Giovanni Arrighi u.a.

KAPITALISMUS RELOADED
Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie Herausgegeben von Christina Kaindl, Christoph Lieber, Oliver Nachtwey, Rainer Rilling und Tobias ten Brink

VSA-Verlag Hamburg

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© VSA-Verlag 2007, St. Georgs Kirchhof 6, 20099 Hamburg Titelgrafik: Julia Schnegg (Berlin), E-Mail: hksl3@freenet.de Alle Rechte vorbehalten Druck und Buchbindearbeiten: Idee, Satz & Druck, Hamburg ISBN 978-3-89965-181-2

Inhalt

Vorwort Welcher Kapitalismus? Alex Callinicos Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? Kees van der Pijl Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung Rainer Rilling Imperialität Produktion und Macht Andreas Boes/Tobias Kämpf Lohnarbeit reloaded Arbeit und Informatisierung im modernen Kapitalismus Stefanie Hürtgen Globalisierungskritik statt Modellanalyse Das Beispiel der Elektronik-Kontraktfertigung in Mittel- und Osteuropa Hans Jürgen Krysmanski Geldmacht Strukturen und Akteure des Reichtums Weltmarkt und Staat Peter Gowan Weltmarkt, Staatensystem und Weltordnungsfrage Frank Unger George W. Bush im historischen Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

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Frank Deppe »Euroimperialismus« Anmerkungen zu einem neuen Schlagwort Ingo Malcher Nach dem Neoliberalismus? Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven China Giovanni Arrighi Adam Smith in Beijing Hyekyung Cho Sozialistische Fata Morgana in kapitalistischer Wüste Die Illusion vom chinesischen Sozialismus Rolf Geffken Klassenkampf statt Marktsozialismus? China auf neuen Wegen oder auf altem Wachstumspfad? Ideologie und Subjekt Rosemary Hennessy Deregulierung des Lebens Körper, Jeans und Gerechtigkeit

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Mario Candeias Leben im Neoliberalismus 305 Zwischen erweiterter Autonomie, Selbstvermarktung und Unterwerfung Christina Kaindl Die extreme Rechte in Europa Teil des herrschenden Blocks oder Gegenhegemonie? Neoliberalismus Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil Christoph Lieber Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault Zur »Agenda und Non-Agenda« des bürgerlichen Staates Autorinnen und Autoren 347 372 328

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Vorwort

Die globale Vernetzung der Welt ist kein Novum der letzten zwei Jahrzehnte, sondern wird schon seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch eine sich entwickelnde Weltwirtschaft vorangetrieben. Analysen der gegenwärtigen Globalisierung, die sie nur als weitere ökonomische Durchdringung und Neustrukturierung fassen, greifen zu kurz. Die neue Qualität des gegenwärtigen Kapitalismus lässt sich nicht fassen, ohne den Blick zu richten auf die Neuorganisation von (Geld-)Macht und Gewalt, von Politik und Staatlichkeit, von Wertschöpfungsketten und Lohnarbeit und auf die Frage der Organisation von Zustimmung, von Einbindung der Vielen in neue herrschaftliche Konzepte. Der Irak-Krieg und seine Kritik haben die Linke neu ausgerichtet: übermächtig erschienen die USA, synonym mit der Wiederkehr des Imperialismus. Die Linke begann, neu über die Reorganisation der Weltordnung zu sprechen. Die weltweite Bewegung, die sich seit Seattle 1999 sichtbar gegen neoliberalen Kapitalismus wandte, richtete sich als Antikriegsbewegung aus und konnte damit ihre Basis erweitern. Doch die starke Konzentration der Linken auf die USA steht auch in der Kritik: dagegen steht einerseits die Vorstellung des globalen Empires, in dem die einzelnen Nationalstaaten keine dominante Rolle mehr spielen und Kriege den Charakter von »Polizeioperationen« annehmen würden; eine andere Diskussion konzentriert sich auf das zwischen Europa und USA gespaltene Imperium und die Perspektive einer sich verschärfenden Konkurrenz zwischen den USA und der EU und schließlich steht die Frage nach einem transnationalen Block an der Macht, gestützt auf eine weltweite neoliberale Hegemonie. Aber wie stabil ist diese jenseits der europäischen Metropolen? Die BushAdministration gerät innen- wie außenpolitisch weiter unter Druck, in Lateinamerika drängen (Mitte-)Links-Regierungen die bisherige neoliberale Wirtschaftspolitik weiter in die Defensive und mit China betritt ein Akteur den Weltmarkt, über dessen Charakter als Ausgeburt des Neoliberalismus, ökonomisch erfolgreicher Staatskapitalismus oder marktsozialistische Zukunft innerhalb der Linken divergierende Auffassungen existieren. Diese neue Debatte ist noch am Anfang.

Eine Aufarbeitung dieses »politischen Zyklus« seit Ende der 1990er Jahre. . Eine Chance besteht. Mitte der 1990er Jahre war zwischenzeitlich von einer Renaissance der europäischen Sozialdemokratie die Rede.und Wissensgesellschaft mitsamt ihrer virtuellen Ökonomie? Sie sind schon da und niemand staunt mehr. Aber er bleibt virulent. stehen von Seiten der Linken noch aus. Eine große rifondazione der Linken? Die Arithmetik der Wahlordnung spricht nicht unbedingt dafür. Die Verheißungen der Informations. die sich aber in eine ideologische Subordinierung unter neoliberale Imperative verkehrte und derzeit wieder einen Transformationsprozess durchläuft. Die neoliberale Hegemonie à la TINA (»There is no Alternative«) ist brüchig geworden. führten die Spielräume für eine »linke Linke« in den zurückliegenden Jahren. noch zu keiner nachhaltigen Revitalisierung. Auch das bürgerliche Lager differenziert sich gegenwärtig neu und modernisiert sich in Teilen. Lieber/O.ausgelotet wurden. Das sozialdemokratische Jahrhundert? Es ist passee. Der Aufstieg des Rechtspopulismus? In Kärnten und anderswo . Nachtwey/R.aber keineswegs immer und überall und fast unaufhaltsam. als Produzenten und Konsumenten von den Möglichkeiten erhöhter Autonomie. Und wie ist es um den Triumphzug des Neoliberalismus bestellt? Die Schar der Gläubigen dünnt aus und der Rest wird durch hohen Einsatz bombastischen Kapitals und coolen Zwangs bei der Stange gehalten. Rilling/T. wie es vor einem Jahrzehnt noch schien. und die Kombinationen harter und sanfter neoliberaler Politikformen etwa eines Sarkozy sind innovativ.a. nicht nur im bürgerlichen Lager. Aber schaut man über den deutschen Tellerrand. . seiner Schwierigkeiten und seiner Momente des Scheiterns. die insbesondere in Italien und Frankreich in verschiedenen »Bündniskonstellationen« mit den sozialen Bewegungen wie Sozialforen. Attac u. wo er zum Stehen kommen wird. Zugleich dementieren sich diese Verheißungen immer wieder selbst. von dem immer noch nicht abschließend gesagt werden kann. Kaindl/Ch. seiner partiellen Erfolge. Dennoch erweist sich der Neoliberalismus als wandlungs. Viele Subjekte werden nach wie vor von den emanzipatorischen Potenzialen gesellschaftlicher Produktivkraft ausgeschlossen.8 Ch. Bildung und Partizipation am »general intellect« (Marx). Kooperation.und anpassungsfähig. ten Brink Also: In welchem Kapitalismus leben wir eigentlich? Einschlägige Gewissheiten schwinden weiter. auch bei Teilen der Lohnabhängigen.

überall.Soz.lag der Kreis der Veranstalter quer zu den eingeschliffenen und bornierten Lagern und Frontstellungen und umfasste Zeitschriftenprojekte wie PROKLA. FelS. Sozialismus. Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen . Kritik & Praxis Berlin.Zeitschrift Marxistische Erneuerung.Vorwort 9 Immerhin: es gibt auch Überraschungsfestes. Jenseits der üblichen nach Fächern. Linksruck. wissenschaftspolitische Organisationen wie Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung. Offenbar verlieren die Schattenlinien der großen Schließung. Sozialistische Zeitschrift . Disziplinen und politischen Vorlieben sortierten Zugriffe fragte er nach dem Zusammenhang von Weltmarkt und Staat. Sand im Getriebe (Attac).von der noch unübersichtlichen Wirklichkeit eines Kapitalismus reloaded angeheizt. und politische Gruppen wie Attac.Ermattung. Noch die blödeste Idee wird im capitalism 2. Ungewöhnlich für die deutsche Linke .und nicht immer einfach . Dabei erweist sich »die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform (als) der einzige geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung« (Marx).0 entschlossen in Wert gesetzt.Kämpfen wollte der Kongress einen Beitrag leisten. Der Kongress brachte unterschiedliche Zugänge ins Gespräch. Auf dem Kongress »Kapitalismus Reloaded« (Berlin 2005) diskutierten dazu über 800 Besucherinnen und ein paar Dutzend Referentinnen mit internationaler Beteiligung. Der Blick sollte darauf gelenkt werden. deutlich an Kraft. Kurz: die Räume der Möglichkeiten und Notwendigkeiten werden neu vermessen und neu befestigt. die Weltengrenzen zwischen Reichenland und Armenland wachsen verlässlich und die nachhaltige Naturzerstörung findet einfach statt. Die dem kapitalistischen Akkumulationsprozess inhärente »Schrankenlosigkeit in Grenzen« erfordert neue Lösungsformen. Fantomas. Arranca. ak analyse & kritik. Ein erster Schritt dazu war schon der Kreis der vorbereitenden Gruppen und Organisationen. Das Argument. dass die Reproduktion des Kapitalismus auf allen Ebenen stattfindet und umkämpft ist. Z . von Produktion und Macht und schließlich von Hegemonie und Subjektivität. schließlich wird akkumuliert. Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft des BUKO. Der Streit über eine zweite Version hat begonnen . die das Monumentalgemälde des neuen Globalkapitalismus vor zwei oder drei Jahrzehnten zu zeichnen begann. Ein gutes historisches Stück des ersten Kapitalismus ist vorbei . Zu diesen . ja: eine gewisse Erschöpfung breitet sich da aus und der gegenwärtige Transformationsprozess verläuft trotz konjunktureller Aufschwungsphasen keineswegs in ruhigen Bahnen. Und das eben ist die gute Nachricht.vielfältigen .

Ihnen unterliegt die Einsicht. Kaindl/Ch. die Multitude engagierter Helfer und die ÜbersetzerInnen. sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozess der Umwandlung begriffener Organismus ist« (Marx) . Sie alle vertrugen sich. Hans Böckler Stiftung. Christina Kaindl/Christoph Lieber/Oliver Nachtwey/ Rainer Rilling/Tobias ten Brink . Helle Panke.und in diesen Umwandlungsprozess gilt es einzugreifen. die Mitarbeit über zwei Jahre hinweg einer vielköpfigen Vorbereitungsgruppe.10 Ch. stritten und gingen wieder auseinander . ten Brink und Wissenschaftler (BdWi). WISSENTransfer. Nachtwey/R. Lieber/O. Rilling/T. Bildungswerk Berlin der Heinrich Boll Stiftung e.V.. Der Kongress hätte definitiv nicht stattgefunden ohne die Arbeit von Sarah Bormann und Henning Füller.auf ein mögliches Wiedersehen. und schließlich Stiftungen wie Rosa Luxemburg. Ihnen allen sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt! Das Gros der folgenden Analysen zur Kritik des neuen Kapitalismus geht auf diese Debatte zurück. dass die kapitalistische Gesellschaft »kein fester Kristall.

1 . Es waren die besonderen Umstände der 1990er Jahre . auch wenn diese intellektuelle Renaissance bereits vor der Regierungsübernahme durch George W. auf dem ich die wesentlichen Argumente zum ersten Mal vortrug. siehe auch Lenin 1917 und Bucharin 1915 für die Originaltexte). in erster Linie begrifflichen Beitrag dieser Art ist ein gewisses Maß an Stilisierung angemessen. Dieser Theorieansatz In einem solchen kurzen.speziell das Zusammentreffen der konkurrenzlosen Hegemonie der Vereinigten Staaten mit dem um sich greifenden Globalisierungsdiskurs die unter marxistischen Theoretikern eine erneute Fokussierung auf den Imperialismus hervorriefen (siehe z.) Mein Dank gilt Alex Anievas.B. Oliver Nachtwey und Justin Rosenberg für ihre Kommentare zum Entwurf des vorliegenden Beitrags sowie Duncan Bell und anderen Teilnehmern am Cambridge International Political Seminar. Denn die meisten Autoren waren sich darin einig. In Wirklichkeit war die Theorie von Lenin und Bucharin keineswegs die einzige marxistische Sichtweise zurzeit der Zweiten und Dritten Internationale: Rosa Luxemburg vertrat eine Erklärung. Sam Ashman. Bush begann. ein toter Hund sei (Halliday 2002 bildet hier eine Ausnahme.Lenin implizit ablehnte und Bucharin explizit kritisierte (siehe Luxemburg/Bukharin 1972. Dennoch bietet der Lenin-Bucharin-Ansatz einen nützlichen Rahmen. wie sie während des Ersten Weltkriegs von Lenin und in einer erheblich verfeinerten Version von Bucharin vorgelegt worden war.nämlich die in ihrer Die Akkumulation des Kapitals entwickelte Zusammenbruchstheorie .Alex CalIinicos Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? Die Debatte über den neuen Imperialismus Es ist mittlerweile ein Klischee zu sagen. die sich in weiten Teilen unterschied und deren Prämissen . dass der von der Bush-Regierung verkündete »lange Krieg« gegen den Terrorismus die Rückkehr des Imperialismus mit aller Macht eingeläutet hat. Rupert/Smith 2002 für eine brauchbare Übersicht theoretischer Perspektiven). um die Positionierungen in der gegenwärtigen marxistischen Debatte über den Imperialismus 1 miteinander zu kontrastieren. Natürlich war die Wiederaufnahme der Debatte keine bloße Wiederholung. Damit einher ging ein Wiederaufleben marxistischer Literatur über den Imperialismus. dass die Imperialismustheorie.

drei Positionen auszumachen. 2004. Diese Behauptung stieß auf entschiedenen Widerspruch. dass der Kapitalismus das Staatensystem zwar braucht. Wichtig an dieser Stelle ist. 2003). sondern das Kapital transnational in einer Weise integrieren würde. an deren Ende der Erste Weltkrieg stand. wobei die Gegner ihrerseits unterschiedliche Sichtweisen des gegenwärtigen Imperialismus vertreten. in der die Konzentration und Zentralisation des Kapitals jenen von Hilferding so bezeichneten »organisierten Kapitalismus« auf nationaler Ebene hervorgebracht hatten und nun im (von Bucharin stärker als von Lenin hervorgehobenen) Verschmelzen des staatlichen mit dem privaten Kapital gipfelten. am systematischsten von Leo Panitch und Sam Gindin entwickelt. . Zum einen gibt es diejenigen.deren Bewertung die Marxisten jener Zeit im Allgemeinen teilten -. dass der Kapitalismus heute sowohl wirtschaftlich als auch politisch in transnationaler Weise organisiert sei. Toni Negri und William Robinson. Callinicos 1991).12 Alex Callinicos leistete zweierlei: Erstens bot er eine Beschreibung der zu Beginn des 20. In dieser sind. dass der zweite Punkt ihres Ansatzes als Vorlage dienen kann. es den USA nach dem Zweiten Weltkrieg aber gelungen sei. die nunmehr jene Staaten dominierten. dass das zwischenstaatliche System. die geopolitischen Rivalitäten unter den Großmächten. das seit einigen hundert Jahren zunächst in Europa. Dies ist nicht der richtige Ort für eine eingehende Würdigung der Stärken und Schwächen der Theorie Lenins und Bucharins (vgl. nimmt an. dann weltweit den strukturellen Kontext für geopolitische Rivalitäten bildete. wonach der Prozess der »Organisation« an den nationalen Grenzen nicht halt machen. die den Krieg aus kapitalistischer Perspektive irrational erscheinen lassen musste (Callinicos 2002). Jahrhunderts erreichten spezifischen Phase der kapitalistischen Entwicklung . Die sich unmittelbar daraus ergebende Schlussfolgerung ist. als Folge des wirtschaftlichen und territorialen Wettkampfs unter den »staatskapitalistischen Trusts« zu erklären. grob gesagt. Callinicos 1987: 79-88. weder inhärent notwendig noch länger erforderlich für das Funktionieren kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist. In Anbetracht dieser beiden Theoriebestandteile kann man gut den Zorn nachvollziehen. um die gegenwärtigen Debatten einzuordnen. namentlich seitens Ellen Woods (Wood 2002 u. So behaupten Michael Hardt. die eine Spielart von Kautskys Argument vertreten. Eine zweite Argumentationslinie. Robinson 2004). dass geopolitische Konflikte unter den führenden kapitalistischen Staaten obsolet sind (Hardt/Negri 2000 u. mit dem Lenin und Bucharin Karl Kautskys Theorie des Ultraimperialismus (Kautsky 1914) begegneten. Zweitens unternahm er den Versuch. Eine untergeordnete Prämisse lautet.

Weder die Krise der 1970er Jahre. Serfati 2004). Es wäre wohl fair zu sagen. die Theorie der ultraimperialistischen Kooperation unter den führenden kapitalistischen Staaten«. .Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 13 ein »informelles Imperium« zu gründen. bestehend aus Westeuropa. die sich mit seiner Behauptung. Gowan 1999. so Panitch/Gindin. Diese Argumentationslinie impliziert eine gleiche Schlussfolgerung wie die von Hardt/Negri und Robinson. Der globale Kapitalismus hat die Ära der ökonomischen Krisen. in die er in den ausgehenden 1960er und beginnenden 1970er Jahren eingetreten ist. Nordamerika und Ostasien. 2004b u. 2005). vgl. bislang nicht hinter sich gelassen (Brenner 1998 u. noch das irakische Missgeschick hätten die Vorrangstellung Amerikas entscheidend geschwächt. dass die eine oder andere Spielart dieser letzteren Argumentationslinie unter linken Intellektuellen großen Anhang hat. Chris Harman. Ray Kiely vertritt eine Spielart dieser Theorie. Harvey 2005. die so genannte Triade. Sie liegt beispielsweise der redaktionellen Ausrichtung der Zeitschrift New Left Review zugrunde. deren prominentester Vertreter David Harvey ist. Peter Gowan. Claude Serfati und der Autor dieser Zeilen befinden (Bello 2005. Rees 2006. insofern von Hardt/Negri unterscheidet. (eine äußerst ungelegene Entwicklung für Hardt/Negri. nämlich dass die geopolitische Konkurrenz sich überlebt hat. unter denen sich aber auch Waiden Bello.. Callinicos 2003. das die anderen führenden kapitalistischen Staaten letztlich der amerikanischen Hegemonie unterordnet (Panitch/Gindin 2004a. John Rees. die die amerikanische Hegemonie für die übrigen führenden kapitalistischen Klassen mit sich bringt. (Kiely 2006) Beide Sichtweisen werden von einer dritten Gruppe infrage gestellt. Harman 2003. Sie deckt sich mit der Behauptung amerikanischer Macht unter Bush-Jr. sodass »die brauchbarste klassische marxistische Theorie zum Verständnis der Gegenwart die Kautskys ist . Allerdings betont er die Vorteile. Grob umrissen vertreten sie folgende Thesen: 1. 2003). »die zunehmende Globalisierung des Kapitals bedeutet nicht die Erosion des Nationalstaats oder das Ende des hierarchischen nationalstaatlichen Systems«. Boron 2005) und sie zeichnet sicherlich ein ganz treffliches Bild von der Machtasymmetrie zwischen den USA und den übrigen Staaten seit dem Ende des Kalten Krieges. welche die japanische und westdeutsche Konkurrenz zu den USA maßgeblich mit verursachte. 2.. Eine wichtige Dimension dieser Krise ist die Verteilung des entwickelten Kapitalismus auf drei konkurrierende Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht. die Kiely die »Theoretiker des neuen Imperialismus« tituliert (2005: 32-34).

Seine historische Kritik des Lenin-Bucharin-Ansatzes (vgl. In der Konsequenz und trotz der realen Machtasymmetrie zwischen den USA und anderen führenden kapitalistischen Staaten gibt es bedeutende Interessenskonflikte unter ihnen (und mit anderen Staaten wie Russland oder China). was Kiely im Endeffekt tut. Mein Ausgangspunkt ist der einer relativen Sympathie für den Lenin-Bucharin-Ansatz. da >lokale< Konflikte scheinbar restlos von den globalen imperialen Konflikten (der Großmächte) bestimmt werden. dass der geopolitische Konflikt in der Zeit nach dem Kalten Krieg fortdauert. das wäre aber kein Grund. Vielleicht sollte ich zunächst einige Bemerkungen über meine eigene Herkunft voranstellen. sich ihre Dominanz aber wahrscheinlich im »Endstadium« befindet. Lenin und Bucharin bloß zu wiederholen. Kiely 2005: 30-4 u. Arrighi 2005a u. ihre Existenz zu leugnen. Er wirft den »Theoretikern des neuen Imperialismus« vor. ist letztendlich eine empirische und historische Frage.a. Der bedeutendste zeitgenössische Vertreter der Weltsystemtheorie. In diesem Beitrag habe ich mir das Ziel gesetzt. die im Kontext eines fortgesetzten »langfristigen Abschwungs« wahrscheinlich in geopolitische Auseinandersetzungen münden werden.Frieden sei mit manchen denkfaulen Kritikern . 2006) 2 . Vgl. Daher . Ein Beispiel: »Der Kleinmachtimperialismus des irakischen Regimes im Jahre 1991 wird in diesen Schilderungen kaum erwähnt. 2005b. überspannt mühelos alle drei Positionen: Er verwirft zwar die Prämissen Hardt/Negris.ist meine Position nicht einfach eine Neuformulierung oder Verteidigung der Theorien Lenins und Bucharins. der Saddam Husseins Irak als prominentes Beispiel behandelt (siehe Callinicos u. 3 Auch Harveys Analyse in Der neue Imperialismus (2005) ist Diese Klassifizierung der gegenwärtigen Debatte ist keineswegs erschöpfend. Überarbeitung und Verfeinerung rufen. Der Analyse fehlt daher eine überzeugende Darstellung des Vorgangs der Staatenbildung und -entwicklung und der primitiven Akkumulation in der Peripherie. zu dem ich eine überarbeitete Fassung von Callinicos 1991 beitrug. 2006. die in ihrer Übersicht über den »Imperialismus nach dem Kalten Krieg« einen ausgedehnten Abschnitt über den »Aufstieg von Subimperialismen in der Dritten Welt« enthält. bei gleichzeitiger Anerkennung. 1994: 45-54). Panitch/Gindin 2006). einige theoretische Probleme zu beleuchten. dass die USA gegenwärtig hegemonial seien. um Kritiken an Harveys und meinen eigenen Ansichten besser begegnen zu können.« (Kiely 2005: 33) Als Beleg für diese Herangehensweise beruft sich Kiely auf einen Sammelband. teilt aber deren Schlussfolgerung (dass geopolitische Rivalitäten obsolet seien) und behauptet gleichzeitig.14 Alex Callinicos 3. Wer Recht behalten wird in dieser und anderen Fragen. 2 Diese dritte Schule unterscheidet sich von den beiden ersteren durch ihre Behauptung. Ich selber habe diesen Gedanken im Rahmen einer Debatte mit Panitch/Gindin mit Nachdruck vertreten (Callinicos 2005c u. dass dessen Beschränkungen nach Kritik. 3 Kiely ist ein Beispiel für diese Art denkfauler Kritik. Giovanni Arrighi. Diese Analyse mag unzureichend sein.

