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ALEXANDER SOLSCHENIZYN

Der Unbeugsame
Alexander Solschenizyn, Russlands geschichtsmächtiger Schriftsteller porträtierte in seinen umfangreichen Romanen das Sowjet-Reich. Im Westen wurde ihm 1970 dafür den Nobelpreis verliehen, in der UDSSR geriet er zunehmend unter Druck. Nach dem Roman "Archipel Gulag" aber musste er 1974 ins Exil flüchten. Dreimal hat der SPIEGEL in den letzten beiden Jahrzehnten mit Nobelpreisträger sprechen können: 1987 an seinem amerikanischen Exilort Vermont - wo Herausgeber Rudolf Augstein mit ihm über die Russische Revolution diskutierte, 1994 nach seiner triumphalen Rückkehr in die Heimat und 2000, kurz nachdem Wladimir Putin russischer Premier geworden war. Obwohl Solschenizyn seit Jahren schon keine Journalisten mehr empfängt, machte er für den SPIEGEL 2007 noch einmal eine Ausnahme für ein viertes Gespräch.

REUTERS Alexander Solschenizyn, 1995

Ausland

„Mit Blut geschrieben“
Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn über die verhängnisvolle Geschichte seines Landes, das Versagen der Reformer Gorbatschow und Jelzin, die Enttäuschung über die Politik des Westens und seine Haltung zu Glaube und Tod
SPIEGEL: Alexander Issajewitsch, wir treffen Sie mitten bei der Arbeit. Sie scheinen mit Ihren 88 Jahren unverändert pflichtbewusst, obwohl Ihre Gesundheit es nicht mehr zulässt, dass Sie sich frei im Haus bewegen. Woher nehmen Sie diese Kraft? Solschenizyn: Es ist eine innere Triebfeder, schon seit meiner Geburt. Ich habe mich immer mit Vergnügen der Arbeit hingegeben, der Arbeit und dem Kampf. SPIEGEL: Wir sehen hier allein vier Schreibtische. In Ihrem neuesten Buch, das Ende September in Deutschland erscheint, erinnern Sie daran, dass Sie sogar während Ihrer Spaziergänge im Wald geschrieben hätten*.
* Alexander Solschenizyn: „Meine amerikanischen Jahre“. Aus dem Russischen von Andrea Wöhr und Fedor Poljakov. LangenMüller Verlag, München; circa 450 Seiten; 29,90 Euro. Das Gespräch führten die Redakteure Christian Neef und Matthias Schepp.

SPI EGEL-GESPRÄCH

Solschenizyn: Als ich im Lager war, habe ich

auch auf einer Steinmauer geschrieben. Ich habe mit Bleistift ein Stückchen Papier bekritzelt, mir dann den Inhalt eingeprägt und den Zettel anschließend vernichtet. SPIEGEL: Und diese Kraft hat Sie selbst in Momenten größter Verzweiflung nicht verlassen? Solschenizyn: Es kommt, wie es kommen muss. Und am Ende kam manchmal sogar etwas Gutes dabei heraus. SPIEGEL: So werden Sie kaum im Februar 1945 gedacht haben, als der Militärgeheimdienst den Hauptmann Solschenizyn in Ostpreußen festnahm – weil der Feldpostbriefe mit abfälligen Bemerkungen über Josef Stalin geschrieben hatte. Das brachte Ihnen acht Jahre Straflager. Solschenizyn: Das war südlich von Wormditt. Wir hatten uns gerade aus einem Kessel der Deutschen gelöst und marschierten auf Königsberg zu. Da verhafteten sie
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mich. Aber der Optimismus hat mich nicht verlassen. Genauso wenig wie die Überzeugungen, die mich vorantrieben. SPIEGEL: Welche Überzeugungen? Solschenizyn: Sie haben sich mit den Jahren natürlich weiterentwickelt. Aber ich war immer von dem überzeugt, was ich tat, und habe nie gegen mein Gewissen gehandelt. SPIEGEL: Als Sie vor 13 Jahren aus dem Exil zurückkehrten, waren Sie von der Entwicklung im neuen Russland enttäuscht. Sie lehnten den Staatspreis ab, den Michail Gorbatschow Ihnen angeboten hatte, genauso wie den Orden, mit dem Boris Jelzin Sie ehren wollte. Jetzt aber haben Sie den russischen Staatspreis akzeptiert, den Vladimir Putin Ihnen antrug – ein ehemaliger Chef jenes Geheimdienstes, der den Schriftsteller Solschenizyn so brutal verfolgte und drangsalierte. Wie passt das zusammen? Solschenizyn: Ein Preis für den „Archipel Gulag“ wurde mir 1990 in der Tat angebo-

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JURIJ FILISTOW

Sturm des Winterpalastes in Petrograd (im Oktober 1917)*: „Dieser Staatsstreich hat Russland das Rückgrat gebrochen“

ten. Allerdings nicht von Gorbatschow, sondern vom Ministerrat der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, damals ein Bestandteil der Sowjetunion. Ich habe abgelehnt. Ich konnte keine persönliche Ehrenbekundung akzeptieren für ein Buch, das mit dem Blut von Millionen Menschen geschrieben worden war. 1998, am Tiefpunkt des nationalen Elends, erschien mein Buch „Russland im Absturz“. Damals ordnete Jelzin persönlich an, mich mit dem höchsten Staatsorden auszuzeichnen. Ich habe geantwortet, dass ich keine Auszeichnung von einer Staatsmacht annehmen könne, die Russland an den Rand des Ruins getrieben hat. Der mir jüngst verliehene Staatspreis aber wird nicht persönlich vom Präsidenten vergeben, sondern von einer angesehenen Expertengruppe, der russische Forscher und Kulturschaffende von tadellosem Ruf angehören, Menschen, die in ihren Bereichen absoluten Respekt genießen. Der Präsident als erste Person im Staat händigt diesen Preis am Nationalfeiertag aus. Als ich die Auszeichnung entgegennahm, äußerte ich die Hoffnung, dass die bitteren Erfahrungen Russlands, deren Studium und Wertung ich mein ganzes Leben gewidmet habe, uns vor neuen unheilvollen Abstürzen schützen mögen. Ja, Wladimir Putin war ein Geheimdienstoffizier, da haben Sie recht, er war jedoch

kein KGB-Ermittler und kein Lagervorsteher im Gulag. Die Nachrichtendienste, die für Auslandsaktivitäten zuständig sind, werden in keinem Land niedergemacht, in manchen werden sie sogar gefeiert. Niemand ist auf die Idee gekommen, George Bush senior dessen frühere Tätigkeit an der CIA-Spitze vorzuwerfen. SPIEGEL: Ihr ganzes Leben lang haben Sie die Staatsmacht angesichts der Millionen Opfer des Gulag und des kommunistischen Terrors zur Reue aufgerufen. Ist dieser Ruf wirklich erhört worden? Solschenizyn: Ich habe mich daran gewöhnt, dass öffentliche Reuebekundungen politischer Persönlichkeiten heute wohl das Allerletzte sind, was man von ihnen erwarten darf. SPIEGEL: Da sind wir wieder bei Putin. Russlands heutiger Präsident bezeichnet den Zusammenbruch der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Er sagt, man solle mit der selbstquälerischen Vergangenheitsbetrachtung Schluss machen; „von außen“ werde versucht, Russland in ungerechtfertigter Weise „Schuldgefühle“ anzuhängen. Kommt das nicht jenen entgegen, die ohnehin gern vergessen möchten, was zu Sowjetzeiten im Land geschah?
* Gemälde von Pawel P. Sokolow-Skalja. d e r s p i e g e l 3 0 / 2 0 0 7

Solschenizyn: Mit dem Hinweis „von

außen“ hat er nicht unrecht: Sie sehen doch, dass überall in der Welt die Sorge darüber wächst, wie die USA ihre neue Monopolrolle als führende Weltmacht auszufüllen versuchen – auch auf Kosten Russlands. Was die „selbstquälerischen Vergangenheitsbetrachtungen“ angeht, so werden die Begriffe „sowjetisch“ und „russisch“ leider bis heute gleichgesetzt. Schon in den siebziger Jahren habe ich dagegen argumentiert. Doch alle, der Westen, die Länder des ehemaligen sozialistischen Lagers, die ehemaligen Sowjetrepubliken, gehen mit diesen Begriffen leichtfertig um. Die alte Politikergeneration in den früher kommunistisch regierten Ländern empfindet überhaupt keine Reue. Und der politische Nachwuchs nimmt mit seinen Anschuldigungen und Ansprüchen immer die bequemste Zielscheibe ins Visier – das heutige Moskau. So, als ob sich diese Leute heldenhaft ganz allein befreit hätten und nun ein neues Leben führen, während Moskau kommunistisch geblieben sei. Ich hoffe, dass diese krankhafte Haltung bald der Vergangenheit angehört. Alle Völker, die den Kommunismus leidvoll ertragen mussten, sollten ihn als die wahre Ursache für die bitteren Erfahrungen in ihrer Geschichte erkennen. SPIEGEL: Die Russen inbegriffen.
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NOWOSTI / ULLSTEIN BILD

ist jetzt 90 Jahre her. Haben wir Sie da richtig Länder Osteuropas wie die eheverstanden? maligen Sowjetrepubliken würden ihre instinktive Haltung Solschenizyn: Nein. war die Februar-Revoluso zugänglich wie noch in den tion. MosRevolution von 1917 ausgegeben kaus Archive seien nicht mehr wird.Verantwortung für einen Schiffbruch traauch zu Dokumenten verschaffen.versucht. der Komprowerden veröffentlicht. Der deutlichste lichen Archiv der Russischen Föderation. was ich auch in meidepots und Archive wurden für nem epischen Werk „Rotes Forscher zugänglich gemacht. In den Jahren 2004 und 2005 der Machthaber. als man es sich wünscht. Lenin wäre demnach eine sere Vergangenheit nüchtern sezufällige Figur. die für sie früher wie vor für Privatpersonen wie für For. Er war es. Diese Regime haben und den sich der auf den konnten sich nämlich nur durch Fortschritt fixierte Westen völlig den blutigen Terror in Russzu eigen gemacht hat. Es kann nicht lichkeiten.„Zweihundert Jahre zusammen“ haben Sie mittlungsakten übergeben. Leute von Einfluss veröffentlichte das Staatliche Archiv der misse völlig undenkbar machte. was mit der machen. Unbestritten ist. Ihre Ursachen lagen tatneunziger Jahren. den sich die Bolschewiki werden. sächlich in den Verhältnissen. In den letzten Jahren SPIEGEL: Schade nur.Artikel Ihre These bekräftigt. Vor weni. verläuft leider wesentlich langsa. dann von der Oktober. sondern erst die bür. Lenin und Trotzki angehen. einen Tag konzipiert. Wer soll eine größere Alexander Jakowlew konnten sich Zugang habe mit den Autoren zusammengearbei.und Er. In erster Linie war Sie konnten Hunderttausende das ein lang angestauter und geDokumente studieren. auch die Tabuisierung der rusSolschenizyn: Wenn wir alle un- 98 d e r s p i e g e l 3 0 / 2 0 0 7 RIA NOWOSTI / AKG . und ich habe nie dass Russland in den letzten 20 etwas anderes behauptet. Am zess. dass persönliche Greuwaren äußerst gerissene und taeltaten von konkreten Führern tendurstige Politiker. dass es denkbar gen als der Kapitän? Die Voraussetzungen nen der Stempel „Vertraulich“ nicht ent.vollständig und glaubwürdig ist.Revolution erschüttert wurde. Oktober 1917 gab es in Nur eine eigenständig erkannte Petrograd einen gewaltsamen Schuld kann Unterpfand für Staatsstreich.dass Lenin eine zufällige Figur oder dass kommt niemand mehr an die vertraulich akten der Nomenklatura aus dem Innen. Damals hat der FSB hervorgegangen sei. ihnen für ihre wertvollen Veröffentlichun. sie sind nach renski 1917 den Kommunisten die Mög. Ich will Sie Volkes und seines Staates ervor allem in einem Punkt korriklärt oder auf die angeblich gieren: Die sogenannte Oktokrankhafte Psyche des russiber-Revolution – das ist ein Myschen Volkes zurückgeführt thos. sie Schritt für Schritt zugänglich zu gesperrt sind.die finanzielle Beteiligung des deutschen zu behandelnden Papiere heran. Es wird für die Februar-Revolution ergaben sich fernt worden war. land halten. Ich dem Machtapparat. Die wie der Militärhistoriker Dmitrij Wolko. Er war eher für eine nationale Genesung sein.genteil: Dieser Staatsstreich hat Russland Trotzdem sind Unterlagen aus dem Staat. von de. Und zwar von Leo Trotzki.das Rückgrat gebrochen.ministerium und der Geheimpolizei weiter Kaisers Wilhelm unwesentlich war. von der Februar-. gen Monaten haben Sie in einem großen Beweis dafür ist der rote Terror – die Bedem wichtigsten und reichsten Archiv un.Ausland lichkeit zum Umsturz verschafft habe. wonach der reitschaft der Revolutionsführer. Der Pro. Die Jahren eine Archivrevolution Februar-Revolution hatte tiefe erlebt hat. Alexander Issajewitsch. Sie nutzoder politische Regimeverbreten die Ratlosigkeit der Kerenchen zur Schuld des russischen ski-Regierung aus. SPIEGEL: Schuld zu erkennen denn Lenin musste sich in jenen setzt voraus.gerliche Regierung unter Alexander Ke. Und die konnte. dass Russland zuerst Natur Russlands zu erklären wäre – im Gemer. Was jetzt für die Russische ker aber klagen darüber. Daraus folgt allerdings überhaupt nicht. genügend InforTagen noch wegen Hochverratsmationen über die eigene Verbeschuldigungen versteckt halgangenheit zu besitzen. Solschenizyn: Das ist keine eindie im damaligen Russland fache Frage.Ländern verwendet. würde auch in die Unterstützung der Deutunserem Land die Nostalgie schen nach Russland gelangte nach sowjetischen Verhältnissen und die Macht an sich reißen längst zu Ende sein.SPIEGEL: Mit dem zweibändigen Werk diesem Archiv 100 000 Gerichts. den neunziger Jahren.genseitiger Hass der Bildungsschicht und verschlossen waren. es Oktober-Umsturz ist nichts.tet und kann bezeugen. das vermöWeg Russlands als Quelle allen gen nur herausragende PersönÜbels zu sehen. heute so zugänglich wie in Kommunismus nicht aus dem alten Regime im eigenen Blut zu ersäufen. Russland seres Landes. dass die Personal. herrschten. die erst durch hen könnten. Hunderte Studien scher offen. Tausende AktenWurzeln. Historiten. Eine Mögüberwinden. Es ist offensichtlich: Am 25. wie es im Westen oft nach ihrem Sieg zurechtgelegt genug getan wird.Russischen Föderation eine siebenbändige Hauptverantwortung lastet natürlich auf gonow und das frühere Politbüro-Mitglied „Geschichte des Stalinschen Gulag“. Lagerhäftling Solschenizyn (um 1950): „Nie gegen mein Gewissen“ Rad“ zeige. den historischen lichkeit zu nutzen. halb sind eher kontraproduktiv. methoStändige Vorwürfe von außerdisch aber brillant vorbereitet. gen dankbar sein. Die Gesellschaft muss heute von Forschern aus verschiedenen aus dem damaligen russischen Regime.

vor Gott. geschaffen vom Weltkapital“ bezeichnen. Die Verantwortungslosigkeit Jelzins gegenüber unserem Volk war um keinen Deut geringer. die wie wilde Tiere wüteten. sondern vor sich selbst und vor seinem Gewissen. die mit mir nicht einverstanden sind. nur erstreckte sie sich auf andere Bereiche. Er war bestrebt. Es zeigte von innen heraus den menschenverachtenden Charakter der Sowjetdiktatur. Es erscheinen viele Texte und Filme über die Geschichte Russlands im 20. dass es Gorbatschow war und nicht Jelzin – wie allerorts behauptet wird –. war der „Archipel Gulag“.. Wie beurteilen Sie die Zeit. Solschenizyn: Ich war auch überrascht und beeindruckt von der Leidenschaftlichkeit. denn das zeigt. Das war keine Machtausübung. Schuldanteile abzuwiegen oder die moralische Verantwortung des einen oder anderen Volkes zu vergleichen. Jahrhunderts war etwas – und da zitieren wir sinngemäß Alexander Solschenizyn –. Sonst kann es auch keinen wohlüberlegten Weg in die Zukunft geben. die nach meinem Beitrag über die Februar-Revolution in Russland aufkam. dass es Leute gibt. für die unzurechnungsfähigen Revolutionssoldaten und für die Matrosen. dass sie langsam damit beginnen. weil Sie die Juden als „Frontabteilung. So wie auch wir Russen die Verantwortung für die Pogrome tragen müssen. Unter anderem deswegen. worauf Sie mit Ihrer Frage hinauswollen: Ich will niemanden dazu auffordern. wie d e r s p i e g e l 3 0 / 2 0 0 7 sehr dieses Werk zum weltweiten Scheitern des Kommunismus beigetragen hat? Solschenizyn: Diese Frage sollten Sie nicht an mich richten – es ist nicht Sache des Verfassers. Um sich die Unterstützung der Regionalfürsten zu sichern. Allerdings muss man einräumen. In meinem Buch können Sie eine Antwort auf Ihre Frage finden: „Ein jedes Volk hat die moralische Verantwortung für seine Vergangenheit zu übernehmen – auch für die schmachvollen Seiten. in dem sich das jüdische Volk der Verantwortung für seine revolutionären Mordgesellen und deren dienstwillige Chargen. forderte er sie 99 MISHA JAPARIDZE / DPA A. der unseren Bürgern zum ersten Mal die Meinungsund Bewegungsfreiheit gab. Lässt sich heute mit dem Blick zurück sagen. stellen muss. wobei es um Milliardenbeträge ging. zu begreifen: Warum hat man so etwas zugelassen? Worin lag hier unser Fehler? Könnte dies wieder geschehen? Dies ist der Geist.“ SPIEGEL: Ihr wirkungsvollstes Buch. und dies nicht vor den Augen anderer Völker. und er hat Russlands Reichtümer zum hemmungslosen Raub freigegeben. vom Ausmaß und von der Länge der Diskussion. sich über ihren Weg bewusst zu werden. Jahrhundert. das Russland gewissermaßen stellvertretend für die Menschheit durchlaufen musste. Aber die Nachfrage steigt – das ist sichtbar. solche Urteile zu fällen. Haben Sie Ihrem Quellenstudium tatsächlich entnehmen können. Ich fordere Leute auf. staatliches Eigentum möglichst rasch in private Hand zu geben. sondern ein sinnloser Verzicht auf Macht. Durch die Begeisterung des Westens fühlte er sich in dieser Verhaltensweise bestätigt. für die erbarmungslosen. in der Putin in Russland regiert – im Vergleich zu seinen Vorgängern.Parteichef Gorbatschow (r. die sich so leicht anheuern ließen. Mich freut es. den Präsidenten Gorbatschow und Jelzin? Solschenizyn: Am Führungsstil von Gorbatschow überraschen die politische Naivität. Gerade erst zeigte der staatliche Fernsehkanal „Russland“ eine furchterregende. von sehr unterschiedlicher Qualität natürlich. brutale und überhaupt nicht abgemilderte Wahrheit über die Stalinschen Lager in einer Fernsehserie nach Werken von Warlam Schalamow … SPIEGEL: … der selbst 18 Jahre im Gulag saß. die im Westen eher Irritation auslösten. brandschatzenden Bauern. dass die Juden mehr als andere moralische Verantwortung für das missratene Sowjetexperiment tragen? Solschenizyn: Ich möchte genau das vermeiden. Auf welche Weise kann es dies tun? Indem es den Versuch macht. Haben die Russen aus den zwei Revolutionen und ihren Folgen eine bestimmte Lehre zu ziehen vermocht? Solschenizyn: Mein Eindruck ist. NOGUES / SYGMA . 1990): „Politische Naivität und Verantwortungslosigkeit“ Präsident Jelzin (1999): „Zum hemmungslosen Raub freigegeben“ sisch-jüdischen Geschichte aufzubrechen – Bücher. die bei der Zerstörung der bürgerlichen Ordnung vorangingen. SPIEGEL: All Ihren jüngeren Äußerungen zur aktuellen Entwicklung entnehmen wir. SPIEGEL: Die dunkle Erfahrung des 20. scheint uns. dass Sie Russland langsam wieder auf dem richtigen Weg sehen. dass man endlich wirklich die eigene Vergangenheit begreifen möchte. mangelnde Erfahrung und Verantwortungslosigkeit gegenüber seinem Land. dass die Meinungen so verschieden waren.

was möglich war – und möglich war eben ein langsamer. die ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe. die die Machtergreifung nicht als ihr Ziel sieht. dass es in Russland nach wie vor keine konstruktive. Das ist doch ein Rückschritt! Solschenizyn: Ja. dass 100 Russland eine lokale Selbstverwaltung braucht. doch ich verstehe nicht die Natur von politischen Parteien. der eine gesunde Entwicklung Russlands anstrebt. Zur Jelzin-Zeit wurden alle Möglichkeiten der lokalen Selbstverwaltung schon durch Gesetze blockiert. meinen Sie sicherlich jene demokratischen Parteien. ein Mittelstand formiert sich. Uns wundert aber vor allem eines: Wenn es um die richtige Staatsform in Russland ging. wenn sie schlecht gearbeitet haben. Offensichtlich braucht es mehr Zeit. mit jenen regionalen Machtstrukturen von einigen Dutzend Gouverneuren. der auch einen Namen besitzt. die auf politischen Überzeugungen beruht. überschaubare und zahlenmäßig starke Opposition gibt. Ich bin auch heute zutiefst bedrückt darüber. ersetzt man damit die einzige glaubwürdige Auswahl eines Volksvertreters: eines Kandidaten mit einem konkreten Namen durch einen Wähler. SPIEGEL: Russland ist in den letzten Jahren durch Öl und Gas reich geworden. Im Gegenteil. Können Sie überhaupt Beispiele aus der Geschichte nennen. Vereinigungen von Kooperativen. Was wundert es. Die nämlich wissen dann um ihre persönliche Verantwortung in den Regionen und Kreisen. Wenn man über anonyme Parteiprogramme und Parteibezeichnungen abstimmt. Was wir nach sieben Jahren Putin-Herrschaft sehen. Damit wurde Russland seiner wohlverdienten historischen Rolle und seiner Stellung auf dem internationalen Parkett beraubt. Bei einer unbewaffneten Machtergreifung ist das nicht anders. mehr Entscheidungen an die Bevölkerung vor Ort zu delegieren. und die würden von den Vertretern der politischen Parteien dominiert. ich halte das für einen Fehler. dass man Vorteile für sich will. Doch Sie verwechseln in Ihrer Frage die lokale Selbstverwaltung. ich habe stets darauf bestanden und bestehe noch darauf. ist genau das umgekehrte Ergebnis: Der Präsident besitzt die ausschließliche Macht. Eine Bindung. dass es kaum noch Opposition gibt. Nach Putins Wahlrechtsreform gibt es überhaupt keine Direktmandate mehr. Wie zu Jelzins Zeiten bilden eigentlich nur die Kommunisten eine richtige Opposition. Allerdings geht es auch hier voran.und Berufsorganisationen. auf Kosten der restlichen Bevölkerung. Diese Bemühungen wurden nicht gleich bemerkt und erst recht nicht gewürdigt. Eine Opposition gibt es kaum. Jetzt ist die Staatsmacht bereit. Leo Trotzki sagte noch in der Zeit des Oktober-Umsturzes sehr treffend: „Eine Partei. in der Duma säßen nur zur Hälfte direkt gewählte Abgeordnete. Was vom Westen mit lautstarkem Applaus quittiert wurde. ließ Beschlüsse verabschieden. Darin besteht der ganze Sinn einer wahren Volksvertretung. bei dem wahre Volksvertreter unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit gewählt werden. SPIEGEL: Das können wir schwer nachvollziehen. muss nicht notwendigerweise stabil sein. So wie man Zeit braucht. die nur auf der untersten Ebene denkbar ist – wo die Leute die von ihnen gewählten Verwalter persönlich kennen –. Er schickte sich an. alles richtet sich nach ihm. ein einschneidender Rückgang des Lebensstandards erfasste drei Viertel aller Familien in Russland – alles unter den „Fahnen der Demokratie“. das ausgeplündert und völlig aus dem Gleichgewicht gebracht worden war. Kritische Stimmen sind in diesem Land so gut wie nicht gefragt. SPIEGEL: Bei unserem letzten Gespräch vor sieben Jahren haben Sie kritisiert. und häufig ist sie auch nicht ohne Eigennutz. mit einer großenteils entmutigten und verarmten Bevölkerung. Ich sehe und respektiere Wirtschaftsverbände. Dabei will ich diese Lösung keinesfalls dem westlichen Demokratiemodell entgegensetzen. die zur Jelzin-Zeit zusammen mit der Moskauer Zentralmacht schon die kleinsten Keime lokaler Selbstverwaltung ausrotteten.“ Das bedeutet doch. wo Bemühungen um die Wiederherstellung einer starken Staatsführung von außen wohlwollend registriert wurden? SPIEGEL: Dass ein stabiles Russland auch im Interesse des Westens liegt – diese Erkenntnis hat sich inzwischen durchgesetzt. ist nichts wert. Es ist bedauerlich. Ich will meine Mitbürger mit Beispielen von hocheffizienter Selbstverwaltung in der Schweiz und in New England überzeugen. Ich bin ein überzeugter und konsequenter Kritiker des Parteien-Parlamentarismus und Anhänger eines Systems. und sie können auch abberufen werden. wenn die Leute dann von diesen Fahnen wegliefen? Die Führer dieser Parteien können sich bis heute nicht einmal über Ministerposten in einem imaginären Schattenkabinett einigen. bis sie sich formt. Solschenizyn: Eine Opposition ist ohne Zweifel erforderlich und wird von jedem herbeigewünscht. bis andere demokratische Institutionen reifen. d e r s p i e g e l 3 0 / 2 0 0 7 . SPIEGEL: Und Putin? Solschenizyn: Putin übernahm ein Land. die es in den neunziger Jahren gab. die den russischen Staat in Stücke zerreißen sollten. Bildungs. Leider ist es noch kein System. schrittweiser Wiederaufbau. Trotzdem sind die sozialen Kontraste zwischen Arm und Reich Sibirische Dorfbewohnerin: „Die zugrundegehende Nation retten“ direkt zum Separatismus auf. territoriale Bündnisse. Doch man muss das unvoreingenommen sehen: Im Laufe der neunziger Jahre ging es der Bevölkerung ständig schlechter. das zu tun. wie langsam und ungeschickt bei uns die lokale Selbstverwaltung durchgesetzt wird. Solschenizyn: Jawohl. waren Sie immer Verfechter einer Selbstverwaltung des russischen Bürgers – dieses Modell haben Sie der westlichen Demokratie gegenübergestellt.Ausland Wenn Sie davon sprechen.

