WISSEN

Helm auf zum Gebet: Die Hirnexperimente des Dr. Persinger
VON Ulrich

Schnabel | 01. November 1996 - 13:00 Uhr

Am Anfang demonstrierten vor Michael Persingers Labor noch bibelfeste Glaubensbrüder gegen seine "dämonischen" Experimente. Doch inzwischen hat man sich an die merkwürdigen Versuche hier gewöhnt. Schließlich gibt es in der kleinen kanadischen Provinzstadt Sudbury, die vor allem vom Nickelbergbau lebt, genug andere Probleme. Daß hier, rund eine Flugstunde von Toronto entfernt, auch die vielleicht heikelsten Menschenversuche der modernen Hirnforschung stattfinden, scheint kaum jemand zu interessieren. Reichlich ungeniert wagt Michael Persinger in der Neuroabteilung der Laurentian University , wovor die meisten Bewußtseinsforscher sonst zurückschrecken: Mit magnetischen Feldern bearbeitet er die Gehirne von Hunderten Versuchspersonen und studiert am lebenden Objekt die Manipulierbarkeit des menschlichen Denkorgans. Sein spektakulärstes Ergebnis dürfte dabei die Erzeugung mystischer Erfahrungen sein. So mancher Proband meinte, in Persingers Labor übernatürlichen Wesen oder Gott persönlich begegnet zu sein. Andere dagegen flohen entsetzt aus der Versuchskammer und sahen darin eher den Teufel am Werk. All dies spielt sich in einer Umgebung ab, in der kaum jemand übersinnliche Phänomene vermuten würde. Die klotzig-häßlichen Hochhausblocks der Laurentian University erscheinen ebenso trostlos wie die zahllosen Bergbau-Abraumhalden rund um Sudbury. Wenig esoterisch wirkt auch Michael Persinger selbst: Der 51jährige Neurophysiologe vermittelt mit seinem scharfkantigen Gesicht, mit Brille, Nadelstreifenanzug und einer etwas steifen Förmlichkeit eher das Bild eines überkorrekten Beamten. Sein Behavioural Neuroscience Laboratory findet sich im Untergeschoß der Universität und wirkt im Vergleich zu modernen Bewußtseinslaboratorien eher wie ein Hobbykeller. Einige veraltete Computer, Verstärker und ein EEG bilden die technische Ausrüstung. Die kleine schallisolierte Versuchskammer ist mit Möbeln eingerichtet, die vom Sperrmüll stammen könnten; inmitten von alten Teppichen und Kissen thront in der Mitte ein abgewetzter Polstersessel. Hier finden also die bewußtseinserweiternden Versuche statt. Mit dunklen Brillengläsern, licht- und schallisoliert, nimmt der Proband auf dem Sessel Platz und bekommt einen leicht umgebauten Motorradhelm aufgesetzt. "Innen sind an jeder Seite des Helms vier Magnetspulen angebracht", erläutert Persinger, "und darüber spielen wir sehr schwache Magnetfelder ein, die etwa ein Mikrotesla betragen." Diese elektromagnetischen Signale entsprechen etwa einem Zwanzigstel des Erdmagnetfeldes, wirken allerdings wesentlich
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wie Persinger zugibt. "wir können aber auch Signale einspielen. so als ob plötzlich noch jemand in der Kammer sei. auch das Gehirn beeinflussen und auf diese Weise Visionen oder andere mystische Erfahrungen hervorrufen? (7168 byte) Dr. Überdies versuchen wir nur das zu imitieren. Vor Nebenwirkungen und Langzeiteffekten seiner gewagten Experimente hat Persinger keine Angst. komme höchst selten vor: "Wissen Sie. was das Gehirn von alleine tut. Meist handelt es sich um freiwillige Studenten. daß Ufo-Sichtungen auf natürliche Leuchtphänomene zurückzuführen sind. Aus theoretischen Gründen scheint es jedoch keine Nebeneffekte zu geben. Persinger Um diese Hypothese zu testen. Persinger. Und die empirischen Daten zeigen. daß viele diese angenehmen Phänomene gerne noch einmal erleben wollten. "Wir können dabei das Gehirn als seinen eigenen Verstärker benutzen und das Muster der Hirnströme zurückspielen. dem Teufel zu begegnen. die wir zuvor mit dem EEG aufgezeichnet haben".WISSEN gezielter auf das Denkorgan ein. das sind Extremfälle." Die Erzeugung mystischer Erlebnisse ist freilich nicht das einzige ungewöhnliche Fachgebiet. die wir am Computer künstlich erzeugen. Außerdem vertritt er auch eine höchst eigenwillige Ufo-Theorie. "Bei neuen Entdeckungen haben wir immer das Risiko des Unbekannten." (26112 byte) Untersuchungsgegenstände So weit die Technik. daß selbst Langzeitbehandlungen mit intensiven Magnetfeldern ein relativ kleines Risiko bergen. daß die abrupten Schwankungen des Erdmagnetfeldes. Dies versucht er durch großangelegte statistische Korrelationen von Ufo-Sichtungen und Erdbeben zu beweisen. ausgelöst durch tektonische Verwerfungen. "Manche sagen. Kein Wunder also. ist überzeugt davon. daß sie ihren Schutzengel fühlen oder Gott oder so etwas ähnliches". Doch damit nicht genug: Könnte es nicht sein. so spekulierte er schon vor Jahren. um so kleiner ist das Risiko. erklärt der Hirnforscher. wir sind jedoch mehr am allgemeinen Durchschnitt interessiert. Aber es gibt auch negative Erfahrungen. die für ihre Teilnahme an den Experimenten einen kleinen Bonus für ihre Examensnote bekommen. je eher uns das gelingt. Daß jemand jedoch meine. mit dem sich der kanadische Doktor der Psychologie und Physiologie beschäftigt. die in Zusammenhang mit Erdbeben auftreten. setzte er in den vergangenen zehn Jahren über 500 Versuchspersonen seinen Helm auf. den die Versuchspersonen vor der elektromagnetischen Stimulation ausfüllen müssen. Damit will Persinger das Persönlichkeitsprofil seiner Probanden erforschen und vorab mögliche Risikofaktoren 2 ." Seine Vorsichtsmaßnahmen bestehen beispielsweise in einigen einfachen Koordinationstests und einem Fragebogen. Und ich denke. meint Persinger lakonisch. der früher einmal Geophysik studierte. Die damit erzielten Wirkungen sind höchst bemerkenswert: Viele Versuchspersonen spüren unter Persingers Motorradhelm eine eigentümliche "Präsenz".

