Wenn’s mit der Sonne klappt

,
klappt’s auch mit’m Sozialismus!
Gegen den Mißbrauch der Energiepolitik – eine Streitschrift
aus liberaler Sicht.
Dr. Klaus-Dieter Humpich
©6. August 2009
Vorwort
Die Weltbevölkerung wächst weiterhin: Von derzeit über sechs Milliarden auf ge-
schätzt acht bis zehn Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts.
Alle diese Menschen streben nach einer Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse.
So wie die Weltbevölkerung wächst, steigt auch der Weltenergieverbrauch. Erst
durch einen über das (medizinisch erforderliche) Existenzminimum hinausgehen-
den Verbrauch, ergeben sich folgende Vorteile:
• bessere Gesundheit und erhöhte Lebenserwartung
• bessere Lebensqualität
• verbesserte Chancen auf Bildung und persönliche Entwicklung
• persönliche Freiheit
• und zahlreiche Möglichkeiten, die wir heute noch nicht einmal erahnen kön-
nen.
Jede Medaille hat jedoch zwei Seiten: Wenn wir den Energieverbrauch – bei
heutigen Erzeugungsmodalitäten – steigern, hätte dies eine zunehmende Belastung
unserer Umwelt zur Folge. Um es der Erde trotzdem zu ermöglichen uns auch
weiterhin zu ertragen, müssen wir daher Wege finden, eine möglichst saubere und
sichere Energieversorgung zu vertretbaren Preisen zu schaffen.
Die Bereitstellung von nutzbarer Energie in stets ausreichender Menge und zu
akzeptablen Preisen, ist die Grundvoraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaft.
Ab einer gewissen Bevölkerungsdichte, ist dies sogar die notwendige Voraussetzung
für das Überleben der Menschheit überhaupt.
Energiepolitik ist daher viel zu wichtig, um sie selbsternannten ”Experten“ und
den bekannten ”Heilsbringern und Zwangsbeglückern“ des Politikbetriebs zu über-
lassen.
Diese Schrift stellt daher den Versuch dar, das Spannungsdreieck aus Technik,
Wirtschaft und Umwelt in einer allgemein verständlichen Sprache abzuhandeln.
Auf ”Fachchinesisch“ und ”Hochschulmathematik“ wird bewußt verzichtet – was
dem Autor die Arbeit nicht eben erleichtert hat. Man möge mir meinen unerschüt-
terlichen Glauben an die Kraft der Aufklärung verzeihen. Meine lieben Kollegen
3
seien gewarnt: Ich werde mich zu gegebener Stunde wieder mit fürchterlichsten
Gleichungen und Integralen zurückmelden!
Zugegebenermaßen hat es mir diebische Freude bereitet, die sprachlichen Schöp-
fungen ”fortschrittlicher gesellschaftlicher Kräfte“ in Bumerangs für die Aufklärung
zu verwandeln. Sie sind in vorstehender Weise typographisch gekennzeichnet. Mag
das für manchen Leser den Text etwas unruhig erscheinen lassen, erschien es mir
dennoch für alle Leser notwendig, die nicht so vertraut sind mit ”Rot–Grüner
Rethorik“. Liest man einfach so, über das „Neusprech“ hinweg, geht viel der inne-
wohnenden Komik und Theatralik verloren.
Für alle, die Anregungen oder Kritik haben, bin ich unter Klaus-Dieter.Humpich
@gmx.de zu erreichen. Es seien aber alle, die mir Informationen schicken wollen
über Windräder, die ohne Wind oder Sonnenkollektoren, die ohne Sonne Strom
produzieren, vorgewarnt – ich halte es mit solchen Dingen, wie weiland das kai-
serliche Patentamt mit dem Perpetuum-Mobile. Ansonsten dürfen mir gern alle
Experten – auch wenn sie nicht gelernter Sozialwirt oder Deutschlehrer sind – mal
”wegen Klima“ schreiben. sozusagen über’s Netz, einfach wie auf’m Platz.
4
Inhaltsverzeichnis
1 Energiebedarf 9
1.1 Energiebedarf der Menschheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.2 Nutzenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.3 Weltenergiebedarf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.3.1 Bedarf und Prognose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.2 Umwelt und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2 Wirtschaftlichkeit 19
2.1 Berechnungsansätze für die Wirtschaftlichkeit . . . . . . . . . . . . 19
2.2 Deutschland innerhalb Europas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.2.1 Was bisher geschah . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.2.2 Was geschehen wird . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.2.3 Der Weg dahin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.3 Die Kapitalvernichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.4 Der tatsächliche Wert von Wind und Sonne . . . . . . . . . . . . . 26
2.5 Die Preisfindung für Kohlendioxid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.5.1 Zusätzliche Kosten auf dem Energiesektor . . . . . . . . . . 28
2.5.2 Das planwirtschaftliche Märchen von guten und schlechten
Sektoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
2.5.3 Die Problematik der Internalisierung von externen Kosten . 31
2.5.4 Verteuerung über Steuern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.5.5 Verteuerung durch Zuweisung und Handel . . . . . . . . . . 33
2.5.6 Verteuerung durchSanktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
3 Fossile Energien 37
3.1 Erdöl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
3.2 Erdgas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
3.3 Kohle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
3.3.1 Entstehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
3.3.2 Verwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
3.3.3 Umweltschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
3.3.4 Bergbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
3.3.5 Braunkohle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
5
Inhaltsverzeichnis
3.3.6 Steinkohle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
3.4 Problematik des Kohlendioxids . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
3.4.1 Abscheidung von Kohlendioxid . . . . . . . . . . . . . . . . 49
3.4.2 Lagerung von Kohlendioxid . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
4 Regenerative Energien 53
4.1 Sonnenenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
4.1.1 Photovoltaik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
4.1.2 Solarthermische Kraftwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
4.2 Wasserkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
4.3 Windenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4.4 Biomasse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
4.4.1 Biogas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
4.4.2 Ethanol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
4.4.3 Biodiesel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
4.4.4 Pflanzenöl (”Pöl“) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
4.4.5 BtL (Biomass to Liquid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
4.5 Erdwärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
4.5.1 Nutzungsmöglichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
5 Kerntechnik 69
5.1 Kernenergie heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
5.2 Zukünftige Anforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
5.3 Reaktorgenerationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
5.4 Kernenergiestrategie in den USA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
5.4.1 Weiterbetrieb der heutigen Flotte von Leichtwasserreaktoren 75
5.4.2 Erweiterung der Flotte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
5.4.3 Anwendungen für Hochtemperaturreaktoren außerhalb der
Stromerzeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
5.4.4 Brennstoffversorgung der USA . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
5.4.5 Kernenergienutzung für einen sehr langen Zeitraum . . . . . 78
5.4.6 Führungsrolle der USA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
5.4.7 Verwicklungen zwischen der Nicht-Weiterverbreitung und ge-
schlossenen Brennstoffkreisläufen . . . . . . . . . . . . . . . 80
5.4.8 F&E für LWR und ALWR in den USA . . . . . . . . . . . . 82
5.4.9 F&E für HTR in den USA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
5.4.10 F&E für Schnelle Reaktoren in den USA . . . . . . . . . . . 85
5.4.11 Zusammenfassung aus amerikanischer Sicht . . . . . . . . . . 86
5.5 Generation IV roadmap . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
5.5.1 Nachhaltigkeit der Kerntechnik . . . . . . . . . . . . . . . . 88
5.5.2 Wirtschaftlichkeit der Kerntechnik . . . . . . . . . . . . . . 89
6
Inhaltsverzeichnis
5.5.3 Sicherheit und Verfügbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
5.5.4 Weiterverbreitung von Kernwaffen . . . . . . . . . . . . . . . 92
5.5.5 Kernwaffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
5.5.6 Internationaler Terrorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
5.6 Generation IV Reaktorsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
5.6.1 Gas-Cooled Fast Reactor System (GFR) . . . . . . . . . . . 97
5.6.2 Lead-Cooled Fast Reactor System (LFR) . . . . . . . . . . . 98
5.6.3 Sodium-Cooled Fast Reactor System (SFR) . . . . . . . . . 100
5.6.4 Molten Salt Reactor System (MSR) . . . . . . . . . . . . . . 101
5.6.5 Supercritical-Water-Cooled Reactor System (SCWR) . . . . 102
5.6.6 Very High Temperature Reactor System (VHTR) . . . . . . 102
5.6.7 Materialien und Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
5.7 Kerntechnische Kostenmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
5.7.1 Ermittlung der Baukosten von Kernkraftwerken . . . . . . . 107
5.7.2 Wirtschaftlichkeit des Brennstoffkreislaufes . . . . . . . . . . 109
5.7.3 Wirtschaftlichkeit der Energieerzeugung . . . . . . . . . . . 110
5.7.4 Integrationsmodul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
5.8 Brennstoffkreisläufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
5.8.1 Offener Brennstoffkreislauf (OTF-Cycle) . . . . . . . . . . . 117
5.8.2 Wiederaufbereitungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
5.9 Atommüllagerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
6 Prozesse 127
6.1 Koppelprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
6.1.1 Unterschiedliche Wirkungsgrade . . . . . . . . . . . . . . . . 127
6.1.2 Unterschiedliche Arbeitsausnutzung . . . . . . . . . . . . . . 128
6.2 Wasserstofferzeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
6.2.1 Dampfreformierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
6.2.2 Elektrolyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
6.2.3 Jod–Schwefel–Prozeß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
6.2.4 Kalzium-Brom-Prozeß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
6.2.5 Metalloxid–Kreisprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
6.3 Fernwärme und Fernkälte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
6.4 Meerwasserentsalzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
6.4.1 Umkehrosmose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
6.4.2 Entspannungsverdampfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
7 Netze 137
7.1 Das öffentliche Stromnetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
7.2 Regelleistung bei Stromnetzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
7.3 Ausgleichsenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
7
Inhaltsverzeichnis
7.4 Schattenkraftwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
8 Anhang 145
8.1 Vollaststunden oder Auslastung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
8
1 Energiebedarf
1.1 Energiebedarf der Menschheit
In der Natur läuft kein einziger Vorgang ohne den Verbrauch von (nutzbarer)
Energie ab. Somit ist ohne Nutzenergie auch kein menschliches Leben denkbar.
Für den gesamten Energieverbrauch der Menschheit – auch als Weltenergiebedarf
bezeichnet – sind folgende Gründe ausschlaggebend:
• die Anzahl der auf der Erde lebenden Menschen,
• der Lebensstandard,
• der Stand der Technik,
• die Umweltbedingungen.
Bevölkerungsentwicklung 1975 lebten etwa 4 Milliarden Menschen auf der Er-
de. Um die Jahrtausendwende wurden bereits 6 Milliarden überschritten. Allge-
mein rechnet man bis zur Mitte des Jahrhunderts mit 8 bis 10 Milliarden Menschen.
Die Entwicklung läuft dabei unterschiedlich ab. In den sog. ”Industrieländern“ ist
durchaus mit einer Abnahme zu rechnen, in den sog. ”Entwicklungsländern“ wei-
terhin mit einem starken Anstieg. In Bezug auf den Energiebedarf könnte die un-
terschiedliche demographische Entwicklung von Bedeutung sein. Ob eine ”alternde
Gesellschaft“ prinzipiell weniger oder mehr Energie verbraucht, kann aus heutiger
Sicht nicht abschließend beurteilt werden. Gleichwohl kann von einem Mindestbe-
darf an Energie pro Kopf ausgegangen werden, sodaß vereinfacht aber tendenziell
richtig gilt: Je mehr Menschen auf der Erde leben, je höher ist
der Energiebedarf.
Lebensstandard Der Energieverbrauch steigt jedoch überproportional wegen der
mit ihm verbundenen Vorteile: erhöhter Lebensstandard, bessere Gesundheit und
höhere Lebenserwartung, bessere Bildung und erhöhte Verbrauchsmöglichkeit. Es
wird gerne vergessen, daß der Energieverbrauch nicht Selbstzweck,
sondern eine Folge der gern genutzten Vorteile ist. Ein trivial
anmutendes Beispiel mag dieses verdeutlichen: Natürlich könnte man zu Fuß von
9
1 Energiebedarf
Berlin nach Hamburg laufen und würde dabei keinen Tropfen Benzin verbrauchen.
Es würde nur (sehr viel) länger dauern! Energie ist in diesem Sinne ein Ersatz für
menschliche Arbeitskraft.
Technischer Entwicklungsstand Energie läßt sich nur durch Verzicht sparen.
Entweder direkt, z. B. durch die Absenkung der Raumtemperatur beim Heizen oder
indirekt durch den Verzicht auf Einkommen. Im ersten Fall handelt es sich um einen
direkten Komfortverzicht. Im zweiten Fall, um individuellen oder gesellschaftlich
Wohlstandsverlust. Dies wird in unseren an Wohlstand gewöhnten Gesellschaften
gern vergessen. Mit Wohlstand ist hierbei weniger individueller Luxus, als gesell-
schaftliche Freiheit gemeint. Auch der Rettungshubschrauber und die Universität
wollen bezahlt werden.Weniger Energieverbrauch – nicht Verzicht
– ist nur durch einen verstärkten Kapitaleinsatz möglich. Die
Energieeinsparung (im Sinne eines spezifisch geringeren Einsatzes), die sich selbst
finanziert, ist und bleibt ein Märchen. Dieser wichtige Zusammenhang mag an ei-
nem eingängigen Beispiel verdeutlicht werden: Wenn der Treibstoffpreis ansteigt,
erhöhen sich die Betriebskosten meines Autos entsprechend. Kaufe ich mir ein
vergleichbares (Sitzplätze, Leistung usw.) Fahrzeug mit geringerem Verbrauch pro
Kilometer, muß ich entsprechend mehr investieren. Das Autofahren wird in jedem
Falle teurer. Eine Motorisierung auf der Basis unserer heutigen hochpreisigen Au-
tos wäre vor 40 Jahren in Deutschland genauso wenig möglich gewesen, wie heute
in Indien. Mit anderen Worten: Der Käfer war damals so billig, weil er soviel Ener-
gie verbraucht hat. In diesen Überlegungen steckt auch die Antwort, warum die
Kohlekraftwerke in China rund ein Drittel mehr an Kohle pro erzeugter Kilowatt-
stunde Strom verbrauchen als in Deutschland. Es ist nicht Nachlässigkeit, sondern
die Armut. In diesem Sinne ist die Forderung, Entwicklungsländer mit Sonnen-
energie auszustatten, zynisch. Es ist natürlich sinnvoll, wenn in einem abgelegenen
Dorf die Batterien für das Radio durch eine Solarzelle ersetzt werden. Soll jedoch
die Industrie in Afrika oder Nahost durch Sonnenkraftwerke versorgt werden, ist
das lediglich als neuer Kolonialismus zu bewerten. Der vielfach höhere Preis für
Solarstrom ist nicht einmal von heutigen Industriebetrieben in Deutschland be-
zahlbar. Wie aber bitte schön, sollen damit die Entwicklungsländer eine Industria-
lisierung durchführen? Im Sinne des obigen Beispiels heißt das doch nichts anderes
als: Sie sollen die Motorisierung in einem Schritt von der Pferdekutsche zum Hy-
bridfahrzeug ausführen. Unsere Zwischenschritte von ”Käfer“ über ”Golf“ müssen
leider wegen ”Klimaschädlichkeit“ ausfallen. Dabei darf aber gleichzeitig ein Ar-
beitnehmer in den Schwellenländern weniger als ein Zehntel (real!) verdienen als
ein Arbeiter in Deutschland. Schließlich soll ja unser ”Besitzstand” gewahrt blei-
ben. Wer solchen Blütenträumen deutscher Gewerkschaftsfunktionäre oder ”grüner
Politiker“ erliegt, wird in wenigen Jahren ein böses Erwachen erleben.
10
1.2 Nutzenergie
Umweltbedingungen Der Energieverbrauch hängt in starkem Maße von dem
Zustand der Umwelt ab.
1. Je mehr Menschen (gezwungen) sind in unnatürlicher Umgebung zu leben,
je größer muß der Energieverbrauch sein. Die ”Megacity“ kann nicht ohne ihr
Hinterland (Transport) existieren.
2. Je mehr Nahrungsmittel in dafür ungeeigneten Regionen produziert werden
müssen, je mehr Dügemittel und Süßwasser müssen eingesetzt werden – bei-
dermaßen ausgesprochene Energieverbraucher.
3. Je mehr Umweltschutz gefordert ist, je mehr Energieeinsatz ist hierfür nötig.
1.2 Nutzenergie
Die Erfahrung lehrt, daß es verschiedene Energieformen gibt. Sie lassen sich –
wenn auch mit Verlusten – beliebig ineinander umwandeln. Dabei geht zwar keine
Energie verloren, aber mit jeder Umwandlung wird der weiterhin nutzbare Anteil
kleiner. Je nach Sichtweise, gibt es unterschiedliche Definitionen.
Technische Definition Die Nutzbarkeit einer Energie hängt von ihrer Anwen-
dung ab. In einem Fahrzeug mit Benzinmotor kann man nicht mit Dieselkraftstoff
fahren. Der Diesel wäre für solch ein Auto in des Wortes Bedeutung nutzlos. An je-
der Tankstelle kann man bereits eine Tendenz der technischen Entwicklung sehen:
Es gibt immer hochspezialisiertere Energieträger. Je spezialisierter ein Energieträ-
ger ist (z. B. Superbenzin), je mehr Verfahrensschritte hat er bei seiner Herstellung
aus dem Rohstoff durchlaufen. Je mehr Verfahrensschritte, je mehr
Energie wird dabei zwangsläufig in nutzlose Formen umge-
wandelt.
Physikalische Definition Von grundsätzlicher Bedeutung ist die Fähigkeit
eine Energieform in eine andere wandeln zu können. Technisch
gibt es praktisch immer einen Weg – entscheidend ist jedoch der hierfür notwendige
Aufwand. Umgangssprachlich gibt es ”wertvolle“ Energieformen wie z. B. elektri-
scher Strom und ”minderwertigere“ Energien wie Wärme. Elektroenergie läßt sich
(theoretisch) vollständig in mechanische Energie wandeln. Praktisch hat ein Elek-
tromotor nur geringe Verluste. Ganz anders sieht es mit Wärme aus: Die Wärme,
die in einem Verbrennungsmotor freigesetzt wird, kann nur zu einem geringen Teil
in mechanische Antriebsenergie gewandelt werden, der größere Teil muß als Wär-
meverlust an die Umgebung abgegeben werden. Dieser Zusammenhang ist von so
11
1 Energiebedarf
grundsätzlicher Bedeutung, daß man hierfür einen allgemeingültigen Vergleichs-
maßstab eingeführt hat.
Carnot-Wirkungsgrad Einen Wirkungsgrad definiert man als das Verhältnis von
Nutzen zu Aufwand.
η =
Nutzen
Aufwand
(1.2.1)
Er bewegt sich definitionsgemäß in den möglichen Grenzen 100 % (vollständige
Umwandlung ohne jeden Verlust) und 0 % (vollständiger Verlust ohne jeglichen
Nutzen). Man kann nun mit den Mitteln der Thermodynamik zeigen, daß die Güte
einer Umwandlung von Wärme immer von dem entsprechenden Temperaturniveau
abhängt.
η
Carnot
= 1 −
T
0
T
(1.2.2)
Die beiden Temperaturen müssen in diese Formel als absolute Temperaturen in
°K und nicht in °C eingesetzt werden (0°C entspricht 273,15°K). Die Temperatur
T
0
ist die jeweilige Umgebungstemperatur bei der die Abwärme abgeführt wird,
die Temperatur T die Temperatur bei der die Wärme vorliegt. Für die Energie-
wirtschaft sind zwei Konsequenzen dieses Wirkungsgrades von ausschlaggebender
Bedeutung:
1. Der Carnot-Wirkungsgrad ist die absolute Obergrenze,
die theoretisch denkbar ist. Bei wirklichen Umwandlungen kommen
noch technisch bedingte Verluste (z. B. Reibung) hinzu.
2. Die Umgebungstemperatur T
0
liegt im allgemeinen fest. Die Temperatur T
hat einerseits eine natürliche Obergrenze (z. B Flammentemperatur des je-
weiligen Brennstoffes), die andererseits meist aus technisch–wirtschaftlichen
Gründen nichteinmal erreicht werden kann.
Vom Nutzen als relativem Begriff Wegen der grundsätzlichen Bedeutung für
Technik und Wirtschaft – und damit der Gesellschaft – sei hier nocheinmal auf den
unterschiedlichen Nutzen der unterschiedlichen Energieformen eingegangen: Für
jede Energieform läßt sich eine naturbedingte Obergrenze
ihres Nutzens angeben. So läßt sich beispielsweise Holz im Gegensatz zu
Erdgas nicht direkt in einem Verbrennungsmotor verfeuern. Es müßte vorher das
Holz in eine geeignete – nutzbare – Energie umgewandelt werden, was bereits mit
erheblichen Verlusten verbunden wäre oder es müßte ein anderer technischer Pro-
zeß angewendet werden. Würde man einen Dampfkraftprozeß wählen, wäre auch
hierbei das Erdgas thermodynamisch ”nützlicher“, weil mit ihm generell eine höhe-
re Verbrennungstemperatur erzielbar wäre und somit mehr mechanische Energie
12
1.3 Weltenergiebedarf
gewinnbar ist. Der springende Punkt ist hierbei die benötigte (wofür auch immer)
mechanische Energie. Würden wir die Aufgabe ein Gebäude zu beheizen betrach-
ten, wären diese Überlegungen gänzlich sinnlos. Die ”Heizwärme“ hat so geringe
Temperatur, daß sie sich sogar durch Erdwärme oder Abwärme aus einem Koppel-
prozeß bereitstellen ließe. Allenfalls gilt hier der Umkehrschluß, daß Erdgas viel zu
”wertvoll“ für’s Heizen ist. An dieser Stelle sei vermerkt, daß es sich hier um rein
physikalische Betrachtungen handelt.
1.3 Weltenergiebedarf
In den letzten 40 Jahren ist der Primärenergieverbrauch kontinuierlich angestie-
gen. Rückrat der Energieversorgung sind weltweit die fossilen Energieträger. Kohle
wird wegen seiner technisch aufwendigen Verbrennung hauptsächlich im industri-
ellen Sektor (z. B. Stahlproduktion) und in Kraftwerken genutzt. Erdöl ist leicht
Abbildung 1.3.1: Weltenergieverbrauch von 1971 - 2005
zu transportieren, kostengünstig zu lagern und relativ einfach zu verarbeiten. Es
bildet deshalb das Rückrat der weltweiten Energie- und Rohstoffversorgung. Der
gesamte Transportsektor (Auto, Flugzeug und Schiff) wird fast ausschließlich über
die Ölprodukte versorgt. Demgegenüber ist Erdgas wesentlich unflexibler, da es
als Gas praktisch leitungsgebunden ist. Es ist jedoch als Kohlenwasserstoff dem Öl
am ähnlichsten und dringt daher immer mehr in den Wärmemarkt und in den in-
dustriellen Sektor vor. Es erfordert jedoch einen erheblich höheren Kapitaleinsatz
13
1 Energiebedarf
(Pipelines, Gasverflüssigung, unterirdische Speicher usw.), sodaß es nur in entspre-
chend entwickelten Ländern nutzbar ist. Seine Anwendung ist jedoch sehr ähnlich
(einfach) handhabbar und es verdrängt deshalb das Öl immer mehr. Dies gilt
insbesondere für alle Bereiche, die einfach an Leitungsnetze anschließbar sind (Ge-
bäudeheizung, Industrie, Kraftwerke.). Wegen seiner ”sauberen Verbrennung“ wird
seine Verbreitung in vielen Länder bewußt gefördert. Sog. ”erneuerbare Energien“,
wie Windkraft, Sonnenenergie, Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme sind wegen
ihrer eingeschränkten räumlichen und zeitlichen Verfügbarkeit nur von geringer
Bedeutung. Es ist fraglich, ob sich dies in Zukunft ändern kann, da ihre Nutzung
mit sehr hohen direkten und indirekten Kosten verbunden ist. Hinzu kommen mit
zunehmender Nutzung ansteigende Umweltbelastungen und eine verringerte ge-
sellschaftliche Akzeptanz (Windparks, Stauseen). Eine Ausnahme bildet bisher die
statistische Gruppe ”Holz und Müll“. Holz ist bisher die Grundlage der Energiever-
sorgung in den unterentwickelten Regionen mit allen bekannten Konsequenzen für
Natur und Gesellschaft. Eine nachhaltige Nutzung ist nur in dezentralen Anlagen,
in waldreichen und gleichzeitig dünn besiedelten Gegenden sinnvoll.
1.3.1 Bedarf und Prognose
Der Energieverbrauch wird heutzutage sehr genau bilanziert. Bewußte Fälschun-
gen gibt es nur noch in sozialistischen Ländern. Allerdings werden diese mit zuneh-
mender Globalisierung immer schwieriger. Teilweise schwierig und fehlerbehaftet
ist die Ermittlung in Ländern mit schlecht entwickelter Administration. Unver-
gleichlich schwieriger ist die Vorhersage der Zukunft. Ein üblicher Weg ist die
Ermittlung des ”pro Kopf Verbrauches“ als Istzustand, die Extrapolation der Be-
völkerungsentwicklung und eine Abschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung. Ist
die Bevölkerungsentwicklung für einen Zeitraum von 20 bis 50 Jahren noch recht
einfach voraussehbar, da die heute geborenen Kinder bereits die Eltern von morgen
sind, ist die wirtschaftliche Entwicklung und der Zusammenhang mit dem Ener-
gieverbrauch wesentlich schwieriger zu durchschauen. Im folgenden Bild ist über
dem Bruttosozialprodukt pro Kopf der Primärenergieverbrauch pro Kopf aufge-
tragen. Wie man sofort sieht, ist beides in den USA und Europa höher als in
Indien. Das heißt, mit zunehmender wirtschaftlicher Entwicklung steigt auch der
Energieverbrauch. Qualitativ dürfte dies zutreffend sein – die entscheidende Frage
ist nur wieviel? Dazu muß man sich die Bezugsgrößen etwas genauer anschauen.
Das Bruttosozialprodukt ist die Gesamtheit aller wirtschaftlichen Leistungen. Im
Prinzip ist es statistisch relativ leicht und genau zu erfassen. Im Zusammenhang
mit Energieverbrauch erscheinen jedoch einige Punkte bedenkenswert:
• Entwicklungsländer haben einen großen ”Informellen Sektor“ (”Schwarzar-
beit“ und ”Ameisenhandel“). Dieser geht rechnerisch nicht ins GDP ein, hat
14
1.3 Weltenergiebedarf
Abbildung 1.3.2: Energieverbrauch über Pro-Kopf-Einkommen 1970 - 2005
aber gleichwohl einen Beitrag zum Energieverbrauch. Mit zunehmender Ent-
wicklung verschieben sich Leistungen des informellen Sektor zu gemessenen
Größen, ohne daß dies den Energieverbrauch beeinflußt.
• Die notwendige Inflationsbereinigung. Inflation ist ein rein wirtschaftliches
Phänomen welches von der Geldmenge und nicht vom Energieverbrauch ab-
hängt. Bei der Festlegung von Inflationsraten müssen sich ständig verändern-
de Warenkörbe definiert werden. Gerade diese sich ändernden Warenkörbe
stellen bei energiewirtschaftlichen Betrachtungen ein Problem dar, denn zwei
verschiedene Produkte können bei gleichem Geldwert einen an Menge und
Art völlig verschiedenen Energiebedarf benötigen.
• Mit jedem Import und Export wird nicht nur Geld sondern auch Energie
bewegt. Hier können für ein und dasselbe Produkt auf Grund von staatlich
festgelegten Energiepreisen und Wechselkursen völlig unterschiedliche spezi-
fische Energieverbräuche vorliegen.
• Durch die Globalisierung verschieben sich ständig Waren- und Dienstlei-
stungsströme. Wer beispielsweise Finanzprodukte (sehr wenig Energie zur
Produktion nötig) exportiert und für den Erlös Autos (hoher Energiebedarf)
importiert, ”entkoppelt seinen Energieverbrauch“ ganz erheblich. National
ist dies sicher richtig, weltweit senkt sich der Energieverbrauch dadurch aber
keineswegs.
15
1 Energiebedarf
Abbildung 1.3.3: Pro-Kopf-Freisetzung von Kohlendioxid in Tonnen über Bevölke-
rung in Milliarden im Jahr 2035
1.3.2 Umwelt und Gesellschaft
Der Energieverbrauch wird durch die Umwelt beeinflußt und beeinflußt wiederum
die Umwelt. In großflächigen Ländern ist der Energiebedarf pro Kopf für Trans-
port größer als in dicht besiedelten Regionen. Im Mittleren Westen oder in Rußland
kann man praktisch nichts mit einem europäischen Kleinwagen anfangen. Demge-
genüber kann man in Paris oder Berlin gänzlich auf Individualverkehr verzichten.
In Kanada oder Sibirien benötigt man mehr Heizenergie als in Süditalien. In den
Tropen allerdings, schlägt das Pendel wieder um. Zumindest wenn man die Stan-
dards für Arbeitsschutz in industrialisierten Ländern übernimmt, muß man kli-
matisieren, was äußerst Energieaufwendig ist. Gleichwohl wird die Entscheidung
immer eine individuelle Entscheidung bleiben, wieviel Energie man verbraucht –
sofern man sie bezahlen kann. Die Bezahlbarkeit richtet sich nach den jeweili-
gen gesellschaftlichen Verhältnissen: Wieviel Einkommen steht der sog. ”Breiten
Masse“ für Konsum zur Verfügung und wie hoch sind die Energiepreise (Ener-
giesteuer, ideologische Restriktionen usw.) Energieverbrauch ist aus der Sicht des
Verbrauchers nie Selbstzweck, sondern immer notwendiges Übel. Niemand fliegt
über den Ozean, um mal ein paar Tonnen Kerosin zu verbrennen, sondern man
ist auf Geschäfts-, Kultur- oder Vergnügungsreise. Der Natur ist es dabei völlig
gleichgültig, ob die Abgase aus dem Auspuff eines Sportwagens kommen, der ”zum
Vergnügen“ über die Autobahn gescheucht wird oder aus Flugzeugtriebwerken des
Bildungsbürgers auf Kulturreise nach Ägypten. Jede Energieproduktion belastet
Umwelt und Gesellschaft. Egal ob in einem Stausee der Regenwald verschwin-
det, Menschen für einen Tagebau umgesiedelt werden, Landschaften durch Wind-
16
1.3 Weltenergiebedarf
parks zerstört werden oder psychische Belastungen (die aber durchaus individuell
gesundheitsbelastend sein können) entstehen ( ”Atomindustrie“, ”Klimakatastro-
phe“, Bergbau). Energieformen müssen auch gesellschaftlich–kulturell akzeptiert
werden. Diese Akzeptanz kann sehr unterschiedlich sein und sich regional sprung-
haft ändern. Betrachtet man vorstehendes Bild, kann man sehr anschaulich den
Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Umweltbelastung in
der Zukunft (hier 2035) erkennen: Die Größen der Flächen sind ein unmittelbares
Maß für die Umweltbelastung der Erde. Die Flächenbreite ist die jeweilige Bevölke-
rung, die Höhe die spezifische Schadstoffproduktion (hier CO
2
). Wenn man die drei
Regionen Rußland, China und Europa betrachtet, ist der höhere Schadstoffausstoß
pro Kopf nicht nur in einem unterschiedlichen technischen Entwicklungsstand be-
gründet, wie dies immer wieder gern dargestellt wird. Sondern es müßte Europa
ein entsprechender Anteil zugeschlagen werden, da Rußland sein Rohstofflieferant
und China seine verlängerte Werkbank ist. In diesem ursächlichen Zusammenhang
liegt die maßgebliche Begründung für einen internationalen Handel mit Schadstoff-
zertifikaten.
17
2 Wirtschaftlichkeit
2.1 Berechnungsansätze für die Wirtschaftlichkeit
Üblicherweise wird in der Stromwirtschaft ein Preis für die Kilowattstunde berech-
net, der die gesamten Betriebs- und Investitionskosten über die gesamte Lebens-
dauer der Anlage abdeckt. Allen anfallenden Kosten für diesen Zeitraum steht die
in diesem Zeitraum (wahrscheinlich) produzierte Energiemenge gegenüber. Da die
Kosten zu unterschiedlichen Zeitpunkten anfallen und die Zeiträume recht lang
sind, müssen sie auf einen Gegenwartswert umgerechnet werden. Hierfür sind An-
nahmen für Zinssätze und Inflationsraten nötig. Die zugrunde gelegten Zinssätze
können – je nach Unternehmen und dessen ”Risikoaufschlages“ und den angesetz-
ten Zeiträumen – recht unterschiedlich sein. Ein staatlicher Energieversorger hat
günstigere Kreditkonditionen als ein privates Unternehmen. Eine Anleihe mit ei-
ner Laufzeit von 15 Jahren (normalerweise) geringere Sätze als eine Anleihe über
50 Jahre. Bei den speziellen Inflationsraten gestaltet sich die Abschätzung noch
schwieriger. Wie die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, können beispielswei-
se Lohn-, Material- und Brennstoffkosten sehr unterschiedliche Steigerungsraten
haben. Für eine vergleichende Wirtschaftlichkeitsrechnung sind die Ergebnisse als
übliche ”€/MWh“ nur bedingt aussagekräftig. Sie sind ohne genaue Kenntnis der
Berechnungsmethode und deren konkreten Zahlenwerte mit äußerster Vorsicht zu
genießen. Dies gilt insbesondere, wenn sich die Zahlenwerte nur geringfügig unter-
scheiden.
Andere Ansätze Der obige Ansatz kommt aus der Zeit der öffentlichen Ver-
sorger mit Monopolstellung. Der Strompreis (für den Verbraucher) ergibt sich aus
allen Kosten plus einem Gewinn für das Unternehmen. Wegen der Monopolstellung
sind diese Preise genehmigungspflichtig. Für ”freie“ Strommärkte und unabhängi-
ge Erzeuger sind eigentlich andere Modelle erforderlich. Bei einem Versorger mit
ausschließlichem Versorgungsgebiet ergibt sich der ”Strompreis“ als Mittelwert aus
seinem Kraftwerkspark. Es ist allenfalls eine interne Optimierung möglich. Wird z.
B. die Leistung der Gaskraftwerke wegen zu hoher Gaspreise gedrosselt, reduzieren
sich zwar die Ausgaben für das Gas, aber gleichzeitig gehen die spezifischen Strom-
kosten der Produktion in den Gaskraftwerken wegen der geringeren Auslastung in
die Höhe. Als eigentliche Einsparung verbleibt nur die Differenz.
19
2 Wirtschaftlichkeit
Gibt es unabhängige Lieferanten, stellt sich die gleiche Situation völlig anders
dar. Hier ergibt sich der Strompreis nicht aus den Kosten wie vor, sondern wird
auf dem Markt (z. B. an einer Strombörse) gemacht. Steigt der Gaspreis und die
Besitzer der Gaskraftwerke können diese Preissteigerung nicht am Markt durchset-
zen, machen sie Verluste. Es ist jedoch nicht sinnvoll, ihre Kraftwerke vollständig
vom Netz zu nehmen, denn dann hätten sie überhaupt keine Einnahmen mehr.
Sie müssen – wohl oder übel – mindestens so viel Strom zum Marktpreis liefern,
daß ihre Verluste ein Minimum erlangen. Wieviel das sein muß, hängt von der Hö-
he des Gaspreises und von der Zusammensetzung des gesamten Kraftwerksparkes
des ”Liefergebietes“ ab. Es ergeben sich für einen sog. ”liberalisierten Strommarkt“
folgende Besonderheiten:
• Die Gestehungskosten setzen sich aus der Summe der Fixkosten (hauptsäch-
lich Investition) und variablen Kosten (hauptsächlich Brennstoff) zusammen.
Sind die Gestehungskosten höher als der Marktpreis, macht das einzelne Un-
ternehmen Verlust.
• Der einzelne Kraftwerksbetreiber kann den Brennstoff-
preis (als Nachfrager) und den Strompreis (als Liefe-
rant) nur sehr begrenzt beeinflussen. Ist der Markt groß genug,
spielt selbst sein Verschwinden keine Rolle.
• In einem Strommarkt trägt derjenige, der hohe Investi-
tionen getätigt hat und damit hohe Fixkosten zu tragen
hat, ein erhöhtes finanzwirtschaftliches Risiko. In dem Ma-
ße, wie eine Umwandlung von einem Versorgungssystem in einen Strommarkt
in Deutschland politisch (angeblich) gewünscht war, nahm der Neubau von
Kombikraftwerken (auch GuD genannt) zu. Dieser Kraftwerkstyp besitzt ge-
ringe spezifische Investitionskosten.
• Ein ”liberalisierter Strommarkt“ hat die Tendenz wieder ein
Monopol zu bilden, da durch die steigende Anzahl von Anbietern die
Möglichkeit einer internen Risikostreuung immer geringer wird. Gerade die
kleinen Anbieter sind gehalten, möglichst kleine Amortisationszeiträume an-
zustreben, um überhaupt kalkulierbare Kreditkonditionen zu erhalten. Um
eine Konkurrenz in einem Versorgungsgebiet aufrechtzuerhalten, muß der
Kreis der Lieferanten immer weiter ausgedehnt werden. Der Prozeß wird auf
größerem Gebiet fortgesetzt. Am Ende steht eine Situation, vergleichbar in
der Mineralölwirtschaft: Es gibt einige wenige Konzerne, die weltweit tätig
sind.
• Gegenüber konventionellen Kraftwerken besitzen Wind- und Photovoltaik-
kraftwerke exorbitant hohe Investitionskosten. Ihre Stromerzeugungskosten
20
2.2 Deutschland innerhalb Europas
bestehen nahezu nur aus Fixkosten. Marktwirtschaftlich betrachtet, hätten
sie auch heute kaum Chancen finanziert zu werden. Deshalb wurde zur Plan-
wirtschaft gegriffen und ein garantierter Strompreis bestimmt, der noch aus-
reichend garantierten Profit abwirft, damit Banken überhaupt in der La-
ge sind, diese zu finanzieren. Dies auf Kosten der Allgemeinheit. Ord-
nungspolitisch ist das ”Einspeisegesetz“ nichts weiter, als
ein Schattenhaushalt. Der Staat wollte aus politischen Gründen ”Re-
generative Energien“, sah aber gleichzeitig nicht mehr die Möglichkeit wei-
terhin die Steuern zu erhöhen, ohne seine Wähler zu verprellen.
• Das ”Einspeisegesetz“ besitzt eine Eigendynamik. Da der Pro-
fit staatlich garantiert erscheint, wollen immer mehr in dieses Geschäft ein-
steigen. Die überhöhten Vergütungen für die politisch gewollte Einspeisung
ziehen aber die allgemeinen Strompreise immer weiter in die Höhe. Alle stro-
mintensiven Unternehmen, die gezwungen sind, auf dem Weltmarkt zu kon-
kurrieren, können längerfristig nur ins Ausland abwandern – sofern ihre Be-
legschaften nicht bereit sind, über Lohnkürzungen diesen Standortnachteil
auszugleichen.
• Da aber keine Mauer mehr die ”Neue Planwirtschaft“ stützt, wird zusätzlich
noch Strom aus den Nachbarstaaten auf den Deutschen Markt drängen. So
paradox dies klingt, der zwar ”politisch nicht so korrekte“, aber billigere
Strom aus dem Ausland ist sogar erwünscht, damit die Inlandspreise nicht
explodieren. Hier findet dann die zweite Verlagerung von
Gewinnen, Steuern und Arbeitsplätzen statt.
2.2 Deutschland innerhalb Europas
Bisher war die Stromproduktion in Europa national organisiert. Die Versorgungs-
gebiete entsprachen den Nationalstaaten. Ob dies gut oder schlecht ist, soll hier
nicht diskutiert werden. Inzwischen hat sich ein Mischsystem ergeben. Es sei hier
nur erwähnt, daß das ”alte“ System der nationalen Stromversorger durchaus einer
Konkurrenz auf europäischer Ebene entsprach. Der (jeweilige) europäische Raum
hatte stets (in etwa) so viele Stromversorger wie Nationalstaaten. Dies zeigte sich
in deutlich unterschiedlichen Strompreisen und unterschiedlichen Kraftwerksparks.
Dies wird sich zukünftig ändern. Am schnellsten und tiefgreifensten in Deutschland
– sofern die bisherige Planwirtschaft beibehalten wird.
21
2 Wirtschaftlichkeit
2.2.1 Was bisher geschah
Unter der Rot-Grünen Regierung wurde die Stromversorgung ideologisiert, wie seit
den 1930er Jahren nicht mehr. Zur Durchsetzung der politischen Ziele wurden zwei
Strategien parallel durchgezogen:
1. Zerschlagung der bisherigen Versorger und Bildung der ”großen
Vier“: RWE, e.on, EnBW und Vattenfall.
2. Einführung der Planwirtschaft mit Entbindung der Po-
litik von der Verantwortung.
Die Bundesrepublik Deutschland hatte eine föderal organisierte Stromversorgung,
wie schon die Firmennamen bezeugten: Hamburger Elektrizitätswerke, Berliner,
Badenwerke, Bayernwerke, Preussen-Elektra usw. Diese Struktur mußte zerschla-
gen werden, um planwirtschaftlich besser handeln zu können. Die ”Regionalfürsten“
– quer durch alle Parteien – wurden durch einen warmen Geldregen gewonnen.
Die Parole hieß unter Ausnutzung des Zeitgeistes: ”An die Börse bringen“. Kein
Ministerpräsident konnte bei der Aussicht auf zusätzliche, außerhalb der Steuer-
einnahmen liegende Mittel, widerstehen. Kritiker aus der ”Basisbewegung“ wurden
ruhig gestellt durch die Aussicht auf ”Stadtwerke“, in denen ”dezentrale Energie“
gemacht werden sollte. ”Dezentrale Energie“ wurde hierbei irrtümlich mit Um-
weltschutz und ”regenerativen Energien“ gleichgesetzt. In der Energiewirtschaft
war von vorne herein klar, daß Stadtwerke in der neuen Planwirtschaft nicht über-
lebensfähig sind und deshalb bald wieder von den ”Großen Vier“ beherrscht wer-
den würden. Um Kritikern aus dem Ausland entgegenzutreten, wurde sogar ein
ausländischer Konzern auf den Deutschen Markt gebeten: Vattenfall. Vattenfall
erfüllte für diesen Zweck drei ideale Voraussetzungen: Es war ein schwedisches
Staatsunternehmen, was allen ”Kapitalismuskritikern“ den Wind aus den Segeln
nahm, es war (schwedisch) sozialdemokratisch geprägt, also für die eigene Par-
tei besonders vertrauenswürdig und auch vom grünen Koaltionspartner wegen des
”Atomausstiegs der Schweden“ akzeptiert. Wer wollte sich schon mit der tatsächli-
chen ”Atompolitik“ von Vattenfall und deren erklärtem Interesse an der Nutzung
der Mitteldeutschen Braunkohle auseinandersetzen? Galt es nicht wieder einmal,
”schlimmeres zu verhindern“? Hatte doch schon die – zwar auch staatliche – aber
wegen ”ihrer Atompolitik“ nicht wohl gelittene französische EDF bei der EnBW
den Fuß in der Tür und ”US-amerikanische Kapitalisten“ versuchten im Mittel-
deutschen Braunkohlerevier zu investieren.
Übertönt wurden all diese Bestrebungen von dem ”Ausstieg aus der Atomwirt-
schaft“ und der schönen neuen Welt der ”Regenerativen Energien“, bei Verhinde-
rung der ”Klimakatastrophe“. Konnte man doch gegen die ”Profitgier der Atomlob-
by“ und dem ”Marktversagen der Konzerne“ die gute alte Planwirtschaft diesmal
22
2.2 Deutschland innerhalb Europas
nicht bloß zur ”Rettung der Menschheit“, sondern gleich zur ”Rettung der Erde“
einsetzen. Vielleicht diesmal sogar mit Erfolg? Mag das heute alles etwas grotesk
erscheinen, darf man nicht verkennen, welch schweren Stand ”Linke Politik” zu
dieser Zeit in Deutschland hatte: Hartz IV einerseits und leere Staatskassen ande-
rerseits. Man durfte beim Betreten des ”Dritten Weges“ zwischen Kapitalismus und
Kommunismus nicht die neugewonnene ”Mitte der Gesellschaft“ durch allzu offenes
Eintreten für die Planwirtschaft verprellen. Planwirtschaft war selbst im ”Beitritts-
gebiet” zu negativ besetzt, obwohl dort Sozialismus nach wie vor salonfähig war,
wie der Anteil der ”SED Nachfolgepartei“ mit zunehmendem Stimmenanteil zeigte.
Die regierenden Parteien SPD und Grüne wollten die ”Regenerativen Energien“
durchsetzen. Einerseits um sich in der liebsten Rollen der Politiker als ”Retter der
Menschheit“ gegen die ”Klimakatastrophe” und ”Erschaffer von Arbeitsplätzen“
zu geben und andererseits die ”eigene Klientel“ zu stützen. Klassische staatliche
Investitionsprogramme hätten weitere Steuergelder gekostet und den ”Gestaltungs-
spielraum als Politiker“ weiter eingeschränkt. In dieser Zwangslage verfielen die Ar-
chitekten der Planwirtschaft auf das ”Einspeisegesetz“. Die eigene Klientel wurde
gefördert, indem sie für ein unverkäufliches Produkt eine staatliche Absatzgaran-
tie zu überhöhten Preisen bekam. Nicht einmal eine neue Erfindung: Ganz ähnlich
wurde schon ”Landwirtschaftspolitik“ zur Produktion von ”Milchseen“ und ”But-
terbergen“ betrieben. Allerdings muß man damaligen Politikern zu gute halten, daß
die Subventionen direkt aus dem ”Steuersäckel“ flossen und damit auch die Verant-
wortung für Steuererhöhungen und Staatsverschuldung zu tragen war. Die ”Neue
Linke“ ging geschickter vor. Sie machte das Geschäft zu Lasten Dritter: Die Subven-
tionen mußten durch die Stromversorger aufgebracht werden, die diese Kosten aber
an den Stromverbraucher durchreichen durften. Der perfekte ”Schattenhaushalt“
war geschaffen. Die Politik konnte – befreit von Etatzwängen – be-
stimmen, welche Energieformen und wieviel davon eingesetzt
werden. Stellschraube hierfür, sind die staatlich festgelegten (unterschiedlichen)
Preise bei staatlich festgelegtem Abnahmezwang. Eigentlich eine höchst interes-
sante Fragestellung für Verfassungsrechtler! So eine tiefgreifende ”Industriepolitik“
hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Tiefgreifender wa-
ren auch nicht die Eingriffe des Staates in der ehemaligen ”DDR“. Allerdings mit
einem gravierenden Unterschied: In der ”DDR“ übernahm die alleinige und vol-
le Verantwortung die ”Partei“. Beim ”Einspeisegesetz“ wird die Verantwortlichkeit
geschickt kaschiert. Die Preisfestsetzung und Aktualisierung erfolgt unbeobachtet
von Öffentlichkeit und Parlament. Die Wirkung (Strompreise) tritt zeitlich stark
verzögert und gedämpft auf. Der Staat hat sich durch die Aufhebung der früher um-
fassenden Genehmigungspflicht für Stromtarife geschickt aus der Verantwortung
gestohlen. Strompreiserhöhungen sind für Politiker nicht länger eine direkte und
unmittelbare Folge ihrer Gesetzgebung, sondern ausschließlich das Ergebnis der
23
2 Wirtschaftlichkeit
”Profitgier der Konzerne“. Durch das ständige Drehen an der ”Einpeisevergütung“
können bei Bedarf die ”politisch korrekten“ Unternehmen und ihre Eigentümer un-
terstützt und die Unternehmen die sich dem ”gesellschaftlichen Fortschritt“ in den
Weg stellen, abgestraft werden.
