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Erich Blieberger* LEXIKALISCHE BESONDERHEITEN DER DEUTSCHEN STANDARDSPRACHE IN ÖSTERREICH – AUCH IM DEUTSCHUNTERRICHT FÜR AUSLÄNDER?

Resumo
O artigo trata da linguagem escrita na Áustria e tenta evidenciar, através de vários exemplos retirados do vocabulário regional, a identidade linguística dentro do alemão-padrão. Aborda também a questão de saber se/até que ponto se devem ter em conta variantes regionais no ensino de alemão a estrangeiros.

1. Einleitung
Die Begriffe Sprachlandschaften, Varianten und Varietäten (1) werden in der wissenschaftlichen Literatur nicht nur bei der Beschreibung von Dialekten verwendet, sondern auch dann, wenn unterschiedliche Ausprägungen der deutschen Standardsprache Gegenstand der Forschungsarbeit sind. Die standardsprachliche Situation in Österreich ist sicher in erster Linie mit den dialektalen Grundlagen und mit einem hohen Maß an Dialektalität korrelierbar. Besonderheiten gibt es in verschiedenen sprachlichen Bereichen. Dazu zählen etwa die Intonation, die Morphologie und der Wortschatz. Einen Teil der in Österreich gebräuchlichen lexikalischen Besonderheiten findet man auch in Süddeutschland, und zwar vor allem in Bayern. Innerhalb Österreichs sind regionale Unter*

Leitor de Alemão do Departamento de Estudos Germanísticos da Faculdade de Letras da Universidade de Lisboa p o l i f o n i a , Lisboa, Edições Colibri, n.º 3, 2000, pp. 37-50

schiede in der Standardsprache kaum feststellbar. Auf Österreich beschränkte standardsprachliche Besonderheiten gibt es fast ausschließlich im Bereich der öffentlichen Verwaltung. Der erste, der sich eingehend mit unterschiedlichen Ausprägungen der deutschen Standardsprache beschäftigte, war wohl Kretschmer. Im Vorwort zu seiner Wortgeographie der hochdeutschen Umgangssprache (Kretschmer, 1918:1-2) führt er Beispiele für unterschiedlichen Sprachgebrauch in Wien und Berlin an. Zwischen einem Wiener und einem Berliner entspinnt sich ein amüsanter Dialog. Beide sprechen ihr situationsadäquates Deutsch und können problemlos miteinander kommunizieren, doch kommt dem Wiener das Deutsch des Berliners genauso merkwürdig vor wie dem Berliner das des Wieners. Der Berliner betritt in Wien ein Geschäft und verlangt eine Reisemütze. Der Verkäufer berichtigt ihn: «Sie wünschen eine Reisekappe.» Dann sagt der Berliner: «Die bunten liebe ich nicht.» Der Verkäufer übersetzt diese Aussage in sein Deutsch: «Die färbigen gefallen Ihnen nicht.» Der Wiener liebt nämlich nur Personen, aber keine Sachen. Der Berliner fragt dann: «Wie teuer ist diese Mütze?» und verwendet damit abermals zwei in diesem Zusammenhang in Wien ungebräuchliche Bezeichnungen. (Mütze kam schon weiter oben vor.) Teuer bedeutet für Wiener einen übertrieben hohen Preis. Wie teuer ist das? bedeutet folglich: Wie übermäßig hoch ist der Preis? Der Wiener sagt nur: Was kostet das? Der Berliner sucht eine Kasse und findet eine Aufschrift Kassa. Da es früh ist, verlässt er das Geschäft mit dem Gruß: «Guten Morgen!» und ruft damit beim Wiener, der diesen Gruß bei der Ankunft, nicht aber beim Abschied verwendet, abermals Verwunderung hervor. Der Wiener erwidert den Gruß folgendermaßen: «Ich habe die Ehre! Guten Tag!» was wiederum den Berliner erstaunt, denn den Gruß Guten Tag! kennt er zwar bei der Begrüßung, nicht aber bei der Verabschiedung. Folgendes sei über die Gültigkeit der hier angeführten Wortbeispiele nach mehr als 80 Jahren gesagt: (2) Die Grußformel Ich habe die Ehre! entspricht nicht mehr der sozialen Wirklichkeit. In einigen anderen Fällen ist der Wortgebrauch gleich geblieben: Statt Mütze verwendet man heute immer noch

