Sichergestellter Plutonium-Koffer von München*, Presse-Echo:
Alarmstufe rot von Washington bis Tokio
D P A
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DER SPIEGEL 15/1995
PANIK MADE IN PULLACH
Mit einer spektakulären Operation schockten die deutschen Sicherheitsbehörden im letzten August die Welt:Sie verhafteten in München drei Gauner, die russisches Plutonium verkaufen wollten – den Stoff, aus dem dieAtombombe ist. Doch die Aktion „Hades“ war in Wahrheit ein großangelegter Schwindel, Moskau unter Druck zusetzen – inszeniert vom Bundesnachrichtendienst in Pullach.
ufthansa-Flug 3369 aus Moskauwird von Staats wegen erwartet.
L
Polizisten in Uniform, bayerischeKriminalbeamte und Geheime vomBundesnachrichtendienst (BND) beob-achten auf dem Münchner Flughafen dieLandung der Maschine.Neben der Ausstiegsluke der Boeing737, die im Modul B, Finger 109, desFranz-Josef-Strauß-Airports andockt,halten sich zwei Kriminalbeamte ver-steckt und mustern die Passagiere. InGepäckhalle C bereiten sich Kollegenauf den Zugriff vor.Zielstrebig picken die Beamten einenkleinen dunkelhaarigen Fluggast undseinen schwarzen Delsey-Hartschalen-koffer heraus. Ein zweiter Mann, derden Kolumbianer Justiniano TorresBenı´tez, 38, abgeholt hat, wird gleichmit verhaftet.Der Kofferinhalt, beschlagnahmt am10. August 1994, wurde weltberühmt.Nach drei Tagen war die Nachrichten-sperre von Journalisten geknackt wor-den, die Staatsanwälte und Kriminal-polizei über den Fall verhängt hatten.„Plutonium zum Verkauf“ titelte die
New York Times
.
Bild am Sonntag
rechnete aus, daß das „geschmuggeltePlutonium reicht, um das Trinkwasserin ganz Deutschland zu vergiften“. Die
Neue Zürcher Zeitung
schrieb von ei-
* Am 15. August 1994; links: Metallkoffer derFahnder mit Strahlenmeßgerät.
nem „apokalyptischen Alptraum“. DasMenetekel Nuklear-Terrorismus warThema auf Symposien und Kongressenrund um den Globus. Dem SPIEGEL(34/1994) waren die neuen Waffen derErpresser eine Titelgeschichte wert.Torres und sein Kumpan, der49jährige Spanier Julio Oroz Eguia,hatten an Urängste gerührt. Plutoni-um, der giftigste aller Stoffe, diemenschlicher Erfindungsgeist je ge-schaffen hat, war auf einmal in derAlltagswelt – nicht länger abgeschottethinter hohen Zäunen irgendwo in La-boratorien oder Reaktoren. Die spa-nisch sprechenden Gauner hatten denBomben-Stoff aus dem zerfallenen So-wjetreich herbeigeschafft und wollten
Plutonium-Schmuggler Torres
„Das Zeug hat seinen Preis“
BND-Zentrale in Pullach:
Showdown vor der Haustür
F . H E L L E R / A R G U M
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nun im Westen das große Geld verdie-nen.Genau dieses Szenario ängstigte dieMenschen besonders in Deutschland,seitdem zuvor im Mai in einer badischenGarage Plutonium in einer allerdingswinzigen Menge gefunden worden war.Jetzthatte einGangster-Trio–der drit-te Mann war in einem Münchner Hotelverhaftet worden – versucht, 363,4Gramm waffenfähiges Plutonium und201Gramm des Metalls Lithium 6zu ver-schachern – ein wichtigesElement für die verhee-rendste aller Waffen, dieWasserstoffbombe.Niemals zuvor hatte eseinen solch gefährlichenNuklear-Schmuggel gege-ben. Die Verhaftung inMünchen löste weltweitAlarmstufe rot aus. Regie-rungen von Washington bisTokio ließen sich über dieEntwicklung des Falles re-gelmäßig berichten. Fällewie diese signalisierten,was „diegrößte langfristigeBedrohung für die Sicher-heit der Vereinigten Staa-ten“sei,stellteder FBI-Di-rektor Louis Freeh fest.Unter lebhaftem Beifall