2.2.2 Was geschehen wird
Sachlich begründete Investitionen sind in einer Planwirtschaft kaum möglich. Ein
Unternehmen was weiterhin erfolgreich und selbstständig agieren will, ist gezwun-
gen im Ausland zu investieren. Bevorzugte Standorte sind die Nachbarländer, weil
von dort aus der Deutsche Markt mit versorgt werden könnte. Hierfür ist es sinn-
voll, frühzeitig Kapital zu verlagern. Die Trennung vom Verteilnetz in Deutsch-
land und der teilweise Verkauf von Kraftwerken ist eine willkommene Möglichkeit.
Außerdem ist der beste Investitionsschutz, der Teilverkauf an ausländische Eigen-
tümer. Je mehr Kapital aus dem Ausland in Deutschland investiert ist, je un-
realistischer sind Blütenträume über ”Vergesellschaftung der Energiewirtschaft“.
Wie gut ”Verstaatlichung“ im Rest der Welt ankommt, mußten schon andere So-
zialisten erfahren. Noch ist Deutschland Nettoexporteur, insofern sind zusätzliche
Kraftwerke in unseren Nachbarländern willkommen, zumal stark steigende deut-
sche Strompreise erwartet werden müssen. Insbesondere wenn Kraftwerke mit ho-
hen spezifischen Investitionskosten (Kernkraftwerke, modernste Kohlekraftwerke)
gebaut werden, ist dies willkommen. Dieser Zubau kann bedarfsgerecht veraltete
Kraftwerke (insbesondere in östlich gelegenen Regionen) oder Stromimporte erset-
zen. Sobald die Schwelle erreicht ist, bei der der Strom aus den neuen Kraftwerken
billiger ist, als der in Deutschland produzierte, kann der Export beginnen. Ist der
Preiswettbewerb ruinös genug, kann man sogar Kraftwerke in Deutschland billig
zurückkaufen. Insbesondere die mit Erdgas befeuerten Kombikraftwerke können
bei erneuten Ölpreissteigerungen sehr schnell in die Verlustzone laufen. Ihre ”Kli-
mafreundlichkeit“ gegenüber Kohlekraftwerken wird dann sprichwörtlich werden,
wenn sie durch ”Atomstrom“ aus dem benachbarten Ausland ersetzt werden. Bei
dem Deutschen Mischpreismodell darf nicht vergessen werden, daß die konventio-
nellen Kraftwerke die überteuerte ”Alternativenergie“ mitfinanzieren müssen. Egal
ob konventionelle Kraftwerke ausscheiden oder zusätzliche ”regenerative Kraftwer-
ke“ gebaut werden, verteuert sich immer der Durchschnittspreis. Es läßt sich somit
durch die Außerbetriebnahme der günstigen Kraftwerke eine Aufwertsspirale für
die Strompreise in Deutschland in Gang setzen. Den zur Zeit billigsten Strom
produzieren ältere Braunkohle- und Kernkraftwerke. Wird tatsächlich ein interna-
tionaler CO
2
–Handel etabliert, kann es schnell passieren, daß der Strom aus mo-
dernen Kohlekraftwerken im benachbarten Ausland billiger ist, als der inländisch
in veralteten Braunkohlekraftwerken produzierte. Soll eine seriöse Sicherheitspo-
litik betrieben werden, müßten alte Kernkraftwerke schrittweise durch modernere
24
2.3 Die Kapitalvernichtung
ersetzt werden. Eine Erkenntnis, die sich inzwischen sogar in Schweden durch-
gesetzt hat und dort gesellschaftlich akzeptiert wird. In diesem Zusammenhang
sollte vielleicht nicht vergessen werden, daß die Stillegung für unsicher befundener
Kernkraftwerke allen Ostblockstaaten beim Beitritt zu Europa abverlangt worden
ist. Vielleicht fühlen sich diese Staaten eines Tages durch nicht mehr dem Stand
der Technik entsprechende deutsche Kernkraftwerke genauso bedroht, wie sich
Deutschland durch die Kernkraftwerke sowjetischer Bauart gefährdet fühlte. Aus
der Erfahrung mit der deutschen ”Anti-Atomkraft-Bewegung“ sollte man gelernt
haben, wie stark sich ”Atomängste“ verstärken lassen, wenn sie mit dem Wunsch
”gesellschaftlicher Veränderung“ kombiniert werden.
2.2.3 Der Weg dahin
Es ist klar, daß die Fiktion einer Stromgewinnung ausschließlich aus ”regenerativer
Energie“ irgendwann in sich zusammenbricht. Sei es, aus politischer Einsicht oder
durch nicht mehr tragbare Kosten. In der ersten Phase wird man versuchen, die
Situation zu ”verschlimmbessern“. Wird der Druck der Deutschen Industrie und
die Arbeitsplatzverluste zu hoch, wird man versuchen die Preise für Industrie und
Gewerbe partiell zu stabilisieren. Die bekannte Armada aus ”progressiven Wis-
senschaftlern“ und ”Energieexperten“ wird sich in Zusammenarbeit mit ”Arbeit-
nehmervertretern“ und sonstigen ”gesellschaftlich relevanten Gruppen“ sofort um
Lösungen bemühen. Da der Staatshaushalt auch weiterhin vornehmlich für ”soziale
Zwecke“ benötigt wird, wird ein gespaltener Tarif eingeführt:
• Preiswerter Strom für ”sozial Schwache“, ”Bildungseinrichtungen“, ”ökologi-
sche Landwirtschaft“, usw.
• Doppelt teurer Strom (wegen der Subventionen für den preiswerten Strom)
für ”profitgierige Konzerne und Banken“, ”umweltschädliche Betriebe“, ”Bes-
serverdiener“ usw.
Die Festlegung der Preise wird – insbesondere vor jedem Wahlkampf – in un-
endlichen Talkshows diskutiert und in ”Montagsdemos manifestiert“ werden. Der
Strompreis wird zu einer neuen Sondersteuer mutieren, die die schwer durchsetzba-
re Vermögenssteuer als ”Instrument im Klassenkampf“ nicht nur ersetzt, sondern
in ihrer ”Feinsteuerung“ noch übertrifft.
2.3 Die Kapitalvernichtung
Es wird täglich mehr Geld in Windräder und Photovoltaikanlagen investiert. Ob-
wohl diese Anlagen wegen ihrer Nicht–Verfügbarkeit (Windstille, Nacht) nur min-
25
2 Wirtschaftlichkeit
derwertige Energie erzeugen, muß sie zu staatlich garantierten Preisen abgenom-
men werden. Eine absurde Situation, die nicht lange aufrechterhalten werden kann.
Genauso wenig, wie staatlich garantierte Milchpreise oder die ”deutsche Steinkoh-
lensubvention“. Immer, wenn solche Systeme durch ihre Eigendynamik zu teuer
werden, kommt zwangsläufig der Umschwung. Die Eigendynamik liegt in der (ver-
meintlich) festgeschriebenen Gewinnspanne. Wie schon von ”Bauherrenmodellen,
Schiffsbeteiligungen usw.“ bekannt, springen immer mehr Vertriebsorganisationen
auf diesen Zug auf. Dies führt zwangsläufig zur Entwicklung von immer schlech-
teren Standorten. Die Neukunden lassen sich wie bei einem Schneeballsystem von
den Gewinnen der Vorgänger blenden. Muß irgendwann der Anstieg der Stromprei-
se aus volkswirtschaftlichen Gründen gestoppt werden, bricht der komplette Markt
in sich zusammen. Plötzlich läuft alles rückwärts. Es werden nur noch Marktpreise
erzielt. Alle Kalkulationen die von ständig steigenden Preisen und Preisgarantien
ausgingen, sind Makulatur. Es ist bei diesen Geschäften üblich, mit hoher Fremd-
finanzierung (Bankkredite) zu arbeiten, um über einen möglichst großen Hebel zu
überdurchschnittlichen Gewinnen zu kommen. Gier ist immer der beste Verkäu-
fer. Das (eigentlich) ersichtliche überdurchschnittlich hohe Risiko, wird vom Anle-
ger ausgeblendet. Die Windparks und Photovoltaikanlagen mit den schlechtesten
Randbedingungen werden als erste pleite gehen. Es beginnt ein von ”Hypotheken-
kriesen“ bekannter Mechanismus: Die Werte bestehender Anlagen verfallen, weil
plötzlich Anlagen aus Konkursen billig zu haben sind. Dadurch wiederum entsteht
für die Hersteller ein enormer Kostendruck, weil schlagartig Überkapazitäten zu
Tage treten. Es wird klar, daß die schönen Arbeitsplätze in der ”Ökoindustrie“
genauso unsicher, wie weiland die Arbeitsplätze im Deutschen Steinkohlebergbau
waren. Wer wird hier die ”Sozial- und Anpassungsprogramme“ finanzieren? Oder
ging es bei der neuen Planwirtschaft nur darum, erst einmal Probleme zu schaffen,
die man anschließend vorgeben kann zu lösen? Wer wird diesmal zum Sündenbock
erklärt?
2.4 Der tatsächliche Wert von Wind und Sonne
Es gibt keinen Sonnenkollektor der nachts Strom produziert.
Ebenso keine Windkraftanlage die bei Flaute Energie erzeugt.
Es gibt in absehbarer Zeit auch keine Speicher in der erforderlichen Größenord-
nung. Selbst wenn es sie eines Tages geben sollte, ist aber mit jedem Spei-
chervorgang (Energiewandlung, Lagerung und Rückwandlung)
ein Energieverlust verbunden. Um diesen Verlust an elektrischer Energie
zu ersetzen, müßten zusätzliche – der ohnehin sehr teuren Anlagen – gebaut wer-
den. Natürlich kosten die Speicher selbst auch noch Geld. Auf absehbare Zeit müs-
sen deshalb für alle Wind- und Sonnenkraftwerke nahezu gleich viele thermische
26
2.5 Die Preisfindung für Kohlendioxid
Kraftwerke betrieben werden. Diese werden treffend ”Schattenkraftwerke“ genannt.
Für eine Diskussion der Wirtschaftlichkeit von Wind und Sonne ist festzuhalten,
daß diese Schattenkraftwerke komplett (Investition, Personal und sonstige Fixko-
sten) über den Strom-Verkaufspreis finanziert werden müssen. Als absolute
Obergrenze für den Wert der ”zufälligen Energien“ können
daher nur die Kosten für den gesparten Brennstoff dienen. Nur
diese Brennstoffkosten, geteilt durch die mit Wind und Sonne produzierte Strom-
menge, ergeben den marktgerechten Strompreis! Mit diesem Strompreis müssen
zuerst alle Betriebskosten, Versicherungen, Wartungskosten usw. abgedeckt wer-
den. Was dann noch übrig bleibt, kann für den Kapitaldienst verwendet werden.
Abschätzung dieses Strompreises Betrachtet man den vorhandenen Kraft-
werkspark in Deutschland, ist es am günstigsten (für Wind und Sonne) die Erdgas
und Steinkohle–Kraftwerke als Schattenkraftwerke einzusetzen: Die Wasserkraft-
werke brauchen keinen Brennstoff und bei Braunkohle- und Kernkraftwerken ist
nicht nur der absolute Preis sehr gering, sondern eine verringerte Förderung bzw.
erhöhte Zykluszeit verringert kaum die Kosten. Es erscheint also sinnvoll, nur den
Preis für Erdgas und Steinkohle zu betrachten. Für die Mengenrelation sollte der
Anteil des aus Erdgas (12,3 % in 2007) und Steinkohle (21,8 % in 2007) in Deutsch-
land erzeugten Stroms herangezogen werden. Für die Brennstoffmengen die Wir-
kungsgrade (53 % für Kombikraftwerke, 45 % für Steinkohle) der heute im Dienst
befindlichen Kraftwerkstypen. Der sich daraus ergebende Betrag, ergibt den tat-
sächlichen Marktwert für Wind- und Sonnenenergiestrom.
Strompreis


kWh

< 0, 681·Erdgaspreis


kWh

+1, 42·Steinkohlepreis


kWh

(2.4.1)
Dies ist eine Abschätzung des maximalen Wertes, weil z. B. erhöhte Netzkosten
(Transport von der Nordseeküste nach Bayern), Kosten für Regelenergie und Teil-
lastbetrieb der vorhandenen Kraftwerke etc. noch gar nicht berücksichtigt wur-
den. Setzt man in obige Formel die Preise für Erdgas und Kesselkohle von 2007
ein, ergibt sich eine marktgerechte Vergütung von weniger als 2 Cent! Es dürf-
te für jeden Kreditsachbearbeiter einer Bank kein Problem
sein, mal die Kreditgewährungen mit diesem Strompreis neu
zu berechnen. Ein Schelm wer da an die Hypothekenkriese in den USA denkt.
2.5 Die Preisfindung für Kohlendioxid
Sicherlich gilt die alte Weisheit: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Inso-
fern scheint es notwendig, irgendeinen Preis für CO
2
einzuführen. Dieser Preis
27
2 Wirtschaftlichkeit
soll den Mangel (in diesem Fall für den Lagerraum in der Erdatmosphäre) wi-
derspiegeln. Allerdings wird hier die Modellvorstellung des ”Kappheitspreises“ –
wie schon bei der Energiesteuer – leicht überdehnt. Normalerweise hat ein ”knap-
pes Gut“ wegen der hohen Nachfrage auch eine entsprechend hohe Gewinnspanne.
Genau dieser ”Profit“ ist es aber, der andere Produzenten anregt, ebenfalls die-
ses Gut zu produzieren. Durch die Erhöhung des Angebotes bildet sich ein neuer
”Gleichgewichtspreis“ auf niedrigerem Niveau. Genau hierin liegt aber die Schwä-
che der Modellvorstellung für die Umkehr auf Schadstoffe: Durch die Einführung
eines künstlichen Preises für den Schadstoff wird kein Gewinn erzeugt, sondern im
Gegenteil Kosten produziert. Diese Kosten belasten die Unternehmen. Sie verrin-
gern ihren Gewinn oder müssen über den Preis an die Verbraucher weitergegeben
werden. Gleichzeitig sind aber zur Vermeidung von CO
2
gewaltige Investitionen
nötig, die zusätzlich – bei fallenden Einnahmen – finanziert werden müssen. Dieser
Zusammenhang ist schon von der ”Lohnfindung“ her bekannt: Werden die Löhne
aus politischen Überlegungen (Gewerkschaften, Parteiinteressen) erhöht, müssen
diese Kosten entweder weitergegeben werden – sofern das überhaupt möglich ist –
oder sog. ”Rationalisierungsmaßnahmen“ setzen ein. Es entsteht entweder Inflation
und/oder (angeblich nicht gewollte) Arbeitslosigkeit. Beides ist volkswirtschaftlich
nachteilig.
2.5.1 Zusätzliche Kosten auf dem Energiesektor
Werden die Kosten der Energie durch Einführung eines (künstlichen) Preises für
Schadstoffe erhöht, führt dies im ersten Schritt zur Verringerung des Gewinns bei
der Energieerzeugung. Sofern dies möglich ist, müssen daher die Verkaufspreise
entsprechend erhöht werden. Ist dies nicht möglich, führt das kurz oder lang zur
Geschäftsaufgabe. In der Zwischenzeit wird die Doppelbelastung aus zusätzlichen
Kosten für die Schadstoffproduktion und die Investition in ”effizientere Technik“
durch sparen an anderer Stelle überbrückt. Typischerweise werden die Personal-
kosten gesenkt, weil dies zumeist der einzige oder zumindest am schnellsten beein-
flußbare Sektor ist. Es beginnt ein fataler und sich teilweise überlagernder Vorgang:
• Innerbetrieblich: In dem Maße, wie sich die Gewinne verringern, müssen
Sparmaßnahmen ergriffen werden. Personalkosten werden durch Lohnsen-
kungen und Verringerung des Personalbestandes gesenkt. Neuinvestitionen
werden gestreckt. Der vorhandene Kraftwerkspark wird möglichst lange ge-
nutzt. Diese Maßnahmen sind für den Umweltschutz kontraproduktiv, da der
Anschluß an den neuesten Stand der Technik verloren geht.
• Finanztechnisch: Je geringer die heutige und die absehbar zukünftige Ge-
winnspanne relativ zu anderen Investments ist, je weniger Kapital fließt in
28
2.5 Die Preisfindung für Kohlendioxid
den Bereich der Energieversorger. Die Aktienkurse sinken und die Kredite
werden teurer. Um diesen Beginn eines bekannten Teufelskreises so lange
wie möglich hinauszuzögern, wird das ”De–investment” selbst vorgenommen.
Gewinne werden nicht ”re–investiert“ sondern ausgeschüttet oder damit Ak-
tienrückkaufprogramme durchgeführt. Reicht dies nicht aus oder werden die
Aussichten der Branche zukünftig noch düsterer eingeschätzt, wird Kasse
gemacht und Anlagenteile (noch) günstig verkauft. Mit diesen (außerordent-
lichen) Einnahmen wird im Ausland investiert. Das Kapital ist halt scheu
wie ein Reh!
• Volkswirtschaftlich: Steigt der Strompreis national weiter, setzt volkswirt-
schaftlich eine Scherenbewegung ein. Privathaushalte und ortsgebundene Un-
ternehmen können dem Kostendruck nicht ausweichen und müssen zahlen.
Für sie wirkt jede ”Abgabe“ auf Energie wie eine Zusatzsteuer. Da man
aber bekanntermaßen jeden Euro nur einmal ausgeben kann, müssen sie
mit Konsumverzicht in anderen Bereichen reagieren. Unternehmen die ins
Ausland ausweichen können – sei es über Wareneinkauf oder Produktion –
werden dies tun (müssen). Unterschiedliche Energiepreise wir-
ken dabei nicht unmittelbar, sondern als schleichendes
Gift. Niemand verlagert eine Produktion sofort, nur weil die Strompreise
steigen. Aber bei der nächsten Neuinvestition (z. B. Modellwechsel in der
Autoindustrie) wird eine neue Kostenanalyse erstellt. In diese gehen selbst-
verständlich auch die lokalen Energiekosten ein. Als erste – aber nicht als
einzige – wechseln energieintensive Produktionen in Länder mit günstigeren
Energiepreisen. Irgendwann können wir uns das ”Wohlstandshobby“ Sonnen-
energie sogar leisten: Wenn soviel Arbeitsplätze vernichtet worden sind, daß
der Stromverbrauch so niedrig geworden ist, daß wir uns das bischen Rest-
strom als Luxus auch nicht mehr leisten können. Ein Schelm, wer dabei an
die ”Kollektivierung der Landwirtschaft“ im real vergangenen Sozialismus
denkt.
Wer den vorgenannten Thesen kritisch gegenübersteht, sollte sich etwas aufmerk-
samer mit den Abläufen in der deutschen ”Stromindustrie“ beschäftigen. Der Per-
sonalabbau bei den Energieversorgern und deren Zulieferindustrie in Deutschland
in den letzten Jahrzehnten war gigantisch. Dagegen fallen die künstlich geschaf-
fenen und am Leben gehaltenen Arbeitsplätze in den ’”Alternativenergien“ kaum
ins Gewicht. Der Kraftwerkspark in Deutschland ist so alt wie noch nie. Jeder
Neubau, auch auf international höchstem Niveau (Umweltschutz, Wirkungsgrad
und sogar Kraft-Wärme-Kopplung) wird sofort mit allen zur Verfügung stehenden
Mitteln diffamiert und bekämpft. Der Abfluß von Kapital aus Deutschland geht
schleichend, aber stetig weiter. Wenn sich nur ein Bruchteil der Neubaupläne für
29
2 Wirtschaftlichkeit
Kernkraftwerke Deutscher Energieversorger im Ausland verwirklicht, gehen Milli-
arden an Steuern, Sozialabgaben usw. für Jahrzehnte verloren. Man kann dann nur
noch hoffen, daß uns unsere Nachbarn ”billigen Atomstrom“ auch billig verkaufen,
damit uns wenigstens noch einige Arbeitsplätze in den produzierenden Bereichen
erhalten bleiben.
2.5.2 Das planwirtschaftliche Märchen von guten und
schlechten Sektoren
Wenn es tatsächlich ein Problem mit der Freisetzung von Kohlendioxid gibt, ist es
egal woher das CO
2
–Molekül kommt. Man kann einem ”globalen Problem“ auch
nur ”global“ begegnen. Der Erdatmosphäre dürfte es egal sein, ob das ”Treibhaus-
gas“ aus dem Auspuff eines Autos stammt oder einem Kraftwerk. Ebenso dürfte
es keine Rolle spielen, ob es aus einem hiesigen oder einem Schornstein im fernen
China ausgetreten ist.
• Wenn Kohlendioxid ein Schadstoff ist, muß jedes CO
2

Molekül mit gleichen Kosten belegt werden. Bei welchem
Prozeß (Verkehr, Kraftwerk) es am effektivsten vermie-
den werden kann, ergibt sich gerade aus dem ”Enheiten-
preis“. Dies ist der Lackmustest ob es um Umweltschutz oder Politik geht.
Wer für unterschiedliche Preise oder gar Freistellung einzelner Wirtschafts-
zweige plädiert, will in Wirklichkeit Planwirtschaft und tarnt sich nur als
Umweltschützer.
• Die Verminderung der Freisetzung von Kohlendioxid kann
nur global erfolgen. Von einer ”Klimakatastrophe“ sind definitions-
gemäß alle Erdenbürger betroffen. Ebenso profitieren auch alle von der ”Glo-
balisierung“. Wem soll man denn das CO
2
–Molekül, das aus einem Fabrik-
schornstein in China, Indien oder Vietnam entweicht, hinzurechnen? Dem
dortigen Arbeiter oder dem Träger der dort produzierten Jacke in Europa?
Zusammenfassend muß noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Wenn die
Freisetzung von Kohlendioxid aus Umweltschutz verringert werden soll, muß dies
bei geringsten wirtschaftlichen Nachteilen erfolgen. Die Freisetzung von CO
2
ist
kein Selbstzweck, sondern ein Abfallprodukt. Eine Bevorzugung einzelner Sektoren
oder Verfahren ist nicht zulässig. Man muß Entwicklungs- und Schwellenländer
technisch und wirtschaftlich unterstützen.
30
2.5 Die Preisfindung für Kohlendioxid
2.5.3 Die Problematik der Internalisierung von externen
Kosten
Dies war mal der Grundgedanke der Umweltschutzbewegung und ist die Ursache
dafür, daß fast alle Umweltschutzgruppen und Parteien ”links“ sind. Aus der Tat-
sache, daß Abfälle umsonst in die Umwelt abgeladen werden konnten, konnte man
hervorragend ein ”Marktversagen“ konstruieren und die längst totgesagte Plan-
wirtschaft wiederbeleben. Abfälle sind zunächst Stoffe, die man nicht mehr selbst
gebrauchen kann, die aber auch gleichzeitig keinen Verkaufswert mehr besitzen. Sie
werden erst zu Schadstoffen, wenn sie für Mensch und Natur schädlich sind. Oft
hängt dies von der Konzentration ihres Auftretens ab. Wendet man diese Überle-
gungen auf Kohlendioxid an, erkennt man die Problematik einer wirtschaftlichen
Bewertung. CO
2
kommt bei fast allen biologischen Prozessen vor und ist z. B. für
Pflanzen lebensnotwendig. Es ist ein ”Naturstoff“. Seine ”Schädlichkeit“ ergibt sich
erst aus seiner Konzentration. Wobei noch nicht einmal gesagt ist, für wen und
durch welche Wirkungen es schädlich sein soll. Es bleibt eine Tatsache:
Die quantitative Definition der Schädlichkeit von Kohlendi-
oxid in der Erdatmosphäre bleibt beliebig und daher immer
umstritten, weil wissenschaftlich unmöglich. Ernsthaft kann man
sich nur auf eine qualitative Aussage einigen, die da lautet: ”Zuviel, wird wohl
schädlich sein“. Wie viel uns das (geld)wert ist, muß eine rein politische Entschei-
dung bleiben. Genau in dieser Beliebigkeit dürfte der Grund liegen, warum die
”Klimakatastrophe“ sich als Antrieb und Bindeglied aller ”Linken Kräfte und fort-
schrittlichen Gruppen“ nach dem Zusammenbruch des ”Real Existierenden Sozia-
lismus“ etabliert hat. Es scheint die einzige Begründung zu sein, warum man doch
noch eine Planwirtschaft zur ”Rettung der Menschheit“ brauchen müßte. Schad-
stoffe jedenfalls, wurden bisher immer über ihre meßbare Schädlichkeit definiert.
Nachdem man beispielsweise die Schädlichkeit von Quecksilber für Menschen und
Tiere erkannt hatte, setzte eine weltweite Bewegung ein, dieses ”Gift“ von der Um-
welt fern zu halten. Es wurden auf der Verbrauchsseite (z. B. Trinkwasser) und auf
der Abfallseite (z. B. Abgase aus Kohlekraftwerken) Grenzwerte mit dem Ziel erlas-
sen, zu wirtschaftlich vertretbaren Kosten eine Verbreitung möglichst vollständig
einzustellen. Fernziel ist dabei tatsächlich, die vollständige Verbannung aus der
Biosphäre. Genau dies wäre aber für das ”Pflanzennahrungsmittel“ Kohlendioxid
absoluter Irrsinn. Dieser – nicht auflösbare – Wiederspruch, ist bei den folgenden
Maßnahmen zu beachten.
2.5.4 Verteuerung über Steuern
Steuern sind (in Deutschland) nicht zweckgebunden, sondern kommen alle in einen
großen Topf. Ausschließlich das Parlament bestimmt nun darüber, für welche Aus-
31
2 Wirtschaftlichkeit
gaben (über die Aufstellung und Beratung eines Haushaltes) diese Einnahmen
verwendet werden. Die Diskussion, welche Steuern in welcher Höhe erhoben wer-
den sollen, ist so alt wie die Steuersysteme. Jede Steuer verteuert das zugehörige
Produkt, verschiebt damit die relativen Preise und wirkt somit lenkend. Steu-
ern und Steuersätze festzulegen, ist deshalb eine rein politische Aufgabe. Diese
Zusammenhänge waren zu Beginn der ”ökologischen Bewegung“ ein leidenschaft-
lich und ausführlich diskutiertes Thema. Wichtig war in diesem Zusammenhang
die Betrachtung neue ”Ökosteuern“ aufkommensneutral zu erheben und damit ihre
lenkende Wirkung noch zu verstärken. Je mehr die ”Ökobewegung“ von Sozialisten
und Kommunisten vereinnahmt worden ist, je mehr wurden solche Betrachtungen
schon im Ansatz erstickt und die ”Ökosteuer“ ist zu einem reinen Abkassieren ver-
kommen. Ja, teilweise wurde ihr ursprünglicher Sinn sogar ins Gegenteil verkehrt
(”Rasen für die Rente“).
• Soll eine CO
2
–Steuer der Verringerung der Freisetzung
von Kohlendioxid dienen, muß sie allgemeingültig sein
und nicht nur einzelne Sektoren belasten. Allenfalls die Ge-
ringfügigkeit kann als Auschlußkriterium dienen. Der Ort der Erhebung muß
immer der Übergang zum Brennstoff sein. Nutzung als Rohstoff oder ”Fern-
haltung“ von der Atmosphäre – eventuell sogar die Entfernung daraus – kann
über eine Steuerrückzahlung erstattet werden.
• Wird eine CO
2
–Steuer nur national erhoben, kann es prin-
zipiell zu Ausweichreaktionen kommen. Die gesamtwirtschaftli-
chen Auswirkungen dürften jedoch gering sein, wenn die Erhebung aufkom-
mensneutral (parallele Senkung von anderen Steuern!) erfolgt. Ergeben sich
tatsächliche Härten, könnten diese über Ausnahmen gemildert werden. Jede
Steuer entzieht (indirekt) Kapital. Ein Unternehmen muß die CO
2
–Steuer an
seine Kunden durchreichen können, will es gleichzeitig in Kohlendioxid ver-
meidende Neuanlagen investieren. Ist die Belastung durch die CO
2
–Steuer
geringer als die Mehrkosten der Vermeidung, verpufft ihre Lenkungswirkung.
• Bei einem Vermeidungs-Modell über Steuern, ergibt sich der folgende grund-
sätzliche Widerspruch: Durch die Steuern wird Kapital entzo-
gen, welches aber gleichzeitig für Investitionen zur Ver-
meidung von Kohlendioxid benötigt wird. Ein solches Modell
hat daher – in Bezug auf den Umweltschutz – den gleichen Konstruktions-
fehler wie die ”Ökosteuer“.
32
2.5 Die Preisfindung für Kohlendioxid
2.5.5 Verteuerung durch Zuweisung und Handel
Bei diesem Modell geht man davon aus, daß eine Institution (”der Staat“) eine CO
2

Menge festlegt, die in einem bestimmten Zeitraum freigesetzt werden darf. Diese
Gesamtmenge wird nun auf alle Emittenten nach einem vorgegebenen Schlüssel
verteilt. Diejenigen, die mehr verbrauchen, als ihnen (kostenlos) zugeteilt wurde,
müssen sich von denen, die weniger verbraucht haben, Zertifikate zukaufen. In der
Theorie stellt sich nun der ”Knappheitspreis“ durch den Handel an einer Börse ein
und es werden automatisch die wirtschaftlich optimalen Investitionen zur Vermei-
dung getätigt.
• Die Menge Kohlendioxid in der Erdatmosphäre, die ”schädlich“ sein soll,
ist nicht eindeutig bestimmt. Hierüber wird es immer Auseinandersetzungen
geben. Es ist daher folgerichtig, die Festsetzung den (demokratisch gewähl-
ten) Regierungen zu überlassen.
• Die Festlegung der Gesamtmenge ist recht robust gegen Irrtümer und sollte
iterativ erfolgen: War sie zu hoch angesetzt, wird der Handelspreis mangels
Nachfrage sehr gering. Umgekehrt ist der Handelspreis ein Maßstab für die
wirtschaftlich vertretbare Geschwindigkeit der Absenkung. Wird der Preis
und die daraus resultierenden Konsequenzen als zu nachteilig angesehen,
muß die Rate der Verringerung entsprechend verkleinert werden.
• Richtig zum Tragen kommen die (theoretischen) Vorteile einer Verminderung
der Freisetzung zu geringsten Kosten erst, wenn dieses System weltweit einge-
führt würde. Der Aufwand verhält sich in der Technik nicht
linear, sondern die Kosten steigen exponentiell mit dem
bereits erreichten Standard an. Insofern würden automatisch die
Anlagen mit dem schlechtesten Wirkungsgrad zuerst ersetzt und der ”Gewinn
für die Umwelt“ wäre am größten.
• Problematisch ist bei diesem Modell die Verteilung der Zuweisungen:
Dies betrifft sowohl die Sektoren, die Nationen, wie auch die jeweils zu-
künftige Verteilung. Startwert, sollte der weltweite Istzustand aller fossilen
Brennstoffe sein.
• Da jedes CO
2
–Molekül gleichschädlich ist, kommt nur die Gleichbehand-
lung aller Sektoren in Frage. Es sollte nicht zwischen Sektoren wie Verkehr
und Stromerzeugung unterschieden werden. Im Gegenteil: Einzig und allein
der Preis sollte über die Reduktion entscheiden. Die Zuweisung sollte deshalb
über die Brennstoffe erfolgen. Für jede Maßeinheit eines jeden Brennstoffes
läßt sich der Anteil des freigesetzten Kohlendioxides genau bestimmen. Jeder,
der Brennstoffe verkauft (auf Großhandelsebene) muß für die entsprechende
33
2 Wirtschaftlichkeit
Menge Zertifikate nachweisen. Die Bevorzugung einzelner Brennstoffe durch
die Politik, wird bewußt verhindert. Wer Kohle statt Erdgas verbrauchen
will, muß dafür eine höhere CO
2
–Abgabe entrichten. Selbst zukünftige Maß-
nahmen integrieren sich von selbst in dieses System: Wer beispielsweise aus
Kohle Synthesegas erzeugt und dabei Kohlendioxid abscheidet und fachge-
recht endlagert, braucht für diesen Anteil keine Zertifikate.
• Die Verbrennung von fossilen Brennstoffen ist kein Selbst-
zweck, sondern führt zu Wohlstand. Insofern ist eine weltweite
Reduktion von CO
2
nur schwer durchzusetzen. Wenn CO
2
für die Erdat-
mosphäre schädlich ist, woher nimmt dann ein Europäer das Recht, mehr
davon freizusetzen als ein Inder? Bei dem heute sehr unterschiedlichen Ni-
veau, wäre die Forderung einer gleichmäßigen Senkung nur die Fortsetzung
des Kolonialismus. Wir müssen den Entwicklungsländern einen (noch) stei-
genden Energieverbrauch zugestehen. Wir können andere Menschen nur zum
Mitmachen bewegen, wenn es ihnen auch Vorteile bringt. Ein – zugegeben
radikaler Weg – wäre die nationalen Zuteilungen gemäß eines einheitlichen
Wertes pro Kopf der Bevölkerung vorzunehmen: Die Industrieländer hätten
automatisch zu wenige und die Entwicklungsländer zu viele Zertifikate. In der
Konsequenz bedeutet das, die Entwicklungsländer können (vorläufig) weiter-
hin ohne Zusatzkosten Kohlendioxid freisetzen und können sofort durch den
Verkauf ihrer Überschußzertifikate Einnahmen erzielen. Umgekehrt müssten
die Industrieländer dafür bezahlen. Auf dieser Ebene ist sicherlich Zustim-
mung zu gewinnen, da die Entwicklungsländer für ihren geleisteten Wohl-
standsverzicht erstmalig entschädigt würden. Um aber gleichzeitig die tech-
nischen Entwicklungen zu stimulieren, sollten die Zertifikate unterschiedli-
cher Regionen nicht 1:1 umgetauscht werden. Es müßten festgelegte ”Wech-
selkurse“ eingeführt werden. Für international definierte Sektoren (Verkehr,
Stromerzeugung etc.) müßten die spezifischen Verbrauchsdaten (z. B. CO
2

Freisetzung pro erzeugter kWh Strom) in jedem regionalen Handelsraum
ermittelt werden. Die Region mit den besten Werten wird zur ”Leitwährung“
erhoben, alle Zertifikate der anderen Regionen werden entsprechend abgewer-
tet. Man kann also nur Kosten senken, indem man weniger fossile Brennstoffe
verbraucht. Egal ob durch Verzicht oder über bessere Wirkungsgrade.
• Bei allen Zuteilungssystemen stellt die gerechte Berücksichtigung von
”neuen Teilnehmern“ wohl die größte Herausforderung dar. Als Startwert
kann die Istverteilung dienen. Jeder bekommt im nächsten Jahr die gleichen
Anteile, wie er im Basisjahr verbraucht hat. Wie lange kann das aber so
weitergehen? Technische Anlagen veralten und müssen irgendwann (sinnvol-
lerweise) stillgelegt werden. Es sollte aber verhindert werden, daß Altanlagen
34
2.5 Die Preisfindung für Kohlendioxid
nur noch in Betrieb gehalten werden, um kostenlos Zertifikate zugeteilt zu
bekommen. Gleichzeitig werden ständig neue Anlagen gebaut, für die eben-
falls kostenlos zugeteilte Zertifikate zur Verfügung stehen müssen.
• Werden die für eine Handelsregion in einer Gültigkeitsperiode zur Verfügung
stehenden Zertifikate nicht zugewiesen sondern versteigert, ergeben sich zwei
Vorteile: Die Verteilungsproblematik ist gelöst. Wer meint, daß er Zerti-
fikate braucht, muß diese an der zuständigen Börse erwerben. Zu welchem
Preis, entscheidet von Anfang an der Markt. Diese Lösung besitzt gegenüber
allen anderen Modellen noch den Vorteil, gleichzeitig die Investitionsfrage
zu lösen. Die ”Zentralbank“ die im Auftrag der Regierungen die Zertifika-
te schafft, erzielt hierdurch Einnahmen. Diese Einnahmen müßten zweck-
gebunden zur Reduktion von Kohlendioxid eingesetzt werden. Beispielswei-
se als ”Abwrackprämien“ für Altanlagen mit schlechtem Wirkungsgrad oder
für Energiesparmaßnahmen in Gebäuden. Die ”Vernichtung von Nachfrage“
kommt indirekt allen Verbrauchern bei der nächsten Versteigerung zu gute.
Um Transparenz zu schaffen, sollten die Mittel umgekehrt nach dem ma-
ximalen Einsparpotential versteigert werden. Wichtig ist hierbei, daß den
Energieverbrauchern kein Kapital entzogen wird, sondern für die Verringe-
rung der CO
2
–Menge wieder zur Verfügung gestellt wird. Dieses Modell hat
nur einen Sinn: Die Senkung der CO
2
–Menge in der Erdatmosphäre und
nicht das ”Abkassieren“.
• Die Nationalstaaten erscheinen als natürliche Bilanzräume. Es können sich
jedoch mehrere Bilanzräume mit jeweils einer Börse zu einem Handels-
raum zusammenschließen. Grundlage kann ein internationales Abkommen
sein, dem Nationalstaaten freiwillig beitreten können. Je ersichtlicher der ge-
meinsame Vorteil ist und je geringer der Nachteil für ein einzelnes Land, um
so schneller und geräuschloser dürften die Beitritte erfolgen.
2.5.6 Verteuerung durchSanktionen
Üblicherweise werden für Stoffe, die als biologisch schädlich erkannt wurden, Grenz-
werte erlassen. Für CO
2
gibt es aber in den Konzentrationen der Erdatmosphäre
keine biologisch wirksame Schädlichkeit. Es gibt allenfalls eine sehr indirekt kon-
struierte Wirksamkeit über das Klima. Dabei darf nicht vergessen wer-
den, daß ”Klima“ definitionsgemäß der gleitende Mittelwert
des ”Wetters“ über 30 Jahre ist. Also Zeiträume, die sich in menschli-
chen Maßstäben nur sehr schlecht erfassen lassen. Wenn es also prinzipiell keine
Schwellwerte für eine biologische Schädlichkeit gibt, können auch keine fundierten
Grenzwerte für eine Freisetzung abgeleitet werden. Aber vielleicht übt gerade die-
se Beliebigkeit den Reiz auf politische Gruppierungen aus? Deutlich wird dies bei
35
2 Wirtschaftlichkeit
der Festlegung von Grenzwerten für den CO
2
–Ausstoß bei Autos. Diese sind nach
naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten völlig aus der Luft gegriffen. Sie sollen
lediglich Kosten verursachen und damit den ”Transport“ in eine politisch gewollte
Richtung lenken. Dies ist ein eindeutiger Mißbrauch von Grenzwerten, der
dessen wichtige Funktion auf ewig diskreditieren wird (und soll?). Wir sollten uns
daher hüten, die CO
2
–Problematik weiterhin auf diesem Weg lösen zu wollen.
36
3 Fossile Energien
3.1 Erdöl
Erdöl wird auch ”Schwarzes Gold“ genannt, da aus ihm die Treibstoffe praktisch
aller Verkehrs- und Transportmittel gewonnen werden und es der Rohstoff nahezu
der gesamten chemischen Industrie ist. Durch seine geringere Dichte als Wasser,
steigt es in der Erdkruste auf und tritt (trat) an manchen Orten sogar an der
Oberfläche hervor. Dort reagiert es mit Luft und bildet asphaltartige Stoffe.
Die Förderung konventionellen Erdöls erfolgt heute in folgenden Phasen:
1. In der ersten Phase wird Öl durch den natürlichen Druck des eingeschlosse-
nen Erdgases oder durch Pumpen an die Oberfläche gefördert (primary oil
recovery)
2. In der zweiten Phase (secondary oil recovery) werden Wasser oder Gas unter
hohem Druck in das Reservoir gepresst und damit zusätzliches Öl aus der
Lagerstätte gefördert.
3. In einer dritten Phase (tertiary oil recovery) werden Dampf (Verringerung
der Viskosität), Polymere (Aufrechterhaltung der Porösität), Chemikalien
(Fließverbesserung) eingespritzt, mit denen die Nutzungsrate nochmals er-
höht wird. Interessant im Zusammenhang mit CO
2
–Abscheidung ist das Ver-
pressen von CO
2
zur gleichzeitigen Ölgewinnung und Entsorgung.
Je nach Vorkommen werden in den beiden ersten Phasen jeweils 10–30 % des vor-
handenen Öls gefördert; insgesamt in der Regel also nur 20–60 % des vorhandenen
Öls. Mit steigenden Ölpreisen ist damit zu rechnen, daß sich die tertiäre Förderung
verstärken wird.
Weltreserven Für das Jahr 2004 wurden die bestätigten Weltreserven je nach
Quelle auf etwa 1100 bis 1300 Milliarden Barrel geschätzt. Reserven sind Öl-
vorräte, die geortet sind und mit der heute zur Verfügung
stehenden Technik wirtschaftlich gewonnen werden können.
Oder mit anderen Worten: Je höher der aktuelle Ölpreis ist, je höher dürfen die
Förderkosten sein. Hinzu kommen technische Entwicklungen in der Bohrtechnik,
Förderung in größeren Wassertiefen, bessere Entölung vorhandener Lagerstätten
37
3 Fossile Energien
usw. Die ”Endlichkeit“ der Ölvorräte ist daher sehr relativ. Solange es Ölförde-
rung gibt, haben die Weltvorräte immer für etwa 30 bis 50 Jahre ausgereicht – ein
eher finanzmathematisches Ergebnis. Schon die Ölsuche und die Erschließung von
Ölfeldern ist sehr kapitalintensiv. Ein zu schnelles Bereitstellen von Ersatz wäre
schlicht weg unwirtschaftlich. Nichts desto trotz, wird das baldige
Versiegen der Ölvorräte von politisch interessierten Kreisen
gerne zur Panikmache mißbraucht. Viel wahrscheinlicher ist es, daß
das ”Ende des Ölzeitalters“ ebenso wenig wegen des Versiegens der Vorräte endet,
wie die Steinzeit wegen des Mangels an Steinen zu Ende gegangen ist.
Transport und Lagerung Einer der Hauptgründe für den ”Siegeszug des Erd-
öls“ über andere Energieträger, ist seine einfache Transportierbarkeit: Erdöl ist
bei moderaten Temperaturen flüssig und damit pumpbar. Es ist weder gasförmig
noch fest. Es kann somit in großen Mengen von Punkt zu Punkt durch Rohr-
leitungen oder weltweit flexibel in einfachen Schiffen kostengünstig transportiert
werden. Eine Lagerung zur zeitlichen Entkoppelung von Förderung und Verbrauch
kann in einfachen Tanklagern oder in unterirdischen Kavernen erfolgen. Durch
diese Flexibilität ist es zur ”Leitwährung“ für alle Energie-
träger geworden. Erst durch die relativ geringen Transportkosten und die
nahezu beliebige Umleitung von Tankern zwischen den Verbrauchszentren ist eine
Preisbildung nach Angebot und Nachfrage möglich. Nicht selten, wechseln Tanker-
ladungen an den Rohstoffbörsen während ihrer Reise mehrfach den Besitzer. Die
vielgescholtenen ”Spekulanten“ übernehmen hierbei die Funktion einer Versiche-
rung. Es kann wegen der großen Entfernungen Monate dauern, bis das an einer
Quelle geförderte Rohöl in einer Raffinerie verbraucht wird. Der ”Spekulant“ wet-
tet nun auf einen unbekannten Preis in der Zukunft. Würde es den Spekulanten
nicht geben, müßte das Risiko der Preisänderung von den Lieferanten bzw. Ver-
brauchern übernommen werden. Es wäre jedenfalls nicht aus der Welt. Es müßte
auf jeden Fall anderweitig abgedeckt werden, allerdings weniger transparent.
Weltverbrauch Der tägliche Verbrauch weltweit lag im Jahr 2008 bei etwa 87
Millionen Barrel. USA (20,1 Millionen Barrel), Volksrepublik China (6 Millionen
Barrel), Japan (5,5 Millionen Barrel) und Deutschland (2,7 Millionen Barrel) waren
im Jahr 2003 Hauptverbraucher des Erdöls. Der Weltverbrauch steigt derzeit um
2 % pro Jahr an. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei den Industriestaaten
deutlich höher als bei Entwicklungsländern. So lag der Verbrauch in den USA
2003 bei 26,0 Barrel pro Einwohner, in Deutschland bei 11,7, während in China
statistisch auf jeden Einwohner 1,7 Barrel kamen, in Indien 0,8 und in Bangladesch
nur 0,2 Barrel pro Kopf verbraucht wurden.
38
3.2 Erdgas
3.2 Erdgas
Abbildung 3.2.1: Das europäische Erdgasnetz der Hochdruckleitungen
Erdgase sind Gasgemische deren Hauptbestandteil Methan ist. Ihre Zusammen-
setzung schwankt stark, je nach Lagerstätte und geringfügig, je nach Förderzeit-
punkt. Insbesondere wenn es als sog. ”Begleitgas“ bei der Erdölförderung anfällt,
enthält es viele sog. ”Kondensate“ (Ethan, Propan, Butan, Ethen usw.). Insbeson-
dere in den USA auch mehrere Prozent Helium. Diese höheren Kohlenwasserstoffe
und Helium sind nach der Abtrennung wertvolle Produkte. Weitere Bestandtei-
le sind Schwefel, Kohlendioxid und Stickstoff. Diese Schadstoffe bzw. Inertgase
werden vor einem Weitertransport abgetrennt. Zur Anwendung werden die Sorten
”Erdgas L“ (ca. 85 % Methan, 4 % Alkane und 11 % Inertgas) mit einem geringeren
Heizwert und ”Erdgas H“ (aus der Nordsee: ca. 89 % Methan, 8 % Alkane und 3 %
Inertgas; Russengas: ca. 98 % Methan, 1 % Alkane und 1 % Inertgas) mit einem
höheren Heizwert unterschieden. Je länger die Transportwege sind, um so mehr
lohnt es sich die Inertgase zu entfernen. Ebenso ist es sinnvoll, alle Kondensate
zu entfernen, die bei einer Teilentspannung zur Bildung von Flüssigkeitströpfchen
führen können, die Ventile usw. gefährden. LNG besteht nahezu zu 100 % aus
Methan. Methan ist auch gut zum Betrieb von Hubkolbenmotoren geeignet, da es
eine hohe Klopffestigkeit besitzt (im Gegensatz z. B. zu Propan und Wasserstoff).
Der Brennwert von Erdgas liegt in der Bandbreite von 30–40 MJ/m
3
.
39
3 Fossile Energien
Transport und Speicherung Für einen wirtschaftlichen Transport über größere
Entfernungen muß das Volumen entsprechend verringert werden. Dies kann ent-
weder durch Verdichtung oder Verflüssigung geschehen. Ab etwa 3000 km soll der
Energieaufwand für Verflüssigung und Transport in Tankern geringer sein, als der
Aufwand zur wiederholten Verdichtung in einer Pipeline. Zukünftig könnte die
Herstellung von Diesel und Kerosin vor Ort eine günstigere Alternative sein. Diese
sehr hochwertigen Kraftstoffe könnten über die normale Transport- und Lagerkette
in den Wirtschaftskreislauf eingeschleust werden.
