Geschichtsreisen

Reiseführer zu den heiligen Denkmälern in der Tschechischen Republik

Cesty s příběhem

INHALT

5

Inhalt
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens Prag und Mittelböhmen (Hauptstadt Prag und Region Mittelböhmen) Geschichte eines Weges: Der Winterkönig – Friedrich V. von der Pfalz Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Orte in Prag Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen Südwestböhmen (Südböhmische und Pilsener Region) Geschichte dreier Wege: Die drei Jans Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen Nordwestböhmen (Region Karlovy Vary und Ústí nad Labem) Geschichte eines Weges: Bischof und Fürst – Jindřich Břetislav Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen Nordostböhmen (Region Liberec und Hradec Králové) Geschichte eines Weges: Adelig, heilig und einfach – Zdislava von Lemberk Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen 7 37 38 40 40 48 53 58 77 78 80 80 84 92 105 106 107 108 112 119 125 126 128 128 133 140
Obsah

6

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Böhmisch-Mährische Grenzregionen (Vysočina und Region Pardubice) Geschichte eines Weges: Der Hussitenkönig – Georg von Podiebrad
Obsah

149 150 152 152 159 165 175

Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen Nordmähren und Schlesien (Mährisch-Schlesische Region) Geschichte eines Weges: Schlesischer Autor eines slowakischen Bestsellers – Jiří Třanovský Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen Mittelmähren (Region Olomouc und Zlín) Geschichte eines Weges: Der Lehrer der Nationen – J.A. Comenius Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen Südmähren (Region Südmähren und Zlín) Geschichte eines Weges: Der Maharal – Rabbi Jehuda ben Bezalel Charakter der Landschaft Ereignisse und Persönlichkeiten Wichtige Städte in Geschichte und Gegenwart Routen

176 178 178 184 189 199 200 202 202 207 213 223 224 226 226 233 238

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, würgen und heilen, brechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Stein zerstreuen und Steine sammeln, herzen und ferne sein von Herzen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zunähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Friede hat seine Zeit.“ (Bibel, Buch Prediger 3,2)
Interieur der St.-Veits-Dom auf der Prager Burg, Prag. Foto: CzechTourism

8
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Magni | Geschichtsreisen.
Die Tschechische Republik, ein Land im Herzen Europas, ist eine Kreuzung vieler Wege. Im Verlaufe der Jahrhunderte reisten auf ihnen Kaufleute und auch Militärtruppen aus allen Himmelsrichtungen, jedoch auch Wallfahrer mit tiefgründigen Ideen, die die Geheimnisse des Lebens und der ganzen Welt berührten. Auf diesen Wegen kamen hierher aus dem mazedonischen Thessaloniki die Brüder Kyrill (damals noch Konstantin) und Method, die in wesentlicher Weise zur Verbreitung des christlichen Glaubens beitrugen. Auf diesen Wegen zogen junge Fürsten zur Taufe, zum Studium der Theologie und zum Kennenlernen der westlichen Kultur fort. Über diese Pfade zogen Könige, Kaiser, Professoren, Kardinäle, Gesandte, Kuriere oder Boten mit wertvollen Büchern, versiegelten Urkunden und auch architektonischen Plänen. Und über diese Wege strömte gemeinsam mit den Wallfahrern das Bemühen, den christlichen Glauben zu verbreiten und zu heilen, damit er seiner ursprünglichen Mission näherkommen möge. Böhmen und Mähren waren viele Male der Mittelpunkt des geistlichen Geschehens in Europa. Es wuchsen hier erhabene und architektonisch herrliche Bauwerke empor, es entwickelte und vertiefte sich die Bildung. Daher musste es unweigerlich auch zu einem geistigen Ringen, zu Konflikten in Bezug auf die Reinheit des Glaubens, auf die Enthüllung jenes Geheimnisses des Lebens und der Welt kommen. Mit den Kämpfen kamen auch die Armeen, die erneut zerstörten, plünderten und das „Herz Europas“ zur Peripherie des europäischen Geschehens werden ließen. Ein Zeugnis der Zeiten des Bauens und Zerstörens, der Kämpfe und auch des Friedens sind bis heute die Orte, die in jeder Generation stets aufs Neue all jene anziehen, die mehr zu begreifen bemüht sind – oder für eine Weile der Hektik dieser Welt entfliehen möchten. Diese Orte gibt es wohl in allen böhmischen und mährischen Städten, Städtchen, Dörfern wie auch in der freien Landschaft. An diesen Orten stehen Kathedralen, Klöster, Kirchen, Schulen, Gebetsstätten, Synagogen, Friedhöfe oder lediglich kleine Kapellen, Sühnesteine oder -kreuze irgendwo in den Feldern. Sie sind Zeugen und Zeichen der uralten menschlichen Sehnsucht, die Geheimnisse zu berühren und Antworten auf ihre Fragen zu finden. Wir können uns erneut auf diese Wege und an diese Kreuzungen begeben und gemeinsam nach beinahe vergessenen Begebenheiten zu suchen, Ideen wiederzubeleben, die Europa, ja die ganze Welt in Bewegung versetzten. Uralte Steine, Gebäude und Statuen zu berühren, die bereits über Jahrhunderte Zeugen einer großen Geschichte, überwältigender und erhabener Begebenheiten sind. Magni, das sind Wege mit einer Geschichte.

Aus den Wegen der Kelten, Römer und Slawen wurden Wege der Christen Anmerkung (9.–11. Jh.): Nach dem Zerfall des fränkischen Reiches Karls des Großen

GEISTLICHE GESCHICHTE BÖHMENS UND MÄHRENS

9
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

in drei Teile (814) und im Schatten des neu in Erscheinung tretenden ostfränkischen Reiches wuchs die Basis eines neuen Staatsgebildes der Westslawen, das Großmährische Reich, das Kontakte sowohl zum christlichen Abendland (Rom) als auch zum Osten (Byzanz) unterhielt. Nach seinem Untergang wurde das Zentrum der westslawischen Staatlichkeit das Böhmen der Přemysliden, das sich mehr an das abendländische Christentum anlehnte. Herausragende Gestalten dieser Zeit sind die byzantinischen Missionare Konstantin und Method, der Přemyslidenfürst Václav (Wenzel) und der Bischof der Slawnikiden Vojtěch (Adalbert). An die Epoche der Geburt der tschechischen Staatlichkeit knüpfte die Ära des Aufschwungs des Heiligen Römischen Reiches an, das den Sieg der christlichen Bildung und Kultur mit sich brachte. Dem europäischen Kontinent wurde eine gemeinsame geistige Dimension in die Wiege gelegt. Auf den bereits damals uralten Wegen, über die über Jahrhunderte keltische Kaufleute und Druiden, römische Legien, slawische Stämme, awarische Nomaden, irische Missionare und auch fränkische Truppen zogen, kamen im Jahre 864 in das Gebiet Mährens aus dem mazedonischen Thessaloniki zwei Brüder, Konstantin und Method. Der byzantinische Kaiser Michal III. hatte sie auf Ersuchen des großmährischen Fürsten Rostislav I. hierher entsandt, um in Mähren die christliche Religion zu lehren, Priester heranzubilden und Kirchen zu gründen. Der Erfolg der beiden Brüder lag vor allem darin begründet, dass sie nicht am Latein festhielten, sondern nach dem Vorbild des griechischen Alphabets eine slawische Schrift schufen – die glagolitische Schrift

Heiliger Kyrill und Method Josef Zelený, 1863 Bild im Kloster Rajhrad

(Glagoliza), in die sie die grundlegenden christlichen Texte übertrugen und somit den Slawen die christliche Botschaft in ihrer Sprache übermittelten. Die Abhaltung der Gottesdienste und der Unterricht des Christentums erfolgt in altslawischer Sprache. Relikte der Denkmäler aus jener Zeit können wir in Südmähren finden, vor allem in Mikulčice und in Staré Město bei Uherské Hradiště. Von oben verbreitete sich der Glaube Die erste Taufe böhmischer Fürsten erfolgte bereits im Jahre 845 im deutschen Regensburg, jedoch verwandelten sich uralte heidnische Wege in christliche auch dann, als im Jahre 880 in Mähren der Přemyslidenfürst Bořivoj mit seiner Gemahlin Ludmila aus den Händen des

10
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Erzbischofs Method die Taufe empfing. Der ganze Akt fand sicherlich in einer nach dem Vorbild byzantinischer Tempel errichteten Kirche statt. Ihre durchleuchtete und leicht gestaltete, das Himmelszelt darstellende Kuppel symbolisierte das himmlische Königreich unter der Herrschaft Christi; der untere Saal zur Versammlung der Menschen stellte die menschliche Welt das (das berühmteste Beispiel eines Tempels dieses Typs ist die Hagia Sophia im heutigen Istanbul). Byzantinische Kirchen hatten eine überdachte Vorhalle namens Narthex, die für bislang ungetaufte, sich die Lehre des Christentums erst aneignende Menschen bestimmt war. Auf Bořivoj, den ersten bekannten Fürsten der Přemysliden, musste diese Reise einen tiefen Eindruck hinterlassen haben – der slawische Gottesdienst wurde in Böhmen sodann neben dem abendländischen, lateinischen Gottesdienst bis in die Zeit seines Enkels, des Fürsten Václav (Wenzel), abgehalten. Wenzels Wege waren jedoch bereits in Richtung des Abendlandes, des ostfränkischen Reiches abgesteckt. Nach den westlichen Vorbildern entstanden auf böhmischem Gebiet die ersten vorromanischen Kirchen. Die älteste von ihnen ist die Rotunde auf der Burg Levý Hradec, die dem Hl. Clemens geweiht war, dessen sterbliche Überreste gerade von den Aposteln aus Thessaloniki von der Krim nach Rom gebracht worden waren. Die gleiche Weihe erfuhr auch die Kirche in Stará Boleslav (Alt-Bunzlau), die Fürst Wenzel (als hölzernes Gotteshaus) errichten ließ. Nach dem späteren romanischen Umbau wurde sie mit wertvollen Fresken geschmückt, auf denen nicht nur die Darstellung des Fürsten, sondern auch seiner

Hl. Ludmila Alfons Mucha, 30er Jahre des 20. Jh. Bleiverglasung im St.-Veits-Dom, Prag

frommen Großmutter, der Hl. Ludmila, in Erscheinung tritt. Selbige erzog ihn gemeinsam mit dem Bruder zu einem Christen, während im Lande als Regentin die Mutter der minderjährigen Knaben, Fürstin Drahomíra, regierte, der, im Gegenteil, christliche Neuheiten nicht allzu willkommen waren. Die Rivalität zwischen der Schwiegermutter und der Schwiegertochter endete erst mit der politischen Ermordung der Hl. Ludmila durch Schergen aus dem Gefolge von Drahomíra. Der Hauptstreit beider Fürstinnen stand allerdings weniger im Zusammenhang mit der Annahme oder Nichtannahme des Christentums. Die eine wollte sich in der Außenpolitik auf Bayern orientieren, mit welchem Wenzels Vater, Vratislav, gute Beziehungen unterhielt, während sich die andere Sachsen zuwandte, dessen König Heinrich der Vogler immer mehr an Macht gewann. Weitere Stimmen, denen der verräterische Boleslav gehör schenkte, rieten im Gegensatz hierzu, sich von den deutschen Fürsten und Königen die volle Souveränität zu erkämpfen… Kaum hatte Wenzel die Volljährigkeit erlangt und die Herrschaft übernommen,

GEISTLICHE GESCHICHTE BÖHMENS UND MÄHRENS

11
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

ließ er Ludmila auf der Prager Burg bestatten, wobei er seine Mutter zur Strafe vom fürstlichen Hofe verbannte (womöglich auch des Landes verwies). Später vermochte er jedoch, ihr zu verzeihen, wobei es durchaus möglich ist, dass gerade Drahomíra bemüht war, Wenzel vor dem Ansinnen seines Bruders Boleslav zu warnen, der von den kampflüsternden Vladiken zum Brudermord angespornt wurde, den er vor der Kirche der Hl. Cosmas und Damian in Stará Boleslav (Alt-Bunzlau) im Jahre 935 verübte. Gründung des Bistums in Prag Böhmen und Mähren unternahmen einen bedeutenden geistlichen Schritt im Jahre 973 bei der Gründung des Prager Bistums. In der Rotunde auf dem Levý Hradec, wo er vorher eingesegnet und zum Diakon geweiht worden war, wurde zum zweiten Prager Bischof (und ersten böhmischer Herkunft) im Jahre

