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70 Jahre „Das Glasperlenspiel“: Warum nicht alles auserzähle...

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70 Jahre „Das Glasperlenspiel“

Warum nicht alles auserzählen?
21.06.2013 · Ein Meisterwerk der Abstraktion, ein Pendant zu Prousts „Recherche“ und ein magisches Theater in der Psyche des Autors: Was Hermann Hesses „Das Glasperlenspiel“ heute noch an Geheimnissen zu entbergen hat.
Von MICHAEL KLEEBERG

Artikel

© PICTURE ALLIANCE/KEYSTONE

Er spottete mit der Figur Plinius Ziegenhalß in „Das Glasperlenspiel“ seiner selbst: Der Schriftsteller Hermann Hesse vor seinem Haus in Montagnola im Tessin

A

ls Thomas Mann 1938 nach Amerika übersiedelte, erklärte er „schlicht und recht“,

wie sein Bruder das nannte: „Wo ich bin, ist die deutsche Kultur.“ Sein ferner Bruder oder doch Cousin im Geiste, Hermann Hesse, war zur selben Zeit, einige tausend Kilometer weiter östlich in jedem Sinne, bereits einen Schritt weiter. Denn obwohl er es bezeichnenderweise nicht tat, hätte er in mancherlei Hinsicht sagen können: Wo ich bin, ist die Kultur. Und zwar keineswegs nur die deutsche. Seit der ersten Begegnung vor mehr als dreißig Jahren ist Das Glasperlenspiel derjenige von Hesses Romanen, der es mir am meisten angetan hat. Nicht nur kam er mir immer am geheimnisvollsten und inkommensurabelsten vor, ich habe ihn auch vom ersten Moment an als sinnlich anschauliche Lektüre geliebt. Mit einem lateinischen Auftakt Gerade diese Behauptung will gerechtfertigt sein, gilt doch Hesses letzter Roman gemeinhin als ein dünnes, blutleeres, unsinnliches Werk, als - wie es Joachim Kaiser in einer Kritik nannte - „Science Fiction der Innerlichkeit“. Und auch Kenner, Liebhaber und Verteidiger Hesses sind mit ihrem Latein am Ende, wenn es daran geht, die Perlen aufzufädeln. Mit Latein beginnt indessen alles: „Nihil adeo necesse est ante hominum oculos proponere ut certas quasdam res ...“ - zu deutsch: „Nichts ist notwendiger den Menschen vor Augen zu stellen, als gewisse Dinge, deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist, welche aber eben dadurch, daß fromme und gewissenhafte

