Detmar Doering

Der Weg des Fortschritts – wie die Freiheit unser Leben verbesserte

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Der Weg des Fortschritts
Wie die Freiheit unser Leben verbesserte
Detmar Doering

Inhalt
Malthusianischer Pessimismus Die Industrielle Revolution setzt ein Die Reformbewegung Lehrbeispiel Manchestertum Freihandel, aber nicht nur... Eine Lektion für heute: Freiheit sichert Fortschritt Lebensqualität: Mehr als nur Pro-Kopf-Einkommen Weiterführende Literatur Über den Autor 5 9 10 12 16 19 25 28 29

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Malthusianischer Pessimismus
Kann der Kampf gegen die Armut gewonnen werden? Der Lebensstandard in den Industrieländern und die wachsende Entwicklung der Schwellenländer legen zumindest eine einigermaßen optimistische Antwort nahe. Das war allerdings nicht immer so. Fortschrittsoptimismus schien nicht immer angebracht. Im Jahre 1798, als in Frankreich noch die Revolution tobte, wusste der englische Pfarrer und Ökonom Thomas Robert Malthus mit einer Schauernachricht aufzuwarten. Die Bevölkerung, so meinte er in seinem „Essay on the Principle of Population“ aufgrund statistischer Untersuchungen, würde enorm wachsen, und zwar in geometrischer Reihe (also 2, 4, 8, 16...). Die Nahrungsproduktion wachse dagegen nur gering an, in arithmetischer Reihe (1, 2 , 3, 4...). Die Katastrophe sei also vorhersehbar. Der Erwerb der allernötigsten Nahrungsmittel, der in jenen Zeiten sowieso fast das gesamte Einkommen der Armen auffraß, würde nunmehr unerschwinglich werden. Die Realeinkommen würden deshalb preisbedingt sinken. Nicht einmal mehr das Existenzminimum – mit mehr konnte für Malthus sowieso die Masse der Menschen nicht rechnen – wäre gesichert. Allenfalls Enthaltsamkeit könne die permanente Hungersnot abwenden, aber auch hier hatte er wenig Hoffnung. Sollte einmal durch günstige Ernten oder ähnliche Glücksfälle das Einkommen ein wenig steigen, würde das die Proletarier nur zu einem vermehrten Kinderkriegen animieren, womit der kleine Fortschritt wieder zunichte gemacht wäre. Malthus verfolgte mit seiner Berechnung auch einen politischen Zweck. Er wollte, konservativ wie er war, nachweisen, dass weltverbessernde Reformen die Welt nicht verbessern konnten. Die Revolution auf der anderen Seite des Kanals sah er mit großen Bedenken. Man konnte froh sein, wenn alles so bliebe, wie es war, was nur gelinge, wenn man dem Pfad der alten Tugend folgte oder Zwangsmaßnahmen zur Geburtenkontrolle durchführte. Dieses „eherne Gesetz“ war die Botschaft an seine englischen Landsleute. Fortschritt? So etwas gab es einfach nicht! Aber Propheten – und das betrifft Untergangspropheten in besonderem Maße – haben es schwer.

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45 45 40 40 35 35 30 30 25 25 20 20 15 15
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Die DieWelt Weltnach nachMalthus Malthus

Bevölkerungsw achstum Bevölkerungsw achstum (geometrische (geometrischeReihe) Reihe) Zunahme Zunahme Nahrungsproduktion Nahrungsproduktion (arithmetrische (arithmetrischeReihe) Reihe)

55 00

Diagramm 1: Die Welt nach Malthus

Propheten haben es schwer mit den Menschen: Gilbert Keith Chesterton (1904) „Die Menschheit hat seit Anbeginn gerne Kinderspiele gespielt. Und das wird sie wohl bis zu ihrem Ende tun, obwohl es für die wenigen Menschen, die erwachsen werden, ein ständiges Ärgernis ist. Eines dieser Spiele, dem sie sich am meisten verbunden fühlt, heißt “Halte das Morgen im Dunklen”, das man auch ... “Beschummle den Propheten” nennt. Die Spieler hören dabei sorgfältig und mit Respekt allem zu, was die klugen Männer darüber zu sagen haben, was so in der nächsten Generation passieren werde. Dann warten die Spieler bis alle diese klugen Menschen tot sind und begraben sie brav. Dann gehen sie dahin und machen etwas völlig anderes. Das ist alles. Für schlichte Gemüter ist es allerdings ein Riesenspaß.“ Die Welt und besonders seine Landsleute taten Malthus nämlich nicht den Gefallen. Sie reformierten sich trotz seiner Mahnungen eifrig und schon bald nach Malthus war auch tatsächlich echter Fortschritt festzustellen. Was war geschehen? Im Laufe des vermeintlich dräuenden Katastrophenjahrhunderts war die Bevölkerung tatsächlich rapide gewachsen wie noch nie zuvor. Im

Arbeitereinkommen schlägt Bevölkerungswachstum

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160 140 120 100 80 60 40 20 0 0 1850 10 4 1870 32 51 27 1880 1900 84

Einkommenssteigerung bei Arbeitern in Großbritannien in Prozent seit 1850 Bevölkerung (Zunahme in Prozent seit 1850)

Diagramm 2: Arbeitereinkommen schlägt Bevölkerungswachstum
Quelle: Royal Statistical Society 1909/Maddison 2008

Großen und Ganzen hatte Malthus hier Recht behalten. Aber was war mit den Einkommen der Armen geschehen? Die waren auch gewachsen – und zwar in einem Maße, das das Bevölkerungswachstum markant übertraf. Die Folge war ein solches Ansteigen der Reallöhne, dass erstmals etwas bisher Unvorstellbares in Reichweite rückte: der Massenwohlstand. Es wäre nun ein Leichtes, sich ständig über Malthus zu mokieren, aber ein ganz klein wenig Gnade oder Verständnis sollte man doch walten lassen. Sicher, er hätte bereits zu seiner Zeit den Anfang der Industriellen Revolution in Großbritannien erfassen können, aber das gigantische Wachstum, das seinen Bevölkerungspessimismus Lügen strafte, setzte tatsächlich erst nach den 1840er Jahren ein. Es lohnt sich daher ein Blick auf die längerfristige Entwicklung. Bis in die Zeit, in die Malthus hineingeboren wurde, galt für das Leben des überwiegenden Teils der Menschheit, dass es, um es mit den Worten von Thomas Hobbes, des zum zynischen Realismus neigenden englischen Philosophen aus dem 17. Jh., zu sagen, „nasty, brutish, and short“ war. Das heutige Elend der Ärmsten in den ärmsten Entwicklungsländern kann uns vielleicht eine vage Vorstellung vom „Normalfall“ der Geschichte geben, den Malthus (trotz der Verbesserungen, die sich damals abzuzeichnen begannen) noch gesehen ha-

Von Armut zum Massenwohlstand: Großbritannien 1-2008
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1990 International Geary-Khamis Dollars

25000

Von Armut zum Massenwohlstand: Großbritannien 1-2008
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf

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1990 International 15000 Geary-Khamis Dollars