Hl. Vojtěch (Adalbert) Mihály Kovács, 1855 Öl auf Leinwand

982 Vojtěch Slavníkovec (lat. Adalbert, aus dem Geschlecht der Slawnikiden) gewählt. Als junger Bursche hatte er Theologie in Magdeburg studiert, wo er dem späteren Kaiser Otto III. nähergekommen war. Die asketischen Züge des großen Slawnikiden gerieten jedoch in Böhmen in Widerspruch zur Realität des bischöflichen Amtes in dem erst unlängst und nur oberflächlich getauften Lande. Nach fünf Jahren vergeblichen Bemühens, den Handel mit Sklaven, (aus welchem das damalige Prag seinen Reichtum schöpfte), die Polygamie und den Alkoholismus auszumerzen, verließ er angewidert das bischöfliche Amt und reiste mit seinem Bruder und unzertrennlichen Weggefährten, dem Hl. Radim (Gaudentius) nach Rom. Nach einem Appell des Fürsten Boleslav II. kehrte Vojtěch im Jahre 992 auf seinen bischöflichen Thron zurück und brachte eine Gruppe italienischer Benediktiner mit, für die er unweit der Prager Burg in Břevnov (Breunau) das erste Männerkloster in Böhmen gründete. Das erste Kloster in den böhmischen Landen war der Benediktiner-Frauenkonvent zu St. Georg (Jiří) auf der Prager Burg, der bereits im Jahre 976 gegründet worden war. In einer Zeit, in der Vojtěch während einer Missionsreise zu den baltischen Prussen den Märtyrertod erlitt, wurde das ostfränkische Reich in Verbindung mit der geistlichen Autorität Roms zu einer Großmacht Mitteleuropas, zum Heiligen Römischen Reich. Der Bischof Vojtěch war bemüht, die Autonomie der Kirche zu stärken, die damals von der weltlichen macht stark abhängig war. Er war einer der führenden Heiligen auch in Ungarn und in Polen, für die er ein Apostel war (der Legende nach soll er den späteren

GEISTLICHE GESCHICHTE BÖHMENS UND MÄHRENS

17
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

(Andreas von Guttenstein) im Jahre 1222 mit Přemysl Ottokar I. das „Große Privilegium der böhmischen Kirche“ vereinbarte. Das Böhmische Königreich Přemysl musste dieses Zugeständnis nicht allzu belasten – dank der „Goldenen Sizilianischen Bulle“, die durch den Kaiser bereits 10 Jahre früher erlassen worden war, erlangten die Přemysliden die königliche Krone auf dem Erbwege. Der Einfluss des Böhmischen Königreiches nahm ständig zu, nicht zuletzt dank der Entdeckung der Silbervorkommen bei Kutná Hora (Kuttenberg), seinerzeit die reichsten in ganz Europa. Böhmen erlebte unter dem Taktstock eiserner und goldener Könige eine „silberne“ Ära der mittelalterlichen Kultur, der gotischen Architektur und der Entwicklung vieler Städte, Burgen und Dörfer. Bei den meisten Gemeinden in Böhmen und Mähren stammen die ersten urkundlichen Erwähnungen gerade aus jener Zeit. Im 13. Jahrhundert kamen nach Böhmen neue Orden: die Franziskaner mit dem Armutsideal, die Dominikaner mit der Mission, die Rechtgläubigkeit der katholischen Kirche zu behüten. Der wachsende Einfluss und Reichtum der Herrscher aus dem Geschlecht der Přemysliden standen in Kontrast zur Geschichte der jüngsten Tochter des böhmischen Königs Přemysl Ottokar I. und Konstanze von Ungarn, der Prinzessin Anežka (Agnes), die sich nach dem Vorbild der Elisabeth von Thüringen entschied, ihr Leben der Fürsorge um die Kranken und Bedürftigen zu weihen. Sie gründete in Prag das Spital des Hl. Franz und wurde Oberin des neuen Klosters der Klarissen. Für den Rest ihres Lebens, das

Karl IV. Meister Theodoricus, um 1370 Fragment eines Votivbildes

sie mit uneigennütziger Hilfe, Liebe und Demut ausfüllte, ließ sie sich nur „ältere Schwester“ nennen. Nicht zufällig schlug den gleichen Weg auch eine andere edle Frau ein, Zdislava von Lämberg. Obwohl sie vermählt war und vier Kinder erzog, beteiligte sie sich auf ihrem Dominium energisch an der Errichtung der Klöster und des Spitals in Turnov (Turnau) und in Jablonné v Podještědí (Deutsch-Gabel). Beide Frauen gaben ein Beispiel, dass Vermögen nicht vor allem ein Instrument zur Erlangung politischer Macht, sondern zu Taten der Liebe und Barmherzigkeit sein sollte.

Wege der Inquisitoren, eifrigen Prediger, der Ketzer, der Hussiten Anmerkung (14.–16. Jh.): Die Epoche des Hochmittelalters, des Zeitalters der Kathedralen und der autoritär siegreichen Kirche endete durch die Krise des abendländischen Papsttums und somit des Vertrauens der Menschen in die

18
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Institutionen der Kirche. Auf die Ungewissheit hinsichtlich der Erlösung der Seele reagierten neue geistliche Strömungen, eine neue Frömmigkeit (devotio moderna). Man war auf der Suche nach einem „Heilmittel der Gewissheit“ vor allem im direkten Herrschen des höchsten Königs, Jesu Christi, in der Durchsetzung der Kenntnis der Bibel, im Predigen des Evangeliums. Nicht mehr in der Institution der Kirche, die zwei und auch drei Päpste auf einmal hatte, sondern direkt bei Gott suchten die Menschen die Gewissheit der Errettung. Auf diese unruhige Zeit reagierte Kaiser Karl IV., der Europa ein neues geistiges Zentrum im „hunderttürmigen Prag“ anbieten wollte. Allerdings war das einfache Volk nicht mehr bereit, lediglich geduldiger Empfänger des Herrscherwillens zu sein, indem es selbst geistliche Geschichte schreiben wollte. Hierin hatte es seine Führer: Jan Milíč z Kroměříže (Johann Militsch von Kremsier), Jan Hus, Jan Žižk, Petr Chelčický (Peter von Chelčitz) und weitere. Die Ära der Ritter und des königlichen Glanzes war zu Ende, es kam die Zeit der Prediger, der Reformatoren und der Hussitenmkämpfer. Das „Zeitalter der Kathedralen“, das Zeitalter der über die Könige (Kampf um die Investitur) und über die Heiden (Kreuzzüge) siegenden Kirche dauerte jedoch nicht lange. Die Ära der Kreuzzüge in das Heilige Land endete definitiv mit dem Verlust der eroberten Gebiete und der scheinbar ausgefochtene Kampf um die Investitur kehrte im Jahre 1303 über die Hintertür im Streit des Papstes Bonifatius VIII. mit dem französischen König Philipp IV., dem Schönen, den der Papst nicht zum Kaiser krönen wollte. Weitere heilige Väter wurden in das französische

Die Verbrennung des Magisters Jan Hus Diebold Schilling d. Ä., 1485 Fragment aus der Chronik

Avignon umgesiedelt und beim Versuch der Wahl eines neuen, im Jahre 1378, wurden zwei Päpste gewählt – (Gegenpapst) Clemens VII. in Avignon und (Papst) Urban VI. in Rom. Ein Kandidat war bezeichnend französischer Kardinal und der andere italienischer Kardinal. Die universelle Macht des Papstes und der Kirche im abendländischen Europa war gebrochen. Zu damaliger Zeit tauchten jedoch immer mehr Denker, Theologen und einfache fromme Menschen auf, die sich nicht fürchteten, die Krise der Kirche beim Namen zu nennen und ihr häufig von unten entgegenzutreten. Für sie bedeutete die päpstliche Doppelwahl lediglich, dass dem einköpfigen Drachen ein zweiter und einige Jahre später sogar ein dritter Kopf gewachsen war. Bereits früher endete mit der Brandmarkung als Ketzer Petrus Valdes, ein Lyoner Kaufmann, der sich entschlossen hatte, das einträgliche Gewerbe an den Nagel zu hängen, die Familie materiell abzusichern und den Rest des Geldes für Abschriften

GEISTLICHE GESCHICHTE BÖHMENS UND MÄHRENS

19
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

Jan Rokycana (Johann von Rokitzan) Jan Balzer, 18. Jh. Kupferstich

der Bibel und das Dasein als Wanderprediger auszugeben. Die Waldenser oder auch „lombardischen Armen“, in Europa von der Inquisition verfolgt, wanderten in der vorhussitischen Zeit über die Pfade des Böhmerwaldes auch bis nach Südböhmen, um sich hier der „deutschen Kolonisierung“ anzuschließen. Andererseits hatte im Rahmen der Kirche ein günstigeres Schicksal Franz von Assisi, der ebenfalls dem Besitz entsagte, Bettelpilger wurde und eine Gemeinschaft gleichgesinnter Brüder – den Bettelorden der Franziskaner – gründete. Zwischen den Heiligen und den Ketzern bestand oftmals nur eine hauchdünne Trennlinie. Durch die Ironie des Schicksals wurden einige Franziskaner im Laufe der Zeit mit der Inquisitionstätigkeit gerade gegen die Waldenser beauftragt.

Das Neue Jerusalem im Herzen Europas In der Zeit des sog. Exils von Avignon wollte der junge böhmische König und Kaiser Karl IV. von Luxemburg, dem das böhmische Land im Unterschied zu seinem ritterlichen Vater Johann zur wirklichen Heimat wurde, aus dem Böhmischen Königreich und konkret aus Prag das geistige Zentrum Europas machen und so vielen christlichen Pilgern, die nach Rom oder Avignon wanderten, eine näherliegende Alternative anbieten. Böhmen mit Prag an der Spitze sollte die europäische Kreuzung Nummer Eins werden. Karls Bemühungen um die Förderung des Böhmischen Königreiches waren sicher sowohl religiös, als auch politisch-pragmatisch motiviert – Prag wurde zunehmend nicht nur ein Zentrum der Weltpolitik, sondern auch des geistigen Lebens, gewissermaßen ein zweites Rom. Kaiser Karl beschloss, in der Stadt seines kaiserlichen Sitzes alles zu haben: Das Bistum erhob er in den Rang einer Erzdiözese, gründete die Universität, ließ gotische Kathedralen erbauen, wollte hier möglichst viele Glaubensorden, Reliquien Heiliger, Geschäfte, Bücher und auch Gelehrte haben. Seine „geistige Sammlerleidenschaft“ illustriert wohl die Gründung des Emmaus-Klosters, wohin er slawische Benediktiner aus Kroatien berief, sodass somit nach einem Vierteljahrtausend in den böhmischen Landen erneut die slawische Liturgie erklang. Prag mit dem Emmaus-Kloster sollte das Zentrum der slawischen kirchlichen Bildung werden. Karl wählte als Standort des Emmaus-Klosters die neu entstandene Prager Neustadt, die von ihrem Grundriss her an die Stadt Jerusalem erinnert. Die fünf Neustädter Kirchen bilden aufgrund

20
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

ihrer Lage ein gleichschenkliges Kreuz. Und da über das gesamte Mittelalter die Überzeugung vorherrschte, dass das himmlische Jerusalem nicht fern sei, sollte die böhmische Metropole nach dem Willen des luxemburgischen Kaisers ein Tor zur Ewigkeit werden. Ein Meisterstück der gotischen Kunst ist die Kapelle des Hl. Kreuzes auf der Burg Karlstein, wo der Kaiser selbst abgebildet ist. Die Urväter der Reformation Karl zögerte auch nicht, Prediger zu berufen und zu unterstützen, die den Zustand der Kirche kritisierten, wobei er konkret aus Österreich den flammenden Redner Konrad Waldhauser berief, der mit seinen Predigten in Prag „neue Wege der Kirche“ anregte, an welche Jan Milíč z Kroměříže (Johann Militsch von Kremsier) im Zeichen der Armut und der Hilfe für ausgestoßene, der Prostution bezichtigte Frauen anknüpfte. Nach ihm begab sich sein Schüler Matěj z Janova (Matthias von Janov) auf Bildungsreisen, vor allem zum Studium der Bibel. Und als Karls Tochter Anna, die Gemahlin des englischen Königs Richard II., in der neuen Heimat die Sprache ihres Gemahls anhand der Erstübersetzung der Bibel in das Englische von John Wycliff, einem aus Oxford stammenden Kritiker der Kirche und vor allem des Papsttums, erlernte, war die wechselseitige Verknüpfung der böhmischen Bemühungen um die Reform der Kirche lediglich eine Frage der Zeit. Eine Abschrift von Wycliffs „ketzerischen“ Schriften vermochte vor ihrer Verbrennung Jeroným Pražský (Hieronymus von Prag) zu erstellen, der sie nach Prag mitbrachte und sie zum Lesen dem Magister der „freien Künste“ der Prager Universität