Methanhydrat Auf den Meeresböden gibt es festes Methanhydrat, welches auch
als ”Methaneis“ bezeichnet wird. Die weltweiten Methanhydratvorkommen werden
auf 500–3000 Gt Kohlenstoff geschätzt. Es könnte also mehr Methan-
hydrat geben, als alle Erdöl und Kohlereserven zusammen!
3.3 Kohle
Kohle ist ein schwarzes oder schwarz-bräunliches Material, welches aus pflanzlichen
Resten entstanden ist. Sie besteht zu mehr als 50 Gewichtsprozent bzw. 70 Vo-
lumenprozent aus Kohlenstoff. Technisch unterscheidet man zwischen Braun- und
Steinkohle. Die Braunkohle ist dabei noch oberflächennahe ”junge Kohle“, während
Steinkohle durch weitere Umwandlung in tieferen Erdschichten entstanden ist.
3.3.1 Entstehung
Kohle ist aus pflanzlichen Überresten unter Luftabschluß entstanden. Vor etwa 350
bis 300 Millionen Jahren (Erdzeitalter des Karbon) wuchsen auf der Erde riesige
Farne mit baumartigen Ausmaßen. Wenn diese Farne in Sümpfe fielen, konnten sie
wegen Sauerstoffmangels nicht verrotten und begannen sich umzuwandeln. Wur-
den diese Sümpfe abgedeckt, wurden sie infolge des Gewichts entwässert. Je dicker
die Deckschicht war, je höher wurde der Druck und die Temperatur und der so ge-
nannte Prozeß der ”Inkohlung“ setzte ein, an dessen heutigem Ende die Steinkohlen
stehen. Demgegenüber sind die Braunkohlen jüngeren Datums. Sie entstanden vor
etwa 65 bis 3 Millionen Jahren (Erdzeitalter des Tertiär) aus versunkenen Bäumen.
Ohne auf die komplizierten chemischen Prozesse und die erdgeschichtlichen Zu-
sammenhänge näher einzugehen, lassen sich einige wichtige Konsequenzen für die
Gewinnung und Nutzung ableiten:
40
3.3 Kohle
Kohle ist aus Pflanzenresten entstanden.
Somit enthält Kohle auch alle Stoffe (Mineralien, Stickstoffverbindungen, Schwefel
usw.), die ursprünglich von den Pflanzen aus der Luft und dem Boden aufge-
nommen wurden. Pflanzen sind teilweise sehr selektiv. Deshalb enthalten manche
Kohlen z. B. merkliche Anteile an Quecksilber, Uran und sonstigen Schwerme-
tallen, die zudem noch aufkonzentriert wurden. Dies ist bei der Verbrennung zu
beachten.
Durch die Inkohlung wurde die Kohle umgewandelt.
Die Inkohlung ist ein komplexer chemischer Prozeß, der unter Sauerstoffabschluß
bei Druck und Temperatur sehr langsam abläuft. Je nach geologischen Verhältnis-
sen und Zeitdauer gibt es daher sehr unterschiedliche Kohlen. Für den Verbren-
nungstechniker bedeutet dies unterschiedliche Heizwerte, verschiedenes Verhalten
bei der Verbrennung und zumindest in der Menge unterschiedliche Schadstoffe.
Kohlen sind also nicht einfach austauschbar. Will man optimale Verhältnisse, muß
für jede Kohle eine spezielle Anlage konstruiert werden.
Die Erde hat sich verändert.
Für die Standorte der Lagerstätten heute ist entscheidend, daß sich die Erde in
den vergangenen Jahrmillionen erheblich und immer wieder verändert hat. Es gab
völlig andere Kontinente (z. B. Gondwana, Pangaea) als heute und diese befanden
sich an wechselnder Stelle auf dem Erdball. Schon diese Tatsache an sich, sorgte
für immer wieder veränderte klimatische Verhältnisse. So kommt es, daß dort, wo
heute ”ewiges Eis“ ist, vor Jahrmillionen tropisches Klima herrschte. Wo heute
”Binnenland“ ist, im Laufe der Erdgeschichte immer mal wieder Meer war. Dies
erklärt z. B. die Bildung von Kohlenflözen in unterschiedlicher Tiefe. Glück für uns
ist, daß dadurch die Kohlevorkommen ziemlich gleichmäßig über die gesamte Erde
verteilt sind. Es gibt praktisch keine Region ohne Kohlevorkommen – wenn auch in
unterschiedlicher Qualität und unterschiedlich schwierig abbaubaren Lagerstätten.
3.3.2 Verwendung
Kohle besteht im wesentlichen aus Kohlenstoff. Damit ist sie nicht nur als Brenn-
stoff verwendbar, sondern kann auch als Ausgang für chemische Produkte verwen-
det werden. Prinzipiell kann sie Erdöl und Erdgas vollständig ersetzen. In einigen
Bereichen wie z. B. der Roheisengewinnung ist sie sogar überlegen. Ihre ”stein-
artige“ Beschaffenheit wird hier zum Vorteil. Ansonsten gereicht ihr ”ihre feste
Form“ wegen der damit verbundenen ”Dosierbarkeit“ zum Nachteil und sie ist auch
bei der allgemeinen Wärmeerzeugung verdrängt worden. Der Nachteil mangelnder
41
3 Fossile Energien
”Automatisierbarkeit und Reinheit“ kann nur in möglichst spezialisierten Großan-
lagen kompensiert werden. Deswegen hat sie sich weltweit bei der Stromerzeugung
durchgesetzt. Ihr konkurrenzlos geringer Brennstoffpreis schlägt auf diesem Gebiet
alle Mehrkosten gegenüber Öl und Gas. Je mehr die Preise für Erdöl und Erdgas
steigen, um so weiter wird die Kohle auch in andere Bereiche vordringen.
3.3.3 Umweltschutz
Kohle besteht (mehr oder weniger) aus Kohlenstoff. Deshalb wird bei gleicher Wär-
memenge der höchste Anteil Kohlendioxid freigesetzt. Dies wird von vielen sog.
Umweltschützern als Nachteil gegenüber Erdgas mit seinem hohem Wasserstoffan-
teil angeführt. Kohle ist wegen ihrer festen Form nur sehr aufwendig zu verbren-
nen und in den meisten Wärmekraftmaschinen (Dieselmotoren, Gasturbinen usw.)
überhaupt nicht einsetzbar. Ihre Nutzung geschieht deshalb fast ausschließlich über
eine Verbrennung und Umwandlung in Wärme (Dampfkessel). Kombiprozesse wie
beispielsweise in GuD-Kraftwerken mit ihren höheren Wirkungsgraden scheiden
daher für Kohle aus. Der geringere Wirkungsgrad heutiger Dampfkraftwerke führt
zu einem größeren spezifischen Energieeinsatz.
Kohle enthält Mineralien, die nach der Verbrennung als Asche anfallen. Die-
se Aschen besitzen je nach Kohlensorte unterschiedliche Mengen und Eigenschaf-
ten. Die Verbrennung von Kohle ist daher schwierig und die Kohlen lassen sich
nicht oder nur sehr schwer untereinander austauschen. Die direkte Verbrennung in
Gasturbinen oder Großdieseln konnte deshalb bisher nicht zufriedenstellend ver-
wirklicht werden. Die Asche verschleißt die Bauteile wie ein Sandstrahlgebläse.
Bei manchen Aschen oder Verfahren liegt die Verbrennungstemperatur über dem
Schmelzpunkt der Mineralien: Die Asche verflüssigt sich und wird nach der Ab-
lagerung an den Bauteilen wieder fest. Bei Turbinen führt dies durch Unwuchten
zur sofortigen Zerstörung. In mit Kohlenstaub gefeuerten Kesseln fällt die Asche
nach erfolgter Verbrennung in einer sehr feinen Körnung an, die treffend als ”Flug-
asche“ bezeichnet wird. Teilweise ist sie lungengängig und muß aufwendig aus dem
Abgasstrom herausgefiltert werden.
Kohle enthält Schwefel, der sich im Abgas zu schwefliger Säure umwandelt.
Diese Schwefelsäure kann sich über hunderte von Kilometern ausbreiten, bis sie
abregnet. In den 1970er Jahren hat dies zum sog. ”Wald- und Seensterben“ ge-
führt. Der Schwefel muß daher aus dem Rauchgas entfernt werden. Dies erfordert
kostspielige Anlagen und ist deshalb leider immer noch nicht weltweiter Standard.
Die Kohle enthält Stickstoffverbindungen, aus denen bei der Verbrennung Stick-
oxide entstehen. Dieser Reaktionsweg ist über Primärmaßnahmen (Verbrennungs-
temperatur, gestufte Verbrennung) nicht vollständig beherrschbar. Stickoxide wir-
ken in der Natur als Dünger und bilden unter Sonneneinstrahlung Ozon. Düngung
zum falschen Zeitpunkt und Ozon sind für alle Pflanzen sehr schädlich. Teilweise
42
3.3 Kohle
werden daher die Abgase einer sog. ”Entstickung“ unterzogen. Leider sind die zu-
lässigen Grenzwerte für Stickoxide in vielen Gegenden der Welt aus Kostengründen
noch sehr hoch.
Quecksilber ist ein Nervengift. Es gibt deshalb weltweit die Bestrebung, eine
Freisetzung in die Umwelt vollständig zu unterbinden. Manche Kohlen enthalten
recht viel Quecksilber, das nach der Verbrennung zum großen Teil mit den Abgasen
in die Umwelt gelangt. Besonders in den USA ist mit so scharfen Grenzwerten zu
rechnen, daß eine Abscheidung erforderlich wird.
3.3.4 Bergbau
Jede Form von Bergbau stellt einen Eingriff in die Umwelt dar. Es werden Löcher
(Tagebau) und Gänge gegraben. Dabei wird die Landschaft zwangsläufig zerstört
und umgeformt. Dort, wo die Kohle abgebaut wurde, verbleibt ein Hohlraum. Bei
verlassenen Tagebauen ergibt dies eine Seenlandschaft. Verlassene Bergwerke stür-
zen im Laufe der Zeit ein, was zu kleinen Erdbeben und Absenkungen an der
Oberfläche führt. Die Bergsenkungen führen zu Schäden an Gebäuden und dau-
erhaften Landschaftsveränderungen: Das Ruhrgebiet ist bereits so tief abgesackt,
daß es teilweise unter Wasser stehen würde. Dies führt zu dem maßgeblichen Pro-
blem: Um Bergbau überhaupt betreiben zu können, muß ständig Wasser aus den
Gruben abgepumpt werden. Bei Tagebauen führt dies zu großflächigen Grundwas-
serabsenkungen. Die Grundwasserleiter bleiben oft auch nach Aufgabe des Berg-
werkes dauerhaft zerstört. Bei Bergwerken in größerer Tiefe werden Wasserleiter
angeschnitten, die eigentlich keinen Kontakt zur Oberfläche haben. Mit dem Gru-
benwasser gelangen darin gelöste Stoffe in die Flüsse, die sehr umweltschädigend
sein können.
3.3.5 Braunkohle
Braunkohle ist bräunlich-schwarz und enthält bis zu 50 % Wasser, wodurch ihr
Heizwert wesentlich geringer als bei Steinkohle ist. Eine Verbrennung ist erst nach
erfolgter Trocknung möglich. Sie enthält bis zu 3 % Schwefel und viel Asche. Der
Kohlenstoffgehalt der Trockenmasse beträgt über 50 % (70 % ihres Volumens).
Es lohnt daher nur, sie in unmittelbarer Nähe der Grube zu verarbeiten. Heute
wird sie fast ausschließlich in Kraftwerken verbrannt. Braunkohlen werden je nach
Kohlenstoffgehalt in: Weich-, Hart-, Matt- und Glanzbraunkohle unterschieden.
Förderung Braunkohle wird heute praktisch nur im Tagebau gefördert. Durch
den Einsatz immer größerer Bagger und Förderanlagen ist ihre Gewinnung äußerst
preiswert. Insbesondere in Deutschland geschieht der Transport zwischen Bagger
und Kraftwerk unmittelbar über Förderbänder. Schon aus diesem Grund (hoher
43
3 Fossile Energien
Kapitaleinsatz) wird die Verstromung in der Grundlast angestrebt.
Wegen des hohen Anteils an ”Nichtbrennbaren“ lohnt ein Transport über weite
Strecken nicht. Die Asche wird – meist ebenfalls über Förderbänder – unmittelbar
in die ausgekohlte Grube wieder eingebracht.
Tagebaue erfordern einen sehr großen Landschaftsverbrauch. In dicht besiedelten
Landstrichen ist die Umsiedlung kompletter Dörfer erforderlich. Nach Auskohlung
ist eine Rekultivierung der Landschaft üblich.
Ein großes Problem ist die Wasserhaltung. Während des Abbaues muß der
Grundwasserspiegel unterhalb der Sohle abgesenkt und gehalten werden. Dies führt
zu einem entsprechend großen Kegel um den Tagebau herum. Landwirtschaft und
Natur sind hiervon betroffen. Durch das ”Umgraben“ der Landschaft sind die alten
Grundwasserleiter dauerhaft zerstört. Das Befüllen der Restlöcher mit Wasser zu
künstlichen Seen muß kontrolliert und mit Wasser aus Flüssen erfolgen. Läßt man
die Löcher einfach natürlich volllaufen, ergeben sich durch Auswaschung – insbe-
sondere der Aschen – ”tote“ Gewässer. Das eingefüllte Wasser muß quasi einen
Gegendruck gegen das eindringende Grundwasser aufrecht erhalten können. Heute
wird diese Technik gut beherrscht und führt zu echten ”Badeseen“. Sie ist allerdings
sehr kostspielig, da das Flußwasser meist nicht nur herangepumpt, sondern vorher
gereinigt werden muß.
Veredelung Will man Braunkohle nicht direkt in einem angeschlossenen Kraft-
werk verfeuern, muß sie zur weiteren Nutzung veredelt werden. Im ersten Schritt
wird sie hierzu gemahlen und von ihren bis zu 50 % Wasser befreit. Dieser ”Braun-
kohlenstaub“ kann in Silofahrzeugen rationell in der Region verteilt werden und
als hochwertiger Brennstoff in Industrieanlagen (z. B. rheinische Zuckerfabriken,
Heizwerk in Berlin, Zementwerke usw.) genutzt werden. Klassischerweise werden
aus dem Staub Briketts für den Hausbrand und das Gewerbe gepreßt. In den
1940er Jahren wurde in Deutschland aus Braunkohle in großem Umfang Benzin
hergestellt. Wegen des (bis lang) billigen Rohöls wurde diese Nutzung vollständig
aufgegeben. In der ehemaligen ”DDR“ wurde bis zu ihrem Untergang aus Braun-
kohle synthetisches Gas hergestellt. Auch dieser Zweig ist (momentan) durch das
billige Erdgas verdrängt worden.
Im Rahmen der beständigen Verbesserung von Wirkungsgraden bei Kraftwer-
ken, setzt sich der Trend einer grundsätzlichen Trocknung vor der Verbrennung
durch. Beheizt man solche speziellen Trocknungsanlagen mit Abdampf der Kraft-
werke, lassen sich praktisch die gleichen Wirkungsgrade wie bei Steinkohlekraft-
werken erzielen. Die Energie, die zur Verdampfung des gebundenen Wassers in der
Rohbraunkohle benötigt wird, wird nicht durch die Verbrennung im Kessel bereit-
gestellt, sondern durch Anzapfdampf aus der Turbine, der – so zu sagen – bereits
Arbeit geleistet hat. Allerdings ist dieses Verfahren großtechnisch recht aufwendig
44
3.3 Kohle
und teuer.
Vorräte Im Jahre 2005 wurden weltweit über 909 Million Tonnen gefördert. Die
drei größten Förderländer sind Deutschland (176 MioTo/a), China (100 MioTo/a)
und die USA (76 MioTo/a).
Die zu heutigen Preisen förderbaren Reserven werden weltweit mit über 283.000
Millionen Tonnen und die nachgewiesenen Vorräte mit 3.000.000 Millionen Tonnen
angegeben.
Allein in Deutschland würden die Vorräte, die nach Angaben der BGR (Bun-
desanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) zu gegenwärtigen Preisen und
mit dem Stand der heutigen Technologie gewinnbar sind, bei konstanter Förde-
rung (176,3 Millionen Tonnen im Jahre 2006) noch für etwa 230 Jahre ausreichen.
Grenzen sind somit allenfalls durch den Umweltschutz gegeben. Es ist im Gegen-
teil bei einer Verteuerung des Rohöls und Erdgases auch in Deutschland von einer
verstärkten Nutzung auszugehen. Es sei daran erinnert, daß allein die ”DDR“ vor
ihrem Untergang 300 Millionen Tonnen pro Jahr gefördert hat! Nimmt man die
exorbitant hohen Preise für Wind- und Sonnenenergie als Basis, dürften erhöhte
Umweltschutzkosten keine Einschränkung sein. Selbst die Abscheidung und La-
gerung von CO
2
verliert dann ihren wirtschaftlichen Schrecken. In Kombination
mit Kernenergie, dürfte bereits zu heutigen Rohölpreisen die Produktion von syn-
thetischen Kraftstoffen aus Braunkohle konkurrenzfähig sein. Nötig, ist allein ein
politisches Umdenken!
3.3.6 Steinkohle
Steinkohle ist der deutsche Sammelbegriff für hochwertige Kohlen mit geringem
Wasser- und Aschengehalt. International klassifiziert man eher nach ”hard coals“
(Hartkohlen) die auch die Hartbraunkohlen und Anthrazit umfassen, die jedoch in
Deutschland kaum vorkommen.
Kohlensorten ”Ruhrkohlen“ werden nach dem Gehalt an flüchtigen Bestandtei-
len (F.B.), bezogen auf die wasser- und aschefreie Kohle (abgekürzt: waf), in fol-
gende Kohlenarten eingeteilt: ”Gasflammkohlen“ [> 35 % F.B. (waf)], ”Gaskoh-
len“ [35 - 30 % F.B. (waf)], ”Fettkohlen“ [30 - 20 % F.B. (waf)], ”Esskohlen“
[20 - 14 % F.B. (waf)], ”Magerkohlen“ [14 - 10 % F.B. (waf)] und ”Anthrazit“
[< 10 % F.B. (waf)]. Fettkohle ist die am häufigsten vorkommende Kohlensorte
im Ruhrgebiet. Ihr Wassergehalt liegt meist unter 20 %, ihr Kohlenstoffgehalt bei
etwa 88 % in der wasserfreien Kohle. Der Schwefelgehalt beträgt unter 1 %. Fett-
kohle verbrennt wegen ihres hohen Anteiles an flüchtigen Bestandteilen mit einer
45
3 Fossile Energien
Abbildung 3.3.1: Einteilung der Kohlesorten in Deutschland und international.
langen, leuchtenden und stark rußenden Flamme. Aus Esskohle kann ein gesin-
terter Koks hergestellt werden, der mit kurzer Flamme und vergleichsweise wenig
Rauchentwicklung verbrennt und deshalb besonders für Hausbrandkessel geeignet
ist. Am oberen Ende der Kohlen steht Anthrazit (griechisch: Glanzkohle) mit über
91 % Kohlenstoff (waf). Sie besitzt einen hohen Heizwert bei großer Härte und hat
ein metallisch glänzendes dunkles Grau als Farbton. Da im Anthrazit nur wenige
flüchtige Bestandteile gebunden sind, verbrennt sie mit sehr kurzer und heißer,
bläulicher Flamme. Ruß und sichtbare Verbrennungsgase entstehen kaum.
Handelbarkeit Steinkohlen besitzen wegen des geringen Wassergehaltes – im Ge-
gensatz zu Braunkohle – einen hohen Heizwert. In vielen Fällen ist sogar der
Aschegehalt recht gering. Sie lassen sich daher auch über größere Entfernungen
mit Schiff und Bahn kostengünstig transportieren. Der Bau von Kraftwerken kann
daher verbrauchsnah erfolgen und erfordert kein entsprechend ausgebautes Strom-
netz. Zusätzlich kann damit auch die Wärme in Fernwärmenetzen oder industriell
genutzt werden. Steinkohlen (guter Qualität) sind recht flexibel einsetzbar und
es hat sich dadurch ein stabiler internationaler Handel etabliert. Es werden heute
die weltweit kostengünstigsten Vorkommen abgebaut und mit Schiffen über die ge-
samte Welt verteilt. Ein typischer Vertreter für diese Entwicklung ist Deutschland:
Obwohl es über große Mengen in bester Qualität verfügt, ist es günstiger Kohle
46
3.4 Problematik des Kohlendioxids
aus Südafrika oder Australien zu beziehen. Im Jahr 2008 wurden in Deutschland
nur noch 17,7 Millionen Tonnen gefördert aber 46 Mio to importiert. Trotzdem
ist dies nur ein Bruchteil des seewärtigen Steinkohlenhandels von über 820 Mio to
gewesen. Inzwischen schwanken die internationalen Kohlepreise sehr stark und syn-
chron mit den Ölpreisen. Im ersten Halbjahr 2008 bewegten sich die Spotpreise für
Kraftwerkskohle in Nord-West-Europa zwischen 102 und 106 €/toSKE, ein Jahr
später bewegten sie sich wieder deutlich unter 70 €/toSKE. Dies sollte aber nicht
darüber hinwegtäuschen, daß große nationale Unterschiede für langfristige Verträ-
ge bestehen. Sowohl Kraftwerke wie auch Bergwerke sind sehr kapitalintensiv. Es
sind daher beide Seiten an langfristig kalkulierbaren Investitionen interessiert.
Verfügbarkeit Anders als Öl und Gas ist Kohle ziemlich weit
verbreitet. Die größten Reserven lagern in den USA (213.316 Mio to), China
(167.000 Mio to) und Indien (95.000 Mio to). Die Amerikaner bezeichnen sich oft
scherzhaft als ”Saudi-Arabien der Kohle“. Glücklich an dieser Reihenfolge ist, daß
diese drei Regionen heute und in Zukunft die Länder mit dem höchsten Ener-
gieverbrauch sind. Diese Tatsache dürfte sich stabilisierend auf Preise und politi-
sche Umstände auswirken. Die Weltreserven betragen 736.112 Mio to. In diesem
Zusammenhang ist die Definition von ”Reserven“ von Bedeutung: Gemeint sind
die zu heutigen Preisen und mit heutiger Technik förderbaren Vorkommen. Die
angegebenen Daten beziehen sich auf das Jahr 2006. Somit erklärt sich die für
Laien oft paradox anmutende Tatsache ständig gleichbleibender Rohstoffreserven.
In diesem Sinne sind die angegebenen ”Ressourcen“ von geschätzt 8.817.728 Mio
to bedeutender. Allerdings ist diese Zahl wesentlich diskussionswürdiger, weil je
nach Standpunkt, z. B. die Tiefe bis zu der Kohle zukünftig abgebaut wird, anders
ausfällt. Erinnert sei nur an die verschiedenen Meinungen wann und ob überhaupt,
Steinkohlenbergbau in Deutschland wieder stattfindet.
3.4 Problematik des Kohlendioxids
Kohlendioxid (CO
2
) entsteht bei jeder Verbrennung von fossilen Brennstoffen oder
Biomasse. Die Freisetzung durch menschliche Aktivitäten wird heute überwiegend
als schädlich betrachtet. Es trägt zu einer Erwärmung der Atmosphäre (sog. Treib-
hauseffekt) und zu einer Versauerung der Meere bei. Durch die Menschheit werden
heute (2008) etwa 36 Milliarden Tonnen im Jahr bei der Energienutzung erzeugt.
Eigenschaften Kohlendioxid ist ein farb- und geruchloses Gas. Es ist mit einer
Konzentration von ca. 0,04 % ein natürlicher Bestandteil der Luft. Es entsteht so-
wohl bei der vollständigen Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Substanzen unter
47
3 Fossile Energien
ausreichendem Sauerstoff als auch im Organismus von Lebewesen bei der Zellat-
mung. Umgekehrt sind Pflanzen in der Lage, CO
2
durch die Kohlenstoffdioxid-
Fixierung in Biomasse umzuwandeln. So produzieren Pflanzen beispielsweise bei
der Photosynthese aus anorganischem CO
2
Glukose (”Traubenzucker“). CO
2
ist
aufgrund seiner inneren Dipolmomente gut in Wasser löslich. Bei Raumtempe-
ratur unter Normaldruck liegt die Sättigung bei 1700 mg/l, während sie bei O
2
bereits bei 9 mg/l und bei N
2
bei 20 mg/l erreicht wird. Es besitzt im technischen
Sinne drei herausragende Eigenschaften:
1. Unterhalb einer Temperatur von -78°C ist es bei Umgebungsdruck fest. Dieser
Zustand wird ”Trockeneis“ genannt, da es sublimiert, das heißt direkt – ohne
Flüssigkeit – in den Gaszustand übergeht.
2. Sein Dampfdruck bei 20°C beträgt lediglich 57,3 bar. Es ist also in einer
Druckgasflasche (Zapfanlage, CO
2
–Kartusche) bereits flüssig und kann des-
halb leicht (geringes Volumen) transportiert werden.
3. Der kritische Punkt von CO
2
ist bei 31,0 °C und 73,8 bar. Oberhalb dieses
Punktes ist die Dichte von Flüssigkeit und Dampf gleich. Die Unterschiede
beider Aggregatzustände hören an diesem Punkt auf zu existieren. Über-
kritische Fluide kombinieren das hohe Lösevermögen von Flüssigkeiten mit
der niedrigen Viskosität ähnlich den Gasen. Weiterhin verschwinden sie bei
Druckminderung vollständig (verdampfen). Somit eignen sie sich als idea-
le Lösungsmittel. Überkritisches Kohlendioxid wird beispielsweise großtech-
nisch zum Entzug von Koffein aus Kaffee, zur Entfettung in der Halblei-
terindustrie und neuerdings zur chemischen Reinigung verwendet. In die-
sem Sinne, sind einige interessante Anwendungen im Zusammenhang mit
der Endlagerung von CO
2
zu erwarten (z. B. Ölgewinnung aus versiegten
Feldern, Methanförderung aus Methanhydratvorkommen im Meeresgrund).
Kohlendioxid als Dünger in Gewächshäusern und Aquakulturen: Das in der na-
türlichen Umgebungsluft enthaltene CO
2
liegt mit einem Anteil von ca. 350 ppm
unterhalb des für die Pflanzen zum Wachstum förderlichen Anteils von ca. 800
bis 1000 ppm. Durch eine Anreicherung der im Gewächshaus vorhandenen Luft
mit CO
2
kann das Pflanzenwachstum um bis zu 40 % gesteigert werden. Bisher
wird diese Methode aus Kostengründen nur in Kombination mit der (notwendigen)
Heizung von Treibhäusern angewandt.
Globale Erwärmung durch Kohlendioxid Aus dem Rückstrahlvermögen (Albe-
do) der Erdoberfläche, würde sich ohne Atmosphäre eine Gleichgewichtstempera-
tur von -18°C ergeben. Der gemessene Mittelwert beträgt jedoch +15°C. Für die-
se ”Erderwärmung“ ist in groben Zügen folgender Zusammenhang verantwortlich:
48
3.4 Problematik des Kohlendioxids
Konzentration Auswirkungen
0,038 % Derzeitige Konzentration in der Luft.
0,15 % Hygienischer Innenraumluftwert für frische Luft.
0,3 % MIK–Wert, unterhalb dessen keine Gesundheits-
bedenken bei dauerhafter Einwirkung bestehen.
0,5 % MAK–Grenzwert für tägliche Exposition von acht
Stunden pro Tag.
4 % Atemluft beim Ausatmen.
5 % Auftreten von Kopfschmerzen, Schwindel und Be-
wußtlosigkeit.
8 % Bewußtlosigkeit, Krämpfe, Eintreten des Todes
nach 30–60 Minuten.
Tabelle 3.1: CO
2
–Konzentration in der Luft und Auswirkungen auf den Menschen.
Die Sonne strahlt sehr viel Energie zur Erde. Durch ihre Oberflächentemperatur
von etwa 5600°C ergibt sich das sichtbare Licht, welches nahezu ungehindert die
Erdatmosphäre passiert (Transparenz). Die Erdoberfläche absorbiert dieses Licht
und erwärmt sich dadurch auf etwa 30°C. Die erwärmten Gegenstände strahlen
nun ebenfalls, jedoch wegen ihrer geringeren Temperatur mit erhöhter Wellen-
länge (Wiensches Verschiebungsgesetz). Für diese ”Rückstrahlung“ ist jedoch die
Erdatmosphäre weniger durchlässig, als für das sichtbare Licht. Manche Inhalts-
stoffe (Wasserdampf, CO
2
, Methan etc.) können die absorbierte Wärmestrahlung
weit besser abgeben, als Sauerstoff und Stickstoff. Da sie gleichmäßig in alle Rich-
tungen – also auch zur Erdoberfläche – strahlen, erhält der Boden eine zusätzliche
Wärmestrahlung (Atmosphärische Gegenstrahlung). CO
2
absorbiert einige schma-
le Teile des elektromagnetischen Spektrums im Bereich der Infrarotstrahlung. Es
trägt bei der heutigen Konzentration von etwa 380 ppm in der Atmosphäre ca.
20 % zum natürlichen Treibhauseffekt bei. Demgegenüber beträgt der Anteil des
Wasserdampfes allein über 60 %. Schon aus diesem Grunde scheint eine durch die
Verbrennung fossiler Brennstoffe ausgelöste ”Klimakatastrophe“ mehr als fragwür-
dig.
3.4.1 Abscheidung von Kohlendioxid
Bei der vollständigen Verbrennung von Kohle oder Kohlenwasserstoffen entsteht
CO
2
bzw. CO
2
und Wasser, sowie etliche Nebenprodukte (Schwefeloxide, Schwer-
metalle etc.) in geringen Anteilen. Je höher der Wasserstoffanteil ist, je geringer ist
die spezifische (auf die Wärmefreisetzung bezogene) Kohlendioxidproduktion. Ein
49
3 Fossile Energien
unmittelbarer Maßstab hierfür, ist die Differenz aus Brennwert (oberer Heizwert
H
o
) und unterem Heizwert (H
u
). Der Wasserdampf läßt sich durch eine entspre-
chende Abkühlung der Verbrennungsgase in den flüssigen Zustand überführen und
somit sehr einfach abtrennen. Wird mit Luft verbrannt, enthält das Abgas ungefähr
nur 10 bis 15 % CO
2
bei konventionellen Kohlekraftwerken oder sogar nur 3 bis 6
% bei Erdgas-Kombi-Kraftwerken, da mit einem gewissen Luftüberschuß gefahren
werden muß und die Luft überwiegend aus Stickstoff besteht. Für eine Abschei-
dung ist ein solch geringer Partialdruck eine sehr ungünstige Voraussetzung. Der
Partialdruck kann wesentlich durch eine Verbrennung mit reinem Sauerstoff er-
höht werden. Hierfür ist jedoch eine vorherige Luftzerlegung erforderlich, die sehr
energieaufwendig ist.
Die drei Wege Nach dem heutigen Kenntnisstand, bieten sich großtechnisch drei
Wege zur CO
2
–Abscheidung an:
1. Die fossilen Brennstoffe werden konventionell mit Luft verbrannt (post-
combustion). Nach den üblichen Reinigungsstufen (Entstaubung, Entschwe-
felung und Entstickung) werden die Abgase einer weiteren Wäsche zur CO
2

Abscheidung unterzogen, bei der sie durch chemische Absorption an das
Lösemittel überführt werden. Es entsteht ein schwach gebundenes Interme-
diärprodukt, das durch Erhitzen wieder aufgebrochen wird und einen rei-
nen CO
2
–Gasstrom erzeugt. Durch das kurzzeitige Erhitzen wird der Absor-
ber wieder regeneriert und das CO
2
kann als Reingasstrom z. B. verflüssigt
werden. Bei höheren Partialdrücken von CO
2
erfolgt die physikalische Ab-
sorption an Lösemittel wie Selexol (Dimethylether des Polyethylenglycols)
oder Rectisol (kaltes Methanol). Bei mittleren und niedrigen Partialdrücken
erfolgt die chemische Absorption an basische Lösungsmittel (hauptsächlich
Amine wie Monoethanolamin (MEA), Diglykolamin, Diethanolamin (DEA)
und Methyldiethanolamin (MDEA) oder heiße Kaliumcarbonatlösung). Das
gängigste und erprobteste Verfahren ist derzeit die Abscheidung des CO
2
aus
dem Rauchgasstrom mit MEA (Monoethanolamin).
2. Der Brennstoff – insbesondere Kohle – wird mit reinem Sauerstoff und Was-
serdampf zu sogenanntem Synthesegas vergast. Das enthaltene Kohlenmon-
oxid wird unter Zuhilfenahme von Katalysatoren und Wasserdampf einer
Shift-Reaktion unterzogen und bildet ebenfalls Wasserstoff und CO
2
. Das
Kohlendioxid läßt sich einfach durch Verflüssigung vom Wasserstoff tren-
nen (pre-combustion). Der Wasserstoff wird anschließend in chemischen
und verfahrenstechnischen Anlagen (Zementwerke, Stahlwerke, Ölraffineri-
en usw.) genutzt oder in Energiewandlungsanlagen (Motoren, Gasturbinen,
Brennstoffzellen etc.) verbrannt. Diese produzieren im wesentlichen Wasser-
50
3.4 Problematik des Kohlendioxids
dampf als Abgas. Dieser Weg würde den Einstieg in die ”Wasserstoffwelt“
bedeuten.
3. Der Brennstoff wird mit reinem Sauerstoff in Kesselanlagen (Oxy-Fuel-
Verfahren) verbrannt. Der ”Ballast“ Stickstoff wird hierbei nicht mitge-
schleppt. Allerdings sind bei der Verbrennung mit reinem Sauerstoff die
Flammentemperaturen so hoch, daß ein Teil des (schon kühlen) Abgases
wieder zurückgeführt werden muß. Auch hier kann das Kohlendioxid relativ
einfach über physikalische Verfahren abgetrennt werden.
Ziele
• Es soll möglichst wenig CO
2
in die Atmosphäre freigesetzt werden.
• Es soll möglichst reines CO
2
gewonnen werden, um Deponieraum zu sparen
und etwaige Korrosionsprobleme zu vermeiden.
• Das CO
2
soll durch eine entsprechende Verdichtung verflüssigt werden, um
möglichst wenig Transportvolumen zu besitzen.
• Das alles soll möglichst wenig Energie verbrauchen und möglichst wenig Ko-
sten verursachen.
3.4.2 Lagerung von Kohlendioxid
Eine Einlagerung von CO
2
im Sinne des ”Klimaschutzes“ macht einen sicheren
Einschluß über sehr lange Zeiträume erforderlich. Die Lagerstätten müssen über
geologische Zeiträume hin dicht sein, wenn das CO
2
von der Atmosphäre dauerhaft
zurückgehalten werden soll. Es ist aber fraglich, ob dies überhaupt erforderlich ist.
Nach Meinung der (sich selbst gerne so bezeichnenden) ”Klimaforscher“ ist der
Gehalt an CO
2
in der Erdatmosphäre für das ”Klima“ verantwortlich. Es wird
aber ständig abgebaut (Pflanzenwachstum und geochemische Prozesse) und auch
auf natürlichem Weg produziert. Insofern kann eine zeitlich verzögerte Freisetzung
relativ unschädlich oder sogar förderlich (Eiszeiten) sein. Überspitzt läßt sich die
Frage stellen, was geschieht eigentlich, wenn deren Wunsch einer ”solaren Gesell-
schaft“ in Erfüllung geht? Der CO
2
–Gehalt müßte dann kontinuierlich abnehmen
und damit das Klima Richtung ”kleiner Eiszeit“ gehen. Gilt hier einfach nur die
alte Regel der Planwirtschaft: Erst die Probleme schaffen, die man anschließend
vorgibt zu lösen?
51
3 Fossile Energien
Lager als Endlager Soll das CO
2
dauerhaft von der Atmosphäre zurückgehal-
ten werden, benötigt man dichte Lagerstätten wie sie z. B. ehemalige Erdgasfelder
darstellen. Diese haben ihre Dichtigkeit nachgewiesen, indem sie für Jahrtausen-
de und mehr, das Erdgas gespeichert haben. Es muß lediglich auf einen sicheren
Verschluß der alten Bohrlöcher geachtet werden.
Lager als Puffer Kohlendioxid ist in entsprechend geringer Konzentration un-
gefährlich. Insofern ist eine geringe Leckage kein Problem. Gelangen beispielsweise
weniger als 1 % der verpreßten Gasmenge jährlich wieder an die Oberfläche, dürf-
te das für die Entwicklung des Klimas praktisch keine Auswirkungen haben. Die
Atmosphäre ist nämlich bezüglich des Kohlendioxids kein ab-
geschlossener Behälter, sondern eher ein See mit einem Zu-
und Abfluß. Verringert man nun den Zufluß durch eine zeitliche Pufferung, so
verringert sich die Konzentration in der Atmosphäre – lediglich weniger schnell –
als bei einem völligen versiegen des Zuflusses. Versteht man eines fernen Tages die
Atmosphäre und ihre Austauschprozesse tatsächlich vollständig, könnte man die
zulässige Leckagemenge für einen konstanten CO
2
–Gehalt sogar bestimmen.
Kohlendioxid als Fördermedium Überkritisches CO
2
ist ein hervorragendes Lö-
sungsmittel. Es wird deshalb bereits bei über 70 Ölfeldern in Texas zur Entölung
ansonsten bereits versiegter Ölquellen eingesetzt. Wird flüssiges CO
2
in die alten
Ölfelder gepumpt, erhöht sich der Druck wieder (Immiscible Displacement).
Ein Teil des CO
2
verteilt sich fein im Öl (Miscible Displacement) und ge-
langt mit der Förderung zurück an die Oberfläche. Dort muß es vom Erdöl abge-
trennt, erneut verdichtet und wieder in die Lagerstätte gepumpt werden. Das in
der entölten Lagerstätte zurückbleibende Kohlendioxid wä-
re kein Verlust mehr, sondern eine gewollte Senke. Ähnliche
Überlegungen gibt es für Methanhydrat: Eine mögliche Förderung wäre das Ein-
pressen von Kohlendioxid in eine Methanhydratschicht. Das Kohlendioxid würde
das Methan ”verdrängen und ersetzen”. Dabei wird mehrKohlendioxid eingelagert
als Methan ausgelagert. Ein sehr eleganter Weg zur Nutzung der Methanhydra-
te. Würde man über solchen Lagerstätten Anlagen zur Wasserstoffproduktion aus
Erdgas installieren, könnte dies ein maßgeblicher Einstieg in die ”Wasserstoffwirt-
schaft“ sein.
52
4 Regenerative Energien
4.1 Sonnenenergie
Die Sonne ist die Mutter aller regenerativen und fossilen Energien. Meist wird je-
doch unter ”Sonnenenergie“ die direkte Nutzung der Sonneneinstrahlung verstan-
den. Man unterscheidet zwischen der auf direktem Weg von der Sonne zum Objekt
gelangten Strahlung (Direktstrahlung), der durch Reflexion, Streuung, Beugung
usw. abgelenkten (Diffussttrahlung) und der Summe aus allen Strahlungsarten
(Globalstrahlung).
Solarkonstante E
0
Die Solarkonstante ist die über viele Jahre gemittelte Son-
neneinstrahlung außerhalb der Erdatmosphäre. Der Mittelwert für die Solarkon-
stante wurde 1982 von der Weltorganisation für Meteorologie in Genf festgelegt:
E
0
= 1367
W
m
2
(4.1.1)
Die Strahlungsleistung der Sonne selbst ist nahezu konstant. Sie schwankt aber we-
gen der Bahnexzentrizität zwischen 1325 und 1420 W/m
2
auf der Erde. Die Erdat-
mosphäre und ihr Klima beeinflussen die Globalstrahlung auf der Erdoberfläche.
Den geometrischen Einfluß beschreibt die ”Air Mass“ (AM), als den entspre-
chenden Weg durch die Atmosphäre, den die Strahlung durchdringen muß. Man
hat nun AM = 0 als das Spektrum außerhalb der Atmosphäre im Weltraum mit der
Solarkonstante definiert. AM = 1 ist das Spektrum der senkrecht auf die Erdober-
fläche fallenden Sonnenstrahlen, d. h. die Sonne muß dafür genau im Zenit stehen;
die Strahlen legen dann den kürzesten Weg auf die Erdoberfläche zurück. Für AM
= 1,5 ergibt sich ein Zenitwinkel von etwa 48,2°. Bei diesem Spektrum beträgt die
globale Strahlungsleistung 1000 W/m
2
, weshalb man AM = 1,5 als Standardwert
für die Vermessung von Solarmodulen eingeführt hat. Für Berlin beträgt beispiels-
weise zur Wintersonnenwende mittags der Zenitwinkel 76° (entsprechend AM =
4,13) und demgegenüber zur Sommersonnenwende bei Sonnenhöchststand ca. 29°
(entsprechend AM = 1,14).
Globalstrahlung Unter Globalstrahlung versteht man die gesamte an der Erd-
oberfläche auf eine horizontale Empfangsfläche auftreffende Solarstrahlung.
53
4 Regenerative Energien
• Sie besteht aus den unterschiedlichsten Strahlungsarten. Die Sonnenstrah-
lung umfaßt ein Wellenlängenspektrum von mehr als neun Zehnerpotenzen,
beginnend bei hartem Röntgenlicht mit einer Wellenlänge von weniger als
0,1 nm, über ein Spektrum eines schwarzen Körpers mit einem Maximum im
sichtbaren Bereich bis hin zu langwelliger Radiostrahlung im Meterbereich.
• Sie hängt stark vom Wetter (Regen, Bewölkung) und vom Zustand der At-
mosphäre (Luftverschmutzung) ab.
• Sie hängt stark von der Tageszeit ab. Nachts ist es (nahezu) dunkel. Wegen
des veränderlichen Einfallswinkels des Direktstrahlungsanteils ist die Global-
strahlung mittags stärker als morgens und abends.
• Sie ist im Sommer stärker als im Winter.
• Sie hängt vom Breitengrad ab. Am Äquator ist sie stärker, da sie nahezu
senkrecht am Himmel steht. Die Jahressumme der Globalstrahlung liegt in
Deutschland zwischen 900 und 1.200 kWh pro m
2
und Jahr. In Spanien
beträgt die Globalstrahlung etwa 2.000 kWh und in der Sahara 2.500 kWh pro
m
2
und Jahr. Für Deutschland ergibt sich je nach Breitengrad und Wetter:
Leistung Sommer Winter
Sonnenschein, klarer bis leicht diffuser Himmel: 600–1000 300–500 W/m2
Sonnenschein bei leichter bis mittlerer Bewölkung: 300–600 150–300 W/m2
stark bewölkt bis nebelig-trüb: 100–300 50–150 W/m2
Tabelle 4.1: Unterschiedliche Globalstrahlung in W pro m
2
für Deutschland.
Sonnenscheindauer Die Astronomische Sonnenscheindauer hängt in erster Linie
vom Breitengrad und der Jahreszeit ab, sowie im Gebirge oder Hügelland auch vom
Landschaftshorizont des betreffenden Standorts. Sie gilt für eine wolkenlose und
ungetrübt klare Atmosphäre, stellt also den theoretischen Maximalwert dar. Die
tatsächliche Sonnenscheindauer ist als die Zeitspanne definiert, während der die
Einstrahlung mindestens 120 W/m
2
beträgt. In Deutschland liegt die durchschnitt-
liche jährliche Sonnenscheindauer je nach Ort zwischen 1300 und 1900 Stunden pro
Jahr. Der Mittelwert ist 1550 Stunden Sonnenschein pro Jahr.
54
4.1 Sonnenenergie
Tageslänge Die Dauer der Erdrotation beträgt im Mittel 23 Stunden 56 Minuten
und 4,10 Sekunden. Somit ist jeder Ort auf der Erde übers Jahr betrachtet, 12
Stunden der Sonne zugewandt (Tag) und 12 Stunden abgewandt (Nacht). Etwas
anders verhält es sich mit der Dauer des hellen Tages (von Sonnenaufgang bis
Sonnenuntergang). Sie hängt von der Jahreszeit und der geografischen Breite ab.
In Mitteleuropa variiert sie zwischen ca. 8 Stunden im Winter und 16 Stunden im
Sommer.
Tageslaenge = 2 ·
arccos(−t · tan ϕ · tan δ)
15
(4.1.2)
t = Stundenwinkel halbkreisig, ϕ = Breite des Standortes (z. B. 52° für Berlin), δ
= Deklination der Sonne, sie schwankt je nach Jahreszeit zwischen ca 23,5° Nord
(Sommeranfang) und 23,5° Süd (Winteranfang) und muß für jeden Kalendertag J
berechnet werden:
δ(J) = 0, 3948−23, 2559·cos(J
0
+9, 1)−0, 3915·cos(2·J
0
+5, 4)−0, 1764·cos(3·J
0
+20, 6)
(4.1.3)
J
0
ist der Tag des Jahres J multipliziert mit 360°, geteilt durch 365 für ein nor-
males und 366 Tage für ein Schaltjahr. Für die Nutzung der Sonneneinstrahlung
ergibt sich nun folgender Zusammenhang: Ist einer der beiden Faktoren ϕ (Brei-
tengrad am Äquator) oder δ (die Deklination) = 0, so ist das Produkt 0 (da arccos
0 = 90) und der ganze Tag 12 Stunden lang. Die Sonne hat zweimal im Jahr die
Deklination 0, nämlich zum Frühlingsanfang und zum Herbstanfang. Dann ist der
Tag überall auf der Welt 12 Stunden lang. Auf der nördlichen Erdhalb-
kugel sind leider im Winter – gerade wenn die meiste Energie
benötigt wird – die Tage kürzer und damit die mögliche Ener-
giegewinnung prinzipiell geringer.
Tageszeit Die Erde hat definitionsgemäß einen Umfang von 360° und eine mitt-
lere Tagesdauer von 24 Stunden. Das bedeutet, daß der Sonnenaufgang (auf dem
gleichen Breitengrad, siehe oben) jeweils alle 15 Längengrade um eine Stunde ver-
schoben ist. Damit läßt sich schon der Mythos von der Stromversorgung aus Afrika
mit Sonnenkraft widerlegen: Afrika dehnt sich von etwa 20° westlicher bis etwa 50°
östlicher Länge aus. Mit anderen Worten: Es ist nur eine Zeitverschiebung von
weniger als 4 Stunden nutzbar. Hinzu kommt noch die Ausrichtung der Arbeits-
zeit nach der Mitteleuropäischen Zeit. Die berühmte Wüste Sahara, erstreckt sich
grob vom nördlichen Wendekreis bis etwa 35° nördlicher Breite. Man kann also mit
Sicherheit feststellen: Wenn es Nacht ist in der Sahara, ist es auch
in Deutschland dunkel. Man verzichtet daher entweder auf
elektrischen Strom oder erzeugt ihn anders!
55
4 Regenerative Energien
4.1.1 Photovoltaik
Unter Photovoltaik versteht man die direkte Umwandlung der Sonneneinstrahlung
in elektrische Energie. Die ”Sonnenzelle“ beruht auf dem inneren photoelektrischen
Effekt. Zusätzlich wird ein p-n-Übergang benötigt. An dem Übergang findet bei
Lichteinwirkung eine Ladungstrennung statt. Das entstehende elektrische Span-
nungsgefälle wird für die Wandlung der Strahlungsenergie in elektrische Energie
genutzt. Es wird ein Gleichstrom erzeugt, der für eine Nutzung im Stromnetz noch
in einen Wechselstrom gewandelt werden muß.