Kappe, doch gibt es Kappe auch im Binnendeutschen, nur in einer anderen Bedeutung (3). Nach wie vor wird Kassa gesprochen und geschrieben, jedoch kommt auch Kasse des öfteren vor. Bei der Verwendung der Grußformeln Guten Tag! und Guten Morgen! hat sich ebenso nichts verändert. Eine dritte Gruppe von Lexemen wird heute (nahezu) genauso verwendet wie im Binnendeutschen. Bunt empfindet man heute keineswegs als unösterreichisch, jedoch stilistisch als gehobener denn färbig (4). Teuer sein und kosten können in bestimmten Kontexten Synonyme mit der Bedeutung einen bestimmten Preis haben sein. Auch lieben wird heute so verwendet wie im Binnendeutschen, also auch in Verbindung mit Gegenständen. Die im Dialog vorkommenden Beispiele mögen zum Teil veraltet sein, doch lässt sich damit gut veranschaulichen, wie unterschiedlich der Gebrauch sprachlicher Einheiten in bestimmten Kontexten sein kann.

2. Vorurteile, Missverständnisse
Das Wissen der Österreicher um die Besonderheiten der deutschen Standardsprache in Österreich ist aufgrund des geringen sprachgeografischen und soziolinguistischen Wissens von vereinfachenden Gegenüberstellungen geprägt. Wird das Thema angeschnitten, so sind Standardbeispiele schnell genannt: Erdapfel/Kartoffel oder Obers/Sahne. Untersucht man diese Lexeme genauer, so macht man zum Teil überraschende Feststellungen über ihre soziale Bewertung sowie über ihre Verbreitung. Nehmen wir zunächst das Beispiel Erdapfel/Kartoffel. Erdapfel wird zwar in Österreich häufiger verwendet als Kartoffel, doch kann dieses Wort nicht als Austriazismus bezeichnet weren, da es nicht auf Österreich beschränkt ist. Ebner (1980:114) zufolge ist Erdapfel in verschiedenen Regionen Süddeutschlands und der Schweiz mundartlich, hochsprachlich hingegen nur in Österreich. Scheuringer (1987:114) sieht das genauso und meint, in Bayern gilt Erdapfel mehr als in Österreich als nur dialektal. Auch Obers ist Ebner (1980:132) zufolge in Österreich weit verbreitet, kommt jedoch ebenso in Bayern vor. Sahne werde Deutschen gegenüber in Fremdenverkehrsgebieten verwendet, sei aber sonst ungebräuchlich. In welchen Bereichen der Lexik sind standardsprachliche österreichische Varianten häufig und welche Lexeme sind tatsächlich rein österreichisch, welche dagegen gemeinbairisch oder süddeutsch? Diese Fragen sollen im Folgenden behandelt werden.

3 . Wortgeografie Dass die Lexik die in Österreich übliche deutsche Standardsprache am besten kennzeichnet, wird in der wissenschaftlichen Literatur immer wieder hervorgehoben (5). Was Wörterbücher betrifft, so findet man die genauesten Angaben über die Verbreitung österreichischen Wortbestandes zweifellos bei Ebner (1980). In seinem Wörterbuch sind ca. 4500 Lemmata verzeichnet. Er gibt eine umfassende Beurteilung der lexikalischen Einheiten nach Sprachschichten. Zum Teil sind sie im Binnendeutschen unbekannt oder ungebräuchlich. Viele weichen in ihrer Bedeutung von der binnendeutschen Variante ab. Des weiteren ist eine größere Anzahl von Lemmata verzeichnet, die in Österreich anders betont werden – z. B. wird Kaffee überall in Österreich auf der letzten Silbe betont (Ebner, 1980:102) – oder andere morphologische Merkmale besitzen (etwa Flexion, mehr Umlautung, starke Tendenz zum Fugen-s). Die Beispiele, die die Bedeutung erhellen und den Gebrauch verdeutlichen sollen, sind fast ausschließlich Belege aus literarischen Werken und österreichischen Tageszeitungen. Bei zahlreichen Lemmata, wie z. B. Hauer (bdt. Winzer) (Ebner, 1980:90) steht als Angabe des Verbreitungsraumes öst. und süddt., bei anderen wie Plache (bdt. Plane, Wagendecke) (Ebner, 1980:141) öst. und bayr. Bei einer großen Anzahl von Lemmata findet man keine Angaben, was jedoch nicht den Schluss zulässt, dass die betreffenden Lemmata auch tatsächlich überall in Österreich verbreitet sind. Genauere Untersuchungen über die räumliche Zuordnung österreichischen, süddeutschen und bairischen Wortschatzes fehlen noch weithin. Wiesinger (1983:192-193 und 1988b:25-27) teilt den in Österreich gebräuchlichen und innerhalb der deutschen Standardsprache besonderen Wortschatz in 5 Gruppen ein. I. Die erste Basis des spezifisch österreichischen Wortschatzes ist der süddeutsche Sprachraum, der sich aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz zusammensetzt. Als seit dem Frühneuhochdeutschen das Ostmitteldeutsche für das Deutsche zusehends federführend wurde, hat das Oberdeutsche viele Entwicklungen nicht mitvollzogen, woraus eine verhältnismäßig klare Trennung zwischen dem Oberdeutschen einerseits und dem Mittel – und Nordhochdeutschen andererseits resultierte. (Ebner, 1988:105) Dazu die folgenden Beispiele: heuer (bdt. in diesem Jahr) (Ebner, 1980:93) Karfiol (bdt. Blumenkohl) (Ebner, 1980:104)