Jan Hus vorlegte. Diesem schienen die Ideen des Oxforder Professors bei Betrachtung des damaligen Zustandes der Kirche gerechtfertigt zu sein. Was sie damaligen Vertreter der Kirche auch unternahmen, alles wurde nur noch schlimmer. Die Wahl des dritten Papstes und die Ablasskampagne gesellten sich zu den alten Missständen: das Erkaufen von Kirchenämtern (sog. Simonie bzw. Ämterkauf), hohe Zahlungen der einfachen Menschen für sämtliche kirchlichen Zeremonien, Reichtum und weltlicher Lebensstil der kirchlichen Würdenträger im Kontrast zur Armut einfacher Leute. Die Abkehr von der ursprünglichen Kirche der Apostel, wie ihr Leben die Bibel beschreibt, war mehr als vielsagend. Es war nur erforderlich, den einfachen Menschen das zu predigen, was wirklich in der Bibel geschrieben steht, ja noch mehr, die Predigten zugleich in jener Sprache zu halten, die auch das einfache Volk zu verstehen vermochte. Aufgrund dieser Bedürfnisse entstand in der Prager Altstadt eine Kapelle namens BetlehemKapelle (Betlémská), die von Anbeginn ausschließlich für das Predigen des Evangeliums in tschechischer Sprache bestimmt war. Die Bezeichnung „Kapelle“ war allerdings nur hierarchisch, denn das Bauwerk war keinesfalls klein. Mit Platz für 3000 Menschen wurde die Kapelle die größte Versammlungsstätte in Prag. Auf Anregung von Jakoubek ze Stříbra (Jakob von Mies) wurde im Jahre 1414 den Laien das Altarsakrament erstmals unter beiderlei Gestalt, somit auch aus dem Kelch gereicht (Kommunion unter beiderlei Gestalt – communio sub utraque specie), und zwar in der unweit gelegenen Kirche St. Martin in der Mauer. Die „böhmische Reformation“ konnte auch nicht durch

GEISTLICHE GESCHICHTE BÖHMENS UND MÄHRENS

21
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

Karl der Ältere von Scherotein (Karel starší ze Žerotína) Jan Vilímek, 1886 Zeichnung

die Verbrennung von Jan Hus am 6. Juli 1415 und ein Jahr später des Hieronymus von Prag auf dem Konzil in Konstanz aufgehalten werden. Auf diesem Konzil wollten paradoxerweise auch die Kirchenoberhäupter zu einer Reform der Kirche gelangen – allerdings auf anderen Wegen. Hussens Lehre und Predigten ließen ein dogmatisches Programm der Hussitenbewegung entstehen, und zwar in Form der Vier Prager Artikel – 1. Freie Verkündung des Wortes Gottes (d.h. rein auf die Bibel gestützte Predigten), 2. Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt (Darreichung des Kelches auch an Nichtpriester), 3. Verbot des weltlichen Herrschens der Priester (Einschränkung des Vermögens und der Macht der Kirche), 4. Bestrafung der Sünden in allen Ständen (beispiellose Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz).

Hussitische Stürme Dem Konstanzer Konzil gelang es dennoch, die gespaltene katholische Kirche wieder zu vereinigen (wenn auch nicht zu reformieren). Der neue Papst Martin V. konnte somit bereit den Kreuzzug gegen das ketzerische Böhmen verkünden. Dank der militärischen Genialität, der Führungsfähigkeiten und der Ergebenheit des Jan Žižka von Trocnov gegenüber dem hussitischen Programm ereilte die Anhänger des Hussitentums kein ähnliches Schicksal wie z. B. die südfranzösischen Katharer (Albigenser). Hiermit begannen die ursprünglich aus Gründen der Verteidigung geführten, langandauernden und blutigen Kriege auf böhmischem Gebiet und aus dem gewaltablehnenden religiösen Hussitenprogramm wurde ein vor allem kriegerisches Programm, das mit dem Schwert, „das Land vom Besitz der Kirche für Gottes Gericht säuberte“ und an dessen Ende der hussitische „Gotteskämpfer“ ein Synonym für einen Söldner, Fachmann für Befestigungsanlagen und die Eroberung von Burgen, der in den weiteren europäischen Konflikten auf allen Seiten kämpfte, sowie auch des Niederbrennens von Kirchen und Klöstern wurde (während der Hussitenkämpfe wurden ihrer 170 in Schutt und Asche gelegt). Der Zusammenschluss der böhmischen Länder gegen die Kreuzritterheere bedeutete jedoch bei Weitem nicht die Einheit der Nachfolger Hussens in Angelegenheiten des Glaubens. Die taboritische Richtung, die sich im Jahre 1420 durch die Wahl eigener Priester etablierte, vertrat radikale Reformen, auf die die Angehörigen des Prager konservativen Flügels nicht einzugehen bereit waren. Darüber hinaus gestaltete sich die Situation noch

22
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

komplizierter durch die Anwesenheit jener, denen von Hussens und Jakobs (von Mies) Reform lediglich der Empfang des Altarsakraments unter beiderlei Gestalt genügte, indem sie sich ansonsten mit der Tradition Roms und somit auch des gesamten übrigen Europas identifizierten. Und so wurde allmählich alles „Böhmische“ für lange Zeit als verdächtig und ketzerisch erachtet. Aus der geistigen Kreuzung Europas wurde auf einen Schlag für viele Jahre eine derart abgelegene Peripherie, dass William Shakespeare Böhmen in seinem Wintermärchen ein Meer zusprach. Den Trend vermochten auch die hussitischen Theologen Mikuláš Biskupec z Pelhřimova (Nikolaus von Pelgrims) oder Petr Chelčický (Peter von Chelčitz) nicht aufzuhalten, zu deren Gedankengut über Jahrhunderte viele Intellektuelle zurückkehren, auch nicht der hussitische (jedoch von Rom nie bestätigte) Erzbischof Jan Rokycana (Johannes von Rokitzan), der in der Theynkirche auf dem Prager Altstädter Ring wirkte. (Von ihrem Giebel aus strahlte seinerzeit auf den Altstädter Ring ein großer vergoldeter Kelch.) Nach 14 Jahren des aufreibenden Bürgerkrieges wurde der radikale Flügel der Hussiten in der Schlacht bei Lipan (1434) besiegt, während sich die übrigen an den Verhandlungstisch setzten. Zwei Jahre später wurde auf dem Marktplatz in Jihlava (Iglau) das Baseler Kompaktat veröffentlicht – ein Abkommen zwischen dem Baseler Kirchkonzil und den Vertretern der hussitischen Partei. Von den vier Artikeln wurde den böhmischen Protoprotestanten lediglich der zweite zuerkannt (Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalt), die sonstigen Punkte jedoch nicht. Nach Jakob von Mies

(Jakoubek ze Stříbra), dem Gründer des Utraquismus, wurde für die weiteren 35 Jahre zum Vorsteher der utraquistischen hussitischen Kirche Jan Rokycana (Johann von Rokitzan). Der ursprüngliche Katholizismus wurde in Böhmen für weitere 150 Jahre eine Minderheitskonfession. Das Prager Erzbistum war nicht besetzt und das Prager Kapitel übersiedelte vom häretischen Prag nach Pilsen. Die utraquistische Kirche träumte von der Einigung mit Rom und von der päpstlichen Bestätigung des Jan Rokycana als Erzbischof. Die böhmischen Lande versanken für lange Zeit in einem Chaos und in der Isolation von den europäischen geistigen Strömungen. Von der Karlsuniversität verblieb lediglich ein Torso. Zum Programm der Hussitenbewegung bekannte sich auch ein Teil des mährischen Adels. Die großen Städte mit Brünn an der Spitze stellten sich jedoch hinter den katholischen Herrscher Sigismund von Luxemburg, den der mährische Landtag im Jahre 1419 zum mährischen Markgrafen wählte. Der Kaiser revanchierte sich gegenüber seinen mährischen Verbündeten durch die Verleihung von Privilegien, womit er wiederum leicht eine gewisse Autonomie Mährens stärkte, jedoch auch durch die Verbannung der Juden aus den königlichen Städten. Die jüdischen Gemeinden mussten damals in den adligen Lehen Unterschlupf suchen. Obwohl das Hussitentum und der Utraquismus auf Mähren weniger Einfluss als auf Böhmen hatten, war die mährische Autonomie in der Zeit vor der Schlacht auf dem Weißen Berg (1620) nach dem ersten böhmischen Ständeaufstand

GEISTLICHE GESCHICHTE BÖHMENS UND MÄHRENS

23
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

(1547) den Nichtkatholiken wohlgesonnen, sodass in ganz Mähren starke Zentren der Neuutraquisten (Lutheraner) und der Böhmischen (bzw. Mährischen) Brüder (Gebiet um Olmütz, Brünn, Walachei) entstanden. Die Böhmischen Brüder (Unitas fratrum) Die Gemeinschaft der Böhmischen Brüder, die im Jahre 1457 in Kunvald in Ostböhmen durch den Bruder Řehoř (Gregor) (vom Prager Kalixtiner-Kloster in Emmaus) unter dem Einfluss der Lehre des Petr Chelčický (Peter von Chelčitz) gegründet wurde, wollte zunächst keine neue Kirche, sondern eher ein geistlicher Orden sein. Als jedoch die Gemeinschaft der Brüder im Jahre 1467 einen eigenen Priester wählte, sich somit von der römischen Kirche und sowie von den böhmischen Utraquisten abspaltete, wurde sie faktisch eine Kirche. Die geistlichen und auch Laienvertreter der Gemeinschaft der Brüder wurden zentral gewählt und zu den einzelnen Gemeinden entsandt. Diese nahmen ab dem Ende des 15. Jh. Und im Verlaufe des 16. Jh. vor allem in Ostböhmen und in Mähren (Mladá Boleslav, Brandýs nad Orlicí, Ivančice, Uherský Brod, Přerov, Fulnek) zahlenmäßig zu, obwohl sie bis zum Majestätsbrief Rudolfs II. im Jahre 1609 rechtlich nicht anerkannt war und daher häufig auch verfolgt wurde. Durch ihre moralische Strenge und ihren Arbeitseifer erlangte sie auch Anhänger aus dem niederen und höheren Adel (z. B. des Rosenberger Petr Vok oder der Scheroteiner) und häufig war sie auf den herrschaftlichen Anwesen nicht nur geduldet, sondern auch willkommen. Die Brüder-Priester lebten nicht vom Zehent, sondern mussten sich nach dem

Jan Amos Komenský Václav Hollar, 1652 Kupferstich

Vorbild der biblischen Apostel mit den eigenen Händen ernähren. Mitglied der Brüder zu sein, bedeutete die lebenslange Formung und Weiterbildung im Glauben, jedoch auch sittliche Strenge, zu Beginn auch Misstrauen gegenüber Handel und Vermögen, gegenüber Bildung und dem Adelsstand. Obwohl die Brüder eine Minderheit waren, vermochte sie eine herausragende christliche Gruppe zu sein, die unter anderem Einfluss auf die tschechische Literatur durch ihre Originalübersetzung der Bibel hatte, die erste tschechische Übersetzung aus den Originalsprachen (Hebräisch und Griechisch), während die vorherigen Übersetzungen von der lateinischen Vulgata ausgegangen waren. Nach der Stadt Kralice (Kralitz), wo sie herausgegeben wurde, wird sie als

24
Geistliche Geschichte Böhmens und Mährens

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Kralitzer Bibel bezeichnet, wobei sie für lange Zeit die Entwicklung der tschechischen Sprache beeinflusste. In einigen Zügen ähnelte der Gemeinschaft der Böhmischen Brüder die neue radikalreformatorische Bewegung der sog. Anabaptisten oder Wiedertäufer, die tschechisch als „Habaner“ bezeichnet wurden und eine Spur in Südmähren (Mikulov/Nikolsburg) und in der Slowakei hinterließen. Während das 16. Jahrhundert in Europa die Blütezeit der Kunst der Renaissance war, können wir der Renaissance und dem Humanismus auf unserem Gebiet vor allem in der Literatur und in der Musik begegnen. In der Architektur fand der Stil der Renaissance vor allem durch den Adel Verbreitung, die sich ihren Sitz nach den abendländischen Vorbildern der Renaissance erbauen ließen (Schloss in Litomyšl, Lustschloss der Königin Anna – das Belvédère in Prag, Schloss Nelahozeves, Bučovice, Velké Losiny). Im Geiste der Renaissance entstanden große urbanistische Stadtkomplexe (Telč, Slavonice, Nové Město nad Metují, Třeboň), die den zunehmenden Einfluss des Bürgertums, vor allem der utraquistischen Bevölkerung symbolisierten. Bei den kirchlichen Denkmälern handelte es sich vor allem um kleinere Kirchen, die zugleich mit den Schlössern entstanden, oder um kleinere ländliche Kirchen. Sie trugen eher die Spuren der ausklingenden Gotik mit Renaissanceelementen. Eine Ausnahme waren die ursprünglich lutherische Peter- und Paulskirche in Kralovice, die Kirche St. Bartholomäus und die Kirche des Hl. Johannes des Täufers in Pardubice oder die Gemeinde der Böhmischen Brüder in Mladá Boleslav.

