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EINBLICK IN DEN KAMPF

GEGEN DIE RESIDENZ-

PFLICHT

FÖRDERVEREIN THE VOICE E. V.


Impressum
Herausgeber u. V.i.S.d.P.: Förderverein The Voice e. V. Geismar Landstr. 19 37083 Göttingen
Redaktion und Layout: Förderverein The Voice e. V.
Erscheinungsdatum: 01. November 2007

gefördert von:
I. EDITORIAL
II. RESIDENZPFLICHT
4 KAMPAGNE ZUR ABSCHAFFUNG DER RESIDENZPFLICHT –
DER APARTHEIDGESETZE IN DEUTSCHLAND
Was ist die sogenannte Residenzpflicht (Aufenthaltsbeschränkungsrege-
lung)?

7 RESIDENZPFLICHT-KAMPAGNE: ERKLÄRUNG DER FLÜCHTLINGE


Ad hoc-Komitee des zivilen Ungehorsams gegen das Residenzpflicht-Gesetz,
26.4.2000

8 OFFENER BRIEF BEZÜGLICH RESIDENZPFLICHT


Ein offener Brief an das deutsche Bundesparlament

9 RESIDENZPFLICHT: EIN MOSAIKSTEIN IM SYSTEM DER ABSCHRECKUNG…


… und was man dagegen tun kann.
i.A. Karawanegruppe Freiburg 22.08.2002
http://de.indymedia.org/antirassismus/index.shtml

III. CORNELIUS YUFANYI


14 EIN JAHRELANGER KAMPF UM DAS RECHT AUF BEWEGUNGSFREIHEIT
ENDET IM GEFÄNGNIS

16 RESIDENZPFLICHT-PROZESS IN WORBIS: EINBLICKE IN DEN VERBEAMTETEN RASSISMUS


Created 10/28/2005 - 16:31

18 FÜR DAS RECHT AUF BEWEGUNGSFREIHEIT INS GEFÄNGNIS?


Pressemitteilung von Förderverein The VOICE e.V. Göttingen und vom Göt-
tinger Arbeitskreis zur Unterstützung von Asylsuchenden e.V.
Göttingen, 26.10.2005

19 REDE VON CORNELIUS YUFANYI VOR GERICHT


http://nolager.de/tour/32themen/325residenzpflicht/07ger.htm
IV. AHMED SAMEER
22 WARUM ICH GEGEN DAS RESIDENZPFLICHT-GESETZ FÜR FLÜCHTLINGE
IN DEUTSCHLAND KÄMPFE
http://nolager.de/tour/32themen/325residenzpflicht/05ger.htm

24 PALÄSTINENSISCHER FLÜCHTLING AKZEPTIERT EINSCHRÄNKUNG DER


BEWEGUNGSFREIHEIT IN DEUTSCHLAND NICHT
by rafa
http://thecaravan.org/node/view/42

25 RESIDENZPFLICHT: VERHANDLUNG VON AHMED SAMEER IN GOTHA


Protokoll einer Prozessbeobachterin
http://www.thevoiceforum.org/taxonomy/term/7

29 RESIDENZPFLICHT ERNEUT VOR GERICHT


Presserklärung betr. Prozess gegen den palästinensischen Menschenrechts-
aktivisten Ahmed Sameer wegen mehrmaliger Verletzung der Residenzpflicht
by markus
http://thecaravan.org/node/205

30 „WIR ZAHLEN KEINE STRAFEN“


Interview mit Ahmed Sameer über Residenzpflicht und Lager

31 AMTSGERICHT GOTHA
Einstellung des Verfahrens

V. SUNNY OMWENYEKE
33 GEFÄNGNISSTRAFE WEGEN RESIDENZPFLICHT
Klage vor Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte

VI. GASTON EBUA


36 WOHNSITZAUFLAGE DER STADT DARMSTADT FÜR GASTON EBUA
Zusammenfassung der aufenthaltsrechtlichen Situation und Stand des Ver-
fahrens - 16.07.2007
http://thevoiceforum.org/node/554

VII. PERSPEKTIVEN
EDITORIAL

Das Residenzpflichtgesetz für Flüchtlinge und Asyl- gen und mit unserem Kampf hier in Deutschland
suchende im Asylverfahren existiert in Deutschland verglichen werden kann. Wir benutzen Beispiele aus
seit 1982. Deutschland, welches das einzige Land in der Periode der Apartheid und der Nazi-Zeit nur, um
Europa mit einem derartigen Gesetz ist (das auch zu zeigen, wie rückwärtsgewandt, diskriminierend,
mit der israelischen Art der Segregation und Ein- rassistisch und faschistisch die deutschen Gesetze
schränkung der Bewegungsfreiheit der Palästinenser sind gegenüber den Ausländern oder insbesondere
vergleichbar wäre), hatte schon während der Nazi- gegenüber denjenigen, die systematisch als Men-
Ära eine ähnliche Verordnung. Bereits im Jahr 1938 schen von niedrigem Status oder als Menschen von
wurden ähnliche Regelungen (diesmal alle Auslän- geringem Wert ohne Würde definiert werden.
der betreffend) in der Ausländerpolizeiverordnung
vom 22. August 1938 (Reichsgesetzblatt, Teil I, 25. Die vorliegende Broschüre dokumentiert Texte, Re-
August 1938, Nr. 132, Seite 1055) erlassen. Diese den, Aufrufe und Interviews, die aus der Kampagne
Form der Residenzpflicht ist jedoch vor dem Hinter- gegen die Residenzpflicht entstanden sind.
grund der damaligen Diktatur der Nazis zu sehen Einer einführenden Zusammenfassung folgen Aufru-
und nur schwer mit der heutigen Residenzpflicht ver- fe und Manifeste aus den Anfängen der Kampagne
gleichbar, aber in der Tatsache, dass sie ebenso ge- während des Karawane-Kongresses 2000 in Jena,
gen eine ausländische Minderheit gerichtet war und die ihre politischen Strategien dokumentieren. Ein
Rassismus und Faschismus förderte, bestehen viele längerer Aufsatz befasst sich mit juristischen Hinter-
Ähnlichkeiten. gründen und Zusammenhängen.
Den Hauptteil bildet eine Auswahl von Texten –
Obwohl die Residenzpflicht bei vielen Gelegenheiten Presseerklärungen, Protokollen, Reden und Inter-
stillschweigend mit dem Apartheid-Regime in Südaf- views – zu den politischen und juristischen Kämpfen
rika verglichen wurde (mit großer Übereinstimmung), der Anti-Residenzpflicht-Aktivisten Cornelius Yufa-
wollen wir betonen, dass die Erfahrungen, Leiden nyi, Ahmed Sameer und Sunny Omwenyeke, die den
und der Kampf der afrikanischen Menschen gegen Kampf gegen dieses Gesetz aus der Sicht der
das Apartheid-Regime in Südafrika keineswegs mit Flüchtlinge dokumentieren und Basis und Motivation
unseren gegenwärtigen und vergangenen Erfahrun- für das weitere Vorgehen dagegen sein sollen.
KAMPAGNE ZUR ABSCHAFFUNG DER RESIDENZPFLICHT –
DER APARTHEIDGESETZE IN DEUTSCHLAND
WAS IST DIE SOGENANNTE RESIDENZPFLICHT (AUFENTHALTSBESCHRÄNKUNGSREGELUNG)?

Nach einer Bestimmung des Asylverfahrensgesetzes fentlichen Diskussionsveranstaltungen und abschlie-


wird die Bewegungsfreiheit von Flüchtlingen auf den ßender Großdemonstration in Berlin. Seit Beginn der
Landkreis der jeweils zuständigen Ausländerbehörde Kampagne wurden einige Fälle vor Gericht gebracht
beschränkt. Ungeachtet der Gründe dürfen Flücht- und sind noch nicht abgeschlossen.
linge den Landkreis mit einer schriftlichen Genehmi-
gung, ausgestellt durch die zuständige Ausländerbe- BEWEGUNGSFREIHEIT IST EINES UND EINER JEDEN
hörde, verlassen. Die Anträge für solche Genehmi- RECHT UND NICHT VERHANDELBAR!
gungen werden von den SachbearbeiterInnen will-
kürlich entschieden und in der Regel abgelehnt. In
Die Residenzpflicht für Flüchtlinge verletzt das natür-
manchen Fällen wird für die Erteilung der Genehmi- liche Recht eines Menschen auf Bewegungsfreiheit,
gung eine Gebühr verlangt, die die Flüchtlinge von sie verletzt sein Recht auf Entfaltung seiner Persön-
dem reduzierten Sozialgeld, das sie erhalten, bezah-
lichkeit, sie verletzt den Grundsatz der Gleichheit al-
len müssen. Die Residenzpflicht im Zusammenspiel ler Menschen und sie verletzt die Menschenwürde.
mit anderen beschränkenden Regelungen dient der Die Residenzpflicht verletzt unser Recht auf Schutz
Isolation und dem gesellschaftlichen Ausschluss von
der Privatsphäre. Die Durchführung dieser gesetzli-
Flüchtlingen. So werden Flüchtlinge meistens über chen Regelung zerstört in einem schrittweisen Pro-
Jahre, manchmal über Jahrzehnte auf ein extrem zess die Persönlichkeit und die Individualität jedes
kleines Gebiet eingesperrt. Häufig liegen Asylheime
und jeder Betroffenen. Die Residenzpflicht ist rassis-
in abgelegenen, ländlichen Gebieten. Die Residenz- tisch und diskriminierend in Wort und Tat. Ihre Miss-
pflicht für Flüchtlinge existiert nur in Deutschland. achtung wird als Straftat verfolgt und bestraft. Es ist
Wer die Residenzpflicht verletzt, wird mit bis zu
ein „Verbrechen“, das nur von AusländerInnen be-
2.500 Euro oder mit bis zu einem Jahr Gefängnis gangen werden kann. Die Residenzpflicht negiert je-
bestraft. den Gedanken von Integration. Sie stellt eine Fort-
setzung der rassistischen und faschistischen Ideolo-
HINTERGRUND gie dar, die zur Wahrung der Interessen ihrer An-
hängerInnen bestimmte gesellschaftliche Gruppen
Während der Vorbereitung und Durchführung des 11 ausgrenzt, kriminalisiert und als „Fremdkörper“ in der
tägigen Internationalen Flüchtlings- und MigrantIn- Gesellschaft präsentiert, der letztendlich entfernt
nenkongresses in Jena im Jahr 2000 drohten einige bzw. abgeschoben werden muss.
deutsche Innenminister, alle diejenigen Flüchtlinge
festnehmen zu lassen, die ohne Genehmigung den Es sollte sich erinnert werden, dass es während der
Landkreis verlassen, um den Kongress zu besuchen. Kolonialisierung Togos durch Deutschland der Be-
Aufgrund dessen blieben einige Flüchtlinge weg, völkerung nicht erlaubt war, ihr jeweiliges Dorf oder
während sich viele andere den Ministern widersetz- Gebiet ohne eine kostenpflichtige Sondergenehmi-
ten und am Kongress teilnahmen. In Konsequenz gung zu verlassen. Die deutschen Kolonialbehörden
wurde auf dem Kongress eine Resolution verab- kontrollierten und beschränkten die Bewegung der
schiedet, eine Kampagne für die Abschaffung der Bevölkerung offensichtlich, um jedem antikolonialen
Residenzpflicht mittels zivilen Ungehorsams, Klagen Treffen und Widerstand zuvorzukommen. Dies ist
vor Gericht und öffentliche Aktionen zu initiieren. heute grundsätzlich das Gleiche für Flüchtlinge in
Verschiedene Initiativen entschieden selbständig Deutschland. Die Residenzpflicht macht es nahezu
über entsprechende Aktionsformen während des unmöglich, sich zu organisieren. Teilnahme an Vor-
bundesweiten dezentralen Tages des Protestes ge- bereitungstreffen und Veranstaltungen, an Diskussi-
gen die Residenzpflicht. An diesem Tag fanden in 17 onsforen oder kulturellen Aktivitäten, das Treffen von
Orten in Deutschland verschiedene Aktionen und öf- FreundInnen oder der Besuch von MitaktivistInnen
fentliche Kundgebungen statt. Am 3. Oktober des im Abschiebegefängnis, alles birgt das Risiko einer
gleichen Jahres, während viele Deutsche auf der Kontrolle und der Verfolgung mit Geldstrafe oder
Expo 2000 den Tag der deutschen Einheit, die Ver- Haft. Besonders die im Sinne der Menschenrechte
einigung zwischen Ost und West und den Fall der und einer fortschrittlichen Gesellschaftsentwicklung
Berliner Mauer feierten, demonstrierten weit über engagierten Flüchtlinge sind verstärkt damit konfron-
tausend Flüchtlinge und andere fortschrittlich gesinn- tiert, weil sie zur Zielscheibe der Behörden und der
te Menschen in Hannover gegen die unsichtbaren Polizei werden, dafür, dass sie den gesellschaftli-
aber effektiven Mauern der Gefangenschaft, die chen und staatlichen Rassismus benennen, den
Flüchtlinge aufgrund der Residenzpflicht umschlie- Flüchtlinge alltäglich in Deutschland erfahren.
ßen. Im April 2001 veranstaltete ein breites Bündnis
von Flüchtlingen, antirassistischen Organisationen Die Betroffenen haben die Residenzpflicht treffend
und Gruppen einen dreitägigen Dauerprotest mit öf-
als Apartheidgesetz Deutschlands bezeichnet und
ziehen Vergleiche mit den Passgesetzen des ehe- In Fürth (Bayern) ... Im Rahmen der Aktionstage vom
maligen Apartheidsystems in Südafrika. Als die ge- 11.-14. September 2003 in Fürth/Nürnberg für die
setzliche Regelung zur Aufenthaltsbeschränkung An- Abschaffung des Abschiebelagers Fürth und aller
fang der 80ziger Jahre eingeführt wurde, argumen- anderen (Abschiebe)Lager wurde ein Bus mit 25
tierten Politiker und Gesetzgeber, dass dadurch po- Personen sowohl auf dem Hinweg (in Thüringen) wie
tenzielle Doppelanmeldungen verhindert würden und auf der Rückreise (in Bayern) von der Polizei ge-
die Kontaktaufnahme einfacher wäre. Abgesehen stoppt. Alle Personen wurden mehrere Stunden in
davon, dass dies in keiner Weise eine Verletzung Gewahrsam genommen. 23 FlüchtlingsaktivistInnen
der Grundrechte einer ganzen gesellschaftlichen drohen erneut zwei Verfahren und Bußgeldbeschei-
Gruppe rechtfertigt, sind die Argumente so falsch wie de wegen unerlaubten Verlassens ihres Landkreises.
absurd. Erstens hat Bewegungsfreiheit nichts mit Viele der mehreren hundert Flüchtlinge, die an den
Meldepflichten zu tun und zweitens sind Flüchtlinge Protesttagen teilnahmen, kämpfen ebenfalls mit den
durch die umfassende Speicherung und Vernetzung Folgen von Verstößen gegen die Residenzpflicht.
von Daten und umfassende erkennungsdienstliche
Erfassung die am stärksten registrierte und kontrol- In Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) ... Der Akti-
lierte Bevölkerungsgruppe. vist A. C. Akubuo wird seit zehn Jahren gezwungen
in einem Barackenlager tief versteckt im Mecklen-
Darüber hinaus werden Flüchtlinge durch die Durch- burger Wald zu leben. Als politischer Flüchtling und
führung dieser gesetzlichen Regelung kriminalisiert, Menschenrechtsaktivist aus Nigeria konnte er nicht
um die Statistiken über Straftaten von Menschen oh- die Menschenrechtsverletzungen in Deutschland wi-
ne deutsche Staatsangehörigkeit in die Höhe zu trei- derstandslos hinnehmen. Er organisierte verschie-
ben, was dann von rassistischen Politikern und bür- dene Kampagnen zur Verbesserung der schlechten
gerlichen Medien aggressiv und Stimmung machend Lebensbedingungen und der Schließung der
benutzt wird. „Dschungelheime“ in Mecklenburg-Vorpommern und
wurde dadurch zum Feind der Behörden. Mehrmals
Die Residenzpflicht und die mit ihr zusammenhän- beantragte er eine Umverteilung an einen weniger
genden flächendeckenden Polizeikontrollen von isolierten Ort, um sein Engagement für die Men-
Menschen, die nicht als Deutsche wahrgenommen schenrechte besser entfalten zu können. Alle Anträ-
werden, sind die Werkzeuge des deutschen Staates, ge wurden abgelehnt. Als Mitglied des bundesweiten
um den Protest und den Widerstand der Betroffenen Netzwerkes der „Karawane für die Rechte der
gegen die Verletzung und den Entzug ihrer Men- Flüchtlinge und MigrantInnen“ und von „The Voice
schenrechte zu verhindern. "Solche Kontrollen wol- Refugee Forum“ muss er häufiger reisen, was durch
len uns davon abhalten, uns zu bewegen, aber sie die Residenzpflicht verhindert wird. Er nahm das Ri-
bringen die Menschen nur dazu, stärker gegen diese siko auf sich und wurde mehrfach kontrolliert. Das
Sache anzukämpfen. Solche Kontrollen zeigen uns letzte Mal stoppte ihn die Polizei auf seinem Weg
die Notwendigkeit, unseren Kampf gegen diese un- nach Jena zu einer bundesweit mobilisierten Pro-
gerechte Gesetzgebung fortzuführen, die insbeson- testveranstaltung, die von der Karawane organisiert
dere Ausländer in Deutschland betrifft. Wir werden und von den Flüchtlingsräten, von Pro Asyl und an-
solange weiterkämpfen, bis wir dieses schreckliche deren Organisationen unterstützt wurde. Ein Polizei-
Gesetz abgeschafft haben. Natürlich haben wir dabei beamter bedrohte Akubuo mit seiner Waffe. An-
keine andere Wahl, als um die Unterstützung der Öf- schließend begleitete eine Eskorte von zwei Polizei-
fentlichkeit zur Abschaffung dieses Gesetzes zu bit- wagen Akubuo in Richtung seines Landkreises. A-
ten. Wir rufen euch daher um Solidarität an." (Ahmed kubuo hatte mehrere Widerspruchsverfahren gegen
Sameer, Aktivist von „The Voice Refugee Forum“ Strafgelder wegen unerlaubten Verlassens des
und „Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Landkreises angestrengt. Er hat wiederholt öffentlich
MigrantInnen“) erklärt, dass er nicht einen einzigen Cent bezahlen
kann für die gegen ihn gerichteten rassistischen Akte
- die Residenzpflicht und die Polizeikontrollen.
BEISPIELE UND PRÄZEDENZFÄLLE

In Gera (Thüringen) ... Im Jahr 2003 beantragte C.


In Friedland (Mecklenburg-Vorpommern) ... Der Fa-
milienvater A. Vandarian wurde im Jahr 2002 für Etchu bei der Ausländerbehörde in Gera eine Ge-
mehrere Monate ins Gefängnis geworfen. Sein Ver- nehmigung zum Verlassen des Landkreises, um an
einem bundesweiten Treffen der Karawane in Mün-
gehen war, dass er für eine Woche seinen Landkreis
(Friedland in Mecklenburg-Vorpommern) verlassen chen teilzunehmen. Der Sachbearbeiter Funke for-
derte sie nach Ablehnung des Antrags auf, das Büro
hatte, um Freunde in Stuttgart zu besuchen. Sein
zu verlassen. Sie weigerte sich das Büro zu verlas-
Besuchsantrag war vorher von der Ausländerbehör-
de grundlos abgelehnt worden. Da er im Zeitraum sen, so lange ihr nicht die Gründe für die Ablehnung
mitgeteilt würden. Der Sachbearbeiter Funke nannte
von mehreren Jahren dreimal wegen "Verstoß gegen
die Residenzpflicht" zu Geldstrafen verurteilt worden sie „Nigger“ und forderte sie auf, zum Psychiater zu
war, hielten Behörden und Gerichte es für notwen- gehen, denn sie sei verrückt und außerdem könne
sie nach Afrika zurückgehen, wenn ihr Gera nicht ge-
dig, ihn wegen "Gefährdung der nationalen Sicher-
heit" von seiner Frau und seinen Kindern zu trennen falle. Er rief die Polizei, die C. Etchu mit Handschel-
und zu inhaftieren. len fesselte und in Gewahrsam nahm. Einige Monate
später bekam sie einen Strafbefehl über 100 Euro
als Strafe für die Weigerung das Büro zu verlassen. Gerichts den Fall einzustellen, da diese keinen Frei-
C. Etchu legte Widerspruch ein und ging vor Gericht. spruch bedeuteten, verhängte das Gericht eine
Der Richter teilte ihr zu Beginn der Verhandlung mit, Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 10 Euro plus 100
dass sie den Widerspruch zurückziehen könne und Euro Gerichtskosten. C. Yufanyi ging in nächster In-
die Strafe bezahlen, andernfalls müsse sie darauf stanz vor das Landgericht, was ebenfalls einen Frei-
vorbereitet sein, zu einer noch höheren Strafe verur- spruch ablehnte. Die Staatsanwaltschaft hat ihm
teilt zu werden. Sie hielt den Widerspruch aufrecht mittlerweile eine Zahlungsaufforderung mit der An-
und berichtete über die Beleidigungen durch den drohung von Pfändung oder Haftstrafe geschickt.
Sachbearbeiter. Der Richter erklärte, dass es keine Dies geschah genau zu der Zeit, als eine Klage ge-
Beweise dafür gäbe und verhängte eine Geldstrafe gen das Urteil beim Bundesverfassungsgericht in
von 50 Tagessätzen à 5 Euro zuzüglich der Ge- Karlsruhe eingereicht wurde. Wenn vom Bundesver-
richtskosten. fassungsgericht eine negative Entscheidung getrof-
fen wird, wird der Fall vor den Europäischen Ge-
In Detmold (Nordrhein-Westfalen) ... Der Journalist richtshof gebracht.
und politische Flüchtling J. Pathak aus Nepal, Koor-
dinator des Internationalen Nepal Solidaritätsforum In Wolfsburg (Niedersachsen) und Bremen ... Als
und Mitglied der Karawane, steht wegen Verstoß Flüchtling aufenthaltsbeschränkt auf den Landkreis
gegen die Residenzpflicht vor Gericht. J. Pathak Wolfsburg beantragte S. Omwenyeke Genehmigun-
wurde mehrmals während der Unterstützungsarbeit gen zum Verlassen des Landkreises und erhielt die-
für die Volksbewegung in Nepal außerhalb seines se auch so lange bis die Ausländerbehörde sein poli-
Landkreises kontrolliert. Er hatte mehrfach versucht tisches Engagement registrierte. Von dem Zeitpunkt
Genehmigungen zum Verlassen des Landkreises zu an wurde jeder Antrag, egal zu welchem Zweck er
erhalten. Sie wurden aber willkürlich abgelehnt. Ihm gestellt war, abgelehnt. Nach mehrmaligen Verstö-
wurde mitgeteilt, dass die Reisen nicht wichtig wä- ßen gegen die Residenzpflicht sollte S. Omwenyeke
ren. J. Pathak protestiert gegen das Unrecht und die für zwei Verstöße 300 Euro Strafe bezahlen oder 30
Verletzung seiner Menschenrechte und die aller an- Tage Haft verbüßen. Er legte im Jahr 2001 vor dem
deren Flüchtlinge. Amtsgericht Wolfsburg Widerspruch ein. Der Richter
ließ in Übereinkunft mit der Staatsanwaltschaft die
ZIVILER UNGEHORSAM UND GERICHTSVERFAHREN Sache fallen.