Bis dahin galt der Westen bei uns vorwiegend als Ritter der Demokratie.Prozession in Moskau (im Mai): „Gedenkgebete für die Opfer kommunistischer Hinrichtungen“ in Russland riesengroß. bessere Überlebensmöglichkeiten für kleine und mittelständische Unternehmen zu schaffen. Diese könnten durch eine militärische Bündnisgrenze im Nu zerschnitten werden. und ich glaube. Was könnte getan werden.und Gesundheitswesen umgeleitet werden. obwohl davon noch keine Spur zu sehen war. Der Westen freute sich über das Ende des lästigen Kalten Krieges und beobachtete über die Jahre der Gorbatschow. Diese Stimmung änderte sich nach dem brutalen Nato-Bombardement Serbiens. der zugleich mittelständischer Unternehmer ist. mal in Großbritannien. Als ich 1994 zurück nach Russland kam. dass dies die Vorstellung von einer Lebensweise in unserem Land ist.). Wir beobachten derzeit eine ziemliche Ernüchterung im Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. ein mit uns eng verwandtes Land. dass Russland noch keine Demokratie ist. sondern vielmehr auf einer natürlichen Ablehnung des bolschewistischen Regimes und seiner antiwestlichen Propaganda. dass die westliche Politik sich in erster Linie von Pragmatismus leiten lässt. Teile der zerd e r s p i e g e l 3 0 / 2 0 0 7 fallenen UdSSR in ihre Sphäre zu ziehen. Der richtige Weg wäre. von der die Mehrheit der Bevölkerung schwärmt. SPIEGEL: Ihm fiel wieder die alte Großmacht Sowjetunion ein … Solschenizyn: Unnützerweise. Sie beruhte nicht auf wirklicher Kenntnis oder bewusster Auswahl. mit dem wir durch Millionen familiärer Beziehungen verbunden sind. noch dazu häufig von einem eigennützigen und zynischen. und schon gar nicht sollten sie versuchen. um die Situation zu verbessern? Solschenizyn: Ich halte die Kluft zwischen Arm und Reich in Russland für eine gefahrvolle Entwicklung. Das würde auch bedeuten. Woran liegt das? Wo versteht der Westen das heutige Russland nicht? Solschenizyn: Am interessantesten sind für mich die psychologischen Gründe: In Russland wie im Westen decken sich die gehegten Hoffnungen nicht mit der Realität. Es ist doch klar. Sie kann durchaus nützlich sein. vor allem – was besonders schmerzlich war – die Ukraine. SPIEGEL: Bei alldem fühlt sich Russland oft von außen allein gelassen. diese Idee gewalttätig in die Köpfe zu pflan- zen. Es gab solche Vorstellungen mal nach dem 18. eine Abkühlung herbeizuführen – mit dem Einwand. es beginnt erst. dass Russland bereits eine junge Demokratie sei. Es wurde ein dicker schwarzer Strich gezogen. Aber schon früher hatte sich der Westen der Illusion hingegeben – oder so getan. Jahrhundert in Frankreich. Plünderung und Vergeudung auszuschließen. Man könnte zustimmen. Es ist nur 101 MARK DE FRAEYE / AKG (L. dann in den USA. die großen Unternehmen wieder zu zerschlagen – zumal deren jetzige Eigentümer sich wirklich Mühe geben. der nicht mehr auszuradieren ist. die der Staat baldmöglichst unter Kontrolle bringen muss. er geht durch alle Schichten der russischen Gesellschaft. eine demokratische Ordnung aufzubauen. habe ich versucht. als würde er das tatsächlich glauben –.) . in Deutschland. dass Russland nun fast ein Land der Dritten Welt sei und dass es für immer so bleiben werde. SERGEI CHIRIKOV / PICTURE-ALLIANCE / DPA (R. reagierte der Westen panisch – vielleicht unter Einfluss nicht ganz überwundener Ängste. dass jeder Bürger. dass wir uns nach allen kraftraubenden Verlusten für eine längere Zeit mit einer einfachen Aufgabe begnügen müssten: die zugrundegehende Nation zu retten. Als Russland wieder zu erstarken begann. SPIEGEL: Braucht Russland eine nationale Idee? Wie könnte diese aussehen? Solschenizyn: Mit dem Ausdruck nationale Idee ist kein klarer wissenschaftlicher Inhalt verbunden. Viele Russen erlebten das als einen Zusammenbruch ihrer Ideale. Auch da müssen wir lernen. effizient zu wirtschaften. Doch so etwas sollten sich nicht die Regierenden ausdenken. wäre es wohl nicht die vernünftigste Lösung. auch zwischen Russland und Europa. Die Erträge aus der Ausbeutung der dem Volk gehörenden Bodenschätze müssen der Wirtschaft zugeführt und in Bildungs. vor Willkür und Korruption geschützt werden muss. Obwohl viele märchenhafte Vermögen durch rücksichtslosen Raub in der JelzinZeit zustande kamen. Er gewöhnte sich schnell an den Gedanken. Dazu kamen die Versuche der Nato. Als die Diskussion über eine nationale Idee in aller Eile im nachkommunistischen Russland entfacht wurde.und Jelzin-Herrschaft hinweg eine Anarchie im Inneren Russlands und die Aufgabe aller Positionen nach außen hin. erlebte ich eine Vergötterung der westlichen Welt und der Staatsordnung ganz unterschiedlicher Länder. Nun mussten wir enttäuscht feststellen. in Polen.

die den jeweiligen Herrscher im Kreml als Statthalter legitimiert. sie wird wieder zur Staatskirche.“ SPIEGEL: Sie haben Goethe. doch an Russland immer wieder neue Forderungen gestellt. Es ist kein Zufall. Solschenizyn: Möglicherweise war das die einzige Möglichkeit. Ich kann mir mein Leben ohne Bach. Wie ist es heute mit der moralischen Kompetenz der Russischen Orthodoxen Kirche bestellt? Uns scheint. bevor ich meine literarischen Pläne verwirklicht haben könnte. Jetzt kommt sie auf die Beine. Jahrhundert hindurch zu tragen hatte. September 2001 begann und der noch immer läuft. so kann man im 21. SPIEGEL: Welche deutschen Dichter oder Philosophen haben Sie eigentlich am stärksten beeinflusst? 102 Solschenizyn: Meine Kinder. Aber in jenem Kampf. sondern auch einigermaßen bedeutende literarische Werke wurden fast überall nur zu Zeiten von Stabilität geschaffen – egal. Wie sehen Sie die Situation der russischen Literatur? Solschenizyn: Zeiten rasanter und grundlegender Umwandlungen sind nie besonders gut für die Literatur. Und der junge postsowjetische Staat lernt es. erneut eine recht unabd e r s p i e g e l 3 0 / 2 0 0 7 JURIJ FILISTOW . Ich glaube allerdings. In der jüngsten Zeit fordert Metropolit Kyrill. dazu auf. Schiller. Was aber die Vergangenheit betrifft. Biografien. SPIEGEL: Durch Ihr ganzes Werk zieht sich der Einfluss des orthodoxen Glaubens auf das Russentum. Solschenizyn in seinem Arbeitszimmer in Troize-Lykowo: „Keine Angst mehr vor dem Tod“ allzu leicht. im Gegenteil. Aber kann sich der Westen angesichts der neuen Gefahren die zurückweisende Haltung gegenüber Russland überhaupt leisten? In meinem letzten Interview vor der Rückkehr nach Russland. Später hat mich Schelling begeistert. Die großartige deutsche Musik ist für mich von unschätzbarem Wert. dass der Hang zur Gerechtigkeit und der ethische Ansatz als Fundament der russischen Literatur nicht verlorengehen und dass sie helfen. wie schwierig es sei. Für mich ist es ein natürlicher Meilenstein. dass mein Vater mit 27 Jahren viel zu früh starb. hat Russland dem Westen seine Unterstützung angeboten – deutlich und unmissverständlich. Man muss sich wundern. Diese Unterstützung wurde abgewiesen – aus einer bestimmten psychologischen Grundeinstellung heraus oder aus krankhafter Kurzsichtigkeit. Heine im Original gelesen und immer gehofft. SPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem Tod? Solschenizyn: Nein. Und dieses tut er öffentlich. Mit der Legitimation des Kreml-Herrschers meinen Sie wohl. und 40. Man darf nicht vergessen. nein. unseren Geist zu erleuchten und unser Verständnis zu vertiefen. unserem Land einen langen Katalog von Irrtümern. Deutschland werde eine Art Brücke zwischen Russland und dem Rest der Welt sein.und Jugend- jahre waren geprägt von Schiller und Goethe. dass die Deutschen diese Rolle heute noch spielen können? Solschenizyn: Das glaube ich. und für die gibt es eigentlich keinen Grund. die vergangen sind. Solschenizyn: Nein. dass er sich bei der Trauerzeremonie Bahn bricht. so werden von der Russischen Orthodoxen Kirche rund um die Uhr Gedenkgebete für die Opfer kommunistischer Hinrichtungen abgehalten – in Butowo bei Moskau. worin ich schon eine Art Vorherbestimmung sehe – sonst hätte dieses Verhältnis nicht zwei wahnsinnige Weltkriege überstanden. dass für Jelzin ein Trauergottesdienst in der Moskauer ChristErlöser-Kathedrale abgehalten wurde – und keine zivile Abschiedsfeier? SPIEGEL: Auch das. der nach dem 11. SPIEGEL: Wir wünschen Ihnen jedenfalls noch weitere schaffensreiche Jahre. Ich sehe allerdings keinen Grund. Nicht nur große. SPIEGEL: Alexander Issajewitsch. wo es Massengräber gibt. Dokumentarprosa. der aber bei weitem nicht das Ende der Existenz einer Persönlichkeit markiert. die Kirche als eigenständige und unabhängige Einrichtung zu respektieren. Ich hatte Angst. welche furchtbaren Verluste an Menschen die Russische Orthodoxe Kirche fast das ganze 20. Glauben Sie. Was bedeutet Glaube für Sie? Solschenizyn: Für mich gehört der Glaube zu den Grundlagen und Grundfesten des Lebens eines Menschen. aus dem Leben zu scheiden. die sie vor Jahrhunderten schon war – eine Kirche. in den landesweiten Fernsehsendern. Doch bereits zwischen meinem 30. Beethoven und Schubert nicht vorstellen. der die Haltung der Kirche am deutlichsten zum Ausdruck bringt. Es reicht. ich habe seit langem keine Angst mehr vor dem Tod. Deutschland und Russland fühlen sich gegenseitig zueinander hingezogen. auf den Solowezki-Inseln und in vielen anderen Orten. In Afghanistan haben die USA unsere Hilfe akzeptiert. Lebensjahr rang ich mich zu einer sehr ruhigen Haltung gegenüber dem Tode durch. Die soziale Doktrin geht in der Russischen Orthodoxen Kirche viel weiter als das Regierungsprogramm. wie es die Regierung sich denkt. den noch nicht abgekühlten Volkszorn im Zaum zu halten und zu vermeiden. Die Unzufriedenheiten Europas mit Russland wiederum sind unzweifelhaft mit den westlichen Ängsten um die Energieversorgung verbunden. seit sie total dem kommunistischen Staat unterworfen war. SPIEGEL: Bei Ihrem Gespräch mit SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein haben Sie 1987 darauf verwiesen. habe ich gesagt: „Wenn man weit in die Zukunft blickt. das muss nicht sein. Jahrhundert auch eine Zeit entdecken. Versäumnissen und Normverstößen zu präsentieren. Als ich jung war.Ausland hängige Position aufbauen konnte. das ich im April 1994 für die Zeitschrift „Forbes“ gab. musste ich oft daran denken. wir danken Ihnen für dieses Gespräch. in der die USA zusammen mit Europa Russland noch sehr als Bündnispartner brauchen werden. wie die Kirche in den wenigen Jahren. darin nun ein weiterhin gültiges Trauerzeremoniell für russische Präsidenten zu sehen. Solschenizyn: Nein. Die moderne russische Literatur bildet da keine Ausnahme. dass sich das aufgeklärte Leserinteresse im heutigen Russland zunehmend auf Tatsachenliteratur konzentriert: Memoiren. öffentlich über die eigene Haltung zur Religion zu sprechen. ob diese positiv oder negativ zu sehen war. das Steuersystem zu ändern – was nun überhaupt nicht in dieselbe Richtung geht. SPIEGEL: Umgekehrt ist im Westen wenig über Russlands heutige Schriftsteller bekannt.

den vorwiegend von jüdischen Genossen formierten Parteiflügel um Trotzki lahm zu legen. dass während des Bürgerkriegs zwischen Roten und Weißen 200 000 bürgerliche Juden aus Russland geflohen seien und Tausende gemäßigter jüdischer Sozialisten sich von der Bolschewiki-Diktatur abgewandt hätten. Präsident Putin. 1940 in Mexiko erschlagen wurde – Organisator des Mordes war der Geheimdienstgeneral Nahum Eitingon. wie unter Stalin ein Prozess der Entfremdung vieler Juden von der Sowjetmacht begann. Der zweite Band von „200 Jahre zusammen“ zeichnet nach. Die „jüdische Klein.Ausland Gleichfalls dominierend war. Er weist darauf hin. dass – anders als in antisemitischen Zirkeln verbreitet – die russischen Juden 1917/18 mehrheitlich zionistische und gemäßigt linke Parteien den Bolschewiki vorzogen. so wuchs ihre 114 ITAR-TASS / BILDERBERG . zeigt ein Beispiel: Trotzki hatte durch die brutale Politik des „roten Terrors“ und seine „Militarisierung der Arbeit“ bald selbst bei vielen Anhängern der Bolschewiki verspielt. deren Angehörige sich den roten Revolutionären verweigerten. gelungen. wie es Stalin gelingen konnte. insbesondere Lew Bronstein. kommt nicht mehr häufig vor. Jüdische Zuwanderer vor allem aus der Ukraine rückten in Moskau und Petrograd an die Stelle der bürgerlichen russischen Intelligenz und Beamtenschaft. Und er weist nach. von Stalin ins Exil gedrängt. eine sich vorwiegend durch familiäre Herkunft definierende Gemein. auf antisemitische Reaktionen. mittlerer und kleiner Lichter der sowjetischen Hierarchie nicht die komplizierten Mechanismen. um von Antisemiten für jüdisch und von Zionisten für antisemitisch gehalten zu werden. Die Zuwanschaft innerhalb Russlands. Solschenizyn hoch war in den zwanziger Jahren mit schildert. wie die Mehrzahl der Juden im mehr als 50 Prozent der Anteil jüdischer Russischen Reich die bürgerliche Revolu. Jude wie Trotzki selbst. Mit einer Fülle von Quellen und Zitaten vor allem jüdischer Autoren zeichnet der 84jährige Nobelpreisträger Solschenizyn ein detailliertes Bild der Erfahrungen. in den Jahren der von Lenin initiierten Neuen Ökonomischen Politik die Stellung jüdischer Händler im russischen Wirtschaftsleben.Genossen in Leitungsfunktionen der tion und den Sturz des Zaren im Februar berüchtigten Geheimpolizei Tscheka. dass Trotzki. Nun ist der zweite Band erschienen. d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 3 1917 begrüßte – nicht zuletzt deshalb.Historische Schuld stets bei anderen gesucht den. mit denen Stalin sein System errichtete – ein System. Doch Alexander Solschenizyns „200 Jahre zusammen“ über das Verhältnis zwischen Juden und Russen reizt seine Landsleute wie kaum ein anderes Werk nach dem Untergang der Sowjetunion. zu wohnen und zu arbeiten. das perfide genug war. bekannter als Leo Trotzki. Pauschale Urteile über die Haltung „der Juden“ den Bolschewiki gegenüber vermeidet Solschenizyn. Der nationalkonservative Gulag-Überlebende fragt nicht. stellte das später auf Stalins Geheiß hingerichtete Politbüromitglied Nikolai Bucharin 1927 fest. Als Vollstrecker des Terrors stießen er und andere Juden. wie Solschenizyn dokumentiert. hat den Schrift. Nach dem Oktober-Umsturz 1917 sei es Spitzenfunktionären jüdischer Herkunft in der Bolschewiki-Führung. weil sie dadurch die Freiheit gewann. wie Solschenizyn belegt. wie der Diktator die Geschäfte jüdischer wie auch nichtjüdischer privater Händler um 1930 schließen und den Anteil jüdischer Mitarbeiter in Partei und Geheimdienst NKWD reduzieren ließ und wie die blutigen Säuberungen vor allem ab AKG Kriegskommissar und Armeechef Trotzki (1918): Junge Juden für das neue Regime RUSSLAND Einzigartiges Volk Mit seinem Werk über die Rolle der Juden im Sowjetreich provoziert Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn erneut kontroverse Debatten.derer besetzten leitende Positionen in Staat steller mit zunehmendem Lebensalter und Wissenschaft. Wie wenig ein ethnischer Ansatz zur Erklärung der sowjetischen Anfangsjahre taugt.und Mittelbürgertums“ besetzt. Dem krassen Dissens allerdings zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten innerhalb des jüdischen Milieus misst Solschenizyn wenig Bedeutung bei. D ass ein russischer Autor in wenigen Wochen 95 000 russische Käufer für ein neues Buch findet.und Mittelbourgeoisie“ habe nun „die Positionen des russischen Klein. Das 552-Seiten-Opus befasst sich mit der Zeit von 1917 bis zum Ende des Sowjetregimes. Empfindungen und Lebensumstände von zeitweilig etwa fünf Millionen Juden im Weltreich unter Hammer und Sichel. wie es ihr gefiel. Ironie des Schicksals war es dann. zunehmend junge Juden für das neue Regime zu gewinnen. Überdurchschnittlich immer mehr beeindruckt. Lebten 1920 nur rund 28 000 Juden in der russischen Hauptstadt. Dichter Solschenizyn Das „einzigartige Volk“ der Ju. Auch erhellt Solschenizyns Verquickung jüdischer Familiennamen zu einer Ansammlung großer.Zahl bis 1939 auf 250 000 an.

die Juden trügen eine besondere „moralische Verantwortung“ für das missratene Sowjetexperiment. Revolution. Uwe Klussmann d e r s p i e g e l 7 / 2 0 0 3 115 . das Hilfe aus Amerika gegen den Überfall HitlerDeutschlands mobilisierte. könne er bei Solschenizyn durchaus erkennen. Erst nach dem Tod des Diktators im März 1953. Juden hätten gewissermaßen an Stelle der Russen russische Geschichte gemacht. Den Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Juden und Sowjetherrschaft markierte schließlich die so genannte Ärzte-Verschwörung im Januar 1953. ein objektives Buch zu schreiben“. von Zionisten gelenkte Mediziner hätten Stalin ermorden wollen. „Den ehrlichen. wird von der russischen Leserschaft dennoch nur bedingt geteilt. Das russische Volk dagegen sei passiv und suche stets nur bei anderen historische Schuld. Wasserstoffbombe. um die Kriegskoalition mit den USA zusammenzuhalten. Der Geheimdienst zerschlug das Gremium 1948 und ermordete führende Mitglieder. Mehr und mehr junge Juden engagierten sich in Dissidentengruppen. aber sein Material zeigt doch eines: In der Endphase der Sowjetära waren viele russischsprachige Juden der mobile Vortrupp des sich ankündigenden Umbruchs. Der Publizist Dmitrij Bykow kommt in einer Besprechung des Solschenizyn-Buches sogar zu der Behauptung. ähnlich wie vor 1917. Eine Wende brachte nicht einmal die Gründung eines Jüdischen Antifaschistischen Komitees Ende 1941. Sie gipfelte in dem Vorwurf. aufrichtigen Wunsch. Stalin hatte diese Juden nur als Kitt benutzt. sei das dennoch Antisemitismus. bis vor kurzem Vize-Präsident des Russischen Jüdischen Kongresses. Aber wenn ein Nichtjude die Prozentanteile jüdischer Bolschewiki zähle. Aber der vom Dichter erhobene Vorwurf. der Fortschritt in der Literatur – alles von Juden initiiert. In Folge des Sechs-TageKriegs 1967 im Nahen Osten allerdings zeigten immer mehr jüdische Sowjetbürger Sympathie für den jüdischen Staat und gerieten in Loyalitätskonflikte mit der Sowjetmacht. so Ossowzow kategorisch. Zwar formuliert es Solschenizyn so nicht. Die Zahl der Ausreisewilligen stieg rapide. während des so genannten Tauwetters unter dem neuen Parteichef Nikita Chruschtschow. die ihn mit zerstörte. Konterrevolution. erwachte langsam wieder jüdisches Leben in Russland. Sie hätten zuerst den sowjetischen Unterdrückungsstaat errichtet und später die Dissidentenbewegung hervorgebracht. Atombombe. erklärt Alexander Ossowzow. zunächst vorsichtig mit Literaturabenden und Hebräisch-Kursen. Im erstarrten alten System sahen sie keine Perspektive mehr.1937 auffällig viele jüdische Kommunisten trafen.

