Brasilien, die G8 und die internationalen Verhandlungen

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Brasilien, die G8 und die internationalen Verhandlungen
Shiguenoli Miyamoto
Der Beitrag analysiert die Rolle Brasiliens in den gegenwärtigen internationalen Beziehungen. Ganz oben auf der außenpolitischen Agenda des Landes steht das Streben nach einer gewichtigeren Rolle und einem entsprechend stärkeren Einfluss des Landes. Dazu gehört der Anspruch auf einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat ebenso wie in der Runde der G8. Um diese Ziele zu erreichen, kämpft Brasilien an mehreren Fronten und spielt eine Doppelrolle: Einerseits präsentiert es sich als Großer der Weltpolitik, andererseits als Vertreter der benachteiligten Staaten. Brasilien, G8, Südamerika The article analyzes the role of Brazil in the present international relations. The persuit of a stronger role and an accordingly stronger influence of the country is on top of the foreign-policy agenda of the country. Examples for that are the claims for a permanent seat in the UN security council just like in the round of the G8. In order to achieve these goals, Brazil is acting at several fronts and plays a double role: On the one hand it presents itself as a big player in world politics, on the other hand as a representative of the disadvantaged states. Brazil, G8, South America

Shiguenoli Miyamoto, Doktor der Politikwissenschaft, freier Dozent und Professor für Internationale Beziehungen und Vergleichende Politik am Institut für Philosophie und Sozialwissenschaften der Staatsuniversität von Campinas (Unicamp), S. Paulo/Brasilien. Publikationen: Paradigmas das relaçőes internacionais und Geopolítica e poder no Brasil E-Mail: shiguenoli@pq.cnpq.br WeltTrends 55 (Sommer) • 15. Jahrgang • 2007 • S. 65–76 • © WeltTrends

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war sind wir Freunde, aber Geschäft bleibt Geschäft“. Das ist das Motto, dem die brasilianische Politik – der Kritik des (brasilianischen) Auswärtigen Amtes an einer Dritte-Welt-Politik zum Trotz – in den internationalen Beziehungen seit langem folgt. In einer Welt, in der die Interdependenz der Staaten zunimmt wie nie zuvor, ist der Spielraum von Justiz und Gerechtigkeit trotz ausgeprägten Wettbewerbs beschränkt. In dieser Hinsicht bewegt sich die brasilianische Regierung gleichzeitig auf zwei Fronten. Einerseits agiert sie um bilaterale Einrichtungen, anderseits um multilaterale Treffen wie die G3, G8 oder G20. Dadurch hofft Brasilien auf eine stärkere Rolle auf internationaler Ebene. Die inflexible Haltung der brasilianischen Regierung und ihres Präsidenten Luís Inácio (Lula) da Silva wurde im Juni 2006 beim WTO-Treffen in Doha stark kritisiert. Das französische Staatsoberhaupt Jacques Chirac warf da Silva vor, er handele nach der Maxime: „Was mein ist, ist nur mein, was allen gehört, ist handelbar.“ Lulas Antwort: „Ich hoffe, dass Präsident Chirac noch ein bisschen nachgibt. Ich denke, wenn wir uns nicht einigen, tragen wir zum Rückgang des Außenhandels ärmerer Länder bei.“1 Präsident Lula da Silva nutzt jede Gelegenheit, eine Doppelrolle zu spielen. Profitiert Brasilien auf der einen Seite auf internationaler Ebene beim Handel mit großen Ländern, stellt es sich auf der anderen Seite in eine Reihe mit benachteiligten Länder und fordert besondere Vorteile, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben.

Grundsätze der brasilianischen Außenpolitik
Seit Mitte der 1990er Jahre wurde das Konzept der „präsidentialen Diplomatie“ in der Figur des brasilianischen Präsidenten personifiziert. Sie wird als Stab der brasilianischen Regierung in ihren Beziehungen auf globaler Ebene betrachtet.2 Immer häufiger reist der Präsident durch die Welt und vertritt die politischen und wirtschaftlichen Interessen seines Landes, um seinen Forderungen Ausdruck zu verleihen. Genau dies hob Lula im Juni 2006 beim Treffen in Doha hervor, als die übrigen Mitglieder, der Botschafter inklusive, sich nicht einigen konnten. „Wir dürfen unsere Angelegenheiten nicht mehr in die Hände unserer Verhandler geben. Es sieht aus, als ob sie keine Trümpfe mehr hätten. Jetzt soll das Staatsoberhaupt das Spiel fuhren.“3
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Vgl. Jamil Chade, Denise Chrispin Marin: „Chirac critica Lula por falta de flexibilidade“, O Estado de S. Paulo, 18. Juli 2006, S. B 3. Über „präsidentiale Diplomatie“ allg. und auch in der Amtszeit von Henrique Cardodo siehe Sergio Danese: Diplomacia presidencial, Sao Paulo: Topbooks, 1999. Vgl. Denise Chrispim Marin: „Rodada Doha ganha inpulso no G-8. Mas năo como Lula queria”, O Estado de S. Paulo, 18. Juli 2006, S. B 1.

