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ROLF WALKER

Die Heilsgeschichte im
ersten Evangelium
ROLF WALKER
Die Heilsgeschichte im
ersten Evangelium
- GÖITINGEN . V ANDENHOECK & RUPREClIT . 1967
Forschungen zur Religion und Literatur
des Alten und Neuen Testaments
Herausgegeben von
Ernst Käsemann und Ernst Würthwein
91. Heft der ganzen Reihe
Umdlq: Cb.riatel StelplDlUUl. - C Vandeaboeck .. Ruprecht,
G6ltinaen 1967 - Printed in German,.. Ohne .UJdrüC'kllche GenC!'h.
m1aunl d ~ Verlqes "I d nicht p.tattet. du Buch oder Teile daraUf
auf f o ~ oder akultOmecb.anilcbem   e ~ zu vervielflltiaen. GII!IIUDt.
benteUUDI: Huben. • Co., Glttin,rn
8702
MEINER MUTfER
INHALT
I. Problemstellung ........................................... 11
11. Israel im Matthäusevangelium 11
A. Die Repräsentanten Israels ............................... 11
1. Die Pharisäer und Sadduzäer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2. Die Schriftgelehrten und Phari&iier...................... 17
3. Die Oberpriester und Ältesten des Volks. . . . . . . . . . . . . . . . . 29
4. Ihre Synagogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
5. Dieses Geschlecht ..... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
B. Israel als Einheit des Bösen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
1. Die Markus- Stoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2. Die Q-Materialien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
3. Das Sondergut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
111. Die Heiden im Matthäusevangelium ........................ 75
1. Die Markus-Stoffe . . . . . . . . . . . . .. . . . .. .. . . . . . . .. . . . .. .. . 75
2. Die Q-Materialien ............................. . . . . . . . . 87
3. Daa Sondergut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
IV. Die Heilsgeschichte im Matthäusevangelium ................. 114
1. Die heilsgeachichtliche Konzeption. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
a) Das Zeitvaratindnis des Evangelisten. . .. . . . . . . . . . . . . . 114
b) Die Funktion der Redekompositionen. ................ 118
c) Israel und die Heiden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
2. Die Funktion der Judaismen innerhalb der heilsgeachicht-
lichen Darstellung. . . . . . . . .. . . .. . . . .. . . . . . . . . .. . . . .. .. . 127
a) Die Partikulariamen 10,5C; 15,24..................... 128
b) Sondergut zum Thema .. Israel"...................... 128
c) Die Measianität Jesu .......... _..................... 128
Cl) Hoheitstitel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
~   Reflexionszitate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
d) Gesetzliches........................................ 134
e) Einzelzüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
3. Zur .. Form" des Matthäusevangeliuma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
a) Polemisch-apologetische KampCschrift! ................ 145
b) Kerygmatisches Geschichtswerk...................... 145
V. Literaturverzeiohnis ....... _ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
I. PROBLEMSTELLUNG
Im ersten Band seiner Erläuterungen zum Neuen Testament bemerkt
Adolf Schlatter zu Mt. 22,4-6: .. Jesus stellt dar, mit welcher Geduld
er Israel zur Gnade Gottes lud ... Jedenfalls soll Israel empfinden, wie
dringlich und lange ihm Gottes Gnade angeboten worden ist. Aber es
blieb stumpf ... Darum verwandelt sich nun für die Geladenen die Be-
rufung zum Fest in ihr Gegenteil." 1 Zu 22,7 führt Schlatter aus:
.. Damit ist das Geschick Israels beschrieben, dem die Anbietung der
höchsten Gnade den Untergang bringt. ". Er fährt fort: .. Nun sorgt der
König für andere Gäste. 22, 1   ... Jesus blickt auf die Berufung der
Heiden. Der Fall Israels wird das Heil der Heiden. An sie geht nun das
einladende Wort; sie sollen die Genossen des Christus bei seinem Feste
werden."·
Spinnt man den Faden der Schlatterschen Auslegung hypothetisch
weiter und achtet auf strenge heilsgeschichtliche Periodisierung, so er-
geben sich folgende Thesen:
1. Israel schlägt das wiederholte Angebot der Gnade Gottes aus,
Israel als ganzes, nicht bloß einzelne Israeliten.
2. Diese Ablehnung des Angebots besiegelt Israels heilsgeschicht-
liches Geschick (22,7).
3. Nun kommt es zur Berufung der Heiden. So ergibt sich das heils-
geschichtliehe Nacheinander .. Erst Israel, dann die Heiden".
4. Ist Israel aus der göttlichen Berufungsgeschichte ausgeschieden
und nehmen die Heiden seinen Platz ein, so bedeutet das hinsichtlich
der kerygmatischen Ausrichtung des Matthäus-Evangeliums: die
Heilsbotschaft hat nur noch die Heiden als Adressaten. Israel als
Adressat des Evangeliums gehört der Vergangenheit an.
5. Ist das Matthäus-Evangelium im Blick auf die universale Heiden-
berufung geschrieben, so entbehrt es - vom heilsgeschichtlichen Ge-
samtentwurf her - der direkten polemischen oder apologetischen Bot-
schaft an Israel. Die ganze Darstellung der Auseinandersetzung Jesu
mit Israel steht unter heilsgeschichtlichem Aspekt; sie ist (keryg-
matische) Gt.8Chü:htuckreibung, nicht Spiegel aktueller Kontroversen
der Kirche mit Israel.
1 Das Evangelium nach Matthäua, NeuauCl. 1961,326.
• A.a.O. 32öf. I A.a.O. 326.
10 Problemstellung
Das sind befremdliche Thesen; doch sie sind nicht allzu befremdlich,
wenn man sich einen charakteristischen Schematismus des Matthäus-
Evangeliums vor Augen hält: seine Tendenz, Israel als geschlossene
Einheit darzustellen, als massa perditionis, die für den Messias Jesus
nur das Kreuz übrig hat und deren Gerichtsverfallenheit von daher
offenkundig ist. Dieses matthäische Theologumenon nötigt zu der
Frage, ob der Evangelist damit nicht ein gutes Stück der heilsgeschicht-
lichen Entwicklung, wie er sie sieht, darlegt und motiviert: Israel wird
durch seinen König berufen, verwirft das Angebot mit aller Macht,
weshalb es aus der Berufung zur Himmelsherrschaft ausscheidet. Dazu
kommt die Beobachtung, daß gerade der Matthäus-Evangelist es ist,
der die Heiden unübersehbar ins Blickfeld rückt. Wo die Vertreter
Israels z. B. die Auferstehung leugnen, sendet der Auferstandene dafür
-man beachte den Kontrast!-die Jünger zu allen Heiden (Kap. 28).
Sprechen Kapitel 24 und 25 mit Absicht nur noch von den Heiden als
dem Gegenüber der berufenden Jünger und des kommenden Gerichts,
nachdem Kapitel 23 das innergeschichtliche forensische Ende der Be-
rufungsgeschichte Israels angesagt hat? Steht die Basileia-Berufung
der Heiden bei Matthäus auf dem dunklen Hintergrund des heils-
geschichtlichen Untergangs Israels? Ist die heilsgeschichtliehe Stunde
seiner Kirche dadurch gekennzeichnet, daß die Heiden - vor dem in
die Zukunft gerückten Ende - anstelle Israels in den Horizont der
Basileia-Berufung getreten sind und treten werden? In dieselbe Gnade
und unerhörte Beanspruchung wie vordem Israel? - Auf diese Fragen
soll die vorliegende Untersuchung Antwort zu geben versuchen.
11. ISRAEL IM MATTHÄUSEVANGELIUM
A. Die Repräsentanten Israels
1. Die Pharisäer und Sadduzäer
"Israel" erscheint im Matthäus-Evangelium als handelndes Gegen-
über Jesu vornehmlich in Gestalt seiner Repräsentanten. Bald be-
treten die "Schriftgelehrten" oder die "PhariBii.er" den Ort der Hand-
lung, bald die "PhariBii.er und Sadduzäer" oder "Schriftgelehrten und
Pharisäer". Das auffallendste Phänomen für den historisch geschulten
Betrachter sind zweifellos die "PhariBii.er und Sadduzäer". Diese Be-
griffsverbindung, die geschichtlich höchst Disparates und Gegen-
sätzliches zu einer Einheit zusammeofaßt', begegnet - als Bildung des
Evangelisten - nur im Matthäus-Evangelium. Bei Markus und Lukas
treten die Sadduzäer je nur einmal auf; in der Perikope der Sadduzäer-
frage erscheinen sie als Auferstehungsleugner (Mk.12,18; Lk. 20, 27).
Mk. 12,18 wurde von Matthäus in veränderter Gestalt übernommen
(22,23). Im Anschluß an die Sadduzäer-Perikope führt der Evangelist
bei der Einleitung zur Frage nach dem größten Gebot (22,34) den
Sadduzäer-Begriff aus dem vorausgehenden Stück 22,23-33 ein, um
die beiden Perikopen - im Unterschied zu Markus - eng miteinander
zu verbinden. Sonst spricht er an fünf Stellen stereotyp von den
"PhariBii.ern und Sadduzäern" (3,7; 16,1.6.11 &.12). Mit Recht stellt
Reinhart Hummel fest: "An diesen Stellen ist interessant, daß sie ...
alle eindeutig auf den Evangelisten zurückgehen. Die häufige Er-
wähnung der Sadduzäer hat ihren Grund also nicht in der Tradition. '"
Es ist aufschlußreich, wie der Evangelist die von ihm geschaffenen
"PhariBii.er und Sadduzäer" charakterisiert. Wo bei Lukas das aus Q
stammende Stück 3,7b-9 (= Mt. 3,7b-l0) nach der lukanischen
Rahmenbemerkung von 3,7 a gegen die Mengen gerichtet ist, die hin-
• Vgl. zum Geschichtlichen: Juliua Wellhauaen, Die Pharisäer und die
Sadducäer, 2. Aun. 1924; Paul Billerbeck (H. L. Strack - P. Billerbeck, Kom·
mentar zum NT aus Talmud und Midraach, I-V, 2. Auf!. 1956) II 494ft'.; IV,I
334ff.; Joachim Jeremias, JeruaaJem zur Zeit Jesu, 3. Auf!. 1962, 252ft'. und
27Uff.; E. L. Dietrich in RGG, 3. Auf!., V 326ft'. und 1277f.; RudolfMeyer, Art.
  Th W VII 35ft'.
• In starker Abweichung von Mk. 8,15 (Sauerteig der Pharisäer und Sauer·
teig d ... Herodes).
• Die AWIIlinandersetzung zwischen Kirche und Judentum im Matthäus·
evangelium, BevTh 33, 1963, 18; 2. durchgce. und vermehrte Auf!. 1 U66.
12 Israel im Matthäuaevangelium
ausgingen, um sich von Johannes taufen zu lassen, sind bei Matthäus
"viele der Pharisäer und Sadduzäer" (3,7a) die Adressaten des Droh-
worts; sie gelten ihm als die vom Täufer gegeißelte "Schlangenbrut"
(3,7). Sie stehen für Israel, vertreten die typisch israelitische Heils-
prärogative: wir haben Abraham zum Vater (3,9)7. In Mk. 8,11 treten
die Pharisäer als "Versucher" Jesu auf; Mt. 16,1 sind es die "Pharisäer
und Sadduzäer", die Jesus versuchen. Der Evangelist gestaltet den aus
Markus übernommenen Stoft'kräftig um, versieht ihn mit einer scharfen
Spitze, indem er 16,4 die Wendung von dem bÖBen und ehebreche-
rischen Geschlecht einfügt (gegen Mk. 8,12; vgl. aber Mk. 8, 38), und
vereinheitlicht die Szene: statt der Warnung vor dem Sauerteig der
Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes Mk. 8, 15 erscheint in konse-
quenter Fortführung von 16,1 die Warnung vor dem Sauerteig der
"Pharisäer und Sadduzäer" (16,6), die der Evangelist in 16,11 wieder-
holt (fehlt bei Markus). Schließlich deutet er den fraglichen Sauerteig
in einem von ihm selbst beigebrachten Vers auf die Lehre der "Pharisäer
und Sadduzäer" (16,12). Somit hat man sich die "Pharisäer und Sad-
duzäer" im matthäischen Sinne als die verderbliche Lehrerschaft
Israels vorzustellen. Sie repräsentieren das "böse und ehebrecherische
Geschlecht" (16,4), das durch ihren Mund zu Wort kommt.
Mit alledem heben sich freilich die "Pharisäer und Sadduzäer" um
keine Nuance von der matthäischen Charakterisierung der "Schrift-
gelehrten und Pharisäer" oder der Schriftgelehrten und Pharisäer je
als "Einzelerscheinungen" ab. Denn "Schlangenbrut" , um mit dem
kräftigsten Epitheton zu beginnen, heißen bei Matthäus in 12,34 auch
die Pharisäer (von 12,24) oder in 23,33 die "Schriftgelehrten und Phari-
säer" (von 23,29). Der Evangelist nimmt in 12,34 das in Q vor-
gefundene "Otterngezücht" (vgl. Lk. 3,7) in seinen Text auf; 23,33 ist
ein redaktionelles (abgewandeltes) Duplikat von 3,7. Ähnlich ist die
"Versuchung" Jesuin 19,3 (= Mk.l0,2) und 22,35 Sache der Pharisäer,
wobei in 22,35 das Motiv der Versuchung wie die ganze Einleitung zur
Frage nach dem größten Gebot 22,34f. (gegen Mk. 12,28) von der Hand
des Redaktors stammt. Als Repräsentanten des "bösen und ehe-
brecherischen Geschlechts" wiederum begegnen in 12,38 "etliche der
Schriftgelehrten und Pharisäer". Hier hat Matthäus seinen "Pharisäer
und Sadduzäer"-Text von 16,1.2.4 mit gewissen Veränderungen in der
Einleitung (12,38/16,1) unter einer neuen Personal-Überschrift kurzer-
hand wiederholt (12,39 = 16,28..4). Schließlich ist die Lehrerfunktion
der Schriftgelehrten, der Pharisäer oder "Schriftgelehrten und Phari-
säer" durch das ganze Evangelium hin mit Händen zu greifen. Dieser
Sachverhalt der sachlichen Identität: daß sich die "Pharisäer und
, Vgl. BUierbeek I 116C.
Die Pharisier und Sadduzlier 13
Sadduzäer" bei Matthäus in keiner Weise von den &Ilderen gen&llnten
Repräsentanten Israels unterscheiden und derselben negativen und
stereotypen Charakterisierung unterliegen, erlaubt das vorläufige Ur-
teil: Die "Pharisäer und Sadduzäer" sind im Matthäus-Evangelium
keine besondere, individuell qualifizierte Gruppe, sondern lediglich
Spielart der einen Führerschaft Israels. NQA;h AU8WIlia seiner bewußten
redaktionellen Arbeit bilden. die Reprä8entanten ft1,r MattM:u8 eine hrmw-
gem Einheit.
Das wird eindrucksvoll bestätigt durch 22,23.34. H&Ildelt es sich
Mk.12, 18 um eine besondere Gruppe und ihr Spezifikum, um "Saddu-
zäer, die (bekanntlich) behaupten, es gäbe keine Auferstehung" (vgI.
Lk.20, 27), so treten inMt.22, 23 die Sadduzäer mit einer in die Situation
gesproohenen Leugnung der Auferstehung auf: An jenem Tage traten
Sadduzäer zu ihm mit der Behauptung, es gäbe keine Auferstehung ...
Durch   I'lJ ctvOlL «vclaTOlaLV formuliert hier der Verfasser des
Evangeliums im voraus den Inhalt der folgenden vorgebrachten Ge-
schichte; eben mit ihr sagen die Sadduzäer, es gäbe keine Auferstehung.
Daß sie damit nicht die Meinung einer sadduzäischen Sondergruppe im
Munde führen, sondern für das Volk sprechen, deutet der gegenüber
Mk. 12,27 stark veränderte Schluß der Perikope an: und als die Mengen
es hörten, gerieten sie außer sich über seine Lehre (22,33). M&Il wird
aus dieser Bemerkung folgern dürfen, daß Jesus im Sinne des Evange-
listen kein speziell sadduzäisches Theologumenon ad absurdum geführt
hat, sondern eine Meinung, die das Volk mit seinem Entsetzen über
Jesu Lehre indirekt als die seine erkennt und bestätigt; auch in 7,28
stehen die Mengen mit ihrem Entsetzen Jesus gegenüber, der anders
lehrt als "ihre Schriftgelehrten" •. Interessant ist der Fortg&llg der
Handlung in 22,34fJ., wo es um die "Solidarität" der Repräsentanten
Israels geht: Als aber die Pharisäer hörten, er habe den Sadduzäern
den Mund gestopft, kamen sie eben da zusammen, und einer von ihnen,
ein Gesetzeskundiger, fragte und versuchte ihn ... (ganz &Ilders
Mk.12, 28). Von "Schadenfreude" der Pharisäer über die Niederlage der
Sadduzäer ist dem Text nichts zu entnehmen '. Das hat Hummel genau
beobachtet, der richtig vermerkt: "Es steht vielmehr da, daß die
Schlappe der Sadduzäer die Pharisäer auf den Plan rief."
10
In der Tat
hat man den Eindruck, die Pharisäer müßten auf den gestopften Mund
der Sadduzäer hin zum "Gegenschlag" ausholen. - Die Lehrer Israels,
seien es Sadduzäer oder Pharisäer, stehen für Matthäus in einer Front
• Hwrunel spricht &.&.0. 19 von einer zufillig vertretenen Ansicht. Die
Leugnung der Auferstehung ist für MatthiUl jedoch sadduziische = "israe-
litische" Lehre.
• Gegen R. Meyer. ThW VII 52: ..... die Sadduzäer ... an deren Niederlage
sich die Pharisier freuen."
10 A.&.O. 19.
14 Israel im Mattbäusevangelium
und kämpfen gemeinsam einen Kampf gegen Jesus. Der Evangelist
kennt auch dort, wo er getrennt von Sadduzäern und Pharisäern
spricht (22,23.34), der Sache nach nicht die beiden .. historischen Indi
vidualitäten" der Pharisäer und Sadduzäer, sondern nur die feind-
selige, aus 3,7; 16,1.6.11.12 bekannte Gesamtheit der .. Pharisäer und
Sadduzäer".
Von daher wird G. D. Kilpatricks These fragwürdig, nach der Mat-
thäus zwischen pharisäischen und nichtpharisäischen Juden unter-
scheidet und .. Sadduzäer" als Sammelbegriff für alle nichtchristlichen
und nichtpharisäischen Juden zu gelten hat
ll
. Man wird sich fragen
müssen, ob es bei Matthäus überhaupt Sadduzäer neben den Pharisäern
gibt ... Nominell" sind sie gewiß vorhanden (22,23.34), doch schwerlich
.. virtuell". Wo sie neben den Pharisäern auftreten, geschieht es doch
innerhalb der sachlichen Einheit von .. Pharisäern und Sadduzäern".
Auch Hummel kann die Rolle der von ihm in unerlaubter Weise isoliert
betrachteten .. Sadduzäer" nur mühsam in Einklang bringen mit der
beherrschenden Rolle der Pharisäer, die er bei Matthäus feststellt (mit
welchem Recht, wird sich zeigen müssen) und aus der er folgert, im
Matthäus-Evangelium spiegle sich die Auseinandersetzung der
.. Kirche" mit dem einheitlich pharisäisch geleiteten Judentum der
Jahre nach 70
11
• Um seine These über die Wacken und Klötze der für
sein .. zeitgeschichtlich-pharisäisches" Verständnis so unpassenden
.. Pharisäer und Sadduzäer"-Stellen glücklich hinwegzubringen, trägt
Hummel verschiedene Argumente vor:
1. Matthäus bringe, anders als im Falle der Pharisäer, den Saddu-
zäern kein selbständiges Intereaae entgegen. Sie seien ihm nur im Zu-
sammenhang mit den Pharisäern wichtig
l3

2. Im Zusammenhang mit 22,23 müsse 16,12 doch wohl so ver-
standen werden, daß Matthäus die Lehrunterschiede zwischen Phari-
aäem und Sadduzäern für unwesentlich halte. Für ihn gäbe es nur die
eine Lehre der Pharisäer und Sadduzäer I'.
3. Die Zusammenstellung der Pharisäer mit ihren aadduzäischen
Gegenspielern geschehe aus Gründen der Polemik. Wenn man bedenke,
daß im rabbinischen Judentum .. Sadduzäer" zur Bezeichnung für
Häretiker wurde (Frage: wann!), so verstehe man, daß die Formel
.. Pharisäer und Sadduzäer" das Urteil über die Pharisäer einschließe:
ihr seid auch nicht besserlI!
11 The Origina of the Gospel according to St. Matthew, 1946, 120. Vgl. B. C.
Butlers Einwände liegen Kilpatrick in: The historical aetting of St. Matthew'.
G ~ r ; I   The DOWDS.de Review 66 (19481, -'2:;-138, besonders 131.
A.a.O. 17; 20. Zum Thema .. Pharl8B8r vgl. a.a.O. 12ff.
11 A.a.O. 18C. It A.a.O. 19.
I. A.a.O. 19f.
Die Pharialier und Sadduzller 15
4. Der Gegell8&tz zwischen Kirche und Judentum sei bei Matthäus
80 groß geworden, daß die Unterschiede innerhalb des Judentums nicht
mehr scharf ins Blickfeld kämen 11.
5. Die Frage bleibe, warum sich dann Matthäus überhaupt für die
Sadduzäer interessiere. Die einzig mögliche Antwort laute, hier sei ein
"historisierendes" Interesse am Werk. Der zeitliche Abstand von den
Ereignissen bewirke einerseits eine Angleichung der Vergangenheit an
die Verhältnisse der Gegenwart, andererseits ein stärkeres Interesse an
der Vergangenheit 17.
Es ist fraglich, ob diese unter sich wenig ausgeglichenen Thesen dem
Textbefund gerecht werden.
1. Hat Matthäus, wie Hummel annimmt, an den Sadduzäern kein
selbständiges Interesse, 80 muß im Blick auf die Texte dasselbe in aller
Strenge auch für die Pharisäer gelten. Der eine Begriff "Pharisäer und
Sadduzäer" läßt auch sie nicht als eigenständige Gruppe hervortreten
(- was die Untersuchungen zu "Schriftgelehrte und Pharisäer" bzw.
"Pharisäer" bestätigen werden).
2. Der Satz, Matthäus halte die Le1arunter8C1&iede zwischen Phari-
säern und Sadduzäern für unwesentlich, setzt voraus, daß Matthäus
lOlche Lehrunterschiede kennt. So wie sich die Texte bisher darstellen,
lassen sie jedoch von einer Lehrdifferenz zwischen den beiden Größen
wenig erkennen. 16,(6.11.)12 sprechen nachdrücklich von der (einen)
Lehre des einen Phänomens "Pharisäer und Sadduzäer". Auch wenn
in 22,34f. die Niederlage der Sadduzäer in der Frage der Auferstehung
(nach Hummels eigener Darstellung) die Pharisäer zur "Gegenaktion"
bewegt, wird man nicht gerade auf "Lehrdilferenzen" geführt. Legt
sich nicht vielmehr der Gedanke an das Gegenteil nahe! Ruft die
Schlappe der Sadduzäer die Pharisäer auf den Plan, wenn nicht die
"Sache" der Sadduzäer auch ihre Sache ist'
3. Hummels Erklärung, die Zusammenstellung der Pharisäer mit
ihren aadduzäischen Gegnern sei auch Ausdruck der anti pharisäischen
Polemik, ist nur sinnvoll, wenn Matthäus "Sadduzäer" polemisch gegen
"Pharisäer" aU88pielen konnte und sich also über das harte polemische
Profil von "Sadduzäer" als Nachbarbegriff zu "Pharisäer" im klaren
war. Hummel bemerkt nicht, daß er durch dieses "polemische" Argu-
ment mit seinem folgenden 4. Argument in Konßikt gerät, denn dem-
nach sind die innerjüdischen Unterschiede nicht mehr exakt zu Gesicht
gekommen. Liegt es nahe, Undeutliches mit Undeutlichem polemisch
zu attackieren! Weiter wäre über Hummels Beweisführung hinaus zu
fragen: Hat die Solidarität der Pharisäer mit den Sadduzäern in 22,34
einen aggressiven Beigeschmack' Stellt Matthäus die fragliche Soli-
.. A.a.O. 20. .. A.a.O. 20 .
16 Israel im Matthäusevangelium
darität nicht rein deskriptiv heraus, um die Pharisäer, vereint mit den
Sadduzäern und repräsentativ für Israel, als im gemeinsamen
Kampf gegen den Messias Israels begriffen darzustellen? Ihre Einheit
mit den Sadduzäern ist hier nicht die von außen formulierte und unter-
stellte Einheit in Schimpf und Schande, sondern die "positive" Soli-
darität einer geschlossen kämpfenden feindseligen Front. Wäre nicht
auch zu fragen, wie Argument 3 hinsichtlich des 5. Arguments zu er-
klären sei, die polemische Ausrichtung der Darstellung zu der so stark
betonten "historisierenden"? Werden "historisierendes Interesse" und
Verwendung zu polemischen Zwecken im Blick auf denselben Gegen-
stand ohne weiteres Hand in Hand gehen?
4. Kommen die innerjüdischen Unterschiede nicht mehr scharf zu
Gesicht, so werden damit doch (ungenaue) Unterschiede angenommen.
Könnte es nicht sein, daß diese Unterschiede nur in der Vorstellung des
Auslegers existierten und bei Matthäus gar nicht gegeben wären (vgl.
zu 2.)?
5. Die Angleichung der Vergangenheit an die Verhältnisse der Gegen-
wart bezieht sich nach Hummel auf die Pharisäer, das "stärkere Inter-
esse an der Vergangenheit" auf die Sadduzäer. Muß ein derartig
entgegengesetzt-zweigleisiges Verhältnis zur "Historie" im Blick auf
den einen Begriff "Pharisäer und Sadduzäer" nicht konstruiert an-
muten?
Sieht man auf den Sachverhalt der "Pharisäer und Sadduzäer" und
verzichtet auf eine sachliche Isolierung und Sonderstellung der Saddu-
zäer (und Pharisäer), stellt sich die Frage nach der "GeschichtIichkeit"
anders als bei Hummel. Denn daß in der Zeit vor oder nach 70 die
Pharisäer und Sadduzäer so zusammengehörten, wie die Texte es dar-
stellen, wird niemand bchaupten wollen. Die "Pharisäer und Saddu-
zäer" des Matthäus-Evangeliums sperren sich gegen jede historisierende
Einordnung; sie sind, soweit die Pharisäer und Sadduzäer der histo-
rischen Forschung zugänglich sind, für das Jahr 30 historisch ebenso-
wenig denkbar wie für die Zeit nach 70. Da sich der Begriff der "Phari-
säer und Sadduzäer" geschichtlich nicht verifizieren läßt und auch im
Medium einer Matthäus vorliegenden Überlieferung historisch nicht zu
fixieren ist - der Evangelist schafft den Begriff ja erst -, kann er auch
nicht "geschichtlich" interpretiert werden. Es ist vielmehr damit Ernst
zu machen, daß der Evangelienschreiber diesen Begriff für die Zwecke
seines Evangeliums konzipiert. Er ist ein literarischer Begriff mit rein
literarischer Funktion, der innerhalb des Evangeliums die Einheit des
"geschichtlichen" Israel darzustellen hat. Er bezeichnet die Repräsen-
tanten Israels als Gegenüber des Täufers und Jesu selbst und ist so ein
literarischer Baustein in der vom Evangelisten entworfenen Heils-
geschichte, wie wir fürs erste vermuten.
Die Schriftgelehrten und Pharialier 17
2. Die 8ckriftgeleArten UM PhaNiür
Zunächst einiges Statistische zum Stichwort "Schriftgelehrte". An
5 Stellen treten bei Matthäus für die "Schriftgelehrten" des Markus-
Textes die "Pharisäer" ein: Mt. 9,11; 12,24; 21,45f.; 22,34.41 /
Mk.2,16; 3,22; 11,18; 12,28.35. An weiteren 4 Stellen entfallen bei
unserem Evangelisten die "Schriftgelehrten" ganz: Mt. 17,14; 21,23;
26,47; 27,lfMk.9,14; 11,27; 14,43; 15,1; an einer Stelle weichen sie
den "Ältesten des Volks": 26,3/14,1. Diesen Passiva in Sachen der
"Schriftgelehrten" stehen 4 Aktiva-Stellen gegenüber, die ohne Par-
allelen sind: 2,4; 8,19; 13,52; 23,34. Dazu kommen noch 9 Loci mit
der auffallenden Formel "Schriftgelehrte und Pharisäer": 5,20; 12,38
und 23,2.13.15.23.25.27.29
18
• Hummels Urteil: "Die Schriftgelehrten
treten bei Matthäus im Vergleich zu Markus stark zurück"" gilt also
nur für den Terminus "Schriftgelehrte". Schließt man das matthäische
"Schriftgelehrte und Pharisäer" in die Betrachtung ein, bekommt das
Bild eine andere Farbe. Die Texte Lk. 5,21; 6,7; 11,53 und 15,2 unter-
scheiden deutlich die Schriftgelehrten und die (mit neuem Artikel ein-
geführten) Pharisäer 10. Für Matthäus ist charakteristisch der von
einem Artikel bestimmte Geasmtbegrift' "die Schriftgelehrten und
Pharisäer" (5,20; 12,38), unverkennbar eine Parallel-Bildung zu "die
Pharisäer und Sadduzäer" und aufgenommen durch das ihm zugehörige,
artikellose und vocative "Schriftgelehrte und Pharisäer" (23,13 usw.) 11.
Die Originalität des Begriffs - wieder geht er auf den Evangelisten zu-
rück - und seine wiederholte Verwendung verlangen gebieterisch, ihm
alle Aufmerksamkeit zuzuwenden, ehe man die Einzelbegrift'e "Schrift-
gelehrte" und "Pharisäer" untersucht. Denn es liegt auf der Hand, daß
die Singulärbegrift'e in unmittelbarer Nachbarschaft der stereotypen
Begrilfseinheit "Schriftgelehrte und Pharisäer" in einem anderen Licht
stehen als in einem Kontext ohne jene formelhafte Prägung (wie etwa
bei Markus). Hummel nimmt an, "daß für Matthäus die jüdischen
Schriftgelehrten als solche zu den Pharisäern gehören"." Doch ist hier
im Blick auf die "Schriftgelehrten und Pharisäer" als der Parallel-
Bildung zu den "Pharisäern und Sadduzäern" große Vorsicht geboten.
Die matthäische Formel "die Schriftgelehrten und Pharisäer" läßt, für
sich betrachtet, von einer dominierenden Rolle der Pharisäer nichts
,. Gegeniiber Mk. 12,38 .. Schriftgelehrte".
,. A .... O. 17. • Vgl. 7,30 (5,17; 14,3).
11 V. 23,2 mit wiederholtem Artikel wird dem Evangelisten vorgelegen
h .. ben; vgl. Rudolr Bultmann, Die Geschichte der Iynoptischen Tradition,
3. Auf!. 1951, 118 ( .. 80ndertradition?"). Du Johann8l.Evangelium kennt üller·
raochenderweil8 einzig die Phariaier (1,24; 3,1; 4, I; 7,32.47.48; 8,13; 9,13.16.
16.40; 11,46; 12,19.42). Nur in dem unechten Text 8,3 begegnen .. die Schrift·
gelehrten und die Phariaier".
u A .... O.17.
I 8701 WoIbr, _ ~   o
18 Israel im lIIatthäuaevangeliwn
erkennen. Der Begriff des Schriftgelehrten ist hier nicht von seinem
Nebenbegriff "Pharisäer" her bestimmt, sondern "die Schriftgelehrten
und Pharisäer" bezeichnet wie "die Pharisäer und Sadduzäer" ein ein-
heitliches Phänomen, angesichts dessen man sagen kann, daß die
Schriftgelehrten als solche zu den Pharisäern und die Pharisäer als
solche zu den Schriftgelehrten gehören.
Unübersehbar ist die Häufung der Anrede "Schriftgelehrte und
Pharisäer" in Kap. 23, das auf die Höhe der Auseinandersetzung Jesu
mit seinen Gegnern führt, bis hin zur definitiven Gerichtsansage an
"dieses Geschlecht" (23, 32ft".). Die Schriftgelehrten und Pharisäer
sitzen auf dem Stuhl Moaea (23,2); sie haben als die Lehrer Israels zu
gelten (23,3ft".). Man muB es Joachim Jeremias in diesem Zusammen-
hang bestreiten, daß die Rede Jesu in Kap. 23 in zwei Teile zerfällt,
in einen Teil, der den Schriftgelehrten das Nötige sagt (1-22, 29-36),
und einen anderen, der die Vorwürfe gegen die Pharisäer zur Sprache
bringt (23-28)11. Es gibt bei Matthäus nur ein Gegenüber der Wehe-
rufe, den einen heuchlerischen Adressaten "Schriftgelehrte und Phari-
säer", mägen die einzelnen Logien auch, wie anzunehmen ist, in ihrem
ursprünglichen Sitz im Leben an sehr verschiedene Adressaten ge-
richtet gewesen sein. Matthäus bezieht als Redaktor alle Vorwürfe auf
ein und dasselbe Subjekt; nach 1-22 geht es nahtlos zu 23-28 weiter,
ebenso von 28 zu 29ft". Die zu dem ursprünglich anti pharisäischen Stoft"
23-28 gehörige Anrede "du blinder Pharisäer" (23,26) bedeutet in
ihrem jetzigen Kontext nicht mehr die Markierung eines individuellen
Israeliten: "Pharaiäer" kann hier nur noch Synonym für den Einheits-
begriff sein. Auch in der Bergpredigt sind nicht zwei verschiedene
Gruppen zu unterscheiden, wie Jeremias wieder vorschlägtM, so daß
auf die Rede gegen die Theologen 5,21-48 die andere Rede gegen die
Mitglieder der pharisäischen Gemeinschaften 6,1-18 folgte. 5,20
spricht durchaus nicht von den beiden Gruppen der Schriftgelehrten
und der Pharisäer. Vorausgesetzt ist vielmehr die Homogenität einer
Gruppe, der "Schriftgelehrten und Pharisäer", und das Folgende ist
ihrer Gerechtigkeit entgegengesetzt, nicht etwa der spezifisch "schrift-
gelehrten" oder "pharisäischen" im konkret-historischen Verständnis
der Begriffe. Für den Evangelienverfasaer Matthäus kämpft Jesus nicht
gegen zwei Richtungen, sondern wider die eine Lehrerschaft Israels.
Das wird bestätigt durch Beobachtungen zu den "Einzelbegriffen"
der "Schriftgelehrten" oder "Pharisäer":
1. Ist in 23,26, wie schon erwähnt, "Pharisäer" Synonymon zu
"Schriftgelehrte und Pharisäer", so tritt in 7,29 das Synonym "Schrift-
gelehrte" für diesen Gesamtbegriff ein. Nachdem Jesus in der Berg-
.. Jeruaalem zur Zeit Jeau 288; vgl. ThW I 741f .
.. ThW 1742.
Die Schriftgelehrten Wld Phariailer 19
predigt die bessere Gerechtigkeit über die der .. Schriftgelehrten und
Pharisäer" gestellt hat (5,20ff.), wird ihm am Schluß der Rede im
Unterschied zu .. ihren Schriftgelehrten" eschatologische Vollmacht
nachgesagt. Der Evangelist übernimmt den Vers aus MIt. 1,22; dabei
verwandelt er .. die Schriftgelehrten" des Markus-Textes in .. ihre
Schriftgelehrten" und interpretiert damit das in seinem Text ,-oraus-
gehende .. die Schriftgelehrten und Pharisäer". Das eben sind für ihn
die .. Schriftgelehrten und Pharisäer": ihre, der Israeliten - .. Israels"
Schriftgelehrte, vgl. den matthäischen Ausdruck .. die Schriftgelehrten
des Volks" (2,4).
2. Ähnliches ist zu 15,1 ff. zu sagen. Im Paralleltext MIt. 7,1 U heißt
es: ..... die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die von Jerusalem
gekommen waren." Matthäus verschleift die klaren Konturen des
Markus-Textes und rückt die beiden Begriffe in seinem artikell08en
.. Pharisäer und Schriftgelehrte" eng zusammen. In 15,12 wechsclt er
jedoch plötzlich das Subjekt. Jetzt ist zu lesen: .. Weißt du, daß die
Phari&äer ... Anstoß genommen h a b e n ~   Für .. Pharisäer und Schrift-
gelehrte" kann kurzerhand .. die Pharisäer" stehen.
3. Nachdem in Mt. 12,2.14.24 dreimal hintereinander die Pharisäer
aufgetreten sind, nehmen in 12,38 - bei durchgehender Einheitlichkeit
der Szene von 12,22 an - ohne Umschweife .. etliche der Schrift-
gelehrten und Pharisäer" ihren Platz ein. Die Personen bleiben offen-
sichtlich dieselben, ja sie können nun in einen letzten, dramatisch ge-
steigerten Akt eintreten (12,43--45), nur die Begriffe wechseln. Sie
sind völlig kongruent. Die .. Pharisäer" sind für Matthäus identisch mit
den .. Schriftgelehrten und Pharisäern" oder .. Pharisäern und Schrift-
gelehrten", wie andererseits .. ihre Schriftgelehrten" und die .. Schrift-
gelehrten und Pharisäer" dasselbe meinen.
4. So ist es auch nicht verwunderlich, daß im Matthäus-Evangelium
die Pharisäer .. Schüler" haben, die mit gegen Jesus zu Felde ziehen.
Zwar spricht schon Hk. 2,18 von den .. Jüngern der Pharisäer", doch
während man im entsprechenden Matthäus-Text 9,14 den Terminus
vergeblich sucht, verwendet ihn der Evangelist in einer spezifischen
.. Kampf-Perikope" (22,16), wo ihn nun wieder Markus vermissen läßt
(12,13). Die Pharisäer, d.h. die Lehrer Israels und ihre .. Schüler", ge-
hören für Matthäus - in Abweichung von dem unpolemischen Text
MIt 2,18 - als Feinde Jesu zusammen.
6. Wenden sich nach 21,16 die Oberpriester und die 8c1iriftgeleAt1en
im Tempel gegen Jesus, 80 sind es wenig später die Oberpriester und
U V gl. 7,11 .. die Pharisäer Wld die Schriftgelehrten", wobei der Artikel bei
.. Schriftgelehrten" riieo-eisenden (7,1 !), nicht generellen Sinn hat. So mit
Jeremiae, Jeruaalem zur Zeit J .. u 287, Anm. 3.

20 Iarael im Matthäua8vangelium
die Pharist'ür, die seine im Tempel gesprochenen Gleichnisse verstehen
(21,45). Matthäus kann dieselben Subjekte "Schriftgelehrte" oder
"Pharisäer" nennen. Die Begri1fe sind austauschbar. Ähnlich stehen in
der Leidensgeschichte bald die Schriftgelehrten, bald die Pharisäer an
der Seite der Ältesten oder Oberpriester (26,1I7f.; 27,62).
Aus alledem ergibt sich: In allen großen Rede- oder Streitgesprächs-
komplexen des Matthäus-Evangeliuma, die indirekt (5, 20ff.) oder direkt
(Kap. 12; 15,lff. [12-14]; 21-23) die Auseinandersetzung Jesu mit
Israel darstellen bzw. abschließen (Kap. 23), treten als Gegner Jesu
niemals die Schriftgelehrten als einzelne (MIt. 12,28) oder in ihrer be-
sonderen Eigenschaft als die geschulten Theologen der gemeinhin nicht
schriftgelehrten Pharisäer (wie Mk. 2,16) hervor, sondern immer
"Schriftgelehrte und Pharisäer" - als unterschiedslose Einheit, und
zwar so, daß die "Einzelbegriffe" der "Schriftgelehrten" oder "Phari-
säer" stets und mühelos den Einheitsbegriff ersetzen können und um-
gekehrt. Singulärbegriffe und Einheitsbegriff meinen durchweg dasselbe
wie "Pharisäer und Sadduzäer": die eine, da8 (damalige) ImJel du
M aUMu-Emngeli U1II8 literari8cA repräBenlierende LeArertd,a/e.
Diesen Befund bestätigen gerade auch die Stellen, an denen die
matthäischen "Pharisäer" den markinischen "Schriftgelehrten" das
Wasser abzugraben scheinen:
1. Mk. 2,16fMt. 9,11. Matthäus ändert das markinische "die Schrift-
gelehrten der Pharisäer" in "die Pharisäer". Wo die Formel "die
Schriftgelehrten und Pharisäer" Eingang gefunden hat, kann es kon-
sequenterweise keine Schriftgelehrten der Pharisäer mehr geben,
sondern nur noch, beliebig austauschbar und wechselseitig identisch,
Schriftgelehrte oder Pharisäer (vgl. 9,3/Mk.2,6; 9,11 = 9,14.34).
2. Mk. 3, 22/Mt. 12,24. Matthäus streicht die Herodianer von Mk. 3, 6,
so daß in 12,14 nur die Pharisäer übrigbleiben. Für "die Schrift-
gelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren" (Mk.3,22) setzt
er in 12,24 schlichtweg "die Pharisäer". Nachdem Matthäus in 12,2
(= Mk.2,24) die Pharisäer als Handlungsträger eingeführt hat, ver-
einheitlicht er die Szene radikal: von 12,1 bis 12,45 steht Jesus (trotz
des Ortswechsels 12,15) im Kampf mit der einen Front der Pharisäer
= Schriftgelehrten und Pharisäer (12,38).
3. Mk. l1,18/Mt. 21,45f. Der Evangelist nimmt die "Oberpriester
und die Schriftgelehrten" von Mk.l1,18 zunächst in einen bei Markus
fehlenden Zusammenhang der Tempelszene auf (21,15), dann trägt er
11,18 stark verändert in 21,45f. nach, dergestalt, daß nun für die
"Schriftgelehrten" die "Pharisäer" erscheinen: und als die Oberpriester
und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten ... Von einer Unter-
.. bzw. 16,1 "Phariaäer und Schriftgelehrte".
Die Schriftgelehrten und Pharisäer 21
drückung der Schriftgelehrten zugunsten der Pharisäer kann also auch
hinsichtlich MIt.ll,18 nicht die Rede sein. Die Identität der Begriffe
vorausgesetzt, gebraucht Matthäus für den einen von Markus über-
nommenen Begriff an anderer Stelle nur den eigenen anderen.
4. MIt. 12,28iMt.22,34. MIt. 12,28 geht esum .. einen vonden Schrift-
gelehrten". Matthäus dagegen bringt, wie gesagt (vgl. S. 11. 13f.), die
Sadduzäer der vorhergehenden Perikope mit den Phari&äern zusam-
men, weil für ihn .. Pharisäer und Sadduzäer" eine vorgegebene, ge-
prägte Begriffseinheit darstellt, nicht jedoch .. Schriftgelehrte und
Sadduzäer". Diese Begri1fskombination müßte entstehen, wollte der
Evangelist bei seiner die Solidarität und Identität der Lehrer Israels
betonenden Ausrichtung der Perikope bleiben und zugleich in treuerer
Anlehnung an den Markus-Text lediglich den einzelnen Schriftge·
lehrten von 12,28 - in Analogie zum jetzigen .. die Pharisäer" -
generalisieren. Der eine Schriftgelehrte von 12,28 faUt bei Matthäus
also nicht den Pharisäern als individueller Gruppe zum Opfer, sondern
der schon in 3,7; 16,1.6.11.12 anvisierten und dort formelhaft ange-
sagten Einheit von .. Pharisäern und Sadduzäern".
5. MIt. 12, 35fMt. 22, 41. Nachdem in 12, 28 .. einer der Schriftgelehrten"
das Wort ergriffen hat, der nicht feme ist vom Reiche Gottes (12,34!),
steUt Jesusin 12,35 die Frage: wie sagen denn die Schriftgelehrten ... ,
Ein streitbares Gegenüber fehlt; Zuhörer ist nach 12,38 /)
von dem zu sagen ist: 'ljXOUEV IlUTOÜ   Matthäus hat aus oben ge-
nanntem Grund die Pharisäer eingeführt. Da für ihn, anders als für
Markus, die ganze Komposition, die er in 22,46 redaktioneU abschließt,
unter der Überschrift .. Auseinandersetzung mit dem einen Gegner"
steht, richtet er auch die Perikope von der Davidssohnfrage dement-
sprechend aus. Er formt sie bewußt zu einem .. Streitgespräch" mit
den schon vorhandenen Pharisäern um - Einheit der Szene! -
und läßt sie nun direkt angesprochen sein (22,42). Wieder stehen
die Pharisäer für die eine Lehrerschaft Israels des Matthäus-
Evangeliums.
In diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache belangvoU, daß das
Matthäus-Evangelium die .. Schriftgelehrten" an 4 Stellen (vgl. S. 17)
als .. Sondergut" aufweist. Auch sie spricht gegen eine bewußte, ein-
seitig .. pharisäische" Tendenz des Evangelisten. Von den 4 Loci, an
denen bei Matthäus die Schriftgelehrten des Markus-Textes ganz ent-
faUen (vgl. S. 17), geht die Auslassung dreimal zu Lasten der Formel
.. die Oberpriester und Ältesten des Volks" (MIt. 11,27; 14,43; 15,1/
Mt. 21,23; 26,47; 27,1; vgl. 14,1/26,3), was wieder kein Votum zu-
guDSten der .. Pharisäer" ergibt. Von diesen Stellen soU ausführlich im
nächsten Abschnitt gehandelt werden. Zu MIt.II,14fMt.17 ,14 vgl. S. 42.
22 Israel im Matthäusevangelium
Nach alledem ist der These Hummels, daß ..... Matthäus die Phari·
säer so oft wie möglich als Gegner Jesu auftreten läßt 27" , nicht zuzu·
stimmen. Sie kommt zustande auf Grund einer methodisch frag·
würdigen Behandlung der Texte, die Hummel wahllos heranzieht,
ohne Rücksicht auf ihre konkrete Gestalt, sofern sie nur das Stichwort
.. Pharisäer" enthalten. So ist nach Hummel .. das Wort von der bes·
seren Gerechtigkeit (5,20), das die Bergpredigt thematisch beherrscht",
gegen die Pharisäer gerichtet
l7
; .. ferner das ganze Kapitel 23"17.
Und: .. Im Gegensatz zu den anderen Evangelisten konfrontiert er
auch schon den Täufer mit den Pharisäern (3,7)"27. Das eine 1\IaI
spricht Matthäus jedoch prägnant von den .. Schriftgelehrten und
Pharisäern", das andere Mal von den .. Pharisäern und Sadduzäern".
Es ist falsch, .. daß für Matthäus die Pharisäer die eigentlichen Gegner
Jesu sind"·. Die Untersuchung von 5,20 /7,29; Kap. 12; 15; 22; 23
hätte Hummel über die totale Kongruenz der Einheits- und .. EinzeI-
begriffe" belehrt, über deren gegenseitiges Verhältnis er nichts aus-
sagt. Diese Kongruenz hätte es ihm verwehrt, von Schriftgelehrten
und Pharisäern zu sprechen, zwischen denen Matthäus nicht mehr
deutlich unterscheide·, und von einer .. Zusammenfassung, die an
eine Identifizierung grenzt"n. Das besagt, daß Matthäus im Text
Unterschiede stehenläßt. Sie sind nicht exakt auszumachen, immer-
hin sind sie - undeutlich - vorhanden. Die Zusammenfassung grenzt
an Identifizierung, kommt ihr also nur nahe; am Ende bleiben doch
Differenzen. Tatsächlich stellt die matthäische Formel die unter-
schiedslose Einheit der Lehrer Israels dar. Matthäus hat nicht -
ungenau - zwei verschiedene Gruppen vor Augen, die er formelhaft
zu einer Beinahe-Einheit verbindet, sondern nur im vorgegebenen
Material zu unterscheidende Handlungsträger, die schon als einzelne
das Ganze sind, die eine Schlangenbrut der Pharisäer (12,34), Phari-
säer und Sadduzäer (3,7) und Schriftgelehrten und Pharisäer (23,33).
Jesu .. eigentliche", d.h. einzige Gegner sind im Matthäus-Evangelium
Israels Lehrer, die Schriftgelehrten = Schriftgelehrten und Pharisäer
= Pharisäer = Pharisäer und Sadduzäer, also etwas sehr anderes als
die Pharisäer im historischen Verständnis des Begriffs. Jeder dem
Evangelisten zugeschriebene Anti-Pharisäismus bleibt ohne Anhalt
im Text, sofern der ganze Textbestand zu Wort kommt
30
• Die einzige
17 A.a.O. 13; vgl. Kilpatrick a.a.O. 106; T. F. OI888On, Anti·Pharisaism in
St. Matthew, JQR 51 (1961-62) 316--320, 317: "There is an increase ofseverity
against the Pharisees." Wie Hummel urteilt auch Wolf gang Tril1ing, Das wahre
IIII'RCI, StANT 10, 3. umgearb. Auf!. 1964, 90.
a A.a.O. 14. H A.a.O. 15 .
.. Georg Strecker, Das Geschichtsverständnis des Matthius, EvTh 26 (1966)
57-" sagt S. 68, der PharisiismuB (I) reflektiere im MatthiuB.Evangelium
nicht primir die Situation d ... zeitgenössischen Judentums, sondern habe die
FunktIon eines Topos, der im Gegenüber zur ethischen Forderung die Haltung
Die Schriftgelehrten und Pharieäer 23
Anti-Tendenz des Evangelisten ist sein "Anti-Doktorismus": der Stoß
ist gegen das Israel der Vergangenheit gerichtet, das in den doctores von
ehedem begegnet. Somit ist das historische Urteil zu revidieren, das
Hummel mit der angeblichen Vorherrschaft der Pharisäer im Mat-
thäus-Evangelium verbindet.. Er sagt: "Darin spiegelt sich offensicht-
lich seine eigene Lage wider: die Vorherrschaft des Pharisäismus nach
der Tempelzerstörung"3l. Nach Hummel trägt Matthäus den Anblick
des Judentums seiner Zeit in die historia Jesu ein, eine These, die
durch die "Sadduzäer" in Verbindung mit den "Pharisäern" emp-
findlich gestört wird (vgl. Hummel 20); in die historia Jesu, in der
gewiß schon Pharisäer eine Rolle spielten, doch nicht so einseitig,
wie Matthäus es darstellt
3l
. Die eine Lehrerschaft des Matthäus-
Evangeliums sperrt sich demgegenüber gegen jede zeitgeschichtliche
Einordnung. In der bei Matthäus konstatierbaren Synonymität hat
es Israels Lehrerschaft nie gegeben. Als eine Größe perfekter Begriffs-
Kongruenz, in die auch die "Pharisäer und Sadduzäer" einbezogen
sind, kann sie mit dem einheitlich pharisäisch geleiteten Judentum
der Zeit nach 70, von dem Hummel spricht, kaum etwas zu tun haben.
Die Begriffe haben das geschichtliche Profil verloren, das sie bei
Markus, der sie unreflektiert gebraucht, noch an sich tragen. An die
Stelle mehrerer individueller, geschichtlich gewachsener Termini ist
ein einziger, vom Evangelisten entworfener "Uniformbegriff" der
Lehrerschaft Israels getreten, der aus realen Verhältnissen weder ab-
zuleiten noch auf sie anzuwenden ist. Diese Gegnerschaft Jesu gibt es
nur in der literarischen Geschichte Israels des Matthäus-Evangeliums,
nicht in historischer Funktion.
Der deutliche Anti-Doktorismus des Matthäus-Evangeliums wider-
legt auch Hummels Urteil, nach dem " ... der Begriff des Schriftge-
lehrten für Matthäus ein neutraler Begriff ist, der erst durch die Zu-
gehörigkeit zur Gemeinde oder zum Pharisäismus qualifiziert wird" SI.
Wie der Begriff der "Schriftgelehrten", eins mit dem der "Pharisäer"
oder "Schriftgelehrten und Pharisäer" und so einbezogen in die stereo-
type Qualifizierung, die Matthäus für diese Begriffe bereithält, ein
"neutraler" Begriff sein soll, wird schwer zu erklären sein. Hat man
die geschlossene Front der Lehrer Israels mit ihren dunklen Epitheta
im Matthäus-Evangelium zu Gesicht bekommen, muß einen der Be-
griff "neutral" fremd anmuten.
d ... Unglaubens repräsentiere. Die Rückschlüsse auf .. die Lage in der Gegen.
wart" müßten hinter die Frage nach den theologischen und historischen Inten·
tionen des Matthiius zurücktreten (ebenda. Anm. 33). Dem ist - cum grano
salis - zuzustimmen. Die doctores sind keine aktuellen, aondem "g88Chichtliche"
Größen: die Exponenten Israels·von·damals, d...aen Ungehorsam sich freilich
nicht nur auf die .. ethische Forderung" bezieht (vgl. z.B. 9,34; 11,16-24;
12,22-42; 16,1-4; 21,33-46) .
.. A.a.O. 14. •• A.a.O. 27; vgl. 17f.
Iarael im MatthäU8eVallgelium
- Aber Matthäus redet doch auch von christlichen Schriftgelehrten!
Dann muß der Begriff doch ambivalent werden I - Hummel verweist
(in dieser Reihenfolge) auf die Stellen 13,52; 23,34; 8,19 und 23,8-10.
1. Mt. 23,8-10. Hummel schreibt: "Das Verbot, sich mit den Ehren-
titeln der jüdischen Schriftgelehrten anreden zu l&BBen, setzt die
Existenz christlicher Schriftgelehrter voraus"u. Oder: "Der Hinweis
auf Christus als den einen Lehrer der Gemeinde (v. 8 und 10) setzt der
Autorität der christlichen Schriftgelehrten eine Grenze und stellt sie
als Lernende und als Brüder in die Gemeinde hinein"u. Nun ist, vom
Formalen her geurteilt, nicht zu übersehen, daß 23,8 nicht mit einer
Anrede an Schriftgelehrte, sondern mit einem prononcierten und ge-
nerellen "ihr aber" beginnt, das in 23,8 b durch das ebenso ausnahms-
lose 7t«vrCt; 31 Ö f   L E ~ aufgenommen wird. Will man mit Hummel an-
nehmen, durch 23,8-10 bekämen Schriftgelehrte der matthäisehen
Kirche ihren Platz angewiesen, so kann es in dieser Kirche nicht ein-
zelne, sondern überhaupt nur Schriftgelehrte geben. Denn mit 23,8
sind durchaus alle (Jünger = "Schriftgelehrte") angesprochen. Auch
die inhaltliche Ausrichtung der Verse 8-10 muß zu denken geben.
23,8 lautet: Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen l&BBen, denn einer
ist euer Lehrer, ihr aber seid alle Brüder. Ist einer Lehrer und sind die
Jünger ihm gegenüber alle Brüder, so bleibt logischerweise nur der
eine "Meister" übrig und in und mit seinen "Titeln" ist das christ-
liche Rabbinat selbst grundsätzlich abgewiesen, wie Schlatter richtig
sagt: "Sie [die neue Gemeinde] hat kein Rabbinat, sondern in Jesus
ihren einzigen Lehrer, der ihr Gottes Willen sagt"·. Es ist beachtlich,
daß nicht nur die Titel angegriffen, sondern auch die Funktionen der
Titelträger geleugnet werden. So heißt es im ganzen gleich dreimal:
ein Meister, ein Vater, ein Lehrer! Wurden diese Worte in ihrem Sitz
im Leben (mit einem speziell auf "Schriftgelehrte" zielenden "ihr aber"
und ohne TtIlvm; 23,8b) gegen Titel und Wesen christlicher Schrift-
gelehrter gesprochen, was anzunehmen ist; setzen sie also ursprünglich
Titel und Existenz christlicher Schriftgelehrter voraus", so wurden
diese Titelträger und ihre Funktion doch durch eben diese Worte ra-
dikal aus dem Raum der Kirche verbannt. Von hier aus ist weiter zu
fragen, ob Hummels Ausführungen nicht an mangelnder methodischer
Exaktheit leiden. Er nimmt 23,8-10 ohne weiteres für Matthäus und
seine Kirche in Anspruch, ohne zwischen der ursprünglichen Ausrich-
tung der Worte und ihrer Verwendung durch den Evangelisten zu
u A.a.O. 27. .. A.a.O. 28.
.. Der Evangelist Matthius. Seine Sprache, seine Ziel, seine Selbständigkeit.
Ein Kommentar zum ersten Evangelium; Neudruck 1957,670 z. St.
H In seinem Aufsatz ,Die Anlange christlicher Theologie', ZThK 57 (1960)
164 erläutert E. KäsemBnn z. St., "daß hier Polemik gegen eine sich ... in der
Weise eines christlichen Rabbinatee bildende Gemeindeordnung geübt wird".
Die Schriftgelehrten und Pharisler 25
unterscheiden. Die Annahme, die Verse 23,8fF. seien - im Sinne des
Evangelisten - mit dem Blick auf christliche Schriftgelehrte ge-
sprochen, erweist sich als unhaltbar angesichts ihrer Stellung inner-
halb der matthäischen Komposition des 23. Kapitels, die allein über
die Intentionen des Evangelisten Auskunft gibt. Hier sind von Anfang
an bestimmte nicht-christliche .. Schriftgelehrte" vorausgesetzt, die
Lehrer Israels, die .. Schriftgelehrten und Pharisäer" und ihre in
23,2-7 beschriebenen Praktiken. Von die8em Hintergrund ist das
generelle .. ihr aber" in 23,8 abgesetzt. Die Jünger (von damals) sind
streng dazu aufgefordert, anders als Israel zu sein, .. nicht-schrift-
gelehrt" und entsprechend .. titellos", positiv: brüderlich und dia-
konisch. Sie haben nur einen Meister. Er schließt für die Seinen alle
menschliche Größe zugunsten seiner Alleingeltung aus ... Israel", dar-
gestellt durch die eine, Mose repräsentierende und sich selbst lebende
Lehrerschaft, und die .. Jünger" unter dem einen Meister, neben dem
es nur Brüder und Diener gibt, sind wie Feuer und Wasser. Mit l\-litteln
der Komposition, durch 23,8fF. im Gegenüber zu 23,2fF. paralysiert
Matthäus die (bedingte) .. Anerkennung des Rabbinats" durch Jesus,
das ihm überkommene, unechte judenchristliche Logion von 23,3:
Die .. Jünger" (von damals) sind in totalen Gegensatz zu .. Israel" und
seiner Lehrerschaft gerufen. Dieses Wort an die Jünger von einst hat
sicher auch seine kerygmatische Bedeutung für das .. Heute" des
Evangelisten. Für die .. Jüngerschaft" schlechthin (nicht für einzelne
daraus) ist menschliche, .. schriftgelehrte" Größe von der Art des
Textes und Kontextes, die jenseits der Alleingeltung Jesu steht
(23,8.10; 23,11: Der Größte unter euch soll euer Diener sein), gleich-
bedeutend mit einem Rückfall in das von Jesus verworfene Wesen der
Lehrer Israels. So i8t 23,811. weder von seiner ursprllnglichen Av.sricA-
tung aus noch von seiner Konteztjunktion in Kapitel 23 oder seiner
aktuell-kerygmatischen Bedeutung /Ur das Heute de8 Evangeli8ten her /o.r
das .. positive Dasein" christlicher Schriftgelehrter bei MaltMus in An-
spruch zu nehmen.
2. Von hier aus ist 23,34 zu beurteilen: Darum, siehe, sende ich zu
euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte ... , wobei offensicht-
lich an die .. Jünger" gedacht ist, die an Jesu Schicksal teilhaben
(aTcxupc:.CJEu). V. 23,34 steht sachlich zu 23, 8fF. in unauflösbarem Wider-
spruch. Weist Jesus dort Titel und Funktion der Schriftgelehrten für
seine Bruder- und Diener-Jüngerschaft ab, so sendet er sie hier aus.
Der Widerspruch löst sich indessen auf, wenn man man auf die .. Zeit" .-
achtet, die der Evangelist den verschiedenen Sprüchen zuordnet.
23,8fF. ist uneingeschränkt gesprochen; jedes Wort ist mit dem ganzen
Gewicht des Gerichtes versehen (23,12). Hier hat man die bis ans Ende
verbindliche Lehre des Messias; hier expliziert er seine .. Ekklesiologie"
26 Israel im IIlatthälJll8V&ll8"lium
(vgl. Kap. 18; 20,20-28). Demgegenüber ist 23,34 im Sinne des
an die Zeit Israels gebunden. Die Schriftgelehrten sind zu
"euch" 1!8II&ndt, erleiden Verfolgung und Tod, damit die ganze Un-
heilsges;ehichte Israels zu ihrem Ende komme (23,32) und in einer
einzigerl Zusammenballung des Gerichts über "dieses Geschlecht"
hereinbreche (23,35f.). Jesus tritt hier Israel als der Inaugurator seines
innerge/i!ohichtlichen Gerichtes und Endes gegenüber (die Wehe;
23,32.34). Das Logion 23,34, von Jesus aus in die Zukunft des inner-
geschichtlichen Gerichts über Israel verweisend, ist für Matthäus nur
noch "htlilsgeschichtlich" aktuell. Er sieht auf das von Jesus ange-
zeigte 1lTld herbeigeführte Gericht und Ende Israels schon zurück
(21,43; :12,7-10; 23,32-24,2- vgl. unten S. 43f. 79ff./55f. 91ff.
/ 56ff.). Beides, Israels Untergang und die ihm vorausgehende
Sendung der "Schriftgelehrten" und ihre Abweisung, liegt hinter ihm.
Er kann 23,34 verwenden, indem er es in den Kontext der Gerichts-
ansage einkomponiert und es 80 lokaliter und zeitlich auf das zurück-
liegend!! Israel festlegt und beschränkt. Das von Matthäus aufge-
griffene Logion beweist, daß es im Raum der Urchristenheit christliche
Schriftgelehrte neben "Propheten und Weisen" gegeben hat. Matthäus
selbst kann ihm freilich nur noch "historische" Bedeutung für das
heilsgeschichtliehe Ende Israels zuerkennen, nachdem er durch die
"kirchlich" und eschatologisch verbindliche Spruchgruppe 23, S-12
die darin vorkommenden Schriftgelehrten als eine vom Messias Israels
verworfelle Größe dargetan hat.
3. Hunu:nel führt weiter aus: "Auch 8,19 muß genannt werden. Die
Bereitschaft, Jesus nachzufolgen, wird hier im Gegensatz zur Lukas-
parallele (Lk.9,57) von einem Schriftgelehrten geäußert. Wenn Mat-
thäus in 8,21 den folgenden Jüngerspruch mit der Einleitung ver-
sieht: anderer aber der Jünger sprach zu ihm ... ', 80 ist damit
der Schriftgelehrte in 8,19 als Jünger qualifiziert" 87. Diese Erklärung
ist in dOl1pelter Hinsicht unbefriedigend. Es bleibt zu bedenken, daß
der eine- Schriftgelehrte von 8,19 mit dem Hinweis auf Jesu "Armut"
eine abw<eisende Antwort erhält, der "andere der Jünger" (8,21) je-
doch eine. radikal verpflichtende (8,22)81; für ihn gilt die Bedingungs-
  27. .. Ef; markiert die Singularität d"" Falles .