Die gegenwärtige Debatte sieht meistens in der Frage nach dem Fortbestehen interimperialistischer Rivalitäten eine der Hauptkontroversen. 4 Theoretiker des Realismus wie John Mearsheimer tendieren dazu. ob zwischenstaatliche Konflikte nicht auch andere Formen als die eines allgemeinen Krieges zwischen Koalitionen der mächtigsten Staaten annehmen können. dabei hat dieser jedoch den Nachteil. und daher die Vielfalt der Interessen und der Verflechtungen von Staatsbeamten hervorhebt. wie sie zwischen den 1890er Jahren und 1989-91 vorherrschten. diese Frage auf der abstrakteren Ebene des Fortbestehens geopolitischer Konkurrenz zu stellen.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 15 offensichtlich eine Fortentwicklung . bevorzuge ich den weitgefassteren Begriff der geopolitischen Konkurrenz. 4 bezieht sich auf Phänomene. Für meinen Teil ziehe ich es vor. hat eine solch einengende Hypothese nicht nötig. Zweifler an der geopolitischen Konkurrenz wie Toni Negri haben dann leichtes Spiel mit ihrem scheinbar unschlagbaren Einwand. Eine marxistische Herangehensweise. (Mehr über Harvey in: Ashman/Callinicos 2006. interstaatliche Beziehungen im globalen Akkumulationsprozess zu orten. Gebietsansprüche. theoretische Differenzen dermaßen karikaturenhaft darzustellen. .) Diese Bemerkung führt mich zum ersten Gegenstand einer notwendigen Klärung. Das mag ein guter rhetorischer Zug sein. Anzumerken wäre hier. dass er sich gezwungen sieht.seiner bereits in The Limits to Capital (1982) formulierten und erweiterten Marxschen Theorie der kapitalistischen Produktionsweise. Viele seiner konkreten Schilderungen der gegenwärtigen globalen politischen Ökonomie sind in meinen Augen nicht zu beanstanden . zwischenstaatliche Konflikte mit der Polarisierung des Staatensystems in große Machtblöcke gleichzusetzen. 2001). Callinicos 1987: 79-88 u. zwischenstaatliche Konkurrenz auf die Konkurrenz in Sicherheitsfragen zu reduzierens (siehe Mearsheimer 1994/1995 u. ob denn Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union heute vorstellbar sei. wie interimperialistische Rivalitäten und Kriege einen Ausweg zur Lösung von Überakkumulationskrisen bieten können.in einem breiteren »geo-historischen« Rahmen .schade nur. 1991: 13-26). die den »Theoretikern des neuen Imperialismus« geläufig sind (vgl. Ressourcen und Einflusssphären einschließt. beantwortet aber nicht die Frage. Da dies offensichtlich doch der Fall sein kann. der alle zwischenstaatlichen Konflikte in Bezug auf Sicherheit. Die aus der Theorie Lenins/Bucharins hergeleitete marxistische Diskussion verleiht dem Ausdruck »interimperialistische Konkurrenz« zwar einen beinahe offiziellen Status. aus zwei Gründen. die sich das Ziel setzt. dass schon dieses frühe Werk mit einer Schilderung schließt.

2004). Neuerdings sind sogar einige marxistische Theoretiker. das Problem im Lichte der Beziehungen zwischen dem Kapitalismus und dem Staatensystem neu zu formulieren. je weniger ihre Ausübung gegen die Untertanen Einschränkungen unterliegt. brauchte der souveräne Territorialstaat kapitalistische Eigentumsverhältnisse und die aus ihnen resultierende Trennung des Politischen vom Ökonomischen zu seiner Vervollkommnung. die ihre Grundannahmen teilt. Teschke 2003). so ihre (früheren marxistischen Interpretationen des Absolutismus widersprechende) Argumentationslinie. die ihrerseits noch nicht Ausdruck des Übergangs zum Kapitalismus gewesen seien. Die despotische Macht eines Staates ist umso größer. Michael Mann und Theda Skocpol als auch Theoretiker der Disziplin der Internationalen Beziehungen in der einen oder anderen »realistischen« Tradition haben Marxisten vorgeworfen. Lachers und Teschkes Argumentationslinie beruht teilweise auf einer unzulänglichen Sichtweise der Entwicklung des Kapitalismus (Harman 1989 u. dass der zwischenstaatliche Systeme kennzeichnende Wettbewerb ein überhistorisches Phänomen ist. diesen Kritikern ein Stück weit entgegengekommen. so Wood (vgl. wie von den Weberianern und Realisten behauptet. Auch wenn das moderne Staatensystem dem Kapitalismus voranging. Ihre zweite Schlussfolgerung im vorangehenden Absatz wird zumindest von einer Theoretikerin. abgelehnt (Wood 2002). Die infrastrukturelle Macht eines Staates hingegen ist ein . die sich auf die der Klassenausbeutung nicht reduzieren lässt. Das hat den Vorzug. der im Prinzip auf es verzichten könnte (Lacher 2002. dass erstens das moderne Staatensystem zwar kein überhistorisches.16 Alex Callinicos Die so konzipierte geopolitische Konkurrenz kennzeichnet eine der wichtigsten Formen der Wechselbeziehungen zwischen den Einheiten des Staatensystems. Sie argumentieren. die ihrer Herrschaft unterliegen. dass zweitens das Staatensystem folglich nur bedingt mit dem Kapitalismus zusammenhängt. Sowohl weberianische historische Soziologen wie Anthony Giddens. auch Rosenberg 1994). welches einer Logik gehorcht. darunter Hannes Lacher und Benno Teschke. 1993) ergänzt werden. sehr wohl aber ein vor der Vorherrschaft des Kapitalismus entstandenes Phänomen sei .aus der Zeit der inmitten der Krise der feudalen Eigentumsverhältnisse aufkommenden absolutistischen Staaten. nämlich von Ellen Wood. desto abhängiger wird sie von einem Staatensystem für die Gewährleistung einer umfassenden Verwaltung derer. Woods Argumentationslinie kann um Manns Unterscheidung zwischen despotischer und infrastruktureller Macht von Staaten (Mann 1986 u. nicht sehen zu wollen. Je global integrierter die kapitalistische Entwicklung sich vollzieht.

warum diese Funktion von einer Pluralität von Staaten ausgeübt werden sollte. die sich allerdings auf ein relativ beschränktes Gebiet um die Hauptstadt konzentrierte. das Leben all seiner Untertanen tatsächlich zu regulieren. dass diese Fähigkeiten heute von souveränen Territorialstaaten ausgeübt werden. Diese Argumentation wirft zwei Schwierigkeiten auf. dass die Ortung einer unverzichtbaren Funktion zur Erzielung bestimmter Effekte allein keine Erklärung dafür liefert. . Stattdessen sind es transnationale politische Netzwerke . -. Um es nochmals zu wiederholen: Selbst wenn man einräumt. dass die Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse von der Ausübung jener staatlichen Fähigkeiten abhängen.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 17 Ausfluss seiner Fähigkeit. Man könnte also Woods Position neu formulieren und behaupten. Erstens leidet sie unter dem. sondern diese sogar voraussetzt. NGOs usw. Mit anderen Worten geht sie von den Bedürfnissen des Kapitals aus und schließt hiervon auf die Existenz des Staatensystems. Zweitens bleibt immer noch die Frage. scheinen ebenfalls angreifbar. internationale Behörden. Einzug von Steuern) eine enorme infrastrukturelle Macht. dass der Kapitalismus eine wesentlich ausgedehntere Verwaltung von Bevölkerungen sowohl erleichtert als auch erfordert. die sie despotisch ausüben können oder auch nicht. was Vivek Chibber »weichen Funktionalismus« nennt (Chibber 2005: 157). dass die kapitalistische Reproduktion staatlicher Fähigkeiten bedarf. die Mann als infrastrukturelle Macht kennzeichnet. So hatten die Herrscher der antiken Großmächte enorme despotische Macht. nur lehnen sie die Vorstellung ab. dass die kapitalistische Herrschaft nicht nur die von der Pluralität der Staaten ausgeübte infrastrukturelle Macht ermöglicht. auch wenn wir einräumen. warum diese Funktion eine spezifische Form annehmen sollte. Harvey und ich haben unabhängig voneinander ganz ähnliche Konzepte des kapitalistischen Imperialismus als Ausfluss des Zusammenspiels kapitalistischer und territorialer Machtlogiken einerseits bzw. moderne Staaten hingegen besitzen dank ihrer bürokratischen Organisation und der durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse erleichterten extrahierenden Fähigkeiten (z. die die Beziehung zwischen Kapitalismus und dem Staatensystem als notwendig erachten. als es frühere Produktionsweisen taten (Callinicos 2004b). warum sollte deren Ausübung einer Pluralität von Staaten zufallen? Auch andere marxistische Herangehensweisen. Das veranschaulicht eines der allgemeineren Probleme des harten wie des weichen Funktionalismus. Hardt/Negri sind sich absolut im klaren darüber. die ihnen zufolge die neue »imperiale Souveränität« ausmachen.transnationale Konzerne.B. nämlich.

Könnte dies nicht zu einem Missbrauch von Erklärungen führen..« (Callinicos 2003: 105-06) Es mag anstößig erscheinen. dass »die Bush-Doktrin nicht einfach als Reflex der Geschäftsbeziehungen der Regierung interpretiert werden kann. dass Harvey einer instrumentalistischen Vorstellung des Staates unterliege. geopolitische Strategien von Staaten auf Wirtschaftsinteressen zu reduzieren. geschweige denn mit der allgemeinen Analyse der Globalstrategie der BushRegierung in The New Mandarins of American Power (2003). wenn ich mich so ausgiebig zitiere.. dass in bestimmten Zusammenhängen die territoriale Logik scheinbar Vorrang vor der ökonomischen gewinnt. Es hat mit der Karikatur meiner und ähnlicher Ansichten zu tun. 5 Die wirkliche Herausforderung für Harveys und meine Position ist nicht. 5 . versucht aber nicht. die schlecht mit dem oben zitierten Auszug in Übereinstimmung gebracht werden kann.) Im gleichen Sinne argumentiere ich. Sie stellt vielmehr ein mehr oder weniger zusammenhängendes Projekt zur Aufrechterhaltung und Stärkung der US-Hegemonie dar. (Harvey 2005: 36f. Einer der Vorzüge dieser Herangehensweise ist es.18 Alex Callinicos wirtschaftlicher und geopolitischer Konkurrenz andererseits entwickelt. Hat der Marxismus dem Realismus nicht bereits ei- Panitch erhob auf dem Internationalen Marx-Kongress in Paris im Oktober 2004 den (genauso unwahrscheinlichen) Vorwurf. als problematisch und oft widersprüchlich (also dialektisch) angesehen werden statt als funktionell oder einseitig«. Die marxistische Theorie des Imperialismus analysiert die Formen. Allgemeiner ausgedrückt: Während der gesamten Geschichte des modernen Imperialismus ließen sich die Großmächte von komplexen Mischungen ökonomischer und geopolitischer Beweggründe leiten . diese analytisch verschiedenen Dimensionen aufeinander zu reduzieren. die »die Bush-Regierung im Licht ihrer Funktionalität für das US-Kapital versteht« (Kiely 2006)... eine Auslegung. in denen geopolitische und wirtschaftliche Konkurrenz im modernen Kapitalismus mittlerweile miteinander verflochten sind. So schreibt Gonso Pozo: »Zwei separate Logiken werden vorausgesetzt. sondern gerade das Gegenteil. die auf Themen wie nationales Interesse oder Machtgleichgewicht fußen? .. unter anderem. dass sie jedem Versuch aus dem Weg geht. In Harveys Worten sollte die »Beziehung zwischen diesen beiden Logiken . in dem Sinne. und so scheint es ohne weiteres möglich. So wird meine Position als eine beschrieben. aus der dieser Auszug stammt.. die.. eine ökonomische Dimension besitzt .. dass sie etwa unter ökonomischem Reduktionismus leide. den realistischen Ansatz zu bekräftigen.

1.die der Arbeitskraft von den Produktionsmitteln. nur um zu dessen (teilweisen) Vorzügen zurückzufinden?« (Pozo 2006) Pozo zitiert mich als Paradebeispiel für diese »Zweideutigkeit in Bezug auf den Realismus«. vgl. Dadurch. gedeutet (Pozo 2006. haben wir unter der Hand den Deutungspluralismus Webers und der historischen Soziologen wie Mann und Skocpol wieder aufgegriffen. Die Behauptung. da der Deutungspluralismus. Callinicos 2005b). was den Verkauf ersterer an das Kapital zu Bedingungen nach sich zieht.voraussetzen. wie sie für den Realismus in den Internationalen Beziehungen kennzeichnend sind. einen Umweg über Marx' Theorie der kapitalistischen Produktionsweise zu nehmen. 6 . wie er sie im Kapital. Bei Marx sind zweierlei Trennungen kennzeichnend für kapitalistische Produktionsverhältnisse . Ein Artikel von mir über den Irak wird »als marxistische Interpretation. die Anievas 2005 und Robert Brenner (auf einer seinem Werk gewidmeten Konferenz in London im November 2004) erheben im Wesentlichen gleichlautende Vorwürfe. Diese Kritik kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Harveys und mein Konzept des Imperialismus können lediglich formal in einen marxistischen Rahmen gepresst werden.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 19 nen ausreichenden Schlag versetzt. dass die beiden Logiken sich überschneiden und miteinander interagieren. oder Skocpols Ansicht von zwei relativ autonomen und kausal gleichwertigen transnationalen Dimensionen der Weltwirtschaft und des zwischenstaatlichen Systems (Mann 1986: Kap.6 Geopolitische Konkurrenz und die Logik des Kapitals Diesen Vorwurf muss man sehr ernst nehmen. entwickelte. es gestattet.die wirtschaftliche und die geopolitische . dem wir in Wirklichkeit huldigen. die sich an vielen Stellen als hervorragende realistische liest«. Ohne eine solche Festlegung sei unsere Position quasi identisch mit Manns Vorstellung von den vier Quellen der Macht (ideologische. wirtschaftliche und politische). Dafür ist es notwendig. er ist aber widerlegbar. sagt nichts aus über die relative Vorrangstellung der einen vor der anderen. dass wir zwei verschiedene Logiken oder Formen der Konkurrenz . auf verdinglichte Konzepte des nationalen Interesses und Ähnliches zurückzugreifen. Skocpol 1979). Harvey und ich haben sich folglich dem ökonomischen Reduktionismus und einer instrumentalistischen Vorstellung vom Staat entzogen. militärische. zahlen aber dafür einen hohen Preis. unvollständig.

die Entstehung kapitalistischer Produktionsverhältnisse verleiht jenen Staaten. um diese Investitionen zu organisieren und die zu ihrer Finanzierung erforderlichen Mittel zu mobilisieren. Daraus folgt. Aber . um Zugang zu den Subsistenzmitteln zu erlangen (Brenner 1986). die Wirtschaftsakteure. als weder die Ausbeutenden noch die Ausgebeuteten besonderen Anreiz hatten. wie Mann es darstellt.eine Konsequenz ökonomischer Mechanismen ist. verfolgen müssen. Das bedingte Investitionen in Truppen und Waffen ebenso wie die effektivere politische Organisation der Anwesen. dann England in der Frühmoderne) einen punktuellen Vorteil im Prozess der zwischenstaatlichen Konkurrenz. aber in Konkurrenz untereinander interagieren. dass die charakteristischen Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise . in ers- . die in ihrer Gesamtheit die Produktionsmittel beherrschen. die Profitabilität zu maximieren und Kapital zu akkumulieren. geht die geopolitische Konkurrenz dem Kapitalismus historisch voraus. wie er sie nennt (Brenner 1983: 37-41).20 Alex Callinicos zu ihrer Ausbeutung führen. bot sich der herrschenden Klasse die territoriale Ausdehnung .Ausbeutung der Lohnarbeit. in denen sie vorherrschen (zunächst den Niederlanden. Wie sowohl die Weberianer als auch Marxisten wie Lacher und Teschke hervorheben. Robert Brenner hat eine wichtige Analyse der »politischen Akkumulation« geliefert. und die der »vielen Kapitalien«. So gesehen kann die Entstehung des kapitalistischen Imperialismus als Transformation der den kapitalistischen Produktionsverhältnissen zugrundeliegenden Konkurrenz betrachtet werden. sondern war eine Folge der für die feudalen Eigentumsverhältnisse spezifischen »Reproduktionsregeln«.als wichtigstes Mittel an. ihre Einkünfte durch die Einführung produktivitätssteigernder technologischer Erneuerungen zu erhöhen. in der Konkurrenz eine unverzichtbare Rolle spielt (eine gute Behandlung des Themas Konkurrenz im Kapital in jüngerer Zeit findet sich in: Arthur 2002). In vorkapitalistischen Produktionsweisen (besonders dem Feudalismus). in Klassen organisiert und im Rahmen eines vorgegebenen Systems der Eigentumsverhältnisse. womit jene Strategien gemeint sind. wie Brenner sie nennt. Die Entstehung des zwischenstaatlichen Systems im Europa des späten Mittelalters und der beginnenden Moderne war daher nicht einfach die Folge unmittelbarer Erfordernisse militärischer und politischer Macht.wobei Grundherren die Landgüter anderer Grundherren mitsamt ihren Bauern erbeuteten . was wiederum die einzelnen Produktionseinheiten unter systematischen Druck setzt. Akkumulation und Krisen . ihre materielle Lage zu verbessern.hier gehe ich weiter als Brenner .

Internationaler Handel. Allerdings nahm er die drei letzten »Bücher«. das erste dieser sechs »Bücher«. den Platz. insbesondere um genauer zu umreißen. Jahrhundert die von Bucharin hervorgehobenen Trends einer zunehmenden Konzentration wirtschaftlicher Macht innerhalb der nationalen Grenzen einerseits sowie der Internationalisierung des Handels und der Investitionen andererseits die Einzelkapitalien zunehmend abhängig von der Unterstützung ihrer jeweiligen Nationalstaaten zur Durchsetzung ihrer Interessen. Dussel 2001). 2.« (Marx 1858. Jahrhundert (McNeill 1982: Kap. auch nicht das über den Staat. von denen der militärische Erfolg nun abhing.4. 3. Parallel dazu machten im ausgehenden 19. 6. Sie scheint mir heute noch richtig zu sein. in welchem Sinne behauptet werden kann.und Transportsysteme zu entwickeln. Dieser Vorteil war bereits vor der Entwicklung des industriellen Kapitalismus zugegen. Diese hier nur kurz umrissene historische Argumentationslinie habe ich zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren entwickelt (Callinicos 2004a: §4. 5. bedarf allerdings eines präziseren theoretischen Fundaments. dass die geopolitische Konkurrenz unter die Konkurrenz zwischen Kapitalien subsumiert wurde und dadurch zu einer Variation letzterer geworden ist. Bd. ihre Aktivitäten zu finanzieren und zu organisieren (siehe beispielsweise Brewer 1989). Staat. Dafür ist es erforderlich. dass die zwischenstaatliche Konkurrenz unter die zwischen den Kapitalien subsumiert wurde. siehe auch Carling 1992: Teil I). um im eigenen Land die hochtechnologischen Waffen. 4.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 21 ter Linie dank der spektakulär gestiegenen Kapazitäten jener Staaten. mit dem Ergebnis. Diese Prozesse bewirkten eine wachsende gegenseitige Abhängigkeit von Staat und Kapital. 7 u. Vom Kapital. Nach Marx' ursprünglichem Konzept sollte seine Kritik der politischen Ökonomie »zerfallen in 6 Bücher: 1. den der Staat in Marx' eigenem theoretischen Diskurs im Kapital einnimmt. kapitalistische Produktionsverhältnisse zu fördern. trat der kapitalistische Imperialismus in Erscheinung. große Teile des erst für Buch 2 und 3 vorgesehenen Materials über Lohnarbeit und Grundeigentum einfließen zu lassen. Grundeigentum. Kommentatoren sind sich nicht einig. 8) auf einmal alle Staaten ein unmittelbares Interesse. niemals vollendet. Als dieser Vorgang zu einer historischen Realität wurde. Ende des 19. nicht wirklich in Angriff. ob er seinen umfassenderen Plan aufgegeben hat oder nicht (vgl. allerdings hatten mit der »Industrialisierung des Kriegs« im 19. Rosdolsky 1977. Lohnarbeit. was auch immer er mit ihnen vorhatte. in: MEW. Jahrhunderts. und die von ihm angewandte Methode zu betrachten. Nach meinem Dafürhalten sah sich Marx gezwungen. Weltmarkt. als er das Kapital zu schreiben begann. 29: 312) Bekannterweise hat er das Kapital. Aber .

die nicht auf die Eigenschaften vorher eingeführter Bestimmungen reduzierbar sind. von der ökonomischen Konkurrenz . die Pozo als Gegenargument gegen Harveys und meine Konzeptualisierung des Imperialismus anführt. So analysiert Band I die Schaffung von Wert und Gewinnung von Mehrwert im Produktionsprozess. Mit anderen Worten sind die im Verlauf des Kapitals entwickelten Komplexitäten nicht irgendwie bereits in den zu Beginn des Buchs dargelegten Konzepten von Ware. Band III. Daher ist die Tatsache. »enthalten«. abstrakter und konkreter Arbeit usw. ein marxistisches Verständnis des Staatensystems zu entwickeln. um entstehende Probleme in früheren Phasen der Analyse zu überwinden. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Stufen ist nicht deduktiv. Diese Herangehensweise kann bei dem Versuch. Marx' fehlendes Buch über »den Staat« zu schreiben. die auf die zuvor vorausgesetzten Bestimmungen nicht reduzierbar sind. wie Colin Barker in der Staatsdebatte der 1970er Jahre hervorhob. Gebrauchswert. in der die aufeinanderfolgenden Stufen steigende Komplexitätsgrade darstellen. eine zufriedenstellende Theorie der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln. Diese Bestimmungen werden durch ihren Platz in der allgemeinen Argumentation begründet. (Für eine erheblich umfassendere Behandlung des Wesens und der Schwierigkeiten dieser Herangehensweise siehe Callinicos 2001 u. die zur Entstehung einer allgemeinen Profitrate führen und zur Differenzierung des Mehrwerts in verschiedene Einkunftsarten . 2005a). nämlich dass die geopolitische Konkurrenz eine eigene. allesamt Vorgänge. dann auf verschiedene Spielarten des Kapitals (produktives. ist. Bekanntlich ist das Kapital als mehrstufige theoretische Struktur konzipiert. dass kapitalistische Staaten immer im Plural existieren: Barker 1978). der dem kapitalistischen Wirtschaftssystem als Ganzes gewidmet ist.22 Alex Callinicos er entwickelte eine Methode der Theoriekonstruktion. die für die Annäherung an das hier diskutierte Problem relevant ist. besitzt eine Bestimmung spezifische Eigenschaften. jede besitzt aber ihre spezifischen Eigenschaften.Profit des produktiven Kapitals und Profit des Handelskapitals. Vielmehr werden neue und komplexere Bestimmungen nach und nach eingeführt. zeichnet die Aufteilung des Mehrwerts nach. zunächst auf verschiedene Einzelkapitalien.und Handelskapital) und auf das Grundeigentum. (Einer der vielen Gründe. Wie ich bereits anmerkte. Geld. Mit anderen Worten muss man den Staat als gesonderte Bestimmung begreifen (oder vielmehr als Zusammenhang von Bestimmungen) innerhalb des weitergefassten Vorhabens. Zinsen und Grundrente (Mosley 2002). warum niemand den Versuch unternehmen sollte. herangezogen werden.

