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J A N U A R 2014

D I E Z E I T No 2

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GESCHICHTE

B
814

Johannes Fried, porträtiert von Isolde Ohlbaum, darunter eine Szene aus den »Grandes Chroniques de France«: Die »Krönung Karls zum König der Franken«, 768 in Noyon

iografien haben Konjunktur. Die Strukturgeschichte hatte sie, zumal in Deutschland, lange Jahre in den Hintergrund gedrängt. Wie aber sie schreiben, wie Zeugnis ablegen über einen Menschen in seiner Zeit, dessen Dasein längst erloschen ist? Wie sich einem fremden Leben nähern? Die griechische Antike entwickelte dafür Lebensmuster, die fortan den Biografen die Arbeit erleichterten. Für das lateinische Mittelalter wurden die Kaiserbiografien des Römers Sueton zum Vorbild; in der Renaissance trat der griechisch schreibende Plutarch hinzu. Beide folgten dem Muster: Herkunft und Geburt, Kindheit, Erziehung und Bildung, öffentliche Karriere und historische Leistungen, Familienleben, Äußeres, Religiosität und Tod – insgesamt eine Abfolge von Wahrnehmungen im öffentlichen Raum, wenn nicht überhaupt die Beschreibung öffentlichen Auftretens, ganz mit fremden Augen, keinerlei Selbstzeugnis. Just in frühchristlicher Zeit aber war die antike Tradition verblasst. Allein mit Heiligenleben, einem völlig anderen Genus, warteten die ersten mittelalterlichen Jahrhunderte auf. Der Typus des »heiligen Mannes« dominierte nun. Hier trat ein Ich hervor, das sich für das Jenseits rüstete. Erst Einhard, der Biograf Karls des Großen, bescherte uns mit seiner berühmten Vita Karoli, seinem Karlsleben, das er dem Andenken des ganz unheiligen Karl widmete, die Wiedergeburt der weltlichen Biografie. Es geschah in Anlehnung an Sueton. Einhard, ein Gelehrter und Vertrauter Karls, schrieb sein Buch wohl um 827, anderthalb Jahrzehnte nach dem Tod des Kaisers am 28. Januar 814 in Aachen. Er schrieb es auf Lateinisch, eine Originalhandschrift des Autors ist nicht erhalten. Das Buch existiert in zwei oder drei leicht unterschiedlichen Fassungen, in mehr als 100 Handschriften, die über alle großen Bibliotheken Europas verstreut sind: von Kopenhagen über Paris, Berlin, London, München, Wien bis zur Vaticana in Rom. Alle diese Handschriften stammen aus dem 9. oder 10. Jahrhundert und liegen, so darf sicher vermutet werden, vergleichsweise nahe am ursprünglichen Wortlaut. »Leben und Lebenswandel meines Herrn und Erziehers und einen Großteil seiner Taten zu beschreiben, habe ich gerne unternommen.« So beginnt Einhard sein Karlsleben. Es sollte ein Werk der Dankbarkeit gegen seinen Gönner sein, in dessen Gunst der Autor sich lange sonnen durfte. Nichts sollte ausgelassen werden von dem, was ihm von seinem einstigen Herrn bekannt geworden sei, doch nichts »durch Weitschweifigkeit des Erzählens« die Leser belästigen. Knappheit und Vollständigkeit also. Bis in Sprachduktus, Stoffauswahl und Gliederung folgt der fränkische Autor Satz für Satz dem Vorbild Suetons. Ein anderes Muster steht ihm nicht zur Verfügung. Alles, was er von seinem Helden zu berichten hat, findet dort sein Vorbild. Einhards Karl erscheint wie ein antiker Caesar, statisch und fremdartig. Taten, Charakter und Interessen, Familie, Herrschaftsordnung und Karls Ende werden thematisch gebündelt, nicht chronologisch geordnet, so als würde ein starres Lebensregister angelegt, kein Wandel in der Zeit verfolgt. Der fränkische Eroberer und Kaiser wird wie von außen gesehen, wird einem fremden, einem gleichsam geliehenen Muster unterworfen – ein wichtiges Stück Literatur gewiss, ein politischer Text obendrein, aber höchst distanziert. Er lässt kalt. Karl selbst kommt nicht zu Wort. Pläne, Absichten, Scheitern, der ganze Herrschaftsvollzug: Das alles bleibt unbestimmt und vage. Keiner der Ratgeber tritt hervor. Bloß zwei Gelehrte finden als Lehrer des Königs Erwähnung sowie 30 Zeugen des Testaments, 15 Geistliche und 15 Grafen. Kein einziger Herrschaftsakt sieht sich durchleuchtet, weder der Beginn der Alleinherrschaft 771 noch die Kriegszüge gegen Sachsen, Langobarden und Araber, noch die Krönung zum Kaiser 800 in Rom.