Das ließ sich nur als bissiger Hohn empfinden. KASSIN Alexander Solschenizyn ist die Stimme Russlands. die Ära Jelzin und die Erwartungen an Putin Marktwirtschaft – die einfach nicht denkbar ist. Unter Gorbatschow und in der ganzen Jelzin-Zeit haben wir weder Reformen noch Demokratie erfahren. ein äußerst unentschlossener Politiker. egal. Als aber Jelzin das Land übernahm. in forschungsintensiven Bereichen sogar um 70 Prozent. was – wie er selbst sagte. SPIEGEL: Gorbatschow hat doch mit Glasnost. ernannte US-Präsident Bill Clinton ihn auch noch zum Vater der russischen Demokratie. als Sie 1994 in Ihr Land zurückkehrten? Solschenizyn: Ich hielt das überhaupt nicht für ausgeschlossen. aber mit exemplarischem Lebenslauf: Seit 1941 Rotarmist. Solschenizyn: Raubgierige Finanzmagnaten machten derweilen ihre Riesenvermögen mit Spekulationen. ohne zu wissen. Über die Hälfte unserer Bevölkerung wurde ins Elend gestürzt und lebt nicht vom Lohn oder Gehalt. Sie waren plötzlich für das Schicksal Russlands verantwortlich. äußert er sich 1945 in einem Feldpostbrief abfällig über Stalin. als Sie P. Solschenizyn: Das war aber auch sein einziges Verdienst an Russland. Das Wirtschaftssystem. seien marktwirtschaftliche Reformen verwirklicht worden. 1956 rehabilitiert. Ganze Industrie-Giganten wurden verschleudert für manchmal nur ein halbes oder ein Prozent ihres tatsächlichen Wertes. Binnen zwei Jahren sank die Produktion um 50 Prozent. das zu Sowjetzeiten eher schlecht als recht funktioniert hatte. Hastig hat er seine Mannschaft zusammengewürfelt. Solschenizyn: Das war der reinste Betrug. Wendige junge Männer wurden ihm aufgedrängt. zerschlug er. was er an dessen Stelle setzen sollte. traf solche Entscheidung zwar formal die Parteispitze. Außerdem haben sie sich Massenmedien angeeignet. Solschenizyns Ruf nach Aufhebung der Zensur und Freigabe seiner Romane „Der erste Kreis der Hölle“ und „Krebsstation“ führt zum Ausschluss aus dem sowjetischen Schriftstellerverband. wird für acht Jahre inhaftiert und dann verbannt. wir haben 15 Jahre verloren. die ihnen Gorbatschow zugeteilt hatte. SPIEGEL: Mit der Privatisierung der Staatswirtschaft sollte jedermann per Gutschein seinen Anteil am Volksvermögen erhalten. Das staatliche Eigentum gelangte in private Hände – von ein paar Halunken und Hochstaplern. den Nobelpreis für Lite- 1974 aus Russland verjagt wurden. Mit halben Schritten und halbherzigen Maßnahmen hat er experimentiert. ein Repräsentant des Volkes ohne förmliches Mandat. schreibt er seine Lager-Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“. Als Jelzin 192 zurücktrat. sondern von ihren kleinen Privatgrundstücken. den Wandel erst ausgelöst. Ein Offizier ebendieser Geheimpolizei an der Spitze des neuen Russland – haben Sie mit einer solchen Entwicklung gerechnet. der Meinungsfreiheit und Transparenz im öffentlichen Leben. Es ist eine Tragödie. Dort sind wir heute wieder angekommen. deren Manuskript Parteichef Chruschtschow sieht und veröffentlichen lässt. Von zwei SPI EGEL-GESPRÄCH Solschenizyn beim SPIEGEL-Gespräch: „Unsere Reformen waren eine Katastrophe“ SPIEGEL: Alexander Issajewitsch. Unsere Reformen waren eine Katastrophe. Einen Reformplan hat es nie gegeben.Ausland „Fünfzehn verlorene Jahre“ Der russische Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn über Gorbatschow. wollte er möglichst schnell irgendetwas unternehmen. unter Boris Jelzin sei in Russland die Demokratie eingekehrt. Er sprach von einer sozialistischen d e r s p i e g e l 1 0 / 2 0 0 0 . SPIEGEL: Vom Ertrag ihrer Schrebergärten. Am Ende der Steinzeit begriffen die Menschen: Die Erde kann uns ernähren. Der Westen lebte mit einer durch nichts begründeten Legende. in Wahrheit jedoch das KGB. die keine Ahnung von der Sache hatten.

redet vor der Duma. 81. Unter den Kommunisten hatten wir nur eine Partei und fanden das nicht gut. Die Gorbatschowsche Glasnost hat sich nun restlos verflüchtigt.Reiche in Moskau*. erinnerten an Schmierentheater.) Solschenizyn. Zumal im Westen hat man sehr gern daran geglaubt. P. gehört jetzt einer dem Staat. SPIEGEL: Aber es finden doch Wahlen mit ganz unterschiedlichen Parteien statt. die Duma. Der christliche Fundamentalist Solschenizyn. kehrt er erst 1994 – in einem Triumphzug – nach Russland zurück. den anderen. die wir bereits erlebt haben. Von Gorbatschow wieder eingebürgert. nämlich jene Leute. Böll in der Eifel 1974 ratur (1970) darf er nicht selbst entgegennehmen. Jetzt dürfen ein paar Männer. wurde ein Verbot verhängt. rügt Russlands Verwestlichung und rät zu einer Ethik der Bescheidenheit. Der Mythos. und das Parlament. wo er den Zyklus „Das rote Rad“ fortsetzt und wegen seiner Distanz zur westlichen Demokratie auf Kritik stößt. Wir haben höchstens demokratische Kulissen. Sie spielten gern unversöhnliche Opposi* Bei der Eröffnung einer Boutique. wir hätten jetzt eine Demokratie. ihm wenigstens möglichst großen Schaden zuzufügen. SPIEGEL: Das Parlament beschließt wenigstens Gesetze nach ausführlicher. weil Sie in Russland kein Forum mehr finden? Solschenizyn: Jedenfalls gibt es keine Zeitung mehr für ganz Russland. Was denkt das Volk? Solschenizyn: Unsere Bevölkerung kann auch heute nicht glauben. Regionale Zeitungen befinden sich in der Hand der Gouverneure und bedienen deren Interessen. Die Hälfte der Abgeordneten kommt über solche Parteilisten in die Duma und dominiert dort die andere Hälfte. wird er 1974 verhaftet und nach Westdeutschland ausgewiesen. kontroverser Debatte. Als ich nach Russland zurückkam. dass diese Lüge unermüdlich wiederholt worden ist. SPIEGEL: Sie haben nach Ihrer Rückkehr aus Amerika in vielen Regionen Russlands mit tausenden von Menschen gesprochen. d e r s p i e g e l 1 0 / 2 0 0 0 griffe waren. was Jelzin getan hat. Heinrich Böll nimmt ihn auf. die Hälfte der Bevölkerung im Elend“ Fernsehkanälen. Solschenizyn: Unsere Staatsduma ist keine Versammlung von Volksvertretern. Die wirklich nötigen Gesetze wollten sie nicht verabschieden. das bis heute gilt. Als ich die Wahrheit über Tschetschenien sagte. Als die Geheimpolizei das Manuskript „Archipel Gulag“ findet. dass das. durfte ich zu Anfang im Fernsehen zu den Leuten sprechen. größeren kontrolliert ein Finanzoligarch. J. Die Menschen sind fest davon überzeugt. hält sich an die Geschäftsordnung. ANDANSON / CORBIS SYGMA 193 . KASSIN (re. dass all das einem einzigen Ziel diente: Russland zu zerstören. mit ihrer Liste an den DumaWahlen teilnehmen. rührt in erster Linie daher. die sich in einer Küche zusammengetan und eine Partei gegründet haben. SPIEGEL: Sprechen Sie mit dem SPIEGEL. Solschenizyn siedelt in die USA über.). Solschenizyn: Die zwei Duma-Besetzungen. mit Präsident Jelzin und zeitweilig in einem eigenen Fernsehmagazin. Wohnhaus in Workuta: „Finanzmagnaten mit Riesenvermögen. zufällige Fehler oder Miss- FOTOS: AP (li. die wirklich direkt gewählt worden sind. die landesweit empfangen werden können.

SPIEGEL: Setzen Sie noch auf die Selbstverwaltung von unten? Solschenizyn: Sie bedingt eine starke Zentralmacht. gilt als vom ganzen Volk gewählt. SPIEGEL: Kann der nun das Land voranbringen? Solschenizyn: Ich unterscheide zwischen Putin-Projekt und Putin-Persönlichkeit. was sie schnell zusammengeraubt haben. wie damals sibirische Butter in allen Läden zu haben war. wie Putin angekündigt hat? Solschenizyn: Die scheint jetzt unvermeidlich. über Vereinigungen mit Gleichgesinnten Einfluss zu nehmen auf sein tägliches wie auf sein historisches DPA CORBIS / SYGMA SIPA PRESS . Am Ende setzte er dann auf Putin. SPIEGEL: Sind das dann nicht zwei Tendenzen. er musste aber gegen ihre Meinung triftige Argumente anführen. Die eint alle eine große Angst: dass man ihnen wieder wegnimmt. wenn er Präsident geworden ist. Solschenizyn: Nicht weniger heftig als die internationale Kapitalmacht wird sich unsere herrschende Bürokratie dagegen auflehnen. die sich widersprechen. SPIEGEL: Die internationale Macht des Kapitalismus ist inzwischen so groß. dass Jelzin und seine Familie sich niemals vor Gericht verantworten müssten. Er steht dann am Kreuzweg. Statt zu versichern. d e r s p i e g e l 1 0 / 2 0 0 0 muss Gerechtigkeit walten. gegen die sie nichts auszurichten vermögen. den Finanzmagnaten. Das Land zerfällt langsam in einzelne Regionen. in den Zielsetzungen sogar wechselseitig ausschließen und zum Konflikt führen müssen? Solschenizyn: Sie müssen sich ergänzen. können in diesem Lande alles in Bewegung setzen. dass er als Mann von unbestrittener Dynamik sich mit der Rolle einer Marionette nicht zufrieden gibt. in den Regionen Russlands eine selbstorganisierte Wirtschaft zu entwickeln. Eine Demokratie setzt voraus. Das Putin-Projekt stammt von Jelzin und seiner nächsten Umgebung. gaben sie die Parole aus: „Die Duma muss gerettet werden“ – und gaben nach. Vielleicht hat man im hanseatischen Hamburg noch nicht vergessen. Weder das Volk noch das Land standen für die Duma im Vordergrund. Dort werden Beamte eingesetzt.) in Wolgograd „In vielem noch ein Rätsel“ dass alle Bereiche unseres Lebens am Boden liegen. Die kreativen Kräfte des Volkes. Dort muss die Demokratie beginnen. Und Putins erste Amtshandlung als Interimspräsident war auch ein Erlass. dass es nicht mehr möglich sein wird. wenn Verbrecher und korrupte Amtspersonen die gerechte Strafe ereilen würde. nicht minder starke Säule der Selbstverwaltung – von der Gemeinde aufwärts. Bei uns ist der Ex-Präsident unantastbar. Seine ersten Schritte. wie er sich verhält. in der Kreisstadt. können offenbaren. SPIEGEL: In der Wirtschaft würde Selbstverwaltung eine genossenschaftliche Struktur bedeuten … Solschenizyn: … die noch um die Jahrhundertwende in Russland als ein starker Marktteilnehmer auftrat. von oben und von unten. SPIEGEL: Dafür werden die Gouverneure direkt gewählt. Und eine parallel dazu von unten wachsende. wenn er am 26. sondern nur ihr eigenes Überleben. SPIEGEL: Alles auf einmal wird ein Präsident Putin nicht angehen können … Solschenizyn: Es wäre ein wichtiges Signal für die Gesellschaft. Dasselbe Wahlrecht aber existiert nicht für Landbezirke und Gemeinden. Eine Horrorvision. der korrumpierten Bürokratie-Spitze. Unglaublich! In vielen Ländern werden sogar amtierende Präsidenten wegen Verbrechen vor Gericht gestellt. Die Vertreter konnten dem Zaren ihren Willen nicht aufzwingen.Ausland tion. So weit das verhängnisvolle Putin-Projekt. SPIEGEL: Wie die Ministerpräsidenten. dass der Staat auseinander fällt. SPIEGEL: Und die Person Putin? Solschenizyn: Die ist für uns in vielem noch ein Rätsel. Anders kann unser Land mit seinen riesigen Entfernungen. im Gouvernement. Aber damit wäre die Existenz der eifersüchtigen Duma in Frage gestellt. ob er erkennt. dass der Mensch als Bürger und als Wirtschaftssubjekt unabhängig ist. die Selbstverwaltungsgremien kontrollieren Offenheit und Bürgernähe aller staatlichen Entscheidungen auf jeder Stufe – im Dorf. wie fest er an den Auftrag der Jelzin-Familie gebunden ist. Alle Wege für die Rettung Russlands sind verbaut. Tochter Tatjana (1999) „Irrsinnige Politik“ Staatschef Putin (r. Das vor allem anderen erwartet das Volk. kein Gericht verteidigt ihre Rechte. SPIEGEL: Und auch eine Stärkung der Staatsmacht. dass der Ex-Präsident für immer straffrei bleibt. Anders ging es nicht. dass man ihre Verbrechen untersucht und dass man sie verurteilt. Staatschef Gorbatschow vor dem Kreml (1989) „Äußerst unentschlossen“ Staatschef Jelzin. SPIEGEL: Welche wichtigen Gesetze blieben auf der Strecke? Solschenizyn: Das wichtigste – über die Selbstverwaltung der Gemeinden und Kreise. Er wird kaum als Vollstrecker eines fremden Willens missbraucht werden wollen. wie in der kurzen Zeitspanne der Moskauer Rus des 14. Millionen Russen stehen vor einer Mauer administrativer und bürokratischer Willkür. zahlreichen Völkern und Glaubensbekenntnissen nicht überleben. dass er in der Lage ist. SPIEGEL: Welche politischen Schritte müsste Putin als erste unternehmen? 194 Solschenizyn: Das hängt davon ab. wie er sein Erbe beurteilt. Sobald aber Jelzin auf seinem Standpunkt beharrte. oder die Clan-Loyalität zu brechen und eine eigene Politik zu verfolgen. Diese beiden Machtstrukturen müssen einander kontrollieren: Die Zentrale hat auf strenge Befolgung der Gesetze zu achten. unter den Kommunisten unterdrückt und auch heute noch. März gewählt wird. Wer also 13 Prozent auf sich vereinigen kann – die Stimmen eines Achtels der Wahlberechtigten –. die nicht zulässt. Wir wissen nicht. Solschenizyn: Jelzin hat mehrere Premiers als mögliche Nachfolger ausprobiert – unter nur einem Gesichtspunkt: Wer würde seinen Clan am besten schützen. SPIEGEL: Warum haben die sich für Putin entschieden? Solschenizyn: Sie gehen davon aus. Jahrhunderts. dass er die Unantastbarkeit ihrer Beute garantiert. Solschenizyn: Auch das ist ein Betrug. Ich hoffe. Sie können sich nicht beschweren. die immerhin das Parlament bestätigen muss. Für die Gültigkeit einer Gouverneurswahl reicht eine Wahlbeteiligung von 25 Prozent. den Willen seiner Sponsoren zu erfüllen und damit das Land unweigerlich in den Ruin zu treiben und sich selbst mit.

Zumir weh.lange währte. Die Nation verliert jedes Jahr beinahe eine Million Menschen. Ich habe ihm damals 1990 für eine Region gehalten. der einen Artikel in sei. sonist Jelzins Wort: „Nehmt euch so viel Sou. und Spaltung des deutschen Volkes. SPIEGEL: Was ist denn die nationale Mission Russlands? Solschenizyn: Ganz einfach – das russische Volk zu retten. veränität.gesagt: Lassen Sie die Tschetschenen unabhängig von Russland entwickeln sollte. sind unbediese Weise haben Tatarien und Baschkirien völkert geblieben. bleiben wir ständig in und Kultur zu entwickeln. nach denen sie zum nen gelten. Sie kommen von aldiese Möglichkeit gegeben werden.Ausland Schicksal. abhängig werden.“ Auf Riesige Gebiete. dass man den Hilferufen von Geor. Tschefrage aber ist die selbständige Ukraine. Es wird alles dafür getan. Der Aufstieg ist immer schwieriger. Die Tren. Unvergessen nung von Grenzen denken müssen. Die nationale Staatseinheit als Idee muss durch die Machtausübung von unten gerettet werden. Mit einzelnen Gouvernements wurden Verwandtschaft von Kulturen und NatioVerträge geschlossen. Ich hal. SPIEGEL: Jetzt will es wieder einen Zusam. Steuervergünstigungen. die sich un. Die Gewissens. schehen? SPIEGEL: Alexander Issajewitsch. Wächst da nicht für Russland Russland und der Ukraine ist von der gleichen Art wie der Schmerz über die die Gefahr eines Auseinanderfallens? Solschenizyn: Diese Gefahr ist gegeben. sie gegen die Türken Solschenizyn: … in dem nicht nur die Gegzu schützen. Solschenizyn: Auch diese Abtrennung tut tschenien wuchs zum Weltproblem. dass die Russen als Nation aussterben. Mein Gefühl bedeutet auch mehr Befugnisse der Gou. zeigen das deutlich. KASSIN . ihren eigenen Weg gehen dürfen. etwa Sibirien. wo sind Solschenizyn: Meine Meinung zu Tschedie geografischen Grenzen Russlands? tschenien habe ich Jelzin Anfang 1992 ausSolschenizyn: Mittelasien habe ich schon führlich vorgetragen.Ausbildungslagern fremde muslimische menschluss mit Russland.Danach hätten die Tschetschenen ihren nung von Weißrussland dagegen empfand Staat aufbauen können. eigene den flüchten die Leute … Verfassungen. ihre eigene Sprache von unten nicht zu. Ich erkenne voll und ganz das sammenstöße zwischen radikalen Islamis196 d e r s p i e g e l 1 0 / 2 0 0 0 P.dern an die Erschließung unseres Raumes.Kämpfer mit ausländischen Waffen. 63 Prozent der Einwohner nennen heute SPIEGEL: Mehr örtliche Selbstverwaltung Russisch ihre Muttersprache. besser als jene der russischen Armee. Der schändliche Krieg hatte. te es für einen Fehler des imperialen Russ. die Solschenizyn: … weil die heutige WirtFernost-Region abzustoßen – an China oder schaftslage ihnen dort keine menschenJapan. Die zurückliegenden 15 Jahre salen miteinander verbunden. Russland ist aber so groß. ner eigenen Verfassung ignorierte. Russland nicht auseinander reißen. Solche Verluste erlebt eine Nation SPIEGEL: Was soll mit Tschetschenien gesonst nur im Krieg. solAuch dem transkaukasischen Raum muss len sie es versuchen. dass Teil Recht auf eine eigene Armee und eige. Aber wir sind der Hand der Bürokratie und weniger durch Millionen von persönlichen SchickOligarchen. Wir dürfen nicht zulassen. so stark überwiegt Eheleute Solschenizyn: „Zu viele Freiheiten“ die Sterblichkeitsquote die Geburtenzahl.SPIEGEL: Stattdessen kam 1994 der erste land. Wenn sie es wollen. Die Selbstverwaltung würde dagegen würdigen Lebensverhältnisse mehr erlaubt. Stattdessen aber sammelten sich dort in einem Netz von ich als einen schmerzhaften Schlag.lein zurück. wie ihr schlucken könnt. er wird mindestens 100 Jahre in Anspruch nehmen.wir nicht an eine Expansion oder Ausdehne Oberbefehlshaber erhielten. Die demografischen Tendenzen in unserem Land sind Furcht erregend. nach SPIEGEL: Demnach sind Ukrainer und Rusdem für die Beziehungen zwischen der Zen.Feldzug … giern und Armeniern. sondern auch die eigenen Kräfte nicht Völker in den russischen Staat entsprochen geschont wurden. Auch die baltischen Völker müssen endete mit einer schändlichen Kapitulation.Solschenizyn: Hier sollte das Prinzip der ten. Unser Abstieg währte mehr als 70 Jahre unter den Kommunisten und auch die 10 Jahre danach. durch Einverleibung dieser ner. Lässt man die Machtausübung Recht der Ukraine an.im Blick auf die Trennung zwischen vernements. das Recht auf internationale Beziehungen SPIEGEL: Aus dem ressourcenreichen Norerhalten. die sehr zwar durch Jelzin.sen ein Volk? trale und den Regionen gleiche Regeln gel.

Verfall und der kriminellen Explosion nicht so eilig. hohen Berg auch nicht mit einem Sprung SPIEGEL: Alexander Issajewitsch. Martin Doerry in Moskau. Probleme hatte. Zum Teil sind es bescheidene Leu. mit dem schon das harte Sowjetregime schwere SPIEGEL: Alexander Issajewitsch.wie Leid. Sie haben auch SPIEGEL: … der Konflikt im Nahen Osten. Haben Sie seit damals eine engere SPIEGEL: Sie verspüren also keinen Drang.kommt diese überhastete Unterstützung Partisanen-Angriffen ausgesetzt sein. Wir versu. dass USA. und der besonnene Deutschland dieser Rolle wieder gerecht Solschenizyn sei ein Feind der Demokra. SPIEGEL: Was ist ein deutscher Charakter? Natalja Solschenizyna: Was er macht. Das Einzige. fühlten Beziehung zur deutschen Kultur? sich zur Ruhe zu setzen? sich weder für das Land noch für ihre Wer. Es verletzt mich schon. Infolge der irrsinnigen Sprung versucht zu haben. Es kam zu SPIEGEL: Vor einem Vierteljahrhundert schaffen. Jahrhundert“ Solschenizyn: Hunderte. recht rasch überwinden und oft Zeit und Geduld – das gilt für Intellektuelle tert. Ordnung in stattgefunden hat? meinen Dokumenten und Unterlagen zu die Modeströmungen zu meiden. Oder man hätte sagen Solschenizyn: Sie sind hervorramüssen: Von nun an gilt eine angende Krieger. Der Krieg gegen das faschistische Deutschland hat bei mir keine negativen Gefühle gegenüber dem deutschen Volk ausgelöst. Solschenizyn: Das ist eine Bedrohung für tie. unseren großen lichen Welt zu verbinden.Deutsch gelesen – was immer mir in die Hände kam. Mettke. vernichtet.reich als äußerst effektive und treue Diener Welt verfolgen wir nun über Jahrzehnte … tisches Russland über Nacht. sondern muss lange Ser.teiligung an militärischen Aktionen ohne Uno-Mandat verbietet? Unter Gefangenen als die entschlosUmgehung der Uno hätte man sensten und unversöhnlichsten ersich sowieso nicht einschalten wiesen. dürfen. speziell im Zusammenhang mit Problem ist bis heute keine Lösung in Sicht. beugsames Volk. habe ich mehr als zehn Nowältigt. was bei ihm nicht so deutsch ist: Er gewährt seiner Ehefrau wahrscheinlich zu viele Rechte und Freiheiten. uns mit dem Rest der westschläge in Afghanistan. KASSIN .* Fritjof Meyer.des russischen Staates aus. Politik der Jelzin-Administration entfaltete SPIEGEL: Verfolgen Sie die Entwicklungen schen Presse jetzt sehr Russland-feindlich sich dieser Konflikt vor unserer Tür.Solschenizyn: Die ist viel älter. überlegt und führt es zu Ende. zu Beginn Ihres portation des ganzen Volkes zu neunten Lebensjahrzehnts. ich habe zwei Sommer lang Goethe. halte es nun für meine Pflicht. Die Reste wurden Sie nach Deutschland verbannt ner Beschäftigung mit Russlands Gevon Moral wurden weiter entwertet oder und wohnten bei Ihrem Freund Heinrich schichte gesammelt habe. die ich in den Jahrzehnten meieiner Explosion der Kriminalität. Kroatien anzuerkennen? Woher sen. Solschenizyn: Er ist nicht falsch. Heine. Jörg. dass dies nicht chen mit dem von uns ausgelobten Preis. wenn manche Stimmen in der deutdas 21. in denen ich über auch. ohne eine Pe. SPIEGEL: Sie sehen Deutschland als ein Bindeglied zwischen dem Westen Europas und dem östlichen Teil des Kontinents? Russische Raketen in Tschetschenien: „Eine Bedrohung für das 21. te. Frau Solschenizyna (tritt hinzu): Er hat ja auch einen absolut deutschen Charakter. Ich hoffe sehr. Ein Auto kann von einem Schiller. an einem neuen Werk? SPIEGEL: Alexander Issajewitsch.für die Nato-Aktionen im Kosovo sogar SPIEGEL: Sie haben einmal geschrieben. Viele Nachwuchsschriftsteller Böll. undere Weltordnung. riode des Übergangs. mit dem Ende des Kommunismus die ich jetzt wieder in Russland sind dessen Probleme nicht bebin. des Lernens und der Russlands Kultur begeistert und ehrlich die Anschläge gegen Einrichtungen der Gewöhnung.aufgenommen. wenn nicht tausende Deutsche zeichneten sich im Zarenten und Kräften der so genannten ersten pentinen fahren. die auch schon in der Sowjetzeit unter. dass im Lande nun eine den Bürgerkrieg. Jetzt zahlen wir dafür. Solschenizyn: Ich habe eine Stiftung ins Le. die amerikanischen Vergeltungs. Für das in der russischen Literatur der Gegenwart? klingen. im Sudan. warfen geistige Werte über Bord. noch lösen suchte. über die Gegenwart schreibe. von ihren Fesseln befreite Solschenizyn. Jahrhundert. SPIEGEL: Verletzt Sie die deutsche Politik? ohne Russland nicht mehr existenzfähig. ken Ihnen für dieses Gespräch.Tschetschenien. wir danherunterkommen. macht er gründlich. die eine BeGulag hätten sich die tschetschenischen Schatten geschoben wurden. schon wenige Stunden danach wieder konwie Politiker. SPIEGEL-Redakteure*: „Goethe auf Deutsch gelesen“ und dreißiger Jahre und auch geistige Produktivität ausbricht. welche sich dem allgemeinen moralischen Solschenizyn: Warum hatte Deutschland es Man wird dort Geld hineinpumpen müs. Solschenizyn: In den fünf Jahren. Freud Doch der Weg zur Demokratie braucht ratur und der deutschen Sprache begeis. die Schriftsteller auszeichnet. die es durch Dearbeiten Sie jetzt. Man wollte ein demokra. deutsche Volksmärchen auf zentriert arbeiten.liegen.werden kann. Auch in Amerika hieß es: De. Schulkind war ich von der deutschen Lite. Man dachte zum Beispiel vellen verfasst. Regimenter stationieren und ständigen beugen. schon als Solschenizyn: Es muss an meinem Naturell ke verantwortlich. Ich Ist unser Eindruck falsch. Das unabhängige Tschetschenien wäre jetzt ben gerufen. Ich kann alle Aufregungen. ein stolzes. im drückt oder unverdientermaßen in den gegen die eigene Verfassung. die zwanziger große. Es war ein Genuss für mich.mokratie noch heute. Solschenizyn (lacht): Das können wir ja korrigieren. R. AFP / DPA 198 d e r s p i e g e l 1 0 / 2 0 0 0 P.