was diese Methode uns in diesem Falle erwarten lässt. Von entscheidender Bedeutung ist es. in denen sich Marxisten und Realisten auf der gleichen Seite der Barrikade wieder finden werden . das Staatensystem als gesonderten Zusammenhang von Bestimmungen im Rahmen einer weitgefassten Theoretisierung der kapitalistischen Produktionsweise als gegeben hinzustellen. dass jeder marxistischen Analyse internationaler Beziehungen und Konjunkturen ein »realistisches« Moment innewohnt. den tendenziellen Fall der durchschnittlichen Profitrate. Offenkundig hat das Staatensystem charakteristische Merkmale. die Konstruktivisten und andere anbieten. um die innewohnenden Tendenzen. einen eigenständigen Beitrag zu einem Verständnis der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung leistet.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 23 divergierende Logik besitzt. der uns zu einer unkritischen Verdinglichung von Konzepten verleiten sollte. Ein Beispiel für eine realistische Herausforderung in diesen beiden Fragen findet sich in: Mearsheimer 1994/1995. auf die realistische Theoretiker wie Kenneth Waltz und John Mearsheimer zurückgreifen. dass trotz der durchaus gerechtfertigten Kritik am Realismus. Berechnungen und Interaktionen von Staatsbeamten immer im Kontext der Krisentendenzen und Klassenauseinandersetzungen zu behandeln. Das ist aber noch lange kein Grund. wo Harvey. die dem Kapitalismus in jedem Stadium seiner Entwicklung innewohnen. konkurrenzbezogene Strukturen heranzuziehen. die Strategien. den Erfolg von Der neue Imperialismus.a. Das erklärt u. sah sich Marx im Laufe der Neuformung seiner Konzepte und der Ausarbeitung seiner Argumente für die aufeinanderfolgenden Entwürfe des Kapital zunehmend genötigt. indem er die Handlungen der Bush-Regierung in diesem Sinne einbettet. die etwa Justin Rosenberg (1994) erhebt.beispielsweise in der Ablehnung übertriebener Hoffnungen auf zwischenstaatliche Harmonie nach dem Ende des Kalten Krieges und in der Kritik idealistischer Konzepte der internationalen Beziehungen. Wie Jacques Bidet anmerkt. dass eine genaue marxistische Analyse sich dadurch auszeichnet. erklären zu können (Bidet 2000). Um das wichtigste Beispiel. der in Marx' Krisentheorie eine zentrale Rolle spielt: Dieser ist als eine Folge der Aus dieser Position folgt. genau das. 7 Es reicht jedoch nicht aus. die er dem Kapitalismus zuschrieb. ich oder andere mit einem ähnlichen Standpunkt diesen Fehler begangen haben. Kritiker sollten konkrete Beispiele dafür liefern. herauszugreifen. 7 . anstatt vage Warnungen auszugeben. das Kalkül und das Zusammenspiel der rivalisierenden politischen Eliten im Staatensystem zu berücksichtigen. weil Harvey. Eine derartige Analyse hat die Strategien. es Streitpunkte geben wird. Eine Folgerung dieser Feststellung ist.

wie Makrotendenzen dank der Anreize wirksam werden. von dem er abhängt. aber der Staat hat sehr wohl ein Interesse . wie Block. aus den vorkapitalistischen Vorgängen der »politischen Akkumulation« geerbten historischen Umstand? Oder ist dem Kapitalismus ein Wesenszug eigen. Diese Argumentationsweise beliefert Marx' Theorie mit »Mikrofundamenten«.zur Aufrechterhaltung seiner eigenen Machtstellung -. die Kapitalien auf der Suche nach einer überdurchschnittlichen Profitrate tätigen. Sam Ashman und ich argumentieren. während die relative Macht eines jeden Staates von den Ressourcen abhängt. die Fred Block in den 1970ern als einer der ersten vertrat. auch wenn sie keine symmetrische Interdependenz zwischen Staat und Kapital als gegeben hinnehmen: »Die Träger der Akkumulation haben kein Interesse. die kapitalistische Verhältnisse individuellen Akteuren aufzwingen.« (Offe/Ronge 1982: 250) Vgl. die den großen Vorzug hat. einen >gesunden< Akkumulationsprozess zu gewährleisten und zu schützen.8 Das alles gibt uns allerdings noch immer keine Antwort auf die Frage nach dem pluralen Charakter des Staatensystems. der. die der Prozess der Kapitalakkumulation generiert (Block 1987). Ein ähnliches Konzept wurde in den 1970er Jahren von Claus Offe und Volker Ronge vertreten. Jede Theorie über den Ort des Staatensystems in der kapitalistischen Produktionsweise muss solche Mikromechanismen nennen können. dass das Zusammenspiel wirtschaftlicher und geopolitischer Konkurrenz nur verstanden werden kann im Lichte der Reproduktionsgesetzmäßigkeiten von zwei Gruppen von Akteuren. so zu handeln. die dann von anderen Kapitalien nachgeahmt werden. die Macht des Staates zu >benutzen<. indem sie aufzeigt. Dieses Argument fußt auf der Idee. für die strukturelle Interdependenz von Staat und Kapital argumentiert. auch Harman 1991. was zu einer allgemeinen Zunahme der Investitionen pro Arbeiter führt und somit zu einer Senkung der relativen Kapitalerträge.24 Alex Callinicos technologischen Erneuerungen zu verstehen. 8 . die Staaten plural zu belassen? In meinen Augen gibt es diese Tendenz: die Tendenz zur ungleichen und kombinierten Entwicklung. zu ihrem Ausgangspunkt die Nicht-Interessensidentität zwischen Kapitalisten und Staatsbeamten zu nehmen. Warum gibt es viele Staaten? Handelt es sich bloß um einen zweitrangigen. Der Kapitalismus tendiert dazu. den Kapitalisten und den Staatsbeamten (Ashman/Callinicos 2006). scheint uns auf die internationale Arena gewinnbringend übertragbar zu sein. Diese Idee. dass die Verfolgung ihrer separaten Interessen beide Gruppierungen in eine gemeinsame Allianz führen wird: Kapitalisten brauchen aus einer Vielzahl von Gründen staatliche Unterstützung. dass sie die diesen Tendenzen zugrundeliegenden Prozesse realisieren.

in: LW. Trusts. militärische und sonstige Stärke.« (Lenin 1917. dass die Formation eines einzigen Weltmonopols infolge der zunehmenden Organisierung des Kapitalismus theoretisch vorstellbar sei. die Rolle. ebenso Japan im Vergleich zu Russland. die die globale Machtverteilung ständig ändert. dass dies nur dann geschieht. viel wichtiger jedoch ist die technologische Innovation. Vor einem halben Jahrhundert war Deutschland. ihre Marktstellung zu verteidigen oder zu verbessern. Die Stärke der Beteiligten aber ändert sich ungleichmäßig. wenn Innovationen verallgemeinert werden. wird es sich notwendigerweise um vorübergehende Arrangements handeln. indem sie über dem Durchschnitt liegende Profitraten anstreben (Extraprofite). in der allerdings der Zugang zu Investitionen und Märkten geographisch extrem ungleich verteilt ist. aber angesichts der Dynamik der kapitalistischen Entwicklung. . denen wahrscheinlich neue Perioden der Instabilität folgen werden. eine klägliche Null.) Diesem Argument liegt Lenins Ansicht zugrunde. Ist die Annahme >denkbar<. Es stimmt. dass das Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Mächten nach zehn.. ihre allgemeinwirtschaftliche. die vermittels Produktivitätssteigerungen die Produktionskosten des Erneuerers unter den Durchschnitt seines Sektors drückt.und Einflussspbären. wenn man seine kapitalistische Macht mit der des damaligen Englands vergleicht. 22: 300f. die dem Kapitalismus seine Dynamik verleiht. genauer zu betrachten. Internationale Vereinbarungen und Kartelle schreiben das momentane Kräfteverhältnis zwischen den kapitalistischen Mächten fest.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 25 die Welt in ein einziges Weltsystem zu vereinen. der Kolonien usw. argumentiert aber. Monopole bilden eine Quelle für Extraprofite. Es ist also die Suche nach überdurchschnittlichen Profiten. finanzielle. Industriezweige und Länder kann es unter dem Kapitalismus nicht geben. eine andere Grundlage als die Stärke der daran Beteiligten. eine politische Analyse auf eine solche Möglichkeit zu stützen. nicht denkbar. die nur nach erfolgtem Kräftemessen in eine neue Korrelation übergeleitet werden können: ». unter dem Kapitalismus ist für die Aufteilung der Interessen. es sei höchst irreführend. dass einzelne Kapitalien gezwungen werden. Lenin räumt ein.. Bd. Es lohnt sich. zwanzig fahren unverändert geblieben sein w i r d ? Das ist absolut undenkbar. dass der Kapitalismus wesensbedingt dynamisch ist und vom Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung reguliert wird. denn eine gleichmäßige Entwicklung der einzelnen Unternehmungen. die dieser Gedanke in Lenins Kritik an Kautskys Theorem des Ultraimperialismus spielt. Beide Ansichten hängen miteinander zusammen. Marx' Analyse der Konkurrenz beruht auf der Idee. wie er es nennt.

sondern auch zu destabilisierenden Verschiebungen ihrer Muster. was . Es ist diese Dynamik. wohnt dem Kapitalismus inne. haben gute Chancen. schwindet. Harvey 2005: 103-109). Ungleichmäßige Entwicklung ist daher eine grundlegende Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise. untergräbt ständig Anstrengungen zur Gründung eines transnationalen Staates. keine kontingente Eigenschaft. und schließlich. Der Erfolg nährt weiteren Erfolg: Die Regionen. Ungleichmäßige Entwicklung. sondern vielmehr zur räumlichen Konzentration von Investitionen. Dieses Argument erhält weitere Nahrung durch Belege. eine ungleichmäßige Entwicklung.) Damit wird allerdings eine erneute destabilisierende Innovationsrunde. Märkten und Fachkräften in gewissen privilegierten Regionen der Weltwirtschaft (Ashman 2006). Natürlich müssen eine ganze Reihe von Umständen. andere wiederum Ausflüsse der jüngeren Geschichte sind (etwa der bleibende Einfluss des japanischen Imperialismus in Ostasien). Die Annahme. dass es einfach auf die politische Sphäre übertragbar sei. die zugleich die Produktivität erhöht und ökonomisch destabilisierend wirkt.26 Alex Callinicos wodurch der Wettbewerbsvorteil des Erneuerers. Natürlich beschränkt sich dieses Argument lediglich auf das Ökonomische. die marxistische Politökonomen zunehmend thematisieren. Die Ausweitung des ostasiatischen Teils der Triade auf die Küstenstädte Chinas widerspricht dieser Analyse nicht. (Wir könnten dies womöglich als den ökonomischen Kern des »Gesetzes« der kombinierten Entwicklung betrachten. es unterstreicht eher das globale Bild ungleichmäßiger Entwicklung als ihm zu widersprechen. eingeläutet. oder besser. und damit auch sein Extraprofit. sodass ihr Vorsprung gefestigt und gar erweitert wird. weiterhin jene Innovationen hervorzubringen. würde meinen Ausführungen weiter oben widersprechen. dass derartig dichte »Cluster-artige« Zusammenballungen kapitalistischer Verhältnisse den Staaten ihre territoriale Basis liefern. dass es sich tatsächlich überträgt: Denn die Tendenz. nicht nur zur ungleichen Entwicklung. die eine solche Konzentration aufweisen. die die Anstrengungen zur Integration »vieler Kapitalien« in eine einzige Einheit ständig untergräbt. aus denen sich ihre Extraprofite speisen. wobei sie die für das effektive Funktionieren der Staatsapparate notwendigen Ressourcen sowohl einfordern als auch zur Verfügung stellen (Harman 1991: 7-10. Allerdings gibt es Gründe für die Annahme. dass die globale Akkumulation nicht zu dem von der neoklassischen Theorie vorhergesagten Abbau wirtschaftlicher Ungleichgewichte führt. immer auf der Suche nach Extraprofiten. Harman und Harvey haben unabhängig voneinander argumentiert. so Lenin. von denen viele eine nicht auf den Kapitalismus zurückzuführende Vergangenheit widerspiegeln.

wie dieses Argument dazu beitragen könnte. der Ära von Arno Mayers »Dreißigjährigem Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts« (1914-1945) haben sich die ökonomische und die geopolitische Konkurrenz gegenseitig genährt (Mayer 1981: 329). man anerkennt. Dieses Argument deckt sich mit dem hier entwickelten. In der ersten Hälfte. Das ließ sich jedoch nicht vermeiden. Dennoch sind es eben auch und gerade die zentrifugalen Kräfte infolge der grundsätzlich ungleichen Verteilung von Ressourcen im Kapitalismus. 9 Wechselnde Muster zwischenstaatlicher Konkurrenz Meine Argumentation bewegt sich auf einem hohen Abstraktionsniveau. die das Staatensystem aller Voraussicht nach plural belassen werden. Großbritannien. um die Spezifika der territorialen Aufteilung der Welt in verschiedene Staaten zu erklären. wie Rosenberg das tut. Der kapitalistische Imperialismus kann am besten als Schnittpunkt ökonomischer und geopolitischer Konkurrenz verstanden werden. In früheren Arbeiten argumentiert ich. Zum Schluss möchte ich wenigstens skizzieren. Callinicos 1991). diese Konkurrenzformen sich strukturell unterscheiden und (zumindest unmittelbar) von den Interessen unterschiedlicher Akteure getragen werden. 2007) hat ein außerordentlich interessantes Argument dafür entwickelt. dass sich die erste und zweite Hälfte des 20. ob im Rahmen der marxistischen Theorie der kapitalistischen Produktionsweise das Staatensystem und die geopolitische Konkurrenz notwendige Bestimmungen jener Produktionsweise sind. empirische Forschungsvorhaben zu gestalten. die Entstehung und Spaltung nationaler Identitäten berücksichtigt werden. die ihrerseits eine Konsequenz der Art und Weise ist. Weil. mit der Gesellschaften unter dem Kapitalismus der kombinierten Entwicklung unterworfen sind. den das Staatensystem bis dahin hervorgebracht hatte. das entwickeltste Beispiel für einen Hegemon. Jahrhunderts signifikant voneinander unterscheiden (z. die sowohl ihre industrielle Macht als auch ihre Seehoheit herausforderten: Deutschland und Justin Rosenberg (2006 u. in der die Reproduktionsgesetzmäßigkeiten der Akteure mittlerweile von ihrem Zugang zu den Subsistenzmitteln über den Markt abhängen (siehe Brenner 1986). die wesentlich gesteigerte Stringenz.B. vorausgesetzt. fand sich durch zwei Mächte konfrontiert.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 27 theoretisch und politisch noch mehr wiegt. ist ihr Zusammenspiel historisch variabel. so die Hypothese. um festzustellen. Trotzkis Konzept der ungleichen und kombinierten Entwicklung zur Grundlage einer überhistorischen Theorie des »Inter-Gesellschaftlichen« zu erheben. 9 .

um den gegenwärtigen Zustand von dem einer umfassenden Anarchie zu unterscheiden. ist wahrscheinlich der des internationalen Handels. Die zweite Hälfte des 20. indem sie den transnationalen Raum. für die Großbritannien sich in beiden Weltkriegen entschied.die internationalen Finanzinstitutionen. Seit dem Ende des Kalten Krieges versuchen die USA. sodass sich das Staatensystem in zwei rivalisierende Blöcke polarisierte. wie Peter Gowan es nennt. . wirklich global auszuweiten und zu verhindern suchen. in der der amerikanische Unilateralismus. bilden den Schlüsselmechanismus zur Regulierung der globalen Finanzmärkte. die G7. Die institutionalisierten Kooperationsformen unter den führenden kapitalistischen Staaten . ersteres im Rahmen einer Allianz mit letzterer zu schlagen. den sie unter der eigenen Führung nach 1945 aufgebaut hatten. um den englischen Anspruch auf einen Hegemonialstatus aufrechtzuerhalten. aber der Niedergang der schwächeren der beiden Supermächte stellte sich als die schnellere Entwicklung heraus. die im Rahmen des allgemeinen Beziehungsgeflechts voneinander noch ausreichend isoliert bleiben . war. Deren Rolle und Bedeutung gemeinsam mit der Entwicklung des Wall-Street-Dollar-Regimes seit den frühen 1970er Jahren. dass Verschiebungen der ökonomischen Macht in geopolitische Herausforderungen münden. ihre Hegemonie aufrechtzuerhalten. Jahrhunderts hingegen war gekennzeichnet von einer teilweisen Verselbständigung der ökonomischen von der geopolitischen Konkurrenz.bieten den politischen Rahmen für diesen Prozess. Diese Entwicklungen sind Belege für das »informelle Imperium« Amerikas.28 Alex Callinicos die USA. alle Regionen des entwickelten Kapitalismus in einen einzigen transnationalen politischen und ökonomischen Raum zu integrieren. von dem Panitch und Gindin sprechen (Gowan 1999). so Robert Pape. Die neue Hegemonialmacht USA konfrontierte die Sowjetunion geopolitisch und ideologisch. UN usw. Allerdings ist das Gesamtbeziehungsgeflecht der führenden kapitalistischen Staaten untereinander wesentlich komplexer und widersprüchlicher. Nato. Der Bereich. Innerhalb dieses Raums vollzog sich die ökonomische Konkurrenz und entfaltete auch ab Ende der 1960er Jahre ihre destabilisierende Wirkung zunehmend. Ein hoher Grad der politischen Koordination besteht Seite an Seite mit Bereichen mehr oder weniger intensiver Konkurrenz. obwohl die hier entstehenden Konflikte durch institutionalisierte Verhandlungen unter den wichtigsten Blöcken eingedämmt werden. Die Lösung. wobei allerdings die Ressourcen ausgingen. als sie andeuten. Gegenmaßnahmen provoziert: . Gleichzeitig waren die USA in der Lage. in der die Konkurrenz am heftigsten tobt. Geopolitisch hat der Irak-Krieg eine Situation mit relativ offenem Ausgang eingeläutet.

zumindest nicht seit Entstehung des kapitalistischen Weltsystems. der erlebt hat.« (Pape 2005: 10) In seiner vernichtenden Kritik an der Globalstrategie der Bush-Regierung hat auch Francis Fukuyama die Reaktion. um Länder der Anden und der Karibik von der amerikanischen Sphäre loszueisen. während Russland und China zusammenarbeiten. Sorgfältige Analysen und intensive Forschung vieler Wissenschaftler werden vonnöten sein. Jahrhunderts erreicht. um die USA nach und nach aus Zentralasien herauszudrängen. zu vereiteln und zu untergraben. er kann aber einige nützliche Instrumente bereitstellen. ist kein Ersatz für diese intellektuelle Anstrengung. eine Vorstellung davon machen. wie wenig harmonisch das Staatensystem in eine unbestrittene amerikanische Hegemonie integriert wurde. Aus dem Englischen von David Paenson. Dieser sanfte Ausgleich unter Einsatz internationaler Institutionen. die sie in anderen Staaten hervorgerufen hat. wie die USA ihre Luftbasis in Usbekistan nach den Protesten vom Mai 2005 und die durch Russland und China dem Karimow-Regime gewährte Unterstützung verloren haben. um aggressive unilaterale Militärvorhaben der USA aufzuschieben. regionale multilaterale Organisationen aufzubauen. das heißt.« (Fukuyama 2006: 189-90) Damit ist noch bei weitem nicht das Ausmaß des gegenseitigen Hochschaukelns ökonomischer und geopolitischer Konkurrenz wie in der ersten Hälfte des 20. die die USMilitärvorherrschaft nicht direkt herausfordern und stattdessen nichtmilitärische Mittel einsetzen. Der theoretische Apparat des Marxismus. in Zusammenarbeit mit Thomas Weiß und Tobias ten Brink . amerikanische Initiativen zu blockieren oder die Bitte um Kooperation ausgeschlagen haben.Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem? 29 »Maßnahmen des >Soft-Balancing<. Handlungen. staatlicher Eingriffe in Wirtschaftsbeziehungen und diplomatischer Arrangements sind bereits ein herausragendes Merkmal der internationalen Opposition gegen den US-Krieg gegen den Irak. Auch asiatische Länder sind zugange. weil in ihren Augen Washington nicht allzu große Rücksicht auf ihre Belange nimmt. in dem Länder wie Deutschland und Frankreich versucht haben. zu dessen Klärung vorliegender Beitrag dienen soll. Für die gegenwärtige globale Situation lassen sich schwerlich historische Parallelen finden. Zugleich kann sich jeder. beschrieben: »Das >Soft-Balancing<. Hugo Chávez in Venezuela setzt seine Öleinkünfte ein. um Licht in seinen Entwicklungsgang zu werfen.

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ein Prinzip. passt offensichtlich zu diesem Muster. wie dies in einem breiten historischen Kontext gesehen werden kann. 1992) wurde ebenso wie in Huntingtons Rede vom »Zusammenstoß der Zivilisationen« (1993. Nachdem klar geworden war. In Fukuyamas These vom »Ende der Geschichte« (1989. Im Folgenden werde ich skizzieren. die ja mit der Durchsetzung einer globalen kapitalistischen Disziplin kombiniert ist. dass im Falle der Vereinigten Staaten oder des . dass die Expansion des Westens. das hat sich nicht geändert. Fukuyamas Unterscheidung zwischen dem nachgeschichtlichen »universellen homogenen Staat« und jenen Staaten. zeigt. wie er diverse eigenständige Zivilisationen in einen Topf wirft. 1998) die Differenz zwischen den Fortschrittlichen und Zivilisierten auf der einen und den Barbaren auf der anderen Seite stark gemacht. Paul Kennedy (1987) schrieb kurz vor dem Kollaps der sowjetischen Macht von einem American Empire im Niedergang. um eine islamisch-konfuzianische Herausforderung an den Westen ausfindig zu machen. dass es hier letzten Endes um dieselbe Konstruktion geht.doch war er jemals verschwunden? Demgegenüber ist viel eher wirklich neu. die im Morast der Geschichte steckengeblieben sind. Mit dem Zusammenschmelzen des Sowjetblocks und der Zersetzung der Dritte-Welt-Koalition für eine Neue Ökonomische Weltordnung trat das »imperiale« Moment zwingend in den Vordergrund. auf den ersten Blick scheint demgegenüber Huntingtons Argument vom »Zusammenstoß der Zivilisationen« auf Aktionen und Akteure in gleicher Augenhöhe zurückzugreifen. erneut von profunden und offenen Rivalitäten charakterisiert ist.Kees van der Pijl Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung Der Imperialismus ist zurückgekommen . Die Haltung des Westens gegenüber dem Rest der Welt ist seit jeher vom quasiimperialen Konzept des legitimen Zugriffs gegen das Barbarentum gekennzeichnet gewesen. das in seiner Sicht allen früheren Beispielen des Niedergangs imperialer Staaten zugrunde lag. die Art jedoch. Als Grund identifizierte er eine »imperiale Überdehnung« .