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Durch seine Reisen versuchte der brasilianische Präsident, sich selbst als großen Staatsmann und Brasilien als aufsteigendes Land in der Weltmachthierarchie zu präsentieren und die Kompetenz der brasilianischen Diplomatie zu beweisen. Trotz des guten Rufes seiner Gastfreundschaft und der Bemühungen, sich unter den großen Mächten zu etablieren, um die Entscheidungsmacht in den internationalen politischen Angelegenheiten auszugleichen, waren die Ergebnisse für Brasilien begrenzt. Dies ist dem brasilianischen Staat seit langem bewusst. Noch vor einigen Jahren äußerte Luís Inácio da Silva als Präsidentschaftskandidat scharfe Kritik an seinem Vorgänger Fernando Henrique Cardoso, dieser vernachlässige durch seine Reisen die Staatsangelegenheiten, und die Reise-Strategie brächte wenig Erfolg. Doch schon in seiner ersten Amtszeit (01.01.2003 – 01.01.2007) war Lula mehr unterwegs als sein Vorgänger während dessen erster Amtszeit (01.01.1995 – 01.01.2003). Zu Beginn seiner Regierungszeit meinte Lula, häufige Reisen seien ein Vorteil des Präsidentenamtes. Allen Argumenten zum Trotz, dass der Präsident an vorderster Front stehen und sich auf dem internationalen Parkett bewegen solle, um politische Abkommen zu schließen oder nationale Interessen zu verteidigen, wurden nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt. Deshalb überrascht die Äußerung Lulas nach seinem Besuch in den Vereinigten Staaten im März dieses Jahres nicht, er habe zwar kein positives Ergebnis mitgebracht, die Reise sei aber trotzdem wichtig gewesen. Die Idee, dem Land als „globetrotter“ vorzustehen, wurde ursprünglich im letzten Jahrzehnt der Amtszeit von Fernando Henrique Cardoso als Diplomatie der Staatsunternehmer eingeführt. Richard Rosecrance bezeichnete sie im Kontext der Zeit nach dem Kalten Krieg und dem Kollaps der Sowjetunion als neue wachsende Weltordnung.4 Die Außenpolitik der aktuellen brasilianischen Regierung ähnelt in vielen Punkten der ihrer Vorgänger. Aufgrund der unterschiedlichen Konstellationen orientiert sich die aktuelle Außenpolitik auf verschiedene Fronten, so auf regionaler Ebene auf den MERCOSUL (Mercado Comum do Sul, Gemeinsamer Markt des Südens) und das Projekt IIRSA (Integraçăo da Infra-estrutura Regional Sul-Americana, infrastrukturelle regionale Integration Südamerikas). Dazu nutzte die Regierung selbst die Banco Nacional de Desenvolvimento Economico e Social (BNDES, Bank für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung). Die größte nationale Bank wurde in den 1950er Jahren gegründet, um nationale Projekte zu finanzieren, die als außenpolitisches Instrument zum Ausbau des Einflusses Brasiliens in Südamerika dienten.
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Zu diesem Begriff siehe Richard Rosecrance: The rise of the trading State – commerce and conquest in the modern Age, New York : Basic Books, 1986.

