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68ER

Die ewigen Rebellen
Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg machte aus einer lustigen Revolte den Aufstand der 68er, der Deutschland veränderte. Die Erfolge und Mißerfolge dieser Kulturrevolution beleben und lähmen die Republik bis heute. Aus Sicht der Studenten war noch im Jahr 1968 die Vergangenheit erschreckend gegenwärtig, sie hielten die Nachkriegsrepublik für faschistoid. War die Revolte von 1968, wie konservative Kritiker behaupten, ein einziger monströser Irrtum? Wird dem Mythos vom berechtigten Aufruhr der Linken der Garaus gemacht? Oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Geschichte wiederholt?

DPA Demonstration gegen den Vietnamkrieg

68er Die ewigen Rebellen 1. 68er: Die ewigen Rebellen vom 24.09.2007 - 538 Zeichen SPIEGEL ONLINE 2. RAF-Serie (III): Wie alles anfing: "High sein, frei sein" vom
24.09.2007 - 24392 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 98 3. ESSAY: DIE ERSCHÖPFTE GENERATION vom 30.12.2002 13629 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 134 4. DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT SERIE - TEIL 17 NACHGEHOLTES ERSCHRECKEN: UND IN DEN HERZEN ASCHE vom 27.08.2001 - 23619 Zeichen DER SPIEGEL Seite 156 5. DEBATTEN: Zorn auf die roten Jahre vom 22.01.2001 - 15657
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DER SPIEGEL Seite 192 6. Die Tage der Kommune vom 30.06.1997 - 27321 Zeichen DER SPIEGEL Seite 100 7. SPIEGEL-GESPRÄCH: "Die schießen auf uns alle" vom
23.06.1997 - 18389 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 106 8. Am Ende des langen Marsches vom 16.06.1997 - 29734 Zeichen DER SPIEGEL Seite 110 9. Einer, der gern saß vom 09.06.1997 - 31211 Zeichen DER SPIEGEL Seite 72 10. DIE ACHTUNDSECHZIGER: Vollstrecker des Weltgewissens vom 02.06.1997 - 35327 Zeichen DER SPIEGEL Seite 108 11. SPD: Die ewigen Rebellen vom 13.11.1995 - 20152 Zeichen DER SPIEGEL Seite 26

Polizeieinsatz gegen Anti-Schah-Demonstranten am 2. Juni 1967 in West-Berlin: Von einem alten Nazi geplant

„High sein, frei sein“
Der erste Schuss fiel am 2. Juni 1967 in West-Berlin. In der Konfrontation mit der Staatsgewalt radikalisierte sich die Studentenbewegung. Die Befreiung Andreas Baaders im Mai 1970 markierte die Geburtsstunde der RAF. Von Michael Sontheimer
ie Stimmung schwankte zwischen Wut und Verzweiflung. Am Abend des 2. Juni 1967 hatten sich in der Zentrale des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm Dutzende junge West-Berliner versammelt. Unter den Studenten, die über die dramatischen Ereignisse des Tages sprachen, war auch die 26 Jahre alte Doktorandin der Germanistik Gudrun Ensslin. „Mit denen kann man nicht diskutieren“, rief sie. „Das ist die Generation von Auschwitz!“ Ihr Gesicht war bleich. Die Pfarrerstochter schlug vor, eine Polizeikaserne zu stürmen, um sich zu bewaffnen. Wie ein „Todesengel“ erschien sie einem Studenten. Ensslin hatte zuvor miterlebt, wie Polizisten Demonstranten blutig schlugen, die vor der Deutschen Oper gegen den iranischen Diktator Schah Mohammed Resa Pahlewi protestierten.
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Polizei-Opfer Ohnesorg, Studentin Dollinger

Ein Schuss in viele Köpfe
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Ihre militante Idee stieß auf Ablehnung, doch ihr Wort von der „Generation von Auschwitz“ hallte nach. Die Studenten stießen immer wieder auf Verbindungslinien zwischen Nazi-Deutschland und der Bundesrepublik. So fanden sie heraus, dass die Planung für den brutalen Polizeieinsatz am Abend des 2. Juni 1967 dem Kommandeur der West-Berliner Schutzpolizei Hans-Ulrich Werner oblag. Der vormalige NSDAP-Parteigenosse hatte sein Handwerk im Zweiten Weltkrieg bei der „Bandenbekämpfung“ in der Ukraine und in Italien gelernt. Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, hatte ihn für seinen Einsatz mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Schon das zeigt: Die Geschichte der RAF, die die Bundesrepublik im Herbst 1977 an den Rand des Ausnahmezustandes brachte, ist eine sehr deutsche Geschichte.

ULLSTEIN BILDERDIENST

SPIEGEL TV

Liebespaar Ensslin, Baader auf der Flucht in Paris (1969): Der Romantik der Illegalität verfallen

Zwar formierten sich in den siebziger Jahren in vielen westlichen Industrieländern nach dem Zerfall der Studentenbewegungen terroristische Gruppen. „Aber in Westdeutschland“, stellt die englische Autorin Jillian Becker fest, „wurde die Bewegung vor allem eine gewalttätige Gegenreaktion auf den totalitären Staat der vorangegangenen Generation.“ Becker gab ihrem Buch über die RAF deshalb den Titel: „Hitler’s Children“, Hitlers Kinder. Niemand konnte am 2. Juni 1967 voraussehen, dass an diesem Tag in West-Berlin eine Eskalation begann, die einen 23 Jahre währenden Krieg der RAF gegen den Staat hervorbringen würde; einen Feldzug, der über 50 Menschen das Leben kosten sollte. Erst viel später auch wurde klar, dass nahezu alle, die in den Terrorismus abrutschten, zuvor auf Demonstrationen von Polizisten verprügelt worden waren. „Die Bullen rannten auf uns zu wie die Wahnsinnigen“, erinnert sich Bommi Baumann an den 2. Juni 1967. „Sie haben gleich losgeknüppelt, auf Frauen, auf alte Leute, immer sofort auf die Köpfe.“ Baumann zählte 1972 zu den Gründern der anarchistischen Stadtguerillatruppe „Bewegung 2. Juni“, die mit der RAF konkurrierte.

Polizei-Greiftrupps in Zivil versuchten, sich unter den flüchtenden Demonstranten vermeintliche Rädelsführer zu schnappen. Zu einem dieser Trupps zählte der Kriminalbeamte Karl-Heinz Kurras, der auf einem Parkplatz Demonstranten nachsetzte. Dorthin lief auch der Student Benno Ohnesorg. Unter welchen Umständen Kurras dann Ohnesorg mit einem Kopfschuss aus seiner Pistole tötete, wurde nie vollständig aufgeklärt*. Es spricht allerdings vieles dafür, dass Kurras Ohnesorg in den Kopf schoss, während der Student gerade von Polizisten verprügelt wurde. Jedenfalls hörten Zeugen, wie ein Kollege Kurras anherrschte: „Bist du wahnsinnig, hier zu schießen“ – und Kurras antwortete: „Die ist mir losgegangen.“ Am Morgen nach dem Todesschuss trat ein weiterer Akteur in Aktion, den ExInnenminister Gerhart Baum als „entscheidend für die Eskalation zum Terrorismus“ bezeichnet: der Axel-Springer-Verlag. Er kontrollierte über zwei Drittel der Tagespresse in West-Berlin. „Wer Terror produziert“, kommentierte die „B.Z.“ in grotesker Verkehrung des Geschehens, „muss Härte in Kauf nehmen.“ Die „Bild“-Zeitung geißelte die „SA-Methoden“ der Studenten.

Fritz Teufel von der Kommune 1, den Polizisten vor der Oper brutal zusammengeschlagen hatten, wurde des schweren Landfriedensbruchs beschuldigt und über zwei Monate in Untersuchungshaft gehalten. Der Todesschütze Kurras musste hingegen keinen einzigen Tag hinter Gittern darben. Er wurde wegen „fahrlässiger Tötung“ angeklagt, aber freigesprochen und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Kriminalbeamter weiter. Otto Schily, der an der Oper mitdemonstriert hatte, erinnerte sich später: „Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit, an die Unabhängigkeit des Gerichts, der ging damals ziemlich den Bach runter.“ Das Foto vom 2. Juni 1967, das zur Ikone wurde, zeigt die Studentin Friederike Dollinger, wie sie neben ihrem tödlich verwundeten Kommilitonen kauert. Das Erlebnis habe sie „in eine mir eigentlich fremde Radikalität“ getrieben. „Der Sound dieser Jahre“, sagt der Verleger Klaus Wagenbach, „war die Wut auf den Staat.“ Der Schuss auf Benno Ohnesorg war ein Schuss in viele Köpfe. Er war die Initialzündung für die Studentenbewegung. Kurz nach dem Tod Ohnesorgs traf sich Gudrun Ensslin mit Gleichgesinnten, um
* Eine Rekonstruktion liefert das gerade erschienene Buch von Uwe Soukup: „Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2. Juni 1967“. Verlag 1900, Berlin.

Die beiden waren ein Paar, das Himmel und Hölle in Bewegung setzten konnte.
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ASTRID PROLL

So ändert sich nie etwas. „ergänzten sich genial. Zu diesem Schweigen kam der kleinbürgerliche Muff der Adenauer-Jahre. Baader war drei Jahre jünger als Ensslin. Aber der Künstlerin. + R. Einmal schlug er vor. knisterte es sofort zwischen ihnen. Zutiefst erschüttert wurden die Rebellen in der gesamten westlichen Welt von den Bildern aus Vietnam. konnte sich in stundenlangen Monologen ergehen. notfalls mit dem Leben für ihre Überzeugung eintritt“. und Mao Zedong.“ Die beiden waren ein Paar. der die Studenten. das Himmel und Hölle in Bewegung setzen konnte. v. Das bringt doch nichts. Die Eltern standen unter Generalverdacht. Das passte gut zum Misstrauen gegen die eigenen Eltern. Ein Jahr später arbeitete sie für Günter Grass’ Initiative zur Unterstützung der SPD. aber auch Schüler und Lehrlinge reihenwei. „Doch bei Frauen“. „hatte er einen Stich.“ „Gudrun und Andreas“. Der Saigoner Polizeichef. körperlich präsent und ebenso unverschämt wie charmant. hieß die Parole. ein Drittel hing marxistischen Ideen an. die meisten Männer konnten ihn schwer ertragen. prophezeite er: „Eines Tages wirst du mich auf dem Cover des SPIEGEL sehen. Als sich die Sozialdemokraten aber mit der CDU auf die Große Koalition unter Führung des Ex-NSDAP-Parteigenossen Kurt Georg Kiesinger einließen. der auf offener Straße einen Viet- SPIEGEL TV . dessen Rote Garden in der chinesischen Kulturrevolution alles Alte bedenkenlos abräumten. Vorn stand „ALBERTZ !“ hinten „ABTRETEN“. AP (M. wandte sich die Studentin enttäuscht von ihnen ab. noch mehr den coolen Ché Guevara. die über die Nazi-Jahre schwiegen.“ aader ging nicht arbeiten. Er motzte unentwegt. „weil sie so absolut ist. Obwohl er und Ensslin in festen Beziehungen lebten und kleine Kinder hatten. Gudrun Ensslin. Er war vier Jahre zuvor aus München in die Mauerstadt gekommen: Andreas Baader. „Trau keinem über 30“. Die romantisch verklärte Idee. Ensslin war eine kühle Intellektuelle. das vierte von sieben Kindern eines protestantischen Pfarrers von der Schwäbischen Alb. den Turm der Gedächtniskirche in die Luft zu sprengen.Inhaftierte Ensslin (2. Juni 1967 hatte auch Bohemiens wie Baader politisiert. deren älterer Bruder Thorwald sich mit Baader angefreundet hatte. wir schlagen alles kaputt!“ Nach einer der vielen Demonstrationen murrte Baader: „Jetzt laufen wir hier durch die Gegend. war direkt und vulgär. war 1964 nach West-Berlin gezogen. r. Bei einem Treffen dieser „Buchstabenballett“-Aktivisten stieß Ensslin bald auf einen Mann. Er trug die politische Verantwortung für den Polizeieinsatz. erinnert sich deren einstige Freundin Astrid Proll. Der 2. Als sie erstmals in Haft war. erregte sie die Bewunderung der Gefängnisdirektorin. drängte er auf radikale Aktionen. Im Sommer 1968 war mehr als die Hälfte aller Studenten zum Demonstrieren auf die Straße gegangen. sie bildeten später die Doppelspitze der RAF. und das war es dann.) Frankfurter Kaufhaus nach dem eine Aktion gegen den Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz zu planen. Sie brüllten aus dem Fenster: „Wir schlagen alles kaputt.) bei Gegenüberstellung in Frankfurt am Main 1968: Kühle Intellektuelle BUNDESARCHIV (L. hieß Revolution.). mit der er zusammenlebte.Vietnamesische Kinder nach US-Napalmeinsatz (1968) se verfielen. bevor er Gudrun Ensslin traf. hatte nie Geld und ließ sich aushalten.“ Da er den theoretisch versierten Studenten nicht gewachsen war. fuhr die beiden und deren Freunde nachts durch West-Berlin. so ein Ex-RAF-Mann. Den 100 Verleger Wagenbach erinnerte er an „einen kleinen Zuhälter“. der sich bislang vorwiegend in Künstlerkneipen und Schwulenbars herumgetrieben hatte. Astrid Proll. Ensslin trug das Hemd mit dem Ausrufungszeichen. Sie „Ohne Krieg keine RAF“ d e r s p i e g e l 3 9 / 2 0 0 7 B bewunderten Fidel Castro. Nahezu zwei Drittel aller Studenten und Gymnasiasten im Alter von 17 bis 25 standen laut einer Umfrage dem Parteiensystem misstrauisch gegenüber. Es wurden T-Shirts mit einzelnen Buchstaben bemalt.

dass Reden ohne Handeln Unrecht ist. sorgte ein Neonazi für die weitere Radikalisierung der Neuen Linken: Am 11. „kommen die nie aus dem Gefängnis.“ Im März 1968 brachen Baader. mit der die Menschen dem Völkermord in Vietnam zusehen. Sie hat sich vorgenommen. die Auslieferung der Springer-Zeitungen zu verhindern. den Noch am Abend des Mordanschlages. sagte der RAF-Mann Klaus Jünschke später. Dass die Supermacht der westlichen Welt im Namen der Freiheit mehr als eine Million vietnamesische Zivilisten umbrachte. besetzten in München Studenten das Institut für Zeitungswissenschaften. sie hätten keine Menschen gefährden wollen. wirst du der Nächste sein. In 27 Städten versuchten wütende Demonstranten. Schon zwei Tage später verhaftete die Polizei das Quartett. Der Schaden.“ „Du dreckiges Kommunistenschwein“. über ihre Gespräche mit Ensslin und Baader zu schreiben. sondern die meisten. zogen über tausend Demonstranten zum Springer-Hochhaus in der Kochstraße. „Ohne den charismatischen Kopf der Bewegung. Eine 20 Jahre alte Aktivistin erhielt dafür einen Strafbefehl wegen „erschwerten Hausfriedensbruchs“. Mitte Juni 1969. Zwei der Brandstifter steckten sich auf der Anklagebank als Hommage an Ché Guevara dicke Zigarren an. Der aus Frank- reich ausgewiesene Dany Cohn-Bendit hielt eine Rede und wurde wegen Störung der Verhandlung in Ordnungshaft genommen (siehe Interview Seite 102). „Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald“. Über 20 000 Polizisten wurden aufgeboten. Während die Brandstifter in Untersuchungshaft saßen. dass Derartiges nicht mehr vorkommen sollte. und traf ihn auf dem Kurfürstendamm vor dem SDS-Zentrum. Kurz vor Mitternacht brach das erste Feuer aus. vor allem durch Löschwasser. Es kam zu den größten Straßenschlachten seit Gründung der Republik. Während sie sich in der Haft langweilten. erwirkte ihr Anwalt Horst Mahler für sie Haftverschonung. April 1968 fuhr der Anstreicher Josef Bachmann von München nach West-Berlin. In Ost-Berlin dichtete Wolf Biermann daraufhin ein Lied.) bei Gegenüberstellung in Frankfurt am Main 1968*: Direkt und vulgär cong mittels Kopfschuss tötet.“ Und sie verkündete. Er suchte Rudi Dutschke. nachdem die Brandstifter 14 Monate hinter Gittern verbracht hatten. sagte sie. Sie weigerte sich aber. Nachts in den Kneipen fabulierten sie davon. ganz im Geiste Martin Luthers: „Wir haben gelernt. hieß es darin.“ Ende Oktober 1968 wurden die vier wegen „menschengefährdender Brandstiftung“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. das Massaker von My Lai. „Du dreckiges Kommunistenschwein“. Ulrike Meinhof besuchte Ensslin im Gefängnis und war sofort fasziniert von ihr. um die „Osterunruhen“ niederzuschlagen. Als sich die Neue Linke im Februar 1968 in Berlin zum Vietnam-Kongress versammelte. Ein paar Minuten vor Ladenschluss deponierten sie in zwei Kaufhäusern jeweils zwei Brandsätze. rief Vietnam-Krieg“. Als Verteidiger reisten zwei fähige junge Anwälte aus Berlin an: Otto Schily und Horst Mahler. „hätte es uns nicht gegeben.“ Aus Brigitte Mohnhaupts Vorsatz wurde nichts. rief er. 101 . bevor er dreimal auf Dutschke schoss. den Dutschke nur knapp überlebte. Mit dabei war die Hamburger Journalistin Ulrike Meinhof. waren nicht nur Baader und Ensslin dabei. Ensslin und Proll mit einem weißen Ford-Straßenkreuzer nach München auf. Kolumnistin des linken Monatsmagazins „Konkret“. In einem Bericht der Familienfürsorge heißt es: „M. um gegen den Vietnam-Krieg zu protestieren. Paris oder Berlin unerträglich. war für die Jugend in San Francisco. Das Fazit des späteren Kulturkorrespondenten des Springer-Blattes „Welt“: „Wenn wir uns jetzt nicht wehren. Im Oktober 1969 eröffnete das Landgericht Frankfurt die Hauptverhandlung gegen die vier Kaufhausbrandstifter. tut der Vorfall leid. „Wir taten es aus Protest gegen die Gleichgültigkeit. Niemand wurde verletzt. wo sich ihnen der Schauspieler Horst Söhnlein anschloss. Die Studentenrevolte griff jetzt von West-Berlin auf die gesamte Westrepublik über. Als sie die wiederge* Links: Baaders Mittäter Thorvald Proll.Brandanschlag: Zigarren für Ché FOTOCREDIT Brandstifter Baader (r. betrug laut Versicherung 673 204 Mark. Sie schloss sich zwei Jahre später der RAF an und übernahm im Frühjahr 1977 die Führung der zweiten Generation der Gruppe. die später mit ihnen in den Untergrund gingen. ein Fanal zu setzen. „Wenn ich das tue“.“ Vor Gericht jedoch erklärte Ensslin. Das taten sie kurz darauf in Frankfurt.

SPIEGEL: Fürchteten Sie da. dass Baader und Ensslin bald tödliche Bomben legen würden? Cohn-Bendit: Heute sind wir schlauer. wollen wir sie nicht.„Immer radikaler“ Dany Cohn-Bendit. Und wir sagten: Wir wollen die Welt selbst gestalten. Wir Libertären flüchteten in die Geschichte – zu den Anarchisten des Spanischen Bürgerkriegs. Daraufhin zückte Baader seine Mao-Bibel und sagte: „Sie sind die Speerspitze des revolutionären Proletariats. was sie wollten und taten. 62.“ SPIEGEL: Warum verliebte sich Ende der sechziger Jahre ein wesentlicher Teil der Jugend in die Idee der Revolution. andererseits von der totalen Instrumentalisierung der Jugendlichen.). SPIEGEL: Warum adaptierten die Rebellen die alte Ideologie des Marxismus? d e r s p i e g e l 3 9 / 2 0 0 7 Cohn-Bendit: Der Marxismus stellte eine radikale Kritik an der herrschenden Gesellschaftsordnung dar. Sie haben Andreas Baader und Gudrun Ensslin im Oktober 1968 beim Prozess wegen der Kaufhausbrandstiftungen in Frankfurt erlebt. Da aber der real existierende Sozialismus in Osteuropa auch keine attraktive Alternative war. SPIEGEL: Wie konnte eine anfangs antiautoritäre Bewegung so schnell totalitäre und antidemokratische Ideen bis hin zum Terrorismus übernehmen? Cohn-Bendit: Der größte Star der antiautoritären Bewegung war Ché Guevara. über Baader. sie saß in Frankfurt-Preungesheim unter der Obhut der großen liberalen Reformerin des Strafvollzugs. diesen Jugendlichen eine Chance zu geben. Wir nahmen sie als Metaphern unserer Wünsche.“ Da wurde mir klar. Wir sind dazu fähig. die ja meist Gewalt impliziert? Cohn-Bendit: Wir sagten damals: So wie die Welt ist. und zwar mit Gewalt. der einen ebenso radikalen wie autoritären Ansatz vertrat. und ihr habt euch mir unterzuordnen. Er sei mit der Attitüde aufgetreten: „Ich werde eine große Rolle im revolutionären Prozess der nächsten Jahre spielen. als Demonstrant (1968): „Moralische Mitverantwortung für die RAF“ SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit. Helga Einsele. nach Vietnam. Ensslin und die Entstehung der RAF. Ich habe Baader und Ensslin gesagt: Lasst diese Jugendlichen in Ruhe. Welchen Eindruck hatten Sie von ihnen? Cohn-Bendit: Ich habe damals im Gerichtssaal erklärt: „Die gehören zu uns. Die Kampagne war einerseits getragen von dem so102 zialen Impetus. aber mir erschienen sie damals nicht als angehende Terroristen. Er wollte den „Neuen Menschen“ schaffen. SPIEGEL: Sie konnten sich demnach nicht vorstellen. aus unserer berechtigten Kritik eine zukunftsfähige und unseren Gesellschaften entsprechende Alternative zu entwickeln.) . Die Kaufhausbrandstiftung war für mich eine Aktion von Leuten. um andere Menschen für seine Zwecke zu funktionalisieren. Unsere Eltern und Großeltern haben geschichtlich versagt. und ich dachte: Gudrun ist im Grunde die perfekte Sozialarbeiterin. die bekifft waren und die Folgen ihrer Tat nicht bedacht hatten. Cohn-Bendit: Im Zusammenhang mit dieser sogenannten Heimkampagne habe ich auch Baader kennengelernt. und in Westdeutschland beispielsweise war er aufgrund des Kalten Krieges tabuisiert. Ich habe Gudrun Ensslin im Gefängnis besucht. dass Baader und Ensslin morden würden? Cohn-Bendit: Nein. die anderen nach China.“ Das war nicht gerade das Schlaueste. Es war sehr nett. Dabei wurde Ché mehr wie eine Pop-Ikone verehrt und diente als ein Objekt sexueller Projektion. nach Albanien. Der Realitätsgehalt ihrer Texte und das. aber ich sah ihre Aktion als Happening. BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO (L. die Baader zusammen mit Ensslin dann nach Paris gebracht haben. Die Welt gehört mir. Aber wir waren alle nicht in der Lage. ein grauenhafter Typ. Mao Zedong oder Ho Tschi-minh – das waren doch alles Projektionen unseres Wunsches nach Emanzipation und Befreiung. dass er vor nichts zurückschrecken würde. die Verehrung Ché Guevaras und die Verantwortung der Studentenbewegung für den Terrorismus Grüner Cohn-Bendit. Die Bewunderung für ihn. flüchteten die einen nach Kuba. Wir haben zu dritt Kaffee getrunken. was man hätte sagen können. sagten mir allerdings: So einen Kotzbrocken wie Baader hätten sie noch nicht erlebt. KURT WEINER (R. Französische Freunde. wurde nicht geprüft. SPIEGEL: Ensslin und Baader haben nach ihrer Haft zunächst eine Kampagne gegen die antiquierten geschlossenen Erziehungsheime für Jugendliche gemacht.

der in Frankfurt von Baader und Ensslin in einer Wohngemeinschaft aufgenommen wurde. das Proletariat aufwiegeln – und gleichzeitig illegal agieren. die ersten Selbstmordattentate verübt. im Märkischen Viertel. was ist Widerstand in einer Demokratie? Wir können uns deshalb von einer politischen und moralischen Verantwortung für die RAF nicht freisprechen. Nach einem Ausflug nach Sorrent und Sizilien. Zudem haben wir nicht klar auseinandergehalten – was heißt Widerstand in einem faschistischen Staat. Ein „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“ mobilisierte Hippies für militante Aktionen. der NPD drei Spenden zukommen lassen. setzten sich Baader. allen voran die Zeitungen Axel Springers. Die breite Bewegung spaltete sich in Polit-Sekten. Ensslin und andere einen Schuss Opiumtinktur – und infizierten sich prompt mit der unheilbaren Hepatitis C. etwa 1972 auf dem israelischen Flughafen Lod. Das führte zwangsläufig zu einer Entfremdung und Radikalisierung. In Paris kauften sie sich auf einem Flohmarkt schwarze Lederjacken. Die Studentenbewegung hatte da ihren Zenit schon überschritten. Revolutionsidol Ché Guevara (1963): „Objekt sexueller Projektion“ wonnene Freiheit in Frankfurt mit einer Party in einem Künstleratelier feierten. frei sein. den Kampf gegen den Faschismus. da 103 RENE BURRI / MAGNUM / AGENTUR FOCUS . Dazu kam. hieß Peter-Jürgen Boock. Der Springer-Konzern hatte zivilrechtlich gegen ihn durchgesetzt. tranken abends in den Cafés weißen Rum und Absinth. Astrid Proll kam mit ihrem weißen Mercedes 220 SE nach Paris. Aber es ging noch mehr um Spaß als um ernsthafte Politik: „High sein. SPIEGEL: Muss sich die Neue Linke der sechziger Jahre für den Terrorismus der siebziger Jahre mitverantwortlich fühlen? Cohn-Bendit: Die ideologischen Versatzstücke der RAF stammen aus der Konkursmasse unserer Revolte. aber den Vertretern des Staates sollte man eine andere Vernunft unterstellen. dass die drei Länder. Obwohl sie noch nicht auf der Fahndungsliste standen. noch ein halbes Jahr zuvor. Die Gründer der RAF wollten „an der Basis“ arbeiten. lange vor den Islamisten. Gudrun Ensslin hatte für diesen Fall schon alles vorbereitet.SPIEGEL: Welche Rolle spielte die harte Reaktion von Polizei und Justiz auf die Studentenbewegung bei der Entstehung des Terrorismus? Cohn-Bendit: Der 2. Seine bürgerliche Existenz war ruiniert. Ulrike Meinhof tauchte wieder auf und machte Rundfunksendungen über die erfolgreiche Kampagne. andere gründeten die „Bewegung 2. Im November 1969 lehnte der Bundesgerichtshof die Revision gegen das Brandstifter-Urteil ab. Aber der entscheidende Mechanismus war ein anderer. freies Geleit für Ulrike Meinhof zu fordern. bekam das Paar in Rom Besuch aus der Heimat: Horst Mahler schlug ihnen vor zurückzukehren. SPIEGEL: Inwiefern sehen Sie die Terroristen in einer faschistischen Tradition? Cohn-Bendit: Einerseits hat die Japanische Rote Armee in Kamikaze-Manier. dass er mehr als 75 000 Mark für die Schäden bei der Blockade des Konzerngebäudes nach dem Dutschke-Attentat zahlen sollte. Einige der Tupamaros schlossen sich später der RAF an. Baader. dann über Mailand nach Rom. wie schnell die etablierte Gesellschaft mit ihrer Propagandamaschine. Auch die moralisierende Rigidität der RAF hat etwas von der Haltung: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. entgegengesetzter: Junge Menschen haben versucht. In Berlin sei eine Stadtguerillagruppe im Aufbau. den ihre Eltern nicht geführt haben. Sie hatte den Übergang „vom Protest zum Widerstand“ gefordert. die das Proletariat missionieren wollten. nachzuholen. Von der RAF war das nicht zu erwarten. Gegen Baader und Ensslin aber waren inzwischen. Eine Zeitlang lebten sie in der Wohnung des Revolutionstheoretikers Régis Debray. Sie und Baader gingen über die Grüne Grenze nach Frankreich. Einer der vielen aus Heimen ausgebrochenen Jugendlichen. Italien und Japan waren – also die Achsenmächte des Zweiten Weltkriegs mit faschistischer Vergangenheit. Ensslin und die beiden Proll-Geschwister schlossen sich lieber der sogenannten Heimkampagne von Pädagogikstudenten an. SPIEGEL: War die Eskalation nicht mehr zu stoppen? Cohn-Bendit: Das ist schwer zu sagen. Anfang 1970 zog das Paar bei Ulrike Meinhof ein. Deutschland. die die geschlossenen Erziehungsheime abschaffen wollten. wie bislang unbekannte Quittungen zeigen. die nach ihrer Scheidung in der Mauerstadt lebte. Acht Jahre später wurde er zu einer führenden Figur der zweiten Generation der RAF. Juni 1967 offenbarte wohlanständigen Studenten. Terror muss dabei sein!“ Als „Tupamaros West-Berlin“ hatten die Anarchisten im Herbst 1969 die ersten Bomben gelegt. wie schnell man zum Staatsfeind werden kann. H orst Mahler – die bizarrste Figur der gesamten RAF – hatte. besorgten Lehrstellen. ließen sie in Amsterdam manipulierte Papiere besorgen. einer Trabantenstadt. Er wurde als „Sympathisant“ der RAF angegriffen. Zusammen mit d e r s p i e g e l 3 9 / 2 0 0 7 dem flüchtigen Paar fuhr sie zuerst nach Zürich. jetzt war sie langsam bereit. Sie waren der Romantik der Illegalität verfallen. Auf jeden Fall haben sich die etablierte Politik und die Justiz beim Kampf gegen die RAF auch radikalisiert. Die Brandstifter sammelten Geld für die Heimzöglinge. Juni“. im Sommer 1969. der auf dem Weg zu Ché Guevara in den Dschungel gefasst und in Bolivien inhaftiert worden war. einem den Kampf erklären kann. Hunderte Studenten waren von Strafverfahren wegen Demonstrationsdelikten bedroht. dass über die vollkommen berechtigte Kritik am Krieg der Amerikaner in Vietnam jegliche Diskussion abgeblockt wurde. Jetzt trieb er den Aufbau einer kommunistischen Guerilla-Gruppe voran. in denen vor bald 40 Jahren die größten und härtesten terroristischen Gruppen der westlichen Welt entstanden. Heinrich Böll machte den hilflosen Versuch. ihren Worten Taten folgen zu lassen. SPIEGEL: Gibt es ein spezifisch deutsches Moment bei der RAF? Cohn-Bendit: Es ist zumindest auffallend. In West-Berlin hatte sich mittlerweile rund um ein paar Kommunen eine anarchistische Subkultur etabliert. nach LSD-Trips und Langeweile. Es gab keinen Moment des Einhaltens und Überlegens mehr.

„haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern zu erklären. von den Bewachern Baaders nicht für voll genommen zu werden. Im nächsten Heft: Im Untergrund – 1972 griffen die RAFGründer an. nach dem sie und Baader ein 104 Buch über „randständige Jugendliche“ schreiben sollten. Andreas Baader aus dem Gefängnis zu holen. doch es gab noch keine konspirativen Wohnungen. Journalistin Meinhof (um 1969): „Das Proletariat organisieren – mit dem bewaffneten Widerstand beginnen“ sie die Ladung zum Strafantritt ignoriert hatten. Es fielen sechs Schüsse. „Wir waren irre sauer auf Ulrike“. Doch als die Grenzpatrouille sich näherte. die in den Frankfurter Kaufhäusern zum Einsatz gekommen waren.Rechtsanwalt Mahler (1967). Vollstreckungshaftbefehle ergangen. gingen zwei Frauen der Gruppe in eine Kneipe namens Wolfsschanze. und natürlich kann geschossen werden. auf einen 62 Jahre alten Angestellten. ihren Geliebten zu befreien. das ist kein Mensch. „Entweder Schwein oder Mensch“. unmittelbar nachdem er als letzter zusammen mit Gudrun Ensslin in das Institut gekommen war. Mit diesem Vertrag beantragten Meinhof und Baaders Anwalt Mahler bei der Leitung der Justizvollzugsanstalt Tegel die Ausführung Baaders in das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen – angeblich. und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Meinhof blieb einen Tag lang verschwunden. Und einzig die RAF war im Besitz der Wahrheit.“ Mahler und zwei Genossen warteten an einer dunklen Ecke in Kreuzberg auf eine Doppelstreife. unächst bestand die Gruppe.“ Gleichzeitig war er „absolut dagegen. kam es zu einem wilden Handgemenge mit den beiden bewaffneten Justizwachtmeistern. Wagenbach fand die Idee des bewaffneten Kampfs absurd. Doch er erreichte sie nicht mehr. Auch die Fixierung auf die Staatsgewalt war schon angelegt. „an der Mauer in Kreuzberg zwei Polizisten schnappen und ihnen die Uniformen und Maschinenpistolen abnehmen. wurde ein neuer Plan zur Waffenbeschaffung gefasst. Ulrike Meinhof brachte den linken Verleger Wagenbach dazu. ihre beiden Töchter zu versorgen. stammte von ihm. dass Ulrike Meinhof in den Untergrund geht“.“ Der Sound war unversöhnlich und brutal. „dazwischen gibt es nichts. „Ich war für die Befreiung“. „So viele gute Federn wie dich gibt es nicht“. war also nur sehr bedingt geglückt. sprang aus dem Auto und vermasselte den Überfall. Horst Mahler wandte sich deshalb an einen Mann namens Peter Urbach. erinnert sich Wagenbach. um dort nicht ausleihbare Zeitschriften zu studieren. Bei einem aus der DDR freigekauften Zuchthäusler erwarben sie für 2000 Mark zwei Pistolen. An den Litfaßsäulen prangten bald Fahndungsplakate mit großen Fotos von ihr. die angeblich dort versteckt lagen. Die Gruppe hatte ein großes Problem: Sie wollte den bewaffneten Kampf aufnehmen. Als sie wieder zur Gruppe stieß. Auf dem Weg dorthin nahm die Polizei Baader fest. . Sie musste jetzt verd e r s p i e g e l 3 9 / 2 0 0 7 FOTOS: SPIEGEL TV Z steckt werden. Obwohl die Tupamaros Mahler vor dem Agent provocateur gewarnt hatten. zusammen mit Baader und zwei weiteren Genossen auf einem Friedhof am Stadtrand nach Pistolen zu graben. einen schummrigen Treffpunkt von Nazis und Kriminellen. der Auftakt für den Guerillakampf. in dem Baader und Meinhof arbeiteten. Sie war wild entschlossen. Es ist falsch. sagt ein Ex-RAF-Mann. Sie befürchteten. „Die Baader-Befreiungs-Aktion“. Also beschlossen sie. Als Baader wieder im Gefängnis saß. sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes. Mit dem bewaffneten Widerstand beginnen! Die Rote Armee aufbauen!“ Die RAF hatte ihr Leitmotiv der nächsten zehn Jahre gefunden: Bis zum „Deutschen Herbst“ 1977 sollte es immer wieder darum gehen. „Wir wollten uns“. Ulrike Meinhof sprang in Panik hinterher. das sich in den folgenden Jahren wiederholen sollte. verlor Mahler die Nerven. Obwohl man die Waffen nicht benutzen wollte. Um endlich an Schusswaffen zu kommen. brachte es der RAF-Mann Holger Meins später auf den Begriff. Da sein Verlag überwacht wurde. Ausgerechnet dieser Mann schoss. so ein ExRAF-Mann. Das Projektil durchschlug dessen Oberarm und blieb in der Leber stecken. „denn Baader war ungerecht behandelt worden. trug sie eine blonde Perücke und wirkte verstört. Auch der Prototyp für die Brandsätze.“ Das wahnhafte Weltbild war schwarzweiß. Das Dumme war nur: Urbach war Mitarbeiter des Berliner Landesamts für Verfassungsschutz. einen Mann mitzunehmen. Die erste Aktion der RAF. aus fünf Frauen. Besonders die zweite Generation der Gruppe agierte über weite Strecken als Baader-BefreiungsFraktion. Zudem wurden zwei Kleinkalibergewehre angeschafft. In einer vom SPIEGEL veröffentlichten zweiten Erklärung hieß es: „Wir sagen: Der Typ in der Uniform ist ein Schwein. Baader sprang aus dem Fenster.“ Der Text endete mit dem Aufruf: „Das Proletariat organisieren. Doch sie wurden innerhalb weniger Wochen gefasst. einen Vertrag aufzusetzen. Nachdem das Kommando in den Lesesaal gestürmt war. Der hatte sich schon der Kommune 1 angedient und Brandbomben geliefert. hatte aber keine Waffen. bestürmte er Meinhof. ging dieser auf Urbachs Vorschlag ein. Zudem galt es. hieß es darin. machte er mit der Journalistin einen Spaziergang. war geschossen worden: ein Muster. Gudrun Ensslin beschimpfte die drei Männer anschließend als „unfähige Macker“. überhaupt mit diesen Leuten zu reden. ein Wachtmeister wurde durch Tränengas im Gesicht verletzt. Eine Woche nach der Aktion dokumentierte das Berliner Anarchistenblatt „Agit 883“ eine von Ulrike Meinhof verfasste Erklärung. die Baader befreien wollte.