Diese Idee eines homogenen Westens oder Nordens ist in meiner Sicht jedoch grundlegend falsch und ignoriert eine ganze Reihe von Spaltungen und Verwerfungen. Die Staaten wiederum. Betrachtet man zunächst nur das Kapital an sich. Die Fortdauer einer »barbarischen« Peripherie ist jedoch überzeugend von Rufin dargelegt worden (1991). aber ansonsten sieht er wie Hardt und Negri den Westen (»Norden«) als grundsätzlich geeint an. welche auch aus innenpolitischen Gründen ihre eigenen »Imperien« entwarfen. einfach zu den klassischen Imperialismusdebatten zurückzukehren und wieder einmal Lenin Kautsky gegenüberzustellen. dann kann diese konkurrenzförmige Struktur durch Kapitalfraktionen (Hickel 1975) nur teilweise überwunden werden. sich im selben Augenblick mit dem Imperialismus auszusöhnen. um ihre unmittelbaren Konkur- .34 Kees van der Pijl Westens im weiteren Sinne von einem solchen Prinzip nicht die Rede sein konnte. auch wenn man nach der Einheit der Klasse der Kapitalisten fragt. Lenins Imperialismusanalyse (1917) war zentral in der Analyse von Rivalitäten verankert. in dem sie auf den Schlachtfeldern Europas hingeschlachtet wurden. sodass wir nicht länger in einer Welt der Staaten. zeichneten fleißig die Grenzen auf dem Globus neu und formten Allianzen mit anderen Staaten. um gemeinsam ihre Arbeiter und die Außenwelt auszubeuten und so die Instabilität in ihren wechselseitigen Beziehungen aufzuheben. Freilich reicht es nicht aus. die ihn prägen. in einem ansonsten lapidaren und unentwickelten Argument (1914) den Vorschlag gemacht. freilich ohne dass es für sie außerhalb des Imperiums noch eine Barbarei gab (2000). Kautsky hatte. in dem jeder Aspekt unseres Lebens vom Kapital regiert wird. die durch die Aktivität des Staates bewerkstelligt werden soll. wie erinnerlich. Die Akkumulation des Kapitals war essentiell transnational und realisierte sich über Bank-Industrie-Kartelle. Sie drehte sich um einen asynchronen Prozess der Kapitalakkumulation und der Entwicklung von politischen Interessensphären. kehrten Hardt und Negri zuversichtlich (wenn auch von einer kritischen Perspektive aus) zur Idee des »Empire« zurück. dann rebelliert nicht nur die konkurrenzförmige Struktur seiner Bewegung als Gesamtkapital gegen Stabilität und Einheit. sondern in einem homogenen Universum lebten. Lenin machte unermüdlich Front gegen diese Argumentation: Er befürchtete. dass die imperialistischen Staaten sich nach dem Krieg zusammentun sollten. dass die Arbeiter dazu verlockt würden. Tatsächlich argumentierten sie. dass das Kapital das Staatensystem in sich selbst vollständig aufgenommen habe. die Firmen unterschiedlicher Nationalität kombinierten und die Weltmärkte untereinander aufteilten.

Serbien und Rußland gegen Deutschland. an die Kautsky gedacht hatte. Diese Einschätzung muss heute aus zwei Gründen problematisiert werden. um die politischen Territorien den ökonomischen Verlagerungen anzupassen. sodass die Aufteilung des Weltmarktes bald seine Verbindung zu den politischen Aufteilungen der Welt verlor. Österreich-Ungarn) würden anfällig für die Revolution werden und dies müsste zu einer sozialistischen Revolution geführt werden. Die Monroe-Doktrin von 1823. Die schwächsten Glieder in jeder Koalition. Heute existiert ein weites Feld von Kräften. indem sie ihm Schutz vor erneuter Kolonisierung garantierten. ob sich die Managerschicht (»Funktionärsschicht«). die am besten als eine disparate soziale Schicht verstanden werden kann. In diesen tektonischen Verschiebungen würden die existierenden Staatenbündnisse (im Prinzip zwischen England. Die Konkurrenzen innerhalb des englischsprachigen Blocks haben alle möglichen Friktionen und Konflikte eingeschlossen.doch auch dann würde sie ja . Der zweite Wandel. war ein perfektes Beispiel für jene gemeinsame Ausbeutung des »agrarischen« Südens. Österreich und die ungarisch-osmanische Türkei) unvermeidlich destabilisiert. deren Organisation zu einer Klasse für sich aber hängt nach meiner Ansicht davon ab. der diese rohen Formen der Konkurrenz überwunden hat. dass die Arbeiterklasse nicht länger mehr eine organisierte Kraft in der Form von Parteien darstellt. von der Hegemonie der herrschenden Klasse lossagt und in eine Klasse transformiert . die der weltweiten Durchsetzung der neoliberalen kapitalistischen Disziplin Widerstand leisten. sich Lateinamerika zu sichern. nicht aber mehr Kriege. Der englischsprachige Westen entspricht tatsächlich ungefähr dem Modell Kautskys. das zaristische Rußland und das osmanische Reich (bzw. Belgien. Aber das Tempo der kapitalistischen Konkurrenz und des Kampfes um Märkte war viel schneller. Sobald letztere vollendet waren. dem Aufstieg und dem Verschwinden der transnationalen Kombinationen des Kapitals in den Kämpfen um Rohstoffe. Zunächst existiert ein um den englischsprachigen Westen organisierter Teil der Welt. ließen die rastlosen Umbauten bei der Bildung. Frankreich. Investitionschancen und Märkte nur den Krieg als das Mittel übrig. mit welcher die Vereinigten Staaten (und Großbritannien als stiller Partner) versuchten. Mit anderen Worten: Der Leninsche Aspekt der imperialistischen Rivalitäten wurde an die Peripherie dieser spezifischen Konstellation geschoben. welche in ihren jeweiligen Gesellschaften die Staatsmacht ergreifen wollen. welcher die klassische leninistische Position unterminiert ist darin zu sehen.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 35 renten in Schach zu halten.

eine neue Form des Staates entlang der Linie. fand hier gegen Ende des 17. die nordamerikanischen Exkolonien. Betrachten wir diese Veränderungen im Einzelnen. die damals noch Kolonien waren. van der Pijl 2006: 28. Dies nenne ich das Lockesche Kerngebiet in der globalen politischen Ökonomie. Der anglophone W e s t e n g e g e n die Herausfordererstaaten Wie ich in verschiedenen Texten entwickelt habe (zuletzt in meinem Buch Global Rivalries from the Cold War to Iraq.zu dieser Zeit hätten die Zeitgenossen nicht einmal im Traum daran gedacht. Jahrhunderts ihren Ort. Man könnte auch auf die Metapher zurückgreifen. Der englischsprachige Entwicklungspfad schloss die Formierung einer räumlichen Konstellation ein. aber im Nachhinein ist man immer klüger . in der die kapitalistische Klasse (die Besitzer der Produktionsmittel) auch die Orientierung des Staates bestimmte. In der englischsprachigen Welt . die britischen Inseln in ihrem Zusammenspiel mit Flandern konstituierten einen besonderen Sektor der Frontzone dieses Imperiums.36 Kees van der Pijl noch nicht nach der Staatsmacht greifen wollen. um der großen Furcht des englischsprachigen Westens einen Namen zu geben: eine eurasische. das Herzland (vgl.entwickelte sich eine spezifische räumliche Konstellation. die von Locke in den Zwei Abhandlungen über die Regierung gezeichnet worden war. die ursprünglich von dem britischen Geographen und Geopolitiker Haiford Mackinder (1861-1947) geprägt wurde. in dem eine Sprache und Weltsicht teilende kapitalistische Klasse he- . In diesem Raum integrierten sich die schon weit länger existierenden Elemente des Handelskapitals in ein zusammenhängendes Gefüge. die das Strukturmerkmal der Unterordnung des Staates unter die Gesellschaft teilen. die durch transatlantische Ansiedelung getragen wurde. 11). entstanden der Kapitalismus und der englischsprachige Westen gemeinsam als eine historisch konkrete soziale Formation. Es ist ein sozio-geopolitischer Raum. Fn. mit der damaligen britischen Weltmacht zu vergleichen. Sie kristallisierten sich in einem kritischen Augenblick heraus. als die mittelalterliche imperiale Formation des westlichen Christentums implodierte. Das Kerngebiet schließt eine Anzahl von Staaten ein. der andere sein spezifischer Staat/Gesellschaft-Komplex (ein Begriff bei Cox 1987). Jahrhunderts taten. 2006). wie dies die verschiedensten sozialistischen Strömungen des frühen 20. von Rußland dominierte Landmasse. wobei der eine seine Produktionsweise war.

die nicht durch eine gemeinsame Zivilisation. was zwar ihre politisch-geographische Position erfasst. während Nordamerika. zu materieller Souveränität aufzusteigen und die formellen Souveränitäten der Staaten zu transzendieren. so real und zuweilen erbittert die Reibungen zwischen ihnen auch ausgetragen wurden. Daher wurde der Riss zwischen ihnen bald überwunden . auf denen der Lockesche Staat errichtet worden war. Freilich geschah dies an der unmittelbaren Peripherie des "Westens mit jenen Staaten. die das Heartland herausforderten. in dem genau jene Prinzipien. den Marx als eine Produktionsweise analysierte. für einen Ultra-Imperialismus. auch wenn eine ganze Anzahl »zweitrangiger Herausforderer «. nicht aber für ein »Empire« im Sinne von Hardt und Negri.dies würden die hauptsächlichen Beispiele solcher Staaten sein. für die nordamerikanischen Kolonien nochmals bekräftigt wurden. Diese sehe ich als eine Folge von Herausfordererstaaten. blieb ebenfalls lebendig.) Deutschland. ebenso berücksichtigt werden muss. (In meiner Publikation von 1976 wurde dies als »Randstaaten« übersetzt. die um die Neue Ökonomische Weltordnung eine gemeinsame Herausforderung formulierten entlang den Linien der Herausfordererstaaten. aber ihre Beziehung zum Westen unspezifiziert lässt. Iran. Argentinien und später Australien. Die Elemente des Handelskapitals und der Auslandsdarlehen ( Braudels W e l t ) wurden schließlich in der industriellen Revolution mit einem Arbeitsmarkt zusammengebracht. Indien). . Die Sezession der Vereinigten Staaten war unter diesem Gesichtspunkt nie eine soziale Revolution. denn der Leninsche Aspekt der imperialistischen Rivalitäten. Neuseeland und Südafrika die Rohstoffe für diesen Prozess lieferten. buchstäblich Randstaaten (Brasilien. Türkei. und endlich heute China . Großbritannien war der Drehpunkt dieses Prozesses. gedämpft werden. Dies ist der historische Kapitalismus. eine Sowjetunion. Kapitalverflechtungen etc. Innerhalb dieses Kontextes des Herzlandes konnten die USA aufsteigen und im Laufe des 20. welche den weiteren Westen herausfordert. Sie war ein Konflikt zwischen der Siedlerbourgeoisie und dem reaktionären Klassenblock im Mutterland. in diesem Sinne gestattet er dem Kapital.spätestens mit der Verkündung der Monroe-Doktrin. die mit Frankreich begann. Jahrhunderts Großbritannien ohne einen Umverteilungskrieg in den Schatten stellen.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 37 gemonial werden kann. Mexiko. welche den Platz ihrer Vorgänger einnahm. Dies alles macht das Herzland zu einem Beispiel für die kautskyanische Formation. die Koalition der Dritte-Welt-Staaten. Italien und Japan gegen das zweite britische Empire und die Vereinigten Staaten.

um vom Westen unterworfen zu werden. In einer solchen Gesellschaft verdankt die herrschende Klasse ihre Position ihrer Kontrolle des Staates.die Aristokratie in Großbritannien oder. wenn er nicht . welche die bürgerliche Gesellschaft beherrscht und die Staatsmacht durch eine regierende Klasse ausübt.wie im Falle der UdSSR . sie springt rechtzeitig auf einen fahrenden Zug auf und privatisiert genau dann. sie bändigt und in gewissem Umfang integriert und dann die Grenze der Rivalität weiter nach Osten verschiebt. die Entwicklungsanstrengungen von oben zu vereinheitlichen und der Formierung von Klassen zuvorzukommen. in dem sie die Kontrolle des Staates verliert .vollständig aus der heimischen Ökonomie ausgeklammert worden ist. Das wäre für jeden Herausfordererstaat tödlich. wie ostentativ sie auch den Kapitalismus zu umarmen scheinen. die sich aus einer anderen Schicht rekrutieren mag . wie heute. der versuchte. wie wir sie heute in diesem Licht sehen können als System »einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen«. wie Marx in den Grundris- . der seine Gesellschaft ihrer eigenen Arbeitsweise überlässt und sich darauf beschränkt. Die Welt. die zu stark sind. indem die durch soziale Modernisierung und Differenzierung entstandenen sozialen Schichten an den Staat gebunden werden. der von Nachzüglern herausgefordert wird. eine Funktionärsschicht oder die cadres des Managements. Aber gleichwohl. Aufgrund des Anfangsvorteils des (expandierenden) englischsprachigen Westens steht jeder neue Herausforderer vor der Aufgabe. seine Ressourcen zu mobilisieren.38 Kees van der Pijl Hier ist nun aber keineswegs ein metaphysischer. Ein Herausfordererkapitalismus ist immer ein auf Entwicklung angelegter »Staatskapitalismus«. Das fasst in aller Kürze meine Position zu den Rivalitäten in der Gegenwart zusammen: Es gibt einen relativ vereinten Westen. der sich von jenem des Lockeschen Westen radikal unterscheidet. seine soziale Basis vor ökonomischer und ideologischer Durchdringung abzuschotten. alle Herausforderer sind bis zu einem gewissen Grad »Planwirtschaften«. Eigentum und Vertrag im eigenen Land und in Ubersee zu schützen. Er kann nicht einfach die Form eines liberalen Staats annehmen. Die Herausfordererstaaten sind einfach solche Staaten. Die Macht der Staatsklasse eines Herausforderers wiederum verpufft in dem Augenblick. und die ihm gleichwohl nahestehen. Aber der Herausforderer muss zu einem Staat/Gesellschafts-Komplex Zuflucht nehmen. anders als die kapitalistische Klasse im Westen. überhistorischer Mechanismus am Werk. wenn ihr Staat in den weiten Westen integriert wird und sie ebenso ihre Machtbasis »privatisieren« und ebenfalls zu einer kapitalistischen Klasse mutieren kann.es sei denn.

In diesem Sinne stellt Frankreich das historische Modell für den Herausfordererstaat dar. sein Territorium zu vereinheitlichen und sich zugleich bemühte. als das größere und bevölkerungsreichere Frankreich noch immer damit befasst war. jeden Schritt nachzuahmen. was Jürgen Ritsert (1973) als eine Kernstruktur bezeichnet hat. Diese verschiedenen Nachteile konnten nur durch eine einheitliche Anstrengung überwunden werden (dasselbe galt für die unterschiedlichen Interessen der Provinzen. innerhalb nur eines Jahrzehnts nahm eine Revolution von oben die Politik der Herausforderung wieder auf. die Frankreich darstellte) und dies alles erforderte einen starken Staat. der jenseits des Kanals getan wurde. In unserer Analyse ist dieser Ausgangspunkt die historische Konfrontation zwischen Großbritannien und Frankreich. Insofern war Napoleon eine Reinkarnation von Louis XIV. den man als »Hobbes-Staat« im Gegensatz zu dem »Locke-Staat« des englischsprachigen Westen bezeichnen könnte. die imstande gewesen wäre. von dem calvinistischen Eifer durchdrungen gewesen wären. den größeren Raum auszumessen. um die von ihm kontrollierte Gesellschaft in Bewegung zu setzen. mit der klaren Markierung eines vereinheitlichten Territoriums (aber mit natürlichen Grenzen. Die daraus entstehenden Spannungen explodierten in der Revolution 1789. die weit schwieriger zu verteidigen waren als die britischen Inseln) . dass unter ihm die fette Schicht der konsumierenden Aristokratie aus der Staatsklasse vertrieben und ein hochgradig ausgeklügelter Staatsapparat geschaffen wurde. die Atlantikrouten zu kontrollieren. »Neue Jerusalems« zu kreieren).. Ressourcen und Kapazitäten zusammenliefen. Es tat dies mit dem Bau einer Flotte (wobei es aber keinen kontingenten Zusammenhang gab zwischen der privaten Handelsschifffahrt und dem Bestreben das Staates nach maritimer Überlegenheit). In England war ein von der Bourgeoisie kontrollierter Staat mitsamt seinen Kolonien jenseits des Atlantiks bereits dabei. mit der Errichtung eines »Neuen Frankreichs« in Nordamerika (das war die Ambition Richelieus. von der ausgehend andere . in dem alle Initiativen. als das Gedankenkonkretum. gesellschaftliche Differenzierungen und andere Besonderheiten der großen Landmasse. aber es gab keine Flotte. in dem sich das Kapital entwickeln konnte.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 39 sen (1857/1953: 21) erläutert. die notwendig waren. die. noch gab es Siedler. wie im Falle Englands. Für die Absicht dieser Analyse nun kann die Spaltung zwischen einem transnationalen und liberalen englischen Weg und einem nationalen und etatistischen französischen Weg als das angesehen werden. sieht man davon ab.und so weiter. zu dem wir von einem abstrakten Ausgangspunkt auf dem Weg der schrittweisen erneuten Konkretisierung gelangen.

Rivalität mit anderen Staaten entlang der Bruchlinie zwischen Kerngebiet/Herausforderer nimmt Formen an von Druck. bei denen sie zugunsten ihrer Kontrolle des Staates Teile des Kapitals appropriieren kann. um den gesamten Prozess erneut zu beginnen. Die Kernstruktur repräsentiert keine Rationalität. Daher kann ein Niedergang des Westens nur als ein paralleler Niedergang des Kapitals als Disziplinmacht über die Weltökonomie vorgestellt werden. Ritsert bezeichnet die »Ware« in Marx' Kapital als eine solche Struktur. aus welcher der Raum entstehen kann für substantielle Fortschritte bei der Revision der Priorität der Ökonomie über die Gesellschaft. dieser Raum ist das freizügige Universum. können wir eine Ausweitung des Raums sehen. die sich in eine immanente Totalität im Hegeischen Sinn »entfaltet«.allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Wie Ritsert vermerkt. so lange es der Dogmatismus der wirklichen Verhältnisse erlaubt (1973: 38). von Krieg. ebenso wie sie die Möglichkeiten des Kapitals. aus der die kapitalistische Formation entstand. sie wird solche Investitionen immer auf solche Formen reduzieren. das idealerweise für das Kapital reserviert ist und in dem das Kapital der Souverän ist. sodass in einer empirisch vorfindlichen Referenzstruktur alle Ereignisse bedeutungsvoll miteinander verbunden werden können . ideologischer Beeinflussung. Großbritannien und die anderen englischsprachigen Länder aktiv sind. wirtschaftlicher Kriegsführung. Dabei spielt es letztlich keine Rolle. verdeckter Aktivitäten wie die Finanzierung politischer Parteien und Organisationen. Profite . dass das Kapital in einem anderen geopolitischen Kontext als dem der atlantischen politischen Ökonomie. Formen von Gewalt und. auf die ursprüngliche Konfiguration wirken ebenso äußere Mutationen ein. kann eine Theorie so lange »orthodox« bleiben. Freilich leiten die Wechselbeziehungen zwischen Ereignissen in einem sich ausweitenden Feld ihre Transparenz und logische Kohärenz aus ihrer Verbindung mit der Kernstruktur her. wie derartige Wandlungen von dieser in vielfältigen Verzweigungen erst ausgehen. ob eine Staatsklasse als »kapitalistisch« erscheint. eine Heimat finden wird. am Ende. aber nach meiner Ansicht kann nicht erwartet werden. weil sie zu Auslandsinvestitionen einlädt (wie es heute bei China der Fall ist).40 Kees van der Pijl komplexere Konfigurationen beschrieben und verstanden werden können. werden wir auch eine andere Kernstruktur finden müssen. Versucht man die Entwicklung der globalen politischen Ökonomie während der letzten zwei Jahrhunderte zusammenzufassen. in dem die USA. um die Staatsklasse als solche zu enteignen und die Kontrolle des Staates über seine Wirtschaft zu beenden. Wenn sich die Dinge grundsätzlich ändern.

ebenso wie sie seine Möglichkeiten. ist die Heimatbasis des Kapitals. Als eine solche ist sie mit einer ganzen Folge von Herausfordererstaaten konfrontiert. wenn sie sich nicht freiwillig ergibt . Ungarn. der alle Formen des Widerstands gegen seine Machtergreifung zu suspendieren sucht. macht heute noch mühevolle Anpassungen an die Souveränität des Kapitals durch. Auf der anderen Seite ist Großbritannien das letztliche Ziel einer Machtergreifung und dennoch regiert seine herrschende Klasse wie nie zuvor. oft nach einem Enteignungskrieg. da sie erst später als liberale Formation entstanden und verschiedenen inneren Beschränkungen unterworfen waren. Aber. ist natürlich nicht unbemerkt geblieben und die Beschreibungen zeitgenössischer Beobachter tragen zu ihrem Verständnis weiter bei. welche untereinander keinen vergleichbaren inneren Zusammenhalt besitzen und im Prozess der Herausbildung immer komplexerer Konfigurationen vom Westen ständig gegeneinander ausgespielt werden. Frankreich. also auch an den liberalen Staat. es ist aber nicht souverän. Die komplexere Kräftekonfiguration. Diese Integration ist dabei zumeist durchaus unvollständig und bleibt eine Quelle der Spaltung und des Bruchs. der erste Herausforderer. In dieser Hinsicht benähmen sich die USA schon etwas störrischer. dass »das >Zu-Verkaufen<-Schild so lange über England gehangen habe. dass wir ausländische Angebote für britische Trophäen geradezu als Routinevorgang« betrachteten. wie der . ohne dass hierbei unbedingt das historische Argument übernommen werden muss.das ist die Differenz zwischen Jugoslawien und. werden ihre Vorläufer in den expandierenden Westen integriert. Das ist der einfache Grund.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 41 in sein Heimatland zu transferieren. in bestimmte strategische Sektoren einzudringen. Standards und Regeln jenseits der Konkurrenz einzuhalten. warum die Enteignung einer Staatsklasse die Form der gewaltsamen Aktion annehmen muss. Der liberale Westen als eine geopolitische Konstellation. die sich aus der anglo-französischen Kernstruktur entwickelt hat. Wenn neue Herausforderer aufsteigen. Mit anderen Worten: In solchen Situationen mag das Kapital präsent sein. sagen wir. So würden im hypothetischen Fall einer Übernahme der Nasdaq durch die Londoner Börse administrative Festlegungen entgegenstehen. einschränken wird. So kommentiert Hannish McRae (2006) in einem Zeitungsartikel die Übernahme der Londoner Börse durch die New Yorker Nasdaq und erklärt die Bereitschaft Großbritanniens zur Übernahme seiner Börse damit. in der eine gegebene rechtliche Ordnung und ein spezifischer Staat/Gesellschaft-Komplex geteilt wird. der die Souveränität des Kapitals etablieren soll. begrenzen wird und ebenso wie sie es zwingen wird.