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Ein Problem, mit dem das Land konfrontiert ist, ist die Frage, ob es zu seinen Versprechen steht. So wurde Uruguay während der Regierungszeit von Jorge Battle von der BNDES unterstützt. Infolgedessen musste die brasilianische Regierung Uruguay im Februar 2007 finanziell unterstützen, damit es Mitglied im MERCOSUL blieb und dieser nicht in eine Krise geriet. Auf die gleiche Art flossen im letzten Januar 20 Millionen Real (circa 10 Millionen US-Dollar) an Paraguay. Überdies versprach die brasilianische Regierung Bolivien Unterstützung für den Kauf landwirtschaftlicher Geräte. Ein Grund dafür ist, dass die brasilianische Erdölindustrie, die Petrobrás, Konflikte mit Bolivien verursachte. Anscheinend kennt die brasilianische Regierung diesen Teil des Kontinents nicht genau. Von der Politik des bolivianischen Präsidenten Evo Morales Erdölunternehmen gegenüber wurde sie überrascht. Anfang des Jahres zeigte die brasilianische Regierung völlige Ahnungslosigkeit über die Verhandlungen zwischen Bolivien, Venezuela und Kuba im Rahmen der Welthandlungsorganisation (WTO).5 Auf der kontinentalen Ebene stand sie gegen die Gründung der ALCA (Área de Livre Comércio das Américas), was der Regierung den Ruf einbrachte, antiamerikanisch eingestellt zu sein. Dennoch war dies nichts anderes als die Fortführung einer autonomen und hochmütigen Diplomatie. Dieses Verhalten, verbunden mit anderen Auseinandersetzungen mit der Bush-Regierung, verursachte eine schwere diplomatische Niederlage für das brasilianische Auswärtige Amt, die von prominenten Diplomaten, darunter Roberto Abdenur, ehemaliger Botschafter in Washington, als ideologische und antiamerikanische Politik heftig kritisiert wurde.6 Eine andere Priorität der brasilianischen Regierung sind Afrika-Besuche. An einem politischen Konzept mangelt es, dennoch werden afrikanischen Ländern Schulden erlassen, um Allianzen zu schließen und Unterstützung für einen Platz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu gewinnen und diesen seit 20 Jahren geäußerten Anspruch zu betonen.7 Dieser brasilianische Anspruch ist für Präsident Lula voll berechtigt und notwendig, um die UNO zu demokratisieren.8
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Bestätigung für diese Informationen in Jamil Chade: „Venezuela, Bolívia e Cuba criam bloco paralelo para defender posiçőes na OMC”, O Estado de S. Paulo, 11. Januar 2007, S. A-10. Siehe die Kommentare des Botschafters in Otavio Cabral: „Entrevista: Roberto Abdenur – Nem na ditadura“, Veja, S. Paulo: Editora Abril, ano 40, n. 5, 1994. Abteilung „Páginas Amarelas”, S. 11, 14f. Zum brasilianische Versuch, in die UNO einzutreten, siehe Daniel de Oliveira França: Dissertaçăo de mestrada em Relaçőes Internacionais, Programm der Postgraduierung San Tiago Dantas UNESP-UNICAMP-PUC-SP, verteidigt 2005. Vgl. Helena Celestino: „Amorim: mais apoio para Brasil no G-8”, O Globo, 25. Juni 2004.

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Die brasilianische Regierung beharrt darauf, höchsten Stellen in der Verwaltung internationaler Einrichtungen anzugehören – meist jedoch ohne Erfolg. So scheiterte die Kandidatur von Joăo Sayad für das Amt des Präsidenten der Banco Interamericano de Desenvolvimento (B.I.D., Interamerikanische Bank für Entwicklung) im Juni 2005. Auch der Anspruch auf die Führung der Welthandelsorganisation wurde nicht erfüllt. In beiden Fällen war erkennbar, dass es an Leistungsfähigkeit mangelte, die Kandidaten zu unterstützen. Außerdem fehlte es an einer genaueren Analyse der Machtkonstellation und der Auseinandersetzungen der wichtigen Kräfte. Auch der Vorschlag zur Restrukturierung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen wurde abgelehnt, obwohl dieser eine außenpolitische Hauptpriorität Brasiliens während der ersten Amtszeit Lulas war. Ungeachtet der strengen Ordnung des internationalen Systems unterschätzte die brasilianische Regierung ihren Machteinfluss. Aktuell werden diese Ansprüche nicht mehr als wichtiges Ziel geäußert. Statt dessen orientiert sich die Regierung auf globale Treffen. Um sich den hier beteiligten großen Staaten anzunähern und sich gegen sie durchsetzen zu können, unterstützte Brasilien die Gründung der G3 und die Anerkennung Chinas im Freihandels-System. Das gewünschte Ergebnis zur Befriedigung nationaler Bedürfnisse und zur Ausweitung des brasilianischen Einflussbereichs blieb allerdings aus. Obwohl die brasilianische Außenpolitik einem unklaren Weg folgt, war sie immerhin in einigen Aspekten erfolgreich. Deutlich zeigt Brasilien seine Absicht, sich als regionale Macht zu präsentieren. Dennoch stieß das Land auf zahlreiche Hindernisse. Dazu gehören die schwierigen Verhandlungen mit dem argentinischen Präsidenten Nestor Kirchner und die aggressive Haltung des venezolanischen Präsident Hugo Chavez auf regionaler Ebene. Der argentinische Präsident ist gewohnt, nicht nur Brasilien, sondern auch Chile und Uruguay anzugreifen, wie im letzten Januar geschehen. Gleichzeitig treibt er ein Doppelspiel mit Brasilien und Venezuela, um seine regionale Einflussmacht zu verstärken. Das heißt, dass er – wie auch Brasilien, Uruguay, Chile und Venezuela – auf seine eigene Art eine dominante Politik durchführt, um die nationalen Interessen zu wahren. Trotz aller Auseinandersetzungen vertraut das Weiße Haus Brasilien doch mehr als den anderen südamerikanischen Staaten. Daher war es nicht bedeutungslos, als die USA in der Doha-Runde von Brasilien verlangten, gegenüber Indien eine flexiblere Position einzunehmen. Abgesehen vom formellen Lob für die brasilianische Aufmerksamkeit für weltweite soziale Probleme, Hunger und Ungerechtigkeit, sind die brasilianischen Vorschläge nicht sehr erfolgreich, wie das Welt-Sozial-Forum zeigte. Im Gegenteil stehen die Intellektuellen, deren Unterstützung Brasilien für seinen Aufstieg in der internationalen Politik suchen sollte, der

