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Von der “gelenkten Demokratie” zur “Tandemokratie”

Seit dem 7. Mai 2008 ist Dmitri Medwedew als Nachfolger von Wladimir
Putin Präsident der Russischen Föderation. Es fand eine Transformation
der Macht statt, die erst verständlich wird, wenn man hinter die Kulissen
des Kreml und von Russlands “gelenkter Demokratie” blickt. Nur so lässt
sich auch die Rolle von Präsident Medwedew bewerten. Eine Analyse von
Martin Malek, Politikwissenschaftler am Institut für Friedenssicherung
und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie Wien.

Von Martin Malek / maiak.info

Seit dem Jahre 2000 wird Russland immer öfter als „Demokratur“ oder
„gelenkte Demokratie“ bezeichnet – eine Demokratie, in der
Wahlresultate vorbestimmt sind und deren Provinzen de facto an
Autonomie verlieren. Eine Demokratie mit staatlich verordnetem
Patriotismus und Anzeichen für die Entstehung einer Ethnokratie
(ausgerechnet in einem Vielvölkerstaat). Eine Demokratie, in welcher der
Kreml die meisten landesweit sendenden elektronischen Medien,
sämtliche Fernsehkanäle und viele Printmedien kontrolliert.

Wie funktioniert die “gelenkte Demokratie”?

Die “gelenkte Demokratie” Russlands beruht auf einer starken


Zentralmacht, der so genannten “Präsidentenvertikale”, deren Herzstück
die Administration des Präsidenten in Moskau ist. Es handelt sich dabei
um eine “Kommandokette” des Kremls, in die sich mit Parlament, Justiz
sowie den meisten Parteien, Verbänden und Medien alle wichtigen
Organe in Staat und Gesellschaft einzufügen haben.

Erstaunlich daran ist, dass Premierminister Putin – von Januar 2000 bis
Mai 2008 Präsident und seither Premierminister – nicht trotz, sondern
wegen dieser Realverfassung bei der politischen Elite und in der
Bevölkerung Russlands gleichermassen sehr populär ist. Medienberichte
und Meinungsumfragen lassen keinen Zweifel daran, dass ein
“westliches Modell“ für Russland entschieden abgelehnt wird.

Das “System Putin” mit seinen autokratischen Zügen nach innen und
Weltmachtansprüchen nach aussen ist populärer als der „demokratische“
Präsident Boris Jelzin, der von 1991 bis 1999 regiert hatte. Auch wenn
Putin seine 1999 gemachten (Wahl-)Versprechen offenkundig nicht
einzuhalten vermochte und Russland zum Beispiel im Korruptions-Index
von Transparency International auf dem 147. Rang von 180 Ländern steht.

Politik als Imitation


Kritische Beobachter erkennen im politischen System Russlands eine
Imitation oder Inszenierung einer Zivilgesellschaft: Die
Bürgergesellschaft werde etwa durch die Schaffung einer so genannten
“Bürgerkammer” imitiert, einem beratenden Gremium von Fachleuten,
aber auch Showstars ohne jede Entscheidungsgewalt.

Teil der Inszenierung einer Zivilgesellschaft seien auch die vom Kreml
oder von Kreml-nahen Parteien unterhaltenen Jugendorganisationen
“Junges Russland”, “Zusammen gehen” und “Unsere” (”Naschi”),
während gleichzeitig unabhängigen Nichtregierungsorganisationen NGO
das Leben schwer gemacht werde.

Zur Inszenierung gehören demnach auch die Parteien in der Staatsduma


(dem Unterhaus des Parlaments): “Einheitliches Russland” und
“Gerechtes Russland” wurden vom Kreml gegründet, die
ultranationalistische “Liberal-demokratische Partei Russlands” (LDPR)
von Wladimir Schirinowski unterstützt den Kreml seit den Zeiten Jelzins
und die Kommunistische Partei der Russländischen Föderation (KPRF)
kritisiert den Kreml nicht von demokratischen, sondern von sowjetischen
Standpunkten aus. Kreml-kritische demokratische Gruppierungen wie
die Partei “Jabloko” des Wirtschaftsreformers Grigori Jawlinski und die
“Union der rechten Kräfte” sind seit 2003 nicht mehr in der Staatsduma
repräsentiert.

Änderung des Wahlrechtes

2004 meinte Putin wörtlich: “Ich bin noch der Liberalste in der
politischen Führung. Die anderen wollen gar keine Wahlen”. Nach dem
Geiseldrama in einer Schule im südrussischen Beslan im September
2004 schaffte er aber – angeblich zur „Bekämpfung des Terrorismus” –
die Volkswahlen der Gebietsgouverneure und Präsidenten der autonomen
Republiken ab, die seither vom Präsidenten Russlands ernannt und von
den regionalen Parlamenten nur noch bestätigt werden.

