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09_09_006_Stadtgeschichten 25.08.

2009 14:18 Uhr Seite 6

stadtgeschichten

Gegen das Böse
Kyle Hawkins (38) kam aus den USA, um die Lacrosse-Teams der Hamburg
Warriors zu trainieren. Seinen größten Kampf hat er schon hinter sich

h Kyle, wie erklärst du einem kleinen Kind h Hast du kein Heimweh nach Missouri?
deine Sportart? Nein, ich komme aus dem Bible Belt. Meine Fami-
Zwei Teams spielen gegeneinander. Wir benutzen lie ist sehr religiös. Mit meinem Coming-out habe
Schläger, die den Ball halten können. Du versuchst, ich sie verloren. Als ich es ihnen sagte, haben sie
den Ball ins gegnerische Tor zu schießen, und mich sofort aufgefordert, das Haus zu verlassen.
wenn du ihn gerade nicht hast, kannst du mit dem Seit sechs Jahren habe ich nichts mehr von ihnen
Schläger deine Gegner stoppen. gehört. Hier bin ich glücklich. Ich vermisse nur Taco
Bell, überhaupt die mexikanische Küche. (lacht)
h Lacrosse ist eine Erfindung der Indianer...
...sie nannten es „Kleiner Bruder des Krieges“. Hat- h Warum hast du dich geoutet?
ten zwei Dörfer Streit, symbolisierte der Ball das 2004 bekam ich Darmkrebs. Letztlich war er un-
Böse. Ziel war es, dieses Böse ins andere Dorf zu gefährlich, aber ich dachte, ich sei in Lebensge-
befördern. fahr. Vor der Operation ging ich durch mein Haus
und sortierte alles Schwule aus. Als ich geheilt aus
h Wie bist du auf diesen Sport gekommen? dem Krankenhaus kam, traf es mich wie ein Schlag:
Der Sport kam auf mich. (lacht) Ich habe früher Wenn du tot bist – was kümmert dich das noch?
Eishockey und Football gespielt, war Football-Trai- Erst da habe ich begriffen, dass ich bis dahin nur
ner an der Highschool in St. Louis. Dort wollten sie für meine Familie und nicht für mich gelebt hatte.
Lacrosse in den Lehrplan aufnehmen und such-
ten einen Coach. Ich habe den Fehler gemacht, in h War es richtig auszuwandern?
der Mensa zu sagen: „Ich bezweifle, dass irgendwer Ja. Was das angeht, ist die deutsche Gesellschaft
schon mal von Lacrosse gehört hat. Ich kenne es der amerikanischen weit voraus. Wenn die Leute
noch vom College, aber...“ Am nächsten Tag rief glauben, dass Schwulsein angeboren ist, dann fin-
mich der Sportdirektor ins Büro und sagte: „Sie den sie es eher OK. In Deutschland lautet die wich-
wissen also, was Lacrosse ist...“ tigste Frage der Heteros: Betrifft es mich? In den
USA heißt es: Wie entscheidest du dich? So als ob
h Wie bist du nach Hamburg gekommen? Schwulsein ein Lifestyle sei. Wenn die Leute glau-
Nach einer erfolgreichen Spielzeit an der Univer- ben, dass du eine Wahl hast, fühlen sie sich frei,
sität von Missouri dachte ich, es wäre eine günstige dich zu hassen. Nach meinem Coming-out hat man
Gelegenheit, um mich zu outen – eine schlechte mir die Fenster meines Trucks eingeschlagen, an-
Idee! Ich wurde rausgeworfen, es gab große dere haben vor meinem Haus demonstriert. Ich
Schlagzeilen. Vor mir hatte noch kein College-Trai- bin mir nicht sicher, ob man das als Deutscher
ner ein Coming-out gewagt. nachvollziehen kann.

h War dein Schwulsein der offizielle Grund? h Deutsche demonstrieren generell nicht
Nein, an der Uni gab es Antidiskriminierungs-Richt- so schnell...
linien. Sie haben mehrere Begründungen aufgebo- Ich denke, es ist vor allem eine Frage der Religion.
ten. Eine war, dass nun andere Hochschulen leich- Religiöse Menschen können keine Kompromisse
Foto: Stephan Pflug

ter Spieler abwerben könnten, weil manche nicht schließen. Gott sagt nicht: „Vielleicht...“
für einen schwulen Coach spielen wollten. Das INTERVIEW: PHILIP EICKER
heißt: Wir feuern dich nicht, weil du schwul bist,
sondern weil andere Leute homophob sind. www.hamburgwarriors.com

6 hinnerk 09/09