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Wirtschafts- und Sozialpolitik skeptisch gegenüber. Lula behauptet, dass die Unternehmen in Brasilien nie so viel Gewinn gemacht hätten wie im Moment, und wird dabei vom Wirtschaftsminister, Guido Manteiga, unterstützt. Berühmte Intellektuelle wie Boaventura de Souza Santos und Noam Chomsky zeigen sich über diese Aussage enttäuscht. Das gleiche gilt für hohe Beamte des Sozialbereiches der Regierung, die noch in der ersten Amtszeit kündigten, wie z.B. Frei Beto. Hier zeigen sich die zwei Gesichter der brasilianischen Regierung: Einerseits spricht sie sich für Autonomie aus, anderseits für Disziplin und Gehorsam. Neben den erwähnten Schwierigkeiten, sich auf internationaler Ebene zu etablieren, äußern soziale Bewegungen, die früher die Regierung unterstützten, heftige Kritik. Hinzu kommen häufige Klagen über und gegen Angehörige der Verwaltung wegen Korruption, ohne dass angemessene Strafen ausgesprochen wurden.

Bestrebungen und Fähigkeiten
Trotz anders lautender Äußerungen der Regierung sieht es aus, als sei das Streben nach Hegemonie das wichtigste Ziel der brasilianischen Außenpolitik. Statt Reden über Führung oder regionale Hegemonie zu halten, versucht Brasilien, sich an seine Nachbarn anzunähern, die sich diesem Streben immer widersetzten. Brasilien will sich anhand seiner Indikatoren als Hegemonialmacht etablieren. Die letzten veröffentlichten Daten über die nationale Entwicklung zeigen nicht das schönste Bild. Laut Welthandlungsorganisation stand Brasilien 2006 fast am vorletzten Platz der Schwellenländer im Entwicklungsranking. Obwohl der Weltexport 2006 um eine Position gesunken war, von 23 auf 24, hielt Brasilien der WTO zufolge seine Welthandelsindikatoren auf 1,1 %. Auch für das kommende Jahr wird prognostiziert, dass der brasilianische Außenhandel weniger als der anderer Staaten zunehmen wird. Der Wunsch Brasiliens nach einem ihm entsprechenden Platz im Südamerika ist noch nicht erfüllt. Die Zeit wird zeigen, ob Brasilien jedem anderen Land geographisch, wirtschaftlich und hinsichtlich seiner natürlichen Ressourcen überlegen ist. Andererseits leidet das Land unter militärischer Unterentwicklung, weil man diesen Bereich im Gegensatz zu den südamerikanischen Nachbarnländern vernachlässigt hat. Die bessere wirtschaftliche Lage Argentiniens und Venezuelas und die nationalen Probleme zwangen Brasilien, weniger Ansprüche an die eigene Politik zu stellen. Die Niederlagen bei den multilateralen Organisationen zeigen, dass Rhetorik und politischer Wille allein nicht ausreichen, um Macht zu ergreifen, einen eigenen Weg zu gehen und die Welt zu verändern. Zwar setzt die brasilianische Regierung ihre großzügigen Reden fort, begrenzte aber