.. a..eltt Julius Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 2, 1953,
113: "B.-zoej,chnend für beide Geschichten ist, daß Jesus die ab-
schreckt." - In Wirklichkeit ist .. solch abweisender Ernst" allein für die erste
Nachfolger:g'e8Chichte zu konstatieren, während die zweite mit einem ausdrück-
lichen .. (oligte mir" schließt. Sie ist also durchaus "anziehend" gemeint und
illuatri.rt nllllr die Radikalität der Forderung Jesu. Im ersten Fall \\ird die Nach-
folge von "Außenstehenden" bedingungslos angeboten (gegen Bultmann,
Tradition liI5;: Matthäua spreche von einem Schriftgelehrten, offenkundig weil er
annehnlBo 'dl&ß der Mann sich nicht zur Nochfolge entschließen könne), doch
wird Angebot zurückgewiesen; im zweiten Fall wird sie von einem Jünger
"bedingt Zlurgesagt", jedoch rücksichtslos gefordert.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer 27
losigkeit der Nachfolge, die jedes npwTov ausschließttO. Ein" andere
tiefgreife:Jde Differenz wird durch die verschiedene Jesus-Anrede der
beiden "Nachfolger" markiert. Der Schriftgelehrte nennt Jesus
"Meister" (3r.3ciaxacAE), wie es sonst im ganzen Evangelium Dur die
Gegner und Außenstehenden tun, während der Jünger bezeicllnender-
weise "Herr" sagt, also die im Sinne des Evangelisten genuint' Jünger-
anrede gebraucht'l. Wird der nachfolgefreudige Schriftgelellrte von
8,19 durch 8,21 auch nachträglich als Jünger qualifiziert, so bleibt er
doch im Rahmen des Kontextes bloßes Paradigma der Nachfolge, an
dem sich der schroffe Ernst Jesu und die ganze Schwere des .xlLOAr,U&c1:v
offenbart. Die Anrede des Schriftgelehrten-Jüngers, Jesu zurück-
weisende Antwort und der beabsichtigte Kontrast zu dem bedingungs-
los Geforderten weisen schwerlich in Richtung auf eine "Neutralität"
des matthäischen Schriftgelehrten-Begriffs. Man kann sich friLgen, ob
Matthäus, von seinem negativen Bild der Lehrer Isrsels geleitet, den
abgewiesenen nachfolgewilligen Jünger (gegen Lk. 9,57) nicht mit Ab-
sicht "einen Schriftgelehrten" sein läßt
u
.
4. Weiter erklärt Hummel: "Von christlichen Schriftgelehrten ist in
13,52 ... die Rede"u. -     erfährt durch  
Tii TWV oup«vwv" eine dezidierte Näherbestimmung : jeder
Schriftgelehrte, der ein Jünger der Himmelsherrschaft wird, also jeder
"bekehrte", "christliche" Schriftgelehrte. Dem so bestimmten Sub-
jekt hat das folgende Gleichnis sein "Prädikat" zu beschaffen. Es ver-
hält sich U mit jedem "bekehrten" Schriftgelehrten wie mit einem
Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt. Was
will dieses Gleichnis der Sachhälfte nach aussagen Es besteht hier
die Gefahr, daß der Text durch Allegorese zu einer typisierellden Be-
schreibung christlicher Schriftgelehrsamkeit ausgestaltet und so über-
fordert wird. Julius Schniewind erläutert: "Die Anwendung liegt wohl
•• Auch Ferdinand Hahn, Christologische Hoheitstitel, FRLA!oo"'T 83, 1963
urteilt S. 83f. (wörtlich zitiert): "daß V. 19f ... Is Abweisung eines di" Jünger-
schaft begehrenden Menschen, V. 21 f. umgekehrt .. Is die Bindung eine" Jüngers
.. n das schon bestshende N achfolgeverhiltnis zum Ausdruck bringt".
CI Vgl. Hahn ...... 0.76, bzw. für "Herr" 85f .
.. Vgl. Erich KI08termann, Das Matthiusevangelium, HNT 4, 2. Auft. 1927,
77: vielleicht erst von Mt. zugesetzt, um die in 20 gefundene Ab-
weisung zu motivieren.
tl
•• A.a.O. 27 .
.. Die Wendung (paas. Dep.) entspricht sachlich gen .. u 27,57 lj>CX&1JTOU&1J
TCi> Es handelt sich offensichtlich um Missionsterminologie, Ign Eph.
10, 1 UfLiv fL"&1Jn:u&i\vcx. im Zusammenhang mit der Ermahnung zun' Gebet für
die "anderen Menschen" und dem Stichwort lv weiter
Ign Eph. 3, 1 Ix., TOÜ fLcx&1JTOu.a&o<.; vgl. Ign Röm. 5,1 fLIDov .... UOfLCX'
(5,3 vüv 4pXOfLCX' 01 .. ",). In diesen Zusammenh .. ng gehört auch das tran-
sitive fLcxlhiTE1l ... = zum Jünger machen, Mt. 28,19; Apg. 14,21; Ign 3,1 •
.. Zu .aT" vgl. Joachim JeremiBS, Die G1eichnisee Jesu, 6. neu bearb.
Au1\. 1962, 101.
28
darin, daß bei Jesua Beides eins ist: das Festhalten am Alten (5,17fF.)
und das umstürzende Neue (5,21fF.)"". Doch hält der Hauaherr im
Gleichnis durchaua nicht am Alten fest. Er nimmt es - zusammen mit
dem Neuen - heraus, holt es hervor
t7
• Die .. Allegoristen" unter den
Aualegern deuten an unserer Stelle viel zu rasch, was mit dem .. Alten
und Neuen" gemeint ist - .. Neues und Altes" steht im Text, nicht
wie es für die Allegorese passender wäre: .. Altes und Neues"u. Es gilt
damit Ernst zu maohen, daß der Vergleich nicht einseitig auf den
Schatz
t
• oder das ,,Neue und Alte"" zielt, sondern wie in den anderen
(nicht sekundär allegorisierten) Basileia-G1eichnissen auf den ganzen
Vorgang: auf den Hausherm in seinem bestimmten Verhalten mit
dem Schatz - er holt Neues und Altes daraua hervor. Was tut er also!
Doch wohl das Gegenteil des ewig Hortenden und Sammelnden, der in
seiner Schatztruhe (oder Vorratskammer) tunIicbst Neues auf Altes
häuft. Der Hausherr im Gleichnis ist unbesorgt, er entledigt sich aller
VorbeJuJlte
ö
er holt Neues und, erstaunlich zu hören, Altes aua seinem
Schatz hervor. Seltsam freier, bedenkenloser Mann! - So auch jeder
Schriftgelehrte, der ein Jünger der Himmelsherrschaft wird. Er ver-
bindet nicht in .. schriftgelehrter" Weise Altes und Neues, fördert
schon das Neue und bewahrt dabei doch das Alte. Ihn charakterisiert
vielmehr die kühne .. Reservelosigkeit" des Hausherm im Gleichnis.
Nur so steht das Schlußgleichnis in saohlicher Einheit mit allem Vor-
ausgehenden. Am Schluß der G1eichnisrede erscheint nicht, äußerlich
auf das Stichwort .. Basileia" bin angefügt, eine wunderliche Jünger-
belehrung über den christlichen Schriftgelehrten und seine Verbindung
von altem und neuem Bund, die mit Kap. 13 auch nicht einen Ge-
danken gemein hat. Die Allegoresen vermögen nicht naohzuvollziehen,
daß Matthäua in 13,51 ausdrücklich an alles Vorherige anknüpft:
habt ihr da8 allu verstanden! Durch 13,GI!. beschließt der Evan-
gelist - mit einem von ihm selbst geprägten Herrenworti1f - seine
Gleichnis-Komposition, setzt er ein kräftiges Fazit. Im saohlichen
Horizont und auf dem Boden des Verständnisses von .. dem allem"
will er am Beispiel seines Textes das Wesen der Basileia-Jüngerschaft
," A.a.O. (NTD 2) 17'. .. Vg\. 12,35 .
.. Die Beispiele in ANn. 30 bieten alle die (an den .. Testamenten" orientierte)
Reihenfolge .. Altes und Neues".
U Trilling, D .... wahre I ... ael 1.8 meint, die GleichniMammlung des Kapitels
aei Modell für die Lehrweile des Schriftgelehrten und gehöre zugleich zu aeiner
( I) Schatztruhe .
.. 80 Jeremi ..... Gleichnitae 2": .. du früher Gelernte und die nauen Er-
kenntniaae". T. W. Manaon. The SayingB of Jeaua. 1960. 198: .. The old will be
the Law of MOII88; the new will be the new interpretation given by J 08US."
Ahnlich J. Hoh. Der christliche     (Mt. 13,52). BZ 17 (1928) 258--289.
266. - Anders und phantasievoll Schlatter, Evangelist Matthäu8 '50f.
", Vgl. Bultmann, Tradition 108.
Die Oberprieeter und Altesten dee Volks 29
(nicht der christlichen "Schriftgelehrsamkeit"), die der "Schluß" aller
Basileia-Predigt ist, heraUlllltellen. An der Verkündigung der Himmels-
herrschaft scheiden sich nach (3-9) 18-23 die Geister in Ungehorsam
und Gehorsam. Sie ist - als G1eichnisrede - die Gewalt des Gerichts
und der Verstockung für das widerborstige Israel (10--15), Heil für
die Beschenkten und sehenden Augen (11.16f.). Sie wird von Gott
wunderbar heraufgeführt (31-33), ist kosmische Macht des End-
Gerichts (24--30.36-43.'7-50), vom Menschen freudig und mit
letztem Einsatz zu ergreifen ('4--'6). Wo sie das alles ist und als solche
von den Jüngern verstanden wird, ist "darum" jeder Schriftgelehrte,
der zum Jünger der Himmelsherrschaft wird, ein Mensch der Rück-
haltlosigkeit und ebenso - der paradigmatische Charakter des Verses
ist unverkennbar - das Exempel der seltsamen Bedenkenlosigkeit
aller "Nachfolge", aller Hinwendung zur Basileia. Damit ist er zugleich
und zum guten Schluß der matthäischen Komposition das aufgerichtete
Zeichen für die alles erheischende Gewalt und totale Vertrauens-
Würdigkeit der von Jesus verkündigten Basileia. - Es ist deutlich,
daß der Evangelist 13,52 ad vocem ~ a W   a t um seiner paradigmati-
schen Funktion und Kraft willen aufgreift. Daraus auf ein positives
Interesse des Evangelisten am christlichen Schriftgelehrten "als
solchem" zu schließen, geht u. E. zu weit. Die Zusammenschau der
besprochenen Texte 23,8-10; 23,3', 8,19 und 13,52 verwehrt den
Gedanken, Matthäus habe sich in seinem Evangelium zum christlichen
"Schriftgelehrten" bekannt oder sich gar selbst als solchen verstanden.
3. Die Oberpriuler und Altulen du Yol1:l
Die doctores Israels spielen in der Paasionsgeschichte des Matthäus-
Evangeliums eine bescheidene Rolle; immerhin sind sie unmittelbar am
Leiden und Sterben Jesu beteiligt (vgl. 26,67/Mk. 1',63; 27,'1/Mk.
15,31; 27,62: die Oberpriester und die Pharisäer, Sondergut; zu-
sammen mit den Oberpriestern erscheinen die "Schriftgelehrten" bzw.
die "Pharisäer" schon 21,16.'5/Mk. 11,18). Als die dominierenden
Handlungsträger begegnen die "Oberpriester und Ältesten (des
Volks)". Wo Matthäus nur die Oberpriester erwähnt, scheint er dafür
- so Hummel
6l
- seine Gründe zu haben: konkrete Kenntnisse ihrer
Kompetenzen. Judas z. B. wendet sich nur an sie mit seinem Angebot,
Jesus zu verraten (26,1' = Mk. 1',10) - an sie wohl als vorgesetzte
Behörde der TempelpoIizei. Oder die Oberpriester beraten über die
Verwendung der von Judas zurückgebrachten Silberlinge (27,6) -
"offensichtlich in ihrer Eigenschaft als Finanzverwaltung des Tem-
pels" ". Endlich laufen die aufgescheuchten Grabeswächter von 28,11
.. A.a.O. 21.
30 Iarael im lIIatthäuaevangelium
(Sondergut) zu den Oberpriestern, d.h. wieder: zu den Chefs der Tem-
pelpolizei
n
. Dabei ist nicht berücksichtigt, daß Judas 27,3ff. mit
seinen Silberlingen zuallererst bei den Oberprieatern und Älteaten vor-
spricht als bei der kompetenten "Behörde". Ihnen bringt er das Geld
zurück (27,3; das ganze Stück 27,3-10 ist Sondergut). Sie sind ge-
meinsam betroffen und sagen miteinander: Was geht es uns an? Siehe
du zu (27,.)! Diese Darstellung der Dinge spricht nicht gerade für
konkrete Kenntnisse des Evangelisten in Sachen oberpriesterlicher
Kompetenzen, auch wenn im folgenden - unmittelbar nach dieaem
Auftakt - die Oberpriester das Heft in die Hand nehmen (27, 6f.).
Ähnliches gilt für 26,1 •. Angenommen, Judas verhandelt mit den
Oberpriestern in ihrer Eigenschaft als vorgesetzte Behörde der Tem-
pelpolizei, so kann es nur verwundern, daß im weiteren Verlauf des
Geschehens die bewaffneten Scharen um Judas von den Oberprieatem
und Ältea/en dea Volk" ausgehen (26,.7), als wären sie gemeinsam
die "Oberen der Tempelhüter". Und wenn die Grabeswächter von
28,11 allein den Oberpriestern Bericht erstatten, so stecken die doch
alsbald die Köpfe wieder mit den - Ältesten zusammen. Als ob sie
nicht selbst "Behörde" genug wären! Sie sind es nicht. Matthäus
schildert die "Oberpriester und Ältesten des Volks" als Handlungs-
einheit. Der Singulärbegriff "Oberpriester" erscheint zweimal als
Parallel begriff zu "Oberpriester und Älteste" (26,1.'.7; 27,6 '3);
nirgends bezeichnet er etwas Selbständiges (vgl. 28,11 f.). Die "außer-
gewöhnliche Sorgfalt und Genauigkeit", die Hummel dem Evange-
listen in dieser Sache nachrühmt und die er mit dem Stichwort "hi-
storisierendes Interesse" erklären möchten, ist tatsächlich die Sorgfalt
und Genauigkeit schriftstellerischer Systematik bei der Darstellung
des messiasfeindlichen Geschlechts. Wieder isoliert Hummel den
"Einzelbegriff" in unerlaubter WeiBe. Wieder verkennt er die Funktion
des von Matthäus geschaffenen "Einheitsbegriffs" und seine Aus-
wechselbarkeit mit dem Singulärbegriff.
Hummel führt weiter aus: "Für die Verwendung des Begriffs der
Ältesten gilt dasselbe wie für die des Begriffs der Oberpriester. Mat-
thäus läßt erhebliche Sorgfalt und Genauigkeit walten, weil es um den
Prozeß gegen Jesus und um die Rolle geht, die die einzelnen Gruppen
dabei gespielt haben"lII. Die Rolle der ÄUeaten ist aber /ar Mattluiw
keine andere al8 die der Oberprieater (oder Schriftgelehrten 26,57; oder
beider zusammen 16,21; 27,.1). Nirgendwo spielen sie ihren eigenen
Part. Immer sind sie mit dem Partner zusammengesehen und bilden
eine Aktionsgruppe mit ihm (21,23; 26,3 .• 7; 27,1.U2.20; 28,l1f.).
Was Hummel seinerseits nur bestätigen kann: "Sie werden bei Mat-
thäus nie allein, sondern stets zusammen mit den Oberpriestern bzw .
.. A.a.O. 21. .. A.a.O. 22.
Die Oberpriester und Altesten des Volka 31
Oberpriestern und Schriftgelehrten genannt"". Ihr einziges Spezifikum
bei Matthäus (gegenüber Markus) besteht darin, daß sie, wieder nur
in Verbindung mit den Oberpriestern, betont als Älteste des Volle,
fungieren (21,23; 26,3.47; 27,1). Im Sinne des Evangelisten sind auch
die Oberpriester und Ältesten Repräsentanten Israels: das Volk
handelt in seinen Autoritäten
H
• Von dieser Anschauung her ist es nur
konsequent, wenn sich nach 27,22 (redaktionell, gegen Mk. 15,13) aus-
drücklich aUe mit dem Ansinnen der Oberpriester und Ältesten identi-
fizieren, Barabbas freizubitten, Jesus aber "ans Messer zu liefern"
(27,20). Das ganze Volk übernimmt im selben Zusammenhang vor
Pilatus erklärtermaßen die Schuld am Tode Jesu (27,25; Sondergut).
Auch hier ist die Tendenz des Evangelisten zu erkennen: der Tod Jesu
ist nicht bloß Sache der "Oberen"; die "Oberen" stehen vielmehr für
das Ganze
17

Die Oberpriester und Ältesten treten außerhalb der Leidensge-
schichte (und 28,11 f.) nur noch in den Tempelstreitgesprächen
21,23ff., und zwar als die ersten Kontrahenten Jesu auf (21,23). Da
sie nirgendwo im Evangelium das Weichbild JerusaJems verlassen,
muß man sie sich als die spezifisch jerusalemiBc1le "Körperschaft"
Israels vorstellen, und in concreto als die Vorkämpfer des Todes Jesu
in der Heiligen Stadt. Um ihnen die Kontur und Geschlossenheit einer
handelnden Einheit zuzum_n, bedient sich Matthäus eines zwie-
fachen Verfahrens. An solchen Stellen, wo Markus nur die Oberpriester
erwähnt, setzt er noch die Ältesten in den Text (Mk.15,3.11
H
fMt.
27,12.20; vgl. Mk. 15,31fMt. 27,41, wo der Evangelist die Ältesten zu
den Oberpriestern und Schriftgelehrten hinzutreten läßt). Wo aber bei
Markus die Schriftgelehrten nach seiner Vorstellung "überschießen",
streicht er sie und reduziert den Text auf seine zweigliedrige Einheit
der "Oberpriester und Ältesten" (Mk. 11,27; 14,43; 15,lfMt. 21,23;
26,47; 27, 1"). Oder er macht aus den Oberpriestern und Schriftge-
.. A.a.O. 21.
•• In 2,4 spricht Matthiua von den         .... 1 MOG •
.. Die Identität von Füh .... rachaft und .. Volk" sich auch aua 21,43;
vgl. Theodor Zahns Bemerkung z. St. in: Das Evangelium des Matthiua, Komm.
zum NT I; 4. Auß. 1922, 632f.: ..... die Anwesenden sind nicht in ih .... r Eigen.
schaft als ilplC,0V'rCl; TOG >-!loG, sondern als Vert .... ter des jüdischen Volka angeredet.
Dies ergibt 81ch WlZweideutig daraus, dall nicht, wie man nach v.41 erwarten
könnte, gesagt wird, die Regierung des jüdischen Volks werde von den bis·
herigen Regenten auf ande .... "&genten übertragen werden, sondern die Gottes·
herrachaft werde von einem Volk auf ein anderes Volk übergeben." - Vom
.. jüdischen Volk" bitte Zahn beaacr nicht gesprochen. Matthäua blickt auf die
Generation der Basileia.Berufung von damals .
.. Die Oberpriester von Mk. 15,10 st .... icht Matthius (27,18) .
•• Vgl. S. 21. Die Schriftgelehrten von Mk. 9,14 fallen der radikalen Um·
formung von 9,14ff. bei Matthiiua zum Opfer (17,'4ff.; vgl. S. 42). Doch fragt
KI08tennann, HNT 143 im Blick auf die starke Verwandtschaft des Mt.· und
Lk .. Textea: "hatten Mt. und La. eine ande .... Mcform vor sich'"
32 Iarael im Matthiuaevangelium
lehrten von Mk.l', 1 die Oberpriester undÄlteaten des Volks von 26,3.
Dazu kommen in 27,' die Oberpriester und Ältesten im matthäischen
Sondergut. So konzentriert sich Matthäus auf einen Aktionsträger und
gewinnt damit eine relativ starke Einheitlichkeit der Szenerie. Er gibt
den Oberpriestern und Ältesten bzw. Oberpriestern und Ältesten des
Volks in der Pasaionsgeschichte (und darüber hinaus) den Faden der
Handlung in 8 von 13 Fällen in die Hand (26,3."; 27,1.'.12.20;
28,11f; ohne Formel und zusammen mit den Schriftgelehrten 27,'1).
Daß sie als die handelnden Pel'llOnen zu gelten haben, illustrieren 26,'
und 27, 1 sehr eindrücklich: ein Todesbeschluß genügt den Ober-
priestern und Ältesten nicht. Nach Mk.lIS, 1 beschließendieAutoritäten
Jesu Auslieferung - im Vollzug ihres Tod_7I8CIalag" von 1',1, wie-
man ergänzen mag. Bei Matthäus dagegen wiederholen und bekräftigen
die Oberpriester und Ältesten des Volks ihren ersten solennen Todes-
bucAlufJ von 26,,10 in 27,1 in aller Form, um daraufhin Jesus ge-
bunden an Pilatus auszuliefern. Das will sagen: Die Oberpriester und
Ältesten des Volks sind für Matthäus die Exponenten der Christus-
Todfeindschaft Israels auf dem Boden Jerusalems. Erst Matthäus hat
dieses Bild der Oberpriester und Ältesten als einer Aktionseinheit ge-
schafFen und ihm seine charakteristischen Züge aufgeprägt. Es handelt
sich also um einen durchaus ungeschichtlichen Pel'llOnenkomplex, der
aus tendenziöser Bearbeitung vorgegebener Traditionen stammt. Weil
Matthäus von vorneherein diesen Komplez anvisiert, ist es dem Exe-
geten verwehrt, die Ältesten wie Hummel gleichsam als "alleinstehend"
zu betrachten (der das im Widerspruch zu seiner These S. 21 tut, sie
würden bei Matthäus nie allein genannt) und Überlegungen anzu-
stellen, was mit den Ältesten in Verbindung mit den Oberpriestern
allein oder den Oberpriestern und Schriftgelehrten zusammen jeweils
gemeint sei
ll
• Antwort: nichts; sie sind jeweils nur, was ihre Partner
auch sind. AIs selbständiges Phänomen existieren sie für Matthäus so
wenig wie die Sadduzäer. Die Oberpriester und Ältesten des Volks
sind für Matthäus Repräsentanten Israels als Kollektiv des Bösen wie
andernorts die Schriftgelehrten und Pharisäer oder Pharisäer und
Sadduzäer. Malt Matthäus jedoch die doctores in den Farben völliger
wechselseitiger Synonymität, so empfangen demgegenüber die Ober-
priester und Ältesten durch seine redaktionelle Arbeit den Charakter
einer eigenständigen Gruppe. Der Grund liegt darin: Matthäus hält
sich an die Basis des Markus-Textes, der die Oberpriester und Ältesten,
singulär oder mit anderen agierende einzelne, auch schon auf Jerusalem
beschränkte. Auf diesem Fundament baut er mit der ihm eigenen
.. Vgl. Kloatennann, HNT 207: ,,3f .... wird aus Mo' Worten ,eine SitzUDg
und ein fömilioher BeaohluB des Synedriuma' ...
11 vgl. Hummel a.a.O. 21.
Ihre Synagogen 33
Konsequenz weiter. Es genügt ihm, die Identität der "Jerusalemer"
mit dem Volk zu betonen. So verzichtet er auf jede systematisch-
literarisch entwickelte Synonymität der Jerusalemer mit den doctores
(nach Art der doctores untereinander), kraft deren die Lehrer stereotyp
mit den Oberpriestern und Ältesten zu einer "Einheitsfront" ver-
bunden wären. Genug, daß beide "Gruppen" da sind; die Lehrer
Israels (Schriftgelehrte, Pharisäer) und die Oberpriester und Ältesten
(des Volks), 80 21,15.45; 26,57; 27,41.62. In der Jerusalems- und
Passionsgeschichte ergeben diese "Gruppen" gemeinsam das Bild der
Repräsentanten Israels. - Was sich bei den "Pharisäern und Saddu-
zäern" und "Schriftgelehrten und Pharisäern" beobachten ließ, wie-
derholt sich im engeren Bereich der Leidensgeschichte bei den "Ober-
priestern und Ältesten (des Volks)".
4. Ihre Synagogen.
Zur Erhärtung des oben Gesagten ist noch die Wendung "ihre Syn-
agogen" in die Betrachtung einzubeziehen.
Wir fragen nach den Wirkungsstätten der Repräsentanten Israels
im Matthäus-Evangelium. Die Oberpriester und Ältesten gewahrt
maneinmalim Tempel (21,23; vgl.21,15),einmal im Palast des Hohen-
priesters Kaiphas, wo sie Konvent halten (26,3; vgl. 26,57). Dies sind
die einzigen repräsentativen Lokalitäten Jerusalems, an denen sie in
Erscheinung treten; sonst folgen sie dem Ort der Handlung zu Pilatus
und zum Kreuz Jesu.
Anders die Lehrer Israels. Die Schriftgelehrten und Pharisäer z. B.
werden direkt auf "eure Synagogen" angesprochen (23,34"). Sie und
die Synagogen gehören zusammen (23,2/6
A
; vgl. 6,2.5 im Zusam-
menhang mit 5,21). Zieht man den Kontext heran, muß man "ihre
Synagogen" in 12,9" als die der Pharisäer (von 12,2) verstehen. Da-
mit ist der Konnex zwischen den doctores und "ihren Synagogen"
schon erschöpfend beschrieben.
Wichtig sind noch die Summarien 4,23 und 9,35. Wenn es 4, 23 heißt:
Und er zog in ganz Galilia umher, lehrte in ihren Synagogen und ver-
kündigte das Evangelium vom Reich ... 11, so meint "ihre Syn-
agogen" offensichtlich eine stehende galiliische Einrichtung, wobei
freilich zu beachten ist, daß sich nach dem Gesamtzusammenhang
4,23--9,35 der Begri1f "Galilia" sachlich mit dem Israels über-
I. Das Motiv der S)'Il8808I!D.GeiBelllDlJ ist gegenüber Lk. 11, ", übenchiiMi§
(wohl redaktioneU a08 10,17, wo eich "ihre Synagogen" auCdie ,,Menachen'
bezieht).
u Zu 23,6 vgl. Mk. 12,39 und Lk. 20,46 .
.. Redaktionell gegenilbor Mk. 3,1.
.. Vgl. Mk. 1,39. Schon hier ateht "ihre Synagogen".
• '?II! Woltor. IIoIJlpoaIUaIoIo
I_I im MatthäWI8Vangelium
schneidet. Denn auf galiläischem Boden folgen JesU8 die Scharen aus
Galiläa. den Zehnstädten. aU8 Jerusalem. Judäa und von jenseits des
Jordans (4.25) - mit einem Wort: .. Israel" versammelt sich im Be-
reich Galiläas. Hier beginnt JesU8 seine Auseinandersetzung mit den
Lehrem Israels (5.21ff.). Hier fällt das Wort: Solchen Glauben habe
ich bei niemandem in Israel gefunden (8.10). Hier erfüllt sich nach 8.17
die Heilsweissagung an Israel. Und hier sprechen die staunenden
Mengen: Nie ist solches in Israel gesehen worden (9.33). was die Re-
präsentanten Israels. die Pharisäer. sofort abwehren: Durch den Ober-
sten der Teufel treibt er die Teufel aus (9.34). 4.23. von MatthäU8 fast
gleichlautend dupliziert. lautet 9.35: Und JesU8 zog durch alle Städte
und Dörfer. lehrte in ihren Synagogen und verkündigte das Evange-
lium vom Reich ... Demnach gehören .. ihre Synagogen" zum Lo-
kalkolorit galiläischer (= .. israelitischer") Dörfer und Städte". Der
zwischen den Summarien 4.23 und 9.35 liegende Komplex schildert
für MatthäU8 - auf dem Boden Gali1äas - die exemplarische Hin-
wendung Jesu zu .. Israel". sein .. Wort" an das Volk (Kap. 5--7; vgl.
5.1; 7. 28f.) und seine .. Tat" (Kap. 8--9)17.
Nach allethm legt Bich die Deutung Ik, .. Synagoge" als ,eligiös-re-
prtiaentalivu In.9Iitul 18f'am 7UZM. Hummels These: .. Für die Kirche
des MatthäU8 sind die Synagogen als solche die Synagogen des phari-
säischen Judentums ..... ist nicht gerechtfertigt. In ihr wirkt sich seine
verfehlte Behandlung der Pharisäer-Texte aU8. die ihm den Blick für
die wechselseitige Austauschbarkeit der Autoritäten und ihre reprä-
sentative Funktion verstellt. Auch 4.23 und 9.35 mit ihrer Besonderheit
im Kontext (Galiläa = Israel) läßt er außer acht. Schließlich kann man
sich fragen. ob Hummel mit seiner Deutung der Wendung .. ihre Syn-
agogen" nicht seine Interpretation des Para1lelbegriffs .. ihre Schrift-
gelehrten .... deasvouiert. Zunächst spricht er von .. ihren Schrift-
gelehrten" als von den Schriftgelehrten der Pharisäer im Unterschied
zu christlichen Schriftgelehrten. Dann plädiert er bei .. ihre Synagogen"
in Analogie zu .. ihre Schriftgelehrten" für pharisäische Synagogen;
doch gibt es hier kein christliches Gegenstück. Er erklärt: .. Wo er die
Synagogen nicht ausdrücklich .ihre Synagogen' nennt. qualifiziert er
.. Vg\. die Nazareth.Perikope 13,1I3/f. mit "ihrer SynaROge" (13,114).
11 In diesen Rahmen bezieht Matthäua auch ursprünglich ganz andera al18jl8.
richtetee "Material" ein, vg\. 8,28/f. - Die beiden Sammelberichte sind als
Ober. und Unterschrift des ganzen Komplexes zu verstehen (der Nestle· Text
führt hinsichtlich des Veraea 9,35, der in Entsprechung zu 4,23 zum Voraus·
gehenden gehört, in die Irre; die Zäsur liegt hmter 9,35; erat 9, 36 bildet den
Auft.akt zur Auaaendungarede). Sie bringen eine kurze, typisierende Inhalts·
angabe von Kap. 11--9 nach den Stichworten : Lehre Jesu, die Predigt des
Evangeliume vom Reich (Kap. 11--7) und Heilung jeder Krankheit und jedes
Gebrechens im Volk (Kap. 8-9) .
.. A.a.O. 29. •• A.a.O. 17f.
Dieaea Gschlecht
sie doch als Stätten der Heuchelei und Ehrsucht. Christliche Syn-
agogen wird er dabei wohl nicht gemeint haben" 70. Kann man aber bei
"ihre Synagogen" nicht an pharisäische Synagogen im Unterschied zu
christlichen denken, so wird man sich auch bei .. ihre Schriftgelehrten"
nicht gern auf pharisäische Schriftgelehrte im Gegensatz zu christ-
lichen führen lassen. Die formale Parallelität der Wendungen mahnt
zur Vorsicht. Die Begriffe "ihre Schriftgelehrten" (vgl. 2,4 "die Ober-
priester und Schriftgelehrten du Volks") und "ihre Synagogen" setzen
gleichermaßen die Einheit des Gottesvolkes in allen seinen Gliedern
voraus. "Sie" sind das eine, homogene Volk, repräsentiert durch seine
Lehrer, nicht die Spezies der Pharisäer
7l
• So bestätigt die Wendung
"ihre Synagogen" auf ihre Weise die matthäisehen Topoi von der
Einheit Israels und der Identität Israels mit seinen Repräsentanten.
5. Die8e8 Ge8CAlecht
Die vorliegende Darstellung der Repräsentanten Israels wandte sich
bisher ganz dem Thema der "Repräsentanten" zu, ohne den Begriff
"Israel" näher zu beschreiben. Nun ist die Frage zu stellen, welches
"Israel" die Autoritäten zu repräsentieren haben. Das Bundesvolk
seit seinen ersten Tagen' Das von Jesus aus gesehen .. zeitgenÖBBische"
Israel, die "jetzt" lebende Generation' Oder überschneidet sich beides ,
Anders gefragt:_ Welche "heilsgeschichtliehe Betrachtung" ist auf
"Israel" angewandt - sofern eine solche Betrachtung vorliegt' Eine
Untersuchung des BegrifFs "dieses Geschlecht" soll auf diese Fragen
Antwort geben.
Zunächst führt der Terminus "dieses Geschlecht" noch einmal auf
die Kongruenz der Repräsentanten mit "Israel". Nach 12,38 erheben
"etliche der Schriftgelehrten und Pharisäer" ihre Zeichenforderung
7l

Die Antwort lautet aber: Das böse und ehebrecherische Ge8CAlecht
sucht ein Zeichen (12,39), so daß die Autoritäten von hier aus in der
Tat als Reprä8entanten, als "Stimme des Volks" zu gelten haben. Im
folgenden bringt der Evangelist die Logien vom Gericht über .. dieses
Geschlecht" 71 und fügt den Spruch von der Rückkehr unreiner Geister
in den Menschen an ", den er redaktionell am Ende der Kompositions-
.. A.a.O. 29.
71 Daß du eine Volk nun doch .. verachieden" repriiaentiert wird, hat seinen
Grund in dem Matthiua vorgegebenen Matarial mit Phariaiem, Schriftgelehrten
uaW., das .... pietätvoll und doch in seinem Sinne weiteriuMt, indem er die (ver-
schiedenen) unter sich synonymen Rapriiaentanten schafft, ohne sich radikal
auf eine .. Gruppe" festzulegen .
.. Vgl. Bultmann, Tradition 114: .. Die Zaichenfordarung wurde in Q offenbar
von unbenannten Subjekten (Lk. 11,16) ausgesprochen; bei Matthäua sind
12,38 daf"ur die Schriftgelehrten und Phariaier eingesetzt."
7. 12,41f.; aWl Q, vgl. Lk. lI,3H.
n 12,43-45; aus Q, vgl. Lk. 11,24-26 .
• 0
36
einheit wieder auf "dieees Geschlecht" bezieht: 80 wird es auch diesem
bösen Geschlecht ergehen (12,45c). 16,1 wiederholt daa Thema der
Zeichenforderung (nach Mk. 8,1111'.). Dieses Mal wonen die Pharisäer
und Sadduzäer
71
ein Zeichen vom Himmel sehen. Und wieder ent-
gegnet Jesus: Das böse und ehebrecherische Guc1Iledü BUcht ein
Zeichen (16,4)". Nicht anders in Kapitel 23. Die Adresaaten heißen
jetzt: Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler ... Sie Bind es, die Jesus
durch seine Weherufe dem Gericht anheimgibt. Gleichwohllieet man
23,36: Das aHes wird über dieees GucIIldt kommen 77. Ähnlich spricht
Matthäus (mit Markus) von "diesem Volk". In 15,1 geht es um "Pha-
risäer und Schriftgelehrte". Von ihnen, 80 vernimmt man im jetzigen
Kontext, habe Jeeaja geweissagt: Dieees Volk ehrt mich mit seinen
Lippen ...
78
Dieser erste Überblick über die Texte könnte es nahelegen, sich
unter "diesem Geschlecht" Israel als Gegenüber Jesu in Einheit mit
seinen Repräsentanten vorzustellen 7'. Zwei Momente blieben dabci
jedoch unberücksichtigt. Zunächst gilt unsere Aufmerksamkeit den
von Matthäus übernommenen Logien 11,1611'.10. Auf die Frage T(VI
3l 1Il'ou!lcsw -rljv y   c ~ v T«UnjV antwortet daa Gleichnis von den spielen-
den Kindern: einer höchst launischen Kinderschar. Und die folgende
Anwendung schließt Johannes und Jesus als Leidensgenossen "dieses
Geschlechts" zusammen (11, 18f.). Das 80 in 11, 1611'. enthaltene Motiv
"der Täufer und dieses Geschlecht" (vgl. 21,28-32) überträgt Mat-
thäus auf die Johannes-Perikope 3,111'. durch Einfügung der "dieses
Geschlecht" vertretenden Pharisäer und Sadduzäer als Adresaaten des
Täufers (3,7): schon der Täufer hat es bei seinem ersten Auftreten in
ihrer Person mit "diesem Geschlecht" zu tun. So win es der Evan-
gelist. Doch nicht nur Jesus und der Täufer stehen in Auseinander-
setzung mit "diesem Geschlecht". 23,34 fügt noch die Jünger hinzu.
Auch die Q-Logien 23,3411'.11 kommen Matthäus für seine Sicht der
Dinge sehr zupaß. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet: Siehe, ich
sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte. Von denen
werdet ihr etliche töten und kreuzigen, und etliche von ihnen werdet
ihr in euren Synagogen geißeln und von einer Stadt zur andern ver-
folgen, damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf Erden
vergosaen wird, vom Blut des gerechten Abel bis zum Blut des Za-
.. Gegen Mk. 8,11 .. die Phari8ier" •
.. Mattbäus folgt hier nicht Mk. 8,12, aondern dupliziert den Q.Te"t (Lk.
11,29 = Mt. 12,39).
" Aus Q, vgl. Lk. 11,61. Der Evangelist verwandelt du ureprunglich eacha.
tologiach orientierte Logion in eine ,,Anaage innergeachichtlichen Gerichte" und
bringt es nun glatt mit 23,3711'. zusammen .
•• 16,7C. = Hk. 7,6C. ,. Vgl. 17,17 oder 23,3711' •
.. Aus Q, vgl. Lk. 7,31-36. ., Vgl. Lk. 11,'911'.
Di_ GeaohIeoht 37
charias, des Sohnes Berechjas ... Fügt 23,36 dem hinzu, daß "das
alles" über "diuu Ge8diledlt" hereinbrechen wird 11, so ist klar, daß
yae« 'tOtuTJj unter dem Blickwinkel des Sprechenden eine Größe der
"Zukunft" sein muß, genau gesagt das II/f'ael, das im Gegen1Jber UM
Gegen8atz zu den 1r:Unlligen Bolen vollends zum GerickI reil wird
l8
(vgl.
23,32) und das doch jetzt schon Jesus gegenübersteht, aus seinem
Mund die Unausweichlichkeit des Gerichts vernimmt.
Der Terminus "dieses Geschlecht" gewinnt also, aufs Ganze der in
Frage kommenden Texte gesehen, drei verschiedene Aspekte. Er be-
schreibt das Israel des Täufers, das Israel Jesu und der Jesus-Boten.
Achtet man nun darauf, daß gerade diese drei von der Hand des Evan-
gelisten als Träger der Basileia-Botschaft für Israel gezeichnet sind
(3,2 redaktionell/4,17 = Mk. 1,16; 4,23 und 9,35 red./10, 7 red., vgl.
Lk. 9,2), so hat man unter "diesem Geschlecht" nicht Israel im Sinne
des alten und bis zur Zeit Jesu gegenwärtigen Bundesvolkes oder das
Jeaus zeitgenÖBBische Israel "dieser Generation" zu verstehen, sondern
exakt: Israel im Anblick der Basileia-Verkündigung, das 18f'ael der
eschatologischen Slunde, die, angekündigt vom Täufer, von Jesus ver-
kündigend und mit Werken des Heils vergegenwärtigt (Kap. 5-7.8--
9; vgl. 12,28), schließlich durch die Jünger, gesandt zu den verlorenen
Schafen des Hauses Israel (10,5f.), als nahe bevorstehend ausgerufen
wird". Somit ist nicht bloß an das "Volksganze"86 gedacht, sondern
an das Isrsel einer sehr präzis zu bestimmenden Stunde: sie hebt mit
dem Täufer an und findet mit der Verwerfung der Jesus-Boten ihr
Ende (vgl. 22,7fr.)". "Dieses Geschlecht" und seine "Zeit" gehören
zusammen. Jesus, dem Johannes als Vorläufer vorausgeht und der die
Jünger sendet, ist die "Mitte" seiner Zeit. So wenig wie auf das aus den
•• Vgl. Anm. 77 •
•• Gegen Max Meinertz, .. Di_ Geechlecht" im Neuen Teetament, BZ NF 1
(1957) 283-289, der S. 286 auf .. du jüdische Volk als solches" deutet. M. über·
sieht den Kontext; .. dieses Geschlecht" ist Adressat Jesu und der künftigen
Boten. Abwegig auch Joaeph 8chmid, Du Evangelium nach Matthiua, RNT
I, ,. Auß. 1959, 330: .. das ganze jüdische Volk seit grauer Vergangenheit bis
zur Gegenwart ist hier gemeint." AhnIich Schniewind NTD 237 (vgl. 1'5) .. du
Judenvolk als Ganzes". Die Bedeutung .. diese Art" (Schniewind NTD 162,237)
scheidet überhaupt aus, vgl. Walter Bauer, Wörterbuch zum Neuen Teetament,
5. Auf). 1963, 305f .
.. Mt. 24,34 kann auller Betracht bleiben. War .. dieses Geechlecht" hier ur-
sprünglich du Israel der letzten, unmittelbar bevorstehenden Stunde, so
emplangt die Wendung aus ihrem jetzigen Kontext den allgemeineren Sinn
von ..   (vgl. 2',30). Die Parusie hat sich verzögert (2',48;
25,5) und die Ml88ionierung der Heiden soll dem Ende noch vOrBlI8genen (24, I') .
.. Dieses Geschlecht" hat hier also seine spezifisch .. jüdische" Farbe verloren .
•• 80 F. BüchseI, ThW I 661.
.. Du Stück 23, Mtr. verbietet eine Prolongierung des Begriffs .. dieses Ge·
schlecht" bis in die des Evangelisten hinein. Für Matthius liegt
.. dieses Geschlecht" mit dem Widerfahrnia seines Gerichts als ganzes in der
Vergangenheit.
38 Israel als Einheit des Bösen
Schriften bekannte "alte Israel" ist   YEVEIi TlXUTll demnach pauschal
auf die "Juden" zu deuten 87, was schon das konkret hinweisende
"dieses" ausschließt. EB ha1Ul.elt Bich um da8 IBrCUl einer butimmlen Be-
ru/ungBphaBe, einer einzigartigen, Btreng chriBlologiscA und eschalologiBch
qualifizierten heilBgeBChichUichen Stunde.
Ist also mit dem Matthäus-Evangelium von den Repräsentanten
Israels zu sprechen, so stehen diese Repräsentanten nicht für "ganz
Israel" oder gar das .. Judentum", sondern allein für jenes durch das
Matthäus-Evangelium vor Augen gerückte Israel, das in drei aufein-
anderfolgenden Akten die Nähe der GotteshelTllchaft erfährt und durch
sein dreimaliges Nein, wie noch zu zeigen ist, der Berufung zur Basileia
verlustig geht, sein heilsgeschichtliches Ende findet. Die Repräsen-
tanten Israels sind im Matthäus-Evangelium die Vertreter der inner-
halb des Evangeliums dargestellten, überschaubaren und zeitlich
determinierten heilBgeBChichUichen Gröpe .. IMael".
B. Israel als Einheit des Bösen
Das Folgende soll die Thesen des vorausgehenden Abschnitts durch
eine Untersuchung der von Matthäus übernommenen, "Israel" be-
treffenden Markus-Stoffe und Q-Materialien sowie der einschlägigen
Stücke des Sonderguts untermauern und zugleich in extenso dar-
stellen, daß der Evangelist die eine, heilsgeschichtliche Größe .. Israel"
seines Evangeliums konsequent .. negativ" qualifiziert. Zunächst sind
sämtliche .. wertenden" Abweichungen des Matthäus-Textes gegen-
über Markus (in Sachen .. Israels") festzuhalten.
1. Die MarkuB-SIoUe
MI. 9,l-8/Mk 2.1-lS
Mk. 2,8 spricht Jesus zu "etlichen der Schriftgelehrten" (2,6 =
Mt 9,3): Was denkt ihr solches in euren Herzen! Der Vers blickt zu-
rück auf 2, 7 (mit der Frage: Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann
Sünden vergeben außer Gott allein ?), wo bei Matthäus nur die abrupte,
unbegründete These: .. dieser lästert" (9,3) steht. 9,4 bringt gegenüber
Mk. 2,8 eine kräftige Verschiebung in malam partem: Warum denkt
ihr BÖBU in euren Herzen 1 Die unbegründete, schroffe Behauptung
17 Gegen Victor Haaler, Die königliche Hochzeit, Matth. 22,1-14; ThZ 18
(1962) 25--35,33, Anm. 34: .. Die Juden sind daa böse und ehebrecherische ...
Geschlecht." - Ein ergänzender Hinwei8 auf 23,30. 31.32.35 darf nicht fehlen.
Hier zeigt aieh, daß .. dieses Geschlecht" eine lange Vorgeschichte hat, mit der
es zusammengehört; vgl. auch S. 115, Anm. 2 und S. 132ft'. (bee. 133, Anm. 65).
Die lIlarkus·Stoft'e 39
der Lästerung und das harte "Böses" bedeuten gegenüber Markus
eine deutliche "Peiorisierung" des Textes.
Jft. 9,18--26/Jfk. 5,21--43
Aus dem Synagogen·Vorsteher (Mk. 5,22 = Lk. 8,41!) ist bei Mat-
thäus ein beliebiger "Oberster" geworden. Tendenziöse Änderungen des
Redaktors: ein um Hilfe bittender offizieller Vertreter Israels scheint
für Matthäus nicht mehr akzeptabel zu sein (vgL zu 17,14-21 S. 42).
Jft. 13,10--15/Jfk. 4,10--12
Ist die Verstockung Israels bei Markus Ziel und Wirkung der
G1eichnisrede (4,12), so bei Matthäus, der bewußt auf "dieses Volk"
blickt (13,16), die Voraus8etzung, auf die Jesus mit seinen Basileia-
Gleichnissen richterlich reagiert (13, 13): Darum rede ich zu ihnen in
Gleichnissen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen usw. Auch der
vom Evangelisten aus Mk. 4,25 beigebrachte Vers 13,12 gibt Auskunft
über das Versagen Israels. Jenen ist es nicht gegeben, die Geheimnisse
des Himmelreichs zu erkennen (13,11), denn, so darf man sinngemäß
ergänzen, sie "haben" nicht; wer aber nicht "hat" (sc. die Frucht, das
Christusbekenntnis o.ä.), von dem wird auch noch genommen
werden, was er hat: daher die Parabelrede ; sie soll Israels vorgegebene
Schuld des Nicht-Habens besiegeln, indem sie vom Heil aUBBchließt,
das Angebotene entzieht (0 <xp&-ljcn:TGU <xn:' (lÖTOÜ 13,12). Steht der
Text bei Markus im Dienst der Geheimnistheoriel, so bei Matthäus im
Horizont seiner speziellen Israel-Darstellung. "Dieses Volk" hat mit
sehenden Augen nicht gesehen usw., also hat es keinen Anteil am heil-
vollen Geheimnis der Basileia. Jeder Zugang dazu wird ihm von JeJ1U8
Selb8t durch das Jfedium der Parabelrede ve1'8pIlrrt! So machen Jesu
Gleichnisse Israels Unheil definitiv, bringen das früher geweiSsagte
Verderben zu gegenwärtiger Erfüllung, vgL 13,14 mit dem bezeich-
nenden   Israel, das die ihm dargebotene Hand des Heils
ausgeschlagen hat, ist die von Jesus richterlich preisgegebene massa
perditionis.
1 Vgl. William Wrede, Das MessiasgeheirnniB in den Evangelien, 3. Aufl.
1963, 64ft'. J oachim Gnilka, Die Veratockung IBraels, laaias 6,9-10 in der
Theologie der Synoptiker, StANT 3 (1961), möchte auch für Markus von einem
.. Strafcharakter der Parabelrede" sprechen (80). Doch liegt 3,22ft'. die ange·
drohte .. Strafe" nicht im Gleichniacharakter der Antwort Jeau, die den Vorwurf
der Beaessenheit abwehren will (3,23-27), 80ndern in der Nicht· Vergebung für
die Lästerung dea Geiates (3,29). Der Evangeliat folgt hier seinem Stoft', der die
Parabeln durchaus alB .. Veratändniahilfen" darbietet, ohne einen Auagleich mit
seiner Theorie zu Buchen. Ebenao 2,1811'. Von der verhüllenden Wirkung der
Parabe11'ede ist nur 4, 2ft'. etwaa zu bemerken, und gerade hier fehlt daa Gericht.-
Motiv.
40 Israel als Einheit des Bösen
Alt. 14,3--12/Alk. 6,17--29
Die Verhältnisse des Markus-Texte& sind bei Matthäus auf den Kopf
gestellt. Mk. 6,19 ist es Herodias, die dem Täufer nach dem Leben
trachtet. Sie richtet jedoch nichts aus, weil Herodes seinen Gefangenen
fürchtet, wohl wissend, daß er ein gerechter und heiliger Mann sei. He-
rodes steht gleichsam als Schutzschild vor Johannes: " ... und er ließ
ihn bewachen, und wenn er ihn hörte, kam er in schwere Verlegenheit
und hörte ihn doch immer wieder gern" (6,20). Ganz anders der
Matthäus-Text. Hier ist von vorneherein klar, daß Herodes selber Jo-
hannes töten will (14,5), doch fürchtet er sich vor dem Volk, das den
Täufer für einen Propheten hält, wie es nach 21,46 auch Jesus diesen
Rang beimißt (vgl. 21,11), was wiederum den dort genannten Autori-
täten Respekt einflößt. Wolf gang Trilling beurteilt diese tiefgreifende
Differenz zu Markus richtig: "Herodes Antipas wird 80 in eine Linie
mit seinem Vater gestellt, der Jesus nach dem Leben trachtete (2,13),
und mit seinem Bruder Archelaus, dessen Herrschaft Furcht weckt und
die 'übersiedlung nach Galiläa erforderlich macht (2,22). Alle stehen in
einer einzigen gottfeindlichen Front ... "I. Wenn Trilling freilich hinzu-
fügt, es gäbe nur zwei Fronten, und Herodes stehe auf der Seite der
Prophetenmörder, trifft er den Text nicht. Denn Johannes gilt, ab-
gesehen von der Meinung des Volkes, im Matthäus-Evangelium keines-
wegs bloß als Prophet (vgl. 11, 9ff.). Er steht mit Jesus und den Jüngern
in einer Front als Bote der Himmelsherrschaft : gegen diese drei wütet
die gesammelte Feindseligkeit Israels. Diese drei erleiden von seiner
Hand den Tod (Johannes: 14,10; 17,12; Jesus: 12,14; 16,21; 17,12
usw.; die Jünger: 22,6; 23,34). Israel -- doppelter und dreifacher
Mörder der Basileia-Boten: an diesem Bild arbeitet der Evangelist
durch seine "Korrektur" des Markus-Texte& in der Täufer-Perikope
8

Alt. 14,13/Mk. 6,30-32
Markus berichtet nach der Täuferperikope von der Rückkehr der
Apostel zu Jesus. Um dem Andrang der Vielen auszuweichen, fahren
Jesus und die Jünger mit dem Schiff abseits an einen verlassenen Ort
(6,32). Matthäus übergeht Mk. 6,30f. und schließt hart an 14,12 die
Notiz vom Entweichen Jesu an; die Jünger bleiben außerhalb des Ge-
sichtsfeldes. 14,13 ist deutlich nach Mk. 6,32 formuliert, nur tritt «VE-
X ~ P   l l a n an die Stelle des harmlosen «mj>.&ov. Der Sinn dieser Aus-
lassung und Akzentverschiebung ist offenkundig: 80 bedrohlich ist die
I Die Tiufertradition bei Matthäua, BZ 3 (1959) 271-289,275.
I Daß Matthäua den Markua·Text bearbeitet, ist z. B. an der bei ihm stehen·
gebliebenen Notiz von der tiefen Betrübnis des Königs zu erkennen. Sie hat bei
Markus ihren guten Sinn, da Herodea hier im Vorausgehenden zum Täufer hält.
In der matthäiachen Fassung der Legendo steht sie sinnlos im Leeren.
Die MarkU8.Stoft'e
41
dem Täufer bewiesene Todfeindschaft Israels, daß Jesus (der mit Jo-
hannes zusammengehört) vor ihr fliehen muß-.
Mt. 15,1-20IMk. 7,1-23
Im matthäischen Text fallen sofort die Verse 12-14 auf, die bei
Markus fehlen'. Die Jünger fragen: Weißt du, daß sich die Pharisäer
ärgerten, als sie das Wort hörten 1 15,13 bestätigt dieses von 15,12
vorausgesetzte faktische Ärgernis der Repräsentanten; sie sind - an
Jesus - zu Fall gekommen (vgl. 11,6). Die Antwort Jesu besteht in
einer herben Gerichtsankündigung für .. jede Pflanze, die mein himm-
lischer Vater nicht gepRanzt hat". Eindrucksvoll illustriert der Text
unsere These von der Einheit Israels mit seinen Repräsentanten bei
Matthäus. Denn die Pharisäer und das von ihnen geführte .. Volk"
gehen gemeinsam dem Gericht entgegen; das .. Volk" mit seinen
Führern. Wieder dieses harte, negative Kollektivurteil über Israel:
Blinde, von Blinden geführt. Wieder keine Silbe von Heil und guter
Aussicht für Israel. Das ganze Volk, Führer und Geführte in ihrer Ein-
heit, ist dem .. Abgrund" verfallen. Ja, Jesus selbst überläßt sie aus-
drücklich ihrem Verderben. Sie sollen ihren Weg weiter gehen - .. lasset
sie ... "
Mt. 16,1-12IMk. 8,11-21
Das Stück von der Zeichenforderung der Pharisäer und Sadduzäer
(16,1.2a.4; vgl. 12, 38f.) formuliert Matthäus im Anschluß an Mk. 8,11
bis 13. Bezeichnend, daß der Evangelist die Versuchung Jesu als
.. Hauptmotiv" der Gegner energisch an die Spitze rückt (ähnlich
Mt. 19,3/Mk. 10,2). Aus der Frage Mk. 8,12 (Was sucht dieses Ge-
schlecht ein Zeichen 1) wird die anklagende Behauptung: das böse
und ehebrecherische Geschlecht sucht ein Zeichen'! Für die Phari-
säer von Mk. 8,11 setzt Matthäus die .. Pharisäer und Sadduzäer" und
behält diese Gegnerschaft in der folgenden Szene bei (gegen Mk. 8,15:
Sauerteig der Pharisäer und Sauerteig des Herodes); er verbindet also
die beiden Textgruppen zu einer größeren Einheit. Während Markus
das Gespräch vom Sauerteig in aller Breite unter den Aspekt des
Jüngerunverständnisses rückt, formt es Matthäus in einen Angriff Jesu
auf die Lehrerschaft Israels um : Sehet zu und hütet euch vor dem Sauer-
teig der Pharisäer und Sadduzäer (16,6; wiederholt 16,11) - das ist,
wie 16,12 abschließend feststellt, nichts anderes als die Ure der
• Vgl. "'"x.:.P"l ..... ',12, wieder in Verbindung mit dem (gefangen gesetzten)
Täufer; 12,15: Flucht Jeau nach dem Todeabeachluß der Pharisäer (= JrIk. 3,7);
16,21 : Jeau Entweichen nach der Auecinandereetzung mit den Pharisäern und
Schriftgelehrten (16, 1 ft'.); vgl. 2, 12.13.1 '-22.
• 16,13 Sondergut; 16,14 aU8 Q (vgl. Lk. 6,39)!-Zu 111,1-20 vgl. S. 140ff.
Israel als Einheit dea BÖllen
Pharisäer und Sadduzäer. Verwerfliches Israel; vor der Lehre seiner
Repräsentanten wird gewarnt.
Al,. 17,l4--21/Alk. 9,14--29
In der Perikope von der Heilung des Epileptischen streicht Mat·
thäus den Disput der Schriftgelehrten mit den Jüngern. Wo Jesus die
Lehre .. Israels" so nachdrücklich perhorresziert, können sich die Jünger
begreiflicherweise nicht mehr mit den Vertretern des .. bösen und ehe·
brecherischen Geschlechts" unterreden.
Al'- 19,1-12/Alk. 10,1-12
Mit ihrer Frage nach der Entlassung des Weibes erscheinen bei Mat-
thäus die Pharisäer von vorneherein in einem viel ungünstigeren Licht
als bei Markus (10,2), wo sie nach der Möglichkeit der Ehescheidung
überhaupt fragen. Für Matthäus haben sich die Versucher Jesu, wie der
Text suggeriert,längst fUr die Ehescheidung entschieden, ja sie möchten
wissen, ob es erlaubt sei, seine Frau um jeder U r ~ willen zu ent-
lassen - ihre Praxis, wie man ergänzen muß. Jesus bekämpft ihre
Iibertinistische Haltung, die fUr die Haltung .. Israels" steht', nach
dem Matthäus-Text zunächst mit einem kategorischen .. überhaupt
nicht" (19,4--6; der Evangelist stellt das Schöpfungsargument anders
als Mk. 10,6-9 als wuchtige Gegenthese an die Spitze), dann mit
einem Satz, der auf die laxe Scheidungspraxis Israels eingehen, sie in
aller Form zurückweisen will (19,9): Wer seine Frau I   ~ !nl nopve(qt
entläßt ( .. nicht wegen Unzucht" = um jeder Ursache willen) ... be-
geht Ehebruch I. Bemerkenswert ist auch, daß sich nach 19,7 die
Pharisäer aufMose und sein .. Gebot" berufen, während Jesus von einer
.. Erlaubnis" redet und darauf hinweist, von Anfang an sei es nicht also
gewesen (19,8; das ausgesprochene argumentum principii fehlt bei
Markus), wo im Markus-Text Jesus selbst unbefangen nach dem von
Mose Gebotenen fragt (10,3; vgl. 10,6), dieweil seine Gegenüber mit
der .. Erlaubnis" Moses argumentieren. Der Evangelist will zeigen:
Jesus schlägt .. Israel" seine vornehmste Waffe, das Gebot Moses, mit
dem argumentum principii aus der Hand. Gott steht, was die Ehe-
scheidung betrifft, von Anfang an gegen Mose, Gesetz und Pharisäer.
Mit alledem ist der Text wieder viel schärfer als bei Markus gegen
Israel gewandt.
• Wohl BUS Q (vgl. Lk. ll,29), vom Evangeliaten nach .. inen Absichten
redigiert.
7 Weil die Pharia6er für "Israel" votieren, muß man den Streit zwiachen
Hillei und Schammai von 19,UI". femhalten. Waa hilltorisch geoehen (cum grano
aalill) HiUela "Lehre" war, i.t für Matthäus Sache (der Vertreter) lJaDZ Ja....., ...
19,3-9 zeigt, wie weit der Redaktor von konkret·hilltorillchen .. jüdischen " Ver.
hiltniaaen entfemt iIIt.
• Zu 11,32 und 19,9 vgl. S. 137f.
Die Markus·Stoffe
Mt. 21,18f./Mk. 11,12-14
Nur im Blick auf den Matthäus-Text ist von einer Verfluchung des
unfruchtbaren Feigenbaums zu sprechen (vgl. 21,41.43). Dieser Zug der
Darstellung liegt Mk. 11,13 ( .. denn es war nicht die Zeit der Feigen")
völlig fern. Da der Feigenbaum als .. Symbol" Israels zu gelten hat",
motiviert Matthäus mit der fehlenden Frucht die folgende Verfluchung
Israels zu ewiger Unfruchtbarkeit (!), deren Unumstöllichkeit und
Gegebenheit er (gegen Mk. 11,14) kräftig herausstreicht: und alsbald
verdorrte der Feigenbaum ... - .. This story is unique in the Gospels,
in that it describes the only miracle of Jesus which is purely destructive"
(Fenton) 10.
Mt. 21,33--46/Mk.12,l-12
21,35 spricht im Unterschied zu Mk. 12,3 (f8tLpat" Xat!  
xcv6,,) schon vom Tod und der Steinigung der Knechte. Mk. 12,4f. faßt
der Evangelist in einem Satz zusammen (21,36): Wiederum sandte er
andere Knechte, mehr als die ersten, und sie taten ihnen gleichalso.
Trilling beurteilt diesen Vorgang richtig i er sagt: "Das Handeln der
Winzer ist von Anfang an gleich, die Tötung des Sohnes steht in einer
Linie mit den vorherigen Missetaten. So entsteht der Eindruck: Das
ist die Regel, das ist die Art dieser Winzer"ll. Neben dieser Betonung
der "mörderischen Art" Israels legt Matthäus wie in 21,18f. den Finger
auf seine "Unfruchtbarkeit". Schon 21,34 zielt auf dieses Motiv.
Mk. 12,2 steht das neutrale Ti;I XatLpi;li 21,34 sagt dagegen: Als aber die
Zeit der FrUdite gekommen war ... Ist es Mk. 12,2 das Interesse des
Weinbergbesitzers, "bei den Weingärtnern von den Früchten des
Weinbergs (seinen Anteil!) in Empfang zu nehmen", so verlangt er in
21,34 durch die Boten prononciert nach Beinen Früchten. 21,41 zu-
folge wird er den Weinberg anderen Weingärtnern austun, die ihre
Früchte bringen zu ihrer Zeit, und 21,43 8pricht davon, die Gottes-
herrschaft werde von "euch" genommen und einem Volk gegeben
werden, das ihre (der Basileia) Früchte bringe. Beides fehlt bei Marku8.
Dann läßt es sich Matthäus wieder angelegen sein, das unausweichliche
Gericht mit dem Hinweis auf die Bosheit der Delinquenten einsichtig
zu machen. Mk. 12,9 heißt es: Er wird kommen und die Weingärtner
umbringen. Anders 21,41: Er wird die BÖBeuJickter übel umbringen,
wobei der Evangelist noch eine besondere Pointe bereithält insofern,
• VgJ. Joachim Jeremias, Jeau Verheißung für die Völker, 2. Aufl. 1959,42,
Anm.167.
'0 John C. Fenton, The Gospel or St. Matthew, Tho Pelican Gospel Com-
mentaries, 1963, 336.
11 Das wahre Iarael 56.
Iarael als Einheit des Dosen
als er die "Weingärtner" sich selbst das Urteil sprechen läßt 11. Schließ-
lich fügt Matthäus in 21,45 noch die Bemerkung hinzu, die Ober-
priester und die Pharisäer hätten erkannt, daß Jesus von ihnen sprach.
Sind sie gemeint, so ist es nur logisch, daß sie im folgenden Jesus zu er-
greifen suchen (21,46 = Mk. 12,12): in ihnen verkörpert sich das blut-
besudelte und verworfene Isra.el des Gleichnisses, das auch vor "seinem
Sohn" nicht haltmacht.
Jlt.22,lö--22jAlk.12,l3--17
Zwei Dinge fallen auf. Einmal ersetzt der Evangelist clYPMLV, "er-
haschen, fangen" aus Mk. 12,13 durch nlXyL3tUCLv, "mit der Schlinge
fangen", fügt also 22,15 die Nuance des lauernden Schlingenlegens
hinzu. Zum andern verwandelt er das Wissen Jesu um die Heuchelei
der Gegner von Mk. 12,15 in seine Erkenntnis ihrer B08heit (22,18),
ohne sich freilich das ön6xpLaLt;-Motiv des Markus-Texte& entgehen zu
lassen. Formuliert Markus die folgende Frage Jesu ohne sonderliche
Anrede, so fährt Matthäus fort: Was versucht ihr mich, ihr Heuchler'
Jlt. 22,23--33/Alk. 12,18--27
Der Redaktor nimmt 22,33 aus Mk. 11,18 auf und trägt es hier nach.
