Mögliche Alternativen

Der „dritte Weg“
Könnte sich genossenschaftliches Wohnen auch in Luxemburg als dritte
VON JOHN LAMBERTY

Das Großherzogtum ist und bleibt ein teures Pflaster. Trotz aller Bemühungen der Regierung ist der Druck auf Bauland- und Mietpreise scheinbar ungebrochen. Neben dem Ausbau des Wohnraumangebots setzt Ressortminister Marco Schank seit geraumer Zeit auch auf die Erschließung neuer Zugangsmöglichkeiten zum Immobilienmarkt. Im Auftrag des Ministeriums arbeitet das regionale Sozialamt „Resonord“ (LeaderGebiet Clerf/Vianden) nun an einem Konzept zur möglichen Etablierung des sogenannten genossenschaftlichen Wohnens in Luxemburg. Ein gangbarer „dritter Weg“ zwischen Eigentum und Miete? Genossenschaftliches Wohnen hat in Europa eine lange Tradition, deren Ursprung insbesondere in den Großstädten des ausgehenden 19. Jahrhunderts liegt, die oftmals von Wohnungsnot, Spekulation und explodierenden Wohnungsbaupreisen geprägt waren. In einem Akt der Selbsthilfe schlossen sich damals allerorten Gleichgesinnte in Wohnbaugenossenschaften zusammen, die aufgrund ihrer oft großen Mitgliederzahlen wirtschaftlich solide genug waren, um Bauland und Wohnraum zu kaufen und ihren Mitgliedern – gemäß des genossenschaftlichen Förderauftrags – dauerhaft gute und bezahlbare Wohnungen zur Verfügung stellen. Selbsthilfe, Solidarität und Partizipation An den Grundprinzipien des genossenschaftlichen Wohnens (Selbsthilfe, Solidarität und Partizipation) hat sich bis heute kaum etwas geändert. Auch wenn die gesetzlichen Grundlagen je nach Nation unterschiedliche Ausprägungen hervorgebracht haben. Wer Mitglied in einer Wohngenossenschaft werden möchte, muss im Prinzip einen Pflichtanteil an dieser erwerben, für den er im Gegenzug ein lebenslanges Nutzungsrecht an einer Wohnung erhält. Womit eine eigentumsähnliche Sicherheit gegeben ist, nur
Soll sich das genossenschaftliche Wohnen in Luxemburg etablieren, muss wohl ein

mit dem Unterschied, dass sich das Miteigentum nicht auf die Wohnung selbst, sondern auf den Genossenschaftsanteil bezieht. Ähnlich einer Miete ist darüber hinaus ein Nutzungsentgelt zu zahlen, das von der Mitgliederversammlung (der jedes Mitglied, unabhängig von seinem Anteil, mit gleicher Stimmberechtigung angehört) festgelegt wird. Dieses kann je nach Höhe der erworbenen Anteile, je nach Größe, Lage und Zustand der Wohnung, manchmal auch je nach Einkommenslage variieren.

Da sich Wohngenossenschaften als Solidargemeinschaften verstehen und nicht dem Erwirtschaften größtmöglicher Gewinne dienen sollen, sind Genossenschaftswohnungen denn auch generell günstiger als vergleichbare Wohnungen am konventionellen Immobilienmarkt. Schätzungen zufolge sind die Preise um bis zu 20 Prozent niedriger. Ein effizienter Weg zur Schaffung erschwinglichen Wohnraums also? „Ja“, meinen die Verantwortlichen des „Resonord“ um Präsident