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andererseits ihre Ansprüche. Dies bedeutete jedoch nicht, dass sie den Schwerpunkt ihrer geopolitischen Ansprüche veränderte. Trotz annehmbarer Vorschläge für eine weltweite Veränderung und die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ist die brasilianische Diplomatie auf Sozialforen und eine Annäherung der Beziehung zu den Weltmächten ausgerichtet. Dadurch will man diese Länder überzeugen, als gleichwertiges Mitglied angenommen zu werden und dabei eine mitentscheidende Rolle in der internationalen Politik spielen. Ziel ist es, nationale Bedürfnisse zu befriedigen und dadurch eine hohe Stellung in der Hierarchie zu erreichen. Danach strebt Brasilien sowohl auf bilateraler als auch auf multilateraler Ebene. Bei internationalen Treffen mit Mitgliedern der G8-Gruppe wird immer wieder der Rückgang von Subventionen für die Landwirtschaft und große Investitionen thematisiert. Die brasilianische Regierung betont fortwährend diese und andere Punkte, wie auch Fragen zu Armut, Bevölkerungswachstum, geistigem Eigentum, Umwelt und vor allem zum Naturschutz und zur Biotechnologie. Um seine Ziele zu erreichen, wechselt Brasilien je nach Interessenlage rasch von einer Politik der Annäherung zu politischer Distanz. Es schließt sich der Europäischen Union und Indien an, um gegen die Agrarsubventionen der USA zu protestieren. Mit Kanada protestiert es gegen die Mais-Preise. Gleichzeitig streitet Brasilien mit Kanada über dessen Subventionen für die Aeronautikindustrie und nähert sich in Bezug auf Ethanol den Vereinigten Staaten an, wie beim Besuch von George Bush in diesem Jahr geschehen. Dank brasilianischer Devisen erreichte Lula dabei den Rückgang der Export-Gebühren für Ethanol. Beim G8-Treffen 2006 und der vorherigen Sitzung Anfang Dezember 2005, als Alan Greenspan, Präsident der Federal Reserve, zurücktrat, betonte Brasilien erneut die erwähnten Punkte. Kanzler Celso Amorim saß mit dem EU-Handelskommissar Peter Mandelson am Verhandlungstisch, um über den Druck der kleinen Länder, die durch die G20 vertreten sind, und die Verringerung der US-Landwirtschaftssubventionen zu diskutieren. Auf dem folgenden Treffen im Juni 2006 setzte da Silva selbst die Probleme der Erweiterung der Verhandlungen bei der Doha-Runde auf die politische Agenda.9 Bei einer anderen Gelegenheit im Dezember 2005 wiederholte Wirtschaftsminister António Palocci, der als brasilianischer Vertreter, begleitet von seinen Kollegen aus Indien, China und Südafrika, am G7-Treffen teilnahm, die gleichen Argumente. Dieser Sichtweise schloss sich der britische Vertreter Gordon Brown an. Gegenüber den Vereinigten Staaten
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Vgl. „Amorim e Mandelson văo discutir resistęncia dos E.U.A.“, O Estado de S. Paulo, 13. Juni 2006. S. B4.