.. in der das Kapital seine Souveränität unter den günstigsten Bedingungen realisieren kann und wo daher die Kapitalistenklasse imstande ist. Zugleich bleibt sogar innerhalb des heutigen Weiten Westens der historische Riss zwischen dem Lockeschen Kerngebiet und den Herausfordererstaaten wirksam.42 Kees van der Pijl Autor vermerkt: »Sogar wenn es eine Asymmetrie zwischen unserer Art und Weise des Umgehens mit ausländischen Angeboten und jener des Auslands mit den unsrigen gebe .mitsamt den Privatisierungen. die sich dabei im Laufe der Zeit ergeben. Wir sollten hier auch nicht vergessen. Rußland.. Die Buchhalter. so bleibt doch der Tatbestand. die mit dem Einbau früherer Herausfordererstaaten in den globalen Liberalismus zusammenhängen . Wo sie nicht willkommen sind. Ein Beispiel ist der Versuch der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. so haben sie vor allem hinsichtlich der Vermögenseinkommen aus Wertpapieranlagen ihr Einkommen aus dem Rest der Welt gesteigert (Dumenil/Levy 2004: 33f. alleine die direkte Kontrolle über das Ol des Mittleren Ostens zu erlangen und wie sie dabei die historisch unterschiedliche Tradition und Erbschaft der mittlerweile integrierten Herausfordererstaaten (Frankreich.) vergaßen. Der »Westen« stellt eher einen Vorzugsraum zur Verfügung.). Als etwa die Vereinigten Staaten aufgrund der neuen Regulierungen nach der Enron-Affäre. der neuen Xenophobie und anderer Behinderungen im Zeichen des »Krieges gegen den Terror« einen Rückgang von zehn Prozent an Geschäftsbesuchen gegenüber . eine besondere »innere Exterritorialität«. Fusionen und Übernahmen. obwohl diese durch ihr exorbitantes Konsumniveau und die globale Polizistenrolle für den Westen mittlerweile zu einem Schuldnerland geworden sind. dass eine zentrale Einkommensquelle des englischsprachigen Westens die ganzen Aktivitäten sind. ebenso wie im Falle der Vereinigten Staaten. Deutschland. wird mit ein wenig Druck nachgeholfen.. geht dieser zuweilen über bloß freundlichen Rat hinaus. Hier spielt ein zweiter Gesichtspunkt eine Rolle: Das Kapital ist nicht identisch mit den Machtstrukturen des englischsprachigen Westens. dass England weitaus mehr aus seinen Anlagen im Ausland herauszieht als es durch ausländische Besitztümer hierzulande verliert.« Anders gesagt: Der historische Vorteil des Erstgeborenen wirkt immer noch. die sie empfehlen). Was freilich die Gewinne aus ihren auswärtigen Übernahmen angeht. Managementberater und Investmentbanker aus den U S A und England ziehen dabei Megagehälter ab (die in aller Regel aus den Ausschlachtungen und Entlassungen stammen. und wie ich in Global Rivalries gezeigt habe.. disfunktionale Entwicklungen viel direkter zu korrigieren.

werden wir die unterschiedliche Behandlung ausländischer Interessen . wie China und Indien im internationalen Investitionsgeschehen eine wachsende Rolle spielen. ist ein Beleg für die wirkliche Souveränität des Kapitals und die funktionelle Einbeziehung der Staatsmacht in seine Operationen. Eine Veränderung in der Stimmung der Öffentlichkeit kann effektiv eine Politik blockieren. »diese Asymmetrie nicht nur für entwickelte Länder ein Problem. dass ihre Handlungsfreiheit in Fragen der Besteuerung und Regulierung der Wirtschaft heute weit mehr eingeschränkt ist also noch vor einem Jahrzehnt. Das betrifft jedes Land. zu sehen. aber sie müssen auch die Reaktion der globalen Wirtschaftselite berücksichtigen. Wichtige Vermögenswerte sind oft Teil von Gruppierungen. forderten der jüngst direkt von der weltweit wichtigsten Investmentbank Goldman Sachs ins Finanzministerium übergewechselte Hank Paulson.« Wahlen spielen hier ebenfalls eine Rolle. hat diese spezifische Flexibilität nicht.« Dies mag die Demokratie und die Souveränität gewählter Regierungen begrenzen.« Jede Regierung. der Chief Executive Officer der New Yorker Börse John Thain und andere eine dringliche Überarbeitung der gegenwärtigen Regulierungen. »muss anerkennen. wie im Falle des erdrutschartigen Sieges der Demokraten bei den Zwischenwahlen in den USA im November 2006. nach McRae 2006). Hilferdings Finanzkapital. Eine Staat/Gesellschaft-Konfiguration. die fast ein Drittel der Weltökonomie verantwortet. so stellt McRae fest. Dass auch die Vereinigten Staaten darauf achten müssen. um eine »Wiederausbalancierung des US-amerikanischen juristischen und administrativen Regelwerks« zu erreichen (zit. Freilich ist. auch wenn die Souveränitätsposition des Kapitals zugleich sicherstellen mag. dass eine politische Alternative bestimmte Grenzen nicht überschreiten wird. »Politiker müssen immer noch ihre Wählerschaft beherzigen. aber der Staat und seine Beziehungen zur Wirtschaft sind rigider. Raymond Vernon (1973: 209) vergleicht US-Investitionen im gastfreundlichen und familiären Umfeld Großbritannien und dem hochgradig problematischen. das seinerseits privilegierten Zugang zu den Inhabern der Staatsmacht hat.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 43 dem Jahr 2000 verzeichnen mussten (und das in einer Zeit hektischer Wirtschaftsaktivitäten). Verschiebungen durch Wahlen sind eher vorübergehend. aber gleichwohl »beruhigt es. »überregulierten« Frankreich. In dem Maße. die sich um Großbanken organisieren. die Operationen des transnationalen Kapitals nicht einzuschränken. dass sogar die Regierungsmacht der USA die Präferenzen globaler Akteure berücksichtigen muss. wie sie für Herausfordererstaaten typisch ist. auch die USA. um zu McRaes Artikel zurückzukommen.

in dem das Kapital der Souverän ist. Man kann ihn auf die englisch-französische Kernstruktur zurückführen. Die Öffnung des Restes der Welt für das Kapital ist daher der offensichtliche strategische Imperativ und genau hier öffnen sich heute die Verwerfungen in der globalen Ordnung . wird sich die zu erwartende politische Linie der USA zu einer Strategie flüchten. sondern in ihrem Zentrum stehen die Kämpfe darum. was ich als den Kernwiderspruch der gegenwärtigen Ära ansehe. Die Konflikte in der globalen politischen Ökonomie von heute sind keineswegs bloß Rivalitäten peripherer Natur. Wie sich die Welt an diese aufsteigenden Mächte anpassen wird und wie Amerika die sich daraus ergebenden ökonomischen Chancen und Herausforderungen managen wird. nicht 9/11 oder die Invasionen der USA in Afghanistan oder im Irak sein.44 Kees van der Pijl zunehmend als Belastung empfinden. Aber sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach den Kurs gegenüber China ändern. welche Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft herrschen. Es wird der Aufstieg von China und Indien sein. In diesem Sinne schreibt der Kommentator der New York Times Thomas Friedman in einem Artikel »Mit China fertig werden«: »Wenn die Geschichte der (gegenwärtigen) Ära geschrieben wird. ohne dass das Kapital des Westens im Ausgleich chinesische Arbeitskräfte ausbeuten kann.« Hier kommen wir zu dem. ist immer noch der wichtigste globale Trend. wofür eine Politik der »Menschenrechte« in der Gegenwart das naheliegendste Instrument ist. was er schon so oft zuvor erreicht hat: die Bemühungen des Herausforderers zu stoppen . wenige Möglichkeiten zu geben.« (Friedman 2006: 2) Die Demokraten werden daher nach ihrem Wahlsieg wahrscheinlich den Kurs im Mittleren Osten nicht ändern. die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in einem Herausfordererstaat in eine liberale Struktur umzubauen und seine Staatsklasse zu enteignen.auch wenn (in diesem Fall wie in den meisten anderen Fällen) dies keineswegs von selbst die Spaltungen und Rivalitäten beenden. sondern nur ihre Natur verändern würde. Durch eine solche Politik. den die angloamerikanische Invasion geschaffen hat. der beobachtet werden muss. denn dort scheint es angesichts des Sumpfes. würde der Westen erreichen. ob der Staat in seinem eigenen Territorium souverän ist oder ob dieses Territorium Teil eines weiteren Raums ist. Da der amerikanische Fertigungssektor verfällt. die in der Außenpolitik der Demokratischen Partei eine lange Tradition hat: die Unzufriedenheit im Innern umzusetzen in eine Politik der Öffnung für neue Investitionschancen. den die Historiker als wichtigsten zitieren werden.zwischen dem Westen . dann wird der Trend. hinter der sich ein weitaus tiefergehender Versuch verbirgt.

auf den sich »die Spezialisierung der gesellschaftlichen Arbeit« bezieht. in der sie kein Teil der ursprünglichen Klassendichotomie ist (im Sinne von Herr-Knecht. das reich an Rohstoffen ist. entsteht eine Reihe von Integrationsfunktionen. um die Kontrolle des Öls im Nahen Osten. sind die Vergesellschaftungsklasse. Ich vermute. Die Kader oder Funktionärsschicht. um die Beziehung mit China als dem gegenwärtigen Herausforderer. wie ich anderswo argumentiert habe (van der Pijl 1998: Kap. Gutsherr-Bauer.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 45 und einem wieder aufsteigenden Rußland. teilt. dass eine solche zunächst vergängliche Klasse die herrschende Weltanschauung der Gesellschaft. daß die Menschen in ein und derselben Räumlichkeit arbeiten (das ist nur ein kleiner Teil des Prozesses). Typischerweise bringt dies mit sich. Ebenso wie die Bourgeoisie in einem imperialen Kontext als städtisches Phänomen entstand. sie verkörpern einen speziellen Strang. Und da nun das historische Proletariat in Form seiner revolutionären sozialistischen Parteien nicht mehr existiert . »besteht durchaus nicht darin. eine eigene Sicht zu entwickeln und eine wirkliche Klasse in Beziehung zu anderen zu werden. formellen internationalen Organisationen und NGO's tä- . die bereits das Neue in sich trägt. sondern darin. wie sich der Prozess entwickelt und ökonomische Aktivitäten kontinuierlich zerlegt und wieder integriert werden. Staatsapparaten. dass die als Berater und Konsultanten in Unternehmen.« (Lenin 1894/1971: 169) In dem Maße. Kapitalist-Arbeiter in der jeweiligen Produktionsweise). von einer Verringerung der Anzahl der Kapitalisten in jedem gegebenen Industriezweig und einer Vergrößerung der Anzahl der speziellen Industriezweige begleitet ist. die neue Mittelklasse der kapitalistischen Managergesellschaft ins Spiel. 5). die in einer Gesellschaft entsteht. Eine Revolte der Kader? »Die Vergesellschaftung der Arbeit durch die kapitalistische Produktion«. so sind die Kader eine Zwischenschicht.wer springt nun in die Bresche? Hier nun kommt die Funktionärsschicht. dass viele zersplitterte Produktionsprozesse zu einem einzigen gesellschaftlichen Produktionsprozeß verschmelzen. Nicht anders als die Bourgeoisie in einer früheren Ära formt sich die moderne Managermittelklasse im Kontext einer Produktionsweise. schrieb Lenin (1894) in einem seiner frühen Artikel. sie besteht darin. aus der sie entsteht. daß die Konzentration der Kapitalien von der Spezialisierung der gesellschaftlichen Arbeit. bevor sie beginnt.

waren natürlich schon in den 1930er Jahren in den USA und in einer Anzahl weiterer . Transport. Vor allem wenn sie mit engagiertem Widerstand gegen die kapitalistische Ausbeutung konfrontiert werden. dem Internationalen Gerichtshof etc. 456457. die Keynes empfohlen hatte. sobald die neuen Strukturen globaler Governance sich auch auf die Staaten des Herzlandes erstrecken würden. Wie neuere Forschungen zur Frage der Organisation transnationaler Produktketten zu zeigen versucht haben (Merk 2004). 620-621) ein tentatives Szenario für eine Transformation hinterlassen und Bedingungen formuliert. die sie einst selbst vorgeschlagen hatten . also den Technikern. müssten nach Ansicht von Marx private finanzielle Transaktionen ab einem bestimmten Punkt eingeschränkt oder vollständig unterdrückt werden. dass ihre Bereitschaft. dass sie tatsächlich überlaufen und sich auf andere Weltbilder umorientieren. den neoliberalen Vorschriften weiter blind zu folgen. aufbauend auf bestimmten inhärenten Tendenzen des Kapitalismus. dass der Westen aktiv Strukturen globaler Governance geschaffen hat. wirklich infrage gestellt wird. Eine solche Überschreitung könnte möglicherweise zu einer dialektischen Transformation führen. die im reifen Kapitalismus in spekulative Operationen und ausgemachten Schwindeleien degeneriert ist. Handarbeitern jeder Art. Solche Maßnahmen gegen die Finanzspekulation.und Infrastrukturarbeitern und so weiter und so fort. besteht die Möglichkeit. deren Ziel die Wiederaneignung der Kontrolle über die Finanzwelt wäre. Eine solche Emanzipation der Produktion von der kapitalistischen Disziplin könnte sodann (b) die Form einer politischen Aktion annehmen. Designern.46 Kees van der Pijl tigen Kader im gegenwärtigen globalen Kontext in einem Ausmaß mit den strapaziösen Effekten der kapitalistischen Disziplinierung konfrontiert werden. Dies würde einschließen (a) die Wiederaneignung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses durch einen seiner selbst bewussten »Gesamtarbeiter«. unter denen eine Produktionsweise der »Assoziation«. dass sich ein solcher Prozess auf globalem Niveau entfaltet. 25: 400-402. der WTO. in Reichweite kommen könnte. den verschiedenen Fraktionen also. Managern. um (falls nötig mit Gewalt) weltweit kapitalistische Disziplin und demokratische Wahlen durchzusetzen.vom Völkerbund und den Vereinten Nationen bis zu Bretton Woods. ein solches Vorgehen transzendiert die Beziehungen der Gleichheit zwischen souveränen Staaten. Bd. Von besonderer Bedeutung ist hier. Um die wirkliche Produktion sichern zu können. in welche die Arbeitskraft im letzten Jahrhundert zerfallen ist. Marx hat uns im dritten Band des Kapital (MEW. gibt es ansatzweise Anzeichen.

die imstande sind.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 47 Länder eingeführt worden. dieses Ziel von außen zu erreichen. Großbritanniens und Israels. ein abstraktes Zukunftsszenario einer »Revolte der Kader« zu entwerfen. Gleichwohl haben die Spaltungen. aber auf jeder der vier genannten Ebenen würden sie eine herausragende Rolle spielen. die Keynes vorausgesehen hat und die er als eine Klasse von Menschen identifiziert hat. (d) Das letzte Element einer globalen Transformation würde die Schaffung von Strukturen globaler Governance betreffen. dieses Mal nämlich geht es um das Überleben der menschlichen Spezies. Zweitens als die Klasse. sogar wenn der Zweite Weltkrieg unser Maßstab ist. Zu dieser doppelten Struktur revolutionärer Umwälzung. in den 1970er Jahren jedoch waren sie rückgängig gemacht worden. das vor allem aus den gegenwärtigen Rivalitätsstrukturen herkommt. ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. die im Falle des Irak an der Bruchstelle zwischen Kerngebiet und Herausforderern deutlich geworden sind. die eine zweite Euthanasie des Rentiers beaufsichtigt. würde ich ein drittes und viertes Moment potenzieller Transformation hinzufügen. als Segment der lohnabhängigen Schicht mit Anleitungsfunktionen. die hier in der Begrifflichkeit von Produktionsweisen (des Übergangs vom Kapitalismus zur Produktion der »Assoziation«) gefasst wird. die durch sie geschaffen worden sind. Dies wäre (c) die Notwendigkeit. Peace Now in Israel und ihre eher disparateren Gegenstücke in den USA) geschaffen. Spielräume für solche Kräfte wie die Friedensbewegung (CND in England. die entstand auf der Basis der Ausbeutung der Qualifikationen und anderer Aspekte des selbständigen Handelns der Arbeiter. die auch nur der Versuch hatte. Mittlerweile sind die Feinheiten der globalen Finanzflüsse weitaus komplexer geworden und schwieriger zu kontrollieren und die Ungleichgewichte. die Biosphäre zu erhalten. Erstens als die Organisatoren des kollektiven Arbeiters. weitaus instabiler und potenziell weitreichender. Der sowjetische »Kult des Gleichgewichts« steht auf traurigste Weise für die zerstörerischen sozialen und wirtschaftlichen Folgen.jene der Vereinigten Staaten. Dies müsste in erster Linie das Ergebnis eines demokratischen Wiederaufschwungs in diesen Ländern sein. Es geht hier nicht darum. die Nukleararsenale der aggressivsten atomar bewaffneten Staaten des Westens zu neutralisieren und friedlich zu beseitigen: . die drei genannten Übergangsmomente zu fassen und zugleich die Weltgesellschaft in Richtung auf eine nachhaltige Produktionsweise zu orientieren im Rahmen der Notwendigkeit. es gibt keine Möglichkeit. die den Platz eines »funktionslosen Investors« (1936: 376-377) übernehmen . dem Westen im Wettrüsten pari zu bieten.

bleiben nie weit hinter den aktuellen Prozessen der Transnationalisierung des Kapitals zurück. wo die Kleider produziert werden. die in den 1970ern gefordert worden war. entwarf das MAI kühn eine globale Souveränität des Kapitals. das letztlich die Wende zu einer nachhaltigen globalen Wirtschaft ausschließen würde. Aber die Kader in den Organisationen gegen Weiterverbreitung von Atomwaffen oder in den N G O s . von der kein Staat ausgenommen worden wäre. Die Aktivisten. die auf den Perspektivwechsel in diesen verschiedenen Organisationen aufmerksam machen. die nach dem Urteil von Rio notwendig wäre. die angesichts der MAI-Pläne in Bewegung gekommen waren. der Gebrauch von Pestiziden im globalen Süden oder die Arbeitsbedingungen in Orten wie China. Das MAI wäre das genaue Gegenteil der Neuen Weltwirtschaftsordnung geworden. Endlich sind die neuen Strukturen der globalen Governance. durchaus ähnlich wie die Organisatoren der UN und andere. Drittens sind die Anhängerschaft der Friedensbewegungen nicht gerade typisch für die Mittelklasse. die »Neuen Sozialen Bewegungen« hoben dies als ihr spezifisches Charakteristikum gegenüber den »alten« Organisationen der Arbeiterklasse hervor. wie sehr mittlerweile die anschwellende Welle des globalisierungskritischen Aktivismus Ernst genommen wurde. um mit Menschen in weit entfernten Orten in Kontakt zu kommen. Das Internet der 1990er Jahre schuf neue Wege.48 Kees van der Pijl würden. sind alle zur Quelle eigener kleiner Aktivitätsknoten geworden. Im Oktober 1997 fand eine erste Beratung zwischen NGO's und der OECD über das Thema eines globalen neoliberalen Investitionsregimes statt. spielen eine ganz spezielle Rolle. 1996 begannen die Altermondialistes sich mit Gruppen aus anderen Ländern zu vernetzen. Ich möchte mit einigen kurzen Bemerkungen schließen. Die Gesprächsbereitschaft der OECD zeigte. die sich mit den Verlagerungen befassen. Ein Jahr . die von modischen Marken im Westen verkauft werden. Während in der damals geforderten Neuen Weltwirtschaftsordnung sich die Unternehmen genauen Prüfungen durch Staaten und die Institutionen der Vereinten Nationen hätten unterwerfen müssen. die zur Durchsetzung der neoliberalen kapitalistischen Disziplin und Unterwerfung geschaffen wurden. die durch die neoliberale Globalisierung produziert werden. die auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle einschließlich der Kampagnen gegen Landminen und Kleinwaffen agieren. Der antikapitalistische Aktivismus konvergierte in der Kampagne gegen das Multilateral Agreement on Investment (MAI) in eine mehr oder weniger zusammenhängende Bewegung. selbst in einem Wandel. Die Umweltzerstörung.

die jedes Treffen der multilateralen und supranationalen Organisationen störte. Das soll nicht bedeuten. sie hoben auch deutlich das Bewusstsein an über die Art und Weise. wie die Weltwirtschaft Menschen in unvereinbaren Situationen verkoppelt. das sich für einen kurzen Zeitraum als eine Unruhe stiftende Kraft zu etablieren schien. ihre hauptsächlichen Aktionsformen wurden durch verbesserte Kontrolltechniken eingegrenzt und die Gipfel wurden an Orte verlegt. Die »Anti«-Globalisierungsbewegung hat nachgelassen. von dem sie sich nicht mehr erholen wird« (William Pfaff.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 49 darauf war über die Frage des M A I eine veritable Massenbewegung entstanden.und IMF-Rezepte publik. Die Welle des Aktivismus machte nicht nur die planetaren Überlebensthemen und die mörderischen Resultate der Weltbank. ging eine Schockwelle durch die Welt. die einen Manistreamjorunalisten schlussfolgern ließ. wirtschaftliche Fragen könnten isoliert von politischen und sozialen Aspekten verhandelt werden. welche die regulatorische Infrastruktur des globalen Kapitalismus bilden. Dies war das erste Mal. dass deshalb die Anstrengungen vergeblich waren. »einen Schlag versetzt bekommen hat. was einst Entwicklungshilfe . Als dann mehr als 40. »Seattle« wurde der Höhepunkt der Bewegung. über welche. dass die Idee.000 Demonstranten auf dem Treffen der W T O in Seattle 1999 zusammenkamen. Und schließlich und durchaus vergleichbar mit der Absorption der Aktivisten des Mai '68 in die traditionellen linksgerichteten Parteien und die expandierenden Staatsapparate wurden viele aus der 1990er Generation des Antiglobalismus vom expandierenden Sektor der NGO's rekrutiert. der zunächst große öffentliche Resonanz erreichte. zit. welche diese den Staaten überall auf der Welt oktroyierten. Nineleven und die folgende antiislamistische Gegenreaktion versetzte der spielerischen Gegenkultur der antikapitalistischen Gipfel-Hopper einen massiven Rückschlag. die schwer zu erreichen waren. dass sich eine linke Bewegung nicht zuerst als nationale und dann erst als internationalistische konstituierte. nach Rupert 2000: 151). Von dort aus entwickelte sich das Phänomen des »Gipfel-Hoppings«. sondern dass sie unmittelbar als eine globale Bewegung entstand. etwa mit der weithin publizierten Telefondebatte mit dem neoliberalen World Economic Forum in Davos. die von der Luxuskonsumption bis zur modernen Sklaverei reichen. die in Resolutionen des Europaparlaments und zahlreicher lokaler Regierungseinrichtungen ihr Echo fand (Mabey 1999: 60-61). Bei all seiner Unterschiedlichkeit ist der NGO-Sektor zu einer weithin sichtbaren Route geworden. Mit dem Weltsozialforum in Porto Alegre entstand ein zentraler organisatorischer Knoten.

Gruppen aus der Welt der Kader in einen Block überwechseln. in einer Weise zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beizutragen. die dort arbeiten. Es kann wohl sein. haben auch potenzielle Spaltungen in anderen Zentren der Kader aktiviert. als Kader definieren). die versuchen. Zunehmend besteht ihre Rolle darin. die für das Überleben der Menschheit vital sind (Rischard 2002). die ILO und . müssen als potenzielle Verbündete der Kräfte angesehen werden. Die Umweltabteilung der Weltbank beherbergt Häretiker. wie diese Praktiken trouble spots schaffen.sozusagen entlang der Produktionskette hin zu den Krisenpunkten. solchen Politiken Widerstand zu leisten. nun neu platziert wird als Notstandshilfe für Katastrophengebiete. die dort in einem solchen Sinne tätig sind.in gewissem Umfang . die Prozesse abzumildern. Ein leitender Offizieller der Weltbank hat sich sogar dafür eingesetzt. wie es lokale Gewerkschaftsakteure eben nicht können. welche das Verhalten von Staaten und Unternehmen danach beurteilen. die krassesten Anwendungen neoliberaler Politiken abzudämpfen und die Kader. Es . Die Anliegen.die EU und das OECD-Direktorat. Ratingagenturen zu schaffen. die UNDP und der Europarat . ob sie Regeln einhalten. Wer an den bot spots präsent ist. kann zugleich auch ganz unmittelbar mitbekommen. über den Betroffenheit über solche Bedingungen und andere destruktive Einflüsse der globalisierenden kapitalistischen Disziplin transportiert werden kann . dass Staaten des Westens NGO's gründeten und finanzierten (nur so können wir die Personen. die UNICEF. dass in dem Maße. Tatsächlich sind sie ein wachsendes Medium für die Einbeziehung der Kader in die Funktionsmechanismen der globalen politischen Ökonomie. wo die neoliberalen best practices angewandt werden. als Überwachungsinstrumentarium für Menschenrechte und für eine Reihe anderer Felder. Ihre helfende und exekutierende Rolle wurde erst dadurch ermöglicht.50 Kees van der Pijl war. wie der Börsenglanz des globalisierenden Kapitalismus weiter schwindet und die Realitäten der unbarmherzigen Ausbeutung sichtbarer werden. durch welche Gesellschaften Teil der sich globalisierenden Ökonomie werden. auf denen die Folgen der neoliberalen Globalisierung zu spüren sind. das sich mit Humanressourcen und Arbeit befasst. Aber gerade aufgrund dieser Mischung aus Aktivismus und funktionaler Einbeziehung hat der NGOSektor das Potenzial. der offen den Notwendigkeiten des Überlebens der Menschheit und der Bewahrung der Biosphäre erste Priorität geben. die von der alternativen »Anti«-Globalisierungsbewegung publiziert und praktisch an NGO's adressiert wurden.sie alle arbeiten auf die eine oder andere Weise daran. und er kann zugleich als ein Kanal fungieren.