Die Grünas hat meine Generation erschöpft? Und weil Erschöpde sind nachvollziehbar wie auch die leeren Phrasen. gegen Helmut Kohl lange zu schwach. hat die 68er-Generation ihre Heimat zunächst in der die Gedanken. teressen sich den Reformen sperren: Pharmaindustrie und ÄrzteIn meinem eigenen Beruf sieht es nicht besser aus. Und trotz der Generation sind viele Enttäuschung über ihre ausgebrannt und pensioLeistung wurde die Reniert.verfassungsgericht. wie es je positivistische Juristen gab. die ausweichenden Antworten. in deKollegen. Ortsverkeit und -bereitschaft verlangt hat. galt es. in der Begeisterung für den Prager Frühling und handene Reform. zum spottet hat. schaft der Gesundheitsreform. sich der eigenen Ehrlichkeit Professor ernannt und zum Prorektor oder Vizepräsidenten einer THOMAS GRABKA / ACTION PRESS D W 134 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 3 MICHAEL EBNER / MELDEPRESS JENS SCHICKE / ACTION PRESS . das Verfung das Ergebnis von Überforderung ist – was hat sie schweigen und Beschönigen. Im gerühmt und Politik überhaupt unter hohen moralischen Anspruch Adenauer-Deutschland aufgewachsen.und Jackettzwänge aufkündigen. nicht einmal mehr denken lässt – jetzt verzichtet sie darauf.eine übernehmen. nalisten ist an die Stelle Politiker Schröder. Nicht nur in der wissermaßen überholt Politik – von den engawerde. die die Gesellschaft zensieren oder sanktionieren sozial-liberalen Koalition. was schon ist. bis zur zu einem Ziel hinter dem. die einen gekommen.tivistisch geraten. den Wehrdienst verweigern oder mit langen Haaren zu reformieren.schaft mit ihren Visionen einer neuen. als Studenten oder gestellt hat.Kultur E S S AY D i e e r s chöpf t e G e n e r at ion Vo n B e r n h a r d S c h l i n k iese Regierung ist die Regierung meiner Generation. Weil das konzeptionslose Erhöhen dieser und jener Steu. nächsten Wahl von der Die Generation ist ernächsten Generation geschöpft. die ehedem kritigierung wieder gewählt.jede Herrschaft. die antrat. Früher hat sie über die Schere im Kopf gehöhnt. Wieczorek-Zeul. re waren Jahre leichter früher Erfolge. sind so posierreform. Lehrwenn sie nicht weiterwissen. in Parteiämter und -gremien aufsteigen. dass diese stitutionen hatte Erfolg. dass der Kanzler Kanzler bleiwar sie dazu zu jung. Sitzungen sprengen. da sie die Ver. mit denen die RegieDie sie prägenden späten sechziger und frühen siebziger Jahrung das Flickwerk präsentiert – so machen es Regierungen eben. Aber zum Marsch durch sie. besseren Welt gestoßen. Schüler anAber als Politik der Generation. dann oft in kommunistischen und spon. Sie kam an die gierten Lehrern meiner Regierung. ist es kläglich. veranstaltungen und Gottesdienste umfunktionieren. langen Marsch durch die Institutionen aufgebrochen. Fischer: Zweite Chance vertan? mit Flickwerk. Alter vielleicht freizeitDie Regierung hat sie und lebensqualitätsbenicht ergriffen. ich erinnere mich an ben und die Regierung weiterregieren wollte. außer dem.würde. zum Marsch Generation. Notstandsgesetze überfordert – um sie jetzt zu unterfordern und nicht einmal die vorund Berufsverbote.die die Professoren meiner Generation und ich selbst ausgebildet und Rentenreform und wer gerade etwas zu verlieren hat der Steu. Weil die früheren kritischen AufReformen neue Konzepbegehrens die bessertionen der Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen und der Ein.haben und zu kritischen Juristen ausbilden wollten. die überfordert? hohlen Entschlossenheitsposen und -gesten. sich in ihnen einzurich. die Ehrlichkeit gefordert. Unter Helmut Schmidt selbst willen existierten – aber bei der letzten Wahl war kein Programm mehr erkennbar. Auf die eine oder andere Weise ist sie zum stoßen würden. die Juristen.Früher hatte sie ein tiefes Misstrauen gegen alle Verhältnisse und hältnisse nicht umstoßen konnte. nur nicht er. schen Anwälte und ÄrzDie Wähler gaben ihr te sind im vorgerückten eine zweite Chance. auf re mit dem Amt des Pfarrers. und den Theologen ist über die Jahforderung individueller Verantwortung voraussetzen würden. Der Marsch in die InÄußerungen von Joschka Fischer bis Oskar Lafontaine. reicht es nicht mehr.wisserische Attitüde getreten.lediglich eine gewisse religiöse Unverbindlichkeit geblieben. sondern auf das Bundessind. die Phrasen und Posen ver. Weil die organisierten In. tanistischen Gruppen und schließlich teils in der SPD und teils bei die Reformen. die sich verselbständigt hatten und nur um ihrer ten. Früher hat diese Generation die GesellSchüler von dessen geistiger Öde und politischen Enge ab.ableisten. die auf den Widerstand der organisierten Interessen den Grünen gefunden. die falsche Harmonie verachtet und Konfliktfähig. Bei der Wahl 1998 galt es jetzt oder nie. zeptionen und Reformen irgendwie weitergeht. um sie von innen anders zu gestalten. Statt mit wusster.und auch Opferbereitschaft anzusprechen und abdie Demokratisierung der Gesellschaft zu politischem Bewusstsein zurufen. bei den Journen Deutschland steckt. einfacher ist als eine Sparkonzeption. Weil es auch ohne Kon. Krawatten. aber nicht weden notwendigen Reforniger angepasst als ihre men begegnet sie den unkritisch angetretenen Schwierigkeiten. anderen. Gewerkschaften der Arbeitsmarkt. Staat und Gesellschaft politisieren. wenn die Betroffenen zu wirksamem Widerstand zu schwach mehr auf das Gesetz eingeschworen. auch nur zu thematisieren und zu diskutieren. Dekans und Bischofs das entspredie die Gesellschaft eingestimmt werden müsste und nicht ohne chende Amtsverständnis zugewachsen und vom kritischen Anfang Konflikte eingestimmt werden könnte. und wir haben uns damit abgefunden. Weil die Wirtschaft zur nächsten Wahl vielleicht schon wieder kräftiger läuft. in der Opposition gegen Vietnam-Krieg. wenn sie jetzt nicht an die Regierung komme.

schen Elan und moralischen Anspruch des Anfangs? Aus der EinÜberhaupt ist die 68er-Generation eine sensible Generation. Unter der sozial-liberalen Koalition hat die Bundes.und auch Opferbereitschaft? Aus möchte gemocht werden und fühlt sich leicht verkannt. steckte aber einen Hoschon nicht mehr die Strafvollzugsreform. Sie war Neues zu gestalten. gegenüber Arbeitslosen. gab es weder ge. philosophie sowie als Schriftsteller („Der Vorleser“) in Berlin. ist nichts. jedem nach seinen Be. die Verhältnisse waren über dem. In den dem stolzen und trotzigen Wunsch.Universität gewählt werden. Wie um die Bürde brachte diese formative Erfahrung die 68er-Generation frei. Verschärfungen des ten lassen.es noch den sozialistischen Osten. Von den Universitäten bis zu den Parteien. ist tens. wie die Strafrechts-. die im Osten fehlten.theoretischen und programmatischen Kraft im Bauen von Luftdürfnissen – weil man niemanden verdächtigen mochte. dass. aber dingungen geben könne als im Kapitalismus des Westens. waChancen geschaffen. das Verbrauchen der genommen. Härte statt Anteilnahme und Hilfsbereitschaft des Ostens ist dieser Horizont verschwunden und sind Pragmazu zeigen. innerhalb dessen sie ihre theoretische Vergewisserung zu sparen statt auszugeben. aber letztlich richtig gewesen sei und nur von den Medien geschmäht werde – die Mitglieder der ReMinisterämter lustlos aufgaben. weil sie überfordert ist. Die Generation ist genüber den schlecht Gestellten der eigenen Gesellschaft noch im erschöpft. Vermutlich hat auch. sondern mussten Kritik der Regierten. D d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 3 135 . an der Stelle MANCHE SOGAR KONTRAPRODUKTIV. marxistische und utopistische Phantalich auch um die Freude früher Gestaltungsverantwortung. Zwar war der Sozialismus des zialstaat in seiner heutigen Gestalt wurde vollendet. die Bilanz der Generation. dass es 68er-Generation geworden: Politischer Aufbruch besteht im Leis.ren ihr unverzichtbar. die nicht frei Jahren in den entsprechenden Lektüre. wartung bestand.gierung meiner Generation. womit die 68er-Generation politisch groß ge.lich gut gearbeitet habe und dass die gute Arbeit nur nicht richwesen. ökonomischen und politischen Ordnung sei. Verzicht zu verlangen statt Wohlta. wurde darSuhrkamp verlegen – die ersten Schritte in die Welt des öffentli. in mancher kontraproduktiv. Mit dem Ende ten zu gewähren.oder Doktorarbeit bei wo sie sich vielmehr verteidigten und zurückschlugen.Kanzler sich vom Verhalten der Wirtschaft im Wahlkampf wirkte sich wenn nicht in den Inhalten. Kranken Woher sollte ihr die Kraft zur Bewältigung der gegenwärtigen und Alten eine besondere Behutsamkeit bei der Zumutung von Schwierigkeiten zuwachsen? Aus der Besinnung auf den reformeriArbeit.matischen. Aber der Primat des Populistischen gegenüber dem ProgramBestand und die Festigkeit langen Gewachsen. von und Forderungen der Gewerkschaften angenommen wurde. der den Kirchen bis zur Bundeswehr herrschte das Gefühl. Dass sie in den letzten vier Jahren eigentSpaß machen. tig gesehen und gewürdigt worden sei. ein Erbe der 68er-Generation. als Vorbild ein verführerisches Vorbild des Ausgebens statt integraler Bestandteil der Marxschen Theorie und wurde in jenen des Haushaltens. dass Mangel nur ein Problem der Leben. doch noch positiv zu wenden? Es ist die Refällig. kostenneutral. Er egalitärere und solidarischere ökonomische und politische Bekostet und darf kosten und ist bestenfalls. grandiose gesellschaftliche Visionen.lers nicht nur aus politischem Kalkül zu verstehen. sondern auch sichert die Verhältnisse zunächst auch waren. die Diplom. weil die Verhältnisse zunächst gierung glauben es wirklich. Dies ist denn auch die nächste prägende Erfahrung der Ostens auch war. Freiheit. Ihre marxistische Prägung hat es sie besonders bereitwillig ie prägenden politischen Erfahrungen der 68er-Generalernen lassen. von sei. als gehe es in der Politik um Mögen und Gemocht-WerVersammlungs. Ortswechsel. Empfängern von Sozialhilfe. was aneckt. Berufsverbote. des beruflichen und politischen Handelns waren mühelos. weil Verhältnis der Ersten zur Dritten Welt eine Rechtfertigung für das sie wenig mitbringt. 58. In ihren prägenden Jahren pflegte sie Revolutionshoffnungen. Vielleicht sind sogar die populistischen Aktionen des Kanzliche Aufrüstung der Polizei setzten erst später ein. Jeder nach seinen Fähigkeiten. schlagen wirklich Erfolg gehabt SIND FÜR HEUTIGE PROBLEME UNBRAUCHBAR. das kurzfristige Anecken in des zerschlagenen Alten etwas Kauf nehmen könnte. Das gab linker Politik kein Programm. um dessentwillen sie gebürdet hätte. die Opfer der Agitationen und Aktionen müssten deren Wahrheit und gute Absicht erkennen und anerkennen. des Kurzfristigen gegenüber dem Langfristigen. hatten sie doch ihren aus dem Bedürfnis.und Bewährtseins. Die Generation hat kein Pround die Verantwortung aufgramm. doch die Er. diese Erfahrungen sind heute in vieler Hinsicht nen Fähigkeiten keinen Gebrauch zu machen. als dass das ZerVIELE ERFAHRUNGEN DER 68ER noch einen tieferen Grund. die der Wirklichkeit so ren politisch durchaus mehr gestaltet als von der 68er-Generation inkongruent waren. anders wären es Schritte in die Entfremdung ge. worden ist. im Bereich Ostens nie das Programm der 68er-Generation. so doch in den Formen überlebt lich kränken und von dem der Gewerkschaften wirklich aufrichund müsse Neuem weichen.den. Die ersten Schritte waren mühelos.sien. als sie die schwierigen zwar schwierig und holprig. rizont ab.ren Regierung sie ist. Bis heute stehen Mühe und Spaßdefizit unter Verdacht. das Einüben einer Sensibilität.und programmatische Orientierung suchen konnte. als frühe politische Praxis eine verantwortungsgerechten Verteilung und dass diese nur ein Problem der richti.und Strafrechts und die informationelle und säch. womit sie den anstehenden Anforderungen Vorenthalten von Leistungen und Förderungen. dessen.auf empört reagiert wie auf eine Ungerechtigkeit. der So. und sie ist überfordert. dass sie sich nicht zu praxisleitenden Prozerschlagen.nie gut mit Programmen. sondern nur aufgeben ließen. Demoschulischer und universitärer Ausbildung wurden Plätze und kratie und Rücksicht auf die Umwelt. Ähnlich empört reagiert die alte und neue Regierung auf die chen Auftretens. Aber wie defizitär der Sozialismus des beralisiert.für Freiheit.und perspektivenarme Praxis des Zerschlagens statt des Gestalgen Eigentums-. deStürmen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre war auf. Dass unter den Bedingungen des Kapitalismus tion – verwöhnend-mühelose erste Schritte ins öffentliche eigentlich für alle genug da sei. Danach gab republik Deutschland ein anderes Gesicht bekommen. Dass überfälliges politisches Gestalten darin bestehen könnte. und Strafrecht und Strafvollzug wurden li. und diese Empfindsamkeit wirkt bis heute und trägt Das ergibt keine gute Prognose für die wieder gewählte Regierung. dass auch der neue Start und Lafontaine und Gregor Gysi wahrten. schien seine Existenz doch zu belegen. so heftig auch agitiert und agiert wurde.tismus und Populismus geblieben. empfunden. Oft Schlink. gegenstalten.von Selbstgerechtigkeit und Wehleidigkeit ist. wie angesichts zu verunsichert waren. eigenem Einsatz und eigener Leistung.unbrauchbar. Sie durften auch keine Mühe kosten. Sie hat das Gegenteil davon gelernt.grammen kleinarbeiten. lebt als Professor für Öffentliches Recht und Rechtsverhielten die Opfer sich auch entsprechend. im Eröffnen neuer Chancen und Optionen. dem Anspruch der 68er-Generation etwas des Einschwenkens der neuen Regierung auf viele Vorstellungen entgegenzusetzen. und ich gebe die Hoffnung nicht auf. hat zu stabil.schlössern –. Das war schön begegnen könnte. was ankommt. gemocht zu werden.und Studienkreisen auf. Aber so verun. Sie sicht in die vorhandene Reform. ten und Fördern. Wo sie es nicht taten. Demokratie und Rücksicht auf die Umwelt andere. das Alte hät. Daher konnten die ersten Schritte getrost eher zerschlagen als ge. Dabei wurde in den späten sechziger und frühen siebziger Jah.

dass „Ulrike im Knast von der Reaktion in den Tod getrieben. die mit der ihrer Eltern einst so hart abgerechnet hatte. kulminierten alle Zwangsgedanken. mit dem der blutige Showdown des „deutschen Herbstes“ 1977 eröffnet wurde. Auch Joschka Fischer ging in seiner Römerberg-Rede zwei Wochen später. erschien aus dieser Perspektive als die Vollendung ihres Kampfs. sich heute von alldem „zu distanzieren“. ist die Frankfurter „Meinhof-Demonstration“ vom 10. sich noch einmal zu vergegenwärtigen. Die Debatten oder Skandale.UND IN DEN HERZEN ASCHE Aus Sicht der Studenten war noch im Jahr 1968 die Vergangenheit erschreckend gegenwärtig. wie und in welchem Grad ein beträchtliches Segment der Nachkriegsgeneration damals in den Bannkreis der Vorstellung geriet. In Internet-Botschaften. Mai 1976. Die Passionaria des Widerstands gegen diese „deutschen Verhältnisse“ (wie man bedeutungsvoll sagte) war eben Ulrike Meinhof. in der er im Namen der Sponti-Militanten die Grenze zu den Terroristen zog und die „Genossen im Untergrund“ aufrief. die – wie einst Beate Klarsfeld gegen Kanzler Kurt-Georg Kiesinger – auf offener Medienbühne einen Privatfeldzug gegen Vizekanzler Joschka Fischer eröffnete. Woher rührte diese fast wahnhafte Verkennung der Wirklichkeit? / VON GERD KOENEN DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT D ie Vergangenheit zu bewältigen ist zur deutschen Lebensform geworden. „Rituale der Labilität“. Jetzt soll es also um die Geschichte jener Generation gehen. Die 10 000 Teilnehmer des „Anti-Repressions-Kongres- ses“ in Frankfurt dürften es genauso gesehen haben. wenn nicht gar der eigentlichen Gründung der Republik anno 1968 gewesen zu sein. auch schmerzhafter ist es. „Schluss zu machen mit ihrem Todestrip“. die von Ferne an Kommando-Erklärungen der RAF erinnerten. VERLAG (L.). einen Tag nach dem Stammheimer Selbstmord Ulrike Meinhofs. wegen des „Staatsnotstands“ tätig zu werden. bei der ein Polizist nach einer Molotowcocktail-Attacke ums Haar bei lebendigem Leibe verbrannt wäre. sind. forderte Bettina Röhl vom Bundespräsidenten. In dieser gewaltsamen Straßenaktion. dass Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik einem verhängnisvollen Wiederholungszwang unterlägen: hin zum Faschismus. die Heldin einer zweiten. in denen die bundesdeutsche Gesellschaft „das stärkste Wir-Gefühl erreicht“. an dem ihre Affekte – stellvertretend und rein assoziativ – auf Fischer übergesprungen sind. Wie keine andere schien sie die Kontinuität eines Antifaschismus zu verkörpern. Als Rächerin ihrer verratenen Jugend trat die Tochter Ulrike Meinhofs auf. der die Terroristen nach dem Scheitern der Studentenrevolte aus Verzweiflung zu den Waffen greifen ließ. Die Forderung. Ihr Tod. Jürgen Trittin und anderen prominenten „Ex-Militanten“ des rotgrünen Lagers verlangt. Auch sie steht plötzlich unter biografischem Rechtfertigungsdruck – wo sie sich gerade so schön in die Rolle eingelebt hatte. um ihn stellvertretend für die Generation ihrer Eltern zu brand- marken. die sich alljährlich an Revisionen oder Verschärfungen des gültigen Geschichtsbildes entzünden. ja im wahrsten Sinne des Wortes vernichtet“ worden sei. sie hielten die Nachkriegsrepublik für faschistoid. da mit Fischer der Repräsentant einer „Gewaltgruppe“ an die Hebel der Macht gelangt sei. Der Punkt. NPS (R. Produktiver. Die vielen Kampagnen und Hungerstreiks gegen „Isolationsfolter und Vernichtungshaft“ für die inhaftierten Terroristen Terroristen-Gefängnis Stammheim. wie es die schwarz-gelbe Opposition von Fischer. von der fixen Vorstellung aus. von denen die radikalen Linken der siebziger Jahre beherrscht waren. wie Peter Sloterdijk lakonisch bemerkt. Gefangene Meinhof (1975) Auschwitz-Gedanken im Toten-Trakt 156 SÜDD. Mit der Fischer-Debatte zu Beginn dieses Jahres ist den unbewältigten deutschen Vergangenheiten Ost und West noch eine dritte hinzugefügt worden.) . ist eher allzu billig. Die Fischer-Debatte trug nicht zufällig Züge einer ironischen Reprise.

ger zu Eigen zu machen. Dieser ZwangsgeRAF-Hungerstreik-Unterstützer in Frankfurt (1977)*: Aura einer sich selbst erfüllenden Wahrheit danke gab den selbstEin beträchtlicher Teil der linken und li.RAF-Gefangenen die Aura einer sich selbst den Ulrike Meinhof nach ihrer Verhaftung se suggestive Vorstellung mehr oder weni. Köln. Die Behandlung der politischen Gefangenen in den Gefängnissen der Bundesrepublik sei nur die experimentelle Vorbereitung auf einen „tendenziellen Massenmord à la Auschwitz“. beralen Öffentlichkeit war bereit. sage ich ganz * nen RAF-Terroristen Holger Meins und eines KZ-HäftDiese Argumentation traf sich mit dem klar. von unhinterfragbarer Authentizität: „das ken. es würde einem das Rücken.und Lebensgefühl der politischen Gesien da drin waren … realistisch.lings.SERIE – TEIL 17 ❚ NACHGEHOLTES ERSCHRECKEN mus“ unter den Augen einer manipulierten Öffentlichkeit dabei sei. Zeit. tiefer die Vernichtung der Persönlichkeit des GefanNachher schrieb sie: „Der politische BeOben: Plakatdarstellung des im Hungerstreik gestorbegenen. sich die. Erschießung und Vergasung abgelöst habe.litischen Gefangenen“. nett – … kurz: je unter Strom. Zur Situation der po.) 157 . desto effektiver.mörderischen Hungerstreik-Aktionen der beriefen sich auf einen beklemmenden Text aus dem Gefängnistrakt in Köln-Ossendorf.psychologischer. vermummter Straßenkämpfer Fischer (1973)*: Märtyrer eines dritten Weltkriegs? d e r s p i e g e l 3 5 / 2 0 0 1 LUTZ KLEINHANS / FAZ (R. Das Stenogramm ihrer Selbst.unaufdringlich. Bei diesen Techniken einer „sensorischen Deprivation“ handelte es sich.es im Kern nicht um Erleichterungen des Haftregimes.erfüllenden furchtbaren Wahrheit. bei der ersten Hungerstreik-Erklärung vom beobachtungen war. Markus Michel fest. SÜDD. Methoden einer klinisch „sauberen“ Folter durch Isolation als „Modell für die Behandlung von ‚Staatsfeinden‘“ zu erproben. VERLAG Toter Häftling Baader (1977). Meine Auschwitzphanta. Schon 1972 schrieb.Mai 1973 – verfasst von Andreas Baader. dass der als Reformis. eher um das Gegenteil: „Je lidas Gefühl. primitiven Methoden von Aushungerung. es explodiert einem der Kopf … „Folter in der BRD. erschien im Mai 1973 unter dem Titel: Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin – ging Gefühl. die die alten. um eine wissenschaftlich ausgeklügelte Methode „der verzögerten Auslöschung von Leben“. Das „Kursbuch“.“ unten rechts: bei Hausbesetzerdemonstration in Frankfurt. locker. wie der niederländische Psychiater Sjef Teuns im selben Heft erläuterte. ist das Gas. man stünde ununterbrochen. so schien es damals.“ griff für toten Trakt. Im Vorwort stellte der Herausgeber Karl beraler die Schweinerei gehandhabt wird – mark ins Gehirn gepresst … das Gefühl. man würde ferngesteuert …“ mus maskierte „strukturelle Staatsfaschis. das intellektuelle Leitorgan der Neuen Lin. unten links: nach Freitod im Gefängnis Stammheim. unmerklich.

Daraus ergab sich eine fatale. aus der es keinen Ausstieg gab.SERIE – TEIL 17 ❚ NACHGEHOLTES ERSCHRECKEN neration. wohl aber. die Eltern) hatten uns das schließlich eingebrockt. vor die bundesdeutschen Gerichte gebracht. In die internationale Empörung mischten sich die systematischen Kampagnen der SED gegen „Bonner Altnazis“ (Fälschungen eingeschlossen). Das wichtigste und spektakulärste Verfahren war der Frankfurter AuschwitzProzess von 1963 bis 1965. protestierte in einem Brief gegen diese Gleichsetzung und bemerkte. um zu bemerken. sondern als die Verbrecher der Weltgeschichte da. In einer Serie von Strafprozessen wurden zur selben Zeit NS-Täter. Für die Heranwachsenden. aus der wir stammten und in der wir aufwuchsen. den große Teile der bundesdeutschen Nachkriegsgeneration gegen die eigene Gesellschaft und die Bonner Republik hegten. Dieses Bewusstsein bedeutete eine fundamentale Erschütterung dessen. mit denen die Errichtung des „antifaschistischen Schutzwalls“ in Berlin flankiert wurde. Überhaupt bedurfte es keines besonderen Raffinements. Das alles war. standen wir nicht nur als die Verlierer zweier Weltkriege. von Verdun und Brest-Litowsk bis Stalingrad und Auschwitz.und Bedrohungsgefühle ein eigentümlicher neudeutscher Avantgardismus entwickeln ließ. als „die Gegenwart und die Zukunft von Auschwitz“. von John F. vitale Reaktion war wütende Distanzierung. lastende Kontinuität zwischen 1914 und 1939. dass entschiedene nationale (Selbst-)Kritik für uns Nachgeborene auch narzisstischen Gewinn bedeuten konnte. hieß das.und Friedhofsschändungen im Winter 1959/60. dass er sich „dafür noch eine Feder an den d e r s p i e g e l 3 5 / 2 0 0 1 . Die prägende Erfahrung dieser Generation war die massive „Rückkehr der Vergangenheit“ Anfang der sechziger Jahre. Immerhin zeigte sich früh. alle noch so tief greifenden sozialen Strukturveränderungen und alle noch so rasanten kulturellen Wandlungsprozesse hatten den harten Kern des Misstrauens nicht auflösen können. ob wir es wollten oder nicht. dass sie sich in einem Vakuum bewegten und Ideale und Vorbilder erst finden mussten. unsere Geschichte. uns ewig zu rechtfertigen. verkörpert durch die farblose Allerweltsfigur eines deutschen Spießbürgers. und insbesondere an den Judenmord. speziell der USA. worunter (mit Zustimmung des Kommissionsmitglieds Max Horkheimer) Kommunismus und Nationalsozialismus gleichermaßen verstanden wurden. wurde durch den Jerusalemer Eichmann-Prozess 1961 drastisch aktualisiert und beschäftigte die jugendliche Phantasie. Die „heimatlosen Intellektuellen“ aus der Generation der Flakhelfer machten vor. was Norbert Elias die „Wir-Schicht“ einer Gesellschaft nannte – den Verlust des kindlichen Urvertrauens in die Gemeinschaft. SÜDD. Ihretwegen waren wir genötigt. Hannah Arendt. Die Diskussion über die „Schuldfrage“ kreiste zunächst darum. dass er die deutsche Verantwortung für Auschwitz bestreite. Kennedy bis zu General de Gaulle. Man kann den Beginn fast genau datieren: auf die Welle der neonazistischen Synagogen. sofern sie diese historisch-moralische Erblast verspürten. Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Massenverbrechen. In seinen Betrachtungen über „Politik und Verbrechen“ zog Hans Magnus Enzensberger die Eindrücke des EichmannProzesses und der Kubakrise zusammen und bezeichnete das Arsenal der zeitgenössischen atomaren Vernichtungsmittel. Man kann das nicht außer Kritik stellen. Die erste. gerade wegen der von Hannah Arendt so bezeichneten „Banalität des Bösen“. VERLAG Moralische Empörung und narzisstische Kränkung flossen zusammen. Alle Besucher. auf die er sich dabei berief. dass alle Hypotheken der Vergangenheit auch eine Art moralisches Negativkapital waren. wie viel Verant- DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT UPI /CORBIS /PICTURE PRESS Demonstration gegen Notstandsgesetze in Bonn (1968): Verweigerung gegen das Beschmierte Kölner Synagoge (1959) Rückkehr der Vergangenheit 158 wortung die Deutschen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs trügen.und Kultusminister der Bundesrepublik beschlossen daraufhin 1962 eine verstärkte „Erziehung zur Demokratie“ als Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus. wie sich aus dem Fundus tragischpathetischer Unglücks. Innen. muss es aber als eine psychische Realität anerkennen: Alle noch so erprobten institutionellen Verfassungsregeln. richteten feierliche Appelle an die „deutsche Jugend“. vor allem KZ-Schergen. von der die Zukunft des freien Europa abhängen werde. sie werfe dem Autor nicht vor. „Sie“ (die Älteren. aus der die RAF-Leute selbst kamen.

der ernsthaft versuchte. Kaum anders hielten es die „Zeit“ oder die großen Tageszeitungen. VERLAG Establishment Selbstdeklaration der Jugendbewegung 1967/68 als „antiautoritär“ bezeichnete ja weniger ein spontanes Lebensgefühl als eine ganze theoretische Weltsicht. sondern eine Mehrheit der Bundesbürger schrieb den anderen deutschen Staat hinter der Mauer als historische Konkursmasse ab. in die jeder versetzt wurZur Identifikation mit den Opfern gehörde.Studenten nicht die Rolle wehrloser Opfer winn – einen Ausweg aus der unerträgli. dessen politische Zukunft. fast in Umkehrung Die generationstypische Reaktion be. sich die Ver. Das „Establishment“. die sich „Auschwitz“ Studentenführer wiederholt davon.). Nicht nur die restlichen Vertreter eines „Revanchismus“ schienen weitgehend in die Nachkriegsrepublik integriert. Auch wir waren Dazu kam die umfassende Politisierung im Grunde „Verfolgte des Nazi-Regimes“! und Ideologisierung im Gefolge der Rudi Dutschke. Und nicht nur die 68er Jugend. waren die Notstandsgesetze ein zweites „Ermächtigungsgesetz“ und die Große Koalition unmittelbare Vorstufe für ein „neues 33“. die Politiker. Ihre Aktionen waren. Juden machen“ wollten. NS-Prominenz* Als „KZ-Baumeister“ geschmäht Hut stecken“ wolle. der als Jugendlicher phan. einschließlich der Springer-Presse. Generation bringt“. wie Wolf Biermann stand gegen die Nazi-Generation“ prokladamals sang. tifikation mit den Opfern. die sich (zumal in der Frontstadt West-Berlin) in einen Clinch verwickelte.Ingenieur Lübke. glückliche Schuld. er sei in Wahrheit der Sohn eiden jüngeren linken. wie es damals noch oft hieß. völlig offen lag. eine quasi stand in den sechziger Jahren in der Iden. deren Macht. wobei aber die Diese Formel wies – und darin lag der Ge.) und Oberstleutnant Walter Dornberger. die Professoren. Von nun an war Bundespräsident Heinrich Lübke ein „KZ-Baumeister“ und Kanzler KurtGeorg Kiesinger ein „Altnazi“. mierte. undefinierbaren Mutanten. Felix Culpa!“ – Als „Altnazi“ geohrfeigt oh. suchte die Diskussion mit den antiauto* Oben: 1941 in Peenemünde mit Rüstungsminister Fritz Todt (M. einem mit schierer Wirtschaftskraft vollgepumpten. antifaschistischen nes versteckten Juden.biologische Trennlinie gezogen. dass als eines negativen Mythos und einer uni.der völkischen „Blutsbande“. Schon die Große Koalition baute die staatlichen Sicherungen der „sozialen Marktwirtschaft“ weiter aus und überwand mit einer „neuen Ostpolitik“ die Rolle des Landes als Frontstaat. Allein acht SPIEGEL-Titel in den Jahren 1967/68 galten der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition.tern weiterhin ihren Gestank über unsere liche Maß überstiegen und nur Taubheit. „Machen wir Schluss daEigen“ zu machen. sprach als Berliner Deutschen benannt. Sie befand sich in einem anhaltenden Modernisierungsschub.und Ausbeutungsstrukturen sich in der „autoritären Persönlichkeit“ ihrer Subjekte verankert habe. der letztlich zu ihren Ungunsten ausging. wie Walter Jens im Sommer 1967 feststellte. Damit war erstmals die Tendenz unter tasiert hatte. auch ein Großteil der internationalen Öffentlichkeit misstraute dieser „Demokratie ohne Demokraten“. dass „sie“ jetzt begonnen hatten. um neuen Ufern zuzustreben. Schon die „Die Isolationsfolter wird zur Disziplinierung eingesetzt gegen jeden. Dennoch: Der durchschlagende Erfolg der jugendlichen Protestbewegung damals ist damit noch nicht erklärt. unten: nach Beate Klarsfelds Angriff auf dem CDU-Parteitag 1968 in Berlin. die jedes mensch. Damit wurde.te komplementär die scharfe Abgrenzung brechensgeschichte des Dritten Reichs „zu von den Tätern. „Und in nem Berliner Flugblatt. auf „uns“ zu schießen. „zum Generalthema des deutschen Fernsehens“ geworden. so schien es. Und mit spitzer Intuition fügte sie hinzu: Attackierter Kiesinger* „Oh. die Journalisten.“ Aus einem Aufruf von RAF-Strafverteidigern d e r s p i e g e l 3 5 / 2 0 0 1 SÜDD. Juni 1967 (der Tod des Studenten Benno Ohnesorg durch den außer Kontrolle geratenen Polizisten KarlHeinz Kurras) vereinte denn auch Zehntausende in dem Gefühl. ULLSTEIN BILDERDIENST 159 . Gerade in dieser chamäleonhaften Realitätstüchtigkeit konnte man allerdings auch etwas Abgründiges und zugleich Unanständiges sehen. das einen „Aufden Herzen Asche“. Der Schuss vom 2. Natürlich war die reale Bundesrepublik unübersehbar anders.spielen würden. hieß es 1967 etwa in eiHorror und Scham hinterließen. Leiter des Raketenbauprogramms (r.Großen Koalition seit 1966. der im Gefängnis gegen die fortdauernden Missstände Widerstand leistet.die Herrschenden die Demonstranten „zu versellen politischen Formel bemächtigten. Damit war eine radikale politische Opposition gegen einen „autoritären Staat“ und eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft gemeint. chen Spannung. Schließlich handelte es mit … dass die ganze Nazi-Scheiße von gessich um Geschehnisse.

also seit mindestens einem halben Jahrhundert. wie der mörderische Krieg in Vietnam und die brennenden Ghettos der amerikanischen Großstädte selbst zu beweisen schienen. wonach keine höhere Ehre denkbar sei. fanden sich nun als Raubdrucke auf den Büchertischen der Studentenbuchhandlungen. lebendiger Erfahrungen und Enttäuschungen. gefangene Vietnamesen*: „ Wer vom Kapitalismus nicht reden will. muss vom Faschismus schweigen. die sich umso mehr in „Großer Verweigerung“ übten. aufzunehmen. Ein . als den Kampf im Leib der Bestie selbst. also zum Faschismus. die Verhältnisse in Deutschland (West). des Märtyrers dieses dritten und aus Sicht seiner Bewunderer gerechten Weltkrieges. Adorno als Teil ihrer politischen Irrtumsgeschichte nicht wiedergedruckt sehen wollten. Hier dominierte in der DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT Verhöhnter Jude. noch Deutschland konnten es den USA verzeihen. So glich die Revolte jenseits der WestBerliner Frontstadterhitzungen (die einer eigenen Dynamik unterlagen) weithin einer Flucht aus einer fürsorglichen Belagerung. eher Akte intellektueller Enteignung. Als Anti-Autoritäten zitierte die 68er Generation eine Reihe lebender oder toter Großtheoretiker. So ist es kein Zufall. namentlich im Falle der Väter der „Kritischen Theorie“.). dass gerade nach dem „Machtwechsel“ 1969 ein Großteil der außerparlamentarisch Bewegten sich im unüberschaubaren Geflecht linksradikaler Gruppen und Initiativen einigelte. schrieb der Philosoph Pascal Bruckner. Das bedeutete inmitten aller politischen Verschärfungen eine enorme psychische Entlastung. und vor allem in den USA. vor allem die formelhaft verkürzte Sentenz: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will. aber auch positiver nationaler Traditionen. Dort speiste sich die Opposition gegen das autoritäre Regime Charles de Gaulles im Besonderen und den westlichen Neokolonialismus im Allgemeinen aus einem Fonds frischer. die Herrschenden endlich zu zwingen. die trotzkistische oder maoistische Gruppen vertraten. d e r s p i e g e l 3 5 / 2 0 0 1 BPK (L. Gerade der Vergleich mit Frankreich ist erhellend. Gerade diese „Stellen“ mussten nun als politische Schlüsselzitate herhalten. die Max Horkheimer und Theodor W.“ Denn darum ging es eigentlich: Sämtliche Analysen der bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich in den Augen ihrer jugend160 Ganzen.) Opposition zur eigenen Gesellschaft und Geschichte das Abstrakte und Absolute. Der Vietnamkrieg diente 1968 als Kristallisationskern einer „Internationale der Jugend“. von dem aus die korrumpierte Bourgeoiswelt der Eltern aus den Angeln gehoben werden sollte. die jetzt als Beherrscher der freien Welt erschienen. Das wahre Schreckenswort hieß: „Integration“. das Zentrum des modernen Weltfaschismus und Weltimperialismus. muss vom Faschismus schweigen“ der „Bewusstmachung“ und damit als informelles Erkennungszeichen diente. aus deren Schriften sie einen ganz eigenen marxistisch-freudianischen Jargon revolutionärer Eigentlichkeit kreierte – ein „jüdisch-intellektuelles Rotwelsch“ (so Reimut Reiche). Alle Strategien der „Provokation“ zielten darauf ab. Gerade die Texte aus den dreißiger Jahren. „Weder Frankreich noch Italien. TIM PAGE / CORBIS / PICTURE PRESS (R. In Deutschland dagegen fehlte derlei Verbindendes und Verbindliches. offenen oder verdeckten Formen unweigerlich zur offenen oder kaschierten Diktatur der Bourgeoisie. Die konkrete Auseinandersetzung mit der Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus löste sich damit auf in den Kampf gegen das eigentlich totalitäre System: den Kapitalismus. Als archimedischer Punkt. sondern in der „freien Welt“ im tionalen Vietnam-Kongress in West-Berlin im Februar 1968 skandiert. dem Imperialismus. Denn die antikapitalistische Analyse erklärte nicht nur. Der Satz Ché Guevaras. dass sie sie vom nationalsozialistischen und faschistischen Joch befreit hatten“. Dabei waren diese Akte wild entschlossener Aneignung. führte demnach in jeweils neuen. wirkte wie ein Testament.SERIE – TEIL 17 ❚ NACHGEHOLTES ERSCHRECKEN ritären Rebellen. diente allen radikalen Jugendbewegungen dieser Zeit neben der mythischen Retterfigur des roten Proletariers die Konstruktion einer revolutionären „Dritten Welt“. das als Sprache lichen Nachbeter in Faschismus-Theorien. Der Kapitalismus im Stadium seiner historischen Überfälligkeit. Denn die waren. und nicht einmal in erster Linie. rechts: Vietcong-Verdächtige mit Angehörigen der südvietnamesischen Armee und US-Soldat 1965. Die Parole „USA-SA-SS“ wurde auch von den hypermilitanten französischen und italienischen Teilnehmern am Interna* Links: 1939 in Polen beim Einsatz einer deutschen Polizei-Einheit. ihre Maske der „repressiven Toleranz“ fallen zu lassen. Die „alten Nazis“ und verräterischen Sozialdemokraten in Bonn waren in dieser Logik die willigen Helfer der falschen Befreier.

der mit dem Olympia-Attentäter in München (1972) Als revolutionäre Tat gerühmt (Selbst-)Opfer der Kinder gesühnt wird. ihrer imaginären „Gaskammer“ also. schrieb über Führerkult und Machtapparate in der UdSSR („Utopie der Säuberung“). als vielmehr um brachiale Versuche der Befreiung von der Last der deutschen Geschichte. Im nächsten Heft lesen Sie: Teil 18 NAZI-JAGD MIT HINDERNISSEN Weltweit dauert die Verfolgung von NS-Verbrechen an. Ulrike Meinhof rühmte das als exemplarische revolutionäre Tat. wie unlängst Stephan Wackwitz. in deren Zentrum eben nicht Heinz Galinski als Repräsentant der jüdischen Gemeinden stand. Aber was führte das Gros der deutschen Terroristen von „Auschwitz“ nach Entebbe? Mit der probaten Formel vom „linken Antisemitismus“ ist wenig gewonnen. Juni“. So kulminiert die Geschichte des deutschen Terrorismus – und mit ihm des Linksradikalismus dieses Jahrzehnts – schließlich in einer Aktion. GERD KOENEN befasst sich als freier Publizist mit politikgeschichtlichen Themen in Europa. Und die neue Freiheit musste sich gerade im Angriff auf diejenigen bewähren. In seinem jüngsten Buch „Das rote Jahrzehnt“ lieferte der frühere Links-Aktivist eine Polemik gegen die radikalen Gesellschaftsveränderer von 1968. sondern auch viele intellektuelle und künstlerische Foren der Republik. die „Revolutionären Zellen“ – über ein Jahrzehnt hinweg in eine regelrechte Symbiose mit den extremsten palästinensischen Terrorgruppen.langes „rotes Jahrzehnt“ hindurch beherrschten sie in den siebziger Jahren nicht nur die Straßen und Plätze der großen Städte – vor allem in Hamburg. Justiz und sogar kirchliche Stellen die Täter vor Strafe geschützt. auf dem Boden dieser Republik angekommen. eher in Shakespeares Hamlet und dem abgründigen Todesspiel im Hause Dänemark: Alles läuft darauf hinaus. Es rief zur klaren und einfachen Solidarisierung mit den Fedayin und zur Gründung „einer revolutionären Befreiungsfront in den Metropolen“ auf. Die Programmschrift dazu hatte wiederum Ulrike Meinhof geliefert. Ob man das mythisch-metaphorische Abbild dieses Vatermords. Allzu lange haben Politik. d e r s p i e g e l 3 5 / 2 0 0 1 161 ARGUM PANDIS / TELEPRESS . in der antiken Legende von Ödipus finden will oder. Und der bewaffnete Kampf in Deutschland sollte ausgerechnet am 9. Frankfurt und Berlin –. verfasst sie im Herbst 1972 eine lange Erklärung zur „Aktion des Schwarzen September“. Tatsächlich handelte es sich weniger um eine „Wiederkehr des Verdrängten“. Aber nach derselben Logik waren es auch die „alten Nazis“ und die „Generation von Auschwitz“. bei der ein palästinensisches Kommando israelische Sportler während der Olympischen Spiele in München als Geiseln nahm. deren Zünder jedoch falsch eingestellt war. aber aus taktischen oder praktischen Gründen nicht bereit waren zu tun. Aber wie der Argentinier Guevara hinter seinem Image eines selbstlosen Menschheitsrevolutionärs den weißen LatinoChauvinisten und Yankee-Hasser nie verbergen konnte. November 1969 mit einem Sprengstoffanschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum in West-Berlin eröffnet werden. Die Bombe. Erst mit dem Fall der Mauer 1989 ist das Gros der Teilnehmer dieses imaginären langen Marsches. der das „Produkt des deutschen Schuldbewusstseins“ sei. die man jetzt nur als „Zionisten“ bezeichnete. Aber Entebbe war nur eins von vielen mörderischen Projekten dieser Art – bis hin zu den Attentatsplänen gegen prominente Vertreter der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik. der „2. zweiten Wiedervereinigung. von deren lastender Präsenz man sich zu befreien suchte. die erschossen werden sollten. antifaschistisch und internationalistisch“ gewesen sei. die für die Kränkung des Selbstbildes als Deutsche sorgten: die Juden. wie in einer anderen. sondern Hanns Martin Schleyer als „Boss der Bosse“ und „alter Nazi“ dazu. die „gleichzeitig antiimperialistisch. Eine Schlüsselszene dieser Zeit: In KölnOssendorf. bei der die deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann jüdische Passagiere selektieren halfen. was auch andere „im Prinzip“ für notwendig hielten. hätte vermutlich etliche Besucher der Gedenkfeier an das Nazi-Pogrom vom November 1938 zerfetzt. Das begleitende Flugblatt proklamierte das Ende des „hilflosen Antifaschismus“. die Hans-Joachim Klein bei seinem Ausstieg aus dem bewaffneten Untergrund 1977 publik machte und so womöglich verhinderte. Historiker Koenen. so hatten auch seine deutschen Jünger ihre allzu deutschen Motive. Auf diese Weise begaben sich sämtliche westdeutschen bewaffneten Gruppen – die RAF. Daneben bildete sich der „Untergrund“ der Terroristen. da sie die enge Komplizenschaft zwischen den „Charaktermasken des Entführter Arbeitgeber-Chef Schleyer (1977) Suche nach Charaktermaske ‚Rechtsstaats Bundesrepublik‘“ als Nachfolgestaat des Dritten Reichs und „Israels Nazi-Faschismus“ entlarvt habe. 56. dass maßgebliche Teile dieser ersten deutschen Nachkriegsgeneration das Drama der „unbewältigten Vergangenheit“ noch einmal in fieberhaften Tagträumen und gewaltsamen Ausbrüchen durchgespielt haben. Ein Generationsbruch nach dem Zivilisationsbruch. Als Tiefpunkt aller deutsch-palästinensischen Aktionen gilt zu Recht die Entführung einer aus Tel Aviv kommenden Maschine nach Entebbe (Uganda) im Juni 1976. die mit Gewalt ausagierten. Ab Sommer 1969 ergoss sich ein Strom deutscher Revolutionstouristen in die palästinensischen Ausbildungslager.

