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Giovanni Arrighi u.a.

KAPITALISMUS RELOADED
Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie Herausgegeben von Christina Kaindl, Christoph Lieber, Oliver Nachtwey, Rainer Rilling und Tobias ten Brink

VSA-Verlag Hamburg

www.vsa-verlag.de Die Veröffentlichung erfolgt mit f r e u n d l i c h e r f i n a n z i e l l e r U n t e r s t ü t z u n g der R o s a - L u x e m b u r g - S t i f t u n g Berlin.

© VSA-Verlag 2007, St. Georgs Kirchhof 6, 20099 Hamburg Titelgrafik: Julia Schnegg (Berlin), E-Mail: hksl3@freenet.de Alle Rechte vorbehalten Druck und Buchbindearbeiten: Idee, Satz & Druck, Hamburg ISBN 978-3-89965-181-2

Inhalt

Vorwort Welcher Kapitalismus? Alex Callinicos Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? Kees van der Pijl Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung Rainer Rilling Imperialität Produktion und Macht Andreas Boes/Tobias Kämpf Lohnarbeit reloaded Arbeit und Informatisierung im modernen Kapitalismus Stefanie Hürtgen Globalisierungskritik statt Modellanalyse Das Beispiel der Elektronik-Kontraktfertigung in Mittel- und Osteuropa Hans Jürgen Krysmanski Geldmacht Strukturen und Akteure des Reichtums Weltmarkt und Staat Peter Gowan Weltmarkt, Staatensystem und Weltordnungsfrage Frank Unger George W. Bush im historischen Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

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Frank Deppe »Euroimperialismus« Anmerkungen zu einem neuen Schlagwort Ingo Malcher Nach dem Neoliberalismus? Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven China Giovanni Arrighi Adam Smith in Beijing Hyekyung Cho Sozialistische Fata Morgana in kapitalistischer Wüste Die Illusion vom chinesischen Sozialismus Rolf Geffken Klassenkampf statt Marktsozialismus? China auf neuen Wegen oder auf altem Wachstumspfad? Ideologie und Subjekt Rosemary Hennessy Deregulierung des Lebens Körper, Jeans und Gerechtigkeit

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Mario Candeias Leben im Neoliberalismus 305 Zwischen erweiterter Autonomie, Selbstvermarktung und Unterwerfung Christina Kaindl Die extreme Rechte in Europa Teil des herrschenden Blocks oder Gegenhegemonie? Neoliberalismus Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil Christoph Lieber Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault Zur »Agenda und Non-Agenda« des bürgerlichen Staates Autorinnen und Autoren 347 372 328

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Vorwort

Die globale Vernetzung der Welt ist kein Novum der letzten zwei Jahrzehnte, sondern wird schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch eine sich entwickelnde Weltwirtschaft vorangetrieben. Analysen der gegenwärtigen Globalisierung, die sie nur als weitere ökonomische Durchdringung und Neustrukturierung fassen, greifen zu kurz. Die neue Qualität des gegenwärtigen Kapitalismus lässt sich nicht fassen, ohne den Blick zu richten auf die Neuorganisation von (Geld-)Macht und Gewalt, von Politik und Staatlichkeit, von Wertschöpfungsketten und Lohnarbeit und auf die Frage der Organisation von Zustimmung, von Einbindung der Vielen in neue herrschaftliche Konzepte. Der Irak-Krieg und seine Kritik haben die Linke neu ausgerichtet: übermächtig erschienen die USA, synonym mit der Wiederkehr des Imperialismus. Die Linke begann, neu über die Reorganisation der Weltordnung zu sprechen. Die weltweite Bewegung, die sich seit Seattle 1999 sichtbar gegen neoliberalen Kapitalismus wandte, richtete sich als Antikriegsbewegung aus und konnte damit ihre Basis erweitern. Doch die starke Konzentration der Linken auf die USA steht auch in der Kritik: dagegen steht einerseits die Vorstellung des globalen Empires, in dem die einzelnen Nationalstaaten keine dominante Rolle mehr spielen und Kriege den Charakter von »Polizeioperationen« annehmen würden; eine andere Diskussion konzentriert sich auf das zwischen Europa und USA gespaltene Imperium und die Perspektive einer sich verschärfenden Konkurrenz zwischen den USA und der EU und schließlich steht die Frage nach einem transnationalen Block an der Macht, gestützt auf eine weltweite neoliberale Hegemonie. Aber wie stabil ist diese jenseits der europäischen Metropolen? Die BushAdministration gerät innen- wie außenpolitisch weiter unter Druck, in Lateinamerika drängen (Mitte-)Links-Regierungen die bisherige neoliberale Wirtschaftspolitik weiter in die Defensive und mit China betritt ein Akteur den Weltmarkt, über dessen Charakter als Ausgeburt des Neoliberalismus, ökonomisch erfolgreicher Staatskapitalismus oder marktsozialistische Zukunft innerhalb der Linken divergierende Auffassungen existieren. Diese neue Debatte ist noch am Anfang.

Das sozialdemokratische Jahrhundert? Es ist passee. Kooperation. Lieber/O. nicht nur im bürgerlichen Lager. . . wie es vor einem Jahrzehnt noch schien.ausgelotet wurden. Aber schaut man über den deutschen Tellerrand. Auch das bürgerliche Lager differenziert sich gegenwärtig neu und modernisiert sich in Teilen. noch zu keiner nachhaltigen Revitalisierung. Eine Aufarbeitung dieses »politischen Zyklus« seit Ende der 1990er Jahre. die sich aber in eine ideologische Subordinierung unter neoliberale Imperative verkehrte und derzeit wieder einen Transformationsprozess durchläuft.und anpassungsfähig. Aber er bleibt virulent. Zugleich dementieren sich diese Verheißungen immer wieder selbst. seiner partiellen Erfolge. Kaindl/Ch. Attac u.und Wissensgesellschaft mitsamt ihrer virtuellen Ökonomie? Sie sind schon da und niemand staunt mehr. ten Brink Also: In welchem Kapitalismus leben wir eigentlich? Einschlägige Gewissheiten schwinden weiter. Und wie ist es um den Triumphzug des Neoliberalismus bestellt? Die Schar der Gläubigen dünnt aus und der Rest wird durch hohen Einsatz bombastischen Kapitals und coolen Zwangs bei der Stange gehalten. als Produzenten und Konsumenten von den Möglichkeiten erhöhter Autonomie. Dennoch erweist sich der Neoliberalismus als wandlungs. und die Kombinationen harter und sanfter neoliberaler Politikformen etwa eines Sarkozy sind innovativ. Bildung und Partizipation am »general intellect« (Marx). Die Verheißungen der Informations. von dem immer noch nicht abschließend gesagt werden kann. Die neoliberale Hegemonie à la TINA (»There is no Alternative«) ist brüchig geworden. Mitte der 1990er Jahre war zwischenzeitlich von einer Renaissance der europäischen Sozialdemokratie die Rede. Eine große rifondazione der Linken? Die Arithmetik der Wahlordnung spricht nicht unbedingt dafür.a. seiner Schwierigkeiten und seiner Momente des Scheiterns. stehen von Seiten der Linken noch aus. die insbesondere in Italien und Frankreich in verschiedenen »Bündniskonstellationen« mit den sozialen Bewegungen wie Sozialforen. auch bei Teilen der Lohnabhängigen. Rilling/T. führten die Spielräume für eine »linke Linke« in den zurückliegenden Jahren. Der Aufstieg des Rechtspopulismus? In Kärnten und anderswo .8 Ch. Viele Subjekte werden nach wie vor von den emanzipatorischen Potenzialen gesellschaftlicher Produktivkraft ausgeschlossen. Eine Chance besteht. Nachtwey/R.aber keineswegs immer und überall und fast unaufhaltsam. wo er zum Stehen kommen wird.

Ein gutes historisches Stück des ersten Kapitalismus ist vorbei .Vorwort 9 Immerhin: es gibt auch Überraschungsfestes. Auf dem Kongress »Kapitalismus Reloaded« (Berlin 2005) diskutierten dazu über 800 Besucherinnen und ein paar Dutzend Referentinnen mit internationaler Beteiligung. Der Streit über eine zweite Version hat begonnen . Noch die blödeste Idee wird im capitalism 2.lag der Kreis der Veranstalter quer zu den eingeschliffenen und bornierten Lagern und Frontstellungen und umfasste Zeitschriftenprojekte wie PROKLA. FelS. Kritik & Praxis Berlin. Der Blick sollte darauf gelenkt werden. überall.von der noch unübersichtlichen Wirklichkeit eines Kapitalismus reloaded angeheizt. Kurz: die Räume der Möglichkeiten und Notwendigkeiten werden neu vermessen und neu befestigt. Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft des BUKO. Die dem kapitalistischen Akkumulationsprozess inhärente »Schrankenlosigkeit in Grenzen« erfordert neue Lösungsformen. die das Monumentalgemälde des neuen Globalkapitalismus vor zwei oder drei Jahrzehnten zu zeichnen begann. ja: eine gewisse Erschöpfung breitet sich da aus und der gegenwärtige Transformationsprozess verläuft trotz konjunktureller Aufschwungsphasen keineswegs in ruhigen Bahnen. Sand im Getriebe (Attac). Sozialismus. wissenschaftspolitische Organisationen wie Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung. Dabei erweist sich »die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform (als) der einzige geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung« (Marx). Arranca. Z . Sozialistische Zeitschrift . Der Kongress brachte unterschiedliche Zugänge ins Gespräch. ak analyse & kritik.und nicht immer einfach . Ein erster Schritt dazu war schon der Kreis der vorbereitenden Gruppen und Organisationen. Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen . Das Argument. und politische Gruppen wie Attac.Kämpfen wollte der Kongress einen Beitrag leisten. schließlich wird akkumuliert.Zeitschrift Marxistische Erneuerung. die Weltengrenzen zwischen Reichenland und Armenland wachsen verlässlich und die nachhaltige Naturzerstörung findet einfach statt. Linksruck. Zu diesen . Offenbar verlieren die Schattenlinien der großen Schließung. von Produktion und Macht und schließlich von Hegemonie und Subjektivität. Disziplinen und politischen Vorlieben sortierten Zugriffe fragte er nach dem Zusammenhang von Weltmarkt und Staat. Fantomas.Soz. Und das eben ist die gute Nachricht. dass die Reproduktion des Kapitalismus auf allen Ebenen stattfindet und umkämpft ist.Ermattung.0 entschlossen in Wert gesetzt. deutlich an Kraft.vielfältigen . Ungewöhnlich für die deutsche Linke . Jenseits der üblichen nach Fächern.

Ihnen unterliegt die Einsicht.. Rilling/T. dass die kapitalistische Gesellschaft »kein fester Kristall.auf ein mögliches Wiedersehen. Der Kongress hätte definitiv nicht stattgefunden ohne die Arbeit von Sarah Bormann und Henning Füller. Nachtwey/R. Sie alle vertrugen sich. Christina Kaindl/Christoph Lieber/Oliver Nachtwey/ Rainer Rilling/Tobias ten Brink . ten Brink und Wissenschaftler (BdWi). WISSENTransfer. die Mitarbeit über zwei Jahre hinweg einer vielköpfigen Vorbereitungsgruppe. Lieber/O. Hans Böckler Stiftung. und schließlich Stiftungen wie Rosa Luxemburg. die Multitude engagierter Helfer und die ÜbersetzerInnen. Helle Panke. Ihnen allen sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt! Das Gros der folgenden Analysen zur Kritik des neuen Kapitalismus geht auf diese Debatte zurück.10 Ch.und in diesen Umwandlungsprozess gilt es einzugreifen. Kaindl/Ch.V. stritten und gingen wieder auseinander . Bildungswerk Berlin der Heinrich Boll Stiftung e. sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozess der Umwandlung begriffener Organismus ist« (Marx) .

auf dem ich die wesentlichen Argumente zum ersten Mal vortrug. Rupert/Smith 2002 für eine brauchbare Übersicht theoretischer Perspektiven). ein toter Hund sei (Halliday 2002 bildet hier eine Ausnahme. Denn die meisten Autoren waren sich darin einig. Dieser Theorieansatz In einem solchen kurzen. auch wenn diese intellektuelle Renaissance bereits vor der Regierungsübernahme durch George W. die sich in weiten Teilen unterschied und deren Prämissen .speziell das Zusammentreffen der konkurrenzlosen Hegemonie der Vereinigten Staaten mit dem um sich greifenden Globalisierungsdiskurs die unter marxistischen Theoretikern eine erneute Fokussierung auf den Imperialismus hervorriefen (siehe z. 1 . Sam Ashman. Dennoch bietet der Lenin-Bucharin-Ansatz einen nützlichen Rahmen. Bush begann. Damit einher ging ein Wiederaufleben marxistischer Literatur über den Imperialismus. wie sie während des Ersten Weltkriegs von Lenin und in einer erheblich verfeinerten Version von Bucharin vorgelegt worden war.B.Alex CalIinicos Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? Die Debatte über den neuen Imperialismus Es ist mittlerweile ein Klischee zu sagen.nämlich die in ihrer Die Akkumulation des Kapitals entwickelte Zusammenbruchstheorie . In Wirklichkeit war die Theorie von Lenin und Bucharin keineswegs die einzige marxistische Sichtweise zurzeit der Zweiten und Dritten Internationale: Rosa Luxemburg vertrat eine Erklärung. Es waren die besonderen Umstände der 1990er Jahre .Lenin implizit ablehnte und Bucharin explizit kritisierte (siehe Luxemburg/Bukharin 1972. Oliver Nachtwey und Justin Rosenberg für ihre Kommentare zum Entwurf des vorliegenden Beitrags sowie Duncan Bell und anderen Teilnehmern am Cambridge International Political Seminar. Natürlich war die Wiederaufnahme der Debatte keine bloße Wiederholung. dass der von der Bush-Regierung verkündete »lange Krieg« gegen den Terrorismus die Rückkehr des Imperialismus mit aller Macht eingeläutet hat. siehe auch Lenin 1917 und Bucharin 1915 für die Originaltexte). um die Positionierungen in der gegenwärtigen marxistischen Debatte über den Imperialismus 1 miteinander zu kontrastieren. in erster Linie begrifflichen Beitrag dieser Art ist ein gewisses Maß an Stilisierung angemessen.) Mein Dank gilt Alex Anievas. dass die Imperialismustheorie.

deren Bewertung die Marxisten jener Zeit im Allgemeinen teilten -. am systematischsten von Leo Panitch und Sam Gindin entwickelt. dass der zweite Punkt ihres Ansatzes als Vorlage dienen kann. 2003). die geopolitischen Rivalitäten unter den Großmächten. das seit einigen hundert Jahren zunächst in Europa. die nunmehr jene Staaten dominierten. an deren Ende der Erste Weltkrieg stand. Eine zweite Argumentationslinie. 2004. Die sich unmittelbar daraus ergebende Schlussfolgerung ist. dass das zwischenstaatliche System. als Folge des wirtschaftlichen und territorialen Wettkampfs unter den »staatskapitalistischen Trusts« zu erklären. Toni Negri und William Robinson. Jahrhunderts erreichten spezifischen Phase der kapitalistischen Entwicklung . Diese Behauptung stieß auf entschiedenen Widerspruch. In Anbetracht dieser beiden Theoriebestandteile kann man gut den Zorn nachvollziehen. drei Positionen auszumachen. Robinson 2004). dass der Kapitalismus das Staatensystem zwar braucht. Callinicos 1991). So behaupten Michael Hardt. um die gegenwärtigen Debatten einzuordnen. mit dem Lenin und Bucharin Karl Kautskys Theorie des Ultraimperialismus (Kautsky 1914) begegneten. die den Krieg aus kapitalistischer Perspektive irrational erscheinen lassen musste (Callinicos 2002). grob gesagt. dann weltweit den strukturellen Kontext für geopolitische Rivalitäten bildete. Zum einen gibt es diejenigen. dass der Kapitalismus heute sowohl wirtschaftlich als auch politisch in transnationaler Weise organisiert sei. namentlich seitens Ellen Woods (Wood 2002 u. In dieser sind. sondern das Kapital transnational in einer Weise integrieren würde. Dies ist nicht der richtige Ort für eine eingehende Würdigung der Stärken und Schwächen der Theorie Lenins und Bucharins (vgl. wobei die Gegner ihrerseits unterschiedliche Sichtweisen des gegenwärtigen Imperialismus vertreten. dass geopolitische Konflikte unter den führenden kapitalistischen Staaten obsolet sind (Hardt/Negri 2000 u. wonach der Prozess der »Organisation« an den nationalen Grenzen nicht halt machen. . Wichtig an dieser Stelle ist.12 Alex Callinicos leistete zweierlei: Erstens bot er eine Beschreibung der zu Beginn des 20. weder inhärent notwendig noch länger erforderlich für das Funktionieren kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist. die eine Spielart von Kautskys Argument vertreten. nimmt an. Zweitens unternahm er den Versuch. in der die Konzentration und Zentralisation des Kapitals jenen von Hilferding so bezeichneten »organisierten Kapitalismus« auf nationaler Ebene hervorgebracht hatten und nun im (von Bucharin stärker als von Lenin hervorgehobenen) Verschmelzen des staatlichen mit dem privaten Kapital gipfelten. es den USA nach dem Zweiten Weltkrieg aber gelungen sei. Eine untergeordnete Prämisse lautet. Callinicos 1987: 79-88.

(eine äußerst ungelegene Entwicklung für Hardt/Negri.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 13 ein »informelles Imperium« zu gründen. 2. die die amerikanische Hegemonie für die übrigen führenden kapitalistischen Klassen mit sich bringt. Gowan 1999. bestehend aus Westeuropa. 2004b u. Boron 2005) und sie zeichnet sicherlich ein ganz treffliches Bild von der Machtasymmetrie zwischen den USA und den übrigen Staaten seit dem Ende des Kalten Krieges. die Theorie der ultraimperialistischen Kooperation unter den führenden kapitalistischen Staaten«. Der globale Kapitalismus hat die Ära der ökonomischen Krisen. Sie deckt sich mit der Behauptung amerikanischer Macht unter Bush-Jr. Chris Harman. Claude Serfati und der Autor dieser Zeilen befinden (Bello 2005. »die zunehmende Globalisierung des Kapitals bedeutet nicht die Erosion des Nationalstaats oder das Ende des hierarchischen nationalstaatlichen Systems«. Grob umrissen vertreten sie folgende Thesen: 1. das die anderen führenden kapitalistischen Staaten letztlich der amerikanischen Hegemonie unterordnet (Panitch/Gindin 2004a. unter denen sich aber auch Waiden Bello. Serfati 2004). die so genannte Triade. Ray Kiely vertritt eine Spielart dieser Theorie. Callinicos 2003. Sie liegt beispielsweise der redaktionellen Ausrichtung der Zeitschrift New Left Review zugrunde. so Panitch/Gindin. Eine wichtige Dimension dieser Krise ist die Verteilung des entwickelten Kapitalismus auf drei konkurrierende Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht. Peter Gowan. noch das irakische Missgeschick hätten die Vorrangstellung Amerikas entscheidend geschwächt. vgl. . Nordamerika und Ostasien. Rees 2006. John Rees. Diese Argumentationslinie impliziert eine gleiche Schlussfolgerung wie die von Hardt/Negri und Robinson. die sich mit seiner Behauptung. die Kiely die »Theoretiker des neuen Imperialismus« tituliert (2005: 32-34). Harman 2003. deren prominentester Vertreter David Harvey ist. insofern von Hardt/Negri unterscheidet. 2005). sodass »die brauchbarste klassische marxistische Theorie zum Verständnis der Gegenwart die Kautskys ist . Weder die Krise der 1970er Jahre. in die er in den ausgehenden 1960er und beginnenden 1970er Jahren eingetreten ist.. bislang nicht hinter sich gelassen (Brenner 1998 u. Harvey 2005. Es wäre wohl fair zu sagen. Allerdings betont er die Vorteile. 2003). dass die eine oder andere Spielart dieser letzteren Argumentationslinie unter linken Intellektuellen großen Anhang hat. (Kiely 2006) Beide Sichtweisen werden von einer dritten Gruppe infrage gestellt.. welche die japanische und westdeutsche Konkurrenz zu den USA maßgeblich mit verursachte. nämlich dass die geopolitische Konkurrenz sich überlebt hat.

dass der geopolitische Konflikt in der Zeit nach dem Kalten Krieg fortdauert. 2005b.14 Alex Callinicos 3. Kiely 2005: 30-4 u. Wer Recht behalten wird in dieser und anderen Fragen. ist letztendlich eine empirische und historische Frage. das wäre aber kein Grund. Er wirft den »Theoretikern des neuen Imperialismus« vor. Vielleicht sollte ich zunächst einige Bemerkungen über meine eigene Herkunft voranstellen. sich ihre Dominanz aber wahrscheinlich im »Endstadium« befindet. um Kritiken an Harveys und meinen eigenen Ansichten besser begegnen zu können. Der bedeutendste zeitgenössische Vertreter der Weltsystemtheorie. einige theoretische Probleme zu beleuchten. Vgl. 2006. Der Analyse fehlt daher eine überzeugende Darstellung des Vorgangs der Staatenbildung und -entwicklung und der primitiven Akkumulation in der Peripherie. ihre Existenz zu leugnen.Frieden sei mit manchen denkfaulen Kritikern . Arrighi 2005a u. der Saddam Husseins Irak als prominentes Beispiel behandelt (siehe Callinicos u. Daher . Ein Beispiel: »Der Kleinmachtimperialismus des irakischen Regimes im Jahre 1991 wird in diesen Schilderungen kaum erwähnt. 3 Kiely ist ein Beispiel für diese Art denkfauler Kritik. Panitch/Gindin 2006).a. was Kiely im Endeffekt tut. bei gleichzeitiger Anerkennung. 3 Auch Harveys Analyse in Der neue Imperialismus (2005) ist Diese Klassifizierung der gegenwärtigen Debatte ist keineswegs erschöpfend. Mein Ausgangspunkt ist der einer relativen Sympathie für den Lenin-Bucharin-Ansatz. da >lokale< Konflikte scheinbar restlos von den globalen imperialen Konflikten (der Großmächte) bestimmt werden. dass die USA gegenwärtig hegemonial seien. überspannt mühelos alle drei Positionen: Er verwirft zwar die Prämissen Hardt/Negris. teilt aber deren Schlussfolgerung (dass geopolitische Rivalitäten obsolet seien) und behauptet gleichzeitig. Giovanni Arrighi. zu dem ich eine überarbeitete Fassung von Callinicos 1991 beitrug. Seine historische Kritik des Lenin-Bucharin-Ansatzes (vgl. Ich selber habe diesen Gedanken im Rahmen einer Debatte mit Panitch/Gindin mit Nachdruck vertreten (Callinicos 2005c u. Diese Analyse mag unzureichend sein. Überarbeitung und Verfeinerung rufen.« (Kiely 2005: 33) Als Beleg für diese Herangehensweise beruft sich Kiely auf einen Sammelband. die im Kontext eines fortgesetzten »langfristigen Abschwungs« wahrscheinlich in geopolitische Auseinandersetzungen münden werden. dass dessen Beschränkungen nach Kritik. In diesem Beitrag habe ich mir das Ziel gesetzt. 2006) 2 . die in ihrer Übersicht über den »Imperialismus nach dem Kalten Krieg« einen ausgedehnten Abschnitt über den »Aufstieg von Subimperialismen in der Dritten Welt« enthält. 2 Diese dritte Schule unterscheidet sich von den beiden ersteren durch ihre Behauptung. In der Konsequenz und trotz der realen Machtasymmetrie zwischen den USA und anderen führenden kapitalistischen Staaten gibt es bedeutende Interessenskonflikte unter ihnen (und mit anderen Staaten wie Russland oder China). 1994: 45-54). Lenin und Bucharin bloß zu wiederholen.ist meine Position nicht einfach eine Neuformulierung oder Verteidigung der Theorien Lenins und Bucharins.

ob zwischenstaatliche Konflikte nicht auch andere Formen als die eines allgemeinen Krieges zwischen Koalitionen der mächtigsten Staaten annehmen können. dass er sich gezwungen sieht. dass schon dieses frühe Werk mit einer Schilderung schließt. 2001). (Mehr über Harvey in: Ashman/Callinicos 2006.seiner bereits in The Limits to Capital (1982) formulierten und erweiterten Marxschen Theorie der kapitalistischen Produktionsweise. theoretische Differenzen dermaßen karikaturenhaft darzustellen. interstaatliche Beziehungen im globalen Akkumulationsprozess zu orten. die den »Theoretikern des neuen Imperialismus« geläufig sind (vgl.in einem breiteren »geo-historischen« Rahmen . hat eine solch einengende Hypothese nicht nötig. diese Frage auf der abstrakteren Ebene des Fortbestehens geopolitischer Konkurrenz zu stellen. Zweifler an der geopolitischen Konkurrenz wie Toni Negri haben dann leichtes Spiel mit ihrem scheinbar unschlagbaren Einwand. die sich das Ziel setzt. dabei hat dieser jedoch den Nachteil. Für meinen Teil ziehe ich es vor. ob denn Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union heute vorstellbar sei. Viele seiner konkreten Schilderungen der gegenwärtigen globalen politischen Ökonomie sind in meinen Augen nicht zu beanstanden . 4 bezieht sich auf Phänomene. Die aus der Theorie Lenins/Bucharins hergeleitete marxistische Diskussion verleiht dem Ausdruck »interimperialistische Konkurrenz« zwar einen beinahe offiziellen Status. der alle zwischenstaatlichen Konflikte in Bezug auf Sicherheit. Die gegenwärtige Debatte sieht meistens in der Frage nach dem Fortbestehen interimperialistischer Rivalitäten eine der Hauptkontroversen. zwischenstaatliche Konflikte mit der Polarisierung des Staatensystems in große Machtblöcke gleichzusetzen.schade nur. zwischenstaatliche Konkurrenz auf die Konkurrenz in Sicherheitsfragen zu reduzierens (siehe Mearsheimer 1994/1995 u.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 15 offensichtlich eine Fortentwicklung . 4 Theoretiker des Realismus wie John Mearsheimer tendieren dazu. Eine marxistische Herangehensweise.) Diese Bemerkung führt mich zum ersten Gegenstand einer notwendigen Klärung. . bevorzuge ich den weitgefassteren Begriff der geopolitischen Konkurrenz. aus zwei Gründen. wie sie zwischen den 1890er Jahren und 1989-91 vorherrschten. Callinicos 1987: 79-88 u. Gebietsansprüche. Anzumerken wäre hier. beantwortet aber nicht die Frage. wie interimperialistische Rivalitäten und Kriege einen Ausweg zur Lösung von Überakkumulationskrisen bieten können. und daher die Vielfalt der Interessen und der Verflechtungen von Staatsbeamten hervorhebt. Das mag ein guter rhetorischer Zug sein. Da dies offensichtlich doch der Fall sein kann. 1991: 13-26). Ressourcen und Einflusssphären einschließt.

Sowohl weberianische historische Soziologen wie Anthony Giddens. die ihre Grundannahmen teilt.aus der Zeit der inmitten der Krise der feudalen Eigentumsverhältnisse aufkommenden absolutistischen Staaten. so Wood (vgl. Neuerdings sind sogar einige marxistische Theoretiker. die sich auf die der Klassenausbeutung nicht reduzieren lässt. Michael Mann und Theda Skocpol als auch Theoretiker der Disziplin der Internationalen Beziehungen in der einen oder anderen »realistischen« Tradition haben Marxisten vorgeworfen. sehr wohl aber ein vor der Vorherrschaft des Kapitalismus entstandenes Phänomen sei . nicht sehen zu wollen. Teschke 2003). dass zweitens das Staatensystem folglich nur bedingt mit dem Kapitalismus zusammenhängt. Ihre zweite Schlussfolgerung im vorangehenden Absatz wird zumindest von einer Theoretikerin. Je global integrierter die kapitalistische Entwicklung sich vollzieht. Woods Argumentationslinie kann um Manns Unterscheidung zwischen despotischer und infrastruktureller Macht von Staaten (Mann 1986 u. desto abhängiger wird sie von einem Staatensystem für die Gewährleistung einer umfassenden Verwaltung derer. Lachers und Teschkes Argumentationslinie beruht teilweise auf einer unzulänglichen Sichtweise der Entwicklung des Kapitalismus (Harman 1989 u. wie von den Weberianern und Realisten behauptet. welches einer Logik gehorcht. dass erstens das moderne Staatensystem zwar kein überhistorisches. 2004). Auch wenn das moderne Staatensystem dem Kapitalismus voranging. das Problem im Lichte der Beziehungen zwischen dem Kapitalismus und dem Staatensystem neu zu formulieren. diesen Kritikern ein Stück weit entgegengekommen. die ihrerseits noch nicht Ausdruck des Übergangs zum Kapitalismus gewesen seien. der im Prinzip auf es verzichten könnte (Lacher 2002. 1993) ergänzt werden. darunter Hannes Lacher und Benno Teschke. die ihrer Herrschaft unterliegen. Die despotische Macht eines Staates ist umso größer. Die infrastrukturelle Macht eines Staates hingegen ist ein . brauchte der souveräne Territorialstaat kapitalistische Eigentumsverhältnisse und die aus ihnen resultierende Trennung des Politischen vom Ökonomischen zu seiner Vervollkommnung. Sie argumentieren. auch Rosenberg 1994). dass der zwischenstaatliche Systeme kennzeichnende Wettbewerb ein überhistorisches Phänomen ist.16 Alex Callinicos Die so konzipierte geopolitische Konkurrenz kennzeichnet eine der wichtigsten Formen der Wechselbeziehungen zwischen den Einheiten des Staatensystems. nämlich von Ellen Wood. Das hat den Vorzug. je weniger ihre Ausübung gegen die Untertanen Einschränkungen unterliegt. abgelehnt (Wood 2002). so ihre (früheren marxistischen Interpretationen des Absolutismus widersprechende) Argumentationslinie.

. Harvey und ich haben unabhängig voneinander ganz ähnliche Konzepte des kapitalistischen Imperialismus als Ausfluss des Zusammenspiels kapitalistischer und territorialer Machtlogiken einerseits bzw. Hardt/Negri sind sich absolut im klaren darüber. die die Beziehung zwischen Kapitalismus und dem Staatensystem als notwendig erachten. dass die kapitalistische Reproduktion staatlicher Fähigkeiten bedarf. internationale Behörden. dass die Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse von der Ausübung jener staatlichen Fähigkeiten abhängen. -. die sie despotisch ausüben können oder auch nicht. Das veranschaulicht eines der allgemeineren Probleme des harten wie des weichen Funktionalismus. Erstens leidet sie unter dem. warum diese Funktion eine spezifische Form annehmen sollte. dass diese Fähigkeiten heute von souveränen Territorialstaaten ausgeübt werden. die Mann als infrastrukturelle Macht kennzeichnet. Zweitens bleibt immer noch die Frage. warum sollte deren Ausübung einer Pluralität von Staaten zufallen? Auch andere marxistische Herangehensweisen. was Vivek Chibber »weichen Funktionalismus« nennt (Chibber 2005: 157). die sich allerdings auf ein relativ beschränktes Gebiet um die Hauptstadt konzentrierte. NGOs usw. dass die Ortung einer unverzichtbaren Funktion zur Erzielung bestimmter Effekte allein keine Erklärung dafür liefert. die ihnen zufolge die neue »imperiale Souveränität« ausmachen. Einzug von Steuern) eine enorme infrastrukturelle Macht.B.transnationale Konzerne. auch wenn wir einräumen. warum diese Funktion von einer Pluralität von Staaten ausgeübt werden sollte. sondern diese sogar voraussetzt.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 17 Ausfluss seiner Fähigkeit. moderne Staaten hingegen besitzen dank ihrer bürokratischen Organisation und der durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse erleichterten extrahierenden Fähigkeiten (z. Um es nochmals zu wiederholen: Selbst wenn man einräumt. Stattdessen sind es transnationale politische Netzwerke . dass die kapitalistische Herrschaft nicht nur die von der Pluralität der Staaten ausgeübte infrastrukturelle Macht ermöglicht. Diese Argumentation wirft zwei Schwierigkeiten auf. dass der Kapitalismus eine wesentlich ausgedehntere Verwaltung von Bevölkerungen sowohl erleichtert als auch erfordert. als es frühere Produktionsweisen taten (Callinicos 2004b). das Leben all seiner Untertanen tatsächlich zu regulieren. So hatten die Herrscher der antiken Großmächte enorme despotische Macht. nur lehnen sie die Vorstellung ab. scheinen ebenfalls angreifbar. Mit anderen Worten geht sie von den Bedürfnissen des Kapitals aus und schließt hiervon auf die Existenz des Staatensystems. nämlich. Man könnte also Woods Position neu formulieren und behaupten.

18 Alex Callinicos wirtschaftlicher und geopolitischer Konkurrenz andererseits entwickelt. dass in bestimmten Zusammenhängen die territoriale Logik scheinbar Vorrang vor der ökonomischen gewinnt... In Harveys Worten sollte die »Beziehung zwischen diesen beiden Logiken . 5 Die wirkliche Herausforderung für Harveys und meine Position ist nicht.. dass sie etwa unter ökonomischem Reduktionismus leide.« (Callinicos 2003: 105-06) Es mag anstößig erscheinen. unter anderem. 5 . dass »die Bush-Doktrin nicht einfach als Reflex der Geschäftsbeziehungen der Regierung interpretiert werden kann.. versucht aber nicht. Hat der Marxismus dem Realismus nicht bereits ei- Panitch erhob auf dem Internationalen Marx-Kongress in Paris im Oktober 2004 den (genauso unwahrscheinlichen) Vorwurf. So wird meine Position als eine beschrieben. aus der dieser Auszug stammt. die schlecht mit dem oben zitierten Auszug in Übereinstimmung gebracht werden kann. Sie stellt vielmehr ein mehr oder weniger zusammenhängendes Projekt zur Aufrechterhaltung und Stärkung der US-Hegemonie dar. Es hat mit der Karikatur meiner und ähnlicher Ansichten zu tun.. eine Auslegung. dass sie jedem Versuch aus dem Weg geht. Könnte dies nicht zu einem Missbrauch von Erklärungen führen.) Im gleichen Sinne argumentiere ich. den realistischen Ansatz zu bekräftigen... geopolitische Strategien von Staaten auf Wirtschaftsinteressen zu reduzieren. So schreibt Gonso Pozo: »Zwei separate Logiken werden vorausgesetzt. wenn ich mich so ausgiebig zitiere. die auf Themen wie nationales Interesse oder Machtgleichgewicht fußen? . eine ökonomische Dimension besitzt . dass Harvey einer instrumentalistischen Vorstellung des Staates unterliege. die. in denen geopolitische und wirtschaftliche Konkurrenz im modernen Kapitalismus mittlerweile miteinander verflochten sind. sondern gerade das Gegenteil.. diese analytisch verschiedenen Dimensionen aufeinander zu reduzieren. und so scheint es ohne weiteres möglich. (Harvey 2005: 36f. Einer der Vorzüge dieser Herangehensweise ist es. geschweige denn mit der allgemeinen Analyse der Globalstrategie der BushRegierung in The New Mandarins of American Power (2003). die »die Bush-Regierung im Licht ihrer Funktionalität für das US-Kapital versteht« (Kiely 2006). in dem Sinne. als problematisch und oft widersprüchlich (also dialektisch) angesehen werden statt als funktionell oder einseitig«. Die marxistische Theorie des Imperialismus analysiert die Formen. Allgemeiner ausgedrückt: Während der gesamten Geschichte des modernen Imperialismus ließen sich die Großmächte von komplexen Mischungen ökonomischer und geopolitischer Beweggründe leiten .

unvollständig. dass die beiden Logiken sich überschneiden und miteinander interagieren. nur um zu dessen (teilweisen) Vorzügen zurückzufinden?« (Pozo 2006) Pozo zitiert mich als Paradebeispiel für diese »Zweideutigkeit in Bezug auf den Realismus«. einen Umweg über Marx' Theorie der kapitalistischen Produktionsweise zu nehmen. was den Verkauf ersterer an das Kapital zu Bedingungen nach sich zieht. entwickelte. Callinicos 2005b). er ist aber widerlegbar. auf verdinglichte Konzepte des nationalen Interesses und Ähnliches zurückzugreifen. 1. wie sie für den Realismus in den Internationalen Beziehungen kennzeichnend sind. die sich an vielen Stellen als hervorragende realistische liest«. Diese Kritik kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Harveys und mein Konzept des Imperialismus können lediglich formal in einen marxistischen Rahmen gepresst werden.6 Geopolitische Konkurrenz und die Logik des Kapitals Diesen Vorwurf muss man sehr ernst nehmen. militärische. Dadurch. Skocpol 1979). Ohne eine solche Festlegung sei unsere Position quasi identisch mit Manns Vorstellung von den vier Quellen der Macht (ideologische.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 19 nen ausreichenden Schlag versetzt. dem wir in Wirklichkeit huldigen. Dafür ist es notwendig. Harvey und ich haben sich folglich dem ökonomischen Reduktionismus und einer instrumentalistischen Vorstellung vom Staat entzogen.die der Arbeitskraft von den Produktionsmitteln. Die Behauptung. haben wir unter der Hand den Deutungspluralismus Webers und der historischen Soziologen wie Mann und Skocpol wieder aufgegriffen. vgl. gedeutet (Pozo 2006. da der Deutungspluralismus. wirtschaftliche und politische).voraussetzen. 6 . sagt nichts aus über die relative Vorrangstellung der einen vor der anderen. Ein Artikel von mir über den Irak wird »als marxistische Interpretation. dass wir zwei verschiedene Logiken oder Formen der Konkurrenz .die wirtschaftliche und die geopolitische . Bei Marx sind zweierlei Trennungen kennzeichnend für kapitalistische Produktionsverhältnisse . es gestattet. oder Skocpols Ansicht von zwei relativ autonomen und kausal gleichwertigen transnationalen Dimensionen der Weltwirtschaft und des zwischenstaatlichen Systems (Mann 1986: Kap. wie er sie im Kapital. zahlen aber dafür einen hohen Preis. die Anievas 2005 und Robert Brenner (auf einer seinem Werk gewidmeten Konferenz in London im November 2004) erheben im Wesentlichen gleichlautende Vorwürfe.

Ausbeutung der Lohnarbeit. wie Brenner sie nennt.die Entstehung kapitalistischer Produktionsverhältnisse verleiht jenen Staaten. dass die charakteristischen Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise . was wiederum die einzelnen Produktionseinheiten unter systematischen Druck setzt. in denen sie vorherrschen (zunächst den Niederlanden. aber in Konkurrenz untereinander interagieren. Daraus folgt. um diese Investitionen zu organisieren und die zu ihrer Finanzierung erforderlichen Mittel zu mobilisieren.20 Alex Callinicos zu ihrer Ausbeutung führen. dann England in der Frühmoderne) einen punktuellen Vorteil im Prozess der zwischenstaatlichen Konkurrenz. die Profitabilität zu maximieren und Kapital zu akkumulieren.eine Konsequenz ökonomischer Mechanismen ist. Akkumulation und Krisen . verfolgen müssen. in ers- . in der Konkurrenz eine unverzichtbare Rolle spielt (eine gute Behandlung des Themas Konkurrenz im Kapital in jüngerer Zeit findet sich in: Arthur 2002). die Wirtschaftsakteure. Wie sowohl die Weberianer als auch Marxisten wie Lacher und Teschke hervorheben. sondern war eine Folge der für die feudalen Eigentumsverhältnisse spezifischen »Reproduktionsregeln«. um Zugang zu den Subsistenzmitteln zu erlangen (Brenner 1986). geht die geopolitische Konkurrenz dem Kapitalismus historisch voraus. wie er sie nennt (Brenner 1983: 37-41). bot sich der herrschenden Klasse die territoriale Ausdehnung . Aber . ihre materielle Lage zu verbessern. Die Entstehung des zwischenstaatlichen Systems im Europa des späten Mittelalters und der beginnenden Moderne war daher nicht einfach die Folge unmittelbarer Erfordernisse militärischer und politischer Macht. die in ihrer Gesamtheit die Produktionsmittel beherrschen. So gesehen kann die Entstehung des kapitalistischen Imperialismus als Transformation der den kapitalistischen Produktionsverhältnissen zugrundeliegenden Konkurrenz betrachtet werden. ihre Einkünfte durch die Einführung produktivitätssteigernder technologischer Erneuerungen zu erhöhen. Robert Brenner hat eine wichtige Analyse der »politischen Akkumulation« geliefert. in Klassen organisiert und im Rahmen eines vorgegebenen Systems der Eigentumsverhältnisse. In vorkapitalistischen Produktionsweisen (besonders dem Feudalismus).als wichtigstes Mittel an.wobei Grundherren die Landgüter anderer Grundherren mitsamt ihren Bauern erbeuteten . wie Mann es darstellt. und die der »vielen Kapitalien«. Das bedingte Investitionen in Truppen und Waffen ebenso wie die effektivere politische Organisation der Anwesen. als weder die Ausbeutenden noch die Ausgebeuteten besonderen Anreiz hatten. womit jene Strategien gemeint sind.hier gehe ich weiter als Brenner .

nicht wirklich in Angriff. Dafür ist es erforderlich. Jahrhunderts.4. Staat. 2. dass die geopolitische Konkurrenz unter die Konkurrenz zwischen Kapitalien subsumiert wurde und dadurch zu einer Variation letzterer geworden ist. Parallel dazu machten im ausgehenden 19. in: MEW. Ende des 19. auch nicht das über den Staat. Lohnarbeit. Als dieser Vorgang zu einer historischen Realität wurde. Jahrhundert die von Bucharin hervorgehobenen Trends einer zunehmenden Konzentration wirtschaftlicher Macht innerhalb der nationalen Grenzen einerseits sowie der Internationalisierung des Handels und der Investitionen andererseits die Einzelkapitalien zunehmend abhängig von der Unterstützung ihrer jeweiligen Nationalstaaten zur Durchsetzung ihrer Interessen. ob er seinen umfassenderen Plan aufgegeben hat oder nicht (vgl. 3. von denen der militärische Erfolg nun abhing. Nach meinem Dafürhalten sah sich Marx gezwungen. Nach Marx' ursprünglichem Konzept sollte seine Kritik der politischen Ökonomie »zerfallen in 6 Bücher: 1. um im eigenen Land die hochtechnologischen Waffen. große Teile des erst für Buch 2 und 3 vorgesehenen Materials über Lohnarbeit und Grundeigentum einfließen zu lassen. Dussel 2001). 4. allerdings hatten mit der »Industrialisierung des Kriegs« im 19. Internationaler Handel. Jahrhundert (McNeill 1982: Kap. Diese hier nur kurz umrissene historische Argumentationslinie habe ich zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren entwickelt (Callinicos 2004a: §4. siehe auch Carling 1992: Teil I). Vom Kapital. Sie scheint mir heute noch richtig zu sein. kapitalistische Produktionsverhältnisse zu fördern. Kommentatoren sind sich nicht einig. ihre Aktivitäten zu finanzieren und zu organisieren (siehe beispielsweise Brewer 1989). den der Staat in Marx' eigenem theoretischen Diskurs im Kapital einnimmt.und Transportsysteme zu entwickeln. Rosdolsky 1977. was auch immer er mit ihnen vorhatte. als er das Kapital zu schreiben begann. 7 u. 29: 312) Bekannterweise hat er das Kapital. 5. insbesondere um genauer zu umreißen. Grundeigentum. 8) auf einmal alle Staaten ein unmittelbares Interesse. bedarf allerdings eines präziseren theoretischen Fundaments. Dieser Vorteil war bereits vor der Entwicklung des industriellen Kapitalismus zugegen. dass die zwischenstaatliche Konkurrenz unter die zwischen den Kapitalien subsumiert wurde. Aber . in welchem Sinne behauptet werden kann. und die von ihm angewandte Methode zu betrachten. den Platz. Bd.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 21 ter Linie dank der spektakulär gestiegenen Kapazitäten jener Staaten. Diese Prozesse bewirkten eine wachsende gegenseitige Abhängigkeit von Staat und Kapital. Allerdings nahm er die drei letzten »Bücher«. 6. Weltmarkt.« (Marx 1858. niemals vollendet. mit dem Ergebnis. trat der kapitalistische Imperialismus in Erscheinung. das erste dieser sechs »Bücher«.

herangezogen werden. nämlich dass die geopolitische Konkurrenz eine eigene. Bekanntlich ist das Kapital als mehrstufige theoretische Struktur konzipiert. ist. in der die aufeinanderfolgenden Stufen steigende Komplexitätsgrade darstellen.und Handelskapital) und auf das Grundeigentum. der dem kapitalistischen Wirtschaftssystem als Ganzes gewidmet ist. abstrakter und konkreter Arbeit usw. Zinsen und Grundrente (Mosley 2002). Marx' fehlendes Buch über »den Staat« zu schreiben. (Für eine erheblich umfassendere Behandlung des Wesens und der Schwierigkeiten dieser Herangehensweise siehe Callinicos 2001 u. dann auf verschiedene Spielarten des Kapitals (produktives. jede besitzt aber ihre spezifischen Eigenschaften. ein marxistisches Verständnis des Staatensystems zu entwickeln. von der ökonomischen Konkurrenz . Daher ist die Tatsache. warum niemand den Versuch unternehmen sollte. So analysiert Band I die Schaffung von Wert und Gewinnung von Mehrwert im Produktionsprozess. Diese Herangehensweise kann bei dem Versuch. Geld. Mit anderen Worten sind die im Verlauf des Kapitals entwickelten Komplexitäten nicht irgendwie bereits in den zu Beginn des Buchs dargelegten Konzepten von Ware.22 Alex Callinicos er entwickelte eine Methode der Theoriekonstruktion. die für die Annäherung an das hier diskutierte Problem relevant ist. die auf die zuvor vorausgesetzten Bestimmungen nicht reduzierbar sind. Mit anderen Worten muss man den Staat als gesonderte Bestimmung begreifen (oder vielmehr als Zusammenhang von Bestimmungen) innerhalb des weitergefassten Vorhabens. die Pozo als Gegenargument gegen Harveys und meine Konzeptualisierung des Imperialismus anführt. Gebrauchswert. 2005a). »enthalten«. Wie ich bereits anmerkte. um entstehende Probleme in früheren Phasen der Analyse zu überwinden. die zur Entstehung einer allgemeinen Profitrate führen und zur Differenzierung des Mehrwerts in verschiedene Einkunftsarten . Diese Bestimmungen werden durch ihren Platz in der allgemeinen Argumentation begründet. eine zufriedenstellende Theorie der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln.Profit des produktiven Kapitals und Profit des Handelskapitals. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Stufen ist nicht deduktiv. zeichnet die Aufteilung des Mehrwerts nach. zunächst auf verschiedene Einzelkapitalien. besitzt eine Bestimmung spezifische Eigenschaften. dass kapitalistische Staaten immer im Plural existieren: Barker 1978). die nicht auf die Eigenschaften vorher eingeführter Bestimmungen reduzierbar sind. Band III. (Einer der vielen Gründe. Vielmehr werden neue und komplexere Bestimmungen nach und nach eingeführt. allesamt Vorgänge. wie Colin Barker in der Staatsdebatte der 1970er Jahre hervorhob.

die Strategien. den Erfolg von Der neue Imperialismus. dass eine genaue marxistische Analyse sich dadurch auszeichnet. dass trotz der durchaus gerechtfertigten Kritik am Realismus. Ein Beispiel für eine realistische Herausforderung in diesen beiden Fragen findet sich in: Mearsheimer 1994/1995. Offenkundig hat das Staatensystem charakteristische Merkmale. Das erklärt u. indem er die Handlungen der Bush-Regierung in diesem Sinne einbettet. ich oder andere mit einem ähnlichen Standpunkt diesen Fehler begangen haben. es Streitpunkte geben wird. dass jeder marxistischen Analyse internationaler Beziehungen und Konjunkturen ein »realistisches« Moment innewohnt. das Staatensystem als gesonderten Zusammenhang von Bestimmungen im Rahmen einer weitgefassten Theoretisierung der kapitalistischen Produktionsweise als gegeben hinzustellen. was diese Methode uns in diesem Falle erwarten lässt. die dem Kapitalismus in jedem Stadium seiner Entwicklung innewohnen.beispielsweise in der Ablehnung übertriebener Hoffnungen auf zwischenstaatliche Harmonie nach dem Ende des Kalten Krieges und in der Kritik idealistischer Konzepte der internationalen Beziehungen. in denen sich Marxisten und Realisten auf der gleichen Seite der Barrikade wieder finden werden . die Konstruktivisten und andere anbieten. 7 . anstatt vage Warnungen auszugeben. herauszugreifen. Berechnungen und Interaktionen von Staatsbeamten immer im Kontext der Krisentendenzen und Klassenauseinandersetzungen zu behandeln. auf die realistische Theoretiker wie Kenneth Waltz und John Mearsheimer zurückgreifen.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 23 divergierende Logik besitzt. sah sich Marx im Laufe der Neuformung seiner Konzepte und der Ausarbeitung seiner Argumente für die aufeinanderfolgenden Entwürfe des Kapital zunehmend genötigt. die etwa Justin Rosenberg (1994) erhebt. den tendenziellen Fall der durchschnittlichen Profitrate. einen eigenständigen Beitrag zu einem Verständnis der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung leistet. konkurrenzbezogene Strukturen heranzuziehen. der uns zu einer unkritischen Verdinglichung von Konzepten verleiten sollte. der in Marx' Krisentheorie eine zentrale Rolle spielt: Dieser ist als eine Folge der Aus dieser Position folgt. Eine Folgerung dieser Feststellung ist. das Kalkül und das Zusammenspiel der rivalisierenden politischen Eliten im Staatensystem zu berücksichtigen. weil Harvey. wo Harvey. Eine derartige Analyse hat die Strategien. um die innewohnenden Tendenzen. erklären zu können (Bidet 2000). 7 Es reicht jedoch nicht aus. Von entscheidender Bedeutung ist es. die er dem Kapitalismus zuschrieb. Wie Jacques Bidet anmerkt. Das ist aber noch lange kein Grund. Um das wichtigste Beispiel. Kritiker sollten konkrete Beispiele dafür liefern. genau das.a.

einen >gesunden< Akkumulationsprozess zu gewährleisten und zu schützen. die den großen Vorzug hat. Diese Idee. die der Prozess der Kapitalakkumulation generiert (Block 1987). die Kapitalien auf der Suche nach einer überdurchschnittlichen Profitrate tätigen. während die relative Macht eines jeden Staates von den Ressourcen abhängt. aus den vorkapitalistischen Vorgängen der »politischen Akkumulation« geerbten historischen Umstand? Oder ist dem Kapitalismus ein Wesenszug eigen. Jede Theorie über den Ort des Staatensystems in der kapitalistischen Produktionsweise muss solche Mikromechanismen nennen können. zu ihrem Ausgangspunkt die Nicht-Interessensidentität zwischen Kapitalisten und Staatsbeamten zu nehmen. Warum gibt es viele Staaten? Handelt es sich bloß um einen zweitrangigen. die Fred Block in den 1970ern als einer der ersten vertrat. die kapitalistische Verhältnisse individuellen Akteuren aufzwingen. wie Block. was zu einer allgemeinen Zunahme der Investitionen pro Arbeiter führt und somit zu einer Senkung der relativen Kapitalerträge. Ein ähnliches Konzept wurde in den 1970er Jahren von Claus Offe und Volker Ronge vertreten. Der Kapitalismus tendiert dazu. 8 . den Kapitalisten und den Staatsbeamten (Ashman/Callinicos 2006). wie Makrotendenzen dank der Anreize wirksam werden.24 Alex Callinicos technologischen Erneuerungen zu verstehen.zur Aufrechterhaltung seiner eigenen Machtstellung -. auch Harman 1991. scheint uns auf die internationale Arena gewinnbringend übertragbar zu sein. indem sie aufzeigt. dass die Verfolgung ihrer separaten Interessen beide Gruppierungen in eine gemeinsame Allianz führen wird: Kapitalisten brauchen aus einer Vielzahl von Gründen staatliche Unterstützung. die Staaten plural zu belassen? In meinen Augen gibt es diese Tendenz: die Tendenz zur ungleichen und kombinierten Entwicklung. die dann von anderen Kapitalien nachgeahmt werden. für die strukturelle Interdependenz von Staat und Kapital argumentiert. die Macht des Staates zu >benutzen<.8 Das alles gibt uns allerdings noch immer keine Antwort auf die Frage nach dem pluralen Charakter des Staatensystems. auch wenn sie keine symmetrische Interdependenz zwischen Staat und Kapital als gegeben hinnehmen: »Die Träger der Akkumulation haben kein Interesse. dass das Zusammenspiel wirtschaftlicher und geopolitischer Konkurrenz nur verstanden werden kann im Lichte der Reproduktionsgesetzmäßigkeiten von zwei Gruppen von Akteuren.« (Offe/Ronge 1982: 250) Vgl. von dem er abhängt. Sam Ashman und ich argumentieren. dass sie die diesen Tendenzen zugrundeliegenden Prozesse realisieren. der. Dieses Argument fußt auf der Idee. Diese Argumentationsweise beliefert Marx' Theorie mit »Mikrofundamenten«. aber der Staat hat sehr wohl ein Interesse . so zu handeln.

dass das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Mächten nach zehn. dass einzelne Kapitalien gezwungen werden. in der allerdings der Zugang zu Investitionen und Märkten geographisch extrem ungleich verteilt ist. Industriezweige und Länder kann es unter dem Kapitalismus nicht geben. Es lohnt sich. indem sie über dem Durchschnitt liegende Profitraten anstreben (Extraprofite). Trusts. die nur nach erfolgtem Kräftemessen in eine neue Korrelation übergeleitet werden können: ». nicht denkbar.. eine politische Analyse auf eine solche Möglichkeit zu stützen. 22: 300f. argumentiert aber. die Rolle. ihre Marktstellung zu verteidigen oder zu verbessern. Beide Ansichten hängen miteinander zusammen. ihre allgemeinwirtschaftliche.) Diesem Argument liegt Lenins Ansicht zugrunde. eine klägliche Null. wenn Innovationen verallgemeinert werden. denn eine gleichmäßige Entwicklung der einzelnen Unternehmungen. . Monopole bilden eine Quelle für Extraprofite. genauer zu betrachten.. die dem Kapitalismus seine Dynamik verleiht.und Einflussspbären. unter dem Kapitalismus ist für die Aufteilung der Interessen. die dieser Gedanke in Lenins Kritik an Kautskys Theorem des Ultraimperialismus spielt. in: LW. zwanzig fahren unverändert geblieben sein w i r d ? Das ist absolut undenkbar. wenn man seine kapitalistische Macht mit der des damaligen Englands vergleicht. es sei höchst irreführend. wird es sich notwendigerweise um vorübergehende Arrangements handeln. militärische und sonstige Stärke. finanzielle. Marx' Analyse der Konkurrenz beruht auf der Idee. denen wahrscheinlich neue Perioden der Instabilität folgen werden. Lenin räumt ein. Ist die Annahme >denkbar<. Bd. dass die Formation eines einzigen Weltmonopols infolge der zunehmenden Organisierung des Kapitalismus theoretisch vorstellbar sei. dass der Kapitalismus wesensbedingt dynamisch ist und vom Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung reguliert wird. eine andere Grundlage als die Stärke der daran Beteiligten. Die Stärke der Beteiligten aber ändert sich ungleichmäßig. Vor einem halben Jahrhundert war Deutschland. aber angesichts der Dynamik der kapitalistischen Entwicklung. Es ist also die Suche nach überdurchschnittlichen Profiten. ebenso Japan im Vergleich zu Russland.« (Lenin 1917. wie er es nennt. dass dies nur dann geschieht. die die globale Machtverteilung ständig ändert.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 25 die Welt in ein einziges Weltsystem zu vereinen. der Kolonien usw. Internationale Vereinbarungen und Kartelle schreiben das momentane Kräfteverhältnis zwischen den kapitalistischen Mächten fest. die vermittels Produktivitätssteigerungen die Produktionskosten des Erneuerers unter den Durchschnitt seines Sektors drückt. Es stimmt. viel wichtiger jedoch ist die technologische Innovation.

die die Anstrengungen zur Integration »vieler Kapitalien« in eine einzige Einheit ständig untergräbt. andere wiederum Ausflüsse der jüngeren Geschichte sind (etwa der bleibende Einfluss des japanischen Imperialismus in Ostasien). dass es sich tatsächlich überträgt: Denn die Tendenz. Harman und Harvey haben unabhängig voneinander argumentiert. Harvey 2005: 103-109). Die Annahme. keine kontingente Eigenschaft. und damit auch sein Extraprofit. Ungleichmäßige Entwicklung ist daher eine grundlegende Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise. eine ungleichmäßige Entwicklung. untergräbt ständig Anstrengungen zur Gründung eines transnationalen Staates.) Damit wird allerdings eine erneute destabilisierende Innovationsrunde. die marxistische Politökonomen zunehmend thematisieren. weiterhin jene Innovationen hervorzubringen. haben gute Chancen.26 Alex Callinicos wodurch der Wettbewerbsvorteil des Erneuerers. die zugleich die Produktivität erhöht und ökonomisch destabilisierend wirkt. es unterstreicht eher das globale Bild ungleichmäßiger Entwicklung als ihm zu widersprechen. Dieses Argument erhält weitere Nahrung durch Belege. und schließlich. (Wir könnten dies womöglich als den ökonomischen Kern des »Gesetzes« der kombinierten Entwicklung betrachten. sondern vielmehr zur räumlichen Konzentration von Investitionen. dass es einfach auf die politische Sphäre übertragbar sei. dass derartig dichte »Cluster-artige« Zusammenballungen kapitalistischer Verhältnisse den Staaten ihre territoriale Basis liefern. Der Erfolg nährt weiteren Erfolg: Die Regionen. so Lenin. Allerdings gibt es Gründe für die Annahme. die eine solche Konzentration aufweisen. wohnt dem Kapitalismus inne. was . schwindet. Die Ausweitung des ostasiatischen Teils der Triade auf die Küstenstädte Chinas widerspricht dieser Analyse nicht. Natürlich beschränkt sich dieses Argument lediglich auf das Ökonomische. würde meinen Ausführungen weiter oben widersprechen. nicht nur zur ungleichen Entwicklung. immer auf der Suche nach Extraprofiten. wobei sie die für das effektive Funktionieren der Staatsapparate notwendigen Ressourcen sowohl einfordern als auch zur Verfügung stellen (Harman 1991: 7-10. sodass ihr Vorsprung gefestigt und gar erweitert wird. aus denen sich ihre Extraprofite speisen. Märkten und Fachkräften in gewissen privilegierten Regionen der Weltwirtschaft (Ashman 2006). eingeläutet. Ungleichmäßige Entwicklung. oder besser. dass die globale Akkumulation nicht zu dem von der neoklassischen Theorie vorhergesagten Abbau wirtschaftlicher Ungleichgewichte führt. sondern auch zu destabilisierenden Verschiebungen ihrer Muster. Es ist diese Dynamik. von denen viele eine nicht auf den Kapitalismus zurückzuführende Vergangenheit widerspiegeln. Natürlich müssen eine ganze Reihe von Umständen.

Großbritannien. die ihrerseits eine Konsequenz der Art und Weise ist. 2007) hat ein außerordentlich interessantes Argument dafür entwickelt. In früheren Arbeiten argumentiert ich. Dennoch sind es eben auch und gerade die zentrifugalen Kräfte infolge der grundsätzlich ungleichen Verteilung von Ressourcen im Kapitalismus. die wesentlich gesteigerte Stringenz. ist ihr Zusammenspiel historisch variabel.B. Der kapitalistische Imperialismus kann am besten als Schnittpunkt ökonomischer und geopolitischer Konkurrenz verstanden werden. Callinicos 1991). um die Spezifika der territorialen Aufteilung der Welt in verschiedene Staaten zu erklären. das entwickeltste Beispiel für einen Hegemon. den das Staatensystem bis dahin hervorgebracht hatte. ob im Rahmen der marxistischen Theorie der kapitalistischen Produktionsweise das Staatensystem und die geopolitische Konkurrenz notwendige Bestimmungen jener Produktionsweise sind. so die Hypothese. wie Rosenberg das tut. der Ära von Arno Mayers »Dreißigjährigem Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts« (1914-1945) haben sich die ökonomische und die geopolitische Konkurrenz gegenseitig genährt (Mayer 1981: 329). diese Konkurrenzformen sich strukturell unterscheiden und (zumindest unmittelbar) von den Interessen unterschiedlicher Akteure getragen werden. Trotzkis Konzept der ungleichen und kombinierten Entwicklung zur Grundlage einer überhistorischen Theorie des »Inter-Gesellschaftlichen« zu erheben. 9 Wechselnde Muster zwischenstaatlicher Konkurrenz Meine Argumentation bewegt sich auf einem hohen Abstraktionsniveau. Zum Schluss möchte ich wenigstens skizzieren. Weil.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 27 theoretisch und politisch noch mehr wiegt. Jahrhunderts signifikant voneinander unterscheiden (z. fand sich durch zwei Mächte konfrontiert. die sowohl ihre industrielle Macht als auch ihre Seehoheit herausforderten: Deutschland und Justin Rosenberg (2006 u. mit der Gesellschaften unter dem Kapitalismus der kombinierten Entwicklung unterworfen sind. wie dieses Argument dazu beitragen könnte. empirische Forschungsvorhaben zu gestalten. um festzustellen. in der die Reproduktionsgesetzmäßigkeiten der Akteure mittlerweile von ihrem Zugang zu den Subsistenzmitteln über den Markt abhängen (siehe Brenner 1986). Das ließ sich jedoch nicht vermeiden. 9 . die das Staatensystem aller Voraussicht nach plural belassen werden. In der ersten Hälfte. dass sich die erste und zweite Hälfte des 20. vorausgesetzt. man anerkennt. Dieses Argument deckt sich mit dem hier entwickelten. die Entstehung und Spaltung nationaler Identitäten berücksichtigt werden.

Innerhalb dieses Raums vollzog sich die ökonomische Konkurrenz und entfaltete auch ab Ende der 1960er Jahre ihre destabilisierende Wirkung zunehmend. bilden den Schlüsselmechanismus zur Regulierung der globalen Finanzmärkte.um den gegenwärtigen Zustand von dem einer umfassenden Anarchie zu unterscheiden. war. ihre Hegemonie aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig waren die USA in der Lage.bieten den politischen Rahmen für diesen Prozess. alle Regionen des entwickelten Kapitalismus in einen einzigen transnationalen politischen und ökonomischen Raum zu integrieren. dass Verschiebungen der ökonomischen Macht in geopolitische Herausforderungen münden. wobei allerdings die Ressourcen ausgingen. . Deren Rolle und Bedeutung gemeinsam mit der Entwicklung des Wall-Street-Dollar-Regimes seit den frühen 1970er Jahren. als sie andeuten. UN usw. so Robert Pape. wirklich global auszuweiten und zu verhindern suchen.28 Alex Callinicos die USA. um den englischen Anspruch auf einen Hegemonialstatus aufrechtzuerhalten. aber der Niedergang der schwächeren der beiden Supermächte stellte sich als die schnellere Entwicklung heraus. Die neue Hegemonialmacht USA konfrontierte die Sowjetunion geopolitisch und ideologisch. Gegenmaßnahmen provoziert: . sodass sich das Staatensystem in zwei rivalisierende Blöcke polarisierte. in der der amerikanische Unilateralismus. den sie unter der eigenen Führung nach 1945 aufgebaut hatten.die internationalen Finanzinstitutionen. indem sie den transnationalen Raum. ersteres im Rahmen einer Allianz mit letzterer zu schlagen. die G7. Der Bereich. von dem Panitch und Gindin sprechen (Gowan 1999). Die institutionalisierten Kooperationsformen unter den führenden kapitalistischen Staaten . ist wahrscheinlich der des internationalen Handels. Geopolitisch hat der Irak-Krieg eine Situation mit relativ offenem Ausgang eingeläutet. obwohl die hier entstehenden Konflikte durch institutionalisierte Verhandlungen unter den wichtigsten Blöcken eingedämmt werden. Allerdings ist das Gesamtbeziehungsgeflecht der führenden kapitalistischen Staaten untereinander wesentlich komplexer und widersprüchlicher. Jahrhunderts hingegen war gekennzeichnet von einer teilweisen Verselbständigung der ökonomischen von der geopolitischen Konkurrenz. Die Lösung. die im Rahmen des allgemeinen Beziehungsgeflechts voneinander noch ausreichend isoliert bleiben . Diese Entwicklungen sind Belege für das »informelle Imperium« Amerikas. wie Peter Gowan es nennt. Die zweite Hälfte des 20. für die Großbritannien sich in beiden Weltkriegen entschied. Ein hoher Grad der politischen Koordination besteht Seite an Seite mit Bereichen mehr oder weniger intensiver Konkurrenz. Seit dem Ende des Kalten Krieges versuchen die USA. Nato. in der die Konkurrenz am heftigsten tobt.

wie wenig harmonisch das Staatensystem in eine unbestrittene amerikanische Hegemonie integriert wurde. regionale multilaterale Organisationen aufzubauen. zu vereiteln und zu untergraben. während Russland und China zusammenarbeiten. der erlebt hat. Dieser sanfte Ausgleich unter Einsatz internationaler Institutionen. um aggressive unilaterale Militärvorhaben der USA aufzuschieben. Aus dem Englischen von David Paenson. um die USA nach und nach aus Zentralasien herauszudrängen. amerikanische Initiativen zu blockieren oder die Bitte um Kooperation ausgeschlagen haben. um Licht in seinen Entwicklungsgang zu werfen. Zugleich kann sich jeder. Auch asiatische Länder sind zugange. zu dessen Klärung vorliegender Beitrag dienen soll.« (Pape 2005: 10) In seiner vernichtenden Kritik an der Globalstrategie der Bush-Regierung hat auch Francis Fukuyama die Reaktion. Der theoretische Apparat des Marxismus. in dem Länder wie Deutschland und Frankreich versucht haben. Hugo Chávez in Venezuela setzt seine Öleinkünfte ein. Sorgfältige Analysen und intensive Forschung vieler Wissenschaftler werden vonnöten sein.« (Fukuyama 2006: 189-90) Damit ist noch bei weitem nicht das Ausmaß des gegenseitigen Hochschaukelns ökonomischer und geopolitischer Konkurrenz wie in der ersten Hälfte des 20. ist kein Ersatz für diese intellektuelle Anstrengung. staatlicher Eingriffe in Wirtschaftsbeziehungen und diplomatischer Arrangements sind bereits ein herausragendes Merkmal der internationalen Opposition gegen den US-Krieg gegen den Irak. das heißt. zumindest nicht seit Entstehung des kapitalistischen Weltsystems. die die USMilitärvorherrschaft nicht direkt herausfordern und stattdessen nichtmilitärische Mittel einsetzen. Für die gegenwärtige globale Situation lassen sich schwerlich historische Parallelen finden. Jahrhunderts erreicht. wie die USA ihre Luftbasis in Usbekistan nach den Protesten vom Mai 2005 und die durch Russland und China dem Karimow-Regime gewährte Unterstützung verloren haben. beschrieben: »Das >Soft-Balancing<.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 29 »Maßnahmen des >Soft-Balancing<. weil in ihren Augen Washington nicht allzu große Rücksicht auf ihre Belange nimmt. um Länder der Anden und der Karibik von der amerikanischen Sphäre loszueisen. er kann aber einige nützliche Instrumente bereitstellen. in Zusammenarbeit mit Thomas Weiß und Tobias ten Brink . eine Vorstellung davon machen. die sie in anderen Staaten hervorgerufen hat. Handlungen.

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1998) die Differenz zwischen den Fortschrittlichen und Zivilisierten auf der einen und den Barbaren auf der anderen Seite stark gemacht. Paul Kennedy (1987) schrieb kurz vor dem Kollaps der sowjetischen Macht von einem American Empire im Niedergang. das hat sich nicht geändert.doch war er jemals verschwunden? Demgegenüber ist viel eher wirklich neu.Kees van der Pijl Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung Der Imperialismus ist zurückgekommen . wie dies in einem breiten historischen Kontext gesehen werden kann. wie er diverse eigenständige Zivilisationen in einen Topf wirft. Die Haltung des Westens gegenüber dem Rest der Welt ist seit jeher vom quasiimperialen Konzept des legitimen Zugriffs gegen das Barbarentum gekennzeichnet gewesen. das in seiner Sicht allen früheren Beispielen des Niedergangs imperialer Staaten zugrunde lag. Nachdem klar geworden war. die ja mit der Durchsetzung einer globalen kapitalistischen Disziplin kombiniert ist. Als Grund identifizierte er eine »imperiale Überdehnung« . dass die Expansion des Westens. die Art jedoch. die im Morast der Geschichte steckengeblieben sind. 1992) wurde ebenso wie in Huntingtons Rede vom »Zusammenstoß der Zivilisationen« (1993. Im Folgenden werde ich skizzieren. erneut von profunden und offenen Rivalitäten charakterisiert ist. In Fukuyamas These vom »Ende der Geschichte« (1989. um eine islamisch-konfuzianische Herausforderung an den Westen ausfindig zu machen. auf den ersten Blick scheint demgegenüber Huntingtons Argument vom »Zusammenstoß der Zivilisationen« auf Aktionen und Akteure in gleicher Augenhöhe zurückzugreifen.ein Prinzip. passt offensichtlich zu diesem Muster. Mit dem Zusammenschmelzen des Sowjetblocks und der Zersetzung der Dritte-Welt-Koalition für eine Neue Ökonomische Weltordnung trat das »imperiale« Moment zwingend in den Vordergrund. Fukuyamas Unterscheidung zwischen dem nachgeschichtlichen »universellen homogenen Staat« und jenen Staaten. dass es hier letzten Endes um dieselbe Konstruktion geht. zeigt. dass im Falle der Vereinigten Staaten oder des .

die ihn prägen. Die Staaten wiederum. Freilich reicht es nicht aus. um ihre unmittelbaren Konkur- . Sie drehte sich um einen asynchronen Prozess der Kapitalakkumulation und der Entwicklung von politischen Interessensphären. Kautsky hatte. Die Fortdauer einer »barbarischen« Peripherie ist jedoch überzeugend von Rufin dargelegt worden (1991). dass das Kapital das Staatensystem in sich selbst vollständig aufgenommen habe. sondern in einem homogenen Universum lebten. Betrachtet man zunächst nur das Kapital an sich. um gemeinsam ihre Arbeiter und die Außenwelt auszubeuten und so die Instabilität in ihren wechselseitigen Beziehungen aufzuheben. sodass wir nicht länger in einer Welt der Staaten. die durch die Aktivität des Staates bewerkstelligt werden soll. zeichneten fleißig die Grenzen auf dem Globus neu und formten Allianzen mit anderen Staaten. in einem ansonsten lapidaren und unentwickelten Argument (1914) den Vorschlag gemacht. Lenin machte unermüdlich Front gegen diese Argumentation: Er befürchtete. einfach zu den klassischen Imperialismusdebatten zurückzukehren und wieder einmal Lenin Kautsky gegenüberzustellen. freilich ohne dass es für sie außerhalb des Imperiums noch eine Barbarei gab (2000). wie erinnerlich. in dem sie auf den Schlachtfeldern Europas hingeschlachtet wurden. dann kann diese konkurrenzförmige Struktur durch Kapitalfraktionen (Hickel 1975) nur teilweise überwunden werden. Die Akkumulation des Kapitals war essentiell transnational und realisierte sich über Bank-Industrie-Kartelle. in dem jeder Aspekt unseres Lebens vom Kapital regiert wird. dass die imperialistischen Staaten sich nach dem Krieg zusammentun sollten. die Firmen unterschiedlicher Nationalität kombinierten und die Weltmärkte untereinander aufteilten. auch wenn man nach der Einheit der Klasse der Kapitalisten fragt.34 Kees van der Pijl Westens im weiteren Sinne von einem solchen Prinzip nicht die Rede sein konnte. Tatsächlich argumentierten sie. welche auch aus innenpolitischen Gründen ihre eigenen »Imperien« entwarfen. dann rebelliert nicht nur die konkurrenzförmige Struktur seiner Bewegung als Gesamtkapital gegen Stabilität und Einheit. Lenins Imperialismusanalyse (1917) war zentral in der Analyse von Rivalitäten verankert. aber ansonsten sieht er wie Hardt und Negri den Westen (»Norden«) als grundsätzlich geeint an. dass die Arbeiter dazu verlockt würden. kehrten Hardt und Negri zuversichtlich (wenn auch von einer kritischen Perspektive aus) zur Idee des »Empire« zurück. sich im selben Augenblick mit dem Imperialismus auszusöhnen. Diese Idee eines homogenen Westens oder Nordens ist in meiner Sicht jedoch grundlegend falsch und ignoriert eine ganze Reihe von Spaltungen und Verwerfungen.

Österreich-Ungarn) würden anfällig für die Revolution werden und dies müsste zu einer sozialistischen Revolution geführt werden. die der weltweiten Durchsetzung der neoliberalen kapitalistischen Disziplin Widerstand leisten. war ein perfektes Beispiel für jene gemeinsame Ausbeutung des »agrarischen« Südens.doch auch dann würde sie ja . sich Lateinamerika zu sichern. dass die Arbeiterklasse nicht länger mehr eine organisierte Kraft in der Form von Parteien darstellt. Die Konkurrenzen innerhalb des englischsprachigen Blocks haben alle möglichen Friktionen und Konflikte eingeschlossen. Der englischsprachige Westen entspricht tatsächlich ungefähr dem Modell Kautskys. Belgien. Investitionschancen und Märkte nur den Krieg als das Mittel übrig. nicht aber mehr Kriege. Zunächst existiert ein um den englischsprachigen Westen organisierter Teil der Welt. ob sich die Managerschicht (»Funktionärsschicht«). Mit anderen Worten: Der Leninsche Aspekt der imperialistischen Rivalitäten wurde an die Peripherie dieser spezifischen Konstellation geschoben. Österreich und die ungarisch-osmanische Türkei) unvermeidlich destabilisiert. In diesen tektonischen Verschiebungen würden die existierenden Staatenbündnisse (im Prinzip zwischen England. an die Kautsky gedacht hatte. sodass die Aufteilung des Weltmarktes bald seine Verbindung zu den politischen Aufteilungen der Welt verlor. Diese Einschätzung muss heute aus zwei Gründen problematisiert werden. indem sie ihm Schutz vor erneuter Kolonisierung garantierten. das zaristische Rußland und das osmanische Reich (bzw. Die Monroe-Doktrin von 1823. von der Hegemonie der herrschenden Klasse lossagt und in eine Klasse transformiert . mit welcher die Vereinigten Staaten (und Großbritannien als stiller Partner) versuchten. Aber das Tempo der kapitalistischen Konkurrenz und des Kampfes um Märkte war viel schneller. um die politischen Territorien den ökonomischen Verlagerungen anzupassen. Der zweite Wandel. Sobald letztere vollendet waren. dem Aufstieg und dem Verschwinden der transnationalen Kombinationen des Kapitals in den Kämpfen um Rohstoffe. ließen die rastlosen Umbauten bei der Bildung.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 35 renten in Schach zu halten. Serbien und Rußland gegen Deutschland. die am besten als eine disparate soziale Schicht verstanden werden kann. Heute existiert ein weites Feld von Kräften. Die schwächsten Glieder in jeder Koalition. der diese rohen Formen der Konkurrenz überwunden hat. Frankreich. deren Organisation zu einer Klasse für sich aber hängt nach meiner Ansicht davon ab. welcher die klassische leninistische Position unterminiert ist darin zu sehen. welche in ihren jeweiligen Gesellschaften die Staatsmacht ergreifen wollen.

Fn. die von Locke in den Zwei Abhandlungen über die Regierung gezeichnet worden war. Dies nenne ich das Lockesche Kerngebiet in der globalen politischen Ökonomie. die das Strukturmerkmal der Unterordnung des Staates unter die Gesellschaft teilen.zu dieser Zeit hätten die Zeitgenossen nicht einmal im Traum daran gedacht. Jahrhunderts ihren Ort. Der anglophone W e s t e n g e g e n die Herausfordererstaaten Wie ich in verschiedenen Texten entwickelt habe (zuletzt in meinem Buch Global Rivalries from the Cold War to Iraq. das Herzland (vgl. die durch transatlantische Ansiedelung getragen wurde. der andere sein spezifischer Staat/Gesellschaft-Komplex (ein Begriff bei Cox 1987). die ursprünglich von dem britischen Geographen und Geopolitiker Haiford Mackinder (1861-1947) geprägt wurde. Jahrhunderts taten. van der Pijl 2006: 28. in dem eine Sprache und Weltsicht teilende kapitalistische Klasse he- . wobei der eine seine Produktionsweise war. fand hier gegen Ende des 17. Betrachten wir diese Veränderungen im Einzelnen. die damals noch Kolonien waren.36 Kees van der Pijl noch nicht nach der Staatsmacht greifen wollen. in der die kapitalistische Klasse (die Besitzer der Produktionsmittel) auch die Orientierung des Staates bestimmte. Das Kerngebiet schließt eine Anzahl von Staaten ein. Es ist ein sozio-geopolitischer Raum. 2006). Sie kristallisierten sich in einem kritischen Augenblick heraus. als die mittelalterliche imperiale Formation des westlichen Christentums implodierte. mit der damaligen britischen Weltmacht zu vergleichen. In der englischsprachigen Welt . aber im Nachhinein ist man immer klüger . von Rußland dominierte Landmasse. Man könnte auch auf die Metapher zurückgreifen. entstanden der Kapitalismus und der englischsprachige Westen gemeinsam als eine historisch konkrete soziale Formation.entwickelte sich eine spezifische räumliche Konstellation. wie dies die verschiedensten sozialistischen Strömungen des frühen 20. 11). In diesem Raum integrierten sich die schon weit länger existierenden Elemente des Handelskapitals in ein zusammenhängendes Gefüge. Der englischsprachige Entwicklungspfad schloss die Formierung einer räumlichen Konstellation ein. eine neue Form des Staates entlang der Linie. um der großen Furcht des englischsprachigen Westens einen Namen zu geben: eine eurasische. die britischen Inseln in ihrem Zusammenspiel mit Flandern konstituierten einen besonderen Sektor der Frontzone dieses Imperiums. die nordamerikanischen Exkolonien.

in diesem Sinne gestattet er dem Kapital. so real und zuweilen erbittert die Reibungen zwischen ihnen auch ausgetragen wurden. ebenso berücksichtigt werden muss. aber ihre Beziehung zum Westen unspezifiziert lässt. welche den weiteren Westen herausfordert. gedämpft werden. und endlich heute China . die mit Frankreich begann. Italien und Japan gegen das zweite britische Empire und die Vereinigten Staaten. nicht aber für ein »Empire« im Sinne von Hardt und Negri. die nicht durch eine gemeinsame Zivilisation. eine Sowjetunion. die das Heartland herausforderten. Die Sezession der Vereinigten Staaten war unter diesem Gesichtspunkt nie eine soziale Revolution.) Deutschland. (In meiner Publikation von 1976 wurde dies als »Randstaaten« übersetzt. für einen Ultra-Imperialismus. welche den Platz ihrer Vorgänger einnahm. Diese sehe ich als eine Folge von Herausfordererstaaten. während Nordamerika. für die nordamerikanischen Kolonien nochmals bekräftigt wurden. Türkei. Freilich geschah dies an der unmittelbaren Peripherie des "Westens mit jenen Staaten. die Koalition der Dritte-Welt-Staaten.spätestens mit der Verkündung der Monroe-Doktrin. was zwar ihre politisch-geographische Position erfasst. Sie war ein Konflikt zwischen der Siedlerbourgeoisie und dem reaktionären Klassenblock im Mutterland. Neuseeland und Südafrika die Rohstoffe für diesen Prozess lieferten. Iran. auf denen der Lockesche Staat errichtet worden war. Die Elemente des Handelskapitals und der Auslandsdarlehen ( Braudels W e l t ) wurden schließlich in der industriellen Revolution mit einem Arbeitsmarkt zusammengebracht. Kapitalverflechtungen etc. auch wenn eine ganze Anzahl »zweitrangiger Herausforderer «. Argentinien und später Australien. Mexiko.dies würden die hauptsächlichen Beispiele solcher Staaten sein. in dem genau jene Prinzipien. Großbritannien war der Drehpunkt dieses Prozesses. zu materieller Souveränität aufzusteigen und die formellen Souveränitäten der Staaten zu transzendieren. Innerhalb dieses Kontextes des Herzlandes konnten die USA aufsteigen und im Laufe des 20. den Marx als eine Produktionsweise analysierte.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 37 gemonial werden kann. Dies alles macht das Herzland zu einem Beispiel für die kautskyanische Formation. denn der Leninsche Aspekt der imperialistischen Rivalitäten. Dies ist der historische Kapitalismus. Indien). buchstäblich Randstaaten (Brasilien. blieb ebenfalls lebendig. Jahrhunderts Großbritannien ohne einen Umverteilungskrieg in den Schatten stellen. Daher wurde der Riss zwischen ihnen bald überwunden . die um die Neue Ökonomische Weltordnung eine gemeinsame Herausforderung formulierten entlang den Linien der Herausfordererstaaten. .

Das fasst in aller Kürze meine Position zu den Rivalitäten in der Gegenwart zusammen: Es gibt einen relativ vereinten Westen. wie ostentativ sie auch den Kapitalismus zu umarmen scheinen.38 Kees van der Pijl Hier ist nun aber keineswegs ein metaphysischer.wie im Falle der UdSSR . um vom Westen unterworfen zu werden. Die Welt. Aber gleichwohl. der seine Gesellschaft ihrer eigenen Arbeitsweise überlässt und sich darauf beschränkt. die Entwicklungsanstrengungen von oben zu vereinheitlichen und der Formierung von Klassen zuvorzukommen. Aber der Herausforderer muss zu einem Staat/Gesellschafts-Komplex Zuflucht nehmen. Aufgrund des Anfangsvorteils des (expandierenden) englischsprachigen Westens steht jeder neue Herausforderer vor der Aufgabe. der sich von jenem des Lockeschen Westen radikal unterscheidet.es sei denn. die sich aus einer anderen Schicht rekrutieren mag . wenn er nicht . der von Nachzüglern herausgefordert wird.vollständig aus der heimischen Ökonomie ausgeklammert worden ist. die zu stark sind. Eigentum und Vertrag im eigenen Land und in Ubersee zu schützen. Die Herausfordererstaaten sind einfach solche Staaten. anders als die kapitalistische Klasse im Westen. Die Macht der Staatsklasse eines Herausforderers wiederum verpufft in dem Augenblick. Ein Herausfordererkapitalismus ist immer ein auf Entwicklung angelegter »Staatskapitalismus«. indem die durch soziale Modernisierung und Differenzierung entstandenen sozialen Schichten an den Staat gebunden werden. in dem sie die Kontrolle des Staates verliert . der versuchte. wenn ihr Staat in den weiten Westen integriert wird und sie ebenso ihre Machtbasis »privatisieren« und ebenfalls zu einer kapitalistischen Klasse mutieren kann. und die ihm gleichwohl nahestehen. wie wir sie heute in diesem Licht sehen können als System »einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen«. eine Funktionärsschicht oder die cadres des Managements. Er kann nicht einfach die Form eines liberalen Staats annehmen. Das wäre für jeden Herausfordererstaat tödlich. sie bändigt und in gewissem Umfang integriert und dann die Grenze der Rivalität weiter nach Osten verschiebt. sie springt rechtzeitig auf einen fahrenden Zug auf und privatisiert genau dann. welche die bürgerliche Gesellschaft beherrscht und die Staatsmacht durch eine regierende Klasse ausübt. wie heute. In einer solchen Gesellschaft verdankt die herrschende Klasse ihre Position ihrer Kontrolle des Staates. seine soziale Basis vor ökonomischer und ideologischer Durchdringung abzuschotten.die Aristokratie in Großbritannien oder. wie Marx in den Grundris- . überhistorischer Mechanismus am Werk. alle Herausforderer sind bis zu einem gewissen Grad »Planwirtschaften«. seine Ressourcen zu mobilisieren.

die Frankreich darstellte) und dies alles erforderte einen starken Staat.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 39 sen (1857/1953: 21) erläutert. mit der Errichtung eines »Neuen Frankreichs« in Nordamerika (das war die Ambition Richelieus. »Neue Jerusalems« zu kreieren). was Jürgen Ritsert (1973) als eine Kernstruktur bezeichnet hat. dass unter ihm die fette Schicht der konsumierenden Aristokratie aus der Staatsklasse vertrieben und ein hochgradig ausgeklügelter Staatsapparat geschaffen wurde. um die von ihm kontrollierte Gesellschaft in Bewegung zu setzen. Die daraus entstehenden Spannungen explodierten in der Revolution 1789. sieht man davon ab. in dem sich das Kapital entwickeln konnte. Insofern war Napoleon eine Reinkarnation von Louis XIV. mit der klaren Markierung eines vereinheitlichten Territoriums (aber mit natürlichen Grenzen. Es tat dies mit dem Bau einer Flotte (wobei es aber keinen kontingenten Zusammenhang gab zwischen der privaten Handelsschifffahrt und dem Bestreben das Staates nach maritimer Überlegenheit). die weit schwieriger zu verteidigen waren als die britischen Inseln) . zu dem wir von einem abstrakten Ausgangspunkt auf dem Weg der schrittweisen erneuten Konkretisierung gelangen. sein Territorium zu vereinheitlichen und sich zugleich bemühte. den größeren Raum auszumessen. die notwendig waren.. Diese verschiedenen Nachteile konnten nur durch eine einheitliche Anstrengung überwunden werden (dasselbe galt für die unterschiedlichen Interessen der Provinzen. in dem alle Initiativen. der jenseits des Kanals getan wurde. aber es gab keine Flotte. innerhalb nur eines Jahrzehnts nahm eine Revolution von oben die Politik der Herausforderung wieder auf. als das Gedankenkonkretum. wie im Falle Englands. als das größere und bevölkerungsreichere Frankreich noch immer damit befasst war. Ressourcen und Kapazitäten zusammenliefen. In diesem Sinne stellt Frankreich das historische Modell für den Herausfordererstaat dar. gesellschaftliche Differenzierungen und andere Besonderheiten der großen Landmasse. jeden Schritt nachzuahmen. den man als »Hobbes-Staat« im Gegensatz zu dem »Locke-Staat« des englischsprachigen Westen bezeichnen könnte.und so weiter. von dem calvinistischen Eifer durchdrungen gewesen wären. Für die Absicht dieser Analyse nun kann die Spaltung zwischen einem transnationalen und liberalen englischen Weg und einem nationalen und etatistischen französischen Weg als das angesehen werden. die imstande gewesen wäre. die Atlantikrouten zu kontrollieren. In England war ein von der Bourgeoisie kontrollierter Staat mitsamt seinen Kolonien jenseits des Atlantiks bereits dabei. die. von der ausgehend andere . noch gab es Siedler. In unserer Analyse ist dieser Ausgangspunkt die historische Konfrontation zwischen Großbritannien und Frankreich.

weil sie zu Auslandsinvestitionen einlädt (wie es heute bei China der Fall ist). aus der die kapitalistische Formation entstand. die sich in eine immanente Totalität im Hegeischen Sinn »entfaltet«. eine Heimat finden wird. Die Kernstruktur repräsentiert keine Rationalität. verdeckter Aktivitäten wie die Finanzierung politischer Parteien und Organisationen. Dabei spielt es letztlich keine Rolle. sie wird solche Investitionen immer auf solche Formen reduzieren.40 Kees van der Pijl komplexere Konfigurationen beschrieben und verstanden werden können. von Krieg. bei denen sie zugunsten ihrer Kontrolle des Staates Teile des Kapitals appropriieren kann. um den gesamten Prozess erneut zu beginnen.allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Wie Ritsert vermerkt. so lange es der Dogmatismus der wirklichen Verhältnisse erlaubt (1973: 38). dieser Raum ist das freizügige Universum. werden wir auch eine andere Kernstruktur finden müssen. wirtschaftlicher Kriegsführung. Großbritannien und die anderen englischsprachigen Länder aktiv sind. kann eine Theorie so lange »orthodox« bleiben. auf die ursprüngliche Konfiguration wirken ebenso äußere Mutationen ein. ebenso wie sie die Möglichkeiten des Kapitals. am Ende. ob eine Staatsklasse als »kapitalistisch« erscheint. Wenn sich die Dinge grundsätzlich ändern. Freilich leiten die Wechselbeziehungen zwischen Ereignissen in einem sich ausweitenden Feld ihre Transparenz und logische Kohärenz aus ihrer Verbindung mit der Kernstruktur her. dass das Kapital in einem anderen geopolitischen Kontext als dem der atlantischen politischen Ökonomie. das idealerweise für das Kapital reserviert ist und in dem das Kapital der Souverän ist. um die Staatsklasse als solche zu enteignen und die Kontrolle des Staates über seine Wirtschaft zu beenden. wie derartige Wandlungen von dieser in vielfältigen Verzweigungen erst ausgehen. ideologischer Beeinflussung. sodass in einer empirisch vorfindlichen Referenzstruktur alle Ereignisse bedeutungsvoll miteinander verbunden werden können . Rivalität mit anderen Staaten entlang der Bruchlinie zwischen Kerngebiet/Herausforderer nimmt Formen an von Druck. aus welcher der Raum entstehen kann für substantielle Fortschritte bei der Revision der Priorität der Ökonomie über die Gesellschaft. in dem die USA. können wir eine Ausweitung des Raums sehen. aber nach meiner Ansicht kann nicht erwartet werden. Daher kann ein Niedergang des Westens nur als ein paralleler Niedergang des Kapitals als Disziplinmacht über die Weltökonomie vorgestellt werden. Formen von Gewalt und. Versucht man die Entwicklung der globalen politischen Ökonomie während der letzten zwei Jahrhunderte zusammenzufassen. Profite . Ritsert bezeichnet die »Ware« in Marx' Kapital als eine solche Struktur.

die sich aus der anglo-französischen Kernstruktur entwickelt hat. oft nach einem Enteignungskrieg. Aber. Das ist der einfache Grund. Wenn neue Herausforderer aufsteigen. es ist aber nicht souverän. Mit anderen Worten: In solchen Situationen mag das Kapital präsent sein. Die komplexere Kräftekonfiguration. begrenzen wird und ebenso wie sie es zwingen wird. ist die Heimatbasis des Kapitals. der die Souveränität des Kapitals etablieren soll. ebenso wie sie seine Möglichkeiten. wie der . ist natürlich nicht unbemerkt geblieben und die Beschreibungen zeitgenössischer Beobachter tragen zu ihrem Verständnis weiter bei. Diese Integration ist dabei zumeist durchaus unvollständig und bleibt eine Quelle der Spaltung und des Bruchs. der erste Herausforderer. der alle Formen des Widerstands gegen seine Machtergreifung zu suspendieren sucht. Ungarn. macht heute noch mühevolle Anpassungen an die Souveränität des Kapitals durch. In dieser Hinsicht benähmen sich die USA schon etwas störrischer. einschränken wird. welche untereinander keinen vergleichbaren inneren Zusammenhalt besitzen und im Prozess der Herausbildung immer komplexerer Konfigurationen vom Westen ständig gegeneinander ausgespielt werden. Frankreich. dass »das >Zu-Verkaufen<-Schild so lange über England gehangen habe. in der eine gegebene rechtliche Ordnung und ein spezifischer Staat/Gesellschaft-Komplex geteilt wird. Auf der anderen Seite ist Großbritannien das letztliche Ziel einer Machtergreifung und dennoch regiert seine herrschende Klasse wie nie zuvor. also auch an den liberalen Staat. So kommentiert Hannish McRae (2006) in einem Zeitungsartikel die Übernahme der Londoner Börse durch die New Yorker Nasdaq und erklärt die Bereitschaft Großbritanniens zur Übernahme seiner Börse damit. Der liberale Westen als eine geopolitische Konstellation. da sie erst später als liberale Formation entstanden und verschiedenen inneren Beschränkungen unterworfen waren. Standards und Regeln jenseits der Konkurrenz einzuhalten. Als eine solche ist sie mit einer ganzen Folge von Herausfordererstaaten konfrontiert. So würden im hypothetischen Fall einer Übernahme der Nasdaq durch die Londoner Börse administrative Festlegungen entgegenstehen. wenn sie sich nicht freiwillig ergibt . warum die Enteignung einer Staatsklasse die Form der gewaltsamen Aktion annehmen muss. ohne dass hierbei unbedingt das historische Argument übernommen werden muss. werden ihre Vorläufer in den expandierenden Westen integriert. dass wir ausländische Angebote für britische Trophäen geradezu als Routinevorgang« betrachteten.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 41 in sein Heimatland zu transferieren. sagen wir.das ist die Differenz zwischen Jugoslawien und. in bestimmte strategische Sektoren einzudringen.

Die Buchhalter.. die sie empfehlen).). so bleibt doch der Tatbestand. Als etwa die Vereinigten Staaten aufgrund der neuen Regulierungen nach der Enron-Affäre. eine besondere »innere Exterritorialität«. Fusionen und Übernahmen. dass eine zentrale Einkommensquelle des englischsprachigen Westens die ganzen Aktivitäten sind. Der »Westen« stellt eher einen Vorzugsraum zur Verfügung. und wie ich in Global Rivalries gezeigt habe.mitsamt den Privatisierungen. Hier spielt ein zweiter Gesichtspunkt eine Rolle: Das Kapital ist nicht identisch mit den Machtstrukturen des englischsprachigen Westens.. obwohl diese durch ihr exorbitantes Konsumniveau und die globale Polizistenrolle für den Westen mittlerweile zu einem Schuldnerland geworden sind.) vergaßen. der neuen Xenophobie und anderer Behinderungen im Zeichen des »Krieges gegen den Terror« einen Rückgang von zehn Prozent an Geschäftsbesuchen gegenüber . so haben sie vor allem hinsichtlich der Vermögenseinkommen aus Wertpapieranlagen ihr Einkommen aus dem Rest der Welt gesteigert (Dumenil/Levy 2004: 33f. die sich dabei im Laufe der Zeit ergeben. Zugleich bleibt sogar innerhalb des heutigen Weiten Westens der historische Riss zwischen dem Lockeschen Kerngebiet und den Herausfordererstaaten wirksam.. Deutschland.« Anders gesagt: Der historische Vorteil des Erstgeborenen wirkt immer noch. die mit dem Einbau früherer Herausfordererstaaten in den globalen Liberalismus zusammenhängen . in der das Kapital seine Souveränität unter den günstigsten Bedingungen realisieren kann und wo daher die Kapitalistenklasse imstande ist.. Rußland. wird mit ein wenig Druck nachgeholfen. Managementberater und Investmentbanker aus den U S A und England ziehen dabei Megagehälter ab (die in aller Regel aus den Ausschlachtungen und Entlassungen stammen.42 Kees van der Pijl Autor vermerkt: »Sogar wenn es eine Asymmetrie zwischen unserer Art und Weise des Umgehens mit ausländischen Angeboten und jener des Auslands mit den unsrigen gebe . dass England weitaus mehr aus seinen Anlagen im Ausland herauszieht als es durch ausländische Besitztümer hierzulande verliert. Was freilich die Gewinne aus ihren auswärtigen Übernahmen angeht. Wo sie nicht willkommen sind. Wir sollten hier auch nicht vergessen. disfunktionale Entwicklungen viel direkter zu korrigieren. ebenso wie im Falle der Vereinigten Staaten. geht dieser zuweilen über bloß freundlichen Rat hinaus.. alleine die direkte Kontrolle über das Ol des Mittleren Ostens zu erlangen und wie sie dabei die historisch unterschiedliche Tradition und Erbschaft der mittlerweile integrierten Herausfordererstaaten (Frankreich. Ein Beispiel ist der Versuch der Vereinigten Staaten und Großbritanniens.

»muss anerkennen. ist ein Beleg für die wirkliche Souveränität des Kapitals und die funktionelle Einbeziehung der Staatsmacht in seine Operationen. »Politiker müssen immer noch ihre Wählerschaft beherzigen. die sich um Großbanken organisieren. um zu McRaes Artikel zurückzukommen.« Dies mag die Demokratie und die Souveränität gewählter Regierungen begrenzen. die fast ein Drittel der Weltökonomie verantwortet. um eine »Wiederausbalancierung des US-amerikanischen juristischen und administrativen Regelwerks« zu erreichen (zit. Eine Staat/Gesellschaft-Konfiguration. auch wenn die Souveränitätsposition des Kapitals zugleich sicherstellen mag. Freilich ist.« Jede Regierung. dass ihre Handlungsfreiheit in Fragen der Besteuerung und Regulierung der Wirtschaft heute weit mehr eingeschränkt ist also noch vor einem Jahrzehnt. Das betrifft jedes Land. zu sehen. wie im Falle des erdrutschartigen Sieges der Demokraten bei den Zwischenwahlen in den USA im November 2006. dass eine politische Alternative bestimmte Grenzen nicht überschreiten wird. der Chief Executive Officer der New Yorker Börse John Thain und andere eine dringliche Überarbeitung der gegenwärtigen Regulierungen. aber der Staat und seine Beziehungen zur Wirtschaft sind rigider. Hilferdings Finanzkapital. aber sie müssen auch die Reaktion der globalen Wirtschaftselite berücksichtigen.« Wahlen spielen hier ebenfalls eine Rolle. werden wir die unterschiedliche Behandlung ausländischer Interessen . Raymond Vernon (1973: 209) vergleicht US-Investitionen im gastfreundlichen und familiären Umfeld Großbritannien und dem hochgradig problematischen. forderten der jüngst direkt von der weltweit wichtigsten Investmentbank Goldman Sachs ins Finanzministerium übergewechselte Hank Paulson. so stellt McRae fest. hat diese spezifische Flexibilität nicht. »diese Asymmetrie nicht nur für entwickelte Länder ein Problem. Eine Veränderung in der Stimmung der Öffentlichkeit kann effektiv eine Politik blockieren. In dem Maße. auch die USA. nach McRae 2006). »überregulierten« Frankreich. aber gleichwohl »beruhigt es. Wichtige Vermögenswerte sind oft Teil von Gruppierungen. wie China und Indien im internationalen Investitionsgeschehen eine wachsende Rolle spielen.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 43 dem Jahr 2000 verzeichnen mussten (und das in einer Zeit hektischer Wirtschaftsaktivitäten). Dass auch die Vereinigten Staaten darauf achten müssen. wie sie für Herausfordererstaaten typisch ist. dass sogar die Regierungsmacht der USA die Präferenzen globaler Akteure berücksichtigen muss. das seinerseits privilegierten Zugang zu den Inhabern der Staatsmacht hat. Verschiebungen durch Wahlen sind eher vorübergehend. die Operationen des transnationalen Kapitals nicht einzuschränken.

Wie sich die Welt an diese aufsteigenden Mächte anpassen wird und wie Amerika die sich daraus ergebenden ökonomischen Chancen und Herausforderungen managen wird. was er schon so oft zuvor erreicht hat: die Bemühungen des Herausforderers zu stoppen . denn dort scheint es angesichts des Sumpfes. dann wird der Trend. wird sich die zu erwartende politische Linie der USA zu einer Strategie flüchten. in dem das Kapital der Souverän ist. wofür eine Politik der »Menschenrechte« in der Gegenwart das naheliegendste Instrument ist. hinter der sich ein weitaus tiefergehender Versuch verbirgt. ob der Staat in seinem eigenen Territorium souverän ist oder ob dieses Territorium Teil eines weiteren Raums ist.44 Kees van der Pijl zunehmend als Belastung empfinden.« (Friedman 2006: 2) Die Demokraten werden daher nach ihrem Wahlsieg wahrscheinlich den Kurs im Mittleren Osten nicht ändern. Die Öffnung des Restes der Welt für das Kapital ist daher der offensichtliche strategische Imperativ und genau hier öffnen sich heute die Verwerfungen in der globalen Ordnung . die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in einem Herausfordererstaat in eine liberale Struktur umzubauen und seine Staatsklasse zu enteignen. Es wird der Aufstieg von China und Indien sein.« Hier kommen wir zu dem. sondern in ihrem Zentrum stehen die Kämpfe darum. würde der Westen erreichen. In diesem Sinne schreibt der Kommentator der New York Times Thomas Friedman in einem Artikel »Mit China fertig werden«: »Wenn die Geschichte der (gegenwärtigen) Ära geschrieben wird. Die Konflikte in der globalen politischen Ökonomie von heute sind keineswegs bloß Rivalitäten peripherer Natur. Man kann ihn auf die englisch-französische Kernstruktur zurückführen. der beobachtet werden muss. sondern nur ihre Natur verändern würde. den die angloamerikanische Invasion geschaffen hat.zwischen dem Westen . ohne dass das Kapital des Westens im Ausgleich chinesische Arbeitskräfte ausbeuten kann. was ich als den Kernwiderspruch der gegenwärtigen Ära ansehe. Durch eine solche Politik. wenige Möglichkeiten zu geben. Aber sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach den Kurs gegenüber China ändern. nicht 9/11 oder die Invasionen der USA in Afghanistan oder im Irak sein. den die Historiker als wichtigsten zitieren werden. Da der amerikanische Fertigungssektor verfällt. die in der Außenpolitik der Demokratischen Partei eine lange Tradition hat: die Unzufriedenheit im Innern umzusetzen in eine Politik der Öffnung für neue Investitionschancen. welche Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft herrschen.auch wenn (in diesem Fall wie in den meisten anderen Fällen) dies keineswegs von selbst die Spaltungen und Rivalitäten beenden. ist immer noch der wichtigste globale Trend.

dass die als Berater und Konsultanten in Unternehmen. Nicht anders als die Bourgeoisie in einer früheren Ära formt sich die moderne Managermittelklasse im Kontext einer Produktionsweise. Kapitalist-Arbeiter in der jeweiligen Produktionsweise). so sind die Kader eine Zwischenschicht. Staatsapparaten. die bereits das Neue in sich trägt. wie ich anderswo argumentiert habe (van der Pijl 1998: Kap. Die Kader oder Funktionärsschicht. Typischerweise bringt dies mit sich. schrieb Lenin (1894) in einem seiner frühen Artikel. wie sich der Prozess entwickelt und ökonomische Aktivitäten kontinuierlich zerlegt und wieder integriert werden. Ebenso wie die Bourgeoisie in einem imperialen Kontext als städtisches Phänomen entstand. von einer Verringerung der Anzahl der Kapitalisten in jedem gegebenen Industriezweig und einer Vergrößerung der Anzahl der speziellen Industriezweige begleitet ist.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 45 und einem wieder aufsteigenden Rußland. Und da nun das historische Proletariat in Form seiner revolutionären sozialistischen Parteien nicht mehr existiert . formellen internationalen Organisationen und NGO's tä- . auf den sich »die Spezialisierung der gesellschaftlichen Arbeit« bezieht. bevor sie beginnt. die in einer Gesellschaft entsteht. sie verkörpern einen speziellen Strang. aus der sie entsteht. um die Kontrolle des Öls im Nahen Osten. daß die Konzentration der Kapitalien von der Spezialisierung der gesellschaftlichen Arbeit.wer springt nun in die Bresche? Hier nun kommt die Funktionärsschicht. die neue Mittelklasse der kapitalistischen Managergesellschaft ins Spiel. daß die Menschen in ein und derselben Räumlichkeit arbeiten (das ist nur ein kleiner Teil des Prozesses).« (Lenin 1894/1971: 169) In dem Maße. sondern darin. dass viele zersplitterte Produktionsprozesse zu einem einzigen gesellschaftlichen Produktionsprozeß verschmelzen. das reich an Rohstoffen ist. Eine Revolte der Kader? »Die Vergesellschaftung der Arbeit durch die kapitalistische Produktion«. entsteht eine Reihe von Integrationsfunktionen. Gutsherr-Bauer. »besteht durchaus nicht darin. teilt. um die Beziehung mit China als dem gegenwärtigen Herausforderer. sie besteht darin. eine eigene Sicht zu entwickeln und eine wirkliche Klasse in Beziehung zu anderen zu werden. dass eine solche zunächst vergängliche Klasse die herrschende Weltanschauung der Gesellschaft. sind die Vergesellschaftungsklasse. Ich vermute. 5). in der sie kein Teil der ursprünglichen Klassendichotomie ist (im Sinne von Herr-Knecht.

wirklich infrage gestellt wird.und Infrastrukturarbeitern und so weiter und so fort. Vor allem wenn sie mit engagiertem Widerstand gegen die kapitalistische Ausbeutung konfrontiert werden. müssten nach Ansicht von Marx private finanzielle Transaktionen ab einem bestimmten Punkt eingeschränkt oder vollständig unterdrückt werden. Bd. Transport. Solche Maßnahmen gegen die Finanzspekulation. ein solches Vorgehen transzendiert die Beziehungen der Gleichheit zwischen souveränen Staaten. dem Internationalen Gerichtshof etc. 25: 400-402. dass sich ein solcher Prozess auf globalem Niveau entfaltet. gibt es ansatzweise Anzeichen. dass der Westen aktiv Strukturen globaler Governance geschaffen hat. aufbauend auf bestimmten inhärenten Tendenzen des Kapitalismus. Von besonderer Bedeutung ist hier. 456457. Marx hat uns im dritten Band des Kapital (MEW. die sie einst selbst vorgeschlagen hatten . in Reichweite kommen könnte. dass sie tatsächlich überlaufen und sich auf andere Weltbilder umorientieren. Eine solche Emanzipation der Produktion von der kapitalistischen Disziplin könnte sodann (b) die Form einer politischen Aktion annehmen. waren natürlich schon in den 1930er Jahren in den USA und in einer Anzahl weiterer . Handarbeitern jeder Art. die Keynes empfohlen hatte. Eine solche Überschreitung könnte möglicherweise zu einer dialektischen Transformation führen. 620-621) ein tentatives Szenario für eine Transformation hinterlassen und Bedingungen formuliert. um (falls nötig mit Gewalt) weltweit kapitalistische Disziplin und demokratische Wahlen durchzusetzen. den neoliberalen Vorschriften weiter blind zu folgen. in welche die Arbeitskraft im letzten Jahrhundert zerfallen ist. also den Technikern. die im reifen Kapitalismus in spekulative Operationen und ausgemachten Schwindeleien degeneriert ist. deren Ziel die Wiederaneignung der Kontrolle über die Finanzwelt wäre. unter denen eine Produktionsweise der »Assoziation«. dass ihre Bereitschaft.vom Völkerbund und den Vereinten Nationen bis zu Bretton Woods. Dies würde einschließen (a) die Wiederaneignung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses durch einen seiner selbst bewussten »Gesamtarbeiter«. Um die wirkliche Produktion sichern zu können. Designern. Wie neuere Forschungen zur Frage der Organisation transnationaler Produktketten zu zeigen versucht haben (Merk 2004). besteht die Möglichkeit. Managern.46 Kees van der Pijl tigen Kader im gegenwärtigen globalen Kontext in einem Ausmaß mit den strapaziösen Effekten der kapitalistischen Disziplinierung konfrontiert werden. der WTO. sobald die neuen Strukturen globaler Governance sich auch auf die Staaten des Herzlandes erstrecken würden. den verschiedenen Fraktionen also.

die imstande sind. in den 1970er Jahren jedoch waren sie rückgängig gemacht worden. die hier in der Begrifflichkeit von Produktionsweisen (des Übergangs vom Kapitalismus zur Produktion der »Assoziation«) gefasst wird. Mittlerweile sind die Feinheiten der globalen Finanzflüsse weitaus komplexer geworden und schwieriger zu kontrollieren und die Ungleichgewichte. dieses Mal nämlich geht es um das Überleben der menschlichen Spezies. es gibt keine Möglichkeit. ein abstraktes Zukunftsszenario einer »Revolte der Kader« zu entwerfen. Spielräume für solche Kräfte wie die Friedensbewegung (CND in England. Großbritanniens und Israels. die im Falle des Irak an der Bruchstelle zwischen Kerngebiet und Herausforderern deutlich geworden sind. die auch nur der Versuch hatte.jene der Vereinigten Staaten. als Segment der lohnabhängigen Schicht mit Anleitungsfunktionen. (d) Das letzte Element einer globalen Transformation würde die Schaffung von Strukturen globaler Governance betreffen. die Biosphäre zu erhalten. die entstand auf der Basis der Ausbeutung der Qualifikationen und anderer Aspekte des selbständigen Handelns der Arbeiter. dieses Ziel von außen zu erreichen. Zu dieser doppelten Struktur revolutionärer Umwälzung. Erstens als die Organisatoren des kollektiven Arbeiters. das vor allem aus den gegenwärtigen Rivalitätsstrukturen herkommt. Peace Now in Israel und ihre eher disparateren Gegenstücke in den USA) geschaffen. Zweitens als die Klasse.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 47 Länder eingeführt worden. die den Platz eines »funktionslosen Investors« (1936: 376-377) übernehmen . die Keynes vorausgesehen hat und die er als eine Klasse von Menschen identifiziert hat. die drei genannten Übergangsmomente zu fassen und zugleich die Weltgesellschaft in Richtung auf eine nachhaltige Produktionsweise zu orientieren im Rahmen der Notwendigkeit. sogar wenn der Zweite Weltkrieg unser Maßstab ist. die Nukleararsenale der aggressivsten atomar bewaffneten Staaten des Westens zu neutralisieren und friedlich zu beseitigen: . Gleichwohl haben die Spaltungen. dem Westen im Wettrüsten pari zu bieten. ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. weitaus instabiler und potenziell weitreichender. aber auf jeder der vier genannten Ebenen würden sie eine herausragende Rolle spielen. Dies wäre (c) die Notwendigkeit. die eine zweite Euthanasie des Rentiers beaufsichtigt. Dies müsste in erster Linie das Ergebnis eines demokratischen Wiederaufschwungs in diesen Ländern sein. die durch sie geschaffen worden sind. Der sowjetische »Kult des Gleichgewichts« steht auf traurigste Weise für die zerstörerischen sozialen und wirtschaftlichen Folgen. würde ich ein drittes und viertes Moment potenzieller Transformation hinzufügen. Es geht hier nicht darum.

48 Kees van der Pijl würden. selbst in einem Wandel. Drittens sind die Anhängerschaft der Friedensbewegungen nicht gerade typisch für die Mittelklasse. 1996 begannen die Altermondialistes sich mit Gruppen aus anderen Ländern zu vernetzen. Ein Jahr . Die Aktivisten. die nach dem Urteil von Rio notwendig wäre. Das MAI wäre das genaue Gegenteil der Neuen Weltwirtschaftsordnung geworden. das letztlich die Wende zu einer nachhaltigen globalen Wirtschaft ausschließen würde. bleiben nie weit hinter den aktuellen Prozessen der Transnationalisierung des Kapitals zurück. Der antikapitalistische Aktivismus konvergierte in der Kampagne gegen das Multilateral Agreement on Investment (MAI) in eine mehr oder weniger zusammenhängende Bewegung. die von modischen Marken im Westen verkauft werden. durchaus ähnlich wie die Organisatoren der UN und andere. der Gebrauch von Pestiziden im globalen Süden oder die Arbeitsbedingungen in Orten wie China. von der kein Staat ausgenommen worden wäre. Endlich sind die neuen Strukturen der globalen Governance. entwarf das MAI kühn eine globale Souveränität des Kapitals. spielen eine ganz spezielle Rolle. Aber die Kader in den Organisationen gegen Weiterverbreitung von Atomwaffen oder in den N G O s . die auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle einschließlich der Kampagnen gegen Landminen und Kleinwaffen agieren. die auf den Perspektivwechsel in diesen verschiedenen Organisationen aufmerksam machen. die durch die neoliberale Globalisierung produziert werden. wo die Kleider produziert werden. wie sehr mittlerweile die anschwellende Welle des globalisierungskritischen Aktivismus Ernst genommen wurde. die sich mit den Verlagerungen befassen. Die Umweltzerstörung. Im Oktober 1997 fand eine erste Beratung zwischen NGO's und der OECD über das Thema eines globalen neoliberalen Investitionsregimes statt. die angesichts der MAI-Pläne in Bewegung gekommen waren. Während in der damals geforderten Neuen Weltwirtschaftsordnung sich die Unternehmen genauen Prüfungen durch Staaten und die Institutionen der Vereinten Nationen hätten unterwerfen müssen. die »Neuen Sozialen Bewegungen« hoben dies als ihr spezifisches Charakteristikum gegenüber den »alten« Organisationen der Arbeiterklasse hervor. um mit Menschen in weit entfernten Orten in Kontakt zu kommen. Ich möchte mit einigen kurzen Bemerkungen schließen. Die Gesprächsbereitschaft der OECD zeigte. die zur Durchsetzung der neoliberalen kapitalistischen Disziplin und Unterwerfung geschaffen wurden. Das Internet der 1990er Jahre schuf neue Wege. die in den 1970ern gefordert worden war. sind alle zur Quelle eigener kleiner Aktivitätsknoten geworden.

Als dann mehr als 40. sondern dass sie unmittelbar als eine globale Bewegung entstand. »Seattle« wurde der Höhepunkt der Bewegung. sie hoben auch deutlich das Bewusstsein an über die Art und Weise. Das soll nicht bedeuten. Bei all seiner Unterschiedlichkeit ist der NGO-Sektor zu einer weithin sichtbaren Route geworden. der zunächst große öffentliche Resonanz erreichte. die einen Manistreamjorunalisten schlussfolgern ließ. ging eine Schockwelle durch die Welt. Dies war das erste Mal. über welche. dass sich eine linke Bewegung nicht zuerst als nationale und dann erst als internationalistische konstituierte. »einen Schlag versetzt bekommen hat. zit. Die Welle des Aktivismus machte nicht nur die planetaren Überlebensthemen und die mörderischen Resultate der Weltbank. die jedes Treffen der multilateralen und supranationalen Organisationen störte. etwa mit der weithin publizierten Telefondebatte mit dem neoliberalen World Economic Forum in Davos. nach Rupert 2000: 151). wirtschaftliche Fragen könnten isoliert von politischen und sozialen Aspekten verhandelt werden. das sich für einen kurzen Zeitraum als eine Unruhe stiftende Kraft zu etablieren schien. Mit dem Weltsozialforum in Porto Alegre entstand ein zentraler organisatorischer Knoten.und IMF-Rezepte publik. ihre hauptsächlichen Aktionsformen wurden durch verbesserte Kontrolltechniken eingegrenzt und die Gipfel wurden an Orte verlegt. welche die regulatorische Infrastruktur des globalen Kapitalismus bilden. dass die Idee. Die »Anti«-Globalisierungsbewegung hat nachgelassen. von dem sie sich nicht mehr erholen wird« (William Pfaff. die in Resolutionen des Europaparlaments und zahlreicher lokaler Regierungseinrichtungen ihr Echo fand (Mabey 1999: 60-61).000 Demonstranten auf dem Treffen der W T O in Seattle 1999 zusammenkamen. die von der Luxuskonsumption bis zur modernen Sklaverei reichen. was einst Entwicklungshilfe . die schwer zu erreichen waren. wie die Weltwirtschaft Menschen in unvereinbaren Situationen verkoppelt. welche diese den Staaten überall auf der Welt oktroyierten. dass deshalb die Anstrengungen vergeblich waren. Nineleven und die folgende antiislamistische Gegenreaktion versetzte der spielerischen Gegenkultur der antikapitalistischen Gipfel-Hopper einen massiven Rückschlag.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 49 darauf war über die Frage des M A I eine veritable Massenbewegung entstanden. Von dort aus entwickelte sich das Phänomen des »Gipfel-Hoppings«. Und schließlich und durchaus vergleichbar mit der Absorption der Aktivisten des Mai '68 in die traditionellen linksgerichteten Parteien und die expandierenden Staatsapparate wurden viele aus der 1990er Generation des Antiglobalismus vom expandierenden Sektor der NGO's rekrutiert.

die krassesten Anwendungen neoliberaler Politiken abzudämpfen und die Kader.sozusagen entlang der Produktionskette hin zu den Krisenpunkten. die UNDP und der Europarat . die Prozesse abzumildern. Ein leitender Offizieller der Weltbank hat sich sogar dafür eingesetzt. das sich mit Humanressourcen und Arbeit befasst.in gewissem Umfang . der offen den Notwendigkeiten des Überlebens der Menschheit und der Bewahrung der Biosphäre erste Priorität geben. als Kader definieren). Gruppen aus der Welt der Kader in einen Block überwechseln. und er kann zugleich als ein Kanal fungieren. dass in dem Maße. die für das Überleben der Menschheit vital sind (Rischard 2002). dass Staaten des Westens NGO's gründeten und finanzierten (nur so können wir die Personen. Wer an den bot spots präsent ist. die dort arbeiten. Tatsächlich sind sie ein wachsendes Medium für die Einbeziehung der Kader in die Funktionsmechanismen der globalen politischen Ökonomie.50 Kees van der Pijl war. Die Umweltabteilung der Weltbank beherbergt Häretiker. solchen Politiken Widerstand zu leisten. wie der Börsenglanz des globalisierenden Kapitalismus weiter schwindet und die Realitäten der unbarmherzigen Ausbeutung sichtbarer werden.sie alle arbeiten auf die eine oder andere Weise daran. wie es lokale Gewerkschaftsakteure eben nicht können. Es kann wohl sein. durch welche Gesellschaften Teil der sich globalisierenden Ökonomie werden. die versuchen. Ratingagenturen zu schaffen. in einer Weise zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beizutragen. ob sie Regeln einhalten. welche das Verhalten von Staaten und Unternehmen danach beurteilen. die UNICEF. als Überwachungsinstrumentarium für Menschenrechte und für eine Reihe anderer Felder. Es . die von der alternativen »Anti«-Globalisierungsbewegung publiziert und praktisch an NGO's adressiert wurden. Die Anliegen. Aber gerade aufgrund dieser Mischung aus Aktivismus und funktionaler Einbeziehung hat der NGOSektor das Potenzial. die ILO und . über den Betroffenheit über solche Bedingungen und andere destruktive Einflüsse der globalisierenden kapitalistischen Disziplin transportiert werden kann . wie diese Praktiken trouble spots schaffen. nun neu platziert wird als Notstandshilfe für Katastrophengebiete. die dort in einem solchen Sinne tätig sind. Zunehmend besteht ihre Rolle darin. haben auch potenzielle Spaltungen in anderen Zentren der Kader aktiviert. kann zugleich auch ganz unmittelbar mitbekommen. müssen als potenzielle Verbündete der Kräfte angesehen werden. wo die neoliberalen best practices angewandt werden. Ihre helfende und exekutierende Rolle wurde erst dadurch ermöglicht. auf denen die Folgen der neoliberalen Globalisierung zu spüren sind.die EU und das OECD-Direktorat.

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seit geraumer Zeit an einem neuen. die mehr ist als eine Supermacht. Die Linke übrigens hat sich kaum auf das Neuland der plötzlichen Rede vom Empire gewagt. Die neue Weltordnung. Zukunftsbericht der Rosa Luxemburg Stiftung.9.ebenso solide wie nicht selten sehr behäbig . Selbstbestimmung und soziale Sicherheit. 2 Michael Hardt/Antonio Negri: Empire. Cambridge 2000 (dt. bis dieser dann um 2006 seine Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit langsam verlor. wie man empirisch und begrifflich eine Supermacht fasst. America is no mere superpower or hegemon but a full-blown empire in the Roman and British sense.in aller Regel auf die politische Ökonomie und die Frage nach der Bestimmung der postfordistischen Situation. Nach dem 9/11-Anschlag explodierte dann förmlich die Rede vom Imperium.1 Sie hat es dabei belassen.« Ein »Gorilla unter den geopolitischen Bezeichnungen« (so der Guardian am 18. sieht man von der ungeliebten Ausnahme des spektakulären Entwurfs von Michael Hardt und Antonio Negri ab. Empire. Manuskripte 38. wanderte in den Mainstream der Politik und Wissenschaft ein und hielt sich dort als legitimer und akzeptierter (jedoch nicht dominierender) Begriff erstaunlich lange.): Leben statt gelebt zu werden. und konzentrierte sich dabei . 1 . Berlin 2003. tragfähigen Verständnis einer ihr seit einem Jahrhundert vertrauten Theorie und Begrifflichkeit (der des Imperialismus) zu arbeiten. Aufstieg und Niedergang Die lange stillgestellte Bezeichnung »Empire« wurde Mitte der 1990er wieder gefunden und breitete sich zunächst langsam in einigen aufgestiegenen rechten fringe groups der herrschenden politischen Klasse der USA und ihres Anhangs aus. April 2002: »Today. 2 Eine seltene Ausnahme ist das pfadtheoretische Herangehen in: Dieter Klein (Hrsg. Eine tonangebende Antwort gab die New York Times am 2.Rainer Rilling Imperialität 1. Frankfurt/New York 2002). In dieser Zeit thematisierten in den zentralen Medien und den Studienwelten der Wissenschaft wohl ein paar zehntausend Beiträge die komplizierte Frage.2002) wurde gebraucht und gefunden: eben das Imperium.

Unter einem Imperium wurden daher lange Zeit Kolonial. Reich) zu sprechen. dann vor allem auch ökonomischer Herrschaft im Raum die allein ausschlaggebende Rolle dafür. blieb bis Anfang der 1990er Jahre in neuerer Zeit Historikern überlassen. Holland. 3 Wer heute von Imperien spricht. Jenseits dieser Basisdifferenz der politischen Ökonomie von Imperialität spielt aber in den historischen Zugriffen auf das Reich seit jeher das Merkmal der Ausdehnung zunächst in erster Linie direkter politisch-militärischer und rechtlich-formalisierter. Spanien) und des imperialistischen Kapitalismus (britisches Imperium. US-amerikanischen Imperien darauf beharrt. dass von einem Imperium gesprochen wurde. Häufig wurde daher von ihrer Hegemonie oder Dominanz im internationalen System gesprochen. des Handels (arabische Reiche. . die einen hohen Anteil direkter und zudem gewaltförmiger Herrschaftsausübung (»Zwang«) aufwiesen. muss auch nach ihrer kapitalistischen Spezifik und nach den Spezifika des Kapitalistischen fragen. Von Imperien zu reden und vom Raum zu schweigen. dass hierfür der Hegemoniebegriff adäquater sei. die sich mit den Imperien des Landeigentums mit starkem Staat (Rom. 3 Ellen Meiksins Wood: Empire of Capital. französisches Kolonialimperium oder das »Kontinentalreich« des deutschen Faschismus) befassten. noch als Empire bezeichnet werden können. China). London/New York 2003. Absagen Von einem Empire (Imperium. Mit dem Verschwinden solch evidenter wie expliziter Kolonialimperien und der Praxen territorialdiktatorischer Okkupation ist für viele das Zeitalter der Imperien endgültig zu Ende gegangen. nach Maßgabe der Eigentumsverfassung an solchen grundlegend voneinander unterschiedenen Typen von Imperien festzuhalten. das Mittel der Gewaltausübung weitgehend zurückhalten zugunsten der Mobilisierung von Zustimmung (Konsens). dass komplexere Einflussordnungen. Ellen Meiksins Wood hat gegen die übliche Gleichsetzung des römischen und der britischen bzw. macht tatsächlich keinen Sinn. und betonen.und Territorialreiche verstanden. Vor allem die USA gelten als Streitfall. die sich in ihnen zusammenfassen. Venedig. Sie schließen daher auch aus. die ihre Herrschaft im Raum (zeitgemäßer formuliert: in kapitalistischen Großräumen) auch oder vorrangig informell und indirekt ausüben bzw.54 Rainer Rilling 2.

Von Imperium wurde daher damals nicht sonderlich gesprochen . Cambridge 2002 5 Simon Bromley: R in: Historical Materialism. S. 11(3). Im Zentrum der ersten Konstellation stand die Zeit der inneren Landnahme des amerikanischen Kontinents.Expansion) und land grabbing eng verknüpfte. 4 Die USA wurden auf der Grundlage dieser massiven geographischen Machtbasis und der Demobilisierung der anderen Klassen um die Jahrhundertwende eine große Macht »more or less without a formal empire. Wie also eine kapitalistische Ausdehnung fortsetzen. es dominieren zu können. wenn nicht unmöglich.nicht koloniale! . die vier große Konstellationen durchlief. aber noch weit davon entfernt. Es entstanden eine kontinentale Ökonomie und der größte Binnenmarkt der Welt.« 5 Sie waren auf dem Spielfeld globaler Akteure angekommen. 19. American Empire Tatsächlich aber haben gerade die USA das Muster indirekter Einflussnahme und informeller Durchdringung anderer Staaten und Mächte zum zentralen Merkmal einer modernen imperialen Ordnung entwickelt.die USA waren in diesem Sinne schon ein Territorialimperium. eine äußere Landnahme jedoch riskant. Die innere Landnahme war beendet. .und kolonialimperialen Modells musste entwickelt und damit das alte Verhältnis von Geopolitik und Geoökonomie revidiert werden. Eine eigene US-amerikanische Konstellation der ökonomischen Ausdehnung jenseits des dominierenden europäischen territorial.aber in der Geschichte der USA waren die Bildung der Nation und die Bildung eines Empires eng miteinander verknüpft. sondern auch stark ideenpolitisch begleitet wurde durch die Idee der sich unaufhörlich ausdehnenden Grenze und den Gedanken des gottgegebenen amerikanischen Exzeptionalismus? Die Expansion des amerikanischen Kapitalismus erforderte daher eine neue geopolitische und -geoökonomische Strategie. welche politische Mission (»Freiheit«).Imperialität 55 3. Diese neue Geographie des 4 Amy Kaplan: The Anarchy of Empire in the Making of US Culture. die nicht bloß ökonomisch geboten war. der territoriale Aneignungen jenseits Nordamerikas völlig unnötig machte . Ihre Geschichte kann auch geschrieben werden als Geschichte einer Expansion. Leiden 2003. geopolitische Aspiration (kontinentale . Territorialpolitisch entwickelte sich jedoch Ende des vorletzten Jahrhunderts mit der Schließung der kontinentalen wie globalen Grenzen für die herrschende Klasse in den USA eine grundsätzliche Problemsituation.