Mit der Schlußsentenz, daß die Mengen, die es hörten, sich über Jesu
Lehre entsetzten, will er die peinigende Fremdheit der Antwort Jesu
für die Ohren Israels zum Ausdruck bringen: das Volk steht auf der
Seite der Sadduzäer, deren Anliegen zugleich das Anliegen Israels ist--
und deren Niederlage, wie das Folgende zeigt, die Pharisäer nicht ruhen
läßt, bis sie zum "Gegenschlag" ausgeholt haben. (So wenig ist Mat-
thäus an "historischen VerhältniBBen" interessiert; so wenig kennt
er sie.)
Jlt.22,34--40/Jlk.12,28--34
Erstaunlicher Gegensatz! Bei Markus "einer von den Schrift-
gelehrten", der weiß, daß Jesus den Sadduzäern trefflich geantwortet
hat; der eine sachliche Frage stellt und auf Jesu gelungene Antwort
hin sein Lob nicht zurückhält, um im gleichen Gesprächsgang die Worte
Jesu ergänzend, kommentierend fortzuführen, worauf ihm Jesus unter
dem Eindruck seiner verständigen Rede bekennt, er sei nicht ferne
vom Reiche Gottes I'. Bei Matthäus dagegen "die Pharisäer", auf-
11 21,44 kann hier auller Betracht bleiben, da sich diese GerichtsankÜDdigung,
die wohl als zum ursprünglichen Text Ir,hörig anzusprechen ist, nicht nur auf
.. Israel", aondem &I ... generelle Sentenz' auch auf das 21,'3 genannte .. andere
Volk" bezieht; vgl. Georg Strecker, Der Weg der Gerechtigkeit, Untersuchung
zur Theologie des Matthiua, FRLANT 82, 1962, 111.
II Vgl. Günther Bomkamm, Das Doppelgebot der Liebe, in, Neuteatament·
liehe Studien für Rudolf Bultmann, BZNW 21, 2. Au1\. 1957, 85-93.
Die Markua·Stoffe
gescheucht durch die "Schlappe" der Sadduzäer; ein Gesetzeskundiger
aus ihrer Mitte, der Jesus fragt, um ihn zu verBUChen - die Pha.1anx des
Bösen. Die "positiven" Züge des Markus·Textes sind konsequent
unterdrückt. In der Perikope vom größten Gebot tritt (auf dem Hinter·
grund von Mk. 12,28ff.) die Härte und Systematik des Evangelisten in
seiner Israel·Darstellung besonders schroff zutage.
Mt. 22,41-46/Mk. 12,35-37
Die Verse Mk. 12,35ff. entrollen das Bild einer "sa.chlichen" Aus-
einandersetzung in der Davidssohnfrage. Jesus lehrt im Tempel: Wie
aagen die Schriftgelehrten ... ! Als Zuhörerschaft ist das Volk zu
denken, vgI. 12,37: Und die große Volksmenge hörte ihm gerne zu.
Matthäus führt in 22,41 die Pharisäer des vorausgehenden Stücks in
die Szene ein und transponiert den Text auf die Ebene eines "Streit-
gesprächs". - Da aber die Pharisäer veraammelt waren, fra.gte sie
Jesus: Was dünkt euch um Christus ... 1 Am Ende sind - nach den
Sadduzäern - auch die Pharisäer geschlagen. 22,46 stellt abschließend
fest: Und keiner konnte ihm ein Wort antworten; auch wagte es von
jenem Tag an keiner mehr, ihn noch weiter zu fragen. Da.e heißt im
Kontext: Jesus schlägt mit seiner Attacke die geschlossen anlaufende
Front der Feindschaft Israels zurück. Er wird zwar versucht, aber er
behält endgültig die Oberhand. Auf seiner Seite ist der Sieg der über-
legenen guten Sache.
Mt. 26,1-6/Mk. 14,1-2
Markus berichtet vom TodesaMChlag der Oberpriester und Schrift-
gelehrten   ... a:lrrov n 36>.Cjl cln:ox-rdvColalv).
Nach Mt. 26,3f. versammeln sich die Oberpriester und Ältesten des
Volks im Pa.1ast des Hohenpriesters Kaipha.e und fassen den "offi-
ziellen" Besclilu{Jl', Jesus mit List gefangenzunehmen und zu töten.
Man sieht: Jesu Tod ist die solenne Entscheidung Israels.
Mt. 26,14--16/Mk. 14,10--11
Judas erbietet sich, Jesus zu verraten (Mk. 14,10). Der folgende Satz
lautet: AIs die (Oberpriester) es hörten, freuten sie sich und ver-
sprachen, ihm Geld zu geben. Matthäus übergeht die "Freude" der
Autoritäten; dafür stellt er das Ganze unter den beherrschenden Ge-
sichtspunkt des Geldgeschäfts. Judas tritt auf und fragt: Wa.e wollt
ihr mir geben, daß ich ihn euch verrate! Und die Oberpriester machen
den bösen Handel alsbald perfekt: Sie aber wogen ihm dreißig Silber-
linge dar. Bei Markus kommt das clprUPlov-Motiv erst nachträglich ins
.. Vgl. Bauer, Wörterbuch 1540.
Israel als Einheit des Bösen
Spiel; Matthäus gibt der Szene von vorneherein die eine düstere Note:
Israel, auf dessen Seite Judas hier steht, .. verschachert" seinen Messias.
Mt. 27,1-2/Mk. 15,1
Im Markus-Text fassen die Autoritäten einen Beschluß und lassen
Jesus fesseln, abführen und an Pilatus ausliefern. Nach 27, I f. jedoch
wiederholen vor der Auslieferung Jesu alle (!) Oberpriester und Ältesten
des Volks ihren feierlichen Todellbe8chluP von 26,4 (vgl. 12,14) in aller
Form. - Diese eiserne Stirn, dieses grimmig zum Tode Jesu ent-
schlossene Israel!
Mt. 27,11-14/Mk. 15,2-ö
Wo Markus nach der Auslieferung Jesu sofort zu 15,2 überleitet:
Und Pilatus fragte ihn ... , verweist Matthäus (nach den von ihm ein-
geschobenen Versen 27,3-10) gleich mit dem ersten, die Szene würdig
eröffnenden Satz auf die Hoheit Jesu: Jesus aber trat vor den Statt-
halter
l6
• Diese Linie führen 27,12ff. konsequent weiter. Jesus ant-
wortet auf die Anklagen der Oberpriester Wld Ältesten nicht, wie 27, 12
(gegenüber Mk. 15,3) vermerkt. Als daraufhin Pilatus das Wort er-
greift, wird auch er in Jesu Schweigen einbezogen: Und er antwortete
ihm auch nicht auf ein einziges Wort, so daß sich der Statthalter sehr
verwunderte (viel schwächer Mk. 15,5). Israels Anwürfe gegen seinen
König verdienen keine Erwiderung - an die Adresse der Ankläger und
des Pilatus. Schweigen, Schweigen sagt alles.
Mt. 27,1S--26/Mk.15,6--15
Zuletzt ist noch die Barabbas-Perikope zu betrachten. Mattbäus be-
tont den schroffen Kontrast zwischen Barabbas und Jesus. Erläutert
Mk. 15,7 verhältnismäßig ausführlich und in referierendem Ton, Ba-
rabbas gehöre zu den Aufrührern, die bei dem Aufruhr einen Mord be-
gangen hätten, so spricht Matthäus in 27,16 deftig plakatierend von
dem .. berüchtigten Gefangenen namens Barabbas" und suggeriert so
den Gedanken an einen üblen Verbrecher. Dem stellt er das reine Bild
von .. jenem Gerechten" gegenüber, um dessetwillen das Weib des Pi-
latus im Traum viel erlitten hat (27,19 Sondergut). Dazu übernimmt
er 27,23 (Was hat er denn Böses getan 1) unverändert aus. Mk. 15,14.
Auch die Wleingeschränkte Verantwortlichkeit Israels für den Tod Jesu
will der Evangelist wieder herausstellen. Nach Mk. 15,11 wiegeln die
Oberpriester das Volk auf, .. daß er ihnen lieber den Barabbas frei-
gäbe" - Wld nichts weiter. In Mt. 27,20 überreden die Oberpriester
Wld Ältesten die Volksmenge, sie sollten Barabbas .. begehren", Jesus
.. r"'"IILL (Aor. pass.) hier intransitiv I Vg\. Bauer, Wörterbuch 765.
Die Markus·Stoft'e 47
aber zum Tode bringen, wie es nun heißt. Diesem Ansinnen leistet das
Volk bereitwillig Folge. Es erklärt sich mit seinen Repräsentanten soli·
darisch, macht den Tod Jesu zu seinem ausgesprochenen Anliegen.
Alle sprechen sie: Er soll gekreuzigt werden (27,22; anders Mk.15,13) 18.
Das ganze Volk übernimmt die Schuld am Tode Jesu (27,25 Sondergut).
Eine weitere Differenz gegenüber Markus liegt darin, daß Matthäus das
Entweder-Oder im Blick auf Barabbas und Jesus in die Mitte der
Szenerie rückt. Das Volk hat die Wahp7: Verbrecher oder Christus.
Das ist schon 27,17 die Frage (anders Mk. 15,9), die Pilatus dem Volk
noch einmal in aller Form vorlegt: Welchen von den beiden wollt ihr,
daß ich euch freilasse (27,21; fehlt so bei Markus}t Das Volk ent·
scheidet sich expressis verbis für Barabbas (wieder fehlt das mar·
kinische Gegenstück). Und auf die Frage des Statthalters, was mit
Jesus geschehen solle, verlangt es entschlossen nach seinem Kreuz
(27,22; mit Mk. 15,12f.), bereit, alle Konsequenzen seiner Ent·
scheidung auf sich zu nehmen: Sein Blut komme über uns und unsere
Kinder (27,25). "Da", auf diese Erklärung hin, so unterstreicht Mat·
thäus, gibt Pilatus ihnen Barabbas frei (27,26; anders Mk. 15,15),
Jesus aber überweist er zur Kreuzigung. Wichtig ist noch das mat-
thäische Sondergut. Trilling hat richtig gesehen, daß 27,19, vom Evan·
gelisten (wie 27,24f.) geschickt in den Kontext eingebettet, zunächst
den Gang der Handlung aufhalten soll: die Autoritäten bekommen
Zeit, das Volk zu überreden. Auch das ist exakt beobachtet, daß die
Mahnung "Habe nichts mit diesem Gerechten zu schaffen" dem 27, 24f.
Berichteten auf seine Weise vorarbeitet. In der Tat tut Pilatus dann
das Entsprechende; er will am Blut Jesu nicht schuldig sein
18
• "Da-
durch, daß ... 1L'Il8ev aoE KTA. (Vers 19) und c i   i j i 6 ~ dILL KTA. (Vers 24)
aufeinander abgestimmt sind, wird die alleinige Verantwortung der
Juden für den Urteilsspruch vorbereitet ... Matthäus verwendet das
Wort der Heidin als helle Folie, damit die Schuld der Juden sich um so
dunkler abhebe"u. So mit Recht Trilling. 27,24 zufolge sieht Pilatus,
daß sein Hinweis auf die Unschuld Jesu (27,23) "nichts nützt", sondern
das Geschrei nur gewaltig aufrührt. Er hat getan, was er konnte. Er hat
dem Volk vorgelegt, was ihm zusteht: die Wahl, ohne Zweifel an seiner
Wahl (hätte er hier zu wählen) aufkommen zu lassen. Das Volk aber hat
anders entschieden und hält leidenschaftlich an seinem Willen fest. Also
wäscht Pillitus seine Hände - mit Recht I - in Unschuld: Sehet ihr
zu '" Das ist der Duktus der matthäischen Darstellung: "Israel" ist
11 In 26, 66 übergeht Matthäus das nciv ... von lIIk. 14,64; er trägt es hier nach.
" &.1\&.>.0.27,16 statt 6. "exPYlTOÜVTO lIIk. 15,6.
,. Der Kontl'llllt zu dem berüchtigten Gefangenen von 27,111 ist TriUing
entgangen.
,. Das wahre Israel 68. Von den ,.Juden" sollte Trilling im Blick auf die vor.
liegenden Texte besser nicht sprechen, vgI. S. 116, Anm. 45.
Iarael als Einheit des Böeen
eil, das den berüchtigten Barabbas seinem König vorzieht und sich
feierlich zu seiner Schuld bekennt.
2. Die Q-Materiolim
Ähnlich wie im Vorausgehenden gilt es nun, die Matthäus und Lukas
gemeinsamen, von Israel handelnden oder darauf bezogenen Stoffe auf
.. qua1ifizierende" Änderungen der Redaktion hin zu untersuchen.
MI. 3,7-10IL1c. 3,7-9
Die Logien sind bei Mätthäus und Lukas bis auf leichte stilistische
Anderaartigkeiten wörtlich identisch, nur die redaktionellen Rahmen-
Notizen weichen voneinander ab. Nach Lk. 3,7 a ergehen die Worte des
Täufers an die Volksmenge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu
lassen. Matthäus aber denkt sofort an .. Israel". Seine Adressaten sind
3,7a .. viele der Pharisäer und Sadduzäer", die Johannes zur Taufe
kommen sieht. Zudem stellt er seinem Text anders als Lukas die zu-
meist aus Mk. 1,5 übernommene Notiz voran, die davon spricht, Jeru-
saJem, das ganze jüdische Land und die ganze Landschaft um den
Jordan 10 sei zu Johannell hinausgezogen usw. Den bei Markus folgenden
Vers 1,6 vom äußeren Habitus des Täufers bringt er schon in 3,4, so
daß er von der Johannes-Taufe Israels 3,5f. in einem Zuge zu der
Gerichts-Adresse an Israel (die Pharisäer und Sadduzäer) übergehen
kann. Kaum tritt der erste Bote der Basileia auf (vgl. 3,2 redaktionell)
und stößt auf .. Israel", schon muß er drohend die Stimme erheben!
Q-BfoUe der Bergpredigt
Die von Matthäus zwischen 5,20 und 7, 28f. zusammengestellten und
redigierten Q-Stoffe der Bergpredigt (vgl. Lk. 6,27-38.41-44.46-49;
11,2-4.9--13.34--36; 12,22-31.33--34.58-59; 13,23--24.26-27;
16,13), die bei Lukas auf verschiedene Szenen verteilt und zumeist an
die Adresse der Jünger (6,20; vg1.6,27; 11,1; 12,22; 16,l),aberauch
an die Volksmenge (11,29; 12,54) oder freischwebend zu .. ihnen" ge-
sprochen sind (13,23), hat der Evangelist durch die Rahmen-
bemerkungen 5,20 und 7,28f. zusammen mit anderem Gut zu einer
gegen .. Israel" gerichteten Rede Jesu ausgesta1tet·
l
• Die Logien dienen,
mit 5,20 zu sprechen, zur Beachreibung der Gerechtigkeit, die besser
ist &1s die der BcAriftgde1&rlen und PlaariaiW. Mit dem Blick auf .. diese
Worte" (7,28) stellt 7,29 abschließend fest, Jesus habe das Volk ~ ~
i ~ o u   ~ fx.fijV gelehrt und nicht wie ihre BcAriftgek1irlen. Sehr ein-
• Fehlt bei lIIarkus. Lk.3.3 berichtet MYOn, JoMnnu habe sich in die
ganze Landschaft. um den Jordan begeben.
11 5,20 redaktionell; zu 7,28f. "81. Mk. 1,22.
Die Q·Materia1ien 49
drucksvoll hat der Evangelist sein Vorhaben beim Vaterunser durch·
geführt, das Lk. l1,lff. unter dem Stichwort .. Herr,lehre uns beten"
den Jüngern zugeeignet ist. Matthäus dagegen bringt das Vaterunser
nach 6,5-8, der Wamung vor den Heuchlern 11, und fügt im Kontrast
zum also beschriebenen Beten IsraelsIll hinzu: So sollt ihr beten ...
Mt. 8,S-13/Lk. 7,1-10; 13,281-
Der erste in die Augen springende Unterschied zum lukanischen
Text liegt darin, daß sich bei Matthäus der Hauptmann in persona an
Jesus wendet und seinem Glauben selbst beredten Ausdruck verleiht,
während er nach Lk. 7,3 .. Älteste der Juden" zu ihm sendet, die sein
Anliegen vortragen und sich mit dem Hinweis auf seine Verdienste um
Israel (I) für ihn einsetzen (7,4f.); im folgenden bekundet er seinen
Glauben durch den Mund von Freunden (7,6ff.). Die Hinwendung der
Oberen Israels zu Jesus und die Sympathie eines Heiden für Israel sind
für Matthäus, falls diese Momente in seiner Q-Vorlage eine Rolle
spielten u, in Konsequenz seiner ganzen Israel-Zeichnung, wie sie seine
Formulierung von 8,10 wieder erkennen läßt, unmöglich geworden
(vgL 9,18). Heißt es Lk.7,9: Nicht einmal in Israel (das doch das
.. Glaubensvolk" ist) habe ich solchen Glauben gefunden; überbietet
hier &\so der Glaube des Heiden denjenigen Israels, so schreibt der
harte Griffel des Redaktors in 8,10: Bei niema1lllem habe ich so großen
Glauben in Israel gefunden, was um so schwerer wiegt, &1s Matthäus
dem die Verse 8,11 f. folgen läßt, die der endzeitlichen Erwählung der
Heiden Israels Verwerfung gegenüberstellen". Der totale Unglaube
Israels rechtfertigt die ihm angedrohte endgeschichtliche Katastrophe.
.. Die Verae 6, 7 f. haben, isoliert betrachtet, eine andere Ausrichtung und
.ind von einem anderen Standpunkt aue fonnuliert aJa 6,lIf. ( ... c. ..... p 01
... """ I), doch .tört daa den Evangeliaten nicht, oie aeinem übergreifenden Zu-
aammonhang "wider Iarael" unterzuordnen (vlfl. 6,1-4.16-18) .
.. Auffallend iat du absolute "die Heuchler' in 6,2.5.16; vgl. 2.,111, daa auch
Did. 8,1.2 vorkommt, wo unzweideutig und kollektiv .. die Juden" gemeint Bind.
Steff und Tennini entatammen wie Did. 8,1 f. der cbriatlichen Aueeinander·
eetzung mit dem "Judentwn"; Matthiue jedoch gebraucht .ie im Rahmon
eeiner .. geachichtlichen" Ierael.Schilderung für du Gegenüber Jeau .
.. Bultmann, Tradition 39 vennutet, daß erat Luku die Älteaten und ihre
"Tmente in eeinen Text einführte.
V gl. die 80rgfältige Analyae Trillinga, Du wabre larael 88 f. - Gnilka 98,
Anm. 36 möchte nicht zugeben, .. daß Jeaue hier ganz Iarael aJa Nation (I) ver·
wirft ... Demgegenüber iat Trilling beizupflichten, der die achneidenden Kon-
turen dea Textea gewi.aeenhaft nachzieht. Nach Trilling 89f ...... iat der Tenor
ao auf Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit daß man kawn be·
zweifeln kann, Mattbiu. habe du Wort aJa gültigen Urtai\aapruch über Iarael
in eeiner heilsgeechichtlichen 80nderatellung aufgeraUt". Weniger zufrieden·
stellend iat Triflinga Erklirung der .. Söhne der Baaileia" (89), unter denen er
"du aueerwihlte Volk aJa 8Olchea" verateht - in Anlehnung an G. Dalman,
Worte Jeau 94: "Die ,Söhne der Gotteaberrachaft' sind 80mit die ihr durch ihre
Geburt angehörenden, welche dadurch ein naturhaftea Recht auf ihren Beaitz
, 8701 Walte ••  
50 Israel als Einheit des BOsen
Mt. 8,19-22/Lk. 9,57-60
Auch diese Verse hat der Evangelist in Q vorgefunden. Die Ab-
weichungen gegenüber Lk. 9,57ff. sind charakteristisch. Wo sich nach
Lk. 9,57 "irgendeiner" zur Nachfolge bereit erklärt, setzt Matthäus
dafür einen Schriftgelehrten; ihm widerfahrt Jesu abweisende Ant-
wort. Der "andere" (Lk. 9,59), den Jesus bedingungslos beansprucht,
ist für Matthäus "ein anderer von den Jüngern" (vgl. S. 26f.). Wie der
Evangelist den um Hilfe bittenden Synagogenvorsteher eliminiert
(9,18; vgl. den vorausgehenden Abschnitt S. 49), so "streicht" er
auch den nachfolgewilligen Schriftgelehrten: in seinem Text muß Jesus
den Repräsentanten Israels zurückweisen. Das harthörige, ungläubige,
radikal-bÖBe und deshalb von Jesus selbst auf sein Verderben zurück-
geworfene, dem zukünftigen Gericht verfallene "Israel" kommt für die
Nachfolge Jesu nicht mehr in Frage.
Mt. 11,16-27/Lk. 7,31-35; 10,13-15. 21-22
Unsere Aufmerksamkeit gilt zunächst der Kompositionsarbeit des
Evangelisten 11. Matthäus und Lukas bieten die Anfrage des Täufers,
Jesu Zeugnis über Johannes und seine Klage über "dieses Geschlecht"
mit kleineren redaktionellen Modifikationen (Mt. 11, 12-15; Lk. 7,29 f.)
in derselben Reihenfolge: 11,2-6.7-11.1&--19; Par Lk. 7,18-23.
24-28.31-35. Wo Lukas im folgenden sein Sondergut, die Perikope
von der großen Sünderin 7,36-50, einbringt, "führt Matthäus die An-
klagen gegen dieses Geschlecht einem Höhepunkt zu, indem er Jesus
die Wehrufe gegen die unbußfertigen Städte Galiläas sprechen läßt, die
darüber hinaus bei Matthäus einen noch schärferen Klang haben als
Par Lk. 10,13-15 ... "17 Aber damit nicht genug, bringt der Evan-
gelist mit dem hart an 11,20-24 angeschlossenen "Jubelruf" (11,25
bis 27; Lk. 10,2lf.) noch einmal den Gedanken der Verwerfung
Israels zum Ausdruck, so daß er die ganze Komposition als Gerichts-
rede wider Israel verstanden wissen will 11. 11,16-19 entspricht in der
Substanz genau Lk. 7,31-35. Dagegen fallen die Abweichungen von
11,20 -24 gegenüber Lk. 10,13 -15 stark ins Gewicht. Gnilka hält
haben." Dabei ist übersehen, daß auf dem Boden des Matthaua-Evangeliuma
die Buileia durchweg keine GröBe der Geburt oder "Natur" ist, die in den
"alten Bund" zurückzudatieren und mit ihm identisch wäre, IOndem eine
GröBe verbaler Berufung, die dem Volk durch ihre Boten (Täufer, Jeeua, Jünger)
zuteil wird und erat mit Johannes anhebt. Die 8aaileia begründet eine einzig-
artige, neue, endzeitliche Berufungageachichte, fordert Glauben. Der Unglaube
(gegenüber Jesua, wie im Falle unseres Textes) schligt als furchtbares Gericht
auf Israel zurück. .
H VgJ. Gnilka \H.
17 Gnilka \H. Vgl. seine Analyse von 11,20-24 a.a.O. 118.
11 Zu Gnilkaa Auee88lung von der "antijüdischen Note" der matthiischen
Komposition a.a.O. 118 vgJ. 8. 66, Anm. 46.
Die Q-Materialien 51
präzise fest, daß die Weherufe in der lukanischen Komposition einen
anderen Ton tragen, "den Tonus der Jüngerbelehrung"'· . Seinen Aus-
führungen ist zuzustimmen: "Voran geht die Aussendungsrede mit der
abschließenden an die ablehnenden Städte gerichteten Drohung
(10,1-12). Die Wehrufe wollen den Jüngeru sagen: Ich, euer
Meister, habe Ablehnung erfahren. Deshalb müßt auch ihr damit
rechnen. Aber ihr sollt wissen: ,Wer euch hört, der hört mich; und wer
euch verachtet, der verachtet mich. Wer aber mich verachtet, ver-
achtet den, der mich gesandt hat' (10,16)"'·. Matthäus leitet die
Logien durch die Rahmennotiz 11,20 ein: Da fing er an, die Städte
anzuklagen 30, in denen die meisten seiner machtvollen Taten ge-
schehen waren, weil sie (trotzdem) nicht umgekehrt waren. Das gibt
allem Folgenden seinen bestimmten Akzent. Denn nun erscheinen die
Weherufe als vernichtende richterliche Antwort Jesu auf die voraus-
zusetzende, faktische Unbußfertigkeit der Städte, nicht mehr als dro-
hendes Werben um ihre mögliche, schleunigst zu unternehmende Buße:
definitive Unbußfertigkeit bedingt die definitive Gerichtsansage (11,21
bis 23a). Diese Note wird von Matthäus in 11,23b.24 unterstrichen"'.
Mit 11,23b begründet er den kommenden Höllensturz Kapernaums
durch den Verweis auf "Sodom": Denn wären in Sodom die Macht-
Taten geschehen, die bei dir geschehen sind, es stände noch heute.
M. a. W., Kapernaum ist schlimmer als Sodom - wieviel sicherer ist ihm
das angedrohte Gericht! Ja, so bekräftigt 11,24 am Schluß, es wird
dem Lande der Sodomer am Tage des Gerichts erträglicher ergehen als
Kapernaum. - So schwer trifft es das unausweichliche Verderben.
Auch hinsichtlich des "Jubelrufs" Mt. 11,25-27; Par Lk. 10,21f.
weicht Matthäus stark von der lukanischen Komposition ab. Nur vom
Lukas-Rahmen her ist das Stück wirklich als "Jubelruf" zu charakteri-
sieren. Im Vorausgehenden (Rückkehr der Siebzig) begegnet das Stich-
wort "Freude" gleich zweimal (10,17.20). In 10,21a spricht Lukas
dann expressis verbis von der pneumatischen Agalliasis Jesu und gibt
10,21 b.22 so die Höhenlage eines jubilierenden Ausbruchs. Nichts der-
gleichen bei Matthäus. Zu jener Stunde, so führt 11,25a die Gerichts-
verkündigung fort, hub Jesus an und sprach ... Der Herr Himmels
und der Erde ist es, der "solches" vor den Weisen und Verständigen in
seiner souveränen Wahl (11,26; vgl. 11,27) verborgen, jedoch den Un-
mündigen offenbart hat. Man fühlt sich an 13, 10ff. erinnert, wo es in
Jesu Souveränität beschlossen liegt, das ungehorsame Israel durch
seine Parabelrede auf seine Verstocktheit festzulegen, die Jünger aber
.. A.a.O. 98, Anm. 38 .
.. Für 6 w :   a t ~ .. v vgl. die Bedeutung ,,(berechtigte) Vorwürfe machen",
Bauer, Wörterbuch 1129 (2.) .
• , 1I,23b redaktionell; obenso 11,24 nach 10,15.
1_1 als Einheit des Bösen
selig zu preisen, denen die Geheimnisse der Himmelsherrschaft zu er-
kennen gegeben sind (vgl. 13, 16f.). In diesem Horizont wird man die
matthäische "Synopse" von 11,20-24 und 11,25--27 interpretieren
müssen: Wird "Israel"8. das unumstößliche Gericht verkündigt, 80
begegnet es darin dem in seiner Offenbarung frei verfügenden, das
Weise und Kluge ausschließenden, doch das Geringe erwählenden Gott
(vgl. den Heilandsruf l1,281f.).
 
Auch diese beiden größeren Einheiten sind, grob gesagt, aus Q-
Stoffen aufgebaut, und zwar bei Matthäus in der Reihenfolge: Heilung
des Besessenen (12,22--24), "Beelzebub"-Perikope (12,25--30), Vom
Zeichen des Jona (12,38--42), Spruch vom Rückfall (12,43--45),
(Jesu wahre Verwandte bei Lukas: Heilung des Besessenen
(11, 14f.), "Beelzebub"-Perikope (11,17-23), Spruch vom Rückfall
(Seligpreisendes Weib 11,27f.), Vom Zeichen des Jona
(11,16.29-32)88. Schon die von Lukas abweichende Anordnung und
"Adressierung" der Stücke gibt Auskunft über die Tendenz der mat-
thäischen Darstellung. Der Text reflektiert eine durchgehende Aus-
einandersetzung mit den Repräsentanten Israels (12,24 die Pharisäer;
12,38 etliche der Schriftgelehrten und Pharisäer), wo im Lukas-Text
das Gegenüber der Handlung relativ unbestimmt bleibt (11,14 die
Volksmenge; 11, 15 etliche von ihnen; 11, 16 andere; 11,27 eine Frau
aus dem Volk; 11,29 die Volksmenge) und mit l1,27f. die szenische
Einheit des Ganzen durchbrochen ist: lose verbundene Stoffe, wo Mat-
thäus eine straffe Kompositionseinheit schafft und alles einem Leit-
gedanken unterstellt. Es wird sich zeigen, daß auch die "Abweichung"
von den großen Gesamtentwurf nicht zerbrechen, sondern
ihm dienen, ihn mit einer letzten "Spitze" abschließen soll.
In 12,23 führt der Evangelist (gegen Lk. 11,14) die Frage des Volks
nach der Davidssohnsschaft = Messianität J esu ein, die er vom Anfang
des Evangeliums an voraussetzt
H
• Diese Würde Jesu greifen die Pha-
11 Daß Matthäus ad vocem Chorazin, Bethsaida, Kapemaum an "Israel"
denkt, deutet er durch die Einordnung der WeheruCe hinter der Klage über
"dieses Geschlecht" an. Doch auch seine 11,20, in jenen Städten
seien die meisten seiner Macht-Taten geechehen, ist lUcht gleichgültig: Wo sich
Jeaus Israel in besonderer Weise zugewandt hat, verfällt seine ünbullCertigkeit
veratändlicherweiae dem schroffsten Verdikt. Zu bedenken ist auch, daß Mat-
thäus Kapemaum in 9, 1 bewußt als "seine Stadt" charakterisiert.
11 Zur Analyse vgl. Bultmann, Tradition 10-12 .
.. Der "Sohn Davids" begegnet schon 1,1 (vgl. den Stammbaum von 1,6--
16), dann 9,27; 12,23; 16,22; 20,30.31 (ParMk. 10,48.49),21,9.15; 22,42 (Par
Mk.12,35). Die Synonymitit von Davidsschn· und Chriatusprädikat wird
nirgends (in Analogie zu "Christus" und "Sohn Gottes" 16,16; 26,63) direkt
ausgesagt, ist aber verschiedentlich deutlich zu konstatieren, vgl. l,l/16f.;
21,5/9; 22,42.
Die Q.Materialien
risäer an (12,24), ziehen sie durch den (gegenüber Mk. 3,22; Lk. 11,15
erheblich krasser vorgetragenen 85) Vorwurf der dämonischen Be-
sessenheit Jesu in den Schmutz
H
. So schafft Matthäus einen grellen
Aufta.kt. Die Front zwischen den kämpfenden Parteien ist deutlich ab-
gesteckt, Israels aggressive Bosheit scharf markiert. Damit ist der
Boden bereitet, auf dem die folgenden "Attacken" Jesu (vgL 12,31f.
33-36) als ric1&terlicke Reaktion möglich und einsichtig werden.
Das folgende Beelzebub·"Streitgespräch"37 gestaltet Matthäus bis
12,30 im wesentlichen nach Q, dann bringt er wie Mk. 3, 28f. das Wort
von der "Feindseligkeit wider den Geist" (12,31f.)H, deren Un-
verzeihlichkeit er mit härterer Eindringlichkeit als bei Markus, nämlich
gleich zweimal vor Augen rücken will
3t
; schließlich rundet er den
ersten Gesprächsgang durch 12,33-36 ab 10. Bemerkenswert ist die
Abweichung von 12,28 (Austreibung der Dämonen durch den Geist
Gottes) gegenüber Lk. 11,20 (Austreibung durch den Finger Gottes).
Nach Hummels zutreffender Beobachtung weist die matthäische
Fassung des Logions " ... im jetzigen Zusammenhang vorweg auf die
Lästerung des Geistes ... in v. 31f .... "Cl Was Israel Jesus angetan
hat, 80 will der Evangelist durch 12,31f. im Konnex mit 12,28 dartun,
kann weder in dieser noch in der zukünftigen Welt Gnade finden. Die
Lästerung des in Jesus Wunder wirkenden Geistes ist unvergebbarl
Die Verse 12,31 f. haben bei Matthäus ihren ursprünglichen, warnenden
Ton verloren und sind zu definitiv deklarierenden Gerichtsworten ge-
worden u, die Israels ungeheuerliche Behauptung mit der Ver-
kündigung seiner ewigen Verlorenheit beantworten. Mit 12,33-36
weist Matthäus in dieselbe Richtung. An der Frucht erkennt man den
Baum; Israel aber ist Schlangenbrut: Wie könnt ihr, die ihr böse seid,
Gutes reden! Hummel sagt richtig: "V. 33-35 führt die bösen Worte
der Pharisäer darauf zurück, daß sie grundsätzlich böse sind"u. Wer
aber aus bösem Herzen Böses redet wider den Messias Israels, wird am
Tage des Gerichts, wie 12,36 zu verstehen gibt, aus seinen Worten ver-
worfen werden. So steht es um IsraelI
•• Mit Hummel 123: "Dieaer treibt die Dämonen "ur (oöx ... cl ,,1) .•• )
durch Beelzebul, den Obersten der Teufel, aus."
o. Vgl. 9,32-34; Bultmann, Tradition 226.
17 Vgl. Mk. 3,23--27 .
.. Bei Lukas fehlt an dieaer Stelle das Entsprechende, vgl. 12, 10.
11 Die "Liaterung des Geistes" (Mk.3,29) verwendet er schon 12,31. In
12,32 wiederholt er das Motiv mit eigenen Worten: Wer (ein Wort) wider den
Heiligen Geist redet ...
•• Zu 12,33.34b.35 vgl. Mt. 7,16-20; Lk.6,43--45. Die Verse 12,34&.36
stammen vom Evangelisten .
.. A.a.O. 124 .
.. Vgl. Hummel 126 ( .. keine werbende Auseinandersetzung mehr") .
.. A.a.O. 126.
54 Iamel als Einheit des Bösen
Mit 12,38 beginnt ein zweiter Gesprächsabschnitt, wieder eingeleitet
durch Worte der Repräsentanten. Auffallend ist der Kontrast zu
12,22ff., den Matthäus durch sein von Lukas abweichendes Arrange-
ment des Textes erzielt. Schnödes Israel- die geistgewirkten Wunder
Jesu verteufeln sie, aber ein Zeichen (zu seiner Beglaubigung) wollen
sie sehen! Dieses Begehren spricht wieder für die abgründige Bosheit
der Opponenten, die der Evangelist auch an dieser Stelle nachdrück-
licher konstatiert, als es im lukanischen Parallel-Text 11,29 ("Dieses
Geschlecht ist ein böses Geschlecht") der Fall ist. Das Adjektiv "ehe-
brecherisch" und ein durch !1r1 verstärktes   (= darauf aus sein)
verschärfen die matthäische Fa.ssung (12,39). Dem verruchten Ge-
schlecht wird kein Zeichen gegeben werden denn das Zeichen des Pro-
pheten Jona. Lk. 11,30 läßt nicht klar erkennen, worin dieses Zeichen
bestehen soll. Man mag an die Auferstehung Jesu denken, doch legt es
der Text selbst nicht nahe. Demgegenüber hebt Matthäus in 12,40 auf
die drei Tage und Nächte ab, die der Menschensohn im Schoß der Erde
sein wird wie Jona im Bauch des Walfisches: die Auferstehung Jesu
vom Tode ist das eine Zeichen, das Israel (in Zukunft) gegeben wird.
Ist jedoch dies das Zeichen, wiegt Israels Absage an seinen Messias nur
noch schwerer, wird seine Gerichtsverfallenheit noch unausweichlicher.
Denn die Leute von Ninive und die Königin von Süden werden am
Tage des Gerichts das Geschlecht verdammen, das dem die Stirn ge-
boten hat, der mehr ist als Jona und Salomo, d. h. in der Nachbarschaft
von 12,40: dem Herrn der künftigen Auferstehung! Man wird Hummel
nicht zustimmen können, der dafür hält, 12,38ff. diene Matthäus dazu,
das Jonazeichen, nämlich die Auferstehung Jesu aus dem Tode, als die
eigentliche Beglaubigung seiner Messianität herauszustellen. Er sagt:
"Die Pharisäer, die die geistgewirkten Wunder verketzern, werden a.lso
an die Auferstehung verwiesen. Das dürfte der Sinn dieses Abschnittes
in dem von Matthäus hergestellten Zusammenhang sein"". Gewiß soll
die Auferstehung Jesu seine Messianität "beglaubigen", doch liegt hier
nicht das Akumen. Hummel läßt die Verse 12,41 f. außer acht, die noch
einmal das Gericht über "dieses Geschlecht" ausrufen, dieses Mal unter
Berufung auf das doppelte !30u "ltAeLOV • •• 6'13" das Matthäus, wie ge-
sagt, a.uf dem Hintergrund von 12,40 sieht. Der ganze Ton fällt wieder
auf die die 12,40 nur vorbereiten hilft, indem es
die leuchtende Höhe Jesu, die Auferstehung (und "Beglaubigung"
seiner Messianität) vor Augen führt, an der sich die schaurige Tiefe der
von 12,41f. vorausgesetzten Unbeweglichkeit Israels und des ihr ent-
sprechenden, mit 12,41f. angedrohten Gerichtes auftut.
Auch der folgende Spruch vom Rückfall (12,43-45) soll in den Chor
der Gerichtsansage einstimmen. Bei Lukas ist das Stück trotz der
•• A.8.0. 126.
Die Q.Materialien
Situationsangabe 11,14.( 15.16.) 17 eigentümlich allgemein und gleichnis-
ha.ft gehalten, so daß nicht auszumachen ist, von wem und welchen
Umständen des näheren die Rede ist. Matthäus dagegen bezieht 12,4311".
resolut auf Israel und seine Verderbtheit. Der unreine Geist fahrt aus
und kommt mit sieben anderen übleren Geistern zurück; hernach wird
es mit jenem Menschen schlimmer als zuvor. So wird es auch .. diesem
bösen Geschlecht" - sc. bei seiner Begegnung mit dem David880hn-
ergehen (12,45c). Wieder setzt Matthäus einen kompositorischen
Kontrapunkt. Israels Vorwurf der dämonischen Besessenheit Jesu
(12,24) schlägt furchtbar auf sein eigenes Haupt zurück. Mit Israel,
das Jesus so verdächtigt, steht es am Ende schlimmer als zuvor .
.. Israel" selbst" ist (im Gegenüber zu seinem Messias) schließlich von
teuflischer Bosheit nur so besessen - und eben darin zugleich gerichtet I
Zuletzt bezieht Matthäus noch   statt Lk. l1,27f.-
in seine Komposition ein, um .. dieses böse Geschlecht" noch von seinem
positiven Gegenstück abzuheben. Jesu wahre Angehörige sind nicht
seine Blutsverwandten (= Israel, wie man vom Kontext her mithören
darf), sondern seine Jünger (12,49). Das unbußfertige Israel ist mit
dem Vorausgehenden mehrfach abgetan. An seiner Stelle kon-
stituieren nun die Gehorsamen die wahre .. Verwandtschaft" des Mes-
sias. Sie allein gehören ihm an (jetzt und auch später; 12,50 gilt für die
Situation und darüber hinaus). So schiebt Jesus Israel mit
endgültig beiseite, um dafür seine Hand gegen die Täter des Gottes-
willens auszustrecken &7 (- nun folgen in der Komposition sachgerecht
die Gleichnisse von der Himmelsherrschaft); ähnlich ist es in 11,25
bis 30 nach und in 12,15--21 nach 12,1-14, vgl. 13,1011".
Auch so vollzieht sich das Gericht an Israel.
Me. 22,l-lOILl&.14,16-24
Folgende Abweichungen des matthäischen Textes gegenüber dem
lukanischen stehen im Dienst der .. negativen" Beschreibung Israels":
.. Hummels Thesen a.a.O. 126f., .. dieses Geschlecht" sei für Matthaus das
ihm zeitgenÖBBiache Judentum (I) und der Vergleich des Judentums mit dem
siebenfach (') Beaeaaenen sei die achiirfste Antwort auf den Beelzebulvorwurf,
laaaen einen empfindlichen Mangel an Klarheit hinsichtlich des matthiiBchen
.. IaracI"·Bellriffes erkennen, der die Exegese - auch anderer Ausleger - be-
lastet. Matthiua hilt sich 8treng an seinen hiatoriachoen Entwurf; er beschreibt
die Situation von damala, wie er .ie veroteht, nicht die seinige ... Israel" ist in
Kapitel 12 (und den anderen, bilher besprochenen Testen) der .. zeitgenÖ8Biache"
Kontrahent seines M_iso (und seines Vorlaufers; 3,18".; 11,168".; U,38".) .
.. Vgl. Mk. 3,31-36, aber auch Lk. 8,19-21.
" Gnilka 96: .. Allein Matthiua betont, daß Jes ... mit dar Hand auf seine
Jünger wies ..... Anders Mk. 3,34 •
.. Zur Analyse vgl. Eta Linnemann, Überlegungeo zur Parabel vom grollen
Abendmahl La. 14,16-24/Mt. 22,I-U; ZNW 61 (19160) 246-266.
56 Israel als Einheit des Bösen
1. In 22,3 erscheinen die Knechte (vgl. 21,34). Schon bei ihrem
ersten Einladen werden sie abgewiesen. Keine Entschuldigungen, keine
Erklärungen; nur das lapidare: sie wollten nicht kommenl
2. Wiederholte, freundliche Einladung durch andere Knechte. Hin-
weis auf die reichen Vorbereitungen des Gastgebers (22,4). Schroffe
Reaktion der Geladenen (22,5), die jene Boten einfach stehen lassen:
Sie jedoch achteten nicht darauf, sondern gingen ihres Wegs ...
3. Damit nicht genug, werden die Knechte des Königs von .. den
übrigen" mißhandelt und getötet (22,6; vgl. 21,35.36).
4. Die Darstellung der geduldigen Liebenswürdigkeit des Königs
und jener .. unwilligen" und mörderischen Antwort der Geladenen mo-
tiviert die Begebenheiten von 22,7. Die Heere des Königs bringen jene
.. Mörder" um (vgl. 21,41) und zünden ihre Stadt (I) an.
5. Feierlicher UrteiIsspruch: Die Geladenen waren es nicht wert
(22,8).
6. AU8Bendung der Boten zu anderen Geladenen: ... rufet zur
Hochzeit, welche ihr findet. Sie aber bringen alle herzu, die sie finden,
Böse und Gute (22,9f.).
EB ist nicht die Absicht, den Text hier en d ~ t   i l zu exegesieren. Nur
soviel ist zu sagen, daß die einschneidenden .. Peiorisierungen" des
Textes nach unseren bisherigen Untersuchungen zum Thema wohl
nicht auf eine Matthäus vorgegebene, echte Erzählungsvariante zu Q,
sondern eher auf die redaktionellen Eingriffe des Evangelisten schließen
lassen. Matthäus gestaltet auch mit dem Gleichnis von der königlichen
Hochzeit das Bild Israels: Es ist, freundlich und geduldig geladen und
doch widerwärtig und mörderisch, seiner Berufung nicht wert; es ver-
fällt dem gerechten Gericht, daß Gott an ihm vorübergeht, um andere
Geladene an seine Stelle zu setzen (vgl. S. 55 zu 12,46-50). Neu und
eigenartig ist 22,7 mit seiner auf den Untergang Jerusalems zielenden CI,
.. historisch" fixierenden Darstellung des Gerichts. Israels Ende fällt mit
dem Mord an den Knechten und der Zerstörung der Heiligen Stadt zu-
sammen.
Mt. 23,32-36.37-39/Llc.ll,49-öl; 13,34/.
Vor dem hier betrachteten Schlußabschnitt von Kap. 23 hat der
Evangelist schon einige Q-Stoffe in die Weherede aufgenommen (23,4.
13.25.29f./Par Lk. l1,46.52.42.39.47f.), wieder charakteristisch ver-
•• So trotz Karl Heinrich Rengatorfa These vom traditionell·topischen, nur·
literarischen Charakter des Verses: Die Stadt der Mörder (Mt. 22,7), in: Juden.
tum - Urchristentum - Kirche, Festschrift für Joachim JeremiBS zum 60.
Geb., BZNW 26, 2. Au1I. 1964, 106-129; mit Strecker 35, Anm. 1. Daß Mat-
thius sich eines traditionel1en Topos bedient, schließt nicht aUB, daß er ihn im
Blick auf ein .. historisches Ereignis", eben die Zerstörung J erusalems, gebraucht.
Die Q·Materialien 57
ändert. Die Gegner Jesu sind für ihn nicht die Gesetzeslehrer (Lk. 11,
46.52) oder Pharisäer (Lk. 11,39.42), sondern die offiziellen Vertreter
Israels, die auf dem Stuhl Moses sitzen (23,2), die .. Schriftgelehrten und
Pharisäer", die er gegenüber den Lukas-Texten stereotyp als .. Heuch-
ler" qualifiziert (23,13.23.25.29). Mit den Versen 23,32ff. tritt nun die
ga.nze Kompositionseinheit in ein gewaltig gesteigertes, zum letzten
und härtesten Angriff Jesu auf Israel führendes Finale ein. Ist schon
der mehrfache Weheruf des Vorausgehenden ..... seinem Wesen nach
die Form, in der das Gericht definitiv verkündigt wird 50", so ver-
schärfen 23, 32ff. die Gerichtsverkündigung noch dadurch, daß sie
Jesus noch eiumal und .. direkt" als den unerbittlichen Herrn und
Inaugurator der endgültigen Heimsuchung Israels darstellen. Er selbst
fordert die Söhne der Prophetenmörder mit Bestimmtheit auf, das
Maß ihrer Väter voll zu machen (23,32). Er tut es mit gutem Grund,
wie der von Matthäus beigebrachte Vers 23,33 im Kontext dartut,
denn seine Gegner sind die Leute dazu: Schlangen, Otterngezücht 61,
dem Gericht der Hölle verfallen. Da sie als solche Ausgeburten des
Bösen nach Jesu Willen das Maß ihrer Väter zum Vollmaß zu bringen
haben - .. darum" 23,34 -, sendet er ihnen Propheten, Weise und
Schriftgelehrte", die sein Geschick von ihrer Hand erleiden werden
(Kreuzigung), die sie in ihren Synagogen geißeln und von einer Stadt
zur andern verfolgen werden 63, damit über sie komme alles gerechte
Blut, das auf Erden vergossen ist, vom Blut des gerechten Abel bis
zum Blut des Sacharja, des Sohnes Berechjas, den sie zwischen Tempel
und Altar getötet haben", d.h. das Blut der einen und ganzen (Blut-)
.. Hummel 87.
11 Vgl. Werner Foerster, ThW n 815: "die Natur der Schlange ist es, bösartig
und verderblich zu sein ... " Und ebenda, Anrn. 2: "yewllll.'''''' betont die
Naturhaftigkeit ih...,r Art, sie sitzt ihnen im Blut wie ihren Vätern."
.. In Lk. 11,49 hat der Satz ein anderes Subjekt: die .. Weisheit Gottes". Vgl.
Jl1lius Wellhausen, Das Evangolium Matthaei, Berlin 1904, 119: "Jesus zitiert
nicht, sondern redet im eigenen Namen und zwar von der Aussendung seiner
JÜnger.
11
•• 23,34 enthält das redaktionelle Duplikat bestimmter Motive aus 3,7;
10,17.23. Die christlichen "Schriftgelehrten" des Textes machen darauf auf·
merksam, daJI nicht der ganze Vers vom Redaktor stammen kann .
.. Mit guten Gnlnden wendet sich Julius Wellhausen a.a.O. 120 (vgl. Ein·
leitung in die drei ersten Evangelien, 2. Ausg. 1911, 118ft".) gegen die Deutung
auf Sacharja ben Jojada 2. Chron. 24,20f. Gedacht ist mit großer Wahrschein·
lichkeit an Zacharias, Sohn des Bariscaeus (Josephus bell. 4,335), der wirklich
im Tempel, nicht im Vorhof getötet wurde. Auch kann sein Blut viel passender
al. das letzte vergossene Blut eines Gerechten dem des "Erstlings" Abel ent·
gogengesetzt werden, da er erst einige dreißig Jahre nach dem Tode J 68U um·
kam (anno 68; vgl. Loo Baeck; Paulus, die Pharisäer und das Neue Testament,
1961, 153f.) und für Matthäus das Ende Israels nach 22,7 und 23,38 in Ver·
bindung mit 23,32ft". und 24,1 f. mit dem Untergang JerusaleID8 und der Zer-
störung des Tempels zusammenfällt: der Jojada·Sohn kann - als Antipode
Abels I - niemals am Ende der Geschichte Israels (im matthäischen Sinne)
58 Israel als Einheit des Bösen
Geschichte Israels. Die "Jünger", auf die hier deutlich angespielt ist
66
,
sind nicht gesandt zum Heil; sie sind Boten im Dienste des Gerichts
6
',
Katalysatoren des Unheils, die den Greueln Israels ihr volles Maß geben
und so auch die Zusammenballung allen Verderbens auf Israel nieder-
ziehen sollen. Wieder ist mit "diesem Geschlecht", auf das Matthäus
ausdrücklich verweist (23,36), nicht auf das "Judentum" oder einzelne
seiner Gruppen gesehen, sondern auf das Israel der Jesuszeit, dem ER
seine Boten und ihre künftige Misere ankündigt, so daß es als in die
nachösterliche Zeit hinein prolongiert zu denken ist. Das heilsgeschicht-
liche Ende Israels, mit dem Jesus hier als seinem und seiner Boten
Gegenüber abrechnet, liegt von seinem Standort aus in der Zukunft.
Es vollzieht sich nach der Verwerfung der Gesandten mit dem Unter-
gang Jerusalems (22,7) und der Zerstörung des Tempels (23,38; 24,2).
Doch hat der Evangelist dieses Ende hinter sich; er setzt es voraus. Es
gehört zur zurückliegenden Geschichte Juu mit seinem Volk, die er
darstellt, nicht zur Geschichte seiner "kirchlichen" Gegenwart. Auf
drei Momente ist in diesem Zusammenhang noch einzugehen.
1. Matthäus leitet mit dem redaktionellen Vers 23,36 zu der von
ihm in Q vorgefundenen, hierher gezogenen Weissagung wider Jeru-
salem über (23,37-39)57, die Lukas an anderer Stelle bringt (13,34f.).
So macht er klar, wie "das alles" über Israel kommen, mit welchem
historischen Ereignis die Geschichte Israels samt ihrer Vorgeschichte
zum Abschluß gebracht wird: Siehe, euer Haus wird euch verlassen
werden 158.
stehen. Auch muß mit Trilling 82 " ... nach der Intention des Evangelisten in
du "ii. IIIfLlI 31)(11'0' (Vers 35) auch du Blut der christlichen Propheten, Weisen
und Schriftgelehrten mit eingeschlOBBen gedacht werden." Wäre auf den Jojada-
Sohn angespielt, so bekäme Israelsozuaagen nur du Blut seiner "Vorgeschichte"
zu schmecken, die Heimsuchung für du Blut Jesu (27,251) und du künftig (I)
vergOBBene Blut der Boten bliebe aua, und jenes "i. IIIfL(l, du gerade mit dem
Blick auf die künftigen Zeugen gesprochen ist, würde entleert. Matthäus, der
den Q·Stolf in ein Jesuswort umformt (vgl. Anm. 52), liißt Jesus von einem
Ereignis sprechen, du er mit dem Gedanken an den kommenden Untergang
Israels verbindet, von dem der Text alsbald konkret redet .
•• Auch in lO,llf. sind die Jünger - zur Zeit Jesu - betont zu "Israel"
geeandt. 23,34 dagegen spricht im Kontext von den kommenden christlichen
"Missionaren", vgl. Hummel 88 .
.. Mit Hummel 88: "Die Sendung der Boten Jesu wird hier unter dem Aspekt
des Gerichtes ... gesehen."
07 Zum einzelnen der Exegeee vgl. Hummel 88f.; Strecker 1131f.; Trilling
86f.
11 Zu 23,39 äußert sich sehr gut Strecker 114f., vg\. 115: "Da iur Matthäus
der Gedanke der Rückführung Israels sonst nicht einmal in Andeutungen zu
belegen ist [man muß ergänzen: dafür aber etliche Male der Gedanke seiner
endgültigen Verwerfung I], wird V. 39 in eine andere Richtung weisen. Nicht die
Bekehrung ... ist [sc. im Sinne des Evangelisten] vorausgesagt, sondern -
durch den traditionellen Meesiaaruf - nur die Anerkennung der Tatsache, daß
des Messias·l\Ienschensohn am Weitende in Herrlichkeit erscheinon wird, und
zwar, um. Gericht zu halten. 11
Du Sondergut 59
2. Matthäus tut noch mehr. Er streicht die Perikope vom Scherflein
der Witwe, die bei Markus und Lukas vor der Tempelweissagung steht
(Mk. 12,'1-44; Lk.21,1-'), und bringt 23,37-39 80 in engsten
Konnex mit 2',1f. Damit gibt er dem "Verlassen eures Hauses" von
23,38 seine konkrete Interpretation; er denkt an die Zerstörung des
Tempels I'.
3. Wenn Hummel meint, Matthäus wolle durch die Eliminierung
von Mk. 12, '1-44 die beiden Reden von Kap. 23 und 24f. miteinander
verbinden
lO
, 80 ignoriert er die Zäsur, die der Evangelist hinter 2',2
setzt. Ist nach Mk. 13,3 die eschatologische Rede auf dem Ölberg
"gegenüber dem Tempel" gesprochen, 80 streicht Matthäus in 24,3
diese das Heiligtum betreffende Ortsangabe und rückt damit die fol-
genden "letzten Dinge" von den zuvor beschriebenen Wegen Jesu mit
Israel und seinem Tempel ab. Zudem stellt er heraus, daß er nun zu
einem anderen Thema, eben dem eschatologischen, übergeht. Liest man
Mk.13,' (= Lk.21,7!): Sage uns, wann wird dies geschehen, und
welches ist das Zeichen dafür (n! konjunktiv), wann dies alles voll-
endet werden 8011 (-die Zerstörung des Tempels und die letzten Dinge
gehören in eine gemeinsame Zukunft -),80 heißt es Mt. 2',3: Sage
uns, wann dies geschehen wird und (Xat! explikativ: "und zwar",
nd.h.") welches das Zeichen deiner Wiederkunft und der Vollendung
der Welt ist
ll
. M.a. W., der Evangelist zieht das von Markus (oder Q1)
überkommene 7t6n 'fatÜTat IlJ'ratL I. durch seine Textgestaltung vom
zuvor genannten Tempel weg ganz nach "vorne" und interpretiert es
als Frage nach dem Welt-Ende, die nun nichts mehr mit der Frage
nach dem Schicksal des Tempels zu tun hat". Matthäus will, aufs
Ganze seiner Arbeit an 2',3 gesehen, nur 2',1f. mit 23,37-39, nicht
aber die ganzen Kapitel 23 und 2'f. zu einer thematischen Einheit
verbinden.
3. Da 801Ulergul
Schließlich ist noch zu fragen, was das reiche Sondergut des Matthäus-
Evangeliums in seinem jeweiligen, vom Evangelisten hergestellten
Kontext zum Thema "Israel" beizutragen hat. Die Stellen 15,12-1'
und 27,19 (das Weib des Pilatus), 27,2,r. (Unschuld des Pilatus,
•• Dem entspricht, daß er 24, 1 f. die Gebiude dea Tempels = ,.d<M alIu',
(anders Mk. 13,2) in den Vordergrund rückt .
.. A.a.O. 85 .
.. "'IXpou"Lz (24,3.27.37.39) und aum>.c ... ""ü ..           (13,39.40.49; 24,3; 28,20)
hat nur Matthäua.
I. Du "civrIX dea Markua-Textea übergeht Matthiua; er hat ea zuvor
(24,2) als Parallel-Ausdruck für die Tempelgebiude verwendet I
I. Diesen Sachverhalt hat M. Punge, Endgoachehen und Heilageachichte 16
klar geaohen: .. Mt. 24,3 leitet oine neue Szene und einen neuen Sachkcmplex
em."
60 Israel als Einheit des Böeen
Schuld Israels) wurden schon bei der Untersuchung der Markus-Stoffe
in die Betrachtung einbezogen; sie können deshalb hier übergangen
werden.
MI. 2,1-23
Dieses Kapitel ist durchzogen vom Gedanken der Feindschaft
Israels gegen den neugeborenen König der Juden, den MeBBias (vgl.
S. 128f.). Befremdlich ist schon die Reaktion auf das Erscheinen der
Weisen. Man sollte erwarten, die Heilige Stadt würde auf die Frage der
Magier in Staunen und Freude ausbrechen, statt dessen vernimmt man,
Herodes und mit ihm das ganze Jerusalem (!) seien erschrocken - wie
bei der Kunde von einem einfallenden Feind. Daß der Text an "Israel"
denkt, zeigen verschiedene Züge der Erzählung. Herodes erforscht von
allen den Oberpriestern und Schriftgelehrten des Volks (I), wo der
Christus sollte geboren werden (2,4). Und von Bethlehem im Lande
Juda soll der Herrscher kommen, der "mein Volk Israel" weiden wird
(2,6), wie auch Joseph nach dem Tode des Herodes den Befehl erhält,
ins Land larael zu ziehen (2,20), was er denn zunächst auch tut (2,21).
Von seiner ersten Stunde in Israel an trifft der Messias auf tückische,
blutrünstige Verfolgung, während ihm die Heiden, die Weisen aus dem
Morgenland huldigen. Ja, schließlich kann er auch nach dem Umweg
über Ägypten keine Bleibe im Lande Israel finden. Das Dasein des
Archelaus nötigt Joseph, nach Nazareth in galiläisches Gebiet aus-
zuweichen (2,22). Der König der Juden - doch diese steilen Wände des
Hasses, die Israel vor ihm aufrichtet I
MI.I0,5f.24/.
Mit Mt. 10, 5f.; 115,24 " ... begegnen uns Worte von offenbar streng
partikularistischem Charakter. Im ersten weist Jesus die Jünger an,
nicht zu den Heiden und Samaritern, sondern zu den ,verlorenen
Schafen des Hauses Israel' zu gehen, im zweiten bekennt er mit fast
den gleichen Worten, selbst nur zu Israel gesandt zu sein" (Trilling)".
Es erhebt sich die Frage, welche Funktion diesen Logien in einem
Evangelium beizumessen ist, das die HeidenmiBBion deutlich als
"kirchliche" Gegebenheit voraussetzt; man denke nur an den MiBBions-
befehl 28, 18ff. mit seiner exponierten Stellung am Schluß des Evan-
geliums. Für 10,5f.
16
zeigt sich im Kontext, daß der Evangelist mit
.. Das wahre Israel 99. Zur Analyse und traditionageachichtlichen Frage.
stellung vgl. ebends 99 ff .
.. Zu 15,24 vgl. Tril1ing 103 ff. Die Perikope vom "kanaanäischen Weiblein"
steht bei Matthäus, der Mk. 7,24 ff. energisch umgestaltet, im Dienst seines
IsraeI.Themas. Sie hat nicht mehr den "überwindenden" Glauben einer Heidin
darzustellen; ihre Tendenz geht nun dahin (mit Tri1Iing 104), "die Einachräo·
Das Sondergut 61
diesen Versen die zur Jesuszeit gehörige Sendung der Jünger zu Israel
schildern will. Sie sind nach seiner Textgestaltung wie ihr Meister als
Boten der Israel nahe gekommenen Himmelsherrschaft zu verstehen
(10,7 nach Q/Lk. 9,2; vgl. ',17.23; 9,35), die mit derselben Heilsfülle
Gottes für Israel ausgestattet sind, wie sie dem sie sendenden Messias
zu eigen ist". Auch in Gestalt der Jünger schlägt Israel im Angesicht
der nahenden Basileia die große Stunde des Heils. Die .. verlorenen
Schafe des Hauses Israel"s7 bringen jedoch die heilspendenden Boten
der Himmelsherrschaft in größte Gefahr. Die Jünger sind wie Schafe
mitten unter die Wölfe gesandt (10,16). Matthäus gestaltet die Verse
10,5-25 unter Verwendung der verschiedensten Materialien als
Aussendungsrede Jesu zur Instruktion, Warnung und zum Trost der
Basileia-Boten auf ihrem Weg in die Dörfer und Städte Israels
18
• Seine
kung der Sendung J8II\l und damit die Vorzugaatellung Israels durch die Frau ...
bestätigen zu l88118n". Der engere Kontext der Perikope rechtfertigt diese Exe·
gese. Nach 15,21 entweicht J8II\lS in die Gegend von Tyrus und Sidon. Er
kommt also nur "umständehalber" auf heidnisches Gebiet; eigentlich gehört er
nach "Israel". Das redaktionelle Flucht·Motiv (anders Mk. 7,24 <imj>'&CV; vgl.
red.4,12; 14,13; 12,15 = Mk.3,7) erklärt 15,21-28 als "Ausnahme": die
Ausnahmsl08igkeit der Sendung Jesu zu Israel 8011 gerade durch den einen "Aus·
nahmefall" der Heidin bekräftigt werden, die auf dem "Sonderwege" die Hei·
lung ihrer Tochter erlangt. Auch das Folgende ist von MatthBus bewußt auf
15,24 hin gestaltet. Es dient als Illustration der Hinwendung Jesu zu Israel. Die
Szene ist mit Mk. 7,31 an das galiliische Meer verlegt. Man befindet sich 80mit
wieder auf dem Boden Israels (vgl. 4,25). Das vom Evangelisten gebildete
Summarium, d ....... n enge Verwandtschaft mit 11,5 auf der Hand liegt, zeigt
J esu umfassende HeilBmacht für die Seinen (gegen J eremiaa, Verhei/lung 29:
"eine Heidenwirksamkeit großen Stils"); es schließt mit dem entsprechenden
"Und sie priesen den Gott Israels" (vgl. 9,33). Auch 15,32-39 ist noch zu
nennen, das Jesu Erbarmen mit dem Volk veranschaulichen 8011 (15,32 =
Mk. 8,2; vgl. Mt. 9,36; 14,14). Wir stimmen Trillings Antwort auf die Frage
nach dem Skopus von 15,24 im großen ganzen der matthiischen Israel·Dar·
stellung zu (105): "Damit Israel unentschuldbar sei und seine Schuld eindeutig
festgestellt werden könne, muß Jesus nur zu ihm getl8Ddt sein." MatthäuB will
mit dem strengen Partikularismus des Textes und dem entsprechenden Kontext
das bedingungslose Ja Jesu zu Israel in der Geschichte mit seinem Volk vor
Augen führen. Auf diesem Hintergrund vermag er dann das ebenso radikale
Nein Israels zu seinem Messias in seiner ganzen Verwerflichkeit und Gerichts·
verfallenheit verständlich zu machen. Die endgültige heilsgeschichtliche Abro·
gation Israels durch Jesus setzt seine totale heilageschichtllche Zuwendung zu
Israel voraus .
.. 10,1 (vgl. Mk. 6,7; Lk. 9,1); 10,8 red.; von Jesus: 4,23f.; 8,16; 11,11;
14, ".3I1f.; 15,30f.
" Mit Jeremiaa, Verheißung 23, Anm. 89: der Genitiv o("ou 'lapodJ>' ist als
gon. epex. zu fassen, 80 da/l die Wendung "Geaamtisrael in seiner Verlorenheit"
meint, vgl. 9,36.