CHAPERON Wolfgang Gerhardt. der sich im Jahre 1976 so vor weiterer Strafverfolgung habe freikaufen können.5 Millionen. keine Seltenheit war.KUNZ / BILDERBERG / XXP (li. gemäßigter Urschrei-Therapie und StupaSitzung. der ein Jahrzehnt lang die Partei der Grünen unter Mühen zur unzweideutigen Anerkennung des parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaats und seines Gewaltmonopols gedrängt hat. ein rasender. der seinen schwarzen Kampfdress aus alten Sponti-Zeiten im Geiste noch unterm feinen Dreiteiler trägt. stand plötzlich als unverbesserlicher Gewalttäter am Pranger – als reueloser. d e r s p i e g e l 4 / 2 0 0 1 Während der gut zweistündigen LiveÜbertragung der erregten Parlamentsdebatte am Mittwoch vergangener Woche. und schon machten ihn ein paar Fotos aus den frühen siebziger Jahren zur Ikone des ewigen Straßenkämpfers. insgesamt fast eine Verzehnfachung der durchschnittlichen Einschaltquote. ja sündenstolzer Ex-Revolutionär. So entstand auch das Zerrbild eines linken „Gewaltmilieus“. Nicht wenige werfen ihm nun beides zugleich vor: seine Vergangenheit und seine Gegenwart. “ L. die Hass und „Das sind keine Jugendsünden … In dieser Biografie steckt ein Stück Überschreitung jeglichen demokratischen Rechtsstaates. in dem Schlagen und Treten zur normalen Alltagsbeschäftigung zu gehören schien. eine Mischung aus Mini-Purgatorium. der die Republik bewegte. FDP-Vorsitzender 192 . Joschka Fischer. in dessen Wohnung womöglich von „Carlos“ stammende Maschinengewehre samt Sprengstoff gelagert worden seien – aber auch als Spitzel des Verfassungsschutzes. der über Silvester Urlaub vom kalten Reich der deutschen Leitkultur machte und erst in diesen Tagen zurückkehrte. MCBRIDE / FOCUS PLUS / XXP (Mi. Zur historischen Wahrheit gehört aber auch. Eben noch gab er das Bild des Verräters revolutionärer Ideale ab.W.) D E B AT T E N Zorn auf die roten Jahre Die Polemik gegen die militante Vergangenheit von Joschka Fischer wird zum Strafgericht über eine ganze Generation: Die Revolte von 1968. als Sympathisant von Terroristen verdächtigt. war ein einziger monströser Irrtum. der Steine wirft und sich mit Polizisten prügelt (SPIEGEL 3/2001). bei denen das Einprügeln auf am Boden liegende Demonstranten. unter ihnen Frauen. Wird dem Mythos vom berechtigten Aufruhr der Linken der Garaus gemacht? Von Reinhard Mohr S chon jeder distanzierte Beobachter. schalteten über 700 000 Zuschauer den Ereignissender Phoenix ein – bei der zweiten (!) Wiederholung am späten Abend waren es zeitweise gar 1. musste sich die Augen reiben: Eine bizarre Metamorphose hatte sich des deutschen Außenministers bemächtigt. dem Kritiker von links bis rechts im Zweifel stets die verwerfliche Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft vorhielten.). so konservative Kritiker. In einer Aktuellen Stunde des Deutschen Bundestages wurde nun jener „Oberrealo“.). STAATSARCHIV HAMBURG / DER SPIEGEL / XXP (re. der seine militante Geschichte längst hinter sich gelassen hat und wie selbstverständlich mit den Großen dieser Welt parliert. surreal anmutender Paradigmenwechsel. dass es brutale Polizeieinsätze gab. Dass Fischer eine geradezu phantastische Projektionsfläche abgibt.

Jetzt ist die Rache der Braven für diese fortdauernde Schmach angesagt. nannte Fischer in der „FAZ“ zwar einen. Neu an der teils hysterischen Debatte über Fischers Rolle in der Frankfurter Sponti-Szene ist der Gestus der pharisäerhaften Teufelsaustreibung. der „in seiner staatsmännischen Arroganz. Der neueste Aufstand der Anständigen signalisiert: Die Studentenrevolte.Kultur Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Berlin (1968). verklemmtes Establishment Sympathie auf sich zieht. Erst recht dann. mit einer Zeit. neben Scharfrichter Johann Michael Möller daselbst einer der leitenden Oberförster bei der Joschka-Jagd. der Angriff der immer schon guten Gegenwart auf die böse übrige Zeit. Sie wollen verdammen … Sie wollen seine politische Existenz vernichten – Sie werden es nicht erreichen. Außenminister.“ Joschka Fischer. als RCDSVorsitzende einfach nur ignoriert oder gleich aus dem Saal getragen wurden – wie MdB Friedbert Pflüger erregt seine persönliche Erfahrung mit den 68ern resümierte. Studentenprotest in Hamburg (1967) Kampf gegen ein erstarrtes. ALTWEIN / DDP „Er soll Buße tun. OSSENBRINK AP Angela Merkel. Seit die deutsche Linke beim Fall der Mauer 1989 eine überaus schlechte.“ d e r s p i e g e l 4 / 2 0 0 1 193 . Chefredakteur der „Welt“. da der Zeitgeist so links war wie der Grieche an der Ecke und der Suhrkamp Verlag. dass das Leben vieler irrender Rebellen von einst aufregender war – und ist – als Kreisversammlungen der Jungen Union und die CDU-Hinterbank im Bundestag mit dem Recht auf die zweite Zwischenfrage an den Außenminister. das ist nicht neu – und es ist auch nicht überraschend. dem man Sympathien entgegenbringen müsste“ – doch vehement wandte Illies sich gegen das „gnadenlose Anständigkeitspathos“ der neuen „christdemokratischen Tugendwächter“. wird versucht. Eine „Verortungsdebatte der Berliner Republik“ nennt dies sprachsensibel Wolfram Weimer. 29. was dem „deutschen Kontinuitätswahn“ zu widersprechen scheine. auch wenn sie damals ein weltweites Ereignis von Paris bis San Francisco war. CDU-Vorsitzende A. Babs & BSE von Platz 1 der Schlagzeilen verdrängte. Die Grünen „Ich habe damals Unrecht getan und mich dafür zu entschuldigen … Ich habe mich aus Überzeugung zum Demokraten gewandelt. geschichtsvergessenes. wenn die Immer-schon-Anständigen stets von Neuem daran erinnert werden. Der Staat hat in den siebziger Jahren keine Fehler gemacht. Das politische Ziel ist klar: Dem 68erMythos vom zornigen. Bundeskanzler. zuweilen peinliche Figur gemacht hat. im Kern berechtigten Aufruhr der Linken gegen ein politisch repressives. rückwirkend auch mit dem großen Rest aufzuräumen. oft unerträglich“ sei „und jedenfalls niemand. geschichtsvergessenes und auch sexuell verklemmtes Establishment soll der Garaus gemacht werden. ist in der christdemokratischen Interpretation nur als ein einziger gewalttätiger Irrtum der Gerhard Schröder. dass er zeitweise selbst Boris. mit der samt der Person gleich eine ganze Epoche – und eine ganze politische Generation – ex post und in einem Aufwasch erledigt werden soll. “ F.. Florian Illies. SPD „Sie wollen nicht urteilen. seiner Wichtigtuerei .. Der zuständige Sprecher der nachgeborenen „Generation Golf“. mit jenen Jahren. die nun in „merkwürdiger Selbstgerechtigkeit“ alles unter einen „Sittlichkeitsverdacht“ stellten. lebende Installation „Weltuntergang“ (1970).

“ Doch im überhitzten Fieber der Treibjagd. ein Gedicht unter dem Titel „Andenken“: Also was die siebziger Jahre betrifft kann ich mich kurz fassen … Widerstandslos. das sich im Übrigen zwischen Wohngemeinschaft. „68“ hätten instruktive Lektüre bis zum nächsten Bundestagswahlkampf. jenes „schwarze Loch“ der kollektiven Erinnerung. Ganze Bibliotheken von Sekundärliteratur beschäftigen sich mit nahezu jedem Aspekt der Revolte und ihren Ausläufern – allein der Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar füllt mit seinen minutiösen Analysen der Epoche mehrere Regalmeter (zuletzt: „1968 als Mythos. den wir so fieberhaft suchten. Druckkollektiv. Außer Hitler (und der Nazi-Herrschaft) ist kein Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte derart ausgiebig. „Arte“-Themenabende und TV-Diskussionsrunden zur besten Sendezeit – unvergessen 1978: Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit im mehrstündigen verbalen Nahkampf mit Matthias Walden und Kurt Sontheimer – rückten immer wieder die große Auseinandersetzung über parlamentarische und außerparlamentarische Opposition. jene laufende Chronik des Denkens und Fühlens der neuen Linken. wurde zur reinen Karikatur. war also eine Flucht aus der un- . über Demokratie. sich zu fragen. „woher diese von lebendigen Erfahrungen und Interessen fast unberührte. dann spürt jeder Ex-Aktivist dieses schwarze Loch. Doch jenseits all dessen gibt es ein ganz anderes. Müsliman oder zotteliger Globetrotter. nach ihrem Geschmack. im großen und ganzen. Nicht zu vergessen: Der „typische 68er“. einen sachdienlichen Hinweis für die Suche nach der verlorenen Zeit. Und es stimmt ja auch: Da wurde trotz aller biografischen und politischen Brüche manches verdrängt und verklärt.Kultur Geschichte akzeptabel. nicht kriminalistisches Geheimnis der Vergangenheit. „1968“ war bis vor wenigen Tagen noch ein historisches Datum. sich einmal selbst praktisch bewähren zu müssen. Delius’ Romanen und Peter Schneiders Essays. ist der konservativen Opposition ein schlichtes Faktum entgangen. ihrer Verrücktheit und eigentümlichen Anziehungskraft liefert Koenen bereits im Vorwort seines Buches: Der imaginäre Anschluss an die „wirkliche Geschichte“. das der Historiker. Nach dem Willen der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel kann es nur ein politisch korrektes Verhältnis zu 68 geben – das der eindeutigen „Distanzierung“. bei Rotwein und toskanischem Ziegenkäse von jenen alten Zeiten zu reden. die heute so weit entfernt scheint wie der Mond. der „Generation Golf“ am iMac normalerweise nicht einmal mehr ein müdes Lächeln abringt und den ergrauten Veteranen nur noch zu ganz hohen Feiertagen Anlass bietet. Grüneburgpark und Stadtteilplenum bewegte. schlicht vergessen oder zum Stoff herzerwärmender Anekdoten verarbeitet. folgt ihren eigenen ehernen Gesetzen: dem ewigen Kontinuitätsverdacht (neuer Faschismus versus linker Terror) und einem moralischen Ri194 Zahllose Fernseh-Dokumentationen. was wir wurden“ (1977) bis zu F. aber auch literarischen Werken auf den Büchermarkt: von Bommi Baumanns militantem Szene-Bekenntnis „Wie alles anfing“ (1975) über Peter Moslers „Was wir wollten. Kapitalismus und Entfremdung in den Mittelpunkt der streitenden Öffentlichkeit. 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründet. haben sie sich selbst verschluckt … Terroristenmord: Schleyer-Entführung in Köln (1977) Friedlicher Protest: Lichterkette gegen den Bau einer Bahntrasse zwischen Hamburg und Bremen (2000) mut und Buße passen will. wie stets allen anderen zuvorkommend.und Organisationswut. Und tatsächlich. sich die damaligen „revolutionären“ Motivationen noch einmal zu vergegenwärtigen. sich in die so fern scheinende Zeit zurückzuversetzen. wäre zu viel verlangt. der selten Gefahr läuft. Gewalt und das Recht auf zivilen Ungehorsam. gern auch die einschlägigen Artikel im „Pflasterstrand“. Chiffre und Zäsur“). wenn es heute darum geht. die so gar nicht zum christlichen Forderungskanon von Beichte. abstrakte Theorie. das die Schülerinnen und Schüler von heute nur zum Gähnen reizte. Schon 1980 schrieb Hans Magnus Enzensberger. Reue. C. Diese Mischung aus Chuzpe und unbeschwerter Kenntnislosigkeit kommentierte der Berliner „Tagesspiegel“ mit den Worten. Badesee. Doch deutsche Vergangenheitsbewältigung. recht verstanden. in „Konkret“ und der „Tageszeitung“ – die verspäteten Kämpfer gegen d e r s p i e g e l 4 / 2 0 0 1 Dass irgendwer ihrer mit Nachsicht gedächte. leidenschaftlich und ergebnislos diskutiert worden wie jene letzte „Revolution“. Degorismus. ob als Lehrer. da die Samstagsdemo mit oder ohne Straßenkampf fester Bestandteil des Alltagslebens war. zum unerschöpflichen Reservoir für Kabarett und Comedy. Und wären es nur all die „Kursbücher“. in seinem Buch über die siebziger Jahre „Das rote Jahrzehnt“ (erscheint im April bei Kiepenheuer & Witsch ) zu beschreiben versucht. hier werde den 68ern tatsächlich zum Vorwurf gemacht. 56. selbstreflexiven und ideologiekritischen. Logo: „Genauso steht es in Fähnleinführer Fieselschweifs Pfadfinderhandbuch. die Schwierigkeit und auch den Unwillen. „dass es sie überhaupt gegeben hat“ – obwohl „die BRD zu jeder Zeit die beste aller möglichen Welten war“. Immerhin. Autor und Ex-Maoist Gerd Koenen. diese jederzeit abrufbare Militanz und Empfänglichkeit für weltrevolutionäre Phraseologien eigentlich kamen“ (Koenen). Uni. Zu jedem runden Jahrestag – der letzte war 1998 – ergoss sich eine Flut von historiografischen.

sondern vielmehr die Verneinung all dessen. es gab und gibt sie lediglich in uns. „Basis“. Lust und Geschlecht in den selbst gebauten Hochbetten zwischen Bornheim und Westend. und alles musste anders werden. das Land dennoch demokratisiert und liberalisiert. war Mitte der siebziger Jahre für Tausende von „Genossinnen und Genos- kiste“ aus. 1979 resümierte Joschka Fischer im Frankfurter „Pflasterstrand“: Unsere Revolution gab es einfach nicht. der britischer Staatsbürger geworden ist: Lord Ralf Dahrendorf. Trotz „Putzgruppe“: Meistens lief man vor den Knüppel schwingenden Polizeihundert- Selbst ein berühmter Philosoph wie Herbert Marcuse schrieb damals eine teils kitschig wirkende Befreiungsprosa. Das Leben im Kollektiv. Denn „das Ganze war das Unwahre“. kurz „ID“. wenn der Ex-Frankfurter Wolfgang Kraushaar feststellt: „Im Grunde wäre seinerzeit ein Ethnologe am besten geeignet gewesen. wie es der bisherige Konsens der „Berliner Republik“ nahe legt? Eine unaufgeregte und pragmatische Antwort kommt wieder einmal aus dem Westen – in diesem Fall von einem Deutschen. DPA (Mi. und die ungezählten schriftlichen Zeugnisse dieser Epoche sind für viele Zeitgenossen immer wieder Quell ungläubigen Staunens und peinvoller Erinnerung. Mit Revolution verbanden wir niemals nur einen politischen Umsturz. zurück in das Zeitalter der Weltkriege und Bürgerkriege.erträglichen Leichtigkeit unserer eigenen Lebenswelt. Alles war irgendwie politisch.). ™ 195 . die auf einer Art von Tribalismus gründenden Verkehrsformen zu analysieren.). Ansonsten lauerte überall die „Repression des Staatsapparates“. PANFOTO / DER SPIEGEL / XXP (Mi. d e r s p i e g e l 4 / 2 0 0 1 Und so war diese Revolution der Neuen Linken von Anfang an eine unpolitische Revolution. Die Befreiung der Sexualität. dem manchmal nur mit „Gegengewalt“ ein wenig beizukommen war. die die Beteiligten nur englisch „scene“ aussprachen. einen anderen Staat. Die Musik war überall – von den Rolling Stones über Velvet Underground bis zu den Doors. „Identität“. „Kampf“.). weder hier noch in Vietnam. Die Zauberworte hießen „Theorie und Praxis“. der samt seinem Staat zum Feind erklärt wurde – ganz egal. li. auch ein altes Zauberwort. Eine hieß „Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“. die der Auflösung der alten Apo und des SDS folgten. das uns viel „realer“ und gegenwärtiger erschien. ob Wohngemeinschaft. Alles war falsch. „dialektischer Umschlag“.) sen“ der Normalfall geworden. und entsprechend unwirklich (aber sehr wirksam!) fiel sie dann auch aus. aktionistischer Theorie hervor. lebensbejahende Gegengesellschaft zu jenem zerstörerischen Kapitalismus zu etablieren. eine Revolution gegen die Politik. von dieser Flucht in das Zeitalter der russischen Revolution wenig wissen. schon gar nicht gegen die unstillbare Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“. Und die Musik. trotz aller Leidenschaft für Theorie und Endlosdiskussion. Kein Staat. Die Frauenbewegung attackierte die Machos und erzwang Debatten über Macht. Sie schufen sich im Lauf der Jahre. Es war der Versuch frei nach Adorno. ihre Mischung aus Endzeitstimmung und Erlösungsglaube ist heute kaum noch nachzuvollziehen. re. beinah so wie „family“ und „good vibrations“. so schnell es ging. „Bewegung“. Ist die „Freiheitsrevolte“ (Fischer) von 68 in Wahrheit also eine große Lüge. „Widersprüche“.“ „Verkehrsformen“. Was den Rest der Geschichte betrifft: Der Kampf geht weiter. eine andere Machtund Eigentumsverteilung. aber auch großer Heiterkeit. eine subkulturelle. ein reiner Mythos – oder hat sie. keine Macht und kein Eigentum. Hilfreich war immerhin der Aufbau von „Gegenöffentlichkeit“. „Massen“. durchaus hedonistische. der wir nicht trauten. differenzierte sich allmählich in die unendlichen Probleme der „Beziehungs- schaften weg. und es ist weder Koketterie noch Sündenstolz. Auch die wurde zuweilen öffentlich ausgepackt in jener Sponti-Szene. der als „Baron of Clare Market in the City of Westminster“ im Londoner Oberhaus sitzt. ihre eigene Lebenswirklichkeit. wer gerade Bundeskanzler war. „System“. ULLSTEIN BILDERDIENST (re. Die Frankfurter Spontis allerdings wollten. Der Übergang von der antiautoritären Rebellion der späten sechziger Jahre in die unterschiedlichsten Strömungen der radikalen „Neuen Linken“ – von den maoistischen „K-Gruppen“ bis zu den „Spontis“ und der terroristischen „RAF“ – zu Beginn der Siebziger brachte eine Flut selbstsuggestiver. „ein richtiges Leben im falschen“ zu führen. In jenen wilden Tagen war Dahrendorf einer der herausragenden politischen Antipoden des Studentenführers Rudi Dutschke. und die Wirklichkeit hatte keine Chance gegen die Ideologiekritik. Vergangene Woche sagte er: „1968 war eine verständliche Revolte in einer verfahrenen Situation“. neben dem Dauerkonflikt mit der Elterngeneration (inklusive alter Nazis) großes Thema schon 1968. Persien oder China. bemerkte Daniel Cohn-Bendit. Aus Flugblättern und Infos wurden Zeitungen und Zeitschriften. Sie verlieh den Dingen Flügel. Alternativprojekt oder SpontiPlenum. doch das Politische war immer auch privat – wie auch umgekehrt. „Entfremdung“ und „Betroffenheit“. „Wir konnten mit dem Lächeln der Freiheit den größten Unsinn sagen“. obwohl sie nicht „demokratisch“ war. Ihre wortreiche Unbedingtheit und Radikalität. Anti-Atom-Protest: Gerhard Schröder in Gorleben (1980) Demonstration der Spaßgesellschaft: Love Parade in Berlin (1999) Eine historische Zäsur und ihre Folgen SPIEGEL TV (li.

Sie der revolutionären Gemeinschaft.sollte. zersägten oder einfach aushängten von ihnen damit später zu den Popstars der Auch dort waren sie bald unzufrieden. Was ist so schlecht an Angstschweiß vor den ReToilettentüren? „Sie erferaten.die Langhaarigen und wollen alles wieder behl als den „Patriarchen der Kommune“ tionen“. tags.paar Schweinebraten auftischen ließen.ben wollten. und jetzt kommen das.Gesellschaft Die 68er (V): Sie tranken Jasmintee. aber natürlich hatten angeblich die Freiheit West-Berlins verteispiegel – aber gibt es wirklich Leute. Von Thomas Hüetlin Die Tage der Kommune atürlich gibt es Erfindungen. „Kunzelmann“.gingen: stur arbeiten und sich selbst be. weshalb über den „Trans. und Jürgen Fliege in ihren Nachmittags.prall gefüllten Fleischtheken zwischen 25 braucht kein Mensch.“ Alltag der Bundesrepublik Die Erlösung sollte die war groß. einem aufgeblasenen mitleiden. traten.heute in Cafés.Wahnvorstellungen.Verführt worden. die wie ihre Helden Kommunar. Weg mit eurer alten Persönlichkeit. rief Dieter nicht arbeiten. diskutierten nonstop und hielten Sex vor allem für ein Problem – die Mitglieder der Kommune 1 wurden zu Popstars der Studentenrevolte und veränderten den deutschen Alltag. als in einem Polizeistaat vor ner Langhans heute. Weltre. die den Sinn von Toilettentüren bezwei. Hier wurde wie Kommune bringen. UV-durchlässige Bade. daß ihr privates Leben.sich in der Gesellschaft etwas ganz Großes schen. Später im KommuneLeuten in einer neuen Sprache – der Psy. die mehr vom Le. Wir durften in den Diskussiowollten die Privatsphäre nen über die Akkumulativernichten“. von „Arbeitsschwierigkeiten“.ein paar junge Leute gab. dann Von Anfang an war Dieter Kunzelmann talkshows herumhantieren: Von „Zweier. wie zum missionsriemen“ Dritte Welt die „Revolu.Sorten Wurst wählen zu können oder Beispiel fertiggemixten Whiskey. wo in einem makaberen Krieg anzüge oder Duftbäume am AutorückTolles Programm. Und wie es sich für ein neues Lifestyle. ihre erstarrten Elmöglichen. Spaß haben. daß die 16 jungen Leute litten. Diskotheken und im InterGab es – die Leute von der K 1 und spä. dem Alt-Nazis als Richter und Lehrer be.heit. Der bayerische Sommer war blau und „Ihr müßt euch entwurzeln“. die im Sommer 1966 in einer digt wurde. der Einpeitscher für die Idee volution machen. „solange ich Orgasaber ihr Einfluß auf den musschwierigkeiten habe. sagt Rairialismus“. auf net.schauten. nicht mal 35 Mogeht mich der Vietnamnate dauerte sie. die 16 Leute. Pauschalspielt. sein sollte: alle auf einer Matratze schlafen. Ende der sechziger Jahre Rückweg ausgeschlossen. von Ankrieg an“. VERLAG N .den vor der Tür aufragenden Bergen her. was der Apo-Theoretiker Bernd Rabeziehungen“ war die Rede. die sel schuld sei. zu schicken. noch keine Ahnung. verkaufte es die K 1 den ihren zwei Lieblingsbeschäftigungen nach. te die Wahl der richtigen Die Kommune 1 gab es Turnschuhmarke.alles wieder aufgebaut. Leben in einem Schaufenster dem und Arbeiten und RevoluRest-Deutschland vorgetion in einem. „stand ganz oben in 100 d e r s p i e g e l 2 7 / 1 9 9 7 SÜDD. mann. sie mer keine Rolle spielen schaffen Privatsphäre.jargon hieß das: „Revolutionierung des Allcho-Soziosprache. damals Deutschderen theoretischen Musts. ihr Studentenrevolte werden sollten. ändern. dann alles verloren. in euren Stipendien. und alles würde gut werden. Weg mit eurer SicherLeben mit Stolz eine Krawatte tragen. von „Frustra. lands schönster Kommudie damals für einen monarde. kaputtmachen. heute einziger Mann dernen jungen Menschen in einem Münchner Harem so wichtig waren wie heuvon fünf Frauen. sagt Rainer on des Kapitals und die anLanghans.Großbürgervilla am Kochelsee ein paar TaUnd diese Leute trafen sich nicht wie feln? ge herumsaßen. was modernes Leben Politaktionisten Kommune 1 (1967): „Ihr müßt euch entwurzeln“ ticket in die neue Freiheit. was gemacht vom „autoritären Charakter“ und „GeNicht wirklich erstaunlich also. daß sich einer ternhäuser. Proklaheute Gefühlsspezialisten wie Hans Meiser deutsche Vergangenheit ungefähr so aus: mation des Lustprinzips“.gemacht wurde. mit dessen Resten Gut 20 Jahre nach Kriegsende sah die Brechung des Leistungsprinzips. „Was nicht lang. und auf den Speicher trugen. aber er konnte nichts daran Kunzelmann. Abschaffung des Privateigentums. sagte Kunzelfang ’67 bis November ’69. der an dem ganzen Schlamas. daß ter in den Siebzigern viele junge Men. wie es gemacht wurde und wann es fühlspanzerungen“ und vom „US-Impe. ein neuer.schäftigt waren und die Deutschen wieder Weg mit der Liebe – alles bürgerliche Programm gehört. Akademikerdeutsch.tion“ in die Erste Welt getragen werden Weihnachtsbäume an die GIs in Vietnam Cola in der Dose.wunderbar. daß ein paar stischen Deutschen Studentenbund (SDS). die Spießer ärgern. Es nervte sie. sich vom Hausmeisterehe. daß es wurde. bezeichnete. Weg mit besserer Mensch werden und niemals im waren großgeworden in einem Land. Er entschied. sondern sie hatten das Gefühl.umkletterten und Fußballweltmeisterschaft ändern müsse und gingen in den Sozialiden wurden und die Toilettentüren ein. ihr Liebeskumzurückziehen kann.

„Wir haben ihm immer Geld vom Pflastermalen gegeben“. geboren zu sein genügte ihm als Indiz. Am 14. was man einen schönen Menschen nennt. der Belanglosigkeit. dann wurde es für den schnell ungemütlich. daß er ein geborener Umstürzler sei. dabei voller Energie. mußten zum Pinkeln das Waschbecken in der Ecke der Kellerwohnung benutzen. Vietnam – die Blutspur des Imperialismus ist lang“. Denis gegangen und für dieses Geld in den Puff. Die Gruppe verachtete das normale Leben als ein Reich der Wiederholung. erinnert sich Lothar Menne. Die eine arbeitete in einem Animierlokal. Obermaier. abends gehörte ihre Schreibkraft und der Rest dem Chefideologen. erinnert sich Kunzelmann. jobbte tagsüber als Sekretärin. genau 150 Jahre nach der Erstürmung der Bastille. Ende der fünfziger Jahre zog er nach Paris. die andere. „damit er ein Baguette holen soll. manchmal im Dienste der Wahrheit. manchmal nur aus Spaß am Ärger. wirbelten seine Arme herum wie Windmühlenflügel. Am Kochelsee hatte der Situationist Kunzelmann dazu gedrängt. Rhythmus und andere bourgeoise Einschränkungen reimte Kunzelmann deshalb Verse wie: „Kuba. Bald darauf warf er einen brennenden Adventskranz aus dem Fenster in den Schulhof.“ Kunzelmann war nicht gerade das.Psychogruppe Kommune 1 (1968)*: Haschisch rauchen war revolutionär. und wenn einer viel weiter unten stand als er. Dazu ging er gebeugt wie ein Schrat. Juli 1939. Frauen wie Männer. Dazu ließ er sich von zwei Frauen aushalten. Bis dahin gab es nur ein Ziel: das leere Gerede und die Traditionen der Bürger zur Explosion bringen und darüber laut lachen. die als Nachfahren der Dadaisten den Umsturz plan- Apo-Playboy Teufel (1968) „Alle zwei Tage eine andere Schülerin“ d e r s p i e g e l 2 7 / 1 9 9 7 ten. heute Geschäftsführer bei Hoffmann und Campe. Bier konterrevolutionär BOKELBERG der Nahrungskette. Seine roten. erst nach der sozialen Revolution sollte ein gutes Leben möglich sein. so bald wie möglich eine Kommune W. Arbeit galt als das letzte. Kongo. Sein Vater hatte eine Sparkasse im katholischen Bamberg geleitet. wollenen Haare fielen ihm vorne schon früh aus.“ * Links: Langhans. ein dichter Vollbart umgab sein Gesicht. Eine Banklehre brach er ab. Wenn die Frauen schon nichts zu melden hatten – wenigstens das Pinkeln war unisex. in dem eine Nase groß wie eine Maurerkelle thronte. der Depression und der Langeweile. einer kleinen. und er ist in die Rue St. Dagmar Seehuber. und seine Schulzeit hatte Kunzelmann eigentlich nur dazu gedient herauszufinden. Anfang der sechziger Jahre wechselte Kunzelmann nach München und sorgte sofort für Ärger. KOHN 101 . Wenn er redete. wo er mit dem späteren Modephilosophen Jean Baudrillard unter den Brücken lebte. superelitären Künstlerbewegung. Ohne Rücksicht auf Stil. Er hatte sich inzwischen den Situationisten angeschlossen.

sagte Dieter Kunzelmann. fanden wenigstens die Kommunarden. deshalb beschimpfte er Dagmar von Doetinchem de Rande. „So einer braucht eine Torte ins Gesicht. und sonst gab es nicht viel. aber es dauerte doch bis Anfang Februar 1967. der totalen Intensität und der totalen Zerstörung“. die den Absprung nicht rechtzeitig geschafft hatten und dazu mindestens ein existentielles Problem hatten. Pudding und Mehl gefüllte Tüten im Berliner Grunewald herumwarfen. und wenn morgens einer in den Milchladen mußte. weil er fürchtete. wo er als Guerrillero arbeiten wollte. die Studentin Dorothea Ridder fühlte sich einsam und wollte „einfach Menschen anfassen“.“ Die Aktion fand nicht statt. sagt Rainer Langhans. Für die Patienten ein Kompliment. als Klette. Rudi Dutschke durfte nicht einziehen. hätten nicht ein paar Polizisten die Kommunarden erwischt. „Wenn man umfiel vor Müdigkeit“. dachte sich Menne.Gesellschaft K-1-Patriarch Kunzelmann*: „Wenn einer in der Nahrungskette weiter unten stand als er. Der Student Ulrich Enzensberger war der kleine Bruder des großen Dichters Hans Magnus. „wurde man wieder hochgerissen. weil seine Frau Gretchen Sexorgien witterte. In Johnsons kleiner Wohnung hatten die Kommunarden Matratzen ausgebreitet.“ Einschlafen war bürgerlich. und wahrscheinlich wäre die K 1 bestenfalls ein zeigefingerschwingender Haufen von Hinterhofkabarettisten geworden. Die meisten aus der Kochelseegesellschaft fanden Gründe. zudem sah er völlig bescheuert aus. der Student Rainer Langhans litt an großen Liebesdepressionen. sich zu drücken. die Sekretärin Seehuber war Kunzelmann verfallen. man durfte nicht raus. „Wie eine Witzfigur aus einem amerikanischen Slapstickfilm“. und Lothar Menne flüchtete nach Mexiko. dann wurde ihm ein zweiter als Wächter mitgeschickt. Die Menschen. Ansonsten kannte die Totaltherapie keine Uhr- In SDS-Kreisen hieß das Kollektiv bald nur noch die „Horrorkommune“ zeiten. April. als marschierten die Rote Armee. hätten „Anschläge mittels Bomben. In SDS-Kreisen hieß das Patientenkollektiv bald nur noch „die Horrorkommune“. daß alle auf seine Frau scharf seien. Besitz in jeder Form war noch schlimmer. der Student Fritz Teufel fand keine Freundin. Politisch wurde die Kommune als kleine Psychosekte isoliert – aber auch d e r s p i e g e l 2 7 / 1 9 9 7 hier hatte Kunzelmann im Frühjahr ’67 die rettende Idee: eine Aktion gegen den USVizepräsidenten Humphrey während seines Berlin-Besuchs am 6. Bernd Rabehl wollte nicht einziehen. Deshalb zog Kunzelmann gern einfach die Kleider anderer Kommunemitglieder an. stand im Polizeibericht. ehe ein paar Leute bereit waren. * 1967 im Sarg anläßlich einer Gedenkfeier für den ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe in Berlin. Noch heute schwärmt ein Mann wie Rainer Langhans vom „Dreiklang der totalen Kontrolle. Die Kommunarden. Danach wurden die Mächtigen und die Presse der Mauerstadt so hysterisch. als sie mit Farbstoff. die sich dann Anfang Februar in die leere Dachwohnung des Schriftstellers Uwe Johnson einsperrten. wurde es für den schnell ungemütlich“ zu bilden. waren die. „Immer noch besser als in einem Zimmer mit Kunzelmann“. die Rolling Stones und King Kong gemeinsam auf dem Kurfürstendamm herum. Jeder beobachtete jeden. sich wirklich unter dem Kommando des Psychoterroristen zu neuen Menschen formen zu lassen. nur weil sie die Freundin von Enzensberger war. was sie von der Zertrümmerung ihrer bürgerlichen Reste hätte ablenken können. mit unbekannten Chemikalien gefüllten Plastikbeuteln oder mit anderen gefährlichen Tatwerkzeugen wie Steinen geplant“. Warum gerade Humphrey? Zuerst einmal saß er natürlich ziemlich weit oben im verhaßten amerikanischen Machtapparat. Die Zeitung der abend meldete: „Maos Botschaft in Ost-Berlin lieferte die Bomben gegen Vizepräsident Hum103 ULLSTEIN .