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meine neuesten Erkenntnisse zusammenzufassen.Z. dann wackelt für den Rechenschieber des Ingenieurs wie für die Mathematik der Bank und Börse alle Gültigkeit und Autorität. Menschen sie gewissermaßen als seiende Dinge behandeln. zwei von Hesses Lateiner-Freunden. Franz Schall und Josef Feinhals. das mir Eindruck machte und seither nicht aufgehört hat.-GRAFIK THIELEN Auch ich habe mich. der den Durst eines Zwanzigjährigen ebenso zu stillen mag wie den eines Fünfzigjährigen.hier kommen die proustischen Qualitäten Hesses in nuce zum Tragen. Hermann Hesse © CINETEXT / VERLAG / F.06. Wie prophetisch aber diese Abhandlung ist. seit der Weltrevolution der plappernden Ich-auchSelbstvergewisserung durch das Internet 2. Hesse habe Richard David Precht gekannt. dem See . Clangor und Collofino waren. Als fiktive Herausgeber und Übersetzer ins Lateinische nennt Hesse Clangor und Collofino. dem Kern dieses „Büchleins“ um ein weniges angenähert. wie wir heute wissen. wenn es heißt: „Wenn das Denken nicht rein und wach und die Verehrung des Geistes nicht mehr gültig ist.13 12:19 . dann gehen bald auch die Schiffe und Automobile nicht mehr richtig. um zu versuchen. der große Kirchenlehrer und Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft. Halten wir uns kurz bei diesen Namen auf: Albertus Magnus. mir Eindruck zu machen. dann kommt das Chaos“? Und hat man nicht den absurden Eindruck. die modernen Kapitalismus-Kritiker der Occupy-Bewegung sprechen zu hören. Mit einem zeitaufwendigen Verfahren zur Zeitlosigkeit Meint man nicht. wenn er von den „Philosophen mit den Feuilletonfabriken“ spricht und ihren „hinreißenden Vorträgen in überfüllten Sälen mit Applaus und Blumenspenden“? 2 von 7 23. wird erst richtig deutlich seit dem Beginn des elektronischen Informationszeitalters. das vierte Mal mit fünfzig und nun noch einmal. weswegen dessen Erfinder Hesse sich hier als Albertus Secundus in die Nachfolge stellt.. das erste Mal mit zwanzig. Denn bei jeder neuen Lektüre habe ich neues in dem Roman gesehen. Spielereien also und private Jokes gleich im Motto? Wir werden sehen.. ohne dass das Wasser je schal schmeckt. Kritik von zeitloser Gültigkeit Gleich bei der ersten Lektüre blieben mir die Passagen unvergesslich. Bei meiner ersten Lektüre sah ich dieses feuilletonistische Zeitalter noch ganz als Kritik an der Periode. das Kapitel Berufung mit dem gemeinsamen Musizieren zwischen dem Knaben Knecht und dem Musikmeister oder auch das Ende mit der Reise ins Gebirge. dass es sich um viel mehr handelt. habe ich das Glasperlenspiel etwa alle zehn Jahre wieder gelesen. Lektüre um Lektüre. Jahrhundert bis in die dreißiger Jahre und dann bis in die siebziger und achtziger Jahre des Zwanzigsten. http://www. was ich zuvor alles noch nicht verstanden und entdeckt hatte und dass dieses Buch tatsächlich ein unversieglicher Quell ist.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/70-jahr.faz. ist die Beschreibung des feuilletonistischen Zeitalters. eine Kritik an den Zeitungen und dem Fernsehen..“ Gezeichnet Albertus Secundus. verstanden und entdeckt und durfte feststellen. dem Flötenspiel. in denen Hesse in wenigen Strichen eine Atmosphäre größter Sinnlichkeit beschwört. Das nächste an diesem Buch. die Hesse und die auch ich selbst überschauen konnte. dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden..0 und seit der großen Krise des kapitalistischen Weltbewusstseins der letzten Zeit. ist somit einer der Stichwortgeber des Glasperlenspiels. vom späten 19.A. Ohne dass dies je geplant gewesen wäre. Für den Zwanzigjährigen leuchteten sie wie Blüten aus dem dunklen Dickicht der Konstruktion.70 Jahre „Das Glasperlenspiel“: Warum nicht alles auserzähle.