Definition der Nennleistung bei Sonnenzellen Da die Leistung sehr stark von
der Intensität der Bestrahlung und der Modultemperatur abhängt, wurde interna-
tional (STC) eine Nennleistung Wp (”Wattpeak“) definiert: Es ist die elektrische
Leistung, die ein Modul bei einer Modultemperatur von 25°C, einer Bestrahlungs-
leistung von 1000 W/m
2
, einem Sonnenlichtspektrum der Luftmasse 1,5 und einem
senkrechten Strahlungseinfall erzeugt. In Deutschland können mit einer An-
lage von 1 kWp zwischen 700 und 1000 kWh elektrischer Energie pro
Jahr erzeugt werden. Im Jahr 2007 wurden in Deutschland mit einer Ausle-
gungsleistung von 3811 MWp 3075 GWh Elektroenergie erzeugt, was rund 807
Vollbenutzungsstunden entspricht. In diesem Zusammenhang sei noch einmal aus-
drücklich darauf verwiesen, daß Wp nicht die Höchstleistung, sondern eine definier-
te Leistung ist. Sie dient nur dem Vergleich und wird für betriebswirtschaftliche
Rechnungen verwendet.
Wirkungsgrade von Sonnenzellen Die Wirkungsgrade heutiger Sonnenzellen
liegen zwischen 6 und 18 % bei Nennleistung. Wobei sie sich um etwa 0,5 % je
Grad Temperaturänderung (der Zelle!) verändern. Auch in Deutschland erreichen
Zellen leicht eine Temperatur von 75°C, da sie durch Glasscheiben und Konstruk-
tionsteile ”gut isoliert“ sind. So kann es passieren, daß ein Modul an einem heißen
Sommertag mit strahlend blauem Himmel, rund 25 % weniger Strom produziert.
Bei den Befürwortern von ”Photovoltaik in der Sahara“ wird dies gern übersehen.
In der Wüste sind schon Lufttemperaturen von 40°C üblich, sodaß dort kaum mehr
Strom als im Hochgebirge in der Schweiz erzeugt werden kann.
Von der Lobby der ”Sonnenindustrie“ wird immer gerne behauptet, daß der
Wirkungsgrad bei Sonnenzellen gar keine Rolle spielt, da ja die Sonnenzelle keinen
Brennstoff braucht. Dies ist natürlich betriebswirtschaftlicher Unsinn. Ein Photo-
voltaikmodul mit einem Wirkungsgrad von 18 % produziert auch dreimal so viel
Strom, wie ein Modul mit 6 %. Insofern dürfen seine Kapitalkosten auch dreimal
so hoch sein, um auf gleiche Stromkosten zu kommen.
Die Sonnenzelle produziert Gleichstrom mit sehr niedriger Spannung. Um die-
sen in das öffentliche Stromnetz einspeisen zu können, muß er In Wechselstrom
56
4.1 Sonnenenergie
mit Netzspannung umgeformt werden. Wechselrichter haben heute sehr gute Wir-
kungsgrade von bis zu 98 % im Auslegungspunkt. Ihre Kennlinie fällt aber bei
(kleiner) Teillast stark ab. Die über das Jahr gemittelten Verluste für diesen Pro-
zeß betragen etwa 3 bis 7 %.
4.1.2 Solarthermische Kraftwerke
In einem solarthermischen Kraftwerk konzentriert man die Sonneneinstrahlung
durch Spiegel oder Linsen, um höhere Leistungen, bei höheren Temperaturen zu
erzeugen.
Turmkraftwerk Bei ihm wird durch ein Feld von computergesteuerten Spiegeln
(Heliostaten) das Sonnenlicht auf einen Wärmeerzeuger in einem 50 bis 150 m ho-
hen Turm konzentriert. Mit dieser Methode lassen sich Temperaturen von bis zu
1000 °C erzeugen, die anschließend in einer Gasturbine oder einem konventionel-
len Dampfturbinenkreislauf in elektrischen Strom gewandelt werden. Das derzeit
größte Solarturm-Kraftwerk ”Solar Two“ steht in der Mojave–Wüste in Kaliforni-
en/USA und liefert eine Leistung von ca. 10 MW.
Parabolrinnen-Kraftwerk Spiegel mit parabelförmigem Querschnitt werden in
Form einer Rinne konstruiert. Damit kann die Sonnenstrahlung um etwa das Vier-
zigfache konzentriert werden und auf ein Absorberrohr mit wärmeleitender Flüs-
sigkeit gelenkt werden. Zur Erhöhung der Leistung sind die Parabolrinnen in Nord-
Süd-Richtung angeordnet und können durch eine verstellbare Längsachse im Tages-
verlauf der Sonne von Ost nach West nachgeführt werden. Das im Zentralrohr zir-
kulierende Thermoöl kann dadurch auf über 400 °C erhitzt werden. Dieses heiße Öl
gibt nun seine aufgenommene Energie an einen Speicher oder einen Wasser-Dampf-
Kreislauf ab, der einen konventionellen Turbosatz zur Stromgewinnung versorgt.
Ein Parabolrinnenkraftwerk in der kalifornischen Mojave–Wüste hat insgesamt 2,3
Mio. Quadratmeter Spiegelfläche und erzeugt 354 Megawatt elektrischer Leistung.
Dieser Anlagentyp stellt derzeit die wirtschaftlichste Lösung zur Gewinnung von
Sonnenenergie dar. Er dient zur Spitzenlasterzeugung in Wüstengegenden, weil
seine Stromproduktion synchron zum Antriebsbedarf der Klimaanlagen verläuft.
Temperatureinfluß Da in Wüstengegenden kein Kühlwasser zur Verfügung steht,
muß mit der Außenluft von entsprechend hoher Temperatur gekühlt werden. Ande-
rerseits steigen mit erhöhter Temperatur des Wärmeträgeröls die Abstrahlverluste
der Parabolrinnen. Es steht somit nur eine relativ geringe Temperaturdifferenz zur
Verfügung, die letztendlich zu ebenso geringen Wirkungsgraden, wie bei der Pho-
tovoltaik führt. Eine Zusatzfeuerung mit Erdgas in ”sonnenschwachen“ Zeiten ist
57
4 Regenerative Energien
deshalb nur wirtschaftlich, wenn sehr billiges Erdgas am Standort zur Verfügung
steht. Ökologischer wäre es, das Erdgas in einem konventio-
nellen Kombikraftwerk – mit entsprechend hohem Wirkungs-
grad – zu verfeuern.
Speicherfähigkeit Solarthermische Kraftwerke sind prinzipiell besser für eine
Grundlastversorgung geeignet. Elektrische Energie läßt sich nicht in nennenswerter
Größenordnung speichern. Hier kann – zumindest technisch betrachtet – die Wär-
me zwischengespeichert werden. Es müßten aber sehr große und sehr teure Speicher
mit Phasenänderung verwendet werden. Speicher, deren Funktion auf einer stetigen
Abkühlung beruhen, sind ungeeignet, da damit der Wirkungsgrad der Dampftur-
bine sehr schlecht würde. Es würde entsprechend viel der teuren Sonnenenergie
verlorengehen. Ohnehin, müßte ein Grundlastkraftwerk schon mehr als die dop-
pelte Spiegelfläche besitzen, um Tag und Nacht auszugleichen. Gleichwohl, ist dies
gegenüber anderen Verfahren (auch Windenergie) immer noch der Königsweg, da
zwei (chemische) Umwandlungen mit jeweils großen Verlusten gespart werden. Au-
ßerdem kann die ”Sonnenwärme“ auch direkt als Prozeßwärme eingesetzt werden.
Bei dem Temperaturniveau eines Parabolrinnen-Spiegels, ist auch die Gewinnung
von Gefriertemperaturen über Absorptionskälteanlagen (Ammoniak-Kälteanlage)
möglich. Ein Standort neben einer ”Wüstenmetropole“ zur Gewinnung von Strom,
Gefrierkälte (Lebensmittelproduktion, Kühlhäuser etc.), Trinkwasser und Fernkäl-
te zur Klimatisierung, erscheint durchaus realisierbar.
4.2 Wasserkraft
Man kann sowohl die kinetische Energie von Wasserströmungen (Flußläufe, Gezei-
ten), als auch die potentielle Energie (Staubecken) nutzen. Bei den Stauseen ist eine
gewisse Entkopplung von Wasserangebot und Strombedarf möglich. Dies hat sie
seit jeher für den Netzbetrieb besonders attraktiv gemacht. Frühzeitig hat man ge-
eignete Örtlichkeiten zu Pumpspeicherkraftwerken ausgebaut: In Tageszeiten mit
einem Überangebot an elektrischer Energie, wird diese genutzt um Wasser in das
Oberbecken zu pumpen. Bei Bedarf an Spitzenleistung kann dieses Wasser wieder
über eine Turbine geleitet werden. Hauptsächlich werden Stauseen dort angelegt,
wo sie primär dem Hochwasserschutz, der Wasserversorgung oder der Schiffbar-
machung von Flüssen dienen. Ansonsten sind die Baukosten meist zu hoch und
die Eingriffe in die Landschaft werden nicht toleriert. Deshalb sind fast alle gut
geeigneten Standorte bereits ausgeschöpft. Im Gegenteil, manche Projekte sind so
umstritten, daß man sie heute nicht mehr realisieren würde.
58
4.3 Windenergie
Umwelt und soziale Aspekte Wasserkraft genießt bei sog. Umweltschützern
hohes Ansehen – jedenfalls solange sie nicht in der eigenen Umgebung genutzt
werden soll! Sonst findet sich schnell die gesamte Palette von Nachteilen:
• Umsiedlung und Enteignung von Anwohnern.
• Vernichtung von Land und Veränderung der Landschaft und Gesellschaft.
Dies gilt insbesondere in Verbindung mit Bewässerungsprojekten.
• Vernichtung von seltenen Pflanzen und Tieren (Amazonas).
• Gefahr von Erdbeben. Gefahr für vorhandene Grundwassersysteme.
• Veränderung der Strömungsverhältnisse in Flüssen. Verlandung durch Ab-
setzen von Schwebestoffen im Stausee. Schädigung von Fischen. Unterbre-
chung von Wanderungswegen der Tiere. Beeinflussung der Selbstreinigung
der Flüsse.
Eigenschaften Bei aller Euphorie unterscheiden sich Wasserkraftwerke ganz we-
sentlich von thermischen Kraftwerken: Sie sind nur bedingt einsatzfähig. Das Was-
serangebot ist über ein Jahr (Sommer – Winter) und mehrere Jahre (Dürrepe-
rioden) sehr unterschiedlich. Hinzu kommen Anforderungen des Umweltschutzes
(Mindestwassermenge, maximaler Schwall). Die installierte Leistung steht daher
nicht das ganze Jahr zur Verfügung. In Deutschland beträgt die Arbeitsausnutzung
etwa 4500 Vollaststunden pro Jahr. Sie sind daher nicht für die Grundlast geeignet.
Eine ausschließliche Versorgung mit Wasserkraft wäre nicht möglich. Ihre Vorteile
können Wasserkraftwerke nur in Zusammenarbeit mit thermischen Kraftwerken
ausspielen (siehe Schweiz und Schweden).
4.3 Windenergie
Windenergie ist die kinetische Energie der bewegten Luftmassen der Erde. Sie ent-
steht indirekt aus der Sonnenenergie und zählt deshalb zu den regenerativen Ener-
gien. Durch die unterschiedliche Einstrahlung (Tag – Nacht, Sommer – Winter,
Bewölkung, Wasser – Erdboden etc.) wird die Oberfläche und die darüber liegende
Atmosphäre unterschiedlich erwärmt. Dies führt zu Temperatur- und Druckunter-
schieden, die durch den resultierenden ”Wind“ ausgeglichen werden. Die Leistung
P eines Windrades, steigt mit der 2. Potenz seines Durchmessers und der 3. Potenz
der Windgeschwindigkeit.
P
Wind
=
E
kin
t
=
ρ
2
πr
2
v
3
(4.3.1)
59
4 Regenerative Energien
Dies führt zu entsprechend hohen Türmen (etwa 120 m Nabenhöhe bei etwa 110
m Rotordurchmesser bei 4 MW Nennleistung) und einem relativ kleinen Band der
Windstärke, in dem effektiv Strom erzeugt werden kann. Üblicherweise beträgt die
sog. Anlaufgeschwindigkeit etwa 2 m/s (Windstärke 2) und die Abschaltgeschwin-
digkeit etwa 35 m/s (Windstärke 12). In diesem Band verhält sich die Leistung also
wie 1 : 5359! Man erkennt sofort, daß Windböen eine außerordentliche Herausfor-
derung für die Regelung von Stromnetzen darstellen und zusätzliche Regelleistung
bereitgestellt werden muß.
Nutzbare Windmenge Würde die Energie des Windes vollständig entnommen,
dann kämen die Luftmassen hinter der Anlage zum Stillstand und würden sich vor
ihr aufstauen und ausweichen, sodaß der Massenstrom durch die Anlage und die
Leistung Null wäre. Würde der Wind dagegen gar nicht abgebremst, so nähme der
Massenstrom zwar nicht ab, aber es würde auch keine Energie entnommen und
die Leistung wäre wiederum Null. Der Idealfall liegt also irgendwo dazwischen.
Das Betzsche Gesetz ergibt nun, daß sich die größte Energiemenge dem Wind
entziehen läßt, wenn die Geschwindigkeit auf ein Drittel der ursprünglichen Wind-
geschwindigkeit abgebremst wird. Man kann also Windräder nicht beliebig dicht
neben oder hintereinander stellen, um einen sog. ”Windpark“ zu bilden. Da die
Windkraftanlage selbst auch noch Verluste hat, können praktisch nur 40 bis 50 %
der an einem Standort vorhandenen Windenergie geerntet werden. 2008 wurden
in Deutschland real 40.400 GWh Strom aus Windenergie produziert, was etwa 6,7
% des Nettostromverbrauchs im Jahr 2008 entsprach. Hierfür waren 20.301 Wind-
energieanlagen mit einer installierten Leistung von 23.903 MW nötig. Dies ergibt
rund 1700 Vollaststunden pro Jahr. Mit anderen Worten: Um die Stromprodukti-
on eines Grundlastkraftwerkes zu ersetzen, muß die fünfache Windenergieleistung
installiert werden. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, daß der Wind weht
wann und wie stark er will. Ist Flaute oder Sturm, bleibt es auch bei der x-fachen
Leistung dunkel! Im Mittelalter machte der Müller dann halt Pause. In den Mo-
naten Januar und Februar ist jedes Jahr mit etwa 3 bis 10 Tagen nahezu völliger
Flaute in ganz Deutschland zu rechnen. In der Winterzeit ist aber leider der Strom-
verbrauch am höchsten. Das jahrelang verbreitete Märchen, es würde stets und
immer irgendwo in Deutschland Wind wehen, ist längst durch Messungen wider-
legt. Es muß daher die gesamte Leistung der Windräder noch
einmal als konventionelle Kraftwerke vorgehalten werden.
Sie werden treffend als ”Schattenkraftwerke“ bezeichnet.
Umwelteinflüsse Für Vögel und Fledermäuse stellen Windparks eine Gefahr
dar. So werden nicht nur Greifvögel erschlagen, sondern auch Fledermäuse ge-
tötet. Die Fledermäuse können zwar den Rotoren (auch nachts) sehr gut aus-
60
4.4 Biomasse
weichen, allerdings zerreißen die unsichtbaren Dichteschwankungen ihre Lungen.
Diese Druckschwankungen stellen auch für Menschen in Form von (hörbaren) Ge-
räuschen oder (fühlbarem) Infraschall eine Belästigung dar. Die Landschaft wird
durch die Drehungen ”unruhig“ und viele Menschen empfinden bereits die sog.
”Verspargelung“ als Zumutung. Des nachts stören die Signalanlagen zur Flugsi-
cherung insbesondere in der Nähe von Autobahnen. Als besonders nervend wird
von Betroffenen der Schattenwurf der rotierenden Flügel empfunden. Inzwischen
ist dies bei der Planung durch das Bundes–Immissionsschutzgesetz zwingend zu
berücksichtigen. Wird am Immissionspunkt eine theoretische Schattenwurfdauer
von 30 h/a überschritten, muß die Anlage mit einer Abschaltautomatik versehen
sein, was ihre Auslastung natürlich noch einmal verschlechtert.
4.4 Biomasse
Als Biomasse bezeichnet man alle biochemisch synthetisierten Stoffe in einem Öko-
system. Sie enthält also alle Lebewesen, die abgestorbenen Organismen und deren
Stoffwechselprodukte. Die jährliche Produktion an organischem Kohlenstoff auf der
Erde wird auf etwa 118 · 10
9
im Festlands- und 55 · 10
9
Tonnen im maritimen Be-
reich geschätzt. Pflanzen sind die Primärproduzenten, die über die Photosynthese
aus Wasser, CO
2
und Mineralstoffen unter Energiezufuhr Kohlehydrate aufbauen.
Sie sind wiederum die Nahrung für Tiere und Menschen.
Vorteile:
• Biomasse ist biochemisch gespeicherte Sonnenenergie und kann somit be-
darfsgerecht (auch nachts, auch bei Windstille) verbraucht werden.
• Biomasse wächst nach und ist damit (nahezu) unerschöpflich.
• Biomasse ist Nahrung oder Rohstoff und kann stufenweise mehrfach genutzt
werden (Bauholz => Brennstoff, Nahrung => Biogas usw.)
• Biomasse kann in Endenergieträger (Pflanze => Treibstoff, Holz => Pellet
usw.) umgeformt werden.
• Biomasse setzt nur das CO
2
frei, das vorher der Atmosphäre entnommen
worden ist.
Nachteile:
61
4 Regenerative Energien
• Die Energiedichte ist gering, sodaß sie nur regional genutzt bzw. umgeformt
werden kann. Bei einer nachhaltigen Nutzung verringert sich die Energie-
dichte nocheinmal auf einen Bruchteil. Bei der Holzernte beispielsweise, muß
der größere Teil in Form von Wurzeln, Stümpfen, Kronen etc. im Wald ver-
bleiben, da sonst das Ökosystem vernichtet wird.
• Biomasse benötigt große Mengen Süßwasser und steht damit in unmittelbarer
Konkurrenz zu Mensch und Tier.
• Biomasseproduktion in Plantagen verbraucht große Flächen (Verdrängungs-
kette: Zuckerrohr => Soja => Regenwald) und steht in Konkurrenz zur
sonstigen Landwirtschaft (Nahrungsmittel).
• Biomasseproduktion erfordert immer den Einsatz von Düngemitteln und –
fast immer – von Pestiziden mit den bekannten Problemen: Gewässerbela-
stung, Energieintensität, Treibhausgase (N
2
O).
• Betrachtet man den erforderlichen Energieeinsatz für die gesamte Kette von
Pflanzung, Transport und Veredelung (Treibstoffe), so ist nur ein einstelliger
Prozentsatz tatsächlich ”klimaneutral“.
• Wird Biomasse im Rohzustand in Kleinanlagen genutzt, ergibt sich eine sehr
hohe Schadstoffproduktion (Feinstäube, krebserregende Kohlenwasserstoffe
usw.). Biomasse ist ein technisch schwierig zu handhaben-
der Brennstoff!
4.4.1 Biogas
Biogas ist durch sauerstoffreie Vergärung entstandenes Faulgas. Die Zusammen-
setzung und Ausbeute ist je nach Ausgangsmaterial sehr verschieden. Im Durch-
schnitt besteht es aus 60 % Methan und 35 % Kohlendioxid. Die Gewinnung aus
Bioabfall und Gülle, sowie deren ortsnahe Nutzung auf dem Bauernhof kann als
Umweltschutz bezeichnet werden, demgegenüber ist die industrielle Herstellung
von Biogas äußerst umweltschädlich:
• Die Ausbeute aus Gülle (25 bis 80 m
3
/t) ist nur gering gegenüber z. B.
Maissilage (202 m
3
/t). Aus förderungstechnischen Gründen kommt daher
vermehrt oder ausschließlich Silage zum Einsatz. Maissilage ist aber ein Fut-
termittel und eines der umweltbelastensten (Pflanzenschutz, Grundwasser-
verseuchung) landwirtschaftlichen Produkte überhaupt.
• Für eine technische Nutzung müssen die Schadstoffe Schwefelwasserstoff und
Ammoniak entfernt werden.
62
4.4 Biomasse
• Bei der industriellen Produktion kann das erzeugte Biogas meist nicht am
Standort genutzt werden. Die vermeintliche Lösung heißt ”synthetisches Erd-
gas“ und Einspeisung in das vorhandene Netz. Die notwendige Aufbereitung
zu ”Erdgas“ und die anschließende Verdichtung ist sehr kostenaufwendig und
würde nur einen Bruchteil des eingesetzten Biogases übriglassen. Aus po-
litischen Gründen erfolgt jedoch die Herstellung dieses
”Bio-Erdgases“ durch preiswerte konventionelle Energie.
Beispielsweise wird die elektrische Energie, die zum Antrieb der Verdichter
notwendig ist, aus dem öffentlichen Stromnetz entnommen und nicht aus
Biogas auf dem Hof erzeugt. Es wird also der ”tödliche Atomstrom“ auf
wundersame weise, in der Biogasanlage in ”politisch korrektes“ Biogas umge-
wandelt. Ein Schelm, wer dabei an Subventionsbetrug denkt. Dieses politisch
gewollte und hochsubventionierte Produkt ”Biogas“ ist umweltpolitisch äu-
ßerst fragwürdig.
• Um die Sache halbwegs profitabel zu machen, müssen Nahrungs- und Futter-
mittel unter die Gülle gemischt werden. Je mehr diese Produktion ausgewei-
tet wird, ergibt sich neben der Umweltbelastung auch eine ethische Frage:
Die Verwendung von Futtermitteln (Mais) zur Energieer-
zeugung hier, verdrängt die Nahrungsmittelproduktion
(Soja, Getreide) irgendwo anders auf dieser Erde.
4.4.2 Ethanol
Bio-Ethanol entsteht durch Vergärung aus zucker- oder stärkehaltigen Materialien
(Rüben oder Rohrzucker, Getreide) durch Hefe oder Bakterien. Diese biologischen
Prozesse sterben bei einem Alkoholgehalt von ca. 15 % von selbst ab. Als Treibstoff
muß der Wassergehalt möglichst gering sein, damit dieser ”brennbar“ wird. Der
Rohalkohol muß deshalb durch Destillation (energieaufwendig) veredelt werden.
• Bio-Ethanol als Treibstoff wird direkt aus Nahrungsmitteln hergestellt. Be-
reits heute wird der vermeintliche Umweltschutz men-
schengefährdend. Sichtbare Auswirkungen waren z. B. die ”Tortilla
Aufstände“ in Mexiko 2008.
• In Brasilien gibt es ebenfalls politische Unruhen, wegen der Ausweitung der
Zuckerrohrplantagen: Vertreibung von Kleinbauern, Abgraben der Wasser-
vorräte, Rodungen des Amazonasurwaldes zur Kompensation der verringer-
ten Sojaanbauflächen etc.
• Auch hier werden aus politischen Gründen erhebliche Rohölmengen bei der
Herstellung von ”Bio–Alkohol“ verbraucht, anstatt aus dem Öl direkt Moto-
rentreibstoffe herzustellen.
63
4 Regenerative Energien
Ökologischer – aber nicht kostengünstiger – könnte vielleicht die Herstellung von
sog. ”Ceetol“ oder ”Lignocellulose-Ethanol“ werden. Dabei werden die Cellulose
und Hemicellulosen von Pflanzenabfällen in die einzelnen Zucker gespalten. Dies
geschieht mittels Säuren, thermischen Verfahren und speziellen Enzymen. Daran
schließt sich die vorher beschriebene Fermentierung an.
• Bisher befindet sich dieses Verfahren noch in der Entwicklung.
• Die Energiedichte von Pflanzenabfällen ist noch geringer. Insbesondere, da
nicht alle Abfälle (Stroh) aus Gründen des Bodenschutzes genutzt werden
können. Deshalb kann die Verarbeitung nur in dezentralen Kleinanlagen (Lo-
gistik) erfolgen. In wie weit dies technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, kann
heute noch nicht vorausgesagt werden.
4.4.3 Biodiesel
Ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Fettsäuremethylester. Sie werden aus
Pflanzenölen unter Zugabe von Methanol und weiteren Chemikalien bei erhöh-
ter Temperatur gewonnen. Nebenprodukt dieser Umesterung ist Glycerin. Ziel ist
die Herstellung eines dem aus Mineralöl gewonnenen Dieselöl möglichst ähnlichen
Kraftstoffes. Will man Spezialmotoren vermeiden, ist eine Beimischung nur im
einstelligen Prozentbereich sinnvoll. Dies entspricht aber ohnehin dem in Europa
durch Eigenanbau produzierbaren Anteil.
Flächenbedarf Um 1 kg Diesel zu ersetzen, benötigt man etwa 9,66 m
2
Anbau-
fläche. Dies entspricht jedoch nur dem reinen Energiegehalt und beinhaltet noch
nicht die zur Herstellung benötigte Energie! Um diesen Eigenbedarf zu berechnen
definiert man einen Faktor k:
E
gesamt
= E
Produktion
+ E
Nettoertrag
= E
Nettoertrag
·
k
k −1
(4.4.1)
Bei der Gewinnung, einschließlich der Weiterverarbeitung zu Biodiesel (Pflügen,
Säen, Behandeln mit Pflanzenschutz, Düngen, Ernten, Verestern), muß eine Ener-
giemenge von 25 MJ/kg aufgewandt werden. Demgegenüber hat Biodiesel einen
Heizwert von 37 MJ/kg. Das Verhältnis k beträgt demnach:
k
Rapsmethylester
=
37MJ/kg
25MJ/kg
= 1, 48 (4.4.2)
Es werden somit fast 30 m
2
Anbaufläche für 1 kg Dieseläquivalent benötigt. Dabei
ist noch nicht berücksichtigt, daß Raps einer vierjährigen Fruchtfolge bedarf!
64
4.5 Erdwärme
4.4.4 Pflanzenöl (”Pöl“)
Es gibt über 1000 anbauwürdige Ölsorten. Darüberhinaus können auch genutzte
pflanzliche und tierische Fette als Treibstoffe weiterverwendet (Entsorgungsalter-
native) werden. Gegenüber der Umesterung entfällt der hierfür notwendige Ener-
gieaufwand und die Energiebilanz verbessert sich auf etwa 60 %. Allerdings ist
der Verbrauch nur in Spezialmotoren mit größerem Hubraum möglich. Zusätzlich
muß mit einem etwas höheren Schadstoffausstoß gerechnet werden, was aber bei
der geringen Stückzahl umwelttechnisch nicht relevant ist. Solche Konzepte der Ei-
genversorgung sind in der Landwirtschaft und in abgelegenen Regionen durchaus
sinnvoll.
4.4.5 BtL (Biomass to Liquid
Es handelt sich hierbei um ein zweistufiges Verfahren: Herstellung von Synthesegas
aus beliebigen Pflanzen und anschließende Produktion von flüssigen Kohlenwasser-
stoffen über die Fischer–Tropsch–Synthese. Diese ist seit den 1920er Jahren groß-
technisch in Deutschland und Südafrika angewendet worden. Im letzten Jahrzehnt
sind einige Durchbrüche in der Katalysatortechnik (Mobil und Shell) gelungen,
die es erlauben, hochwertigeren (weil maßgeschneidert) Dieselkraftstoff als durch
Destillation aus Rohöl herzustellen. Dieser ist bereits am Markt (z. B. Shell V–
Power oder Aral Super Diesel). Im Gegensatz zum 2. Weltkrieg und zu Sasol in
Südafrika, wird heute die Herstellung von Mitteldestillaten (Diesel und Kerosin)
bevorzugt, da diese verfahrenstechnisch und energetisch (geringere Drücke und
Temperaturen) günstiger als die Produktion von Benzin sind. Heutzutage wirt-
schaftlich sinnvoll ist allerdings nur die Herstellung von Synthesegas aus (billigem)
Erdgas wie in Malaysia und Katar praktiziert. Die Produktion von Synthesegas
aus Pflanzen ist unvergleichlich schwieriger als aus Stein- und Braunkohle und
energetisch wesentlich ungünstiger als aus Methan (hoher Wasserstoffanteil). So
wird bei allen Prototypen (z. B. Choren in Freiberg) über Verschwelung erstmal
die ”Kohle“ hergestellt, die für die anschließende Vergasung notwendig ist. Genau
dieser Verfahrensschritt ist aber besonders unangenehm (Teerbildung) und muß
später in dezentralen Anlagen beherrscht werden, da der Transport von riesigen
Mengen ”Grünzeug“ weder ökologisch noch wirtschaftlich tragbar ist.
4.5 Erdwärme
Geothermie oder Erdwärme ist die in der Erdkruste gespeicherte Wärme. Sie wird
zu den regenerativen Energien gezählt. Sie stammt (geschätzt 30 - 50 %) aus der
Restwärme aus der Zeit der Erdentstehung, zum anderen Teil (geschätzt 50 - 70 %)
aus radioaktiven Zerfallsprozessen. In der obersten Schicht (weniger als ca. 10 m,
65
4 Regenerative Energien
wegen der geringfügigen Wärmeleitung) kommt noch die Sonneneinstrahlung bzw.
Konvektion hinzu. Die Temperatur des inneren Erdkerns beträgt schätzungsweise
4000 bis 6500 °C. Fast überall hat das Erdreich in 1000 m Tiefe eine Temperatur
zwischen 35 bis 40 °C. Ausnahmen bilden nur geothermische Anomalien (ehema-
lige oder aktive Vulkangebiete), bei denen die Temperatur mehrere hundert Grad
erreichen kann. Die Wärmestromdichte, die von der Erdoberfläche in das Weltall
abgestrahlt wird, ist mit etwa 0,063 W/m
2
äußerst klein. Eine Geothermienutzung
muß daher immer den Erdkörper auskühlen!
4.5.1 Nutzungsmöglichkeiten
Nur wenn eine Erdschicht mit deutlich über 100 °C wirtschaftlich (Bohrungstiefe)
erreichbar ist, ist überhaupt eine Stromproduktion möglich. Wegen des geringen
Temperaturniveaus müßte aber etwa die zehnfache Wärmeleistung dem Boden
entzogen werden. Dies ist im großtechnischen Maßstab ökonomisch fragwürdig und
ökologisch nicht tragbar. In Regionen wie Deutschland kann daher Geothermie
bestenfalls als Niedertemperaturwärme zur Gebäudeheizung genutzt werden. Die
oft von Laien zitierte ”Grundlastfähigkeit“ ist eine Fiktion. Zwar kann Erdwärme
ganztägig genutzt werden, aber nur bei geringsten Leistungen.
Vorteile: Die Brennstoffkosten sind Null. Die Kapitalkosten (z. B. Bohrungen)
und Betriebskosten (z. B. Korrosion, Pumpstrom) allerdings recht hoch. Im Zu-
sammenhang mit günstiger Zusatzenergie (Erdgas, Elektroenergie) ist sie über die
Verwendung von Wärmepumpen gut zur Gebäudeheizung geeignet. Als System
liegt auch eine gute Ökobilanz vor.
Nachteile:
• Je niedriger die Temperatur ist, je weniger Einsatzgebiete sind denkbar. Eine
Stromproduktion (in größerem Maßstab) scheidet aus.
• Immer wenn kein Dampf der Erde direkt entströmt, muß Wasser als Wärme-
trägermedium verwendet werden. Wasser ist bekanntermaßen ein gutes Lö-
sungsmittel für Salze und Mineralien. Zudem ist die Lösungsfähigkeit tempe-
raturabhängig. Mit anderen Worten: Wenn ”kaltes“ Wasser die Erdschichten
durchströmt um aufgewärmt zu werden, löst es – je wärmer werdend, je bes-
ser – alle möglichen Stoffe auf. Wenn es dann zur Nutzung an der Oberfläche
abgekühlt wird, fällt ein Teil dieser Stoffe dort aus. Dies ist nicht nur ein
technisches Problem (Verstopfung und Korrosion bei Leitungen und Wär-
metauschern) sondern auch eine erhebliche Umweltverschmutzung. Würde
66
4.5 Erdwärme
auch nur ein Bruchteil der Stromproduktion in Deutschland über Geother-
mie gemacht werden, hätte dies eine erhebliche Belastung aller Flüsse zur
Folge.
• Erdwärmenutzung geschieht immer über Abkühlung von
Erdschichten. Auch hier zeigt sich wieder die Temperaturproblematik:
Je größer die Abkühlung, um so größer der Temperaturgradient zu den ”unbe-
rührten“ Schichten und je mehr Wärme kann wieder nachfließen. Müssen die
Gradienten klein sein, (siehe vorher) sind gigantische Volumina nötig. Gleich-
wohl bedeutet jede Temperaturänderung auch immer eine Veränderung der
Ausdehnung. Es treten entsprechende Spannungen auf, die sich von Zeit zu
Zeit in Microerdbeben entladen müssen. Inwiefern das in dicht besiedelten
Gebieten toleriert werden kann ist fragwürdig (siehe Saarbergbau).
67
5 Kerntechnik
In Deutschland wurde (aus rein ideologischen Gründen) die Weiterentwicklung der
Kerntechnik brutal und konsequent abgebrochen:
• Stilllegung der Baustelle und Umwandlung in einen Freizeitpark des natri-
umgekühlten Reaktors mit schnellem Neutronenspektrum in Kalkar.
• Umwandlung der Baustelle für eine Wiederaufbereitungsanlage in Wackers-
dorf in einen Gewerbepark.
• Stilllegung (nach wenigen Betriebsstunden) des Thorium Hochtemperatur
Kugelhaufenreaktors in Hamm Üntrop.
Es dürfte in der Geschichte einmalig sein und bleiben, daß eines der führenden
Industrieländer seiner Zeit, die Spitzenposition in der Entwicklung einer Zukunfts-
technologie freiwillig und ohne Not aufgibt. Mit dem Ausstieg aus der Kerntechnik
begann auch der Niedergang der konventionellen Kraftwerksindustrie in Deutsch-
land. Es wurden hunderttausende hochqualifizierter – und entsprechend auch ver-
güteter – Arbeitsplätze vernichtet und eine Generation von Ingenieuren ins Aus-
land vertrieben, auf Frührente gesetzt oder in berufsfremde Tätigkeiten abgescho-
ben. Ein Vorgang, der in seiner gesellschaftlichen Tragweite bis heute verdrängt
wurde und allenfalls von der ”Wiedervereinigung“ übertüncht wurde. Ganz neben-
bei gesagt, die Kraftwerksindustrie in der ehemaligen ”DDR“ hat innerhalb des
Ostblocks ebenfalls eine Spitzenstellung eingenommen. Sie wurde gleich vollstän-
dig abgewickelt und bestenfalls als ”Steinbruch für qualifizierte Arbeitskräfte mit
russisch-Kenntnissen und Ostblock-Kontakten“ behandelt. Wenn irgendein Polito-
loge oder Wirtschaftswissenschaftler ein ergiebiges Forschungsthema sucht, sollte
er sich mit der Selbstvernichtung der deutschen Kraftwerksindustrie beschäftigen.
Da hier in Deutschland eine bewußte Realitätsverweigerung stattfindet – siehe
die Nicht-Teilnahme an internationalen Projekten – muß man sich also am Ausland
orientieren. Besonders erfrischend ist hierbei das Studium der USA. Nicht nur aus
technischer Sicht, sondern gerade was die Einschätzung der Bedeutung von Technik
für die Weiterentwicklung einer Gesellschaft besitzt und welche (außen)politischen
Konsequenzen technischen Vorgaben beigemessen werden.
69
5 Kerntechnik
5.1 Kernenergie heute
Im Juni 2008 waren in 31 Ländern 439 Kernkraftwerke mit einer installierten
elektrischen Bruttoleistung von rund 393 GW in Betrieb und in 12 Ländern 33
Kernkraftwerke mit einer elektrischen Bruttoleistung von 29,5 GW im Bau. Die
weltweite Stromerzeugung aus Kernenergie betrug im Jahr 2007 netto rund 2.565
Milliarden kWh. Seit der ersten Stromerzeugung in einem Kernkraftwerk – am 20.
Dezember 1951 im Schnellen Brüter EBR-I in den USA – sind kumulativ rund
59.450 Milliarden kWh erzeugt worden und die Betriebserfahrungen sind auf rund
12.750 Reaktorjahre angewachsen.
Abbildung 5.1.1: Weltweite jährliche Stromproduktion durch Kernenergie.
Größenordnung Daß die weltweite Stromproduktion aus Kernenergie mit jähr-
lich über 2.500 Milliarden kWh keine Marginalie ist, erkennt man im Vergleich
mit dem gesamten Stromverbrauch in Deutschland von etwa 571 Milliarden kWh
(Nettostromverbrauch im Jahr 2008). Mit anderen Worten: Sie ist bereits heute
5 mal so hoch! Ferner erkennt man aus den obigen Zahlen, daß die Kernkraft-
werke in der Welt eine tatsächliche Arbeitsausnutzung von über 6500 h/a erreicht
haben. Also unter Berücksichtigung aller Reparaturen, Wartungsarbeiten, Brenn-
elementewechseln und darüber hinaus administrativen Einschränkungen. Die zehn
besten Kernkraftwerke (bezüglich der absolut höchsten Stromproduktion in 2007)
sind praktisch das ganze Jahr (8760 Stunden) mit voller Leistung durchgelaufen.
Um diese Zahl in ihrer vollen Bedeutung zu erfassen, muß man wissen, daß die
Vollaststunden bei Photovoltaikanlagen etwa 850 h/a (nachts ist es dunkel, bei
Bewölkung ”scheint“ die Sonne nicht so stark) und bei Windkraftanlagen etwa
1800 h/a (Windverhältnisse) in Deutschland betragen haben.
70
5.2 Zukünftige Anforderungen
Investitions- und Kapitalkosten Gerne werden lediglich die Investitionskosten
pro Kilowatt Leistung angegeben. Sie werden ermittelt, indem man die Gesamt–
Investitionskosten fertig gebauter Anlagen durch ihre Leistung teilt. Diese Kosten
werden auch als spezifische Investitionskosten bezeichnet. Für die Ermitt-
lung des Anteils der Kapitalkosten an den Stromgestehungs-
kosten ist es jedoch ebenso entscheidend, wie lange die Anlage
tatsächlich läuft. Mit anderen Worten: Nachts produziert kein Sonnenkol-
lektor bzw. bei Flaute kein Windrad Strom. In diesem Sinne, müssen daher die
notwendigen Investitionskosten bei der Photovoltaik mit dem Faktor (rund) 7,6
und bei der Windkraft mit dem Faktor (rund) 3,6 multipliziert werden, um sie
mit den Kapitalkosten von Kernkraftwerken vergleichbar machen zu können. Die
Kosten für die notwendigen ”Schattenkraftwerke“ sind hierbei selbstverständlich
noch gar nicht berücksichtigt.
5.2 Zukünftige Anforderungen
Damit die Kernenergie zukünftig eine noch bedeutendere Rolle einnehmen kann,
müssen folgende Bedingungen weitesgehend erfüllt werden:
• Die radioaktiven Abfälle müssen in ihrer Menge verringert werden und die
Zeitdauer ihrer Existenz entscheidend verkürzt werden. Eine Beseitigung
muß vor einer (End)lagerung Vorrang haben.
• Die notwendigen Brenn- und Hilfsstoffe müssen so effektiv wie möglich ge-
nutzt werden, um die Ressourcen zu schonen und die mit dem Abbau und der
Weiterverarbeitung verbundenen Umweltbelastungen so gering wie möglich
zu halten.
• Die Kernenergie muß weltweit mehr von politischen Reglementierungen be-
freit werden und unter marktwirtschaftlichen Bedingungen betrieben werden.
Preiswerte Energie ist die Schlüsselkomponente moderner Volkswirtschaften.
Mit Energie läßt sich fast alles herstellen – ohne ausrei-
chende und preiswerte Energie allerdings, kann es keinen
Wohlstand geben.
• Die Sicherheit muß auf allen Ebenen – vom Bergbau über die Verfahrens-
und Kraftwerkstechnik bis zur Restmüllbeseitigung – kontinuierlich verbes-
sert werden. Eine gute Orientierung, wie trotz steigender Nutzung durch
konsequente Ursachenforschung die Anzahl der Unfälle verringert werden
kann, bietet die Luftfahrt.
71
5 Kerntechnik
• Gleiches muß für die Verbesserung des Arbeitsschutzes und der Arbeitsbe-
dingungen gelten.
• Es müssen noch wirksamere Maßnahmen zur Verhinderung des Restrisikos
für den Mißbrauch von spaltbarem oder radioaktivem Material zu terrori-
stischen Zwecken ergriffen werden. Eine weitere Verbreitung von Kernwaffen
sollte wirksamer verhindert und eine Abrüstung angestrebt werden.
5.3 Reaktorgenerationen
Die vorhandenen und in naher Zukunft realisierten Reaktoren, werden vier Gene-
rationen zugeordnet:
Generation I: Hierzu zählen die in den 1950er und 1960er Jahren gebauten Kraft-
werke. Es waren Demonstrationsanlagen wie Shippingport, Dresden, Fermi I
oder die Magnox-Typen in Großbritannien.
Generation II: Sind die kommerziellen Reaktoren der 1970er bis 1990er Jah-
re. Es waren weltweit hauptsächlich Druckwasser– und Siedewasserreaktoren, die
heute noch in Betrieb sind. Sie wurden ständig nachgerüstet und können (theore-
tisch) noch weitere Jahrzehnte in Betrieb bleiben. In geringerer Stückzahl wurden
mit schwerem Wasser moderierte (kanadische CANDU) und gasgekühlte Reakto-
ren (AGR in Großbritannien) gebaut.
Generation III: Hierunter werden die Reaktorlinien ab der Jahrtausendwende
verstanden. Bei ihrer Konstruktion wurden konsequent die Erkenntnisse aus schwe-
reren Reaktorstörfällen und die Kritik der Atomkraftgegner aufgenommen. Typi-
scher Vertreter dieser Gattung sind die von Areva gebauten EPR’s. Es handelt
sich hierbei um evolutionär weiterentwickelte Druckwasserreaktoren. Sie be-
sitzen erstmalig auch eine Auffangvorrichtung, die nach einer (sehr hypothetischen)
Kernschmelze den Austritt von Spaltprodukten verhindern soll. Die 3. Generation
nutzt konsequent die jahrzehntelangen Betriebserfahrungen zur Kosten- und Si-
cherheitsoptimierung. Nach den heutigen Erfahrungen mit der 2. Generation ist
zu erwarten, daß diese Kernkraftwerke bis zur Mitte des Jahrhunderts und darüber
hinaus mit großem wirtschaftlichen Erfolg im Einsatz sein werden.
Generation IV: Hierbei handelt es sich um die in der Entwicklung befindlichen
Reaktoren. Bei einer vermehrten Nutzung der Kernenergie, ergeben sich zwei
wesentlich neue Randbedingungen: Der Bedarf an Natururan sollte verringert wer-
den und die Menge der radioaktiven Abfälle muß drastisch gesenkt werden. Die
72
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
Verringerung des Atommülls ist die Grundvoraussetzung für eine Akzeptanz in der
Bevölkerung. Ferner müssen Hochtemperaturreaktoren entwickelt werden, die Pro-
zeßwärme für eine Wasserstoffproduktion und sonstige chemischen Anwendungen
liefern können. Nur so kann der Einsatz fossiler Brennstoffe wirksam verringert
werden.
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
Abbildung 5.4.1: Möglicher Mix der Stromerzeugung in USA bei einer deutlichen
Reduzierung der Kohlendioxid-Freisetzung (aus PRISM-Studie
des EPRI).
Die USA stehen – nach eigenem Bekunden – vor einer beispiellosen Herausforde-
rung ihrer Energieversorgung bezüglich Klimawandel und Versorgungssicherheit.
Präsident Obama hat zu einer Reduktion des CO
2
–Ausstoßes auf das Niveau von
1990 bis zum Jahre 2020 und einer weiteren Reduzierung um 80 % bis 2050 auf-
gerufen. Das Electric Power Research Institute (EPRI) hat ein ähnliches Szenario
in einer Studie im Jahr 2008 durchgespielt. Dabei wurde in 2020 ein Preis von
10 $/ton für die Abscheidung und Lagerung von CO
2
(CCS) und 64 $/MWh für
Kernenergie unterstellt. Die im Bild dargestellte Verteilung der Stromproduktion
ergibt sich aus Modellrechnungen, die von einer vergleichbaren Wirtschaftlichkeit
bei den Energieträgern ausgehen. In ihr steigt bis 2020 der Kernenergieanteil um
etwa 20 % und bis 2050 um rund 200 %. Die Entwicklung und der Einsatz der
Kernenergie kann nach Meinung der USA dazu dienen, mehreren Schlüsselanfor-
derungen zu begegnen:
73
5 Kerntechnik
1. Zunahme der Stromproduktion aus Quellen ohne Emissionen um die (hier-
durch angeblich verursachten) Klimaveränderungen zu mildern.
2. Begünstigung einer sicheren friedlichen Nutzung der Kernenergie und die
Verhinderung der Weiterverbreitung von Kernwaffen in der Welt.
3. Verringerung der Abhängigkeit des Transportsektors von importiertem Öl.
4. Verringerung des Bedarfes an Erdgas für Prozeßwärme und Wasserstoffpro-
duktion.
Die kerntechnische Forschung und Entwicklung (F&E) in den USA geht von fol-
gender Vorstellung aus:
”Eine sichere und wirtschaftliche Nutzung der Kernenergie in den
USA wird die Freisetzung von Treibhausgas verringern und ein wirt-
schaftliches Wachstum ermöglichen, während sie der USA die Füh-
rungsrolle bei einer verantwortungsbewußten internationalen Auswei-
tung der Nutzung der Kernenergie verschafft“.
Sechs Ziele wurden definiert, um diese Vorstellung zu erreichen:
1. Weiterbetrieb der heutigen Flotte von Leichtwasserreaktoren.
2. Bedeutende Erweiterung der Flotte mit fortgeschrittenen Leichtwasserreak-
toren.
3. Entwicklung von Anwendungen für Hochtemperaturreaktoren außerhalb der
Stromerzeugung.
4. Gewährleistung einer sichereren und gesicherten Brennstoffversorgung.
5. Gewährleistung einer nachhaltigen Kernenergienutzung für einen sehr langen
Zeitraum.
6. Stärkung der internationalen Führungsrolle der USA.
Nachdem für diese Ziele die Kernpunkte herausgearbeitet worden sind, wurden die
erforderlichen F&E Aktivitäten in drei technische Gebiete gegliedert:
1. Leichtwasserreaktoren (LWR) und fortgeschrittene Leichtwasserreaktoren (AL-
WR).
2. Hochtemperaturreaktoren (HTR).
3. Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum und fortschrittliche Brenn-
stoffkreisläufe (einschließlich Atommüllbehandlung).
74
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
5.4.1 Weiterbetrieb der heutigen Flotte von
Leichtwasserreaktoren
Abbildung 5.4.2: Geplante Stromerzeugung aus Kernenergie in den USA (aus
PRISM-Studie des EPRI).
Der Ausbau der nuklearen Stromproduktion in USA kann am besten gewährlei-
stet werden, in dem man die vorhandene Flotte von Leichtwasserreaktoren
1
bei-
behält und gleichzeitig neue fortgeschrittene Leichtwasserreaktoren
2
zubaut. Eine
Verlängerung der wirtschaftlichen Nutzung kann die notwendige Ausbaurate ver-
ringern und durch die verlängerte Amortisation den Anstieg der Energiekosten
dämpfen. In beiden Fällen muß ein hoher Sicherheitsstandard und Umweltschutz
eingehalten werden. Dies erfordert zwei Dinge für die heutige Flotte:
1.1 Erfolgreich durchgeführte Verlängerung der Betriebsdauer der
LWR’s (gemeint sind die Siede- und Druckwasserreaktoren im laufen-
den Betrieb) auf 60 Jahre und dann eine Erweiterung der Betriebsli-
zenzen über 60 Jahre (möglicherweise 80 Jahre) hinaus.