II. Die Zugehörigkeit Österreichs (außer Vorarlberg) zum bairischen Dialektraum (Bayern, Österreich, Südtirol) bringt es mit sich, dass es zwischen Österreich und Bayern ein hohes Maß an gemeinsamen sprachlichen Merkmalen gibt, und zwar nicht nur auf dialektaler Ebene. Der Dialekt dieser Landschaften bildet aber nur die Basis für die Ausbildung regionalen Wortschatzes (Ebner, 1988: 105). Auch zu diesem Bereich seien einige Beispiele genannt: zufleiß (bdt. absichtlich; dazu auch die Wendung jmdm etw. zufleiß tun: etw. mit Absicht tun, um jmdn. zu ärgern) (Ebner, 1980:202) Topfen (bdt. Quark ) (Ebner, 1980:182) Kipfel (bdt. Hörnchen, kleines gebogenes Weißbrotgebäck) (Ebner, 1980:107) III. Es gibt außerdem Wortschatz, der im gesamten österreichischen Bundesgebiet gebräuchlich ist, nicht jedoch im angrenzenden deutschsprachigen Ausland. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Bezeichnungen für politische und administrative Sachverhalte und Institutionen. Daneben gibt es eine große Gruppe von Wörtern, die von diesem Wechselverhältnis zwischen dem Binnendeutschen und Österreich nicht betroffen ist. Es sind vor allem Ausdrücke aus dem staatlichen, politischen und militärischen Bereich (Ebner, 1980:211-212). Sehr viele dieser Bezeichnungen stammen aus dem Lateinischen. Die Verwaltungssprache tendiert als Relikt älterer lateinischer Verwaltungsterminologie noch stärker zum Lateinischen (Ebner, 1988:164). Aus diesem Bereich seien die folgenden Beispiele angeführt: pragmatisieren (bdt. fest, unkündbar anstellen) (Ebner, 1980:144) Realakt (bdt. gerichtliche Handlung, die ein Grundstück betrifft) (Ebner, 1980: 149) rekommandiert (bdt. eingeschrieben) (Ebner, 1980:151) Der umgekehrte Fall – ein germanisches Wort im österreichischen Amtsdeutsch, dem eine lateinische Bezeichnung im Binnendeutschen gegenübersteht – dürfte dagegen selten sein. Auch dafür sei ein Beispiel genannt: Wachebeamter (bdt. nur Polizist) (Ebner, 1980:195) Anders verhält es sich mit Wörtern aus dem Alltagsleben. Sieht man etwa Eichhoffs Wortatlas der deutschen Umgangssprachen (1977) durch, so findet man nur wenige Wörter, die in ihrer Verwendung (nahezu) auf das heutige Österreich beschränkt sind. Sich verkühlen (bdt. sich erkälten) belegt Eichhoff (Karte 6) in ganz Österreich und Südtirol, daneben noch in einigen bayrischen