72 (3) 22-49 Huntington. 2. diese Klasse als Erretter der Menschheit zu glorifizieren oder sie als eine quasi-bolschewistische Avantgarde zu romantisieren. Samuel P. Harmondsworth Giesen. Nr. Robert W. der zugleich als ein Prozess der Vertiefung der Demokratie zu gestalten ist. Assassi/D. London Kautsky. (1894): Was sind die »Volksfreunde« und Wie kämpfen sie gegen . Rudolf (1975): Kapitalfraktionen. (1993): The Clash of Civilizations?. (2006): Contending With China. die durch den Verschleiß der Gesellschaft und Natur durch die kapitalistische Marktdisziplin gekennzeichnet ist. S. in: The New York Times. John Maynard (1936): The General Theory of Employment. 32. Interest and Money. abhängen. New York Keynes. 21. in: Les Temps Modernes 604.. 18. Francis (1989): The End of History?. (1998): The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. Thomas L. 42. Francis (1992): The End of History and the Last Man. Dominique (2004): Neo-Liberal Dynamics . in: Foreign Affairs. (1987): Production. Global Regulation. Power and World Order. 908-922 Kennedy. kann ihre Vorliebe für das Management ihr ideologisches Engagement für den Neoliberalismus übertreffen. Antonio (2000): Empire. Managing Crises After the Imperial Turn. weekly selection with Le Monde. Wladimir I. S. was sich vor unseren Augen abspielt. London/Basingstoke 1970 Lenin. Aber im spezifischen Kontext einer drohenden Katastrophe. Es wird dann von der Stärke des allgemeinen Widerstands in allen seinen Formen und von der Qualität der intellektuellen Reflektion dessen. Samuel P. Social Forces in the Making of History. Economic Change and Military Conflict From 1500 to 2000. 3-18 Fukuyama. in: Kursbuch. 40-62 Hardt. Michael/Negri. in: Die Neue Zeit. Wigan (Hrsg. ob sich ein Übergang zu einer assoziierten Produktionsweise entfalten wird.Towards a New Phase?. 141-154 Huntington. Basingstoke Friedman. Paul (1987): The Rise and Fall of the Great Powers.Globale Rivalitäten und Aussichten auf Veränderung 51 gibt keinen Grund. in: The National Interest. Karl (1914): Der Imperialismus. 2 Fukuyama. 16. in: K. Klaus-Gerd (1999): Charite paternaliste et guerre juste: la justice internationale selon John Rawls. New York Dumenil. Bd. Stuttgart.). Literatur Cox. November. Thesen zur Analyse der herrschenden Klasse. Cambridge MA Hickel. Gerard/Levy. Jg. van der Pijl/L.

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April 2002: »Today. Eine tonangebende Antwort gab die New York Times am 2.1 Sie hat es dabei belassen. Die neue Weltordnung. In dieser Zeit thematisierten in den zentralen Medien und den Studienwelten der Wissenschaft wohl ein paar zehntausend Beiträge die komplizierte Frage. seit geraumer Zeit an einem neuen. Nach dem 9/11-Anschlag explodierte dann förmlich die Rede vom Imperium. wie man empirisch und begrifflich eine Supermacht fasst. und konzentrierte sich dabei . wanderte in den Mainstream der Politik und Wissenschaft ein und hielt sich dort als legitimer und akzeptierter (jedoch nicht dominierender) Begriff erstaunlich lange. Zukunftsbericht der Rosa Luxemburg Stiftung.« Ein »Gorilla unter den geopolitischen Bezeichnungen« (so der Guardian am 18. Frankfurt/New York 2002). 1 .9. 2 Eine seltene Ausnahme ist das pfadtheoretische Herangehen in: Dieter Klein (Hrsg. Manuskripte 38.): Leben statt gelebt zu werden.ebenso solide wie nicht selten sehr behäbig .in aller Regel auf die politische Ökonomie und die Frage nach der Bestimmung der postfordistischen Situation. die mehr ist als eine Supermacht. tragfähigen Verständnis einer ihr seit einem Jahrhundert vertrauten Theorie und Begrifflichkeit (der des Imperialismus) zu arbeiten.Rainer Rilling Imperialität 1. Die Linke übrigens hat sich kaum auf das Neuland der plötzlichen Rede vom Empire gewagt. Selbstbestimmung und soziale Sicherheit. Empire. Aufstieg und Niedergang Die lange stillgestellte Bezeichnung »Empire« wurde Mitte der 1990er wieder gefunden und breitete sich zunächst langsam in einigen aufgestiegenen rechten fringe groups der herrschenden politischen Klasse der USA und ihres Anhangs aus. Cambridge 2000 (dt. bis dieser dann um 2006 seine Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit langsam verlor. America is no mere superpower or hegemon but a full-blown empire in the Roman and British sense. Berlin 2003. sieht man von der ungeliebten Ausnahme des spektakulären Entwurfs von Michael Hardt und Antonio Negri ab.2002) wurde gebraucht und gefunden: eben das Imperium. 2 Michael Hardt/Antonio Negri: Empire.

Von Imperien zu reden und vom Raum zu schweigen. und betonen. die einen hohen Anteil direkter und zudem gewaltförmiger Herrschaftsausübung (»Zwang«) aufwiesen. Reich) zu sprechen. US-amerikanischen Imperien darauf beharrt. dass komplexere Einflussordnungen.54 Rainer Rilling 2. Venedig. London/New York 2003. Vor allem die USA gelten als Streitfall. Spanien) und des imperialistischen Kapitalismus (britisches Imperium. dass von einem Imperium gesprochen wurde. blieb bis Anfang der 1990er Jahre in neuerer Zeit Historikern überlassen. dann vor allem auch ökonomischer Herrschaft im Raum die allein ausschlaggebende Rolle dafür. Unter einem Imperium wurden daher lange Zeit Kolonial. des Handels (arabische Reiche. die sich in ihnen zusammenfassen. Sie schließen daher auch aus. macht tatsächlich keinen Sinn. das Mittel der Gewaltausübung weitgehend zurückhalten zugunsten der Mobilisierung von Zustimmung (Konsens). . muss auch nach ihrer kapitalistischen Spezifik und nach den Spezifika des Kapitalistischen fragen. die ihre Herrschaft im Raum (zeitgemäßer formuliert: in kapitalistischen Großräumen) auch oder vorrangig informell und indirekt ausüben bzw. China). noch als Empire bezeichnet werden können. 3 Wer heute von Imperien spricht. die sich mit den Imperien des Landeigentums mit starkem Staat (Rom.und Territorialreiche verstanden. Mit dem Verschwinden solch evidenter wie expliziter Kolonialimperien und der Praxen territorialdiktatorischer Okkupation ist für viele das Zeitalter der Imperien endgültig zu Ende gegangen. französisches Kolonialimperium oder das »Kontinentalreich« des deutschen Faschismus) befassten. dass hierfür der Hegemoniebegriff adäquater sei. Jenseits dieser Basisdifferenz der politischen Ökonomie von Imperialität spielt aber in den historischen Zugriffen auf das Reich seit jeher das Merkmal der Ausdehnung zunächst in erster Linie direkter politisch-militärischer und rechtlich-formalisierter. 3 Ellen Meiksins Wood: Empire of Capital. nach Maßgabe der Eigentumsverfassung an solchen grundlegend voneinander unterschiedenen Typen von Imperien festzuhalten. Häufig wurde daher von ihrer Hegemonie oder Dominanz im internationalen System gesprochen. Absagen Von einem Empire (Imperium. Holland. Ellen Meiksins Wood hat gegen die übliche Gleichsetzung des römischen und der britischen bzw.

nicht koloniale! . die vier große Konstellationen durchlief. Territorialpolitisch entwickelte sich jedoch Ende des vorletzten Jahrhunderts mit der Schließung der kontinentalen wie globalen Grenzen für die herrschende Klasse in den USA eine grundsätzliche Problemsituation. Von Imperium wurde daher damals nicht sonderlich gesprochen . . 4 Die USA wurden auf der Grundlage dieser massiven geographischen Machtbasis und der Demobilisierung der anderen Klassen um die Jahrhundertwende eine große Macht »more or less without a formal empire.aber in der Geschichte der USA waren die Bildung der Nation und die Bildung eines Empires eng miteinander verknüpft. Leiden 2003. Ihre Geschichte kann auch geschrieben werden als Geschichte einer Expansion. 11(3).Imperialität 55 3. sondern auch stark ideenpolitisch begleitet wurde durch die Idee der sich unaufhörlich ausdehnenden Grenze und den Gedanken des gottgegebenen amerikanischen Exzeptionalismus? Die Expansion des amerikanischen Kapitalismus erforderte daher eine neue geopolitische und -geoökonomische Strategie. Diese neue Geographie des 4 Amy Kaplan: The Anarchy of Empire in the Making of US Culture. 19. Eine eigene US-amerikanische Konstellation der ökonomischen Ausdehnung jenseits des dominierenden europäischen territorial. American Empire Tatsächlich aber haben gerade die USA das Muster indirekter Einflussnahme und informeller Durchdringung anderer Staaten und Mächte zum zentralen Merkmal einer modernen imperialen Ordnung entwickelt. geopolitische Aspiration (kontinentale . Wie also eine kapitalistische Ausdehnung fortsetzen.Expansion) und land grabbing eng verknüpfte. welche politische Mission (»Freiheit«). wenn nicht unmöglich.und kolonialimperialen Modells musste entwickelt und damit das alte Verhältnis von Geopolitik und Geoökonomie revidiert werden.« 5 Sie waren auf dem Spielfeld globaler Akteure angekommen. der territoriale Aneignungen jenseits Nordamerikas völlig unnötig machte . Cambridge 2002 5 Simon Bromley: R in: Historical Materialism. Im Zentrum der ersten Konstellation stand die Zeit der inneren Landnahme des amerikanischen Kontinents. eine äußere Landnahme jedoch riskant. S.die USA waren in diesem Sinne schon ein Territorialimperium. es dominieren zu können. Es entstanden eine kontinentale Ökonomie und der größte Binnenmarkt der Welt. Die innere Landnahme war beendet. aber noch weit davon entfernt. die nicht bloß ökonomisch geboten war.

30 (2004). Nichtterritoriale Imperien wie die USA haben das Ziel der Kontrolle des Raums und eben nicht der Annexion von Territorien (im Die klassische Studie zur Frage der Open Door und des American Way of Expansionism ist William Appleman Williams: The Tragedy of American Diplomacy. Offenheit war die Gewährleistung für die Ausbildung der Tradition kontinuierlicher Machtsteigerung.. Die Welt musste nicht amerikanisch sein. 8 Bruce Cumings: Is America an Imperial Power. California 2003 sowie Peter Gowan: American Lebensraum. Eine ganze Skala von Praxen aufschließender indirekter Kontrolle entstand im Zeichen dieses Konzepts. in: Current History. nicht-territorialer Herrschaft. New York 1962. 155-164. New York/London 2005. ders. zumeist mit rassischen oder ethnographischen Referenzen operierender Herrschaft (»Eingeborenenpolitik«) trat ein anderer strategischer Ansatz. Zum »amerikanischen Lebensraum« s.zu Recht ist das Thema der ständig neuen Grenzüberschreitung (» next frontier«) als Kern der amerikanischen politischen Kultur der Expansion charakterisiert worden. 6 Im Mittelpunkt eines von den U S A kontrollierten »Großraums« 7 stand der Gedanke der Raumhoheit. Länder und Territorien zugänglich und durchlässig zu machen für private Macht und die Macht des Privaten und damit für das private Eigentum an den Mitteln der Produktion. aber offen für amerikanische Produkte. der genuin ideologischen Mission der Verbreitung einer spezifisch amerikanischen Variante des Liberalismus nachzukommen. sondern der Aufbau einer Ordnung informeller. dann müssen sie als » nonterritorial empire«8 gedacht werden. Nov. Neil Smith: The Endgame of Globalization. ermöglicht durch access . dessen Schlüsselidee die Politik der Open Door war. 6 . direkter Koloniekonstruktion und formaler. Investitionen und Ideologien.56 Rainer Rilling Imperialismus wurde das zentrale Thema der nun entstehenden auswärtigen Politik der USA. Werden die U S A also seitdem als Empire gedacht. American Empire: Roosevelt's Geographer and the Prelude to Globalization. also die Öffnung der ökonomischen und juristischen Ordnungen und damit der Zugang zu den Märkten und Rohmaterialien der Welt für das amerikanische Kapital und die Möglichkeit. der an die Stelle der Vorstellung einverleibender Besetzung trat. Der spezifische Modus der OpenDoor-Politik war also nicht die Eroberung und direkte Kontrolle von Territorien. An die Stelle unmittelbarer territorialer Einverleibung. Grenzen in dieser Welt waren dazu da. in: New Left Review. ging es hier doch nun darum. 2003. überwunden zu werden . 7 S. S.eine klare Differenz zum dominanten Modus der klassischen europäischen Kolonialimperien.

Kontrolle. Machtprojektion und fluiden Präsenz. Ithaca 2001. 19. Heute etwa entsteht eine digitale Festung USA. die jeden Flug. gingen ineinander über oder bildeten hybride Formen . Es ging um Grenzen. Zugleich aber waren die kontinentalen Grenzen des Nationalstaates USA nicht die Grenzen des Imperialstaats USA. die ausgreifend Machtkonkurrenten (oder deren Entstehung) konterkarierten. nach der Bildung ihrer kontinentalen Form. 9 Um territoriale Grenzziehungen. In der Geschichte des American Empire entstanden häufig solche Kontrollhybride und Zwischenformen: nicht-inkorporierte Territorien oder protektoratsähnliche Arrangements wie das »Platt-Amendment«. sondern auch die andere ständige Begleiterin der Imperien: die Unruhe und den Widerstand in ihrem Inneren. das dem Modell der britischen Herrschaft über Ägypten entnommen war und seinerseits als Modell für Haiti. nie ein Territorialimperium. wonach die eine Form auf die andere folgt. . auch wenn sie einige Territorien besetzt halten. die für klassische Landimperien eine zentrale Rolle spielten. 1923-1939. Zum imperialen Rand des amerikanischen Machtprojekts gehörte das ganze Vokabular dieser postterritorialen Grenzen der Einflussnahme. es ging um jene Grenzfronten. 10 Terry Martin: The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union.Imperialität 57 Sinne von Einverleibung) und der Überwältigung territorial basierter Souveränität (im Sinne der Okkupation). und alle großen kapitalistischen Staaten praktizierten in ihrer Geschichte diese Formen. Expansion und Reproduktion von Imperialität realisieren sich dabei über eine instabile Dialektik von Inklusion und Exklusion. Diese grundsätzliche Dimension der Konfrontation reflektiert nicht nur die strukturelle Instabilität imperialer Grenzprojekte. 2006 setzten sie diese neue Grenzziehung im transatlantischen Flugverkehr gegen den Willen europäischer Staaten durch. Neben der Sowjetunion als »the world's first post-imperial State«10 war es diese amerikanische 9 Die Ausdehnung des Im der Grenzen des Nationalstaates USA mit sich. die ein Glacis gegen Feinde umrissen. um ihr nicht-territoriales Empire zu sichern.und Schifftransfer von Menschen in die USA noch weit von ihren Grenzen entfernt identifiziert. die Dominikanische Republik und Nikaragua diente. kontrolliert und im Zweifel verhindert. S.und es gab keine »Gesetzmäßigkeit«. oftmals zeitgleich. in denen Nachbarn Tribute entrichteten und Strukturen ökonomischer Ungleichheit und damit Ausbeutung reproduziert wurden. es ging um Zonen der Aneignung. Die USA waren. ging es dann nicht mehr. Die Typen der territorialen und nichtterritorialen Imperialität existierten historisch nebeneinander.

die Kräfteverhältnisse im politisch zentralen Kontinent Europa hegemonial zu regulieren.« (S. S. and he wanted it made in America. Der neue Typus von Imperialität unterschied sich immer Zitiert nach Smith. Unmittelbar nach Kriegsende war die Pariser Friedenskonferenz 1918 der Schauplatz für die Inszenierung der neuen. Jahrhunderts. Es ging nicht um Kolonien. Jahrhunderts ein.. 73.58 Rainer Rilling Form der nichtterritorialen Imperialität. Kräftepolitisch erhielt dieser zweite expansionspolitische Ansatz seinen stärksten Schub durch das Zerbrechen der dominanten Rolle Englands im Ergebnis des Ersten Weltkriegs. Endgame.. welche als die nachhaltigen ausgreifenden Ordnungsformen des letzten Jahrhunderts gelten können." Der »liberale Internationalismus« Wilsons war die erste präsidiale Vision eines globalen Amerikanismus. sondern ökonomisch durch marktvermittelte Regulation geschehen.und südamerikanischen Kontinent hinausgreifenden Ambition der USA durch ihren Präsidenten Woodrow Wilson. »Kolonisierung« sollte nicht territorial durch militärische Intervention.. Die zweite Konstellation einer politischen Innovation setzte also zu Beginn des 20.O. nunmehr deutlich über den nord. das Zentrum des Weltkapitalismus zu sein. Er dachte nicht mehr in der Vision einer USA als Kolonialmacht. Die Zeit der 1930er Jahre und dann des Zweiten Weltkrieges war auch eine Phase eines reflexiven Moments bei der Erfindung des neuen Hegemons des 20. Sein Ziel war der Übergang von einer geopolitisch (territorial) zu einer geoökonomisch ansetzenden Politik und Ordnung. bei der die Kapitallogik über die Territoriallogik triumphiert. die ursprünglich auf Asien abzielende »Open-Door-Politik« sollte dem amerikanischen Kapital die ganze Welt erschließen. Die profitable Eroberung von Märkten und Aneignung von Ressourcen sollten möglich sein ohne riskante und kostspielige Invasionen und Okkupationen.a. und es verlor seine Kraft. sukzessive an die USA. die bis 1989/91 dauerte. sondern um Märkte.. hatte ihren ersten expliziten Höhepunkt nach dem Ersten Weltkrieg und wurde dann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einer dritten Konstellation abgelöst. a. 75) 11 . also regionale Monroe-Doktrin sollte nun »as the doctrine of the world« globalisiert werden und die USA sollten »the leadership of the world« (Wilson) beanspruchen. die auf die westliche Hemisphäre zielende. Smith formuliert: »Wilson wanted the world. Die wesentliche Form der Imperialität in der Gegenwart ist die nichtterritoriale des informellen Empire. der für eine »post-territoriale« Alternative (Smith) optierte. Es verlor seine Fähigkeit.

it is largely an informal one. reproduzierte. • der nicht mehr dominiert wurde von einem formellen sondern von einem informellen Empire. in der gleichsam darüber entschieden wurde. Dabei muss gesehen werden. den die USA gewonnen haben. Papier für die 5. das den Gedanken des Imperialen keineswegs ignorierte. The segments of the American imperium are sovereign states. der diese »Segmente« arrangierte und kontrollierte. Das wirkliche American Empire umfasst danach das nördliche Strange: Pax Americana. 4/1950. Insofern ist die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts auch von einem neuen »dreißigjährigen Krieg« zwischen den USA und Deutschland um die Nachfolge Englands als dominierende Macht gekennzeichnet gewesen.einer Zeit. dass mittlerweile mit der Sowjetunion ein anderes Projekt großräumlicher Neugestaltung aufgestiegen war. In der Zeit zwischen der Oktoberrevolution 1917 bis 1942/43. als sich der Ausgang des Zweiten Weltkriegs entschied. vertiefte oder minderte. • der nicht nur eine tiefe Differenz zwischen einem neuen »Zentrum« und einer neuen »Peripherie« aufgriff oder schuf. das im Kern auf der außerordentlichen militärischen Macht der Vereinigten Staaten gründete. Den Haag 2004.dabei aber zugleich (wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß) als zentralistisches. wie er für den klassischen formellen Imperialismus und auch für das militaristisch-terroristische Projekt des faschistischen »Reichs« dieser Zeit typisch war . 42. 13 12 Susan . Daniel Nexon/Thomas Wright: Taking American Empire Seriously. 534f. S. S. Für die USA ging es in dieser Zeit um die Durchsetzung des » a m e r i c a n Century« (Henry Luce) und die Sicherung der »pax americana«}1 Sie akzentuierten sich dabei nach Kriegsende als ein neuer Typus von Imperialität.«) 13 und einen von ihr dominierten multilateralen »pervasiven Uberbau« (Gowan) schuf. and the scope of American political control is much less than that of the great historical empires. sondern • der dann auch eine neue Hierarchie im Staatensystem des »Kerns« durchsetzte (»If the United States is an empire. Knapp ein halbes Jahrhundert später war diese Konkurrenz entschieden. informelles Empire agierte. sondern sich explizit als postimperial und daher antiimperial(istisch) verstand und etikettierte .Imperialität 59 deutlicher von einem Modus der kolonial-territorial orientierten Expansion. konkurrierten somit drei imperiale Projekte mit globalem Anspruch. in: International Affairs. also zu einem global ansetzenden Grenzmanagement neuer Art imstande war. welches imperiale Projekt die folgenden Jahrzehnte dominieren sollte. Pan-Europäische Konferenz.

60 Rainer Rilling Zentrum der kapitalistischen Industriestaaten (Europa. Japan sowie Australien/Neuseeland als »Kern«) und seine »Sicherheitsgemeinschaft« als eine Zone des »imperialen Friedens« 14 oder des »protective imperialism«. unprecedented significance of the protectorate empire over the core«. wie Peter Gowan aus linker Sicht zu Recht feststellt. S. USA. Die USA dehnten in der Nachkriegszeit die räumliche Dimension ihrer Interessen ins Globale aus. das erstmals auf die Durchsetzung und Sicherung eines Akkumulationsprozesses im Maßstab eines neu globalisierten (aber nicht planetaren) Globalkapitalismus abzielte und in dem das amerikanische Kapital seine Interesse auch definierte als Repräsentanz dieses Kapitalismus (gegen den neuen sowjetischen Staatenblock bzw. S. Canada. 14 16 Peter Gowa auch die sehr weitgehende Formulierung: »The entire advanced capitalist world was turned into the single sphere of influence of the USA. eines Projekts also.« . sondern auf die Produktion von Weltordnung aus war. 15 demgegenüber. den tiefgehenden Widerspruch von politisch-ökonomischer Fragmentierung und Weltmarktinterpenetration dadurch zu bearbeiten. Gelöst wird dieser Widerspruch zwischen transnationaler Integration und politischer Fragmentierung dadurch nicht. In grundlegender Sicht war dies ein Versuch. 109-127. 1/2002. die Beziehungen zur Peripherie »were of small significane in comparison with the enormous. der die Tarak Barkawi/Mark Laffey: Retrieving the Imperial: Empire and International Relations.William Appleman Williams sprach folgerichtig vom »imperialen Antikolonialismus«. 15 Samuel Flagg Bemis: The Latin American Policy of the United States: An Historical Interpretation. Es war der Beginn der Grundlegung einer neuen amerikanischen Weltordnung. zunehmend auch gegen widerständige oder nur schwer integrierbare Länder der Peripherie). sie erschütterten die Finanzmacht der City of London und arbeiteten dem Zerfall des Kolonialsystems der altimperialen europäischen Mächte zu. für deren Gestaltung die USA ein eigenes Entwicklungsprojekt entwickelte. dass diese Verbindungen und Austauschbeziehungen zwischen den Kapitalismen unter amerikanischem Vorzeichen verstärkt und innere politische Widersprüche im Zeichen des neuen Widerspruchs zum entstehenden realsozialistischen Block »gemanagt« wurden. 16 • und der endlich nicht mehr einfach nur die Interessen einer Großmacht repräsentierte. in: Millenium. um es im Zeichen der »Entwicklung« für die Aktivität ihres eigenen Kapitals zugänglich zu machen . New York 1943. 202-226.