Wege der Reformation und Gegenreformation, der Missionare und Exulanten Anmerkung (16.–18. Jh.): Nicht mehr das Streben nach der Reform, sondern bereits die böhmische und europäische Reformation (Abspaltung von der Institution der katholischen Kirche) brachte nicht nur eine Neuaufteilung der Machtzentren, neue Konflikte, sondern auch neues Ideengut und theologische Akzente mit sich. Diese Epoche begann mit den Reformatoren Martin Luther, Jean Calvin, dem Anwachsen der Gemeinschaft der Böhmischen Brüder. Das Bemühen, sich vom Machtzentrum in Rom zu befreien und das Gegenbemühen, sich um jeden Preis zu halten, waren der Motor des neuen Geschehens und der Spannungen, die in den Dreißigjährigen Krieg mündeten. Nach der Zeit der Noblesse der Renaissance, der Betonung der menschlichen Individualität, kam die Zeit des emotional ausgelassenen und dynamischen Barocks, der sich erneut an die Macht und Größe Gottes klammerte, ja nicht einmal zögerte, die menschliche Individualität alleinig Gott zu überlassen. Er begann mit dem Antritt des Jesuitenordens und fand seine Fortsetzung mit dem Werk des Jan Amos Komenský, jedoch auch des Arnošt Vojtěch z Harrachu (Ernst Adalbert von Harrach) und des Jan Blažej Santini oder der Baumeisterfamilie Dientzenhofer. Zumindest für jenen Teil Europas, der sich der Reformation anschloss, gab der deutsche Augustinermönch und Professor Martin Luther, der ähnlich wie Hus ein Jahrhundert zuvor zunächst mit der Kritik der Ablässe gegen die Kirche auftrat, Böhmen und Mähren Rang und Klang zurück.

Prag und Mittelböhmen
Hauptstadt Prag und Region Mittelböhmen

Lassen Sie sich nicht entgehen...
• Prager Burg – St. Veitsdom • Jüdische Stadt – Altneu-Synagoge • eynkirche • Betlehem-Kapelle • Kathedrale St. Kyrill und Method • Heiliger Berg bei Příbram • Stará Boleslav – Basilika St. Wenzel und Kirche St. Clemens • Kutná Hora – Kathedrale St. Barbara • Karlstein – Kapelle des Hl. Kreuzes • Čáslav - Peter- und Paulskirche und Žižka-Saal

Die Theynkirche vom Altstädter Ring aus gesehen, Prag. Foto: Magni

38

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Der Winterkönig – Friedrich V. von der Pfalz
Es war noch vor dem Morgengrauen, als sich einige Pilger von der Prager Burg im unfreundlichen Herbstwetter eilend auf einen weiten und unsicheren Weg machten. Unter ihnen floh von Böhmen unwürdig auch Friedrich V. von der Pfalz, der von den böhmischen Protestantenständen – den Vertretern der höheren Adeligen, der niedrigeren Adeligen und der königlichen Städte – erwählte König. Ihr Heer verlor nämlich am Vortag, am 8. November 1620, mit den Heeren der Katholischen Liga keine große, nur zwei Stunden lang dauernde, aber durch ihre Reichweite sehr bedeutende Schlacht am Weißen Berg. In dieser Schlacht gipfelten jene Ereignisse, die im Jahre 1618 mit dem Prager Fenstersturz der königlichen Statthalter als Ausdruck des Widerstandes gegen den Habsburger Absolutismus und gegen die religiöse Intoleranz ihren Anfang nahmen. Der trotzige König Friedrich Der Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz wurde am 26. August 1619 zum böhmischen König erwählt. Seine Herrschaft in den böhmischen Landen überdauerte lediglich einen Winter, weshalb man ihn ironisch „Winterkönig“ nannte. Zur Wahl des Kalvinisten Friedrich führte eine Reihe vorangehender Ereignisse – außer dem Streben nach dem Gewinn einer größeren Machtautonomie gegenüber den „fremden“ (und katholischen) Habsburgern ging es auch um die Emanzipation des protestantischen Glaubens, zu dem sich die Mehrheit der böhmischen Stände bekannte. Friedrich war eigentlich ein trotziger König der protestantischen Stände statt Ferdinand II. Dieser wurde ein Jahr zuvor zum Nachfolger von Matthias II. erwählt, weil er sich verpflichtete, die Majestät Rudolfs zu ehren. Seinem Versprechen kam er allerdings nicht nach, und als er die Protestantenkirche in Hroby (heute auf Tschechisch Hrob und auf Deutsch Klostergrab genannt) abreißen ließ, machten die empörten Stände ihrer Wut durch den Fenstersturz der königlichen Statthalter Luft. Als der fliehende Friedrich V. von der Pfalz Prag verließ, verlor er nicht nur die Residenzhauptstadt, sondern das gesamte Königreich. Das mittelalterliche Stichwort PRAGA CAPUT REGNI (Prag der Kopf des Königreiches), das am Altstädter Rathaus eingemeißelt ist, sagt ziemlich zutreffend darüber aus, wie untrennbar die Schicksale des Böhmischen Königtums (des tschechischen Staats, der Republik) und Prags, dessen Hauptstadt, verknüpft sind. Die Schlacht in den böhmischen Landen bedeutete den Anfang des Dreißigjährigen Kriegs, der einen bedeutenden Teil des europäischen Kontinents traf. Der Westfälische Frieden, der im Jahre 1648 von fast allen Kriegsparteien geschlossen wurde, , festigte den Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens (1555) cuius regio, eius religio – wessen Regierung, dessen Religion – und in der Mehrheit Europas bedeutete er deshalb bessere Bedingungen für protestantische Religionen. In den böhmischen Ländern, die unter der Regierung der katholischen habsburgischen Dynastie
Prag und Mittelböhmen

PRAG UND MITTELBÖHMEN

39

Friedrich I. (als böhmischer König) Gerard van Honthorst, 1634 Öl auf Leinwand

standen, brachte er aber den Protestanten 200 Jahre Illegalität, Verfolgung und Rekatholisierung. Die Majestät Rudolfs und „der Bruderstreit im Habsburger Haus“ 1609 erließ der Kaiser Rudolf II. einen kaiserlichen Majestätsbrief hinsichtlich der religiösen Freiheit, der in den böhmischen Ländern die Religionsfreiheit sicherte. Die 35 Jahre lange Ära der Herrschaft Rudolfs neigte sich jedoch eilig dem Ende zu. Der alternde Herrscher litt

langfristig an Depressionen, zu denen sich eine syphilitische nervliche Degenerierung gesellte, wobei darüber hinaus sein krankhaft ehrgeiziger, jüngerer Bruder Matthias II. seit langem die Hand nach der kaiserliche Krone ausstreckte. Seine Majestät Rudolf musste im Jahre 1608 den böhmischen Ständen Zugeständnisse einräumen, um ihre Unterstützungen gegen Matthias zu erwirken, dessen Heer bereits vor Prag stand. Der zwischen den Brüdern damals geschlossene Liebener Frieden (benannt nach dem Prager Viertel Libeň = Lieben) beließ Rudolf die Regierung über Böhmen, Schlesien und die Niedersowie Oberlausitz; Österreich, Mähren und Ungarn fielen Matthias anheim, der bereits 1606 vom habsburgischen Reichstag zum zum Führer des Geschlechts erklärt worden war – allerdings heimlich, ohne dass Rudolf davon wusste. Nach dem Einmarsch der von ihrem Cousin, dem Bischof Leopold, geführten Passauer wurde Rudolf gezwungen zu abdizieren. Im Gegensatz zum laschen Rudolf nahm Matthias II. die Rekatholisierung des Böhmischen Königreiches in Angriff, nachdem er den ersehnten Thron bestiegen hatte. Weil Matthias genauso wie sein Bruder Rudolf allerdings kinderlos und deshalb ohne Nachkömmling war, wählten die böhmischen Stände als seinen Nachfolger Ferdinand II. von der Steiermark. Dieser annullierte nach der Besteigung des Throns den Majestätsbrief nicht nur inhaltlich, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes, indem er ihn zerschnitt und seine Siegel verbrannte. Im Jahre 1627 erhob er in Böhmen den Katholizismus als einzig erlaubte Religion in den Rang eines Gesetzes.

Geschichte eines Weges

40

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Ereignisse und Persönlichkeiten
Prag wird das Herz Europas genannt, und zwar nicht nur dank seiner geographischen Lage. Es ist der Traditionssitz der tschechischen Fürsten und Könige, aber ihren Sitz hatten hier auch einige römische Kaiser. Es gehört zu den schönsten Städten in Europa – neben der vielgliedrigen, interessanten Abwechslung der Berge, Täler und Ebenen tragen zu seinem malerischen Anmut die Krümmungen des Flusses Moldau. Vergessen darf man aber auch das Mittelböhmengebiet nicht, ohne das Prag seinen Ruhm nicht hätte erreichen können – es ist der Hals, auf dem der Kopf – Prag – steht und ohne den es keinen Kopf hätte geben können. Außer den fruchtbaren Landwirtschaftsflächen strotzte die Region vor allem vor Bodenschätzen. Das hiesige Revier bot im Mittelalter ungefähr ein Drittel der Silberproduktion in Europa. Im Verlauf der Jahrhunderte war Prag ein Zeuge von vielen umstürzlerischen Ereignissen. Erinnern wir stichprobenweise an die Gründung des Prager Bistums (993) und des Erzbistums (1334), die Entstehung der Prager Universität (1347), die erste Predigt von Johannes Huss in der Bethlehemkapelle (1402) und den Reformationsbeginn, den Aufstand der böhmischen Stände und die Schlacht am weißen Berg (1620), eines der Schlüsselereignisse des Anfangs des Dreißigjährigen Kriegs, nach dessen Ende bis dahin überwiegend protestantische Böhmen und Mähren oft auch mit Gewalt rekatholisiert wurden.
Prag und Mittelböhmen

Entstehung des böhmischen Staates und seine Christianisierung Den mittelböhmischen Talkessel, in dem Prag liegt, bewohnten ursprünglich germanische Stämme, seit 6. Jahrhundert bewohnen das Gebiet die Slawen. Die Fundamente des böhmischen Staats legte hier im 9. Jahrhundert Bořivoj, der erste böhmische historisch belegte und zugleich getaufte Fürst. Die durch Bořivoj gegründete fürstliche und später königliche Primislidendynastie wurde damit seit ihrer Erstentstehung christlich und hat das Hauptverdienst an der Christianisierung der böhmischen Länder. Bis heute zeugt davon eine große Menge der durch die Primisliden gegründeten Am bedeutendsten von ihnen ist das Bridy-Bergland (Brdská vrchovina oder kurz Brdy), das südwestlich von Prag beginnt und sich mehrere zehn Kilometer zieht. Weiter sind es der Böhmische Karst (Kalkstein), Pürglitzer Wald (Křivoklátsko) mit tiefen Wäldern… Im Mittelalter hatten die großen Silberfundstellen bei Kuttenberg (Kutná Hora) eine Schlüsselbedeutung.

Charakter der Landschaft
Der so genannte mittelböhmische Talkessel erhebt sich schrittweise auf alle Seiten in Richtung zur Staatsgrenze vom Moldau-Tal und der breiten ElbeTiefebene, die hauptsächlich im Nordteil bedeutende Landwirtschaftsbereiche sind. Das übrige Gebiet machen überwiegend mäßige bewaldete Berge und Hügel interessant.