Zudem änderte der Kreml auch das Wahlrecht für die Staatsduma: Mit
der Abschaffung der Einerwahlkreise kann niemand mehr ohne
Parteibindung kandidieren. Wenig überraschend gewann die Partei
“Einheitliches Russland” die Duma-Wahlen vom 2. Dezember 2007 – mit
Putin als Spitzenkandidat, obwohl er natürlich nie die Absicht hatte, den
Sitz eines einfachen Abgeordneten einzunehmen. Inzwischen ist Putin
Vorsitzender der Partei – kurioserweise, ohne ihr jemals als Mitglied
angehört zu haben.

Medwedew sichert die Machtbalance


Für die Putin-Nachfolge schien Vizepremier und Ex-Verteidigungsminister
Sergej Iwanow ein aussichtsreicher Kandidat zu sein. Ihm wurde aber
schliesslich Medwedew vorgezogen, „weil Medwedew über keine eigene
Hausmacht verfügt, auf Zusammenarbeit mit allen angewiesen ist und
damit die Machtbalance der Putin-Ära nicht in Gefahr bringen wird”, wie
die angesehenen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin
plausibel vermutet.

Der Kreml hatte dafür gesorgt, dass Oppositionelle wie Ex-


Ministerpräsident Michail Kasjanow, Ex-Schachweltmeister Garri
Kasparow oder der ehemalige sowjetische Dissident Wladimir Bukowski
zu den Präsidentenwahlen am 2. März 2008 gar nicht erst antreten
konnten. Alle vom Staat kontrollierten Medien – und insbesondere das
Fernsehen – stellten sich während des Wahlkampfes ganz in den Dienst
Medwedews, der gleich im ersten Wahlgang mit 70,28 Prozent der
Stimmen gewählt wurde.

Zwei Tage nach der Amtseinführung am 7. Mai 2008 besuchten der


Präsident Medwedew und der gerade von der Staatsduma gewählte
Ministerpräsident Putin die Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau.
Hier marschierten zum “Tag des Sieges” über Hitlerdeutschland nicht nur
Soldaten auf, zum ersten Mal seit der Auflösung der Sowjetunion wurden
auch wieder Panzer, Kampfflugzeuge und atomar bestückte
Interkontinentalraketen gezeigt. Das war ein gut überlegtes und
vorbereitetes Signal an das In- und Ausland: “Wir sind wieder wer!”

Keine Änderungen der Aussen- und Sicherheitspolitik unter Medwedew

Dass seine erste Auslandsreise als Präsident Dmitri Medwedew Ende Mai
2008 nach Kasachstan und China führte, war natürlich kein Zufall,
sondern mit Bedacht gewählt. Der russischen Journalistin Masha Lipman
zufolge gab Medwedew dadurch zu verstehen, dass “der Osten für
Russland wichtiger ist als der Westen”. Beide Staaten spielen in seiner
energiepolitischen Strategie eine signifikante Rolle – China als Markt und
Kasachstan als Land, das sein Öl und Gas auch weiterhin über
russisches Gebiet auf den Weltmarkt transportieren und nicht etwa auf
die Idee kommen soll, Alternativen zu suchen.

Änderungen in der Aussenpolitik waren von Medwedew von Anfang an


nicht zu erwarten. Für ihn wie auch für jeden anderen irgendwie
relevanten politischen Funktionär steht vollkommen ausser Frage, dass
Russland eine Supermacht ist und entsprechende Ansprüche
anzumelden hat. Referenzland im atomstrategischen Bereich sind nur die
USA – und nicht Mittelmächte wie Grossbritannien, Frankreich, China
oder Indien. Unter anderem zwecks Sicherstellung einer “Parität” mit den
USA in diesem Bereich werden rund 30 Prozent der Gesamtausgaben des
russischen Haushalts in Sicherheit und Verteidigung investiert.

Die Russen stehen hinter Medwedew

Die öffentliche Meinung steht hinter den (geo-)politischen Ambitionen


des Kreml: Bei einer Meinungsumfrage wenige Wochen vor den
Präsidentenwahlen 2008 verlangten die Bürger vom neuen
Staatsoberhaupt, dass es “Russland wieder zur Grossmacht macht” (51
Prozent); erst dann folgten Anliegen wie “Recht und Ordnung” (45
Prozent), eine gerechte Verteilung der Staatseinnahmen gemäss den
Interessen der “einfachen Leute” (41 Prozent) und Reformen zur sozialen
Absicherung der Bevölkerung (37 Prozent).

Als Ende 2008 die internationale Finanzkrise auch Russland traf und es
Dinge zu geben schien, die wichtiger waren als eine weitere Aufrüstung,
kümmerten sich Putin und Medwedew genau darum: Sie stellten ein
neues Regiment von atomar bestückten Interkontinentalraketen des Typs
Topol-M (SS-27) in Dienst. Die Moskauer Tageszeitung “Kommersant”
meldete unter Berufung auf russische Spitzenmilitärs, dass sich “das
Tempo der Modernisierung der Strategischen Raketentruppen im
Vergleich mit früheren Jahren spürbar erhöht hat”.

