16. Dez. 2013, 17:29 Diesen Artikel finden Sie online unter http://www.welt.

de/122132132

22.11.13

100 Jahre Britten

Ein Rebell gegen die Diktatur der zwölf Töne
Unter den Opernkomponisten der Moderne ist Benjamin Britten der populärste. Der schwule Brite hielt Abstand zu allen Verstiegenheiten der Avantgarde und wird dafür weltweit geliebt. Von Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Getty Images

English composer Benjamin Britten (1913 1976) at the Royal Festival Hall London holding the score of his cantata Voices For Today . (Photo by Erich Auerbach/Getty Images)

Die Queen war not amused. Als Benjamin Britten 1953 eingeladen wurde, zu den Krönungsfeierlichkeiten für Elisabeth II. eine Oper beizusteuern, wählte er als Thema die unglücklich Liebe von Elisabeth I. zum Earl of Essex, Roberto Devereux. Hässlich und alt, verbittert und fast glatzköpfig tritt die Königin in "Gloriana" auf. Ein Hof-Skandal des 20. Jahrhunderts. Bei welchem die Queen vielleicht erstmals Gelegenheit erhielt, ihr unnachahmliches, lächelndes Naserümpfen zu zeigen. Den Komponisten verfolgte es bis zuletzt. Er hatte es sich selbst zuzuschreiben. Das alles änderte nichts am Erfolg seiner Meisterwerke wie "Peter Grimes", "Turn of the Screw" oder "Billy Budd". Wer sich trotz Unlust in eine Abonnement-Vorstellung dieses Komponisten verirrt, wird zumeist überrascht sein von der Wirkungsmacht und dem Charme dieser Musik. Britten ist einer der wenigen, die das Publikum bestricken. Und zwar ohne Abstriche am Dissonanz-Niveau seiner Komponierens. Einer der besten Britten-Sänger der Gegenwart, der Tenor Ian Bostridge, fasst Brittens Kunst kurz so zusammen: "Britten entwickelt eine neue Schönheit, die schließlich in 'Death in Venice' zur äußersten Vollendung kommt." Es war Brittens Mut zur Melodie, was seinen besten Arbeiten die Krone aufsetzt und die Repertoiretauglichkeit seiner Werke ausmacht.

Der Lebenspartner als Lieblingssänger
Geboren wurde er am 22. November 1913 (Link: http://www.britten100.org/home) in Lowestoft, der östlichsten Stadt Großbritanniens (Grafschaft Suffolk). Er war der jüngste Sohn eines Zahnarztes. Schon mit fünf Jahren versorgte ihn seine Mutter mit Klavierstunden. Brittens Beschreibung seiner Familie als "very ordinary middle class" lässt die Intention der Eltern erraten, sich aus diesen Verhältnissen hinauszuarbeiten. Vom Fünfjährigen sind erste

Kompositionsversuche überliefert. Mit zehn Jahren nahm er die Bratsche als zweites Instrument hinzu. Da es zu Hause weder Grammophon noch Radio gab, war Musik daheim ganz von der eigenen Bereitschaft abhängig, sie selbst zu machen. Ab 1930 studierte er, wie sich das gehört, in London am Royal College of Music. Sein Examen nahmen John Ireland und Ralph Vaughan Williams ab, zwei Komponisten, deren beherzte Modernitätsverweigerung er bald schon eines Besseren belehren sollte. England – das "Land ohne Musik", wie man Generationen eintrichterte – beschritt musikalisch bis dahin einen erstaunlich traditionellen Sonderweg. Die starke Verankerung britischer E-Musik im Chorgesang sorgt bis heute dafür, dass sie keine elitäre oder akademische Angelegenheit werden kann. Es war Britten vorbehalten, zuerst mit Film-Auftragskompositionen, dann mit kritischen Cabaret-Songs und der Operette "Paul Bunyan" fortschrittlichere Töne anzuschlagen. Die Vorlage zu "Paul Bunyan" hatte W. H. Auden verfasst, mit dem Britten dieselbe Schule besucht hatte. Audens freudig ausgelebte Homosexualität verhalf dem schüchternen Britten zum Coming-out. 1937 (im selben Jahr, in dem seine Mutter starb) lernte Britten den Tenor Peter Pears kennen, mit dem ihn eine lebenslange Partnerschaft verband. Erst Britten brachte ihn dazu, ernsthaft über eine Karriere als Sänger nachzudenken. Pears sollte fast alle wichtigen Werke seines Freundes nicht nur inspirieren, sondern auch uraufführen.