PRAG UND MITTELBÖHMEN

41

erteilt wurden. So ist die Kleinere Prager Stadt – die heutige Kleinseite – entstanden.
Ereignisse und Persönlichkeiten

Die Primislidendynastie regierte den böhmischen Ländern 400 Jahre lang. Als 1306 in Olmütz (Olomouc) Wenzel III. ermordet wurde, setzte sich auf den Thron der Ehemann der Primislidenprinzessin Anna, Heinrich von Kärnten. Statt der erforderlichen Konsolidierung ließ er aber den Staat verarmen und demontieren. Die böhmischen Herren entschieden sich deshalb, ihn zu entthronen und die Heirat der letzten ledigen Tochter von Wenzel II. – Elisabeth die Primislidin – mit dem römischen Kaiser Johann von

Interessantes
Betlehem-Kapelle, Prag. Foto: Magni

Kirchen und Klöster sowohl in Prag – z.B. die im Jahre 926 erbaute St. Veit Rotunde (rotunda sv. Víta), die St. Georg Kirche (chrám sv. Jiří) und das erste Kloster in Böhmen auf der Prager Burg, die St. Laurentius- sowie St. Peter und St. Paulus Basiliken auf Prager Hochburg (Vyšehrad), das männliche Benediktinerkloster in Břevnov, das Prämonstratenserkloster in Prag auf Strahov, das Zisterzienserkloster auf Zbraslav (Königsaal) oder das Agneskloster (Anežský klášter) der Klarissen in der Altstadt – als auch außerhalb Prags als Zentrum der slawischen Ausbildung, das Sasau-Kloster (Sázavský klášter) und viele andere. Der Agnes´ Ehemann Wenzel I. leitete nach 1231 den Altstadt-Festungswerkbau. Spätestens seit der Zeit der Burggründung wurde auch das linke Ufer der Moldau besiedelt, also die Vorburg, der 1257 von Ottokar II. Přemysl Stadtrechte

Die hunderttürmige Stadt Der in der UNESCO-Welterbeliste eingetragene historische Kern und eine Menge überlieferter weltlicher sowie kirchlicher architektonischer Denkmäler locken jedes Jahr Millionen Touristen aus aller Welt nach Prag aus der ganzen Welt – nach London, Paris, Wien, Madrid und Berlin ist es die meistbesuchte Stadt Europas. Das Prager Stadtdenkmalschutzgebiet sowie der Komplex der Prager Burg gehören zu den größten ihrer Art auf der Welt. Das Attribut „hunderttürmiges Prag“ lebte sich seit 19. Jahrhundert ein. Damals zählten die Historiker die Prager Türme – abgesehen von Privathaus- und Wasserwerktürmen – und gelangten zur Nummer 103.

42

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Prag und Mittelböhmen
St.-Barbara-Kathedrale, Kutná Hora (Kuttenberg). Foto: Magni.

Luxemburg einzufädeln. Als Johann an der Front der Reichsarme kam, half Heinrich nicht einmal das, dass seine Kärntner Söldner Prag und die damals zweitbedeutendste böhmische Stadt Kuttenberg (Kutná Hora) besetzten. Die Wende war vollbracht und die Luxemburger regierten in Böhmen etwa weitere 100 Jahre. Wegen der Bedeutung von Kuttenberg (Kutná Hora), das damals innerhalb eines gewissen Zeitraums auch die Hauptstadt des Königtums werden konnte, wurde 1142 im unweiten Sedletz (Sedlec) das erste Zisterzienserkloster in Böhmen gegründet. Zusammen mit der St. Barbara Kathedrale in Kuttenberg (Kutná Hora) ist das Kloster mit

der Mariä Himmelfahrt Kirche in der UNESCO-Welterbeliste eingetragen. Außer dem erwähnten Kuttenberg hatten das obere Recht auch die Städte Čáslav (Tschaslau), Kolín (Köln an der Elbe) oder Příbram (Pibrans), die sich im Eigentum des Prager Bistums befanden. Auf dem Mittelböhmengebiet kann man auch den ältesten mit der Sankt-WenzelTratidion verknüpften Wallfahrtsort finden – Altbunzlau (Stará Boleslav). An der Tür der hiesigen St. Cosmas und Damian Kirche wurde (etwa 935) der Fürst Wenzel meuchlerisch ermordet. Um ein Jahrhundert später (1039) erbaute hier der Fürst Břetislav I. über der Todesstelle seines Vorfahren die St.-Wenzel-Basilika, neben der er auch das St. Cosmas und

Südwestböhmen
Südböhmische und Pilsener Region

Lassen Sie sich nicht entgehen...
• Tábor – Hussitenmuseum und Kirche Verwandlung des Herrn • Husinec – Jan-Hus-Gedenkstätte • Kloster Vyšší Brod (Hohenfurth) und Kloster Zlatá Koruna (Goldenkron)
Große Synagoge, Pilsen. Foto: CzechTourism

• Trocnov – Jan-Žižka-Gedenkstätte • Pilsen – Große Synagoge • Koster Kladruby • Kloster Plasy und Wallfahrtsort Mariánská Týnice • Klatovy (Klattau) – Jesuitenkirche mit Katakomben

84

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Wichtige Städte
in Geschichte und Gegenwart
Bechyně (dt.: Bechin) wurde um das Jahr 1323 von König Johann von Luxemburg gegründet. Die bekanntesten Besitzer der Stadt waren die Šternberks (Sternbergs), deren Grabsteine in der Klosterkirche ausgestellt sind, wie auch der letzte Vertreter der Rosenbergs, Petr Vok. Eine Ausstellung über sein Leben ist im hiesigen Schloss zu sehen. Eine weitere wichtige Sehenswürdigkeit der Stadt ist die aus der Zeit der Wende vom 13. zum 14. Jh. stammende Matthäuskirche (kostel sv. Matěje). Sehenswürdigkeiten: Matthäuskirche (kostel sv. Matěje), 1740 umgebaut; Klosterkirche Mariä Himmelfahrt (kostel Nanebevzetí Panny Marie, 1491); Schloss aus dem 16. Jh. České Budějovice (dt.: Böhmisch Budweis) entstand im 13. Jahrhundert auf Veranlassung Přemysl Otakars II. als Stütze der königlichen Macht in dieser Region und als Gegengewicht zum Einfluss der Witigonen (insbesondere der Rosenbergs). Die unter Denkmalschutz stehende Stadt ist die Hauptstadt der Region Südböhmen. Außer sakralen Baudenkmälern ist auch eine Reihe von Museen vom Museum für Regionalgeschichte bis hin zum Brauereimuseum einen Besuch wert. Sehenswürdigkeiten: Dominikanerkloster mit Mariä-Opferungs-Kirche (kostel Obětování Panny Marie, 1265); barocker Samson-Brunnen (1721–27);
Südwestböhmen

St.-Nikolaus-Kathedrale (katedrála svatého Mikuláše, gegr. 1265, seit Mai 2011 2 Jahre lang in Renovierung), Glockenturm der Kirche – der Schwarze Turm (Černá věž), der bis zum 5. Stockwerk im gotischen Stil gebaut und im Renaissancestil fertiggestellt wurde; dreischiffige Hus-Kirche (Husův sbor, 1924) Český Krumlov (dt. Böhmisch Krummau) die einzigartige, zauberhafte Stadt an der Moldau wurde zu Beginn des 13. Jh. gegründet. Später verlegten die Rosenbergs ihren Sitz hierher. Die Ambitionen dieses Adelsgeschlechts kamen auch in seiner Bautätigkeit zum Ausdruck. Das mittelalterliche Stadtzentrum wurde in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Sehenswürdigkeiten: Staatliche Burg und Schloss Český Krumlov; Stadtkern mit vielen gotischen, Renaissance- und Barockhäusern; dreischiffige gotische St.-Veits-Kirche (kostel sv. Víta) aus den Jahren 1408–39; in der gotischen St.-JustusKirche (kostel sv. Jošta) befindet sich heute ein Puppenmuseum; neoromanische Synagoge (1909) mit Jugendstilelementen und der ersten Stahlbetonkonstruktion in Österreich-Ungarn Husinec (dt.: Hussinetz) unweit von Prachatice am Fluss Blanice (Blanitz) gelegene Stadt. Der historische Kern der Stadt wurde im Jahr 2003 unter Denkmalschutz gestellt.

SÜDWESTBÖHMEN

85

Die erste schriftliche Erwähnung der Stadt stammt aus dem Jahr 1291. Im 14. Jahrhundert wurde bei der Gemeinde Záblatí (Sablat) die Burg Hus angelegt. Im nahegelegenen Dorf Chlístová steht eine uralte Linde, unter der bereits der aus Husinec stammende Jan Hus gepredigt haben soll. Jan Hus wurde hier 1369 (vielleicht auch 1370) in dem am Markt befindlichen Nánovský domek (Haus Nánovský) geboren. Sehenswürdigkeiten: Geburtshaus Jan Hus‘; Rathaus aus dem 16.Jh.; Kreuzerhöhungskirche (kostel Povýšení sv. Kříže) und St.-Kyrill-und-Method-Kirche (kostel sv. Cyrila a Metoděje) Chelčice Geburtsstätte des mittelalterlichen religiösen Reformators Petr Chelčický. Erste Erwähnungen der Gemeinde stammen aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts, als dort das erste bekannte Adelsgeschlecht der Hrůza von Chelčice seinen Sitz hatte. Im Jahre 1444 wurde das Schloss von Ullrich von Rosenberg (Oldřich z Rožmberka) gekauft und Václav Hrůza von Chelčice zum Burggrafen ernannt. Ab dem 15. Jahrhundert war Chelčice im Besitz der Ritter von Malovice. Seit dem Jahr 2000 gibt es hier einen Petr Chelčický gewidmeten Gedenksaal. Sehenswürdigkeiten: Petr-ChelčickýDenkmal; St.-Martins-Kirche (kostel sv. Martina) Chýnov (dt.: Chejnow) ist einer der am längsten besiedelten Orte Böhmens. Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahre 981. Ursprünglich war die Stadt eine Grenzfestung des

Adelsgeschlechts der Slavnikiden zum Schutz gegen die Österreicher. Nach der Auslöschung der Slavnikiden ging die Stadt in den Besitz der Přemysliden über und gehörte ab 1250 dem Bistum Prag. Im 15. Jh. bauten die nächsten Besitzer, das Adelsgeschlecht der Malovci von Malovic hier eine Wasserleitung. Zu Beginn des 18. Jh. fiel der gesamte Besitz an die Schwarzenbergs, die die Burg zu einem Barockschloss umbauen ließen. Der Marktflecken Chýnov wurde im Jahr 1903 von Kaiser Franz Joseph I. zur Stadt erhoben. Sehenswürdigkeiten: František-Bílek-Haus; Chynover Höhle Jindřichův Hradec (dt.: Neuhaus) entstand vor dem Jahr 1220. Die aus dem 13. Jh. stammende Burg wurde zu einem großen Schlossareal im Renaissancestil umgebaut. Unter Einfluss der Jesuiten, einschließlich Bohuslav Balbíns und Václav Michnas von Otradovic, setzte in der Stadt eine rasante Entwicklung der Bildung ein. Sehenswürdigkeiten: Weihnachtskrippe „Betlehem“ von Tomáš Krýza mit 1398 Krippenfiguren; aus einer gotischen Burg umgebautes Renaissanceschloss; St.-Johannes-Kirche (kostel sv. Jana Křtitel) mit gotischen Fresken und frühbarockem Mobiliar; Maria-Magdalena-Kirche (kostel sv. Máří Magdaleny); Propsteikirche Mariä Himmelfahrt (kostel Nanebevzetí Panny Marie); Katharinenkirche (kostel sv. Kateřiny) mit Franziskanerkloster Kasejovice wurde um das Jahr 1350 zum Marktflecken erhoben, da der Ort durch die

Wichtige Städte

86

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Förderung von Gold reich geworden war und zudem am Haupthandelsweg von Prag nach Písek und Budweis lag. Sehenswürdigkeiten: Synagoge; das einzige erhaltene Getto in Westböhmen einschließlich einem erhaltenen Friedhof; Jakobskirche (kostel sv. .Jakuba)
Südwestböhmen

Kladruby das 1115 im heutigen Bezirk Tachov gegründete Benediktinerkloster fand bereits in der Kosmas-Chronik (12. Jh.) Erwähnung und wurde im Jahr 1230 von König Václav I. aufgrund seiner wichtigen Lage am Landweg nach Nürnberg und in der Nähe von Silberfundstätten zur Stadt erhoben. Auch das Kloster blühte – im Jahre 1233 wurde der monumentale Dom fertiggestellt. Václav IV. beabsichtigte hier ein mit einem loyalen Vertreter besetztes Bistum einzurichten und so die Macht des Erzbischofs Jan von Jenštejn zu beschränken. Aus Zorn über den Misserfolg dieser Intrige ließ er Jan Nepomuk zu Tode foltern. Während der böhmischen Reformation geriet das Kloster in finanzielle Schwierigkeiten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde es von dem großen barocken Baumeister Santini und nach dessen Tod von K. I. Dientzenhofer mehrmals umgebaut. Sehenswürdigkeiten: Kloster Kladruby (gegr. 1115); Jakobskirche (kostel sv. Jakuba) Klatovy (dt.: Klattau) die in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts von König Přemysl Otakar II. zur Königsstadt erhobene Gemeinde wurde später zu einem der wichtigsten Zentren der Hussiten. Ähnlich wie in Jindřichův