am Immobilienmarkt

zum trauten Heim
Säule der Wohnraumversorgung neben Eigentum und Miete etablieren?
etwa Wohnraum speziell für Senioren zu errichten, wertvolle Altbauten zu sanieren oder besonders ökologische Bauweisen zu fördern, könnte das genossenschaftliche Wohnen zugleich auch andere Ziele, wie etwa die Wiederbelebung leerstehender Gebäude oder die Herbeiführung einer größeren sozialen Mixität in einzelnen Ortsvierteln, unterstützen, so die „Resonord“-Verantwortlichen. Gerade die mögliche Zusammenarbeit privater und öffentlicher Träger in den Genossenschaften könnte hier interessant sein. Mögliche Vorarbeit für Gesetzesentwurf Voraussetzung für eine erfolgreiche Etablierung des genossenschaftlichen Wohnens in Luxemburg dürfte jedoch die Offenheit der Bürger für solch neue Wohnformen sein. Für ein klassisches Eigentümerland wie Luxemburg ein wahrer Mentalitätswandel. Derzeit prüft das „Resonord“ in einem Ländervergleich die verschiedenen Ausprägungen genossenschaftlicher Wohnformen in Belgien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz und die jeweils zugrundeliegenden Gesetzgebungen. Aus den daraus gezogenen Schlüssen könnte alsdann ein Pilotprojekt zum genossenschaftlichen Wohnen im Einzugsbereich des „Resonord“ werden, das später bestenfalls zur Grundlage für einen Gesetzesentwurf werden könnte. Wohin die Vorarbeit des „Resonord“ letztlich führt, steht zurzeit natürlich noch in den Sternen. Pionierarbeit zu leisten, ist man beim „Resonord“ aber allemal bereit.

Mentalitätswandel in Sachen Wohnformen erfolgen.

(FOTO: FONDS DU LOGEMENT)

Roby Arend, „vor allem für Menschen, deren Einkommen zwar für ein Eigenheim oder eine Mietwohnung nicht reicht, die aber zugleich auch nicht unter die strikt geregelten Kriterien des sozialen Wohnens fallen. Man denke etwa an junge Erwachsene, Alleinerziehende oder auch an ältere Menschen, die nur über eine kleine Rente verfügen. Ihnen allen könnte das genossenschaftliche Wohnen mit Sicherheit neue Finanzierungsmöglichkeiten auf dem Weg zum trauten Heim eröffnen.“

Da sich viele Wohngenossenschaften in ihren Statuten auch anderweitige Förderaufträge setzen,

DREI FRAGEN AN
Marco Schank, seit 2009 Wohnungsbauminister und delegierter Minister für nachhaltige Entwicklung.

Wenn sich das genossenschaftliche Wohnen als erfolgreiches Modell durchsetzen soll, bedarf es wohl eines gewissen Mentalitätswandels in Luxemburg. Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass sich die Idee in einem klassischen Eigentümerland wie dem Großherzogtum etablieren kann? Es wird in Zukunft ganz einfach ein Umdenken geben müssen. Für nachkommende Generationen wird es sicher schwieriger werden, Wohneigentum zu erwerben, als es in der Vergangenheit der Fall war. Deshalb sind diesbezüglich neue Strukturen wie Wohnbaugenossenschaften, so wie sie sich im Ausland bewährt haben, absolut notwendig. Wann wäre denn, vorausgesetzt die Pionierarbeit des „Resonord“ erweist sich als Erfolg, mit der Einführung des genossenschaftlichen Wohnens in Luxemburg zu rechnen?

Zunächst einmal sind die Initiativen des „Resonord“, aber auch die der Caritas, mit Sicherheit der richtige Weg in Richtung Wohnbaugenossenschaft. Und sie werden daher auch von meinem Ministerium unterstützt. Die Gründung einer solchen Genossenschaft kann übrigens bereits jetzt jederzeit erfolgen, dies auf Basis des Gesetzes vom 10. August 1915. Welche Möglichkeiten eröffnen sich dem Staat, das genossenschaftliche Wohnen gezielt zu fördern? Ich habe als Wohnungsbauminister Mitte dieses Jahres einen Gesetzesentwurf eingebracht, in dem staatliche Hilfen für Projekte vorgesehen sind, die von eben solchen Wohnbaugenossenschaften geplant und umgesetzt werden, dies aus Sichtweise öffentlicher Promotoren. ■ Interview: John Lamberty

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