Faszination eines sinistren Päderasten
1939 beschlossen Britten und Pears (ebenso W.H. Auden und dessen Freund Christopher Isherwood), England zu verlassen. Dies war als Bekenntnis zum Pazifismus zu verstehen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges riet man Britten, in Amerika zu bleiben, so dass die ersten Meisterwerke durchaus nicht in Europa, sondern in den USA ersonnen wurden. So etwa die "Seven Sonnets of Michelangelo" und "Les Illuminations" (beide 1940). Und die in Kalifornien konzipierte, nach Brittens Rückkehr nach England 1942 auskomponierte Oper "Peter Grimes". Bis heute hat die zweideutige, sinistre Päderasten-Fama nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt. "Peter Grimes" mit seinen windigen Kantilenen und betäubend irritierenden Zwischenspielen bleibt das vermutlich beste Einstiegswerk in Brittens blühende Geheimniswelt. Das Unausgesprochene, Verbrämte, ja Verklemmte, welches man auch dem jovialen Pullover-Träger selbst auf Fotos anzusehen glaubt, blieb sein Erfolgsgrund. Denn obwohl Brittens Homosexualität schon durch den gemeinsamen Wohnort in Aldeburgh (seit 1948) offen zutage lag, war die private Situation des Paares nicht ganz undelikat. 1953 wurde der Schauspieler John Gielgud nach dem sexuell motivierten Besuch einer Herrentoilette strafrechtlich belangt. In späteren Jahren immerhin wurden Britten und Pears gemeinsam von der britischen Königin empfangen. Vieles in Brittens Werk lebt vom Nimbus einer auskomponierten Tabuzone. Dies hat ihm seine spezielle, höchst anziehende Doppelbödigkeit und Aura verschafft.

"War Requiem" brachte Fischer-Dieskau zu Weinen
Gerade in leisen Tönen konnte Britten seine Vollendung finden. Das gilt noch für unterschätzte Meisterwerke wie "The Rape of Lucretia" (1946) und die komische Oper "Albert Herring" (1947). Es gilt auch von seinem bis heute erfolgreichsten Werk, dem "War Requiem" (1961). Von ihm berichtete der Sänger der Uraufführung, Dietrich Fischer-Dieskau, alle hätten damals weinen müssen, eben weil es – paradox genug – so schön war. Von dem Dirigenten Thomas Beecham gibt es das süffisante Wort, wonach die Briten zwar keine Musik lieben, wohl aber den Lärm, den sie macht. Genau diese Einstellung wurde durch Britten erstmals überwunden. Großbritannien befreite sich in ihm ästhetisch aus seiner Insellage und vom Ruch der Provinzialität. Nicht zuletzt hat Britten auch dem Spezial-Typus des britischen Tenors Repertoire-Perspektiven eröffnet, wovon seither viele Sänger profitieren.

Die Queen hatte verziehen
Kein Komponist hat so lückenlos eigene Werke auf Schallplatte dokumentieren können wie Britten. Alles ist jetzt – in dicken Boxen gesammelt – preiswert wiedererschienen.

Neuaufnahmen des "War Requiems" unter Mariss Jansons (BR Klassik), Antonio Pappano (Warner), Paul McCreesh (Signum) lehren die herrlichen Deutungsspielräume dieses Meisters der Moderne. Ein neuer, von Mark Elder in Glyndebourne dirigierter "Billy Budd" sowie Richard Jones' Jubiläums-"Gloriana" (opus arte) zeigen, wie viel Entdeckenswertes noch in ihm steckt. Britten hat dafür gesorgt, das atonale Weltbild nicht zum einzigen Maßstab einer integren Moderne aufsteigen zu lassen. Darin war er ein humaner Gegenpol zum ZwölftonEstablishment. Als er am 4. Dezember 1976 starb, erhielt Peter Pears von der Königin ein offizielles Kondolenzschreiben. Auch sie hatte vergeben. Und ihn anerkannt.

© Axel Springer SE 2013. Alle Rechte vorbehalten