WISSEN

Ein Orchester im Gehirn
VON Ulrich

Schnabel | 16. Juni 1995 - 14:00 Uhr

ZEIT: Ihre Bestseller über paradoxe Krankengeschichten sind eine Mixtur aus unterhaltsamen Fallgeschichten und wissenschaftlichen Exkursen in die Hirnforschung, die oft noch mit ausufernden Fußnoten versehen sind. Wen haben Sie dabei als Leser im Kopf? Oliver Sacks : Solche Leute wie Sie. Nein, im Ernst, ich weiß es nicht. Ich spreche nicht etwa gezielt die Jungen an oder die Älteren, oder Mediziner oder Nichtmediziner. Leserbriefe erhalte ich von den unterschiedlichsten Menschen, von Hausfrauen, von Kollegen, von Gefängnisinsassen, manchmal von ganz jungen Leuten, ich bekam schon Briefe von Elfjährigen. Ich weiß also nicht, wer mein typischer Leser ist. Ich hoffe, ich bin dabei nicht zur Kultfigur geworden. Denn das würde heißen, daß ich auf dem Weg zum Stereotyp bin. ZEIT: Vielleicht sollten Sie als nächstes lieber ein Kochbuch schreiben? Sacks: Ein Kochbuch, nein. Aber ich kann jetzt ein bißchen Urlaub davon machen, immer nur der Dr. Sacks, der Neurologe, zu sein. Ich möchte lieber über meine Liebe zur Botanik schreiben. Für mich ist Schreiben so etwas wie lautes Nachdenken. Ich habe keine Botschaft. Und ich würde auch weiterschreiben, wenn es kein Publikum gäbe, wenn ich auf einer einsamen Insel wäre. ZEIT: Das erstaunt mich. Sacks ohne Botschaft? Dabei werden Sie meist als jemand portraitiert, der das "harte" naturwissenschaftliche Wissen mit einer menschlichen Sichtweise des Patienten zu verbinden sucht, der die Naturwissenschaft auf gewisse Weise romantischer macht. Sacks: Ja, ich würde das sicher auch gerne so sehen. Man denkt doch auch mit seinem Körper, nicht wahr? Sie zum Beispiel bestehen aus einer Vielzahl von Systemen, von Neuronen, die sich miteinander unterhalten. Es sprühen Tausende von elektrischen Funken in ihnen. Dabei sind Sie nicht weniger komplex als das Universum. Doch auf der anderen Seite sind Sie vor allem Sie selbst, mit Ihrer eigenen Identität, mit Ihren Hoffnungen, Wünschen, Gefühlen. Wenn diese beiden Dinge in der Realität vereint sind, muß dies auch für ihre Beschreibung gelten. Ich weiß nicht, wie diese Vereinigung zustande kommen könnte, das ist sicher sehr schwierig, aber ich bin sicher, daß diese Vereinigung notwendig ist. Das ist mein Thema. Wissen Sie, mein Buch ist in erster Linie ein Buch zum Staunen. Es kommt aus meinem Staunen, und ich hoffe, das teilt sich mit. Ich habe zwar keine Botschaft, aber ich habe das Gefühl, es ist gut zu staunen.

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ZEIT: Dieses Jahrzehnt wurde zur "Dekade der Hirnforschung" ausgerufen. Ständig werden neue Erkenntnisse publiziert und Theorien über das Gehirn entwickelt. Wird dies auch unsere Fähigkeiten verbessern, mit Krankheiten umzugehen? Sacks: Ja. Nehmen wir nur zum Beispiel die Forschung, die sich mit den verschiedenen Dopamin-Rezeptoren oder Serotonin-Rezeptoren in Hirnzellen beschäftigt. Seit kurzem gibt es ein neues Medikament gegen Migräne, das auf Grundlage dieser Arbeiten entstand. Die früheren Migräne-Mittel waren "schmutzig", sie hatten neben dem gewünschten Effekt zehn unerwünschte Nebenwirkungen. Das neue wirkt wesentlich zielsicherer und damit verträglicher. Auf der anderen Seite benötigt man große Konzepte, die erklären, wie von den Molekülen aus Bewußtsein oder Identität entsteht. Da halte ich die Theorie von Gerald Edelman (dem Medizinnobelpreisträger, der eine Theorie des "neuronalen Darwinismus" entwickelt hat, die Red.) bislang für den ehrgeizigsten Versuch, ein Kontinuum von den allerersten Wahrnehmungen des Kindes bis zu den höchsten Stufen unseres Bewußtseins zu zeichnen. So gibt es etwa eine wundervolle Arbeit über die Art, wie Kinder nach etwas greifen, etwas erreichen. Sie sind nicht "programmiert", sie erreichen dies vielmehr durch eine Art Selektion, durch Versuch und Irrtum. Und diese Vorstellung ist dem Edelmanschen Ansatz entlehnt. Aber noch ist es in der Hirnforschung ein langer Weg bis zur direkten Anwendung. Um ein Bild zu benutzen: Man schießt Pfeile ab, bevor man die Physik versteht. Aber wenn man die Physik und die Bewegungsgesetze versteht, dann ist man vielleicht in der Lage, genauer zu schießen. ZEIT: Müssen wir eines Tages befürchten, daß das Gehirn und seine Arbeitsweise vollständig durch die Naturwissenschaft erklärbar werden - und damit auch manipulierbar? Sacks: Die Angst vor einer solchen Art "reduktiver" Wissenschaft ist weit verbreitet und sicher real. Es gibt zur Zeit viele solcher naturwissenschaftlicher Modelle. Der Vergleich des Gehirns mit einem Computer ist ein Beispiel für diesen Reduktionismus, die Gleichsetzung der künstlichen Intelligenz mit der menschlichen ein anderes. Auf der einen Seite haben solche Vergleiche zu enormen Einsichten und Fähigkeiten geführt; auf der anderen Seite aber auch zu enormer Blindheit und falschen Annahmen. Aber ich denke, echtes, wahres Wissen und Theoretisieren werden niemals reduzieren, sondern den Phänomenen eine höhere Wertschätzung beimessen. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen: Als der deutsche Physiker Hermann Helmholtz einmal mit Freunden in den Alpen war, kam ein Sturm auf. Helmholtz zückte einen Notizblock, warf Formeln aufs Papier und begann, eine allgemeine Sturmtheorie zu entwickeln. Seine Freunde meinten verärgert, er würde das Phänomen ja gar nicht mehr