Nov. Die Welt musste nicht amerikanisch sein. 155-164. nicht-territorialer Herrschaft. zumeist mit rassischen oder ethnographischen Referenzen operierender Herrschaft (»Eingeborenenpolitik«) trat ein anderer strategischer Ansatz. der an die Stelle der Vorstellung einverleibender Besetzung trat. 6 . 6 Im Mittelpunkt eines von den U S A kontrollierten »Großraums« 7 stand der Gedanke der Raumhoheit. 30 (2004). Nichtterritoriale Imperien wie die USA haben das Ziel der Kontrolle des Raums und eben nicht der Annexion von Territorien (im Die klassische Studie zur Frage der Open Door und des American Way of Expansionism ist William Appleman Williams: The Tragedy of American Diplomacy. S.zu Recht ist das Thema der ständig neuen Grenzüberschreitung (» next frontier«) als Kern der amerikanischen politischen Kultur der Expansion charakterisiert worden. 8 Bruce Cumings: Is America an Imperial Power.56 Rainer Rilling Imperialismus wurde das zentrale Thema der nun entstehenden auswärtigen Politik der USA. aber offen für amerikanische Produkte. dann müssen sie als » nonterritorial empire«8 gedacht werden. ders. in: Current History. 7 S. Länder und Territorien zugänglich und durchlässig zu machen für private Macht und die Macht des Privaten und damit für das private Eigentum an den Mitteln der Produktion.. der genuin ideologischen Mission der Verbreitung einer spezifisch amerikanischen Variante des Liberalismus nachzukommen. Werden die U S A also seitdem als Empire gedacht. Neil Smith: The Endgame of Globalization. dessen Schlüsselidee die Politik der Open Door war. direkter Koloniekonstruktion und formaler. Eine ganze Skala von Praxen aufschließender indirekter Kontrolle entstand im Zeichen dieses Konzepts. überwunden zu werden . Der spezifische Modus der OpenDoor-Politik war also nicht die Eroberung und direkte Kontrolle von Territorien. 2003. also die Öffnung der ökonomischen und juristischen Ordnungen und damit der Zugang zu den Märkten und Rohmaterialien der Welt für das amerikanische Kapital und die Möglichkeit. An die Stelle unmittelbarer territorialer Einverleibung. California 2003 sowie Peter Gowan: American Lebensraum. sondern der Aufbau einer Ordnung informeller. Investitionen und Ideologien. American Empire: Roosevelt's Geographer and the Prelude to Globalization. New York/London 2005. New York 1962.eine klare Differenz zum dominanten Modus der klassischen europäischen Kolonialimperien. Grenzen in dieser Welt waren dazu da. Zum »amerikanischen Lebensraum« s. ermöglicht durch access . in: New Left Review. Offenheit war die Gewährleistung für die Ausbildung der Tradition kontinuierlicher Machtsteigerung. ging es hier doch nun darum.

10 Terry Martin: The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union. in denen Nachbarn Tribute entrichteten und Strukturen ökonomischer Ungleichheit und damit Ausbeutung reproduziert wurden. nie ein Territorialimperium. die Dominikanische Republik und Nikaragua diente. wonach die eine Form auf die andere folgt. die für klassische Landimperien eine zentrale Rolle spielten. gingen ineinander über oder bildeten hybride Formen . das dem Modell der britischen Herrschaft über Ägypten entnommen war und seinerseits als Modell für Haiti.und es gab keine »Gesetzmäßigkeit«. . nach der Bildung ihrer kontinentalen Form. ging es dann nicht mehr. oftmals zeitgleich. die ein Glacis gegen Feinde umrissen. und alle großen kapitalistischen Staaten praktizierten in ihrer Geschichte diese Formen. es ging um jene Grenzfronten. Expansion und Reproduktion von Imperialität realisieren sich dabei über eine instabile Dialektik von Inklusion und Exklusion. 9 Um territoriale Grenzziehungen. Zugleich aber waren die kontinentalen Grenzen des Nationalstaates USA nicht die Grenzen des Imperialstaats USA. S.und Schifftransfer von Menschen in die USA noch weit von ihren Grenzen entfernt identifiziert. Diese grundsätzliche Dimension der Konfrontation reflektiert nicht nur die strukturelle Instabilität imperialer Grenzprojekte. Machtprojektion und fluiden Präsenz. sondern auch die andere ständige Begleiterin der Imperien: die Unruhe und den Widerstand in ihrem Inneren. es ging um Zonen der Aneignung. In der Geschichte des American Empire entstanden häufig solche Kontrollhybride und Zwischenformen: nicht-inkorporierte Territorien oder protektoratsähnliche Arrangements wie das »Platt-Amendment«. Kontrolle. Es ging um Grenzen. 2006 setzten sie diese neue Grenzziehung im transatlantischen Flugverkehr gegen den Willen europäischer Staaten durch. Die Typen der territorialen und nichtterritorialen Imperialität existierten historisch nebeneinander. 1923-1939. auch wenn sie einige Territorien besetzt halten. Ithaca 2001. Neben der Sowjetunion als »the world's first post-imperial State«10 war es diese amerikanische 9 Die Ausdehnung des Im der Grenzen des Nationalstaates USA mit sich. um ihr nicht-territoriales Empire zu sichern. kontrolliert und im Zweifel verhindert. Zum imperialen Rand des amerikanischen Machtprojekts gehörte das ganze Vokabular dieser postterritorialen Grenzen der Einflussnahme. Heute etwa entsteht eine digitale Festung USA. die jeden Flug.Imperialität 57 Sinne von Einverleibung) und der Überwältigung territorial basierter Souveränität (im Sinne der Okkupation). 19. die ausgreifend Machtkonkurrenten (oder deren Entstehung) konterkarierten. Die USA waren.

Er dachte nicht mehr in der Vision einer USA als Kolonialmacht.. Smith formuliert: »Wilson wanted the world. bei der die Kapitallogik über die Territoriallogik triumphiert.O. die auf die westliche Hemisphäre zielende. Die wesentliche Form der Imperialität in der Gegenwart ist die nichtterritoriale des informellen Empire. S. also regionale Monroe-Doktrin sollte nun »as the doctrine of the world« globalisiert werden und die USA sollten »the leadership of the world« (Wilson) beanspruchen. nunmehr deutlich über den nord. welche als die nachhaltigen ausgreifenden Ordnungsformen des letzten Jahrhunderts gelten können. der für eine »post-territoriale« Alternative (Smith) optierte. »Kolonisierung« sollte nicht territorial durch militärische Intervention. Die zweite Konstellation einer politischen Innovation setzte also zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. a. Kräftepolitisch erhielt dieser zweite expansionspolitische Ansatz seinen stärksten Schub durch das Zerbrechen der dominanten Rolle Englands im Ergebnis des Ersten Weltkriegs.« (S. Der neue Typus von Imperialität unterschied sich immer Zitiert nach Smith. die ursprünglich auf Asien abzielende »Open-Door-Politik« sollte dem amerikanischen Kapital die ganze Welt erschließen.. die bis 1989/91 dauerte. Unmittelbar nach Kriegsende war die Pariser Friedenskonferenz 1918 der Schauplatz für die Inszenierung der neuen. Sein Ziel war der Übergang von einer geopolitisch (territorial) zu einer geoökonomisch ansetzenden Politik und Ordnung. sondern ökonomisch durch marktvermittelte Regulation geschehen. Es verlor seine Fähigkeit.58 Rainer Rilling Form der nichtterritorialen Imperialität.und südamerikanischen Kontinent hinausgreifenden Ambition der USA durch ihren Präsidenten Woodrow Wilson. and he wanted it made in America. Die profitable Eroberung von Märkten und Aneignung von Ressourcen sollten möglich sein ohne riskante und kostspielige Invasionen und Okkupationen. sukzessive an die USA.a. hatte ihren ersten expliziten Höhepunkt nach dem Ersten Weltkrieg und wurde dann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einer dritten Konstellation abgelöst. die Kräfteverhältnisse im politisch zentralen Kontinent Europa hegemonial zu regulieren. Es ging nicht um Kolonien. 75) 11 .. Endgame. sondern um Märkte. Die Zeit der 1930er Jahre und dann des Zweiten Weltkrieges war auch eine Phase eines reflexiven Moments bei der Erfindung des neuen Hegemons des 20.. 73. das Zentrum des Weltkapitalismus zu sein. Jahrhunderts. und es verlor seine Kraft." Der »liberale Internationalismus« Wilsons war die erste präsidiale Vision eines globalen Amerikanismus.

• der nicht nur eine tiefe Differenz zwischen einem neuen »Zentrum« und einer neuen »Peripherie« aufgriff oder schuf. das den Gedanken des Imperialen keineswegs ignorierte. and the scope of American political control is much less than that of the great historical empires. Für die USA ging es in dieser Zeit um die Durchsetzung des » a m e r i c a n Century« (Henry Luce) und die Sicherung der »pax americana«}1 Sie akzentuierten sich dabei nach Kriegsende als ein neuer Typus von Imperialität. 4/1950. sondern • der dann auch eine neue Hierarchie im Staatensystem des »Kerns« durchsetzte (»If the United States is an empire. Daniel Nexon/Thomas Wright: Taking American Empire Seriously. S. In der Zeit zwischen der Oktoberrevolution 1917 bis 1942/43. das im Kern auf der außerordentlichen militärischen Macht der Vereinigten Staaten gründete. Pan-Europäische Konferenz. 13 12 Susan . in: International Affairs. it is largely an informal one. dass mittlerweile mit der Sowjetunion ein anderes Projekt großräumlicher Neugestaltung aufgestiegen war. Insofern ist die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts auch von einem neuen »dreißigjährigen Krieg« zwischen den USA und Deutschland um die Nachfolge Englands als dominierende Macht gekennzeichnet gewesen.einer Zeit. konkurrierten somit drei imperiale Projekte mit globalem Anspruch.«) 13 und einen von ihr dominierten multilateralen »pervasiven Uberbau« (Gowan) schuf. den die USA gewonnen haben. Das wirkliche American Empire umfasst danach das nördliche Strange: Pax Americana. vertiefte oder minderte. in der gleichsam darüber entschieden wurde. welches imperiale Projekt die folgenden Jahrzehnte dominieren sollte. Knapp ein halbes Jahrhundert später war diese Konkurrenz entschieden. Den Haag 2004. 534f. Dabei muss gesehen werden. • der nicht mehr dominiert wurde von einem formellen sondern von einem informellen Empire. sondern sich explizit als postimperial und daher antiimperial(istisch) verstand und etikettierte . informelles Empire agierte.Imperialität 59 deutlicher von einem Modus der kolonial-territorial orientierten Expansion. The segments of the American imperium are sovereign states. als sich der Ausgang des Zweiten Weltkriegs entschied. wie er für den klassischen formellen Imperialismus und auch für das militaristisch-terroristische Projekt des faschistischen »Reichs« dieser Zeit typisch war . 42. S. reproduzierte. der diese »Segmente« arrangierte und kontrollierte. also zu einem global ansetzenden Grenzmanagement neuer Art imstande war.dabei aber zugleich (wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß) als zentralistisches. Papier für die 5.

William Appleman Williams sprach folgerichtig vom »imperialen Antikolonialismus«. den tiefgehenden Widerspruch von politisch-ökonomischer Fragmentierung und Weltmarktinterpenetration dadurch zu bearbeiten. unprecedented significance of the protectorate empire over the core«. Canada. 1/2002. 14 16 Peter Gowa auch die sehr weitgehende Formulierung: »The entire advanced capitalist world was turned into the single sphere of influence of the USA. In grundlegender Sicht war dies ein Versuch. 16 • und der endlich nicht mehr einfach nur die Interessen einer Großmacht repräsentierte. 15 demgegenüber. sondern auf die Produktion von Weltordnung aus war. in: Millenium. wie Peter Gowan aus linker Sicht zu Recht feststellt. dass diese Verbindungen und Austauschbeziehungen zwischen den Kapitalismen unter amerikanischem Vorzeichen verstärkt und innere politische Widersprüche im Zeichen des neuen Widerspruchs zum entstehenden realsozialistischen Block »gemanagt« wurden. Japan sowie Australien/Neuseeland als »Kern«) und seine »Sicherheitsgemeinschaft« als eine Zone des »imperialen Friedens« 14 oder des »protective imperialism«. eines Projekts also. S. sie erschütterten die Finanzmacht der City of London und arbeiteten dem Zerfall des Kolonialsystems der altimperialen europäischen Mächte zu. S. zunehmend auch gegen widerständige oder nur schwer integrierbare Länder der Peripherie). das erstmals auf die Durchsetzung und Sicherung eines Akkumulationsprozesses im Maßstab eines neu globalisierten (aber nicht planetaren) Globalkapitalismus abzielte und in dem das amerikanische Kapital seine Interesse auch definierte als Repräsentanz dieses Kapitalismus (gegen den neuen sowjetischen Staatenblock bzw. für deren Gestaltung die USA ein eigenes Entwicklungsprojekt entwickelte.« .60 Rainer Rilling Zentrum der kapitalistischen Industriestaaten (Europa. 15 Samuel Flagg Bemis: The Latin American Policy of the United States: An Historical Interpretation. 109-127. Es war der Beginn der Grundlegung einer neuen amerikanischen Weltordnung. die Beziehungen zur Peripherie »were of small significane in comparison with the enormous. USA. Die USA dehnten in der Nachkriegszeit die räumliche Dimension ihrer Interessen ins Globale aus. Gelöst wird dieser Widerspruch zwischen transnationaler Integration und politischer Fragmentierung dadurch nicht. New York 1943. der die Tarak Barkawi/Mark Laffey: Retrieving the Imperial: Empire and International Relations. 202-226. um es im Zeichen der »Entwicklung« für die Aktivität ihres eigenen Kapitals zugänglich zu machen .

Maier: Among Empires. Die USA bauten eine Nuklear-. und eigene imperiale Projekte waren aussichtslos und stießen auf harten Widerstand der USA. sich auf die UdSSR orientierenden System ausschloss . dass die Kapitaleliten dieser Allianzstaaten (in erster Linie im Rahmen der NATO) diese globale Perspektive als äußerst nützliches Element der Sicherung ihrer eigenen Reproduktionsinteressen reflektierten und zugleich akzeptierten.Imperialität 61 soziale und räumlich ungleiche Dynamik der kapitalistischen Entwicklung in miteinander verknüpften Diskursen und Praxen der Berechtigung und Kontrolle bearbeitete. sie bauten eine bis heute unbestrittene Hegemonie über die Wissensproduktion auf. Dies war die machtpolitische Voraussetzung dafür. technische und vor allem das finanzielle System.schließlich wuchs im Zeichen der US-Dominanz der Welthandel zwischen 1947 und 2000 um das 20fache an und das Weltbruttosozialprodukt nahm um 700% zu. deren Akteure ihre ökonomische. die ihren Interessen förderlich war. das US-Schatzamt und das Außenministerium arbeiteten das Grunddesign der Schlüsselinstitutionen des fordistischen Nachkriegskapitalismus (Weltbank. .18 Die Stärkung dieser Länder war verknüpft mit kontinuierlicher osmotischer Einbindung in die US-basierte Kapitalordnung. American Ascendancy and Its Predecessors.2003. ihre Bündnispartner waren von ihnen abhängig und erhielten im Tausch eine sozioökonomische und liberale Entwicklungsperspektive. welche zahlreiche Umbauten der Staaten selbst einschloss und eine handhabbare Ordnung der Eigentumsrechte garantierte. sie schufen eine Ordnung regionaler Bündnisse und bestimmten deren geopolitische Orientierung. Daher überdauerte diese letztlich unipolare und asymmetrische »Nabe-Speiche-Struktur« (Gowan) auch den Zusammenbruch des Warschauer Paktes. Hiroshima war der »big bang 17 Charles S. die sie weltweit militärisch interventionsfähig machte und eingekleidet war in fast 100 größere Militärverträge und Sicherheitsabkommen. militärisch-politische. sie schufen eine internationale Ordnung. die Entwicklung und Durchsetzung ihres fordistischen Empire of Production (Maier) 17 intensivierte sich: sie kontrollierten das ökonomische. 23. IMF. GATT [WTO] und U N ) aus und entwickelten die Blaupause einer neuen Staatsstruktur. die spektakulär war . Cambridge 2006. 18 Siehe Financial Times v. dass dies einen Wechsel zu einem nichtkapitalistischen. Luft. soziale wie politische Machtbasis in den verbündeten kapitalistischen Allianzstaaten ausweiteten.und Schiffsmacht auf.4.dies war die absolute Schranke des geopolitischen Arrangements.

Amerika dominierte und veränderte sich selbst dabei. 19 . dann wurde dem Ruf bis 2003 gefolgt .eben zugleich der Versuch der »creation of some form of world order compatible with our continued development as the kind of nation we are.« 19 Diese dritte Konstellation war also anders. zumal die UN kaum. die Einflusszonen gegeneinander aufstellten.62 Rainer Rilling of American Empire« (Maier). den nach 1945 in noch größerer Macht entstandenen globalen Rivalen Sowjetunion zu beseitigen. sie propagierten ein Set von Werten mit universellem Geltungsanspruch und agierten erfinderisch auf den Feldern ideologischer und religiöser Konfrontation. Gowan erinnert an die Studie von Melvyn Leffler: A Preponderance of Power. war . Baltimore 1959. National Security. konzentrierten sie im Zeichen des »free-worldism« ihre Ressourcen darauf. nachdem sie zunächst noch unter Roosevelt gleichsam direkt das Projekt der »Einen Welt« ( » o n e . wie ursprünglich geplant. and the Cold War.und wenn sie ihr widersprachen. war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vorüber. Westeuropa und Lateinamerika. Standford 1992. Die Situation der Konkurrenz großer kapitalistischer Mächte.also zur Sicherheitszone des amerikanisch dominierten Kapitalismus. indirekt als globaler Arm der US-Außenpolitik funktionierte.w o r l d i s m « ) verfolgt hatten. sondern aus einem expansiven Gefüge ökonomischer. dann China). wonach kein amerikanischer Führer daran glaubte. nicht mehr wie einst »Zivilisierung«. Der Kalte Krieg. sondern »Entwicklung« und »Modernisierung« waren nun die Leitbegriffe ihrer Weltpolitik und -Strategie gegenüber der Dritten Welt (und bei Gefährdung ging es um »Zerstörung«). dann gab es sie nicht. Südkorea. sie schufen sich eine multilaterale Ordnung und Kultur des Zugangs zunächst in Europa und in den 1980er und 1990er Jahren dann auch in Asien (Japan. the Truman Administration.in den Worten des Autors der NSC-68 Paul Nitze . sondern zugleich Ausdruck genuin eigener offensiver Zielformulierung. wie er sich in der Regierungsdirektive NSC-68 von 1950 niederschlug. Diese grundlegende Orientierung war somit keine Reaktion und kein defensiver Reflex. sie operierten multilateral in Europa.): Alliance Policy in the Cold War. in: Arnold Wolfers (Hrsg. wenn die U S A im Sicherheitsrat der UN nach militärischer Aktion riefen. der Nahe Osten und Afrika transformierten zur »Freien Welt« . Ostasien und das südliche Asien. Das neue Amerika bestand keineswegs mehr nur aus einem Kontinentalkapitalismus. bilateral in Asien und unilateral. politischer und kultureller Bastionen in der AußenPaul Nitze: Coalition Policy and the Concept of World Order. wo es notwendig und möglich schien. welche eine Verdreifachung des US-Militärbudgets ankündigte. dass die UdSSR einen Angriff auf den Westen plante.

21.Imperialität 63 weit auf das sich sukzessive die Reproduktionsstruktur des amerikanischen Kapitalismus verlagerte. Es gab. in dessen Kern die »amerikanische Partei« (Arrighi) stand und steht: »The postwar American sovereign. die sich bislang auf ihre Kolonien und von ihnen regional abhängige Staatenbünde richteten. was zugleich bedeutete. with its emphasis on material progress and democracy. zit. die letztlich militärische Konflikte zwischen den konkurrierenden Kapitalismen als unvermeidlich ansah. and the ideological imaginery of the territories of production.military (the alliance systems and volence). nun auf die USA umorientiert wurden und die USA selbst dazu beitrugen. daher nicht nur die USA als das territorial fixierte Amerika. had created vectors along which elements of the U. built on territories of production. The tools of control . Diese Struktur reflektiert die Schlüsselrolle.. economic (dollar aid and investments). der jenseits des Horizonts der alten Imperialismustheorie war. sondern auch das Amerika des Americanism. proved extraordinarily attractive.ein Vorgang. Berkeley 2002. dass die politisch-institutionellen Außenbeziehungen der kapitalistischen Kernstaaten. in: Historical Materialism. Hier ging es auch Charles Bright/Michael Meyer: Where in the World Is America? The History of the United States in the Global Age. welche die USA nach 1945 einnahm: Erstmals konnte ein einzelner bürgerlicher Nationalstaat in großem Rahmen die alte zwischenimperialistische Konkurrenz eindämmen und eine koordinierende Funktion übernehmen.were tremendously powerful. Konfligieren und Austarieren der gesellschaftlichen Kräfte innerhalb dieser Staaten reflektierte. ohne dass er sie in bloß passive Agenten und Spiegelbilder seiner selbst verwandelte oder ihre relative Autonomie aufhob. 20 . political (the leverage and sanctions of a superpower). transformierte sie und setzte ihnen neue Grenzen. 11(3). S. in: Thomas Bender (Hrsg. dass potenzielle oder sogar reale Weltmarktkonkurrenten wie Japan oder Deutschland gestärkt wurden . aber er drang in sie ein. nach Simon Bromley: Reflections on Empire.« 20 Amerikanismus löschte keineswegs die Spezifik der einzelnen Nationalstaaten aus..S. Damit hatte der Anreiz zum Replikat des Amerikanismus seine Quellen und aufwändigen Bedingungen .): Rethinking American History in a Global Age. Imperialism and United States Hegemony.aber er war wirksam. and ideological (the image of the United States as leader of the free world) . die auf das eigenständige Wirken. Leiden 2003. State and American civil society could move off into the world and benefit from the permanent projections of American power overseas. wie Charles Bright und Michael Meyer in ihrer Debatte der Frage »Where in the World is America?« vermerkten.

Attraktion und Integration entstand eine internationale Ordnung. Durch Verhandlung.« Leo Panitch/Sam Gindin: Global Capitalism and American Empire. Gemeint ist hier offensichtlich imperial. The New Imperial Challenge. 613-629. 21 . ihres Raums und politischen Regimes und nicht um die »Extraktion« der kriegsgeschwächten Konkurrenten. Ein Integrations. Ihr souveränes nationalstaatliches Zentrum waren nun die USA. der sich in der Amerikanisierung Amerikas ständig selbst umbaute. die ein »informal American Empire« errichteten. 22 Die Ordnung der internationalen Politik außerhalb des sowjetischen Blocks wurde sternförmig neu konfiguriert. Das alte Muster der harten interimperialistischen Rivalität brach zusammen. in: Leo Panitch/Colin Leys (Hrsg. 23 »Only the American state could arrogate to itself the right to intervene against the sovereignty of other states (which it repeatedly did around the world) and only the American State reserved for itself the >sovereign< right to reject international rules and norms when necessary. S.64 Rainer Rilling ökonomisch um die »Konstruktion« der kapitalistischen Akkumulation. Die U S A waren also nach 1945 nicht nur einfach die größte Macht unter den großen Mächten: sie dominierten zumindest den Kern des kapitalistischen Weltsystems. das als » Empire of the fun« (Reinhold Wagnleitner) funktionierte. das .und Attraktionspol im Übrigen.faktisch globalen Charakter hatte und dessen politisch-ökonomisches Zentrum das Kerngefüge entwickelter kapitalistischer Staaten war. John Peterson: America as a European power: the end of empire by Integration?. dann die Türkei und Israel. It is in this sense that only the American state was actively >imperialist<. Koordination geschah durch den Anreiz zum Replikat des Amerikanismus. in deren Zentrum eine transatlantische Allianz zwischen den U S A und Europa stand . From »Empire by Invitation« to Transatlantic Drift. der die avancierteste und verallgemeinerungsfähigste Form der kapitalistischen Produktion.). Socialist Register 2004. ferner Geir Lundestadt: The United States and Europe Since 1945. nicht durch Zwang oder Gewalt. wie sie sich dann sukzessive herausgebildet hatte: »Es umfasst Europa. 22 S. Kooperation zwischen den kapitalistischen Ländern des Nordens geschah vorweg durch Verhandlung und Koordination. 4 /2004. London 2003 (dt. 21 dann ein » Empire of Production« oder ein »Empire of the consumption« (Maier). 23 Peter Bender beschreibt die Kontur dieser neuen Ordnung. Hamburg 2004). in: International Affairs. Globaler Kapitalismus und amerikanisches Imperium. soweit die Nato jeweils reichte und reicht. Kultur und Ideologie präsentierte und als globaler Pol der Attraktion wirkte und wirkt: ein »Empire by invitatio»«.abgesehen von den staatssozialistischen Ländern . Oxford 2003.und in der Amerika zu einer europäischen Macht wurde.

Odom/Robert Dujarric: America" s Inadvertent Empire. die zu Highways wurden. Ägypten. von Sicherheitsinteressen und einem gleichen politischwirtschaftlichen >System< zusammengehalten wird. Das American Empire ist. 854f. 25 Peter Bender: Imperium als Mission. was man das American Empire nennen kann: eine von Washington geführte und dominierte Gemeinschaft. bewährte Demokratien verbunden und bilden. über die amerikanische Streitkräfte auf alle Erdteile gelangen können.. die von amerikanischer Übermacht... nicht zuletzt die Erbschaft des britischen Weltreiches. den >Westen< hinaus. 6/2004.a.. Malaysia und Singapur nennt. 7/2005. Seine Mitglieder sind größtenteils wirtschaftlich und technisch mehr oder minder auf Amerika angewiesen. In einem weiteren Sinne umfasst American Empire viele Staaten auf fast allen Erdteilen. a.Dieser äußere Kreis wird nicht durch Überzeugungen. reicht Amerikas Macht weit über sein Empire. Über römische und amerikanische Weltherrschaft. von den Kernstaaten (core) der kapitalistischen Ordnung zu sprechen) »garantiert Amerika ihre Sicherheit und erhält dafür ihre feste Loyalität. viele verkauften militärische Stützpunkte. 24 . vor allem Kanada. in: Blätter für deutsche und internationale Politik. Australien und Neuseeland.« 24 Bender unterscheidet dabei zwischen einem American Empire im engeren und in einem weiteren Sinne: den Ländern des »Westens« (sinnvoll wäre es. 486. Fast alle sind ihm als überzeugte. New Haven 2004. 854f. den Golfstaaten und wohl immer noch in Saudi-Arabien. Sie erstreckt sich auf die Länder Lateinamerikas in sehr unterschiedlichem Maß. S. die Skala reicht von halbkolonialer Herrschaft in der Karibik und Mittelamerika bis zu mehr oder minder dominantem Einfluss im Südteil des Kontinents..O. die zum American Empire gehörten. S. 487f. neuerdings Stellungen in Zentralasien und Besatzungsaufgaben in Afghanistan und im Irak.Imperialität 65 Japan. in Jordanien. wo Peter Bender: Vom Nutzen und Nachteil des Imperiums. wo er noch die südostasiatischen Länder Thailand.. was früher >der Western hieß.. Taiwan und die Philippinen. s. Während Rom nur sein Imperium beherrschte. Feste Positionen haben die Vereinigten Staaten im Vorderen Orient. manche brauchen Rückhalt gegen ihre Nachbarn und Feinde.. Rom und Amerika im Vergleich. sind diese Interessen meist flüchtig und können sich schnell ändern. Südkorea. sondern durch Interessen zusammengehalten. Fast gleichlautend in Peter Bender: Imperium als Mission. In 130 Ländern unterhalten die USA rund 750 militärische Niederlassungen. Während der innere Kreis des Empire von festen Bindungen lebt. Odom und Dujarric haben 41 Länder gezählt. Ihre Flotte ist Herr aller Weltmeere. William E.. in: Merkur.« 25 Zur letztgenannten Kategorie gehörten etwa die zentralasiatischen Länder. S.

in: The Washington Quarterly... andere Länder. Liberia und einige kleinere Staaten in der pazifischen Region. weiterhin Kuwait. S. 27 Dieser Politik und ihrem Handlungsraum waren aber auch veritable Grenzen gezogen: »The Truman administration could not prevent revolution in China. Chalmers Johnson hat diesen Aspekt des militärischen Imperiums detailliert behandelt. September 2001. Es ging darum. Kanada. 29 Als das staatssozialistische Bündnis zusammenbrach.nach 9/11 sicherten 136 Staaten den USA militärische Unterstützung zu. Quatar oder Taiwan sowie Pakistan und Saudi-Arabien. 2/2004. Pax Americana had far-flung. sind u. 135-150. endlich im »Herzland des Feindes« selbst (Cox). John Foster Dulles could not wean the so-called Third World from neutralism. ohne dass ihre Macht desintegrierte oder imperial überdehnte. dann in Osteuropa. and the Cold War.« 28 Doch sukzessiv und mit langem Atem dämmten die Vereinigten Staaten Rivalitäten ein und beseitigen sie schließlich: zunächst in der Dritten Welt. Das Einflussfeld ist noch weiter gespannt . 29 Zitiert nach Melvyn P. Lyndon Johnson could not defeat the Viet Cong. Australien.a. Stanford 1992. 28 Maier. Ägypten. Among Empires. war dieses Ziel endgültig erreicht und der lange Aufstieg der USA zur dominanten Macht des 20. Leffler: A Preponderance of Power: National Security. 27 Bruno Tertrais: The Changing Nature of Military Alliances. the Truman Administration.. Zugleich endete die lange Ära der äußeren Expansion des Kapitalismus. frontiers. Israel. Jordanien und Neuseeland. 3-4/2004.O. 149. global die »preponderant power« (Paul Nitze) zu werden. darunter die meisten Staaten Lateinamerikas und Europas. Bahrain. Handliche Anhaltspunkte für die geopolitische Figur eines American Empire geben schließlich die militärischen Netzwerke: die USA besaßen 2003/04 formelle Militärabkommen mit fast 50 Staaten.. but real.a. rund 90 waren in gemeinsame Aktivitäten im »Krieg gegen den Terror« engagiert. die mit einer »Sicherheitsgarantie« der USA rechnen könnten. in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Kennedy could not overthrow the Cuban revolution.66 Rainer Rilling die USA nach 1989/91 bzw. Im Falle des Irak-Krieges gaben 16 militärische Hilfe. Jahrhunderts war abgeschlossen. Japan. 27 waren am Krieg in Afghanistan beteiligt. die Philippinen. Der Kapitalismus wandelte sich in Mauer: Die geostrategischen Konsequenzen nach dem 11. Thailand. a. S. 26 Victor . S. 19. die mit der Welle der Kolonialisierungen Ende des vorletzten Jahrhunderts eingesetzt hatte. 9/11 gleichsam binnen weniger Monate »eine informelle Quasi-Hegemonie« 26 errichteten. Südkorea.

sondern auch als einziger wirklich global handlungsfähiger Akteur. 157.. auf den potenzielle Hegemonialkonkurrenten zunehmend angewiesen sein werden. a.. Among Empires. 32 Maier.. in: Glyn Prins (Hrsg. der ökonomischen Sanktion und beanspruchen ein Recht auf präventive Intervention im globalen Maßstab.a. Befestigung und Ausbau der US-kontrollierten finanzmarktkapitalistischen Institutionen. Ausfaltung ihres seit den 1970er Jahren entstehenden. S. und sie praktizierten eine Politik der erzwingenden Diplomatie bzw.diese Länder repräsentierten 40% der Weltbevölkerung. endgültig die strategische Kontrolle über den zentralen Rohstoff Erdöl zu erreichen.und Rechtskultur vor allem in den postsowjetischen Transformationsstaaten mit dem zentralen Ziel der dauerhaften Konstruktion privater Eigentumsverhältnisse. weil er über die Zeit der Systemkonfrontation mit der UdSSR und ihren Bündnisstaaten hinausging. Zentralasien. Was jedoch nicht endete. die sie geschaffen hatten. 46. 32 Der Grundansatz der amerikanischen grand strategy änderte sich also nach 1989/90 nicht.O. informationstechnisch breit gestützten Empire of Consumption (Maier). Die neue Globalität des Kapitalismus realisierte sich als hegemoniale Globalisierung mit US-amerikanischer Handschrift. wobei sie mehrere größere Kriege im Balkan und im Persischen Golf führten und in mehr militärische Konflikte verwickelt waren als in der Zeit des Kalten Krieges. 3 ' Internationale und multilaterale Institutionen. S. Seit 1990 setzen die USA ihre Geopolitik der Expansion ihres »empire of civil society« (Rosenberg) 30 kontinuierlich fort: Export rechtlicher Regularien bis hin zur kooperativen Implementierung einer neoliberalen Verfassungs. London 2000. sie versuchten. Am Ende des Jahrhunderts war das Ziel erreicht: die Etablierung der USA nicht nur als einzige große und alle Konkurrenten überragende Macht. war die US-amerikanische Politik der Expansion und die ihr zugrunde liegende globale Ambition der Ausweitung ihres »imperial Space« (Maier). S. »America's twentieth Century«. Osteuropa. Charles Williams Maynes: Two Blasts Against Unilateralism. wurden nun mit einer Politik der Abwertung und Schwächung durch die USA konfrontiert.Imperialität 67 Globalkapitalismus. 30 31 . Neil Smith sieht hier »the architecture of an extraordinary geo-economic Justin Rosenberg: The Empire of Civil Society.): Understanding Unilaterialism in American Foreign Relations. Mittlerer Osten. resümiert der liberale Historiker Charles Maier. rapide Ausdehnung ihrer militärstrategischen Präsenz in Bereichen.Balkan. In den 1990er Jahren bedrohten die USA 35 Länder mit ökonomischen Sanktionen oder setzten sie durch . »brought a continuing process of acquisition«. in denen sie bislang noch nie Fuß fassen konnten . London 1994..

. Endgame. S. Auf jeden Fall waren die Vereinigten Staaten seit 1989/91 unbestritten und eindeutig die einzige Großmacht im internationalen System .. wenn sie sich dieser oder jener Politik widersetzten. 147.ob sie allerdings aufgrund dieser unipolaren Position alle anderen Staaten oder auch nur Elemente dieses globalen Systems dominieren. oftmals über Jahrzehnte hinweg aufgebaute Eliten oder Regierungen konnten nicht einfach entmachtet werden. Globalisierung meint ja nicht einfach bloß Austausch von Materialien. ob man will oder nicht. Nur in krassen Ausnahmefällen werden Territorien okkupiert oder Statthalterregime unmittelbar eingesetzt. Optionen und Richtungen Zweifellos bedeutete der Zusammenbruch des Staatssozialismus einen tiefgreifenden Bruch. dass die intermediären Akteure in diesem Feld der Macht so einfach überspielt werden konnten: verbündete. Geld. hegemonial führen oder imperial beherrschen.«33 Das praktische Funktionieren eines solchen informellen globalen »American Empire« kann nur »durch« und vermittels real existierender nichtamerikanischer Nationalstaaten und Ökonomien realisiert werden. Eine globalisierte kapitalistische Ordnung wirft. Waren oder Arbeit(skraft) oder Interaktion und Akteursvernetzung. die Frage nach einem planetaren Arrangement der politischen Gestalt dieser Ordnung auf. Die auswärtigen Beziehungen der USA ähnelten den inneren Beziehungen eines Imperiums.. sondern Globalisierung der Waren-. was natürlich nicht bedeutet.O. .. denn parallel zur weltweiten ökonomischen Transformation der staatssozialistischen Wirtschaft in eine kapitalistische Ökonomie (»Globalisierung«) rückte die Frage nach der Neugestaltung des internationalen Systems und damit der Politik in den Vordergrund. Der Fall Irak steht dafür .und Kapitalmärkte. des Kapitalverhältnisses (zwischen Eigentümern und Nicht-Eigentümern an Produktionsmitteln) 33 Smith.a. 4. die zu »penetrated systems« (James N. ist eine ganz andere Frage. Rosenau) werden. die sich der Begriffswelt des Kalten Krieges (»Hegemonie«) nicht mehr fügte. Und er setzte die Frage nach dem »Empire« wieder und neu auf die politische und wissenschaftliche Tagesordnung. a.und er steht in dieser Größenordnung zweifelsfrei für eine Ausnahmepraxis der amerikanischen Politik nach 1945.68 Rainer Rilling world empire centered on the United States. Es entstand eine Situation.

in: Political Studies Review. in dem ein Akteur (etwa China) oder eine Allianz (der transatlantische oder gar planetare »Norden« oder eine neue »asiatische Allianz«) eine dominierende oder hegemoniale Rolle spielen würde • oder ob schließlich ein einzelner traditioneller Akteur aufgrund seiner hegemonialen Position (»Hypermacht«) im historisch gewachsenen Machtfeld diese globale Rolle (»American Empire«) zu übernehmen vermag und die USA imstande wären. Seit den frühen 1990er Jahren stand somit zur Frage. sondern in erster Linie der Grundgedanke der informellen. Michael Cox: Still the American Empire.eben global . S. ihr imperiales Projekt neu . wenngleich durchaus hierarchisch geordneten und mehr oder weniger koordinierten Systems kommen werde. in die sie versetzt worden waren. die diese Tauschprozesse und Interaktionen zu vermitteln vermag und hierzu eine global wirksame rechtliche und politische Form benötigt. wie gezeigt. dabei durchaus offensiven geoökonomischen wie geopolitischen Expansion und aktiven Machtsteigerung zugrunde. • ob es zur Neubildung eines »anarchisch-konkurrenzförmigen«. New Haven/London 2006. 34 . Dieser Grundgedanke war spätestens seit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg durch das doppelte politische Ziel charakterisiert. S.zu initiieren (»neuimperial«) und aufgrund der unipolaren Position. durch eine primär unilaterale Politik ein Projekt der Ordnung der Welt nach eigenem Maß durchzusetzen. 34 Der Außenpolitik der USA liegt.Imperialität 69 und der Konkurrenz also. 1/2007. Diese vierte Konstellation des Andauerns der Auseinandersetzung um diese Optionen prägt die gegenwärtige Weltordnung. Baltimore 2004. • ob sich in dieser geschichtlich neuartigen Situation des Globalkapitalismus ein neues planetares politisches Subjekt (z. dazu etwa Jan Nederveen Pieterse: Globalization or Empire? New York/London 2004. William I. Robinson: A Theory of Global Capitalism. 1-10 oder Bernard Porter: Empire and Superempire.B. in der sich zugleich staatliche und private Herrschaftsverhältnisse und eine entsprechende Positionierung ihrer Repräsentanten im globalen Machtraum der Politik ausdrücken. eine »transnationale Bourgeoisie«) und eine neuartige globale politische Ordnung (»Empire«) etablieren können. nicht das Konzept der Gegenhegemonie.

Dies ist die erste qualitativ neue Problemstellung. Perry Anderson: Force and Consent. durch Blockade. S. 35 36 Bruce Cumings: Is America an Imperial Power. in denen der neue global werdende Kapitalismus noch »unsicher« und unstabil ist und die kapitalistische Ordnung wie die Hegemonie der USA zwar nicht gefährdet. Colin S. sondern darum. Nov. Gegners oder Feindes. In der unipolar gewordenen Situation nach 1989 geht es für die U S A nicht mehr nur um »Abschreckung« eines Konkurrenten. auf welche das seit den 1970er Jahren sich formierende neuimperiale Projekt des neoliberal empire zu reagieren versuchte und die mit einer Politik der Präemption beantwortet wurde. in: Current History. Wo es keine real existierenden konkurrierende Hegemonen mehr gibt. Sicherheit exportiert werden. Und wo Terrorismus zu einem globalen Phänomen wird. aber doch gestört und irritiert werden können. Gray: The Sheriff. Gray eine »grand strategy of preventive action« 37 genannt hat. and particularly the world economy. Inklusion oder präventive Intervention bereits im Ansatz die Entstehung einer Situation der Konkurrenz selbst zu verhindern. 17. geht es darum. ist ein neuer wesentlicher Grund für eine globale Projektion militärischer Macht entstanden. Weiter muss in Zonen.sodass die U S A als »power of last resort for keeping the world.« 36 Nachdem mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus die erste Aufgabe auf absehbare Zeit hin gelöst und damit auch ihr Tauschwert im Machtpoker der Staaten rapide entwertet wurde (und es war die wichtigste Münze im Kalten Krieg und bei der Durchsetzung der zweiten Aufgabenstellung). S. 25. rückte die zweite Zielsetzung in den Vordergrund. Dies alles summiert sich zu dem. in: New Left Review.70 Rainer Rilling • »to make world safe for capitalism« . Lexington 2004. 37 . America's Defense of the New World Order. Im Kern müssen hierzu zwei Aufgaben gelöst werden: es geht um die besondere Dominanz in der jeweiligen Konkurrenzbeziehung zwischen den zentralen kapitalistischen Staaten (dem »Kern«) ebenso wie um die allgemeine Dominanz der U S A im internationalen System. from spinning out of control« 35 fungieren konnten und • »to ensure American primacy within world capitalism. »Enter-tainment« nannte Peter Gowan diese Verbindung von Eindämmung und Eingriff. Sept/Oct 2002. 5ff. durch den Aufbau von interventionsfähigen geopolitischen Konstellationen und militärischen Ressourcen bereits eine mögliche Entstehung solcher mit den U S A konkurrierenden Hegemonen zu verhindern. das auf neue Weise unmittelbar die U S A als kapitalistische Primärmacht bedroht. was Colin S. 2003.

8.Imperialität 71 Sicherung des amerikanischen Primats bedeutet aber zum anderen noch weit darüber hinausgehend. Merkantilismus oder Autarkiepolitiken verhindert. Sie sahen als das substantielle Signum der neuen postsowjetischen Gegenwart die qualitativ neue globale Disparität der Macht. dass sie zugleich dieses Primat befördert. legitimiert und schließlich in der Form der Sicherheitsdirektive im Herbst 2002 offizialisiert worden. auf welche nun das neuimperiale Projekt in der Zeit des neoliberalen Kapitalismus zu reagieren versucht. gemacht und damit durch eine unipolar positionierte und vor allem unilateral handlungsfähige und -bereite U S A transformationsfähig gehalten werden könne und müsse. free trade. global ansetzende Doktrin entwickelt. Aber mehr und mehr ist die Spaltung. . in: The New York Review of Books v. das dauert. formuliert 38 Tony Judt: Review Its Own Worst Enemy.die »Sicherung der Welt für den Kapitalismus« . ist nach 1989 der herrschende Konsens unter den US-Eliten gewesen. Tony Judt beschrieb sie in der N e w York Review of Books als eine neue globale Ungleichheit: »Unsere Welt ist in vielfacher Weise geteilt: Zwischen arm und reich. Dies ist die zweite qualitativ neue Problemstellung. Nord und Süd.dieser Unterschied könne und müsse auch auf Dauer gesetzt werden.2002. große. das spezielle Tauschgut der U S A im globalen Big Deal .« 38 Es gibt aber nicht nur eine neue Qualität des Unterschieds zwischen den U S A und dem »Rest der Welt« . indem sie das internationale politische und ökonomische System offenhält (open door. Und dies allerdings ist zumindest in mittlerer Sicht das alleinige amerikanische Projekt der Gegenwart. Die strategische Idee der 2002 publizierten Nationalen Sicherheitsdirektive (NSS) operierte dementsprechend im großen historischen Bezug: sie konstatiert den Ausgangspunkt einer neuartigen qualitativen Machtdifferenz zwischen den USA und dem Rest der Welt (»american empire«). welche Amerika von allem anderen trennt. Imaginiert wird ein Empire. Es geht nun tatsächlich erstmals um die unmittelbare Produktion von Weltordnung. Um die Position des Unterschieds und Abstandes zu allen anderen Mächten der Erde zu sichern. unter der zweiten Regierung Bush dann auch im innenpolitisch legitimierenden Windschatten des »Kampfes gegen den Terror« schrittweise und hörbar expliziert. ist nach 1989 eine neue. dass erstmals seit Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer politischen Ordnung das Ungleichgewicht der Mächte auf Dauer gestellt werden kann. access) und Schließungen. Der Gedanke ist. westlich/nichtwestlich. Dass die Welt interventionsoffen gehalten bzw. die zählt jene.so zu gestalten. 15.

Trägerschaft und Legitimation des Projekts und vor allem ihr interventionistischer Unilateralismus aber sind dem Dominanzwechsel im politischen Richtungsgefüge geschuldet. Der oft hervorgehobene Dissens über die Kosten des Uni. S. 40 Erst mit der in den 1960er Ein Beispiel ist der Aufruf des damaligen Direktors für politische Planung Colin Powell und späteren Präsidenten des Council on Foreign Relations Richard Haass an die Amerikaner im Jahr 2000. »ihre globale Rolle neu zu beschreiben als imperiale Macht und nicht mehr als traditionellen Nationalstaat. 219. Diplomacy.72 Rainer Rilling ein außerordentliches Ziel. Historisch war das Projekt des informellen American Empire das Projekt des hegemonialen Liberalimperialismus. 39 Unipolarismus war ein weithin geteiltes ideologisch-politisches Credo des Weltverständnisses von Realisten. (Hrsg. 40 John Gerald Ruggie: Multilateralism: The Anatomy of an Institution. »global democratic revolution« [Bush]). The New Consensus in US Foreign Policy. Imperialität ist.). in: Security Dialogue. richtungsübergreifende Zielsetzung.S. das insbesondere seine militärische Dominanz vermittelte. auch Karl K. in: ders. Demokraten. Cambridge 2002. »prevention«. Die neue Dynamik. Multilateralism Matters: The Theory and Practice of an Institutional Form. 11. 4/2001. New York 1993. alle Beteiligten aber die Selbstbeschreibung der U S A als prägnant imperialer Macht teilten. diese global auf Dauer zu stellen (»pax americana«). Bacevich: American Empire: The Realities and Consequences of U. dass es hier zwar um grundsätzliche taktische wie strategische Differenzen ging. was die politischen Eliten und Strömungen der U S A angeht. Republikanern und Neokonservativen gleichermaßen geworden. legitimierte und zugleich verhüllte und damit seinem Primat eine Legitimation verschaffte: auch hierin zeigte sich die indirekte und informelle Natur des American Empire. S. eine unstrittige.« Zit. die sie mit der neuen geopolitischen Großerzählung des Krieges gegen den Terrorismus legitimiert. charakterisiert Multilaterialismus als »an institutional form that coordinates relations among three or more states on the basis of generalized principles of conduct. Als »liberaler Hegemon« operierte das informelle Empire U S A dabei durch ein Set multilateraler Institutionen. »war against terror«. für den der Reaganismus der 1980er Jahre und dann vor allem der Bushismus des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts stehen.« 39 .oder Multilaterialismus zwischen den auf unilaterale oder multilaterale Handlungsstrategien orientierten Gruppen verdeckt. S. Schonberg: Paradigm Regained. und hebt auch mit neuem Gewicht die Methodik einer aktivistischen Politik hierzu hervor (»military superiority beyond challenge«. nach Andrew J.

IMF und Weltbank ist dieselbe Generation wie diese political warriors des Kriegskabinetts Bush. wobei beide Richtungen zugleich immer mehr von der veränderten Grundkonstellation des sich neoliberal transformierenden Kapitalismus durchdrungen wurden. 41 . Finanz. Die politische Geschichte des letzten Vierteljahrhunderts könnte geschrieben werden als Geschichte des Aufstiegs der rechtsimperialen Richtung und ihres Kampfes gegen die liberalimperiale Richtung. Wie sehr die beiden Bereiche einander durchdringen mochten. S. die gleichsam das Moment der starken Politik in der neuen Zeit des Neoliberalismus repräsentierte. 42 Karl Polanyi: The Great Tranformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. die den global werdenden Neoliberalismus der 1980er und 1990er als ein neues politisches Projekt konfigurierten. Die Bildung eines gemeinsamen Machtkörpers aus neokonservativen Warriors und reaganistischen Militärs. der dem Geschäft das Gesetz aufzwang. 31. der mit Vietnam und Iran sein erstes Waterloo erlebt hatte. Dass sich diese Auseinandersetzung zugleich als wechselseitige Funktionalität. nationalistischen und theokratischen. ist evident.und Kapitalmärkte brachte. marktradikalen Neoliberalen. das Wall Street-Dollar-Regime des Nordens. fundamentalistischen Christen. in der sich zusammenband. Nützlichkeit und Voraussetzung vollzog. die staatsverwobene Militärökonomie und Kriegerkultur des Cold War und die Ideologen aus der Mont-Pelerin-Society oder der Chicago School und ihrer Vorläufer mit ihrer marktenthusiastischen Zielkultur. der altrepublikanischen und oft säkularen Es waren der Dixie Capitalism des Südens. hegemoniale Richtung des Liberalimperialismus antrat. letztlich war es der Krieg. also der konsequenten Liberalisierung der Waren-. 41 bildete sich zugleich eine neue Linie der starken militaristischen Politik mit einer eigenen ideologischen Agenda. Frankfurt/M 1978. Während auf der einen Seite die 1970er Jahre den Durchbruch des neoliberalen Marktfundamentalismus und seiner antipolitischen Apologie des radikal freien Marktes und der ökonomischen Deregulierung. was bislang in gar keiner Weise zusammenzugehen schien.Imperialität 73 Jahren entstehenden und in den 1980er Jahren dann regierenden Strömung einer neuen Rechten entstand zugleich erstmals eine mächtige rechtsimperiale Richtung.« 42 Die Generation der Hohen Priester des marktradikalen Neoliberalismus in WTO. die gegen die politisch herrschende. Für die Repräsentanten dieser Linie galt der Satz von Karl Polanyi: »Macht hatte Vorrang vor Profit. Die heterogene Konfiguration der neuimperialen politischen Rechten in den USA um die Jahrhundertwende war eine auf den ersten Blick geradezu beispiellose politische Innovation.

44 5. W a s ist ein Empire? Die Wandlung mancher kapitalistischer Gesellschaften in imperialistische Ordnungen hat immer wieder auch imperiale Projekte hervorgebracht. Die »republikanische Revolution« (1994) und der »Krieg gegen den Terror« (2002) banden sie ideologisch-kulturell und politisch zusammen. in: New Left Review. in: The New York Times v. Mike Davis: The Democrats After November.3. den Waffenenthusiasten um die National Rifle Association und Eigentumspropagandisten (die Front gegen das Staatseigentum etwa an Land machten oder wie das libertäre Constitution in Exile movement versuchten. 5-31.diese lockere Verbindung von sieben Gruppen und Richtungen war also kein klassisches Bündnis zwischen konservativen Strömungen. Und nicht nur dass imperiale Projekte und Ordnungen sehr diffe- S. die kaum imperialistisch genannt werden konnten oder solche Qualitäten nur schwach ausgebildet hatten. Erst mit der Niederlage der Republikaner bei den Zwischenwahlen 2006 sind die Kraft und Dynamik der rechtsimperialen Richtung stark geschwächt worden und es bildet sich ein neues Bündnis an der Macht heraus. 43 endlich am Rande weithin einflusslos oszillierend die militant rassistische und nazistische Rechte vom Ku Klux Klan bis hin zu terroristischen Gruppen vom Zuschnitt des Oklahoma City Bombers Timothy McVeigh . dessen Profil und innere Kräfteverteilung noch unklar ist. S. weshalb sie für die stark politischen Milliardäre von Silicon Valley und Hollywood unvergleichlich attraktiver sind. 53 (2007). in dem aber die mittlerweile relativ heterogene. S. 26. 49-54.74 Rainer Rilling prolife und profamily ausgerichteten Mainstreamrechten und den militant antietatistischen »small-government«-Konservativen aus anti-tax-Kreuzzüglern. Diese Fraktion ist aber global weiter aufsteigend. 44 S. in: Sozialismus. Doch ebenso wie es viele kapitalistische Staaten gab. 12/2006. durch eine Neuinterpretation der Verfassung den »sozialistischen« Wohlfahrtsstaat abzuschaffen). 43 . 17. sondern eine Kopplung von Richtungen ganz ungewöhnlicher Diversität. insgesamt aber stark nach rechts gewendete »realistische« liberalimperiale Richtung dominieren wird. Zu den US-Zwischenwahlen 2006.2007 »The World's Richest People«.2005.4. Die Rechtswendung gilt nicht für ihr kulturelles Profil. Rainer Rilling: Option für eine weniger scharfe Politik. Forbes v. s. gilt dies für den Zusammenhang von »Imperialismus« und »Imperialität«. Jeffrey Rosen: The Unregulated Offensive.

sondern auch die Absicht und die wirkliche Fähigkeit zur Welt-Ordnung. Es geht um Weltordnung: »Empires are in the business of producing world order. Der Fordismus etwa brachte keine eigene Form der Imperialität hervor.und rechtsimperialen Richtungen verdichten. also ein Transformationsanspruch. wo solche entstehen. Imperiale Projekte reflektieren nicht in erster Linie alternative varieties of capitalism. . ob ein Spieler imperialen Zuschnitt bekommt: Imperien haben hiernach im Unterschied zu anderen Akteuren immer einen Bezug zu »Welt«. nicht nur als Ausprägung einer Zentrum-Peripherie-Beziehung. die sich nun seit Jahrzehnten in der Auseinandersetzung zwischen liberal. sondern fand die liberalimperialistische wie die rechtsimperiale (dann faschistische) Richtungsoption gleichsam als passende historische Bewegungsform vor. der auf 45 Charles Maier: An American Empire?. sondern als Expansion ist ein substantielles Merkmal von Imperialität. das als Einziges gegenwärtig ein »realistisches« imperiales Projekt verfolgt. untereinander konkurrierende politische Richtungen. Zur Bestimmung des Imperialen gehört also nicht nur eine economics of scale der Ressourcenmobilisierung. sie einfach als Reflex der »Erfindung« und des »Aufstiegs« veränderter kapitalistischer Betriebs. Es ist auch durchaus fraglich. • Die Bewegung des Raumes. 2/2002. Expansivität im einfachen Sinne von Ausweitung und zugleich Vertiefung gehört zum Wesen des imperialen Projekts. Schrumpfende Imperien verlieren recht rasch und auf jeden Fall ihren Namen."45 »Welt« selbst nun ist natürlich ein historisches Konstrukt und fällt erst seit dem letzten Jahrhundert mit der Realdimension des »Planeten« zusammen. sondern grundlegende.und Regulationsweisen zu sehen und Imperialität daher nur dort zu vermuten. wobei die Auseinandersetzung sich auf jenes Land fokussiert. Zu den notwendigen Merkmalen eines solchen Projekts gehören die folgenden Aspekte: • Imperien müssen eine territoriale Basis haben. in: Harvard-Magazine. Für »kleine« politische Subjekte ist kein ausreichender Zugriff auf Ressourcen gegeben. die sich in Optionen für unterschiedliche Entwicklungspfade kristallisieren. Zur anhaltenden neoliberalen Transformation des fordistischen Kapitalismus gehören daher unterschiedliche imperiale Projekte. die sich (im Unterschied etwa zu den einstigen Handelsimperien Holland oder Spanien) durch Größe auszeichnet. Sie ist die Wurzel ihrer Prekarität und Spannung.Imperialität 75 renziert sind und ihren Charakter im Verlauf der Geschichte oft variierten. • Es hängt vor allem vom Charakter der Arena ab.

47 Vgl. Solche intermediären Akteure sind dabei kaum noch als Kompradoren. Sie können Diversity Management. sondern zwischen den Zentralakteuren imperialer Macht. die Potenz. also auf Weltordnung zielendes Projekt verfolgen. von Dominic Lieven: »rule without consent over many.. • Imperien kombinieren die Einheit des Imperialen mit innerer Vielfalt (als Opposition der Vielfalt der Peripherie (Kolonien. föderale Gemeinwesen usw. intermediären Akteuren und ihren Gefolgschaften. 2/2006: ». welche Imperien von anderen Ordnungen unterscheidet. etwa die Bestimmungen des Empire durch Jack Donnelly: Sovereign Inequalities and Hierarchiy in Anarchy: American Power and International Society. Weltordnung zu bilden. in: European Journal of International Relations. die in diesem Sinne ein imperiales.) gegenüber der H o mogenität des oftmals bürokratischen Zentrums oder als inneres Beziehungsgefüge eines multiethnischen oder multinationalen Staatsvolks). Dabei verläuft die imperiale Struktur nicht zwischen Staaten. wird »grenzenlose« (Hannah Arendt) Expansion von Macht und Eigentum. eben auch krass heterogene Elemente zu integrieren. 21.« 46 Da Imperien seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch eine globale Reichweite (»reach«) und daher durch die Fähigkeit zur globalen Projektion von Macht ausgezeichnet sind. das Problem des »Overstretch« . Philadelphia 2005.. koloniale Mandate. Imperien besitzen die Fähigkeit zur »Verdichtung« und Zonierung des Raums vom Zentrum aus und zur Reproduktion der ungleichen Verteilung von Ressourcen und Aktivitäten im Raum. Nr.und Machteinrichtungen. ihre Fähigkeit.an extensive polity incorporating diverse. Departments. S. Gegenwärtig aber sind es die U S A allein. Konferenzpapier Genf 2003. Paris September 2002. externalisierte Teile einer imperialen Bürokratie oder inthronisierte Machthaber zu denPierre Hassner: The United States: the empire of force or the force of empire? Chaillot Papers. S. culturally alien peoples is part of empire's definition« (Dominic Lieven: Empire's Place in International Relations.« 46 . Daher also die besondere Gegenwartsqualität des American Empire: »this is the first truly world-wide empire. 47 Die Zentren oder der Kern der Imperien sind also äußerst komplexe und extensiv gebaute Regierungs. zeichnen sie aus. 2) oder von John Agnew: Hegemony: The New Shape of Global Power. Protektorate. also Geopolitik das zwingende Thema aller imperialen Projekte.der »Überdehnung der Macht« ist daher ein genuin imperiales Problem und die Fähigkeit und Ambition. ruled by a dominant central polity«. 54. previously independent Units.76 Rainer Rilling eine neue Geographie des Globalen zielt. der schreibt: »It is he unification of multiple peoples under a single ruler that is the main distinguishing feature of empires.

»Mitte« und »Extreme«. 2.B. durch Zonierung. in: Items & Issues. Mit den Mitteln außerökonomischen Zwangs (z.solchen Figuren fehlt vertrauenschaffende Autonomie. Oft findet sich die Unterscheidung zwischen imperial (Intervention in eine andere politische Einheit ohne sie tatsächlich strategisch oder operativ zu regieren). Frederick Cooper: Modernizing Colonialism and the Limits of Empire. Möglichkeiten etc. Ressourcen. Attraktion. das im letzten Jahrhundert mit dem Konzept des Totalitären verbunden wurde. Kultur. auf welche Felder. der ihre Souveränität sowie lokale Wirksamkeit begründet und ein Verlassen des imperialen Raums (exit) verhindert. »Metropole« und »Land« . • Der analytische Ausgangspunkt einer verallgemeinernden Sicht auf das Problem des Imperiums ist eine doppelte Unterscheidung zwischen »Zentrum« und »Peripherie«. welche die Klingen imperialer Macht verborgen halten.Imperialität 77 ken . Krieg) erstellen und sichern Imperien die Bedingungen und den Prozess der Aneignung (im Kern: den asymmetrischen Prozess der Kapitalakkumulation .B. 48 . 4/2005. Gebiete oder Bereiche der Politik sie sich erstreckt. Gewalt) und daraus kommender Fähigkeit zur Aneignung (Einfluss) aus. Segregation. Imperien zeichnen sich daher gegenüber ihrer »inneren« wie ihrer »äußeren« Peripherie (Umwelt) durch starke Vorteile an Verfügung über Ressourcen (Kapital/Reichtum. es geht um die Struktur einer Ordnung und sie wird verstanden als Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie.aktuell mit dem Gewicht auf Akkumulation durch Enteignung) und finanzieren sich übrigens auch darüber (»Tribut«). Recht. Gefragt sind vielmehr Broker und Mediatoren. zwischen »Innen« und »Außen« u. 48 Die heutige imperiale Peripherie allerdings unterscheidet sich von jener des klassischen Imperialismus: Imperiale Formationen produzieren. S. S. »Kern« und »Rand«. das sich durch eine spezifische Struktureigenschaft auszeichnet.aber auch zwischen »Empire« und »Nicht-Empire«. hegemonial (Setzen der Regeln) und kolonial (wirkliches Regieren der inneren Angelegenheiten eines untergeordneten politischen Gemeinwesens).). ein Problem. Damit zusammen hängt die Frage. Grenzmanagement etc. Gedacht wird ein Imperium zunächst als etwas. Ungleichheit durch Aneignung ist das zentrale Merkmal dieser Beziehung (z. welche Eindringtiefe imperiale Politik hat (Intrusion).ä. also als eine Beziehung zwischen ungleichen Positionen. Zu dieser Frage nach der Qualität der Beziehung gehört auch eine Aussage darüber.

die kontrollbildend ist und deshalb eine attraktive politische Option darstellt. 1/2006. sondern um die autoritative politische Ordnung des Raumes geht .78 Rainer Rilling arrangieren und managen im Raum disparate Zonen abgestufter Souveränität und unbestimmter Rechte der Menschen. sondern auch Bereiche der inneren Beziehungen anderer Staaten oder politischer Subjekte zu kontrollieren. Bei dieser dunklen Seite des amerikanischen Exzeptionalismus geht es nicht nur um den rhetorischen und diskursiven Apparat der Imperialität . die auf das zielt.also um eine politische Praxis. nicht nur die Außenpolitik. exklusiven Territorialsouveränität begründet. S. und ihre militärischen Basen und politischen Institutionen der Macht sind auf keiner eigenen. die zeigt. 93-107 sowie dies. Es kann dazu im politischen Raum sehr unterschiedliche Machtressourcen mobilisieren und direkte/formelle als auch indirekte/informelle (»Penetration«) Mittel in der Regel »cäsaristisch« (undemokratisch) und mit einem signifikanten Einsatz von Zwang einsetzen. Ann Laura Stoler/David Bond: Refractions Off Empire: Untimely Comparisons in Harsh Times. 49 . Ihre Plastizität wird gesichert durch die kontinuierliche Praxis der Ausnahme. Kosovo und in einigen anderen Ländern praktiziert werden und die scharfe Ausnahmeseite eines neuimperialen Projekts präsentieren. was einst Carl Schmitt die »Großraumordnung« genannt hatte und in deren Mittelpunkt für ihn die »Raumhoheit« steht. Im Übrigen setzen Imperien immer deutliche moralpolitische (und dabei oft auch angesichts ihrer Selbstverortung in der Zeit als lang- Vgl.. On Degrees of Imperial Sovereignty. wieder auflösen und neu bilden und deren elastisches Wirkungsfeld keineswegs in staatliche Grenzziehungen eingespannt ist. Bosnien. in: Public Culture. Afghanistan. eine hierarchisierte zwischenstaatliche Ordnung zu schaffen bzw. Formell aber macht sie vor jener annektierenden. kolonialistischen Praxis halt. Dies ist eine gewichtige Differenz. die sich fluid verdichten. 49 • Das schließt nicht jene Situationen direkter imperialer Unterwerfung durch die U S A aus. welche die einst völkerrechtlich unstrittig fixierte »Gebietshoheit« abgelöst hat. 117-139. grausame Gewalt. welche die Bürger zu eigenen Untertanen macht und das Land auch formell annektiert. zu kontrollieren und auch nichtstaatliche Grenzen zu konstruieren und zu managen. denn sie zeigt. nachhaltige.es geht um die aktive Produktion wirklicher Ausnahmen und Ausschlüsse. wie sie im Irak. 95 (2005). was möglich ist: Herrschaft durch direkte. in: Radical History Review. • Ein Empire ist imstande. S. dass es nicht um die Aneignung eines Territoriums.

wo Grenzen zu ziehen sind: gegenüber dem »Außen« oder dem »Bösen«. nach Aruif Dirlik: American Studies in the time of Empire. Zugang zu ihr und deren politisch-militärische Sicherung. das nicht herausgefordert werden kann. zu der ein ständiges Schwanken in die eine oder andere Herrschaftsstruktur gehört.B. 50 ein Amerika des Americanism und seiner Vektoren global projizierter Macht. auch durch massive Intervention zu verhindern gelte. der Aberkennungspolitiken und der Respektversagung stark. Der Begriff des Empire ist daher keineswegs überholt . Ausbeutung und Reichtum. in: Comparative American Studies. um konzedieren zu müssen. Imperien freilich. 288. Wie lange diese labile Situation andauert. Aber die U S A sind nicht nur das. sondern sie sind ein Land. Dabei machen sie auf der Basis ökonomischer Asymmetrie und politisch-sozialer Ungleichheit eine Kultur der eigenen Superiorität. Teilsouveränitäten und Territorialansprüche. Sie sind eine grundlegende Institution der politischen Moderne wie des postmodernen Kapitalismus.sie nützen nie den Eingeborenen. Präsenz und Verschwinden. S. um eine Ordnung stabil zu institutionalisieren. ein Land mit physikalisch identifizierbaren Grenzen. dass andere große Staaten und kapitalistische Zentren gemeinsam mit ihnen nach den Maßstäben eines kollegialen Managements des Globalkapitalismus kooperieren. in der Zugehörigkeiten und Ausschlüsse und Ausnahmen. Rechte und Ansprüche. doch eine rasche Eindeutigkeit wäre eine Überraschung. ist sicher offen. was man auf der Karte sieht. 3/2004. Aneignung und Ungleichheit im Raum und in der Zeit platziert werden. Zwar scheinen die U S A gegenwärtig zu schwach. zu stabilen Zukunftsperspektiven. Der imperiale Jahrhundertweg der Vereinigten Staaten von Amerika ist noch nicht zu Ende. zit. dessen Entstehung oder Entwicklung (z. ist nicht entschieden. 50 . die ihr ein dauerhaftes Primat sichert. bieten aber zugleich als eigene Leistung das Management der globalen Akkumulation. So im März 2004 Donald Rumsfeld in CNN: »how our country is arranged around the world«.Imperialität 79 fristige Projekte manichäistische) Unterscheidungen: sie sind »gute« (»benign«) Unternehmungen und legen deshalb deutlich fest.doch wer nach dem letzten »amerikanischen Jahrhundert« nunmehr sein Subjekt und Formgeber sein wird. Doch andererseits sind sie zu stark. zum Hegemonialkonkurrenten) es ggf. gleich welchen Zuschnitts . endlich auch zu einer bestimmten zivilisatorischen Moral und einer zumeist differenzierten Kultur. das in der Welt arrangiert wird. Imperiale und imperialistische Ordnungen dauerten einst Jahrhunderte.

schießen andere wiederum »über das Ziel hinaus«. Arbeit bildet immer noch ein zentrales Gravitationszentrum gesellschaftlichen Wandels (Boes/ Hackett 2006). Gerade hier werden gegenwärtig Momente einer neuen Phase kapitalistischer Vergesellschaftung greifbar. Man überschätzt Veränderungspotenziale und übersieht die Kontinuität der widersprüchlichen Prinzipien des Kapitalismus. »Heterogenität« und »Unübersichtlichkeit« die Diskurse . bleiben aktuelle Zeitdiagnosen jedoch häufig eigentümlich unbestimmt. Insbesondere vor dem Hintergrund der Krise des Fordismus und der damit verbundenen Erosion von (scheinbarer) Stabilität werden die Umbrüche im Kapitalismus manifest. Während traditionelle Linke oftmals die Reichweite und das Ausmaß der Veränderung unterschätzen. wohin sich der zeitgenössische Kapitalismus bewegt und wie sich dabei die zentralen Konfliktlinien sozialer Auseinandersetzungen verschieben. Nur mit Blick auf die Entwicklungen im Feld der Arbeit lässt sich der gegenwärtige Umbruch präzise fassen und verstehen. neue Kontrollstrategien im Arbeitsprozess und die Ausweitung der Bereiche reell subsumierter Lohnarbeit.Andreas Boes/Tobias Kämpf Lohnarbeit reloaded Arbeit und Informatisierung im modernen Kapitalismus I. . Auch innerhalb vieler sozialer und politischer Bewegungen besteht oftmals Unklarheit darüber. Neben einem flexiblen »as well as« (Polt) bestimmen »Ambivalenz«.Einleitung Nach dem »kurzen zwanzigsten Jahrhundert« (Hobsbawm) erleben wir derzeit neuerlich eine Phase zugespitzter gesellschaftlicher Veränderung.um nur drei Varianten aktueller »Sprachlosigkeit« aufzuführen. Nachdem sich weder die Verheißungen der New Economy noch die düsteren Untergangsszenarien mancher Linker (exemplarisch Kurz 2001) bewahrheitet haben. Zentrale Merkmale sind hierbei neue Möglichkeiten der Steuerung international verteilter Produktionsprozesse. welche die gesellschaftliche Dynamik nach wie vor strukturieren (exemplarisch Hardt/Negri 2002).

Ubersehen wird. Strukturen und Handlungsmuster. Braverman 1977. Deckstein/Felixberger 2000.Lohnarbeit reloaded 81 2.E. verstanden als wesentliches Moment der Produktivkraftentwicklung. Eine n e u e Qualität der Informatisierung Die Grundlage für die gegenwärtigen Veränderungen innerhalb des Kapitalismus bildet eine neue Stufe der Produktivkraftentwicklung. greift es u. Candeias 2004a). gesellschafts-theoretischen Perspektive verstanden werden. jedoch zu kurz. systematischen Umgangs mit Informationen. Auch die unkritische und wenig reflektierte Diskussion um das Internet während des New-Economy-Hypes zeigt die Naivität dieses Vorgehens (z.B. aktuell Haug 2003. kritisch Egloff 1996). welche ihrerseits die »Betriebsweise« (Marx) des modernen Kapitalismus nachhaltig beeinflussen und zu veränderten Formen der Vergesellschaftung führen. Um den Stellenwert und die genaue Bedeutung von Informatisierung in der Entwicklung von Lohnarbeit zu verstehen. der lediglich die maschinell-mechanische Seite des Produktionsprozesses in den Blick nimmt. Informatisierung lediglich als den Aufstieg der vielzitierten I&K-Technologien zu begreifen.E. z. Die damit verbundene widersprüchliche gesellschaftliche Überformung der Nutzung von Technik gerät so aus dem analytischen Fokus (Boes/Kämpf 2006). Hardt/Negri 2002). Eine neue Qualität der Informatisierung im Allgemeinen und der Informatisierung von Arbeit im Besonderen bildet die Basis für neue Formen der Organisation von Produktionsprozessen. dass solche Ansätze oftmals zu mechanistisch-deterministischen Verengungen neigen. Gleichzeitig zeigen die Diskurse zum Thema »Wissensgesellschaft« und »Informationsgesellschaft« (vgl. der insbesondere die Erzeugung und . Informatisierung Eine Analyse der Informatisierung. Damit wird man dem Stellenwert der Entwicklung kaum gerecht. Gesellschaftliche Veränderungen werden dann schnell zu einem bloßen »Anhängsel« technologischer Innovation. B. Stehr 1994. Hintergrund hierfür ist nicht nur ein einseitiger Blickwinkel.B. dass die Durchsetzung neuer Technologien als sozialer Prozess eingebettet ist in gesellschaftliche Verhältnisse. wurde in der kritischen Sozialwissenschaft lange vernachlässigt (Ausnahme z. deshalb vielmehr aus einer grundlegenderen. Sie ist dann zu begreifen als ein historisch-gesellschaftlicher Prozess des bewussten. Rifkin 2000. Informatisierung sollte u. sondern auch eine vereinfachende Gleichsetzung von Informatisierung mit Computer & Co.

die Reproduktion arbeitsteiliger Gesellschaften und die Weiterentwicklung von Produktivkräften sind ohne eine systematische Erzeugung.a. Kocka 1969. das an konkrete Menschen und deren Praxis gebunden ist. Vielmehr ist er ein allgemeines Moment geschichtlichen Fortschritts. unabhängig vom jeweiligen Subjekt verwendbar zu machen.82 Andreas Boes/Tobias Kämpf Nutzung von Informationen und Informationssystemen beinhaltet (Baukrowitz u. Wesentlicher bzw. Kritische Gesellschaftstheorie muss deshalb immer die Entwicklung der Informatisierung und ihre Rolle für die Entwicklung des Kapitalismus in den Blick nehmen. der lange vor dem Aufstieg von I&K-Technologien wie etwa PC und Internet begonnen hat. 2001). um diese »rationell« zu »steuern«. ideellen Form in eine materielle Form überführt werden. Eine besondere Dynamik im Prozess der Informatisierung entfaltet sich insbesondere im Zuge der Herausbildung des »organisierten Kapitalismus« am Ende des 19. Informatisierung und Kapitalismus Informatisierung wird hier als ein Prozess verstanden. Besonders eng verbunden ist die Informatisierung mit der Entwicklung menschlicher Arbeit. Beninger . muss der systematischen Umgang mit Information zu einer zentralen Grundlage der Vergesellschaftung werden. Ziel ist dabei immer Wissen. Einerseits wird mittels bürokratischer Methoden auf die »Verschriftlichung« der Kommunikation gedrungen. Andererseits führt der organisierte Umgang mit Informationen in den Unternehmen zu zunehmend komplexeren Informationssystemen (vgl. Weber 1964/1920). Der Umgang mit Informationen wird vor allem in zweierlei Hinsicht effektiviert. was das verstärkte Entstehen eigenständiger Schreibarbeit mit entsprechenden Abteilungen und die »Bürokratisierung« der betrieblichen Kommunikationsprozesse beinhaltet (vgl. Insbesondere die historische Durchsetzung des Kapitalismus geht einher mit einer beschleunigten Informatisierung. Die Rationalisierung des Informationsgebrauchs in den Großunternehmen wird nun zum wichtigen Moment. Gerade in der warenproduzierenden Gesellschaft. Jahrhunderts. Die Organisation und Steuerung von menschlicher Kooperation im »Stoffwechsel mit der Natur« (Marx). Dazu müssen Informationen aus ihrer geistigen. Kurzum: Informatisierung ist zu verstehen als die Materialisierung des Informationsgebrauchs (Boes 2005a). charakteristischer Bestandteil des menschlichen Arbeitsprozesses ist immer der Umgang mit Information und Wissen. in der Arbeit zur Lohnarbeit und Tausch zur dominierenden Interaktionsform wird. Braverman 1977. Nutzung und Weitergabe von Informationen nicht denkbar.

vielmehr findet dieser nun zunehmend vermittelt durch Informationssysteme statt. ein »papierner Apparat« (Jeidels 1907).die das »Kapital-Verhältnis« bestimmende Kontrolle über Produktionsmittel wird zunehmend auf Basis von Information ausgeübt. kommt es im Anschluss zu einer Einbindung des PCs in neuartige Netzkonzepte. Boes 2005a). Die Flexibilität solcher systemischer Produktionsstrukturen wird gewährleistet . in welchen Bereichen wie viel und vor allem mit welcher Rendite Wert geschaffen wird. Besonders mit Blick auf die Rationalisierung der Produktion erlaubt erst die doppelte Buchführung dem Einzelkapital sich strategisch als »verwertender Wert« zu verhalten. In diesem Sinne ermöglicht die Informatisierung im 20. da nun erst eine informatorische Grundlage geschaffen wird. 1986. Baethge/Oberbeck 1986) sind nun nicht mehr einzelne Segmente des Produktionsprozesses Gegenstand von Rationalisierung. Information wird so zum zentralen Bezugssystem der Steuerung und Kontrolle von immer komplexeren Produktionsprozessen. Damit entsteht eine neue informatorische Ebene. die vermittelt als »Realabstraktion« den konkret-stofflichen Arbeitsprozess zunächst abbildet.a. Die Nutzung von Informationen ersetzt dabei nicht den »Stoffwechsel mit der Natur« . Deutlich zeigt sich hier die Verschränkung von Kapitalismus. Industrialisierung und Informatisierung: Die entstehenden Informationssysteme werden nämlich insbesondere zu einem Medium der Steuerung von Arbeit . Jahrhundert schließlich eine »strukturelle Dopplung« (Schmiede 1992) von stofflichen Arbeitsprozessen.Lohnarbeit reloaded 83 1986). Diese basieren auf hoch formalisierten Informationen. sondern der Prozess als solcher wird Gegenstand von permanenter Veränderung. Nachdem sich Ende der 1970er Jahre der PC allmählich gegenüber dem Paradigma der Großrechnertechnologie durchsetzt. um so wieder auf die stoffliche Ebene zurückzuwirken. über den zunehmend komplexere Informationen zur Steuerung und Kontrolle der Unternehmen gesammelt werden können (Boes 2006). Grundlage hierfür bildet die Anschlussfähigkeit von Informationen in nun immer öfter durchgängigen Informationssystemen (vgl. So entsteht aufbauend auf dem basalen Informationssystem des kapitalistischen Unternehmens. Der »papierene Apparat« wird schließlich abgelöst durch die zunehmende »Computerisierung«. ihn der Kontrolle und Steuerung zugänglich macht. der Buchhaltung. Restrukturierung und der Neuzusammensetzung von Teilprozessen. Die nun entstehenden komplex-vernetzten computer-gestützten Informationssysteme bilden nun den Ausgangspunkt für die Etablierung eines neuen Rationalisierungstypus: Im Sinne »systemischer Rationalisierung« (Altmann u. die in Formularen erfasst und über diese weiterverarbeitet werden.

Bis dahin bestanden Informationssysteme aus unzähligen kleinen »Inseln«. hierzu auch Rilling 2001). Diese organisationsspezifischen Informationssysteme erhalten nun mit dem Internet eine gemeinsame Bezugsebene mit internationalen Dimensionen. was informatorisch erfasst wird. sondern auch lebensweltliche Bereiche werden nun in zunehmendem Maße informatorisch durchdrungen. Die neue Stufe der Informatisierung führt gleichzeitig jedoch vor allem zu einer enormen Veränderungdynamik innerhalb der Arbeitswelt.eine neue Qualität der Informatisierung Mit Blick auf die heutige Verbreitung globaler Informationsnetze bildet die »Computerisierung« jedoch nur die Ouvertüre eines tiefgreifenden Wandels des Informatisierungsprozesses. das die Kommunikationsmöglichkeiten und den Austausch von Informationen grundlegend verändert. Die Kommodifizierung der Lebenswelt findet so in einer beschleunigten Informatisierung ihre materielle Basis. Es entsteht ein »weltweiter Informationsraum«. weltweit zugänglichen offenen Netzwerk markiert hier eine neue Qualität (vgl. Analytisch betrachtet resultiert diese zunächst daraus. in dem die unterschiedlichsten Formen des Informationsgebrauchs (z.84 Andreas Boes/Tobias Kämpf durch die Veränderbarkeit und zunehmende wechselseitige Kommensurabilität von Informationssystemen (Baukrowitz 1996). Nicht nur der Bereich der Wirtschaft. Alles. Auf der einen Seite kann . Die rasant steigende Bedeutung des Internets führt seit Mitte der 1990er Jahre zu einer enormen Beschleunigung und Vertiefung der Informatisierung in der Gesellschaft. über die sie wechselseitig anschlussfähig werden. Wirtschaft und Lebenswelt) in einem aufeinander bezogen werden können (Boes 2005a/b). dass mit dem Internet ein weltumspannendes Medium etabliert wird. ist in der Folge mit tiefgreifenden Konsequenzen verbunden. Das Internet als »weltweiter Informationsraum« . Boes 2006). werden nun in neuer Qualität warenförmig erschlossen. Vor allem der Aufstieg des Internets von einem militärisch genutzten. Die Informatisierung wird in der Folge zu einem zentralen »Transmissionsriemen« der Ökonomisierung der Gesellschaft (Boes 2005a. kann »rechenbar« gemacht und in ein warenförmiges Verhältnis gebracht werden. eng begrenzten Informationssystem hin zu einem auf nicht-proprietären Standards basierenden. welche bisher nicht kommodifizierbar waren. welche unter dem Zugriff von Unternehmen oder Behörden entstanden waren. voneinander abgeschottet.B. Was sich auf den ersten Blick zunächst wenig spektakulär anhört. Sphären der Gesellschaft und der Natur. Diese waren jedoch bislang nur unzureichend miteinander verknüpft bzw.

Sydow 1992. Weniger die Ausweitung des Welthandels ist dabei bemerkenswert. 2003) kommt es zu einer Relativierung vormals starrer Unternehmensgrenzen und zur Etablierung netzwerk-artiger Unternehmenskonzepte (vgl. Teusch 2004).1 Zum anderen setzen Hierbei ist es wichtig zu verstehen. standardisierte Informationssysteme zu einer Flexibilisierung und permanenten Restrukturierung von Wertschöpfungsketten. Bei ihrer Analyse gilt es. Steuerung und Kontrolle von Produktionsprozessen.Lohnarbeit reloaded 85 insbesondere im Bereich der »Kopfarbeit« von einer neuen Qualität der informatorischen Durchdringung von Arbeitsprozessen ausgegangen werden. Schmierl/Pfeiffer 2005). hierzu u. Im Rahmen von vertikalen Desintegrations-Prozessen (vgl.a. sondern neben der Internationalisierung der Finanzmärkte (vgl.a. Döhl u. So entstehen umfassende neue Möglichkeiten der Organisation.a. 2001. Internationalisierung und Offshoring Reorganisation von Produktionsprozessen und Unternehmensstrukturen Die Globalisierung geht auf der Ebene des Betriebs zunächst mit einer sich seit Mitte der 1970er Jahre abzeichnenden umfassenden Reorganisation von Unternehmensstrukturen einher. Huffschmid 2002) vor allem die internationale Restrukturierung von Produktionsprozessen und die globale Fragmentierung von Wertschöpfungsprozessen. Insbesondere für eine Abschätzung der Folgen für Lohnarbeit ist dieser Blickwinkel wertvoll . . Auf der anderen Seite führen neue unternehmensübergreifende. 3. Globalisierung und Standortkonkurrenz: Internationale Produktionsstrukturen und die neue Flexibilität von Wertschöpfungsketten Als zentrales Moment einer veränderten Arbeitswelt wird gemeinhin die Globalisierung verstanden (einen Überblick über die Diskussion geben Trinczek 1999. Jürgens u. Sablowski 2003. dass diese Entwicklung keinen Zerfall von Großunternehmen bedeutet.erst durch die Berücksichtigung der Informatisierung als Teil der Produktivkraftentwicklung und als materielle Basis einer »Arbeitswelt im Umbruch«.a. 2001) ausgegangen werden. die Perspektive der Informatisierung stärker als bisher zu berücksichtigen. Zum einen verliert das Leitbild des vertikal integrierten Unternehmens (Chandler 1977) an Prägekraft. Vielmehr muss von einem »Nebeneinander von Zentralisierung und Dezentralisierung« (Baukrowitz u. wird die Tragweite dieser Entwicklung sichtbar.

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sich zunehmend am Kapitalmarkt orientierte Unternehmenskonzepte durch (vgl. Sablowski 2003). Im »neuen Marktregime« (vgl. dazu Dörre/Röttger 2003) werden die Kurse der internationalen Börsen zur zentralen »Meßlatte« für Unternehmen, die vor allem dem Ziel einer Erhöhung des »shareholder value« verpflichtet sind. Das Bezugssystem der entstehenden multinationalen Konzerne ist nun jedoch nicht mehr ein einzelner Nationalstaat. Vor dem Hintergrund international gültiger Produktions- und Tauschnormen (Aglietta 1979; Röttger 2003) agiert man nun als »global player« auf einem globalen »Spielfeld« - nicht nur hinsichtlich des Verkaufs der produzierten Waren und Dienstleistungen, sondern auch hinsichtlich der Produktion. Wertschöpfungsprozesse werden nun oftmals nicht mehr innerhalb eines Nationalstaates bzw. einer räumlich-integrierten Einheit (Fabrik, Betrieb) organisiert. Vielmehr werden diese verstärkt in abgrenzbare, aber zueinander anschlussfähige Teilprozesse gegliedert und segmentiert. Die Internationalisierung von Produktionsstrukturen erfolgt in einer Art und Weise, dass die Verrichtung einzelner Teilschritte eines Arbeitsprozesses nicht mehr unmittelbar örtlich aneinander gebunden ist. Diese Modularisierung und Fragmentierung von Wertschöpfungsketten schafft den Unternehmen neue Möglichkeiten, Unternehmensteile auszulagern und international verteilte Arbeitsprozesse zu organisieren. Schon 1977 wird diese Tendenz der »zunehmenden Aufspaltung von Fertigungsprozessen in verschiedene Teilfertigungen an verschiedenen Standorten weltweit« von Folker Fröbel u.a. als »neue internationale Arbeitsteilung« (1977: 62; 1986) verstanden. Vor dem Hintergrund verschärfter globaler Konkurrenz werden die Wertschöpfungsketten dahingehend optimiert, für jedes Segment des Arbeitsprozesses die jeweils günstigsten Anlagebedingungen zu suchen und zu realisieren. Da auch die Erschließung von Märkten ein zentrales Motiv von multinationalen Konzernen bleibt, konzentrieren sich deren internationale Aktivitäten oftmals weiterhin auf die Triade (Nordamerika, Europa und Asien). Dennoch ist es gerade ein zentrales Moment dieser »neuen internationalen Arbeitsteilung«, dass insbesondere auch aufstrebende Schwellenländer als potenzielle Unternehmens-Standorte eine neue Bedeutung bekommen (Boes/Kämpf 2006). Zunächst beschränkt sich dieser Prozess auf klassische Industriesektoren. Im Zentrum von Verlagerungen und Internationalisierungsprozessen standen z.B. die Textil- oder die Elektroindustrie. Hier deutet sich heute jedoch ein Wandel an: auch der Bereich der Dienstleistungen wird heute Gegenstand einer beschleunigten Internationalisierung (Boes u.a. 2005; U N C T A D

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2004; WTO 2005). Unter dem Label »Offshoring« bzw. »Nearshoring« geraten nun auch jene Sektoren unter den Druck der Globalisierung, die lange als weitgehend verlagerungsresistent galten. Zum einen ist dies der Bereich unterstützender Dienstleistungen (z.B. Call-Center, Buchhaltung, Kundendienst etc.). Durch den Einsatz moderner I&K-Technologien sind diese im Rahmen von »Business-Process-Outsourcing« geradezu prädestiniert für Verlagerungen in Billiglohnländer. Zum anderen werden aber auch zunehmend hochqualifizierte und wissensintensive Tätigkeitsbereiche zum Gegenstand von Verlagerungsaktivitäten. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen die Bereiche IT-Dienstleistungen und Software-Entwicklung. Diese Branche wird gewissermaßen zum »Pionier« einer Entwicklung, in deren Folge auch die Arbeit moderner »Symbolanalytiker« (Reich 1992) internationaler Arbeitsteilung zugänglich wird. Komplexe und wissensintensive Teilarbeitsprozesse (z.B. Entwicklung und Design von Software) werden nun immer häufiger in Off- und NearshoreStandorten wie Indien oder auch Osteuropa erbracht (vgl. dazu Boes 2004, 2005b; Aspray u.a. 2006; Flecker/Huws 2003). Vorraussetzung dafür ist ein riesiges Reservoir hochqualifizierter IT-Arbeitskräfte, das in den OffshoreRegionen bereitsteht - insbesondere in Süd-Ost-Asien und Mittel-Osteuropa. Wurde dieser »Weltmarkt für Arbeitskraft« (Potts 1988) zunächst über den Umweg der Migration erschlossen - Stichwort: »Green-Card« -, steht heute die Reorganisation der gesamten Wertschöpfungskette auf der Agenda der IT-Unternehmen: es gilt auch in diesem Bereich internationale Produktionsstrukturen zu etablieren und Offshore- Standorte in nun globale Entwicklungsnetzwerke zu integrieren (Boes 2004, 2005b; Flecker/Huws 2003). Informatisierung und Internationalisierung Die Rolle der Informatisierung kann für den Prozess der Internationalisierung kaum überschätzt werden. Die Bedeutung liegt nicht nur darin begründet, dass eine »zeitlose« Übertragung von Informationen über große räumliche Entfernungen möglich wird. Vielmehr bildet das Internet einerseits ein informationelles Rückgrat von räumlich verteilten Produktionsprozessen (vgl. Baukrowitz/Boes 1996), andererseits wird es zum neuen »Ort« der globalen Produktion von Dienstleistungen (Boes 2004). Die Herausbildung der für die Globalisierung charakteristischen Formen räumlich und organisatorisch differenzierter Produktionsnetzwerke, die sich in Konzepten wie »Wintelism« und »contract manufacturing« verkör-

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pern (Borrus/Zysman 1997; Lüthje u.a. 2002), ist ohne die Durchsetzung des Internets kaum vorstellbar. So führte der Siegeszug des Internets nicht nur zu einem weltweiten Auf- und Ausbau der Telekommunikationsinfrastrukturen, sondern erst der entstehende gemeinsame Informationsraum erlaubt eine Integration der verschiedenen Produktionsmodule in einen Gesamtprozess. Auf der einen Seite wird so ein organisations-übergreifender, durchgängiger Informationsfluss im gesamten Netzwerk möglich. Der Transfer von Information zwischen den verschiedenen Akteuren der Wertschöpfungskette kann nun ohne informatorischen Bruch mittels eines gemeinsamen Mediums stattfinden. Auf der anderen Seite werden durch die sich etablierenden gemeinsamen Standards die Schnittstellen zwischen den Unternehmen kompatibel und handhabbar. Verschiedene Segmente von Wertschöpfungsketten können so auf Basis einheitlicher »interfaces« flexibel miteinander verknüpft, getrennt und wieder neu zusammengesetzt werden (Baukrowitz/Boes 1996; Schmierl/Pfeiffer 2005). Informationssysteme fungieren so als »strukturelle Doppelung« systemisch-organisierter Produktion. Modularisierte Produktionsstrukturen auf der stofflichen Ebene finden nun eine Entsprechung auf einer gewissermaßen »darüber liegenden« Informationsebene. Diese reproduziert nun aber nicht mehr die ursprüngliche Trennung der voneinander getrennten Teilprozesse, sondern integriert diese vielmehr zu einer prozessualen Einheit. Komplexe netzwerk-artige Produktionsstrukturen können so »zusammengehalten« werden. Die »organisatorische Ausdifferenzierung der Produktionsprozesse stützt ... sich ... auf die Integrationswirkung einer durchgängigen, unternehmensübergreifenden Informationsebene« (Baukrowitz u.a. 2001). Die Steuerung und Kontrolle der Produktions-Prozesse unabhängig von deren geographischer Verortung wird so ermöglicht. Das Internet wird damit zu einem informationellen Rückgrat von vernetzten und räumlich verteilten Produktionsstrukturen. Erst auf dieser technologischen Basis werden moderne Unternehmens- und Fertigungskonzepte wie »lean production«, »just-in-time-production« etc. möglich (Boes/Kämpf 2006). Neben dieser zentralen Funktion spielt das Internet jedoch auch eine weitere, zunehmend wichtiger werdende Rolle in Internationalisierungsprozessen: wenn die zu erbringenden Güter und Leistungen digitalisierbar sind, wird der Informationsraum zu einem neuen »Ort« der Produktion (Boes 2004, 2005b). Aufgrund ihrer Beschaffenheit können solche Güter dann nämlich leichter bzw. organischer als stoffliche Güter im »Netz« bearbeitet werden. Die Arbeit findet nun gewissermaßen im Informationsraum selbst statt.

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Ohne die Bedeutung einer sozialen Einbettung von Arbeit in Abrede zu stellen (dazu Flecker 2000), gilt für bestimmte Arbeitsprozesse, dass geografische Entfernungen in Zukunft so in neuer Qualität »überwunden« werden können. Die Bereiche IT-Dienstleistungen und Software-Entwicklung sind dabei geradezu »übliche Verdächtige«. Die Entwicklung wird jedoch kaum auf dieses Feld beschränkt bleiben: Beispiele wie die Digitalisierung von Röntgenbildern und die nachfolgend mögliche Verlagerung der Diagnose werfen ein erstes Schlaglicht auf das enorme Potenzial dieser Entwicklung. Folgen für die Lohnarbeit I: Standortkonkurrenz und verschobene Kräfteverhältnisse Die öffentliche, aber auch die kritische sozialwissenschaftliche Diskussion war lange Zeit von einer deutlichen Skepsis bzgl. des Ausmaßes und der Tragweite der Globalisierung geprägt. Nicht zuletzt von gewerkschaftlichen Akteuren wurde immer wieder darauf verwiesen, dass die Globalisierung und die damit einhergehende Standortkonkurrenz letztlich nur künstlich von den Arbeitgebern inszeniert würde, um von Beschäftigten Zugeständnisse zu erpressen - und in der Tat war in der Vergangenheit das Argument der »globalen Wettbewerbsfähigkeit« in vielen Auseinandersetzungen der entscheidende Trumpf, um Forderungen der Arbeitgeber durchsetzen zu können. Dennoch unterschätzt man Globalisierungsprozesse, wenn man sie in erster Linie als bloßen ideologischen »Trick« versteht, der keine materielle Grundlage hat. Gerade aus der Perspektive der Informatisierung wird schließlich die tatsächliche und konkrete Qualität der neuen Möglichkeiten räumlich desintegrierter Produktionsprozesse greifbar. Die Folgen spüren Beschäftigte in ihrer Arbeit täglich. Immer öfter befinden sich die Belegschaften eines Standortes in einem Wettbewerb mit anderen Standorten auf der ganzen Welt. Angesichts der hohen Rentabilität und der geringeren Kosten in »Niedriglohnländern« müssen Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen geradezu als »Sachzwänge« erscheinen - die Offshore-Produktivität wird gewissermaßen zum allgegenwärtigen globalen »Benchmark«, an dem sich auch die »Hochlohnstandorte« orientieren müssen. Ob diese Kosten-Standards in der Folge realisiert werden, ist zunächst nicht entscheidend. Gleichzeitig sind Verlagerungen keineswegs zwangsläufig. Vielmehr geht es darum, dass die entsprechenden Standorte in einen andauernden Rechtfertigungszwang geraten und permanent auf Forderungen nach Kostensenkung reagieren müssen. Diese neue Standortkonkurrenz ist Ausdruck eines neuen »stark gewandelten Möglichkeitsraums der

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Weltwirtschaft« (Dörre u.a. 1997: 44). Auf Basis der Informatisierung können Unternehmen heute Standortentscheidungen treffen, wo es früher nichts zu entscheiden gab - Globalisierung wird für sie zu einer realen »Option« (ebd.). Damit haben sich die Handlungsoptionen der Unternehmen gegenüber ihren Belegschaften, die weit weniger mobil und flexibel sind, grundlegend verändert (vgl. Schwemmle 2005). Alleine die »Wirklichkeit der Möglichkeit« (Beck 1998) führt zu einer deutlich gestiegenen Verhandlungsmacht der Arbeitgeber. Solange Beschäftigte ihre Interessen weiterhin vorrangig national organisieren (vgl. dazu auch Riexinger/Sauerborn 2004), wird die allgegenwärtige »ExitOption« ein zunehmend dominierender Faktor in der Entwicklung von Arbeitsbeziehungen bleiben. Insgesamt führt so die Internationalisierung von Produktionsprozessen zu einer systematischen Verschiebung betrieblicher und gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse zugunsten der Arbeitgeber. Die grassierende Standortdebatte erscheint in neuem Licht: Sie wird zweifelsohne »inszeniert« - aber dieser Inszenierung liegen auf Informatisierung bestehende neue, reale Handlungsmöglichkeiten der Unternehmen und gewandelte Kräfteverhältnisse zugrunde.

4. Steuerung und Kontrolle von »Kopfarbeit«: von der verantwortlichen Autonomie zur wirklichen Lohnarbeit Neue Möglichkeiten der Internationalisierung und der räumlichen Fragmentierung von Produktionsprozessen sind jedoch nur ein Moment einer auf Grundlage der Informatisierung deutlich veränderten Arbeitswelt. Gleichzeitig wandeln sich auch der Arbeitsprozess als solcher und die jeweiligen Arbeitsinhalte grundlegend. Auch wenn davon grundsätzlich alle Arbeitsbereiche betroffen sind, so sind die Veränderungen im Bereich der »Kopfarbeit« besonders hervorzuheben. So sind nicht nur der Umgang mit Information und ihre Bearbeitung in Informationssystemen der wesentliche Inhalt der Arbeit eines wachsenden Anteils der Erwerbstätigen. Vielmehr entstehen auf dieser Grundlage auch neue Möglichkeiten der Kontrolle und Steuerung von »Kopfarbeit«.

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Informatisierung und ihr Verhältnis zu Informationsarbeit und »Kopfarbeit« Schon bei Marx ist jedwede menschliche Arbeit immer gleichermaßen »Hand- wie Kopfarbeit«. Wesentlich für die kapitalistische Produktionsweise ist dabei, dass im Streben nach fortwährender Rationalisierung der Arbeit einerseits sowie nach Kontrolle und Herrschaft andererseits eine Trennung von Planung und Ausführung bzw. »Handarbeit« und »Kopfarbeit« vollzogen wird, die systematisch in entsprechende Formen der Arbeitsteilung überführt wird. Die Informatisierung von Arbeit beinhaltet nun eine systematische Weiterentwicklung dieses Verhältnisses. Mittels der Erzeugung und Nutzung von Informationen schafft sich zunächst die »Kopfarbeit« ein wirkungsvolles Instrumentarium, um Arbeit fortwährend rationalisieren zu können. Informationen bilden dabei letztlich die entscheidende Grundlage zur Kontrolle der Arbeit jenseits der unmittelbaren Anschauung (Boes 2006). Der Ausbau und die Integration der Informationssysteme machen nach und nach zentrale Momente des Unternehmens einer Steuerung und Kontrolle über die Informationsebene zugänglich (Schmiede 1996; Baukrowitz/ Boes 1996). Diese wiederum bildet den Ort, an dem die Verwissenschaftlichung der Arbeitsprozesse vorangetrieben wird (Bravermann 1977; Hack/ Hack 1985), um deren Steuerung und Kontrolle von hieraus mit zunehmender Effizienz bewerkstelligen zu können. So werden Informationen für eine zunehmende Anzahl von Beschäftigten zum eigentlichen Gegenstand ihrer Arbeit. Der schnelle Anstieg der Büroberufe und Angestelltenzahlen erklärt sich in hohem Maße aus dem verstärkten Bestreben zur Informatisierung der Unternehmen (vgl. bereits Pirker 1962; Braverman 1977). Ein Großteil des Strukturwandels, der mit den unspezifischen Begriffen der »Tertiarisierung«, der »Dienstleistungs-« oder der »Wissensgesellschaft« belegt wird, hat in der Informatisierung der Arbeit seine Basis (vgl. Braverman 1977; Dostal 1995; Baukrowitz u.a. 1998). Insbesondere der Computer bleibt in der Folge nicht das Arbeitsmittel einer weitgehend organisatorisch getrennten Gruppe von Spezialisten im »Rechenzentrum«, sondern wird nun insbesondere in den informationsintensiven Branchen (Banken, Versicherungen etc.) zum wesentlichen Arbeitsmittel im normalen Arbeitsprozess (vgl. Baethge/Oberbeck 1986). Fachliche Aufgaben im Bürobereich werden zunehmend über den Computer bewältigt und die Fertigungsarbeit erhält mit der numerischen Programmsteuerung eine neue Bezugsebene (Hirsch-Kreinsen 1993). Dazu trägt bei, dass die computergestützte Informationsverarbeitung nunmehr auch in Bereiche

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eindringt, die bisher als nicht-computerisierbar galten. Dies gilt insbesondere für das weite Feld der Textverarbeitung sowie für bestimmte Bereiche hochqualifizierter Angestelltentätigkeit wie beispielsweise die Ingenieurtätigkeiten in der Konstruktion und der Fertigungsplanung. Damit bietet die Informatisierung die entscheidende Basis dafür, die »Kopfarbeit« selbst unter den Kontrollzugriff des kapitalistischen Produktionsprozesses zu bringen (Boes 2006). Erst indem geistige Tätigkeit in eine weitgehend subjektunspezifische Informationsarbeit überführt und in betriebliche Informationssysteme integriert wird, kann sie nicht nur formell, sondern auch reell zu einer Form kapitalistischer Lohnarbeit werden. Insbesondere im Bereich Software-Entwickung und IT-Dienstleistungen vollzieht sich diese Entwicklung in beschleunigter Form. Gerade in dieser Branche, die in den Diskursen zur »Zukunft der Arbeit in der Wissensgesellschaft« immer wieder als Idealtypus neuer selbstbestimmter, kreativer und emanzipativer Arbeitsformen herhalten musste, verabschiedet man sich heute vom Leitbild des kreativen »Künstlers« (Janßen 2005). Nicht mehr die »Genialität« des einzelnen Entwicklers gilt hier heute als Garant für Rendite und erfolgreiche Produkte, sondern der optimierte »Prozess«. Ziel ist es hier, Produkte und Prozesse zu standardisieren und zu industrialisieren. Dies darf nicht als Rückgriff auf ein altes tayloristisches Rationalisierungsparadigma missverstanden werden. Vielmehr geht es um eine »Industrialisierung neuen Typs« (Boes 2004, 2005a/b), deren Kern eine bestimmte Form der Standardisierung ist. Dabei ist nicht die einzelne Tätigkeit des individuellen Beschäftigten der Ansatzpunkt der Rationalisierung, sondern im Sinne »systemischer Rationalisierung« (Altmann u.a. 1986) geht es um die Organisation und Gestaltung des Gesamtprozesses. Es gilt einheitlich definierte Prozesse, Strukturen, Schnittstellen und Arbeitsabläufe in homogenisierter Form in der gesamten Organisation zur Anwendung zu bringen. Wo im Bereich der industriellen Handarbeit das Maschinensystem den Ausgangspunkt bildet, um lebendige Arbeit in eine »technologisch handhabbare Größe« zu verwandeln (Schmiede 1989: 26), basiert die Rationalisierung moderner Informationsarbeit letztlich auf den zu Grunde liegenden Informationssystemen. Erst durch sie gelingt es, auch in diesen Bereichen Arbeit zeitlich und hinsichtlich des Ressourcenaufwands transparent und planbar zu machen.

Diesem Vertrauensverhältnis liegt ein »psychologischer Vertrag« zugrunde. Dörre 2003) und den vormaligen Modus der »verantwortlichen Autonomie« abzulösen.und »Kopfarbeit«. Dieser wird in den Unternehmen systematisch zur Handlungsgrundlage erhoben. Raeder/Grote 2001). 1987). Eine hohe Leistungsverausgabung der hochqualifizierten Beschäftigten wurde dabei durch ein spezifisches Arrangement gewährleistet: hohe Freiheitsgrade in der Arbeit. Zentrale Aufgabe des Managements ist es deshalb. Umgekehrt werden vielmehr nun die vielfach beschworene Flexibilität (kritisch bereits Sennett 1998) und Unsicherheit zur Grundlage neuer Kontrollformen. Zentrale . sondern nahezu alle Beschäftigtengruppen müssen sich nun an den Anforderungen des Marktes orientieren. dass die tatsächliche Arbeitsleistung der Beschäftigten möglichst hoch ist. Während Braverman hier noch eine Taylorisierung solcher Arbeiten vermutete (1977). Kotthoff 1997. Im Fordismus war dabei der Taylorismus das bestimmende Paradigma im Bereich klassischer Industriearbeit. die konkrete Arbeitsleistung bleibt jedoch unbestimmt (Deutschmann 2002).Lohnarbeit reloaded 93 Neue marktzentrierte Formen der Kontrolle von »Kopfarbeit« Ein zentrales Moment dieser Entwicklung sind neue Formen der Kontrolle hochqualifizierter Informations. Nicht mehr nur die strategischen Stäbe des Managements. dass diese Sicherheiten und vergleichsweise privilegierte Arbeitsbedingungen für Hochqualifizierte aus der Perspektive der Unternehmen nicht mehr länger funktional und notwendig sind. Im Zentrum stehen dabei der Markt und die damit verbundenen Instabilitäten. ist heute von einer grundsätzlich anderen Entwicklung auszugehen. Da sich »Kopfarbeit« diesem Kontrollmodus notwendigerweise entzog. entwickelte sich für hochqualifizierte Beschäftigte analog das Modell der »verantwortlichen Autonomie« (Friedman 1977. Ausgehend von Unternehmen der IT-Industrie beginnt sich ein Modus »marktzentrierter Kontrolle« in den hochqualifizierten Bereichen durchzusetzen (Boes 2002. Verantwortung und ein überdurchschnittliches Gehalt korrespondieren hier mit einer besonderen Identifikation der Hochqualifizierten mit dem Unternehmen und einer überdurchschnittlichen Leistungsbereitschaft. Arbeitsprozesse dahin gehend zu kontrollieren. Kennzeichnend für den neuen Kontrollmodus ist nun. in dem Sicherheit und eine stabile Karriereperspektive gegen eine besondere Loyalität »getauscht« werden (Rousseau 1995. Ausgangspunkt ist hierbei das Transformationsproblem und die grundsätzliche Unbestimmtheit des kapitalistischen Arbeitsvertrags. Gekauft wird nur ein abstraktes Quantum an Arbeitskraft.

das jeweilige Geschäftsergebnis signifikant zu steigern.). Die einzelnen Beschäftigten und Abteilungen müssen dazu in eine systematische Beziehung zum Markt gebracht und an dessen Dynamik angeschlossen werden. sondern werden mit dem Verweis auf die Erfordernisse des Marktes zum »Naturgesetz«. Man ist nun gezwungen. Der eigene Wille der Arbeitskräfte muss nun nicht mehr gebrochen werden. Der »Fetisch« Markt erlaubt. sondern wird vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Marktes für das Unternehmen instrumentalisiert. vollzieht sich heute eine umgekehrte Entwicklung: im Sinne einer »Vermarktlichung« gilt es nun die Organisation gegenüber dem Markt zu öffnen (ebd. da sonst Budgetkürzungen. im- .94 Andreas Boes/Tobias Kämpf Referenz sind dabei nicht zuletzt die Kunden. Wer im Vergleich zu anderen Unternehmensbereichen weniger profitabel ist und dem allgemeinen »Benchmark« nicht entspricht. Die zu erreichenden Ziele erscheinen jedoch nicht mehr als willkürliche Anweisungen des Managements. Unter dem Schlagwort der »Selbstorganisation« macht man sich so die Eigeninitiative der Beschäftigten zu Nutze (Glissmann/Peters 2001. Damit der Markt jedoch wirklich handlungsleitend für die einzelnen Beschäftigten werden kann. Peters/Sauer 2005). nicht aber das genaue Vorgehen (also das » w i e « ) vorgegeben. muss der Wettbewerb systematisch in die Organisation integriert werden (Sauer 2005). Ziel ist es. dass Beschäftigte in der Auseinandersetzung mit den Anforderungen des Marktes zu einer selbsttätigen Steigerung der Leistungsverausgabung gebracht werden können (Boes/Trinks 2006). Gleichzeitig wird zwischen den verschiedenen Einheiten desselben Unternehmens eine Situation permanenter innerbetrieblicher Konkurrenz inszeniert. Auf diese Weise ist lebendige Arbeit nun nicht mehr das »bloße Anhängsel« (Marx) eines Maschinensystems. sondern die geistige Tätigkeit wird zum Anhängsel des Marktes. die von den internationalen Finanzmärkten vorgegebenen Renditeerwartungen der shareholder und die »Erfolgszahlen« der Konkurrenz. Outsourcing oder gar die Schließung schnell auf der Agenda stehen können. Die Grundlage für diese permanenten Vergleichsprozesse bilden Kennzahlensysteme und fortgeschrittene Formen des Controlling. das nicht hinterfragt werden kann. Der Rhythmus und die Intensität der Arbeit werden gewissermaßen vom Markt bestimmt. Im Sinne einer Kontextsteuerung werden den Beschäftigten lediglich die Ziele (also das »was«). gerät unter enormen Rechtfertigungsdruck. Abteilungen werden dazu »gerankt« und »gebenchmarkt«. objektiviert und naturalisiert. Während früher das Unternehmen seine internen Abläufe weitgehend der Dynamik des Marktes entzog.

Nicht nur in dieser Branche wird für die Hochqualifizierten die Erfahrung von Ersetzbarkeit und die Angst vor Arbeitslosigkeit zu einem maßgeblichen Faktor ihrer Arbeitsidentität (vgl. Dabei entwickelt sich insbesondere das obere Management von einem zentralen. Hier erleben die Beschäftigten nach dem Zusammenbruch der New Economy eine »Zeitenwende«. den Markt als Organisationsprinzip innerhalb des Unternehmens glaubwürdig zu verankern und zum zentralen Kontext bzw. Vormalig genossen die Hochqualifizierten eine privilegierte Stellung innerhalb der Unternehmen. Hier wird deutlich. Angesichts von Globalisierung und Offshoring werden dann selbst beste Qualifikationen und überdurchschnittliches Engagement auch in erfolgreichen Unternehmen keineswegs . dass sie als Handlungsgrundlage dienen können. ihre Privilegien und Vergünstigungen stehen mehr und mehr zur Disposition. dazu auch Ehrenreich 2006).und Leistungsbedingungen und nicht zuletzt oftmals auch die Art ihrer Tätigkeit. Informationen zu erzeugen und in einer Form zu aggregieren. Folgen für die Lohnarbeit II: Veränderte Arbeitsbeziehungen und Prekarisierung Die Folgen dieser Entwicklung sind gravierend. gewissermaßen naturwüchsigen Verbündeten zu einem latenten Gegner der Hochqualifizierten in betrieblichen Auseinandersetzungen (Kämpf 2006). Hier heißt es nun nicht mehr »der Mensch steht im Mittelpunkt«. Besonders hervorzuheben sind allerdings die Auswirkungen auf die Arbeitsbeziehungen. selbst den Wertbeitrag einzelner Beschäftigter abbilden und nachvollziehen zu können. sichere Arbeitsverhältnisse und planbare Karrierewege. die Organisation und ihre Einheiten informatorisch zu durchdringen. Charakteristisch waren dabei vor allem enge Vertrauensbeziehungen zum Management. Entscheidungshorizont der Beschäftigten zu konstruieren. Gerade die bisher privilegierten Beschäftigtengruppen werden nun zu einem zentralen Gegenstand betrieblicher Rationalisierungsstrategien. dass diese vermarktlichten Unternehmensstrukturen auf Informatisierung und ausgereiften Informationssystemen beruhen. Heute hingegen deutet sich hier ein manifester Wandel an. die insbesondere einen veränderten strategischen Umgang des Managements mit den Hochqualifizierten beinhaltet. sondern »die Zeit der Stammplatzgarantien ist vorbei« (Boes/Trinks 2006). Exemplarisch vollzieht sich diese Entwicklung in der IT-Industrie. Letztendlich ist man bestrebt. Erst diese erlauben es. So verändern sich für die betroffenen Beschäftigten die Arbeits. Nur so gelingt es schließlich.Lohnarbeit reloaded 95 mer genauere Informationen in möglichst differenzierter Form über alle Unternehmenseinheiten zu generieren.

Arbeit erscheint auch diesen Beschäftigtengruppen immer mehr als ein »bedrohtes und zerbrechliches Privileg« (Bourdieu 1998) oder . 5. sondern vielmehr eine Ausweitung der Sphären »normaler« kapitalistisch verfasster Lohnarbeit. Unsicherheit und Konkurrenz zur dominierenden Erfahrung abhängig Beschäftigter. Gleichzeitig werden dabei. Perspektiven sozialer Auseinandersetzungen Die hier skizzierten Entwicklungen zeigen die gravierenden Folgen der Informatisierung von Arbeit und die daraus resultierenden Konturen einer Arbeitsgesellschaft »im Übergang« (Sauer 2005).a. Dies betrifft insbesondere die Arbeitssituation von Hochqualifizierten. sondern vielmehr die neue Allgegenwärtigkeit von Unsicherheit. der sich selbst hochqualifizierte Beschäftigte nicht mehr entziehen können (vgl. auch Bultemeier u. Beispielsweise haben die Veränderungen in der IT-Industrie zur Folge. Die Haltung. Damit werden auch für die Hochqualifizierten und die modernen Informationsarbeiter die Bedingungen »normaler« Lohnarbeit immer mehr zur greifbaren Realität und Handlungsgrundlage. 2006) .96 Andreas Boes/Tobias Kämpf mehr als zuverlässiger Garant für Beschäftigungssicherheit erlebt. Gerade ältere Beschäftigte spüren hier zudem die rasante technologische Entwicklung und die immer kürzer werdende Halbwertszeit ihres Wissens und ihrer Qualifikation. Aus dieser Perspektive erscheint auch die Diskussion zum Thema Prekarisierung (Castel 2000. 2005. Brinkmann u. Arbeit wird dann zum einen weniger als »kreative Selbstverwirklichung« .als »Gnade. Dabei erleben wir keineswegs ein »Ende der Arbeit«. Candeias 2004b) in neuem Licht. vom Unternehmen unabhängige In- . sondern in erster Linie als Sicherung der materiellen Existenz. dazu Boes u. 2006). nicht zuletzt unter dem Eindruck der Globalisierung. 2005. dass von den Beschäftigten Interessengegensätze in neuer Qualität wahrgenommen und reflektiert werden. einen Arbeitsplatz zu haben. Zum anderen wird es kaum noch als Selbstverständlichkeit erfahren. durch Bitten erlangt«.a. sich als »Arbeitnehmer« zu begreifen und darauf aufbauend eine eigenständige. Weniger die Entstehung verschiedener Zonen von prekärer und nicht-prekärer Beschäftigung bestimmt dann die Entwicklung. Damit eröffnen sich neue Widerspruchskonstellationen und Konfliktlinien.erlebt. Dörre 2005.a.wie noch zu Zeiten der New Economy suggeriert (vgl.im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks prekär .

mittlerweile ihren vormaligen Exotenstatus verloren (Boes/Trinks 2006). alte lineare Proletarisierungsthesen wieder neu aufzuwärmen. Die Entstehung wechselseitiger Solidarität ist dabei allerdings keineswegs a priori ausgeschlossen. deren Kultur Konflikte lange Zeit tabuisierte. Dennoch wäre es grob vereinfachend und zu kurz gegriffen. Folgerichtig wäre dann von einer weiteren Fragmentierung von Erwerbstätigen und einem Aufleben »ständischer« Formen der Interessenvertretung auszugehen.trotz aller Differenzen . hat selbst in dieser Branche. Mit Blick auf Globalisierung drohen dann zudem eine Ethnisierung von Konflikten und eine Beschleunigung einer weltweiten Standortkonkurrenz. Mögliche Szenarien bewegen sich zwischen den Polen »inklusiver Solidarität« und »exklusiver Solidarität« (Kurz-Scherf/ Zeuner 2001). Ein Modell exklusiver Solidarität würde darauf abzielen. eine solche Einheit in der Praxis zu konstruieren . Zu groß bleiben »auf der Oberfläche« zunächst die Unterschiede in Arbeits. .und Lebensbedingungen (z.gleichzeitig haben freilich unlängst die Massenproteste in Frankreich gegen das CPE das Potenzial und die Dynamik einer solchen zeitgemäßen Form von Solidarität vor Augen geführt. Demgegenüber würde ein Modell inklusiver Solidarität die allgemeine und übergreifende Erfahrung von Unsicherheit aufgreifen und darauf aufbauend die Gemeinsamkeit von Interessen . Privilegien der eigenen Gruppe gegenüber anderen Lohnabhängigen zu »verteidigen«. zwischen einer prekär Beschäftigten und einem Software-Entwickler).Lohnarbeit reloaded 97 teressenperspektive zu vertreten.B. Gleichzeitig basieren die neuen vermarktlichten Kontrollstrukturen auch auf einer tendenziellen Fragmentierung der Belegschaften und einer permanenten Konkurrenz zwischen den Lohnarbeiterinnen. Vor diesem Hintergrund ist von einer komplexen Dynamik und Entwicklungslogik künftiger sozialer Konflikte auszugehen.betonen. zu unterschiedlich sind auch die jeweiligen Kulturen verschiedener Segmente der Lohnabhängigen. Sicherlich wird man auf zahlreiche Hindernisse und Barrieren stoßen.

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Die Machtspiele und Spielregeln im ökonomischen Feld. nicht zuletzt durch Finanzinvestoren und Shareholder gegenübersähen. so eine von vielen geteilte Beobachtung. spricht von einem neuen »flexibel-marktgesteuerten Produktionsregime« (Dörre 2002) und markiert darin die flexible Arbeitsweise als einen zentralen Bestandteil. dass Arbeitskräfte in den Betrieben zum Puffer der steigenden Flexibilitätsanforderungen würden.Stefanie Hürtgen Globalisierungskritik statt Modellanalyse Das Beispiel der Elektronik-Kontraktfertigung in M i t t e l . marktzentrierten Kontrollmodus. zugunsten des »wiederaufgeladenen Kapitalismus«. so Dörre (2003). Begriffe hin und herzuwenden und dann zu verabschieden. Solche Befunde sind anregend. Modellierungen sind sicherlich sinnvoll. wenn sich politische Ansprüche an wissenschaftliches Forschen stellen. Das Ergebnis. woanders wird dies als »indirekte Steuerung« oder auch »Vermarktlichung« von Produktion und Arbeit bezeichnet (Sauer 2005). gerieten unter die Regie eines qualitativ neuen. Das gilt auch für die Fragestellung. doch muss man dieser kurzlebigen Wissenschaftsmode. Anregend erscheinen sie mir vor allem dort. ob man von einem neuen Modell von Kapitalismus sprechen könne. denen sich die Unternehmen. Das ist schade. Die »Globalisierung« wurde dann wieder entfernt. sondern der soziale Zusammenhang des Kapitalverhältnisses auch und gerade in der Lohnarbeit zu einem zentralen Bezugspunkt wird. wo nicht eine unternehmerische Organisationsform ins Zentrum gestellt wird (»Netzwerkkapitalismus«). zumal dann nicht.und Osteuropa Globalisierung statt Modell Der Kongress »Kapitalismus reloaded« hatte zwischenzeitlich den Arbeitstitel »After Globalization«. sie in einem »Modell« begrifflich zusammenzufassen dient der gedanklichen Präzisierung und Selbstvergewisserung . sei. denn zwar gilt die Globalisierungsproblematik in der Wissenschaftsdiskussion mittlerweile als veraltet. keineswegs folgen. Klaus Dörre bspw. um die gesellschaftlichen Veränderungen auf den Begriff zu bringen.

der immer schon international gedacht ist. der vor kurzem noch getätigten Produktionsansiedlungen. erleben: nicht einfach Modernisierung von Technologie. Ich schlage also vor. um an ihrem Beispiel generelle gewerkschaftspolitische Überlegungen zu diskutieren. gerät in Konflikt mit dem. Das wesentlich Neue am postfordistischen Kapitalismus scheint mir die ständige Umwälzung der Grundlagen der Produktion zu sein.sondern gleichzeitig die ständige Infragestellung der eben noch verfolgten Strategien. aus dem theoretischen Werkzeugkasten die »Globalisierung« wieder hervorzuholen. das zudem noch häufig als nationales gedacht wird (Rheinischer Kapitalismus etc. nationale wie länderübergreifende Neuorganisierung von Lohnabhängigen bedeutet. aber im Gegensatz zum »Modell« legt sie den Schwerpunkt auf einen Prozess. . allerdings destruktive Beziehung zwischen ihnen: internationale Konkurrenz. Die so verstandene Globalisierung als permanente Restrukturierung soll am Beispiel einer spezifischen Zuliefererindustrie illustriert werden. was wir aktuell. was mir das zentrale Kennzeichnen des gegenwärtigen Kapitalismus zu sein scheint: dass nämlich insbesondere im Bereich Arbeit eine Stabilität von Reproduktion systematisch immer weniger gegeben ist. das die ständige.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 105 und damit der theoretischen Debatte.B. 1 In diese Richtung geht auch die Einschätzung von Frieder Otto Wolf (2006). internationale Restrukturierung von Wertschöpfung und Intensivierung von Arbeit . Er beschreibt meines Erachtens sehr treffend.). Haipeter 1999). und zwar eben länderübergreifend. der jüngst noch vorgenommenen Investitionen. Sicher auch kein optimaler Begriff. in einem Ausmaß. Präziser schlage ich vor. Im Resultat entsteht eine prinzipielle Unsicherheit in der sozialen Existenz von Arbeitskräften sowie eine qualitativ neue. der Kontraktfertigung. 1 Doch die theoretisch-gedankliche Fixierung veränderter Arbeitsbedingungen in einem Modell. den zugegebenermaßen sperrigen Begriff der Globalisierung als »permanenter Restrukturierung von Wertschöpfungsketten auf internationalem Niveau« wieder in die Debatte zu holen (z.

weil sie Produktion als Dienstleistung organisiert und dabei weit über übliche Teile-Zulieferung hinausgeht. Wilhelm Schumm und Martina Sproll. Peter Pawlicki. Von Silicon Valley nach Shenzhen. bspw. Zum Projekt gehörten Boy Lüthje. heute ist dieses Produktionssegment von internationalen »Weltmarktfabriken« mit mehreren zehntausend Beschäftigten dominiert. Globale Produktion und Arbeitsteilung in der IT-Industrie. den Markenherstellern. Welche der Dienstleistungen von den Kunden. variiert. Die Projektergebnisse sind veröffentlicht in: Stefanie Hürtgen/Boy Lüthje/Wilhelm Schumm/Martina Sproll. zur Bestückung von Leiterplatten.h. 2 . zur Endkonfiguration der Produkte (Bespielen mit Software. Anlagen und Know how zur Produktion von Plastikgehäusen (bspw.106 Stefanie Hürtgen Kontraktfertigung in Europa 2 Kontraktfertigung ist als internationale Produktion vergleichsweise jung. Doch die Dienstleistung umfasst längstens viele »immaterielle« Bereiche. in Anspruch genommen wird. für Drucker oder Handys). aber auch Kapazitäten des Managens ausgedehnter globaler Produktionsketten oder logistische Leistungen in einzelnen Fertigungsregionen. sondern Kapazitäten: sowohl Maschinen. d. egal. Waren an. Obwohl diese Kontraktfertiger einen großen Anteil an der Elektronikproduktion haben (im Schnitt spricht man von 30%) und seit Beginn der 1990er Jahre auch in Westeuropa tätig sind. Verpackung etc. zum Herzstück gehört typischerweise die Leiterplattenbestückung. ob es sich um Leiterplatten für Industriecomputer oder für Minikameras handelt.und Westeuropa sowie eigenen Recherchen. durchgeführt im Rahmen meiner Mitarbeit in einem von DFG geförderten Projekt. die nach just-in-time organisierte Lagerhaltung oder von Logistikcentern zur punktgenauen Auslieferung der Markenwaren an Warenhäuser oder Auslieferungszentren. bis hin zur Eruierung der günstigsten Zollbestimmungen bei der Einfuhr von Geräten oder Vorprodukten aus Fernost. sind sie der hiesigen ÖffentDie folgenden empirischen Daten basieren auf umfangreichen Interviews mit Managern und Gewerkschaftern und mehreren Diskussionsrunden mit Gewerkschaftern in Ost. Ende der 1980er Jahre waren Kontraktfertiger noch kleine Firmen in den USA.). Die Großunternehmen bieten keine Produkte bzw. Frankfurt/New York 2007. Kontraktfertigung gilt als spezifische Form einer Zulieferer-Industrie. im berüchtigten Silicon Valley (Lüthje 2001). denn gerade hier erreichen die Kontraktfertiger einen Kostenvorteil durch Konzentration der Aufträge von mehreren Kunden: die Bestückung ist in der Art der Herstellung ein recht unspezifischer Produktionsschritt.

Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 107 lichkeit auch dem Namen nach. die sie von den Markenherstellern in Westeuropa übernahmen. Das Zulieferprodukt soll im Markenartikel verschwinden. Für die Kontraktfertiger wiederum erhöhte sich nicht nur die Anzahl der Produktionsstätten. »besseres« Produkt erfolgreich auf den Markt bringt. auch in der Lage sein muss. als hervorragender Standort und explizit als Alternative zu den bisherigen westeuropäischen Niedrigkostenregionen.sagen wir . was die Volumina der Zulieferung betrifft. die mit den Namen Hewlett Packard. soll nicht wissen. Die Nachfrage nach Computern. sie heißen bspw. Die Markenhersteller bemühten sich nun. Und in der Tat war der Boom der New Economy auch ein Boom der Kontraktfertigung in Europa. Flextronics. Erst ab 1997 begann der Ausbau von Produktionsstätten in Osteuropa. Letzteres bedeutet. sich im ausdehnenden Markt nachhaltig zu platzieren. Zu Beginn der 1990er Jahre hießen die aber noch Nordengland und Irland. sich besser auf die Entwicklung neuer Produkte und Technologie-Standards zu konzentrieren. ihre Kunden besonderen Wert darauf. Celestica oder Solectron. zweitens ein hohes Maß an Flexibilität. Denn. Siemens oder Philips nichts zu tun haben. Kontraktfertiger versprachen in dieser Situation einer scharfen Konkurrenz im Wachstumsmarkt vor allem drei Dinge: erstens eine Verbilligung der Produktion. sondern nun erschien auch Osteuropa auf der Bühne der Unternehmensstrategien. . Anfang der 1990er Jahre begannen die meist US-amerikanischen Kontraktfertiger. Auch bis dahin noch in Sachen Auslagerung zurückhaltende Unternehmen vergaben nun Produktionen: Alcatel an Flextronics. und drittens eine Entlastung. zum einen über Preiskonkurrenz. wenig bekannt. der Endkunde. dass es zu . Nokia an den einzigen großen europäischen Kontraktfertiger. wuchs enorm. dass die Zusammenarbeit möglichst wenig bekannt wird. Elcoteq. Produktion extrem kurzfristig hochzufahren. dass wer ein neues. Spielkonsolen. Produktionsstätten in Westeuropa zu übernehmen: das IBMLeiterplattenwerk in Bordeaux (Frankreich) oder die Siemens-Produktionsanlage in Paderborn (BRD). zum anderen über die immer schnellere Abfolge von »Produktgenerationen«. Von Anfang an hatten die Kontraktfertiger auch Niedrigkostenregionen im Blick. um Extraprofite zu realisieren. Im Unterschied nämlich zu Marken-Zulieferern im Automobilbereich wie Bosch legen die Kontraktfertiger bzw. vor allem aber Handys. die es den Markenherstellern erlauben sollte. Motorola an Flextronics und Solectron. Dieses Jahr markiert den beginnenden Boom der »New Economy«.50-80% aus Zulieferungen besteht. also der Konsument.

muss Kontraktfertigung stets als modernste Produktion. die Steuererlässe seien bis zu zehn Jahren und oft darüber hinaus enorm. Massenentlassungen kein Problem. Richtig ist auch: Um die Dienstleistungswünsche ihrer Kunden befriedigen zu können. solange die Löhne im Osten niedriger seien. ist Elcoteq mit rund 5. sondern vor allem die fast vollständigen Steuernachlässe. organisiert sein. in Richtung einer Angleichung der osteuropäischen Wirtschaften an westliche ökonomische Effizienz und westlichen Wohlstand. Die bürokratische Abwicklung laufe namentlich in Ungarn schnell und unkompliziert. günstige Bodenpreise. die wirklich billigen Löhne und Steuervorteile fände man in Osteuropa. wirkten. In Ungarn wird Flextronics mit insgesamt 25. Die Standortfaktoren. Das bedeutet. der Hauptstadt von Estland. in Tallinn. wobei nicht nur die Löhne.siehe unten). die Leute gut ausgebildet und arbeitsam (wobei die Ungarn als arbeitsamer als die Polen dargestellt wurden und die Ukrainer dann später wiederum als fleißiger als die Ungarn . die immer noch die Basis der uns seit Jahren verfolgenden Standortdebatte darstellen. schnelle. Neoklassische Argumentationen. die . gemeint sind. wonach die Produktion den günstigen Löhnen und Steuern folgt. W a r u m ist Kontraktfertigung ein Beispiel für Globalisierung? Z w e i typische Argumente und eine eigene Antwort Inwiefern lässt sich nun von Kontraktfertigung als einem Beispiel für Globalisierung von Produktion sprechen? Diese Frage ließe sich verschieden beantworten.000 Beschäftigten bald zum größten Privatarbeitgeber. die Osteuropa anbieten kann. insbesondere im technologischen Sinn. unternehmensfreundliche Abwicklungen etc. würden in dem Aufbau hochmoderner Produktionsstätten einen Ausdruck für eine Ausgleichsbewegung sehen.108 Stefanie Hürtgen so das Management in dieser Zeit fast unisono: Nordengland sei längst zu teuer. als Motor für Modernisierung.000 Beschäftigten größter Arbeitgeber und größter Exporteur des Landes. in Polen beschäftigt dasselbe Unternehmen im Durchschnitt einige tausend Leute. Die Kontraktfertiger kalkulierten mit Osteuropa klar als Niedrigkostenstandort. mehr Menschen als im gesamten Umland. Ab 1997 entstehen in kurzer Zeit eine Reihe von Produktionsstätten mit mehreren tausend Beschäftigten in Ungarn. so die Annahme. Diese Version ist nicht gänzlich falsch. Polen und Rumänien. Westeuropa stehe unter Kapital-Abwanderungsdruck.

3 . mitunter werden sogar auch auf den eigenen Bedarf zugeschnittene Ausbildungszentren geschaffen.und Software-Entwicklungszentren in Osteuropa.u. dass die Arbeitsbedingungen in dieser Hinsicht vergleichsweise gut sind (s. als Anfahrtswege zum Werk. Allen Wünschen regionaler Cluster-Bildung zum Trotz bleibt die Ausstrahlungskraft der Investitionen auf die Region (im Fachjargon: spill-over-effect) gering. über zentrale Flughäfen (z.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 109 Produktionsstätten von Elcoteq. die stets im Munde geführt wird. Richtig ist weiterhin: Nahezu alle untersuchten Produktionsstätten von Kontraktfertigung in Osteuropa (insgesamt 15) basieren auf Verlagerungen: Produktion von Schweden nach Polen.B. oder es entstehen lose Kooperationspartnerschaften zu benachbarten Ingenieursschulen. die Kantine. wie sie verbreitet noch mit »Niedriglohnarbeit« in Verbindung gebracht werden. Im Gegenteil: Die zumeist neuen Gebäude sind hell. Bauteile und Leiterplatten werden aus Asien geliefert. Flextronics etc. Zwar werden mitunter Straßen gebaut. er umfasst zumeist wenig entwickelte Bereiche wie die Zulieferung von Papier zur Verpackung oder den CateringService bzw. so sehr wünschen.). Motorola in Krakow etc. dass ausländische Elektronikhersteller nicht längstens Forschungs. er passt auch auf die untersuchten Fälle. in denen die Standorte oft angesiedelt sind. Polen. zumeist mit dem Flugzeug. In der Tat sind die Standorte der Kontraktfertiger in Osteuropa (wie anderswo auch) nicht lokal eingebunden. geschaffen hätten: Intel in Gdansk. Deren abermals nicht sehr weitreichende regionale Auswirkung wäre hier ein anderes Thema. Doch es passiert genau das nicht. von Finnland nach Estland. was zum Beispiel heißt: sie sind leise und haben weitgehend gute Umweltvorrichtungen wie Abzugsvorrichtungen für Dämpfe. die Maschinen modern. sondern international. z. Andererseits aber bedeuten die hochmodernen ausländischen Standorte in Osteuropa keineswegs die wirtschaftliche Modernisierung der Länder und Regionen. Für das Gebiet der ehemaligen DDR ist der Begriff der »Kathedralen in der Wüste« geprägt worden. In der Tat sprechen Beschäftigte und Gewerkschafter dieser Länder davon. Schipohl bei Amsterdam) an die einzelnen Werke Das bedeutet nicht. haben wenig gemein mit dunklen Klitschen und veralteten Maschinenparks.B. von Spanien und England nach Ungarn. Wirtschaftsstrategen und Leiter der Sonderwirtschaftszonen. und weswegen sie gerade für die Ansiedlung der hochmodernen Elektronik-Multis werben: eine Vernetzung der High-Tech-Produktion mit heimischen Kapazitäten. was sich nicht zuletzt lokale Politiker. 3 Der Anteil lokaler Zulieferer für die Produktion der Kontraktfertiger liegt bei mageren drei bis fünf Prozent.

Das Phänomen der Auslagerung von Produktion wird quasi verallgemeinert hin zu einer Überbewertung des Virtuellen. Auch die Produkte selbst haben wenig mit heimischen Märkten zu tun: der Exportanteil der Kontraktfertigungsstandorte in Osteuropa liegt zumeist bei 95% oder darüber. die gern als das Neue des gegenwärtigen Kapitalismus bzw. bei weitem nicht erschwinglich. verpackt und entweder direkt an die Endkunden (Großmarktketten. um Diebstahl zu verhindern. aber auch innerhalb Osteuropas. des Internets. hier werden innerhalb eines Unternehmens Produktionsvolumina hin und hergeschoben (zum Beispiel zwischen Estland und Ungarn oder zwischen Ungarn und Polen). von der grundsätzlichen Problematik dieses Begriffs einmal abgesehen. der weltweiten Kommunikation. Handys zum Beispiel sind für die meisten Beschäftigten. die sie produzieren. Der Kontakt zum Kunden erfolgt in einem kurzfristigen oder auch permanenten Austausch in internationalen Teams oder »Boards«. man produziert hauptsächlich für den westeuropäischen Markt. so sind es auch die unternehmensinternen Kommunikationen und Kooperationen: Um die Produktion reibungslos zu gewährleisten. die heute den wichtigsten »Rohstoff« darstelle. Kurz: die Kontraktfertiger sind nicht national oder lokal. zugleich eng und höchstflexibel zusammenarbeitende Unternehmensorganisation meint. sondern international eingebunden. hochflexiblen Unternehmensnetzwerken. Doch die Metapher des Netzwerkes steht für mehr.110 Stefanie Hürtgen verteilt. Warenhäuser) oder ins zentrale Auslieferungszentrum (häufig ebenfalls in Osteuropa) transportiert. Dem widerspricht schon . sind gering. vornehmlich auf Information und Kommunikation beruhenden »leichten« Netzwerk. besteht häufig ein ständiger Kontakt zu westeuropäischen Werken. dort weiterverarbeitet. aber auch Arbeitskräfte verliehen. von Globalisierung angesehen wird: Globalisierung bedeute heute die Entstehung von weltweiten. Sind Zulieferer und Auslieferungsbeziehungen in erster Linie überregional. Dieser Darstellung kann zugestimmt werden. nämlich für die Ablösung alter Hierarchien zugunsten »flacher« Entscheidungsstrukturen. wenn man damit eine weitverzweigte. Diese Darstellung einer internationalen. hohe Flexibilität und nur gemietete LKWs konkurrieren). und nicht lokalen Einbindung der Standorte geht in eine zweite Richtung. mehr noch: sie steht häufig für ein Abwerfen des Ballastes der Produktion hin zum virtuellen. Maschinen. was betriebsorganisatorisch einigen Aufwand zur Überwachung bedeutet. die ökonomischen und sozialen Modernisierungseffekte. Die Auslieferung über L K W erfolgt durch westliche Speditionsfirmen wie Kühne&Nagel (in Rumänien können einige kleinere Speditionsfirmen noch über sehr geringe Löhne.

Doch im Durchschnitt liegt der Anteil von zumeist auf Kontraktfertiger ausgelagerter Produktion bei »nur« 30% und trotz vieler frohlockender Prognosen gibt es auch den Trend der Rückverlagerung: Motorola z. geben also vor. die bislang vergleichsweise »auslagerungsresistent« und trotzdem erfolgreich sind. als die Absatzzahlen plötzlich einbrachen. den Produktionsprozess der Kontraktfertiger bis ins Detail zu kontrollieren. sondern sie binden mitunter auch die Auftragsvergabe an Standortentscheidungen. holte eine kleinere Fertigungsserie aus Polen zurück an den deutschen Standort in Flensburg (allerdings um sie alsbald nach China zu verlagern. Das Modell . Kameras. Kontraktfertiger produzieren. Hier wurde besonders deutlich: die Kontraktfertiger fungieren als Produktionspuffer einer von den Markenherstellern selbst schlecht zu kalkulierenden Marktentwicklung. Für die Arbeitenden heißt das rigide Bandarbeit. das Pendant zu Auslagerung.trotz hoher Flexibilität . nämlich als Massenfertigung. die in hoher Konkurrenz untereinander steht. Fernseh. Die Kunden machen nicht nur rigide Vorgaben hinsichtlich der Herstellung eines gewünschten Produktes oder einer Leistung. diese Kosten auf ihrer Kontraktfertiger abzuwälzen). auch »das Netz« bleibt . zum Beispiel eines Telefons . Gruppenarbeit. wird nicht zuletzt deutlich in der Krise der Elektronik-Branche. Doch auch aus Sicht der auslagernden Markenhersteller ist das Bild eines produktionslosen. die Kernkompetenz heute sei das »industrial design«. Zwar erzählten uns Manager in den Interviews immer wieder.ein hierarchisches: zwischen Kunden und Kontraktfertigern besteht eine klare Abhängigkeit.und Videospielgeräten sitzen bleiben soll (den Markenherstellern gelang es dann weitgehend.B. Formgebung etc. handfest und in hoher Stückzahl.).und motivationsabhängigem Leistungslohn). Wie handfest dieses hierarchische Moment an Produktionsaufträge und ihre Bezahlung gebunden ist. wie viele ostasiatische Hersteller. s. der kaum ein Teil selbst produziert. wer nun auf den zigtausenden Handys. also Farbe. Druckern.u. sehr hohe Anteile von gewinn. gewürzt mit institutionalisierter Stimulation der corporate identitiy (Schautafeln über die Kundenzufriedenheit. Zudem gibt es Unternehmen. leichten Netzwerkes eher eine Vision denn Realität. die ab 2001 einsetzte: Ein großer Streitpunkt zwischen Markenherstellern und Kontraktfertigern war im Herbst 2001. wo Kontraktfertiger (künftig) produzieren sollen.Globalisierungskritik statt Modellanalyse 111 einmal der hier betrachtete Gegenstand: Kontraktfertiger sind ja genau der »Bodensatz an Produktion«. auch gibt es Unternehmen wie den Computer-Hersteller Dell. Doch nicht nur die Produktion.der »Rest« müsse ausgelagert werden. sie haben nicht nur weitreichende Möglichkeiten.

Deutlich wird dies schon bei der Ansiedlung der Kontraktfertigungsstandorte in Osteuropa.u. also Europa und einige arabische Staaten sowie Israel. teilweise der Verkleidung mit Plastik. die alle Jahre eine neue optimale Unternehmensstruktur (best practice) zum neuen.wenn auch sehr verbreitete . z. 4 .und Osteuropa) die Funktion eines besonders flexiblen und zugleich besonders kostengünstigen Massenproduktionsstandortes. in Ungarn entstanden.unternehmerische Organisationsform. 4 Was kann nun als neue Qualität der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung angesehen werden? Meines Erachtens ist dies die Tatsache. Hewlett Packard hatte ebenfalls in Ungarn das Auslieferungszentrum für bestimmte Drucker für den Raum »HP Europe«. noch operationsunfähigen »dummen Handys« (dummies) ihren Test. dass Produktion nicht einfach umverteilt wird.und Handelsbereich erweitern. Sie sind vielmehr mit spezifischer Funktionalität ausgestattete Bestandteile eiHier wird vielmehr »der rasche Verschleiß immer neuer >bester Praktiken< selbst zum Programm« (Dörre 2002: 399).112 Stefanie Hürtgen Kontraktfertigung ist also nur eine . der Management-Literatur zu folgen. Mit anderen Worten: Auslandsstandorte sind nicht einfach Dependencen der Heimatfirmen.).und runterzufahren war und der zugleich in räumlicher Nähe zum europäischen Markt lag. eines der besten der Welt.B. die den Produktions.und Auslieferungszentren. die z. Besonders gut sichtbar wird die Realisierung dieser Funktionalität in großen Endkonfigurations. Der Handy-Hersteller Sony-Ericsson hatte bis vor nicht langer Zeit in der ungarischen Stadt Sarvar sein weltweites Auslieferungszentrum. sich gegen die Konkurrenz zu behaupten. und auch sie ist mittlerweile durch ein neues Modell der Auslagerung infragegestellt (s. wie der Manager versichert. In der Situation eines außerordentlichen weltweiten Wachstums bekamen die MOE-Standorte (Mittel. Vielmehr besteht das Neue in einer Umorganisation von Produktion. mit der versucht wird.und von der kein Ende auch nur absehbar ist. indem sie sich »ausdehnt« (internationalisiert) oder indem sie »ausgelagert« wird auf Zulieferer wie Kontraktfertiger. der Globalisierung angemessenen Modell der Unternehmensführung erklärt. wo auch großvolumige Produktion kurzfristig und kostengünstig hoch. die international ist .B. einer Restrukturierung. die Produktion bestand hier in der Konfiguration und Software-Bespielung der aus Asien eingeflogenen. Man sollte also nicht dem Fehler verfallen. dann der Verpackung und Auslieferung in alle Welt.

nicht weltweit. während in Westeuropa die höherwertige Produktion und vor allem Produkteinführung angesiedelt ist. 5 . Im Resultat waren die meisten Standorte in einer Dauerkrise. Die Vorstellungen. Kapital neu konzentriert. Auch die »Führung« der Betriebe. dass dieser Vorgang in keine stabilen Produktionsbeziehungen mündet. die internationalen Abläufe umorganisiert werden etc. Dann müssen vorherige Beziehungen gekappt. die sich schnell umorganisieren können muss. wenn von hier aus auch die zentrale Auslieferung reibungslos funktionieren sollte. findet nun eigenständig vor Ort statt. der Produkteinführung und vor allem logistische Kompetenzen hinzu (die wiederum aus westeuropäischen Standorten abgezogen wurden). solange bis diese wiederum »eigenständig« sind. Das »musste« gewissermaßen geschehen. in Osteuropa nur einfache Massenproduktion zu konzentrieren. nicht europäisch und nicht national. ihre Kapazitäten erweitert. Vor allem aber: Nach dem Platzen der »New Economy-Blase« im Herbst 2001 zerrann den in Osteuropa tätigen Managern (selbst häufig aus Schottland.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 113 ner weltweiten Unternehmenskonfiguration. wenn sich die Anforderungen für die Unternehmen ändern. Russland) übernehmen. wurde faktisch revidiert: die osteuropäischen Standorte wurden nach kurzer Zeit stark aufgewertet. Während in Westeuropa aus diesem Grund viele Standorte der Kontraktfertigung geschlossen wurden (in Frankreich gibt es innerhalb von drei Jahren von sechs Großstandorten der Dieses Bild wiederholt sich innerhalb Osteuropas.und die Kontraktfertiger verloren fast alle Großkunden bzw. weiter östlich (zum Beispiel in Sankt Petersburg. Im Resultat entstanden in Osteuropa logistisch und operativ eigenständige Standorte 5 (wohlgemerkt: Eigenständigkeit im Rahmen einer internationalen Unternehmenshierarchie. die eigenständige Auswahl von Zulieferern quasi ausschließt). deren Großaufträge. Die MOE-Standorte waren also keine »verlängerten Werkbänke« bzw. sie blieben es nicht: zu den ursprünglich aufgestellten Produktionshallen mit ihren langen Montage-Bändern oder Pressmaschinen gesellten sich mehr und mehr Funktionen des Tests. 1997 bis 2001 deutlich. wo ältere Standorte für eine gewisse Zeit die »Führung« der neueren. anfänglich noch von Westeuropa aus gesteuert. Österreich oder Deutschland kommend) die Idee von Osteuropa als dem Herz einer flexiblen Massenproduktionsstätte unter den Fingern. Die Crux ist nun. der Wartung. Der Absatzmarkt der Markenhersteller brach ein . Dies wird schon in der Zeit des Booms. in diesem Fall der Bedarf nach kostengünstiger Produktion aus lokaler Nähe zur Belieferung vor allem von Westeuropa. die bspw.

Massenentlassungen fanden zwar auch hier statt. Auf den Druck durch zusammenbrechende Märkte bzw. Durch Ausrichtung auf angrenzende Länder wie Rumänien oder die Ukraine gelang es mitunter. (BenQ hatte bereits zuvor Handys für Tchibo. was Foxconn nicht macht! Und es gibt keinen Preis. Im Unterschied zu den Kontraktfertigern bieten ODM-Unternehmen eigene Design-Produkte unter eigenem Namen an. aber Osteuropa profitierte weiter von Verlagerungen aus Westeuropa. konnten die meisten osteuropäischen Standorte überleben. Foxconn ist ein solches ODM-Unternehmen. Zudem tritt aus Asien ein neues Modell der Zulieferung auf die Bühne und macht den Kontraktfertigern enorme Konkurrenz: das ODM (Original Designed Manufacturing). den Preisvorstellungen der Markenhersteller noch einige Zeit zu genügen. die kaum ausreichten. bevor man den . die Kostenspirale innerhalb Osteuropas nach unten zu drehen. Hatte ein Auftrag bis dato mehrere hundert Menschen beschäftigt. Ein Großteil der aus Westeuropa abgezogenen Produktion wurde dorthin verlagert. Wie der Manager eines Computerunternehmens aus England sagte »Es gibt nichts. mittlerweile durch den Kauf der Siemens-Handy-Sparte bekannt. Vor allem aber treiben sie das Prinzip der Verbilligung durch Masse auf bislang unvorstellbare Höhen. so waren das nun ein bis zwei Dutzend. mit prekärem Status und einigen hundert Beschäftigten). wenn sie in China Fabriken mit vielen zehntausend und Ingenieursabteilungen mit mehreren tausend Beschäftigten betreiben. Motorola und Nokia produziert). Allerdings: bei weitem nicht in dem erhofften Ausmaß! Denn in den letzten Jahren war eine neue Konkurrenzregion äußerst attraktiv geworden: China. Osteuropa erhielt vor allem Kleinserien. die Kapazitäten auszulasten. nun wurde die strategische Nutzung der Billigländer innerhalb Osteuropas zur zentralen strategischen Option.114 Stefanie Hürtgen Firma Solectron nur noch einen. sie nicht zu nehmen«. abgezogene Aufträge und die neue Konkurrenz aus Fernost reagierten die in Osteuropa tätigen Manager mit dem Versuch. auch wenn sie in einer andauernden Krisensituation steckten. Bereits zuvor war die Verschiebung der Produktion zwischen Standorten in einem Land oder länderübergreifend gang und gäbe. Die Standorte wurden logistisch und technologisch damit weiter anspruchsvoller. Ein anderes solches ODM-Unternehmen ist BenQ. Kurz: die weltweite Konkurrenz um Absatz und Marktführerschaft übersetzt sich hier in konkurrierende Modelle der (weltweiten) Zulieferung.es wäre verrückt. Der Trend nach der Krise 2001 hieß: Verlagerung in den Osten des Ostens. den sie nicht unterbieten würden .

wenn auch mit Indizien angereicherte . Dies galt schon zu Zeiten des Booms. an einen neuen Zulieferer. das sei mittlerweile das Schwerste. denn die permanente Unsicherheit der Auftragslage übersetzt sich für sie in permanente Unsicherheit der eigenen Arbeitssituation. Erfolge dieser Strategie sind bislang nicht spektakulär. . gezielt werden neue Standorte in Rumänien. um bei Auftragsstornierungen kurzfristig entlassen werden zu können.bis der Auftrag schließlich nach China. ging. deren Produktion in nur zwei Jahren innerhalb des Kontraktfertigers Flextronics zunächst von West. gewerkschaftliches Handeln für eine Zeitlang einstellen kann. so das Management. Dies ist der Fall bei den schon oben angeführten HP-Druckern. und diese Länder bewusst als Alternative zu Fernost platzieren.Spekulation. Das Erzähl-Karussell soll an dieser Stelle angehalten werden. der Ukraine und Russland aufgebaut. Gerade für Europa sei die räumliche und auch kulturelle Nähe ein entscheidender Standortvorteil. Man könnte jetzt noch von neuem Verlagerungsdruck (aus Vietnam. Arbeitsverhältnisse in Osteuropa in der Konkurrenz Was die Situation der Belegschaften in Osteuropa vor allem kennzeichnet. oder wo ungarische Arbeitskräfte ihre Anstellung verloren.sonst stockt der Produktionsprozess (was in der Praxis häufig genug passiert). Große Konkurrenz besteht auch innerhalb eines Landes. dem inneren China oder Nordkorea) sprechen. Wichtig ist festzuhalten: In der Weltmarktkonkurrenz entsteht kein Modell einer fixierbaren Arbeitsteilung. aber es gibt sie: Rückverlagerungen von China nach Osteuropa. das ist Globalisierung. wenn auch zeitbegrenzten Erfolge beflügeln die Managementstrategien. Davon müsse auch der Kunde überzeugt werden. weil die Produktion auf estnische Standorte verschoben wurde.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 115 Auftrag abgeben musste . wo ein Großteil der Beschäftigten nur befristet eingestellt war. doch das wäre . ist eine umfassende Konkurrenz. und mir scheint. auf die sich bspw. Man wolle sich der Konkurrenz aus Asien stellen. Nur bildet diese Momentaufnahme.entweder an einen Standort des gleichen Unternehmens in Fernost oder an einen ganz anderen Zulieferer dort. Solche. Natürlich müssen zu einem gegebenen Moment die über den Globus in verschiedenen Standorten verstreuten arbeitsteiligen Funktionen zueinander passen . keine auch nur mittelfristige Perspektive.nach Ostungarn und dann weiter in einen neuen Zulieferer-Park in der angrenzenden Ukraine verlagert worden war .

Man hätte da wenig machen können. (Flextronics versprach. Polnische Gewerkschafter aus dem untersuchten Betrieb ar- .wenn auch viel kleinere . denn Überkapazitäten und Konkurrenz aus Fernost sind allgegenwärtig. Zwar liegt hier die Anzahl der Beschäftigten höher.000 Menschen. Einerseits gelingt es Osteuropa. Nur relativ besser geht es den weiter östlicher gelegenen Werken in Ostungarn. höhere Löhne zu fordern (s. damals noch Siemens. dass es Belegschaften und Gewerkschaften schwer haben. denn der eigene Standort stehe schon seit einiger Zeit ständig kurz vor dem Aus. ganze Hallen stehen leer. Rumänien und der Ukraine. weiter an . heute arbeiten dort etwa 3. und die daraufhin erfolgte Stornierung von Aufträgen für Flextronics führten in Ungarn zu mindestens 1. Kurz: Es entsteht gerade seit der Krise 2001 und dem Auftreten neuer Konkurrenz aus Fernost eine enorme Konkurrenz um Produktion und also Beschäftigung innerhalb der MOE-Standorte. wo die Löhne bislang in der Tat niedriger sind als im stärker entwickelten Westungarn. Zu Tausenden wurden Beschäftigte in Ungarn und Polen entlassen. da das Management mit Verlagerung in eine nur 200 km südlicher gelegene Stadt gedroht hätte. Auf einem europäischen Treffen berichtet eine ungarische Gewerkschafterin. Andererseits aber erhöht sich für die MOE-Standorte selbst der Konkurrenzdruck untereinander.000.116 Stefanie Hürtgen schon bei der Frage. Die Beschäftigten von Sanmina SCI in Schottland oder von Solectron in Schottland und Frankreich erlebten einen rasanten Arbeitsplatzabbau. es gab auch einige Werksschließungen (in Polen und Tschechien) und trotz einer . in Polen 10.000 Entlassungen und einer nachhaltigen Gefährdung des Standortes. wo man gehofft hatte. und ein Teil der Produktion findet sich in Ungarn und Rumänien wieder. Mit dem Resultat. die zuvor in Westeuropa erledigt wurden. Die Einführung der 40-Stunden-Woche und der Verzicht auf Weihnachtsgeld und anderes im westdeutschen Standort Kamp Lintfort.Aufträge zu kommen. lange Zeit waren es nur knapp 2. doch kurzfristige Produktionsvergabe nach China steht ebenfalls auf der Tagesordnung. wo sich die Kontraktfertiger überhaupt ansiedeln (in Polen bewarben sich drei Sonderwirtschaftszonen um das Unternehmen Flextronics) und wie viel von ihren Bauplänen dann realisiert wird. Forderungen aufzustellen und durchzusetzen.u. dass sie Schwierigkeiten hätten. mit den Siemens-Aufträgen aus der Krise zu kommen.) Die Konkurrenzsituation verschärft sich in der Krise eklatant.wie es heißt . Lagerräume wurden »umsonst« gebaut.000 Menschen einzustellen.wieder erholten Konjunktur ist die Zukunft eines Großteils der Standorte der Kontraktfertiger ungewiss.). mit zumeist letztendlicher Schließung der Werke.

dass man »denen« in Polen oder Ungarn erst mal beibringen müsse. 6 Neben Solidarisierungsbekenntnissen gerät z.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 117 gumentieren. Solche Worte sind kritikwürdig. dass die polnischen oder slowakischen Arbeitsbedingungen ganz legal zum Standard in Darmstadt. Gerade gegenüber osteuropäischen Lohnabhängigen wird eine Andersartigkeit konstruiert. der DGB-Vorsitzende Michael Sommer immer wieder in die Verteidigungsrhetorik »Wir dürfen nicht zulassen.B. denn dort laufe vieles noch unproduktiv und traditionell. 6 . Lohnforderungen aufzustellen. Umfassende Unsicherheit in Ost und W e s t Westdeutschen Gewerkschaftern und Belegschaften dürften solche Problemlagen bekannt vorkommen. die die Situation der Arbeiter verbessern.400 Euro. Exportweltmeister. Jena oder Kassel werden« (Sommer 2005). es ist schon richtig: Osteuropa ist aus westlicher Sicht eine Niedriglohnregion. sich »in einem Boot« mit osteuropäischen Lohnabhängigen zu sehen. dass sie sich in Zurückhaltung üben müssten. denn sie schaffen nationale Abgrenzungen. jeweils brutto (beide Male kommen Zuschläge etc.und Westeuropa keine Unterschiede mehr gäbe. in den genannten Ländern zwischen 200 und 300 Euro. Vor allem sind sie falsch! Um im Bild zu bleiben: »Wir« haben längst polnische Arbeitsverhältnisse. wie Konkurrenz gedanklich abgewehrt wird. »ordentlich zu arbeiten«. und deutsche Arbeitsverhältnisse finden sich in Polen und der Slowakei. Dieses Bild bedeutet nicht. Stattdessen hört man in den Betrieben der Bundesrepublik viel. hinzu). traditionsreiche Qualitätsarbeit. lieferte Rainer Zoll Anfang der 1980er Jahre in Bezug auf die Arbeitslosen (Zoll 1984). Vor allem die Löhne. dass es zwischen Ost. indem man den Konkurrenten als minderwertig darstellt. ohne den Standort zu gefährden. estnische Gewerkschafter versuchen. Allerdings gibt es bis heute eine weitreichende Abwehr dagegen. bis der Standort über den Berg sei. die es bundesdeutschen Beschäftigten und Betriebsräten wenigstens gedanklich erlaubt. Beim Kontraktfertiger Flextronics liegt der Basislohn für Arbeiter in den Niederlanden bei 1. Insbesondere deutsche Betriebsräte und Gewerkschafter sehen sich nach wie vor auf einem besonderen Platz in der Weltökonomie und in Europa: Spitzentechnologie. die teilweise sogar noch Eine gute Studie darüber. die Konkurrenz von dort abzuwehren.

Nur: Was ist jetzt hier »typisch osteuropäisch«? Die Zahl der Leiharbeitnehmer erreichen auch in den westeuropäischen Kontraktfertigern. kurz: Kontraktfertigung in Osteuropa ist in diesem Sinne hochflexible.000 Beschäftigten und 15 Standorten. sorgen in Osteuropa . der französische Elektronik-Konzern. sie wurde auf die Kontraktfertiger. wie lange die Standorte überhaupt noch existieren. die andauernde Frage. Hochflexible und zugleich unsichere Beschäftigung kennzeichnen die Situation in den meisten Betrieben.verbreitet für Unmut. Richtig ist auch. Nur: die sind . Alcatel. er reicht in den untersuchten Standorten von 30% bis zu 75% der Beschäftigten. moderne Niedriglohnarbeit. war auch in der Bundesrepublik bis vor nicht langer Zeit ein wichtiges Produktionsunternehmen mit 11. heute gibt es noch vier Standorte mit etwa 5. denn mit ihnen lässt sich angesichts der sich dem Westen annähernden Lebenshaltungskosten schwer leben.118 Stefanie Hürtgen unter den regional üblichen liegen. Einstellungen erfolgen in nahezu allen Betrieben und Bereichen fast nur noch befristet. verlagert. dass die Zahl der unregelmäßigen Arbeitsformen sehr groß ist. Wir finden Bereitschaftsdienste und eine kaum zu überblickende Zahl von hochflexiblen. wir finden Diskussionen zur Wiedereinführung des 12-Stunden-Tages. hier wie in Osteuropa.000 von 3. Der Anteil von Leiharbeit im Betrieb liegt verbreitet bei einem Drittel der Beschäftigten und erreicht in einem Betrieb sogar 2. in Kamp Lintfort (damals noch ein Siemens-Standort) diskutierte man die teilweise Wiedereinführung der 12-Stunden-Schicht. die letzte Produktion wurde im Juni 2005 eingestellt. und auch bei Markenherstellern wie Nokia oder Motorola in der Bundesrepublik. Auch in höhergestellten Ingenieursbereichen ist Leiharbeit kein Tabu mehr. ständig wechselnden Arbeitszeitmodellen. zum Beispiel Flextronics. über Betriebsvereinbarungen werden Lohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerungen beschlossen. Der Anteil der Befristung in Osteuropa ist hoch.000 Beschäftigten. Auftragsschwankungen abzufangen. Doch die Unsicherheit an den deutschen Standorten geht weiter: Wird die Entwicklungstätigkeit in Asien neu konzentriert? Soll Berlin bestehen bleiben oder die Tätigkeiten in die Nähe von Erfurt verlagert werden? Als prinzipieller Unterschied zwischen Ost und West bleiben die Löhne. Hinzu kommt ein umfangreiches Segment von Leiharbeit in den Betrieben. das seit der Legalisierung von Leiharbeit in vielen MOE-Ländern im Jahr 2002 enorm anwächst. Mit befristeter Beschäftigung zum Beispiel versuchen die Kontraktfertiger.000 Beschäftigten. Entlassungen konnten trotzdem nicht verhindert werden und über allem liegt.im Gegensatz zu Klischees von dem für jeden Arbeitsplatz dankbaren Osteuropäer . 50% und mehr der Belegschaft.

Auch deshalb nicht.übrigens auch von Steuerdumping . ebenso wie ungarische und estnische. Nicht nur gegenüber französischen Standorten. wo dortige Gewerkschafter unter Druck geraten. stellen polnische Gesprächspartner klar.Samstagsarbeit ist hier längst normal. weil . ohne dass es seitens der bundesdeutschen Betriebsräte auch nur eine größere Kommunikation darüber gegeben hätte . die bundesdeutschen Arbeitsverhältnisse als Vorbild für Europa zu konzipieren. So rankte sich ein Vortrag des ver.300 Euro netto pro Monat. seit vielen Jahren hier beschäftigte Frau mit zwei Kindern. 8 Eine systematische Auseinandersetzung mit Vorstellungen und Forderungen seitens der Gewerkschaftsaktivisten und Betriebsräte in den untersuchten Werken soll hier nicht erfolgen.die Bundesrepublik längst selbst als Lohndrücker in Europa auf den Plan tritt. weil ihnen das Management die hierzulande über Betriebsvereinbarungen üblich gewordene Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche vorhält. auch im Internet zugänglichen Artikel (Hürtgen 2003).und Gehaltserhöhungen sind die deutschen Gewerkschaften bekanntlich Schlusslicht in Europa. Noch einmal: Hier geht es nicht darum. müssten sämtliche Finger anklagend auf die Bundesrepublik weisen« (Hensche 2006: 197).in Europa die Rede ist. 1. das nun aus Osteuropa heraus angegriffen wird und also verteidigt werden muss. Diese findet sich in einem anderen. 1. die Sozialdumping betreibt. In einem namhaften deutschen Markenhersteller bekommt eine angelernte.000 Euro netto wären für polnische Arbeiter schon eine große Erleichterung. wie gemeinhin angenommen. wenn von Lohndumping . 8 Sie seien osteuropäisches Hochlohnland. Verschiedenheiten wegzureden und alles »gleichzumachen«. Nur rechtfertigen diese und andere Differenzen nicht. Tagtäglich bekommen sie zu hören. Gewerkschaftsfunktionäre etc. bislang nur ungern wahrhaben wollen . 7 Gegen die Vorstellungen von »Osteuropa« als einer Niedrigkostenregion wehren sich dortige Gewerkschafter und Beschäftigte vehement. 7 . 1. gerät in jüngster Zeit in den Fokus gewerkschaftlicher Statements. Juni 2006 an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main um dieses Thema und Detlef Hensche schreibt: »Hinsichtlich der Lohn.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 119 auch in der Bundesrepublik schon lange nicht mehr durchgängig so hoch.000 Euro. allen Schichten und Zuschlägen inklusive. Auch gegenüber osteuropäischen Standorten bewirken bundesdeutsche Vereinbarungen »Druck«: Der Widerstand ungarischer Gewerkschafter gegen eine Einführung des Samstags als Normalarbeitstag ging verloren. Die Rolle der Bundesrepublik als diejenige. In Ostdeutschland liegen die Löhne in vergleichbaren Fällen bei ca.was viele Betriebsräte.di Vorsitzenden Frank Bsirkse am 20.

im Süden Ungarns wird die neue Zusammenarbeit mit ausländischen Leiharbeitsfirmen erprobt. das heißt Unplanbarkeit der materiellen und damit sozialen Existenz. es ist ungewiss. ob man die vorgelagerten Tests etc. Auch hier stellt sich das Problem.die Investitionen leider weiter nach Osten wandern müssten. besteht). um sie wenigstens gedanklich noch von sich selbst fernzuhalten. das sollten die vielen einzelnen Schilderungen verdeutlichen. ob ein Investor in die Region kommen wird. ob dort eine Anstellung gefunden wird (zum Beispiel. Die Konkurrenz zu Rumänien. ob nach der Befristung von drei oder sechs Monaten die Anstellung verlängert wird oder nicht. denn diese sei im Betrieb zu wenig integriert und lasse sich zu viel gefallen.wenn hohe Löhne gefordert würden . dass gewerkschaftliche Politik ad hoc als Verteidigung von nationalen Errungenschaften konzipiert wird. denn die serbischen Arbeitskräfte seien billiger als die ungarischen.und Tätigkeitsbereiche weiter hier angesiedelt bleiben. Schon heute fungieren ausländische Beschäftigte aus weiter östlichen Ländern massiv als Lohndrücker. ebenso wie Polen etc. In Nordungarn werden jeden Morgen slowakische Leiharbeiter in die Elektronik-Betriebe von Komárom gebracht. In Estland ist es die russische Minderheit. dass hüben wie drüben die Frage nach den Gemeinsamkeiten in den aktuellen Ausbeutungsverhältnissen nicht systematisch gestellt werden kann. ist groß.auch das ist hier. Lohndruck gebe es prinzipiell. Um den Preis allerdings. Auch auf die einmal vereinbarte Lohnhöhe ist kein Verlass. Es ist ungewiss.120 Stefanie Hürtgen dass . Russland etc. oder wie lange der gesamte Standort oder auch nur einige Produktions. in der Bundesrepublik. bei uns. in Ostungarn sind regelmäßig viele ukrainische Arbeiter zum »Anlernen« vor Ort. wenn auch nicht im untersuchten Kontraktfertiger. Kurz: Die Instabilität in der betrieblichen Beschäftigung wird zu großen Teilen wahrgenommen als Bedrohung »aus dem Ausland« . in einer enormen Unsicherheit der sozialen Existenz von Lohnabhängigen. sie soll und wird häufig nach unten »gedrückt«. die den Gewerkschaftern Sorgen macht. Doch gibt es gegen die Figur der Andersartigkeit eine zentrale Gemeinsamkeit zwischen den Ländern und den sozialen Gruppen: Diese besteht meines Erachtens. . von Seiten der Ukraine. Im Resultat entsteht eine umfassende Unsicherheit. Die Konkurrenten werden als andersartige beschrieben. nicht anders als in den benachbarten M O E Ländern.

) nicht wieder abermals auf die Suche gehen nach einem vielleicht doch prinzipiell sicheren gewerkschaftspolitischen Akteur.Globalisierungskritik statt Modellanalyse 121 Fazit: Konkurrenz thematisieren und Anspruchslogiken entwickeln Die hier skizzierten Überlegungen sind prinzipieller Natur. hat auch der letzte Versuch in dieser Richtung arge Dämpfer erlitten: Die Hoffnungen auf eine neue Arbeiteravantgarde bei den »Wissensarbeitern« oder »High-Tech-Arbeitern« in der ITIndustrie gerieten zusammen mit dem Platzen der New-Economy-Blase ins Trudeln. Nur kann man doch angesichts einer allumfassenden und längst breit diskutierten Schwächung der betrieblichen Kernbelegschaften (x-fach manifestiert in Entlassungen. welche Akteursgruppen aus ihrer Stellung im Produktionsprozess als der »starke Kern« der Ökonomie angesehen werden. Diese Grundkonstruktion findet sich in der oben angesprochenen Vorstellung einer besonderen. dass nicht bestimmte (neu entstehende) Berufsgruppen für eine Zeit eine für sie vorteilhaftere Arbeitsmarktsituation innehaben können. Nur ist die Halbwertzeit solcher »neuen Märkte« vermutlich abermals gering. Dies bedeutet nicht. auch der Gewerkschaftslinken danach. Natürlich. . aus der heraus sie Forderungen durchsetzen können. Doch auch die Fragestellung nach den neuen Kernsegmenten in der Industrie und den auf diese Weise zu entdeckenden neuen Vorreitern in der Gewerkschaft basiert auf der Idee einer besonderen Position im Produktionsprozess. qualitativ hochwertigen Produktion in Deutschland. die gerade in den letzten Jahren zu Tausenden entlassen worden sind. austauschbare manuelle Arbeiter dort) oder regional (deutsch . aus der eine besondere Handlungsfähigkeit folge.egal ob der Unterschied zwischen beiden in der sozialen Produktionshierarchie (Wissensarbeiter hier. nämlich hochproduktiven. solange sich jede Menge verfügbares Kapital darauf stürzen kann. Kurz: Angesichts einer permanenten Umstrukturierung von Produktion kann kein halbwegs stabiles soziales Modell der Ausbeutung konstruiert werden. Nach den »neuen Angestellten«.polnisch) festgemacht wird. wo dem arbeiteraristokratischen Kyberiat ein in unsicherer Existenz gehaltenes Prekariat gegenübersteht . Lohnkürzungen etc. um darauf Durchsetzungsfähigkeiten der eigenen Forderungen abzuleiten. auf welcher gedanklichen Basis gewerkschaftliche Forderungen und ihre Durchsetzung überhaupt beruhen. zu einem gegebenen Zeitpunkt ist die Gegenseite von bestimmten sozialen Gruppen vielleicht verwundbarer als von anderen. die ihrerseits entsprechend hohe Löhne und Sozialleistungen rechtfertige. Sie betreffen die Frage. Bislang fragt der ganz überwiegende Teil von Aktivisten.

Kurz: Vor dem Hintergrund einer Beobachtung von Globalisierung als einer »permanenten Restrukturierung« erweist es sich als kontraproduktiv. obwohl die Arbeitsverhältnisse durchaus als prekär bezeichnet werden können. Dabei erfolgte nicht einmal der spontane und wütende Streik bei Opel in Bochum im Herbst 2004 jenseits der Standortlogik. Vor allem aber: Die Konstruktion von »fest« oder »normal« Beschäftigten hier und prekär Beschäftigten und Arbeitslosen dort muss immer als nachrangig betrachten. denn diese ist immer auch systematisch gefährdet.um Anstellung.immer auch idealisierten und verallgemeinerten . Zur Debatte um Prekarisierung siehe die Beiträge auf www. Mir scheint. als gäbe es einen qua Produktionsorganisation halbwegs geschützten Bereich. wenn von der Erwerbstätigkeit die eigene Lebensplanung abhängt.labournet. Stattdessen ginge es darum. was doch der zentrale Motor wachsender Unsicherheiten auch in den vermeintlichen »Kernen« der Produktion ist: die Konkurrenz zwischen Arbeitskräften . dass solche soziologischen Versuche der Einkastelung heute nicht mehr zeitgemäß sind.122 Stefanie Hürtgen um so auch hier wieder nach kurzer Zeit eine Situation der Überkapazität zu schaffen (zur Debatte um den Finanzmarktkapitalismus vgl. Das aber ist die Frage nach dem richtigen Subjekt im falschen Leben. Angemessen wäre in Zeiten von Globalisierung vielmehr ein polit-ökonomischer Begriff von Prekarität: zur Bezeichnung der systematischen Unsicherheit in der Existenz als Lohnabhängiger. Befristete. als wäre mit einer möglichst umfassenden Denunziation der Standortideologie der faktische Konkurrenzzusammenhang aus dem Weg. Das Problem dieser soziologisch ausgerichteten Debatte war immer. um Lohnhöhen. Anstatt auf die eigene Leistung im Wirtschaftssystem zu verweiPrekarität wurde in der Bundesrepublik lange Zeit als wachsendes Randgruppenphänomen diskutiert. Bezeichnenderweise war der Begriff zum Beispiel in Polen in Gewerkschaftskreisen noch bis vor kurzem weitgehend unbekannt. Prekarisierung wurde so zu einem soziologischen Phänomen derjenigen. Arbeitsbedingungen und Sicherheiten. aus betrieblicher Sicht als Standortkonkurrenz ausgetragen. Leichtlohngruppen. dass eine mehr oder minder willkürliche Einkommensgrenze die Grenzlinie zwischen »sicher« und »unsicher« darstellte. die Begründungsmuster gewerkschaftlicher Ansprüche neu anzugehen. Diese Unkenntnis verweist darauf. 9 . gewerkschaftspolitische Forderungen im weitesten Sinne aus der Zugehörigkeit bzw. 9 Diese Konkurrenz ist allgegenwärtig. der Stellung in einem bestimmten ökonomischen System heraus abzuleiten. dass »Prekarisierung« gedanklich konzipiert ist als Abweichung von einem . die keine »normale« Anstellung fanden: Illegale. Wie auch. Leiharbeiter.Normalarbeitsverhältnis (das zum Beispiel in Polen so nicht bestand). Teilzeitkräfte.de. Windolf 2005). und die Frage nach dem neuen kämpferischen Arbeitnehmersubjekt tut so.

Das hätte aber zweierlei bedeutet: die massive Konkurrenzsituation.und ob diese Anspruchshaltungen Anknüpfungspunkte für die eigenen enthalten. der so nicht mehr existiert. Auf diese Weise könne die Qualität nicht stimmen. Leiharbeiter oder sonstiger »andersartiger« Lohnabhängiger zu verweisen. sollte anerkannt werden. Anstatt auf die vermeintlich geringere Leistungskraft ausländischer Beschäftigter. Es hätte mit anderen Worten ein eigenständiges Begründungsmuster der sozialen Anliegen bedeutet. Die Loslösung einer Legitimation von sozialen Anliegen von Leistung und Erwerbsarbeit mündet in Begründungsmustern. Anstatt sich hier in der Vision einer unzuverlässigen osteuropäischen Arbeiterschaft bestätigt zu sehen. vielleicht verbreiten können. »die Konturen eines organisierten Kapitalismus widerspiegeln]. welche Anspruchshaltungen die jeweils »Anderen« für sich entwickelt haben . anstatt sie in Klischees von den unzuverlässigen Ungarn wegzuretuschieren. überhaupt beim Namen zu nennen. auf die Realitäten des flexiblen Kapitalismus bezogene Konzeption ist bislang nicht gefunden. die zwischen der ungarischen und deutschen Belegschaft entstanden war. 10 das die Qualität des eigenen Lebens in den Vordergrund stellt. um dort als Kellner zu arbeiten. dass in einem ungarischen Elektronik-Werk (wohin große Teile der zuvor bei ihm im Werk getätigten Produktion hinverlagert worden war) die Arbeitskräfte-Fluktuation so hoch sei. ohnehin in die Programmatik verbannt. wie groß der Beitrag zum Wohlergehen der kapitalistischen Wirtschaft oder auch nur des Standortes gewesen ist.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 123 sen. die Forderungen nach einem »guten Leben« zum nicht weiter herzuleitenden Ausgangspunkt er- Klaus Dörre schreibt. 10 . dass der Status der Leistungserbringung selbst prinzipiell prekär geworden ist und also als Legitimationsfolie nicht mehr taugt. das ergäbe einen deutlich höheren Verdienst. dass die wirtschaftsdemokratischen Ambitionen der Gewerkschaften. In einem Interview mokierte sich ein westdeutscher Betriebsrat lang und breit darüber.« Für die innerbetriebliche Mitbestimmung setzt Dörre dann perspektivisch auf eine »Politik der Teilhaberechte« (Dörre 2002: 408). Es hätte zweitens bedeutet. Eine neue. bedarf er jedoch einer eigenständigen Begründung außerhalb der wirtschaftlicher Effizienzkalküle. unabhängig davon. sollte eine Verständigung darüber beginnen. Vor allem im Sommer würde »fast die ganze Belegschaft« an den Balaton fahren (ein großer See und beliebtes Urlaubsziel). soziale Forderungen in Hinblick auf die eigene Lebensqualität als Lohnabhängiger anzuerkennen. Soll der Gedanke vom »Bürgerstatus« in Betrieben und Unternehmen nicht zur bloßen Phrase gerinnen. hätte der Betriebsrat die auf diese Weise indirekt zum Ausdruck gebrachten Lohnforderungen der ungarischen Beschäftigten wahrnehmen.

die von ihrer eigenen sozialen und ökologischen Basis weniger denn je wissen will. Solche Forderungen und Diskussionen gibt es. Andere Diskutanten versuchen. wie die Bundesrepublik. von heute auf morgen eine »solidarische«. wie die »Wissensarbeiter«) scheint es mir politisch sinnvoller. Anders gesagt: Stabilität in einem sozialen Sinne. auf das Gewerkschaftspolitik bauen kann. Das bedeutet nicht. Volker Koehnen greift ein Menschenbild an. ihre reale Wirksamkeit zur Kenntnis zu nehmen. Maßstäbe einer »menschengerechten Arbeitsgestaltung als gewerkschaftliche Querschnittsaufgabe zu verankern« (Pickshaus 2006: 173). dass sie die Suche nach einem ökonomischen Modell.egal. Anstatt auf schmelzende oder unsicher Kernbereiche des Arbeitslebens zu orientieren (seien dies regionale. Solche Ansätze haben gemein.124 Stefanie Hürtgen klären. die Entwicklung einer eigenen Logik von Lebensansprüchen überhaupt in Angriff zu nehmen. scheint es auf absehbare Zeit nicht mehr zu geben . ohne Rekurs auf eine Wachstumsstabilität. endlich den konkurrenziellen Zusammenhang dieser verschiedenen örtlich und sozial segmentierten Kategorien von Lohnabhängigen in den Mittelpunkt gewerkschaftlicher Betrachtung zu stellen. auch wenn sie bislang gerade hierzulande äußerst minoritär blieben. Im gewerkschaftlichen Jugendbereich heißt eine gern auf Demonstrationen getragene Parole: »Her mit dem schönen Leben!« Und in »linksradikalen« Kreisen gibt es Kampagnen wie die »Berlin umsonst«. die einem Modell zugrunde liegt.die enorme soziale Konkurrenz zur Kenntnis zu nehmen heißt auch. nach dem eine menschenwürdige Existenz erst »verdient« werden muss und schlägt ein politisches Netzwerk entlang der Frage »Wie wollen wir leben?« vor (Koehnen 2005). oder soziale. Soziale Stabilität muss insofern selbst erstritten werden. ob man diesen Zustand als ein neues Kapitalismusmodell identifiziert oder nicht. weitgehend aufgegeben haben. Modelle sind als heuristische Konstruktionen zum Verständnis und zur Verständigung über den aktuellen Kapitalismus sinnvoll. denn gerade die gedankliche Stabilität. findet sich in den sich ständig ändernden. Es könnte aber bedeuten. standortideologiefreie Argumentation entwickeln zu können . hinterfragten Arbeits. . sobald aus ihnen gewerkschaftliche Handlungsstrategien entwickelt werden sollen.und Ausbeutungsverhältnissen immer weniger. entlang von Lebensgestaltung. Sie geraten aber an ihre Grenze.

Zeitdiagnosen.. in: Dieter Scholz u. Nr.archiv-grundeinkommen. in: Frankfurter Rundschau vom 1.uni-frankfurt. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft.de/koehnen/Koehnen2. Heft 114. Sonderheft Nr.) (1984): »Die Arbeitslosen. 45/2005.de/people/huertgen/index. Hamburg Haipeter.).Gravitationszentrum eines »neuen Kapitalismus«?.gute Arbeit als neuer strategischer Ansatz.2005. Dieter (2005): Arbeit im Übergang. nach: http://www. Köln .a.August 2006 Lüthje. abrufbar unter: http://www. Turnaround? Strategien für eine neue Politik der Arbeit. S. Thomas (1999): Zum Formwandel der Internationalisierung bei VW in den 80er und 90er Jahren. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 125 Literatur Dörre. Volker (2005): Ende des Arbeitszwangs. Turnaraound? Strategein für eine neue Politik der Arbeit. in: Dieter Scholz u. Klaus (2002): Kampf um Beteiligung.htm Koehnen. Herausforderungen an Gewerkschaften und Wissenschaft. Gefahr für Demokratie . in: Prokla. 145-171 Hensche. in: Dieter Scholz u. Münster Sauer.. Detlef (2006): Anmerkungen zum »Epochenbruch«.ifs. Herausforderungen an Gewerkschaften und Wissenschaft. Frankfurt/New York Pickshaus. in: Mitteilungen des Instituts für Sozialforschung. Herausforderungen an Gewerkschaften und Wissenschaft. Rainer (Hrsg.2005 Windolf. in: Frankfurter Rundschau vom 21.ein gesellschaftliches Leitbild jenseits der Erwerbstätigkeit schafft Abhilfe. Münster Hürtgen. Hamburg Sommer.12. Paul (Hrsg. Partizipation und industrielle Beziehungen im flexiblen Kapitalismus. Das neue Marktregime. die könnt' ich alle erschießen!« Arbeiter in der Wirtschaftskrise.) (2005): Finanzmarkt-Kapitalismus. download am 16. Michael (2005): Den Fall der Löhne stoppen. in: Klaus Dörre/Bernd Röttger (Hrsg. Münster Zoll. Ökonomie und Politik der vernetzten Massenproduktion. Frieder Otto (2006): Der »Epochenbruch« als historisches Periodisierungsproblem. zit. Kontraktfertigung als »Unterseite« der New Economy und Formen gewerkschaftlicher Interessenartikulation in Osteuropa.a. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Wiesbaden Wolf. Heft 14. Klaus (2003): Das flexibel-marktzentrierte Produktionsmodell .a.pdf. Wiesbaden Dörre. Konturen eines nachfordistischen Produktionsmodells. Boy (2001): Silicon Valley. Klaus (2006): Arbeitspolitik im Umbruch .7. 1/1999. Stefanie (2003): Der ganz normale Weltmarkt.. Arbeit. Turnaraound? Strategein für eine neue Politik der Arbeit.

Der neue Imperialismus. teils in Gestalt eines durch korrupte Privatisierungspraktiken erzeugten Oligarchentums. Vol. die Akteure und Profiteure des gegenwärtigen.Hans Jürgen Krysmanski Geldmacht Strukturen und Akteure des Reichtums Reichtum und Geldmacht haben auch unter klassentheoretischen Gesichtspunkten eine neue historische Stufe erreicht. Harvey. 2. »Is there a Ruling Class in France?«. teils in Gestalt alten oder neuen europäischen Adels.J. 1 Zu diesem Zweck verwenden wir einen neuen Begriff: Geldmachtapparat. per se höchst interessante Gruppen heimisch zu machen: teils in Gestalt eines über Generationen vererbten Reichtums. Haug. Eine neue Oberschicht mit eigenen Machtund Herrschaftsperspektiven entsteht. in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Oxford 2003 (dt.eine seltsame Mischung aus klassischer Kapitalverwertung und »Akkumulation durch Enteignung« 2 . Vgl. vgl. Selbst wenn nach unserer Auffassung die Postulierung einer globalen »herrschenden Klasse« verfrüht ist. H.auch soziale und kulturelle Integrationseffekte. teils noch »kapitalistischen«. deren vereinheitlichendes Vorbild die US-amerikanische Plutokratie sein dürfte. teils aber schon »transkapitalistischen« Globalisierungsprozesses als ein komplexes Netzwerk teils kooperierender. Issue 1. Wir werden zunächst einmal versuchen. Herrschende Klassen. Konflikte und Widersprüche aufbrechen. ist die Frage nach einem solchen neuen Souverän sinnvoll. hrsg. teils in Gestalt von Mafia-Milliardären. Bd. D. teils konkurrierender Eliten darzustellen. Doch haben die derzeit beobachtbaren Akkumulationsprozesse . 6/1. finanzpolitischer oder marketingmäßiger Innovationen zusammengerafften Neureichtums. in: Comparative Sociology. teils in Gestalt eines mithilfe technischer. In einem zunächst einzig durch Geldreichtum definierten Netzwerk von Personen und Gruppen können vielfältigste gegensätzliche Interessen. Berlin 2004. von W. The New Imperialism. In diesem »Geldmachtapparat« genannten Netzwerk beginnen sich verschiedene.F. Hamburg 2005) 1 . Krysmanski. 2003 2 David Harveys Begriff der »accumulation by dispossession« (Akkumulation durch Enteignung) umschreibt den heutigen Kern von »Privatisierung«. Mattei Dogan.

eingesetzt.« 3 Es handelt sich also um die Elite der privaten Anteilseigner. Macht und Allmacht des Geldes.und Fernsehstationen riesige Beiträge für die Werbung zahlen. Klassenprivilegien usw. 116 4 Vgl. zur immer rücksichtsloseren Akkumulation von Geld. München 2006. da ihre Konzerne den Zeitungen und Zeitschriften. Zum anderen aber sollen sie gesellschaftspolitischen Einfluss auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens ermöglichen und eine Vielzahl ideeller Ziele fördern. München 2005 3 . Frankfurt/M 2006. aber auch an ihrem allgemeinen politischen Kurs besonders stark interessiert sind. bis hin zu systemischer Korruption. Und angesichts des Zusammenbruchs der Steuerungsinstanzen der bürgerlich-kapitalistischen Welt 4 werden die in den bisherigen. drei oder mehr große Industriekonzerne aus. Zugleich üben sie direkten Einfluss auf die Massenmedien aus. Das Imperium der Schande. Natur usw. der Kommunen) und gesellschaftlichen Eigentums (Wasser.und der Verteidigungspolitik der Regierung. Ferner übt er einen absoluten oder zumindest doch beherrschenden Einfluss auf einen. F. zwei.meistens zum Nutzen der Republikanischen Partei. Rundfunk. die eine Kontrolle über riesige industrielle Bereiche sichern.Geldmacht .Strukturen und Akteure des Reichtums 127 Über diese Schicht des amerikanischen Superreichtums schrieb Ferdinand Lundberg einst: »Der Superreichtum weist bestimmte Charakteristika auf: Zunächst einmal verfügt er über eine oder mehrere Großbanken. Der Deutschland-Clan. Thomas Leif. München 2006. Beraten und verkauft. Diese Familien haben große Vermögenswerte im Ausland angelegt. S. Hamburg 1969. aus vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefilterten Geldvermögen in den Händen einiger weniger Personen und Familien.) in eben diese Sphäre privaten shareholder-Eigentums. Ferner kontrolliert die jeweilige Familie eine oder auch mehrere von ihr errichtete Stiftungen. Jean Ziegler. Albrecht Müller. so dass sie an der Außen. Zu ihren Vermögenswerten gehören einerseits handfeste Aktienpakete. Lundberg. Hinzu kommen die Verschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates. um die Konzentration von riesigen. Darüber hinaus treten sie als politische Geldgeber auf . Das ist ein neuartiges Regime. Diese steinreichen Familien haben außerdem eine oder mehrere Universitäten oder Technische Hochschulen gegründet . »alten« Systemen erworbenen Positionsvorteile. die so etwas wie das Spiegelbild der Reichen im Lande ist. Jürgen Roth.zumindest unterstützen sie solche Institute in großem Ausmaß. Machtwahn. Die Reichen und die Superreichen.

Nach Michel Chossudovsky ist so ein Teufelskreis in Gang gekommen. MEW 23. Geld zu schöpfen und ohne Behinderung frei zu bewegen. S. Global brutal. S. wenn sie sich von den Almosen des Staates unabhängig machen und stattdessen ihr eigenes Leben und Schicksal kontrollieren. 7 John Major. Der entfesselte Welthandel. http://en. der Krieg.« 6 Mit riesigem Propagandaaufwand wird das ideologische Projekt einer Ownership Society vorangetrieben: »So wie wir Konservativen unsere Werte von Generation zu Generation weiterreichen.128 Hans Jürgen Krysmanski Es hat allerdings alte Wurzeln. die Geldschöpfung im Allgemeininteresse der Gesellschaft zu regulieren. die Armut. um etwa Produktionsanreize zu schaffen oder die Beschäftigung zu fördern. Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital. und Geldschöpfung . dass jede Generation von vorne anfangen muss. sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühe und Gefahr auszusetzen. Premier.« 7 Und das Cato Institute setzt noch eins drauf: »Individuen gewinnen Verfügungsmacht. ArKarl Marx. Wir wollen nicht. 306ff. Mächtige Finanzakteure haben nicht nur die Fähigkeit. dass die Zentralbanken nicht mehr in der Lage sind. sondern gehört zu den Kernprojekten des Neoliberalismus und ermöglicht heute ja erst die Anhäufung jener gewaltigen Privatvermögen.findet innerhalb eines inneren Kreises des internationalen Bankensystems statt und dient allein der Anhäufung privaten Reichtums. Frankfurt/M 2002. brit. Das bedeutet in der Praxis.« 5 Dieses Schuldenmachen ist ja keineswegs ein schicksalhaftes Verhängnis. die beispielsweise etwas mit den historischen Phänomenen der ursprünglichen Akkumulation und mit der Rolle des (absolutistischen) Staates zu tun haben: »Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation. 1991 in einer Rede. 787 Chossudovsky.. Eltern die Ausbildung ihrer Kinder. In der ownership society kontrollieren Patienten ihre eigene Gesundheitsversorgung.org/wiki/ Ownership_society 5 6M. Von Geldpolitik als einem Mittel staatlicher Intervention kann keine Rede mehr sein: »Geldpolitik ist weitgehend eine Sache der Privatbanken.wikipedia. Das Kapital. die den Geldmachtapparat tragen. ehem. abgeschnitten von der Vergangenheit und ungewiss ob der Zukunft. Erster Band. ohne dass es dazu nötig hätte.zu der ganz wesentlich die Verfügungsgewalt über reale Ressourcen gehört . so möchte ich auch den Reichtum zwischen den Generationen weiterfließen sehen.. sondern können auch die Zinssätze manipulieren und den Niedergang großer Währungen beschleunigen . .

im Jahre 2005 auf 33. hinter der sich die Interessen einer kleinen. Laut Merrill Lynch World Wealth Report 2006 stieg das Vermögen der so genannten High Net Worth Individuais (HNWIs) .verglichen mit 40% im Jahre 2004.5% auf 8. June 20. 9 Für Karl Marx ist der bürgerliche Reichtum »eine ungeheure Warensammlung«. Press Release. Für die Reichtumsakkumulation am interessantesten erwiesen sich die asiatisch-pazifische Region. Karl Marx. dass eine zunehmende Zahl von HNWIs die Strategien der Ultra -HNWIs kopiert und ihre Portefeuilles auf internationale Investitionen umorientiert. 2006. ein 8. Dabei lässt sich.400 Personen weltweit. Auch die HNWIs würden also »aggressiver« und skeptischer gegen Investitionen in Nordamerika.3 Bill. US-$ verfügen. um am Aufschwung jener neuen Märkte. zugunsten der asiatisch-pazifischen und lateinamerikanischen Märkte. 322 . S. insbesondere in Asien. wuchs 2005 auf 85. in Indien um 19%. die über mehr als 30 Mio. Obgleich die asiatisch-pazifische Region Europa im Jahre 2005 an Dynamik übertraf.mit einem NettoGeldvermögen (ohne Erstwohnsitz und Konsumvermögen) von mindestens 1 Mio.7 Millionen Personen weltweit. US-$ an. www worldwealthreport06/wwr_pressrelease.Geldmacht . MEW 42.asp?ID=565 10 Vgl. Die gute Performance der »reifen« europäischen Kapitalmärkte und die Dynamik der neuen europäischen Märkte veranlasste die regionalen HNWIs.« 8 Es ist die perfekte Nebelwand. 48% ihrer Investitionen in Europa zu tätigen . in Russland um 17% und in Südafrika um 15%.Strukturen und Akteure des Reichtums 129 beiter ihre Rücklagen für den Lebensabend. so Merrill Lynch. die Zahl der HNWIs wuchs gegenüber 2004 um 6. Gleichwohl wird erwartet. blieb Europas Anteil an den globalen Nettovermögenswerten konstant bei 22%. Trotz einer gewissen Verlangsamung stellten dabei die USA noch immer die meisten HNWIs mit dem weltweit größten Anteil an akkumuliertem Reichtum. Und die Zahl der Ultra -HNWIs. dass auch die Europäer künftig weniger in den USA und in Europa selbst investieren werden. sondern allein durch 8 Homepage des Cato Institute: »Ownership Society Philos special/ownership_society/ 9 Capgemini Consulting. 10 die nicht durch ihre Gebrauchseigenschaften. ebenso Lateinamerika und der Mittlere Osten. US-$ .5prozentiger Zuwachs gegenüber 2004. teilzuhaben und der Unsicherheit des Dollars entgegenzuwirken. superreichen Oberschicht zu einem Geldmachtapparat formieren können. Oder anders gesagt. beobachten. Ökonomische Manuskripte 1857/1858. auch wenn dies die für Investitionen populärste Region bliebe. In Südkorea stieg die Anzahl der HNWIs um 21%.

»Der Reichtum wächst. 145 Ulrich Busch. Guthaben.oder Konsumvermögen. Geldvermögen (Bargeld. Aktien u.). in Gestalt von kleinen und großen Unternehmen. Humanvermögen.und Immobilienvermögen. auf welche Weise diese Multimillionäre zu ihrem Reichtum gekommen sind.12 Die Frage. in: Utopie kreativ. 1899 (dt. Das Kapital. 1 3 vom Feudalismus bis heute. 11 Andererseits umfasst die Vermögensrechnung der privaten Haushalte noch weitere Werte: Grund. Rentenwerte. Diese Bestimmung des Vermögens als Kapital findet schließlich im abstrakten Medium des Geldes seine fertige Gestalt. die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten und vermachteten. Theorie der feinen Leute. MEW 23. kurzfristig veräußert. private Eigentumsrechte an natürlichen Ressourcen. Gebrauchs. zusammengelegt. S. Patenten usw. dass hier ein Geldmachtapparat entstanden ist. Privatjets usw.. S. Luxuskonsum dient der Sicherung des sozio-kulturellen Status und ist damit eine herrschaftsnützliche Form der Kapitalvernichtung. absolut gesellschaftliche Form des Reichtums«. die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere den Finanzmärkten). netzwerkartigen Zusammenhang bringt. Geld verkörpert damit in unseren Gesellschaften die »stets schlagfähige. In diesem Sinne waren und sind beispielsweise die Wohnsitze der Vermögenden ein zentraler Raum für conspicuous c o n s u m p t i o n . Auch Mobilität war schon immer ein Feld demonstrativen Konsums . Sozialvermögen (Renten. The Theory of the Leisure Class. Erster Band. welcher unternehmerische Eigentumsoperationen. welche die großen Revenuen erbringen.ä. aber nicht für alle«. Und auch der Kunst- Karl Marx. April 2003. Betriebsvermögen als unmittelbares Eigentum an Unternehmen. In ihm wird vor allem auch das klassische Betriebsvermögen.von Kutschen zu Rolls Royces. sodass es in erster Linie solche Geschäfte mit verflüssigtem Betriebsvermögen (und nicht Geschäfte auf der Basis von Betriebsvermögen) sind. Frankfurt/M 1997) 11 12 . immer »flexibler« gehandhabt. hin und her geschoben. Neben Geldvermögen und verflüssigtem Betriebsvermögen wächst heute für die Schicht der Superreichen die Bedeutung des Gebrauchsvermögens im Luxussegment. Lizenzen. 320 Thorstein Vehlen. Geldanlagen. »filetiert« usw.130 Hans Jürgen Krysmanski ihr Wertdasein und ihre Verwertung bestimmt ist.und Versorgungsansprüche). wird immer wieder zu dem Phänomen führen.

wissenschaftlich spezialisierter Berater. May 5. Kulturelles Kapital erscheint hier in Gestalt von Entouragen gebildeter. in: IHT. wenn sie zur Kultivierung des Geldmachtapparats insgesamt führen. kultivierter. Dollar. 14 Auch kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieus. und noch schnell einen Chagall für 2. Eliteuniversitäten bleiben den Kindern der Reichen vorbehalten . ebenso bei der Rekrutierung des engsten Hilfspersonals. Carol Vogel. wie jüngst geschehen. Washington Public Interest Research Group (PIRG). Formelle und informelle Bildungsgüter werden letztlich erst vermögenswirksam. »dass das Schuldengespenst die jungen Leute veranlassen könnte. zu einer »Vermögenskultur«. http://studentdebtalert.000 Dollar.5 Mio.und den sorgfältig ausgelesenen Best and Brightest aus den übrigen Schichten. Und in Großbritannien äußern Politiker die Sorge. welche eines der dünn gesäten Stipendien ergattern und später gehobene Dienstleistungspositionen einnehmen dürfen. June 30.org 14 . vor allem Bildungsprivilegien und -titel. wie von ihren RepräsenWenn. »Enthusiastic bidder at rear walks away with the big prize«. einen Monet für 5 Mio. Dollar ersteigert und wenn derartiges immer häufiger in den großen Auktionshäusern geschieht. institutionalisiert hat.Geldmacht . Zweifellos spielt der in familialen und transfamilialen Milieus erworbene individuelle Habitus bei der Selbstorganisation der Geldelite eine wichtige Rolle. Hofschranzen usw. Denn wirklich großer Reichtum schafft sich Netzwerke der Kultur und Bildung.mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes. Think Tanks u. dgl. wird zunehmend monetarisiert. 2006.und besonders subtile .Rolle im Bereich des demonstrativen Konsums. so steckt dahinter eine »Vermögenskultur« im Umfeld des Geldmachtapparats.2 Mio. welche bereits wieder an die höfische Gesellschaft erinnern. »Für die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft ist nicht. bislang in diesen Kreisen nie gesehener Privatmann (Beobachter vermuteten: ein Russe) auf einer Sotheby-Auktion en passant Picassos »Dora Maar mit Katze« für 95. 2006. vgl.« 15 Letztlich aber drückt sich für die Geldelite die Bedeutung und Funktion kulturellen Kapitals nicht in individuellen Bildungskarrieren usw. die sich in Stiftungen. Ähnliches gilt für das soziale Kapital der Geldeliten. die noch kaum erforscht ist. Die übrigen Bildungswilligen müssen sich verschulden. 15 Holly Hubbard Preston. höhere Bildung als ein Luxusgut zu betrachten und aufzugeben . ein unscheinbarer. in: IHT. »Higher education: Priced out of reach?«.Strukturen und Akteure des Reichtums 131 markt spielt eine besondere . aus. Amerikanische Hochschulabsolventen verlassen inzwischen ihre Universität mit einem durchschnittlichen Schuldenberg von 19. vgl.

mit einem Zeithorizont von wenigen Jahren.und Informationsgesellschaft . Imageberater oder auch nur Bodyguards leisten kann. 17 Global nomadisierende Finanzinvestoren. markiert. Es handelt sich dabei um jene Selbstverständlichkeit im Auftreten. Wer sich »Sozialtrainer«. die über sich selbst verfügen. Die wenigen Privatleute. U n d allmählich glauben sie. gerade in ihren philanthropischen Bemühungen. S. unter der Fahne der »Reform«. sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten . die für >Eingeweihte< den entscheidenden Unterschied zwischen denen. wo immer sie sich anbieten. verfügt über viel soziales Kapital. immer »privater«. Privatisierung als ein höchst komplexer Eroberungsfeldzug ist die wichtigste Form der Stabilisierung von Reichtumsstrukturen. »Macht muss gelernt sein. 201-215 16 . die überall auf der Welt. Die Rekrutierung der deutschen Wirtschaftselite ist keine Frage der Leistung«. Alle Vorgänge innerhalb des gesamten Geldmachtapparats und selbstverständlich auch innerhalb eines einzelnen Unternehmens zu jedem Michael Hartmann. in: junge Welt. in: D. Die Gestaltung des rechtlichen Rahmens für Verteilungsoperationen mündet in Steuergesetzgebungen.. die dazugehören. dass ihnen die ganze Welt gehört. Nicht zuletzt deshalb haben sie auch damit begonnen. die nur dazugehören wollen. und denen. gibt es. indem sie immer reicher werden. Das alles ist verbunden mit Verteilungsoperationen im parlamentarischen und staatlichen Raum im Sinne des Geldmachtapparats. »Policing for Profit. die einerseits an uralte.9.in einer Wissens. das staatliche Gewaltmonopol zu unterlaufen und die innere und äußere Sicherheit zu privatisieren. schwimmen im Geld und kaufen auf Teufel komm raus nicht an der Börse notierte Firmen oder saftige Aktienpakete. das heißt.. Ein dichtes Beeinflussungsgeflecht zwischen Wirtschaft und Politik ist entstanden. 19.Kanzleiter. die übrig bleiben.« 16 Andererseits aber muss »Sozialkompetenz« nicht unbedingt direkt in einer Person oder Familie konzentriert sein. Das Unternehmen Krieg.03 17 Volker Eick. werden. tradierte Formen der Organisierung von Habgier anknüpft. die wildesten Verteilungsblüten treiben.132 Hans Jürgen Krysmanski tanten immer wieder betont wird. selbst wenn er ein stotternder Autist ist. desto weniger Privatleute. Je mehr privatisiert wird. Leute. Warlords und Privatarmeen als Akteure der Neuen Kriegsordnung. die Leistung ausschlaggebend.Azzelini/B. Berlin/Hamburg/Göttingen 2003. Paramilitärs. Der kleine Krieg vor der Haustür«. die aber andererseits in der Gegenwart .diesen historischen Fundus an Bereicherungserfahrungen mit allen kommunikativen und medialen Mitteln ausschöpft. vom Lobbyismus bis zur Korruption.

Außerdem haben die neuen Informations. Ein Indiz dafür war beispielsweise die Bespitzelung der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) durch die USRegierung im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus. wo jeder einzelne Cent im Augenblick steckt.<«18 Andererseits haben diese Informatisierungsprozesse eine erhebliche Brisanz. Managereliten. »Das Diktat der Politmanager«. 3 .Geldmacht .8. SWIFT ist damit die Dienstleistungszentrale des globalen Finanzmarkts. Die Geldelite verkörpert im gegenwärtigen Zyklus finanzieller Expansion nichts so sehr wie die Befreiung großer Geldmengen aus der Warenform und deren Umwandlung in die Machtform. dass auch der Reichtum Europas nicht mehr Europas Reichen gehört. politische Eliten und Wissenseliten . Die in Belgien angesiedelte Kooperative des internationalen Finanzkapitals bewegt täglich in 11 Millionen Transaktionen 6 Billionen Dollar zwischen 7. dass die Dienstleistungszentralen globaler Geldmachtapparate auch »Kriegsschauplätze« sind.Strukturen und Akteure des Reichtums 133 beliebigen Zeitpunkt minutiös überwachen zu können: das jedenfalls ist eine neue Qualität ökonomischer Macht (und Herrschaft). wir können es jetzt mit eigenen Augen sehen. Und nun wurde durch die Amerikaner demonstriert.durchaus disponiert ist. 32. arabischen.und Kommunikationstechnologien die Grundlagen des Geldmachtapparats zutiefst verändert. Börsen. einander bis aufs Messer zu bekämpfen. Solche High-Tech-Spionageaktionen haben die Eigenschaft. S. Denn niemand wird so naiv sein zu glauben. sondern durch die Geldelite werden umgekehrt Geldwerte auch vermachtet. sondern »alles« machen 18 Richard Sennett. Richard Sennett: »Ich erinnere mich an den Besuch bei einem Freund. und zwar in Echtzeit. dass man mit Geld nicht nur mehr Geld. der eine große Investmentfirma in New York leitet.Geldeliten. Investmentfirmen und anderen Finanzinstitutionen weltweit. dass im »Krieg« gegen den Terrorismus nicht auch andere Interessen des amerikanischen Finanzkapitals gegenüber dem islamischen. Nicht nur also wird Macht monetarisiert.2005. Wir verlassen uns nicht mehr auf irgendwelche Berichte. in: Freitag. in denen das Personal . Das ist im Grunde ein uralter Prozess auf der Grundlage der Tatsache. asiatischen und eben auch dem europäischen Finanzkapital verfolgt würden. Insofern deutet der amerikanische Spionageangriff auf SWIFT an. 12.800 Banken. Er zeigte mir auf einem großen Computerschirm unzählige Zahlenkolonnen und erklärte: >Wir verwalten Milliarden von Dollar und wissen ganz genau. immer sehr viel mehr »Verwertbares« zu liefern als ursprünglich erfragt wurde.

entlassen werden oder »stürzen« können. im Gegensatz zur Geldelite.steigen selbst in die eigentliche Geldelite auf. die Chief Executive Officers der verschiedenen Wirtschaftsbereiche. Ihre Machtbasis ist der Geldmachtapparat. haben also zunächst einmal nicht un- . Der Geldelite am nächsten operieren sicherlich die Konzern. Manche von ihnen .und Informationsgesellschaft alle Mittel in die Hände legt. Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine »völlig losgelöste und zu allem fähige« soziale Schicht. Diese Gruppen fungieren als Spezialisten der Kapitalverwertung bzw. Um diese neue gesellschaftliche Mitte lassen sich dann in einem Ringmodell weitere Gruppen und Schichten anordnen. der Absicherung und Expansion von Akkumulationsmöglichkeiten. welcher die Wissens. Ihr Dienstklassenstatus drückt sich im Wesentlichen darin aus.und Finanzeliten.134 Hans Jürgen Krysmanski kann. dass sie.aber erstaunlicherweise gar nicht so viele . Von ihren Vermögensverhältnissen her gehören sie auf jeden Fall zu den HNWIs oder auch UHNWIs. Je nach Loyalität gegenüber ihren jeweiligen Herren (den großen Investoren und Anteilseignern) kooperieren oder konkurrieren sie untereinander. welche der Geldmacht zuarbeiten bzw. um sich als eine neue gesellschaftliche Mitte zu etablieren. von ihr abhängen.

19 20 . Entsprechend ihrem Ranking. sozialen und kulturellen Interessen des Geldmachtapparats bemisst. ist die Maxime der Gewinnsteigerung. während eine Verschwägerung zwischen der ökonomischen und der politischen Elite kaum vorkommt. dass zwischen Geldmachtpositionen (Kapitaleigentum) einerseits und sonstigen Machtpositionen (Manager.).a. kurz: die Wissenseliten. aus (s. Kultureliten) andererseits scharf unterschieden werden muss.com -Milliardäre bestätigen die Regel). die politischen Eliten. das dadurch hochgradig differenziert und konfliktualisiert wird.Strukturen und Akteure des Reichtums 135 bedingt ein einheitliches strategisches Bewusstsein (wie man es traditionellerweise etwa der »Kapitalistenklasse« zuschrieb). das sich nach der Nützlichkeit für die ökonomischen. 28 21 Gegen diese Praxis sprach sich jüngst der zweitreichste Mann der USA. kaum aber höher (Ausnahmen wie die dot. hier nur Wolfgang Zapf. a.u. Folglich wirkt er durch Lobbyismus und Korruption in dieses Feld der politischen Eliten hinein. München 1966 Dogan. affektiv). 21 Vgl. S. Erstere haben ein funktionierendes Regime der Vererbung ihrer Positionen. Den nächsten Funktionsring bilden die Spezialisten der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. symbolisch.« 2 0 Diese Tendenz zur Endogamie oder Dynastienbildung nach aristokratischem Vorbild ist ein wesentliches Merkmal des Superreichtums.Geldmacht . Was sie verbindet.O. Alle Parlamente. Auch viele Politiker und vor allem Ex-Politiker können sich unter die HNWIs rechnen. können auch sie in die Ränge der HNWIs aufrücken. alle Regierungen haben aus der Sicht des Geldmachtapparats die Funktion der Verteilung des Reichtums von »unten« nach »oben«. Politiker. letztere nicht. Warren Buffet. Aufstiege in die Geldelite aber sind nahezu ausgeschlossen (Ausnahmen wie der Bush-Clan bestätigen die Regel). für die Entstehung und Expansion des Geldmachtapparats unentbehrlichen Technokraten und Experten aller Art (analytisch. Den Außenring schließlich bilden die bereits erwähnten. Technokraten. Wandlungen der deutschen Elite. Innerhalb der Geldelite spielt dabei »das Phänomen der Verschwägerung eine große Rolle.. Für die gegenwärtige Elitenkonfiguration und das Netzwerk der Geldmacht sind einige weitere Fragen von Belang: Wie steht es um die Vererbung von Machtpositionen? Gibt es tatsächlich einen Eisernen Vorhang zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten? Welche Rolle spielt das Ranking im Geldmachtapparat ? Hinsichtlich der Vererbungsfrage kommen alle Untersuchungen 19 zu dem Schluss.

a. nicht »herrscht«. die meist auch die reichsten Familien repräsentieren. Eduard Garcia. aber keiner gehört zu den 500 reichsten Personen in Frankreich.edu/~bquest/2004/thinking. www. was immer an langfristigen Folgen für das Unternehmen dabei herauskommt. gibt es nicht mehr als eine Handvoll Absolventen der Ecole Polytechnique. Und unter den 500 reichsten Unternehmern. Wichtig ist auch die Rolle des Ranking innerhalb der verschiedenen Dienstklassen.O. Das Denken in kurzen Fristen der Gewinnmaximierung ist kein neues Phänomen in der Konzernwelt. während die übrigen unverhältnismäßig stark zurückfallen.westga. Denn die Geldelite lebt auf einem anderen Planeten. die relativ wohlhabend sind. die erst einmal in die oberen Ränge gelangt sind.. S. Weder Spitzenmanager noch Spitzenbürokraten noch Spitzenpolitiker haben wirklich eine Chance. Vielmehr: Der Geldadel verwaltet nicht. erfinden und denken. Aus dieser erbarmungslosen Statistik ergibt sich ein tektonischer Bruch. »Unter den 100 reichsten Personen Frankreichs gab es 1987 keinen der Großkapitalisten. in diese Kreise integriert zu werden. Bemessen aber wird der Rang nach den jeweiligen Funktionen für den Geldmachtapparat. dass die »kapitalistische Elite«. So entstehen in allen Berei- Dogan.« 22 Das bedeutet aber nicht. dass diejenigen Individuen oder Gruppen. Unter den wichtigen Politikern der 1990er Jahre gibt es einige.und Einkommensverhältnissen. also kurzfristig denken.a. »Ein kompetitiver Markt erzeugt hinsichtlich der p a y o f f s riesige Unterschiede zwischen >Gewinnern< und >Verlierern<. verteilen. ein Winner Takes All-System entsteht.« 23 Genau dieser Mechanismus aber bewirkt.136 Hans Jürgen Krysmanski Entscheidend für ein Verständnis der europäischen Machtelitenkonfiguration ist also vor allem die praktisch unüberbrückbare Mauer zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten. »Corporate Short-Term Thinking and the Winner Takes All Market«.htm 22 23 . immer höhere p a y o f f s realisieren. aber es ist unter dem Konkurrenzdruck der Globalisierung ein entscheidendes Systemmerkmal geworden. Zunächst einmal: Der Rang innerhalb der Elitenringe drückt sich aus in den jeweiligen Vermögens. Wenn so hohe Einsätze vom nächsten Schritt abhängen. werden Unternehmen und Individuen sich schlichtweg auf den Sieg in der nächsten Runde konzentrieren. 62f. der die kapitalistische Elite von den anderen Elite-Kategorien trennt. aber er lässt verwalten. den eine politische Karriere in Versuchung geführt hätte und nur ganz wenige hatten familiale Bindungen zu Politikern. er treibt keine Politik und er produziert keine Kultur. wie Dogan sie noch nennt.

den ersten Präsidenten mit dem Abschluss eines >Master of Business Administration«.wie das in den USA. in: Prospect Magazine. Die Spannweite der Einkommen ist extrem. die Verteilung gleicht einer außerordentlichen Pyramide mit einer ganz kleinen Spitze und einer ganz breiten Basis. Und wer weiß? Vielleicht werden wir in nicht allzu ferner Zukunft einen Milliardär als Präsidenten haben. 25 25 Davide Dukcevich. Nur wenige haben einen weltweit bekannten Namen. aus dem sich dann auch die jeweiligen Spitzengruppen in unserem Ringmodell rekrutieren.« 24 Vollständige Willfährigkeit der Dienstklassen. Tatsächlich wärmen mehr Rechtsanwälte als Angehörige irgendeines anderen Berufs die Sessel der drei Zweige der Bundesregierung. Das Bild ist einfach: »Man nehme die Filmindustrie als Beispiel. in: Forbes Magazine. »>Winner takes all< markets«. der Fall ist. »Direktherrschaft« sei Diane Coyle. und der Rest dieses Berufsstandes findet sich beim Kellnern oder in billigen Werbespots wieder. sie brauchten die politische Sphäre gar nicht. die Millionen von Dollars für den Auftritt in einem Film verlangen können. wenn sich auch in den politischen Strukturen das Ranking und die Winner Takes All -Mentalität voll entfalten .Geldmacht . Seit kurzem aber beginnen Wirtschaftsführer . Forbes Magazine hatte das längst begriffen. Vor einem Jahr wählte die größte Stadt des Landes einen self made -Milliardär zum Bürgermeister und machte damit Michael R.Strukturen und Akteure des Reichtums 137 chen der Gesellschaft die berühmten Ranking-Listen . Im Prinzip aber haben die Wirtschaftseliten schon immer geglaubt. Schon diejenigen auf dem zweiten Rang verdienen erheblich weniger. etwa im Millionärskabinett von George Bush oder im von Millionären wimmelnden US-Senat.und sie werden vom Geldmachtapparat sehr genau wahrgenommen. August 1998. S. 2002 24 .. als es vor den Kongresswahlen 2002 eine Liste der zehn reichsten Politiker der USA mit folgendem Kommentar veröffentlichte: »Viel zu lange ist Politik eine Spielwiese der Juristenklasse gewesen.. Zu jedem Zeitpunkt wird es nur ganz wenige Schauspieler geben. der Wissenseliten und der politischen Klasse und natürlich auch der Managerelite ist dann erreicht. October 29.die schließlich für die dynamischsten und wichtigsten Verbesserungen in unserer Gesellschaft verantwortlich sind . 33. Bloomberg zum eindrucksvollsten Neuankömmling auf der politischen Bühne New Yorks .die Party der Politiker aufzumischen. als man dachte.« 25 Ganz offensichtlich sind die Dinge zunächst einmal anders gekommen. Vor zwei Jahren wählte Amerika George W. »America's Richest Politicians«. Bush. denn sie deuten auf jeden Fall auf das beste »Dienstpersonal« in Akkumulationsdingen.

138 Hans Jürgen Krysmanski möglich. Ibrahim. http://www.und bekommen sie oft auch. 21. einer Londoner Headhunter-Firma. >In Frankreich ist Habgier jetzt legal. vgl..vor einem geopolitischen Hintergrund .« 2 7 Andererseits entfalten sich . wie diese Kluft sich schließt. und zwar ziemlich schnelh. Youssef M. den superreichen Investoren dieser Welt. meinte John Viney. »Speak up for Globalization«. Spiegel Online.«26 Für unsere Zwecke ist es wichtig.spiegel. »Fertile new fields for executive ambition«.1518. geht in diesem Sinne mit den westlichen Konzerneliten (den »Hausmeiern« seiner reichen Araber. in: IHT.. die Veränderungen seien enorm. die Vereinigten Staaten. >Zum ersten Mal in 30 Jahren sehe ich. html 27 Geraldine Fabrikant. Hier tun sich in letzter Zeit beispielsweise in Europa interessante Dinge: »Jahrzehntelang haben sich die Europäer bei der Belohnung der Bosse viel mehr zurückgehalten als die Amerikaner. Diese Manager würden sich hunderte von Millionen Dollar in die Taschen stecken. auch Markus Verbeet. sich auf die obersten hundert oder zweihundert Personen auf den Rangskalen der Spitzenmanager zu konzentrieren.00. Sie betreiben nicht nur den Monetarisierungsprozess und damit die Entwicklung des Geldmachtapparats. 2006 26 . 2000. verlangen eine Bezahlung nach amerikanischem Vorbild .432615. scheint dies in Europa von den Investoren weniger akzeptiert zu werden und in manchen Ländern regt sich Widerstand . In Deutschland stieg nach einer Studie der Zeitung >Die Welt< im Jahre 2005 das durchschnittliche Gehalt von Aufsichtsratsmitgliedern der 30 >blue-chip<-Unternehmen im DAX Index um 11%. Chef der französischen Beratungsfirma Proxinvest. sie symbolisieren ihn durch ihre exorbitanten Belohnungen auch. die zusammen mit den Superreichen den magischen Zirkel der Corporate World bilden. Kenner der Situation sagen. »Der private Staat: Der Griff der Konzerne nach der Staatsmacht«.<. in: The New York Times. während der Wert David de Pury/Jean-Pierre Lehmann. August 2006. >Wobei man bei weltweiten Vergleichen nur ein Land als Maßstab hat. wenn man so will) ins Gericht.. Aber während riesige Zahltage im amerikanischen Konzernleben etwas Normales sind. June 14.auch Konflikte zwischen den Konzerneliten und ihren »Herren«..< sagte Pierre-Henri LeRoy. June 16. Gründer von Zygos Partnership. Doch jetzt geben die europäischen Manager ihre Zurückhaltung auf. So auch jetzt: »This is a time that urgently calls for global corporate statesmanship. ein Sprecher und Berater reicher Investoren und Shareholder aus dem arabischen Raum.de/ spiegel/0.

lässt die Finger davon. Die seriöse oder Mainstream-Forschung . die Datenbank Namebase.net. The Sunday Times Giving Index. html (s. welcher die gewöhnlichen Investoren am ausgestreckten Arm verhungern lässt . Sie fliegen Privatjets.. der Künstler Mark Lombardi. das Projekt Universite Tangente.20589-2132606. das Projekt They Rule. Die empirisch-statistische Annäherung an die Geldelite ist schwierig.00. die zusammen tafeln. kleine Teams von »Privatforschern« 29 oder besessene Einzelne sind. Rules of Engagement.free. Sie sind Freunde. Besonders einfallsreich und intensiv haben sich Rechercheure der britischen Wochenzeitung Sunday Times bei der Erforschung der Reichen ihres Landes ins Zeug gelegt.namebase.fr/index2.Geldmacht . Top 30 political donors / Top 20 political lenders. Die Praktiken der Konzerneliten bedrohen die globale Ökonomie. Foothall millionaires.co. Online millionaires.B. in: IHT. http://utangente.uk/section/ 0„29049.B. http://business.abhängig. wie beispielsweise die Araber. »The Collapse of Capitalism as we know it«. http://www. Und am Horizont zeichnet sich eine gewaltige Revolte der Shareholder ab. Ibrahim. ihren Bankiers ein paar harte Fragen zu stellen: Wo ist mein Geld und was macht ihr damit?« 2 8 Im Übrigen spielt auch bei den Superreichen Ranking eine Rolle. z. http://business. Schlimmer noch.theyrule. die. die großen Banken und Investmentfirmen helfen jenen Bossen dabei. wie sie von »Drittmitteln« ist . Bornpower. bezahlt von den Shareholders. http://www. sodass es vor allem Journalisten.albany.. 2004 29 Vgl.timesonline. March 9. während sie von Aufsichtsratssitzung zu Aufsichtsratssitzung ziehen.htm 30 The Sunday Times Rieh List. Music millionaires. Es ist an der Zeit für die Reichen. die Licht in diese Schicht zu bringen versuchen. Ein fauler Gestank breitet sich aus in den Führungsetagen der größten Konzerne.org. Millionaires in film and TV.edu/museum/wwwmuseum/work/lombardi/. Goldman Sachs millionaires usw. in Deutschland z.30 Youssef M. The riebest women. die Spuren zu verwischen.co.u. www.timesonline.bornpower. www. Dabei sind eine Fülle von Ranglisten entstanden: The 20 fastest growing fortunes. sie genehmigen sich Privatlogen bei großen Sportereignissen und Shows.html 28 .html.Strukturen und Akteure des Reichtums 139 ihrer Konzerne durch Unehrlichkeit und Inkompetenz in den Keller sinke: »Diese Lenker gigantischer Konzerne sind Mitglieder eines winzigen Clubs.00.de/index. hunderte von Milliarden ihres Vermögens in diese großen Konzerne investiert haben.).uk/article/0..

140 Hans Jürgen Krysmanski .

Geldmacht .Strukturen und Akteure des Reichtums 141 .

142 Hans Jürgen Krysmanski Angesichts all dieser Aufstellungen und Rankinglisten. ebenfalls in die Gates Stiftung einzubringen. sondern eben auch »sozial« (nicht unbedingt im Sinne von wohltätig). Entwicklung von Impfstoffen und Bildungsinitiativen. Warren Büffet. Buffet wird in den Aufsichtsrat der Gates Stiftung gehen.Vermögen hindeuten. 30 Mrd. interessiert die Frage. die auf enorme . sozialen. wie diese auf Individuen und Gruppen zukommenden Geldflüsse nicht nur »ökonomisch«.und oft verborgene . US-$ kümmert sich um Krankheitsbekämpfung in armen Ländern. kulturellen und politischen Einflussnahmen auf Geldmachtbasis und durch weitgehend informelle Netzwerke verlangen nach weiterer Forschung. den größten Teil seines Vermögens. entschieden. US-$. Die Melinda & Bill Gates Foundation mit einem Vermögen von 30 Mrd. kulturell (nicht unbedingt im Sinne von kulturvoll) und politisch (nicht unbedingt im Sinne von demokratisch) reinvestiert werden. Nun hat sich der zweitreichste Mann Amerikas. »Was solche . Die ökonomischen. wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. um eine Wohltätigkeitsorganisation zu gründen.

in: The Boston Globe.S.« 31 Die Dinge werden fragwürdig. . Dies aber geschieht in 31 2006 H. July 4. Greenway. Aber auch der kombinierte Reichtum von Gates und Büffet kann die Welt allein nicht verändern... wenn durch Philanthropie direkte Eingriffe in Politik.D. Das Engagement der Bill & Melinda Gates Foundation für die Bekämpfung von Krankheiten in der Dritten Welt wird Konfrontationen bringen mit Regierungen und Herrschern.Geldmacht . formulierte: Die Superreichen sollten die >Treuhänder< ihrer großen Vermögen sein und sie zum Wohle der Gesellschaft verwalten. >Das Evangelium des Reichtums*.. die Carnegie 1899 in einem Essay. Rockefeller und Carnegie vereint. die sich genauso wie zu Carnegies Zeiten nicht gerne sagen lassen. ist eine Überzeugung. Doch durch den Einsatz ihres enormen Stiftungsvermögens draußen in der Welt ist die Gates Stiftung längst zu einem wichtigen global player geworden . Gates. »Titans pass their torches«.Strukturen und Akteure des Reichtums 142 Titanen wie Büffet. was sie tun sollen.. Jetzt ist die Fackel der Titanen weitergereicht worden . Kultur und sogar Religion erfolgen.

Intel. der Millionen verschenkt. Danach muss weltweit eine vollständige Liberalisierung stattfinden: Alle Güter.144 Hans Jürgen Krysmanski wachsendem Umfang.ich nenne sie Kosmokraten . Die neuen Kolonialherren. wird ermordet . Frankfurt/M 2004 . Vgl. 7/2006. wie sie heute in den 111 Artikeln 32 33 Slavoj Zizek. Einflussnahmen und künstlich erzeugten Ausnahmezuständen 33 zu einer Refeudalisierung oder gar Schlimmerem? »In den letzten Jahrzehnten sind auf der Erde unglaubliche Reichtümer entstanden. Alles wird dem Prinzip der Profitmaximierung unterworfen. Die Legitimationstheorie der Konzerne ist der Konsensus von Washington. »liberale Kommunisten«. als gäbe es keinen Widerspruch zwischen kapitalistischer Ausbeutung und mildtätiger Menschenliebe. Ein Kind. »Der liberale Kommunist«. der Welthandel hat sich in den letzten 12 Jahren mehr als verdreifacht. diese Zivilisation. Das Resultat ist absolut fürchterlich . dass smarte Milliardäre wie Bill Gates so tun. Giorgio Agamben. Und gerade jetzt findet eine brutale. Diese kannibalische Weltordnung von heute ist das Ende sämtlicher Werte und Institutionen der Aufklärung. Diese neue Feudalherrschaft ist 1000 Mal brutaler als die aristokratische zu Zeiten der Französischen Revolution . die multinationalen Konzerne . den Hunger und die Verschuldung. com-Milliardäre wie die Chefs von Google. Sie seien letztlich nichts als »Vermittler einer strukturellen Gewalt.. Nach diesem Konsensus gibt es keine öffentlichen Güter wie Wasser. die er geißelt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt und die Utopie des gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich. Entweder wird die strukturelle Gewalt der Konzerne gebrochen. das Ende der Grundwerte. IBM. das Welt-Bruttosozialprodukt fast verdoppelt.« 32 Führt dieses Handlungsgefüge von Interessen. das heute an Hunger stirbt. Dabei setzen die Konzerne zwei Massenvernichtungswaffen ein.. der Menschenrechte. massive Refeudalisierung statt. Oder die Demokratie.. 108f. hat mit seinen Finanzspekulationen das Leben Tausender ruiniert und dabei die Bedingungen für jene Intoleranz geschaffen. Slavoj Zizek schreibt.eignen sich die Reichtümer der Welt an. Ebay usw. die die Bedingungen für den Ausbruch subjektiver Gewalt schafft. S. alles Kapital und die Dienstleistungsströme in jedem Lebensbereich müssen vollständig privatisiert werden.. der Tiere und Pflanzen werden in Besitz genommen und patentiert.. Auch die Gene der Menschen. Ausnahmezustand. unter denen wir bisher gelebt haben.. Derselbe Soros. um Bildungsprojekte zu fördern. in: Cicero. Zizek nennt George Soros und dot.

wohlgeschützte Eigner des Besten. diese an Dynastien gebundene Herrschaftspraxis einholen.W e l t glauben sich die Geldeliten .k a n n .O.s i c h . Doch die Historie wird auch dieses historisch kurzfristige Denken. Die Geldeliten verselbständigen sich. den man innerhalb eines weltweiten Netzwerkes einer immer kleiner werdenden Gruppe von Spitzenmanagern und Spitzenpolitikern einnimmt.a. wo die Entscheidungsmacht einigen wenigen Spitzenpolitikern vorbehalten sei. Klimawandel und Ressourcenprobleme deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe.2005 14 .gut gerüstet. die innerhalb der offiziellen Strukturen eines Unternehmens völlig unmöglich wären. was diese Welt zu bieten hat .und dass auch die Welt der Spitzenmanager für eben diese prekärer wird. Das Imperium der Schande. In modern organisierten Unternehmen werde die Macht von einer immer kleiner werdenden Zahl von Spitzenmanagern ausgeübt. 4/2005. 32. wie man mit den neuen Strukturen umgeht und sich in zumeist informellen Netzwerken organisiert. Ziegler. vgl.souveräne. in: Freitag. a. Die Bürger »haben in der politischen Sphäre keinen Platz mehr.« 35 Das Problematische aber ist.« Wirkliche Macht hängt vom Platz ab. beginnen im wahrsten Sinne des Wortes in dieser Winner Takes All -Gesellschaft auf eigene Faust zu operieren.w e r . »Das Diktat der Politmanager«. J.Strukturen und Akteure des Reichtums 145 der UNO-Charta oder im Deutschen Grundgesetz fixiert ist. dass die politische Sphäre selbst immer bedeutungsloser wird . Es ist eine Existenzfrage. Diese Tendenz zur Zentralisierung von Macht und zur extremen Verkürzung der Zeithorizonte im Unternehmensmanagement sei die unmittelbare Folge der totalen Freisetzung riesiger Kräfte des Finanzkapitals nach dem Zusammenbruch des Bretton-WoodsAbkommens in den 1970er Jahren. »Diese Netze geben Managern heute die Freiheit. Die Dinge entwickeln sich dramatisch. Nur eine äußerst schmale Schicht der Gesellschaft hat überhaupt noch Zugang zu ihr. das gleiche gelte für die politische Sphäre. Germanwatch-Zeitung.« 34 Richard Sennett hält den modernen Kapitalismus in seiner Grundtendenz für antidemokratisch.Geldmacht . Politische Macht sei abgewandert in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse. ist vorbei und der Dschungel kommt. Dinge zu tun. die sehr genau weiß. Aus einem Interview mit Jean Ziegler. Er führe zu einer weichen Spielart des Faschismus ( s o f t fascism). 12. 35 Richard Sennett.8. Und für eine solche R e t t e . Macht entzieht sich in dieser Weise ganz einfach der Wahrnehmung und wird unsichtbar.

die das Ideenelement der Politik als das ausschlaggebende Moment des Regierens ansieht. Beide akademischen Mainstream-Ansätze versuchen also seit den letzten 15 Jahren.Peter Gowan Weltmarkt. aus dem eine internationale Ordnung entspringt: Entweder befriedet und leitet ein liberaler Wertekanon die internationalen Beziehungen an oder es ist die Verteilung von militärischer Macht. dass dem von ihnen favorisierten Element ein Mechanismus innewohnt. die materielle Zwangselemente als politisch entscheidend betrachtet. und eine andere Fraktion. aus der als Funktion die Befriedung der Erde resultiert. Handels betrachtet. Beide Schulen nehmen dann ihrerseits für sich in Anspruch. was die Haupttendenzen in der Weltordnung heute sind. eine neue kapitalistische Weltordnung zu begründen. dass sie den Schlüssel für den neuen Ordnungsmechanismus in der Welt gefunden haben. die aus sich selbst heraus ein Gleichgewicht und eine stabile Ordnung hervorbringt. ist ein weitverbreiteter Eindruck. Hierdurch tendiert das Mainstream-Denken zur falschen Wahrnehmung der Dynamiken beider Bereiche: Die Wirtschaft wird als eine sich selbst regulierende Sphäre des Austauschs bzw. Hiermit einher geht ein Durcheinander im Denken des Mainstreams über das. Mit anderen Worten: Von Seiten der liberalen Idealisten werden uns . Staatensystem und Weltordnungsfrage Dass die internationalen Beziehungen sich in einem Zustand des Übergangs und der Unordnung befinden. besitzt. Im Hinblick auf die Politik spaltet sich das konventionelle Denken dann in eine Fraktion. Meine These ist. dass die unleugbare Weltunordnung ihre Wurzeln im Zusammenbruch der Weltordnung des Kalten Kriegs und der Schwierigkeit. Spannungen und Konflikte zwischen den vermeintlichen Logiken beider Ebenen auszumachen. Die ökonomistische Perspektive preist die ökonomische Globalisierung. in der die individuellen Akteure in der Weltwirtschaft der Hegemonie des Weltmarkts und seiner Logik gegen das alte »westfälische« Staatensystem zum Durchbruch verhelfen. uns davon zu überzeugen. Das Mainstream-Denken bringt die internationale Wirtschaft und die internationale Politik zueinander in einen Gegensatz und ist darauf geeicht.

kommt der Vorschlag. kredenzt. Auf der anderen Seite haben wir es mit der Konzentration der politischen Entscheidungsprozesse und der gesellschaftlichen Gewalt in den Händen des Staatspersonals und eines . nämlich das dezentralisierte gesellschaftliche System der verschiedenen Kapitalismen. was sein institutionelles Gefüge anbelangt: Auf der einen Seite gibt es da die »Privatisierung« der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion und -Verteilung. Ordnung in diesem System ist das Resultat von umfangreichen Aushandlungen zwischen den Hauptzentren in diesem System. mit denen sich die Hauptzentren bei der Aushandlung eines neuen Kompromisses konfrontiert sehen. Chaos und Krieg dauern an. und beiden ist eine Blindheit hinsichtlich des Wesens der Tiere in dem Zoo gemein. Allerdings besteht die Aufgabe solcher Weltordnungskompromisse in der Hinausdrängung von Chaos und Krieg in den geographischen Raum außerhalb des kapitalistischen Zentrums. die den großen Hammer zu ihrem Fetisch erkoren haben. in den Ordnung zu bringen ist. dass keiner dieser beiden vermeintlich ordnungsstiftenden Mechanismen funktioniert. 1. machtbasierte Kompromisse. Diese Aushandlungen sind ihrem Wesen nach ad hoc und grundsätzlich prinzipienlose. Staatensystem und Weltordnungsfrage 147 Lockesche und Kantsche Werte als der Mechanismus.Weltmarkt. Die heutige Unordnung in der Welt ist als das Resultat derjenigen Probleme zu verstehen. aus dem eine neue Ad-hoc-Totalität entstehen soll. dass die amerikanische Militärmaschine die Welt auf Vordermann bringen kann und soll. Grundprobleme der Weltordnungskompromisse Im Folgenden werde ich die These entwickeln. welche diese großteils von den Institutionen der öffentlichen Macht abschottet. gleichwohl diese Kompromisse stets als ach so prinzipienfest und auf allgemeinen Normen wie Gerechtigkeit und Wohlfahrt basierend dargestellt werden. der für eine liberale kosmopolitische Befriedung der Welt sorgen soll. die sich sowohl auf die Ökonomie und die Politik nach innen und nach außen erstrecken. De facto befrieden Weltordnungskompromisse die kapitalistische Welt niemals in toto. Beide sind mit etlichen Fehlern behaftet und unlogisch. Und von denjenigen. Die Einsichten der Orthodoxie und ihre Grenzen Der Kapitalismus ist bekanntlich und ganz ohne Zweifel von einer realen Zweigleisigkeit gekennzeichnet.

Mit anderen Worten: Diese Wirtschaft einfach als tauschende Markthandlungen aufzufassen. Gleiches gilt für die Kapazitäten des Staates. In Anbetracht der heutigen ökonomischen Bedeutung von Skalen. Die ökonomische Betätigung ist den Bedürfnissen ihrer gesellschaftlichen Machtstellung untergeordnet und bleibt ihrem Wesen nach ununterbrochen spannungs. was produziert und getauscht wird. dass sie der Expansion seines kapitalistischen Systems dienen. dass die Organisierung der Produktion und Verteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums in privaten Händen über mehrere Staatsjurisdiktionen hinweg stattfinden kann. die Klassenverhältnisse zu integrieren und zu stabilisieren und die externen politisch-ökonomischen Verhältnisse so zu strukturieren.sind Werkzeuge gesellschaftlicher Kräfte.h.und konfliktgeladen. Dabei ist diese Unabhängigkeit im operativen Sinne real. ist schlicht und ergreifend so nützlich. Diese Zweigleisigkeit führt nun wiederum zu qualitativen Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen in einer kapitalistisch verfassten Welt. ohne dass irgendwelche Staatsbeamten hierauf Einfluss nehmen könnten. denn beides . in denen die öffentlichen Ressourcen des Staates für die Schaffung von Märkten. Und doch sind diese marktförmigen Tauschhandlungen in ein gesellschaftlich-kapitalistisches Herrschaftssystem eingebettet und von diesem bestimmt.und Entwicklungseinrichtungen zentral sind. Bildungssystemen und Forschungs. wie wenn man die Machtpolitik als von der Logik der Gewehre angetrieben versteht. Dies ermöglicht es wiederum. denn es sind kapitalistische Klassen. da sie die Unterordnung. denn jede Stunde an jedem x-beliebigen Tag werden Milliarden spezifische Gütereinheiten zu einem bestimmten Preis gegeneinander getauscht. Existiert die öffentliche Macht in fragmentierter Form.und Verbundeffekten und Aspekten der learning economy beruht Wettbewerbsfähigkeit heute auf staatlich-privaten Partnerschaften. das von den Herren und Knechten der Produktion abgetrennt ist. Organisierung und Integration der Arbeiterschaft durch Formen des Marktaustauschs voraussetzt. Marktinfrastrukturen. als ob sich die internationale ökonomische Tätigkeit in völliger Unabhängigkeit vom Staatensystem vollzieht. .Märkte und Gewehre .148 Peter Gowan staatlichen Verwaltungssystems zu tun. Dieses spezifische Gefüge sorgt nun für den Eindruck. Dabei beschränkt sich in der modernen Welt der Erfolg im kapitalistischen Wettbewerb immer weniger auf die Sphäre der Marktes und des Tausches von Werteinheiten zu bestimmten Preisen. d. die diktieren. als ein Netzwerk von Territorialstaaten. so »transnationalisiert« sich unter kapitalistischen Verhältnissen die Produktion.

Märkte allein sind und wären nie in der Lage. in der wir leben. dass die staatlichen Ordnungen des Kapitalismus die Verkörperungen der Vernunft im Sinne von universalistischen Menschheitswerten darstellen oder dies zumindest sein können. Staatensystem und Weltordnungsfrage 149 Einzig und allein indem sie diese klassenbasierten Sozialstrukturen der Kapitalakkumulation ignorieren. dass die staatlichen Ordnungen im modernen Kapitalismus Minotauren und eben keine griechischen Gottheiten sind. rationalisierenden multinationalen Konzerne. dienen als Rechtfertigungsgrundlage für ein ganzes Arsenal von abscheulichen Verbrechen. wobei diese allerdings (vorzugsweise) off-camera stattfinden. dass sie einen Großteil der Geschieh- . die sie sich auf ihre Fahnen geschrieben haben. Hegels Versuch. Die traditionellen liberalen Idealisten heben zu Recht die Bedeutung der ideellen und kulturellen Faktoren in der Politik des Kapitalismus hervor. Was beide übersehen. vor dessen einrahmendem Hintergrund sich Tauschhandlungen und Organisationen vollziehen und operieren. Der Kampf für eine humanere internationale Ordnung hätte also dieses Untier als Gegner ins Visier zu nehmen. Die Webersche Perspektive ist wie geblendet durch die scheinbar autonome Macht der gigantischen. nicht einmal potenziell. dass er nicht erkennt. gelingt es den neoklassischen und Weberschen Vorstellungen von der internationalen Wirtschaft. mit Glaubenssystemen den zentralen und (welt-) ordnungsstiftenden Mechanismen entdeckt zu haben. der die Grenzen des Staatensystems gesprengt hat. als einen Weltmarkt vorzustellen. sich die Welt. Der neoklassische Blick auf die Dinge ist von den Milliarden Tauschhandlungen pro Stunde wie hypnotisiert. im Namen der modernen Kant-Anhänger die These zu behaupten. ohne den gesellschaftlich-kapitalistische Herrschaftssysteme nicht bestehen könnten. noch mit der Marxschen Hegelkritik von vor 150 Jahren auseinanderzusetzen. Dabei haben sich diese Verfechter der Vorstellung. die sie in der dann doch mehr irdischen Gegend begehen. anstatt ausgerechnet es selbst als das Mittel zur Herstellung einer Welt der Kantschen Gerechtigkeit auszuerkoren. woran uns wieder die schlicht zu offensichtlichen Barbareien der Bush-Regierung erinnert haben. dass nämlich die Machtpolitik zentral für die Schaffung von Weltordnung ist. liegt der Fehler zugrunde. ist der gesellschaftliche Klassenhintergrund. zumindest zu ihrer Verteidigung vorbringen. integrierende Gesellschaftssysteme aus sich selbst heraus zu schaffen. deren Handlungen zwischen und über zahlreiche Rechtssysteme hinweg operieren. Demgegenüber können die Verfechter der anderen Auffassung. Die engelsgleichen Werte. Gesellschaftliche Ideensysteme und kollektive Identitäten sind der Kitt.W e l t m a r k t .

Für den amerikanischen Militärapparat bedeutet das. die eine Quelle der äußeren Bedrohung herbeizaubern wollen. die ihm in den realen sozialen Konflikten im internationalen Kapitalismus vorausgesetzt sind und die nur durch Gewalt oder Gewaltandrohung zu lösen sind. wenn er sich für Zwecke einsetzen lässt.150 Peter Gowan te des 20. weshalb exogene Quellen der Geschlossenheit unter den Klubmitgliedern des Zentrums kaum noch bestehen. Jahrhunderts auf ihrer Seite wissen. dann wird er selbst zum Unruheherd und einem Hindernis für die amerikanischen Bemühungen. Die Hauptprobleme beim Aufbau kapitalistischer Weltordnungen als Ad-hoc-Totalitäten Das Problem der Schaffung kapitalistischer Weltordnungen erwies sich im 19. Später entstand die Einheit des Zentrums aus dem gemeinsamen Kampf gegen die alternativen Modernisierungsprojekte des Staatssozialismus und der radikalen nationalen Befreiungsbewegungen im Süden. der aus dem sozialen Chaos des Kapitalismus eine Ordnung hätte schaffen können. die kapitalistische Welt in ein neues Gleichgewicht zu bringen. Jahrhundert konnten sich die auf Europa konzentrierten Zentren des Kapitalismus verbünden und gemeinsam in die vorkapitalistische Welt expandieren. Daran ändern auch die amerikanischen Führer nichts. das dem Rest der Welt erst den Fortschritt bringe. einem fortgeschritteneren Gesellschaftssystem anzugehören. In beiden Fällen wurden diese expansionistischen Bestrebungen von gemeinsamen Großidentitäten flankiert. mit der sie ihrem gigantischen . denn die Zentren des Weltkapitalismus befanden sich seinerzeit nicht nur in einer klaren Minderheitenposition. Die Bedeutung der Gewalt und der Machtpolitik für die Entwicklung des internationalen Kapitalismus ist bis heute endemisch. Die militärische Macht muss parallel zum Entwicklungstrend der gesellschaftlichen Verhältnisse des internationalen Kapitalismus verlaufen. Jahrhundert noch als eine einigermaßen handhabbare Aufgabe. Und doch ist die militärische Macht nie jener deus ex machina gewesen. Im 19. und im frühen 20. dass er als wirkungsvolles Instrument für die Stiftung von Weltordnung nur dann brauchbar ist. andernfalls wird sie die Unordnung und das Chaos im Gesamtsystem nur noch verstärken. Heute ist die Welt fast vollständig kapitalistisch geworden. Kann er diese Lösung nicht garantieren. sondern waren von einer großen Anzahl nichtkapitalistischer Länder umgeben. die auf stark rassisch begründeten Konstrukten wie »die Weißen gegen den Rest« oder aber auch auf der gemeinsamen Vorstellung des Zentrums beruhten. Hieraus erwuchs eine exogene Quelle der Einheit des kapitalistischen Zentrums.

das kapitalistische Zentrum zu schützen. Staatensystem und Weltordnungsfrage 151 Apparat eine neue Aufgabe verschaffen können. die eine Weile Bestand hatten. Auch haben sie es sich nie zur Aufgabe gemacht. der auch das imperiale Zentrum strukturierte. Diese umfassten wirtschaftliche. In dieser Hinsicht behält der Begriff des Imperialismus seine Erklärungsmacht. Jahrhunderts schufen die zentralen kapitalistischen Länder unterschiedliche institutionelle Gefüge. zu keiner Zeit den Versuch unternommen.oder Kooperationsverhältnisse seien. Selbst inmitten von zwischenkapitalistischen Kriegen bestanden immer noch Momente der Zusammenarbeit. Die große Stärke des Imperialismusbegriffs besteht darin. nicht-normativ und machtbasiert betont und dabei gleichzeitig diese Weltordnungen an ein Verständnis des Wesens des Kapitalismus als soziales System knüpft. die zentrumsübergreifend Ordnung stifteten oder stiften sollten. Stattdessen haben die von der Logik des Kapitalismus beseelten und getriebenen Siegerstaaten vielmehr versucht. bestand darin. In Wirklichkeit sind jedoch sowohl Kooperation als auch Konflikt endemische Bestandteile zwischenkapitalistischer Verhältnisse. Die sich kriegerisch befehdenden Staaten haben bspw. Hinzu kommt.Weltmarkt. die beherrschten Klassen in den Ländern des Kriegsgegners zum Sturz der dortigen Kapitalisten aufzustacheln. Sie entstanden als Ad-hoc-Totalitäten. ob sie Konkurrenz. die anderen kapitalistischen Staaten des Zentrums durch Kriege auszuradieren. mit der man sich im Hinblick auf die zwischenkapitalistischen Verhältnisse beschäftigte. Im Rahmen der soeben skizzierten historischen Konfigurationen des 19. Dabei war es eben jener Kontext. Im Hinblick auf die heutigen Bedingungen problematisch wird der Imperialismusbegriff allerdings im gewandelten Kontext. . Die zentrale Frage. um schließlich zusammenzubrechen und in neue Anläufe zur Schaffung von Weltordnungsgefügen zu münden. Die klassisch-marxistischen Debatten über diese frühen Weltordnungen versuchten vor allem mit Hilfe des begrifflichen Instrumentariums der Imperialismustheorie dem Ad-hoc-Charakter dieser Totalitäten analytisch gerecht zu werden. dass die klassische marxistische Imperialismusdiskussion sich nicht hinreichend mit der Beschaffenheit der hierarchischen Verhältnisse zwischen den von der kapitalistischen Produktionsweise dominierten Zentren auseinandersetzte. Der nichtkapitalistische Kontext der früheren Imperialismen existiert heute nicht mehr. und 20. politische und kulturell/ideologische Bausteine. in dem sich das kapitalistische Zentrum heute wiederfindet. dass er den Charakter dieser Weltordnungen als ad hoc. zu welchen Teilen sie von Zusammenarbeit und von Konflikt geprägt.

Was den Geschichten aller kapitalistischen Zentren gemeinsam ist. den Siegermächten Vorteile zu sichern. sondern auch als ideeller Träger für ihre innenpolitische Machtstellung gegenüber der Bevölkerung.d.h. d. die Vorherrschaft auch im Kontext einer offenen Struktur aufrecht zu erhalten. die darauf geeicht waren. Die immense innenpolitische Macht der britischen Bourgeoisie. Mitunter sind diese Räume ökonomisch offen gewesen und haben zu ihrer ökonomischen Durchdringung durch die anderen kapitalistischen Zentren eingeladen. sei es auch mit geänderten Wertesystemen und institutionellen Regimes. Mächtige kapitalistische Zentren können ihre inneren gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse durch Expansionismus stärken . Dabei hat sich die offene Durchdringung als brauchbar erwiesen.152 Peter Gowan ihre (einstigen) Feinde als kapitalistische Zentren wieder aufzupäppeln. die aber schließlich auch mit dem Wesen ihrer innenpolitischen sozialpolitischen Systeme zusammenhängt. und Gleiches gilt auch für die anderen kapitalistischen Hauptzentren. sondern auch durch die innenpolitische Machtstellung als einem Nebeneffekt der imperialen Ausdehnung entstanden. weil sie ihrem Wesen nach nur partikularistisch sein kann. ist deren grundsätzlich expansionistische Tendenz. Gelegentlich waren sie aber auch ökonomisch geschlossene Räume. die eine ökonomische Durchdringung zu verhindern suchten.) angestrebt. Ergo haben alle kapitalistischen Zentren den Aufbau von Großräumen (im Original deutsch. A. deren Rechtfertigung stets ein schweres Unterfangen bleibt.nicht nur im Sinne einer ökonomischen Stütze. Die Abschottung eines Raumes ist dahingegen ein Symptom gefühlter Schwäche.nicht nur das Ergebnis materieller Vorteile für die Bevölkerung. so wie dies die deutsche Elite in den 1930er Jahren nannte und was von den amerikanischen Strategen »grand areas« genannt worden ist. Dabei hat es sich um geographische Räume gehandelt.historisch betrachtet . Die Offenheit und Geschlossenheit von Räumen sind dabei zur gleichen Zeit durch den Charakter der kapitalistischen Zentren bedingt. So ist das neuralgische Zentrum der kapitalistischen Gesellschaften die Erhaltung der innenpolitischen Klassenmacht. der sich aus den wesentlichen Formen der internationalen kapitalistischen Konkurrenz . ist . die sich aus ihrem Imperium ergab. in denen die Schlüsselbausteine für ihre ausgeweiteten Akkumulationskreisläufe und politischen Einflussgebiete lagen. die Macht der einen Klasse über die andere. die zum einen aus dem inneren Wesen der kapitalistischen politischen Ökonomien resultiert. wenn sich das eindringende Zentrumsland stark genug fühlte.Ü. was aber schlichter auch einfach als Einflusssphäre bezeichnet werden kann.

Vor diesem Hintergrund haben die führenden Zentren das Ziel verfolgt. ist. gerät die internationale Ökonomie in eine strukturelle Krise. so wie dies vor 1914 mit dem Goldstandardsystem oder unter der unipolaren Führung der ersten drei Jahrzehnte des Nachkriegssystems existierte. erfordert ihr Funktionieren Einrichtungen. geht es bei den Konflikten und Aushandlungen in all diesen Bereichen ja eben genau um die zu entwickelnden Rahmenbedingungen. welche die internationalen monetären Verhältnisse und Finanzhoheiten regeln. Diese konkurrenzgetriebenen Kämpfe resultieren aus den starken stagnativen Tendenzen in den Kernkapitalismen. so wie in der neoklassischen Perspektive. welche diese Zonen mit einer gemeinsamen Verrechnungseinheit und mit zwischenstaatlichen Zahlungsausgleichsmethoden für die verschiedenen Staaten in der Weltwirtschaft verknüpfen sowie Arrangements für die Finanzierung internationaler Transaktionen herausbilden. ist der Weltmarkt dagegen dazu auch noch eine Hierarchie von Gebrauchswerten. auf denen die Märkte dann selbst aufgebaut werden sollen. sich Vorteile vermittels des Aufbaus von ökonomischen und politischen Institutionen einer zentrumsübergreifenden Weltordnung zu verschaffen. Was Schumpeter begriff. Gleichzeitig bedarf es für das Funktionieren stabiler monetärer und finanzieller Abkommen und Einrichtungen umfangreicher and enger kollegialer Zusammenarbeit zwischen den Hauptzentren der Weltwirtschaft. Solche zentralen Einrichtungen sind diejenigen. Staatensystem und Weltordnungsfrage 153 ergibt. Insofern. Brechen solche Einrichtungen zusammen. in der einige Länder die Gipfel der internationalen industriellen Arbeitsteilung besetzt halten und andere geringwertige Konsumgüter für »Vollreife Märkte« produzieren. dass die Konkurrenz zwischen kapitalistischen Zentren sich weniger um die Preise von Stabilwerten dreht. Hieraus resultieren die Notwendigkeit von Abkommen über internationale Marktinstitutionen mit dem Ziel der Expansion des Kapitals sowie vereinbarte Arrangements.Weltmarkt. welche Ungleichgewichte und makroökonomische Krisen beheben oder eindämmen sollen. . das Ergebnis von unbarmherzig das Handeln der Hauptzentren diktierenden Marktlogiken zu sein. sondern vielmehr um den Kampf um neue Wachstumsbranchen und für Skalenökonomien in Hochtechnologiebereichen sowie um das händeringende Suchen nach und Kämpfen um neue Wachstumszentren. aus der wie in den 1930er Jahren tiefgehende politische Konflikte entstehen können. Weit davon entfernt. Während Tauschhandlungen in neoklassischen Vorstellungen von Märkten stets die verschwommene Form von Tauschwerten annehmen. als die Weltwirtschaft ein Aggregat politisch eigenständiger Währungszonen und Finanzsysteme ist.

die diese Länder in Abhängigkeit von einem riesigen Militärapparat hielt.den U S A . Die internen Mechanismen dieses Klubs beinhalteten allerdings Mängel. in der Wirtschaft und in der Ideologie. welche das universelle Wohlergehen der Menschheit als solche sichern. Aus dieser Gemengelage resultierte schließlich jene politische Konfiguration. innenpolitischen Kulturen. d. In der Zeit vor 1914 war dieser exklusive Klub auf die europäischen Großmächte beschränkt. Die Zwischenkriegszeit war dann von der absoluten Unfähigkeit der kapitalistischen Zentren geprägt. sondern wurzelten vielmehr in den politischen Mechanismen zur Behebung von Konflikten sowie in dem potenziell explosiven Mix aus militaristischen. darwinistischen. Die Nachkriegsvereinbarungen waren danach das goldene Zeitalter der kapitalistischen Weltordnung: einem Staat . die sich verheerend auswirken sollten. die den Ausschlag gibt. Diese Unfähigkeit hatte zahlreiche Zusammenbrüche auf allen Ebenen zur Folge: in der Politik. Gleichzeitig werden diese Deals dann als Arrangements dargestellt. den die Vereinigten Staaten errichteten. nationalistischen. da die Entwicklung der Weltwirtschaft einem konstanten Wandel unterliegt. mit denen jedes Klubmitglied leben kann.154 Peter Gowan Solche spezifischen ökonomisch-institutionellen Arrangements existieren allerdings nur für begrenzte Zeiträume. und in diesem Kontext ist es die Machtpolitik. dass er diese unter seiner Führung wiederaufbauen und für die Konfrontation mit dem Sowjetblock und dem Kommunismus organisieren durfte. die monetären und Marktarrangements immer wieder neu auszuhandeln. Aus diesem Grund besteht die wichtigste Aufgabe in der Schaffung politischer Mechanismen. was aber in der Regel auf Kosten der zum Klub nicht Zugelassenen passiert. einen größere Belastungsproben aushaltenden Privatklub zu bilden. die es erlauben. ohne den die durch immense soziale Spannungen geprägten Gesellschaften nicht hätten integriert werden können. die im Grunde genommen wie ein exklusiver Privatklub Abkommen aushandeln und sich Vorteile verschaffen. mit den Vereinigten Staaten und Japan in Randpositionen. Diese Mängel lagen weniger in den ökonomischen Institutionen selbst begründet.h. dem Goldstandard und der imperialen Expansion in den Süden bei gleichzeitig ziemlich flexiblen Handelsregeln zwischen den zentralen Kapitalismen. Gleichzeitig wurden dabei die eurasischen Kapitalismen für 30 Jahre . So sind es die mächtigsten Zentren in der Weltwirtschaft.war ein solch überwältigender Aufstieg über die zerstörten und finanziell ruinierten Kapitalismen an beiden Enden Eurasiens beschieden.