Doch eine Vita muss erdacht, beschrieben, erzählt sein, um etwas zu sein. Auch Einhard »erzählte«, um zu »beschreiben«, wie er selbst festhielt. Aber keine Vita erzählt sich selbst, keine schreibt – wie es so irritierend heißt – das Leben selbst. Stets ist ein Biograf am Werk. Stets entwirft ein Fremder ein Dasein und erzählt es zu seiner Zeit, für sein Publikum, nach den ihm vertrauten Maßstäben, die nicht die Maßstäbe seines Helden waren. Neue historiografische Erfahrungen haben sich längst von Einhard, Sueton oder Plutarch gelöst, was immer Historiker ihnen einstmals auch verdankt haben mochten. Eine moderne Karls-Biografie wird ihnen auch tendenziell nicht folgen. Ihr genügt der bloße

Es sind Lebenssplitter, die hier und da aus Erinnerungen aufsteigen, aus Selbst-, Fremd-, sozialen und Zeugnissen der natürlichen Umwelt. Kein menschliches Dasein offenbart in den überlieferten Zeugnissen die Totalität der zurückgelegten Wege und Bahnen, seiner Begegnungen mit anderen, seiner Absichten, Emotionen, Erfolge oder seines Scheiterns, es enthüllt nicht die ganze Widersprüchlichkeit eines lebendigen Ichs und dessen Austauschs mit seinesgleichen und in seiner Welt. Auch die gelungenste Biografie setzt, gewissen methodischen Vorgaben, weithin aber eigenem Gutdünken folgend, nur Fragmente zusammen. Der Biograf, auf der Suche nach einer Lebenslinie, wird versuchen, die vorgefundenen Splitter nach bes-

Leben
erzählen
Im Januar 814 starb Karl der Große. Der Frankfurter Historiker JOHANNES FRIED hat gerade ein Buch über ihn veröffentlicht. In diesem Essay berichtet Fried von den Erfahrungen bei seiner Arbeit und dem Abenteuer, sich als Historiker überhaupt an eine Biografie zu wagen

