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Die Physik des Geistes
VON Ansgar

Beckermann | 09. Juni 1995 - 14:00 Uhr

Anfang der neunziger Jahre riefen einige Neurobiologen, unterstützt von Politik und Medien, die "Dekade des Gehirns" aus. Ein Schuft, wer Schlechtes dabei dachte. Denn sicher ging es nicht (nur) um die Forschungsmilliarden, die aus der Informatik und der künstlichen Intelligenz umgelenkt werden sollten in die Neurobiologie und Neuroinformatik. Schließlich können die beiden letztgenannten Fächer auf beachtliche Fortschritte verweisen - bahnbrechende Entdeckungen in der Hirnforschung. Aber berechtigen diese Erfolge heute schon zu dem Versprechen, das "Rätsel des Geistes" werde nun alsbald gelöst und die Neurobiologie sei dabei, Geist und Bewußtsein in absehbarer Zeit vollständig naturwissenschaftlich zu erklären? Der Bochumer Neuroinformatiker Christoph von der Malsburg etwa behauptet schon seit einigen Jahren, alle Bausteine zur Lösung des Leib-Seele-Problems lägen bereit, es bedürfe nur noch eines neuen Einstein, sie genial zusammenzusetzen. Und schlug nicht Gerhard Roth unlängst in der ZEIT (Nr. 8/1995) in dieselbe Kerbe, als er schrieb, das Leib-Seele-Problem (oder seine "moderne Version": das Geist-Gehirn-Problem) stünde kurz vor seiner empirischen Lösung? Soweit es sich nicht um bloße Propaganda handelt, muß man angesichts solcher Formulierungen wohl sagen: Hier wird die Größe der Aufgabe ebenso unterschätzt, wie die zu ihrer Lösung bereitstehenden Mittel überschätzt werden. Gerhard Roth verweist vor allem auf die beeindruckenden Fortschritte der Neurobiologie, insbesondere bei den bildgebenden Verfahren. "Positronen-Emissions-Tomographie" und "Kernspinresonanz-Spektroskopie" ermöglichen seiner Meinung nach - besonders wenn man Verfahren mit einer besseren zeitlichen Auflösung verbindet - den anschaulichen Nachweis des engen Zusammenhangs zwischen geistigen Aktivitäten und Gehirnprozessen. Mit diesen Verfahren könne man zum Beispiel feststellen, ob jemand über den Sinn von Wörtern nachdenkt oder sich eine Szene bildlich vorstellt. Doch dann verläßt ihn seine Begeisterung auch schon wieder, und er gesteht, daß "diese Befunde wenig (liefern), was nicht zumindest im Prinzip bereits durch frühere elektrophysiologische Untersuchungen und das Studium der Folgen von Hirnverletzungen nahegelegt wurde". So ist es in der Tat. Mit bildgebenden Verfahren kann man eben nur zeigen, in welchen Hirnregionen bei welcher Gelegenheit die neuronale Aktivität deutlich erhöht ist. Und mit diesen Daten dürfte es kaum möglich sein, das Leib-Seele-Problem empirisch zu lösen. Warum nicht? Zunächst einmal muß man fragen, welches Problem genau gelöst werden soll. Denn das Leib-Seele-Problem umfaßt eine ganze Reihe sehr verschiedener Teilprobleme unter anderen das Problem des Substanz-Dualismus und das Problem des Eigenschafts1