des Publi-kums schrieb der deutsche Bundeskanz-ler Helmut Kohl an seinen russischenFreund Boris Jelzin einen Brief, dochbitte dafür zu sorgen, „daß kein spaltba-res Material in der Welt herumvagabun-diert“. Um die Tatkraft der Regierungwenige Wochen vor der Bundestags-wahl ins rechte Licht zu setzen, sandteKohl dann seinen Staatsminister BerndSchmidbauer nach Moskau. DeutscherOrdnungssinn, das war die Botschaft,mußte den Russen, die in ihrem chaoti-schen Land nichts mehr unter Kontrollehatten, den Weg weisen.In einem Zeitungsinter-view platzte Paul Münster-mann, einer der höchstendeutschen Geheimdienst-Männer, schier vor Stolz:Die Verhaftung in Mün-chen, ließ der damaligeVizepräsident des Bundes-nachrichtendienstes wis-sen, sei das „Ergebnissystematischer Planungund nachrichtendienstli-cher Methodik“.Wohl wahr.Die Geschichte um denbislang weltgrößten Pluto-nium-Schmuggel ist eineraffinierte Inszenierungdes Bundesnachrichten-dienstes, die Bomben-Ge-schichte ein Bomben-Schwindel, eine der aben-teuerlichsten Aktionen,die der deutsche Geheim-dienst in seinen fast 40Dienstjahren angezettelthat. Vergleichbar ist sienicht mal mit dem Buben-stück, das Verfassungs-schutz und die Antiterror-gruppe GSG 9 im Juli 1978inszenierten: Mit einemSprengstoffanschlag auf den Hochsicherheitstraktder JustizvollzugsanstaltCelle I wollten die Behörden damals ei-nen V-Mann in die Terrorszene ein-schleusen.Tarnbezeichnung für die Plutonium-Aktion des Bundesnachrichtendiensteswar „Operation Hades“ – in der griechi-schen Mythologie der Gott der Unter-welt. Ziel von „Hades“ war zu bewei-sen, daß die neue unheimliche Gefahraus dem Osten tatsächlich besteht.Um aller Welt zu zeigen, wie porösdie Atom-Arsenale des ehemaligen So-wjetreichs sind, inszenierte der BND ei-nen gewaltigen Bluff, mit allen Zutateneines Thrillers – mit windigen, geldgieri-
Staatsminister Schmidbauer (l.) in Moskau*:
„Details kenne ich nicht“
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Bestätigung der Hypo-Bank (Ausriß):
„Kriegen wir es in bar?“
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gen Agenten, von Ehrgeiz zerfressenenGeheimdienst-Bossen, mit großen undkleinen Gangstern und Gaunern. DieHandlung spielt zwischen Madrid undMoskau, der Showdown vor der Pulla-cher Haustür in München. Geschachertwurde um 276 Millionen Dollar, zumin-dest auf dem Papier.Vor der Öffentlichkeit läuft dasGangsterstück bis heute als schlichterKriminalfall: Vom 10. Mai an muß sichdas Trio der Plutonium-Schmuggler vorder 9. Großen Strafkammer des Land-gerichts München wegen diverser Ver-stöße gegen das Kriegswaffenkontroll-gesetz verantworten. Torres und seinenKomplizen drohen bis zu zehn JahreHaft.Der BND kommt in der Anklage-schrift nicht vor, nicht mal in der Zeu-genliste. Doch die Erfinder der tolldrei-sten Geschichte haben ihren Coup exaktdokumentiert – angefangen von der Pla-zierung eines BND-Lockvogels in derSchieber-Szene zu Madrid bis hin zu denVerkaufsgesprächen zwischen den V-Leuten des Dienstes„Rafa“ und „Roberto“und den Plutonium-Händlern.Die Akten mit denAusschriften abgehör-ter Telefongespräche,mit Observationsberich-ten und Wortprotokol-len von Treffen zwi-schen BND-Spitzeln undAtom-Dealern, bei de-nen Geheime stets einMikro dabeihatten, la-gern beim BND und sei-nen Helfern.Wer alles von denVerantwortlichen derRepublik von dem ge-fährlichen Unternehmenhart am Rande der Le-galität gewußt, wer es
* Am 22. August 1994 mitdem russischen Geheim-dienst-Chef Sergej Stepa-schin.