http://www. Alles hat er getilgt. Und genauso setzt er es in die Zeit: nicht mechanisch ans Ende des Pfeils. der zuvor alle seine Bücher in kurzen. ob 1943 oder 2013. Der Autor hat selbst häufig erklärt. das Glasperlenspiel also keine Reaktion auf die Nazis. sich diesmal zehn Jahre Zeit nahm und nehmen musste. Wie Hesse es gemacht hat. einer frühen Idee zufolge. die im Eindampfen aller Zeiterscheinungen eines Phänomens und in der Konzentration auf die diese Erscheinungen je und je hervorbringenden grundlegenden Strukturen besteht. Kastalien irgendwann kurz und klein schlagen sollten . dass Hesse länger als Mann ein politisch wacher Zeitgenosse gewesen war und ebenso wie dieser wegen seiner Frau und deren Familie im Fokus der deutschen antisemitischen Politik stand . weil Hesse einfach eine Dimension weiter dachte.faz. das. sprich: von Montagnola bis Bern. die.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/70-jahr. was das Buch auf den Zeitraum seines Entstehens fixiert hätte.70 Jahre „Das Glasperlenspiel“: Warum nicht alles auserzähle. eine Einladung an den Leser. nämlich gerade die Technikfantasien.Thomas Manns ein wenig herablassende Vermutung ist auch deswegen falsch..das Glasperlenspiel erweist sich also als ein Gegenpol zum Dr. die sie dann logisch hervorbringt. Der Irrtum könnte nicht größer sein. die Zerstörungswut der besitzlosen Massen. warum Hesse.13 12:19 . dass das Prinzip Kastalien und das Glasperlenspiel nicht in die Zukunft gehört. und langsam beginnen die Puzzleteile ineinanderzugreifen: Hat Hesse die Einführung ins Glasperlenspiel nicht viermal umgeschrieben. wie der Geist sich verändert hat. Hesse mache es sich hier im Gegensatz zu ihm im Unpolitischen bequem. sondern eine auf die Krisenzeit ist. dauert es auch mit der „Eilpost“ einen halben Tag. ein Weg aus der Fülle in die Abstraktion. Wochen oder allenfalls Monate dauernden Schaffensräuschen geschrieben hatte.. was Zukunftsromane häufig so lächerlich und kurzlebig macht. die nicht aus Ahnungslosigkeit und mangelndem humanen Zugriff kommt. Auch hier also wieder ein Konzentrationsprozess.. Er hatte das deutsch-spezifische an der Jahrhundertkrise schon längst eingedampft und als eine. was sie im Flüchtigen an Ewigem enthält. aber nur eine Facette seiner 3 von 7 23.“ Dieses Konstruktionsprinzip erklärt auch. Charles Baudelaire beschrieb diese Vorgehensweise so: „Es handelt sich darum. wann er dieses Buch liest. um jeglichen direkten Anklang ans konkret Tagespolitische zu vermeiden? Vergessen wir nicht..06. Der Rückblick aus der fernen in eine nicht ganz so ferne Zukunft. dass die urspüngliche Konzeption von 1931/32 stammt. der die deutsche Entwicklung hin zum Nationalsozialismus frontal ins Visier nimmt und dessen Verfasser bei der Lektüre des Hesse’schen Werkes und auch in den um diese Zeit gewechselten Briefen immer ein wenig den Verdacht hegte. Faustus. Dabei fallen mir einige Zeugnisse aus der Entstehungsgeschichte des Romans ein. Alles. das Gespräch Knechts mit dem Führer der Diktatur. kann er auf die Erfindung der nachgeordneten Kontingenzen verzichten. dass seine Kulturkritik mit den Zeitveränderungen Schritt hält liegt an der Konstruktion seines Hauptwerkes. der „Reisewagen“ des Magisters könnte ebensogut wie von einem Motor von einem Pferdegespann gezogen werden . an dessen Ende offenbar nur die Essenz einer ganzen Kette von Überlegungen. sondern zu aller Zeit da war. sondern er stülpt es als eine zusätzliche Dimension auf unsere vier vorhandenen. von der Mode das loszulösen. Ein Gegenpol zum „Doktor Faustus“ Abstraktion ist das Schlüsselwort zum Verständnis des Glasperlenspiels: eine Abstraktion. sondern aus einem allumfassenden Destillierungsprozess. Das Prinzip Kastalien als fünfte Dimension Da ist der vielbesprochene „utopische“ Roman. einer ganzen Bibliothek eingesparter Texte aufgeschrieben ist. eine Reduzierung aufs Essentielle. ganz abhängig davon. Nicht nur wissen wir.und dennoch kann der phantasievolle Leser sich die landesweite Übertragung des Jahresspiels auch per Flachbildschirm und Livestream vorstellen. hat Hesse klug ausgespart und vermieden. Indem er sich damit begnügt zu zeigen. Aber diese Zukunft besteht aus Fußreisen wie zu Taugenichts’ Zeiten. Von Waldzell bis Hirsland. was Kaiser „Science Fiction“ genannt hat.