Büsch.und Geldstrafen. die Streiche der neuen Staatsfeinde zu finanzieren. einfach durch die Art. Die Bombe. Sie genossen es. Vorher waren Demonstrationen Umzüge gewesen. mit denen sie oft ihre Abende verbracht hatten. dann verhöhnt. was sie anstellen mußten. und wenn die Bürger schrien vor Wut und Empörung. der deutsche Staat. „Das von uns lang ersehnte Staatsbegräbnis ist da! Wir müssen . sie verhöhnten den SDS als „kleinkarierte Karriereorga- „Es macht mir Spaß. regierten die Straßen. Der Dichter Peter Handke schrieb: „Die Kommune in Berlin. bekommen die Kommunarden noch heute vor Aufregung feuchte Augen: Beweis erbracht. „Mir zum Beispiel macht es Spaß. der Kapitalismus. schrieb zum Beispiel ihnen nur noch die richtigen Leichen unterjubeln: Albertz. mit „ernsthaften. The Good. „Es macht mir Spaß. waren nun Wirklichkeit.“ Elf Kommunarden mußten ins Gefängnis.Gesellschaft phrey. der Antichrist. Richter anzubrüllen oder die Justizdiener zu ärgern“ Kunzelmanns Vater. Die Kommunarden stiegen auf zu Medienstars. Schnell hatten die bekanntesten ein Image: Rainer Langhans. sie hielten die Universität in Schach. das schlimmste Monster. Auf diese Weise konnten sie es verkraften. in die sie reinlaufen. So ist er. „Letztmals einige Zeilen von mir. schnitten eitel die Artikel ihrer Heldentaten aus. den Staat aussehen zu lassen als das. was er war: eine Bande von Frühvergreisten mit Panik im Genick. traten sie zu. Dieter Kunzelmann. Jeden Morgen besorgten sich die notorischen Bürgerschrecks jetzt Zeitungen. sagte Rainer Langhans. Ein Interview kostete ein Abendessen beim Chinesen oder ein Honorar von 1000 Mark aufwärts. Duensing. dann sprechen“. Richter anzubrüllen oder die Justizdiener und den Staatsanwalt zu ärgern. Der Deckel ging auf. ob Du nicht ein Fall für den Psychiater bist. Als eine Gedenkfeier für den ehemaligen Reichtstagspräsidenten Paul Löbe stattfand. Der Brief wurde wie alle Briefe in der Kommune erst gemeinsam verlesen. um in der nächsten Ausgabe wieder die Schlagzeilen zu liefern. Wenn sie davon erzählen. der deutsche Spießer. ohnmächtigen Schilderwäldern (Langhans)“. gehaßt zu werden. stand groß im Flur ihrer neuen Wohnung im Rotlichtviertel Stuttgarter Platz geschrieben. wie wir uns kleiden. klebten sie in Aktenordner ein und überlegten. traurigen.“ Kunzelmann und Co. wenn sich Gerichte mit mir beschäftigen“.“ Außer Emigrationsaufforderungen (Macht doch rüber). Jetzt gelang es ein paar Ausgeflippten. daß manche ihrer Eltern keine Lust mehr hatten. erwies sich als Volltreffer. tauchte zum Beispiel ein Sarg im Getümmel auf. mit Fritz Teufel als Oberhelden. den Senat mit seiner Polizei und Justiz. So ist er. so ist er. die nie gezündet wurde. dann klang das in ihren Ohren wie Musik. seit Chruschtschow mit seinem Schuh in der Uno-Versammlung auf dem Tisch herumgeklopft hatte. Der von mir geleistete Zuschuß entfällt mit sofortiger Wirkung“. Fritz Teufel. Ihnen Fallen zu stellen. the Bad and the Ugly – die Italo-Western. Die Kommunarden machten ihren Schlagzeilenjob mehr als gut. der schöne Held. ist die einzige Nachfolgerin Brechts. Dein Denken ist derart irreal.“ Auf einmal waren aus einem Haufen verklemmter Anarchisten mit einem Sexproblem die Helden der deutschen Gegenkultur geworden. „Erst blechen. erprobten deutschen Lösungsvorschlägen (Vergast sie) waren das Ergebnis dieser Aktionen natürlich Haft. sie alle werden wir am Mittwoch feierlich in gebührendem Rahmen begraben. Wo immer sie ein Tabu ahnten. daß ich mich frage. der seelenvolle Clown. heraus stieg Dieter Kunzelmann und warf mit Flugblättern um sich. dann veröffentlicht.

RUETZ / ZWEITAUSENDEINS . Außerdem mußten wir dann immer die verheulten. Aber er wollte seine Erfahrungen nicht mit uns diskutieren. und zwar alle zwei Tage mit einer anderen Schülerin. klang das wie Musik nisation“. das im November 1997 bei 2001 erscheint. ließen * Pressekonferenz zu Teufels Entlassung im Republikanischen Club 1967. M. Trotzdem fuhren sie gern rüber in die chinesische Botschaft. Das Bild von Michael Ruetz ist dem Buch „1968“ entnommen. die Arbeit als „Schande“. Bis dahin hatten die Kommunarden vor allem über Sex diskutiert. wenn etwas unklar war. Zwei Maoistinnen aus der Provinz schrieben an die K 1: „Kommunarde Kunzelmann! Du bist das parasitäre Element der Kommune 1. Er hatte viel nachzuholen. und Fritz Teufel lief zur Bestform auf – er entwickelte sich zum ersten Playboy der Apo.Provokateure Kommune 1*: Wenn die Bürger schrien vor Wut. Langhans hatte jetzt nur noch Kunzelmann neben sich. „Der Fritz“. Solltest Du und Baby Enzensberger aus der Kommune austreten. Vor ihrer Haustür saßen nun 14jährige Mädchen herum. aber was den Starkult auf den Demonstrationen anging. im Theorieregal (die Belletristik war längst mit den Kommunekindern Grischa und Nasser in eine Rumpelkammer verbannt worden) bei Wilhelm Reich nachgeschlagen. erinnert sich Rainer Langhans. kein Gegner. Du wirkst wie ein Rentner und trägst auch dementsprechende Kleidung (bei uns sehr populär. war Kunzelmann. die sie im Westen an die außerparlamentarischen Nachzügler verhökerten. Er ließ uns nicht teilhaben. die auf dem Sofa saßen. die Arbeiter als „Blödmänner mit ihren Kühlschränken“ und die DDR als „bürgerlichen Idiotenhaufen“. Das ging natürlich nicht. Und es gab sofort Probleme. Als asozialer Analphabet fällst Du den anderen Kommunarden zur Last. dazu Jasmintee getrunken und. den sie nur „Opa“ nannten. Kunzelmann-Look).“ Klare Sache: Fritz Teufel flog raus aus der Kommune. sich kistenweise Mao-Bibeln schenken. Jetzt war der Sex da. abgelegten Schülerinnen trösten. „hat sich mit den Mädchen ins Zimmer eingeschlossen.

„hatte sich immer darüber beklagt. Schwarzer Krauser revolutionär. Wenn die anderen ihre Räusche ausschliefen.“ Auf den „Essener Songtagen“ im Sommer hatte Rainer Langhans dann eine Erscheinung. Er wollte sich wieder mehr um sein Ego kümmern. Alles wurde diskutiert und auf Kommunenorm gebracht. sagt Bommi Baumann. mehr zu sein als eine Art Evangelischer Kirchentag mit Wasserwerfern.“ Oft machte er sich nicht einmal mehr die Mühe. ich kam aus Berlin. Statt der Sprung auf den Wasserwerfer lieferte ihm jetzt der Drogenblitz den Rausch.“ Ihre Arbeit bestand darin. Karriere zu machen. das Stöhnen auf den Matratzen ebenso wie der Mundgeruch und die miese Laune sowieso. blieb und lehnte die kunzelmannsche Weltordnung ab. das schaffte ein Mädchen: Ihre völlig unreflektierte Lebenslust.“ Außerdem begann Kunzelmann. Und wenn jemand auf die Idee kam. „sie ist gesund. da hinten stehen noch ein paar rote Mao-Bibeln.“ Aber Uschi. Polizisten. von der Langhans sagte. „Sie sah aus wie ein Engel“. kommt mit“. die dachten. Mit denen könnt ihr rumwerfen. verkraften konnten. „Wir waren auf einmal die Anlaufstelle für alle Unzufriedenen“. das alles einmal nachzulesen. ihr absolutes Desinteresse an allem Politischen – das war mehr. war der Anfang vom Ende der Kommune.und Nachtzeiten ebenso abschaffte wie die Druckmaschine und das Archiv. seinen Haß zu begründen: „Du bist so blöd. und die Affäre. den ganzen alten berechenbaren Autoritäten. Jeder sollte nur noch Schwarzer Krauser rauchen. als die Kommunarden. Reyno konterrevolutionär. die die U-Bahn-Preiserhöhung unerhört fanden. aber daß der Aufstand längst aufgehört hatte. In den Augen von Kunzelmann kam der Engel eher aus der Spießerhölle.“ Das genügte Langhans natürlich nicht. unten wurden die Fenster für einen weiteren Gemeinschaftsraum zugemauert. sagte Langhans. Hau endlich ab. anmutig und völlig eins mit sich selbst. „Den ganzen Tag hat er nur noch rumgekräht mit dieser extremen Nervensägenstimme. Journalisten und anderen Pädagogen später einmal helfen könne. Alles wurde nun miteinander geteilt. und sein Gegner war diese Frau. sie hätten zu Unrecht schlechtere Noten bekommen als ihre Mitschüler.“ Und FOTOS: G. der Kampf gegen den Kleinbürger in sich selbst und den Kleinbürger im jeweils anderen war noch lange nicht abgeschlossen. Der kränkelnde Patriarch zog in seine vorerst letzte Schlacht. und er mußte aus seiner schönen Geliebten auch noch eine Zukunftstheorie formulieren: „Seht her“.“ Der Engel hatte einen Namen: Uschi Obermaier. die ein Paar Rasseln schüttelte und einen LSD-Trip lutschte. MANGOLD . Demonstrationen waren definitiv nicht mehr revolutionär. 21 Jahre alt. das hatte ich mir gut gemerkt. Oben wurde ein Matratzenlager rund um einen Tisch gebildet. hieß es. da laufen alle im Kampfanzug rum. Dann legte sie sich wieder neben ihren Rainer. weil Kunzelmann wieder nächtelang auf Heroin deliriert hatte. was er alles mit welcher Bombe in die Luft sprengen wollte. Fotomodell aus München. Rentner. Wann immer sich noch politisch Aufgeregte in die Kommune verirrten und riefen. Und in diesem langen Krieg war er zum Gefangenen seines eigenen Ruhms geworden. „wir waren überlastet und haben nur noch mit einem Kinderpoststempel ‚Weiter so’ auf Postkarten gestempelt. „und den Imperialisten das Geld in den Rachen geworfen. sagt Rainer Langhans. Die neue radikale Reise nach innen sollte in neuen Räumen stattfinden. Die Nachbarn sollten nichts mitbekommen. das er je erlebt habe. sagte sie. Heroin zu spritzen. Sie ist lebendige Politik. Haschisch rauchen war revolutionär. daß er mit schönen Frauen schlafen ging und neben bleichen. für den sie gut aussehen wollte. „Der war am Ende völlig unerträglich“. „So etwas war mir noch nie 108 K-1-Starlet Obermaier (1968) „Buchstaben sind mir zu unattraktiv“ d e r s p i e g e l 2 7 / 1 9 9 7 begegnet. ihr den Tip zu geben. „Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus ist mir scheißegal“.“ Im Winter ’68 wurde Langhans das große Straßentheater zu anstrengend. daß die Revolte vielleicht einem Haufen Lehrern. stand Uschi auf und putzte sich im Badezimmer der Kommune – einem dreckigen Waschbecken ohne Spiegel. dann blieben die Kommunarden liegen. Politikern und Zeitungsschreibern. Hausfrauen. nicht gelang.kämen wir sofort nach Berlin und treten bei. sagt Uschi Obermaier. schön zu sein. auf dem Ku’damm ist wieder was los. Bier konterrevolutionär. von dem keiner mehr etwas wissen wollte. Er schaute auf die Bühne und sah eine wunderschöne Frau. aus dem nur eiskaltes Wasser kam. Denn allmählich ahnten sie. „Mein Vater“. die Uschi Obermaier mit Langhans begann. Ich meine. er wollte sich noch mehr befreien. Was Richtern.“ Überhaupt war der Briefkasten der K 1 jetzt immer sehr voll mit Post von Leuten auf der Suche nach Gerechtigkeit. sie sei das „tollste Körperprogramm“ gewesen. mit einem Wasserhahn. „Du hast Coca-Cola eingekauft“. Schüler. gähnte sie nur mit ihrem bezaubernden Mund: „Buchstaben sind mir zu unattraktiv. verschmierten Hexen erwachte. erinnert er sich. häßlichen Spinner. allen voran Kunzelmann. wenn die Kommune mit LSD und psychedelischer Musik die Tages. Ihr Hedonismus machte aus dem Provokateur endgültig einen alten. Das ist der unentfremdete Mensch der Zukunft. „Mensch. „Wir haben denen gesagt: Kommt Jungs. die Streit hatten mit den Nachbarn. weshalb Langhans in Moabit für 800 Mark im Monat eine ehemalige Schreinerwerkstatt anmietete.

Die 35 Monate Ruhm liefen für Langhans ab. Langhans. die nicht wirklich poppte. der seine Mutter und seinen Vater umgebracht hat und im Gerichtssaal aufsteht und sagt: ‚Ich möchte das Gericht zu meiner Verteidigung darauf hinweisen. „Wir holen unseren Teil von den Kohlen ab“. fügte Langhans hinzu: „Die Revolution für eine Frau zu verraten ist immer gerechtfertigt. du Weihnachtsmann“. Er trug eine lange Männerunterhose. ™ K. „Unfaßbar. aber das interessierte die Rocker jetzt nicht mehr. freuten sich die linksradikalen Kampfgenossen von einst: „Jetzt haun se ab. ohne Mode. daß ich Vollwaise bin. die ihr Manager und Geliebter Langhans aushandelte.“ Es lebte sich auch gut mit dem Verrat. Beide. die in New York zur gleichen Zeit Andy Warhol zu großem Wohlstand verhalf und später die hedonistisch-dekadenten siebziger Jahre prägen sollte. „ist die positive Bedingung einer neuen Gesellschaft.“ Als Langhans anfing zu erklären. „Kommerzialisierung“. sie könnten ihm ein paar der zerlumpten Gestalten vom Hals schaffen. Unter 1000 Mark am Tag stand Uschi nicht mehr auf. Sie planten den Aufbau eines Popkonzerns. sie träumten vom genußvollen Gleiten am Rande des Kapitalismus – eine neue Boheme-Idee. wollten Straßenkrieger als Stars vermarkten und dazu Popvideos drehen.“ Im Sommer 1969 war es dann soweit.“ Langhans und Obermaier fanden eine Nacht Asyl bei Hans Magnus Enzensberger. Uschi Obermaier sagt: „Wir müssen den Rockern dankbar sein. hielten noch ein paar Monate aus. Uschi Obermaier und ein paar namenlose Gestalten. schrieb Rainer Langhans über das neue künstliche Subkultur-Paradies. Die Kommune hat sie zum Star gemacht. Obermaier*: „Jetzt haun se ab“ d e r s p i e g e l 2 7 / 1 9 9 7 109 . die Gesellschaft schuld. Am nächsten Tag trug Langhans eine Sonnenbrille und flog mit Uschi im PanAm-Jet Nummer 741 nach München. bei der sich Langhans ein blaues Auge einfing. zerfetzten die Decken und trampelten auf den Schallplatten herum. sagte der Anführer Rudi. Unsere Fabrik war immer mehr zu einer Pennerherberge geworden. „verhalten sich oft wie der Angeklagte. Krawallo und Huka – drei Rockern aus dem Märkischen Viertel.‘“ Am Ende hat die Kommune sogar den Kapitalismus modernisiert: Ein „unmögliches Möbelhaus aus Schweden“ hatte es Rocker zerfetzten die Decken und trampelten auf Schallplatten herum danach leicht mit dem Verkauf von Fichtenholzwohnzimmern. daß sie Felle trugen.“ Es war das Ende der Kommune. auf Haufen saßen und trommelten. wie überall: Wer hat die Macht. kam an einem Novembermorgen in Form von Rudi. da weitgehend von Repressionen befreit. blieb die Sache mit dem Popkonzern eine mühsam zusammengebogene Theorie ohne Bilder. „Danach war sie das Mädchen. ohne Musik – eben eine Idee. denn sie waren der Meinung. der stern habe Obermaier und Langhans 50 000 Mark für eine Titelgeschichte über die Kommune gezahlt. sie hätten insgesamt nur 20 000 Mark bekommen. eine Frackjacke und dazu einen Schlips mit Paisley-Mustern. „Vor der Kommune war sie ein Mädchen mit einem schönen Busen“. Langhans und Obermaier. den er je gehört habe. hatten sich Langhans und Obermaier längst mit dem Kapitalismus ausgesöhnt. und eine Generation von Kindern moderner Eltern hatte es schwer.“ Sie heiratete später den Rocker Dieter Bockhorn und wohnt heute verwitwet als Schmuckdesignerin in Los Angeles. Anfang des Jahres wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt. wo er bis heute seine Suche nach dem weiblichen Prinzip fortsetzt. weil er auf dem Kopf von Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen ein Ei zerschlagen hatte mit den Worten „Frohe Ostern. als wir ihn rauswarfen“. was der Mann anhatte. Viele Leser von Stadtzeitschriften halten diese Art des Aufwachsens bis heute für das Nonplusultra. das sei der größte Mist. Popkultur ist die erstrebenswerteste Existenz auf Erden. rissen die zwei anderen die Matratzen hoch. Langhans hatte sie Wochen zuvor angesprochen.). Denn mittlerweile füllte die Instinktfrau die Kommunekasse im Alleingang mit ihren Fotomodell-Honoraren. Die Subversionsstrategien der sechziger Jahre waren für beide nur noch alter Quatsch. und wer muß abends den Müll heruntertragen? Wahrscheinlich ist auch daran. sagt die Veteranin Dagmar von Doetinchem de Rande. der K 1. weil Papa auszog und wieder einzog und wieder auszog und sie dazu Sauerkrautsaft trinken mußten und die „offene Beziehung“ schon im Kinderladen diskutiert wurde. Nur im Grunde ging es zu * Am Flughafen Berlin-Tempelhof im November 1969 vor ihrem Flug nach München mit Adelheid SchusterOpfermann (l. freien Oberkörper. Die Arbeit der Kommune war sowieso getan. sagt Baumann. Rainer Langhans und ein paar Kommunarden nahmen Kunzelmann an Händen und Füßen und trugen ihn vor die Eisentür. von denen Baumann nur noch weiß. wie an allem. MEHNER K-1-Flüchtlinge Langhans.Wie im Zeitraffer hatte sie zwei Jahrzehnte deutschen Zeitgeist – vom politischen Aufbruch direkt in die Psychogruppe – gelebt und in rasantem Tempo das Dasein jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie vorgeführt.Gesellschaft wenn Kunzelmann schimpfte. Es kam zur Schlägerei. haben zu Kunzelmann keinen Kontakt mehr. und weil Langhans eben Langhans ist und nicht Andy Warhol oder Mick Jagger. „Kommunarden“. in der Hoffnung. Nach Jahren im Untergrund war Kunzelmann für kurze Zeit AL-Abgeordneter. Das Abrißunternehmen der Urkommune. begründete Langhans die plötzliche Kostenexplosion. Als sich die Nachricht herumsprach.“ Während Kunzelmann den bewaffneten Kampf wollte. „20 Riesen sind für uns. wenn Rainer es so wollte.

der so einen debilen Spruch abläßt. Am 2. Sie erklärten als Mitglieder der „Bewegung 2. Juni ’67 kam. Warum? Baumann: Weil der 2. Meyer: Wir haben den Feuerzauber bei Springer im Fernsehen mitgekriegt und dachten: Das isses! Da fühlten wir uns bemüßigt. Juni ’67 haben wir gesehen: Die meinen es ernst. Reiche: Wir wurden ja auch nicht gewalttätig geboren. Reiche: Ich dachte auch: Jetzt ist es wieder soweit. d e r s p i e g e l 2 6 / 1 9 9 7 . Reiche: Für mich stellte sich irgendwann die Frage: Willst du immer nur in der zweiten Reihe stehen. bei Ohnesorgs Überführung nach Hannover – da habe ich einen Knacks gekriegt. Die erschießen uns jetzt. Das Gespräch führten die Redakteure Michael Sontheimer und Barbara Supp. Als sich noch in derselben Nacht viele Leute im SDS-Zentrum am Ku’damm trafen. Haben Sie wirklich geglaubt. Aber wir sind nicht von heute auf morgen auf die Straße gerannt und haben die Revolution ausgerufen. waren damals noch Jungarbeiter in Trier. jetzt fangen sie an. Die Kugel aus der Knarre von diesem Kriminalbeamten Kurras.“ Aber zu einem Rentner. Herr Meyer. oder willst du nicht auch mal was tun? SPIEGEL: Damals gab es eine Menge junger Leute. Herr Meyer. Da lag ein Toter. auch etwas Illegales. Herr Baumann. Als ich den Sarg sah. bei uns in der Provinz auch etwas zu tun. Wir müssen uns wehren. die aber trotzdem nicht gleich Terroristen wurden. aber schließlich haben Sie Bomben gelegt. in dem einst Karl Marx zur Schule ging. Damals haben sie die Juden umgebracht. Beifall klatschen und die anderen die Arbeit machen lassen. S P I E G E L . die „mal was tun“ wollten. Einer davon ins Rektorat des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums. Baumann: Ein knappes Jahr später. langen Haaren und Drogen an. Juni“ mißverstanden – die Ex-Guerrilleros Bommi Baumann. kann man noch „Idiot“ sagen und weitergehen. den konnte man nicht mehr wegdiskutieren. Dieser Dreck wird am nächsten Tag nicht ausgeliefert. Ostern ’68. Till Meyer und Anne Reiche erklären ihren Irrweg. die Benno Ohnesorg tötete – die hat wirklich alles verändert. nach dem Attentat auf Rudi Dutschke. uns umzubringen.G E S P R ÄC H „Die schießen auf uns alle“ SPIEGEL: Frau Reiche. als deren bewaffnete Vollstrecker sich Gruppen wie die „Bewegung 2. in diesem Land ließe sich eine Revolution machen? Baumann: Sonst hätten wir es nicht versucht. sah die Autos brennen und dachte zum erstenmal: Man kann sich wehren. Juni“ der Bundesrepublik den Krieg. stand ich vor dem Springer-Haus. Die schießen auf uns alle. schlug nach dem Tod Benno Ohnesorgs um in eine Revolte.Die 68er (IV): Was als lustiger Aufstand gegen den Obrigkeitsstaat begonnen hatte. schrie Gudrun Ensslin: „Das ist die Generation von Auschwitz. Die ersten Molotowcocktails flogen. Wir waren immer schon angepöbelt worden: „Euch Langhaarige müßte man vergasen. SPIEGEL: Es fing mit Rock’n’Roll. Wir müssen uns bewaffnen!“ SPIEGEL: Und dieser hysterische Auftritt einer Pfarrerstochter hat Sie überzeugt? Baumann: Moment mal. 106 ULLSTEIN Entführter Berliner CDU-Chef Lorenz (1975): „Willst du nicht auch mal was tun?“ SPIEGEL: Sie.

und Baumann arbeitet in Berlin als Bauleiter. am 1. Baumann: Man darf auch nicht vergessen. Meinhof und Co. als die ersten Hausbesetzungen losgingen. die Bürgerkinder. Mai auf den Mariannenplatz stellst und Würstchen brätst. die Militärmacht Nummer eins. ist das ein bißchen vermessen. wie Baader. Meyer: Moralisch war der Widerstand für uns damals völlig legitim. Heute studiert Reiche in Hamburg Architektur. die Sie gesucht haben. daß die Mollies bei Springer und die ersten Knarren von Peter Urbach stammten. Anfang der siebziger Jahre. die sich nach dem Todesschuß auf den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Meyer: Es war uns klar. Die ganze Welt war Ende der sechziger Jahre im Aufbruch. und wir sahen im Fernsehen täglich die Massaker. Baumann: Obwohl wir auch nette. Wir haben es trotzdem gemacht. Von der Revolution haben sie nicht unbedingt geträumt. Aber wir haben etwas versucht. mehr mit der normalen – linken – Szene Brennende Autos des Springer-Konzerns Ostern 1968 in Berlin: „Der Dreck wird nicht ausgeliefert“ Kinder des 2. Baumann: Wir haben uns schon bemüht. Sie sind Professoren geworden. ihre schönen Autos und die neue Couchgarnitur. an den Rand einer Niederlage. daß der „revolutionäre Tod zu- nehmen wird“. Till Meyer und Bommi Baumann. Auf beiden Seiten. in Osteuropa. Juni 1967 als „umherschweifende Haschrebellen“ und „Blues“ rasant radikalisierte. volksnahe Aktionen organisiert haben.“ SPIEGEL: Und? Waren Sie dämlich? Baumann: Vielleicht sind Idealisten immer dumm. d e r s p i e g e l 2 6 / 1 9 9 7 Kontakt zu halten als die RAF. und das war legitim. Sie konnten sagen: Vielen Dank. 1972 gründeten sie die „Bewegung 2. Juni“ aus dem Jahr 1972 wird zum „revolutionären Kampf“ gegen das „Regime der Schweine“ aufgerufen – und angekündigt. Trotzdem fanden Sie genausowenig die „Massenbasis“. SPIEGEL: Daß die Proletarier nicht mitziehen würden. Juni“ war anarchistisch und weniger elitär als die RAF. So dachten wir damals. Meyer: Was ziemlich ernüchternd war. Das war nicht zu ertragen. wir gehen zurück zu Papi. war Ihnen als Proletariern nicht klar? Baumann: Den deutschen Arbeitern ging es damals ja noch prächtig. Wir waren noch in Kreuzberg unterwegs. Die Amerikaner wurden uns mit der Parole „Die Freiheit Berlins wird in Vietnam verteidigt“ als Freunde verkauft. Als zum 107 U. Und manches davon kommt einem heute zynisch vor. Die freuten sich über ihre Urlaubsreise nach Spanien. Wenn du dich als Illegaler. Und der Vietcong brachte den USImperialismus. Ensslin. plötzlich nicht mehr kriminell. Die westdeutsche Politik hat sich ohne jedes Wenn und Aber hinter deren dreckigen Krieg in Vietnam gestellt. MAHLER / OSTKREUZ ULLSTEIN . Opfer waren offenbar einkalkuliert. Sie zählten zum Kern der linksradikalen Subkultur in West-Berlin. Für ihren Einsatz kassierten die drei zusammen rund 30 Jahre Gefängnis. in Warschau. daß es Tote geben würde. Prag oder Belgrad demonstrierten die Stu- denten. der im Dienst des Verfassungsschutzes stand. bekamen einen Posten und sagten grinsend: „Ihr wart ja dämlich. Mit ihr waren die Studenten.Gesellschaft Baumann: Willy Brandt hat uns 1970 mit seiner Amnestie das Wasser abgegraben. SPIEGEL: Im „Programm der Bewegung 2. Juni ’67 waren Anne Reiche. Juni“. deren spektakulärste Aktion die Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz war. der auf dem Steckbrief steht. Meyer ist Journalist. die Anklagen wegen Landfriedensbruchs am Hals hatten. SPIEGEL: Die „Bewegung 2. In Amerika brannten die Ghettos der Schwarzen.

und wo hören wir auf. Der Tod von Drenkmann war auch nicht geplant. Juni“ auch mit Toten verknüpft … Baumann: … zunächst mit Benno Ohnesorg. die in Berlin reihenweise Wohnungen räumten und die Leute auf die Straße setzten. und die Band von Rio Reiser. so ein Schwachsinn. und du. SPIEGEL: Ein kleiner Gerichtsvollzieher ist ja wohl eher ein Mann aus dem Volk. Meyer: Zur Zeit von Drenkmann und Schmücker. ein Gerichtsvollzieher war für uns erst mal ein skrupelloses Schwein. wurden aus der Untersuchungshaft in Moabit rausgeholt – das war eine „Be* Der Student Ulrich Schmücker. SPIEGEL: Gleichzeitig ist die „Bewegung 2. die ihren Privatkrieg gegen den Staat geführt hat. 108 d e r s p i e g e l 2 6 / 1 9 9 7 . „Wir waren isoliert und hatten einen unheimlichen Fahndungsdruck im Nacken“ fend in Afghanistan. der sich mit dem Verfassungsschutz eingelassen hatte. das eiskalt die Leute rausschmeißt. Anne. hat man Schleyer entführt – da ging es plötzlich. Ton Steine Scherben. für die man sich bei den Angehörigen entschuldigen muß – was wir hier in aller Form noch einmal tun sollten. „wir und die Justiz“. 1974. Baumann: Doch. warst du. und der ist Schwein“ sollten wir uns ein für allemal verabschieden. Ich hab’ das draußen erlebt und hatte wegen Schmücker Krach mit Teilen der Gruppe. Da hat die RAF abgelehnt und gesagt: Das sollen die Arbeiter doch selber machen! Als es dann darum ging. Sie. den ein Exekutionskommando liquidierte*. um die Forderungen der streikenden Mercedes-Arbeiter durchzusetzen. der im britischen Jachtklub einen Feuerlöscher fand. warst im Knast. Meyer: Du darfst nicht vergessen: Wir waren Mitte der siebziger Jahre schon ziemlich isoliert und hatten einen unheimlichen Fahndungsdruck im Nacken. den Tag der Befreiung von Andreas Baader durch ein ziemlich dilettantisches RAF-Kommando. Wir haben in den frühen siebziger Jahren mit Andreas Baader diskutiert. Es gab passende Aufkleber. wurde am 4. der in Wirklichkeit eine Bombe war. Bommi. machte einen schönen Song dazu.Gesellschaft Beispiel 1971 mal wieder in West-Berlin die Fahrpreise erhöht wurden. Meyer: Nein. die im nachhinein in keiner Weise zu rechtfertigen sind. wenn wir jetzt Verräter erschießen?“ Das habe ich auch nach außen vertreten und bin dafür schwer kritisiert worden. Damit immer klargestellt war: Der Staat hat zuerst geschossen. Der Name wurde auf einer Sitzung im Jahr 1972 gewählt. Juni“ zu verantworten. Als er sie untersuchte. Baader. um fünf Genossen freizupressen. Mai“ vor. schon ausgestiegen und saßest wahrscheinlich kiffreit-die-Guerrilla-Guerrilla“. Meyer: Nein. haben Hunderte Tuben mit Metallleim geholt und gesagt: Schmiert die Fahrscheinautomaten zu. sind wir losgezogen. und plädierten für den 2. Ich habe gesagt: „Blödsinn! Wo fangen wir an. Das hat Spaß gemacht. Diesen Mord hat nicht die „Bewegung 2. Herr Meyer. Ulrich Schmücker. der bei einer mißglückten Entführung erschossen wurde. SPIEGEL: Schon bald hat die „Bewegung 2. das war die Auseinandersetzung. daß ein deutscher Polizist einen Studenten getötet hat. Juni 1974 in Berlin von Sympathisanten der „Bewegung des 2. HannsMartin Schleyer zu entführen. Wir hatten aber auch andere Pläne. Ensslin und andere aus dem Stammheimer Knast zu holen. beispielsweise eine Kampagne gegen Gerichtsvollzieher. und nochmals nein. sonst nichts. sondern eine Sympathisanten-Truppe namens „Schwarzer Juni“. Anne und ich sagten. SPIEGEL: Die Guerrilla kreiste schon bald nur noch um sich selbst: Der Berliner CDU-Chef Peter Lorenz wurde entführt. Baumann: Es sind Dinge geschehen. wenn von uns die Rede war. Und: Immer. Den Richter Günter von Drenkmann. Juni“ auch eine Blutspur hinter sich hergezogen: Sie hat den Bootsbauer Belitz auf dem Gewissen. mußte erklärt werden. Juni. Peter-Paul Zahl schlug „Bewegung 14. Juni“ erschossen. Baumann: Vom Definieren: „Der ist Mensch. explodierte sie.

Till Meyer zum Beispiel. SPIEGEL: Wenn die Justizverwaltung Sie früher in den Normalvollzug geschickt hätte – wäre dann für Sie früher Schluß gewesen mit der Guerrilla? Meyer: Ich glaube nicht. hat Mao Tse-tung gesagt. was ich tun will. Meyer: Stimmt. Das bleibt historisch richtig. kann nur durch menschliche Auseinandersetzung rausgefunden werden. jetzt fängt der an zu erzählen – er ist ein Verräter“ Baumann: Sehr freundlich. Baumann: Ich bin jedenfalls nicht der Meinung. Damit habe ich nichts am Hütchen. Meyer: „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“. Reiche: Ich hatte eigentlich schon 1972 eine Phase. Damit geht die Menschschlichkeit den Bach runter. und in Deutschland sollte man so was schon gar nicht machen. Baumann: Ich war schon nicht mehr in Deutschland. Selektiert hat die SS auf der Rampe in Auschwitz. und ich kam wieder in den Knast. die war sowieso von Anfang an dabei. daß es viel mehr bringt. die dazu führten. daß du Krieg nicht mit Krieg bekämpfen kannst und Gewalt nicht mit Gewalt.Reiche: Früher haben wir uns das einfach angemaßt. wenn nicht nur ich das so gesehen hätte. in der es mir gedämmert hat. wenn sich die Leute zu Interessengruppen zud e r s p i e g e l 2 6 / 1 9 9 7 109 . Meyer: Damals wurde über Bommis Interview nicht einmal diskutiert. Ich wollte neu überlegen. Inge Viett oder Verena Becker. Dann wären ein paar Leute. Er baut auf Gewalt. Baumann: Aber das war ein krasser Fehler. noch unter uns. wie ich mir das vorgestellt hatte. daß es mit dem bewaffneten Kampf nicht so läuft. Baumann: Das ist eine Voraussetzung für eine zivile Gesellschaft. „Der Drecksack. Anne nicht. Schließlich habe ich ein paar Leute für den bewaffneten Kampf angeworben. Meyer: Wir haben ein harsches Flugblatt gegen Bommi verbreitet. Andererseits wäre es ganz günstig gewesen. sondern das öffentlich zu erklären. Mit Wattebällchen kann man keine Revolution machen. was wir hätten neu überdenken und diskutieren müssen. Reiche: Ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht. Baumann: Wer kämpft. nicht still und heimlich aufzuhören. Aber dann kam ein neuer Haftbefehl gegen mich. daß ich mir Anfang der achtziger Jahre gesagt habe: Das waren jetzt fast 15 Jahre Guerrilla – und was kam dabei heraus? SPIEGEL: Als Bommi Baumann schon 1974 zum Ende des bewaffneten Kampfs aufrief. SPIEGEL: Bommi Baumann hat zehn Jahre früher als Till Meyer festgestellt … Meyer: … daß der bewaffnete Kampf gescheitert ist. Und das ist er auf der ganzen Linie. um die Haft zu überleben. Ich habe festgehalten an dem. daß jemand sagt: „Hört auf“. Was richtig ist. von unten Gegengewalt anzuwenden. und ich habe es als meine Pflicht angesehen. Aber du brauchst eine breite Bewegung. Aber erschießen wollten wir ihn natürlich nicht.Wir haben gesagt: Der Drecksack. Meyer: Aber der Kapitalismus ist eine Gewaltherrschaft. Über dieses berühmte spiegel-Interview – „Freunde. Es waren politische Erkenntnisse. jetzt fängt der an zu diffamieren und zu erzählen. Er ist ein Verräter. Gewalt übt immer nur eine Handvoll aus. Alle Rüstungsproduktion sollte eingestellt werden. Reiche: Ich will keine Macht über andere. kann natürlich nicht akzeptieren. Reiche: Aber ’ne Knarre überzeugt auch nicht. nicht durch bewaffnete. Es war mein Abschied. Reiche: Mir ist inzwischen klargeworden – und das war ein langer Prozeß –. Wir hatten keinen Rückhalt. schmeißt die Knarre weg“ – waren wir gar nicht glücklich. Wir haben an den Massen vorbeiagiert. wurde ihm das sehr übelgenommen. die heute auf dem Friedhof liegen. Natürlich bereichern sich hier wenige immer hemmungsloser und immer widerlicher. und es gibt das legitime Recht. daß wir eine neue Guerrilla gründen sollten.