Diese positive Entwicklung .Ü.und Informationstechnologie. dass die Weltwirtschaft alles in allem leidlich funktioniert.h. Zudem ist es den Vereinigten Staaten gelungen. die den Zustand der kapitalistischen Welt rein aus der Ökonomie ableiten. in denen das Wachstum gering ausfiel (wie in Westeuropa) oder wo die Wirtschaft stagnierte (Beispiel Japan). in der sie führend sind. und selbst in den Regionen des Zentrums.dazu beigetragen. A. in die amerikanische Einflusssphäre bzw. Und trotz der wachsenden Spannungen und ökonomischen Probleme in diesem Großraum überlebte dieses politische Rahmenwerk bis zum Zusammenbruch des Ostblocks. In diesem System orientierten sich alle kapitalistischen Zentren zwecks ihrer ökonomischen und politischen Entwicklung nach innen.d. 2. die sich im Zeichen des so genannten Neoliberalismus vollzieht.). Die allgemeinen makroökonomischen Indikatoren (wie zweifelhaft auch immer ihre Berechnungsmethoden vor allem bezüglich der Vereinigten Staaten sein mögen) legen nahe. die Kommunikations.Weltmarkt. Staatensystem und Weltordnungsfrage 155 zu den neuen Wachstumszentren des internationalen Kapitalismus. zu entwickeln. Der Zusammenbruch des Ostblocks und der Zerfall und die Demoralisierung der internationalen Arbeiterbewegungen hat sich für die kapitalistischen Klassen jeden Landes als äußerst vorteilhaft erwiesen. d. die Auseinandersetzungen in den Führungszirkeln der USA über die Frage nach dem Führungsverlust der USA in der internationalen industriellen Arbeitsteilung zu mildern.zumindest fürs erste . Die Hauptprobleme der »Klubgründung« heute In den Augen derer. Auch dies hat . Auch der heftige politische Konflikt zwischen Japan und den USA aus den 1980er Jahren hat sich entschärft. in denen ihre Arbeiterklassen sowohl Konsumenten als auch Produzenten wurden. während die USA die neuen Wachstumsbranchen schufen: Massenkonsumindustrien. den amerikanischen Großraum (im Original deutsch. und auch die transatlantischen Spannungen bezüglich des transatlantischen Handels haben sich gelegt. fallen momentan zumindest die Profitraten der Schlüsselkapitale sehr hoch aus. eine neue Wachstumsbranche. mag das System seit dem Zusammenbruch des Ostblocks einen ziemlich rüstigen Eindruck gemacht haben. Beide wurden im Rahmen der Schaffung eines rechtlichen Rahmens für internationale Wirtschaftsaktivitäten in der WTO behandelt. In diesem Kontext wurde eine ziemlich dramatische Reichtumsumverteilung und gesellschaftliche Machtverschiebung zugunsten des Kapitals möglich.

Stattdessen betreiben diese ihre Aktivitäten mit der Währung eines einzelnen kapitalistischen Staates. d. Aus einer längerfristigen historischen Perspektive betrachtet ist das bemerkenswerte Kennzeichen der heutigen Situation das absolute Fehlen eines kohärenten Gefüges einer stabilen neuen Weltordnung. An ihrer Stelle haben wir etwas.positiv zumindest aus der Sicht der kapitalistischen Stabilität und von der Warte der amerikanischen Führungsposition . »gehorcht«. In diesem System mangelt es den internationalen kapitalistischen Akteuren an einer stabilen internationalen Währungseinheit. dass die kapitalistischen . das sozusagen die Rolle der tragenden Säule jedweder internationalen kapitalistischen Wirtschaft sein muss: eine internationale Währungs. dem internationalen Finanzsektor. Und doch sind diese positiven Merkmale der internationalen Lage heute . die Dauerhaftigkeit garantieren könnten. basierend auf einer Übereinkunft zwischen den kapitalistischen Hauptzentren.allesamt temporär und weisen keine tiefgreifenden Wurzeln auf.und herschwankt. das wir als ein imperiales Dollarsystem bezeichnen könnten und das sich auf die zentrale Bedeutung der Wall Street und der Londoner Börse im Finanzsektor stützt. Dieses Arrangement sorgt für äußerst brisante und instabile Rahmenbedingungen bei der Durchführung internationaler kapitalistischer Aktivitäten. welche die gesamte Weltwirtschaft umgreift. den Vereinigten Staaten. da der Wechselkurs des Dollars zu anderen Währungen wild hin. die Vereinigten Staaten bleiben offenkundig das Zentrum sowohl in der internationalen politischen Ökonomie als auch in der internationalen Politik. in dem die Führung der amerikanischen Finanzakteure genauso für jedermann ersichtlich ist.156 Peter Gowan für die USA wird noch ergänzt durch den Siegeszug einer weiteren extrem dynamischen neuen Wachstumsbranche. einer Weltordnung im Sinne der eingangs beschriebenen Ad-hoc-Totalität.und Finanzarchitektur. Probleme in der internationalen politischen Ökonomie Das Dollar-Wall-Street-Regime Dem kapitalistischen Zentrum mangelt es schon seit den 1970er Jahren an einem stabilen Vertragsgefüge. Eine Konsequenz dieses Systems ist. die ausschließlich den makroökonomischen Interessen ihres Ursprungslandes.h. Kurzum. Das Fehlen eines solchen Gefüges ist die Haupttriebkraft hinter der internationalen Politik der Gegenwart und ist eine große Gefahrenquelle für die Stabilität und Integrität der Weltwirtschaft.

um die aus den Wechselkursschwankungen resultierenden Risiken zu mildern. Für den Augenblick besteht das Dollar-Wall-Street-Regime ohne einen unmittelbar erkennbaren Herausforderer fort. das die beiden Enden der eurasischen Landmasse unabhängig vom Dollar miteinander verknüpft.) die Zentralität der Wall Street und Londons als die Hauptzentren der Werteeinlagerung (value storage) und ihre Funktion als finanzielle Clearinghäuser der Weltwirtschaft.) der fortbestehende Unwille der eurasischen kapitalistischen Hauptzentren. indem sie Derivatverträge über ausländische Währungen abschließen.) der Fortbestand der Zentralität des amerikanischen Gütermarktes für das ökonomische Wachstum in weiten Teilen des übrigen Teils der Weltwirtschaft.wie sich zeigen könnte .a. was ein Anzeichen für Spannungen ist. (3. sich bei all ihren internationalen ökonomischen Operationen gegen Wechselkursschwankungen abzusichern. und (4. festverzinslich strukturierte Wertpapiere ausgeben. Hierzu gehören u. Staatensystem und Weltordnungsfrage 157 Unternehmen dadurch gezwungen werden. oder auch die Notwendigkeit von Transferpreissetzungen. Bankdarlehen aufnehmen oder Kredit/Schulden-Arrangements aushandeln etc. ein Absinken des Dollarkurses hinzunehmen. die Notwendigkeit für Unternehmen. (2. Allerdings lösen solche Derivatverträge das Problem des internationalen Handels nicht wirklich.) die weiterbestehende Bereitschaft der hauptsächlichen Warenproduzenten . Ähnliches kann gesagt werden für (1.) die Auseinandersetzungen über die bestehenden enormen Zahlungsungleichgewichte und . Dies hat dann wiederum eine ganze Reihe von weiteren Veränderungen im modus operandi der Weltwirtschaft zur Folge gehabt. ihren Handel mit diesen Waren in Dollars zu betreiben. ein eigenes internationales Währungs. (2. mit Forderungsrechten besicherte. Gleichzeitig konnte man beobachten.und Finanzregime zu konstruieren. die . Hierzu zählen die Bereitschaft der europäischen und japanischen Politikgestalter.) die zwischen 2001 und 2003 artikulierten Andeutungen einiger Ölproduzenten.Weltmarkt. so genannte transplant Investments in anderen Zentren vorzunehmen. wie es in den letzten Jahren sehr deutlich unter Belastungsproben aller Art litt.nicht auf Dauer am Leben erhalten werden können: (1.) die Weigerung der ostasiatischen Finanzbehörden nach 2002. den Aufbau eines eurasischen Währungsregimes ins Auge zu fassen.insbesondere der Ölwirtschaft -. Dieses aus der Sicht der internationalen kapitalistischen Wirtschaft äußerst dysfunktionale Währungssystem beruht nun auf dem Fortbestand einer Reihe von Umständen und Begebenheiten. und (3. dem Dollar als Handelswährung den Rücken zu kehren. da sie nur eine Laufzeit von sechs Monaten haben.

Im Augenblick schützt das Dollar-Wall-Street-Regime allerdings noch jene unerschütterliche Säule ihrer langfristigen Robustheit.und Kommunikationstechnologie in vielerlei Hinsicht eher als die Ausnahme angesehen werden. sondern auch für Absatzmärkte. ob die Kosten für die Abmilderung dieser Ungleichgewichte von den eurasischen Ökonomien durch Wechselkursbewegungen oder von der amerikanischen Ökonomie durch Hinnahme einer tiefen Rezession geschultert werden sollten. Stattdessen hat es den Aufstieg eines neuen Typus von Rentierkapitalismus befördert. Ein Zusammenbruch des Dollar-Wall-Street-Regimes würde sich auf die amerikanische Wirtschaft verheerend auswirken und käme einer ziemlichen Gefährdung der Integrität der US-zentrierten internationalen politischen Ökonomie gleich. welche die Regel des Zerfalls des Industriekapitalismus in den U S A bestätigt. im Interesse des Geldkapitals . Dies gilt insbesondere für Asien. Amerikas Verlust der Führungsposition in Sachen industrieller Arbeitsteilung und der Versuch. nämlich die politische Macht der Vereinigten Staaten und deren Fähigkeit. wenn man die gegenwärtige Situation mit den 1950er Jahren vergleicht. den industriellen Sektor in den U S A dadurch wiederzubeleben. dass man seit den 1970er Jahren politisch auf eine Vermögens.158 Peter Gowan die hieraus resultierende Frage. sich über den industriellen Kapitalismus »zu erheben« Ungeachtet des Erfolgs des von den U S A angeführten informations. Tatsächlich kann der Durchbruch in der Informations. vermittels ihres politischen Einflusses sich die Unterstützung der Zentralbanken und Finanzministerien der anderen kapitalistischen Kernländer für dieses System zu sichern. denn hier entsteht in der Folge des Aufstiegs von China ein neues Wachstumszentrum nicht bloß für Investitionen und billige Arbeitskräfte. bei dem es im Kern darum geht.und kommunikationstechnologischen Sektors ab den 1990er Jahren ist heute die industriell-technologische Führerschaft im Zentrum heute gestreut. nicht Wirklichkeit geworden. Denn der Durchbruch in dieser neuen Wachstumsbranche war zu großen Teilen das Ergebnis amerikanischer staatlicher Industriepolitik und war abhängig von umfangreichen staatlichen Subventionen für Forschung und Entwicklung und von der Ankurbelung der Wirtschaft durch Staatsaufträge. Tatsächlich ist das angestrebte Ziel. dass der amerikanische Absatzmarkt seine makroökonomische Bedeutung für andere Wirtschaften verlieren könnte.und Einkommensumverteilung zugunsten der Unternehmerklasse und zuungunsten der Arbeiterklasse drängte. Schließlich zeichnet sich am Horizont ab.

die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrieunternehmen wiederherzustellen. Im Falle Europas hat das europäische Binnenmarktregime ferner die Rahmenbedingungen für einen Markt von der Größenordnung der Verei- . Dieser Trend beschleunigte sich in den 1980er Jahren. und damit mit dem Eintreten der Wall-Street-Investmentbanken. die Wirtschaftssysteme in diesen Ländern so auszurichten. Ganz im Gegenteil. Und doch hat diese Tatsache dem allgemeinen Trend keinen Abbruch getan.h. Staatensystem und Weltordnungsfrage 159 kurzfristige Gewinne aus dem industriellen Sektor abzuschöpfen.und Privat-Equity-Fonds in diesen Bereich. zwischen den 1930er und den 1970er Jahren. Man kann diesen Trend unter anderem als die Entstehung eines freien Marktes für industrielle Unternehmen verstehen. Gleichzeitig haben sowohl der europäische (insbesondere der deutsche) und der japanische Kapitalismus weiter daran gearbeitet. der Hedge. dass in ihnen industrielle Modernisierung und die Eroberung der Weltexportmärkte funktionieren können. und zwar im Zuge des entstehenden Marktes für fremdkapitalfinanzierte Unternehmensübernahmen. In der Phase des industriekapitalistischen Aufstiegs in den Vereinigten Staaten. sondern beschränkten sich darauf. Ein augenfälliges Moment dieses Trends sind die Spannungen zwischen den unmittelbar aus den Fusionen oder Übernahmen entspringenden Ausschüttungen an die Shareholder (um gar nicht erst von den Ausschüttungen an die bei diesen Operationen involvierten Finanzdienstleister zu sprechen) sowie den strategischen Aussichten der Industrieunternehmen.W e l t m a r k t . Im Zuge der sich verschärfenden industriellen Konkurrenz durch japanische und europäische Unternehmen versuchten viele Unternehmensführungen schließlich gar nicht erst. bestand eine bemerkenswerte Kontinuität in industriellen Firmen in den Vereinigten Staaten und der Markt für industrielle Wertbestände war im Grunde genommen eine Restgröße mit bankrotten Firmen. unrentable Bereiche stillzulegen und industrielle Vermögenswerte zwecks der Erzielung kurzfristiger eigener Shareholdergewinne abzustoßen oder aufzukaufen. um die es dabei geht: So haben es große Teile der neufusionierten Einheiten in der Folge versäumt. Vielmehr haben die Vereinigten Staaten diesen neuen Rentierkapitalismus auch in den kapitalistischen Zentren jenseits des Atlantiks und Pazifiks befördert und eine Umstrukturierung deren Kapitalismen nach ihrem eigenen Vorbild angestrebt. d. In seinem Buch über die Geschichte des Industriekapitalismus in der atlantischen Welt sieht Alfred Chandler diesen Trend schon in den frühen 1960er Jahren einsetzen. sich im industriellen Wettbewerb zu behaupten.

bei dem es darum geht. Und während Japan vorerst zwar eine solche autonome Marktbasis vermissen lässt (was Japan für den äußerst wirksamen Wirtschaftskrieg der U S A verwundbar macht. als sie es jemals zuvor war. Ist dieses Projekt erfolgreich zu Ende geführt.h. Während die Wettbewerbsfähigkeit in angloamerikanischen Firmen mit steigender Tendenz in Richtung Kostenverringerung gezielt hat. hat sich die makroökonomische Politik Japans und Deutschlands weiterhin an der binnenökonomischen Maßgabe der Deflation und dem Außenwirtschaftsziel der Handelsüberschüsse und Exporterfolge orientiert. Im letzten Jahrzehnt hat dieses Projekt in der angelsächsischen Welt auf der makroökonomischen Ebene bedeutende Erfolge feiern können. In diesem Sinne korrespondieren die amerikanischen Zahlungsbilanzdefizite und die steigende internationale Verschuldung der U S A mit diesen deutschen und japanischen Überschüssen. sondern auch im Hinblick auf Sozialleistungen. d. die Lohnabhängigen direkt von der Performance der Wertpapiermärkte abhängig zu machen .160 Peter Gowan nigten Staaten geschaffen. dann wird sich die Arbeiterklasse in einer Position der viel totaleren Marktabhängigkeit wiederfinden. weil es vom amerikanischen Absatzmarkt abhängig ist). ist das Wirtschaftswachstum in zunehmendem Maße von einem Boom im nicht gewerblichen Sektor abhängig. Wir haben es hier mit einem Vorstoß zu tun. Diese Trends verlaufen nun parallel zu den Konfigurationen der makroökonomischen Wirtschaftssteuerung. die Gesundheitsfürsorge und die Hochschulbildung. Während die makroökonomische Politik der U S A entlang des Wachstums in der nachfragegeleiteten Binnenkonsumwirtschaft orientiert war und dabei typischerweise ein Hauptaugenmerk auf den nicht gewerblichen Sektor und hierbei insbesondere den Immobilienmarkt richtete. Das angelsächsische Projekt eines neuen Rentier-Gesellschaftssystems Die Entstehung der neuen Kapitalismusform des Rentierkapitalismus hat in den 1990er Jahren den Aufstieg eines neuen angelsächsischen Projektes begünstigt. insbesondere die Rente. könnte die anhaltende dynamische Entwicklung des ostasiatischen Wirtschaftsraums (allen voran die der chinesischen Wirtschaft) in absehbarer Zukunft Japan ein alternatives Umfeld für seine industrielle Expansion liefern. die kapitalistische Gesellschaft in toto entlang des Rentiermusters umzustrukturieren.und zwar nicht allein hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes. welche die binnenökonomischen Konsumentenmärkte versorgen und nicht exportwirtschaftlich tätig sein . von Industrien.

Weltmarkt. Die Schlacht um die Marktstrukturen im kapitalistischen Zentrum Dieses angelsächsische Projekt und sein Ziel der Umstrukturierung des kernkapitalistischen Gefüges ist in den anderen Hauptzentren des Kapitalismus. Die Quadratur des Kreises bewerkstelligte man. dass solche Investitionen ihre Gesundheitsfürsorge und Renten für die Zukunft absichern. die in Rentiersaktivitäten aktiv sind und die Fonds der Versicherungsindustrie auffüllen und dabei hoffen. Auf einer mehr strukturellen Ebene impliziert das Rentierprojekt. indem man die Sparquote der privaten Haushalte senkte und gleichzeitig Anreize für eine zunehmende Verschuldung dieser privaten Haushalte schuf. Allerdings scheint sich dieses Projekt nicht aus eigenem Antrieb am Leben erhalten zu können. Kaufkrafteinschränkungen und der gleichzeitigen Abhängigkeit von einem Anstieg des Massenkonsums für das Wirtschaftswachstum entstanden. Dabei hat man sich die Rentieraspekte im Alltag breiter Teile der Arbeiterschaft in der angelsächsischen Welt zunutze gemacht. den japanischen Kapitalismus um- . Beide Zentren sind bis heute im Kern Industriekapitalismen geblieben mit dem Ziel des Industrieexports und der Verteidigung ihrer Führungsposition in Sachen industrieller Wettbewerbsfähigkeit. Hierfür ist die Beibehaltung diversifizierter und integrierter Industriestrukturen und die Erhaltung der Kapazitäten für einen langfristig-strategischen Investitionsansatz im industriellen Sektor notwendig. Australien und Neuseeland im vergangenen Jahrzehnt. So gelang es den angelsächsischen Kapitalismen. indem die Arbeiter ihre Häuser mit neuen Hypotheken belasten konnten. auf Widerstand gestoßen. nämlich den hohen Grad an privatem Hauseigentum. vermittels der Förderung eines Booms im Immobiliensektor und des gleichzeitigen umfangreichen Angebots von historisch niedrigverzinsten Krediten Finanzmittel aus den Hausbesitzvermögen zu extrahieren. Staatensystem und Weltordnungsfrage 161 können. Eben genau dieser Zusammenhang ist der Kern der wirtschaftlichen Aufschwünge in den Vereinigten Staaten. Großbritannien. Uber einen Zeitraum von 20 Jahren haben die Vereinigten Staaten einen unbarmherzigen Vorstoß unternommen. in Deutschland und in Japan.h. dass die Kosten für Renten. Hieraus ist ein Widerspruch zwischen dem Drängen auf niedrigere Löhne. Gesundheit und Hochschulbildung den Privathaushalten aufgebürdet werden. und diese Mittel dann in den konsumbasierten binnenökonomischen Boom zu kanalisieren. Die mit ihm so eng verknüpfte steigende Verschuldung der Privathaushalte gerät allmählich an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und Gleiches gilt für die Leistungsbilanzdefizite all jener Länder. d.

Bankenund Industriestrategie sowie die Keiretsu-Verbindungen zwischen den Industrieunternehmen und den Banken zu beenden. Dieser Versuch wurde durch die lange Abhängigkeit der japanischen Wirtschaft vom amerikanischen Gütermarkt begünstigt. eine von Erfolg gekrönte und durch europäische Hilfe zustande gekommene Kampagne zur Benachteiligung japanischer Banken (vermittels des Baseler Bankenregimes) und einen ebenfalls erfolgreichen Versuch. Es handelt sich dabei vielmehr um eine tiefgreifend politische Frage. den japanischen Kapitalismus umzustrukturieren. in Japan eine feindliche Übernahmekultur zu etablieren. Im Falle Deutschlands ist diese Abhängigkeit dagegen deutlich geringer ausgeprägt. Das ist aber nicht der Fall. Der Mangel an einem kohärenten Klub Diese Probleme in der internationalen politischen Ökonomie des Gegenwartskapitalismus wären einigermaßen leicht zu behandeln. Und dennoch: Ungeachtet dieses nicht nachlassenden Drangs. die enge japanische Koordination von Regierungspolitik. dass es in absehbarer Zeit nicht zur Entstehung eines solchen Klubs kommt. nämlich die Frage nach der Legitimität verschiedener kapitalistischer Gesellschaftsmodelle und Staatstypen. bei der es sich um die Wettbewerbsbedingungen zwischen verschiedenen Kapitalen dreht. wenn denn die Hauptzentren des Systems in einem stabilen und politisch kohärenten Klub zusammengeschlossen wären. Die US-Kampagne gegen Japan in den 1980er und 1990er Jahren implizierte die Auferlegung regulierter Handels. der in der Lage wäre. haben weder der japanische noch der deutsche Kapitalismus das angelsächsisch-rentierkapitalistische Modell übernommen. Trotz der erfolgreichen Angriffe Vodafones auf Mannesmann im Jahr 2000 und trotz des Vorstoßes US-amerikanischer Investmentbanken.und regulierter Produktionsbeziehungen für eine ganze Reihe von japanischen Industriebranchen. Und es ist absolut nicht auszuschließen. Auch der Weichenstellung in Richtung eines an die »Rentierisierung« der Arbeiterklasse gekoppelten konsumbasierten Booms haben sich Japan und Deutschland widersetzt. Die hieraus resultierende Pattsituation ist nun wiederum keine rein ökonomische Frage. das Drängen auf eine Zulassung amerikanischer Akteure im japanischen Finanzsektor. alle Beteiligten in einer neuen . da die deutsche Wirtschaft einen großen Gütermarkt in der Europäischen Union besitzt.162 Peter Gowan zustrukturieren. haben diese beiden Staaten der Entwicklung eines freien Marktes für Industrieunternehmen erfolgreich widerstanden und sich eine wirksame Binnenkontrolle über ihre Industriestrukturen erhalten.

dass die zentrale Stellung der US-amerikanischen Wirtschaft für den Rest des Zentrums gesichert blieb. als das amerikanische Militär und ihre Geheimoperationsressourcen auch den Süden weltpolizeilich überwachten und dort antikapitalistische oder radikale nationalistische Regimes und Bewegungen. um ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten. wenn sie durch ein robustes internationales Rahmenwerk amerikanischer geopolitischer Kontrolle in Grenzen gehalten würden. in dem Bewusstsein. Der abgeschwächte Schutzmachtstellenwert des amerikanischen Militärapparats für die US-amerikanische Führung des Zentrums Die Differenzen und realen oder potenziellen Spannungen in der internationalen politischen Ökonomie wären nicht zwangsläufig mit einer Krise der Weltordnung gleichzusetzen. da die politische Gegnerschaft zur kommunistischen Welt die deutschen und japanischen Kapitalisten dazu zwang. Auf diese Weise spielte der gigantische Militärapparat der U S A eine funktionale Rolle für die amerikanische Vormachtstellung in der kapitalistischen Weltordnung des Kalten Kriegs. In einem solchen Kontext konnten die Vereinigten Staaten das Dollar-Wall-Street-Regime aufbauen und sich zufrieden zurücklehnen. bekämpften. Im selben Atemzug stellte die anhaltende militarisierte Konfrontation mit dem Ostblock sicher. da er hierfür als Transmissionsriemen diente. besaß die politische Vorherrschaft der U S A über die Länder des Zentrums einen weiteren stabilisierenden Baustein. So beschäftigte das amerikanische Verteidigungsministerium 2006 unmittelbar . ihre Akkumulationsraumstrategien nach innen in das amerikanisch kontrollierte Zentrum zu richten. Diese innenpolitische Bedeutung der militarisierten politischen Ökonomie hatte auch über das Ende des Kalten Krieges hinaus Bestand. Gleichzeitig verankerte sich die militarisierte amerikanische politische Ökonomie mit tiefen Wurzeln in der Binnenstruktur der U S A und sicherte sich so die innenpolitische Unterstützung für die expansionistische Tendenz des amerikanischen Kapitalismus. Dabei spielte der Wehretat der U S A eine zunehmend wichtigere Rolle für die Erneuerung der hochtechnologischen Führerschaft der Vereinigten Staaten. Staatensystem und Weltordnungsfrage 163 Ad-hoc-Totalität zum Steuern des Systems zu organisieren. Im Folgenden werde ich kurz die Ursachen dieser Sackgasse behandeln. Und insofern. welche die Investitionen des Zentrums dort gefährdeten. Ein solches Rahmenwerk bestand zurzeit des Kalten Krieges.Weltmarkt. dass die eurasischen kapitalistischen Kernländer auf die amerikanische Militärmaschine angewiesen blieben.

Weitere 3. dass die bis in die entlegendsten Regionen reichenden Investitionen des kapitalistischen Zentrums an ihren Investitionsstandorten im Süden von nationalen Kräften bedroht werden können. und tatsächlich ist es denkbar.6 Mio. und nehmen wir weiter an. Die militärische Schutzmachtfunktion der USA in Europa ist im Grunde genommen in sich zusammengefallen und auch in Ostasien ist ihre bleibende Wirksamkeit ambivalenter und spannungsgeladener geworden. Freilich bleibt es dabei. Menschen zu tun. werde ich für den Augenblick hintanstellen und weiter unten erörtern. für welche die amerikanische Militärmacht schlecht gerüstet ist. Und was die Funktion der USA im Verhältnis zu Taiwan ist.164 Peter Gowan 2. Das entspricht mehr als 4% der Summe aller Beschäftigten in den USA. die finanziell mit dem amerikanischen Militärestablishment verknüpft sind. Alles in allem hat man es hier also mit einer Gesamtbeschäftigtenzahl von 5. Und während die amerikanische militärische Schutzmachtfunktion für Japan weiterhin bedeutsam ist. dass jeder Amerikaner mit einer finanziellen Anbindung an das Verteidigungsministerium einem Haushalt mit durchschnittlich einer weiteren wahlberechtigten Person angehört. dass dies genau jene Funktion ist. wie Japan sich zunehmend in Richtung China orientiert. Menschen waren im Dienst von Kontraktoren des US-Verteidigungsministeriums tätig.973 Mio. Kriegsveteranen. dann kommen wir auf eine Zahl von ungefähr 60 Mio.000 Beschäftigte der Veterans Administration. Zählen wir hierzu noch die 25 Mio. Und doch ist es ein auffallendes Merkmal des heutigen US-militärischen Apparats.000 Metern praktisch monopolisiert. auch besitzen . amerikanischen Wählern. Hinzu kommen noch einmal 230. dass dies der Ansicht Auftrieb verleiht. denn der südkoreanische Kapitalismus hat seine Aktivitäten massiv in Richtung eines Handels mit China selbst orientiert. die qua ihres Status Transferleistungsbezieher des Verteidigungsministeriums sind. Gleichzeitig haben aus der Sicht der spezifisch kapitalistischen Machtinteressen des amerikanischen Staates der Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer kommunistischen Verbündeten die politische Bedeutung des Militärapparats untergraben. des Weltalls und des Luftraums oberhalb von 5. Im Falle des südkoreanischen Kapitalismus ist die Legitimität des militärischen Schutzes durch die USA stark untergraben worden sowohl hinsichtlich Nordkoreas als auch Chinas. Menschen.143 Mio. haben sich in dem Maße. auch hier neue und belastende Ambivalenzen ergeben. Die Vereinigten Staaten haben die militärische Kontrolle der Ozeane. dass der US-amerikanische Militärapparat seine Bedeutung als ein Apparat zur U n terdrückung von antikapitalistischen Bewegungen und Regimes in dieser Region beibehält.

hat sich als irregeleitet erwiesen.und Bergregionen jedoch ist ihre uneingeschränkte Vorherrschaft keineswegs unangetastet. in denen kriegerische Auseinandersetzungen mit antikapitalistischen oder radikalen nationalistischen Kräften aller Wahrscheinlichkeit nach stattfinden würden. wie z. die ihre politische Basis bei den städtischen Armen besitzen. das in seiner Form der Gefechtsmacht mit der amerikanischen Militärmaschine identisch ist. Das zeigt sich bei den Urbanen Aufständischen in den irakischen Städten und im militärischen Erfolg der Hisbollah in ihrem Widerstand gegen das israelische Militär. Radikale politische Kräfte. Die Annahme der Bush-Regierung. dass der unilaterale Einsatz ihrer Militärmacht gegen ein außerhalb des Zentrums liegendes und als Angriffsziel auserkorenes Land den Rest des kapitalistischen Zentrums hinter sich scharen würde. kapitalistische Regimes mit ausgeprägten zivilen Infrastrukturen in die Knie zu zwingen. Viel besser ist der amerikanische Militärapparat dafür gerüstet. Ebenen und Wüsten. scheinen sehr effektiv in der Lage zu sein. Staatensystem und Weltordnungsfrage 165 sie überwältigende Vorteile im Bereich des Bodenkriegs in offenen Zonen. De facto sind wir heute im Besitz von zahlreichen Hinweisen auf diese maßgebliche Schwäche der politischen Funktionalität des gigantischen Militärapparats der Vereinigten Staaten. in der sich die weiterhin bestehende massive Binnenlogik des riesigen Militärapparats in den Vereinigten . Stattdessen hatte sie zum Ergebnis. Allerdings reicht diese Kapazität beileibe nicht aus. Und solche Städtekriege fordern den amerikanischen Bodentruppenkapazitäten einen unhaltbaren Blutzoll ab.000-Meter-Marke. Unterhalb der 5. Wir befinden uns also in einer Situation. Hier kann die Macht seiner Luftstreitkräfte eingesetzt werden. Dabei sind es exakt diese Räume. bei kriegerischen Auseinandersetzungen in Küstennähe und vor allem in Bodenkriegen in Urbanen Räumen oder Dschungel. Paradoxerweise mangelt es dem gigantischen Militärapparat der U S A in den Urbanen Zonen des Südens somit an Glaubwürdigkeit als eine wirksame Polizeimacht im Namen der übrigen Länder des kapitalistischen Zentrums. dass das Misstrauen gegenüber der amerikanischen außenpolitischen Strategie vergrößert und die diplomatische Machtstellung der Vereinigten Staaten geschwächt worden ist. das Vertrauen der anderen kapitalistischen Zentrumsstaaten zu gewinnen und die starke diplomatische Führungsrolle der Vereinigten Staaten gegenüber den anderen Zentrumsstaaten zu sichern. verheerende Erschütterungen des Zivillebens und der ökonomischen Aktivitäten am Boden vor Ort zu verursachen. sich der amerikanischen Militärmacht erfolgreich zu widersetzen.Weltmarkt.B.

Und die Hinwendung Russlands und Chinas zum Kapitalismus erweist sich auch eine Quelle von ziemlich wahrscheinlich zunehmenden akuten Spannungen. auf wackligen Beinen stehen. sondern blieb im Rahmen der N A T O rein formell unter der Kontrolle der USA. und doch entstand hier eine genuin politische Einflusssphäre.B. Zwar gelang es der Bush-Administration. Dabei war dies keine exklusive Sicherheitszone. Die EUInstitutionen wurden genutzt. die aus dem Kalten Krieg überlieferte Form der zentrumsübergreifenden politischen Kohäsion aufrechtzuerhalten. ist der Eintritt von neuen Mitgliedern in diesen Weltordnungsklub eine Quelle von sehr heftigen Spannungen. die qua amerikanischer Militärmacht die politische Kohäsion des Zentrums erzwingt. Das dramatischste Anzeichen für dieses Problem war die mögliche Entstehung eines neuen Typs von Einflusssphäre und eines neuen Typs von internationaler Politik. das KyotoProtokoll. doch bleibt die Tatsache bestehen.und Osteuropa einen abhängigen Großraum (im Sinne des eingangs beschriebenen deutschen Begriffs) zu schaffen. den man in den 1990er Jahren in der europäischen Peripherie entwickelte. Initiativen ins Leben zu rufen. So treibt auch die N A T O in einem ziemlichen Kuddelmuddel ziellos dahin. unter der Vorherrschaft der westeuropäischen EU-Staaten. dass kapitalistische Weltordnungen die Form von Ad-hoc-Totalitäten annehmen.166 Peter Gowan Staaten nicht in die wirksame Waffe übersetzt hat. dass die Versuche der USA. wie z. . Uberhaupt ergriff die Europäische Union eine Reihe von weltpolitischen Maßnahmen. Bühne frei für die neuen Aspiranten des Eintritts ins Zentrum: Russland und China Angesichts der Tatsache. die Internationale Handelskammer ( I C C ) oder Rüstungskontrollen. die bei den anderen kapitalistischen Zentren für Zuspruch sorgen. Japan in den frühen 1960er Jahren die volle Klubmitgliedschaft zu garantieren. de facto der EU vermittels ihres britischen Satellitenstaates Großbritannien und der mittelosteuropäischen Klientenstaaten (vor allem Polen) die Suppe zu versalzen und ihre politische Initiative zu paralysieren. die den politischen Stellenwert der amerikanischen Militärmacht verringern oder eindämmen und die U S A in die politische Defensive drängen sollten. um in Zentral. Hierfür diente der EU ihre Fähigkeit. Die Entscheidung der Vereinigten Staaten. war seinerzeit eine Quelle verbitterter Proteste von Seiten der westeuropäischen Staaten. bei denen es auf Kompromisse zwischen Insidern in einer ganzen Reihe von potenziell konfliktträchtigen Themen ankommt.

Russlands Staatsschulden zu verringern. beherrscht von Oligarchen. gewaltige Rückschläge. indem die Nicht-Mitgliedschaft Putin erst freie Hand ließ.Weltmarkt. die kapitalistische Transformation Russlands so zu gestalten. dass er in eine untergeordnete und von den USA abhängige Stellung geraten würde. dass dieser als eine seltsame Erscheinung mit quasi saudi-arabisch-rentierkapitalistischen Zügen entstehen konnte. und zwar zwischen einem deutschen Kapitalis- . Washington unterstützte in Russland mit großem Eifer die Entstehung einer Form von »Ganovenkapitalismus« und damit einhergehend die korrupte Privatisierung russischer Vermögenswerte in den Händen von Oligarchen mit engen Verbindungen zu angloamerikanischen Unternehmerinteressen. Staatensystem und Weltordnungsfrage 167 In den 1990er Jahren richtete die Clinton-Administration große Aufmerksamkeit darauf. ging ebenfalls als Schuss nach hinten los. Zudem hat diese Politik Washingtons große Spannungen innerhalb der EU verursacht. Versuche von Seiten der USA. All dies bedeutet für die Bestrebungen der Vereinigten Staaten. Im selben Atemzug wurde der russische Staat durch die rapide Auftürmung von Schulden in eine abhängige Stellung zu den westlichen Finanzzentren gebracht.und anderer Warenpreise erlaubten es Putin. die Binnenökonomie wiederzubeleben und Russlands industrielle Struktur zu reorganisieren. integrierten und fortgeschrittenen Industriekapitalismus wiederaufzubauen. Damit waren schließlich die Weichen des russischen Kapitalismus so gestellt. Russlands NichtMitgliedschaft in der WTO als Hebel zur Gefügigmachung der russischen Regierung zu verwenden. ohne dabei auf WTO-Restriktionen achten zu müssen. zu gewährleisten. die ihre gigantischen Einkommen aus den Eigentumswerten an insgesamt sinkenden Rohstoffressourcen schöpfen. dass Russland im Ergebnis in eine subalterne und abhängige Stellung gebracht würde. Der Versuch des Yukos-Konzernchefs Chodorkowsky (dessen Vorstandsabteilung einige ehemalige Mitglieder der Clinton-Administration angehörten). den russischen Kapitalismus intern umzustrukturieren. Russland als einen starken. Dieser Vorstoß kam jedoch gegen Ende der 1990er Jahre zu einem Halt . dass der neue russische Kapitalismus so strukturiert wurde. eine politische Alternative zu Putin auf die Beine zu stellen. ging als Schuss nach hinten los und der Anstieg der Öl.zunächst mit der russischen Schuldenkrise von 1998 und dem damit zusammenhängenden Währungszusammenbruch und dann schließlich mit dem Machtantritt Putins 1999/2000 und der Bestimmtheit der neuen russischen Regierung. Das russische Wirtschaftsregime wurde in diesem Zuge auf breiter Front den westlichen Unternehmen und ihrem Erwerb von russischem Eigentum sowie für westliche Finanzakteure geöffnet.

unabhängige Kraft eingeht.der Politik. in Reichweite des deutschen Kapitalismus bringen. mit Russland an seiner Entwicklung zu arbeiten.und Weiterbildung des Gesamtarbeiters. oder ob sie dies als eine gebrochene. der Wirtschaft und der Kultur . auf der einen Seite und anderen west. U n d wenn es dem chinesischen Staat gelingen sollte. die Bevölkerung im Inland auf eine stabile Weise in diese kapitalistische Entwicklung einzubinden. Diese belohnen sowohl den Grad der autonomen Marktbasis für Kapitale als auch den Grad der öffentlichen Ressourcen für die effektive Aus. Jahrhunderts. Jahrhunderts zusammengenommen. die größer ist als die Bevölkerungszahl der mit Abstand größten kapitalistischen Ökonomie des 20.und Chinafrage nicht mehr die Kalte-Kriegs-Formel der Ein- . Und doch ist . Die Aussicht auf ein anhaltendes Wachstum der chinesischen Wirtschaft in den kommenden 20 Jahren markiert eine fundamentale Herausforderung der gesamten Struktur des Weltkapitalismus. zeigt sich besonders deutlich. So würde ein sich dynamisch entwickelnder russischer Industriekapitalismus in einer anderen Liga spielen als die anderen europäischen Kapitalismen und gleichzeitig die ihn umgebenden Ökonomien. Vor diesem Hintergrund kann der Politikansatz der Vereinigten Staaten zur Russland.(und mitteleuropäischen Mitgliedsstaaten der EU auf der anderen Seite. der die industrielle Stärke besitzt. Die Herausforderung.den meisten Schätzungen zufolge . der USA. dann wird dies die gesamte Dynamik des internationalen Kapitalismus in allen seinen Bereichen . wenn man die Bedeutung von Skalenökonomien und learning economies für die kapitalistisch-industrielle Entwicklung im Allgemeinen betrachtet. Mit einem 20% überschreitenden Anteil an der Weltbevölkerung ist China zweimal so groß wie das kapitalistische Zentrum am Ende des 20. insbesondere diejenigen der ehemaligen Sowjetrepubliken. die China darstellt.dramatisch umschichten. ist freilich noch gewaltiger als die russische Herausforderung. Allein die bis heute noch weitgehend staatskapitalistische Ökonomie entlang der chinesischen Küstenregion umfasst eine Bevölkerung. die China verkörpert.168 Peter Gowan mus. Der Charakter der langfristigen Herausforderung. ob die politische Ökonomie Chinas ihre Verbindung mit der Welt als eine integrierte. subalterne und innenpolitisch desintegrierte Zone zum Austoben der anderen Kapitalismen tut. Der Hauptgrund hierfür liegt in der schieren Größe Chinas.das Bruttoinlandsprodukt Chinas heute schon beinahe so groß wie das Deutschlands und gleichzeitig bleibt Chinas gesellschaftlich-politische Kohäsion erhalten. Selbstverständlich bleibt hierbei die entscheidende Frage.

China in der Taiwanfrage offen zu konfrontieren. Das beinhaltet erstens das Bestreben. Unter diesen Bedingungen lautete die amerikanische Formel bisher nicht »Con-tainment«. Die amerikanischen »Enter-tainment«-Bestrebungen gegenüber Russland sind .Weltmarkt. Zweitens zielt diese Politik darauf ab. Dies allerdings führt eher zum gegenteiligen Effekt. dass sie den Marktverbindungen entsprechen. Und schließlich haben die USA den Versuch unternommen. wirken Russland und China gleichzeitig doch als gewaltige Magneten. sondern »Enter-tainment«. dass sie nicht in der Lage sind. Staatensystem und Weltordnungsfrage 169 dämmung sein. China ist heute das mit Abstand bedeutendste neue Wachstumszentrum der Weltwirtschaft. Russland und China geopolitisch so einzuschachteln. Im Verhältnis zu China läuft die Eindämmungspolitik innerhalb der amerikanischen Strategie auf den Versuch hinaus. die darin besteht. dass die chinesische Taktik. enge wirtschaftliche Verbindungen mit seinen Nachbarn aufzubauen. eigene autonome Einflusssphären und kapitalistische Expansionszonen in ihrer geographischen Umgebung zu errichten.gescheitert.zumindest für den Augenblick . sich letzten Endes als trojanisches Pferd innerhalb der zahlreichen amerikanischen Sicherheitsbündnisse in der Region erweisen könnte. der in zunehmendem Maße von Energieimporten abhängig wird. indem es Kapitalkontrollen und eine effektive zentrale Kontrolle über sein Bankensystem behält. Zugang zu den inneren gesellschaftlichen Systemen beider Länder zu erlangen und diese dann so umzustrukturieren. Während die Eindämmungspolitik als ein Mittel der Druckausübung durch die amerikanische Regierung über und zugleich zugunsten der traditionellen kapitalistischen Zentrumsstaaten von diesen selbst zum Schutz vor der Bedrohung durch Russland und China gewünscht werden könnte. Dabei sichert China seine makroökonomische Stabilität ab. um damit in der Lage zu sein. wirksamen Druck auf den chinesischen Staat auszuüben. welche die Kapitalismen des Zentrums magisch anziehen: Russland ist ein Energielieferant und ein potenzielles neues Wachstumszentrum für die kapitalistische ökonomische Expansion und China ist das prinzipiell neue Wachstumszentrum der Weltwirtschaft als solcher. welche das US-Kapital begünstigen. dass China die ökonomische Entwicklungsrichturig durch Investitionsplanung beibehält. Wenn es hierbei . Die amerikanische Strategie scheint allerdings unwirksam und extrem widersprüchlich zu sein. was bedeutet. nämlich zu einer Stärkung des national(istisch)en Zusammenhalts des Regimes. Gleichzeitig besteht für die USA die Gefahr. Dieser Prozess zeigt sich heute schon mit besonderer Deutlichkeit im Fall von Südkorea. die politische Kontrolle über einen Großteil der globalen Ölressourcen und Ölhandelsrouten zu erlangen.

sind keine in Sicht. Toronto . keine Kohärenz in der NATO. Eine neue Konfiguration ist vor diesem Hintergrund somit gezwungen. diesen neuen Kontext zu meistern. die sich in den letzten 50 Jahren in den U S A zusammen mit der beschriebenen inneren Konfiguration. dass das steuerlose Dahintreiben des internationalen Kapitalismus in der näheren Zukunft ein Ende finden könnte. jenseits der Kontrolle Washingtons beantwortet werden wird.oder auch nicht. bis dann aus diesen eine neue und stabilere Konfiguration entspringen mag . als dass die absolut zentralste Frage. sich Handelsvorteile vertraglich zu sichern. stetig umtriebigere Versuche Washingtons.zweifellos . Aus dem Englischen von Ingar Solty. die Auflösung von Abrüstungsregimes. einige krampfartige Erschütterungen und tiefgreifende Turbulenzen zu erwarten und zu erdulden. eine Sackgasse und das steuerlose Herumtreiben in der Europäischen Union. Theoretisch besteht in diesem Kontext die Möglichkeit einer Rückkehr zu einem stärker dezentralisierten. als das noch vor 100 Jahren der Fall war. Das Resultat sowohl dieser US-amerikanischen Versuche als auch der hierauf erfolgenden Reaktionen von Seiten der anderen Zentren ist die schleichende institutionelle Auflösung: Keine Reform der Vereinten Nationen. die Blockaden innerhalb der W T O als Folgen der Versuche einzelner Zentrumsländer. Dabei hat die Gewohnheit unipolarer Führerschaft. die Marginalisierung des IWF. Mögen die amerikanische High-Tech-Militärmaschine und die vermeintlichen handwerklichen Zauberkunststückchen der Derivatmarktakteure auch noch so schillernd glänzen. hervorgerufen. eben die Entstehung eines solchen denkbaren neuen Klubsystems zu verhindern. auf der diese Gewohnheit fußt.170 Peter Gowan bleibt und wenn es dem chinesischen Regime gelingt. welche die zukünftige Bedeutung Amerikas und die Struktur einer möglichen neuen Weltordnung bestimmen wird. regionalisierten Großraum-System. Praktisch jedoch ist der amerikanische Staat so konfiguriert. seine innenpolitische Stabilität zu wahren. die deutlich mehr Systemsteuerung erfordert. Die institutionelle Malaise Die Entstehung einer fast ausschließlich kapitalistischen Weltgesellschaft und der Aufstieg der ostasiatischen Kapitalismen hat für einen weitaus höheren Grad an Komplexität in der Politik und der Wirtschaft der Welt gesorgt.mit besonderen Privilegien für die U S A bei gleichzeitigem Entstehen kohärenterer regionaler Zentren in Europa und in Ostasien. dann bedeutet das nichts weniger. dabei . Anzeichen dafür. herausgebildet hat. das der Epoche vor 1914 ähneln könnte.

Frank Unger

George W. Bush im historischen Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

1. Das Deuten der Geschichte in langen Zeiträumen, wie es von den Vertretern der »Weltsystem-Theorie« gepflegt wird, ist eine Disziplin mit Fallstricken. Es ist die besondere Stärke dieses Ansatzes, 1 dass die individuellen historischen Akteure nur als Charaktermasken »des Systems« gesehen werden - was dem methodischen Ansatz in Marx' »Das Kapital« entspricht, von dem die meisten Weltsystem-Theoretiker auch inspiriert sind. Die Vogelschau der »Weltsystem-Theorie« bietet die Möglichkeit, zeitgeschichtliche Ereignisse und Entwicklungen der neueren Geschichte in nüchterner, von den beschränkten Deutungsmustern der Zeitgenossen emanzipierter Form zu analysieren. Denn die handelnden Menschen finden stets Verhältnisse vor, die sie nicht selbst gewählt oder gestaltet haben. Durch die VogelschauAnalysen der Weltsystem-Theoretiker gewinnt man Perspektiven, auf deren Grundlage man die Unübersichtlichkeiten unserer »postnationalen Konstellation« 2 bis zur Kenntlichkeit verzerrt erkennen kann. Allerdings bleibt ein solcher Ansatz nur so lange fruchtbar, wie er um seine Grenzen weiß und sich für die Erkenntnis offenhält, dass geschichtsstiftende Politik, zumindest solche mit kurz- bis mittelfristigen Folgen, nach wie vor von handelnden Menschen in realen Machtpositionen und vor einem subjektiv durchaus begrenzten Zeithorizont gemacht wird. Weltsystem-Theoretiker sind der Tagespolitik entrückt. Dies wiederum schließt selbstverständlich nicht aus, dass auch sie bewusst Partei in den tagespolitischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit sind - was sie aber nur mit allen Historikern oder Sozialwissenschaftlern, die sich öffentlich äußern,
Führende zeitgenössische Vertreter dieser Richtung der Geschichtsbetrachtung auf der Basis der Kritik der Politischen Ökonomie sowie des Geschichtsmaterialismus Fernand Braudels sind Giovanni Arrighi, Christopher Chase-Dunn, Charles Tilly und vor allem Immanuel Wallerstein, dessen drei Bände über Das moderne Weltsystem (Wien 1986, 1998 und 2004) gewissermaßen den Kanon der neueren Welt-SystemTheorie bilden. 2 Jürgen Habermas: Die postnationale Konstellation, Frankfurt/M. 1998.
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teilen. Die allein relevanten Unterschiede zwischen Sozialwissenschaftlern bestehen im Grad der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit und der theoretischen Fruchtbarkeit. Auf diesen Gebieten gehören Weltsystem-Theoretiker auf die vorderen Ränge der Historiker und Sozialwissenschaftler, da sie bei ihren Interpretationen und Langzeit-Deutungen erstens von nachvollziehbaren theoretischen Grundlagen ausgehen und zweitens die Leser stets zu einem Überdenken überkommener Ansichten nötigen. Was sie alle miteinander verbindet und - in scheinbarem Kontrast zu ihrer stoisch-geologischen Geschichtsauffassung - gleichzeitig ihren politischen Charakter bestimmt, ist die konsequente Historisierung des Kapitalismus, der bei ihnen als Gesellschaftsformation mit einem Anfang, einer Mitte und (logischerweise) auch mit einem Ende gedacht wird: eine Provokation für die bürgerliche Geschichtswissenschaft, ja die bürgerlichen Sozialwissenschaften überhaupt, die eine historische »Relativierung« ihres Gegenstands, den die meisten von ihnen für die natürliche menschliche Gesellschaftsform halten, ablehnen. Dies gilt heute umso mehr, nachdem ja - zumindest im westlichen Teil der Welt3 - der finale Sieg von Freiheit und »Demokratie« über den Kommunismus deklariert wurde. Dies geschah (und geschieht) in allen nur erdenklichen Formen, von schlichtem Triumphalismus bis zu geschichtsphilosophischer Gemessenheit. So hat z.B. ein - in der Folge immer wieder bewundernd zitierter - amerikanischer Autor schon 1989 schlankweg behauptet, geradewegs ans »Ende der Geschichte« gelangt zu sein. Damit meinte er den absehbaren Untergang der sozialistischen Sowjetunion, des großen Gegenspielers der USA und des US-dominierten kapitalistischen Weltsystems. Das klang seinerzeit noch unerhört kühn, war aber im Grunde nur die aufgewärmte Variante eines uralten Gedankens: nämlich dass es sich bei der in den meisten Teilen der Welt herrschenden Gesellschaftsformation der bürgerlichen Gesellschaft, die sich nun vor allem dank des Einsatzes der USA auch im Kampf gegen den Kommunismus durchgesetzt habe, um die Vollendung der menschlichen Gattungsgeschichte handele. Diese Ansicht ist nicht erst im Amerika des späten 20. Jahrhunderts erfunden worden. Es war schließlich schon der praktische Hauptsinn von Marx' »Kritik der Politischen Ökonomie«, den historischen Charakter der Wertform und damit der kapitalistischen Produktionsweise nachzuweisen und gegen eben die unhistorische

Mit »westlicher Teil der Welt« ist hier gemeint die Welt des entwickelten Kapitalismus, also im Kern die G7-Länder, zu denen ja auch das durchaus »östliche« Japan gehört.
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George W. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

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bzw. eben »endzeitliche« Betrachtungsweise, der selbst die scharfsinnigsten bürgerlichen Ökonomen (Adam Smith und David Ricardo) anhingen, kritisch einzuwenden. Auch sie konnten sich keine andere Gesellschaftsform als die bürgerliche vorstellen. Aber sie sahen sich auch noch uneingeschränkt der Vernunft und der unbefangenen Wahrheitssuche verpflichtet, und Marx konnte sich in seiner »Kritik der Politischen Ökonomie« methodisch auf den Nachweis der Punkte konzentrieren, wo allein ihr (unhistorischer) bürgerlicher Klassenstandpunkt einer vollständigen Erkenntnis ihres Gegenstands - der Anatomie und Physiologie der bürgerlichen Gesellschaft - im Wege stand. 4 Die in die Neue Welt ausgewanderten und sich dann »revolutionär« abnabelnden Briten fügten dem säkularen Endzeitbewusstsein ihres bürgerlichen Mutterlandes dann noch eine subjektiv-politische Dimension hinzu, der in Europa nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil wird und mit der auch die Welt-Systemtheoretiker wenig anzufangen wissen: nämlich die bis zum heutigen Tag von großen Teilen der amerikanischen Bevölkerung und seinen politisch handelnden Eliten geteilte religiöse Wahnvorstellung, dass »der Herr« auf Seiten Amerikas stehe und die Expansion der Vereinigten Staaten - zunächst politisch als Nationalstaat über die südliche Hälfte des ganzen nordamerikanischen Kontinents, dann »systemisch« über den Rest der Welt - eine Erfüllung biblischer Prophezeiungen und damit die Gestaltung der Welt nach dem strukturellen Vorbild Amerikas gewissermaßen ein göttlicher Auftrag sei.5 Wenn der US-Generalstaatsanwalt John Ashcroft im Jahre des
Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man, New York 1992. Das Buch ist die Auswalzung eines hochgejubelten Artikels, mit dem der Autor, ein langjähriger Mitarbeiter der RAND-Corporation, bereits im Sommer 1989 enthusiastisch auf die absehbare Metamorphose junger Kader der sowjetischen Nomenklatura zu einer neuen russischen »business class« von Privateigentümern reagiert hat. Die Achtung vor der wissenschaftlichen Qualität der großen Universalhistoriker von Hegel bis Toynbee und Paul Kennedy verbietet es, Fukuyamas Auslassungen als ernsthaften Beitrag zur Universalgeschichtsschreibung zu bezeichnen. Es ist vielmehr der eher zum Lächeln anregende Versuch, mit beschränkten historisch-philosophischen Kenntnissen und in kruder Anlehnung an Alexandre Kojève den historischen Materialismus oder was der Autor dafür hält, ein letztes Mal mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, indem er den historischen Entwicklungsgedanken aufnimmt, ihn dann aber im real existierenden Kapitalismus des späten 20. Jahrhunderts kulminieren lässt. 5 Siehe hierzu z.B.: Edward McNall Burns: The American Idea of Mission: Concepts of National Purpose and Destiny, New Brunswick 1957; Lloyd Gardner: Architects of Illusion: Men and Ideas in American Foreign Policy, 1941-49, New York 1970; Albert K. Weinberg: Manifest Destiny: A Study of Nationalist Expansionism in American History, Gloucester 1958 (2. Aufl.).
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Herrn 2003 bemerkt, die Vereinigten Staaten »hätten keinen König, dafür aber Jesus«, dann halten die meisten Europäer dies für das hon mot eines populistischen Politikers. Da sie selber nicht an »Jesus« glauben, oder höchstens in den verdünnten Formen europäischer Amtskirchenrhetorik, können sie einfach nicht nachvollziehen, dass es sich hier um eine todernst gemeinte politische Drohgebärde handelt. 6 Im folgenden mache ich den Versuch, die genetisch-strukturelle Sichtweise der Weltsystem-Theorie durch individualisierende und ideologiegeschichtliche Elemente zu ergänzen, um ein adäquates Verständnis von der konkreten Rolle der U S A in der jüngeren Geschichte und im System der heutigen Welt zu erlangen.
2.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts übte Großbritannien praktisch die politischen und ökonomischen Funktionen einer Weltregierung aus. Seit etwa 1870 jedoch begannen die Briten, die politische Kontrolle zu verlieren: zunächst über das europäische Kräftegleichgewicht, bald darauf auch über den Rest der Welt. In beiden Fällen war der Aufstieg Deutschlands der entscheidende Faktor. Parallel dazu wurde die ökonomische Seite der Weltregierungsfunktion Großbritanniens, nämlich die, als »Sonne« im Planeten- und Satellitensystem der kapitalistischen Weltwirtschaft zu fungieren, dadurch unterminiert, dass eine neue kapitalistische Nation in die Geschichte eintrat, die erheblich größer war, unendlich mehr Rohstoffe besaß und potentiell um vieles reicher war als die kleine Insel Großbritannien. Dies waren die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich in kurzer Zeit zu einer Art »schwarzem Loch« des Weltkapitalismus entwickelten, indem sie in kurzer Zeit eine unendliche Menge an Arbeitskräften, Kapital und unternehmerischem Talent an sich zogen. Damit konnte Großbritannien nicht mithalten, ganz zu schweigen von den kleineren und weniger wohlhabenden Staaten Europas. Die deutsche (politisch-militärische) und die amerikanische (ökonomische) Herausforderung schaukelten sich gewissermaßen gegenseitig hoch und profitierten in dem Maße voneinander, wie gleichzeitig die Macht der Briten zur Regulierung des internationalen Staatensystems geschwächt wurde. Am Ende führte das schließlich zu einer neuen, alles in allem 30 Jahre dauernden bewaffneten

Siehe hierzu Lewis H. Lapham: Notebook - Shock and Awe, in: Harper's, June 2003, S. 7.
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Auseinandersetzung um die Welt-Vorherrschaft, die unerbittlicher und blutiger war als jemals zuvor in der Geschichte. Diese Auseinandersetzung durchlief einige, aber nicht alle der Phasen, die die Weltsystemtheoretiker für vorangegangene Konflikte um die WeltVorherrschaft herausgearbeitet haben. Die traditionelle Eingangsphase früherer Konflikte, in der ein mächtiger Flächenherrscher sich daran macht, die führende kommerzielle Macht in sein Territorium zu inkorporieren, fiel dieses Mal weg. Denn bei den diesmal konkurrierenden Mächten (USA, UK, Deutschland) waren die territoriale und die kommerzielle Machtlogik derartig miteinander verwoben, dass es sich nachträglich gar nicht mehr sagen lässt, wo die kommerziellen und wo die territorialen Interessen lagen bzw. welche die kommerziellen und welche die territorialen Machtträger waren. 7 Während des unmittelbaren Verlaufs des modernen 30-jährigen Krieges um die Weltvorherrschaft waren die Deutschen erkennbar stärker als ihre beiden Konkurrenten auf direkte territoriale Expansion aus. Dies aber nicht, weil sie prinzipiell landhungriger waren, sondern weil sie ihre historische »Verspätung« wettmachen wollten. Schließlich waren die Briten bei ihrem Aufstieg zur Weltmacht in den zwei Jahrhunderten zuvor nicht gerade zurückhaltend bei der Landnahme gewesen; im Gegenteil, die Existenz eines globalen Empire war ein konstituierendes Element ihrer globalen Vorherrschaft, auch wenn sie sich vielfach mit einer informellen Kontrolle begnügten und lokale Führungsschichten als Partner kooptierten bzw. kauften. Und was die Vereinigten Staaten betraf, so lagen die Hauptursachen ihres enormen Magnetismus auf Arbeitskräfte, Kapital und Unternehmergeist in dem pan-kontinentalen Expansions-Charakter, den ihre Wirtschaft im 19. Jahrhundert angenommen hatte. So schreibt der britische Historiker Gareth Stedman Jones: »Amerikanische Historiker, die gern selbstgerecht auf die Abwesenheit eines Annexions-Kolonialismus, wie er für die europäischen Kolonialmächte charakteristisch war, in der Geschichte Amerikas hinweisen, verdrängen bloß die Tatsache, dass die ganze interne Geschichte des amerikanischen Imperialismus eine einzige Orgie territorialer Landnahme gewesen ist. Die Abwesenheit territorialer Landnahme >in Übersee< wurde kompensiert durch eine beispiellose Landnahme >zu Hause<.« 8
Siehe hierzu Giovanni Arrighi: The Long Twentieth Century. Money, Power, and the Origins of Our Times, London 1994. Gareth Stedman Jones: The History of US Imperialism, in: Robin Blackburn (Hrsg.): Ideology in Social Science, New York 1972, S. 216-217. (Übersetzung fremd7

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Die »innere« Expansion Amerikas war untrennbar verwoben mit einer kommerziellen Machtlogik. Im Fall Großbritannien hatten Kapitalismus/ Kommerzialismus und territoriale Landnahme sich gegenseitig befördert. Aber in den Vereinigten Staaten von Amerika waren sie mehr als bloß Partner: sie waren von Beginn der politischen Existenz Nordamerikas (bereits als britische Kronkolonien) identische Momente ein und desselben Prozesses. Wie Max Weber so bildhaft demonstriert hat, hatten die ersten englischen Kolonisten diese Identität gewissermaßen im Kopf, als sie an der nordamerikanischen Ostküste ihre Siedlerquartiere aufschlugen, um sich dann sukzessive in »Amerikaner« zu verwandeln. Weber hat in seiner Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus überzeugend demonstriert, wie im Geburtsort Benjamin Franklins, des unbestrittenen Homo Americanicus, der kapitalistische Geist - bei Weber die Idee des Berufsmenschentums und der Zeitvergeudung als der ersten und prinzipiell schwersten aller Sünden - lebendig war, bevor von einer realen kapitalistischen Gesellschaft überhaupt die Rede sein konnte. 9 Dazu zitiert er ausführlich aus einem Dokument, in dem Franklin in unendlichen Varianten kontinuierlich die Tugend des Geldverdienens als einen Zweck an sich propagierte. Was Weber in seiner Lektüre Franklins aber übersah, war die Tatsache, dass in dessen Denken der kapitalistische Geist in seiner »beinahe klassischen Reinheit« auch aufs engste verwoben war mit einer gleichermaßen prononcierten Begeisterung für territoriale Expansion. Denn lange bevor Jefferson (ein anderes Musterexemplar eines Homo Americanicus!) die »Entdecker« Lewis und Clark zur Vorbereitung der kontinentalen Landnahme Richtung Pazifikküste losschickte, spricht Franklin in schwärmerischer Form von der territorialen Zukunft der amerikanischen Kolonien und »sagte voraus, dass die Bevölkerung der nordamerikanischen Kolonien sich alle 25 Jahre verdoppeln würde und ermahnte die britische Regierung, für die zu erwartenden Neuankömmlinge zusätzlichen Lebensraum zu beschaffen, mit der Begründung, dass einem Herrscher, >der neue Gebiete b e s c h a f f t , die

sprachiger Zitate im folgenden von mir, F.U.)
9 In diesem Sinne kö

Anwendung, nicht als »Ergänzung« oder gar »Widerlegung« der materialistischen Geschichtsauffassung gesehen werden: Die puritanischen Siedler brachten in der Tat den Kapitalismus, den sie aus England kannten, nun im Kopf mit in die Neue Welt, und zwar mit der Militanz von Proselyten!

George W. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

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unbewohnt sind, oder der die Eingeborenen vertreibt, um für sein eigenes Volk Raum zu schaffen<, der Dank der Nachwelt sicher sei,«10 Der Versuch der britischen Regierung, nach dem Sieg über die Franzosen im Siebenjährigen Krieg die Westexpansion ihrer nordamerikanischen Kolonien zurückzufahren, war neben ihren Plänen, die Siedler an den Gesamtkosten des Empire stärker zu beteiligen, der Hauptgrund für die Rebellion der Siedler 1776.11 Und sowie nach der erfolgreichen Revolution die Hände der Kolonisten nicht mehr gebunden waren, gingen sie sogleich daran, so viel vom nordamerikanischen Territorium zu erobern und als strikt kapitalistischen Raum zu re-organisieren, wie sie nur konnten. Vor allem bedeutete das natürlich die Vertreibung der Eingeborenen, um Raum für eine ständig wachsende Einwanderung aus Übersee zu schaffen, ganz wie Franklin empfohlen hatte. Das Ergebnis davon war ein kompaktes »inländisches Reich« Jefferson sprach in seiner Inaugurationsrede von einem »Empire of liberty« - was die Gründerväter Washington, Jefferson, Hamilton und Adams auch genau so im Sinne hatten, weshalb sie den Begriff »Empire« abwechselnd mit »Federal Union« gebrauchten, wenn sie von ihrem neuen Staatswesen sprachen. 12 Im Unterschied zum alten britischen Empire war es vor allem gekennzeichnet durch erheblich geringere Unterhaltskosten.
3.

Das britische und das amerikanische »Empire«, nicht etwa das alte Heilige Römische Reich deutscher Nation, waren real die beiden »Reichs«-Vorbilder, die Teile der deutschen Bourgeoisie vor Augen hatten, als sie etwas verspätet, aber mit begeisterter Unterstützung ihres Monarchen, ihrerseits einen »Platz an der Sonne« anstrebten. Zunächst versuchten sie, es den Briten

George Lichtheim: Imperialism, Harmondsworth 1974, S. 64. Siehe hierzu Immanuel Wallerstein: The Modern World System III. The Second Era of Great Expansion of the Capitalist World-Economy, 1730-1840s, New York 1988, S. 202-03. 12 Siehe hierzu Richard W. van Alstyne: The Rising American Empire, New York 1960, S. 1-10. Der Vollender dieses Empire und damit wichtigster Wegbereiter für den späteren Aufstieg zur Weltmacht war Abraham Lincoln, der den Versuch, eine zweite legitime Macht auf dem Territorium der Vereinigten Staaten zu etablieren, mit äußerster Entschlossenheit niederschlug. Vgl. dazu: William Appleman Williams: Amerika - Die ermattete und nostalgische Kultur, in: Frank Unger: Amerikanische Mythen. Zur Inneren Verfassung der Vereinigten Staaten, Frankfurt/M 1988, S. 267-276. Zur Detailgeschichte der Westexpansion siehe Frederick Merk: History of the Westward Movement, New York 1978.
10 11

): Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945. S. indem sie sich Kolonien in Übersee aneigneten und die britische Seeherrschaft herausforderten.d. Harmondsworth 1974. dem territorialen Expansionsmodell der Amerikaner in den Weiten Osteuropas nachzueifern: in exterministischer Version in den Osteuropa-Plänen der Nazis. gewannen im Laufe des 19. 74.h.178 Frank Unger nachzumachen.und Reichtumsvorteil der führenden Nation wettzumachen. Je größer und dynamischer der inländische Markt. ihre Insellage sowie ihre extrem günstige Ausstattung mit Rohstoffen. Obwohl die informelle Kontrolle über den Welthandel und das Finanzsystem weiterhin eine wesentliche Rolle für die Position eines Landes im internationalen System spielte. desto größer die Chance. die Phase. Ihre kontinentalen Dimensionen. den relativen Macht. den führenden kapitalistischen Staat in ihren Herrschaftsbereich zu inkorporieren. Von diesem Gesichtspunkt aus waren die Vereinigten Staaten in einer weitaus besseren Position als das Deutsche Reich. Jahrhunderts die relative Größe und das Wachstumspotential des inländischen Markts an Bedeutung. wie das Frankreich und Spanien im 15. Die Weltmacht des führenden kapitalistischen Staats ihrer Zeit war im Vergleich zu der seiner historischen Vorgänger um so vieles größer. London 1942. 13 . Aber nachdem das Ergebnis des Ersten Weltkriegs diese Strategie als hoffnungslos demonstriert hatte. beginnen musste . dass der Kampf um seine Nachfolge gewissermaßen mit dem. und nicht zuletzt die gemeinsame Sprache und kulturelle Verbundenheit mit dem alten Hegemon machten sie zum Siehe Franz Neumann: Behemoth: the Structure and Practice of National Socialism. zu verdrängen. gingen sie nun dazu über. Jahrhundert und Frankreich und England im 17. Jahrhundert jeweils getan hatten. sowie George Lichtheim: Imperialism. 14 Weder Deutschland noch die Vereinigten Staaten versuchten. Köln 1994. was früher die zweite Phase war. in der die Herausforderer darangehen. 13 zuvor bereits in netterer Form als »liberale« Mitteleuropa-Visionen eines Friedrich Naumann und anderer Vertreter des deutschen Exportkapitals. 14 Siehe hierzu Reinhard Opitz (Hrsg. verbunden mit einer Politik des Protektionismus gegenüber ausländischen Waren bei gleichzeitiger Öffnung des Landes für ausländisches Kapital und ausländische Arbeiter. Aus dieser imaginierten Analogie erklärt sich auch die menschenverachtend-genozidale Haltung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg gegenüber den Osteuropäern: Sie waren für die Deutschen so etwas wie die »Indianer« des erträumten »Inland-Empire«. Großbritannien von der Zentralposition der globalen Netzwerke von persönlichen Klientenbeziehungen. die den Weltmarkt konstituierten.

S. Kapital und unternehmerischen Kapazitäten in die Neue Welt. Paul Kennedy: The Rise and Fall of the Great Powers: Economic Change and Military Conflict from 1500 to 2000. Seit den 1840er Jahren hatten militärische und industrielle Innovationen sich wechselseitig vorangetrieben und für jenen spektakulären Industrialisierungsschub gesorgt. 44-51. New York 1987.16 Doch der absolute wie relative Anstieg militärischer Macht und industriellen Potenzials änderte grundsätzlich nichts an der tributären Position des Deutschen Reiches am Rande der reichtumheckenden und -abschöpfenden Netzwerke der anglo-amerikanisch dominierten Weltwirtschaft. A History of the United States in the Twentieth Century. 210-211.allerdings ein Gravitationszentrum neuen Typs: nicht mehr als Mittelpunkt und Verteilerstation der Handelsströme.George W. auch innenpolitische und kulturelle Faktoren einbeziehenden Darstellungen von William Appleman Williams: Americans in a Changing World. sowie The Contours of American History. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 179 Hauptnutznießer des britischen Freihandels-Imperialismus. mit dem kein anderer europäischer Staat sich messen konnte. auf dessen Basis das Deutsche Reich gegen Ende des 19. die internationalen Märkte für ihre Produkte und ausländische Anlagemöglichkeiten für ihr überschüssiges Kapital offenzuhalten. New York 1978. aber auch keinen Deut weniger!' 5 Auf diesem Gebiet konnte Deutschland nicht mithalten. auch wenn Preußens bzw. frei von kolonial-imperialen Abschottungen und »national-egoistisch« motivierten Protektionismen. Jahrhunderts den Status einer Weltmacht errungen hatte. 16 Siehe hierzu u. die an die Briten als die Herren der internationalen Märkte zu entrichten waren. Ihre Parole für die Beziehungen zu den anderen Ländern dieser Welt lautete daher ganz unschuldig und scheinbar uneigennützig: Open Door! Nicht mehr. dass es eher seinen Tribut zollen musste bei diesem allgemeinen Zug in die Neue Welt. 15 . Die wachsende Besessenheit der deutschen Führungsschichten von Siehe hierzu die ausgezeichneten. Cleveland 1961. Seine Geschichte und geographische Lage brachten es mit sich. sondern als unwiderstehlicher Anziehungspunkt für Arbeitskräfte. war die US-Wirtschaft praktisch bereits im Begriff. Als der eigentliche Kampf um die Vorherrschaft begann. das neue Gravitationszentrum des Weltwirtschaftssystems zu werden .a. Zu den Tributen. Kapital und Unternehmerinitiative. S. kamen die Verluste in Form ständigen Abflusses von Arbeitskräften. Wegen ihrer unvergleichlichen Produktionskraft und ihres Wachstumspotenzials waren die USA aber gleichzeitig auch daran interessiert. Deutschlands lange Beteiligung am Kampf um die europäische Vorherrschaft einen machtvollen militärisch-industriellen Komplex hervorgebracht hatte.

tendenziell auf. S. das hatte allemal noch der Atlantische Ozean. dann den Amerikanern. Wie bereits gesagt. rückten die USA in die zentrale Position: eine Insel von kontinentalem Ausmaß mit ungehindertem Zugang zu den beiden großen Ozeanen der Welt«. Jahrhundert für Großbritannien. 935-959. sprich: entsprechende Teilhabe an der Verfügung über internationale Ressourcen übersetzen ließen. und frühen 18. der am meisten von diesem Konflikt profitierte. in erster Linie auch deshalb. Jahrhundert die internationale Führungsrolle eine Nummer zu groß für die Niederlande wurde. buchstäblich alle Teile der Welt zu erfassen und einzubeziehen. Und als schließlich der pazifische Raum zum ernstzunehmenden Rivalen für den atlantischen Raum heranwuchs. Der Staat. Rapkin: After Insularity. Und in beiden Fällen fiel Joshua Goldstein/David P. in denen zwar die Fundamente der britischen Hegemonie unterminiert wurden.17 4. dass rapide wachsende industrielle Kapazitäten und kontinuierlich zunehmende militärische Stärke sich mitnichten automatisch in internationale Macht. waren wiederum die Vereinigten Staaten von Amerika. Ihre Versuche schufen beträchtliche Unordnung im internationalen System in einer Reihe von zwischenstaatlichen Konflikten. Hegemony and the Future World Order. Und als die Weltwirtschaft sich weiter entwickelte und all jene technologischen Innovationen schuf mit denen die Nachteile großer Entfernungen überwunden werden konnten. 1991. weil sie direkt in Großbritanniens Rolle als insulares Verteilungszentrum der internationalen Handelsströme schlüpfen konnten. trieb diese Obsession die deutschen herrschenden Klassen dazu. in: Futures. Ganz ähnlich wie im 17. waren sie bereits auf dem Weg. »Was bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dem englischen Kanal als Garanten einer geschützten Insellage schon abging.180 Frank Unger »Lebensraum« kann leicht interpretiert werden als Ausdruck wachsender Frustration darüber. so wurde sie es im frühen 20. 23. Damit hob sich auch der relative kommerzielle Nachteil. Die USA waren in bemerkenswerter Weise geschützt vor den Auswirkungen und Belastungen des Krieges um die Vorherrschaft in der Welt 1914-18. den zunächst die entfernte Lage Amerikas von den europäischen Handelszentren hatte. am Ende aber auch dem Status und der internationalen Macht Deutschlands selbst nachhaltiger Schaden zugefügt wurde. in ihrem Bestreben nach territorialer Expansion zunächst den Briten nachzueifern. 17 .

im frühen 20. exklusive Kostenvorteile durch relative oder absolute Isolation von den Brennpunkten politischer Konflikte bei gleichzeitiger Nähe zu den großen Knotenpunkten der internationalen Handels. S. Jahrhundert versucht hatten. Readings in Protection Rent and Violence-Controlling Enterprises. und den Vereinigten Staaten im frühen 20. Siehe hierzu: Ludwig Dehio: The Precarious Balance: Four Centuries of European Power Struggle. und frühen 18. 118. 19 Doch die Unterschiede in der Größe des eigenen Territoriums und der Menge an eigenen Ressourcen zwischen Großbritannien im 18. Long Cycles and the Geohistorical Context of Structural Transition. Frederic Lane: Profits from Power. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 181 die Führungsrolle an Staaten . Darüber hinaus brachte die Eskalation der zwischenstaatlichen Konflikte im frühen 20. die Vereinigten Staaten .George W. Oxford 1989. Und da sich die kapitalistische Weltwirtschaft im 19. in: World Politics. Im vorausgegangenen Kampf zwischen Frankreich und Großbritannien brauchte es über ein Jahrhundert bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten. so wie es Frankreich und England jeweils erfolglos im späten 17. Jahrhundert sind nicht das Einzige. sich die führenden kapitalistischen Staaten in ihren Einflussbereich einzuverleiben. 114. Thompson: Dehio. um das Mächtegleichgewicht zwischen den Mitkonkurrenten jeweils nach eigenem Belieben und zu ihren Gunsten zu verschieben.h. was die Kämpfe um die Vorherrschaft in den beiden Epochen unterscheidet.und Verkehrsströme.Großbritannien bzw. 12-13. New York 1962. 1992. bevor die Anarchie in den zwischenstaatlichen Beziehungen sich schließlich zum systemischen Chaos auswuchs. Wie bereits bemerkt. Jahrhunderts führte die offene Konfrontation in den äußeren. Jahrhundert gab es keine Versuche von konkurrierenden Territorialstaaten. wurden die Voraussetzungen an Territorium und Ressourcen für die Führungsrolle entsprechend größer. Christopher Chase-Dunn: Global Formation. 19 William R. zwischenstaatlichen Beziehungen ohne Verzögerung ins systemische Chaos. 127-152. d. Structures of the World Economy. und zwar in Folge einer Welle von Volksaufständen und Drucks von unten. 18 .die davor eine ganze Zeitlang eine beträchtliche »Schutzrente« genossen hatten: d. S. Jahrhundert nicht neue Ordnung. Aber zu Beginn des 20. zu massiven Herausforderungen der inneren Ordnung in den beteiligten Staaten. 18 Aber diese Staaten waren gleichzeitig auch gewichtig genug innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft. Albany 1979.h. 45. S. sondern unmittelbar systemisches Chaos. Jahrhundert beträchtlich ausgeweitet hatte.

wurde die Welt bereits gleichsam offiziell unterteilt in »ein begünstigtes Europa und ein Restgebiet. Siehe dazu auch die für das Verständnis des historischen Verhältnisses Westeuropas zum Rest der Welt unverzichtbare Meisterwerk von Eric R. Zwischen den Bestrebungen nach Demokratie und Durchsetzung der Menschenrechte auf der einen. 21 Auch der deutsche Faschismus übertrug und erweiterte später in seinem Versuch der Nachholung britisch-amerikanischer Expansionsstrategien das dual-rassistische Peter Taylor: Territoriality and Hegemony.d. van den Berghe: Race and Racism. S. Wolf: Europe and the People without History. sowohl die profitablen Formen der Diskriminierung und Ausbeutung zu erhalten als auch die demokratische Ideologie zu bewahren. New York 1978. Jahrhunderts wurden die nichtwestlichen Völker weder von der Hegemonialmacht noch von deren Verbündeten und Klienten als satisfaktionsfähige nationale Gemeinschaften angesehen. Spatiality and the Modern World-System. den unterdrückten Gruppen den Status des Menschseins zu verweigern.« 20 Während Europa sich etabliert hatte als eine Zone des »zivilisierten Verhaltens«. Edward W. Der britische Freihandelsimperialismus ging in dieser Aufteilung der Welt noch einen Schritt weiter. Feinde und Widersacher konnten ohne viel Federlesens ausradiert werden. in denen Sklaverei praktiziert wurde) typischerweise besser war als in Herrenvolk-Demokratien wie den Vereinigten Staaten. auch in Zeiten des Krieges. 20 . Dort galten keine solchen Maßstäbe. Er schreibt: »Das Bestreben. 18. New York 1967.B. ohne dass man sich zu Hause viel zivilisierte Gedanken darüber machte. Said: Orientalism. 21 Siehe hierzu z.Berghe benutzt zur Charakterisierung dieser internen Machtkonstellationen den deutschen Begriff »Herrenvolkdemokratie«. galt dies ganz und gar nicht für den Rest der Welt außerhalb Europas. Newcastle upon Tyne 1991. zum einen durch despotische koloniale Herrschaft. sahen die nicht-westlichen Völker sich (theoretisch wie praktisch) ihrer elementaren Selbstbestimmungsrechte beraubt. Es ist nur dem Anschein nach paradox. machten es notwendig. Zuvor . Während einerseits die Zone des zivilisierten Verhaltens erweitert wurde auf die neuen Siedlerkolonien in Amerika und Australien und das individuelle Bereicherungsrecht westlicher Bürger sogar über das Recht ihrer Regierungen gestellt wurde. dass das Los der Sklaven in aristokratischen Gesellschaften (wie im kolonialen Lateinamerika oder vielen afrikanischen Königreichen.« Vgl. Der amerikanische Soziologe Pierre v. A Comparative Perspective. zum anderen durch die Erfindung entsprechender Rechtfertigungsideologien wie den Rassismus oder den »Orientalismus«. in dem andere Regeln galten.unter holländischer Herrschaft .182 Frank Unger Im britisch-dominierten System des 19. Berkeley/Los Angeles 1982. und den Ideologien des Rassismus oder Orientalismus auf der anderen Seite besteht ein intrinsischer Zusammenhang. Pierre L.

In dieser Konstellation entstand im Gefolge des Ersten Weltkriegs mit der Oktoberrevolution auf einem Sechstel der Erde ein Staat. Raub.7 Milliarden $ Im Jahr 1914) in den mit Abstand größten Gläubigerstaat (3.23 Ihr Präsident zu jener Zeit war Woodrow Wilson. Er stellte allein dadurch für die besitzenden Klassen der kapitalistischen Länder vom ersten Augenblick seines Bestehens an eine beträchtliche Gefahr da. Sein engster Berater Colonel House hatte ihm zuvor dringend abgeraten. New York 1989. In seiner Botschaft an das amerikanische Volk 1917. der seinem Selbstverständnis nach erstmalig die Lebensinteressen der besitzlosen Massen und dadurch auch die der nicht-westlichen Völker zu vertreten vorgab. 23 Walter LaFeber: The American Age. Dabei war ihre finanzielle Bedeutung für das Deutsche Reich enorm. 273. so doch zumindest ideologisch und perspektivisch in den Alpträumen ihrer politischen Führer.George W. dazu Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Vgl. ihn zu verwenden: Zu viele Menschen oder Völker könnten die Botschaft missverstehen und sich zu revolutionären Aktionen Auf den Aspekt der »Akkumulation durch Enteignung« bei der Judenverfolgung wird im Unterschied zur Vernichtung interessanterweise in den meisten westlichen Darstellungen des Nationalsozialismus wenig systematischer Wert gelegt. Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Und der Verlauf des Krieges hatte eindeutig nur noch einen der drei Bewerber um die Führungsrolle im internationalen kapitalistischen System übrig gelassen: die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie artikulierten und organisierten sich gegen ihre Ausbeutung bzw. gegen ihre kolonialistische Unterdrückung. die sich innerhalb von wenigen Jahren von einem der größten Schuldnerstaaten der Welt (3.8 Milliarden $ im Jahr 1918) verwandelt hatten. 22 5.und Vermögensnahme: auf Osteuropäer und Juden. S. proklamierte er das amerikanische Kriegsziel mit dem berühmten Slogan »to make the world safe for democracy«. Frankfurt/M 2005. 22 . Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 183 Menschenbild des westlichen Imperialismus auf die Opfer seiner konkreten Land. Bereits lange vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren machtvolle soziale Bewegungen im Entstehen. zum anderen den der besitzlosen Massen in den Ländern des Westens selbst. United States Foreign Policy at Home and Abroad since 1750. in der er den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg begründete. Diese Bewegungen verkörperten den Widerstand von zwei großen Gruppen gegen das internationale System des Freihandels-Imperialismus: zum einen den der nicht-westlichen Völker. wenn nicht machtpolitisch.

aber doch das am meisten alarmierende Anzeichen dafür. Sichergestellt und überwacht werden sollte die Nachkriegsordnung durch eine zu gründende internationale Organisation. Jahrhunderts.. Zweitens sollte ein System der »kollektiven Sicherheit« geschaffen werden.a.unterstützt von Lansing und praktisch allen führenden US-Politikern seiner Zeit . aber dem Timing und der Formulierung nach eindeutig in Reaktion auf Lenins Friedensaufruf präsentierte Wilson im Januar 1918 in einer Rede vor dem Kongress sein berühmtes 14-Punkte-Programm für den Frieden. Jahrhunderts beruhen. S. 24 Houses Befürchtungen sollten sich noch im gleichen Jahr bewahrheiten. aber auch im Innern der kapitalistischen Staaten selbst Opposition gegen das System des westlichen. die durch die Machtübernahme der Bolschewiki in Russland sowie durch ähnliche politische Entwicklungen in Mexiko in Frage gestellt schienen: »Freiheit der Meere« und »Freiheit des Welthandels«. Siehe hierzu Lloyd C. die es aber in sich hatten.. 24 25 . die nach folgenden Prinzipien funktionieren sollte: Erstens. alle Mitglieder waren gleich berechtigt. Sie waren nicht das einzige. Nicht ausschließlich veranlasst von. Denn letztere betonten noch einmal die Grundpfeiler der »Open Door«-Politik. 25 Darauf beruhte die Pax Britannica des 19.O. 293. LaFeber: American Age.. sich in der Vollversammlung an den Diskussionen der wichtigen Weltprobleme zu beteiligen. dass sich in verschiedenen Teilen der Welt. a. 1913-21. Parallel zu diesen Bemühungen tat Wilson . um die Machtübernahme der Bolschewiki in Russland wieder rückgängig zu machen. was er konnte. New York 1984. In diesen beiden Punkten waren alle Kompromisse ausgeschlossen. wenn nötig bewaffnete Aktionen aller anderen Mitglieder sanktioniert werden sollte. anglo-amerikanisch dominierten und multilateral organisierten Kapitalismus formierte..184 Frank Unger ermutigt fühlen. Gardner : Safe for Democracy: The Anglo-American Response to Revolution. In Russland übernahmen die Bolschewiki die Macht und ihr Führer Lenin wandte sich sofort mit einem Friedensappell an die kämpfenden Armeen. aber die führenden westlichen Länder (»metropolitan powers«) würden bei den schließlichen Entscheidungen durch ihre Ratsmitgliedschaft das letzte Wort haben. und darauf sollte auch die Ordnung des 20.alles. und Wilson war sich vollkommen bewusst darüber. nach dem bei jedem Angriff auf die territoriale Unversehrtheit eines Mitglieds der Aggressor durch kollektive. das eine Menge »weicher« Vorschläge enthielt und zwei »harte«.

Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 185 dass die Herausforderung der Bolschewiki und des radikalen Sozialismus zukünftig die größte Gefahr für die »Open-Door«-Ordnung darstellen würde. Frankfurt/M 1999. und zwar von einer widersprüchlichen Koalition aus konservativen Nationalisten und Imperialisten (angeführt von Senator Henry Cabot Lodge) und progressiven Isolationisten (repräsentiert von den Senatoren Borah.George W. 28 Die einen sahen in der Einbindung der USA in einen Völkerbund eine Beschneidung und Schwächung der nationalen Souveränität und damit der außenpolitischen Handlungsfreiheit.]%.: Staat oder Markt? Die Schlüsselfrage unserer Zeit.im Diskurs der amerikanischen Machteliten verankert war. in: Neue Zeit. bis er auch »für sich« . 6. zunächst die Zustimmung verweigert. Wilsons »ultraimperialistischem« 27 Völkerbundsplan wurde vom Zentralkomitee der herrschenden Klasse Amerikas. LaFolette und Johnson). Ihr letzter großer Überlebender ist der Schriftsteller und Historiker Gore Vidal. oder noch abstrakt-verdünnter: zwischen »Staat« und »Markt«. wobei beim »Markt« immer die US-amerikanische Hegemonie mitzudenken ist. In den USA selbst brauchte der Wilsonismus nach seiner Entstehung »an sich« noch gut zwei Jahrzehnte. 2S Die Tradition eines »linken Isolationismus« wurde in der Folge fortgeführt von den bekannten Historikern Charles Beard und (nach dem Zweiten Weltkrieg) von William Appleman Williams und seiner »revisionistischen« Schule. 27 Ich benutze hier den Begriff in dem von Kautsky ursprünglich eingeführten Sinn.das Wesen dieser Konfrontation blieb unverändert bis in die letzte Dekade des Jahrhunderts. dt. 32. regionalen Zentralverwaltungswirtschaften. Jahrhunderts« geschaffen: die zwischen »wilsonistischen« Liberalen und »leninistischen« Sozialisten.also als eine bewusste Ideologie . 26 .26 Und welche neuen Namen auch immer auftauchten und welche Varianten praktischer Politik und ideologischer Rhetorik auch immer vorübergehend angewandt werden mochten . die anderen kritisierten die Kreuzzugsmentalität hinter dem Wilsonschen Siehe hierzu Daniel Yergin/Joseph Stanislaw: The Commanding Heights. So versuchte er . Karl Kautsky: Der Imperialismus. Vgl. New York 1998. In den sechs Monaten zwischen Januar und Juli 1918 wurde die Grundkonstellation für die bestimmende politische Konfrontation des »kurzen 20. H.wie schon in Mexiko fünf Jahre zuvor . dem Kongress. oder noch allgemeiner gesagt: die zwischen globalistischer Marktwirtschaft und nationalen bzw. 1914.die revolutionäre Entwicklung auch in Russland zweimal durch militärisches Eingreifen zu stoppen. 2.

aber zu einem großen Teil deshalb blieb das internationale System für weitere zwei Jahrzehnte in unreguliertem Chaos. der Völkermord an den europäischen Juden.D.186 Frank Unger Ansatz und die . an dem das erklärte Hauptziel des amerikanischen Kriegseintritts. Nicht nur. denn die dauerte formell genau 100 Jahre. des einflussreichen Herausgebers der Zeitschriften TIME. Erst der beinahe folgerichtige Ausbruch des zweiten großen Krieges nach dem Zusammenbruch der Pax Britannica und die sich daraus ergebenden Chancen für einen Akkumulationsanschub durch Staatstätigkeit brachten dann in den U S A mit dem Keynesianismus zu Hause auch den Durchbruch des Wilsonismus in der Außenpolitik. Er kündigte 1941 in einem millionenfach in Sonderdrucken verbreiteten Leitartikel die Geburt des American Century29 an und verwies dabei ausdrücklich auf die weitsichtigen Pläne Woodrow Wilsons. Damit meinte Luce die aktive. die Besiegung Deutschlands und Japans. zumindest indirekt eine Bedeutung für die Kriegführung der Alliierten gewann: 29 .Interventionen gegen die mexikanische und die russische Revolution sowie die unmittelbar nach dem Krieg einsetzenden Repressionsmaßnahmen gegen »Radikale« im Lande selbst. bei dem das deutsche Jahrhundertverbrechen. 30 Diese Maßnahme war das Abkommen von Der Begriff weist wiederum auf den gedanklichen Bezug zur Pax Britannica.seine Selbstbestimmungsrhetorik Lügen strafenden . in dem nach einer kurzen Scheinblüte in den 1920er Jahren auch die Binnenwirtschaft der mächtigen Vereinigten Staaten selbst an den Rand des totalen Zusammenbruchs geriet. nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden konnte -. LIFE und Fortune und langjährigen Anführers der »China-Lobby«. nämlich von 1815 (Wiener Kongress) bis 1914 (Ausbruch des Ersten Weltkriegs).zu einem Zeitpunkt. Die politische Führung unter Präsident F. Roosevelt hatte sich mehrheitlich dieser Auffassung bereits angeschlossen. zumal Roosevelt und der engste Kreis seiner Berater natürlich über die schnell vorangehende Arbeit an einer amerikanischen Atomwaffe informiert waren. durch internationale Verträge und Bündnissysteme abgestützte Führungsrolle der Vereinigten Staaten im internationalen Wirtschaftssystem. eingeschlossen er selbst. Henry Luce. leider noch nicht reif genug gewesen sei. für die 20 Jahre zuvor die amerikanische Öffentlichkeit. Die entscheidende und wichtigste Maßnahme zur Implementierung des neuen Systems wurde dann im Sommer 1944 getroffen . Ein klassisches Indiz dafür war das Umschwenken eines der bis dato fanatischsten Wortführer der konservativen »Isolationisten«. 30 Der Bau der amerikanisch-britischen Atomwaffe ist übrigens das einzige Beispiel.

die eine deutsche Atomwaffe fürchteten. in dem Waren und Kapital nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien von Angebot und Nachfrage beliebig nationale Grenzen überschreiten können. in dem insgesamt 44 Staaten der Anti-Hitler-Koalition auf eine modifizierte Neuauflage des alten Goldstandards und ein internationales Wirtschafts. welche wiederum umschwärmt werden von einem Haufen Satelliten .und energiespendender Fixstern habe das Zentrum zu bilden. wenn sie aufgebaut sei nach dem Vorbild des Sonnensystems: Ein zentraler. 36f. New York 1988. Siehe dazu Richard Rhodes: The Making of the Atomic Bomb.alles auf der Basis eines einheitlichen. 31 Der hier gebrauchte Begriff »Multilateralismus« bedeutet ein internationales Wirtschaftsregime. Nur auf einer solchen Basis gewissermaßen kos- Er geschah auf drängende Initiative jüdischer Naturwissenschaftler. wärme. .George W. S. die sowohl ihr imperiales Präferenzsystem als auch unmittelbar nach Kriegsende . Der heimische Markt des Fixsterns müsse gleichzeitig das Zentrum der multilateralen Wirtschafts.und Finanzsystem der »Open Door« nach multilateralen Prinzipien 31 verpflichtet wurden. Siehe dazu Fred L. A Study of United States International Monetary Policy from World War II to the Present. für alle verbindlichen und vergleichbaren Wertmaßes. sondern von der alten imperialen Weltmacht Großbritannien.eine stärkere Stellung der nationalen Regierungen vor allem bei der Regulierung des internationalen Finanzverkehrs beibehalten wollte. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 187 Bretton Woods. multilateralen Weltwirtschaftssystems einbezogen werden. konnten sie bald als Juniorpartner in den Neuaufbau eines kapitalistischen. Er ist praktisch synonym mit »Open Door«. wo das Goldene Zeitalter der Pax Britannica 1914 geendet hatte. Genau so hatte es Woodrow Wilson gewollt: Die Vereinigten Staaten von Amerika übernehmen in der veränderten Umständen entsprechenden Form die Rolle. ohne dass mithilfe politischer Eingriffe die eine oder die andere Nation privilegiert wird. Die größten Widerstände kamen nicht von armen Ländern. Nachdem wenig später die großen imperialistischen Rivalen Deutschland und Japan bedingungslos kapituliert hatten.durch ihre frisch gewählte Labour-Regierung . Mit diesem strategischen Ziel war (und ist!) folgende normative Vorstellung eines funktionierenden internationalen Systems verbunden: Die Weltwirtschaft funktioniere nur dann optimal. Berkeley 1977. das endlich dort anknüpfen sollte.und Finanzkreisläufe und buyer of last resort sein. die das Vereinigte Königreich während der Pax Britannica gespielt hatte. um das eine Reihe von mehr oder weniger große Planeten kreist. Block: The Origins of International Economic Disorder.

Dieser Nationalstaat muss aber. 33 Ein weiteres Dilemma: Da die Über- Vgl. sonst nur in den Modellphantasien neoklassischer Ökonomen. In der realen Welt ist das ein mächtiger Nationalstaat. Diese Schrift verbreitet noch den unschuldigen Charme der frühen Jahre des US-Nachkriegsimperiums. Strategie und Grenzen der amerikanischen Außenpolitik. 32 . Dessen Aufgabe wiederum ist es. Dieser Kern besteht darin. sondern im weitesten Sinne sowohl einer Organisation als auch einer polizeilichen Absicherung bedarf. München 1957). bei der Erfüllung seiner Aufgabe als »Fixstern« des Weltsystems bereit sein. die Interessen und Bedürfnisse des internationalen Kapitals in allen ihren Formen kompromisslos vertreten und. hierzu die klassische Darstellung in William Yandell Elliott u. Demgegenüber liest sich die bloß mit einigen unterhaltsamen Reminiszenzen an die große Zeit der britischen Weltherrschaft aufgepeppte Wiederholung des haargenau gleichen Gedankens beim von den meisten Rezensenten als »originell« angehimmelten Briten Niall Ferguson ( Empire: The Rise and Demise of the British World Order and the Lessons for Global Power. wenn seine Hegemonie von Dauer sein soll. mit Gewalt durchsetzen.: Weltwirtschaft und Weltpolitik. wenn es dem Gesamtwohl des Systems dient. 33 Hier liegt auch die Unterscheidungslinie zwischen dem. im nationalen Sinn uneigennützig zu handeln. auf der anderen Seite die Verteidiger der partikularen Interessen der amerikanischen Nation oder des national beschränkten Kapitals. 32 Dieses normative Weltbild der außenpolitischen Eliten der USA ist natürlich nicht rein substanzlose Propaganda. Grundlage. New York 1955 (dt.: The Political Economy of American Foreign Policy. Wie alle einigermaßen erfolgreichen Ideologien muss sie einen Realitätskern haben. dass das internationale kapitalistische System in der Tat nicht allein auf der Basis von Angebot und Nachfrage und den anderen Regeln des Marktes funktioniert. Mithin kann die Geschichte des außenpolitischen Verhaltens der U S A seit dem Ende des Ersten Weltkriegs verständig analysiert werden als der kontinuierliche Kampf dieser zwei Linien: auf der einen Seite die Verfechter der Interessen des globalen Gesamtkapitals.a. N u r in sehr kurzen historischen Abschnitten. Aber gleichzeitig ist auch die lebensspendende Sonne des kapitalistischen Weltsystems ein souveräner Nationalstaat. Er muss also bei der Verfolgung seines strategischen Ziels bzw. wenn nötig. London/New York 2003) bereits wie die Auftragsarbeit einer public relations-Agentur. international die Interessen der dominanten Fraktion seiner eigenen Bourgeoisie zu vertreten.188 Frank Unger misch veredelter Stabilität in der Bewegung könne das System zum Wohle aller funktionieren. was im amerikanischen politikwissenschaftlichen Diskurs als »Idealismus« und »Realismus« bezeichnet wird. fallen diese beiden Bestrebungen in eins.

als die aktive Vorantreibung der globalistischen Marktwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gleichzeitig in der Form eines existenziellen Abwehrkampfes der »westlichen Zivilisation« gegen den östlichen Kommunismus bzw. indem sie jahrelang eine strukturelle Unterbewertung von deren Währungen im Bretton Woods-System hinnahm. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 189 wachung der globalen Regeln für die Geschäfte des Weltkapitals durch einen mächtigen Nationalstaat ein starkes und schlagkräftiges Militär erfordert.h. 7.George W. Gleichzeitig waren sie aber dafür verantwortlich. dass das wilsonistische Projekt zwar bewusst verfolgt. eine angeblich an der Weltherrschaft interessierte Sowjetunion durchgeführt wurde. ergibt sich daraus stets die Gefahr einer Verselbständigung des militärischstrategischen Interesses. Ihre zunächst ungeheure Überlegenheit an industrieller Produktivität und ihre finanziellen Ressourcen erlaubten es ihr. der Außenhandel spielte erst eine geringe Rolle. Zwar erlaubte es der strukturell überbewertete Dollar amerikanischem Kapital. Interessanterweise fällt diese Phase des »altruistischen« Internationalismus der USA in eine Periode. d. Die Vereinigten Staaten förderten großzügig.B. Auf diese Weise förderte sie sowohl die schnelle Rekonstruktion der anderen kapitalistischen Kernländer als auch die Re-Internationalisierung der Wirtschafts.und Finanzbeziehungen. ohne überhaupt Außenhandelsbeziehungen zu pflegen. eine Abhängigkeit von lebenswichtigen Importen (z. aber nicht gleich ganz verwirklicht werden konnte. in Europa und anderen Teilen der Welt Unternehmen . Anders gesagt: Die US-Wirtschaft war zu jener Zeit so gut wie autark. Dies umso mehr. die USA hätten locker auf dem erreichten Niveau existieren können. dass in den ersten 20 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Interessen des globalen Gesamtkapitals und die des Nationalstaats USA weitgehend zusammenfielen. Die Sowjetunion und die Länder des sozialistischen Lagers waren nach dem Krieg die Ursache dafür. einer militärisch induzierten Machtprojektion um ihrer selbst willen. indirekt die lebenswichtigen Exporte ihrer Partner zu subventionieren. in der die Internationalisierung der US-Wirtschaft selbst noch nicht sehr weit fortgeschritten war. den Wiederaufbau der kapitalistischen Länder Westeuropas und Japans mit Hilfe des European Recovery Program (Marschall-Plan) und anderer Hilfsprogramme: Schließlich brauchte die US-Wirtschaft nach dem Wachstumsschub durch den Krieg nun satisfaktionsfähige und leistungsstarke Partner für die Friedenszeit danach. aber durchaus im Eigeninteresse. Ol) bestand zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die späten 1960er und 1970er Jahre brachten nicht nur eine moralische. Grob gesagt: Investieren »lohnte nicht mehr«. dass die Zeit der unmittelbaren Interessendeckung von U S A und ihren Partnern in Westeuropa und Japan zu Ende gehen würde. der geradewegs Züge einer Umverteilung von oben nach unten annahm: Innerhalb von knapp zehn Jahren sank der prozentuale Anteil am Aktienbesitz des reichsten 1% der US-Bevölkerung von 37% im Jahr 1965 auf 23% Mitte der 1970er Jahre. genau dies nicht zu tun. . aber nicht nur dort. noch kein essentieller Bestandteil amerikanischer Akkumulationsstrategien. arg eingeschränkt waren. 34 Mit anderen Worten: Der real existierende Kapitalismus hatte nach 20 Jahren »sozialdemokratischer« Politik aus Angst vor dem Kommunismus in seinem Führungsland. Das keynesianische System der Nachkriegszeit stieß an die politischen Grenzen seiner Tolerierbarkeit für die ökonomischen Eliten. 16. Sie mussten die schreckliche Erfahrung eines »wealth Crashs« machen. Oxford 2005. indem er 1971 ohne Vorankündigung sozusagen über Nacht die Goldbindung des Dollars für beendet erklärte und damit 34 David Harvey: A Brief History of Neoliberalism.190 Frank Unger und Industrieanlagen zu basement bargain-Preisen zu erwerben. der französische Präsident de Gaulle mehrfach angekündigt hatte. Bereits in den 1960er Jahren hatte sich abgezeichnet. aber diese Einkäufe waren aus Überschüssen bezahlte Extras. Nicht zuletzt die Kosten des Vietnamkriegs und die wachsenden Auslandsschulden führten dazu. Präsident Nixon reagierte auf diese bedrohliche Situation. dass auf der Grundlage des inzwischen unrealistisch niedrig fixierten Dollarwerts ($ 35 pro Unze Gold) ausländische Banken mit ihren Dollar-Guthaben locker mehrmals die Goldvorräte aus Fort Knox hätten aufkaufen können. sondern auch eine Akkumulationskrise für das amerikanische Kapital und damit eine Schwächung der ökonomischen Eliten. politische und militärische Krise für die Vereinigten Staaten. Stagnation und Inflation traten gemeinsam auf und ließen das Neuwort »Stagflation« in die Umgangssprache eingehen. S. nahm der Abfluss der US-Goldreserven in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre kontinuierlich zu. hohe Rendite zu erwirtschaften und neuen Reichtum zu akkumulieren. aufgrund hoher Arbeitseinkommen und eines hohen Beschäftigungsniveaus ein solches Stadium relativer sozialer Nivellierung erreicht. Die Hauptleidtragenden waren die »investierende Klasse«. von ihnen aber erwartet wurde. also die Superreichen. Aber auch ohne gezielte politische Aktionen. dass die Chancen für die ökonomischen Eliten.B. wie sie z.

seit Ende des Zweiten Weltkriegs gemeinsam mit der Londoner City das finanzielle Zentrum der Weltwirtschaft. und drittens. a. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben spätestens seit Beginn der 1980er Jahre auch politisch in diesem Prozess in allen Feldern wieder die Führungsrolle übernommen. l l . Damit war.. der von folgenden Zielen geleitet war: erstens der forcierten Durchsetzung eines neuen Regimes des Kapitalismus.. Das riskante Spiel der Aufkündigung des Bretton WoodsSystems hatte sich gelohnt. der rigorose Senkung der relativen Arbeitskosten in den Hauptländern des Kapitalismus.George W. Vgl. was sich aber am Ende insofern als erfolgreich erwies. 19-38. Blyth: Great Transformations: Economic Ideas and Institutional Change in the Twentieth Century. nunmehr der reine Papierdollar zum Weltgeld erhoben worden: ein durchaus riskantes Spiel. Aktionspolitisch umgesetzt wurde er als Siehe dazu M.. in das »freie Spiel« der Marktkräfte einzugreifen. zweitens.so wenig Möglichkeiten wie möglich blieben. A Brief. Washington^ Faustian Bid for World Dominance. London 1999. 36 Bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde ein gezielter Politikwechsel eingeleitet. in: The Global Gamble. Praktisch umgesetzt wurde sie vor allem durch eine enge Zusammenarbeit mit der Wall Street.ob demokratisch gewählt oder nicht . Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 191 praktisch das Bretton Woods-System einseitig aufkündigte.a. auch Harvey. S. der Überführung von so vielen nationalen Ressourcen und Bereichen des öffentlichen Lebens wie möglich in die Verfügungsgewalt Anlage suchenden Privateigentums. Der nun in konzertierter Aktion mit den wichtigsten Verbündeten über die nächsten zehn Jahre lancierte und legitimierte »Neoliberalismus« kann nach mehreren Gesichtspunkten analysiert werden: Verlautbarungspolitisch gestartet wurde er als ein utopisches Programm auf der ideologischen Grundlage der neo-klassischen Ökonomie und des wilsonistischen Weltbildes. in dem unter der Supervision des internationalen Finanzkapitals die Regeln und Gesetze der kapitalistischen Marktwirtschaft universell durchgesetzt waren und den nationalen Regierungen . S . nach dem die »Befreiung der Märkte« von jedweder Kontrolle oder Regulierung gleichsam naturgesetzlich optimale Ertragsresultate für alle Beteiligten hervorbringe.. als es die reale Voraussetzung für einen neuen Abschnitt in der Entwicklung des Nachkriegskapitalismus wurde: die Umwandlung des »embedded liberalism«. 35 wie das keynesianisch-klassenkompromisslerische Nachkriegssystem neuerdings genannt wird. 36 Siehe hierzu Peter Gowan: The Dollar-Wall Street Regime.O. in den so genannten »neo-liberalism«. statt des zuvor letztinstanzlichen Goldes. 35 . Cambridge 2002.

So wurde es lange Siehe hierzu meinen Aufsatz From the »Anti-Revisionist Left« to the »New Centre«: Reflections on the Ancestry of »Modernized« Social Democracy. 37 Real-historisch aber ist dieser »Neoliberalismus« nichts weiter als ein weiterer Abschnitt des wilsonistischen Programms zur Wiederherstellung der kapitalistischen Weltordnung des 19. Aldershot/England 2002. Normative claims and policy initiatives in the 21" Century. »überparteiliche« (»bipartisan«) Bezugsrahmen für jede amerikanische Regierung von Harry S.):The Third Way Transformation of Social Democracy. eine militärische Intervention in Haiti zur Rettung des (demokratisch gewählten) sozialdemokratischen Präsidenten Aristide vor einem Militärputsch anordnete. 163-181. 38 Einen einzigen zaghaften Ansatz dazu gab es Anfang der 1990er Jahre. Jahrhunderts. mit dem er jenen Hass und jenes Misstrauen bei einem Teil der politischen Eliten auf sich lud. in: Oliver Schmidtke (Hrsg . sodass coole Finanzjongleure. als der noch unerfahrene Präsident Clinton. denn eine legale oder illegale Amtsenthebung durch konzertierte Aktion der ökonomischen Eliten wäre die unvermeidliche Folge gewesen. offenbar noch betört von seiner eigenen Rhetorik und in Gedenken an seine wilde Jugend in Gesellschaft von Vietnamkriegs-Gegnern. 8. Er war und ist der verbindliche. S. hedonistische Couponschneider und selbstherrliche Bankchefs als die wahren Vollender der Kulturrevolution der 60er Jahre erscheinen konnten. Der Wilsonismus ist bis heute die durchgängige Konstante amerikanischer Außenpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. die bereits mindestens so global (bis auf die technischen Accessoires der Gegenwart) war wie die heutige »postnationale Ordnung«. wobei listig auf rhetorische Figuren und kulturelle Stile der 68er Revolte zurückgegriffen wurde. Es war nicht zuletzt diese naive Verwechslung von rhetorischem und praktischem Wilsonismus. Kein US-Präsident ist in sechs Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte auch nur einen Deut von den Grundprinzipien des Wilsonismus abgewichen. der später bis zu einem Impeachment-Versuch führen sollte. obwohl Clinton diesen Fauxpas später hundertmal wettgemacht hatte! 37 . Und das. 38 Wenn die Handlungsweisen von US-Präsidenten während dieser Zeit dennoch ganz unterschiedliche Reaktionen im Rest der Welt einschließlich der kapitalistischen Verbündeten hervorgerufen haben. Bush. Propagandistisch massenwirksam verkauft wurde er als anti-etatistisches »Freiheitsprogramm«.192 Frank Unger ein politisches Projekt zur Wiederherstellung optimaler Akkumulationsbedingungen und der Macht der ökonomischen Eliten. Truman bis zu George W. Er hätte es auch gar nicht gekonnt. dann lag das weniger am politischen Verhalten der USA als an sich verändernden Kräfteverhältnissen und daraus resultierenden Wahrnehmungsveränderungen.

Ein »Völkerrecht« wurde in Zusammenhang mit Vietnam ausschließlich von den sozialistischen Ländern argumentativ ins Feld geführt. Auch der Vietnamkrieg diente in letzter Instanz den Zielen »Freiheit der Meere« und »Freiheit des Welthandels«. Zu nennen wären neben dem erwähnten Vietnamkrieg drei indirekte. Truman begangen worden sind: entweder direkt durch militärische Aktionen oder indirekt durch geheimdienstliche Unterstützung lokaler Kräfte. zum Ausdruck.abgesehen von bestimmten rhetorischen Fehlgriffen .nicht ernsthaft vorgeworfen werden. dass der Vietnamkrieg .George W. eine gefährliche Person. Vom objektiven Tatbestand her kann jedoch Bush und seiner Regierung .das mit Abstand größte internationale Verbrechen der Nachkriegszeit gewesen ist. aber sehr 39 . um ein Vielfaches blutiger als und genauso »völkerrechtswidrig« durchgesetzt wie der jüngste Feldzug gegen den Irak. dass die Interessen der ökonomischen Eliten in den europäischen kapitalistischen Ländern an guten Beziehungen zu den USA damals noch allerhöchste Priorität hatten. Gut anderthalb Jahrzehnte nach dem größten Triumph der ökonomischen Eliten der USA. Damals oblag es Teilen der jungen Generation in Europa wie in den USA selbst.ein Vernichtungsfeldzugs gegen ein ganzes Volk. auch wenn in diesem Fall die Logik des Kalten Krieges mit ihrer »Dominotheorie« vordergründig dazwischengeschaltet war. dem annähernd drei Millionen Menschen zum Opfer fielen . sondern auch zur Gefahr Nr. 39 Allein die bloße Nennung von Beispielen hierfür würden Seiten in Anspruch nehmen. von den Bevölkerungen gar nicht zu reden. Verstöße gegen das »Völkerrecht« oder gegen die allgemein-menschliche Moral begangen zu haben. Protest und Widerstand zu Gehör zu bringen. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 193 Zeit auch außerhalb der USA weitgehend übersehen. die nicht nur bedenkenlos das »Völkerrecht« breche. wie es damals hieß. Der Grund für die westeuropäische Solidarität mit Amerika war. der Kapitulation der Sowjetunion. man war einig im gemeinsamen ideologischen Abwehrkampf gegen Sozialismus und Kommunismus und vorteilhaft verbunden durch das für die Europäer segensreiche Bretton Woods-System. Sie hatten einen schweren Stand gegenüber ihren Regierungen wie gegenüber der Mehrheitsmeinung in ihren Ländern. Die politischen Führer und die veröffentlichte Meinung der westeuropäischen Verbündeten brachten immer wieder ihre Solidarität mit »dem Engagement der Amerikaner in Vietnam«. die nicht ebenso und zum Teil weitaus brutaler von jedem ihrer Vorgänger seit Harry S. 1 für den Weltfrieden avanciert sei. ist der amerikanische Präsident George W. Bush in den Augen eines großen Teils der politischen und ökonomischen Eliten Europas.

unternehmerfreundlicher Steuergesetze u.v.194 Frank Unger Dennoch erscheint es dem öffentlichen wie auch dem akademischen Diskurs in Deutschland wie in den meisten seiner Nachbarländer.alles unverzichtbare Elemente des wilsonistischen Programms und des wilsonistischen Verständnisses von »Demokratie«! Die Ordnungspolitik der Europäischen Union und die Lobbyarbeit der ökonomischen Eliten Europas verfolgen im Prinzip genau die gleichen Ziele. was den moralischen Standard (»Völkerrechtsmissachtungen«) betrifft.und Kühlenergie geketteter Lebensstil unverzichtbar für den American Way of Life ist. gesetzliche Garantien für den Profittransfer. der Massenmord an Mitgliedern der KP Indonesiens 1965 und der Putsch in Chile 1973. und zwar sowohl. Dabei haben die U S A im niedergeworfenen Irak nichts weiter getan als die üblichen Maßnahmen einzuleiten. gemessen an ihrer Bevölkerungszahl. Offensichtlich ist zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte eine Konstellation am Entstehen. Weil ein an das Automobil sowie an billige Heiz. die fossile Energiequellen und insbesondere das Erdöl für die nationale Reproduktion der U S A spielen. wie es einige Autoren wie z. . sehen die ökonomischen Eliten sich gerafolgenreiche Interventionen: Die Zerstörung der Demokratie im Iran 1953. als auch. Die U S A verbrauchen. sondern wohl eher der Beginn eines objektiven Auseinanderfallens der Interessen zwischen den USA als Nationalstaat und den bislang engsten Verbündeten im kapitalistischen Weltsystem. Bushs ein qualitativer Wandel in der amerikanischen Außenpolitik stattgefunden habe. was andere vergleichbare Länder verbrauchen. das vier.bis zwanzigfache an fossilen Energien von dem. die seit 50 Jahren durchgeführt werden. Investitionsfreiheit für ausländisches Kapital. Warum? Was angesichts des Irak-Kriegs die plötzliche Kritikbereitschaft in Europa hervorzurufen scheint.m. die Einführung neuer.B. Dennoch wächst auch hier die Kritik an den USA. ist keineswegs ein plötzlich gewachsener moralischer Anspruch aufsehen erfahrener und aus eigenen Erfahrungen geläuterter Europäer. dass mit der Präsidentschaft George W. Habermas reklamieren. Diese Konstellation ergibt sich zwingend aus der besonderen Bedeutung. in der die Erwartungen der kapitalistischen Länder an die U S A als »uneigennützige« Sonne des kapitalistischen Weltsystems und die nationalen Interessen der U S A sich nicht mehr nachhaltig miteinander vereinbaren lassen. wenn ein Land in den alleinigen Zuständigkeitsbereich der »internationalen Märkte« übergeleitet werden soll: Privatisierung des Staatseigentums. was die politische Strategie (»Unilateralismus«). .

George W. Aber gleichzeitig war und ist er auch ein internationales Projekt. 40 In diesem Sinne war der militärische Überfall auf den Irak. The Dangers and Consequences of America's Growing Petroleum Dependency. Bush persönlich seien auch allein verantwortlich für den Neoliberalismus. die von anSiehe hierzu: Michael Klare: Blood and Oil. wie oben gezeigt. Zwar ist der Neoliberalismus. Zu seiner politischen Durchsetzung trugen Margaret Thatcher. No. zu unterscheiden zwischen solcher. in: Blätter für deutsche und internationale Politik. meist fokussiert auf die Person George W. eindeutig ein Akt. Dies ist natürlich Unfug. Siehe auch Elmar Altvater: Öl-Empire. 40 . Seine Rationalität für die verbündeten Länder hätte allein in dem indirekten Argument bestanden. Die antikapitalistische Linke zieht bei diesem Antiamerikanismus freudig mit und unterstellt am liebsten gleich dabei. 1/2005. inzwischen in den Ländern der EU den politischen Mainstream erreicht haben. er war nicht mehr selbstverständlich vermittelbar als im Interesse des Gesamtsystems. S. der im Interesse des Nationalstaats USA geführt wurde. das materielle Wohlergehen und die politische Stabilität der »Sonne« des kapitalistischen Weltsystems sei per se von positivem Wert für das System und damit letztlich auch den eigenen Interessen nützlich. das Land mit den zweitgrößten gesicherten Ölreserven der Erde. Der Grund dafür also. New York 2004. verfolgt von den ökonomischen Eliten der EU. Tony Blair. 65-74. dass Kritik an den USA und leidenschaftlicher Antiamerikanismus. Deswegen kommt es bei der Einschätzung von anti-amerikanischer Kritik mehr denn je darauf an. Bush. nicht aber mehr für die politischen und ökonomischen Eliten des westlichen Europa. ideologisch und praktisch nichts als das Weitertreiben des Wilsonismus. Japans oder Indiens ebenso wie denen der USA. um auch angesichts einer vom kommunistischen Jahrhundertfeind befreiten Welt sich trotzdem noch einmal bedingungslos hinter ihre alte »Schutzmacht« zu scharen. Pinochet und auf ihre Weise auch Helmut Kohl. liegt letztlich in der beginnenden Unvereinbarkeit von »Sonnenfunktion« und hartem nationalstaatlichen Interesse für das politische Verhalten der USA. die USA und vor allem George W. Diese Begründung reichte wohl hin für einige beflissene Neumitglieder der kapitalistischen Weltfamilie aus dem Osten Europas. Gerhard Schröder und selbst Deng Xiaoping ebenso bei wie Ronald Reagan. um der Erhaltung des sozialen Friedens willen angesichts knapper werdender Ölvorräte die Verfügungsgewalt über die großen Quellen dieser Erde zumindest mittelfristig sicherzustellen. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 195 dewegs dazu genötigt. Clinton und die Bushs.

soll vom amerikanischen Imperialismus schweigen! . die nicht von falschen Freunden missbraucht werden will. heißt das: Wer vom Kapitalismus nicht reden will. und solcher.196 Frank Unger tikapitalistischen Prämissen ausgeht. Für eine politische Linke. die bloß eine wachsende Rivalität unter imperialistischen Komplizen zum Ausdruck bringt.

»der fähig ist. 2003) war für Beobachter in den USA der letzte Beweis dafür. Mit dem Ubergang ins 21.erheblichen Belastungen ausgesetzt. Die Ausarbeitung einer Europäischen Sicherheitsstrategie (»Solana-Papier«.und Sicherheitspolitik (GASP). Das neue Sicherheitskonzept weitet den strategischen Radius der EU global aus. Der Europäische Rat verkündete im März 2000 in Lissabon eine Strategie mit einem ambitionierten Ziel: Bis 2010 sollte die EU zum »wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt« umgebaut werden. waren die transatlantischen Beziehungen . Während Ostasien .mit dem neuen Kraftzentrum China . dass die Europäer sich aus der US-Hegemonie der Nachkriegszeit zu lösen versuchen und . die Osterweiterung bis 2001 und Ausarbeitung des Verfassungsvertrages mussten in den USA als Zeichen dafür gewertet werden. Dräger 2005).in der Zeit des Kalten Krieges durch eine deutliche ökonomische und politische Dominanz der USA charakterisiert . Und auch die Fortschritte auf dem Gebiete einer Gemeinsamen Europäischen Außen.Frank Deppe »Euroimperialismus« Anmerkungen zu einem neuen Schlagwort 1. Jahrhundert deuteten sich Veränderungen in den Beziehungen zwischen den kapitalistischen Zentren der Weltwirtschaft und der Weltpolitik an. die Sicherheit einer weltwirtschaftlichen Infrastruk- . In den USA wurden schon in den 1990er Jahren die Beschlüsse der EU über die Wirtschafts. sondern auch die politische Integration vorantreibt und mit den »institutionellen Reformen« auch ihre außenpolitische Handlungsfähigkeit zu effektivieren versucht.immer mehr in die Rolle eines neuen Zentrums der kapitalistischen Weltwirtschaft hineinwächst.und Währungsunion mit dem Ziel der Einführung des Euro und der Errichtung der Europäischen Zentralbank (EZB) bis 1999 als Kampfansage gegenüber dem »Dollar-Wall-Street-Regime« (Peter Gowan) bewertet. dass die EU sich nicht nur territorial erweitert.eigene Interventionsstreitkräfte aufbauen wollen.jenseits der NATO . ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einen größeren sozialen Zusammenhalt zu erreichen« (vgl.

Rumsfield.die Regierungschefs von Großbritannien.vor allem bei der Verfolgung und Folterung von Menschen. die inzwischen auch der NATIO angehörten . 1 Andere .und speziell der ESVP (Europäische Sicherheits-. dass sich . »Die strategischen Ziele der EU beziehen sich auf die Abwehr von Bedrohungen (Terrorismus. musste sie feststellen.B.198 Frank Deppe tur wird darin ebenso erwähnt wie die Bedeutung von Armut und Migration für die europäische Sicherheit.bekundet hatten und im Verfassungsentwurf die militärische Dimension der EU-Integration gestärkt wurde. Von der Bush-Administration musste dieser EU-interne Dissens zunächst als eine Bestätigung ihrer globalen Führungsrolle gewertet werden. der beste Verbündete (Tony Blair) geriet unter den Druck der eigenen Partei. gleichzeitig entwickelte sich in Westeuropa eine lebhafte Debatte über die Notwendigkeit. Die Europäer waren also gespalten.endlich auszubauen. Auf der anderen Seite nahm in den Jahren 2003/2004 der Antiamerikanismus in Westeuropa erheblich zu.schlossen sich der »Allianz der Willigen« an.anders als im ersten Irakkrieg 1991 .einige europäische Regierungen der militärischen Kooperation verweigerten: die Regierungen Frankreichs. gewährte jedoch den USA nicht nur logistische Unterstützung im Irakkrieg. vor allem aber die Regierungen der neuen Mitgliedsstaaten im Osten. die verdächtigt wurden. und Verteidigungspolitik) . terroristischen Netzwerken anzugehören. die die Außenpolitik von George W. sondern arbeitete auf der Ebene der Geheimdienste eng mit den USA bzw. gute Freunde (Aznar und Berlusconi) wurden abgewählt. 2.in Westeuropa demonstrierten Millionen von Menschen gegen den Krieg und gegen die Politik von Bush. obwohl sie doch gerade den Willen zum gemeinsamen Handeln im Rahmen der GASP . die Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice und den Vizepräsenten Dick Cheney) maßgebend bestimmen (Menzel Die Regierung der BRD z. Bush (über das Pentagon. die außenpolitische und militärisch-sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit der EU . Die neokonservativen Ideologen in den USA. Gegen die »Unwilligen« wurde in den U S A eine rüde Polemik entfacht . regionale Konflikte). 1 . der Bundesrepublik Deutschland sowie Belgiens. Als die politische Führung der U S A im Jahre 2003 den Militärschlag gegen den Irak vorbereitete. Italien. die Stärkung der Sicherheit der Nachbarschaftsregionen (östlich der EU und im Mittelmeerraum) sowie eine multilaterale Weltordnung« (Algieri 2005: 222). Rice und Cheney. Spanien. der CIA zusammen . Massenvernichtungswaffen.gegebenenfalls auch gegenüber den U S A .

prominenter Sprecher der liberalen Schule und des alten »Ostküsten-Establishments« .mittel. Diese »entstehen.in der Kooperation mit Partnern stabilisieren. um alle Probleme dieser Welt allein zu lösen. exercising power in an anarchic Hobbesian world where international laws and rules are unreliable. and where true security and the defense still depend on the possession and use of military might. 2004: 85ff.) werden dabei ebenso benannt wie die Gefahren einer Politik des »Unilateralismus« (Mearsheimer 2001)..genügend Stimmen. Sie kann sich freilich nur . Die USA hingegen sind als die stärkste Macht in der Welt zum Realismus gleichsam verdammt: »the United States remains mired in history. Die Führungsposition der USA . That is why on major Strategie and international questions today. 2 Joseph Nye (2002) . Americans are from Mars and Europeans are from Venus« (Kagan 2003: 3). Die strukturellen Schwächen und Risikopotenziale der US-Ökonomie (vgl. it is Americas interest to consolidate and perpetuate the prevailing geopolitical pluralism of the map of Eurasia . wenn Amerika der Illusion erliegt. Die Europäer träumen den Traum des Kantischen »Ewigen Friedens«. It is entering a post-historical paradise of peace and relative prosperity«.und die damit verbundene Führungsaufgabe . the foregoing should gradually yield to a greater emphasis on the emergence of increasingly important but strategically compatible partners .. Nye warnt auch Brzezinski (1997: 198) formulierte schon zur Zeit der Präsidentschaft von Bill Clinton diese Aufgabe: »In the short run. »to move beyond power into a self-contained world of laws and rules and transnational negotiation and Cooperation.). der die USA von ihren Verbündeten isoliert.im Verhältnis zu den USA .politisch und militärisch schwach. By the middle term. Daher tendiert es dazu. Deppe u.und langfristig .a.wird nicht in Frage gestellt. die vor der Gefahren einer grenzenlosen Überschätzung der amerikanischen Macht warnen. Europa ist . Robert Kagan hat in einer viel beachteten Schrift die Differenzen zwischen den USA und der EU als völlig normalen Ausdruck ihrer unterschiedlichen Stärke und Macht interpretiert.vor allem im Umkreis der Demokraten . Es gibt allerdings in den USA .. seine Vorherrschaft sei von ewiger Dauer und die eher traditionellen geopolitischen Herausforderungen existierten nicht mehr« (Kupchan 2003: 21). Eventually.»Euroimperialismus« 199 2004: 93ff. the foregoing could phase into a global core of genuinely shared political responsibility.beschwört das »Paradox« der amerikanischen Macht: Sie sei zu groß. in the much longer run still. um von irgendeiner anderen Macht oder Mächtekonstellation in Frage gestellt zu werden. aber nicht groß genug. reagierten auf diese neue Herausforderung zunächst gelassen.« 2 ..