1.2 Beibehalten der überragenden Sicherheit, hohen Verfügbarkeit
und Wirtschaftlichkeit der LWR’s auch im Betrieb über deren gesamten
Lebensdauer.
Für eine Verlängerung der Betriebsgenehmigungen über 60 Jahre hinaus, sind zahl-
reiche Forschungsarbeiten in Zusammenarbeit zwischen Industrie und Regierungs-
1
Gemeint sind die kommerziellen Siedewasser- und Druckwasserreaktoren im laufenden Betrieb,
die auch als sog. 2. Generation der Kernkraftwerke bezeichnet werden. Sie sind den Reaktoren,
die in Deutschland in Betrieb sind, vergleichbar.
2
Auch als sog. 3. Generation der Reaktoren bezeichnet. Sie entsprechen sicherheitstechnisch
dem EPR, wie er z. Zt. in Finnland und Frankreich im Bau ist.
75
5 Kerntechnik
stellen notwendig. Diese wurden in den letzten Jahren in den USA verstärkt in
Angriff genommen. Die NRC erwartet erste Anträge für eine Verlängerung der Be-
triebsgenehmigung über einen Zeitraum von 60 Jahren hinaus für das Zeitfenster
2014 bis 2019. Dies erfordert gemeinsame Anstrengungen über die nächsten 5 bis
10 Jahre, um dieses Ziel zu ermöglichen. Es kann sich nicht einfach nur um eine
Verlängerung der Genehmigung handeln, sondern die Nutzung muß sich auf dem
gleich hohen Niveau wie bisher vollziehen. Ein guter Maßstab hierfür, ist die Ver-
fügbarkeit. Die vorhandene Flotte arbeitet heute mit einer mittleren Verfügbarkeit
von über 90 %. Weit mehr als die Verfügbarkeit von 56 % vor etwa 25 Jahren. In
erster Linie ist dies einer Verbesserung der Betriebsabläufe, der Wartung und In-
standhaltung und des allgemeinen technischen Fortschritts zu verdanken. Noch
mehr, spiegelt dieser Anstieg die ständige Verbesserung der Organisation und den
Austausch von Betriebserfahrungen und Sicherheitserkenntnissen wieder.
5.4.2 Erweiterung der Flotte
Damit die Kernenergie ihren Anteil an der Stromproduktion in den USA merklich
erhöhen kann, müssen eine größere Zahl von Reaktoren zusätzlich ans Netz gehen.
Die PRISM-Studie der EPRI empfiehlt daß 20 GWe zusätzlich bis 2020 installiert
werden sollten. Diese könnten 10 % CO
2
–Reduktion, bezogen auf den US Primär-
energieverbrauch beitragen. Dies ergibt drei Voraussetzungen für den Zubau von
fortschrittlichen Leichtwasserreaktoren (ALWR’s):
2.1 Erfolgreiches Genehmigungsverfahren, Bau und Betrieb von neu-
en ALWR Konstruktionen die überzeugend deren Verfügbarkeit nach-
weisen und dafür sorgen, daß neue Kraftwerke mit wettbewerbsfähigen
Investitions- und Betriebskosten gebaut und betrieben werden können.
2.2 Engpässe in der Infrastruktur benannt werden, die die Inbetrieb-
nahme einer großen Zahl von ALWR behindern würden. Es müssen
in den USA Kapazitäten für fünf und mehr Anlagen jährlich ab 2020
bereitgestellt werden.
2.3 Die Erfahrungen mit den ersten ALWRs müssen laufend einflie-
ßen und Technologien entwickelt werden, die die Sicherheit, Verfüg-
barkeit und Wirtschaftlichkeit über die gesamte Lebensdauer weiter
verbessern.
Nach vielen Jahren der Vorbereitung sind für 26 Anlagen bei der NRC Genehmi-
gungsverfahren beantragt worden. Selbst wenn die ersten Anlagen erfolgreich ans
Netz gehen, ergeben sich in den USA zahlreiche Schwierigkeiten für die Indienst-
stellung großer Stückzahlen. Die Infrastruktur zum Bau und der Inbetriebnahme
einer großen Anzahl von Anlagen muß wiederbelebt werden. Beispielsweise müssen
76
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
die Fabriken zur Herstellung schwerer Schmiedeteile und dickwandiger Druckbe-
hälter erweitert werden. Es sind bereits mehrere Fertigungsstätten angekündigt,
müssen jedoch umgesetzt werden. Der Bau von mehreren Kernkraftwerken jähr-
lich in den USA, wird den vorhandenen Arbeitsmarkt und die Fachfirmen für
kerntechnische Komponenten aufs äußerste Anspannen, wenn sie nicht rechtzeitig
erweitert werden. Höhere Ausbauraten werden die Kapitalmärkte und die Arbeits-
märkte für erfahrene Fachkräfte belasten, und letztendlich sogar die Fähigkeit der
NRC die Anlagen zu genehmigen und zu überwachen gefährden. Ausländische Zu-
lieferer können dazu beitragen diese Engpässe zu überwinden. Wie auch immer,
der Ausbau der heimischen Industrie (der USA) ist von nationalem Interesse, da
er die Unabhängigkeit unterstützt. Die Verbesserung der Infrastruktur ist bereits
überfällig, hauptsächlich angetrieben durch Angebot und Nachfrage. Es wird not-
wendig werden, diesen Vorgang vorausschauend zu überwachen, damit die Kräfte
des Marktes fortfahren können, die Geschwindigkeit einzuhalten, die notwendig
ist.
5.4.3 Anwendungen für Hochtemperaturreaktoren außerhalb
der Stromerzeugung
Nutzungen von Kernenergie, die über die Stromproduktion hinausgehen, können
helfen die Treibhausgasemessionen zu senken. 35 % des Erdgasverbrauches in den
USA (8 quadrillion Btu/year) entfallen auf die Industrie. Über 80 % davon wer-
den als Prozeßwärme in den Raffinerien und petrochemischen Werken verbraucht.
Die verbleibenden 20 % zur Wasserstoffproduktion über Dampfreformierung von
Methan. Kernenergie zur Wasserstoffproduktion und Bereitstellung von Prozeß-
wärme soll Arbeitsplätze in die USA zurückholen und Erdgas für die Produktion
von Treibstoffen freistellen. Folgende Punkte sind ins Auge gefaßt worden:
3.1 Die Technology für gasgekühlte Hochtemperatur–Reaktoren soll
entwickelt werden und mit der Industrie zusammen die Lieferung von
Prozeßwärme erfolgreich demonstriert werden, sowie ein Prototyp einer
Wasserstoffproduktion gebaut werden.
3.2 HTR’s sollen wirtschaftlich gemacht werden, um einen bedeuten-
den Anteil des Erdgasverbrauchs für Prozeßwärme in der Industrie zu
ersetzen.
HTR’s sind die Speerspitze der Generation IV Entwicklung in den USA. Äußere
Entwicklungen können diese Ziele maßgeblich beeinflussen: Eine zunehmende Zahl
von Elektrofahrzeugen (plug-in hybrid electric vehicles PHEV’s) und eine Zunahme
der Meerwasserentsalzung.
77
5 Kerntechnik
5.4.4 Brennstoffversorgung der USA
Ein zentraler Punkt bei der öffentlichen Zustimmung zur Kernenergienutzung ist
der Umgang mit den abgebrannten Brennelementen und dem Anteil, der letztend-
lich als Atommüll gelagert werden muß. Ebenso wird eine weltweite Ausweitung
der Kernenergie zur Herausforderung für die konventionelle Nutzung der bekannten
und vermuteten Uranvorkommen. Eine flexible und integrierte Herangehensweise
ist nötig, die die USA in die Lage versetzt einen technisch ausgereiften, gegen die
Weiterverbreitung von Atomwaffen sicheren und wirtschaftlichen, geschlossenen
Brennstoffkreislauf aufzubauen. Folgende Ziele werden betrachtet:
4.1 Ausbau der Zwischenlagerung um abgebrannte Brennelemente
für eine spätere Wiederaufbereitung und/oder Endlagerung sicher zu
lagern.
4.2 Geologische Tiefenlager zu entwickeln, die in erster Linie dieje-
nigen abgebrannten Brennstoffe aufnehmen sollen, deren Aufbereitung
zu teuer oder unwirtschaftlich ist.
4.3 Eine neue Generation von LWR Brennstoff zu schaffen, die das
Volumen für genehmigungspflichtige Lager, Transport und Mülldepo-
nien für LWR Brennstoff verringert.
Die ersten beiden Punkte schaffen ein flexibles und sicheres System für die Hand-
habung von abgebrannten Brennelementen und Atommüll. Soll letztendlich ein
offener Kreislauf eingerichtet werden, kann der Inhalt der Zwischenlager in das
Endlager überführt werden. Wird ein geschlossener Kreislauf eingerichtet, werden
Aufbereitung und Brennelemente–Neu–Produktion möglichst in der Nähe gebaut
und lediglich die Spaltprodukte werden in das Endlager überführt.
Der zweite Punkt betrifft Brennelemente aus Versuchsreaktoren etc.
Für Punkt drei sollte der Abbrand erhöht werden. Dies reduziert nicht nur den
Transport und die Zwischenlagerung, sondern verlängert auch die Ladezyklen wo-
durch die Arbeitsausnutzung der Kraftwerke noch weiter ansteigen kann.
5.4.5 Kernenergienutzung für einen sehr langen Zeitraum
Unter Verwendung von Schnellen Reaktoren mit Wiederaufbereitung können die
Uranvorkommen den gesamten Energiebedarf der Welt für mehrere Jahrhunderte
sicher abdecken. Mehr als 100 mal soviel Energie ist in den abgebrannten Brennele-
menten und dem Abfall der Anreicherung enthalten, als in einem offenen Kreislauf
in einem LWR genutzt wird. Wiederverwendung in schnellen Reaktoren vermin-
dert zudem die Menge Atommüll, die in geologische Tiefenlager eingelagert werden
78
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
muß. Allerdings vergrößert sich das Volumen
3
an Leicht- und Mittelaktiven Ab-
fällen durch die Wiederaufbereitung.
Schnelle Reaktoren erfordern höhere Investitionskosten als LWR’s und ALWR’s.
Sie reichen von ”Brütern“ bis ”Brenner“
4
. Die Strategie ist, schnelle Reaktoren
mit einer Konversionsrate nahe 1 zu bauen, die die Wiederaufbereitung ein we-
nig vereinfachen durch die Vermeidung von Brennstoffen mit hohem Anteil von
Transuranen und die Handhabung von Plutonium aus anderen Reaktoren. Die
Entscheidung solche Reaktoren zu Brütern zu machen, kann später erfolgen, wenn
zahlreiche Erfahrungen gewonnen worden sind. Diese Strategie schließt
die Beseitigung nahezu aller Aktiniden und damit die Beseiti-
gung der Endlagerungsproblematik ein.
Die Entscheidung über die Einführung wird einerseits von den Kosten für Natur-
uran und Anreicherung getrieben, andererseits von der Fähigkeit die hochaktiven
Abfälle und damit den Bedarf an ”Endlagern“ zu verringern. Die – für Mitte des
Jahrhunderts – anstehende Entscheidung über die Schließung des Brennstoffkreis-
laufes über schnelle Reaktoren wird über folgende zwei Punkte beeinflußt:
5.1 Fortgeschrittene schnelle Reaktortechnologie, einschließlich Wie-
deraufbereitung und Brennelementeherstellung sind erfolgreich erprobt.
Wenn abgebrannter LWR Brennstoff wiederaufgearbeitet worden ist
und neuer Brennstoff für schnelle Reaktoren daraus hergestellt wurde,
sind diese Reaktoren in der Lage, die Aktiniden zu verbrauchen und
sind dabei obendrein wirtschaftlich.
5.2 Demonstration und Betriebserfahrung über die Aufbereitung von
LWR und ALWR Brennelementen und schnellen Reaktoren sollten et-
wa dem vollen Umfang von 100 Reaktorbetriebsjahren entsprechen.
5.4.6 Führungsrolle der USA
Die weltweite Renaissance der Kernenergie führt nicht nur zu einer Ausweitung
der Nutzung in den 30 Staaten, die sie bereits eingeführt haben, sondern mehr als
ein Dutzend weitere Länder erwägen die Einführung. Sie benötigen das notwendige
Wissen, die Genehmigungsverfahren und die notwendige Infrastruktur. Die USA
3
Nicht jedoch die Menge der radioaktiven Stoffe, da durch die Wiederaufbereitung keine zusätz-
lichen Spaltprodukte entstehen, sondern lediglich Anlagenteile, Chemikalien usw. mit beste-
henden Spaltprodukten kontatminiert werden. Diese müssen deshalb anschließend – zumindet
teilweise – als radioaktiver Müll sicher gelagert werden.
4
Man spricht von Brütern, wenn mehr spaltbares Material erzeugt wird, als während des Be-
triebes verbraucht wird. Man kann aber auch Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum
bauen, die mehr spaltbares Material verbrauchen, als sie gleichzeitig neu erzeugen, dafür aber
Transurane vernichten
79
5 Kerntechnik
haben ein besonderes Interesse ihre Führungsrolle zu bewahren um sicher zu stel-
len, daß akzeptierte Sicherheit und Nichtverbreitungsregeln eingehalten werden.
Drei Punkte geben die notwendige Führungsrolle wieder:
6.1 Weltweite Zusammenarbeit mit den führenden Entwicklern und
Exporteuren für nukleare Technologie und Ausrüstung, um die Füh-
rungsrolle bei der Entwicklung der gegenwärtigen Systeme und Syste-
me der nächsten Generation einzunehmen und somit einen wesentlichen
Anteil an den neuen ALWR und am Brennstoffmarkt zu erzielen.
6.2 Den Anspruch auf die Führungsrolle in Zusammenarbeit mit
der International Atomic Energy Agency (IAEA) zu demonstrieren.
Die Entwicklung einer globalen Urananreicherung und eines globalen
Brennstoffkreislaufes, um ein gegen die Weiterverbreitung von Atom-
waffen resistentes Versorgungssystems zu schaffen und für eine mög-
lichst weltweite Einführung der in den USA bevorzugten Technologien
und Sicherheitsstandards zu sorgen.
6.3 Zusammenarbeit mit Ländern, die gewillt sind, die Kerntechnik
neu einzuführen. Unterstützung beim Aufbau von wirksamen Genehmi-
gungsverfahren, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen und
der unterstützenden Infrastruktur.
Punkt 1 zielt auf die Länder ab, die eine wesentliche Rolle bei der kommerziellen
Anwendung der Kerntechnik spielen (GEN IV) und anderen, wie Indien.
5.4.7 Verwicklungen zwischen der Nicht-Weiterverbreitung
und geschlossenen Brennstoffkreisläufen
Diese Strategie für die Kerntechnik wurde im Zusammenhang mit der Nicht–
Weiterverbreitungs–Politik der USA entwickelt: ”Die weltweite Ansammlung von
abgetrenntem Plutonium zu verhindern“. Dieses Ziel wurde durch zahlreiche Stu-
dien der National Academy of Sciences, National Commission on Energy Policy,
und des Massachusetts Institute of Technology unterstützt. Ungeachtet der Besorg-
nis über die Auswirkungen einer Wiederaufarbeitung auf die Weiterverbreitung,
bedarf es Aufklärung und gegenseitige Zusammenarbeit in F&E um fortgeschrit-
tenere Wiederaufbereitungsverfahren zu entwickeln. Mit dem Ziel, Verfahren zu
entwickeln, die sauberer, wirtschaftlicher und resistenter gegen Weiterverbreitung
sind.
Historie An dieser Stelle ist es wichtig, auf die Entstehungsgeschichte der Wie-
deraufbereitung unmittelbar aus der atomaren Rüstung während des 2. Weltkriegs
zu verweisen. In den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts ging es darum, ein
80
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
chemisches Verfahren zu schaffen, welches es ermöglichte, hochreines Plutonium
möglichst preiswert und zuverlässig zu produzieren. Zum Zwecke des Baues von
Atombomben, war alles andere (Uran und Spaltprodukte) Abfall. Außerdem wurde
hier mit einem ”Brennstoff“ gearbeitet, der systembedingt nur sehr kurzzeitig be-
strahlt worden war. Man wollte ja keine Energie erzeugen in den damaligen Reak-
toren des Atombombenprogrammes, sondern waffengrädiges Plutonium erbrüten.
Nach dem 2. Weltkrieg begannen auch in anderen Ländern Aktivitäten für eine
nukleare Rüstung (England, Frankreich, Sowjetunion etc.). Gleichzeitig begann in
diesen Ländern die friedliche Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung. Aus
wirtschaftlichen Gründen war es logisch, sich auf die Wiederaufbereitungsverfah-
ren und Anlagen zu stützen, die ohnehin für die Rüstung benötigt wurden. Die
Nicht–Weiterverbreitung von waffenfähigem Plutonium oder die ”Entschäfung“ des
Atommülls durch Abtrennung der Aktiniden war schlicht weg (noch) kein Thema
oder sogar (für die Waffenproduktion) kontraproduktiv.
Die ”neuen Regeln“ Der Hauptgrund für die Schließung des Brennstoffkreislau-
fes ist eine weltweite, über lange Zeit nachhaltige Nutzung:
• Reduzierung der Treibhausgase und Verbesserung der Versorgungssicherheit,
• bei Einführung von Schnellen Brütern eine Versorgung für Jahrhunderte aus
den vorhandenen Lagerbeständen,
• die Rückführung aller Aktiniden beschränkt die Weiterverbreitung auch bei
einer vermehrten Nutzung der Kernenergie in der Welt.
Der geschlossene Kreislauf ist (nach Auffassung des EPRI) kein Ersatz für ein
geologisches Tiefenlager. Durch den Baustopp für das Yuka-Mountain-Projekt in
Nevada durch Präsident Obama im März 2009 ist die ideolologisch festgefahre-
ne Diskussion wieder für Lösungsansätze offen. Die insbesondere von Deutschen
Linken wie ein Mantra wiederholte Formel: ”Plutonium strahlt für Jahrtausen-
de => dafür kann es kein sicheres Endlager geben => Kernenergie zu nutzen,
ist unmoralisch“ ist damit auch offiziell vom Tisch. Es war ein schwerwiegender
Fehler der Befürworter der Kernenergie, den ”gesunden Menschenverstand“ der
Bevölkerung zu ignorieren und sich auf eine mögliche, sichere ”Endlagerung“ für
Jahrtausende zu versteifen. Auch hier muß man noch einmal auf die Folgen der
Rüstungsprogramme verweisen: Die Unmengen aus der Waffenproduktion bereits
angefallenen Müllmengen sollten möglichst ”kostengünstig“ beseitigt werden. Ins-
besondere für die marode Sowjetunion hätte jeder zusätzlich ausgegebene Rubel
für die Atommüllbeseitigung für die zusätzliche Produktion von Atombomben zur
”Zwangsbeglückung“ der Welt gefehlt. Hatte man doch bereits spätestens mit der
81
5 Kerntechnik
Einführung des ”Reaktortyps Tschernobyll“ jedwede moralische Grenze überschrit-
ten: Die Konstruktion eines Reaktors mit stark positivem Raktivitätskoeffizienten,
um heimlich große Mengen waffengrädiges Plutonium in einem Kernkraftwerk her-
stellen zu können. Das Menschenopfer der eigenen Bevölkerung war zum Wohle des
Sozialismus bewußt einkalkuliert. In der Ironie der Geschichte liegt es, daß gerade
Tschernobyll zum Zusammenbruch der Sowjetunion maßgeblich beigetragen hat.
Betriebsbereite flexible Lager und Entsorgungspfade erlauben es den USA ein
vollwärtiger Partner in den internationalen Beziehungen für den weltweiten Brenn-
stoffkreislauf zu sein. Lagerung von abgebrannten Brennelementen bis Auflagen er-
füllt werden können. Diese Strategie ermöglicht den USA beim Aufbau eines inter-
nationalen Brennstoffkreislaufes unter Aufsicht der IAEA mitzuwirken. Dieses Re-
gime nützt die bestehende Versorgungskette, um frischen Brennstoff bereitzustellen
und abgebrannte Brennelemente unter internationalen Nicht–Weiterverbreitungs–
Standards zurückzunehmen. Für die USA ist die Zwischenlagerung die schnellste
und billigste Art, Kapazität für eine Rücknahme von abgebrannten Brennelemen-
ten bereitzustellen. Nach der Anweisung des Präsidenten vom Frühjahr 2009 sind
nun ausdrücklich alle denkbaren Wege der rückholbaren Lagerung wieder offen und
die Reduzierung des Zeitraumes der Strahlungsgefährdung hat ausdrücklich Prio-
rität. Der unselige Begriff ”Endlager im Sinne einer endgültigen Lösung“ ist damit
endlich vom Tisch. Zukünftig soll es nur noch – bewußt rückholbare – Zwischen-
lager für abgebrannte Brennstäbe und möglichst sichere ”Deponien“ für (kurzle-
bigere) Spaltprodukte geben. Die Betonung liegt hierbei auf ”kurzlebig“ im Sinne
einiger Jahrzehnte bis maximal Jahrhunderte. Das Risiko Atommüll soll sich auf
den sonst akzeptierten Zeitraum (z. B. Sondermülldeponien) für technische Bau-
werke reduzieren. Kostenargumente sind seit der Einführung von ”regenerativen
Energien“ ebenfalls vom Tisch. Die Kernenergie steht nicht mehr in Konkurrenz
zu billigem Öl (der 1950er und 60er Jahre) sondern plötzlich als Alternative zur
exorbitant teuren Sonnenenergie dar. Sollen tatsächlich die verschiedenen Darrei-
chungsformen der Sonnenenergie Maßstab sein, sind sogar Verfahren zur Atom-
müllbeseitigung, wie Spallationsquellen plötzlich interessant, die bis vor kurzem
noch eher utopisch anmuteten.
5.4.8 F&E für LWR und ALWR in den USA
Der sichere und wirtschaftliche Weiterbetrieb der vorhandenen LWR’s (Leicht-
wasserreaktoren) ist wichtig für den Zubau von neuen ALWR’s (fortschrittlichen
Leichtwasserreaktoren) damit die alten Anlagen etwa in der Mitte des Jahrhun-
derts ersetzt werden können. In Kürze werden Techniken gebraucht, die die Hoch-
leistungswerkstoffe der Reaktoren, die Steuerung und Regelung und die Brennele-
mente auch weiterhin auf hohem Niveau halten. Die Lebensdauer der Werkstof-
fe muß über die verlängerte Betriebsdauer aufrecht erhalten werden: Vorhersage,
82
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
Wartung und Reparatur sind entsprechend anzupassen und auszuweiten. Die Anla-
gen müssen für digitale Steuerungen und Regelungen nach dem Stand der Technik
ertüchtigt werden. Der Abbrand sollte auf 80.000 MWd/tonne erhöht werden um
die Flexibilität beim Betrieb zu erhöhen.
Die Herausforderung bei neuen ALWR’s ist ihre Wirtschaftlichkeit und fristge-
rechte Fertigstellung; sie mit so hoher Verfügbarkeit zu betreiben wie die bisherigen
LWR’s und ihre Lebensdauer beständig auszubauen. Fortgeschrittene Fertigung,
Bau und Inspektionsmethoden müssen entwickelt und eingeführt werden. Die US
Infrastruktur und Belegschaft muß wiederbelebt werden, einschließlich der Aus-
weitung und Modernisierung des Stromnetzes für die Ansprüche des 21ten Jahr-
hunderts.
Eine Reihe von F&E-Projekten sollte gestartet werden, um folgende Ziele zu
erreichen:
• Gewährleistung der Leistungsfähigkeit der in Reaktoren verwendeten Mate-
rialien.
• Ausweitung der Lebensdauer der Komponenten und Verbesserung der Vor-
hersagen.
• Verbesserung von Inspektionen, Diagnosen, Instandhaltungen und Repara-
turmöglichkeiten.
• Übergang zu Steuerung und Regelung auf dem Stand der Technik.
• Verbesserung von Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit des Brennstoffes, Ent-
wicklung von Brennstoff für hohen Abbrand.
• Entwicklung alternativer Kühlungen um den Wasserbedarf zu verringern.
• Entwicklung fortschrittlicher Fertigungs-, Bau- und Inspektionsmethoden.
• Verbesserte Anwendung von Sicherheitsanalysen und besseres Verständnis
von Sicherheiten.
• Verbesserung der Verfügbarkeit der Ausrüstungen und Betriebsergebnisse.
• Konstruktion von Leistungssteigerungen und Untersuchung der Auswirkun-
gen bezüglich der Lebensdauer.
• Entwicklung von Techniken für die Sicherheit der Anlage mit dem Schwer-
punkt weniger Personalbedarf.
• Entwicklungen mit dem Ziel den schwachaktiven Abfall zu verringern.
83
5 Kerntechnik
Neue Anwendungen für Leichtwasserreaktoren, wie z. B. Meerwasserentsalzung
oder Niedertemperatur–Prozeßwärme sollten erkundet werden. Zusätzliche Her-
steller mit Zulassung zur Produktion von Kernenergiekomponenten und zusätzli-
ches Personal mit Ausbildung und Erfahrung auf dem Nuklearsektor sollten ge-
wonnen werden. Das Verteilnetz sollte ertüchtigt werden.
Für diese F&E-Maßnahmen wird von einem Finanzbedarf in den USA von etwa
$ 600 Millionen für die Periode 2010 bis 2015 ausgegangen. Er sollte etwa zu jeweils
50 % durch private und öffentliche Mittel bereitgestellt werden.
5.4.9 F&E für HTR in den USA
Hochtemperaturreaktoren (HTR) sind für eine Reihe von Prozessen geeignet:
1. Ölförderung: Tertiäre Gewinnung, Ölsände, Ölschiefer und Kohleverflüssi-
gung und -vergasung.
2. Ölverarbeitung: Wasserstoffgewinnung zur Entschwefelung von Rohöl, Her-
stellung dünnflüssiger Komponenten, Gewinnung zusätzlicher Motorentreib-
stoffe.
3. Wasserstoffgewinnung für die chemische Industrie: Düngemittelproduktion,
Ammoniak, Methanol und Ethylen etc.
Zusätzlich können sie in abgelegenen Regionen zur Produktion von Elektroenergie
und potentiell im Transportsektor zur Wasserstoffgewinnung für Brennstoffzellen-
fahrzeuge eingesetzt werden.
Diese Anforderungen benötigen ausbaufähige und flexible Entwürfe, die auf vor-
hergehende HTR Erfahrungen aufbauen, aber die Technik für eine bessere Verfüg-
barkeit und höhere Temperaturen weiterentwickeln. Das DOE unterstützt diese
Arbeiten in Zusammenarbeit mit der Industrie und verschiedenen internationalen
Partnern im Rahmen des Generation IV Projektes.
• Brennstoff – Das DOE hat die Kapazitäten für die Produktion und Tests
von ummantelten Brennstoffkörnern wieder in Betrieb genommen. Die Ar-
beit muß fortgesetzt werden, um die reproduzierbare Herstellung von Um-
mantelung und Kernen in kommerziellem Umfang zu demonstrieren und si-
chere Prüfungen in Übereinstimmung mit den atomrechtlichen Vorschriften
zu entwickeln.
• Material – Das DOE hat ein Konzept entworfen, für kriechfähige Gra-
phitumhüllungen, Dauerfestigkeit, und Umwelteinflüsse auf Hochtempera-
turwerkstoffe für die Anwendung in Zwischenwärmetauschern. Eine Men-
ge Arbeit verbleibt für die Auswahl und Untersuchung von Materialien für
84
5.4 Kernenergiestrategie in den USA
die Reaktordruckbehälter, Heißgasleitungen, Wärmetauscher für die Wasser-
stoffproduktion und Kontrollstabführungen und die Zulassung für Keramik
und metallische Komponenten. Herstellungsrichtlinien für all diese Materia-
lien sind zu entwickeln.
• Anlagenentwurf – Um das Kernreaktorsystem im engeren Sinne zu entwer-
fen (Wärmeübertragungssystem, Wasserstoffproduktion usw.), werden Kenn-
größen wie Reaktorleistung, Austrittstemperatur, Anlagenausführung usw.
benötigt. Fortgeschrittene Rechnerprogramme sind nötig, um die vorhande-
nen Neutronenphysik-, Thermohydraulik- und Sicherheitsprogramme an die
HTR–Technik anzupassen. Fortgeschrittene Methoden und zugehörige Expe-
rimente werden benötigt, um die Gültigkeit der rechnergestützten Werkzeuge
zu überprüfen.
• Versuchsanordnungen – Entwurf, Bau und Betrieb der notwendigen Ver-
suchsanlagen (oder Umbau vorhandener Anlagen) für Strömungen bei hohen
Temparaturen werden die Entwicklung und Demonstration von HTR Syste-
men, Schlüsselausrüstungen und Waserstoffproduktion voranbringen.
• Wasserstoff–Prozeß–Anlagen – Die Entwicklung von Wasserzerlegungs-
anlagen müssen über Demonstrationsanlagen in die nuklearen Wärmesyste-
me, Stromerzeugungs– und Wasserstoffproduktionsanlagen integriert wer-
den.
Es werden etwa 2 Milliarden $ für F&E im Zeitraum 2010 bis 2015 benötigt. Ziel
ist der Bau eines HTR–Demonstrationsreaktors nach 2020 in den USA. Geplante
Aufteilung der Kosten: 20 % Industrie, 80 % öffentliche Mittel.
5.4.10 F&E für Schnelle Reaktoren in den USA
Die Entwicklung von Schnellen Reaktoren und zugehörigen Brennstoffkreisläufen
ist zur Unterstützung geschlossener Kreisläufe notwendig. F&E ist hierfür in drei
umfassenden Gebieten notwendig:
1. Wiederaufbereitung von abgebrannten LWR–Brennelementen und daraus
Fertigung von Brennelementen für Schnelle Reaktoren.
2. Entwurf und Technik für Schnelle Reaktorkerne und Systeme.
3. Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennelementen aus Schnellen Reak-
toren und Neuanfertigung von Brennelementen.
85
5 Kerntechnik
Für LWR’s werden wässrige und für Natriumgekühlte–Schnelle–Reaktoren elek-
trochemische Wiederaufbereitungsverfahren untersucht. Auf allen Gebieten sind
Spaltmaterialüberwachung und Sicherheitstechniken zu entwickeln, sowie der tech-
nische Fortschritt und die Wirtschaftlichkeit voranzutreiben.
Wiederaufbereitsanlagen für LWR sollten schrittweise vergrößert werden um ih-
re Leistungsfähigkeit zu gewährleisten. Prototypanlagen sollten zuerst mit abgerei-
chertem Material und Isotopenmischungen betrieben werden. Durch dieses schritt-
weise Vorgehen, können sowohl die Brennstoffe als auch ihre Wiederaufbereitung
kontinuierlich weiterentwickelt werden. Insbesondere Brennstoffe mit hohem Anteil
von Transuranen zur Beseitigung von Atommüll müssen entwickelt und getestet
werden. Für den Test unter realen Bedingungen bedarf es eines größeren Schnellen
Reaktors. Dieser könnte in den USA in Zusammenarbeit mit anderen interessierten
Staaten gebaut und betrieben werden. Unter Aufsicht des DOE könnten die Richt-
linien für die kommerziellen Genehmigungsverfahren über das NRC entwickelt
werden. Über die Entwicklung des Brennstoffes hinaus, sind F&E Arbeiten für
das Kühlmittel, die Werkstofftechnik, Steuerung und Regelung, Erdbebenschutz,
Brennstoffbeladung und Handhabung, Wartung und Instandsetzung, sowie Über-
wachung und den konventionellen Teil der Anlage nötig. Für diese Zwecke emp-
fiehlt sich der Betrieb zahlreicher verschiedener Teststände, mit deren Hilfe die
NRC ein Genehmigungsverfahren für eine erste kommerzielle Demonstrationsan-
lage entwickeln kann.
Für diese F&E Vorhaben wird mit einem Bedarf von 2,5 Milliarden $ öffentlicher
Forschungsmittel in der Periode 2010 bis 2020 gerechnet.
5.4.11 Zusammenfassung aus amerikanischer Sicht
Die Entwicklung und der Einsatz der Kernenergie kann den USA bei der Be-
wältigung der Herausforderungen bezüglich Umweltschutz und Energieversorgung
helfen. Es bedarf einer zwischen Industrie und Öffentlicher Hand koordinierten
F&E.
Die ganzheitliche F&E Strategie sollte durch eine Kombination der nationalen
Langzeitziele für die Entschärfung der Klimaveränderungen, Nicht–Weiterverbreitung
und Versorgungssicherheit im Zusammenhang mit der Entwicklung der Märkte be-
trieben werden.
Die Prioritäten sollten dabei zeitlich gegliedert werden. F&E muß dabei auf allen
Ebenen stattfinden um Möglichkeiten der technischen Entwicklung zu schaffen und
Grundlagen für Entscheidungen im folgenden Zeitrahmen zu liefern:
Kurzfristig:
86
5.5 Generation IV roadmap
• Entwicklung der Technik und des Genehmigungsverfahrens für eine Auswei-
tung der Betriebsgenehmigung für bestehende Kraftwerke auf 80 Jahre.
• Genehmigung und Inbetriebnahme von neuen, standardisierten ALWR’s ab
2016.
Mittelfristig:
• Entwicklung von geologischer Lagerkapazität und Zwischenlagern für abge-
brannte Brennelemente.
• Entwicklung einer vertrauenswürdigen Technik für den Einsatz von Hochtem-
peraturreaktoren zur Produktion von Prozeßwärme, Wasserstoff und elek-
trischer Energie zu wettbewerbsfähigen Kosten für den Ersteinsatz in der
Mineralöl- und Chemieindustrie.
• Entwicklung einer vertrauenswürdigen Technik zur Einführung neuer Tech-
niken des Brennstoffkreislaufs für ein integriertes und wirtschaftliches Brenn-
stoffmanagement.
Langfristig:
• Entwicklung eines besonders nachhaltigen Brennstoffkreislaufs.
5.5 Generation IV roadmap
Das Generation IV Rahmenprogramm ist eine Forschungskooperation von 10 Na-
tionen zur Entwicklung einer zukünftigen Generation von Kernenergiesystemen.
Es wurde im Mai 2001 von folgenden 10 Nationen gegründet: Argentinien, Brasili-
en, Großbritannien, Frankreich, Japan, Kanada, Schweiz, Südafrika, Südkorea und
USA. Deutschland ist aus ideologischen Gründen (Umweltminister Trittin von den
Grünen) nicht beigetreten. Seit 2003 ist auch die Europäische Atomgemeinschaft
diesem Abkommen als elftes Mitglied beigetreten. Die anzustrebenden Ziele der
roadmap sind in vier Bereiche definiert worden:
1. Nachhaltigkeit der Kerntechnik,
2. Wirtschaftlichkeit,
3. Sicherheit und Verfügbarkeit,
4. Verhinderung der Weiterverbreitung von Atomwaffen und Schutz vor Terro-
rismus.
87
5 Kerntechnik
Leitgedanke des GIF (Generation IV International Forum) ist es, für den Zeitho-
rizont 2030 fortschrittliche Reaktortypen zu entwickeln, um dann damit die zur
Zeit in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke zu ersetzen. Dafür wurden die vorher-
gehenden Ziele definiert. Sie dienen gleichzeitig drei Zwecken:
1. Sie sollen als Basis für die Vorgaben beim Entwurf und zur Abschätzung des
Erfolgs und zum Vergleich der Systeme untereinander dienen.
2. Sie sollen als Herausforderung betrachtet werden und anregen neue Systeme
aus Reaktoren und Brennstoffkreisläufen zu bilden.
3. Sie sollen als Leitfaden für Forschung und Entwicklung dienen und als An-
regung für gemeischftliche Entwicklungen.
5.5.1 Nachhaltigkeit der Kerntechnik
Nachhaltigkeit ist ein beliebtes ”Gummiwort“ geworden. In dem hier gemeinten
Sinne, beruht es auf dem Abschlußbericht ”Unsere gemeinsame Zukunft“ der Brundtland-
Kommission aus dem Jahr 1987.
”Entwicklung zukunftsfähig zu machen, heißt, daß die gegenwärtige
Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünf-
tigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu
können."
Der Begriff ”Nachhaltigkeit“ in diesem Sinne meint ”dauerhaft aufrechterhaltbar“
und hat nichts mit dem umgangssprachlichen Sinn der Nachhaltigkeit als ”längere
Zeit anhaltende Wirkung“ zu tun. Für den Begriff ”sustainable development“ gibt
es in der deutschen Sprache zahlreiche Übersetzungsvarianten. Als eine für diesen
Zweck geeigneteste erscheint ”zukunftsfähige Entwicklung“.
Prüfkriterien für eine nachhaltige Kernenergienutzung
Die international definierten Prüfkriterien für eine zukunftsfähige Nutzung der
Kernenergie lauten:
• Um eine (günstige) Brennstoffversorgung auch in den kommenden Jahrhun-
derten zu gewährleisten, sollten abgebrannte Brennelemente wiederaufgear-
beitet werden, um die darin enthaltene Restenergie in Form von spaltbarem
Material zurückzugewinnen. Es sollte (vermehrt)
238
U in spaltbares Material
umgewandelt werden.
88
5.5 Generation IV roadmap
• Die Kernenergie sollte einen positiven Einfluß auf die Umwelt haben, indem
sie ”schmutzige“ Energien bzw. Verfahren ersetzt. Dies kann durch Kern-
kraftwerke (Stromerzeugung) und die Produktion von Wasserstoff (Verkehr,
Verfahrenstechnik) in großem Maßstab erfolgen.
• Um die geologischen Tiefenlager zu schonen und sie für viele weitere zu-
sätzliche Reaktorbetriebsjahre verfügbar zu machen, sollte die Menge des
radioaktiven Abfalls und seine Zerfallswärme sehr stark verringert werden.
• Um den Nachweis einer sicheren Lagerung des restlichen ”Atommülls“ für ei-
ne sehr lange Zeit (größer tausend Jahre) zu gewährleisten, muß die Lebens-
dauer und Giftigkeit der Spaltprodukte auf ein (wirtschaftlich gerade noch
vertretbares) Minimum gesenkt werden. Sie müssen in eine für ein geologi-
sches Tiefenlager optimale Form (chemisch, physikalisch) überführt werden.
Ziele des GIF IV Projektes
Zur besseren Handhabung wurden zwei Ziele definiert, die insbesondere die Ver-
fügbarkeit des Brennstoffes und den Atommüll betreffen:
1. Nachhaltigkeit-1: Systeme von GIF IV sollen nachhaltig Energie bereit-
stellen, unter Beachtung aller Ziele für ”saubere Luft“, bei langer Verfügbar-
keit der Anlagen und einer effektiven Nutzung der Brennstoffvorräte für eine
weltweite Nutzung.
2. Nachhaltigkeit-2: Systeme von GIF IV sollen ihren Atommüll minimieren
und selbst handhaben und insbesondere die über sehr lange Zeiträume not-
wendige Beaufsichtigung von ”Endlagern“ vermeiden helfen – bei gleichzeitig
verbessertem Gesundheits- und Umweltschutz.
5.5.2 Wirtschaftlichkeit der Kerntechnik
Die Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung ist von zentraler Bedeutung für den
Wohlstand einer jeden Gesellschaft. Neben der betriebswirtschaftlichen, kommt es
auch auf die volkswirtschaftlichen Kosten einer Stromversorgung an. So stellt sich
die Situation anders dar, ob eine Nation reich oder arm an preiswerten fossilen
Energieträgern ist. Der Energieimport muß mit eigenen Exporten finanziert wer-
den. Eine über die volkswirtschaftliche hinausgehende politische Dimension ist die
Versorgungssicherheit. Eine Abhängigkeit von einzelnen Ländern oder Regionen
könnte bis zu einer Erpreßbarkeit führen. In diesem Sinne stellt die Kernenergie
wegen ihres extrem geringen Brennstoffvolumens eine Besonderheit dar. Sie kann
mit einer Investition Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit für Jahrzehnte
bieten.
89
5 Kerntechnik
Besonderheiten der Kerntechnik
Neben der üblichen betriebswirtschaftlichen Berechnungen erfordern Investitionen
in kerntechnische Anlagen spezielle Risikobetrachtungen. Neben den hohen Be-
trägen und langen Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten ergab sich in der
Vergangenheit auch noch ein politisches Risiko: Zeitraubende gerichtliche Aus-
einandersetzungen mit endlos erscheinenden Klagewegen und sich ändernde Re-
gierungen mit wechselnden Meinungen konnten Projekte scheitern lassen. Solche
Verhältnisse sind für die Bereitstellung einer Finanzierung ein nahezu unüberwind-
bares Hindernis. Es war immer erklärtes Ziel der sog. ”Anti–Atomkraft–Bewegung“
durch Störungen die Kosten so hoch zu treiben, daß die Kernenergie zumindest
unwirtschaftlich erscheint.
Als international anerkannte Kriterien bei der Neu- und Weiterentwicklung er-
geben sich:
• Es sollte versucht werden, die Kosten für die Energieproduktion unter Be-
rücksichtigung des gesamten Lebenszyklus der Anlagen zu senken. Dazu
sind vereinfachte Konstruktionen nötig, abgestimmte Brennstoffkreisläufe,
verbesserte Wirkungsgrade und anpaßbare Blockgrößen bei standardisierten
Entwürfen.
• Um das finanzielle Risiko bei der Entwicklung und dem Bau kerntechnischer
Anlagen zu verringern, sollten neue Fertigungs- und Montagetechniken ent-
wickelt werden. Möglicherweise mit dem Ziel eines modularen Aufbaues.
• Es sollten Anlagen zur kombinierten Meerwasserentsalzung, Wasserstoffpro-
duktion und Fernwärmeversorgung entwickelt werden, die den verteilten Ein-
satz nahe der Verbrauchszentren erlauben. Die über die Stromproduktion
hinausgehende Energieproduktion, erlaubt ein wesentlich breiteres Anwen-
dungsfeld mit entsprechender wirtschaftlicher Stabilität.
An dieser Stelle sollte nicht verschwiegen werden, daß die sehr restriktiven Ge-
nehmigungsverfahren innovative Entwicklungen sehr erschweren. Aus Angst vor
dem Scheitern wird immer mehr auf langjährig erprobte Lösungen gesetzt. Dies
ist zwar aus Sicht der Investoren sinnvoll, verhindert aber einen schnellen Fort-
schritt. Um die wirtschaftlichen Risiken zu minimieren erscheint eine frühzeitige
internationale Kooperation sinnvoll. Das komponentenweise Vorgehen in kontinu-
ierlichen Schritten – wie es im Kraftwerksbau allgemein üblich ist – verhindert
eine Standardisierung und eine Kostendegression über Serienproduktion. Anderer-
seits schützt es vor sehr teuren Serienfehlern. Grundvoraussetzung dieser Strategie
ist jedoch ein kontinuierlicher Neubau. Leider ist es in den letzten Jahrzehnten
nicht dazu gekommen. Diese Zeitverzögerung wird nun zu einer mehr sprunghaf-
ten Entwicklung führen müssen. Durch die ”Einzelanfertigung“ bedingt, war die
90
5.5 Generation IV roadmap
Kerntechnik immer ein Motor fortschrittlicher Simulationstechniken. Vergleichbar
nur mit der Luft- und Raumfahrt.
Ziele des GIF IV Projektes
Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen konzentrieren sich auf die Wettbewerbsfä-
higkeit und das finanzielle Risiko:
1. Wirtschaftlichkeit-1: Systeme der 4. Generation sollen für die gesamte
Nutzungsdauer einen eindeutigen Kostenvorteil gegenüber anderen Energie-
quellen haben.
2. Wirtschaftlichkeit-2: Systeme der 4. Generation sollen ein ”Investitionskosten–
Risiko“ haben, welches anderen Energieprojekten entspricht.
5.5.3 Sicherheit und Verfügbarkeit
Sicherheit, Arbeitsschutz und Verfügbarkeit sind als eine Einheit zu betrachten.
Die Aufrechterhaltung und deren stetige Verbesserung während des Betriebs müs-
sen ein dauerhaftes Entwicklungsziel bei kerntechnischen Anlagen sein. Die Defini-
tion von Standards unterstützt einen späteren sicheren Betrieb bei hoher Verfüg-
barkeit, verbessert die Handhabung bei Störfällen und vermindert deren Konse-
quenzen, schützt die getätigten Investitionen und vermindert etwaige Reaktionen
und Schäden außerhalb der Anlage. Zukünftig können diese weiteren Verbesserun-
gen insbesondere durch folgende Maßnahmen erzielt werden:
• Bevorzugte Nutzung von Anlagen, die bei Störungen (naturbedingt) von
selbst in einen sicheren Zustand zurückkehren.
• Bevorzugung robuster Konstruktionen.
• Durchsichtige und auch für ”Nicht–Experten“ nachvollziehbare Sicherheits-
maßnahmen.
Nur eine konsequente Anwendung dieser Prinzipien kann das Vertrauen in die
Kerntechnik und die Zustimmung für eine verstärkte Nutzung in breiten Bevölke-
rungsschichten bekommen.
Ziele des GIF IV Projektes
Man strebt einen noch sichereren Betrieb bei hoher Verfügbarkeit an: Verbesserte
Handhabung von Störfällen bei verringerten Auswirkungen auf die Anlage, Schutz
der Investition und weitesgehende Vermeidung auf Schadensfälle innerhalb der
Anlage außerhalb reagieren zu müssen.
91
5 Kerntechnik
1. Sicherheit und Verfügbarkeit-1: Systeme der 4. Generation sollen beste-
hende Anlagen bei Sicherheit und Verfügbarkeit noch übertreffen.
2. Sicherheit und Verfügbarkeit-2: Systeme der 4. Generation sollen eine
sehr geringe Wahrscheinlichkeit für die Beschädigung des Reaktorkerns bei
sehr kleiner Schadenswirkung haben (d. h. äußerst kleines Risiko).
3. Sicherheit und Verfügbarkeit-3: Bei Systemen der 4. Generation soll au-
ßerhalb der Anlage keinerlei Notwendigkeit bestehen, auf Schäden innerhalb
der Anlage reagieren zu müssen.
5.5.4 Weiterverbreitung von Kernwaffen
In den letzten Jahrzehnten hat die Besorgnis über die Weiterverbreitung von Kern-
waffen bzw. die Nutzung von radioaktivem Material durch den Terrorismus und
Anschläge von Terroristen auf kerntechnische Anlagen zugenommen. International
werden folgende Entwicklungsziele als Gegenmaßnahmen definiert:
• Beibehaltung und Weiterentwicklung der ”Nicht–Verbreitungsmaßnahmen“
durch Entwürfe, die eine Abzweigung und Herstellung von spaltbarem Mate-
rial weitesgehend verhindern und die Entwicklung von verbesserten Meß- und
Überwachungsverfahren. Grundsätzlich sind Brennstoffkreisläufe mit mög-
lichst geringem Inhalt an spaltbarem Material zu bevorzugen. Es sind Isoto-
penzusammensetzungen zu wählen, die nicht oder unzureichend waffentaug-
lich sind.