Hradec setzte im 17. Jahrhundert unter dem Einfluss der Jesuiten eine rasante Entwicklung der Stadt ein. Sehenswürdigkeiten: der 81 Meter hohe Schwarze Turm (Černá věž, 1547 bis 1557); die barocke Jesuitenkirche Mariä Empfängnis und St. Ignaz (kostel Neposkvrněného početí Panny Marie a svatého Ignáce); Apothekenmuseum in der Barockapotheke „U Bílého jednorožce“ („Zum Weißen Einhorn“); Kirche Mariä Geburt (kostel Narození Panny Marie) aus dem 13. Jh.; der Weiße Turm (Bílá věž) aus dem Jahr 1581, der nach einem Brand im Jahr 1758 restauriert und auf eine Höhe von 60 Metern erhöht wurde; jüdischer Friedhof; steinerne Stadtmauer ‒ der am besten erhaltene Teil der Stadtmauer sind zwei kreisförmige Basteien auf der Ostseite der Stadt Burgruine Kozí hrádek die erste Erwähnung der 2,5 km nördlich von Sezimovo Ústí gelegenen Burg stammt aus dem Jahr 1377. Ab dem Sommer 1413, nach seiner Ausweisung aus Prag, hielt sich Jan Hus auf der Burg auf, wo er einige seiner wichtigsten Schriften verfasste, so z.B. Postila aneb Vyloženie svatých čteni nedĕlních (Postille oder Auslegung der heiligen Lesungen zum Sonntag), den Traktat O svatokupectví (Über die Simonie), De ecclesia (Über die Kirche) oder O šesti bludiech (Über die sechs Irrtümer). Sehenswürdigkeiten: gotische Burgruine aus dem 14. Jahrhundert Milevsko (dt.: Mühlhausen) bereits im 8.Jh. soll sich hier eine slawische Siedlung befunden haben. Die

SÜDWESTBÖHMEN

87

erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1184, als der Gründer des ersten südböhmischen Klosters, Jiří z Milevska (dt.: Georg von Mühlhausen) hier seinen Sitz hatte. Im Jahre 1187 kamen unter der Leitung des Abts Jarloch (Gerlach), des Fortsetzers der KosmasChronik, Prämonstratenser aus Želiv in das Kloster. Die Stadt wurde wohl durch alle Kriege der böhmischen Geschichte beschädigt. Sehenswürdigkeiten: Prämonstratenserkloster (gegr. 1184–87) mit ursprünglich romanischem Mariä-HeimsuchungsDom (chrám Navštívení Panny Marie); St.-Bartholomäus-Kirche (kostel sv. Bartoloměje, 1868); Synagoge mit kubistischer Fassade (1919) – heute Gebetshaus der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche Nepomuk (dt.: Pomuk) die Entwicklung dieser Gemeinde ist eng mit der Gründung des Zisterzienserklosters im Jahre 1144 wie auch mit der Entwicklung des Handels verbunden. Eine große Einnahmequelle bestand in der Förderung von Gold und Silber. Im Jahre 1730 wurde Nepomuk von Kaiser Karl IV. zur Stadt erhoben. Hier wurde (um 1340) der spätere Märtyrer Jan Nepomuk geboren, der 1729 von Papst Benedikt XIII. heilig gesprochen wurde. Sehenswürdigkeiten: Dom des Hlg. Nepomuk (chrám sv. Jana Nepomuckého), der sich angeblich an der Stelle von Nepomuks Geburtshaus befindet; Schloss Zelená Hora (dt.: Grünberg); Erzdekanat und Post, beide von K. I. Dientzenhofer erbaut; ursprünglich gotisches Haus „U české lípy“ („Zur böhmischen Linde“)

Wichtige Städte

Písek (dt.: Pisek) ursprünglich eine Siedlung, in der aus dem Sand des Flusses Otava Gold gewaschen wurde. Im 13. Jahrhundert wurde Písek von König Přemysl Otakar II. zur königlichen Münzstadt erhoben. Písek ist eine der wichtigsten Städte der Hussitenbewegung, hier wirkte Nikolaus von Pelgrims (Mikuláš z Pelhřimova). Auch eine jüdische Siedlung ist belegt. Darüber hinaus befindet sich in der Stadt u.a. die älteste Steinbrücke Böhmens. Sehenswürdigkeiten: Mariä-GeburtsKirche (kostel Narození Panny Marie); Kreuzerhöhungskirche (kostel Povýšení svatého Kříže); steinerne Brücke aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts; Burg mit königlicher Münzerei; partiell erhaltene Stadtmauer Plasy (dt.: Plaß) die Stadt entstand in der Umgebung eines 1144 gegründeten

88

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Zisterzienserklosters. Während der Hussitenkriege wurde das Kloster ausgebrannt und später rekonstruiert. Seine gegenwärtige Gestalt erhielt es bei einem barocken Umbau in den Jahren 1661–1739, an dem auch die Baumeister Mathey und Santini beteiligt waren. Im Rahmen der Reformen Kaiser Josephs II. wurde das Kloster aufgelöst und ging zusammen mit dem umgebenden Dorf in den Besitz des „Religionsfonds“ („Náboženský fond“) über. Im Jahre 1824 wurde das gesamte Gut von Fürst Metternich gekauft. 1995 wurde das Kloster zum Nationalen Kulturdenkmal erklärt. Sehenswürdigkeiten: Gebäude des Klosterkonvents; barocke Speichergebäude; Prälatur, Wirtschaftshof mit Turm des Hlg. Florian; Mariä-Himmelfahrts-Kirche mit einer einzigartigen Orgel aus dem Jahr 1688; Metternich-Gruft, Friedhofskirche St. Wenzel (kostel sv. Václava)

Plzeň (dt.: Pilsen) ist Hauptstadt der Region Pilsen. Erste Erwähnungen über die Besiedlung

dieses Gebiets (bzw. der Ortschaft Starý Plzenec – Altpilsen) stammen bereits aus dem Jahr 976, als der Přemyslidenfürst Boleslav II. hier auf ein Heer des deutschen Königs Otto II. traf. Im Jahre 1295 gründete König Václav II. (Wenzel II.) am Zusammenfluss von vier Flüssen die Stadt Nová Plzeň (Neu Pilsen), die er zu einem Handelszentrum und zum Kreuzpunkt der nach Nürnberg und Regensburg führenden Handelsrouten ausbaute. Zu Beginn der Hussitenkriege hatten die Kalixtiner hier großen Einfluss, und zwar dank des radikalen Pfarrers Václav Koranda. Im Jahre 1420 musste Koranda jedoch zusammen mit Jan Žižka nach Tábor auswandern und Pilsen wandelte sich zu einer katholischen Stadt. Die Stadt wurde dreimal erfolglos belagert, zuerst von Jan Žižka, dann zweimal von Prokop Holý. 1466 fielen die Pilsener von König Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad) ab und ein Jahr später bezog das Prager Kapitel, in dieser Zeit das höchste Organ der römisch-katholischen Kirche in Böhmen, hier seinen Sitz. Kurzzeitig, während einer Pestepidemie, war die Stadt auch Sitz des römischen Kaisers Rudolfs II. Der historische Kern der Stadt wurde 1989 unter Denkmalschutz gestellt. Im Jahre 1993 wurde das Bistum Pilsen gegründet. Sehenswürdigkeiten: St.-BartholomäusKathedrale (katedrála sv. Bartoloměje, 1292) mit dem höchsten Kirchturm Böhmens; ehemaliges Franziskanerkloster mit Mariä-Himmelfahrts-Kirche; barockes Dominikanerkloster mit St.-Anna-Kirche (kostel sv. Anny) aus den Jahren 1711–14, heute eine wissenschaftliche Bibliothek; Große Synagoge (Velká synagoga), die größte Synagoge in der Tschechischen Republik; Alte Synagoge

Südwestböhmen

NORDWESTBÖHMEN

119

Route 11 | Orthodoxe Kirchen des Bäderdreiecks
neue Kirchen unterschiedlicher Konfessionen zu errichten, sodass keiner der Kurgäste um die BefrieBeförderung: Zug digung seiner geistlichen Bedürfnisse gebracht wurde. Orte Karlovy Vary (KarlsEin verhältnismäßig großer bad), Mariánské Lázně (Marienbad), Františkovy Teil der Gäste reiste im westLázně (Franzenbad) böhmischen Kurbad aus dem damaligen Russland Sofern Sie vorhaben, an. Im Übrigen war eine der mehrere Tage im bebekanntesten Persönlichkeirühmten Bäderdreieck ten, die Karlsbad besuchte, zu verbringen, haben Sie der russische Zar Peter I., neben der Entspannung der Große, der hier gleich auch die Gelegenheit, Neues zweimal, in den Jahren 1711 kennenzulernen und Beund 1712 weilte. Die Flut der lehrendes zu erfahren. Die russischen Klienten dauerte heilsamen Mineralquellen an und in der 2. Hälfte des und ihre Wirkungen waren 19. Jahrhunderts bekannten bereits seit dem Mittelalter sich auch zahlreiche bekannt und zu Beginn des tschechische Patrioten 18. Jahrhunderts begann die sowie Intellektuelle unter tatsächliche Entwicklung Verweis auf die Tradition des Bäderwesens. Der Ruhm von Kyrill und Method zur der Quellen verbreitete sich orthodoxen Kirche. Daher wie ein Feuer, sodass zur wurden in allen drei Städten Behandlung und Erholung des sog. Bäderdreiecks mit immer mehr Gäste aus finanzieller Unterstützung unterschiedlichen Ecken zahlreicher Besucher und Winkeln Europas orthodoxe Kirchen erbaut, anreisten. die bis heute aufgrund ihrer atypischen architektoAngesichts dessen, dass nischen Details zum Interesdas religiöse Leben damals santesten gehören, was Sie ein nicht wegzudenkender hier besuchen können. Bestandteil des Alltags war, Beginnen können wir wurde es mit der Zeit notbeispielsweise bei der wendig, in den Kurstädten bekanntesten dieser
Ausgangsort: Karlovy Vary (Karlsbad) / Mariánské Lázně (Marienbad) / Františkovy Lázně (Franzensbad)

Kirchen, der Kirche St. Peter und Paul in Karlovy Vary. Sie befindet sich auf einem Hügel am linken Ufer des Flüsschens Teplá (Tepl), heute etwas hinter den übrigen Kurhäusern im Jugendstil versteckt. Das Vorbild für den Bau dieser Kirche war die byzantinischaltrussische Kirche in Ostankino in der Nähe von Moskau, die Pläne schuf der Baumeister und Bürgermeister von Franzensbad Gustav Wiedermann, der übrigens alle drei orthodoxen Gebetshäuser der Kurorte errichtete. Die Kirche fasziniert auf den ersten Blick durch ihre goldenen Kuppeln und das blaue Dach. Der reiche Schmuck und die Ausstattung dieser Kirche wurden nämlich zum Teil von vermögenden Karlsbader Patienten russischer Herkunft gespendet. Die Kirche wurde in den Jahren 1893-1898 auf zentralem Grundriss eines griechischen Kreuzes mit halbkreisförmigem Abschluss erbaut. Über der Kreuzung erhebt sich sodann die Kuppel mit einer sog. Laterne, die von einer zwiebelförmigen Kuppel abgeschlossen wird.