) zurückzuführen sei. 3 . Opposition to American unilateralism in recent years (military Intervention in the Middle East. recklessness in managing the dollar) has been taken as a sign of mounting political antagonisms between contesting Centers of the world capitalism« (Albo 2003: 89). den Irak nach dem militärischen Sieg zu stabilisieren . die den U S A längst als Modell bzw.B.ganz zu schweigen vom erfolgreichen Aufbau eines demokratischen Staatswesens mehren sich natürlich die Stimmen. sondern auch auf deren Rolle als eine »Supermacht« in der Arena der internationalen Dass der »Militarismus« das Charakteristikum des US-amerikanischen »Imperiums« sei. charakterisiert die EU als eine »leise Supermacht«. die Attraktivität des American Way of Life und seines Wertesystems) zu unterschätzen. das seinerseits auf die ökonomische Potenz der Europäischen Union.das Primat des militärischen Denkens etablierte: »Während in der Vergangenheit Amerikas Macht hegemonial war. Wirtschafts. vertritt vor allem der Ostasienexperte Chalmers Johnson in seinem neuen Buch »The Sorrows of Empire. Military. Ferguson 2004). GASP/ ESVP.und Außenpolitik in der Folge des »neokonservativen Putsches«. Osterweiterung etc. als »Hoffnungsträger für eine bessere Welt« gegenüberstehe. 5 »European.vor allem als Antwort auf den terroristischen Angriff vom 11.und Währungsunion. Dabei bezieht er sich nicht allein auf die Wirtschaftskraft sowie auf die Arbeitsbeziehungen und die Sozialpolitik in der EU. September 2001 . der . assertiveness of trade relations and neglect of the Doha round. seiner Politik des »Imperialismus« den Niedergang voraussagen (Pfaff 2004.5 Oftmals werden dabei von Anhängern der Demokratischen Partei die Verhältnisse in der EU idealisiert. at times Japanese.200 Frank Deppe davor. many Americans fear that the Euro will have negative consequences for American security and the international Standing of the United States« (Gilpin 2000: 225). Jeremy Rifkin z. 2004. kommt sie jetzt aus den Gewehrläufen.B. Dabei werten einige Kommentatoren die Krise der transatlantischen Beziehungen im Zusammenhang des Irakkrieges schon als Indikator eines wachsenden Selbstbewusstseins der »Europäer«. die dem amerikanischen »Empire« bzw. Secrecy and the End of the Republic«.« 3 Angesichts der Unfähigkeit der US-Besatzungsmacht. auf die Position des Euro gegenüber dem US-Dollar 4 sowie auf die Fortschritte der EU seit dem Ende des Kalten Krieges (Binnenmarkt. also in der Regel vom Ausland akzeptiert und häufig als legitim betrachtet wurde. die Bedeutung der »soft power« (z. Schärfer noch kritisierte der Soziologe Michael Mann (2003: 314) die Innen. 4 »Many West European Leaders believe that the Euro will greatly strengthen their political position vis-à-vis the United States in international negotiations.

Sie steht im Kontext des Kampfes um die »neue Weltordnung« nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes.den Leitbildern der Nachhaltigkeit und des Ausgleichs verpflichtet sei (Rifkin 2004). also offers a rare opportunity to move toward a historic period of Cooperation. and more secure in the quest for peace. North and South. In den 1960er und 1970er Jahren konzentrierten sich »Imperialismusanalysen« auf das Verhältnis zwischen den Kapitalmetropolen und der sog.W. »Dritten Welt« Die innere Spaltung innerhalb der EU. as grave as it is.) sowie des politischen Systems der EU bleibt blind für die Defizite und Widersprüche in diesen Bereichen. Der Imperialismusbegriff spielte für die Analyse der internationalen Beziehungen und der Weltordnung lange Zeit keine bedeutende Rolle. Bush. sozial gerechteren und ökologisch sicheren Welt. Bush: »We stand today at a unique and extraordinary moment. die . um die Vormachtposition der USA sowohl im Nahen Osten. Auch die Beurteilung der »weichen Faktoren« europäischer Politik (Sozialpolitik. die . wie die Frage nach der Existenz und der Relevanz eines »Euroimperialismus« aufkommen konnte. free from the threat of terror. can prosper and live in harmony. A world where the strong respect the rights of the weak« (zit. das durch die Umverteilung der »Friedensdividende« möglich wird. n. A world where the rule of law supplants the rule of the jungle. Dorothee Bohle (2004: 300ff..die militärische Überlegenheit der USA (und der NATO) einsetzt. 6 3.. um das Kaspische Meer und schließlich auch bei der politischen Reorganisation Gesamteuropas auszubauen (»militarisierte Hegemonie«. East and West. dem »Alteren«) 7 begriffen als Projekt einer friedlichen. ist typisch für die GASP.im Gegensatz zum Militarismus der USA .« 7 In seiner berühmten Rede »Towards a New World Order« vom 11.) zeigt am Beispiel der EU-Osterweiterung. Schon unter der ClintonAdministration haben sich jedoch Konturen einer Außenpolitik der USA abgezeichnet. September 1990 sagte US-Präsident George H. Die Debatte um den Irakkrieg und um die transatlantischen Beziehungen ließ so schon erkennen.a new world order can emerge: a new era. A world in which nations recognize the shared responsibility for freedom and justice. »Instead of exporting welfare capitalism and a security order based on multilateralism and human rights. Out of these troubled times . EU expansion has entailed the reemergence of economic center-periphery relations within the new Europe. The crisis of the Persian Gulf.W. stronger in the pursuit of justice.). 6 .a. von George H.»Euroimperialismus« 201 Politik. Menzel 2004: 7). Müller 2003: 122ff. Noch Anfang der 1990er Jahre war die »neue Weltordnung« (u. dass solche Vorstellungen von einem »besseren Europa« nicht begründet sind. die schon während der Balkankrisen der 1990er Jahre und dann wiederum während des Irakkrieges zutage trat. Umweltpolitik usw. An era in which the nations of the world. vgl.im nationalen Interesse .

die zum Teil an die alten Debatten anschlossen.in der Struktur der »Triade« (Nordarmerika. Würde die neue Weltordnung durch die einzig verbliebene »Supermacht« U S A beherrscht werden oder würden sich neben den U S A (und Nordamerika) weitere Zentren ökonomischer und politischer Macht . Westeuropa. auf der andere Seite setzten sich innerhalb des akademischen Mainstreams in den Sozialwissenschaften immer mehr Richtungen durch. Lenin.herausbilden? Welche Rolle würde die »Globalisierung« von Ökonomie. 2004). Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes. Seit den 1980er Jahren geriet der Begriff »Imperialismus« fast in Vergessenheit .auf der einen Seite galt er als marxistisch-leninistisch »vorbelastet«. Kultur und Kommunikation für die Auseinandersetzung um die »neue Weltordnung« spielen? Wie würden sich die der kapitalistischen Globalisierung eingeschriebenen Widerspruchskomplexe auf die Auseinandersetzungen um die neue Weltordnung auswirken? Die Imperialismustheorien hatten einerseits die Frage nach dem Zusammenhang von Kapitalakkumulation und der territorialen Expansion von ökonomischen und politischen Herrschaftsräumen in den Mittelpunkt gestellt.202 Frank Deppe sowie auf die »antiimperialistischen Befreiungsbewegungen« . die Rolle der Atomwaffen. Hilferding. ausführlich Deppe u. Sie knüpften z. Bucharin). Algerien bis nach Vietnam und Angola. der Herausbildung einer neuen Formation des »transnationalen High-Tech-Kapitalismus« und dem Siegeszug des Neoliberalismus in Wirtschaft und Politik (Candeias 2004) wurden jedoch neue Fragen aufgeworfen. Diese hatten den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Kapitalismus im Inneren und seiner ökonomischen und politischen Expansion nach außen in den Mittelpunkt gestellt (»Überakkumulation« und »Unterkonsumtion«).öko- .a. (vgl. Ostasien) .. Die erste dieser Fragen betraf die »neue Weltordnung« nach dem Ende der Bipolarität. Die neueren Analysen betonten jedoch die Veränderungen innerhalb der Weltordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: der Ost-West-Konflikt. Jahrhunderts an (Hobson. an die klassisch gewordenen Imperialismusanalysen vom Anfang des 20.von Kuba. die Hegemonie der USA innerhalb des westlichen Lagers und der darin eingeschlossene Wandel der zwischenimperialistischen Konkurrenzverhältnisse. Wissensproduktion.T. denen die Fragestellungen einer kritischen Gesellschaftsund Kapitalismusanalyse mehr oder weniger als irrelevant erscheinen. die Dynamik der Weltwirtschaftsbeziehungen usw. Mit anderen Worten: Kapitalistische Regime müssen nach innen . Luxemburg. 4.

8 . Diese Logik entspricht der widersprüchlichen Bewegungsform kapitalistischer Akkumulation selbst. Gill vertritt die Auffassung. obwohl auf die Funktion des Nationalstaates für die Sicherung der Eigentums. des Zwangs gegenüber den Beherrschten aus.die Rolle der USA in der »Weltordnung« von der Hegemonie zur Suprematie. die stets das Primat des »national interest« betont.Strategien überwunden und hinausgeschoben werden (auch im räumlichen und zeitlichen Sinne). warum sowohl die äußere Expansion und die damit verbundene zwischenimperialistische Konkurrenz als auch die sozialen KonStephen Gill (2004). in dem er allerdings den Begriff des »Imperialismus« nicht verwendet. dass sich .kann kein Staat (wie die USA) oder keine Staatengruppierung (wie die Europäische Union) ihre Rolle als »Global Player« bei der Gestaltung der neuen Ordnung im eigenen Interesse wahrnehmen.sei's zur Kontrolle der Rohstoffvorkommen oder auch zur Eroberung von Absatzmärkten oder zur Kontrolle von Finanzmärkten . sondern der Kampf von Staaten und Staatengruppen um Hegemonie oder Suprematie in der ökonomischen und politischen Weltordnung einer bestimmten historischen Epoche kapitalistischer Entwicklung. In diesem Sinne versteht z. This is the main distinctive form of the US's global project.der Kapitallogik adäquate . ohne die ökonomische Beherrschung anderer Länder und Regionen ..« Die klassischen Imperialismustheorien wollten jedoch gleichzeitig die Frage beantworten. the benefits of the global transnational order will accrue to the United States.»Euroimperialismus« 203 nomisch.durch externe Expansion abgesichert werden. nationale Grenzen zu überschreiten. die immer wieder neu reproduzierten Verwertungsschranken müssen durch verschiedene .B..und Verwertungsverhältnisse nicht verzichtet werden kann.B.und Verkehrswegen. Peter Gowan (1999: VII/VIII) den Titel seines ausgezeichneten Buches aus dem Jahre 1999. einer der führenden Vertreter der neogramscianischen Schule der Internationalen Politischen Ökonomie unterscheidet sehr genau zwischen Hegemonie (Konsens zwischen Herrschenden und Beherrschten) und Dominanz/Suprematie. while the risks and costs can be distributed abroad. Er behandelt darin »the American attempt to use the international system of sovereign states as a mechanism of American global dominance . politisch und ideologisch . von »Eurasien« oder des »Nahen Ostens«) und von Kommunikations. 8 Ohne die Kontrolle von Räumen (z. Imperialistisch ist also nicht die äußere Expansion. die Eroberung von Märkten und Einflusssphären. This is the Global Gamble. Letztere zeichnet sich durch das Übergewicht der direkten Gewalt bzw. verändert hat.seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes . Hierin liegt die Tendenz des Kapitals.

nicht nur als unmittelbare Folge des Zerfalls der alten Ordnungen (wie z. Samuel Huntington vertrat . Der 11. das die Auflösung der alten Weltordnung mit neuen Konflikten und Kriegen. also mit einer deutlichen Zunahme der direkten und indirekten Gewaltanwendung .B. sondern auch als Reaktion auf neue transnationale Konfliktlinien 9 . den Kampf um »Weltordnung« bestimmen werde. Arbeitslosigkeit. Der imperialistische Machtstaat (nach innen und außen) wurde zum Träger dieser politisch-militärischen Gewalt.schon 1996 die These. Bush über die »neue Weltordnung« und dem Angriff auf das World Trade Centre in N e w York (am 11. von Jugoslawien). die schließlich in den beiden Weltkriegen eskalierte. dass nunmehr der »Zusammenstoß der Kulturen« (letztlich bezog er sich auf den Zusammenstoß zwischen der westlich-christlichen und der islamischen »Zivilisation«) die internationale Politik und d. Cox 1998.zwischen der Rede des älteren George H. auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion bzw.h. 9 . Als kritische Auseinandersetzung und Alternative vgl.W.. September 2001) und den nachfolgenden Kriegen gegen Afghanistan und den Irak .rückte auf der Agenda der Innenpolitik an die erste Stelle. Schnell wurde allerdings deutlich.als einer der einflussreichsten konzeptiven Ideologen US-amerikanischer Außenpolitik . Dem entsprach ein Wandel in der Innenpolitik der demokratischen Staaten des Westens: die Sicherheitsproblematik . Innerhalb von nur 10 Jahren . September 2001 und der anschließend vom US-Präsidenten verkündete »Krieg gegen den Terror« wird immer wieder als Bestätigung der Thesen von Huntington angesehen.als Schutz vor dem Terrorismus ebenso wie als Antwort auf die zunehmenden sozialen Widersprüche in den Kapitalmetropolen als Folge von wachsender Armut. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes schien zunächst eine neue Periode des Friedens und des Abbaus der Rüstungspotenziale in der Welt möglich.vollzog sich eine dramatische Wendung zur Akzeptanz von unmittelbarer Gewalt.204 Frank Deppe flikte im Innern der eigenen Gesellschaften (Aufstieg der sozialistischen Arbeiterbewegung) zunehmend gewaltförmig ausgetragen wurden. steigenden Kriminalitätsraten als Folge der Schattenökonomie und der Informalisierung von Arbeit (Altvater/Mahnkopf 2002) . um Herrschaftsinteressen im Zusammenhang des Kampfes um Weltordnung durchzusetzen.verbunden war. verdrängte die Sozialpolitik auf die unteren Ränge und sicherte die Zustimmung breiter Bevölkerungsteile bei der Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte.

die es jemals gegeben hat. 1 zwar den ersten Militärschlag erfolgreich führen kann. krimineller Staaten -.. und es kämpft dabei für die Ordnung in instabilen Zonen.eine globale Hegemonie.immer häufiger verwendet. in Palästina und an der nordwestlichen Grenze Pakistans. eines Volkes. Das bedeutet. wer sonst? Die Aufgabe. Jahrhundert herrscht Amerika alleine. in: Speck/Snaider 2003: 70). Die USA müssen im eigenen Interesse die Rolle des »Weltpolizisten« (»Globocop«) akzeptieren: »Wenn wir die Bösen nicht stoppen. ob es uns gefällt oder nicht« (Boot.wie der »alte Imperialismus« . der bestehenden Weltordnung Geltung zu verschaffen. diese fernen Länder unter Kontrolle zu halten . sondern um Demokratie. Jahrhunderts ist ein Neuankömmling in den Annalen der politischen Wissenschaft. wurde kaum bestritten. Menschenrechte und Demokratie sind. in: Speck/Snaider 2003: 17). dass liberaler Imperialismus wohl unsere Zukunft ist.das Römische Reich und das Britische Empire . dass es die Unabhängigkeit seines Landes erwarb. in Afghanistan und angesichts des politischen und militärischen Widerstandes gegen sie kaum noch ernstgenommen wird. Es ist der Imperialismus eines Volkes. »Das Imperium des 21. dem immer vor Augen steht.. Der liberale Imperialismus überragt alle anderen an militärischer Stärke.Regionen voller gescheiterter. deren Merkmale freie Märkte. in denen sich der Untergang vergangener Imperien besiegelt hat. dass ein solcher Begriff vom »liberalen Imperialismus« angesichts der Außerkraftsetzung dieser Werte durch die US-Besatzung im Irak bzw. um . das sich als Freund der Freiheit in aller Welt versteht« (Ignatieff. um nur zwei zu nennen« (Ignatieff. also staatliches Zentrum eines Weltherrschaftssystems bilden und deshalb an Macht und Reichtum die alten Imperien . Dass die USA ein »Imperium« (Empire).. Es ist ein Empire Ute . aber danach . Im 21.ein Kolonialreich zu sichern. Vielmehr wird nunmehr konstatiert. 205 Der Begriff des »Imperialismus«. in: Speck/Snaider 2003: 16). wird letzten Endes uns zufallen. wurde nunmehr . Es liegt auf der Hand. indem es gegen ein Empire revoltierte. der fast in Vergessenheit geraten war. und dies im amerikanischen Interesse . Wohlstand und American Way of Life in der Welt zu verbreiten.gleichsam als Reflex auf die zunehmende Gewaltförmigkeit der Politik .»Euroimperialismus« 5. aber er wendet diese nicht an. durchgesetzt mit Hilfe der abschreckendsten Militärmacht.überragen. bedeutet.. »Eine imperiale Macht zu sein . dass die Weltmacht Nr. Die Begriffe »Imperium« und »imperialistisch« wurden jetzt vor allem von neokonservativen Journalisten als positive Selbstbeschreibungen der amerikanischen Macht und Politik geradezu inflationiert.

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sowohl militärisch als auch politisch (»state building«) die Schlacht zu verlieren droht. Die kritischen Imperialismusanalysen beschränken sich nicht allein darauf, die Ideologie vom »guten Imperialismus« und seinen universalistischen Wertebezügen (Freiheit, Menschenrechte) mit der Realität der US-amerikanischen Machtpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und mit den partikularen Interessen der herrschenden ökonomischen und politischen Eliten in den U S A (aber auch in den anderen entwickelten kapitalistischen Gesellschaften) an der Beherrschung und Ausbeutung der Welt »im nationalen Interesse« zu konfrontieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die schlimmsten »Terroristen« der Gegenwart (von den Taliban bis zu Osama Bin Laden) vor nicht allzu langer Zeit engste Verbündete der U S A im Kampf gegen den Kommunismus bzw. gegen die Sowjetunion gewesen sind. Diese Kritik bleibt jedoch auf der Ebene der Ideologiekritik bzw. der Identifikation einer bestimmten Form der Politik mit dem »Imperialismus« stehen. Sie verzichtet auf die Analyse des Zusammenhangs zwischen dem »internen Regime« und der zunehmenden Gewaltförmigkeit globaler Machtpolitik. Michael Hardt und Antonio Negri haben in ihrem - außerordentlich erfolgreichen - Buch mit dem Titel »Empire« (2002: 35) dieses als Zentrum eines globalen Herrschaftssystem beschrieben, »das die Globalisierung von Netzwerken der Produktion trägt und ein Netz der Inklusion einsetzt, um möglichst alle Machtbeziehungen innerhalb der neuen Weltordnung einzufassen. Zur gleichen Zeit setzt es Polizeimacht gegen die neuen Barbaren und die rebellischen Sklaven ein, die diese Ordnung bedrohen.« Mit dem alten staatszentrierten Imperialismus habe diese neue Ordnung (der Wissensproduktion und der »Biomacht«) nur noch wenig gemein; obwohl die Grundstruktur des Systems durch die kapitalistische Logik bestimmt wird. Das heißt: Für dieses Konzept einer weitgehend entstaatlichten globalen Machtstruktur sind die transatlantischen Beziehungen - wie insgesamt die Entwicklung der Europäischen Union - sowie die Konkurrenzverhältnisse zwischen den Blöcken der Triade weitgehend irrelevant. 10
Hardt/Negri2002: 383) schreiben: »Von unserem Standpunkt aus jedoch ist die Tatsache, dass sich gegen die alten Mächte Europas ein neues Empire herausgebildet hat, nur zu begrüßen. Denn wer will noch irgendetwas von der angekränkelten herrschenden Klasse Europas wissen, die vom Ancien Regime direkt zum Nationalismus überging, vom Populismus zum Faschismus und die heute auf einen generalisierten Neo-Liberalismus drängt? Wer will noch etwas wissen von diesen Ideologien und bürokratischen Apparaten, von denen die verrottende europäische Elite so gut lebte? Und
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Der imperialismustheoretische Ansatz von Panitch und Gindin (2000; 2003a/b) kritisiert sowohl den »Ökonomismus« der klassischen Imperialismusdebatte als auch die staatstheoretischen Defizite in »Empire« von Hardt und Negri. Der amerikanische Imperialismus zeichnet sich dadurch aus, dass der amerikanische Staat die Funktion der Sicherung der globalen kapitalistischen Ordnung - ihrer Spielregeln und ihrer materiellen und ideologischen Funktionsbedingungen - übernommen hat. Dieses Imperium wird durch die Kapitalverflechtungen auf dem Weltmarkt (für Waren und Geldtitel) sowie durch die damit einhergehende Internationalisierung der Klassenverhältnisse (vor allem der Bourgeoisie) materiell fundiert. Die Vorherrschaft des US-Militärs in der Welt,11 das »Dollar-Wall-Street-Regime« sowie die Dominanz der US-Regierung in den internationalen Organisationen (vor allem IWF/WB, WTO) sind die Stützpfeiler des American Empire, die durch die weltweite Bedeutung der Kommunikations- und Kulturindustrien (Microsoft, C N N , Warner, Hollywood etc.), aber auch z.B. durch die führende Rolle der US-Universitäten bei der Ausbildung der »Eliten« aus der ganzen Welt im Bereich der Politik, der Ideologie, der Kultur, der Sprache etc. flankiert werden. Panitch und Gindin sehen wohl die Bedeutung der europäischen Integration und nehmen auch die Spannungen zwischen Europa und den USA im Zusammenhang des Irakkrieges zur Kenntnis. Gleichwohl betrachten sie den Binnenmarkt, die Wirtschafts- und Währungsunion, die Planungen für einen einheitlichen, europäischen Finanzmarkt, selbst die Osterweiterung und die Fortschritte auf dem Felde der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik seit den frühen 1990er Jahren als durchaus funktionale Entwicklungsprozesse innerhalb des Systems des amerikanischen Imperialismus. Dabei kommt es zu Konflikten und Spannungen, die es freilich auch schon zur Zeit des Kalten Krieges in den transatlantischen Beziehungen immer wieder gegeben hatte. Die neoliberale Ausrichtung der EU-Politik seit der Einheitlichen Europäischen Akte (Binnenmarktprogramm) und Maastricht (1991),
wer erträgt noch diese Systeme der Arbeitsorganisation und diese Unternehmen, die längst jede Lebendigkeit verloren haben?« Die europäische Integration und die Antworten der »Europäer« auf die Anforderungen einer »neuen Weltordnung« nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes werden nicht einmal erwähnt. Die Autoren haben eine Vorstellung von Europa, die dem Zeitalters des klassischen Imperialismus (vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges) korrespondiert. 11 Nach Chalmers Johnson (2004) gibt es im Jahre 2003 offiziell 725 US-amerikanische Militärstützpunkte in anderen Ländern; er bezeichnet diese Basen als das »Skelett des Empire«. Er schätzt die tatsächliche Zahl der Basen als deutlich höher ein!

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die stets von der Strategie geleitet war, dass die europäische Wirtschaft sich den Herausforderungen der »Globalisierung« zu stellen habe, ist für Panitch und Gindin gerade der Mechanismus, durch den die EU in das amerikanische Imperium integriert und ihm untergeordnet wird. Die ökonomische Penetration - z.B. durch die Direktinvestitionen transnationaler Konzerne in den U S A und der EU - ist eine der Voraussetzungen dafür, dass Spannungen nicht zum Bruch führen. Je mehr allerdings der US-amerikanische Staat (unter der Führung der neokonservativen »Hardliner«) »im Interesse des amerikanischen Kapitals und nicht im Interesse des globalen Kapitals« agiert, um so mehr bestimmen solche Konflikte auch die Innenpolitik der Staaten innerhalb des US-Empire (Spannungen zwischen nationalen, europäischen und neo-imperialen Interessen) und eröffnen den oppositionellen Kräften »gewisse Möglichkeiten« (Panitch/Gindin 2003a: 139/40). 6. Die Renaissance der Imperialismus-Analysen reflektiert fast ausschließlich die Machtposition und die expansive und aggressive Politik der U S A im Prozess des Kampfes um eine »neue Weltordnung« nach dem Ende des Kalten Krieges. Die kritischen Analysen, die die Widersprüche und den Herrschaftscharakter kapitalistischer Ordnungen in den Mittelpunkt stellen, bezeichnen die Zunahme der direkten und indirekten Gewaltanwendung zur Sicherung dieses Herrschaftssystems als das eigentliche Merkmal imperialistischer Politik in der Gegenwart. Diese Widersprüche betreffen nicht nur die ökonomischen Instabilitäten und die sozialen Spaltungen im Weltmaßstab, sondern zugleich die Arroganz der Mächtigen, die globalen Armutsprozesse, Massenmigration, die zahllosen lokalen Kriege etc. (vgl. ausführlich Deppe u.a. 2004: 131ff.; Foster u.a. 2003). In den politischen Alltagsdiskursen finden sich immer wieder Stimmen, die jede Form der expansiven und aggressiven Außenpolitik kapitalistischer Staaten als »imperialistisch« bezeichnen. Oftmals wird auch im Anschluss an Lenins Imperialismusanalysen die Zunahme zwischenimperialistischer Konflikte und deren Zuspitzung als Merkmal der gegenwärtigen Epoche konstatiert. Dies verbindet sich dann mit dem Appell, den »Imperialismus im eigenen Lande« bzw. den »Imperialismus der EU« zum »Hauptfeind« zu erklären. 12 An der Peripherie (z.B. in Lateinamerika) wird auch immer

Bezugspunkte für solche Kritik bietet z.B. die Außenpolitik der ehemaligen europäischen Kolonialmetropolen - namentlich Frankreich und Großbritannien. Die fran12

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wieder an die »Ausbeutung der Dritten Welt« als zentralem Merkmal des Imperialismus erinnert. Solche Bezüge ignorieren freilich nicht nur die Defizite der »alten Imperialismustheorien«, sondern immunisieren sich auch gegen einen adäquaten Begriff des gegenwärtigen Kapitalismus im 21. Jahrhundert. Oftmals wird in diesem Zusammenhang der »Antiamerikanismus« als Vorwurf gegen diejenigen gewendet, die den Imperialismusbegriff für das American Empire reserviert haben. Angesichts der Defizite der »klassischen Imperialismusanalysen« sowie der vielfältigen - sozialwissenschaftlich aber keineswegs eindeutigen - Bedeutungen des Imperialismusbegriffs in der Gegenwart kann dieser wohl kaum als zeitdiagnostische Schlüsselkategorie anerkannt werden. Eher handelt es sich um eine Fragestellung bzw. um eine Forschungshypothese, um • die in den aktuellen Analysen der internationalen Politik verwendeten Imperialismusbegriffe (und ihre unterschiedlichen Bedeutungen und Reichweiten) kritisch zu überprüfen; • die Entwicklung der transatlantischen Beziehungen in bezug auf die Kräfteverhältnisse zwischen den USA und der EU sowie die Konfliktfelder politisch-strategischer Interessen im Hinblick auf die Gestaltung der Weltordnung unter der Fragestellung zu analysieren, ob sich die EU eher in Richtung eines »Gegenimperialismus« oder eines »Subimperialismus« innerhalb des American Empire entwickelt;

zösische Armee (bzw. die Fremdenlegion) interveniert immer wieder in afrikanischen Staaten (ehemalige Kolonien Frankreich), um die Interessen französischer Unternehmen und Bürger sowie derjenigen Teile der einheimischen Eliten, die mit den alten Kolonialherren kooperieren, zu schützen. Auch die Bundesrepublik Deutschland verfolgt in ihrer Außen- und Europapolitik nationale Interessen, die auf die Stärkung der eigenen Position in der U N O (ständiger Sitz im Sicherheitsrat), in der EU und auf die Erweiterung von ökonomischen und politischen Einflusssphären in Osteuropa oder auf dem Balkan gerichtet sind. Die Umwälzungen z.B. in der Ukraine, in Georgien oder in der Region des Südkaukasus (vgl. Soghomonyan 2004) sind nicht nur durch innere soziale und politische Kräfte, sondern auch durch die Interventionen von außen (der USA, der EU bzw. von einzelnen EU-Staaten) angetrieben, in denen je spezifische ökonomische und politische Interessen (Eroberung von Märkten, Kontrolle von Räumen, politische Einbindung von Eliten) eine zentrale Rolle spielen. Auch der gewaltsame Zerfall Jugoslawiens wurde auf diese Weise von außen - insbesondere durch die Politik der Bundesregierung - beeinflusst (Bohle 2004: 304ff.). Solche Formen der Außenpolitik werden oftmals als imperialistisch bezeichnet. Sie betreffen jedoch nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtprozess des Kampfes um Weltmacht und Weltordnung.

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• zu erkunden, wie solche Optionen und Strategien mit den unterschiedlichen Interessen von Fraktionen der wirtschaftlichen und politischen Eliten in den U S A bzw. in den Mitgliedstaaten der EU korrespondieren; • schließlich auch normative Diskurse über die Möglichkeiten eines durch die EU - in ihrer Innen-, Sozial- und Außenpolitik - repräsentierten alternativen Gesellschafts- und Politikmodells gegenüber der heute fortgeschrittensten Gestaltung kapitalistischer Entwicklung diesseits und jenseits des Atlantiks zu führen. Dabei werden solche Hypothesen a priori von jener Widerspruchskonstellation auszugehen haben, die die europäische Integration seit ihren Anfängen charakterisiert. Der ökonomische und politische Integrationsprozess bewegt sich stets in der Spannung von partikularen/nationalen und supranationalen/gemeinschaftlichen Interessen. Das gilt zumal für das Gebiet der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), die seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes - zusammen mit der Erweiterung der EU - systematisch ausgebaut wird. Gleichwohl achten die Regierungen der Mitgliedstaaten gerade auf diesem Felde - vor allem der Sicherheitspolitik - darauf, dass die nationale Souveränität im Kern erhalten bleibt. 13 Obwohl die Entwicklung der GASP eindeutig auf die Stärkung der EU als »Global Player« bzw. als »regionales Machtzentrum« in der Weltpolitik 14 gerichtet ist, ist sie doch noch weit von ihren eigenen Zielsetzungen und einer strategischen Kohärenz zwischen den größten Mitgliedstaaten in der EU entfernt. Dazu kommt, dass die Frage der Beziehungen zu den U S A zwischen den Regie-

Wessels (2004: 166/7) hebt hervor, dass in den Beratungen über die neue EUVerfassung besonders intensiv über jene Materien (und die Abstimmungsverfahren in diesen Materien) verhandelt wurde, »die als zentral für die nationale Souveränität einzelner Staaten deklariert wurden: Die Außen- und Verteidigungspolitik (Art. 1-40 Abs. 7) sowie die Sozial- und Steuerpolitik (Art. III-210 Abs. 3), aber auch die Grundentscheidungen zum mehrjährigen Finanzrahmen (Art. 1-55) bleiben zunächst der Einstimmigkeit unterworfen.« 14 Vor allem die Debatten über den Beitritt der Türkei (der allerdings innerhalb der Union höchst umstritten ist) zeigen, dass die deutsch-französische Allianz offensichtlich bestrebt ist, die EU - mit ihren Grenzen im Mittelmeerraum, im Nahen Osten, in der Kaukasus-Region, vor allem auch in Osteuropa (zwischen der neuen Ostgrenze der EU und der Westgrenze Russlands) als handlungsfähigen Akteur zu profilieren, der auch seine eigenen strategischen Interessen gegenüber den USA zu vertreten vermag. Allerdings ist es auch hier offen, ob daraus zwangsläufig eine Konstellation der Konfrontation bzw. der offenen »zwischenimperialistischen Konkurrenz« entsteht - ebenso möglich scheint die geopolitische Erweiterung der Macht der EU als Bedingung für eine engere Kooperation mit den USA - vor allem im Nahen Osten.
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rungen der EU höchst umstritten ist. Wenn sich die britische Regierung im Jahr 2003 - unterstützt von den Regierungen Italiens, Spanien, Polens und anderen Neumitgliedern in Mittel- und Osteuropa - sofort der »Allianz der Willigen« im Irakkrieg angeschlossen hat und - seit dem Beitritt Großbritanniens zur EG (in den frühen 1970er Jahren) - stets die »special relationship« zu den USA als Kernbestand ihrer Europapolitik betont hat, so wurde auch darin deutlich, dass das Adjektiv »imperialistisch« - bezogen auf eine eigenständige Rolle der EU als kollektiver Akteur und als »Global Player« - die Wirklichkeit der europäischen Politik zum gegenwärtigen Zeitpunkt (wohl auch auf absehbare Zeit) nicht richtig zu beschreiben vermag. 15 Wenn die Hypothese vom »Euroimperialismus« überprüft wird, so sind zwei Dimensionen zu beachten. Auf der einen Seite wird die EU im Zuge der Erweiterung mit der Herausforderung konfrontiert, an ihren Außengrenzen in Osteuropa, im Mittleren Osten sowie im Mittelmeerraum (vor allem in der Maghreb-Region) ihre Sicherheitsinteressen geltend zu machen und zugleich - durchaus in Konkurrenz zu anderen Großmächten (z.B. den USA und Russland im Südkaukasus und um das Kaspische Meer) - eigene Strategien der Einflussnahme auf die Eliten und die Regierungen der Staaten dieser Regionen zu verfolgen. Sie kann dabei - wie das Beispiel des Atomkonfliktes mit dem Iran andeutet - durchaus als kollektiver Akteur eigene Konzepte einer friedlichen Konfliktregulierung durch Verhandlungen statt durch militärische Drohung und Krieg verfolgen - ob mit Erfolg, steht dahin. Es ist in diesem Fall aber auch denkbar, dass die EU als »subimperialistischer«, kollektiver Akteur auch die Interessen der USA wahrnimmt, die durch den Irak-Krieg eindeutig geschwächt sind und die sich angesichts des wachsenden Widerstandes in den USA selbst gegen die Politik des Präsidenten ein weiteres militärisches Abenteuer überhaupt nicht leisten können. Die Schwierigkeiten in der EU, die nationale Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu vergemeinschaften, deuten jedoch eindeutig darauf hin, dass die EU noch weit davon entfernt ist, als »Global Player« eine starke Rolle zu spielen. Schon auf dem Balkan zeigen sich die Grenzen einer einheitlichen Politik. Die engen Bindungen der neuen Mitgliedstaaten in Mittel- und Ost-

Cafruny (2003: 95) fasst seine Analyse der Kräfteverhältnisse zwischen den USA und der EU - auch im Bereich der Neugestaltung Europas nach dem Ende des Kalten Krieges - wie folgt zusammen: »The geopolitical dimension ... can generally he characterized by American supremacy, West European fragmentation and rivalry, and a >hub and spoke< integration with the dominant superpower«. Diese Schlussfolgerung stimmt mit den Position von Panitch und Gindin überein.
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Frank Deppe

europa an die U S A und die N A T O konfrontieren daher eine supranationale Integration der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik mit neuen Hindernissen. Die zweite Dimension betrifft die inneren Verhältnisse in der EU selbst. Die Erweiterung auf 25 bis 27 Mitglieder schafft einen Wirtschafts- und Sozialraum, der durch extreme Asymetrien gekennzeichnet ist, während gleichzeitig mit der erfolgreichen Implementierung des Gemeinsamen Marktes und der Wirtschafts- und Währungsunion ein Großraum, ein »Empire« geschaffen wurde, »das auf der Souveränität des Kapitals basiert« (Holmann 2005: 25). Diese Asymetrien beziehen sich nicht allein auf die enormen Entwicklungsunterschiede der Ökonomie, der Produktivität, der Strukturen des Arbeitsmarktes, der Entwicklung des Sozialstaates usw., sondern »asymetrische Regulierung« betrifft vor allem »die nachteiligen Auswirkungen der Wirtschafts- und Währungsintegration auf europäischer Ebene auf die soziale Regulation auf der nationalen Ebene« (ebd.: 34). Die Aussichten auf eine künftige soziale Harmonisierung bzw. Überwindung der Kluft zwischen Arm und Reich in der EU werden damit noch unwahrscheinlicher. In diesem Zusammenhang kann das Empire-Building in der EU und insbesondere die Erweiterungsstrategie auch in Zusammenhang mit dem »Euroimperialismus« interpretiert werden. Das Kapital aus den entwickelten Zentren der Alt-EU erschließt sich die neuen Räume als Absatzmärkte, als Anlagesphäre bzw. als Reservoir für billige Arbeitskräfte, die als eine gewaltige »Reservearmee« im Osten das Lohnniveau der Lohnabhängigen im Westen drücken können und damit für das Kapital einen Machtfaktor im Kampf zur Ausschaltung gewerkschaftlicher Gegenmacht bilden. Damit würde das auswärtige Kapital eine zentrale Rolle im Prozess der transnationalen Klassenformierung in Mittel- und Osteuropa spielen: »Die neue Machtelite, die (hier) seit 1989 entstanden ist, ist dann nicht mehr so sehr um eine besitzende Compradorenbourgeoisie gruppiert - wie es die Dependenztheorien in den 1960er und 1970er Jahren sehen würden -, sondern um eine Manager- oder Aktionärselite, deren Interessen denen des auswärtigen Kapitals vollständig unterordnet sind und die als Durchgangs- und direkte Vermittlungsinstanz bei der Einführung und Reproduktion des auswärtigen Kapitals in diesen Ländern fungiert« (ebd.: 40). Der Prozess des »Empire-Building« verläuft extrem asymetrisch und geht mit der Konstitution neuer Zentrum-Peripherie-Herrschaftsverhältnisse einher (Bohle 2004). Diese entsprechen keineswegs jenem propagandistischen Leitbild, das nicht nur die Politik friedlicher Konfliktbearbeitung und den Multilateralismus (d.h. Stärkung der inter-

Eingreiftruppe. Die Ministerpräsidenten Berlusconi und Aznar (bis zu ihrer Abwahl) fügten sich demonstrativ in diese Rolle der besten Freunde von George W. 7. Zur Realität europäischer Politik gehört es freilich. Koordination der Rüstungsindustrien. »imperialistische« Aufwertung der EU als »Global Player« . Die strategischen Überlegungen richteten sich dabei im Kern auf die weitere Stärkung des Einflusses der EU in der internationalen Politik. Die Tradition des »Gaullismus«. während Premierminister Tony Blair für seine New-Labour-Regierung nur die Politik der bedingungslosen Subordination gegenüber den USA in seiner Amtszeit fortsetzte.insbesondere als Gegengewicht zum American Empire . Strategische Projekte für eine »imperiale« Profilierung der EU kamen vor allem aus den Reihen der konzeptiven Ideologen der in Deutschland zwischen 1998 bis 2005 regierenden Sozialdemokratie und ihres grünen Koalitionspartners. sondern auch das »europäische Sozialmodell« dem Modell der US-amerikanischen Weltherrschaft gegenüberstellt. durch überzeugende Beispiele des Multilateralismus und durch eine Politik der Krisenvermeidung . Heidbrink 2004) sowie durch eine Attraktivität des »europäischen Sozialmodells«. die die Suprematie der USA anerkennen. vgl. die die US-Regierung für sich als Recht in Anspruch nimmt . der in den 1960er Jahren das »Europa der Vaterländer« zu einer eigenständigen weltpolitischen Kraft zwischen den Fronten des Kalten Krieges ausbauen wollte.»Euroimperialismus« 213 nationalen Organisationen).gerichtet sind. obwohl Elemente dieser außenpolitischen Konzeption in der Europapolitik der französischen Präsidentschaft unter Jacques Chirac und in der neu belebten deutsch-französischen Allianz fortwirkten. Bush. der den Außenminister der Bundesregierung stellte.sollen die Anziehungskraft dieses europäischen Modells auf der Arena der Weltpolitik erweitert werden. die seine Vorgängerin Margaret Thatcher (in der Kooperation mit Ronald Reagan) eingeleitet hatte. Innerhalb des konservativen Lagers überwiegen Positionen. die auf eine »imperiale« bzw. Durch die Stärkung ihrer ökonomischen Macht.anstelle direkter militärischer Intervention oder gar »präventiver Schläge«. Auch in diesem Zusammenhang taugt der klassische Imperialismusbegriff als zeitdiagnostische Schlüsselkategorie nur wenig. dass Projekte und Strategien diskutiert und entwickelt werden. ist schwächer geworden. »The West European states have continued to seek to build up their international political . den Aufbau einer militärischen Komponente der EU (ESVP.

Diese Elemente einer »postnationalen. europäischen Identität« sollten die EU in die Lage versetzen. Die Bürger Europas sollten sich ihrer Identität und ihres gemeinsamen Schicksals bewusst werden. Thus there is a real though still very fragile and not very streng EU-centered West European game of balancing against US hegemonic power politics. it stresses the peaceful resolutions of conflicts. They have done so by developing a stronger civilian political diplomacy and one with a real edge against the United States. Konzepte einer künftigen Weltordnung sollten ohne europäische Beteiligung nicht akzeptiert werden. den politischen Integrationsprozess durch das Verfahren der »verstärkten Zusammenarbeit« vorantreiben und gleichzeitig die besonderen Merkmale des europäischen Gesellschaftsmodells sowie seiner politischen Kultur als Alternative zu einem . Europa muss sein volles Gewicht auf der Ebene der internationalen Politik und innerhalb der U N O einbringen. It could be described as a subversive bandwagoning« (Gowan 2002: 305). They also demand a more collegial form of global government in which the US cannot decide all the big issues unilaterally. Die EU muss ihre militärischen Interventionskapazitäten ausbauen. Mai 2003 veröffentlichten führende europäische Zeitungen einen von Jürgen Habermas verfassten Aufruf.vom amerikanischen Militär dominierten . »die U S A mit einer alternativen (universalistischen) Vision und Konzeption einer Weltordnung zu konfrontieren« (Habermas 2003a/b).214 Frank Deppe influence as a caucus.globalen »Turbokapitalismus« hervorheben. Habermas hatte einerseits die politische Linie (vor allem des deutschen Außenministeriums) zum Ausbau der politischen und militärischen Kapazitäten der EU durch die »verstärkte Zusammenarbeit« zwischen Deutschland und Frankreich unterstützt. There have even been signals of a European interest in linking up with East Asian states against Washington on certain important issues. in dem der Angriff der U S A und ihrer Verbündeten auf den Irak kritisiert wurde und gleichzeitig die Antikriegesdemonstrationen vom Februar desselben Jahres als Geburtsstunde einer europäischen Öffentlichkeit gefeiert wurden. something that would be a matter of great concern in Washington. It focuses on rule-based treaty regimes on a global scale instead of power politics. Am 31. Schließlich sah sich Habermas schnell . um ein Gegenwicht zu dem hegemonialen Unilateralismus der U S A zu bilden. it stresses rule-based human rights regimes etc.vor allem in Mittel. Die Resonanz auf das Manifest der Intellektuellen war bescheiden (Deppe 2004). auf der anderen Seite war die Idealisierung von Elementen eines »europäischen Gesellschaftsmodells« wenig glaubwürdig.und Osteuropa .

. also darauf vertraut. gegebenenfalls geltend gemacht werden kann« (ebd. die bedeutet. dass ein politischer Wille der Europäer mit militärischen Mitteln. Bush) bemüht.wurde »durch Elemente von Imperialität überlagert«. »an einer für sie vitalen Peripherie eine politisch entscheidende Rolle zu spielen«. wird nunmehr . »Wenn Europa jetzt nicht auf die Schiene der Selbstverschweizerung gerät. Gleichzeitig war die deutsche Außenpolitik bis zum Ende des Jahres 2004 (vor allem nach der Wiederwahl von George W. Mit anderen Worten: die EU tritt .also seit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes .. von Freunden umzingelt zu sein.auch im Hinblick auf die Aufnahmeverhandlungen mit der Türkei . Das hätte mit Sicherheit ziemliche Integrationseffekte . Die gesamte Entwicklung der EU seit den frühen 1990er Jahren .. ausgebaut und zugespitzt. Diese Stabilität ist nicht ohne die Türkei zu sichern« (Münkler 2004b: 1464).eher auf der Linie eines neuen machiavellistischen »Realismus« . einem der führenden Köpfe in den »Vorhöfen der (sozialdemokratischen) Macht«.: 547). um als bloße Kapitalsammelstelle in der Welt zu fungieren -. Dass die EU als »imperialer Akteur« aufzutreten habe. könnte ihm eine komplementäre. Diese Großmachtrolle verlangt eine entsprechende militärische Fundierung: »Die eigentliche Frage heißt doch: In welcher Weise sind die Europäer handlungsfähig? Das ist die klassische Frage nach der militärischen Interventionsfähigkeit.wird hingegen von Herfried Münkler. Die Vision eines alternativen Modells der europäischen Gesellschaft und Kultur wird jetzt aufgegeben zugunsten einer nüchternen Forderung nach dem Ausbau imperialer Handlungsfähigkeit der EU. und sich möglichst klein macht. die zugleich einen der klassischen Krisenherde des Kontinents während der gesamten Neuzeit darstellt . darüber hinaus hat Europa ein vitales Interesse an der Stabilisierung der Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens auf der einen und des Kaukasusraumes wie des Kaspischen Beckens auf der anderen Seite. die Beziehungen zu Washington zu verbessern.mit dem Vorwurf des »Antiamerikanismus« konfrontiert.. Die Ideologie des »Euroimperialismus« . Europa müsste dann eine Großmachtrolle mit mindestens hegemonialer Ausstrahlung übernehmen« (Münkler 2004a: 544).geopolitisch begründet: »Einerseits ist die Südostflanke der EU nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens die schwächste Stelle Europas. Inzwischen hat Münkler auch seine Terminologie an den ImperialismusDiskurs angepasst. vielleicht sogar eine konkurrierende Rolle gegenüber den amerikanischen Ordnungsvorstellungen zuwachsen. dass es in ihrem »eigenen Interesse« liege.»Euroimperialismus« 215 . mag er nun legitim oder illegitim sein. als »Ordnungsmacht«.

die dem Imperialismus in den Kolonialgebieten eine »zivilisatorische Mission« gegenüber den Eingeborenen zuschreiben wollte. dahinter verberge sich wieder einmal der Anspruch auf eine Führungsposition Deutschlands »in der Mitte Europas«. um den Politikern in Europa das schlechte Gewissen zu nehmen.216 Frank Deppe . der herrschenden Klasse bzw.militärisch gestützte . wenn sie des »Imperialismus« beschuldigt werden sollten.längst als »imperialer Akteur« auf: »Die Insistenz auf Einhaltung der Menschenrechte. Münklers Propagierung des »Euroimperialismus« ist .»Großmachtpolitik« der EU einfordern. Münkler plädiert für eine Revision des kritischen Imperialismusbildes: »Im Gefolge der ökonomischen Imperialismustheorien haben wir uns daran gewöhnt. der in der Novemberrevolution als Reichswehrminister (»Bluthund«) traurige Berühmtheit erlangen sollte. obwohl er reale Entwicklungstendenzen der europäischen Integration seit 1991 und auch die Interessenlage z. dann wächst mit Recht bei den Nachbarn das Misstrauen. Immerhin gab es auch den »guten Imperialismus« . Die »Verfassungskrise«.von der Realität europäischer Politik ziemlich weit entfernt. hat allerdings solche ideellen Höhenflüge und Ambitionen beschädigt. die Forderung nach schrittweiser Demokratisierung angrenzender Länder und schließlich die wirtschaftliche Durchdringung dieser Räume sind klassische Formen. Einer der Vertreter dieser Position war Gustav Noske. dem »Block an der Macht« das Bewusstsein ihrer/seiner geschichtlichen Rolle zu vermitteln. Wenn es eine Funktion der Intellektuellen ist. dann werden seine Texte bei den Strategieplanern der außenpolitischen Staatsapparate aufmerksame Leser finden. Imperien mit Unterdrückung und Ausbeutung zu identifizieren.auch darin knüpft Münkler an Denktraditionen in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914 an.B. in denen sich Imperien zu ihrer Umgebung verhalten« (ebd. in die die EU unvermeidlich nach den Referenden in Frankreich und den Niederlanden im Jahre 2005 geraten ist. der deutschen und der französischen Regierungen beim Widerstand gegen die Irak-Politik der U S A durchaus zutreffend anspricht. Verbreiter politischer und kultureller Werte und Absicherer großräumiger Handelsbeziehungen und Wirtschaftsstrukturen begreifen« (ebd. Wenn deutsche Strategen eine .) Münkler nutzt die Position des Wissenschaftlers. Hatte . Allerdings bilden solche strategischen Diskurse stets auch Felder des intellektuellen und politischen Kampfes um Hegemonie.obwohl die herrschende politische Kultur eher »antiimperial« ausgerichtet ist . Genauso gut lassen sie sich aber auch als Friedensgaranten.: 1463).wie wir festgestellt haben .

The Empire Reloaded. S. Hegemony in Europe. A Ruined Fortress. S. Dräger. Socialist Register 2005. keineswegs überwunden ist. .und Lebensweise. Neoliberal Hegemony and Transformation in Europe. Die Lissabon-Strategie der EU und ihr »Neubeginn«. Brzezisnki.). 88-113. Bohle. Gütersloh.und Sicherheitspolitik im Verfassungsvertrag. Die bislang wenig erfolgreichen Bemühungen. Münster. Hamburg. Jahrhundert. nicht zu erreichen sind. Lanham/Oxford. The New Imperial Challenge. 95-122. London/New York/Halifax. S. 41-58. Hegemonie. Die Europäische Verfassung in der Analyse.). Hochtechnologie. in: Etxezarreta. 300-312.»Euroimperialismus« 217 der frühere Erweiterungskommissar Günther Verheugen noch Anfang 2005 die Losung ausgegeben: »Die EU muss Weltmacht werden!«. 116-142. London/New York/Halifax. Franco (2005): Von der Macht der Zeitumstände und der Fortführung eines integrationspolitischen Projekts: Die Gemeinsame Außen. Frank (2004): Habermas' Manifesto for a European Renaissance: A Critique. Alan W. Deppe. Klaus (2005): Jedem seine zweite Chance. Literatur Albo. in: ders. Marburg. Deppe.). (1998): Zivilisationen und das 21. Altvater./Magnus Ryner (Hrsg. Birgit (2002): Globalisierung der Unsicherheit. 205-227. Cafruny. (2003): The Geopolitics of U. in: Weidenfeld. David /Schmalz. S.). Cox. Robert W. EuroMemo 2004. New York. Socialist Register 2004.S. die mit der Hervorhebung der Rolle der EU als »Global Player« verbunden sind.. in: Leo Panitch/ Colin Leys (Hrsg. Zbigniew (1997): The Great Chessboard. dass ohne eine effektive politische Führung gerade diejenigen Ziele. in: Leo Panitch/Colin Leys (Hrsg. in: ders. Stefan /Solty.). neu zu konfigurieren. Socialist Register 2005. dass die politische Integrationskrise. Grundlagen der »Internationalen Politischen Ökonomie«. den Verfassungsprozess weiterzuführen bzw. Stefan/Schoppengerd. Elmar/ Mahnkopf. From the Breakup of Yugoslavia to the War in Iraq. 11. 313-323. Weltordnung und Hegemonie. Greg (2003): The Old and New Economics of Imperialism. Candeias. Stefan /Salomon. so haben die meisten EU-Politiker inzwischen gelernt. S. in: Leo Panitch/Colin Leys (Hrsg. Dorothee (2004): The EU and Eastern Europe: Failing the test as a better world power. Miren u. The Empire Reloaded. Werner (Hrsg. FEG-Studie Nr..a. Grundrisse einer transnationalen kapitalistischen Produktions. S. die durch das Scheitern des Verfassungsentwurfes ausgelöst wurde. lassen freilich erkennen. Frank/Heidbrink. Ingar (2004): Der neue Imperialismus. Algieri. Mario (2004): Neoliberalismus. Hamburg. S. Heilbronn. London/New York/Halifax.

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je nach Land . Spätestens mit Beginn der 1990er Jahre setzte sich in fast allen Ländern ein Modell durch. welche Mechanismen die politischen Spielräume der Mitte-Links-Regierungen in Lateinamerika einschränken und wie diese wirken.Ingo Malcher Nach dem Neoliberalismus? Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven Um die Jahrtausendwende sind in vielen Ländern Lateinamerikas Linksregierungen an die »Macht« gekommen. Jedoch ist gleichzeitig festzustellen. alternative Wege zu finden. und schließlich sollen ihre externen Limitationen untersucht werden. dass es Elemente dieser Hegemonie gibt. Es ist daher zu untersuchen. die weiterhin fortwirken. 1. Währungsstabilität und Marktöffnung setzte. Gerade dies macht es für antihegemoniale Bewegungen und Regierungen besonders schwierig. die Politik der neuen Linksregierungen zu definieren. Dies bedeutet. das auf Deregulierung. während der 1990er Jahre durchaus erfolgreich war. da ein Aufbrechen der neoliberalen Zwangsstrukturen dafür von Nöten wäre. Es soll im folgenden zunächst die Krise der Hegemonie beschrieben werden. Die hier vertretene These lautet. Krise und Neuanfang in Lateinamerika Von den 1930er Jahren bis zu den 1980er Jahren lassen sich in fast allen Ländern Lateinamerikas Konturen eines . welche das neoliberale System festigen. Die 1990er Jahre sind daher als . das sich durch einen starken regulierenden Staat und hohe Zollsätze nach außen charakterisierte. die Implementierung von Mechanismen und Spielregeln. und es ist eine Krise der neoliberalen Hegemonie zu konstatieren. Privatisierung. dann der Versuch unternommen werden. dass nach der Argentinienkrise zur Jahreswende 2001/2002 die neoliberale Hegemonie auf dem Kontinent ideologisch in die Krise geraten ist.mehr oder weniger stark ausgeprägten Modells der Importsubstitution ausmachen. dass die neoliberale Institutionalisierung.

in den 1990er Jahren eine solche dominante Produktionsweise feststellen. Finanzkrisen in so gut wie allen Ländern Südamerikas (z. der Staat hat die Gesellschaften derart umzugestalten. Aber nicht nur Argentinien ist während der neoliberalen Dekade in die Krise geraten. Die Folge war eine wirtschaftliche Depression und eine Staatsverschuldung. die für andere hochverschuldete lateinamerikanische Länder Maßstäbe für Verhandlungen mit den Gläubigern setzen könnte. Bolivien. Sie ist auch »ein Komplex internationaler sozialer Beziehungen. Deregulierung. Uruguay) kennzeichnen diese Dekade. Peru und Chile. die alle Länder durchdringt und sich mit anderen untergeordneten Produktionsweisen verbindet«. 1 . Brasilien. Umso bemerkenswerter ist es.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 221 Dekade der neoliberalen Hegemonie in Lateinamerika zu bezeichnen. In Lateinamerika lässt sich. das auf Marktöffnung. 1 Beispielhaft für die während der neoliberalen Konterrevolution durchgesetzten Reformen sind die Länder Argentinien. der die sozialen Klassen der verschiedenen Länder miteinander verbindet«. Mexiko. Uruguay und Venezuela gegenhegemoniale Regierungsprojekte heraus. Nicht zufällig bildeten sich in Argentinien. mit der Argentinienkrise als Auslöser. niedrige Außenzölle. Dies geschah über niedrige Steuern. In fast allen Ländern Lateinamerikas haben Finanzkrisen das orthodoxe Modell. eine Maßnahme. die nicht mehr zu bedienen war. Zur Jahrtausendwende geriet das neoliberale Modell in die Krise. Deregulierung und Privatisierung setzt. dass sie in der Weltmarktkonkurrenz bestehen können. Robert Cox (1998: 83) definiert Hegemonie rückgreifend auf Antonio Gramsci auf internationaler Ebene als »eine Ordnung innerhalb der Weltwirtschaft mit einer dominanten Produktionsweise. Brasilien. Damit werden das Prinzip der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten und die Währungsstabilität zum obersten Primat. In keinem Land des Kontinents war während der 1990er Jahre das neoliberale Modell mit solcher Konsequenz durchgesetzt worden wie in Argentinien. stark diskreditiert. Freihandel. Williamson 2002: 1).B. Der Zusammenbruch im Jahr 2001 und der Zahlungsausfall Argentiniens kurz vor der Jahreswende markieren die Krise der neoliberalen Hegemonie in Lateinamerika. dass es ausgerechnet Argentinien in zähen Verhandlungen mit Gläubigern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gelungen ist. Brasilien. Anti-Inflationspolitik. einen Abschlag von 70 Prozent auf seine Schuldsumme zu erzwingen. Somit lässt sich die Argentinien-Krise als polit-ökonomische Zäsur in ganz Lateinamerika deuten. Der argentinische Zahlungsausfall war der dem Volumen nach größte Zahlungsausfall in der Geschichte der Emerging Markets. Flexibilisierung. Ecuador. Ecuador. unter dem Stichwort des »Washington (Konsensus« (vgl.

3 Alle Zitate wurden. 2. höhere Sozialausgaben. wie eine langfristige Lösung aussieht«. es ist die Korrektur der effektiven Nachfrage. regulierenden Staat. Man muss aber dem argentinischen Soziologen und Linksperonisten Horacio Gonzalez recht geben. bei allen Differenzen. Niemand weiß.222 Ingo Malcher So kann der jüngste Linksrutsch in Lateinamerika als Antwort auf die neoliberale Dekade gesehen werden. die neoliberalen Reformen der 1990er Jahre zu entschärfen. etwa Erhöhung der Renten. Dies liegt daran. die in Europa selbstverständlich sind. Aufgabe der überbewerteten Währungen. Ecuador. neoliberale Politikmuster zurückzudrängen. aber festzuhalten bleibt. Neue Wirtschaftspolitik? Linksregierungen haben. und dass sich dadurch die hegemonialen Verhältnisse innerhalb der Gesellschaften und auch auf dem Kontinent verschoben haben. 2 . weil sie nie erreicht wurden. Doch nach Ansicht des französischen Ökonomen Robert Boyer (2005) kann im Falle Argentiniens kein neues Akkumulationssystem erkannt werden »Es ist kein Akkumulationsregime. Das mag für europäische Maßstäbe noch nicht besonders revolutionär klingen. in Argentinien. Genauer zu Venezuela: Müller 2007. dass in den Ländern Lateinamerikas viele Dinge revolutionär sind. dass es Regierungen sind. Brasilien. Sie setzen auf einen starken. Interessant daran ist aber auch. aber es gibt keine langfristige Vision. der sagt. Bolivien. Wobei Venezuela in dieser Reihe wegen seines Ölreichtums als Sonderfall bezeichnet werden muss. dass ein Akkumulationsmodell politisch und ökonomisch gescheitert war. die im Wahlkampf und in der Regierung mehr oder weniger erfolgreich versucht haben. 3 Auch für ganz Lateinamerika kommt Boyer zu demselben Schluss: »Der Washington Consensus ist zusammengebrochen. Verstaatlichungen von einst privatisierten Firmen. durch den Autor übersetzt. Es wären sicherlich sehr viele Unterschiede zwischen den einzelnen Regierungen herauszuarbeiten. sozialen Ausgleich und auf eine verstärkte regionale Integration statt auf Weltmarktöffnung. soweit nicht anders vermerkt. so Boyer.) Politisch und wirtschaftlich versuchen die neuen Linken vorsichtig. dass der Spielraum im Moment der Krise für die Länder größer geworden zu sein scheint. oder dass die Polizei ohne Waffen Demonstranten gegenübertritt. Uruguay und Venezuela2 die Regierungsgewalt inne.« (ebd.

dass die Verhältnisse im Lateinamerika der 1990er Jahre nicht mit denen in Europa vergleichbar sind. In Brasilien war während der 1990er Jahre das Modell der »pragmatischen Unterordnung« (Schirm 1994: 227) unter die Interessen der USA vorherrschend. Diese Freihandelsgemeinschaft wurde zu Beginn der 1990er Jahre unter neoliberalen Vorzeichen von Argentinien.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 223 Industrieförderung sind die neuen Merkmale einer Krisenwirtschaft. so schrieb der argentinische Politologe Atilio Borón gegen Ende der neoliberalen Dekade der 1990er Jahre. So ist die Ablehnung der FTAA auch der kleinste gemeinsame Nenner der Mercosur-Mitglieder. die von Entwicklungszielen geleitet ist und dem Modell der 1990er Jahre . In beiden Ländern ist eine Abkehr von der bisherigen außenpolitischen Orientierung auszumachen.mit Distanz gegenübersteht (vgl. zunächst den Staat als Regulationsinstanz zu rehabilitieren. Malcher 2005). Uruguay und Paraguay gegründet und erlebte nach der Argentinien-Krise ihre Wiederbelebung. die sich mittelfristig erst noch beweisen muss. Doch Referenzen an das Modell der Importsubstituierung der 1970er Jahre sind erkennbar.und Sozialpolitik ab. demzufolge ein Land wie Argentinien überhaupt keine eigene Außenpolitik betreiben könne und sich daher besser einem starken Staat wie den USA anschlösse. Seit der Eskalation der Argentinienkrise 2001/2002 setzen Argentinien und Brasilien auf eine Vertiefung des Mercosur und der Süd-Süd-Zusammenarbeit. . So zeichnen sich gegenwärtig erst Konturen einer neuen Wirtschafts. Brasilien. So ist die Aussage Boröns eher als Aussage über die tatsächliche Schwäche linker Bewegungen in dieser Zeit zu verstehen. sei es. Man muss aber auch sehen. Es wird der Versuch unternommen. Dies scheint der einzige Weg zu sein. in Argentinien hingegen der von dem Politologen Carlos Escudé (1995) entwickelte »periphere Realismus«. den Staat zu rehabilitieren (Borón 1999: 220). Die Aufgabe der Linken. Getragen wird die Opposition dagegen vor allem von Argentinien und Brasilien.Privatisierung. Auch in der Außenpolitik lässt sich mit dem Mercosur (Mercado Común del Sur) ein gemeinsames Projekt ausmachen. Die Vertiefung des Mercosur geht einher mit einer neuen Außenhandelspolitik. den Mercosur auf ganz Südamerika auszuweiten und ihn als Alternative zur von den USA betriebenen FTAA (Free Trade Area of the Americas) aufzubauen. Man mag an dieser Aussage viel zu kritisieren finden. die sich besser nicht zu viel vornimmt. Deregulierung und Weltmarktöffnung . Nach dem marktradikalen Kahlschlag der vergangenen Dekade ist es die Aufgabe der Regierungslinken.

wie gut es den Mercosur-Ländern auf internationaler Ebene gelingt. So ist die Außenöffnung nicht mehr prioritäres Ziel der Mercosur-Länder. Hegemonie nach Gramsci ist also eine Herrschaftsstruktur. moralische Führung dar und beruht auf der Zustimmung. Auch sind Zweifel angebracht. noch immer Undefiniert. die Ökonomie. die über die Produktionsmittel verfügt und den Staat als Instrument ihrer Herrschaft über die Gesellschaft benutzt. bei der nur in Ausnahmefällen Gewalt angewandt wird. Anerkennung.224 Ingo Malcher Nicht zuletzt die Dynamiken sozialer Bewegungen in den einzelnen Mercosur-Ländern haben dazu geführt. einen Konsens zwischen Beherrschten und Herrschern herzustellen. Antonio Gramsci folgend. die Politik. Argentinien und Brasilien. geistige. wenn sie auch von Mitgliedern anderer Klassen Zustimmung erfährt und es ihr gelingt. Das beinhaltet auch die Regulierung der Zwangselemente der neoliberalen Hegemonie. Hegemonie ist die gesellschaftliche Herrschaft und politische Führung einer Klasse. sondern die eigene industrielle Entwicklung. dass die Konturen eines neuen. immer eine Mischung aus Konsens und Zwang. die Kultur und die Ideologie. Diese neue. der es gelingt. Krise des Konsens Wenn von einer Krise der neoliberalen Hegemonie gesprochen wird. die Spielregeln zu verändern. Dieses setzt in der Regulierung andere Prioritäten. Gerade die beiden größten und wichtigsten Länder. Sein Erfolg hängt nicht zuletzt davon ab. Sein Hegemoniebegriff integriert die Alltagsebene. noch nicht voll ausgereifte Akkumulationsstrategie könnte als national-regionales ISI-Modell (importsubstituierende Industrialisierung) mit gleichzeitigem Erreichen makroökonomischer Stabilität bezeichnet werden. ist zu Beginn gleich einzuschränken: Hegemonie ist. Hegemonie stellt die politische. Hegemonie ist demnach nicht nur die Vorherrschaft einer Klasse. einen Konsens innerhalb der Gesellschaft aufzubauen. kulturelle. wie dies beispielsweise die liberalisierten Finanzmärkte darstellen. Doch noch ist das Akkumulationsregime erst in Konturen auszumachen. auf dem Konsens der Beherrschten. Eine herrschende Klasse ist dann hegemonial. Die herrschende Klasse verfügt auch über die Möglichkeit der Ge- . das wenig Raum lässt für fortschrittliche Ideen und nur in einem Bündnis mit der Agrarbourgoisie möglich ist. aus der Krise der neoliberalen Hegemonie entstehenden Akkumulationsregimes zu erkennen sind. scheinen auf ein Agroexport-Modell zuzusteuern. 3.

ihre Finanzierung und ihre Politik. 4. Finanz. die in der Krise ist. Morgan Chase ermittelte Emerging-Markets- . etwa Wade/Veneroso 1998: 323). Der Finanzbereich ist ein Schlüsselsegment. in dem unterschiedliche politökonomische Bereiche zusammenkommen: Staaten.) Auf Lateinamerika übertragen bedeutet dies: Es ist nicht die Hegemonie. Allzu oft werden in den Sozialwissenschaften der IWF und die Weltbank als zentrale Akteure wahrgenommen. die Instrumente der privaten Regulierung hingegen kommen in den Analysen oftmals zu kurz. Gramsci. Auf die Mechanismen der Finanzmärkte und ihre beschränkende Wirkung für nicht-marktkonforme Politiken soll im folgenden genauer eingegangen werden.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 225 waltanwendung und sie kann diese Gewalt auch anwenden.oder Sozialpolitik vorranging von Schwellenländern. hat er doch starken Einfluss auf die Ausrichtung der Wirtschafts-.P. die im Zentrum sozialwissenschaftlicher Kritik standen (vgl. Seine Wirkungsmacht wird in den Sozialwissenschaften bislang zu wenig beachtet. wie etwa das Leiten von Investitionen durch Risikoversicherungen. da ihr Wirken die politischen Spielräume der Regierungen stark einschränkt. Finanzmärkte und politischer Spielraum Neben suprastaatlichen Institutionen wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sind während der 1990er Jahre im Zuge der Finanzmarktliberalisierung weitere Einrichtungen und Mechanismen immer wichtiger geworden. Je mehr diese Zustimmung in Unterstützung übergeht (und umso weniger Gewalt nötig ist). sind weiterhin in Kraft. Es sind dies die Mechanismen der Finanzmärkte. aber auch Handelsverhandlungen und Abkommen. Dies bedeutet. ohne dass dies ihrer Hegemonie einen Abbruch tut. Unternehmen und ihre Investitionsentscheidungen. (Vgl. die Zwangselemente der neoliberalen Hegemonie. 8: 1947ff. welche die internationalen Finanzströme regulieren. Die Einheit der Interessen kann durch Zugeständnisse an die beherrschten Klassen hergestellt werden. sondern vielmehr ist der Konsens der Hegemonie zusammengebrochen. wie etwa die WTO oder Mechanismen der kapitalistischen Ökonomie. die während der 1990er Jahre institutionalisiert wurden. umso stärker ist die Hegemonie. GH Bd. Es sind dies die Rating-Agenturen zur Bemessung des Kreditrisikos und der von der Investmentbank J. Auch infolge der Asienkrise oder der Argentinienkrise waren es vor allem die Weltbank und der Internationale Währungsfonds.

Im folgenden sollen daher die Instrumente der privaten Regulierung als ernst zu nehmende politische Akteure betrachtet werden. Richtig schlussfolgert Sinclair: »EKNs help to privatize policymaking. Wenn. Ihre Existenz und ihr Wirken wird demnach auch selten kritisiert oder gar ihre Existenzberechtigung oder ihre Funktionsweise infrage gestellt. dass im Zuge liberalisierter Finanzmärkte seit dem Ende des Bretton Woods-Systems 1973 und im Zuge der Neuen Finanzarchitektur. die eine soziale Form der Autorität besitzen. Diese Mechanismen ersetzen staatliche und suprastaatliche Regulierung nicht. wie oben beschrieben. Diese definiert er (ebd. Es ist daher von privater Regulierung der globalen politischen Ökonomie zu sprechen. Zentral für die Existenz der neoliberalen Hegemonie sind diese Mechanismen deshalb. Zwar sind sie ihrer Definition nach ökonomische Institutionen. Die privaten internationalen Regulationsinstanzen sind ein zentrales Element für die Festigung der neoliberalen Hegemonie und sie gewährleisten das Fortwirken der hegemonialen Mechanismen. weil sie die Hegemo- . bei denen Konzerne. die nach den Krisen 1997-1999 (Asienkrise. dass sie private Regulierungsinstrumente der Weltwirtschaft darstellen und fernab jeglicher staatlicher oder suprastaatlicher Kontrolle liegen. Allen diesen Einrichtungen ist gemein. Long-Term-Capital-Management-Crash) eingeführt wurde. Die hier vertretene These lautet. da sie marktimmanent (also »neutral«) funktionieren und keiner Kontrolle unterliegen. Importeure oder Exporteure sich gegen politische Risiken oder Währungsschwankungen oder Zahlungsausfall des Kunden versichern können. Hegemonie immer eine Mischung aus Konsens und Zwang darstellt. Kommunen und die dort lebenden Menschen und für die Verteilungsmechanismen der Gesellschaft. Doch die Folgen ihrer Tätigkeit haben durchaus politische Implikationen für Staaten. Sie sind Mechanismen. narrowing the sphere of government intervention. neue Mechanismen privater Regulierung entstanden sind.226 Ingo Malcher Bond-Index (EMBI+).) als private Institutionen. welche den staatlichen und suprastaatlichen Einfluss zurückdrängen und das Funktionieren der Ökonomie und der Finanzmärkte zum Ziel haben. so können diese Finanzmarktinstrumente als Zwangselemente der neoliberalen Hegemonie gewertet werden. Russlandkrise.« (Sinclair 2001: 441) Die Souveränität der Nationalstaaten hinsichtlich der Gestaltungsspielräume wird durch Einheiten der privaten Regulierung stark eingeschränkt. aber auch Rückversicherungen. Sie treten auf in neu geschaffenen Sphären. Im Falle der Rating-Agenturen spricht Timothy Sinclair von »embeded knowledge networks (EKN)« (Sinclair 2001: 441).

der IWF oder die Weltbank das neoliberale Modell durch Abmachungen und Verträge institutionalisieren.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 227 nie selbst dann aufrechterhalten. Jochen Sanio. wenn nicht gar verhindert werden. Sie gehen damit einen Schritt weiter in der Festigung der neoliberalen Hegemonie. nach: manager-raagazin. in denen investiert 4 . die die Interessen der Investoren vertreten. dass ein privater oder staatlicher Kunde nicht bezahlt. in: http://www. kann sich dagegen versichern. 5 Zit. die Investitionen für Konzerne unterschreiben. wie und ob diese Form der privaten Regulierung überwunden werden kann. stellen die Finanzmarktmechanismen eine private Form der Institutionalisierung dar. Im folgenden sollen zunächst die Rating-Agenturen und der Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+) genauer untersucht werden. oder nur dann. Die hier vorgetragene These lautet.265077. dass bei einer Auslandsinvestition ihre Produktionsmittel durch den Staat enteignet werden. Jede Firma kann sich dagegen versichern.de. wie sie die Länder. Während Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO). die sich außerhalb des Zugriffs der Regierungen oder suprastaatlicher Organisationen befinden. Schließlich ist zu untersuchen. Die Wirkungsweise dieser Instanzen der privaten Regulierung funktioniert über Marktmechanismen. Die Instanzen der privaten Regulierung wirken über Zwangsstrukturen fort. da diese die beiden zentralen Elemente der privaten Regulierung darstellen.de/geld/artikel/0.2828. 5 Ein weiteres Instrument der privaten Regulierung sind Versicherungen. wenn sie das Risiko als absolut gering einschätzen. Denn IWF und Weltbank unterliegen immerhin noch der Kontrolle von Regierungen. Die Höhe der Versicherungsrate wird von den rund 20 weltweiten Risikoversicherern danach beurteilt. was bei der Analyse und Bewertung gerade der neuen Linksregierungen in Lateinamerika in Betracht gezogen werden sollte. Die Finanzmarktmechanismen hingegen sind private Schiedsrichter im Schein der Neutralität. und wie diese dadurch in ihrem Handeln eingeschränkt werden. Der Präsident der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin). bezeichnete Rating-Agenturen im Juni 2003 als »größte unkontrollierte Machtstruktur im Weltfinanzsystem«. wenn dieselbe in die Krise geraten ist. 4 Zu untersuchen ist.00.manager-magazin. dass durch die privaten Regulierungsinstanzen der Weltwirtschaft alternative Wege für Regierungen extrem erschwert. Ohne solche Versicherungen werden transnationale Konzerne in Schwellenländern nicht tätig. wie die Mechanismen der privaten Regulierung funktionieren und wie sie Einfluss auf die volkswirtschaftlichen Ziele von meist hochverschuldeten Schwellenländern nehmen.html. kann sich gegen Lieferausfall versichern.

Damit nehmen die Agenturen direkten Einfluss auf Managemententscheidungen. desto schlechter das Rating. einen Staat oder eine Gemeinde höhere Zinsen oder dass Pensionsfonds die Schuldpapiere abstoßen müssen. einschätzen. aber auch auf Wirtschafts-. Je höher das Defizit eines Unternehmens oder Staates. J. Morgan Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+): Weltweit werden Staatsanleihen von Schwellenländern auf den Schuldenmärkten gehandelt. Finanz. Kaufen also viele Investoren an den Märkten die Papiere eines Landes.und Sozialpolitik. bekommen schlechte Noten von den Rating-Agenturen ausgestellt wegen ihres erhöhten Standortrisikos. also. Durch die Einstufung des Kreditrisikos eines Landes haben die Rating-Agenturen eine faktische Macht inne. . etwa nach einer vorteilhaften Rating-Entscheidung. da sich die Ergebnisse dieser Einstufungen sofort in höheren oder niedrigeren Zinssätzen für die betroffenen Länder bemerkbar machen. Damit sind die Rating-Agenturen zu einem Zwangs-TÜV geworden für richtige oder falsche Wirtschaftspolitik. die dann wiederum in Zinsen gerechnet als Risikoaufschlag auf US-Staatsanleihen dem Zinssatz für Neuemissionen eines Landes am Ausgabetag hinzugerechnet werden. da die Preise für Staatsanleihen auf dem Schuldengebrauchtmarkt sich sofort verändern und damit auch der Zinssatz für Neuemissionen und die Finanzierung des Haushaltes des betroffenen Staates. sinken die Länderrisikopunkte und damit die Zinsen. Sie lenken damit Investorengelder.1 Rating-Agenturen In dem Prozess der Liberalisierung der Finanzmärkte spielen die RatingAgenturen zur Bewertung des Kreditrisikos eine zentrale Rolle. die in einem schlecht benoteten Land tätig sind.P. Dadurch erhöht sich der Druck auf die wirtschaftspolitischen Entscheidungen einer Regierung unmittelbar. Belohnt werden von ihnen Regierungen. was wiederum zu einer Verteuerung der Finanzierungskosten führt. Über den EMBI+ werden die Länderrisikopunkte eines Landes ermittelt.228 Ingo Malcher Rating-Agenturen: Unternehmen wie Standard & Poor's oder Moody's bewerten die Bonität von Kreditgebern im privaten und öffentlichen Sektor. oder umgekehrt. 4. Auch entsteht durch eine schlechtere oder bessere Einstufung ein Druck im Inland: Selbst hoch effizient arbeitende Firmen. Ein schlechtes Rating bedeutet für ein Unternehmen. wie hoch das politische Risiko dort eingeschätzt wird. die bei den Haushaltsausgaben maßhalten und sparsam sind und den oder aus denen gekauft oder geliefert wird.

Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 229 staatlichen Sektor eindämmen. wenn sie einen Auftrag dazu von einer Firma oder einem Land erhalten. Nirgendwo ist festgelegt.4. Der Rating-Prozess wird dann vom Kunden bezahlt. 9. 6 . welche Kriterien erfüllt sein müssen.) »das am stärksten oligopolisierte und konzentrierte Element des globalen Finanzsystems«. 600. S&P hat sehr viele nationale Rating-Agenturen aufgekauft und so ein weltweites Netz geknüpft. Seit 1974 haben Standard & Poor's. Ende Februar 2003 hat die SEC der kleinen kanadischen Agentur Dominion Bond Rating diesen Status zuerkannt (vgl. nach Hillebrand 2001:152). Dadurch sind die Rating-Agenturen zu einem Instrument der neoliberalen Hegemonie geworden.2000). Bei S&P arbeiten derzeit ca. Also Regierungen. Konkurrenten aus Japan und anderen Ländern kämpfen seit Jahren vergebens um dieses Gütesiegel. Moody's und S&P teilen 80 bis 85 Prozent des Marktes unter sich auf (FAZ. bei Moody's sind es ca.3. Hauch-Fleck 2003). dass die Zahlungsfähigkeit ihres Landes erhalten bleibt und die Anleger nicht um ihr investiertes Geld fürchten müssen. Moody's und S&P bewerten jeweils eine Schuldsumme von etwa drei Billionen Dollar (Sinclair 1994: 453). Das Duopol der Agenturen Zwei US-amerikanische Firmen teilen das Rating-Geschäft praktisch unter sich auf und haben ein Duopol inne: Moody's Investors Service (Moody's) und Standard & Poor's Ratings Group (S&P). dass Moody's und Standard & Poor's über die von ihnen erteilten Ratings den Fluss von rund 80 Prozent des gesamten Weltkapitals kontrollieren« (zit. um ihre marktbeherrschende Stellung zu verteidigen. Bestraft werden Länder von den RatingAgenturen. 700 Analysten. um als NRSRO anerkannt zu werden. Die Rating-Agenturen sind demnach für Willke (ebd. In der Regel werden die beiden Agenturen nur dann tätig. Moody's und Fitch das SEC-Gütesiegel »nationally recognized statistical rating organisation« (NRSRO).2000) »ist davon auszugehen. 6 Auch die kleineren Konkurrenten haben ihren Sitz in den USA: Fitch IBCA und Duff & Phelps Credit Ratings. 7 Beide Agenturen haben einen aggressiven Expansionskurs eingeschlagen. Nach Ansicht der Financial Times Deutschland (19. 7 An dieser marktbeherrschenden Stellung der Agenturen hat auch die US-amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) einen Anteil. Vor allem die hochverschuldeten Schwellenländer der Dritten Welt sind für die Rating-Agenturen ein »Schlüsselmarkt« Beide Agenturen gehören Informationskonzernen: Moody's gehört zu Dun & Bradstreet und S&P gehört zur Verlagsgruppe McGraw-Hill (Willke 2001: 163). die keine Haushaltsdisziplin halten und wirtschaftlich in eine Krise geraten sind oder geraten könnten. die dafür sorgen.

sondern zeichneten Staatsanleihen der Länder. die Bonität eines Kreditnehmers festzustellen und zu bewerten. die dafür gesorgt hat. Bis zum Jahr 1991 waren die Rating-Agenturen in Deutschland nicht besonders wichtig. Dies hat eine größere Flexibilität für die Banken Vgl. Die Geschichte der Firma geht zurück bis ins Jahr 1860. weil alle Neuemissionen von privaten Anleihen staatlich genehmigt werden mussten und Investoren davon ausgehen konnten. dass die Rating-Agenturen keine neuen Instrumente des sich herausbildenden Neoliberalismus sind. Zahlreiche Schwellenländer standen während der Schuldenkrise am Rande der Zahlungsunfähigkeit. die sich bewerten lassen (Hillebrand 2001: 152). Vor allem die US-Banken waren davon ernsthaft bedroht. Entstehung und Aufgaben der Rating-Agenturen Die Aufgabe von Rating-Agenturen ist es. einen geringen Anteil aus. Im Rating-Geschäft macht die Beurteilung von Staatsanleihen (Bonds). Es war die Deregulierung im Finanzbereich. die sie spätestens seit den 1990er Jahren innehaben.000 US-amerikanische Firmen gegenüber.230 Ingo Malcher (Hillebrand 2001: 151) geworden. Durch die Schuldenkrise der Schwellenländer während der 1980er Jahre veränderte sich das Kreditgeschäft und damit auch die Bedeutung der RatingAgenturen. ins Rating-Geschäft stieg die Firma allerdings erst im Jahr 1926 ein. dass zumindest ein Mindestmaß an Sicherheit bestand. als Henry Varnum Poor (1860) seine »History of Railroads and Canals of the United States« veröffentlichte. Auch die beiden heutigen Marktführer können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Beide Marktführer haben es sich zur Gewohnheit gemacht. etwa zehn Prozent der Ratings als öffentliche Informationen anzubieten oder als »unsolicited rating« (Everling 1999: 253). dass sich die Richtlinien der Rating-Agenturen in Deutschland durchsetzen konnten.standardandpoors. das sogenannte sovereign rating. Über 80 Länder haben gegenwärtig ein Rating in Auftrag gegeben.8 Moody's Investor Service wurde 1900 gegründet (vgl. Standard & Poor's entstand im Jahre 1941 aus der Fusion von Standard Statistics und Poor's Publishing Company. Neu allerdings sind ihre Wichtigkeit und Definitionsmacht.com/NASApp/cs/ContentServer?pagename =sp/Page/AboutUsMainPg&r=l&b=8&l=EN&s=l. http://www2. Hillebrand 2001: 151). Dadurch wird deutlich. da sie den Ländern Kredite gegeben hatten. Die erste Rating-Agentur wurde im Jahr 1837 in New York gegründet. Als Folge gaben die Banken den Ländern keine starren Kredite mehr. dem stehen allein 8. 8 .

wenn ihnen das Risiko zu groß wird. der Managerqualität. So gelingt es den Banken und Investoren. ohne den Umweg über die Banken zu gehen. Die Einschätzung der Wettbewerbslage. der strategischen Ausrichtung und des Umfelds eines Kreditnehmers werden dabei bewertet. im Jahr 1999 waren sie schon auf rund 1. Daher bemüht sich der Schuldner um ein möglichst gutes Rating-Ergebnis. hat Folgen für Firmen und Regierungen. ihren Kapitalbedarf direkt an den Finanzmärkten zu decken. auch das Investitionsrisiko besser zu streuen. die Investitionskapital suchen. Sinclair schreibt zu Recht: »Rating has become a key means of transmitting the policy of orthodoxy of managerial best practice. und wo Banken nur noch Geschäfte abwickeln. Damit einher geht ein sprunghafter Anstieg der Wertpapieremissionen. Für Länder und Unternehmen ergibt sich daraus die Möglichkeit. dass dieser seine Schulden nicht wird zurückzahlen können. Die Ratings sind somit Handreichungen für Investoren und beeinflussen die Investorenentscheidungen. oder neue Papiere zu zeichnen. der Vermögenswerte. Eine hohe Rendite bedeutet für den Schuldner höhere Kosten.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 231 und Investoren zur Folge. Vor allem werden von den Agenturen Schuldtitel (Bond-Rating). Je schlechter ein Land oder eine Firma von den Rating-Agenturen eingestuft wird. Ins- .« (Sinclair 2005: 18) Funktionsweise der Rating-Agenturen Bei einem Rating-Verfahren werden sowohl qualitative als auch quantitative Daten verwendet. Willke (2001:165) stellt hierzu richtig fest: »Je stärker sich Unternehmen. wie groß die Gefahr ist. die Papiere abzustoßen. Die Einstufung des Schuldners drückt aus. Hand/Holthausen/Leftwich 1992). wie empirische Untersuchungen ergeben haben (vgl. Die Rating-Ergebnisse wirken sich umgehend auf die Aktienpreise oder die BondPreise aus. desto höher ist das Investitionsrisiko und desto höher steigt die Rendite. ohne selbst tätig zu werden. Im Jahr 1994 beliefen sich die Nettoneuemissionen noch auf 257. was die Rating-Agenturen ins Spiel bringt. Aktien (Stock-Rating) und Banken bewertet.225 Milliarden Dollar angestiegen (Bank for International Settlements 2000: 112). wie Investments abgewickelt werden. Much more of the world is now open to the consequences of rating judgements than was the case during the Cold War. da sie in der Lage sind. der Finanzstruktur. um sich mit Geld zu versorgen. Dabei muss der Investor aber das Risiko absichern. Bei diesen Geschäften schlüpfen die Banken oftmals nur in die Rolle des Abwicklers der Geschäfte. wenn sie sich ein gutes Geschäft davon versprechen. um das Risiko eines Kreditnehmers zu beurteilen. der Ertragskraft. Doch dieser Wandel in der Art.8 Milliarden Dollar.

Anlagefonds. desto stärker sind sie auf möglichst positive Ratings angewiesen. Durch die Funktionsweise der Rating-Agenturen wird Wissen über Firmen und Länder gewonnen und aufgearbeitet. Dies bedeutet. die in einem bestimmten Land ihren Sitz hat.« Rating-Agenturen werden so im Bereich der Schwellenländer zu einer Art T Ü V über die richtige oder falsche Wirtschaftspolitik. dass sie ihr Geld wiedersehen werden.« (Hillebrand 2001: 158) Dieses sogenannte sovereign . Sie entscheiden darauf aufbauend. wo und zu welchen Bedingungen sie investieren werden oder ob sie ihr Geld aus einem bestimmten Markt abziehen. Beim Rating-Prozess wird zunächst das Länderrisiko. »In der Regel erhält eine >Untereinheit< keine bessere Einstufung als das Land. Regionen und ganze Länder auf den globalen Finanzmärkten im Wettbewerb untereinander um Anlagekapital bemühen. Investmentbanken. der in Zusammenarbeit zwischen Regierung/Firmenleitung und der Rating-Agentur abläuft. Dadurch werden die Rating-Agenturen zum institutionellen Fundament der neoliberalen Wende. Dieses Wissen wird in den Dienst gestellt von Investoren. Sie bestimmen. Kapitalund Unternehmensbeteiligungsgesellschaften. Das Ergebnis der Länderrisikoanalyse fließt direkt in die Bewertung einer Firma ein. wohin Investitionen bei unterschiedlichen Wirtschaftslagen fließen. Der Rating-Prozess ist ein permanenter Prozess.als private Institutionen eine Definitionsmacht über den Kurs der Wirtschaftspolitik verschuldeter und von Auslandsinvestitionen abhängiger Länder.232 Ingo Malcher titutionen. Bei der Analyse des Länderrisikos wird die politische und wirtschaftliche Stabilität eines Staates ermittelt. dann das Branchenrisiko und schließlich das firmenspezifische Risiko ermittelt. Dabei werden die gewonnenen Daten permanent aktualisiert und das Rating aufoder abgewertet. Factoring-Instituten. Auf die Firmen oder Länder haben sie einen Zwangseffekt: Sie zwingen zum Kostensparen und zu einem sparsamen Haushaltskurs. um ihre Kapitalkosten zu optimieren. Sie bekommen . damit den Investoren das Gefühl gegeben werden kann. Hieraus erwächst den wenigen global agierenden Rating-Agenturen ein bislang noch wenig begriffener und noch weniger problematisierter Einfluss auf globale Ströme von Investitionsentscheidungen. in dem sie ansässig ist. Pensionsfonds. stabile Währung) geschaffen werden muss. Gerade in den kritischen Sozialwissenschaften wurde ihrer Rolle bei der Diskussion um die Durchsetzung der neoliberalen Epoche bislang zu wenig Beachtung geschenkt. Leasing-Gesellschaften. dass die Staatsausgaben gesenkt werden und ein für das Finanzkapital günstiges Investitionsumfeld (keine Steuer auf Kapitalgewinne.im Falle der Schwellenländer .

Diese Indikatoren listet Hillebrand (2001: 153f. dass Rating-Agenturen das von ihnen bewertete Land nicht richtig kennen würden und daher zu falschen Einschätzungen kommen. so ist der Einfluss der Wall Street. umso wahrscheinlicher die volle Bedienung von Schulden und Zinsen. und dabei geht es nicht um richtig oder falsch. • Inflation: Hohe Inflation lässt auf finanz. die verwendete Technologie. ob er viel riskieren will oder nicht. doch maßgeblich für die Parameter in den Ratings. • Wachstumsrate des BIP: Je höher. exceptional financial security. Das Unternehmensrisiko bezieht sich auf die Qualität des Managements. Folgen für Schwellenländer Der Bewertungsprozess der Bonität von Staaten ist ähnlich dem von Firmen. die Kapitalstruktur. Finanzierungspolitik etc. umso besser für die finanzielle Basis eines Staates. So stellt Sinclair (1994: 453) zu Recht fest: »New York remains the analytical core. Dabei finden sowohl makroökonomische Indikatoren Eingang in die Analyse wie auch historische Indikatoren. der aufgrund des Rating-Ergebnisses entscheidet. Die Ranking-Skala von S&P hat zwölf unterschiedliche Stufen. where rating expertise is defined and reinforced. mit der dieser Fall eintreten kann. . Selective Default. wo sie ihren Hauptsitz haben. Vielmehr haben sie ein eindeutiges Ziel: Die Risikoabwägung für Investoren. Bei der Beurteilung des Branchenrisikos werden die Zukunftsperspektiven des Industriezweigs sowie die Konkurrenzsituation unter die Lupe genommen. Auch hier wird der Credit Default als Ausgangsszenario. • Haushaltsdefizit: Hohes Haushaltsdefizit ist gefährlich für Schuldendienst. Angefangen bei »AAA«. und schließlich »D« .und wirtschaftspolitische Schwierigkeiten schließen.Zahlungsausfall.) auf. Denn die von den Rating-Agenturen gewählten Parameter fördern keine falschen oder richtigen Ergebnisse zu Tage. Daraufhin wird die Wahrscheinlichkeit ermittelt. als schlimmster Fall.« Gerade Regierungen von Schwellenländern beschweren sich daher häufig. bis hin zu »SD«. Auch wenn Moody's und S&P in aller Welt Büros haben. sondern nur um geeignet oder ungeeignet als Geldanlage aus Sicht des Geldbesitzers. • Pro-Kopf-Einkommen: Je höher. angenommen.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 233 ceiling erschwert und verteuert die Kreditbeschaffung von effizienten Firmen in Schwellenländern. Diese Kritik mag nur zum Teil zutreffen.

Wenn die Titel eines Landes oder einer Firma unter diese Note fallen. umso unwahrscheinlicher ihre vollständige Bedienung.2000. sind ein höheres Risiko. umso geringer die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls. die in der Vergangenheit zahlungsunfähig waren. 3. 32 Prozent dieses Vermögens entfallen auf die großen Pensionsfonds. so müssen sie diese automatisch abstoßen. die diesen überprüfen und anfechten kann. wo vor allem institutionelle Anleger tätig sind (Pensionsfonds. • Wirtschaftliche Entwicklung: Je entwickelter.234 Ingo Malcher • Leistungsbilanz: Hohe Defizite führen zu wachsender Verschuldung. Dieter (1999: 81) berechnete. Investmentfonds). • Das endgültige Rating wird innerhalb der Agentur abgestimmt und potenzielle Investoren werden darüber informiert. was wiederum zur Gefährdung der Zahlungsfähigkeit führt. In den U S A unterliegen diese strengen Vorschriften und müssen ihre Werte in Titel anlegen.4.und Finanzsystem • Interne und externe Sicherheitsrisiken Das Verfahren zur Rating-Erhebung kennt vier Stufen: • Datenerhebung und -forschung • Ein vorläufiger Bericht wird der Regierung übergeben. Schwellenländer finanzieren sich seit der Schuldenkrise der 1980er Jahre immer stärker über den Kapitalmarkt. • Staatsverschuldung: Je höher. die . Ca. Versicherungen. dass deren Kapitalanlagen im Jahr 1995 den Wert des gesamten BIP der G-7-Länder deutlich übertrafen. Die Zahl der institutionellen Anleger wird von der Financial Times Deutschland (19. Richtigerweise erkennt Strulik in den Rating-Agenturen auch Institutionen. Genau dies führte zur Verschärfung der Asienkrise 1996/1997. die von den Rating-Agenturen zumindest mit investment grade eingestuft werden (bei S&P »BBB«. Von 1993 bis 1997 stiegen die Portfolio-Investitionen in den Schwellenländern von 117 Milliarden US-Dollar auf 286 Milliarden US-Dollar an. bei Moody's »Baa3«). Anmerkung bei Hillebrand 2001: 161) auf ca. • Die Rating-Agentur verfolgt weiterhin die Entwicklung des Landes und korrigiert gegebenenfalls das Rating. • Regierungsform und politische Institutionen • Politische Partizipation • Geordnetheit der Führungsnachfolge • Ausmaß und Konsens über die Ziele der Wirtschaftspolitik • Integration in das globale Handels. • Schuldner-Geschichte: Länder.000 geschätzt.

eine strengere Kontrolle der Rating-Agenture.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 235 für Instabilität sorgen können: »[J]ede Information begründet neben Erwartungen auch die Möglichkeit gegenläufiger Entwicklungen. Langsam kommt aber in Deutschland eine Diskussion über die Macht der Rating-Agenturen in Gang.de. als deren Konkurs schon kurz bevorstand. Die folgende Herabstufung führte zu einer schweren Belastung der Volkswirtschaften auch außerhalb der Region. Er definiert Rating-Agenturen als »wissensbasierte Organisationen« (Strulik 2000: 450). (Vgl. manager-magazin. 9 Schlechte Urteile der Rating-Agenturen Auch in der Privatwirtschaft werden die Rating-Agenturen für Fehlurteile kritisiert. sondern auch deshalb. Doch seine Kritik geht über eine immanente Kritik am Funktionieren der Agenturen nicht hinaus. schafft also Ungewissheit.00. wenn er schreibt. Thyssen-Krupp will jetzt mit einem Gutachten die Sichtweise der Rating-Agentur korrigieren. weil sie beispielsweise mit jeder Verfeinerung ihrer Analysetechniken zugleich die Zahl anfechtbarer Annahmen über künftige Entwicklungen erhöhen.manager-magazin. Hauch-Fleck 2003). Thyssen-Krupp-Anleihen auf den Junk-Bond-Status abzuwerten.) Angesichts der Machtfülle der beiden führenden Agenturen S&P und Moody's forderte von Rosen die Einrichtung einer 9 . Ihre Bewertungen der Zahlungsfähigkeit gelten juristisch als freie Meinungsäußerung (vgl. als die Landeswährung Baht schon längst eingebrochen war. Für die Agenturen selbst werden zukünftige Ereignisse nicht nur durch Veränderungen in ihrer Umwelt unvorhersehbarer. Standard & Poor's und Moody's haben erst die Anleihen von Enron und Woldcom heruntergestuft. Rüdiger von Rosen.265077.« (Strulik 2000: 449) Allerdings erkennt er nicht. die Agenturen hätten schlicht falsche Ratings abgegeben.). die Agenturen hätten Thailand erst im Oktober 1997 in ihre Watchlist aufgenommen.de/geld/artikel/0. Diese wurde von den Analysten damit begründet. Der Vorwurf. zu einer Zeit. die in der Lage sind. Dabei ist doch gerade die Frage nach dem Zusammenhang von Rating-Urteil und folgendem Zusammenbruch interessant. greift zu kurz und beschreibt ihre Funktionsweise nur unzureichend. So forderte der Chef des Deutschen Aktieninstitutes (DAI). In Deutschland wird die Entscheidung von Standard & Poor's kritisiert. und auch Südkorea wurde bis Oktober 1997 noch von ihnen als sicher eingestuft. Immerhin kostet die Herabstufung des Unternehmens rund 20 Mio. dass schon die Veröffentlichung eines Ratings die Wirklichkeit beeinflusst.html. etwa über Schadenersatzklagen.2828. in: http://www. dass Thyssen-Krupp sehr hohe Pensionsrückstellungen habe. können die Rating-Agenturen nicht. Für Fehlurteile haftbar gemacht werden. Euro mehr an Zinszahlungen. ihre Umwelt mit »anderen Unsicherheiten« zu belasten. Im Verlauf der Asienkrise führten die Urteile der Rating-Agenturen zu erheblichen »Folgeproblemen« (ebd. und inwieweit dieser durch die Bereitstellung von Informationen der Rating-Agenturen (ganz abgesehen von deren Richtigkeit) noch beschleunigt wurde.

. um die Gläubiger besser zu Schiedsstelle. Nichts. wie er von J. Auch zwingen die Entscheidungen der Rating-Agenturen Regierungen dadurch zu einem Sparkurs. Dies verschärft dortige Wirtschaftsund Finanzkrisen nur. die über die Realisierung und Finanzierbarkeit von Politiken in den Schwellenländern entscheiden und die über die Handlungsperspektiven urteilen. Diese Schiedsstelle sollte nach Ansicht von Rosens allerdings zunächst privatwirtschaftlich organisiert sein. Das Ziel der Ratings ist es in diesem Fall. 4. wenn diese mit den Ratings nicht einverstanden seien. da der EMBI+ direkt und unmittelbar marktfreundliche Politik belohnt und marktfeindliche bestraft. da sie in der kritischen Sozialwissenschaft bislang wenig Beachtung fanden. Damit wird der Zinssatz für Neuemissionen von Staatsanleihen von Schwellenländern festgelegt.P. disziplinierend auf die Regierungen einzuwirken und deren Zahlungsfähigkeit zu gewährleisten. Auch kritisierte von Rosen die Dominanz der beiden US-Agenturen und forderte eine stärkere europäische Komponente und mehr Wettbewerb auf dem duopolistischen Rating-Markt. da sie deren Kapitalaufnahme verteuern. Schlechte Ratings beschleunigen in der Regel den Abwärtstrend in den Schwellenländern. Dies schränkt die Handlungs. Die Finanzmärkte haben damit einen direkten Einfluss auf die Wirtschaftspolitik. Nachdem die Schuldenkrise der 1980er Jahre die Banken der USA erschüttert hatte.236 Ingo Malcher laufen in der Regel entgegengesetzt zu den Interessen der Schwellenländer. Erst wenn dort keine Einigung erzielt würde. die von den Unternehmen angerufen werden könnte. Es sind die Einstufungen der Rating-Agenturen. die immer mit Blick auf die Bewertung ihres Landes Politik machen müssen.2 Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+) Es erschien notwenig. ist erwünscht.und Entscheidungsspielräume von Regierungen in den Schwellenländern ein. Im Folgenden soll auf ein weiteres privates Regulierungsinstrument eingegangen werden: den Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+). was Geld kostet und dadurch den Schuldendienst gefährden könnte. da ein hoher Zinssatz die Wiederbelebung der Wirtschaft erschwert. Morgan Chase ermittelt wird. etwa die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) oder eine Institution auf EU-Ebene. wurden neue Elemente entwickelt. der die sozialen Gegensätze noch verschärft. will von Rosen staatliche Institutionen einschalten. etwas länger auf die Rating-Agenturen einzugehen.

Es ist auch ein Sanktionsmechanismus für wirtschaftspolitische Maßnahmen.B. Dieser Ubergang von der Kreditfinanzierung der 1970er und 1980er Jahre zur Bond-Finanzierung war nur Schwellenländern möglich. nicht den armen Entwicklungsländern. sinken die Preise. Wohlfahrts-. Den Zinssatz für die Bonds bestimmt der sekündlich festgestellte EMBI+ am Ausgabetag. oder neue Papiere zu zeichnen. da sie einzelne von Staaten ausgegebene Bonds bewerten.oder Nachhaltigkeitsvorstellungen orientiert. Treffend schreibt Huffschmid (1999: 545) über die Rolle der Finanzmärkte in der Weltökonomie: »International liberalisierte F[inanzmärkte] werden zunehmend zu einer Schranke für jede Wirtschaftspolitik. die sich an Beschäftigungs-. bieten verschreckte Investoren auf den Schuldtitelmärkten die Schuldtitel (»Bonds«) des entsprechenden Landes zum Verkauf an. Dabei muss der Investor aber das Risiko absichern. Übersetzung I. auf hohe »Wahrscheinlich war dies der gefährlichste Moment für die kapitalistische Wirtschaft seit 1929 gewesen«. da sie in der Lage sind. extremer Sparkurs) werden durch niedrige Zinssätze belohnt. wenn ihnen das Risiko zu groß wird. Dies funktioniert über das Gesetz von Angebot und Nachfrage: Werden viele Titel angeboten. 10 So geben die Banken heute so gut wie keine starren Kredite mehr an Schwellenländer. Marktkonforme Politiken (z. dass ein Land seine Schulden bezahlen kann. marktfeindliche (z.B. Dieser Prozess stärkte den Einfluss und die Einnahmen der Rating-Agenturen.« (Halperin Donghi 1992: 758. sondern zeichnen Staatsanleihen dieser Länder (Bonds). die Papiere abzustoßen. hätten sie das weltweite Finanzsystem in Gefahr gebracht. wenn sie sich ein gutes Geschäft davon versprechen. Halperin Donghi stimmt zu: »Hätten alle lateinamerikanischen Länder ihre Schulden nicht mehr bezahlt. Insofern haben die Finanzmärkte ein reales politisches Druckmittel in der Hand. Sinken die Aussichten. auf den steigenden Kurswert seiner Wertpapierdepots.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 237 schützen. Erhöhung der Staatsausgaben) bestraft. dass die Aussichten auf Zahlung der Schulden sinken. Dadurch sinkt der Wert der Bonds und es steigen die Länderrisikopunkte. die dazu führen. bilanziert Hobsbawm (1998: 527) über die Schuldenkrise.M.) 10 . Denn das Interesse des Geldkapitals richtet sich in erster Linie auf die Stabilität des Geldwerts. Über den EMBI+ haben die Finanzmärkte eine direkte Definitionsmacht über die Ziele der verschuldeten Volkswirtschaften inne. Gerechtigkeits. Das Länderrisiko ist eine Art Zwangs-TÜV. mit dem die Finanzmärkte auf wirtschaftspolitische Entscheidungen in den einzelnen Ländern direkt und unmittelbar Einfluss nehmen können. Damit sind Banken und Investoren flexibler. was die Rating-Agenturen und den EMBI+ ins Spiel bringt.

Durch die hohe Verschuldung des Staates im Land verloren die lokalen Banken und die lokalen privaten Rentenkassen ihre Liquidität. Genau dies ist im Falle Argentiniens passiert. Krankenhäusern etc. Dennoch gelten für Staaten auf den Finanzmärkten dieselben Kriterien. Erhaltung von Schulen. etwa das Bezahlen von Staatsangestellten. sie hatten rund die Hälfte der argentinischen Bonds in ihren Portfolios (Boris/Malcher 2001: 47ff. um die Schulden zu bedienen. dass die Commodity-Preise sehr stark anzogen und das Land dank florierender Exporte einen Haushaltsüberschuss verzeichnete und nicht auf Fremdfinanzierung angewiesen war.02. 15:38. Die stellvertretende IWF-Chefin Anne Krueger hat bereits kurz nach Argentiniens Zahlungsausfall eine Diskussion über die Etablierung suprastaatlicher Regelungen für Staatsbankrotte in Gang gebracht. Die hohe Mobilität verschafft dem Kapital Exit-Optionen. bevor sich das Land zum Jahreswechsel 2001/2002 zahlungsunfähig erklären musste. AFP. 12 Vgl. die es als Drohung gegen jede Regierung wenden kann. Er hat auch nach seinem Bankrott Aufgaben zu erfüllen. 11 . Die von den Rating-Agenturen entworfenen Begriffe »Non-investment« oder »Default« sind im Falle von Firmen leicht festzustellen: Bankrott. Im Falle eines Staates ist dies nicht möglich. da die Rendite schon auf Festgeldkonten relativ hoch ist. 23. seit es über die Möglichkeit verfügt. Profitieren können von einer solchen Situation nur Geldbesitzer. 11 Denn der Fall Argentinien hat die Finanzmärkte wachgerüttelt: Durch das Fehlen von Regulierung im Falle des Bankrotts standen auch keine Sanktionsmechanismen mehr zur Verfügung.238 Ingo Malcher Zinsen bzw. Aufrechterhaltung von Infrastruktur.09. verglichen mit der Gewinnerwartung bei Investitionen im produktiven Bereich inmitten einer Krise.). die verbliebenen A k tiva versteigert werden.« Mit den in die Höhe getriebenen Zinsen durch die Länderrisikorate sitzt der Staat doppelt in der Falle: Die hohen Zinsen erschweren wegen der teuren Kredite das Wirtschaftswachstum. sich jederzeit ohne besonderen Aufwand durch Kapitalflucht unliebsamen Eingriffen zu entziehen. Argentinien wurde im Moment der Zahlungsunfähigkeit dadurch begünstigt. Seine Durchsetzungsmacht gegenüber der Politik ist besonders groß.: IWF will Konkursrecht für Staaten schon ab nächstem Frühjahr. dass sie geschlossen wird. Dividenden. dass Geld in produktive Investitionen fließt. 12 Zumindest in diesem Fall. Bei einer Firma bedeutet dies. sie verhindern aber auch. was als weiteres Disziplinierungsinstrument wirkt.

eine Welt mit freiem Güter. die eigene wirtschaftspolitische Autonomie dafür zurückzu13 .Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 239 5. Staaten sind keine privatwirtschaftlichen Einrichtungen. wo es eine globale Ordnung mit klar definierten Regeln gibt .wie auch immer diese zustande kamen -. Weder die Rating-Agenturen noch der EMBI+ unterliegen der Kontrolle eines Staates oder suprastaatlicher Organisationen. Steuer-.und damit direkt über die Ziele der Politik und was politisch möglich ist und was nicht. muss auch eine globale Geld. dass die Wirtschafts-. Umwelt. selbst wenn der neoliberale Konsens bereits zerbrochen ist. dass es sich beim EMBI+ um einen Marktmechanismus handelt. Dieser Marktmechanismus steht über den Regierungen der Länder und besteht weiter fort. Perspektiven Anders als im Bereich des internationalen Handels. Dies hat zur Folge.und Währungsordnung anstreben und bereit sein. Genau deswegen ist er als Zwangsmechanismus zu begreifen.und Kapitalverkehr. das heißt im Sinne privater Interessen reguliert werden. 13 Heiner Flassbeck kritisierte als einer der wenigen mehrfach die bestehende Währungsordnung. Daher gehören die Rating-Agenturen und der EMBI+ zum institutionellen Fundament der neoliberalen Hegemonie und zu ihren Durchsetzungsinstrumenten. Aber sie sind mehr als das: Die private Regulierung der Weltwirtschaft und der globalen Finanzmärkte sind ein Zwangsmechanismus der neoliberalen Hegemonie. Wichtig ist. die Verwaltung finanzieren.Sozialstaat finanzieren.wie auch immer gearteten . Im Gegenteil: Wie am Beispiel des Baseler Akkords für Bankensicherheit gezeigt wurde. Dabei müssen die Staaten einen . staatliche Institutionen in den G7-Ländern von ihren Richtlinien zu überzeugen und diese in den Rang von staatlicher Politik zu erheben. der im Zuge der Liberalisierung der Finanzmärkte entstanden ist. trotzdem werden sie so behandelt. gibt es vergleichbare Regelungen für den Bereich der Finanzmärkte nicht. »Wer eine globalisierte und liberalisierte Welt will. Mit den Rating-Agenturen und dem EMBI+ entscheiden private Institutionen über die Zugangsbedingungen von Staaten zu den Finanzmärkten und über die Kosten der Finanzierung von Staaten . Mit dem EMBI+ werden für Staaten die gleichen Kriterien bei der Ermittlung der Zinszahlungen angewandt wie für Unternehmen. die Infrastruktur sichern. sind die Rating-Agenturen in der Lage.und Sozialpolitik weltweit privat reguliert werden. Die Weltpolitik wird auf diese Weise privatisiert.

welche die Spielräume der MitteLinks-Regierungen in Lateinamerika einschränken. um die Verhältnisse in den lateinamerikanischen Ländern zu beeinflussen und das enorme soziale Ungleichgewicht wenigstens ein wenig zu verändern. Dies ändert sich aber sofort wieder. ist dies nicht notwendigerweise der Beginn einer neuen Epoche. Gerade Länder wie Venezuela oder Bolivien sind sehr stark vom Rohstoffexport abhängig und ernten mit ihren gegenwärtigen Reformen bei Unternehmern und Investoren heftige Kritik. in vielen Ländern Druck auf die Regierungen auszuüben. Doch bei dem Prozess der Veränderung werden auch Rückschläge und Niederlagen auf die Linksregierungen zukommen. Gefragt. Doch wenigstens eine stärkere Regulierung weltwirtschaftlicher Verhältnisse wäre nötig. Nur weil einige Regierungen ausgewechselt wurden. wie es ihnen gelingt. .240 Ingo Malcher Es sind diese Zwangsmechanismen. Selbst das ist nicht durchsetzbar. in denen die Länder über hohe Deviseneinnahmen verfügen und daher meist kein Haushaltsdefizit finanzieren müssen. Progressive Veränderung in Südamerika scheint derzeit möglich. In Zeiten hoher Rohstoffpreise. Herr 2001: 161ff. auf internationaler Ebene die Verhältnisse zu verändern . stellen. Huffschmid 2001: 201ff. ehemaliger Stadtguerillero der Tupamaros und inzwischen Landwirtschaftsminister von Uruguay. Doch der Erfolg der linken Regierungen hängt auch stark davon ab. Kleinbauern gelingt es als organisierte Kraft. vor allzu hohen Erwartungen an seine neue Regierung.und Sozialpolitik ist fraglich. die dies fordern. wenn es Länder abseits der Zentren sind... Und bei der eigenen Wirtschafts. dass die Krise in Südamerika zum Wiedererwachen der sozialen Bewegungen auf dem Kontinent geführt hat. Aber es ist ein Anfang. wird ihre Wirkungsweise abgeschwächt. ob sie schon ausreicht. und schon gar nicht.und das ist derzeit utopisch. Zu Recht warnt Jose Mujica. wenn die Preise auf den Weltmärkten wieder fallen.ein Zurück zu mehr Markt erscheint heute als nicht denkbar.« (Flassbeck 2002) Zu Kritik und Alternativen zur bestehenden Weltwährungsstruktur siehe auch: Flassbeck 2001: 241ff. Arbeitslosen. Landlosen. ob die Linke in Uruguay jetzt die Macht erobert habe. Ihre Wirkungsmacht hängt auch von weltwirtschaftlichen Verhältnissen ab. Hierfür finden sich weder bei europäischen Regierungen und erst recht nicht in den USA Bündnispartner. Das liegt aber auch daran. sondern stürzte fast alle Länder des Kontinents in schwere Krisen. Doch auch in diesen Ländern führte die neoliberale Hegemonie der 1990er Jahre wie in ganz Lateinamerika nicht zu Wohlstand. Und die neuen Regierungen steuern mit mehr staatlicher Regulierung dagegen .

FEG-Studie Nr. in: Panitch. Antonio (1991ff.« Macht hat die nationale Bourgeoisie. in: ders. 6/2002 Gramsci. Dieter/Malcher. Ingo (2001): Argentinien am Ende der neoliberalen Sackgasse. Robert (1998): Gramsci. 241-270 Flassbeck. 1ff. La política exterior del primer gobierno Menem frente a la teoría de las relaciones internacionales. Hamburg Halperin Donghi. Leo.): Neue Weltwährungsarchitektur.. in: Heise. INEF Report H. Heiner (2001): Flexiblere oder festere Währungskurse . S. Carlos (1995): El realismo de los estados debiles. Rendlesham Boyer. Heiner (2002): Naiver Musterschüler. Basel Boris. Marie-Luise (2003): Noten bringen Geld. John/Holthausen. Global Capitalism versus Democracy. Deshalb können Veränderungen von den Regierungslinken in Südamerika nicht allein in die Wege geleitet werden. Robert (2005): Es un gobierno pragmätico. H. Tulio (1992): Historia contemporänea de America Latina. 06 de Noviembre de 2005.: Socialist Register. 733-752 Hauch-Fleck.): Gefängnishefte. haben ausländische Investoren. S. 11.a. Bd.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 241 gab er zur Antwort: »Macht ist etwas. Arne (Hrsg.: Weltordnung und Hegemonie . Heribert (1999): Die globalen Währungs. in: Journal of Finance KL VII. in: Die Zeit. Gerhard-Mercator-Universität Duisburg Escude.Grundlagen der »Internationalen Politischen Ökonomie«. Nr. Rating-Agenturen beur- . S. haben die Disziplinarinstitutionen wie der IWF.zeit. Supplemento de Pägina/12. in: Die Bank.Zeitschrift marxistische Erneuerung. S. wir haben es an die Regierung gebracht. Literatur Bank for International Settlements (2000): 70th Anual Report.. 41.und Finanzmärkte nach der Asienkrise: Reformbedarf und politische Hemmnisse.einige falsche Lehren aus der Asienkrise. Robert/Leftwich. was uns zu groß ist. Hegemonie und Internationale Beziehungen: Ein Aufsatz zur Methode. Der IWF verpasste Argentinien falsche Rezepte. in: Cash. Marburg. haben die internationalen Finanzmärkte. u. Marburg. 48. Oliver (1999): Mehr als nur zwei Ratings. 47-59 Boron. 2.de/text/2003/12/G-Rating_ Agenturen Cox. Buenos Aires Hand. 69-86 Dieter. in: Z. H. Atilio (1999): State Decay and Democratic Decadence in Latin America. http://zeus. Richard (1992): The effect of bond Tating agency announcements on bond and stock prices. Dezember 2001. Buenos Aires Everling. S. 252257 Flassbeck. 4/99.

447-466 Sinclair. Timothy (1994): Between state and market: Hegemony and institutions of collective action under conditions of international capital mobility. Weltgeschichte des 20. München Huffschmid. in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Ingo (2005): Der Mercosur. Magisterarbeit im Fach Politikwissenschaft. Bonn. Torsten (2000): Funktionen und Folgen privater Rating-Agenturen im Kontext der Regulierung globaler Finanzmärkte. Jg. John (2002): What Washington means by Policy Reform. Tobias/Hamm.zeit. in: http:// www. 3-23 Willke. Timothy (2001): The infrastructure of Global Governance: Quasi-Regulatory Mechanisms and the new Global Finance. Außenpolitik. Arne (Hrsg. in: Heise. Der Einfluss privater Rating-Agenturen auf Finanzmärkte und Politik.com/publications/papers/williamsonl 102-2. S. Jahrhunderts. S. 150-171 Hobsbawm. S. 201-240 Malcher. S. Sicherheit.de/text/2003/12/G-Rating_Agenturen Herr.Lehren für die Zukunft. Frankfurt/M Williamson. http://zeus. Hamburg. Studien zur atopischen Gesellschaft. Jetzt gerät ihre Arbeit in die Kritik. 161-200 Hillebrand.htm . Arne (Hrsg. Robert/Veneroso. Eric (1998): Das Zeitalter der Extreme. Frank: The Asian Crisis: The High Debt Model versus the Wall-Street-Treasury-IMF-Complex. Marburg. 443-462 Wade. Marburg Schirm. Nr. S.1994. Ein peripherer Handelsblock in der neoliberalen Globalisierung. Helmut (2001): Atopia. in: Global Governance. S. Stefan A. in: Die Zeit 12/2003.Das Beispiel Venezuela. S.iie. Marburg.): Neue Weltwährungsarchitektur. 2001. in: New Left Review. New York/London Strulik. S. (1994): Macht und Wandel: Die Beziehungen der USA zu Mexiko und Brasilien. in: Heise. 441-451 Sinclair. H.): Neue Weltwährungsarchitektur. Brigitte/Brühl. Thimothy (2005): The New Masters of Capital: American Bond Rating Agencies and the Politics of Creditworthiness. Wirtschaft. 535-548 Huffschmid. Tanja: Die Privatisierung der Weltpolitik.242 Ingo Malcher teilen die Finanzkraft von Unternehmen. Jörg (1999): Finanzmärkte. 228 (MarchApril 1998). 7. Ernst (2001): Schlüsselstellung im globalisierten Kapitalismus.. Bea (2007): Öl und Entwicklung . Entstaatlichung und Kommerzialisierung im Globalisierungsprozess. in: Policy Sciences 27. Jörg (2001): Ansatzpunkte für eine Reform des internationalen Finanzsystems. in: Debiel. in: Soziale Welt. Opladen Sinclair. 51. Hansjörg (2001): Weltwährungssysteme im Rückblick . 4. Baden-Baden Müller.

) In meinem Buch »Adam Smith in Beijing« (2007) stelle ich die folgende Behauptung auf: Wenn die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. oder sogar 18. Die Auflehnung gegen den Westen schuf für die Völker der nichtwestlichen Welt die politischen Bedingungen für die Erlangung sozialer und ökonomischer Macht..) als die Auflehnung gegen den Westen«. aber sehr tief empfundenen Niedergang erlitt. nach dem sie einen relativ kurzen.»Ostasien ist eine große Region der Vergangenheit. .Giovanni Arrighi Adam Smith in Beijing1 »Zu Beginn des 20..die für die meisten Historiker noch von europäischen Kriegen und Problemen dominiert war . Für Barraclough gab es wenig Grund zum Zweifel: Wenn die Geschichte der ersten Hälfte des 20.in den Worten Gilbert Rozmans . Jahrhunderts«.. (Barraclough 1967: 153f. Die ökonomische Renaissance Ostasiens ist das erste und deutlichste Anzeichen dafür. 17. Jahrhunderts . bis zum 16... dass solch eine Machterlangung begonnen hat. Jahrhundert. Jahrhunderts aus solch einem größeren Blickwinkel geschrieben wird. Wir sprechen von einer Renaissance. würde sich »kein Einzelthema als wichtiger erweisen (. schrieb Geoffrey Barraclough Mitte der 1960er Jahre.« Die Positionsveränderung der Völker Asiens und Afrikas »war das sicherste Zeichen für den Beginn einer neuen Ära«. Nie zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte kam es in solcher Geschwindigkeit zu einem derartigen revolutionären Umschwung. »stand die europäische Macht in Asien und Afrika in ihrer vollen Blüte. Sechzig Jahre später sind nur noch Überreste der europäischen Dominanz übrig. der in den 1950er Leicht gekürzte Fassung der Einleitung zum gleichnamigen Buch (Hamburg 2007). keine Nation.aus größerem Blickwinkel geschrieben würde. so schien es. denn . die mindestens zweitausend Jahre lang an der Spitze der Weltentwicklung stand. dann wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach kein Einzelthema als bedeutsamer erweisen als die ökonomische Renaissance Ostasiens.« (Rozman 1991: 6) Die Renaissance erfolgte durch einen Schneeballeffekt miteinander verbundener »Wirtschaftswunder« in einer Reihe von ostasiatischen Staaten. 1 . konnte der Überlegenheit europäischer Waffen und Wirtschaftskraft standhalten.

. in den 1970ern und 1980ern in Südkorea.. Wie es scheint. Malaysia und Thailand weiter anwuchs und in den 1990ern und frühen 2000ern im Hervortreten Chinas als weltweit dynamischster Brennpunkt des Wachstums von Wirtschaft und Handel gipfelte. die seither vergangen sind. welche Wohltaten und welches Unglück der Menschheit aus diesen 2 3 Die Schneeball-Metapher wird zum ersten Mal verwendet in Ozawa 1993: 30f.244 Giovanni Arrighi und 1960er Jahren in Japan begann. doch ist es noch nicht möglich. Wie Karl Marx nach ihm sah Smith einen wichtigen Wendepunkt der Weltgeschichte in den europäischen »Entdeckungen« von Amerika und der Passage nach Ostindien um das Kap der Guten Hoffnung. Hongkong. Die großen Fragen sind. dass Adam Smiths Voraussage einer letztendlichen Angleichung der Macht zwischen dem siegreichen Westen und dem besiegten Nichtwesten schließlich wahr werden könnte. die Auswirkungen in ihrer ganzen Tragweite erkennen zu können. anschließend.. Terutomo Ozawa zufolge . Singapur. Nichtsdestotrotz war er viel weniger zuversichtlich als Marx in Bezug auf den letztendlichen Nutzen dieser Ereignisse für die Menschheit. wie er unterstellt. Was nun folgt . Japan war lediglich der Vorbote einer asiatischen Zukunft. insbesondere auf Nachbarländer. seines riesigen nordamerikanischen Ablegers beenden.. kommt diese Zukunft bestimmt. . Taiwan.wird sich als keins von beidem erweisen.. Doch selbst wenn er nur teilweise Recht hat. The Financial Times.. Europa war die Vergangenheit.allem voran China . um die Welt zu verändern. ohne Zweifel . deutet die Renaissance Ostasiens darauf hin.. wird er die zweihundert Jahre währende Dominanz Europas und. 22. in dem kurzen Zeitraum von zwei bis drei Jahrhunderten.wird »das chinesische Wunder. die USA sind die Gegenwart und ein von China dominiertes Asien ist die Zukunft der Weltwirtschaft. wie bald und wie reibungslos das passiert.. Und keine menschliche Klugheit und Umsicht kann voraussehen. »Ihre Folgen sind zwar bereits recht beachtlich gewesen. Das Land hat sich als zu klein und zu sehr nach innen gerichtet erwiesen.« (Ozawa 2003: 700. Hervorhebung im Original) 2 Martin Wolf stößt in dasselbe Horn. was seine Auswirkungen auf den Rest der Welt angeht . 2003. auch wenn es noch in der Anfangsphase steckt.der als erster den Begriff eines Schneeballeffekts zur Beschreibung des ostasiatischen Aufstiegs einführte . September.« 3 Die von Wolf ins Auge gefasste asiatische Zukunft ist vielleicht nicht so zwangsläufig. wenn er erklärt: »Sollte [Asiens Aufstieg] so weitergehen wie während der letzten paar Jahrzehnte. das dramatischste sein. »Asia is Awakening«.

als Smith dies schrieb. das allein die Ungerechtigkeit unabhängiger Nationen in eine Art Respekt vor den gegenseitigen Rechten umzuwandeln vermag. Anleitung in institutioneller Entwicklung und Belege für ihr Eintreten für so unterschiedliche Sachen wie aufgeklärten Absolutismus. hatte Ostasiens »Niedergang« kaum begonnen. Leibniz. da sie die entlegensten Gebiete der Welt in gewissem Umfange zusammengeführt und es ihnen möglich gemacht haben. Ganz allgemein dürften sie wohl in der Tendenz nützlich und förderlich sein. als man beide Entdeckungen gemacht hat.und Westindien aber sind alle Handelsvorteile. Quesnay und andere »wandten sich an China um moralische Belehrung.Adam Smith in Beijing 245 einmaligen Entdeckungen erwachsen werden. Zu der Zeit. den Bedarf an Nötigem und Annehmlichem im Austausch zu decken und Gewerbe und Handel untereinander zu fördern. der chinesische »Binnenmarkt« sei »in seiner Ausdehnung nicht . (Adas 1989: 79.. Meritokratie und eine auf Landwirtschaft basierende Volkswirtschaft«. war das Ü b e r g e w i c h t an Macht auf Seiten der Europäer so groß. Jahrhunderts waren eine Quelle der Inspiration für führende Köpfe der europäischen Aufklärung. die Macht der Europäer aber schwächer werden. Vielleicht können künftighin die Eingeborenen jener Länder stärker und machtvoller. der bemerkenswerte Frieden und Wohlstand und das Bevölkerungswachstum in China während des größten Teils des 18. Hervorhebung von mir) Da die Ureinwohner Europas bei weitem nicht schwächer und diejenigen nichteuropäischer Länder bei weitem nicht stärker wurden. die aus beiden Ereignissen hätten erwachsen können. Im Gegenteil. sich in der nichteuropäischen Welt ungestraft »jede Art von Ungerechtigkeit« zu erlauben. zusammengeschrumpft. sodass die Bewohner aller Regionen der Welt den gleichen Mut und die gleiche Stärke erlangen.« (Smith 1993: 526f. Quesnays Charakterisierung zufolge war das chinesische Reich das. und sie haben in dem schrecklichen Unglück geendet. »was ganz Europa wäre. siehe auch Hung 2003) Der auffallendste Unterschied zu europäischen Staaten war die Größe und Bevölkerung des chinesischen Reichs. Ja. das sie erlitten haben . stieg das »Übergewicht an Macht« auf Seiten der Europäer und ihrer Ableger in Nordamerika und anderswo nach der Veröffentlichung von Der Wohlstand der Nationen noch fast zweihundert Jahre weiter an. dass sie sich jede Art Ungerechtigkeit in diesen fernen Gebieten erlauben konnten. Für die Eingeborenen in Ost.. wäre das letztere unter einem einzigen Souverän vereinigt« . Voltaire. wodurch es zu einem Gleichgewicht in der Abschreckung kommt. sich gegenseitig zu helfen..eine Charakterisierung. ebenso wie ihre Möglichkeit. die auch in Smiths Bemerkung anklingt.

auf die sie beim Handel mit China stießen. die Perfektion und Vielfalt ihrer Hilfsmittel zur gegenseitigen Zerstörung und die Kunstfertigkeit. und diese Schwächen seien Symptome einer grundlegenden Schwäche der chinesischen Gesellschaft als Ganzer. denn Europa stieg rasant auf den Zenit seiner Macht. die weit hinter die aggressiven >Barbaren< vor ihren südlichen Toren zurückgefallen waren.. drei Jahre bevor Großbritannien den ersten Opiumkrieg gegen China begann (1839-1842). erklärte der Autor eines in Kanton anonym veröffentlichten Aufsatzes. und Ostasien sank ebenso rasant auf seinen Tiefstpunkt. mit der sie diese verwendet«. das von einer Klasse des Amtsadels regiert wurde. der diese Bewertungen wiedergibt. 1836. »halb-souveräner Staat«. dass die zunehmende Bedeutung militärischer Fähigkeiten »für die Beurteilung der Gesamtleistung nichtwestlicher Völker durch die Europäer den Chinesen. Dann fuhr er fort. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war China zum ärmsten Land der Welt geworden. Smith 1993: 576) Während der nächsten 50 Jahre unterlief ein großer Vorwärtssprung in der militärischen Macht Europas dieses positive Bild von China. was Ken Pomeranz die große Divergenz genannt hat.246 Giovanni Arrighi viel kleiner als der Absatzmarkt aller europäischen Länder zusammen«. durch die Teilung im aufkommenden Kalten Krieg auseinandergerissen zu werden. und die meisten anderen Länder der Region kämpften entweder noch gegen die Kolonialherrschaft oder standen kurz davor. Japan war ein militärisch besetzter. Diese Anklagen und Beschwerden förderten eine grundsätzlich negative Sicht auf China als bürokratisch repressives und militärisch schwaches Reich. indem er die chinesische Reichsmarine als »ungeheuerliche Burleske« abtat. Michael Adas. nichts Gutes verhieß. 185f.« (Adas 1989: 89-93. wichen stark voneinander ab. Europäische Kaufleute und Abenteurer hatten schon lange die militärische Verwundbarkeit eines Reichs betont. siehe auch Parker 1989: 98f. (Quesnay 1969: 115. (Pomeranz 2000) Das politische und wirtschaftliche Geschick zweier Weltregionen.. und behauptete. und sich gleichzeitig bitter beschwert über die bürokratischen und kulturellen Hindernisse. antiquierte Kanonen und disziplinlose Armeen machten China »an Land machtlos«. 124f.) In dem Jahrhundert nach Chinas Niederlage im ersten Opiumkrieg wurde der Niedergang Ostasiens zu dem. »es gibt derzeit vermutlich kein passenderes Kriterium für die Zivilisation und den Fortschritt einer Gesellschaft als ihre Kenntnisse in der >mörderischen Kunst<. In Ostasien gab es ebenso wenig Anzeichen wie anderswo für eine nahe bevorstehende . fügt hinzu. die bis dahin durch einen ähnlichen Lebensstandard gekennzeichnet waren.

das die USA während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufbauten. Während der historische Nichtwesten fast vollständig der Dritten Welt zugeordnet wurde. Jahrestag der Veröffentlichung von Wohlstand der Nationen und kurz nachdem die USA beschlossen hatten. kein Staat hatte zuvor seine eigenen Truppen in so großem Umfang während eines so langen friedlichen Zeitabschnitts auf souveränem Territorium anderer Staaten stationiert.»die Bewohner aller Regionen der Welt den gleichen Mut und die gleiche Stärke erlangen. als es dem mächtigen USamerikanischen Militärapparat nicht gelang. das allein die Ungerechtigkeit unabhängiger Nationen in eine Art Respekt vor den gegenseitigen Rechten umzuwandeln vermag«. In Asien und Afrika wurde vielerorts die alte Staatssouveränität wieder hergestellt und massenweise neue wurden geschaffen. in Stephen Krasners Worten.Adam Smith in Beijing 247 Bestätigung von Smiths Behauptung. Zum 200. 4 In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren. da . Die Kapitalflüsse aus Ländern der Ersten in Länder der Das weit auseinandergezogene/ausgreifende Netzwerk quasi dauerhafter Militärstützpunkte in Ubersee.« (Krasner 1988: 21) 5 Die Entstehung einer »Dritten Welt« in den 1950ern war ein gemeinsames Produkt der Auflehnung gegen den Westen und der Weltordnung des Kalten Kriegs. den die Welt je gesehen hatte. »ohne historischen Präzedenzfall. ebenso wie ihr üppiges und billiges Angebot an Arbeitskräften. die inzwischen die Dritte Welt bildeten. Der wohlhabendste (Nordamerika.wie Smith es sich vorgestellt hatte . Süden ersetzt. (Sylos-Labini 1976: 230-232) Die wirtschaftlichen Umstände schienen auch die Länder zu begünstigen. war. sich aus Vietnam zurückzuziehen. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Verschwinden der Zweiten Welt wurden die Ausdrücke Erste und Dritte Welt zu Anachronismen und durch die Ausdrücke globaler Norden bzw. durch die Ausweitung und Vertiefung des Austausches in der Weltwirtschaft würde es zu einem Machtausgleich zwischen Völkern europäischer und nichteuropäischer Abstammung kommen. fragte sich Paolo Sylos-Labini. spaltete sich der historische Westen in drei verschiedene Bestandteile. 4 . ob die Zeit endlich gekommen sei. Doch mit der Entkolonialisierung ging die Errichtung des umfangreichsten und potenziell zerstörerischsten Apparats westlicher Streitmacht einher. Sicherlich hatte der Zweite Weltkrieg der Auflehnung gegen den Westen gewaltigen Auftrieb verliehen. Westeuropa und Australien) machte zusammen mit Japan fortan die Erste Welt aus. 5 Ihre natürlichen Ressourcen waren sehr gefragt. das vietnamesische Volk in eine permanente Spaltung entlang der Trennlinie des Kalten Krieges zu zwingen. Ein weniger wohlhabender Bestandteil (die UdSSR und Osteuropa) bildete fortan die Zweite Welt und ein weiterer (Lateinamerika) konstituierte zusammen mit dem Nichtwesten die Dritte Welt. schien die Situation sich zu verändern. wodurch es zu einem Gleichgewicht in der Abschreckung kommt.