KASSIN KEYSTONE / DPA . daß „Ein Heldenleben“ sich nicht auf den antikommunistischen Philanthropen Ektow bezieht. Jeder von ihnen hätte nach westbürgerlichen Maßstäben verdient. fiktional Nun hatte er wie so viele andere am Bürgerkrieg auf seiten der Roten Armee teilgenommen. ein Kommandeur. die der Klappentext ihm zudiktiert. sich selbst und seinen 36 DER SPIEGEL 14/1996 P. Niemand wie er versteht es. DEUTSCHLAND Marschall Schukow bei der Siegesparade in Moskau (1945): System nicht begriffen? Zeitgeschichte „Feuerwehrmanns“ Rettung Rudolf Augstein über das neue Buch „Heldenleben“ von Alexander Solschenizyn em Alexander Solschenizyn wird man auch jetzt noch nicht vorwerfen können. den Bauernjungen Georgij („Jorka“) Schukow. ein erstklassiger Reiter und Kommunist. ob er mit „wir“ seinen Helden. Was hätte der Reiterkommandeur Schukow. daß Jorka „verrohte“. wie er im Buche hätte stehen können. Verroht – ja. Schriftsteller Solschenizyn Geschichtsschreibung. Lesenswert sind beide Geschichten. daß er den LiteraturNobelpreis 1970 für gar nichts bekommen hat. Merkwürdig nur. gehenkt zu werden. aber nicht seine „Meisterschaft fiktionaler Geschichtsschreibung“. auch Jorka Schukow. späteren Kriegshelden und Verteidigungsminister der Sowjetunion. Er weiß nur zu berichten. anderes werden wollen? Jedenfalls wäre er als „Kürschnermeister“ so hoch nicht gestiegen. Neu herausgekommen ist von ihm ein Buch unter dem Obertitel „Heldenleben“ mit zwei neuen Erzählungen*. sondern gegen sie. Wie immer weiß man bei Solschenizyn nicht. etwa den Bürgerkrieg im Süden des Sowjetstaates 1920/1921 so zu beschreiben.. . Die Sowjetmacht brauchte ehrgeizige Militärs. die in der Blutmühle Stalins dann doch noch ihr Leben lassen mußten. sondern einzig auf den erfolgreichsten Landsoldaten des letzten großen Krie- D ges. Zwei Erzählungen“. * Alexander Solschenizyn: „Heldenleben. dessen Vorbild der arrogante Armeekommandeur Michail Tuchatschewski war. Hier wird Solschenizyn ziemlich karg. 160 Seiten. Als gelernter „Kürschnermeister“ ließ er sich in seinem Dorf mit Atlaskrawatte fotografieren. München. als sei er selbst dabeigewesen wie der reitende Dichter Isaak Babel. 36 Mark. Natürlich ist er nicht auf seiten der Sowjetmacht. Wenn man an dem „Heldenleben“ des Alexander Solschenizyn etwas beanstanden kann. das waren sie wohl alle. Hier zeigt sich seine Meisterschaft. was der Klappentext fiktionale Geschichtsschreibung nennt. dann eben das. Piper Verlag.

ein „Säbel“. dem er zweimal die Macht erhalten hatte? Ganz gewiß auch zuviel erwartet. Eine äußerst gewagte Operation. Wo ist sein Zeuge dafür. der „inzwischen selbst mit Pauken und Trompeten fortgejagt worden“ war: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. dessen Stellvertreter er war. operativ gesehen. Er nennt uns ja keine Quellen. Dank vom Genossen Chruschtschow. ihn mitten in der Nacht anzurufen? Schließlich könne der andere bis zwei Uhr mittags . so gar nicht begriffen haben? Dank vom Genossen Stalin? Das war doch wohl zuviel verlangt. ein „Säbel“? Wußte er nicht. Es war schon so. scheint aber nicht begriffen zu haben (oder hat Solschenizyn nicht begriffen?). daß Schukow dem Generalissimus Stalin. hier muß man Solschenizyn weiter befragen. Sollte der erst sehr spät zum Marschall ernannte Schukow das System. seine militärische Findigkeit hatte er nicht eingebüßt.Helden oder die gesamte Sowjetmacht meint. Marschall Schukow hatte im Auftrag Chruschtschows den „Marschall“ Berija aus dem Politbüro heraus mit eigener Armeskraft verhaftet und nach draußen geschafft. daß es im Sowjetsystem für einen hohen Militär nur einen wirklichen Verdacht geben konnte: den. als Epiker nicht ganz so toll. nicht schwierig. oder sein Lobredner Solschenizyn ist es. dessen man sich unbedingt entledigen mußte. war Nikita nicht ein genauso überzeugter Kommunist wie Jorka? Mußten sie nicht beide wissen. und „jene“ allesamt zu stürzen war. Schließlich. in dem er groß wurde. vielmehr „der freche Hauptschwätzer“. Sein größtes Manko war immer. nach Stalins Tod. Er wurde Chruschtschows Verteidigungsminister. aber als Geschichtsschreiber nur mäßig war. der das gesamte kommunistische Regime beiseite fegen würde? Es hilft nichts. Sollte er nicht gewußt haben. daß es nichts Schlimmeres gab als einen „Säbel“. daß er als Satiriker großartig. der das gesamte System niedermachen sollte? Soviel Naivität traute ihm denn doch nur Solschenizyn zu: Schukow vertiefte sich sogar in den Gedanken: Vielleicht wäre es richtig? Die ganze Macht lag bei ihm. Unversehens geraten wir auf die Datscha des Memoirenschreibers Schukow. Entweder war der große General Schukow naiv (dafür gibt es Hinweise). Gemeint ist hier. hat verbieten lassen. daß recht viele Leute in ihm einen „Säbel“ sahen. daß er nun auch in den Augen Chruschtschows ein potentieller „Bonapartist“ geworden war. ein „Bonaparte“ zu werden.

die GeAber Konstantin Simonow. war für den grorungschefs. ßen und geliebten Führer die Gelegenßung gedroht haben. .62 sucht hat. daß menschliken. verhaftete Generäle warfen Schukow Grobheit. zehn halbtoten Menschen das Leben gerettet. er Der in diesem Fall wirklich naive Solnicht wirklich vor. als lergrößter Neugier erwarten. schreibe alle Siege sich zu. Egoismus und Kann ein Nicht-Kommunist. der zivile Stellvertreter des Regienem Land nicht ergeben ist. wo Stalin Stalins Kumpane Berija und Kaganosicht hinein widersprochen haben. Schukow zwar abzubürsten. Er ist ein Satiriker. neräle hätten Stalin überzeugt. Schukow te denken. nicht gerade ben würde. Kostützt. trat aber für den Kasubkutan ironischer Erzähler. nicht mehr Ausund war sich mit Schukow sagen Glauben zu schendarin einig. an Schukows Ehrlichkeit glaube. Konew. Das soll während der Schlacht Anweisungen zu erfüllen. Den Sieger wurden. Schon unglaubhätte nicht sein Leben riskiert. daß ich zutiefst ging. sen Sie.. Wieder kommt Koauf weißem Roß die Sienew bei Solschenizyn nicht gesparade auf dem Roten vor. ein Anti* Mit Präsident Jelzin (M. Juni 1945 führte er setzt. mußte erneuert werden. der Solschenizyns sollte man nicht mit alIn Wahrheit lehnte Stalin sich mehr weil sie einander nicht mochten. Und am Ende wiehielt eine knappe Rede. zu der hohe Militärs neigen. der noch nicht nur der Marschall Konew. daß Schukow verdenn Stalin selbst. soll Schukow mit Erschieunter Feuer im Krieg herumgekrochen. ein wort“ zukommen lassen. nen Platz stellen. Mai 1995 zum 50. kows. der verhaftet und Schukow und Molotow waren die einverurteilt werden müsse. 1. ment für Schukow eingeAm 24. der seizu nehmen.“ nen Obergeneral gerettet und genes bedeutet hätte: Genickschuß.“ er kannte die fromme Es gab einen direkten Denkart Stalins immer Schreiwechsel zwischen noch nicht. die nicht ei„Stalin griff rettend ein. sich Ihren Sieg Meter groß. Rokossowski und WasStellvertreter ernannt hasilewski hatten sich mit unbe. Mansich derart festgelegt hatte und wo er jewitsch gossen „Öl ins Feuer“. den außer Rand und Band romanhafte Stellen a ` la „Ein Kampf um Er ist der Regierung ergeben.) bei der Enthüllung am 8. abgesetzte arbeiten. Bereits riker muß er ja nicht sein. Er war seine „Feuerterschiedlichem Temperawehr“ an allen Fronten.“ Erzähler bleibt Solschenizyn. als hätte Stalin seifentliche Anklage Stalins. beschützt. Ribalko exSchon Ende 1945 hatte er plodierte. Schukow antwortete etwas einfältig: Alhabe Schukow vor Berijas Repressalien hat Konews Äußerungen festgehalten: le habe er sich niemals zugeschrieben. er hingegen habe morgens zu meraden ein. daß Schukow ein Verräter sei. Ribalko: „Es Stalin brauchte den Sieg wird Zeit. sondern draußen. habe ich nicht gehört. Er tut so. kowski (Kessel von TscherKann man höher aufsteikassy**) zuzuschreiben?“ gen? Die Sowjetarmee Konew: „Weiß ich nicht. Iwan Konew kommt bei Solschenizyn Schukow im Kreml vorgeworfen. um aus solchen Prämissen heraus geschriefertigzumachen. was er war. zu seinem ko. Er tat nichts dergleichen. Der von Schukow. warum der Generade Rücksicht fallenließ. wie sich che wunderten sich. die in den Gefängnische Verluste keine Rolle sen gewaltsam erpreßt spielen dürften. die Stalin ins GeWir kennen keinen Fall. hätte man denn den Generalissimus Marschall Schukow schreiben? Man soll** Ich war damals als Artillerist vor Ort. Bei allen Fehlern Schunatürlich mit Stalins Wissen. aber würdig. obwohl Stalin ihn diPlatz an. Ein Mann. aber nicht gleich miterschießen müssen. aus der hervorkow habe Molotow eine „freche Antderholte ich noch mal. Die Was immer Schukow sich Geschichte wird alles an seiausgerechnet haben mag. als „Schukow saß erschüttert und blaß da. das sagte ich zu retten. 1946 berief er die fühBerlin zu erobern. und nur hier. und der Populären der sowjetischen Literatur. wäre nicht Hier. die er einräumte. ist seigeratenen Marschall wieder ins Geschirr Rom “ in dieser Heldenerzählung. Wie konnte dem Marschall der PanzerStalin einen potentiellen truppen Pawel Ribalko „Bonaparte“ auch noch in und dem Mitglied des Politdie zum Absäbeln geeignebüros und Marschall Lawte Stellung hieven? renti Berija. und Schuan Stalin gewandt. Als Geschichtenschreiber. Jahrestag des Siegs über ähnliche „moralische Fehler“ vor – da Kommunist über den Erzkommunisten die Deutschen. Reiterstandbild Schukows in Moskau*: Kein „Bonaparte“ Das war zuviel. er ist ein renden Generäle zur Sitzung des OberSchukows Freund. Er um Moskau geschehen sein. tow. eine Eigenschenizyn schreibt ganz im Ernst. Es hatte sich Marschall Iwan Konew erinnerte. Diesmal aber ist die Rechdrinnen. Molonem Land ergeben. ja. Ein klares Zeirekt ansprach: „Aber wischen von Bonapartismus. schlafen. um ihn Konkurrenten ausersehen worden. einer der schaft. simus nicht gebrauchen. Eigensinn. will er gesagt General Golikow forderte den geliebten haben: Wo ist sein Zeuge dafür: Es sind recht Führer auf. Ein Histosten Militärrates zusammen. Eine Biographie über Stalin aus der Fenew und Schukow waren von Stalin. machte zu bei Korssun-SchewtschenPferde keine gute Figur. Unsere Batterie hat wolle alles für sich und anderen ihren nung nicht aufgegangen. wenn sie als je bekannt aus dem Fenster.“ Berija nannte aber konnte der GeneralisSchukow einen „Feigling“. zigen Überlebenden. sondern nicht einmal Marschall geauch die Marschälle Rybalworden war. lissimus den Jorka Schukow. „getarnter Feind“. Hier wird Solschenizyn ein wenig Es gab bis zu dem Zeitpunkt keine öfGeschichte aber sollte er nicht schreiben: ignorant. 38 DER SPIEGEL 14/1996 BLANCHE / GAMMA / STUDIO X . um Ihre heit. DEUTSCHLAND Ruhm nicht lassen.

als Häftling stand er acht Jahre Lager durch und überlebte eine Krebserkrankung. Im Parlament. der Duma. Er wurde verfolgt und verjagt. Jahrhundert wurde zu seiner persönlichen Passion. . Petersburg. Unter Breschnew aus seiner Heimat vertrieben. TITEL „IHM MUSS MAN ZUHÖREN“ Rußlands Leidensweg im 20. Mafiosi kontrollieren den Kommerz. Er kam in ein gewandeltes Land: Über dem Kreml weht nicht mehr die rote Fahne. 75. ganz allein forderte er die geballte Sowjetmacht samt Parteiapparat. Das ist noch nicht das befreite Rußland. Leningrad heißt längst wieder St. Nach 20 Jahren Exil kehrte Alexander Issajewitsch Solschenizyn. Das Denkmal des Geheimpolizeigründers Felix Dserschinski ist geschleift. 105 Bände an Spitzelberichten und Vernehmungsprotokollen hatte die Geheimpolizei KGB über den Delinquenten und Dissidenten archiviert. Alexander Solschenizyn. dessen „Archipel Gulag“ die Schrecken der kommunistischen Diktatur enthüllte. Für sein in der Heimat verbotenes Werk. rauben und morden. Die Profiteure horten ihre Dollar-Millionen dort. will nach der Rückkehr aus dem Exil sein Volk vor neuen Irrtümern bewahren. den er nicht selbst in Stockholm in Empfang nehmen durfte. bekam er 1970 den Nobelpreis. Als Rotarmist machte er den ganzen Krieg mit. Auf den Straßen tummeln sich Händler. die Ramsch und Waren aus dem Ausland feilbieten. Gefängnissen und Raketen heraus – nur mit seinem geschriebenen Wort. Bücher wie „Krebsstation“ und „Der erste Kreis der Hölle“. wo der Heimkehrer Solschenizyn gerade herkommt – im Westen. sondern gegen die moralische Verderbnis in seiner Heimat. die nur als Untergrundschriften in Rußland kursierten. Solschenizyn hat nun seinen zweiten Kampf begonnen – nicht mehr gegen die Tyrannei. im Mai heim. Kann der unerbittliche Prophet Rußland den Weg weisen? iemand trat ihm zur Seite. obwohl Hammer und Sichel als Wandschmuck fortdauern. aber er siegte. korrigierte er mit dem dreibändigen „Archipel N Heimkehrer Solschenizyn: In einem gewandelten Land 136 DER SPIEGEL 44/1994 ALPHA DIFFUSION / SIPA . in der alten Zarenburg herrscht ein reuiger Ex-Kommunist. erpressen. sind die Demokraten in der Minderheit.. für das er sein Leben einsetzte. Aber in den meisten Verwaltungen und Betrieben sitzen weiterhin Funktionäre aus der Sowjetzeit.

lautete sein erster Revisionsbericht über die vorgefundenen Zustände. Rußland taumelt in den Niedergang: Die riesige. Während die Großbetriebe weiter minderwertige Konsumwaren herstellen. nicht die Wirtschaft veränderten die Welt. die stark von der westlichen Kultur beeinflußt ist und ganz anders denkt“. Er fordert ein neues Bewußtsein seiner Landsleute. schätzungsweise ebensoviel haben Firmen auf Auslandskonten deponiert. munismus ein für allemal zu lösen versprochen hatte: „die unverschämte Ausnutzung gesellschaftlicher Vorteile und die ungezügelte Macht des Geldes“. die Stirn auf den Boden geschlagen und um Vergebung gebeten. wo er Abgeschiedenheit fand. die der Kom- Markt bringt. ohne die Gunst der Mächtigen tritt er an. vermag das Volk noch immer nicht zu ernähren. sondern „die Freiheit der Schamlosigkeit und des Lasters“. und zwar nach dem Vorbild der früheren Feinde. Eine Erneuerung ihres Landes an den Wurzeln kündigte der einsame Prediger seinen Zuhörern aus den Kleinstädten und Kolchosen an: „Die Provinz“ werde Rußland retten. Der gestrenge Meister beklagte die Flut überflüssiger. In der allgemeinen Ratlosigkeit und Entmutigung wächst der Ruf nach geistiDER SPIEGEL 44/1994 137 . um die Massenarbeitslosigkeit zu verhüllen. was Solschenizyn im Sinn hat. den Russen mit ihrer epidemischen Lust an der Anarchie eine andere Richtung zu weisen. Kompromisse und der tausend kleinen Schritte geht. über die Rußland so reichlich verfügt. In sein letztes Gefecht zieht er wieder ganz allein: Von keiner Partei getragen. erbringt die neue Privatwirtschaft – von Steuer und Statistik kaum erfaßt – bereits ein Drittel des Sozialprodukts. In 26. Bei Zentralbank und Geschäftsbanken haben sich seit vorigem Jahr 22 Milliar- 42/1970 1-2/1974 8/1974 44/1974 SPIEGEL-Titel über den Nobelpreisträger mit Erstveröffentlichung seiner Werke: „Immer der Macht die Wahrheit gesagt“ Station und verkündete dem geschlagenen Vaterland seine Heilsbotschaften.“ Der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West habe die Russen leider nicht vor der „Jauche der Massen. die 30 Jahre lang die NS-Greuel bereut hätten: „Man hat sie verurteilt. weil der Verlust aller Werte das Volk erneut auf gefährliche Irrwege drängt. den Stalin 1937 erschießen ließ. wie sie etwa der Verführer Schirinowski vorgaukelt? Hört das Land auf die Stimme des Alten aus den Wäldern? Laut Umfrage wissen fast alle Bewohner der Hauptstadt. in der Rußland weniger einen Literaten und Propheten braucht als Unternehmer und Handelsleute.5 Millionen Exemplaren haben 1990 zwei Redaktionen sein Manifest für eine Wiederauferstehung Rußlands verbreitet. seinem Riesenwerk über Rußlands schrecklichen Irrweg in die Diktatur der Bolschewiken. weithin noch kollektivierte Landwirtschaft. Solschenizyn hat ein umfassendes Programm. Nur Gaunern und Schiebern hätten die Reformen Freiheit gebracht. In Amerika. die nur ein Drittel vergleichbarer westlicher Erträge auf den den Dollar aus Exportüberschüssen angesammelt. Gewinner ist erst einmal die neue Bourgeoisie. sondern um die alltägliche Kleinarbeit der Verhandlungen. dort wohnte einmal der Marschall Tuchatschewski.und Popkultur“ aus dem Westen bewahrt. Das Land lebt von den Rohstoffen. Oder braucht es erst recht einen Wegweiser. daß jene Probleme fortbestehen. Rußlands Posten im Fernen Osten. Denn die Regierung finanziert die Beschäftigung in den unrentablen Mammutkonzernen unbeirrt durch willkürliches Gelddrucken. Gorbatschow? Der habe nur eine „leichte Modifizierung des kommunistischen Systems“ angestrebt. Jelzin? Noch gebe es keine Demokratie in Rußland. Glasnost? Das habe nicht die Freiheit des Wortes bedeutet. das ebensogut für den Westen tauge – Entsagung. Den National-Sozialisten Wladimir Schirinowski nannte der Russisch-Nationale Solschenizyn „die wohl übelste Karikatur des russischen Patriotismus“. machte Solschenizyn auf einer zwei Monate langen Bahnreise über 8500 Kilometer nach Moskau allerorts Der große Antikommunist – ein Künder westlicher Werte ist er nicht. nicht das materielle Befinden. „ohne das Dorf gehen wir unter“. Er protokollierte die „Aufspaltung der Russen gewissermaßen in zwei Nationen: in ein riesiges ländlichprovinzielles Massiv und in die zahlenmäßig geringe Bevölkerung der Metropolen. derzeit steigt sie wieder an.“ Er selbst hat die eigene Vergangenheit bewältigt und dabei Gerechtigkeit walten lassen. Lebensjahr. den Deutschen gewinnt er Positives ab: Er hat seine Landsleute zur Buße aufgerufen. Ein so großer Literat auf so großer politischer Missionsfahrt – das hat es noch nicht gegeben. Die Inflation drückt die Masseneinkommen oftmals auf das Existenzminimum – auch wenn die Geldentwertung von 21 Prozent im Januar auf 4 Prozent monatlich im Sommer sank. Dennoch präsentiert er auch ökonomische Rezepte. arbeitete er am „Roten Rad “. befindet Solschenizyn heute. denen es nicht um erhabene Worte. Immerhin. Moral. Rußland aber sei in die Verelendung gestürzt. In Moskau hat ihm die Regierung eine Datscha zur Verfügung gestellt. umgeben von Wald. sie haben sich selbst gestellt. die auch im Inland nicht mehr verkäuflich sind.Gulag“ das Kommunismus-Bild des Westens. Dies mag die Stunde sein. Während seiner Rückkehr über Wladiwostok. geistloser Information: „Jenseits einer gewissen Grenze muß man sich vor Informationen schützen. Überzeugter Sowjetmensch bis zu seinem 27. und die Menschen hätten das Arbeiten verlernt.

warb die Iswestija vor wenigen Tagen für Solschenizyn: „Uns. gegenüber hat er nämlich den ungeheuren Vorzug. hat man in Rußland noch nicht gelesen. findet in der integren und zugleich widersprüchlichen Persönlichkeit Solschenizyns etwas. TITEL ger Führung. Literat Jewtuschenko sieht im Dichterkollegen eine Ein-Mann-Partei. als er an der Macht war. DER SPIEGEL 44/1994 139 P. Nach seinem Eintreffen in Rußland erreichte er im Juli Platz 12. Solschenizyn: So hatte ich das gesagt. Solschenizyn: Zunächst einmal ist erst vor drei Jahren die formelle Voraussetzung für meine Rückkehr geschaffen worden.. waren schon erlaubt. im Indian Summer vor sieben Jahren haben wir mit Ihnen in Vermont einen schönen Tag verbracht. Solschenizyn. wo Raub und Trug.“ In ihrer monatlichen Liste der hundert führenden Politiker Rußlands orte- te die Nesawissimaja gaseta den Einzelkämpfer bei seiner Ankunft im Mai auf Platz 88. Mettke und Fritjof Meyer. „Ihm muß man zuhören – und das sehr aufmerksam“. daß er der Macht immer die Wahrheit gesagt hat und dafür von ihr gehaßt wurde. Augstein in Moskau: „Die Berührung mit meiner Muttererde spendet mir neue Kräfte“ „Wie ein Sekretär des Volkes“ SPIEGEL-Gespräch mit Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn über Rußlands Weg aus der Krise SPIEGEL: Alexander Issajewitsch. hat er sich Rußland unterworfen. aus welchem politischen Lager auch immer. wo Sie Ihren literarischen Arbeiten nachgegangen sind. wirklich sehr schwere Krise in Das Gespräch führten die Redakteure Rudolf Augstein. die nicht publiziert werden durften. damals schon zurückzukehren und auf den Weg Rußlands Einfluß zu nehmen? Jetzt ist die Richtung womöglich schon entschieden. Manche dienen Solschenizyn schon für die Präsidentschaftswahlen 1996 ihren Beistand an. KASSIN . ich hätte Vaterlandsverrat begangen. was er denkt. Mord und Totschlag herrschen? Solschenizyn: Ich wollte immer nach Rußland zurück. SPIEGEL: Als Lenin 1917 aus der Emigration zurückkam. was ich vor 10. SPIEGEL: Bei unserem Treffen 1987 war Gorbatschow zwei Jahre im Amt. sobald nur alle Hindernisse für meine Rückkehr aus dem Wege geräumt sein würden. Das meiste. dem Patriarchen von Rußland. Sie könnten zu spät gekommen sein.“ Das Massenblatt hält sein Auftreten vor der Duma für ebenso bedeutsam wie seine Nobelpreisrede. die er nach seiner Ausweisung 1974 nachgeholt hatte: „Beinahe jeder Abgeordnete. ich blieb als letzter immer noch verboten. Leider ist es aber so nicht geschehen. indem die Anklage. die Veröffentlichung meiner Werke auf jede mögliche Art und Weise hinausgezögert. erst müßten Ihre Bücher zurückkehren. immerhin noch gleich vor Gorbatschow. 15. Doch den von allen Scheiterhaufen des Jahrhunderts gesengten Mann kümmert es wenig. Die heutige schwere.. in einem märchenhaften Haus mitten im Wald. ob er dem Volk gefällt. was ich geschrieben habe. Wie eh und je sagt er einfach. Alle Schriftsteller. SPIEGEL: Sie hatten uns gesagt. Wäre es nicht klüger gewesen. 20 Jahren veröffentlicht habe. Sodann hat Gorbatschow. im September stand er direkt vor Alexij II. aufgehoben wurde. Bei meiner langen Reise durch Rußland mußte ich wiederholen. Was hat Sie zurückgetrieben nach Moskau. was ihn zu einem ideellen Verbündeten macht. . Jörg R. Rußland hat meine Heimkehr sehr beschleunigt und erforderlich gemacht. der Mehrheit. Maxim Gorki beeilte sich. dann würden auch Sie kommen.

sobald nur alle Hindernisse für meine Rückkehr aus dem Wege geräumt sein würden.“ Das Massenblatt hält sein Auftreten vor der Duma für ebenso bedeutsam wie seine Nobelpreisrede. Jörg R. aufgehoben wurde. Sie könnten zu spät gekommen sein. gegenüber hat er nämlich den ungeheuren Vorzug. Leider ist es aber so nicht geschehen. indem die Anklage. was ich geschrieben habe. Mord und Totschlag herrschen? Solschenizyn: Ich wollte immer nach Rußland zurück. KASSIN . dann würden auch Sie kommen. SPIEGEL: Als Lenin 1917 aus der Emigration zurückkam. Was hat Sie zurückgetrieben nach Moskau. Wäre es nicht klüger gewesen. Das meiste. warb die Iswestija vor wenigen Tagen für Solschenizyn: „Uns. Wie eh und je sagt er einfach.“ In ihrer monatlichen Liste der hundert führenden Politiker Rußlands orte- te die Nesawissimaja gaseta den Einzelkämpfer bei seiner Ankunft im Mai auf Platz 88. damals schon zurückzukehren und auf den Weg Rußlands Einfluß zu nehmen? Jetzt ist die Richtung womöglich schon entschieden. 20 Jahren veröffentlicht habe. erst müßten Ihre Bücher zurückkehren. TITEL ger Führung. hat man in Rußland noch nicht gelesen. als er an der Macht war. die Veröffentlichung meiner Werke auf jede mögliche Art und Weise hinausgezögert. der Mehrheit. hat er sich Rußland unterworfen. Doch den von allen Scheiterhaufen des Jahrhunderts gesengten Mann kümmert es wenig. Augstein in Moskau: „Die Berührung mit meiner Muttererde spendet mir neue Kräfte“ „Wie ein Sekretär des Volkes“ SPIEGEL-Gespräch mit Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn über Rußlands Weg aus der Krise SPIEGEL: Alexander Issajewitsch. die er nach seiner Ausweisung 1974 nachgeholt hatte: „Beinahe jeder Abgeordnete. Sodann hat Gorbatschow. „Ihm muß man zuhören – und das sehr aufmerksam“. Literat Jewtuschenko sieht im Dichterkollegen eine Ein-Mann-Partei. . Solschenizyn: So hatte ich das gesagt. 15. Nach seinem Eintreffen in Rußland erreichte er im Juli Platz 12. die nicht publiziert werden durften. aus welchem politischen Lager auch immer. wirklich sehr schwere Krise in Das Gespräch führten die Redakteure Rudolf Augstein. DER SPIEGEL 44/1994 139 P.. SPIEGEL: Bei unserem Treffen 1987 war Gorbatschow zwei Jahre im Amt. Mettke und Fritjof Meyer. Solschenizyn. Maxim Gorki beeilte sich. Alle Schriftsteller. ich hätte Vaterlandsverrat begangen. wo Sie Ihren literarischen Arbeiten nachgegangen sind. SPIEGEL: Sie hatten uns gesagt. was ihn zu einem ideellen Verbündeten macht. Die heutige schwere. immerhin noch gleich vor Gorbatschow. im Indian Summer vor sieben Jahren haben wir mit Ihnen in Vermont einen schönen Tag verbracht. ob er dem Volk gefällt. dem Patriarchen von Rußland. Rußland hat meine Heimkehr sehr beschleunigt und erforderlich gemacht. was ich vor 10. was er denkt.. in einem märchenhaften Haus mitten im Wald. im September stand er direkt vor Alexij II. wo Raub und Trug. daß er der Macht immer die Wahrheit gesagt hat und dafür von ihr gehaßt wurde. waren schon erlaubt. Bei meiner langen Reise durch Rußland mußte ich wiederholen. findet in der integren und zugleich widersprüchlichen Persönlichkeit Solschenizyns etwas. Manche dienen Solschenizyn schon für die Präsidentschaftswahlen 1996 ihren Beistand an. Solschenizyn: Zunächst einmal ist erst vor drei Jahren die formelle Voraussetzung für meine Rückkehr geschaffen worden. ich blieb als letzter immer noch verboten.