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scher erarbeitet, idealtypisch gesehen, seine Imaginationen nach systematischer Sichtung der gesamten einschlägigen Überlieferung, nach deren kritischer Überprüfung auf Echtheit, unausweichliche Erinnerungsdeformationen, Relevanz und Aussagekraft für jenes zu beschreibende Leben und seine Zeit. Nur beharrliches Befragen von vielerlei Zeugnissen enthüllt jenes soziale Moment, den unabdingbaren Kollektivaspekt der individuellen Biografie. Das gilt auch für Karl. Er war ein mächtiger, ein gefährlicher, von seinem Gefolge gefürchteter Herrscher, der Schrecken verbreitete, dennoch kein Autokrat. Erst eindringliche Forschung offenbarte die mannigfachen Rechtsetzungen des Königs als Ergebnisse eigentümlich kollektiver und konsensualer Herrschaft, an der viele beteiligt waren, und zeigte ihn im Zentrum eines personalen Herrschaftssystems, von dem unablässig Druck auf alle Beteiligten ausging. Ein Romancier hingegen bereist gewöhnlich keine Archive, vertieft sich selten in schwer entzifferbare Handschriften, prüft nicht, ob diese oder jene Konjektur zutrifft; er verlässt sich in der Regel auf die Forschungen der Spezialisten, wagt auch eigene Deutungen. Er erweitert das Wissen nicht, schmückt es vielmehr aus und macht die Rezeption gefälliger. Beide aber, Forscher wie Dichter, benutzen – bald geschickter, bald weniger überzeugend – dieselbe Sprache, dieselben Topoi und Erzählmuster. So erweist sich jede Biografie als stilisierter Text, als Erzählung, als ein Stück Literatur und – im Ganzen betrachtet – als eine Fiktion, auch wenn ihre Darstellung in Teilen reales Geschehen, reale Sachverhalte, reale Verhältnisse anspricht und ihnen genügen möchte. In Folge gleicht keine wissenschaftliche Biografie einer anderen, selbst wenn jede von ihnen dasselbe Material verarbeitet und dasselbe Leben zu beschreiben versucht. Jede unterliegt nicht nur einem »Epochenstil«, wie der Heidelberger Altphilologe Walter Berschin hervorhob, in jeder verbirgt sich zugleich – ob er will oder nicht – der Biograf. Der geübte Leser wird die Feder, die Argumentationsweise, den Denkstil des einen oder anderen Autors erkennen – so wie er Dichtung und Wahrheit von den Betrachtungen eines Unpolitischen zu unterscheiden vermag. Wir heute messen wie einst die Römer den Erfolg im Leben. Der Tod wird eher verdrängt, es sei denn, er ließe sich heroisieren. Zu Karls Zeit aber war es der Tod, der ein Leben auszeichnete, ein ruhiges, Gott zugewandtes Sterben, ein seliger Tod. Noch zählte das Erbe der Heiligenviten. Karls irdischer Tod wurde nur kurz beweint; ihm folgte im Urteil manches Zeitgenossen ein Debakel im Jenseits mit schweren Leiden und Bußen. Einhards Vita aber sparte, Sueton folgend, das alles aus. mmerhin, ein einziges Selbstzeugnis dieses Herrschers, der selbst wohl kaum zu schreiben vermochte, blieb uns erhalten. Er hatte einst eine Art Gutachten, ein Werk in vier Büchern mit ausführlicher Einleitung und knapp 120 mitunter sehr langen Kapiteln, gegen das siebte Ökumenische Konzil (das zweite Konzil von Nicäa im Jahr 787) in Auftrag gegeben. Es sollte ein Manifest fränkisch-königlichen Stolzes auf die erneuerte Bildung im Frankenreich sein, um die für arrogant gehaltenen »Griechen« in Konstantinopel den rechten Glauben zu lehren. In diesem Werk des Königs Karl gegen das Konzil – oder Libri Carolini (»Karls Bücher«) –, verfasst von Theodulf, dem späteren Bischof von Orléans, sind 80 Randbemerkungen Karls notiert. Ursprünglich waren es sogar mindestens 111, ein nichtwissender Buchbinder hat die Handschrift, die heute zu den Kostbarkeiten der Vatikanischen Bibliothek zählt, verstümmelt. In diesen »Randbemerkungen« stimmt Karl Theodulf immer wieder zu, wenn dieser die »memoria rerum gestarum« preist, das »Gedächtnis an Taten«. Karl wollte ganz ausdrücklich seine öffentlichen Taten – nicht sein Privatleben – festgehalten wissen. Dem entsprechen diverse Chroniken und Annalen, die mehr oder weniger vom Hof ihren Ausgang nahmen und vermutlich vom König abgesegnet waren. Sie geben eine strenge Kontrolle der »zu erinnernden Taten« zu erkennen, die bis zu verfälschender Manipulation reicht, und konfrontieren jeden Biografen mit einer beengenden Einseitigkeit. Aber gerade darin verraten sie Wesenszüge dieses Großen. Er zeigte sich als Herr über die Vergangenheit und über das künftige Wissen von derselben. In diesen Schriften, die wir in Ergänzung zu Einhards Vita als eine Art Selbstporträt deuten können, tritt ein kriegerischer Herrscher hervor, der sich in jüngeren Jahren wiederholt zu Gewalttaten hinreißen ließ. In späteren Jahren, als Kaiser, allerdings trieb ihn die Sorge um Frieden an, um Recht und Gerechtigkeit, um den Glauben und die wahre Gottesverehrung unter seinen Völkern. Es ist ein Mann, der im Alter als gläubiger Herrscher in Gottes Huld zu stehen und vor seinen Richterthron zu treten wünschte. Karls Randbemerkungen in jenem Gutachten gegen das Konzil geben dieser Darstellung autobiografischen Wert. Durch diese Beglaubigung erahnen wir, was ihn bewegte, und schaffen es, dem Menschen Karl über die Distanz der Jahrhunderte hinweg ein wenig näher zu kommen; Momente seiner Selbstdeutung werden sichtbar. Auch wenn damit die Distanz zwischen eigenem Leben und fremder Lebensbeschreibung nicht überwunden wird, so können diese glücklich bewahrten authentischen Worte doch ein wenig von dem offenbaren, was den König und Kaiser, den Menschen erfüllte: sein eigenes Selbst, seine Mitte. Gewaltbereitschaft und demütiger Glaube zeichneten diesen Herrscher aus, der die Königsmacht stärkte, die Kirchenreform forcierte, sich Rom unterwarf und dennoch in Glaubensdingen dem Nachfolger Petri folgte. In all dem repräsentierte er seine Zeit, ein ganzes Zeitalter.
Johannes Frieds Biografie »Karl der Große – Gewalt und Glaube« ist im Herbst im Verlag C. H. Beck erschienen; gerade wird die zweite Auflage ausgeliefert (736 S., 26,95 €)