Dörfern. Beisel (Karte 32) gibt es nur in Österreich, in einigen wenigen Orten neben Kneipe; im alemannischen Vorarlberg wurde auch einmal Beize angegeben. Das Wort Jause (Vormittagsfrühstück) (Karte 35) hat sich weitgehend in ganz Österreich durchgesetzt, im Osten steht dafür auch Gabelfrühstück, im alemannischen Westen auch Znüni. Jause (Karten 36 und 37) bedeutet in weiten Teilen Österreichs auch Zwischenmahlzeit am Nachmittag, in Tirol und in Südtirol sagt man dafür häufig Marende. Zuckerl (bdt. Bonbon) (Karte 63) ist in Österreich und Südtirol, in einigen Orten des schweizerischen Grenzgebiets zu Österreich und vereinzelt in Süddeutschland üblich. Fetzen (bdt. Putzlappen) (Karte 80) sagt man im bairischen Teil Österreichs, im alemannischen Vorarlberg wird Putzlappen verwendet. Den Schulranzen (Karte 88) nennt man in Österreich und in Südtirol sowie in einigen Orten der Oberpfalz und Niederbayerns Schultasche und vereinzelt Schulpack . Bei insgesamt 125 Karten ist das doch eine sehr bescheidene Anzahl von Wörtern. Dazu die Einträge in den beiden größten Wörterbüchern der österreichischen Besonderheiten, nämlich bei Ebner (1980) und im Österreichischen Wörterbuch (ÖWB, 1985) (6). Bei Ebner (1980:192) findet man zu verkühlen Folgendes: Ist in Österr. das übliche hochsprachliche Wort für erkälten, im Binnendt. ist es selten oder gilt als umgangssprachlich. Im ÖWB (1985:400) ist das Lemma verzeichnet, jedoch ohne Hinweis auf seine Verbreitung. Zu Beisel heißt es bei Ebner (1980:42): Kneipe; einfaches Gasthaus (auch bayr.). Das Wort kann abwertend gebraucht werden für ein schlechtes Lokal, ebenso aber salopp im guten Sinn für ein Gasthaus, in dem man billig einfachere, dafür aber reichliche Speisen essen und sich gemütlich aufhalten kann, ohne auf die Umgangsformen eines feinen Restaurants Rücksicht nehmen zu müssen. Im ÖWB (1985:132) findet man die Abkürzung W für Wien (also nur in Wien geräuchlich), Kneipe ist als in Österreich nicht oder nur wenig gebräuchlich mit einem nachgesetzten Asteriskus gekennzeichnet. Beize kommt weder bei Ebner (1980) noch im ÖWB (1985) vor, was den Verdacht erhärtet, dass westösterreichischer Wortschatz von Lexikografen bisweilen ignoriert wird. Jause ist sowohl bei Ebner (1980:100) als auch im ÖWB (1985:224) verzeichnet. Gabelfrühstück kennzeichnet Ebner (1980:75) als ostöst., im ÖWB (1985:195) ist es ohne Hinweis auf den Verbreitungsraum angeführt. Das Lemma Znüni fehlt sowohl bei Ebner (1980) als auch im ÖWB (1985). Dass Jause auch