Ich habe als erstes alle aufgefordert. sten von ihnen gesteht mir mit einem Die drei Bände des Romans 1973 bitteren Lächeln: Jetzt rede ich mit Ih„Der Archipel Gulag“ werden in bis nen ganz offen. die wertvollsten Ergänzungen habe ich durch persönliche Gespräche mit sehr vielen Menschen erhalten. Solschenizyn: Ich hatte Gelegenheit. Juli kommt er in Moskau an. 1956 1962 SPIEGEL: Zum erstenmal seit 1917 konnten die Russen doch frei und direkt 1962 Mit Billigung Chruschtschows erscheint die Erzählung „Ein Tag im Leihre Volksvertretung wählen. mit den Menschen gesprochen. hat die Menschen apathisch gemacht Rückkehr nach Rußland. 1975 es aber morgen bei uns zu einer Abstimmung Februar 1974 kommt und die BeAusbürgerung aus triebsleitung sagt. Ich habe sehr viele Seiten des Lebens erfaßt. mehrfach Veranstaltungen durchzuführen. der aufgeklärt und belebt werden. Frau Natalja Solschenizyna: Das steht nur ein sehr gesunder Mensch durch. alle aus irgendeinem dann in der Schweiz. zum erben des Iwan Denissowitsch“ in der stenmal den Herrn im Kreml. Man muß auf Holz klopfen: Es war. Fanden Sie die Demo1945 In Straf. Artilleriehauptmann tendes Urteil gefällt: Sie fanbis den die Herrschaft des Dollar 1945 vor. Reise hat? wostok Solschenizyn: Das sind doch alles keine September/Oktober 1994 echten Parteien. 1976 Exil in den USA. im Bundesstaat Vermont. als ein Sekretär des Volkes sozusagen.TITEL als er 1928 heimkehrte. Manche Kandidaten sind mit 10 Prozent der Rostow Rjasan Perm Stimmen gewählt worden. daß nach 75 Jahren gezielter Vernichtung noch soviel geblieben ist an tatendurstigen. Mich hat die Erkenntnis tief bewegt. Die Reisen waren sehr anstrengend. Ich bin fast 90 Tage gereist und habe jeden Tag vier oder fünf intensive Gespräche geführt. Literaturzeitschrift Nowy mir. doch einer der klügpersönlich in Empfang nehmen. Reise tei sie auch immer aufgestellt Wladi2. an ihrer ObWeltruhm. Aus Publikationsverbot in der Sowjetunion 1966 der Zeit der Bolschewiken ist die frühere Haltung zu Wahlen geblieben. tausend. selbst zu reden. es änMai wostok reist Solschenizyn 55 Tage lang dert sich nichts. Indessen. welche ParUde 1. SPIEGEL: Für solch eine Schriftstellerreise läßt sich kaum ein Vergleich finden. sie der Sowjetunion. Grund unsere Stimme Solschenizyn. aber in dem heutigen Durcheinander häufig keine Möglichkeit dafür finden. und dann von Angesicht zu Angesicht auf der Straße oder irgendwo in einem stillen Winkel. Und ich kann das auch beweiin Kasachstan Rjasan bis bis sen. Die Romane „Krebsstation“ und „Der 1968 SPIEGEL: Immerhin haben die Russen erste Kreis der Hölle“ werden im Westen publiziert und verschaffen Solschenizyn keine Hemmungen mehr. Jahren in unser Leben gebracht worden ist. Stimme gar nicht ab. Das ist diese schreckliche Macht der Gewohnheit. frischen und einsatzbereiten Menschen. wenn natürlich auch nicht alle. als ob man eine Batterie auflädt. drei. rigkeit freimütig Kritik zu üben. habe ich mich be- müht. Sie haben nach 20 Jahren Exil erst einmal monatelang das Land bereist. Auch bei Großveranstaltungen habe ich nie einen vorbereiteten Vortrag gehalten. sich den Herrschenden anzupassen. und danach habe ich zu ihren Ausführungen Stellung genommen. von ganz unten bis zu den Oberen der Gebietsführung. oder auch nur zwei. Meine Rückkehr und meine Reise konnten dieses Wissen nur noch durch Details. das in den letzten 1994 Romanzyklus „Das Rote Rad“. einzelne Details der örtlichen Bedingungen. mit allen sozialen Schichten in Kontakt zu kommen. So habe ich mich bemüht. Solschenizyn macht das unterdrückt worden. die Zustände inspiziert. Hier entsteht der zehnbändige bis Dieses ganze Chaos. denn das Rechtsbewußtsein ist rischen Erfolg in der Sowjetunion seit in der langen Periode der Bolschewiken dem Kriege. Ich hatte eine genügend klare Vorstellung von der armseligen und komplizierten Lage des heutigen Rußland. 11. Am Ende haben Sie ein vernich1941 Dienst in der Roten Armee. daß schon mit 30 Prozent Beteiligung die WahMoskau len gültig sind. dann werden wir der Bundesrepublik. Nowosibirsk SPIEGEL: Sie selbst mißtrauen Ulanallen Kandidaten. die wirklich eine Basis im Volksleben und im gesamten Territo27-Tage-Reise in den Süden Rußlands rium hätten. Darüber hinaus unterhielt ich mich mit Gruppen von 20 Leuten. Diese Solschenizyn: Diese Wahlen stützen Darstellung der sowjetischen Zwangssich nicht auf das Rechtsbewußtsein des arbeitslager wird zum größten literaVolkes. Böll dafür abgeben. Ich habe mir alles in meinem Tagebuch notiert. ausgeübt von den übelSoldat Solschenizyn sten Elementen. Von Wladi27. Oft geben über 50 Promit dem Zug durch das Land. anderthalbtausend oder mehr Leuten. Wenn Paris veröffentlicht. Jetzt ist festgelegt. Solschenizyn: Die Berührung mit meiner Muttererde spendet mir neue geistige Kraft. Dezember 1918 und auch kein Politiker hat geboren in Kislowodsk im sich je ein Vierteljahr derart Nordkaukasus unters Volk gemischt. genau das. SPIEGEL: Mit wem haben Sie gesprochen? Vor einem ausgewählten Publikum? Solschenizyn: In jeder Gebietsstadt und nicht nur dort habe ich vor Menschenmassen geredet. Das muß erst wieSchreiben zum Beruf. die mir besonders brennend schienen. Was ist Ihre Bilanz? Solschenizyn: In den letzten Jahren hatte ich von Vermont aus die Lage in Rußland sehr sorgfältig verfolgt. hätte da eine ReAufnahme zunächst solution vorzuschlabei Heinrich Böll in gen. habe eine große Vielfalt an Meinungen aufgenommen. in Nobelpreis für Literatur. bereichern.und Sonderlagern wegen bis kratie? 1953 Verunglimpfung Stalins Solschenizyn: Ich sage voller Verantwortung: In Rußland herrscht keine De1953 „Ewige Verbannung“ 1957 Lehrer in mokratie. Zu einigen Themen aber. Mein Gesamteindruck erwies sich als richtig. 1994 zent der Wahlberechtigten ihre Am 22. er aber wurde immer gesünder. die nach Wegen suchen. – ob man wählt oder nicht wählt. Das ist in der Regel eine Alexander Solschenizyn SIPA DER SPIEGEL 44/1994 141 . 1970 ungezwungener Atmosphäre mit ArbeiDer Autor kann den Preis erst 1974 tern zu sprechen. was ich von Vermont aus über irgendwelche Medien nie hätte erfahren können: dieses lebendige Gefühl des noch nicht vernichteten geistigen Potentials meines Volkes.

die von einer starken Präsidentenmacht ausgeht. Das Wichtigste.. Vor SPIEGEL: Die Zeit der Wirren währte 15 der Wahl muß ja die Wahlkampagne Jahre und scheint nun wiederzukehren. von einer Stadt zur anderen wurden jeSPIEGEL: Die alten Parteifunktionäre weils Vertreter entsandt. platz. die „Semstwo“. die überhaupt niemand kennt. die langsam nach oben wächst. ordnung. ganz unten. Es ist ja nicht nur wichtig. mit den unterschiedlichsten Religionen und Nationalitäten. mit einem so komplizierten Verkehrsnetz. die an der Wurzel beginnt. Die müssen gewählt werden. alles offen auf der Hand. berufen: eine Vertretung des ganzen P. Diese beiden Mächte müssen sich wechselseitig kontrollieren. für die Rettung Rußlands. Sie finden irgendwo Geld. ein Land wie Rußland. habe ich den Menschen gesagt: Der Schlüssel für uns. mit der lokalen Selbstverwaltung. eine Initiative von unauf. ist die dorowitsch. es müssen alle gewählt werden. das „Pomorje“. so riesig und geographisch so mannigfaltig. abzustimmen. Volkes verkörperte. Anders läßt sich Demokratie nicht aufbauen. wurWahl von Bürgermeistern und Verwalden regelmäßig Semstwo-Sitzungen eintungschefs von Gebieten untersagt. Wählt die Ehrli- SPIEGEL: Weil nicht Demokraten die DER SPIEGEL 44/1994 143 . Der ganze sind noch überall präsent. Landwehr auf. die kennt ihr doch. die gegenüber der Obrigkeit Mut hundertelang die Mitwirkung unseres zeigen. Tritt einer heute Solschenizyn: Damals entstand die Semgegen einen bestimmten Kandidaten stwo-Bewegung. die wahre Lösung für Rußland liegt gegenwärtig in einer vernünftigen Verbindung der mehr oder weniger etablierten Zentralmacht. der eine lokale Selbst„Das sind keine echten Parteien. KASSIN Gruppe von Parteiführern in Moskau. wie einer abstimmt. besonders in jener „Zeit der Wirren“ zu Anfang des 17. ist eine aktive. SPIEGEL: Das erinnert an die Reformen des Zaren AlexanII. Moskau und errichtete eine neue StaatsBei den nächsten Kommunalwahlen. . braucht in der Tat eine starke Zentralmacht. Denn da liegt in der Hand. TITEL Mehrheit erringen. der jahrjene. „Semstwo“ chen. Da werden Leute aufgeboten. was mit dieser Partei geschieht. gezeigt haben. sind die Gemeindewahlen. Unter dem Zaren Michail Fjodas erfuhr ich auf meiner Reise. Das Volk dient als Material“ Solschenizyn: Sie haben den Punkt getroffen. echte Gemeinde. Ausländer drangen nach Mosspruch. durchgeführt werden. Daher glaube ich. Die kann aber nicht ohne vertikale Weisungsbefugnis – von oben nach unten – bestehen. die entscheidet. als es keinen Zaren gab len? und die Bojaren auseinandergelaufen Solschenizyn: Es gab sogleich Widerwaren. Nach gründlichem Überlegen kommt man zu dem Schluß. drucken irgendwelches Zeug und stellen Parteilisten auf. doch die Leute hier vor Ort. Anfangs schien mir das einfach. die Weisen und ist ein alter russischer Begriff. SPIEGEL: Wie wünschen Sie es sich denn? Solschenizyn: Überall wo ich war. Von einer Siedlung zur anderen. Für diese Parteien ist das Volk nicht das Ziel und auch nicht eine Verpflichtung. Norden Rußlands. die Selbstlosen. der verwaltung einführte. die Parteinomenklatura herrscht nach wie vor an vielen Stellen. was heute in Rußland fehlt. Viele dachten so. Solschenizyn: Jelzin hat denn auch bei schloß sich zusammen. Über die Leute in Moskau kann sich niemand ein Urteil bilden. SPIEGEL: Hat das Ihren Zuhörern gefalJahrhunderts. sonst interessiert es sie nicht. Solschenizyn: Sehr schnell läßt sich die heutige Administration gar nicht auswechseln. stellte eine den Gouverneuren eine Wahl verboten. Gerade vor Ort ist es besonders kau vor und hatten halb Rußland schon gefährlich. dem ersten Romanow.. sondern einfach Material für die Wahlkampagne. verjagte die Polen aus Die meisten hat er einfach eingesetzt. der Duma. so daß wirklich das Volk Herr über das eigene Schicksal sein kann. wie die Wahlen zum Zentralparlament. verliert er morgen seinen Arbeitsten. es wird als Material benutzt.

das nächsten Monat in Deutschzustehen. noch zen kommenden Impuls der ehemaligen betrogen. ihre Zahl ist schwach. SPIEGEL: Sie sprechen wie ein Priester. in keiner die tiefe Enttäuschung der Provinz über wenn nicht Reporter dabei wären. Niemals. trauen auf das schauen. wie in der folgenden PetersSPIEGEL: . aber nun schwören meine Bewegung. Ein Dreivierteljahrhundert lang plötzlich Christen. . Derweil ben. . Es geht darhen können. Die KirSünden nicht getilgt. die gesagt hatland. von Herschreiben würden: Ja. . um dar- 146 DER SPIEGEL 44/1994 SWERSEY / GAMMA / STUDIO X . Wenn er so tut. identifiSPIEGEL: Selbst unter zierten sich von heute den Kommunisten hing auf morgen mit den immerhin etwa ein kommerziellen StrukDrittel des russischen turen. schied zu Deutschland. Jelzin und die andeSchicksals sein. Volksinteressen. wir. Im Unter– drängen die nun in die Gottesdienste. nen Sünden zu bekennen. die der neue Zar nicht ignorietendste Niederlage in den Jahren des aufhin eine Läuterung zu erreichen und ren konnte. zurück. Dazu um. Solschenizyn: Wenn sie doch einmal Solschenizyn: Sie möchten die BezieBei uns gab es keinen echten. unterMode von Presse und Fernsehen nichts suche ich. wieder auf ter sagt. tragen jetzt demokratische FarAuch dies ist ein langer Weg. um ich begegnet bin und Geistliche von hohem die mit großem MißNiveau auszubilden. land beim Piper-Verlag erscheint. Solschenizyn: Schauen Sie mal die PraSPIEGEL: Reuelose Politiker sind nun Das Volk sollte nicht Herr seines wda an. Das ist einer Anstalt ausfällt? der entscheidenden Solschenizyn: VerlieJelzin bei der Osterprozession Schritte. . und das ist eine starke oder auch nur das Dach zu reparieren. Besitzt Rußlands Kirche heute moraber von damals. sogar während des Gottesdienden Bolschewiken diese Initiative systesen Folgen für die Gegenwart. Dieselben Menschen. der Solschenizyn: Anders als in Deutscheingeschlagen. Über Nacht wurden sie Demokrabetätigen sich Missionare westlicher ReSolschenizyn: Die Russisch-orthodoxe ten. mit allen böziehen. was man darf und was man nicht SPIEGEL: Erwarten Sie Machthaber und Medien sind sich einig“ darf. damit Rußren die Menschen den „So etwas darf man nicht im Fernsehen zeigen: land wieder aufersteht. konnten die Regierenden in Moskau bemerkt haSie einen Beitrag finden über das Leiben. daß die Reue iroffizielle Mitarbeiter gendwann beginnen der Staatssicherheitsmuß. wir haben euch hung zur Kirche wiederaufbauen. Wie soll heute eine starke ZentralSolschenizyn: Machthaber und Medien den des Volkes.. von der späten StalinRußland gewaltsam nach Westen öffneland gab es bei uns kein einziges GeZeit an aber wurden die Krallen des te – der Ursprung allen Ungemachs? richtsverfahren. sten moralischen Fragen. matisch unterdrückt wurde und zerfiel. als habe derts“. Ich werde nicht xen Glauben an – obmüde. wenn die Bestrafung für jedes Kirche als moralische freie Tun. Es ist noch keine allgeMachthaber. dann läßt sich anders russische Frage Ende des 20. die auch mit intellektuwas da in Moskau geellem Publikum umgeschieht. Und über Nacht schlumacht das Vertrauen der Bevölkerung sind sich einig. dann ist die Vergangenzu tun. Damit wären zwar die KGB in sie hineingeschlagen. daß wir euren Willen vertreten wolUnd die Kirche selbst ist schwach. die immer ligionen und Sekten mit großem Geld Kirche hat ihre bitterste und vernichübers Fernsehen. dazu aufzuruwohl viele Priester infen. die eigewas Falsches getan. Ikonen zu beschaffen te. hat aber nicht das Geld. Kommunismus erfahren. Ich meine. verteidigen nur die gewinnen? man nicht im Fernsehen vorführen. hat sie uns mit dem Hammer auf den ren Konvertiten gingen aber vermutlich Schädel gehauen. Handeln verschafft – SPIEGEL: Wer setzt die ohne Angst. dem BanksyVolkes dem orthodostem. zumindest bei behörden waren. . Anfangs wurdie höhere Moral? de in der allerschlimmsten Weise auf sie SPIEGEL: Bis Peter der Große kam. wo der NazisSPIEGEL: Das haben sie vorher auch imauf der Suche nach einem neuen Glaumus 12 Jahre herrschte. er bereue. läßt sich kein eine Beichte. wie man ihnen die braucht man JahrzehnMöglichkeit zu freiem te. denken allein daran. als den Kapitalismus verwären wir ein Heidendammt. wie der Patriarch sprechen sollSolschenizyn: Die russischen Gewalthader aufzubauen. ben? Kommunismus 75 Jahre an der Macht. TITEL Volkes. so etwas darf gen sie einen Salto. das Volk gerichtet. Jahrhundie Beine zu kommen und aufrecht damit ihm reden. er sei dem Untergang geweiht. Sinn dafür. SPIEGEL: Bei uns war es damit auch materiell: Sie bekommt Gotteshäuser nicht weit her. denen gerichtet werden. Damit hat die heutige billige er niemals etwas Schlechtes getan . einzigen Ausgabe der Prawda . aber wenn ein TäSolschenizyn: In meinem Buch „Die che versucht nun mühsam. einzelnen Leuten. wir haben ohne Unterlaß etganz schüchtern. auch len. ten. Ohne eine Maßstäbe. Solschenizyn: Das ist eine der schwierigSPIEGEL: Aber die einfachen Menschen haben nie an etwas anderes gedacht. AlSolschenizyn: Seminalerdings setze ich meire und Akademien ne Hoffnung auf jene müssen erst wieder einKräfte im Volk. sie wieoder so. immer wieder Priester einzubeburger Zeit und dann besonders unter heit noch nicht bewältigt. war bei uns der mer behauptet. Reue zu zeigen. lische Kompetenz? Schicht. stes zu filmen. Jede Zeile war gegen SPIEGEL: Sie werden auf Ihren Reisen nicht mit geweihter Kerze in die Kirche.

Austausch von Ideen. SPIEGEL: Und wer definiert. Der Staat müßte seine Folgerungen ziehen und die Einkünfte umverteilen. Das Streben. kann nicht für den Westen gelten. die manses Unterfangen. Bei uns kann davon keine men mag. Man darf nicht das ganmöglich. Frau Natalja Solschenizyna: Gibt es Dinge. die Religion übt die Kontrolle aus. 148 DER SPIEGEL 44/1994 P. egal auf welche Weise sie zuSPIEGEL: Was der Westen für sich als stande kommen. auch von Formen.. Man darf daraus keinen Kanon des Fortschritts bilden. spezifischen Charakter haben. KASSIN . und dafür ist Rußder stets eine vertikale Machtstruktur land ein sehr treffendes Beispiel. würgt. SPIEGEL: Da sind Sie aber den Ideen von Karl Marx recht nahe. Hat von unseren Neureichen etwa einer wenigstens einmal zugegeben. SPIEGEL: Und wer soll diesen Leuten die Maßstäbe setzen? Solschenizyn: Als Schriftsteller kann ich nur fordern und mahnen. Trotzdem steht SPIEGEL: Gilt das auch für die Marktder Staat dem gleichgültig gegenüber. die in London oder in Washington modisch geworden sind. das Geld im Westen dann versteckt. daß sich Angebot und Nachfrage gegenwas in London zur rechten Zeit komseitig regeln. cherorts schon die Strukturen einer Schattenmacht schafft. Unsere Preise werden ganz hieße eine Einbahnstraße in der Entwillkürlich festgesetzt. ist für Moskau zu früh. TITEL Staat aufbauen. tur. die menschliche Gesellschaft fällt auseinander. eine Schande. Hier bevorzugte. nach Gewinnen. der wirtschaftlichen oder politiIhr läuft es aber zuwider. der Kullen. ausschließlich schen Entwicklung gleichsetzen. kann Rußland durchaus sche Grenze vorhanden sein. was der Mensch darf? Solschenizyn: Die Maßstäbe sind uns von Geburt an eingegeben. Gerade eben hawicklung von Westen nach Osten. dafür trägt jeder von uns Solschenizyn: Es gibt einfach einen persönliche Verantwortung vor Gott. Es ist Diebstahl. Ob wir uns zum Nachteil gereichen? daran halten. Was ich über den Aufbau eidurch Gesetze steuern? ner russischen Selbstverwaltung gesagt Solschenizyn: Der Staat darf nicht habe. nach Bereicherung zu trachten. ihre Übernahme ist aber nicht SPIEGEL: Und der Staat soll das dann zwingend. an die jeweilige Tradition gebundene geistige Schöpfungen. eine ben wir den schwarzen Dienstag mit naturgesetzliche Verspätung Rußlands. steckt in der menschlichen Natur. wirtschaft? Solschenizyn: Marktwirtschaft heißt. aber das stand in keinerlei Verhältnis zu den Realitäten in Der Sozialismus ist widernatürlich. die Sowjetunion hinkte in der Rüstungstechnik ein bißchen hinterher. oder Nachahmung wäre ein aussichtsloschrankenlose Kriminalität. die jeweils ihren eigenen. traditionsgebundene zieren und dabei auch Gewinne zu erzieGefüge des geistigen Lebens. auf welche Weise einer Profit on seinen Wiederaufstieg auch mit einer macht. oder auch im Osten? Er raubt unseren Nationalreichtum aus. daß er etwas wirklich Scheußliches tut. SPIEGEL: Was ist denn nun die menschliche Natur – Egoismus oder Solidarität? „Hemmungsloses Gewinnstreben Solschenizyn: Der Sinn für Gerechtigkeit ist angeboren. SPIEGEL: Puschkin hat einmal gesagt. kümmert sich der Staat überhaupt nicht SPIEGEL: Preußen begann nach Napoledarum. Mein Gewissen muß mir sagen: Hier gehe ich zu weit. würgt uns die Luft ab“ das weiß man meistens selbst. gleichgültig zusehen. Für die Menschheit ist der Kapitalismus naturgegeben. . Das Rede sein. für Rußland aber niemals taugen? Solschenizyn: Es gibt in der Welt kulturelle. Von der Technologie ließ sich immer sagen: Die USA sind vorneweg. Es muß eine moraliVorteil ansieht. nicht nur durch hemmungsloses Solschenizyn: Die schlichte Übernahme Gewinnstreben. etwas zu produze komplizierte. Uns wird heute die Luft abgeReform der Kommunalverfassung. daß er sich durch Bestechung Lizenzen besorgt und unseren Volksreichtum verschleudert. sondern durch direkte. war dennoch in diesem Sektor stark entwickelt. Sonst wäre Reue gar nicht unserem Lande. Das ist gegen die Moral.