. die alle Polarität umfasst.faz. die sich nicht auf konkrete Ziele richtet. kulminierend in seinem Roman Das Glasperlenspiel. die sich in den eigenen Schwanz beißt und damit den Kreis schließt. Größe. psychologisch reifsten. mit den Frauen? Hesse mochte seinen enttäuschten Lesern noch so eindringlich erklären. vor allem als junger Mann.. auch nicht auf die ebenso vage feuilletonistische Lesart. das Individuum. das das All im Einen symbolisiert. Beide zusammen schaffen ein ebenso geschlossenes. sondern Absicht. ein autarkes. reine Luft“ dieses Werks ist ganz offensichtlich keinem Nachlassen der künstlerischen Kräfte zuzuschreiben ist. in der es Mode geworden ist. erschafft Hesse die Geschichte des Glasperlenspiels und seines Meisters in einem Glasperlenspiel. die Schlange. Die „dünne. rundes System wie Prousts Werk: So wie dieser den Weg zur Künstlerwerdung mit einem Werk vollendeter Kunst beschreibt.70 Jahre „Das Glasperlenspiel“: Warum nicht alles auserzähle. Aber hier erhoffte sich Hesse wohl Leser. Erkenntnisse.. das heißt eine Fülle von Leben und Geist. Das gilt allerdings. die es damals. Zeitkritik ins Werk eingebaut. die Erinnerung an Hans. wohin man schaut in diesem Roman. die breite Schilderung vermissten. und eine davon hat mir den Schlüssel gegeben. und selbstverständlich sei auch Josef Knecht. Ich meine es ganz konkret. Erbärmlichkeit und Neurose des Zeitalters Somit wird deutlich. das nur einer der Pole ist. Nach den Regeln des Glasperlenspiels ist das Glasperlenspiel ein Glasperlenspiel. Es ist ein Ouroboros in Form des Yin-und-Yang-Symbols. Thema dieses Spiels ist nicht das „chinesische Haus“ wie in Knechts erstem Festspiel als Magister. die beiden gemeinsame Fähigkeit detailliertester Erinnerungsevokation zum Beispiel. der Einheit. die komplett erzählt einen Strom von 100. Die Recherche ist ein Ouroboros. ihn missverstehend. das Leben und Werk und die geistige Welt Hermann Hesses. verliebt gewesen und habe Frauen gekannt . was die Engländer „The life and times of“ nennen. auf der Basis seiner Erinnerungen. die Lebenschronik Knechts und dessen Texte. als auf der Basis seiner gesamten Epoche und Existenz. Das meine ich nicht etwa in der vagen und fast schon pejorativen Form. das wir soeben gelesen haben. alle intellektuelle Beschäftigung.000 Seiten ergeben hätte. mutatis mutandis. Mir sind in den letzten Jahren ohnehin mehr und mehr Parallelen zwischen Proust und Hesse deutlich geworden. Der andere Pol ist Knecht. die drei beziehungsweise vier Lebensläufe und die Gedichte zu erfassen. Hesse konnte auch zu dieser Zeit ganz anders: Im Laufe der Entstehung des Glasperlenspiels beging sein Bruder Hans Selbstmord. fast jeden komplexen modernen Roman von Mann über Musil bis Bolaño hilflos als „Glasperlenspiel“ zu bezeichnen. Thema ist die geschichtliche Epoche.. http://www.es half nichts: Warum war es dann nicht alles ausgeführt? Warum war es dann nicht alles auserzählt? Nach den Gesetzmäßigkeiten des Ouroboros' Die Struktur erlaubt es. an dem so viele Leser. Thema ist das. Was war mit der Liebe. Gegenstand ist „The life and times of“ Und genau das gleiche gilt auch für das Glasperlenspiel. als „Glasperlenspiele“ abzutun. die Gesamtharmonie ergeben. sie sollten und durften sich jede außergewöhnliche Frau der letzten tausend Jahre nach Kastalien hineindenken. um das Glasperlenspiel ganz neu zu verstehen und die Logik seiner Unterteilung in die Geschichte Kastaliens. noch nicht gab.06. es liegt also nur am Leser selbst. was Hesse sich tatsächlich vorgenommen und womit er diese zwölf Jahre verbracht hat: nämlich mit nichts Geringerem. Am Ende der siebenbändigen Recherche beschließt Marcel. die Leerstellen in eigener kreativer Mitarbeit zu füllen. die im dialektischen Kampf und Widerspiel erst gemeinsam das Tao. detailgesättigtsten und proustischsten Texten entstand. nicht für das Spiel selbst. woraufhin im Jahr 1936 einer von Hesses sinnlichsten. nur für das Buch Glasperlenspiel. jenes Buch über die „verschwendete“ Zeit seiner Künstlerwerdung zu schreiben. Jahrzehnte vor der „fan-fiction“. selbstreferentielles System.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/70-jahr. zu den 4 von 7 23.13 12:19 . seines Erlebens und Lebens ein Glasperlenspiel zu komponieren. Konzentration also.