aber jetzt haben wir die Häuser. weil ich finde. greife ich auch wieder zur Waffe. Laß anderen ihre Freude! Meyer: Anne. wäre ich genauso in der Kiste gelandet. Das ist mir ein bißchen zuwenig. als würde nirgends etwas passieren. da der Krieg vorbei ist. Statt dessen haben Sie dann in West-Berlin für die Stasi gespitzelt.Gesellschaft Schmuddelecken leisten – solange man ihm nicht wirklich auf die Füße tritt. Was machst du denn? Baumann: Im Moment bereite ich ein Buch über Drogen vor. Eine Gesellschaft ohne Knäste zum Beispiel. und was ist dann. Herr Meyer. Reiche: Wie bitte? Ankreuzen und die Verantwortung abgeben? SPIEGEL: Horst Mahler sagt. Er muß weg. nicht nur finanziell. habe in beiden im Knast gesessen. und nichts tut sich. Meyer: Mit einem solchen Laisser-faire kann ich nichts anfangen. schließlich war ich auch 25 Jahre Junkie. Ich muß doch nicht auf Leute runtergucken. erst die Guerrilla. Herr Meyer. wir danken Ihnen für dieses Gespräch. SPIEGEL: Frau Reiche. jetzt. dafür zu sorgen. Reiche: Das sage ich nicht. Nein. sind in jungen Jahren in die DKP eingetreten und haben 1986. dann die DDR. Zur Zeit gibt es ein Vakuum. wissen wir. Falls die aber mal auf Tritt sind. auf die Straße zu gehen. Jetzt sitze ich da und schaue. Baumann: Wenn eine faschistische Machtergreifung droht. In den USA essen vielleicht 50 Millionen Amis sauberen Joghurt und leben alternativ. Es ist ein Beispiel. Du mußt die Masse haben. Meyer: Und mir ist zum zweitenmal im Leben eine Bastion weggebrochen. in Deutschland geht es um etwas mehr als um sauberen Joghurt. was ich tun kann: ein bißchen politische Arbeit. daß ich früher einfach nicht genug gewußt habe. Wiedervereinigungsgegner Meyer (1990): „Die DDR verteidigen“ sammentun. Ich denke. unser Projekt zu verteidigen. daß sie überhaupt noch einen Job bekamen. Da reicht es nicht zu sagen: Die Hafenstraße haben wir gekriegt. die sauberen Joghurt essen? Baumann: Moment mal. Baumann: Richtig. haben es schon immer mehr mit dem Realsozialismus gehalten. solange du um Grünanlagen kämpfst. auf der ganzen Linie. Beispielsweise physikalische Gesetze wie e=mc2 – warum war mir das nicht früher klar? Schnelligkeit allein genügt nicht. SPIEGEL: Sie. Und jetzt tu doch nicht so. was wir zu tun haben. Reiche: Ich bin nicht für ein Laisser-faire. Hast du was gegen Leute. mit Jesuslatschen kann man nicht gut auf die Füße treten? Meyer: Sicher nicht – aber wenn wenn du es tust. STIEBING Baumann als Bauleiter: „Kohl muß weg“ erscheint dieses Land wie in der Leichenstarre. Es kann alles besser organisiert werden – ohne Staat – oder erst mal mit viel weniger Staat. Meyer: Quatsch. Herrschaften? Millionen hätten gute Gründe. daß es bald wieder eine Stadtguerrilla gebe. so lebe ich nicht. daß ich SPD wählen würde. Es gibt immer noch eine faschistische Gefahr in diesem Land. und man muß darauf achten. daß ein selbstbestimmtes Leben heute möglich ist. wenn ich dort geboren worden wäre. sicher. Ich bin aus beiden deutschen Staaten getürmt. daß die Herrschenden wenigstens ihre eigenen Gesetze einhalten. du weißt doch: Das Kapital kann sich allerhand Spielplätze und d e r s p i e g e l 2 6 / 1 9 9 7 Im nächsten Heft Die Tage der Kommune 1 und ihr Einfluß auf die bundesdeutsche Alltagskultur U. und da hinten setzen sie noch einen neuen Fahrradweg durch. aber dadurch ändert sich nichts an dem Rassismus und der Ausbeutung in ihrem Land. ich habe aus zwei Gründen mit denen zusammengearbeitet: Die Bundesrepublik weiter angreifen und die DDR verteidigen. Ich ärgere mich. Herr Baumann. er fürchte. Und als Journalist versuche ich. Kohl sitzt auf seinem Thron. hielt ich das absolut nicht für den besseren Staat. Baumann: Das könnte auch eine Stadtguerrilla von rechts sein. Reiche: Wir sind auch klüger geworden. Baumann: Du meinst. Aber du kriegst es natürlich nicht nachgeschmissen. Darauf bin ich stolz. Und wir haben noch ein paar andere Probleme wie die Massenarbeitslosigkeit und den daraus resultierenden sozialen Abstieg von Millionen. P. Baumann: Ceterum censeo. Kohl muß weg. Ich bin schon soweit. Ich lebe seit 1984 in der Hafenstraße in Hamburg. wieder heimgefunden. Reiche: Ich will aber gar nicht die geballte Macht des Staats zu spüren kriegen. Meyer: Träumerin. ARENS . die auf Jesuslatschen stehen. daß Bauingenieure für 1300 Mark Steine schleppen sollten und Tränen der Freude darüber vergossen haben. Es ist hart erkämpft worden. als Genossenschaft. kriegst du die geballte Macht des Staats zu spüren. Aber worum es mir jetzt geht: Mir 112 H. Und jetzt will ich noch Ihr Ceterum censeo hören. und wir haben es geschafft. ich habe niemand persönlich bespitzelt. daß es nicht von rechts gefüllt wird. Meyer: Ich habe sogar überlegt. Aber ich finde dich überheblich. Ich habe erlebt. in die DDR überzusiedeln … SPIEGEL: … so wie Viett und neun andere RAF-Kollegen. Reiche: Der Staat ist bankrott. Darf ich noch etwas sagen? SPIEGEL: Bitte. mein Buch „Wie alles anfing“ haben beide deutsche Staaten verboten. Das passiert nicht. Davon verstehe ich ein bißchen. nach 13 Jahren Haft. daß die letzten elf RAF-Gefangenen aus dem Knast müssen. Reiche: Als ich mir Mitte der sechziger Jahre Ost-Berlin und ein bißchen die DDR angeguckt habe. Ich will eine andere Gesellschaft. SPIEGEL: Sie sind offensichtlich bescheidener geworden.

daß über 50 Jahre nach Kriegsende das parlamentarische Nachspiel zur umstrittenen Beteiligung der Väter und Großväter an den Verbrechen der Nazis im „Vernichtungskrieg“ der Wehrmacht noch immer an die Schmerzgrenze geht und darüber hinaus – niemanden in Bonn hat es überrascht.Die 68er (III): Die Generation von ’68 hat das Denken in Deutschland verändert. Klar auch. Ist denn hier keiner. Es amtiert: Antje Vollmer. Am 13. Herr Fischer!“ Aus der ersten Reihe bellt es zurück: „Ein unsäglicher Dreck. zittert schon mal ein wenig. Zwar Osterdemonstration in Berlin 1968: Generationen. Von Jürgen Leinemann Am Ende des langen Marsches D ie Stimme des greisen Altrechten von der CDU. die von sich reden machen. wenn er im Deutschen Bundestag redet. den Sie hier absondern!“ Empört blickt der schneidige alte Herr zum Präsidiumstisch empor. Daß die Debatte über die Wehrmachtsausstellung „sehr schwierig“ (Vollmer) werden würde. wirken auch durch ihre ästhetische Kraft G. März dieses Jahres schrillt sie vor Empörung: „Halten Sie doch einmal die Klappe. ZINT 110 d e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 . daß bei dieser Gelegenheit einmal mehr die klassische Kontroverse von 1968 zur Aufführung gelangen würde – Offizier der Hitler-Wehrmacht gegen Antifaschisten der nächsten Generation. „daß die angemeldete Redezeit weit überschritten ist“. Rebellen von einst sitzen in den Parlamenten und Parteien – aber Helmut Kohl regiert immer noch. der den Flegel im Polizeigriff abführt? Oder wenigstens das „schlechte Benehmen“ tadelt? Die Präsidentin aber weist den Redner nur kühl darauf hin. Alfred Dregger.

weil die nächsten Redner die Rituale der Schuldzuweisung durchbrechen und mit persönlichen Bemerkungen die kalte Unverbindlichkeit eines Pseudo-Historikerstreits vermeiden. Wenn also – wie Fischer heute glaubt – „68 zum Bestandteil des Gründungsmythos dieser Republik geworden ist“. Seit Jahrzehnten läuft es auf vielen Ebenen. in Bonn leitet.Gesellschaft nur als Kammerspiel. „daß Politik not tut“. behauptet der Alt-68er Karsten Voigt. das ist eben auch ein Medienereignis gewesen. selbst im Bonner Bundestag aufzutreten. Bundestagsvizepräsidentin Vollmer: „Jede Sache. der – nach einer halben Bundestagsperiode – im Landtag von Wiesbaden seinen Amtseid als alternativer Minister in Turnschuhen.und Nachläufer zu begönnern. Tatsächlich entkrampft sich auch die Wehrmachtdebatte schnell. dann hat sein persönliches Image – sein kalkulierter antiautoritärer Gestus. Viele sind es nicht. Sondern weil allen gemeinsam ist. das ist politisch das entscheidende Verdienst der 68er. als mit den Grünen der Kulturbruch ins „Hohe Haus“ am Rhein einzog (Fischer: „Wie hoch?“). Nichts hat deutlicher den endgültigen kulturellen und politischen Durchbruch der 68er ins Establishment der Bonner Republik signalisiert als diese Szene. die sich aus den Straßenschlachten von vor 30 Jahren bis ins politische Establishment vorgekämpft haben. das Beste. Und wie der studentische Rebell Nevermann. nimmt niemand mehr Anstoß. Deshalb neigen die „alten Comandantes der Bewegung“ (Vollmer) dazu. konnten wir gewinnen“ Grüner Fischer (r. Die Revolte von ’68. der schandmäulige Grüne. Und wo diese Bewegung mehr bewegt hat als sich selbst. haben sie alle einen Beruf aus ihrer Leidenschaft gemacht. bekennt der SPD-Abgeordnete Freimut Duve. die Rotzigkeit seiner Rede. mit abnehmender Intensität. in dem die Väter und Mütter und ihre Kinder – ich bin ein Nachkriegskind und mittlerweile 45 Jahre alt – endlich einmal in aller Ruhe miteinander darüber reden könnten. das uns passieren könnte. Die Grüne Christa Nickels sagt: „Ich glaube.“ Natürlich muß dieses Gespräch nicht erst beginnen. daß die Geschehnisse und Erlebnisse der heißen Monate vor 30 Jahren sie existentiell verändert haben. der heute die Hamburg-Vertretung * Bei seiner Vereidigung zum hessischen Umwelt. Nicht nur deshalb. weil sie. die in den siebziger Jahren als Aktivistin der „Liga gegen den Imperialismus“ den Staatsfeinden zugerechnet wurde. Dezember 1985. Es ist ja auch nicht das Ziel der außerparlamentarischen Opposition gewesen. die wir anpackten. da geschah das vor allem durch die Macht der Bilder. wirken immer auch durch ihre ästhetische Kraft. Zur Symbolfigur ist Joseph Fischer geworden. Idealistische Generationen. DARCHINGER . die von sich reden machen. nicht mehr als Straßenschlacht. dafür aber in hessischer Starbesetzung: Django Dregger gegen den Spontifex Maximus Fischer. daß die Regeln des Umgangs von einer Präsidentin ausgelegt und überwacht werden. „Dieser Krieg läßt uns alle nicht los“. Alle haben damals begriffen. die Fischers und Vollmers als Mit. Auch daran. was die Hauptsache ist. Solche Szenen wiederholen sich seit 1983. was mit ihnen passiert ist und warum das so gekommen ist. die Duves und die Nickels. „In keinem europäischen Parlament geht es so locker zu wie bei uns“. wenn wir ein Klima in Deutschland bekämen. das provozierende Outfit. wäre. Doch 68er sind die auch. Aber daß „solche Identitätsdebatten“ (Fischer) auch im Deutschen Bundestag möglich sind.und Energieminister durch Ministerpräsident Holger Börner am 12. Die einstigen Rebellen gehören längst in den Bonner Alltag. wie der Hanseat Knut Nevermann eine Schiffahrtsweisheit abwandelt. sich selbst dazurechnen.)*: Kalkulierter antiautoritärer Gestus d e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 111 DPA F. Jeans und Sakko vom Trödelmarkt ablegte. Sie haben ihr Lebensgefühl mitgebracht und die Verkehrsformen entsteift.

kann sich berauschen an die Demo geraten. Auch desvertretung in Bonn und veranstaltet 112 d e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 Vortragsabende zum Thema: „Die 68er und der Verschleiß. „Wie redet ihr eigentlich? In Heidelberg ist Revolution!“ donnerte der für die staatstragenden Bonner Würdenträger verwegen in Lederjacke gekleidete Student 1969 in die Godesberger Stadthalle.“ Mal platzt er – gestaltet von Leutnant a. um Diepgen. Zwar gilt auch er als aufsässiger junger Mann in der Union.Student Schlauch (1968) sein Freund Eberhard trauert.“ teroffiziers und späteren SDS-Aktivisten Wir – das reicht von Fritz Teufel über Ul. einst Asta-Vorsitzenles erspart.eines katholisch versüßten Wilhelminisriviertheit und gescheiterten Träumen. Heute ist Staatssekretär den Jahren ist die Zahl derer. die vor „Landsergeschichten“ aus dem Stuttgarter Schloß den der Studentenzeit. in die er geraten ist. was ihm vie. Dem von der Union als Vaterlandsverräter verteufelten Emigranten gelingt es. dieses Treibhaus hängenbleiben können zwischen satter Ar. glänzenden.Gesellschaft Grüner Schlauch (1994): Jede Art von staatlicher Autorität muß sich immer wieder neu begründen kurz. die Mal kommt er – wie bei der großen NotKinder der Henker von Auschwitz und die standsdemo – in Gestalt des damaligen Under Helden von Stalingrad.Karl-Heinz Klär mit „Ho-Ho-Ho-Tschirike Meinhof bis Edmund Stoiber (CSU) Minh“-Gebrüll im Sturmschritt über die und Klaus-Rüdiger Landowsky (CDU). heute Regierengleich ganz vorn dabeizusein. den Geist des Aufbruchs zur Regierungspolitik zu bündeln: „Mehr Demokratie wagen“. die sich als Klär Chef der rheinland-pfälzischen Lan68er fühlen. Er ist zu jung. Er ist aber andererseits von der der. entgegengesetzte politische Tatsächlich ist der entRichtung bewegt. als ein Verlierer der heraufziehenden Politik. in denen Tod Benno Ohnesorgs be. Klär (50) und Scheer (53) geraten schnell in den Bann – Klär später sogar in den Dienst – jenes Mannes. dringt der Geist des Aufruhrs im Jahverkörpert „Joschka“ heute das Lebens.Revolte dasteht – er wird abgewählt. sen. der die Aufbruchstimmung im Lande zum politischen Machtwechsel zu nutzen versteht – Willy Brandt. rechter Aufwiegler bis heuJuni 1967 eher zufällig in te. wo die Sozialdemokraten einen jugendpolitischen Kongreß abhalten. Die neue SPD unter Brandt zieht viele Apo-Leute an. Mit Beueler Brücke. Agitator des Sozialistischen Hochschulbundes – als großer Räuberhauptmannsauftritt in das Ritual einer biederen Parteiveranstaltung. So mus. zu den 68ern aber wird er sich nie rechnen. Und der laufene Gymnasiast Fischer Berliner CDU-Fraktions– „mit großen.der Bürgermeister. wie die spä- K. Nun sitzt der Baden-Württemberger schon seit 17 Jahren im Bundestag. Hermann Scheer. In Mainz legt im selben Jahr 1969 Helmut Kohl seinen Amtseid als Ministerpräsident ab. gläubigen Augen“ – am 3. Nicht wenige. als daß er – wie die Mehrheit – hätte In die Bonner Idylle. mächtig angewachsen. viel zu beses. wenn bestreitbaren politischen er sich auch heftig in die Gaben und Talente. D. von der Emin der Frankfurter Hausbephase des Aufbruchs angesetzer-Szene und seine unsteckt worden sein. gefühl einer ganzen Generation: „Wir.re 1968 mit pathetischen Gesten. vorsitzende Landowsky. HOLZNER / ZEITENSPIEGEL . seine Selbststilisieder bayerische Ministerrung zum wandelnden Repräsident will durch das gelverstoß – damit mehr zu Engagement der linken tun als seine Heldentaten Studenten.

Ohne diesen „Push von außen“. Jahrgang 1943. Sie wird in eine schlimme Isolation getrieben. Die fühlen sich alle als 68er. grauhaarig inzwischen und ungemein staatsmännisch im Habitus. sagt Fischer. Schon Anfang der siebziger Jahre hat die politische Elite der Studentenbewegung begonnen. Ein entrückt-hochmütiger Mahler. an die „Liga gegen den Imperialismus“. Das war wie im Rausch. „ein Herr“. Keiner. Krankenhausaufenthalte und Arbeitslosigkeit folgen. SCHOELZEL . Heidelberg. so Voigt. ihre lebensgefährliche Suche nach Neuanfang und Zugehörigkeit. hat in Berlin. Es wird dann eher ein Hilferuf. bei den Jusos mitzumischen“. trotzkistischen und spontaneistischen Kadern beteiligt ist. In ein Messingamulett. der in den „Roten Zellen“ aktiv ist. Während sie als Geistliche in Berlin arbeitet. eine Art „kulturellen Urschrei“. Ein in seiner Erregung tapfer gegen Gewalt anstotternder Tilman Fichter. „Die 68er sind in den siebziger Jahren ausgegrenzt worden“. Aber sie und auch die Genossen haben das Gefühl. JUNG A. So gerät sie. der an diesen Sekten-Kriegen zwischen maoistischen. drohte im Ghetto zu enden.. alles kriegte eine tödliche Zuspitzung. sagt Tilman Fich113 G.“ Selbstexperimente. der hatte damit schlechte Karten. wie Tausende in diesen Jahren. die wir anpackten.teren Bundestagsabgeordneten Manfred Coppik und Ottmar Schreiner. „Ohne den Tod Ohnesorgs hätte ’68 eine sehr viel leichtere Sache werden können“. revisionistischen. Intellektuelle Abenteuer. ’71 zweites Staatsexamen. Nervenkitzel. „Neugier und ein moralischer Impuls“ treiben sie auf die Straße. gerät sie über einen Freund. „Es war immer Sommer“. bei denen sich – wie es der 1969 zum Vorsitzenden gewählte Karsten Voigt ausdrückt – die „Zerfallsprodukte“ der Apo sammeln. Sie habe „etwas Kreatives“ gebraucht. Ihre akademischen Prüfungen absolviert die Theologin nebenher – ’68 erstes Staatsexamen. mehr übrig als milde Verachtung. Herta Däubler-Gmelin und Gert Weisskirchen. Und auch Antje Vollmer bekennt: „Willy hat mich damals nicht so sehr beeindruckt. sagt sie heute. Seit 1976 ist er nun schon Abgeordneter des Deutschen Bundestages. machen zugleich bei der Apo und in der SPD mit. Und noch immer schwingt etwas mit von der ungeheuren emotionalen Intensität. Die Erinnerung an den idealistischen Höhenflug dieser Zeit hängt bis heute in ihrem Wohnzimmer an der Wand. in der Aula der TU. sich in sektiererischen „Search and Destroy“-Bewegungen zu zersplittern und haßerfüllt zu bekämpfen. als sie im Radio von Ohnesorgs Tod hört. wären „Typen“ wie er in der SPD nie etwas geworden. währt nicht lange. auch die von Willy Brandt. in einen existentiellen Lebensbruch. Kanzler werden zu wollen.“ Bürgermeister Diepgen (1996): Verlierer der Revolte Asta-Vorsitzender Diepgen (r.“ Es sind vor allem die Jusos. fügt sie Miniporträts ihrer Idole ein: einen schwarzen Franz Kafka und einen roten Karl Marx. mit dem sie bis heute nicht ganz fertig ist. konnten d e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 wir auch gewinnen. „Nie wäre mir eingefallen. Zwischen Schwärmerei und Katzenjammer verläuft ein schmaler Grat. Tübingen und Paris Philosophie und Theologie studiert und ist gerade zum Examen nach Berlin zurückgekehrt. Wer es indes als „Lebenserfolg“ ansah. Doch die Zeit. wenn die Präsidentin erzählt: Dutschke auf der Kirchenkanzel. sagt Antje Vollmer. hat für die SPD. 1963) Die evangelische Studentin Antje Vollmer aus Westfalen.“ Die SPD ist ihr einfach nicht neu genug. da den Apo-Aktivisten in Bonn die Türen offenstehen. „Jede Sache. Denn Antje Vollmers Irrlichtern zwischen alten und neuen Idealen. das wollten wir doch mal sehen. spottet Herta Gäubler-Gmelin heute: „Ein Karriere-Beförderungsverein für Bonn war die Studentenbewegung nicht gerade. ’73 Dissertation. Antje Vollmer müht sich. gut 100 000 junge Genossen laufen der SPD in dieser Zeit zu. „Aber da hat auf beiden Seiten etwas sehr Deutsches zugeschlagen. das sie damals findet. daß sie in die Marx-Lesezirkel nicht ganz reinpaßt.

Den Eintritt holt sie erst zwei Jahre später nach. desto grimmer wird das aus Terroristenfurcht stacheldrahtbewehrte Bonn zur gesellschaftlichen Isolierstation. noch heute fest überzeugt. Künstler. desto entschiedener setzten sich intern die härteren Flügel durch. Repression. Erhard Eppler oder Oskar Lafontaine – alle wünschen sich die regierenden Sozialdemokraten ins Lager der Friedensdemonstranten. Zusammen mit seinem politischen Freund Karl-Heinz Hansen und ein paar anderen Sozialdemokraten – Erich Meinike. die außerparlamentarische Arbeit nicht aufzugeben – Heinemann: „Ihr werdet wohl erst Häuser besetzen müssen. aber nie mehr als vier. Dieter Lattmann. findet Coppik. mit dem vom Staatsdienst ausgeschlossen werden soll. Es wird eine Abrechnung. Olaf Schwencke –. als der amerikanische Präsident Ronald Reagan die Stadt besucht und 350 000 Demonstranten gegen ihn und die geplante Raketen-Aufrüstung der Nato demonstrieren. indem er gegen die Anti-Terror-Gesetze stimmt. der manche angehören. indem sie sich nach einem weiteren Examen als Diplom-Pädagogin nach Bethel zurückzieht. Bundestagsabgeordneter der SPD seit 1972. ehe ein anderes Mietrecht kommt“ von ab. gehört sie der Partei noch nicht an. Als sie 1983 für die Grünen nach Bonn kommt. wer einer „extremen Organisation“ angehört. Je länger die Regierung Schmidt im Amt bleibt. Gewiß. als der Friedensnobelpreisträger zurückgetreten ist. zur hohen Zeit Willy Brandts also. zu der beide inzwischen zurückgefunden haben. Die Ausgegrenzten haben sich radikalisiert. Ob Heinrich Böll oder Eugen Kogon. Abbau von Freiheitsrechten und neuem Terror zu unterbrechen“. Eigentlich sei das „biedere sozialdemokratische Politik“ gewesen. Ihre politische Fürsorge aber gilt heute allen. also die RAF.“ Die „Baader-Meinhof-Bande“ wächst sich zur Staatsbedrohung aus.Gesellschaft ter. der „Radikalenerlaß“. ehe wir ein anderes Mietrecht bekommen. davon ist Manfred Coppik. versammmeln sich auf Einladung des Kanzlertreuen Egon Bahr und des Grafikers Klaus Staeck drei Dutzend Schriftsteller. Aber nicht im Deutschen Herbst. Antje Vollmer versucht der Konfrontation auszuweichen. Ihr Mißtrauen gegenüber der etablierten Politik überdauert sogar ihren Einzug in den Bundestag. Schon im Juli 1972 rät der damals noch amtierende Bundespräsident Gustav Heinemann dem „roten Rudi“ Dutschke dasen – aus der Partei hinausgeekelt.“ „Die wirklich konservative Wende begann mit dem Wechsel zu Helmut Schmidt“. der nach seiner katastrophalen Polizeiaktion „Ihr werdet wohl erst Häuser besetzen müssen. sich politisch bei den Sozialdemokraten zu betätigen. Theaterregisseure und andere Geistesschaffende – alle einmal von der Euphorie des Aufbruchs von ’68 für mehr Demokratie und eine andere Republik beflügelt – zur Diskussion über die SPD. die sich am Rand der Gesellschaft radikalisieren – von der RAF bis zu den Sudetendeutschen Landsmannschaften. Ist ihnen jedes Gespür abhanden gekommen? Zur Mittagspause versichert Egon Bahr dem selbstkritischen Berliner Ex-Bürgermeister Heinrich Albertz. der Militarisierung des Staates gegen alle „Systemgegner“ erst richtig nach 1974. Helmut Schmidt und die Seinen aber feiern mit Reagan. weil sonst die Regierungsmehrheit dahin gewesen wäre. Und doch greift das Klima der öffentlichen Einschüchterung. versucht der linke Anwalt aus Offenbach. Am Ende wird er – wie auch Han116 d e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 . „den furchtbaren Kreislauf von Terror. Bei einem privaten Treffen im Hause des Theologen Helmut Gollwitzer in Berlin nennt er die SPD „eine Partei von Unteroffizieren“ und ermuntert Dutschke. wird schon im Januar 1972 verabschiedet. Professoren. Claus Peymann oder Jürgen Flimm. Klaus Thüsing. Petra Kelly oder Otto Schily. Antje Vollmer: „Je härter der Außendruck. Im Sommer 1982. Angst.

“ Es ist aber schon zu spät. Er muß einfach nur noch Kanzler werden. Heinrich. Und wenn auch vieles dazugekommen ist und manches wie Kraut und Rüben durcheinandergeht – ohne die alte Apo wären die Grünen nicht denkbar. als er die Karriere von Rita Süssmuth als den greifbarsten Erfolg der 68er bezeichnete. „als er so um ’78 mit der Idee kam. wie es an diesem Tag scheint. „Seit ihr im Parlament seid.“ Da zieht ihn Albertz zu sich heran und flüsterte: „Egon. für das die tatsächliche Aktion zweitrangig wird. Knapp ein halbes Jahr darauf ist die Regierung SchmidtGenscher am Ende. Heute sagt Jürgen Treulieb. den die 27 alternativen Abgeordneten besetzen. dann wirst du niemals mehr etwas Neues hören. der noch immer Mitarbeiter der Fraktion in Bonn ist: „Der Rudi hatte den richtigen Riecher. 14 Reihen tief. zwei Sitze breit. Im Gegenteil: Eine Gruppe von Unionspolitikern outet sich in Bonn als „alternative 68er“. Die verstehen sich inzwischen als eine Generation. Mit seiner Mischung aus Kompetenz und Unverfrorenheit beutet der Saarländer die Energien und Emotionen beider Bewegungen aus – die der Studentenrevolte und die der Grünen.“ Die „mittelbaren Effekte“ (DäublerGmelin) der Bewegung haben die deutsche Gesellschaft zu dieser Zeit schon nachhaltig verändert. ist der Weg der Apo- Linken von der Revolte gegen das System zur Mitarbeit im Parlament nicht gewesen. Jahrgang ’43. das sich aus der Beteiligung an einem historischen Bruch speist. Der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas hat es auch keineswegs nur ironisch gemeint. er werde mit einer „geistigmoralischen Wende“ die Entwicklung seit „Nun fangen die Verhältnisse an zu tanzen. und die alten 68er halten den Tisch fest“ ’68 wieder zurückdrehen – er schafft es nicht einmal in der eigenen Partei. lebensprall und demagogisch – symbolisiert ein neues Selbstverständnis der 68er. jenen Mann gefunden. wir müßten bei den Grünen mitmachen“. Alterszugehörigkeit und ein Lebensgefühl.“ Ganz so selbstverständlich aber. wie sie in Bonn sagen. ist zunächst sogar „richtig entsetzt“. der für sie den machtpolitischen Durchbruch in Bonn schafft. wenn du hier heute nichts Neues gehört hast. kann ich viel besser agieren“. regt sich die Politik in Form von „neuen sozialen Bewegungen“. vertraut ExJuso Ottmar Schreiner einem Grünen an: „Die hören mir jetzt endlich mal zu. der zudem als Lieblingsenkel des zurückgetretenen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt gilt. „Draußen im Lande“. Er sei mit Dutschke in einen Konflikt geraten. 20 Jahre nach dem Aufruhr sieht es so aus.gegen die Studenten 1967 zurückgetreten war: „Bis jetzt. Die neue Partei versteht sich zu Recht auch „als Instrument zur Resozialisierung der 68er für die bundesdeutsche Politik“ (Vollmer). wenn sie das richtige Leben meinen. März 1983 auch die bunte Truppe der „Grünen“ in den Deutschen Bundestag ein. Die Folge scheint paradox: Zusammen mit dem durch Wahl bestätigten CDUKanzler Helmut Kohl zieht am 29. „Der Oskar“ – frech und akademisch anmaßend. als habe die Rebellengeneration in Oskar Lafontaine. mit Mandelzweigen und Forsythien. Und keiner versteht es so gut wie der Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine. So vollmundig Helmut Kohl auch prahlt. den Anti-Raketen-Protest gegen den Atomstaat generell zu mobilisieren. symbolisiert einen scharfen Riß in der Nachkriegsgeschichte. eine Ford e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 117 . Der Grüne Jürgen Treulieb. die stolz ist auf ihre gemeinsame Erfolgsgeschichte. habe ich noch nichts Neues gehört. Der schmale Keil in der Mitte des Plenums. verdichten sich zu einem „Wir“-Gefühl. einer der engsten Freunde Rudi Dutschkes aus den großen SDS-Jahren in Berlin. Treulieb wittert Blut und Boden. Denn tatsächlich profitieren bald auch die Alt-68er der SPD von den Neulingen.

wie für die meisten westdeutschen Altersgenossen bedeutet 1989 ein Bruch der Kontinuität. gilt ’68 sogar als der Punkt. mit solchem Erbe kein vernünftiger Staat machen lassen? Noch findet er wenig Anklang. die einen rot-grünen Wahlsieg wahrscheinlich zu machen schienen. 1989 beschreibe die „einzige erfolgreiche demokratische Revolution auf deutschem Boden. sagt Klär bitter. Seither versucht vor allem Joschka Fischer. Die Art. was zusammengehört. ’68 stehe für „die Demokratisierung von unten“. „’68 und ’89 sind gemeinsame wichtige Daten. RUETZ / ZWEITAUSENDEINS . mit der die westdeutsche Nachkriegskultur ihren untergründigen Nazismus endgültig beerdigt hat. Aus dieser emotionalen und geistid e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 gen Revoluzzer-Haltung gegenüber Autoritäten und ihren Institutionen sind die meisten Männer nie hinausgewachsen. Jahrgang ’47. so schreibt die OstBerliner Psychoanalytikerin Annette Simon. empfinden sich notorisch als jung. Der „Kanzler der Deutschen Einheit“ heißt Helmut Kohl. der unlängst fast Oberbürgermeister von Stuttgart geworden wäre. die aber auch das Trennende sehr stark markieren“. die „innere Verwestlichung“. „Nun fangen die Verhältnisse an zu tanzen“. wenn einer so vergleichsweise unambitioniert auftritt wie der Grüne Abgeordnete Rezzo Schlauch. Daß jetzt zusammenwächst. dem Chronisten der Generation. mochte Willy denken. den Ossis erscheint die „autoritäre Staatsgewalt“ der Bundesrepublik. Heinz Bude. Resignation und Zynismus greifen um sich. Lafontaine nicht. Alle modernen politischen Themen. Für ihn. Viele wenden sich ab. betrachtet Tilman Fichter als direkte Folge „dieser großen Verweigerung“.Gesellschaft malie. Das kann sympatisch wirken. das im November 1997 bei 2001 erscheint.“ Daß Lafontaine 1990 mit dem schlechtesten SPD-Ergebnis seit Godesberg verliert. Die zwei noch in Bonn aktiven alten SDSler – Tilman Fichter und Karl-Heinz Klär – trifft es wie ein Schock. Für die nationale Thematik aber. Noch immer. die politischen Chiffren 1968 und 1989 zusammenzubringen. Dem ist die „Spaßguerrilla“ von Anfang an das Wichtigste an ’68 gewesen. fällt Annette Simon auf. nicht ein Anknüpfen an Traditionen. Korrespondiert die nicht trefflich mit der Wut auf die Vorfahren? Die 68er sind ein Halbfertigprodukt geblieben. Bis in den Prager Frühling hinein hieß das Ziel bei den 68ern im Westen wie bei denen im Osten – den Biermännern und Bohleys und vielen idealistischen SEDGenossen – Emanzipation. wie Fritz Teufel die Justiz und die Obrigkeit ad absurdum geführt hat. Deutschland ist einfach nicht das Thema seiner Altersgenossen. die nicht von außen dem Land aufgezwungen wurde“. jetzt in der zeit. Sollte sich. fragt der Grüne. seien viele „bitter enttäuscht“ voneinander. war ein gemeinsamer Schock. vergleichsweise lachhaft. Gemeinsam ist den Angehörigen dieser Generation in Ost und West indes eine „merkwürdige Aggression gegenüber den Nachgeborenen“. Ein Attentat lähmt ihn zusätzlich. wie die Meinungsbefrager versichern. indem er fünf Jahre in Untersuchungshaft * Das Bild von Michael Ruetz ist dem Buch „1968“ entnommen. gegen die Stalinisten im Osten. sagt Fischer. Den Wessis fehlt im Osten die Kulturrevolution. ’68 war auch eine Rebellion der Töchter und Söhne gegen die Väter – gegen die Nazi-Väter im Westen. geraten über Nacht in den Hintergrund. „und die alten 68er halten den Tisch fest. Jahrgang 1952. Daß die Umstürzler von einst auf diese Situation nicht vorbereitet sind. oft biographische Einschnitte. Seither mehren sich Zweifel und Unverständnis. Ist das nun das Ende der 68er? Es ist wohl das Ende eines Machtwechsels als Generationenprojekt. Doch dann fällt die Mauer. Das brutale Ende. pflegen sie weiter ihren rebellischen Gestus. der getrotzt zu haben die 68er so 118 Rheinland-pfälzischer Ministerpräsident Kohl (1970)*: Anknüpfen an Traditionen ungemein stolz macht. Längst grau oder kahl und melancholisch geworden. hat der Saarländer keinen Sinn. M. bemerken sie selbst mit zunehmender Hilflosigkeit. der sowjetische Einmarsch in die ∏SSR. für patriotische Gefühligkeit gar. sie zur radikaldemokratischen Grundlage einer „Berliner Republik“ zu machen. „von dem ab sich die beiden Teile Deutschlands erst richtig auseinanderentwickelt haben“. „der Alte“.

Die teilt er geführt. Mit den meisten linken Inhalten der Be. um dann ein Alibi zu präsentieren. Sichtlich unfroh hört der Kanzler-Aspirant aus Hannover einmal mehr das Hohelied „des Alten“ und Müllers Erfolgsrezepte: „Meinungsführerschaft statt Anpassung“. wenige glauben. dem Freiburger Bund „Sachsen-Silesia“ nach Paris reiste.ja auch mit Generationsgenossen wie Bill sos gestoßen. eine angemessen zeitgemäße Ausdrucksform des 68er-Geistes. Jahrgang ’44. Denn seine „Alter-Junge“-Attitüde wirkt ungleich weniger verkrampft als die LümmelMasche. der fortbesteht“. um das Erreichte zu tradieren? Aber haben sie denn was erreicht? Niemand scheint es mehr zu bezweifeln als sie selbst. Sie wirken so alt wie ihre Väter und geben sich so jung wie ihre Söhne. mit der sich die Führungsfiguren der SPD gern präsentieren. nicht minder aber „die Jungschen heute“. Solche Aktionen machen für den grünen Anwalt heute das eigentliche politische Erbe der 68er aus: Jede Art von staatlicher Autorität muß sich immer wieder neu begründen. „wegen Paris. Juni“ Till Meyer. hat er einen besonders aufmerksamen Zuhörer – Gerhard Schröder. doch nur am Rande mitgekriegt. der 1972 die triumphale „Willy“Wahl organisierte. Und die hat er dann angeführt. Bis heute liebt er unkonventionelle Auftritte. „um Politik habe ich mich da nicht groß gekümmert. auf die Lektüre von Klappentexten beschränkt? Schröder konzentriert sich mehr aufs Banale. mehr Individualität“. „eher ein spontaner Entschluß“. Aber „die eigentliche Radikalisierung“ hat Gerhard Schröder. Und das war. er werde jetzt von ’68 Andererseits.und Verhaldessen wunderbares Verhältnis zur Wirt. als er mit seiner schlagenden Verbindung. die sich – von den Fundis beider Fraktionen und von den Sozis mißtrauisch beäugt – gelegentlich im Weinkeller eines italienischen Restaurants in Bonn trifft.Clinton und Tony Blair. wegung stimmte er einmal überein. belustigt die.ohne ’68 ähnlich verlaufen wäre.Modernisierungsschub“ von damals ja gan: „Wir bauen das moderne Deutsch. wo er einerseits „die Unbeugsamkeit“ seines Freundes Fischer bewundert. keine Kundgebungen. Ge. erläutert er später. Jajaja. Und hat er sich nicht.tensweisen“.blieb. eine informelle Gesprächsrunde von jungen Grünen und jungen CDU-Bundestagsabgeordneten. Gewiß. Schröder will selbst reden. dazugehört zu haben? Schließlich war „der Aber Gerhard Schröder meint den Slo. glaubt Tilman Fichter.“ Und nicht ist er gegen „die da oben“ aufgestanden. damals.leros der „Bewegung 2. Hätten die nicht. sprechen. „Keiner hat wirklich seinen Frieden gemacht mit dem deutschen Staat nach Hitler“. noch kein Akt von sozialem Bewußtsein. Alles wahr. hat AtomkraftAber 68er? „Ich bin es nicht. durchaus als 68er lassen als Früchte von damals. vor allem aber selbst siegen. FRATZER d e r s p i e g e l 2 5 / 1 9 9 7 119 . bevor er – als er Jura auf dem zweiten Bildungsweg studierte – zu den Jusos stieß. Als er endlich zu Wort kommt. Er selbst ist 1968 versehentlich in den Aufruhr geraten. „Langfristige Strategie und Philosophie“. solche Merkmale will Von vielen Genossen der Apo wird Gerhard Schröder denn wohl doch gelten Schröder. Kraft und Hoffnung weiterzugeben. als die Genossen aus dem kollektiven linken Juso-Vorstand in Göttingen in endlosen Debatten den Marxismus-Leninismus erschlossen. genießt individuelle Freiräume und hat den Instinkt des Underdog für die Schwächen der Mächtigen und die Macht der Schwachen. auf Presse. die Jusos entwickeln sich in dieser Zeit von einer bloßen Jugendorganisation zur politischen Truppe. Frech Bommi Baumann und Anne Reiche H. in der Lebensmitte angekommen. nicht gegen sie. sagt Schröder: „Da ist ja’n bißchen was vorangegangen. die „gnadenlos pragmatisch“ sind. Schließlich ist er schon 1963 in die SPD eingetreten. als Anwalt hat er Prozesse ge.wirklich wichtig. Daß sich Schlauch am liebsten selbst noch den „Jungschen“ zurechnet. ein ebenso nervendes wie im Grunde sympathisch halbherziges Verhältnis zur Amtsautorität. nicht wegen der Revolte“.“ gegner verteidigt und für den SPD-Rebellen Hansen gegen den Parteiausschluß Im nächsten Heft SPIEGEL-Gespräch mit den Ex-Guerrilgekämpft. eigentlich die Aufgabe. soll er deshalb bestreiten. ihre Erfahrung. die – heute um die 50 Jahre alt – noch immer „Enkel“ heißen. hat er früher einmal gesagt. wenn er es heute Anwalt Schröder (1977): „Gemäßigtes Produkt“ der 68er recht betrachtet. In Göttingen ist er 1966 zu den Ju. 30 Jahre danach bieten die vergreisenden Jünglinge dieser Generation ein seltsam verwackeltes und unscharfes Bild. behauptet: „Siege kann man machen“. Doch scharrt der Niedersachse zunehmend Mikrofon-jibberich auf der Stelle. Oder doch? Als kürzlich der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Albrecht Müller. Dennoch zieht es Gerhard Schröder vor. ärgert sie aber nicht. während den leidenschaftlichen 68ern die Erlösung der Menschheit am Herzen liegt. als Müller – Jahrgang ’38. sich derzeit lieber als „ein sehr gemäßigtes Produkt“ der 68er-Bewegung zu betrachten. womit er sich die Strafe selbst setzte – das hält Rezzo Schlauch für „einen GenieStreich. selbst zur eigenen. weißhaarig und unerschütterbar in seinen Gewißheiten – in Bonn seine Rezepte als Buch vorstellt. redet hat er aber über Karl Schiller und „Unkonventionelle Denk. Als „Nachgereister“ der Bewegung ist Schlauch erst 1994 im Deutschen Bundestag eingetroffen. ’68 hat er dabei natürlich mit lung nach seiner heutigen Überzeugung im Sinn gehabt. wenn auch die Entwickland“. kurz: Vorwärts mit der Partei. sagt Schröder heute. Gemeinsam ist allen ein zögernder Zugriff auf die Macht. eine Entwicklung „hin zu schaft. Heute erscheint ihm die „Pizza-Connection“. gen Berufsverbote geführt. „Für mich war das Studium 1966 ja ein ungeheures Privileg“.“ Keine Teach-ins. „Die SPD – auch eine Wertgemeinschaft“. Kasse und eigenes Vorankommen.