Im Geiste der Jenaer Resolution haben sich einige Zwei Jahre später, nachdem S. Omwenyeke nach
Flüchtlinge entschieden, weder um Erlaubnis zum Bremen umgezogen war, öffnete die Ausländerbe-
Verlassen des Landkreises zu fragen, noch irgend- hörde in Bremen erneut die Akte wegen anderer Re-
eine Strafe für die Begleiterscheinung, die Verlet- sidenzpflichtverstöße aus dem Jahr 2000 und über-
zung der Residenzpflicht, zu bezahlen. Mit solch ei- gab die Sache der Staatsanwaltschaft. Diese belegte
ner Position ist es unvermeidlich, dass einige unse- ihn mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 7,5
rer AktivistInnen mit Gefängnisstrafen bedroht sind. Euro. S. Omwenyeke legte Widerspruch ein, der vor
Sie sind fest entschlossen, jedes legale Mittel zum dem Amtsgericht Bremen verhandelt wurde. Nach
Kampf gegen dieses Gesetz zu nutzen und sich drei Verhandlungstagen verurteilte das Gericht ihn
nicht durch Haftandrohung abschrecken zu lassen. zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 7,5 Euro.
Die Hoffnung ist, alle Gerichtsinstanzen zu durchlau- Umgehend wurden von S. Omwenyekes Anwältin
fen und vor das Bundesverfassungsgericht und mög- Rechtsmittel eingelegt. Das Verfahren geht in die
licherweise den Europäischen Gerichtshof für Men- nächste Instanz.
schenrechte zu ziehen, um die Aufhebung der Resi-
denzpflicht zu erstreiten. Wir sind ebenfalls vorberei- Wir, die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und
tet, Aktionen des zivilen Ungehorsams zu unterneh- MigrantInnen, präsentierten diese Informationen der
men, um die Notlage der Flüchtlinge in die Öffent- Öffentlichkeit und rufen zu einer breiten und er-
lichkeit zu bringen. schlossenen Front zur Abschaffung der gesetzlichen
Regelung zur Aufenthaltsbeschränkung für Flüchtlin-
In Eichfeld (Thüringen) ... Ein Beamter der Auslän- ge, der sogenannten Residenzpflicht auf.
derbehörde las im Jahr 2000 ein Interview mit dem
Karawane und The Voice Aktivisten C. Yufanyi, das Der Kampf der Flüchtlinge zur Abschaffung der Re-
dieser während des Jenaer Kongresses einer Zei- sidenzpflicht ein notwendiger, richtiger und legitimer
tung gegeben hatte. Die Ausländerbehörde hatte ihm Schritt, um an einem Punkt ein gewisses Maß an
damals willentlich eine Genehmigung zur Fahrt nach Gleichberechtigung in diesem Land herzustellen. Der
Jena verweigert, weil C. Yufanyi einer der Organisa- Kampf dient der positiven Entwicklung der gesamten
toren des Kongresses war. Als der Beamte realisier- Gesellschaft und der menschlichen Werte.
te, dass C. Yufanyi trotz Verweigerung der Geneh-
migung am Kongress teilgenommen hatte, machte er
Meldung und C. Yufanyi wurde mit 600 Euro Geld-
strafe belegt. Er legte Widerspruch ein und ging vor
das Amtsgericht in Worbis. Nach drei Verhandlungs-
tagen und der Ablehnung von zwei Vorschlägen des
RESIDENZPFLICHT-KAMPAGNE:
ERKLÄRUNG DER FLÜCHTLINGE
AD HOC-KOMITEE DES ZIVILEN UNGEHORSAMS GEGEN DAS RESIDENZPFLICHT-GESETZ, 26.4.2000

Das Ad hoc-Komitee besteht vor allem aus Flüchtlin- zungsgruppen mit einbeziehen, die Mittel der Kom-
gen, die zusammenkamen, um Wege und Mittel zu munikation, Finanzierung, des Transports, der Si-
diskutieren, wie der zivile Ungehorsam gegen die cherheit usw. zur Verfügung stellen können.
Residenzpflicht gestärkt werden kann. Nach zwei
Abenden der Diskussion kam das Komitee zu den 7) Das Ad hoc-Komitee soll seine Arbeit unmittelbar,
folgenden Ergebnissen: am Ende des Kongresses aufnehmen und sollte in
der Lage sein, in kürzester Zeit einen Text und ein
1) Verschiedene Aktionen des zivilen Ungehorsams Beitrittsverfahren herauszugeben, damit der Akti-
gegen das Residenzpflicht-Gesetz werden ab dem onsplan leichter in Gang gebracht werden kann.
Tag der Schlussresolution und der Veröffentlichung
der Karawane Perspektiven 2000, am Ende dieses 8) Es sollten außerdem Vorkehrungen getroffen
Kongresses beginnen. Sie werden münden in einen werden, um denjenigen, die sich an diesem zivilen
entschiedenen Marsch auf Berlin zu einem Zeit- Ungehorsam beteiligen, beizustehen.
punkt, der noch entschieden werden muss.
Wir, freie Menschen dieser Erde, die Freiheit als
2) In deutlichen Worten wird vom Kongress ein Brief Wert unserer Existenz betrachteten, entwürdigt von
an die betreffenden Behörden herausgehen. Dieser menschlichen Vorurteilen und unserer einzigartigen
Brief wird die Gründe erläutern, warum das Resi- Qualität, die uns zu Menschen macht - der Bewe-
denzpflicht-Gesetz eine deutliche Verletzung unserer gungsfreiheit - beraubt, machen den Freunden der
individuellen Menschenrechte und der Normen einer Freiheit hiermit bekannt, dass wir es in die Hände
Zivilgesellschaft darstellt. des Allmächtigen legen, ob unsere Gründe richtig
oder falsch sind und es offensichtlich die Geschichte
3) Das Ad hoc-Komitee verpflichtet sich, mit anderen ist, die darüber entscheiden wird.
Gruppen z. B. aus Kolumbien, Lateinamerika und
verschiedenen Organisationen, die im Kongress ver- Im Namen der Flüchtlinge in Deutschland, unter der
treten sind, zusammen zu arbeiten, soweit es um die äußersten Spitze von Ungerechtigkeit und Unterdrü-
Verwirklichung einiger oder aller Aktionen geht, die ckung:
in Zukunft beschlossen werden. Das können z. B.
folgende Aktionen sein:
- CHO LUCAS AYABA - SAMUEL NJOKE - JOSE
MARIA - OSARIO VICTOR - RAMIREZ FRANCIS-
- ein Hungerstreik aus freiem Willen, von Unterstüt- CO - SUNNY OMWENYIKE - SERGE WAMBA -
zern und Sympathisanten, während dem Platz sein CORNELIUS YUFANYI - LANSANA KAMARA - A-
soll, sich im Sinne einer Kontinuität und Effektivität FODA NA-SURU - NANA ERIC
auszutauschen.
Kampf der Apartheid "Residenzpflicht", die die Be-
4) Am Ende dieses Kongresses soll sofort das Ver- wegungsfreiheit von Flüchtlingen in Deutschland
teilen von Flugblättern beginnen, in denen die Resi- verbietet
denzpflicht denunziert und zu zivilem Ungehorsam
von weiteren Flüchtlingen aufgerufen wird. Das
Flugblatt wird in verschiedenen Sprachen herausge-
geben und muss unseren deutschen Unterstützern
und Sympathisanten unsere Entschlüsse und Grün-
de deutlich machen und ihnen erklären, warum wir
uns in diesem Kampf gegen dieses Gesetz, das uns
als Menschen missbraucht, engagieren.

5) Die Karawane wird Strategien entwickeln, um


große Gruppen von verschiedenen Städten zu mobi-
lisieren, um unsere verschiedenen Aktionen zu er-
leichtern und zu verstärken.

6) Das Residenzpflicht-Komitee sollte ein permanen-


tes Ad-hoc-Komitee einrichten und, was die logisti-
sche Seite der Arbeit angeht, sollte es Unterstüt-
OFFENER BRIEF BEZÜGLICH RESIDENZPFLICHT
EIN OFFENER BRIEF AN DAS DEUTSCHE BUNDESPARLAMENT

