Räumliche Visualisierung und Analyse von Gebäudesimulationsdaten im nachhaltigen Entwurf

Max C. Dölling, Dipl.-Ing. Technische Universität Berlin

Abstract / Kurzreferat
Das integrative Arbeiten von Architekten mit Energieingenieuren in frühen architektonischen Planungsphasen ist durch gravierende Unterschiede in Arbeitsmethodik und Ergebnisdarstellung oft ineffizient. Dynamische Gebäudesimulation produziert für die formale Gestaltung zwar wichtige Aussagen über etwaige Schwachpunkte eines Entwurfs, ist aber traditionell numerisch, statisch und nicht räumlich dargestellt. Dieser Beitrag präsentiert das Visualisierungswerkzeug “Mr.Comfy”, frei übersetzt “Herr Komfort”, welches es Planern beider Fachrichtungen ermöglicht, mit validierten Simulationswerkzeugen gewonnene thermische Gebäudesimulationsdaten räumlich in Digitalmodellen eines Planungszustandes dargestellt zu analysieren. Mr.Comfy ermöglicht durch die Kombination von dynamischer Zeitauswahl, Gesamtsummenund Durchschnittsberechnung den Energieverbrauch und Komfort in spezifischen Szenarios sowohl animiert als auch statisch wiederzugeben. Der Artikel präsentiert detaillierte Programmfähigkeiten anhand eines Anwendungsbeispiels. Die frei verfügbare Software wurde basierend auf mehrjähriger Erfahrung in der Lehre von im architektonischen Entwurf integrierter Gebäudesimulation entwickelt und getestet; dabei zeigte sich eine klare Verbesserung im Verständnis von lokalisierten
Räumliche Visualisierung und Analyse von Gebäudesimulationsdaten im nachhaltigen Entwurf Max C. Dölling, Dipl.-Ing. Technische Universität Berlin

Abb. 01 Studierende visualisieren Simulationsergebnisse ihrer eigenen architektonischen Entwürfe, Winter 2013

Energieverbrauchsproblemen sowie ein interdisziplinärer Kommunikationsvorteil gegenüber traditioneller Datendarstellung- und Analyse.

Architektonische Planung im Wandel
Durch Klimaveränderungen, zunehmende energetische Ressourcenknappheit und wachsendes wissenschaftliches Wissen über Komforterwartungen von Nutzern bewirkt, zielen in Deutschland zahlreiche Initiativen auf ein Neudenken ab, wie innovative Gebäude entworfen, gebaut und betrieben werden. Ein ganzheitlicher Ansatz in der Planung wird hierbei oft als grundlegende Voraussetzung beschrieben, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen [Chan et al. 2002]; dies führt in Praxis und Ausbildung dazu, dass vormals stärker getrennt agierende Disziplinen schon in frühen Phasen gemeinschaftlich arbeiten. Dem Zusammenspiel von Architekten und Energieingenieuren kommt dabei verstärkte Bedeutung zu, da in der konzeptionellen Phase architektonische Entscheidungen getroffen werden, die weitreichende Folgen für den prospektiven Benutzerkomfort haben- und damit den Energieverbrauch mitbestimmen. Nicht jedes Konzept kann jedoch durch hochtechnologische Lösungen kosteneffizient optimiert

S. 1/5

werden und bedarf daher gegebenenfalls geometrischer Anpassungen. Es ist durch Unterschiede in der Arbeitsund Analysemethodik von Architekten gegenüber den reinen Ingenieurswissenschaften hierbei nicht immer leicht, eine gemeinsame Sprache zur Lösung von Performanzproblemen zu finden; vor diesem Hintergrund erforschen Projekte an der TU Berlin das Zusammenspiel von energetischer Gebäudesimulation und dem Entwurf, entwickelten ein neuartiges Prozessmodell [Doelling & Nasrollahi 2013] und darauf basierend die hier vorgestellte Software.

Entscheidungen, die Komfort- und Gestaltungsaspekte gleichzeitig beachten [Doelling & Nasrollahi 2012]. Die Ableitung des Modells aus empirischen Prozessbeobachtungen bestätigte zudem die These, dass Architekten primär an der räumlichen Darstellung von Leistungseigenschaften interessiert sind [Andersen et al. 2013, Jakubiec & Reinhart 2011] - weiter untermauert durch Erfahrungen mit Tageslichtvisualisierung in unseren Kursen - dies aber derzeit durch kein frei verfügbares Werkzeug ermöglicht wird. Mr.Comfy schafft hier Abhilfe.