• Es sind zusätzliche bauliche Schutzmaßnahmen gegen terroristische Anschlä-
ge bei kerntechnischen Anlagen zu ergreifen. Eine ”robuste“ Konstruktion
kommt hierbei nicht nur der Sicherheit und Verfügbarkeit der Anlage zugu-
te.
Ziele des GIF IV Projektes
Die Verhinderung der Weiterverbreitung von kernwaffenfähigem Material und der
Schutz von kerntechnischen Anlagen soll auf Überwachung und Sicherung beruhen.
1. Schutz vor Weiterverbreitung und Terrorismus: Systeme der 4. Gene-
ration sollen die Sicherheit bieten, daß sie für das Abzweigen oder Stehlen von
waffenfähigem Spaltmaterial die schlechteste aller denkbaren Möglichkeiten
sind und durch bauliche Maßnahmen Schutz vor Anschlägen bieten.
92
5.5 Generation IV roadmap
5.5.5 Kernwaffen
Atomwaffen sind Massenvernichtungsmittel. Auf Grund dieser Tatsache waren sie
im sog. Zeitalter des ”Kalten Kriegs“ das zentrale Abschreckungsmittel. Jeder der
beiden Blöcke verfügte über genügend Sprengköpfe um die Gegenseite mehrfach zu
vernichten. Selbst ein Überraschungsangriff schied deshalb wegen der sog. ”Zweit-
schlagfähigkeit“ aus. Heute stellt sich die strategische Situation gänzlich anders
dar. Die beiden Blöcke sind in mehrere Machtzentren zerfallen. Insbesondere von
den Randmächten, die sich früher einem der Blöcke anschließen mußten, gehen
Unwägbarkeiten aus. Je mehr Staaten es gibt, die über Atomwaffen verfügen, um
so mehr steigt die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes in einem regional begrenzten
Konflikt.
Politische Konsequenz
Es erscheint deshalb dringend geboten, die Anzahl der Atomwaffenmächte zu be-
grenzen. Praktisch ist dies jedoch schwierig umsetzbar. Im Gegenteil: Je mehr
Staaten es gibt, die Atomwaffen besitzen, um so größer wird der vermeintliche
Druck auf die verbleibenden Staaten, auch atomar nachzurüsten. Beispiele hierfür
sind die historischen Beziehungen zwischen China, Pakistan und Indien. Ebenso
argumentiert der Iran mit der Einkreisung durch unfreundlich gesonnene Atom-
mächte.
Verknüpfung mit der friedlichen Nutzung Gleichwohl muß es auch Staaten
ohne Absicht sich atomar zu bewaffnen ermöglicht werden, die Kernenergie zu
nutzen. Deutschland und Südafrika sind hierfür typische Beispiele. Dabei muß es
jedoch deutlich über Lippenbekenntnisse hinausgehen. Entsprechende internatio-
nale Kontrollen müssen nicht nur etabliert, sondern auch durchgesetzt werden. Das
Defizit liegt heute eindeutig nicht an den technischen Kontrollmöglichkeiten und
Regularien, sondern an der Fähigkeit sie durchzusetzen – insbesondere wenn sich
Staaten bewußt einer Kontrolle widersetzen.
Internationale Lösungen Einer Nation die friedliche Nutzung der Kernenergie
zu untersagen, wäre eine neue Form des Kolonialismus. Es müssen daher verbind-
liche Rechte und Pflichten international definiert und garantiert werden. Einer
Nation einfach das Recht auf eigene Urananreicherungsanlagen abzusprechen ist
solange nicht vertretbar, wie nicht Alternativen geboten werden. Das ”Angebot“
Brennelemente ersatzweise zu liefern ist in dieser Frage zu kurz gegriffen, wie das
Beispiel Iran zeigt: Sich ausgerechnet von einem Staat wie Rußland abhängig ma-
chen zu sollen, der Energieversorgung als legitimes Mittel zur Durchsetzung seiner
93
5 Kerntechnik
Machtansprüche sieht und dies wiederholt praktiziert, ist eine Zumutung. Die in-
ternationale Staatengemeinschaft wird für dieses Problem schnellstens Lösungen
finden müssen, wenn sie sich nicht länger dem Vorwurf aussetzen will, daß der
Vorwurf einer (vermeintlich) angestrebten atomaren Bewaffnung nur der Vorwand
für politische Abhängigkeiten sein soll. Wird keine akzeptable Lösung gefunden,
wird der Drang nach sensitiver Technik um so größer werden und der Gedanke
einer ”Nichtverbreitung“ kann getrost auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen
werden. In letzter Zeit werden verstärkt Vorschläge zur Einrichtung eines interna-
tional garantierten Brennstofflagers diskutiert, aus dem sich Staaten (z. B. Iran)
garantiert versorgen können, wenn sie im Gegenzug auf eigene Anreicherung und
Wiederaufbereitung verzichten.
Technische Erfordernisse
Bisher wurden nur Atomwaffen aus spaltbarem Uran
235
U und Plutonium
239
Pu
gebaut. Aus neutronenphysikalischen Gründen wird dies auch für absehbare Zeit
so bleiben. Die Wasserstoffbombe beruht auf der Kernfusion und nicht der Kern-
spaltung. Sie ist im Zusammenhang mit Kernkraftwerken daher nicht sonderlich
relevant. Allerdings könnte es bei mit ”Schwerem Wasser“ moderierten Reaktoren
und der damit notwendigen Produktion von Deuterium zu ähnlichen Konflikten
wie bei der Technologie zur Anreicherung von Uran kommen. Auch die Produktion
von Deuterium kann als eine ”doppelt nutzbare Technik“ verstanden werden.
Technische Grenzen Bei allen Überlegungen, durch technische Maßnahmen den
Bau von Atombomben verhindern zu wollen, sollte nie vergessen werden, daß es
sich hierbei um eine Technologie der 1940er Jahre handelt!
• Der Bau von Atombomben ist heute eher Allgemeinwissen, denn ein durch
Geheimhaltung schützbares Spezialwissens.
• Es benötigt keine vorhergehende zivile Nutzung.
• Es benötigt lediglich gewaltige Summen Geldes.
Daß dieses auch von relativ armen Ländern aufgebracht werden kann, sofern der
politische Wille dafür vorhanden ist, zeigt Pakistan und Indien. Wenn man die
Weiterverbreitung wirksam verhindern will, muß man dies in erster Linie durch
politische Maßnahmen machen. Die Technik kann nur dort helfen, wo Regierungen
ihre Aufrüstung verheimlichen wollen. In diesem Sinne gilt es bei der friedlichen
Nutzung solche Verfahren zu bevorzugen, die die Abzweigung von waffentaugli-
chem Material sehr aufwendig oder unmöglich machen. Der hierfür notwendige
94
5.5 Generation IV roadmap
Aufwand muß so groß und schlecht zu tarnen sein, daß es einfacher ist, ein di-
rektes nukleares Rüstungsprogramm durchzuführen. Dann wird der Weg über ein
ziviles Atomprogramm sinnlos.
Administrative Maßnahmen
Die internationalen Kontrollinstanzen müssen ausgebaut werden. Wichtiger ist je-
doch, die Durchsetzbarkeit von Überwachungen – insbesondere bei Staaten, die
sich bewußt abschotten wollen – zu gewährleisten. Allerdings muß umgekehrt auch
verhindert werden, daß solche Kontrollen z. B. für Industriespionage ausgenutzt
werden. Für ”kleine“ Länder wird es ohnehin nötig sein, ein Angebot zu schaffen,
welches eine wirtschaftliche Nutzung der Kernenergie in ”Teilbereichen“ erlaubt.
Beispielsweise nur Kernkraftwerke zu betreiben und bewußt auf einen vollständi-
gen Brennstoffkreislauf zu verzichten. Dies würde eine Kontrolle auf die Kraftwer-
ke und den Transport des Brennstoffs von und zu den Kraftwerken reduzieren.
Nur eine etwaige Anreicherung und Wiederaufbereitung müßte in international
geschützten und kontrollierten “Nuklearparks“ erfolgen. Diese müßten in entspre-
chend stabilen Regionen der Erde geschaffen werden und als Freihandelszonen
mit Sonderstatus – ähnlich diplomatischen Vertretungen – ausgestaltet werden.
Die Zwischenprodukte (z. B. angereichertes Uran) sollten standardisiert sein und
für sich jeweils höchst ungeeignet zur Waffenproduktion (Isotopengemische). Nur
wenn es gewährleistet ist, eine Versorgungssicherheit und einheitliche Preise für
alle Abnehmer über den kompletten Nutzungszeitraum zu garantieren, kann sich
eine verantwortungsbewußte nationale Regierung auf solche Restriktionen einlas-
sen. Ein Umdenken scheint dringend erforderlich: Die Kernspaltung nicht
als Bedrohung, sondern vielmehr als gemeinsames Erbe der
Menschheit zu betrachten.
5.5.6 Internationaler Terrorismus
Als Terrorismus wird die Gewalt aus nichtstaatlichen, meist international tätigen,
nur über Ideologien angetriebenen Gruppen bezeichnet. Sie agieren aus dem Un-
tergrund, sind also vornehmlich nur über polizeiliche Maßnahmen zu bekämpfen.
Sie verfügen über keine eigenen ”staatenähnliche“ Rückzugsgebiete mehr, seit sie in
Folge der Ereignisse des ”11. September“ weltweit (militärisch offensiv) bekämpft
werden. Damit ist der Aufbau einer Infrastruktur zur Produktion von Atomwaf-
fen ausgeschlossen. Terroristen können nur Anschläge auf atomare Anlagen oder
Transporte in ihren Zielländern ausführen oder für Anschläge radioaktives Mate-
rial benutzen. Technisch gesehen, ist der Gefahr von Anschlägen relativ einfach
zu begegnen. Traditionell werden kerntechnische Anlagen gegen “Einwirkungen
von außen (EVA)“ wie z. B. Flugzeugabstürze geschützt. Eine solche ”Panzerung“
95
5 Kerntechnik
aus Stahl und Beton setzt auch jeden ”Selbstmordattentäter“ außer Gefecht. Um
ein Eindringen von gefährlichen Personen (auch geistig verwirrte Menschen) zu
verhindern, sind ohnehin Objektschutzmaßnahmen und übergeordnete polizeiliche
Maßnahmen notwendig. Auch hier gilt: Je besser die (technischen) Schutzmaß-
nahmen sind, je höher ist der Aufwand für die Terroristen diese zu überwinden.
Mit dem logistischen Aufwand steigt aber die Wahrscheinlichkeit bereits in der
Vorbereitung entdeckt zu werden. Sollte tatsächlich ein Anschlag gelingen, wirken
die ohnehin vorhandenen Sicherheitseinrichtungen (z. B. Feuerschutz) schadensbe-
grenzend. Ein Anschlag auf eine industrielle Anlage mit technischen Sicherheitsein-
richtungen und Fachpersonal ist viel weniger erfolgsversprechend, als ein Anschlag
auf ein Bürogebäude oder eine Menschenansammlung.
Radioaktive Stoffe Wir haben heute – auch durch bedauerliche Unfälle – ein
sehr genaues Wissen über die biologischen Schäden durch radioaktive Stoffe und
deren Ausbreitung. Die Gefahr einer ”Schmutzigen Bombe“ wird von Laien maß-
los überschätzt. Um großflächige Schäden zu verursachen, sind erhebliche Men-
gen Material erforderlich. Die Geschichten von ”wenigen Gramm Plutonium im
Trinkwasser“ entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und sind ein reines
Phantasieprodukt. Außerdem spricht gegen die Verwendung von Spaltprodukten
die leichte Erkennbarkeit und schwierige Handhabung im Vergleich zu Sprengstof-
fen: Spaltprodukte sind in beliebig kleiner Menge mit einfachen und preiswerten
Methoden nachweisbar. Sie sind immer schädlich, auch schon während des Trans-
ports. Im Vergleich zu chemischen und biologischen Waffen sind sie die denkbar
ungünstigste Waffe für Terroristen. Es sei allerdings nicht verkannt, daß sie in un-
aufgeklärten Gesellschaften eine enorme psychologische Wirkung ausüben können.
Die Angst vor oder nach einem Anschlag, kann zu Massenpanik führen. Ein proba-
tes Mittel hiergegen, kann nur die konsequente Aufklärung der Bevölkerung sein.
In diesem Sinne, zieht gerade Deutschland solche Anschläge an.
5.6 Generation IV Reaktorsystem
Innerhalb des internationalen Forschungsprojektes ”Generation IV Nuclear Energy
Systems” wurden zahlreiche Reaktorkonzepte untersucht. Für eine weitergehende
Erforschung wurden folgende als besonders vielversprechend ausgesucht:
• GFR – Gas-Cooled Fast Reactor System
• LFR – Lead-Cooled Fast Reactor System
• SFR – Sodium-Cooled Fast Reactor System
• MSR – Molten Salt Reactor System
96
5.6 Generation IV Reaktorsystem
• SCWR – Supercritical-Water-Cooled Reactor System
• VHTR – Very High Temperature Reactor System
Auswahlkriterien
Diese Typen wurden im Rahmen des internationalen Verfahrens aus über 100
eingereichten Vorschlägen ausgewählt. Dabei spielten folgende Überlegungen die
maßgebliche Rolle:
1. Es wurden die Systeme ausgewählt, die bezüglich der gesetzten Ziele die
größten Fortschritte erwarten lassen,
2. bei denen sichergestellt scheint, daß die zentralen Anforderungen: Stromer-
zeugung, Wasserstoffherstellung, Prozeßwärme und Handhabung der Aktini-
den in geeigneter Weise erfüllt werden.
3. Es wird dabei bewußt eine Überlappung der Eigenschaften in Kauf genom-
men, da davon ausgegangen werden muß, daß nicht alle Typen (rechtzeitig)
funktionsfähig werden und die in sie gesetzten Erwartungen vollständig er-
füllen können und letztendlich wirtschaftlich eine ausreichend große Anzie-
hungskraft besitzen.
4. Es mußten die nationalen Interessen und Vorlieben der teilnehmenden Staa-
ten berücksichtigt werden.
5.6.1 Gas-Cooled Fast Reactor System (GFR)
Bei einem GFR handelt es sich um einen mit Gas gekühlten Reaktor, dessen Haupt-
merkmal ein schnelles Neutronenspektrum und ein geschlossener Brennstoffkreis-
lauf zur Verwertung von brütbarem Material und Aktiniden ist. Es ist so vorstell-
bar, ein Reaktorsystem zu schaffen, welches vollständig alle Aktiniden beseitigt
und eine Wiederaufbereitung auf dem Gelände des Kernkraftwerks erlaubt. Durch
die Ansiedelung einer Wiederaufbereitung unmittelbar beim Kraftwerk, können
die Transportwege erheblich verkürzt werden. Zur Wiederaufbereitung könnten
sowohl weiterentwickelte Naßverfahren, pyrometallurgische oder andere trockene
Verfahren angewendet werden.
Referenzanlage
Die geplante Referenzanlage baut auf der Erfahrung mit vorhandenen schnellen
Reaktoren und gasgekühlten Hochtemperaturreaktoren auf und soll eine Leistung
von 288 MW
elektrisch
bei 600 MW
thermisch
haben. Sie soll Helium als Kühlmittel
97
5 Kerntechnik
verwenden, welches mit einer Temperatur von 850 °C austreten soll. Um einen
hohen thermischen Wirkungsgrad zu erzielen, wird das Kraftwerk mit einem ge-
schlossenen Gasturbinen–Kreisprozeß betrieben werden.
Brennelemente
Verschiedene Brennstoffkonzepte werden noch in Betracht gezogen. Haupt Aus-
wahlkriterium ist das Verhalten bei möglichst hohen Temperaturen und eine sehr
gute Rückhaltung von Spaltprodukten: Keramische Verbundwerkstoffe, fortschritt-
liche Brennstoff–Partikel oder keramisch umhüllte Teilchen für Akteniden. Es wer-
den auch noch verschiedene Anordnungen für den Reaktorkern untersucht: Basie-
rend auf stab- oder plattenförmigen Elementen oder prismatischen Blöcken.
Ausblick
Bei der Bewertung der Nachhaltigkeit nimmt das GFR System eine Spitzenstellung
ein:
• Es hat einen in sich geschlossenen Brennstoffkreislauf,
• es nutzt das in der Natur vorkommende Uran (nahezu) vollständig
• und es besitzt ein hervorragendes Aktinidenmanagement – mit anderen Wor-
ten – es hinterläßt (fast) keinen langlebigen Atommüll!
Es läßt sehr gute Sicherheitseigenschaften, hohe Wirtschaftlichkeit und gute Ei-
genschaften bezüglich Weiterverbreitung und Schutz vor Terrorismus erwarten.
Es ist in erster Linie zur Stromproduktion und Beseitigung von Aktiniden ge-
dacht. Könnte aber auch eine Wasserstoffproduktion unterstützen. Hierfür ist das
Erreichen einer möglichst hohen Austrittstemperatur (etwa 850 °C) entscheidend.
Ein solcher Reaktor könnte die Umwandlung von Erdgas in Wasserstoff und Koh-
lendioxid durchführen. Der Wasserstoff könnte an Raffinerien und die chemische
Industrie abgegeben werden. Das Kohlendioxid in Lagerstätten verpreßt werden.
Dies wäre der sanfte Einstieg in eine ”Wasserstoffwirtschaft“.
Betrachtet man die noch notwendigen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten
für den Brennstoff und seine Wiederaufbereitung, wird die Indienststellung auf
2025 geschätzt.
5.6.2 Lead-Cooled Fast Reactor System (LFR)
Bei einem LFR handelt es sich um einen mit flüssigem Blei oder einem Blei/Wismut
Eutektikum gekühlten Reaktor mit schnellem Neutronenspektrum. Er ist für einen
geschlossenen Brennstoffkreislauf zur Verwertung von brütbarem Material und Ak-
tiniden vorgesehen. Die Wiederaufbereitung kann regional oder zentral erfolgen.
98
5.6 Generation IV Reaktorsystem
Anlagengrößen
Es gibt drei Optionen für unterschiedliche Baureihen:
1. Sogenannte ”Batterien“ mit einer Leistung von 50 bis 150 MW
elektrisch
und
extrem langen Intervallen (10 bis 30 Jahre) bis zu einem nötigen Brennstoff-
wechsel. Dieser Typ wird insbesondere in Rußland zur Versorgung von abge-
legenen Siedlungen verfolgt. Er beruht auf der Erfahrung mit den Antrieben
russischer Atom–U–Boote. Er ist aber auch zur Versorgung von Industriebe-
trieben geeignet.
2. Modulare Systeme mit einer Leistung von 300 bis 400 MW
elektrisch
.
3. Monolithische Kraftwerke mit 1200 MW
elektrisch
.
Unter Batterietyp versteht man vollständig in einer Fabrik produzierte Einhei-
ten, die betriebsbereit zur Einsatzstelle gebracht werden und später wieder voll-
ständig von dort zur Wiederaufarbeitung transportiert werden. Am weitesten ist
dieser Typ mit Blei/Wismuth–Legierung entwickelt. Der Reaktor wird ausschließ-
lich durch Naturkonvektion gekühlt. Bei Leistungen von 120 bis 400 MW
thermisch
besitzt er eine Austrittstemperatur von 550 °C die mit zunehmender Werkstof-
fentwicklung auf bis zu 800 °C gesteigert werden kann. Das System ist für eine
dezentrale Stromerzeugung oder industrielle Wärmeproduktion entworfen, besitzt
aber auch im Sinne einer Nicht–Weiterverbreitung Vorteile: Es kann nach der Her-
stellung versiegelt werden und wird nach Bedarf vollständig zum Hersteller zu-
rücktransportiert. Zwischenzeitlich ist nur die Versiegelung zu überprüfen.
Bewertung
Bei der Bewertung der Nachhaltigkeit und Weiterverbreitung nimmt das LFR
System eine Spitzenstellung ein:
• Es hat einen in sich geschlossenen Brennstoffkreislauf,
• es nutzt das in der Natur vorkommende Uran (nahezu) vollständig,
• der Reaktor wird im Herstellerwerk versiegelt und braucht wegen seiner lan-
gen Brennstoffintervalle nicht geöffnet werden
• und es besitzt ein hervorragendes Aktinidenmanagement.
Es läßt sehr gute Sicherheitseigenschaften bei guter Wirtschaftlichkeit erwarten.
Das Kühlmittel ist unbrennbar, der Reaktor braucht keine Umwälzpumpen und
eine passive Kühlung im Störfall ist gewährleistet.
Eine Indienststellung wird für 2025 geschätzt.
99
5 Kerntechnik
5.6.3 Sodium-Cooled Fast Reactor System (SFR)
Bei einem SFR handelt es sich um einen mit flüssigem Natrium gekühlten Reaktor
mit schnellem Neutronenspektrum. In Deutschland wurde er als ”Schneller Brüter“
bezeichnet und zur Umwandlung von
238
U in
239
Pu vorgesehen. Konversionsraten
von über 1 sind jedoch nicht zwingend erforderlich, sondern eher schwierig zu er-
zielen. Bei einem Verzicht auf das Erbrüten von Überschüssen an spaltbarem Ma-
terial, eignet sich dieser Reaktor wegen seiner Neutronenökonomie hervorragend
zur Beseitigung von Aktiniden. Es ist vorstellbar, mit ihm ein System zu etablie-
ren, welches alle Aktiniden mitverbrennt und somit das ”Atommüllproblem“ auf
deutlich unter 1000 Jahre reduziert. Hierfür erscheinen zwei Wege prädestiniert:
1. Natrium gekühlte Reaktoren mittlerer Größe (150 bis 500 MW
elektrisch
) mit
einem Brennstoff aus Uran, Plutonium, Aktiniden und Zirkonium als metal-
lische Legierung. Der Brennstoffkreislauf wird durch eine pyrometalurgische
Wiederaufarbeitungsanlage auf dem Kraftwerksgelände geschlossen.
2. Größere Natrium gekühlte Reaktoren (500 bis 1500 MW
elektrisch
) mit einem
Brennstoff aus Uran–Plutonium–Oxid, die von einer zentralen Wiederaufbe-
reitungsanlage im Naßverfahren versorgt werden.
Beide Reaktorlinien haben eine Austrittstemperatur von etwa 550 °C und erzeugen
die elektrische Energie über einen konventionellen Dampfkreislauf.
Ausblick
Die Natrium gekühlten schnellen Reaktoren sind bezüglich der Nachhaltigkeit mit
sehr gut zu bewerten, da sie abgereichertes Uran verwenden können und das Pro-
blem einer Endlagerung mit historischen Zeiträumen beseitigen. Die Forschung
und Entwicklung konzentriert sich auf den Brennstoff und seinen Kreislauf, insbe-
sondere mit dem Ziel die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems zu verbessern. Es
existieren international breite Erfahrungen mit unterschiedlichen SFR Systemen,
die auch eine gute Beurteilung der Sicherheit zulassen. Es soll jedoch nicht ver-
schwiegen werden, daß Natrium wegen seiner chemischen Eigenschaften ein nicht
unproblematisches Kühlmittel ist. Es reagiert heftig, wenn es mit Wasser oder
Luft in Kontakt kommt. Deshalb sind einschlägige Entwicklungen im Gange, die
die passive Sicherheit erhöhen sollen. Dies gilt auch für den Wechsel der Brennele-
mente.
Die SFR Systeme werden sinnvollerweise zur Stromproduktion in der Grundlast
und zur Beseitigung von Aktiniden eingesetzt werden. Es ist das am schnellsten
realisierbare System zur Beseitigung der Endlagerproblematik. Auf der Basis von
oxidischen Brennstoffen und der bisherigen Wiederaufbereitungstechnologie nach
dem Purex-Verfahren könnte es ab 2015 realisiert werden. Demgegenüber benötigt
100
5.6 Generation IV Reaktorsystem
die erste Variante noch einigen Entwicklungsaufwand für das pyrometallurgische
Verfahren und die Brennelementeproduktion. Sie ist aber bezüglich Weiterverbrei-
tung und Terrorismus besonders interessant, da sie den gesamten Brennstoffkreis-
lauf auf einem Gelände vereinigt und in einer Form hält, die für mißbräuchliche
Nutzung besonders unatraktiv ist.
5.6.4 Molten Salt Reactor System (MSR)
Der MSR nimmt eine Sonderstellung ein: Es gibt keinen Unterschied zwischen
Brennstoff und Kühlmittel. In dem geschmolzenen Salz ist das Uran bzw. Pluto-
nium enthalten und die Spaltprodukte werden sofort nach ihrer Entstehung darin
gelöst. Das flüssige Salz strömt permanent durch Kanäle in einem Graphitblock
der als Moderator dient. Nur in diesem Bereich kann die nukleare Kettenreakti-
on stattfinden. Anschließend fließt es durch Wärmeübertrager, in denen es seine
Wärme an einen sekundären (spaltstoffreien) Kreislauf übergibt. Das Salzbad soll
(üblicherweise) aus einer Mischung aus Natrium-, Zirkonium- und Uranfluoriden
bestehen. Ein Teilstrom wird durch eine ”Reinigungsanlage“ geleitet, in der die
Spaltprodukte ausgeschieden werden. Dies ist der zukünftige ”Atommüll“ mit ei-
ner großen Nachzerfallswärme, aber relativ kurzer Lebensdauer. Er muß für etwa
300 Jahre geschützt gelagert werden. Alle Aktiniden und Spaltprodukte mit sehr
langen Lebensdauern werden im Salzbad zur weiteren Umwandlung belassen. Der
homogenen Mischung können sogar zusätzlich Aktiniden aus anderen Reaktoren
hinzugefügt werden. Es handelt sich hierbei quasi um eine ”Müllverbrennungsan-
lage mit Abwärmenutzung“.
Ausblick
Das System braucht keine Brennelementenfabrikation. Es kann mit sehr unter-
schiedlichen Mischungen aus spaltbarem Material und ”Abfällen“ betrieben wer-
den. Das Salzbad kann mit über 700 °C aus dem Reaktor austreten und der Reak-
tor ist nahezu drucklos. Die hohe Temperatur erlaubt eine entsprechend effiziente
Stromerzeugung, wodurch die Nachhaltigkeit noch zusätzlich gesteigert wird. Ei-
ne solche Anlage mit einer Leistung von 1000 MW
elektrisch
kann mehrere andere
Reaktoren ”entsorgen“. Der Schutz gegen Weiterverbreitung und Terrorismus ist
sehr gut, da es sich um sehr kompakte Anlagen handelt und der zu transportie-
rende Brennstoff extrem ”schmutzig“ ist. Es kann eine Isotopenzusammensetzung
gewählt werden, die für eine Waffenproduktion völlig ungeeignet ist. Die Verun-
reinigung mit Spaltprodukten läßt nur einen geschützten Transport zu, der einen
Schmuggel unmöglich macht.
Das System könnte bis etwa 2025 verwirklicht werden.
101
5 Kerntechnik
5.6.5 Supercritical-Water-Cooled Reactor System (SCWR)
Die SCWR Systeme sind wassergekühlte Reaktoren, die mit Wasser im (thermo-
dynamisch) überkritischen Zustand (22,1 MPa, 374°C) betrieben werden, um den
Wirkungsgrad auf etwa 44 % zu verbessern. Es sind grundsätzlich zwei Varianten
denkbar:
1. Reaktoren mit thermischem Neutronenspektrum und möglicher einmaliger
Nutzung des Brennstoffes ohne Wiederaufbereitung im sog. ”Offenen Brenn-
stoffkreislauf“.
2. Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum, einem geschlossenen Brenn-
stoffkreislauf und vollständiger Nutzung der Aktiniden.
Für beide Varianten ist an eine Leistung von 1500 MW
elektrisch
bei einem Druck
von 25 MPa und einer Austrittstemperatur von 550 °C gedacht.
Ausblick
Das SCWR System ist eine Weiterentwicklung der bisherigen Druckwasserreak-
toren. Allerdings ist zu beachten, daß es oberhalb des kritischen Punktes kein
Naßdampfgebiet gibt und somit keine Dampfblasenbildung im Reaktor auftritt.
Dies hat bezüglich der Wärmeübertragung und neutronenphysikalisch einige Kon-
sequenzen, die noch näherer Forschung bedürfen.
Es wird mit einer Einführung nicht vor 2025 gerechnet.
5.6.6 Very High Temperature Reactor System (VHTR)
Das VHTR System verwendet Reaktoren mit thermischen Neutronen und soll
einen offenen Brennstoffkreislauf haben. Es ist vor allen Dingen gedacht, Pro-
zeßwärme für die Kohlevergasung, Wasserstoffproduktion etc. bereitzustellen. Der
Referenzreaktor soll eine Wärmeleistung von 600 MW
thermisch
bei einer Austritt-
stemperatur von über 1000 °C haben. Er beruht entweder auf einem Konzept mit
prismatischen Brennelementen oder Kugelhaufen und verwendet Helium als Kühl-
mittel mit dem ein Dampferzeuger oder -reformer beheizt wird. Dieses System ist
zur Bereitstellung von Prozeßwärme bei hohen Temperaturen für eine Vielzahl von
energieintensiven chemischen Verfahren bestens geeignet. Darüberhinaus kann in
einem Koppelprozeß gleichzeitig Elektroenergie erzeugt werden. Das System kann
flexibel Uran, Plutonium und Thorium als Brennstoff nutzen. Der Anfall von lang-
lebigen Aktiniden im Abfall kann sehr gering gehalten werden.
102
5.6 Generation IV Reaktorsystem
Ausblick
Das VHTR System erfordert noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit be-
züglich des Brennstoffs und hoch temperaturbeständiger Werkstoffe. Es kann al-
lerdings auf zahlreiche erfolgreiche Betriebsjahre von gasgekühlten Reaktoren mit
prismatischen Brennelementen oder Kugelhaufen zurückgreifen. Ähnliches gilt für
Hochtemperatur–Werkstoffe in der Verfahrenstechnik und im konventionellen Kraft-
werksbau. Es wird eine gegenseitige, befruchtende Entwicklung auf den Gebieten
der Legierungen mit hoher Zeitstandsfestigkeit, faserverstärkter Keramik und Ver-
bundwerkstoffen geben.
Das VHTR System wird es ermöglichen, Wasserstoff großtechnisch und umwelt-
verträglich zu geringen Kosten, bei gleichzeitig sehr hohem Sicherheitsstandard
zu produzieren. Wie in Deutschland gezeigt wurde, gehören mit Helium gekühlte
Kugelhaufenreaktoren zu den denkbar sichersten Systemen überhaupt. Sie haben
bezüglich Weiterverbreitung und Terrorismus beste Werte. Ein System zur groß-
technischen Wasserstoffproduktion könnte ab 2020 einsatzbereit sein.
5.6.7 Materialien und Werkstoffe
Die Kerntechnik war immer ein Schrittmacher der Werkstofftechnik und deren
Meßtechnik. Dies liegt schon in den besonderen Sicherheitsanforderungen begrün-
det. Sie muß neben den üblichen – gleichwohl herausragenden – Anforderungen
an Temperaturbesständigkeit, Druckfestigkeit und Zeitstandsverhalten des Kraft-
werksbaues auch noch der radioaktiven Bestrahlung und Neutronenreaktionen wi-
derstehen. Neben den Konstruktionswerkstoffen bilden die Brennelemente eine be-
sondere Gruppe.
Brennelemente Der Brennstoff muß eine chemisch und physikalisch möglichst
stabile Form besitzen. Er muß die entstehenden Spaltprodukte sicher zurückhalten
– auch bei extremen Temperaturen. Üblich sind Oxide, aber auch Metalle, Karbi-
de, Nitride und Fluoride (Salzbadreaktor). Zum zusätzlichen Schutz vor Angriffen
durch das Kühlmittel bzw. um das Kühlmittel vor Kontamination zu schützen,
sind die Brennstoffe mit einer Schutzhülle umgeben. Diese sollen besonders Wi-
derstandsfähig sein, dürfen aber die Neutronenphysik nicht übermäßig beeinflus-
sen. Üblich sind Rohre aus Zirkoniumlegierungen, ferritischen und austhenitischen
Stählen, aber auch Keramik und Kohlenstoff (Hochtemperaturreaktor).
Mechanische Eigenschaften und Formstabilität Um Inspektionsintervalle fest-
legen zu können und um das Verhalten bei Störfällen abzuschätzen, sind genaue
Materialkenntnisse durch Forschungsarbeiten zu gewinnen:
103
5 Kerntechnik
• Einhaltung der Struktur unter Betriebsbedingungen: Anschwellen von Bla-
sen, Kriechverhalten durch Temperatur und Strahlung, Ermüdung unter
Spannung, Wachstum usw.
• Festigkeit, Sprödigkeit und Zähigkeit im Dauerbetrieb.
• Widerstand gegen Brüche infolge von Kriechvorgängen, Bildung von Span-
nungsrissen und Versprödung durch Helium.
• Wechselwirkung mit Neutronen bei der Materialverwendung für Einbauten
im Core.
• Physikalische und chemische Verträglichkeit mit dem Kühlmittel.
• Thermische Zustandsdaten für den Normalbetrieb und unter Störfallbedin-
gungen.
• Wechselwirkung mit anderen Materialien im System.
5.7 Kerntechnische Kostenmodelle
Der Vergleich der Wirtschaftlichkeit verschiedener Reaktorsysteme ist sehr kom-
plex. Noch schwieriger ist die Abschätzung von Systemen, die sich noch im Ent-
wicklungsstadium befinden. Es müssen daher rechnergestützte Modelle entwickelt
werden, die die schnelle Berechnung von Varianten und Anpassungen im Datenmo-
dell erlauben. Neben dem Vergleich der Kosten untereinander, ist auch die Berück-
sichtigung veränderter Kosten in Material, Brennstoff usw. auf die Gesamtkosten
wichtig. Es lassen sich so, durch Veränderung der Eingabedaten in bestimmten
Bandbreiten, die Auswirkungen auf einen Entwurf abschätzen. Umgekehrt läßt
dies den Schluß auf die Bedeutung von Unwägbarkeiten zu. Für das Stadium der
Forschung und Entwicklung (F&E) müssen solche Modelle zwar möglichst um-
fassend, aber auch entsprechend robust sein. Für bereits gebaute Anlagen können
durch Auswertung der Preise für Komponenten recht zuverlässige Werte gewonnen
werden. Für die notwendige Angabe der Bandbreite und Vertrauenswürdigkeit gel-
ten die üblichen Gesetze der Statistik. Aus diesen Komponenten lassen sich neue
Anlagen konstruieren. Allerdings ist immer Vorsicht geboten, wenn zu weit von den
bisherigen Ausführungen abgewichen wird. Eine abschließende Beurteilung kann
daher nur unter Hinzuziehung von Fachleuten getroffen werden. Gleichwohl sollte
schon in der Phase von F&E nicht auf begleitende Kostenberechnungen verzichtet
werden. Sie sind eine wertvolle Unterstützung für alle Entwickler, die kostspielige
Fehlentwicklungen verhindern hilft. Ist doch bereits die Abschätzung von ”Unwäg-
barkeiten“ für sich genommen eine wertvolle Erkenntnis.
104
5.7 Kerntechnische Kostenmodelle
Größe oder Stückzahl Im Kraftwerksbau dominiert bisher die ”Einzelanferti-
gung“. Es ist aus anderen Industriezweigen bekannt, daß über eine Vergrößerung
der Leistung (Skalierung) oder eine industrielle Massenherstellung in Fabriken
(Module) andererseits, Kosten gesenkt werden können. Diese Erkenntnisse auf die
Nuklearindustrie zu übertragen, ist jedoch nicht ganz einfach. Im Anlagenbau gilt
generell, daß bezüglich der Größe nur eine evolutionäre Entwicklung möglich ist.
Der Vorfertigung in Fabriken stehen oftmals Transportschwierigkeiten im Wege.
Abbildung 5.7.1: Verküpfung einzelner Kostenmodelle (Investitionskosten, Brenn-
stoffkreislauf, Betrieb, Skalierung) zu einem kerntechnischen Ge-
samtmodell.
Modellansatz Der Rechenaufwand für so komplexe Anlagen wie Kraftwerke ist
recht hoch. Es wurden daher schon frühzeitig rechnergestützte Modelle entwickelt.
Da die Bereiche Kraftwerksbau, Brennstoffe (Chemieanlagen und Bergbau), Be-
trieb (Energieversorger) und Zulieferer (Stückzahlen) recht getrennt voneinander
Tätig sind, haben sich einzelne Programme herausgebildet. Diese müssen aber
miteinander verknüpft werden, da sie untereinander in Wechselwirkung stehen.
Diesen vier Modulen ist noch ein zentraler Modul übergeordnet: Die Koppelpro-
duktion (z. B. Stromproduktion mit Meerwasserentsalzung oder Wasserstoff- mit
Stromproduktion). Einerseits müssen hierfür recht komplexe Programmodule (z.
B. ”chemische Fabrik“ zur thermischen Wasserstoffherstellung) geschaffen werden,
105
5 Kerntechnik
andererseits besteht eine Menge Diskussionsbedarf über die Aufteilung der Kosten
auf die Produkte.
Interne und Externe Kosten Seit der Politisierung von Umweltschutzgruppen
haben die Begriffe ”Externe Kosten“ und deren ”Internalisierung“ eine höchst frag-
würdige Bedeutung bekommen. In der sozialistischen Ideologie machen ”Konzerne
Profite“, gelingt es nun die Kosten in die Höhe zu treiben, kann man ”gesellschaftli-
che Veränderungen“ durchsetzen. Wie erfolgreich das geht, zeigt z. B. ”die deutsche
Anti-AKW-Bewegung“ alljährlich in Gorleben. Im Fall der Kernenergie reichten
diese zusätzlichen Kosten jedoch nicht aus. Insbesondere um die ”Alternativener-
gien“ schön rechnen zu können, mußte die ”Internalisierung externer Kosten“ ge-
schaffen werden. Über diesen Hebel ließ sich dann die Realität so weit verbiegen,
bis das politisch gewollte Ergebnis vorlag. Richtig ist, es gibt ”direkt“ erfaßbare
Kosten, wie Material, Löhne usw. ”Indirekt“ verursachte Kosten sind manchmal
schwerer zu erfassen und es stellt sich zusätzlich die Frage, wem sie angerechnet
werden sollen. Der elegante Weg, ist der versicherungstechnische, der schwierigere,
der über Festlegung von Grenzwerten durch den Gesetzgeber. Zwei anschauliche
Beispiele mögen die Erfassung und Umsetzung in Wirtschaftlichkeitsberechnungen
verdeutlichen. Irgendwann hat man festgestellt, daß der ”Autoverkehr“ zu Schä-
den durch Unfälle führt, die die Gesellschaft nicht mehr bereit war durch Umlagen
zu finanzieren. Es wurde eine Haftpflicht eingeführt, die auch sämtliche Behand-
lungskosten nach Unfällen bezahlt. Eingeführt wurde nur die Verpflichtung zur
Abdeckung des Risikos. Wie dieses Risiko ermittelt wird und durch die Versiche-
rungen finanziert wird, bleibt diesen überlassen. In diesem Sinne ist das an und
für sich sehr komplexe Problem gelöst: In der Wirtschaftlichkeitsrechnung müs-
sen lediglich die Versicherungsprämien berücksichtigt werden. Das zweite Beispiel
zeigt den komplexeren Weg über Grenzwerte auf. Irgendwann war man der Mei-
nung, daß Stickoxide schädlich für Mensch und Umwelt sind. Der Zusammenhang
zwischen Schädigung und Ursache ist hierbei allerdings nicht so eindeutig, wie
bei einem Verkehrsunfall. Das ”wie schädlich“ ist durchaus umstritten. In einer
Demokratie muß daher ein Grenzwert auf dem üblichen parlamentarischen Weg
festgelegt werden. Es ist somit immer eine politische Entscheidung, an der wis-
senschaftlich lediglich beratend teilgenommen werden kann. Allerdings muß eine
Partei damit rechnen, wenn sie sich aus ideologischen Gründen gegen den Sach-
verstand stellt, nicht wiedergewählt zu werden. Auch im anderen Fall ist das für
die Demokratie kein Verlust: Wünscht es die Mehrheit der Bevölkerung trotzdem,
muß sie ohnehin die Folgen dafür tragen. Genau diese Eigenverantwortung macht
für manche Leute die Demokratie so schwer erträglich. Gleichwohl ist bezüglich
einer Wirtschaftlichkeitsrechnung das Problem ebenfalls gelöst: Die Kosten für die
Einhaltung der Grenzwerte wirken sich unmittelbar auf die Ausführung der Anla-
106
5.7 Kerntechnische Kostenmodelle
ge aus und sind mit den ganz normalen Hilfsmitteln erfaßbar. Zusammenfassend
kann man festhalten:
• Jeder ”Schaden“ verursacht Kosten.
• Ist der ”Schaden meßbar“ (in Geldwert), sollte er über eine Versicherung
abgedeckt werden.
• Kann kein eindeutiger Zusammenhang zwischen ”Ursache und Wirkung“ (in
Geldwert) hergestellt werden, müssen über das Parlament Grenzwerte vorge-
schrieben werden. In der Konsequenz bedeutet das, daß in einer Demokratie
der Bürger eigenverantwortlich entscheiden muß, welches Risiko er (in Geld-
wert) tragen will.
Jede ”Internalisierung von externen Kosten“ ist somit nichts anderes als Planwirt-
schaft. Es werden beliebig Kosten erfunden, um das angebliche ”Marktversagen“
aufzudecken. Mit anderen Worten: Es wird der in Wirklichkeit von Anfang an
vorhandene ”politische Wille“ mit wirtschaftlichen Argumenten kaschiert, um an-
geblich daraus ein ”politisch notwendiges“ Handeln herzuleiten.
5.7.1 Ermittlung der Baukosten von Kernkraftwerken
Kernkraftwerke sind sehr komplexe Anlagen, die Investitionen in der Größenord-
nung von Milliarden Euro erfordern. Sie beinhalten neben dem nuklearen Teil,
nahezu alles, was konventionelle Gebäude und Anlagen beinhalten können. Für
Kostenabschätzungen sind deshalb komplexe Programme und eine kontinuierliche
Datenpflege erforderlich. Es müssen nicht nur die Preise für einzelne Komponen-
ten ermittelt werden, sondern auch die zugehörigen Randbedingungen und Ab-
hängigkeiten. Nur wenn diese bekannt und mathematisch abgebildet sind, ist eine
Optimierung und Variantenrechnung sinnvoll. Wie alle Simulationen, sind solche
Berechnungen nur von erfahrenem Personal durchführbar. Relativ einfach sind sie
machbar, wenn es sich um die Kalkulation von Kraftwerken handelt, die bereits
ausgeführten recht ähnlich sind. Die Unsicherheit nimmt jedoch überproportional
zu, wenn Brüche in der Technologie vorliegen. Grundsätzlich sind zwei Ansätze zu
unterscheiden:
Monolithische Kraftwerksblöcke Die klassische Vorgehensweise im Kraftwerks-
bau ist die maßgeschneiderte Einzelanfertigung. Jeder Kraftwerksblock wird nach
den individuellen Vorgaben des Auftraggebers konstruiert und gebaut. Es findet
ein evolutionärer Fortschritt der technischen Entwicklung und eine kontinuierliche
Kostensenkung statt. Bei dem finanziellen Volumen erscheint dies auch als einzig
107
5 Kerntechnik
gangbarer Weg. Die Anfertigung von zahlreichen Prototypen zu Übungs- und Test-
zwecken – wie z. B. im Automobilbau üblich – scheidet im Anlagenbau aus. Diese
schrittweise Vorgehensweise erleichtert die Kalkulation und verringert das Risiko.
Eine Besonderheit der Kerntechnik stellt das sehr umfangreiche und damit kosten-
intensive Genehmigungsverfahren dar. Schon frühzeitig war man daher bestrebt,
nicht jede Anlage individuell auszulegen. Je mehr baugleiche Anlagen geplant sind,
um so besser lassen sich die Kosten hierfür auf mehrere Projekte verteilen. Aller-
dings besteht die Gefahr von Serienfehlern und der technische Fortschritt wird
entsprechend verlangsamt. Als guter Kompromiß hat sich der ”Konvoi“ ergeben,
bei dem man jeweils 3 bis 6 Anlagen baugleich ausführt.
Modulare Kraftwerke Gänzlich andere Wirtschaftlichkeitsmodelle erfordert ein
modularer Ansatz. Hierbei wird von ”kleinen“ Anlagen in industrieller Fertigung
ausgegangen, die erst am Standort zu Großkraftwerken zusammengeschaltet wer-
den. ”Klein“ bezieht sich hier auf das notwendige Transportvolumen und Gewicht.
Durch die Entwicklung der Logistik für Schwertransporte, haben sich im letzten
Jahrzehnt ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Beschreitet man diesen Weg, gelangt
man zu einer industriellen Produktionsweise mit Großserien. Die hierdurch (wahr-
scheinlich) erzielbaren Kostensenkungen durch Massenfertigung sind der (natürli-
chen) Kostendegression bei monolithischen Anlagen gegen zu rechnen. Es ergeben
sich auch andere Betrachtungen für die Finanzierung. Eine monolithische Anlage
kann erst in Produktion gehen – und damit einen positiven Zahlungsstrom aus-
lösen – wenn die letzte Schraube montiert ist. Bei einer modularen Anlage, kann
diese (theoretisch) Stück für Stück in Betrieb gesetzt werden. Bei den ohnehin
langen Bauzeiten von Kernkraftwerken, ist dies nicht zu vernachlässigen.
Kostendegression Man darf jedoch bei allen Verlockungen bezüglich einer in-
dustriellen Produktion nicht vergessen, daß es eine ”natürliche“ Kostendegression
bei Kraftwerken gibt. Bis zu apparativen und technischen Grenzen bezieht sich
das auf einzelne Bauteile. Darüber hinaus wirkt sich jede Investition natürlich
auch auf die Betriebskosten aus. Mit zunehmender Anlagengröße verbessert sich
der Wirkungsgrad im Auslegungspunkt (weniger Reibungsverluste durch vergrö-
ßerte Kanalquerschnitte, geringere Wärmeverluste durch kleinere relative Oberflä-
chen usw.). Wird demgegenüber besonderer Wert auf das Teillastverhalten gelegt,
kann eine modulare Anlage durch Teilabschaltung weniger Brennstoff verbrau-
chen. Ebenso kann die Verfügbarkeit einer modular aufgebauten Anlage höher
sein. Allerdings sind solche Zusammenhänge sehr komplex und bedürfen vor der
Wirtschaftlichkeitsberechnung einer sehr genauen qualitativen und quantitativen
Klärung, sowie mathematischen Modellierung.
108
5.7 Kerntechnische Kostenmodelle
5.7.2 Wirtschaftlichkeit des Brennstoffkreislaufes
Bei heutigen Kernkraftwerken betragen – über den gesamten Lebenszyklus be-
trachtet – die Kosten für den Brennstoffkreislauf etwa 20 % der Stromgestehungs-
kosten. Dies ist zwar sehr wenig, verglichen mit z. B. Erdgaskraftwerken, anderer-
seits lohnt sich jedoch eine Optimierung, wenn man die absolute Summe betrach-
tet. Da innerhalb des Brennstoffkreislaufes die Kosten stark voneinander abhängig
sind, werden rechnergestützte Modelle für die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit
benötigt.
Klassische Modelle Klassische Modelle (wie z. B Economics of the Nuclear Cy-
cle von 1994) umfassen den offenen Brennstoffkreislauf und die Wiederaufberei-
tung. Sie beinhalten Kostenansätze für folgende Teilbereiche:
• Urangewinnung: Kosten für die Produktion des Natururans. Angefangen
von der Suche nach geeigneten Vorkommen über den Bau und Betrieb der
Bergwerke bis hin zur Renaturierung.