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und der Europäischen Union verwies er auf die Notwendigkeit einer Verringerung landwirtschaftlichen Protektionismus’, so dass Länder wie Indien und Brasilien ihren Dienstleistungsbereich liberalisieren und freien Zugang zum Weltmarkt erlangen.10 Beim G8-Gipfel im Gleneagles am Juni 2005 lehnte Minister Palocci in Vertretung der brasilianischen Position die Absicht ab, den Internationaler Währungsfonds in eine Institution umzuwandeln, die die Wirtschaft der Entwicklungsländer überwacht und nicht das Ziel folgt, globale finanzielle Krisen zu verhindern.11 Im Juni des gleichen Jahres verlangte Brasilien in Schottland den Abbau aller internationalen Handelsbarrieren und Agrarsubventionen. Die brasilianische Regierung zeigt nicht nur Aufmerksamkeit für die wirtschaftlichen Fragen des internationalen Handels, über die die Entwicklungsländer mit den Industrieländern streiten. Sie thematisiert auch soziale Probleme, um sich als solidarisches Land in der internationalen Gemeinschaft zu präsentieren und eine entscheidende Rolle in diesbezüglichen Diskussionen zu spielen. So schlug Brasilien beim G8-Gipfel in Sankt Petersburg die Einführung von Steuern auf internationale Flüge vor, um diese im Kampf gegen die Armut zu nutzen. Die meisten anwesenden Staaten zeigten kaum Interesse für diesen Vorschlag.12 Die brasilianische Regierung hält an ihren Ansprüchen fest, erstens ihre politischen und wirtschaftlichen Optionen auszuweiten, ohne auf ihre Partner Rücksicht zu nehmen, trotz des Risikos, weniger Gewinn zu haben. Zweitens versucht sie, Unterstützung z.B. für den Anspruch auf einen Platz im Sicherheitsrat der Vereinigten Nationen zu erlangen und die Zahl der Länder zu mehren, die mit dem aktuellen internationalen System unzufrieden sind. Den Industrieländern gegenüber sucht Brasilien eine Intensivierung des Austausches und spielt die Rolle des zuverlässigen Mitglieds mit einem großen Konsummarkt und ausreichenden Ressourcen, wie Ethanol und Biotechnologie, für die Weltwirtschaft. Mit diesen Argumenten rechtfertigt Brasilien seinen Anspruch auf eine Stellung neben den großen Weltmächten. Bisher zeitigt dies nicht immer die erwarteten Ergebnisse. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Einer liegt in der Unfähigkeit, die internationale Politik richtig einzuschätzen und Pros und Contras abzuwägen. Dadurch werden Entscheidungen ohne notwendige Expertise getroffen und müssen
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Vgl. „Brasil vai participar de reuniăo do G7”, O Estado de S. Paulo, 28. Novermber 2005, S. B5. Vgl. Juliana Sofia: „Palocci cita crise política em reuniăo do G-8”, Folha de S. Paulo, 12. Juni 2005. Vgl. Lu Aiko Otta und Fabio Graner: „Brasil insiste no fundo antipobreza”, O Estado de S. Paulo, 6. Juni 2006, S. B9.

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folgerichtig scheitern. Die Beziehungen zu China, den afrikanischen Ländern und selbst zu den südamerikanischen Ländern brachten nicht die erwarteten Ergebnisse. Zudem wurde einerseits der Ruf Brasiliens bei anderen Staaten durch diese diplomatischen Niederlagen beschädigt. Andererseits bewerteten die Nachbarnstaaten die brasilianischen Ansprüche als Gefahr und fürchteten eine Wiederholung der Situation in den 1960er und 1970er Jahren, als Brasilien als mächtiges Land auftrat und sich ideologisch von den anderen Staaten abgrenzte. Länder wie Argentinien, Mexiko und Venezuela stehen den brasilianischen Bestrebungen bezüglich des Sicherheitsrates skeptisch gegenüber und sehen die Frage als noch nicht reif für die politische Agenda der UNO. Brasilien sollte deshalb vorsichtig mit dem Thema umgehen und unbegründete Auseinandersetzungen vermeiden. Ein anderer Punkt bezieht sich auf die brasilianische Haltung gegenüber dem MERCOSUL. Jedes Nachgeben Brasiliens in bestimmten Punkten erscheint anderen Ländern, allen voran dem argentinischen Nachbarn, als Schwäche. Die brasilianische Regierung erscheint dabei als Verlierer ohne ausreichende Fähigkeit oder den Willen, sich gegen die von Kirschner durchgeführten Politiken zu stellen. Vor allem auf der breiteren Ebene der internationalen Beziehungen zeigt Brasilien, wo seine nationalen Interessen und Ansprüche liegen. Auf internationalen Foren wie dem G8-Gipfel beansprucht das Land seine Stellung und sucht sie zu behaupten. Deshalb kritisierte die brasilianische Botschaft im Juni 2004 Silvio Berlusconi, als der Brasilien nicht als Vermittler mit der G8 benannte. China und Indien dagegen wurde bescheinigt, eine Rolle als ständiger Vermittler mit der G8 spielen zu können.13 Die unzufriedene Reaktion Brasiliens war berechtigt, da das Land enorme diplomatische Anstrengungen unternommen hatte, um seine Mitgliedschaft für die G8-Gruppe anerkennen zu lassen. Obwohl es von Deutschland und Frankreich deutliche Sympathiebekundungen erhalten hatte, forderte Brasilien die gleiche Behandlung, wie sie China zu Teil geworden war. Kanzler Celso Amorim erläuterte das Ansinnen der brasilianischen Regierung über ihre Rolle im Welthandel: „Es wäre für die Industrieländer besser [wenn sie die Entwicklungsländer in die G8 aufnehmen], weil das, was heutzutage in Brasilien, China oder Indien geschieht, sich auch auf andere Länder auswirkt. Also müssen wir auch an den Entscheidungstreffen teilnehmen und nicht immer davon ausgeschlossen werden.“14 Wie sich später zeigen würde, liegt zwischen Theorie und Praxis ein breiter Graben: Zu jenem Zeitpunkt im Juni 2004 betrachtete Brasilien die
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Vgl. André Soliani: „Aceno de Berlusconi ŕ China irrita Itamaraty”, Folha de S. Paulo, 13. Juni 2004. Vgl. Helena Celestino: „Amorim: mais apoio para Brasil no G-8”, O Globo, 25. Juni 2004.