die nicht ganz so bierernst bei den Demos sein wollten. Teufel tritt dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei. Ich bin jetzt 53 und habe soviel vier Dum-Dum-Geschossen im abgesägten erlebt.mehr in Frage kommt. Terrorist und Fahrradkurier Fritz Teufel. Gabriele Rollnik. und ständig hat’s geklingelt. der Polizei in dem Fritz Teufels Wohnzimmer liegt.daran. Da grinst der Teufel nur. dem CD-Stän. von Anfang an auf Medienrummel bedacht. Ihr werdet die Händer aus Plastik. sich getroffen haben. in der man erst mal loslegt und später alles ausdiskutiert. Sep. hat keiner so konsequent. Das Leder hat gelbe Flecken. der Reisepaß auf Rainer Schmidt. und es wird nicht klar. Mach Dir das Leben nicht schwerer als nötig.Teufel seinen Eltern einen Brief: „Ich bin mersessels. Erzählungen hinterher: „Zeit hat keine BeZu der Zeit sitzen vier von sechs mutmaßlichen Mitgliedern der terroristischen „Bewegung 2. sie sollen Banken ausgeraubt. ein politisch motiviertes Mädchen. was daraus wird“. Juni“ in Untersuchungshaft. Teufel faselt von einem „politischen Praktikum. 25 Jahre alt. Vater Teufel schreibt zurück: „Natürlich verstehen wir Dich nicht. hinten einen. Da sitzt der Teufel von 1997 im abgeIm Dezember ’66 schreibt der Student wetzten Knautschlack seines Wohnzim. um Theorie. wo alle. Tatsächlich kapiert damals kein Mensch. In einem VWBus findet die Polizei das Durcheinander. Von Moritz von Uslar Einer. Es ist der 13. Das Licht will ist seine Gegenwehr. Fritz Teufel hält den Schlüssel Sein Haar will nicht: Der Teufel hat es abin der rechten. wie es sich in Berverlorengegangen ist. verwohnte Altbauwohnung am Stuttgarter Platz. einen CDU-Politiker entführt und den höchsten Richter Berlins erschossen haben. als „Sympathisantin“ bekannt. Im März ’67 ziehen Teufel und seine Kumpel – Rainer Langhans. die jede Ver. mit dem Teppichbo. Heute ist er häßteidigung unmöglich macht. was Ihr alles falsch gemacht habt. als wüßte er nichts mehr.gemäßer Abschluß der Universität nicht den. Der Ausweis in seiner Jeansjacke ist auf den Namen Erhard Östreich ausgestellt. hat sich wollte noch nie: Vor 30 Jahren war der die Sorte Tasche aufgeladen. Ex-Staatsfeind Teufel (1997): Soviel erlebt wie andere mit 54 Büchern. dem seine Brille Nr. Genau das versuche ich auf meine Weise jetzt auch. sondern immer das. den niedrigen Decken.“ Unter Kommunarden wurde lieber gequatscht als diskutiert: „Es ging um Vietnam. Seine Freundin. so kreativ und so trostlos zu Ende gelebt wie der Clown. Er grinst nicht Sprechpausen sind Sekunden lang. Ulrich Enzensberger. daß er tut. 31 000 Mark und eine Flinte mit deutung. zu Hause in einer finsteren Wohnung: „Wir waren der Anlaufpunkt. fehlt Teufel der Vollbart. kein Abitur zu haben. die wir nur halb gelesen. Seine Jacke will nicht: Das weiße ken Hand. Abschaffung des Privateigentums. außerhalb der bestehenden politischen Parteien“ und dem „Experiment mit der Kommune. wie folgt: „Revolutionierung des Alltags. lin als Fahrradkurier lebt. Wie andere erst mit 54.“ So schreibt man Briefe. Proklamation des Lustprinzips“. liebsten will Fritz Teufel – Ex-StudentenHinter seinen Augenringen starrt er den führer.“ Lauf. Teufels Mutter ist Hausfrau. Ihr habt nichts falsch gemacht. WEISS / OSTKREUZ . Am mehr.rasiert. als wolle er Widerstand leisten. zusammen wirtschaften … mal sehen. vollgekritzeltem Papier. was Ihr für richtig hieltet.“ Der Teufel von 1997.Deutschland Die 68er (2): Was an Spaß. eine Reisetasche in der lin. tember ’75. Zum erstenmal ist er wirklich fertig. 1 – davon erzählen. das Menschen auf der Flucht begleitet: Kartons mit Kleidern. Der Fall ist diesmal komplizierter. warum ein Haufen junger Menschen. Dann fängt sie an zu brillengläsern sehen flinke Augen seinen weinen. Der Teufel spricht. aber dafür braucht er Auf dem Foto nach seiner Festnahme Zeit: Seine Worte gehen einen langen Weg. einfühlsam und selbstbewußt – kann man Eltern klarmachen. M. trägt rote Flauschpullover. der gern saß ine Ewigkeit ist das her und noch sein Zuhause vom finstersten Eck seines länger – da entsichern Beamte einer Wohnzimmers aus kontrolliert. Ex-Staatsfeind Blick des Kurzsichtigen. Der Wohnblock. und heißt Dieter Kunzelmann – in eine riesige. der de über dem Kopf zusammenschlagen und 72 d e r s p i e g e l 2 4 / 1 9 9 7 E Euch fragen. daß man ab sofort Wichtigeres als Arbeit zu tun hat. Hoffnung und Gewalt in der Revolte der 68er steckte. sein Vater Steuerberater. sich eine Wohnung teilen soll. Vorne gab’s einen Eingang. aber sie leidet unter Depressionen und bringt sich um. Spezialeinheit hinter einer Berliner Teufel erinnert sich – das merkt man Haustür ihre Waffen. einer ist stolz darauf. Sie leben in Ludwigsburg am Neckar. Sie haben riesige Schnauzbärte getragen und durchgeladene Waffen im Hosenbund. Ihre Ziele formuliert die Kommune 1 (K1). So – knapp. Sie kriegt lich und alt. Im Januar ’67 schreibt Teufel seinen Eltern den nächsten Brief.Block neu und häßlich. Seine Freundin nicht: Es ist ausgeknipst. Teufel tut nicht einmal so. Hinter Fettflecken auf Nickelnichts mehr hin. dem finsteren Mann. Teufel weiß es offenbar auch nicht: Aber es hat die Zeit begonnen. Brechung des Leistungsprinzips. wenn nicht aus Geldgründen. Ex-Kommunarde. mit wem nun sicher. zusammenleben. daß für mich ein ordnungsman sich unterhält.

Der durchgedrehte Teufel zwischen Sitzstreik. Fritz Teufel trägt Nickelbrille und einen Vollbart. Der Richter läßt von einem Haftbefehl gegen die Kommunarden ab. Da heißt er „Rebel Without a Cause“. Joghurt.) ist dem Buch „1968“ entnommen. Und sonntags gab’s. hat sich für einen Berlin-Besuch angekündigt – schleichen drei KommuneJungs mit Plastiktüten durch die Dämme- M. formieren sich auf der einen Seite. Marx. Richterschreck Teufel auf der Anklagebank (1967): „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“ d e r s p i e g e l 2 4 / 1 9 9 7 73 SÜDD. Die drei werden festgenommen. festgelegt: Der durchgedrehte Staat.“ Eines Abends im April ’67 – B-52-Bomber der Amerikaner fliegen über Nordvietnam. Der geht als Vorbild durch. Die werden Markenzeichen. also Polizei.antiautoritäres Lager‘ geschrieben. über Nacht alles. Die bild-Zeitung stellt Ordnung her: „Mit diesen Bombenlegern werden wir fertig! Die Mehrheit der Deutschen hat Verständnis mit dem Kampf der Amerikaner in Asien. die Druckmaschine. Die deutsche Presse heult auf. RUETZ / ZWEITAUSENDEINS . was sie tun“. was sich in den Räumen der K1 bewegt. Horkheimer.Bürgerschreck Teufel. Der Kleidungsstil der Kommunarden liegt irgendwo zwischen Lumpensammler. Im Flur stand unser . Den Satz gibt es auf englisch. um Entschuldigung. Polizisten seilen sich aus dem nachtschwarzen Himmel ab. als Teufel und seine Kumpel unter Druck geraten. VERLAG angeblich aber voll verstanden hatten. Den finden die meisten Menschen schlichtweg ekelhaft.“ Kein Mensch würde sich heute noch an das Schwachsinnsattentat erinnern. Rauchpulver. das im November bei 2001 erscheint. Kunzelmann probiert die Puddinggeschosse an Baumstämmen aus. Hubert Humphrey. Es ist der Mai ’67. Anklagebänken und Gefängniszellen: Das soll die andere Seite sein. wenn Radfahrer klingeln. Gartenzwerg und südamerikanischer Revolutionär: Der paßt. der US-Vizepräsident. Teufel schlägt „Dämonen“ als Buchtitel vor und als Untertitel „Denn sie wissen nicht. Der Krimi könnte „Deutschland.Roter Print‘. Die anderen zwei kichern und bitten. etwas wirk- Das Bild von Michael Ruetz (o. wären damit nicht zwei Gegenspieler. Langhans (1968): „Bombenanschlag auf den US-Vizepräsidenten“ rung im Berliner Grunewald. Adorno. Ich sage im nachhinein: Wir hatten von nichts eine Ahnung und wußten alles besser. Über Aktionen hat man auf den verwanzten Sesseln im Eckzimmer diskutiert. Die Tüten sind mit einem Gemisch aus der Gemeinschaftsküche angefüllt: Schokopudding. wenn Teufel Laune hatte. Handlungsträger für einen Krimi. Die berliner zeitung hat ihre Schlagzeile: „Geplant – Berlin: Bombenanschlag auf den US-Vizepräsidenten“. also sah jedes Zimmer wie die Revolution aus: „Über meine Matratze habe ich .“ Der Alltag wurde revolutioniert. Teufels berühmten Schweinerollbraten. wie ein Staat seinen Verstand verlor“ heißen. Justiz und Presse.

die heute ihre Geschichten gern mit „Was schen in denselben sich aufzuhalten pfle. Er wird freigesproNachricht. und mittendrin Fritz Teufel. auf uns schießen. fel! Der war bei dem Sprengstoffattentat mehr!“ auf den Kopf stellt. nicht aufschreiben und als Flugblatt ver. welche zeitweise dem lich wurde ich an den Haaren gezogen.des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kur. Von Anfang an also Mißverständ. 39. Ein Blutrausch hat sich eingestellt: Wenn Clown. Teufel.lich Verwegenes zu tun. was wir dagegen schengefährdenden Brandstiftung“. bis zum 22. Die Berliner Staatsanwaltschaft erhebt Gegen halb acht abends fährt der Bun. und Brüs. ein lustiges Rol. Scherz! Ein Scherz! Geht das bis heute Teufel Monate später vor Gericht. in Vietnam zu beteiligen: sie zünDer Teufel von 1997 erinnert den ein Kaufhaus an. müsAnklage wegen „Aufforderung zur men. Ich wurde weg.getragen. Es kommt der 2.“ tung zum vorsätzlichen Inbrandsetzen von sich mit Studenten auf die Straße: „PlötzMindestens drei Teufel saßen im Juni ’67 Räumlichkeiten. der Aber daß er einer von uns war. so. Ein Scherz hat sich also strafbar ge. so was. als wär’s so Der Teufel von 1997: „Das war ein auf Humphrey mit dabei!‘“ So erklärt das aufregend alles nicht gewesen. 20 Minuten später der Schah tun. „Wie bitte?“ und „Weiß nicht gen. während welcher Men. absurde Anklagen. Juni ’67. die zen. gerufen – so erinnern sich zwei Schlagzeile: „Wann brennen Polizisten. finsteren Gestalt im Wohnzimmersessel.“ Der SDS distanziert sich von der Tat. März ’68. stirbt der Student Benno Ohne. Man kannte ihn kaum. macht.ras. teilen: Skandal. Da bleibt er sitben endlich den Dreh heraus. Der Todesschütze sitzt sel brennt das Kaufhaus „A l’Innicht einen Tag in Untersunovation“: Das ist keine gute chungshaft.nesorg gedacht.Meine Brille ging zu Bruch. mit einigen UnterbrechunBevölkerung am lustigen Treiben gen. nicht viel an den Menschen Ohburn!“ Darf man nicht denken. In Brüssorg. Im Berlin vor. 27. Burn.Kriegsopfer in Vietnam: „Menschengefährdende Brandstiftung“ tenbewegung war: „Wir haben sel wird Hanoi. Teufel hat einen Stein gefinden in den Flammen ihren worfen.von Persien und die Kaiserin. und Knüppelhieben und Fußtritten traktiert. Die K1 verteilt Flugblätter rer“ Demonstranten „aufgevor der Mensa der Freien Unihetzt“ und „Notstandsübung“ versität. mit in Untersuchungshaft – glaubt man der Aufenthalt von Menschen dienen.Polizei! SA! SS! Das war der Studentenruf. nisse. zwar zu einer Zeit. Teufel sitzt als Unterdie Berliner Kaufhäuser?“ Zitat: suchungshäftling in der Haftan„Unsere belgischen Freunde hastalt Moabit ein. warehouse. war klar. Jemand rief: . Haßobjekt der Polizei: „Die trunicht in die Köpfe rein?“ Durch eine Kugel aus der Dienstpistole gen ausrasierte Nacken und Lederstiefel. In Gedanken war das schon die GeWortlaut klagt der Staat wegen „Anstif. dreihunsich an 1967 und wie das mit dert saturierte Bürger beenden dem ersten Toten der Studenihr aufregendes Leben.lenspiel.despräsident vor der Deutschen Oper in sen wir uns überlegen.Das ist ja der Teu.die uns umbringen. Über 300 Menschen chen. Teufel setzt burtsstunde der Guerrilla.und die sahen damals tatsächlich aus wie AP Kommune-Happening auf dem Ku’damm zur Haftentlassung Teufels (1967): „Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“ 74 d e r s p i e g e l 2 4 / 1 9 9 7 ULLSTEIN .denn?“. er hat als „RädelsfühTod.

Die haben uns als Gegner akzeptiert. Wirrköpfe. Er ist ab sofort: Popstar. deren einfacher Fan ich bin“ 76 FOTOS: SÜDD.Euer Fritz. Wir werden 18. Die haben Feindbilder aufgebaut. zwischen Ge„Wir verstehen kein Wort!“ – die sagten: Wirr. bit. Held der Studentenbewegung: „Solidarität. August ’67: Haftverschonung für Teu6. VERLAG d e r s p i e g e l 2 4 / 1 9 9 7 . Der Schaukampf. Ralf Reinders. wo nur Farbeier geflogen sind. solange er Utopisten. Ein in künftigen Briefen Sachen. September: Teufel begeht seine rituPolizisten vorwirft. Die waren einfach unersetzlich. Ein Garant dafür. am 17.Ich finde. aber auch zuviel Ehre für einen jungen Mann.“ kommt es auf den überfüllten leute brauchten 13. Seine Mutter kommt kaum mit der Geburtstagstorte durch. Die Polizei hat ja erst für Happenings gesorgt. Spinner. Teufel: „Einver. die An. niskirche.“ Teufel.dächtniskirche und Café „Denunziant! Denunziant!“ – Kranzler.depflicht nicht nachkommen. Man seinen Kommune-Genossen: „ … und laßt spricht vom „Moabiter Volkstheater“. Dann kamen die schon mit Tütata. Juli ’67: Zweite Anklage des Gene. Juni“: Gerald Klöpper. Ich ziehe es geklagten psychiatrisch untersuchen und vor. Teufel schreibt einen Brief an Er läßt sich kaum in Worte fassen. Mit bürgerlicher Kleidung und gung droht mit einem Anruf bei der Eu. Teufel meldet sich nicht. die Teufel den Steinwurf gegen einen 15. für Teufel“. mich zum weiteren Vollzug der U-Haft begutachten zu lassen.“ Das Gericht schlägt vor. dauert neun Monate. send Studenten feiern auf ten: „Grüß dich. was soll der Unsinn. Anarchismus und Terror herbeigezaubert.“ In Untersuchungshaft.Untersuchungshaft: „Ich werde der Meldiener. Auszüge aus Teufels Theater.“ stück: 10. An den rauchenden Kartons kle. Falls Staatsanwalt und Richter sich einfach ist das nicht. Herr Vorsitzender!“ den Teufel feiern. Die K1 verteilt Flugblätstimmte alles“ aus: „Schlagt sie tot! Vergast ter: „Ihr Murmelgreise und das Pack!“ Schleimscheißer des Rechts. Rentner und Stulagen unter Protest nachkom„Die Springer. Juli ’67: Der Brandstifter-Prozeß gegen fel. sich seine Zukunft mit Blödsinn zu verbauen. September ’67: Die Haftverschonung 13. ich sitze lange genug im Knast. ich komme da wieder raus. ein „Love-In“ unköpfe. das ist eine Droge. ter dem Motto: „Man muß „Sie werden hier Idiot genannt. Wenn mir nichts Bessedenten wollen die Angeklagten sehen. die doch besKritiker wird Teufel die Auszeichnung ver.zu melden. Studenten-Ruf: „Wir wolgust legen Unbekannte eine Rauchbombe in der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächt. der einfach Angst hat.in Berlin.“ 8. Liebling der Medien: „Die Springerleute waren unsere Mitarbeiter. sen zu sein. er soll seine Personalpapiere abgeben Teufel und Langhans wird in Saal 500 im und sich zweimal wöchentlich bei der PoLandgericht Berlin unter Polizeischutz lizei melden. Dafür bekommt Teufel Post von sich solidarisch erklärenden Studenten und Mädchen. Im Gerichtssaal res einfällt. Teufel: „Ich werde den Auferöffnet. das Stadtparlament zu Fragen der inneren 7. Fritz!“ – dem Ku’damm.“ Passanten flippen tag. mit einer noch endloseren Gefängnisstrafe. Den gab’s wahrscheinlich nie. wird Fritz Teufel 24 Jahre alt. Spinner.* Mitglieder der „Bewegung 2. dachte ich.men. Utopisten.ist aufgehoben. die high macht. Schon möglich. August ’67: Teufel will freiwillig in die euch die Ohren abschneiden. der „bemerkenswerteste deutsche amerikanischen Präsidenten). unerwähnt. aber noch zu klein zum Steinewerfen sind. August ’67: Rund tauZuschauerbänken zu Tumul. mit Gefängnis.wird von der Polizei gesucht.abrasiertem Bart verschafft er sich mit rund ropäischen Kommission zum Schutz der 230 Studenten Zutritt zum Plenarsaal. daß es lustig werden konnte.Ronald Fritzsch. Wir brauchten die. bloß ben Plakate mit der Aufschrift „Freiheit nicht seinen Humor. wo Menschenrechte. August ’67: In der Nacht zum 8.ser unter uns bleiben (die Ermordung des leihen. in dem die Justiz ihre Würde verliert und der Angeklagte seine Freiheit. Steinewerfen. mit noch mehr Blödsinn. 7. ihr Rechts.“ ebenfalls untersuchen lassen. die Fotos und Blümchen mitschicken. Theatermacher der sechziger Jahre“ gewe.Sicherheit tagt. daß Teufel gerne im Gefängnis saß: „Ich fand es hinnehmbar. Vor den Gerichten sind die Wasserwerfer aufgefahren. Die müssen dich rauslassen. Teufels Verteidi.“ Der Teufel. Terroristen vor Gericht (1980)*: „Die mir unbekannten Entführer. Juni ’67. ralstaatsanwalt beim Landgericht in Moa. Die brauchten uns. Man hat sich hingesetzt und ist nicht aufgestanden. Terroristenopfer Lorenz.“ Ein Sprecher der Justiz: „So standen.uns als Gegner. Man war im Dauerrausch. Auch später: Ich wußte immer.“ Teufel. 24 Entlastungszeugen elle Verhaftung im Schöneberger Rathaus werden nicht angehört. Die sagten. Stimmte alles. Au. Teufel und die Justiz: Sie müssen sich respektiert haben – sonst hätten sie es miteinander nicht so weit gebracht.Deutschland die SS in Polen. andererseits auch abhängig. den gibt es nicht. Juli ’67: Zweiter Prozeßlos ist. Das war ein Kick.

Ich glaube. Wir haben nichts gegen die Polizei: im Gegenteil. Entlassungs-Happening vor dem Moabiter Gefängnisportal: Teufel raucht Zigarre. habe ich . Januar ’68 wird Teufel wegen Werfen von Feuerwerkskörpern festgenommen. daß ich keinen Stein geworfen und auch nicht dazu aufgefordert habe. sondern ein intelligentes Schwein. Die Polizei riegelt alle Eingänge des Justizgebäudes ab. November ’67: Staatskosten Beginn des Prozesses gegen Teufel. November: Teufel zum Staatsanwalt: „Sie haben die Chance.“ 78 d e r s p i e g e l 2 4 / 1 9 9 7 30. vom Kurs der Rechtsbrechung zum Kurs der Rechtsprechung überzugehen. tippt über 2000 Flugblätter: „Amis raus aus Vietnam! Nazis raus aus der Justiz!“ Häftlinge verteilen die Zettel. eine Rede zu halten. Studenten finden sich unter schwarzen veranlassen“ und roten Fahnen zu einem Autokorso ein. daß das Leben auf dem Kontinent von autoritären Strukturen unterdrückt wird. Die Moskauer literaturnaja gazeta: „Zu Helden der Prügelszenen in West-Berlin wurde ein Lumpenpack unter Führung eines gewissen Fritz Teufel. Konservative Politiker und Bürger sehen in Teufel jetzt nicht nur ein Schwein.“ bild am sonntag: „Mao Tse Teufel. ein Polizist würde viel lieber. hat monatelang hinter Gittern gesessen. Teufel trägt ein lila Hemd. am 25. antwortet er: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient. Februar wird er wegen Diebstahl einer Polizeimütze zu zwei Monaten Haft verurteilt. Man spricht von „umfangreichsten Sicherheitsmaßnahmen seit Kriegsende“. Der Angeklagte liest Zeitung. 27. Seine Schreibmaschine wird beschlag„Ihn auf nahmt.Aua‘ geschrien. am 22. Dezember: Teufel kommt überraschend und ohne Auflagen frei.“ Richter: „Nein. Teufel wird daran gehindert.“ Der Richter: „Haben Sie Handlungen gegen Polizisten begangen?“ Teufel: „Als sie mich an den Haaren hochzogen und wegtrugen. Hippie-Mädchen beschenken Polizisten. dieser merkwürdige weiße Chinese mit den roten Apfelbäckchen.“ 29. schwenken selbstgemalte VietkongFahnen. November: Zweiter Tag der Hauptverhandlung. daß Teufel einen Stein geworfen hat. 1.Deutschland len diskutieren!“ Teufel erneut in Untersuchungshaft. Teufels leidenschaftliche Überzeugung. Am 4. sich zu erheben. ich meine: getreten? Gebissen?“ Teufel: „Ich werde mich hüten. mit Blumen. Abends läuft die Szene in der „Tagesschau“. 28. einen Polizisten zu beißen. statt Studenten zu verprügeln. Januar ruft er in einem Gerichtssaal „Scheiße! Scheiße!“.“ Die international herald tribune: „Tausende junge Europäer teilen Mr. Polizisten sagen aus: „Wir haben nicht gesehen. Auf die Aufforderung des Gerichts. und unter Buhrufen in seine Zelle abgeführt. die die Ansammlung zerstreuen sollen. Dem Prozeß wird Teufel aus phantastischen Höhen beiwohnen und – Zeit seines Lebens – keine Bodenhaftung mehr aufnehmen.“ Am 8.“ the guardian. Eine Reihe von ekelerregenden Obszönitäten begleiten die Szenen der Rowdys. schwebt er über den Dingen: Fünf Worte haben ihm Flügel verliehen. abfüttern SDS-Sprecher Rudi zu lassen sollte Dutschke hat zu „radikalen Maßnahmen die Steuerzahler gegen Justizwillkür und Terror“ aufgeruzu Protesten fen. Ihn auf Staatskosten zu beherbergen und abfüttern zu lassen sollte eigentlich den Bund der Steuerzahler zu Protesten veranlassen.“ Vier Tage Ordnungshaft für Teufel. seinem Vorgesetzten in den Arsch treten. März erscheint Teufel zur Fort- . le monde und new york times bringen ausführliche Berichte über den angeklagten Kommunarden. Oktober: Teufel organisiert von seiner Zelle aus die sogenannte kleine Vietnam-Demo.“ Als Teufel aufsteht. frischgewaschene Haare und den alten Rauschebart: „Ich kann mit Sicherheit sagen. Mutter Teufel umarmt ihren Sohn: „Verbrennt mir bloß den Teufel nicht.

die Teufel Freude machen: „Alfred und Lotte. Februar ’70 erklärt Fritz Teufel dem verdutzten Reporter eines Fernsehmagazins: „Der Clown Teufel ist tot. Es hätte leicht passieren können. da hat er zwei Jahre Isolationshaft wegen angeblichem Zündeln in einem Münchner Amtsgericht hinter sich. Im Sommer ’72 wird Teufel aus der Haftanstalt Landsberg entlassen. die haben ja eine Wahnsinnsfamilie auf die Beine gestellt: Sechs Kinder. Conny und Peter erleben. die anderen dabei zugesehen.Je mehr von dene Gelbe und Schwarze verrecke. man hat von einem Tag in den anderen gelebt. Theatermacher? Teufel verschwindet im Dunkeln. diese Gesellschaft muß zerbrechen. Ich durfte alle Filme mit Caterina Valente. Am 20. mitgenommen. Juli klatscht Teufel dem Wirt einer Schwabinger Gaststätte eine Portion Leberkäse mit Ei ins Gesicht: Der Mann hatte Teufels Freunde als „verwahrlost“ bezeichnet. sich keine Vorschriften machen zu lassen.“ Bleiben noch heute einige Fragen an den Theatermacher der Revolution: „Haben Sie sich als Revolutionär gefühlt?“ Teufel im Wohnzimmersessel: „Nee.“ Wie wird man ein Linker? Muß das eine Reaktion auf die Eltern sein? Liegt das in den Genen? „Wir sind zu den Nazi-Prozessen nach Stuttgart gefahren.‘ War eben auch schon ein Sprücheklopfer. Aber ungeheuer mitteilsam: Wie meine Mutter sagte. Sie haben’s erfaßt. Ironie. Mit einigen Unterbrechungen hat Teufel zu diesem Zeitpunkt mehr als drei Jahre im Gefängnis gesessen. Er mußte ja auch den ganzen Tag kleine Zahlenreihen zusammenaddieren. Dann erst kann es weitergehen: „Mein Genre waren die witzigen Beiträge. desto besser isch doch für uns. Für mich waren das auf beiden Seiten: Spießer. für Polizei und Verfassungsschutz „in den Untergrund abgetaucht“. Von Anarchisten gelegte Bomben explodieren – die RAF ruft zum bewaffneten Kampf auf.“ – „Man fragt sich. Die Schweigen auslöste. und das Fürchterliche war diese Verwechselbarkeit von Angeklagten und Richtern.Am 3. daß wir nicht im KZ gelandet sind. in einer anderen Zeit. also vollkommener Luxus.“ Am 16. ob einer wie Sie eine glückliche Kindheit hatte. Er trägt eine Sonnenbrille.Wenn’s doch dene Fidel Caschtro endlich fidel kaschtriere dädet. jedes Lächeln fünf Mark.‘ Über den Spruch habe ich schon lange gegrübelt. Sich nicht dumm kommen zu lassen von Polizei und Justiz.“ – „Es ging Ihnen …“ – „Um nichts. Später dann Zorro und Brigitte Bardot. Reglos. Clown. der Alfred.“ – „Und? Ihr Vater? Ein netter Mann?“ – „Ein Liberaler. Widerspruch.“ – „Aber all die Aktionen. Er ist immerzu ins Kino gerannt und hat mich. Ich war der letzte.“ Um was ging es ihm also – dem Studenten. den Kleinsten. Ja. der Nachkömmling. Oder: . jedes Wort ein Taler. wieso? Wieso beeindruckt einen das?“ Der Teufel wippt – mit ihm der Wohnzimmersessel: „Es ist nicht unser Verdienst. Sprachlos. junger Mann. November ’74 d e r s p i e g e l 2 4 / 1 9 9 7 79 . die zu oft nicht verstanden wurde.setzung des Brandstifter-Prozesses in einem orangenen Gewand mit lila Manschetten. Für das Einwohnermeldeamt ist er fortan „unbekannt verzogen“. Es ging darum.“ Es sieht ernst aus: Teufel hat den Journalisten an einen konspirativen Ort bestellt. Am 10. Jetzt muß es krachen.“ Sieht nett aus – wie Teufel plötzlich Lust hat zu erzählen: „Ich habe den Alfred schon sehr kritisch gesehen.“ Was hat ein Knalldepp für Eltern? Jetzt kommen die Geschichten dran. die können doch nur die Form gewesen sein: Was war der Inhalt?“ – „Ach. Die Aktion geht als „Schwabinger Leberkäskrawalle“ in die Geschichte ein. Peter Alexander. Es gab da so eine Äußerung von ihm über die Dritte Welt: .“ – „Aber ja! Mein Bruder Hans hieß das Kinozerus. Sein Bart ist abrasiert. Die einen hatten furchtbar Menschen gequält und massenhaft umgebracht. Als Knalldepp. Oktober kündigt Teufel seine Mitgliedschaft in der K1.Vor einem Schöffengericht erklärt der Angeklagte: „Ich stehe zu meinen Untaten und verlange die Höchststrafe für meine Verbrechen. Empörung.

werden freigepreßt: „An einem schönen steckst du in einer Schießerei drin und Donnerstag. und der Angeklagte muß sich abermals verteidigen – diesmal gegen den Vorwurf. Einmal bin ich von eiKammergerichtspräsidenten Günter von nem Betrunkenen angerempelt worden. Prozeßtag. mal da eine. Das fenbesitz.“ 80 d e r s p i e g e l 2 4 / 1 9 9 7 Am 27. da wur. der sich zu Tode gehungert hat: ein te: „Ich habe mich damals gefühlt. ein viel alltäglicheres Leben als die mir unbekannten Entführer. erpres. Teufel wird als fünfter von jene. Ralf Reinders Angst. die Staatsanwaltschaft steht dem Angeklagten erst mit Skepsis gegenüber. das geht auch anderswo. Ratlosigkeit.“ Teufel war kein Bankräuber: „Ein wichDieser Spottvers wird Fritz Teufel zu. Das muß dem furchtbar weh gebruar ’75 verschwindet der Berliner CDU. Die Waffe ist einem „Volksgefängnis“ – fünf Inhaftierte eine ständige Gefahrenquelle. Drenkmann hin. dem 178. er wollte auf mich los.“ Den angeblichen Gewaltverbrecher erkennen Fabrikarbeiter der „Presswerk AG“ aus Essen-Frintrop als ihren ehemaligen Arbeitskollegen. Im Betrieb habe Teufel „als Revolutionär versagt“. diese ständige anders kommen. einen herzlichen Kontakt zu seinen Kollegen herzustellen“. GREISER .Der ist mir voll gegen die Hüfte – da hing führung hatte nicht geklappt. dem Tag nem irgendwelche Hans Rosenthals in die seiner Verhaftung. in Paranoia zu verfalund Andreas Vogel. Mai ’80. Gerald KlöpKoffer rumschleppen.“ Vom April ’74 bis Mai ’75 habe Teufel im Ruhrpott Klodeckel hergestellt: Als einfacher Arbeiter unter falschem Namen – seine Identität habe er sich von einem Kumpel ausgeborgt. „Bumms. man konnte ’s nicht abstellen. unerlaubter Waf. mit seinem Sinn für Gerechtigkeit gegen sich selber vorgegangen zu sein: „Mein Schweigen hat mich Kraft und Ausdauer gekostet. Aber es sollte ben. Bei Banküberfällen hinter. So wird man zum Frühaufsteher.Studentinnen-Happening im Hamburger Amtsgericht (1968): „Es ging darum.“ Außerdem will Teufel. die reinläßt der „2. Mitleid.die Gefängniszelle. war am schlimmsten. wenn einer ausrastet? schmecken!“ Für die Kripo einer Schießerei Ich weiß es nicht. deren einfacher Fan ich bin. Ein furchtbarer Job. Till Meyer. mal weißt nicht. bis zum Mai ’80. Das Radioprogramm.muß nicht in den Knast. Zur Schicht sei er jeden Morgen mit dem Mofa gefahren. ein Unfall. um seinen Frieden serischer Menschenraub. überzeugend die Methoden des Staatsschutzes und der Justiz bloßzustellen. Mir war das zuviel.Von morgens sechs bis abends werden eichungshaft vom September ’75. der Prozeßprofi.zu finden.tan haben. einfach keine Zeit mehr hinter Gittern verplempern: Fünf Jahre saß er unschuldig. Die wieso“ per.das Ding. Es sei ihm „nicht gelungen. Am 27. Eine Staatsanwaltschaft.Meins.steht.Schlüsselklappern.“ de Peter Lorenz aus Zehlendorf geklaut. die du aufwarum und tigten verhaftet – nach Rolösen mußt: Die ganze Zeit nald Fritzsch. die jetzt noch eine K.tiger Job ist der Türsteher. der Schmiere geschrieben. Juni“ Angestellkommen. dann mit Hochachtung. wie geschildert. Ich habe ein Alibi. Gegen ihn sprechen: len. Fe.“ verfolgen mal diese Spur. in dieser Reihenfolge. ten unschuldig.“ Und Teufel hat Mitgliedschaft in einer terroristischen Ver. Laßt es euch chen. Juni“ Berlins te ich ein Holzbein. gehaßt: „Man einigung.fürchterliches Bild. die Leute in Schach hält. Was soll man masteckst du in euer Geld.weißt nicht. da hat Vorsitzende Peter Lorenz für fünf Tage in ihn seine Alte festgehalten. Holger Teufel war kein Waffennarr. Sagt er heu. Wende im Lorenz-Drenkmann-Prozeß. Fünf Jahre Untersu. Von der Lorenz-Entführung habe er in seiner Hinterhofwohnung aus dem Radio erfahren: „So führte ich. ten und Kunden Kartons mit Man hält ein Schießeisen in Negerküssen: „Es ist nicht der Hand. seine Ent. der Zelle gejagt. Bumms. logisch. Aufforderung zum Hungerstreik. Mord. Körperverletzung. sich nicht dumm kommen zu lassen von Polizei und Justiz“ richtet die „Bewegung 2. Es ging mir darum. nimmt der Teufel seine Verteidigung selbst in die Hand: „Hören Sie mich? Okay. warum und wieso. Aber Teufel ist in fast allen Punk. Was sich hätten als größter Triumph Teufels in die die Gefangenen gegenseitig angetan haGeschichte eingehen sollen.“ glasklare Hinweise: „Da hat Teufel war nicht für den der Leibhaftige Regie geUntergrund gemacht: „Sie drin und führt. sein Monatsgehalt habe tausend Mark betragen. es hatte gerad’ getaut. Du hast hier eine Wohinsgesamt sechs Tatverdächnung. als hät.

Deutschland

Teufel als Häftling, Teufel als guter Deutscher (1967): „Hören Sie mich? Okay. Ich habe ein Alibi“

Klage wegen angeblicher Beteiligung an Banküberfällen durchziehen wolle, führe einen „politischen Prozeß“ – so meldet sich drohend die Presse. Teufel hat die Richter huckepack genommen. Teufel präsentiert der entnervten Staatsanwaltschaft sein „B-Libi“: ein Alibi minderer Qualität, das der Angeklagte nicht beweisen und das Gericht nicht widerlegen kann. „In der fraglichen Zeit war ich rauschgiftsüchtig und in Köln. Deshalb die Bitte an meine Todfeinde vom BKA und an die Bundesanwaltschaft, an Axel Springer und Eduard Zimmermann: Laßt Eure Apparate spielen! Helft mir, unverdächtige Zeugen zu finden, die bestätigen können: Des Teufels B-Libi ist sein Alibi!“ Am 30. Oktober 1980 wird Teufel rechtskräftig zu fünf Jahren Haft wegen illegalen Waffenbesitzes und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt – und kommt am selben Tag frei: Mit der Untersuchungshaft ist die Haftstrafe abgegolten. Man könnte noch erzählen, daß Teufel einen Bundesfinanzminister mit Zaubertinte bespritzt hat und einer Lebensmittelabteilung Honig und Marmelade im Wert von 30,33 Mark gestohlen hat, daß er in besetzten Häusern lebte und von der Sozialhilfe und – daß er es vor gut zehn Jahren als Fahrradkurier versuchte. Das blieb er. Der Teufel von ’97, politischer Frührentner, verdient kaum Geld, aber immerhin fährt er durch den Schmutz der Straße. So geht’s. So kann man überleben. Unendlich lang ist das her: Da hat ein Teufel noch riesige Staubwolken in Deutschland hinterlassen. Dieser Teufel hatte phantastische Vorstellungen von der

Revolution. Er hat seine Rechnung mit Revoluzzern gemacht, die den Ernst einer Aufgabe nur mit Spaß bei der Aktion ertragen können. Das konnte niemand besser als er. Zwischen dem Traum von der Revolution und dem Alptraum der Guerrilla liegt ein schmaler Pfad: Rechts davon stehen Gefängniszellen, links liegen die Gräber. Teufel ist, Entschuldigung, kein Revolutionär: Ein Revolutionär redet nicht von „Spaßguerrilla“, nachdem er jahrelang im

ULLSTEIN

U. MAHLER / OSTKREUZ

Gefängnis saß. Ein Revolutionär bringt Menschen um. Und bringt es fertig, Menschen zu finden, die ihm glauben. Auf geht’s. Wir tun das für eine bessere Welt. Man fragt sich, hat man das Leben des Teufels einigermaßen kapiert: Was will er denn? Wo wollte er hin, der Teufel? Der Teufel, der im Wohnzimmersessel sitzt, will jetzt Fahrrad fahren. Sofort. So schnell ein Schrotthaufen, den man Drahtesel nennt, einen Teufel tragen kann. Der Wedding liegt unter zauberhafter Nachmittagssonne, die Wege führen durch Beton und Morast, durch eine Parklandschaft mit Kiefern und Mülleimern – da fährt der Fahrradkurier Fritz Teufel seiner legendären Vergangenheit davon. Zwischendrin kann man Teufel Fragen zurufen – es geht um Schuld, die man nicht absitzen kann. „Ich habe mich ans Steuer von Kraftfahrzeugen gesetzt, das war sehr fahrlässig. Ich bin mit einem Schießeisen rumgelaufen, das ist keine gute Sache, erst recht nicht, Leute damit zu bedrohen.“ – „Klingt nicht so schlimm.“ – „Na ja. Es gibt eine Reihe Leute, die möglicherweise nie bei der RAF gelandet wären, wenn sie nicht zu meinem Bekanntenkreis gehört hätten. Die Irmgard Möller, die hat der Teufel auf den Trip gebracht.“ – „Sind Sie schuldig?“ – „Weiß nicht! Meinen Sie?“ – „Also nicht schuldig?“ – „Im Zweifel für den Angeklagten.“ Tritt in die Pedale. Und weg ist er.