• Konversion: Chemische Umwandlungen und Reinigungen des Urans. Von
der Umwandlung in einen gasförmigen Zustand für die Anreicherung bis hin
zur Umwandlung in die für die Herstellung von Brennelementen besonders
geeigneten chemischen Verbindungen.
• Anreicherung: Kostenmodelle für die unterschiedlichen Anreicherungsver-
fahren und Gehalte an spaltbarem Material. Handhabung des abgereicherten
Urans.
• Brennelemente: Kostenmodelle für die Herstellung der unterschiedlichen
Brennelemente, die für unterschiedliche Reaktortypen und Betriebsphasen
benötigt werden.
• Endlagerung von Abfällen: Kosten für die Behandlung, den Transport
und die endgültige Lagerung von allen radioaktiven Abfällen aus der Pro-
duktion oder dem Betrieb.
• Endlagerung von Brennelementen: Im Falle eines offenen Kreislaufes
müssen die Brennelemente zwischengelagert, für die Endlagerung verpackt
und endgelagert werden.
• Wiederaufbereitung: Es müssen die Kosten für Zwischenlagerung, Zer-
legung und Trennung der Spaltprodukte vom Uran und Plutonium, sowie
gegebenenfalls Abtrennung der Aktiniden modelliert werden.
109
5 Kerntechnik
• Wiederherstellung von Brennelementen: Kosten für die Produktion
von Brennelementen aus bereits gebrauchtem Material. Fabrikation von Mi-
schoxiden.
• Endlagerung von Atommüll Kosten für die Konditionierung von leicht,
mittel und hochaktivem Abfall. Bau, Betrieb und sicherer Verschluß von
Lagern für diese Müllsorten.
Solche rechnergestützten Modelle werden für die Beurteilung von Kreislaufvarian-
ten benötigt. Sie werden recht komplex, wenn man z. B. an den Vergleich zwischen
einem offenen und einem geschlossenen Kreislauf denkt. Bei einem geschlossenen
Kreislauf müssen den Kosten für die Wiederaufbereitung die Einsparungen für ein
Endlager gegengerechnet werden. Bei einer Wiederaufbereitungsanlage nach dem
Purex–Verfahren handelt es sich um eine Chemiefabrik. Bei einem Endlager für
hochaktiven Abfall um den Bau und Betrieb eines kompletten Bergwerkes.
Innovative Modelle Für konventionelle Naßverfahren sind die einzelnen Schritte
sehr genau bekannt und es liegen Erfahrungen aus zahlreichen Betriebsjahren vor.
Insofern ist die Modellierung der Kosten relativ einfach. Sollen neuartige Verfahren
oder Systeme untersucht werden, ist die Aufgabenstellung wesentlich schwieriger.
Insbesondere wenn Varianten bezüglich ihrer Wirtschaftlichkeit verglichen werden
sollen, muß die Auflösung bezüglich der verschiedenen Verfahrensschritte, Mate-
rialien und Dienstleistungen entsprechend feingliedrig sein. Werden ganz neue Sy-
steme untersucht (z. B. Salzbadreaktor), für die noch keine großtechnischen Erfah-
rungen vorliegen, muß großer Wert auf die Abschätzung von Unsicherheiten gelegt
werden. Die Programme müssen so flexibel sein, daß sie jederzeit neue Entwick-
lungen bezüglich der Wirtschaftlichkeit von Wiederaufarbeitung und Endlagerung
aufnehmen können. Dabei ist darauf zu achten, daß alle Änderungen über den
gesamten Kreislauf von Uranförderung bis Müllbeseitigung berücksichtigt werden.
5.7.3 Wirtschaftlichkeit der Energieerzeugung
Bisher wurde Kernenergie kommerziell nur zur Produktion von elektrischer Energie
und in Ausnahmefällen zur Fernwärmeversorgung eingesetzt. Indirekt wird bei je-
der Nutzung neues Spaltmaterial (Plutonium) erzeugt. In einigen Ländern werden
gleichzeitig Isotope für medizinische Zwecke hergestellt. Zukünftig ist der Einsatz
für Prozeßwärme (Wasserstoffproduktion) geplant. Für alle Varianten die unter-
sucht werden sollen, werden Modelle benötigt. Darüber hinaus sind solche ”ge-
koppelten Poduktionen“ auch noch voneinander abhängig. Grundsätzlich ist bei
Koppelprodukten eine Aufteilung der Kosten auf die Produkte bzw. die Zusam-
menfassung der Marktpreise zu einem Gesamtertrag notwendig.
110
5.7 Kerntechnische Kostenmodelle
Elektroenergie Bisher wurden ausschließlich Kernkraftwerke gebaut. Alle kom-
merziellen Reaktortypen dienten der Stromproduktion. Für diesen Sektor existie-
ren daher umfangreiche Erfahrungen. Zukünftig wird es immer wichtiger, die un-
terschiedlichen Kategorien (Grund-, Mittel-, Spitzenlast, Regelleistung usw.) ge-
trennt auf ihre Wirtschaftlichkeit zu untersuchen. Die verschiedenen Reaktortypen
besitzen hierfür eine unterschiedliche Eignung.
Elektroenergie und Wärme Typische Vertreter für eine gekoppelte Produktion
von Wärme und Elektroenergie ist die Fernwärmeversorgung (z. B. in der Schweiz
oder früher die Saline in Stade). Bei jeder Form der Kraft–Wärme–Kopplung ist
die Bestimmung der Gleichzeitigkeit des Wärmebedarfes und der Verlauf über das
gesamte Jahr von Bedeutung. Anders als bei einem BHKW wird man bei einem
Kernkraftwerk stets nur einen Teil der Wärme auskoppeln. Ein Kernkraftwerk wird
primär der Stromerzeugung dienen.
Prozeßwärme Zukünftig werden Kernreaktoren auch zur Erzeugung von Prozeß-
wärme dienen. Dies betrifft Standorte an denen große Wärmemengen verbraucht
werden (Raffinerien, Chemische Fabriken, Metallerzeugung usw.). Hier sind Vor-
und Nachteile mit fossilen Brennstoffen sorgfältig abzuwägen. Die Wirtschaftlich-
keit kann sich schlagartig verschieben, wenn tatsächlich eine flächendeckende CO
2

Abgabe eingeführt wird.
Meerwasserentsalzung Meerwasserentsalzung wird in naher Zukunft weltweit
zunehmen. Es sind zwei Verfahren großtechnisch erprobt: Entspannungsverdamp-
fung und Umkehrosmose. Bei der Entspannungsverdampfung wird der Turbine
eines Kraftwerks ein Teilstrom Dampf entnommen, nachdem er bereits (zum Teil)
Arbeit geleistet hat und anschließend zur Beheizung der Entsalzungsanlage ver-
wendet. Es handelt sich hierbei also um einen (mit der Stromproduktion) gekoppel-
ten Prozeß. Da es sich nicht lohnt, Dampf über größere Strecken zu transportieren,
werden beide Anlagen unmittelbar nebeneinander gebaut. Bei einer Umkehros-
mose wird Meerwasser mittels einer Pumpe durch eine semipermeable Membran
hindurchgedrückt. Die Pumpen können durch Elektromotoren (örtliche Entkopp-
lung vom Kraftwerk möglich) oder Dampfturbinen angetrieben werden. Auf jeden
Fall sollten Meerwasserentsalzungsanlagen an der Küste gebaut werden, damit die
salzhaltige Sole wieder kostengünstig ins Meer zurückgeleitet werden kann. Die
Einleitung der Sole kann zu Umweltproblemen führen. Möglicherweise ist dann
eine vollständige Verdampfung notwendig. Letztlich ist dies eine Kostenfrage, da
Salz in großen Mengen industriell benötigt wird und bisher aus Lagerstätten ab-
gebaut wird.
111
5 Kerntechnik
Wasserstoffproduktion Wasserstoff wird großtechnisch aus Kohlenwasserstoffen
produziert. Will man zu einer CO
2
–freien Produktion übergehen, wird man ihn
aus Wasser herstellen müssen. Dazu gibt es zwei Wege: Elektrolyse und thermo–
chemisch. Für die Elektrolyse werden große Mengen Strom benötigt. Für die
thermo–chemische Produktion hohe Temperaturen. Welcher Weg sich durchset-
zen wird, ist gerade aus wirtschaftlicher Sicht noch nicht absehbar. Wahrscheinlich
wird im ersten Schritt eine Anlage, die Wasserstoff aus Erdgas herstellt, auf Kern-
energie umgestellt. Es könnte so der komplette Eigenenergiebedarf durch Kern-
energie ersetzt werden. Besonders interessant ist dies im Zusammenhang mit der
Abscheidung und Verpressung von CO
2
in tiefe Erdschichten. Auch diese Energie
könnte vollständig über Kernenergie abgedeckt werden. Es wäre somit auch die
erste ”CO
2
–freie–Chemie“ verwirklicht worden.
Herstellung von Spaltmaterial In sog. Brütern kann aus
238
U mehr spaltbares
Plutonium erzeugt werden, als in ihnen verbraucht wird. Ähnliches gilt für das
Erbrüten von spaltbarem
233
U aus Thorium. Wirtschaftlich besonders vielverspre-
chend sind Reaktorlinien, die eine Kombination dieser Brennstoffe benutzen.
Isotopenproduktion Es werden für zahlreiche medizinische und industrielle Zwecke
radioaktive Isotope benötigt. Ein besonders wachstumsträchtiger Bereich ist die
Sterilisation. Diese Isotope können in verschiedenen Reaktortypen (z. B. CANDU-
Reaktor) mit produziert werden. Für untergeordnete Bereiche (z. B. Sterilisation
von Klärschlamm) können auch Abfälle aus der Wiederaufbereitung verwendet
werden.
Beseitigung von langlebigem Atommüll Neben einem Akzeptanzproblem, be-
deuten Endlager – die über geologische Zeiträume – einen sicheren Einschluß ge-
währleisten sollen, auch einen erheblichen Kostenfaktor. Es ist daher abzuwägen,
ob nicht die Beseitigung der langlebigen Spaltprodukte und der besonders langle-
bigen Aktiniden der günstigere Weg ist. International scheint sich dieser Ansatz
durchzusetzen. Die gesamte ”Endlagerproblematik“ könnte sich damit auf ein bis
wenige Jahrhunderte reduzieren. Es sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinge-
wiesen, daß es sich hierbei weniger um eine technische Fragestellung, als um eine
Kostenfrage handelt. Allerdings scheinen Kostenüberlegungen ab einem Ölpreis
von über 100$/barrel hinfällig geworden zu sein. Ganz davon abgesehen, wenn die
Kernenergie mit exorbitant teueren Energiequellen, wie z. B. Wind und Sonne
verglichen wird.
112
5.7 Kerntechnische Kostenmodelle
5.7.4 Integrationsmodul
Um die Wirtschaftlichkeitsmodelle für die Teilbereiche wirksam miteinander zu
verbinden, ist ein übergeordneter Integrationsmodul notwendig. Er muß beispiels-
weise die verschiedenen Ansätze für unterschiedliche Reaktorlinien miteinander
verbinden, damit vergleichende Studien möglich sind. Selbst innerhalb einer Kon-
figuration müssen die unterschiedlichen Bedingungen zu jedem Zeitpunkt unter-
sucht werden. Ein einfaches Beispiel mag die umfangreichen Fragestellungen und
ihre Wechselwirkungen verdeutlichen: Aufbau eines Kraftwerksparks aus Leicht-
wasserreaktoren, Errichtung einer Wiederaufbereitungsnalage, Inbetriebnahme ei-
nes ”Schnellen Brüters“ zum Ersatz von Natururan. Selbst für dieses eine Szenario
sind für unterschiedlichste Zeitpunkte und Größenrelationen in Abhängigkeit von
äußeren Randbedingungen (z. B. Weltmarktpreise für Uran) Varianten durchzu-
rechnen. Damit solche Rechnungen effektiv ausgeführt werden können, sind Daten–
Schnittstellen zwischen den Programmen notwendig und eine übergeordnete Da-
tenbank, die stets gewährleistet, daß in allen Modulen mit den gleichen Werten (z.
B. Uranpreis) gerechnet wird. Sind Daten von der Berechnung selbst abhängig (z.
B. Kosten für Plutonium), muß automatisch eine Itteration durchgeführt werden.
Unwägbarkeiten Insbesondere bei jedem Projekt mit Prototypcharakter sind
für jede Kostenschätzung Aussagen über die Unwägbarkeiten zu treffen. Sollen Sy-
steme fundiert miteinander verglichen werden, reichen qualitative Aussagen nicht
mehr aus, sondern es sind konkrete Zahlenwerte gefragt. Dies gilt insbesondere,
wenn Risikokapital eingeworben werden muß und staatliche Bürgschaften nicht ge-
wünscht sind. Für die geschätzten Kosten sollten Erwartungswerte mit Bandbrei-
ten über die gesamte Bauzeit und den erwarteten Produktionszeitraum angegeben
werden. Für im Finanzwesen übliche Risikoanalysen müssen Wahrscheinlichkeits-
verteilungen und eine Wahrscheinlichkeitsdichte für mittlere Kosten angegeben
werden.
Instrument der Forschungsplanung Ein solches Rechenprogramm ist auch ein
wertvolles Hilfsmittel für die Planung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten.
Simulationen der verschiedenen Varianten unter Berücksichtigung ihrer Unwägbar-
keiten helfen bei der Festlegung von Prioritäten. Die quantitativen Auswirkungen
bestimmter Fragestellungen (z. B. Werkstoffe) auf die Durchführbarkeit ganzer
Entwicklungslinien können besser abgeschätzt werden. Dabei muß immer beachtet
werden, daß es sich um interdisziplinäre Fragestellungen handelt, deren übergeord-
nete Bedeutung nur über die Ermittlung der Kosten allgemein gültig beantwortet
werden kann.
113
5 Kerntechnik
5.8 Brennstoffkreisläufe
Die Brennstoffkreisläufe lassen sich in vier Gruppen gliedern:
1. Offener Brennstoffkreislauf (once–through fuel cycle), bei dem das Uran nur
einmalig einem Reaktor zugeführt wird.
2. Ein Brennstoffkreislauf der das entstandene Plutonium teilweise wieder ei-
nem Reaktor zuführt.
3. Ein Brennstoffkreislauf der das entstandene Plutonium vollständig abtrennt
und einer Verwendung zuführt.
4. Ein Brennstoffkreislauf der alle Transurane abtrennt und Reaktoren wieder
zuführt.
Der Brennstoffkreislauf hat maßgeblichen Einfluß auf den laufenden Bedarf an
Natururan und den Anfall und die Lebensdauer des Atommülls. Referenzfall für
Vergleiche ist der offene Brennstoffkreislauf. Er benötigt das meiste Natururan
und produziert den meisten hochaktiven Abfall, da er das komplette Brennele-
ment als Abfall betrachtet. Er ist andererseits die ”billigste“ Lösung, da er ohne
Wiederaufbereitsanlage auskommt. Er wurde bisher von Ländern mit großen und
preiswerten Uranvorkommen bevorzugt. Allerdings ist der Anfall der abgebrann-
ten Brennelemente der limitierende Faktor: Unterstellt man, daß es nicht beliebig
viele Standorte für Atommüllager mit einer Eignung über geologische Zeiträume
hinweg gibt, könnte dies der begrenzende Faktor für die Nutzung der Kernenergie
werden. Das vorhandene Angebot an (preiswertem) Natururan würde eine Wie-
deraufbereitung frühestens in 50 Jahren nötig machen. Selbst dann, stellt sich die
Notwendigkeit in Abhängigkeit von den dann vorhandenen Energiepreisen und den
Entwicklungen bei den Gewinnungskosten.
Geschlossene Kreisläufe Eine Wiederaufbereitung reduziert den Anfall von ”hoch-
aktivem“ Müll um etwa zwei Größenordnungen, da ”restliches“ Uran von Spaltpro-
dukten und Transuranen getrennt wird. Hierbei muß man jedoch ein gern geschür-
tes Mißverständnis beachten: Durch die Wiederaufbereitung wird kein einziges
radioaktives Atom beseitigt oder geschaffen, da es ein rein chemisches Verfahren
ist. Es findet lediglich eine Auftrennung des ”Gemisches“ Brennelement in sei-
ne verschiedenen Bestandteile statt. Diese lassen sich danach neu klassifizieren
und besser einer geeigneten Behandlung zuführen. Typischerweise wird das noch
nicht verbrauchte Uran einer neuen Nutzung zugeführt. Die Spaltprodukte – die
”Asche der Kernenergienutzung“ – werden verglast und in einem geeigneten geo-
logischen Tiefenlager eingelagert. Als Glas, von der Biosphäre getrennt, können
114
5.8 Brennstoffkreisläufe
Abbildung 5.8.1: Geschätzte Entwicklung des abgebrannten Brennstoffs und des
Uranverbrauches für unterschiedliche Reaktortypen und Wieder-
aufbereitungsstrategien.
sie verbleiben. Ob sie damit ”endgelagert“ sind oder irgendwann als wertvolles
Erz wiedergewonnen werden, mögen zukünftige Generationen frei entscheiden. Bis
zu diesem Schritt, wurde noch kein radioaktives Material beseitigt: Es wurde le-
diglich getrennt, anschließend sortiert und in jeweils geeignetster Form gelagert.
Der entscheidende Durchbruch für die Nachhaltigkeit geschieht erst, wenn man
radioaktives Material beseitigt. Alle Transurane sollten in den Kreislauf zurück-
geführt werden und durch Spaltung einen Beitrag zur Energiegewinnung liefern.
Gleichzeitig wird hiermit das ”Jahrtausendproblem“ Atommüll beseitigt, da die
Transurane extrem lange Halbwertszeiten besitzen. Ist man gewillt die ”nukleare
Asche“ noch weiter zu separieren, könnte es sinnvoll (auch wirtschaftlich) werden,
die besonders langlebigen Spaltprodukte (beispielsweise Halbwertszeiten über 30
Jahre) ebenfalls einer kerntechnischen Umwandlung zu unterziehen. Die ”Atom-
müllproblematik“ würde sich damit auf Gefährdungszeiträume reduzieren, wie sie
bei chemischen Stoffen nicht unüblich und allgemein akzeptiert sind.
Symbiotische Brennstoffkreisläufe Insbesondere um die Fragen der Atommüll-
beseitigung und Vermeidung zu lösen, sind Systeme notwendig, die die herausra-
genden Eigenschaften unterschiedlicher Reaktortypen geschickt miteinander ver-
knüpfen. Es ist seit langem bekannt, daß sich Reaktoren mit schnellem und ther-
mischem Neutronenspektrum hervorragend ergänzen. Die schnellen Spektren sind
sehr gut geeignet alle Transurane zu verbrennen. Reaktoren mit thermischen Spek-
tren sind besonders flexibel und lassen sich auch sehr gut für die Erzeugung von
Prozeßwärme bei hoher Temperatur nutzen. Werden schnelle Reaktoren haupt-
sächlich zur Erzeugung von Plutonium (Schneller Brüter) verwendet um zusätzli-
che thermische Reaktoren mit Mischoxiden betreiben zu können, empfiehlt es sich
für die ”Entschärfung“ des Atommülls Salzbadreaktoren einzusetzen.
115
5 Kerntechnik
Abbildung 5.8.2: Brennstoffkreislauf vom Uranbergwerk bis zum Atommüllager für
einen Verbund aus thermischen und schnellen Reaktoren.
116
5.8 Brennstoffkreisläufe
Proliferation Grundsätzlich ist die konventionelle Aufbereitungstechnik (Naß-
verfahren wie z. B. Purex) eine genauso sensitive Technik wie die Anreicherung.
Wegen der Problematik der Weiterverbreitung müssen schnellstens internationale
Vereinbarungen und akzeptable Dienstleistungsangebote gemacht werden. Für den
Atommüll müssen gegen Anschläge geschützte Lager geschaffen werden. Um einen
Umweltterrorismus zu vermeiden, sollte der Atommüll solange in politisch stabi-
len Regionen zwischengelagert werden, bis er in eine nicht mehr zu mißbrauchende
Form umgewandelt wurde. Grundsätzlich sind (neue) Wiederaufbereitungsverfah-
ren zu entwickeln, die einen so ”schmutzigen“ Brennstoff erzeugen, der für jeglichen
Mißbrauch nicht zu gebrauchen ist. An dieser Stelle muß daran erinnert werden,
daß das Purex–Verfahren ursprünglich für den Bau einer Plutoniumbombe ent-
wickelt wurde. Ebenso sollte die Schiene verfolgt werden, Brennstoffmischungen
zu verwenden, die zu keinem Zeitpunkt ein waffenfähiges Material ergeben. Sehr
zukunftsweisend war in diesem Sinne der in Deutschland entwickelte Thorium–
Kugelhaufen–Reaktor. Durch die Kombination mit Uran lassen sich stets (che-
misch) nicht trennbare Isotopenkombinationen einstellen.
Wirtschaftlichkeit Das Zeitalter der billigen offenen Brennstoffkreisläufe soll-
te vorbei sein. Es hat maßgeblich zu der berechtigten Kritik an der Endlagerung
geführt. Alle abgebrannten Brennelemente sollten zukünftig wiederaufbereitet wer-
den. Es sollten neue Aufbereitungsverfahren für die ausschließlich zivile Anwen-
dung entwickelt werden. Je teurer Natururan wird, um so konkurrenzfähiger wird
die Wiedergewinnung der Reststoffe. Bis zur Wiederaufbereitung sollten die kom-
pletten abgebrannten Brennelemente in Behältern (ähnlich den Castor–Behältern
in Deutschland) in Zwischenlagern aufbewahrt werden. Die Lagerkosten werden
dabei durch das Abklingen der Strahlung teilweise kompensiert. Zusätzliche Wie-
deraufbereitungskosten sind vertretbar, da der Brennstoffkreislauf weniger als 20 %
an den Stromerzeugungskosten über den gesamten Lebenszyklus ausmacht. Außer-
dem sollte nicht vergessen werden, daß die Stromkosten aus Kernenergie, verglichen
mit denen aus Wind und Sonne ohnehin nur einen Bruchteil betragen.
5.8.1 Offener Brennstoffkreislauf (OTF-Cycle)
Als ”Once–Through Fuel Cycle“ bezeichnet man einen offenen Brennstoffkreislauf:
Die Brennelemente werden nach ihrer Nutzung im Reaktor nicht aufbereitet, son-
dern direkt einem Endlager zugeführt. Dieses Konzept wird überall dort angewen-
det, wo sehr große Uranmengen zu geringsten Preisen zur Verfügung stehen. Der
Einsparung von Kosten steht eine wesentlich höhere Umweltbelastung gegenüber:
• Es wird wesentlich mehr Natururan verbraucht, da das in den abgebrannten
Brennelementen noch vorhandene spaltbare Material weggeworfen wird. Die
117
5 Kerntechnik
Umweltbelastung durch den Bergbau und eine Urananreicherung ist entspre-
chend größer.
• Das gesamte Brennelement muß als hochaktiver Abfall behandelt werden
und nicht nur die Spaltprodukte. Dies erschwert eine entsprechende Kondi-
tionierung erheblich.
• Alle Alpha–Strahler bleiben erhalten und schaffen somit erst das ”Endlager
Problem“ (gemeint ist der erforderliche Schutz über sehr lange Zeiträume).
Historie Zu Beginn der Nutzung der Kernenergie in den 1950er–Jahren mußte sie
mit sehr billiger Kohle und – später – billigem Öl und Gas konkurrieren. Geringste
Kosten hatten daher oberste Priorität. Heute stellt sich die Situation entgegenge-
setzt dar: Nicht nur die Preise der fossilen Energieträger sind stark angestiegen,
sondern die Kernenergie steht wegen ihrer ”CO
2
–Freiheit heute in unmittelbarer
Konkurrenz zu den sehr teuren ”Regenerativen Energien“. Es sei ein Umkehrschluß
erlaubt: Wenn tatsächlich ein Verzicht auf fossile Energieträger angestrebt wird,
wird das Energiepreisniveau so stark ansteigen müssen, daß die Kosten der Kern-
energie praktisch keine Rolle mehr spielen würden. Selbst eine Vervielfachung ihrer
Stromerzeugungskosten würde sie immer noch konkurrenzlos billig erscheinen las-
sen. Es ist also ausreichend Elastizität vorhanden, die als Nachteile empfundenen
Erscheinungen der Kernenergie zu beseitigen oder deutlich zu reduzieren.
Ausstiegsvariante In der ”Anti–Atomkraft–Bewegung“ war die Bekämpfung der
Wiederaufarbeitung stets ein Kernziel. Deshalb wurde die ”direkte Endlagerung“
proklamiert. Es erschien logisch, auf eine Wiederaufbereitung zu verzichten, wenn
man ohnehin aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie aussteigen wollte. Gleich-
zeitig konnte man mit dieser Forderung das für die Nutzung der Kerntechnik unlös-
bar erscheinende Problem des ”Endlagers“ schaffen. Wenn man das Plutonium in
den abgebrannten Brennelementen beläßt, hat man das ”500.000–Jahre–Problem“
geschaffen und damit ein vortreffliches Killerargument für die Öffentlichkeit. Wie
schlagkräftig dieses Argument war, zeigt sich insbesondere in Deutschland: Es
führte unmittelbar zur Neugründung einer Partei, die sich bis heute über ihren
Gründungsmythos erfolgreich definieren kann.
5.8.2 Wiederaufbereitungsverfahren
Jeder Reaktortyp hat seinen speziellen Brennstoff, der optimal auf seine Einsatz-
bedingungen abgestimmt ist. Man unterscheidet oxidische (heutige Leichtwasser-
reaktoren), metallische, karbidische und nitridische Brennstoffe. Eine Sonderstel-
lung nehmen die Salzbäder ein, bei denen Brennstoff und Kühlmittel gleich sind.
118
5.8 Brennstoffkreisläufe
Die Brennstoffe müssen die Spaltprodukte sicher zurückhalten und müssen daher
chemisch und physikalisch möglichst widerstandsfähig sein. Dies ist im Hinblick
auf eine Wiederaufbereitung natürlich eine genau gegenteilige Anforderung. Für
eine Wiederaufbereitung müssen die chemischen Verbindungen geknackt werden
und das n–Stoffgemisch mit hoher Reinheit getrennt werden. Aus diesem Grunde,
sind die Wiederaufbereitungsverfahren nicht vom Reaktorbetrieb losgelöst zu be-
trachten. Für jeden Reaktor- und damit Brennstofftyp ist ein speziell angepasstes
Verfahren zu entwickeln.
Sinn und Zweck der Wiederaufbereitung Von Anfang an, galt in der Kern-
technik der Gedanke des Recycling: Es sollte aus den ”abgebrannten“ Brennele-
menten soviel ”Wertstoff“ wie möglich, zurückgewonnen werden. Hierzu muß man
sich vergegenwärtigen, daß nach dem notwendigen Entfernen der Brennstäbe aus
dem Reaktor erst rund 3 % der Atome gespalten worden sind. Lediglich dieser
Anteil stellt die nukleare Asche dar und muß endgelagert werden. Die Frage der
Wiederaufbereitung war eine wirtschaftliche Fragestellung, die in unterschiedli-
chen Ländern unterschiedlich beantwortet wurde. In Ländern mit großen eigenen
Uranvorkommen (USA) erschien es wirtschaftlicher, die Brennelemente nach einem
Durchlauf wegzuwerfen. In Ländern mit Importbedarf für Uran (Japan, Deutsch-
land, Frankreich) erschien es von Anfang an wirtschaftlicher, die Brennelemente
zu recyceln.
Wiederaufbereitung und Atommüll In einer Wiederaufbereitungsanlage wer-
den keine Atome gespalten und somit auch – streng genommen – kein Atommüll
erzeugt. Es werden lediglich Gegenstände mit bereits vorhandenen Spaltprodukten
kontaminiert. Werden diese – aus Kostengründen – nicht gereinigt, ist zusätzlicher
”Atommüll“ entstanden, der sicher endgelagert werden muß. Dieses Mißverständ-
nis wurde von der ”grünen Bewegung“ – die sonst gern, aus jedem Joghurtbecher
’ne Parkbank machen will – immer wieder benutzt, um eine Wiederaufbereitung
zu diskreditieren. Frühzeitig wurde in der Kerntechnik auch erwogen, den ”Atom-
müll“ in einer zusätzlichen Verfahrensstufe in Spaltprodukte und ”unbedeutendere“
Aktinoide aufzutrennen. Diese, in jedem Reaktor erbrütete Gruppe (Americium,
Curium etc.), war zwar von geringem Anteil und für die weitere Nutzung wertlos,
aber alles andere als unbedeutend! Genau diese Elemente, schaffen erst das ”Atom-
müllproblem“, wie es völlig zu recht kritisiert wird! Sie sind extrem langlebig und
erfordern deshalb die Fernhaltung von der Biosphäre für hunderttausende von Jah-
ren. Werden sie abgetrennt, ist die ”Endlagerung“ schlagartig zu einem technischen
Problem mit ”üblichem“ Gefährdungszeitraum geworden. Will man die Akzeptanz
der Kernenergie in breiten Bevölkerungsschichten erlangen, muß man die Wieder-
aufbereitung mit Abtrennung der Aktinoiden und anschließender Beseitigung als
119
5 Kerntechnik
Standard fordern. Im Sinne einer Nachhaltigkeit, müssen alle Ausnahmen hiervon
wohlbegründet sein. Kostenargumente sind bei heutigen Energiepreisen und dem
erklärten Willen zur Anwendung der Wohlstandshobbies Wind und Sonne längst
obsolet geworden.
Entwicklungsrichtung Für alle jetzigen und zukünftigen Reaktorsysteme wer-
den Verfahren bevorzugt, die neben Plutonium auch alle geringfügigeren Akti-
noiden zurückgewinnen. Das Recycling aller Aktinoide hat folgende Vorteile:
• Reduzierung der Anteile mit langanhaltenden Gefahren am ”Restmüll“ der
endgelagert werden muß.
• Verringerung der Materialien, die für eine Waffenproduktion geeignet sind.
• Gewinn an potentieller Endlagerkapazität durch die Verringerung der Zer-
fallswärme über langfristige Zeiträume.
• Verringerung der Strahlungsbelastung auf die ”Einkapselung“ des endgela-
gerten Atommülls.
Grundsätzlich sind zwei Wege denkbar: Die Abtrennung von Plutonium von den
anderen Aktinoiden in einer zusätzlichen Verfahrensstufe oder die gemeinsame
Gewinnung aller Aktinoide. Im ersten Fall ist es möglich, das Plutonium in Leicht-
wasserreaktoren in der Form von Mischoxiden wieder zu verwenden, im zweiten
Fall kann es in schnellen Reaktoren als Brennstoff eingesetzt werden. Ein besonde-
res Konzept besteht darin, (einige wenige) Salzbadreaktoren zur Beseitigung der
langlebigen radioaktiven Stoffe aus den anderen Reaktortypen einzusetzen. Die
Salzbadreaktoren würden die Funktion von ”Müllverbrennungsanlagen“ in einer
”nuklearen Welt“ übernehmen.
Fortschrittliches PUREX-Verfahren
Das fortschrittliche PUREX–Verfahren ist eine Weiterentwicklung des PUREX–
Prozesses für die heutigen Anforderungen einer ausschließlich zivilen Nutzung. Das
klassische PUREX–Verfahren wurde in den 1940ger Jahren entwickelt, um hoch-
reines Plutonium für den Bau einer Atombombe zu gewinnen. Alles andere war
Abfall. Für eine ausschließlich zivile Nutzung, sind die Anforderungen völlig an-
ders: Nur die Spaltprodukte sind hierbei Abfall. Sowohl das Uran, wie auch das
Plutonium sollen in Leichtwasserreaktoren als sog. Mischoxid wieder eingesetzt
werden oder in Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum Verwendung finden.
Ferner ist es im Sinne einer Nichtverbreitung von Atomwaffen gar nicht sinnvoll,
hochreines Plutonium zu erzeugen. Um einer militärischen Nutzung entgegen zu
120
5.8 Brennstoffkreisläufe
55
A Technology Roadmap Ior Generation IV Nuclear Energy Systems
Repository
Plutonium,
Fission Products
and Actinides
Organic
Solvent
Used Fuel
Assemblies
Fuel Rod
Dissolver
Centrifugal
Contactor
Shielded
Central Facility
Cladding Hulls
Purification
Fuel
Fabrication
Actinide
Separation
New Fuel
Assemblies
Uranium
New Fuel
Recycled Fuel
Nuclear Energy Park
Fast
Reactor
Enrichment and
Fabrication
Thermal
Reactors
Shear
Wasteform
Fabrication
Fission Products
and Trace Actinides
02-GA50807-08
Uranium
Mine
Uranium
United States. However. two process steps and high-
level waste volume reduction options have not been
pursued beyond laboratory-scale testing. Further. the
recovery Iraction oI the pyroprocess needs to be in-
creased. These are the Iocus oI R&D Ior the
pyroprocess option.
The Iirst needed process step is reduction oI actinide
oxides to metal. Laboratory-scale tests have been
perIormed to demonstrate process chemistry. but addi-
tional work is needed to progress to the engineering
scale. The second needed step is to develop recovery
processes Ior transuranics. including plutonium. With
regard to volume reduction. additional process R&D
could potentially increase Iission product loadings in the
high-level waste and reduce total waste volumes.
With regard to achieving the high recovery oI transuran-
ics. pyroprocessing has been developed to an engineer-
ing scale only Ior the recovery oI uranium. Recovery oI
all transuranics. including neptunium. americium. and
curium. has so Iar been demonstrated at laboratory scale.
Viability phase R&D is recommended to veriIy that all
actinides can be recycled with low losses.
Abbildung 5.8.3: Brennstoffkreislauf vom Uranbergwerk bis zum Atommüllager für
eine Wiederaufbereitung mit wässrigem Verfahren.
121
5 Kerntechnik
wirken, ist sogar eine Verunreinigung mit allen möglichen Aktinoiden erwünscht.
Bei der Nutzung in Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum sind solche Ver-
unreinigungen neutronenphysikalisch kein besonderes Problem. Sie können dort
problemlos ”mit verbrannt“ werden. Je reiner – im Sinne von Verunreinigung mit
Aktinoiden – der Atommüll jedoch ist, desto kurzlebiger ist er und umso unpro-
blematischer ist somit seine ”Endlagerung“.
Entwicklungsrichtung Gegenüber dem klassischen PUREX–Prozeß wird auf die
Nachreinigungsstufen für Pu und U verzichtet. Uran und Plutonium wird zusam-
men mit Neptunium in einer für die Wiederverwendung als Brennstoff geeigneten
Reinheit extrahiert. Nach der Auflösung wird eine Kristallisation für Uran einge-
führt. Diese Stufe würde die Hauptmenge der Schwermetalle bereits am Anfang
des Prozesses entfernen und von den nachfolgenden Schritten fern halten. Hier-
durch würde es gelingen, den Hauptstrom salzfrei zu gestalten, was die Menge des
schwach radioaktiven Materials einer Wiederaufbereitung stark reduzieren würde.
Pyroprozeß zur Wiederaufbereitung
Der Pyroprozeß ist die bevorzugte Wiederaufbereitung für metallische Brennstoffe
aus natriumgekühlten schnellen Reaktoren. Er verwendet geschmolzene Salze und
flüssige Metalle zur Aufbereitung und Trennung des abgebrannten Brennstoffes.
Direkt können metallische Brennstoffe schneller Reaktoren verarbeitet werden. Sol-
len auch abgebrannte Brennstäbe aus Leichtwasserreaktoren verarbeitet werden,
müßte eine Stufe zur Reduktion der Oxide zu Metallen vorgeschaltet werden. Dies
könnte sinnvoll sein, wenn das recycelte Material aus Leichtwasserreaktoren zur
Beladung schneller Reaktoren genutzt werden sollte. Im Labormaßstab wurde be-
reits die Abscheidung aller Transurane einschließlich Neptunium, Americium und
Curium erfolgreich nachgewiesen. Mit dem Pyroprozeß können alle Aktinoide bis
auf geringste Verluste Wiedergewonnen werden und somit der ”Restmüll“ wesent-
lich entschärft werden. In der Entwicklung sind noch Verfahren zur Verdichtung
des Restmülls, um mit einem geringen Endlagervolumen auszukommen.
5.9 Atommüllagerung
Die Lagerung von abgebrannten Brennelementen oder anderen hochaktiven Resten
in geologischen Lagerstätten wird von den meisten Ländern bevorzugt. Es gibt auch
Lager an der Erdoberfläche oder unterirdische rückholbare Deponien.
Die verstärkte Nutzung der Kernenergie erfordert jedoch einen sorgsamen Um-
gang mit dem vorhandenen Lagerraum und eine möglichst baldige Schließung des
122
5.9 Atommüllagerung
56
A Technology Roadmap Ior Generation IV Nuclear Energy Systems
Electrorefining
Shielded
Co-Located Facility
Anode Cathode
New Fuel
Recycled Fuel
Uranium
Mine
Repository
Cathode Processing
Used Fuel
New Fuel
Injection Casting
Nuclear Energy Park
Salt
Electrolyte
Recycle
Cadmium
Wasteform
Fabrication
02-GA50807-07
Fast
Reactor
Enrichment and
Fabrication
Thermal
Reactors
Fission Products
and Trace Actinides
Adaptations for Other Systems and Fuels
The above processes. aimed primarily at the oxide and
metal Iuels oI the SFR. will be evaluated and adapted Ior
application to other Generation IV systems. This is
primarily an issue at the head end oI the process (where.
e.g.. Iuels Irom the GFR or LFR systems would be
converted to oxide or metal and introduced into the
processes described above). and at the tail end (where
they would be reconverted to Iuel Ieedstock). Feasibility
evaluations and bench-scale testing would enable
comparisons to be made between the advanced aqueous
and pyroprocess options. SpeciIic issues are presented
with the individual systems.
Abbildung 5.8.4: Brennstoffkreislauf vom Uranbergwerk bis zum Atommüllager für
eine Wiederaufbereitung mit Pyro–Prozeß.
123
5 Kerntechnik
Brennstoffkreislaufes. In den letzten Jahren hat ein Umdenkprozeß stattgefunden:
Früher stand die ”Entsorgung“ in des Wortes Bedeutung als ”Endgültige Loslösung
von den Sorgen” im Vordergrund. Durch die Erfahrungen mit sonstigen Müllde-
ponien ist auch in der Kerntechnik ein Umdenken zu verzeichnen. Heute steht
allgemein die Beseitigung von Abfällen (z. B. Müllverbrennung) im Vordergrund
aller Bemühungen. Erst wenn keine Umformung oder Volumenreduzierung mehr zu
erreichen ist, wird eine Deponierung vorgenommen. Deponien werden dabei mög-
lichst abgetrennt von sonstigen Kreisläufen (z. B. Grundwasser) und dauerüber-
wacht angelegt. Grundsätzlich wird heute immer ein späterer technischer Eingriff
einkalkuliert.
Forderungskatalog
• Für jedes Isotop müssen klare und eindeutige Grenzwerte festgelegt wer-
den. Es ist ein Segen der Kernphysik, daß radioaktive Stoffe praktisch noch
als einzelnes Atom nachgewiesen werden können. Nachweisgrenzen, wie sie
von chemischen Verbindungen bekannt sind, gibt es praktisch nicht, allen-
falls der Aufwand für die Analyse ist bedeutend. Dieser – an und für sich
sehr beruhigende Zustand – hat in der Öffentlichkeit zu einer Reihe von
(propagandistisch gewollten) Mißverständnissen geführt. Wird irgendwo das
Plutoniumatom gefunden, wird von einschlägigen Medien der Weltuntergang
propagiert. Die alljährlich wieder auftauchenden Meldungen von Funden in
der Nordsee, die aus der Wiederaufbereitung stammen, sind ein Beispiel hier-
für.
• Bei der Definition von Grenzwerten sollte pragmatisch vorgegangen werden.
Als ein guter Maßstab erscheint immer die natürlich vorkommende Kon-
zentration. Urangehalte, wie sie beispielsweise in Gegenden mit natürlichen
Lagerstätten vorkommen, sind ein guter Anhaltswert für Alpha–Strahler.
Werden diese Gegenden seit Jahrhunderten bewohnt, ist dies ein guter An-
haltswert für die Schädlichkeit. So makaber sich das auch anhören mag, die
durch überirdische Kernwaffenversuche, Atombombenabwürfe und die Reak-
torexplosion in Tschernobyl freigesetzten Spaltprodukte müßten bereits zum
Weltuntergang geführt haben, wenn man die Aussagen mancher ”Atomener-
giegegner“ als bare Münze nimmt. Den Laien ist meist nicht bewußt, daß es
sich hierbei um tausende von Tonnen handelt. Demgegenüber lösen einige
Milligramm in einem gelb angestrichen Faß Panik aus. Hier kann nur konse-
quente Aufklärung helfen. Konsequente und beharrliche Aufklärung der Be-
völkerung hilft gegen ”Ärzte gegen Atomkraft“ genauso wirksam, wie gegen
deren mittelalterliche Vorgänger – die Kurpfuscher. Allerdings ist die Über-
zeugung mancher Kerntechniker, daß sich die erst wenige Jahrzehnte alten
124
5.9 Atommüllagerung
Erkenntnisse zur Radioaktivität schneller als die Kenntnisse über Bakteri-
en und Viren verbreiten sollten, reichlich naiv gewesen. Die heutige Misere
in der (deutschen) öffentlichen Meinung(smache) zur Kerntechnik ist nicht
nur der Boshaftigkeit der ”Atomkraftgegner“, sondern durchaus auch dem
eigenen Unvermögen zuzuschreiben.
125
6 Prozesse
6.1 Koppelprozesse
Unter Koppelprozessen versteht man die kombinierte Produktion von elektrischer
Energie und Wärme. Die Wärme kann als Prozeßwärme in der Industrie oder
für Heizungen genutzt werden. Charakteristisch für alle Koppelpro-
zesse ist, daß die Produktion von Wärme und Strom immer
gleichzeitig und in festem Verhältnis, abhängig vom Tempe-
raturniveau erfolgt. Üblicherweise erfolgt die Stromproduktion bei hohen
Temperaturen (z. B. in einer Gasturbine) und die Abwärme dieses Prozeßschrittes
wird in einem zweiten Schritt bei niedrigeren Temperaturen (z. B. Dampfprodukti-
on) weiter genutzt. In manchen Fällen schließt sich sogar noch eine dritte Nutzung
(z. B. Fernheizung) bei noch geringerer Temperatur an.
6.1.1 Unterschiedliche Wirkungsgrade
Ein Wirkungsgrad ist als das Verhältnis von Nutzen (Strom, Wärme etc.) zu Auf-
wand (Brennstoff) definiert. Beim Vergleich verschiedener Wirkungsgrade wird oft
– nicht nur von Laien – übersehen, daß ein Vergleich nur bei gleichem
Nutzen sinnvoll ist. Diese Aussage ist in der Praxis alles andere als trivial.
Ursache ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der (unter anderem) be-
sagt, daß man zwar mechanische Arbeit vollständig in Wärme umwandeln kann,
niemals aber Wärme vollständig in mechanische Arbeit. Mit dem Wirkungsgrad
η
Kraft−Waerme−Kopplung
=
elektrischeEnergie + Waerme
Brennstoff
< 1 (6.1.1)
der Kraftwärmekopplung können nur zwei Anlagen verglichen werden, die beide
zur gleichen Versorgung dienen, da elektrische Energie und Wärme von unter-
schiedlicher Qualität sind. Also beispielsweise eine Motorenanlage und ein Dampf–
Heizk–Kaftwerk für ein und dasselbe Fernheiznetz (Temperaturniveau!). Schon un-
terschiedliche Heizungsvorlauftemperaturen (2. Hauptsatz!) führen zu unsinnigen
Aussagen. Ebenso können mit dem Wirkungsgrad
η
Kraftwerk
=
elektrischeEnergie
Brennstoff
< 1 (6.1.2)
127
6 Prozesse
für Kraftwerke auch nur Kraftwerke zur reinen Stromproduktion sinnvoll mitein-
ander verglichen werden. Der leider immer wieder zu hörende Vergleich beider
Wirkungsgrade ist unsinnig und er ist schlichtweg irreführend. Dies wird im fol-
genden noch deutlicher werden.
An dieser Stelle sei noch einmal vermerkt, daß die Wirkungsgrade immer kleiner
1 sind. Was nichts anderes zum Ausdruck bringt, als daß immer mehr Brennstoff in
die Anlage gesteckt werden muß, als Produkt (Strom oder Strom und Nutzwärme)
herauskommen kann. Es gibt in der Realität keine Prozesse ohne
Verluste. Hinzu kommt, daß bei der Umwandlung von Wärme
in elektrische Energie immer ein entsprechender Anteil als
Abwärme anfallen muß. Ob diese Abwärme Abfall ist, hängt von ihrer
Verwendbarkeit in Bezug auf Temperatur und Bedarf ab.
6.1.2 Unterschiedliche Arbeitsausnutzung
Der Sinn eines Koppelprozesses ist Brennstoff zu sparen. Dies kann aber nur
gelingen, wenn Wärme und Strom gleichzeitig gebraucht wer-
den. Um dies zu berücksichtigen, wird ein Nutzungsgrad definiert:
ν
Kraft−Waerme−Kopplung
=
(elektrische Energie + Waerme)
Kalenderjahr
(Brennstoff)
Kalenderjahr
0, 6
(6.1.3)
hierfür wird die in einem Kalenderjahr produzierte Elektroenergie und Wärme-
menge ins Verhältnis zu der in diesem Zeitraum verbrauchten Brennstoffmenge
gesetzt. Nach Schweizer Definition muß dieser Wert mindestens 60 % betragen,
damit diese Anlage überhaupt als Kraftwärmekopplungsanlage gezählt wird. Die-
ser ”kleine“ Wert mag verblüffen
1
, aber er ist in der Praxis nur sehr schwer zu
erreichen. Bedenkt man, daß Heizungen von Wohnhäusern nur etwa 1500 Vollbe-
nutzungsstunden pro Jahr benötigen. Damit ist einleuchtend, warum der Einsatz
von Kraftwärmekopplung so begrenzt ist. Der Zahlenwert von 60 % ist nicht zufäl-
lig gewählt: Es ist in etwa der Stand der Technik für moderne mit Erdgas befeuerte
Kombikraftwerke. Gerade sog. ”Mini-BHKW“ erreichen solche Werte wegen ihrer
schlechten elektrischen Wirkungsgrade nicht einmal im sog. ”wärmegeführten Be-
trieb“. Sie sind dann lediglich hochsubventionierte rotierende Öfen.
1
Aber, es heißt doch immer: Ein Blockheizkraftwerk hat gegenüber einem Atomkraftwerk einen
Wirkungsgrad von über 90 %. Dies ist natürlich nur eine geschickt gewählte Halbwahrheit.
Erstens produziert ein Kernkraftwerk (in Deutschland) nur elektrische Energie und nicht
gleichzeitig Wärme zur Gebäudeheizung. Zweitens gilt der Zahlenwert 90 % nur für den
Wirkungsgrad im Bestpunkt, aber nicht für alle Betriebszustände im ganzen Jahr! Im Sommer
beispielsweise, wird nur Warmwasser und keine Heizung benötigt. Als reines Kraftwerk – nur
zur Stromproduktion – liegt ein Druckwasserreaktor und ein ”Mini-BHKW“ aber nicht weit
auseinander.