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E

in blutleeres Leben? Der König pflegte, so hält dieses Karlsleben fest, Umgang mit wenigstens zehn Frauen. Wie er aber zu ihnen stand, verrät kein Einhard und kein anderer Autor. Nur ein Brief an eine der Gemahlinnen hat sich zufällig erhalten, in der Nationalbibliothek in Paris. Er stammt aus dem Jahr 791 – Karl befand sich wieder einmal auf einem Feldzug – und war ursprünglich an die Königin Fastrada gerichtet. Doch das Schreiben, von der Hand eines Sekretärs, ist als Muster umgearbeitet: Alle Namen sind durch »ill.« (»jene oder »jener«) ersetzt, also auch die Namen der Königin und der Kinder Karls. Das Schreiben sollte das Muster sein, wie ein König an seine Gemahlin zu schreiben hat. Immerhin lässt dieses seltene Musterstück persönliche Beziehungen zwischen den Ehegatten erahnen, doch mehr eben nicht, nur Zeremoniell, Rituale, Rollenspiele. Kein Zeichen der Zuneigung, der Zärtlichkeit, schon gar keine Intimität, kein Kuss, keine Berührung. Nichts dergleichen hat sich in die Überlieferung gerettet. Sie waren als beschreibungswürdiges Thema noch gar nicht entdeckt, und zwischen den Zeilen der Vita Karoli zu lesen ist nur in den seltensten Fällen erfolgreich. So meinte man sogar, aufgrund eines einzigen Wortes bei Einhard (dem lateinischen contubernium) ein inzestuöses Verhältnis Karls zu seinen Töchtern vermuten zu dürfen. Der moderne Biograf verlangt mehr. Er sieht ja nicht bloß seinen Heros, auch wenn er ihn in den Mittelpunkt rückt. Niemand lebt für sich, außerhalb seiner Zeit und der Gesellschaft. Jeder Mensch kommuniziert auf vielen Ebenen mit der Welt und ändert sich unter dem Druck von Lebenserfahrungen. In seinem, diesem nun exemplarischen Leben muss – nicht in allen Details, aber doch in umfassendem Entwurf – ein ganzes Zeitalter aufleuchten, soll der eine, der Held, hervortreten. In seinem Planen, Tun und Leiden offenbart sich, wenn das Unternehmen glückt, nicht – frei nach Jacob Burckhardt – bloß der Einzelfall, vielmehr ein Stück Weisheit für immer, erweist sich die Biografie gar als höchste Form der Geschichtsschreibung, als ihre Vollendung.