Teufel als Fahrradkurier (1992)

Schuld, die man nicht absitzen kann
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Im nächsten Heft Wie die Revolte von ’68 die politische Klasse der Bundesrepublik bis heute prägt, treibt und lähmt
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Gesellschaft

Rebellen-Sprecher Dutschke, Demonstranten in Berlin (1967), Studentin Hausmann mit Polizeiopfer Ohnesorg (unten): „Sitz gerade, geh zum

D I E AC H T U N D S E C H Z I G E R

Vollstrecker des Weltgewissens
Erst der Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 machte aus einer lustigen Revolte den Aufstand der 68er, der Deutschland veränderte. Die Erfolge und Mißerfolge dieser Kulturrevolution beleben und lähmen die Republik bis heute. Von Cordt Schnibben

O
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b sie das elegante Cape und die Ohrringe an diesem Tag getragen hat, weil sie aussehen wollte wie eine Opernbesucherin oder weil sie damals immer so angezogen war, weiß Friederike Hausmann nicht mehr. Ob er bei diesem Einsatz vor der Deutschen Oper in Berlin eine Walther P 38

oder eine PPK 7,65 mm umgeschnallt hatte, weiß Hartmut Moldenhauer nicht mehr. Wann genau am Abend er vor der Oper eintraf, weiß Siegward Lönnendonker nicht mehr. Aber daß zu diesem Zeitpunkt schon die Nachricht die Runde machte, ein Polizist sei getötet worden, das weiß Lönnendonker genau.
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Daß ihre Hände voller Blut waren, nachdem sie den Kopf des ohnmächtigen Studenten auf ihre Handtasche gebettet hatte, hat Friederike Hausmann nicht vergessen, schon deshalb nicht, weil sie ihre roten Hände immer wieder gesehen hat in ihren Träumen. Irgendwo abgewischt hat sie ihre Hände an diesem Abend, und dann hat sie

Friseur, mach die Negermusik leiser“

weiter „Räuber und Gendarm“ gespielt, wie sie heute sagt, ist mit anderen Studenten durch die Straßen rund um den Ku’damm gezogen, auf der Suche nach Polizisten, vor denen man weglaufen konnte. Erst gegen Mitternacht war sie dann wieder zu Hause, in der Wohnung, in der sie zusammen mit fünf Studenten lebte, und da muß sie dann wohl noch den weißen Seidendamast aus dem Schrank geholt haben, den sie sich aus Ägypten mitgebracht hatte, und sie veranstaltete eine kleine Modenschau, guckt mal, was das für ein tolles Kleid wird. Erst am nächsten Morgen dämmerte ihr, was für einen Abend sie erlebt hatte: daß dieser Junge im roten Hemd gestorben war, daß sie den ersten Toten der Studentenbewegung in den Händen gehalten hatte, daß an dem SDS-Gerede von den „Faschisten“, die überall Jagd machten auf die Studenten, wohl doch was dran sein mußte und daß man sich nun wehren müsse gegen „ein neues ’33“ und daß es nun wohl vorbei sei mit dem großen Studentenspaß, der in den Morgenzeitungen nur noch „roter Terror“ genannt wurde. Für den jungen Polizisten Moldenhauer, der den ganzen Abend mit seiner Einheit als letzte Sicherung vor dem Haupteingang der Oper darüber gewacht hatte, daß Bundespräsident Heinrich Lübke und dessen Frau Wilhelmine und dem persischen Schah und dessen Frau Farah Diba nichts passiert, war die Nachricht vom Tod eines Studenten namens Benno Ohnesorg wie ein Einsatzbefehl. Das würde Ärger geben, das war ihm sofort klar, und als der Bürgermeister dann auch noch für die nächsten Tage ein generelles Demonstrationsverbot verhängte, war er auf das Schlimmste gefaßt. Der Haß allerdings, der ihm fortan entgegenschlug, übertraf seine Befürchtungen. Lönnendonker, Student der Chemie und der Soziologie und der Mathematik, be-

M. RUETZ

ULLSTEIN

BOKELBERG / STERN

Kommunarden Obermaier, Langhans

„Sie gehören alle ins Konzentrationslager“

griff schon in der Unglücksnacht, daß da etwas Neues in Bewegung kam, weil im Republikanischen Club und im SDS-Zentrum die verstörten Demonstranten zusammenströmten und plötzlich nach Waffen verlangten und die Kommilitonin Gudrun Ensslin vorschlug, eine Polizeikaserne zu überfallen. Mit jedem Jahr, das seither verging, wurde klarer, was an diesem 2. Juni 1967 passiert war, und jetzt, 30 Jahre danach, blicken die Übersetzerin Hausmann, der Wissenschaftler Lönnendonker und der Leitende Polizeidirektor Moldenhauer auf einen Tag zurück, der so etwas ist wie die Klimascheide zwischen zwei Gesellschaften. Bis dahin war die Bundesrepublik Deutschland eine Art wilhelminischer Obrigkeitsstaat, in dem sich der Untertan schon dann rechtswidrig verhielt, wenn er sich öffentlich über einen Polizisten empörte, der sich rechtswidrig verhielt; ein Land, in dem das Gitarrespielen an einem Brunnen ausreichte, um einen Polizeiaufmarsch auszulösen, und in dem junge Polizisten wie Moldenhauer gedrillt wurden, als sollten sie in den Bürgerkrieg ziehen. Studenten wie Lönnendonker machten sich Anfang der sechziger Jahre schon dadurch verdächtig, daß sie Marx lasen, etwas, von dem der normale Student annahm, daß es sowieso verboten sei. Zwei Drittel der Studenten bezeichneten sich als apolitisch; die Hochschullehrer herrschten in ihren Talaren wie Fürsten über die Fakultäten, und wenn Studenten doch mal aufmuckten, konnte einem ehrwürdigen Professor schon mal heraus109

sie schluckten Captagon und Rosimon Neu. und wenn sie im Haus ihrer Eltern übernachteten. Kaiserin Farah und Bundespräsident Heinrich Lübke. auf der das alte wilhelminische Deutschland und das neue moderne Deutschland aufeinanderkrachten. ein neues Zusammenleben auszuprobieren. kaum erklangen die Staatsempfang im Schloß Augustusburg (1967)*: Der alte Obrigkeitsstaat rutschen: „Sie gehören alle ins Konzentrationslager. Juni gedacht. zogen in den sechziger Jahren immer mehr Westdeutsche in die großen verlassenen Wohnungen WestBerlins und begannen. als „Spießer“. sondern das Leben ihrer Eltern. leuchtete ihm schließlich ein. auch die persischen Exilstudenten hatten Stimmung gemacht gegen den verschwendungssüchtigen Diktator. war genauso klar. die zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige tun. So zu leben. die ihn ratlos machte und kraftlos und so neugierig. Diskussionsforen gegen die Südostasienpolitik der USA wurden verboten. im ganzen schienen sie ihm größenwahnsinnig. sie lebte in dem Gefühl. Jede Menge Gebote und Verbote hatte die deutsche Sofakissendiktatur ihren jungen Bürgern zu bieten – sitz gerade. sie hörten Dylan und die Doors. auf ihre Schlaumeier-Fressen. wasch den Wagen. ehrlicher zu leben. das nicht ihr Leben war. es sei denn. schlag’ ich dich tot. und wenn Friederike Hausmann zusammen mit ihrem Freund in ein Hotelzimmer wollte. sie stürzten den AstaVorsitzenden Eberhard Diepgen. um vier Uhr morgens mit dem Nachtbus nach Hause fuhr. Daß das Hochschulgesetz reformiert werden mußte. Rut Brandt. „daß wir Deutsche uns in der Weltpolitik als Lehrmeister aufspielen“. auf ihre ungewaschenen Haare. sie hatten ihren Spaß und brachten alle Autoritäten zum Tanzen. der Studenten in einer „freiwilligen Polizeireserve für Krisenzeiten“ organisieren wollte. entlud sich an diesem heißen Juniabend gewaltsam. es wurde des 17. wies man ihr die Tür. Aber die Journalistin Ulrike Meinhof hatte in einem offenen Brief an die Kaisergattin Farah Diba Hunger. Im einzelnen mochten die Studenten recht haben. und einem Festgenommenen hatten die Polizisten zugerufen: „Wenn du noch ein Wort sagst. Auf alles. Den Schah aus Persien wollten die SDSler eigentlich ungeschoren davonkommen lassen. sie sprengten Vorlesungen in Polizeiuniformen und gingen dafür ins Gefängnis. mach die Negermusik leiser. die Führung des Berliner SDS. Wenn Friederike Hausmann. sinnvoller und moralischer. auf die dunkle Vergangenheit der deutschen Elite. als „Deutscher“. „Heute gibt’s Dresche“. Und auf alles. auf die Armut in der Dritten Welt. MAHLER / OSTKREUZ sich über das schlechte Mensaessen und Bomben auf Hanoi. auf ihre überheblichen Blicke. Was sich jahrelang an Spannungen aufgebaut hatte im Wirtschaftswunderdeutschland. auf die Gewalt der Staatsdiener. auf ihr Geschwätz. und deshalb rief schließlich auch der SDS zu jener Demonstration. und gegen den Vietnamkrieg demonstrierende Studenten mußten sich von Willy Brandt davor warnen lassen. Willy Brandt. daß er nach Dienstschluß in Teach-ins in der Technischen Universität schlich. geh zum Friseur. als „Konsumtrottel“. hatten Polizisten schon versprochen. konnten sie ihre Gummiknüppel niedersausen lassen – auf ihre dämlichen Sprechchöre. sie lasen Sartre und Camus. geh zur Tanzstunde. Schah Mohammed Resa Pahlewi. für die faz galten die Straßenumzüge Gleichgesinnter als „das dümmste und vergeblichste Mittel politischer Betätigung“.Gesellschaft daß dieser Dutschke als gefährlicher Aufhetzer galt. sie empörten 110 * Wilhelmine Lübke. weil man gerade damit beschäftigt war. konnten sie vor der Oper Parolen und Farbeier schleudern – auf den Pomp lächerlicher Autoritäten. wie ein Surfer.“ Vorm Betreten der Oper hatte Berlins empörter Bürgermeister Heinrich Albertz seinem Polizeipräsidenten zugezischt: „Wenn ich herauskomme. Marx und Freud. sie verschlangen Marcuse. daß der Vietnamkrieg beendet werden sollte. Folter. und so stürmten seine Männer. du Schwein. was die Jugendlichen haßten an der Welt. sie bejubelten The Who und den Gitarristen Pete Townshend. d e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 U.“ Politische Betätigung an den Hochschulen war nicht üblich. weil für ihn der Konflikt zwischen den Generationen „der Beginn einer großen gesellschaftlichen Revolution“ war. Das Zentrum der Bewegung. schien ihr unmöglich. hätten die Nachbarn Anzeige erstatten können wegen Kuppelei. die zur Arbeit fuhren. Rainer Langhans. sie tranken Rotwein und Cola-Rum. den US-Imperialismus und seine Verbrechen in Vietnam zu bekämpfen. Auch der Polizist Moldenhauer spürte die Kraft dieser Bewegung. Mord und Rauschgiftsucht in Persien angeprangert. ist alles sauber“. der auf einer gewaltigen Welle vor Glück brüllend dem Strand entgegenfliegt. blickte sie voller Verachtung und Mitleid auf die Menschen. Sie saßen in Klubs herum. wenn dieser spätabends in seine Wohngemeinschaft kam. aber DPA Frühere Apo-Aktivistin Hausmann (1997) Ausweg aus der trampelnden Menge . was die Staatsdiener haßten an diesen respektlosen Untertanen. Um Distanz zu bekommen zu diesem Leben. Fritz Teufel und andere Kommunarden mobilisierten. als der Schah noch gar nicht zu sehen war. und zu denen zu gehören. erschöpft vom Studium der Altphilologie und vom Rebellenleben. auch. Für die Boulevardpresse waren Demonstranten sowieso „Rowdys“ und „Krawallmacher“. tagte gelegentlich in Lönnendonkers Zimmer.

als hätte sie jemand dorthin befohlen. die Musik. war Voller Verachtung einzelne Verrückte“. der andere. revolutionär zu werden.Kommune-Happening 1967 in Berlin mit Baader (l. auf die „Störer“ los. an das verzweifelte Suchen nach einem Ausweg aus der schreienden. die Literatur.): Alles ist politisch. „Ich bin politisiert worden“. er sei ein zurückhal- tender. wollte sich zum erstenmal selbst ein Bild machen von dem Treiben der rebellierenden Studenten. wird Berlin sehr müsse.zunächst vorpolitischen Bewegung zum sellschaft sowieso. Dort standen sich dann plötzlich im Dämmerlicht gegenüber der Student Benno Ohnesorg und der Kripobeamte KarlHeinz Kurras. über den seine Professoren sagten. und doch so logisch. fürchtete. die Polizei. der Orgasmus. „daß die Demokratie bei dieser weichen Welle zugrunde gehen“ könne. formulierdas Land umkrempelte und bis heute te Rudi Dutschke das Programm dieser Reprägt. die Familie.den. die Hoch. der Germanistik und Romanistik studierte. und das macht mehr oder minder gezwungen worwar eine Art Eintrittserklärung in eine da. in den Wochen nach dem Tod seien sie ben können. so beschreibt mals weltumspannende Sekte. „es daß die westdeutsche „Demokratie“ nur auf dem Papier blickte sie auf die sind die fleißigsten und tüchtigsten Studenten. die Ge. hieß es in einem Analysepapier eines dieser Tote der Beweis dafür. und diesen fand sie durch eine Gasse von prügelnden Polizisten in einem Hinterhof. „Es lebe die Weltrevoeiner antiautoritären Revolte in West.politischen Aufstand.Friederike Hausmann die Entwicklung der kenntnis war: Alles ist politisch. neugieriger und gewis.“ Man sei durch das Verhalten der Staatspolitisch geworden. machte aus lich alles befreien. Beim Aufeinandertreffen des einen Deutschen mit dem so ganz anderen Deutschen löste sich auf seltsame Weise ein Schuß (siehe Seite 114). die allgemeine Grundstimmung und daß „die Verwirklichung demokratischer Freiheit in frühmorgens zur unter jungen Leuten. die Familie. Während einer der vielen Vollverschule. der Orgasmus ULLSTEIN ersten Takte von Mozarts „Zauberflöte“. die sich in volte. 65 Prozent der Studenten gaben später schnell eine existentielle Krise erlean. die Musik.müsse man alles politisch sehen und natürsenhafter Student gewesen. der als ziviler Greifer „Rädelsführer“ festnehmen sollte. höflicher. deren Be. das Theater. blutenden. zufällig. und darum sammlungen in der FU stand ein Student d e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 111 . sagten sich die Leute damals. und Mitleid Berliner Senatsdirektors.lution und die daraus entstehende freie Berlin die Protestbewegung der 68er. „Es handelt sich nicht um vielen Städten zu Trauermärschen zusammenfanden. Der Tod des Studenten. Der eine. trampelnden Menschenmenge. die kein Programm hatte. die Gesellschaft freier Individuen“. Für die Zehntausende. Wenn nicht auf breiter Front das allen gesellschaftlichen BeArbeit fuhren Nötige und Geeignete gereichen“ erkämpft werden schieht. An die große Panik kann sich Friederike Hausmann erinnern. es ist die des Grundgesetzes existierte Menschen.

den Sex. daß wir gegen Prüfungen. und solche. mit denen man reden konnte. Da sind wir auf den Gedanken gekommen. egal was er sagte. gegen Seminare. das 1969 nach zwei Jahren voller Straßenschlachten. Umweltgifte und das Ozonloch noch keinen ängstigten. die Staatsdiener liefen voll verpanzert hinter den Störern her. um den ganzen Universitätsaufbau ins Wanken zu bringen. MAHLER / OSTKREUZ . bevorzugt an linke Wohngemeinschaften zu vermieten. Sie lebten in einer heilen Welt und in der Gewißheit. einem Diskussionskommando aus 47 Polizisten. den „Kampf gegen das Establishment“ aufzunehmen. aber daß wir nur gegen die baupolizeilichen Bestimmungen zu verstoßen brauchen. EHLERT / DER SPIEGEL flüssig war. Er war in vorderster Reihe im Studentenkrieg eingesetzt. Der Staat war nun hochgerüstet.“ Wie Vollstrecker des Weltgewissens fühlten sich die 68er. Besetzungen. Lehrlinge und Studenten in Bremen. in denen man nur das Fürchten. ohne daß sich ein Aktendeckel hebt. Da haben wir es endlich gefressen. Terroristin Meinhof (1972): Die Mao-Bibel auf dem Nachttisch. daß wir erst den Rasen zerstören müssen. Mönchengladbach und sonstwo verfielen in den folgenden Monaten und Jahren dem Rausch. Vermieter in Berlin begannen. die Schule. damit die Wohnungen nach der Revolution nicht mehr beschlagnahmt zu werden brauchten. entdeckten sie Mitkämpfer. ihren Menschenversuch zum glücklichen Ende zu bringen: das Kapital. obwohl wir herausgefunden haben. „Wir wußten alles“. daß der Berliner Justizsenator vorschlug. die Musik und die Demokratie neu erfinden zu dürfen. ob nach San Francisco. und wo immer sie hinkamen. und wir hatten auf alles eine Antwort. Demonstrantin Meinhof (1970). soviel und solange wir wollen. die in ihm. daß wir erst die Hausordnung brechen müssen. wenn wir aufhören zu argumentieren und uns hier in den Hausflur auf den Fußboden setzen. überall „Manipulation“ zu wittern und mit ätzender Kritik das Weltbild der Autoritäten lächerlich zu machen.“ Der Name des Studenten: Peter Schneider. wie der Kapitalismus funktioniert und warum er über112 M. Drogentod und Aids noch weit weg waren und weil Atomstrahlen. daß wir gegen die Universitätsverfassung reden können.Journalistin Meinhof (1962). „wir konnten erklären. Zehntausende Schüler. Mit ihren Demonstrationen. Bei Moldenhauer ließ der allgemeine Ungehorsam die Haare über seinen Uniformkragen wachsen und auf der Oberlippe einen Bart sprießen. den Hand- U. Moldenhauer spürte bei seinen Diskussionseinsätzen. sehr zum Mißfallen seiner Vorgesetzten und Kollegen. wir hatten den Marxismus und Freuds Psychoanalyse. bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können. Wo sie hinblickten. verhaftete Demonstranten generell auf ihren Geisteszustand untersuchen zu lassen. sagt Lönnendonker. konnten sie ihren Schlafsack ausrollen und eine selbstgedrehte Zigarette schnorren. Essayist und Kritiker der 68er. in denen man nur das Nachschlagen lernt – daß wir gegen den ganzen alten Plunder am sachlichsten argumentieren. er gehörte zur „Gruppe 47“. das Wohnen. wie sich die Studenten zu trennen begannen in solche. Polizist Moldenhauer (1997) Mitglied im Diskussionskommando „47“ d e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 Sie konnten gleichzeitig narzißtisch und solidarisch sein. Paris oder Tokio. Liebe und Gleichheit zusammengehalten wird. um die Fronten aufzulockern. Havanna. bevor wir die Universitätsordnung brechen können. wie Partisanen einer neuen Weltordnung. die so etwas wie das Manifest der 68er wurde und die mit den Worten endete: „Wir haben ruhig und ordentlich eine Universitätsreform gefordert. weil Arbeitslosigkeit. Love-ins und Go-ins setzten diese Träumer des Absoluten der Gesellschaft so zu. die von Frieden. Knüppelfesten und Wasserwerferorgien gebildet worden war. später bekannt geworden als Schriftsteller. und nur eine Macht konnte sie daran hindern. das Rezept für der Germanistik auf und hielt eine lange flammende Rede.

mit Ulrike Meinhofs Hilfe aus dem Gefängnis befreit wurde. die 68er nie gewesen. späheutzutage immerhin lächeln. die alle Autoritäten in Frage stellte. als der revoten kindgemäßer sein. und das aber dann doch vor. merkte er schon. Wie können Kindergär. Ihre Jahre in ihrer antiimperialistischen „Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist Sekte sind ihr um so unheimlicher. Franzosen und Amerikaner.suche der Amerikaner sei die 68er-BeweKongreß im Februar 1968 verwandelten ei. Bis 1976 wurden fast ein halbe Million Lehrer und andere Beamtenanwärter auf ihre Verfassungstreue überprüft – so versuchte der Staat den von Rudi Dutschke angekündigten „Marsch durch die Institutionen“ aufzuhalten. gleich aufgeworfen hatte. wie kann die Gesellschaft durchlässiger werden – darauf fiel den Chefideologen der Apo nichts ein.volte. ein halbes einem Open-Air-Festival zum nächsten Jahr in einem Stahlbetrieb arbeiten. etwa hunderttausend 68er machten sich auf den Marsch in die SPD. 392 sogenannte linksextremistische Organisationen zählte das Innenministerium 1971.Gesellschaft zog 1977 als Übersetzerin nach Italien und nige SDSler um Bommi Baumann das dort gesammelte Geld in Bomben (und LSD). es in der 1968 neu gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) zu finden. als im hewie kann der Wohlstand gerechter verteilt. der Sieg von Jeans. scher werden – darauf Antworten zu geben als der Zukunftsglaube der 68er im Loch war noch relativ einfach. Das erstemal 1968.) K. Die wenigsten griffen zur Kalaschnikow. weil er gumentieren. bis von ihnen nichts mehr übrig war und schließlich auch der Sozialismus von der Erde verschwunden war. Andreas Baader saß am 2. deren letzten klar wurde. sich selbst zu zerstören. Andreas Baader. die bewaffnete Fraktion der Apo suchte die Ergebenheit und die Kritiklosigkeit ma. viel mehr gingen in realistischer Einschätzung der Schwäche studentischer Kampfverbände auf die Suche nach dem revolutionären Proletariat. nur immer: Sozialismus. mit denen kann man nicht ar. Ulrike gonnen hatte. strecker geworden war.brutalsten Rebellen waren tot. auf Richterstühlen und in Anwaltsschäftigen und an der FU das Archiv „Apo kanzleien.) DPA 113 U.mehrfach. kam. donistischen Wirbel der Moden auch dem wie kann die Wirtschaft krisenfester. 1977 herrschte wieder Ruhe im Land. Sie (L. Eine geschlossene Bewegung sind die Das Ende der Apo. Friederike Hausmann durfte nicht Lehrerin werden.gung gewesen. mokratie weniger parteienbeherrscht sein. MAHLER / OSTKREUZ .Deutschtum der frühen Sechziger. daß das.te und in der Modernisierung desselben schulen berufsorientierter und demokrati. Warum eine mächtige. Er mußte. zum schrumpft.Mini-Rock und Beat über das dumpfe tails. fürchtete er nie. den es zu zerschlagen galt.ten Dogmatiker waren zu Clowns gewenig wie Lönnendonker. die Verfängnis wegen Motorraddiebstahls.Apo-Forscher Lönnendonker: „Wir wußten alles“ tasien der 68er muß man den Frauen und Männern bescheinigen. die Haschrebellen zogen von Zwecke der Arbeiteragitation. (R. bis der Obchen ihr angst. Wie kann die De. kulturell zu dessen VollMeinhof hatte gegen den Schah mobilisiert. wie können die Hoch.mehrung des multikulturellen jungen drun Ensslin sagte in jener Todesnacht im Deutschen. Daß die Bundesrepublik wirklich im Bürgerkrieg versinken könnte. kann sie acht Jahre lang wurde aufgeräumt.Wo kriegen wir Waffen her?“ sich denen näher fühlte als seinen Eltern. der sein Lebensgefühl zusamSDS-Zentrum: „Dies ist die Generation von menbaut aus den Kulturen junger EnglänAuschwitz. zog es oder in die Entziehungskuren.endete. je wei. darüber stritten sich die kommunistischen Gruppen so lange. und Gu. Der Realitätsverlust. aber bereits nach dem Vietnam. bis sie Waffen hatten. Das drittemal in den Achtzigern. und soziale Bewegungen“ aufzubauen.gärten. und deshalb mußten sie Antworten zu geben auf die Fragen. kehrte erst 1984 nach München zurück. was als politiBilder schnell in mehr Amtsstuben hingen scher Aufstand gegen „den Westen“ beals das Bild des Bundespräsidenten. fende Arbeiter zu verteilen –. Zwei Jahre lang hatte die Party gedauert. lustvolle Bewe. daß die zweijährige Straßenparty zu Ende war.der ökologischen Bedrohung verschwand.diese Konfrontation so lange. Die Apo begann. aus der PL/PI auszu. versteht sie so. so sieht es ihr gründlichster Erforscher.Heer der Ho-Ho-Ho-Tschi-minh-Sprinter scheiden. in Volkshochschulen und Universitäten. Und wie der auszusehen habe und wie man ihn erreichen könnte. Die Verwestlichung des Alltagslebens in Holger Meins saß im Ermittlungsausschuß zur Aufklärung des Todes von Ohnesorg der Bundesrepublik ist der große (ungeund drehte anschließend einen Lehrfilm wollte) Erfolg der 68er. bilanzierte ein ehemaliger d e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 den Molotow-Cocktail im Kopf langer eines Staatsapparates sahen. aber daß bestimmte Gruppen der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) bereits in dieser Wahnvorstellung lebten. wieder andere die Proletarische Linke/Parteiinitiative (PL/PI) oder den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW). über die Herstellung von Molotow-Cock. in Redaktionen.testens nach dem deutschen Herbst von gung. Erfolgreicher als alle Re-education-VerEs dauerte noch einige Zeit. MEHNER. Spätestens als in Frankfurter Kaufhäusern Brandsätze hochgingen und einer der Täter. die größlaunte Kleingartenvereine. die anderen gründeten die Kommunistische Partei Deutschlands/Aufbauorganisation (KPD/AO). die sie als politische Bewegung scheitern. sich fortan und bis heute mit dem saß nun in Lehrerzimmern und KinderSchicksal seiner Kampfgenossen zu be.lutionäre Sturz des Kapitalismus scheiterlen lebensnäher. weil sie Mitglied in der „Liga gegen den Imperialismus“ war und das Nummernschild ihres Autos ein paarmal in der Nähe verbotener Demonstrationen notiert worden war.zu suchen“. Juni im Ge.der. über das Leben. Das zweitemal in den Siebzigern. wie können die Schu. als sie anfing. hatte Dutschke formuliert. war klar. Die zerfiel in autoritätsgläubige. um Flugblätter an schimp. Die einen glaubten. das sie rigkeitsstaat durch neue Gesetze und neue führte – nach drei Stunden Schlaf um vier Waffen besser gerüstet war als vor der ReUhr aufstehen. und ter sie zurückliegen. schlechtge. Die simpelste Antwort auf alle Fragen und das radikalste Ausleben aller Gewaltphan.

Schütze Kurras nach dem Freispruch (l. Wenn er sich ein bißchen gedreht Schuß. erlebte das Kriegsende als Soldat in Bedrängnis befand. die ihn festnehmen wollten. Karl-Heinz Kurras ist längst pensioniert.machen können“. und schrie: „Bist du wahn. Allerdings sei der Kampf um Staat und nicht der Polizeibeamte.) kurz vor und nach dem tödlichen ter Kurras“.klären. drahtiger Mann. befand der Gutachter. sei er ter. und nun kamen die beiden Polizisten hinzu.in einem „vorübergehenden psychogefe in der Hand. Auch Geier vernahm den Knall. Erst in Uniform wirkt er komplett. „Wenn eine PiDienstpistole hervor“ und gab „mit der stole der Polizei losgeht“. sagt Kurras im No. Schuß abgab – nicht einmal Geier. der Vater war Männer mit den Messern gesehen. „verfolgt von zwei Schutzpolizisten. später zur Kriminalpolizei. Nie. und zu dritt schlugen sie auf ihn ein“. der in protestierte er gegen die vorgegebene nächster Nähe stand. war daraufhin linken Hand den ersten Warnschuß in die in der welt zu lesen. beobachtete ebenfalls den Fluchtversuch und „zwei uniformierte Beamte. Danach hat er zunächst seine „Waffe in Ordnung gebracht“. wo er als guter Schütze galt. ihn daran zu hindern“. Daß Kurras „in seiner Kritik. aber immer noch geht er jeden Mittag in Freizeitkleidung zum Dienst. als er abgeabgeben wollen. als er den hörbaren in Berlin. Hier im äußersten Zipfel der freien Welt hat man zusammengehalten. Als „Putativ-Notwehr“ beer heute. KurSeltsam: kein einziger Zeuge hat die ras stammt aus Ostpreußen. sagt Gei. „dann schießt der Luft ab“. ein einziges Mal wohl.zur Schutz-. war ganz und gar seine.und Nackenbe. so erinnert er sich.“ Die Augenzeugin Erika S. Also zog er „im Liegen meine und spricht Kurras frei. Er ist ein braungebrannter. Der Getroffene sank langsam in sich zusammen. merkte der psychiatrische Gut. die „versuchten. Großen Straf. die Rasen strenger gestutzt als anderswo in Berlin-Spandau. Er trug Zivil. einen graublauen Anzug. hätte er mich erwischt“. er wurde von macht habe und daß er dies anders hätte „zwei jungen Männern mit Messern“ be. nie verurteilt wurde in den Händen“. sagt er später vor Gericht. hier zu schießen?“ „Die ist mir leicht habe er Messer gesehen.und UrIn jenem Hinterhof. Doch „von hinten tauchte plötzlich ein uniformierter Beamter auf aus dem Dunkel und schlug dem Mann im roten Hemd mit dem Schlagstock von hinten auf den Kopf.nen Ausnahmezustand“ befunden – vielsinnig. achter an. Er ging Kurras. sah den Schützen aufrecht dastehen. mit Schlagstöcken I 114 FOTOS: ULLSTEIN d e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 . Juni 1967 den Schuß abgab. hatte die Polizei die Lage Ordnung. an dem der Berliner Student Benno Ohnesorg starb. Sie hatten ihn schon fast. was der Angeklagte falsch gedergeschlagen worden“.Ohnesorg (r. Er beruft sich auf ner Mensch. Letztlich sei „nicht mit Sicherheit zu „von zehn oder elf Personen brutal nie. glaubt auch der Vorsitzende Richkammer des Berliner Landgerichts. der den Studenten Benno Ohnesorg erschoß. habe sich in höchster Erregung. Waffe benutzte. ne gab. daß sich Kurras zurück.teilsfähigkeit erheblich eingeschränkt“ vember 1967 vor der 14. knapp 70 Jahre alt. Danach. aber nicht als Schuß interpretiert. mit der Waf. als er am 2. 1944 meldete er sich freimand hat den Warnschuß registriert.“ seine Pistole dann noch heftiger entSchoß er in Panik? In Wut? Was hat er brannt.droht gefühlt. versichert eine Vielzahl Er brauchte sie auch nicht mehr: Die von Zeugen. der Polizeiarzt findet auch wegen „antisowjetischer Propaganda“ im Prellungen im Schulter. und sich dementsprechend beEr selbst habe „Angst gehabt“. die er nach 1949 in West-Berlin im Hinterhof längst im Griff. und noch immer wird ein Fremder nach dem Wohin und Woher gefragt. „daß der einen Polizeibeamten zeichnet der Verteidiger den tödlichen trifft. Vielleicht ist das so. wo es keilosgegangen“. links und rechts. doch „durch das Zerren drückt hat? und Ziehen löste sich der verhängnisDer Beschuldigte sei ein ausgeglichevolle zweite Schuß“. Er habe noch einen Warnschuß gesehen in jenem Moment.willig in den Krieg.Ordnung: 1946 verteilt er politische sem Moment massiv bedroht und verletzt Schriften in Ost-Berlin. Irgendwann „zwischen all diesen Geschehnissen“ hat sie „einen Knall gehört“. Drei Jahre saß er worden sein.war. erinnert sich der pensionierte Polizist Horst Geier. vorfand.Gesellschaft Mord ohne Mörder Warum der Mann. labil. Er stand „etwa einen halben Meter links hin. Aber es fehlt etwas an seiner Erscheinung.) „In seiner Urteilsfähigkeit eingeschränkt“ m Weinmeisterhornweg wirken die Jägerzäune spitzer. aber nicht sonderlich aggressiv. hörte er Kurras stammeln. hätte.stalinistischen Internierungslager Sachreich („wie von Handkantenschlägen senhausen. kehrte verwundet mand kann bestätigen. und er hält sich gut. „Ohnesorg rannte davon“. wenn man in unmittelbarer Nähe zur Mauer gelebt hat. Kurras will in die.Dorfgendarm. entscheidet das Gericht droht. nie. und seine „Kleidung ein wenig geordnet“. Die Lust am Widerstand hatoder Stockschlägen“) – aber als er die te er verloren. leicht Notwehr.

die den Kapitalismus stürzen wollten. Die 68er ist eine Kette erfolgreiEs wird die „antiautoritäre Erziehung“ cher Niederlagen: Durch den Rebellen nicht der 68er sei verantwortlich Aufstand gegen die Erwachsenenwelt und die Falten. geht Ende 1987 in Rente. als würde sich nie etwas bewegen. und die mittlerweile utopisch an. fielen die Vor-68er über die 68er werden lassen.bellisch zu sein. Er habe sich bedroht gefühlt.glücklich machen. Nachdem Polizisten die junge Terroristin Petra Schelm erschossen hatten. so felhaften Sieg. Juni 1967. Rebellisch war nur. die „Vertiefung des demokratischen Engage. eine noch brav ihre Rebellenrolle erfüllt. Hier im Weinmeisterhornweg ist er sicher.Veränderung des Kritik aufgelöst“. zum Moralisten im ben die Bürgerinitiative der Apo zum Vor. aber tatsächlich war die Bewegung schaft“ zu verantworten. und Richard von Weiz. Der 68er wurde vom Guerhat.richtigen Platten hörte und die richtigen mutende Erfahrung. als ein deutscher Beamter kurz die Haltung verlor. SDS-Sprecher. daß sich rechte „Mordbrenner als Avantgarde“ (Helrockordnung verhalfen die. zum ewig jungen Spaßund kleiner Bürgerinitiativen gegen Tier. Juni 1967 wirklich „benommen“. dem Protest an sich. Und womöglich fürchtete er sich tatsächlich: nicht vor konkreten Personen.„moralischen Grundkonsens. Nach vier Jahren Suspendierung darf er zwar wieder im Polizeidienst arbeiten.verderber. diese daß man ihr Wirken mißt an der Verände. daß man ihr mut Schmidt) fühlen können.setzen. sellschaft geopfert“ (Theo Sommer). wer die kreuzer. Der radikal vertretene Anspruch. Als wäre Rudi Dutschke Bundeskanzler gewesen.Entwicklung der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik beruhte. zum Mahner mit bild für Hunderte und Tausende großer Bee-Gees-Frisur. auf dem die chie. daß er sich in einer lebensbedrohlichen Lage“ glaubte. das Sackhüpfen fortzu. Die Polizei verstößt ihn nicht. Sauf-. Die Jugendlichen der achtziger Jahre das gegenwärtige „rücksichtslose Spekuhatten keine Lust. etwas bewegen zu Schuhe trug und das richtige Leben im können. als Revisionsinstanz: Wieder folgt Freispruch. Ein wunderbares Sackhüpfen sei „68“ (Kurt Sontheimer). möchte Karl-Heinz Kurras nicht reden. Bürokratie und Spießigkeit zu er. Mode.gewesen und er selber SDS-Führer. jenen Tag. „ich glaube. obwohl es immer so ausgesehen falschen genoß. der an Hierar. Es sei „nicht widerlegbar. sondern vor dem Chaos. der im März 1971 rechtskräftig wird. aber nur im Innendienst an der Fahndungskartei. die er nicht tragen darf. dafür. Achtziger fanden es rebellischer.wachsenden erwartete. Es wird die Re. wir wurden macht Helmut Schmidt die „Entwicklung an unseren Schulen und Hochschulen“ für Zweite“. Seine Dienstwaffe gibt er in Absprache mit dem Polizeipräsidenten „freiwillig“ unter Verschluß. Er hält das nicht lange aus. Die Punks der Siebziger hatten säcker attestierte der „Jugendrevolte“. nicht remehr sein zu wollen als Stimmzettelan.selbstgestrickten Pullover. Große Strafkammer. Er wird zum Kriminaloberkommissar befördert.rillero zum Trottel. dann schießt der Staat und nicht der Polizeibeamte“ Vielleicht war er am 2. lebt ein möglichst unauffälliges Leben mit seiner Frau im vierten Stock eines Spandauer Mietshauses. gibt er zu Protokoll. Die Aufsässigen der ben. der Jugendindustrie und ihrem Rauch-. nicht glücklich machen. und in seiner Aktentasche finden sich ein Stichmesser und die Dienstwaffe.alle Welt seit den Sechzigern von Heranments in der Gesellschaft“ bewirkt zu ha.Generation habe „das Fehlen einer morarung des Rocksaums und der Kleiderord. Atomkraftwerke und Hundekot den 68ern. Im Sommer 1971 verliert Kurras ein zweites Mal die Kontrolle über sich selbst: Er wird betrunken im Park aufgegriffen.lantentum in Unternehmen“ verantwortd e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 115 . in Frage gestellt“ sticken drohte. Nachdem die Nach-68er fertig waren mit versuche. pünktlich zum 25jährigen Die Kulturrevolution der Jubiläum der Revolte. die den Konsumterror mit „Maßstäbe“ hätten sich Wort und Flamme bekämpfWirken an der die „im ätzenden Säurebad der ten.fühl für Solidarität“ geschwächt und den gramm eines Kapitalismus. habe „das Geder 68er ein erfolgreiches Innovationspro. ha. her. fürchte er wieder um sein Leben. die „moralische Eigenbrötelei der 68erund Musikfetischismus zum Durchbruch.lischen Substanz in der deutschen Gesellnung. Die Wohnungstür ist tresorartig geschützt mit besonders sicheren Sicherheitsschlössern. entscheidet im Dezember 1970 auch die 10. sagt der große italienische Linksradikale Adriano Sofri über den zwei. wie der Zeuge Geier noch heute glaubt.Schuß: „Wenn eine Pistole der Polizei losgeht.Rocksaums mißt Rebellen“ habe „die Gemeinschaft auf dem Altar der Gebellen. Über den 2.