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wahrnehmen, nicht mehr wertschätzen. Helmholtz jedoch antwortete: Im Gegenteil, das erhöht meine Wertschätzung. Ich denke nicht, daß unser Bewußtsein, unsere Subjektivität, unsere Sensibilität irgendwie weniger wertvoll werden, wenn man sie ein wenig klarer erkennt. Das Farbensehen etwa können wir heute zu einem gewissen Grad lokalisieren: Wir können sagen, dieser Teil des Gehirns, dieses visuelle Zentrum, ist notwendig für das Gehirn, um die Farbe Rot zu konstruieren. Aber wir können die Grenze nicht überschreiten zwischen den beobachtbaren Veränderungen im Gehirn und der notwendigerweise individuellen Erfahrung von "Rot". ZEIT: Können wir überhaupt von "dem Gehirn" sprechen? Arbeitet nicht der Kopf jedes Menschen anders? Sacks: Ja und nein. Auf der einen Seite sind wahrscheinlich die jeweiligen physiologischen Prozesse im Gehirn, die etwa zur Wahrnehmung oder zu anderen Aktivitäten führen, die bestimmte Gruppen von Neuronen stärken und andere schwächen, bei allen identisch. Andererseits unterscheiden sich selbst die Gehirne identischer Zwillinge in winzigen Details. Von Anfang an gibt es Variationen im Nervensystem. Bei der Geburt bleiben im menschlichen Gehirn große Bereiche ohne klare Funktion. Diese Areale bekommen ihre Aufgabe erst durch die Erfahrung des Individuums. Ohne Zweifel schließt dies auch seine Sprache ein, seine Beziehungen, Kultur, Kunst, alles. Die Natur spielt mit uns also eine Art Spiel. Im Vergleich etwa zu Papageien oder Farnen ist viel weniger vorprogrammiert, viel weniger vorherbestimmt. Es gibt viel mehr Raum für Zufälle und individuelle Erfahrungen. Wir haben eine große Freiheit - ob wir sie nun haben wollen oder nicht. ZEIT: Sie selbst haben über dreißig Jahre lang in der Hirnforschung gearbeitet. Hat sich das Verhältnis zu ihrem eigenen Gehirn dadurch verändert? Sacks: Ich denke schon. Vor etwa zwanzig Jahren hatte ich eine Art Krise. Damals gab es eine Kluft zwischen meiner Kenntnis vom Gehirn und meinem Gefühl, ein bewußtes Individuum zu sein. Ich hatte meine Vorbehalte gegen einige der existierenden Modelle, und ich sagte mir: Okay, ich habe da also einen Computer in meinem Kopf. Da gibt es die Hardware und die Software. Aber dann gibt es auch noch mich. Ich entwickelte also eine Art Dualismus. Für mich war es daher eine ungeheure Erleichterung, als ich anfing, etwas von Edelmans Theorien zu verstehen. Sie betrachten das Gehirn als etwas ganz anderes als einen Computer, als etwas, das sich selbst im Licht von Erfahrungen erschafft. Das erlaubte mir, mich mit meinem Gehirn mehr zu identifizieren und diese Art von Dualismus abzulegen. Ich erwähnte die visuellen Zentren für Farbe oder Bewegung. Es gibt etwa fünfzig visuelle Zentren, die alle auf eine Art unabhängig und autonom voneinander arbeiten. Alle von ihnen sind mit unterschiedlichen Aspekten der visuellen Welt beschäftigt, mit Farbe,
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Bewegung, Eindrücken von Raum, Winkeln, Formen, Kontrast. Und doch gibt es am Schluß keinen "Bildschirm", auf den diese Eindrücke zusammen projiziert werden und auf den Sie, der Beobachter, schauen. Denn das würde einen Homunkulus erfordern, ein kleines Selbst, das sich dieses Bild in Ihrem Kopf anschaut. Und das würde wiederum einen noch kleineren Homunkulus erfordern und so weiter, und so weiter. So geht es also nicht. Aber was es offensichtlich gibt, ist eine ständige Konversation zwischen diesen fünfzig Zentren. Und diese Unterhaltungen sind es, die man erfährt, die zur visuellen Erkenntnis werden. Ich spreche hier nur von den visuellen Eindrücken. Letztlich müssen wir uns Tausende solcher Zentren vorstellen und Tausende von Stimmen. Ich denke, mein Bild vom Hirn hat sich dahingehend gewandelt, daß ich mir so etwas wie ein tausendköpfiges Orchester vorstelle. Es spielt - oder konstruiert - die Musik der Realität.
COPYRIGHT: DIE

ZEIT, 25/1995

ADRESSE: http://www.zeit.de/1995/25/Ein_Orchester_im_Gehirn

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