25000 10000 20000 5000 15000 0

Bruttoinlandsprodukt pro Kop
1950 2008

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1820

Diagramm 3: Von Armut zum Massenwohlstand…
Quelle: Angus Maddison, 2010
0 5000

ben mag. Kein Zugang zu sauberem Wasser, Armut an der Hungergrenze, hohe Kindersterblichkeit und geringe Lebenserwartung. Mit einiger Sicherheit war es sogar noch schlimmer. Schätzungen besagen, dass der durchschnittliche Brite um 1500 über rund 18% weniger Einkommen verfügte (ca. 600$ in heutiger Währung) als heute die ärmsten 40% der indischen Bevölkerung – und wer einmal indische Elendsviertel gesehen hat, der weiß, was das heißt.1 Hungersnöte von Ausmaßen, die auch in heutigen Entwicklungsländern deutlich die Ausnahme sind, waren etwas, das der durchschnittliche Europäer vor dem 19. Jh. auch in seinem recht kurzen Leben mehrfach erfahren konnte. Allein in Frankreich (damals das reichste Land) gab es im 18. Jh. acht Hungersnöte, die mehr als 5% der Bevölkerung das Leben kosteten – die letzte davon, die 1788 einsetzte, gehört zu den Mitursachen der Französischen Revolution.2 Man kann also bei Malthus – im Gegensatz zu seinen heutigen Nachfolgern verstehen, dass er Armut und Stagnation als unabänderlich gegeben annahm. Beides war tatsächlich der Normalfall der Menschheitsgeschichte – nicht nur in England, sondern letztlich überall in der Welt. Dass es dereinst einmal zu
1 2 Kenny, Charles, Getting Better. Why Global Development is Succeeding: And How We Can Improve the World Even More, New York 2011, S.15f Siehe Hazlitt, Henry, The Conquest of Poverty, New York 1973, S.15

1850

Bruttoinlandsprodukt pro Kop

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Massenwohlstand kommen würde, konnte er verständlicherweise, wenn auch irrtümlich als Wahnidee denunzieren. Nun war es aber gerade England, seine Heimat, wo sich dieser Trend schon zu Malthus‘ Lebzeiten mit großer Wucht umzukehren begann. Dieses Diagramm veranschaulicht, was im Laufe des 19. Jh. geschah. Es zeigt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (ein wichtiger Einkommensindikator) der letzten 2.000 Jahre. Das im 19. Jh. (besonders nach 1850) generierte Wachstum übersteigt bei weitem alles, was vorher auch nur vorstellbar gewesen war, während zuvor Stagnation oder sehr langsamer Fortschritt die Norm waren.

Die Industrielle Revolution setzt ein
Was war geschehen? England hatte sich als erstes großes Land von den Fesseln des Feudalismus zu lösen begonnen. Es war zudem ein Hort gesetzlicher und politischer Freiheit, ein Land, in dem die Aufklärung früh einsetzte und eine sehr pragmatische und am Nutzen orientierte Wendung nahm. England wurde die Geburtsstätte der Industriellen Revolution, wie man jenen Zeitabschnitt zwischen 1790 und 1830 nennt. Unser Bild von der englischen Industriellen Revolution ist heute wahrscheinlich stark von Friedrich Engels Buch „Über die Lage der arbeitenden Klassen in England“ (1844) und den Romanen von Charles Dickens geprägt. Sie zeigen keinen sozialen Fortschritt, sondern grausamste Verelendung und zunehmende Not. Nun, man darf natürlich die reale Lebenssituation der Menschen damals nicht beschönigen - Armut war auch weiterhin das Los der meisten Menschen. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Engels die wahre Lage der englischen Arbeiter nie wirklich persönlich in Augenschein genommen hatte und sich eher von sehr ideologischer (zum Teil reaktionär antiliberaler) Pamphletliteratur hatte leiten lassen. Bei Dickens – ein Mensch, der an die Tugenden paternalistischer Feudalherrschaft glaubte – sollte man in Betracht ziehen, dass es sich schließlich um fiktive (und sehr gut erzählte) Literatur handelte. Zudem erschienen seine Romane hauptsächlich in den späten 1830er und frühen 1840er Jahren. Es waren die in fast ganz Europa von Missernten geprägten „Hungry Forties“, die zwar nicht den generellen Trend der Industriellen Revolution umkehrten, aber doch eine schwere temporäre Wirtschaftskrise darstellten, die viel Elend mit sich brachte. Sie gaben aber weder zu malthusianischem Langzeitpessimismus noch zu Reformverweigerung Anlass. Im Gegenteil: Sie leiteten eine

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– von ihm missverstandene und bekämpfte – ungeheure Reformära ein, die von ebenso ungeheurem Erfolg gekrönt wurde. Aber zunächst einmal zur Industriellen Revolution selbst: Schon in seinem 1949 erschienenen Buch „The Industrial Revolution“ widerlegte der britische Historiker T.S. Ashton die Vorstellung, dass es damals zu einer realen Verelendung gekommen sei. Zwischen 1790 bis 1831 – einer Zeit, in die immerhin die Krise der Revolutionskriege und der Kampf gegen Napoleon fielen – stiegen die Lebenserhaltungskosten zwar um 11%, aber die Reallöhne um ganze 43%.3 Gleichzeitig fiel das Bevölkerungswachstum zwischen 1740 und 1830 in keinem Jahrzehnt unter 36,6% per Jahrzehnt.4 Ohne die Industrielle Revolution wäre Malthus‘ Szenario Realität geworden. Mit dem Elend der Entwicklungsländer im Blick, spricht Ashton daher von den „Schrecken, die das Los derer sind, deren Bevölkerungszahl sich zahlenmäßig vergrößert, ohne eine Industrielle Revolution zu durchlaufen.“5 Die Industrielle Revolution stellte also schon einen Entwicklungssprung historischen Ausmaßes dar und schob zudem die folgende Entwicklung an.6 Richtig in Schwung sollte die Sache aber erst nach den „Hungry Forties“ kommen. Die Krise wirkte wie ein Fanal, weil die Politik nach einigen Widerständen weder dem „wissenschaftlichen“ Sozialismus von Engels noch der reaktionären Feudalromantik eines Dickens folgte.

Die Reformbewegung
„Die Getreidezölle … sind parteiisch und ungerecht, sie zielen auf eine vorübergehende Bereicherung eines kleines Teils unserer Gemeinschaft zu Lasten der Millionen, die durch ehrlichen Fleiß auskommen, und sie sind eine Einmischung in die Fügung göttlicher Vorhersehung; sie sollten daher vollständig und umgehend zurückgenommen werden.“7 Richard Cobden (1804-65) schrieb diese erschütternden Worte in einem Brief an den späteren liberalen Premierminister William Gladstone. Der aus armen Verhältnissen aufgestiegene Unternehmer
3 4 5 6 Ashton, Thomas S., The Industrial Revolution 1760-1830, 5. Aufl., Oxford 1955, S.158 ebd., S.3 ebd., S.161 (übers. DD) “Thus the industrial revolution in England not only brought greater wealth to the worker, it also stimulated social and political reform, and encouraged that optimism and belief in progress that became characteristic of the nineteenth century”, Hartwell, Ronald M., Industrial Revolution and Economic Growth, York 1971, S.130. Howe, Anthony (Hrsg.), The Letters of Richard Cobden, Bd. I, Oxford 2007, S. 213