Keiner dieser Staaten war nach herkömmlichen Maßstäben mächtig.Japan. wurde mir klar. der Garnisonsstaat Taiwan und die Teilnation Südkorea am wichtigsten. voreilig gewesen war.waren vollkommen abhängig von den USA. In den 1980ern hatte eine von den USA vorangetriebene Eskalation des Wettbewerbs auf den weltweiten Finanzmärkten plötzlich die Versorgung der Dritt. was Bruce Cumings den »kapitalistischen Archipel« von Ostasien getauft hat.248 Giovanni Arrighi Dritten (und Zweiten) Welt verstärkten sich beträchtlich. und Drittweltländer hatten sich über ideologische Gräben hinweg vereinigt. Gleichzeitig ergriffen die USA und ihre europäischen Verbündeten die Gelegenheit.) Japan war bei weitem die größte der »Inseln« dieses Archipels. mussten Drittweltländer nun mit ehemaligen Zweitweltländern um den Zugang zu Märkten und Ressourcen der Ersten Welt konkurrieren. dass jede Hoffnung (oder Befürchtung) einer unmittelbar bevorstehenden Angleichung der Chancen der Völker der Welt. nicht nur im Hinblick auf militärischen Schutz. Von den übrigen waren die Stadtstaaten Singapur und Hongkong. (Arrighi 1994: 21f. sondern in jeder Hinsicht unanfechtbar. von dem andauernden Prozess der weltweiten wirtschaftlichen Integration zu profitieren. und die drei größeren Staaten . Die Handelsbedingungen waren so schnell und entschieden zugunsten der Ersten Welt umgeschlagen. die sich durch den Zusammenbruch der UdSSR bot. Statt zwei einander feindlich gegenüberstehende Supermächte zur Verfügung zu haben. Als ich mich 18 Jahre später erneut mit Sylos-Labinis Überlegungen beschäftigte. Denn das Schwinden der Sowjetmacht war von der Entstehung dessen begleitet gewesen. dass die Gegenreaktion nicht die Machtverhältnisse von vor 1970 wieder hergestellt hatte.) Nichtsdestotrotz wurde mir ebenfalls klar. Südkorea und Taiwan . die rasche Industrialisierung von Drittweltländern unterminierte die frühere Konzentration der Produktion in Erst. mit einigem Erfolg Anspruch auf ein weltweites »Monopol« der legitimen Anwendung von Gewalt zu erheben. (Cumings 1993: 25f. Desorientiert und desorganisiert durch die zunehmende Turbulenz der Weltwirtschaft und in harter Bedrängnis infolge einer neuen Eskalation des Rüstungswettlaufs war das Sowjetreich zerfallen.und Zweitweltländer mit Geldern zum Versiegen gebracht und die Nachfrage nach ihren Produkten stark schrumpfen lassen.(und Zweit-)Weltländern. sondern auch . Hongkong war nicht einmal ein souveräner Staat. in dem Glauben. dass ihre Übermacht nicht nur größer war als je zuvor. um eine neue internationale Wirtschaftsordnung zu fordern. wie sie sich in den 1970ern zu ihren Ungunsten gekehrt hatten.

Adam Smith in Beijing 249 auf Energie. Und dennoch zwang die kollektive Wirtschaftskraft des Archipels als neue »Werkstatt« und »Geldkassette« der Welt die traditionellen Zentren der kapitalistischen Macht . seit dies geschrieben wurde. September 2001 war im Wesentlichen ein Versuch. Gleichzeitig sind auch die Chancen für die Herausbildung einer Ostasien-zentrierten Weltmarktgesellschaft gestiegen. Wie ich es damals in einer Paraphrasierung Joseph Schumpeters ausdrückte: Ehe die Menschheit im Verlies (oder Paradies) eines West-zentrierten Weltreichs oder einer Ostasien-zentrierten Weltmarktgesellschaft erstickt (oder sich aalt). in Paraphrasierung von Schumpeter 1954: 163) Die Trends und Ereignisse der 13 Jahre. »könnte sie leicht im Schrecken (oder dem Ruhm) der eskalierenden Gewalt verbrennen. die mit der Liquidierung der Weltordnung des Kalten Kriegs einhergegangen ist«. ihrer Wirtschaft und ihrer Lebensweise. wie Adam Smith sie sich vorstellte.Westeuropa und Nordamerika . dass die Trennung zu endlosem weltweiten Chaos führen würde. den entstehenden kapitalistischen Zentren Ostasiens »Schutzzahlungen« abzupressen.zur Umstrukturierung und Neuorganisation ihrer eigenen Industrien. Die glänzenderen Aussichten für dieses Ergebnis sind zum Teil den verheerenden Auswirkungen des irakischen . wäre möglicherweise das erste echte Weltreich der globalen Geschichte entstanden. in den Annalen der kapitalistischen Geschichte ohne Präzedenzfall und könnte sich in drei recht verschiedene Richtungen entwickeln.und Nahrungsmittelvorräte sowie die profitable Veräußerung ihrer Erzeugnisse. (Arrighi 1994: 22) Eine solche Trennung von militärischer und wirtschaftlicher Macht ist. dieses erste echte Weltreich der globalen Geschichte entstehen zu lassen (dazu näher Arrighi 2007: Teil 3). ihre militärische Überlegenheit dazu einzusetzen. wenn er erfolglos geblieben wäre. haben die Wahrscheinlichkeit für das tatsächliche Eintreten jedes dieser Ergebnisse radikal verändert. Aber es war auch möglich. (Arrighi 1994: 354-356. so behauptete ich. Die Wahrscheinlichkeit eines endlosen weltweiten Chaos hat sich vermutlich vergrößert. aber doch stark verringert. Die weltweite Gewalt ist weiter eskaliert und die Übernahme des Projekts für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert durch die Bush-Regierung in Reaktion auf die Ereignisse des 11. Wäre der Versuch gelungen. Das abgrundtiefe Scheitern des Projekts auf irakischem Testgelände hat die Möglichkeit der tatsächlichen Entstehung eines West-zentrierten Weltreichs zwar nicht ausgeschlossen. Die USA und ihre europäischen Verbündeten hätten versuchen können. Ohne einen solchen Versuch bzw. dann wäre Ostasien im Lauf der Zeit möglicherweise das Zentrum einer Weltmarktgesellschaft geworden.

Aus dem Amerikanischen von Britta Dutke . Auch wenn die Reichweite seiner militärischen Macht im Vergleich zu den U S A verblasst und das Wachstum seiner verarbeitenden Industrien immer noch von Exporten auf den US-amerikanischen Markt abhängt. China ist kein Vasall der U S A wie Japan oder Taiwan und auch kein bloßer Stadtstaat wie Hongkong und Singapur. China tritt immer stärker an die Stelle der U S A als Hauptantriebskraft der Expansion von Wirtschaft und Handel in Ostasien und darüber hinaus. sich und der Welt einen sozial gerechteren und ökologisch nachhaltigeren Entwicklungspfad zu eröffnen als denjenigen. Die Versuche der USA. was ich die »letzte Krise« der US-Hegemonie nenne. geschaffen als je zuvor. zunächst und vor allem von China und Indien. schlugen auf sie selbst zurück. Die westliche Dominanz kann auf viel subtilere Arten reproduziert werden als in der Vergangenheit. in der Art. ist die Abhängigkeit des Wohlstands und der Macht der U S A vom Import billiger chinesischer Waren und von der Abnahme von US-Staatsanleihen durch China doch ebenso groß. Größtenteils jedoch bestehen sie aufgrund von Chinas spektakulärem wirtschaftlichem Fortschritt seit den frühen 1990ern. hängt stark von der Fähigkeit der einwohnerstärkeren südlichen Staaten ab.250 Giovanni Arrighi Abenteuers auf die US-amerikanische Weltmacht geschuldet. Die Entstehung einer solchen Gemeinschaft ist bei weitem nicht sicher. wie Smith sie sich vorgestellt hat. letztlich zustande kommen wird. die Erlangung von Macht durch den globalen Süden zurückzudrängen. Welche Weltordnung. Und was noch wichtiger ist. der die Reichtümer des Westens hervorgebracht hat. wenn nicht größer. einer Gemeinschaft der Zivilisationen. und günstigere Bedingungen für die Bildung eines C o m monwealth. Sie haben das beschleunigt. Chinas Aufstieg hat Auswirkungen von großer Tragweite. oder Unordnung. und insbesondere bleibt auch eine lange Zeitspanne der eskalierenden Gewalt und des endlosen weltweiten Chaos möglich. dass das Scheitern des Projekts für ein Neues Amerikanisches Jahrhunderts und der Erfolg der chinesischen Wirtschaftsentwicklung zusammengenommen die Verwirklichung von Smiths Vision einer Weltmarktgesellschaft auf der Grundlage größerer Gleichheit unter den Zivilisationen der Welt wahrscheinlicher gemacht haben als je zuvor seit der Veröffentlichung von Der Wohlstand der Nationen vor fast 250 Jahren. Die übergreifende These in »Adam Smith in Beijing« ist.

Power and the Origins of Our Times.Adam Smith in Beijing Literatur 251 Adas. 2 Bde.A. London Arrighi. 21(3). Terutomo (2003): »Pax Americana-Led Macro-Clustering and FlyingGeese-Style Catch-Up in East Asia: Mechanisms of Regionalized Endogenous Growth«. London Smith. Princeton Quesnay. Hamburg Barraclough. Jahrhunderts.). in: Journal of Asian Economics. Gilbert (1991): The East Asian Region: Confucian Heritage and its Modern Adaptation. in: MHQ: The Quarterly Journal of Military History. Terutomo (1993): »Foreign Direct Investment and Structural Transformation: Japan as a Recycler of Market and Industry«. 1(4). New York. and the Matzing of the Modern World Economy. Imperial China. 21-37 Hung. in: T. The Market and the State: Essays in Honor of Adam Smith. 5(2). Westport/CT. Stephen (1988): »A Trade Strategy for the United States«. in: R. Geoffrey (1989): »Taking Up the Gun«. in: Ethics and International Affairs. 17-35 Ozawa. Skinner (Hrsg. China. Geoffrey (1967): An Introduction to Contemporary History. in: Sociological Theory. Socialism. Princeton Schumpeter.). Michael (1989): Machines as Measure of Men. 200-232 . in: Business and the Contemporary World. Joseph (1954): Capitalism. 88-101 Pomeranz. Giovanni (1994): The Long Twentieth Century: Money. Science. 129-150 Ozawa. Schurmann/O.. Ithaca Arrighi. Paolo (1976): »Competition: The Product Markets«. Wilson/A. Giovanni (2007): Adam Smith in Beijing. Technology and Ideologies of Western Dominance.).S. Harmondsworth Cumings. Bruce (1993): »The Political Economy of the Pacific Rim«. 115-120 Rozman. Die Genealogie des 21. 254-280 Krasner. 2. Pacific-Asia and the Future of the World-System. Ho-fung (2003): »Orientalist Knowledge and Social Theories: China and European Conceptions of East-West Differences from 1600 to 1900«. Adam (1993/1961): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. London Sylos-Labini. Kenneth (2000): The Great Divergence: Europe. Oxford. 13. Francois (1969): »From Despotism in China«. Schell (Hrsg. in: F. Palat (Hrsg. and Democracy. 699-713 Parker.

haben inzwischen die gesamten Produktions. Die KP hat keinerlei Hemmungen mehr. Dies ist ein Zeichen für den Wandel. das das einst arme sozialistische Entwicklungsland zu einer Wirtschaftsmacht mit globaler Bedeutung gemacht . die vom Kalkül von Profitmaximierung bestimmt wird.und Lebensbereiche durchdrungen.06) war zu lesen.07. Infolge der marktwirtschaftlichen Reformen in China hat sich ein Wirtschaftssystem herausgebildet. Das Gesetz einer Marktökonomie. So beobachten wir heute einen aufblühenden Kapitalismus in China. 26. kommerziell zu vermarkten. mit der Deng Xiaoping die Bevölkerung für die Reformen geistig auszurüsten suchte. Die augenfällige Begleiterscheinung der kapitalistischen Transformation ist ein gewaltiges Wirtschaftswachstum. Die Parole »reich zu werden ist ruhmvoll«. Die um sich greifende kapitalistische Verwertungslogik hat die gesamte Lebenswelt einschließlich der natürlichen Lebensgrundlage in Besitz genommen und prägt den Habitus der Menschen. die anfänglich außerhalb von den sozialistisch-planwirtschaftlichen Strukturen und auf dem kleinen Gebiet am Rande des Landes auf Experimentierbasis erlaubt waren. die Volkskongresshalle.Hyekyung Cho Sozialistische Fata Morgana in kapitalistischer Wüste Die Illusion vom chinesischen Sozialismus In einem Zeitungsbericht (Süddeutsche Zeitung. ist mittlerweile im Bewusstsein der Chinesen fest verankert. den die chinesische Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten erlebt hat. Das drei Jahrzehnte lange Experiment mit dem Sozialismus nach der Chinesischen Revolution von 1949 scheint zu einer kurzen historischen Episode zu werden. Das »heilige« Prinzip des Geldmachens kennt keine moralisch-ethischen und sozialen Grenzen. Die Marktbeziehungen. dass die Kommunistische Partei Chinas (KP) die »Große Halle des Volkes« für ein Popkonzert vermietet. reicht inzwischen weit über das Wirtschaftssystem hinaus. das wichtigste Symbolbauwerk und Wahrzeichen des chinesischen Sozialismus im Herzen Beijings. das kapitalistisch durchorganisiert und immer stärker von ausländischem Kapital abhängig ist.

kritisch beleuchtet. mit der die ehemaligen sozialistischen Länder im Ostblock einen abrupten Systemwechsel vom Sozialismus zum Kapitalismus durchsetzten. Im Folgenden werden diese Mythen. erweist sich die graduelle Strategie der politischen Führung in China als erfolgreicher. die verbreiteten Missverständnisse über die chinesischen Reformen auszuräumen und dadurch die kapitalistische Realität Chinas von Trugbildern und Projektionen der diversen Wunschvorstellungen zu bereinigen. die theoretische Möglichkeit eines erfolgreichen Sozialismus anhand des chinesischen Beispiels zu überprüfen. Der zweite Mythos besteht in China als »dem neuen Eldorado der Weltwirtschaft«. Vielmehr liegt das Hauptanliegen darin. Man wundert sich nur. Zuletzt ist der Sozialismusmythos zu nennen. . Der erste Mythos betrifft die These einer neuen Supermacht China als der Herausforderer der USA und schöpft aus der Scheinrealität der statistischen Zahlen über Chinas ökonomische Leistungsfähigkeit. das die Träumerei der internationalen Geschäftswelt über einen Markt mit einer schier unvorstellbaren Größenordnung widerspiegelt. In einer unüberschaubar wachsenden Informationsflut in täglichen Medien wie wissenschaftlichen Publikationen kursieren viele Mythen. indem es geschickt der »Falle« der neoliberalen Globalisierung entkommen zu sein scheint. Der Jubel über grenzenlose kommerzielle Möglichkeiten in China hat in letzten Jahren allerdings deutlich nachgelassen.und Entwicklungsländern ab. welche aus Missverständnissen und Fehlinterpretationen des chinesischen Reformprozesses erwachsen. insbesondere der Sozialismusmythos. Das chinesische Wirtschaftswunder erregt eine weltweit große Aufmerksamkeit. das eine rücksichtslose Ausbeutung und Entrechtung der Lohnabhängigen wie der Armen betreibt und jegliche Möglichkeiten für demokratische Kontrolle über politische und ökonomische Entscheidungsprozesse ablehnt. wie ein Land wie China. als ein wünschenswertes nachkapitalistisches Modell qualifiziert werden kann. China hebt sich von den anderen Transformations. Stattdessen häufen sich ernüchternde Warnungen. Einige Kritiker des Kapitalismus sehen in Chinas ökonomischem Aufstieg ein erfolgversprechendes alternatives Modell zum Kapitalismus. Gegenüber der so genannten Schock-Therapie. Ziel ist nicht.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 253 hat.

Wenn wir dieser Auffassung folgen. Die KP ebenso wie einige linke Kapitalismuskritiker vertreten unter Berufung auf Marx die Meinung. dass Marktwirtschaft und Sozialismus keinen Widerspruch darstellen. Deren zerstörerische Natur jedoch würde durch eine sozialistische Politik gezähmt. Das ist nicht verwunderlich angesichts der Tatsache.rigiden . Im Gegensatz zu einer Planwirtschaft gilt eine Marktwirtschaft wegen der »flexiblen Regulierungsfunktionen« (Itoh 2003: 3) als wachstumsfördernd. Diese werden jedoch lediglich als »Kollateralschäden« des Wachstums angesehen. Umstritten ist die Frage nach dem so genannten chinesischen Charakter der Marktwirtschaft. dass die sozialistische Orientierung im gegenwärtigen China lediglich in der propagandistischen Selbstdarstellung der KP vorzufinden ist. dass sich der Sozialismus im marktwirtschaftlichen China parallel zum schwindenden Anteil des staatlichen Eigentums im Prozess der Selbstauflösung befindet. die sich in der Dominanz des öffentlichen Eigentums an Produktionsmitteln äußern soll. sorgt für einige Verwirrungen. Die sozialistische Rhetorik der KP steht aber im Dienste der ideologischen Anpassung an die . Demnach wird das chinesische Modell als eine sozialistische Marktwirtschaft charakterisiert. der unabhängig von politischer und ideologischer Couleur von Befürwortern der neoliberalen Globalisierung über Kritiker des Marktliberalismus hin zu fundamentalen Kapitalismuskritikern reicht.sowjetischen Typus des Sozialismus unterscheidet. Neuerdings werden von allen Seiten die soziale Verwahrlosung und eine ökologische Katastrophe in China registriert. die sich einerseits von der . Dennoch ist aus linken Kreisen zu hören. Hier herrscht ein fundamentaler Konsens.kapitalistischen Marktwirtschaft und andererseits vom . lautet die logische Schlussfolgerung. Die Verfechter des chinesischen Sozialismus stützen sich zur Begründung ihrer Annahme auf die offiziellen Reformprogramme und übernehmen häufig Argumente der KP. Itoh 2003. Peters 2005). Dass sich die herrschende KP nach wie vor zum Sozialismus bekennt und an öffentlichem Eigentum an Produktionsmitteln als dessen Kern festhält. dass die sozialistische Grundorientierung trotz des gesellschaftlichen Wandels mit eindeutiger kapitalistischer Prägung bewahrt würde (vgl.254 Hyekyung Cho Verwirrungen und Missverständnisse über Chinas politische Ökonomie Chinas Wachstumserfolge seit 1979 werden in der gegenwärtigen Diskussion nahezu einhellig der marktwirtschaftlichen Transformation und der Einbindung in den globalen Kapitalismus zugeschrieben.anarchischen .

als die flächendeckende Privatisierung der Staatsbetriebe voll in Gang kam. Der Abbauprozess des Staatsektors in China ist noch nicht abgeschlossen. 1 .00. 2005. privaten Anteile möglich.2340. Daher wird der Reformbedarf unermüdlich propagiert. Die wenigen übriggebliebenen Staatsbetriebe gelten als das Spiegelbild der technologischen Rückständigkeit und Ineffizienz der chinesischen Wirtschaft. und politische Restriktionen oder »sozialistisch« tragfähige Grenzziehungen in diesem Prozess sind dabei nicht zu erkennen. Aufgrund der undurchsichtigen und unzuverlässigen chinesischen Statistiken sowie der neu entstandenen diversen Mischeigentumsformen ist weder eine klare Grenzziehung zwischen staatlichen und privaten Betrieben noch eine genaue Angabe über die staatlichen bzw. dass sich der Abbau des öffentlichen Sektors fortsetzt.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 255 marktwirtschaftliche Transformation.oecd. (Itoh 2003: 7) Das öffentliche Eigentum oder Gemeineigentum.html) 2 »China Is a Private-Sector Economy«. Das zentrale Argument für die verbleibende sozialistische Grundorientierung in China ist die Dominanz des öffentlichen Eigentums. wobei die Idee des Sozialismus dazu missbraucht wird. Zudem reicht die quantitative Dominanz des staatlichen Eigentums nicht aus. Economic Survey of China 2005. OECD. einen Sozialismus zu qualifizieren. Klar ist jedoch. die weder vom Staat noch von kollektiven Eigentümern kontrolliert werden. den Machtanspruch der KP ideologisch zu rechtfertigen. Wie die historischen Erfahrungen des realen SoDer Privatsektor umfasst alle Betriebe.2 Aufgrund dieses Wandels sind die bisherigen Argumente für den chinesischen Sozialismus in der Propaganda der KP hinfällig geworden. Business Week. Eine im Jahr 2005 veröffentlichte Studie der OECD belegt.Org/document/21/0. das auch von der KP als Kernstück des chinesischen Sozialismus propagiert wird.en_2649_201185_ 35331797_l_l_l_1. 1 In aktuellen Zahlen liegt der Anteil des Privatsektors mit 70% des BIP noch höher. Im Unterschied zum früheren strengeren Verständnis des Staatseigentums schließt öffentliches Eigentum die Beteiligung privaten Kapitals ein. dass im Jahr 2003 der Anteil des Privatsektors am BIP 59. Published on 16 September 2005.2% betrug und somit den öffentlichen Sektor übertraf. Die Zahl der staatlich kontrollierten Unternehmen sinkt von Jahr zu Jahr rapide. Aug. (http://www. 22. ist eine begriffliche Neuschöpfung in den späten 1990er Jahren. Diesbezüglich postuliert Makoto Itoh den staatlichen Anteil an den wichtigen Produktionsmitteln von über 50% als das Mindestmaß für eine sozialistische Marktwirtschaft und hält eine gesellschaftliche Restriktion der privatwirtschaftlichen Expansion für unverzichtbar.

wuchs die chinesische Wirtschaft seit 1979 im Jahresdurchschnitt um knapp 10%. Hohes Wirtschaftswachstum in China ist jedoch kein charakteristisches Merkmal der marktwirtschaftlichen Reformen.7%. So wirkt der KP-Staat wie eine geheimnisvolle Black box. der die Verschiebung der ökonomischen und sozialen Machtstrukturen im Zuge der Durchkapitalisierung reflektiert. beseitigt die Verstaatlichung der Produktionsmittel nicht die Ausbeutung. 3 Im Glauben an die Fähigkeit des KP-Staates. Wie in aller Munde ist. eine rätselhaft mächtige Gestalt. fort. Zwischen 1953 und 1977 betrug die jährliche Wachstumsrate des Nationaleinkommens 6. Helmut Peters. Im Gegenteil verzeichnete China schon vorher hohe Wachstumsraten. dass sie nämlich den bestehenden KP-Staat als Garant der sozialistischen Politik unhinterfragt voraussetzen. inwiefern das chinesische Wachstum mit den marktwirtschaftlichen Reformen in Verbindung gebracht werden kann. Dieser Kritikpunkt führt uns zu der zentralen argumentativen Schwäche bei den Verfechtern des chinesischen Sozialismus. Trotzdem schließt er die Möglichkeit nicht aus. Der grundlegende Wandel des Herrschaftscharakters. die die Fata Morgana eines sozialistisch-demokratischen China hervorruft. stellt mittlerweile fest. den späteren Übergang zum Sozialismus bewerkstelligen zu können. sondern die Stärkung der Demokratie sein sollte. (Vgl. dass »sich unter Führung der KP auch eine Art national-demokratische Gesellschaft (mit starken Elementen des nationalen Kapitalismus) im Sinne einer allseitigen Vorbereitung auf den späteren (neuen) Übergang zum Sozialismus gestalten lässt«. Jahrhundert. ohne eine plausible Erklärung für diese Möglichkeit abzugeben. Zu klären ist die Frage. Im heutigen China unterschieden sich die Staatsbetriebe in ihren Geschäftstätigkeiten nicht mehr von privaten Unternehmen. Das scheint für mich die einzig nachvollziehbare Erklärung über das Beharren des Sozialismusmythos. dass das Zentrum im Kampf für eine sozialistische Politik nicht der Aufbau eines allmächtigen vorsorgenden Staates. bleibt im Dunkeln.256 Hyekyung Cho zialismus in China und Osteuropa zeigen. ein Verfechter des chinesischen Sozialismus. Chinas Wachstum: Sozialistisch oder marktwirtschaftlich? Wir beginnen mit dem eingangs erwähnten fundamentalen Konsens der Gleichsetzung von Wirtschaftswachstum und Marktwirtschaft. Der Niedergang des realen Sozialismus jedoch lehrt uns. lebt der Staatskult. der fatale Irrtum des realen Sozialismus im 20.) . Peters 3 2006. dass die ökonomischen und sozialen Strukturen in China eine »unverkennbar kapitalistische Einfärbung« aufweisen.

Die ländliche Bevölkerung erhielt zwar die minimalen Sozialleistungen durch das Kommunensystem. ist diese Sichtweise ein »enges ideologisches Gerüst« (Itoh 2003: 2).B. was wegen seiner wirtschaftlichen Autarkie verständlicherweise von keiner Bedeutung für den kapitalistischen Weltmarkt war. dass die chinesische Wirtschaft bislang mit oder ohne Marktwirtschaft schneller als die meisten der kapitalistischen Entwicklungsländer gewachsen ist. Selbst die privilegierte städtische Bevölkerung erreichte kaum einen Lebensstandard oberhalb des Existenzminimums. ist jedoch voreilig. Meines Erachtens kann das chinesische Das gleiche gilt z. zählte China bereits in den späten 1970er Jahren zu einem der größten Stahl. das Wachstum als das natürliches Begleitprodukt der marktwirtschaftlichen Reformen betrachtet wird. 4 Dies hatte vor 1978 eine entwicklungstheoretische Debatte um das chinesische Modell des Sozialismus und dessen Übertragbarkeit auf andere Länder ausgelöst. die als Avantgarde-Industrie des Sozialismus galt. Itohs Schlussfolgerung.und investitionspolitische Diskriminierung der Landwirtschaft sowie durch die auf niedrigem Niveau festgesetzten Löhne und den erzwungenen Konsumverzicht erreicht.4%. erscheint die Frage zwar berechtigt. Wird der Blick dennoch auf makroökonomische Zahlen gerichtet. Das Sozialrevolutionäre Ziel der Befreiung von Armut und Unterdrückung blieb jedoch eine leere Versprechung. für die Sowjetunion in den 1950er und 1960er Jahren und Nordkorea nach dem Koreakrieg bis Ende der 1970er Jahre. 4 . werden die Anfangswachstumserfolge in der sozialistisch-planwirtschaftlichen Industrialisierung einfach ignoriert. Die schwerindustrie-zentrierte Industrialisierung wurde durch die wirtschafts. inwiefern dies mit dem Sozialismus chinesischer Prägung im Zusammenhang steht. war das chinesische Wachstum in der Periode des maoistischen Sozialismus zwar niedriger als das in der marktwirtschaftlichen Reformära. Wie Makoto Itoh zu Recht kritisiert.) Die relativ positive Gesamtbilanz des Wirtschaftswachstums im maoistischen China liefert ein Gegenbeispiel zur Annahme. (Vgl.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 257 Die Zuwachsrate im Industriesektor im gleichen Zeitraum war noch höher und lag im Jahresdurchschnitt bei 14.und Zementproduzenten der Welt. Das hohe Wachstum in dieser Periode ging auf den big push zur Schwerindustrialisierung nach dem sowjetischen Vorbild zurück. Dernberger 1980. Dank des massiven Aufbaus der Schwerindustrie. jedoch deutlich höher als in vielen kapitalistischen Entwicklungsländern. dass das chinesische Wachstum seinen sozialistischen Grundlagen zugeschrieben werden soll. Angesichts der Tatsache. Seitdem die Marktwirtschaft synonym für Wachstum geworden ist.

In Bezug auf die alte und neue Frage. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil des Industriesektors von 22. die marktwirtschaftlichen Reformen konsequent durchzusetzen? Wie oben erwähnt. liegt das Problem für China nicht in mangelndem Wachstum.9% und 33. Wachstum und das chinesische Problem Als nächstes ist zu fragen: Was führte dazu.3% im Jahr 1952 auf 34. Wie die chinesische Führung immer wieder den berühmten Spruch von Deng Xiaoping zitiert. sondern in der Qualität des Wachstums. dass die KP Ende der 1970er Jahre für die Marktwirtschaft als den besseren Weg zum Wachstum optierte? Was treibt die KP-Führung dazu. Dabei bildete die investitionspolitische Verschiebung von der Schwer. Der alltägliche Lebensstandard der Bevölkerung verbesserte sich merklich. ob die Katze weiß oder schwarz ist. »ist es egal. ist ein tiefergehender Blick in den Wachstumsprozess notwendig.von der Landwirtschaft zum Industrie. Durch die boomende Konsumgüterproduktion und die steigenden Löhne kam China allmählich aus der schwerindustriellen Mangelwirtschaft heraus.Kapital und Arbeitskräfte . ob das relativ hohe Wachstum in China mit oder ohne Marktwirtschaft einen vorbildlichen Modellcharakter besitzt. Die KP hat eine erfolgreiche staatlich gelenkte Industrialisierung bewerkstelligt. dann mit marktwirtschaftlicher Methode. Hauptsache sie fängt Mäuse«. also des systematischen Transfers der Wirtschaftsressourcen . Der Industrie.und Dienstleistungssektor erreichte im gleichen Jahr jeweils 52. Charakteristisch für das chinesische Wachstum waren die investitionsgetriebene quantitative Expansion der Produktionskapazität mit sinkender Produktivität .258 Hyekyung Cho Wachstum weder mit der sozialistischen noch mit der marktwirtschaftlichen Grundorientierung ausreichend erklärt werden. Im ersten Anlauf der sozialistischen Industrialisierung sank der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 57. Das schnelle Wachstum in China ist vielmehr das Resultat der staatlich organisierten Industrialisierung.3% des BIP.zur Konsumgüterindustrie den zentralen Anschub für die markwirtschaftlich orientierte Industrialisierung nach 1978.8% des BIP mehr als verdoppelt.und Dienstleistungssektor.7% auf 47. Nach 1978 wurde der industrielle Strukturwandel in der Kombination mit der marktwirtschaftlichen Transformation fortgesetzt. Die Landwirtschaft schrumpfte auf 13. zunächst mit planwirtschaftlicher.8% des BIP im Jahr 2005.5% im Jahr 1977.

Experimente mit dem Marktsozialismus und sein Scheitern Die Anfangsphase in den 1980er Jahren.als Hilfsmittel eingeführt.zentrale oder dezentrale . sondern verschlimmerte sogar die Situation. Die Re-Zentralisierungsphase war mit dem rückläufigen. Die graduelle Transformation war kein planmäßiger Prozess. Vor 1978 hatte die KP-Führung mit der Dezentralisierung der Planautorität versucht. Die folgenden Reformen im Industriesek- . wurden marktwirtschaftliche Elemente .Planung die ihr zugedachte Funktion einer effektiveren Ressourcenallokation nicht erfüllte.7% im Jahr 1961 und dem höchsten Stand von +23. war von marktsozialistischen Reformansätzen geprägt. diesen Problemen entgegenzuwirken. Die Folge war ein Zickzack von Re-Zentralisierung und Dezentralisierung. Wie bekannt. Sie wurde vom Auseinanderklaffen von Resultaten und Intentionen der Reformexperimente getrieben. sondern deren Fehlschlag den Pfad und die Dynamik der Transformation bestimmte. weil das aufgrund der drastisch zugenommenen Haushaltsdefizite nicht mehr finanziert werden konnte. und die Dezentralisierungsphase mit dem exzessiven Wachstum verbunden. Diese Maßnahme jedoch war nicht nur wirkungslos. Sie waren aber von kurzer Dauer. um die maroden Staatsindustrien effizient und rentabel zu machen. begann die KP in den 1970er Jahren mit dem Experiment von Marktmechanismen. der während der katastrophalen Großen Proletarischen Kulturrevolution (1966-1976) nahezu erstickt wurde. Die ersten Reformen in der Landwirtschaft. war die chinesische Transformation gradualistisch. dass nicht der Erfolg der jeweiligen Reformschritte.mehr Autonomie der Staatsbetriebe bei Geschäftsentscheidungen unter Beibehaltung des Staatseigentums . zwischen dem dramatischen Rückgang von -29. in der die ideologischen Berührungsängste mit dem Kapitalismus noch stark vorhanden waren. Die Öffnung für den kapitalistischen Weltmarkt wurde beschlossen. Ziel war die Wiederbelebung des Sozialismus. Es ist anzumerken. Diese Erfolge gingen im Wesentlichen auf die Erhöhung der staatlichen Ankaufpreise für Agrarprodukte zurück.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 259 sowie das Nebeneinander von Überkapazitäten und Versorgungsengpässen. wurden zunächst als erfolgreich bewertet. Da die . die zum starken Einkommenszuwachs der Bauern führten. Dies kam in extremen Schwankungen zum Ausdruck. Während der planwirtschaftliche Rahmen weiterhin der bestimmende Faktor für den Wirtschaftsprozess blieb. um die Staatsindustrien mit Hilfe der entwickelten ausländischen Technologien zu modernisieren.3% im Jahr 1970.

Hingegen erreichte der angeheizte lokale Wachstumswettkampf Ende der 1980er Jahre einen Zustand wirtschaftspolitischer Anarchie und löste eine ökonomische Krise aus. Hinzu kam der starke Zuwachs des Privatsektors. Damit war das Ende der Marktsozialismus-Experimente erreicht. Das landesweite Investitionsfieber war von den Subventionen finanziert. Im Jahr 2004 kehrte die Sorge um das »zu viel Wachstum« wieder. Dieses Thema verlor Ende der 1990er Jahre angesichts der Deflationstendenz kurzzeitig an Aktualität. um die Versorgung mit Rohstoffen für ihre Industrien zu sichern. Neben den akuten Finanzierungsproblemen sah sich die KP-Führung mit dem gleichen Strukturproblem wie vor 1978 konfrontiert. 6 Dieses Problem hatte wenig mit der »Anarchie des Marktes« zu tun. Jedoch traten die erhofften Effekte von effizienter Ressourcenallokation und Wachstumsstabilität nicht ein. Die Bekämpfung der Inflation bildete die Priorität der Wirtschaftspolitik der Zentralregierung. der sich außerhalb des öffentlich-staatlichen Sektors schnell entfaltete. Dies schlug sich in hohem Wirtschaftwachstum nieder. der zu einem massiven Aufbau von Produktionskapazitäten im staatlichen und kollektiven Sektor führte. Die Produktivität der Staatsbetriebe sank weiter. Hingegen war der »local developmentalism« die treibende Kraft für die unkontrollierbare Expansion der ProduktionskaDas starke Wachstum des Industriesektors in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre verschlimmerte die Versorgungsengpässe mit Elektrizität und Rohstoffen. Seither wurde das altbekannte Qualitätsproblem im chinesischen Wachstumsprozess als »überhitztes Wachstum« bezeichnet und von der Zentralregierung als die Hauptplage angesehen. Angesichts dessen scheuten einige lokale Regierungen nicht davor zurück.260 Hyekyung Cho tor zeigten die ähnlichen Züge. Das Experiment der wirtschaftlichen Öffnung der ersten Sonderwirtschaftszonen hatte zwar ein steigendes Außenhandelsvolumen zur Folge. weil eine funktionierende Marktwirtschaft in China nicht existiert. Die Löhne stiegen ebenso wie die Verluste der Staatsbetriebe. Dies ging jedoch mit wachsenden Handelsbilanzdefiziten einher. Das anstelle der staatlichen Planung eingeführte Selbstverantwortungssystem der Wirtschaftssubjekte ließ dem unstillbaren Drang zur Investitionsexpansion freien Lauf. Als Folge ging die Inflationsrate in die Höhe und die Industrieproduktion musste eine Zwangspause einlegen.5 die dann in einer politischen Krise eskalierte. während deren Verluste stetig wuchsen. 6 Dieser lag die Angst vor Inflation zugrunde. was mehr Subventionen erforderte und dem Staat einen Schuldenberg hinterließ. Militäreinheiten einzusetzen. Das eigentliche Ziel des Aufbaus leistungsfähiger Staatsindustrien schlug fehl. 5 . die China nicht eigenhändig finanzieren konnte und die in den Jahren 1981 und 1986 mit den Hilfskrediten vom IWF finanziert werden mussten.

Jedoch wurde die Öffnung der Binnenmärkte für ausländisches Kapital ausgeweitet. Sie machte die politische Intervention auf lokaler Ebene für die krisenhafte Entwicklung in den 1980er Jahren verantwortlich. Darin findet man nicht nur eine Erklärung. warum die Wachstumsschwankungen in der Reformära weniger extrem ausfallen. Die Motive lokaler Wirtschaftssubjekte waren zwar marktwirtschaftlich bestimmt. konnte das überhitzte Wachstum nur durch zentralstaatliche Zwänge . nämlich höhere Profite zu erzielen.und Implementierungsstruktur. Perfektionierung der Marktwirtschaft Nach einem heftigen internen Richtungsstreit Ende der 1980er Jahre schrieb die KP-Führung die Etablierung einer vollständigen Marktwirtschaft in ihren Reformprogrammen fest. Da die marktwirtschaftliche Selbstregulierungsmechanik einer »Schumpeterschen schöpferischen Zerstörung« aus politisch-ideologischen Gründen noch nicht erlaubt war. nämlich Chinas Eintritt in den globalen Kapitalismus.gebremst werden. Die Umsetzung dieser Ziele jedoch erfolgte in staatlicher Regie auf lokaler Ebene. um die Fehlentwicklungen zu korrigieren und das Wachstum nach ihrer Zielvorstellung zu gestalten. Die Investitionen schnellten Anfang der 1990er Jahre . Um ein »richtiges« Wachstum zu ermöglichen. Aufgrund der begrenzten Möglichkeit der KP-Führung. setzte die KP-Führung zunehmend auf die Macht der Marktgesetze. Auf diese Weise wurde die binnenwirtschaftliche Überakkumulation externalisiert. Das ordnungspolitische Eingreifen der Zentralregierung scheiterte häufig an der dezentralisierten wirtschaftspolitischen Entscheidungs.und Industrieprodukte wurde mit wenigen Ausnahmen dem Markt überlassen. um die technologische Modernisierung der Staatsbetriebe zu beschleunigen. Anfang der 1990er Jahre wurde die Produktionsplanung gänzlich abgeschafft und die Preisbildung der Agrar. Dieser Reformanstoß hatte erneut das überhitzte Wachstum in den Jahren 1992/93 zur Folge. Der Importsubstitution galt zwar weiterhin die entwicklungsstrategische Priorität. lokale Entwicklungen zu beeinflussen. Jedoch die zentralstaatliche Intervention zur Kontrolle des local developmentalism wirkte nur kurzzeitig.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 261 pazitäten ohne Rücksicht auf die realen Absatzmöglichkeiten oder Verluste. die zu einem explosionsartigen Exportwachstum führte. sondern auch ein völlig neues Element im Wachstumsprozess seit 1978. Die darauffolgenden Wachstumsrückschläge wurden durch die Abwertung der chinesischen Währung kompensiert. sah die Zentralregierung ihre Hauptaufgabe darin. die Marktgesetze sich frei von staatlicher Einflussnahme entwickeln zu lassen.die Beschränkung der Kreditvergabe .

die sich in den späten 1990er Jahren in Massenarbeitslosigkeit. 7 Bei kleineren und mittleren Betrieben ist der Privatisierungsprozess weitgehend abgeschlossen. Manager und Beschäftigte. staatliche Banken als Finanziers. Die Zentralregierung versuchte durch die Exportsteigerung aus dieser binnenwirtschaftlichen Wachstumskrise zu kommen.a. wobei die Mehrzahl davon noch unter staatlicher Kontrolle bleibt. Mit der Reform der Eigentumsrechte ging die faktische Privatisierung der Staatsbetriebe zügig voran.lokale Regierungen als Eigentümer. Dies führte die KP-Führung zu einem radikalen Politikwechsel für den Staatssektor mit dem Ziel des Abbaus der Überkapazitäten und der Profitsteigerung. so dass die staatlichen Vermögen unkontrolliert in Privathände übertragen wurden.262 Hyekyung Cho wieder in die Höhe. in denen das Monopol der großen Staatsbetriebe herrscht . Die Abwicklung der ineffizienten Staatsbetriebe wurde erlaubt. Das geht darauf zurück. industrielle Rohstoffe und Finanzdienstleistungen. Die marktwirtschaftliche Auflösung des Staatssektors in China war eigentlich dazu gedacht. indem die Staatsbetriebe von sozialpolitischen Verpflichtungen befreit und diese Aufgaben kommerzialisiert wurden. auch wenn die KP-Führung diesen Begriff vermeidet. Ausführlich zum Privatisierungsprozess in China siehe Green/Lui 2005. Die endgültige Entscheidung wird bestimmt von den Realisierungschancen der anvisierten finanziellen Vorteile für alle Beteiligten . Seitdem entfielen alle bisherigen politisch-ideologischen Tabus. unrentable von rentablen Betrieben zu trennen und dann nur die ersteren abzuwickeln.vorerst verschont. Sie hatte aber verheerende sozioökonomische Folgen. einem gewaltigen Berg notleidender Kredite der staatlichen Banken und schließlich in einem Wachstumsrückgang ausdrückten. Die großen Staatsunternehmen wurden nach der internen Rationalisierung und Restrukturierung in Aktiengesellschaften umgewandelt. Dafür gab sie Die Privatisierung gilt generell als der beste Weg zur Effizienzsteigerung. Die wenigen Überbleibsel der sozialistischen Elemente aus der Vergangenheit verschwinden. 7 . dass der Privatisierungsprozess in China ohne »Masterplan« vom Interessenkalkül der lokalen Entscheidungsträger getrieben wurde. Entgegen der ursprünglichen Absicht der KP-Führung verlief der Prozess aber blind für diese Unterscheidung. Davon blieben die strategisch wichtigen Branchen .u. Die Verluste der Staatsbetriebe erreichten Rekordhöhen. Deflation. Das regional unterschiedliche Tempo der Privatisierung in China erklärt sich daraus. Die marktgerechte Restrukturierung des Staatssektors verbesserte die Finanzdaten der übriggebliebenen Staatsbetriebe.

Der Reformzustand der Staatsindustrien bleibt trotz aller bisherigen Versuche vom angestrebten Ziel meilenweit entfernt. spiegeln die bittere Erkenntnis über das Ergebnis der Reformen wider. Denn sie hat nach wie vor mit dem Qualitätsproblem des Wachstums sowie mit dem local developmentalism zu kämpfen. Der Kern der erfolgreichen Industrialisierung in China ist die Mobilisierung der ökonomischen Ressourcen unter einem autoritären Regime. Hier geht eine stille Privatisierung durch die Veräußerung der staatlichen Anteile an private Investoren vor sich. um den unkontrollierten Billigausverkauf des staatlichen Eigentums zu verhindern und den Transfer der staatlichen Anteile zu überwachen. Zugleich stürmten ausländische Investoren den Markt. die bislang dank ihrer Monopolstellung am Binnenmarkt natürliche Wettbewerbsvorteile genossen hatten. um von der Öffnung der bis dahin schwer zugänglichen Binnenmärkte zu profitieren. Die verspäteten Versuche. Die Strategie »Tausch von (ausländischer) Technologie gegen (Binnen-)Markt«. die Privatisierung zu regulieren. Der von außen kommende Wettbewerb erhöhte den Druck auf die laufende Reform der Schlüsselunternehmen. 8 . Dennoch ist Chinas Wirtschaftswachstum seit 1978 zweifellos bemerkenswert. hat mehr dem ausländischen Kapital geholfen. Wachstumserfolge w ä h r e n d der kapitalistischen Transformation Die bisherigen Reformen sind aus der Sicht der KP-Führung nur bedingt erfolgreich. Zum Vergleich zwischen dem sowjetischen und dem ostasiatischen Wachstumsmodell siehe Krugman 1994. wie sich das Wachstum vor und nach 1978 voneinander unterscheidet. seine Präsenz in China auszuweiten. Hier stellt sich die Frage. 8 In Parallelen finden wir in den ostasiatischen Schwellenländern. Der WTO-Beitritt führte zu einem starken Exportzuwachs und kurbelte das Wachstum wieder an. Erst Mitte 2003 schaffte die Zentralregierung eine Aufsichtsbehörde für das staatliche Eigentum. die zur Verringerung des technologischen Abstands zwischen China und den entwickelten Industriestaaten angewandt wurde. Dennoch hält die KP-Führung an dieser Strategie fest und fördert den Verkauf der staatlichen Anteile an ausländische Investoren.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 263 den jahrzehntelangen Widerstand gegen den »freien Handel« auf und stimmte den Auflagen des WTO-Beitritts für eine umfassende Marktöffnung zu. der sich gegenüber disziplinarischen Maßnahmen aus Beijing unempfänglich zeigt.

festlegt und dementsprechend nötige Ressourcen mobilisiert und zuteilt. Was die Investitionen betrifft. Ausländisches Kapital profitiert davon und leistet einen wesentlichen Beitrag dazu. Itoh 2003: 20. indem der Staat Wachstumsziele . Auch wenn die Produktionsplanung abgeschafft wurde. Mit seiner Kontrollmacht über die ökonomischen Ressourcen befördert der Staat das Unternehmertum und diszipliniert es dazu. irrtümlicherweise mit Sozialismus verwechselt. dass China zur Werkbank der Welt geworden ist. Die Industrialisierungserfolge im Zuge der kapitalistischen Transformation basieren nicht nur auf der Ausbeutung der Lohnarbeit. nach profit-orientierten Marktgesetzen zu handeln.und Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Industrien zu erhöhen.jährlich und fünfjährig . An diesem Punkt versagen die neoklassischen Wirtschaftslehren. Das konsequent verfolgte Ziel war.9% im Jahr 1986. auch wenn der Privatsektor die Oberhand in der Wirtschaftsleistung hat. Dies markiert einen wesentlichen Unterschied zum Staatssozialismus vor 1978. Im Sozialismusmythos wird diese Art des Wachstumsregimes. die Leistungs.) Ein weiteres wichtiges Element für den chinesischen Erfolg ist die Integration in den globalen Kapitalismus.264 Hyekyung Cho dieser Hinsicht weist die chinesische Industrialisierung vor und nach 1978 eher eine Kontinuität als einen Bruch auf. Im Jahr 2004 entfielen 87.5% und 58. Der ausländische Anteil am Export der Hochtechnologiegüter ist besonders hoch.9 China steht auf der Seite der Gewinner der neoliberalen Globalisierung. um sich behaupten zu können. behält der staatliche Sektor in China mit einem Anteil von über 50% immer noch die führende Position.3% davon auf die ausländischen Unternehmen. Trotz der marktwirtschaftlichen Transformation kontrolliert der Staat den gesamten Ablauf des Wirtschaftsprozesses. sprich die unternehmerische Tätigkeit des Staates. in der der Staat als Patron der wirtschaftlichen Entwicklung fungiert. Es ist mehr als fraglich. Die direkt und indirekt staatlich kontrollierten Unternehmen hatten von der KP-Führung angesetzte Ziele zu erfüllen und mussten entsprechende Leistungen erbringen. den chinesischen Staatskapitalismus als eine Opposition oder gar eine Gegenmacht gegen den neoliberalen Kapitalismus darzustellen. wobei die direkte Intervention. nun eine zweitrangige Rolle spielt. sind planwirtschaftliche Elemente weiterhin von signifikanter Bedeutung. weil Chinas Export von der neoliberalen Globalisierung abhängt und auch von der neoliberalen »Konterevolution« in den entwickelten Industriestaaten profitiert.4% und 1. 9 . Insofern gibt es für die chinesische Der Anteil der ausländischen Unternehmen am chinesischen Export und Import lag im Jahr 2005 jeweils bei 58. (Vgl.7% gegenüber 0.

sich der neoliberalen Globalisierung entgegenzustellen.000 im Jahr 2020. die Umweltbelastung und die zunehmende Scherenentwicklung zwischen arm und reich. die Versorgungsengpässe mit industriellen Rohstoffen. Das derzeitige Lösungskonzept scheint in der Beschleunigung der Industrialisierung und Urbanisierung zu liegen. ist noch genügend Kapazität dafür vorhanden. Sie hat die sozialistischen Elemente aus der Vergangenheit abgeräumt. dass immer noch über 60% der Bevölkerung in ländlichen Regionen leben und 49% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt sind. ist keine Marktwirtschaft. sondern ein autoritärer Staatskapitalismus. der weder von der sozialistischen noch von der marktwirtschaftlichen Industrialisierung zu beheben war: die rückständige Landwirtschaft.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 265 Regierung wenig Grund. Der Transfer des staatlichen Eigentums in die Privathände hat eine Schar von neureichen Kapitalisten hervorgebracht. Die Frage. Dadurch kann China moderner und das von der chinesischen Regierung erklärte Ziel »bescheidener Wohlstand für alle« verwirklicht werden. wachsen schneller als die Politik der KP darauf reagieren kann. China. Diese Probleme. Autoritärer Staatskapitalismus Was die chinesische Transformation hervorgebracht hat. die heute bereits dramatische Ausmaße angenommen haben. bleibt offen. Denn angesichts der Tatsache. wie die KP in Zukunft das Problem meistern könnte. Die Entwicklung der Produktivkräfte im Zuge der raschen Industrialisierung hat zwar Millio- . die zugunsten der Industrialisierung benachteiligt und geopfert wurde. Jedoch schafft die forcierte Industrialisierung und Urbanisierung andere Probleme: die Verknappung des Ackerlandes. Eine »normale« Begleiterscheinung dieses Wandels ist der wachsende Gegensatz zwischen arm und reich. mehrt sich die industrielle Reservearmee. Während ein immer geringerer Teil der Bevölkerung als rechtlose billige Arbeitskräfte vom wachsenden Kapital genutzt wird. Entscheidend dafür ist die Restrukturierung des Staatssektors seit Anfang der 1990er Jahre. Durch den von der KP-Führung ausgeübten Leistungsdruck bildet sich die kapitalistische Ordnungsstruktur heraus. droht seinem eignen Wachstum zum Opfer zu fallen. Allerdings ist der chinesische Wachstumserfolg mit einem Makel behaftet.740 auf US$ 3. Konkret bedeutet das die Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens von derzeit US$ 1. dem niemand das Recht auf die Industrialisierung absprechen kann.

in der die Bedingungen für eine kapitalistische Marktwirtschaft noch nicht ausgereift waren. Die größte Schwäche der autoritären Entwicklungsstaat-Strategie liegt darin. dass der Interessengegensatz von Arbeit und Kapital per politische Anordnung des autoritären Staates miteinander versöhnt werden könnte. dass sie leicht das Opfer von ihr selbst provozierter innenpolitischer Unruhen werden kann. . Sie schafft aber eine andere Art von Armut. (Peters 2005) Es ist eine Illusion zu glauben.266 Hyekyung Cho nen Menschen aus der Armut herausgeholt. gerät die staatliche Bevormundung zunehmend in Konflikt mit den Interessen des wachsenden Privatkapitals. Diese enge Verbundenheit der neuen Kapitalisten mit der Partei ist einer der wesentlichen Gründe dafür. Dessen Erfolg ist mit einer bestimmten Entwicklungsphase verbunden. denn sie sind die Helden für das neue China. Zudem gewährt er die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Diese bilden die Machtbasis der KP. Auch entlang der kapitalistischen Entwicklung formieren sich neue gesellschaftliche Konflikte. die u. Schließlich war er ihr Geburtshelfer. die durch die Ausbreitung kapitalistischer Verhältnisse verursacht wird. die wie Helmut Peters zu Recht bemerkt. in denen sich die Kapitalisten frei entfalten können. Die neuen Kapitalisten wachsen in einer engen Verbundenheit mit dem KP-Staat. Jedoch stellt die wachsende Macht des Privatkapitals eine künftige Herausforderung für den autoritären Staatskapitalismus dar. kann aber zugleich zur Ursache für seinen eigenen Untergang werden. Die heutige Armut ist nun der Preis des wachsenden Reichtums und Wohlstands einer kleinen Minderheit. durch den Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital geprägt sind. Wie der Untergang der autoritären Entwicklungsstaaten in Ostasien gezeigt hat. auf den niedrigen Industrialisierungsgrad zurückgeht. dass die KP-Herrschaft trotz aller sozialen Probleme stabil geblieben ist.a. Die Unterdrückung der Demokratie im autoritären Staatskapitalismus ist die unabdingbare Voraussetzung für sein Bestehen.

html) Peters. Green. Makoto (2003): Sozialistische Marktwirtschaft und der chinesische Weg. Peters. Guy S. Zeitschrift Marxistische Erneuerung.de/archiv/xxinfo/h065s098. Martin/Burkett.) (1980): China's Development Experience in Comparative Perspective. (http://www. New York. Bd. Itoh. London. in: Z. html) . 17. Cambridge/London. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 7-8.zeitschrift-marxistische-erneuerung. Hart-Landsberg. Hyekyung (2005): Chinas langer Marsch in den Kapitalismus. Robert (Hrsg. Helmut (2006): »Ein anregender Beitrag zur Sozialismus-Debatte in der VR China«. 65.de/fb5/frieden/rat/2005/peters. (Hrsg. Paul (2004): China and Socialism: market reforms and class struggle. März. 73. Jg. Stephen/Lui. Helmut (2005): »Gefährdet der Aufstieg der VR China zu einer globalen Macht den Weltfrieden?«. H.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 267 Literatur Cho. 6. Dernberger. Krugman.) (2005): Exit the Dragon? Privatization and State Control in China. AG Friedensforschung an der Uni Kassel (http:// www.uni-kassel. Münster. Paul (1994): »The Myth of Asia's Miracle«. Nr. in: Foreign Affairs.

Inoffizielle Schätzungen gehen von mindestens (!) 5. 50. Nicht selten sind die Funktionen von Parteisekretär und (!) Betriebsgewerkschaftsvorsitzendem (vergleichbar einem Betriebsratsvorsitzendem in Deutschland) identisch (!) mit der des Generalmanagers oder Eigentümers! Eine nicht nur nach deutschem Arbeitsrecht wegen des Verbots der Interessenkollision (§5 BetrVG) undenkbare Konstellation. Finanzkapital und Häuserspekulanten führt zur bisweilen brutalen Landnahme und (faktischen) Enteignung von Bauern und einfachen Hausbesitzern. Investoren aus Taiwan.000 gewesen sein. weniger die Unternehmensleitungen. Allein von 2003 auf 2004 stieg nach offiziellen Angaben die Zahl massiver Demonstrationen und Arbeitskonflikte von ca.000 tödlich verunglückten chinesischen Bergleuten pro Jahr aus. also der Privatisierung öffentlicher Unternehmen. . indem sie Löhne von Arbeitsmigrantlnnen nicht oder nicht rechtzeitig auszahlen. Und das gilt keineswegs nur für die mangelnde Streikbereitschaft der Organisation. Das Gegenteil trifft zu. Der Flächenbedarf von industriellem Kapital.000 an.Rolf Geffken Klassenkampf statt Marktsozialismus? China auf neuen W e g e n oder auf altem Wachstumspfad? Die bisweilen noch anzutreffende Vorstellung. Nicht selten sind das Ziel direkter Aktionen Parteibüros oder Verwaltungszentralen. Hongkong und Südkorea in den »Export Processing Zones« des Südens testen die Belastbarkeit des jungen chinesischen Arbeitsrechts. sondern sogar von (lokalen) »Aufständen«. Doch selbst in staatlichen Unternehmen.000 auf 70. 2005 sollen es bereits über 80. der Förderung des privaten Wirtschaftssektors und des ungebrochenen Wirtschaftswachstums. ist die Verletzung von Sicherheitsstandards an der Tagesordnung. Die chinesischen Gewerkschaften werden immer noch nicht den elementaren Anforderungen an die Interessenvertretung abhängig Beschäftigter gerecht. hält der Wirklichkeit nicht stand. wie insbesondere im Bergbau. Dörfern und Städten herrsche »konfuzianische Ruhe«. in Chinas Betrieben. Dabei spricht die chinesische Statistik nicht nur von Protesten. Und doch liegt die Hauptursache der aufbrechenden Konflikte in nichts anderem als in dem chinesischen Prozess angeblicher »Modernisierung«.

Eines ist sicher: Traditionelle Erklärungsmuster. Sie scheiterten bisher alle am Objekt: an China selbst.sind das nicht die untrüglichen Zeichen eines Marsches Chinas in den Turbokapitalismus? Oder ist das Reich der Mitte gar »auf neuem Kurs«. In der Tat sind nicht nur die Einkommensdisparitäten Chinas signifikant. dass in China .bislang . Er trat . bzw. reichen nicht. ist das Wachstum auch Ausdruck von deren ungebrochenen Profiten. Ständig steigender Energiebedarf habe schon zu Stromabschaltungen geführt. Das Wachstum hat den inländischen und ausländischen Großunternehmen genutzt. auch überkommene marxistische Kategorisierungsversuche.nicht ein. dass unter den Bedingungen eines mangelhaften Gesetzesvollzugs und wachsender Unglaubwürdigkeit politischer Kader in den Regionen Protest sich eruptiv und unkontrolliert Bahn bricht. Es komme nur einer kleinen Schicht immer reicher werdender Unternehmer und den ausländischen Kapitalisten zugute. Sie lag und liegt also noch höher.die Einkommensschere zwischen »Arm« und »Reich« extrem weit auseinanderklafft. Zumal dann.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 269 Kein Wunder. Wasserreservoirs neigten sich ihrem Ende zu. Während Investoren aus Japan. wenn man bedenkt.noch mehr als in den USA . Wachstum dieser Art habe wachsende Einkommensdisparitäten zur Folge. Bei bis zu 10% soll die Wachstumsrate pro Jahr gelegen haben. Der Ressourcenverbrauch Chinas habe in manchen Regionen wiederholt bis an die Grenzen des »Denkbaren« geführt. dass China weiterhin auf Wachstumskurs ist. von denen auch die Industrieproduktion westlicher Investoren betroffen gewesen seien. Wachstum und Klassenkampf . Kein Zweifel aber auch. dass dieser Protest alle Elemente eines Klassenkampfes beinhaltet. hüllen sich viele Linke in Schweigen oder befürchten angesichts dieses Tempos Schlimmstes. . Seit über 20 Jahren hält dieses Wachstums an. Kurz: Dieses Wachstum sei ein »Übel«. wie manche Beobachter und Zeitungskommentatoren meinen? Richtig ist zunächst. Und zu allem Überfluss wurde nun auch noch die offizielle Wachstumsrate nach oben korrigiert. Eine Zuspitzung »gesellschaftlicher Widersprüche« und damit sozialer Konflikte erscheine damit unausweichlich. Nicht wenige »Experten« hatten angesichts eines solchen Wachstums den baldigen Kollaps der chinesischen Ökonomie prophezeit. Es sei begleitet von massiven Erscheinungen der Umweltzerstörung. Europa und den USA des Lobes voll sind und deren Euphorie auch zahlreiche Regierungen der westlichen Hemisphäre angesteckt hat.

so die tatsächliche Zeitangabe .nur auf dem Weg einer Entfesselung der Produktivkräfte.B. um . Heberer unterstreicht in seinen Untersuchungen immer wieder den mit dem Prozess der »Modernisierung« einsetzenden Prozess des »Verkaufs von Macht« durch politische und staatliche Kader und die auf diese Weise bewirkte unmittelbare Einbindung der Partei in den Prozess der ökonomischen Transformation. 1 Darin stellt sie fest. Auch der deutsche Rechtssinologe Harro von Senger sieht in der jetzigen Entwicklung Chinas einen Prozess der »Modernisierung« im Rahmen einer politischen Strategie der KP-Führung. dass die VR China »eine erfolgreiche Alternative zum Kapitalismus« sei und bezeichnet die gegenwärtige Phase immerhin als »sozialistischen Aufbau«. Zugleich bewertet sie das gegen- 1 Vgl. Nun hat die koreanische Politologin Hyekyung Cho jüngst den Versuch einer rationalen Erklärung des »China-Phänomens« unternommen. erkennt Thomas Heberer als einer der führenden deutschen Chinawissenschaftler jedenfalls im sozialen Bereich eine Politik der »gezielten Duldung und Untätigkeit des Staates in sozialpolitischen Konflikten«. weil nach wie vor das relative Wachstum unzulässigerweise verabsolutiert werde. dass das vielfache Räsonnieren über die »Weltwirtschaftsmacht der Zukunft« meist einhergehe mit einem erheblichen Wirklichkeitsverlust in der medialen Berichterstattung. Während der Exilgewerkschafter Han Dongfang behauptet.in 100 Jahren den Sozialismus aufzubauen? Ist das Wirtschaftssystem Chinas deshalb vielleicht sogar eine »sozialistische Marktwirtschaft« und eben nicht der »Turbo. der vermeintliche Prozess der Modernisierung habe China »in ein Paradies für das Kapital und eine Hölle für die Arbeiter« verwandelt. von dem bisweilen in den Medien zu lesen und zu hören ist? Tatsächlich behauptet z.270 Rolf Geffken Ist dieses Wachstum nun aber also ein Beleg für den »turbokapitalistischen« Weg Chinas oder befindet sich China gar nicht auf einem solchen Weg? Liegt hier nicht vielmehr eine »nachholende Entwicklung« des eigentlichen Agrarlandes Chinas vor? Ist China etwa . Der englische Soziologe Peter Nolan erkennt in der Politik der KP-Führung immerhin das Bestreben.wie die offizielle Lesart der KP-Führung glauben machen will . Hyekyung .oder Manchesterkapitalismus«. und bezeichnet dies als »Dritten Weg« zwischen Maoismus und kapitalistischer Entwicklung. Theodor Bergmann. einen starken Staat im Interesse sozialer Stabilität durchzusetzen.

dass China bereits jetzt so massiv in den globalen Wirtschaftskreislauf eingegriffen hat. b. S. ob China »wirklich« wachse oder ob es in Wahrheit nicht nur »aufhole«. vielmehr sei die chinesische Führung dabei. 65/2006. 106ff. Noch deutlicher wird Helmut Peters. der behauptet. das sogar in Deutschland den alten Kohle-Konsens nun in Frage zu stellen droht). Zeitschrift Marxistische Erneuerung. 2 Die Grenzen und Gefahren des ungebremsten Wachstums seien erkannt und nachhaltiger Ressourcenverbrauch und Stärkung der Binnenkonjunktur rückten jetzt in den Vordergrund. sein Wachstum also nur »relativ« sei. Doch auch das nur »relative« Wachstum Chinas ändert nichts an der Tatsache. Z. Ganz anders Wolfgang Pomrehn.. es gäbe gar keinen grundsätzlichen Wandel in Richtung Privatisierung. dass man als Anhänger des historischen Materialismus darauf vertrauen (!) könne.« 4 Zhang sieht sogar »zwischen Marktwirtschaft und Demokratisierung« eine Beziehung von Ursache und Wirkung« (!). Nur einige Beispiele: a. 3 Dabei knüpft er an die These von Zhang Guangming an. Sozialismus 3/2006. Der anhaltende Bauboom hat zu einem Drittel (!) des Weltmarktverbrauchs an Stahl und zur Hälfte (!) des Weltmarktverbrauchs an Zement geführt. der in den Beschlüssen des letzten Nationalen Volkskongresses einen Sinneswandel erkennt. die sozialen Widersprüche »zu mildern und zu lösen«. »dass die Marktwirtschaft objektiv die notwendigen . Also ein Weg in den Marktsozialismus oder in den Turbokapitalismus mit einer totalen Transformation des wirtschaftlichen Systems? Nur relatives Wachstum? Bei der Frage nach dem Wachstums Chinas halten sich tatsächlich manche damit auf. Der ständig wachsende Energiebedarf hat zu einer weltweit massiv erhöhten Nachfrage nach Kohle geführt (ein Phänomen. 2 3 . dass damit unmittelbare Folgen für die nationalen Ökonomien einer Vielzahl westlicher Länder entstanden sind. junge weit 59/2006. Ferner hat Vgl. Bedingungen für den künftigen Sozialismus schaffen wird. 4 Vgl.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 271 wärtige Wirtschaftswachstum als im wesentlichen gefährlich und konstatiert eine katastrophale Entwicklung vor allem der Arbeitsstandards in China. Vgl..

die massiven Gewinne insbesondere der deutschen Reedereien und der gleichzeitige Boom der deutschen Überseehäfen hängen unmittelbar (wenn nicht sogar ausschließlich) mit dem anhaltenden chinesischen Wirtschaftswachstum zusammen. . Rolf Geffken. Vgl. Es gibt vielmehr eine solche Einkommensschere auch und gerade innerhalb der Arbeitnehmerschaft. Längst ist das »Job-Hopping« 6 zu einem allgemeinen Phänomen der chinesischen Wirtschaft geworden. Japan und Südkorea. bemühen sich andere . 5 Dieser liegt vor allem im Bereich der Sozialstandards sowie im Bereich der Umweltstandards.B. Aber sie wird dadurch nicht richtiger. c. Zunächst einmal gibt es in China nicht nur eine Einkommensschere zwischen der ärmeren Landbevölkerung und den so genannten reichen Mittelschichten in den Städten des Ostens. Definitiv falsch aber ist z. Und dennoch: Die langanhaltende wirtschaftliche Dynamik ohne massive krisenhaften Erschütterungen hat zugleich zu einem wachsenden Bedarf (nicht nur an qualifizierten) Arbeitskräften und ebenfalls zu wachsenden Formen des Widerstandes von Arbeitnehmern geführt. Hamburg 2005.massiv um die Abwerbung chinesischer Arbeitnehmer. Der anhaltende Boom z. Während in Shanghai beispielsweise das Bruttomonatseinkommen von IT-Mitarbeitern zum Teil das Einkommensniveau vergleichbarer Arbeitnehmer in Taiwan übersteigt.272 Rolf Geffken die kontinuierliche Nachfrage nach Energie zur Erhöhung des Ölpreises und gleichzeitig zu einer aktiven Suche Chinas nach Kooperationen mit Ölförderländern geführt. Asia-Bridge 2/2006. China-Special. insbesondere 5 6 Vgl. Ein Ausbeuterparadies? Natürlich hat das anhaltende Wirtschaftswachstum Chinas seinen innenpolitischen »Preis«. China habe das »weltweit niedrigste Lohnniveau«. liegt der Durchschnittslohn von Wanderarbeitnehmern etwa im PerlflussDelta sicherlich unter dem Niveau vergleichbarer Arbeitnehmer in Taiwan. Der Preis des Wachstums.B.B. die Behauptung Cho's. der deutschen Exportwirtschaft.insbesondere US-amerikanische Firmen . Diese Behauptung ist innerhalb der Linken und ihres begrenzten China-Diskurses immer wieder anzutreffen. VW-China etwa 30% seiner qualifizierten Mitarbeiter pro Jahr durch Abwerbung und freiwillige Fluktuation verliert. Während z.

Der Staat als Zuschauer? Dennoch ist es falsch . Nun bereitet der chinesische Gesetzgeber sogar ein völlig neues Gesetz vor. ist definitiv falsch. Baden-Baden 2004. mit dem Abschied genommen wird vom Modell des flexiblen Arbeitsrechts und Beschäftigte mehr geschützt werden sollen.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 273 mit zusätzlichen Leistungen und Vergütungen. in China herrsche »die Missachtung sämtlicher (!) Normen der internationalen Arbeitsorganisation« (Cho) vor. Zahlreiche der arbeitsrechtlichen Bestimmungen (insbesondere die Befugnisse staatlicher Kontrollbehörden. Das chinesische Arbeitsgesetz von 1995 gehört sicherlich nicht zu den fortschrittlichsten Arbeitsgesetzen weltweit. bei dem die Werbung mit besseren Arbeitsbedingungen eine Rolle spielt. hat China nach Abschaffung der »eisernen Reisschüssel« ständig an einer Verbesserung des Vollzugs seines Arbeitsrechts gearbeitet. Das Gegenteil ist richtig: Immer deutlicher zeichnet sich insbesondere im Bereich der Arbeitsstandards ein Gegensatz zwischen den Ak7 Im Einzelnen: Rolf Geffken. . die KP-Führung verschließe »ihre Augen weitgehend vor den Schattenseiten der Wachstumserfolge«. Arbeit in China.zu behaupten. Keine Arbeiterrechte? Auch die Behauptung. der nach wie vor unmittelbar Korruption produziert und damit zugleich die Wirksamkeit sozialer Schutzgesetze unterläuft. Allerdings ist der immer noch mangelhafte Vollzug strukturbedingt: Es war und ist der von Heberer zu Recht konstatierte Verkauf von politischer Macht. Vielfach hat ein Wettlauf um Arbeitnehmer begonnen.wie Cho es tut . die Befugnisse von Betriebsgewerkschaften oder etwa die Vorschriften über die Vergütung von Uberstunden) sind in sozialstaatlicher Hinsicht sogar richtungsweisend. Doch auch im Bausektor sowie in der Textilindustrie kommt es seit ein oder zwei Jahren zu erheblichen Fluktuationen sogar unter Wanderarbeitnehmern. 7 Doch während die arbeitsrechtliche Entwicklung in den westlichen Industriestaaten von kontinuierlicher »Liberalisierung« gekennzeichnet ist.

davon ausgehen. Die Antwort der Zentralregierung und auch zahlreicher Provinzregierungen darauf ist nicht allein Repression (insbesondere in Bezug auf Sanktionen gegen »Rädelsführer«). Die Welt 23. dass sie verallgemeinerungsfähig sind. die durch zusätzliche Maßnahmen versucht.2006. Sie sind die gesetzmäßige Folge massiver Einkommensdefizite und Vollzugsmängel der Gesetze und des Staates. Die Arbeitskonflikte in China ausgerechnet mit dem Streik im öffentlichen Dienst in Deutschland 2006 zu vergleichen . Der massive Rückgang des öffentlichen Sektors spricht eine deutliche Sprache. den Vollzug arbeitsrechtlicher Normen durchzusetzen und die Rolle der Gewerkschaften in den Betrieben zu stärken. So ist es keine Frage. dass zwischen politischen Absichten der Zentrale und tatsächlicher Umsetzung in der Region bisweilen massive Lücken klaffen. allerdings sehr vermittelt. die Zahl der Konflikte kleinreden zu wollen. ein effektiver Ressourcenverbrauch sei notwendig.274 Rolf Geffken tivitäten der Zentralregierung und mancher Provinzregierung ab: So ist es insbesondere die Zentralregierung. Auch der chinesischen Führung ist nicht entgangen. danach werde jetzt auch tatsäch8 Vgl. dass dem Aufbau von Sozialversicherungen eine Schlüsselrolle bei der Stärkung der Binnenkaufkraft zukommt? Es gibt in der Politik der Privatisierung keinen Wandel. Jhonny Erling. dass sich dringend notwendige Arbeitnehmerrechte verfestigen und damit letztlich die Grundlage für eine demokratische Entwicklung des Landes bilden können. Doch es gibt wenig Grund. in China habe sich die Erkenntnis durchgesetzt. sondern vor allem »Verrechtlichung«. Tatsächlich aber birgt genau dieses Vorgehen die Chance. Hierzulande werden bei einer vergleichsweise fast nur symbolischen Aktion weder Parteibüros abgefackelt. . Dennoch gibt es nach wie vor eine dirigierende Rolle des Staates.wie Pomrehn dies tut . dass die massiven Interventionen der Zentralregierung zum Abbremsen des Wirtschaftswachstums vor allem innenpolitische und sozialpolitische Ursachen hatten und haben. Trifft es aber zu. Man mag dies als »konservatives Sozialmodell« denunzieren. So kann man nicht behaupten.geht an der Sache vorbei. Ursache der Konflikte sind auch nicht nur bloß »lokale Anlässe«. dass die Zahl massiver Arbeitskonflikte 8 angestiegen ist. dass die Anlässe (obwohl lokalen Ursprungs) landesweit auftreten. dass es keine Politik der Privatisierung (mehr) gibt? U n d kann man . Gerade die Tatsache. zeigt.12.wie Pomrehn . und gleichzeitig annehmen. aber sie existiert. Sie zeigen aber auch. noch Verwaltungsgebäude gestürmt.

Während früher (insbesondere in der ersten und zweiten Phase der Privatisierung) Staatsunternehmen als angeblich »nicht rentabel« heruntergerechnet wurden.. S. Z. dass sich schon mal der eine oder andere Provinzfürst aus den Beiträgen der Versicherten »legal« bereichert. sondern zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Neoliberaler Rückzug oder Intervention? Doch darf niemand übersehen. dass »die Umgestaltung des politischen Systems . Auch die Theorie des 100 Jahre langen Marsches dürfte in den Bereich der Politfabel zu verweisen sein.wie in Russland . Ohne Wirtschaftswachstum wird es in China weder soziale noch politische Fortschritte geben. in der sämtliche staatlichen Anteile chinesischer Unternehmen zusammengelegt wurden. Das immer noch in weiten Bereichen wirtschaftlich rückständige China hat keine andere Wahl als die des massiven wirtschaftlichen Wachstums.zur Beute wirtschaftlicher Oligarchien. Es ist die »State Asset Super Vision and Administration Commission (SASAC)«.2005.und Rechtsvollzugs.10. 27. 78. 65/2006.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 275 lich gehandelt. Zugleich hat die Dynamik dieses Wachstums auch zur Entwicklung von Widerstandspotenzialen und mit einer gewissen Verspätung auch zur erheblichen Verbesserung von Sozialstandards geführt. Wenn Zhang von Waren als »natürlichen politischen Gleichmachern« 10 spricht und die Ursachen kapitalistischer Machtkonzentration nicht in der »Marktwirtschaft« sieht. Sei dieses relativ oder absolut. nicht weitreichend genug war«. Dort ist die immer noch (!) faktisch fehlende Trennung der Versicherungshaushalte von den allgemeinen staatlichen Haushalten der Grund dafür. Vgl.9 Zugleich wird damit der Staatssektor nicht etwa . In Wahrheit überlagert die landesweit wuchernde und in der Politik der Privatisierung wurzelnde Korruption jede Art des Politik. sind nun die Gewinne chinesischer Staatsunternehmen in den ersten drei Monaten des Jahres 2005 um 31% auf 16 Mrd. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. 9 10 Wirtschaftswoche. die sich organisiert um den Umbau des Staatssektors kümmert. sondern darin.. US$ gestiegen. Das gilt übrigens auch und gerade für die von Pomrehn gelobte Sozialversicherung. dass die wirtschaftliche und sozialpolitische Rolle des Staates (wieder) zunimmt: Seit drei Jahren gibt es eine staatliche Institution. S. . Insofern kann sicher nicht von einem »Marktsozialismus« die Rede sein. 110. Sonderausgabe 1 v.

zugrunde und akzeptiert man die grundsätzlich dominante Rolle der ökonomischen Basis im Verhältnis von Basis und »Überbau« so müsste die Schlussfolgerung. Und die Frage ist mehr als berechtigt. Peters und Zhang haben nicht im Blick. wie und unter welchen Bedingungen sich dagegen ein noch so »sozialistischer« Überbau durchsetzen kann. Es ist unklar.276 Rolf Geffken so reduziert sich seine These auf die Erkenntnis. Soll das durch ein Mehrparteiensystem anders werden? Und wenn ja: Wer könnte und sollte dann daran ein Interesse haben? Richtig ist aber. Allein der Verkauf von Macht und die damit einhergehende systembedingte Korruption lassen die Frage aufkommen. dass objektive Voraussetzung des Sozialismus eine bestimmte Stufe der Produktivkraftentwicklung ist. Bergmann. dass das System irgendwann politisch implodieren wird. dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Nicht etwa im Sinne der Entwicklung eines westlich geprägten Parlamentarismus. dass China eben eine klar definierte Zentralgewalt nicht hat. sondern dass den Regionalregierungen und auch den Parteizentralen in den Regionen zum Teil erhebliche Bedeutung zukommt. die immer noch nicht (!) die ihnen mindestens zukommende Rolle einer Interessenvertretung der Arbeiter zu erfüllen scheinen. Doch zu glauben (»Vertrauen«!). Ja sogar unter weitgehend angestrebter formaler Rechtsstaatlichkeit (»Regieren mit Gesetzen«). So paradox es klingen mag: Bei aller angebrachter Vorsicht scheint die VR China das vielleicht erste und einzige »sozialdemokratische« Entwicklungsmodell zu sein. widerspricht Theorie und Praxis gleichermaßen. Legt man die grundlegende marxistische Erkenntnis. naheliegen. Wenn der Ge- . wie sich die privatkapitalistische Entwicklung Chinas auch auf den gesellschaftlichen Überbau auszuwirken begonnen hat und weiterhin auswirkt: Korruption ist in diesem Prozess eine gesetzmäßige Auswirkung des Verkaufs und des Erhalts von politischer Macht. aber schon nach 20 Jahren Transformationsprozess sehr unhistorisches Bild. wie weit dieser Prozess gehen kann und welche historische Tragfähigkeit diese Balance zwischen Staat und Privatkapital haben wird. wenn man allein an die absurde Rolle der Gewerkschaften denkt. Pomrehn. dass dies staatlicherseits (!) garantiert sei. Hierzulande wird vielfach übersehen. Wohl aber im Sinne einer Entfesselung privatkapitalistischer Dynamik bei gleichzeitiger Beibehaltung staatlicher Kontrollmechanismen bis hin zu sozialstaatlichen Strukturen. dass von den Erscheinungen sich zuspitzender Widersprüche nicht auf einen »kapitalistischen Kern« im Sinne Han Dong Fangs geschlossen werden kann: Die »Hölle für die Arbeiter« ist ein bestechendes.

aber auch mit Erfolgen gepflastert war. und zwar auch auf regionaler Ebene. Dabei sollte niemand vergessen. Und mit Sicherheit werden Armut und Stillstand diesen Weg nicht beschleunigen. Zugleich darf der Einfluss wachsender sozialer Konflikte auf diesen Prozess nicht unterschätzt werden.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 277 neralmanager zugleich (!) Parteisekretär und Gewerkschaftsvorsitzender ist. Mit Recht haben die Erfahrungen und Wunden der verheerenden »Kulturrevolution« einen innerchinesischen Konsens geschaffen. Es ist deshalb durchaus wahrscheinlich. liegt mehr als nur ein juristisches Inkompatibilitätsproblem vor: So kann vielmehr dauerhaft keine gesamtgesellschaftliche Steuerung stattfinden. Tränen. . Es ist und bleibt ein eigener Weg jenseits von Turbokapitalismus und sozialistischen Träumen. Insofern ist das »nachholende Wachstum« nicht nur objektiv notwendig. dass der deutsche Weg zum Sozialstaatsmodell des Grundgesetzes einen Umweg von 150 Jahren nahm. Ein sich gewissermaßen immer neu selbst gefährdendes Projekt ohne wirkliche Gewissheit seiner eigenen Zukunft. der mit Blut. dass »Verteilung von Armut« immer auch Entrechtung zur Folge haben wird. sondern auch im Bewusstsein der meisten Chinesen unbestrittene Bedingung einer progressiven Entwicklung. wuchern. dass China auf dem Umweg seiner eigenen »Bismarckschen« Sozialgesetzgebung und einer sich entwickelnden organisierten Gewerkschaftsbewegung zu einem Sozialstaatsmodell abseits von marktsozialistischen Träumen und nur-kapitalistischem Alltag kommt. Sozialstaat statt Sozialismus? Doch steht diese mikroökonomische Ebene in einem Gegensatz zur gesamtstaatlichen Kontrolle. Aber ein »neuer Kurs« ist das dennoch nicht. so muss vielmehr »Steuerung« (und Korruption) im privatkapitalistischen Sinn sich vollziehen bzw. Tatsächlich ist das wirtschaftliche Wachstum Voraussetzung für einen funktionsfähigen Sozialstaat ebenso wie für rechtsstaatliche Strukturen. Mit Sicherheit wird China diesen Weg in kürzerer Zeit zurücklegen. Desillusionierungen. Trotz aller »kapitalistischen Entwicklung« ist Chinas Wachstum also für seine Zukunft ein Segen und kein Fluch.

Im folgenden wird ein Kapitel dieses verdeckten Kriegs gezeigt: die Körper. China. Dies sind Beispiele einer langen Reihe von Opfern und Beschädigungen. In dieser aktuellen Phase gewalttätiger Hegemoniebestrebungen der USA ist es wichtig sich daran zu erinnern.000 US-Soldaten. Russland. Durch xenophob motivierten Nationalismus gesteigerte Homeland Security führte zur Verschärfung der US-Einwanderungspolitik und zur Abschiebung tausender Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Papiere. die ins Fadenkreuz geraten: im Süden wie im Norden. die er ins Visier nimmt. die diejenigen umklammern. Durch die Lockerung staatlicher Finanz. dass der neoliberale Kapitalismus schon lange einen verdeckten Krieg gegen die Körper und die Natur führt. Die Lockerung staatlicher Kontrollen des Kapitals beinhaltete die Privatisierung sozialer Leistungen und eine zunehmende Flexibilisierung der Arbeit durch die Schwächung oder Abschaffung rechtlicher Rahmenbedingungen zum Schutze von Arbeiterinnen und Arbeitern. Bis zum Januar 2006 führte dieser Krieg zum Tod von über einer halben Million Irakern und von über 3.und Handelsbeschränkungen konnten Unternehmen besseren Zugriff auf Regierungen erlangen sowie Land und natürliche Ressourcen aus Lateinamerika. Südostasien und zuletzt Irak in den ungezügelten globalen Markt saugen. September 2001 nahm die neoliberale Geopolitik der USA mit dem Start des »Kriegs gegen den Terror« eine neue aggressive Wende. seine versteckten Kosten und die materiellen Bedingungen. quer über den Globus verteilte. .Rosemary Hennessy Deregulierung des Lebens Körper. Osteuropa. Jeans und Gerechtigkeit Die seit Anfang der 1970er Jahre heraufziehende neoliberale Neuorganisierung des Kapitalismus deregulierte die Profitakkumulation für eine kleine Gruppe transnationaler Eliten zum Preis einer zunehmenden Verelendung der Mehrheit der Gesellschaft. flexible feminisierte Subjekte. Nach dem 11.

der im Neoliberalismus entfesselte. Zur Senkung der mit der Reproduktion des Lebens verbundenen Kosten ist eine Strategie des Neoliberalismus die Deregulierung. die für generationale und tägliche Reproduktion. Brennan führt eine scharfsinnige Analyse des täglichen Lebens im Westen durch. Gesundheitsversorgung. dass das globalisierte Kapital in seinem Profitstreben alle Aspekte der Produktion beschleunigt. dass Kapitalisten dann durch Umsiedlung und durch Outsourcing Kapital zu akkumulieren versuchen. soziale Dienste. Man hört viel über die Deregulierung als Instrument neoliberaler Wirtschaftsreformen. befinden sich die am stärksten Feminisierten. Anders ausgedrückt heißt das. Für die Nutzung menschlicher und natürlicher Ressourcen in der kapitalistischen Produktion begibt sich das Kapital bei der Suche nach Nachschub auf eine Reise um die Welt. Versorgungsbetriebe. Von den Erfordernissen menschlicher wie natürlicher Reproduktionszyklen abzusehen hat zur Folge. Wenn man sagt. dass Leben beschädigt wird. so heißt das auch zu sagen. benötigt wird. Bio-Deregulierung . unkontrollierte Wettbewerb hat zu unerschwinglichen und unerträglichen Lebenskosten geführt. Wir wissen weniger über die Deregulierung als Technologie der Bio-Macht. Am Kreuzungspunkt von weltweiter räumlicher Ausdehnung des Kapitals und Preisgabe der Zeit. müssen Menschen die Mittel herstellen.»La Realidad Vivida en Carne Propia« Egal wie wir es nennen. das die wohlfahrtsstaatlichen Begrenzungen der Kapitalakkumulation aufweicht. Bildung. Sie zeigt. so Teresa Brennan in »Der Terror der Globalisierung« (2003). Diese Aufrechterhaltung hängt von der menschlichen genauso ab . bewusste Existenz auspumpt. dass menschliche und natürliche Reproduktion Zeit benötigt. Land usw.h. zum Überleben. dass sie mit Kosten verbunden ist. so auch die Distribution. d. Um als Einzelne und als Gattungswesen überleben zu können.Deregulierung des Lebens 279 1. der billigste Quell von Arbeitskraft. die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Lebensbedingungen benötigen. die Menschen genauso wie die natürliche Welt das soziale Wesen der Natur und die körperliche. wenn die Zeit zur Reproduktion zu lang wird und damit die Kosten zur Reproduktion der täglichen Arbeitskraft wie auch der nächsten Generation zu hoch werden. desto mehr dringt die Deregulierung in die elementaren Bedingungen des Überlebens ein. indem natürliche Ressourcen ebenso wie öffentliche Verkehrsmittel. den Konsum und den Tausch. Je mehr das Tempo der Kapitalausdehnung und -akkumulation zunimmt und die zur menschlichen und natürlichen Reproduktion und Regeneration benötigte Zeit dahinter zurückbleibt. privatisiert werden.

des Handels. ein in der Geschichte bisher unausweichliches Faktum. dass Menschen Essen. genauso wie Krankheit. wird der Organismus depressiv. 87). Die Voraussetzung menschlichen Lebens oder die Bedingungen der täglichen wie generationalen Reproduktion sind gemeinhin auch als menschliche Bedürfnisse bekannt.und Altenpflege und Rente erlauben es den Menschen. die durch die Zeit aufgenötigt sind. Depressionen senken die Immunfunktionen und damit die Aussicht körperlichen Überlebens (Brennan 2003: 17). die Mensch und Natur für ihre Reproduktion benötigen. ein Obdach zum Uberleben brauchen.280 Rosemary Hennessy wie von der natürlichen Welt. Es ist allgemein anerkannt. hinzufügen: Sauerstoff. alle Einschränkungen aufzuheben. Doch das bedeutet zeitintensive Kosten und somit eine Last für die Kapitalakkumulation. der Arbeit und der natürlichen Umgebung) strebt danach. Armut. der Natur und zunehmend auch in den Folgen ihres Zusammenspiels. in relativ stabilen Verhältnissen aufzuwachsen. wie Brennan richtigerweise anmerkt. Das Ergebnis ist. das Leben zu genießen«. die menschlichen Fähigkeiten der Kommunikation und emotionalen sozialen Interaktion auszuüben. Mit zunehmender Deregulierung werden die (Über-)Lebensbedingungen von ihr durchdrungen (ebd. die nicht mehr überall vorausgesetzt werden kann. Luft und angenehme Temperaturen bzw. 17. Zu diesen sprichwörtlich notwendigen Bedürfnissen kommen weitergehende Bedürfnisse nach Kommunikation und Ausleben der eigenen Möglichkeiten der Gefühlsempfindungen . es sich gut gehen zu lassen und alt zu werden. Seine Grenzen findet dies in den Bedürfnissen des menschlichen Organismus. Der ungezügelte Wettbewerb der Lohnabhängigen auf dem Weltmarkt und die daraus folgende Abwertung ihrer Arbeit könnte der krönende Sieg des . Wasser. das menschliche Leben gesellschaftlich und das einzelne Leben lebenswert macht. Sie strukturieren Kulturen und Identitäten und beinhalten das.der Stoff. nennt. beeinträchtigt den Lebensgenuss.und Untereinander der Leute. In einem Kapitalismus »reloaded« wird die für die Reproduktion menschlicher und natürlicher Ressourcen benötigte Zeit auf das Notwendigste hinuntergeschraubt. Kinderversorgung. was Brennan die »Möglichkeit. saubere Luft. Die allumfassende Deregulierung (des menschlichen Körpers. der das Mit. sowohl in bezug auf Gesundheit als auch in bezug auf die nachfolgenden Generationen (ebd. Diese sozialen Bedürfnisse sind von den körperlichen nicht getrennt. sondern in diese eingewoben. so erinnert sie uns. 20). dass alle Formen menschlicher Reproduktion zu teuer werden. Ohne die Gelegenheit. Mittlerweile muss man. Kranken.

sein Wohlbefinden zu opfern bzw. Je stärker die Deregulierung in die grundlegenden Lebensbedingungen eindringt. 30). um sich zu erholen. was Brennan »Bio-Deregulierung« (ebd. wie und wo Menschen leben und arbeiten. 1 . wenn auf die für das harmonische Zusammenspiel der verschiedenen Bio-Zyklen notwendigen Regelmäßigkeiten keine Rücksicht genommen wird. nehmen psychosomatische Krankheiten enorm zu (ebd. zu »deregulieren«. zeigt sich. länger und härter zu arbeiten. einem Zeitrhythmus des Gehetztseins und der Unsicherheit.Deregulierung des Lebens 281 neoliberalen Kapitals sein. Die Deregulierung des Lebens verringert die Zeit. Es gibt folglich einen Brennan weist darauf hin. wo die Beschäftigung nicht mehr garantiert ist und Mehrfachanstellung. Die Folgen der Bio-Deregulierung zeigen sich in den Zwängen. die Einfluss darauf haben. Die Deregulierung des Lebens schlägt sich nieder in Zeitmangel. depressiven und neurologischen Störungen. Wie die wirtschaftliche Deregulierung zieht auch die Bio-Deregulierung den kurzfristigen Profit einer langfristigen Perspektive vor (ebd. Sie wirkt sich auf die Körper in den entwickelten kapitalistischen Bereichen des globalen Nordens aus wie auch auf die Körper der hyper-ausgebeuteten »Zwei-Drittel-Welt« des Südens. Krebs und Geburtsfehlern führt. wie die Bio-Deregulierung der Natur das Wohlbefinden des Menschen beeinträchtigt. ob real oder antizipiert. Die Sorge um das Überleben. Begegnungen und persönliche Kontakte eingeschränkt werden und Migration entweder eine Frage des Pendeins über lange Strecken oder des Umziehens wird. wenn die Umweltverschmutzung beim Menschen zu Immunschwächen. Arbeitsplatzunsicherheit und Arbeitslosigkeit zu einem Zerfall emotionaler Bindungen in Familien und Gemeinden führen. aber dieser Sieg wird durch die Ausweitung der Grenzen des menschlich Erträglichen errungen. wenn sich die Produktion mit ihrer Geschwindigkeit und ihren Anforderungen über die Erfordernisse der sich selbst regulierenden Körperfunktionen hinwegsetzt. 1 Der Körper »dereguliert« sich ebenfalls. Sie zeigt sich auch dort. 33). Die Bio-Deregulierung nimmt ihren Lauf. wenn sie gezwungen sind. dass die Gehetztesten der Gehetzten arbeitende Mütter sind (ebd. Überstunden. Wenn das autonome Nervensystem überlastet ist. die sowohl Menschen als auch die Natur zur Verfügung haben. 20. desto mehr wird sie zu dem. stört dieses Zusammenspiel. Um Schritt zu halten. 25). 32) nennt. zwingt das menschliche Gehirn den Körper. und zwingt dem Alltag neue Regeln auf. und diese Störung zeigt sich in zunehmender persönlicher Isolation und neuen Formen körperlicher und seelischer Verelendung .Stress.

Diese Besitzlosigkeit senkt die Kosten der Arbeitskraft und vergrößert dadurch den Wert. die der feminisierte Arbeiter produziert. wenn sie die zersetzenden Auswirkungen des Freihandels auf ihr Leben beschreibt. um zu überleben. der den Waren zugefügt wird. zu dem die menschlichen Fähigkeiten. die sich im Körper niederschlägt . eine ehemalige Fabrikarbeiterin aus dem mexikanischen Reynosa im Bundesstaat Tamaulipas. so auch das Kind von Teresas Tochter. »la realidad vivida en su propia carne«. die der Capitalism Reloaded mit sich bringt. Als Arbeiter feminisiert zu sein bedeutet. beschreibt Folgen der Bio-Deregulierung. vollständiger von ihrem Besitzer gelöst sind. 30). leiden unter dessen negativen Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Gesundheit. Die Folgen der Bio-Deregulierung überschreiten die Trennung zwischen ausgebeuteten und hyper-ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeitern. Fleisch gewordene Realität. die die Arbeitskraft des feminisierten Arbeiters umfasst. Hennessy 2006). die vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist. um chronische Beschwerden und stärker werdende Allergien ruhigzustellen oder greift auf illegale Drogen zurück.282 Rosemary Hennessy Fehlbetrag zwischen dem. einer Enteignung. Teresa Chavez. was sein Wille ihm aufzwingt (ebd. die repetitiven Arbeitstätigkeiten am Fließband haben ihren Körper außer Funktion gesetzt. 24). Erholung und richtiges Essen aus . darunter leiden auch die.er nimmt Drogen. Aus diesem Grund ist es ein brauchbares Konzept. der nicht feminisiert ist. Teresas eindringlicher Ausdruck. Der deregulierte Körper kommt ohne Schlaf. Der freie Handel profitiert von der politischen und kulturellen Entmächtigung und Enteignung bestimmter Subjekte. sagt sie (Ojeda/Hennessy 2007: 91). In diesem Sinne sind feminisierte Arbeiterinnen und . und die Bedeutung der Bio-Deregulierung für die Arbeiterinnen und Arbeiter am globalen Fließband. die bei ihr leben. Es gibt einen bestimmten Grad. Viele in der »Ein-Drittel-Welt«. weil sie an einem Handwurzelknochensyndrom leidet. die angeblich vom globalen Kapitalismus profitiert haben.Weiblichkeit ist eine Form der Enteignung (Hennessy 2004: 426. um seine Schmerzen zu betäuben (ebd. Das ist »die am eigenen Leib erlebte Wirklichkeit«. Nach Jahren der Fließbandarbeit in einer Autofabrik findet sie keine Arbeit mehr. zeigt ein Bild von den Kosten. die in der »Zwei-DrittelWelt« arbeiten. als es bei einem Arbeiter der Fall ist. Leute in offensichtlich grundverschiedenen Situationen eine gewisse Gemeinsamkeit erkennen zu lassen. was der Körper kann und dem. den Anspruch auf die eigene Leistungsfähigkeit auf doppelte Weise aufzugeben. Sie kümmert sich jetzt um die Kinder ihrer Söhne und Töchter.

Natürlich waren die schmutzig. denn sie hängt von der Bio-Deregulierung ab und ist durch sie mit hervorgebracht. aber unterwertige Arbeitskraft. Ausbeutung ist als solche nie »wertfrei«. dass du keine Gefühle mehr hast. sie waren durch und durch mit Giften getränkt: Das Unternehmen entsorgte die bei der Produktion anfallenden Chemikalien direkt in den Fluss . dass du ein Bewusstsein hast. sie sind vielmehr die H y per-Ausgebeuteten. Die Mehrwertakkumulation hängt davon ab und gleichzeitig von Formen der BioDeregulierung am Arbeitsplatz.Arbeiter leben. Letztere setzt an dem Punkt an. zeigt.« In dem Maße. um an einem regnerischen Tag den Wert ihrer Arbeitskraft komplett auszulöschen. und das Unternehmen hatte keine Fahrgelegenheiten. die schlammbeschmutzt ankamen. des eigenen Fleisches der Arbeiterin oder des Arbeiters abpresst.d. weißt du nicht was mehr weh tut. die den Mehrwert (oder Profit) auf Kosten der Auslöschung des »carne propria«. 2 Die Körper der zu spät zur Sony-Fabrik kommenden Arbeiterinnen und Arbeiter waren nicht nur schlammbeschmutzt. Dein Rücken.V. auf denen die Mehrheit der Maquiladora-Arbeiterinnen und . dann sagst du mit deinem ganzen Körper: >Gott sei Dank!< An regnerischen Tagen haben sie immer diejenigen weggeschickt. Doch das Unternehmen konnte keine verschmutzten oder nassen Leute in die Fabrik lassen. gegen einen Lohn eintauscht. Der schmutzstarrende Körper einer Arbeiterin trägt ausreichend negativen Wert. deine Hände.) beschreibt.die einzige Wasserquelle der Siedlungen und unbewirtschafteten Flächen. dass durch die Abnutzung der Körper der Arbeiterinnen auf Seiten des Kapitals tatsächlich (Mehr-)Wert entsteht. schafft der schmerzhafte Verfall einer entbehrlichen Arbeiterschaft auf Seiten des Unternehmens (Mehr-)Wert. Sie mussten auf eigene Faust zwei colonias durchqueren. 2 . wo die Arbeiterin ihre bereits wertbeladene Arbeit. Melissa Wright (2005) beschreibt den Widerspruch. Wie eine ehemalige Arbeiterin einer Elektronikfabrik in Nueva Laredo/Mexiko ihre Arbeit in den maquilas (Montagebetriebe im Norden Mexikos und in Mittelamerika .Deregulierung des Lebens 283 Arbeiter nicht nur die Subjekte des Mehrwerts. Und wenn die Glocke wieder schellt. Du starrst nur noch auf die Uhr. dein Körper oder die Tatsache. wie die Körper verausgabt werden. und die verloren dadurch einen ganzen Arbeitstag. die musste wegen der Festplatten sauber bleiben. wie die feminisierte Arbeitskraft in den ganzen Körper einverleibt ist und wie der Körper der Arbeiterin durch die unternehmerische Deregulierung am Arbeitsplatz und die Deregulierung der natürlichen Welt beherrscht ist. »Wenn du in der Fabrik arbeitest. Die Schmerzen sind so groß.

Muskeln. um eingestellt zu Viele Maquilas bieten Busfahrten zur Fabrik an. mussten sie mit ihm mitgehen und Sex mit ihm haben. allerdings erst nachdem sie sich gewerkschaftlich organisiert hatten und selbst die Busse (alte US-Schulbusse) suchten. aber in der Fabrik war der kaum. mit denen ihnen das Unternehmen erlaubte. 3 . Wenn diese Frauen den Job wollten. Fehl. An dem Tag war er da. 3 Bio-Deregulierung benennt die Orte. meldete sich und ging dann wieder. zu dem Vorplatz zu gehen. sie waren so jung und hatten schreckliche Angst. Währenddessen hat der Typ. allerdings ziehen sie die Kosten dafür vom Lohn ab. ihnen sprichwörtlich das Fell gerbt . der für Einstellungen zuständig war. die Deregulierung der Sinne durch den Stress und die Kraft. ich solle etwa 50 von ihnen holen. Sie sind carne fresca<.und Sicherheitsvorschriften bedeutet auch dauerhafte Behinderungen. Also ging ich ihn vor dem Gewerkschaftssekretär und der Presse an. Busfahrten durchzusetzen. um sich mit ein paar Reportern zu treffen. Frischfleisch. Auf der einen Seite des Platzes war das Büro des Gewerkschaftssekretärs der C T M (Confederaciön de Trabajadores de Mexico). An dem Tag warteten viele Frauen in der Schlange. Seine Zeit verbrachte er mit Politik. Er war so widerlich. der dem unbezahlten Teil des Arbeitstages zugerechnet werden kann. würde die Kapitalakkumulation des Unternehmens belasten. die Produktion zu beschleunigen.284 Rosemary Hennessy denn die Arbeiterinnen und Arbeiter mit dem Bus abholen zu lassen. nimm diese mit. aber die anderen bleiben bei mir. Der beständige Abbau von Gesundheits. die Frauen überprüft. Produktionsquoten zu erfüllen und Überstunden zu machen. »Vergewaltigung« könnte eine passende Metapher für diese Taten sein. aber es ist auch die sprichwörtliche Tauschwährung als Preis für einen Job. die dafür nötig ist. Er sagt zu mir: >Hier. und dort einige abholen sollte. Knochen und Bewusstsein als Wert abschält. Ich erinnere mich an den Ausdruck auf ihren Gesichtern. Danach würde er sie zur Fabrik bringen. die Brücke zur Fabrik zu überqueren. Die Unternehmensleitung hatte mir gesagt. Der kam jeden Tag. Im Beispiel dieser Firma gelang es den Arbeiterinnen. wo die Arbeiterinnen eingestellt werden. als ich als Gewerkschaftsvertreterin des Unternehmens die Aufgabe hatte. Eine ehemalige Maquiladora-Arbeiterin beschreibt das wie folgt: »Ich erinnere mich an einen Tag. und du wirst das nie wieder tun! Von jetzt an werden die Arbeiterinnen direkt in die Fabrik kommen. ich sagte: >Sie kommen alle mit mir mit.und Totgeburten und entsetzliche Geburtsfehler aufgrund der am Arbeitsplatz verwendeten Chemikalien und Gifte. an denen das Kapital die Zeit und Kraft der Menschen als Ernte einfährt.

2. trägt zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus. uns als menschliche Wesen zu reproduzieren und unsere menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die kulturelle Logik des Zufalls und der Beliebigkeit (»logic of randomness«) zeigt sich in vielen dieser Diskurse über die neoliberale Wirklichkeit. über Zivilgesellschaft (als Freiwilligenorganisationen oder Zusammenschlüsse gut. dass dies nicht zwangsläufig so ist. bis zu dem dieser Tausch nicht in den eigenen Händen liegt. Erzählungen von Assimilation und von den Unterschieden. der seinen Fähigkeiten anhaftet. transgeschlechtlichen und post-gay Identitäten durch die kulturelle Wirklichkeit (cultural »real«).darauf beharrt. wie auch der Bio-Deregulierung bei. dazu gehören moralische Diskurse. die die Freiheit des »freien« Subjekts des Kapitals bestimmen.und bereitwilliger Subjekte). dass Erfahrung von etwaigen zugrundeliegenden . die benötigt wird. zufällig und nicht vorhersagbar sind. In deren Folge werden Vorstellungen von Kausalzusammenhängen zurückgedrängt. dann zeigt die Tat dieser Arbeiterin uns und ihren companeras. Diskurse über kulturelle Vielfalt und Multikulturalismus. wird unausgesprochen .das Ausmaß. die das Vordringen des Kapitalismus in die Zeit beschleunigen.und durchaus auch ausgesprochen .Wirklichkeit und Wahrheit der Körper Die sich über die Landschaften. Erzählungen von individueller Verantwortung und Wettbewerb. Und ich habe den Gewerkschaftssekretär dafür angezeigt. Der Wert. Industriegebiete und Freihandelszonen vervielfältigenden Formen der Bio-Deregulierung stehen in einem zeitlichen Zusammenhang mit Prozessen der ungleichmäßigen Assimilation und Vereinnahmung von schwul-lesbischen. die das Voranschreiten des neo-liberalen Kapitalismus begleitet haben. nicht für sich selbst spricht. dass die materiellen und historischen gesellschaftlichen Verhältnisse bestenfalls kontingent. Es entsteht eine Engführung des Wissens um die gesellschaftlichen Verhältnisse. dass er dieses Schwein gedeckt hat. Prozessen. Globalisierung und Freihandel. der der Arbeitskraft anhaftet wird gegen einen Lohn eingetauscht . der Wert. was wirklich und wahr ist (»what's real«). ist auch deswegen ein Kampfschauplatz. Neoliberale Ideologien nehmen vielfältige Formen an. »What's Real?« . weil die Bedeutung des Körpers.« Wenn die Identität als feminisierte Arbeiterin am Körper haftet.Deregulierung des Lebens 285 werden<. Die vorherrschende Art und Weise zu erkennen.

. Aufgabenerweiterung. eine Konstruktion.. nicht unwillkürlich.« . Mit der Beschleunigung der Produktion im neoliberalen Kapitalismus ging die Normalisierung von Unterschieden durch Subjektivierungstechnologien einher. bleibt gerade das im Ausdruck »whatever« offen.: Das englische »whatever« fungiert grammatisch als unbestimmtes Relativpronomen. whatever. die bestimmen. 4 Das Auftauchen des flexiblen Subjekts (wendig. Unbestimmbares auf (»do whatever you like«. wie viele Experten hervorgehoben haben.. werden vereindeutigt. »whatever you say« usw. entkräftet. Diese Logik schränkt die Bedeutung bestimmter Schlüsselbegriffe. Als Sprechgewohnheit transportiert und verfestigt dieses »whatever« die von Hennessy im Text angesprochenen um sich greifenden Bedeutungsambivalenzen sowie ein zunehmendes Beliebigkeitsdenken. 4 . dass niemand wisse. Harvey 2005). just-in-time Produktion frei verfügbaren Arbeiterschaft ist. dessen Ergebnis die Schaffung einer durch Zeitarbeit. die im Deutschen am ehesten mit dem Indefinitpronomen vergleichbar ist. Eine Auswirkung der neoliberalen Bio-Deregulierung besteht darin. biegsam. Trennungen zwischen Heim und Arbeit wurden durchlässiger. relativiert zuvor Gesagtes. was Anm. die durch die Bush-Regierung angeheizt wurde. Die Überformungen neoliberaler Ideologie nach dem 11. bekanntes Substantiv beziehen. erlagen postmodernen Ambivalenzen.) bzw.Ins Deutsche ist es je nach Kontext übertragbar als »wie oder was auch immer« oder »ist ja auch egal«. Anders als bestimmte Relativpronomen. Sein Erkennungszeichen ist das weit verbreitete englische Wort »whatever« . sondern vielmehr Ergebnis struktureller Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise (Martin 1994. die sich auf ein bestimmtes. Die für die menschliche Reproduktion notwendige Zeit wurde durch den Umbau der Arbeitsverhältnisse aufgesogen. Übers. Dazu zählt bspw. ist der Inbegriff dieser Logik des Unbestimmten und Unvorhersagbaren (random cultural logic). anpassungsfähig) ist. September sind ebenfalls nahe Verwandte der Logik der Unvorhersehbarkeit. So tritt dieser Ausdruck als Platzhalter für Unbekanntes. und der Staat deswegen seine Überwachungsmaßnahmen ausdehnen müsse. ein: Die Begriffe.egal. Das flexible Subjekt. die geschlechtliche Teilung der Arbeit lockerte sich in einigen Arbeitsfeldern und Unterschiede. mittlerweile Klischee des globalen Nordens. d. dass sich diese Zufallslogik auch im Verständnis dessen äußert. wenn es am Ende eines Aussagesatzes steht: ». um dem Zufallscharakter der feindlichen Handlungen gerecht werden zu können. was wahr ist. mit denen die Leute menschliches und natürliches Leben verstehen und mit denen sie Bedeutung stiften. die Kultur der Angst. wann und wo die Terroristen zuschlagen werden. die die herrschenden Diskurse der entwickelten Welt bisher formiert hatten.286 Rosemary Hennessy Verhältnissen entkoppelt ist. einerlei. indem den Bürgern gesagt wurde.

The Battie Over Gay Teens. dass. an einer Titelgeschichte des Time Magazine vom Oktober 2005 sehen. der Trend in Richtung post-schwul-lesbische (post-gay) Identitäten geht.und die Subjekte gleichsam durch die flexibilisierten Normen des »whatever« regiert zu sehen.). »Lesbische und bisexuelle Frauen verdienen etwa so viel wie heterosexuelle Frauen. Während der Neoliberalismus sich in den letzten 30 Jahren als vorherrschende gesellschaftliche und kulturelle Logik herausbildete. die die sexuelle Identität formen. Die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse als zufällig anzusehen bedeutet. der »eine entpolitisierte schwul-lesbische Kultur vertritt. dass Jugendliche in immer jüngerem Alter ihr Coming Out haben.B. der mit den globalen Bestrebungen der US-Geschäftsinteressen kompatibel ist. wie sich die Rhetorik der offiziellen neoliberalen Politik in den USA in den 1990er Jahren von der Allianz des »Kulturkriegs« hin zu einer des oberflächlichen »Multikulturalismus« verschoben hat. formale. Lesben in der Arbeiterschaft der USA immer noch Frauen und die Mehrheit der schwulen Männer keine ganzen Männer sind. fand zugleich eine erstaunliche Metamorphose der Normen und Werte statt. Im neuen Jahrtausend bildet sich eine »enge. in der behauptet wird. Oder wie Rieh Savin-Williams (Cornell-University) schreibt: »Nur weil sie schwul sind. die mit dem Gerede vom »dritten Weg« (weder queer noch konservativ) der Homonormativität einen schwul-lesbischen Mainstream formt. doch dass. diesen Prozess als unvorhersehbar . Lisa Duggan hat dargelegt. Dies kann man z. die tief im privatisierten emotionalen Leben des Zuhauses und des Konsums verankert ist« (Duggan 2004: 44ff. nicht auf Umverteilung zielende Form der >Gleichheit< heraus«. schwule und bisexuelle Männer verdienen 17% weniger als heterosexuelle Männer mit derselben Ausbildung und Herkunft. 5 . egal ob auf Seiten der religiösen Rechten oder progressiven Linken.« 5 Entgegen diesem »post-gay«-Trend zeigt eine Studie von Lee Badgett (1997) eine gänzlich andere Wirklichkeit.als nicht durch menschliches Vermögen kontrollierbar .« (Badgett 2001) Eine prägnante Analyse der Debatten in den USA um die Homo-Ehe führt Mariana Valverde (2006) vor. am gleichen Ort und mit derselben Beschäftigung.Deregulierung des Lebens 287 menschliche Reproduktion und menschliche Grundbedürfnisse sind. müssen sie nicht bei einer Demonstration mitlaufen. und die Grenzen von Toleranz und Akzeptanz wurden neu gezogen. wenn es um den Wert ihrer Arbeitskraft geht. die weder CSD-Demonstrationen noch post-schwul-lesbische Verlautbarungen aufgreifen. Badgett zeigt.

Die Position der Schwulen. sich über Wasser zu halten und die Arbeit zu leisten. Familie. in der die meisten Menschen leben. die die neoliberale Wirtschaftspolitik für alle . die sich am deutlichsten anhand von Kampagnen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe zeigt. behält die mit der Institution der Ehe verschränkte soziale Realität der Unsicherheit des Zuhauses bei und belässt die Kosten im Dunkeln. Da die Ehe das Versprechen eines »sicheren Heim(atland)s« bietet. damit beschäftigt. Sicherheit.288 Rosemary Hennessy Dennoch hat die Eingemeindung post-schwul-lesbischer Subjekte. war dies eine wirkmächtige Ergänzung im ideologischen Arsenal des Kriegs gegen den Terror. dass wir die Einverleibung schwul-lesbischer Subjekte in das kulturelle Zentrum der Homonormativität und die Debatten um die Homo-Ehe als Kampfschauplätze um die Landnahme betrachten können. »Sicherheit« und »Familie« gehören. sind Familien aller Art. zu dessen Schlüsselworten »Heim«. die institutionelle Basis der Familie zu stärken. symbolischen Anziehungskraft von Ehe als Garant des sicheren Heims (egal ob begrenzt auf heterosexuelle Paare oder demokratisiert für homonormative Schwule und Lesben) und der Wirklichkeit. die ihnen die Erfordernisse der Reproduktion abverlangen. den Anschein zu erwecken. Lisa Duggan und Richard Kim bezeichnen die EheDiskussion im US-Wahlkampf von 2004 als »die andere Sicherheitsfrage« und stellen fest. Die neoliberale Globalisierung schreitet durch die Landnahme immer größerer Teile des gesellschaftlichen Lebens voran. Die Verbreitung »post-schwul-lesbischer flexibler Subjekte« und die Assimilierung der Homonormativität in den U S A geschieht durch eine parallele Unterströmung konservativen Backlashs. auch schwul-lesbische. Aber es besteht ein grundlegender Widerspruch zwischen der imaginären. Ich denke. die all das. Während die konservative Verteidigung der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau versucht. die in den verschiedenen Bundesstaaten laufen. die öffentliche Vorstellungswelt in den U S A fest im Griff und geht mit einem neuen nationalistischen Diskurs einher.und Lesbenrechte. nicht mehr bieten kann. Ein Großteil der Rhetorik dieser Kampagnen dreht sich um die Begriffe Heim. was ihr zunehmend abverlangt wird. So gesehen stützt die Verteidigung der häuslichen »Heimatfront« die Hoffnungen vieler. die für die Homo-Ehe eintritt. die in der Hoffnungslosigkeit eines sich auflösenden sozialen Ganzen leben und sich auf die Unterstützung der Familie verlassen müssen. die die flexible Logik des Unvorhersehbaren von Arbeit und Leben begleitet hat. dass die Bush-Regierung im Wahlkampf den Backlash gegen die Homo-Ehe mit auf den Weg gebracht und als zutiefst emotionales Programm der Homeland Security genutzt hat.

die in den fortgeschrittenen Bereichen der Kultur der Ein-Drittel-Welt gelten. die die meisten post-schwullesbischen Leben strukturieren. die sie bei der Enteignung der grundsätzlichen und gesellschaftlichen menschlichen Bedürfnisse einer Mehrheit von uns spielen. die Art und Weise zu betrachten. dass der Diskurs post-schwul-lesbischer Assimilation und die gegen Schwule und Lesben gerichtete Verteidigung der Ehe in den USA beide Teil einer internationalen Arbeitsteilung und neoliberaler Geopolitik sind. werden Verwandtschaftsnetze für viele Menschen der einzige Rückhalt des Überlebens. Diese Herangehensweise ermöglicht es uns. die Normen besser zu verstehen. die Rolle dieser Normen zu begreifen. aber sie tun dies beide auf ideologische Art und Weise.Deregulierung des Lebens 289 Arten von Familie mit sich bringt. und sie ermöglicht uns. Dabei sind die Formen der Lebensführung. indem ökonomische und soziale Verantwortung . inner. . er kann als progressiv oder sogar als befreiend erscheinen. am Arbeitsplatz und außerhalb. Er kann für eine Whatever-Haltung in Fragen sexueller Identität eintreten.und Lesbenrechte sind zwei Seiten desselben Anliegens. wie soziale Sicherungssysteme verschwinden. beide speisen sich aus den Kosten. in der Sexualität. aus den unbefriedigten Bedürfnissen der Arbeitenden. die das Normale. Als Begriff. In dem Maße. Die konservative Verteidigung der Ehe und das Pendant der Schwulen. das Erträgliche. Die Kulturen des Neoliberalismus bieten verschiedene eng abgesteckte Wege des Verständnisses menschlicher und natürlicher Fähigkeiten und ihrer Beschaffenheit an. Der Diskurs über post-schwul-lesbische Homonormativität ist eine Ergänzung dieser beiden Seiten. Einem speziellen Kapitel dieses geschichtlichen Zusammenhangs wende ich mich im folgenden zu. kann Bio-Deregulierung uns dazu in die Lage versetzen.und außerhalb des symbolischen und schwer zu erreichenden »Heims«. die die Bio-Deregulierung abverlangt. der eine der Technologien des neoliberalen Kapitalismus offenlegt. historisch und materiell eng gekoppelt an die Feminisierung der Arbeitsverhältnisse gerade jenseits dieser hochentwickelten Bereiche. Aber der Diskurs über das flexible Subjekt gibt keinerlei Hinweise auf die Gründe der Unsicherheiten. Darüber hinaus denke ich. Menschen demonstrieren für die Verteidigung der Ehe oder für den Eintritt in sie aufgrund ihrer nicht erfüllten eigentlichen Bedürfnisse.für Kinder. Körper und Geschlechtsidentität ebenso in einer Reihe von Praxen des US-Nationalstaats auftauchen wie auch transnational in den vielfältigen und geteilten gesellschaftlichen Unsicherheiten der im globalen Norden und Süden lebenden und arbeitenden Menschen. Alte und Kranke .auf die Privathaushalte verschoben wurde. das Unsagbare regulieren.

der 1845 überraschend an Tuberkulose starb. der Erfinder der Stahlniete für die Verstärkung von Hosen.com 6 . weitaus dringenderen Anforderungen gerecht zu werden: nämlich strapazierfähige Hosen für die Bergleute herzustellen. um die erste Jeansfabrik der Westküste zu leiten. ging das Unternehmen in den Besitz seiner Neffen. Zwei Jahre später starb auch seine Mutter. die in New York einen Textilwarenhandel aufgebaut hatten.6 Es folgte ein langfristiges Engagement durch Levi Strauss. Hirsch Strauss. Das Unternehmen Levi Strauss & Co ist stolz auf das seit langem bestehende Profil eines ethisch geführten Biographische Details zu Jacob Levi Strauss siehe »Jewish Life in the American West«. Da er keine direkten Nachkommen hatte. mitgebracht hatte. 1872 kam Jacob Davis. war Textilwarenhändler. war das jüngste von sieben Kindern. wo er der Westküstenvertreter des Familienunternehmens wurde und den Bergleuten Arbeits. In den darauffolgenden Jahren gründete das Unternehmen eine Reihe von Stiftungen.und Lebensmittel verkaufte. unterstützte Museen und Wohlfahrtsorganisationen und gab zig Millionen Dollar an die Universität Berkeley. auf Bedürfnisse von Arbeitern einzugehen. Als Levi Strauss 1902 starb.290 Rosemary Hennessy 3. viel besser dafür genutzt werden konnte. war er ein hoch angesehenes Mitglied der Gemeinde.levistrauss. und Loeb sah armen Verhältnissen entgegen. zu Strauss nach San Francisco. sah Loeb. Ihm wurde schnell klar.museumoftheamericanwest. der Haas-Familie. und es entstand der Ruf einer ethischen Unternehmensführung.com und www. zu dem Zeitpunkt schon als »Levi« bekannt. an der Western Frontier gute Geschäftsmöglichkeiten auftauchen. vgl. Jeans w i t h Justice im Namen der Gerechtigkeit produzierte Hosen? Jacob Levi Strauss (1829-1902). den er zur Erfüllung bestimmter Bedürfnisse. an der das Institut für Betriebswirtschaft nach einem Nachkommen von Levi Strauss benannt ist (Schoenberger 2000: 47). Er nahm ihre zwei Töchter und emigrierte in die USA zu den älteren Strauss-Söhnen. Als die Nachricht des kalifornischen Goldrauschs die Ostküste erreichte. dass der Stoff. das gemeinnützige Arbeit. Rebecca Haas-Strauss. 1853 nahm er die US-Staatsbürgerschaft an und reiste nach San Francisco. Sein Vater. Waisenhäuser und die jüdische Synagoge unterstützte. www. die Levi Strauss' Investitionen in progressive Arbeitgeberpraktiken und Philanthropie fortsetzten. geboren als Loeb Strauss in Buttenheim in Bayern. für die Herstellung von Zelten und als Dachplanen für die Wagen.

die an AIDS gestorben waren. das das Unternehmen zu einem international führenden Unternehmen im Kampf gegen AIDS machte. Projekt und förderte später eine Reihe von Initiativen. ist Levi Strauss & Co's globale Reichweite eng verbunden mit dem Ruf eines Unternehmens. Es wird geltend gemacht. um angesichts des Wettbewerbs die Profitrate halten und steigern zu können. Dass Levi Strauss & Co in der Mitte der 1990er Jahre eine Vermarktungsstrategie betrieb. hin. nicht nur für ihre Produkte. Wenn wir den Weg nachverfolgen. als Unterstützung ihrer schwulen Arbeiter in San Francisco und durch AIDS hervorgerufene Philanthropie. dessen Betriebe ohne Rassentrennung arbeiteten. Heute in 110 Ländern mit Markenzeichen ins Handelsregister eingetragen. dass das Unternehmen auf Kunden eingeht. Auf Druck der Beschäftigten entwickelte Levi Strauss & Co 1982 ein Modellprogramm.a. sondern auch dafür. die unter den Namen Levi's®. die »Unternehmen zur Rechenschaft ziehen. Haas. Levi Strauss & Co's Engagement im Wertediskurs speist sich aus zwei aufeinanderfolgenden und punktuell sich überschneidenden globalen Krisen: den Auswirkungen der AIDS-Epidemie und der strukturellen Anpassung der Produktion.. gemäß den Grundwerten des Unternehmens zu handeln. das auf proaktive Art und Weise auf Arbeiter eingeht. wie die Produkte von Levi Strauss & Co hergestellt und vermarktet werden. Dockers® und Levi Strauss Signature™ Bekleidung verkaufen. der Zusammenarbeit Weißer und Schwarzer. wie sie hergestellt und vermarktet werden«. Der damalige Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer.h. auf den Beitrag zur Integration in der Textilindustrie des Südens. ist in beiden dieser Krisen begründet.Deregulierung des Lebens 291 Unternehmens und weist u. Erstere bringt die Firma zu einem großen unternehmerischen Beitrag zur HIV-Aufklärung. d. die sich zu . Robert D. unterstützte da. in denen die Einverleibung post-schwuler Identitäten und viel brutalere Formen der Bio-Deregulierung aufeinandertreffen. und forderten die Einrichtung einer AIDS Informations. Auf der Internetseite des Unternehmens wird der unternehmerische Ansatz des »Profit durch Prinzipien« vorgestellt und der Mut herausgestrichen. Letztere führt zu einem jahrzehntelangen Prozess der Verlagerung der Produktion ins Ausland. Diese Arbeiter beklagten den Verlust von Freunden und Liebhabern.und Spendentafel in der Eingangshalle. Es begann mit den Forderungen einer Gruppe von Arbeitern im Hauptquartier des Unternehmens in San Francisco. Levi Strauss hatte gegen Forderungen nach einer segregierten Arbeiterschaft aufbegehrt und war einer der ersten Arbeitgeber. die ausdrücklich auf junge schwule und transgender Subjekte zielte. dann stoßen wir auf eine Reihe von Begebenheiten.

und mit Levi Strauss & Co das Engagement zu teilen.292 Rosemary Hennessy einer facettenreichen Kampagne bündelten und die Aufklärung über AIDS. Bis 1992 war Levi Strauss & Co die einzige Fortune 500 Firma. die Sozialleistungen für gleichgeschlechtliche Paare gewährte. viele gingen an Projekte der AIDS-Arbeit.. Gesundheitsversorgung sowie ein Outreach-Programm mit der schwulen Community beinhaltete. das einen umfassenden Ethikkodex für die Zulieferer. 1991. Niedrigere Löhne. dass Arbeiterinnen und Arbeiter keine bezahlten Überstunden.). Seither haben sich gemeinnützige Einrichtungen.und Lesbenrechten eingenommen hatte. die ihre Finanzierung der Pfadfinder zurückzog.und Herstellerbetriebe des Unternehmens verabschiedete. Die Geschäftspartner werden in diesen Verhaltensmaßregeln. schwache oder gar keine Kollektivvertretungsrechte garantieren dort. darunter das LGBT-Filmfestival und das Hetrick-Martin-Institut. den Global Sourcing and Operating Guidelines. sie das Recht zur freien Assoziation ausüben können und in keiner Weise ausgebeutet werden« (ebd.. Handelskammer und Aktivistengruppen an Levi Strauss & Co zwecks Rat in der AIDS-Aufklärung gewandt« (www. Wie viele US-Hersteller verlagerte auch Levi Strauss & Co seine Produktion. Die Stiftung des Unternehmens finanzierte darüberhinaus viele Projekte aus dem LGBT-Bereich (lesbisch/schwul/bisexuell/transgender-Projekte). und bis zum Endes des Jahrhunderts gewährte die Levi Strauss & Co Stiftung über 3 Millionen Dollar im Jahr an Zuschüssen. darauf verpflichtet. ein Jahrzehnt nachdem Levi Strauss & Co eine führende Rolle in der Befürwortung von Schwulen. Dieses »umfassende und anspruchsvolle Programm« machte Levi Strauss & Co zu einer »der größten und wichtigsten Ressourcen für die Bevölkerung San Franciscos. »gesetzestreu und im Rahmen der Durchführung ihrer unternehmerischen Geschäfte stets im Einklang mit den rechtlichen Bestimmungen zu handeln . dass ihre Angestellten in keinem Fall physischen Risiken ausgesetzt werden. um die Profitraten durch billigere Arbeit aus dem Süden zu erhöhen. weil die Boyscouts of America Schwule und Lesben diskriminieren. fair bezahlt werden.com). wurde es das erste multinationale Unternehmen. Sie gehörte auch zu den Stiftungen.levistrauss. Kliniken. zur Verbesserung der Bedingungen der Kommune beizutragen (sowie) sicherzustellen. Gesundheitsversorgung oder die Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen . Protest von Arbeitern und ziemlich viel Aufmerksamkeit der Medien anlässlich der Neuansiedlung von Levi Strauss & Co-Produktionsstätten im Ausland waren der eigentliche Grund für die Schaffung des Ethikkodexes.

dass er bei den Arbeiterinnen Leibesvisitationen vornahm. die die Kapitalakkumulation bremsen.Deregulierung des Lebens 293 fordern können und reduzieren dadurch die Kosten. wenn sie »zu oft« auf die Toilette gingen. chinesische Frauen als Sklavinnen zu halten. Viele dieser Frauen hatten seit mehr als 14 Jahren für Levi Strauss & Co gearbeitet. Dominikanische Republik.). Das Ergebnis waren Entlassungen in einigen der älteren Werke in Tennessee. Südkorea. Macao. Singapur.J. Guatemala. außerdem bot Levi Strauss & Co nur schäbige Abfindungen an. Sri Lanka und Indonesien (vgl. Sie verloren den Prozess. Owen 2000). Philippinen. Malaysia. China. die Gruppe. 7 Der Ausgleich der Folgen der automatisierten Produktion in einigen ihrer US-Werke wurde von Levi Strauss & Co bereits begonnen. dass Arbeiter entlassen wurden. Zugman 2003). Mexiko. brachte die Sweatshop-Praktiken von Levi Strauss & Co ans Licht der Öffentlichkeit. die sie nicht unterstützten.000 mexikanische und mexikanisch-amerikanische Arbeiterinnen des Levi Strauss & Co-Werks in Zarzamora/Texas. Ein Auftragnehmer in Indonesien flog damit auf.). 8 Die Arbeiterinnen aus dem Werk in San Antonio beschreiben die Kosten der Ende des Jahres 1991 wurde ein Levi Strauss & Co-Auftragnehmer in Saipan (USTerritorium im Pazifik) beschuldigt. Thailand. die zu Stromschlägen führten.J. Brasilien. Indien. die sich im Arbeitskampf gegründet hatte. und dass Regenwasser durch die Decke drang und auf dem Boden Pfützen bildete. Unter den entlassenen Arbeiterinnen und Arbeitern befanden sich 2. Bangladesh. Die Schließungen trafen die Arbeiter im Süden hart. Mithilfe von Aktivisten und Rechtsanwälten führten die Arbeiterinnen einen Gerichtsprozess gegen das Unternehmen (vgl. dass mindestens zehn Kinder im Alter von unter 14 Jahren in der Fabrik gearbeitet haben. da diese Gegenden so wieso schon unter hoher Arbeitslosigkeit und Niedrigstlöhnen litten. als die Produktion nach Costa Rica verlagert wurde. Hongkong. Arkansas und Texas (vgl. Angestellte eines ehemaligen Levi Strauss & Co-Auftragnehmers in Mexiko geben an. um festzustellen. Um 1990 gab es rund um den Globus verteilt 600 Tochtergesellschaften und Auftragnehmer in Entwicklungsländern. Pakistan.in Frontstellung zu dem Unternehmen und den Gewerkschaften. ihnen die Pässe abzunehmen und sie bei Löhnen unterhalb des Minimums zu 84-StundenWochen zu zwingen. Taiwan. Louie o. Zwischen 1981 und 1990 verlagerte das Unternehmen etwa die Hälfte seiner Produktion aus den USA und Kanada. 8 Kara Zugmans Analyse bezieht Berichte der Mitglieder von Fuerza Unida ein und zeigt. Louie o. aber die Fuerza Unida (Vereinte Kraft). darunter Costa Rica. wie die Arbeiterinnen von Levi Strauss & Co's widersprüchlichen Diskursen über Familie und Wettbewerb befangen waren und wie sie dennoch den Gegendiskurs der »Mutterschaft« neu erzählen . ob sie menstruierten und ihnen der gemäß islamischem Gesetz zustehende freie Tag wirklich zustand. 7 . (vgl.

nicht auf die Toilette gehen zu dürfen oder Trinkwasser zu holen und Mehrfachverletzungen.org/cgi-bin/iowa/portrayals. Eine weitere Dockers-Anzeigenkampagne von 2000/2001.a. Die mit der Kampagne Betrauten geben an. haben wir festgestellt. 1998 entwickelte Levi Strauss & Co seine erste auf Schwule ausgerichtete Werbekampagne. die Folge der Hyperausbeutung ihrer Arbeitskraft war. der vor der Kamera steht. darunter James Dale. Produktionsquoten einzuhalten. dass sie viel bedeutsamer wurde. der Chefmarketingspezialist von Levi Strauss & Co: »Wir versuchen die 25.commereialcloset.bis 34-jährigen zu erreichen. erschlagen wurde (ebd. die zum Schrecken des Taxifahrers einen Rasierapparat aus ihrer Handtasche zieht. Handwurzelknochensyndrom und zerrissene Bandscheiben (vgl. dass schwule Männer und Lesben einen großen Anteil dieser Gruppe ausmachen« (vgl. Im Jahr 1998 startete Levi Strauss & Co seine »What's real?«-Werbekampagne. nachdem Matthew Shepherd. In diesem Jahrzehnt entdeckte das Unternehmen auf äußerst aggressive Art und Weise Schwule und Transgender als Marktnische. junge hippe Käufer für die Marke Dockers® zu gewinnen. direkt in sie hineinsieht und uns über eine Unterhaltung mit seinem Vater berichtet: 5 Siehe http://www2. Zugman 2003).1 Milliarden Dollar.html?record= 16 . die ihren Eltern ihren neuen Freund vorstellt. Zu dieser Kampagne sagte Mark Malinowski.).294 Rosemary Hennessy Bio-Deregulierung. in den frühen 1990er Jahren wuchsen bei Levi Strauss & Co die Profite kontinuierlich. Als wir uns diese Gruppe angesehen haben. Die Verlagerung der Produktion ins Ausland erwies sich für das Unternehmen als lukrativ. die aus einer Reihe von Interviews mit »wirklichen« Menschen besteht. um den Bartschatten zu rasieren. die unter die Kategorie der »vage schwulen« Kampagnen fällt. und wie dann sowohl die Mutter als auch der Vater mit ihm zu flirten beginnen. zeigt eine junge Frau. In einer Anzeige von 1995 wird eine transsexuelle Frau auf dem Rücksitz eines Taxis gezeigt. und darin klingt das Echo der Stimmen der mexikanischen MaquiladoraArbeiterinnen nach: der Druck. Elliott 1998). die wir die modernen Stadtmenschen nennen. dessen Klage gegen die Pfadfinder New Jersey bis zum Obersten Gerichtshof ging. ein offen schwul lebender Student der Universität W y oming. 9 1996 lagen die Verkaufszahlen bei 7. darunter ein unbeholfener Teenager namens Dustin. u. Die Anzeige wurde als Beilage des Magazins Out geschaltet und zeigte Porträts von zehn schwulen Helden. schnell zu arbeiten. die darauf aus war.