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Äußerungen Deutschlands und Frankreichs als Unterstützung seiner Ansprüche. Drei Jahre später machte Angela Merkel, als sie Brasilien, Indien, China, Mexiko und Südafrika zum G8-Gipfel in Heiligendamm einlud, gleichzeitig klar, dass dies nicht bedeute, dass sie als ständige Mitglieder aufgenommen würden. Die deutsche Kanzlerin will durch ihre Einladung offensichtlich lediglich erreichen, dass sich die G8 mit ihrem ursprünglichen Thema befasst, dem Problem globaler Krisen, die zur finanziellen Instabilität der Weltwirtschaft führen.15 Beim Treffen im Juni 2005 präsentierte sich Brasilien sehr optimistisch, weil die Einladung für Lula eine Wende in den G8-Bestrebungen Brasiliens bedeutete.16 Der Anspruch auf einem Sitz in der G8 ist in multilateralen Diskussionen für Brasilien sehr wichtig. Auch den Industrieländern ist aufgrund der entscheidenden Rolle der Schwellenländer bewusst, dass es notwendig ist, die G8 umzustrukturieren, In diesem Sinne rief auch der für die nordamerikanische Staatskasse verantwortliche John Snow bei einem G8Treffen in Washington in Erinnerung, dass die Gruppe sich überholen könnte, wenn sie nicht die neuen Wirtschaftsmächte berücksichtigt, da Länder wie China schon ein höheres BIP hätten als Kanada.17 Auch andere internationale Akteure, sowohl unter G8-Mitgliedern, als auch aus dem privaten finanziellen Sektor, betonen, dass Brasilien, China und Indien, die hohe Wirtschaftsindikatoren haben, eine neue Position in Bezug auf die G8 einnehmen müssten. Infolgedessen schlugen 350 Vertreter von privaten Banken den Eintritt dieser Länder in die G8 vor und sprachen sich für die Gründung der G11, einschließlich Russland aus.18 Genau dieses Ziel verfolgte seit langem die brasilianische Regierung, um den Land eine wichtige Rolle in der Welt zu geben.

Abschließende Bemerkungen
Die Suche Brasiliens nach dem richtigen Platz in der Welt war seit seiner Gründung der Republik Ende des 19. Jahrhunderts ein Ziel der brasilianischen Außenpolitik. Die Regierung bemühte sich sowohl in geopolitischer,
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Vgl. „Alemanha descarta ampliacăo do G-8”, O Estado de S. Paulo, 21. Oktober 2006; Joăo Caminoto: „Merkel năo quer o Brasil no G-8”, O Estado de S. Paulo, 29. Juli 2006: http//cliipping.planejamento.gov.br/Noticiasimpressao.asp? NOTCod=288130 [19. März 2007]. Vgl. „Para Amorim, grupo deve ser ampliado“, O Estado de S. Paulo, 06. Juli 2005. Vgl. „Países como Brasil ficam mais perto do G-7”, Folha de S. Paulo, 27. September 2005. Vgl. José Meirelles Passos: „Grupo de ricos pode virar G-11 com Brasil e China”, O Globo, 15. September 2005.