Vom 20. April bis zum 1. Mai 2000 nahmen Flücht- sie in isolierte Lager mitten in Wäldern (meist ohne
linge aus 40 Ländern und von 4 Kontinenten, sowie Mobilitäts-Möglichkeiten) oder auf Schiffe mitten im
Menschenrechtsaktivisten und - Organisationen am Meer verfrachtet, sehen wir ebenfalls als eine Stra-
Karawane-Flüchtlingskongress in Jena, Deutsch- tegie, welche die Politik der Bewegungseinschrän-
land, teil. Der Kongress wurde von der “Karawane kung des deutschen Staates unterstützt.
für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen” or-
In sehr großem Ausmaß wird auch das soziale
ganisiert. Neben den anderen zahlreichen Proble-
Leben von Flüchtlingen zerstört, sei es was Freund-
men, mit denen Flüchtlinge, die in Deutschland le-
schaften oder auch andere Beziehungen betrifft. Und
ben, konfrontiert sind, richteten die Teilnehmer be-
dies hat zu einem Großteil dazu beigetragen, sowohl
sondere Aufmerksamkeit auf das “Landkreis”-
Integration als auch den Reichtum interkulturellen
Gesetz, das die Bewegungsfreiheit eines Flüchtlings
Austausches unmöglich zu machen.
auf den Landkreis beschränkt, in dem er unterge-
bracht ist. Es herrschte Einstimmigkeit darüber, dass Es verbietet praktisch jegliches politisches Enga-
die Landkreisregelung jede Vorstellung von einer zi- gement und politische Partizipation außerhalb der
vilen und demokratischen Gesellschaft bricht, da es Residenzzone des Flüchtlings und stellt damit eine
aus Recht und Gesetz für die Flüchtlinge Terror statt gravierende Verletzung der deutschen Verfassung
Schutz macht. Durch dieses Gesetz werden Flücht- dar, die jedem Einzelnen die Redefreiheit, das Recht
linge häufig Kriminalitätskontrollen und der Erniedri- auf freie Meinungsäußerung und die Versammlungs-
gung durch Sicherheitsbeamte unterworfen. freiheit garantiert. Dies ist auch eine Form von politi-
scher Verfolgung auf subtile Art, denn die meisten
Es bleibt festzuhalten, dass die allgemeinen Konven-
von uns mussten aus ihrer Heimat wegen politi-
tionen, die historisch für den Schutz von Flüchtlingen
schem Engagement und wegen ihrer politischen
von Bedeutung sind, unentwegt durch diese Praxis
Meinung fliehen.
gebrochen werden. Durch die Anwendung der Resi-
denzpflicht werden die Flüchtlinge ständig daran er- Es ist unvorstellbar, dass gerade in Deutschland,
innert, dass sie nicht als Menschen betrachtet wer- das allgemein als das dritthöchst entwickelte Land
den, die fähig sind, in nützlicher Weise zum ökono- der Welt und als das am höchsten entwickelte in Eu-
mischen Wohl der Gesellschaft beizutragen, sondern ropa gilt, unschuldige gesetzestreue Menschen, nur
als Belastung. weil sie zufällig Flüchtlinge sind, ihre unmittelbare
Der Kongress verurteilt dieses Gesetz, das die Be- Umgebung nicht verlassen können (einige Flüchtlin-
wegungsfreiheit von Flüchtlingen einschränkt und ge sind sogar auf ihre Häuser beschränkt, wie zum
das innerhalb Europas nur in Deutschland existiert, Beispiel in Ansbach oder Nürnberg) - außer sie wer-
aufs Schärfste und fordert hiermit das Parlament der den kriminell.
Bundesrepublik Deutschland dazu auf, dieses Ge-
setz unverzüglich aufzuheben!! Mit diesem offenen Brief richten wir einen leiden-
schaftlichen Aufruf an das verehrte deutsche Bun-
Die gegenwärtige Situation ist eine klare Verletzung
grundlegender Menschenrechte: desparlament, sich dafür einzusetzen, das das The-
ma der Einschränkung der Bewegungsfreiheit für
Das fundamentale Recht der Flüchtlinge als Men- Flüchtlinge ohne weiteren Verzug in Angriff genom-
schen, die das Recht auf Freiheit und Bewegung ha- men wird, indem das menschenverachtende Resi-
ben. denzpflicht-Gesetz aufgehoben und das Recht auf
Bewegungsfreiheit für Flüchtlinge wieder hergestellt
Die restriktive Politik, die in Flüchtlingskreisen
wird.
umgangssprachlich mit “Essen, Schlafen” bezeichnet
Die TeilnehmerInnen waren am Ende des Kongres-
wird, hat für die Flüchtlinge viele mentale und psy-
ses höchst optimistisch, dass der Kongress ein neu-
chologische Probleme verursacht und verursacht
es Kapitel im Umgang mit Flüchtlingen in Deutsch-
diese weiterhin. Denn eine große Anzahl von ihnen
land eröffnen wird.
ist als Folge dieser stupiden Beschränkung auf eine
Während wir vom Parlament ein unverzügliches
bestimmte Umgebung ernsthaft physisch oder psy-
Handeln in dieser Angelegenheit erwarten, sind wir
chisch krank geworden.
entschlossen unseren friedlichen, aber kontinuierli-
Diese Beschränkung hat außerdem zu einer ver- chen Kampf fortzusetzen, bis das Residenzpflicht-
mehrten Kriminalisierung von Flüchtlingen geführt, Gesetz abgeschafft ist.
da das natürliche Bedürfnis, sich von einem Ort zum
Für die Flüchtlinge und KongressteilnehmerInnen
anderen zu bewegen, die Anzahl der polizeilichen
Kontrollen und Verhaftungen von Flüchtlingen erhöht Hochachtungsvoll
hat.
Den bewußten Versuch einer Absonderung der
Flüchtlinge von der breiten Gesellschaft, indem man
RESIDENZPFLICHT:
EIN MOSAIKSTEIN IM SYSTEM DER ABSCHRECKUNG…
… UND WAS MAN DAGEGEN TUN KANN. Einführung dieser Regelungen - besonders die Un-
terbringung in Lagern, die Beschränkung der Bewe-
Besuche von Verwandten und Freunden, der Gang gungsfreiheit und das Arbeitsverbot, hat das Flücht-
zum Arzt, wenn man krank ist, die tägliche Fahrt zur lingshilfswerk der Vereinten Nationen seit 1982 im-
Arbeit, die Teilnahme an Demonstrationen, das Trai- mer wieder protestiert. 1983 haben zwei unabhängi-
ning im Fußballverein.... für Deutsche ganz selbst- ge Kommissionen des UNHCR mehrere Flüchtlings-
verständliche (Freizeit-) Beschäftigungen. Nicht je- lager in verschiedenen Bundesländern besucht. Als
doch für Flüchtlinge: Zum Teil, weil Ihnen manche Ergebnis ihrer Reise verfassten sie Berichte an die
Tätigkeiten praktisch verboten sind, wie z. B. Arbei- verschiedenen UNO-Gremien. In einem der Berichte
ten. Manches wird aber auch dadurch zum großen heißt es, dass durch das Asylverfahrensgesetz „Ab-
Problem, dass man für diese Dinge eine Kreisgrenze schreckungsmaßnahmen gegen Asylbewerber zum
überschreiten muss. Tragen gebracht worden sind, die einzigartig in Eu-
Dazu braucht man als Flüchtling zuvor eine Geneh- ropa sind.“ Die BRD hat sich nie um die Kritik des
migung der zuständigen Ausländerbehörde. Aus- UNHCR gekümmert. Im Gegenteil: Die rechtlichen
nahmen von der Genehmigungspflicht gibt es nur, Regelungen und die Lebensbedingungen von Flücht-
wenn man zu einer Besprechung mit dem Anwalt lingen haben sich seitdem in der BRD noch erheblich
geht oder für Termine bei Organisationen wie dem verschlechtert. Vor allem auch durch die faktische
UNHCR. Als Flüchtling ist man also gezwungen, Abschaffung des Asylrechts im Jahr 1993. Nun müs-
fremden Beamten Dinge zu erzählen, die oft sehr sen Flüchtlinge beinahe mit dem Fallschirm über
privat sind. Denn man muss den genauen Grund für Deutschland abspringen, um noch Asyl zu bekom-
die Genehmigung nennen Man ist in der Gestaltung men.
seines Lebens von der Entscheidung anderer ab- Die politisch „Verantwortlichen“ gehen von einer zy-
hängig. Diese Bevormundung und Kontrolle ist sehr nischen Annahme aus: Die meisten, wenn nicht gar
entwürdigend. Noch diskriminierender ist es, dass alle Flüchtlinge, die in die BRD kommen, seien
man als Flüchtling bestraft wird, wenn man ohne Er- „Wirtschaftsasylanten“, kämen also nur wegen mate-
laubnis die Kreisgrenze überschreitet. Es ist unvor- rieller Vorteile ins Land. Diese diskriminierende und
stellbar, dass die Behörden Deutschen gegenüber ausländerfeindliche Behauptung wird auch in den
so handeln würden. Medien viel verbreitet. Alle gesetzgeberischen Maß-
Trotzdem ist dieses Verhalten der Behörden gegen- nahmen gegen Flüchtlinge haben daher das Ziel:
über Flüchtlingen rechtlich in Ordnung. Sagt sogar Durch möglichst schlechte Behandlung der Flücht-
das Bundesverfassungsgericht, das oberste deut- linge, die schon im Land sind, sollen andere Flücht-
sche Gericht. Wie ist das möglich? Wie sieht das linge davon abgehalten werden, in die BRD zu kom-
System aus, zu dem diese demütigende Regelung men. Und die Flüchtlinge, die schon da sind, sollen
gehört? Welche Absichten werden damit verfolgt? keine Chance bekommen, sich hier einzuleben.
Und: Was kann man dagegen tun? Auch die Residenzpflicht dient diesen Zwecken. So
wie die Unterbringung in Lagern. Das lässt sich z. B
aus der Begründung des Gesetzesantrags herausle-
„RESIDENZPFLICHT“- IHRE FUNKTION UND GESCHICHTE sen. Offiziell werden für die „Residenzpflicht“ folgen-
de Gründe genannt: Die gleichmäßige Verteilung der
Jeder Flüchtling darf sich grundsätzlich nur in dem Flüchtlinge führt auch zu entsprechender Verteilung
Landkreis aufhalten, indem er im Lager unterge- der Kosten für die einzelnen Gemeinden und Kreise.
bracht ist. In offiziellem Amtsdeutsch heißt das dann Die öffentliche Sicherheit und Ordnung ist dadurch
„Residenzpflicht“. Diese Verpflichtung ist in dieser besser geschützt. Die Flüchtlinge sind für das Asyl-
Form seit 1982 im Asylverfahrensgesetz festge- verfahren, die Sozialverwaltung und - man höre und
schrieben. Mit der Schaffung dieses Gesetzes im staune - für das Arbeitsamt besser erreichbar. Doch
Jahr 1982 wurde auch die Unterbringung von Flücht- man sollte sich von der offiziellen Begründung nicht
lingen in Lagern eingeführt, die Arbeitsmöglichkeiten täuschen lassen. Denn schon in dieser Begründung
für Flüchtlinge erheblich eingeschränkt und die stecken Widersprüche und entlarven sich die eigent-
Pflicht zu gering entlohnten gemeinnützigen Tätigkei- lichen Ziele. Denn die gleichmäßige Verteilung wird
ten festgelegt. Kurz: All die diskriminierenden Struk- ja schon durch die Zuweisung in ein bestimmtes La-
turen bestehen seit 1982. Ausnahme: Das Asylbe- ger festgelegt. Wieso ist es so wichtig, dass Flücht-
werberleistungsgesetz gab es noch nicht. Es gab - linge fürs Arbeitsamt erreichbar sind, wenn sie prak-
offiziell - noch keine Sozialstandards für Flüchtlinge, tisch gar nicht die Möglichkeit bekommen zu arbei-
die unter dem Existenzminimum liegen, wie es für ten? Und das Sicherheitsargument entlarvt ein dis-
Deutsche gilt. Die Höhe der Sozialhilfe bildet die kriminierendes und ausländerfeindliches Vorurteil:
Grenze des Existenzminimums, das aus Gründen Flüchtlinge sind potentielle Kriminelle, die man unter
der Menschenwürde gesichert sein muss. Gegen die Kontrolle halten muss. Und für die Gestaltung der
Lebensbedingungen in Flüchtlingslagern gibt es in das Bundesverfassungsgericht 1997 zu folgenden
Gerichtsurteilen der obersten Gerichte eindeutige Ergebnissen: Die Residenzpflicht verstößt nicht ge-
Aussagen, die den Zweck des Rechts, das für gen das Grundgesetz. Es ist mit den Grundrechten
Flüchtlinge gilt, beim Namen nennen: Abschreckung. auch vereinbar, dass Verstöße gegen die Residenz-
Das gesamte Asyl- und Ausländerrecht ist diskrimi- pflicht bestraft werden. Dadurch, dass es die Mög-
nierenden Strukturen durchzogen. Manche dieser lichkeit der vorherigen Genehmigung gibt und Ter-
Strukturen reichen bis in die NS-Zeit zurück, z. B. die mine beim Anwalt sogar ohne Genehmigung möglich
komplizierte Abstufung der Aufenthaltsrechte. Zuletzt sind, sei der Flüchtling nicht übermäßig belastet. Die
wurden mit dem Asylbewerberleistungsgesetz auch Gründe für die Einführung der Residenzpflicht seien
noch Substandards für Flüchtlinge eingeführt. Wenn nicht zu beanstanden. Außerdem seien die Ziele,
die Sicherung des Existenzminimums eine Frage der dass der Flüchtling jeder Zeit erreichbar ist und der
Menschenwürde ist und es aber für Deutsche und Schutz der öffentlichen Sicherheit nur zu erreichen,
Flüchtlinge hier unterschiedliche Regelungen gibt, wenn Verstöße bestraft werden. Eine Auswertung
ergibt sich logischerweise eine Schlussfolgerung: Al- der Kriminalstatistik macht aber deutlich, dass die
so gehen wohl die Gesetzesmacher davon aus, dass Einführung der „Residenzpflicht“ kein brauchbares
Deutschen mehr Menschenwürde zukommt als Mittel zur Senkung der Straffälligkeit von Flüchtlin-
Flüchtlingen. Das ist ein schlimmer Verstoß gegen gen darstellt. Dabei ist zu beachten, dass schwere
Menschenrechte. Denn Menschenwürde ist nicht teil- Straftaten nur ganz selten von Flüchtlingen began-
bar. Und in einem Land, das in seiner Geschichte gen werden. In den letzten Jahren haben aber kleine
von einem Regime regiert wurde, das bestimmte Eigentumsdelikte wie Diebstähle zugenommen. Das
Menschen als „Untermenschen“ bezeichnete und sie ist aber vor dem Hintergrund der Einführung von
auch so behandelte, darf eine solche Diskriminierung Substandards und diskriminierender, weil fremdbe-
eigentlich nicht mehr vorkommen. In Deutschland stimmter, Versorgung mit Sachleistungen gemäß
waren bisher ausländische Menschen leider immer AsylbLG nicht verwunderlich. Die überwiegende Zahl
nur als Arbeitskräfte und Wirtschaftsfaktor willkom- von Straftaten der Flüchtlinge besteht gerade in Ver-
men. Angefangen von den Zwangsarbeitern über die stößen gegen die Residenzpflicht oder in Unregel-
Gastarbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur mäßigkeiten, ihre Aufenthaltspapiere betreffend. Al-
Diskussion um indische Computerspezialisten heute. so Straftaten, die Einheimische gar nie begehen
Nun nennt sich die BRD „Rechtsstaat. Also liegt der können. Die Residenzpflicht ist damit kein Mittel zur
Gedanke nahe, sich mit einer Klage vor Gericht ge- Verhinderung von Straftaten, wie das behauptet wird
gen die „Residenzpflicht“ zu wehren. Das haben - und die Zahlen der Kriminalstatistik belegen, dass
Flüchtlinge auch versucht. Folgendes ist dabei he- solche Maßnahmen gegenüber Flüchtlingen auch
rausgekommen: Ein Gericht, das einen Flüchtling gar nicht notwendig sind - sondern ein Instrument,
wegen Verstoßes gegen die Residenzpflicht verurtei- um Flüchtlinge zu Kriminellen zu machen. So ge-
len sollte, war überzeugt, dass die Residenzpflicht nannte Randgruppen der Gesellschaft zu diskrimi-
gegen die Grundrechte der Verfassung verstößt. nieren und zu kriminalisieren und sie dann noch zu
Gegen das Recht auf Menschenwürde, gegen das Sündenböcken und vermeintlichen Verursachern ge-
Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und ge- sellschaftlicher und politischer Probleme zu stem-
gen das Gleichheitsgebot. Die Reisefreiheit, also das peln, hat aber in Deutschlandleider eine lange und
Recht, sich in der BRD frei bewegen zu können, ist furchtbare Tradition. Das oberste deutsche Gericht
gerade nach den Erfahrungen des Herbstes 1989 ist also auf die kritischen Argumente oder auch die
ein wichtiger Teil des Rechts auf freie Entfaltung der Jahre lange Kritik des UNHCR gar nicht eingegan-
Persönlichkeit. Zur Erinnerung: Eine der wichtigsten gen. Eine Änderung der Rechtsprechung ist nicht zu
Forderungen der DDR-Bürger bei ihren Demonstra- erwarten. Damit können Flüchtlinge vom deutschen
tionen war „Reisefreiheit“. Die BRD hatte der DDR Rechtsstaat keine Hilfe mehr erwarten.
viele Jahre lang Menschenrechtsverletzungen vor-
geworfen, weil sie ihre Bürger nicht in den Westen SITUATION IN ANDEREN LÄNDERN UND DAS VÖLKER-
reisen ließ. Die Residenzpflicht verletzt die Men- RECHT
schenwürde, weil über Jahre keine freie Lebenspla-
nung ohne Kontrolle der Behörden mehr möglich ist. Angesichts dieser Situation in der BRD wird es um
Außerdem verstößt es gegen das Gebot der Men- so wichtiger, sich damit zu beschäftigen, wie die
schenwürde, wenn Flüchtlinge der„Residenzpflicht“
rechtliche und politische Situation in anderen Län-
unterworfen werden, um andere Flüchtlinge davon dern ist und welchen Schutz das Völkerrecht bietet.
abzuhalten, nach Deutschland zu kommen. Damit
In keinem anderen europäischen Land gibt es eine
werden Menschen zu Werkzeugen staatlicher Ab- Regelung, die mit der „Residenzpflicht“ vergleichbar
schreckungspolitik herabgewürdigt. Das ist mit dem ist. So die Auskunft des UNHCR. Manche Länder
Recht auf Achtung der Menschenwürde nicht verein-
sind gegenüber Flüchtlingen auch aufgeschlossener
bar. So die Begründung des Gerichts. Die Richter als die BRD. So hat Italien z. B. vor nicht allzu langer
folgten in ihrer Argumentation den Ansichten kriti- Zeit 250.000 illegalen Flüchtlingen ein Aufenthalts-
scher Juristen in der BRD. Mit dieser Begründung
recht gegeben. Und der Bürgermeister einer italieni-
versehen legten sie den Fall dem Bundesverfas- schen Großstadt setzte sich in seinem Wahlkampf
sungsgericht vor. Dieses sollte darüber entscheiden, für einen legalen Status der bisher illegalen Flücht-
ob die Residenzpflicht mit den Grundrechten des
linge ein. Und er wurde von den Einwohner der Stadt
Grundgesetzes vereinbar ist. In seinem Urteil kam wiedergewählt. Würde ein Bürgermeister einer deut-
schen Großstadt das Gleiche tun, würde er mit ziem- und Forderungen öffentlich äußern dürfen. Seit der
licher Sicherheit die Wahl verlieren. An dem Urteil Französischen Revolution von 1789 gehört es zur
des Bundesverfassungsgerichts fällt auf, dass es europäischen politischen Kultur, dass die Menschen,
nicht auf völkerrechtliche Verträge zum Schutz von die von staatlichen Maßnahmen betroffen sind, ihre
Menschenrechten eingeht. Obwohl solche Normen Meinung und ihre Forderungen gegenüber der
gegenüber den einfachen Gesetzen wie dem Asyl- Staatsgewalt äußern dürfen, der sie unterworfen
verfahrensgesetz höherrangig sind. Sie haben nach sind. Deshalb kann die Teilnahme von Flüchtlingen
deutschem Recht allerdings nicht den gleichen Rang an einem Kongress auf keinen Fall ein Rechtsver-
wie die Verfassung. Andere Länder in Europa mes- stoß sein. Das Menschenrecht auf freie Meinungs-
sen dem Völkerrecht mehr Bedeutung bei, als das äußerung gebietet es unter allen Umständen, jedem
deutsche Rechtssystem dies tut. So haben in Bel- der hier teilnehmen will, die Teilnahme zu ermögli-
gien die Normen des Völkerrechts den gleichen chen. Und nicht zu vergessen: Art.14 EMRK enthält
Rang wie die Verfassung. Und in Großbritannien gilt ein Diskriminierungsverbot: Ausländern darf die In-
das Völkerrecht unmittelbar als verbindliches inländi- anspruchnahme von Rechten der EMRK nicht
sches Recht. In der BRD ist dies ebenfalls anders. schwerer gemacht werden als Einheimischen. Die
Interessant ist vielleicht auch, dass hohe britische oben genannten Regelungen der EMRK finden sich
Gerichte in Urteilen festgestellt haben, dass in entsprechender Form auch in den beiden UN-
Deutschland kein sicheres Zufluchtsland für Flücht- Menschenrechtspakten. Im UN-Pakt über bürgerli-
linge mehr ist; z. B. weil hier Kurden die Abschie- che und politische Rechte (IPbpR) gewährt Art.17
bung in die Türkei droht. Es gibt drei völkerrechtliche den Schutz der Privatsphäre, in Art.19 und Art.22
Menschenrechtspakte auf die sich Flüchtlinge zu ih- sind Meinungs- und Versammlungsfreiheit normiert.
rem Schutz berufen können. Die Europäische Men- Darüber hinaus ist im Hinblick auf die „Residenz-
schenrechtskonvention (EMRK) und die UN-Pakte pflicht“ noch Art.12 erwähnenswert. Er gewährt un-
über bürgerliche und politische Rechte bzw. über eingeschränkte Bewegungsfreiheit in einem Land
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Die und die freie Wahl des Wohnsitzes. Der Pakt enthält
EMRK kommt jedem Menschen zugute, der sich im wie die EMRK ein Diskriminierungsverbot (Art.2).
Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaates aufhält. Welche Zum Schluss sei noch auf zwei Artikel des Paktes
Staatsangehörigkeit er besitzt ist unerheblich. Nach über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
Art.3 darf niemand entwürdigender Behandlung aus- (IPwskR) hingewiesen. Art.15 gibt jedem das Recht,
gesetzt werden. Es spricht vieles dafür, dass zumin- ungehindert am gesellschaftlichen bzw. kulturellen
dest das Gesamtsystem der Regelungen über die Leben teilzunehmen. Art.12 gewährt das Recht auf
Lebensbedingungen diesem Verbot widersprechen. ein Höchstmaß an psychischer und physischer Ge-
Ein Fall des Art.3 ist z. B., dass ein Staat bestimmten sundheit. Und auch dieses Recht ist durch die „Resi-
Bevölkerungsgruppen bewusst Armut und/oder dis- denzpflicht“ betroffen, sieht man sie im Zusammen-
kriminierende Behandlung zumutet. Ebenso liegt ei- hang mit dem Zwang, jahrelang in Lagern zu „woh-
ne Verletzung des Art.5 EMRK nahe, des Rechts auf nen“. Diese Lebenssituation der (sozialen) Isolation
persönliche Freiheit. In diesem Zusammenhang ist führt nachgewiesener Maßen zu erheblichen körper-
dann nicht nur die Residenzpflicht, sondern auch die lichen und psychischen Gesundheitsbeeinträchti-
Unterbringung in bewachten Sammellagern, nicht gungen. Auch dieser UN-Pakt enthält in Art.2 ein
selten in sehr entlegenen Gegenden, anzusprechen. Diskriminierungsverbot. Die EMRK bietet den Vorteil,
Außerdem ist im Protokoll Nr.4 zur EMRK in Art.2 dass derjenige, der von Rechtsverletzungen betrof-
festgelegt: „Jedermann, der sich rechtmäßig im Ho- fen ist, sich mit einer Klage an den Europäischen
heitsgebiet eines Mitgliedsstaates aufhält, hat das Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wenden
Recht, sich dort frei zu bewegen und seinen Wohn- kann. Allerdings erst, wenn er alle Möglichkeiten des
sitz frei zu wählen.“ Dieses Recht darf zwar aus nationalen Rechts ausgeschöpft hat. Das ist ein lan-
Gründen der öffentlichen Sicherheit eingeschränkt ger Weg und es gibt auch leider nicht so viele Anwäl-
werden. Wie wir aber gesehen haben, gibt es für die te, die bereit sind, diesen Weg zu gehen. Es ist aber,
Residenzpflicht und andere diskriminierende Rege- gerade angesichts der Situation in der BRD, der ein-
lungen keine solchen Gründe. Art.8 EMRK gewähr- zige Weg, der noch Chancen bietet. Und er wurde
leistet das Recht auf Achtung der Privatsphäre. Das bezüglich des Problems Residenzpflicht noch nicht
bedeutet vor allem: Jeder Mensch hat das Recht, beschritten, soweit ich es in Erfahrung bringen konn-
sein Leben nach eigener Entscheidung zu leben, te. Es wäre aber einen Versuch wert. Der Schutz
ohne dass Behörden das Recht haben, mit ihren durch die UN-Menschenrechtspakte ist noch nicht
Entscheidungen bestimmen zu können, was er in soweit ausgestaltet. Es gibt für den Pakt über politi-
seinem Privatleben zu tun und zu lassen hat. Dem sche Rechte ein Verfahren zur Individualbeschwer-
entspricht die Genehmigungspflicht sicherlich nicht. de, in dem Betroffene ihre Fälle vorbringen können.
Auch die Unterbringung in Lagern ist eine Verletzung Die Entscheidungen des Ausschusses, der über die
der Privatsphäre. In Art.10 und 11 EMRK sind wich- Beschwerden berät, haben aber keine rechtliche
tige politische Menschenrechte festgeschrieben: Die Verbindlichkeit, wie das z. B. bei einem Urteil der
Meinungsfreiheit und die Versammlungsfreiheit. Fall ist. Für den Pakt über soziale Rechte gibt es so
Zwar erlaubt Art.16 EMRK den einzelnen Staaten, ein Beschwerdeverfahren noch nicht. Es soll aber in
die politische Betätigung von Ausländern einzu- nächster Zeit eingeführt werden.
schränken. Das darf aber nicht soweit gehen, dass
Betroffene nicht einmal mehr ihre eigenen Anliegen
MENSCHENRECHTE: SAND IM GETRIEBE DES HERR- ausgehöhlt wird. Gleichzeitig wird auf europäischer
SCHENDEN SYSTEMS Ebene eine „Harmonisierung“ des Asylrechts ange-
strebt. Es spricht leider vieles dafür, dass dies auf
Der Kampf für Menschenrechte wird immer wichti- dem deutschem Niveau stattfinden wird. Was dies
ger, weil das herrschende globale Wirtschaftssystem bedeuten würde, brauche ich niemandem zu sagen.
dem Grundsatz des maximalen Profits und der sinn- Die UNO war traditionell immer die Institution, die
losen Anhäufung von Kapital dient. Dadurch werden sich am erfolgreichsten für den Schutz der Men-
Menschen zu bloßen Wirtschaftsfaktoren und poten- schenrechte eingesetzt hat. Doch der politische Ein-
tiellen ausbeutbaren Ressourcen herabgewürdigt. Es fluss der UN wird immer geringer. Das letzte Beispiel
betrachtet den Menschen als bloßes Mittel zur Pro- für Europa: Der Krieg der NATO-Staaten gegen Ju-
fitmaximierung, als Objekt, das im Sinne des Sys- goslawien. Nicht zufällig sagte der UN-
tems zu funktionieren hat. Das ist unmenschlich Generalsekretär am Tag als der Krieg begann: „Dies
denn der einzelne Mensch in seiner Einzigartigkeit ist ein schwarzer Tag für die Menschenrechte und
besitzt keinen Wert und wird nicht um seiner selbst für die Vereinten Nationen.“ Den Menschenrechten
willen geschätzt. Und wenn Menschen nicht den bleibt also nur noch eine Chance: Dass Betroffene
Zwecken des Systems dienlich sind, werden sie zum und Menschen, die die überragende Bedeutung der
lästigen Kostenfaktor, der möglichst minimiert wer- Menschenrechte erkannt haben, sich zusammen-
den muss. Also werden Menschen, die nur als Kos- schließen und aktiv werden. Ein menschliches Zu-
tenfaktoren betrachtet werden, ausgrenzt, isoliert, sammenleben, das diesen Namen verdient, wird es
diskriminiert, ihnen werden die Existenzgrundlagen nur geben, wenn die sozialen und politischen Men-
beschnitten oder gar ganz entzogen. Und sie als schenrechte vollständig und in gleichem Umfang
Flüchtlinge sind die am stärksten betroffene Gruppe, verwirklicht sind. Es wird ein sehr langer Weg wer-
weil sie die schwächste politische und finanzielle den. Aber die Anstrengung lohnt sich - es gibt auch
Lobby haben, weil Politiker - und nicht nur diese - die keinen anderen sinnvollen Weg.
Flüchtlinge als willkommene Sündenböcke miss-
brauchen, um von ihren wirklichen Zielen und Ab-
sichten abzulenken. Und um die Tatsache zu ver-
schleiern, dass dieses Wirtschaftssystem und seine
Folgen unmenschlich und asozial - nämlich gegen
eine menschliche Gesellschaft gerichtet sind. Und
das dämmert mittlerweile sogar ganz prominenten
Vertretern der Globalisierung: Z. B. Georges Sor-
roes, dem Guru der Aktienspekulanten oder dem
ehemaligen Wirtschaftsberater der früheren briti-
schen Premierministerin Thatcher. Sie haben schon
warnende Bücher geschrieben. Und trotzdem ma-
chen sich immer mehr verantwortliche Politiker in
immer stärkerem Maße zu Handlangern der Globali-
sierung. Die 29 wichtigsten Industriestaaten verhan-
deln noch immer über ein Multilaterales Investitions-
abkommen. In diesem Vertrag sollen Unternehmen
gegenüber den Staaten, in denen sie tätig sind, eine
überragende Stellung eingeräumt bekommen. Mit
faktischer Möglichkeit, Einfluss auf die Politik dieser
Staaten nehmen zu können. Und mit der Möglichkeit,
Länder vor internationalen Gerichten verklagen zu
können, wenn Staaten versuchen sollten, den Fir-
men z. B. Sozial- und Umweltstandards aufzuerle-
gen. Die Länder des Südens wären von diesem Ab-
kommen am stärksten betroffen. Die Freiheit des
Kapitals wird damit über die Menschenrechte ge-
stellt. Kein Wunder: Werden doch Menschenrechte
von denen, die für dieses System sind, als Sand im
Getriebe der totalen Globalisierung der Wirtschaft
empfunden. Und speziell im Bereich des Flüchtlings-
rechts sind folgende aktuellen Entwicklungen zu be-
obachten: In der BRD wird über die Abschaffung des
individuellen Asylrechts diskutiert. Kritiker werden
damit beschwichtigt, dass es ja dann immer noch in-
ternationale Regelungen gibt. Das wirkt aber unehr-
lich. Denn die BRD versucht schon seit längerer Zeit
- zusammen z. B. mit Österreich - andere Staaten
dazu zu bringen, die Genfer Flüchtlingskonvention
so zu verändern, dass sie in ihrem Kernpraktisch
CORNELIUS YUFANYI
EIN JAHRELANGER KAMPF UM DAS RECHT AUF
BEWEGUNGSFREIHEIT ENDET IM GEFÄNGNIS
Cornelius Yufanyi, Flüchtling aus Kamerun, Mitglied DER ERSTE PROZESS
der Menschenrechtsorganisation “The Voice Refu-
gee Forum” in Deutschland soll wegen Verstoß ge- Am 12. Oktober 2000 kamen rund 80 Unterstütze-
gen die Residenzpflicht ins Gefängnis – 5 ½ Jahre rInnen zum Amtsgericht Worbis, um gegen die Resi-
nach seiner Teilnahme am Flüchtlingskongress in denzpflicht zu protestieren. Nur 36 UnterstützerInnen
Jena, dem Ausgangspunkt des Verfahrens. passten in den Sitzungssaal, die anderen mussten
Inzwischen hat Cornelius Yufanyi eine kleine Tochter draußen warten. Wer eine Platzkarte ergattert hatte,
mit deutscher Staatsangehörigkeit. Sein Studium der musste Leibesvisitation inklusive Metalldetektor über
Forstwirtschaft hat er schon fast erfolgreich beendet. sich ergehen lassen. Begleitet wurde das ganze
Noch immer ist er politisch aktiv und bekämpft die (auch die anschließende Demonstration) von einem
rassistische Flüchtlingspolitik der BRD. überdimensionierten Polizeiaufgebot. Offenbar sollte
der Eindruck entstehen, hier werde etwas ganz Ge-
HINTERGRUND fährliches verhandelt.

Da sein Leben in Kamerun in Gefahr war, floh Yufa- Im Verfahren selbst saß nicht Cornelius Yufanyi,
nyi im Dezember 1998 nach Deutschland und bean- sondern die Residenzpflicht als rassistisches Son-
tragte im Januar 1999 Asyl. Flüchtlinge dürfen ihren dergesetz auf der Anklagebank. Die Anwälte von Yu-
Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen und so musste fanyi und er selbst machten “die rassistische Umset-
er in einem im Wald gelegenes Asylbewerberheim in zungspraxis des Gesetzes zum Thema, und das er-
Weilrode in Eichsfeld leben. (Dieses Heim ist mitt- öffnete tiefe Einblicke in die Abgründe verbeamteten
lerweile aufgrund von Protesten gegen die Lebens- Rassismus. Ein Lehrstück dafür, welche Spielräume
bedingungen geschlossen worden.) Trotz der beab- für Kontroll-, Spitzel- und Denunziantentum Sonder-
sichtigten Isolation war und ist er aktives Mitglied in gesetze ihren Vollstreckern eröffnen”, so beschrieb
der Flüchtlingsselbstorganisation The Voice sowie eine Beobachterin später den Prozess.
der Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und
MigrantInnen. Als Zeuge vorgeladen war der Beamte, der den Zei-
tungsausschnitt an die Polizei weitergeleitet hatte.
1999 organisierte er mit anderen den Flüchtlings- Während seiner Befragung durch die Verteidigung
kongress “Gemeinsam gegen Abschiebung und so- kam vor allem die Willkürlichkeit der Erlaubnisverga-
ziale Ausgrenzung”, der vom 20. April bis zum 1. Mai be ans Licht: “bei Reisegenehmigungen müsse man
2000 in Jena stattfand. Vielen Flüchtlingen wurde doch ein Maß finden, auch gegenüber den anderen
damals die Teilnahme am Kongress verwehrt, weil Flüchtlingen”. Als Gründe für eine Erlaubnis gab er
die Ausländerbehörden ihnen keine Reiseerlaubnis an: “Familien- und Freundesbesuche unter Vorlage
erteilten. der Adresse, EXPO-Besuche, religiöse Aktivitäten,
Flüchtlinge unterliegen der so genannten Residenz- wenn sie dem Flüchtling Halt gäben”. Auch spielten
pflicht, die es ihnen nur mit Erlaubnis der Ausländer- Häufigkeit und Ziel der Anfragen eine Rolle. “Ich prü-
behörde gestattet, den ihnen zugewiesenen Land- fe auch den Rücklauf. Und machen wir uns doch
kreis zu verlassen. Auch Cornelius Yufanyi war nicht nichts vor: es gibt auch Ladendiebstahl”. Da werde
im Besitz einer Reiseerlaubnis. er einem Antragsteller kaum ein zweites Mal eine
Reisegenehmigung an diesen Ort erteilen.
Am 28. April, acht Tage nach Beginn des Kongres-
ses wurde in der ‚Thüringer Allgemeinen’ ein Inter- Seine “Erkenntnisse” über Cornelius Yufanyi hat
view mit Yufanyi veröffentlicht. Dieser Artikel wurde Schäfer unaufgefordert dem Bundesamt für die An-
von Herrn Schäfer, Vertreter der Ausländerbehörde erkennung von Asylsuchenden und das Verwal-
in Heiligenstadt kopiert und zur Landespolizei ge- tungsgericht weitergeleitet. Ihm dränge sich der Ver-
schickt, die Cornelius Yufanyi einige Wochen später dacht auf, heißt es etwa in dieser Weiterleitung, dass
zu einer Befragung vorlud. Yufanyi ging nicht zu die- Herr Yufanyi seinen Aufenthalt in Deutschland dafür
ser Befragung und das Amtsgericht verhängte ohne nutzt, um politisch tätig zu werden. Im Wohnheim
Anhörung eine Geldstrafe von 600,- DM. halte er sich nur an den Tagen auf, an denen Geld
gezahlt werde. Außerdem werde er oft von einer
Cornelius Yufanyi weigerte sich, diese Geldstrafe zu deutschen Studentin aus Niedersachsen begleitet.
bezahlen. “Ich werde keine Strafe dafür bezahlen, Laut dem Thüringer Datenschutzbeauftragten, fast
dass ich mich frei bewegen will. Es ist das Recht je- alles “unzulässige Mitteilungen”, für die Anwälte eine
des Menschen, zu gehen, wohin er will.” Deshalb Zusammenballung von Rassismen.
musste er am 12. Oktober 2000 das erste Mal vor
Gericht.
Nach der Vernehmung wurde die Verhandlung ver- Der Prozess endete mit einer Verurteilung zu 15 Ta-
tagt. Eine Einstellung des Verfahrens lehnte Yufanyi gessätzen à 10 Euro. In der Begründung sagte die
ab. Sein Ziel sei die Abschaffung der Residenz- Richterin, dass sie den Notstand nicht erkennen
pflicht, nicht eine Einstellung wegen Geringfügigkeit. kann. Dieser sei erst dann gegeben, wenn Gefahr für
Leib, Leben oder Freiheit bestehe. Freiheit sei die
DER ZWEITE PROZESS Freiheit, die einem der Staat zugestehe. Seine Be-
weggründe seien achtenswert, aber er müsse das
Am 24. Oktober 2002 kam es zur zweiten Prozess- Gesetz auf politischem Weg bekämpfen. Die Anwäl-
te kündigten Berufung an und wollen evtl. bis zum
runde in Worbis. Diesmal gelang es dem Gericht zu
klären, dass Cornelius Yufanyi im April 2000 tatsäch- Europäischen Gerichtshof gehen.
lich in Jena gewesen war. Wieder aber stand im Mit-
telpunkt des Verfahrens die Vergabepraxis von “Ur- RESUMEE
laubsscheinen”. Laut interner Behördendokumente
dürften AsylbewerberInnen nur ein Mal pro Monat Inzwischen liegt der Fall im Zusammenhang mit dem
einen “Urlaubsschein” erhalten. Andere “Regeln” für Fall von Sunny Omwenyeke tatsächlich dem Europä-
die Vergabe konnten in der Befragung nicht geklärt ischen Gerichtshof vor. Eine Entscheidung wird sich
werden. Eine pauschal festgelegte Vergabe ist nicht allerdings noch jahrelang hinziehen. Und inzwischen
rechtmäßig. wird die Residenzpflicht weiter eingesetzt, um
Flüchtlinge zu isolieren und auszugrenzen.
Weder Staatsanwalt noch Verteidigern reichten die
Aussagen des vernommenen Behördenmitarbeiters. Gegen Cornelius Yufanyi liegt ein Haftbefehl vor,
Für den dritten Verhandlungstermin sollte der dama- weil er sich nach wie vor weigert, für sein Recht auf
lige Leiter der Ausländerbehörde im Landkreis Eichs- Bewegungsfreiheit zu bezahlen. Er ist nicht der Ers-
feld, Michael Wickmann, sowie ein Vertreter des te, der dafür ins Gefängnis geht. Auch Sunny Om-
Thüringer Innenministeriums als Zeuge vorgeladen wenyeke saß dafür schon im Knast. Wie Yufanyi be-
werden. Wickmann ist mittlerweile als Northeimer kam er keine Erlaubnis, auf den Kongress nach Jena
Landrat bei der massenhaften Abschiebung staaten- zu fahren. Im Dezember 2004 trat er seine Ersatz-
loser libanesischer Flüchtlinge engagiert und hat sich freiheitsstrafe an. Am 4. April 2005 musste Momo-
gegenüber Kollegen von Cornelius Yufanyi damit dou Barrow eine dreimonatige Haftstrafe in der JVA-
gebrüstet, "Architekt" des Residenzpflichtverfahrens Rottenburg antreten. Auch er wegen mehrmaligen
zu sein. Verstoßes gegen die Residenzpflicht.