Integrierte Design- und Ingenieursarbeit: Ein Dialog von Prozess und Technologie
Die Grundlage der Architektur ist die Gestaltung von Raum unter Beachtung aller an ihn gestellten Ansprüche; Technologie gibt Innovationsimpulse und steckt Parameter für seine Realisierbarkeit. Praktisch trifft hierbei kreative Arbeit auf rationale Analysebestrebungen; an der TU Berlin testeten wir die Verbindung dieser zwei Paradigmen in experimentellen Kursformaten. Architekturstudenten und Teilnehmern aus der Wirtschaft wurde von der Lehrinitiative DigiPro und dem Fachgebiet Gebäudetechnik und Entwerfen dynamische Thermal- und Tageslichtsimulation vermittelt und zeitgleich im Entwurf angewandt. Die empirische Analyse der resultierenden Prozesse ergab, dass kein gleichförmig linearer Entwurfs/Analyseprozess evident ist, sondern ein dynamisches Wissensfeld aus der gegenseitigen Informationsanreicherung von Performanz- und Geometriedaten entsteht; zusammen mit einer graphisch-räumlichen Ausformulierung von energetischen Konzepten formt sich so eine heuristische Handlungsgrundlage für hybrid konzipierte
Abb. 02 Numerisch-räumliche, farbkodierte Darstellung der durchschnittlichen Jahresinnenraumtemperatur, Beispielgebäude. Klima: Berlin, Deutschland; Stunden 0 - 24, beheizt/gekühlt

Zeitlich dynamische, raumgebundene Visualisierung und Analyse thermaler Simulationsdaten
Auf Grundlage der Prozessbeobachtungen entstanden, ermöglicht die Software die räumliche Visualisierung (Abb. 02) und Kombination beliebiger Simulationsvariablen. Programmiert in der Sprache “Python”, ist das Tool in die parametrische 3d-Modelingumgebung Rhinoceros3d/ Grasshopper integriert (Abb. 03), die bei Architekten und Ingenieuren beliebt ist. Durch die Einbindung in Grasshopper ist der Datenfluss von Mr.Comfy zudem frei manipulierbar, sodass Benutzer auch eigene Anwendungsfälle spezifisch bespielen können. Derzeit unterstützt Mr.Comfy das Simulationsrechenwerk “EnergyPlus” vom US Department of Energy; es ist die Basis von zahlreichen frei verfügbaren Simulationsprogrammen, z.B. OpenStudio. Weitere Datenformate, z.B. TRNSYS oder IDA ICE, können in Zukunft durch das Hinzufügen von weiteren Lesemodulen ermöglicht werden. Um eine breite Resonanz der Anwendung zu ermöglichen, ist Mr.Comfy global frei verfügbar. Die dazugehörige Website http://mrcomfy.org bietet Anwendern eine komplette Dokumentation, Testdatensätze und technische Unterstützung.
Abb. 03 Anpassbares Benutzerinterface in Grasshopper/Rhino3d

Räumliche Visualisierung und Analyse von Gebäudesimulationsdaten im nachhaltigen Entwurf Max C. Dölling, Dipl.-Ing. Technische Universität Berlin