Und Mitte März 2009 – als viele Arbeitnehmer protestierten, weil sie über
Monate hinweg ihre ohnedies geringen Gehälter nicht erhalten hatten –
gab Medwedew eine Modernisierung der Streitkräfte bekannt, die
insbesondere die Atomwaffen betreffen soll. Er sandte damit erneut ein
klares Signal aus: Bei der Armee wird trotz der angespannten Finanzlage
zuletzt gespart. Eine Priorität der Militärausgaben zu Ungunsten von
Sozialem, Bildung und Gesundheit, wie sie in Krisenzeiten jede andere
europäische Regierung völlig diskreditieren und rücktrittsreif machen
würde.

Putin – für lange Zeit?

Viele westeuropäische Stimmen in Politik und Medien hatten Medwedew


2008 mit Vorschusslorbeeren bedacht: Er sei “jung und dynamisch”,
könne “gut zuhören”, habe sich “gegen eine Verschärfung der
Pressegesetzgebung ausgesprochen”, sei “wenigstens keiner aus der
Geheimdienstfraktion”, “ein Marktwirtschaftler”, wolle “die Rolle des
Staates in der Wirtschaft einschränken”, gebe sich “als liberaler und
westlicher Anhänger des Rechtsstaates” und sei – offenbar von
besonderer Relevanz – ein Fan der britischen Hardrockband “Deep
Purple”.
Ausgerechnet Putin erklärte daraufhin (gegenüber der deutschen
Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2008) trocken, dass Medwedew
nicht weniger ein russischer Nationalist und Patriot sei als er selbst.
Medwedews Amtsführung hat diese Worte Putins dann auch bestätigt.

Und wo bleibt die Opposition?

Die demokratische Opposition ist völlig an den Rand gedrängt und hat
nicht einmal eine theoretische Chance, auf die politische
Entscheidungsfindung Einfluss zu nehmen; die “Union der rechten
Kräfte” löste sich unter dem Druck des Kremls im November 2008
überhaupt auf.

Der oppositionelle Politiker und Publizist Wladimir Ryschkow meinte im


März 2009, “dass alle wichtigen Hebel der Macht weiterhin in Wladimir
Putins Hand liegen. Die gesamte Staatsführung, darunter die Leiter der
Ministerien, Behörden, Sicherheitsorgane, der Regionen, des Parlaments,
der grössten Unternehmen und Gesellschaften sind alle von Putin
aufgestellt worden. Diese Leute orientieren sich weiterhin an ihm. Putin
ist Premier, aber auch Chef einer Partei, die über eine
Verfassungsmehrheit in beiden Parlamentskammern verfügt. Er ist Chef
einer Partei, der so gut wie alle Gouverneure und Bürgermeister des
Landes angehören.”

Die neue russische „Tandemokratie“

Medwedew hat bisher keine Initiativen gezeigt, die Realverfassung der


“gelenkten Demokratie” zu ändern. Die gerne von westeuropäischen
Stimmen kolportierten Behauptungen über
“Meinungsverschiedenheiten”, “Widersprüche” oder sogar “Kontroversen”
zwischen Medwedew und Putin sind durch keine gesicherten Fakten
untermauert.

Es ist nicht wirklich bedeutend, wie lange Medwedew Präsident bleibt,


da ihn die “gelenkte Demokratie” in jedem Fall politisch überleben wird.

Die wenigen verbliebenen oppositionellen Printmedien in Russland und


manche westeuropäischen Beobachter bezeichnen die derzeitige
russische Führung als “Tandemokratie”. Medwedew gewann im
abgelaufenen ersten Jahr seiner Amtszeit kein eigenständiges Profil, und
ein solches dürfte er auch gar nicht angestrebt haben.

Das faktische politische Zentrum Russlands hat sich dagegen vom Kreml
zur Regierung und damit zu Putin verschoben; dafür bedurfte es keiner
Verfassungs- oder Gesetzesänderung zur Umverteilung der Kompetenzen
des Präsidenten zum Premier. Gegen eine solche spricht denn auch ein
gewichtiges Argument des Putin-nahen “Polittechnologen” Wjatscheslaw
Nikonow: “Warum sollte Putin die Kompetenzen des Präsidenten
beschneiden, wo er doch in dieses Amt zurückkehrt?”

ORIGINAL-BEITRAG

http://www.maiak.info/medwedew-russland-gelenkte-demokratie-
tandemokratie

WEBLINKS

a) Russisches Parlament und Regierung

http://www.duma.gov.ru/, offizielle Website der Staatsduma (Unterhaus


des Parlaments)
http://eng.kremlin.ru/, offizielle Website des Präsidenten (engl./russ.)
http://www.youtube.com/kremlin, offizieller Youtube-Channel des
Präsidenten (russ.)