Zwischenmahlzeit am Nachmittag bedeutet, steht im ÖWB (1985: 224), nicht jedoch bei Ebner (1980). Marende sagt man Ebner (1980:122) zufolge in erster Linie in Tirol, laut ÖWB (1985:257) in Westösterreich, also auch in Salzburg und im alemannischen Vorarlberg. Im Gegensatz zu Eichhoff (1977) machen weder Ebner (1980:70) noch das ÖWB (1985:183) bei Fetzen die Einschränkung, dass das Lemma nur im bairischen Dialektraum Österreichs gebäuchlich ist. Das ÖWB (1985) kennzeichnet das Wort übrigens als umgangssprachlich. (Schul)ranzen ist ohne Hinweis auf den Verbreitungsraum verzeichnet. Bei Ebner (1980) fehlt dieses Lemma. Wie widersprüchlich die Angaben zum Verbreitungsraum von standardsprachlichen österreichischen Varianten sind, soll zuletzt noch anhand des Beispiels Paradeiser (öst.)/Tomate (bdt.) verdeutlicht werden. Ein Parade-Austriazismus ist das Wort Paradeiser für Tomate – eines der wenigen Wörter außerhalb des Bereichs der Amtssprache, das nur in Österreich und Südtirol existiert (Scheuringer, 1987:114). Gerade mit diesem Beispiel können sehr gut die Schwierigkeiten aufgezeigt werden, die sich bei der Aufzählung und Definition von lexikalischen Besonderheiten im österreichischen Deutsch ergeben. Kretschmer (1918:531) merkt dazu an: In Österreich ist Tomate nicht nur unüblich, sondern vielfach auch unverständlich. In Böhmen und Österr. – Schlesien, auch in Olmütz, Bozen heißt die Frucht Paradeisapfel, im übrigen Österreich nur Paradeis, Plur. Paradeiser. Die Angaben Kretschmers entsprechen zum Teil nicht mehr der heutigen Realität. Wenden wir uns daher neueren Publikationen zu: Im Deutschen Wortatlas (1961: Karte 11) ist ein geschlossenes Paradeiser/Paradeisapfel-Gebiet verzeichnet, das mit dem deutschen Sprachraum in der Donaumonarchie zusammenfällt. Außerdem sind hier Paradeiser noch häufig in Bayern und Paradiesäpfel in Frankfurt/Main belegt. Ebner (1980:136) vermerkt bei diesem Lemma österr. (außer Tirol und Vorarlberg). Das Stichwort Paradeiser kommt jedoch auch im Wörterbuch der Tiroler Mundarten vor (1955:47), und zwar ohne Hinweis auf den Verbreitungsraum, was wiederum den Schluss zulässt, dass es überall in Tirol verbreitet ist. Bei Wiesinger (1983:192) wird das Wort als Beispiel für eine in ganz Österreich verbreitete Bezeichnung in der 3. Gruppe angeführt. Das ÖWB (1985:354) versieht das Lemma Tomate mit einem Asteriskus und bringt damit zum Ausdruck, dass es ungebräuchlich sei. Tatsächlich wird aber Tomate in der deutschen Standardsprache in Österreich heute viel häufiger verwendet als Paradeiser, denn Paradeiser ist eben weithin in Österreich in der sozialen Bewertung so sehr

gesunken, dass es nur für eine partielle Gruppe von bewusst Österreichisch Redenden bzw. Dialektsprechern die separative Sprachfunktion erfüllen kann (Dressler und Wodak, 1983:253). Die angeführten Beispiele zeigen wohl, wie unzuverlässig Wörterbuchangaben zu den Verbreitungsgebieten in Österreich gebräuchlicher lexikalischer Besonderheiten der deutschen Standardsprache sind. IV. Darüber hinaus gibt es ostösterreichischen Wortschatz, wobei es sich zumeist um sprachliche Erscheinungen der Bundeshauptstadt Wien handelt, die sich in unterschiedlichem Maß in ganz OstösTerreich durchsetzen, aufgrund der sprachsoziologischen Bedeutung Wiens schriftsprachliche Gültigkeit erlangen und dann zum Teil auch in den Westen Österreichs vordringen. Typische ostösterreichische Lexeme sind z. B. Greißlerei (es steht für bdt. Krämerei, Lebensmittelgeschäft) oder die aus dem Ungarischen strammende Maschekseite für bdt. Rückseite, gegenüberliegende Seite (Ebner, 1980:123). Zum ostösterreichischen Sonderwortschatz gehören auch etliche Bezeichnungen von Speisen, die zum Großteil aus dem Tschechischen stammen. V. Die Besonderheiten der westlichen und südlichen Bundesländer bilden bei Wiesinger (1983:93 und 1988b:27) eine eigene Kategorie. Kleinräumige Wortschatzbesonderheiten, die zugleich standardsprachlich sind, gibt es kaum. Ausnahmen bilden einige Wörter aus dem Alltagsleben (Ebner, 1988:106). Dazu zählen etwa die in Tirol gebräuchliche Bezeichnung Schwaiger für Senner (Ebner, 1980:165) oder das in Vorarlberg verwendete Wort Rüfe für Erdrutsch, Steinlawine oder Mure (Ebner, 1980:155). Wiesinger (1983:193 und 1988b:26) erwähnt eine weitere, wenig untersuchte Gruppe von Lexemen, die im gesamten deutschen Sprachraum vorkommen, jedoch semantisch nicht übereinstimmen. Am besten hat wohl Ebner (1988:110-124) diese Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung oder unterschiedlichem Bedeutungsumfang dargestellt. Im erstem Teil seiner Arbeit beschreibt er für insgesamt 28 Wortgruppen (a) und Synonympaare bzw. – gruppen (b) unterschiedliche Bedeutungsverteilungen und weist auf das Fehlen bestimmter Bedeutungselemente im österreichischen Deutsch oder im Binnendeutschen hin. Genauere Angaben zum Verbreitungsraum der Lexeme bleiben ausgespart. Dazu sei jeweils ein Beispiel angeführt: (a) für Wortgruppen: Kasten/Kiste/Schrank (Ebner, 1988:119)