S. 2/5

Anwendungsbeispiel & Programmfähigkeiten
Nach erfolgter Simulation in einem externen Gebäudesimulationsprogramm liest Mr.Comfy die von EnergyPlus generierten Datensätze in der Modelierungsumgebung Rhinoceros3d/Grasshopper ein. BenutzerInnen wählen die anzuzeigende Ausgabevariable, wie z.B. im rechten Bild durch mehrere instanzierte Komponenten dargestellt; die freie Selektion eines täglichen Aufenthaltsprofils kombiniert mit der Bestimmung des Reportzeitraums, z.B. monatlich oder für bestimmte Tage, erlaubt eine Feineinstellung des jeweiligen Analyseinteresses. Sowohl Summen, Durchschnittswerte und Prozentwerte der stündlichen Erfüllung von thermischen Zuständen, z.B. der Lufttemperatur innerhalb eines bestimmten Wertebereichs, können ausgegeben und mit Flächen in den jeweiligen Räumen vernetzt farbkodiert angezeigt werden. Die Minimalund Maximalwerte der Farbskala werden automatisch generiert. Numerische Werte sind stets mit angezeigt; so ist auf einen Blick räumlich erkenntlich, welche Zonen in einem Modell sich im Gegensatz zu anderen auf welche Art verhalten. Durch die dynamische Manipulation der Anzeigebereiche ist es so möglich, sich interaktiv ein Gespür für die Leistung eines Gebäudes zu verschaffen. Das rechterhand auf dieser Seite dargestellte Bürobeispielgebäude (Abb. 04) verlangt in der Basisvariante einen Gesamtenergieverbrauch von knapp 132 kWh/m2 für Kühlen und Heizen. Die Programmdarstellung offenbart, dass insbesondere der komplett verglaste Innenhof die höchste kombinierte Kühl- und Heizlast aufweist; die Büros entlang der Südfassade, die geschosshoch luftgefüllt doppelverglasten Foyers sowie die im Obergeschoss verglasten Treppenhäuser weisen erhebliche solare Gewinne auf- was zu einem erhöhten Kühlenergiebedarf führt- und verlieren im Umkehrschluss im Winter mehr Energie als z.B. selbst die Büros im Gebäudenorden. Der thermische Komfort in diesen Zonen, hier nur während des zu erwartenden Aufenthaltszeitraums angezeigt, ist dementsprechend geringer. Im Gegensatz zur exklusiven Arbeit mit z.B. traditioneller Balkengraphendarstellung (r.u.) ist es durch die raumbasierte Analyse möglich, schneller gezielt lokalisierte Eingriffe zu gestalten, um den Energieverbrauch zu senken- so in diesem Beispiel geschehen und auf der nächsten Seite abgebildet. Die verwendeten Maßnahmen zur Energieverbrauchssenkung beinhalten die Reduzierung der Glasflächen im Hof, der Nordfassade und den Treppenaufgängen um insgesamt ca. 30%, wobei die weniger stark frequentierten Bereiche die größere Reduktion erfahren.
Abb. 04 (re.) Numerisch-räumliche, farbkodierte Darstellung von Simulationsergebnissen zur örtlichen Diagnose von Leistungsschwachstellen; Bürogebäude, Klimazone: Berlin, Deutschland

Solarertrag durch Fenster, kWh/m2 Alle Tagesstunden, ganzjährliche Summe

Durchschnittliche Kühl- und Heizlast, W/m2 Alle Tagesstunden, ganzjährlich

Durchschn. jährlicher thermischer Komfort, Pierce PMVET 8 - 20 Uhr (niedrigerer Wert = mögl. Kälteempfinden)

Durchschnittliche Innenraumtemperatur, °C 8 - 20 Uhr, ganzjährlich

Monatlicher Kühl- und Heizenergieverbrauch, Basisdesign

Räumliche Visualisierung und Analyse von Gebäudesimulationsdaten im nachhaltigen Entwurf Max C. Dölling, Dipl.-Ing. Technische Universität Berlin

S. 3/5

Die solar exponierten Glasflächen erhalten zudem fixierte, großabständliche Lamellen und Überhänge (Sudbüros) zur Tageslichterhaltung unter Ausschluss hoher direkter Sommersonnenstände sowie außentemperaturaktivierte Verschattung und den Wärmeeintrag senkende Glasbeschichtungen (südausgerichtete Hofverglasung). Die verbleibenden Nordfenster (66% der Ursprungsfläche) werden zudem durch besser isolierende Dreifachverglasung ersetzt. Insgesamt wurde so der jährliche Heiz- und Kühlenergieverbrauch um 30 kWh/m2 auf 102 kWh/m2 gesenkt. Der Solarertrag sowie die Energielasten in den vormals kritischsten Zonen zeigen sich in den nachmaßnahmlichen Darstellungen (Abb. 05) auf das Niveau der umliegenden Räume gesenkt; nur die nordausgerichtete Hofverglasung hat noch Verbesserungspotential. Durch die Verwendung derselben Farbskala wie zur Darstellung des Ursprungszustands ist es hier leicht zu erkennen, dass die Eingriffe den örtlich gewünschten energetischen Effekt haben. Die Verringerung solarer Gewinne senkt jedoch die durchschnittliche Innenraumtemperatur im Hof; damit geht eine Reduktion der zu erwartenden Oberflächentemperaturen einher, was einen leicht negativen Effekt auf das zu erwartende Kälteempfinden haben kann. Da die dem Hof zugewandten Flächen jedoch Durchgangsflure sind und nur leichte Komforteinbußen in den Büros stattfinden, ist der Kompromiss akzeptabel.