»Einhard schreibt das Leben Karls des Großen«, Buchmalerei aus den »Grandes Chroniques de France«, 1375/79

Tatenbericht nicht, nicht die fremde Augenzeugenschaft, das Kaleidoskop der öffentlichen Auftritte, die summarische Charakterologie, ihr genügen auch nicht die paar zusätzlichen Fragmente, die in irgendwelchen Schriftzeugnissen überdauerten. Karl der Große war mehr als das, was er selbst, Einhard oder ihre Zeitgenossen bis heute sichtbar hinterließen. Wie aber dieses Mehr, ein ganzes Menschenleben erfassen? Es intendiert die Annäherung an eine fremde Zeit und ein fremdes Ich, an ein verborgenes Selbst, das seine Mitte nicht mehr selbst offenbaren, schon gar nicht rechtfertigen kann. Sollte ein solches Unterfangen dem Historiker unmöglich sein? Dann müsste er das gesamte Biografiegeschäft dem Dichter überlassen. Oder erschließt es sich wenigstens spekulativ, als »Schau«? Pierre Bourdieu sprach schonungslos von der »biografischen Illusion«, da keine Lebensbeschreibung ohne theoretische Vorannahmen auskomme und ein schreibendes Subjekt nie zu einem beschriebenen Objekt mutieren könne. Ein fremdes Leben wie ein Puzzle Tag für Tag, Stunde für Stunde zusammenzusetzen ist unmöglich. Die erhaltenen Dokumente, selbst bei historischen Gestalten, die anders als Karl viele persönliche Zeugnisse hinterlassen haben, würden nicht reichen, und kein Biografenleben währte lange genug, um ein solches Unterfangen mit seinen schier unendlichen Teilen zu vollenden. Es bliebe immer Stückwerk. Kein Leben lässt sich – noch einmal Bourdieu – als bloße Abfolge aufeinander folgender Ereignisse begreifen.

tem Wissen zu einem Ganzen zu ergänzen. Hier reiche, dort dürftige Lebenszeugnisse zwingen dazu, auszuwählen und zu kürzen, von überquellenden Einzelheiten zu abstrahieren, um das Werk zu vollenden, bald auch Ergänzungen vorzunehmen, notwendig erscheinende Überlegungen, Vermutungen, Analogien und Hypothesen geltend zu machen, die sich in keinem erhaltenen Zeugnis expliziert sehen. Eine Biografie ist stets mehr als die Summe der Quellen, aus denen das für sie notwendige Wissen fließt. Sie beschreibt, abstrahiert, imaginiert und konstruiert eine Gestalt, die im Ergebnis eine ganz persönliche Schöpfung ihres Autors darstellt. as Verfahren steht dem historischen Roman näher, als den meisten Wissenschaftlern bewusst ist. Auch wissenschaftliche Biografien sind mal besser, mal weniger gut erzählte Literatur. Sosehr sie auch der historischen Wirklichkeit verpflichtet sein wollen, sie müssen erfinden, weil kein reales Leben offen vor ihnen liegt. Sie schwelgen im kulturellen Gedächtnis, rufen Abwesendes vor Augen, appellieren an ein Erinnerungsverfahren, das Aristoteles mit Fantasie verband. Sie imaginieren, um ihren Geschöpfen Leben einzuhauchen. Doch es gibt Unterschiede. Die Herkunft des jeweiligen Wissens unterscheidet den Roman von der gelehrten Biografie, jedenfalls in der Regel. Der For-

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Abb.: akg; Foto: Isolde Ohlbaum/laif