Kasten hat in Österreich die Bedeutung von bdt. Schrank (Möbelstück). Die binnendeutsche Bezeichnung Schrank gilt in Österreich als vornehmer (Ebner, 1980:106). Das in Österreich hinsichtlich seiner Bedeutung mit bdt. Schrank besetzte Lexem Kasten bedeutet im Binnendeutschen Behälter für den Transport von Flaschen (Götz et al., 1993:533). In Österreich sagt man dafür Kiste. Im Binnendeutschen bezeichnet Kiste nur einen Behälter aus Holz (Götz et al., 543).

(b) für Synonyme: Kerker/Zuchthaus (Ebner, 1988:116) Kerker bezeichnet im Binnendeutschen nur ein unterirdisches Gefängnis (Götz et al., 1993:539), in Österreich ist das Wort jedoch in die Rechtssprache eingegangen und entspricht semantisch auch dem Binnendeutschen Zuchthaus. Im zweiten Teil sind insgesamt 109 Wörter mit unterschiedlichem Bedeutungsumfang als Beispiele angeführt (Ebner, 1988:124-151). Dazu etwa das Beispiel aufsteigen (Ebner, 1988:127): bdt., öst.: eine höhere Stellung erreichen öst. auch: in die nächste Klasse zugelassen werden: Der Schüler darf aufsteigen (im Binnendeutschen versetzt werden). Aufgrund des intensiven Sprachaustauschs zwischen Österreich und der BRD stehen binnendeutsche und österreichische Varianten in einem Wechselverhältnis zueinander, wobei sich binnendeutsche Wörter eher in Österreich durchsetzen als österreichische in der BRD. Österreichische Bezeichnungen werden jedoch selten verdrängt. Zumeist bestehen sie parallel zu binnendeutschen Ausdrücken weiter. Österreichische Wörter werden vor allem dann in der BRD übernommen, wenn kein entsprechender binnendeutscher Ausdruck existiert (etwa Maut für Gebühr für die Benutzung von Straßen, Brücken u. Ä.) (Ebner, 1980:125). Die kulturellen Traditionen des alten bairischen Stammesraums dürften in Österreich und in Bayern auch ohne bewusste Sprachlenkung ein gewisses Maß an sprachlicher Regionalität innerhalb der gesamtdeutschen Standardsprache gewährleisten. Regionalität scheint eine großflächige Kultursprache wie das Deutsche auch heute noch zu verlangen, um sich nicht zu weit von den Sprachträgern zu entfernen, die sie erst zur Kultursprache machen. Von einem österreichischen Deutsch als einheitlicher, staatsgebundener Varietät, wie sie Vertreter eines nationalpolitschen Standpunktes sehen, die eine Einheit von Sprache, Volk und Kultur annehmen, indem sich eine Nation in ihrer Sprache manifestiere, weil die Sprache als Ausdrucksmittel des Denkens und Fühlens nicht nur vom Volkscharakter bestimmt werde und umgekehrt diesen selbst mitpräge, sondern auf Grund ihrer Ausdrucksfunktion auch zu den kulturellen Äußerungen eines Volkes führe (Wiesinger, 1988b:10), kann angesichts der geringen Unterschiede jedoch keine Rede sein. Regionale Phänomene in der deutschen Standardsprache nehmen höchstens 1-2% des gesamten Sprachkorpus ein, die Internationalisierung des

Deutschen [...] senkt diesen Anteil weiter (Scheuringer, 1987:120). Nicht zuletzt deshalb dürften auch bisweilen auftretende Ängste im Bereich Deutsch als Fremdsprache, die um die notwendige Einheitlichkeit des Deutschen bangen, voreilig sein (Scheuringer, 1987:119-120).