DER DRITTE PROZESS Schon während der Kolonialzeit haben die Deut-
schen versucht, die Bewegungsfreiheit der Koloni-
Am 4. September 2003 fand der dritte und letzte sierten zu kontrollieren und zu unterbinden. Damals
Verhandlungstermin in Worbis statt. wurden dafür in den Kolonien ein “Eingeborenenre-
80 Menschen hatten sich zu Kundgebung und Pro- gister” und eine Art Pass (eine Blechmarke) einge-
zessbeobachtung vor dem Amtsgericht eingefunden. führt. “Da jeder Pass nur in einem Bezirk gültig und
durch entsprechende Nummernfolgen gekennzeich-
Die jetzt für den Prozeß zuständige Richterin hatte net war, sollte jederzeit möglich sein, festzustellen,
weder jemanden vom Innenministerium noch Wick- ob Afrikaner ihren Bezirk oder Distrikt verlassen hat-
ten.
mann vorgeladen. Sie hatte deren Vernehmung nicht
für nötig erachtet. Wollten sie dies legal – für einen befristeten Zeit-
raum – tun, mussten sie sich von der zuständigen
Polizeistation einen Reisepass geben lassen. Am
Gleich zu Beginn beantragte der Rechtsanwalt die Reiseziel selbst hatten sie sich ihre Ankunft mit Uhr-
Aussetzung der Verhandlung und eine Übergabe an zeit bestätigen zu lassen. Lückenlos überwacht, soll-
das Bundesverfassungsgericht. Das Gericht lehnte ten die Kolonisierten keine Möglichkeit haben, sich
ab, weil das BVerfG schon früher einmal die Resi- frei zu bewegen.” (Aus: Gesetzliches Unrecht, S.
denzpflicht als verfassungskonform angesehen hat. 139) Eine der damaligen Kolonien war Kamerun, das
Nach der Vernehmung von Cornelius selbst forder- Herkunftsland von Cornelius Yufanyi.
ten die Anwälte einen Freispruch. Der gesetzeswid-
rigen Fahrt nach Jena habe ein “Notstand zugrunde
gelegen”. Er hätte zwar Rechtsmittel gegen das Rei-
severbot einlegen können, aber das Verfahren hätte
zu lange gedauert.
RESIDENZPFLICHT-PROZESS IN WORBIS:
EINBLICKE IN DEN VERBEAMTETEN RASSISMUS
Am Tag des Prozesses wegen Residenzpflichtver- Gleich zu Beginn des Prozesses hatten das An-
stoß gegen Cornelius Yufanyi berichten die Medien waltsduo Schrage und von Klinggräf beantragt, das
über einen drastischen Anstieg rechtsextremistischer Verfahren über das rassistische Gesetz an das Bun-
Straftaten. Allein im August war die Zahl amtlich ge- desverfassungsgericht zu überweisen, weil es mehr-
zählter Angriffe Rechter fast doppelt so hoch wie im fach gegen das Grundgesetz verstoße: Gegen das
ersten Halbjahr 2000. Die Ursachen dafür seien un- Recht auf Freizügigkeit, gegen das Recht auf freie
klar, so das Bundesinnenministerium. Um die Ursa- Entwicklung der Persönlichkeit, gegen das Diskrimi-
chen in Form rassistischer Flüchtlingspolitik ging es nierungsverbot, gegen die Meinungsfreiheit und das
aber am 12. Oktober im Worbisser Prozess, auch Recht auf Schutz jeder Person. Denn angesichts der
wenn das außer dem angeklagten Flüchtling keiner massiven rassistischen und antisemitischen Angriffe
der Prozessbeteiligten so direkt aussprach. verweigere die „Residenzpflicht“ Flüchtlingen den
Schutz. Sie würden gezwungen, an Orten zu blei-
Angeklagt ist Cornelius Yufanyi, aktives Mitglied der ben, an denen sie tagtäglich Gefahr laufen, von
Flüchtlings-Selbstorganisationen The Voice Africa Rechtsextremen verletzt zu werden. In der aktuellen
Forum und der Karawane für die Rechte von Flücht- Debatte über rechte Gewalt dürften die Opfer nicht
lingen und MigrantInnen, weil er gegen die so ge- zu Objekten gemacht werden, indem ihnen verwei-
nannte Residenzpflicht verstoßen hat. Asylbewerber gert werde, sich selbst zu organisieren und sich zu
dürfen den Bereich der zuständigen Ausländerbe- Wort zu melden. Der Anwalt erläuterte, dass auf-
hörde nicht ohne schriftliche Genehmigung verlas- grund der gesellschaftlichen Entwicklungen eine
sen. Im April hatte die Ausländerbehörde ihm eine neue Sachlage besteht. Juristisch ist die notwendig,
Reiseerlaubnis zu dem Flüchtlingskongress „Gegen wenn das Bundesverfassungsgericht zu Gesetzen
Abschiebung und soziale Ausgrenzung“ verweigert, neu verhandeln soll, über die es schon einmal ent-
weil er das zugebilligte „Kontingent“ von einer Er- schieden hat. Frühere Entscheidungen hatten näm-
laubnis zur Teilnahme an politischen Veranstaltung lich die Residenzpflicht für grundgesetzkonform er-
pro Monat schon „verbraucht“ hatte. Der Ausländer- klärt.
behördenmitarbeiter hatte nach dem Kongress ein
Zeitungsinterview mit Cornelius Yufanyi ausgeschnit- Die Richterin sah aber keinen Grundrechtsverstoß in
ten und als Beweis dafür, dass er trotzdem gefahren diesem Sondergesetz für Flüchtlinge. Nach einer
war, zum Gericht geschickt. Den daraufhin folgenden Viertelstunde Prozess-Unterbrechung verkündete
Strafbefehl über 600 DM wegen unerlaubten Verlas- sie: „Es mag sein, dass in der momentanen politi-
sens des Aufenthaltsbereichs (§ 56 Asylverfahrens- schen Situation das Gesetz überdenkenswert ist,
gesetz) weigert sich Cornelius Yufanyi zu bezahlen. aber nicht weil es gegen das Grundgesetz verstößt.“
Auf dem Kongress in Jena war eine Kampagne ge- Es schränke die Bewegungsfreiheit zwar ein,
gen die Residenzpflicht als Form sozialer und politi- schneide sie aber nicht ab und berühre nicht den
scher Ausgrenzung verabredet worden, Flüchtlinge „Wesenscharakter“ des Grundgesetzes. Es räume
wurden zu zivilem Ungehorsam dagegen aufgerufen. genügend Spielräume für Ausnahmegenehmigungen
ein.
Nur 36 der am Prozesstag angereisten Flüchtlinge
und UnterstützerInnen aus verschiedenen antirassis- Der Versuch der Anwälte, statt den Flüchtling Corne-
tischen Gruppen sowie Menschenrechts- und Anti- lius Yufanyi das rassistische Sondergesetz gegen
Apartheid-Organisationen passten in den größten Flüchtlinge auf die Anklagebank zu zerren, war damit
Sitzungssaal im Amtsgericht Worbis, die andere abgeschmettert. Doch in der nächsten Runde mach-
Hälfte musste mit Musik aus der Lautsprecheranlage ten die Anwälte die rassistische Umsetzungspraxis
draußen bleiben. Wohl die doppelte Menge Sicher- der Gesetze zum Thema, und das eröffnete tiefe
heitspersonal in Grün und Zivil standen sich vor und Einblicke in die Abgründe verbeamteten Rassismus.
im Gerichtsgebäude und später neben der Ab- Ein Lehrstück dafür, welche Spielräume für Kontroll-
schlussdemo die Beine in den Bauch, zehn bullige Spitzel- und Denunziantentum Sondergesetze ihren
Gestalten blockierten die ersten Reihen im Gerichts- Vollstreckern eröffnen.
saal. Leibesvisitation inklusive Metalldetektor musste
über sich ergehen lassen, wer eine Platzkarte für Vorgeladen wurde der Zeuge Sch., 40 Jahre, Ver-
den Gerichtssaal ergattern wollte. Als wenn in Thü- waltungsangestellter in der zuständigen Ausländer-
ringen noch nicht angekommen wäre, dass in der behörde, der Cornelius Yufanyi die Reiseerlaubnis
veröffentlichten Meinung die „wahre Gefahr“ zur Zeit zum Flüchtlingskongress in Jena verweigert hatte.
von Rechts lauert. Ebenjener Beamte, der den Zeitungsausschnitt ans
Gericht geschickt hatte. Im Prozess bezeichnet er
diesen als „Selbstanzeige“. Während Staatsanwalt
und Richterin zu ergründen versuchten, ob der Mit- Wohnheim betrug vom 22.6. 1999 bis 5.4.2000, alle
arbeiter der Ausländerbehörde Sch. aus „eigenen erlaubten Abwesenheiten mitgerechnet, 87 Tage.
Erkenntnissen“ Beweise für Cornelius Teilnahme am Herr Yufanyi erhält, nach Absprache mit dem Ord-
Prozess gewonnen hatte (Sch.: „Ich gehe davon aus, nungsamtsleiter einmal monatlich die Genehmigung
dass das, was in der Zeitung steht, stimmt“), berich- zur Teilnahme an einer Veranstaltung,. Es wird hier
tet Cornelius Yufanyi von der Situation in „seinem“ jedoch davon ausgegangen, dass er an den übrigen
Flüchtlingswohnheim“: 25 DM Bus-Fahrtkosten, um Treffen ohne Erlaubnis teilnimmt. Bei seinen Vor-
eine Reisegenehmigung einzuholen - bei 40 DM Bar- sprachen in der Ausländerbehörde wird Herr Yufanyi
geld und 261 DM in Gutscheinen im Monat (Staats- oftmals von einer deutschen Studentin aus Nieder-
anwalt: „Können Sie das noch einmal wiederho- sachsen begleitet. Als Nachweis für die angespro-
len?“). Ein Mitbewohner beging Suizid, ein weiterer chenen Aktivitäten füge ich die Einladungen in Kopie
musste als Folge von Isolation und Lebensbedin- bei. Ich bitte um Kenntnisnahme und Entscheidung,
gungen in die Psychiatrie eingeliefert werden und ob das Verwaltungsgericht Gera Kenntnis davon er-
durfte schließlich aufgrund des psychiatrischen Gut- halten sollte“.
achtens in die nächst größere Stadt umziehen.
Fast alles „unzulässige Mitteilungen“ laut Thüringer
Zum Schuldigen lässt Cornelius Yufanyi sich mit Datenschutzbeauftragtem, der den Denunziations-
Fragen zu den konkreten Straftatvorwürfen nicht brief überprüft hat. Vergeblich hatte Zeuge Manfred
stempeln, seine Anwälte erklären, dass er sie nicht Sch. im Prozess versucht, diese unangenehmen
beantworten wird. Nachdem er eine Prozess- Passagen nicht Thema werden zu lassen. Für das
Erklärung verlesen hat, ergänzt er: „In Kamerun war Anwalts-Urteil über den geballten Rassismus dieses
ich verfolgt, in Deutschland fühle ich mich auch ver- Briefes hatte die Richterin selbst das Stichwort gelie-
folgt. Ich habe gegen Rassismus gekämpft, ich habe fert. Ob der Anwalt dem Mitarbeiter der Ausländer-
eine Selbst-Organisation erzwungen. Das ist hart für behörde jetzt irgendwelche Vorhaltungen machen
mich als Flüchtling. Ich werde durch diese Gesetze wollte, hatte sie eher rhetorisch gefragt. Das wollte
physisch und psychisch gefoltert. Artikel 1 der Uni- der Anwalt: Der Brief unterstelle, dass Cornelius Yu-
versellen Menschenrechte, die Deutschland unter- fanyi nach Deutschland gekommen sei, um erstens
schrieben hat, garantiert allen Menschen Bewe- politischen Unfrieden zu stiften, zweitens die 80 DM
gungsfreiheit, das ist mein Geburtsrecht. Und wenn Taschengeld abzuzocken und drittens sich mit deut-
ich bis vor den Europäischen Gerichthof ziehen schen Frauen rumzutreiben. Eben eine Zusammen-
muss – ich werde niemals mein Recht auf Bewe- ballung von Rassismen.
gungsfreiheit aufgeben“.
Die letzten inhaltlichen Worte im Residenzpflicht-
Und dann enthüllt einer der Anwälte etwas, was er Prozess gegen Cornelius Yufanyi kommen aus dem
später als „Zusammenballung von Rassismen“ be- Zuschauerraum. „Und das sind die Schreibtischtäter
zeichnet. Nicht nur hatte der Zeuge Sch. beim In- hier“ schallt es in das angespannt betretene Schwei-
nenministerium angefragt, wie oft er denn dem politi- gen, die die Eröffnungen der Anwälte über Überwa-
schen Aktivisten Cornelius Yufanyi, der ständig we- chungs- und Denunziationsmaßnahmen des Zeugen
gen der Teilnahme an politischen Veranstaltungen Sch. aus der Ausländerbehörde Eichsfeld hinterlas-
um Reisegenehmigungen nachfrage, diese erlauben sen haben. Sch. wie Schreibtischtäter. Danach wird
sollte. Nicht nur erklärt Sch., bei Reisegenehmigun- die Verhandlung, die statt der veranschlagten halben
gen müsse man doch „ein Maß finden, auch gegen- Stunde zwei Stunden dauerte, vertagt. Auf der
über den anderen Flüchtlingen“. Gründe für eine Er- Kundgebung nach dem Prozessende fasst einer der
laubnis seien für ihn Familien- und Freundesbesuche Anwälte zusammen: „Normalerweise wird ein Ver-
unter Vorlage der Adresse, EXPO-Besuche, religiöse fahren wegen Residenzpflicht-Verstoß in einer hal-
Aktivitäten, wenn sie dem Flüchtling Halt gäben. ben Stunde abgewickelt, die Flüchtlinge mit Geld-
Auch spielten Häufigkeit und Ziel der Anfragen eine strafe, Haft oder gar Ausweisungsbescheid abgeur-
Rolle. „Ich prüfe auch den Rücklauf. Und machen wir teilt. Die deutsche Justiz hat heute gemerkt, dass so
uns doch nichts vor: es gibt auch Ladendiebstahl“. was in Zukunft nicht mehr so einfach über die Bühne
Da werde er einem Antragsteller kaum ein zweites geht“.
Mal eine Reise-Genehmigung an diesen Ort erteilen.
Als wenn das noch nicht reichen würde, hatte er ei-
nen Mitarbeiter mit einem Schreiben an das Bun-
desamt für die Anerkennung von Asylsuchenden und
das Verwaltungsgericht beauftragt, Inhalt wie folgt:
„Bezugnehmend auf unser fernmündliches Gespräch
vom 3.4.2000 teile ich Ihnen folgendes mit: Im vor-
liegenden Fall drängt sich der Verdacht auf, dass
Herr Yufanyi seine zur Zeit gestatteten Aufenthalt zur
Durchführung des Asylverfahrengesetzes vorwie-
gend dafür nutzt, um politisch tätig zu werden. Sein
Aufenthalt im Wohnheim und vermutlich auch im
Landkreis beschränkt sich im Wesentlichen auf die
Tage, an denen Geld gezahlt wird. Der Aufenthalt im
FÜR DAS RECHT AUF BEWEGUNGSFREIHEIT
INS GEFÄNGNIS?
PRESSEMITTEILUNG VON FÖRDERVEREIN THE VOICE E.V. GÖTTINGEN UND
VOM GÖTTINGER ARBEITSKREIS ZUR UNTERSTÜTZUNG VON ASYLSUCHENDEN E. V.

Der Aktivist der Flüchtlingsorganisation "The Voice Und dann gibt es eine Strafe wegen unerlaubtem
Refugee Forum Deutschland" Cornelius Yufanyi aus Verlassen des Landkreises. Bei mehrmaligem Ver-
Victoria-Limbe in Kamerun, Familienvater und Stu- stoß gegen die Residenzpflicht müssen Flüchtlinge
dent der Forstwissenschaften an der Universität Göt- mit einer Geldstrafe von 2500 Euro oder einer ein-
tingen, soll am Donnerstag den 27.10.2005 zur Aus- jährigen Haftstrafe rechnen.
führung des gegen ihn ausgestellten Haftbefehls
beim Amtsgericht vorstellig werden. Yufanyi lebt seit „Ich kämpfe auf jeden Fall weiter“, sagt Cornelius
1998 in Deutschland und kämpft seit Jahren gegen Yufanyi, „für mein Recht auf Bewegungsfreiheit und
die sog. Residenzpflicht. Bereits dreimal sollte Yufa- für meine Menschenwürde.“ Yufanyi wird in Abspra-
nyi sich vor Gericht verantworten, seit er wegen Ver- che mit seinen Anwälten am 27.10.2005 nicht vor
stoß gegen die Residenzpflicht im Jahre 2000 auf Gericht erscheinen. "Ich stand vor den deutschen
der Anklagebank sitzt. Die Angebote des Gerichts Gerichten - bis hin zum Bundesverfassungsgericht -,
zur Einstellung des Verfahrens wegen geringer um für meine Rechte zu kämpfen. Ich bin nicht län-
Schuld wurden von Yufanyi abgelehnt. Yufanyi soll ger bereit zu kooperieren." Was ihm deshalb bevor-
nun eine Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 10 Euro steht, ist höchstwahrscheinlich Gefängnis. Bis er
bezahlen. „Ich werde für mein Recht auf Bewe- seine finanziellen Verhältnisse offen legt und seine
gungsfreiheit nicht bezahlen und bin bereit dafür Geldstrafe von 323,20 Euro abgesessen hat. Weil
auch ins Gefängnis zu gehen“, sagt Cornelius Yufa- sie gegen die Residenzpflicht gekämpft haben,
nyi, der weiterhin für einen Freispruch sowie die Ab- mussten bereits zwei andere Aktivisten und Flücht-
schaffung der menschenrechtswidrigen und diskri- linge der Organisation "The Voice Refugee Forum
minierenden "Residenzpflicht für Asylsuchende" Deutschland" Gefängnisstrafen von zwei Wochen
kämpft. absitzen.

Yufanyi soll jetzt gezwungen werden, seine finanziel- Verschiedenste Organisationen protestieren seit
len Verhältnisse offen zu legen. Am Donnerstag den Jahren gegen die diskriminierende Gesetzgebung.
27.10.2005 muss Yufanyi vor dem Gerichtsvollzieher Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat bereits mehr-
erscheinen. Andernfalls wird der Haftbefehl erlassen. fach erfolglos an deutsche Behörden und Gerichte
appelliert, die Residenzpflicht zu überprüfen. Die
„Das ist eine menschenunwürdige Praxis, der wir Regelung ist nach UNHCR-Auffassung mit internati-
uns nicht beugen werden“, so Yufanyi. Und er hat onalen Rechten unvereinbar. Der Fall Yufanyi zu-
viele Mitstreiter. Yufanyi und andere Aktivisten ha- sammen mit dem Fall Sunny Omwenyeke vor dem
ben den deutschen Staat inzwischen vor dem Euro- Europäischen Gerichtshof wird u. a. von der Men-
päischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straß- schenrechtsorganisation Pro Asyl unterstützt.
burg wegen rassistischer Gesetzgebung angeklagt.
Denn Deutschland ist das einzige europäische Land,
das Flüchtlingen faktisch verbietet, sich frei zu be-
wegen. "Die Gesetzgebung erinnert stark an die A-
partheid-Gesetzgebung im damaligen Südafrika", so
Yufanyi.