11 Vgl. 10,11 "Stadt oder Dorf" (red. gegenübar Mk. 6,10; Lk.9,4; 10,5);
10,14 "Stadt" (mit Q/Lk. 9,5; 10,10.11); 10,15 "jener Stadt" (mit Q/Lk. 10,
12); 10,23 "Stadt", "die Städte Israels" (S). Von Jesus: 9,35 red. "aUe die
Städte und Dörfer"; 11,1 red. "in ihren Städten". Auch mit diesem Zug der
Enählung hebt Matthäus die Parallelität zwischen Jesus und den Jüngern
hervor.
62 Israel als Einheit des Bösen
"Missionsrede Jesu für Israel"" läßt keinen Zweifel über die bösen
Widerfahrnisse der Jünger aufkommen. Sie erleiden das Geschick Jesu,
Geißelung 70 und Schmähung: Haben sie den Hausherrn Beelzebub ge-
heißen, wieviel mehr seine Hausgenossen (10,25)71. Auch hier sind
Trillings Beobachtungen heranzuziehen: "Vom Inhalt her gesehen
nimmt Vers 25b offensichtlich auf 9,32-34 Bezug mit einer wiederum
typisch matthäischen Vereinfachung und sachlichen Verschärfung. In
9,34 ... heißt es nur, daß Jesus ,durch Beelzebul' die Dämonen aus-
treibe, nicht aber, daß er selbst Beelzebul genannt worden sei" 7 •• Mit
seinem Sondergut 9,32-34 legt der Evangelist den Repräsentanten
Israels zum erstenmal den Vorwurf des Teufelsbündnisses in den
Mund, und zwar an exponierter Stelle. Die Kapitel 8-9, die von der
großen heilvollen Hingabe des Davidssohnes
78
an Israel handeln 7t und
in den Satz ausmünden: Noch nie ist solches in Israel gesehen worden
(9,33; vgl. 15,31), bricht Matthäus mit der Schmährede der Pharisäer
ab (9,34). Am Ende aller Heilszuwendung steht die böswillige Ver-
ketzerung des helfenden Messias durch Israel! In genauer Ent-
sprechung zu diesem kompositorischen Verfahren werden mit 10,25
am Ende der Aussendungsrede (soweit sie sich expressis verbis auf
Israel bezieht) auch die Jünger in die Lästerung der Frevler ein-
bezogen. Auch das Heil aus ihren Händen weist Israel zurück - es wird
sie noch mehr verteufeln als Jesus selbst. Ja, der "teuflische" Vorwurf
Israels gegen Jesus soll mit 12,24 noch ein drittes Mal zur Sprache
kommen, wieder mit einer schärferen Note als in dem entsprechenden
Q-Text Lk. 11,15
76
• Es ist, als könne sich der Evangelist nicht genug
tun, die Perversität Israels herauszustreichen.
Was also, um auf 10,5f. zurückzukommen, zu 15,24 im Blick auf
Jesu eigene Israel-Sendung festzustellen ist, gilt entsprechend auch
hinsichtlich der Israel-Sendung der Jünger. Die Verse 10,5f. dienen im
Matthäus-Evangelium nach dem Kontext des 10. Kapitels nicht der
"Apologie J esu", wie Leonhard Goppelt meint 78, sondern als Steine für
•• Mit 10,26ft". geht die Komposition zu allgemeineren Themen der Sendung,
Nachfolge und Jüngerschaft über. Der historische Aufriß der Ierael·Sendung
ist nicht verlaseen, doch wird nun das kirchlich.aktuelle, "zeitlose" Missionsgut
unbefangen in die Szene einbezogen. Auch 10,18 durchbricht die Text·Si.
tuation: ihnen und den Heiden zum Zeugnis .
.. 10,17 red. (gegen Mk. 13,9; Lk. 21,12); 23,34 (S). Von Jesue 20,19
Mk. 10,34; Lk. 18,33.
71 (S). Zur Analyse von 10, 24f. vgl. Tri1Iing 82f .
.. A.a.O. 82 .
.. 9,27ft". ist redaktionelles (abgewandeltes) Duplikat von 20,29ft"., vom
Evangelisten mit voller Absicht hier eingefügt.
7. Vgl. S. 33f. 7. Vgl. Mk. 3,22. Zum einzelnen s. S. 53, Anm. 35.
7. Christentum und Judentum im ersten und zweiten Jahrhundert, BFChTh
56, 1954, 40, Anm. 1; vgl. 181: "Die ,partikaluristische' Weisung liiJlt er als
apologetischen Aueweis der Messianität Jesu stehen." Zum geechichtlichen Ur·
Das Sondergut 63
das große geschichtliche Moaa.ik der Jesuszeit. Die Exklusivität des
Heils für Israel durch das Wirken der Jünger geht auch hier dem
totalen Widerstand Israels voraus. Neben der Verwerfung des Davids-
sohnes ist Israels Feindschaft gegen die Gesandten Grund und Ursache
seiner heilsgeschichtlichen Katastrophe (vgl. 23,32ff.). Matthäus will
zeigen: Die Auflehnung und Verlorenheit des Volks entzündet sich an
dem vollen, ihm allein zugekehrten Heil. 10,5f. gehört mit zur hellen
Vorderseite seines Israel-Bildes.
Mt. 12,5.7; 19,4; 21,16
Diese Stellen mit dem stereotypen oöx civtyv61'rE und ähnlichen Wen-
dungen enthält nur dlU! Matthäus-Evangelium. Hierher gehören noch
12,3 = Mk. 2,25; 21,42 = Mk. 12,10; 22,29 = Mk. 12,24; 22,31 = Mk.
12,26. Matthäus nimmt das Thema der mangelnden Schriftkenntnis
der Lehrer Israels viermal aus den Markus-Vorlagen auf und vermehrt
es gleich um das Doppelte. Keine Frage, daß die bewußten Ausdrücke
(mit Trilling) ..... außer ihrem jeweils konkreten Bezug auch als all-
gemeines Urteil" 77 zu interpretieren sind. Doch gibt Trilling den Texten
eine falsche Ausrichtung, wenn er sie als Bestandteil eines polemischen
Instrumentariums versteht7
8
• Matthäus arbeitet vielmehr wieder als
.. Schriftsteller" am Porträt (der Repräsentanten) des damaligen
Israel. Der Messias ist sein einer, maßgeblicher, vollmächtiger Lehrer
(Kap. 5--7; 7,29). Er allein kennt die Schrift, wo Israels Lehrerschaft
in Unkenntnis befangen ist.
Mt. 21,10f.
Nach der Einzugsgeschichte
7
', die Jesus als den in seine Stadt rei-
tenden Davididen schildert, bringt der Evangelist die Verse 21,10f.
von der .. Stellungnahme Jerusalems". Die ganze Stadt gerät in Be-
wegung: Wer ist dert Seltsame Frage, möchte man sagen, denn Jesus
wurden doch soeben in aller Öffentlichkeit Huldigung und Messias-
jubel zuteil. Doch ist die .. glaubensmäßig-korrekte" Darstellung des
Einzugs für Matthäus nicht identisch mit der von ihm voller Absicht
hinzugefügten Darstellung der durch die Menge vorgetragenen Ant-
wort Jerusalems auf den Einzug seines Königs: Das ist der Prophet
Jesus aus Nazareth in GaIiIäa. Ernst Lohmeyer nennt den Propheten-
titel Jesu, den er im Sinne des einen .. eschatologisch vollendeten Pro-
.prung der Logien vgI. BultmaDD, TradItion 176. Sie entatammen der MisaioDB-
debatta innerhalb der Urgemeindo. Historisch gesehen sind sie nur auf dem
Hintergrund einer schon begonnenen christlichen Heiden· und Samariter-
mission sinnvoll und verifizierbar.
" A.a.O. 83. Vgl. noch 16,2b.3: dazu Gnilka 99.
7. A. a. O. 83: neine deutliche polemische Spitze".
"Vgi. Wolf gang Trilling, Der Einzug in Jerusalem Mt. 21,1-17: in: Neu-
te.tamentliche Aufsätze, Featachrift für Joseph Schmid, 1963, 303--309.
r-I als Einheit daa B6aen
pheten" interpretiert, im Blick auf unsere Stelle .. mehrdeutig" 80.
Doch wird man im Gefolge des Textes kaum an den .. einen Propheten"
zu denken haben. Die Scharen charakterisieren Jesus vielmehr als
.. gewöhnlichen" Propheten aus Galiläa; es fällt kein Wort von escha-
tologischer Einzigartigkeit. Lohmeyers Exegese wird vollends un-
haltbar, wenn man sich den Gebrauch des Prophetentitels im Mat-
thäus-Evangelium vergegenwärtigt. Hier kommt .. Prophet" durch-
weg in der Bedeutung des alttestamentlichen Prophetentums vor
8l

Auf Jesus bezieht sich .. Prophet" nur an den drei Stellen 16,14;
21,11.46
11
• Das Petrusbekenntnis 16,13fF. ist in diesem Zusammen-
hang besonders aufschlußreich; es bringt eine klare Abweisung des
Prophetentitels für Jesus. Auf die Frage Jesu: Für wen halten die
Leute den Menschensohn t antworten die Jünger: Etliche für Johannes
den Täufer, andere für Elia, noch andere für Jeremia oder einen der
Propheten. Diese Ansicht wird durch das ihr entgegengestellte Petros-
bekenntnis resolut verworfen. Der Menschensohn ist nicht, was die
Leute von ihm sagen, sondern was Petrus auf Grund von Gottes Offen-
barung adäquat von ihm zu bekennen weiß: der OhriatlU, der Sohn des
lebendigen Gottes. Auf diesem Hintergrund ist 21,11 zu sehen. Die
Mengen Jerusalems bekunden ihre .. prophetische" Meinung von Jesus,
von der sich hernach die Oberpriester und die Pharisäer (für eine
Weile) beeindrucken lassen (21,46): Sie suchten ihn zu ergreifen,
fürchteten aber das Volk, denn sie hielten ihn für einen Propheten.
Das ist eine Meinung, die sich unter Voraussetzung der breit entfalteten
matthäischen Messianologie als unzureichend, falsch, verabscheuungs-
würdig: als crimen laesae majestatis ausnehmen muß. Hier ist mehr
denn Jona! Hier ist der, den der größte unter den vom Weibe Ge-
borenen (11,11), Johannes, selber schon mehr als ein Prophet (11,9),
ankündigen muß: der endzeitliche Herr seines Volks. So muß die
Stellungnahme Jerusalems aus dem Mund der Scharen negativ beur-
teilt werden. - HoBianna dem Sohne Davids, gelobt sei, der da kommt
im Namen des Herrnl Und welch ein Höllensturz: Jerusalem degra-
diert den einziehenden König der Niedrigkeit, seinen Messias, zum
beliebigen Propheten aus Galiläa! Der Evangelist läßt seine Leser mit
21,10f. den ersten Hauch der eisigen Kälte spUren, die Jesus im
Weichbild Jerusalems entgegenschlägt. Die Leidensgeschichte wirft
ihre Schatten voraus. So verständnislos (Wer ist ded) und .. unter
seinem Rang" begegnet Israel seinem König.
• Du Evangelium d ... lIIattbäus, MeyerK 8onderband, herauageg. von
Werner Schmauch, 1956,297.
", 1,22; 2,6.16.17.23; 3,3; .,1.; 6,12; 8,17; 12,17.39; 13,17.36; 21,.; 23,
29.31.37; 2.,16; 26,116; 27,9.
"' AhnIich das Volk von Johann ... ",5; 21,26; anden Jesusll,9. Cbriatliche
Propheten 10,.1; 23,3 •.
Das Sondergut
Mt. 21,14-17
Die Tempel-Perikope bildet Matthäus aus dem Markus-Stoff (21,12f;
Par Hk. l1,I5-17)aa und seinem Sondergut, durch das er dem voraus-
gehenden ersten und .. negativen" Akt der Tempelreinigung kon-
trastierend einen zweiten und .. positiven" gegenüberstel\t: dort die
Räuberhöhle, die der Messias mit gewaltigem Besen ausfegt, hier die
Stätte des Heils für die Elenden und des entsprechenden Meseiasjubels
(21, 14f.), der nichts anderes ist als GoUu Lob von den Lippen der
.. Unmündigen und Säuglinge" (21,16) und mit dem der Tempel das
wird, was er sein 801\: otxOl; (21,13). Diese Verse 801\en zeigen,
wie der Messias den Tempel zu seiner wahren Bestimmung erhebt, ihm
seine endzeitliche .. Erfüllung" H gibt. Doch gerade die staunenswerten
Taten Jesu und der ihnen gebührende Messiasjubel fordern die Reprä-
sentanten zu zornigem Einspruch heraus: Hörst du, was diese sagen'
(Von der Antwort des Hohenpriesters auf Jesu eigenes Messiasbe-
kenntnis 26,65 her darf man als unausgesprochene These mithören:
sie lästern.) Doch Jesus stel\t sich zum Messiasbekenntnis der Un-
mündigen; es ist das Lob, das Gott sich bereitet hat. Daraufhin zeigt
er den Autoritäten die Schulter (21,17)11. Seine Antwort an Israel ist
damit jedoch noch nicht zu Ende gesprochen. Matthäus läßt die bei
Markus vor der Tempelreinigung liegende Einheit von der Verfluchung
des Feigenbaumes folgen (21,18f; Mk. 11,12--14; fehlt bei Lukas).
Jesus verflucht sein unfruchtbares Gegenüber zu irreparablem Ab-
sterben (vgl. S. 43). Wo der Messias den Tempel eifernd und heil-
bringend zur Stätte der Anbetung Gottes macht, erhebt Israel Protest
und verfäl\t dem wirksamen Fluch seines Königs. Für Matthäus ist
.. Israel", wie man sieht, eine .. geschichtlicbe" Größe, deren .. messia-
nisches" Ende er voraussetzt.
Mt. 21,L8-32"
.. Dieses Stück ... ist äuBerst kunstvol\ in die Mk.-Ordnung ein-
gegliedert, insofern es das Streitgespräch über die Frage der Vollmacht
11 Mk. 11,16 streicht er als ÜberflÜ88ig. Gegenüber Mk. 11,15 betont er,
Jesus habe alle die Verkäufer und Käufer hinausgeatollen (21,12). Auch ist für
ihn. der auf den Jerusalema zurückblickt, dor Tempel kein Gebete-
haus "für die Heiden' mehr (Mk. 11,17: 21,13). Er gehört zur vergangenm
Geschichte Iaraela .
•• Vgl. daa Zitat aus Pa. 8,3 LXX, daa zwar ohne "Erfüllungeformel" er-
echeint, aber ganz in die Linie des Errullungagedankena pateUt ist .
•• Du negative IaraeI·Bild des Textes, seine MeMianologie und daa Motiv
der Heilung als Zeichen des Davideaohnes (v(ll. 9,27: 12,23: 15,22) könnten
darauf hinweiaon, daß 21,1f-17 vom EVM.ll'!liaten entworfen wurde .
.. Vgl. Josef 8chmid, Du textReachichthche Problem der Parabel von den
zwei Söhnen, Mt. 21,28-32: in: Vom Wort des Lebens, Festachr. für Mu
Meinertz, 19111,68-84: Wolf gang Trilling, Die Tiufertradition bei Matthius,
BZ 3 (1959) 271-289: Hans Windiach, Die Sprüche vom Eingehen in daa Reioh
Gottes, ZNW 27 (1928) 163-192.
5 1702 Walker.
66 Iarae1 als Einheit dea BOeon
fortführt und die Parabel-Trias eröffnet" (Trilling) 87. 21,32 ist kaum
ursprünglich". Strecker hat mit guten Gründen dargetan, daß der
Vers seinem Inhalt nach zwar mutatis mutandis durch Lk. 7,29f. für
Q zu belegen, in seiner vorliegenden Gestalt jedoch dem Evangelisten
zu verdanken ist". Die Parabel von den beiden Söhnen endet mit
dem definitiven Urteilsspruch Jesu von 21,31 b, der den Zöllnern und
Huren den künftigen Eingang in das Gottesreich zuspricht, die Re-
präsentanten Israels (von 21,23) jedoch davon aU88chließt
lO
• 21,32
soll nach dieser forensischen Zuspitzung des G1eichniBSes insofern
Doch einmal zu seiner .. Anwendung" beitragen, als es den voraus-
gehenden Urteil88pruch nach seiner positiven, den Zöllnern und Huren
zugewandten, wie nach seiner negativen, Israel betreffenden Seite hin
begrandet
11
• Die richterliche Entscheidung Jesu besteht zu Rechtli:
Denn Johannes kam zu euch mit dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr
habt ihm nicht geglaubt", die Zöllner und Huren aber glaubten ihm;
ihr aber habt, als ihr es saht, hinterher nicht einmal Reue empfunden,
so daß ihr ihm geglaubt hättet.
Trilling hat auf die Parallelität zwischen Johannes und Jesus in der
Perikope von der Vollmachtsfrage (21,23-27) und auf die Fort·
setzung dieser Parallelität in der folgenden G1eichnisgruppe aufmerk-
sam gemacht". Mit seinen Worten: .. In beiden G1eichniBSen geht es
.. Täufertradition 28 •.
• 1 A.a.O. 153.
.. V gl. J eremiaa, Gleichnisse 78 .
"' Mit JoaefSchrnid RNT 303; Windiach, Sprüche vom Eingehen 166: .. Mit
21,31 sichert Jeaus den Zöllnern und Huren zu, daß sie vor den offiziellen Ver·
tretern dea Judentwna (I) den Eingang in die ~ a l A c l   finden werden, wobei
nach dem Zusammenhang (21,32) das "po ... ~ deren AuaachluJI bezeichnet."
Gef.'m Zahn 628 ( .. doch noch, nur später").
I Gegen Wellhauaen 107: .. der Vers 21,32 soU zwar eine Erklärung dea
Gleichnisses sein. ist aber keine. 11
", Hummel ~ hat geeehen, daß das Neue der Matt.häua·F&88ung gegenüber
Lk. 7,29f. in der .. Umwandlung der AIIBII&g& in die Form der direkten Anrede"
liegt. Wenn er jedoch fortfährt: .. Der Glaube der Verlorenen wird zur MaIonun9
an du un9liiuhig. Judemum" (Sperrung R. W.), verkennt er den Charakter von
21,31b. Schmid RNT 303 aagt mit Recht: ..... du Gleichnis im ganzen will
nicht die Pha.riaier durch den Hinweis auf du Beispiel der gläubig.buJIfertigen
Sünder zur Umkehr antreiben, sondern ist bereits eine Gerichtspredigt gegen
sie." Das eschatologische Heil wird ihnen von Jeaus endJlii1tig und ausdrücklich
bestritten (gegen Schmida folgenden Satz RNT 303). Rummel will den Text
wieder im Horizont nachÖBterlich·kirchlicher Auaeinanderaetzun\f mit dem
"Judentum" verstehen. während er von Matthiu8. was immer seme aktuelle
.. kirchliche" Ausrichtung gewesen aein mag, .. historisch" verarbeitet wird: er
achildert das Nein dea vergangenen Ierael zum Täufer, dem das letztgültige
Nein Jeau zu Israel entspricht (vgl. S. I03ff.).
", Den Zusammenhang dieaea Motivs mit 21,25b hat TrillinJt, Täufertra·
dition 2M, achön herauBg'l!'tellt: .. Vor allem aber spricht V. 32a flen Vorwurf,
der in V. 25 b a1a innere ÜberlelP'ng der Gegner erwähnt wird, offen aus: Ihr
habt nicht geglaubt I Dadurch wird bestätigt, daß die Johanneateufe il; oup" .... ü
war.'1
I. Täufertradition 28 •.
Du Sondergut 67
um Hausvater und Weinberg, um Gehorsam und Ungehorsam; beide
Male fügt Matthäus ein zusammenfassendes, anklagendes Wort an ...
Johamles und Jesus werden abgewiesen und erleiden das Schicksal der
Propheten. Dem Täufer wird der Glaube verweigert, der Sohn wird
gar getötet ... Beide hält das Volk für Propheten, aus diesem Grunde
,fürchten' die Gegner beide Male das Volk (VV. 26.46)"". Doch wird
man zunächst einwenden müssen, daß der Text nirgends auf ein
mögliches "prophetisches" Schicksal des Täufers abhebt, wie man es
von 21,33ft"., wo ja zuvor die "Knechte" genannt sind, für Jesus ver-
muten könnte". Zu bedauern ist auch, daß Trilling seine Aufmerk-
samkeit nicht auf die game Gleichniskomposition unter Einschluß
von 22,1ft". ausgedehnt hat. Sie hätte den Blick von der Parallelität
zwischen dem Täufer und Jesus weitergeführt zu der Trias "Johannes,
Jesus, die Boten", ein mit Bedacht gewähltes Arrangement des Evan-
gelisten, in dem er einen Aufriß der Basileia-Geschichte Israels vorlegt.
Mit dem Täufer, dem ersten Boten der kommenden Himmelsherrschaft
(3,2), und dem ihm widerfahrenden Unglauben ist der erste Akt dieses
Dramas beschrieben, mit Jesus (4,17 I MIt. 1,15) und seinem Tod
durch die Winzer der zweite, durch die Sendung der Boten und ihr
blutiges Ende der dritte und letzte". Dem dreifachen Nein des Volkes
zu den Basileia-Zeugen korrespondiert das dreifache Nein Jesu zu
Israel: er schließt - als Gerichtsherr Israels - das verstockte Ge-
schlecht von aller eschatologischen Hoffnung aus (21,31 b; vgl. 8, l1f.;
.. Sicher blickt Matthius mit den .. Knechten" von 21, 35f. auf die Propheten,
v ~ \   du redaktionelle Motiv der Steinigtmg 21,35 (nach 23,37). Damit ist jedoch
nicht gesagt, daß er großen Wert darauf legt, Jesus du "SchickBBl der Pro-
pheten" zuzuerkennen. Trilling selbst stellt fest (Du wahre Israel 66, vgl. oben
S.43), daß Matthius mit 21,36f. "dio Regel ... die Art dieser Winzer" cha·
rakterisieren möchte, die dann in Gestalt der Repräsentanten (2I,4I1f.) auch
vor .. seinem Sohn" nicht haltmacht. Der Evangelist entwirft du Bild des
prophetenfeindlichen Israel mit Rücksicht auf 23,2911., wo er auf die Pro-
pheten und ihre Mörder zu sprechen kommt, weil ihn wieder die Söhno dieser
.. Art" interessieren, die sich hoc loco an den Bolen Jesu vergehon, um du Maß
ihrer Viter an ihnen voll zu machen und 80 die Aufrechnung der ganzen Uno
heilsgeschichte Israels über sich zu bringen. Klar ist auch, daß bei Matthius
Johannes und Jesus nur vom Volk in die Nachbarschaf't der Propheten versetzt
werden (vg\. S. 63f.; anders 6,12; 23,34 von den Jüngem).
H Nach 10,611. weist Jesus die Jünger - für die "Gegenwart" - als Ver·
kündiger der Baaileia an Israel (10,7 red. nach Q/Lk. 9,2). Du setzt sich für die
"Zukunft" fort mit der bis zum Jahre 70 ergehenden Sendung der "Knechte";
vgl. 23,34: die Sendung der Boten gehört hier nach dem Kontezt der nach-
österlichen Zeit an. Dieselbe Zeit 1St lür die Knechta von 22,3.4.6 vorauszu·
setzen (Aurtreten der "Knechte" vor dem Ende Jerusalems 22,7). Daß es sich
auch bei diesen nachÖBterlichen Boten um Zeur.n der kommenden Himmels·
herrschart handelt, zeigt 22, 1 11. als erklärtes asileia·Oleichnis und von der
Seite der spiteren Heiden-Berufung aus 24,14 ( .. di_ Evangelium vom Reic""
für die Heiden) und 22,11-14, wo die '&v7J, deren Berufung auf die des ver-
worfenen Israel folgt, als unter die Kriterien des kommenden Gerichtes gestellt
erscheinen (22,13f.; vg\. 25,3111.).
'0
88 Israel als Einheit dee B6aen
l1,20ff.; 12,31ff. 38ff.) und dekretiert zugleich sein Ende, den Unter-
gang .. jener Mörder" und die Ablösung seiner irdischen Hei1sgeschichte
(der Basileia-Berufung) durch das Weiterschreiten der Gottesherr-
echaft zu den Heiden (21,41.43), eine forensische Entecheidung, die
durch 22,7ff. bekräftigt wird und in Erfüllung geht.
Aufs Ganze der Kapitel 21-23 gesehen, gestaltet Matthäus drei
Gänge der Auseinandersetzung Jesu mit Israel, jedesmal eingeleitet
durch .. Streitgespräche", die den Widerstand des Gegners veran-
echaulichen, und beantwortet von ständig sich steigernden Gerichts-
worten und -reden, die Jesu Abrechnung mit Israel darstellen:
21,12--17 I 21,18f. - 21,23--27 I 21,28--22,10 - 22,15---46 I 23,
1-24,2
87

MI. 23,2/.5.8-10.15-22.24.26.2'1 f."
Das vie\echichtige Sondergut der Weherede läßt an verschiedenen
Wendungen die formende Hand des Evangelisten erkennen. Er ver-
bindet seine disparaten, auch .. judenchristlieh" geprägten Stoffe" mit
dem von ihm selbst Beigebrachten zu einem einzigen, großen, gegen
.. Israel" gezielten Komplex 1 ... Das überlieferte Gut ist für ihn in
Kap. 23 unterschiedslos literari8cAer StoD, der seinen jeweiligen Sitz
im Leben, seine ursprünglich polemieche oder lehrhafte Ausrichtung
innerhalb einer wie immer gearteten kritiechenKontroverse mit dem .. J u-
dentum" verloren hat und dafür eine Funktion in der geschriebenen
Geschichte des Evangeliums empfangt. Matthäus gestaltet ihn zu einer
einheitlichen Gerichtsszene in der Begegnung des MeBBias mit Israel
von damals.
Auffallend ist die wiederholte Verwendung des Attributes .. blind"
für die Repräsentanten:
(15,14 blinde Blindenführer S)
23,16 blinde Führer S
23,17 Toren und Blinde S
23,19 Blinde S
23,24 blinde Führer S
23,26 blinder Pharisäer S
Man muß annehmen, daß (außer im Falle von 23,26) erst Matthäus
diesen Gedanken der völligen Verfinsterung und .. Verständnislosigkeit"
17 Jeden m.er GeapriAlhsginge beschließt Matthäua mit Einheiten, die ak·
tuelle "kirchliche" Lehre vennitteln: 2 1   2 ~ 2 2 ; 22,11-14; 24,3-25,40.
11 Zum Sondergut von 23,29 tr. vgl. S. 50 tr.
11 Vgl. Emat Haenchen, Matthiua 23, ZThK 48 (19111) 3 ~ 3  
'11 Auch der Einganll'!"bechnitt 23,1-12 ist im Kontext gegen Israel ge.
richtet. Das .. ihr aber' in 23,8 mit den folgenden an die J ÜDger adreaaierten
Logien 23,8--12 ist scharf gegen den dunklen Grund der zuvor charakterisierten
Lehrer abgesetzt.
Du Sondergut 69
der Gegner Jesu in die Texte eingeführt hat. Nach 11,25ft". und 13,
10-17 darf jedoch "blind" als angemessenes und folgerichtiges Epi-
theton für die verstockten Opponenten gelten: Denen, die mit sehen-
den Augen nicht sehen, verwehrt Jesus selbst das "Licht"101.
Ebenso häufig ist das  
(6,2.5.16 die Heuchler
(24,51 die Heuchler
(15,7 Heuchler
(22,18 Heuchler
23,13 Heuchler
23,15 Heuchler
23,23 Heuchler
23,25 Heuchler
23,27 Heuchler
23,28 voll Heuchelei
23,29 Heuchler
S)
S)
nach Hk. 7,6)
nach Hk. 12,15)
S-Q
S
S-Q
S-Q
S
S
S-Q
Dieses Thema der Heuchelei hat der Evangelist in Hk. 7,6; 12,15
vorgefunden. Die konsequente Anwendung der Anredeform ist sein
Werk. Anders als bei der Blindheit der Repräsentanten bemüht sich
Matthäus in unserem Text um eine interpretierende, "sachliche" Be-
schreibung ihrer Heuchelei, wobei er die Vokabel entbehren kann.
Zunächst charakterisiert er die "Schriftgelehrten und Pharisäer"
durch sein Sondergut 23,2f.
101
als Leute, die "es sagen und nicht tun",
was er mit 23,4 (aus Q; Lk. 11,46) kommentierend fortführt. Dann
schildert er sie mit Farben der ihm vorgegebenen Stoft"e 6,  
16-18 (vgl. besonders 6,2.5.16): Alle ihre Werke tun sie, um von den
Menschen gesehen zu werden; eine These, die er wieder erläuternd
ausbaut (23,5b-7)l03. Nach solcher Qualifizierung der Autoritäten-
die Heuchelei ist ihr Wesen: alle ihre Werke tun sie "vor den Leuten"
- kann er sie in den folgenden, das einzelne geißelnden Weherufen
mit dem stereotypen "Heuchler" bedenken. Diese Peitschenhiebe
sind mit 23,2ft". grundsätzlich "erklärt".
Der redaktionelle Vers 23,33 spricht vom "Gericht der Hölle" für
die Söhne der Prophetenmörder, die Repräsentanten (vgl. 8,12). Ein
101 13.10ff.: Gott: l1,25f.
'0. An 23, 3 intereeaiert den Redaktor beoonders die SchluJlthese. 23,310 kann
er mit aufnehmen, weil es rur ihn keine aktuelle Bedeutung mehr besitzt (23,
S fF.: die Jünger stehen unter dem einen Meisterl) und auch sonst durch Logien
und Logienkompositionen der redaktionellen Arbeit kriftig paralysiert ist (12,
33-35; 15,1' blinde Blinderuuhrer; vorherrschendes Thema UD &eIben Kapitell
Bosheit der Lehrer 22,lliff.; ihreUnkenntnia der Schrift, vgl. 8.63; Warnung
vor ihrer Lehre 16,5-12 I).
'0. 23,510 red. Zu 23,6f. vgl. MIt. 12,3Sf.; Lk. 20,'6.
70
Israel als Einheit des Bösen
verwandtes Motiv enthält das Sondergut von 23,15. Hier heißt ea, die
.. Schriftgelehrten und Pharisäer" machten aus ihrem Proselyten ein
.. Kind der Hölle", zwiefach schlimmer als sie selbst. Grellere Farben
hätte der Evangelist bei seiner Darstellung der Verlorenheit Israels
nicht auftragen können.
Mt. 26,64
Zum matthäischen .. Sondergut" gehört auch die Wendung
ACy61 ÖILLV, die noch in 11,22.24 begegnet, wo sie zur Einleitung von
Gerichtsworten dient 10&. Im parallelen Markus-Text 14,62 geht dem
apokalyptischen Wort das Bekenntnis Jeau zu seiner Messianität
voraus: Ich bin ea. Hier ..... erscheint der zweite, durch xat( bei-
geordnete Teil der Antwort Jeau als Bekräftigung und Beatätigung
dea ersten Teilea"I01. Jesu irdische Messianität beateht zu Recht, wird
mit letzter Autorität und Würde versehen durch seine Rolle als künf-
tiger Menschensohn. Bei Matthäus ist das .. Messiasbekenntnis" nicht
mehr direkt, als blankes, die Alternativfrage beantwortendea Ja,
sondern als nachträgliche Zustimmung zu einer das Ja schon ent-
haltenden These formuliert: Du hast es gesagt - als hätte der Hohe-
priester zuvor schon einen kräftigen Indikativ gesetzt. Für Matthäus
muß sich Jesus von Israel nicht nach seiner Messianität fragen lassen.
Der Vertreter Israels muß sie selbst .. bekennen", und Jesus braucht
seine Worte nur aufzunehmen: trl.   Durch 7tAijV ACy61 ÖILLV hebt
der Evangelist das Folgende kräftig von der vorausgesetzten These
und dem bejahenden trl. ab: Du hast es geaagt, doch ich sage
euch. .. Von nun an, im Blick auf seine nachösterliche Zukunft, ist
Jeaus nicht mehr der (heilbringende und fordernde) Messias Israels,
sondern sein Richter. Das matthäische Sondergut vom künftigen
Menschensohn weist den .. Himmlischen" klar als Richtergestalt aus
(13,41f.; 16,27; 25,311[101). Abgesehen von der konkreten Textgestalt
ist es auch von dorther geboten, das den Menschensohn-Spruch 26,64
einleitende Aty61 ÖILLV nach 11,22.24 zu interpretieren. Mit 26,64
sagt sich der Messias Israels seinem unnachgiebigen, ihn zum Tode
fordernden Volk als künftiger Gerichtsherr und Rächer &n.
Mt. 27,3-10
Karl Ludwig Schmidt sagt: .. Die hier eingeachobene, nur Matth.
27,3ff. eigene Erzählung vom Ende des Judas, der seine Tat bereut,
, .. Ohne Parallele auch 11,24. In 11,22 nach Q/Lk. 10,14 (7tAilv ohne >.ty ..
u",iv). Im aelben Sinne <i",iJv >.ty .. ('""v 10,15 nach Q/Lk. 10,12 (At-( .. ('''''v).
Ahnlich 18,7 7tAiJV 0(, .. 1 <iv&p':'7t<e>, wieder nur bei Matthäu8.
, .. Trilling, Du wahre Israel 86.
101 Auch das Zitat aua Sach. 12,10ff. in 24,30 (gegen Mk. 13,26) macht auf
die drohende richterliche Gewalt des kommenden Menschensohnes aufmerksam.
Das Sondergut 71
scheint den Sinn zu haben, daß der Jude, der den Stein ins Rollen
gebracht hat, die jüdischen Oberen an der Übergabe Jesu an Pilatus
hindern will. Es zeigt sich, daß deren Entschluß unerschütterlich fest-
stehtl
07
". Damit ist Richtiges gesehen. Doch verbietet der Text den
Gedanken, Judas wolle der Auslieferung Jesu entgegentreten. Jesus
ist nach 27,2 schon in die Hände des Statthalters übergeben, vgI. 27,3:
Judas sah, daß Jesus verurteilt war (aar. pass.). Das Rad des Ver-
derbens Jesu ist längst im Rollen. - So machen 27,3f. darauf auf-
merksam, daß die Autoritäten auf dem Weg zum Tode Jesu, den sie
betreten haben, weiterzuachreilen gewillt sind. Es ist, als würde ihnen
durch Reue und Zeugnis des Judas ein dringliches .. Halt! Laßt ab!
Unschuldiges Blut!"l08 zugerufen. Doch sie hören diese Mahnung
nicht, wie sie sich auch durch den ihnen in den Weg tretenden Pilatus
(27,15ff.) nicht von ihrem Lauf abbringen lassen. Der Tod Jesu ist für
die Repräsentanten beschlossene Sache. Sie beschäftigen sich mit den
Silberlingen des Verräters, nicht mit seinen Worten.
Damit ist der Reichtum der Beziehungen noch nicht erschöpft.
Judas bekennt den Oberpriestern und Ältesten: Ich habe gesündigt
und unschuldiges Blut verraten. So eröffnet der Verräter die Reihe
der Unschuldszeugen Jesu, in die sich noch das Weib des Pilatus mit
ihrem .. Habe nichts mit diesem Gerechten zu schaffen!" (27,19) und
Pilatus selbst stellen wird, der das Volk fragt, was Jesus denn Böses
getan habe (27,23; vgI. 27,18) und sich öffentlich und in aller Form
von der Schuld am Tode Jesu distanziert (27,24). Auch Jesu eigenes
Zeugnis gehört hierher. Er weist die Anschuldigungen der Gegner nicht
anders als den Einwurf des Statthalters (von 27,13) mit majestätischem
Schweigen ab - beredter Ausdruck seiner Unschuld (27,12.14).
In der Antwort der Autoritäten auf die Worte des Judas liegt ein
weiterer beziehungsreicher Zug der Erzählung. Die Oberpriester und
Ältesten stoßen die Schuld auf Judas zurück (27,4): Was geht es uns
an? Siehe du zu! Sie weisen jede Solidarität mit dem Vergehen des
Verräters von sich, der unter seiner einsamen Last zerbricht, nachdem
er die Silberlinge in den Tempel geschleudert hat (27,5). Es leidet
keinen Zweifel, daß der Evangelist mit diesen Versen sein Sondergut
von 27,24f. vorbereitet, das als Kontrast-Bild zu 27,4f. verstanden
werden muß. Hier ist es der Statthalter, der seine Hände in Unschuld
wäscht. Hier wendet sich das aU ISIjIn von 27,4 mit geballter Kraft
gegen die Repräsentanten und das mit ihnen identische Volk: Sehet
ihr zu I Ihr seid die Schuldigen! Worauf das ganze Volk die Last "seines
107 Der Todesprozeß des Messias J esua, J udaica 1 (1945) 1-40, 34.
'01 Etwas einseitig Lohmeyer 375: .. Diese Worte, wie das Zurückbringen des
G.eldes, haben nur de?, einen Zweck, das Geechick, das des Meisters wie das
eigene, zu wenden ...
72 Israel als Einheit des B6een
Blutes" auf sich nimmt. Die Autoritäten sind also mit Judas solidarisch.
Das "unschuldige Blut", das er verraten hat, klebt auch an ihren
Händen.
Auch die auf 27,4f. folgenden Verse zeigen, daß die Oberen Israels
ihrer Schuld am Blute Jesu nicht entgehen können. Sie gestehen sie
wider Willen ein, ja, sie setzen der Schmach des Verräters und ihrer
eigenen Blutschuld ein bleibendes Denkmal. Sie konstatieren, daß die
dreißig Silberlinge nicht für den Tempelschatz taugen, "weil es Blut-
geld ist" - von ihnen ausgegangen zum Verrat, zu ihnen zurückge-
kommen zum Zeugnis wider sie. Sie fassen Beschluß über dieses Geld,
und der Acker des Töpfers, den sie dafür kaufen, heißt "Blutacker"
bis auf den heutigen Tag, womit die prophetische Weissagung erfüllt
ist. "So kam es, daß das Andenken an die Schuld des Verräters, die
ja zugleich die Schuld Israels war, in JerusaIem nicht verschwand"
(Schlatter)lOl. Es ist offenkundig, daß Matthäus mit 27,3--10 seine
negative Darstellung Israels als des verwerflichen Gegenübers Jesu
fortsetzt.
Mt. 27,51-54
27,51a übernimmt der Evangelist aus MIt. 15,38. Was am Tempel
geschieht, gehört für ihn mit anderen Ereigni88en zusammen, von denen
sein Sondergut berichtet, mit dem der Erde, den zerspaltenen
Felsen 110 und geöffneten Gräbern - mit Geschehnissen von Gott
&Iso 111, die seinem Auferweckungshandeln an den Leibern der ent-
schlafenen Heiligen gewaltig-zeichenhaft vorausgehen und es vor-
bereiten
lll
, vgl. 28,2, wo der die (nicht direkt beschriebene)
Auferstehung Jesu einleitet. Auf diese "eschatologischen" Akte Gottes
folgt, daß die Heiligen nach der Auferweckung Jesu aus ihren Gräbern
hervorkommen, in die Heilige Stadt gehen und vielen erscheinen
(27,53) - als die ersten Zeugen des Auferstandenen, wie man zu er-
gänzen hat. Die Jeau ist ja der terminus a quo ihres Hervor-
tretens; und die Erscheinungen der Erweckten lösen (mit) das ckri8to-
logi8cke Bekenntnis der Heiden aus, für das nach 27,54 alle die ge-
schilderten Begebenheiten vorauszusetzen sind: Als aber der Haupt-
mann und die (Soldaten), welche mit ihm Jesus bewachten, das
Erdbeben und d48 sahen, fürchteten sie sich sehr usw. Das
Bekenntnis der Heiden zur Gotte88ohnschaft Jesu entzündet sich somit
'01 Erläuterungen I 403.
111 x"l "I     iax1alhja"v steigert daa Motiv des Erdbebens und leitet zu
ul 1''''11'''''' civ.c;,xlhja .... über.
m V gl. Lohmeyer 395, der erklärt, ... .. daß als der ungenannte Urheber all
dieses Geschehens Gott selbst gedacht wird, wie daa Paasivum verrät."
111 Mit Schmid RNT 374: ..... auch die Öffnung der Gräber wird man
noch als Folge des Erdbebens ... verstehen mÜB88n."
Du Sondergut 73
nicht am Tode Jesu wie beim Centurio von Mk. 15,39
118
  ... ML
oih61C; sondern am Auferstehungshandeln Gottes mit seinen
vorlaufenden Zeichen und an den Erscheinungen der erweckten Hei-
ligen. Nicht vom Kreuz, sondern von "Ostern" her bekennen sie:
Dieser ist wahrhaftig Gottes Sohn gewesen. Die Bemerkung Mk. 15,39
von dem Hauptmann, "der ihm gegenüber in der Nähe stand", fällt bei
Matthäus fort. Doch gehören auch hier der Centurio und die Wächter
nach dem Kontext zur Kreuzigungsgruppe (27,45--50.55f.). Gleich-
wohl ist durch 27, 51ff. "Ostern" (mit der Auferstehung Jesu nach
drei Tagen 27,63) als schon präsent in die Szene eingeblendet. Es ist
sozusagen vorverlegt, damit der Glaube der Heiden als Oslerglaube ver-
ständlich werden kann. Auch wird jetzt deutlich, mit welchen Er-
eigniBBen der Tempel aufgehört hat, Stätte der Gegenwart Gottes zu
sein. Der Vorhang ist zerriBBen, Gott begegnet nun in der Auferweckung
der Heiligen und (nach Jesu fyEpaLC;) in den entsprechenden Er-
scheinungen. Der alte Kult Iaraels ist ausgelöscht, Gottes Gegenwart
ist seine Gegenwart von Ostern. Doch ist dies, aufs Ganze des Textes
gesehen, nur ein Nebenmotiv. Der Evangelist will mit seinem legen-
dären Stoff primär den Glauben der Heiden als ("proleptischen") Oster-
glauben schildern und so einen tröstlichen Anblick schaffen, damit im
folgenden das krasse Gegenbild der massiven Auferstehungsleugnung
durch Israel um so abstoßender vor Augen tritt (27,62-66; 28,11
bis 15): auf diesen Kontrast hin ist 27,51ff. angelegt. Seht die Heiden,
sie bekennen den Gottessohn auf Grund von Erdbeben und Er-
scheinungen der Heiligen. Iarael glaubt nicht einmal, wenn der Engel
des Herrn vom Himmel niederfährt und das leere Grab die Auf-
erstehung ausweist. Auch Schlatters Bemerkung zum Text ist zu er-
wähnen: "Es geht am Schluß des Lebens Jesu wie am Anfang"lU. Die
Heiden huldigen dem König der Juden, während Israel ihm nach dem
Leben trachtet. Die Heiden bekennen seine GotteBBOhnschaft, doch
Iarael befehdet ihn über das Grab, ja über die Auferstehung hinaus.
Mt. 28,11-15
Zunächst zeigen diese legendären Stücke, daß die Repräsentanten
laraels auf ihrem Weg des "Messiasmords" auch zum Kampf gegen den
Auferstandenen entschlOBBen sind. Der König Iaraels gilt ihnen als
"jener Betrüger" (27,63). Da er nun tot ist, könnten die Jünger
kommen, ihn stehlen und sagen, er sei von den Toten auterweckt
worden. So würde "der letzte Betrug schlimmer als der erste" (27,64).
Als Gott die Anschläge der Autoritäten zunichte macht, geben sie sich
nicht geschlagen. Sie verwandeln die Wahrheit der Auferstehung, den
111 Hier steht der Hauptmann gegenüber Mt. 27,54 noch allein.
'" Erläuterungen I 414f.
74 Israel als Einheit des Bösen
Bericht der Grabeswächter von "allem, was geschehen war" (28,11) in
die Lüge vom Diebstahl der Jünger. Kann man ihn auch nicht im
Grabe halten, wird der Lebendige doch von Israel "mit Geld begraben"
(28,12), um es kraß zu sagen. Wieder fassen die Repräsentanten einen
Beschluß (28,12; vgl. 26,4; 27,1), ihren letzten und schrecklichsten,
der die Auferstehung - als "Lehre" Israels (28, 15a)! - zum üblen
Trick erniedrigt, wofür es bis heute Zeugen gibt: Und diese Rede ver-
breitete sich unter Juden bis auf den heutigen Tag (28,15b). Es gilt,
die Funktion dieses Schlusses innerhalb der Einheit 28,l1ff. zu be-
denken. 27,8 liefert einen wichtigen Hinweis zum Verständnis. Auch
in der Perikope vom Ende des Judas erscheint der Gedanke an ein "bis
heute" wirkendes Wort. Hier ist, wie gesagt, der Name jenes "Blut-
ackers" das bleibende Dokument für Israels Schuld am Tode Jesu. So
ist auch der   vom Betrug der Jünger, der bis heute unter Juden
im- Schwange geht, das unverrückbare Denkmal der Gegenwart für
Israels einstigen Kampf gegen die Auferstehung. Auch mit 28,15b
arbeitet Matthäus an seinem Bild der zurückliegenden Geschichte
Israels. Gewiß deutet der "unendlich fern klingende Ausdruck ,bei
Juden"'115 auf den tiefen Graben, der den Evangelisten zu seiner Zeit
von "solchen, die Juden sind" 118 trennt. Doch wird man die schmale
Notiz nicht so verstehen dürfen, als wolle Matthäus seine eigenen Zeit-
genossen
ll7
, die "Juden", in sein Urteil über "dieses Geschlecht" von
ehedem einbeziehen. Strecker verweist im Zusammenhang unserer
Stelle mit Recht auf die Geschichts-Anschauung des Evangelisten:
"Nicht mehr von Israel ... ist die Rede, sondern die ,Juden' erscheinen
als ein Volk unter anderen "118. Als heilsgeschichtliche Größe der
Basileia-Berufung gehört Israel bei Matthäus der Vergangenheit an:
berufen und zu Fall gekommen in der Begegnung mit seinem Messias.
Was nun folgt, ist nicht mehr Israel- die "Juden", ein Phänomen,
über dessen heilsgeschichtliche Bestimmtheit dem Matthäus-Evan-
gelium nichts zu entnehmen ist. Es tritt nur in 28,15 b in das Blickfeld
der Betrachtung
llt
, flüchtig und nicht um seiner selbst willen.
111 Lohmeyer 411.
111 Schlatter, Evangelist 797. Zu   ohne Artikel vgl. F. Blass -
A. Debrunner, Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, 9. Auft. 1954,
§ 262; Strecker 117, Anm. 1.
117 Trilling 79. "" A.a.O. 116C.
"" Gegen Strecker 30ft'.; 11 7.
III. DIE HEIDEN IM MATTHÄUSEVANGELIUM
Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung, das "Israel" des
Matthäus-Evangeliums als Einheit des Bösen, handelnd dargestellt
durch seine Repräsentanten, endgeschichtlich verloren und mit dem
Untergang JerusaIems heilsgeschichtlich abgetan - diese Ergebnisse
legen es nahe, nun die l&vtj-StofFe des Matthäus-Evangeliums daraufhin
zu befragen, ob in ihnen das heilsgeschichtliche Thema fortgeführt
wird. Daß Matthäus nicht nur an Israel als dem Adressaten der
Basileia-Berufung interessiert ist, sondern auch die Heiden in das
Zentrum seiner Darstellung rückt, bedarf keines detaillierten Nach-
weises. Es gilt jedoch darzutun, wie Matthäus das Verhältnis der beiden
Größen "Israel" und "Heidenwelt" im einzelnen bestimmt, welche
heilsgeschichtliche Anschauung er auf dem Hintergrund der "er-
ledigten" Heilsgeschichte Israels mit dem Komplex der Heiden in
seinem Evangelium verbindet. Die Untersuchung ist wieder an den
Markus- und Q-StofFen sowie am matthäischen Sondergut durch-
zuführen.
1. Die Markua-8toDe
Mt. 4,12-17/MIc. 1,14/.
Ferdinand Hahn bemerkt zur Stelle: "Schon im Zusammenhang des
ersten öffentlichen Auftretens Jesu wird in dem Reflexionszitat Mt. 4,14
unter anderem von dem rotALActlot Tidv l&vidv gesprochen und zeigt sich
das grundsätzliche OfFensein der Botschaft Jesu für die Völker"1. Es
ist vom Kontext her kaum wahrscheinlich, daß Matthäus mit "GaIiläa
der Heiden" schon über Israel hinaus auf die Heidenwelt deuten will.
Er kommt vor 4,15 auf Jesu Umsiedlung von Nazareth nach Kaper-
naum zu sprechen (fehlt bei Markus wie das ganze Reflexionszitat),
nach der Stadt am See im Gebiet von Sebulon und Naphthali, wie mit
Rl'dll.C'ht gl'SA.gt wird (4, t3). J6IIUS bllfindflt sich alsl) anf genuin "isr&fl-
Iitischem" Bodeni. Das folgende Jesaja-Zitat fügt dann dem "Lande
Sebulon und Lande Naphthali" den ö80v   und das Gebiet jen-
1 Das Verständnis der Mission im Neuen Testament, WMANT 13,1963,109.
• Kapemaum ist im matthiischen Sinne wie Chorazin und Bethaaida eine re-
präsentative Stadt "Israels", vgl. die Stellung von 11, 20ft". hinter 11,16ft". und die
redaktionelle Notiz 11,20.
76 Die Heiden im Matthiusevangelium
seits des Jordans hinzu. Nach 4,25, wo der Evangelist den geo-
graphischen Bestand Israels umreißt (vgl. 3,5) und wieder das Stich-
wort ,"pot" TOU 'Iop3ci"ou benützt, handelt es sich auch bei der Region
"jenseits des Jordans" um erklärtes Israel-Land. Ebenso soll der in
4,15 folgende Terminus "Galiläa der Heiden" nicht nach außen weisen,
sondern eine weitere Gegend Israels in die Betrachtung einbeziehen;
vgl. wieder 4,25, das auch Galiläa zu Israel zählt·. Vers 4,16 charak-
terisiert alle die genannten Gebiete in derselben Weise: das Volk sitzt
im Finstern und wohnt im Lande des Todesschattens, über dem nun
der König Israels als das große Licht aufgeht. Der Text steht in einer
Linie mit 9,36. Das verlorene "Israel", zu dem auch das Galiläa der
Heiden gehört, erfährt das Heil seines Messias. Somit gehört 4,15
streng zur Israel-Darstellung des Evangelisten. Hahns Ausweitung des
Textes in Richtung auf die Völkerwelt ist abzulehnen.
Mt. 8,28-34/Mk. 5,1-20
Anders als Markus versteht Matthäus die Gadarener-Perikope nicht
mehr unter dem Gesichtspunkt der Heidenwirksamkeit Jesu. Sie emp-
fängt von ihrem Rahmen her eine klare Ausrichtung auf "Israel", da
in der Absicht des Evangelisten alles zwischen 4,23 und 9,35 Be-
richtete die fordernde und heil volle Hingabe des Messias an Israel dar-
stellen soll (vgl. S. 33f.). An "Heiden" ist nicht mehr gedacht. Matthäus
unterdrückt die markinische Notiz von der Predigt des Geheilten in den
(heidnischen) Zehn-Städten (Mk. 5,l9f.). Die Vorstellung des subjek-
tiven Kerygmas, die Heidenpredigt eines einzelnen (von dem, was der
Herr an ihm getan hat usw.), tilgt er zugunsten seiner Anschauung von
den als heilbringende Verkündiger der Basileia an 18f'fU!1 gewiesenen
Jüngern (Kap. 10). Auch gehört für ihn die Dekapolis, wie 4,25 verrät,
zum Bestand "Israels". So trägt 8,28-34 zum Thema der Heiden im
Matthäus-Evangelium nichts bei.
Mt. 10, 17-22/MIc. 13,9-13
Matthäus folgt in seiner Darstellung der Begebenheiten vor dem
Ende ab 24,9 nicht mehr dem Markus-Text. Er hilft sich mit einigen
von ihm selbst formulierten (24,9.14 frei nach Mk. 13,9.13/10), als
Sondergut eingebrachten (24,10-12) oder den Markus-Text wieder-
holenden Sätzen (24,13 = 10,22bfMk. 13,13b) und rückt das auf die
Verfolgung durch Israel gemünzte Wort 13,9' mit seinem Anhang
13,11-13 aus dem Horizont des 24. Kapitels, um alles im Zusammen-
hang der Missionsrede des 10. Kapitels unterzubringen. Daraus ist zu
• VgI. auch das S. 33f. Ausgeführte.
• Es sieht freilich auch schon auf die Verantwortung vor MidnUchen Ge·
richten: Statthalter und Könige.
Die Markus.Stoffe 77
schließen: die Verfolgung durch Israel gehört für ihn nicht mehr zur
Situation der Jünger vor dem Ende, die an die Heiden gewiesen sind
(vgL 24,9b.14; 28, 18ff.); sie ist eine Angelegenheit ihrer Israel-
Sendung zu den Lebzeiten Jesu, die der des Meisters selbst entspricht
(vgL S. 60ff.). Mk. 13,9ff. ist für Matthäus innerhalb seines neuen
Rahmens zu einem "zurückliegenden" Israel-Text geworden. Gleich-
wohlläßt er sich in 10,18 den schon mit dem Markus-Text gegebenen
Hinweis auf die Heidenwelt nicht entgehen: ... und ihr werdet um
meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und
den Heiden zum Zeugnis6. Hier wird deutlich, daß der Evangelist die
exklusiv auf Israel bezogene Sendung der Jünger (10,5f.) durch eine
vom Standpunkt des Textes aus künftige Phase der heilsgeschicht-
lichen Entwicklung überholt sieht. Was in strenger Ausschließlichkeit
mit Israel beginnt und woran Israel zu Fall kommt, bleibt nicht auf
Israel beschränkt; es gilt - nach Israels Ausscheiden aus der Heils-
geschichte, wie man zu ergänzen hat - auch für die Heiden s. Sie sind
(als Adressaten der Basileia-Berufung) die heilsgeschichtlichen Erben
Israels. Auf diesen Prozeß der Heilsgeschichte "Israel und (dann) die
Heiden" will das redaktionelle x«t   llhEaLv aufmerksam machen.
Mt. 12,15-2J7/Mk. 3,7-12
Der Evangelist übernimmt aus Mk. 3,7ff. verschiedene modifizierte
Züge (3, 7.10a.12): Die Flucht Jesu- auf den Todesbeschluß der Pha-
risäer hin (12,14/Mk. 3,6), die Heilung der Nachfolgenden und Jesu
Gebot, ihn nicht offenbar zu machen. Dem läßt er das durch 12, 17 ein-
geleitete Reflexionszitat 12,lS--21 folgen (Jes. 42,1-4), das zweimal
von den Heiden spricht. Nimmt man den Wortlaut von 12,17 ernst
und vergegenwärtigt sich seine formelhaften Parallelen in 1,22;
2,15.17; 4,14; 8,17; 13,35; 21,4; 27,9, kann man den Text nur 80 ver-
stehen, daß "das vom Propheten Jesaja Gesagte" als im irdischen
Leben Jesu erfüllt zu gelten hat
8
• Jesu Handeln ist die Erfüllung der
• Mk. 13,9 hat nur .. ihnen zum Zeugnis" (zum Sinn des Ausdrucks vgl.
Trilling 127ff.), zielt also mit .. ihnen" auf die den .. jüdischen" und heidnischen
.. Gerichten" des Textes entsprechenden Adressaten. Matthäus macht dem·
gegenüber .. ihnen" zum Sammelbegriff für .. Israel" und stellt dem sein redak·
tionelles und weiterführendes .. und den Heiden" zur Seite. Damit faßt er das bei
Markus indirekt Ausgesprochene in klare Worte und gibt ihm einen program·
matischen Akzent: Adressaten des Jüngerzeugnisaes sind Israel und (dann) die
Heiden.
• Nach Hahn a.a.O. 108 ..... ist in c. 10 die historische Situation transparent
f'Ur die Mission der Jünger in der Zeit nach Jesu Auferstehung." Damit
1st Richti$e8 gesagt, doch daß .. alle grollen Reden des Evangeliums unmittelbar
der Gememde gelten", ist sehr pauschal geurteilt, vgl. 10,Of.23.25; 13,10--15;
23,13-24,2.
, Vgl. S. 132.
• Gegen Hahn a.a.O. 110, der an eschatologische Erf"ullung bei der "Voll.
endung des Aons" denkt.
78 Die Heiden im Mattbäueevangelium
Jesaja-Prophetie, durch ihn widerfährt den Heiden du Heil des Gottes-
knechtes, wobei die Einzelzüge des Zitats im vorlaufenden Geschehen
nicht realisiert zu sein brauchen; Matthäus kommt es nur auf den
Grundgedanken an. Es ist nicht zulässig, aus dem Zitat eine will-
kürliche Auswahl zu treffen '. Es spricht unzweideutig vom Heiland der
Heiden, als der Jesus, von Israel mit dem Tode bedroht, in der ent-
sprechenden Zurückgezogenheit und in selbstgewählter Verborgenheit
wirkt und du prophetische Wort erfüllt: du markinische Gotteseohn-
Geheimnis ist an unserer Stelle abgelöst durch du matthäische Heiden-
Heilands-Geheimnis, vgl. du Fluchtmotiv 12,15 und du Geheimnis-
gebot 12,16. Wichtig ist im Zusammenhang, daß der Evangelist auch
im vorausgehenden und nachfolgenden Gang der Auseinandersetzung
Jesu mit Israel (11,16-30; 12,22-50) durch die jeweiligen Schluß-
texte 11,25-30 und 12,46-50 auf die positiven "Gegenbilder" zeigt,
die für die Zeit Jesu an die Stelle des verruchten Israel treten (vgl.
S. 52.55). Nach der dort waltenden Programmatik der redaktionellen
Kompositionsarbeit wird auch 12,16-21 im Konnex mit 12,1-14 zu
beurteilen sein. Schon im irdischen Leben Jesu für Israel (15,24) geht
du Heil in aller Verborgenheit zu den Heiden. Israel will den Tod
seines Königs, doch er erweist sich auf der Flucht vor Israel in tiefer
Verhüllung allen Elenden
lo
als endzeitlicher Erfüller der Välker-
weissagung. Wo Israel seinen Messiu befehdet (vgl. 12,2.10.14), ist ER,
zw'Ückgezogen und verborgen, Bchon bei Lebzeiten eben das, wu er
hel1laeh in aller Öffentlichkeit sein wird: du Heil der Heiden (vgl.
27,54). TriJling urteilt: "Beide Male (Ve1's 18.21) ist ~   V I ) ••• , im Sinne
des (matthäischen) Universalismus zu fassen'"11. Der demütige
Knecht bringe Wahrheit, Recht und Hoil für alle. Doch wu heißt an
unserer Stelle "matthäischer Universalismus'" Wenn der dunkle
Hintergrund für d&a Heil der Heiden die notorische Bosheit (und end-
gültige Verwerfung) Israels ist (12,10.14; vgl. 11,20ff.; 12,22ff. usw.),
kann Ta l!&VI) nur im strengen Sinn eines Kontrutbegrift'es gebraucht
sein und- unter Ausschluß "Israels" - allein auf die Heiden gehen 1_.
Me. 18,6-9/Mk. 9,420.
An den Spruch vom Ärgernis für die "Kleinen" (18,6/Mk. 9,42) fügt
Matthäul! du Logion 18,7 an (Sondergut) : Wehe der Welt der Ärger-
• Gegen Schmid RNT 209: Matthäua nehme auf den Hauptgedanken des
zitierten Abschnitts, die Aufgabe, die der Gotteeknecht an der Välkerwelt, den
Heiden, zu erf'lillen habe, keine Rücksicht und denke vor allem an seine Stille
und Bescheidenheit. - 12,18bff. ist nach der Gotteeknechtepridikation 12,I8a
unverkennbar durch die doppelte Klammer der Heiden.Aussage in 12,I8b und
12,21 zusammengehalten und bekommt von dorther sein Gepräge. Matthäus
nimmt das Zitat nUJ' um seines "Hauptgedankens" willen auf.
1. 12,15b; Mk. 3,10& "er heilte viele". 11 A.a.O.127.
11 Zu der Heidin in 15,21-28 vgl. 8. 60, Anm.65.
Die Markus· Stoffe 79
nisse halben ... "Welt" steht hier im Sinne von "Menschenwelt" wie
5,14; 13,38 (auch matthäisches Sondergut, vgI. 26,13 = MIt. 14,9)13.
Für unser spezielles Heiden·Thema trägt die Stelle nichts aus. Zu-
sammen mit ihren Sondergut.Parallelen zeigt sie jedoch, daß der Ra·
dius der Weltbetrachtung im Matthäus.Evangelium längst über
"Israel" hinausgreift und "kosmische" Ausmaße angenommen hat.
Die Kosmos·Stellen sprechen pauschal für die "universale" Weite der
Perspektive, ohne in die besondere heilsgeschichtliche Schau des
Evangelisten einbezogen und von ihr her präzisiert zu sein 1&.
Mt. 21,33-l6/Mk. 12,1-12
Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern wirft mit seinen Versen
21,41.43 hinsichtlich der heilsgeschichtlichen Konzeption des Mat-
thäus· Evangeliums eine Reihe von Fragen auf, die ausführlicherer Er-
örterung bedürfen.
In Vers 21,43 begegnet ein eigenartiger Begriff' von ßataW:(at TOÜ &coü:
die Gottesherrschaft wird von euch genommen werden... Voraus-
setzung des Satzes ist, daß die Basileia Israel geschichtlich "gegeben"
wurde. Dementsprechend kann sie nun im Falle der Unfruchtbarkeit
Israels "geschichtlich" auf ein "fruchtbringendes Volk" übergehen.
Damit ist die streng eschatologische Ausrichtung des Begriffs, wie sie
19,24; 21,31 vorliegtl&, aufgegeben. - In welcher Weise hat man sich
die Gottesherrschaft als in der Geschichte "Israels" anwesend zu
denken? Für C. G. Montefiore, der sich an Box anschließt, bedeutet
"Gottesherrschaft" sub specie historiae die jüdische Theokratie mit
ihren Privilegien des auserwählten Volkes
l
'. Nach Johannes Weiß
". .. ist hier daran gedacht, daß in dem Volk Israel, das nach dem
Gesetz Gottes lebt, die Herrschaft Gottes in gewisser Weise schon ver-
wirklicht ist"l7. Wilhelm Michaelis möchte den Begriff "wohl nicht
als das schon vorhandene Reich Gottes", sondern als "Anwartschaft
auf das Reich" interpretieren
l8
. Trilling vermag dem nicht zuzu-
11 Vgl. ThWIII 890 (Hermann Saase).
1. Zum Fortfallen von .. «,,,y ... i ~ ~       y (Mk. 11,17) in 21,13 vgl. S.66,
Anm.83 .
.. V gl. 6,33 (textlich unsicher).
" The Synoptic Gospels, 2. Band, 2. Auft.1927, 286. AhnIich Bengt Sundkler,
Jeaus et les paiens, in: Arbeiten und IllitteilunlP.'n aus dem neutest. Seminar zu
Uppsala 6 (1937) 36: .. Ies privileges religieux d Israel"; Rudolf Schnackenburg,
Die Kirche im Neuen Testament, Quaest. Disp. 14 (1961) 66: .. die Vorrechte und
Segnungen ... die ihm als Gottes erwähltem Eigentum zustanden und verheißen
waren (vgl. Ex. 19,5f.; Dt. 7,6; 14,2; 26,18)."