3. Regionale Varianten Der Deutschen Standardsprache Im Unterricht Für Ausländer
Soll und kann im Deutschunterricht für Ausländer der Tatsache Rechnung getragen werden, dass es Varietäten der deutschen Standardsprache gibt, die in unterschiedlichem Maß in ihrer Lexik, Intonation oder auch Grammatik voneinander abweichen? Durch den Ausbau der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Portugal und den deutschsprachigen Ländern in den letzten Jahrzehnten gewinnt diese Fragestellung zusätzlich an Aktualität. Ein Sprecher drückt sich dann situationsadäquat aus, wenn er sich in einer bestimmten Kommunikationssituation für die in der jeweiligen Kommunikationsgemeinschaft üblichen Varianten entscheidet. Er gebraucht in einem Gespräch mit einem Österreicher z. B. Bestand, Beisel, 30 Deka(gramm) oder Kommissariat statt Pacht, Kneipe, 300 Gramm und Polizeidienststelle. Drückt er sich nicht situationsadäquat aus, so kann sich dies folgendermaßen auswirken: I. Er fällt in der betreffenden Kommunikationsgemeinschaft auf, weil er gegen sprachliche Konventionen verstößt. II. Es kann auch sein, dass er falsch verstanden wird. In Österrreich bedeutet z. B. Kabinett neben Regierung auch kleines Zimmer mit nur einem Fenster (Ebner, 1980:102) oder Klub neben Vereinigung , Verein auch Parlamentsfraktion (Ebner, 1980:109). III. Unter Umständen wird er nicht verstanden, weil die von ihm verwendete Variante in der anderen Kommunikationsgemeinschaft unbekannt ist. So ist etwa Beistrich die in Österreich übliche Bezeichnung für Komma. Das binnendeutsche Komma ist in Österreich fast unbekannt (Ebner, 1980:42). Ob hinsichtlich lexikalischer Varianten passive Kompetenz (dem Lernenden werden regionale Varianten nahegebracht, für die aktive Beherrschung wird jedoch von der am weitesten verbreiteten Variante ausgegangen) als ausreichend erachtet wird oder von den Lernenden auch aktive Fertigkeiten erwartet werden, hängt weitgehend von der

für den Deutschunterricht zur Verfügung stehenden Zeit, von der Unterrichtsstufe und vom Unterrichtsziel ab. Es gibt Berufe, die den schriftlichen und mündlichen Gebrauch regionaler Varianten wünschenswert erscheinen lassen. Dazu gehören Berufe im Fremdenverkehr, im Außenhandel sowie im Bereich der Übersetzung. So geht es etwa bei einer Geschäftsverhandlung nicht nur darum, sich unmissverständlich ausdrücken zu können. Wichtig ist auch die Atmosphäre der Verhandlung: Der österreichische Geschäftspartner fühlt sich bestimmt eher angesprochen, wenn österreichische Bezeichnungen verwendet werden. Im "herkömmlichen" Sprachunterricht kann meines Erachtens nur verlangt werden, dass die Lernenden eine Variante – meistens die binnendeutsche – für die Bezeichnung eines Sachverhalts aktiv beherrschen. Hinsichtlich regionaler Varianten kann wohl im allgemeinen nur passive Kompetenz angestrebt werden. Es genügt jedoch nicht festzustellen, dass z. B. Vorzimmer und Diele, Primarius und Oberarzt, Stiege und Treppe, Kren und Meerrettich gleichwertige synonyme Varianten sind. Im Sprachunterricht sollte auch darauf hingewiesen werden, dass I. Varianten der deutschen Standardspache in ihrer Verwendung auf unterschiedlich große Gebiete beschränkt sind (z. B. Vorzimmer, Primarius in weiten Teilen Österreichs), II. der Gebrauch von Varianten in bestimmten Regionen schwankend ist (in Österreich z. B. Treppe und Stiege), III. bestimmte Wörter in mehreren Regionen oder gar im gesamten deutschen Sprachraum vorkommen, jedoch in unterschiedlicher Bedeutung. Dazu das Beispiel sprechen (übergeordnetes Wort) mit seinen regionalen, zum Teil dialektalen Varianten (König, 1972: 176) ostniederdeutsch: sprechen nordniedersächsisch: schnacken alemannisch: schwätzen ostmitteldeutsch: plaudern bairisch-österreichisch: reden Die Wortgeografie der angeführten Lexeme ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich die regionale Differenzierung der Dialekte auch als semantische Differenzierung in der Standardsprache manifestiert. So ist sprechen das Normalwort der Standardsprache für die Fähigkeit, aus einzelnen Lauten Wörter oder Sätze zu bilden. In Österreich ist es gehobener als reden. Plaudern bedeutet mit jemandem auf freundliche Art sprechen, ohne etwas Wichtiges oder Offizielles zu sagen und schwätzen während des Unterrichts mit einem Mitschüler reden.