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aus Manchester hatte zwei Jahre zuvor die englische Freihandelsbewegung gegründet. Mit der „Anti-Corn Law League“ wollten er und seine Mitstreiter gegen ein Gesetz angehen, das geradezu symbolische Bedeutung erlangt hatte, nämlich die Getreidezölle (Corn Laws), die Nahrungsimporte verteuerten und die Profite der Landgroßgrundbesitzer schützten. Sie erhöhten damit die Lebenshaltungskosten der wachsenden Zahl der städtischen Industriearbeiter, deren Not während der Misserntejahre dramatisch gesteigert worden war. Als „Bread Tax“ waren sie bald verschrien und der Freihandel wurde zu einer populären Forderung. Cobden war ein zutiefst sozial fühlender Mensch. Unterstützt wurde Cobden bei seinem Kampf dabei vor allem von John Bright (1811-1889), einem gläubigen Quäker. Bright, der über eine enorme Begabung als Redner verfügte, wurde zu seinem wichtigsten Mitstreiter. Später wurde er Mitglied etlicher liberaler Kabinette, was ihm ermöglichte, Cobdens Anliegen wirksam zu unterstützen. Weil Cobden und Bright beide aus Manchester kamen, bekam die Bewegung bald das Etikett „Manchestertum“ angeheftet. Das politische Gewicht der „Anti-Corn Law League“ wurde noch durch die Wahl Cobdens ins Unterhaus 1841 gestärkt. Bright folgte ihm 1843. Die Bewegung war nun nicht mehr ohne Redner und ohne Appell an die Massen. Mit unermüdlichem Eifer und hohem finanziellen Aufwand – er konnte alleine 1844 die damals ungeheure Summe von 100.000 Pfund an Spenden aufbringen, obwohl gerade viele Industrielle auf Seiten der Protektionisten standen – gelang es Cobden mit Unterstützung von Bright einen Kampagnen-Apparat von bisher unbekanntem Ausmaß und großem Erfindungsreichtum aufzubauen. Es ist nicht falsch, in diesem Zusammenhang von einer genuinen Volksbewegung zu sprechen. Über 9 Millionen Broschüren zur Volksaufklärung wurden im Verlauf der Kampagne verteilt. Eines der zahllosen Agitations-Journale für die „League“ hat sogar bis heute überlebt, nämlich der renommierte, 1843 von James Wilson begründete „Economist“. Unzählige Veranstaltungen fanden im ganzen Inselreich statt, darunter eine wöchentliche Massenversammlung im Londoner Covent Garden. In Manchester wurde eine riesige Freihandelshalle errichtet (die heute zu einem Hotel umfunktioniert ist!). Geschulte Redner wurden durch das Land geschickt, selbst Hymnen komponiert, die bei Veranstaltungen gesungen wurden. Das Parlament wurde mit Petitionen aus allen Volksschichten förmlich bombardiert – 1842 waren es 2.880 Petitionen mit insgesamt mehr als 1,5 Millionen Unterschriften. Darüber hinaus versuchte man, mehr Wähler zur Registrierung in die Wahllisten zu bringen, um in umkämpften Wahlkreisen freihändlerische Kandidaten durchzusetzen.

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Schließlich, am 16. Mai des Jahres 1846, war es soweit: Von einem Teil seiner Partei im Stich gelassen, aber unterstützt von liberalen Kräften, setzte der konservative Premierminister Sir Robert Peel die Abschaffung der „Corn Laws“ in einer Parlamentsabstimmung durch.

Lehrbeispiel Manchestertum
Das Wort „Manchestertum“ hat heute keinen positiven Beiklang mehr. Die bis zur Gegenwart reichende politisch motivierte Diffamierung setzte aber erst deutlich später (vor allem in Deutschland in der Bismarckzeit) ein. Sie hatte wenig mit den Ereignissen von 1846 oder mit Cobden und Bright zu tun und zeichnete sich durch ein Zerrbild der Wahrnehmung aus, das den „Manchesterliberalen“ gerade das Gefühl dafür absprach, was ihr eigentlicher Impuls war, nämlich die Linderung des Elends der Massen. Worin bestand 1850-1870: denn nun, abseits vom modernen Europa wächst Zerrbild, der eigentliche Erfolg der Freihandelsbewegung? Der unmittelbare Effekt der Aufhebung (mehr war von der Beendigung eines einzigen Zolls schließlich auch kaum zu erwarten)
1990 International Geary-Khamis Dollars

3.500 3.000 2.500 2.000 1.500 1.000 500 0

BIP pro Kopf
Deutschland Frankreich Belgien Niederlande Großbritannien

1850

1860

Diagramm 4: Europa wächst
Quelle: Angus Maddison, 2010

1870

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auf den Lebensstandard der Arbeiter war nach allem, was wir wissen, recht vernachlässigbar. Die Brotpreise sanken nur geringfügig, vielleicht wurde durch die Aufhebung auch nur eine weitere Verteuerung verhindert. Aber „1846“ wurde zum politischen Symbol dafür, dass man die feudalen Hemmnisse der Wirtschaft mit populärer Unterstützung einreißen konnte. Die Trendwende war erfolgt. Die nächste Regierung, die von den Whigs gestellt wurde, schaffte 1851 den „Navigation Act“, das britische Seefahrtsmonopol, ab. Selbst die Feinde der liberalen Ordnung mussten erkennen, dass sie doch irgendwie erfolgreich war: „Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge. … Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. … An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.“
Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei (1848)

1860 erfolgte das Freihandelsabkommen mit Frankreich („Cobden Treaty“), das mit der erstmals eingefügten Meistbegünstigungsklausel den ersten Ansatz einer internationalen Freihandelsordnung enthielt.8 Innerhalb eines halben Jahrzehnts war dadurch Europa von einem dichten Netz von bilateralen
8 Die Meistbegünstigungsklausel in Handelsabkommen schreibt fest, dass die Vergünstigungen und und Vorteile (in Form von freiem Marktzugang), die einem Vertragspartner zukommen, auch allen anderen Vertragspartner gewährt werden müssen. Dieses 1860 erstmals benutzte Instrument der Handelspolitik bildet bis heute die Grundlage der multilateralen Handelsvertragssysteme von GATT und WTO.

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Freihandelsabkommen überzogen. Diese indirekte Folge des Falls der „Corn Laws“ war es, die den sozialen Fortschritt voranbrachte (und im Übrigen den Freihandel bis zum Ersten Weltkrieg zur Parole aller Progressiven – inklusive der Sozialisten – machte). Innerhalb kurzer Zeit endete damit eines der Grauen der Menschheit, das bis dato der Normalfall war, nämlich die gewohnheitsmäßig wiederkehrenden Hungersnöte. Die irische Hungersnot von 1845-47, die mit ihren rund einer Million Todesopfern (ungefähr 20-25% der Bevölkerung) die schlimmste Katastrophe der „Hungry Forties“ darstellte, war auch zugleich die letzte große Hungersnot in Europa in Friedenszeiten. Die europäische Marktöffnung riss die Blockaden ein, die solche regionalen Katastrophen vertieften oder erst möglich machten. Die Realeinkommen – und das war der Punkt! – begannen deutlich zu steigen. Mehr noch: Die Arbeiter wurden nämlich auf einmal in die Lage versetzt, Rücklagen und Ersparnisse zu erwirtschaften. Das von der Post betriebene Bankensystem für Kleinsparer alleine vermerkte schon 1862 insgesamt 180.000

Anteile in % an der gesamten Lebenshaltung einer Arbeiterfamilie
(Nürnberg 1810-1910) Brot Fleisch 35 30 25 20 15 10 5 0

Sonstiges

Heizung und Beleuchtung

andere Nahrungsmittel

Wohnung (Miete) 1810 1820 1830 1840 1849 1857

Kleidung 1870 1883 1890 1899 1910

Diagramm 5: Anteile in % an der gesamten Lebenshaltung einer Arbeiterfamilie
Quelle: nach Angaben von R. Gömmel (1978), Wachstum und Konjunktur der Nürnberger Wirtschaft 1815–1914. Stuttgart: Klett-Cotta