17 Die älteren drei Evangelien, SNT I, 3. Auft. 1917, 352.
11 Die Gleichnisse Jesu, 3. Auft. 1956, 123f. Schlatter, Erläuterungen 1323,
denkt an Israels .. Berufung": .. Gott wird es zerbrechen, seine Berufung anderen
geben und die Heiden in sein Reich führen."
80
Die Heiden im Matthäusevangelium
stimmen 11. Ihn interessiert die "Kontinuität der Heilsökonomie" :
"Die ~ l X a w   1 X TOÜ &cOÜ ist eine das Alte und Neue Testament über-
greifende Größe. Gott hat sie Israel gewährt und wieder entzogen ...
Wie der alte Träger ein ,Volk' war, ist es auch der neue. So ist mit der
Kontinuität des Reiches auch die Kontinuität eines Volkes Gottes
gegeben"lIO.
Für diese Exegese ist kennzeichnend, daß sie den Begriff der "Gottes-
herrschaft" von einem bestimmten Israel-Begriff her entfaltet, der
sich nicht mit dem des Matthäus-Evangeliums deckt, das nicht auf das
alttestamentliche (und bis in die Gegenwart reichende) Gottesvolk
mit seinen heilsgeschichtlichen Privilegien, sondern auf "dieses Ge-
schlecht" der Basileia-Verkündigung blickt (vgl. S. 35ft'.). Die Heils-
ökonomie geht hier nicht auf den "alten", sondern auf den "eschato-
logischen" Bund Gottes mit Israel und setzt mit ihm ein (Johannes!).
Matthäus denkt an das Israel der Messi&8Zeit (mit der "Vorzeit" des
Täufers und der "Nachzeit" der Jünger), das selbst das "wahre",
nämlich messianische GottesVOlk
11
der erfüllten Verheißungen ist -
vgl. die Refiexionszitate
ll
- und im Gang der Heilsgeschichte auf
Grund seines Widerstandes gegen den xlXLp6c; Gottes durch eine andere
heilsgeschichtliche Größe überholt wird. Ist das Gegenüber "dieses
Geschlechts" nicht der "alte" Bundesgott mit Gesetz, Beschneidung
und Tempel usw., sondern der Herr der Basileia in seinen Boten, so
tritt auch der heilsgeschichtliche Nachfolger "dieses Geschlechts"
nicht als "Gottesvolk" mit bestimmten Privilegien und Erwählungs-
zeichen in Erscheinung, sondern wie zuvor Israel selbst als Phänomen
der heilvollen und radikal beanspruchenden Basileia-Gegenwart und
-Zukunft 18. Sie ist das einzige Privileg und Berufungszeichen, das
sich zwischen Israel und seiner Nachfolgegröße durchhält. M. a. W.:
Die Kontinuität der Heilsgeschichte liegt nicht im Volk oder religiösen
"Volkbegrift''', sondern auf der höheren Ebene eschatologischer Er-
wählung - in dem handelnden und berufenden Gott. Das wird durch
11 A.a.O. 62: .. Es geht auch nicht nur um die Anwartschaft auf das Reich
Gottes, um seine Verheißung oder Zusicherung, sondern um die fI""wl" Ta;; &.0;;
selbst."
.. A.a.O. 65; vgl. 85: .. ,Reich Gottes' wurde in 21,43 interpretiert als die
Gegenwart, die Anwesenheit Gottes in der Geschichte des Volkes und seiner
gnädigen Heilsführung. Diese Anwesenheit wurde vornehmlich erfahren in der
,Stadt des groBen Königs' ... , dem Tempel auf Sion ... "
SI Ein Gesichtspunkt, den Trilling übersieht. Von hier aus kommt seine Kon-
zeption von der Kirche als des .. wahren Israel" a limine zu FaU.
I. A,,6r; begegnet in Zitaten: 2,6; 4,16; 13,15; 111,8; vgl. 1,21. Die übrigen
Stellen sind: 2,4; 4,23; 21,23; 26,3.5.47; 27,1.25.64. Zum Sprachgebrauch vgl.
Trillillg 61. Zur Funktion der Reflexionszitate vgl. S. 132f.
SI Der doppelten Gestalt der kommenden Basileia als heilvollen und ver-
derblichen Gerichts entspricht bei Matthäus ihre doppelte gegenwärtige Gestalt
als Heilszuwendung (z.B. 4,23ff.; Kap.8f.; 10,7f.; 11,6; 12,28) und totale
Gotteaforderung (z.B. Kap.li-7; 18; 19,16-26).
Die Markua.Stoft'e 81
4,23; 9,35 und 24,14 bestätigt. Abweichend von Mk. 1,14 (das Evan-
gelium Gottes) charakterisiert Matthäus in 4,23 und 9,35 das von
Jesus im Gegenüber zu Israel verkündigte Evangelium als .. das Evan-
gelium vom Reich". Ähnlich verfährt er in 24,14 hinsichtlich des von
den Jüngern nach der Ablösung Israels (23,1-24,2 geht voraus!) in
der ganzen Welt zum Zeugnis für die Heiden ausgerufenen Evan-
geliums: sie verkündigen .. dieses Evangelium vom ReicA ..... Der heils-
geschichtliche Kontinuitätsbegriff' des Evangelisten heißt .. Basileia"
bzw ... Evangelium der Basileia", nicht .. Gottesvolk", ein Begriff', den
er nicht gleichermaßen auf .. Israel" und die Heiden schlechthin (24,14)
anzuwenden vermöchte und dem er schon bei der Darstellung des
heilsgeschichtlichen xlXLp6c; Israels nur sekundäre Funktion zuerkennt.
Die Gegenwart des Messias und der Basileia-Berufung (das primäre
Motiv!) macht Israel zum .. wahren" Gottesvolk der Heilserfüllung
(1,21; 2,6; 4,16) - und HeÜ8fJerleugnv:ng (13,15; 15,8; vgl. 23,29ff.)!
Spricht 21,43 von einem Volk, das anstelle Israels die Früchte der
Gottesherrachaft bringt, 80 ist die Singularität der Aussage ebenso
charakteristisch wie ihre Neutralität. Der theologische Gotteavolk-
Begriff ist gemieden, jede speziell ekklesiologische Wendung um-
gangen. Matthäus will wie in 21,41 lediglich einen vorläufigen, auf
Explikation angelegten Hinweis geben. Die neuen Träger der Gottea-
herrschaft sind Weingärtner, die zu ihrer Zeit .. die Früchte abliefern",
ein (!) Volk, das die Früchte der Basileia .. tut". Mögen auch die Adres-
aaten der Baaileia wechseln, die Gabe der   -roil koil bildet das
Kontinuum zwischen Israel und der neuen heilsgeschichtlichen Größe .
.. Par Mk. 13,10 .. das Evangelium"; vgl. 26,13 .. dieses Evangelium" gegen
Mk. 14,9 .. das Evangelium". - Im engeren Kontext von 26,13 ist vom Nicht·
allezeit·Daaein und vom Begräbnis Jesu die Rede (26,11.12), 10 daß .. dieses"
kaum als konkreter Hinweis auf das besondere dieses Textes zu
f_n ist. Auch die auf den .. Redekomplex' , in dem -roii .... begegnet
(Willi Marxaen, Der Evangelist Markus, FRLANT 67, 2. Au1I. 1959, 82),oder
auf die PRllllionsgeachichte (Strecker 129) i.t zu eng. Matth&us denkt an dieses
Evangelium (vom Reich), das er aelber schreibt, das die Basileia.Verkündigung
dea Täufera, Jesu, der Boten und ihren Fortgang bis zum nachösterlichen
Baaileia.Evangelium der Jünger für die Heiden umfaßt: ea ist die Botschaft von
der HimmelaherrachaR ala ihrer Heila· und Gericht..
geschichte von Johannea bis zum Ende dea Aona. Marxaen übergeht den auf·
fallenden Tatbeatand, daß .... ii-ro in 4,23; 9,35 fehlt. Hier ist .. geschichtlich" an
das .. eingeachrinkte" Jeau •. Evangelium für !araeI gedacht, während .. dieses
Evangelium (vom Reich)", das im Welthorizont ateht 124,14: 26.13), du apAtflre
"kirchliche" Jünger.Evangelium bezeichnet, das mit dieaem, die $BnZ8 Ge·
schichte der Baaileia verkündigenden MaItM ... ·Evangelium identisch 1St. So mit
Oünther Bornkamm, Überlieferung und 19: ..... ,dieses' (von Hat·
thius repriaentierten) Evangeliuma vom Reich' (vgl. S. 133) ... Evangelium vom
Reich" markiert die heilaKcachichtliche Kontinuität zwischen J eBUB· und Jünger.
zeit, w&hrend -roii"fO auf aen Fortschritt, die geschichtliche Auaweitung der Bot·
achan, auf du Moment der Diskontinuität gegenüber dem Evangelium Jeau für
Iarael abhebt .
• 8701 Wolbr, U ........... '"
82 Die Heiden im Matthäuaevangelium
Viele neuere Exegeten entscheiden sich hoc 1000 für die "kirchliche"
Deutung 15. Doch ist es sehr die Frage, ob innerhalb des Matthäus·
Evangeliums die Vorstellung von der an das "neue Gottesvolk" der
Kirche übergebenen Basileia zu verifizieren ist. Immerhin wird "dieses
Evangelium vom Reich" nach 24,14 zum Zeugnis für alle Heiden pro-
klamiert. Der Mi88ionsbefehl 28,18ff. gebietet wieder die "Berufung"
aUer Heiden. 10,18 deutet den Fortschritt der Heilsgeschichte von
Israel zu den Heiden an, und 12,15ff. erscheint schon der irdische
Jesus als Erfüller der HeilsweiSB&gUUg für die Heiden. In 22,10 spricht
der Text davon, die Knechte hätten "aUe, die sie fanden" herzugeführt,
"Böse und Gute", womit wieder an die Heiden gedacht ist. Dem
Theologumenon von der Heiden-Berufung entspricht das eschatolo-
gische Stück 25,31--46 mit dem Motiv' des Gerichts über die Heiden
aufs exakteste: die neu Berufenen treten wie vordem Israel in die
ganze eschatologische Verantwortlichkeit ihrer Berufung (so auch
22,11-14). Schließlich bekennen nach 27,54 Heiden (von Ostern her)
die GotteSBohnschaft Jesu. Das alles weist in eine Richtung und legt
das Urteil nahe, daß im Matthäus-Evangelium nicht die "Kirche" in die
heilsgeschichtliche Nachfolge Israels tritt. Vielmehr sind hier die
Heiden die Erben der Israel gegebenen Gottcsherrschaft, die Erben
seiner Berufung und radikalen Gerichtsbezogenheit. Ihnen ist die
Gottesherrschaft im umfassendsten Sinne - als neue heilvolle und
beanspruchende Gegenwart und drohende oder tröstliohe Zukunft -
gegeben. Dazu müssen sie ebensowenig wie zuvor schon Israel "Kirche"
sein.
Die ekklesiologische Deutung wird noch von einer anderen Seite
her fragwürdig. Die stärksten Einwände gegen sie sind ausgerechnet
von der matthäischen Ekkluiologie aus vorzutragen. Denn es läßt
sich schwer übersehen, daß die "Kirche" bei Matthäus - in Gestalt
der Jünger - verschiedentlich als positive Kontrast-Größe zu dem
.. So Wellhaueen, Evangelium Matthaei 109 (auch jüdische und nicht bloB
heidnische Christen); Zahn 634 (Benennung der über alle nationaIon Grenzen
erhabenen Gemeinde Jeau); Montefiore a.a.O. 286 (111e Kingdom ... i8 given
to the Christiana); T. W. Manson, 111e Sayings of Jeaus, 1950, 224 (probably
the Church, the new Israel); K. L. Schmidt, ThW I 688 (den Gläubigen); Loh·
merer 314 (die älteste christliche Gemeinde); Jeremi .... Gleichnisse 68 (die
He.denkirche); K. Staab. D ... Evangelium nach Matthäus. 116 (d ... Volk der
Christen); Schniewind NTD 219 (das neue Gotteavolk. die neue "Gemeinde");
Gnilka 111 (d ... neue Israel. bestehend aus Juden und Heiden); Schnaekenburg
a.a.O. 65 (eine geistige Einheit ... die Kirche); Trilling 62 (die ganze Kirche). 63
(d ... christliche Gottesvolk) ; Strecker 110 (Ablösung Israels durch die Kirche);
Feine·Behm-Kümmel. Einleitung in d ... Neue Teatament, 13. Auß. 1964. 68
(an die Stelle der unghlubill"n Juden tritt das eschatologische Gottesvolk);
Schmid RNT 306 (neues gelBtigea Israel ... aus den Heiden berufen ... die
Kirche); ihnlich Fenton 341 (the Gentiles will replaee the Jewa as God's people).
Anders Schlatter. Erl. I 323. ohne ekklesiologischen Akzent (die Heiden; die
Berufung der Heiden).
Die Markua·Stoft'e 83
harthörigen Israel der Jesuazeit erscheint. Sie ist mit Israel gleich·
zeitig und folgt ihm nicht (zeitlich) nach. Ihre heiIsgeschichtliche
.. Genealogie", wenn man so sagen dan, beginnt nicht mit Israel,
sondern mit dem Messias selbst, in dessen Fußtapfen sie tritt. Sie ist
die Schar seiner Nachfolger (4,18-22; 19,27), die zu ihm gehören
(12,46-50) und total an ihn gebunden bleiben (8,21-27; 14,22-33),
die ihn bekennen (14,33; 16,16), wo Israel seine Messianität verwirft.
Ihnen sind die Geheimnisse der Himmelsherrachaft zu erkennen ge·
geben (vgl. 17,1-18), die Jesus "diesem Volk" versagt (13,10-17).
Im Gegensatz zu Israel sind sie, mit 13,52 zu sprechen, "Jünger der
Himmelsherrschaft" geworden und haben, die Gemeinde der Diener
und Brüder unter dem einen Herrn (18,15--20; 20,20-28; 23,8-12),
schon bei Lebzeiten Jesu (und danach bis zum Jahre 70) teil an seiner
Israel·Sendung und an seinem Geschick (10,5--25; 23,34"): selber
Diener und Medien der Basileia·Berufung, der Heilsgeschichte Israelsl
Die Besonderheit der matthäischen Ekklesiologie hinsichtlich der
"nach·israelitischen" Jüngerschaft (= "Kirche") liegt darin, daß die
Jünger der späteren Zeit (nach 70
17
) im neuen _'pO<; Gottes den heils·
geschichtlichen Nachfolgern Israels, den Heiden, mit der Berufung
zur Basileia zu dienen haben - wie zuvor die Jünger mit der Berufung
Israels beauftragt waren, und daß sie nun von den neuen Adressaten
des .. Reichs" die Feindschaft zu gewärtigen haben (24,9), die den
Jüngern damals von Israel widerfuhr. Im Matthäus·Evangelium ist
also auch die spätere "Jüngergemeinde", selbst in das Heil und die
Krisis der Himmelsherrschaft gestellt (vgl. 24,43-51; 25,1-30),
Dienerin der Heilsgeschichte (anderer), Medium der Berufung zur Ba·
aileia (22,9f.; 24,14; 28,18ff.) und steht so in der geschichtlichen
Nachfolge des Täufers, Jesu und seiner irdischen Jünger, nicht Israels.
Dem Gang der (Basileia-)HeiIsgeschichte von Israel zu den Heiden
geht zur Seite die Predigt- und Leidensgeschichte der Basileia-Boten:
in dieses geschichtliche .. Kontinuum" gehört bei Matthäus die "Kir-
che", was die Vorstellung einer Ablösung Israels durch die "Gemeinde"
ausschließt 18.
MI. 24,9-14/ Mk.13,9-13
.. Im einzelnen entspricht V.9 inhaltlich und weithin auch im
Wortlaut Mk. 13,9.13a, aber mit dem wichtigen Unterschied, daß
ausschließlich von Verfolgungen durch die Heiden gesprochen und an
.. Vgl. 8.1l7f.; 67, Anm. 96.
.. Zu 23,38; 24,2 im Konte>r:t von 23, 29/f. vgl. 8. 118 f.
.. Daa ist zu bedenken, weon die Stoffe des Evangelilten gelegentlich die
Jiloger und (Anklinge an) daa Gotteavolk·Motiv zusammenbringen, vgl. 1,21 (?);
19,28; 26,28 (?) •
••
Die Heiden im JoIatthlluaevangelium
solche durch Juden nicht mehr gedacht wird" (Josef Schmid) 11. Mat-
thäus hat MIt.   (ohne 13,10) schon in die .. Auasendungsrede"
einbezogen (10,17-22; vgJ. S.76f.). Der Grund für dieees schrift-
stellerische Verfahren wurde genannt; er liegt im Charakter des Mat-
thäus-Evangeliums als Darstellung der von Israel zu den Heiden
schreitenden Gottesherrschaft. Für die .. Kirche" (der .. Jünger") nach
70, die im Angesicht des nach .. vorne" ausgedehnten Eschaton lebt-,
gehört die exklusive Israel-Sendung der Jesuszeit ssmt den Heim-
suchungen von Israel der Vergangenheit an. Im Sehfeld ihres heils-
geschichtlichen liegt nur noch das Zeugnis für alle Heiden .
.. Heidenmission gibt es nur unter der Vorsusaetzung, daß Israel den
Messias Jesus verworfen hat und dadurch selbst ... verworfen worden
ist." Diese These Heinrich Schliers 11 trifft die Intention der matthä-
ischen Redaktionssrbeit im Kontext von 24,9ff. genau. Der voran-
stehende Text redet von einem dreifachen, immer wuchtigeren Zu-
ssmmenstoß des Davidssohnes mit Israel (vgJ. S. 68). Der Evangelist
als Gestalter der Komposition 21,12-17 1 21,18f. - 21,23-27/21,
28-22,10 - 22,1rr-46 1 23,1-24,2 führt dreimal Israels aggressive
Gottlosigkeit vor Augen und läßt dem jeweils - als berechtigte
Reaktion - die das Schicksal Israels besiegelnden Gerichtssprüche
Jesu folgen. Am Ende stehen die Weherufe : die letztgültige richter-
liche Destruktion Israels durch das Wort seines Königs, der die Gottes-
geschichte .. dieses Geschlechts" mit dem Jahre 70 zu Ende bringt".
Den Schluß jeder der drei Einheiten bilden Worte und Szenen, die
aktuelle Lehre für die Gegenwart der .. Kirche" nach 70 darbieten:
21,20-22; 22,(9f.).11-14; 24,3-25,46. Zu solcher aktuellen .. kirch-
lichen" Lehre, die im Falle von 24,3ff. ..eschatologische" Unter-
weisung ist, gehört für Matthäus in 24,9ff. nur noch die Heidenbe-
rufung und ihre Not (24,9) - Israel liegt dahinten. An die Stelle der
Verfolgung durch Israel tritt auch - eine weitere Abweichung vom
Markus-Text - die .. innerkirchliche" Bedrohung und Auseinander-
setzung (24,10-12a)u: das Zu-Fall-Kommen vieler, gegenseitige
Auslieferung und Haß der .. Christen" untereinander (24,10) M, falsche
Propheten mit ihrem zahlreichen Anhang (24,11), das Überhandneh-
men der .. Ungesetzlichkeit", was gleichbedeutend ist mit dem Erkalten
.. RNT 33M. • Vgl. 24,14.
", Die Entacheidung für die Heidenrnisaion in der Urchriatenheit, in: Die
Zeit der Kirche, 2. Auft. 1958,  
11 21,41; 22,7f. Zu 23,38 und 24,2 vgl. S. 58f.
11 Sondergut; 24,11 red. nach 24,24 = Mk. 13,22.
M Beachte das T6n 24,10 im Anschluß an 24,9: "und dann" - sc. wenn die
"Jünger" von allen Heiden verfolgt werden. Der Text setzt klar Christen·
verfolgungen im heidnischen Raum und die entsprechenden "kirchlichen" Er.
fahrungen vorBua.
Die Markus-Stoffe 85
der Liebe bei vielen 81_ Wenn Max Meinertz sagt: "Mt. 24,9 und 24,14
liegt gar kein Grund vor, n.T.t auf Heiden zu beschränken
H
", muß er
24,9ff. gänzlich isoliert exegesiert haben. Auch Trillings Urteil zu 24,9,
du im Rahmen seiner ekklesiologischen Deutung der heilsgeschicht-
lichen Nachfolger Israels steht, läßt sich nur so erklären, daß Trilling
die Aussagen von 24,9.14 nicht auf dem Hintergrund der voraus-
gehenden Kapitel und ihrer Israel-Darstellung zu sehen vermag. Er
sagt: "Ein Gegensatz oder nur ein Spannungsverhältnis zwischen
Juden (!) und Heiden ist an dieser SteUe nicht wirksam"·7_ Zwar legt
Trilling den Finger auf den von 24,14: "Es gilt das
gleiche wie für 25,32, wu Zahn treffend formuliert: ,ntivrot T«  
bezeichnet hier wie Vers 9 _ .. ebensowenig die Heiden mit AU88Chluß
Israels, als 6>'11 die Welt mit AU88chluß Palästinu, sondern
die gesamte in Völker geteilte Menschheit mit Einschluß Israels ___ • "aa
Jedoch liegt in dem Zusatz b 6>.n T'ij keine Stütze für seine
"universalistische" Interpretation (vgl. S_ 78). 1I. T. 01. gibt lediglich
den Ort für die Predigt "dieses Evangeliums vom Reich" an, während
!1otp-ruptOV niiatv TOL4;     präzis definiert, wem (nach dem Ende
Israels) auf dem ganzen Erdkreis das Evangelium zu verkündigen
ist - eben allen Heiden. Der geographische Begriff der
natürlich "Palästina" in sich schließen kann, wird durch das personale
Objekt niiatv     eindeutig als "heidnische" Ökumene cha-
rakterisiert; von dorther scheidet "Israel" aus dem Ökumene-Begriff
aus. Trilling empfindet selber Schwierigkeiten: "Allerdings wäre noch
die Frage zu stellen, ob Matthäus hier auch speziell an die Juden ge-
dacht haben sollte, wenn die Scheidung zwischen Kirche und Synagoge
schon so weit fortgeschritten war, wie es später dargelegt wird. Es ist
durchaus denkbar, daß Matthäus eine Mi88ion unter den Juden im
gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr für möglich hielt und dann
Israel stillschweigend ausschloß" H. In Wirklichkeit ist für Matthäus
"Mission" an (dem zurückliegenden) I&rael undenkbar geworden.
Und wenn er im Zusammenhang mit der von ihm vorgelegten naht-
losen Verbindung "Israel - (und dann) die Heiden" nur noch von
den Heiden spricht, ist Israel nicht stillschweigend, sondern aus-
drücklich ausgeschlossen. Dabei muß scharf gesehen werden, daß der
•• Die Probleme einer späteren, "laxeren" Zeit (vgl. Apok. 2,4). Out 8chmid
RNT 336: .. Man wird annehmen müssen, daß dieaea düstere Bild nioht nhnA den
Blick auf die Lage der Kirche zur Zeit dea Matthiua !!,!zeichnet ist."
.. Jealls und die Heidenmisaion, Neutestamentliche Abhandlungen 1/2,
1908, 181.
17 A.a.O. 27; ebenda zu 24,14: "die Verkündigung unter allen (damala be-
kannten) Völkem"; vgl. 28; 128 .
.. A.a.O. 28; Zahn 666, Anm. 7 .
• 1 A.a.O. 28; mit der Fortsetzung: "Doch erscheint dieser Unsicherheits-
faktor gering angesichts des ganz allgemeinen und formelhaften miVTIZ .,.a, flMJ."
86
Die Heiden im MattbA.....wngelium
Begrift'akonnex ,,1111'&81 - die Heiden" für die "Juden" ebenaowenig
Raum läßt wie für die "Judenchristen"; irgendwelche Zwischenglieder
und NebengroBen Bind erstaunlicherweise nicht vorgesehen. Soll man
sich diesen Sachverhalt so erklären, daß Matthäus sein Evangelium
als Heidenchrist und im Raum einer "Heidenkirche" schreibt, die nur
noch ihren "kirchlichen Auftrag" an der Heidenwelt vor sich sieht, die
"Juden" aber aus den Augen verloren hat! Hi1ller dieser "Kirche"
steht die zu 1111'&81 gesandte JüngerschaCt der Vergangenheit, als deren
NachColgerin sie sich versteht, _ ihr liegt nach dem heilageschicht-
lichen Umbruch ,,1111'&81 - die Heiden" die "eschatologische" Auf-
gabe der Heidenmiaaion (24,14). Wenn je ein extrem heidenchristliches
Evangelium unter völliger Abaehung von den "Juden" geschrieben
wurde, ist es dann das Matthäus-Evangelium t - Bleibt noch anzu-
merken, daß der Zusatz I'"II3l in 24,20, der Mk. 13,18 fehlt,
in der Reichweite von Kap. 21-23 und 24,9-14 nicht für die an-
geblich "judenchriatlichen" Interessen des Evangelisten in Anspruch
zu nehmen ist-. I'"II31   ist schon für Matthäua (wie für die
heutigen "Heidenkirchen") ein Anachronismus und kann gerade so als
irrelevant im Text stehen bleibenU.
Me. 27,51-54/ Mk. 15,38/.
Zur matthäischen Geata\tung dieser Szene vgl. S. 72f. Hier inter-
essiert nur eine bestimmte Abweichung von 27,54 gegenüber Mk.
15,39. Spricht bei Markus der Centurio, der Jesus gegenüber dabeisteht,
noch als einzelner: "Dieser Mensch ist wahrhaftig Gottes Sohn ge-
wesen", so hat im Matthäus-Text der Hauptmann schon andere Be-
kenner der GotteaachnschaCt = Messianität
U
Jesu neben sich, wobei
Matthäus das markinische "dieser Mensch" (= Lk. 23,47) als unan-
gemessenen Ausdruck für den messianischen König llII'&81s meidet und
dafür das würdigere und neutralere "dieser" setzt. Er macht sich wohl-
überlegt an sein Werk, dem verwerflichen 1111'&81, das seinen Messias
ans Kreuz bringt, nicht nur den einen gläubigen Centurio gegenüber-
zustellen. Der österliche Glaube an den Gotteaachn ist für ihn Sache
--..--z,;-24, 20 vg\. Strecker 18, Anm. 3 und S. 32: ..... trotz dee ttberhanlP'
gegen M .... kus handelt ee .ich dabei wohl um die Wiedergabe der zugrunde
liegenden jüw..,h.apokalyptiachen Vorlage ... vieUeicht auf Grund der Ge·
meindeüberlieferung ...
• 1 Zu 26,13 vg\. S. 81 (Anm. 24) .
.. Vg\. 2,4 ff./16; 16,16; 16,16/20; 26,63; 26,63/68; 27,37/40; 27,42f. Du
"wer" dee Texteo ist durchaus "hiatoriach" lI"'!'eint. Die M_ianität Jeeu endet
mit dem Kreuz; .ie kennzeichnet die Hoheit dee lrd;.chen. Der "von jetzt ab"
zu Erwartende heißt Menochenaohn (26, M) und het göttlich.koomiachen .. Rang"
(26,64: vgl. 24,23-27) lind allgegenwärtige göttliche Gewalt über Himmel und
Erde (ohne Titel 28,18): der künftige Richter (13,41f.; 16,27; 19,28; 25,31). Die
Heiden legen also, wo Israel vel"ll8l(te, retroopektiv und poot mortem J eeu du
richtige Bekenntnis zum irdiachen Berrn dee Glaubens, zum Meuiu Iaraela, ab.
Die Q.l\lateria1ien 87
aller an Tod (und Auferweckung) Jesu beteiligten Heiden: Als aber
der Hauptmann und die, welche mit ihm Jesus bewachten ... Sie
werden so zu Prototypen und Vorbildern des Glaubens für die heid-
niehe Welt, der nach der Destruktion Israels das abschreckende
Wort vom Unglauben "dieses Geschlechts" zusammen mit dem ein-
ladenden Kerygma von den "ersten Gläubigen der heidnischen
Völker" .. verkündet wird. Ihrem Glauben sollen die neu Berufenen
nachfolgen ".
2. Die Q-Materialien
Mt. 3,9/ Lk. 3,8
In seiner 1951 erschienenen Schrift "Die Weissagung über Israel im
Neuen Testament" wollte Gottlob Schrenk schon aus 3,9 einen Hin-
weis auf die Heidenmission entnehmen". Das Q-Logion rüttelt
energisch am traditionellen "jüdischen" Heilsvorzug der Abrahams-
kindschaft, ohne freilich seine Alternative eindeutig auf "Heiden"
festzulegen: denn ich sage euch, Gott kann dem Abraham aus diesen
Steinen Kinder erwecken. Obgleich bei Matthäus die Verse 3,7b-9
an die Repräsentanten Israels von 3,7 a, die Pharisäer und Sadduzäer
(red.), adressiert sind, gibt er dem Stoff dieselbe Stoßrichtung, die er
schon in Q besaß: das Täuferwort ist ganz auf "Israel" und seine Er-
schütterung ausgerichtet. Die "andere Lösung" ist als Drohung, als
gefährliche, aber durchaus "unnötige" Möglichkeit für den Fall der
(hier noch nicht als fait accompli vorauszusetzenden) unbußfertigen
"Fruchtlosigkeit" Israels vorgesehen. Erst mit dem weiteren Gang
der Dinge sieht man im Matthäus-Evangelium, daß Gott in der Tat -
anstelle Israelsl - Heiden zu "Abrahams Kindern" erweckt (vgl. 8,
11f.), was jedoch mit 3,9 selbst so nicht gegeben ist.
Mt. 5,461-/ Lk. 6,32/.
Die der grenzenlosen Liebe Gottes korrespondierende Feindesliebe
(5,43--45) wird hier kräftig gegen die Liebe der Zöllner und Heiden
'" Der Ausdruck Lohmeyera 397.
" Mt. 20, 19fMk. 10,33 und Mt. 20,25fMk. 10,42 sollen nur anmerkunga.
weise betrachtet werden. Die erste Stelle aus der dritten Leidensweisaagung
spricht davon, Jesus werde durch die Repräsentanten an die Heiden
werden. womit die Römer gemeint sind.   f&v.,,,. ist hier Ausdruck Jüdisch.
judenchristlichen Empfindens.
Die zweite Stelle nennt im Gedanken an du Verhältnis der Herrschenden zu
den Beherrschten die "Fürsten der Völker". Da jeder Gegensatz zu "Israel" fern·
liegt (vielmehr 20,261) und an gängige politische Verhältnisse gedacht ist, darf
man hier analog zu einer Spielart des LXX·Sprachgebrauchs (vgl. Meinertz
a.a. O. 180) "Israel" ruhig als m den "politischen", religiös unpointierten Völker·
Begriff einbezogen denken .
.. S.65, Anm. 7 (in Verbindung mit S. 15).
88 Die Heiden im MatthAusevangelium
"auf der Basis der Gegenseitigkeit" .. abgesetzt. Keine Frage, die hier
begegnenden Termini "die Zöllner" und "die Heiden" (vgl. 18,17), die
Lukas beide Male durch das akkommodierende "die Sünder" wieder-
gibt, sind von der PrämiBBe "jüdischer" Distanz zu den Steuer-
pächtern und Heiden aus geprägtu. Das gilt auch für "die Heiden"
6,7 und (Tei) l&vtj 6,32; 10,5; 20,19&8. Man wird auch zugestehen
mÜBBen, daß es sich dabei nicht um Ausdrucksmittel des Evangelisten,
sondern durchweg um übernommenes Gut handelt". Gleichwohl ist
mit dieser Feststellung die Frage nicht gelöst, warum gerade der an
den Heiden intereBBierte Matthäus diese Terminologie aufnimmt, an-
statt sie konsequent zu tilgen oder dem Duktus anderer Partien seines
Evangeliums anzupassen (zu "Zöllner" vgl. 9,10f.; 11,19; 21,31f.; zu
"Heiden" 10,18; 12, 15tJ. usw.). Streckers Antwort, Matthäus gehe es
nicht mehr um den Gegensatz Juden - Heiden, sondern um das Ver-
hältnis des "dritten Geschlechts" zum Heidentum &0, vermag nicht
weiterzuführen, da die Verse 5,46f.; 18,17 nicht nur die Heiden,
sondern auch die Zöllner (also bestimmte "Juden") in den Lichtkegel
der Betrachtung stellen und nach dem streng historischen Aufriß des
Evangelisten - zusammen mit den abwertenden Heiden-Texten
6,7.32; 10,5; 20,19 - den Gegensatz JetJ'U zu Zöllnern und Heiden
ansagen, der, soweit er die Heiden betrifft, zum matthäischen Entwurf
einer ausgerechnet zu den Heiden hin geführten Heilsgeschichte Jesu
in seltsamem Widerspruch zu stehen scheint. Die historische Dar-
stellung des Evangelisten verbietet es, die Reserve JetJ'U gegenüber den
Heiden, von der die Texte wiBBen, auf das spätere Verhältnis der
"Kirche" zu den Heiden zu übertragen, das an anderen Stellen zur
Sprache kommt (22,9f.; 24,9.14; 28, 18tJ.). Der "historische Aufriß"
des Evangelisten führt auf die Lösung unseres Problems. Die "jü-
dische" Reserve gegenüber den Heiden kann Matthäus bedenkenlos
der Jesuszeit zuordnen. Die heilsgeschichtliche Periodisierung erlaubt
es ihm, zunächst einen völlig "jüdischen" Jesus zu Wort kommen zu
I_n, der allein zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt
ist und seinen Jüngem die Heidenberufung ausdrücklich untersagt.
Der MeBBias Israels vermag unter seinem Volk in einem Atemzug von
Zöllnern und Heiden zu sprechen und die Heiden als abschreckendes
.. Die Formulierung Hummels 26 .
.. Vgl. Kilpatrick 117: "The expl'888ions, sinner, publican, and harlot, are no
harsher than those employed in Rabbinie literature ... i a   , , , 6 ~ ... has ade·
rogatory suggestion and lacke nothing of the Rabbinie resen·e toward the
P8IIans."
- .. Bis auf 20,19 (vgl. dazu S. 87, Anm. 44) alles Sondergut .
•• Vgl. Strecker 33 .
.. A.a.O. 33. Hummel 25f. meint (mit Kilpatrick 119), "daß bei ihm der
Unterschied zwischen Juden und Heiden auch der Unterschied zwischen Christen
und Heiden geworden ist."
Die Q.Materialien 89
Beispiel zu zitieren; ihm kommt ja auch das schroffe Wort 15,26 zu,
das die heidnische Frau nur bestätigen kann (15,27 ycip!). Matthäus
hat freie Hand für die judenchristlichen Relikte unserer Texte, weil er
sie entschlossen historisiert und ihnen innerhalb seines geschichtlichen
Entwurfs einen vorläufigen Ort zuweist, sie als relative, durch die
folgenden Ereignisse "überholte" Aussagen fixierti!. Die von Israel,
dem Erstling der Basileia·Berufung, her gering zu schätzenden
"Heiden" sind später, da lmul8elb8t gering8C1aätzig wird, die von Gott
Berufenen. Die Letzten werden die Ersten sein.
Mt. 8,5-13/ Lk. 7,1-10; 13,28j.
Den Komplex Kap. 8-9, der die Heilstätigkeit des Davidssohnes
im Volk Israel schildert (8,17; 9,33.35
11
), eröffnet Matthäus mit der
Heilung des Aussätzigen. Auf 8,1-4 läßt er die in Q vorgefundcne
Perikope vom Glauben des heidnischen Hauptmanns
l8
und der Hei·
lung seines Knechts folgen - erstsunlicherweise, denn was soll das
Heiden-Wunder in diesem Zusammenhang! Es ist nicht zu übersehen,
daß 8,10b von dem heidnischen Hauptmann weg auf Israel blickt.
Die Geschichte seines Glaubens entbindet die Feststellung: Wahrlich,
ich sage euch, bei niemandem in Israel habe ich solchen Glauben ge-
funden (vgl. S. 49). Die ursprünglich selbständigen Q-Logien 8,llf.,
die Matthäus anschließt, führen das Israel-Thema von 8,10b weiter;
dabei wird Lk. 13,28f. umgestellt: zuerst kommt die AUlIIID.ge über
die Heiden, am Schluß steht das Akumen der ganzen Szene, das
Logion vom eschatologischen Unheil Israels". Das alles ist bewußte
redaktionelle Gestaltung. Der Evangelist will zeigen: Wo der Davids-
sohn (9,27) sich mit seinem Heil dem verlorenen Israel (vgl. 4,12fF.23fF.)
zuwendet, steht Israel in einer letzten Tiefe der Entscheidung. Seine
Absage an dieses Heil bedeutet den Verlust seines eschatologischen
Heils. Diese Absage Israels an den messianischen Heilbringer setzt
Matthäus hier schon voraus. Kaum ist die große Hilfe Jesu "zum
Zeugnis für sie" (8,4) auf den Plan getreten, muß schon von Israels
11 Anmerkung zu 6,32. Wo Matthiua .. nach solchem allem t·rachten die
Heiden" schreibt, bringt der parallele Lukas·Text 12,30 die .. Völker der Welt".
Im Vergleich mit Mt. 6,32 ist Lk. 12,30 religiös entachrinkt und universaJisiert.
Man darf annehmen, daß Matthiua den härteren und Alteren Text biete'. Von
seiner heilageechichtJichen Konzeption her hat er es nicht nötig, anstöBige
Judaiamen zu entfernen. Sie I!9ben seinem Bild Farbe - .. Lokalkolorit".
I. Vgl. S. 34 mit Aom. 67. - 9,36 gehört zum Folgenden. EIl motiviert die
Israel·Sendung der Jünger mit Jesu Barmherzigkeit und dem Elend des Volks.
9,37 .. die Ernte ist groB" und 10,6 .. die verlorenen Schafe des Hauses Israel"
blicken auf 9,36b zurück.
I. VgJ. Ernst Haenchen, Johaoneiache Probleme, in: Gott und Mensch,
19611, 82ff.
" 8,13 bekommt nun den Charakter einer .. kraftvollen" Bestätigung der
vorausgehenden Worte.
110 Die Heiden im MatthAuaevangelium
totalem Unglauben gesprochen und aeine verheerende Konaequenz
dargetan werden. Der Schluß des Komplexes Kap. 8--9, die Partie
9,32-34, bestätigt aeinen Anfang: kein Glaube, obgleich "solches"
in I_I noch nie gesehen wurde; dafür die Verketzerung des Mesaiaa.
Man darf also sagen, daß Matthäus 8,5ft'. um seines I_I-Votums
willen hinter 8,1--4 einordnete. Daß dabei auch Heiden ins Blickfeld
treten, bringt der Stoft' mit sich, ist jedoch dem Evangelisten nur
willkommen, denn so können auch die über Israels Geschick hinaus-
greifenden Konaequenzen aeines Versagens deutlich werden. Viele
lll
werden von Morgen und Abend kommen und mit Abraham, Isaak
und Jakob im "Himmelreich" zu Tische liegen. Dagegen sind die Söhne
der Basileia
H
- ein rundes Kollektivurteil in strenger Entsprechung
zur definitiven These 8,10 b
l7
- dem kommenden Gericht verfallen H.
Für 1Br&el, den matthäischen Komplex des Böaen, gibt es keine escha-
tologische Zukunft. So verrät 8,11 f. expreBBis verbis noch nichts von
der heilsgeschichtlichen Periodisierung des Evangelisten, aetzt sie je-
doch der Sache nach voraus. Wenn die "Söhne der Basileia" am Ende
en bloc von den Schrecken des Gerichts getroft'en werden, viele Heiden
aber in die eschatologische Freude eingehen H, ist I_I als Ganzes an
seiner Berufung zur Himmelsherrschaft gescheitert, doch viele von
Morgen und Abend haben - nach IBr&eIs Zeit des Ungehorsams -
geglaubt.
Mt. 12,38-42 I Lk.ll,29-32
Matthäus bezieht den Q-Stoft' energisch in aeine heilsgeschichtliche
Darstellung ein. Die Repräaentanten, "etliche der Schriftgelehrten
und Pharisäer", begegnen Jesus mit einer Zeichenforderung
lO
• Ihr
.. Ob .... llol hier für Matthä ... ,,aemitisierenden, inkludierenden" Sinn hat
(vg\. Jeremiaa, Verheißung .7, Anm.182), muß fraglich encheinen, da ee
Lk. 13,29 fehlt, aJao vom Evangelisten selbet stammen kann und von anderen
Texten matthäiacher Prägung der Gedanke an eine totale endzeitliche "An.
nahme" d ... Heiden auageachloaaen wird (22,11-1.; 211,31ff.) ..... llol (- viele)
ist von der Zuversicht diktiert, daß die Heiden reichlich erbringen werden, was
Iarael verweigerte, bewahrt jedoch kritische Reserve. Es handelt sich auch f'"Ur
die Heiden um Bet"Ufung zur Baaileia; auch hier bleibt die Möglichkeit des Wider-
stande (vgl. 2.,9).
H Andera Lk. 13,28; Anredeform.
17 GeRen Sclunid RNT 1M: Jeeua habe solchen Glauben " ... bei seinem
eigenen "olk noch nicht ( I) angetroffen ... " Er sei ihm "bisher nicht begegnet".
.. Tl> ",,6_ Tl> ist zusammen mit 6   xad 6 llPuyjJ>; Tc;."
6a6vT ... matthäiache Wendung für das Verderben des Gerichte (am Ende). So
auch 22,13; 25,30 .
.. Von einer "Drohweiaaagung für die Juden (I)" kann kaum die Rede sein
(!P'88n Sclunid RNT 1 M). Der Satz ist - nach 8, 10 b I - solenner Urt&iloapruch,
em endgiiltigea "Wort.der·Heilageachichte" und erhebt die "vielen" auedrücklich
zum ,,Er_" für Iarael (gegen Sclunid RNT 1611) .
.. Andera Lk.Il,29; vgl. 11,18. 12,38 ist redaktionellea, abgewandelt.
Duplikat von 16,1 = Mk. 8,11.
Die Q·Materia\ien 91
Ansinnen wird abgewiesen mit dem Hinweis auf das J onazeichen
(12,39f.; vgL S. 54) und findet seine Antwort durch die schon in Q
folgenden Gerichtsworte 12,4lf. Matthäus zieht den Ninivitenspruch
gegen Lk. 11,32 ad vocem Jona nach vorne, "weil er ,die Predigt des
Jonas' unmittelbar hinter ,das Zeichen des Jonas' stellen wollte"
l1

So werden beim Gericht die Niniviten zusammen mit diesem Geschlecht
(des Davidssohnes) auftreten und es verurteilen, denn sie haben sich
auf die Predigt des Jona hin bekehrt, und siehe, hier ist mehr denn
Jona - und Israel hat sich nicht bekehrt (11,20)! Und die Königin des
Südens wird beim Gericht zusammen mit diesem Geschlecht auftreten 11
und es verurteilen, denn sie kam von den Enden der Erde, um die
Weisheit Salom08 zu hören, und siehe, hier ist mehr denn Salomo -
und Israel läßt sich nicht bewegen. Der Evangelist braucht seine Vor-
lage mit Mitteln seiner Redaktionsarbeit nur exakt auf das "messia-
nische Geschlecht" auszurichten, um dessen endgeschichtliche Ka-
tastrophe - durch den Mund von Heiden - zur Darstellung zu
bringen. Ihm genügt die AUBB&ge des Q-Stoft'es, daß es bestimmte
Heiden sind, die "Israel", den Gegenstand seiner Geschichtsschreibung,
am Tage des Gerichts verdammen werden. Er verzichtet darauf, die
Heiden seiner eigenen heilsgeschichtlichen Betrachtung hier in den
Text einzuführen 11.
Mt. 22,1-10 I Lk.14,16-24
H
Verschiedene Ausleger haben die Frage diskutiert, wer mit den
"Knechten" des Gleichnisses von der königlichen Hochzeit im ein-
zelnen gemeint sei. So deutete Bernhard Weiß die Knechte von 22,3
auf die Propheten 11. Zu 22,4 bemerkte er: "Gemeint können hier nur
die beiden letzten Gottgesandten, Johannes und Jesns, sein ... weil
diese die unmittelbare Nähe des Gottesreiches verkündigten ... nicht
aber die Apostel ..... Sein Sohn Johannes urteilte anders: "Er unter-
scheidet eine erste Gruppe Knechte - die Propheten -, die schlecht-
hin auf Ablehnung stoßen, und eine zweite; erst diese sagen eigentlich
die Stunde an; es sind die Apostel Jesu, die zuerst an Israel die Bot-
schaft gebracht haben (10,5)"17. Theodor Zahn hatte hinsichtlich der
11 Schmid RNT 214 .
.. Lk.II,31"mitdenMännemdieaesGeschlechta";""'T""p ... , .. ':'Tool.;.Matthiua
Connuliert in strenger Parallele zu 12,41 "mit diesem Geschlecht" ; "",nlep'''' .. ':'-rljv .
.. DB888lbe tut er 11,20-24. •• Vgl. S. 55f •
.. Das Matthius.Evangelium, MeyerK, 9. Au1I. 1898, 373. Dieselbe Exegeee
von 22,3C. findet .ich bei H. J. Holtzmann, Die Synoptiker, 2. Auf!. 1901, 275 •
.. A.a. O. 373C. Weiß übersieht 10,7 (und 24,14).
17 Die ilteren drei Evangelien, SNT, 3. Au1I. 1917, 353. Ahnlieh R. Swaelea,
L'orientation ecch!eiastique de la paraboIe du festin nuptiale en Mt. 22,1-14;
Eph. Th. Lov. 36 (1960) 655-684, 676. Daß die "zweiten Knechte" die eigent-
liche Stunde ansagen, ist eingetragen. Schon die ersten aollen die Geladenen zur
Hochzeit rufen - sie aber wollten nicht kommen.
92 Die Heiden im lIIatthlillll8V&Jlg8liwn
"Propheten" seine Bedenken: "Nicht die Propheten des AT's konnten
Israel zur Hochzeit rufen, denn damals war längst nicht alles bereit ...
Sind also Joh. und Jesus die zuerst genannten Knechte, so können die
nach deren Abweisung seitens Israel gesandten Knechte nur die
Apostel sein ... "88 Julius Wellhausen wiederum betonte, daß unter
den Knechten " ... nur die Apostel verstanden werden können" al.
Sein Argument war, es handle sich um die Hochzeit für den Sohn des
Königs, d.h. für Jesus Christus: "Dadurch wird er verhindert, Jesus
als den Überbringer der Einladung zu betrachten 70". Das mag richtig
beobachtet sein, liefert jedoch eine zu schmale Basis der Beweis-
führung. Will man Klarheit gewinnen, wird es unerläßlich sein, den
Kontext von 22,1ff. heranzuziehen. Der "Vorläufer" und Jesus selber
sind von Matthäus unter Verwendung von Sondergut (21,28ff.) und
Hk. 12,lff. (= 21,33ff.) schon mit ihrem Gleichnis bedacht worden,
was sicher kein Zufall ist, denn bei beiden handelt es sich für ihn um
Verkündiger der Himmelsherrschaft für dasselbe Israel, mit dem
Jesus hier abrechnet. Beide Male war seine Bosheit zu konstatieren;
beide Male wurde ihm das Gericht angesagt. Doch auch die "Apostel"
sind für Matthäus Boten des Himmelreichs (10,7; vgl. 24,14). Wie
gesagt, ist Jesus nach unserem Evangelisten nicht nur im Blick auf
seinen "Vorläufer", sondern auch hinsichtlich der Jünger die Zentral-
figur der Basileia-Bot8Chaft für sein Volk. So ist es ~ u r konsequent,
daß auch sie hier - nach JOMfI,nu und Je81UJ und gemäß der Reihen-
folge 3,2/4,17 /10,7 - ihr Gleichnis (vom Himmelreich!) bekommen.
Das zeigt, was ihnen von Israel (wie zuvor Johannes und Jesus) wider-
fährt 71 und wie Israel mit ihrer Verwerfung endgültig untergeht. Diese
Deutung erhält durch 23,32ff. eine starke Stütze. Hier sind es ja
wieder die Gesandten Jesu (23,34), die Israel zurückweist und an deren
Verfolgung sich das grausige Finale seiner ganzen mörderischen Ge-
schichte (einschließlich seiner prophetischen "Vorgeschichte") ent-
zündet - das Finale des Jahres 70. Mattbäus bezieht, wie gezeigt
wurde, 23,38 und 24,2 bewußt in den Zusammenhang der: Verse
23,32ff. ein (vgl. S. 5 ~ 5 9   . In genauer Parallele zu 23,32ff. geht in
22,lff. die Sendung der "Knechte" und ihre blutige Verfolgung (22,6!
- fehlt Lk. 14) dem Zorn des Königs voraus, der seine Heere sendet,
jene Mörder umbringen und ihre Stadt verbrennen läßt (22,7) -
.. A.a.O. 637. Vgl. 638 zu 22,7. Anders T. W. Manaon, Sayinga 225: Große
Propheten - Jeaua und die Apostel. Zahn kommt der Wahrheit eehr nahe, nur
bezieht er 21, 28 ff. und 21,33 ff. nicht in die Betrachtung ein .
•• Evangelium Matthaoi 110. Anders MichaeliB, G1eichniue 151: "lIIatthiua
wird bei den Knechten auch dieses Gleichnisses an die Propheten der Zeit vor
Jeau8 aedacht haben."
70 E:benda.
71 Von Jeaus aus gesehen liegen die Ereigru- in der Zukunft (22,7; vgl.
23,32 ff.); der EvangeliBt blickt auf sie zurück.
Die Q-Materialien 93
wieder die Ereignisse des Jahres 70. Eine weitere Entsprechung zu
23,32ff. liegt darin, daß mit 22,9f. ein neuer Akt der Aussendung
beginnt: Rufet, welche ihr findet ... So folgt auf die Worte vom Unter-
gang Israels 23,32ff. die .. aktuelle" Wei88&gung von der Predigt des
Evangeliums vom Reich zum Zeugnis für die Heiden (24,9.14). Wie in
22,7ff. setzt das Weiterschreiten der Basileia-Botschaft zu den Heiden
Israels heiJsgeschichtliches Ende voraus. Im Zusammenhang der
Gleichnis-Trias 21,28ff. und im Blick auf die sorgfältige redaktionelle
Gestaltung des Parallel-Textes 23,32ff. (mit 24,9-14) ist die heils-
geschichtliche Deutung des Himmelreichs-Gleichnisses 22,1ff. nicht
von der Hand zu weisen. Matthäus blickt auf die Sendung der .. Jünger"
als Basileia-Boten für Israel und (dann) für die Heiden 71.
Andere Ausleger deuten freilich die anstelle Israels Berufenen auf
die .. Christen". So sagt Heinrich Schlier: .. Wir, die Christen aus den
Heiden, sind die, die von den Straßenkreuzungen der Welt ohne Vor-
bereitung in der Geschichte gerufen worden sind, nachdem Israel als
Volk sich Gott versagt hatte" 71. Oder Julius Schniewind spricht davon,
V. 22,8--10 bedeute gewiß, "daß Gottes Ruf zu den Heiden kommt" 7.,
was ihn nicht hindert, auf derselben Seite hinsichtlich des Verses 22,10
zu sagen: .. Hier wird wieder die Strenge spürbar, mit der Mt. durch-
weg über die Gemeinde der Christen urteilt ... und ähnlich wie 13,
24ff.36ff.47ff. wird daran erinnert, daß, zur Christengemeinde zu ge-
hören, keine Sicherheit und Sicherung bedeutet." Schniewind will mit
den angezogenen Texten offenbar auf das berühmte kirchliche .. corpus
mixtum" anspielen". Katholische Ausleger wie TriJling und Gnilka
denken gar an eine .. Massenkirche" . So sagt Trilling: .. Die große Zahl
der neuen Gäste, ihre bunte Mischung und offenbar wahllos zusam-
mengewürfelte Menge wird so kräftig betont, daß man ... dahinter
" So mit Jeremiaa, Gleichnisse 62 ("wahrscheinlich an die Heiden gedacht"):
Schniewind 221; Schlatter, Erläuterungen I 326; Schrenk ThW IV 181: Francis
W. Beare, The Parable ofthe Gueste at the Banquet, A Sketch ofthe History of
ite Interpretation, in: The Joy of Study, Festechrift für F. C. Grant, New
York 1961, 1-7; S.6; Michaelis, Gleichnisse 163; Zahn 638; M.-J. Lagrange,
&elon Saint Matthieu, 1923, 422; Gnilka 113. Sehr uneinheitlich
Strecker 34 ("anstelle Israels (V. 7) die Heiden erwihlt") und 219, Anm. I:
.. Der Kontext enthält einen heilsgeschichtlichen Abriß, der nach der Schil-
derung des Geschicks des Volkes Israel (22,2-8) von der Fortsetzung der heils-
geschichtlichen Kontinuität durch die Heidenkirche (I) spricht (V. 9 ff .... "
" Der Ruf Gottes. Eine biblische Besinnung zum Gleichnis vom königlichen
Hochzeitamahl (Mt. 22,1-14), Geist und Lehen 28 (1956) 241-247, 244 .
.. NTD 221.
..   Wolfgang Trilling, Zur tlberlieferungsgeschichte des Gleichnisses vom
Hochze.temahl Mt. 22,1-14: BZ 4 (1960) 251-265, 254 ("die Gemeinde in
ihrer Miaahung von Unkraut und Weizen vor dem Gericht"): Joachim Gnilka,
Die Kirche des Matthius und die Gemeinde von QumrAn, BZ 7 (1963) 43--63,
49: C. W. F. Smith, The Mixed State of the ChlUCh in Matthew's Gospel,
JBL 82 (1963) 14.9-168.
Die Heiden im MatthäWl8Vangelium
eine Absicht vermuten muß ... Hinter diesen AU8drücken schimmert
eine Situation durch, die man nur mit einem Wort benennen kann:
Maasenkirche" 71. Doch wird man sich hüten müssen, die .. Kirche"
des ausgehenden ersten Jahrhunderts unter grober Mißachtung der
historischen Gegebenheiten mit modern-ekklesiologischen Etiketten
zu versehen. Auch wird die Frage zu stellen sein, ob im Matthäus-
Evangelium die Vorstellung der .. Kirche" als eines corpus mixtum
das Gewicht besitzt, das man ihr oft zuschreibt. Nach 2','f.10-12.
23-27 jedenfalls ist die voreschatologische Gestalt der .. Kirche"
nicht .. Mischung", sondern .. Spaltung". Die Jüngerschaft vor dem
Ende hat hier mit Verführung, Abfall, Verrat, gegenseitiger Verfolgung
zu schaffen; der Gegensatz der Geister, nicht die complexio opposi-
torum beherrscht die .. kirchliche" Szene. Es ist zu fragen, ob die
ekklesiologische Deutung des Gleichnisses vom Unkraut unter dem
Weizen (13,2'-30) -n .•• die ,Kirche' ... ein corpus mixtum ...
das der Scheidung zwischen Guten und Bösen im Endgericht entgegen-
geht" 77 -, seiner Auslegung in 13,36---43 standhält. Der Acker ist die
Welt, nicht die .. Kirche" (13,38)11. Auf diesen Acker sät der Men-
scheusohn den guten Samen, die .. Söhne des Reichs". Daneben finden
lich - auf demselben Acker der Welt - die .. Söhne des Bösen", die
der Feind sät. Der Menscheusohn sendet am Ende seine Engel und
läßt durch lie aus .. seinem Reich" alle Argernisse usw. sammeln. Der
Kontext führt den Ausleger darauf, bei .. seinem Reich" an die .. Welt"
zu denken (vgl. 2',31; 28,18)11. Ähnlich läßt auch das Basileia-
Gleichnis 13,"-50, das Gleichnis vom Fischnetz, keinen deutlichen
Hinweis auf .. kirchliche" Verhältnisse erkennen. Die (kav.c(at ist hier
gleich einem Fischnetz, das (Fische) VOll aller Arl zusammenbringt -
die Bösen und die Gerechten 13,'9 -, die einer kritischen Auswahl
unterworfen werden. Für das Welt-Gericht von 13,3611. erscheint hier
das Universal-Gericht. Daß mit dem corpus mixtum des Textes auf
die .. Kirche" gezielt sei, legt der Text selbst dem unbefangenen Be-
trachter nicht nahe. Es empfiehlt lich nicht, den .. kosmischen" und
.. universalen" apokalyptischen Horizont der beiden Gleichnisse in
Richtung auf einen speziell ekklesiologischen (das Endgericht über die
.. Kirche") zu verengen: die Predigt der BaBileia ist im Matthius-
.. Überlieferungageachichte 268 f.: vgl. Gni1ka, Kirche des Matthäus 48.
" Günther Bomkamm, Enderwartung und Kirche im Matthäuaevangelium,
in: G. Bornkamm, G. Barth, H. J. Held, Überlieferung und Auslegung im
Matthäuaevangelium, 2. AuS. 1961, 17.
" Mit Strecker 218.
" Gut Strecker 2111: .. Daß die ungeachiedene Einheit von Bösen und Guten
zum a11gemeinen Zustand der Welt gehört, zeigt auch 11,411: allein die Güte dea
Schöpfen erträgt .ie bis zur Auflöoung des K"ozmOl." - 211,31 ff. acheidet der
Menachensohn das (eschatologische) corpus mixtum der Heiden; wieder ist nicht
an die .. Kirche" gedacht.
Die Q-Materialien 95
Evangelium nicht nur eine "innerkirchliche" Angelegenheit. Sie ergeht
an Israel und (dann) an alle Heiden (24,14). Diesem .. Maßstab" ent-
spricht das Gericht (der Baeileia). Schließlich weiBen 22,9 mit .. welche
ihr findet" und 22,10 durch .. alle, die sie fanden, BÖlle und Gute" auf
die Unterschiedslosigkeit und Universalität der Berufung, die an die
Stelle der Berufung Israels tritt. Der HochzeitsBaal wird voll. Ohne
Bild gesprochen: alle (Heiden) werden berufen. Auf die .. Kirche" be-
zogen, würden die Wendungen .. welche ihr findet" und "alle, die sie
fanden, Böse und Gute" es erlauben, alle beliebigen Leute, BÖlle und
Gute, bedenkenlos als .. Christen" anzusprechen. Doch ist bei Mat-
thäus zwischen Berufenen (ganz Israel, alle Heiden) und Glaubenden
(= die .. JUnger") ein bedeutender Unterschied. Die ekklesiologische
Exegese nimmt nicht wahr, daß schon Israel im Matthäus-Evangelium
bei dreifacher Berufung zur Himmeleherrschaft nicht eo ipeo die
Schar der Gehorsamen (12,46-50) und Bekennenden (14,33; 16,16),
nicht .. Nachfolgerin" , .. Kirche" im matthäischen Sinne der JUnger-
schaft ist. So können auch die nach dem heilegeschichtlichen Aus-
scheiden Israels unterschiedelos berufenen Heiden nicht eo ipeo als
.. Kirche" gelten (vg!. 24,9), Wie 80llte auch die .. Kirche" das unge-
horsame Israel von 22,111". ablÖllen, wenn sie Israel in diesem Gleichnis
flt{len1lber8te1&l und in Gestalt der .. Knechte" als Trägerin der Berufung
Israels (und dann der Heiden)" zu wirken hat! Ein Gedanke, der
ähnlich schon zu 21,43 heranzuziehen war. Die Verse 24,9--14
sohließen im Zusammenhang mit 23, 32ff. die Vorstellung von der
"Gemeinde" als der nach Israels Verwerfung berufenen neuen heils-
geschichtlichen Größe mit aller wünschenswerten Deutliohkeit aus.
Von diesen klaren Texten her ist der Gleichnis-Text 22,8ff. (wie auch
21,43) zu interpretieren. Er liefert eindeutige Kriterien, denen wir
hier folgen.
Ausleger wie A. Vaccari und P. DISmann wollten 22,9f. je auf ihre
WeiBe nach .. sozialen" Gesichtspunkten interpretieren. So führte
Vaccari aus: .. Ici, je voudrais surtout faire remarquer que la quaIiM
de mauvais et de bons doit s'entendre non au sens moral   et
vertueux, pOOheure et justes), mais au sens social, c'est-a-dire 8&n8
distinction de c1aeses, pauvres et riches, vulgaires et nobles ... 11"
Und DISmann wehrte sich heftig gegen den Gedanken einer globalen
Verwerfung der .. Juden", von denen Matthäus, wie gesagt, bis auf
28,16 beharrlich schweigt. Demann erläuterte: ..... o'est bien qu'il
viBe avant tout, comme la parabole precedente, les dirigeants indignes
ou hostiles, docteure de la Loi et aristocratie sacerdotale, et marque
.. Zu lrOP.u.,,&c OW in 22,9 ow 28,19 (Fenton 349).
11 La paraboIe du feetin de nocea (Mt. 22,1-14), Rech de Be Rel 39 (1951)
140.
96
Die Heiden im Matthäu.aevangclium
une pour les petits, les pauvres, les humbles. Il fait pres-
sentir un ,changement de regime' du peuple de Dieu, il n'enonce
aucunement un rejet global des Juifs et leur remplacement pur et
simple par les Gentils"BI. Zu Va.cca.ris These ist an den synonymen
Sprachgebrauch von 5,45 zu erinnern. Zielt "Böse und Gute" in 22,10
wirklich auf die "kla.ssenlose Gesellschaft"83! Angenommen, 22,9f.
spricht "B&nS distinction de cl_" von Armen und Reichen usw.,
wovon reden dann 22,1-6! Von einer besonderen "Schicht" Israels!
Von welcher! Bedient sich Vaccari angesichts der redaktionellen
Motive der Repräsentanten Israels und der Einheit Israels mit seinen
Repräsentanten nicht unbrauchbarer Auslegungskategorien ! Ähnliche
Fragen sind an Exegese zu steUen, die mit dunklem Gespür
für das Richtige Matthäus und den christlichen Antisemitismus aus-
einanderhalten will. Ist "alle, die sie fanden, Böse und Gute" der
Ausdruck für die "Kleinen" und "Armen"! Und Regierungswechsel
innerhalb des Gottesvolks, nicht übergang der Gottesherrschaft von
Israel auf ein "anderu Volk" (21,43)1 Ist "Israel", der matthäische
Komplex des Bösen, und die heiIsgeschichtliche Periodisierung von
22,7ff. und 23, 32ff./24, 9-14 um berechtigter Anliegen willen von
P. beiseite zu schieben!
Das Ende der Heilsgeschichte Israels fällt für Matthäus, so stellten
wir dar, mit den Begebenheiten des Jahres 70 zusammen: das ist seine
geschichtstheologische Konzeption, die er in die Texte einbringt.
Doch darf der Untergang "ihrer Stadt" (oder die Tempelzerstörung
von 23,38/24,2) nicht isoliert betrachtet werden. Gottes Zorn über
Israel bedeutet für Matthäus nicht nur blutige Heimsuchung. 22,7
berührt nur einen forensischen Aspekt und nicht einmal den ent-
scheidenden: daß die Basileia-Berufung und mit ihr das Heil über
Israel hinaus und endgültig an ihm vorbeigeht! Die Schärfe des
Gerichts liegt in den 22,8ff. beschriebenen Akten des definitiven kö-
niglichen Urteils, der erneuten Sendung der Knechte und Berufung
der Heiden. Diese Momente der Heimsuchung und des Heilsverlustes
sind schon in der Gleichnisrede 21,41 vorgezeichnet, die Matthäus in
22,7ff. unter verändertem Vorzeichen (Gericht für die Abweisung der
"Knechte") aufnimmt, um sie terminierend und heilsgeschichtlich
periodisierend zu wiederholen. Auch nach 21,41 bilden die Vernichtung
der "Bösen" und ihre Ablösung durch andere Weingärtner eine Ein-
heit. Auch hier ist das zweite Motiv das gewichtigere. Allein dieses
zweite Motiv greift Matthäus in 21,43 auf und präzisiert es: das Reich
Gottes wird von euch genommen werden... Das erste Gerichts-
Thema illustriert den Ernst des Richters und gibt die Möglichkeit, die
II Le premier evangile est.j) antijuift-Cahiera Sioniena 19ti!, 2'0-267, 253.