900 Arbeiterinnen und Arbeiter ihren Job verloren. in der die Verbraucher Dustin und andere Darsteller von Levi Strauss & Co sahen. Zur gleichen Zeit. die ich hörte. Jones 1999). Gleichzeitig wurde durch die Fabrikschließungen und Unternehmenspraktiken wie die in San Antonio und die neueröffneten Werke in Asien. die wissen doch gar nicht. Zwei Nähereibetriebe in Edmonton und Stoney Creek in Ontario/Kanada wie auch die Fertigungsanlage in Brantford schlossen im März 2004 und vollendeten den Auszug von Levi Strauss & Co aus Nordamerika (vgl.die sind wie er. ist es dann auch berechtigt zu sagen. Murphy (North Carolina) und Cornwall (Ontario/Kanada). Morrilton (Arkansas). die denken du nimmst Drogen. weil ich die immer ziemlich laut gehört habe und dazu in meinem Zimmer getanzt habe. dass ich schwul bin.org/cgi-bin/iowa/portrayals/html ?record=92) Diese halb angepasste. weil die mich hassen und so. halb schwule oder transgender Rhetorik. ein »whatever« post-schwuler Jugendlicher. erreichte das Unternehmen der NAFTA-bedingte Niedergang der US-Textilindustrie. Wie passen diese Geschichten zusammen? Wenn es richtig ist zu sagen. dass ich Drogen nehme! Ah. ich meine. Zentralamerika und der Karibik die Gesundheit von Arbeiterinnen und Arbeitern völlig ignoriert und mit deren entwerteter feminisierter Arbeitskraft Kasse gemacht. Warsaw (Virginia). in Tennessee die Werke in Mountain City und Johnson City. dass Levi Strauss & Co's Aufmerksamkeit in der AIDS-Krise die Voraussetzung für seine auf Schwule zielenden Marketingstrategien in den 1990er Jahren war. El Paso und Wichita Fall. Wir haben darüber geredet. Harlingen. verbindet »schwul« nur halbherzig mit Drogengebrauch und normalisiert zugleich das »schwule« Subjekt als Junge von nebenan. zu dem die gehören< . 1998 schlössen in Texas die Werke in McAllen. sowie die Werke in Valdosta (Georgia).commercialcloset.. dass der Transfer der . >Die mögen keine Homosexuellen. die hier am Werke ist.< Und ich sagte: >Papa. Er sagte dann: >Das ist halt der Typ Mensch. Die zwei Werke in San Antonio waren die letzten. dass sie mich hassten und so. Die Reaktion von Levi Strauss & Co auf die AIDS-Krise innerhalb der Belegschaft in San Francisco setzte die sonst übliche unternehmerische Art außer Kraft. Sie mochten die Musik. 2002 schlossen sechs weitere US-Werke und bis September 2003 hatten weitere 5. nicht.<« (www. die wissen doch gar nicht.< Und er sagte: >Was hast du gesagt?< Und dann sagte ich: >Ich meine..Deregulierung des Lebens 295 »Wir haben über meine Nachbarn gesprochen. sich über die Erfordernisse und Bedürfnisse menschlicher Körper hinwegzusetzen und sie bloß als Profitbremse zu betrachten. die in den USA geschlossen wurden.

Die Reform des Artikels 27 der mexikanischen Verfassung beschleunigte 1992 die Privatisierung der ejidos. die ein Modell neoliberaler Geschäftsgebaren ist. der Ländereien im öffentlichen Besitz. deren Anderssein normal und akzeptabel. Bis Mitte der 1990er Jahre gab es hier keine großen Maquiladoras. Um zu verstehen. und leitete eine neue Entwicklungsphase ein. aber auch der Abbau von Bodenschätzen. welche Rolle spielen die Grenzen. die diese komplizierte Sachlage mit sich bringt und die eine transnationale Organisierung immer wieder in Frage stellt. dürfen wir Sexualität nicht gegen Arbeit ausspielen oder schwule Konsumenten und Bürgerinnen und Bürger des Nordens nicht von den Arbeiterinnen und Arbeiter des Südens trennen. sogar cool ist.296 Rosemary Hennessy Produktionsstätten ins Ausland materiell verbunden ist mit der Vermarktung schwuler Assimilation? Levi Strauss & Co's »What's real?«-Kampagne gemeindet schwule Jugendliche als Subjekte in den Mainstream ein. vor allem Baumwollanbau findet hier statt. die sexuelle Identitäten bestimmen in diesem Feld? Ist es falsch anzunehmen. Eigentlich ist diese Gegend eher landwirtschaftlich geprägt. In dieser Periode wurde die Lajat Manufacturing Company gegründet. Wir werden vielmehr die Herausforderungen annehmen müssen. dass schwule und post-schwule Subjekte und Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter gänzlich verschieden und geografisch bestimmt sind? Was sind die Implikationen einer solchen möglicherweise falschen Annahme? Der jüngste Arbeitskampf bei einem Levi Strauss & Co-Zulieferer in Gömez Palacio in Durango/Mexiko bestätigt die Schnittstelle zwischen Geschlechtsidentität und dem Wert der Arbeitskraft im Neoliberalismus und lässt eine komplizierte Beziehung zwischen Sexualität und Feminisierung der Arbeit annehmen. die Subunterneh- . offiziell bekannt als Maquiladoras y Manufacturas Lajat. Die Gegend um La Laguna im Norden Mexikos ist immer noch das größte Zentrum für Textilproduktion und -export des Landes und hat Zentren wie Puebla und Tehuacan im Süden längst überholt. was in dieser komplizierten Sachlage wirklich und wahr ist. Welche Verbindung hat diese Normalisierung der post-schwulen Subjekte zur Deregulierung der Körper der Arbeiterinnen und Arbeiter. Um das neoliberale Modell durchsetzen zu können. mussten die Bewohner der ejidos vertrieben werden und sie wurden obdachlos. Lajat gehört den Gebrüdern Bello. die Levi's-Jeans zusammennähen? Besteht ein Verhältnis der Bio-Deregulierung zwischen dem spektakulären Einsatz homonormativer Körper im transnationalen Werbesektor und dem Dahinschwinden der Körper anderswo? Wenn das so ist.

Die fünf Brüder verfügen über enge politische Verbindungen in den Bundesstaaten Durango und Coahuila und sie beschäftigen etwa 12.de/veroeff. die in diesem tödlichen Spiel gefangen sind. der dem Kauf ablehnend gegenüberstand. Dieser Mord wurde niemals aufgeklärt. Dennoch herrschte in der Region eine Atmosphäre der Jobunsicherheit vor. den die marodierende Textilindustrie von denen fordert. Dem Journalisten Julio Ramirez zufolgte entstand die Lajat Company aus der Privatisierung der ejidos der Region Laguna vor allem auf der Grundlage eines Abkommens zwischen Lazaro Bello und dem Gouverneur von Coahuila.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in verschiedenen Werken der Region. Zeitgleich mit dem Auslaufen des Textilabkommens kündigte Lajat im Januar 2005 an. mit den Niedriglohngegenden im Süden des Landes zu konkurrieren und den Unternehmen weiterhin Zugang zum großen US-Verbrauchermarkt zu bieten. dass sie in Torreön einen exklusiven Country Club und Golfplatz bauten und die örtliche Wasserversorgung abgruben./Trade_Agreements/Bilateral/CAFTA/CAFTA-DR_Final_Texts/Section_Index. Die näheren Einzelheiten des Arbeitskampfs in den Lajat-Werken in G6mez enthüllen den Tribut an den Neoliberalismus.gov. Die Profite aus den Investitionen der Bellos in die Textilfabriken waren so ertragreich. Zu einem niedrigen Preis wurden die Ländereien 1993 gekauft. die aus den sogenannten Entwicklungsländern in die entwickelten Länder exportiert werden durften.ustr.Deregulierung des Lebens 297 mer von mindestens einem.oeku-buero. Das Agreement of Textile and Clothing (ATC) galt zwischen 1974 und 2005. in denen der Leiter einer der ejidos. die sich aus den zunehmend austrocknenden Seen speist. d. Übers. Dies erlaubt es der Region. denn Schutztarife fielen weg und neue Handelsvereinbarungen brachten Zentralamerika und Asien mit in den globalen Wettbewerb der Textilbranche. denn es ist die Region der drei Sonderproduktionszonen Mexikos mit dem niedrigsten Minimallohn.html. darunter Levi Strauss & Co. 10 . wenn nicht von mehreren anderen Subunternehmen großer namhafter Textilhersteller. die Produktion von Gömez in die Stadt Torreön zu verlaAnm. Die Unterzeichung des CAFTA-DR im Jahr 2005 und das Auslaufen des Textilhandelsabkommens (ATC) 10 am ersten Tag desselben Jahres bedrohten die Textilindustrie dieser Region.: Details hierzu vgl. Mudd Jeans und Aeropostale sind. Durch die NAFTA wurde 1994 die Region für die Herstellung von Jeans geöffnet. La Laguna hatte weiterhin einen strategischen Vorteil. kritisch dazu: http:// www. Dies fand unter zweifelhaften Umständen statt. erschossen wurde und seine Leiche auf einer Müllkippe in der Wüste gefunden wurde. http://www. darin wurden die Exportmengen festgelegt.

übte das Bündnis Druck auf Levi Strauss & Co aus. Das Werk in Torreön liegt etwa 10 km von Gómez entfernt und das Unternehmen sagte den Arbeiterinnen und Arbeitern. Sie benutzten für den S t o n e w a s h . wenn sie weiter für sie arbeiten wollten. In der Zwischenzeit wurden die Organisierungsversuche der Arbeiterinnen bei jedem Schritt durch die mexikanische Kommission für Arbeitsangelegenheiten und durch den offiziellen Gewerkschaftsverband Confederacion de Trabajadores de Mexico ( C T M ) torpediert. Die Ankündigung des Umzugs nach Torreon brachte für die Arbeiterinnen und Arbeiter von Lajat das Fass zum Überlaufen. Die Toiletten waren oft kaputt und zwei der drei hatten kein fließendes Wasser. denn die Arbeitsbedingungen im Gómez-Werk waren bereits grauenhaft . bis zu 12 Stunden täglich zu arbeiten. Zuerst sagte diese. Sie gründeten ein unabhängiges Bündnis und starteten den Prozess zur Anerkennung des Kollektivvertretungsrechts als unabhängige Gewerkschaft.E f f e k t der Jeans viele Chemikalien. das Management erlaubte ihnen nicht. desto offener stellten sich die Arbeitsbehörde und . ohne dass Überstunden bezahlt wurden. dass das Werk ohne gültige Konzession von Levi Strauss & Co gearbeitet habe. um die Zustände in Gömez zu untersuchen. obwohl die Arbeiterinnen ihr Beweise vorlegten. Die Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter waren junge Frauen und alleinerziehende Mütter. Da der Ethikkodex von Levi Strauss & Co auch das Recht auf freie Assoziation enthält. dass sie auf der offenen Ladefläche von Lastwagen dorthin gebracht würden. aber abends selbst zusehen müssten. Als Reaktion darauf schickte Levi Strauss & Co die für Lateinamerika zuständige Abteilungsleiterin. Die Produktionsquoten waren extrem und die Arbeiterinnen und Arbeiter durften die Fabrik nicht verlassen. bevor sie die Quoten erfüllt hatten.298 Rosemary Hennessy gern und teilte mit. Die Lajat-Arbeiterinnen wandten sich an die internationale Organisation der Coalition for Justice in the Maquiladoras und baten diese um Unterstützung. Die Arbeiterinnen und Arbeiter organisierten sich. dort arbeiten müssten. wurden davongejagt. auf die Toilette zu gehen. Dann sagte sie. um gegen den Transport nach Torreón zu protestieren. Je mehr Arbeiterinnen auf eine Wahl drängten. Für viele war das ein unüberwindbares Hindernis.die Arbeiterinnen wurden gezwungen. Es gab kein Trinkwasser. dass die Fabrik in Gömez nicht für Levi Strauss & Co arbeite und das. wie sie nach Hause kommen. die es dennoch wagten. aber sie bekamen dazu keinerlei Schutzkleidung. und diejenigen. sich an den Kodex zu halten. dass die Arbeiterinnen und Arbeiter. und beschwerten sich wegen der gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen.

und es deswegen auch nichts unternehmen könne. verkündete Lajat die Schließung des Werks in Gómez Palacio aufgrund mangelnder Aufträge. was bedeutet. Sie gründeten eine offiziell anerkannte Koalition der Arbeiterinnen und Arbeiter. Auf internationalen Druck hin war Levi Strauss & Co im Herbst 2005 endlich dazu bereit. Was noch wichtiger ist: Sie erlangten die offizielle Anerkennung und Zulassung ih- . Außerdem schafften sie es. Als im September 2005 ein Erfolg der Arbeiterinnen bei der Gewerkschaftsabstimmung so gut wie sicher war. nicht standhalten. denn sie können dem langfristigen Druck und Widerstand. kürzten sie deren Löhne von 850 Pesos auf 350 Pesos die Woche (von 85 auf 35 Dollar) und stoppten die Zahlungen an die Krankenkasse sowie die Wohnzuschüsse. dass sie in anderen Fabriken der Region keine Jobs bekommen können. das die Verbesserung der Arbeitsbedingungen vorsieht. dass es in Gömez offiziell keine Produktionsstätten unterhalten habe. wenn die mexikanische Kommission für Arbeitsangelegenheiten den Prozess der Gewerkschaftsgründung verzögert. Da Lajat die Arbeiterinnen und Arbeiter rechtlich nicht einfach kündigen konnten. Arbeiterinnen und Arbeiter wurden außerdem auf Schwarze Listen gesetzt. in der Region eine starke soziale Bewegung in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen aufzubauen. ein Gebilde. Doch die Arbeiterinnen gewannen in diesem Fall an Stärke und schafften in dieser Region einen wichtigen Präzedenzfall. Und sie hielten stand gegen ein riesiges multinationales Unternehmen und enthüllten dessen Praktiken in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit. Tatsächlich verlagerten sie die Produktion aber nur zu einem anderen Subunternehmer ein paar Häuser weiter und in das andere Lajat-Werk in Torreón. Gemäß des Ethikkodexes zur Unternehmensführung darf ein Zulieferer eine Fabrik nicht schließen und die Produktion in eine andere verlagern. wie das letztlich geschah. bediente einen doppelbödigen Diskurs. Sie verpflichteten das Unternehmen auf ein Arbeitsabkommen. Sie erlangten die Wiederanstellung der zu Unrecht gefeuerten Arbeiterinnen und die Nachzahlung ihrer Arbeitsausfälle. die Verantwortung für die Durchsetzung des hauseigenen Ethikkodexes zu übernehmen. der ihren Organisierungsversuchen entgegengebracht wird. als die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Organisierungskampagne starteten. um Organisierungsversuche von Arbeiterinnen und Arbeitern zu vereiteln.Deregulierung des Lebens 299 der Gouverneur auf die Seite des Unternehmens. das normalerweise von der Kommission für Arbeitsangelegenheiten nicht anerkannt wird. Doch obwohl die Arbeiterinnen und Arbeiter das Gegenteil bewiesen. Doch die Art. Normalerweise geben die Arbeiterinnen und Arbeiter auf. behauptete Levi Strauss & Co weiterhin.

Angefangen bei der Verlagerung der Produktion nach Torreón und dem damit verbundenen 10km Nachhauseweg folgten sexuelle Belästigung von Frauen. denn. Eduardo Gonzalez.ensohn<. dass sein Wort Gesetz ist. weil es keine Arbeit mehr gebe und ich spürte diese Unsicherheit und Ungewissheit bei meinem Job. Das beeinträchtigte meine Familie und würde zu persönlichen Problemen führen.. die wir in unsere Arbeit steckten. nicht an . der Lajat Workers' Union. Er erkannte die Leistung. herumfluchend feuerte er rechts und links Arbeiter und beschimpfte uns mit Worten wie >H. Am Ende führten diese gemeinsamen Aktionen dazu. um zu zeigen. wie sie in anderen Maquilas ebenfalls am Werk sind. Während des Arbeitskampfs lief der Krankenversicherungsschutz ab und sie starb. Manchmal kam Tomás Bello.« Doch wenn das so ist. Doch die Feminisierung der Arbeiterschaft bei Lajat geschah in der Form von Herrschafts. um die letzte Runde der Verhandlungen zwischen dem Lajat Management und der Lajat Workers' Union zu eröffnen. Ich erinnere mich daran..300 Rosemary Hennessy rer Gewerkschaft. traf ich auf einen mächtigen. dass seine Tochter mit einem Herzfehler geboren wurde und sie Medikamente und Operationen benötigte.« (Ojeda/Hennessy 2007: 122) Zu Eduardos persönlichen Problemen gehört. so wurde gesagt: »Wir können unseren Zulieferern nicht vorschreiben. dass leitende Führungskräfte von Levi Strauss & Co nach La Laguna kamen. dass die Fabrik geschlossen werde. Während dieses Prozesses behielt Levi Strauss & Co seine Position bei. wie sie ihre Geschäfte organisieren.und Unterdrückungsritualen.. . welche Formen der Bio-Deregulierung diese Feminisierung beinhaltet: »Als ich in diese Fabrik kam. Diese Siege sind das Ergebnis ihrer Unbeirrbarkeit und ihres Muts sowie der Unterstützung durch abgestimmte Verbraucherkampagnen in den U S A und Kanada wie auch effektiver grenzüberschreitender Organisierung. Als die Arbeiterinnen und Arbeiter mit der Organisierung begannen. dass jedes Jahr im Dezember die Gerüchte starteten. erklärt. der Ingenieur.. ein Arbeiter bei Lajat. rücksichtslosen und neiderfüllten Chef. war Biopolitik wieder die Hauptwaffe des Unternehmens. der ersten Gewerkschaft. die es in den letzten Monaten der Verhandlungsgespräche eingenommen hatte: Levi Strauss & Co würde nicht darauf bestehen. deren Führungspositionen nur von Frauen besetzt sind. dass Lajat die Produktion wieder nach Gömez zurückverlagert. wozu hat man dann einen Ehrenkodex unternehmerischen Handelns? Die Geschichte des Arbeitskampfes bei Lajat ist die Geschichte der zügellosen Bio-Deregulierung eines Unternehmens im Streben nach Beibehaltung und Erhöhung der Profitraten.

Manager der Fabrik kamen zu ihm nach Hause und drohten ihm verbal Tätlichkeiten an. Ein Mann. als feminisierter Mann. siehe auch http://www. Als die Arbeiterinnen und Arbeiter mit der Organisierung einer unabhängigen Gewerkschaft begannen. Ojeda/Hennessy 2007. seine Kolleg/innen verraten zu haben. nächtliche Drohungen und Beschimpfungen an der Haustür waren alle durchzogen mit Ausfällen gegen sein Schwulsein. noch imstande. um die er sich kümmert und der es nicht gut geht. ihn als Teil der Entwertung ihrer aller Arbeitskraft gemeinsam anzugehen. schwul zu sein. dass er schwul ist. war einer ihrer Sprecher derjenige. die unerbittlicher wurden je mehr der Arbeitskampf im Sommer 2005 an Fahrt gewann. dass er denkt. Als er aufgab und lieber die Abfindung annahm. Voller Bedauern und Reue sagt er. dass die Arbeit in den Maquilas eine der wenigen Möglichkeiten ist. Arbeit zu finden. als offen schwuler Mann. Soweit ich das sehe. In einem informellen Gespräch erzählte er. die im Arbeitskampf nicht ein einziges Mal zur Sprache gekommen war. den ich hier aus Gründen der Anonymität Jose nenne. dass das kein Geheimnis war.h. 11 vgl. und lässt durchblicken. den Angriff auf Joses Homosexualität als Strategie der Trennung seitens des Unternehmens zu erkennen. welches Gewicht der Einsatz seines Schwulseins als Druckmittel beim Vergeltungsschlag des Unternehmens in den Überlegungen zu Joses Verantwortung hat. Joses Homosexualität spielte auch in der Kampagne »Jeans with Justice« keine Rolle.11 Doch Biopolitik spielte auch auf unterschwelligere. Er hat auch einen Sohn. waren die Arbeiterinnen und Arbeiter weder in der Lage oder willens dazu. so spielte es eine große Rolle bei den Schikanen und Einschüchterungsversuchen ihm gegenüber. kaum sagbare Art und Weise eine tragende Rolle in dieser Auseinandersetzung. die zur Unterstützung der Lajat-Belegschaft von einer internationalen gemeinnützigen Organisation gestartet wurde.Deregulierung des Lebens 301 nächtliche Besuche des Managements bei den Arbeiterinnen und Arbeitern zu Hause. Gay-Bashing. Doch das war eine Lüge. All dies erhöhte den Druck auf die Arbeiterinnen und Arbeiter und verminderte die Chancen ihrer Familien aufs Überleben. Während Joses Schwulsein in den öffentlichen Auseinandersetzungen und Berichten über den Arbeitskampf keine Rolle spielte. der zunächst Generalsekretär werden sollte. als noch mehr davon zu ertragen. und schließlich Kürzungen der Löhne und Sozialleistungen.net. d. wurde ihm gesagt. Er hat eine Ehefrau. Anonyme Anrufe. Er ist stolz darauf. Er erzählte. wo ihre Familien bedroht wurden. . eine Tatsache. dass er nicht auf die Schwarze Liste käme. die das Zusammenschlagen von Schwulen. beinhalteten. Ich weiß nicht.coalitonforjustice.

arbeiten zu Minimallöhnen und managen Mehrfachaufgaben und flexible Arbeitszeiten. Das Auftauchen des post-schwul-lesbischen Subjekts als bekanntes und anerkanntes Mitglied der flexibilisierten neoliberalen Arbeiterschaft. diese Ver- . die assimiliert werden. Philanthropie und Sozialleistungen für Angestellte. diese Prozesse als zwei Seiten derselben Medaille zu betrachten. Das Zusammentreffen dieser Vorgänge mit den intensivierten Feminisierungsprozessen der Arbeit andernorts sowie ihrer materiellen Abhängigkeit von diesen ist hingegen viel weniger begriffen. die diese Unterschiede und Taktiken erkennen können: Die Kosten sind für diejenigen. dass zur Jahrtausendwende mit der Assimilierung von schwul-lesbischen und transgender Subjekten.302 Rosemary Hennessy Was enthüllen diese Erzählungen? Wenn sie nahelegen. Post-schwul-lesbische Arbeiterinnen und Arbeiter machen Überstunden. trägt nichts zur Mäßigung der Auswirkungen der Bio-Deregulierung auf die meisten arbeitenden Menschen im Norden und Süden bei. Auch sie sind am Gängelband des deregulierten Kapitals.a. Mit diesem Prozess einher geht das Zusammenschmelzen der für die Reproduktion der Natur und des menschlichen Lebens notwendigen Zeit und er gerinnt in den Zuschreibungen an die Subjekte. arbeiten Teilzeit. Ihr Auftauchen in der Werbung für Levi Strauss & Co ändert an diesen materiellen Verhältnissen nichts. brauchen wir Analysen. Die Tatsache. ist weithin erforscht. über Werbekampagnen wie die von Levi Strauss & Co. dass dieser Prozess ungleich und über geografische Räume und gesellschaftliche Bereiche hinweg verschieden ist. wie sie vormals dem Elend überlassene Subjekte an flexibilisiertere Formen des Normalen anpassen. der in verschiedenen Formen und entlang unterschiedlicher gesellschaftlicher Achsen verläuft. das eine elitäre Minderheit bereichert. dass die aktuelle Phase des neoliberalen Kapitalismus von den Prozessen der Bio-Deregulierung abhängt und sie vertieft. Die Tendenz der Geschäftsdiskurse in der hochentwickelten Welt zu mehr Verantwortung. sind in dem Maße fortschrittlich. Tatsächlich könnte man sogar sagen. vielleicht sogar als Mitglied einer anerkannten »neuen Familie«. dann weisen sie auch darauf hin. deren Körper und Fähigkeiten als Elende herabgesetzt oder als »Normale« assimiliert sind. Ich schlage vor. indem er in die »am eigenen Leib erfahrene Wirklichkeit« vordringt. dargestellt durch einige unternehmerische Gesten wie Werbekampagnen. aber sie sind dennoch zerstörerisch. Doch gerade weil Bio-Deregulierung ein Prozess ist. dass sie damit dazu beitragen. vielleicht abgemildert und weniger brutal. u. manchmal während und nach der Arbeit pflegen sie Alte und kümmern sich um Kinder. Vor. in den Mainstream der US-Kultur begonnen wurde.

Wie es auch das Elend des schwulen Gewerkschafters in einem Zuliefererbetrieb von Levi Strauss & Co in Mexiko ist. angesprochen. ihrer Rechte beraubt werden. An den Orten beheimatet.Deregulierung des Lebens 303 hältnisse zu rechtfertigen. Aus dem Amerikanischen von Catharina Schmalstieg . beschreibt »sexuelle Orientierung« schlimmstenfalls einen Ort der Vernachlässigung und bestenfalls eine verpasste Chance. Doch wenn Geschichte tatsächlich von einer Dialektik von Freiheit und Zwang durchzogen ist. wo Kultur und Arbeit aufeinandertreffen. »blau« werden. Es ist eine materielle Tatsache. das ist kein Zufall. Die Logik der neoliberalen »Whatever«-Kultur und die blinden Flecken des Schweigens bleiben bei der Formulierung von Konzepten und dem Entwerfen von Strategien Herausforderungen für Geschlechterpolitik. und ein ehemaliger Gewerkschafter. bei denen Sexualität und sexuelle Orientierung in die kulturelle Politik der Organisierung eingelassen sind. die für soziale Gerechtigkeit eintreten. die zur Trinkwasserversorgung da sind. und dennoch wird dies fast nie in den transnationalen Strategien der Organisationen. Vergeschlechtlichte Elendspolitik liegt dem Verrat Joses an seinen Genossinnen und Genossen zugrunde. Der Arbeitskampf bei Lajat/Levi Strauss & Co ist nur ein Beispiel von vielen. die nie von Jose gehört haben. dass Flüsse und Bachläufe. dass ihre Körper mit Fusseln und Bleichmitteln vergiftet werden. so gehören auch die Angestellten von Levi Strauss & Co in San Francisco dazu. die mit einem coolen post-schwulen Image Kunden wirbt. sich zu organisieren. Dass die Arbeiterinnen und Arbeiter. was sein kann im Unterschied zu dem. dann bedeutet dies. Diese Politik bedingte auch das Verschwinden des homosexuellen Körpers aus den Organisierungsbemühungen der Nichtregierungsorganisation und aus den öffentlichen Berichten über den Arbeitskampf. wo Aktivistinnen und Aktivisten schwul oder lesbisch sind und Schikanen und Einschüchterungsversuche darauf zielen. zu den Beschädigten dort gehören. die ihre Jobs verloren haben. dass das menschliche Wesen niemals komplett begrenzt ist und dass es trotz der Deregulierung des menschlichen Lebens Möglichkeiten gibt. aber entschuldigen ihn nicht. der seine Überzeugungen aufgegeben hat. die uns verbindet. was als unwiderlegbare Realität präsentiert wird. das neu zu erzählen. die gemeinsame Unsicherheiten anspricht und kreative Gegenerzählungen aufstellt. die in einer Kette von Subunternehmen der Textilbranche für dieselbe Firma produzieren. Wenn die Angestellten von Levi Strauss & Co in Gömez Palacio.

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werde ich immer wieder gefragt. Ideologie meint dabei eben nicht »falsches Bewusstsein«. physische wie psychische. ob an der Uni und in der . Jedes individuelle finanzielle. Der Neoliberalismus kann als hegemonial gelten. intellektuelle oder moralische Ziel oder Bedürfnis wird dabei als Gut interpretiert. auch eine individuelle Ablehnung dieser Prinzipien kann nur bei Strafe des persönlichen Untergangs oder gesellschaftlicher Marginalisierung gelebt werden. Die rationale Abwägung der Handlungsoptionen erfolgt in Analogie zur Betriebswirtschaftslehre durch Kalkulation von Kosten und Nutzen. D.und Produktionsverhältnissen bis zu Geschlechter. wenn ihn doch eigentlich so viele ablehnen und »die Linke« doch die »besseren« Argumente hat. Die Maximierung des individuellen Nutzens wird zur grundlegenden Motivation aller menschlichen Handlungen. Ansonsten muss jeder sich mehr oder weniger widerwillig in die alltägliche Konkurrenz begeben. dass »die Linke« selten den Neoliberalismus in seinen Stärken ernst genug nimmt. die sich im Alltagsverstand einnistet und den Einzelnen eine gewisse Orientierung und restriktive Handlungsfähigkeit ermöglicht. Selbstvermarktung und Unterwerfung Weshalb ist es so schwierig. Die neoliberale Ideologieproduktion ist vielmehr organisierendes Element eines krisenhaften Umbaus aller gesellschaftlichen Verhältnisse: von Arbeits. bezeichnet also eine Realität der verkehrten gesellschaftlichen Verhältnisse. weil es ihm gelingt. kein »Mythos« oder »Lüge«. die gesamte Gesellschaft mit den Kriterien betriebswirtschaftlicher Nutzenkalküle und Orientierung auf den Wettbewerb zu durchdringen und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse damit nachhaltig zu verschieben. Dies liegt vielleicht auch daran.Mario Candeias Leben im Neoliberalismus Zwischen erweiterter Autonomie.h. Neoliberalismus ist kein reines »Uberbauphänomen«. Kritik und Widerstand gegen Neoliberalismus zu mobilisieren. in der gesellschaftliche Realität neue Definitionen erfährt. sie ist vielmehr eine Form der Rationalisierung.und Klassenverhältnissen etc. Im Zentrum steht dabei eine radikale Vorstellung von Individualisierung und verallgemeinerter marktwirtschaftlicher Tauschgesellschaft. emotionale.

3: 21) ist also mit veränderten Subjektivitäten verbunden. wir können nicht einfach aufhören. können sich niemals vom Konsens und den Alltagsgewohnheiten der Individuen ablösen. dass ich mich dem Druck zum Verkauf meiner Arbeitskraft entziehen könnte (es sei denn. sondern in der Struktur gesellschaftlicher Verhältnisse selbst. Sie müssen zuvor »bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils« gewonnen haben (MEW. Da wir als tätige Subjekte diese Struktur alltäglich reproduzieren. Eine neue Produktions. die Strukturen zu reproduzieren. Volksvorurteile Selbst grundlegende strukturelle gesellschaftliche Verhältnisse wie Warenform.und Lebensweise (MEW. Nun setzt sich kein hegemoniales Projekt in »Reinform« durch. ihre Ziele allerdings ver-rückt. dass sie das alles für die Gesellschaft machen. Die ideologische Verkehrung erfolgt also nicht im Kopf.306 Mario Candeias Schule. die dennoch bewusst gelebte Praxis darstellen. sondern müssen ihre eigenen Vorstellungen auf konkrete Weise mit den allgemeinen Interessen der untergeordneten Gruppen verbinden. Wenn ich morgen beschließe. Der Neoliberalismus kann sich also trotz seiner antisozialen Politik auf aktive und passive Zustimmung stützen. dass Lohnarbeit doof ist. im Allgemeinen glauben sie aber wirklich. oder auch in Liebesverhältnissen (vgl. Ideologie ist also nicht einfach falsches Bewusstsein. dass Politiker und Konzernvorstände uns einfach nur nach Strich und Faden belügen (das kommt schon auch vor). untergeordneter Gruppen aufnimmt. 23: 74). weil er die Interessen subordinierter. Im Kampf um kulturelle Hegemonie sind die herrschenden Gruppen nicht nur zu Kompromissen gezwungen. naturalisierten und später kaum noch hinterfragten Verhältnissen. Die schmale gesellschaftliche Basis des Neoliberalismus und geringere Kohärenz verleiht zugleich dem Zwang größere Bedeutung (Candeias 2004). Sie werden zu allgemein akzeptierten. im Betrieb oder am Arbeitsmarkt. Bd. Lohnarbeit. sich selbst verändern. 1. Bd. Es ist also keineswegs so. ich verfüge über ein entsprechendes Vermögen oder akzeptiere meinen gesellschaftlichen Ausschluss). die Romane von Houellebecq). sondern materiell wirksam. Man kommt aber auch nicht einfach durch einen Willensakt heraus. tragen wir selbst zu ihrer Festigkeit bei. sich zu »objektiven Gedankenformen« (ebd. Kapital etc. sich reartikulieren. also universell subjektiv wirksam werden. Es han- . heißt es nicht. ins Kleid der Selbstvermarktung stopft. 90) entwickelt haben.

erntet meist nur belustigtes Kopfschütteln. der Osten.Aus Sicht der Neoliberalen. Jedenfalls: Auf die Krisenerscheinungen der 1970er Jahre wie hohe Inflation. insbesondere auf den Wohlfahrtsstaat. verunsichernden gesellschaftlichen Verhältnissen auf »Rigiditäten« und »Verkrustungen« des alten sozialdemokratischen Projekts zu lenken. »Realsozialismus« im Osten. er meint die sozialen Kompromisse und keynesianischen staatlichen Interventionsprogramme . das Unbehagen an unübersichtlichen. die andere »sozialistisch«. sondern ernten aktive Zustimmung. als allgemeine staatliche Steuerungskrise darzustellen. das Lebensnotwendige umsonst bereitzustellen (auch eine Forderung einiger sozialer Initiativen). Aber bleiben wir bei weniger grundlegenden. Die neoliberale »Ideologiekritik« fokussiert auf die »unterdrückenden Fähigkeiten des Wohlfahrtsstaates« (Marcuse 1964: 70) gegenüber der (Zivil-)Gesellschaft. auch bezahlen . die als evident erscheint und sich in den Köpfen der Subjekte verankern kann. etwa Hayeks. weil die Vorstellung herrscht.meistens lohn arbeiten. der durch Abbau bzw. wird nach dem Zweiten Weltkrieg die eine Hälfte Europas »kommunistisch«.Leben im Neoliberalismus 307 delt sich um sich » hinter dem Rücken« der Individuen herausbildende und zugleich ihr Handeln bestimmende »objektive« soziale Formen. Versuchen sie überhaupt mal gegen die Vorstellung anzugehen. nichtsdestoweniger für den Neoliberalismus verbreiteten Volksvorurteilen: Zuviel Staat Einem orthodox-konservativen Neoliberalismus gelang es zunächst. Gegen den bevormundenden Wohlfahrtsstaat wird die emphatische Rede . Verschlankung des Staates und Deregulierung zu begegnen sei. aber natürlich auch auf den sog.die Forderung. wissen die regierenden sozialdemokratischen Parteien keine überzeugende Antwort zu formulieren. Wachstumsrückgang. gibt eine vermeintlich klare Orientierung. für sein Auskommen müsse man auch arbeiten . Sie bietet damit handlungsleitende Deutungen der Veränderungsprozesse an.für ihn ein »Weg zur Knechtschaft« (Hayek 1944). die man konsumiert. beginnende Massenarbeitslosigkeit. In dieser Situation gelingt es neoliberalen Kräften.sie ernten allzu oft Widerspruch. die Krise als Folge von »Überregulierung«. Versuchen sie mal allgemeine Zustimmung zu bekommen für eine Forderung wie der nach einem begingungslosen Grundeinkommen oder Existenzgeld (eine Forderung diverser sozialer Bewegungen) . man müsse für die notwendigen Dinge. Aber die damit verbundenen Ideologien setzen sich nicht nur als Zwang durch. .

auch von links betont wird. seit den 1970er Jahren eine grundlegende Reform des Schulwesens gefordert. massiv v.und Frauenbewegung die unterdrückenden Seiten eines paternalistischen und partriarchalen Sozialstaates.a. staatlicher Dienstleistungen und fauler Bürokraten ist verbreitetes »Volksvorurteil« geworden.Klagen über ineffiziente Gesundheitsdienste. die Gegenposition dagegen wird schnell als altmodisch denunziert . der die freie Entfaltung der Einzelnen in ein Korsett der Normierung von Lebensweisen presste.und sie ist es in . trifft sie doch auf persönliche Erfahrungen.und Verbrauchssteuern betrieben. Die Linke hat zu Recht auf den schlechten Zustand und die Lebensferne vieler staatlicher Dienste hingewiesen. die ihnen daraus erwachsen. nicht zuletzt wird z. immer verspätete Züge oder miesen Postservice? Der Staatssozialismus war da auch nicht besser. stellte sie sozusagen auf den Kopf. gilt die Privatisierung als modern. An diesem Punkt trifft sich der reaktionäre Impuls der Neoliberalen mit den emanzipativen Impulsen der 68er-Bewegung. überfüllte Massenuniversitäten. Grüne und Sozialdemokraten wurden selbst zu treibenden Kräften einer Orientierung auf Eigenverantwortung und Enstaatlichung. die fast jeder schon mal gemacht hat . senken sozialdemokratische wie konservative Regierungen ein ums andere Mal die Steuern für Unternehmen und Vermögende. Lohn.wieder durchaus berechtigten . Auch die Schelte über die Privilegien der Beamten dürfte in Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung stoßen. Differenzierungen gehen jedoch allzu oft verloren: Da die Debatte auf zwei Alternativen reduziert wird. Die permanente Mehrbelastung der Lohnabhängigen bei gleichzeitig sinkenden Leistungen. der dem Osten einfach übergestülpt wurde. kehrte sie um. Ehemalige 68er. nach 1990. Genau hier setzen die Diskurse über Privatisierung und Effizienzsteigerung an. Wer teilte nicht die .anders artikuliert .pauschalisiert und verallgemeinert erhält diese Kritik aber eine andere politische Stoßrichtung.308 Mario Candeias von der individuellen Freiheit gesetzt. schwinden. lässt die Akzeptanz für den alten Wohlfahrtsstaat. radikalisierte sie und nahm der linken Kritik damit die Spitze und Überzeugungskraft. Ganz zu Recht kritisierten 68er. Die Vorstellung ineffizienter Verwaltungen. Die Finanzierung des Sozialstaates wird derweilen über erhöhte Sozialabgaben. die . Die neoliberale Bewegung nahm diese sehr erfolgreich im Alltagsverstand etablierte Kritik auf. Private Unternehmen arbeiten effizienter Um das Wachstum und Investitionen anzukurbeln.B. staatliche versus private Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen.

Das werbeindustrielle Bild einer kleinen. d.von Teilhabe an gesellschaftlich nützlicher Arbeit ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Aber konzentrieren wir uns . bei Frauen noch früher . Für die Rente muss mehr privat vorgesorgt werden Ein anderes Beispiel: Wer glaubt noch. Aber selbst bei Erhalt des heutigen Niveaus würde ein wachsender Anteil angesichts der Prekarisierung und Unstetigkeit der Erwerbsbiographien kaum in den Genuss der »Normalrente« nach 35 bis 40 Erwerbsjahren kommen. die meisten wohl nicht. wenn es nicht um grundsätzlich andere Formen der Produktion gesellschaftlicher Reproduktionsbedingungen geht. dass das alles schon irgendwie gehen wird. dass kein grundsätzliches Umdenken in der Frage des Umgangs mit dem Altern erfolgt. dass wir also die Renten kürzen und die Altervorsorge privatisieren müssen. Bürgerversicherung verwiesen. wie die Kinder am Strand spielen und auf Segeljachten durch die Ägäis schippern oder Mallorca unsicher machen. in Deutschland sind es 92%? Wer ist überzeugt. aber reichen Schar rüstiger Rentner. Ungern werden rapide steigende Altersarmut. auf die Erweiterung der Einnahmebasis durch Einbeziehung aller Einkommensarten (nicht nur der Löhne).faktisch schon ab Anfang/Mitte 50. Die Durchsetzungschancen sind mit der großen Koalition allerdings nicht gewachsen. oder wer würde es tun. um sie für die Zukunft zu sichern? Wahrscheinlich auch nicht gerade viele. die Rente sei sicher? Nun. Nun wird zwar von links schon seit langem auf die sog. Vereinsamungserscheinungen. denn nichts anderes sind Zinsgewinne und Aktienkurssteigerungen unserer kleinen Fonds und Kapitallebensversicherungen. tatsächlich sind es 61% der Bevölkerung und ich muss mich da wohl einschließen. prägt die Wahrnehmung.h. Denn so verständlich die Sehnsucht nach der Pensionierung angesichts der herrschenden Arbeitsbedingungen ist. die Weltreisen antreten. Und schon spielen wir mit beim Gerangel um den Abzug vom produzierten Mehrwert. Depressionen und steigende Selbstmordraten wahrgenommen. auf Kapitalbasis. weil er sich nicht darauf verlassen will. Ältere Menschen sind nicht leistungsfähig genug Viel wichtiger ist. Auch eine Umstellung auf stärkere Steuerfinanzierung führte in den entsprechenden Ländern zu einer Abkehr von erworbenen Ansprüchen hin zu einer sinkenden Rente nach Kassenlage der öffentlichen Haushalte. wenn er das nötige Kleingeld hätte? Nun. der Ausschluss älterer Menschen . Wer hat trotzdem privat vorgesorgt.Leben im Neoliberalismus 309 dieser Einfachheit auch.

vereinfachenden Form machte sie neoliberale Theorie auf Ebene des Alltagsverstandes anschlussfähig . Perspektive bleibt die Flucht aus der Arbeit statt eine lebenswerte Umgestaltung der Arbeitsbedingungen.diesen überfordert. weil sie nach 30 oder mehr Jahren Ehe sich auf einmal im Haushalt betätigen. als man eingenommen hat: Wir müssen sparen Ein weiteres neoliberales Dogma ist. Das teilen grundsätzlich auch alle Parteien. die sich auch nicht mal eben so umgehen lassen. Daher sei der Staat von übersteigerten Forderungen zu entlasten und wieder auf seine Kernaufgaben zu reduzieren. Margaret Thatcher hat dies auf eine einfache Formel gebracht: Einen Staat zu führen sei ganz dasselbe wie einen Haushalt zu managen. Dass es nichts mehr zu verteilen gibt. dass sie dort hinten in der Ecke nicht richtig Staub saugen und sie das jetzt mal richtig machen. dank der Bundesbank . bei wem gespart wird und wie viel. um die Lebenspartnerin zu terrorisieren. direkt die Figur der Hausfrau aufgreifend.v. Mit dieser popularisierenden. im Stabilitätspakt gesetzlich festgeschrieben . Die meisten finden. ihnen zeigen. 1 1 Umso wichtiger sind Kampagnen wie »Es ist genug für alle da!« von Attac. die ihre Frauen schockieren. Bei den Grünen etwa wird dies unter anderem mit dem Stichwort Generationengerechtigkeit begründet.vom Sozialstaat geschürt .und Haushaltspolitik wurde . . oder vom Einkaufen die unmöglichsten Dinge zu überteuerten Preisen mit nach Hause bringen und sich sonst noch allerlei Hobbys ausdenken. während ein großer Bedarf gesellschaftlich notwendiger Arbeiten ungetan bleibt. dass das Anspruchsdenken in der Bevölkerung . und fühlen sich doch unnütz. Man kann nicht mehr ausgeben.das sind harte Zwänge.und Verwertungsdrucks in der Arbeit. Eine entsprechende Geld. Man könne eben nicht mehr Geld ausgeben. Angesicht »explodierender Kosten« müsse die Haushaltskonsolidierung also vorrangiges Ziel jeder Regierung sein.sogar noch geschlechtsspezifisch konnotiert. teilen aber über 90% der Bevölkerung. Folge des grassierenden kapitalistischen Konkurrenz. als man eingenommen habe. dass sie ihre Rente nun wirklich verdient haben.310 Mario Candeias nicht immer auf die drastischen Folgen: Denken wir nur an viele frühpensionierte Männer.auf Ebene der EU in den Maastrichtverträgen bzw.a. der immer größere menschliche Ressourcen auspumpt und dann ungenutzt liegen lässt. Der Streit geht nur darum.

also v. Unternehmen aus. bleibt nur der Zugriff auf die Einkommen der Nicht-Vermögensbesitzer und die sozialstaatlichen Transferzahlungen. eine absolute Senkung der Ausgaben kaum. Also führt die Globalisierung der Finanzmärkte zu jener Krise des Wohlfahrtstaates. während der Anteil der Unternehmens.und Kapitalsteuern . als Kreditgeld. wenn der öffentliche Schuldendienst durch Steuern auf Geldvermögen finanziert würde. Entsprechend steigt die Verschuldung der staatlichen Haushalte seit den 1980er Jahren drastisch. also ein Vermögenswert. da andernfalls die Geldwertstabilität der jeweiligen Währung gefährdet wäre. Bd. weil sie aufgrund sinkender Profitraten und hoher Realzinsen weniger investieren und somit kaum neue Kredite nachfragen. diese würden die gewonnenen finanziellen Möglichkeiten für produktive Investitionen nutzen. ist eine Forderung. Geld in seiner Funktion als Zahlungsmittel. Die Staatsschulden sind auch im deregulierten Finanzkapitalismus eine Funktionsnotwendigkeit. Arbeitnehmer und Sozialsysteme werden immer stärker belastet. Spitzenreiter sind die USA mit weit über 3 Billionen US-$.und umgekehrt. Schulden gegenüberstehen. die in den 1990er Jahren in allen Ländern ausbricht. also wenn es zu einem Überschuss an liquidem Kapital kommt. ist nahezu unmöglich.a. dem auf der anderen Seite Verpflichtungen. Die Bedienung der Schulden wirft freilich Probleme auf: Da der Staat die Erhaltung privater Geldvermögen nicht erfüllen könnte. das nicht reinvestiert wird.sonst käme es erneut zu einer Situation der Überliquidität mit niedrigen Zinssätzen und Entwertung von Geldvermögen (durch Inflation oder Börsencrash) mit entsprechenden weltwirtschaftlichen Folgen. Dennoch dürfen die staatlichen Schulden nicht zu groß werden. in der trügerischen Hoffnung.). v. vermehrte Abschreibungsmöglichkeiten oder direkte Unterstützungsleistungen (Eigenheimzulagen oder Subventionen) zu entlasten.Leben im Neoliberalismus 311 Einige ökonomische Schlaglichter dazu: In einer Situation der Uberakkumulation. um die Geldentwertung zu vermeiden. Wachsen die Geldvermögen. um auf der anderen Seite Vermögensbesitzer über Steuererleichterungen. Die Staatsausgaben zu reduzieren. ist für sie dank der beträchtlichen Zinseinnahmen eine einträgliche Quelle der Bereicherung. »Die Verschuldung des Staates« entspricht dem »direkten Interesse der herrschenden Bourgeoisiefraktion« (MEW. Fallen die privaten Schuldner. tatsächlich ist eine Begrenzung des Anstiegs möglich.a. der Mehrwertsteuer). wird das Einspringen der öffentliche Hand erforderlich. 7: 13f. so setzt ein Prozess der öffentlichen Verschuldung ein . Entsprechend steigt der Anteil der Lohnsteuern (sowie auch der indirekten Steuern. müssen logischerweise auch die Schulden zunehmen .

Die Arbeitskosten sind zu hoch Letztes Beispiel: Die Arbeitskosten sind zu hoch und die Arbeitszeiten zu kurz. Tatsächlich hat die Transnationalisierung der Produktion zu neuen Spaltungen zwischen Beschäftigten geführt und die Kräfteverhältnisse zugunsten des Kapitals verschoben. Der Konkurrenzdruck durch Globalisierung und Billiglöhne lässt »uns« keine andere Wahl.zu Lasten der Prekarisierten und Arbeitslosen in den inneren und äußeren Peripherien. Diese oft ungleichen Kompromisse bringen die kollektive Interessenvertretung in Übereinstimmung mit den betrieblichen Erfordernissen einer ständig verbesserten Konkurrenzfähigkeit und verteidigen gleichzeitig die Position etablierter Lohnabhängigenkerne in den Zentren . Im übrigen liegen die effektiven Unternehmens. um ihren Arbeitsplatz zu behalten. Zwar will freiwillig keiner auf Lohn verzichten. bis tief in die Linke hinein im Alltagsverstand festgesetzt. vielmehr zur Ent- . lettischer oder portugiesischer Lohnniveaus wird vielen einsichtig. während immer mehr Menschen überhaupt keine Arbeit mehr finden. sondern auch noch weitere Zinszahlung an Vermögende erforderlich macht. verzichten und länger arbeiten müssen.und Reinigungspersonal wie beim Servicepersonal . € einzusparen. Beispiel Daimler-Chrysler: Angesichts der Forderung der Geschäftsführung. konnten die geltenden Tarifverträge (mit leichten Veränderungen) nur gehalten werden.und Kapitalsteuern in Deutschland noch unterhalb des Niveaus der USA. Angesichts der auch staatlich betriebenen Liberalisierung des Kapitalverkehrs ist dem Problem mit nationalstaatlichen Maßnahmen allein allerdings nicht beizukommen. dass sie. also beim Kantinen. die ohnehin nicht so gut dran waren. Diese spezifische Form der betrieblichen Bündnisse trägt also nicht zur Solidarisierung bei. während die Profite zumindest der Großunternehmen Rekordniveaus erreichen. Es wird also immer mehr Reichtum akkumuliert. indem massive Verschlechterungen bei den Beschäftigten im Dienstleistungsbereich akzeptiert wurden. dass es nichts mehr zu verteilen gibt. Die konsensuale Unterwerfung wird zum einen über wettbewerbskorporatistische Bündnisse auf unterschiedlichsten Ebenen gewährleistet. € Steuersenkungen). aber angesichts polnischer. 500 Mio. Dennoch ist die Ansicht.diese Bereiche wurden ausgelagert oder es gab Lohnkürzungen und längere Arbeitszeiten für diejenigen. Eine gigantische Umverteilungsmaschine von unten nach oben.312 Mario Candeias seit über 30 Jahren permanent sinkt (allein in den letzten 4 Jahren über 60 Mrd. der nicht nur andernorts fehlt.

wo er am stärksten war: in den Großunternehmen von Volkswagen bis Siemens. zu verstärkter Konkurrenz innerhalb der Belegschaften und zur Individualisierung. Die jährlichen Exportüberschüsse liegen bei nahezu 160 Mrd. ausschließender Wirkungen (etwa von Frauen und Migranten) wurde der lange Zeit herrschende staatliche Korporatismus zwischen Staat. Die Neoliberalen haben dafür das ideologische Arsenal geliefert. Kein anderes Land exportiert mehr Waren. Der Wettbewerbskorporatismus neuer Prägung wird nun von Kapitalseite dort angegriffen. Diese nutzen die Schwäche der Gewerkschaften. zeigt sich ein anderes Bild. Gewerkschaften und Kapital frühzeitig von der Linken kritisiert. passt nicht recht zur wettbewerbsfähigsten Ökonomie der Welt. das mediale Selbstbild des Landes als sklerotisch. Großbritannien oder Frankreich. nicht mal Japan oder die USA.den Urvater der Neoliberalen . als vielmehr die realen Lohnstückkosten.Leben im Neoliberalismus 313 solidarisierung. Produktivitäts. Das heißt auch. Aufgrund solcher ausgrenzender. wenn ein Tscheche ihn als Lohndrücker beschimpft? Das kleine Deutschland konnte in den letzten fünf Jahren seinen Anteil am Welthandel auf über 10% steigern und ist damit Exportweltmeister. Heute kommt die Kritik nicht mehr von links. Und diese sind dank der enormen Produktivität relativ niedrig. Solange der verteilungspolitisch neutrale Spielraum zwischen Lohn-. Die Kritik der Linken aufnehmend und verkürzend gelten insbesondere für Hayek . D. um die Relikte des sog. »Modell Deutschland« abzuräumen.die Gewerkschaften und jede Form kollektiver Interessenvertretung als das Grundübel. eine Karikatur davon bietet heute Guido Westerwelle. €. Was würde ein Beschäftigter bei Daimler-Chrysler wohl sagen. kommt es zu einer Senkung der realen Lohnstückkosten. Schaut man sich aber nun mal genauer an. Marcuse nannte dies Mitte der 1960er Jahre ein »betrügerisches Einverständnis von Kapital und organisierter Arbeiterschaft in einem starken Staate« (Marcuse 1964: 14). woher der Konkurrenzdruck in erster Linie kommt. undynamisch etc. €. Werte in Höhe von fast 800 Mrd. die deutsche Lohndrückerei im Verhältnis zur Produktivitätsentwicklung zwingt Portugal. Tatsächlich sind sie gegenüber den Haupthandelspartnern etwa in der EU sogar gesunken. Vor allem schwach entwickelte Ökonomien können nur über Lohnsenkungen mithalten. Tatsächlich interessieren Unternehmen aber für ihre Kalkulation nicht so sehr die absolute Lohnhöhe. ihre Löhne noch weiter abzusenken. .h. Die absolute Höhe der Löhne ist wirklich vergleichsweise hoch.und Inflationsentwicklung nicht ausgenutzt wird.

die insbesondere in Italien und Frankreich. Die neoliberale Ideologieproduktion ist dabei das organisierende Element des gesellschaftlichen Umbaus und kann sich eben auch auf aktive und passive Zustimmung stützen. als falsches Bewusstsein. Zentrale Forderungen der 68er-. allerdings nicht. ihre Ziele allerdings ver-rückt. ver. die zu einem frühzeitigen Verschleiß der Arbeitskräfte und Dequalifizierung führten. Absorption der Kritik und reale Interessenverallgemeinerung im gesellschaftlichen Umbau Wer diese Art von Volksvorurteilen nicht teilt und sich dem zu entziehen versucht. der Öko. so wie ich eben ansatzweise. Beschleunigung der Fließbänder und die daraus folgende Monotonie und psycho-physischen Belastungen. weil die Überzeugung verbreitet ist. Auch die Gewerkschaftspolitiken der 1970er Jahre setzten mit Unterstützung des Staates auf eine »Humanisierung der Arbeit«. weil er die Interessen subordinierter Gruppen aufnimmt. der Frauen-. 2. Das ist im Alltagsverstand zwar unmittelbar anschlussfähig. ist oft geneigt. richteten sich ganz wesentlich gegen die immer weitergehende Vertiefung der Arbeitsteilung.di 2005). »Humanisierung der Arbeit« Die Arbeiterbewegungen der 1960er Jahre. dass es sogar zu Reallohnsenkungen kommt. die ebenfalls im alltäglichen Denken verankert ist .314 Mario Candeias Tatsächlich sind die Lohnsteigerungen faktisch so niedrig. wird aber eine andere Realität verfehlt.dass sich nämlich vieles gewandelt hat und durchaus nicht nur negative Seiten aufweist. das die wirklichen Verhältnisse nur vernebelt. aber auch in der BRD sich zu Fabrikbesetzungen und wilden Streiks steigerten. Politiker oder Medien erzählten ohnehin nur die Unwahrheit. aktive Zustimmung organisiert. den Neoliberalismus als unwahr darzustellen. während Reallöhne wie Lohnstückkosten in allen europäischen Ländern. aber auch in China oder Indien gestiegen sind (vgl.wie der Arbeiterbewegung wurden in neoliberale Politiken integriert. Beschränkt man sich darauf. diese Vorurteile zu widerlegen. um den . das kritische Potenzial dieser Bewegungen absorbiert und letztlich die Bewegungen damit selbst zersetzt. Diese gegen die kapitalistische Ausbeutung gerichtete Kritik wurde schon seit den 1970er Jahren tatsächlich von Kapitalseite aufgenommen. Tatsächlich kann man natürlich versuchen.

sozusagen ein neues Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen: und zwar eine Kombination mikroelektronischer und informationeller Technologien mit dem erweitertem Wissen und Erfahrung der unmittelbaren Produzenten und veränderten Formen der inner.00 aufhören könne. »Solche Praxen verändern das Familienleben. Damit . Desto höher der Grad an Verwissenschaftlichung der Tätigkeiten. Eingezwängt in fremdbestimmte. Beide sind bekannte Arbeitsforscher. die immer wieder die überlangen Arbeitszeiten anprangern.Leben im Neoliberalismus 315 Beschäftigten einen größeren Anteil am produzierten Mehrwert zu gönnen. Als ich sie auf ihr quasi neoliberales Arbeitsethos ansprach. »Indem Arbeit geistige Arbeit ist. Ihre Faszination verführt auch zum längeren Arbeiten. Die Einbindung des Wissens der Beschäftigten macht die Tätigkeiten generell interessanter und vielfältiger. wenn sie allgemein werden. damit er dann auch wirklich um 22. aber eben selbst im Alltag das genaue Gegenteil reproduzieren. Sie durchsetzen die Freizeit«.« (Haug 1996) Anekdotenhaft zeigt dies folgende Episode: Beim Schlendern über den Campus meint eine Kollegin. Die Probleme werden mit nach Hause genommen. toppte mein Chef das Ganze und meinte. er würde ja schon um 5. vor allem im »hochqualifizierten« Bereich. die Kreativität und selbst die Emotionalität der unmittelbaren Produzenten gesetzt. Im Gegensatz zum Fordismus der Nachkriegszeit wird dabei stärker auf die Produktionsintelligenz. dass die neuen Formen der Arbeit. sondern um die Produktivität voranzutreiben. Mit dieser Repositionierung des Wissens und der Subjektivität ist eine erweiterte relative Autonomie der Beschäftigten im Arbeitsprozess verbunden. Hauptsache. das vorgegebene Ziel wird erreicht.00 Uhr morgens anfangen.und zwischenbetrieblichen Produktionsorganisation und restrukturierten Arbeitsverhältnissen. sondern den Beschäftigten weitgehend selbst überlassen. Unter anderem liegt das daran. aber nicht nur dort. eine direkte Kontrolle über den Arbeitsprozess aufrechtzuerhalten. Der genaue Ablauf der Tätigkeiten wird nicht mehr vorgegeben. betrieblich kontrollierte Grenzen beschränkt sich die Autonomie allerdings auf einen engen Bereich des für die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens Förderlichen. kann sie vor den Fabriktoren und Bürotüren nicht Halt machen.das merke sie daran. dass sie um 22. irgendwie stecke ihr die Erkältung von letzter Woche noch in den Knochen . Es entwickelte sich ein neues hochtechnologisches Produktionsmodell. wollen gelöst werden.00 Uhr nicht mehr konzentriert arbeiten konnte. desto schwieriger wird es. Arbeitszeitverkürzung bei maßvollen Lohnabstrichen fordern. dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und selbstverantwortlichen Arbeitsweisen entgegenkommen. das informelle Erfahrungswissen.

Beschäftigungsfähigkeit.und Handlungsmuster zu internalisieren. Zum Teil werden neo-tayloristische Formen der Arbeitsorganisation eingeführt und die Einbindung zunehmend auf Arbeiter mit zentralen Positionen innerhalb des Produktionsprozesses beschränkt. kurz zugunsten der ökonomischen Verwertbarkeit verausgabt . Es herrscht geradezu ein konformistischer Druck. Flexibilitäts. Wellness und nicht zuletzt Psychotherapie oder andere. aber im Rahmen des Geforderten und allgemein Akzeptierten bleiben. Es herrscht eine Art »Konkurrenz durch (z. Der Grad der Selbstausbeutung und der Autonomie ist dabei umkämpft. Und neue Formen sozialer Kontrolle treten hinzu.und Effizienzanschauungen. den Sport etc. sich über ein vielfältiges Angebot von Therapien wieder »fit« machen zu lassen.die sich in den Alltag. um seine Position im Kampf um die wenigen Arbeitsplätze und soziale Anerkennung zu erhalten.T.eine Art hochtechnologische alltägliche Lebensführung.316 Mario Candeias sind Beschäftigte gezwungen. hat die Möglichkeit.immer mehr Zeit und Geld wird für Fitness. Stress und einseitiger Flexibilisierung stellen sich diese neuen Formen der Arbeit für große Teile der Beschäftigten nicht nur negativ als Verlust von Sicherheit oder gemeinsamer . Trotz Individualisierung und Arbeitsdruck. fortsetzen -. unternehmerisches Denken in ihre eigenen Denk. Die hohen Löhne in der Anfangsphase des neuen Arbeitsregimes sollen die »psycho-physische Anpassung an die neue industrielle Struktur« (Gramsci) sichern. Angesichts geschwächter kollektiver Interessenvertretung und verschärfter Konkurrenz um Arbeit gelingt es aber. in den Kreis von Familie und Bekannten. Auffallen und kreativ sein. Die Ausbeutung abhängiger Arbeitskraft durch das Kapital wird durch Delegation erweiterter und zugleich eingegrenzter Spielräume auf das tätige Subjekt in Richtung »Selbstausbeutung« verschoben. die Selbstvermarktung und persönliche Performance nötig macht. die Einbindung auf die individuelle Ebene zu beschränken. in die Freizeit. besteht eine gewisse Notwendigkeit zur ausgehandelten Einbindung und erweiterten Partizipation. mehr esoterische Angebote verwendet. erzwungene) Kooperation«. Wer dem Druck der Konkurrenz und der Anpassung in der Arbeitswelt nicht standhalten kann .und Zielvereinbarungsgespräche tragen zur Individualisierung der Beschäftigungsverhältnisse bei. Neue (oftmals kollektivvertraglich vereinbarte) Partizipationsformen wie Mitarbeiter. Die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapitalverhältnis erreicht eine historisch-qualitativ neue Stufe. ein Non-Konformist sein zu müssen . Da das Wissen der Beschäftigten in der hochtechnologischen Produktionsweise unverzichtbar geworden ist. Lohn und Freizeit werden zunehmend zugunsten der individuellen Leistungsfähigkeit.

Kreativität und Abbau von Hierarchien. der Einzwängung der Frauen in partriachale Eheverhältnisse. sondern vielmehr als eigenverantwortlich handelnde. sondern nur die negativen Seiten betont. Ihre Arbeit ist flexibel um zeitlich begrenzte Projekte organisiert. das den Erfordernissen neuer gesellschaftlicher Praxen entspricht.Leben im Neoliberalismus 317 (Arbeiter-)Identität dar. also die Humanisierung der Arbeit. Requalifizierung. verbunden mit hohen Mobilitätserfordernissen. in Architekturbüros und in der Wissenschaft. Insbesondere hochausgebildete und erfolgreiche Beschäftigte fühlen sich ihrem eigenen Selbstverständnis nach nicht länger als Angestellte oder gar Arbeiter. unternehmerisch denkende selbständige Individuen. indem sie Zusammenhänge auseinanderlegt und vereinseitigt. Die tendenzielle Selbstverständlichkeit weiblicher Berufstätigkeit tritt dabei zeitgleich mit der Verknappung der Arbeitsplätze aufgrund struktureller Arbeitslosigkeit und damit verschärfter Konkurrenz auf. Nun war es ausgerechnet der neoliberale Umbau von Arbeitsverhältnissen und Sozialstaat. monotoner Arbeit und normierten Lebensweisen hin zu einer Vielfältigkeit von Lebensstilen und der Ausbildung von patchwork-Identitäten. Medien. die ihre Interessen selbst vertreten können. in denen sie meist von (Vollzeit-) Erwerbsarbeit ausgeschlossen und abhängig vom männlichen Familienernährer auf den Bereich des Privaten verwiesen wurden. die sich dieser Widersprüchlichkeiten nicht annimmt. Eine Kritik. aber auch für eine zunehmende Anzahl hochqualifizierter Beschäftigter in der industriellen Fertigung erhält die ideologisch überhöhte Rede vom »Arbeitskraftunternehmer« als neue gesellschaftliche Form der Ware Arbeitskraft eine gewisse Relevanz. Werbung und Design. Nicht nur von den begehrten Spezialisten wird die damit verbundene Spannung zwischen persönlicher Autonomie und zunehmender Ungewissheit durchaus auch als Zugewinn erfahren. »Befreiung« der Hausfrau und Zersetzung der Frauenbewegung Ein zweites Beispiel: Einer der Kernpunkte der (zweiten) Frauenbewegung war die Kritik an der geschlechtlichen Arbeitsteilung. der genau dies in ver-rückter Weise Realität werden ließ. Sie spiegelt die Etablierung eines neuen Alltagsbewusstseins wider. Gegenüber paternalistischen Staat- . Für diese Beschäftigtengruppen in Forschung und Entwicklung. wird nicht wirkungsmächtig und reproduziert die Verhältnisse. in unternehmensnahen Dienstleistungen. Erweiterte Autonomie. immer gleicher. vor allem für die jüngeren Generationen entspricht dies einer Befreiung von jahrzehntelanger. werden in die neoliberale Reorganisation und Flexibilisierung der Produktion integriert.

Die gewonnene Freiheit ist zugleich ein Zwang. Pflege älterer Familienmitglieder etc. eine Beschäftigung aufzunehmen. ist die dreifach freie Lohnarbeiterin erforderlich. ihre Arbeitskraft zu verkaufen.das alles innerhalb Berlins wohlgemerkt. Einerseits sehen sich Frauen aufgrund sinkender Einkommen der Männer und der Unterminierung des fordistischen Familienernährermodells gezwungen. dass sie eine Erwerbsarbeit als Mittel zur Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung oder zumindest zur ökonomischen Unabhängigkeit betrachten. verbunden mit dem Versprechen. Ein Teil der weiblichen Bevölkerung profitiert tatsächlich davon. Erfolgreiche Karriere-Frauen . Ähnliches findet sich ebenso in Miami. die wiederum einen ukrainischen oder rumänischen männlichen Unterauftragsnehmer bestellen. Da reproduktive Tätigkeiten immer noch fast exklusiv Frauen überlassen werden. Kollektive Organisationsformen zur Durchsetzung ihrer Interessen werden auch von Frauen kaum noch anvisiert. nicht irgendwo. sondern meist als altmodisch und männerfeindlich empfunden. der die Arbeit von illegalen rumänischen Frauen beaufsichtigt . was wiederum der Flexibilität der Unternehmen entgegenkommt.318 Mario Candeias lichen und familiären Verhältnissen (des Fordismus) überträgt der Markt die Verantwortung auf die Frauen selbst. »die Frauen« insgesamt auf schlecht bezahlte und perspektivlose Jobs abzudrängen. New York oder Mailand. d. andererseits haben ein verändertes Selbstverständnis und die verbesserte Ausbildungssituation von Frauen dazu geführt. sondern auch frei von den notwendigen Reproduktionsarbeiten.h. Vor allem im informellen Sektor entstehen neue Geschlechterdifferenzen und -hierarchien. Um ihre volle Arbeitskraft auf dem Markt anbieten zu können. Dies macht den neoliberalen Umbau der Gesellschaft und von Geschlechterverhältnissen sowie die Individualisierung der Arbeitsverhältnisse für große Teile der weiblichen Bevölkerung zustimmungsfähig und führt gleichzeitig zur Zersetzung der Frauenbewegung. sind diese häufig auf Teilzeitarbeit festgelegt. Es ist heute weitaus schwieriger.auch und gerade zwischen Frauen. dass die persönliche Tüchtigkeit und Leistungsbereitschaft potenziell zum Erfolg führen kann. im Anschluss an Marx nicht nur frei von Produktionsmitteln und frei. Kindererziehung und -betreuung. Entsprechend haben die geschlechtsspezifischen Einkommensdifferenzen deutlich abgenommen. also Haushalt. die durch klassenspezifische sowie ethnische und nationale Zuschreibungen noch einmal gravierend verschärft werden. Die Kehrseite davon ist die wachsende Kluft zwischen hoch und niedrig qualifizierter Arbeit . So etwa wenn deutsche mittelständische Unternehmer polnische Zulieferer beauftragen..

mehr als die Neuauflage eines einfachen Prozesses der Verelendung. der flexiblen Ausbeutung. Wir hatten bereits das Beispiel: Die massive Ausweitung flexibilisierter Teilzeit-Arbeitsverhältnisse (einschließlich ihrer prekären Formen) ermöglichte für viele Frauen überhaupt erst die Teilhabe an der Lohnarbeit und ihre Verbindung mit den notwendigen Reproduktionsarbeiten (soweit das Einkommen nicht den Rückgriff auf illegalisierte Migrantinnen erlaubt). Auch in der Existenzweise der Illegalisierten finden sich solche Widersprüche.Mehr noch. Diese Art der Flexploitation. Prekarisierung von »unten« Selbst die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse ist. viele haben »dank« flexibilisierter Arbeitsverhältnisse überhaupt erst die Möglichkeit erhalten. Es sind nicht nur die Hochqualifizierten.meist allerdings verbunden mit vertiefter Unterwerfung. die ich hier jetzt nicht empirisch auffächern kann. die das Ende des »Nine-to-five-Trotts« begrüßen. Trotz repressivster Maßnahmen gelingt es illegalisierten Migranten. . im Niedriglohnsektor Arbeit zu finden. An diesen widersprüchlichen Durchsetzungsformen der neuen Verhältnisse. Candeias 2007). warum diese Ideologie eigentlich so stark und wirkungsmächtig ist. dass das alte Normalarbeitsverhältnis kaum zurückzuhaben ist. sonst wird der neoliberale Umbau als simpler Verelendungsprozess begriffen und damit verfehlt. warum prekarisierte Verhältnisse immer noch zustimmungsfähig sind. was sich nicht zuletzt in dem von ihnen selbst geprägten Begriff der »Autonomie der Migration« spiegelt. Es gilt also. in den Arbeitsmarkt einzutreten (erleben dies freilich zugleich als Zwang). denn auch in den prekärsten Verhältnissen finden sich Momente erweiterter Selbstbestimmung und von Möglichkeiten andersartiger Lebensführung .Arbeitskraft von Migrantinnen für die häusliche Reproduktionsarbeit zurückgreifen. wird deutlich. entgegen der dominanten Wahrnehmung. Sehr viele davon streben auch gar kein Normalarbeitsverhältnis mehr an. und von diesen (also »uns«) reproduziert werden (vgl. Die Menschen wissen häufiger als man denkt.Leben im Neoliberalismus 319 können sich von alten Familienformen emanzipieren.häufig illegalisierte . beinhaltet Momente erweiterter Selbstbestimmung und Selbstorganisierung oder besser: des Selbstmanagments. Auf diese Weise entstehen »globale Betreuungsketten« (Hochschild). indem sie auf die billige. die ihnen sonst verwehrt wäre. die sich angesichts von Niedriglohn und Überausbeutung aufdrängt. solche Widersprüche konsequent ins Auge zu fassen. . prekäre . auch bei den »Betroffenen« selbst.

Jenseits dieses immer noch quantitativ bedeutsamen Torsos. Delegitimierung. patriarchale Familienverhältnissen werden aufgebrochen und Erwerbsarbeit für Frauen in stärkerem Maße möglich und auch erzwungen. Normalarbeitsverhältnisses der dauerhaft vollzeit-beschäftigten. der früher einmal als »Proletariat« benannt wurde. 1998: 9) dargestellt.und Warenwelt kann uns vor nationaler Borniertheit bewahren.und Produktivkräften in der kapitalistischen Entwicklung betont. Die Früchte dieser Kräfte werden jedoch ungleicher verteilt als jemals zuvor seit Ende des Zweiten Weltkrieges.dieses NAV wird von außen wie von innen. der Entwicklung neuer Berufe und Branchen und mit neuen Spaltungen innerhalb und zwischen den verschiedenen Gruppen von Beschäftigten. Neuzusammensetzung der Klassen und Prekarisierung Der Geltungsbereich des sog. mit umfangreichen sozialen Rechten ausgestatteten. Dies ist verbunden mit dem Abbau fordistischer Arbeitsverhältnisse.320 Mario Candeias Denn oft wird auf Seiten der Linken der Neoliberalismus als reine »Destruktivkraft« (Bourdieu 1998: 110) oder »konservative Restauration« (Bischoff u. die Internationalisierung von Kultur. von Seite der »Arbeitgeber« wie von den Beschäftigten selbst zunehmend eingeschränkt. häufig gewerkschaftlich organisierten »weißen« männlichen »Arbeitnehmer« . Soziotechnische Veränderungen und die Transnationalisierung der Produktion führen zu einer Umwälzung von Arbeitsformen und Tätigkeiten. Marginalisierung und Spaltung Mit der Etablierung einer transnationalen informationstechnologischen Produktionsweise ist darüber hinaus auch die Zersetzung und Neuzusammensetzung der Arbeiterklassen verbunden.a. Marx hatte immer die widersprüchliche Verschmelzung von Destruktiv. Computerisierung und Automatisierung uns von schwerer körperlicher Arbeit entlasten. tauchen zwei neue Gruppen von Beschäftigten . Auch mit dem neoliberalen Management im Übergang zur transnationalen informationstechnologischen Produktionsweise entfalten sich durchaus produktive Kräfte-. neue Produktionsformen können deren Wissen integrieren. Die Rücknahme extremer (tayloristischer) Arbeitsteilung in der Produktion kann die Arbeit der Beschäftigten von Monotonie befreien. 3. Entstaatlichung teilweise paternalistische Bevormundung zurückdrängen.

Unter Hochqualifizierten wird es besonders an der Entwicklung von abhängigen Ein-Personen-Unternehmen und freiberuflichen »Freelancern« deutlich.Leben im Neoliberalismus 321 auf: Zum einen entsteht eine Gruppe hochqualifizierter. Die Verunsicherung dringt zugleich bis in den Kern der noch sicheren Beschäftigung vor und wird besonders spürbar. wenn reguläre Arbeitsplätze durch flexible Beschäftigung. deren Tätigkeiten durch die Bedienung/Beherrschung von I&K-Technologien geprägt sind . auch Beschäftigte aus den »oberen Dienstklassen« weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit prekärer Arbeitsverhältnisse auf. als Phänomen. etwa Leiharbeit. die keine Randerscheinung darstellt. flexibler. Beide sind Teil einer allgemeinen Prekarisierung der Arbeit. Diese Spaltungen bieten zugleich eine Chance.sind allerdings so scharf. in Projektarbeit beschäftigter Individuen. auch innerhalb desselben Unternehmens . 2 . einfacher Dienstleistungstätigkeiten in Haushalt. sondern findet sich auch in Werbeagenturen. sie unterscheiden sich jedoch fundamental in ihrer jeweiligen Stellung innerhalb des Produktionsprozesses.das moderne Prekariat.etwa zwischen Putzmann und Computerarbeiterin. Beiden Gruppen gemeinsam ist die deformalisierte und individualisierte Form der Aushandlung und Mikro-Regulation von Arbeitsverhältnissen.verbunden auch mit einer wachsenden Einkommenspolarisierung. Diese Prekarisierung bezieht sich nicht nur auf den Bereich sog.prekäre Arbeitskräfte werden dann als eigentliche Bedrohung wahrgenommen. Spaltungen zwischen Beschäftigten vertieft. Handel.und angelernte Arbeiter. bei Journalisten.das moderne Kybertariat. die Frage nach der »Einheit« der Arbeiterklasse oder besser: nach verallgemeinerter Handlungsfähigkeit auf dem Niveau der informationstechnologischen ProduktionsweiNicht nur un.wie weniger qualifizierte Arbeitskräfte betroffen sind. vielmehr immanenter Teil der ökonomischen Restrukturierung und Voraussetzung fortschreitender »Flexploitation« ist . Transport oder Pflege. dass die unterschiedlichen Arbeiten nicht mehr als Kooperationsbeziehungen wahrgenommen werden. Der Prozess der Prekarisierung zeigt sich als u-förmiges Muster. Webdesignern und Wissenschaftlern und hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensweise. 2 Die Grenze zwischen beiden Sphären der Arbeit . die den alten Habitus des Arbeiters abgelegt haben. gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. von dem formell hoch. Zum anderen wächst unter dem Druck hoher Arbeitslosigkeit ein wachsendes Subproletariat in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und mit geringer Entlohnung heran . ersetzt werden . Gastronomie. Kommunikation kaum noch stattfindet.

Solche allgegenwärtigen Krisenideologien dienen zur Einschränkung des Terrains gesellschaftlicher Auseinandersetzung und zur Produktion von aktivem Konsens zum vermeintlich notwendigen Umbau. »untypische« Arbeitsverhältnisse und tatsächlich geleistete Arbeit in allen gesellschaftlichen Sphären.und Outsourcing sowie Dezentralisierungen schwierig. die Kostenexplosion des Sozialstaates. transnationale Verlagerungen. sich für Protestbewegungen zu engagieren oder für bessere Studienbedingungen einen Uni-Streik zu organisieren. ist dabei eines der entscheidenden Momente von Hegemonie. Was nicht einfach ist. Es ist nicht selbstverständlich und gar nicht chic. gilt als nicht existent. marginalisiert. staatliche Überregulierungen. Viele Stu- . einfache Negation und große Politik Dazu kommt: Ein von »oben« permanent reproduzierter Krisendiskurs zielt auf vermeintlich fortbestehende Rigiditäten des Alten: auf verkrustete unflexible Arbeitsmärkte. Krisendiskurs. In. dass der alte nationale Sozialstaat und das Normalarbeitsverhältnis unter den neuen Bedingungen kaum zurückzuhaben sind. Globalisierung verdeckt zugleich den rasanten Umbau der Gesellschaft. zielen auf einen »sozialeren« Neoliberalismus oder wünschen sich eine bevorstehende Revolution herbei. Proteste und Kritik im Sinne einer einfachen Negation der Umbauprozesse bleiben relativ wirkungslos. Individuelle Leistung und das Streben nach beruflicher Anerkennung haben insbesondere bei Studenten die alte Gleichung von Jung-Sein gleich irgendwie diffus Links-Sein aufgehoben. Das Wissen der Einzelnen.dies beginnt schon bei der Statistik über Erwerbslosenzahlen. Die Vermittlung von Bildern des Stillstands angesichts der dynamischen Entwicklung der sog. dass keine Alternativen zur jeweiligen Form der Vergesellschaftung existieren. Zudem machen es der permanente Umbau der Produktionsstrukturen. fordern implizit eine Rückkehr zum vergangenen Modell. Haushaltskrise etc. über sog. wird an den Rand gesellschaftlicher Wahrnehmung gedrückt.322 Mario Candeias se neu zu stellen. Ein Beispiel: In den jüngeren Generationen ist der Konservativismus wieder chic. denn der herrschende öffentliche Diskurs setzt alles ein. inklusive der Form des Sozialstaates. Die Anerkennung der Vorstellung. Alltägliche Handlungsfähigkeit bleibt in individuellen Strategien verhaftet. Kommunikationsverhältnisse zwischen den einzelnen Gruppen aufzubauen. Was oder wer dabei nicht erfasst wird. findet kaum Formen kollektiver Verallgemeinerung. sichert dabei nach wie vor einen passiven Konsens. Sie sind oft auf reine Ablehnung beschränkt. um diese Verallgemeinerung »zu verschleiern« (Gorz 2000: 76) .

was man in der Tagesschau sieht: Parlamentsdebatten vor leeren Rängen. Parteien. Der Raum für selbstbestimmtes Lernen ist eingeschränkt. auf diesem Terrain mitzuspielen. Damit ist zwar ab und an das Interesse der Medien zu erringen.. der sich dann doch immer wieder regt.Politik ist dann. reproduzieren Kompetenz/Inkompetenz-Verhältnisse (Haug 1993) innerhalb der Bewegungen. zu Wort kämen. für die man sprechen möchte. natürlich die Medien selbst. die sich auf gute Argumente und Appelle an aufgeklärte Eigeninteressen in Wirtschaft und Politik konzentriert (Brand 2005). dessen vermeintliche Aufgabe es doch wäre. des Protests mit der Formu- . für alle. noch verfügen sie über eine kritische innere Haltung gegenüber dem. Einfachsteuer. ist damit oft eine Vorstellung von Politik verbunden. Regierung. ohne dass die Gruppen. Protest. Dagegen steht erst einmal die legitime Äußerung des Unmuts.. Meist wird ein imaginäres Allgemeininteresse angerufen: »Es wäre doch für alle besser. Das Formulieren von besseren Vorschlägen erfordert Expertise. die sich an den »Staat« richtet. was die Lernfabrik Universität ihnen heute vermittelt. wenn die Binnennachfrage gesteigert wird. verstärken aber den Trend zur Entpolitisierung von Politik. ist selbst schon Teil von Hegemonie. wenn doch bitte schön gleich ein konstruktiver Vorschlag gemacht wird (TobinTax. Zudem lässt man sich zu sehr darauf ein. weil sie nur mehr das Zerrbild Emma und die Ablehnung der »Emanzen« von Seiten der Männer kennen. Dieser Anrufung des Staates entspricht ein enger. Die formalen Leistungsstandards sind weitgehend verinnerlicht. indem sie diese an eben jene Experten delegieren. zugleich wird aber eine bestimmte Vorstellung von Politik als »große Politik« reproduziert. Der Versuch. Damit wird die alte Form der Stellvertreterpolitik reproduziert.« Es werden dann die besseren Reformprojekte formuliert. usw. limitiert sich auf den privaten Raum. Viele NGO haben da Erstaunliches geleistet.wobei man sich dann schon fragen muss. Bürgerversicherung). dass Kritik oder Protest nur als legitim gelten darf. Gesellschaftsveränderung? Geht doch sowieso nicht! Dem Feminismus geht es nicht besser: Junge Frauen distanzieren sich häufig reflexhaft davon. traditioneller Begriff von Politik . Auf diese Weise reproduzieren auch sie unter den veränderten gesellschaftlichen Zwängen täglich die alten Verhältnisse. für das »Volk« Politik zu machen . Expertenwissen. die großen Verbände.Leben im Neoliberalismus 323 denten wissen nichts mehr von Marx oder anderen linken Theoretikern. wen dieses »alle« meint. manchmal fast als Gesetzgebungsvorschläge. Wenn dann doch Alternativen von links formuliert werden. Die Beschränkung auf inhaltliche Kritik lässt die herrschenden Formen von Politik unberührt.

Das zielt dann auf individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit und die Frage der alltäglichen Organisierung. diesen selbst als Sphäre der Politik begreifen (wie Gramsci früh gezeigt hatte. die anderen Gruppen des Machtblocks unter ihre Führung zu bringen. aber auch die zweite Frauenbewegung dann nochmal überdeutlich machte). muss vielmehr im Alltag der Menschen ankommen. neue noch radikalere Einsparungen und heftigere Sozialkürzungen erforderlich machen. Risse in G e b ä l k Die Zustimmung zum radikalen gesellschaftlichen Umbau basierte in erster Linie auf einem Versprechen zukünftiger gesellschaftlicher Prosperität bzw. Sonst werden die linken Angebote zu Recht nicht als wirkliche Alternativen angenommen (vgl. um den Gegensatz zwischen der Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse und dem Bedürfnis nach Orientierung und Existenzsicherung in für die Mehrheit befriedigender Weise zu bearbeiten. Es kommt zu einem Bruch zwischen Repräsentierten und Repräsentanten. Zugleich finden letztere im Moment der hegemonialen Verallgemeinerung des Neoliberalismus keine adäquate Form der Artikulation innerhalb des bestehenden Rahmens. Das Ziel wird nie erreicht. die dann verbunden werden muss mit einem anderen Verständnis von Politik .denn umfassende gesellschaftliche Veränderung erschöpft sich nicht in »großer Politik«. was »zur charakteristischen Inkohärenz der gegenwärtigen Regierungspolitik [. Keine seiner Fraktionen ist in der Lage. Der orthodoxe Neoliberalismus steht zu deut- . Eine solche Position kann jedoch niemals gewahrt werden ohne fortgesetzte Mobilisierung aller Ressourcen. Poulantzas greift diese Figur Gramscis auf und führt eine solche Situation zurück auf Widersprüche innerhalb des herrschenden Machtblocks. zum Fehlen einer deutlichen und langfristigen Strategie des Blocks an der Macht. 4.)..324 Mario Candeias lierung eines deutlichen »Nein!« (einfache Negation). Die verschärften Ungleichheiten produzieren Verunsicherungen und U n zufriedenheit. Sowohl die orthodox-konservative als auch die sozialdemokratische Form des Neoliberalismus haben sich als nicht ausreichend erwiesen.]. zur kurzsichtigen Führung und auch zum Mangel an einem globalen politisch-ideologischen Projekt oder einer >Gesellschaftsvision<« führt (Poulantzas 1978: 226f. während die Konkurrenz und generische Krisen immer weiteren Verzicht. Candeias 2007).. auf der Positionswahrung im verschärften globalen Wettbewerb.

Besonders an der nordafrikanischen Grenze wird zurzeit mit Hochdruck an der . Besonders sichtbar bei Asylgesetzgebung und Migrationsregime. Die mangelnde Repräsentation ihrer Interessen bringt wachsende Teile der Bevölkerung. verwandelt sich diese ideologische Krise notwendig in eine »Identitätskrise« der sozial Handelnden (Laclau 1981: 90). Die herrschenden Gruppen reagieren mit einer Beschleunigung des immer gleichen. (2002) glauben z. die sich zum Teil gewaltsam äußern kann. Es erwächst eine Sehnsucht nach Selbstkohärenz. Schengen-Abkommen.Leben im Neoliberalismus 325 lich für eine Umverteilung von unten nach oben . Sicherheitsdispositive in den Vordergrund gerückt. ohne dass eine neue Artikulation gesellschaftlicher Formen eine vergleichbare identitäre Sicherheit böte. Familie. Der subjektiv erfahrenen Ungerechtigkeit kann individuell nicht begegnet werden.der sozialdemokratische wird unglaubwürdig: An eine Verbindung von neoliberalen Reformen und »Sozialverträglichkeit« glaubt kaum noch jemand. insbesondere die bedrohten »Mittelschichten« in Gegnerschaft zur vorhandenen Form der Vergesellschaftung. kann diese Situation schnell nach rechts umschlagen . desto heftiger der Affekt. Geschlecht. Diese diffusen »Mittelschichten« weisen trotz ihrer unterschiedlichen Stellungen in den ökonomischen Beziehungen einen gemeinsamen Grundzug auf: ihre Trennung von den zentralen Positionen im herrschenden Machtblock. verliert an Überzeugungskraft. Zum einen manifestiert sich darin eine Krise traditioneller Ideologieelemente und Werte wie (Industrie-)Arbeit. Nach Heitmeyer u. polizeilicher Aufrüstung und allgemeiner Ausdehnung der staatlichen und privaten Sicherheitsapparate. 57% der deutschen Bevölkerung.in Neofaschismus und Islamismus. gesellschaftliche Individuen als Subjekte zu konstituieren. Da die Funktion jeder Ideologie darin besteht. Darüber hinaus werden Zwangselemente stärker betont. der Militarisierung von Außenpolitik bis hin zu Angriffskriegen. dass eine politische Einflussnahme als Bürger nicht möglich ist. Werden diese Verunsicherung und Interessen nicht von links aufgegriffen. Auch an der abnehmenden Wahlbeteiligung und dem Wegbrechen der Mitgliederbasis von Parteien und Verbänden zeigt sich die Krise der politischen Repräsentationsmechanismen. was Ohnmachtsgefühle verstärkt. Nationalismus und Standortkonkurrenz hervorgekehrt. Nation. Je stärker die Überforderung. In solchen Momenten deuten sich Risse in der hegemonialen Apparatur an (was keineswegs gleichbedeutend ist mit einem Hegemonieverlust).B. Und natürlich an den verbreiteten Protesten der letzten Jahre oder den schlechten Ergebnissen der großen »Volksparteien« bei den jüngsten Wahlen.a. Die neoliberale Ideologie gerät in die Krise.

auf diese Weise die Risse im Gebälk der neoliberalen Hegemonie glatt zu spachteln. Soziale Rechte werden eingeschränkt und an die Erfüllung von Pflichten gebunden -fordern statt fördern. Arbeitsfaule. Abbau von Sozial.326 Mario Candeias »Festung Europa« gearbeitet. vermeintlichen Haushaltszwängen und allgemeiner Entdemokratisierung. öffnen immer wieder Räume für eine erneuerte Kritik und Organisation gegen. Wir tragen zwar alle zur Reproduktion dieser Hegemonie bei. Die vom früheren rot-grünen (Super-)Wirtschaftsminister Clement losgetretene Missbrauchsdebatte bei A L G Ii-Bezug zielte auf eben jene Ressentiments und die Spaltung zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen. Leistungskürzungen. verschärften Kontrollen. Das Autoritäre zeigt sich aber auch bei der Verschärfung von Zumutbarkeitskriterien und Zwang zu Niedriglohnarbeit. Asylanten.bzw. die sie produziert und in denen wir uns bewegen müssen. anti-hegemonialer Projekte. sondern von großen Teilen der Bevölkerung in höchst widersprüchlicher Weise passiv und aktiv gestützt werden. etwa durch Ressentiments gegen Ausländer. Sozialschmarotzer. . könnte man sagen. aber die zahlreichen Widersprüche.und Arbeitsrechten. Wohlgemerkt sind dies keineswegs Prozesse. Meiner Einschätzung nach wird es nicht gelingen. die einfach von »oben« kommen.

Poulantzas. Zürich/München 1972 Haug. zit. Hayek. Wolfgang Fritz (1993): Umrisse einer Theorie des Ideologischen«. November 2002. Elemente einer Theorie des Ideologischen. Joachim/Frank Deppe/Klaus-Peter Kisker (Hrsg.. Grundrisse einer transnationalen kapitalistischen Produktions. Zustandsbeschreibungen zur angetasteten Würde von Menschen in Deutschland«. lff. Demirovic. A. Bd. Wirtschaftspolitik aktuell. Frankfurt/M. Juni 2005 . Konstanz Brand. dokumentiert in: FR v. Nr.Hochtechnologie . Friedrich August von (1944): The Road to Serfdom/Der Weg zur Knechtschaft. Ulrich (2005): Gegen-Hegemonie. Kapitalismus.). Berlin Marcuse. 46-76 Heitmeyer. Herbert (1964): Der Eindimensionale Mensch.(1998): Gegenfeuer. Hamburg Candeias. Berlin 1957ff. Prekarität . Mario (2007): »Handlungsfähigkeit durch Widerspruchsorientierung: Kritik der Analysen von und Politiken gegen Prekarisierung«. in: ders.di Bundesvorstand. Mario (2004): Neoliberalismus . Interview in: Prokla 37. Populismus. Darmstadt/Neuwied 1982 Marx-Engels-Werke (MEW).) (1998): Das Ende des Neoliberalismus?. mit der stalinistischen Tradition zu brechen!«. Nicos (1978): Staatstheorie..a. 17. Perspektiven globalisierungskritischer Strategien. Hamburg Gorz. Eine kritische Auseinandersetzung. Bereich Wirtschaftspolitik (2005): »Nachholbedarf bei den Löhnen«.Neoliberalismus .und Lebensweise. Faschismus. Hamburg Bourdieu. Frigga (1996): Frauen-Politiken. Andre (2000): Arbeit zwischen Misere und Utopie.Hegemonie. Hamburg. Berlin 1987 ver. Berlin/Hamburg Candeias. Nicos Poulantzas. 20 Laclau. 8. Ernesto (1981): Politik und Ideologie im Marxismus. Hamburg 2002 Poulantzas. Pierre. (2002): »Feindselige Mentalitäten.Deregulierung. Berlin/Hamburg Haug. Wilhelm u. in: Roland Klautke/Brigitte Oehrlein (Hrsg. Nicos (1979): »Es geht darum.Leben im Neoliberalismus 327 Literatur Bischoff. n.

1 . Rechte Parteien in Europa Globalisierungskritik im herrschenden Block In Deutschland ist den Parteien der extremen Rechten bislang kein Erfolg im bundesweiten Maßstab gelungen. dass die Parteien inhaltlich weniger problematisch sind als die traditionell rechtsextreme Bewegung.und Kapitalismuskritik auf. Parteien und Politikoptionen der extremen Rechten im Ringen des Neoliberalismus um Hegemonie verstanden werden? Sind sie Teil des »geschichtlichen Blocks« oder sein Gegenspieler? Ich möchte im folgenden beleuchten. wie Teile der extremen Rechte ihre inhaltliche Position zur neoliberalen Globalisierung gewandelt haben und so Erfahrungen der Einzelnen mit der neuen Produktionsweise artikulieren und gleichzeitig in rechte Erklärungsmuster einbetten konnten. Der Begriff ist problematisch. In den 1980er Jahren waren dieselben Parteien Vorreiter einer »Befreiung der Wirtschaft« (Front National/FN). Wie kann die Stellung von Programmen. Es wird nahegelegt.in unterschiedlichem Ausmaß . »radikaler Deregulierung der Wett- Die Parteien werden oft als »rechtspopulistisch« bezeichnet. dass die Inhalte bloß zufällig und an unmittelbaren Stimmungen ausgerichtet entstünden. In vielen europäischen Ländern dagegen waren extrem rechte Parteien 1 bei Wahlen erfolgreich mit einer Verbindung von Globalisierungskritik und Mobilisierung gegen Ausländer. Die inhaltliche Nähe von extremer Rechter und rechtspopulistischen Parteien lässt sich so wenig abbilden wie die Verbindungen zur gesellschaftlichen Mitte.Christina Kaindl Die extreme Rechte in Europa Teil des herrschenden Blocks oder Gegenhegemonie? In den 1980er Jahren traten die Parteien der extremen Rechten in Europa überwiegend als Vertreter neoliberaler Positionen auf. indem er suggeriert.Globalisierungs. In den 1990er Jahren wandelten sich die Programme und nahmen . Gleichzeitig delegitimiert der Begriff potenziell das Aufgreifen der Interessen »der Unteren« als undemokratische Anbiederei.

sofern dieser sich von den überholten Positionen zu lösen bereit war. Dieser Prozess hatte desorganisierende Wirkung auf den politischen und ökonomischen Kampf. Dagegen stand die Rechte mit »Anti-Etatismus«. Im weiteren Aufstreben des Neoliberalismus ermöglichte »autoritärer Populismus« (Hall 1982: 104-124) die Einbindung kapitalferner Bevölkerungsschichten. steuernder (staatlicher) Eingriff in diesen Prozess ginge auf Kosten der bestmöglichen Lösung. zeigte sich erstmals 1973 beim Putsch in Chile. Für das England der 1970er und 1980er Jahre analysierte Stuart Hall diese Entwicklung: Die staatsinterventionistische Sozialdemokratie (an der Regierung 1966-1970. die Unzufriedenheit und das Wissen. Gesellschaftlicher Fortschritt und rechte Positionen wurden über neoliberale Theorien verbunden . Das neoliberale Menschenbild von Hayek u.Die extreme Rechte in Europa 329 bewerbsordnung« (FPÖ). in Staatskritik. behauptet die natürliche Ungleichheit und Ungleichwertigkeit der Menschen. Das politische Bündnis von extremer Rechter und Neoliberalismus wandte sich vor allem gegen eine Sozialdemokratie. Pinochets »Verfassung der Freiheit« zitiert ein Buch Hayeks.und konnten im Bündnis mit den konservativen und rechten Parteien und herausgebrochenen Teilen der unteren Klassen zu einem geschichtlichen Block (Gramsci) werden. 1974-1979) orientierte auf einen Klassenkompromiss. Den Rechten gelang es. Neoliberale Konzepte versprachen in einer Situation von Krise und Stagnation einen funktionierenden Kapitalismus . die über den Markt vermittelt sind (»Katalaxie«). Die- . die Erfahrungen der Krise des fordistischen Kompromisses. Ein planender. »AntiKollektivismus« und »gegen schleichenden Sozialismus« und organisierte damit gegen den herrschenden Machtblock. zu artikulieren. des »liberalistischen Föderalismus« (Lega Nord) und von »Entstaatlichung« (FN). Inhaltliche Berührungspunkte zwischen Neoliberalismus und extremer Rechter liegen im Ethnopluralismus. »dass es so nicht weitergehen kann«. müssten sie sich ihm in Demut unterstellen. die sich so nicht durchsetzen könne. Sie denken gesellschaftlichen Fortschritt lediglich als Ergebnis des Zusammenspiels verschiedener Selektionsvorgänge. den sie für die Arbeiterklasse herauswirtschaftete. Da von den Einzelnen der gesamte Prozess nicht zu durchschauen ist. Der gewaltsamen Niederschlagung der gewählten Regierung und ihrer Demokratisierungsprojekte folgte die Umkonzipierung von Ökonomie und Gesellschaft nach Maßgabe der Chicago Boys. die die fordistischen Regulationsweisen gegen den aufkommenden Neoliberalismus verteidigte.a. Wie gut diese Auffassungen sich mit extrem rechten Politikoptionen vertragen. Demokratieverachtung und sozialdarwinistischen Argumentationen.

der Anforderungsdruck . in der es einer führenden Gruppe unter Kooptation eines Teils der »Unteren« gelingt. die auch für eine Kritik der fordistischen Lebensweise standen. dass die sozialdemokratische Strategie des dritten Weges keinen langfristigen Erfolg hat. Statt mit der Verteidigung des fordistischen Regulationsmodells war die Sozialdemokratie bei den Wahlen mit dem Versprechen erfolgreich. die die »Sachzwänge« von Globalisierung und Standortkonkurrenz zum Ausgangspunkt und unhinterfragten Rahmen dessen machten. fällt hier die Rolle des »Alten« zu. der auch die Ausgestoßenen der bisherigen Kernbelegschaften betrifft. fast ganz Europa wurde eine Zeit lang sozialdemokratisch regiert. alternativen Milieus. Ein wichtiger Aspekt der »passiven Revolution« besteht in dem Vermögen eines hegemonialen Projekts. die innerhalb neoliberaler Rahmenbedingungen »sozialverträgliche« Alternativen suchte. das Alte stirbt und das Neue (kann) nicht geboren werden« (GH 3: §34).. Als geschichtlicher Block (an der Macht) bezeichnet Gramsci eine konkrete hegemoniale Konstellation. während die Rechte als Geburtshelfer des »Neuen« auftritt. Der Sozialdemokratie. Allerdings hat sich gezeigt. Mit der sozialdemokratischen Reartikulation des Neoliberalismus gelang die Einbindung von nicht-konservativen. Zunächst war diese Strategie erfolgreich. ein Prozess. die mit staatlicher Unterstützung beförderte Ausweitung von Leiharbeitsverhältnissen. Die gezielte Schaffung eines Niedriglohnsektors. ihre Interessen als die allgemeinen auszugeben und eine bestimmte politische Regulation der Produktionsweise durchzusetzen. was sie gewohnt waren zu glauben . Der Neoliberalismus erweiterte so seine soziale Basis und schien sich zu stabilisieren. worin nach politischen Alternativen zum konservativ-neoliberalen Kurs gesucht wurde. die am überholten Regulationsmodell festzuhalten versucht. »sich einen Teil der Antithese selbst einzuverleiben« (GH 7: 1728). Sie ließ den Eindruck des »Rückwärtsgewandten« hinter sich und bemühte sich um Regulationskonzepte. den neoliberalen Umbau der Gesellschaft sozialverträglich zu gestalten.. mit Gramsci kann dieser Prozess verstanden werden als »transformismo«. zerfiel die »Front« von Neoliberalen und extremer Rechter. Mit dem Schwenk der Sozialdemokratie auf eine Politik.330 Christina Kaindl se »neue Kraft« bindet die Unteren über rassistische Mobilisierungen. die Verbindung von Neokorporatismus und Deregulierung stärkt die gesellschaftlichen Spaltungslinien zu Lasten eines Teils der abhängig Beschäftigten. durch den die »großen Massen von ihren traditionellen Ideologien losgelöst werden und nicht länger glauben. die Zunahme von Konkurrenz und Arbeitsbelastung.

1995 kündigt der FN eine »soziale Wende« an. auch wenn sie kritisch intendiert sind. In der Folge verlieren neoliberale Forderungen der rechtspopulistischen Parteien an Bedeutung »zugunsten einer verstärkten Betonung antiliberalistischer und antiliberaler politischer Diskursmuster« (Betz 2001: 168).a. die als Hauptfeind angegriffen werden und mit protektionistischen Maßnahmen begrenzt werden sollen (ebd.2 Die gesellschaftlichen Verwerfungen des Neoliberalismus werden als »von der Migration verursachte Probleme übersetzt« (Scharenberg 2006: In den 1980er Jahren bestand die Wählerschaft des FN v. von Anpassungs. 2003: 63). mit diesen bestimmten Männern.und Handwerksleuten. Greven/Grumke 2006: 16). Die Diskussionen der bisherigen gesellschaftlichen Vertreter der Lohnabhängigen sind. die den Staat als Bollwerk gegen die Globalisierung rehabilitieren will. Ladenbesitzern.). 2002 sanken die Zahlen. In Österreich wählten 1995 30% der »blue collar«-Arbeiter FPÖ. 30% der Ladenbesitzer und Handwerker wählten die extreme Rechte. 1999 kamen 50% der Wählerschaft aus der Arbeiterklasse (Hentges u. in den 1990er Jahren wählten 30% der Handarbeiter (Männer und Frauen) den FN. die traditionellen Parteien in dieser gegebenen Organisationsform. Arbeiter wählte FN. 171).Die extreme Rechte in Europa 331 selbsttätiger Qualifizierung wie auch die Privatisierung und Inwertsetzung immer weiterer Teile der privaten Existenzsicherung erhöhen den Druck auf die Einzelnen und diskreditieren bisherige Werte von »guter Arbeit« und die damit verbundenen Gerechtigkeitsvorstellungen. repräsentiert durch die Männer der Vorsehung oder mit Charisma« (ebd. FPÖ-Parteitag 1996. gegen den »libre-echangisme mondial«. So stellt sich etwa der FN bereits seit 1993 zunehmend als Schutzmacht der französischen Arbeiter dar. die sie bilden. für die Aktivität obskurer Mächte. ebd. Gramsci fasst diese Entwicklung als Krise der Repräsentation: Es kommt zu einer Loslösung gesellschaftlicher Gruppen »von ihren traditionellen Parteien. die es »hart haben im Wettbewerb« (23. jeder 4.). 2 . die die Belastungen und Zumutungen der veränderten Produktionsweise für die Betroffenen kaum angemessen zum Ausdruck bringen können. In der Krise der Repräsentation wird das Feld frei »für die Gewaltlösungen. neue Formen der Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten zu finden.a. werden von ihrer Klasse oder Klassenfraktion nicht mehr als ihr Ausdruck anerkannt« (GH 7: 1577f. das heißt. die »mondialisme économique« oder den »mondialisme«. zit. aus Selbständigen. Es gelingt bisher nicht. 174). Haider wandelt sich in den 1990er Jahren vom Anwalt der Leistungseliten hin zur Verteidigung derjenigen österreichischen Arbeitnehmer. sie vertreten oder führen.und Gestaltungsvorschlägen geprägt (vgl. Geschäfts.

unter die Fraktion des Großkapitals.»der Kleinbürger sieht darin Sozialismus.und Gewaltaspekte neoliberaler Politik einer politischen Kraft zuzuweisen. 3 . wie die langjährig erfolgreiche Konstellation unter Berlusconi in Italien gezeigt hat.a. in das »außen«. sagte Bloch (1934: 60) über die Widersprüche des aufziehenden deutschen Faschismus. wird artikuliert. »Die Ausländer« werden zum Sinnbild der Globalisierung und bieten dem Alltagsverstand Reibungsfläche. ist Gegenstand rechter Mobilisierungen wie staatlicher Abschottungspolitik.ich aber meine nicht. Die Nähe der Rechten zur politischen Gewalt gefährdet einerseits latent die Blockbildung.und Unterordnung der völkisch-antikapitalistischen Fraktion . 3 Die rechten Regierungsparteien erfüllen dieselbe Funktion: Sie binden die Kritik an der Globalisierung und den Kosten der neuen Produktionsweise Die erstere wurde in Deutschland allerdings bereits 1934 kaltgestellt und die Ideologieelemente im völkischen Rassismus des NS reartikuliert. Die rechten Parteien treten als »neue Arbeiterparteien« auf und werden auch so wahrgenommen: »Ich bin zur Dänischen Volkspartei gewechselt.sind dabei nicht unbedingt ein Hindernis. in der Konkurrenz um Arbeit und im Kampf um den »gesellschaftlich durchschnittlichen« Wert der Ware Arbeitskraft die eigenen Positionen bedrohen. 75) . damit sie ja nicht erwache«. Zwangs. andererseits ermöglicht das Bündnis mit ihnen.. weil sie [die Sozialdemokraten] ihre Politik änderten .332 Christina Kaindl 77). Damit können gesamtgesellschaftliche Probleme reartikuliert und gleichzeitig denk-bar gemacht werden. C K ) Widersprüchliche Positionierungen innerhalb des rechten Lagers . die flexiblen Migranten. Die Bildung des geschichtlichen Blocks gelang damals mit der Bei. was ein Vordringen der Rechten in die Mitte erleichtert. dass »die Anderen«.stärker neoliberal oder stärker »gegen Globalisierung« . Ihr Zurückdrängen in die Peripherie.] einen Schutzraum für die widersprechende Unruhe. die es (zurück) zu gewinnen gelte. die nach dem Transformismus. Übers. Das im Alltagsverstand implizite Wissen. Die dagegen gestellte »Homogenität« des Volkes. nach Einbindung und Kooptation oppositioneller Milieus und Kräfte in den geschichtlichen Block. 2003: 126. die die real erfahrenen sozialen Spaltungen und Partikularisierungen bewältigen lässt (ebd. und für beides war dem Kapitalismus höchste Zeit« (ebd.« (Dänischer Busfahrer in Hentges u. der Großbürger besitzt daran Kulisse. 78). der den Kampf gegen veraltete Lebensweisen mit der Sehnsucht nach dem Gewesenen verband. wieder fallengelassen werden kann. ermöglicht eine imaginäre Vergemeinschaftung.. »Nazitum bildet [.

»Privatisierungswahn. 5 Arbeitslosigkeit. weil von Regierungsbeteiligungen weit entfernt. »solange es dem Aber nicht immer »systemkonform« und vollständig. daraus folgt aber keine grundsätzliche Ablehnung von Eigentum oder gar Klassenkampf. Die Kritik ist damit weitgehend still gestellt. Globalisierung.antikap. werden von den JN einer »verkürzten Kapitalismuskritik« bezichtigt . Massenentlassungen und Armut«. tritt die extreme Rechte in Deutschland auf: »Antikapitalismus von rechts« kann als neue strategische Ausrichtung der wichtigsten Strömungen in der deutschen extremen Rechten aufgefasst werden.« Der Zinseszins zwinge die Wirtschaft zum endlosen Wachstum und führe so zu »Umweltzerstörung. 5 www.Die extreme Rechte in Europa 333 für die Einzelnen und ordnen sie gleichzeitig dem herrschenden Block bei. Propagiert wird eine sozialpartnerschaftliche Marktwirtschaft. Zwar wird in diversen Schulungsbroschüren der JN Ausbeutung als Aneignung von Mehrwert referiert. Niedriglohn und »prekäre Beschäftigungsverhältnisse« werden als Krisenerscheinungen des Kapitalismus aufgerufen und zum Ausgangspunkt für »notwendige Alternativen« gemacht. Monopolbildung. Der »Antikapitalismus« der JN (Junge Nationaldemokraten) grenzt sich von der »Falschlehre« von Marx ab. so distanziert sich der JN-BuVo explizit von einer Unterscheidung in »guten und schlechten Kapitalismus«. Zentral ist dabei ein Aufgreifen und Verschieben linker Argumentationen. »Linke Wirrköpfe«. Steuererhöhung und Hartz IV« seien allerdings nicht das Grundübel »unserer Probleme«.de 6 Bei den Wahlen 2004 erhielt die NPD mit ihrem auf Kritik der Sozialreformen ausgerichteten Programm in Sachsen 9. So muss das Scheitern der europäischen Verfassung in Teilen auch den nationalistischen Mobilisierungen der Rechten zugerechnet werden.2% der Stimmen. Lohnsklaverei. 7 Das ist nicht unumstritten. Strategien und Ästhetiken.eine Umkehrung linker Kritiken an personalisierten und verschwörungstheoretischen Charakterisierungen des Kapitalismus. 7 die Eigentum schützt. die diesen Zusammenhang nicht in den Mittelpunkt stellen. inhaltlich und in Bezug auf die politischen Formen. 4 .6 Die extreme Rechte inszeniert sich als revolutionäre Opposition. sondern »die herrschende Zinswirtschaft des Kapitalismus.4 Antikapitalismus als soziale Bewegung von rechts Radikaler.

etwa Hartz 2001: 8). Aktivierung und Verzicht bei den Einzelnen einfordert (vgl. Ein Wahlspot der N P D ruft mit Bezug auf Lafontaines »Fremdarbeiter-Rede« auf. auf niedrigere Standards gezwungenen Lohnabhängigen zu Personifizierungen der Konkurrenz und damit als Gegner artikuliert? -. Wo Lafontaines Einsatz in Schwierigkeiten gerät .pdf. Dagegen sei der aktuelle Kapitalismus von »Händlertum« und »Karawanserei« gekennzeichnet. der zusammen mit linken Freiheitsvorstellungen als Kehrseite neoliberaler Ideologien gilt: Durch die Verherrlichung »hedonistischer Triebe« machten sie sich zu Helfern des »ideologischen Rinderwahns« der Globalisierung. muss der Sozialismus national sein«. die in der »Nationalzeitung« oder in »Nation und Europa« durch Karikaturen mit einschlägigen antisemitischen Stereotypen untermalt werden. Http://snbp. hrsg. Lafontaine ringt um eine Perspektive Schulungsbroschüren »Privatisierung . Er wird unterschieden vom Kommunismus. »Volkseigentum« wird gegen die »Ausplünderung« durch Privatisierung verteidigt. So kann es gelingen. wirft sich die rechte Position ungebrochen auf die Seite der »deutschen Arbeiter«. die restlichen Programmpunkte der Linkspartei zielten aber auf die Erweiterung individueller Freiheiten. nicht die Raubkopie. das nicht die jeweils ärmeren. an einen Alltagsverstand anzuknüpfen. in dem »die Globalisierung« als externe Bedrohung nationaler Standards gedacht wird.und Plünderungsstandort Deutschland«. Initiative für Volksaufklärung.info/files/Privatisierung. Dabei bedient die Ablehnung des » M a m monismus« antisemitische »Kritiken« des Kapitalismus. der mit Verweis auf die internationale Konkurrenz Mobilisierung.334 Christina Kaindl Volk dient«. 8 . »Freiheit« wird als Kehrseite des »Liberalismus« und damit ideologische Schützenhilfe der Globalisierung angegriffen. sondern das Original zu wählen: Zwar scheine jener ähnliche Punkte aufzugreifen und Interessen deutscher Arbeiter zu verteidigen. Dagegen stehe einzig das Nationale: »Weil der Kapitalismus international ist. Drogenfreigabe und Freizügigkeit gegenüber Flüchtlingen und konterkarierten die scheinbar »nationale« Orientierung. 8 Das Gegenkonzept ist »völkischer« oder »nationaler« Sozialismus. Die Widersprüchlichkeit von Lafontaines Versuch einer »linkspopulistischen« Anknüpfung an die Verwerfungen verschärfter Konkurrenz und Freizügigkeit der Arbeitskraft wird hier deutlich. Die Vorstellung eines »nationalen Schutzraums« ist die abstrakte Negation eines Diskurses.Wirtschafts.wie lässt sich ein Konzept der Verteidigung von Lohnstandards unter den Bedingungen der Standortkonkurrenz entwickeln. v.

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des nationalen Wohlfahrtsstaates und will die ausländischen Arbeitnehmer in Deutschland explizit eingeschlossen wissen, erteilt völkischem Nationalismus eine Absage. Dennoch argumentiert er von einem Standpunkt »privilegierter Solidarität« (Nachtwey 2005: 908). Eine angestrebte europäische Perspektive kann diese Probleme nur begrenzt aufheben: Die Billigarbeitskraft, gegen die Lafontaine sich wendet, kommt ja gerade aus Staaten innerhalb der Europäischen Union. Die extreme Rechte muss sich in solchen Widersprüchen nicht bewegen. Sie macht die Volkgemeinschaft als einziges Solidarprojekt stark. Die Frage der Grenzen der Solidarität wird mit Rekurs auf den »natürlichen« Bezugsraum geklärt: »Der Nationalismus erstrebt soziale Gerechtigkeit und nationale Solidarität.« 9 Versorgt wird, wer zum Volk gehört. Gleichzeitig ist der nationale Schutzraum Voraussetzung dafür, dass das geeinte Volk zu großen Gemeinschaftsleistungen befähigt werde. Wie im historischen Faschismus sollen hier zwei Bedeutungsaspekte des »Volkes« zusammengebracht werden: Die »kleinen Leute«, die Mehrheit, die unter die Herrschaft Gestellten werden angerufen und gleichzeitig als völkische Gemeinschaft konstruiert. Die Anknüpfungspunkte im Alltagsverstand finden diese Formulierungen gerade in der ehemaligen DDR, wo der emanzipatorische Bezug auf das »Volk« in der Tradition der Arbeiterbewegung stärker präsent war als im Westen, wo leicht mit Verweis auf die völkische Begriffsgeschichte die klassenspezifischen Interessen delegitimiert wurden. 10 Hier kann das Sprechen vom »Volk« womöglich aufgreifen, was Heitmeyer u.a. im Konzept der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« als »Anomia« bezeichnen (Heitmeyer 2002). Orientierungslosigkeit, das Gefühl, dass »früher alles besser war, weil man wusste, was man zu tun hatte«, hängt mit Ängsten vor sozialem Abstieg zusammen, die sich seit der Einführung von Hartz IV verstärkt haben (Hüpping 2006). Eine Abwertung schwächerer Gruppen ist bei diesen Befragten wahrscheinlicher: Besonders die Aussage, »wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken«,
www.jn-buvo.de/index.php?option=com_content8aask=view8dd=108&Itemid=33 Dabei gibt es für eine Aufgabe des Volksbegriffs im deutschen Sprachgebrauch von links gute Gründe, nicht nur wegen der Schwäche im Kampf gegen rechte Konnotationen, sondern auch aufgrund analytischer Schwäche. Als Begriff in Mobilisierungen »von unten« soll der Volksbegriff Bündnisse ermöglichen (etwa im Sinne der »Volksfront«); unterschiedliche Teilinteressen sollen hintangestellt werden. Die Gefahr besteht, dass bei sich verschiebenden Kräfteverhältnissen grundlegende Interessensdifferenzen und -antagonismen unsichtbar oder verschoben (etwa auf eine äußere Bedrohung) werden.
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erzielt deutliche Zustimmung. Bei aller Zurückhaltung in der Deutung von Daten, die die subjektiven Begründungszusammenhänge nicht aufklären, 11 kann doch gesagt werden, dass hier völkische Solidarkonzeptionen am Alltagsverstand ansetzen können: Die Abstiegsängste werden adressiert und mit einer »Ermächtigung« des Volkes beantwortet. Inhaltlicher Bezugspunkt der rechtsextremen Argumentationen ist der »Ethnopluralismus«, 1 2 der ein völkisches Verständnis von Nation transportiert, basierend auf der Vorstellung eines einheitlichen Volkes mit gemeinsamer Abstammungsgeschichte. Alle Völker sollen sich in ihrem »Siedlungsgebiet« frei entwickeln, eventuelle Unterschiede in den Wertigkeiten könnten sich nur bei freier Entfaltung der Völker zeigen. Von hier aus wird die rechte Opposition u.a. gegen den Irakkrieg, ihr Engagement beim Antikriegstag für ein »Selbstbestimmungsrecht der Völker« verständlich. Die extreme Rechte tritt hier als »antiimperialistisch« auf: 13 Gegen das US-Imperium gelte es einen »Eurasischen Block der Völker« als Element einer antiimperialistischen Abwehr und einer neuen völkerorientierten Weltordnung herzustellen. In völkischer Reartikulation der zapatistischen Losung - »Eine Welt, in der viele Welten Platz haben« - ruft die Rechte zur Ablösung der »einen Welt des Kapitals« durch eine »Welt der tausend Völker« auf. Der »europäische Nationalismus erstrebt ein gemeinsames Europa der Vaterländer und Völker, das seine Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit und Einheit gemeinsam gegen die Großmächte, falsche Ideologien, die multinationalen Konzerne und kleinkarierte Chauvinisten durchsetzen wird« (ebd). Angegriffen werden supranationale (»raumfremde«) Organisationsformen, die nicht auf Grundlage des Ethnopluralismus existierten, wie EU oder NATO. Die EU sei nichts als ein »Zusammenschluss der Großkonzerne«, regiert von Technokraten, 14 und somit Feind der freien Völker. Die

Es kann nicht umstandslos davon ausgegangen werden, dass die Befragten hiermit ein völkisches Modell im Sinn haben, wohl aber, dass es sich um verschärfte Ausgrenzungsforderungen handelt. 12 Ein ursprünglich aus der französischen Neuen Rechten stammendes Konzept, vgl. u.a. Alain Benoist: Schöne vernetzte Welt. Eine Antwort auf die Globalisierung, 2001 13 »Wer andere Völker oder Stämme seines Volkes spaltet, unterdrückt, knechtet oder ausbeutet, ist ein Imperialist. Der Nationalismus ist der größte und stärkste Feind des Imperialismus: Nationalismus ist antiimperialistischer Kampf.« Siehe www.jn-buvo. de/index.php?option=content&task=view&id=7&Itemid=32, 18.3.2005 14 »Technokraten« und Bürokraten dienen auch zur Kennzeichnung der repräsentativen Demokratie, der die »Volksherrschaft« - »wahre Demokratie« - gegenübergestellt wird. Sie basiert auf der Volksgemeinschaft; nur aus ihr könnten »sich die Per11

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so gekennzeichneten äußeren Fremdeinflüsse, die die »Selbstbestimmung« des deutschen »Volkes« untergraben, werden ergänzt durch innere: Vertreter »fremder Kulturen«, die durch die Durchmischung die Kultur »des Volkes« und damit seine Existenzkräfte insgesamt vernichten. Die Fremdeinflüsse sind zwei Seiten derselben Medaille - Imperialismus -, die auf politischer, ökonomischer und kultureller Ebene agierten und dort zu bekämpfen seien.15 Der Imperialismus findet seinen Niederschlag in kultureller Vielfalt und Durchmischung; diese werden als Vernichtung der Kultur und damit »des Volkes« gesehen und sind die komplementäre Entwicklung zur »OneWorld-Ideologie«. Werden multinationale Konzerne und die Anwesenheit von Flüchtlingen und ausländischer Wohnbevölkerung in Deutschland als zwei Seiten der gleichen Medaille gedacht, kann das eine unmittelbar im anderen bekämpft werden. Rassistische Gewalt ist hier unmittelbar Antiglobalisierungs-Politik, dem imperialistischen Kampf gegen das Volk wird Nationalismus als »Befreiungsbewegung« gegenübergestellt. Dies ermöglicht eine in sich kohärente Begründung von Aktivismus und praktischen Politikoptionen; Erfahrungen von politischer Hilflosigkeit angesichts globaler Prozesse können in Handlungen umgesetzt werden. 16 Dabei werden die Passivierungseffekte der Sachzwangargumentationen aktiv aufgegriffen: »Stoppt die Demontage Deutschlands! Es gibt Alternativen«. Die Slogans werden ergänzt durch ein alltägliches Ringen um (kulturelle) Hegemonie: Kinderfeste, Nachbarsönlichkeiten entwickeln, die Volk und Staat benötigen«, und die durch Egoismus und Materialismus immer weiter auseinanderdriftenden Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Vgl. www.jn-buvo.de/index.php?option=content&task=view&id=l 18dtemid=36, 18.3.2005 15 »Der Nationalismus ist nicht gleich mit Imperialismus; er ist vor allem dessen Gegenspieler: Sprenger multinationaler und kolonialer Gefüge. Der Nationalismus bekämpft jedes Fremdherrschaftsstreben (Imperialismus), gleichgültig ob es militärische, wirtschaftliche, politische oder kulturelle Mittel benutzt.« JN, Thesen zum Nationalismus. Die Abschaffung der »wirtschaftlichen und kulturellen Grenzen« seien Teil der Durchsetzung des globalen Marktes zugunsten eines »hemmungslosen grenzüberschreitenden Warenhandel«, www.gegen-globalisierung.de/texte.htm, 18.3.2005 16 In der GMF(Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit)-Studie von 2003 stimmen etwa 50,3% der Befragten voll und 29,5% eher der Aussage zu, dass »gegen soziale Missstände in Deutschland zu wenig protestiert wird«; 46% stimmen voll und 35,5% eher zu, dass »letztendlich die Wirtschaft in unserem Land [entscheidet] und nicht die Politik«; 58% stimmen voll, 31,4% eher zu, dass »die demokratischen Parteien alles [zerreden] und die Probleme nicht [lösen]«; und 65,1% stimmen voll, 28,6% eher zu, dass »Politiker mehr dafür tun [sollten], Zweifel an der Demokratie auszuräumen« (Heitmeyer/Mansel 2003: 43f.).