als die Studenten Mitte der sechziger Jahre aufbegehrten. die in den Krieg gezogen sind. nach dem Tod von Benno Ohnesorg. die sich ihrer Irrtümer schämen. natürlich auch für die „Gewalt im Fernsehen“. wie Lönnendonker meint. liegt daran. ohne Sexismus und ohne Gewalt vorleben wollte. „In Italien“. doch bekannter sind die Unternehmerkinder geworden. ein anderer produziert ökologische Putzmittel. die ihre Verachtung an dem Leben abarbeiten. die aus der ersten Reihe hätten keine Chance gekriegt. Distanz zu halten „zum System“ ist für viele 68er wichtig geblieben. soll das einmal unsere führende Schicht werden? Heute stellen sie sich gegen Sicherheit und Ordnung mit Eiern und Tomaten. Nur wenige gingen so weit wie der konservative Publizist Ludolf Herrmann und behaupteten. wenn sie in den führenden Positionen stehen?“ Daß die Aktivisten des Aufstandes heute in diesen Höhen nicht zu finden sind. die sich als Manager in den Kampf gegen das Großkapital stürzten. den Wortführern einer antiautoritären Bewegung vorzuwerfen. der die große Liebe ihres Lebens davongelaufen ist und die sich nun mit einem Langweiler in einem Reihenhaus durchs Leben schlagen muß. als Geschichte wie das Produkt der eigenen Selbstverwirklichung schien. „die Gesellschaft mehr zu verändern als die 68er“ (frontpage). Zivilisatorische. weil es ja die Eltern der 68er waren. daß jetzt im mittleren Management lauter ehemalige 68er sitzen“. sicher wird man ihnen irgendwann auch den Zweiten Weltkrieg anhängen. also analysierende Voyeure der Gesellschaft zu sein. gewachsen in den Jahren. So gern der Alt-68er verantwortlich wäre für alles Bunte. „nach den Maximen eines Generals“ (capital) zu handeln: „Pflichterfüllung und letzter Einsatz“. sie randalieren gegen jeden und alles. hatte ein besorgter West-Berliner in einem Brief an den Asta der FU das kommen sehen: „Man bekommt Angst vor der Zukunft. VERLAG Osterunruhen in Berlin (1968): „Gemeinschaft auf dem Altar der Gesellschaft geopfert“ machen für alles Böse. die Karrieristen nicht. für die Politikverdrossenheit. 116 Schon damals. Eine neue Elite habe sich „die Wirtschaft“ erhofft. so gern möchte der 68erHasser die Rebellion gern verantwortlich Auch die Techno-Bewegung.“ Einige ihrer SDS-Freunde hätten in der deutschen Wirtschaft Karriere gemacht. daß die Nach-68er von der Vergeblichkeit aller großen Alternativen überzeugt waren und sind. die faul seien und träge und auf staatliche Konjunkturprogramme hofften. sich im Milieu der enttäuschten großen Hoffnung zu bewegen. ebenso verbreitet wie unter denen. weil sie ja soviel diskutierten damals. 25 Jahre nach dem Beginn ihres langen Marsches mußten sich die Apo-Ökonomen vom Chef-Volkswirt der Deutschen Bank bescheinigen lassen. trafen in den Unternehmen auf eine Führungselite. sind die wenigsten wieder losgeworden. was diese Republik hat. sagt Friederike Hausmann. die durch die Nazis darauf getrimmt waren. Zwischen „nichts bewirkt“ und „alles ruiniert“ pendeln die Rückblicke im FünfJahres-Rhythmus der Gedenktage hin und her. Die Ansprüche an das Leben. „als 50jährige“ hätten sie „keine ausreichende Führungskraft“. weil man sie reind e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 . für Aids.Gesellschaft lich. findet Apo-Forscher Lönnendonker. also besser ausgebildete HochSÜDD. als sie jung waren. die ihre Millionen beim Vietcong ließen oder in die Erforschung der Gesellschaft investierten. es sei „eine Katastrophe. einer ließ Brillen in Nicaragua fertigen und zum Nulltarif verkaufen. aber auch nicht weniger.Was werden sie erst tun. sie hätten keine Führungsqualitäten. schließlich sei es ein Lob. wenn er den „25jährigen von 1968“ attestiert. Kaputte und Verfluchte. ist nicht mehr als eine Partymaschine. weil man sich fragt. Schöne. sondern mit Ironie. „sind die Apo-Führer nach oben gekommen. wie oft sie die Konfrontation mit diesen Ansprüchen zulassen. Man mag darum Helmut Schmidt nachsehen. und die eine Zukunft ohne Rassismus. Jede Generation ist fest davon überzeugt. bei einer Untersuchung der Lebensläufe deutscher Hochschullehrer fielen 25 ehemalige SDS-Aktivisten auf – nur Kämpfer „aus der dritten Reihe“. Für die vielen Talkshows sollen die 68er auch verantwortlich sein. Diejenigen. Aber Haß auf ’68 ist ein weitverbreitetes Hobby und ist unter Alt-68ern. die antrat. Als die Konrad-Adenauer-Stiftung die Karrieren von hundert Apo-Veteranen durchleuchtete. und daß auch 1998 wieder alle auf 1968 starren und herumprügeln werden. die Verweigerer nicht. die Verlierer nicht – sie unterscheiden sich nur dadurch. sagt Lönnendonker. die Rebellion von 1968 habe mehr Werte zerstört als das Dritte Reich. das sie nicht geführt haben. sei nicht verwunderlich. Als kreative Unternehmer sind nur ein paar aufgefallen. da gab es keine Berufsverbote. für die Rauschgifttoten sowieso. gelassen hat. wie eine Frau. daß die nachfolgende Generation verkommener und dümmer ist – und entbehrlich. fand sie keine „spektakulären Karrieren im Staatsdienst oder in der Wirtschaft“. aber von denen spricht sie nicht mit Respekt.

was man als Hollywood-Filme. „soziales Empfinden“ und müsse „Ag. und die werden im. ein Polizist brauche Anrufbeantworter. wenn sie bei ihm im schen Ordner. ein alter Kampfgefährte von ein Videospiel.noch immer kalt den Rücken runterlaufe. rigkeitsstaates irgendwo steckenblieb zwi. als er am wig Erhard“. das ihn unruhig mache. In ihrer innenpolitischen Ratlosigkeit gleicht die heutige Republik jener Mitte der sechziger Jahre. pathisiert. Apo-Archiv sitzen und fragen. P. das hätte schon jetzt nung. bei denen es ihr industrielle Revolution nicht zu meistern. Student heute von ’68 lernen könne. aber nicht das ist es. er möchte nun in den Gen-. Richard von Weizsäcker und Roman Herzog. die rechtfertige jede Die Deutschen vom Prinzip „Mißtrau. und sonstigen Technologien vor allem zum 1. „der Gegentyp zu einem notstand“.ten aus den juristischen Lehrbüchern. dain Berlin. sei der Seismograph der Gesellschaft. Auf dem Bernd Rabehl. Partei zu ser als Blair.nendonkers Fürsprache. Bio. was durch ’68 und danach in die zum Fahrradkurier wurde. da macht gressionen abbauen“. hat Gerhard Schröder über. sagt der Polizist Moldenhauer. Karl Jaspers beklagte „das Fortwursteln der Regierung“ und die „Parteienoligarchie“ und fragte ängstlich: „Wohin treibt die Bundesrepublik?“. all das liest sich heute wie ein Zusammenschnitt aus dem.Steuerberater. auch jedes Jahr die Schlacht nommen. „der ist sich treu geund „mehr Gemeinwohl“ und „mehr kursmasse der kritischen Bewegung ein blieben“. Deren sieht er seinen Job.sagt Lönnendonker. der merke als erster. Der Polizist. Man brauche einen Feind. J.explodieren können. Von „Reformstau“ redeten damals die schen RAF-Terror und Staatsschutz und Moderner als Kohl. Dem könne man nicht böse sein. Einen Teil seiner Probleme hat dieses tungswege sozialistisch werden. da reißt er lieber Seizeidirektor und plant die Großeinsätze umzustimmen. sein Büronachbar Das ist immer wie ein Geländespiel.weil die Apo daran scheiterte. wegen ’68. was neu ist. einen Teil wegen ’68. Situation sei so mies. Schreibtische hinstellen.68er“. das gefährlicher sei aber es klang mehr nach „1960“ und „Lud. was die beiden höchsten Kritiker der Republik. dann später mit den Atomkraftgegnern. praxisorientierter.schulabsolventen. Mai. wenn etwas schieflaufe im Land.Revolte.Land trotz ’68. Trotz Schröder gehöre zu den Menschen. nie einen Menschen mit dem Knüppel geschlagen zu haben. sen. mit der Hierarchiegesellschaft.en“ wieder auf das Prinzip „Hoffnung“ keiner eine Revolte. welt. der 68er.“ Wenn es soweit ist. und auf die USA läßt Fritz Teufel. Die Tür fliegt auf. dann mit den Hausbesetzern. deshalb habe die haarscharf am Rand.auf den Baustellen. die Leitartiklerin Ulrike Mein. Das war diesmal schon SPD gesickert war. was ihn zialdemokraten zwar viel von „Zukunft“. was ist los. Denn mit den Ordinarienuni. Vor allem auf Wachstum setzt Reichstag den Haß in den Gesichtern der Schröder wieder. Er ist seit 35 Jahren Polizist und ist stolz darauf. seien es neue Ideen. mit den ständischen Strukturen der Ade. BÖNING / ZENIT d e r s p i e g e l 2 3 / 1 9 9 7 117 . Irgendwo zwi. predigt er lende Demokratie in den Parteien. das klingt. ich unruhig macht. dachte schon. weil sich aus der Kon. mit Scharen von Kindern SPD-Kongreß „Innovationen für Deutsch. sagt nauer-Republik war die beginnende neue ’68. der sei schon damals so geweRechtsstaat“. Moldenhauer ist Leitender Poli. er nichts kommen. und die Illusion. Sozialarbeiter und Pfarrer schwappt. 1966 hat er das gespürt. wie Chancen und nicht Risiken sehen. glatter als Clinton. du telefonierst mit deinem den nächsten Jahren.“ als ’67.möchte er nicht mehr Polizist sein. sie seien „nur noch Plattformen für Karrieristen“. aber jetzt sei da ein Beben in der Stadt. „aber sie ist so mies. schaut herein und mer jünger.Schulcomputer oder Handys.der sofort und automatisch über alles seinen Studenten. an den Unternehmer und Im nächsten Heft demonstrierenden Bauarbeiter gesehen den Markt glaubt er.Dutschke und jetzt Archivar dank Lönhat man es da zu tun. hof forderte „wirtschaftliches Wachstum“ brechen. Rudi Dutschke kritisierte feh. Fast nebenbei räumte er Guerrillero erst zum Terroristen und dann und 35 000 ausländische Arbeiter arbeiten das ab. als rede Dutschke. fragt: „Was bist du so erregt. selbständiger.land“ redeten er und andere führende So. „40 000 von denen sind hier arbeitslos.mit sie der andere nicht lesen kann“. der vom Spaßhat. und dem ist er begegnet. blasGesellschaftskritiker und vom „Bildungs. also vor allem die Hoffoffener. weil der Abbau des bürokratischen Ob. der Kapitalismus könne auf dem Verwalversitäten. Da wachse etwas heran in „Modernisierungsstrategie“ und „2000“.Friederike Hausmann.werden und die Parteienoligarchie aufzu. der Staat könne immer mehr Wirtschaft mit der Hochschulreform sym. in den letzten Jahren an Politikschelte abgefeuert haben. „nur mal Love Parade in Berlin (1995): Für eine Zukunft ohne Sexismus und Gewalt einen Besoffenen mit dem Handschuh ins Gesicht“.zäher kritischer Brei entwickelt hat.

in den Neunzigern. Anstatt aber in dieser Situation alle Kräfte zusammenzuraffen.) in Dortmund im März 1976.. blicken verdruckst vor sich hin. ob Albert Schmid in Konkurrenz zu Renate Schmidt in München – allzu viele wollen sich im Zusammenspiel mit den Medien ihrer Partei als Handlungsträger aufzwingen. „Politische Kultur“? Auch in Kiel ist Ende Oktober zu besichtigen. Minister. Willi Piecyk. Juso-Aktivisten Wieczorek-Zeul. 24. Sie wollten die SPD der Achtziger sein. in der SPD doch in auffälliger Weise versagt“. „macht uns traurig. atmen kräftig. Viele kämpfen sich durch Tränen in der Stimme. hat ihnen die 80jährige Genossin Rosa Wallbauer aus der Seele gesprochen. drohen die Macher ihrer Partei den Garaus zu machen. 47. „als ob sie der Rinderwahnsinn erfaßt hat“. KÖHLER-KAESS . tönt er. Ministerpräsident oder gar Kanzler würden. Norbert Gansel. Allzu viele glauben offenbar. In vorausahnender Defensive hat der SPD-Landesvorsitzende von Schleswig-Holstein. . 55. Gewiß. streift vorwurfsvoll durch den Saal. das Land quält sich aus dem Industrie.ins Informationszeitalter. agiert die SPD nach den Worten Oskar Lafontaines. der sich von den Genossen in Kiel wie in Bonn um seine politische Zukunft gebracht wähnt. „Der Zerfall dieser Partei“. bringt uns zum Weinen. wenn sie nicht jetzt noch ganz schnell Staatssekretär. bereits ihre wunderbare „politische Kultur“ gefeiert: „Bei uns macht man sich nicht gegenseitig fertig“. Nun. Jeder gegen jeden und alles hausgemacht. die sie an diesem Tage feiern. mit dem Zusammenbruch des Ostblocks scheint der sozialistische Weltentwurf endgültig diskreditiert.und Angestellten-Gesellschaft zerfallen. Was sie bewegt. der Kieler Fraktionschef. daß ihr Leben verpfuscht wäre. brütet düster vor sich hin. die sich – wohl in Vorfreude auf den von ihr gewünschten „Zoff“ auf dem Mannheimer Parteitag in dieser Woche – höchst unfein mit ihrem Bonner Vorsitzenden angelegt hatte. Und: „Wir lassen keinen fallen. Nur die Frauen und Männer in der ersten Reihe.“ Da nicken mit den Alten auch die paar Jungen im Saal. Ob Gerhard Schröder im Streit mit Rudolf Scharping in Bonn. nämlich „meine Generation. die jetzt 50jährigen. zur Freiheit“. sagt Melanie Hein. stellvertretender Juso-Vorsitzender der Jahre 1971 bis 1975. Die flottgrauen Macher der Partei aber. schweigt vielsagend. zur Sonne. In Deutschland sind die großen Milieus der Arbeiter. „Zweifel kommen mir immer häufiger“.“ M Ja. der freilich längst vom Rivalen-Karussell der Genossen abgesprungen ist und als freier Schriftsteller kenntnisreich zuguckt. die etwa so alt sind wie die nach der NaziZeit wiedergegründete SPD. bitter seinen Parteiaustritt an? Ministerpräsidentin Heide Simonis. Scharping*: Von den Personen bis zu den Allüren – alles noch wie damals SPD Die ewigen Rebellen Jürgen Leinemann über die 68er-Generation der Sozialdemokraten und ihre Schaukämpfe um die Macht anchmal singen sie noch. klingt es eher zage als freudig über die Alpenveilchen auf den weißgedeckten Kaffeetischen des Restaurants Legienhof in Kiel. was der einst kräftig mitraufende Johano Strasser. die zusammen über 2000 Mitgliedsjahre in der SPD repräsentieren. „Brüder. Gert Börnsen. ist nicht Sentimentalität. 26 DER SPIEGEL 46/1995 J. 59. mit schmerzhaften sozialen Kosten. in Bayern wie in Bonn bemerkt hat: daß * Mit Hermann Scheer (l. 52. aber wo mag nur Björn Engholm sein? Warum wird sein Name so verschämt erwähnt? Und warum deutet Piecyks Vorgänger Günther Jansen. 52. der gerade abgesägt wird.

„Wir verbreiten alle den Eindruck tiefer Melancholie“. der Glanz der Strahle- Frauen frauen und -männer ist auch durch eigenes Zutun beträchtlich getrübt. schippert anklagend nach Mururoa. Verhaltensmuster laufen ab wie eingestanzt. die in verbissenen Eifersüchteleien mit sich selbst beschäftigt sind. bestreitet niemand. in 4 weiteren sind Sozialdemokraten an Koalitionen beteiligt. wer gemeint sein könnte. und zwar jenem Helmut Schmidt entglitten.“ So freundlich mag der alte Gewerkschaftsrechte Hermann Rappe den Lebens. die den Bundesbürgern als Dauertheater vorgeführt wird? Dem Niedersachsen Gerhard Schröder. Proteste gegen Atomversuche? Heidemarie Wieczorek-Zeul. Daß die Inszenierung an das JusoTheater der siebziger Jahre erinnert. Hier der wackere Schröder.DEUTSCHLAND Schröder-Fans in der Union „Welche Eigenschaften können Sie den folgenden Politikern zuordnen?“ sympathisch kompetent kann sich durchsetzen Emnid-Umfrage für den SPIEGEL. zu gleichaltrig und zu gut. Schröder. über den Zynismus im Umgangston und die erbarmungslose Selbstzerfleischung –. erscheint sein Bubenstück im nachhinein so dramatisch und schicksal- haft wie eine griechische Tragödie. er sei der Richtige. für immer jung zu bleiben. Erhard Eppler. 52. bis 8. jede Floskel bekannt.und Nebenrollen mit sich selbst besetzt – „nebst Hillu und Handy“. Von den Personen bis zu den Allüren ist alles noch wie damals. Nur deutet sie den lähmenden Wettbewerb positiv: „Wir sind zu viele.und Politikstil der heutigen SPDFührer nicht sehen. Beck. „Die achten nie auf das. räumt Heide Simonis selbstkritisch ein: „Ich glaube. Damals „Refos“ gegen „Antirevis“. nicht die eigentlichen UrDER SPIEGEL 46/1995 27 . Inzwischen sind nicht nur die Zeiten umgeschlagen. wir nehmen uns aus wie die Greise des Nationalen Olympischen Komitees beim Betriebsausflug. die – sollte sie „erst mal“ die Wahl in Schleswig-Holstein gewonnen haben – Bonner Ambitionen nicht leugnen mag. Jede Verletzung von früher schmerzt weiter und muß immer aufs neue gerächt werden. „Der ewige Juso“ – ist das der Titel jener Posse. die sie mit ihren Abenteuern lächerlich macht. der Partei auf Landesebene spektakuläre Erfolge verschafft haben. unter denen die Sozialdemokratie derzeit leidet. erlebt die Vorstellung dagegen wie ein Ballett: als „Tanz um das vergoldete Ego“. nun ein zänkischer Haufen grämlicher Wichtigtuer. daß sie 1991 auf dem Parteitag in Bremen ihre „schmucke Riege“ von Regionalfürsten voller Stolz den Medien präsentierte: alles potentielle Kanzlerkandidaten. was einer sagt“. daß die „Enkel“-Generation. Für ihn sind und bleiben seine Gegner von einst „dieser Juso-Vorstand da vorne“. 1400 Befragte. Noch zum Zeitpunkt des Rücktritts von Willy Brandt – 1987 – stellte die SPD lediglich 4 Ministerpräsidenten. Die meisten finden sich noch immer ganz toll. Wedemeier und Scherf. Jeder taktische Winkelzug ist geläufig. Juso-Rivalen von einst reagieren auf die Wahl des neuen Bremer SPD-Landesvorsitzenden Detlev Albers auch heute noch mit zornroter Fassungslosigkeit. Kein Wunder.“ Mit einer gewissen Berechtigung glaube jeder. Heute „Sozialfuzzis“ gegen „Medienhüpfer“. der nahezu alle Haupt. wie ein Präside spottet –. Nichts ist vergessen.“ Und doch sind solche Juso-Kindereien. In eine siegessatte Umgebung sind die nach der Wende dazugestoßenen Ost-Regierungschefs Manfred Stolpe und Reinhard Höppner da geraten. Lafontaine. staunt ein Präside. Sie ist aber stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Engholm. Minister unter Brandt wie Schmidt und damals einsamer Mahner gegen Rüstung und für Ökologie. bestreitet auch Heide Simonis nicht. zu ehrgeizig. „sondern nur darauf. die als Schüler und Studenten in Verehrung für Willy Brandt vor 25 bis 30 Jahren in die SPD eintraten. 68. immer „Stamokap-Arsch“. dort die konspirative Feind-Truppe: Scharping. Voscherau. Einmal „Stamokap-Arsch“. bitter geworden und kindisch vergreist über dem angestrengten Versuch. Eichel. Schließlich ist in Bonn die Macht seit 13 Jahren weg. Ausgedörrt wirken sie jetzt als Gruppe. Simonis. Heute regieren seine „Enkel“ in 10 von 16 Bundesländern. Nie vorher war die SPD im föderalistischen System so stark. Sitzungen der Führungsgremien in der Bonner Baracke – gedacht zum Austausch von Meinungen und Informationen – gelten eingefleischten Ex-Jusos als untauglich zur Kommunikation: „Da sind doch die anderen dabei. als sei die Erfolgsriege plötzlich vor einen Zerrspiegel geraten: eben noch pathetische Sieger. die „rote Heidi“ und Ulrich Maurer. als wäre sie noch heute unter 30 und amtierende Juso-Funktionärin. 6. Wahr ist ja – wenn das inzwischen auch fast untergeht im allgemeinen Erschrekken über den jähen Sturz der Partei ins Bodenlose. Sie aber haben durchgezogen: Scharping.“ So giftig wie die Reden kann das Schweigen sein. November 1995 bei 42 % der befragten SPD-Wähler nicht bekannt bei 53% der befragten SPD-Wähler nicht bekannt RUDOLF SCHARPING OSKAR LAFONTAINE GERHARD SCHRÖDER JOHANNES RAU HEIDE SIMONIS HEIDEMARIE WIECZOREK-ZEUL SPDWähler 55 52 34 61 72 70 SPDWähler CDU/ CSUWähler GrüneWähler Männer 52 60 57 63 69 68 48 63 57 57 66 68 51 56 51 86 83 65 46 42 38 30 32 24 Torschlußpanik? Daß es diesen hechelnden Konkurrenzkampf gibt. gegen den sie in den siebziger Jahren angerannt sind. Das Bild ist so gründlich verwackelt.

Im Bundesvorstand aber. Von Ausnahmen abgesehen..und Nachkriegskinder. daß Schluß sein müsse mit der Adenauer-Zeit und ihrem unpolitischen Motto: keine Experimente. sondern Mitgezogene. . die als „Juso“ oder „68er“ nur unzureichend beschrieben wäre. wo die sich verstecken. Der rebellische Gestus. 35 von 45 Vorständlern gehören dieser Generationskohorte an. die Abweichler – vier jünger. Natürlich hat der Beitritt von Zehntausenden jungen Akademikern der gewerkschaftlich geprägten und sozial orientierten Traditionspartei SPD ursprünglich nicht nur Schwierigkeiten bereitet. Alle empfanden sie – wie aktiv sie auch selbst an der Studentenrebellion beteiligt gewesen sein wesen. in dem sich die Partei nicht nur durch Promis wie Ministerpräsidenten und Fraktionschefs repräsentiert sehen will. daß kein anderer auf die Rabatten tritt. sind sie nicht die Akteure der 68er-Revolte gewesen. Die neuen Sozis trugen pazifistische Elemente in die Partei. Jahrgang 1931. die sich den bürokratischen Vollzug der Kulturrevolution zur Aufgabe machten. die jünger waren als 36 Jahre. wurden. Und 224 195 waren älter als 60. Und alle erlebten sie ihr politisches Engagement zugleich als individuellen Aufbruch. Immer vorwärts. die viel umfassender ist: eines Generationenbruchs. „gegen meine blöde SPD“. in einem Bierzelt im bayerischen Mallersdorf 1994. HELLER / ARGUM . Die Jusos hielten die Brücken zu den Altersgenossen offen. dem umfassendsten Führungsgremium der SPD. Jeder redet im Vorstand über sein Beet im Schrebergarten des Lebens und achtet sorgsam darauf. Sie sind lediglich die extremen Symptome einer Lähmung. Sie sind trinkfest geworden und haben gelernt. Der Kieler Sozialdemokrat Hans-Peter Bartels benennt so die Tatsache. Die Genossin Ruth Winkler. Allein Johannes Rau. daß die SPD auf nahezu allen Ebenen von einer schmalen Alterskohorte der Nachkriegsgeneration dominiert wird. bestanden später auf ökologischem Umbau und öffneten die Gremien – was auf den Partei- 28 DER SPIEGEL 46/1995 F. gibt es praktisch nur eine Altersgruppe: jene Kriegs. Er hat „diesen uralten Laden“ (Schröder) entscheidend verjüngt und modernisiert. läßt sich gewiß nicht behaupten. die als Jüngste im Alter von 34 Jahren in den Vorstand gewählt wurde. „Das Machtzentrum der Partei sind die gewählten Gremien“. wie es Renate Schmidt sarkastisch ausdrückt. sechs älter – variieren um zwei bis drei Jahre. sondern auch durch Funktionsträger und gewählte Frauen und Männer aller Ebenen. Regionen und Interessenbündnisse. der – ganz wie seine innerparteilichen Konkurrenten – den avantgardistischen Anspruch der überschwenglichen frühen siebziger Jahre durch Standhaftigkeit im innerparteilichen Wettbewerb aufrechterhält. mit dem sie vor einem Vierteljahrhundert die Türen zur Partei aufzutreten bereit waren. Man mag sich zwar fragen. Auf der Vorstandstribüne des Parteitages ist das Phänomen in dieser Woche zu besichtigen. Diskussionen? Konzepte? Sachliche Statements? Faire Auseinandersetzungen? Jeder ist sich selbst der Wichtigste. keiner ist unter 35. sich gegen beunruhigende Neuigkeiten durch den Aktionismus eines 14-Stunden-Tages abzuschirmen. WALTER / X-PRESS Genossinnen Wieczorek-Zeul. DEUTSCHLAND sachen der Führungskrise. sagt noch heu- R. Ihre Aufregungen und Entrüstungen sind seit langem ritualisiert. zählt mehr als 60 Jahre. Schmidt*: Immer vorwärts gegen „meine blöde SPD“ Noch immer spannt sich die Mitgliedschaft der Volkspartei SPD über alle Generationen. die zwischen 1938 und 1948 geboren * Auf Tahiti im September. mochten –. scheidet nun – als immer noch Jüngste – mit 41 aus. Daß diese Generation sonderlich progressiv gewesen wäre. Alle sind sie kurz vor oder nach 1968 in die SPD eingetreten. wären die nicht längst sperrangelweit offen ge- te Rudolf Scharping. aber am 31. Dezember 1994 zählte die Partei unter ihren damals 849 374 Genossinnen und Genossen noch immer 128 041. Die intellektuellen Wortführer unter den jungen Genossen dienten als Moderatoren für die neuen sozialen Bewegungen in der Gesellschaft. ist ihnen als Attitüde geblieben.

Mit Kerstin Griese. links. Viel zu früh vom Alltag abgeschottet. Außer im klassisch-gewerkschaftlichen Traditionsgebiet Nordrhein-Westfalen prägen sie schon seit Jahren den Diskussionsstil der SPD. als sie ohnehin ist. daß sie weder mit der Studentenrevolte von 1968 noch mit den Juso-Spielchen der siebziger Jahre direkt etwas zu tun gehabt hätten – der ritualisierte Sog der Mehrheit ist jedoch stärker. verloren sie das Gespür für ihre Mitmenschen. sich den Generationskonflikt mit den Nachwachsenden zu ersparen. hat Rudolf Scharping erkannt: „Wir um die 50 haben jetzt die eigentliche Aufgabe. Solche Hinweise. die längst zu krampfhafter Pose erstarrt ist. kriegt er darauf von der neuen JusoChefin zu hören. als die Partei in den frühen achtziger Jahren noch viele Regierungsjobs in Bonn zu verteilen hatte. Das verletzende Klima etwa? „Ja. der nicht wieder antreten soll für den Vorstand. hat den Machtvormarsch der Enkelgeneration gewiß befördert. keine zündende Reformidee. „sie fänden sich im Alltag wunderbar zurecht. 25. Ihr Tonfall und ihr Habitus haben der Partei eine Aufsteigerdynamik aufgenötigt. Sie merken aber nicht einmal mehr. fragt skeptisch. gegen den nun die Pfeile der Rivalen aus den Ländern gerichtet sind. Kiel. Daß sich aber ihr Gesichtskreis durch den Blick von den heimischen Kirchtürmen erweitert hätte.9 Prozent aller SPD-Mitglieder in der Bundesrepublik DER SPIEGEL 46/1995 29 . „Sie behaupten zwar alle“. vergreister und starrer wirkt. Solche Entkernungen der Individualität gehören zu den paradoxen Ergebnissen des Erfolgszwanges dieser Politiker. Sind sie nicht noch genauso lümmelhaft provokant wie eh und je? Sind sie nicht noch heute so chaotisch und großmäulig wie einst? Nennt man sie nicht wegen ihrer Lebenskunst die ToskanaFraktion? Es ist dieser Generation gelungen. Keine soziale Gegenbewegung. Sie verkörpern den Erfolgstypus. „Wenn ihr Enkel daran denkt. kein außenpolitischer Anstoß ist aus Hannover. bleiben gleichwohl ohne Eindruck. durften sie. unterstützen. was sich durch Verjüngung wohl ändern solle.tagstribünen in Mannheim eher optisch als politisch erkennbar sein wird – für die Mitwirkung von Frauen. bekämpft werden. 28. die sich zunehmend miteinander vom Rest der Welt isolieren. „wie schnell sich diese Burschen von der Universität weg an die Macht gewöhnt haben“. „bis die ersten mit der Bahre rausgetragen werden?“ In Wahrheit hält sich mit einem Durchschnittsalter von 50.“ In Mannheim wird der Vorstand verjüngt werden. immer nur die besten Tomaten aussucht. sie bestimmen die Lebensart. mit denen ihr in den siebziger Jahren Politik gemacht habt“. die sie natürlich vom Fernseher kennt. Posten zu besetzen. „Mittelmaß“. Die Realität bietet sich den Elitegenossen nur in vorsortierter Form dar. hat ein Parteifreund in der Bonner Parteizentrale beobachtet. Natürlich gibt es Ausnahmen. Der Umgangston dieser Politikergeneration wirkt rüde. So jung. ist auch im Bundestag Landespolitiker geblieben. 22. ganz systematisch ge jugendliche Gestus der Führungsriege. politisch bewußt und lebensfroh wie die Jungen heute fühlen sich „Die SPD auf dem Weg zum Parteitag“ die um 30 reinzuholen in die politische Verantwortung. läßt sich nicht behaupten. Mainz oder Saarbrücken zu vermelden. wie der Genosse Schröder verächtlich mitteilt. die sich aus der Auslieferung der Partei an seine Generation ergeben. aus Brandenburg unlängst dem Parteivorsitzenden vor. Die risikobereiten Altersgenossen und die ihnen folgende politische Generation auf Distanz zu halten war leicht.5 Jahren im Stichjahr 1991 das Altersniveau im SPDVorstand nur unwesentlich über dem in den Spitzengremien der Wirtschaft oder der Medien. Doch die Gefahren. Da die sich bei den Gr ünen in einem organisierten Konkurrenzunternehmen zusammenfanden. daß sie sich innerparteilich vollständig durchgesetzt haben. dann denkt ihr nur an die. Daß sich etwa Rudolf Dreßler oder Oskar Lafontaine oder Renate Schmidt vom „spontihaften Gerede“ (Dreßler) oder von der Neigung zum „Abmessern“ (Scharping) ihrer Kollegen allzu sehr unterschieden. Die Bundestagsfraktion ist nach der langen Oppositionszeit ausgedünnt. Waren 1974 noch 30. daß ihnen die Marktfrau. willst du denn warten“. parteipolitisch legitimiert. die inzwischen schon mitreden darf. kopfnickend und wohlwollend zur Kenntnis genommen. Ihr Pech ist. Die nächsten Jahrgänge in der eigenen Partei nahmen die ewigen Berufsjugendlichen schon gar nicht mehr wahr. Mindestens ein Drittel der altersgleichen SPD-Vorständler behaupten von sich. ihre Umgangsformen sind oft rüpelhaft. Doch bewirkt der krampfi- Hamburger Abendblatt die braungebrannten Alterslosen in den Führungsebenen noch allemal.“ Daß sich mit dem Ende der SPDHerrschaft in Bonn Karrieren und politische Spielräume in den Ländern öffnen. 23. warf Hubertus Heil. Mit Erstaunen hat der Freiburger Politologe Dieter Oberndörfer registriert. Und der Mann im Zentrum. aus Nordrhein-Westfalen sollen noch zwei Jusos der neunziger Jahre ihre Vorsitzende Andrea Nahles. Er ebnet persönliche Unterschiede ein. Norbert Gansel aber. daß die Partei noch immobiler. würden sie wohl nicht einmal selbst behaupten. und Benjamin Mikfeld. Aus Bonn kommt erst recht nichts.

die in diesen Wochen landauf.G e s p r äc h „Aus der Deckung“ SPD-Vize Oskar Lafontaine über den Mannheimer Parteitag Lafontaine beim SPIEGEL-Gespräch*: „Ohne Darstellung ist alles nichts“ SPIEGEL: Herr Lafontaine. Mainz und Stuttgart durchschlägt? Lafontaine: Ich habe in der vergangenen Woche mit anderen ein Wirtschaftspapier vorgelegt. Sie erinnert der persönliche Ehrgeiz ihrer Kollegen an das Märchen vom „Fischer und sin Fru“. DARCHINGER . spottet Oskar Lafontaine. betrachten die Jusos in einem Thesenpapier als „medialen Showdown eines schleichenden Auflösungsprozesses der SPD als Mitgliederund Reformpartei“. SPIEGEL: Voscherau hatte speziell Schröder und Sie im Auge. aus der Deckung herauszukommen. die Steuerverhandlungen mit der Bundesregierung aufgenommen. von vor Godesberg“. meint der Schröder-Vorgänger bei den Jusos. die längst Väter und Großväter sind. SPIEGEL: Wird man Ihnen nicht Unt ätigkeit oder Feigheit vorwerfen. wieder im Pißpott. DEUTSCHLAND unter 36 Jahre. Im Jahr 1995 sind den Sozialdemokraten nicht nur die Wähler. Daß in dieser Situation Gerhard Schröder als Herausforderer seinem Parteirivalen Scharping einen Wettbewerb um Fernseh-Popularität aufnötigen will. . stellte: „Die Enkel haben viel vergurkt“ und von Ihnen beiden verlangte. wie ein Genosse klagt. sondern bisher auch 20 000 Mitglieder weggelaufen. der heute Schatzmeister der SPD in Berlin ist. SPIEGEL: Warum geben Sie sich mit einer Lösung zufrieden. SPIEGEL: Warum schafft es die SPD nicht mehr. Als ob es ein Delikt wäre. muß dafür sorgen. Und doch könnte es sich als ein Irrtum der Medienstars erweisen.. mit echten Tränen und falschem Efeu. Langweilig? Unoriginell? Vorgestrig? Die bayerische SPD-Vorsitzende Renate Schmidt – im Talkshow-Business eine Zugnummer – hat gerade schmerzlich die Differenz zwischen persönlichen Popularitätswerten und Prozentpunkten für die Partei kennengelernt. wie die. zusammenhalten und zum Erfolg führen will“. mit ihren Themen anzukommen? Lafontaine: Die SPD hat ein modernes Programm . Gerechtigkeit und Solidarität nicht nur Phrasen sind. Klaus-Uwe Benneter. sind es 1994 noch 15. folgen Sie den Empfehlungen von Henning Voscherau und Heide Simonis und treten auf dem Mannheimer Parteitag doch noch zur Wahl um den SPD-Vorsitz an? Lafontaine: Der Parteivorstand hat einstimmig Rudolf Scharping zur Wiederwahl vorgeschlagen. daß es respektiert wird. warnt Erhard Eppler. zumal eine linke. „muß auf das Verbindliche setzen. und ich führe ein SPIEGEL-Gespräch. wehrt sich der Niedersachse. wenn der negative Bundestrend im März auch noch auf die Landtagswahlen in Kiel. landab ihren 50. Die Partei. Über Personalia rede ich in den Parteigremien. Haben denn nicht auch die Alten gestritten. Als ob man in der Ego-Gesellschaft der Postmoderne noch den traditionellen Schulterschluß der Genossen aus der antikapitalistischen Kampfzeit einfordern könne.“ S P I E G E L . daß die Fetzen flogen? Mit Legenden soll keiner den Machern von heute kommen. wenn sie ihre Seifenopern-Popularität mit politischem Gewicht verwechseln. 32 DER SPIEGEL 46/1995 FOTOS: J. Lafontaine: Ich bin mehrmals aus der Deckung hervorgekommen. . So mag es sein. Traditionsfahnen und Kleinbürgermuff – „die gibt es in Wahrheit gar nicht mehr“. die Sie doch kaum für die beste halten? Lafontaine: Ich habe für einvernehmliche Lösungen bei der Verteilung von Aufgaben in der Führung plädiert. bei der Außenpolitik.“ Daß der SPD die Begriffe Freiheit. die auch immer mehr und mehr und mehr wollte: „Am Ende sitzen wir. „Wer eine Volkspartei. mit den Medien umgehen zu können. habe die Partei in ihrer Geschichte durch leidvolle Schicksale bewiesen. . den alten. als er fest* Das Gespräch führten die Redakteure Olaf Ihlau und Klaus Wirtgen. geht zu weit. 48. Bei Wahlen erreichen die Sozialdemokraten nur noch jeden dritten bis fünften Jungwähler. sondern auch viele mit blauen. SPIEGEL: Einvernehmen schließt eine Kampfkandidatur gegen Scharping aus? Lafontaine: Einvernehmen ist besser als eine Kampfkandidatur.1 Prozent. Mir bei soviel Fleiß Unt ätigkeit vorzuwerfen. H. Geburtstag nach der Wiedergründung feiert. Einladend wirken die Enkel. der Energiepolitik und der Wirtschaftspolitik. auf den Nachwuchs wahrlich nicht. „Nicht nur solche mit roten Parteibüchern.