und erklärt den selbsterfundenen Bund der Morgenlandfahrer zu Krypto-Gründern Kastaliens.. Auf den Steppenwolf verweisen diese Zeilen über die klassische Musik als Inbegriff der kastalischen Kultur: „Es ist immer ein Klang von übermenschlichem Lachen darin. in dem Knecht Jahre damit verbrachte... sind die Belege Legion: zunächst einmal die Zitate aus den eigenen Werken. von unsterblicher Heiterkeit.... Liest man das Buch daraufhin durch. mit denen das Spiel das Weltwissen und seine Verknüpfungen erlebbar macht. ein „Werk des Alters und der Einsamkeit“ war. er war fast beständig von Freundinnen. Abbreviaturen und Formeln zu kondensieren und zu abstrahieren. „Knechts Studienjahre galten nun (. der Mensch selbst. und deshalb ist quasi alles und jeder. nicht nur von der deutschen Misere. Knecht selbst als Leser von Hesses Werk Nein.70 Jahre „Das Glasperlenspiel“: Warum nicht alles auserzähle. die er in seinem sechzigjährigen Leben kennengelernt hatte. hat seinen Hesse gelesen. Diskussions.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/70-jahr. Vor allem aber scheint Hermann Hesse. das diese Inhalte engführt. Schall und Feinhals sind schon erwähnt worden. Werke und Systeme des genauesten kennenzulernen.allerdings sehr unkonventionellen Romans.06. Hermann Hesse selbst. er spielte deswegen mit sich selbst. im Lernen einen Weg durch verschiedene Kulturen. Hesses Roman geht genau den umgekehrten Weg. wurde mir beim Wiederlesen des Studienkapitels deutlich. weil er wusste. auch aus seinem Freundeskreis zusammen. Sprachen. die im Spielplan enthaltenen Inhalte. dass er es alles auch in sich selbst und im eigenen Leib hatte..und Zechkumpanen umgeben. Sprachen. http://www. heißt es dort. der in diesem Glasperlenspiel vorkommt und Spielmaterial wird. Deshalb war das Thema dieses Glasperlenspiels Hermann Hesse. die in einer seiner satirischen Erzählung aus dem Jahre 1927 das Licht der Welt erblickt hatten. in seinen verschiedenen Lebensstufen und -zuständen hinter beinahe jedem Charakter des Romans ganz oder 5 von 7 23. die ihm vorschwebte. Der Bund der Morgenlandfahrer.und Weltgeschichte in Hesses Körper. wie es Thomas Mann unternahm. Künsten. Das ganze Glasperlenspiel ist magisches Theater in Hesses Kopf. die schon in Klingsors letzter Sommer ertönte. formte er das Spielschema dieses .) der Aufgabe. aus denen es zusammengesetzt war. aber nicht etwa weil der Roman. aber auch aus seinen Erfahrungen.spielt er mit sich selbst Glasmurmeln. Er wusste. dass von sich zu sprechen eben auch hieß.13 12:19 . auch durch ihn selbst hindurchging. auch aus seinem Umfeld. Größe und Erbärmlichkeit und Neurose des Zeitalters. die gewissermaßen wie ein Astralkörper über dem geographischen Raum der Schweiz plus Württembergs liegt. Jahrhunderte zurückzulegen“. Dass es sich so verhalten muss. außer aus literarischen Gestalten. man soll sich von seiner mürrischen Abwehrgeste nichts vormachen lassen. Das Thema jedoch.zwölf welthistorisch fürchterliche Jahre . Wenige Künstler waren so wenig einsam wie Hesse. Künste. ein einziges Glasperlenspiel in die Komponenten zurückzuübersetzen. Aus den Kulturen.. diese Vordenker Kastaliens.) nicht selten auch mit einem Ausdruck bezeichnet. Zwölf Jahre lang . so könnte man sagen. denn in seinem Schreiben an die Erziehungsbehörde erwähnt er die Sitten in der Republik der Massageten. dass die Weltkulturgeschichte. welcher noch aus der Dichtung der feuilletonistischen Epoche stammt: magisches Theater. der somit ebenfalls in die pädagogische Provinz gebeamt wird. In der Analyse des feuilletonistischen Zeitalters zitiert der Chronist die „Musik des Untergangs“. philosophische Zusammenschau von Taoismus und Pietismus in Hesses Seele. von der Krise der Zeit überhaupt zu sprechen. die für Hesse wichtig waren.faz. aus seinem lebenslangen Bedürfnis. Wissenschaften. ist Hesse selbst. Nicht nur aus Hesses Werk speist sich das Glasperlenspiel. Gerichtstag zu halten über sich selbst. Freunden. setzt sich ja. Kultur.“ Und auch Josef Knecht selbst.“ Und so heißt es denn auch folgerichtig über die Ursprünge des Spiels: „Es wurde (. wie Hans Mayer vermutete. Prinzipien.