00 6,46 par   _I
Das Sondergut
heilsgeschichtliche Entwicklung historisch zu fixieren (22,7); insofern
ist es unentbehrlich. Seine ganze Schwere bekommt es jedoch erst in
Verbindung mit dem zweiten Motiv von 22,8ff., als Begleitmoment
des Sachverhalts, daß Israels Heilsgeschichte in einer Katastrophe
endet und einer neuen Phase der HeiIsberufung Platz machen muß.
3. Da8 Bundergul
M'.2,1-12
Zunächst ein Satz Schlatters: "Durch den mächtigen Kontrast
zwischen dem König Jerusa1ems, der zur Erhaltung seiner Herrschaft
den Christus töten will, und den Magiern, die ihn aus der Feme suchen
und finden, bereitet Mt. schon hier den Ausgang Jesu vor. Daß er von
Jeruaalem verworfen wurde, dagegen die Hoffnung der Heiden er-
füllte, das war die Lage der Kirche, für die Mt. schrieb"". Damit ist
Richtiges gesehen. Matthäus vermag die Magiergeschichte
86
an die
Spitze seiner Darstellung zu stellen, weil er das Ganze überblickt,
Ende und Anfang einander zuordnen kann. Was sich hier in einer
ersten Szene abzeichnet, steht am Ende, nach dem Bußruf des Täufers,
dem Auftreten Jesu und seiner Boten abgeschlossen da. Die von Mat-
thäus beschriebene Geschichte des Heils von Israel zu den Heiden ist
schließlich und endlich nichts als die "Erfüllung" ihrer Anfänge:
Israel verstößt den Messias, der jedoch mehr ist als König der Juden -
der Herr der Welt und König der Heiden (vgl. 28, 18ff.; 25,31ff.) wie
von allem Anfang an
ll
• So gehört 2,lff. mit vollem Recht an den
Eingang des matthäischen Heiden-Evangeliums.
Mt 4,240.
17
Die Summarien 4,23--25 sind in verschiedener Hinsicht aufschluß-
reich. Zunächst schildert 4,23 Jesu Tätigkeit in ganz Galiläa: Lehre
in ihren Synagogen, Verkündigung des Evangeliums vom Reich,
Heilung jeder Krankheit und jedes Gebrechens im Volk (vgl. 9,35).
Der ganze zwischen 4,23 und 9,35 liegende Komplex soll im Sinne des
Evangelisten die exemplarische Hinwendung Jesu zu Israel darstellen
(vgl. S. 34). Vers 4,24b nimmt offensichtlich über 4,24& hinweg auf
4,23 Bezug und führt das kpcmcl6lv Kor).. von 4,23 näher aus. Man
hringt. alle Leidenden, mit mancherlei Krankhciten und Qualen Be·
hafteten zu Jesus, d.h. Besessene, Mondsüchtige und Lahme, und er
.. Evanl$elist 28. 00 Vgl. S. 60 .
.. "Kömg der Juden" ist Jeeus übrigens immer von aullen gesehen, im Munde
von Heiden (2,2; 27,11.29.37). Der echte Titel von "innen" heißt "König
Isroels" (27,42Lvgl, 21,11 Tochter Zion - dein König) .
.. Vgl. dazu TriUing 136; Jeremiao, Verheißung 211.
7 8702 WoJbr. R ~  
98 Die Heiden im MatthälJlllMlZl(l8lium
heilt sie. Was die folgenden Texte hinsichtlich der Beseasenen (8,16.28;
9,32; 12,22; 15,22)", Mondsüchtigen (17,15)" und Lahmen (8,6;
9,2.6)10 im Evangelium in concreto zu erzählen haben, nimmt 4,24b
voraus und erhebt es ins Allgemeine und Typische; 4,24 b ist redak-
tionelles Summarium. Daß es sich dabei um die Kranken Israels
h&l1delt, ist mit 4,25 (von hinten her) anzunehmen; es soll summarisch
das Herzuströmen Israels beschreiben. Die Scharen, die Jesus nach-
folgen, kommen aus Galilä&., den Zehnstädten, aus Jerusalem, Judäa
und von jenseits des Jordans". Bezeichnend, daß Matthäus die Heiden-
städte Tyrus und Sidon aus Mk. 3,8 übergeht: Jeans ist nur gesandt
zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Auch für Idumä&. (Mk.
3,8) hat er keine Verwendung. Dafür gehört die Dekapolis" für ihn
zum Bestand Israels. In dieser streng auf .. Israel" abgezielten Dar-
stellung muß 4,24& auffallen. Jesus widmet sich Israel, doch ist seine
Tätigkeit, was .. seinen Ruf" angeht, nicht auf Israel zu beschränken .
. .. und sein Ruf verbreitete sich in ganz Syrien, womit im Gegenüber
zu 6>.'1 rlX>.v-«1« das ganze Heidenland (Syrien) gemeint ist, wohl ab-
gesehen von konkreten Vorstellungen über Syrien im engeren oder
weiteren Sinne. Indirekt, wenigstens auf dem Wege des .. Gerüchts"
ist in Jesu messianisches Wirken für Israel .. ganz Syrien" einbezogen.
Sollte Matthäus die Heidenstädte Tyrus und Sidon zu ,ganz Syrien"
rechnen, wäre mit 4,24a auch die Szene von 15,21f. vorbereitet: daß
eine Heidin Jesus aufsuchen kann, nachdem er auf dem Fluchtwege
(ausnahmsweise) in die Gegend von Tyrus und Sidon gerät. Doch lassen
sich darüber nur Vermutungen anstellen. Fest steht, daß der Evan-
gelist seine redaktionelle Arbeit auf .. Israel" konzentriert und sich
gleichwohl den Hinweis auf die den Rahmen Israels sprengende Be-
deutung schon des irdischen Messias nicht entgegen läßt. Einen Hin-
weis, der Israels Heilsprärogative für die Jesuszeit respektiert und
doch behutsam an ihre Grenze rührt. Schon für die Zeit Israels fällt
hier der Blick auf ein Gebiet, das später wie alle Heiden-Welt das
weiterschreitende Evangelium des Reichs von Israel übernehmen wird.
MI. 5,13/.
Zu diesem Text ist Ähnliches anzumerken wie zu 18,7 (vgl. S. 78f.).
Wieder ist der Bereich Israels weit überschritten und der Totalaspekt
.. 8,16 ist redaktionelles Summarium. 8,28     gel!8n Hk. 5,2 h
7rYC1I .... T' liX .. &.iPT"'; doch 8,33 par Mk. 5,16; vg. 5,18. 9,32 1St Sondorgut.
12,22 par Lk. 11,1 •. 15,22 gegen Hk. 7,25 7tYCÜ .... W&atpTOY •
•• Nur hier bei Matthäll8 gegen Hk. 9,17 7tYCÜ .... il>.al).OY •
.. 8,6 in Abweichung von Lk. 7,2; 9,2.6 = Mk. 2,3.5.10 •
.. • ,2.a blickt nur auf die .. lArllkchtJJ'" Syrien, in der sioh das Gerücht von
J88118 verbreitet. Die handelnden Personen von .,2.b kommen all8 .. Israel", wie
., 25 nachträgt .
•• Nur hier; bei Markua 5,20; 7,31.
Das Sondergut 99
der (ganzen von Menschen bewohnten) Erde, der Welt aufgeboten,
wie er mit 'Ij yij" und 6   bei Matthäus mehrfach begegnet (wobei
das gehäufte Vorkommen von nur-matthäischen Texten zu registrieren
ist). Daß der Evangelist an anderer Stelle konkret von der Heiden-
WeIt spricht, braucht in 5,13f. nicht mitgehört zu werden. Hier geht
es ihm mit der Terminologie des Stoffes und ohne eigene Präzisierung
um den weitgeapannten, .. koamiachen" Horizont des JÜDgerauftraga.
Zweifellos steht 5,13f. in fühlbarer Spannung zu der Ortsbestimmung
der Jüngersendung von 10,5f. und dem heilageschichtlichen Rahmen,
in dem es erscheint, doch nimmt Matthäua auch andere .. antizipie-
rende" Stoffe auf, ohne einen Ausgleich zwischen Stoff- und Rahmen-
situation zu suchen. Was vom Rahmen her als Predigt des Evan-
geliums vom Reich für Israel und die Jesuazeit ausgewiesen wird,
nimmt der Sache und den Stoffen nach kräftig auf die spätere .. kirch-
liche" Situation Rücksicht (vgl. 5,l1f.I3-16.32; 6,14f. nach 6,9-13;
7,7-11.). Das .. geschichtliche" Wort ist nicht nur Wort für
damals; es gilt auch heute und ist transparent gemacht als Wort für
die .. Gegenwart"N.
Me. 13,24-30,36-43"
Nach Trilling beanspruchen die Verse 13,37-39 gegenüber 13,40-
43 eine gewisse ao.chliche Selbständigkeit. Sie liefern nicht nur .. vor-
bereitende Züge für die Schilderung des Endgerichta in den Versen
40-43
17
". Während 13,41-43 als .. Gerichtaparäneae" den Blick auf
die letzten Dinge lenkt, sind die vorausgehenden Verse das Ergebnis
theologischer überlegung von eigener Art, .. deren Ausgangspunkt das
Nebeneinanderbeatehen von Guten und Bösen in der gleichen Kirche
ist" M. Doch weicht Trilling in seinen weiteren Ausführungen von
dieser Perspektive der Betrachtung ab. Nun geht es nicht mehr um
die Guten und Bösen in der gleichen Kirche, sondern um die Welt als
das .. weite Feld der christlichen GlaubensverkÜDdigung". 13,38a
besagt: .. in der ganzen Welt wird die Botschaft verkündet." Der
Kosmos ist die .. Sphäre", in der sich das Reich Gottes verbreitet, und
diese Sphäre ist universal gedacht. Von diesem Kosmos-Begriff be-
stimmt, dürfte sich die theologische Reflexion, die den Text gestaltete,
nicht an der innerkirchlichen Gegebenheit von Bösen und Guten,
sondern an den Problemen der von TriIIing ins Gespräch gezogenen
.. 11,6 = Mk. 2,10; 10,340 = Lk. 12,111; 12,42 = Lk. 11,31; Sondergut: 11,11;
23,311; 24,30.
M 16,26 gemeinaynoptiach; 26,13 = Mk.14,II; Sondergut lind 4,8 gegen
Lk. 4,6 und 13,38; 18,7.
tI Zu 6,7 vg\. S. 88. Zu 10,11 ebenda und S. 60-63 •
.. V gl. S. 114. ., Das wahre larael 126 •
.. A.a.O. 126. Dort auch alle folgenden Zitate.
"
100 Die Heiden im Matthäusevangelium
"Mission" entzündet haben. Die allegorische Deutung des Gleichnissee
13,24--30 nimmt zunächst auf die Saat-Mischung von "gutem Samen"
und "Unkraut" Bezug und erklärt die einzelnen Züge des Textes
13,24f.". Neben der Saat des Menschensohnes auf dem Acker der
Welt, den Söhnen des Reiches, findet sich das Unkraut der Söhne des
Bösen von der Hand des Teufels. Der Evangelist, von dem der Text
st&mmt
lOO
, orientiert sich offenbar an der Erfahrung, daß dem Wirken
des Menschensohnes im Koemoe Hemmungen entgegenstehen, Grenzen
gezogen sind. Der gute Same, die Gerechten von 13,43, sind nicht
allein auf dem Plan; auch die feindliche (= teuflische) "Welt" besteht
auf dem Acker des Koemoe und findet ihren Meister erst mit der Voll-
endung des Äons. Man wird 13,37-39 daher nicht als "allegorische
Schilderung des Endgerichts" verstehen dürfen, eine Rubrik, in die
Jeremias sehr pauschal den ganzen Text einordnet
lOl
• Die
Darstellung der letzten Dinge setzt nach der Überleitung 13,39 b
(0 Si   ••• ) erst mit 13,40 ein. Was vorausgeht, ist die alle-
gorische Schilderung der koemischen Unternehmung des Menschen-
sohnes und ihrer Gegenkräfte. Matthäus bezieht also 13,24f. in 13,
37-39a auf die Weltsituation der Menschensohn-Saat, der Gerechten,
die für ihn nichts anderes sind als die "Jünger" 101, die ihrerseits wieder
die "Kirche" ausmachen. Die Mischung von gutem Samen und Unkraut
von 13,24f. deutet er insofern ekklesiologisch, als er meint, die "Kir-
che" oder "Mission" sei für die Zeit vor dem Ende von der fortbe-
stehenden "Welt" begleitet und angefochten. Sie lebt nicht auf einer
Insel der Seligen, sondern auf dem Acker des I{osmoe, der übersät ist
vom Unkraut der Söhne des Bösen. Auf diese Textsituation des "kos-
mischen" corpus mixtum von Söhnen des Reichs und Söhnen des
Bösen ist nun die "kleine Apokalypse" 101 von 13,4G--43 ausgerichtet.
Sie dient als Droh- und Troetwort für die ,,Kirche" in der Nachbar-
schaft einer ungebrochen vorhandenen "Welt", Mahnung an die Söhne
der Basileia, fern aller   und civofLL:t 10& in der Gerechtigkeit zu
beharren, und zugleich Verheißung ihrer "glänzenden" Zukunft. Es
ist Joachim Jeremias darin zuzustinlmen, daß Matthäus mit 13,
.. 13,26f. werden in 13,36 ff. nicht berücksichtigt. Die Saat muß nach der
A1lego.-- des Evangelisten nicht mehr aufgehen; Menschensohn und Teufel
sien ja schon du "fertige Produkt", die Söhne der BasileiB oder des Bösen.
'00 Mit Jeremiu, G1eichnisM 81ff.
"' Gleichnisse 84.
101 Zu 0181".«0, = die "Jünger" vgl. z.B. 5, IOf.I3-16; 10, 16.40f.; 12,46--110;
13,1(}.....12.52; 18,11>-17; 19, 27tr. in Verbindung mit 19,21; 28,19f.
101 JeremiBS, Gleichnisse 79.
, .. Die bessere Gerechtigkeit (der Himmelsherrschaft 6,33) ist, kurz gesagt,
der radikale Gehorsam der Liebe (5,20 ff.; vgl. 7,12; die Gerechten = die
Liebenden 25,34-40). Der redaktionelle Vers 24,12 interpretiert den Gegen-
begriff der Ungesetzlichkeit als Lieblosigkeit. So wird man wohl auch
rljv M"lav frei mit "die Lieblosen" übersetzen.
Das 80ndergut 101
paränetische Ziele verfolgtlOl, doch wird man sich fragen müssen, ob
er den Skopus des Textes - Warnung vor falscher Sicherheit - nicht
zu einBeitig bestimmt. Daß die Söhne des BÖllen das Gericht erwartet,
soll gewiß die "Kirche" vom BÖllen abschrecken und auf ihrem Weg
der Gerechtigkeit festhalten, doch daß die Gerechten im Reiche ihres
Vaters leuchten werden wie die Sonne - das ist das letzte Wort des
Textes! - wird als tröstliche Ermunterung zum geduldigen Aus-
harren inmitten des Unkrauts gemeint sein (seht, was euch am Ende
winkt, wenn ihr euren Weg geht!)l", so daß Matthäus mit 13,'3 die
ursprüngliche Intention des Gleichnisses vom Unkraut unter dem
Weizen in modifizierter Gestalt für die nachÖBterliche Situation der
"Kirohe" festzuhalten vermag.
Jeremias hält dafür, das "Reich des Menschensohnes" in 13," sei
"geradezu Bezeichnung der Kirche"lO'. Der Kontext spricht dagegen.
Hätte der Evangelist den Wunsch gehabt, mit den Farben von 13,'0ft".
das künftige Gericht über die "Kirche" mit ihren "SkandaIÖllen" und
Gerechten zu malen, hätte er die voranstehende (von ihm selbst
stammende!) Allegorese doch wohl anders schreiben müssen. Wäre
sein Hinweis auf das ko8mi8cke corpus mixtum von guter Saat und
Unkraut nicht fehl am Platze gewesen! Nachdem 13,37ft". die Söhne
des Reichs und die Söhne des Bösen auf dem weiten Acker der Welt
gezeichnet hat, kann die Engführung eines "kirchlichen" Gerichts in
  nicht recht befriedigen. Auch fehlt bei Matthäus sonst jedes
Anzeichen für eine Identifizierung von "Kirche" und "Reich des
Mensohensohnes", eine Begrlffsverbindung, für die man sich eine
breitere Basis wünschte.
Wird das Evangelium vom Reich nach der heilsgeschichtlichen Ab-
lösung Israels vor allen Heiden bezeugt, so betritt es den Bereich der
Welt. Die maßgebliche Dimension für seine Verkündigung ist jetzt
nicht mehr das "Land Israel" mit seinen verschiedenen "Provinzen"
(Galiläa - Jerusalem), also der "israelitische" Rahmen der Verkün-
digung Jesu. Nun gehören die Begriffe "alle Heiden" und "Welt" zu-
sammen und entsprechen einander, ohne freilich per definitionem
  = "heidnische" Welt) einander zugeordnet zu sein (vgl. zu
5,13f. und 18,7).
MI. 17,24-27
Man wird fragen, warum hier die Perikope von der ,,'fempelsteuer"
unter das matthäische Sondergut zum Thema "Die Heiden im Hat-
11. OIeichniaae M. 13,37-39. beachreiben dabei die VoraUMetzungen der
Parin_.
'M Ahnlich Jeremiaa zu 13.38; Die dea GleichniMea vom Unkraut
unter dem Weizen. Neoteatamentica et P.tristica, 1962, 62.
11. G1eichniaae 80.
102 Die Heiden im Matthäusevangelium
thäusevangelium" gestellt ist. Inhalt der Erzählung scheint doch eine
Regel zu sein, die das Verhältnis der Jünger zur Judenschaft ordnet
108
,
die Lösung einer wichtigen dogmatischen und praktischen Frage der
Gemeinde im Zusammenhang mit dem "Kultus"lot, an der Jesu
"freiwillige Bindung an Gesetz und Tempel"uo erkennbar wird. Mag
der Text auch ursprünglich in einer uns nicht mehr faßbaren Gestalt
nach solchen "judenchristlichen" Gesichtspunkten konzipiert oder in
ihren Dienst gestellt worden sein - man wird zunächst scharf auf seine
wrliegende Ausprägung und auf die Funktion achten müssen, die ihm
in dieser besonderen Gestalt "heute" zukommt, d.h. innerhalb eines
Evangeliums, das Israel als Ganzes der heilsgeschichtlichen Ver-
gangenheit zuordnet und selbst im Dienst der universalen Heiden-
Berufung geschrieben wurde.
Nach 17,24 treten auf ot Ta 3!3potJ(!Lot   die Petrus fragen,
ob Jesus nicht die Doppeldrachme entrichte. Die konkrete Frage der
Einnehmer der Tempelsteuer wird "positiv" beantwortet; der Vers
konstatiert die grundsätzliche "Zahlungswilligkeit" Jesu. Auf diese
Weise bietet er eine "szenische Einleitung", die Hinführung auf das
zentrale Problem des Textes, das er8t mit 17, 25ff. zur Sprache kommt;
es wird im Haus von Jesus mit Petrus - in einiger Breite - "disku-
tiert" und gelöst. Hier, in der folgenden Erörterung zu 17,24, liegt
offenkundig das Schwergewicht des Textes. Und hier handelt es sich
nicht mehr um Kapernaum und die Leute mit der Doppeldrachme,
sondern um die Könige der Erde und die Frage von Zoll und Steuer 1
DieBe "politische" Frage im Weltmaßstab (die Könige der Erde I) findet
nun alsbald ihre Antwort, und sie allein. Auf dieBe Frage leitet 17,24
(mit seiner Frage nach der Tempelsteuer) hin. Die "Söhne" sind frei,
resümiert der Text, doch damit "wir" sie - d. h. die Könige der Erde-
nicht ärgern, soll Petrus ihnen (I) "für mich und dich" den Stater aus
dem Munde des Fisches bezahlen. von 17,27 c geht im Gefälle des
Kontextes wie 17,27 a auf die "Könige der Erde". In 17,24
wurde eine Frage gestellt und beantwortet; niemand wollte dort die
Doppeldrachme in concreto "einnehmen". Das Motiv des realen Aot!L-
kommt erst mit 17,25 in den Text: von wem erheben die Könige
der Erde
111
Zoll und Steuer! Ihnen, die nun faktisch Zoll und Steuer
,GI Schlatter, Evangelist 538. ,., Lohmeyer 275 .
... Schniewind NTD 196.
m Zu "Könige der Erde" vg\. Apk. 16,14 Zu
iJ "Pi vgl. S. 98f. und besonders S. 99, Anm. 93. Auch die Stellen 6,10.19; 16.19;
18,18.19; 23,9, alle matthäisches Sondergut, richten den Blick auf die Erde,
freilich innerhalb des Bezugssystems von "Himmel und Erde" (vg\. 5,18/Lk. 16,
17; 1I,25/Lk. 10,21; 28,18. 5,34f. bietet die Trias "Himmel- Erde - Jeru-
salem"). Immerhin bezeugen auch diese Stellen auf ihre Weise eine Weite der
Perspektive, wie sie der vom Evangelisten geschilderten heilsgeschichtlichen
Entwicklung in ihrer Endphase entspricht. Wo das Evangelium vom Reich allen
Das Sondergut 103
nehmen und die "wir" nicht ärgern sollen, sind sie konsequenterweise
auch zu bezahlen. Die Frage der Tempel-Steuer mit ihren "juden-
christlichen" Implikationen (Jünger - Judenschaft, Gemeinde -
jüdischer Kult, Jesus und das Gesetz) findet keine Antwort. Sie dient
lediglich zur Einführung in eine Textmitte, die auf eine "politische"
Frage Antwort gibt und die deutlich den fortgeschrittenen, "welt-
politischen" Aspekt einer späteren Entwicklung widerspiegelt. Dieser
Textmitte liegen Überlegungen einer nachösterlichen, in den Bereich
der Erde und ihrer Könige vorgedrungenen Gemeinde zugrunde, die
nach ihrer Stellung zu den pOlitischen Machtfaktoren mit' Zoll- und
Steuerforderungen fragte und sich selbst Antwort gab. - Die Christen
sind die Freien, die "an sich" über Zoll und Steuern erhaben sind, die
jedoch aus "missionarischen" Gründen, um die Potentaten nicht zu
ärgern, d.h. um sie nicht in Feindschaft gegen die Heilsbotschaft zu
treiben - sie sind die Freien, die aU8 R1lcksicht gegen ihre Sache Zoll und
Steuer bezahlen, und das in Übereinstimmung mit ihrem Meister und
seiner "wunderbaren" Entscheidung. ,
Auch der Text 17,24fJ. illustriert, daß der Matthäus-Evangelist das
"judenchristliche" Milieu hinter sich gelassen hat und das Evangelium
von der zurückliegenden Heilsgeschichte Israels und der universalen
Heidenberufung von "heute" schreibt. Diesem seinem "Heute" mit den
entsprechenden "politi8chen" Implikationen hat der Text zu dienen. Er
liest sich wie ein erster Aufruf zu christlicher "Loyalität". Die grund-
sätzliche Freiheit von der Welt beugt sich den Erfordernissen der
"Mission"lu.
Mt. 21,28-32
Hummel urteilt: "Die Zusammenordnung des Gleichnisses von den
ungleichen Söhnen mit den beiden folgenden Gleichnissen setzt die
,Sünder' des jüdischen Volkes und die Heiden zueinander in Beziehung.
Beide erlangen im Gegensatz zum ungläubigen pharisäischen Judentum
die Basileia, sofern sie glauben (21,32), Frucht bringen (21,43) bzw. das
Hochzeitskleid tragen (22,11-13)." Und auf derselben Seite 113 weiter
unten: "Die Zöllner und Dirnen sind nicht nur kraft ihres Glaubens ein
Vorbild und Zeichen für das offizielle Judentum, sondern kraft der
ihnen von Jesus widerfahrenen Barmherzigkeit auch ein Hinweis auf
die Annahme der Heiden." Nun kann angesichts der Größe "Israel",
der zeitlich prägnant bestimmten massa perditionis des Evangeliums,
Heiden zu predigen ist, kann nur noch die Erde (im Gegenüber zum Himmel)
Ort des Glaubens \Uld "kirchlichen" Handelns sein. Es ist nicht von \Ulgefihr,
daß gerade Matthäus diese Texte bietet .
... Zu 18,17 "der Heide und der Zöllner" vgl. S. 88.
110 A.a.O. 25. Vgl. zum Text S. 65 ff.
104 Die Heiden im Matthiusevangelium
auf die Matthäus zurückschaut, von "pharisäischem Judentum"
schwerlich die Rede sein. 21,33ff. und 22,lff. zielen auf die heils-
geschichtliche Ablösung des vergangenen fl8C1Iatologi8c11en (nicht phari-
säischen) Israel durch die Heiden. Und 21,32 spricht vom Unglauben
der Reprä8entanlen (nicht der Pharisäer) gegenüber Johannes, dem
ersten Basileia-Boten. Vom Aufriß des Evangelisten aus wird man auch
Bedenken haben, die Zöllner und Dirnen von 21,32 mit den Heiden von
21,43 und 22,9ff. zusammenzubringen. Erst das Nein Israels zu Jesus
und den Boten stößt die Tür zum Heil für die Heiden auf. Bezeichnend,
daß den Zöllnern und Dirnen kein 1ieilageschichtlicker Vorteil ein-
geräumt wird, sondern ein endgeschiehtlicker, eine tiefgreifende Dif-
ferenz zu 21,43; 22,9f., die Hummel übergeht. Auch weiß der Text
nichts von der den Zöllnern und Dirnen widerfahrenen Barmherzigkeit
Jesu. Das Gegenüber der "Sünder" ist der Täufer. Ihm, der mit dem
Weg der Gerechtigkeit kommt, glauben sie und können so kein Hin-
weis auf die (barmherzige) "Annahme" der Heiden sein; der Text
spricht von ihrer "Annahme" des Täufers. Mit der Gegenüberstellung
der glaubenden Sünder und der unbußfertigen, trotz des gläubigen
Vorbilds definitiv unbeweglichen Repräsentanten scheint Matthäus
nun seinen Schematismus von der massa perditionis "dieses Ge-
schlechts" zu durchbrechen - sind die Sünder nicht das "gläubige
Israel"! Jedoch empfindet er hier, wie die folgenden Texte 21,43;
22, 9f.; 23,1-24,2 veranschaulichen, offenbar keine Schwierigkeit.
Auch im Blick auf Jesu Botschaft an Israel kann er an anderer Stelle
ruhig von Nachfolge, Sendung und Gehorsam der Jünger (aus 1&rad!)
sprechen (z.B. 4,18ff.; 10,lff.; l1,25ff.; 12, 46ff.), ohne dadurch seinem
Bilde Israels als der Einheit des Radikal-Bösen einen hellen Tupfen
aufzusetzen. "Israel" ist eben die Totalität jenes Nein sagenden Ge-
schlechtes der eschatologischen Stunde. Was Ja sagt wie die Zöllner
und Dirnen, gehört im Sinne des Evangelisten nicht zu "Israel",
sondern in die Nachbarschaft der Gehorsamen, der Jünger (-nicht der
Heiden). Beide bilden sie in seiner Darstellung das positive Gege1l8t1lck
zu Israel, nicht sein "Vorbild und Zeichen". Beide hat sich Israel de
facta nicht zum Vorbild und Zeichen genommen! Das steht in der
Rückschau des Redaktors als Gegebenheit fest (vgl. 10,5-25; 21,32;
22,1 ff.; 23,34). Man kann auch so sagen: Der matthäische Israel-
Begriff ist nicht am Volk-Begriff orientiert, sonst müßten die gläubigen
Sünder und Jünger als die gehorsamen Glieder Israels erscheinen. Er
ist vielmehr nach dem Maßstab des Verhaltens zu den Basileia-Boten
gefaßt: "Israel" ist Einheit coram deo, eine theologische Größe von
Erwählung, Widerstand und Verwerfung, nicht Einheit coram homi-
nibus, in sich selbst differenziertes, vielfältig durchgefärbtes "Volk"-
ein "erwählungsgeschichtlicher" Begriff. Israel, so könnte man über-
Daa Sondergut 105
spitzt u.gen, ist nichts Vorfindliches, Fertiges, das als solches zu den
VerkÜDdigern der Himmelsherrschaft in Beziehung träte. Was .. Israel"
ist, zeigt sich, enl8tMt vielmehr erst an ihnen. Das Handeln Jesu, seines
Vorläufers und seiner Boten BChaOt nach matthäischem Verständnis
den gnädig zur Himmelsherrschaft berufenen und seine Berufung ent-
schlossen verwerfenden Komplex der Todfeindsohaft. 21,32 mit den
Zöllnern und Dirnen gehört also nicht zu den Heiden-Texten des
Evangeliums. Die gläubigen Sünder dienen Matthäus als positives
Kontrast-Element zu seiner negativen Israel-Darstellung.
Mt. 22,11-14
Wir gehen von der Beobachtung aus, .. daß es sich bei der Episode
mit dem Mann ohne Festgewand um ein von Hause aus selbständiges
Gleichnis handelt"ll&. 22,11-14 unterscheidet sich grundlegend vom
Vorausgehenden. Sprachen die Verse 22,1-10 von innergeschicht-
lichen Vorgängen, von der Berufung Israels und seiner Ablösung durch
die universale Einladung der HeidenllI, so wird in 22,l1fF. die Szene
zum eschatologischen Tribunal. Der Text lenkt den Blick auf die noch
auutehende Zukunft des Gerichts. Der König des neuen G1eichniBBes
ist nicht mehr der geduldig-freundliche Gastgeber und zornig heim-
suchende Herr von 22, 3f./7fF., sondern der Richter des Jüngsten Tages.
Der Mensch ohne hochzeitliches Kleid soll auf Befehl dieses Königs in
die .. äußerste Finsternis" hinausgestoßen werden 111, wo Heulen und
Zähneklappen sein wird 117 - stereotype matthäische Wendungen für
das Verderben im Endgericht
118
• 22,14 begründet das 22,13 be-
schriebene Gericht über den .. Unwürdigen" und stellt den Text in den
Horizont von Berufung und Auserwählung (-im-Gericht). Nach der
zutreffenden Bemerkung von Bernhard Weiß ist ..... die ixAOril nicht
der ewige RathsohluB Gottes ... sondern die Auswahl, welche je nach
dem Verhalten der Menschen zu dem Gnadenruf Gottes erfolgt"l1l.
Nun ist in 22,1-10 zweimal von .. Berufung" die Rede. Zunächst Ton
der Berufung Israels, die blutig verleugnet und ebenso blutig gerichtet
wird, also geschichtlich abgeschlossen zurückliegt. Dann spricht der
Text von der umfassenden und unterschiedslosen Berufung der Heiden,
deren .. Gericht" nach 25,31fF. mit dem kommenden, noch vor ihnen
... Jeremiaa, GJeichniaae 82.
"" Redaktionenes Motiv: 8, 12; 22, 13; 25,30.
... Vgl. 8. 91ft" .
m Die WendWlg stammt aua Q (8,12(Lk.13,28). Bei Matthäua häufig:
13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30.
"" R. Swaeles identifiziert in seinem 8. 91, Anm. 67 genannten Aufsatz den
"salle des noces" mit der .. Kirche" (8. 879). Diese ekkleaiologiache AuawertWlg
von 22,IOb führt im Kontezt zu der seltsamen VoratellWlg von der .. Kirche" als
Stätte des J Üßgaten Gerichte, die dem apokalyptischen Denken des Evangelisten
wohl fremd sein dürfte (vgl. 211,31).
111 A.a.O. 377.
106 Die Heiden im Matthäusevangelium
liegenden Endgericht zusammenfällt. Somit ist nOAAot yocp e[aLv xAl]TOl
von 22,14 unter Bezugnahme auf 22,9f. ausgesagt: alle
l20
(Heiden)
werden berufen (vgl. 24,14; 28,19) und treten als Berufene unter die
Augen des künftigen Gerichtstages mit seiner kritischen "Aus·
erwählung" 111. Sehr schön erläuterte Gottlob Schrenk den Text: "die
Einladung ergeht jetzt an die auf den Kreuzungen der Straßen (v. 9),
die Heiden ... Aber sind sie alle ExAexTol? Vorerst kann für die Be-
griffsbestimmung von als zweifellos gelten: es handelt sich um
die Endauslese Gottes mit Rücksicht auf d8.'! universale Prinzip der
Heidenberufung. Aber gerade besagt hier, daß diese Ein-
ladung nur so gemeint sein kann, daß Gehorsam der Gnade entspricht.
Die Bedingung des hochzeitlichen Kleides empfängt ebenfalls aus der
Trilogie 21,28ff. sichere Deutung: 21,31: 1tOLe!v TO &eAl](.Lot; 21,43:
nOLt!v   ... Nur im Gehorsam also wird die Erwählung
realisiert
122
." Damit ist d8.'! Entscheidende gesehen
1il3
• Die mit Israels
Berufung verbundene göttliche Erwartung geht mit der Berufung der
"Bösen und Guten" auf die Heiden über. Indem sie als Berufene an
Israels Stelle treten, stehen sie in derselben Gnade und unerhörten Be-
anspruchung wie vordem IsraellN. Sie übernehmen d8.'! "Reich Gottes"
als Gabe und Aufgabe (21,41.43) - eben darin besteht die Kontinuität
der B8.'!ileia-Geschichte zwischen Israel und ihnen. Eine geschichtlich
bedingte Diskontinuität zwischen den beiden Größen liegt darin, daß
Israel in seiner Verantwortung der B8.'!ileia-Berufung dem inner-
geschichtlichen Gericht begegnete, während die Verantwortung der
berufenen Heiden als eschatologisch-forensisches Ereignis noch aussteht.
Eine unter angelsächsischen Auslegern beliebte Deutung besagt,
22,l1ff. wende sich gegen eine zu leichte Aufnahme der Heiden in die
'10 In seinem Aufsatz: Der Gedanke des ,Heiligen Restes' im Spät judentum
und in der Verkündigung Jesu, ZNW 42 (1949) 184 ff. betont Jonchim Jeremiaa
(S. 193, Anm. 64), "o!.Aol habe hier, wie on im Semitischen, inklusive Bedeutung
Wld müsse wie das multi von 4. Esra 8,3 mit "allel! übersetzt werden. Mag es
auch hinsichtlich Mt. 8,11 als fraglich erscheinen, ob der Redaktor "o!.Aol noch
semitisch empfunden hat (vgl. S. 90, Anm. 55), so ist doch vom heilsgeschicht-
lichen Thema des Evangelisten, von der universalen Heidenberufung her die
inkludierende Bedeutung von 1tO!.Aol für 22,14 vorauszusetzen. Weil es in diesen
Kontert einbezogen ist (vgl. 22,9f.), zielt "o!.Aol in 22,14 tatsächlich auf alle
(Heiden).
111 Gut Strecker 112: "Geladen werden ... die ,Bösen und Guten' ... sie gehen
ihrerseits dem Gericht entgegen."
m ThW IV 191.
'10 Jeremi8B, Gleichnisse 188 versteht fv8u!-'oc J"!-'ou als d8B "reine Gewand des
Heils und der zugesprochenen Gerechtigkeit", och kann es (mit Schrenk) vom
Kontext her nur als Bild für die Bedingung des End-Heils (die "Frucht") auf-
gefallt werden.
'" llIustriert 22,11-14 die "eschatologische Beanspruchung" der Berufenen,
so 22,9f. mit dem Hinweis auf die unterschiedslose Einladung die Bedingungs-
losigkcit der Heilszllwendung; vgl. 22,3 f. für den "Heilsstand" Israels (dazu
4,23; Kap. 8-9; 9,35f.; 10,6 ff.; 11,5; 12,28 UBW.).
Du 80ndergut 107
Kirche. Mit den Worten C. H. Dodda: " ... Matthew aeems to have in-
tended to guard againBt the reception of the Gentiles into the Church
on too e&IIY terms 1 ..... Diese Interpretation steht mit 22,9f. vor un-
überwindlichen Schwierigkeiten. Ginge es dort, eine einheitliche ekkle-
siologische Exegese vorausgesetzt, um die Aufnahme der Heiden in die
Kirche, würde der Text ausgerechnet Dodda "reception of the Gentiles
. .. on too e&IIY terms" - als HeilBereignis! - behaupten und Mat-
thäus sähe sich genötigt, in 22, 11ft'. nach einem kurzen Atemzug zu
verwerfen, was er eben noch als neuen Akt der Heilsgeschichte und
göttliche .. promiscuous admission" dargetan hätte. Günther Born-
kamm plädiert für eine andere Art ekklesiologischer Deutung. Mat-
thäus, 80 führt er aus, mache mit 21,'1.'3 die Norm des künftigen Ge-
richtes geltend, an der alle und gerade die vermeintlich zum Gottesvolk
Gehörenden gemessen würden: "Ebendies sagt, ausdrücklich auf die
Gemeinde bezogen, auch die von Matth. angefügte Schlußszene des
Gleichnisses vom königlichen Hochzeitsmahl (22,11-13), aber schon
die 22,10 begegnende Wendung 'l'l:oV'IJpo6t; on: xatl «yat306t;, die wie die
letzten Gleichnisse von c. 13 auf die endliche Scheidung weist, schließ-
lich auch die für Matth. 80 charakteristische Abschlußsentenz
22, "1 .... Nun ist 21,(").U mit 22,l1ft'. nicht in eine Reihe zu stellen,
da es von der Übertragung des Gottesreiches auf ein anderes Volle
handelt, also das "Gottesreich" als in der Geschichte anwesende Größe
vorausaetzt und die "Norm" für Israels heilsgeschichtliche Ablösung
darbietet, während in 22, 11ft'. diese Norm endgeschichtlich orientiert
ist, und zwar auf dem Hintergrund der zuvor erwähnten gfl8chichtlichen
'u The Parables of the Kingdom. 1961. M. Ahnlich zuvor W. C. Allen. Int.
Crit. Comm. 1925. 236; vgl. 8. O. F. Brandon. The Fall of Jeruaa\em and the
Chriatian Church. 1951. 231: .... grave warning againat any kind of promiacuoua
admiBlion.
1I
•• Überlieferung und Auslegung 18. vg\. 40. So auch F. W. Beare in eeinern
8.93. Anm. 72 zitierten AuflBtz (8. 6): ..... the final judgment of a\I who
prof_ to folio.... Chriat. according to their worb." Ahnlich Trilling. Ober.
lieferungzgeschichte 254; du Gleichnis verfolge ein parinetisches Ziel ... du die
Gemeinde in ihrer Mischung von Unkraut und Weizen vor dem Gericht sieht".
Etwas anders R. 8chnackenburg. Die Kirche im Neuen Testament. Quaeat.
Disp. 14 (1961) 68: Matthius wolle wahrscheinlich die dem Ruf der Miaaionare
folgenden. in die Kirche einströmenden Menschen mahnen. die Bittlichen Früchte
nicht zu vemachliiaaigen und .ich al ... Aueerwihlte" zu e",·eieen. Schnacken.
burg lißt die eschatologische Ausrichtung dea Textes (22.131) außer acht. Du
zeigt auch oeine Bemerkung (a.a.O.). für MatthiuB eei die 1x><>'1J"'" die Samm-
  und Zurüstungaatitte der lxlex...,l. die du HeU vermittelnde. aber ohne
Bittliche Früchte nicht garantierende .. HeUaanstalt". Wo Matthiua an die 8pan.
nung z1liechen univeraaler und eachetologiacher Erwihlung (der
HIÖdal) erinnert. denkt Sch. an kirchbche Heils·Betreuung der .. Aueerwihlten"
= Chriaten und vertauscht die heilaKeachichtlichen Kategorien des Textes mit
ekklesiologischen. Ein auffallender Sruch zwischen 22.9f. und 22. 11ft'. findet
sich bei Strecker. der 22. 9f. (34: an Stelle Israels die Heiden
erwihlt). 22.14 jedoch .. kirchlich' deutet (219. Anm. I: mit den ><>'1JTOI8ind die
Christen gemeint).
108 Die Heiden im Matthiuaevangelium
Berufung der "Bösen und Guten", in denen man nur gezwungen die
"Gemeinde" zu erkennen vermagl8'.
Mt. 25,31-46
Die Perikope vom Völkergericht - in welchem Sinne "Völker-
gericht"! Julius Schniewind erläutert: "So öffnet die Einführung un-
seres Wortes den Blick auf die Weite aller Völker (V. 32); ebenso welt-
weit ist das Gericht überall im A. T. und im N. T. gedacht. Daraus darf
aber unmöglich geschlossen werden, daß dies ganze Bild des Welt-
gerichts nur die Entscheidung zeichne, die über die Heiden fällt ... was
hier gesagt wird, geht die femen Heiden ebenso an wie die Juden und
Christen
l18
." Nun ist die Weise, in der das Alte und Neue Testament
vom Gericht redet (überall im Sinne von "weltweitem" Gericht !), kein
Präjudiz zur Entscheidung der Frage, wie das Matthäus-Evangelium
an unserer Stelle davon spricht. Zudem mÜ8sen sich nach allem, was
der Evangelist bisher über .. Israel" dargelegt hat, starke Zweifel er-
heben, ob es ihm wirklich "um das universale Weltgericht des Alten
Testaments" geht, .. das keine Begrenzung und Differenzierung der
Personengruppen duldet" 118. Immerhin "begrenzt" und .. differenziert"
Matthäus hinsichtlich seines Komplexes "Israel" aufs nachdrücklichste.
Er tut es mit solcher Energie, daß Israel nicht nur als endgeschichtlich
verloren (8,12; 11,20-24; 12,31-37.38--42; 21,32; 23,13.33)110,
sondern auch als heilsgeschichtlich abgetan erscheint. Man wird sagen
dürfen, daß hier das eine dem anderen entspricht. Was vor dem totalen
und definitiven endgeschichtlichen Nein Gottes steht (23,33), ist auch
innergeschichtlich von seinem unverrückbaren Nein betroffen (23, 34ff.).
Oder umgekehrt: Israels heilsgeschichtliche Katastrophe hat zugleich
endgeschichtliche Relevanz. Was hier dem Gericht verfällt, ist dort
auch dem Gericht verfallen. Angesichts dieser scharf "begrenzenden"
und .. differenzierenden" Sicht der Dinge, mit dem Blick auf die mat-
thäische Geschichts- und Gerichtstheologie in Sachen Israels also, ist
mit Entschiedenheit die Frage zu stellen, ob in 25,31 ff. nicht doch nur
die .. Heiden" - im Sinne eines Gegenbegrift'es zu .. Israel" - vor-
"7 Zu 24,30 "alle Geschlechter der Erde" vgl. S. 78f.; 98f.
111 NTD 264. So beispielsweise auch A. H. M'Neile, The Gospel according to
St. Matthew, 1916,369 (all human beinga); Max Meinertz, JesUi und die Heiden.
mission, 182; K. L. Schmidt, ThW 11 366f. (alle Völker); D. Buzy, Evangile
selon Saint Matthieu, 1936, 336; A. Feuillet, La synthese eschatologique de saint
Matthieu, RB 67 (1960) 182 (un jugement universell; Karl Staab, Das Evan·
gelium nach Matthiua, Echter.Bibel, 1961, 138 (Christen wie Juden und Heiden);
Schmid RNT 362; Heinz Eduard Tödt, Der Menschensohn in der synoptischen
überlieferung, 2. Aufl.1963, 71 (alle, auch die Jilnger); Feine·Behm.KÜlDmeI68;
Trilling, Das wal!re Israel 26 (eindeutig universal).
111 Trilling 27.
110 Gegen Feine.Behm.KÜlDmel 88: es treffe nicht zu, daß nach Matthius die
Juden (I) endgültig verworfen seien.
Du Sondergut 109
kommen. Dabei fällt dem Kontext von 25,31ff. alles Gewicht zu. Es
wurde festgestellt, daß der Evangelist schon in 24,9-14 bewußt alle
Israel-Anklänge getilgt und sie der Jesuszeit zugeordnet hat
13l
• Nach-
dem Israel aus der Berufungsgeschichte Gottes ausgeschieden ist
(21, 18f.; 21,33-22,10; 23,1-24,2), geht es für die Jüngerschaft der
Zeit nach 70 (oder für die "Kirche") - in der letzten Phase der Heils-
geschichte vor dem Ende - nur noch um die Berufung der Heiden. Die
drei Phasen der Berufung Israels (Täufer, Jesus, die Boten) sind Ver-
gangenheit. Dieser berufungsgeschichtlichen Auarichtung der Zeit vor
dem Ende entspricht nun das Ende selbst. Es begegnet als Gericht über
die berufenen Heiden. Zur Gegenwart der Heiden-Heilsgeschichte ge-
hört das futurische Pendant des Heiden-Endgerichts. 24,9-14 und
25,31 ff. stehen in einem unauflöslichen Sachzusammenhang. Es geht
nicht an, das formelhafte n:cXVTOt T« l3vq in 24,9.14 auf die Heiden im
Gegensatz zu Israel zu beziehen, in 25,32 jedoch diesen prägnanten
Begriff aufzugeben und plötzlich von allen Me1l8Chen zu sprechen, wie
es z.B. Josef Schmid tut, der bei 25,31ff. an "alle Menschen, Heiden
wie Juden und Christen"131 denkt, zu 24,9 jedoch anmerkt, "daß nur
noch von Verfolgung durch Heiden gesprochen wird"IU, nachdem er
im vorausgehenden den Vers 23,36 von der "Verwerfung des Juden-
tums (!)" reden hörte
lH
• So wie in 22,9f. und 22,l1ff. geschichtliche
Berufung und endgeschichtliches Gericht der Heiden zusammen-
gehören, sind auch in den Kapiteln 24f. Heidenberufung und Heiden-
gericht streng aufeinander bezogen: 24,(9).14/25,31ff. sind die exakte
Parallele zu 22,9f./llff. Anders als Israel, dessen Versagen an seiner
Berufung innergeschichtlich (und eschatologisch) heimgesucht wird,
sind die Heiden, für die das Aufhören ihrer Berufung und das Jllng8te
Gericht zusammenfallen (24,14), ihrer veränderten Zeitlage ent-
sprechend der Bedrohung und Kritik eben des Letzten Gerichtes aus-
gesetzt. Das Ende ihrer Heilsgeschichte ist zugleich das Ende über-
haupt. Dabei setzt der Evangelist voraus, daß bis zum Ende die
Heiden allesamt den Ruf des Evangeliums vernommen haben (24,14;
vgl. 28, 19f.). Wenn J08ef Schmid erklärt, es sei nicht möglich, das Ge-
richt auf die Christen einzuschränken 186 oder als selbstverständlich
vorausgesetzt anzunehmen, daß beim Gericht "alle Völker", d.h. die
ganze Menschheit, sich zum Glauben an das Evangelium bekehrt
111 Vgl. S. 76f.; 83ft'. 111 RNT 362.
,. RNT336.
, .. RNT 332. Ebenso uneinheitlich Staab 8.8.0. 130 (24,9: Die H ....... r und
Verfolger Bind Heiden. 24,14: alle Heidenvölker) und 138 (26,32: alle Völker;
Christen wie Juden und Heiden). Trilling 26ft'. deutet demgegenüber alle Stellen
konsequent "universal".
116 So aeltaamerweiae Montefiore. The Synoptic Goepela 11 324: ..... the Judg.
ment ja reatricted to . . . the Chriatian Community. The nationa are foregotten. "
110 Die Heiden im Matt.häusevangelium
haben würden I", so vertauscht er, was das letztere angeht, unbesehen
die Kategorien "Berufung" und "Bekehrung". Auch Israel war (mit
allen Implikationen) berufen, doch damit noch lange nicht bekehrt.
Die geladenen Heiden haben wie vordem Israel illre Beru./'u:flf/ zu ver-
antworten, nicht ihre "Bekehrung". Sie werden, mit 22,12 zu sprechen,
nach dem "hochzeitlichen Kleid", man könnte auch sagen: nach der
"Frucht", der "Erwartung" ihrer Berufung gefragt (vgl. 28,20 "lehret
sie halten alles, was ich euch befohlen habe"), d.h. nach ihrer Stellung
zum Menschensohn, der ihnen in den Hungernden, Durstigen, Fremden,
Nackten, Kranken und Gefangenen, in "diesen meinen geringsten
Brüdern" als der wahrhaft Liebens-werte begegnet. Die Erfüllung ihrer
Berufung ist Liebe zu den elenden Nächsten (vgl. 7,12; 22,39), und das
heißt auf Grund der verborgenen, im Gericht (und in der das Gericht
ansagenden Predigt) aufgedeckten Identität des Menschensohn-
Richters mit den Erbarmungswürdigen: Liebe zu dem Herrn ihrer Be-
rufung (vgl. 28,1811'.). Die Heiden sollen nicht aU88chließlich am Ver-
halten zu den "Jüngern" gem_n werden. Wäre hier an "Jünger" zu
denken, kämen doch wohl nur die im Namen des Herrn auftretenden,
alle Heiden berufenden Boten in Betracht, nicht ganz allgemein die
Ohnmächtigen und Menschlich-Bedürftigen, auf die der Text blickt
(und zu denen auch "Jünger" gehören mägen). Das auf die mi88io-
nierenden Boten verweisende, schlecht bezeugte und nicht als ur-
sprünglich anzusprechende 'tWV ÜOtX(a-rColV -roIYrColV von 10,42 darf nicht
dazu verleiten, die "Geringsten" des Textes (25,45; vgl. 25,40) auf die
"Jünger" einzuschränken. Die unmittelbare, im Letzten Gericht (und
seiner Predigt) oll'enbare Identität des Menschensohnes mit den not-
leidenden Nächsten ist etwas anderes als die durch das Wort vermittelte
Identität des Verkündigten mit den (im Dienste der Mi88ion) Ent-
behrungen ausgesetzten Verkündigem. Sehr gut Schlatter: "Eine Par-
allele zu E ~ 6vo!,« 1'00lhrroü 10,42 fehlt hier ganz
I87
." Was das Gericht
über die "Jünger" anlangt, so ist klar, daß sie in einem Text, der vom
Gericht über die (berufenen) Heiden spricht, nicht vorkommen. Sie sind
durchaus nicht als ..... um seinen Thron versammelt vorgestellt", wie
Zalm meinte I". Auf der Seite des Gerichts erscheinen der Menschen-
sohn und alle Engel (!) mit ihm (25,31), niemand sonst. Und vor ihm
werden - als "Gegenstände des Gerichts" - alle Heiden lai ver-
... RNT 352. Beoaer P. Dauach, Die ilteren drei Evangelien, 1932, 321:
..... nach der Verkündigung d .. Heilands wird ja auch bis dorthin das Evan·
gelium allen Völkern gepredigt tein, alle können ... gerichtet werden." Gegen
SchlaUer, Evangelist 726: ..... Je8U8 ... richtet, ob Bie ihn kennen oder nicht."
11. Evangeliet 726. .11 A. a. O. 684 .
•• 0 B. Weiß meinte (a.a.O. «0), unter My .... Tck IlMJ 26,32 könnten nach
24,9.14 nur alle Heidenvölker mit AU88ChluB IIII'&8Ja veretanden werden, da ja
du Gericht über Iarael bereite 2   , 1 ~ 2 2 ergangen tei. Doch sprechen diese
Das Bondergut 111
sammelt, die dann zu ihm herkommen ins Leben oder von ihm hinweg-
gehen in die ewige Verdammnis (25,34.41.46). Damit ist freilich nicht
gesagt, daß Matthäus an anderer Stelle nicht auch auf die eschato-
logische Verantwortung der .. Jünger" größten Wert legte (vgl. 24,45
bis 51; 25,1-13.14-30 und besonders 24,51; 25,12.28--30)1to.
Mt. 28,18-20
Auch bei 1t«v-rllt Ta:   von 28,19 gehen die Meinungen der Exegeten
auseinander. Trilling plädiert wieder für .. uneingeschränkten Univer-
salismus"l&l. Jedoch läßt er auch hier den Kontext mit dem spürbaren
Gegensatz zum .. auserwählten Volk" außer acht. Schon Bernhard
Weiß notierte zu 28,19: .. Mit dem   sendet er sie aus, wie
einst 10,5f., aber nicht mehr zu Israel, das ihn ja verworfen und die
Botschaft von seiner Auferstehung als schmähliche Lüge verlästert hat
(V. 15), sondern zu allen Völkern, die sie zu Jüngern machen sollen ...
Gemeint können damit nur alle Heidenvölker sein ... Der Befehl 10, 5f.
ist also nicht bloß erweitert ... sondern zurückgenommen ... "1&1.
Weiß' Fingerzeig auf den unmittelbaren Kontext mit dem erbitterten
Widerstand Israels gegen die Auferstehung (ante et post festum:
27,62-66; 28,11-15
1
&3) verdient ernst genommen zu werden. Über
"jüdisch·apokalyptischen" Verse nicht von "Gericht", sondern von der dem
Ende und Erscheinen des Menschensohn·Richters vorausgehenden Zeit der
Drangsal (vgl. 24,8.21.29; Feine·BeIun·KÜMmel 69: "die große Drangsal 24,
15-28"). Auch Schmid RNT 352 denkt bei 24,15-22 an "Gericht über das
Judentum (I)". Allerdings ist für ihn damit nicht das Endgericht gemeint, in
dem erst du ,.Jenseitaschickaal der Menschen" entschieden wird.
, .. Zu den Versen 27,19.24f. und ihrer Funktion in1 Kontext vg\. S. 46f. bzw.
S. 47; 71.
.n A.a.O. 138. A.a.O. 32 resümiert TrilJing, die Völker würden nicht mehr
in1 Gegensatz zu dem "auserwihlten Volk" gesehen, sondern als die ganze
Menschheit ohne jede Rücksicht auf Israel, d. h. weder mit ausdrücklichem Ein·
schluß noch mit stillschweigendem AU88Chluß Israels. Dagegen hilt TrilJing es
a.a.O. 28 (zu 24,14) für durchaus denkbar, daß Matthius eine Mission unter den
Juden in1 gegenwirtigen Zeitpunkt nicht mehr f"ür möglich hielt und dann
Israel stillschweigend aU88Chloß. Wie Trilling iußern sich z. B. auch Zahn 732;
K. L. Sclunidt, TbW 11 366f. (366 "ohne eine besondere Betonung"); Schlatter,
Evangelist 798; Loluneyer 418, Anm.l; Schmid RNT391; Staab 163; Buzy
386 (Israel compris); David Boach, Die Heidenmission in der Zukunftaachau
Jesu, AThANT 36 (1969) 190; Feine-BeIun·KÜMmel 68; Strecker 117f.: "Erst
nach der Auferstehung gilt der Missionsauftrag ,allen Völkern' (28,19). Zu ihnen
mag auch die jüdische Nation zihlen ... " Aber 33: "Du Evangelium endet
mit der Mahnung, alle Völker zu missionieren (28,19). Die Heidenmi88ion wird
zur Zeit des Matthius schon selbstverstindliohe Aufgabe der Kirche ge-
".esen sein. 11
16. A.a.O. 608. Auch Goppelt, Christentum und Judentum 184 beachtet den
engeren Kontext. Für die "Heiden" plidieren beispielsweise H. J. Holtzmann,
Synoptiker 298; Schrenk, Die WeiBBBgung über Israel in1 Neuen Testament,
1951,16, Anm. 7 (S. 66); JeremiBB, Verheißung 33; Tödta.a.O. 84; Fenton 462;
J. P. Brown, Tbe form of ,Q' known to Matthew, NTS 8 (1961/62) 27-42, 30 .
... Vg\. S. 73f.
112 Die Heiden im Matthliuaevangelium
das Grab, ja über die Auferstehung hinaus verfolgt Israel seinen Mes-
sias, eine in den Evangelien einzigartige VorsteUung. Schildert 28,11
bis 16 das letzte Wort Israels zu seinem (jetzt auferstandenen) König
und dokumentiert 28,16 die Permanenz dieser Schuld mit dem Hin-
weis auf den n:Gtpa.   so können die folgenden, von
diesem schwarzen Hintergrund abgehobenen Verse nur so zu verstehen
sein, daß der Auferstandene über sein blindwütiges Volk hinweg-
schreitet und sich den Jüngern zuwendet, die er, Israel den Rücken
gekehrt, zu allen Heiden. sendet. "Israel", das sich dem auferstandenen
Herrn so trotzig versagt,liegt nicht mehr in seinem Heilsbereich. Wenn
Joachim Jeremias zu 10,6 anmerkt, IlMj sei koUektiv empfundener
religiöser terminus technicus für die Heiden im Gegensatz zum aus-
erwählten Volk"', so bestimmt er damit zugleich auch den einheit-
lichen Nenner der n:ciVTGt Ta. IlMj-Formeln in 24,9.14; 26,32; 28,19:
immer ist hier "Israel" als Kontrastgröße vorausgesetzt - das "aus-
erwählte Volk" (der Basileia-Berufung), der geschlo88ene Block des
Bösen und des Gerichts. Daß ausgerechnet bei Matthäus, wo dieser
konsequent erarbeitete, zeitlich fixierte Israel-Begriff vorliegt, n:ciVTGt Ta.
llMj universalistisch im me7l8cMeillicAen Sinne zu nehmen sei, entbehrt
jeder Logik. Die Verse 10,6f. werden also durch 28,19 in der Tat nicht
erweitert, sondern zurückgenommen. Gab es zur Jesuszeit keine Mission
unter den Heiden, sondern allein unter dem "auserwählten Volk", so
ist jetzt die Zeit der "Mi88ion" Israels zu Ende und die Heidenvölker
treten an seine SteUe. Es zeigt sich ein radikaler Wandel der Szenerie:
die Nicht-Berufenen sollen jetzt Jünger werden, die damals Geladenen
sind verworfen. Dieser schroffe Szenenwechsel der Heilsgeschichte ruht
nicht allein auf Vers 28,19. Das Logion 10,6f. ist ja schon durch die
ganze vorauslaufende Geschichte von Israels Widerstand und seiner
definitiven (heils- und endgeschichtlichen) Verwerfung durch den Mes-
sias zurückgenommen; die neue Aufgabe ist längst gegeben (22,9 f. ;
24,9.14), wenn auch nicht programmatisch formuliert wie in 28,19.
Der Missionsbefehl beschließt das Matthäus-Evangelium mit keiner
grundstürzenden Neuheit, sondern setzt, was die Heidenmi88ion im
strengen Sinn und unter AU8BChluß Israels betrifft, nur den krönenden
Schlußstein eines planmäßig aufgeführten, feststehenden Gebäudes.
Die Berufung der Heiden steht am Ende der Geschichte Jesu mit
Israel und so mit gutem Grund in programmatischer Grundsätzlichkeit
am Ende des Matthäus-Evangeliums, das diese Geschichte darbietet.
Im Gesamtkontext geht dem Missionsbefehl das zeitlich auf das
Jahr 70 festgelegte Ende Israels (22, 7ff.; 23,32-24, 2) und die heils-
geschichtliche Neuorientierung der folgenden Zeit (bis zum Ende -
... Verheißung 17, Anm. 65.
D.... Sondergut 113
24,9.14; 25, 31ff.) voraus. Im engeren Zusammenhang besagt der Text, .
daß die Heidenmission mit Israels Leugnung der Auferstehung und der
unmittelbar folgenden galiläischen Erscheinung des Herrn ihren Lauf
nimmt. Für sich genommen, läßt er die Erhöhung Jesu und die Heiden-
mission zeitlich zusammenfallen lt6. So entsteht eine fühlbare Spannung
zu der dem Evangelisten eigenen "Zeitkonzeption", die erkennen läßt,
daß Matthäus den ihm überkommenen und kräftig von ihm redigierten
Stoff 28, 18ff.
1Cl
mit der "österlichen" Zeitbestimmung für die Missio-
nierung der Heiden aufgreift, ohne einen Ausgleich mit seiner redak-
tionellen Sicht der Dinge zu suchen .
... Vgl. Otto Michel, Der Abochluß des Mattlu1uaevangeliuma, EvTh 10
(1960/111) 16-26,26: "Seit der Erhöhung Jeeu Christi ... wird du Evangelium
zur Botschaft fiir ,alle Völker' .....
• 11 Vgl. Strecker 2088".; Günther Bornkamm, Der Auferstandene und der
Irdische, Mt. 28,16-20; in: Zeit und Oeachiohte, Dankeagabe an R. Bultmann
zum 80. Geb. 1964, 171-191.
8 8702 WaJb<. UelJlploblable
IV. DIE HEILSGESCHICHTE
IM MATTHÄUS-EVANGELIUM
1. Die 1aeilaguchic1&tlic1&e Konzeption
0.) Do.8 Zeitver8tändni.t du ElII1.ngeli.tten
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß Matthäus in seinem Evangelium
mehr schreibt als eine vita Jesu. Gewiß ist der äußere Rahmen mit
Stammbaum und Geburtsgeschichte am Anfang, mit P&BBions· und
Ostergeschichte am Ende noch konsequenter als bei Markus, dessen
Aufriß Matthäus im wesentlichen übernimmt, konsequenter auch als
bei Lukas, der den Stammbaum erst in 3,23ft". bringt, nach den Leit·
linien einer .. Lebensbeschreibung" gestaltet. Matthäus zeichnet die vita
des Messias in Israel von seiner vorgeburtlichen Herkunft und Geburt
bis zu seiner Auferstehung (- die Verleugnung des Auferstandenen
durch Israel). Doch ist damit tatsächlich nur der .. äußere" Rahmen des
Lebens Jesu abgesteckt. Diese vita hat einen weiterreichenden .. in·
neren" Horizont insofern, als sie ein gutes Stück über das Kreuz und
die Auferstehung hinausgreift, das Ende Israels für das Jahr 70 herbei·
führt und auch die ihm folgende letzte heilsgeschichtliche Phase der
Berufung aller Heiden bis zum Jüngsten Tag einleitet, bestimmt, trägt.
Kein Zweifel, Matthäus entfaltet innerhalb des Rahmens einer vita
Jesu eine Epochen·Heilsgeschichte großen Stils. Die .. innere" Zeitlinie
läuft von Abraham über die messianische Geburt Jesu bis zur drei-
fachen Basileia-Bot&chaft für Israel und von Israels Verwerfung über
die Berufung der Heiden bis zur Vollendung des Äons. Matthäus ar-
beitet seine .. Apostelgeschichte" (mit der nachästerlichen Israel·
Sendung der Boten und ihrer Sendung zu den Heiden nach 70) so
organisch in die von ihm vorgelegte vita Jesu ein, daß sein Evangelium
keiner Ergänzung durch ein zweites Werk bedarf. Das Matthäus·
Evangelium enthält die matthäische vita Jesu und .. Apostelgeschichte"
in einem
l
.