mal ohne Produktion nicht möglich. schwarzen Marktes. Bei Der Ratschlag vom Internationalen In ganz Sibirien herrscht inzwischen dieuns aber ist die Produktion zusammenWährungsfonds war absolut unangemesse Art Markt oder Basar. nicht um Marktwirtschaft hatten komme mit meinem Lehrergehalt nicht den Verkauf der Produzenten. etwas zu kaufen. SPIEGEL: Warum können Privateigentum und SPIEGEL: Zu Ihrem Plan. mit Devisendem Rubelsturz erlebt. wir sollten das meiner Reise habe ich die Züge Pevom Westen übernehmen. dritte Wahl. TERZANI / DER SPIEGEL A. Das hat es drei Generationen lang nicht gegeben. Solschenizyn: Da hanfen. Das hat wunderbar funktiomeint habe. . damit die Kapitalismus nichts zu Preise wieder runtergetun. werden alle Aber wenn die Produktion abgewürgt daß die Russen auch tüchtige Händler Fenster im Zug so bunt wie die Fahnen wird. Marktwirtschaft in Rußdie Gesellschaft von den land nicht dieselben ErWurzeln her zu rekonfolge haben wie im Westruieren. wir hatten das. „Zugfenster bunt wie Fahnen – man schleppt auslänSPIEGEL: Was jetzt zusammenbricht. wovon ich genen Versuch. um die Grundversoraller Lebensmittel und gung des Volkes sicher60 Prozent aller Kartofzustellen. SPIEGEL: Die hohen Preise müßten eigentlich die Warenproduktion anregen. des Kleinstvier Prozent des Bodens. Solschenizyn: Das ist Selbstbetrug! Welche Waren liegen da? Vorwiegend ausländisches Zeug. Wir haben am falschen Ende angeverbotene private Handel organisiert ausländisches Zeug heran. dann kann man keine Werte schafsein können.. mehr Konsum- 150 DER SPIEGEL 44/1994 T. Die Staatswirtschaft letzten Dorf gibt es beSpielkasino in Moskau erfüllte ihre Pläne oftreits wieder Straßen„All die Neureichen haben nie etwas geschafmals nur mit Hilfe des märkte . von die privat bebaut werden Handwerk und Gewerdurften. Und unsere Führung spielt voll mit. ich schäme Prozent im Jahr. TITEL produziert. sie könnten die Preise so steigern. etwa ein Drittel be. um das mich. Um eiwir schon einige Jahrzehnte vor der Redurch. BesteDa fing alles an. ge einen Ausweg zu finden. stalteten Umwelt. . kursen gespielt. Es geht darum. den Sie beking–Moskau gesehen. Beginnen sollte man nicht mit dem Handel. halten sie aus den Fenstern. alle Güter sind zu haben. ist häßlich. irgendwelche fangen: Bei uns wurden die Preise freidie Versorgung. herrschen jetzt Kleiderhandel an der Transsibirischen Eisenbahn schon Kurzarbeit und Zwangsurlaub. gegeben – in einer monopolistisch geSolschenizyn: Kapitalismus ist nun einund die Sachen gehen reißend weg. Klamotten. die Klamotten gehen reißend weg“ vor allem die überflüssige Rüstungsproduktion. sondern Volkseigentum verschleudert“ delt es sich oft um einen Solschenizyn: Freie Nebenerwerb. verministration mußte sich scherbelt. aber er beweist. daß ich so was tun muß. nem Bahnhof anhalten. daß es zu fördern sei. Das hat mit einmischen. All die Neureichen von wie sie wollen. Das Resultat ist schon zu sehen: Alle Läden sind voll. sondern mit der Produktion. und sagt: Ich bin Lehrerin. Und der jahrzehntelang aller Staaten: Unsere Bürger schleppen fen. Das ist doch keine Marktwirtschaft. Wir müssen SPIEGEL: Der Kommerz. ohne Konkurrenz. . Die Produktion sinkt um 20 sagt. aber ich heute haben nie etwas geschaffen. ein unvorstellbarer Zusamsen: Den Monopolbetrieben wurde gesteht vor mir mit Tränen in den Augen menbruch. hen. willkürchungsgelder gegeben lich alle Preise zu erhöund Naturressourcen. NOGUES / SYGMA . niemand muß mehr Schlange stehen. Das wird zunächst mal billig verkauft. Es könnte dahin kommen. Das ist es nicht. zehnte Wahl. Aber bis zum feln. aus einer schweren Lavolution. gehört auch sten? Selbst unter Chrudie Förderung der lokaschtschow lieferten die len Märkte. Tausendfache. alhen. ist disches Zeug heran. schreiben. Wenn sie auf einichts übernehmen. daß man überhaupt kein Geld mehr hat. damit unsere Produktion total erdrosselt wird. das Zwanzigfache. Nun sagt man uns. Und eine Frau gebrochen. und das taten sie. nichts Fünffache. Wenn nichts produziert wird. Um keine Massenarbeitslosigkeit aufkommen zu lassen. Auf niert. Die Moskauer Adso Volkseigentum. Natürlich fängt es erst mal mit dem Handel an. gibt es nichts zum Verkaufen. unternehmertums.

läßt sie sich so die landwirtschaftliche Nutzung dieses schnell nicht wiedergewinnen. Doch worden ist. gehörte also niemandem. auch te Gesetz über Grund und Boden. der Solschenizyn: Ich bin kein WirtschaftsArbeiter aus den unproduktiven Rüfachmann und werde keine grundsätzlistungskombinaten? chen Lösungen vorschlagen. und sie arbeiten halten. TITEL güter im Lande selbst zu produzieren. Zinssatz. SPIEGEL: Rückgabe vor Entschädigung? Solschenizyn: Rückgabe. Dafür müssen als erstes Agrarbanschon – aus den dahindämmernden Kolken geschaffen werden. Dann gibt es die „Den Boden muß man lieben. an Grund und Boden zu komEs können auch – und das geschieht men. noch sehr starke Bindungen zum Land. wir schwinden? werden zu einer Art Leibeigenschaft zuSolschenizyn: Das wäre noch eine Rerückkehren oder zur Tagelöhnerwirtvolution und genauso falsch. die den Boden chosen aktive Personengruppen mit ihverkaufen oder in Erbpacht übergeben. Land kaufen. Kauf und Verkauf durch Versteigerung Wenn sie einige Generationen lang vervon Grundstücken. Beabsichtigt war der freie die Landwirtschaft ist eine hohe Kunst. zu geringem den. Was mich besonders besorgt macht. die mit Produktion noch Den Boden muß man lieben. Die Frage. werden. den Boden zu bearbeiten. Persönliche InitiatiSolschenizyn: Im Gesetz über Grund ve muß man fördern. tretbare Nutzung des Bodens zu kontrollieren. das nachweislich ihrem Vater. wo sich Leute für die Tätigkeit als Bauer eignen – nicht Arbeit muß man können“ jeder ist imstande. Und dann wurde es mit Stalins Kollektivierung noch einmal weggenommen. eine Art Agrarkomitees müssen die Aufgabe ervon Genossenschaft. manche schauen sich erst schen muß die Möglichkeit gegeben einmal um und kommen dann in Gang. Die bereits vorhandenen Ich kenne schon solche Fälle. die effektive und ökologisch veraußerordentlich erfolgreich. wie sie es möchten. aber es kommt darauf gab vor dem Ersten Weltkrieg Bauern an einzusehen. Auch in schaft. aber auf ihre Gaumuß man können. das geht nicht. der bäuerliche Arbeit leisten kann. ist das geplanSolschenizyn: Nicht nur für diese. Das SPIEGEL: Das russische Proletariat hat würde Rußland vernichten. che Ware. das für Flüchtlinge aus den Republiken. Bodens kontrolliert werden sollte. ist hier ein stänSolschenizyn: Boden ist keine gewöhnlidiges Gesprächsthema. damit sie sich ih- 152 DER SPIEGEL 44/1994 P. die Arbeit nichts zu tun hatten. Manche gehen und Boden muß als erstes die Bauernschaft rehabilitiert werden. Großvater oder Urgroßvater weggenommen worden ist und die an dieses Land eine bäuerliche Bindung haben. notfalls für eine Rückgabe SPIEGEL: Sollen die neuen Eigentümer nach drei Jahren sorgen. das Land auch vererben dürfen? SPIEGEL: Der Reformer Stolypin überSolschenizyn: Ja. rem Anteil an Land ausgegliedert werMit langfristigen Krediten. der gerung werden dieselben Leute das richtet in einem Jahr alles zugrunde. Die SPIEGEL: Sollen die Kolchosen verwerden Lohnbetriebe einrichten. die Fälle. KASSIN . durch Lenins Bodengesetz wurde es Nationaleigentum. ren Hof einrichteten. Solschenizyn: Einen Städter mal rasch um Boden zu kaufen. Ist das womöglich Was tun? heute ein Ausweg für das Millionenheer der Arbeitslosen aus den Städten. wie die Ernte steht und wie SPIEGEL: Wie das? die Kartoffeln wachsen. hat heute das Geld. die durch ein Wunder erst einmal gestoppt sich von Rußland getrennt haben. wobei nicht einmal nichtet worden ist. die es dann selbständig bearbeiten. daß der Boden keine ein paar Hektar Land. . Bei einer Versteiaufs Land schicken. das volle Eigentumsrecht erhalten. Sie müssen das Land zurückbekommen.. Die Bolschewiken haben den Bauern das Land weggenommen. Solchen Mennach vorn. nerart zu Geld gekommen sind. unentgeltlich. Niemand. der Wirtschaft sollen die Menschen wie SPIEGEL: Was empfehlen Sie? im sozialen Leben so handeln können. In vielen Fällen sind Menschen da. die das Land erben wollen.

das sind die spielt. die vom westlichen Geist verein gutes Leben geführt . von fluß werden Sie sich nicht abfinden? Gottes Atem unbeSolschenizyn: Der Pluralismus muß inrührt. wie es bei uns ist. einen positiven. aber nicht so. Von den Deutschen haben wir hältnisse in der Stadt nicht so attraktiv alle müssen respektiert werden. zicht. Ich bin immer viel übernommen. der entscheidet. haben aber ohne Diktat: Übernehmt das so. in der Praxis weniwechselt. sind Kapitalistegral sein. Solschenizyn: So etwas habe ich nie geließ. A. in Ordnung Solschenizyn: Popmugebracht. In Moskau habe ich noch keisik und Rockmusik. Vom amerikanischen Präsidenten kung und dem GewisGeorge Bush stammt ein Wort aus dem sen der Menschen September 1992 vor der Uno: Unser unterliegen. bis Stalin sie deportieren schaffen. Afrika. terwegs aufgezeichnet habe. Noch die kann nicht auf hemeinmal: Es muß eine mungslose BereicheKontrolle geben. eigene Vorstellungen. Sie Eindrücken in der Provinz gesprochen. äußert. Ich habe les verzichten. wie manche im gleichermaßen widerWesten sich das vorstellen – es gäbe gelich. diese wäre das Leben in der Stadt nicht so attraktiv“ zwei. wußte viel Gutes von ihnen zu erIdeen haben. Sonst wären die Lebensverund Japan. der die deutSPIEGEL: Alexander Issajewitsch. Jede Gesellwisse Rahmen. Es ist nicht wahr. SPIEGEL: Es ist ja ein immerwährender SPIEGEL: Ist das nur Ihr Skandal. senbahntarife jetzt völIn Rußland darf man lig irrsinnig sind. unendlichen Briefberge Herr zu werund nicht den Kapitalisden. habe SPIEGEL: Sie teilen die Russen in eine ben sie eine ganz wichtige Rolle geauch nichts gegen einen westlichen EinMehrheit in der Provinz. . Kulturen. Wir können unsere selbst zu beschränken. . Viele haben schon aufgegeSolschenizyn: Es gibt verschiedene WelSPIEGEL: Ihre Theorie wird auch bei uns ben und sind in den Handel übergeten in der Welt. Das ist ein stand. ne öffentliche Rede gehalten. Aber für Bäuerinnen bei der Kartoffelernte mich unterwegs mit den prosperierenden „Der Sinn für Landwirtschaft ging verloren. der möglich ist. Treibgen. menschliches Gewissen SPIEGEL: Aber mit dem westlichen Einnicht gebändigt. Das zuwider. termachen. unsere landwirtschaftlisondern nur auf Selbstche Produktion nicht beschränkung und Verzugrunde geht. daß dieses Rezept für den russigroße Land sich nicht schen Sonderweg. kaufen oder dend ist die Moral. KOCH / DAS FOTOARCHIV DER SPIEGEL 44/1994 155 K. gar nicht richtig begonnen. Und ich habe das. damit rung gerichtet sein. für den Pluralismus. China Solschenizyn: Das ist sehr. für die Achtung Staat und in unserer Volkswirtschaft hasämtlicher Kulturen auf Erden. bin kaum Porno. gilt das auch für andere Regionen der Erde? Solschenizyn: Das ist eine furchtbare SchanSolschenizyn: Sich de. Es das heute nicht laut safehlen Straßen. die Menschen stoffe. oder selbst ernähren kann. das ist mir alles mit jemandem zusammengetroffen. weil die Eidie ganze Menschheit. Rußland ist ein ger. Lateinamerika! Sie erlich. Die Kolonisten. Schranken stehen über SPIEGEL: Das war ein Hilfsangebot an jeder GesellschaftsRevolution wunderbar funktioniert“ Osteuropa. Guten. Wir müssen das allein dorben sind? SPIEGEL: . für Traditionen. und verkaufen kann. Entscheimöchte. Indien ein anderer. meiner graphie. form. Inframüssen ohnehin auf alstrukturen. Jedoch der kommt erst alles noch. TITEL daß die Wirtschaft alles Ware ist. sonst Westen ist es noch vielen Bauern unterhalten.. meist Väter mit nicht zu spät. landwirtschaftliche Arbeit ist verlorenKontinent. Jahrfluß. drei Söhnen. Ich habe von meinen positiven Solschenizyn: Mein Onkel. und innerhalb dieser schaftsstruktur muß könnte es jede Menge Pluralismus geder Selbstbeschränben. Ich bin hier auch nicht die Pornoerst sechs Wochen und versuche. dem AnMoskauer Warenbörse Marktwirtschaft in der Welt. nach meiner ReKapitalismus? Durch de in der Staatsduma. in unserem geworden. Der Sinn für den Boden. ANDREWS / DIAGONAL . die jeder. sehr hoch geschätzt. . und die Minderheit in den Mehundert zu uns gekommen sind. die Popmusik aber nicht. die im 18. schen Siedler am Kuban kennengelernt möchten aus dem Westen die guten Mein Aufenthalt in Moskau hat noch hat. Technik. was ich mir unmus. die „Jauche“. Waren nirgendwo hindas ist ein Rezept für bringen. einem Ziel ist die Herstellung der freien Ehrgefühl. . Die Chance des Überlewenigsten wollen weibens zu ergreifen. sehr bedaugegangen. sich über das ganze Land ermus und Sozialismus strecken. Die moralischen „Freie Marktwirtschaft hat vor der totalitärer Satz. . tropolen.

Rußland muß die Tatsache anerkennen. bis auf den einen: Großmacht ziehungen aufarbeiten. dann wird sich unsere Lage noch gefährlich zuspitzen – und ebenso. uns auf die inneren Probleme zu konzentrieren und die Initiative des Volkes durch die Selbstverwaltung zu entfalten. Kuba. wir verfügen über hinreichende nationale und geistige Potenzen. in der VergangenIssajewitsch? heit wie heute. alles falsch geregelt ist – wie in RußP. Jahrhundert verloSolschenizyn: Man kennt aus der Verren haben. Im Ersten hat die Revolution unseren Sieg verhindert. die Selbstbestimmung. sondern Rußland. Solschenizyn: Wir befinden uns tatwarum Deutschland sich für den Balkan sächlich in einer überaus armseligen interessieren sollte. die wir durchzustehen haben. SPIEGEL: Das altehrwürdige Akademie-Mitglied Dmitrij Stalins Herrschaft wurde bestätigt. die Kontrolle der Regierung. Es gibt keine Garantie. Wenn es aber so bleibt wie heute. Vietnam? Solschenizyn: Ich kämpfe „Deutsche und Russen brauchen schon seit 20 Jahren gegen soleinander. im Zweiten Weltkrieg haben wiederum wir verloren. weil sie sich ergänzen. wenn das Verbrechertum in der Volkswirtschaft weiter wächst. daß ethnisch in Jugoslawien der Geburtenrate. Nur betont er die Kultur als etwas Länder wollen nicht mehr Polen unter Gesondertes. auch wenn wir geographisch keine Nachbarn sind. drohe der russischen ander brauchen. KASSIN zählen. Die Deutschen haben unsere Seele begriffen. sondern in gewisser Hinsicht die Russen. aber in unserer Gesellschaft. kultuselbständige Staaten anerkannt? Auf rell. Solschenizyn: Ich stimme voll und ganz SPIEGEL: Der Vorteil dabei ist: Beide zu. das Lichatschow sagt. Die erste. Die Sterberate liegt über nen lassen. TITEL SPIEGEL: Den Deutschen ergeht es darin kaum besser. Ich verstehe auch nicht. aber es kann gelingen. DER SPIEGEL 44/1994 157 . ganz schlichte gangenheit die Interessenlinie Berlin– Schlußfolgerung daraus lautet: Wir Bagdad. bei dem administrativen und wirtschaftlichen Niedergang. nicht gefährlicher sein. ethnisch. Die Lehre kann der Kultur zu sein und zu bleiben. SPIEGEL: In diesem Jahrhundert haben die Völker freilich zweimal gegeneinander Krieg geführt. daß wir sämtliche Schwierigkeiten überwinden. Der deutsche und der russische Charakter sind eng verwandt. Lage.. Nation der Tod. SPIEGEL: Das verstehen wir auch nicht. Solschenizyn: Unsere Lage kann gar nicht schwerer. hat das nicht Deutschland gegungen. Alexander kan eingemischt hat. daß wir das 20. . in jeder Hinsicht. SPIEGEL: Kein Drang mehr nach einer führenden Rolle in der Welt? Kein Interesse mehr an Haiti. nicht auf dem Schlachtfeld. wirtschaftlich. Wenn nur sein. Solschenizyn: Ich bin gegen den Panslawismus. denn die Russen der Landkarte hätte sich schon erkensterben aus. Wohin treibt Rußland. daß es sich auf dem Balsein. schadet. SPIEGEL: Wo liegen die Risiken eines Scheiterns? Solschenizyn: Rußland läßt sich noch retten. Solschenizyn: Beide Kriege haben nicht nur die Deutschen verloren. Rußland solle alle flache Land entvölkert. waltung. Der größte Fehler Rußlands SPIEGEL: Die wollen wir auch gar nicht besteht darin. Jetzt kann SPIEGEL: Auf dem Balkan hat Rußland Polen bei unserer geistigen Annäheaber doch Interessen? rung nicht mehr stören. Wir zählten 31 Millionen Opfer. daß Deutsche und Russen eines das nicht tut. wenn wir es jetzt fertigbringen. weil sie sich ergänzen“ che Ambitionen. die Mitbestimmung des Volkes Solschenizyn: Als Polen noch Rußland sind indes nicht weniger wichtige Bedingehörte. unsere Kultur akzeptiert. Wir müssen die Großmachtansprüche bedingungslos beganzen drei Jahrhunderte unserer Begraben. Die öffentliche Selbstversich aufteilen. Warum hat Deutschland so müssen unsere innere Situation retten – überstürzt Kroatien und Slowenien als geistig. wenn wir uns weiterhin als Großmacht aufspielen und uns mehr für internationale Probleme interessieren als für unsere internen Bürden.

. Die Tschechen saRußland . land. . Solschenizyn: Da müssen wir mit aller gen. mit der die ganze Menschheit zu SPIEGEL: Die DDR-Bürger wurden nie ukrainischen Bevölkerung versteht rechnen haben wird. die Russen. Sie gehören nicht zu gen. Jetzt schen Republiken. Grundschulunterricht. Jetzt verschiebt ihr Präsident Naauf verzichten. wem blem der Aufnahme von Flüchtlingen in abhängig erklärt haben? Wallenstein gehört. Deutschen und so weise hastige Anerkennung hat ter. Tür gesetzt. . . Ukrainer. Jahrhundert eine gewaltige 160 DER SPIEGEL 44/1994 DPA . weise. das niemals zur Er läßt die Kolchosen von Südsibirien die große moslemische Welt hin. man ihm das glauben soll. gehören. auch eine starke Bewegung für die AnUkrainer. worden waren. Nicht nur DeutschMongolei. union wiederherstellen Die Hochschulen machen möchten . verwandte Kulturen Belorußland zur Annäheund Lebensweisen. sie davon zu überzeuben wir den Polen wohl schon geoberten Territorien. . Die Ukraine gehörte. Deren Kultur wird unterSPIEGEL: Alexander Issajedrückt – Fernsehsendunwitsch. aus China. er gehört ihnen. anders als in Deutschden slawischen Republiken existiert Solschenizyn: Mein Großvater war land. und meinen Vater habe ich näherung an Rußland. ihr SPIEGEL: Warum nicht aus den slawiSolschenizyn: . Doch die Mehrheit der Kraft. Zum Zeitpunkt der Auflösung Großmachtambitionen anfängt. Dielen. Ebenso aus Transkaukate. Warum die Gebiete kostenlose Einfamilienhäuser für Kasawird im 21. . . was russisch war. zur Aufnahme eine Prüfung Solschenizyn: Ich habe den im Kasachischen zur BedinZerfall der UdSSR vorausgung. es gebe 40 Proso eilig die Grenzen. So werden Nichtkasagesagt! chen ferngehalten. Die Abrung und Vereinigung. kriegen plötzlich zu hören. Was SPIEGEL: Weil es früher geverbindet diese Staaten? nau umgekehrt war. indem es TransSPIEGEL: Und Kasachstan? der Großvater. in die sie verpflanzt gen. das Staatsbündnis zu erhalten. Die ukrainische Linie. und und Russen galten nie als Mischehen. . In schenkt. Da galt nur. nicht mal die Frage: Bist du Ukrainer es überhaupt nicht. Und nun beStaaten akzeptierten ebenhauptet er. darüber wird jetzt seid Ausländer. . Das ist entsetzlich. TITEL chen bauen.. Das liegt am „Den Krieg haben die Russen verloren: ein Gefühl wie bei Ihnen Einfluß Österreichs und wahrscheinlich damals die Deutschlands in den JahrStalins Herrschaft wurde bestätigt“ Trennung von Ostdeutschhunderten der Trennung. stehen wir vor dem ungeheuren ProUkraine per Volksabstimmung für unSPIEGEL: Bei uns wird gestritten. nen Fehler begangen. die er aus der land. aus land. wird der Stuhl vor die wischen Staaten Rußland. die keine Kasachen sich nur einen Bund der slasind. warum die Ukraine nun mit rien. aber ich verstehe sondern Nordkasachstan ist SüdsibiSPIEGEL: So kann man es auch nennen. Neurußland beispielsheit. Solschenizyn: Rußland hat seinerzeit einicht gekannt. Denn Mittelasien drängt natürlich auf am Schwarzen Meer. Belorußland und teilweise Kasachstan. Untrennung der Ukraine. PoSolschenizyn: So ist es. Warum der Sowjetunion waren 37 Prozent der Solschenizyn: Der Lauf der Geschichte soll sie sich die russische Krim einverEinwohner Kasachen. der war also der einzikaukasien und Mittelasien in seine ge Mann in unserer Familie. . außerdem verbinden Solschenizyn: Im letzten die drei slawischen RepubliJahr zeigte sich die eindeuken Millionen persönlicher tige Bereitschaft der beiden Beziehungen. FamilienbanRepubliken Ukraine und de. Selbst wenn to gezogen hatte. die sich wie die gestritten. Wir müssen unsere Landsleute das innerhalb von 24 Stunden. Die Leuda wegholen. also die Minderzeigt uns deutlich. und zwar unbedingt. andere europäische dem Iran holt. Sie wünschen ten. dem Krieg in Jugoslawien In Kasachstan leben allein einen weiteren Anstoß gesieben Millionen Russen. viele aber aus ehemals erKraft versuchen. geben. von versöhnlich bleiben die SeBelorußland und Kasachparatisten aus dem Westen Abzug der Russen aus Potsdam im Mai stan weckt in uns genauso der Ukraine. welche die Sowjetalles nur auf kasachisch. die zu dem Ort und zu dem Land ter Nikolai Gogol gehört . ben. SPIEGEL: Bosnien ist eine dann stellen alle anderen. Ukraine. immer noch 60 Prozent. jenen. FachleuSPIEGEL: . Unsere Sache ist nach ihrem Einverständnis gefragt. Verständnis für alles. . . reißen. Grenzen einbezogen hat. WolSolschenizyn: Unter den len denn diese Länder aus Bolschewiki und im alten freiem Willen wieder in eiRußland bestand ein gene slawische Union? meinsamer Wirtschaftsraum. die Tizent Kasachen. uns dort einzumiSolschenizyn: Sie hatten 17 Millionen oder Russe? Ehen zwischen Ukrainern schen und irgend etwas auseinanderzuverloren und wir jetzt 25 Millionen. die dort seit Generationen gelebt haSPIEGEL: Zu welchem Land der Dichsien. Kopernikus haSPIEGEL: . nicht. das Gebiet Odessa und Cherson sabarjew diese Relation ein bißchen. Erfindung Titos. Für sie ist Rußland etwas Fremdartiges. . Ich habe Solschenizyn: Das ist nicht Mittelasien. wir müssen jetzt darleiben dürfen.