GATT [WTO] und U N ) aus und entwickelten die Blaupause einer neuen Staatsstruktur. Hiroshima war der »big bang 17 Charles S. 23. soziale wie politische Machtbasis in den verbündeten kapitalistischen Allianzstaaten ausweiteten. das US-Schatzamt und das Außenministerium arbeiteten das Grunddesign der Schlüsselinstitutionen des fordistischen Nachkriegskapitalismus (Weltbank. American Ascendancy and Its Predecessors. Luft. technische und vor allem das finanzielle System. sie bauten eine bis heute unbestrittene Hegemonie über die Wissensproduktion auf. militärisch-politische. Daher überdauerte diese letztlich unipolare und asymmetrische »Nabe-Speiche-Struktur« (Gowan) auch den Zusammenbruch des Warschauer Paktes. sich auf die UdSSR orientierenden System ausschloss . IMF. ihre Bündnispartner waren von ihnen abhängig und erhielten im Tausch eine sozioökonomische und liberale Entwicklungsperspektive.18 Die Stärkung dieser Länder war verknüpft mit kontinuierlicher osmotischer Einbindung in die US-basierte Kapitalordnung.Imperialität 61 soziale und räumlich ungleiche Dynamik der kapitalistischen Entwicklung in miteinander verknüpften Diskursen und Praxen der Berechtigung und Kontrolle bearbeitete. die sie weltweit militärisch interventionsfähig machte und eingekleidet war in fast 100 größere Militärverträge und Sicherheitsabkommen. sie schufen eine internationale Ordnung. 18 Siehe Financial Times v. die Entwicklung und Durchsetzung ihres fordistischen Empire of Production (Maier) 17 intensivierte sich: sie kontrollierten das ökonomische. Maier: Among Empires.4. die ihren Interessen förderlich war. deren Akteure ihre ökonomische.dies war die absolute Schranke des geopolitischen Arrangements. Die USA bauten eine Nuklear-.und Schiffsmacht auf. und eigene imperiale Projekte waren aussichtslos und stießen auf harten Widerstand der USA. dass dies einen Wechsel zu einem nichtkapitalistischen. welche zahlreiche Umbauten der Staaten selbst einschloss und eine handhabbare Ordnung der Eigentumsrechte garantierte.2003. die spektakulär war . Cambridge 2006. Dies war die machtpolitische Voraussetzung dafür.schließlich wuchs im Zeichen der US-Dominanz der Welthandel zwischen 1947 und 2000 um das 20fache an und das Weltbruttosozialprodukt nahm um 700% zu. dass die Kapitaleliten dieser Allianzstaaten (in erster Linie im Rahmen der NATO) diese globale Perspektive als äußerst nützliches Element der Sicherung ihrer eigenen Reproduktionsinteressen reflektierten und zugleich akzeptierten. sie schufen eine Ordnung regionaler Bündnisse und bestimmten deren geopolitische Orientierung. .

Südkorea. sondern zugleich Ausdruck genuin eigener offensiver Zielformulierung. dass die UdSSR einen Angriff auf den Westen plante. zumal die UN kaum. sondern »Entwicklung« und »Modernisierung« waren nun die Leitbegriffe ihrer Weltpolitik und -Strategie gegenüber der Dritten Welt (und bei Gefährdung ging es um »Zerstörung«). Ostasien und das südliche Asien. National Security.): Alliance Policy in the Cold War. die Einflusszonen gegeneinander aufstellten. Das neue Amerika bestand keineswegs mehr nur aus einem Kontinentalkapitalismus. wonach kein amerikanischer Führer daran glaubte. dann wurde dem Ruf bis 2003 gefolgt . Diese grundlegende Orientierung war somit keine Reaktion und kein defensiver Reflex. Gowan erinnert an die Studie von Melvyn Leffler: A Preponderance of Power. in: Arnold Wolfers (Hrsg. politischer und kultureller Bastionen in der AußenPaul Nitze: Coalition Policy and the Concept of World Order. den nach 1945 in noch größerer Macht entstandenen globalen Rivalen Sowjetunion zu beseitigen. sie operierten multilateral in Europa. wenn die U S A im Sicherheitsrat der UN nach militärischer Aktion riefen.« 19 Diese dritte Konstellation war also anders.62 Rainer Rilling of American Empire« (Maier). Westeuropa und Lateinamerika. nicht mehr wie einst »Zivilisierung«. wie er sich in der Regierungsdirektive NSC-68 von 1950 niederschlug. sie schufen sich eine multilaterale Ordnung und Kultur des Zugangs zunächst in Europa und in den 1980er und 1990er Jahren dann auch in Asien (Japan.in den Worten des Autors der NSC-68 Paul Nitze . war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vorüber. dann gab es sie nicht. welche eine Verdreifachung des US-Militärbudgets ankündigte. 19 . wie ursprünglich geplant. sondern aus einem expansiven Gefüge ökonomischer. Standford 1992. war . Der Kalte Krieg. and the Cold War. Die Situation der Konkurrenz großer kapitalistischer Mächte. the Truman Administration.also zur Sicherheitszone des amerikanisch dominierten Kapitalismus. indirekt als globaler Arm der US-Außenpolitik funktionierte. dann China). Amerika dominierte und veränderte sich selbst dabei. der Nahe Osten und Afrika transformierten zur »Freien Welt« .eben zugleich der Versuch der »creation of some form of world order compatible with our continued development as the kind of nation we are. bilateral in Asien und unilateral.w o r l d i s m « ) verfolgt hatten. wo es notwendig und möglich schien. sie propagierten ein Set von Werten mit universellem Geltungsanspruch und agierten erfinderisch auf den Feldern ideologischer und religiöser Konfrontation.und wenn sie ihr widersprachen. nachdem sie zunächst noch unter Roosevelt gleichsam direkt das Projekt der »Einen Welt« ( » o n e . Baltimore 1959. konzentrierten sie im Zeichen des »free-worldism« ihre Ressourcen darauf.

Imperialität 63 weit auf das sich sukzessive die Reproduktionsstruktur des amerikanischen Kapitalismus verlagerte.aber er war wirksam.. economic (dollar aid and investments). dass die politisch-institutionellen Außenbeziehungen der kapitalistischen Kernstaaten. Konfligieren und Austarieren der gesellschaftlichen Kräfte innerhalb dieser Staaten reflektierte. Hier ging es auch Charles Bright/Michael Meyer: Where in the World Is America? The History of the United States in the Global Age. proved extraordinarily attractive. die letztlich militärische Konflikte zwischen den konkurrierenden Kapitalismen als unvermeidlich ansah.ein Vorgang. political (the leverage and sanctions of a superpower).): Rethinking American History in a Global Age.were tremendously powerful. Leiden 2003. die auf das eigenständige Wirken.« 20 Amerikanismus löschte keineswegs die Spezifik der einzelnen Nationalstaaten aus. had created vectors along which elements of the U. Imperialism and United States Hegemony. 21. in: Thomas Bender (Hrsg. daher nicht nur die USA als das territorial fixierte Amerika. with its emphasis on material progress and democracy. Berkeley 2002. was zugleich bedeutete. in: Historical Materialism. Es gab. in dessen Kern die »amerikanische Partei« (Arrighi) stand und steht: »The postwar American sovereign. dass potenzielle oder sogar reale Weltmarktkonkurrenten wie Japan oder Deutschland gestärkt wurden . welche die USA nach 1945 einnahm: Erstmals konnte ein einzelner bürgerlicher Nationalstaat in großem Rahmen die alte zwischenimperialistische Konkurrenz eindämmen und eine koordinierende Funktion übernehmen. built on territories of production. zit. transformierte sie und setzte ihnen neue Grenzen.military (the alliance systems and volence).S. Diese Struktur reflektiert die Schlüsselrolle. die sich bislang auf ihre Kolonien und von ihnen regional abhängige Staatenbünde richteten. The tools of control . aber er drang in sie ein. State and American civil society could move off into the world and benefit from the permanent projections of American power overseas. and the ideological imaginery of the territories of production. nun auf die USA umorientiert wurden und die USA selbst dazu beitrugen.. der jenseits des Horizonts der alten Imperialismustheorie war. and ideological (the image of the United States as leader of the free world) . sondern auch das Amerika des Americanism. wie Charles Bright und Michael Meyer in ihrer Debatte der Frage »Where in the World is America?« vermerkten. nach Simon Bromley: Reflections on Empire. ohne dass er sie in bloß passive Agenten und Spiegelbilder seiner selbst verwandelte oder ihre relative Autonomie aufhob. S. Damit hatte der Anreiz zum Replikat des Amerikanismus seine Quellen und aufwändigen Bedingungen . 11(3). 20 .

dann die Türkei und Israel. 613-629. S.abgesehen von den staatssozialistischen Ländern . Globaler Kapitalismus und amerikanisches Imperium. Hamburg 2004). ihres Raums und politischen Regimes und nicht um die »Extraktion« der kriegsgeschwächten Konkurrenten. ferner Geir Lundestadt: The United States and Europe Since 1945.und in der Amerika zu einer europäischen Macht wurde. die ein »informal American Empire« errichteten. der sich in der Amerikanisierung Amerikas ständig selbst umbaute. Kultur und Ideologie präsentierte und als globaler Pol der Attraktion wirkte und wirkt: ein »Empire by invitatio»«. der die avancierteste und verallgemeinerungsfähigste Form der kapitalistischen Produktion. Attraktion und Integration entstand eine internationale Ordnung.faktisch globalen Charakter hatte und dessen politisch-ökonomisches Zentrum das Kerngefüge entwickelter kapitalistischer Staaten war. wie sie sich dann sukzessive herausgebildet hatte: »Es umfasst Europa. das . in: Leo Panitch/Colin Leys (Hrsg.64 Rainer Rilling ökonomisch um die »Konstruktion« der kapitalistischen Akkumulation. 22 Die Ordnung der internationalen Politik außerhalb des sowjetischen Blocks wurde sternförmig neu konfiguriert. 23 »Only the American state could arrogate to itself the right to intervene against the sovereignty of other states (which it repeatedly did around the world) and only the American State reserved for itself the >sovereign< right to reject international rules and norms when necessary. 22 S. nicht durch Zwang oder Gewalt. Oxford 2003. Das alte Muster der harten interimperialistischen Rivalität brach zusammen. in: International Affairs. The New Imperial Challenge. Die U S A waren also nach 1945 nicht nur einfach die größte Macht unter den großen Mächten: sie dominierten zumindest den Kern des kapitalistischen Weltsystems. 23 Peter Bender beschreibt die Kontur dieser neuen Ordnung. Koordination geschah durch den Anreiz zum Replikat des Amerikanismus. Ein Integrations. John Peterson: America as a European power: the end of empire by Integration?.).« Leo Panitch/Sam Gindin: Global Capitalism and American Empire. 21 dann ein » Empire of Production« oder ein »Empire of the consumption« (Maier). Kooperation zwischen den kapitalistischen Ländern des Nordens geschah vorweg durch Verhandlung und Koordination. Ihr souveränes nationalstaatliches Zentrum waren nun die USA. 21 .und Attraktionspol im Übrigen. Durch Verhandlung. Socialist Register 2004. It is in this sense that only the American state was actively >imperialist<. From »Empire by Invitation« to Transatlantic Drift. das als » Empire of the fun« (Reinhold Wagnleitner) funktionierte. 4 /2004. soweit die Nato jeweils reichte und reicht. London 2003 (dt. in deren Zentrum eine transatlantische Allianz zwischen den U S A und Europa stand . Gemeint ist hier offensichtlich imperial.

neuerdings Stellungen in Zentralasien und Besatzungsaufgaben in Afghanistan und im Irak. manche brauchen Rückhalt gegen ihre Nachbarn und Feinde. S... Feste Positionen haben die Vereinigten Staaten im Vorderen Orient. sondern durch Interessen zusammengehalten. Odom/Robert Dujarric: America" s Inadvertent Empire. Malaysia und Singapur nennt.. bewährte Demokratien verbunden und bilden. William E. Seine Mitglieder sind größtenteils wirtschaftlich und technisch mehr oder minder auf Amerika angewiesen. in Jordanien... 487f. Südkorea. New Haven 2004. was früher >der Western hieß. In 130 Ländern unterhalten die USA rund 750 militärische Niederlassungen. den Golfstaaten und wohl immer noch in Saudi-Arabien. 486. in: Merkur. reicht Amerikas Macht weit über sein Empire. die zu Highways wurden. 6/2004. die zum American Empire gehörten. sind diese Interessen meist flüchtig und können sich schnell ändern. s. Ihre Flotte ist Herr aller Weltmeere.« 24 Bender unterscheidet dabei zwischen einem American Empire im engeren und in einem weiteren Sinne: den Ländern des »Westens« (sinnvoll wäre es. 24 . wo Peter Bender: Vom Nutzen und Nachteil des Imperiums.a. Fast alle sind ihm als überzeugte. Australien und Neuseeland. die von amerikanischer Übermacht. viele verkauften militärische Stützpunkte.. a. Das American Empire ist. 854f. Über römische und amerikanische Weltherrschaft. In einem weiteren Sinne umfasst American Empire viele Staaten auf fast allen Erdteilen. von den Kernstaaten (core) der kapitalistischen Ordnung zu sprechen) »garantiert Amerika ihre Sicherheit und erhält dafür ihre feste Loyalität. nicht zuletzt die Erbschaft des britischen Weltreiches.. in: Blätter für deutsche und internationale Politik.Imperialität 65 Japan. Während Rom nur sein Imperium beherrschte. Fast gleichlautend in Peter Bender: Imperium als Mission. Während der innere Kreis des Empire von festen Bindungen lebt. S. den >Westen< hinaus. Odom und Dujarric haben 41 Länder gezählt. Taiwan und die Philippinen. 25 Peter Bender: Imperium als Mission.. Rom und Amerika im Vergleich. Ägypten. über die amerikanische Streitkräfte auf alle Erdteile gelangen können. was man das American Empire nennen kann: eine von Washington geführte und dominierte Gemeinschaft.Dieser äußere Kreis wird nicht durch Überzeugungen. von Sicherheitsinteressen und einem gleichen politischwirtschaftlichen >System< zusammengehalten wird. vor allem Kanada.« 25 Zur letztgenannten Kategorie gehörten etwa die zentralasiatischen Länder.O. S. Sie erstreckt sich auf die Länder Lateinamerikas in sehr unterschiedlichem Maß. 854f. die Skala reicht von halbkolonialer Herrschaft in der Karibik und Mittelamerika bis zu mehr oder minder dominantem Einfluss im Südteil des Kontinents.. wo er noch die südostasiatischen Länder Thailand. 7/2005.

2/2004. 29 Zitiert nach Melvyn P. Pax Americana had far-flung. but real.. Bahrain. sind u.a.. ohne dass ihre Macht desintegrierte oder imperial überdehnte.O. Leffler: A Preponderance of Power: National Security. 3-4/2004.. 19. S. Stanford 1992. 28 Maier. Quatar oder Taiwan sowie Pakistan und Saudi-Arabien. die mit der Welle der Kolonialisierungen Ende des vorletzten Jahrhunderts eingesetzt hatte. Jahrhunderts war abgeschlossen. S. S. in: Aus Politik und Zeitgeschichte. war dieses Ziel endgültig erreicht und der lange Aufstieg der USA zur dominanten Macht des 20. 149. frontiers. 27 Bruno Tertrais: The Changing Nature of Military Alliances. September 2001.66 Rainer Rilling die USA nach 1989/91 bzw. Australien. Im Falle des Irak-Krieges gaben 16 militärische Hilfe. Das Einflussfeld ist noch weiter gespannt . Südkorea. John Foster Dulles could not wean the so-called Third World from neutralism. 29 Als das staatssozialistische Bündnis zusammenbrach.« 28 Doch sukzessiv und mit langem Atem dämmten die Vereinigten Staaten Rivalitäten ein und beseitigen sie schließlich: zunächst in der Dritten Welt. Kanada.. Japan. Es ging darum. Jordanien und Neuseeland. Thailand.a. rund 90 waren in gemeinsame Aktivitäten im »Krieg gegen den Terror« engagiert. Ägypten. dann in Osteuropa. in: The Washington Quarterly. Zugleich endete die lange Ära der äußeren Expansion des Kapitalismus. Lyndon Johnson could not defeat the Viet Cong. die Philippinen. 9/11 gleichsam binnen weniger Monate »eine informelle Quasi-Hegemonie« 26 errichteten. and the Cold War. weiterhin Kuwait. the Truman Administration. Der Kapitalismus wandelte sich in Mauer: Die geostrategischen Konsequenzen nach dem 11. andere Länder. 135-150.nach 9/11 sicherten 136 Staaten den USA militärische Unterstützung zu. 26 Victor . endlich im »Herzland des Feindes« selbst (Cox). Kennedy could not overthrow the Cuban revolution. die mit einer »Sicherheitsgarantie« der USA rechnen könnten. global die »preponderant power« (Paul Nitze) zu werden. Chalmers Johnson hat diesen Aspekt des militärischen Imperiums detailliert behandelt. 27 waren am Krieg in Afghanistan beteiligt. Israel. Liberia und einige kleinere Staaten in der pazifischen Region. 27 Dieser Politik und ihrem Handlungsraum waren aber auch veritable Grenzen gezogen: »The Truman administration could not prevent revolution in China. a. Handliche Anhaltspunkte für die geopolitische Figur eines American Empire geben schließlich die militärischen Netzwerke: die USA besaßen 2003/04 formelle Militärabkommen mit fast 50 Staaten. Among Empires. darunter die meisten Staaten Lateinamerikas und Europas.

S. 32 Maier. endgültig die strategische Kontrolle über den zentralen Rohstoff Erdöl zu erreichen. Seit 1990 setzen die USA ihre Geopolitik der Expansion ihres »empire of civil society« (Rosenberg) 30 kontinuierlich fort: Export rechtlicher Regularien bis hin zur kooperativen Implementierung einer neoliberalen Verfassungs. Neil Smith sieht hier »the architecture of an extraordinary geo-economic Justin Rosenberg: The Empire of Civil Society. 46. In den 1990er Jahren bedrohten die USA 35 Länder mit ökonomischen Sanktionen oder setzten sie durch . wobei sie mehrere größere Kriege im Balkan und im Persischen Golf führten und in mehr militärische Konflikte verwickelt waren als in der Zeit des Kalten Krieges. informationstechnisch breit gestützten Empire of Consumption (Maier). und sie praktizierten eine Politik der erzwingenden Diplomatie bzw.Balkan. Among Empires. London 1994. Zentralasien. Mittlerer Osten. »America's twentieth Century«.. weil er über die Zeit der Systemkonfrontation mit der UdSSR und ihren Bündnisstaaten hinausging. Osteuropa. sie versuchten. in denen sie bislang noch nie Fuß fassen konnten .O. Charles Williams Maynes: Two Blasts Against Unilateralism. Am Ende des Jahrhunderts war das Ziel erreicht: die Etablierung der USA nicht nur als einzige große und alle Konkurrenten überragende Macht. 157. Die neue Globalität des Kapitalismus realisierte sich als hegemoniale Globalisierung mit US-amerikanischer Handschrift. rapide Ausdehnung ihrer militärstrategischen Präsenz in Bereichen. sondern auch als einziger wirklich global handlungsfähiger Akteur. resümiert der liberale Historiker Charles Maier. S. 30 31 . in: Glyn Prins (Hrsg. a. S. wurden nun mit einer Politik der Abwertung und Schwächung durch die USA konfrontiert. Befestigung und Ausbau der US-kontrollierten finanzmarktkapitalistischen Institutionen. London 2000.. Was jedoch nicht endete.a. Ausfaltung ihres seit den 1970er Jahren entstehenden..Imperialität 67 Globalkapitalismus.und Rechtskultur vor allem in den postsowjetischen Transformationsstaaten mit dem zentralen Ziel der dauerhaften Konstruktion privater Eigentumsverhältnisse.diese Länder repräsentierten 40% der Weltbevölkerung.): Understanding Unilaterialism in American Foreign Relations. »brought a continuing process of acquisition«. die sie geschaffen hatten. 32 Der Grundansatz der amerikanischen grand strategy änderte sich also nach 1989/90 nicht. auf den potenzielle Hegemonialkonkurrenten zunehmend angewiesen sein werden. 3 ' Internationale und multilaterale Institutionen.. war die US-amerikanische Politik der Expansion und die ihr zugrunde liegende globale Ambition der Ausweitung ihres »imperial Space« (Maier). der ökonomischen Sanktion und beanspruchen ein Recht auf präventive Intervention im globalen Maßstab.

4. die zu »penetrated systems« (James N. a. Globalisierung meint ja nicht einfach bloß Austausch von Materialien. Geld.a. ob man will oder nicht. die Frage nach einem planetaren Arrangement der politischen Gestalt dieser Ordnung auf.68 Rainer Rilling world empire centered on the United States. sondern Globalisierung der Waren-. Der Fall Irak steht dafür . Auf jeden Fall waren die Vereinigten Staaten seit 1989/91 unbestritten und eindeutig die einzige Großmacht im internationalen System ..und Kapitalmärkte. Endgame.. die sich der Begriffswelt des Kalten Krieges (»Hegemonie«) nicht mehr fügte. Es entstand eine Situation.. denn parallel zur weltweiten ökonomischen Transformation der staatssozialistischen Wirtschaft in eine kapitalistische Ökonomie (»Globalisierung«) rückte die Frage nach der Neugestaltung des internationalen Systems und damit der Politik in den Vordergrund.«33 Das praktische Funktionieren eines solchen informellen globalen »American Empire« kann nur »durch« und vermittels real existierender nichtamerikanischer Nationalstaaten und Ökonomien realisiert werden. Optionen und Richtungen Zweifellos bedeutete der Zusammenbruch des Staatssozialismus einen tiefgreifenden Bruch. Und er setzte die Frage nach dem »Empire« wieder und neu auf die politische und wissenschaftliche Tagesordnung. wenn sie sich dieser oder jener Politik widersetzten. dass die intermediären Akteure in diesem Feld der Macht so einfach überspielt werden konnten: verbündete. Rosenau) werden. S. Die auswärtigen Beziehungen der USA ähnelten den inneren Beziehungen eines Imperiums.O.. ist eine ganz andere Frage. 147. . oftmals über Jahrzehnte hinweg aufgebaute Eliten oder Regierungen konnten nicht einfach entmachtet werden. Eine globalisierte kapitalistische Ordnung wirft.und er steht in dieser Größenordnung zweifelsfrei für eine Ausnahmepraxis der amerikanischen Politik nach 1945. was natürlich nicht bedeutet.ob sie allerdings aufgrund dieser unipolaren Position alle anderen Staaten oder auch nur Elemente dieses globalen Systems dominieren. des Kapitalverhältnisses (zwischen Eigentümern und Nicht-Eigentümern an Produktionsmitteln) 33 Smith. Nur in krassen Ausnahmefällen werden Territorien okkupiert oder Statthalterregime unmittelbar eingesetzt. Waren oder Arbeit(skraft) oder Interaktion und Akteursvernetzung. hegemonial führen oder imperial beherrschen.

nicht das Konzept der Gegenhegemonie. sondern in erster Linie der Grundgedanke der informellen.zu initiieren (»neuimperial«) und aufgrund der unipolaren Position. New Haven/London 2006. Dieser Grundgedanke war spätestens seit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg durch das doppelte politische Ziel charakterisiert. • ob es zur Neubildung eines »anarchisch-konkurrenzförmigen«. • ob sich in dieser geschichtlich neuartigen Situation des Globalkapitalismus ein neues planetares politisches Subjekt (z. dazu etwa Jan Nederveen Pieterse: Globalization or Empire? New York/London 2004. eine »transnationale Bourgeoisie«) und eine neuartige globale politische Ordnung (»Empire«) etablieren können. in der sich zugleich staatliche und private Herrschaftsverhältnisse und eine entsprechende Positionierung ihrer Repräsentanten im globalen Machtraum der Politik ausdrücken. 34 . in dem ein Akteur (etwa China) oder eine Allianz (der transatlantische oder gar planetare »Norden« oder eine neue »asiatische Allianz«) eine dominierende oder hegemoniale Rolle spielen würde • oder ob schließlich ein einzelner traditioneller Akteur aufgrund seiner hegemonialen Position (»Hypermacht«) im historisch gewachsenen Machtfeld diese globale Rolle (»American Empire«) zu übernehmen vermag und die USA imstande wären. wie gezeigt. in: Political Studies Review.B. Seit den frühen 1990er Jahren stand somit zur Frage. Michael Cox: Still the American Empire. dabei durchaus offensiven geoökonomischen wie geopolitischen Expansion und aktiven Machtsteigerung zugrunde. wenngleich durchaus hierarchisch geordneten und mehr oder weniger koordinierten Systems kommen werde. S. Robinson: A Theory of Global Capitalism. S. ihr imperiales Projekt neu . 1-10 oder Bernard Porter: Empire and Superempire. in die sie versetzt worden waren. 1/2007. die diese Tauschprozesse und Interaktionen zu vermitteln vermag und hierzu eine global wirksame rechtliche und politische Form benötigt.eben global . Baltimore 2004. 34 Der Außenpolitik der USA liegt.Imperialität 69 und der Konkurrenz also. durch eine primär unilaterale Politik ein Projekt der Ordnung der Welt nach eigenem Maß durchzusetzen. Diese vierte Konstellation des Andauerns der Auseinandersetzung um diese Optionen prägt die gegenwärtige Weltordnung. William I.