Wut und Angst. Bei den Fachkollegen findet der Neurophysiologe aus Sudbury jedenfalls bislang nicht den rechten Anklang. das sei das Riskanteste gewesen.xml . Zu Recht warnt Susan Blackmore davor.WISSEN klären: Denn schließlich funktionieren seine Versuche am besten bei Menschen mit besonderer Sensibilität im sogenannten Temporallappen . und als sie schließlich die Kammer verließ. wiegelt er ab." Der Autor muß an dieser Stelle gestehen. "Hinterher sind die Leute allerdings wirklich benommen. können sie mich jederzeit danach anrufen. der den Probanden über den Kopf gestülpt wird." Daneben versucht Persinger. "wenn jemand stundenlang vor dem Fernseher sitzt. dann ist er hinterher auch benommen. 36/1996 ). die Gedächtnisleistung von Ratten oder ihre Aggressivität durch entsprechende Magnetbestrahlung zu verändern.zeit. die sich die Erforschung parapsychologischer Phänomene zum Ziel gesetzt hat (siehe auch ZEIT im Internet Nr.im Extremfall kann so eine Sensibilität allerdings auch zu Epilepsie führen. Um diesen Zusammenhang zu erforschen. daß die meisten Forscher von solchen Zusammenhängen offenbar nichts wissen wollten." Wenigstens überwacht er die Hirnveränderung mit einem EEG. Und die britische Psychologin Susan Blackmore. und manchmal verlieren sie sogar das Bewußtsein. Der von seiner Forschung besessene Persinger macht sich darüber jedoch wenig Sorgen. Dabei ließen sich beachtliche Effekte erzielen. was sie je mitgemacht hätte. hält Persinger in seinem Keller auch über 500 Versuchsratten. meint er und bedauert.txt. Durch die Anwendung von elektromagnetischen Feldern können wir das Ausmaß des Schadens beeinflussen. "Mit dem sogenannten Oktopus können wir das Magnetfeld um den ganzen Kopf rotieren lassen und erzielen damit noch stärkere Effekte". Viele Bewußtseinsforscher sind vom naßforschen Vorgehen des Kanadiers eher entsetzt. "da fühlte ich mich für Stunden schwach und desorientiert". "Wenn es Komplikationen gibt. meinte nach einem Selbstversuch in Persingers Labor.19961101." In der Abgeschiedenheit seiner Provinzuniversität geht Michael Persinger derzeit mit seinen Experimenten jedenfalls schon in die nächste Phase. daß niemand die Langzeitwirkungen der Anwendung von magnetischen Feldern auf das Gehirn kenne. "Ach wissen Sie". daß er dankend auf einen Selbstversuch verzichtete.de/1996/45/seltsam. Nacheinander durchlebte sie intensive Zustände von Ärger. sagt er und zeigt einen mit Klebeband umwickelten Kranz von acht Magnetspulen. "Während eines epileptischen Anfalles ist das Gehirn elektrisch sehr labil und sensibel. COPYRIGHT: (c) DIE ZEIT 1996 3 ADRESSE: http://www. Bei einigen induziert er mit chemischen Drogen epileptische Anfälle und untersucht dann den Einfluß von Magnetfeldern auf ihr Verhalten. Für alle Fälle bekommen die Versuchspersonen überdies die Telephonnummer des selbsternannten Hirnexperten mit nach Hause.

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