Vielleicht können uns ja die Deutschen in Zeiten von


Hartz IV (eine der zentralen Reformen des Sozialab-
baus in der BRD) besser verstehen“, so Osaren Ig-
binoba, Vorsitzender der Flüchtlingsorganisation
"The Voice Refugee Forum Deutschland". „Deutsche
Arbeitslose brauchen von den Arbeitsagenturen eine
Genehmigung, wenn sie ihren Wohnort verlassen
wollen.“ Laut Staatssekretär Andres müssen "Betrof-
fene an jedem Werktag persönlich am Wohnort er-
reichbar sein". „Anders jedoch als bei Flüchtlingen“,
so Osaren Igbinoba weiter, „wird dies kaum zu ver-
mehrten Kontrollen durch Polizei und BGS führen“.
Nicht-deutsch aussehende Menschen müssen hin-
gegen ständig damit rechnen, kontrolliert zu werden.
REDE VON CORNELIUS YUFANYI VOR GERICHT
Sehr geehrte Frau Vorsitzende, Verbesserung der Gesellschaft, in der ich lebe, ge-
kämpft. Ich habe zur Integration und Zivilcourage
Mit Respekt vor Ihrer ehrenhaften Position und vor zwischen Deutschen und Ausländern aufgerufen,
dem Gesetz des Landes, welches Sie durch Ihren und was erhielt ich als Ergebnis? Eine Geldstrafe
Beruf und Ihre Persönlichkeit vertreten, würde ich von mehr als 700,00 DM. Mit diesen Gesetzen berei-
Ihnen gerne meine Erfahrungen und Beschwerden, ten wir einen Brutplatz für das, was wir vorgeben zu
meinen Fall mit dem Aktenzeichen Nr. bekämpfen: „Rassismus und Rechtsradikalismus“.
403Js51861/00(1Cs) betreffend, mitteilen. Mein Fall
wurde am 12. Oktober 2000 in Worbis vor Gericht Mit dem Rest meiner Würde werde ich solange ich
gebracht. lebe gegen dieses Gesetz angehen und niemals
Verhältnisse akzeptieren, die dieses Gesetz exis-
Wie Sie bereits wissen, war ich ein Asylsuchender tenzfähig machen. Ich werde die Konsequenzen, die
aus Kamerun und lebe seit dem Januar 1999 in mich erwarten, akzeptieren und ich bin darauf vorbe-
Deutschland. Ich hatte immer um Erlaubnis gebeten, reitet, meinen Fall bis vor den Europäischen Ge-
bevor ich meinen Landkreis verlassen wollte, auch richtshof zu bringen. Ich werde niemals für mein
wenn mir die Genehmigung in den meisten Fällen Recht auf Bewegungsfreiheit bezahlen.
nicht erteilt wurde. Mir wurden mehr als 30 nach-
weisliche Genehmigungen zum Verlassen des Land- Am ersten Tag der Verhandlung, am 12. 10. 2000,
kreises gegeben. Dies beweist, dass ich dazu in der brachte ich meine Meinung bezüglich dieses Falles
Lage bin, die Gesetze zu respektieren, besonders in zum Ausdruck.
Deutschland. Obwohl ich das Residenzpflichtgesetz
vom ersten Tag meiner Kenntnis an als diskriminie- Wie Sie erfahren haben können, bin ich jetzt verhei-
rend und kriminalisierend den Flüchtlingen gegen- ratet und habe eine Tochter. Ich studiere außerdem
über empfand, hatte ich es weiterhin respektiert, um jetzt in Göttingen, wo ich auch lebe. Die Flüchtlings-
meinen Willen zu beweisen, unter den Gesetzen je- organisation The VOICE Forum, die für die Verteidi-
der Gesellschaft, in der ich mich befinde, zu leben. gung der Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen
kämpft, und in der ich arbeite, hat sich nach Göttin-
Durch das Residenzpflichtgesetz und andere rassis- gen ausgedehnt. Ich kann mich jetzt frei bewegen,
tische, diskriminierende Gesetze, die in diesem Land ohne dass ich daran denke, dass ich dabei meinen
für Flüchtlinge gelten, die auf ihre legale Aufent- Landkreis verlasse, dennoch fühle ich immer noch
haltsgenehmigung warten, empfand ich meine Rech- die Angst vor Verfolgung, die mir an genau dem Tag,
te als freier Mensch zu leben als stark einge- als ich um Asyl bat, eingeflößt wurde - mit Gesetzen
schränkt. Ich wurde physisch und psychisch gefol- wie demjenigen, aufgrund dessen ich angeklagt
tert, entehrt, diskriminiert und kriminalisiert. Meine wurde.
Menschenwürde wurde beeinträchtigt und fast zer-
stört. Ich erwähnte all diese Dinge, weil ich nur genau ei-
nen Punkt zum Ausdruck bringen wollte. Der Unter-
Das Residenzpflichtgesetz widerspricht § 13 (i) der schied von mir heute im Vergleich zu mir an dem
universellen Erklärung der Menschenrechte, die ersten Tag, an dem ich vor diesem Gericht stand, ist,
1948 von der UNO etabliert wurden, und die dass ich erst 26 Jahre alt war und jetzt 29 Jahre alt
Deutschland als Mitglied der UNO unterzeichnet hat. bin. Wie konnte es passieren, dass ich, Cornelius
Zitat: „Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit Yufanyi, die gleiche Person, die hier vor drei Jahren
und freie Wahl seines Wohnortes innerhalb eines stand, in zwei unterschiedlichen Welten leben konnte
Staates.“. Ich hatte mir niemals ausgesucht, in Weil- - in der Welt mit psychischer Folter und Qualen und
rode zu wohnen. Dieses Gesetz beschränkte auch in einer Welt mit Zukunft - beides in einem demokra-
mein freies Bewegungsrecht, welches ich als mein tischen Land mit Grundrechten wie Deutschland.
Geburtsrecht verstehe.
Ich erhielt meinen gegenwärtigen Status, weil ich
Aus all diesen Gründen war ich verbittert und behielt gegen schlimme Gesetze wie dieses aufschreien
mir vor, für die Abschaffung dieses Gesetzes zu und protestieren musste und manchmal brach ich sie
kämpfen. Die Anerkennung aller Menschen als Ge- auch. Wie kann es möglich sein, dass ein Fremder
samtheit sollte Gesetzen den Weg öffnen, die die oder ein Flüchtling in Deutschland ein Krimineller
Einheit, Integration und Kooperation fördern, und werden muss, damit er oder sie eine Zukunft in die-
nicht Gesetze hervorbringen, die die Trennung, sem Land haben kann? Ich habe mein Deutsch au-
Klassifizierung, Folterung und Zerstörung von Men- ßerhalb des Landkreises Eichsfeld gelernt, auf den
schen verstärken. Seit dem Beginn meines Aufent- mein Aufenthalt beschränkt worden war. Ich und et-
haltes in Deutschland habe ich gegen Rassismus, wa 80 andere Flüchtlinge lebten in Weilrode, in ei-
Faschismus und Rechtsradikalismus und für die nem Heim, welches jetzt aufgrund des zunehmen-
den Protestes von Flüchtlingen geschlossen ist, etwa Ich wurde vor drei Jahren angeklagt, weil ich an ei-
30 km von Worbis entfernt, wohin wir nicht zweimal nem Kongress teilgenommen habe, den meine Or-
im Monat fahren konnten aufgrund der hohen Bus- ganisation organisiert hatte, und von dem ich einer
kosten. Wie können wir von der Integration der Aus- der Hauptkoordinatoren war. Ich schrieb Einladun-
länderInnen sprechen, wenn wir sie im Wald halten? gen an ausländische Teilnehmende, die tausende
von Kilometern entfernt wohnten, die ihre Visa be-
Madame, um nicht lange Worte zu machen, in den kamen, um an diesem 10-tägigen Kongress teilzu-
letzten drei Jahren haben wir auf dieses Gericht nehmen - und ich bekam keine Erlaubnis, um mei-
Druck ausgeübt, nicht weil wir Sie herausfordern nen nur einige Kilometer entfernten Landkreis ver-
wollen, sondern weil ich und auch andere Leute lassen zu können. Was für ein Widerspruch?! Ich
dachten, dass Sie mit einem Beispiel vorangehen würde sagen, ich werde indirekt beschuldigt, einen
sollten in der Verteidigung der Rechte und der zivilen Kongress organisiert zu haben, in dem es darum
Freiheiten der Flüchtlinge und der AusländerInnen ging, die Probleme und die Organisation von Flücht-
im Allgemeinen. Ihre Entscheidung, die Beschrän- lingen und MigrantInnen zu diskutieren, ein Kon-
kung der Bewegungsfreiheit für Flüchtlinge als gress gegen Abschiebung und soziale Ausgrenzung.
Grund- und Menschenrechtsverletzung anzusehen, Ich werde dafür verfolgt, dass ich politische Arbeit
wird als ein Eckstein für den Kampf gegen Apartheid, mache, und ich sowie andere Flüchtlinge laufen nun
Diskriminierung und soziale Ausgrenzung in diesem Gefahr, eine Geldstrafe bis zu 2500 € zahlen oder
Land dienen. Sie werden nicht die Einzige sein, die ins Gefängnis gehen zu müssen, oder sogar abge-
gegen dieses Gesetz ist, denn auch Andere haben schoben zu werden - weil sie dieses diskriminieren-
ihrer Meinung durch Faxe und durch ihre Anwesen- de und rassistische Gesetz verletzt haben. Dieses
heit in der Verhandlung Ausdruck gegeben. Gesetz sowie andere Gesetze des Asylbewerberleis-
tungsgesetzes kriminalisieren unsere Existenz als
Ich muss außerdem sagen, dass ich nicht nur ein MENSCHEN und bringen uns in genau die gleiche
Flüchtling bin, wie man so sagen könnte, sondern Situation mit genau den gleichen Gründen, die uns
dazu trieben, aus unseren Herkunftsländern zu flie-
dass ich auch vollständig zur Entwicklung dieses
Landes Deutschland beitrage - in meiner Menschen- hen. Dieses Gesetz zeigt, wie wenig die deutsche
rechtsarbeit, meinem Studium, meiner Arbeit, als Gesellschaft integriert ist, und es zeigt ebenso, wie
der deutsche Staat durch seine rechtliche, politische
Familienvater.
und polizeiliche Maschinerie Rassismus und Hass in
der deutschen Gesellschaft entflammt. Denn die
Ich appelliere abermals an Sie als Verteidigerin der Kontrollen durch Polizei, Bundesgrenzschutz und
Gerechtigkeit in Deutschland, auf den Schrei der Zoll z. B. finden entlang phänotypischer Merkmale
Flüchtlinge und anderer BürgerInnen in ihrem Land statt und laden BeamtInnen zur diskriminierenden
zu hören. Kontrolle aller als "nicht-deutsch" wahrgenommenen
Personen ein.
Heute bin ich zum dritten Mal zu diesem Gericht be-
stellt worden, um für Straftaten beschuldigt zu wer- Mein Professor sagt immer "Lange Rede, kurzer
den, die Deutsche niemals begehen können. Heute Sinn". Ich werde hier schließen, indem ich den
habe ich zum dritten Mal gezeigt, dass nicht ich der- Schwur wiederhole, den ich am ersten Tag meiner
jenige bin, der angeklagt wird, sondern der deutsche Anhörung machte. Ich werde nie für mein Recht auf
Staat, der diese undenkbare Menschenrechtsverlet- Bewegungsfreiheit bezahlen, welches ich, so glaube
zung gegenüber Flüchtlingen und MigrantInnen be- ich, von Geburt an habe. Ich stehe nicht über dem
gangen hat. Die Residenzpflicht kann indirekt mit ei- Gesetz und ich denke, niemand in Deutschland soll-
nem der Gesetze verglichen werden, die während te über dem Gesetz stehen. Die Deutschen aber
des inzwischen abgeschafften Apartheid Regimes in stehen über diesem Gesetz, deshalb ist es rassis-
Südafrika existiert haben, dem Pass-Gesetz. Mit tisch. Da es nur Flüchtlinge betrifft, ist es diskriminie-
Blick auf die deutsche Geschichte, die Sie mit Si- rend, und weil hunderte Menschen durch dieses Ge-
cherheit besser kennen werden als ich, stellt man setz gefoltert und diskriminiert wurden und werden,
fest, dass dieses Gesetz vor und während der NS- gehört es abgeschafft. Ich fordere die Abschaffung
Zeit Anwendung fand. Es ist eine Schande und ein dieses Gesetzes und gleiche Rechte für alle.
Skandal, dass dieses Gesetz heute immer noch im Lang leben der antirassistische Kampf und die Men-
deutschen Rechtssystem existiert. In allen drei er- schen, die ihn kämpfen.
wähnten Instanzen wurde und wird dieses Gesetz
immer gegen AusländerInnen angewandt, die in
In der Hoffnung, das dies ein Präzedenzfall zur Ab-
Deutschland gelebt haben und heute weiterhin le-
schaffung des Residenzpflichtgesetzes wird.
ben. Ich denke, im heutigen Zeitalter, dem 21. Jahr-
hundert, sollte dieses Gesetz längst Teil der Ge-
schichte sein und eigentlich sollte allen Familien, die
darunter leiden mussten und heute noch leiden müs-
sen, eine Wiedergutmachung gezahlt werden.
AHMED SAMEER
WARUM ICH GEGEN DAS RESIDENZPFLICHT-GESETZ
FÜR FLÜCHTLINGE IN DEUTSCHLAND KÄMPFE

Vom allerersten Moment an, wenn Flüchtlinge in in dem ich lebe, verlassen kann, ist eine Verletzung
Deutschland um Asyl ersuchen, wird es Schritt für meines fundamentalen Rechts auf Bewegungsfrei-
Schritt klar, dass beinahe alle Institutionen und Ge- heit. Diese Erfordernis macht es mir unmöglich, ir-
setze, die das Asylverfahren regeln, gegen sie ge- gendwelche Pläne für die Zukunft zu machen. Denn
richtet sind. Bei der ZAST, dem Aufnahmelager, an- meine gesamten Möglichkeiten, mich zu bewegen,
gefangen bis hin zu den Lagern, wo die Flüchtlinge hängen davon ab, ob mir die Ausländerbehörde die
untergebracht sind, die immer mitten im Wald unter- Erlaubnis erteilen wird, den Landkreis zu verlassen
gebracht sind, ist es deutlich, dass Flüchtlinge von oder nicht.
der Hauptgesellschaft isoliert werden sollen und
dass ihnen nicht gestattet sein soll, sich zu der nor- Artikel 1 der deutschen Verfassung und Artikel 2 Ab-
malen Bevölkerung oder zu anderen Flüchtlingen satz 1 garantieren das Recht auf menschliche Würde
und MigrantInnen zu gesellen, die in anderen Städ- und das Recht der freien Entfaltung der Persönlich-
ten leben. keit.
Ohne Zweifel ist das Residenzpflichtgesetz in der
Mein Name ist Ahmed Sameer, ich kam im Mai 2002 Praxis eine Verletzung dieser grundlegenden verfas-
in Jena Forst, in Thüringen (Ostdeutschland) an. Ich sungsmäßigen Vorkehrungen, da meine persönli-
lebte mehr als zwei Jahre in dem isolierten und einst chen Informationen und Pläne den Beamten der
berüchtigten Flüchtlingslager in Tambach-Dietharz, Ausländerbehörde bekannt gegeben werden müs-
bevor ich nach Waltershausen im Landkreis Gotha sen, wann immer ich eine Erlaubnis von ihnen zu er-
umverteilt wurde. halten versuche dafür, dass ich meinen Landkreis
verlassen kann. Es ist auch insofern eine Verletzung
Ich bin Palästinenser. Ich habe die meiste Zeit mei- meines Rechts, wenn man bedenkt, dass die Be-
nes Lebens als Flüchtling im Jeniner Teil der von Is- grenzung meines Aufenthalts auf einen bestimmten
rael besetzten Gebiete gelebt. Ich habe unerträgliche Landkreis, ohne dass ich ein Gefangener wäre, in
Beschränkungen und Erniedrigungen unter diesem hohem Maß meine Möglichkeit zur Entfaltung als
System erleiden müssen, das immer noch existiert. Mensch limitiert – im Gegensatz zu dem, was in der
Wie alle anderen Palästinenser, die gegen die Be- deutschen Verfassung vorgesehen ist. Das Resi-
satzung sind und ihr auf die eine oder andere Art denzpflichtgesetz ist weiterhin eine Verletzung sol-
Widerstand leisten, habe ich unter solchen Bedin- cher internationaler Verträge wie der Genfer Konven-
gungen und ihren verheerenden Auswirkungen ge- tion, der universellen Erklärung der Menschenrechte
lebt in dem Bewusstsein, dass ich nicht in einer frei- und der Europäischen Menschen- und Völkerrechts-
en Gesellschaft lebe. konvention, die Deutschland alle unterschrieben hat
und die alle das Recht auf Bewegungsfreiheit garan-
tieren.
Als ich hier in Deutschland Asyl suchte, hätte ich
niemals erwartet, dass ich Bedingungen unterworfen
sein würde, die denen ähneln, vor denen ich aus Je- In Deutschland wurde ich politisch motiviert durch
nin geflohen bin. Hier erfordert es sogar eine schrift- The VOICE Refugee Forum in Jena mich mit ande-
liche Erlaubnis einen Arzt außerhalb meines Land- ren Flüchtlingen zu vereinen, während der Vorberei-
kreises zu sehen – die mir die Behörden niemals er- tung und Organisation des antirassistischen Grenz-
teilen. camps in Jena und der bundesweiten Tour der Ka-
Um meinen Anwalt zu sehen ist es dasselbe. Vor rawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migran-
kurzem wurde mir in Jena ein Job angeboten, doch tInnen im Jahr 2002. Bis heute bin ich organisiert in
die Chance, ihn anzunehmen wurde mir durch die der Plattform der Karawane für die Rechte der
Behörden verweigert; man sagte mir, ich sei ver- Flüchtlinge und MigrantInnen und der Anti-Lager-
pflichtet, im Lager in Gotha zu bleiben. Am Kampagne um selbst organisierte Netzwerke des
schlimmsten ist das Wissen der Behörden darum, Widerstands gegen Residenzpflicht, Lager, Abschie-
dass ich ein politisch aktiver Flüchtling bin. bungen und Ausgrenzung zu unterstützen.

Mein ganzes Leben lang habe ich niemals an einem Als Mitglied der selbst organisierten Flüchtlingsgrup-
Ort gewohnt, wo mein Recht als menschliches We- pe The VOICE Refugee Forum und der Karawane
sen respektiert worden wäre. Doch niemals habe ich für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen in
derartige Verletzungen meiner Rechte akzeptiert, ich Deutschland muss ich mich mit anderen Flüchtlingen
habe immer Widerstand geleistet und dagegen an- treffen und an öffentlichen Veranstaltungen außer-
gekämpft. Der Abschnitt des Ausländergesetzes, der halb meines Landkreises teilnehmen –wie jeder an-
festlegt, dass ich eine schriftliche Erlaubnis von der dere normale Mensch auch. Doch dies ohne schriftli-
Ausländerbehörde brauche, bevor ich den Landkreis, che Genehmigung zu tun zieht eine Strafe durch den
Staat nach sich. Dies verletzt nicht nur meine Rech- Mein Kampf gegen dieses Gesetz muss ganz ein-
te, es ist diskriminierend, repressiv und rassistisch, fach als ein Kampf für mich selbst um meine Men-
da es mich öffentlichen Erniedrigungen unterwirft, schenwürde wieder zu erlangen verstanden werden.
die aus Polizeikontrollen außerhalb meines Land- Wenn die Konsequenz meines Kampfes gegen die-
kreises resultieren. ses Gesetz ist das Gefängnis ist, so will ich dies ger-
ne willkommen heißen, da ich nicht bereit bin, mein
Als Menschenrechtsaktivist sehe ich dieses Gesetz natürliches und verfassungsmäßiges Recht auf Be-
im selben Licht als damals das Pass-Gesetz im A- wegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Rede-
partheidstaat Südafrika. Damals war es für Schwar- freiheit Kompromissen zu unterwerfen.
ze und andere Nicht-Weiße erforderlich, eine schrift-
liche Erlaubnis zu bekommen, bevor sie ihre unmit- Ich habe fortwährend die deutsche Öffentlichkeit ü-
telbare Wohnumgebung verlassen durften. ber meine Sorgen und meine Überzeugungen unter-
Heute müssen ich und alle Asylbewerber dasselbe richtet hinsichtlich der systematischen Verfolgung
tun, bevor wir unseren Landkreis verlassen können. von Flüchtlingen und MigrantInnen durch die diskri-
Es ist ein Mittel der Unterdrückung und ein Anlass minierende Gesetze und Verordnungen des deut-
für Polizeibrutalität und eine Praxis rassischer Profi- schen Staates, welche die Kriminalisierung von Aus-
lierung. Weil ich in diesem Land Schutz vor politi- ländern zum Ziel haben.
scher Verfolgung gesucht habe, macht mich das
nicht zu einem Kriminellen oder einem Untermen- Ich verlange von allen Aktivisten und der Öffentlich-
schen, der in einem Haftzentrum hinter Stacheldraht keit, dass sie ihre Solidarität und ihre Unterstützung
eingesperrt werden muss. für den Protest der Flüchtlinge gegen die Beschrän-
kung ihrer Bewegungsfreiheit durch die Residenz-
Die Behandlung, die dieses Gesetz mit sich brachte, pflicht sowie gegen Abschiebung und Ausgrenzung
hat sich zu mentaler und psychischer Folter gestei- zum Ausdruck bringen. Jedes Engagement und jede
gert. Unterstützung für den Protest und den zivilen Unge-
horsam der Flüchtlinge gegen die Residenzpflicht
Das Residenzpflichtgesetz enthumanisiert und krimi- soll die Anstrengungen der Flüchtlinge verdeutlichen
nalisiert mich nicht nur, sondern hält mich in hohem in ihrem Kampf für ein offenes Deutschland von un-
Maß auch davon ab, die interessierte Öffentlichkeit ten ohne Diskriminierung.
über die aktuelle Situation in den besetzten Gebieten
der West Bank und des Gazastreifens zu informie-
ren.

Dieses Gesetz ist ungerecht und ich sehe es als


meine Verantwortung gegen Ungerechtigkeit und
Unterdrückung überall und jederzeit zu kämpfen, un-
geachtet von wo sie ausgehen und in welcher Form
sie auftreten. Die wahren Werte jeder Gesellschaft
liegen in ihrem Festhalten an der Freiheit der Men-
schen, die diese Gesellschaft ausmachen. Bewe-
gungsfreiheit kann nicht ungerechterweise einer
Gruppe von Personen verweigert werden, die keine
Kriminellen sind – lediglich aufgrund ihres sozialen
und rechtlichen Status. Das Recht auf Bewegungs-
freiheit muss notwendigerweise blind sein gegenüber
den Vorurteilen von Hautfarbe, Rasse, Geschlecht,
Religion und soziokultureller und politischer Neigun-
gen, denn eine Gesellschaft, in der einzelne nicht frei
sind, ist eine Gesellschaft, in der keiner frei ist.
PALÄSTINENSISCHER FLÜCHTLING AKZEPTIERT
EINSCHRÄNKUNG DER BEWEGUNGSFREIHEIT
IN DEUTSCHLAND NICHT

Ahmed Sameer, Mitglied von The VOICE Refugee Mein Kampf gegen dieses Gesetz muss ganz ein-
Forum, wird in zivilem Ungehorsam gegen das deut- fach als ein Kampf für mich selbst um meine Men-
sche Residenzpflicht-Gesetz protestieren, das die schenwürde wieder zu erlangen verstanden werden.
Bewegungsfreiheit von Asylbewerbern auf ihren Ich bin nicht bereit, mein natürliches und verfas-
Landkreis beschränkt und somit ihre Menschenrech- sungsmäßiges Recht auf Bewegungsfreiheit, Ver-
te verletzt. sammlungsfreiheit und Redefreiheit Kompromissen
zu unterwerfen. Ich werde jedes friedvolle Mittel in
Im Moment sind bei Ahmed Sameer vier Verfahren Anspruch nehmen um meine Überzeugung gegen
wegen Residenzpflicht anhängig. Er wurde im Feb- die Residenzpflicht und für ihre Abschaffung zum
ruar 2003 in Berlin kontrolliert, als er sich gemein- Ausdruck zu bringen.
sam mit anderen Freunden auf einer Polizeiwache
für einen Freund erkundigte, der Asyl beantragen Selbst wenn die Konsequenz meines Kampfes ge-
wollte; im März 2003, an einer Raststätte auf der Au- gen dieses Gesetz das Gefängnis ist, bin ich nicht
tobahn München/Nürnberg, als er mit seiner Tante bereit, irgendeine Geldstrafe zu akzeptieren, die aus
unterwegs war, die eigens aus Schweden angereist der Kriminalisierung und Repression gegen Flücht-
war; im September 2003 wurde er in Jena und Hof linge resultiert.“
auf der Fahrt zu, bzw. auf der Heimreise von den Ak-
tionstagen gegen das Fürther Ausreisezentrum kon- Seit 1982 ist Deutschland der einzige Staat in Euro-
trolliert, auf denen die soziale Ausgrenzung von pa, wo Flüchtlinge durch das Residenzpflichtgesetz
Flüchtlingen öffentlich thematisiert und verurteilt wur- kriminalisiert werden. Dieses Gesetz zeigt, dass
de. Flüchtlinge in Deutschland sozialer Isolation unter-
Für die vier Anklagen wurde er zu einer Geldstrafe worfen werden sollen, nicht nur indem sie in abgele-
von insgesamt 476 EUR verurteilt, die zu zahlen er genen Lagern mitten in Wäldern gehalten werden,
sich weigerte, oder zu 90 Tagen Gefängnis. Drei der sondern auch die Einschränkung ihrer Bewegungs-
anhängigen Verfahren werden in der ersten Anhö- freiheit durch das „Residenzpflichtgesetz“ schließt
rung zusammengefasst. Flüchtlinge aus der normalen Gesellschaft aus, da
dieses ihnen verbietet, sich unter die normale Bevöl-
Warum Ahmed Sameer gegen das Residenzpflicht- kerung oder zu anderen Flüchtlingen und MigrantIn-
Gesetz kämpft, ist für ihn keine Frage: nen zu gesellen, die in anderen Städten leben. Das
Residenzpflichtgesetz hält Flüchtlinge davon ab, ihre
“Als ich aus Palästina kam und in Deutschland Asyl Ärzte zu sehen, ihre Anwälte, ihre Freunde und –
suchte, hätte ich niemals erwartet hier so systema- was für manche das Schlimmste ist – diejenigen Ak-
tisch ähnlichen Bedingungen unterworfen zu sein, tivitäten fortzuführen, wegen denen sie aus ihren
vor denen ich aus Palästina geflohen bin. Ländern geflohen sind.