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Sparkonten mit Einlagen im Wert von ca. £ 1.750.000, die sich aber im Jahre 1874 bereits auf 1.373.000 Einlagen im Wert von £ 18.000.000 gesteigert hatten.9 Alles dies war Ausdruck einer allgemeinen Wohlstandszunahme in Großbritannien. Sie griff zudem durch die Internationalisierung der Handelspolitik nach dem Cobden-Treaty auf den Rest Westeuropas aus. Die meisten europäischen Länder (hier eine Auswahl) machten nun ebenfalls erste kleine Schritte in Richtung Massenwohlstand. Der Fortschritt zeigte sich nicht nur rein quantitativ in der schon zuvor erwähnten dramatischen Erhöhung der Reallöhne und des Ersparten. Mit wachsendem Einkommen ging auch eine qualitative Verbesserung der Lebensqualität einher. Das Normallos der Bevölkerung war bis dato, dass die elementare Grundversorgung mit Brot fast den größten Anteil des Einkommens verbrauchte. Für „Extras“, die darüber hinausgingen, blieb nichts mehr übrig. Im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung sank der Anteil des reinen Broterwerbs an den gesamten Lebenshaltungskosten. Dies sei hier an dieser Stelle am Beispiel einer deutschen Stadt exemplarisch für die Gesamtenwicklung verdeutlicht10 (siehe Diagramm 5 auf der vorherigen Seite). Sichtbar wird hier, wie mit dem Absinken des Anteils des Broterwerbs nicht nur die Substituierung durch bessere Nahrung (z.B. Fleisch, das bis dahin ein Luxusgut war) voranschritt, sondern auch der Erwerb von nicht rein lebensnotwendigen Gütern („Sonstiges“). Dabei ist noch nicht einmal die qualitative Dimension erfasst, etwa bei der Kleidung, die durch zunehmende Industrialisierung der Produktion erschwinglicher wurde, was wiederum bedeutet, dass für den gleichen Einkommensanteil mehr und besser konsumiert wurde. Man kann diese Entwicklung getrost – und das wird leider viel zu selten getan – als eines der sensationellsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte überhaupt bezeichnen. Sie ist auch kein Einzelfall. Die mit dem GATT-Abkommen von 1947 eingeleitete internationale Handelsliberalisierung nach dem 2. Weltkrieg hat eine Wohlstandsgesellschaft erschaffen, die manche unverbesserliche Kapitalismuskritiker zu einem Strategiewechsel zwang. Statt – wie noch Malthus oder Marx – über „Verelendung“ zu klagen, wurde plötzlich von linken Ökonomen wie John Kenneth Galbraith die „Überflussgesellschaft“ („The Affluent Society“, 1958) als Problem herausgestellt – ein Problem allerdings, unter dem zuvor die Mehrheit der Menschheit nur allzu gerne gelitten hätte. Dieser Erfolg stellte sich besonders dort ein, wo innere Liberalisierungen die
9 Woodward, Llewellyn, The Age of Reform 1815-1870, 2. Aufl., Oxford 1967, S. 608 10 Für dieses Diagramm danke ich Prof. Nikolaus Wolf, Humboldt-Universität, Berlin.

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Öffnung auf internationaler Ebene ergänzten. Dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein „Wirtschaftswunder“ durchlebte, lag zweifellos an den Liberalisierungsimpuls der sich mit dem Modell der Sozialen Marktwirtschaft verbindet. Länder, die sich stattdessen in sozialistische Experimenten ergingen – etwa Großbritannien – fuhren geringere Erfolge ein. Fortschritt durch Freiheit: Ludwig erhard über das „Wirtschaftswunder“ (1958) „Wenn ich diesen Begriff ablehne, so deshalb, weil sich in Deutschland kein Wunder ereignet hat, sondern eine auf freiheitlichen Prinzipien begründete Wirtschaftspolitik der menschlichen Arbeit Wert und Sinn verhieß und der Fleiß und die Hingabe eines Volkes wieder Zwecken der menschlichen Wohlfahrt nutzbar gemacht wurden.“

Freihandel, aber nicht nur...
Dass der Freihandel als eine unmittelbare Ursache für die Linderung von Not und das allgemeine Wohlstandswachstum im 19. Jh. gelten kann, ist wohl kaum bestreitbar. Aber ist er die alleinige Erklärung? Das hieße einen spezifischen Freiheitsaspekt zu überhöhen. Mit der Industriellen Revolution setzt fast überall in Europa (mit Großbritannien in der führenden Rolle) eine große Welle technischer Innovation ein. Bildung und Lebenserwartung nahmen zu. Das politische System öffnete sich gegenüber den Nöten der Nicht-Privilegierten. Nicht zuletzt war der Erfolg der Kampagne Cobdens ein Ausdruck verstärkt effektiver demokratischer Willensbildung und eines zunehmenden bürgergesellschaftlichen Bewusstseins. Sie erfasste auch den Rest Europas. Selbst dort, wo sich der Autokratismus an der Macht hielt, musste er Konzessionen an den liberalen Zeitgeist machen. Ein Beispiel ist die Oktroy-Verfassung Preußens im Jahre 1850, die bürgerliche Rechtsgrundlagen für die ökonomische Entwicklung schuf. Bildung, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt taten ihr Übriges. Beginnen wir mit der Bildung. Zunehmender Wohlstand und zunehmende technische Forderungen an den Menschen führten zu einer erhöhten Nachfrage nach Bildung. Ein grober Indikator ist die Alphabetisierung von Gesellschaften. Die nahm im 19. Jahrhundert dramatisch zu, so dass man am Ende des Jahrhunderts in den meisten europäischen Ländern von einer Vollalphabetisierung

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reden konnte. Dieser Prozess wurde in einigen Ländern – allen voran in Preußen – vom Staat betrieben. Die staatliche Unterstützung von Volksbildung fand bei vielen Liberalen auch Unterstützung, solange sie nicht die Bildungsvielfalt gefährdete. Richard Cobden in Großbritannien und Friedrich Harkort in Deutschland waren etwa Beispiele für Bildungsreformer dieser Art. Aber auch das staatliche Eingreifen war letztlich nur eine Folge des gestiegenen Bedarfs und der gestiegenen Nachfrage nach Bildung. Man könnte sagen, dass eher die gesellschaftliche Entwicklung die Politik antrieb als umgekehrt. Das lässt sich am Beispiel das Landes zeigen, das erst sehr spät öffentliche/staatliche Bildungseinrichtungen einführte, nämlich Großbritannien. Hier gab es erst 1870 eine einschneidende Bildungsreform, den Forster Act, die die Einsetzung von Schulbehörden in allen Kommunen festlegte, um sicherzustellen, dass alle nimm Mit oder ohne Staat: Die Bildung

Die Alphabetisierung Großbritanniens 1841-1891
Zuwachs in %

Anteil in %

Mit oder ohne Staat: Die Bildung nimmt zu
Die Alphabetisierung Großbritanniens 1841-1891
Zuwachs in %

eil in %

Diagramm 6: Mit oder ohne Staat. Die Bildung nimmt zu.
Quelle: Edwin G. West: Education and the State. A Study in Political Economy, 3. Aufl., Indianapolis 1994, S.168