I Gegen GniJka 1111, Matthius schreibe .. ja nur ein Evangelium und keine
Apostelgeschichte". Ed. Meyer, Ursprung und Anfinge des Christentums I,
Neudruck 11162. sagt S. 2, .. daß, während die Evangelien sich auf die Geschichte
des Christus beachrinken und auf die weitere Entwicklung, die Ausbreitung der
Lehre, höchstens in prophetischen Verkündigungen einen Blick werfen, Lukas
dieee ala einen weeentlichen Teil der Heilsgeschichte. ala die notwendige Er.
gänzung der Wirksamkeit Jesu auf Erden betrachtet." - So schon Matthiusl
Die heiJaseeohiohtliohe Konzeption 115
Es liegt auf der Hand, daß Matthäus bei dieser inneren Struktur des
Evangeliums ein durch und durch lineares Zeitschema voraussetzt, das
bei Abraham, dem terminus a quo alles Geschilderten, einsetzt und bis
zum terminus ad quem der end-lichen Parusie des Menschensohnes
(nach der Missionierung der Heiden) fortgeht. Graphisch nimmt sich
diese Zeitlinie 80 aus:
Es heben sich deutlich drei groBe Abschnitte der Heilsgeschichte her-
aus, eine eigentliche Vorgeschichte I mit Stammbaum und ausführlicher
Namens- und Herkunftsgeschichte des Messias, über die Krister
Stendahl lehrreich gehandelt hat'. Dann die große, beherrschcnde
Epoche der Berufung Israels zur Himmelsherrschaft, die als die "Mitte
der Zeit" zu erkennen ist: der Täufer (auch Jesu Täufer), Vorläufer des
Messias und Bußprediger der Basi1eia; Jesus selbst als die "Mitte der
Mitte", der nach seiner Versuchung und nach der Auslieferung des
Täufers bis zu seinem Kreuz und Auferstehen an Israel wirkt; von ihm
ausgehend die "Jünger". auch sie Boten der BlI8ileia, deren Sendung
ganz der Jesuszeit zugehört und sich doch über Kreuz und Auf-
erstehung hinaus bis zum Jahre 70 Üa, bis ans "Ende") erstreckt. Hier
die tiefe Zäsur von Israels Untergang, der übergang zur "letzten Zeit"
mit der Berufung der Heiden vor dem Ende. Diese "letzte Zeit" ist
offenkundig identisch mit der Gegenwart des Evangelisten: er schreibt
das Evangelium vom zurückliegenden, verworfenen Israel und der jetzt
in der ganzen Welt für alle Heiden auszurufenden Heilsbotschaft.
• Dazu gehört auch die Vorgeachichte der (nun erfüllten) Prophetie, wie Bie
in den Reflexionazitaten erkennbar wird (vgl. S. 132 r.).
Edgar Krentz will in aeiner anregenden Studie ,The Extent or Matthew's
Prologue, Toward the Structure or the First Gospel', JBL 83 (1964) 409--4"
die Vorae 1,1-4,16 als enten Abechnitt des Matthäua.Evangeliuma nehmen,
doch eröffnet der Täurer die matthäische Reihe der Baaileia· VerkÜßdiger und
bringen 3,13-17; 4,1-11 die überleitung zu Jesua, dem zweiten Boten der
Himmelshernchart, 80 daß man es am beeten bei der Vorgeachichte von Kap. Ir.
beliOt. Die Trennung hinter 4, 16 ist trotz des rormelhaften 4..0 T6n XT).. in 4, 17
(v,l. 16,21) ungerechtrertigt, da 4,12ff. mit dem rolgenden eine aachliche Ein-
belt bildet. Die Aurteilung in 4,17-16,20 (411: "concemed with the /l«..w"''')
und 16,21-28,20 ("tha Bon or man &pd bis way to reaurrection") bleibt un-
berriedigend, da gerade der zweite Teil dia Baaileia·Geachichte mit Israel
(21,28-22,10; 23,1-24,2) und den Heiden (22,9r.I1-"; 24,9-"; 25,3Iff.)
entraltet.
• Quia et Unde! An Analysis or Mt. 1-2; in: Judentum, Urchristentum,
Kirche; Festechr. für J. Jeremiaa, BZNW 26,2. Aufl. 1964, 94-105. St. unter-
ICheidet nicht 8Orgfi1tig zwieohen der unprün$lichen Auarichtung des Stoffes
(99: "apologetio purpoaee") und aeiner literarischen Funktion im Matthäu8'
Evangelium .
••
116 Die Heilageaohichte im Mattb4uaevangelium
Jesus selbst hat Israels Ende und den Übertritt des Heils auf den
Boden des Heidentums bewirkt. Der irdische Jesus ist die gnädige
Sonne und das zerstörende Dunkel Israels; der irdische Me88ias verfügt
das Weiterschreiten der Berufung; der irdische Herr ordnet auch die
Probleme der letzten Zeit der Heidenberufung. Matthäus vermag seine
heilageschichtliche Gegenwart "direkt" auf den irdischen Me88ias
Israels zurückzuführen und aus seiner Geschichte mit dem beschenkten,
doch widerwärtigen Geschlecht zu erklären. Alles trägt der Irdische.
Sieht man von seiner Funktion als künftiger Menschensohn-Richter ab,
bleibt dem erhöhten Herrn nur eine bescheidene Rolle. Das gnostische
Extrem der radikalen Verleugnung des Irdischen droht bei Matthäus
in sein Gegenteil umzuschlagen, in die "Verabsolutierung" des Ir-
dischen, dessen Entscheidung für die Heidenmission und erklärtes Ge-
bot der Himmelsherrschaft der Erhöhte unter dem Vorzeichen seiner
(neuen) Allherrschaft
t
und mit der Zusage seines bleibenden Schutzes
nur wiederholen und bestätigen kann (28, 19f.). Mit den Worten
Günther Bomkamms zur Stelle: "der Auferstandene und Erhöhte
macht das Wort des irdischen Jesus für die Kirche auf Erden für alle
Zeiten bis zum Ende verpflichtend. Hier liegt der oft übersehene
Skopus des ganzen matthäischen Textes ... '''. Der Erhöhte hat zum
Gang der Heilsgeschichte nichts Neues beizutragen. Er autorisiert
lediglich das Gegebene mit "österlicher" Machtfülle und Schutzgewalt.
Der nachösterliche redende "Geist" ist verdrängt durch das vor-
österliche gesprochene Wort. Bis auf die Logien des kommenden
Richters und des Erhöhten in 28, 18ff. sind alle Worte des Matthäus-
Evangeliums als Worte des irdischen Herrn gefaßt, wobei die Worte des
künftigen Richters auch schon im Munde des Irdischen begegnen. Das
aber heißt: die Christus-Tradition in Gestalt der matthäischen Wort-
und Heilsgeschichte ist die einzige und grundlegende Norm allen
Glaubens und aller "Kirche". Der nachösterlich-redende Herr und
seine Autorität ist aufgesogen von der Gewalt des Einmalig-Irdischen,
der die Geschichte des Heils selbst ein für alle Male lenkt und gesta1tet.
Ernst Käsemanns präzise Ausführungen zu Judas 3, dort werde der
christlichen Lehrtradition als solcher eschatologischer Charakter zu-
gesprochen, über ihr stehe das ,ein für alle Male', welches gottgesetzte
Unverbrüchlichkeit und Abgeschlossenheit anzeige', gelten mutatis
mutandis auch für die "Lehrtradition" im Matthäus-Evangelium.
Denn das Wort des Irdischen, das alle Heilazeit bis zum Ende über-
Bp&nJlt, bedarf hier keiner Ergänzung oder Aktua1isierung für die nach-
österliche Zeit. Was die Geschichte des von diesem vOrÖBterlichen Wort
• Vgl. Giinther Bornkamm, Der Auferstandene und der lrdiaehe a.a.0.174(.
I Der Allferstandene und der Irdische 8.8.0. 187.
• E"egetiache Versuche und Beainnungen I, 11160, 1.cl.
Die heilageaohichtliche Konzeption 117
unternommenen Heiles angeht, so ist es abgeschlOll8enes, einmaliges
und zugleich bleibendes, ein für alle Male ergangenes Wort, das den
nachösterlichen "Geist" überflllsaig macht.
Der irdische Jesus bestimmt nicht nur die Zeit Israels bis zum
Kreuz, sondern auch seine nachäeterliche Berufungsgeschichte und die
letzte Zeit der Heidenberufung und geht dabei - trotz der dazwischen-
liegenden Ereignisse "Kreuz" und "Ostern" - "bruchl08" vom einen
zum andern. Als Veranstalter der Heilsgeschichte unterliegt er keiner
Diskontinuität. Ob er die Jünger zu Israel sendet, ob er ihnen das
Ende "dieses Geschlechts" ansagt oder sie über Israel hinaus an die
Heiden weist, für jede Lage vor und nach Ostern ist er derselbe irdisch-
volImächtige Messias, während sich die Adressaten des Heils gründlich
ändern. Er ist das Haupt der Geschichte, die er von vorneherein als
"Gott" regiert, mit der absoluten Macht des Erwählens und (heils- und
endgeschichtlichen) Verwerfens, wie das Beispiel Israels zeigt.
Hier, auf der menschlichen Seite des Geschehens, weiß die Heils-
geschichte von tiefer, unbegreiflicher Diskontinuität. Hier herrscht die
Dialektik von erwählender Gnade und verwerfendem Gericht, be-
gegnet der heftige Umsturz des Jahres 70, das Weiterschreiten der Be-
rufung zu neuen Heilsempfängern, die ihrerseits wieder mit dem
(letzten) Gericht bedroht werden. Hei\sgeschichte wird verstanden als
Zeit der Gnade und Beanspruchung, als Zeit des Zerbrochenwerdens
und Neuanfangs; ihre Kontinuität liegt allein in dem unwandelbaren
handelnden Herrn der Berufung. Das lineare Zeitschema verführt den
Evangelisten nicht zu einem linearen HeiIsdenken, das an ekklesio-
logischen Leitbildern orientiert wäre. Heilsgeschichte ist BeruJUTUJB-
geschichte innerhalb der linearen Zeitentwicklung und so ganz und gar
die Geschichte der Nicht- oder Noch-Nicht-Kirche, eben die Geschichte
Israels und der Heiden. Die "Kirche" selbst ist nur insofern heils-
geschichtliches Thema, als die vom Meesias gesandten JUnger zugleich
seine Berufungsmedien sind. Sie gehört zur Heilsgeschichte, weil sie
andere durch ihren Dienst zu Berufenen, Geforderten oder endgültig
übergangenen macht (Israeli), weil sie für andere Heilsgeschichte er-
öffnet oder beendet. Dabei kommt im Matthäus-Evangelium (für die
Zeit vor oder nach Ostern) nur die vom irdischen Jesus berufene und
beauftragte JUngerschar (= "Kirche") in Betracht; es gibt keine von
den "JUngern" auf andere "JUnger" übertragene Berufungsmächtig-
bit, keine an andere weitergegebene "Amtsgewalt". Der spezifisch
"kirchliche" Traditions- und Sukzessionsgedanke fehlt im redaktio-
nellen heilsgeschichtlichen Programm. Hummel strapaziert die loci
16,16; 17,24-27 und 18,21 über Gebühr', wenn er aus ihnen folgert,
, A.a.O.1i9. In diMell Testen l8i "Petrua" redaktionell.
118 Die   e i ~ h i o h t e im Matthä\lll8V&Dg8lium
Petrus gelte als Garant für die Autorität gesetzlicher und diszipli-
narischer Vorschriften; es liege hier in nuce ein Traditionsgedanke vor,
der dem rabbinischen ähnele'. In Wahrheit ist Petrus in diesen Texten
nicht mehr als der belehrte Jünger, der sehr verschiedene Ent·
scheidungen Jesu hinsichtlich des Ritualgesetzes, der "Politik" oder
"Gemeindezucht" schlicht entgegenzunehmen, beileibe nicht zu .. ga-
rantieren" oder mit seiner Autorität zu belegen hat'. Er hat lediglich
eine "Sprechrolle"lo inne, die Weisungen provoziert, welche der ganzen
Jüngerschaft (= "Kirche") gelten 11. Wichtige Motive, die bei der Ent-
stehung von 16, 18f. ihre Rolle gespielt haben (Petrus als "Garant" der
Kirche und Inhaber der "Schlüsselgewalt"), hält Matthäus von seiner
heilsgeschichtlichen Darstellung fern. Alleiniger Garant der Berufungs-
geschichte, Inhaber aller heilsgeschichtlichen Schlüsselgewalt mit Er-
wählung und Verwerfung bis hin zur Berufung der Heiden vor dem
Ende ist der irdische Messias. EB gibt keine "Zwischeninstanz". Die
nachösterlichen Entwürfe (des "Geistes") mit den besonderen heils-
geschichtlichen Funktionen des Petrus oder der Zwölf (16,18f.; 19,28)
aind im redaktionellen Entwurf ignoriert 11 und durch die heils-
geschichtliche Absolutheit des vorösterlichen Herrn ersetzt. Der ir-
dische Messias allein verfügt bis in die letzte Zeit der Heidenberufung
über Berufungsauftrag und -Mächtigkeit; ein Zeichen, daß Matthäus
verhältnismäßig "früh" anzusetzen ist. Sein heilsgeschichtliches Den-
ken entbehrt bei aller Einbeziehung einer "Apostelgeschichte" doch
entscheidender Merkmale frühkatholischer Entwicklung (vgl. 1. Klem.
42,1-5; «,1-6).
b) Die Funktion der Redekompositionen
Schildern die Kapitel 5-7 die exemplarische Verkündigung des
EvangeliumB vom Reich für IsraelIS (die doch "zeitlos" gültig ist, vgl.
28,20); veranschaulicht Kap. 10 die Israel-Sendung der Jünger als der
heilbringenden Boten der Himmelsherrschaft (und hält es zugleich das
bleibende Wort für Mission und Nachfolge fest), so sind auch die fol-
genden Kapitel 11 und 12 mit ihren RedekompoBitionen durchweg in
I A.a.O. 60.
I An allen drei Stellen ist 6 niTpO, übrigena Eigenname (anders ohne Ar·
tikel 16,IS). Die Kraft der ursprünglichen "Sachbezeichnung" (Oecer Cullmann
ThW VI 100) ist verlorengegangen.
10 Bultmann, Tradition 72.
11 Zu 15,15 vgJ. 1lI,16f. (Anrede in der Mehrzahl); zu 17,24ff. vgJ. S. IOlff.;
zu 18,21 den Kontext von IS,15ff.35.
,. 19,2S dient im Kontext nur noch zur Beschreibung eachatologiacher "Ver-
geltung" (vgJ. 19,29). 16,ISf. kommt BBChlich nicht zum Zuge; Matthäu8 wird
"" als "typisch",," Logion zur Darstellung der "Jünger". Vollmacht aufgenommen
haben.
11 VgJ. 4,23; 9,3l!.
Die heilsgeaohichtliche Konzeption 119
"negativer" Absicht heilsgeschichtlich orientiert. Die hier verarbeiteten
Stoffe dienen nicht mehr polemischen oder apologetischen Zwecken im
Kampf mit dem geschichtlichen "Judentum", sondern der Polemik
gegen das Israel des Matthäus-Evangeliums: gegen eine literarische,
von Matthäus selber entworfene Größe. Sie besitzen nur noch Kontext-
funktion, dienen als "Streitgespräche" für die Zwecke heilsgeschicht-
licher Schriftstellerei; sie sind .. Ätiologien" des Gerichts und definitive
Gerichtsworte für "Israel" (-die an entscheidenden Punkten über ihre
Kontextfunktion hinausgehen, um das Bleibend-Gültige heraus-
zustellen; l1,25ff.; 12,36; 12,46ff.). So steht auch die Gleichnisrede
Kap. 13 im Dienst der matthäischen Heilsgeschichte, vgl. 13,10-15.
34f. (und zugleich zeigen ihre paränetischen Elemente, daß hier auch
einer späteren Zeit .. eschatologisch" gepredigt werden soll). Auch dem
von Markus übernommenen Streitgesprächs-Stoff 15,1-20 verleiht
Matthäus durch die Einfügung von 15,12-14 heilsgeschichtlich-
ätiologischen Charakter. Ebenso ist der große, dreifache Kampf-
Komplex 21,12-19; 21,23-22,10; 22,15--24,2
1
' elne Ätiologie und
Darstellung der Verwerfung Israels, die aufzeigt, warum, wie und wann
Israel von seinem König abgetan wurde (ein Komplex, der daneben
freilich auch .. aktuelle Lehre" darzubieten vermag, vgl. 21,20-22;
22,11-14; 23,(8-10).I1f.). Die umfangreiche Redekomposition
24,3-25,46 trägt wie schon Mk. 13 .. eschatologischen" Charakter; sie
enthält das Wort von der letzten Zeit und für die letzte Zeit, wieder
mit verstärktem paränetischem Akzent (24,43-51; 25,1-13.14--30.
31--46), dient jedoch zugleich der heilsgeschichtlichen Ortsbestim-
mungl& für die Zeit nach Israels Untergang (24,9.14; 25,31ff.), zeigt
also wieder die bezeichnende Verbindung von Geschichtsschreibung
.und Kerygma, wobei in diesem Fall der unter den Augen der kom-
menden Eschata stehenden Gegenwart anders als bei der Darstellung
der Vergangenheit Israels die heilsgeschichtliche Ortsbestimmung
selbst aktuell-verbindliches Kerygma ist. Außer dem 18. Kapitel mit
seinem "kirchlichen" Gepräge (18,15ff.) sind alle großen Rede-
kompositionen des Matthäus-Evangeliums Bausteine im mächtigen
Gebäude der matthäischen Heilsgeschichte (und zugleich oder daneben
Predigt des bis zum Ende verbindlichen Worts). Matthäus will die Ge-
schichte seiner für die Heiden bestimmten Heilsbotschaft schreiben
und aus ihr die eigene heilsgeschichtliche Gegenwart für Nicht-Kirche
und .. Kirche" herleiten, begründen und rechttertigen. Es ist die Ue-
schichte vom Leben Jesu als des Messias Israels, von seinem Kampf
mit Israel und seinem Gericht für "dieses Geschlecht" mit allen Kon-
sequenzen bis zur Jünger-Berufung der Heiden vor dem Ende. Eine
•• Zur Analyse vgl. S. 68 .
• 1 Wie ee ansatzweise echon bei Markua der Fall ist (vgl. 13, (7).10).
120 Die Heilsgeaohiohte im Mattb&lJII6VBII8elium
Geschichte, die nicht nur den heilsgeschichtlichen Ertrag des Lebens
und Kampfes Jesu vor Augen stellt, sondern auch seinen bleibend-
kerygmatischen, eben das Wort, das, damals gesprochen, auch für die
letzte Zeit warnende und tröstende Kraft besitzt. Das Matthäus-
Evangelium enthält eine (selbst kerygmatische oder mit aktuellem
Lehrgut ergänzte) Heils-Geschichte. Partien wie 23,13-24,2 bleiben
für die später berufenen Heiden ohne direkte oder indirekte kerygma-
tische Auswertung im Sinne von Röm. 11,20f., da Israels Geschichte
unwiederholbar und auf die heilsgeschichtliche Lage der Heiden nicht
anzuwenden ist. Das Gericht über ihre Berufung fällt zusammen mit
dem Letzten Gericht. Sie werden deshalb auch allein von dorther ge-
warnt (22,11-14; 25,31-46).
c) Israel und die Heiden
Die Zusammenstellung der beiden Größen .. Israel" und .. die Heiden"
als bestimmter Phänomene der Jesusgeschichte geht auf Matthäus
selbst zurück und bietet eine in ihrer Art originelle Lösung: zuerst
kommt die Zeit Israels, während der Jesus und die Jünger nur zu den
verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt sind (und das trotz
10,18; 12,15-21 und den diesen Rahmen sprengenden Texten 5,13ft'.;
10,24 usw.); nach Israels hartem Nein und seiner gerechten Ab-
urteilung hebt auf der heilgeschichtlichen Zeitlinie für die von Jesus
gesandten Jünger die (letzte) Stunde der Heiden an. Ist diese zeitlich
exakt fixierende (22, 7ft'.; 23,32ft'.) und alles in der Gewalt des Messias
verankernde Bestimmung des heilsgeschichtlichen Verhältnisses von
Israel und den Heiden das Werk des Evangelisten, so hat er die zu-
grunde liegende Vorstellung von der HeilBZeit der Heiden unter Vor-
aUBBetzung der Verstockung Israels schwerlich selbst entworfen. Diese
Vorstellung begegnet in verschiedener Gestalt auch bei Paulus und in
der Apostelgeschichte, so daß sich der Gedanke nahelegt, Matthäus
habe ein vorgegebenes Theologumenon auf seine Weise übernommen
und mit kühner Originalität abgewandelt.
Schon Paulus kennt eine (christliche) Heilsprärogative Israels
(Röm.l,16; vgl. die Voranstellung der Juden in Röm.3,9; 9,24;
10,12; 1. Kor. l,22ft'.; 10,32; 12,13; Gal. 3,28). Doch sieht er, daß
Israel seinem Heil widerstrebt (Röm. 10,3.16---21; 11,31), was einen
gewaltigen Umbruch der Heilsgeschichte auslöst: Durch ihren Fehl-
tritt kommt das Heil zu den Heiden (Röm. 11,11); Israels Verwerfung
ist gleichbedeutend mit der Versöhnung der Welt (Röm. 11,15). Da-
durch sind freilich die Heiden noch lange nicht die Nachfolger eines
definitiv aus der Heilsgeschichte ausgeschiedenen Israel wie bei Mat-
thäus. Denn die Annahme der Heiden ist für Paulus nur der göttliche
Umweg zur .. endlichen" Annahme Israels, dem Gott aller Untreue zum
Die heihlgeechichtliche Konzeption 121
Trotz die Treue hält (Röm. 9,6; 11,1); er rechtfertigt die Gottloeen
11
(Röm.ll,32); er schalft Leben aus den Toten (Röm. 11,15). Die
Missionierung der Heiden ist dem Heidenapoatel nicht Selbstzweck,
sondern Durchgangsstation und Vorausaetzung für das Heil Israels.
Die Heiden sollen Israel .. eüersüchtig" machen wie Paulus selbst
(Röm. 11,11.13). Man denke an Röm. l1,25f.: Ich möchte euch aber,
ihr Brüder, nicht im unklaren lassen über dieses Geheimnis, damit ihr
nicht überheblich werdet: daß Israel zu einem Teile Verstockung
widerfahren ist, bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist, und daß
auf diese Weise ganz Israel gerettet wird. - Es ist demgegenüber dem
matthäischen Entwurf abzuspUren, daß er der weniger reflektierte und
durchlittene ist. Matthäus kann anders als Paulus .. dieses Geschlecht"
zum Gegenstand .. 1ai&IoriacMr" Darstellung machen. Er zeichnet das
ein für alle Male vergangene Israel, das nur insofern Gegenwarts-
bedeutung besitzt, als es durch seinen Ungehorsam die Weichen zum
Heil für die Heiden von heute stellte. Israel ist so für Matthäus kein
aktuelles theologisches Problem mehr wie für Paulus. Ist das Heil zu
den Heiden gekommen, sind sie - anstelle Israels - berufen, so ist der
Sinn der Heilsgeschichte erfüllt. Es gibt keine Nach-Geschichte, kein
.. darüber hinaus", das den Heiden auf der Brücke über ihren Gehorsam
noch eine positive heilsgeschichtliche Funktion für Israel zudiktierte.
Matthäus betrachtet Israel auch nicht als .. alttestamentliche" Größe
der Erwählung (vgl. Röm. 3,1f.; 9,4f.llf.) und Verheißung (Röm. 9,
6.9; lI,28f.), sondern als ziemlich .. junges" Phänomen, als das Ge-
schlecht der Himmelsherrschaft, dessen Geschichte mit Johannes be-
ginnt und das auf seinen Ungehorsam hin dem Gericht verfällt - das
Jahr 70 liegt noch nicht lange zurück -, ohne daß nun das Moment der
Bundestreue Gottes, ohne daß Israels lange Vor-Geschichte mit den
Vätern und den an sie ergangenen Verheißungen ins Blickfeld träte.
Demnach macht sich bei Matthäus, verglichen mit Paulus, eine
starke Verkürzung der Perspektive nach .. vorne" und .. hinten" be-
merkbar. Weil es keine Vor-Geschichte des Bundes und der Ver-
heißung gibt, gibt es auch keine Nach-Geschichte Israels kraft der un-
wandelbaren Bundestreue Gottes ... Israel" wird so definiert, daß es
keinen Heilsvorrang genießt, der nicht hernach auch den Heiden teil-
haftig wird. Hier verrät sich der .. heidenchristliche" Denkhorizont des
Evangelisten. Die Heiden übernehmen von Israel den Messias als ihren
König (2,1-12; 27,51-54), übernehmen sein Gebot und Heil, He-
rufung, Gnade und Verantwortung Israels - alles; für Israel bleibt
nichts Einzigartiges an GottesgeBChichte nnd empfangener Gnade, das
11 Des Thema dee RömerbriefiI, in Röm. 9-11 hinsiohtlich der Heihlgeechichte
Israela entfaltet. - (Mit Nachdnlck vortreten von Ernst Käeemann, mündlich
im Seminar (iber Röm. 9-11, B8 196G.)
122 Die Heilsgeschichte im Matthäusevangelium
es auch über seine Untreue hinaus Gegenstand der Heilsgeschichte sein
ließe. Seine Heilsprärogative besteht bei Matthäus nur in einem zeit-
lichen "Zuvor"; ihr eignet keine kontingente Unverwechselbarkeit, der
die Heiden nicht teilhaftig würden und der sie mit ihrem Gehorsam
- in einer fortan bestehenden Heilsgeschichte Israels - zu dienen
hätten. Nach dem Zeugnis des Paulus können die Heilszeiten Israels
und der Heiden niemals bloß aufeinanderfolgen, sondern trotz Israels
Verwerfung nur zeitlich nebeneinanderher laufen, denn die Zeit des
sola gratia für die verlorenen Heiden ist auch die Zeit des sola gratia
für die unwürdigen Kinder Israels. Wohl spricht auch Matthäus von
Gottes Verheißungen; sie sind erfüllt im Leben und Sterben Jesu, wie
die vom Evangelisten verwendeten Refiexionszitate zu verstehen
geben. Israels eine große Verheißung ist der Messias- die alttestament-
liche Vorgeschichte "dieses Geschlechts" besteht bei Matthäus in der
messianischen Prophetie, nicht im "Bund". Mit der Erfüllung dieser
Prophetie ist die Heilszeit Israels gekommen, die es jedoch versäumt,
um alsbald aus der Heilsgeschichte auszuscheiden. Es hat den Messias
empfangen und - verloren: eine einfache Entsprechung von Gnade
und Gericht, die nichts davon weiß, daß Gnade anderes sein und für
mehr stehen könnte, als daß sie kurzerhand vom Gericht zu "er-
setzen" wäre. "Israel" erscheint so im Matthäus-Evangelium in einer
überruchend "untheologischen", fast möchte man sagen "vulgär-
theologischen" Ausformung. Bei aller Heilsgeschichte und Gottesnähe
ist es doch im Blick auf Vergangenheit und Zukunft seltsam "ge-
schichtslos" gesehen, ohne die Tiefendimensionen der paulinischen Be-
trachtung
17
, von der bei Matthäus nur bestimmte Motive begegnen.
Daß Israel grundsätzlich als auf einer Ebene mit Heiden befindlich und
"mühelos" durch Heiden austauschbar vorgestellt wird, wird wohl
heidenchristlichem Denken aus den Jahren 80-90 entspringen, das
den existentiellen und theologischen Kontakt mit Israel und der Fülle
seiner Gottesgeschichte verloren hat. Im ganzen der heiIsgeschicht-
lichen Konzeption des Evangelisten läßt sich so eine Parallele zu seiner
ungeschichtlichen und undüferenzierten Darstellung der Autoritäten
als der Einheitsvertreter Israels erkennen. Für die "heidenchristliche"
Prägung des Evangelisten spricht gerade seine vordergründige und
"unproblematische" Behandlung des Israel-Themas in seinen ver-
schiedenen Spielarten.
Auch die Apostelgeschichte, die den Weg der Mission von Israel zu den
Heiden, von Jerusa\em über ganz Judäo. und Samaria bis ans Ende der
Erde nachzeichnet (1,8; vgl. 23, 11 Rom !), läßt an verschiedenen Stellen
17 Doch sei an 1. Thess. 2,15f. erinnert, das zeigt, <!aB auch Paulu8 auf einer
bestimmten Strecke seines Wegs keine bessere Antwort fand als die von der end.
gültigen GerichtBverfallenheit IaraeJa.
Die heilsgeechiohtliehe Konzeption 123
einen einheitlichen heilsgeschichtlichen Schematismus für das Ver-
hältnis Israels und der Heiden erkennen. Die erste dieser Stellen ist
13,46f. (nach der voranstehenden Warnung von 13, 40f.): Euch mußte
zuerst das Wort Gottes gesagt werden; nachdem ihr es aber von euch
stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht wert achtet, siehe, so
wenden wir uns zu den Heiden. Der Text steht in Spannung zu 14,1,
wo Paulus und Barnabas prompt wieder in die Synagoge der Juden
gehen (vgl. 16,13; 17, lf.l0.17; 18,4). Die grundsätzliche Formulierung,
deren Skopus in der Ablösung des jüdischen Missionswerkes durch die
Heidenmission liegt, wird durch den Erzählungsrahmen relativiert, so
daß es zunächst den Anschein hat, als sei ihre Gültigkeit auf das
pisidische Antiochien beschränktl
8
. Ähnlich verhält es sich mit 18,6:
Euer Blut komme über euer Haupt; rein gehe ich von nun an zu den
Heiden. Auch hier gehen Text- und Rahmenaussage auseinander
(19,8!). Dieselbe Bewegung wie 13,46f.; 18,6 reflektieren die Verse
28,25 b--28
11
: Israel ist verstockt, dafür werden die Heiden das Heil
Gottes hören. Dreimal schildert Lukas auf dem Hintergrund einer per-
manenten Situation der "Anknüpfung" in der Synagoge und "Be-
vorzugung" der Juden" den Widerstand der 'Iou31lt!oL gegen das "Wort
Gottes" mit der folgenden Kehrtwendung in Richtung auf die Heiden-
mission. Der erste Fall dieser Art gehört zur ersten Missionsreise und
nach Kleinasien, der zweite ereignet sich in Griechenland in der Mitte
der paulinischen Missionstätigkeit, der dritte während der letzten
Wirksamkeit des Apostels in Rom. Martin Dibelius und mit ihm Ernst
Haenohen 21 haben mit Recht hervorgehoben, daß dieses Arrangement
kein Zufall ist, sondern das "Werk eines bewußt schaffenden, auf
Kunstmittel nicht verzichtenden Autors"22. Es erhebt sich die Frage,
was Lukas mit diesem auffällig lokalisierten, dreifachen "Schema"
sagen wollte. Haenchen sieht Lukas die paulinische Missionserfahrung,
d. h. die Grunderfahrung der christlichen Mission überhaupt darstellen.
Er sagt: "Gegen den Willen der christlichen Missionare wird ihre Ver-
kündigung dureh die Ablehnung der Juden zu den Heiden abge-
drängt ... 23." Es leidet keinen Zweifel, daß Lukas die Missions-
erfahrung des Paulus schildert. Doch ist nicht geklärt, ob er damit
11 Vgl. Ernst Haenchen, Die Apostelgeschichte, MeyerK III, 13. Auf!. 1961,
356.
11 19,9 ist I U l d ~   , gelagert: Trenmmg d"r Gemeinde von der Synagoge. nicht
Wechsel der Heilsadressaten.
10 In ihr spiegelt sich der heilsgeschichtliehe Vorrang Israels, vgl. Heinrich
Schlier, Die Entscheidung für die Heiderunission, in: Die Zeit der Kirche,
2. Au1I. 1958, 90-107, 96 .
•• Kommentar 653.
U Martin Dibelius, Aufsätze zur Apostelgeschichte, herausg. von Heinrich
Greeven, 1957, 129 .
.. Kommentar 653.
124 Die Heilsgeaohiohte im Matthäulevangelium
wirklich die Grunderfahrung der christlichen Mission überhaupt ab-
bilden will. Dann wäre christliche Mission für Lukas grundsätzlich
Judenmission, die jeweils "umständehalber" zur Heidenmission würde.
Die Erfahrungen in der Judenmission der Lukas-Zeit stimmten mit
denen der klassischen Missionszeit überein ; was sich heute ereignete,
wäre schon für damals typisch,eine tröstliche Vorstellung.-Auffälligist,
daß der Schematismus von 13, 46f. usw. innerhalb der Apostelgeschichte
verhältnismäßig spät begegnet und nicht dasRechtder Heidenmission zu
begründen hat. Dieses Recht gehört mit zu den Voraussetzungen der
paulinischen Mission (vgl. 8,4ff.26ff."; 10,lff.; 11,1-18). Den Heiden
ist das Heil kraft Gottes wunderbarem Eingreifen längst und ein für
alle Male aufgetan. So kannPaulus sich in seinenNöten mit den Juden
bedenkenlos und willentlich von Israel zu den Heiden wenden, ein Vor-
gang, der u. E. das innere Gefalle der paulinischen Mission aufzeigen
soll, das Gesetz, dem sie nach Lukas von Abis Z unterliegt und das
etwas anderes veranschaulicht als die Grunderfahrung christlicher Mis-
sion überhaupt - den heilsgeschichtlichen Richtungssinn der von
Lukas beschriebenen paulinischen Mission: die Juden versagen sich
dem Wort, und die Heiden treten an ihre Stelle. Eben dieses "Gesetz"
wird von Lukas als das erste und letzte Wort, als Anfang, Mitte und
Summe der paulinischen Mission vorgeführt: Israel wird, was die
Mission anlangt, auf Grund seiner Verstockung
U
von den Heiden ab-
gelöst. Anders gesagt: die Darstellung der paulinischen Mission ist für
Lukas eine Ätiologie für den von ihm vorgefundenen Zustand der
Heidenmi8BWn. Die Geschichte der Paulus-Mission weist auf den
späteren Zustand voraus, rechtfertigt, erklärt ihn und führt schließlich
noch selbst auf ihn hin (28,25b-28). Wie Joachim Gnilka zutreffend
herausstellt, ist bei Lukas" ... eine durch Evangelium und Apostel-
geschichte hindurchgehende geschichtliche und gleichzeitig theologisch
begründete Sicht des Unglaubens Israels bis zu ihrem Ende durch-
gedacht 26". Lukas beschreibt zwei große Phasen: ,,1. Die Zeit Jesu.
Mit Jesus, der sich ganz auf das Judenland beschränkt, ist für Israel
,die Zeit der Heimsuchung' (Lk. 19,44), die letzte Gnadenstunde an-
gebrochen. Mit dem Tode Jesu hört Israel auf, das alleinige Gottesvolk
zu sein. Der Tod Jesu eröffnet 2. die Zeit der Kirche. Drei Stufen hoben
sich ab. Die Juden sind als Erste zur Kirche gerufen. Deshalb be-
schränkt sich die Wirksamkeit der Apostel zunächst auf Jerusalem .
.. Kap. 8 ist auf dem Hintergrund der Stephanuarede Kap. 7 zu oehen; vgl.
Gnilka a.a.O. 144.
.. Gnilka 152: "Alles dringt doch hin auf die letztmalige Feststellung, daß
die Juden verstockt sind." Zum Komplex "Israel - die Heiden" im Lukas·
Evangelium und in der Apostelgeschichte vgl. Gnilka 130ff. Zu 13,46f. UBW. vgl.
Hans Conzelmann, Die Mitte der Zeit, BHTh 17, 3. Auft. 1960, 177.198 .
.. A.a.O. 149.
Die heilsgeaohiohtliohe Konzeption 125
Diese Periode findet ihren unglücklichen Abschluß durch dieStephanus-
geschichte. Es folgt die MiBBionstätigkeit in der Diaspora. Auch hier
sind die Juden die Zuerstgerufenen. Aber überall, von Pisidien bis
Rom, stößt der Ruf zum Evangelium bei den Juden auf die gleiche
Ablehnung, während die Heiden ihn freudig aufnehmen. Darum folgt
jetzt die ungehinderte MiBBionstätigkeit unter den Heiden. Die Apostel-
geschichte führt bis an die Schwelle dieser neuen Periode heran ... Das
Isaiaswort ist der markante Schlußstein eines eindrucksvollen ge-
schichtstheologischen AufriBSeB
17
." Man kann dem weithin zustimmen.
Ein hier zu notierender Mangel dieser Sätze ist, daß Gnilka die heilsge-
schichtlich-ätiologische Funktion der lukanischen Konzeption. nicht
noch einmal ausdrücklich geltend macht 11. Kap. 7
11
fungiert als Ab-
schluß von Kap. 2-6 und Begründung des folgenden tJberganga zur
HeidenmiBBion von Kap. 81f.
1O
; die paulinischeDiaspora-JudenmiBBion
mit 13,46f.; 18,6; 28,25b-28 begründet die folgende (von Lukas
vorausgesetzte) Heidenmiaaion selbst.
Lukas vermag also wie Matthäus die Heidenberufung seiner Zeit aus
der "Geschichte" abzuleiten. Sie ist göttlicher Wille als Frucht der
doppelten Verstockung Israels in Jerusalem und in der Diaspora. In der
jeweiligen zeitlich-räumlichen VoransteIlung der Juden (Jerusalem und
Diaspora-Synagoge) erscheint ihre geschichtlich einmalige (christliche)
Heilsprärogative, die sie im Laufe ihrer Berufungsgeschichte an die
zeitlich und räumlich nachgeordneten Heiden verlieren 81. Wir haben
es demnach mit einem ähnlichen Entwurf zu tun wie im Matthäus-
Evangelium. Dasselbe "Schema", nach dem sich Matthäus den Gang
des vom irdischen MeBSias Israels verantworteten Heilsgeschehens vor-
stellt, wendet Lukas auf die kirchliche, nachösterlich-pfingstliche
JudenmiBBion in Jerusalem und in der Diaspora an. Wo bei Matthäus
die Ablösung Israels durch die Heiden in den Rahmen einer vita Jesu
und so zur Jesus-Geschichte gehört, ist sie bei Lukas das Ergebnis der
"apostolischen" Kirchen-Geschichte im Rahmen einer von der vita
.7 A.a.O. 149f .
.. Vgl. zu Kap. 7 a.a.O. l«f.: "Die Rede des Stephanus ist für Lukas ... im
Geea.mtgefüge der Apostelgeschichte die geschichtatheclogiache Begründung
daf"ur, dall das Wort Gottes aich nunmehr von Jerusalem abwendet und den
Heiden zuwendet ... u
U Im übrigen vgl. zu Kap. 7 Haenchen 238-241.
.. Vgl. 8,411".26ff.: 9,16: 10,1-48: 11,1-18.20. Auch Kap. 12 gehört in diesen
Zusammenhang (Haenchen 330-335 verliert kein Wort über die Funktion des
Kapitels im Kontext), indem es das letzte Wort zum Thema "Jerusalem" und
mit i1un das Ende der Jerusalemageschichte vor Augen führt: Gottes Überlegen-
heit und Gericht über die bösen Juden (12,1-3.111), erzählt am Beispiel des
Petrua und Herodes.
11 Die Heiden empfangen dieselben Heilagüter wie vordem Iarael, vgl. z.B.
26,18 mit 2,38 und 3,19; 2,14--21.33.38 mit 10,45.47 und 11,115.17; 13,46 mit
13,4.8: 28,28 im Kontext.
126 Die Heilsgeschichte im Matthäusevangelium
Jesu abgesetzten, speziellen Apostelgeschichte. Gemeinsam ist beiden
Entwürfen das Wissen, daß die Israel-Mission nach Ostern kräftig im
Schwange ging und - abgebrochen wurde. Matthäus datiert ihr Ende
auf die Katastrophe des Jahres 70, Lukas läßt es mit dem Ende der
Paulus-Mission zusammenfallen, setzt es also noch früher an. Für beide
ist .. Israel" eine Größe der heilsgeschichtlichen Vergangenheit. Hier
stoßen wir auf verschiedene Ausformungen einer .. heidenchristlichen"
Theologie vom Ausgang des 1. Jahrhunderts, die mit dem Israel-
Problem, horribile dictu, aufihre (heilsgeschichtlich begründete) Weise
.. fertig" war und mit jeweils verschiedenem Material- sei's unter Be-
rufung auf Jesus und seine Worte, sei's mit dem Rückgriff auf den
.. Geist" und das apostolische Wort - dieselbe heiIsgeschichtliche
Stunde allBllgte. Lukas läßt dabei, auf die Grundmerkmale seiner Dar-
stellung gesehen, die historisch zutreffendere und differenziertere Sicht
erkennen. Wo Matthäus seltsam .. geschichtslos" verfährt und unter
Außerachtlassung von .. Ostern" alles auf die Autorität des irdischen
Herrn und seinen Raum abstellt, berichtet Lukas von der nach-
Ö8terlich-geistweise geführten, umkämpften, .. geschichtlichen" Ent-
wicklung der Dinge, von Stationen, Übergängen und den entsprechendcn
geographischen Räumen, ohne daß damit seine Skizze mit ihrer
strengen Phasen-Gliederung und jeweiligen Detailschilderung in jedem
Fall schon historisch getreuer Bericht sein muß. Da.ß Matthäus weniger
.. differenziert", mag zunächst, formal betrachtet, unter dem Zwang
geschehen, das Ganze im Rahmen einer vita Jesu unterzubringen. Doch
hat der Verzicht auf eine ausgeführte Apostelgeschichte = Geist- und
Kirchengeschichte wie bei Lukas tiefere, theologische Gründe und er-
wächst aus einer Sachentscheidung: aus einer Christologie, die mit
unerhörter Einseitigkeit ausschließlich den irdischen (jetzt auf-
erweckten) Herrn als Gabe, Kriterium und So'Uverän, kurz: als .. Geist"
aller vor- und nachÖ8terlichen Heilsgeschichte gelten lassen will. -
Eine aufregende Antwort nachösterlichen .. Geistes" zur Frage nach der
Begründung und Autorisierung gegenwärtigen Heilsgeschehens! Mat-
thäus, darf man sagen, ist der erste ( .. heidenchristlich" bestimmte)
Vertreter einer strengen, geschichtlich-nivellierenden ipsissima-vox-
Gläubigkeit, wo Lukas, sachlich und geschichtlich treuer, das Phä-
nomen von Ostern-Pfingsten und seine Maßgeblichkeit für das gegen-
wärtige Heilsgeschehen (auf dem Hintergrund einer durchaus ernst ge-
nommenen vita Jesu!) voll zur Geltung zu bringen vermag. Daß auch
Lukas nur bestimmte Motive von Röm. 9-11 verwendet, liegt auf der
Hand. Das zu Matthäus und seinem Verhältnis zu Paulus Gesagte gilt
cum grano salis auch für Lukas. Der Paulus der Apostelgeschichte
ist eine heilsgeschichtliche Figur, an der Israel in der Diaspora seinen
(christlichen) Heilsvorrang verliert und an die Heiden abgibt: der
Die Funktion der Judaismen 118W. 127
Heidenapostel (Röm. 11,13), der um Israels willen von Christus weg
verfiucht sein möchte (Röm. 9,3), als Kronzeuge eines Heidenchristen-
tums, das .. Israel" aufgegeben hat!
2. Die Funktion der Judai8men
innerluJlb der 1aeilBguc1aie1ltlic1&en Dar,WZu1l{/
J ohannes Weiß hat das Matthäus-Evangelium a1a .. judenchristliches"
verstanden. Die Begründung seines Verständnisses ist so durchsichtig
formuliert, daß sie hier für ähnliche, die Forschung bis heute be-
einflussende Auff&88ungen zu Wort kommen soll: .. Vor allem aber ist
das Matthäus-Evangelium nur zu verstehen a1a ein auf judenchristliche
Leser berechnetes Werk, natürlich auf Diaspora-Judenchristen. Der
Eifer, mit dem der Verfasser den Nachweis der Messianität Jesu führt
(sein Stammbaum: Abstammung von David-Abraham, und scin
Schriftbeweis), die beflissene Widerlegung jüdischer Verleumdungen
bezüglich der Geburt und Auferstehung Jesu, die Art, wie er den An-
stoß aus dem Wege räumt, daß Jesus aus Ga\iläa = Nazareth kommt
(2,23; 4,12-16), wie er die Sendung Jesu für Israel (10,5f.; 15,24)
hervorhebt, obwohl er schließlich die Aussendung der Zwölf (!) an die
Heiden berichten muß (28,19), ja gerade das große Interesse, das er an
der Verwerfung Israels und ihren Gründen hat (21,43), das alles zeigt
ihn auf Gesichtspunkte und Interessen des Judentums eingestellt. Vor
allem aber zeigt dies die Tatsache, daß er für die unverbrüchliche
Haltung des Gesetzes kämpft (5,18) und gegen die, welche sagen, Jesus
habe es aufgehoben (5,17.19), gegen die Vertreter der Gesetzlosigkeit
(7,23; 13,41); ja sogar das Zeremonialgebotwill er nicht völlig fahren-
lassen : ,dieses sollte man tun und jenes nicht unterlassen' (23,23); er
hat das Wort stehenlassen, aus dem man eine fortdauernde Be-
obachtung des Sabbat bei den alten Judenchristen erschließen muß
(24,20). Selbst für die Lehren der Schriftgelehrten tritt er ein, wenn er
auch zugeben muß, daß sie nicht danach leben (23,3). Mit diesen
durchaus judenchristlichen und gesetzestreuen Anschauungen stellt er
sich abseits von dem Kreise der großen heidenchristlichen Kirche ...
II
"
Der diesen Sätzen gemeinsame methodische Mangel liegt darin, daß
hier die auffallenden .. judenchristlichen" Texte des matthäischen
Sonderguts
ll
kurzerhand aneinandergereiht und in ihrer einfachen
Summe für den spezifischen Charakter des Matthäus-Evangeliums und
scines Verfassers geltend gemacht werden. Der Ausleger unterläßt die
überlegung, ob das .. judenchristliche" tl'berlieferungsgut auch im mat-
•• Das Urehriatentum, Göttingen 1917,522.
A Texte wie 5,23U7 (6,7; 18,17);   10,23; 23,16-22
u. B. sind übergangen.
128 Die Heilageaohiohte im Matthäuaevangelium
thäischen Zusammenhang judenchristlichen Interessen zu dienen hat.
Er macht keinen Versuch, seine jeweilige Funktion im Kontext zu be-
stimmen. M. a. W. er unterscheidet nicht zwischen "Tradition" und
"Redaktion" und bekommt so nicht zu Gesicht, dsß der übernommene
Stoff eines ist, ein anderes jedoch der literariache Gebrauch, den der
Evangelien-Schriftsteller von ihm macht. Wir ordnen die einschlägigen
Texte im folgenden nach sachlichen Gesichtspunkten und unterwerfen
sie der neuen, im Zuge der formgeschichtlichen Forschung ent-
wickelten Fragestellung.
a) Die Parlikulariamen 10,5/.; (10,23;) 15,24
Über die heilsgeschichtlich-Iiterarische Funktion dieser Sätze vgl.
S.60-63.
b) Bcnulergue zum Thema "IBrtJel"
Ad vocem "Repräsentanten" vgl. S. 11-33, ad vocem "böses Israel"
S.38-74. In diesen Themenkreis gehören die von J. Weiß an-
gezogenen Texte 21,43 (vgI.S. 43f.; 79-83) und 27,62-66; 28,11-15
(S. 73f.). Sie sind streng heiIsgeschichtlich orientiert, einbezogen in das
literarische Israel-Bild des Evangelisten: das durch die Autoritäten
repräsentierte Israel ist die unbotmäßige, heils- und endgeschichtlich
verworfeno Generation der Berufung zur Himmelilherrschaft und als
solche ein Stück Vergangenheit, Gegenstand von "Geschichts-
schreibung", nicht mehr aktuelles Gegenüber des Evangelisten.
c) Dill Murianität Juu
IX) Hoheitatitel
M
Es ist längst beobachtet, dsß Matthäus seine Christologie, soweit sie
die Darstellung des Irdischen betrifft, als einziger neutestamentlicher
Zeuge konsequent messianologisch entfaltet. Jesus ist genuiner
Israelit, Sohn Abrahams und als solcher Sohn Davids, wie schon der
erste Vers des Evangeliums verkündigt·. Er ist der geborene König"
der Juden - so sagen die Heiden (2,2; vgl. 27,11.29.37
17
); für Herodes
mit den Oberpriestern und Schriftgelehrten des Volks heißt das "der
.. Zum einzelnen vgl. Hummell09ft".; Strecker 118ft".; 123ft" •
.. Vgl. den auf David und Abraham zurückgeführten Stammbaum 1,2-18 .
.. Vg!. Hummel 1l4.: "Eine Betonung der königlichen SteUung Jesu liegt
darin, da.ll im Stammbaum David ausdrücklich ,der König' genannt (1,6) und
die Geachlechterfolge über die königliche Linie geführt wird (1,7-11)."
17 Rohr und Pl'08kynese (27,29) vOI'Btärken gegenüber Mk. Ui,16ff. die könig-
Iiohen Züge im Bilde Jesu.
Die Funktion der Judaismen wrw. 129
Christus" (2,4; vgl. 27,42 "König Israels"). Ein anderes Wort für
"Meesias" ist "Sohn (Gottes)"·. Weil Mstthäus Jesus als den ge-
borenen Christus = Sohn (Gottes) vorauasetzt, kann in der Tauf-
geschichte Jesus ganz entsprechend nur noch als Sohn proklamiert
(3,17), nicht mehr zum Sohn adoptiert werden wie Mk.l,l1. Ein
anderes Synonymon zu "Christus" ist "Davidssohn"IIt, eine Titulatur,
die Matthäus stark in den Vordergrund rückt
to
• Entscheidend ist nun
die Beobachtung, daß Matthäus diese Titel, die gemeinsam sein
Meesias-Bild gestalten, streng und konsequent auf den irdischen Herrn
der Berufung und Verwerfung Israels anwendet". Das Israel der
Basileia-Berufung und der Messias (von damals) gehören zusammen.
Was Strecker zu "Davidssohn" sagt, "daß der Davidsohntitel im
Rahmen der Historisierung Verwendung findet, daß er nämlich an die
einmalige, historische Situation der Zeit Jesu als der Zeit der Sendung
an das jüdische Volk gebunden ist"", gilt entsprechend auch für
"Christus" und "Gottessohn", wobei zu bedenken ist, daß der Messias
Israels im Matthäus-Evangelium weit über den Radius seines Lebens
hinaus Geschichte macht. Er bewirkt den Verlust des Heils für Israel
und das neue Heilsangebot an die Heiden; er gibt z. B. auch das gültige
Wort für die letzte Zeit vor dem Ende (24,3-25,46) -, er, der ir-
dische, der als König Israels geboren wird und als Messias am Kreuz in
den Tod geht und den Mstthäus sorgf&Itig von dem znkünftigen
Menschensohn-Richter" unterscheidet. Nach 26,64 bekennt sich Jesus
vor dem Hohenpriester zu seiner Messias-Gotte88ohnschaft, doch von
nun an", was seine Zukunft betrifft, ist er etwas "anderes": Jedoch
ich sage euch, von nun an werdet ihr den Me1I8Chenso1I1I zur Rechten
der Kraft (Gottes) sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen
sehen. Dem entspricht das redaktionelle Kompositionsverfahren in
24,23ff. 24,23-25 und Mk. 13,21-23 gehören zusammen, ebenso
24,26-28 und die Q-Logien Lk. 17, 23f.37. Mstthäus schließt 24,26ff.
• Vgl. 2,'/15; 16,16; 26,63; 27,'0.'2. Gerade in di_r Synonymität, in der
konaequonten M_ianiaierung des liegt eine matthiische
Eit'nart der Titelbehandlung (gegen Strecker 126).
• Vgl. 1,1/16; 21,5/9; 22,'2 (S. 52, Anm. M) .
.. 9,27; 12,23; 15,22; 20,30.31 (Par Mk.IO,'8.'9); 21,9.15; 22,'2 (Par
Mk.12,35) .
• , ist die Verbindung und der
"DaVldaaohn und "Herr m 11,27/28; 15,22/25; 20,30.31. Der irdiach-gewalt1g8
Me.iu-König, Herr der Gnade und des Gerichte für larael, empfingt von den
Seinen (vgl. Strecker IU; Hahn, Hoheitatitel 85f.) di_lbe AnreiIe wie der
richtendo Menachenaohn·König (25,37.«; vgl. 7,21; 2','2; 25,11) .
•• A .... O. 1111. Vgl. Hummel 122: "Die apeziell .. ur Israel gerichtete mes-
sianische Wirkaamkeit Jesu fillt mit der Zeit seines irdiachen Weges Z118IUI1II1IID."
.. Vgl. 13,'If.; 16,27.(28); 19,28; 25,31ff. und das Zitat .. ua Bach 12,IOff.
in U,30.
c, IrAfj. >Jy", ul'i. und 41r' ipn (8tatt 11«1 Mk. 14,62) 8ind redaktionell: vgl.
Trilling 86 f.
U 8701 Walker.  
130 Die HeiIsgeaohiohte im MatthäU80Vangelium
an an", um es zu präzisieren". Das zeigt, daß der Er-
wartete für ihn kein irdischer Messias mehr ist, der in der Wüste oder
in Kammern zu finden wäre, sondern ein Himmelswesen von kos-
mischem Ausmaß, eben der Menschensohn in seiner allen sichtbaren
Parusie.
Im Dienste der .. Historiaierung" ist die matthäische Mesaianologie
nicht nach außen, zu den .. Juden" hin ausgerichtet, um ihnen die wahre
Würde Jesu zu bezeugen, sondern sie ist nach innen bezogen, auf das
likrariBc1ae .. Israel" des Matthäus-Evangeliums. Sie zeigt, wer das
Gegenüber der von Matthäus beschriebenen Basileia-Generation war
und warum .. dieses Geschlecht" an diesem Gegenüber untergehen
mußte: Israel hat seinen verheißenen König von seiner ersten Stunde
an (2,1-12) mit blindwütigem Haß verfolgt und ihn schließlich gar
- im Tausch gegen einen üblen Mörder" - ans Kreuz gebracht. Man
beachte den kompositorischen Kontrast von 2,1-12 zu 1,1-17.
18--25. Kaum ist der Nachkomme Abrahams und Davidasohn (1,1.6),
der Meaaias (1,16.17) und Retter seines Volkes (1,21) als der auf
wunderbare Weise durch Gottes selbsteigenes Schöpfertum Geschaffene
angekündigt und geboren (1,18--25), bricht auch schon eine Lawine von
Feindschaft und Verfolgung über ihn herein. 1,18ff. soll an seinem Platz
nicht die (göttliche) Geburt Jesu gegen schmutzige Anwürfe verteidi-
gen u, sondern die klare Folie abgeben für die Ereignisse von 2, 1 ff. Kap.l
legt mit Stammbaum und Geburtageschichte dar, wer der ist, den Israel
alsbald mit Füßen tritt - und dem die Heiden huldigen. Stammbaum
und Geburtageschichte dienen heilsgeschichtlich-literarischen Zwecken
wie 2,lff. selbst und die folgenden Szenen, die auf die .. israelitische
Echtheit" Jesu abheben. Eigentlich gehört der Meaaias ins .. Land
Israel", doch umständehalber, unter dem Druck der Feindschaft
Israels, kommt er, der Bcthlehemit, aus Ägypten und Na-
zareth (2,19-23)41. Jesus muß hinsichtlich der Wer-und Woher-Frage
als echter Measias erscheinen, weil er innerhalb des Matthäus-Evan-
geliuma der König der BaBileia-Generation zu sein hat: nur der genuine
König Israels paßt ins Geschichtsbild 10 und wird mit den entspre-
.. Vg\. Joeef Schmid RNT 337f .
.. Nun wird deutlich, uurum der M .... iaa als der Kommende nicht hier oder
dort (d. h. lY '<ii   oder lY     'M1l .. zu finden ist, wie es der Pseudo-
m .... ianitit und ihrer Prophetie entspricht: er ist der überweltlich-univel"llBle
Menschensohn. Matthiua hitte hinzufügen können: er ist schon - als der ir-
dische .. Chriatua" - dagewesen; der MeMitu wird nicht mehr erwartet.
" V gl. S. 46 .
.. Gegen Hummel 111, der von ,,Apologetik" spricht .
.. Vgl. du Fluchtmotiv in 4,12 (gegen Mk. 1,14): Jeeua nach
Galilial
.. Dem entspricht, daß Matthiua Jeeua auch auf dem Boden Galiliaa betont
den M .... sein lißt und zu diesem Zweck .. Israel" gewissermaßen nach
.. GaliIia" verlegt oder besser: Galilia zur .. Kemprovinz" Iaraela macht (vg\.
Die Funktion der Judaiamen wnr. 131
chenden Stoffen dargestellt, die in einem vorliterarischen Stadium der
Begegnung mit dem "Judentum" assertorisch oder apologetisch der
korrekten christlichen Meaaiaadogmatik gedient haben. - Was sich am
Anfang des Weges Jesu abzeichnet, steht auch über seiner öffentlichen
Wirksamkeit und seinem Ende. So beschließt Matthäus die Kom-
position 4,23--9,35 mit der Absage Israels an den Davidsaohn. In dem
nur Matthäus eigenen Stück 9,27-31 rufen zwei Blinde Jesus als
Davidsaohn an (9,27), doch der Messias, der im folgenden die Mengen
zu dem Ruf provoziert: Noch nie ist solches in Israel gesehen worden
(9,35)11, begegnet dem heftigen Verdikt der Repräsentanten (9,34).
Israel verteufelt seinen König. Dasselbe "heilsgeschichtliche Schema"
findet sich in 12,22ff. Wieder ist Jesu Davidsaohnachaft im Gespräch
(12,23); wieder antworten die Pharisäer mit einem Peitachenhieb, noch
aggressiver als in 9,34". Was jedoch in Kap. 9 ohne Fortsetzung bleibt,
ist hier Ausgangspunkt einer breiten forensischen Abrechnung Jesu mit
"diesem Geschlecht"". Die Verwerfung seiner Meaaianität ist ein ent-
scheidender Grund für das definitive Gericht des Messias über die von
ihm Berufenen. Das redaktionelle Schema von der Ablehnung des
Davidsaohnes wiederholt sich in 21,lff. In der Einzugs- und Tempel-
geschichte stellt Matthäus (gegen Markus) den demütigen König
Israels, den heilbringenden Davidsaohn energisch in den Mittelpunkt
(21,5.9.15)". Doch Jerusalem, so betont der Evangelist, verkennt
seinen König (21,10f.)". Das "Hosianna dem Sohn Davids" ist im
Tempel nicht willkommen (21,15f.)". Diese Messiasfeindschaft be-
antwortet Jesus durch den Gerichtaakt 21,18f. An ihr entzündet sich
die in drei Gängen vorgetragene Auseinandersetzung Jesu mit Israel
von 21, 12-17{21, 18f. - 21, 23--27{21, 28--22, 10 - 22, 15--46{23,1 bis
24,2, die jedesmal mit Gerichtsworten oder -Reden abschließt'7. -
Der Messias gehört also (zunächst) zu Israel. An ihm, den das ganze
Volk zum Tod am Kreuz vel"8tößt (vgl. 27,40.42), kommt Israel zu Fall.
Er ist Anfang und Ende seiner Heilsgeschichte. Die Messianologie des
Evangelisten ist demnach ein motivierendes Hauptstück seiner Ge-
8chichtsschreibung, die Israel mit guten Gründen (der Verwerfung des
S. 33 f. und die Erwähnung Galiliaa in 4,111.26): die exemplarische Hinwendung
Jesu zu Israel in Wort und Tat geschieht in Galilia. Es ist such nicht von un-
gefähr, daß in 16,21ff. die Heidin Jesus als Davidaaohn anruft (im Unterschied
zu Mk. 7,26)-der M ...... llr'tUUantwortet ihr kein Wort. Begreiflich, denn er
ist nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Iarael gesandt, was das Weiblein
nur bestitigen kann (vgl. S. 60, Arun. 611) .
.. Auch die Heilung des stummen Dimoniachen (9.32f.) .teht nur bei Mat-
thAus.
", Vgl. S. 63 mit ARm. 36. .. Vgl. S. 611-66 .
.. V01"8US geht 20,29-34. die Heilung zweier Blinder durch den Davidaaohn,
vgl. Mk. 10.46-62 (Heilung des blinden Bartimius).
11 Vgl. 8. 63f. .. Vgl. S. 61l.
17 VIII. S. 68 .
. '
132 Die HeiJss-!hichte im MatthiwJevanplium
Messiu) als Größe der Vergangenheit bezeichnet und die von dieser
Vergangenheit bis in die (letzte, gegenwärtige) Zeit der Heidenberufung
führt: der Christus von damals ist zugleich Herr über die Berufung der
Heiden von heute (22,9f.; 2',9.1'), ist - wie schon damals (12,17
bis 21)11 - du Heil für die Heiden; er 8011 Gegenstand ihres Be-
kenntnisaes (27,5')" und kraft seiner von dem gegenwärtigen All-
Herrn bekräftigten Verbindlichkeit (28, 18ff.)10 der Herr ihrer Nach-
folge sein.
~   Reflexionszitateil
Wie die Reftexionszitate 1,22; 2,(5).15.17.23; (3,3); ',1'; 8,17;
12,17; 13,1'.35; 21,'; 27,9 zeigen, ist die Jeauszeit für Matthäua die
Zeit der Erfüllung der alttestamentlichen Prophetie, nämlich
1. der messianischen WeiBB&gUngen (von der Jungfrauengeburt bis
zu den Silberlingen des Verräters),
2. der Gerichtsprophetie für Israel (13,l'ff.) und
3. der Heilsweissagung für die Heiden von 12,17ff.
Indem die Reftexionszitate Jesus, sein Handeln und Erleiden als Er-
füllung des prophetischen Wortes für "lmMl" charakterisieren, ist ihre
Funktion eine streng heilsgeschichtliehe. Sie beugen: du Israel des
Evangeliums ist du Israel des Messiu, du wahre Israel der Erfüllungs-
zeit. Sie definieren die heilsgeschichtliehe Stunde "dieses Gescblechts",
auf die der Evangelist als auf die ehemalige Zeit der Erfüllung zu-
rückblickt.
Ist diese Zeit vergangen, 80 liegt sie damit freilich noch lange nicht
abgeschlossen-erledigt dahinten I •• Um ihres Erfüllungscharakters
willen reicht sie in verschiedener Hinsicht bis in die Gegenwart des
Evangelisten. In ihr erfüllt sich die Verstockungsprophetie für Israel;
80 eröffnet sie den Weg zur Berufung der Heiden. In ihr erfüllt sich die
HeilsweiSS&gllIlg für die Heiden (12, 17ff.); 80 ist sie die "heilige Ver-
gangenheit" gerade für die Heiden von "heute". Durch du Medium des
Worts empfangen sie den Messiu Israels von damals in seiner gnädigen
11 VgJ. S. 77f. •• Vgl. S. 72f.; 88f.
11 Vgl. S. 118 (mit Anm. ').
11 VgJ. Kriater Stendahl, Tbe 8chool of St. Matthewand ite U88 of the Old
T8Itament, Act. Sem. Neotelt. Upaal. 20, Uppaala 19M; Poul Nepper.Chri·
ltensen, Du MatthiU88Vangelium, ein judenchriatlich81 Evangelium' Acta
TbeoJ. Dan. I, Aarhua 1968, 14 IIF.; Alfred Suhl, Die Funktion der altteltament-
lichen Zitate und Anopielunll"n im Markuaevangelium, 1966, 182IF.