fünfzig Jahre nach dem Tod des Autors. Ein Porträt Jakob Burckhardts Der „Schweizer Musikgelehrte und Mathematiker“. halb krankhafte. um sein Zufluchtsreich des Geistes zu erschaffen. Das beginnt bei Wortspielereien wie dem Namen des kastalischen Historikers Plinius Ziegenhalß. in der Hesse die Nachtseiten des eigenen Charakters schonungslos darstellt. Eine Selbstcharakteristik. Dieses „Von Hesse. am Sichverstellen.faz. „pessimistische(n) Witz“ und „ewiges Studententum“. transzendiert und produktiv gemacht werden. einer selbstverspottenden Anspielung auf Hesses Physis: der lange. Die „wütende Leidenschaft für das eigene Ich“. lebte sie dennoch aus und formte sie zu Kunstwerken. wie folgende Beschreibung verdeutlicht: „Damals etwa sechzig Jahre alt. teilweise auf. das hinter dem „Basler Jongleur“ kein anderer steckt als Hesse selbst. was Thomas Mann „viel Scherz im biografischen Forscherstil. Als sich aus den anfänglichen Plänen einer Reinkarnationsgeschichte. Seine Züge zumindest aber hat er von Hesse. indem er eine „neue Zeichenund Formelsprache“ erfindet. voll Witz. um es damit genug sein zu lassen. so heißt das Buch ja auch. sehnige Hals. haben wir dank der Veröffentlichungen 6 von 7 23. voll Spiel. erklärt der nächste Satz. ältlicher Mann mit einem Sperberkopf auf langem. Wann immer wir in Hesses Prosa solche Hälse und Köpfe finden. bis der Arzt kommt Aber auch Plinio Designori. konnte diese Leidenschaft endgültig sublimiert. am überraschenden Verschwinden und Auftauchen. gegensätzliche. voll Durchtriebenheit. ebenso wie Knecht selbst. durch Hesse. der „Vogel“. eines utopischen. Heute. über Hesse“ geht aber tiefer als das. die Heinrich Mann in jungen Jahren seinem Bruder Thomas vorgeworfen hatte. der ältere Bruder und alle anderen Gestalten des Buches. Noch tiefer ins Charakterliche geht es bei der Beschreibung von Fritz Tegularius. Eine andere. der Historiker der Benediktiner..06. voll Spaß am Zaubern. halb schicksalhafte Trauer.. die Menschheitsentwicklung behandelnden Epos die Idee mit dem Glasperlenspiel zu formen begann.13 12:19 . der „dem Spiel eine neue Wendung und damit die Möglichkeit zur höchsten Entfaltung“ gab. sehnigem Halse“. der das Knecht so hilfreiche Tagesbrevier geschrieben hat: Ludwig Wassermaler ist natürlich außer dem Malerfreund Louis Moillet der aquarellierende Hesse der zwanziger Jahre. Die Initialen deuten zwar auf Jakob Burckhardt oder auch auf Johann Bernouilli hin. und warum Hesse sich selbst multiplizierte und spiegelte. dass „dies Gesicht die Bestimmung (habe).. auch Hesse besaß sie.. litt unter ihr.