Wie würden Sie denn nach Moskau geschrieben. rieren. das die Lage wirkSolschenizyn: Auf meiner lich nicht begreifen kann. mutigen und selbstlosen Vermand. und pelle. sucht nach der produktiven Einsamkeit dat gar nicht aufstellen lasse? von Vermont? Solschenizyn: Das kommt an. das nun in zielle Funktion zu übernehRußland herrscht. nicht mit den unglaublichen SchwierigSPIEGEL: Auf Ihrem Tisch liegt ein SPIEGEL: Können Sie sich Ihrem Volk keiten. nen. das ist alles aufgeblasen. aber ich habe „In Rußland herrscht keine Demokratie. Sonst sich viel Schmutz in unseren Seelen anhätte ich diese Reise nicht unternomgesammelt. KASSIN DER SPIEGEL 44/1994 163 . In der kommunistischen Zeit hat auch nie Ukraine. SPIEGEL: Vielleicht hat der Postbote Jahren in einem Brief noch aus Amerika was ich mir vorgenommen hatte. irgendeine offimit dem Chaos. und irgendwann sterbe ich kann noch schreiben. mit mir zu nicht auf. ich will weder gewählt be ich gesagt. Bei unseren Begegnungen haben und Feen. das zu lesen. um das wieder sauberzukriestropowitsch tritt ein. daß er Solschenizyn: Ich gebe sie die Absicht hat. fohlen. SPIEGEL: Haben Sie manchmal SehnSolschenizyn: Wenn ich mich als KandiKreml. das in immer kleinere GrupKandidatur in solchem Kontext zu disSPIEGEL: Alexander Issajewitsch. wenn wir aus dem als Schriftsteller muß ich Kommunismus hinausmardurch Überzeugung. daß jesagt. sich glaube. Ich tretern des Volkes möchten Sie Rußland die Maske vom Gesicht gerissen hat. keiner Parteiung aneine Minute. Ich dränge mich ihm Verlag will 24 Bände von mir Solschenizyn am vergangenen Freitag in der Duma nicht selbst auf. cher Rußlands könnten Sie Und ich kann das auch beweisen“ noch einen Band mehr zu selbst Präsident Rußlands schreiben. Dann durstig. herausbringen. hin Reise habe ich über 30mal vor und her geworfen. SPIEGEL: Sie haben vor mehr als vier Solschenizyn: Ich habe dort alles erfüllt. daß Sie sich ich noch meine Frau bereuen auch nur reagieren. Wir haben das sichere Gefühl. weil es die Aufgabe haben. Sie wünschen sich nach dessen Ende derart engagiert. aus noch ein. Werdenten? den Sie sich wieder der literarischen Arbeit zuwenden? Solschenizyn: Jelzin hat mehrmals geäußert. die größte Genoch eingesetzt oder berufen fahr wird dann auf uns zuwerden. umarmt Solschenisich Leute auch gegenseitig behackt. P. daß wir Vermont verlassen beim Schlafittchen faßt und in den schließen würden. Dadurch ist keiten bieten sich Ihnen da? das Volk. Parteilisten besser gleich zu geschrieben habe. Früher hamen. TITEL um den Don und Donezk? Die waren Solschenizyn: Ich lebe mit dem Gefühl. nicht an Privilegien oder PrinziDiese kleinen Gruppen sind keine ParWas geschieht. bereits Arbeiten für 27 bis 28 SPIEGEL: Als berufener SpreBände. was ich Solschenizyn: Das habe ich nicht vor. Und meine Appelle hört? Ich madann kann ich auch wieder che dann noch ein paar Apvor Publikum auftreten. sondern die Mensein. daß ich es welche. da gen. an Sie adressiert: An den verweigern? Schriftsteller Solschenizyn. die nicht an ihren Vorteil denSie haben auch Ihren Feind verloren. daß mein Volk eine Einheit ist. manche haben schon Was ist. mit SPIEGEL: Es ist verständlich. Wie viele Selbstmorde Ich habe mehr als 10mal im es gibt! Manche sind tatenFernsehen gesprochen. andere wissen nicht die Rede in der Staatsduma. . aber ich habe bismich der kleinen Form. und man ging nachdenklich auseinehrlichen. nen Appellen vor Ort habe ich empschen zu bewegen. durch schieren. Weder eine Vorahnung. werden? werfen. Moskau. Kreml versetzt? eines Schriftstellers sei. ich einfach. der so wie Sie dem Kommunismus ander und stritt sich nicht mehr. wenn man nicht auf den Wunsch geäußert. Sind Sie so einer? teien. Aber net zu sein. für eine solche Aufgabe geeigwieder aufbauen. zyn und zieht sich zurück. erst recht Solschenizyn: Auch dann nicht. wir pierungen zersplittert? kutieren.. Nun sind wir auf eidas Wort meinen Einfluß ausne Weise rausgekommen. also her keine offizielle EinlaErzählungen. Es geht nicht darum. ein Haus zu bauen. Leute. habe ich zum Schluß ein paar Worte geSPIEGEL: Alexander Issajewitsch. In meinem Alter und kommen. die sich wohlfühlen mit Politikern zusammenwie Fische im trüben Wasser. komme. Wir sind zwar hier. sein Volk zu eiam richtigen Ort zu sein. SPIEGEL: Und wenn Sie dazu gerufen zerreißen und in den Mülleimer zu haben aber noch nicht alles im Griff. wenn das Volk nicht auf pien. Und dann gibt Ich schließe nicht aus. Wie soll das gehen im heutigen Solschenizyn: Ich gestatte nicht. ken. Abgeordneter ohne Feinde genug Sorgen zu werden. In meiIhren Ruf zur Versöhnung hört? Solschenizyn: Ich habe in keiSolschenizyn: Ich habe auch ner Weise vor. auch nicht mit dem Verlag. oft apavollen Häusern gesprochen. Ein Moskauer dung. daß Sie sich dem Parlament früSPIEGEL: Wir wünschen Ihher zuwenden als dem Präsinen lange Gesundheit. Die Feen sollen das Volk kudanken Ihnen für dieses Gespräch. meine Rußland. Jetzt widme ich sprechen. die üben. auf die quälendste und SPIEGEL: Welche Möglichdümmste Art. thisch. wenn eine gütige Fee Sie keinerlei Gruppen. wir brauchen viele Engel Der Cellist und Dirigent Mstislaw Romen. wirklich restlos verquer ist. SPIEGEL: Ist es Zufall. Brief.

die Kladde für alles beim Volk Aufgesammelte stets griffbereit. verbreitet die tröstende Botschaft von künftiger Größe Rußlands. eilt der einst verbannte Nobelpreisträger von Friedhof zu Fabrik.“ Kaum ein Politiker oder Intellektueller in Moskau. wurde er für Sekunden sichtbar: in Tobolsk. lautet sogar das Credo Michail Gorbatschows. der – anders als die auch heute Herrschenden – den Kommunismus als Opfer erlebt hat. mit wem er gesprochen. Im schlich- M ten Kittelhemd.. „Irgend etwas Neues von Alexander Issajewitsch?“ ist zu Jelzins ständiger Frühstücksfrage geworden. Nach den Wahlen in Belorußland und der Ukraine frohlockte der letzte Chef der Sowjetunion: „Wir gehören zusammen. Heimkehrer Solschenizyn in Wladiwostok: „Man wird mir das Wort verbieten. die einmal zum Reich gehörten. das nehme ich in Kauf“ Rußland FURCHT VOR DEM FUNDI Auftrieb für Moskaus Vaterlandsfreunde: Die Wahl prorussischer Präsidenten in der Ukraine und in Belorußland läßt sie auf Großrußlands Renaissance hoffen. Die Aussicht auf ein Wiedererstehen des Imperiums beflügelt alte und neue Panslawisten zwischen Bug und Beringstraße: „Es muß eine Union geben“. auch wenn die Rückkehr zur UdSSR unrealistisch wäre. Vorige Woche. Wo der strenge Reisende gerade Station macht. die Union der einstmals angegliederten Nationen mit Rußland lasse sich restaurieren. Denn dieser Mann. von dem nicht sicher ist. Der Moralist lehrt die Regierenden das Fürchten. der die Träume in durchschlagende Worte faßt: Alexander Solschenizyn. . die allmähliche Annäherung des graubärtigen Propheten aus dem US-Exil. was er noch gilt im eigenen Lande. was er kritisiert hat. anchmal meldet das Staatsfernsehen. Nur Chauvinisten erheben den imperialen Traum offen zum Programm. der Mann ziehe mit einem Riesenheer heran. Einer ist im Anmarsch auf die Hauptstadt. Fest steht nur: Er findet mehr Achtung. als vielen Amtsträgern im neuen Rußland lieb ist. knapp vor der Wetterkarte. lassen sich Minister und Parteiführer in Lageberichten ausführlich vortragen. am 45. Sammelstelle für Sträflinge und Verbannte seit Zarenzeiten rund 2400 Kilometer östlich der russischen Hauptstadt. welche die abtrünnigen Kolonien – nun „nahes 110 DER SPIEGEL 29/1994 DPA . von Kolchos zu Kulturhaus. unter Einschluß aller Völkerschaften. der nicht heimlich hofft. Ein Berater im Präsidialamt spottet bereits: „Man könnte denken. Für die Verwalter der Moskowiter Macht hätte Solschenizyn keine schlimmere Folter ersinnen können als diesen Kreuzweg mit später Spurensuche im Archipel Gulag. Doch selbst Boris Jelzins Sicherheitsrat verfaßte voriges Jahr eine „Außenpolitik-Konzeption“. und mit harter Hand zentral regiert ohne solche Faxen wie Förderation oder Autonomie. von Wundmal zu Wundmal seiner schwierigen Heimat. Tag seiner langsamen Heimkehr.“ Die Unbehaglichkeit im Kreml steigerte noch der Sieg der Moskau-Freun- de Leonid Kutschma und Alexander Lukaschenko bei Präsidentschaftswahlen im Glacis Rußlands (siehe Seite 112).

„nur mit dem hämischen Ziel gezogen.“ Jelzin glaubte: „Alexander Issajewitsch wird auf unserer Seite stehen. die Jelzin. Auch im großen Rußland wächst die Sowjetnostalgie – und die Lust auf Revanche. Bei seinen Vernehmungen als Opfer des Putschversuchs vom August 1991 sei ihm. wo wir uns auch mit dem Belowescher Wäldchen beschäftigen werden. später Gescheiterten wie Jelzins Reformpremier Gaidar. 25 Millionen Landsleute seien damit „vor die Tür gesetzt worden wie Hunde“. der den Herrschenden aus der Ferne beinahe jeden Tag neue Verlustrechnungen aufmacht: Ehemaligen wie Gorbatschow. erklärte Solschenizyn den Sprung in der Promier im Oktober. der etwas von Rußland noch vom Weein Grundstück mitten in der Bonzensten“. weil der Adressat im Kreml den Beistand des rückkehrenden Mahners bereits blind eingeplant hatte und beim Autoritätsverfall im Lande nun auch bitter nötig hätte. weil der nach „Art eines Schachspielers lediglich versucht“ habe. der die Datscha des unter Stalin erschosseEx-KGB-General: „Die Zeit Solscheninen Marschalls Tuchatschewski stand. wonach funktionär Jelzin nun „kein heiliger Platz leer enttäuscht. nentenliste einer Moskauer Zeitung von daß ich eine unerwünschte Person sein Platz 87 auf Platz 30.) in Chabarowsk: „Kein heiliger Platz bleibt leer“ DER SPIEGEL 29/1994 111 ALPHA / SIPA-PRESS . Rechte trifft. sehen wie Likraten und raffgierigen Geschäftematerat Jewtuschenko im Rückkehrer eine chern: Sie haben sich vereint. Vor alkommunistischen Patrioten angeht. Nur einem Wundwerde und man mir das Wort verbieten arzt der russischen Seele gelang eine wird. der lem sind sie am Volk ohne Rücksicht auf revorbei gehalten. Den USA galt ohnehin die russische Ex-Supermacht als angemessener Partner. schließlich den Wäldchen-Verschwörern wider das Großreich: Sie hätten im Souveränitätsrausch „falsche. Ähnlich ließ sich auch Wendedesiedlung Troize-Lykowo. Der Präsident selbst beriet mit dem Moskauer Die Nesawissimaja gaseta mäkelte. gierende und opponieNeun von zehn Mosrende Seilschaften „die kauern sind laut Umvolle Wahrheit“. der Ukrainer Krawtschuk und der Belorusse Schuschkewitsch im Dezember 1991 im Belowescher Wäldchen bei Brest anstelle der mächtigen Sowjetunion verabredet hatten. freifrage über Person und lich seine altväterliche. sieht sich der ehemiert. pe in den Medien auf Distanz: Das zenkein hohes Staatsamt anzustreben. zyns ist vorbei. was ich für Rußland rakteristik Solschenizyns: „Karikatur eifür nützlich und notwendig halte. Noch gar bleibt“. diagnosti1989 verwaiste Podest zierte Solschenizyn beeiner moralischen Führeits „Scheindemokrarungsfigur im nachtie“ und eine „raffi. Das russische malige KP-SpitzenSprichwort.. Das nehme ich in Kauf. auf dem ganzen Gebiet der ehemaligen UdSSR als Friedensgarant tätig zu werden. dienen ihm für die schrecklich. Jelzins Stab hatte Solschenizyns Wiederaufbauprogramm für Rußland 1990 in Massenauflage verbreiten lassen. Den Minsker Gründungsvater stürzte im Januar eine Intrige Lukaschenkos. versichert worden: „Es kommt die Zeit. Nomenklatura-BüroManche drängen weiter. . eine „flexiblere Nomenklatura in vorteilhafte Positionen zu bringen“.“ P. wem von den RegieInnerhalb nur eines Monats schaffte renden das gefällt oder nicht“. und eine Militärdoktrin.“ Jahren höchst streitbaren und seinen Kritikern intellektuell weit überlegenen Was den Schulterschluß mit dem antiRussen-Fundi scheinen voreilig. das russische Volk zu verringern“.“ nächste Präsidentenkür ihre Stimme an Schon ging die Regierungsschutztrup– trotz aller Solschenizyn-Erklärungen. „Ich gehe davon aus. trale Fernsehen verhängte über den Daß seine Polemik auch die russische Dichter „eine regelrechte Blockade“. und das ist Ein-Mann-Partei. ist aus der Umgebung des wie Ehefrau Natalja Dmitrijewna nicht Radikalinskis Schirinowski zu hören: ohne Grund klagte. Der letzte Vorwurf wiegt besonders schwer. weist dem Reinicht weit vom Pazifik senden das seit dem Toins Landesinnere vorde Andrej Sacharows gedrungen. so berichtete Gorbatschow. Mir ist nes russischen Patrioten“. völlig gleichgültig. Solschenizyn ließ früh erkennen. abgefallenen Republiken gab es Vorbehalte. auf dem einst mokrat Oleg Kalugin vernehmen. Krawtschuk fiel vorletzten Sonntag – ein Menetekel für Jelzin. daß er sie wieder eingesammelt sehen möchte und ihm die Slawen-Union nicht genügt. Wirken Solschenizyns „über Rußland“ sagen erstaunlich gut inforwill. die ebendort eine Stationierung russischer Truppen einkalkuliert. weil dessen Preisfreigabe Anfang 1992 allein „Gaunern und Schiebern die Freiheit gebracht“ habe. Von Osten her die marternd langsame Anreise des Moralisten Solschenizyn. die leicht auf den russischen Wähler übergreifen könnte. gegen die neuen.“ So erlebt Rußlands Staatsoberhaupt den Sommer vor allem als Bedrohung von den Rändern seines Reiches: im Westen die Abrechnung mit den Unionsflüchtern. Leninsche Grenzen anerkannt“. Bürgermeister Luschkow die Landverder Dichter verstehe „schon lange wegabe an den Emigranten Solschenizyn. Jelzin selbst verlangte von der Weltgemeinschaft besondere Vollmachten. den Dritten im Bunde.Machthaber Jelzin kommunistischen Wernierte Kreuzung von Bericht zum Frühstück tewandel als Ziel zu. KASSIN Solschenizyn (M. Kein Hitler-Vergleich im Westen habe Solschenizyn hatte das vorausgeseden so hart getroffen wie die Kurzchahen: „Ich sage nur. AUSLAND Ausland“ genannt – einschloß. das ist eiDie Grabreden auf den mit seinen 75 ne mächtige Waffe.

der Däne Poul Schlüter oder der Italiener Giuliano Amato waren nicht mehrheitsfähig. So blieb schließlich Kohls „Freund Jacques“ übrig. Wladimir Lukin. das die Staats. Vorher hatte der von einem „vollkommen unausweichlichen und gesetzmäßigen Schritt“ zur „Befreiung vom Kommunismus“ gesprochen. einen anderen als Dehaene anzubieten. war ihm allenfalls Erleichterung anzumerken. dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche. der nicht trinkt. Der Ire Peter Sutherland. ein telefonischer Rundruf hätte es D seine zweite Wahl erhoben hatte. Aber er kommt. Neugewählter EU-Kommissionspräsident Santer (r. ehe sie im Januar ihr Amt antreten. was hier passiert“. daß keiner der anderen Staats.. Den Sondergipfel in Brüssel. der spanische Regierungschef Felipe Gonza ´ lez. Jelzins persönlicher Vertreter in Nowosibirsk. wenn nicht einige Minister beteiligt wären. Der Vertrag von Maastricht sieht vor. brauchte Kohl zum Auftakt der halbjährigen deutschen Präsidentschaft eine positive Botschaft. Den Niederländer Ruud Lubbers hatte Kohl bei seiner hektischen Suche nach einem konsensfähigen Kandidaten gar nicht erst gefragt. Die Wahl war auf den Luxemburger gefallen. dem selbst am heimischen Kabinettstisch in Luxemburg einschläfernde Wirkung nachgesagt wird. Alexij II. könnte da stören. Föderationsratsvorsitzender Wladimir Schumeiko. Von Premier Tschernomyrdin bis Präsidialamtschef Filatow fanden das alle Nutznießer einer verfassungswidrigen Verlängerung ihrer Pfründen eine interessante Sache.)*: „Schwacher Politiker“ schließlich auch getan. . Schumeiko stellte den kompromißlosen Machtkritiker sogleich ins politische Abseits: Er rechne nicht „mit einem Faktor Solschenizyn. vorstellte. der – wenn er denn kommt – „uns sagt. Als er am Freitag abend im Brüsseler Ratsgebäude seinen Kandidaten. so Kohl. als sei er der Nekrassowsche Gutsherr. Auch Männer des Präsidenten lassen sich von dem großen Alten faszinieren. Entsprechend emsiger wird das Liebeswerben um den unabhängigen Dichter. selbst wenn sie es gern möchte“. Der einflußreiche Vorsitzende des außenpolitischen Duma-Ausschusses. fürchtet der britische LabourAbgeordnete Glyn Ford. Alarm hat Kohls Entscheidung auch im Europäischen Parlament ausgelöst.“ Oder: „Die Wahl nach Parteilisten ist eine trügerische Sache“. schwärmte: „Solch lebendige Augen. den Wahltermin 1996 ausfallen zu lassen und die Vollmachten von Präsident und Parlament zu verlängern. für wen er stimmt“. schickte ihm dann doch eine artige Einladung. Vollstreckt das Volk sein Urteil? Europäische Union Paßt ins Raster Der Luxemburger Santer. DER SPIEGEL 29/1994 113 DPA .und Regierungschefs in letzter Minute Einspruch gegen Ein „Leichtgewicht“ an der Spitze der EU-Kommission. Nach dem Debakel von Korfu. in Madrid unabkömmlich war. könne sich als Desaster für Europa erweisen. Und wie sie das möchte. der „die europäische Entwicklung geprägt“ habe. Anatolij Manochin. im ersten Anlauf noch gegen eine Anhörung Solschenizyns. Er ist still und stört nicht. Schon vor den ukrainischen und belorussischen Wendesignalen war Jelzins Mann fürs Grobe. Und „daß die Macht sich vor Wahlen nicht drücken kann. da „kauft der Wähler die Katze im Sack. reiste ihm bis nach Nowosibirsk entgegen. hätten sich einige seiner Kollegen gern erspart. daß sich der künftige Präsident und die neuen Kommissare erst dem Votum der Straßburger Volksvertretung stellen müssen. Die Ernennung eines so „schwachen Politikers aus einem sehr kleinen Land“. das die Briten mit ihrem Veto gegen den belgischen Premier Jean-Luc Dehaene besiegelt hatten. trete Santer „kein leichtes Amt an“. iesmal wollte sich Helmut Kohl die Show nicht stehlen lassen. noch bessere Plazierung. der Unbestechliche. 57. was Recht und Unrecht ist“.“ Für die Korridor-Kamarilla ein Graus – einer. vom Blutbad im Oktober berichtete ihm die einstige Vizechefin des PutschParlaments schon in Wladiwostok und beobachtete „Verzweiflung in Solschenizyns Augen“. befand die International Herald Tribune . weil Kohls erster Ersatzkandidat nach Dehaene. eine Bilanz seines langen Marsches nach Hause ziehen. Formal paßt Santer in das Raster. das wäre nicht möglich. Er wird im Parlament reden. Aber der deutsche Kanzler wollte „diese wichtige Entscheidung“ in Brüssel selbst bekanntmachen. Nach dem politischen Schwergewicht Jacques Delors. Davon müssen wir uns befreien. In ein paar Wochen wird er in der Hauptstadt sein. auf dem am vorigen Freitag der Nachfolger von Jacques Delors präsentiert wurde. Solschenizyn. Aber man solle ihm „eine faire Chance“ geben.und Regierungschefs für die * Mit Jacques Delors und Helmut Kohl bei der Vorstellung am vergangenen Freitag in Brüssel. Luxemburgs Ministerpräsidenten Jacques Santer. gilt als pflegeleicht. mit der Idee vorgeprescht. der Mensch war 20 Jahre weit weg von der Heimat und kann kaum beurteilen. Der Kanzler wollte Entschlußkraft vorführen – und brachte doch nur eine halbherzige Lösung zustande. der Präsident der EU-Kommission werden soll. Das russische Parlament. er weiß nicht. solch ein Interesse an sibirischen Angelegenheiten würde man gern in den Moskauer Korridoren der Macht treffen. Und das belgische Kabinett war nicht bereit. sich nicht rasiert und auch noch so gefährliche Sachen sagt: „Der bürokratische Apparat ist korrumpiert.

der Illusion von Raum und Zeit. der im Frieden mit sich selber lebt“. die den ewig Rastlosen begleitete auf seinen Reisen nach Lateinamerika und Indien. wo er mit fein modulierter Stimme seine Ideen vortrug – über Shakespeare. daß die emsige „Hauptverwaltung“ pflichtgemäß „alle 160 DER SPIEGEL 26/1994 . Versteht sich. Kennedy den Schüssen von Dallas zum Opfer fiel. wie die österreichische KP. Geläutert vom fröhlichen Zynismus seiner Jugend. ** „Akte Solschenizyn 1965 – 1977. in die überfüllten Universitäts-Auditorien. „war es ein Zeichen. sondern auch in den Gazetten internationaler Bruderparteien. Dennoch. zeitgleich wird sie im Herbst auf russisch und deutsch erscheinen**. in dem er sein Experiment mit der psychedelischen Droge Meskalin beschrieb. ging er im Alter von 69 Jahren ein ins Nirwana. darunter Manuskripte. an ihre Stelle trat Laura. zeugte sie einzig und allein von „gewissenlosem ästhetischem Selbstgenuß“. Spektakuläre Offenbarungen gibt es nicht. höchsten Parteiinstanzen hektische Aktivität aus. daß der grimmige Schnitter mich ins Auge faßte. daß die Welt die Nachricht vom Tod des Schriftstellers Aldous Huxley kaum zur Kenntnis nahm. schritt Huxley seiner irdischen Vollendung entgegen. überschwemmt das sowjetische Zentralkomitee mit Hiobsbotschaften: positive Kommentare zur Preisverleihung nicht nur beim Klassenfeind. November 1963. Geheime Dokumente des Politbüros der KPdSU und des KGB“. sagte Huxley. offenbarte sich ihm der göttliche Urgrund allen Seins. die jetzt veröffentlicht werden. Die Eloge auf die bewußtseinserweiternde Wirkung des im übrigen „völlig unschädlichen“ Stoffes. circa 480 Seiten. an dem John F.“ Zweieinhalb Jahre danach. Briefe und die 6000 Bände der Bibliothek. Rom und Stockholm. Im Zeichen der triumphalen Wiederkehr von Rußlands bärtigem Propheten hat Boris Jelzin die „Akte Solschenizyn“ * In Moskau 1971 bei der Beerdigung seines Freundes Alexander Twardowskij. unbeirrt. der einst die Kunst des Kollegen als „eine feinste Blüte westeuropäischen Geistes“ bewundert hatte. in der Geschichte der Literatur wie in der Geschichte staatlicher Herrschaft: Das oberste Entscheidungsorgan einer waffenstarrenden Weltmacht war viele Jahre lang auf die Gedanken und Manuskripte eines Schriftstellers fixiert wie der Exorzist auf den Teufel. derselbe Tag.KULTUR stigen Zuspruch in den Meditationszirkeln der Ramakrischna-Jünger von Hollywood und lebte dann fünf Jahre lang auf seiner Ranch am Rand der MojaveWüste im Angesicht der Unendlichkeit. 1961 zerstörte ein Buschfeuer das Haus der Huxleys in den Hügeln von Hollywood und raffte alle Habe hinweg. bewerten den unerhörten Vorgang „in objektivistischem Geist“. er Fall ist wohl einmalig. die „Hauptverwaltung für die Wahrung von Staatsgeheimnissen in der Presse beim Ministerrat der UdSSR“. von den Blumenkindern der späten sechziger Jahre zum Evangelium erhoben. die erst im geschichtlichen Rückblick angemessen zu würdigen ist: ihrem hochprozentigen realsatirischen Gehalt. trug ihm noch einmal wilde Proteste ein. die genau 20 Jahre nach seiner Ausweisung ans Licht kommt. Vordem treue Vasallen. Aber getrost: Hinter dem Schleier der Maja. die Laura ihm seinem letzten Wunsch gemäß injiziert hatte. deren Name schon wie eine satirische Erfindung klingt. Geheimdienstdossiers finden sich neben Weisungen an ausländische Sowjetbotschaften und Zusammenfassungen von Solschenizyn-Werken wie „Der erste Kreis der Hölle“ und „Archipel Gulag“: insgesamt 170 Dokumente aus dem Geheimarchiv des sowjetischen Politbüros. Aber dieser D freigegeben. „Was für ein guter Mensch! Ein Mensch. Erscheint im September in der Edition q Verlags-GmbH. Für Thomas Mann etwa. 58 Mark. Auf einigen hundert Seiten sind Spitzelberichte und Auszüge aus Sitzungsprotokollen des Politbüros versammelt. Berlin und Moskau. in der Aura des Weisen. Das bezeugt die Opferakte des Nobelpreisträgers. „Für mich“. Eine Einrichtung. versehen mit einer Dosis von 100 Mikrogramm LSD. Sie wurden so wenig mit ihm fertig. daß ihr Scheitern eine gewisse Größe hat: die Größe unfreiwilliger Komik. „Die provokatorische Verleihung des Nobelpreises an Solschenizyn“ löst 1970 im Geheimdienst und in den Regimegegner Solschenizyn*: „Ich sitze der Regierung im Nacken“ Alexander Solschenizyn schaffte die Herren des Sowjetreichs. Tagebücher. führen ein hilfloses Politbüro vor. Seine Maria starb. das bedrohliche Wachstum der Erdbevölkerung und die Heilswege Buddhas. die italienische Violonistin und Psychotherapeutin. Literatur Laus in den Pelz Die Geheimdokumente der „Akte Solschenizyn“. und so kam es. zu den Kongressen in Brüssel. Ihren Reiz verdankt die gedruckte Hinterlassenschaft eines versunkenen Regimes vielmehr einer Eigenschaft. blickte er nun auf die irrsinnige Menschheit und erzählte vom Fortschrittswahn der Technologen und dem Frevel hemmungslosen wissenschaftlichen Forschens. schwärmte der englische Kritiker Cyril Connolly nach einem Interview mit dem Guru der Literatur. Nun war sie es. Es war der 22. Über sein mystisches Tasten nach dem Göttlichen hat Huxley 1954 einen Bericht mit dem Titel „Die Pforten der Wahrnehmung“ vorgelegt.