Das Residenzpflichtgesetz enthumanisiert und krimi- Das Residenzpflichtgesetz für Flüchtlinge verletzt
nalisiert mich nicht nur, sondern hält mich in hohem somit Artikel 13 der Internationalen Menschenrecht-
Maß auch davon ab, die interessierte Öffentlichkeit serklärung (Bewegungsfreiheit), sowie Artikel 1 und
über die aktuelle Situation in den besetzten Gebieten Artikel 2, Absatz 1, der deutschen Verfassung, die
der West Bank und des Gazastreifens zu informie- das Recht auf menschliche Würde und das Recht
ren. der freien Entfaltung der Persönlichkeit garantieren.
Auch das Recht auf Versammlungsfreiheit ist durch
dieses Gesetz stark eingeschränkt.
RESIDENZPFLICHT:
VERHANDLUNG VON AHMED SAMEER IN GOTHA
PROTOKOLL EINER PROZESSBEOBACHTERIN

Amtsgericht Gotha, 21. Juni 2004: Protokoll der Ver- Daraufhin folgt ein längerer Wortwechsel zwischen
handlung von Ahmed Sameer. Die Verhandlung be- der Richterin und Herrn Sameers Verteidiger Ulrich
ginnt mit den üblichen Fragen der Richterin nach von Klinggräff (im Folgenden abgekürzt RA), der ihr
Personalien, dem Status, der Lebenssituation (126 entgegenhält: „Das gehört sehr wohl zum Sachver-
EUR in Lebensmittelgutscheinen, 40 EUR in bar). halt. Bitte lassen Sie meinen Mandanten die Gründe
Der Staatsanwalt verliest die Anklage: drei Verstöße ausführen, warum er gegen die Residenzpflicht ver-
gegen die Residenzpflicht. Dabei liest er so schnell stoßen hat. Das wird etwas Zeit in Anspruch neh-
und nuschelt absichtlich so stark, dass niemand et- men, aber es wird entscheidend zur Klärung beitra-
was versteht. [Bemerkenswert ist, dass er es an- gen. Ich kann Ihnen gleich sagen, dass die von Ih-
scheinend nicht lächerlich findet, die auf den Meter nen angesetzte halbe Stunde nicht ausreichen wird!“
genaue Kilometerangabe vorzulesen: 258,2 km!] R: „Ich kann diesen Prozess auch hier abbrechen
und vertagen. Er hat den Sachverhalt doch schon
Die Richterin fragt Ahmed Sameer, ob die Punkte zugegeben.“ RA: „Das können Sie nicht, solange ich
der Anklage der Wahrheit entsprechen. Er bejaht. Ul- mein Fragerecht noch habe!“ An dieser Stelle bricht
rich von Klinggräff bittet, die Gründe seines Mandan- es plötzlich aus der Richterin heraus: „Herr Sameer
ten anzuhören. ist als Gast in Deutschland und hat sich auch...“ Em-
pörtes Aufraunen im Saal, sie bricht ab. RA: „Also,
Ahmed Sameer erklärt, dass er aus dem von Israel wenn ich das jetzt höre, dann bin ich fast soweit, ei-
besetzten palästinensischen Ort Jenin geflohen ist nen Befangenheits-Antrag zu stellen. Ich wollte ei-
gentlich nicht gleich diese Konfrontation in den Pro-
[den die Richterin Luckert übrigens falsch ausge-
sprochen hat: ‚Genin']. Er führt aus, dass er schon in zess hineinbringen, aber wenn ich so etwas höre...“
Israel unter „räumlichen Beschränkungen“ leiden Richterin Luckert lässt Herrn Sameer weiter spre-
chen, bemerkt [in meinen Augen säuerlich] zu Ulrich
musste. So durfte er Jenin nicht verlassen, um seine
Familie in Jerusalem zu besuchen. Er sei in der von Klinggräff: „Aber Sie hätten vorher anrufen kön-
Hoffnung auf ein freies Leben nach Deutschland ge- nen, um Bescheid zu sagen, dass es länger dauern
wird. Das wäre kollegial gewesen.“ Ulrich von
flohen und könne es nicht fassen, dass er jetzt in
Deutschland wieder eingesperrt sei, obwohl er sich Klinggräff erwidert sinngemäß: „Das hätte ich nicht
tun müssen. Sie hätten nicht nur eine halbe Stunde
keines Verbrechens schuldig gemacht habe.
ansetzen dürfen! Es gäbe natürlich einen Weg, mit
dem wir alle hier ganz schnell wieder draußen wä-
[Anmerkung: Die Übersetzerin ist schlecht, sie macht ren. Sie erkennen die Gründe meines Mandanten an
sich keine Notizen, spricht sehr stockend und muss und stellen das Verfahren wegen geringfügiger
öfter aus Verständnisgründen bei Ahmed Sameer Schuld ein.“ Die Richterin antwortet sinngemäß:
nachfragen, der mit verständlicher Ungeduld noch „Das kann ich natürlich nicht.“
einmal erklärt. Anscheinend hat die Übersetzerin
sich nie mit der Materie beschäftigt: Sie muss z. B.
Anschließend kann Herr Sameer fortfahren. Er schil-
vier Mal nachfragen, bis sie sich die Namen „Euro-
pean Social Forum“ oder „The Voice Refugee Fo- dert sein Entsetzen darüber, dass ein Land, das sich
rum“ merken kann - offensichtlich hat sie noch nie als ein demokratisches sieht, ein Gesetz hat, das sie
Freiheit der Menschen derartig einschränkt. Die „Re-
davon gehört und kann auch nichts damit anfan-
gen... Wie kann sie Gerichtsübersetzerin sein? Dürf- sidenzpflicht“ gibt es in der ganzen europäischen U-
te man die Verteidigung einen „eigenen“ vereidigten nion nur in Deutschland. Er legt in den folgenden
Ausführungen den Schwerpunkt auf seine politische
Übersetzer vorschlagen?]
Tätigkeit für Palästina. Er sagt, er würde alles tun,
um seinem Land die Freiheit wieder zu geben, um
Der Staatsanwalt scheint gemerkt zu haben, dass dann auch zurückzugehen. Er betont, dass es ihm
sich dieser Fall sich nicht schnell abhandeln lassen im Rahmen seiner politischen Tätigkeiten unmöglich
wird und lehnt sich [meiner Meinung nach demonst- ist, in Gotha zu bleiben. Er habe Freunde und Kon-
rativ] zurück und schlägt die Beine übereinander. takte vom Norden bis zum Süden Deutschlands. Oft
Durch die zähe Übersetzung ziehen sich Herrn Sa- werden die Treffen spontan ausgemacht und schon
meers Ausführungen in die Länge, obwohl man deshalb sei eine Beantragung unmöglich. Herr Sa-
sieht, dass er selbst hoch konzentriert, präzise und meer schildert, wie unerträglich es für Asylbewerber
drängend spricht. Richterin Luckert unterbricht Ah- ist, während der oft jahrelangen Dauer des Asylver-
med Sameer nach ca. 5 min. [ungeduldig]: „Das ge- fahrens an einen Landkreis gefesselt zu sein: „Sie
hört doch nicht zum Sachverhalt!“ dürfen nur dasitzen. Sie dürfen sich nicht bewegen,
sie dürfen nicht arbeiten, sie dürfen nur dasitzen!“.
Besonders die Ungewissheit über die Dauer und den kommt er auf den Unterschied zwischen deutschen
Ausgang des Asylverfahrens sei unzumutbar. Auf und französischen Behörden zu sprechen. Im No-
Nachfrage der Richterin gibt Herr Sameer an, seit vember 2003 ist er zum Europäischen Sozialforum
zwei Jahren in Deutschland zu sein und noch nicht nach Paris gefahren. Er kam in eine französische
einmal einen ersten Bescheid vom BAFL (Bundes- Kontrolle, wurde über Nacht festgehalten. Als sich
amt für (politische) Flüchtlinge) erhalten zu haben. aber herausstellte, dass er im Rahmen einer politi-
schen Tätigkeit zum ESF reise, sei der Chef der Po-
Herr Sameer fügt darüber hinaus an, dass die Son- lizeistation am Morgen zu ihm gekommen, um sich
dergesetze wie die ‚Residenzpflicht' geradezu Ge- zu entschuldigen. Er habe ihm dann eine Aufent-
setzesüberschreitungen provozieren und die Asyl- haltsgenehmigung für fünf Tage ausgestellt. Herr
bewerberInnen gegen ihren Willen zu Kriminellen Sameer fragt, warum in Frankreich und Deutschland
machen. Das wiederum schüre den Rassismus in eine politische Tätigkeit so anders bewertet wird. Er
der Bevölkerung gegenüber den AsylbewerberInnen, fügt hinzu: „Wenn sie mir nicht die elementaren
weil man so ja seine Vorurteile anscheinend bestä- Rechte zugestehen, dann händigen sie mir wenigs-
tigt findet. Als Beweis zeigt er einen Zeitungsartikel, tens meine Papiere aus, damit ich in einem anderen
der von der Kontrolle berichtet, die Herr Sameer und Land um Asyl bitten kann!“ [Wir werden später se-
Freunde von ihm mitten auf der Autobahn erdulden hen, dass die Richterin, anstatt bestürzt zu sein,
mussten. Die Überschrift des Artikels lautet: „Ein Bus dass ein verzweifelter Mensch in Deutschland keine
voll ausgebüchster Asylanten“ Herr Sameer findet Hilfe bekommt, anscheinend Gefallen an dieser ‚I-
[zu Recht], dass die Asylsuchenden hier wie Tiere dee' der Ausreise findet, und Frau Seidel von der
behandelt werden. Abschließend kommt er auf den Ausländerbehörde danach fragt]
Widerspruch zu sprechen, dass ein demokratisches
Land Gesetze hat, die gegen elementare Grundrech- Im Zusammenhang seiner nächsten Frage benutzt
te, wie z. B. die Bewegungs- und Versammlungsfrei- der RA die Formulierung „rassistische Sondergeset-
heit, verstoßen. Er endet mit den Worten: Natürlich ze“ was sofort einen Zwischenruf des STA zur Folge
sind wir Gäste in diesem Land, und wir respektieren hat: „Wortwahl, bitte!“. Der RA bringt ruhig seine
das Gesetz, aber das Gesetz respektiert uns nicht!“ Frage zu Ende, ob Herr Sameer seinen politischen
Er bittet das Gericht objektiv und gerecht zu ent- Tätigkeiten auch in Gotha nachgehen könnte. Ah-
scheiden. med Sameer antwortet, dass die nächste Gruppe
von „The Voice“ in Jena ist. In Gotha gäbe es für ihn
Richterin Luckert wendet sich an Herrn Sameer nach überhaupt keine Möglichkeit, sich politisch zu betäti-
einigen Minuten peinlicher Stille, weil sie Angst hat gen. Man müsse beachten, dass die Arbeit von „The
noch mal vom RA so angefahren zu werden: „Das Voice“ und auch die palästinensische politische Akti-
war's jetzt?“ vität bundesweit sei. Er habe bei der Ausländerbe-
hörde beantragt, nach Hamburg verlegt zu werden,
weil dort ein ausreichendes Netz von Freunden und
Anschließend befragt Ulrich von Klinggräff (RA) sei-
nen Mandanten zu den Anlässen, aus denen er die politischen Aktivitäten vorhanden sei. Die Auslän-
Residenzpflicht übertreten hat. derbehörde lehnte ab mit dem Hinweis, er könne ge-
gen diese Entscheidung gerichtlich vorgehen. Ah-
med Sameer berichtet, dass er durch die isolierte Si-
Herr Sameer gibt an, am 19. April 2003 in Hof zu tuation in Gotha oft von Verzweiflung überwältigt
dem 10jährigen Jubiläum von „The Voice Refugee wird. Von allen Seiten fühle er sich beobachtet und
Forum“ gefahren zu sein. Da es sich kurzfristig erge- kontrolliert. Der RA reicht der Richterin ein ärztliches
ben habe, blieb keine Zeit, einen ‚Urlaubsschein' zu Attest ein, das sie verliest: Es bestätigt Herrn Sa-
beantragen. [Während er redet, zieht der Staatsan- meers Aussagen. Die Ärztin spricht von einem „de-
walt irgendein Bildchen oder Kärtchen aus seinem pressiven Syndrom“, Herr Sameer sei oft „von To-
Portemonnaie und betrachtet es] desangst getrieben“, was u. a. schwere Schlafstö-
rungen zur Folge habe. Die Ärztin unterstützt die von
Am 14. September hat er gegen das Ausreisezent- Herrn Sameer beantragte Verlegung nach Hamburg,
rum in Fürth protestiert. Und wurde auf der Hin- und weil sie vermutet, dass ein Umfeld aus Freunden
Rückreise kontrolliert. Herrn Sameers Zustand stabilisieren könnte.

Der RA fragt nach, ob er also in Verbindung mit sei- Der RA fragt Herrn Sameer, ob er von Erfahrungen
nen politischen Aktivitäten gegen die „Residenz- mit der Erteilung von „Urlaubsscheinen“ in der Aus-
pflicht“ verstoßen hat. Herr Sameer bejaht. Bis auf länderbehörde Gotha berichten kann. Ahmed Sa-
einmal, als er Verwandte besucht hat, seien seine meer gibt an, dass es Praxis in Gotha ist, dass nur
Beweggründe, um Gotha zu verlassen, immer politi- einmal im Monat ein Urlaubsschein ausgestellt wird.
sche Aktivitäten gewesen. Er führt anschließend aus, Dabei muss man eine Person und Adresse angeben,
dass er die Kontrollen durch die deutsche Polizei oft die man besuchen will. Wenn man einfach nach Je-
für rassistisch hält. Es würde Gesichtskontrollen ge- na fahren will, ohne eine Person zu besuchen, sei
ben. Seine Tante, die seit 18 Jahren in Schweden man also gezwungen zu lügen. Darüber hinaus wer-
lebt, sei dort kein einziges Mal kontrolliert worden, den im Normalfall höchstens drei Tage „Urlaub“ ge-
aber während der einen Woche, die sie ihn in währt, das höchste, von dem er gehört hat, sei eine
Deutschland besucht hat, gleich zwei Mal. Dann Woche. Das sei nicht viel, um beispielsweise seine
Familie zu besuchen. Er bringt das Beispiel eines Der STA führt sinngemäß aus: „Herr Sameer, Ihre
Mannes, dessen gesamte Familie (außer ihm) Asyl politische Tätigkeit in allen Ehren, aber Sie müssen
bekommen hat und in Bonn lebt, an. Wenn er die die Gesetze einhalten, die hier gelten. Natürlich
Familie sehen möchte, muss er einen „Urlaubs- könnte man den alten 68er-Spruch in Betracht zie-
schein“ beantragen, kriegt aber meist nur einen über hen: ‚Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur
drei Tage, was bedeutet, dass er durch die lange Pflicht'. Aber Sie stürzen demokratische Gesetze
Fahrt effektiv einen Tag Zeit mit seiner Familie hat. nicht, indem Sie dagegen verstoßen. Wenn Sie nur
die Urlaubsscheine beantragt hätten, und sie wären
Der RA fragt nach, ob politische Gründe für einen Ihnen verweigert worden, dann hätten wir jetzt eine
„Urlaubsschein“ anerkannt werden. Ahmed Sameer ganz andere Grundlage für diese Gerichtsverhand-
sagt, noch nie persönlich wegen politischen Gründen lung! Engagieren Sie sich auf dem demokratischen,
einen „Urlaubsschein“ beantragt zu haben. [der Bei- politischen Weg für die Abschaffung dieses Geset-
sitzer der STA grinst] Aber aus Berichten anderer zes, die durchaus bedenkenswert ist. Machen Sie ihr
weiß Herr Sameer, dass die Angabe von politischen Anliegen öffentlich.“ Er plädiert für 50 Tagessätzen à
Gründen die Erteilung eines Urlaubsscheins er- 3 Euro.
schwere - wenn nicht gar unmöglich mache. Sogar,
wenn man eine konkrete Einladung vorweisen kann. Ulrich von Klinggräff legt sinngemäß Folgendes dar:
„Sie werden eingestehen, dass Ahmed ein besonde-
Nun stellt der STA Fragen: „Haben sie in den drei rer Angeklagter ist. Er hat nicht versucht, sich her-
Fällen, die hier zur Verhandlung stehen, einen Ur- auszureden. Sie haben von ihm kein Rumgedruckse
laubsschein beantragt?“ Ahmed Sameer: „Nein. Ich gehört. Er lehnt es grundsätzlich ab, ‚Urlaubsschei-
bin ein freier Mensch und lebe in einem freien Land!“ ne' zu beantragen, weil er dieses Sondergesetz für
STA: „Haben sie überhaupt schon einmal einen Ur- AsylbewerberInnen nicht akzeptiert. Mein Mandant
laubsschein beantragt?“ Ahmed Sameer: „Nein. Bis hat verschiedenste Gründe dafür angeführt, u. a. die
auf zwei Mal. Da war ich dazu gezwungen, einen Ur- unerträgliche Länge des Asylverfahrens. Ahmed
laubsschein zu beantragen, weil ich zum BAFL Sameer hat deutlich gemacht, dass er die Sonder-
musste. Und dort wird niemand empfangen, der kei- gesetze mit den Apartheits-Gesetzen in Südafrika
nen Urlaubsschein hat.“ STA: „Keine weiteren Fra- vergleicht, wo die Schwarzen nicht in die Viertel der
gen.“ Weißen durften. Es ist unmöglich, jahrelang an einen
Ort festgebunden zu sein. Insofern greift auch die
Argumentation der Staatsanwaltschaft nicht: Um et-
Nach der Pause wird Frau Seidel von der Auslän-
derbehörde Gotha vom STA befragt: „Wie oft hat was zu erreichen, muss man bestimmte Normen ver-
letzen, das hat nicht zuletzt die Erfahrung von ´68
Herr Ahmed Sameer einen Urlaubsschein bei Ihnen
gezeigt. Dass heute hier so viele Menschen im Pub-
beantragt?“ Seidel (hat seine Akte auf den Knien und
Ahmed nie persönlich gesehen): „Zwei mal“. STA: likum sitzen, zeigt an, dass diese Gesetze ins Inte-
resse der Öffentlichkeit geraten sind. Er führt eine
„Hat er die Urlaubsscheine in diesen Fällen bekom-
men?“ Seidel: „Ja, ohne Probleme.“ STA: „Schildern Großdemo mit 3000 Teilnehmern in Berlin an. Das
Sie uns bitte, wie das Prozedere für einen Urlaubs- Gericht ist sich sicherlich bewusst darüber, dass die-
se Zuschauer als Multiplikatoren in die Gesellschaft
schein abläuft.“ Seidel: „Der Asylbewerber kommt
zum Schalter in der Ausländerbehörde und trägt sei- hinein funktionieren werden. Der Widerstand wird
nen Wunsch vor. Dann bekommt er seinen Urlaubs- nun auch in die Gerichte hinein getragen. Das zeigt
an, dass es von nun an, weniger nullachtfünfzehn-
schein.“ Es gibt angeblich weder Fristen noch Be-
schränkungen. STA: „Kann man auch kurzfristig ei- Verfahren von einer halben Stunde geben wird. Ich
nen Urlaubsschein beantragen?“ Seidel: „Natürlich. denke, alle in diesem Raum wissen, dass ein Asyl-
bewerber natürlich nicht nach Belieben Urlaubs-
Man bekommt ihn ja sofort. Also, wenn sie heute
noch irgendwo hin wollten, könnten sie jetzt den Ur- scheine beantragen und erhalten würde. Und ist
laubsschein beantragen.“ doch allen klar, dass Ahmed Sameer nicht alle zwei
Tage eine Erlaubnis bekommen würde. Die Aussage
von Frau Seidel hat das hier noch einmal bestätigt.
Richterin Luckert: „Könnte Herr Sameer in einem Richtet sich an den SA und sagt, dass diese unge-
anderen Land um Asyl bitten?“ [s. o.] Seidel: „Nein, schriebenen Gesetze über „Urlaubsscheine einmal
die würden ihn sofort nach Deutschland zurückschi- im Monat wohl stimmen, denn (wendet sich zur Rich-
cken, weil er ja hier schon Asyl beantragt hat.“ terin) er ist ja schließlich nur Gast hier. Der Ausdruck
„rassistische Sondergesetze“ war kein verbaler Aus-
Ulrich von Klinggräff (RA): nachdem er ihr geschickt rutscher sondern bewusst gewählt. Und ich weiß
das Gefühl gegeben hat, auf ihrer Seite zu sein (soll mich da in bester Gesellschaft. In Deutschland exis-
heißen: aus freien Stücken hätte sie diese Antwort tiert ein ganzes Gesetzespaket, das die Rechte von
so wahrscheinlich nicht gegeben) „Könnte es sein, AsylbewerberInnen beschneidet.“ Er zitiert aus einer
dass es in der Ausländerbehörde Gotha ein unge- Stellungnahme des UNHCR, des internationalen
schriebenes Gesetz gibt, dass nur einmal im Monat Flüchtlingshilfswerks, das sich besorgt über die
ein Urlaubsschein gewährt wird?“ Seidel: „Das kann „Zwangsinternierung von Flüchtlingen“ äußert, die
sein...“ [!] einmalig in Europa ist um zu zeigen, dass man ihn
nicht in die linksradikale Ecke drängen kann. An-
Es folgen die Plädoyers. schließend nennt er einen weiteren Grund: Sinnge-
mäß: wie mein Mandant schon richtig gesagt hat, e- Die Richterin verkündet das Urteil. Ahmed Sameer
xistiert dieses Gesetz bereits seit mehreren Jahren, wird der Missachtung der räumlichen Beschränkung
es gab jedoch einen Vorläufer, den ich Ihnen vorstel- für schuldig befunden. Sie insistiert auf dem Punkt,
len möchte Er zitiert die Polizeiverordnung von 1938, dass er Urlaubsscheine hätte beantragen können:
deren Wortlaut im Bezug auf „räumliche Beschrän- „In den Fällen, in denen Sie Urlaubsscheine bean-
kung“ dem Wortlaut des Asylverfahrensgesetz sehr tragt haben, haben Sie sie bekommen. Da war es
ähnlich ist. Bis ins Strafmaß hinein gleichen sich die Ihnen auch wichtig, denn Sie fuhren zum BAFL, es
Nazi-Verordnung von 1938 und die der Residenz- ging schließlich um Ihr Asylverfahren.“ Später wen-
pflicht-Paragraph. Er geht noch mal auf den oben det sie sich an Ulrich von Klinggräff: „In einem Punkt
genannten Artikel ein, um die allgemeine Stimmung gebe ich Ihnen Recht, Herr Sameer ist ein besonde-
in Dtl. gegenüber „ausgebüxten Asylanten“ aufzuzei- rer Mensch: Er hat nicht aus privaten Gründen die
gen. Danach erinnert er die Richterin daran, dass es Residenzpflicht verletzt, sondern zu politischen Zwe-
durchaus möglich sei, seinen Mandanten „verfas- cken. Die Menschen, die hier sonst aus ähnlichen
sungsimmanent“ mit Blick auf die Paragraphen 5 und Gründen angeklagt sind, wollen ihre Familie besu-
8 des Grundgesetzes freizusprechen. Man könne ei- chen.“ Sie spricht über die Gewaltentrennung in
nen „übergesetzlichen Notstand“ konstatieren. Er Deutschland zu Ahmed sagt sie, wie zu einem klei-
führt einen Gerichtsurteil an, bei dem ein Asylbewer- nen Kind: “Wir hier in Deutschland...“, ein Gericht
ber, der gegen die Residenzpflicht verstoßen hatte, könne nur nach den gültigen Gesetzen entscheiden,
mit Blick auf das Recht zur freien Religionsausübung dürfe diese aber nicht anzweifeln oder ändern. Sie
freigesprochen wurde. Er schließt mit den Worten: „rät“ ihm doch weiter Kundgebungen zu machen, um
„Aber nachdem, was ich hier gehört habe, mache ich das Gesetz zu ändern, aber das Gericht sei die fal-
mir keine Illusionen über den Ausgang des Verfah- sche Anlaufstelle. Die rhetorische Frage an Ahmed
rens.“ Dazu bin ich Realist genug. Sameer „Wie sie bestrafen?“ beantwortet sie sich
selbst: „50 Tagessätze à 3 Euro.“
Ahmed Sameer wird von der Richterin gefragt, ob er
auch noch etwas sagen möchte. Er sagt, dass er [Anmerkung: Persönliche Kommentare der Protokol-
verwundert ist über den Staatsanwalt, der einen un- lantin in eckigen Klammern]
schuldigen Menschen zu einer Strafe verurteilen will:
„Wie können Sie nachts ruhig schlafen? Wenn ich
hier verurteilt werde, dann weiß ich, dass die Gerich-
te zusammen mit den Behörden daran arbeiten,
Flüchtlinge zu isolieren.“ Er fordert, dass Asylbewer-
bern ein menschenwürdiges Leben ermöglicht wird
und als logische Konsequenz daraus die Abschaf-
fung des Residenzpflichtgesetzes.
RESIDENZPFLICHT ERNEUT VOR GERICHT
PRESSERKLÄRUNG BETR. PROZESS GEGEN DEN PALÄSTINENSISCHEN
MENSCHENRECHTSAKTIVISTEN AHMED SAMEER
WEGEN MEHRMALIGER VERLETZUNG DER RESIDENZPFLICHT