Routen

120

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Ähnliche, wenn auch kleinere Kuppeln, auch die übrigen vier Türmchen, ebenso wie der in der Hauptachse über dem Eingangsteil der Kirche befindliche Turm. Das Exterieur des Bauwerkes ist reich mit ornamentalen bildhauerischen und architektonischen Details verziert. Im Innern befinden sich ein hölzerner Ikonostas mit zahlreichen Darstellungen Heiliger, ein Kristallkronleuchter und viele weitere Kunstwerke, häufig Spenden der Gönner der Kirche. Das Relief des Bildhauers M. Hiller stellt den russischen Zaren Peter I. beim Bau des Hauses U páva (Zum Pfau) im Jahre 1711 dar. (geöffnet nach vorheriger Vereinbarung) Nachdem Sie auch die weiteren Sehenswürdigkeiten Karlsbads und das Wasser einer der Minerlaquellen gekostet haben, können Sie sich mit den örtlichen Stadtverkehrsmitteln in das Viertel Doubí (Aich) begeben, wo sich auf dem Doubská hora (Aberg) die jüngste der hiesigen orthodoxen Kirchen befindet. Zu ihr gelangen Sie auf blau markierter Trasse und die körperlich Tüchtigeren können den Weg, der blauen Markierung weiter folgend, fortsetzen, somit zurück in das Zentrum von

Karlovy Vary. Die hölzerner Kapelle St. Nikolais, bzw. St. Nikolaus, wurde zur Jahrtausendwende geweiht. Errichtet wurde sie nach dem Vorbild der sog. Susdaler Kapellen auf eigene Kosten des Bruders Nikolai Gennadijewitsch Stjepanow. Das Baumaterial ebenso wie der Ikonostas und die Ikonen stammen aus dem größten Kloster in Russland in Sergijew Posad. (zu besichtigen nach Absprache, Gottesdienste Donnerstag, gelegentlich am Samstag)

Sultanow, der sie in typischem russisch-byzantinischem Stil entwarf. Auch hier geht der Grundriss von der Gestalt eines griechischen Kreuzes aus, das für die Orthodoxen typisch ist. Seine quadratische Mitte überhöht drei seitliche halbkreisförmige Apsiden und ist mit einem Türmchen mit Zwiebelkuppel abgeschlossen. Über dem Eingang zur Kirche ist ein Glockenturm mit kleinerer Zwiebelkuppel. Das ursprüngliche Glockenspiel wurde im Ersten Weltkrieg requiriert. Gegenüber dem Von Karlovy Vary aus reich geschmückten Interikönnen wir uns mit dem eur dominiert ein massiver Zug zu einem weiteren der Majolika-Porzellan-IkonoHöhepunkte des Bäderdrei- stas, der ursprünglich für ecks auf den Weg machen. die Weltausstellung in Paris Mariánské Lázně (Mariim Jahre 1900 angefertigt enbad) kann sich neben wurde, wo der mit dem der berühmten Singenden Grand Prix gekürt wurde. Fontäne, die (in der KurZahlreiche Ikonen stammen saison) zu jeder ungeraden aus verschiedenen Stunde „erklingt“, und den Epochen, vom 17. Bis zum zahlreichen Kurhäusern 20. Jahrhundert, wobei es auch mit einer orthodoxen sich wiederum zumeist um Kirche rühmen. Sie ist Gönnerspenden handelt. dem Hl. Wladimir geweiht (geöffnet täglich 08:30–12:00 und wurde in den Jahren und 13:00–16:30, sonntags 1900–1902 von Gustav um 10:00 Gottesdienst) Wiedermann als Ersatz für Die älteste orthodoxe die ursprüngliche, seit dem Kirche im Bäderdreieck Jahre 1878 im Gebäude ist die Kirche St. Olga von des Rathauses bestehende Františkovy Lázně (Franorthodoxe Gebetsstätte zensbad). Sie wurde in den erbaut. Die Pläne schuf Prof. Jahren 1887-1889 durch den Nikolai Wladimirowitsch Architekten und späteren

Nordwestböhmen

NORDWESTBÖHMEN

121

hiesigen Bürgermeister Gustav Wiedermann erbaut. Das Hauptschiff ist von quadratischem Grundriss, mit gewölbter Kuppel und einem Glocken-Zwiebeldach mit kleiner Kuppel. Die Ecken des Gebäudes

werden von dekorativen Türmchen geziert, die ebenfalls mit typisch byzantinisch-russischen Kuppeln abgeschlossen sind. Vor dem eigentlichen Schiff ist eine reich gegliederte Vorhalle mit

hohem achtseitigem Turm vorgebaut. Im Innern befinden sich neben dem traditionellen Ikonostas auch weitere Heiligenbilder, wobei das Gewölbe nicht nur ornamental, sondern auch figural reich bemalt ist. 10 km 5 miles
Routen

210

Karlovy Vary

E442

Františkovy Lázně

E49

E49

Bečov nad Teplou
E49

Cheb

Lázně Kynžvart
21

230

Mariánské Lázně
210

Teplá

Karlovarský kraj Deutschland Plzeňský kraj Chodová Planá

122

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Route 12 | Entlang des Flüsschens Teplá (Tepl) zu den kirchlichen Denkmälern
wurde. In ihren unterirdischen Räumlichkeiten Beförderung: Zug (kann befindet sich eine Krypta, mit dem Fahrrad kombiniert deren Besichtigung mit werden) dem Stadtinfozentrum Místa: Karlovy Vary vereinbart werden kann. (Karlsbad), Bečov nad Teplou (Petschau), Teplá Auf dem Marktplatz steht (Tepl) die Dreifaltigkeitssäule, von der aus Sie sich auf Das bekannteste tschechi- einen kleinen Spaziergang sche Kurbad Karlovy Vary entlang der weiteren (Karlsbad) bietet nicht Karlsbader Kirchen nur Entspannung an dem begeben können – zu12 heißen Quellen und nächst kommen Sie an der Beispiele der typischen anglikanischen Kirche Bäderarchitektur. Sobald St. Lucas vorbei und nach Sie die Kolonnaden, etwa 10 Minuten gelangen von denen die bekannSie zur Perle Karlsbads – teste zweifelsohne die zur russischen orthodoxen Mühlenkolonnade ist, Kirche St. Peter und Paul, ausreichend genossen und die eine der Dominanten die Stadt aus einigen der der Stadt ist. vielen Perspektiven (am Anschließend können Sie einfachsten mittels der den Weg in Richtung Süden Seilbahn ist der Aussichts- entlang des Flüsschens turm Diana zu erreichen) Teplá (Tepl) fortsetzen – betrachtet haben, widmen welche Variante Sie auch Sie Ihre Aufmerksamkeit wählen, sicher werden Sie den interessanten sakralen die malerische LandDenkmälern der Stadt. schaft in der Umgebung genießen. Gewiss sollten Sie die Die erste Station ist Bečov barocke Kirche St. nad Teplou (Petschau). Maria Magdalena nicht Das bekannteste Denkmal auslassen, die zu Beginn dieses malerischen Städtdes 18. Jahrhunderts chens, dessen Geschichte unweit der berühmten bis in das 13. Jahrhundert Sprudelquelle von Kilian zurückreicht, ist der Ignaz Dientzenhofer erbaut gleichnamige Burg- und
Ausgangsort: Karlovy Vary (Karlsbad)

Schlosskomplex. Die spätgotische Burg wurde im Stil der Renaissance umgebaut und im 18. Jahrhundert wurde noch ein neues Barockschloss hinzugefügt. Heute beherbergen seine Gemäuer den nach den böhmischen Krönungsinsignien kostbarsten Schatz in Tschechien – den Reliquienschrein des Hl. Maurus, dem ein ganzer Besichtigungsrundgang gewidmet ist. (geöffnet Mai-September täglich außer montags 09:00–17:00, April und Oktober nur an Wochenenden und Feiertagen) Die zweite Station ist das Kloster der Prämonstratenser in Teplá, das durch den seliggesprochenen Hroznata von Ovenec im Jahre 1193 gegründet wurde. Das Kloster überdauerte zwar den Sturm der Hussitenkriege, jedoch wurde es während des Dreißigjährigen Krieges dreimal geplündert – zuerst durch die Truppen des sog. Winterkönigs und dann zweimal durch die Schweden. Nach einem Brand im Jahre 1659 wurde der Konvent vollständig im Barockstil umgebaut

Nordwestböhmen

NORDWESTBÖHMEN

123

und ist in dieser Gestalt bis heute erhalten. ZU den größten Anziehungspunkten gehört neben der romanisch-gotischen Kirche Verkündigung des Herrn auch die Klosterbibliothek, die zweitgrößte bei

uns. Den Besuch des Areals können Sie durch einen Spaziergang durch den malerischen Klosterpark abrunden. Sollten die Radfahrer immer noch vor Energie sprühen, können Sie einen

Abstecher zum TrappistenKloster Nový Dvůr bei Dobrá Voda wegen seines hervorragenden Mönchsenfes unternehmen (Klosterverkaufsstelle geöffnet an den Wochenenden nachmittags) 10 km 5 miles
Routen

Karlovy Vary
210

E442

E49

E49

Bečov nad Teplou

Bochov
E48

230

Lázně Kynžvart Mariánské Lázně

Teplá
210 E49

21

Karlovarský kraj Chodová Planá
21 E49

Plzeňský kraj

Südmähren
Region Südmähren und Zlín

Lassen Sie sich nicht entgehen...
• Mikulov – jüdische Stadt • Gebiet um Lednice - Valtice – Pohansko bei Břeclav • Mikulčice - Wälle • Brünn – Kathedrale St. Peter und Kirche St. Jakob
Interieur der Peter- und Paulskirche, Rajhrad. Foto: Magni

• Uherský Brod – J.-A.-Komneský-Museum • Velehrad – Basilika der Jungfrau Maria und der Hl. Kyrill und Method

224

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Der Maharal – Rabbi Jehuda ben Bezalel
Man schrieb das Jahr 1553 der christlichen Zeitrechnung. Schon mehrmals waren die einflussreichsten Männer der wohlhabenden jüdischen Gemeinde Mikulov (dt.: Nikolsburg) zusammengekommen, um sich darüber zu einigen, wer ihr neuer Rabbiner werden sollte. Jeder der Anwesenden verteidigte seinen Kandidaten und versuchte, die anderen Bewerber schlechtzumachen. Hintereinander erklangen mehrere Namen. Doch keiner von ihnen wurde akzeptiert. Da sagte einer der Anwesenden: „Wie wäre es denn mit diesem Jehuda Liva ben Bezalel?“ Einen Moment lang trat Stille ein – manche versuchten sich vergeblich zu erinnern, ob sie diesen Namen schon einmal gehört hatten... „Warum gerade er?“ wendete einer ein. „Warum nicht lieber einer von seinen älteren Brüdern? Die sind auch Rabbiner, wie schon ihr Vater, und sind auch vom Alter her erfahrener.“ Ein anderer fragte: „Wie alt ist er denn eigentlich?“ „Fünfunddreißig Jahre.“ „Nein, ich habe gehört, schon 43!“ „Ach wo, er soll noch nicht einmal dreißig sein...“ Man versuchte den Streit über sein Alter zu schlichten: „Na, es ist doch ganz egal, wenn er nur eine anerkannte Ausbildung hat.“ „Die hat er wohl, er soll in einer Jeschiwa in Polen studiert haben.“ „Da haben Sie was verwechselt, Herr Nachbar. Das war in Deutschland, er ist doch auch in Worms geboren!“ „Nein, er hat in Polen studiert und ist in Posen geboren!“ „Wo er geboren ist, ist doch egal, ich weiß aber, dass er gar keine Schule besucht hat, er hat zu Hause bei seinem Vater und seinen Brüdern gelernt und wohl auch viel im Alleingang studiert. Er soll außergewöhnlich belesen sein.“ Aus der Ecke des Raums ertönte eine weitere Meinung: „Ich will Euch nur darauf aufmerksam machen, dass Jehuda zwar kürzlich geheiratet hat, und zwar die Tochter des seligen Schmelke aus Prag, aber stellt Euch vor: erst nach fünfzehn Jahren Verlobung! Das finde ich nicht richtig. Dahinter steckt was Ernsteres, sage ich Euch.“ Es erklangen noch mehrere andere Meinungen – die zeigten, dass Rabbi Jehuda schon zu Lebzeiten ein Mensch war, von dem man sich so dieses und jenes erzählte. Die Mikulover Juden aber bereuten ihre Entscheidung nicht, nur manchmal schien ihnen, dass ihr Rabbi (der auch mährischer Landesrabbiner war) vielleicht nicht gar so viel zu studieren und nicht gar so viele Bücher zu schreiben bräuchte, die zu lesen sie selbst keine Zeit hatten. Doch um die Kinder in der Schule kümmerte er sich wirklich gut. Eigentlich bedauerten die Mikulover es nur, als ihr Rabbi sie 1573 nach zwanzigjährigem Wirken verließ, um nach Prag zu gehen. Sie ahnten: einen solchen Rabbi würden sie nicht nochmal finden. Es gibt wenig, was wir über Rabbi Jehuda wissen – doch viel, was man sich über ihn erzählt. So soll er zum Beispiel im Interesse seiner Landsleute, denen die Ausweisung aus Prag drohte, einmal auf der Steinernen Brücke (der heutigen Prager Karlsbrücke) die Kutsche Kaiser Rudolfs II. angehalten haben. Die Pferde sollen sogar von selbst vor dem Rabbi stehengeblieben sein, als ob sie nicht weiterkönnten.

