wir annehmen, daß geistig-physikalische Zustände ganz eigenen Gesetzen gehorchen. Nur dürfen diese Gesetze den anderen physikalischen Gesetzen nicht widersprechen. Läuft dieses Argument von Geist als einem physikalischen Prozeß (oder Zustand) nicht doch auf einen platten Reduktionismus hinaus, für den Geist "nichts anderes als das Feuern von Neuronen" ist? Diese Frage ist eindeutig mit Nein zu beantworten. An der Aktivität einzelner Nervenzellen ist überhaupt nichts Geistiges. Vielmehr müssen Nervenzellen in großen Verbänden in vielen Teilen des Gehirns in sehr präziser Abstimmung untereinander tätig sein. Weiterhin tritt Geist nicht "automatisch" auf, wenn bestimmte Teile der Hirnrinde in Verein mit Zentren der retikulären Formation des Hirnstamms aktiv sind. Zwei weitere Systeme müssen gleichzeitig aktiv sein, nämlich das limbische System, das Bewertungen - erlebt als "Gefühle" - hervorbringt, und das Gedächtnissystem, das viele Neurobiologen auch zum limbischen System rechnen. Die gemeinsame und aufeinander abgestimmte Aktivität dieser beiden Systeme läßt im Gehirn bedeutungshafte Zustände entstehen. So wird ein bestimmtes Aktivitätsmuster in unserem Gehirn von uns als das Gesicht eines Angehörigen oder als ein Thema aus einer Sinfonie von Beethoven erkannt. Limbisches System und Gedächtnissystem weisen den neuronalen Aktivitäten Bedeutungen zu, und zwar im Kontext vergangener Bewertungen und Erfahrungen. Durch diesen Bewertungsprozeß wird die Interaktion mit der natürlichen und sozialen Umwelt in die Tätigkeit des Gehirns konstitutiv eingebracht. Bei solchen Modellen folgt von bestimmter philosophischer Seite regelmäßig lauter Protest: Wie können Nervenzellen (denn aus nichts anderem bestehen ja limbisches System und
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Gedächtnis) etwas "bewerten" und anderen Nervenzellen "Bedeutungen" zuweisen? Das sei ein klassischer Kategorienfehler. Hier würden unvereinbare Begriffsebenen miteinander vermischt. Wie können wir einen solchen Fehler aber vermeiden? Nicht, indem wir im Sinne von John Eccles feststellen, der autonome Geist bediene sich nur der Hirnprozesse, um sein mentales Geschäft zu verwirklichen. Einer solchen Autonomie widerspricht die klare Gebundenheit geistiger an neuronale Prozesse. Auch ein Parallelismus, der behauptet, während der Geist Bedeutungen konstituiere und verarbeite, liefen zeitgleich neuronale Prozesse nebenher, ist nicht annehmbar. Neuronale Geschehnisse werden in der Großhirnrinde erst mit einer Verzögerung von 0,3 bis 1 Sekunde bewußt, nämlich dann, wenn sie vom Gedächtnissystem und dem limbischen System (einschließlich der retikulären Formation) bewertet wurden. Bewußtsein ist eine Folge, nicht die Ursache von Gehirnprozessen. Die Hirnforschung steckt, sofern sie sich auf das Geist-Gehirn-Problem einläßt, in einem tiefen Dilemma: Sie muß in einer "mentalistischen" Sprache reden, sonst entgehen ihr genau die Phänomene, die es zu erklären gilt. Gleichzeitig muß sie sich in naturwissenschaftlichen Begriffen ausdrücken, denn im Gehirn geht es nun einmal physikalisch-physiologisch zu. Wir sind hier an Grenzen der traditionellen naturwissenschaftlichen Begrifflichkeit gekommen, an denen auch Descartes gescheitert ist. Diese Grenzen zu überwinden heißt auch, zwei Disziplinen zusammenzubringen, die sich trotz guten Willens noch nicht vereinigt haben: Hirnforschung und Psychologie. In der Psychologie herrscht immer noch die Meinung vor, man könne kognitive Prozesse, gleichgültig ob bewußt oder unbewußt, in Blockschaltbildern modellieren. Entsprechend glaubt man, kognitive Prozesse ohne Ansehen des materiellen Substrats beschreiben zu können. Dies ist jedoch ein schwerwiegender Irrtum. Jeder geistigen Aktivität entspricht genau ein neuronaler Prozeß (zumindest in ein und demselben Individuum), und jeder Veränderung des Gedankens entsprechen strukturelle und funktionelle Veränderungen im Verschaltungsmuster von Nervenzellen. Die Architektur des Gehirns bestimmt seine kognitiven Leistungen, und kognitive Leistungen - durch das limbische System bewertet - verändern die Architektur des Gehirns. Für diese Nichtabtrennbarkeit von Geist eine gemeinsame psychoneuronale Begriffsund Erklärungssprache zu finden ist die größte Herausforderung an beide Disziplinen. Sie würde den eigentlichen Schritt über Descartes hinaus darstellen, ohne in einem Reduktionismus zu enden, der das sprachlich beseitigt, was er eigentlich wortreich erklären wollte.
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ZEIT, 14/1996

ADRESSE: http://www.zeit.de/1996/14/Phantasie_und_feuernde_Neuronen

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