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Kinder bis 12 Jahren verpflichtend zum Schulunterricht gingen. Sieht man allerdings die Statistiken, so hat der Forster Act nur noch vergleichsweise wenig zur Bekämpfung des Analphabetismus geleistet, denn der Trend zur Alphabetisierung war immerhin mäßig in der Frühphase der Industriellen Revolution, aber recht dramatisch in der liberalen Reformära nach 1840 angestiegen. Der englische Bildungshistoriker Edwin G. West hat in seinem Buch „Education and the State“ 1965 die Fortschritte der Alphabetisierung in Großbritannien erforscht. Im obigen Diagram sehen wir den Bevölkerungsanteil derer, die Lesen und Schreiben konnten, und die Steigerungsraten innerhalb einer Dekade. Es umfasst die 50 Jahre von 1841 bis 1891. Die grüne Linie markiert das Datum des Forster Acts. Man sieht recht eindeutig, dass die staatliche Schulpflicht allenfalls einen Trend fortsetzte, der bereits im vollen Gange war. Mit Bezug auf die heutige Zeit argumentiert Ökonom Edwin West darum so: Wenn man die sozialen und ökonomischen Bedingungen, unter denen sich im 19. Jahrhundert Eltern um die Bildung ihrer Kinder kümmerten, anschaute, dann müsse man sich wundern, dass sich gegenwärtig so viele Bildungsbürokraten gegen mehr Wahlfreiheit und Privatinitiative im Schulsystem wehrten, mit dem Argument, die (sehr viel gebildeteren und wohlhabenderen) Eltern von heute wären dazu nicht in der Lage.11 Neben der Bildung blühte die Wissenschaft und damit die technische Innovation auf. So lässt sich leicht zeigen, dass die Freihandelsära eingerahmt war von Schlüsselerfindungen, die den unmittelbaren Effekt der Handelsliberalisierungen nochmals verstärkte. Jeder Technologieschub setzte seinerseits Wohlstandspotentiale ungeheuren Umfangs frei – ein Trend, der bis heute anhält. In der ersten Industriellen Revolution war es die Dampfmaschine, in den 1920er Jahren die Fließbandproduktion, heute die Informationstechnologie und – bereits beginnend – die Biotechnik. Im folgenden Schaubild sind am Beispiel Großbritannien (weil sich dort die Entwicklung am längsten zurückverfolgen lässt) die Stufen der Wohlstandsentwicklung mit den technischen Innovationsschüben und den großen Freihandelsreformen verbunden worden. Alles dies setzt allerdings eines – zumindest in größerem Umfang – voraus: Freiheit. Ohne den Willen zu einer die Rechte des Bürgers respektierenden Ordnung wird auch eine offene Marktordnung allenfalls bedingt zum allgemeinen Wohle funktionieren. Genau dieser Impuls lag ja auch liberalen der Reformbewegung
11 Dazu ausführlicher: West, Edwin G., Education and the State. A Study in Political Economy, 3. Aufl., Indianapolis 1994, S. 259ff

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4.Technologische Revolution Biotechnik Personalcomputer Smartphone

2. Freihandelsära Gatt-Runden seit 1947 Römische Verträge (EWG, 1957)

3. Technologische Revolution Fließband Radio/Transistor Industrieroboter 2.Technologische Revolution 1 .Freihandelsära Ende der Corn Laws (1846) Cobden Treaty (1860) Elektrischer Strom Otto-Motor fließendes Wasser

1.Technologische Revolution Dampfmaschine Baumwollspinnerei Eisenbahn

in 1990 International Geary-Khamis Dollars

BIP per Capita

= wegweisende Innovationen

= politische Liberalisierung

Diagramm 7: Innovation, Freihandel und Wohlstand zugrunde, die sich nach ihrem Sieg von 1846 vor allem auch humanitären Anliegen wie der Verbreitung allgemeiner Bildung, dem Aufbau der Genossenschaftswesen und dem Kampf gegen Krieg und Imperialismus widmeten. Dies schafft wieder geistige Freiheit, die die Voraussetzung für wissenschaftliche und technische Innovation ist. Innovationen wiederum können ihre Wirkung nur dann voll entfalten, wenn sie durch den Marktmechanismus und unternehmerische Initiative effizient alloziert werden. Eins greift hier ins andere.

Eine Lektion für heute: Freiheit sichert Fortschritt
Unsere heutige Welt würde Thomas Robert Malthus, könnte man ihn per Zeitmaschine zu uns holen, in größtes Erstaunen versetzen. Selbst in den ärmsten

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Ländern der Welt ist sein Szenario nicht eingetreten, obwohl viele seiner geistigen Nachfolger als Unheilspropheten (man denke an den „Club of Rome“) bis heute immer wieder versuchten, uns das einzureden. Es ist, so muss man schließen, wissenschaftlich eher unseriös, Zukunftsszenarien durch eine bloße Extrapolation gegenwärtiger (negativer) Trends errechnen zu wollen. Menschliches Verhalten, technischer Fortschritt und die unendlichen Möglichkeiten befreiter menschlicher Kreativität bleiben immer unwägbar und letztlich nicht vorhersagbar. Aber die Fähigkeit Probleme zu lösen, scheint fast unbegrenzt. Friedrich August von Hayek stellte in seinem Vortrag 1983 fest, dass Malthus offenbar eine kontinuierlich „gleichartige Arbeit“ der Menschen als Prämisse seiner Vorhersagen setzte. „Er nahm nämlich an, dass alle zusätzlichen Menschen Bauern wären, die das vorhandene Land bestellen. Die Hauptwirkung der Bevölkerungsvermehrung ist aber eine immer größere Differenzierung der Menschen, eine immer größere Vervielfältigung der Tätigkeiten. Wenn Menschen sich vermehren, immer mehr verschiedene Fähigkeiten hervorbringen und in immer komplexeren Systemen untereinander arbeiten, so ist gar kein Grund, anzunehmen, dass dies zu einem abnehmenden Ertrag führen könnte.“12 Um es auf den Punkt zu bringen: Es gibt keinen nachweisbaren Zusammenhang von Bevölkerungswachstum und Elend. Man kann sogar sagen, dass zunehmender Bevöl­ kerungsdruck oft erst wirklichen Wohlstand ermöglicht. Die ungeheure Energie, mit der die Menschheit technischen Fortschritt einleitete, Substitute für knappe Rohstoffe fand und Ressourcen effizienter zu nutzen verstand (etwa die intensivere Agrarlandnutzung durch Kunstdünger) , findet hier seine Wurzel. Zugleich be­ wirkt Bevölkerungsdruck soziale Veränderungen. Archai­ sche, geschlossene feudale (von modernen Öko-Malthusia­ nern gerne romantisierte) Ausbeutungsmechanismen ha­ ben in der modernen Massen­ kultur keinen Bestand. Auch wenn sie zweifellos von un­ angenehmen Nebeneffekten begleitet sind, tragen Landflucht und Massenverstädterung stets dazu bei, verkrustete Strukturen zu sprengen. Sie tra­ gen damit zu Mobilität, Marktfreiheit und zur effiziente­ ren Nutzung kreativen „Humankapitals“ bei. Das ist der Weg aus der Not. Hingegen zielen, die meisten neo-malthusianischen Szenarien heute unweigerlich auf die Forderung weltweiter staatlicher Ressourcen­ verplanung und anderer Zwangsmaßnahmen ab – also auf „langfristige gemeinsame Planung“, die „ein gemeinsames Bemühen aller Menschen ohne Rücksicht auf ihre Kultur, ihr Wirtschaftssystem oder ihren Entwicklungsstand“ voraussetze, wie