aber sie läßt sich leicht ausmalen. von den Akten umfangreich dokumentierten Schmähkampagne wird der unbesiegbare Schriftsteller am 13. Trübsinnig räsoniert der Genosse Solomenzew über die „schwerwiegende Ursache. Was tun? Die Zeiten. vor ihr kuscht die ganze Welt. Nach einer landesweit organisierten. An grotesken Pointen herrscht kein Mangel. Dabei habe es sich „am Allerheiligsten. man müsse Solschenizyn in der Sowjetunion den Prozeß machen. Am 30. das KGB hat inzwischen durch „operative Maßnahmen“ die geplante Übergabe des Nobelpreises an Solschenizyn verhindert. Verhängnisvoll.KULTUR vorstehend genannten Zeitungen bei der Kontrolle eingezogen“ hat – alles vergeblich. Das internationale Ansehen unseres Landes wird von Jahr zu Jahr größer“ und so weiter.“ Kossygin regt an. . dann mußt du dich dort würdig verhalten. Wer läßt sich schon gern eine Laus in den eigenen Pelz setzen. ganz verfolgende Unschuld. an Lenin“ vergangen. das politisches Geschwätz unter Strafe stellt. daß sie sowieso verlieren und den kürzeren ziehen werden. über mehrere Protokollseiten hinweg. Breschnew (1979): „Komplizierte Frage“ 162 DER SPIEGEL 26/1994 . referiert der oberste Spitzel des Imperiums die von einer zuverlässigen Sowjetwanze überlie- „Dieses rowdyhafte Element ist immer noch frei“ ferte Klage Solschenizyns. weil es allzu kalt ist“. hat nur wenige Wochen Bestand.“ Soviel Entschlossenheit bringt die Herrschenden in Zugzwang. . in Chile läßt das faschistische Regime Menschen erschießen und foltern. „dorthin fährt keiner der ausländischen Korrespondenten. plädiert für die Ausbürgerung Solschenizyns. stehen allen Anwesenden deutlich vor Augen. Den Massenterror wünscht sich denn doch keiner zurück. dem man sich gerade als Entspannungspartner andient? Andropow. da sind sich die vereinten Strategen sicher. die bolschewistische Liturgie: „Wir wissen sehr gut. Aber so effizient diese Methode war. bitte sie nicht um Nachsicht. Verhaften? Einsperren? Verbannen? Ausweisen? Wie wird der Westen reagieren. rituell die Nullsätze des weisen Führers zu rühmen. nach der allfälligen Aburteilung solle Solschenizyn seine Strafe im sibirischen Werchojansk verbüßen. Auf der Politbürositzung vom 7. die „dunklen Machenschaften“ eines „Häufleins Abtrünniger“ zeugten von nachlassender „Wachsamkeit“ im „bolschewistischen Kampf“. „Leonid Iljitsch“. teilt der Generalsekretär seinem Politbüro besorgt mit. Wir aber haben es mit einem erbitterten Feind zu tun und unternehmen absolut nichts. er hat „treffend festgestellt“ und „völlig richtig zum Ausdruck gebracht“. klagt Breschnew hilflos. Januar 1974 schimpft Breschnew. zumal nun auch der „Archipel Gulag“ weltweit erscheint. war sein Ukas von 1962. Entrüstet. wie wir inzwischen wissen. Sage ihnen geradeheraus.“ Zwei Wochen später. der ein abgehörtes Gespräch zwischen Solschenizyn und dem elfjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin wiedergibt: „Die Regierung ist allmächtig. bevor er seine eigenen Nullsätze zu Protokoll gibt. Keiner der Folgeredner versäumt es.und Staatsführers faßt Breschnew schließlich die hochnotpeinliche Diskussion zusammen: „Das Vorgehen gegen Solschenizyn ist keine einfache. das ihn aufnimmt. sie streute ein wenig zu breit. Schwer grübelt die betagte Runde. gibt Andropow vorsichtig zu bedenken. Mit dem Scharfsinn eines Partei. Es ist von den Ideen Lenins und der Partei durchdrungen . sondern eine komplizierte Frage. doch ich sitze ihr im Nacken . Wenn du in ihre Hände (im KGB ) fällst. in denen „Volksfeinde“ ohne Federlesens und in Millionen aus dem Weg geräumt wurden. Solschenizyn sei „sehr erbost“. ob sich überhaupt ein kapitalistisches Land bereit finden werde. Der KGB-Vorsitzende und nachmalige Parteichef Andropow unterrichtet im Februar 1972 das Zentralkomitee über ein offensichtlich abgehörtes. „dieses rowdyhafte Element Solschenizyn“ sei „immer noch auf freiem Fuß“.“ Podgorny hilft der trägen Phantasie seiner Kollegen mit internationalen Lösungsbeispielen auf: „In China werden Menschen offen hingerichtet. dreistündiges Gespräch des Moskau-Besuchers Heinrich Böll mit Solschenizyn in der Wohnung von dessen damaliger Lebensgefährtin und heutiger Ehefrau. . . Vor dessen Rache warnt auch ein Aktenvermerk des KGB. Solschenizyn-Gegner Kossygin. den Läste- rer des „Allerheiligsten“ aufzunehmen. Geh nicht vor ihnen in die Knie. Februar 1974 in die Bundesrepublik abgeschoben. er werde „ständig wie ein Schwerverbrecher verfolgt“. Die Greisenblüte des Bolschewismus steckt in einer aussichtslosen Zwick- mühle: „Wie uns Genosse Andropow informierte“. daß unser Volk der Partei ergeben. „es wird sich wohl kaum ein sozialistisches Land finden.“ Seine gehorsamst akklamierte Schlußfolgerung aber. März 1972 zelebriert der Vorsitzende Leonid Breschnew zunächst. Realsatirische Höhepunkte bieten vor allem die Mitschriften der Politbürositzungen. Freilich. Da probiert Breschnew einen ingeniösen Vorschlag aus: „Wenn wir ihn nun in ein sozialistisches Land ausweisen?“ Die betretene Reaktion seiner Kollegen verzeichnet das Protokoll zwar nicht. die Gulag-Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ zu publizieren. der entschlossenste unter den Zauderern. „auch wenn zur Zeit die KSZE tagt“. fleißig und ehrlich ist. die zu den heutigen Erscheinungen führte“: Der schwarze Mann ist der Breschnew-Vorgänger und Entstalinisierer Nikita Chruschtschow. „gibt es bei uns kein Gesetz.

ein wenig spöttisch. Aber er ist nicht gekommen. In Sackleinen gehüllt beladen Staatsfeinde den Rumpf der „Gleb Boki“. Sie halten sie seitenverkehrt. Gorki. anders als Gorki. als der Hochdekorierte im Hafen von Wladiwostok altertümelnd wissen läßt. Er kreuzt von Alaska aus die Beringsee. Nur ein bescheidenes Häuflein von ihnen vernimmt diese Botschaft. Er hat alles schon einmal erfahren. unser Held – Solschenizyn“. um zu se- D hen und zu hören. aus dem ihn 20 Jahre zuvor Leonid Breschnew in Handschellen verjagt hatte. so beschrieb der Chronist Alexander Solschenizyn. Wurzellose Tannen stecken im Boden der kahlen Insel. er „verneige“ sich vor seinen Landsleuten. Mißgünstige Moskauer schleudern ihm entgegen. „Ex oriente lux“. dem gnade Gott. Unvermutet erscheinen Vorboten der Gulag-Visite eines hohen Herrn. nicht vom Mittelmeer zurück in die Heimat. den Besuch von Maxim Gorki in Stalins Konzentrationslager 1929.“ Dann wirft er ihnen eine Plane über die Köpfe. „Ah. Einigen Häftlingen sind Zeitungen in die Hände gedrückt worden. alles geschrieben. Als „unermüdliche und wachsame Beschützer der Revolution“ preist er die Geschundenen nach dem Lagerbesuch. Am Ostrand Sibiriens bricht er auf zum langen Marsch nach Moskau. ist die Hoffnung der Todeskandidaten im Gulag. So hört man ihn reden am Japanischen Meer. alles gesagt. so steht es geschrieben in den örtlichen Blättern. „Hinsetzen“. Wieder wird es Sommer in Rußland. wegen lebensfremder Botschaften aus seiner amerikanischen Einsiedelei aber Ungeliebte trifft im sowjetisch gestimmten Wladiwostok den Kammerton nicht. es ist der Nationalheld persönlich.AUSLAND Schriftsteller Solschenizyn bei seiner Ankunft in Wladiwostok: Späte Ernte für langes Leiden Rußland Nah beim Herrn. ruft geistesgegenwärtig ein Aufseher den Sträflingen zu: „Wer sich rührt. der „Falke und Sturmvogel“ unter Rußlands Dichtern. eine verzweifelte Botschaft an den greisen Gast. selbst ein GulagHäftling. dennoch ist er zurückgekehrt in sein „bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Land“. Er kommt. Doch der Dichter ist unbeirrbar. der Chefankläger wider Gulag und Gesinnungsterror – Alexander Issajewitsch Solschenizyn. ein wenig verlegen. Dennoch behauptet er. „zuhören und sehen“ zu wollen. befindet Solschenizyn Jahrzehnte später. „Potemkinscher Putz“ ist aufgetragen worden. Wieder reist ein lange verschollener Dichter über Land. Der durch Gulag-Leiden und Nobelpreis Unanfechtbare. murmeln die Menschen. außer der Sonne sei bisher wenig Gutes vom Osten aus nach Rußland gekommen. 142 DER SPIEGEL 23/1994 . um ein Urteil zu sprechen über die Verfassung der russischen Seele und des zu ihrem Schutz bestimmten Gemeinwesens. fern dem Volk SPIEGEL-Reporter Walter Mayr über die Heimkehr von Alexander Solschenizyn er Sommer ist nah auf der PopowInsel im Norden Rußlands. „Jämmerlich“.

er wolle die Lage der einfachen Leute kennenlernen. beziffert seinen Monatslohn bei der Fischfangkooperative mit 100 000 Rubel. den Blick prophetisch in die Ferne gerichtet. verbreitet seine Frau Natalja später mit andächtigem Tremolo. Gemeinsam mit zwei Söhnen. geht Solschenizyn an Land. Tausende von Kilometern östlich jener anderen Popow-Insel.Am Flughafen haben die Immernoch-Mächtigen den einstigen Systemfeind mit makelloser Protokollstrecke empfangen: Neben KGB-Leuten. doch es kam wie üblich. ist kaum zu erwarten. Ob Alexander Issajewitsch vom Direktor der Kooperative. entbietet dem Heimkehrer. Der Dichter soll das von ihm viel besungene einfache Leben sehen. muß Folklore im Angebot sein: sauber gestrichene Holzhäuser. Zwar vermeldet die Lokalpresse beinahe erleichtert. dessen Schönheits. Der Maschinist Wiktor. „offizielle Organe“ blieben unberührt. Ein Amateurvideo über die Zustände auf Russki wurde dem russischen Fernsehen zugespielt. Das Programm sieht vor: Picknick im Wald unter lindgrünem Laubdach. Sackartige Popelinjacke überm Holzfällerhemd. Unterwegs hat er die Insel Russki passiert. Die alten Drahtzieher schleusen das KGBOpfer Solschenizyn ins neue Rußland. die des Weges kommen. Doch dazu muß er den hinhaltenden Widerstand der ostsibirischen Organisationsmaschine brechen. streichelt der Patriarch noch das Haar und spricht würdig: „Die Zukunft gehört euch. „Alexander Issajewitsch hat ein halbes Heft vollgeschrieben“. der gern im Schuppen wilden Honig schleudert und nachts noch in der Bibel blättert. auf der sich Gorkis Kniefall vor dem Gulag-Stalinismus zutrug. samt Familien an die 2000 Menschen. der Fahrplan drängt. Das geht vielen in der Gegend so. Stadt um Stadt. Soviel kosten zehn Kilo fettes Schweinefleisch oder fünf Fährtickets zum Festland. stehen Abordnungen aus den Sektionen Politik. Hat Alexander Issajewitsch heimlich auf jubelnde Landsleute und überfüllte Bahnsteige gehofft? Es ist wenig wahrscheinlich. fungiert Natalja als Pressesprecherin des Meisters. da die See gewöhnlich nichts mehr hergibt. Seit Januar hat er keine Kopeke mehr gesehen.wie Bildungsideal älter ist als das Jahrhundert. Besuch des Fischverarbeitungskombinats. Auch betont der Exeget russischer Wesensart selbst. zieht Solschenizyn los. um sie wenig später abzuschlagen. Die Insel Popow mit ihren Fischern und Forschern. Er nimmt für den Weg nach Moskau den Zug und somit einen Anlauf. Unter der Perücke. Der die Kräuter kennt und mit den Tieren spricht. die gelenkig Interview-Wünsche entgegennehmen. aber weiter so aussehen. Gespräche mit Wissenschaftlern. Jelena. Picknick im Freien. zwei blonden Dorfbuben. die altrussische Haarfülle vortäuscht. Die zwei Bootsstunden entfernte Popow-Insel hat sich zu Vor- führzwecken bewährt. um die verlorene Heimat zurückzuerobern. ein russisches Trachtenmädel. Der Dichter. Für die Tafel ist frühzeitig mit Dynamit gefischt worden. Daß Solschenizyn davon erfährt. die „Reise des Weltberühmten“ sei rein privat. redliches Landvolk. 90 Prozent der Unterwasserfauna und -flora seien in den letzten fünf Jahren abgestorben. Nah beim Herrn und fern dem Volk. Sie funktioniert weiter getreu der sowjetischen Maxime: „Wir wollten es besser machen. Staatsschützer schleusen das KGB-Opfer ins neue Rußland Das gilt in mehrerlei Hinsicht.“ Wie bei Staatsbesuchen üblich. vom Chef der Verwaltung oder vom Gelehrten Iljitschow von den Sorgen des Inselvolks erfahren hat? Für bohrende Fragen bleibt wenig Zeit. das scheue Gesicht vom Bart zersiedelt. der fernab vom Festmahl auf die Mole blickt. Stützpunkt der russischen Flotte. Rund um den Kriegshafen von Wladiwostok mit seinen Atomanlagen und dem kupferroten Brackwasser ist das nicht leicht. Der Inselpolizist in Trainingshosen hat Gesellschaft aus den Reihen von Staatssicherheit und Innenministerium bekommen. Die Breitschultrigen tragen weiter Anzüge und Krawatten wie in den klassischen BMovies aus dem Reich des Bösen. der den Napoleons von Elba um das Zwölffache an Länge übertrifft und die Landnahme des Ajatollah Chomeini an Pressepräsenz. Brot und Salz. der sich in den USA hinter Stacheldraht verschanzt hielt.“ Daß da einer vor aufgepflanzten Fernsehkameras am eigenen Denkmal Bei der Begrüßung mit Salz und Brot Mit Bauernjungen auf der Popow-Insel Auf dem Markt mit Ehefrau Natalja Heimkehrer Solschenizyn Langer Marsch nach Moskau DER SPIEGEL 23/1994 143 . Straflager bis vor kurzem und berüchtigte Drillanstalt für Marinefunker. den es nach alten Bräuchen dürstet. trägt sie die blonden Strähnen kurz. muß das nicht wissen. die nicht mehr so heißen. meine Söhne. dazwischen mehrfach freies Schlendern. Literatur und Metaphysik Spalier. eher wie einer. Er hat sich während der Fahrt mit dem leitenden Meeresbiologen der Insel Popow eingeschlossen. bilanziert ein Meeresbiologe. letztere angeführt vom schwarzbärtigen Bischof Weniamin. Immerhin. ist seit Tagen im Alarmzustand. Dort sind in jüngster Zeit Matrosen verhungert. Noch immer wirkt der Einsiedler.

Gulag. nach all dem Dulden – Krieg. 1. Ausweisung – eine späte Ernte einfahren für langes Leiden? Legt einer Kränze nieder. Fisch und dem chinesischen Markt vor der 144 DER SPIEGEL 23/1994 . besteigt Salonwagen der Regierung und läuft tapfer an der Leine der Protokollbeamten. so heißt es im geheimen Bericht der Moskauer Kontrollkommission vom 25. In der Region verschwinde knapp die Hälfte des Sozialprodukts durch „negative Momente“ – geklaut. sie seien geschiedene Leute. Er ist ein Freund des örtlichen Gouverneurs. sich beim Streicheln. Und der große alte Mann akzeptiert klaglos die Maskerade. Reden. was der zu tun gedenke. Solschenizyn wird erst nächstes Jahr auf den Lehrplan gesetzt. Daß Staatsbesucher nichts vom richtigen Leben erfahren. mit seinem Besuch und seinem Namen den Steigbügel hält? Der Gouverneur Jewgenij Nasdratenko. Verbannung. meine Söhne“ mit Standbesitzern.“ Alexander Issajewitsch erduldet eine Viertelstunde Gefangenschaft im stekkengebliebenen Lift eines KrankenhauGut abgeschirmt sei Ruzkoi zum Picknick gelotst worden. Weiter im Programm. Warum erzählt niemand dem alten Alexander Issajewitsch. Vorbereitet für den Dichter sind unter anderem: Besuch des Bauernmarkts inklusive Möglichkeit zum gezielten Gespräch ses. schon eher. als der Zugereiste gegangen ist. November 1993 an den „sehr geehrten Boris Nikolajewitsch“ Jelzin. wenn er nicht an staatsmännischer Pose Gefallen fände? Die ostsibirische Organisationsmaschine jedenfalls läuft tadellos. Lächelt den Schulkindern zu. Lobt Gurken und Tomaten im Gewächshaus des Kosakenbauern. im Falle eines Falles. um zu erfahren. Weissagen selbst zusieht. um den aufopferungsvollen Einsatz ihrer Lehrer zu preisen. Fahrt zum Kosakendorf mit Mittagessen beim Vorzeigebauern. Alexander Issajewitsch! Alles ist vorbereitet. erträgt in seinem Quartier den Ausfall warmen Wassers und den Einfall eines Schwarms Hotel-Huren. worüber andere in Wladiwostok höchstens flüstern: Ruzkoi habe vor dem Putsch den hiesigen Flottenkommandeur besucht. Unter lindgrünem Laub auf der Popow-Insel. die am Sonntagsstaat als auserwählte Gesprächspartner zu erkennen sind und dann prompt vortreten. wenn er kommentieren soll. und der Gouverneur ist ein Freund des gescheiterten Putschisten Alexander Ruzkoi. „Die Lehrer sind dieselben geblieben. wem er da lächelnd die Hände schüttelt. Mit 75 endlich Subjekt sein. der alte Alexander Issajewitsch. tue nichts gegen die Korruption und die tiefe Krise der Wirtschaft. Deshalb auch wird der Gouverneur sehr böse. Deshalb sagt er. ist nicht beweisbar. mit Holz. aber das möchte er derzeit nicht mehr zugeben.meißelt. sagt einer von ihnen. Solschenizyn-Familie in Wladiwostok: „Die Zukunft gehört euch. Als Mitglied im Direktorenrat des Industriekartells „fakt“ sei er vielmehr der Steuerhinterziehung mitverdächtig. Der Sicherheitschef war früh genug hier und hat das Nötige veranlaßt. „Geändert hat sich wenig“. Aber vielleicht hat er ja insgeheim doch anderes vor. Besuch des renommierten Gymnasiums Nr. Seine Bücher gibt es in der Bibliothek noch nicht. Die reiche Provinz mit ihren Goldund Titanvorkommen.

als das noch Mut und meist die Freiheit kostete. der dem vorwärtshastenden Alexander Issajewitsch hätte berichten können vom armseligen Leben im modernen Rußland. Ich gehörte zu denjenigen. Ungarn „Die rechten Parteien haben versagt“ Wahlsieger Gyula Horn über die Rückkehr der Sozialisten an die Macht SPIEGEL: Herr Horn. daß der Mensch durch Erfahrung lernt. SPIEGEL: Was der ungarische Gulaschkommunismus in jahrzehntelanger Herrschaft nicht erreichte. DER SPIEGEL 23/1994 Grenzöffner Horn (r. vor allem beim Schlafen. im großen und ganzen spiegleichzeitig an sozialistischen Ideen festgelt das Wahlergebnis die Realität hielt? der ungarischen Gesellschaftsstruktur Horn: Mit solch einer Frage schließen wider. Und so sonnt er sich. Mein Umdenkungsprozeß SPIEGEL: Spricht da nicht der alte Lehat nicht erst gestern oder vorgestern nin-Jünger Horn. Wladimir ist nicht immer mit kleinen Kähnen zwischen Wladiwostok und der Popow-Insel gekreuzt. Wir sind also im Laufe der Jahre durch die Schule der * Im Juni 1989 mit dem österreichischen Außenminister Alois Mock beim Durchtrennen des Stacheldrahts an der österreichisch-ungarischen Grenze. So weit ist es nicht gekommen. Aber lassen Sie uns zum politischen Thema kommen. schaffte in nur vier Jahren die erste frei gewählte konservative Regierung: Die Ex-Kommunisten sind heute mit ihrem Wahlsieg populärer als je zuvor. neben dem Rigoristen Solschenizyn. Horn: Was ist daran verwerflich. Der Gouverneur hat mächtige Freunde in Moskau. Eine kleine Unachtsamkeit hat ihn aus der Bahn geworfen. der gerade an der Technischen Hochschule laut verkündet hat. der seinem Ältesten den altertümlichen Namen Jermolai gab und ihn mit Ermunterungen wie „recht getan“ oder „du Recke“ anspornt. macht vorn an der Mole eine Barkasse fest. An jenem heißen Tag. hat er im Gedächtnis vieler Bestand.)*: „Zuerst nach Bonn“ 145 . daß 54 Horn beim SPIEGEL-Interview: „Manche sagen wieder Genosse“ Prozent der Ungarn uns Sozialisten ihre Stimme gaben? Die ze zu Österreich durchtrennte und so überwiegende Mehrzahl der Wähler Tausenden von geflohenen DDR-Bürsind ja Lohnempfänger und Arbeitgern die Ausreise ermöglichte. Sie aus. durch Exil von sowjetischer Mutation verschont. Nun darf er sich Hoffnungen auf ein Ministeramt machen. als der Dichter samt Entourage zum Festmahl auf der Popow-Insel verschwindet. er halte nichts von Parteien und Programmen – entscheidend seien die Tugenden des einzelnen Mannes: Ehrlichkeit. als wandelnder Gen-Pool eines verschollenen Rußland. vergebens gegen die Zeit an. das es offiziell auf sowjetischem Boden nicht gab: „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn. Mag er gegen die „Verseuchung der russischen Sprache“. fett lächelnd und gestützt auf knapp 100 Prozent der Stimmen des Regional-Sowjet. in erster Linie zur SPD. Geist. Das war damals lukrativ und wäre es heute noch viel mehr. Ihr schwerer Autounfall macht Ihnen ganz sichtbar noch zu schaffen.AUSLAND Tür muß von Moskau alimentiert werden. Sie sind der Predigten satt. der sieben Kilo wiegt. schreibt der Kommissionschef. der die Wahrheit gesagt hat. ber 1989 den Stacheldraht an der Grendie bereits Mitte der siebziger Jahre Kontakte zu den sozialdemokratischen Parteien Westeuropas suchten und fanden. Er war Kapitän auf hoher See und lief schon zu Sowjet-Zeiten Japans Küste an. Er rege an. Alexander Issajewitsch Solschenizyn reist im Salonwagen 18 der russischen Regierung. Horn: Es geht mir schon besser. Um die Pflege dieser Beziehungen bemüht er sich nach Kräften. Die Milch. der zwar im Septembegonnen. Auf der Rückfahrt von einer JapanTour 1977 fanden Kommissare während einer Routinekontrolle auf dem Container-Schiff „Alexander Fadejew“ bei Wladimir Prichrodko ein Buch.und Fleischproduktion ist auf das Niveau der fünfziger Jahre zurückgefallen. bezahlt von der BBC. Der Dichter. ein schmaler Mann mit feinen Zügen und traurigem Lächeln. „Jewgenij Nasdratenko vom Amt des Administrationschefs zu entbinden“. Mut. Als Mann aber. aber nehmer. Er ist einer. Am Steuer steht Wladimir Prichrodko. doch gewisse Schwierigkeiten bereitet. gegen Pornographie und die Gottlosigkeit seiner Zeit wettern – die Leute lauschen ihm unbeeindruckt. obwohl mir dieser Apparat. Die von altrussischem Sittenkodex umwölkte Morallehre des Greises wirkt mitten im Gründerzeitfieber der heruntergekommenen Stadt im Fernen Osten weltfremd.