Die Gerichtsverhandlung gegen Ahmed Sameer wurde bislang (August 2007) zweimal verlegt.
Das erste Mal, weil kein Übersetzer anwesend war, das zweite Mal ohne Begründung.

Am Mittwoch, dem 8. Dezember 2004, wurde in die sozialen Bedingungen in den Flüchtlingsheimen
zweiter Instanz vor dem Landgericht Erfurt die An- und -unterkünften aufmerksam, welche die Kriminali-
klage gegen den palästinensischen Menschen- sierung der Flüchtlinge zur Folge hätten. So stellte
rechtsaktivisten Ahmed Sameer wegen mehrmaliger Sameer fest, dass er den gesamten Prozess der A-
Verletzung der Residenzpflicht verhandelt. Dieser sylbewerbung für „eine Form der organisierten Re-
wurde im Juni diesen Jahres vom Amtsgericht Gotha pression gegenüber Flüchtlingen und MigrantInnen“
zu einer Geldstrafe von 150.- Euro bzw. 50 Tagen hielte, die nur der Abschreckung und der Kontrolle
Gefängnis (Tagessätze à 3 Euro) verurteilt. Gegen dienen. Des weiteren zeigte er die willkürliche Ver-
diesen Beschluss hatte der Angeklagte Berufung gabepraxis von Urlaubsscheinen der Ausländerbe-
eingelegt. hörde Gotha auf.

Die Residenzpflicht wurde 1982 im deutschen Asyl- Hierzu wurde Frau Birgitt Seidl, Beamtin an der Aus-
verfahrensgesetz verankert. Danach dürfen Flücht- länderbehörde Gotha, in den Zeugenstand gerufen,
linge, die sich im Asylverfahren befinden, den Land- um raus zu finden, ob die Vergabepraxis der Urlaub-
kreis ihrer Aufnahmeeinrichtung ohne verwaltungs- scheine tatsächlich so restriktiv sei, dass die Ver-
rechtliche Genehmigung, nicht verlassen. Da die sammlungs- und Meinungsfreiheit des Angeklagten
Vergabepraxis dieser Urlaubsscheine mitunter re- damit eingeschränkt werden.
striktiv und willkürlich gehandhabt wird, stellt dieses Bei der Befragung der Zeugin wurde zunehmend
Gesetz eine starke Einschränkung der Bewegungs- klar, dass den Flüchtlingen nur in Ausnahmefällen
freiheit für alle Asylsuchenden dar. Ein ähnliches mehr als einmal im Monat und länger als drei Tage
Gesetz existierte schon 1938. Nach der Ausländer- „Urlaub“ gewährt wird. Klare Weisungsrichtlinien
polizeiverordnung des Reichsgesetzblattes Nr.132, durch das Innenministerium Thüringen bestehen zu-
§1-2, wurden Ausländer, die ihre Landkreise ohne dem nicht.
Genehmigung verließen, zu einer Geldstrafe Da die Zeugin aber nur im Falle der Urlaubsvertre-
und/oder Gefängnis verurteilt. tung die Urlaubsscheine für AsylbewerberInnen be-
arbeitet, entschied die Prozessvorsitzende in Ab-
Der aus Jenin stammende Sameer war 2002 nach sprache mit dem Staatsanwalt und dem Verteidiger
Deutschland gekommen und hatte politisches Asyl Ulrich von Klinggräf den Prozess am Montag, dem
beantragt. Seitdem setzte er sich immer wieder ei- 13. Dezember 2004, fortzuführen, um als weitere
nerseits gegen die Ausgrenzungen von Asylbewer- Zeugen die Hauptverantwortliche der Ausländerbe-
berInnen und Flüchtlingen in Deutschland und ande- hörde Gotha bei der Vergabe von Urlaubsscheinen
rerseits für eine friedliche Lösung des Konfliktes zwi- und betroffene Asylbewerber laden zu können.
schen Israel und Palästina u. a. in Zusammenarbeit
mit israelischen AktivistInnen ein. Nach dem Prozess fand auf dem Domplatz von Er-
furt eine Demonstration gegen Residenzpflicht und
Der Fall Sameer fand Aufmerksamkeit in der Öffent- andere Sondergesetze für Flüchtlinge mit etwa hun-
lichkeit. Etwa 70 Menschen, darunter JournalistIn- dert TeilnehmerInnen aus Berlin, Weimar und Erfurt
nen, waren bei der Verhandlung anwesend. Vor dem statt.
Landgericht Erfurt bestritt Sameer gegenüber der
Vorsitzenden keinen der ihm vorgeworfenen Straf-
tatbestände bezüglich der Residenzpflicht. Auch
machte er gleich zu Beginn des Prozesses unmiss-
verständlich klar, dass er dieses Sondergesetz für
einen Eingriff in die natürlichen und verfassungsmä-
ßigen Rechte der Bewegungs- und Versammlungs-
freiheit hält. Er betonte, dass es ihn bei seiner An-
kunft in Deutschland sehr überrascht habe, solche
restriktiven Bedingungen in dem Land vorzufinden,
in dem er Schutz vor den Lebensverhältnissen in Pa-
lästina unter der israelischen Besatzung gesucht hat-
te. Im weiteren Verlauf des Prozesses machte er auf
„WIR ZAHLEN KEINE STRAFEN“
INTERVIEW MIT AHMED SAMEER ÜBER RESIDENZPFLICHT UND LAGER

Die europaweit nur in Deutschland praktizierte Resi- oder Berlin dagegen weniger. Besonders betroffen
denzpflicht ist ein Paragraph im Asylverfahrensge- sind Flüchtlinge, die isoliert in irgendwelchen Heimen
setz: Sie verbietet es Flüchtlingen für die gesamte im Wald leben und die automatisch die Residenz-
Dauer ihres oft langjährigen Asylverfahrens, ihren pflicht verletzen müssen, sobald sie in eine größere
Landkreis ohne Erlaubnis der Behörden zu verlas- Stadt fahren. Regelmäßig werden auch Flüchtlinge
sen. Flüchtlingsselbstorganisationen kämpfen schon bei politischen Aktionen kontrolliert. Das macht die
seit langem gegen die Residenzpflicht. Ahmed Sa- Flüchtlingsselbstorganisierung so schwierig – viele
meer von The Voice Refugee Forum wurde Ende haben einfach Angst.
2004 in einem aufsehenerregenden Prozess in Erfurt
wegen mehrmaligem Verstoß gegen die Residenz- Ist es ausschließlich die Residenzpflicht, die die
pflicht freigesprochen. Sein Anwalt konnte nachwei- Leute am Verlassen ihres Heim hindert?
sen, dass die für Ahmed Sameer zuständige Aus-
länderbehörde Reiseerlaubnisse kaum oder nur will- Nein, da kommt vieles zusammen: Du bist offiziell
kürlich erteilt(e). Derzeit klagen Sunny Omwenyeke verpflichtet, im Lager zu leben, selbst wenn du in der
und Cornelius Yufanyi – beide Aktivisten von The Wohnung von Freunden unterkommen könntest.
Voice – vor dem Europäischen Gerichtshof gegen Manche Heimleitungen setzen das auch ziemlich
die Residenzpflicht. strikt durch. Die meisten Flüchtlinge kriegen außer-
dem kein Bargeld, sondern Essensgutscheine, sie
Wie stark beeinflusst die Residenzpflicht das all- können also nur in bestimmten Läden in ihrer Region
tägliche Verhalten von Flüchtlingen? einkaufen. Arbeiten dürfen sie sowieso fast nicht,
wenn überhaupt nur ein paar Stunden pro Woche für
Sehr stark! In meinem Heim in Waltershau- 1 Euro/h in ihrem Heim.
sen/Thüringen gibt es viele Leute, die haben den
Landkreis seit 2 oder 3 Jahren nicht mehr verlassen. Was steckt hinter der Residenzpflicht?
Ihre Hauptangst ist, dass ihr Asylverfahren durch ei-
ne Residenzpflichtstrafe negativ beeinflusst werden Die Behörden wollen, dass sie dich immer auffinden
könnte. Die heute werden verrückt davon. können. Du sollst in deinem Lager warten, bis sie
kommen und dich abschieben!
Aber was ist mit Flüchtlingen wie dir, die oft her-
umreisen oder gar nicht permanent in ihrem Wie sieht eurer Kampf gegen die Residenzpflicht
Heim leben – haben die auch noch Angst? aus?

Oh ja! Immer das Gesetz zu brechen, sobald du dich Uns geht es um Bewegungsfreiheit als prinzipielles
außerhalb deines Landkreises bewegst, ist eine Menschenrecht. Jeder Mensch hat das Recht, sich
ziemlich anstrengende Sache. Auch mir wird oft un- dort aufzuhalten, wo immer er möchte. Wir beantra-
wohl, wenn ich die Polizei sehe, mein Herz klopft gen keine Reiseerlaubnisse und Strafen zahlen wir
dann schneller. Viele Flüchtlinge treffen Extra- auch nicht. Notfalls gehen wir ins Gefängnis und sit-
Vorbereitungen für ihre Reisen: Sie ziehen sich be- zen unsere Strafe ab – so wie Sunny Omwenyeke
sonders ordentlich an, nehmen eine Zeitung oder ein von The Voice im Dezember 2004.
Buch mit und verlassen den Bahnhof nach ihrer An-
kunft möglichst zielstrebig – nur um nicht kontrolliert Vielen Dank für das Gespräch!
zu werden.

Kannst du die Kontrollen genauer beschreiben?

Es handelt sich ausschließlich um rassistische Kon-


trollen. Die Polizei kontrolliert nur Leute, die nicht-
deutsch aussehen oder sprechen. Ich bin einmal mit-
ten in der Nacht von Zivilpolizisten auf einer Auto-
bahnraststätte kontrolliert worden. Sie konnten uns
nicht richtig sehen, haben aber gehört, dass wir ara-
bisch sprechen.

Wie oft finden Kontrollen statt?

Das ist sehr unterschiedlich. In Magdeburg oder


München wird sehr intensiv kontrolliert, in Hamburg
AMTSGERICHT GOTHA
EINSTELLUNG DES VERFAHRENS

Amtsgericht Gotha 99867 Gotha, den 06.08.2007


Justus – Perthes – Straße 2

940 Js 17749/05 92 Ds Telefon: 03621/215 - 290


Geschäftsnummer bitte stets angeben Telefax: 03621/215100

Herrn Rechtsanwalt Ihr Zeichen: UK 122/2005


Ulrich von Klinggräff
Bankverbindung:
Yorckstr. 80 Postbank Frankfurt
10965 Berlin BLZ: 500 100 60
Konto: 585384604

In Sachen:
Samir Ahmed Al-Husseini, Ahmed

Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt von Klinggräff,

in dem Strafverfahren gegen Samir Ahmed Al-Husseini, Ahmed beabsichtigt das Gericht mit Zustimmung der
Staatsanwaltschaft Erfurt das Verfahren wegen geringer Schuld einzustellen gemäß § 153 Abs. 2 StPO.

Für den Fall der Einstellung trägt die Staatskasse die Kosten des Verfahrens.
Die notwendigen Auslagen des Angeklagten hat der Angeklagte selbst zu tragen.

Bei einer Einstellung des Verfahrens ist der Angeklagte wegen dieser Sache nicht vorbestraft.

Sollten Sie nicht innerhalb von 2 Wochen Ihre Zustimmung zu der erwogenen Einstellung schriftlich erklären,
muss das Gericht davon ausgehen, dass Sie mit der Einstellung nicht einverstanden sind.
Das Verfahren nimmt dann seinen Fortgang.

Mit freundlichen Grüßen

Luckhardt
Richterin am Amtsgericht.

Beglaubigt:

Schapell, Justizangestellte
Urkundsbeamte der Geschäftsstelle.
SUNNY OMWENYEKE
GEFÄNGNISSTRAFE WEGEN RESIDENZPFLICHT
KLAGE VOR EUROPÄISCHEM GERICHTSHOF FÜR MENSCHENRECHTE

Bremen. Sunny Omwenyeke, Menschenrechtsaktivist aus Nigeria und Aktivist der Karawane für die Rechte
der Flüchtlinge und MigrantInnnen aus Bremen, muss voraussichtlich wegen eines Verstoßes gegen die Resi-
denzpflicht ins Gefängnis. Er erhielt eine Aufforderung zum Haftantritt in der JVA Oslebshausen für den
9.12.2004.

Der ganze Fall begann im Jahre 2000, als die Aus- gen die Bundesrepublik Deutschland vor dem Euro-
länderbehörde Wolfsburg es verweigerte, Omweny- päischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straß-
eke eine Reiseerlaubnis für einen Flüchtlings- und burg ein.
MigrantInnenkongress in Jena auszustellen, an des-
sen Vorbereitung Omwenyeke zentral beteiligt war. Sunny Omwenyeke, der nigerianische Menschen-
Der inzwischen anerkannte politische Flüchtling rechtsaktivist der Karawane für die Rechte der
konnte kein Verständnis für diesen Akt willkürlicher Flüchtlinge und MigrantInnen wurde am Dienstag
politischer Zensur aufbringen und fuhr trotzdem nach den 21.12.2004 aus dem Gefängnis in Bremen Os-
Jena. Auf dem Weg dorthin kontrollierte die Polizei lebshausen entlassen.
seinen Ausweis. Deswegen erhielt er später eine
Geldbuße, die Omwenyeke mit Verweis auf den dis- Vergangenes Jahr wurde er vom Amtsgericht Bre-
kriminierenden Charakter der Residenzpflicht nicht
men wegen Verletzung der Residenzpflicht zu 15
bezahlte. Stattdessen initiierte er mit anderen Flücht- Tagessätzen verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Bre-
lingen von The VOICE Refugee Forum und der Ka- men hatte hierzu ein bereits vom Wolfsburger Amts-
rawane eine Kampagne des zivilen Ungehorsams
gericht eingestelltes Verfahren erneut aufgerollt. Der
gegen die Residenzpflicht. inzwischen als asylberechtigt anerkannte Sunny
Omwenyeke war Asylbewerber in Wolfsburg, wo sich
„Wir werden so lange vor Gericht gegen diese Stra- die Ausländerbehörde im Jahr 2000 geweigert hatte
fen klagen, bis die Residenzpflicht abgeschafft wird“, ihm eine Reiseerlaubnis zu erteilen, um zu dem
so Omwenyeke. Seitdem gibt es eine Reihe von Flüchtlingskongress nach Jena zu fahren. Sunny, an
Klagen vor verschiedenen Amtsgerichten gegen die der Vorbereitung des Flüchtlingskongresses maß-
Residenzpflicht. In Omwenyekes Fall, der inzwi- geblich beteiligt, fuhr trotzdem und geriet in eine Po-
schen an der International University of Bremen In- lizeikontrolle. Das brachte ihn jetzt, mehr als vier
ternational Relations studiert, hat die Bremer Staats- Jahre später ins Gefängnis.
anwaltschaft ein vom Wolfsburger Amtsgericht be-
reits eingestelltes Verfahren erneut aufgegriffen, und
Nach 12 Tagen im Gefängnis gehörte Sunny Omwe-
dies zu einem Zeitpunkt, als Omwenyeke längst als nyeke zu den Gefangenen, denen die Behörden eine
politischer Flüchtling anerkannt war.
Weihnachtsamnestie gewährten. Er hatte sich am
10. Dezember freiwillig zum Antritt der Haft einge-
Nach mehreren Verhandlungstagen wurde er am funden. Das Bundesverfassungsgericht hatte sich im
9.10.2003 erneut zu einer Geldstrafe verurteilt, doch Juni dieses Jahres für nicht zuständig erklärt, sich
Omwenyeke ging in Berufung. Inzwischen hat sich mit dem Fall zu beschäftigen. Obwohl Sunny Omwe-
jedoch auch das Bundesverfassungsgericht ohne nyeke eine Klage bei dem Europäischen Menschen-
Angabe triftiger Gründe für nicht zuständig erklärt - rechtsgerichtshof eingereicht hat, bestanden Bre-
alle bundesdeutschen Rechtsmittel sind ausge- mens Behörden auf der Vollziehung der Strafe, noch
schöpft. „Ich kann unmöglich eine Strafe für ein solch bevor das Gericht in Strasbourg ein Urteil in der Sa-
diskriminierendes Gesetz bezahlen, es ist mit mei- che fällt. Deshalb lief am 10. Dezember die Frist aus,
nen Prinzipien nicht vereinbar - ich gehe lieber auf- bis zu der Sunny Omwenyeke die Strafe zu beglei-
richtig ins Gefängnis, als mich zu beugen. Kein an- chen hatte.
deres sich demokratisch nennendes Land auf der
Welt hat ein solches Gesetz. Lediglich die Passge- Sunny Omwenyeke hatte sich geschworen, niemals
setze aus Südafrika zu Zeiten der Apartheid waren
eine Strafe für einen Verstoß gegen ein Gesetz, das
vergleichbar, aber die wurden glücklicherweise ab- den Bewegungsradius eines Flüchtlings auf einen
geschafft“, meint der Karawane-Aktivist Omwenyeke. bestimmten Landkreis einschränkt, zu bezahlen. An-
Der Haftantrittsbefehl liegt inzwischen vor und Om-
statt die 15 Tagessätze zu 7,50 € zu bezahlen, ent-
wenyeke ist bereit, am Freitag den 10. Dezember die schied er sich, die 15 Tage als Protest gegen dieses
Haftstrafe anzutreten.
Gesetz einzusitzen.