Folgende Fragen wären dazu im Sprachunterricht denkbar: a) Welche Bedeutungselemente haben all diese Wörter gemeinsam? (Bewusstseinsinhalte mit den Mitteln der Sprache akustisch wahrnehmbar machen) b) Warum hat sich sprechen als übergeordnetes Wort durchgesetzt? (weil es am weitesten verbreitet ist) c) In welchen Kontexten kommt sprechen in Österreich öfter vor als reden? (in wissenschaftlichen Gesprächen, ...). Die angeführten Beispiele zeigen wohl, dass die differenzierte Darstellung der sprachlichen Wirklichkeit im deutschen Sprachraum eine schwierige Aufgabe ist. Im Sprachunterricht sollten alle standardsprachlichen Varianten (nicht nur lexikalische) im mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch akzeptiert werden, denn nicht zuletzt eröffnet nur eine möglichst differenzierte Beherrschung sprachlicher Mittel ein möglichst großes Spektrum kognitiver und kommunikativer Möglichkeiten. Das schließt nicht aus, dass im Sprachunterricht von der binnendeutschen Varietät ausgegangen werden sollte, die ja am weitesten verbreitet ist und auch die anderen Varietäten weitgehend beeinflusst.

Anmerkungen
1. Variante ist als einzelne sprachliche Besonderheit zu verstehen, Varietät als Existenzweise von Sprache. 2. Alle Hinweise zur Verwendung der vorkommenden Wörter und Wendungen gründen auf der persönlichen Erfahrung der Verfassers und beziehen sich daher auf den Wiener Raum. 3. Vgl. dazu Ebner (1980:104): Kappe bezeichnet öst. und süddt. eine meist flache, steife Mütze mit einem Schild; eine enganliegende Kopfbedeckung ohne Schild (die im Binnendeutschen Kappe genannnt wird) heißt in Österreich Haube. 4. In seinem Aufsatz über morphologische Besonderheiten im österreichischen Deutsch schreibt Tatzreiter (1988:95): Hingewiesen sei auf die Vorliebe umgelauteter Vokale. färbig (zwei-, mehr-, vielfärbig) – bdt. farbig 5. Wiesinger (1988b:25) führt dazu aus: Wie wenig die deutsche Schriftsprache eine Einheitssprache ist, wird besonders deutlich auf der Ebene des Wortschatzes und seiner

Bedeutungen. Hier zeigt das österreichische Deutsch seine auffälligsten Eigenheiten, bildet aber dennoch keine Einheit. Bei Scheuringer (1987: 113) findet man folgende Aussage: Sieht man sich nun die regionalen Varianten Bayerns und Österreichs genauer an, so scheint es außer im Bereich des Lexikons kaum Nennenswertes zu geben, am ehesten noch im Bereich Suprasegmentalien/Intonation. 6. Angaben zum Verbreitungsraum der Lemmata sind im Österreichischen Wörterbuch (1985) eine Seltenheit. Ich halte mich nicht zuletzt deshalb in erster Linie an Ebner (1980). Zum Österreichischen Wörterbuch (1985) meint Wiesinger (1983:191-192) Folgendes: Die neubearbeitete 35. Auflage des Österreichischen Wörterbuches [...] unterscheidet vor allem nicht zwischen Sprachschichten und umgeht den stilistisch unterschiedlichen Ausdruckswert des Wortschatzes. Durch die Aufnahme zahlreicher dialektaler und umgangssprachlicher Wörter und Wendungen, insbesondere aus Wien und Ostösterreich, und deren fehlende oder bloß verschleiernde Kennzeichnung wird hier der zweifelhafte Versuch unternommen, durch bewusste Senkung der in Österreich üblichen schriftsprachlichen Gebrauchsnorm in sprachpolitisch lenkender Weise ein 'Österreichisch’ zu schaffen.

Verwendete Abkürzungen
bdt. – binnendeutsch öst. – österreichisch ostöst. – ostösterreichisch bayr. – bayrisch süddt. – süddeutsch ÖWB – Österreichisches Wörterbuch

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