“ Weitere Artikel Silser Hesse-Tage: Die totale Therapie Hermann Hesse: Jedem Foxtrott wohnt ein Zauber inne Hesses „Steppenwolf“: Heulen. wird der „Lusor“ oder „Jokulator Basiliensis“ genannt. ein hagerer. gilt zurecht als Porträt Jakob Burckhardts. dem kastalischen Décadent und Spielvirtuosen. sehen wir ein Selbstporträt. http://www. Sein Gesicht. Pater Jakobus. der Kastalien für Knecht in eine historische Perspektive rückt. der sagt. den Vorfahren von Hesses erster Frau Mia. ist Hesse. aber trotz dieser Augenzwinkerei ist es klar. gewiss.oder „Sperberkopf“. nämlich „Unbotmäßigkeit“. gealterten Weltmenschen. aber eben doch ein höheres Spiel. Stellvertreter von vielen zu sein und das geheime Leiden und Kranksein vieler sichtbar zu machen. Vereinsamung und Hilflosigkeit“ ist darauf zu lesen. als seine Leute ahnten. formuliert Plinio Designori: „Er war ein viel größerer Schelm.70 Jahre „Das Glasperlenspiel“: Warum nicht alles auserzähle. Namenskomik“ nannte. das Gesicht des gescheiterten. Das gleiche gilt für den legendären Magister Ludi. wie Tegularius.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/70-jahr. die zumindest Hesses Frauen sofort unterschrieben hätten. ebenso wahre.“ Ein Spiel. das alles? Das Spiel eines alten Mannes? Ja. Jakobus. ist wiederum das seines Schöpfers: „Eine rührende.

http://www. die 600-SeitenAbbreviatur des Glasperlenspiels wieder zurück in die zigtausende von Seiten Epochendarstellung und Künstlerexistenz des 19.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/70-jahr.Z. und 20. aus dem Nachlass und unzähliger gelehrter Studien die Mittel.. Hier sollte Hermann Hesse auf das Theologiestudium vorbereitet werden: Der Blick in das Brunnenhaus des Klosters Maulbronn ist Umschlagmotiv älterer SuhrkampTaschenbuchausgaben von „Das Glasperlenspiel“ © PICTURE-ALLIANCE / AKG-IMAGES Quelle: F. Jahrhunderts zu übersetzen.06.faz...70 Jahre „Das Glasperlenspiel“: Warum nicht alles auserzähle. aus denen sie komprimiert wurde. 7 von 7 23.. Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben Suchbegriff eingeben © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2013 Alle Rechte vorbehalten.13 12:19 .A.