Gegen diese Menschenrechtsverstöße Deutschlands


Als Sunny Omwenyeke zur allgemeinen frohen Ü-
reicht Omwenyeke derzeit zusammen mit einem in- berraschung auf der Demonstration gegen die Resi-
ternationalen Team von AnwältInnen eine Klage ge-
denzpflicht und zu seiner Unterstützung persönlich Akt ihrer Karrieren ansehen, ruhig dazu auf, mehr
erschien, nutzte er die Gelegenheit, allen Unterstüt- Anklagen und Verurteilungen vorzubringen, wenn sie
zerInnen zu danken und betonte: „Diese Inhaftierung es für nötig befinden.“ Er betonte, dass er den Schritt
ist ein Zeichen, dass Flüchtlinge in Deutschland ent- ins Gefängnis gegangen zu sein, keines Falles be-
schlossen sind, für ihr Recht auf Bewegungsfreiheit reue. „Die Behörden Bremens und Deutschlands ha-
einzutreten, selbst wenn es Opfer wie Inhaftierung ben es geschafft, vor der Weltöffentlichkeit ihre
fordert.“ er betonte die Notwendigkeit, im Kampf für schmutzige Wäsche zu waschen, indem sie ein Ge-
Bewegungsfreiheit von Flüchtlingen niemals nach- setz, das seine Wurzeln im deutschen Kolonialismus
zugeben und sich nicht durch Rassismus, Diskrimi- und im Nationalsozialismus hat, das AusländerInnen
nierung und Ungerechtigkeit einschüchtern zu las- in ihren Bewegungsmöglichkeiten einschränkt, bei-
sen. „Ich fordere die übereifrigen Staatsanwälte und behalten und ausführen.“
Richter, die meine Bestrafung als den wichtigsten
GASTON EBUA
WOHNSITZAUFLAGE DER STADT DARMSTADT
FÜR GASTON EBUA
ZUSAMMENFASSUNG DER AUFENTHALTSRECHTLICHEN SITUATION UND
STAND DES VERFAHRENS - 16.07.2007

Herr Ebua wurde im Jahr 2000 von dem Bundesamt schwerden, wurde die Verlängerung in das AZR ein-
für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge nach getragen.
§ 51 Abs. 1 AuslG als Flüchtling anerkannt und ihm
wurde eine Aufenthaltsbefugnis zunächst mit einer Als Herr Ebua sich schon zum Studium in London
Wohnsitzauflage für Jena erteilt; diese Wohnsitzauf- aufhielt, fand die mündliche Verhandlung in dem
lage wurde später wieder aufgehoben. Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht Darm-
stadt über die Rechtmäßigkeit der von der Stadt
Herr Ebua siedelte daraufhin nach Darmstadt über. Darmstadt verfügten Wohnsitzauflage statt. In die-
Dort wurde bei der Verlängerung der Aufenthaltsbe- sem Verfahren brachte der Richter – wie auch schon
fugnis am 14.08.2002 eine Wohnsitzauflage für die in dem vorhergehenden Schriftwechsel – zum Aus-
Stadt Darmstadt verhängt, da Herr Ebua Sozialhilfe druck, dass sich seiner Auffassung nach das Verfah-
bezog. ren erledigt habe, da Berlin in eigener Kompetenz
die Aufenthaltsbefugnis verlängert habe, Herrn Ebua
Gegen diese Wohnsitzauflage legte Herr Ebua Wi- Sozialhilfe gewähre und somit zuständig geworden
derspruch ein und erhob Klage, als diesem nicht ab- sei. Die von der Ausländerbehörde Berlin verhängte
geholfen wurde. Da nicht die sofortige Vollziehbar- neue Wohnsitzauflage sei sehr wahrscheinlich
keit der Wohnsitzauflage angeordnet worden war, rechtswidrig, aber in jedem Fall separat und nicht in
hatten Widerspruch und Klage aufschiebende Wir- dem Verfahren um die alte Wohnsitzauflage an-
kung. Aus diesem Grund zog Herrn Ebua im Jahr zugreifen.
2003 nach Berlin und beantragte dort Sozialhilfe, die
auch bewilligt wurde. Während seines Aufenthalts in Daraufhin erklärten Herr Ebua und die Ausländerbe-
Berlin und während des laufenden Klageverfahrens hörde Darmstadt in der mündlichen Verhandlung am
lief die Aufenthaltsbefugnis aus; sie wurde durch die 01.03.2005 das Verfahren für erledigt und Herr Ebua
Ausländerbehörde Berlin am 12.08.2004 um zwei stellte das Verfahren auf eine Fortsetzungsfeststel-
Jahre verlängert. Die Ausländerbehörde Berlin han- lungsklage um.
delte dabei nicht in Amtshilfe für die Stadt Darm-
stadt, wie aus dem Schriftverkehr zwischen den Aus- Das Verwaltungsgericht Darmstadt entschied durch
länderbehörden hervor geht, sondern in eigener Zu- Urteil vom 15.03.2005, dass sich das Verfahren um
ständigkeit. die Wohnsitzauflage erledigt habe, weshalb die
Forstsetzungsfeststellungsklage zulässig sei, dass
Die Ausländerbehörde Berlin verfügte mit der Ver- diese jedoch unbegründet sei, da die Wohnsitzaufla-
längerung der Aufenthaltsbefugnis erneut eine ge rechtmäßig gewesen sei.
Wohnsitzauflage für die Stadt Darmstadt; gegen die-
se neue Wohnsitzauflage vom 12.08.2004 legte Herr Dieses Urteil griff Herr Ebua mit einem Antrag auf
Ebua ebenfalls Widerspruch ein. Über diesen Wider- Zulassung der Berufung beim VGH Kassel an, der
spruch ist bis heute nicht entschieden und aus die- am 17.08.2006 abgewiesen wurde. Mit dieser Ab-
sem Grund erhob Herr Ebua Untätigkeitsklage bei weisung wurde das Urteil des Verwaltungsgerichtes
dem Verwaltungsgericht Berlin. Darmstadt rechtskräftig. Herr Ebua erhob gegen den
Beschluss des VGH Kassel Verfassungsbeschwer-
Einige Zeit später erteilte die Ausländerbehörde Ber- de; eine Entscheidung über diese ist noch nicht er-
lin ebenfalls in eigener Zuständigkeit Herrn Ebua die folgt und auch nicht absehbar.
Erlaubnis, zu Studienzwecken in London das Bun-
desgebiet länger als sechs Monate zu verlassen. Im Berufungszulassungsverfahren stellte sich die
Ausländerbehörde Darmstadt weiter auf den Stand-
Obwohl die Ausländerbehörde Berlin die Aufent- punkt, dass sich die alte Wohnsitzauflage erledigt
haltsbefugnis von Herrn Ebua verlängert hatte, wur- habe und Berlin zuständig sei. Die Ausländerbehör-
de diese Verlängerung jedoch nicht – trotz vielfacher de Berlin legte sich bezüglich der Zuständigkeit nicht
Anträge - im AZR (Ausländerzentralregister) einge- fest. Im Rahmen eines Zuständigkeitsklärungsver-
tragen. Dies führte dazu, dass Herr Ebua zwei Mal fahrens, das von Herrn Ebua am 09.03.2006 einge-
(einmal am 31.05.2005 und einmal am 26.10.2005) leitet worden war, stellte sich die Ausländerbehörde
im Flughafen Berlin Schönefeld bei der Ausreise Berlin auf den Standpunkt, dass die Ausländerbe-
festgenommen wurde, da seine Aufenthaltsbefugnis hörde Darmstadt die örtlich zuständige Ausländer-
im AZR als nicht verlängert eingetragen war. Erst im behörde sei. Die Ausländerbehörde Berlin argumen-
Frühjahr 2006, nach mehreren Dienstaufsichtsbe- tierte, dass die Übersiedlung von Herrn Ebua nach
Berlin während der aufschiebenden Wirkung, die die diesen Vorschlag ab, was dafür spricht, dass es der
Rechtsbehelfe gegen die Wohnsitzauflage hatten, Ausländerbehörde nicht nur um den Sozialhilfebezug
rechtmäßig gewesen sei, dass nach rechtskräftigem von Herrn Ebua ging und geht.
Abschluss des Verfahrens gegen die Wohnsitzaufla-
ge jedoch wieder Darmstadt zuständig sei, da sich Über diesen einstweiligen Rechtsschutzantrag wurde
die Wohnsitzauflage gerade nicht erledigt habe. Die vom Verwaltungsgericht Berlin nicht innerhalb der
Wohnsitzauflage bleibe so lange in Kraft, bis sie Rückmeldefrist für Herrn Ebua entschieden, obwohl
nach § 44 Abs. 6 AuslG (bzw. die entsprechenden Herr Ebua dargelegt hatte, dass er sich bis zu einem
Regelung im AufenthG) ausdrücklich aufgehoben bestimmten Datum an der Universität zurück melden
worden sei. Da die Wohnsitzauflage nicht aufgeho- musste und dies auch persönlich geschehen musste.
ben worden sei, sei die Erledigterklärung ein „Fehler“ Nach Ablauf der Rückmeldungsfrist schlug das Ver-
gewesen, der jedoch nichts daran ändere, dass die waltungsgericht der Ausländerbehörde mehr oder
Wohnsitzauflage weiter für Herrn Ebua gelte. Dieser weniger offen vor, diese sollte doch den Antrag auf
Auffassung schloss sich dann am 14.06.2006 die Verlängerung der Aufenthaltsbefugnis ablehnen,
Stadt Darmstadt an; obwohl diese bis dahin stets denn dann würde auch die Fiktionswirkung des Ver-
sowohl in dem Verfahren vor dem Verwaltungsge- längerungsantrages entfallen. Daraufhin stellte Herr
richt Darmstadt als auch vor dem VGH Kassel, mas- Ebua einen Befangenheitsantrag gegen den zustän-
siv das Gegenteil vertreten hatte. digen Richter, der zurückgewiesen wurde. Die Aus-
länderbehörde Berlin lehnt den Antrag auf Verlänge-
Vor dem Ablauf der Aufenthaltsbefugnis im August rung - wie vom Verwaltungsgericht angeregt - wegen
2006 beantragte Herr Ebua am 15.06.2006 die Ver- Unzuständigkeit ab, womit die Fiktionswirkung des
längerung der Aufenthaltsbefugnis als Aufenthaltser- Antrages entfallen war. Gleichzeitig wies die Auslän-
laubnis bei der Ausländerbehörde Berlin. Die Aus- derbehörde Herrn Ebua darauf hin, dass er sich
länderbehörde teilte mit, dass die Aufenthaltsbefug- strafbar mache, wenn er sich ohne den erforderli-
nis nicht verlängert werde, da die Ausländerbehörde chen Aufenthaltstitel im Bundesgebiet aufhalte. Herr
Berlin nicht zuständig sei. Darauf stellte Herr Ebua Ebua wies die Ausländerbehörde darauf hin, dass
einen einstweiligen Rechtsschutzantrag beim Ver- die Strafbarkeit davon abhängt, dass der Betreffende
waltungsgericht Berlin auf Erteilung einer Fiktionsbe- vollziehbar ausreisepflichtig sei, was Herr Ebua auf-
scheinigung sowie Verlängerung der Aufenthaltsbe- grund seiner Flüchtlingsanerkennung nicht sei. Eine
fugnis, da er sein Studium in London fortsetzen woll- Antwort erfolgte auf diesen rechtlichen Einwand
te und sich dafür bis spätestens September 2006 zu- nicht.
rückmelden musste. Der einstweilige Rechtsschutz-
antrag wurde damit begründet, dass sich die alte, Gegen die Ablehnung des Antrages auf Verlänge-
von der Stadt Darmstadt erteilte Wohnsitzauflage er- rung der Aufenthaltserlaubnis erhob Herr Ebua er-
ledigt habe, weshalb daraus keine Zuständigkeit für neut Klage.
die Stadt Darmstadt abgeleitet werden könne und
sich die Zuständigkeit somit nach dem gewöhnlichen Der einstweilige Rechtsschutzantrag wurde aus for-
Aufenthalt von Herrn Ebua richte; in jedem Falle sei malen Gründen abgelehnt, lediglich wurde festge-
jedoch die Wohnsitzauflage durch die Erklärung in
stellt, dass Herr Ebua einen Anspruch auf Erteilung
der mündlichen Verhandlung durch den Vertreter der einer Fiktionsbescheinigung für die Zeit hatte, in der
Ausländerbehörde Darmstadt ausdrücklich bzw. die Ausländerbehörde über den Verlängerungsan-
konkludent aufgehoben worden, es sei rechtsmiss-
trag noch nicht entschieden hatte. Über den darauf
bräuchlich, dass sich die Ausländerbehörde Darm- hin neu gestellten einstweiligen Rechtsschutzantrag
stadt erst auf die Erledigung berufe und nach über hat das Verwaltungsgericht bisher nicht entschieden.
einem Jahr ihre Rechtsauffassung ändere und das
Gegenteil vertrete. Schließlich führte Herr Ebua aus,
dass selbst wenn die alte Wohnsitzauflage noch für Parallel zu dem Verfahren in Berlin um die Verlänge-
Herrn Ebua bindend sein sollte, die Ausländerbehör- rung der Aufenthaltserlaubnis erhob Herr Ebua bei
de Berlin deshalb zuständig sei, weil Herrn Ebua seit dem Verwaltungsgericht Darmstadt eine Feststel-
2003 durchgehend Sozialhilfe gewährt würde und er lungsklage und stellte einen einstweiligen Rechts-
inzwischen seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in schutzantrag mit dem Ziel, festzustellen, dass die
Berlin hätte, dessen Aufgabe ihm nicht zuzumuten Stadt Darmstadt nicht für Herrn Ebua zuständig ist.
sei; diese faktische Bindung an Berlin sei stärker als Er argumentierte, - wie auch schon vor dem Verwal-
die Bindung an Darmstadt durch die Wohnsitzaufla- tungsgericht Berlin - damit, dass sich die Wohnsitz-
ge. auflage erledigt habe bzw. in jedem Fall in der münd-
lichen Verhandlung damals von der Ausländerbe-
hörde Darmstadt ausdrücklich bzw. konkludent auf-
Schließlich machte Herr Ebua der Ausländerbehörde gehoben worden sei. Weiter legte Herr Ebua dar,
Berlin einen Vergleichsvorschlag, dass er sich um
dass er ein Rechtsschutzbedürfnis habe, da die Aus-
eine Unterstützung durch Freunde und Freundinnen länderbehörde Darmstadt ihn ausdrücklich aufgefor-
bemühen würde und damit nicht mehr auf Sozialhilfe dert hatte, sich in Darmstadt anzumelden, d.h. sei-
angewiesen sei. Damit wäre das Argument der Aus-
nen Wohnsitz wieder nach Darmstadt zu verlegen.
länderbehörde Berlin, dass der Aufhebung der Der einstweilige Rechtsschutzantrag wurde wegen
Wohnsitzauflage der Sozialhilfebezug entgegenste- angeblich fehlendem Rechtsschutzbedürfnis abge-
he, entfallen. Trotzdem lehnte die Ausländerbehörde
lehnt; einer Beschwerde gegen diesen Beschluss Flüchtlinge:
half der VGH Kassel nicht ab.
UNHCR: Deutschland bricht Völker- und Europa-
Herr Ebua bezieht seit 2003 durchgehend Sozialhilfe recht
bzw. ALG II von Berlin. In dem AZR ist Berlin seit
Das UNHCR mahnt Verhältnismäßigkeit an
2006 als Akten führende Behörde eingetragen und
dieser Eintrag ist bis heute nicht geändert worden. Von Stephan Löwenstein, Berlin, 10. August 2007

Zurzeit ist also vor dem Verwaltungsgericht Berlin Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen
eine Klage gegen die Ablehnung der Verlängerung (UNHCR) wirft deutschen Behörden vor, Völkerrecht
der Aufenthaltsbefugnis von Herrn Ebua anhängig, und Europarecht zu brechen. Auflagen, die Flücht-
ein einstweiliger Rechtsschutzantrag in der gleichen lingen die freie Wahl des Wohnsitzes verwehrten,
Angelegenheit und eine Untätigkeitsklage bzgl. des wenn sie Sozialleistungen beziehen, verstießen ge-
Widerspruchs gegen die von der Ausländerbehörde gen die Genfer Flüchtlingskonvention, die Europäi-
verfügte Wohnsitzauflage. sche Menschenrechtskonvention und EU-Recht, teil-
te das UNHCR am Freitag in Berlin mit. Die Maß-
Zugleich hat sich Herr Ebua an den UNHCR in Berlin nahmen seien „unvereinbar mit dem Völker- und
gewandt. Als anerkannter Flüchtling ist der UNHCR dem Europarecht“.
für Herrn Ebua zuständig. Der UNHCR hat sich in
der Angelegenheit von Herrn Ebua an die Auslän- http://www.faz.net/s/Rub8ABC7442D5A84B9290181
derbehörde gewandt, eine Antwort ist noch nicht 32D629E21A7/Doc~EEEC11516A9B54E3E9A75A0
eingetroffen. 4845118872~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Antonia v. d. Behrens Verstoß gegen Flüchtlingskonvention


Rechtsanwältin
Karl-Marx-Straße 30 UNHCR: Deutschland verletzt das Völkerrecht
12043 Berlin
Tel: 030 / 629 877 20 Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) hat
Fax: 030 / 629 877 25 Deutschland einen Verstoß gegen das Völkerrecht
www.behrens-boehlo.de vorgeworfen. Flüchtlinge und Ausländer, die aus
buero@behrens-boehlo.de menschenrechtlichen Gründen vor Abschiebung ge-
schützt werden, müssten ihren Wohnort frei wählen
können, erklärte die Organisation in Berlin. Sie kriti-
sierte die Praxis deutscher Behörden, den betroffe-
nen Personen die freie Wahl des Wohnsitzes zu
Press Links: verweigern, wenn sie öffentliche Sozialleistungen
Scharfe Kritik von UN beziehen.

Freitag, 10. August 2007 http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,


Berlin bricht Völkerrecht OID7270068_TYP6_THE_NAV_REF1BAB,00.html

Die Vereinten Nationen haben Deutschland wegen UN werfen Deutschland Bruch des Völkerrechts
unzulässiger Auflagen für anerkannte Flüchtlinge ei- vor
nen Bruch des Völkerrechts vorgeworfen. Flüchtlinge
und Ausländer, die aus menschenrechtlichen Grün- Auflagen für Flüchtlinge widersprechen nach Ansicht
den vor Abschiebung geschützt werden, müssten ih- des Hilfswerks UNHCR der Genfer Konvention
ren Wohnort frei wählen können, erklärte das UN-
Flüchtlingskommissariat (UNHCR) in einer Stellung- Die Vereinten Nationen haben Deutschland wegen
nahme. Die Praxis deutscher Behörden, den betrof- unzulässiger Auflagen für anerkannte Flüchtlinge ei-
fenen Personen die freie Wahl des Wohnsitzes zu nen Bruch des Völkerrechts vorgeworfen. Asylbe-
verweigern, wenn sie öffentliche Sozialleistungen rechtigte Flüchtlinge und Ausländer, die aus men-
beziehen, sei "unvereinbar mit dem Völker- und Eu- schenrechtlichen Gründen vor Abschiebung ge-
roparecht", hieß es. Dies verstoße gegen die Genfer schützt werden, müssten ihren Wohnort frei wählen
Flüchtlingskonvention (GFK) und andere Menschen- können, erklärte das UN- Flüchtlingskommissariat
rechtsverträge wie die Europäische Menschen- (UNHCR) in einer am Freitag in Berlin veröffentlich-
rechtskonvention (EMRK) sowie gegen EU-Recht. ten Stellungnahme.

http://www.n-tv.de/837810.html http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell
/?sid=7fd69db899520d52740a217289717401&em_c
nt=1189315
Flüchtlingspolitik: Aufenthaltsbeschränkende Maßnahmen für
Flüchtlinge aufheben
UNO wirft Deutschland Verstoß gegen Völker-
recht vor Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) appelliert
an Innenminister von Bund und Ländern, aufent-
Wer in Deutschland als Flüchtling anerkannt ist, haltsbeschränkende Maßnahmen für anerkannte
kann sich noch lange nicht einen Wohnsitz seiner Flüchtlinge aufzuheben.
Wahl aussuchen. Das übernehmen meist die Behör-
den. Das UN-Flüchtlingskommissariat hält das für http://www.unhcr.at/aktuell/einzelansicht/browse/17/a
völkerrechtswidrig. rticle/31/aufenthaltsbeschraenkende-massnahmen-
fuer-fluechtlinge-aufheben.html
Die Vereinten Nationen haben Deutschland wegen
unzulässiger Auflagen für anerkannte Flüchtlinge ei-
nen Bruch des Völkerrechts vorgeworfen. Flüchtlinge
und Ausländer, die aus menschenrechtlichen Grün- Aussenpolitik
den vor Abschiebung geschützt werden, müssten ih-
ren Wohnort frei wählen können, erklärte das UN-
10.08.2007
Flüchtlingskommissariat (UNHCR) in einer heute
veröffentlichten Stellungnahme. Die Praxis deutscher
Behörden, den betroffenen Personen die freie Wahl UNHCR wirft Deutschland Völkerrechtsbruch vor
des Wohnsitzes zu verweigern, wenn sie öffentliche
Sozialleistungen beziehen, sei "unvereinbar mit dem Berlin (dpa) - Die Vereinten Nationen haben
Völker- und Europarecht", hieß es. Dies verstoße Deutschland wegen unzulässiger Auflagen für aner-
gegen die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) und kannte Flüchtlinge einen Bruch des Völkerrechts
andere Menschenrechtsverträge wie die Europäi- vorgeworfen. Flüchtlinge und Ausländer, die aus
sche Menschenrechtskonvention (EMRK) sowie ge- menschenrechtlichen Gründen vor Abschiebung ge-
gen EU-Recht. schützt werden, müssten ihren Wohnort frei wählen
können.
http://www.zeit.de/news/artikel/2007/08/10/2355202.
xml

UNO rüffelt Deutschland

Vereinte Nationen fordern freie Wahl des Wohnsit-


zes für Flüchtlinge. BRD-Praxis der Beschränkung
unvereinbar mit internationalem und europäischem
Recht

Von Dirk Burczyk

http://www.jungewelt.de/2007/08-11/059.php
PERSPEKTIVEN
In der Ära der Apartheid und ihrer Abschaffung infol- Gegen Cornelius Yufanyi, einen der führenden Akti-
ge einer Reihe von Verhandlungen in den Jahren visten gegen dieses Gesetz gilt noch immer ein
1990 bis 1993, die schließlich zu den demokrati- Haftbefehl von 2005. Er sowie ein anderer Aktivist
schen Wahlen 1994 in Südafrika geführt haben, von The VOICE Refugee Forum, Sunny Omwenye-
kämpfte der afrikanische Kontinent gegen Kolonia- ke, der wegen dieses Gesetzes inhaftiert war, warten
lismus und für Unabhängigkeit. Es war ein Kampf um noch immer auf die Entscheidung des Europäischen
Grund- und Geburtsrechte und für die Anerkennung Gerichtshofs in Straßburg.
der Schwarzen Afrikaner als Menschen wie andere
auch. Heute wird in Deutschland der Kampf gegen Wir wollen alle uns möglichen Mittel nutzen, um die-
die Residenzpflicht von Flüchtlingen und MigrantIn- ses Gesetz anzuprangern, dagegen zu protestieren
nen seit Jahren aus den gleichen Gründen geführt. und für seine Abschaffung zu kämpfen und rufen
Dies hat zur Kriminalisierung und Inhaftierung von euch dazu auf, euch uns entschlossen anzuschlie-
vielen Flüchtlingsaktivisten in Deutschland geführt. ßen in unserem Streben, das Gesetz durch zivilen
Dennoch hatten wir den Erfolg, unsere Klage gegen Ungehorsam, der nunmehr schon sieben Jahre an-
Deutschland vor den europäischen Menschen- hält, zu überwinden.
rechtsgerichtshof gebracht zu haben. Dabei wurden
wir von Organisationen wie Pro Asyl und Menschen- Momentan suchen wir ähnliche Fälle von Widerstand
rechtsanwälten unterstützt. Unser Hauptziel ist die gegen dieses Gesetz zur Dokumentation und zur
Abschaffung dieses Gesetzes und anderer Sonder- Stärkung des Widerstands und rufen alle Flüchtlinge
gesetze, die Flüchtlinge und MigrantInnen diskrimi- und MigrantInnen dazu auf, den Kampf im Wider-
nieren und die sie von der deutschen Gesellschaft stand und Nicht-Respekt gegen diesen Akt von Bar-
segregieren. Viele Flüchtlingsaktivisten starben we- barei und Rassismus fortzusetzen, die im 21. Jahr-
gen der Residenzpflicht- und anderer Sondergeset- hundert in Deutschland noch immer fortbestehen.
ze, wurden behindert oder sind von Kriminalisierung
bedroht. pic 563