Solarertrag durch Fenster, kWh/m2 Alle Tagesstunden, ganzjährliche Summe

Durchschnittliche Kühl- und Heizlast, W/m2 Alle Tagesstunden, ganzjährlich

Zusammenfassung & abschließende Bewertung
Das Anwendungsbeispiel zeigt die Möglichkeiten der Software, durch gezielte räumliche Wissensvermittlung von thermischen Leistungseigenschaften den Entwurf eines Gebäudes positiv zu verändern. Insbesondere auch die Animation von Datenverläufen ist hierbei interessant (siehe auch Abb. 06), da sie BenutzerInnen ein dynamisches Gespür für die zeitgebundene Entwicklung der Gebäudeleistung vermittelt; diese ist aber besser im dynamischen Umgang mit den Werkzeug erfahrbar. Der zum Verfassungszeitpunkt an der TU Berlin stattfindende Kurs zum weiteren Test der Software offenbart, dass Studierende aus der Architektur durch die räumliche Darstellung ein stark verbessertes Verständnis der zu erwartenden thermischen Gebäudezustände erhalten und dies in Entwürfen umsetzen können. Der Autor hofft zudem, dass auch die vielleicht nicht vollends fachspezifischen LeserInnen dieses Artikels durch die Darstellungsmethodik einen verständlichen Eindruck von Vorgängen in der Gebäudeoptimierung - und Analyse erhalten haben; falls dem so ist, bestätigte auch dies die
Abb. 05 (re.) Numerisch-räumliche, farbkodierte Darstellung von Simulationsergebnissen der thermisch verbesserten Gebäudevariante; Bürogebäude, Klimazone: Berlin, Deutschland

Durchschn. jährlicher thermischer Komfort, Pierce PMVET 8 - 20 Uhr (niedrigerer Wert = mögl. Kälteempfinden)

Durchschnittliche Innenraumtemperatur, °C 8 - 20 Uhr, ganzjährlich

Monatlicher Kühl- und Heizenergieverbrauch, angepasstes Design (vorheriger Verbrauch hinterlegt)

Räumliche Visualisierung und Analyse von Gebäudesimulationsdaten im nachhaltigen Entwurf Max C. Dölling, Dipl.-Ing. Technische Universität Berlin

S. 4/5

These des interdisziplinären Kommunikationsvorteils gegenüber traditioneller Datenvermittlung. Die Software wird momentan kontinuierlich weiterentwickelt, um auch z.B. eigene hybride Reportvariablen aus den Simulationsreports erstellen zu können- stets dokumentiert auf der Projektwebsite http://mrcomfy.org.

Danksagung
Der Author dankt insbesondere den Studenten, durch deren Simulationsarbeit und Programmtests es möglich war, dieses Projekt weiterzutreiben. Ein besonderer Dank auch an die Kollegen vom Institut für Architektur der TU Berlin, die ein integratives Arbeiten vorantreiben, speziell am Fachgebiet Gebäudetechnik und Entwerfen sowie dem FG Prof. Leibinger.

Referenzen
Andersen, M., Gagne, J. M., Kleindienst, S. 2013. Interactive expert support for early stage full-year daylighting design: a user’s perspective on Lightsolve. Automation in Construction, vol. 35, p. 338-352. Chan, E., Chan, M., Scott, D., Chan, A. 2002. Educating the 21st Century Construction Professionals. Journal of Professsional Issues in Engineering Education and Practice, 128(1), 44–51. Doelling, M.C., Nasrollahi, F. 2013. Parametric Design: A Case Study in Design-Simulation Integration. Proceedings of Building Simulation 2013, Chambéry, Frankreich. Doelling, M.C., Nasrollahi, F. 2012. Building Performance Modeling in Non-Simplified Architectural Design. Proceedings of the 30th eCAADe Conference, Prag, Tschechische Republik. Jakubiec, J.A., Reinhart, C.F. 2011. DIVA 2.0: Integrating Daylight and Thermal Simulations using Rhinoceros 3D, Daysim and EnergyPlus. Proceedings of Building Simulation 2011, Sydney, Australien.

Abb. 06 Jährlicher Verlauf der monatlichen Durchschnittstemperaturen im Innenraum, angepasstes Design Bürogebäude, Klimazone: Berlin, Deutschland Aufenthaltsprofil: 8 - 20 Uhr

Räumliche Visualisierung und Analyse von Gebäudesimulationsdaten im nachhaltigen Entwurf Max C. Dölling, Dipl.-Ing. Technische Universität Berlin

S. 5/5