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schaftshilfe, Aufgreifen kommunaler Probleme, kulturpolitische Offensiven auf Schulhöfen etc. hinterlassen den Eindruck, »die tun wenigstens was«. Seit den 1990er Jahren arbeitet die N P D am »3-Säulen-Konzept«: Kampf um die Köpfe, um die Straße und um die Parlamente. 17 Es gelte an »veränderte Lebenswelten« 18 der Menschen anzuknüpfen, die von »nationalen Ideologen in ihren Elfenbeintürmen« nicht erreicht würden: »Sie erleben heute eine riesige Betonwüste. Sie erleben Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Verwahrlosung, trostlose Supermärkte und eine völlig gleichgeschaltete Gesellschaft. Sie erleben eine Ellenbogengesellschaft, von welcher entfernt anonym und weit weg die >Bonzenschweine< hausen und über ihre Köpfe regieren.« Hier zeigt sich ein gutes Gespür für die Bedeutung der Politik um Lebensweisen in Verbindung mit einem gesellschaftlichen »Großkonzept« für den Kampf um kulturelle Hegemonie. Bloch analysierte in den 1930er Jahren, wie die faschistische Bewegung ihre Propaganda mittels »Entwendungen aus der Kommune« mit revolutionärem Schein ausstaffierte: »denn selbst die herrenrassig-nationalistische Parole zöge nicht, wenn sie sich - scheinbar dem wirklichen Bedürfnis des Volkes entsprechend - nicht vorab als eine antikapitalistische gäbe« (Bloch 1934: 70). Den revolutionären Schein entleiht die faschistische Bewegung den linken, damals kommunistischen Bewegungen: Fahnen, Aufmärsche, gefährliche Lieder. Die Strategien der extremen Rechten versuchen Ähnliches: Seit Udo Voigt 1996 Parteivorsitzender der N P D wurde, will man »den Linken die soziale Frage entwinden«. »Die Positionen des Antikapitalismus« seien »aus den Traditionsbeständen der beamteten APO-Opas herauszubrechen, um sie mit nationalen Inhalten aufzuladen. Entweder es kommen endlich die >linken Leute von rechts< oder es kommen keine Leute von rechts.« 19 Entsprechend hat sich das Auftreten der Neonazis stark gewandelt: Kleidung, Webseiten, Transparente zitieren und kopieren linke, globalisierungsBereits der NHB (Nationaldemokratische Hochschulbund) hatte mit dem Strategiepapier »Schafft befreite Zonen« die Kampfzone erweitert: Die befreiten Zonen basieren auf einem Zueinander von Konsens und Zwang, das durch die Straßengewalt (»Sanktionsmacht«), Durchsetzen von Definitionsmacht »was cool ist« und alltäglicher Lebenshilfe bestimmt ist. 18 JN-Bundesvorstand, »Nationalismus heißt Kapitalismuskritik«, www.junge-nationaldemokraten.de 19 Aus den Reihen des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB), in: Nation und Europa, 48. Jg., 10/98, 13-15, hier 15 (Thor von Waldstein: »16 Thesen zum Kapitalismus: Dem Geld dienen oder dem Volk?«)
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kritische und antifaschistische Codes. Palästinenser-Tuch und schwarzes Kapuzenshirt verdrängen die »klassische« Skinhead-Kultur. 20 »Antikapitalismus von rechts« behauptet Anknüpfungspunkte an die Revolutionen in Kuba, Vietnam und bebildert den Artikel mit Che Guevara: »Vaterland oder Tod«. »Mögen auch viele dieser Bewegungen der Geschichte angehören, so geht von ihnen bis auf den heutigen Tag eine große Faszination aus. Angesichts der Globalisierung könnten aus den Funken der Erinnerung lodernde Flammen des nationalen und sozialen Widerstands emporschießen.« 21 In die revolutionären Bewegungen werden Nationalsozialisten und »Nationalsyndikalisten«, Faschisten, Falangisten, Peronisten, die Bewegung von Hugo Chavez und die DDR eingereiht. 70 Jahre nach Blochs Äußerung ist es mit einer Denunziation der »Entwendungen« nicht getan - wenn sie nicht schon damals die widersprüchliche Konstellation unterbelichtet ließ:22 Im Bereich der Reklamationen des Sozialen gibt es kein geistiges Eigentum. Ob die aufgerufenen Elemente von Kapitalismuskritik rechts oder links verortet werden, ist Gegenstand aktueller Kräfteverhältnisse: Wem gelingt es, die aktuellen Krisendiagnosen im Rahmen unterschiedlicher geschichtlicher und theoretischer Bezüge zu artikulieren? Als Katalysator für rechts dienen dabei die von links beschwiegenen Widersprüche. Hierzu legt Bloch wiederum die Spur: »Wohl aber sind im nationalsozialistischen Dunstbau, wie zu merken war, gewisse unterirdische Keller enthalten, auch gewisse versunkene Uberbauten, deren selbst kommunistisch noch nicht völlig >aufgehobener< Inhalt ernsthaft zu prüfen bleibt.« (Bloch 1934: 67)

Wobei auch die weitgehende Gleichsetzung von Skinhead-Bewegung mit Neonazis Ergebnis eines - weitgehend erfolgreichen - kulturellen Unterwanderungs- und Hegemoniebestrebens war. 21 »Antikapitalismus von rechts«, hrsg. AG Zukunft statt Globalisierung/Sachsen, 3/2006, 16, www.antikap.de 22 Der von den JN aufgerufene Peronismus ist geradezu Musterbeispiel für das Zusammenspannen gewerkschaftlicher, volks-bezogener und faschistoider Elemente und wird bis heute von beiden Seiten reklamiert.
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Kampf um Lebensweisen als Kampf um Hegemonie Die SIREN-Untersuchung 23 konnte das Ineinandergreifen von subjektiven Erfahrungen neoliberaler Umstrukturierungen und dem Hinwenden zu rechtsextremen Argumentationen zeigen. Dazu wurden besonders Personen interviewt, die von den Umarbeitungen der neuen Produktionsweise besonders betroffen waren. Zentral scheint die Erfahrung, dass die Einzelnen ihre Position in der sozialen Welt auf Grund der veränderten gesellschaftlichen Anforderungen überdenken müssen. Dabei konnten unterschiedliche Typologien herausgearbeitet werden, die die jeweils sehr unterschiedlichen Erfahrungen von prekarisierten Putzfrauen bis hoch qualifizierten IT-Arbeitern formulieren. Einige gemeinsame Punkte können formuliert werden: Seit den 1990er Jahren wird ein starker Anstieg der Arbeitsbelastung wahrgenommen, eine Aufkündigung der Unternehmenspolitik, die auf Klassenkompromisse gesetzt hat; diese werden nun als unnötige Kostenlast im Wettbewerb aufgefasst. Der Kampf zwischen Alten und Jungen und zwischen Migranten und Etablierten zieht sich durch die Interviews. Dabei bringen die Interviewten oft eine deutliche Wahrnehmung des eigenen Status als »Arbeiter« zum Ausdruck, die Wahrnehmung eines kollektiven Schicksals ist präsent. Als »Schuldige« des Prozesses werden Politiker und ein bürokratisiertes Management genannt, die sich von den Bedürfnissen und Realitäten der Produktion entfernt hätten. Die neoliberalen Versprechen, die Aufrufe zur mehr Leistung, die soziale Sicherheit bringen soll, scheitern an den alltäglichen Erfahrungen: Trotz schwerer Arbeit und schmerzlicher Unterordnung sind die Betroffenen nicht in der Lage, die angestrebte Position zu erreichen; es entstehen Gefühle der Ungerechtigkeit und persönlicher Verletzung. Das Gefühl des »aufgekündigten Vertrages« bezieht sich auf die implizite Vorstellung, dass sich »harte Arbeit gegen gesellschaftliche Absicherung, Lebensstandard und Anerkennung tausche«; die Interviewten äußern durchaus Bereitschaft, härter zu arbeiten, mehr zu leisten, müssen aber feststellen, dass legitime Erwartungen in Bezug auf verschiedene Aspekte von Arbeit, Beschäftigung, sozialen Status oder Lebensstandard dauerhaft frustriert werden: Der Vertrag ist »einseitig
Europaweite qualitative Untersuchung »Socio-Economic Change, Individual Reaction, and the Appeal of the Extreme Right« (SIREN) zur Veränderung der Anforderungen in der Arbeit und rechtspopulistischen Denkweisen, vgl. www.siren.at und Flecker/Hentges 2004.
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gekündigt« worden. Dies führt zu Ungerechtigkeitsgefühlen und Ressentiments in Bezug auf andere soziale Gruppen, die sich den Mühen der Arbeit anscheinend nicht in gleichem Maße unterziehen müssten und für die besser gesorgt werde oder die ihre Sachen (illegal) selbst arrangierten: einerseits Manager, Politiker mit hohem Einkommen, die sich großzügige Pensionen zusprächen, andererseits Menschen, die von der Wohlfahrt lebten statt zu arbeiten oder Flüchtlinge, die vom Staat unterstützt würden. Die »gestörte Balance in ihrem Bezug zur Arbeit bei gleichzeitigem Mangel an legitimen Ausdrucksformen für das Leiden scheint in vielen Fällen der Schlüssel für das Verständnis des Zusammenhangs zwischen sozioökonomischem Wandel und politischen Reaktionen zu sein« (Flecker/Hentges 2004: 142). Die gestörte Balance ist dabei nicht auf die unteren Segmente von Arbeit und Gesellschaft beschränkt. Dörre u.a. haben gezeigt, dass nicht nur Prekarisierungsängste ähnliche Orientierungen nach sich ziehen können wie tatsächliche Erfahrungen von Prekarisierung und Ausgrenzung (Dörre/Kraemer/Speidel 2004: 94); darüber hinaus hat der Niedergang der Start-up-Ökonomien viele mit Gefahr und Realität eines plötzlichen sozialen Abstiegs bekannt gemacht. Die Angestellten und freelancer des IT-Sektors »tendieren zu individualistischen Bearbeitungsweisen ihrer Probleme mit Stress, Druck und enormen Arbeitslasten: verlass dich auf dich selbst in einer mitleidlosen und konkurrenziellen Welt mit ihren Unsicherheiten, Risiken und Unwägbarkeiten« (Hentges u.a. 2003: 51; Übers. CK). Diese Bewältigungsweisen gehen mit verschärften Ausgrenzungsforderungen gegen solche einher, die sich in der sozialen Sicherheit auszuruhen scheinen und ihr Leben nicht an denselben Normen von Wettbewerb und Erfolg orientieren. »Diese Normen bilden Wahrnehmungsweisen heraus, die zu neoliberalen, mitleidlosen oder sozialdarwinistischen Haltungen führen.« (ebd. 58; Übers. CK) Da die Durchsetzung der neuen flexiblen Anforderungen auch ein Projekt der hochtechnologischen Spezialisten war, liegen rechte Kapitalismuskritiken hier nicht unmittelbar nahe. Verbindungen zu den Denkformen der extremen Rechten finden sich über sozialdarwinistische Vorstellungen und die Konstruktion, dass gerade ausländische Menschen eine Belastung der sozialen Sicherungssysteme darstellten, die von den hart arbeitenden »Inländern« zu finanzieren seien. Dabei klingen auch die Anrufe an die Leistungsbereitschaft an, die untergründig mit dem Konzept der Volksgemeinschaft artikuliert werden: Wer sich hier nicht einfindet, gerät schnell auf die Seite der »inneren Feinde« des Volkes. Im Medium welcher gesellschaftlichen Denkformen werden die Erfahrungen »gemacht« und verarbeitet? Politische Botschaften und Ideologien

die »stattdessen« finanziert werden. findet sich dabei bis in die höchsten Hierarchieebenen der Beschäftigten (oft auch als Wohlstandschauvinismus bezeichnet) und ist auch in gewerkschaftlichen Kreisen verbreitet (vgl. Die in Deutschland vollzogenen Hartz-Reformen setzen ähnliche Gefühle von Ungerechtigkeit frei: Mit dem Wechsel zu A L G II und den erweiterten Zumutbarkeitskriterien können auch langjährig Beschäftigte eine Deklassierung nicht abwehren.a. die die zweifache Abgrenzung »des Volkes« von Eliten oben und Ausgestoßenen unten in Anschlag bringen. Die extreme Rechte thematisiert die Alltagserfahrung der Subjektanforderungen der neuen Produktionsweise und löst sie vorgeblich durch eine Verschiebung in Richtung einer Volksgemeinschaft: Die »völkische Identität« birgt das Versprechen von sozialer Sicherheit und Gleichheit. Fichter u. Sozialhilfeempfängern. die mit industriellem Niedergang. ob man selbst . finden hier Resonanz. Jahrelange Abgaben gehen den Einzelnen verloren und nähren das Ressentiment gegen gesellschaftliche Gruppen. des »Volkes« spricht die Erfahrungen kollektiver Schicksale an und verspricht Handlungsfähigkeit. Die Aufwertung entlastet von der Sorge. aufgrund der verschärften Konkurrenzerfahrungen in der Arbeitswelt gelingt ihnen hier das Anknüpfen am Alltagsverstand.»der Osten«. Kranken und Behinderten. »Padanien« -. Ähnlich »funktioniert« die nostalgische Wertschätzung der guten alten (Arbeiter-)Zeiten und die populistische Glorifizierung von traditionellen Gemeinschaften. die Nation. wird verbunden mit rechtspopulistischen Mobilisierungen. also Flüchtlingen. Ebenso vermag ihre Thematisierung von nationalen oder subnationalen Einheiten als Träger kollektiver Interessen die Ohnmachtgefühle anzusprechen. 2004). die Arbeiterklasse. sind das zweite Begründungsmuster der SIREN-Untersuchung. Die Anrufung der »Arbeiter«. Solidarität und Zugehörigkeit. die sich nicht nur auf die individuelle Ebene beziehen. Unsicherheit und Ohnmachtgefühle. sondern auch auf kollektive Einheiten wie Regionen . Auch hier werden Erfahrungen von Seiten der extremen Rechten systematisiert und artikuliert: Die Erfahrung. Die Abgrenzung von angeblich untätigen Leistungsempfängern. Die völkischen Sozialstaatskonzepte greifen diese Erfahrungen auf. Spielball der ökonomischen Entwicklung oder anonymer Mächte zu sein. prekärer Beschäftigung und Entwertung von Fähigkeiten und Qualifikationen verbunden sind.342 Christina Kaindl des Rechtspopulismus. Angst vor Deklassierung. die die Bevölkerung als passives Opfer von übermächtigen Gegenspielern ansprechen.

Erfahrungen mit Organisation von Demonstrationen und Widerstand etc. muss es der Linken gelingen. ob die im neuen Sozialstaat geforderte eigene »Aktivierung« ausreichen wird. haben sich trotzdem nicht dem Rechtsextremismus zugewandt. Es ermöglicht damit ein »Denken in den Formen«. die aufgrund von Umstrukturierungen sich plötzlich in Konkurrenz mit gesellschaftlich unterlegenen Gruppen wiedergefunden haben. mithin die Grundlagen gesellschaftlicher Konkurrenz und Verwertung affirmiert. dass sie auch für die alltäglichen Probleme Verbesserungen zu bieten hat. ein »Gesamtkonzept« zu bieten. andererseits werden ihre Formen der Ausgrenzung. . Linke Gegenhegemonie? Die Zustimmung zu rechten Politikoptionen kann also als »völkisches Wohlfahrtsstaatsbewusstsein« gefasst werden. Die Linke stößt hier immer wieder auf Grenzen: Wie lässt sich die Verteidigung sozialer Rechte der Bevölkerung in den ehemaligen »Zentren« in eine emanzipatorische Konzeption einbetten. diese Aspekte neu einzubetten. die den Korporatismus nicht einfach von Deutschland auf die EU ausweitet? Andererseits wird eine globale Perspektive kaum vermitteln können. das sich inhaltlich dennoch als Opposition geriert. eine Biografie des politischen Engagements. Nicht alle Interviewten der SIREN-Untersuchung haben die gesellschaftlichen Umarbeitungen rechts verarbeitet: Andere.Die extreme Rechte in Europa 343 »dazu« gehören wird. Um die »Entwendungen aus der Kommune« in emanzipatorische Konzepte zu überführen. zurückgreifen. vor dessen Hintergrund die gesellschaftlichen Entwicklungen interpretiert und veränderndes Handeln begründet werden können. Brutalisierung. Sie konnten auf andere theoretische Verarbeitungsformen. Zentral sind dabei die Momente sozialer Sicherheit ebenso wie die Fähigkeit. Die Passivierungseffekte der fordistisch-sozialdemokratischen Regierungen wie der neoliberalen Sachzwangdebatten können nicht einfach »von oben« beantwortet werden. Mobilisierung des Subjekts aufgegriffen und gegen die gesellschaftlich Marginalisierten gewendet. Gleichzeitig wird das Prinzip der Konkurrenz für den verschärften Kampf um gesellschaftliche Ressourcen gegen »undeutsche« Elemente genutzt. Rechtsextremes Denken ermöglicht also ein widersprüchliches Bewegen in den neoliberalen Subjektanforderungen: Einerseits werden sie zurückgewiesen und im rechtsextremen Modell von volksgemeinschaftlichem Sozialstaat aufgelöst.

Diese kooperative Integration kann neu gefasst werden als Formen von gegenhegemonialen Bewegungen. indem sie diese Kritik absorbiert und kanalisiert und emanzipatorische Perspektiven schwächt. Globalisierung.344 Christina Kaindl Holzkamp verweist auf die Notwendigkeit einer »kooperativen Integration« (Holzkamp 1983: 373). Globalisierung und Kapitalismus nicht per se rechts kodiert ist. dieses politische Projekt als ihr eigenes zu übernehmen. Die extreme Rechte ihrerseits wuchert mit dem »repressiven Subtext« fordistischer Lebensweisen und verspricht gleichzeitig den radikalen Bruch mit dem Bestehenden.und Erfolgsgeschichten der neuen Produktionsweise. die aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Anforderungen sich gezwungen sehen. Dennoch leistet sie eine passive Hilfe. Diskursen. Das Leiden an den Anforderungen ist in der »Mitte« kaum repräsentiert. die notwendig im Rahmen des Bestehenden argumentiert. werden es nicht vermögen. dass die Kritik von Sozialstaatsreformen. dass die Menschen. ein »Denken über die Formen« möglich wird. Indem die extreme Rechte Kritik an Produktionsweise. die linken Thematisierungen sind vielfach schwach. die Entwicklung popular-demokratischer Positionen voranzubringen. ist sie zwar für aktuelle Einbindung in den Block an der Macht unbrauchbar. die aber »stark«. in dem nicht das ideologisch Nahegelegte sich einfach reproduziert. als gesellschaftliche Repräsentation von Kritik und Utopie. Daraus ergibt sich die Anforderung an linke Politik. Die hegemoniale Sichtweise beleuchtet vor allem die Hochglanz.und Deutungsangebote finden. »wahrnehmbar« genug sein müssen. Perspektiven auf eine veränderte Gesellschaft mit den Erfahrungen der Umarbeitung von Lebensweisen bei den Menschen zu verbinden und wird ihnen so auch keinen Grund geben. Kapitalismus und politischer Passivierung »revolutionär« artikuliert. Als »subjektive Seite« der Repräsentationskrise kann verstanden werden. kaum Denk. um überhaupt potenziell in die Prämissen von Handlungsbegründungen eingehen zu können. das Leiden und die Widersprüche der Produktionsweise repräsentiert sind und Perspektiven auf eine nach-kapitalistische Gesellschaft eröffnet werden. Eine abstrakte und ausschließliche Fundamentalkritik oder eine Orientierung auf realpolitisch mögliche. Der Erfolg der Linkspartei bei der letzten Wahl zeigt. in denen die alltäglichen Erfahrungen. ihre Position in der Welt zu überdenken und neu zu begründen. damit für die Subjekte überhaupt ein Denken funktional wird. Teile der Linken rufen in Kritik an der neoliberalen Globalisierung den fordistischen Wohlfahrtsstaat auf. . kleine Schritte.

Bochmann/W. Die unübersichtlichen Folgen sind weitreichend. Deutsche Zustände. Deutsche Zustände. Gabrielle (2003): The Abandoned Worker . Wien Holzkamp. (Hrsg. Oliver (2005): »Solidarität als Privileg«. Frederic (2004): »Marktsteuerung und Prekarisierung von Arbeit . Die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse«. GA Bd. Jürgen (2003): Entleerung der Demokratie. Thomas/Grumke. (Hrsg. Frankfurt/M. in: Blätter für deutsche und internationale Politik. GH) Greven. Bd. Wirkungen. in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.Socio-economic Change and the Attraction of Right-wing Populismus. Bde. Edvin/Balazs. 1-10.a. Michael/Stöss.a. Ursachen. 167-185 Bloch. 15-33 Heitmeyer. hrsg. Sabine/Thoft. Wilhelm/Mansel. (Hrsg.F.). Frankfurt/M.Nährboden für rechtspopulistische Orientierungen?«. Hamburg. Hamburg. Frankfurt/M Heitmeyer. Richard/Kreis. Klaus/Speidel. Hamburg. Stuart (1982): »Popular-demokratischer oder autoritärer Populismus«. Gudrun/Meyer. Thomas (Hrsg. v. Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie. 907-909 .de/projekte/gewrex Flecker.) (2006): Globalisierter Rechtsextremismus? Die extremistische Rechte in der Ära der Globalisierung. Hans-Georg (2001): »Radikaler Rechtspopulismus im Spannungsfeld zwischen neoliberalistischen Wirtschaftskonzepten und antiliberaler autoritärer Ideologie«. Wirkungen.). Gefängnishefte. Klaus/Kraemer. 119-149 Gramsci. (zit. Gegenstrategien. Frankfurt/M 1962 Dörre. Bodo (2004): Abschlussbericht des Forschungsprojekts »Gewerkschaften und Rechtsextremismus«. Malte-Henning/Flecker.fu-berlin.Die extreme Rechte in Europa 345 Literatur Betz. 8. in: ders. www. Schattenseiten der Globalisierung. (Hrsg. Moderner Rechtspopulismus. 2: Neue soziale Bewegungen und Marxismus. in: Joachim Bischoff/Klaus Dörre/Elisabeth Gauthier u. 35-60 Hentges. Frankfurt/M Hüpping. Unsicher in der Orientierung. Wilhelm (2002): »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. H. Wiesbaden Hall. Folge 1. Folge 2. in: ders. Antonio.).. sicher in der Abwertung«.). 104-124 Hartz. 77-118 Fichter. Folge 4. Haug u. Haug. Frankfurt/M.a. polwiss. Gegenstrategien. in: W. European Synthesis Report on Qualitative Findings. in: Joachim Bischoff/Klaus Dörre/Elisabeth Gauthier u.). K. Sandra (2006): »Anomia. Moderner Rechtspopulismus. Eva/Grinderslev. in: Wilhelm Heitmeyer/Dietmar Loch (Hrsg. Ursachen. Frankfurt/M Nachtwey. Wie wir neue Arbeitsplätze gewinnen können. Ernst (1934): Erbschaft dieser Zeit. Peter (2001): Job-Revolution.F. Berlin/Hamburg 1991ff. Deutsche Zustände.). Joachim/Zeuner. 4. Gudrun (2004): »Rechtspopulistische Konjunkturen in Europa«. Jörg/Hentges. Jörg/Kirschenhofer. Internationale Sozialismusdiskussion.

346 Christina Kaindl Scharenberg.Mainstream als Brücke. in: Thomas Greven/Thomas Grumke (Hrsg. 70-111 . Albert (2006): »Brücke zum Mainstream . Wiesbaden. Globalisierter Rechtsextremismus? Die extremistische Rechte in der Ära der Globalisierung.). Europäische Rechtsparteien und ihre Politik gegen Einwanderung«.

php. Gefängnisheft: » J e d e gesellschaftliche Gruppe schafft sich. die Zustimmung ihrer Mitglieder (resp. nämlich über die Durchsetzung von Ideen und die Beeinflussung des Verstandes/der Gedanken/des Geistes (mind) im Sinne der dominanten Klasse(n). Gramsci bemerkte im 12. der Unterdrückten) erlangt wird. Allerdings zeigen die beiden Zitate auch einen je unterschiedlichen Blickwinkel auf die Problemstellung. wie in einer Gesellschaft. .weisen auf einen zentralen Aspekt hin. Das erste ist aus einer Herrschaftsperspektive formuliert. Es wird darauf hingewiesen. Wa Bofelo 2005) Die beiden Motti .ru/118/finktanks. but the important thing is that they agree with them. während sie auf dem originären Boden einer wesentlichen Funktion in der Welt der ökono1 http://exile. in der Macht und Einfluss asymmetrisch verteilt sind.vom neokonservativen Michael Joyce und dem ermordeten Antiapartheidaktivisten Steve Biko . Stephen Bantu Biko (zit. weil es die Übereinstimmung mit und den Prozess der Durchsetzung von Ideen nicht in gesellschaftlichen Zusammenhängen problematisiert.Dieter Plehwe/Bernhard W a l p e n Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil It's true that many people do not know where certain ideas come from. Intransparenz geradezu begrüßt. die sich soziologisch insgesamt weder notwendig der herrschenden noch der beherrschten Klasse zuordnen lassen (vgl. indem Unterdrücker und Unterdrückte explizit benannt werden. Damit rückt eine besondere Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft in den Vordergrund. Bradley Foundation 1 The most potent weapon in the hands of the oppressors is the mind of the oppressed. Im zweiten Zitat wird über die Bedeutung der Ideen und des Verstandes in einem Herrschaftsverhältnis gesprochen. dass der Verstand eine der wirkungsvollsten Waffen der Unterdrücker ist. Plehwe/Walpen 2001). Michael Joyce.

Intellektuelle für sich zu gewinnen. Hvh. geschieht es in dem Vertrauen. unbezahlte Arbeit aneignen wird mit dem geliehenen Kapital.wie denn überhaupt in der kapitalistischen Produktionsweise der Handelswerth eines jeden mehr oder weniger richtig abgeschätzt wird -.B. DP/BW). M E W 25: 614) Umgekehrt bieten neben Karl Marx z. daß er als Kapitalist fungiren. Jemehr eine herrschende Klasse fähig ist. Rosa Luxemburg oder Georg Lukács hervorragende Beispiele für bürgerliche Gesellschaftsmitglieder. die bedeutendsten Männer der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen. daß die katholische Kirche im Mittelalter ihre Hierarchie ohne Ansehn von Stand. daß ein Mann ohne Vermögen. deswegen ist es aber nicht schon vorentschieden. Auf den besonderen Wert der Integration der besten Köpfe aus den unteren Klassen in die Reihen der herrschenden Klasse hat Karl Marx im Dritten Band des Kapitals aufmerksam gemacht: »Selbst wo ein vermögensloser Mann als Industrieller oder Kaufmann Kredit erhält.« (MEGA 11. Es wird ihm Kredit gegeben als potentiellem Kapitalisten. aber mit Energie. 2 Dabei ist nicht zu übersehen. die sich auf die Seite der unterdrückten Klasse gestellt haben. Prozesse der Kooptierung verlaufen selten geradlinig und kurzfristig. wie die Auseinandersetzung ausgeht. was ein Blick in die Geschichte der letzten 200 Jahre zu zeigen vermag. so sehr er beständig gegenüber den vorhandnen einzelnen Kapitalisten eine unwillkommene Reihe neuer Glücksritter ins Feld führt. Einige der radikalsten und lautesten 68er-Kämpfer (es sind vor allem Männer) sind heute vehemente Fürsprecher des Kapitalismus. Ganz wie der Umstand. Vermögen aus den besten Köpfen im Volk bildete. Fähigkeit und Geschäftskenntniß sich in dieser Weise in einen Kapitalisten verwandeln kann . der so sehr bewundert wird von den ökonomischen Apologeten. auch Friedrich Engels. die ihr Homogenität und Bewußtheit der eigenen Funktion nicht nur im ökonomischen. wie es der prokapitalistischen Seite gelang (und nach wie vor gelingt). Und dieser Umstand. §1: 1497. Geburt.15: 590f. befestigt die Herrschaft des Kapitals selbst. Solidität. 2 .. desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft.348 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen mischen Produktion entsteht. sondern auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich geben« (GH 12. ein Hauptbefestigungsmittel der Pfaffenherrschaft und der Unterdrückung der Laien war. Im »Kampf« um die Köpfe verfügen die jeweiligen Klassen zwar über sehr ungleiche Ressourcen. erweitert ihre Basis und erlaubt ihr. sich mit stets neuen Kräften aus der gesellschaftlichen Unterlage zu rekrutiren. zugleich organisch eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen.

Wissens. Danach gehen wir kurz auf das empirische Beispiel des neoliberalen Intellektuellen. Kritische Analysen der »Rolle der Ideen« und ihrer nicht einfach zu bestimmenden Wirkmacht können nicht auf ein schon fix ausgearbeitetes theoretisches Instrumentarium zurückgreifen. so.m. wobei insbesondere die häufig vernachlässigte relative Autonomie intellektueller Akteure betont wurde.und handlungstheoretische Fragen haben wir im Hinblick auf die Entwicklung der Intellektuellentheorie generell (vgl. Organisationsformen u. Dabei konzentrieren wir uns auf die Mont Pèlerin Society (MPS) und neuartige parteiische Think Tanks in ihrem Umfeld.a. ermöglicht eine Analyse von wissenspolitischen Zusammenhängen. aber sie ist viel weniger gut begriffen. sondern auch aus gesellschaftspolitischen Gründen dringend erforderlich ist. Im folgenden erläutern wir die intellektuellentheoretische Fragestellung genauer. die am häufigsten übersehen und am meisten unterschätzt wird. dass die »Macht. Utopien. Sie ist nicht weniger wichtig in der internationalen politischen Ökonomie als die anderen drei primären Quellen von struktureller Macht [Militär. ist aus verschiedenen Gründen eine Weiterentwicklung seines Ansatzes unabdingbar. Produktion.« Das sei u. . Plehwe/Walpen 2001) und der intellektuellentheoretischen Konzepte im Kontext der (neogramscianischen) Theorie der Internationalen Politischen Ökonomie (Plehwe/ Walpen/Neunhöffer 2006) bereits vorgelegt. Überzeugungen. die nicht nur aus wissenschaftlichen. Denkformen.und Think Tank-Netzwerks der MPS ein. Die auf diesem Weg erkennbare Artikulation von Wissenschaften. die sich von der globalen Machtstruktur in Bildung und Wissenschaft (Wissensmachtstruktur) herleitet. als grundlegende Kritik vgl.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 349 Susan Strange (1988: 115) hat in ihrer Analyse primärer globaler Machtstrukturen festgehalten. Wir möchten uns in diesem Beitrag näher mit den Wissensmachtverhältnissen im Neoliberalismus auseinandersetzen. Fuller 2000) nicht hinreichend erklären lassen. die sich mit linearen Entwicklungen und »paradigmatischen« Brüchen (Thomas Kuhn. Um Flecks verdienstvollen Ansatz für eine umfassendere herrschaftskritische Analyse der Wissensproblematik nutzbar zu machen. jene ist.und Wahrnehmungsformen sowie die (selektiven) Kommunikationskanäle umfasse. Intellektuellennetzwerken. Einige struktur. um abschließend den wissenssoziologischen Ansatz von Ludwik Fleck vor dem Hintergrund der dezidiert neoliberalen Wissenschafts. Finanz].und Gesellschaftspolitik zu erörtern.a. Flecks wissenschaftshistorische Arbeiten rückten generell die sozialen Zusammenhänge von »Denkkollektiven« und »Denkstilen« ins Zentrum der Erklärung von wissenschaftlichen Innovationen. Theorien. weil sie Glauben.

gewandelt hat. nachdem Hayek sich vom Ökonomen zum Sozialphilosophen . Fn. Konzepte und sonstiges sachdienliches Wissen generieren. sondern er erwähnt Sraffa nur. insofern er eine »harsh review« [ebd. politische oder populäre Diskurse von Anfang an beabsichtigt war und danach systematisch durchgeführt wurde. dem danach das »Abuse of 3 . Sraffas Erwiderung auf Hayek bleiben unerwähnt) . Die Beschäftigung mit der MPS sowie den neoliberalen und neokonservativen Think Tanks ist in dieser Hinsicht aufschlussreich.u. Wissensgemeinschaften im High-Tech-Kapitalismus In den Sozialwissenschaften wird in jüngerer Zeit intensiv über die Frage diskutiert. Nach seiner »Transformation« (Caldwell 2004: Kap. 10] von Hayeks Prices and Production verfasst hat. wie die grundlegenden Normen und Denkprinzipien entstehen. Im Rahmen dieser Forschung konnte die Bedeutung kognitiver Aspekte bei der Entstehung und Umsetzung neuer politischer Ansätze und Programme nachgewiesen werden. aufgrund der Kalkulationsdebatte. 177. z. die kurze Debatte zwischen beiden. Ein erster Beitrag dazu war sein Artikel Economics and Knowledge (1937).350 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen 1. welche Rolle Ideen (und damit Intellektuelle) im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse spielen. d. wissenschaftlicher Produktionsweisen. der Kritik von Oskar Morgenstern und der sehr scharfen und präzisen Kritik von Piero Sraffa (darauf geht Caldwell nicht ein. z. begann Hayek sich mit der Wissensproblematik theoretisch zu beschäftigen. In diesem Kontext wuchs das Forschungsinteresse an sozialen Akteuren und Organisationszusammenhängen. Diese Präferenzen wurden zuvor meist als gegeben betrachtet. und bes. Katzenstein/Keohane/Krasner 1998). Sie führt somit umfassender auf das Feld der Beziehung von Wissen und Macht.h. der Wissenspolitik und seiner strukturellen wie organisatorischen Grundlagen. Diskurskoalitionen und Think Tanks. deren Existenz als entscheidende Voraussetzung für das erfolgreiche Wirken von Intellektuellen in wissenspolitischen Zusammenhängen erachtet wird. 3 Dabei ist man mit den Das lässt sich schon bei Hayek genau verfolgen. (transnationale) epistemische Gemeinschaften. 10). bei denen die Erklärung der Entstehung von Akteurspräferenzen im Mittelpunkt steht.B. oder als direkter Ausdruck materieller Interessen begriffen (vgl. weil auch die Transformation wissenschaftlicher Arbeiten in mediale. Einflussreich sind dabei sozialkonstruktivistische Ansätze. Eine enge Perspektive auf die Theorien und wissenschaftlichen Arbeiten im Neoliberalismus muss vom spezifischen Gegenstand her überwunden werden. die neue Ideen. weil die sozialphilosophische und normative Grundlagenarbeit in diesem Kreise selbst als intellektuelle Kernaufgabe begriffen wird. Kaum erforscht wurde bisher unterdessen die Frage.a.B.

weil entgegen der Identifikation von (bzw. Die in diesem Zusammenhang gewonnenen Erkenntnisse setzte Hayek in sein populärwissenschaftliches Werk Der Weg zur Knechtschaft (1944) um. auf Gründe oder auf eine Autorität? Neben der wichtigen (Selbst-)Verständigung über wissenschaftsphilosophische Grundlagen erfordert der reflexive Umgang mit dem Problem (und dem Anspruch) wissenschaftlicher Objektivität einen Ansatz der politischen Soziologie. 11) folgte. Wir sind aber auch mit dem Verhältnis von Wissen und Wissenschaft und insbesondere dem Charakter wissenschaftlichen Arbeitens selber konfrontiert. in deren Dienst sie sich mit ihrer Analyse stellt oder auf deren Veränderung sie zielt. die die Struktur der Gesellschaft und damit die Machtverteilung zwischen sozialen Gruppen verändern oder stabilisieren will. John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek. 4 Abendroth zufolge untersucht die politische Wissenschaft die Bedingungen der Entstehung politischer Macht. weil sie auf Herrschaftserhaltung oder Herrschaftsaufhebung gerichtet ist« (Abendroth 1967: 11). weil die politische Praxis ihren Gegenstand bildet. Ein wissenschaftlicher Objektivitätsanspruch kann daher nicht durch (fiktive oder . weil die Menschen die Resultate ihres Handelns denkend antizipieren können. Struktur und Handlung. implizit wenn nicht explizit. der im Begriff der politischen Soziologie zum Ausdruck kommt. Als Intellektuelle sind wir selbst mit der kritischen Beurteilung und den Wirkungen unserer Arbeiten konfrontiert: Wie verstehen wir unsere Arbeit? Welche Wirkung nehmen wir wahr und messen wir ihr zu? Wie denken wir über unsere Einflussmöglichkeiten? Wem nutzen unsere Arbeiten und Erklärungen? Wie ist unser Denken beschaffen? Berufen wir uns. Eine so verstandene politische Soziologie ist praxisbezogen. schon dem normativen Anspruch nach) Wissenschaft und Wahrheit stets zu bedenken und zu untersuchen ist. wobei diese in engem Zusammenhang mit der politischen Theorie steht. das wiederum in einer noch weiter vereinfachten Form als Artikel in Reader's Digest publiziert wurde und schliesslich seine einfachste Form in der Publikation eines Comic fand. Als politisch wird dabei im Gegensatz zum Alltagsverständnis jede gesellschaftliche Aktivität verstanden. von Interessen und Ideen (bzw. Max Weber. In mancher Hinsicht eint die Erkenntnis der zumindest bisweilen besonderen Rolle von Ideen das Werk so disparater Autoren wie Karl Marx. inwiefern Wissenschaft ideologisch überdeterminiert (oder gar durchdrungen) ist. ob bzw.4 Reason Project« (Caldwell 2004: Kap. ihre Institutionen sowie deren Wirksamkeit.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 351 Fragestellungen über den Zusammenhang von Gesellschaft und Individuum. Dabei ist Politik »ihrem Wesen nach kontrovers. wie ihn etwa Wolfgang Abendroth in der Politikwissenschaft vertreten hat. Im Zentrum stehen Probleme der politischen Willensbildung. Materiellem und Ideellem) und der Bedeutung der Ideen insbesondere konfrontiert. Mit diesem nicht auf den Staat und den politischen Willensbildungsprozess im engeren Sinne reduzierten Verständnis wird der gesellschaftswissenschaftliche Charakter der Politikwissenschaft begründet.

wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung -aufdämmert. die sich damit zur Diskussion und der Kritik stellt.a. Bewegungs-)Theorie darstellt. sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist. wie dezidiert und selbstbewusst neoliberale Akteure kontinuierlich in gesellschaftliche Transformationsprozesse eingreifen und diese mitgestalten. in der »selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert.Klubs. Frankreich. damit alles so bleibt fingierte) Neutralität. wenn nicht alles verändert werden muss. daß morgen Wunder geschehen werden. Think Tanks u. wohl aber durch Kennzeichnung des Standortes und unverhüllte Parteinahme. MEW 23: 16) .5: 14. Netzwerke. Anhand einer kritischen Analyse neoliberaler Intellektueller und ihrer Organisationen in der Zivilgesellschaft (societd civile) . Das neoliberale Verständnis solcher Interventionen ist dabei nicht mit dem konservativen zu verwechseln. 5 Die Passage aus dem Vorwort zum ersten Band Das Kapital von Marx sei hier ausführlich zitiert: »Die auswärtigen Vertreter der englischen Krone sprechen es hier mit dürren Worten aus. . Stiftungen. um den gesellschaftlichen Wandel in ihrem Sinne zu beeinflussen oder diesen zu lenken.« (Das Kapital. was im intellektuellen Feld zu leisten ist. bildeten die selbstbewusst herrschenden Klassen und ihre organischen Intellektuellen ein zunehmend professionelleres Verständnis dessen aus. daß die jetzige Gesellschaft kein fester Krystall. reklamiert werden.352 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Während die intellektuelle Führungsrolle von organischen Intellektuellen der Arbeiterklasse ein bisweilen heiß diskutierter Gegenstand linker (Parteibzw. herrscht im Hinblick auf die Bourgeoisie bzw. 1. in öffentlichen Meetings: Nach Beseitigung der Sklaverei trete die Umwandlung der Kapital. Vorwort zur ersten Auflage [1867]. daß die jetzige Gesellschaft kein fester Krystall. Sie zeigen. Sie bedeuten nicht.« 5 Weil und seit diese Erkenntnis sowie die Einsicht in die Grenzen einer bloß repressiven Gewalt in den Köpfen der Herrschenden sowie der bürgerlichen Intellektuellen immer klarer wurde. dass vieles. sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.kann demgegenüber gezeigt (und reflektiert) werden. das Kapital eine instrumenteile Sicht der Intellektuellen vor. MEGA II. Gleichzeitig erklärte jenseits des atlantischen Oceans Herr Wade. eine Umwandlung der bestehenden Verhältnisse von Kapital und Arbeit ebenso fühlbar und ebenso unvermeidlich ist als in England. weil im Ersteren die Einsicht reifte. die sich nicht verstecken lassen durch Purpurmäntel oder schwarze Kutten. daß in Deutschland. Vicepräsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika. mit der kein hinreichendes Verständnis der relativen Autonomie der (bürgerlichen) Intellektuellen zu erlangen ist. Bd. kurz allen Kulturstaaten des europäischen Kontinents.und Grundeigenthumsverhältnisse auf die Tagesordnung! Es sind dies Zeichen der Zeit. Längst ist die Zeit vorbei.

sagt seinem Onkel in Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Il Gattopardo . dass eine klarere Trennung beider Bereiche erst wieder demokratische Einflussmöglichkeiten begünstigen kann. um eine Massenmobilisierung für die neoliberale Wirtschaftspolitik durch die Mobilisierung von Gegnern von Abtreibung und Homo-Ehe nicht zu gefährden. Steuerung politischer Entscheidungsprozesse im engeren Sinne. Aus der Sicht kapitalistischer Interessen ist das Verwischen der Grenzen zwischen den Bereichen Wirtschaft und Politik gewollt. Bezüglich des insbesondere im Globalisierungsdiskurs immer wieder konstatierten Sachzwangs.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 353 wie es ist. Abtreibung und »Drogen«). die Distanz zwischen Wirtschaft und Politik zu »überwinden«. vor allem auch deswegen. Einen breiten gesellschaftlichen Durchbruch konnte jedoch nur die neoliberale Weltanschauung schaffen. Es ist ein erklärtes Ziel dieser Akteure. also einer kleinen Raubkatzenart .T. die neoliberale Kräfte und die religiöse Rechte umfasst. Denn wenn die Politik weitgehend ökonomischen Rationalitäts. 6 . daß alles bleibt wie es ist. was zu tun bzw. weil unter neoliberalem Einfluss Wirtschaftskräfte weitreichender bestimmen können.T. Der demokratische politische Prozess wird desarTancredi. Seit den 1970er Jahren richten Think Tanks und Public Relations-Agenturen ihre Aktivitäten vermehrt auf die Einflussnahme und z. große Überlappungen zwischen neokonservativem und neoliberalem Denken.und Erfolgskriterien unterworfen wird.B. politische und gesellschaftliche Debatten zu beeinflussen. 7 Organisierte Wissensgemeinschaften und Think Tanks versuchen immer stärker. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?« (Tomasi di Lampedusa 1958: 21) 7 Bei der Analyse der gegenwärtig herrschaftssichernden intellektuellen Allianz in den Vereinigten Staaten (Bush-Administration). der Neffe des Fürsten Bendicö.die oft zitierten Worte: »Wenn wir wollen. werden diese von den säkular-neoliberalen Kräften in der Öffentlichkeit (vor allem in Wahlkampfzeiten) bestenfalls sehr zurückhaltend vertreten. 6 Allerdings gibt es viele Berührungspunkte und z.und Geschlechterfragen den Positionen der religiösen Rechten mitunter diametral entgegengesetzt sind. daß alles sich verändert.der deutsche Titel Der Leopard ist eine falsche Übersetzung und führt zu falschen Assoziationen von einer mächtigen und erhabenen Fürstenfamilie. Obwohl die neoliberalen Positionen zu Drogen. weil in der Hervorhebung des Individuums auch durchaus progressive Elemente aufgehoben sind (z. Toleranz gegenüber Homosexualität. richtig wäre mit Der Serval oder Der Ozelot zu übersetzen. dem gemäß sich die Politik kapitalistischer Rationalität zu fügen habe. wird in dieser Hinsicht der strategische Charakter von Diskurskoalitionen offensichtlich. wäre von kritischer Seite zu erwidern. dann ist nötig. zu unterlassen ist. wird die ihr eigene Logik alternativer Gestaltungsoptionen trotz Beibehaltung demokratischer Institutionen und Prozeduren erheblich eingeschränkt.

Von diesen Arbeiten sind wiederum einige selber ideologieförmig (vgl Plehwe/Walpen 1999). Plehwe/ Walpen/Neunhöffer 2006) stellt die Frage nach der Macht der Wissensstrukturen (Ideen) und verweist auf das Problem des Verhältnisses von Wissenschaft und Ideologie. wer über entsprechendes Kapital. Letzteres ist u. wird der Problematik unterdessen kaum gerecht. andere von ihrer Wahrheit zu überzeugen. »Ideen haben Konsequenzen« (Richard Weaver) Die Durchsetzung neoliberaler Hegemoniekonstellationen und die in diesen Zusammenhängen erheblich erweiterte Wirkmächtigkeit der neoliberalen Ideologien während der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte (vgl.354 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen tikuliert. im Rahmen einer Dichotomie von Ideologie und Wissenschaft (= Wahrheit) zu arbeiten. Dem Neoliberalismus generell Wissenschaftlichkeit abzusprechen und ihn einfach auf eine Ideologie zu reduzieren. mit diesem verbundene Kompetenzen und Beziehungsnetze verfügt. Zudem muss geklärt werden. Ähnlich wie im Marxismus nimmt auch im Neoliberalismus die wissenschaftliche Arbeit eine wichtige Stelle ein. nationalistische oder rassistische Ressentiments. welche Wissenschaft der neoliberalen Wissenschaft gegenüber zu Recht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben kann. Jedenfalls ist es wenig hilfreich. Letzten Endes gipfeln die Auswirkungen neoliberaler Politik in der Aushöhlung demokratischer Prozeduren und Beteiligungsformen (im Sinne von Hayeks Verständnis einer »beschränkten Demokratie«). Eine solche Abwehr trägt wenig dazu bei. die ohnehin schon über wenig gesellschaftliche Macht verfügen. und das Gefühl der Ohnmacht verstärkt sich gerade bei denen. Zahlreiche Ideologeme werden im Neoliberalismus wissenschaftlich bearbeitet oder gar in die Wissenschaften transferiert. dem sich jede Wissenschaft reflexiv stellen muss. das Ideologische der neoliberalen Wissenschaft genauer herauszuarbeiten und stellt dann und deshalb letztlich nur eine Behauptung dar. ein Nährboden für sexistische. 2.a. Behaupten und durchsetzen kann sich dann letztendlich nur. Letztlich geht kein Weg an der Erkenntnis vorbei. weil damit der prinzipielle politische Charakter des Wissens und der Wissenschaft verkannt wird . dass es sich immer um ein Verhältnis von Wissenschaft und gesellschaftspolitischem Standpunkt im Sinne Wolfgang Abendroths (1967) handelt. Zugleich werden aber ernsthafte Probleme durchaus wissenschaftlich und mitunter sehr aufwendig und anspruchsvoll behandelt. selbst wenn Wissenschaftlerinnen kaum umhinkommen.

Die Genese des Neoliberalismus lässt sich bis in das Jahr 1938 zurückverfolgen.B. Michael Polanyi und Ludwig von Mises. um zu einem besseren Verständnis des Neoliberalismus zu kommen. bisweilen weniger erfolgreich in die öffentliche Diskussion einzubringen. dessen organisatorische Infrastruktur über einen Think Tank bewerkstelligt werden sollte: dem Centre International d'Études pour la Renovation du Libéralisme mit Büros in N e w York. Rappard. des Alltagsverstandes und schließlich der Politik in neoliberaler Perspektive verändern wollten. Theoriegeleitete empirische Analysen sind u. Organisationen und Institutionen von Interesse. Der Zweite Weltkrieg setzte diesem ersten Anlauf zur Gründung einer neuartigen »neoliberalen Internationale« indes ein jähes Ende. die die Bereiche des Wissens. Dabei sind nicht zuletzt die hochgradig organisierten Zusammenhänge einer Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlichen Personen. der oft leicht geäußerte Vorwurf der Ideologie als hilfloser Vorwurf verwendet wird. Am Beispiel MPS und der von vielen MPS-Mitgliedern gegründeten Think Tanks kann allgemeiner erörtert werden. inwiefern normative Grundlagen und Denkprinzipien als Hintergrundwissen von Wissenschaftlern und Intellektuellen bewusst und kollektiv entwickelt werden. Im Anschluss an das Walter-Lippmann-Kolloquium wurde der Aufbau eines internationalen Netzwerks von Intellektuellen geplant. Jacques Rueff. Louis Rougier. Friedrich August von Hayek. die anlässlich des Erscheinens von Walter Lippmanns Buch The Good Society in Paris organisiert wurde. der Wirtschaftspolitik und der Europäischen Integration) bisweilen mehr. Daher wenden wir uns nun einem weltanschaulich und letztlich gesellschaftspolitisch zielstrebigen neoliberalen Netzwerk von Intellektuellen und Think Tanks zu. Milton Friedman und anderen gegründete Mont Pelerin Society spielte eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung von Organisationen. Es richtete sich sowohl gegen die traditionelle liberale Vorstellung des Laisser-faire als auch gegen kollektivistische Ansichten und wurde dort auf den Begriff des Neoliberalismus gebracht. Das philosophische und wissenschaftspolitische Vorhaben wurde erstmals auf einer Konferenz konkretisiert. . Die nach dem Zweiten Weltkrieg von William E. Konferenzteilnehmer in Paris waren unter anderen Hayek. notwendig. um darauf aufbauendes Wissen in einem breiten Themenspektrum (z. was wiederum ein wichtiges Moment emanzipativer Praxis ist. mit und über die wissenschaftspolitischer Einfluss entwickelt werden konnte.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 355 bzw.E. London und Genf. die führenden Köpfe der schließlich 1947 ins Leben gerufenen Mont Pelerin Society. Wilhelm Röpke.

fern vom tagespolitischen Geschehen kollektives Debattieren und Lernen in neoliberalem Rahmen zu ermöglichen.und Wissenschaftsorganisationen im Zuge der Ausweitung der höheren Bildung zunehmend aus den Mittelklassen rekrutiert werde. Sie seien aufgrund ihrer beruflichen Positionen einflussreicher als die klassischen Experten und als die liberalen Eigentümer der Medienkonzerne. H a y e k erläuterte und beklagte zugleich die mit der Multiplikation von Organisationen in Wissenschaft. denen sozialistische Experten in vielen Fragen den Rang abgelaufen hätten. deren autoritative Rolle in Wissenschaft und Politik durch eine neue Klasse von intellektuellen »second hand dealer in ideas« (Hayek 1949: 222) beschränkt werde. wonach die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen einflussreicher sind als gemeinhin angenommen. in einer internationalen Akademie neoliberale Akademiker und ausgewählte Praktiker aus vielen Disziplinen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen zu versammeln. Beeindruckt von Keynes' Verdikt. an die Schaltstellen der gesellschaftlichen Diskurse. konstatierte von Hayek zunächst einen Niedergang der Rolle von echten Experten. Röpke begründete die neoliberalen Organisationsanstrengungen inhaltlich mit der unumkehrbaren Politisierung der Wirtschaftswissenschaft in der Massengesellschaft. Auch dem in der Schweiz lehrenden deutschen Ökonomen Wilhelm Röpke kam eine Schlüsselfunktion zu. gelangten ihm zufolge Intellektuelle. In seiner Schrift aus dem Jahr 1949 Die Intellektuellen und der Sozialismus begründete er die Notwendigkeit. was sich als offizielles Kernprogramm der MPS herauszuschälen begann: Es galt zunächst. um wieder Anschluss an die sozialistische Konkurrenz zu finden. den Kampf um die Köpfe der Eliten aufzunehmen. weil die Politiker »Sklaven des Denkens längst verblichener Ökonomen« (Keynes 1936: 323) seien. dessen naturalistisches Marktverständnis. Es galt zum einen. Das Ziel bestand darin. Weil das intellektuelle Personal der Bildungs. den »Kollektivismus« wirksam zu bekämpfen. Publizistik und Medien einhergehende Verschiebung der Kontrolle über autoritatives Wissen. Zum anderen war der klassische Liberalismus zu überwinden. die dem Sozialismus nahe standen. Im Kern begründete er mit seiner Analyse das. Röpke benannte das zweifache inhaltliche Anliegen der neoliberalen Gruppierung besonders deutlich. H a y e k stellte darüber hinaus aber auch einen inhaltlichen Kompetenzverlust der liberalen Experten fest. harmonisches Gleichgewichtsdenken und dualistische Konzeption von Markt und Staat im Gefolge der Großen De- .356 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Intellektuell und programmatisch stand von H a y e k im Zentrum der Initiative.

Unter Punkt 2 der Grundsatzerklärung wird demgegenüber die Aufgabe der »Redefinition der Funktionen des Staates zur klareren Unterscheidung zwischen totalitären und liberalen Ordnungen« zum Programm erhoben. der häufig auf Marktradikalismus und Anti-Etatismus reduziert wird. Unter Punkt 4 wird die Verständigung über soziale Mindeststandards angemahnt. das mit der Akzeptanz einer erweiterten Funktion des Staates einherging. Dessen Hauptaufgabe wurde von neoliberaler Seite im Gegensatz zur Laisser-faire-Doktrin darin gesehen. individuelle Freiheit und gesellschaftliche Mobilitätschancen positiv zu sichern.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 357 pression nach dem Börsenkrach von 1929 als gescheitert angesehen werden mussten (vgl. Dies indiziert eine deutliche Abkehr vom klassisch liberalen Staats. Philosophische Grundsatzfragen nahmen kontinuierlich einen großen Raum auf den 32 General Meetings ein. Das neue positive Verständnis begründete und implizierte jedenfalls einen keineswegs marginalen Staatsinterventionismus. die zwischen 1947 und 1998 statt- . also keineswegs die Abschaffung oder einfache Minimierung des Staates propagiert. Das Neue des Neoliberalismus bestand somit im Kern in einem politischen Verständnis der Zusammenhänge von Staat und Markt. Die parlamentarische Demokratie und die Koalitionsfreiheit gehören jedenfalls nicht zum schriftlich fixierten neoliberalen Minimalkonsens des auf dem Gründungstreffen 1947 verabschiedeten und bis heute nicht geänderten Statement of Aims der MPS. auf deren Basis sich die weit verzweigten Aktivitäten des neoliberalen Lagers innerhalb und außerhalb der MPS entwickelt haben. den er bisweilen für erforderlich hielt. die kapitalistische Marktökonomie.und Freiheitsverständnis (»negativ«: nicht Einmischung). weil es die normativen Grundlagen und Denkprinzipien der neoliberalen Intellektuellen fixierte. das wiederum nur vor dem Hintergrund des Kampfes des aufstrebenden Bürgertums gegen den absolutistischen Feudalstaat verständlich wird. Vor diesem Hintergrund ist die weit verbreitete Kritik am Neoliberalismus unzutreffend. Dieses vom britischen Ökonomen Lionell Robbins verfasste (wissens-)politische Grundsatzprogramm der MPS verdient Beachtung. Zmirak 2001). die in neoliberalem Grundsatzverständnis allerdings nicht in Gegensatz zur »Initiative« und zur »Funktionsweise des Marktes« geraten dürfen. und einem totalitären Staat. In diesem Kontext werden die vielfach geäußerten Vorbehalte von Neoliberalen gegen die parlamentarische Demokratie ebenso interessant wie die feinsinnige Unterscheidung Hayeks zwischen einem autoritären Staat. den er in jeder Hinsicht ablehnte.

aber auch -kontinuität lassen sich leicht anhand der vom Liberaal Archief in Gent verfassten Dokumentation der MPS-Konferenzen nachvollziehen (http://www. So kristallisierte sich im Laufe der Zeit als zweiter. über den britischen Geschäftsmann aus dem Kreis der MPS. Liberalismus und Europäische Integration. wie dem Kronberger Kreis/Frankfurter Institut-Stiftung Marktwirtschaft. So schloss der Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung Carlo Mötteli seine Zusammenfassung der Diskussion über das Thema Liberalismus und unterentwickelte Länder auf der 1951 im französischen Beauvallon abgehaltenen MPS-Konferenz folgendermaßen: »But while the old system of laisser faire. Plehwe/Walpen 2006: 33-40). Diese stellen sich als unabhängige und überparteiliche quasiwissenschaftliche Institutionen dar. die erarbeiteten neoliberalen Grundlagen auf konkrete wissenschaftliche Disziplinen und Themenfelder zu beziehen (zum Beispiel Liberalismus und unterentwickelte Länder. neoliberale Think Tanks zu gründen.liberaalarchief.pdf). Sir Anthony Fisher. Die bemerkenswerte Themenvielfalt.« In den 1950er Jahren wurde in der MPS heftig über die Frage gestritten. wonach ein grundlegendes neoliberales Umdenken in der Gesellschaft nur in einer langfristigen. Liberalismus und Christentum. In Deutschland werden von mit MPS-Mitgliedern verbundenen Think Tanks. sich über mehrere Generationen erstreckenden Perspektive erreicht werden könne (vgl. die zur Verbesserung der öffentlichkeitswirksamen Vermittlungschancen neoliberaler Perspektiven beitragen sollten. sie sollte aber mittelbar und dezentral erfolgen und sich nicht im politischen Alltagsgeschäft erschöpfen. unterscheiden sich aber in vieler Hinsicht von der wesentlich pluralistisch verfassten akademischen Forschung. Von Mitte der 1950er Jahre an gelang es. Walpen 2004: Kap. Eine Strategie zur öffentlichen Intervention existierte gleichwohl. wie es die Grundsatzerklärung vorgesehen hatte. ob die Organisation sich in der Öffentlichkeit politisch enthalten sollte. III). die Ergebnisse der neoliberal ausgerichteten akademischen Forschung unter Marketing-Gesichtspunkten verbreitet.und . hope exists that the principles and policies of neoliberalism will find a promising field of activity and development there. Immer wieder ging es darum.be/ MPS2005. Anfang der 1960er Jahre hatte sich eine Mehrheit für die Einschätzung gefunden. also zielgruppen.358 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen fanden. vgl. die von Walter Lippmann in den 1930er Jahren formuliert und von Hayek aktualisiert worden war. laisser aller is as much out of the question in underdeveloped areas as elsewhere. inoffizieller Aufgabenbereich der MPS die Gründung und Entwicklung eigenständiger Institutionen heraus.

wie Sozialversicherung. Im Lager der linken Globalisierungskritiker und bei kommunitaristisch inspirierten Intellektuellen-Netzwerken lassen sich ähnliche Entwicklungen beobachten. Nach dem Einstieg mit dem Institute of Economic Affairs in London stieg die Zahl bis heute auf weltweit mehr als 100 Think Tanks. Haas 1992 zum Ausstieg aus der F C K W Produktion).Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 359 medienspezifisch publiziert. umfassender und langfristiger angelegt ist. Arbeitsmarkt und Steuerpolitik. Knapp 150 Mitglieder der bis heute insgesamt mehr als 1. Die weltweite Vernetzung neoliberaler Intellektueller und ihre organisatorische Infrastruktur können mit den bisherigen Konzepten zur Diskussion wissenspolitischer Akteure nicht hinreichend erfasst werden. weil sie sowohl grundsätzlicher als auch umfassender angelegt sind. . Das Gleiche gilt für die mit dem Neoliberalismus konkurrierenden Zusammenschlüsse. weil deren Arbeit viel breiter. Verschwörungstheoretische Deutungen und Einschätzungen verbieten sich für das präzise erfassbare neoliberale Lager. Zur Erforschung von Reichweite und Grenzen der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Einflussnahme der MPS schlagen wir daher die Kategorie einer transnationalen Weltanschauungsgemeinschaft bzw. an deren Arbeit MPS-Mitglieder in führenden Positionen beteiligt sind. Während der Erfolg einer »epistemischen Gemeinschaft« in einem Themengebiet mit sozialwissenschaftlichen Methoden mitunter anschaulich dokumentiert werden kann (vgl. Den Organisationsanstrengungen der neoliberalen MPS kann jedoch eine Vorreiterrolle attestiert werden.und Akteurskonstellationen. Konflikt. Die Messung des Einflusses von Ideen im Allgemeinen und von weltanschaulich geprägten »Denkkollektiven« (Ludwig Fleck) im Besonderen stellt die vergleichende Sozialforschung vor schwierige Aufgaben. verbietet sich im Hinblick auf viel breiter arbeitende weltanschauliche Denkkollektive eine themenunspezifische Generalisierung aufgrund der Vielzahl von bearbeiteten Sachthemen. Gleichzeitig reicht der Einfluss von Weltanschauungsgemeinschaften zweifelsohne viel weiter. einer Meta-Diskursgemeinschaft vor.000 Mitglieder umfassenden Organisation sind oder waren bei einem Think Tank beschäftigt. jedenfalls nicht auf die wissenschaftliche Arbeit beschränkt wird. Der Kronberger Kreis griff zum Beispiel mit prägnanten Mehr Mut zum Markt-Traktaten seit den 1980er Jahren in die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung über verschiedene Themen ein.

Ludwik Fleck. Die individualistische Perspektivenverengung bringt es auch mit sich. Strukturell bedingte Ungerechtigkeit wird beschwiegen und immer wieder als je individuelles Problem . Einen Ansatz im Marxismus liefert Leo Kofler. Adressaten sind mehrheitlich die Mitglieder der herrschenden Klasse (seien das neokonservative oder neoliberale Toppolitiker/-innen. Will man eine Entdeckung als solche untersuchbar machen. sich durch Reichtum und Muße auszeichnende amorphe Gruppe.reartikuliert und damit als persönliches Verschulden abgetan. wichtige Funktionäre internationaler Organisationen u. die Schicht der herrschenden bürgerlichen Klasse zu analysieren. D a s n e o l i b e r a l e D e n k k o l l e k t i v Einem individuell-erkenntnistheoretischen Standpunkte bleibt unser Problem [der wissenschaftlichen Entdeckungen] unlösbar.« (Kofler 1997: 270) Diese Aufgabenstellung ist wichtig.). um den gesellschaftlichen Ort der neoliberalen Intellektuellen zu bestimmen und dabei genauer hinzusehen. Alltagsprobleme werden kaum thematisiert und wenn. dass gerne einzelne Erfolgsgeschichten nach der Vom-Tellerwäscher-zum Millionär -Szenographie dargeboten werden. wo sie sich selbst positionieren. was für einen Lebensstil sie führen und an wen sie sich in ihren Texten und Reden richten. die die meisten neoliberalen Intellektuellen bereisen und . die Oberaufsicht (sprich: Management) der Firmen und Konzerne.h. ohne die die Entwicklung und Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft nur unzureichend verstanden werden kann: die bürgerliche E[lite].360 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen 3. Grossaktionäre. so muß man sich auf den sozialen Standpunkt stellen: d. Intellektuelle und Studierende (als Zukunftsgeneration).insbesondere als eines der Leistungsbereitschaft resp.a. -Verweigerung . dann meist sehr abstrakt. Er hat auf den kritischen Aspekt marxistischer Forschung über die Intellektuellen und Eliten hingewiesen: »Es gehört zur kritisch-marxistischen Arbeit. sie als soziales Geschehen betrachten. kann prinzipiell auf eine ganze Reihe von Forschungsansätzen und -arbeiten zurückgegriffen werden. wo sie öffentliche Reden halten und wie sie insbesondere über ausgebeutete. unterdrückte und arme Menschen sprechen. sondern eine in einem weitläufig vermittelten Verhältnis zur scheinbar allein herrschenden politischen Führungsschicht stehende. Konzernbesitzer. Darunter versteht man keineswegs eine fest organisierte Schicht der Bourgeoisie. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935: 102) Um die neoliberalen Intellektuellen zu analysieren. Die Welt.

Neid usw. sondern Wissenschaft auch in Beziehung zur Gesellschaft untersucht. Herrschaftskritisch wären die oben gemachten Ausführungen empirisch noch ausführlich darzulegen. sind inzwischen Nobelhotels und -ferienorte. Kurz: Die neoliberalen und neokonservativen Intellektuellen positionieren sich selber im Bereich der herrschenden Klasse im Sinne Kofiers und üben ihre Tätigkeiten organisch für diese aus (oder streben dies an). wie sich diese in den ersten beiden Jahrzehnten schnell in die gesellschaftlichen Regionen von »Reichtum und Muße« (Kofler) bewegten. kaum aus eigener Erfahrung. Fleck bietet sich für eine wissenschaftstheoretische und wissenssoziologische Reflexion des Neoliberalismus an. diese Welt des Renommees. was diese tut und sagt. »Zu jedem Denkstil parallel verläuft dessen praktische Auswirkung: die Anwendung. Sie wurde in jüngster Zeit z. dort deutlich. 8 Das Komplementärstück zur individualistischen Perspektive ist der Massen-Diskurs (vgl. Chaos. Diese Blickrichtung auf die neoliberalen Intellektuellen bestimmt vor allem ihren spezifischen gesellschaftlichen Ort. bietet sich Ludwig Flecks Arbeit Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache an. von Jürgen Nordmann (2005) als zentraler Bezugspunkt kritischer Neoliberalismusforschung gewählt. rechtfertigen oder schönreden. städtische »Problem«Quartiere und das entsprechende Alltagsleben der Menschen dort kennen sie von den Medien her. die aus ihren spezifischen Tätigkeiten als Tuis (Bertolt Brecht) entstehen. Slums. Es ist u. Favelas. weil er nicht nur die wissenschaftliche Innenperspektive verfolgt. das wissenschaftliches Denken.a. die »gated coramunities«. der Annehmlichkeiten. wo er über einen »kleine[n] esoterische[n] und ein[en] größere[n] exoterische[n] Kreis« (Fleck 1935:138) schreibt und auch auf die Wirkung der öffentlichen Meinung (139) Aufgrund des von uns gesichteten Archivmaterials gelangen wir zu dieser Schlussfolgerung. Am Beispiel der MPS-Mitglieder kann beobachtet werden. den Bezug zu den Klassen und die materiellen Vorteile. Das wird u. Genauso wichtig ist es aber.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 361 bewohnen.B. den Alltagsverstand und das neoliberale Imaginäre zu analysieren. Verallgemeinerungsfähig ist diese Welt nicht. Muße und des Reichtums. dass sie unkritisch alles gutheißen. was nicht heißt. Die Masse vereinigt Bedrohung. die Topwohnlagen usw. Durch die Einübung des »richtigen« Denkstils.a. Fleiß und das Bekenntnis zu den neoliberalen Zielen können Intellektuelle in diese Welt gelangen. Ortega y Gassets Aufstand der Massen). 8 . Gier. Die Anfangszeit zeichnete sich für etliche Mitglieder noch durch einen »bescheideneren« Lebensstil aus. Revolution. Die genauere Beschäftigung mit dem neoliberalen Denken erfolgt der praktischen (Aus-)Wirkungen wegen. die auf zahlreiche junge Intellektuelle eine Attraktionskraft ausübt.« (Fleck 1935: 137) Um solche Zusammenhänge untersuchen zu können.

eingehender mit seinem Ansatz beschäftigen. »individuelle Freiheit«. die zur Auflösung von Problemstellungen führen. gesprochen werden. dass ein naturwissenschaftlicher Denkstil durchaus von mythologischen Diskursen oder vom »Aberglauben« abhängen kann.« (141) Was Fleck gerade für die Analyse der MPS interessant macht. Flecks Arbeit auf ihre spezifischen Bedingungen hin kritisch durchzuarbeiten. 1935: 137) und die inhaltliche wie begriffliche Bestimmung relativ abstrakt gefasst wird. Insofern unterscheiden sich Natur.B. Fn. Dabei konnte er zeigen. wenn weiterhin im Anschluss an Fleck der Denkstil weiter gefasst ist als eine Wissenschaft (vgl. 40) richtig bemerkt. Gleichwohl kommen aber die Sozialwissenschaften nicht umhin. Anknüpfend an Fleck kann im Hinblick auf die Mont Pélerin Gesellschaft von einem neoliberalen Denkkollektiv.362 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen eingeht. 9 Zudem ist. ist sein klarer Blick auf Aspekte wie das »Gefühl der Denksolidarität im Dienste einer überpersönlichen Idee«. Flecks Ansatz hervorragend geeignet. wenn wir einige weitere Ausführungen Flecks zum Denkstil in Betracht zie- So betont z.B. wie die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis mit der Gesellschaft verknüpft ist und auch. um Mentalitätsfragen zu untersuchen. rule of law und »beschränkte Demokratie«. 9 . Z. 218. das einen neoliberalen Denkstil entwickelt. wie Steve Füller (2000: 19. Zudem werden auch die Medien in ihrer Wirkungsweise behandelt: »das gedruckte Wort. Im Rahmen dieses Artikels möchten wir uns daher. so zeigt sich schnell. aber auch aufgrund von einigen uns problematisch erscheinenden Aspekten von Flecks Konzeption.B. trotz aller Entfernung und trotz geringen persönlichen Verkehres. das Konkurrenzprinzip und das Preissystem als jene Stilelemente. die »gemeinsame Stimmung« oder gar die »Stimmungskameradschaft« (140). das Kino und das Radio ermöglichen die gedankliche Wechselwirkung innerhalb der Denkgemeinschaft und den Zusammenhang zwischen den esoterischen und exoterischen Kreisen. z. Fleck ordnet einem Denkkollektiv genau einen Denkstil zu. dass Fleck folgend eine exakte Zuordnung von Denkkollektiv und Denkstil problematisch ist. Diese Bestimmung ist tragfähig. das MPS Mitglied und Haushistoriker Ronald Max Hartwell mehrfach die »camaraderie« in der MPS (1995: 216. Weil sich darüber hinaus weitere Elemente des Neoliberalismus bestimmen lassen.und Sozialwissenschaften nicht grundsätzlich. müsste die Bedeutung von Experimenten genau untersucht und bestimmt werden. In dieser Perspektive umfasste der neoliberale Denkstil den Markt. Fleck verdeutlichte seine Theorie an einem Beispiel aus der medizinischen Forschung zur Syphilis. 226).

Er ist bestimmter Denkzwang und noch mehr: die Gesamtheit geistiger Bereitschaften. den Widerspruch zwischen Flecks statischen Identitätsannahmen einerseits und seinen Einsichten in dynamische Entwicklungsprozesse andererseits aufzulösen. ist das »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (Marx 1845.« (55) Um vom (neoliberalen) Denkkollektiv und Denkstil sprechen zu können. unterliegen »fortwährender Veränderung« (85). durchaus als komplex verfasst: »Ein Individuum gehört eben mehreren Denkkollektiven an« (Fleck 1935: 61). 40) und zweitens neben den zentralen Begriffen auch der Erkenntnisprozess genauer untersucht werden. ähnlich wie Brecht. da er für einen von ihnen unklar sein muß oder von ihm anders verstanden wird. These über Feuerbach. dass er auf den einzelnen Gedanken bezogen genau zu einer Auflösung des Wahr-Falsch-Kriteriums führt. eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes. vgl. also eines besonderen Denkstiles. 85) Die Lehren. umgeformt. Gehören A und B demselben Denkkollektiv an. Gerade weil Denken und Erkennen »soziale Gebilde katexochen« (58) sind. die den Denkstil bilden. ob sie richtig oder mißverstanden scheinen. Füller 2000: 19. sagt: »Denkstil ist nicht nur diese oder jene Färbung der Begriffe und diese oder jene Art sie zu verbinden. Begriffsbildungen. Gehören sie aber verschiedenen Denkkollektiven an. sie wandern innerhalb der Gemeinschaft.B. Fn. so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes. Die Wahrheit ist Fleck zu Folge »innerhalb eines Denkstils vollständig determiniert. der auch bei Fleck selbst die Individuen A und B übersteigt: »Ob Erkenntnisse vom individuellen Standpunkte Wahrheit oder Irrtum. die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen. werden geschliffen. Die Bestimmung des Denkstils durch Fleck ist aber insgesamt zu wenig kohärent.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 363 hen. ist es wichtig. dann ist der Gedanke für beide entweder wahr oder falsch.« (131) Wird der Denkstil so eng gefasst. Man kann nie sagen. derselbe Gedanke sei für A wahr und für B falsch. so vermag er wiederum nicht den Diskussionsprozess und die soziohistorische Dimension des Denkkollektivs zu erfassen. beeinflussen andere Erkenntnisse. Auffassungen und Denkgewohnheiten. 6. in: MEW 3: 6) in der je spezifischen Ausprägung mit seinen Antagonismen und Widersprüchen genauer zu analysieren. wie sie Fleck selbst eingeführt hat: »Definieren wir >Denkkollektiv< als Gemeinschaft der Menschen.« (Fleck 1935: 58. wenn er z. Fleck verstand zudem das Individuum. Dazu muss erstens die insgesamt engräumige Betrachtungsweise von Fleck überwunden (vgl. so ist es eben nicht derselbe Gedanke. das Bereitsein für sol- . verstärkt oder abgeschwächt.

wie die betreffenden Momente des Werkes und die dazugehörigen Erlebniszusammenhänge nicht dem schöpferischen Individuum. vor allem den Denkstil betreffend. den Neoliberalismus trotz unterschiedlicher Ansätze und Strömungen unter einem Begriff zu fassen. können paradoxerweise mit dem wissenschaftssoziologischen Denkstilverständnis von Karl Mannheim überwunden werden. wenn sie überhaupt als einem Stil angehörig bezeichnet werden. als Reaktion auf die Begründung eines marxistischen Rationalitäts. Schon in seinem 1922 geschriebenen. Die aufgezeigten Widersprüche in Flecks Verständnis. dem Sozialen vornimmt. sondern wenn .364 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen ches und nicht anderes Sehen und Handeln. geht also weit über das engere wissenschaftliche Feld hinaus: »Wir sprechen von einem Denkstil im Gegensatz zur bloßen Differenz der Denkrichtungen. wobei er eine Verschiebung weg vom Individuum und hin zur Gruppe bzw. ohne dass damit vieles oder gar alles zu grob über denselben Kamm geschoren wird (vgl.und Wahrheitsanspruches durch Lukäcs). sondern soziogenetisch sind die Gebilde und die dazugehörigen Erkenntniszusammenhänge erfaßt. Vom Denkstil spricht Mannheim 1925 (vgl.« (Mannheim 1922: 97) Der von der Rhetorik und Poetik herkommende Stilbegriff (Müller 1998) wurde von Mannheim auf den wissenschaftlichen Bereich übertragen. Unter dem Aspekt des >Stiles< einen Formzusammenhang und einen dazugehörigen Erlebniszusammenhang zu erfassen bedeutet soviel.außer Mannheim (Füller 2000: 19. vgl. aber nicht publizierten Artikel Über die Eigenart kultursoziologischer Erkenntnis setzte sich Mannheim mit dem Stil-Begriff auseinander: »Nicht individual-genetisch. obwohl dieser in seiner späteren Wissenschaftssoziologie hinter das bei Fleck entwickelte soziale Verständnis von Wissenschaft und Intellektuellen zurückfällt (Konrad/Szelenyi 1979. Fn.a. 40). sondern dem dazugehörigen Gruppenerlebnis zuzurechnen. wenn es sich bei der wahrnehmenden Verschiedenheit im Denken nicht nur um theoretische Differenzen handelt. zum bisweilen großen Dissens innerhalb des neoliberalen Denkkollektives Walpen 2004). 1925a) in Anwendung des Begriffes bei seiner Analyse des Konservatismus. Karl Mannheim beschäftigte sich mit der Thematik Stil und Denkstil früher als Fleck. Hull 2006 zu Mannheims Begründung eines »freischwebenden« Intellektuellen u.« (85) Erst durch die genauere Untersuchung und Bestimmung der jeweiligen Begriffsfärbung und -verbindung sowie durch das Herausarbeiten der spezifischen (hier: neoliberalen) Bereitschaft für das Sehen und Handeln der Akteure wird es letztlich möglich. Dieser erwähnt alle bedeutenden Wissenssoziologen seiner Zeit .

E. als es die letztlich auf den wissenschaftlichen Bereich eingeengte Begriffsverwendung von Fleck tut. das den neoliberalen Denkstil entwickelt und reproduziert hat. was noch wichtiger ist. solange eine Weltanschauungstotalität besteht. Benedict Anderson (imaginäre Gemeinschaft). 10 . So können Friedman und Hayek also trotz der z.B.) wichtig. Das zeigt sich im Diskurs daran. aber auch deren Gegenbegriffe verwendet werden. im Besonderen außerordentlich ergiebig. Zweifellos ist ein kritischer Rückgriff auf die Arbeiten von Mannheim und Fleck bei den Bemühungen um eine theoretisch genauere Fassung von Denkstilen insgesamt und der spezifischen Analyse des neoliberalen Denkkollektives.B. obwohl zwischen diesen beiden ökonomischen Denkrichtungen erhebliche Differenzen im Hinblick auf neoklassische Grundlagen (z. Alltagsverstand.a. 10 Diese Bestimmung von Denkstil erfasst u. Ausgehend von Mannheim kann ein Denkstil durchaus mehrere Denkrichtungen mit unterschiedlichen Theorien und Methoden umfassen.T. Cornelius Castoriadis (das Imaginäre) sowie Gramsci (organische Intellektuelle. Anm. sich intensiv mit den vielfältigen Wissensstrukturen (Strange 1988: 115) zu beschäftigen.« (Mannheim 1925b: 227. dass bestimmte charakteristische Begriffe.und kapitalismuskritische Perspektive kommt nicht umhin. das Imaginäre). im Hinblick auf Geldtheorie und Monetarismus) durchaus ebenso zum neoliberalen Denkstil gezählt werden wie der deutsche Ordoliberalismus und die Österreichische Schule für Nationalökonomie. und wenn. Ähnlich wie Althusser in seiner symptomatischen Lektüre auf die Leerstelle im Text geachtet hat. also neben der Wissenschaft im engeren Sinne u.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 365 hinter der aufweisbaren theoretischen Verschiedenheit eine Verschiedenheit der dahinterstehenden Weltanschauungstotalität steht. den Neoliberalismus viel genauer. scharfen wissenschaftlichen Differenzen (z. der Wettbewerbstheorie) bestehen. so lenkte auch Mannheim bei der Untersuchung eines Denkstils die Aufmerksamkeit auf das Fehlen bestimmter Begriffe.a. Weltanschauung u. eine verschiedene Einstellung und eine verschiedene seinsmäßige Beziehung zu dem zu erkennenden Gegenstand aufweisbar ist. Eine über Fleck und Mannheim hinausgehende herrschafts. Darüber hinaus sind aber auch Begriffe und Theorien von Louis Althusser (Überdetermination. um ein besseres und genaueres Verständnis neoliberaler Diskurse zu erarbeiten. mit Mannheims Denkstil-Ansatz bietet sich deshalb für eine Verknüpfung mit Diskurs-/Texttheorien an. 5) Ein Denkstil zeichnet sich durch eine je spezifische Perspektive aus.

Parteienvertreter.« (Fleck 1935: 137) Neoliberale Intellektuelle nutzen die mit dem etablierten wissenschaftlichen Objektivitätsverständnis verbundene Autorität der »Wahrheit« für ihren weltanschaulichen Denkstil.) werden neoliberale Selbstverständlichkeiten in den Gesellschaften vielförmig erarbeitet und vielstimmig verkündet. Prediger. Insofern kommt den Einführungen in die Wissenschaften (von den textbooks über Kurzfassungen und Lexikonartikel bis zu den Einführungsseminaren) eine eminente Bedeutung zu: »Die Einführung in einen Denkstil. Sie wirken nicht nur formell: der heilige Geist senkt sich auf den Neuling herab und bis jetzt Unsichtbares wird ihm sichtbar. Utopien. Imponieren und Einwirken auf den Alltagsverstand und die »Masse«. Wahrnehmungs. Den MPS-Intellektuellen gelang es in den 1950er und 1960er Jahren. Aktivisten. Richter usw.« (Fleck 1935: 135) Im Gegensatz zu Fleck verortete Gramsci diese Problemstellung innerhalb der Antagonismen der kapitalistischen Produktions. also auch die Einführung in eine Wissenschaft sind erkenntnistheoretisch jenen Einweihungen analog. Mirowski/Plehwe).und Lebensweise. Feministinnen.sowohl nach innen als auch nach außen . Medienverantwortliche. Politikberatung. Für eine Klasse ist es entscheidend. dass sie »permanent und organisiert den eigenen Glauben 11 Nach F . selbständiger Existenz der Welt. Dies ist die Wirkung der Aneignung eines Denkstils. der insgesamt den Wissenschaften zukommt. sind nicht nur der hohe Stellenwert.auszuarbeiten und zu formieren (vgl. die wir aus der Ethnologie und Kulturgeschichte kennen. Es entstand ein »stabile[s] oder verhältnismäßig stabile[s]« Denkkollektiv (Fleck 1935: 135)11 des Neoliberalismus. Eine vorgeblich sachlich-neutrale Wissenschaft dient als Mittel zum Überzeugen. Glauben. NGOs. den neoliberalen Denkstil .366 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Überzeugungen. sondern auch die Versuche. Die Wirkung dieses vielstimmig verkündeten Denkstils werden ab Mitte der 1980er Jahre zunehmend »manifester«: »Dieses zusammenhängende Geflecht verleiht der >Tatsachenwelt< massive Beharrlichkeit und erweckt das Gefühl fixer Wirklichkeit. Was die wissenschaftlichen Aktivitäten im Neoliberalismus kennzeichnet. Über zahlreiche Kanäle (Journalismus. Verlage. über sie Intellektuelle zu rekrutieren und von dem neoliberalen Statement of Aims zu überzeugen.und Wissensformen und ihrer spezifischen Artikulation. Schriftsteller. Spätestens seit den 1970er Jahren wurden die engen Grenzen der MPS überschritten.

The problems remain. dass individuell und z. instead of being absorbed into a bland and messy synthesis. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Beharrungskraft der Angebotsökonomie: Der Ökonom Harry G.m. bei aller Vielfalt. Modisch gesprochen sind neoliberale Ansätze top-down-orientiert. den Gründen für die falsche Vorhersage Johnsons auf die Spur zu kommen: »The flaws Johnson detected have not yet proved fatal. die dem Glauben wenigstens den Anschein der Würde des Denkens verleihen. Vergünstigungen u. oder sei es.a. »so beharrt es beständig gegenüber allem Widersprechenden« (Fleck 1935: 40).. Vergütungen. In the ten-year interim monetarists. unermüdlich dessen Apologie wiederholt.T. 13 Demokratischen Verfahrensweisen und Politiken stehen Neoliberale generell skeptisch gegenüber.B. einen Marktradikalismus oder gar Marktabsolutismus mit allen möglichen Mitteln als eine fixe Bezugsgröße im Alltagsverstand zu verankern. it has become a virtue. geschlossenes Meinungssystem« etabliert ist. wenn »ein ausgebautes. James Tobin hat versucht. a movement both more reactionary and more revolutionary than its precursor« (Tobin 1981: 30). Löhne. § 12: 1390) Die Phase der Apologie ist dann erreicht. jeden Augenblick und immer mit ähnlichen Argumenten kämpft und eine Hierarchie von Intellektuellen aufrechterhält. have pulled the centre of gravity of the profession toward their positions and their methodology. ist der herrschaftsförmige Ansatz zur Durchsetzung ihres Denkens. nur nicht mit partizipatorischen. To the contrary. sondern auch durch den eigenen Glauben und nicht zuletzt durch die gesellschaftliche Position. Tobin zufolge liegt diese Entwicklung darin begründet. 13 Es ist wichtig anzumerken. auszeichnet. but the failure to solve them has never been an embarrassment. die entgegen seiner Einschätzung als wichtiges Element des neoliberalen Denkstils erkannt werden kann. The credit goes to a second wave of monetarism. die betroffene Bevölkerung einbeziehenden Methoden. »das aus vielen Einzelheiten und Beziehungen besteht«. bisweilen gruppenspezifisch auch materielle Zugeständnisse (Stellen.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 367 unterhält. Ist es einmal geformt.12 Der Widerstand gegenüber der Kritik ist bei den heutigen neoliberalen Intellektuellen nicht nur denkstilmäßig bestimmt. Was ihr Denken heute.) gemacht werden. dass der Monetarismus ein Teil der umfassenderen konservativen Ideologie wurde. weil sie den »Massen« zutiefst misstrauen. a second counter-revolution that has absorbed and breathed new life into the first. weil sie dadurch die kapitalistische Ordnung insgesamt bedroht sehen. Diskursiv wird versucht. 12 .« (GH 11. Johnson sagte in seinem Vortrag The Keynesian Revolution and the Monetarist Counter-Revolution 1971 (Johnson/Johnson 1978: 183-202) aufgrund von Widersprüchen der monetaristischen Lehre und der ungelösten Arbeitsmarktprobleme vorschnell eine Assimilation des Monetarismus mit der keynesianischen Lehre vorher. die sie als organische Intellektuelle der herrschenden Klasse einnehmen. Sei es z.

welche die Versklavung des Individuums möglichst gering hält (eher 10 Prozent als 50 Prozent). dass sie »eigentliche Kollektivarbeit [ist].).im Bereich der Wissenschaften insbesondere die methodologischen Individualisten . in der staatstheoretischen Debatte) einen »Denkzwang« und einen »ausgesprochene[n] Widerwille[n] gegen denkstilfremdes Denken« aus (Fleck 1935: 137).368 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Um ihr Ziel. die nichts zu verlieren haben als ihre Staaten. gilt gerade auch für sie. dem »gemeinsame[n] Heben einer Last« (ebd. Sie wurden im neoliberalen Denkstil nicht nur zu einer »Denkgewohnheit«. z. Die neoliberale Weltanschauung besitzt neben den core principles einen festen Bestand an Denkmustern (principled beliefs). als unentrinnbares Sklavenverhältnis zwischen Individuum und Staat veranschaulicht. bei der es nicht auf die Summation der individuellen Arbeiten ankommt. kamen auch die vehementesten neoliberalen Individualisten . Die besten Arbeiten zeigen ein sehr klares Verständnis des Zusammenhangs der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche.nicht darum herum. Solche neoliberalen Denkmuster (ebenso wie die marxistischen. Kollektive zu bilden. Sie sind den Neoliberalen »selbstverständlich« ( evident. Er wies damit die in der MPS ebenfalls existierenden utopistischen Vorstellungen von libertären und anarchokapitalistischen Strömungen zurück. Das unterscheidet sie von einer zweiten Form gemeinschaftlicher Arbeit. der additiven. zu erreichen. Wissenschaftliche Arbeiten im Neoliberalismus sind nicht kurzerhand ideologisch. um für eine neoliberale Reorganisation der Staatlichkeit zu argumentieren. sondern . sondern ein spezielles Gebilde entsteht« (Fleck 1935: 129).B. Mannheim 1922) Intellektuelle Arbeit ist stets »Gemeinschaftsarbeit« und sie zeichnet sich vor allem dadurch aus. metaphorisch zum Ausdruck gebracht werden.B. dem Marxismus und den sozialistischen Parteien und Bewegungen die (wissenschaftliche) Legitimation zu entziehen. vgl. die seines Erachtens naive Vorstellungen haben von der Möglichkeit einer Vereinigung der Individualisten aller Länder. sondern entwickeln trotz manifester Kontroversen (z. James Buchanan (1986) hat das neoliberale Staatsverständnis in seinem Presidential talk auf der MPS-Konferenz in Saint Vincent (Italien) z.um einen Begriff Althussers zu verwenden .« (1935: 129. die häufig in bildhaften Formen bzw.B. was Fleck generell zum Denken bemerkte. Ob sie es wollen oder nicht. es ist »eine soziale Tätigkeit katexochen. auf die wir hier anspielen) sind offensichtlich im Imaginären verankert.ideologisch überdeterminiert. Althusser) und gerade deshalb schwer kritisierbar. die keineswegs innerhalb der Grenzen des Individuums vollständig lokalisiert werden kann. Daraus werden handlungsrele- .

A Philosophical History for Our Times. gerade auch für die eigene Arbeit der Intellektuellen. Essays. (1992): »Banning Chlorofluorocarbons. Chicago/London Fleck. Harry G. Nr. Richard (2006): »The Great Lie: Markets. X: Socialism and War.und kulturwissenschaftlichen Arbeiten können hierzu wichtige Beiträge geleistet werden. Insbesondere auch von literatur.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 369 vante Konsequenzen gezogen. Documents. Chicago/London Gramsci. in: Dieter Plehwe/Bernhard Walpen/Bernhard/Gisela Neunhöffer (Hrsg. die Reichweite der gesamtgesellschaftlichen Durchdringung des Neoliberalismus zu ermessen. Reviews. Neuwied/Berlin Buchanan. A. 1. (1986): »Man and the State.. Mt. James M. R. GH) Haas. Jg. Literatur Abendroth. Wolfgang (1967): Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie. Neoliberal Hegemony: A global critique.). Cambridge and Keynesian Economics. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. 1980 Füller. Sunday 31 August 1986. 221-237 Johnson. 46. An Intellectual Biography of F. v. (1978): The Shadow of Keynes. London/New York.. Max (1995): A History of the Mont Pelerin Society. Bruce (2004): Hayek's Challenge. Hayek. in: ders.. (zit. Indianapolis Hayek. Italia ( Liberaal A r c h i e f . v. Steve (2000): Thomas Kuhn. um die kulturellen Dimensionen der neoliberalen Durchstaatlichung (die neoliberal bestimmte Versklavung des Individuums im Sinne Buchanans) bzw. Freedom and Knowledge«. Bruce Caldwell. Peter M. Berlin/Hamburg 1991 ff. Remarks for >Presidential Talk< at Opening Banquet«. hrsg.E. Bde. um den Neoliberalismus und dessen IntellektuellenNetzwerke und Diskursgemeinschaften und -koalitionen in der spezifischen Artikulation von Wissenschaft. Vol. Gent: MPS Sammlung) Caldwell. A. The Collected Works of F. Weitere theoretische und konzeptionelle Arbeiten sind u. Friedrich August von (1949): »The Intellectuals and Socialism«. v. Ludwik (1935): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Hayek. Klaus Bochmann u. Saint Vincent. Antonio: Gefängnishefte. in: International Organization. 1-10. Alltagsverstand und dem Imaginären genauer zu analysieren und besser zu verstehen. Elizabeth u. hrsg. 141-155 Hartwell. Lothar Schäfer/Thomas Schnelle.a. Understanding Keynes. London 1997. hrsg. Oxford . Frankfurt/M. Pelerine Society General Meeting.187-224 Hull. daher dringend erforderlich. Epistemic Community Efforts to Protect Stratospheric Ozone«.

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Auch seit dem zweiten Strukturbruch des Kapitalismus Mitte der 1970er Jahre sind erneut Veränderungen des Staates. Frankfurt/M 2004. 1: Sicherheit. Bielefeld 2007. 2. Im folgenden beziehen sich Seitenangaben in Schrägstrichen // auf Bd. die den neoliberalen Umbau von Staat und Politik auf den Begriff bringt. Auch die Linke versucht seit den 1980er Jahren bis heute in immer wieder neuen Anläufen und auch Rückgriffen auf Debatten der 1970er Jahre zu einer modernen. Internationale Beiträge. 2 Schon in der ersten Vorlesung vom 10. Bd. Territorium. Bevölkerung (Vorlesungen 1978). vorsorgenden Staat« und der Neoliberalismus changiert zwischen einem »market State« und einem »starken« Staat. Im Zentrum stehen dabei die Vorlesungen von 1979. Bd. Sprach man in den 1980ern noch vom »schlanken Staat«. »dass die Analyse der Biopolitik nur dann durchgeführt werden kann.). auch Susanne Krassmann/Michael Volkmer (Hrsg. Und in den Reihen kritischer Sozialwissenschaft wird seit geraumer Zeit Michel Foucaults Ansatz der »Gouvernementalität« als ein zentraler Schlüssel zur Erklärung neoliberaler Politikformen gehandelt. die neue Sozialdemokratie setzt auf einen »aktivierenden.Christoph Lieber Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault Zur »Agenda und Non-Agenda« des bürgerlichen Staates Nach Gramsci erwies sich in der ersten Hälfte des 20. wenn man die allgemeine Funktionsweise [der] gouvernementalen Vernunft verstanden hat« /43/ Die Vorlesungen des Jahres 1979 drehen sich dann auch zentral um diese Funktionsweise der Gouvernementalität und in der 12. sich aber zentral um Michel Foucault. 2: Die Geburt der Biopolitik (Vorlesungen 1979). April 1979 resümiert Foucault 1 . Michel Foucaults »Geschichte der Gouvernementalität« in den Sozialwissenschaften. die unter dem etwas irreführenden Titel »Geburt der Biopolitik« 2 veröffentlicht wurden. Geschichte der Gouvernementalität. Sitzung vom 4. zeitgemäßen marxistischen Staatstheorie zu kommen. Vgl. Anhand seiner Vorlesungen von 1978/19791 kann die Reichweite dieses Ansatzes zur Erklärung des Neoliberalismus ausgelotet werden. der »Staatsaufgaben« unverkennbar. Januar 1979 spricht Foucault davon. Jahrhunderts beim komplizierten und krisenhaften Übergang zum Fordismus der Staat als der »große Rationalisierer«. kam in den 1990ern das »New Public Management« hinzu.

u. zivilgesellschaftliche Sozialismuskonzeption zielte. sozialdemokratischen und linksbürgerlichen Lager keinen durchschlagenden Erfolg hatten. Im Zentrum steht das ökonomische Postulat der »Entfesselung der Märkte« und der Imperativ »Führe dich selbst!«. Kurzer Rückblick auf das »Zeitalter der Extreme« Der Neoliberalismus ist weit mehr als neoklassische ökonomische Wirtschaftstheorie. die bei entscheidenden Umbruch.und Krisenperioden des 20. Er ist vor allem auch Gesellschaftspolitik. Diese Geschichte birgt zugleich die Tragik in sich. Jahrhunderts in unterschiedlicher Weise für eine Rücknahme des Staates plädierten . des »Ordoliberalismus« der Freiburger Schule und der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards. In der Ausstrahlung und Hegemoniefähigkeit dieser Markt-Topoi auf die Vorstellung von politischer Steuerung liegt ein Kernelement im Transformationsprozess auch der ehemals »fordistischen« Sozialdemokratie: Sie verabschiedete sich von ihrer geschichtlich gewachsenen staatszentrierten Politikauffassung.oft initiiert von reformkommunistischen und linkssozialistischen Zwischengruppen. Mit dem neoliberalen wie neu-sozialdemokratischen Umbau des Staates ist damit die Linke mit einem schwelenden Geburtsfehler ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. diese Vorlesungen: »Hier scheint mir der Geburtsort der Politik zu liegen. das beide Hauptströmungen der politischen Linken. dass sich die Marxsche Konzeption. Damit bricht ein politisches Kontinuum des 20. das war's. die von Anbeginn auf eine nicht-staatsfixierte.« /430/ . am Beispiel des westdeutschen Nachkriegsliberalismus.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 373 die Untersuchung liberaler und »neoliberaler« Regierungsformen drehen. Jahrhunderts auf. Gut. prägte: Gesellschaftsgestaltung und -Veränderung mit Hilfe des bürgerlichen bzw. Dankeschön.a. 1. Eine eigentlich originäre Option der Linken für Formen umfassender gesellschaftlicher Selbstbestimmung jenseits des Staates droht ideologisch von der Gegenseite als ein exklusives Projekt einer »Selbstregierung des Bourgeois ohne Staat« eingemeindet zu werden. Dagegen wird die Linke nur mit einem zivilgesellschaftlichen Gegen-Projekt der Gesellschaftsveränderung bestehen können. in den beiden politischen Großorganisationen der Arbeiterbewegung nicht durchsetzen konnte und auch alle »dritten Wege« . Sozialdemokratie wie Kommunisten.im kommunistischen. sozialistischen Staates.

Leben im neuen Wohlfahrtsstaat.374 Christoph Lieber D i e z w e i großen Epochenbrüche im 20.) 4 . Jahrhunderts und zugleich zentrale »Drehpunktperson« vom aufgeklärten (links)bürgerlichen zum konservativen (Neo)Liberalismus in den 1930er Jahren. in: Fritz Fiehler.h. d.« (ebd. 93. der hier zentrale gesellschaftstheoretische Grundlegungen einer (neo)liberalen Gouvernementalität ausmacht: »Es wird sich also nicht um eine ökonomische Regierung handeln wie jene. Es wird keine ökonomische Regierung. w a r e n in je spezifischer Weise v e r b u n d e n mit z w e i zentralen gesellschaftspolitischen Herausforderungen: mit der Staatsfrage u n d mit der politischen Regulierung von »Massengesellschaften«. In diesem Zusammenhang verweist Castel auf Emile Dürkheim. ein großer amerikanischer Kolumnist in der ersten Hälfte des 20. stärker zu sein als die Interessenvertretung der Arbeiter oder des Kapitals. Robert Castel u. daß die Regierung nur die Gesetze der Wirtschaft zu erkennen und zu beachten braucht.« /207/ 3 Robert Castel. S. ist eben die Masse der Leute. Das ist der Aufschrei der Konsumenten. 32) Nach Lippmann ist ein Symposium von 1939 benannt . Die Stärkung des Sozialen. Walter Lippmann (1889-1974). sehen in dieser E n t w i c k l u n g s t e n d e n z das Paradox begründet.« (zit. bei dem Lippmanns in den USA und Europa vielbeachtetes Buch »The Good Society« (1937) ein erstes Programm lieferte und das den Auftakt zur späteren Gründung der Mont Pèlerin Society (1947) bilden sollte. Hamburg 2000.a. von der die Physiokraten träumen. 3 die sich im Verlauf des J a h r h u n d e r t s zu Gesellschaften massenhafter Individualisierung transformierten. Er ist alles andere als ohnmächtig. S. indem er dem Individuum beträchtliche kollektive Sicherungsleistungen zur Verfügung stellte. J a h r h u n d e r t . Übrigens sagte einer der Teilnehmer des Lippmann-Symposiums 1939. der N e w Deal in A m e r i k a u n d der sowjetische Staatssozialismus stehen gleichermaßen für die A u s p r ä g u n g eines »starken« bis »totalen« Staates u n d für die Entstehung neuer. sondern eine Regierung der Gesellschaft sein. die heute im Bereich der demokratischen Politik zum Vorschein kommt. eine Gesellschaftspolitik. die Zwischenkriegszeit als krisengeschüttelter Ü b e r g a n g zu einem knappen Vierteljahrhundert Nachkriegsprosperität und die Krise des Fordismus seit Mitte der 1970er Jahre. Die Gesellschaft der Vermögensbesitzer. »dass der wachsende Einfluss des Sozialstaates als ein mächtiger Individualisierungsfaktor g e w i r k t hat. die sich lauthals über die >hohen Lebenshaltungskosten beschweren.der Gründungsakt des Neoliberalismus -. als er immer noch nach der neuen Charakterisierung des Liberalismus suchte: Kann man das nicht einen soziologischen Liberalismus< nennen? Jedenfalls wollen die Neoliberalen eine Regierung der Gesellschaft. goss dieses Strukturproblem der kapitalistischen Moderne 1914 in folgende Worte: »Die eigentliche Macht. Über Geld. dass »Individualismus und Etatismus Hand in Hand (gingen). der schon 1899 davon spricht. Hamburg 2005. Dieses »Walter-Lippmann-Colloque« spielt auch in Foucaults Vorlesung eine zentrale Rolle.. Chicago und Milton Friedman. ja er ist meiner Meinung nach dazu bestimmt.« 4 Der italienische u n d deutsche Faschismus. Übrigens hat Müller-Armack der Politik Erhards den bezeichnenden Begriff der Gesellschaftspolitik gegeben.

totalitären staatlichen Lösungen arrangierten. Weltkrieg. und schließlich der Wiedereinsetzung des Staates in eine fast absolute Macht durch die Weltwirtschaftskrise.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 375 massenkultureller Formen der Bildung oder Erzwingung von gesellschaftlicher Zustimmung und Konsens. Weltkrieg glaubte man. Dem mehr oder weniger »idealtypischen« Bestreben des Liberalismus im 19. so ergibt sich ein weiterer wundersamer Parallelismus zwischen Faschismus. dass die USA erst durch den 2. machten Grenzen fließend und produzierten Grenzgänger. massenmedialen Formen politischer Propaganda und charismatischen Politikstilen nachzuweisen.. »Nachtwächterrolle« zu begrenzen. Entfernte Verwandtschaft.T. Faschismus. wurde durch diese gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung des Kapitalismus nach dem 1.und antiliberalen »Regime« vor allem in städtischen Raumgestaltungen. 51) Der Eintritt in ein solches »golden age« allerdings führte durch eine gesellschaftsgeschichtliche Katastrophe. »bereitete das 20. Weltkrieg ein weiteres Mal in die Defensive gedrängt. 31) Diese politischen Antworten auf kapitalistische Modernisierungskrisen bürgerlicher Massengesellschaften im ersten Drittel des 20. Jahrhundert. einem neuen Zeitalter von aufgeklärtem »democratic collectivism« entgegenzugehen. Weltkrieg die Wirtschaftskrise überwanden. München 2005.« (zit. Die mehr oder weniger dominante Bourgeois-Ideologie des langen 19. »Laisser-faire ist tot.« 5 In den kapitalistisch-demokratisch reparierten Gesellschaften nach dem 1. Nationalsozialismus.. auch ehemalige Sozialisten erblick- Wolfgang Schivelbusch. die ja nichts anderes war als die große Niederlage des liberalen Kapitalismus und der Revanchesieg des Staates. Nationalsozialismus und New Deal. S. S. 10.der politische Liberalismus die sich schon zu Beginn des 20. New Deal 1933-1939. neoklassizistischer Architektur. den bürgerlichen Staat auf eine sog.nicht nur für den Krieg. der totalen staatswirtschaftlichen Mobilisierung im 1. Jahrhunderts auf den Schlachtfeldern von Verdun desavouiert hatte. Lang lebe die Planung (social control) . 5 . sondern zugleich als Grundlage für den Frieden und das kommende Reich der Brüderlichkeit. Jahrhundert mit seinem monumentalen Comeback des Staates ein Ende: der sich bereits vor 1914 anbahnenden Annäherung von Staat und Wirtschaft. ebd. Schivelbusch versucht Gemeinsamkeiten dieser post. Denn »nimmt man die heute unbestrittene Tatsache (dazu). S. Jahrhunderts erschütterten auch die festgefügten politischen Lager.« (ebd. Jahrhunderts . So waren nicht nur Teile der liberalen Mitte von der staatlichen Planungseuphorie angezogen und ließen sich sogar in den Faschismus einbinden. Alle drei bedurften zur Überwindung ihrer Wirtschaftskrise einer Rüstungskonjunktur und letztlich des Krieges. die sich auch mit den z.

128-139.und Sozialstaates. 36. Walter Eucken. möglichst autarken Staat den Kapitalismus überwinden. S. S. S. der auch in Foucaults Vorlesungen einen bedeutsamen Referenzpunkt markiert: »Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus«. sondern ereignet sich unter dem »Druck der Massen« und offenbart die Diskrepanz fehlender »politischer Voraussetzungen« für einen voll entwickelten Kapitalismus. Jena 1932. die auf Marx fußt. 305. sondern ist Folge der Schwäche des politischen Liberalismus. die Wirtschaft umfassenden. wie sie 1932 in den Vordergrund gerückt waren. 6 Hier soll vorerst auf drei Zeitdiagnosen abgestellt werden. zu deren Durchsetzung der Staat lediglich vorübergehend wichtig ist. in: Ralf Ptak. Soziologie als Gesellschaftskritik. Opladen 2004. Trotzdem sind die Aussagen Euckens bei allem zeitgebundenen Kolorit für die nicht mehr länger hinwegzudisputierende Ordnungskrise der Bundesrepublik Deutschland im Grundsatz ebenso zutreffend wie für seine Zeit. Vom Ordoliberalismus zur Sozialen Marktwirtschaft. 7 Euckens Aufsatz gilt als bedeutendster Gründungstext für die Entstehung des Ordoliberalismus. Jahrhundert. ist zu lesen: »Die wirtschaftlichen Reserven aus der Wiederaufbauphase Ludwig Erhards erlauben es einstweilen noch. Brückenschlag zwischen Mussolini. Der Faschismus entspringt nicht dem Kapitalismus. Stalin.376 Christoph Lieber ten darin revolutionäres Potenzial. ähnliche Krisenerscheinungen zu überbrücken. 8 In: Weltwirtschaftliches Archiv. in diesem Zusammenhang exemplarisch die kurze biographische Skizze über einen frühen Propagandisten des »bürokratischen Kollektivismus« und späteren »liberalsozialistischen« Elitetheoretiker von Karl Heinz Roth. Stationen des Neoliberalismus in Deutschland. Bd.). Hamburg 2006. in: Stephan Moebius/Gerhard Schäfer (Hrsg.« 8 Diese U m w a n d lung eines liberalen in den »Wirtschaftsstaat« ist dem Kapitalismus nicht zwangsläufig immanent. 7 Darin heißt es: »Während die ältere antikapitalistische Bewegung nämlich. politisch-theoretischer Mitbegründer des westdeutschen »Ordoliberalismus« in den 1940er Jahren und der »Freiburger Schule«. 33). Wider den Verlust einer aktuellen Tradition. die für später von Interesse sein werden. Die politisch entscheidende Alternative besteht mithin für die Freiburger Schule nicht im Dualismus von Kapitalismus und Sozialismus. das sich im Schwerpunktthema dem 50-jährigen Jubiläum der Sozialen Marktwirtschaft widmet. 6 . schrieb 1932 einen zentralen »Aufsatz gegen die mögliche Anwendung der keynesianischen Methoden in Deutschland zur Lösung der Krise« /150/. Hitler und Roosevelt? Bruno Rizzi und die Katastrophen sozialistischer Politik im 20. Noch im ORDO-Jahrbuch 1997. das Ziel einer staatenlosen sozialistischen Gesellschaft sieht. nämlich eine auf Dauer unerträgliche Arbeitslosigkeit und eine Krise des Fiskal. will der moderne Antikapitalismus gerade im totalen. sondern in der Differenz zwischen Liberalismus und den verschiedenen Formen des Vgl.« (zit.

C.L. Demgegenüber bestand der Horkheimer-Kreis . Es ist vielleicht die wichtigste Aufgabe der heutigen Nationalökonomen. 174..und Harmonielehren im fast Marxschen Sinne als popularisierte »Religion der Nationalökonomen« destruiert hat. die Ausführungen »Globalisierung und die amerikanische Herausforderung«. was Bentham in seiner vergessenen. kommt er zum politischen Kern seines Anliegens: »Wir müssen unterscheiden zwischen dem. von neuem zwischen den Agenda und den Non-Agenda des Staates zu unterscheiden.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 377 Staatsinterventionismus wie Keynesianismus. parallel damit geht die Aufgabe der Politik.auf einer Kausalbeziehung zwischen Kapitalismus und Faschismus. Paris 1934. Die ökonomischen Grundlagen dieser Entwicklung von der liberalistischen zur totalitären Theorie müssen hier vorausgesetzt werden (Marcuse verweist hier auf Pollocks Analyse des Staatskapitalismus 9 . Von der ökonomischen Struktur aus enthüllt sich eine fast lückenlose Kontinuität in der Entwicklung der theoretischen Interpretation der Gesellschaft.wie aus dem berühmten Diktum seines gleichnamigen Leiters bekannt . 9 . in: Joachim Bischoff. aber ohne die Annahme Benthams. S. Transformation des europäischen Sozialmodells. 7ff. was sich auch noch in seiner zeitgenössischen Liberalismus-Kritik zeigt: »Die rohe Skizze der liberalistischen Gesellschaftstheorie hat gezeigt. wie viele Elemente der totalitären Staatsauffassung in ihr schon angelegt sind.. (Photomechanischer Nachdruck München 1980).und Industriekapitalismus zum modernen Monopolkapitalismus. Ideen zur Verbindung von Privat.« 10 Die im Hinblick auf Foucaults Behandlung liberaler Gouvernementalität in ihren beiden Varianten des nachkriegsdeutschen Ordoliberalismus und des amerikanischen Neoliberalismus der Chicagoer Schule der 1960er und 1970er Jahre interessanteste Zeitdiagnose aus der Zwischenkriegszeit stammt aus der Feder von John Maynard Keynes. in: Zeitschrift für Sozialforschung. Entfesselter Kapitalismus.): sie liegen im wesentlichen alle auf der Linie der Wandlung der kapitalistischen Gesellschaft von dem auf der freien Konkurrenz der selbständigen Einzelunternehmer aufgebauten Handels.und Gemeinwirtschaft« (1926) die überschwänglichen Freihandels. aber nützlichen Nomenklatur Agenda und Non-Agenda genannt hat. Zur zeitdiagnostischen Einordnung der Kapitalismusanalyse der Frankfurter Schule vgl. 10 Herbert Marcuse. Nachdem er in seinem Essay »Das Ende des Laissez-Faire. Hamburg 2003. Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung. Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus. daß jede Staatseinmischung sowohl >ganz zwecklos< als >ganz schädlich< sei. S.

entgegen der Aufbruchstimmung auf Seiten der Linken . dt. Der lange Marsch zum Neoliberalismus. 13 ist nur die halbe Wahrheit.. 13. der Europa mit der ideologischen Revolution aus Amerika bekannt machen will. Vom Roten Wien zum freien Markt .Popper und Hayek im Diskurs.a.15 Symptomatisch für das kommende neokonservative Jahrzehnt eines »Kapitalismus als sozialer Utopie« mag der deutsche Buchtitel einer Arbeit aus Frankreich sein. Stuttgart 1992.O. Hamburg 2005). 13 Harald Mattfeldt. nicht unähnlich Gramscis Stellungskrieg. 11 . 1979 bei Campus (Frankfurt/M) in deutscher Übersetzung erschienen: »Der Kapitalismus von morgen« von Henri Lepage.« (Ralf Dahrendorf.. engl. Er plädiert für zivilgesellschaftliche politische Formen: »Daher glaube ich.auf der Linken wie der Rechten.. Hamburg 1985. S. S. Keynes.. Keynes.« 11 Keynes deutet auch die Richtung an.»ihrem Prinzip zur Begrenzung der Regierungskunst« /25/ .. in der seines Erachtens politische Lösungsformen zu finden sind. 14 »Eine der Krisen der siebziger Jahre war die des Staates. Einführung in Keynes' Theorie und Politik. Kommentierte Werkauswahl.machen. a. in: ders. Auf dem »langen Marsch« zum Neoliberalismus gelang es aber insbesondere in der Frage des Staatsinterventionismus den Keynesianismus weitestgehend von der liberalen Landkarte zu verbannen (vgl. Januar 1979 diese Benthamsche Unterscheidung erneut aus dem Vergessen holen und zu einem zentralen Gesichtspunkt liberaler Gouvernementalität .. 198) 15 Wie langwierig Anfang und Ende (Krise des Fordismus) sein können. Dass dieses Jahrzehnt als die »Periode der >Entkeynesianisierung< der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik bezeichnet werden (kann)«.« (ebd.378 Christoph Lieber im Rahmen der Demokratie Staatsformen zu finden. Foucaults Vorlesungen von 1978/1979 Diese kurze Reminiszenz liefert den Übergang zum zweiten großen Epochenbruch im Zeitalter der Extreme: die 1970er Jahre. Ein damals führender KonIn: Harald Mattfeldt. Der moderne soziale Konflikt. dass der Fortschritt in der Richtung der Entwicklung und der Anerkennung halb-autonomer Körperschaften im Rahmen des Staates liegt. S.der »Anfang vom Ende« (Dahrendorf) an. 1988. dazu Jürgen Nordmann. ist allerdings eine Erkenntnis post festum.)12 Foucault wird in seiner Eröffnungsvorlesung vom 10. 111..14 Es bahnte sich . 12 Keynes verkörpert damit innerhalb des bürgerlichen Lagers gegenüber einem radikalisierten Liberalismus einen »Dritten Weg«. welche der Übernahme der Agenda gewachsen sind. Daneben spielte sich in dieser Zeit auch so etwas wie eine politisch-ideologische Auseinandersetzung um die Rolle des Staates ab .

Wolfram Engels.) 17 Auch Foucault spricht von der neoliberalen Gouvernementalität als neuer politischer Technologie. 7) Dieser gesellschaftstheoretische Anspruch neoliberaler Wirtschaftstheorie schon zu Beginn ihres hegemonialen Aufstiegs ist die Kernbotschaft von Lepages Buch und auch Foucault wird seinen Blick auf diesen gesellschaftspolitischen Gehalt des westdeutschen Ordo. Darüber ging der Neo-Marxismus hinaus. C.oder linksorientiert ->korporativ<.16 Lepage charakterisiert die wissenschaftliche und ideologische Revolution der »neuen amerikanischen Ökonomen« als eine Art Zeitdiagnose: »Nach der Auffassung dieser Schule besteht die Herausforderung unserer Epoche nicht etwa in ökonomischen Problemen (indem man beispielsweise neue Wundermittel zur Lösung des fatalen Konflikts zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit findet). die die Frage der gesellschaftlichen Moral und der gesellschaftlichen Relevanz radikal neu stellte. sondern eher in institutionellen und politischen Konflikten.« /217/ So die Anmerkung des Herausgebers der Foucault-Vorlesungen. Zumindest rückblickend sollte sie verständlich sein. S. die von Foucault für die letzten Vorlesungen dieser Reihe verwendet wurden. er entwickelte sich zur Anti-Ökonomie. verglichen mit 1960. die die Ungleichgewichte der gegenwärtigen Systeme vermeiden und dem unaufhörlichen Wachstum der bürokratischen Verwaltung Einhalt gebieten. gründete mit anderen französischen MPS-Mitgliedern in den 1970er Jahren den Think Tank »Institut Economique de Paris« und »machte sich einen Namen als Popularisator des >neuen Kapitalismus< und ist als Ökonom an der Universität tätig.« (ebd.L. neue Formen der Demokratie. d.egal ob rechts. Es war die Elite der jungen Generation. Es ist sicher kein Zufall. die wieder zur Gesellschaftswissenschaft geworden ist. Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pelerin Society. S.« (Bernhard Walpen. Unter dieser Herausforderung brach die Verkrustung der Wirtschaftswissenschaften auf. Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. sie »Dieses Buch stellt eine der Quellen dar. Paris 1978) eine hintergründige Rolle in Foucaults Vorlesungen spielte. 362. Hamburg 2004. Uns fehlt vor allem eine neue politische Technologie 17 bzw. 16 .« (ebd. Heute aber finden wir. dass das Buch von Lepage (Demain le capitalisme...Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 379 servativer. Lepage ist Mitglied des internationalen Intellektuellen-Netzwerkes der Mont Pelerin Society. Der Marxismus ist zunächst eine Wirtschaftstheorie.h. eine Ökonomie vor.und amerikanischen Neoliberalismus richten. Am Beginn der Revolution stand Kapitalismuskritik. 28) Und »staatstheoretisch« zugespitzt: »Die Logik des Staates ist immer . Die Revolution im ökonomischen Denken war weniger spektakulär als Demonstrationszüge und Straßenschlachten. S. übersetzt im Vorwort Dahrendorfs Diktum ins Ideologische: »Die marxistische Bewegung Ende der sechziger Jahre traf die meisten unvorbereitet.

380 Christoph Lieber führt auf jeden Fall zur gegenseitigen Ausbeutung. mit dem Marxismus etc. in der wir uns befanden.« (ebd.von rechts oder von links . 194. Wie sie konkret und im Einzelnen in ihrem spezifischen Charakter und in ihren Techniken und Taktiken ausgeübt wurde. und einer auf Dezentralisierung und Regionalisierung bedachten.man dieses Problem der Macht hätte stellen können. 35) Resümee der Neoliberalen: »Unsere Gesellschaft war nie wirklich kapitalistisch. in: Michel Foucault.« 18 Foucault selbst reflektiert seinen politisch-theoretischen Neuansatz in der »Machtfrage« gegenüber seinen früheren Texten: »Ich kann sagen.. die gegen diese Allianz ist und schon bald die »zweite Linke< genannt werden wird. innerhalb der kommunistischen Bewegung die Krise des Marxismus offen auszusprechen und ihr Zentrum in der Staatsfrage zu lokalisieVgl. von welcher Seite aus . in der kein Platz für Widerstand oder Freiheit sei. Schriften 3. Frankfurt/M 2001.. S. dass da sicherlich ein Unvermögen war. in: Michel Foucault. also in Begriffen des Rechts gestellt. Der zeitgeschichtliche und politische Hintergrund in Frankreich für Foucaults Vorlesungen über liberale und neoliberale Gouvernementalität ist zudem vielschichtig (das Auf und Ab im »programme comune« von Sozialisten und Kommunisten. S.) 19 Gespräch mit Foucault im Juni 1976. Schriften 1.a. Frankfurt/ M 2003.). hat Vorbehalte gegen den Begriff der Mikromächte. S. dem seinerseits das historische Verdienst zukommt. einer jakobinisch-etatistischen. was zeitversetzt später (1980er Jahre) die Diskussion in der BRD erreichen sollte.. Die Linksradikalen und Autonomen hatten sich mehr Militanz von seiner »Mikrophysik der Macht« versprochen und sind dann aber von seiner Abkehr von der »Repressionshypothese« des kapitalistischen Staates enttäuscht. Einen charakteristischen Zusammenhang von politischer Zeitgeschichte und »Staatsdiskussion« auf Seiten der Linken veranschaulicht der Parteitag der Sozialistischen Partei im Juni 1979. von Seiten des Marxismus in der Begrifflichkeit von Staatsapparaten.« (ebd. Foucault gerät im damaligen linken Lager zwischen die Fronten. auf dem »Michel Rocard seine Unterscheidung zweier politischer Kulturen innerhalb der Linken (entwickelt). »der zentralen Stellung des Staates in der marxistischen Analyse verhaftet. sowjetische Dissidentenproblematik. 18 . Rechts wurde es nur in Begriffen wie Verfassung. Es ist nicht zu sehen. Souveränität usw. 72ff. sie wirft ihm eine nihilistische Haltung vor. danach forschte man nicht. das freilich mit der politischen Situation zusammenhing.« 19 Damit ist auch die Absetzbewegung von Louis Althusser angedeutet. die zu einer Allianz mit den Kommunisten bereit ist. S.. die Zeittafel zu Foucault.« In Frankreich wird hier früher (1970er Jahre) etwas formuliert. Bruch der »Meisterdenker« Glucksmann u. 80ff.. Und die traditionelle Linke.

Hamburg 1978. die keinen gemeinsamen Nenner mit dem vorkeynesianischen Staat haben.« 23 Hilft Foucaults damaliger Ansatz. Jahrhundert reibt sich die Linke auch in den 1970er Jahren die Augen. Wann wird sich die Linke von ihren überkommenen Illusionen der Identifikation des Politischen mit dem Staat im allgemeinen oder mit dem parlamentarischen Staat im speziellen lösen? Wann wird sie erkennen. Regulation et crises du capitalisme: l'expérience des Etats-Unis. widersprüchlich ist? Daß auf diesem Gebiet das >Einfache das Vereinfachte< ist. daß die Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft bis ins Unendliche teilbar. Formen und Spielregeln hervorbringt.) 21 Louis Althusser. und erlaubt er. S. Nicos Poulantzas. der sich als Gegenstand aus ökonomischen Konzepten ableiten und explizit definieren ließe. ist >Imperialismus< kein Begriff. Le Socialisme). wie Bachelard sagt. Hamburg 1982. ist mit Aufräumarbeiten geschlagener (und verlorener) Schlachten befasst und verheddert sich in Stamokap-Debatten.. in der der Mainstream der kommunistischen Bewegung trotz eurokommunistischer Erneuerungsversuche immer wieder in gewendeten Kostümen überkommener »Imperialismustheoreme« 20 die sich verändernden politischen Kräfteverhältnisse zu erklären versuchte. In Ansätzen wurde dies bei Nicos Poulantzas in einer erneuerten marxistischen Staatstheorie 22 oder von linkssozialistischer Seite in der Kritik an der »passiven Revolution« des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates versucht: »Ausgehend von unserer theoretischen und konkreten Analyse des keynesianischen Staates und des >Krisenstaates< haben wir gesehen. Die »Keynesianisierung« der Gesellschaft. Vereinfachungen zu vermeiden. In einer Zeit.. Hamburg 2002. Politischer Überbau.. Hamburg 1978 (frz. Der Imperialismus kann nur auf der Grundlage einer voll entwickelten Staatstheorie begriffen werden. 20 . 22 Vgl. S. Ideologie. 23 Christine Buci-Glucksmann/Göran Therborn. 30. Paris 1976. 65f. Staatstheorie. Originaltitel: L'État. S. Autoritärer Etatismus. Erweiterte Neuausgabe mit einer Einleitung von Alex Demirovic/Joachim Hirsch/Bob Jessop. Le Pouvoir.« (Michel Aglietta. daß die Erweiterung des Staates eine Produktivität des Politischen erzeugt.. deren umfassendster Ausdruck er ist. wo viel weiterreichende politische Transformationsprozesse zu analysieren wären. konstatierte Althusser auf dem von »il manifesto« 1977 organisierten Kongress »Macht und Opposition in den postrevolutionären Gesellschaften«: »Wir können es offen sagen: Es gibt keine tatsächliche >marxistische Staatstheo