genehmigt und gedeckt hat, blieb un-klar. Kaum zu glauben, daß nicht zu-mindest die rechte Geheimdienst-Handvon Helmut Kohl, Staatsminister BerndSchmidbauer, in die Aktion eingeweihtwar – und sie gebilligt hat. Der Ministerzum SPIEGEL: „Die operativen Detailskenne ich nicht.“Der inszenierte Plutonium-Schmug-gel ist im nachhinein einigen BND-Obe-ren nicht mehr geheuer. Zu Recht be-fürchten sie einen Skandal, wenn dieganze Geschichte an die Öffentlichkeitkommt. Die „Medien“, heißt es in ei-nem vertraulichen Bericht aus Pullach,könnten den „Vorwurf der Anstiftungkonstruieren“, was „dem Prozeßaus-gang und allen beteiligten Behördenbzw. Personen nachhaltig schaden wer-de“.Nur an dem branchenfremden Präsi-denten des Dienstes, Konrad Porzner,einem früheren Finanzexperten derSPD, lief das Stück offenbar vorbei. Ir-ritiert ließ er, nachdem alles gelaufenwar, in seinem Hause nachfragen, obBND-Leute als „Agents provocateurs“aufgetreten seien.Wissen wollte er auch, ob „die Pluto-nium-Lieferungen gepuscht“ und dieAnbieter „nach München gelockt“ wor-den seien. Die Seinen beruhigten ihn:„Ein klares Nein“, Herr Präsident.In der Plutonium-Affäre haben sichbeim BND die Trennlinien zwischenHalunken und Ehrenmännern ins Un-kenntliche verwischt. Als ein BND-Mann sich sorgte, ob der Transport desPlutoniums auf dem Luftweg nicht zugefährlich sei, was denn passiere, wenndie Maschine abstürze, blaffte ihn BND-Spitzel Rafa voller Verachtung an: „Dasgeht mir doch am Arsch vorbei.“„Operation Hades“ war das Werk-stück eines nach der Wende gegründe-ten Referats im BND, das sich um post-kommunistische Agenten-Sujets wieGeldwäsche und Drogenhandel küm-mern soll. Der in Haus 109 residieren-den Truppe mit dem Kürzel 11A trautselbst in Pullach mancher nicht über denWeg.Seit dem Bundesnachrichtendienstmit dem Ostblock auch seine Feindbil-der weitgehend abhanden gekommensind, sucht der Pullacher Dienst mit sei-nen insgesamt 6300 Auswertern, Spio-nen und Spitzeln nach Gründen für dieweitere Daseinsberechtigung. Abteilun-gen rivalisieren miteinander, jeder miß-traut jedem. Daß der großangelegte Plu-tonium-Bluff jetzt herauskommt, hatmit diesen internen Überlebensquerelenzu tun.In den letzten Monaten meldete sichimmer mal wieder ein Unbekannter beidem Münchner Strafverteidiger WernerLeitner, der den Häftling Torres ver-tritt. „Brutal“, sagte der Anonymus, seider Fall von Kollegen „angeschobenworden“. Die Kamera-den wollten „Lorbeerenernten. Die haben ihr ei-genes Süppchen ge-kocht“.Der Maulwurf aus Pul-lach gab den Rat, in Spa-nien zu ermitteln. „Dortkommen Sie weiter.“In der deutschen Bot-schaft der spanischenHauptstadt hat tatsäch-lich jene Geschichte an-gefangen, die später dieMenschen quer über denGlobus in Schrecken ver-setzte.Leiter der BND-Resi-dentur in Madrid ist Dr.Peter Fischer-Hollweg,Deckname „Eckerlin“,ein Klotz von Mann mitgeschliffenen Manieren.In der Botschaft leitet Fi-scher-Hollweg offizielldas Politikreferat 2. „Pe-
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