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Dualismus. Beim ersten geht es um die Frage, welche Art von Dingen die Träger mentaler Eigenschaften sind. Der Substanz-Dualist behauptet, daß es neben den physischen Gegenständen auch nichtphysische Dinge gibt und daß es diese immateriellen Dinge sind, die ein geistiges Leben haben, die denken, fühlen und sich entscheiden. Der SubstanzPhysikalist hingegen leugnet genau dies. Er behauptet, daß sich in der Welt nur physische Dinge finden und daß, wenn es überhaupt so etwas wie ein geistiges Leben gibt, bestimmte Organismen, also physische Dinge, Träger dieses Lebens sind. Da es kaum noch SubstanzDualisten gibt, spielt der Streit um den diesen Dualismus in der aktuellen Diskussion kaum noch eine Rolle. Die Frage des Eigenschafts-Dualismus ist etwas schwieriger zu verstehen. Mentale Phänomene können in der Regel als Eigenschaften oder Zustände von Personen verstanden werden. Wenn ich glaube, daß 2+2=4 ist, oder wenn ich mich über den Besuch eines Freundes freue, dann habe ich in diesem Moment bestimmte mentale Eigenschaften; nämlich zu glauben, daß 2+2=4 ist, oder mich über den Besuch eines Freundes zu freuen. Bei allen Eigenschaften komplexer Systeme kann man aber fragen, wie sie sich zu den physischen Eigenschaften dieser Systeme verhalten: Sind sie eigenständig in dem Sinne, daß sie sich nicht auf die physischen zurückführen lassen? Oder lassen sie sich doch auf physische Eigenschaften zurückführen und sind damit letztlich selbst welche? Wer die Position der Eigenständigkeit vertritt, ist ein Eigenschafts-Dualist; wer dagegen von einer Identifizier- oder Zurückführbarkeit ausgeht, ein Eigenschafts-Materialist oder -Physikalist. Das Problem, um das es hier geht, entspricht exakt dem Vitalismus-Streit, der um die Jahrhundertwende viele Wissenschaftler genauso faszinierte wie heute das Leib-SeeleProblem. Auch in der Vitalismus-Debatte ging es um die Frage, ob die für Lebewesen charakteristischen Merkmale (etwa Ernährung, Wachstum, Fortpflanzung, Morphogenese) eigenständige (oder wie man auch sagte: emergente) Eigenschaften sind oder ob diese Merkmale vollständig biologisch oder biochemisch erklärt, also ob sie ohne Rest auf das komplexe Zusammenwirken biochemischer Prozesse zurückgeführt werden können. Erst durch die Erfolge der Molekulargenetik wurde diese Streitfrage zugunsten der sogenannten Biologisten entschieden, nämlich zugunsten der Annahme, daß alle Lebensphänomene letztlich rein biochemisch zu erklären sind. Gibt es nun in der Neurobiologie Entwicklungen, die in naher Zukunft eine ähnliche Entscheidung zugunsten des Eigenschafts-Physikalismus erwarten lassen? Wohl kaum. Denn dazu wäre zweierlei erforderlich: Erstens müßte in einem viel strengeren Sinne, als er Gerhard Roth vorschwebt, gezeigt werden, daß alle mentalen Eigenschaften und Zustände eine neuronale Basis haben. Es würde also mitnichten der Nachweis genügen, daß mentale Zustände auf irgendeine Weise von neuronalen Prozessen begleitet werden. Vielmehr müßte gezeigt werden, daß jeder mentale Zustand in dem Sinne von einem oder von mehreren neuronalen Zuständen abhängt, daß er dann und nur dann auftritt, wenn einer dieser neuronalen Zustände realisiert ist.
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Und das wäre noch nicht alles. Es müßte überdies bewiesen werden, daß jeder mentale Zustand vollständig auf die ihm zugrundeliegenden neuronalen Zustände zurückgeführt werden kann. Damit ist gemeint, daß diese neuronalen Zustände nachweislich sämtliche Eigenschaften aufweisen, die für den mentalen Zustand charakteristisch sind - etwa so, wie man die Festigkeit eines Kristalls auf die Anordnung seiner Moleküle oder die Temperatur eines Gases auf die mittlere kinetische Energie seiner Moleküle zurückführen kann. Wenn Gerhard Roth behauptet, in den Naturwissenschaften könne sowieso niemals mehr als die Parallelität zweier Arten von Phänomenen nachgewiesen werden, wird er schon durch diese Beispiele widerlegt. Vergleicht man aber das, was zur Lösung des Problems des Eigenschafts-Dualismus eigentlich gezeigt werden müßte, mit dem, was von der Neurobiologie bisher gezeigt werden konnte, dann kann man schon verstehen, daß manche Neurobiologen nicht gern von Philosophen auf diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit hingewiesen werden. So wird auch verständlich, warum sie kritische Bemerkungen von philosophischer Seite sehr häufig als Versuch begreifen, Sand ins Getriebe zu streuen. Doch diese Einstellung könnte der eigenen Sache durchaus schaden. Denn wenn gute Philosophie etwas bewirkt, dann vor allem begriffliche Klarheit - Klarheit zum Beispiel im Hinblick darauf, worum es beim Leib-Seele-Problem eigentlich geht. Und diese begriffliche Klarheit sollte auch die Neurobiologie nicht geringschätzen. Denn ohne sie läuft sie Gefahr, am Ende wie der Kaiser mit seinen neuen Kleidern dazustehen. Allerdings gibt es auch einen anderen Typ philosophischer Einwände, der von den Naturwissenschaftlern vielleicht nicht ganz so ernst genommen werden sollte. Ähnlich wie beim Vitalismus-Streit gibt es eine Gruppe von Philosophen, die zu zeigen versuchen, daß mentale Zustände aus prinzipiellen Gründen niemals auf neuronale Zustände zurückgeführt werden können. Ihr Hauptargument lautet, daß mentale Zustände zwei Merkmale besitzen, die neuronale Zustände grundsätzlich nicht haben können: Sie sind intentional auf einen Gegenstand gerichtet (wenn wir glauben, glauben wir etwas, beispielsweise, daß es regnen wird; wenn wir wünschen, wünschen wir etwas, etwa ein neues Auto), oder sie haben einen qualitativen Charakter (es fühlt sich für das jeweilige Subjekt auf eine bestimmte Weise an, in diesen Zuständen zu sein). Diese Argumentation ist philosophisch hochinteressant; sie hat viel dazu beigetragen, daß wir heute besser verstehen, worum es beim Leib-Seele-Problem eigentlich geht. Sie ist also ebenfalls von großer Bedeutung für die Frage, was eigentlich für eine physikalistische Lösung des Problems des Eigenschafts-Dualismus erforderlich wäre. Aber sie hat auch einen "defätistischen" Aspekt, da sie auf die grundsätzliche Unmöglichkeit einer physikalistischen Lösung dieses Problems hinausläuft. Und davon sollte sich die Neurobiologie meiner Meinung nach nicht allzusehr beeindrucken lassen. Insbesondere sollte sie sich nicht davon abhalten lassen, weiter nach einer physikalistischen
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Lösung zu suchen. Denn Argumente, mit denen auf apriorische Weise die Unmöglichkeit der naturwissenschaftlichen Lösung bestimmter Probleme gezeigt werden sollte, sind in der Wissenschaftsgeschichte häufig durch ein besseres Verständnis dieser Probleme überholt worden. Auch hierfür liefert die Vitalismus-Debatte ein gutes Beispiel. Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Mannheim. Er gehörte zusammen mit Gerhard Roth und Wolfgang Prinz zu den Koordinatoren des interdisziplinären DFG-Schwerpunktprogramms "Kognition und Gehirn"
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ZEIT, 24/1995

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