Südmähren

SÜDMÄHREN

225

Und der Kaiser erhörte seine Bitte um eine Zusammenkunft – was auf normalem Wege wohl kaum möglich gewesen wäre. Man sagt, sie hätten sich mehrmals getroffen. Manche denken, dass Kaiser Rudolf II., ein bekannter Bewunderer der Alchimie und ähnlicher Fächer, von den Kenntnissen und Erfahrungen des Rabbi beeindruckt gewesen sei. Oder dass der Kaiser ihm sogar einen Teil seines Schatzes zur Verwahrung anvertraut hätte. Vielleicht sprachen sie auch über den Schutz des Prager Gettos. – Oder sollte der Kaiser um weitere Darlehen von den reichen jüdischen Geschäftsleuten gebeten haben? Die bekannteste mit Rabbi Jehuda verbundene Geschichte ist jedoch die Legende von der Erschaffung des Golem, einer menschenähnlichen Gestalt, die zum Leben erweckt, mit bestimmten Aufgaben betraut und dann wieder in den Zustand einer toten Statue versetzt werden konnte. Diese Legende verbreitete sich ca. zwei Jahrhunderte nach dem Tod des Rabbi, und so machte der (nur vermutlich existierende) Golem auch seinen angeblichen Schöpfer, Jehuda Liva ben Bezalel, berühmt. In einigen Quellen wird Liva (Lev) durch das hebräische Arje oder auch durch das deutsche Löw paraphrasiert, von dem die wohl bekannteste Bezeichnung des Rabbi – Rabbi Löw – abstammt. Die vielsagendste Charakteristik seiner Persönlichkeit ist jedoch in einem hebräischen Akronym enthalten (einem Wort, bei dessen Buchstaben, in diesem Falle nur den Großbuchstaben, es sich um die Anfangsbuchstaben ganzer Wörter handelt): MaHaRaL = Unser großer Lehrer Rabbi Liva. Sicher ist, dass er ein hervorragender, insbesondere ethisch ausgerichteter Denker

Rabbiner Löw Plastik von Ladislav Šaloun (1910) in Prag

wie auch Philosoph und Pädagoge war (einige denken, dass Jan Amos Komenský (J. A. Comenius) einen Teil seiner pädagogischen Ansichten von ihm übernommen hat – und es ist wirklich nicht auszuschließen, dass ihm diese über die jüdischen Bewohner Südmährens zur Kenntnis gelangten). Aus der Feder des Rabbi stammen fast zwei Dutzend Schriften, in denen er sich vor allem mit jüdisch-religiösen Themen beschäftigt, so z.B. mit der Bedeutung der jüdischen Feste Ta’anit Esther, Purim, Chanuka und Sabbat... Der Rabbi starb im Jahre 1609 und ist auf dem Alten Jüdischen Friedhof in Prag begraben. Sein Grabstein ist ein Anziehungspunkt für viele Touristen und Bewunderer der markanten geistigen Persönlichkeit oder auch einfach für Menschen, die hier einen Wunsch hinterlassen möchten. Die in ihn gemeißelten Worte zeugen von der tiefen Ehrerbietung und Dankbarkeit seiner Zeitgenossen: „Er übertraf alle an Weisheit, die lehren und deuten, er übersah nichts und sammelte das Kleine wie das Große.“

Geschichte eines Weges

226

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Ereignisse und Persönlichkeiten
Südmähren ist Teil eines historischen Gebiets, das zwar eng mit der Geschichte des böhmischen Staatswesens verbunden ist, jedoch immer eine Sonderstellung innehatte. In diesem Gebiet entstand das erste wichtige Staatsgebilde auf dem Gebiet der Tschechischen Republik – das Großmährische Reich. Auch nach der Eroberung durch den böhmischen Fürsten Oldřich (1031) wurde die Eigenständigkeit Mährens respektiert. Dies zeigte sich z.B. in der Gründung einer eigenständigen mährischen Markgrafschaft mit einem eigenen Herrscher, der seinen Sitz in Brno (Brünn) hatte, wie auch in der Existenz eines mährischen Landtags, der zumeist in Brünn (zu Beginn in Znojmo (Znaim) und zwischenzeitlich auch in Olomouc (Olmütz)) tagte. Jahr 833. Damals erweiterte der mährische Fürst Mojmír sein Herrschaftsgebiet um das Gebiet seines politischen Rivalen, des Fürsten Pribina, d.h. um das im Südwesten der heutigen Slowakei gelegene Fürstentum Nitra. Mojmír wurde so zum ersten großmährischen Herrscher. 846 wurde er von seinem Neffen Rostislav, einem bereits getauften Herrscher, auf dem Fürstenthron abgelöst. Rostislav holte über Vermittlung des byzantinischen Kaisers Michael III. Missionare in sein Reich, die das Christentum verbreiten sollten. Das Großmährische Reich bestand in

Südmähren

Das Großmährische Reich Das Großmährische Reich erstreckte sich an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert über das Gebiet Südmährens wie auch über Teile Böhmens, der Slowakei und Ungarns. Es kann als Keimzelle des christlichen Staatswesens im Gebiet des heutigen Mitteleuropa betrachtet werden. Als Gründungsdatum des Reichs gilt das

Rotunde St. Katharina, Znojmo (Znaim) Foto: Magni

Charakter der Landschaft
Südmähren bezaubert durch die Auen des Nationalparks Podyjí, die schneeweißen Felsgipfel des Landschaftsschutzgebiets Pálava und die Vielseitigkeit des Mährischen Karsts (tschechisch: Moravský kras). Die durch sanfte Hügel gezeichnete Region ist die wärmste Gegend

der Tschechischen Republik und verfügt über einen für Landwirtschaft, Obst- und Weinanbau gut geeigneten Boden. In diesem Gebiet sind alte Volkstraditionen in natürlicher Weise lebendig geblieben, was wohl auch dadurch bedingt ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung in Dörfern und Kleinstädten lebt.

SÜDMÄHREN

227

Mikulov (Nikolsburg), Marktplatz. Foto: Czechtourism.

der Hauptsache aus slawischen Siedlungen, sog. Burgstätten (hradišti). Bis heute lassen sich in Mähren, aber auch in der Slowakei und in Ungarn Überreste einiger solcher Burgstätten finden, so z.B. in Mikulčice-Valy, Pohansko, Staré Zámky, Znojmo (Znaim) und Olomouc (Olmütz) oder auch in Staré Město bei Uherské Hradiště. Dieses mitunter auch als Veligrad oder Velehrad („Große Stadt“) bezeichnete Handelszentrum wird als das Machtzentrum des Großmährischen Reiches betrachtet. Über die tatsächliche Lage des Machtzentrums streiten sich jedoch die Historiker. Dieses könnte auch über mehrere Orte Mährens verteilt gewesen sein. Das Zentrum jeder Burgstätte war eine Basilika. In Mikulčice (dt.: Mikultschitz) wurden die Fundamente von zwölf Sakralbauten freigelegt. Einer davon ist eine dreischiffige Basilika mit Vorhof und Atrium, die bezüglich ihrer Maße der größte bisher entdeckte großmährische Dom ist. Dieser Standort gilt daher als Zentrum der slawischen Kirchenarchitektur in Mitteleuropa.

Die Ankunft Kyrills und Methods Im Jahre 863 kamen in das Großmährische Reich die sog. Slawenapostel Kyrill (eigentlicher Name: Konstantin, den Namen Kyrill nahm er erst bei seinem Eintritt in ein römisches Kloster kurz vor seinem Tod an) und Method, die im Unterschied zu den lateinisch sprechenden ostfränkischen Geistlichen ein den Slawen verständliches Idiom, das Altkirchenslawische, als Liturgiesprache verwendeten. Gleichzeitig entwickelten sie auch eine Schrift, die sogenannte Glagoliza. Die Unabhängigkeit Großmährens mit einer eigenen Erzdiözese und Method als mährischem Erzbischof wurde im Jahr 880 von

Ereignisse und Persönlichkeiten

Interessantes
Auch die Russisch-Orthodoxe Kirche leitet vom Großmährischen Reich und dem Vermächtnis Kyrills und Methods die Anfänge ihrer Christianisierung ab.

228

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Basilika Mariä Himmelfahrt, Brünn. Foto: Magni.

Papst Johannes VIII. anerkannt. In dieser Zeit regierte auf dem Fürstenthron Rostislavs Neffe Svatopluk. Dieser ließ sich nach dem Tod Methods im Jahre 885 von den ostfränkischen Bischöfen davon überzeugen, die Schüler Kyrills und Methods des Landes zu verweisen und die kirchenslawische Liturgie durch die lateinische zu ersetzen. In dieser Zeit begannen sich auch einige Stämme, insbesondere tschechische und sorbische, vom Großmährischen Reich zu lösen und sich dem Ostfränkischen Reich anzuschließen. Gerade mit diesem Reich traten die Nachkommen Svatopluks später in einen kriegerischen Konflikt. Die Geschichte Großmährens endete in den Jahren 906–907, als das vom Krieg geschwächte Land von ungarischen Nomadenstämmen im Dienste des Fränkischen Reichs geplündert wurde.

Südmähren

Die slawische Tradition als Inspiration in späteren Jahrhunderten Der Geist der slawischen Liturgie ist, wenn auch nicht mehr in Verbindung mit Kyrill und Method, nie ganz aus Böhmen und Mähren verschwunden. Beispiele dafür sind das Sázava-Kloster in Mittelböhmen oder das auch „Na Slovanech“ („bei den Slawen“) genannt Prager Emmaus-Kloster, das von Kaiser Karl IV. jedoch nicht zu Ehren der Kyrills und Methods, sondern zu Ehren des Hlg. Hieronymus gegründet wurde, der an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert lebte, die Bibel ins Vulgärlateinische übersetzte und angeblich Slawe war. Karl IV. wollte in Prag Vertreter aller Orden und geistigen Traditionen versammeln, denn er beabsichtigte, hier nach Rom ein

Geschichtsreisen

Die wichtigsten Denkmäler der spirituellen Tradition des Christentums und des Judentums in der Tschechischen Republik. Planen Sie Ihre Geschichtsreisen mit Hilfe der Übersicht der touristischen Wege Lernen Sie die Geschichte der spirituellen Tradition des Katholizismus, der Reformation, der Orthodoxie und des Judentums durch Videosequenzen und Animationen kennen. Laden Sie sich für Ihre Reise zu bedeutenden Standorten in Böhmen und Mähren einen Audioguide in MP3-Format herunter.

www.sacredczech.com

246

MAGNI | GESCHICHTSREISEN

Magni | Geschichtsreisen
Veröffentlicht von HelpTour – Agentur für die Unterstützung des Tourismus Budejovicka 73, 140 00 Prague, Czech Republic (Europe) tel.: +420 226 209 018, +420 724 091 762, e-mail: magni@helptour.cz 2011 als Teil des Projektes “Präsentation der religiösen Denkmäler und des kulturellen Erbes in der Tschechischen Republik”: DAS PROJEKT WURDE FINANZIELL UNTERSTÜTZT VOM PROGRAMM DES STRUKTURFONDS UND MIT STAATSMITTELN DER TSCHECHISCHEN REPUBLIK Redaktionsteam Evropské vydavatelství, s.r.o./ Europäische Herausgeber GmbH Kateřina Nohavová, Silvestr Špaček, Bohumil Kejř, David Šorm, Veronika Šmídová, Marek Toušek Experten Ota Halama, Blanka Rozkošná, Martin Horálek, Jaroslav Šebek Übersetzung Mezinárodní překladatelský servis s.r.o. Graphik Design Euro Media House s.r.o., Petr Stiegler - Designology DTP Dongo Creative, s.r.o., Daniel Řehák Fotos © Euro Media House © Czechtourism © Jakub Frey Gedruckt in der Tschechischen Republik (Europa) 1. Auflage Alle Rechte vorbehalten Kein Teil dieser Publikation darf ohne die vorherige schriftliche Erlaubnis der Herausgeber dieses Buchs, kopiert, gespeichert oder in ein Wiedergabesystem eingeführt oder in jeglicher Form oder mit jeglichem Mittel übermittelt werden (elektronisch, mechanisch, Fotokopie, Aufnahme oder anderes). www.magni.cz | www.sacredczech.com