12 Hayek, Friedrich August von, Evolution und spontane Ordnung, Vortrag gehalten am 5. Juli 1983 auf Einladung der Bank Hofmann, Zürich 1983, S. 26-27

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es in den 1970er Jahren der „Club of Rome“. formulierte.13 Aber gerade dieser Ansatz würde den Weg zum Fortschritt eher verbauen als vorantreiben. In Wirklichkeit erschließt die Mensch­ heit auf vielfältigste Weise ständig neue Ressourcen. Das Wissen um Problemlösungen und um Substituierungsmöglichkeiten nimmt ständig zu. Dazu bedarf es geistiger und wirtschaftlicher Freiheit. Es bedarf ständiger Innovationsfähigkeit. Dem wirtschaftlichen Erfolg geht also in mancher Hinsicht ein moralischer und intellektueller Anspruch voraus, nämlich, dass jeder Mensch ein gleiches Recht hat, seine Potentiale zu entwickeln, und dass dies zum Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen führe. Es waren, um die Worte der amerikanischen Wirtschaftshistorikerin Deirdre McCloskey zu benutzen, die durchaus vor-ökonomische “bourgeois dignity and liberty”, die den Weg zu Wohlstand ebnete. Die Mehrdimensionalität des Fortschritts während der Industriellen Revolution und der Reformära nach 1846 kann hier nur in Ansätzen erwähnt werden. So wurden etwa Frauen in den Fabriken erstmals als eigenständige Subjekte arbeitsvertraglicher Beziehungen gewertet. Ihr Einkommen mag zunächst noch gering gewesen sein, doch wurde dadurch die ökonomische Grundlage für eine eigenständige Frauenbewegung gelegt – eine Leistung die gerne ausgeblendet wird. Ganz allgemein war auch die Bildung – ein besonders zentrales Anliegen liberaler Reformer – auf dem Vormarsch. Der wachsende Wohlstand schuf zudem die Grundlage für eine effizientere staatliche Administration. Er ermöglichte ein faireres und gerechteres Rechtssystem, was wiederum die wirtschaftliche Entwicklung beförderte (wirksam einklagbare Eigentums- und Vertragsrechte sind eine zentrale Voraussetzung funktionierender Marktwirtschaften). Aber auch die Bereitstellung öffentlicher Güter wie der Versorgung mit sauberem Trinkwasser bzw. der Entsorgung von Abwasser (was zuvor selten getrennt wurde) muss erwähnt werden. Das System von Pumpstationen, das in London nach 1858 durch Joseph Bazalgette aufgebaut wurde, besiegte etwa mit einem Schlag die Cholera in London, die 1849 noch 14.137 und 1853 genau 10.738 Todesopfer gefordert hatte.14 Die industrielle Entwicklung trieb eine ebenso bedeutsame politische Entwicklung an. So etwas wie eine „Ordnungspolitik“ avant lettre war im Entstehen begriffen. Die Lehre der liberalen Reformer im 19. Jh. ist daher immer noch gültig. Eine offene Wirtschaft, die Wissen vorurteilsfrei nutzt und mehrt, und die in eine
13 Meadows, Dennis/Meadows, Donella/Zahn, Erich/Miling, Peter, Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur lage der Menschheit, 4. Aufl., Reinbek 1974, S.173 14 http://en.wikipedia.org/wiki/Joseph_Bazalgette (abgerufen am 25. Mai 2013)

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35000
31501

30000

25000

20000
14661

Pro-Kopf-Einkommen in US$

15000

10000
6464 4545

5000

0 nicht frei 3 2 frei

Diagramm 8: Wirtschaftsfreiheit geht mit Einkommen einher
Quelle: Economic Freedom of the World 2011, World Bank

am Wohl der Menschen orientierte Rechtsordnung (das Gegenteil von Privilegienwirtschaft und Kleptokratie) eingefasst ist – das sind die entscheidenden Entwicklungsvoraussetzungen im Kampf gegen die Armut. Das ist, allen gegenteiligen Agitationen zum Trotz, auch empirisch gut belegt. Dass wirtschaftliche Freiheit sich lohnt, zeigen diese Statistiken des Index „Economic Freedom of the World“, der jährlich den Grad wirtschaftlicher Freiheit anhand zahlreicher empirischer Kriterien (Steuerquote, Außenhandelshemmnisse etc.) in 141 Ländern misst. Diese werden auf eine Skala von 0 (unfrei) bis 10 (frei) umgerechnet. Auf diesen Diagrammen sieht man, wie sehr sich die Wachstumsraten und das Durchschnittseinkommen des freiesten, zweit-, dritt- und unfreiesten Viertels (Quartile) unterscheiden. Die freieren Ökonomien schneiden bei beiden Faktoren markant besser ab (und übrigens nicht nur bei diesen!). Vergessen werden sollte dabei nicht, dass auch wirtschaftliche Freiheit in hohem Masse von einer funktionierenden Rechtsordnung abhängig ist, die grundlegende Freiheiten garantiert. Die gegenwärtige modische Auffassung,

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autoritäre Staaten als Entwicklungsgeneratoren zu betrachten, hat in der Erfahrungswelt – von einigen Ausnahmen abgesehen – kaum Bestand. Offensichtlich korrespondiert die Akzeptanz von Menschenrechten im Rechtssystem in signifikanter Weise mit Wohlstand. Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises schrieb 1927: „Der Wohlstand, den der Liberalismus geschaffen hatte, hat die Kindersterblichkeit, die in früheren Jahrhunderten schonungslos gewütet hatte, beträchtlich herabgesetzt und durch Verbesserung der Lebensbedingungen die durchschnittliche Lebensdauer verlängert. Dieser Wohlstand floss nicht nur einer engen Schichte von Auserwählten zu. … Die Schranken, die in alter Zeit Herren und Knechte geschieden hatten, waren gefallen. Es gab nur noch gleichberechtigte Bürger.“ Einen guten Einblick dazu liefert der Cingranelli-Richards Human Rights Dataset (CIRI) von der amerikanischen Binghamton University. Dieser Index erfasst die verschiedenen offiziell von der Weltgemeinschaft anerkannten Menschenrechte und erstellt ein Rating auf einer Skala. Hier ist der daraus entnommene „Physical Integrity-Index“ von Interesse, weil er nur Menschenrechtsverletzungen erfasst, die auch Verstöße gegen echte Freiheitsrechte sind, d.h. Folter, politische Gefangene, Haft ohne Gerichtsverfahren oder das „Verschwinden“ von Menschen. Eingeteilt wird auf einer Skala von 0 (schlechte Menschenrechtslage) bis 8 (gute Menschenrechtslage). Im folgenden Diagramm wird nun das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mit den Daten des CIRI Datensatzes zur „physical integrity“ korreliert. Man sieht, es gibt eine extrem deutliche Korrelation zwischen Wohlstand und einem Rechtssystem, das elementare Menschenrechte achtet. Aber da beginnt nun der schwierige Teil. Ja, beim Kampf gegen die Armut ist Optimismus angesagt, weil schließlich in den letzten rund 200 Jahren ein atemberaubender Fortschritt gemacht worden ist. Die bürgerliche Rechtskultur als eine Voraussetzung dafür ist allerdings kein leichtes „Exportgut“. Während zum Beispiel medizinisches Know How die Lebenserwartung in vielen Entwicklungsländern auch ohne großes Wachstum und hohe Wirtschaftsfreiheit in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert hat, erweist sich die Einführung rechtsstaatlicher Institutionen und guter Regierungsführung immer noch als ein Bohren durch dicke Bretter. Sie sind keine einfach technisch übertragbaren Transferartikel, sondern setzen oft lange kulturelle Entwicklungen voraus. Langfristig besteht indes die – durch bisherige Erfahrung gestützte – Hoffnung, dass sich rechtsstaatlicher Fortschritt, weil er eben Grundlage wirtschaftlichen Fortschritts ist,