128
6.2 Wasserstofferzeugung
Einige grundsätzliche Anmerkungen Grundsätzlich ist es egal, ob man erst
Strom erzeugt und dann die Abwärme für weitere Verfahrensschritte nutzt oder
umgekehrt. Aus technischen und wirtschaftlichen Gründen hat sich bisher nur die
Erzeugung von Dampf in einem konventionellen Kraftwerk und die teilweise Ent-
nahme von Abdampf durchgesetzt. Die Stromproduktion ist hierbei das Haupt-
geschäft, die (zeitweise und teilweise) Nutzung der Abwärme ein Zusatzgeschäft.
Zukünftig sind auch andere Primärproduktionen, wie die Nutzung von Biomasse
oder die Wasserstoffproduktion denkbar. Für solche Zwecke ist aber noch ein er-
heblicher Aufwand nötig. Es müßten z. B. Hochtemperaturwärmeübertrager für
unterschiedliche Medien (Gas – Salz, Flüssigmetall – Salz, überkritischer Dampf
– Salz usw.) näher erforscht und entwickelt werden. Teilweise haben diese große
Druckdifferenzen oder sind eine Herausforderung für den Korrosionsschutz. Über-
dies sind Temperaturen von mindestens 600 °C erforderlich.
6.2 Wasserstofferzeugung
Wasserstoff ist für die chemische Industrie ein wichtiger Massenrohstoff. Zukünftig
wird die Bedeutung insbesondere auf dem Sektor der Energietechnik noch zuneh-
men: Konversion von schwersten Erdölen und Bitumen aus Teersänden zu leichter
zu verarbeitenden Rohölen, Entschwefelung von Treibstoffen, Herstellung von syn-
thetischen Kraftstoffen, bis hin zur direkten Verwendung in Brennstoffzellen.
6.2.1 Dampfreformierung
Heute wird Wasserstoff fast ausschließlich aus Kohlenwasserstoffen (Erdgas und
Mineralöle) gewonnen. In einem ersten Schritt wird Methan mit Wasserdampf zu
Kohlenmonoxid und Wasserstoff zersetzt.
CH
4
+ H
2
O ⇐⇒ CO + 3H
2
∆H = +206, 2kJ/mol (6.2.1)
Erdgas liefert im Vergleich mit den anderen Ausgangsstoffen (Kohle, Benzin usw.)
den höchsten Anteil an Wasserstoff im Verhältnis zu Kohlenmonoxid. Da es sich
um eine endotherme Reaktion handelt, muß in konventionellen Anlagen ein nicht
unerheblicher Teil des Erdgases zur Beheizung verbrannt werden. Das Methan
wird bei einer Temperatur von 800 bis 900 °C und einem Druck von etwa 25–30
bar an einem Nickelkatalysator mit Wasser zur Reaktion gebracht. Üblich sind
heute Großanlagen mit über 100.000 m
3
/h. Um die Ausbeute zu erhöhen, wird
in einem zweiten Schritt über eine Shiftreaktion das Kohlenmonoxid ebenfalls mit
Wasserdampf an einem Eisen(III)-oxidkatalysator in Kohlendioxid und Wasserstoff
umgewandelt.
CO + H
2
O ⇐⇒ CO
2
+ H
2
∆H = −35, 7kJ/mol (6.2.2)
129
6 Prozesse
Die Dampfreformierung ist zur Zeit die wirtschaftlichste und am weitesten ver-
breitete (≈ 90%) Methode, Wasserstoff zu erzeugen. Sie hat auch den höchsten
Wirkungsgrad.
6.2.2 Elektrolyse
Die Elektrolyse von Wasser besteht aus zwei Teilreaktionen, die an den beiden
Elektroden ablaufen. Das Gesamt-Reaktionsschema dieser Redoxreaktion lautet:
2H
2
O
Elektrolyse
−→ 2H
2
+ O
2
(6.2.3)
Der abgeschiedene, gasförmige Wasserstoff steigt an der Kathode auf, der gasför-
mige Sauerstoff an der Anode. Der elektrische Energiebedarf zur Herstellung von
1 Nm
3
Wasserstoff definiert den Wirkungsgrad eines Elektrolyseurs. In einem mo-
dernen Hochdruck-Elektrolyseur liegt dieser Energiebedarf bei etwa 4,8 kWh pro
Nm
3
bei einem Druck von 12 bar. Damit liegt der Wirkungsgrad bei rund 62 %
(bezogen auf den unteren Heizwert von Wasserstoff). Großtechnisch wird meist
mit einer 20-40 % Kalilauge bei 70-90 °C als Elektrolyt gearbeitet, die eine bessere
elektrische Leitfähigkeit besitzt als reines Wasser. Hochtemperaturelektrolyseure
arbeiten bei Arbeitstemperaturen von etwa 900 °C. Dabei wird ein Teil der notwen-
digen Reaktionsenthalpie als Wärme eingekoppelt. Dies führt zu einem geringeren
Strombedarf.
6.2.3 Jod–Schwefel–Prozeß
Ist ein thermochemisches Verfahren zur Wasserzerlegung, bei dem die notwendige
Energie durch Wärme hinzugefügt wird. Es wird H
2
SO
4
(Schwefelsäure) und HI
(Jodwasserstoff) in Wasser gebildet.
9I
2
+ SO
2
+ 16H
2
O −→(2HI + 10H
2
O + 8I
2
) + (H
2
SO
4
+ 4H
2
O) (6.2.4)
Anschließend werden diese beiden Komponenten voneinander getrennt und durch
Wärmeeinwirkung wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile zerlegt.
2HI −→H
2
+ I
2
(bei 220 −330 grad C) (6.2.5)
H
2
SO
4
−→SO
2
+ H
2
O + O (bei 850 grad C) (6.2.6)
Dabei scheidet sich aus dem Jodwasserstoff Wasserstoffgas und aus der Schwefel-
säure Sauerstoffgas ab. Lediglich das Wasser wird verbraucht, Schwefel und Jod
werden beständig im Kreis geführt. Bestimmend bei diesem Prozeß ist die thermi-
sche Zerlegung der Schwefelsäure, die oberhalb von 825 °C abläuft.
130
6.3 Fernwärme und Fernkälte
6.2.4 Kalzium-Brom-Prozeß
Der Ca–Br–Prozeß bietet die Aussicht, mit geringeren Temperaturen von etwa
725–800 °C auszukommen. Allerdings benötigt dieses Verfahren vier Gas–Feststoff–
Reaktionen (CaO / CaBr und FeBr
2
/ Fe
3
O
4
) die in Festbetten ablaufen und
es ist weniger Effizient, da der Wasserstoff und Sauerstoff aus einem Hochdruck–
Dampfstrom abgetrennt werden müssen. Es ist mit Korrosionsproblemen bei den
hohenTemperaturen und mit Staubbildung in den Festbetten zu rechnen. Dies
führt zu Problemen in den zahlreichen Rohrleitungen und Ventilen.
6.2.5 Metalloxid–Kreisprozesse
Zur thermochemischen Wasserstofferzeugung können sowohl Metall–Metalloxid–
Redoxpaare als auch Metalloxide in unterschiedlichen Oxidationsstufen verwendet
werden. Die am häufigsten verwendeten Systeme beruhen auf den Elementen Zn,
Fe, Mn und Ni, ihren reinen Oxiden sowie ihren Mischoxiden. Ein viel verspre-
chendes System stellen die Eisenmischoxide, besonders die Ferrite dar.
MO
reduziert
+ H
2
O −→MO
oxidiert
+ H
2
(800 gradC) (6.2.7)
MO
oxidiert
−→MO
reduziert
+ O
2
(1200 gradC) (6.2.8)
Zu Beginn der Reaktion liegt das Metalloxid in reduzierter Form vor. Durch Zuga-
be von Wasserdampf bei etwa 800 °C wird dieses durch Aufnahme von Sauerstoff
aus den Wassermolekülen oxidiert und Wasserstoff freigesetzt. Wenn das Redoxsy-
stem gesättigt ist, erfolgt die Regeneration bei Temperaturen von 1.100 bis 1.200
°C. Durch Zugabe von Stickstoff wird der aus dem Metalloxid freigesetzte Sauer-
stoff aus dem Redoxsystem gespült. Bisher ist dieses Verfahren wegen der hohen
Temperaturen noch im Zustand der Grundlagenforschung.
6.3 Fernwärme und Fernkälte
Wenn die Energiedichte (Wärme- oder Kältebedarf pro Grundstücksfläche) groß
genug ist, bietet sich eine Versorgung mit Fernwärme an. Darunter versteht man die
zentrale Erzeugung der Wärme und eine Verteilung über ein Rohrleitungssystem
ähnlich eines Stromnetzes. Die Gebäude, Gewerbeeinheiten oder Industriebetriebe
sind direkt oder durch Übergabestationen an das Rohrnetz angeschlossen.
Transportmedium Neben dem Durchmesser der Rohrleitungen hängt die Trans-
portleistung wesentlich von der Temperaturdifferenz zwischen Vor- und Rücklauf
und einer etwaigen Phasenänderung ab. Ferner sollte das Transportmedium billig
und umweltgerecht sein. Üblich ist daher Heißwasser (bis etwa 150 °C) oder Dampf.
131
6 Prozesse
Bei Dampf lassen sich wegen der hohen Verdampfungswärme (> 2000 kJ/kg Was-
ser) sehr große Leistungen bei kleinsten Rohrdurchmessern und Wämeübergabe-
stationen transportieren. Sie sind jedoch wegen der Kondensatableitung und der
notwendigen Wasseraufbereitung im Betrieb teurer als Wassernetze (≈ 4 kJ/°Ckg
Wasser). Für Wassernetze strebt man daher eine möglichst große Temperatursprei-
zung zwischen Vor- und Rücklauf an. Diese Tatsache macht die Realisierung von
”Kältenetzen“ so aufwendig. In ihnen kann nur eine tiefste Temperatur von etwa 4
°C gefahren werden, um eine Eisbildung ohne chemische Zusätze (Umweltschutz)
zu verhindern. Andererseits liegt die Obergrenze bei etwa 30 °C für den Rücklauf,
da diese Netze üblicherweise zur Versorgung von Klimaanlagen benutzt werden.
Die geringe Temperaturspreizung ergibt somit große umlaufende Wassermengen
(Pumpenstrom).
Arbeitsausnutzung Problematisch ist bei jedem Fernwärmenetz die geringe Ar-
beitsausnutzung (Kosten): In unseren Breiten sind die Winter relativ mild. Man
kommt hier auf nur rund 1700 Vollaststunden im Jahr. Die Auslastung läßt sich
nur (geringfügig) steigern, wenn man die Brauchwasserbereitung auch im Sommer
über Fernwärme macht und zusätzlich Kälte für die Klimaanlagen erzeugt. ”Klima-
kälte“ läßt sich über Absorptionskälteanlagen (üblicherweise mit Lithium–Bromid)
aus Wärme mit niedriger Temperatur erzeugen. Die Temperatur darf hierfür aber
nicht kleiner als 110 °C sein. Dies schränkt die Regelbarkeit der Fernwärmenetze
entsprechend ein.
Brennstoffe und Abwärmenutzung Grundsätzlich können durch die zentrale
Wärmeerzeugung alle denkbaren Brennstoffe und Verfahren in einem Fernwärme-
netz verwendet werden. In dezentralen Anlagen (Gebäudeheizungen) können prak-
tisch nur Heizöl und Erdgas verwendet werden. Problematische Brennstoffe, wie
Müll, Kohle und Restholz lassen sich praktisch nur in zentralen Anlagen verfeu-
ern. Dies liegt an dem notwendigen Aufwand für die Abgasnachbehandlung und
dem Fachpersonal. Darüber hinaus, kann auch Abwärme aus industriellen Pro-
zessen in solche Netze eingespeist werden. Als klassisch ist die Auskopplung von
Dampf aus Kraftwerken zu bezeichnen. Es handelt sich hierbei auch um Abwärme
in einem weiteren Sinne, da dieser Dampf bereits (teilweise) Arbeit in der Turbine
geleistet hat. Um Transportwege zu sparen, wird man zukünftig mit Kraftwerken
wieder näher an die Städte rücken müssen. Ganz besonders gilt dies für Müll-
verbrennungsanlagen. Vorbildlich in diesem Sinne, ist beispielsweise der Neubau
einer Müllverbrennungsanlage mitten in Paris: Man schont hierdurch die Umwelt,
da lange Transportwege für die Müllfahrzeuge vermieden werden und anschließend
Strom und Wärme unmittelbar neben den Verbrauchern erzeugt werden. Luftbe-
lastung und Optik sind durch modernste Verfahrenstechnik und Architektur als
132
6.4 Meerwasserentsalzung
gelöst zu betrachten.
Die Temperaturproblematik Je geringer die Vorlauftemperatur in einem Netz
ist, um so mehr Wärme kann eingesammelt werden und um so mehr elektrischer
Strom kann vorher erzeugt werden. Andererseits nimmt die potentielle Nutzbarkeit
der Fernwärme mit steigenden Temperaturen zu. Dies gilt insbesondere auch für
die Kälteerzeugung über Absorptionsanlagen. So kann man die Arbeitsausnutzung
erheblich verbessern und die Kosten senken.
6.4 Meerwasserentsalzung
In vielen Gebieten der Welt, stellt die ausreichende Versorgung mit Trinkwasser
das wesentliche Problem dar. Mit zunehmender Weltbevölkerung und Bevölke-
rungsdichte in einigen Gebieten, wird die Bereitstellung von ausreichend Süßwas-
ser für die Landwirtschaft und die Bevölkerung immer schwieriger. Als einziger
Ausweg erscheint die Aufbereitung von Meerwasser. Dieses aufbereitete Wasser,
sollte nach erfolgter Benutzung geklärt und der Landwirtschaft zugeführt werden.
Doppelsysteme aus Meer- und Trinkwasser (z. B. Hong Kong) sind auf Dauer nicht
praktikabel, da sich Abwasser mit hohem Salzgehalt nicht in biologischen Kläran-
lagen behandeln läßt und somit zu einer erheblichen lokalen Belastung der Küsten
führt. Bereits heute werden weltweit über 35 Mio. m
3
/Tag (2006) Trinkwasser aus
Meerwasser hergestellt.
Meerwasser Meerwasser ist chemisch gesehen eine wässrige Lösung von verschie-
denen Salzen. Meerwasser hat einen durchschnittlichen Salzgehalt von 3,5 % Mas-
senanteil. Der Gesamtsalzgehalt schwankt jedoch je nach Meer und Meeresregion
(z. B. Ostsee: 0,4–2,0, Golf und Rotes Meer: 3,7–4,3 Gew.%). Den Hauptanteil der
Salze bilden die Chloride, darunter fällt besonders das Kochsalz (Natriumchlorid)
ins Gewicht. Einen geringen Anteil bilden Magnesiumchlorid, Magnesiumsulfat,
Kalziumsulfat, Kaliumchlorid und Kalziumkarbonat. In Spuren sind noch weitere
Salze im Meerwasser enthalten. Ungefiltertes Meerwasser enthält feine Partikel,
Mikroorganismen und Plankton. Die Dichte des Meerwassers liegt (abhängig vom
Salzgehalt) zwischen 1020 und 1030 kg/m3. Der pH-Wert ist leicht alkalisch (7,5
bis 8,4).
Verfahren zur Entsalzung Es sind zahlreiche Methoden erdacht worden. Das äl-
teste Verfahren dürfte hierbei die Verdunstung durch Sonneneinstrahlung und die
anschließende Kondensation des trinkbaren Süßwassers sein. Grundsätzlich sind
133
6 Prozesse
alle Entsalzungsverfahren sehr energieintensiv. Bei der großtechnischen Anwen-
dung spielen die Kosten eine entscheidende Rolle. Deshalb haben sich lediglich
zwei Verfahren erfolgreich etablieren können: Verdampfung und Umkehrosmose.
6.4.1 Umkehrosmose
Die Umkehrosmose ist ein physikalisches Verfahren zur Aufkonzentrierung von in
Flüssigkeiten gelösten Stoffen, bei der mit Druck der natürliche Osmose-Prozess
umgekehrt wird. Das Medium (Trinkwasser), in dem die Konzentration eines be-
stimmten Stoffes (darin gelöstes Meersalz) verringert werden soll, ist durch eine
semipermeable Membran von dem Medium (Meerwasser) getrennt, in dem die
Konzentration erhöht werden soll. Dieses wird einem Druck ausgesetzt, der höher
sein muß als der Druck, der durch das osmotische Verlangen zum Konzentrations-
ausgleich entsteht. Dadurch können die Moleküle des Lösungsmittels gegen ihre
”natürliche“ osmotische Ausbreitungsrichtung in den Bereich wandern, in dem die
gelösten Stoffe bereits geringer konzentriert sind. Meerwasser weist mit etwa 30
bar einen wesentlich höheren osmotischen Druck auf, als Trinkwasser mit etwa 2
bar. Um Druckverluste etc. auszugleichen, muß das Meerwasser in technischen An-
lagen mit etwa 80 bar Druck in die Anlage gepumpt werden. Dies erfordert recht
große Antriebsleistungen. Die osmotische Membran, die nur das Süßwasser durch-
läßt und die im Meerwasser gelösten Salze zurückhält, muß diesem hohen Druck
standhalten können. Wenn der Druckunterschied das osmotische Gefälle mehr als
ausgleicht, passen die Wassermoleküle wie bei einem Filter durch die Membran,
während die ”Verunreinigungsmoleküle“ zurückgehalten werden. Im Gegensatz zu
einem klassischen Membranfilter verfügen Osmosemembranen nicht über durchge-
hende Poren. Vielmehr wandern die Ionen und Moleküle durch die Membran hin-
durch, indem sie durch das Membranmaterial diffundieren. Der osmotische Druck
steigt mit zunehmendem Konzentrationsunterschied. Würde der osmotische Druck
gleich dem angelegten Druck, käme der Prozeß zum Stehen. Nur ein stetiger Abfluß
des Konzentrats kann dies verhindern. Um Energie einzusparen, empfiehlt sich eine
Energierückgewinnung aus dem Druckgefälle zur Umgebung. Das Auskristallisie-
ren der Salze in den Membranen muß verhindert werden. Dies kann beispielsweise
durch Zugabe von Säuren erreicht werden. Eine Reinigung der Membranen ist von
Zeit zu Zeit erforderlich. Um Beschädigungen der Membran zu verhindern, müssen
Filter vorgeschaltet werden. Ein Feinfilter kann mechanische, ein Aktivkohlefilter
chemische Beschädigungen verhindern. Außerdem ist es nötig, die Anlage von bio-
logischer Verschmutzung zu befreien. Hierfür müssen die sich bildenden Biofilme
mit Bioziden beseitigt werden. Die Verwendung der Chemikalien kann zu einer
Belastung der Küstengewässer werden. Nach Schätzungen, werden allein in der
Golfregion täglich etwa 20 to Chlor und 55 to Acrylsäure mit dem Solerückfluß ins
Meer geleitet. Die Durchsatzleistung und die Schlupfrate einer Umkehrosmosean-
134
6.4 Meerwasserentsalzung
lage kann nach folgenden Gleichungen errechnet werden:
Trinkwasserdurchsatz = K
W
· (∆p −∆π) · A/s (6.4.1)
Salzschlupf = K
s
· ∆c · A/s (6.4.2)
K
W
und K
s
= Membrankonstanten
∆p = hydraulische Druckdifferenz über die Membran
∆π = osmotische Druckdifferenz über die Membran
s = Membrandicke
∆c = Differenz der Stoffmengenkonzentration vor und hinter der Membran
Man erkennt aus den Gleichungen, daß die Produktion von der osmotischen
Druckdifferenz und damit dem Salzgehalt abhängig ist: Je höher der Salzgehalt
des Meerwassers ist (Golfregion), desto mehr Pumpendruck wird benötigt und je
kleiner der zulässige Salzgehalt im Trinkwasser ist, je mehr Sole–Rücklauf zurück
ins Meer ist erforderlich. Beides läßt den – an und für sich – geringen Energiebe-
darf (Strom) stark ansteigen. Der nach der Weltgesundheitsorganisation WHO für
Trinkwasser zulässige Gehalt an gelösten Stoffen, sollte 500 bis 1500 mg/l betra-
gen. Praktisch wird in Umkehrosmoseanlagen direkt Trinkwasser gewonnen, das
bedeutet etwa 99,7 % des Salzes werden entfernt. Moderne Anlagen mit teilweiser
Rückgewinnung des Druckes benötigen etwa 4 bis 5 kWh
Elektroenergie
/m
3
Trink-
wasser.
6.4.2 Entspannungsverdampfung
Das gefilterte Meerwasser wird unter Druck auf etwa 120 °C erwärmt. Höhere
Temperaturen sind nicht empfehlenswert, da sonst mit vermehrter Ausfällung von
Mineralien zu rechen ist, die die Rohrleitungen verstopfen und die Wärmeüber-
tragung verschlechtern. Für die Erwärmung wird üblicherweise Dampf aus einer
Dampfturbine entnommen, der schon vorher entsprechende Arbeit geleistet hat.
Modernste Anlagen, wie z. B. Shuweihat in Abu Dhabi (1500 MW
elektrisch
, 450.000
m
3
Trinkwasser täglich) haben trotz der nachgeschalteten Entsalzung elektrische
Wirkungsgrade von 55 %. Insofern ist der Primärenergieaufwand nur gering. Das
heiße Meerwasser wird nun auf einen Druck entspannt, der einem geringeren Sätti-
gungsdruck entspricht. Durch diese Entspannung bildet sich in der Kammer schlag-
artig Sattdampf, d. h. ein Gemisch aus (überwiegend) Wasser und Dampf. Das
Meerwasser kühlt sich durch diesen Vorgang auf die zugehörige Sättigungstempe-
ratur ab. Der Dampf ist chemisch nahezu reines Wasser. Das Salz verbleibt in der
flüssigen Phase, wodurch sich ihr Salzgehalt erhöht. Man geht nun schrittweise,
in mehreren hintereinander geschalteten Entspannungskammern vor. Üblich sind
heute bis zu 20 Stufen, bei einer Leistung von 75.000 m
3
/Tag. Wird eine Tempera-
tur von etwa 100 °C unterschritten, müssen diese Kammern im Vakuum betrieben
135
6 Prozesse
werden. Bis zu welcher Temperatur, das heißt bis zu welchem Unterdruck man mit
wie viel Stufen geht, ist eine Optimierungsfrage. Eine erhebliche Verbesserung des
Wirkungsgrades erreicht man nun, indem man den Dampf (des erzeugten Trink-
wassers) nutzt um das Meerwasser vorzuwärmen. Das unter Druck stehende Meer-
wasser läuft hierfür im Gegenstrom zu den Destillationsstufen und dient jeweils als
”Kühlwasser“ zur Kondensation des Dampfes. Zur Verdampfung eines Kubikmeters
Meerwasser werden rund 700 kWh Wärme benötigt. Durch die Wärmerückgewin-
nung benötigen heutige mehrstufige Entspannungsverdampfer lediglich 12 bis 24
kWh
Waerme
/m
3
zur Trinkwassergewinnung. Hinzu kommen allerdings noch etwa
5 kWh
Strom
/m
3
für die Pumpen und Hilfsaggregate. Das Destillat solcher Anla-
gen enthält nur 10 bis 20 mg/l Salz (Verschleppung durch Nebel) und muß daher
anschließend noch verschnitten werden, um Trinkwasserqualität zu erhalten. Für
landwirtschaftliche Zwecke wird es gerne direkt genutzt, da es durch seinen gerin-
gen Salzgehalt eine Versalzung des Bodens entgegenwirken kann. Das Trinkwasser
aus solchen Anlagen ist durch die Erhitzung und Verdampfung keimfrei. Allerdings
müssen Verschmutzungen des Meerwassers mit niedrig siedenden Stoffen verhin-
dert werden, da diese sonst in das Trinkwasser mit übertreten. Üblicherweise, will
man mit diesen Anlagen kein Salz gewinnen, sondern muß im Gegenteil ein auskri-
stallisieren sicher verhindern. Man zieht deshalb kontinuierlich Sole bei erreichen
etwa des doppelten Salzgehaltes ab und leitet sie zurück ins Meer.
136
7 Netze
7.1 Das öffentliche Stromnetz
Der Begriff Stromnetz steht in Deutschland meistens für das Verbundnetz zur Ver-
sorgung der Verbraucher durch die Stromanbieter mit elektrischer Energie. Um die
Verbraucher mit elektrischer Energie zu versorgen, ist es notwendig, Leitungen von
den Elektrizitätswerken bis zum Verbraucher zu legen. Dazu werden Stromnetze
mit verschiedenen, aber festgelegten Spannungen und bei Wechselstrom auch mit
festgelegten Frequenzen eingesetzt. Um große Leistung zu übertragen, werden ho-
he Spannungen oder Ströme benötigt. Zur Verteilung und Fernübertragung großer
Leistungen werden hohe Spannungen verwendet:
• Es treten geringere Stromwärmeverluste auf,
• hohe Spannungen sind leichter zu schalten als hohe Ströme,
• es können dünnere Kabeladern bzw. Leiterseile verlegt werden.
Spannungsebenen Stromnetze teilt man nach der Spannung ein, bei der sie
Strom übertragen:
• Höchstspannung: In der Regel 220 kV oder 380 kV . In Kanada, USA und
Rußland existieren 750 kV Netze. In der untergegangenen Sowjetunion gab
es sogar 1150 kV Leitungen.
• Mittelspannung: 6 kV bis 30 kV .
• Niederspannung: 230 V oder 400 V .
Die Höchst-, Hoch- und Niederspannungen sind für Westeuropa weitgehend stan-
dardisiert. Bei der Mittelspannung ist das zu aufwändig, da man sehr viele alte
Erdkabel uneinheitlicher Spannung austauschen müßte.
137
7 Netze
Funktion der einzelnen Netze Das Höchstspannungsnetz dient als Übertra-
gungsnetz für hohe Leistungen aus Großkraftwerken über große Entfernungen hin-
weg. Es verteilt die an den Standorten der Primärenergie (Braunkohletagebaue,
Wasserkraftwerke usw.) erzeugte Grundlast. Über sog. Kuppelleitungen ist es an
das internationale Verbundnetz angeschlossen. Daneben gibt es auch noch Leitun-
gen mit hochgespanntem Gleichstrom für die Übertragung über weite Strecken
Punkt zu Punkt (ab 500 km), insbesondere Seekabel (ab 30 km).
Das Hochspannungsnetz sorgt für die Grobverteilung von elektrischer Energie.
Leitungen führen hier in verschiedene Regionen, Ballungszentren oder große Indu-
striebetriebe. Abgedeckt wird ein Leistungsbedarf von 10 bis 100 MW.
Das Mittelspannungsnetz verteilt den Strom an die Transformatorstationen des
Niederspannungsnetzes oder Großverbraucher wie zum Beispiel Krankenhäuser,
Fabriken usw. Stadtwerke, die oft Heizkraftwerke betreiben, speisen ihren Strom
direkt in dieses Netz.
Die Niederspannungsnetze sind für die Feinverteilung zuständig. Die Mittelspan-
nung wird auf 400 V bzw. 230 V transformiert und damit werden Haushalte, In-
dustrie, Gewerbe und Verwaltungen versorgt.
Verbindung der Stromnetze Je höher die Spannung ist, je weitmaschiger sind
die Netze. Die Verbindung der unterschiedlichen Spannungsebenen (= Netze) er-
folgt über Umspannanlagen mit Transformatoren. Der Stromfluß innerhalb der
Netze kann nur über Schaltanlagen (Leitung freigeschaltet oder unter Strom) ak-
tiv beeinflußt werden. Innerhalb eines Netzes ergeben sich Stromfluß und Spannung
je nach Verbrauchslage und Einspeisung. Deshalb ist die Verknüpfung der unter-
schiedlichen Netze über möglichst viele schaltbare Punkte nötig. Berechnungen
sind über die Anwendung der ”Kirchhoffschen Regeln“ erforderlich.
Verbundnetz Bezeichnet die Verknüpfung aller Verbraucher mit allen Kraftwer-
ken. Im Gegensatz zu Inselnetzen (z. B. West-Berlin vor der Wiedervereinigung).
Sie bieten einige Vorteile:
• Erhöhte Versorgungssicherheit, da der Ausfall einzelner Kraftwerke besser
kompensiert werden kann.
• Es können größere Blockgrößen mit entsprechender Kostendegression und
besseren Wirkungsgraden eingesetzt werden. Eine bewehrte Faustregel be-
sagt, daß kein Block größer als 10 % der verbrauchten Leistung im Netz sein
sollte.
• Kraftwerke können besser ausgenutzt und der Brennstoffeinsatz optimiert
werden.
138
7.2 Regelleistung bei Stromnetzen
• Die Betriebszuverlässigkeit des Netzes kann verbessert werden.
Allerdings sind die Größen solcher Netze beschränkt. Ab etwa 3000 km Durchmes-
ser treten wegen der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit immer größere Probleme
auf. Einzelne Drehstromleitungen sollten nicht länger als 1000 km sein. Das deut-
sche Stromnetz ist ca. 1,6 Mio. km lang, davon sind ca. 71 % unterirdisch verlegt.
Stromausfall Unter einem Stromausfall versteht man den Ausfall der Versor-
gung mit elektrischer Energie. Sie muß im selben Moment erzeugt und transpor-
tiert werden, in dem sie gebraucht wird. Daher ist der Grund eines Stromausfalles
die Unterbrechung des Stromkreises oder ein Ungleichgewicht von Erzeugung und
Verbrauch. Überregionale Stromnetze werden nach dem (n-1)-Kriterium betrieben.
Das bedeutet, daß zu jeder Zeit ein elektrisches Betriebsmittel, Transformator, Lei-
tung oder Kraftwerk ausfallen darf, ohne daß es zu einer Überlastung eines anderen
Betriebsmittels kommen darf oder gar zu einer Unterbrechung der Energieversor-
gung. Wird mehr elektrische Leistung verbraucht, als gerade erzeugt wird, fällt die
Spannung und die Netzfrequenz ab. Gelingt es nicht augenblicklich, diese Abwei-
chung durch zusätzliche Stromproduktion auszuregeln, kann das Verhängnis seinen
Lauf nehmen: Beim über- oder unterschreiten von Grenzwerten der Netzfrequenz
müssen Turbinen sofort abschalten um Schäden zu vermeiden. Dadurch geht noch
mehr Leistung verloren. Jetzt fließen dem Gebiet, in dem der Schaden aufgetre-
ten ist, hohe Leistungen aus den Nachbarnetzen zu. Die Ströme für jede einzelne
Leitung, Trafo- und Schaltanlage sind jedoch sicherheitstechnisch begrenzt: Wer-
den sie überschritten, müssen die daran angeschlossenen Verbraucher abgeworfen
werden. Dieser Vorgang muß solange fortgesetzt werden, bis sich das Netz in ei-
nem neuen Gleichgewicht befindet. In unserem dicht mit Kraftwerken besetzten
zentraleuropäischen Raum sind solche Vorkommnisse höchst selten und von ih-
ren Auswirkungen zeitlich und örtlich eng begrenzt. In großflächigen Ländern mit
dünnmaschigen Netzen (USA) und abgelegenen Großkraftwerken (z. B. Stauseen)
sind sie häufiger und von bekannten Auswirkungen. Soll dies aus politi-
schen Gründen in Europa übernommen werden (Sonnenenergie
aus der Sahara, Windenergie aus der Nordsee), werden sich
auch hier ähnliche Ausfälle ereignen.
7.2 Regelleistung bei Stromnetzen
Mittels Kraftwerksmanagement wird versucht, Energiebedarf und Energiebereit-
stellung in einem Stromnetz im Gleichgewicht zu halten, sodaß die am Netz ange-
schlossenen Verbraucher Strom mit konstanter Frequenz und Spannungsqualität
beziehen können. Dazu wird versucht, den Leistungsbedarf aller Verbraucher zu
139
7 Netze
prognostizieren (z. B. Berücksichtigung von Kalendertagen, Wettervorhersagen,
Fernsehübertragungen usw.), damit ein passendes Leistungsangebot der Kraftwer-
ke zur Verfügung stehen sollte. Da jedoch Prognosen immer fehlerbehaftet sind
und unvorhergesehene Ereignisse eintreten (z. B. Störungen), wird zur Kompensa-
tion Regelleistung benötigt. Die Ausbalancierung von Verbrauch und Erzeugung
im Stromnetz durch Regelleistung ist ein kontinuierlicher Prozeß und durch das
bedarfsorientierte Verbrauchsverhalten nicht zu vermeiden. Werden gewisse To-
leranzen bei der Netzfrequenz überschritten, so muß in kurzer Zeit Regelleistung
angefordert werden. Dies ist beispielsweise bei Kraftwerksausfällen, geänderten Be-
zugsprofilen von Verbrauchern, Windenergieeinspeisung (Wetter) oder bei Strom-
netzausfällen (Verlust von Verbrauchern) der Fall. Je größer eine Regelzone ist,
desto kleiner ist der relative Bedarf an Regelenergie.
Regelzonen Der von RWE geführte Regelzonenblock der Bundesrepublik Deutsch-
land ist in vier Regelzonen aufgeteilt, in denen jeweils ein Übertragungsnetzbetrei-
ber (Versorgungsgebiete von RWE, EnBW, E.ON und Vattenfall) die Verantwor-
tung für das Gleichgewicht von Ein- und Ausspeisungen im Stromnetz hat. Diese
Regelzonen sind historisch gewachsen, da in Deutschland das Prinzip galt, daß
jeder Versorger sein eigenes Gebiet durch ausreichende Kraftwerkskapazitäten ver-
sorgte. Hierdurch wurden Übertragungsverluste (Umweltschutz) und die Zahl der
benötigten Leitungen (Landschaftsverbrauch und Störanfälligkeit) gering gehal-
ten. Durch den politisch gewollten Ausbau der Windenergie
werden diese (sinnvollen) Grundsätze außer Kraft gesetzt.
Primärregelung Die Primärregelung dient zum Ausgleich zwischen dem physika-
lischen Leistungsangebot und -nachfrage im gesamten europäischen Verbundnetz.
Ziel ist die Beibehaltung einer stabilen Netzfrequenz von 50 Hz. Jeder Netzbetrei-
ber innerhalb des Verbundnetzes muß innerhalb von 30 Sekunden zwei Prozent
seiner momentanen Erzeugung als Primärregelreserve zur Verfügung stellen. Da
Windparks, Photovoltaikanlagen, etc. prinzipiell (der Wind weht wann er will, die
Sonne scheint nach den Vorgaben der Natur) nicht hierfür geeignet sind, muß
die Regelleistung ausschließlich von thermischen Kraftwer-
ken und (gestauten) Wasserkraftwerken bereitgestellt wer-
den. Ab einem gewissen Anteil ”regenerativer Energien“ müssen daher thermische
Kraftwerke angedrosselt gefahren werden. Hierbei wird technisch nutzbare Arbeit
vernichtet – oder anders ausgedrückt: Es wird Brennstoff verbrannt und die Um-
welt mit Abgasen belastet, damit an anderer Stelle Windenergie von hochsubven-
tionierten Windparkbetreibern erzeugt werden kann.
140
7.2 Regelleistung bei Stromnetzen
Sekundärregelung Im Gegensatz zur Primärregelung wird hier nur die Situa-
tion in der jeweiligen Regelzone incl. des Stromaustausches mit anderen Regel-
zonen betrachtet. Der sekundäre Regelvorgang sollte entsprechend den Vorgaben
der UCTE nach spätestens 15 Minuten erfolgt sein. Dieser Zeitraum wurde bisher
als ausreichend erachtet, um zusätzliche eigene Kraftwerke hochzufahren oder zu
starten. Dabei ist zu beachten, daß das ”Vorhalten“ von Leistung nicht nur zu ho-
hen Fixkosten, sondern auch schlechteren Wirkungsgraden führt. Es sollte mit der
Aufteilung in primärer (sofort wirksamer) und sekundärer (auch ”Minutenreserve“
genannt) Regelleistung ein technisch/wirtschaftliches Optimum angestrebt werden
und ein parasitäres Verhalten einzelner Versorger zu Lasten des Verbundes verhin-
dert werden. Die Höhe der sekundär zur Verfügung gestellten Leistung hängt zum
einen von der Netzkennzahl und der Frequenzabweichung ab, zum anderen von
der Differenz aus den tatsächlichen Austauschleistungen zu Nachbarnetzen und
den als Fahrplan deklarierten Austauschleistungen.
Beschaffung und Kosten Die Beschaffung von Regelleistung erfolgt durch die
Betreiber von Übertragungsnetzen. Dabei ist ein Ausschreibungsverfahren durch-
zuführen, welches diskriminierungsfrei und transparent ist (§ 22 Abs. 2 EnWG).
Seit dem 1. Dezember 2006 erfolgt die tägliche Ausschreibung der Minutenre-
serve auf einer gemeinsamen Internetplattform und seit dem 1. Dezember 2007
die gemeinsame monatliche Ausschreibung der Primär- sowie Sekundärregelung.
Die Kosten für die Bereitstellung der Regelleistung betragen bereits etwa 40 Pro-
zent des gesamten Übertragungsnetzentgeldes. Je mehr die Produktions- und Ver-
brauchsstandorte auseinandergerissen werden (z. B. Windpark in der Nordsee, aber
Verbrauchsschwerpunkt in München), bzw. je mehr für den Regelzonenbetreiber
unbeeinflußbare Erzeuger (Windkraft, wärmegeführte BHKW etc.) geschaffen wer-
den, desto höher steigen die Kosten. Die Kostenverlagerung von den Erzeugern
”regenerativer Energien“ auf die Allgemeinheit, ist ausdrücklich politisch gewollt.
Die Anrechnung der resultierenden zusätzlichen Umweltbelastungen darf ebenfalls
nicht erfolgen, damit die ”Schöne Neue Welt“ der ”Erneuerbaren“ nicht belastet
wird:
• Die zusätzlichen Übertragungsverluste durch das mehr-
fache Umspannen und den Transport über hunderte von
Kilometern, wird nicht etwa bei dem Windpark in der
Nordsee abgezogen, sondern den allgemeinen Netzver-
lusten zugeschlagen. Pikanterweise argumentieren die Betreiber von
BHKW genau mit diesen Netzverlusten.
• Die Umwandlungsverluste und der Landschaftsverbrauch des Pumpspeicher-
werkes werden ebenfalls verallgemeinert, obwohl in Deutschland die
141
7 Netze
Zeit mit dem höchsten Stromverbrauch (Winternachmit-
tag) auch mit dem Ausfall der Sonneneinstrahlung zu-
sammenfällt.
• Besonders pikant ist es, wenn thermische Kraftwerke im Bereich schlech-
terer Wirkungsgrade oder gar angedrosselt gefahren werden müssen, da-
mit die ”gewünschten“ Energieerzeuger möglichst viel einspeisen können.
Ein Schelm, wer in diesem Zusammenhang an Profitgier
denkt.
7.3 Ausgleichsenergie
Unter Ausgleichsenergie versteht man die elektrische Energie, um die der tatsächli-
che Verbrauch eines Bilanzkreises vom prognostizierten Verbrauch abweicht. In ei-
nem Bilanzkreis werden beliebig viele Entnahme- (Verbraucher oder Stromkunden)
und Einspeisestellen (Einspeiser oder Kraftwerke) zusammengefaßt. In der Regel
bilden die Kunden eines Stromhändlers einen Bilanzkreis. Diese benennen im Vor-
aus einen prognostizierten Verbrauch ihres Bilanzkreises für eine Zeiteinheit (meist
15 Minuten). Dabei muß der einem Bilanzkreis zugeordnete prognostizierte Ver-
brauch durch Einspeisungen (Produktion oder Einkauf von elektrischer Energie)
genau gedeckt werden. Die während der Zeiteinheit auftretenden unvorhersehba-
ren Schwankungen im Verbrauch (oder auch in der Produktion) des Bilanzkreises
werden dabei durch den Übertragungsnetzbetreiber durch Lieferung von positiver
oder negativer Ausgleichsenergie ausgeglichen. Wichtig ist dabei die Unterschei-
dung, daß die Bilanzkreise und die Regelzone meist nicht identisch sind. Für die
Regelleistung ist die Summe der Abweichungen in den zugehörigen Bilanzkreisen
ausschlaggebend. Abhängig von den tatsächlichen Vorzeichen, kann die resultie-
rende Regelenergie kleiner oder größer als die entsprechenden Ausgleichsenergien
sein. Auf diesen Gedanken beruht die Idee der ”virtuellen Kraftwerke“. Es werden
beliebige und örtlich getrennte Kraftwerke zu einem Bilanzkreis zusammengelegt.
Neuerdings auch noch (Anteile) von Pumpspeicherkraftwerken für nicht beein-
flußbare Wind- und Sonnenkraftwerke. Es wird nun versucht, die Kraftwerke des
eigenen Bilanzkreises über das Internet so zu steuern, daß sie möglichst genau
den Verbrauch des eigenen Bilanzkreises abdecken. Mit dieser Argumentation will
man sich dann nicht in entsprechendem Maße an den Kosten für Regelleistung und
Verteilkosten beteiligen.
142
7.4 Schattenkraftwerke
7.4 Schattenkraftwerke
”Regenerative Energien“, wie Sonne, Wind und Wasserkraft sind von der Natur ge-
steuert und nicht vom Menschen beeinflußbar. Es gibt Situationen, wo der Wind
nicht oder orkanartig weht. Die Sonne des nachts nicht scheint. Flüsse Niedrigwas-
ser führen. Will man in diesen Situationen nicht auf eine Stromproduktion verzich-
ten – also nicht zu einer mittelalterlichen Gesellschaft zurückkehren – muß man
anderweitig Strom bereitstellen. Da sich elektrische Energie großtechnisch nicht
speichern läßt, muß man sie entweder zur Speicherung umformen oder anderwei-
tig bereitstellen. Eine Umformung ist nur selten möglich, da solche Anlagen sehr
kapitalintensiv und mit großen Verlusten behaftet sind. Die Wirkungsgrade der
Verwandlung und Rückwandlung müssen miteinander zum Gesamtwirkungsgrad
der Umwandlung multipliziert werden. Wenn bei der Umwandlung und Rückwand-
lung der Wirkungsgrad jeweils 80 % (ein sehr guter Wert!) beträgt, beträgt der
Gesamtwirkungsgrad trotzdem nur 64 %. Es wird deutlich, daß damit sehr große
Anlagen erforderlich sind und der ”gespeicherte Strom“ sehr teuer wird.
In Deutschland fällt regelmäßig im Winter für mehrere Tage die komplette Win-
denergie aus. Wegen der Wirkungsgrade der Speicherung müßte also eine Vollver-
sorgung mit Windkraft um ein vielfaches größer sein. Auch jahrelange Propaganda
der ”Windenergielobby“ hat daran nichts geändert. Die Argumentation, daß der
Wind immer irgendwo in Deutschland wehen würde, hat sich experimentell längst
widerlegt. Ähnliches gilt auch für die alle paar Jahre wieder auftauchende Legende
vom Strom aus der Sahara. Bemüht man mal einen Globus, so erkennt man, daß
die Zeitzonen von Nordafrika und Europa nahezu synchron sind. Wenn es in der
Sahara dunkel ist, gibt es von dort auch keinen Strom! Photovoltaik scheidet des-
halb völlig aus. Thermische Kraftwerke (Solarrinnen) müßten mehr als ihre halbe
Wärmeproduktion speichern, um bedarfsgerecht Strom zu produzieren. Oder man
muß bei zu geringer Sonneneinstrahlung die Wärme ersatzweise mit fossiler Energie
erzeugen. Auch dies wäre – in des Wortes Bedeutung – ein Schattenkraftwerk.
Wichtig ist, daß die kompletten Investitionskosten für Schattenkraftwerke der
regenerativen Energie hinzugerechnet werden müssen. Sie kompensieren lediglich
die (sehr hohen) Zusatzkosten, die diese Energieträger für eine zusätzliche Speiche-
rung aufbringen müßten. Die Bereitstellung konventioneller Kraftwerke als Schat-
tenkraftwerke, ist eine weitere (versteckte) Subvention der Alternativenergien“.
143
8 Anhang
8.1 Vollaststunden oder Auslastung
Mit Volllaststunden wird der Quotient aus der Jahresenergieproduktion (in kWh)
eines Kraftwerks und dessen Nennleistung (in kW) bezeichnet. Das Ergebnis ist
ein rechnerischer Wert und gibt an, wie hoch die Ausnutzung der Anlage ist: Er
gibt an, wie viele Stunden die Anlage mit Nennleistung hätte laufen müssen, um
die gleiche Energiemenge zu erzeugen.
V ollaststunden [h] =
Jahresarbeit [kWh]
Nennleistung [kW]
(8.1.1)
Der Wert ist nicht mit den tatsächlichen Betriebsstunden zu verwechseln. Kraft-
werke können auch im Teillastbereich betrieben werden, wenn es das Netz erfordert.
Bei Wind- und Solaranlagen kommt es zwangsläufig zu einer verminderten Vol-
laststundenzahl bei höheren Betriebsstunden, da das Primärenergieangebot (Wind
und Sonne) starken natürlichen Schwankungen unterliegt. Grundlastkraftwerke er-
reichen die höchsten Vollaststundenanzahl pro Jahr, jedoch müssen auch sie in
regelmäßigen Abständen gewartet werden. Der prozentual auf die Gesamtstunden
eines Jahres bezogene Wert heißt Auslastung. Für diesen Zweck wird von einem
Jahr mit 365 Tagen zu 24 Stunden entsprechend 8760 Stunden ausgegangen.
145
Abbildungsverzeichnis
1.3.1 Weltenergieverbrauch von 1971 - 2005 . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.3.2 Energieverbrauch über Pro-Kopf-Einkommen 1970 - 2005 . . . . . . 15
1.3.3 Pro-Kopf-Freisetzung von Kohlendioxid in Tonnen über Bevölke-
rung in Milliarden im Jahr 2035 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
3.2.1 Das europäische Erdgasnetz der Hochdruckleitungen . . . . . . . . . 39
3.3.1 Einteilung der Kohlesorten in Deutschland und international. . . . . 46
5.1.1 Weltweite jährliche Stromproduktion durch Kernenergie. . . . . . . 70
5.4.1 Möglicher Mix der Stromerzeugung in USA bei einer deutlichen
Reduzierung der Kohlendioxid-Freisetzung (aus PRISM-Studie des
EPRI). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
5.4.2 Geplante Stromerzeugung aus Kernenergie in den USA (aus PRISM-
Studie des EPRI). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
5.7.1 Verküpfung einzelner Kostenmodelle (Investitionskosten, Brennstoff-
kreislauf, Betrieb, Skalierung) zu einem kerntechnischen Gesamtmo-
dell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
5.8.1 Geschätzte Entwicklung des abgebrannten Brennstoffs und des Uran-
verbrauches für unterschiedliche Reaktortypen und Wiederaufberei-
tungsstrategien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
5.8.2 Brennstoffkreislauf vom Uranbergwerk bis zum Atommüllager für
einen Verbund aus thermischen und schnellen Reaktoren. . . . . . . 116
5.8.3 Brennstoffkreislauf vom Uranbergwerk bis zum Atommüllager für
eine Wiederaufbereitung mit wässrigem Verfahren. . . . . . . . . . . 121
5.8.4 Brennstoffkreislauf vom Uranbergwerk bis zum Atommüllager für
eine Wiederaufbereitung mit Pyro–Prozeß. . . . . . . . . . . . . . . 123
147
Tabellenverzeichnis
3.1 CO
2
–Konzentration in der Luft und Auswirkungen auf den Menschen. 49
4.1 Unterschiedliche Globalstrahlung in W pro m
2
für Deutschland. . . 54
149

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