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als auch in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht, Brasilien auf das Niveau der großen Industrieländer zu heben. Dabei sollte Brasilien nicht nur das Recht auf Abstimmung in den multilateralen Institutionen erhalten, sondern auch ein Vetorecht. Im Prozess der Globalisierung mit ihren wachsenden Interdependenzen und stärkerem Wettbewerb strebt Brasilien nach Anerkennung als entscheidender Akteur in der Welt und hält seine diesbezüglichen Ansprüche hoch. Um das Land an die neuen Realitäten und Machtverhältnisse der Zeit nach dem Kalten Krieg anzupassen, öffnete es seine Märkte und erhöhte dadurch seine Möglichkeiten. Brasilien widmet nationalen und regionalen Themen viel Aufmerksamkeit, beschäftigt sich aber besonders mit globalen Themen wie Armut, Ungerechtigkeit, Subventionen und protektionistische Politik. Auch das weltweit diskutierte Thema Umwelt wird aufgegriffen. Die damit verbundenen Klimaprobleme sind zunehmend Gegenstand von Studien der Vereinten Nationen. Obwohl Brasilien in den letzten Jahren die Abholzung der tropischen Regenwälder um 50 % reduzierte, nutzte es die verfügbaren Ressourcen für Umweltprojekte nicht bestmöglich. Die Regierung setzt sich seit langem für den Schutz der natürlichen Ressourcen von Amazonien ein. Mit Hilfe finanzieller Unterstützung der G7 führte Brasilien 1990 das Pilotprojekt zum Schutz der tropischen Regenwälder in Brasilien (Programa piloto para a proteçăo das Florestas Tropicais do Brasil) in Houston/USA durch.19 Die Teilnahme an globalen Foren ist ein ständiges Thema der brasilianischen politischen Agenda und zeigt, dass Brasilien trotz der Unwahrscheinlichkeit, dass seine Vorschläge angenommen werden, nicht aufgibt. Brasilien bewies seine Fähigkeit, gemeinsam mit den Industrieländern Verantwortung für die globalen Ressourcen zu übernehmen. Gleichzeitig erhob das Land den Anspruch auf einen Platz, der dem Niveau seiner Ressourcen und Fähigkeiten entspricht. Doch die wirtschaftlichen und sozialen Indikatoren sprechen nicht immer für Brasilien und zeigen Verbesserungsbedarfe. Trotzdem gibt das Land nicht auf, seine Ansprüche in der Weltkonstellation durchzusetzen und kämpft dafür an jeder Front. Eine Hauptforderung Brasiliens besteht darin, als Mitglied der G8 anerkannt zu werden und dort zu agieren, wo die Staaten ihre Macht tatsächlich ausüben, weil Brasilien, aber auch China, Russland, Indien und Südafrika dazu gehören sollte. Aus den gleichen Gründen beansprucht Brasilien auch einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat. Das Streben nach einer Mitgliedschaft Brasiliens in internationalen Organen wie dem IWF oder der Banco Interamericano de Desenvolvimento
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Vgl. zu diesem Thema Sergio Silva do Amaral: „Meio ambiente na agenda internacional: comércio e financiamento“. Estudos Avançados, S. Paulo: USP, 9 (23), 1995, S. 237-246.0

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war relativ zurückhaltend im Vergleich zum Streben um Aufnahme in die G8. Frühere Erfahrungen zeigten, dass die Erwartungen nicht allzu groß sein sollten. Brasilien sollte sich eher für die traditionellen Ansprüche für Verbesserungen für alle Nationen einsetzen. Selbst auf nationaler Ebene wurde die Wirtschaftsstabilität, die durch eine hoch bewertete Geldumtausch- und eine hohe Zinsgebühr erreicht wurde, von einem Teil der brasilianischen Gesellschaft, besonders aus der Produktions- und Exportssektor, heftig kritisiert. Die Umfragewerte zur Popularität von Präsident Lula da Silva nach den ersten 100 Tagen der zweiten Amtszeit zeigten deutlich, dass eine Veränderung sowohl auf nationaler, als auch auf internationaler Ebene nicht leicht umzusetzen sein wird. In Foren wie z.B. dem G8-Forum werden nur allmählich Veränderungen eintreten, weil die internationale Konjunktur nicht viel Freiraum für rasche Veränderungen erlaubt. Bei multilateralen Treffen, auf denen Brasilien als Gast oder Mitglied auftritt, wird das Land nicht nur spezifisch nationale Themen betonen, sondern auch Themen, die auf die gesamte internationale Gemeinschaft bezogen sind. Diese Art von Positionen wird Brasilien auch auf dem G8-Gipfel in Deutschland verteidigen. Die Suche nach größerer Autonomie, einer gewichtigeren Rolle und einem entsprechend stärkeren Einfluss in den internationale Beziehungen sind Themen, die ganz vorne in der brasilianischen außenpolitischen Agenda stehen. Dafür nutzt Brasilien alle möglichen Ressourcen auf nationaler und internationaler Ebene und nimmt auch Risiken in Kauf.