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Menschenrechte machen wohlhabend

20000 18000 16000 14000 12000 10000 8000 6000 4000 2000 0 0 bis 2 3 bis 4 5 bis 6
1647 2899 6057

18945

BIP pro Kopf in US-$

7 bis 8

Diagramm 9: Menschenrechte machen wohlhabend
Quelle: Cingranelli-Richards Human Rights Dataset (CIRI) 2010, World Bank

als Modell weiter verbreiten wird. Selbst „Modellländer“ der autokratischen Transformationsstrategie können sich diesem Trend wenigstens partiell nicht ganz entziehen. Sogar das autokratische China, das uns mit seinem Wachstum beeindruckt, ist, zwar immer noch ein entsetzlicher, die Menschenrechte verletzender Staat, aber schon längst nicht mehr in dem Ausmaß, wie es zu Zeiten Maos gewesen war, in denen die rigoros verplante Wirtschaft darnieder lag und Millionen Menschen (alleine während des „Großen Sprungs“ 1958-62 waren es zwischen 30 und 40 Millionen) in den Hungertod getrieben wurden. Schließlich hat wachsender Wohlstand im Allgemeinen auch die Folge, dass die Nachfrage nach rechtstaatlicher Stabilität zunimmt, weil sonst der wirtschaftlichen Entwicklung schnell Grenzen gesetzt sind. Und der Wohlstand hat zugenommen – überall. Das folgende Diagramm zeigt die Entwicklung in verschiedenen Weltregionen und die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf. Man sieht Japans rapide Entwicklung seit Ende des 19. Jahrhunderts (und nochmals nach dem Zweiten

Es geht aufwärts: Die Welt 1-2008

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1990 International Geary-Khamis Dollars

35.000 30.000 25.000 20.000 15.000 10.000 5.000 0
1 1000 1500 1600 1700 1820 1850 1900 1950 1975 2008

BIP pro Kopf WestEuropa BIP pro Kopf Afrika BIP pro Kopf China BIP pro Kopf Vereinigte Staaten BIP pro Kopf Japan BIP pro Kopf Großbritannien

Diagramm 10: Es geht aufwärts …
Quelle: Angus Maddison, 2010

Weltkrieg), Amerikas Aufstieg zur führenden Wirtschaftsmacht nach 1900, das Aufkommen Chinas seit Maos Tod im Jahre 1975. Afrika liegt im Vergleich zurück, aber auch hier ist in absoluten Zahlen ein beachtlicher Fortschritt zu sehen, auf dem man aufbauen kann. Und jeder Aufschwung war von gewissen Liberalisierungsschritten und (manchmal noch bescheidenen) Fortschritten in Sachen Rechtsstaatlichkeit begleitet.

Lebensqualität: Mehr als nur Pro-Kopf-Einkommen
Man sollte zudem in Betracht ziehen, dass der BIP-Indikator die eigentliche Dimension von Erfolgen bei der Armutsbekämpfung nur unvollständig widerspiegelt. Er mag als allgemeine Beschreibung wirtschaftlichen Fortschritts seine volle Berechtigung haben (und er ist, nebenbei bemerkt, wegen seiner relativ klaren Definition und Quantifizierbarkeit nicht so leicht politisch manipulier-

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bar wie es neuere Vorschläge sind, die etwa das „Glück“ zum Politikmaßstab machen wollen). Aber natürlich verrät dieser rein quantitative Standard nicht alles über den Qualitätszuwachs. Wenn sich etwa Menschen aufgrund ihres gesteigerten Einkommens in einem statistischen „Warenkorb“ im Durchschnitt mehr Autos leisten könnten als zu den Zeiten von Henry Fords „Model T“, so besagt das natürlicherweise nicht, dass die Menschen heute zwei oder drei oder gar vier „Model T“ besitzen, sondern dass sie heute vielleicht weiterhin nur ein Auto ihr eigen nennen, das aber schneller, sicherer, umweltschonender ist, und über eine Ausstattung mit Navigationssystem, Klimaanlage und Audioausstattung verfügt und einen geringeren Anteil des Gesamteinkommens kostet als das in den Zeiten damals der Fall war. Die Qualität der Umwelt war zum Beispiel den Menschen in der frühen Industrialisierung von geringem Wert, weil sie mit dem Wert des baren Lebenserhalts konkurrierte.15 Der Fortschritt erschließt also immer neue Gebiete, auf denen er seine Wirksamkeit bei der Steigerung des Lebensstandards entfaltet. Quantitatives Wachstum war immer mit qualitativem Wachstum verbunden. Erst materieller Wohlstand macht die Realisierung „post-materieller“ Werte möglich – ein Umstand, den leider heute viele „Postmaterialisten“ (insbesondere im wohlhabenden grün-ökologischkulturpessimistischen Gesellschaftssegment) nur allzu gerne vergessen.16 Zudem: Internationale Arbeitsteilung senkt die Preise von Produkten, so dass auch Menschen mit niedrigen Einkommen sich Dinge leisten können, die sie zuvor nicht bezahlen konnten. Erfindungen und Innovationen kommen zum Zuge. Alles dies und noch mehr sind vitale Aspekte im Kampf gegen die Armut, die man gerne vergisst. Erfindungen und Innovationen, die in wirtschaftlichen „Vorreiterländern“ entwickelt werden konnten, kommen nach einer Weile auch denen zu Gute, die das entsprechende Wachstums- und Wohlstandsniveau noch nicht erreicht haben. Der Vorsprung anderer Länder beschleunigt den Fortschritt dort. Für viele arme Länder ist heute die Verbesserung der Lebens15 Nebenbei bemerkt: Die Tatsache, dass eine freie Wirtschaft mit einer besseren und effizienteren Ressourcenallokation einhergeht, ist schon an sich ein (wenn auch vielleicht nicht immer völlig hinreichender) Beitrag zum Umweltschutz. Eindeutig sind hier die Resultate des bereits zuvor erwähnten Index „Economic Freedom of the World“. Eine Korrelation mit dessen Ergebnissen und denen des internationalen „Environmental Performance Index“ zeigt, dass freie Wirtschaften eine bessere Umweltbilanz aufweisen als unfreie. Siehe: Economic Freedom of the World 2008, S. 21 Es verwundert daher nicht, dass die Planwirtschaft im ehemaligen Sowjetimperium gigantische Schäden an der Umwelt hinterließ. 16 Wie die Wohlstandsgesellschaft Ende der 60er in den USA und Europa einen kulturellen Paradigmenwandel (Stichwort: „68“) einleitete, der zu mehr “links” motiviertem Etatismus – mit allen den damit verbundenen strukturellen Verwerfungen – führte, siehe: Lindsey, Brink, The Age of Abundance. How Prosperity Transformed America’s Politics and Culture, Washington 2007