•• Gegen Suhl 183: Die IIIgeIltliche Heilageochichte, IOfem oie aua dem AT
begriindet werden könne, 88i für Matthäua in der Vergangenheit abgeechl0888n;
dieoe Heilsgeschichte könne nicht über die Zeit des Erdenwirkens Jesu hinaus
in die Zukunft verlängert werden. - Matthäua kann und tut esl
Die Funktion der Judaiamen uaw. 133
  22,9f.), verheißenden (8,11) und fordernden (22,11-1';
25,31-46) Hinwendung an sie, al8 Gegenatand ihrer Anbetung und
BekenntniBBea (2,1-12; 27,5'). Ja, sie empfangen die ganze biß
in ihre Gegenwart führende, 8ie aelbst einschließende Jesusgeschichte
dea Evangelisten, empfangen "dieaea Evangelium vom Reich"
(2',1,)18. Der Measias I8rael8 al8 die vergangene Erfüllung der Pro-
phetie (mit ihrem Herübergreifen in die Gegenwart), der Irdische und
aeine Geschichte des HandeIns und Redena (bi8 zur Berufung der
Heiden vor dem Ende) ist das begründende und bestimmende Woher,
ißt Inhalt und Maß der für die Heiden gemünzten Berufungsbotachaft
und ihres Glaubena (vgl. S. 132), ist für sie alao die alll'll entacheidende
"Mitte der Zeit"". Indem die Reßexionszitate die heilsgeschichtliche
Qualität einer Vergangenheit definieren, die für die Gegenwart zeitlich 11
und aachlich-gewichtig als "Mitte der Zeit" fungiert, dienen sie auch
der heilsgeschichtlichen Ortabestimmung dieser Gegenwart. Es ist die
Zeit, die (vor dem Ende) von jener Mitte der Erfüllung her lebt und von
ihr beatimmt ist. Die Gegenwart des Evangelisten steht eindeutig
zwiachen der heilvoll-anapruchsvollen Mitte der Zeit von einat und dem
kommenden Ende der Zeit .
.. S. 81, Anm. 24 .
.. Emdeutiger und strenger als im lukanillchen Geachichtawerk gilt die Jeeua·
zeit bei Matthiua als die "Mitte der Zeit". Vorau8 geht jeweils eine "Vor.
geschichte" (tür Matthiu8 vgl. unten Anm. 65 und S. 115 mit Anm. 2, für Luku
die Analyse von Hans ConzeJmann, Die Mitte der Zeit 121f.). Indem Luku
seinem Evangelium eine selb8tändige Apostelgeschichte mit dem Datum
"Pfingsten" und den Wegen des Geistoa folgen lilIt, aieht er seine Gegenwart
nicht nur von der Jeeuazeit und ·Geachichte al8 der "Mitte" abhängig, sondern
auch von den grundlegenden Ereigniaaen der Naeh.Jesu8·Zeit, die in der
Apostelgeachichte zur Sprache kommen. Heißt bei MatthiU8 die für die Gegen·
wart entacheidende Vergangenheit, die Mitte der Zeit, einseitig .. der irdiaohe Je·
8U8", so bei Lukaa unter Einbeziehung von Pfingaton ,,JeaU8, der Geist und die
Apostel" .
•• Vgl. S. 115 mit Anm. 2 und Ven 1I,12f., der an einem entacheidenden
Punkt klares Licht auf die matthiillche ZeitellllCheuung wirft. clJ.6 11,12 hat in-
k1u8ive, 11,13 exklusive Bedeutung. So mit Wolf gang Trilling, Du Evan·
gelium nach MetthiU8, Geistliche Schriftleaung 1, I, Düaaeldorf 1962, 246f. (vgJ.
Trilling, Die Tiufertradition bei Matthiua, BZ 3 (19119) 271 ft'.: 276-278): Emat
Percy, Die Botachaft Jeau, Lund 19113, 199: gegen Paul Gaechter, Du MatthiU8·
evangelium, 1964,367 und Bultmann, Tradition 178: ..... daß der Tiufer einer
vergangenen Epoche angehört." Gut Trilling, Evangelium 247: .. Du Gesetz und
die Propheten reichen bis zu ihm hin. Ihre Aufgabe war die Hinf"uhrung, die
Voranadeut.ung auf das Kommende. Mit dNn Täufer aber hat das Kommende
bereite begonnen. Die Zeit dcr WeiMagung ist vorbei, die Zeit der Erf"uJIung ist
da." Anders als Lukaa, der den Tiufer ganz der altteatomentlichen "Vor.
geschichte" zuordnet (16,16), gehört er bei MatthiU8 als Verkündiger der
Hirnmelshernchaft (3,2) zur Erfü)lungazeit Iaraels (vgJ. 3,3 mit matthiillcher,
den Reftexionazitoten ihnIicher Formulierungi), zu jener .. Mitte", die mit der
Verwerfung Iaraels in die .. Naehgeachichte" der letzten Zeit mit der Berufung
der Heiden iibergeht. Die Propheten und das Gesetz gehören nach 1I,12f. zur
Vorgeschichte der HeiJazeit (vgl. die Propheten in den ReftexiolllZitoten).
134 Die Heilsgeechiohte im lIratthiuaevangeliwn
d}GelJetzliche8
Es ist hier nicht der Ort, ausführlich in die Auseinandersetzung um
das Gesetzesproblem im Matthäus-Evangelium einzutreten. In unserem
Zusammenhang sind nur die Stellen zu diskutieren, die weithin - ohne
Rücksicht auf ihre Kontextfunktion - für die "judenchristlichen" In-
teressen und das persönliche "Judenchristentum" des Evangelisten
geltend gemacht werden M. Wir verweisen zunächst auf schon be-
sprochene Texte.
Zu 24,20 mit 1'1181   im Kontext von Kap. 24 vgl. S. (83 bis)
86: ein Anachronismus, der als irrelevant im Text stehengeblieben
ist. Gerade Matthäus, für den das Gesetz Israels zur bloßen Vor-
geschichte "dieses Geschlechts" gehört (11,13) und der dementspre-
chend Israel durch den Täufer, durch Jesus und die Boten den
Gotteswillen als Predigt der Himmelsherrschaft (nicht mehr als "Ge-
setz"') gesagt sein läßt (vgl. die Summarien 4,23; 9,35 mit der über-
schrift "Evangelium vom Reich" für die Bergpredigt), kann den
Judaismus von 24,20 unbefangen wiedergeben. Er gehört für ihn, ob-
gleich der Text von der Zukunft spricht, sachlich längst der Ver-
gangenheit an.
Zu 23,3 im größeren ganzen des 23. Kapitels vgl. S. (6S-)69 mit
Anm. 102: literarische Verwendung zur vorauslaufenden Illustration
des Heuchelei-Motivs. 23,3a wird vom Evangelisten mehrfach aus-
drücklich annulliert, ein Vorgang, der auf den grundsätzlich anti-
quierten Charakter der "judaistischen Nomismen" bei Matthäus auf-
merksam macht.
Zu 17,24----27 vgl. S. 101-103. Der Text ist seinem sachlichen Ge-
fälle nach nicht mehr "judenchristIich" orientiert. Er entspricht einer
in den Bereich der Erde und ihrer Könige vorgedrungenen Gemeinde,
die sich Anwort auf sie bedrängende "politische", nicht kultische Pro-
bleme gibt.
Zu 24,12 mit «vo!'!1JI (vgl. 7,23; 13,41; 23,28) s. S. 84. In diesem
nur Matthäus zugehörigen Text wird, wie Schniewind treffend sagt,
"die Gesetzl08igkeit ... genauer bestimmt als Erkalten der Liebe"I?
24,12 gewährt 80 keinen Anhalt, sich Matthäus als im Kampf gegen
"Antinomisten" befindlich vorzustellen". Denn wo Gesetzl08igkeit und
LiebloBigkeit einander entsprechen, ist Antinomismus als Widerspruch
gegen das jüdische Gesetz mit seinen bestimmten konkreten Vor-
.. Vgl. Feine·Behrn·Kümmel 65f. ., NTD 241.
.. So G. Barth, überlieferung und Auslegung 70 (\'gl. 58ff.), Hwnmel 66.
G. Bomkamm, Der Auferstandene und der Irdische, spricht a.a.O. 180 von
.. dem leidenachaftlichen Kampf des Matthäus gegen Verkündigung und Mission
geaetzcafreier Hellenisten". - In 24,12 ist Matthaus selbst .. geaetzcafreier Hel-
lenist"l Vgl. auch seine Interpretation von 5,17-19 in 5,20ff.
Die Funktion der Judaismen UBW. 135
schriften (vgl. 5,18f.) eine bezugsfremde Größe. M. a. W. der Begriff
,boIL(et wird als Korrespondenzbegriff zu "Lieblosigkeit" nicht auf dem
Hintergrund des jüdischen Gesetzes gesehen, sondern vom christlich
aufgenommenen und "radikalisierten" Nomos her, dessen Inhalt und
Erfüllung die clycimJ ist (vgl. 7,12; 22,39f.). Wenn Matthäus in 24,12
vor einem "Antinomismus" warnt, der sich im Erkalten der Liebe
niederschlägt, und mit 24,13 zum Beharren (in der "Gesetzlichkeit"
der Liebe) bis ans Ende auffordert, tut er das von der Basis eines selbst
"antinomistisch" im "radikalen" Sinn verstandenen Gesetzes aus I
Zu 23,28. Es ist in diesem Zusammenhang nicht zu übersehen, daß
Matthäus Jesus in 23,28
88
den Vorwurf der Gesetzlosigkeit aus-
gerechnet gegen die "Schriftgelehrten und Pharisäer", also gegen die
Vertreter des Gesetzes erheben läßt (vgl. 23,2-4.23). Das endgültige
Wehe über Israels Repräsentanten ist mitbegründet durch ihre clvOIL(et,
die Hand in Hand geht mit ihrer Heuchelei und sachlich wohl mit ihrer
faktischen Nichterfüllung des Mose-Gesetzes gleichzusetzen ist (23,3b).
Auch hier keine Spur von einem Kampf gegen christliche Antinomisten.
Die "Ungesetzlichkeit" dient der heilsgeschichtlichen Motivierung.
Zu 5, 17 ff.; 7, 15ff. G. Barth legt dar, Matthäus habe der Berg-
predigt mit 5, 17ff. und 7, 15ff. eine Klammer gegeben, die sich gegen
die Antinomisten richte 70 - eine unhaltbare These. Die Handschrift
des Evangelisten läßt sich mit Sicherheit in 5,20 ablesen ("Schrift-
gelehrte und Pharisäer"). Dieser Vers attackiert nun keine christlichen
Antinomisten, sondern das Israel der Jesuszeit in Gestalt der Re-
präsentanten. Die vorausgehenden, juden christlich gefärbten Logien
5,(17).18f. bejahen das Gesetz, d.h., mit 5,20 zu sprechen
71
, eine Ge-
rechtigkeit, die besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer und
die durch die folgenden Texte der Antithesen usw. entfaltet wird. Sie
haben interpretierend zu sagen, was Matthäus inhaltlich unter Er-
füllung und Gültigkeit des Gesetzes nach Jota, Häkchen und kleinstem
Gebot versteht: den totalen Gehorsam, die Vollkommenheit der Liebe
(5,21-48), den radikalen Gottesdienst (6,1-18) usw. Die Auslegung,
die Matthäus den Versen 5, 17ff. durch 5,20 und die folgende Kom-
position gibt, läßt von einem Kampf gegen (den "jüdischen" Nomos
auflösende) Antinomisten nichts erkennen. Vielmehr erweist sie Mat-
thäus selbst als "radikalen Antinomisten", der 5,18f. durchaus nicht
wörtlich nimmt. Zur besseren Gerechtigkeit gehört für ihn aus-
schließlich das von 5,21tf. in concreto lJargestellte, das mit der Gol-
denen Regel 7,12 abschließt: da& ist das Gesetz und die Propheten!
.. Diese Stelle übergeht G. Barth.
,. A.a.O. 69; vgI. G. Bomkamm, Der Auferstandene und der Irdische 181.
TI Man beachte des feierliche, neu einsetzende, alles Vorausgehende ex·
plizierende >Jy", ycip.
136 Die Heilsgeechichte im Matthäuaevangeliwn
Weder Beschneidung noch Sabbat werden erwähnt; der Rechts-
grundsatz "Auge um Auge ... ", das ganze Ritualgesetz
72
, aUes spe-
zifisch Jüdisch-Nomistische ist ausgeschlossen; nicht einmal Gebote
des Dekalogs bleiben ihrem Wortsinn nach bestehen 78. Die mat-
thäische Komposition führt die (entschieden "heUenistische" !) exem-
plarische Gesetzesauslegung Jesu in Auseinandersetzung mit Israels
Repräsentanten vor Augen und legt ebendamit den für aUe Zeit (bis
ans Ende) gültigen GotteswiUen, die "ErfüUung" des Mose-Gesetzes,
das total "unjüdische" Gebot der Himmelsherrschaft dar.
In das Thema der besseren Gerechtigkeit der Himmelsherrschaft
(ansteUe der Gerechtigkeit "Israels") ist auch der Abschnitt 7,1&--23
einbezogen, der im Kontext jede aktueUe, für ein früheres Stadium des
Textes vorauszusetzende Bezugnahme auf "Christen" verloren hat und
mit 7,24--27 ad voces "den Willen meines Vaters tun" (7,21) und
"diese meine Worte tun" (7,24.26) zusammenkomponiert wurde. Mit
7, 15ft". und 7,24ft". wiU der Redaktor nach der Goldenen Regel 7,12, die
den zuvor entfalteten GotteswiUen in grundsätzlicher Formulierung
zusammenfaßt, und nach der "eschatologischen Aufforderung" 7,13 f.
(den schmalen   zu gehen), die der Sache nach eschato-
logisch motivierte Paränese zum Tun der vorher konkret genannten
besseren Gerechtigkeit ist - mit 7, 15ft". und 7, 24ft". wiU Matthäus die
vorausgehenden Imperative der Bergpredigt eschatologisch ein-
schärfen (7,21-23; 7,24--27) und vor ihrer Nicht-Verwirklichung
warnen. Die ganze Komposition 7,13-27 steht unter der Überschrift
"Eschatologische Verbindlichkeit der besseren Gerechtigkeit". Mit
7,28f. beschließt Matthäus dann den ganzen Komplex mit deutlich
"antiisraelitischer" Ausrichtung, die der von 5,20 entspricht. Die
Mengen entsetzen sich über Jesu Lehre, denn 76 er lehrt sie als ein von
Gott BevoUmächtigter und nicht wie ihre (voUmachtslosen) Schrift-
gelehrten. Aus Mk. 1,22, einer relativ unbetonten, summarischen Rede-
schilderung innerhalb der Synagogenszene 1,21 ft"., macht Matthäus ein
wuchtiges Finale, das die Bedeutungsl08igkeit und Überholtheit "ihrer
Schriftgelehrten" durch den voUmächtigen Messias und Prediger der
Himmelsherrschaft scharf markiert.
" Vgl. 15,IH.
7. 5,2Iff.28ff. Die Verse 5,23f. zeigen, was zur Jeeuszeit Nicht-Töten rur die
Kultgenossen in JerusaJem bedeutet; Jeeus deklariert den absoluten Vorrang
der Versöhnung vor dem Kult. Für Matthäus, der auf das Jahr 70 und 80 auch
auf den Tempelkult zurückblickt, hat 5,23 f. nur noch Illustrationswert. Ähn-
lichee gilt für 5,34f. Jeeus erläutert das Schwurverbot mit dem Hinweis auf
Jerusalem, die .. Stadt dee großen Königs". - Die Sprache des Judenkönigs von
damals (vgl. 5,47; 6,32)1 Für den Evangelisten 1St 6,34f. wie 5,23f. reines
Predigtbeispiel (ebenao 5,22b).
" Das Entsetzen ist hier al80 anders begründet als in den Wundergesehichten:
7,29.
Die Funktion der Judaismen U8W. 137
Die «wl'!cz von 7,23 kann in ihrem jetzigen literarischen Kontext
(innerhalb der matthäischen Komposition der Bergpredigt) nur noch
die .. Ungesetzlichkeit" der Lieblosigkeit meinen (vg!. 24,12). Im
Sinne des Evangelisten ist ,*"01'(11, hier durchaus .. antinomistisch",
zum Inbegriff für ein Handeln geworden, das dem verzehrenden
Anspruch des von Jesus bejahten und auf seine Weise neu, .. un-
jüdisch" und .. ungesetzlich" angesagten Gotteswillens nicht zu genügen
vermag 7 ••
Zu 23,23. Der .. judenchristliche" Text hält an der Gültigkeit der
Verzehntungsvorschriften fest, obgleich er das Schwergewicht des Ge-
setzes in .. Recht, Barmherzigkeit und Treue" erkennt. Er wird wie
23,3" vom Evangelisten an anderer Stelle mehrfach kräftig durch-
gestrichen, 80 in der programmatischen Verkündigung des Gotteswillens
der Bergpredigt (vg!. 7,12), aber auch in 22,34ff'. - mit dem Zusatz
22,401 - und 24,12; 9,13; 12,7. Was Jesus in seiner letzten großen
Abrechnung mit Israel den Repräsentanten entgegenhält, ist zu ihrem
Gericht gesagt und besiegelt Israels heilsgeschichtliches Ende, d.h. die
.. Nomismen" 23,3.23 haben für Matthäus aU88Chließlich Kontext-
funktion : sie dienen für die Jesuszeit dem Wehe über Israel, besitzen
heilsgeschichtlich-beschränkte .. forensische" Bedeutung; sie gehören
von ihrem Rahmen her nicht zur Verkündigung des Gotteswillens der
Basileia (für Jesuszeit und alle Zeit bis zum Ende), tragen keinen
imperativisch-paränetischen Akzent und scheiden 80 für die Frage nach
dem .. Gesetz" bei Matthäus aus.
Zu 19,3.9; 5,32 sagt Wemer Georg Kümmel: .. Er (Matthäus) bildet
Berichte im Sinne einer spezifisch rabbinischen Fragestellung um: statt
der allgemeinen Frage ,darf ein Mann seine Frau entlassen Y' m. 10,2
läßt Mt. 19,3 die Pharisäer fragen: ,darf man seine Frau entlassen
lC4W, 7tiicmv II!Tlat"t' und gleicht damit die grundsätzliche Frage der
kasuistischen DiskU88ion über die erlaubten Scheidungsgründe an.
Dementsprechend fügt er der unbedingten Aussage Jesu ,Wer seine
Frau entläßt und eine andere heiratet, bricht mit ihr die Ehe' m.l0, 11
die sog. Unzuchtsklausel 1'-1) 17t17tOp"dqt 19,9 (ähnlich 5,32) ein und läßt
Jesus damit die strenge, aber dooh bedingte Anschauung der Scham-
maiten vertreten ... 77". Vg!. dazu S.42 mit Anm. 7. Kümmel be-
achtet nioht, daß die Repräsentanten bei Matthäus die typisch .. israe-
litische" laxe Scheidungspraxis lC4W, 7tiicrlX'lll!T!czv vertreten 71, der Jesus
.. 'Ober den Inhalt von cho"I« 13,41 lABt eich von Wortlaut und Kontext aus
nicht. Nihe .... auuagen. Man kann vermuten, daß KatthAus es ilmlich wie in
7,23; (24,12) aufll"faßt hat .
.. VIII. S. 134. .. Feine·Behm·Kümmel 65.
" D,e Anderung im Sinno .. Ipozifiach rabbinilcher FrapteUung" dürfte
kaum auf das Konto eines Evangelisten gehen, der 80 werug Konkretes vom
"Judentwn" weiß wie Matthius - z.B. daß "Hillel" niemals für "Israel"
138 Die Heilagelohiohte im Matt.h&uaevangelium
die rigorose Praxis des "Anfangs" entgegenstellt (19,4-8). Es ist an-
zunehmen, daß Matthäus nach der grundsätzlichen Absage-an-Iarael
von 19,4-8, die er energisch an die Spitze rückt, mit dem (über-
nommenen, christlich-kaauistischen!) Vers 19,9 noch den beeonderen
Protest Jesu gegen daa XIlTIi Ttiiallv Il!T!czv von 19,3 zur Sprache bringen
will: wer seine Frau nach .. Iaraels" Sitte, nämlich .. außer auf Grund
von Ehebruch" (= um jeder Ursache willen) entläßt und eine andere
heiratet, begeht Ehebruch. Ähnlich verhält es sich mit 5,32.Wieder ist
es - mit 19,3 - die Prämisse des Evangelisten, daß .. Iarael" die Ehe-
scheidung .. ausgenommen auf Grund von Ehebruch" betreibt, und
wieder wird diese Praxis (wohl mit einem ursprünglich christlich-
klausulierenden Logion !) nach der vorausgeschickten .. Grundsatz-
erklärung" von 5,27-30 nachtragsweise resolut verworfen. Man
beachte den Kontext: es geht um die positive Darstellung der
Gerechtigkeit, die besser ist als die der .. Schriftgelehrten und Phari-
säer".
Zu 12,1-8.9-14 vgl. daa von Hummel S.40--45 Ausgeführte.
Während MIt. 2,23--28 auf die völlige Aufhebung der Gültigkeit des
Sabbatgebots hinziele, gehe es Mt. 12,1-8 (bei grundsätzlicher An-
erkennung des Sabbats wie 24,20) um die Rechtfertigung der Liebes-
erweisungen am Sabbat für die .. Kirche des Matthäus", um eine vor-
bereitende Beweisführung zu 12,9-14 mit der These 12,12, die von
Anfang an daa Ziel der Argumentation sei. Nun ist jedoch 12, 7b (mit
dem Gedanken der Jüngerunschuld) keineswegs auf eine vorausgehende
.. Liebeserweisung" bezogen; nach 12,1 raufen die hungernden 78 Jünger
am Sabbat Ähren aus. Auch ist nicht einzusehen, inwiefern Matthäus
ab 12,5 stillschweigend die .. Oberordnung" des Liebesgebots über daa
Sabbatgebot voraussetzen soll; daa Stichwort erscheint als neues,
zusätzliches Motto erst mit 12,7. Daa Verhalten der JUnger wird wie bei
Markus zunächst durch den "Präzedenzfall" Davids gerechtfertigt
(12,3f.), dann durch den Hinweis auf den, der mehr ist als der Tempel.
Wenn schon die Opfer den Sabbat verdrängen, wieviel mehr verdrängt
ihn Jesus - als Messiaa und allein vollmächtiger VerkUndiger des
Gotteswillens, wie man im Sinne des Evangelisten ergänzen muß 10.
Damit ist die Argumentation ins Grundsätzliche geraten: Jesus ist
.tehen kann. Sie gehört zu der ihm vorliegenden Teztgeatalt, wie man an-
nehmen muß, die er seinen Zwecken dienstbar machen kann, weshalb er .ich
hier nicht an den Markua· Ten anachlieJlt .
.. ml ........ v fehlt Mk. 2,23. Gut Hummel 41: "Die Laae der Jiinger aollte der
Davida ... angeglichen werden (v. 3)."   läßt aer Hunger der Jünger
die These der Pharisäer von 12,2 (Mk. 2,24 l'"regeform) a\a hart und Iiebloa er-
acheinen : "böaea larael" I
.. Jeeu Wort gilt auch noch, wenn der Tempel in Schutt und Asche liegt: für
die Zeit Israels und alle Zeit nach 70 bis ana Ende.
Die FWlktion der Judaiamen uew • 139
.. Herr des Sabbats"81. Das einzelne Sabbatvergehen der Jünger wird
gerechtfertigt durch die totale Sabbat-Überlegenheit Jesu, der den
Sabbat außer Kraft setzt und an seine Stelle tritt. Das wird durch 12,7
bestätigt. Die Jünger sind unschuldig auch angesichts des von Jesus
mit der Schrift angesagten Gotteswillens .. Barmherzigkeit und nicht
Opfer", der die Absage an den Nomos unter Einschluß des Sabbats ent-
hält"; vgl. 7,12; 9,13; 22,34-40. Weil der Gotteswille "Opfer" aus-
schließt und nichts als "Erbarmen" meint, sind die Jünger unschuldig.
Sie haben mit ihrem Ährenausraufen durchaus nicht gegen Gottes
Liebes-Willen gehandelt. Von einer Rechtfertigung der "Liebes-
erweisungen" für die Sabbatpraxis der "Kirche des Matthäus" ist mit
alledem nicht die Rede. 12,1-8 steht jenseits des Gesetzes
83
• Matthäus
benützt den Text, um "Israels" ungerechtfertigte Vorwürfe gegen die
hungernden Jünger darzustellen: Bosheit und Unverstand der Pha-
risäer in der Sabbatfrage sind mit Händen zu greifen. Das innere Ziel
der Perikope ist nicht 12,12, wie Hummel meint, sondern 12,14, der
Todes-Anschlag der Repräsentanten, und die sich anschließende Szene
12,15-21". Israels Versagen in der Sabbatfrage provoziert seine Tod-
feindschaft gegen Jesus - und die Erfüllung der Heilsweissagung für
die Heiden zur Jesuszeit. Für Matthäus bildet 12,1-8 einen Stein im
Mosaik seiner Me88iasgeschichte, die schon in ihrer Mitte (verborgen)
und vollends an ihrem Ende über Israels böswillige, totale Unkenntnis
des Gotteswil1ens zum Heil für die Heiden führt (für den Anfang vgl.
11 Das "rabbinische", auf Außerkrafteetzung des Sabbate zielende Argument
mit dem Schluß a minori Gd maius ist "rabbinisch" wenig beweiskriftig. Warum
sollte der Meaaias größer sein a1a der Tempel' - Eine "hellenistische" These
aus der Debatte um das Gesetz, die Matthiua wie 12,11 f. (vgl. S. 140) schon
hat.
• MIt Strecker 32: "Die Sabbatbeobachtung ala Ausdruck der Zeremonial·
gesetzlichkeit (&ua(OE) und das ethische Handeln atehen einander a1a
grundsätzliche Möglichkeiten gegenüber." Mit 12,7 wendet Jesua im mat·
thiischen Sinne seine   den grundaitzlichen Gotteswillen der Him·
melaherrachaftvon 5,21-7,12,kritisch gegen dasGeaetz Iaraela (so auch 9, 13). In
der Auseinandersetzung Jesu mit Israel von 12,1-8 wird deutlich, was Gottes
WiIle der Himmelaherrachaft für "damala" (und "heute" bis ans Ende) ist:
Erbarmen und nicht "Religion". Auch 12,7; 9,13 wird ein "hellenistisches"
Argument aus der vormatthiischen Geaetzesdebatte sein. Ob Matthiua die
Motive 12,5 f./7 schon verbunden vorfand oder sie selbst zusammenstellte,
muß unentschieden bleiben .
• , Ganz anders Mk. 2,23ft'. 2,27 tritt hinsichtlich der Ahren ausraufenden
.Tön!!<,r für rli .. "Menachlirhk .. it" d..s b..jRhten, nimlich wo!!"n des Menschen ge-
schaffenen und ihm zugeordneten Sabbate ein. Jesu Herraein über den Sabbat
2,28 beinhaltet (nach 2,27) die Menschendienlichkeit des (anerkannten) Sabbate,
nicht seine Aufhebung, während bei Matthiiua nach 12,M. programmatisch
gegen &uata. steht und Jeau Herraein über den Sabbat unter diuer Prämisse aua·
gesagt wird. Der Gedanke an "die grundsätzliche Freiheit der Gemeinde von
der Observanz des Sabbatgebotes" (Hummel 41) ist dem Markua·Text völlig
fremd .
.. Zum Zusammenhang mit 12,15-21 vg\. 8. 77f.
140 Die Heilsgcachiohte im Matthäusevangelium
2,1-12). Auch 12,1-8 als Szene aus der "Gesetzesdebatte" hat - zu-
sammen mit 12,&--14 - heiIsgeschichtlich-ätiologische Bedeutung.
Wie Jesus nach Mk. 3,1-5 für "Liebe am Sabbat" eintritt, so auch
in Mt. 12, &--13
86
• Die Auseinandersetzung mit den Pharisäern mUndet
in den Satz 12,12b aus: Somit ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun.
Der Text setzt eine Situation voraus, in der es um "Freigabe des
Sabbats für die Liebestat" .. ging, nicht um Freiheit vom Sabbat über-
haupt. So gehört er - zusammen mit den "rabbinischen" Erweite-
rungen 12,11 f. - einem Stadium der Gesetzesdebatte an, die für Mat-
thäus, den Redaktor, vergangen ist (12,1-8!). Er gebraucht 12, &--13
nach 12, 1-8 literarisch zur Illustration des zuvor konstatierten Satzes
"Barmherzigkeit und nicht Opfer". Jesus kämpft für das von ihm voll-
mächtig verkündigte, allein gültige Erbarmen, was ihm Israels Tod-
feindschaft einträgt.
Zu 15,1-20. Hummel empfindet bei 15,2-6 deutlich, daß es sich
hier - in seinem Sinne - um die radikalste Stelle bei Matthäus
handeltS'. Dennoch behauptet er: "Für Matthäus und seine Kirche hat
die schriftgelehrte Tradition grundsätzlich Autorität
S7
." Ähnlich ist es
mit 15,17-20. Hummel muß zugeben: "Was er sagt, bedeutet, zu
Ende gedacht, die Aufhebung der kultischen Reinheitsvorstellungen
des Pharisäismus und des Alten Testaments
88
." Doch hindert ihn das
nicht, im selben Atemzug festzustellen, von einer Aufhebung der alt-
testamentlichen Speisegebote und ihrer pharisäischen Auslegung könne
bei Matthäus keine Rede sein 88.
Zunächst ist deutlich, daß der Vorwurf der Repräsentanten in 15,2
präziser und schärfer gefaßt ist als Mk. 7,5 (3L« Tt ou m:PL7tClTOÜaLv •••
XClT« -rlJv 7tClpci30aLv ••• ;): Warum 'Ilbertreten deine Jünger die 'Über-
lieferung der Ältesten! Ihm folgt sofort die schroffe Gegenthese,
während MarkuB das Jesaja-Zitat bringt (7,6f.): Warum übertretet
hinwiederum ihr das Gebot Gottes wegen eurer 'Überlieferung
SI
(15,3;
•• Daß in der Fragestellung von Mk. 3,4 als solcher bereite die Ablehnung
dee Sabbatgebote enthalten sei (Hummel 45) ist eingetragen. Auch Mk. 3,Ul'.
stammt aua einer Situation und Zeit, die den Sabbat als gegeben voraussetzte
und Freiheit für das Wohltun am Sabbat forderte: Ist ee erlaubt, &In (be-
stehenden!) Sabbat wohlzutun? Gegen Hummel 45: "Markua nimmt die Frage,
ob die Heilung &In Sabbat erlaubt sei, zum Anlaß, das Sabbatgebot und den
Bereich dee Kultischen überhaupt aufzuheben."
• Hummel 45. .. A.a.O. 47. .. A.a.O. 4S.
01 "Eure (= Israels) "Überlieferung" statt "Überlieferung der Menschen"
Mk. 7,8 bedeutet angeeichte 15,9 = Mk. 7,7 keine "Erleichterung". In der
These 15,6b fehlt XIII "lIp6!,o", To",un 1tOllG: 1tOI&,n aUB Mk. 7,13. So hat die
"Aullerkraftaetzung dee Wortes Gottee" nichte Speziellee mehr wie bei Markus.
Der Text sagt, was die Repräsentanten grundsätzlich tun, was das folgende
Zitat 15,8f. nachdrücklich unterstreicht.   XT).. bringt die letzte,
wuchtige Steigerung der Antwort Jeeu, ihren Höhepunkt! Hummel notiert wohl
das Fehlen der "Menachenüberlieferung" , ignoriert jedoch die Tendenz der
matthäischen Komposition.
Die Funktion der Judaismen usw. 141
vgl. 15,6) 1 Man erkennt mit einem Blick zwei Lager. Dort "Israel", das
für seine überlieferungen eintritt; die Heuchler (15,7) mit Lehren, die
Menschensatzung sind; hier Jesus, der Vertreter des Gottesgebotes und
-wortes, das er in Anknüpfung an den Vorwurf der Repräsentanten von
15,2 in 15,11 abschließend so formuliert: Nicht was zum Munde ein-
geht, verunreinigt den Menschen, sondern was zum Munde ausgeht ...
Daß sich im matthäischen Sinne mit Jesus und seinen Kontrahenten
zwei unversöhnliche Welten gegenüberstehen, zeigen die von ihm selbst
beigebrachten Verse 15,12-14, die das Vorausgehende eigenwillig
interpretieren. Die Pharisäer kommen am Gottes-Wort Jesu zu Fall.
Laßt sie! Mögen sie zu Fall kommen! - Der Evangelist nimmt die
"Gesetzesdebatte" zum Anlaß, um Jesus "Israel" das unausweichliche
Gericht ankündigen zu lassen (15,13f.). 15,1-11 motivieren den Gang
der Heilsgeschichte; auch diese Verse sind für Matthäus ein Stück
heilsgeschichtlicher "Ätiologie". Die "Gesetzesdebatte" bringt es an
den Tag, warum Israel, das sich auf die Menschengebote versteift, "aus-
geriBBen" wird: gottloses (15,13: 7tiialX tpun:!OI fJv OUIt CtpUTEUacv b 7tIX-rlJp
!Lou), blindes Israel! Wie der Evangelist bei dieser sachlich und zeitlich
eindeutig "nachisraelitischen" Textgestaltung der schriftgelehrten Tra-
dition doch "grundsätzlich Autorität" zuerkennen soll, muß Hummels
Geheimnis bleiben, der 15,12-14 und seine Funktion im Kontext
gründlich außer acht läßt. Matthäus steht jenseits aller "schrift-
gelehrten Tradition". Sie ist ihm eine Sache Israels von damals, die der
Messias schon zu seiner Zeit mit dem Gottesgebot und -wort über-
wunden hat.
Auf diesem Hintergrund wird ab 15,15 der von Jesus vertretene, in
15,11 formulierte Gottesentscheid (der bis ans Ende gilt) positiv ent-
faltet. Mk. 7, 18 OU 3UVIXTIXI IXUTOV XOIv(;)aIXI und 7, 19 b _&lXp(tCllv 7tIiVTIX
Tli   fehlen bei Matthäus
lO
• Gleichwohl stehen sich hier Israels
rituelles und Jesu "ethisches" Verständnis der menschlichen Unreinheit
als einander schroff aUBBchließende Möglichkeiten gegenüber: Was aus
dem Munde ausgeht, kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt
den Menschen! "Der Akzent liegt klarer auf dem ,christlichen' Sitten-
gesetz im Gegensatz zur Zeremonialgesetzlichkeit
l1
." Ein IntereBSC des
Evangelisten, die Gegensätze möglichst abzuschwächen (Hummel 47),
läßt sich mit alledem nicht feststellen. Der Matthäus-Text ist knapper
gehalten als Mk. 7,17ff., deckt sich jedoch sachlich vollständig mit ihm,
was Hummel selbst wider Willen zugeben muß. Daß er dennoch (an-
.. 15,11 bietet die grundaitzlich antirituelle These in aller Fonn dar: Nicht
W88 zum Munde eingeht, verunreinigt den Menschen ... 11I,17ff. ist bei Mat·
thäus in .trenger Durchführung von 15, 15 (I) die Deutung dieser These, die
deshalb nicht noch einmal vorgetragen wird. Matthäus strafft den Markus-Text .
.. Strecker 31.
142 Die Heilageschiohte im Matthäuaevangelium
gesichts der These 15,11 und ihrer Erklärung in 15,17ff.!) den Satz
schreibt, von einer Aufhebung der alttestamentlichen Speisegebote und
ihrer pharisäischen Auslegung könne bei Matthäus keine Rede sein, ist
exegetisch nicht zu rechtfertigen.
e) Einzelz1!ge
Schließlich sind noch bestimmte Einzelzüge des Evangeliums zu be-
sprechen, soweit sie in der Literatur für das "Judenchristentum" des
Verfassers geltend gemacht werden.
Zu 5,22b.23f.34/. vgl. S. 126, Anm. 73.
Zu 5,47; 6,7.32; 18,17 vgl. S. 87-89.
Zu 12,5f.11/. vgl. S. 138f. mit Anm. 81.
Zu 23,15.16-22.25/. Wir haben "judenchristliche" Materialien von
sehr verschiedenen Voraussetzungen und Tendenzen vor uns (23,16
bis 22: Gültigkeit und "Heiligkeit" des Tempels und Altars - 23, 25f.:
Verwerfung des Zeremonialgesetzes zugunsten des "Sittengesetzes"OI),
die der Evangelist zusammen mit 23,13.23.27f.29ff. alle gleichwertig
nebeneinander (!) in die Weherede Jesu wider die Repräsentanten ein-
gliedert. Matthäus versteht sie unterschiedslos als "polemische" Stoffe
und benützt sie so (vgJ. zu 23,23 S. 137). Die unterschiedlichen, dem
Evangelisten vorliegenden "Judaismen" liefern nur noch den Be-
gründungs-Stoff für das Ende "Israels" - das ist die eine Bedeutung,
die sie für Matthäus innerhalb Kapitel 23 besitzen.
Zu 15,2; 23,5.24.27: "Jüdische Gebräuche, Ordnungen und Redens-
arten erläutert er nicht "." Die weitläufigen Erörterungen von Mk. 7,2
bis 4 über das Händewaschen fallen in 15,2 wohl auch um der äußeren,
strafferen Form willen weg, doch entscheidend ist ein anderer, sach-
licher Grund. Sie sind überflüssig, nachdem Israel für Matthäus und
seine heilsgeschichtliche Stunde keine aktuelle Bezugsgräße mehr ist;
der Markus-Text verrät, daß auf seiner Traditionsstufe das "Juden-
tum" ein fremdes und doch noch nahes, der Explikation wertes Ding
war. Anstelle der erörternden, dem sachlichen Verständnis dienenden
Erklärung Mk. 7,2-4 totalisiert Matthäus die thetisch-"polemische"
Erklärung des rituellen Israel, die schon bei Markus angelegt ist:
"Heuchler"", "Ptlanzen, die mein Vater nicht gepflanzt hat", "blinde
Blindenleiter" - an die Stelle von Mk. 7,2-4 tritt 15,12-141 Was
erklärt werden muß, ist nicht mehr das rituelle Detail, sondern die
heilsgeschichtliche Stellung (= Vergangenheit) Israels. Auch die
O' Zur näheren Begründung vgl. Strecker 31 C •
.. Feine-Behm·Kümmel 65.
I. Geillelnde Anrede 15,7; steckt der Sache nach schon in Mk. 7,6 mpL u"iii.
'twv U7tOKp''tGw.
Die Funktion der Judaismen usw. 143
Judaismen der übrigen Texte läßt Matthäus ohne Sacherklärung. Das
"jüdische" Konkretum interessiert ihn nicht, sofern er es überhaupt
versteht. Seine "Sacherklärung" der Texte liegt im Kontext von
Kap. 23; er begreift sie als Beiträge zum Ende der Heilsgeschichte
Israels, also doch wohl "heidenchristIich".
Zu 1,23; 5,22; 27,6. Matthäus fügt semitische Wörter ein! Durch-
aus - mit interpretierendem Zusatz (1,23; vgl. 27,33) oder ohne Über-
setzung in Texten, die den übernommenen Terminus allein aus dem
Kontext vcrständlich machen. PClXa. 5,22 ist in Parsllele zu I-Lwpe klar
als Schimpfwort erkenntlich; 27,6 wird durch oux
... -rov x. und !aTIV hinlänglich als "heiliges
Gefäß" oder "heiliger Schatz" (des Tempels 27,5) charakterisiert.
Zu 6,24; 10,4.25; 27,33. Matthäus übernimmt auch völlig un-
befangen semitische Wörter! Ja, sofern er sie erklärt - 27,33; zu
10,25 vgl. 12,24 - oder aus dem Kontext interpretiert. So empfängt
  6,24 seinen deutlichen Sinn von 6,19ff. und 6,25ff. her. In
10,4 beläßt der Evangelist b (ungedeutet) neben :E[I-Lwv, um
die Individualität dieses Simon gegenüber Simon Petrus (10,2) fest-
zuhalten. An keiner Stelle, wo Matthäus semitische Termini einfügt
oder übernimmt, setzt er "judenchristliche" oder "jüdische" Spezial-
kenntnisse voraus. Er schreibt in jedem Falle so, daß ihn jeder Nur-
Grieche ohne besondere Mühe verstehen kann
ls
.
Zu 24,9. Daß nach dieser Stelle" ... die Jüngerschaft das Schicksal
der ,Juden' unter den Heiden erleidet"", ist dem Text aufgezwungen 17,
der in übereinstimmung mit dem Vorausgehenden das heilsgeschicht-
liche Ende Israels voraussetzt. Die "Jünger" stehen in der letzten Zeit
vor dem Ende den Heiden gegenüber und erleiden dementsprechend
von ihnen Verfolgung, nicht mehr von Israel wie zur Jesuszeit
H

Zu 5,6.10.20; 6,1.33; 21,32. Kümmel sagt: "Matthäus gleicht die
Sprache Jesu der jüdischen Formelsprache an H." Gewiß wird das vom
Jünger (und aller Welt) geforderte Verhalten bei Matthäus als 31-
XatIOaUVI) bezeichnet, doch läßt das keinen Schluß auf einen "juden-
christlichen" Evangelienverfasser zu. Es zeigt sich, daß der Evangelist
die "Gerechtigkeit" in 5,20 und 21,32 als scharfe Waffe Jesu im Kampf
gegen Israel versteht (vgl. 6,1). Die bessere Gerechtigkeit des Messias
löst die der Schriftgelehrten und Pharisäer ab
1OO
• Und Johannes, der
Bote der Himmelsherrschaft, kam mit dem Weg der Gerechtigkeit -
und Israel hat ihn abgewiesen; ein Grund mehr für seine definitive
.. Zu diesen Markus·Texten fehlt im Matthius.Evangelium das semitische
Pendant: 3,17; 6,41; 7,11.34; 10,(46).61; 14,361
" Günther Bomkamm, überlieferung und Auslegung 19.
" Vgl. Kümmel, Einleitung 66 .
.. Vgl. S. 76f.; 83f. •• KÜIDme166 .
• 00 Zu 5,20 in Verbindung mit 7,28f. vgl. S. 135f.
Die Heilageeahichte im MatthäWI8Vangalium
Gericht&verfallenheit
101
• Auch die 31X«locNVIJ-Texte sind eingebettet in
die "heidenchristliche" Gesamtdarstellung des Evangelisten. Wieder
ist streng zwischen übernommenem Gut und seiner redaktionellen An-
wendung zu unterscheiden.
Das gilt auch für T&iV oÖp!XV&iv
lO1
• Keine Frage, daß dies für
Matthäus, was den Inhalt der "Predigt" zu den verschiedenen Zeiten
anlangt, der entscheidende heilsgeschichtliche Kontinuitätsbegrift" ist,
der es ihm erlaubt, den Täufer, Jesus, seine Boten und die "Jünger"
der letzten Zeit vor dem Ende 101 jeweils zueinander und zur künftigen
Himmelsherrschaft selbst in Beziehung zu setzen. Sie alle sind Prediger
der kommenden Baaileia, die freilich schon zu Jesu Lebzeiten Israels
heilsgeschichtliches Ende bedeutet und ihm für die Zukunft unweiger-
lich verschlossen ist. - Stoßen wir hier nicht wieder auf die "heiden-
christliche" Verwendung eines "judenchristlichen" Motivs!
Zu 6,9&". "Matthäus nimmt das Vaterunser 6, 9&". in einer durch die
Anrede, die Siebenzahl der Bitten und die Formulierung der Ver-
gebungsbitte (6,12 statt Lk. 11,4) jüdischem litur-
gischen Brauch angenäherten Form auf
lD1
." Auch das ist richtig, doch
in welchen Rahmen fügt Matthäus das Vaterunser dieser Gestalt ein!
Der Evangelist zeichnet das mit ".90 sollt ihr beten" hervorgehobene
und als das wahre Gebet (des vollmächtigen Messias) verstandene Vater-
unser auf dem Hintergrund der perversen Gebetspraxis Israels 101. Das
rechte, "nichtisraelitische" Gebet ist das Vaterunser. So richtet der
"heidenchristIich" orientierte Evangelist seinen jüdisch-liturgisohem
Brauch angepaßten Sto&" aus!
Zu 23,9. Auch die häufige Wendung "euer Vater (in den Himmeln)"
kann Matthäus in seine gegen "Israel" gezielte Geschichtsdarstellung
einbeziehen 101. Nach 23,9 ist den JesusjÜDgern die "israelitische"
Rabbi- und Vateranrede verboten. Der eine Meister schließt Israels
Lehrerschaft, der eine Vater im Himmel Israels "Vaterschaft" aus.
Auch die Bergpredigt mit ihrer Absage an Israels Gerechtigkeit ist im
Namen "eures (deines) Vaters (im Himmel)" gesprochen. Ja, der Vater
ist hier geradezu der neue und andere Gott, dessen eigene Vollkommen-
heit das neue Maß des Handelns setzt (5,45.48) und an dem Israels reli-
giöse Praxis jäh zerbricht (6,1.4.6.8.9.14.15.18). Auch der Vatername
Gottes vermag den Evangelisten nicht als Judenohristen auszuweisen.
'0' Vgl. S. 611f. oUt Anm. 92 .
• n     -roii &soil bei Matthäua nur 12,28; 19,24; 21,31.43.
'N Vgl. 3,2; 4,17.23; 9,35; 10,7; 24,14 und S. 80r .
... Kümmel, Einleitung 66. .11 Vgl. 8. 49 oUt Amn. 22.
'M tl'ber die sonsti", Verwendung des BegrifI"a braucht hier nicht gehandelt zu
werden. Zur traditlonagesohichtlichen Fmge8teUung vgl. Gottlob Bchrenk,
TbWV986r.
Zur Fonn des Matthäusovangeliwns 145
3. Zur .. Form" de8 MattluiusetJangeli1.111118
a) Polemi8ck-apologeti8che Kamp/drift?
Die vorliegende Untersuchung ergab, daß das Matthäus-Evangelium
"Israel" als zurückliegendes Phänomen der Heilsgeschichte betrachtet
und die neue heilsgeschichtliche Stunde als die der Heidenberufung an-
sagt. Die .. apologetischen" und .. polemischen" Züge des Evangeliums
sind in Wahrheit Ingredienzien seiner heilsgeschichtlichen Darstellung.
Alle .. Polemik" ist auf das Israel der Basileia-Boten bezogen; alle
"Apologetik" dient dem Nachweis der Messianität Jesu für das lite-
rarische .. Israel" des Evangelisten. Von hier aus muß der Versuch, das
Matthäus-Evangelium als polemische oder apologetische Kampfschrift
an die Adresse des .. Judentums" zu bestimmen 107, als unsachgemäß
abgelehnt werden.
b) K erygmati8cku Gesckicktawer"
Bei der Suche nach der Form des Matthäus-Evangeliums wurden
noch folgende Möglichkeiten erwogen
108
: Das Matthäus-Evangelium
ist ein katechetisches Handbuch 1011, ein nach fünf Büchern gegliedertes
"7 Tb. Zahn, Einleitung in das NT 11, 2. Au1I. 1900, 288: .. Es ist eine ge-
ochichtliche Apologie des Nazarellera und seiner Gemeinde gegenüber dem
Judentum." Oder 289: ,,Aber wie die Wahl der Sprache ... 80 macht der ocharf
hervortretende apologetische und polemische Charakter des Buches es über-
wiegend wahrocheinlich, daß Matthäue sein Buch vor allem von noch nicht
gläubigen Juden gelesen zu sehen WÜD8Chte." Vgl. auch B. W. Bacon, The
.. Five Books" of Matthew against the Jewa, Tbe Expoaitor, 8th ser. 16 (1918)
56-66; J. Parkes, Tbe Conßict of the Church and the Synagogue, London 1934,
43: .. Tbe gospel was written to convince the Jews that in Jesue ,the promiaea
made to Israel' had paaaed from the Jews to the Chriatian Church." - Beachtlioh
die Einwinde eohon von P. Schanz, Commentar über das Evangelium des bei-
lij!On Matthäue, 1879, 37: .. Die entochieden heidenchriatlich lautenden Stellen,
d,e absichtlicho Betonung der eohweren Schuld doa jüdiochen Volkes und seiner
Parteuuhrer, die wiederholte Drohung der Verwerfung und Verdammung sind
7nit dem Zweck der Bekehrung der Juden unvereinbar. Wie man den Juden
gegenüber, die man bekehren wollte, auftreten mußte, zeigt Petrue Act 2,24fr.
. .. und 3, 17, wo er sie geradezu entochuldigt ... " Beaondera zu erwähnen ist
K. W.Clark, Tbe Gentile Bias in Matthew, JBL 66 (1947) 166-172,167f.:
.. The Matthean picture of judgment and rejection is not preeented as a waming
to Judaiam to repent. Tbe author believes that the waming haa already been
sufficient, and penitence is no longer to be expected '" Judaiam (I) as auch
haa definitelr rejected JeBUB as God's Meaaiah, and God haa flnally rejected
Judaiam. Thia gentile biaa is the prinlary thesis in Matthew, and such a meaaage
would be natural only from the bias of a gentile author."
'M V gl. Trilling 216fr.
'N E. von Dobochütz, Matthiue als Rabbi und Katechet, ZNW 27 (1928)
336-348, 3": ..... eine Art Gemeindeordnung und einen Katechiamue christ·
lichen Verhaltens"; Stendahl, School Uf.; G. Schille, Bemerkungen zur Fonn-
geeohichte des Evangeliwns 11, NT8 4 (1967/58) 101-114, 113: .. Er 8chreibt
sein Werk in der Art eines Katechiamue"; Gnilka 191.
10 8702 WaIbr, Be1IItIMcblab\e
146 Die HeiJageaohiohte im Matthäueevangelium
Werk der "neuen Tora" Jesu
llO
, ein gottesdienstliches Perikopen-
buch 111. Diese Formbestimmungen werden dem Charakter des Mat-
thäus-Evangeliums als eines Geschichtswerkes nicht gerecht. Sie be-
rücksichtigen nicht, daß im Matthäus-Evangelium die Geschichte der
Basileia-Predigt vom Auftreten des Täufers bis in die letzte Zeit vor
dem Ende verfolgt wird, der turbulente Gang der Heilsgeschichte von
Israel zu den Heiden mit dem Mittelpunkt des berufenden und ver-
werfenden Messias. Die genannten Entwürfe können die Gesamt·
struktur des Evangeliums nicht erfassen, vermögen nicht zu sagen, in
welches größere Ganze die "katechetischen Motive" und einzelnen
"Perikopen" eingeordnet sind.
Die Einteilung in fünf Bücher ist willkürlich 111. Damit entfallen die
äußeren Gesichtspunkte für das Verständnis des Matthäus-Evangeliums
als der "neuen Tora" Jesu. Innerhalb des Rahmens einer vita Jesu wird
nicht das "neue Gesetz" entfaltet, sondern jene weitgespannte Epochen-
Heilsgeschichte, die das Leben Jesu und die Zeit nach seinem Tod, ja
sogar die Zeit nach 70 bis zur Vollendung des Äons übergreift, also
JeSUBgeschichte und Jüngergeschichte (im umfassendsten Sinne) in
einem. Durch das vorliegende Geschichtswerk gelingt es Matthäus,
seine Epoche der Heidenberufung geschichtlich an die Vergangenheit
der Jesusgeschichte mit Israel anzuschließen und sie von dort her zu
begründen. Die von ihm dargestellte Geschichte Jesu enthält, wie ge-
zeigt, verschiedene Textelemente in heilsgeschichtlich-ätiologischer
Funktion, die als solche zum Abschluß der Vergangenheit und zur Be-
gründung der Gegenwart dienen, die o.Iso für die Gegenwart des Evan-
gelisten keinen direkt-kerygmatischen, sondern nur noch geschichtlich-
funktionalen Sinn haben. Doch Matthäus sichert seiner Gegenwart
nicht nur den geschichtlichen Ertrag des Umgangs Jesu mit Israel,
IlO B. W. Bacon (s. Anm. 107) 66: .. typically Jewiah fonn of a 6ve·fold toroh
or Jeaus
u

111 Kilpatrick (59-)70.
III Vgl. Strecker 147f., Anm. 2: Trilling 217. Gegen Stendahls Gliooenmg 2;;
wäre geltend zu machen:
1. StendahJ zerreißt die Einheit 4, 23--9, 36.
2. Der Dreiaehritt Tiufer (Kap. 3), Jesus (Kap. 4-9), JOnger (Kap. 10) wird
unkenntlich gemacht.
3. Der Rede·Charakter von 1I,(2f1".)7-30 und   bleibt unbe·
rücksichtigt.
4. 23,1-25,46 zerfallen in zwei völlig verschiedene Redekomplexe, die sich
niemals unter der Überschrift "Diacourae concerning eaohatology. FareweU
adresa
ll
zusammenfaaaeD laaaen.
5. Es geht nicht an, die eigenatindige Rede Jesu von Kap. 23 als "rather an
enlarged edition of debate material" (26) zu f_n.
6. Die Einteilung in 6 Bücher scheidet aus, da mit den beiden Reden Kap.
23--25 mindestens 6 Redeeinheiten zu erkennen Bind.
7. Die Leidensgeschichte gehört wie bei Markus zum Jerualem.Komplex; erst
mit 28,16f1". kann man von einem "Epilog" sprechen.
Zur Form da! IIlatthäuse'·angeliuma 147
sondern auch seinen fortbestehend·kerygmatischen
113
• Der Sach-
verhalt, daß Matthäus auch das für immer (= bis ans Ende) gültige
Kerygma der Jesusvergangenheit für seine Gegenwart bereitzustellen
wünscht, bildet das W ahrheitamoment in der Beschreibung des Mat-
thäus-EvangeliUJD8 als eines Katechismus. Doch ist bei diesem Ke-
rygma nicht nur an die paränetisohen Stoffe der Bergpredigt oder der
G1eiohnisse von Kap. 13 zu denken, IOndem auch an Kap. 8-9 als
Illustration des heilbringenden Messias
llt
, an die JÜDgerbelehrung von
Kap. 10 mit dem Motiv des Erbarmens Jesu als "Grund" der Mission 116
wie an die "indikativischen" Stoffe der P&88ionsgeschichte mit dem
Thema des heilbringenden Leidens Jesu
lll
• Gerade diese Breite des
Kerygmas mit dem Nebeneinander, dem Wechsel oder Ineinander
ll7
von paränetischen und "erzählenden", indikativischen und impera-
tivischen Elementen und Kapiteln, die Tataache, daß sich Matthäus
bewußt nicht auf den "Geaetzesstoff" beschränkt, verhindert sachlich
das Verständnis des Matthäus-EvangeliUJD8 als derneuen "Tora" Jesu.
Das Hei1ageschehen von damals präsentiert sich der Gegenwart des
Evangelisten gemäß seiner ganzen geschichtlich-konkreten Vielfalt und
Erscheinung als Heilstat, Berufungswort, radikale ForderungllI und
Leidenshingabe des Messias usw. Von daher darf man von Matthäus
keine systematisierende Anordnung seines Stoffes nach dem Schema
von Indikativ und Imperativ erwarten llt. Der Evangelist sichert seiner
Kirche und Welt die Hingabe und den Anspruch des Messias, sein Er-
barmen mit den Elenden, sein heilbringendes Sterben, seine eschato-
logische Paränese, seine "überlegenheit über Todesmaoht und Dä-
monen, seine Ji1ngererwählung und -Sendung usw.: das alles als Heil
"J VgI. S. 118ft'. zur Funktion der Redekompoeitionen.
"I 8,171 VgI. bee. 9,1-13 (Heilung und Vergebung).
"" 9,36-38 bilden den Auftakt zu Kap. 10.
111 Vgl. 28,26-29 aIa zentralea Interpretament der PauioDBgeIIChichte, femer
1,21; 20,28.
117 Z.B. 8,23-27; 14,22-33; 17,14-20; 18,10-14.21-35.
"" Auch die radikale Forderung gehört zum Heil dea )(";u; vgl. die Cha·
rakterisierung der Bergpredigt a1. EtIOngd' .. m (der Jeauazeit): x'Ipöa,,,,,. TÖ
";(lU''''.'   (ausfilhrlicher bei R. Walker, Einfilhrung in die Berg.
predIgt H.).
110 Matthiua macht auch keinen Venuch, du IOIa gratia in begrifflicher
Präzision zu entfalten; seine Stoffe und du Ziel seines Werkea operren sich da·
pgen. Die Jeauazeit ist für seine Zeit der große begründende Indikativ (dea
Erbarmeno), dea Opfen Jeau o.i. und zugleich der radikale Imperativ (dea
Liebeogebotea uaw.) - beodu UI Heü (zum letz",!ren .'111. Anm. 118). DalS das
Unvermögen dea Evangelioten, du IOla gratia in begrimicher Prizision zu ent·
falten, für du Judenchriatentum .. nicht ohne Folgen" blieb (10 Peter Stuhl·
macher, Gottea Gerechtigkeit bei Paulus, FRLANT 87, 1965, 191), ist wenig
wahncheinlich. Nicht du Judenchri8tentum ist als nachfolgender Wirkbereich
des Evangelisten anzunehmen, IOndem du Heidenchrietentum. Im iibripn ist
du sola gratia bei Matthius der Sache nach mehrfach gegeben, vgI. etwa 11,
26-27; 18,23-27 und den Effekt von 20,1-16 hinter 19,27-30.
10'
148 Die Heilagelohiohte im MattbAuaevangelium
für "heute". Seine Geschichte hat als kerygmatische Heilsgeschichte
natürlich entschieden "katechetische" Bedeutung, wenngleich ea nicht
angeht, den Begriff "katechetisch" als auf Katechumenen eingeschränkt
zu fassen. Matthäus schreibt sein Werk für alle Christen, für die ,,Jünger"
seiner "Kirche" und Zeit der Heidenberufung und über den Kreis der
"JUnger" hinaus letztlich für die ganze (heidnische) Welt von damals.
Es wäre denkbar, unsere Formbestimmung mit einer möglichen spe-
ziellen Ausrichtung des Matthäus-Evangeliums auf den "Gottesdienst"
zusammenzusehen. Dann wäre die matthäische Heilsgeschichte zu-
gleich ein in die Hand des "Liturgen" oder "Predigers" gelegtes
.. Goapellectionary"llD. Dafür könnte sprechen, daß bei dem vergleichs-
weise geringen Bestand an Handschriften der Text das Ohr der Gläu-
bigen hauptsächlich im .. Gottesdienst" erreicht haben wird. Doch muß
es nachdenklich machen, daß sich eine solche speziell gottesdienstliche,
.. nur-liturgische" Zweckbestimmung am Matthäus-Evangelium selbst
nicht ablesen läßt. Offensichtlich konnte und wollte Matthäus bei der
Gestaltung seines Evangeliums keine Rücksicht auf gottesdienstliche
Sonderbedilrfniase nehmen; er schuf unbefangen Komplexe, die das
Perikopenmaß weit überschreiten. Auch sammelte er nicht bloß
.. Texte", mehr oder weniger verbundene "Perikopen", sondern war
sich darüber im klaren, daß nur eine von der Vergangenheit bis in die
Gegenwart reichende Gesamtdarstellung das Erbe der Jesuszeit an
seine Zeit weitergeben konnte. Das einzelne konnte nur innerhalb der
Gesamt-Perikope dea Matthäus-Evangeliums sinnvoll sein, mit der
Matthäus den geschichtlichen Grund, das eine Fundament für allea
Glauben und Leben seiner "Kirche" legte. Der Begriff "Gospel lectio-
nary" kann also beatenfalls beaagen, was das als kef'ygmmiBc1lu Ge-
dicht8werk zu verstehende Matthäus-Evangelium .. praktisch" sein
konnte. Er vermag nicht die Form dea Evangeliums zu beachreiben,
sondern nur die konkrete Funktion, die es - wohl neben anderen
Funktionen - in, mit .und unter dieser Form auszuüben hatte. So
scheidet der Begriff des gottesdienstlichen Lesebuchea bei der Frage
nach dem literarischen Genre dea Matthäus-Evangeliums aus.
Mit aIledem ergibt sich, daß die Stichworte .. katechetisches Ma-
nuale", .. neuea Gesetz Jeau", .. Perikopenbuch" zur knappen Charakte-
risierung der Form des Matthäus-Evangeliuma gleichermaßen un-
geeignet sind. Die Lösung legt sich auch nicht auf dem Wege dea
.. Formenkompromi8Be8" nahe, den Trilling einschlägt, wenn er sagt:
.. So ergibt sich in der Formfrage keine glatte Lösung, sondern ea bleibt
ein Icompluer Eindruck stehen lU." Anders als TriUing annimmt 111, läßt
I. Kilpatrick 69. 1I1 A. &. O. 218.
I •• A.a.O. 219: .. Einen $Msu zutreffenden und knappen FormbegriU ... zu
finden, dürfte sehr aehwieng aein."
Zur Form des Matthäuse,·anseliWDB 149
sich das matthäische Werk sehr wohl durch einen genau zutreffenden
und knappen Formbegriff charakterisieren. Während jedoch die Ant-
worten "neue Tora Jesu" und "Evangelienlesebuch" wie die Deutung
des Evangeliums als apologetisch-polemischer Kampfschrift gänzlich
aUBBcheiden, enthält die Formdefinition "katechetisches Handbuch"
viel Wahres. Sie ist für sich selbst genommen insofern unsachgemäß,
als sie den beherrschenden Gesichtspunkt der geschichtlichen Dar-
stellung nicht zur Geltung bringt. Er macht erst einsichtig, inwiefern
jener umfangreiche und vielgestaltige "katechetische" Stoff des Han-
delns, Erleidens, Gebietens Jesu usw. für die spätere heilsgeschichtliche
Stunde relevant wird und an sie herantritt - das Leben des Königs
Israels wird auf dem im Matthäus-Evangelium beschriebenen Weg zum
Heil für die Heiden. Die von Matthäus geschilderte Geschichte ist die
formende und ordnende Hand, die alles "Katechetische" ergreift, als
geschichtlich-einmalige Größe im Ablauf des Geschehens lokalisiert und
zugleich als für "heute" bestimmt an die Gegenwart weiterreicht. So ist
es belangvoll, daß das "Katechetische" bei Matthäus nicht in Kate-
chismusform, sondern innerhalb einer Epochen-Heilsgeschichte dar-
geboten wird, die es als übergreifende Größe in sich aufnimmt. Es ist
die kerygmatische Komponente in der Gestalt eines für die Ver-
kündigung in Kirche und Welt geschaffenen Heils-Geschichtswerkes.
Das Matthäus-Evangelium ist das grundlegende Kerygma-Ge8chichta-
buch, das die "Kirche" des Evangclisten zur (letzten) Zeit der Heiden-
berufung für die mannigfachen Zwecke ihres Daseins in Mission, Ge-
meinde, "Staat" (17, 24ff.), Leiden und Lebensführung auf dem
alleinigen Grund des irdischen Messias JesU8 - nicht auf dem Grund
der Apostel und Propheten I - erbauen soll.
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