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qualität für die Menschen preisgünstiger zu haben als dies noch in der Frühzeit der europäischen Industrialisierung war. Der amerikanische Entwicklungsökonom Charles Kenny meint in seinem 2011 erschienenen Buch „Getting Better“, über die Gegenwart: „the best things in life are cheap“17. In anderen Worten: Das bloße Bruttosozialprodukt pro Kopf sagt heute nicht mehr dasselbe über das Leben der Menschen aus wie früher. Vietnam, so stellt er fest, weise heute dasselbe reale Pro-Kopf-Einkommen auf wie Großbritannien um 1800. Aber die Alphabetisierungsrate beträgt 95% gegenüber den 69% bei den Briten damals. Nigerias BIP pro Kopf war 1995 so hoch wie das von Finnland um 1870. In Finnland konnten damals 10% der Menschen lesen und schreiben, in Nigeria waren es 1995 57%. Mit 51 Jahren lag die nigerianische Durchschnittslebenserwartung nicht nur deutlich über der von Finnland 1870, sondern auch deutlich über der aller europäischen Länder der Zeit! Also auch höher als die in Großbritannien, das 1870 über ein dreimal höheres Pro-Kopf-BIP verfügte als Nigeria 1995.18 Die Aufgabe, die noch vor uns steht, ist immer noch enorm. Auch wenn der Prozentanteil derer, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, von 26,8% im Jahre 1970 auf 5.4% in 2006 fiel (was in absoluten Zahlen aber durch das Bevölkerungswachstum teilweise wieder relativiert wird), so heißt das nicht, dass damit alle Probleme gelöst sind. Aber wir können immerhin auf Erfahrungen aufbauen. Die Geschichte von der Industriellen Revolution und der Zeit des Manchestertums in England (wo alles seinen Anfang nahm) über das durch die Soziale Marktwirtschaft bewirkte Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit bis zur heutigen Zeit, in der immer mehr ehemalige Entwicklungsländer zu „Tigerstaaten“ werden, hält eine klare Botschaft bereit, wie die Armut weiter zurückgedrängt und wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt vorangetrieben werden kann. Sie ist nicht immer und überall gleichermaßen durchsetzbar – zumindest kurzfristig. Aber sie ist der Weg, der gegangen werden sollte. Zum Schluss: Der amerikanische Ökonom und Demograph Julian Simon (1996): „Das Problem der Welt ist kein Zuviel an Menschen, sondern das Zuwenig an politischer und wirtschaftlicher Freiheit. … Der Lebensstandard ist mit der Größe der Weltbevölkerung seit Beginn aller aufgezeichneten Geschichte gestiegen. Es gibt keinen überzeugenden ökonomischen Grund, warum diese Tendenz zu einem besseren Leben nicht unbegrenzt andauern sollte.“
17 Kenny, Charles, Getting Better. op.cit, S.93 18 Ebd., S. 99

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Weiterführende Literatur
Ashton, Thomas S., The Industrial Revolution, London 1949 Doering, Detmar, Mythos Manchestertum. Ein Versuch über Richard Cobden und die Freihandelsbewegung (PositionLiberal), Berlin 2004 Economic Freedom of the World, 1996ff. Hartwell, Ronald M., Industrial Revolution and Economic Growth, London 1971 Hazlitt, Henry, The Conquest of Poverty, New Rochelle 1973 Kenny, Charles, Getting Better. Why Global Development is Succeeding: And How We Can Improve the World Even More, New York 2011 McCloskey, Deirdre, Bourgeois Dignity: Why Economics Can’t Explain the Modern World, Chicago 2010 Simon, Julian/Moore, Stephen, It’s Getting Better All the Time: 101 Greatest Trends of the Last 100 Years, Washington 2000 Simon, Julian, The Ultimate Resource II, New York 1996 West, Edwin G,: Education and the State. A Study in Political Economy, 3. Aufl., Indianapolis 1994

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Über den Autor
Dr. Detmar Doering (geb. 1957), Leiter des Liberalen Instituts der FriedrichNaumann-Stiftung für die Freiheit in Potsdam. Studium der Fächer Philosophie und Geschichte (Dr. phil. 1990) in Köln und am University College London. Er ist Mitglied der Mont Pelerin Society seit 1996. Wohnhaft in Berlin, verheiratet, eine Tochter. Zahlreiche Buchpublikationen, darunter: Kräfte des Wandels? (mit Lieselotte Stockhausen-Doering,1990), Die Wiederkehr der Klugheit: Edmund Burke und das Augustan Age (Diss. 1990), Kleines Lesebuch über den Liberalismus (Hrsg., 1992), Liberalismus: Ein Versuch über Freiheit (1993), Freiheit: Die unbequeme Idee (Hrsg. m. Fritz Fliszar, 1995), Frédéric Bastiat: Denker der Freiheit (1997), Friedlicher Austritt. Braucht die Europäische Union ein Sezessionsrecht? (2002), Kleines Lesebuch über den Freihandel (Hrsg., 2003), Vernunft und Leidenschaft: Ein David Hume-Brevier (Hrsg., 2003), Mythos Manchestertum (2004), The Political Economy of Secession. A Source Book (Hrsg. m. J. Backhaus, 2004), Kleines Lesebuch über den Föderalismus (Hrsg., 2005), Globalisation: Can the free market work in Africa? (2007), Kleines Lesebuch über Frauenrechte (Hrsg., m. M. Fassbender, 2007), Vier kleine Öko-Ketzereien (Hrsg., m. Sylvia Bruns, 2009), Für ein Europa der Freiheit. Beiträge zur Verfassungsordnung der Europäischen Union (Hrsg. m. Silvana Koch-Mehrin, 2009), Traktat über Freiheit (2009). Darüber hinaus zahlreiche Artikel und Beiträge in Tageszeitungen und Fachjournalen.

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Die Fortschrittsinitiative - Zukunft gestalten!
Deutschland hat sich in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise gut behauptet. Unser Land steht nicht nur wirtschaftlich gut da – es bietet seinen Bürgern auch viele Chancen, ihre eigenen Lebenspläne zu verwirklichen und zum Gemeinwohl beizutragen. Doch Wohlstand und individuelle Chancen müssen immer wieder neu erarbeitet werden. Deshalb gilt: Deutschland braucht Fortschritt zur Schaffung von Zukunftschancen und Freiheitsräumen für alle. zur Wahrung und Mehrung unseres Wohlstandes. • zur Lösung der zahlreichen Aufgaben, die vor unserer Gesellschaft stehen.
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Voraussetzung der überwiegend erfolgreichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte war eine grundsätzliche ordnungspolitische Weichenstellung. Sie muss auch für die Zukunft gelten: Deutschland braucht die Soziale Marktwirtschaft Die Soziale Marktwirtschaft ist der politische Gestaltungsrahmen, der die richtigen Anreize für wirtschaftliches Wachstum, Innovation und zivilisatorischen Fortschritt setzt. Sie ermöglicht eigenverantwortliches Handeln, Initiative und Risikobereitschaft. Die Soziale Marktwirtschaft eröffnet dem Menschen große Chancen, fordert ihn aber in gleicher Weise. Sie ermutigt und belohnt individuelle Leistung. Die sich dadurch ergebende höhere volkswirtschaftliche Wertschöpfung ermöglicht erst eine Umverteilung zugunsten sozial Bedürftiger. Deshalb bezieht die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit mit ihrer Initiative klar und eindeutig Stellung für Fortschritt und Soziale Marktwirtschaft.

www.fortschrittsinitiative.org

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