S. 5ff. auf welche das seit den 1970er Jahren sich formierende neuimperiale Projekt des neoliberal empire zu reagieren versuchte und die mit einer Politik der Präemption beantwortet wurde. 25. in: Current History. Dies alles summiert sich zu dem.sodass die U S A als »power of last resort for keeping the world. 17.70 Rainer Rilling • »to make world safe for capitalism« . S. and particularly the world economy. Inklusion oder präventive Intervention bereits im Ansatz die Entstehung einer Situation der Konkurrenz selbst zu verhindern. Nov. Wo es keine real existierenden konkurrierende Hegemonen mehr gibt. aber doch gestört und irritiert werden können. America's Defense of the New World Order. durch den Aufbau von interventionsfähigen geopolitischen Konstellationen und militärischen Ressourcen bereits eine mögliche Entstehung solcher mit den U S A konkurrierenden Hegemonen zu verhindern. In der unipolar gewordenen Situation nach 1989 geht es für die U S A nicht mehr nur um »Abschreckung« eines Konkurrenten. »Enter-tainment« nannte Peter Gowan diese Verbindung von Eindämmung und Eingriff. Sicherheit exportiert werden. Colin S. Dies ist die erste qualitativ neue Problemstellung. in denen der neue global werdende Kapitalismus noch »unsicher« und unstabil ist und die kapitalistische Ordnung wie die Hegemonie der USA zwar nicht gefährdet. Gray: The Sheriff. sondern darum. Gray eine »grand strategy of preventive action« 37 genannt hat. rückte die zweite Zielsetzung in den Vordergrund. in: New Left Review. Lexington 2004. ist ein neuer wesentlicher Grund für eine globale Projektion militärischer Macht entstanden. Und wo Terrorismus zu einem globalen Phänomen wird. was Colin S. 35 36 Bruce Cumings: Is America an Imperial Power. 2003. geht es darum. das auf neue Weise unmittelbar die U S A als kapitalistische Primärmacht bedroht. Gegners oder Feindes. from spinning out of control« 35 fungieren konnten und • »to ensure American primacy within world capitalism. 37 . durch Blockade. Perry Anderson: Force and Consent. Weiter muss in Zonen. Sept/Oct 2002. Im Kern müssen hierzu zwei Aufgaben gelöst werden: es geht um die besondere Dominanz in der jeweiligen Konkurrenzbeziehung zwischen den zentralen kapitalistischen Staaten (dem »Kern«) ebenso wie um die allgemeine Dominanz der U S A im internationalen System.« 36 Nachdem mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus die erste Aufgabe auf absehbare Zeit hin gelöst und damit auch ihr Tauschwert im Machtpoker der Staaten rapide entwertet wurde (und es war die wichtigste Münze im Kalten Krieg und bei der Durchsetzung der zweiten Aufgabenstellung).

so zu gestalten. gemacht und damit durch eine unipolar positionierte und vor allem unilateral handlungsfähige und -bereite U S A transformationsfähig gehalten werden könne und müsse. Es geht nun tatsächlich erstmals um die unmittelbare Produktion von Weltordnung. große. indem sie das internationale politische und ökonomische System offenhält (open door. das spezielle Tauschgut der U S A im globalen Big Deal . Der Gedanke ist. Tony Judt beschrieb sie in der N e w York Review of Books als eine neue globale Ungleichheit: »Unsere Welt ist in vielfacher Weise geteilt: Zwischen arm und reich.dieser Unterschied könne und müsse auch auf Dauer gesetzt werden. Und dies allerdings ist zumindest in mittlerer Sicht das alleinige amerikanische Projekt der Gegenwart. formuliert 38 Tony Judt: Review Its Own Worst Enemy. die zählt jene. welche Amerika von allem anderen trennt. Dass die Welt interventionsoffen gehalten bzw. Um die Position des Unterschieds und Abstandes zu allen anderen Mächten der Erde zu sichern. Dies ist die zweite qualitativ neue Problemstellung. westlich/nichtwestlich. . das dauert.2002. ist nach 1989 eine neue. 15. in: The New York Review of Books v. dass sie zugleich dieses Primat befördert. Sie sahen als das substantielle Signum der neuen postsowjetischen Gegenwart die qualitativ neue globale Disparität der Macht. unter der zweiten Regierung Bush dann auch im innenpolitisch legitimierenden Windschatten des »Kampfes gegen den Terror« schrittweise und hörbar expliziert.die »Sicherung der Welt für den Kapitalismus« . access) und Schließungen.Imperialität 71 Sicherung des amerikanischen Primats bedeutet aber zum anderen noch weit darüber hinausgehend. legitimiert und schließlich in der Form der Sicherheitsdirektive im Herbst 2002 offizialisiert worden. global ansetzende Doktrin entwickelt. Merkantilismus oder Autarkiepolitiken verhindert. Nord und Süd. free trade. auf welche nun das neuimperiale Projekt in der Zeit des neoliberalen Kapitalismus zu reagieren versucht. Aber mehr und mehr ist die Spaltung.« 38 Es gibt aber nicht nur eine neue Qualität des Unterschieds zwischen den U S A und dem »Rest der Welt« .8. Imaginiert wird ein Empire. dass erstmals seit Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer politischen Ordnung das Ungleichgewicht der Mächte auf Dauer gestellt werden kann. ist nach 1989 der herrschende Konsens unter den US-Eliten gewesen. Die strategische Idee der 2002 publizierten Nationalen Sicherheitsdirektive (NSS) operierte dementsprechend im großen historischen Bezug: sie konstatiert den Ausgangspunkt einer neuartigen qualitativen Machtdifferenz zwischen den USA und dem Rest der Welt (»american empire«).

219.S.oder Multilaterialismus zwischen den auf unilaterale oder multilaterale Handlungsstrategien orientierten Gruppen verdeckt.« Zit. diese global auf Dauer zu stellen (»pax americana«). Als »liberaler Hegemon« operierte das informelle Empire U S A dabei durch ein Set multilateraler Institutionen. in: ders. Trägerschaft und Legitimation des Projekts und vor allem ihr interventionistischer Unilateralismus aber sind dem Dominanzwechsel im politischen Richtungsgefüge geschuldet. und hebt auch mit neuem Gewicht die Methodik einer aktivistischen Politik hierzu hervor (»military superiority beyond challenge«. »prevention«. Diplomacy. »war against terror«. 39 Unipolarismus war ein weithin geteiltes ideologisch-politisches Credo des Weltverständnisses von Realisten. Die neue Dynamik. Schonberg: Paradigm Regained. was die politischen Eliten und Strömungen der U S A angeht.72 Rainer Rilling ein außerordentliches Ziel. charakterisiert Multilaterialismus als »an institutional form that coordinates relations among three or more states on the basis of generalized principles of conduct. 40 John Gerald Ruggie: Multilateralism: The Anatomy of an Institution. in: Security Dialogue. Der oft hervorgehobene Dissens über die Kosten des Uni. New York 1993. 40 Erst mit der in den 1960er Ein Beispiel ist der Aufruf des damaligen Direktors für politische Planung Colin Powell und späteren Präsidenten des Council on Foreign Relations Richard Haass an die Amerikaner im Jahr 2000. alle Beteiligten aber die Selbstbeschreibung der U S A als prägnant imperialer Macht teilten. nach Andrew J. auch Karl K.« 39 . legitimierte und zugleich verhüllte und damit seinem Primat eine Legitimation verschaffte: auch hierin zeigte sich die indirekte und informelle Natur des American Empire.). Multilateralism Matters: The Theory and Practice of an Institutional Form. »ihre globale Rolle neu zu beschreiben als imperiale Macht und nicht mehr als traditionellen Nationalstaat. richtungsübergreifende Zielsetzung. (Hrsg. Cambridge 2002. »global democratic revolution« [Bush]). 4/2001. Imperialität ist. 11. Republikanern und Neokonservativen gleichermaßen geworden. The New Consensus in US Foreign Policy. das insbesondere seine militärische Dominanz vermittelte. S. Historisch war das Projekt des informellen American Empire das Projekt des hegemonialen Liberalimperialismus. für den der Reaganismus der 1980er Jahre und dann vor allem der Bushismus des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts stehen. dass es hier zwar um grundsätzliche taktische wie strategische Differenzen ging. S. eine unstrittige. die sie mit der neuen geopolitischen Großerzählung des Krieges gegen den Terrorismus legitimiert. Demokraten. Bacevich: American Empire: The Realities and Consequences of U. S.

was bislang in gar keiner Weise zusammenzugehen schien. die den global werdenden Neoliberalismus der 1980er und 1990er als ein neues politisches Projekt konfigurierten. wobei beide Richtungen zugleich immer mehr von der veränderten Grundkonstellation des sich neoliberal transformierenden Kapitalismus durchdrungen wurden. IMF und Weltbank ist dieselbe Generation wie diese political warriors des Kriegskabinetts Bush. Die Bildung eines gemeinsamen Machtkörpers aus neokonservativen Warriors und reaganistischen Militärs. die gegen die politisch herrschende. Wie sehr die beiden Bereiche einander durchdringen mochten. 31. Finanz. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. der mit Vietnam und Iran sein erstes Waterloo erlebt hatte. in der sich zusammenband.« 42 Die Generation der Hohen Priester des marktradikalen Neoliberalismus in WTO. 42 Karl Polanyi: The Great Tranformation. fundamentalistischen Christen. 41 . Frankfurt/M 1978. der altrepublikanischen und oft säkularen Es waren der Dixie Capitalism des Südens. S. Dass sich diese Auseinandersetzung zugleich als wechselseitige Funktionalität. hegemoniale Richtung des Liberalimperialismus antrat. marktradikalen Neoliberalen. Während auf der einen Seite die 1970er Jahre den Durchbruch des neoliberalen Marktfundamentalismus und seiner antipolitischen Apologie des radikal freien Marktes und der ökonomischen Deregulierung. Die heterogene Konfiguration der neuimperialen politischen Rechten in den USA um die Jahrhundertwende war eine auf den ersten Blick geradezu beispiellose politische Innovation. die gleichsam das Moment der starken Politik in der neuen Zeit des Neoliberalismus repräsentierte. letztlich war es der Krieg. also der konsequenten Liberalisierung der Waren-. ist evident. Für die Repräsentanten dieser Linie galt der Satz von Karl Polanyi: »Macht hatte Vorrang vor Profit. Nützlichkeit und Voraussetzung vollzog.und Kapitalmärkte brachte. 41 bildete sich zugleich eine neue Linie der starken militaristischen Politik mit einer eigenen ideologischen Agenda. nationalistischen und theokratischen. der dem Geschäft das Gesetz aufzwang. das Wall Street-Dollar-Regime des Nordens. die staatsverwobene Militärökonomie und Kriegerkultur des Cold War und die Ideologen aus der Mont-Pelerin-Society oder der Chicago School und ihrer Vorläufer mit ihrer marktenthusiastischen Zielkultur. Die politische Geschichte des letzten Vierteljahrhunderts könnte geschrieben werden als Geschichte des Aufstiegs der rechtsimperialen Richtung und ihres Kampfes gegen die liberalimperiale Richtung.Imperialität 73 Jahren entstehenden und in den 1980er Jahren dann regierenden Strömung einer neuen Rechten entstand zugleich erstmals eine mächtige rechtsimperiale Richtung.

Die »republikanische Revolution« (1994) und der »Krieg gegen den Terror« (2002) banden sie ideologisch-kulturell und politisch zusammen. Die Rechtswendung gilt nicht für ihr kulturelles Profil. 44 S. in: Sozialismus. S. Diese Fraktion ist aber global weiter aufsteigend. S. s. Erst mit der Niederlage der Republikaner bei den Zwischenwahlen 2006 sind die Kraft und Dynamik der rechtsimperialen Richtung stark geschwächt worden und es bildet sich ein neues Bündnis an der Macht heraus.4. Forbes v. in dem aber die mittlerweile relativ heterogene. weshalb sie für die stark politischen Milliardäre von Silicon Valley und Hollywood unvergleichlich attraktiver sind.3. 26. 17.74 Rainer Rilling prolife und profamily ausgerichteten Mainstreamrechten und den militant antietatistischen »small-government«-Konservativen aus anti-tax-Kreuzzüglern. 44 5. gilt dies für den Zusammenhang von »Imperialismus« und »Imperialität«. dessen Profil und innere Kräfteverteilung noch unklar ist. 5-31. 53 (2007). W a s ist ein Empire? Die Wandlung mancher kapitalistischer Gesellschaften in imperialistische Ordnungen hat immer wieder auch imperiale Projekte hervorgebracht. Und nicht nur dass imperiale Projekte und Ordnungen sehr diffe- S. Zu den US-Zwischenwahlen 2006. die kaum imperialistisch genannt werden konnten oder solche Qualitäten nur schwach ausgebildet hatten. sondern eine Kopplung von Richtungen ganz ungewöhnlicher Diversität. 12/2006. durch eine Neuinterpretation der Verfassung den »sozialistischen« Wohlfahrtsstaat abzuschaffen). insgesamt aber stark nach rechts gewendete »realistische« liberalimperiale Richtung dominieren wird. Jeffrey Rosen: The Unregulated Offensive. Rainer Rilling: Option für eine weniger scharfe Politik. 43 endlich am Rande weithin einflusslos oszillierend die militant rassistische und nazistische Rechte vom Ku Klux Klan bis hin zu terroristischen Gruppen vom Zuschnitt des Oklahoma City Bombers Timothy McVeigh . den Waffenenthusiasten um die National Rifle Association und Eigentumspropagandisten (die Front gegen das Staatseigentum etwa an Land machten oder wie das libertäre Constitution in Exile movement versuchten.diese lockere Verbindung von sieben Gruppen und Richtungen war also kein klassisches Bündnis zwischen konservativen Strömungen. in: New Left Review.2007 »The World's Richest People«. 49-54. Doch ebenso wie es viele kapitalistische Staaten gab. 43 . Mike Davis: The Democrats After November. in: The New York Times v.2005.

wobei die Auseinandersetzung sich auf jenes Land fokussiert. Imperiale Projekte reflektieren nicht in erster Linie alternative varieties of capitalism. wo solche entstehen. Zu den notwendigen Merkmalen eines solchen Projekts gehören die folgenden Aspekte: • Imperien müssen eine territoriale Basis haben.Imperialität 75 renziert sind und ihren Charakter im Verlauf der Geschichte oft variierten. Es geht um Weltordnung: »Empires are in the business of producing world order. also ein Transformationsanspruch. sie einfach als Reflex der »Erfindung« und des »Aufstiegs« veränderter kapitalistischer Betriebs. der auf 45 Charles Maier: An American Empire?.und rechtsimperialen Richtungen verdichten. die sich in Optionen für unterschiedliche Entwicklungspfade kristallisieren. Der Fordismus etwa brachte keine eigene Form der Imperialität hervor. Expansivität im einfachen Sinne von Ausweitung und zugleich Vertiefung gehört zum Wesen des imperialen Projekts. • Die Bewegung des Raumes. 2/2002. sondern auch die Absicht und die wirkliche Fähigkeit zur Welt-Ordnung. sondern als Expansion ist ein substantielles Merkmal von Imperialität. Es ist auch durchaus fraglich. in: Harvard-Magazine. die sich nun seit Jahrzehnten in der Auseinandersetzung zwischen liberal. • Es hängt vor allem vom Charakter der Arena ab. ob ein Spieler imperialen Zuschnitt bekommt: Imperien haben hiernach im Unterschied zu anderen Akteuren immer einen Bezug zu »Welt«. Zur anhaltenden neoliberalen Transformation des fordistischen Kapitalismus gehören daher unterschiedliche imperiale Projekte. Für »kleine« politische Subjekte ist kein ausreichender Zugriff auf Ressourcen gegeben. sondern grundlegende. das als Einziges gegenwärtig ein »realistisches« imperiales Projekt verfolgt. Sie ist die Wurzel ihrer Prekarität und Spannung.und Regulationsweisen zu sehen und Imperialität daher nur dort zu vermuten. die sich (im Unterschied etwa zu den einstigen Handelsimperien Holland oder Spanien) durch Größe auszeichnet. Schrumpfende Imperien verlieren recht rasch und auf jeden Fall ihren Namen. . sondern fand die liberalimperialistische wie die rechtsimperiale (dann faschistische) Richtungsoption gleichsam als passende historische Bewegungsform vor. Zur Bestimmung des Imperialen gehört also nicht nur eine economics of scale der Ressourcenmobilisierung. nicht nur als Ausprägung einer Zentrum-Peripherie-Beziehung."45 »Welt« selbst nun ist natürlich ein historisches Konstrukt und fällt erst seit dem letzten Jahrhundert mit der Realdimension des »Planeten« zusammen. untereinander konkurrierende politische Richtungen.

2) oder von John Agnew: Hegemony: The New Shape of Global Power. Dabei verläuft die imperiale Struktur nicht zwischen Staaten. ruled by a dominant central polity«. S. Solche intermediären Akteure sind dabei kaum noch als Kompradoren. Gegenwärtig aber sind es die U S A allein... 47 Die Zentren oder der Kern der Imperien sind also äußerst komplexe und extensiv gebaute Regierungs. Weltordnung zu bilden. etwa die Bestimmungen des Empire durch Jack Donnelly: Sovereign Inequalities and Hierarchiy in Anarchy: American Power and International Society. in: European Journal of International Relations.« 46 Da Imperien seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch eine globale Reichweite (»reach«) und daher durch die Fähigkeit zur globalen Projektion von Macht ausgezeichnet sind. intermediären Akteuren und ihren Gefolgschaften. föderale Gemeinwesen usw. koloniale Mandate. 54.76 Rainer Rilling eine neue Geographie des Globalen zielt. Imperien besitzen die Fähigkeit zur »Verdichtung« und Zonierung des Raums vom Zentrum aus und zur Reproduktion der ungleichen Verteilung von Ressourcen und Aktivitäten im Raum. previously independent Units. die in diesem Sinne ein imperiales. S. der schreibt: »It is he unification of multiple peoples under a single ruler that is the main distinguishing feature of empires. Philadelphia 2005. Protektorate. Sie können Diversity Management.) gegenüber der H o mogenität des oftmals bürokratischen Zentrums oder als inneres Beziehungsgefüge eines multiethnischen oder multinationalen Staatsvolks).und Machteinrichtungen. Paris September 2002.der »Überdehnung der Macht« ist daher ein genuin imperiales Problem und die Fähigkeit und Ambition. die Potenz. von Dominic Lieven: »rule without consent over many. wird »grenzenlose« (Hannah Arendt) Expansion von Macht und Eigentum. zeichnen sie aus.« 46 . • Imperien kombinieren die Einheit des Imperialen mit innerer Vielfalt (als Opposition der Vielfalt der Peripherie (Kolonien. 21. welche Imperien von anderen Ordnungen unterscheidet. ihre Fähigkeit. Daher also die besondere Gegenwartsqualität des American Empire: »this is the first truly world-wide empire. also auf Weltordnung zielendes Projekt verfolgen. eben auch krass heterogene Elemente zu integrieren. externalisierte Teile einer imperialen Bürokratie oder inthronisierte Machthaber zu denPierre Hassner: The United States: the empire of force or the force of empire? Chaillot Papers. Nr. Konferenzpapier Genf 2003. sondern zwischen den Zentralakteuren imperialer Macht.an extensive polity incorporating diverse. Departments. also Geopolitik das zwingende Thema aller imperialen Projekte. 47 Vgl. 2/2006: ». culturally alien peoples is part of empire's definition« (Dominic Lieven: Empire's Place in International Relations. das Problem des »Overstretch« .

Gefragt sind vielmehr Broker und Mediatoren. Segregation. welche die Klingen imperialer Macht verborgen halten. Ressourcen.solchen Figuren fehlt vertrauenschaffende Autonomie. »Kern« und »Rand«.aktuell mit dem Gewicht auf Akkumulation durch Enteignung) und finanzieren sich übrigens auch darüber (»Tribut«). Grenzmanagement etc. Kultur. Recht.Imperialität 77 ken . 4/2005. • Der analytische Ausgangspunkt einer verallgemeinernden Sicht auf das Problem des Imperiums ist eine doppelte Unterscheidung zwischen »Zentrum« und »Peripherie«.B.B. Frederick Cooper: Modernizing Colonialism and the Limits of Empire. ein Problem. Mit den Mitteln außerökonomischen Zwangs (z. 48 . welche Eindringtiefe imperiale Politik hat (Intrusion). »Mitte« und »Extreme«. Oft findet sich die Unterscheidung zwischen imperial (Intervention in eine andere politische Einheit ohne sie tatsächlich strategisch oder operativ zu regieren).aber auch zwischen »Empire« und »Nicht-Empire«. das sich durch eine spezifische Struktureigenschaft auszeichnet. »Metropole« und »Land« . der ihre Souveränität sowie lokale Wirksamkeit begründet und ein Verlassen des imperialen Raums (exit) verhindert. also als eine Beziehung zwischen ungleichen Positionen. 2. das im letzten Jahrhundert mit dem Konzept des Totalitären verbunden wurde. Attraktion. 48 Die heutige imperiale Peripherie allerdings unterscheidet sich von jener des klassischen Imperialismus: Imperiale Formationen produzieren. Möglichkeiten etc. Gedacht wird ein Imperium zunächst als etwas. hegemonial (Setzen der Regeln) und kolonial (wirkliches Regieren der inneren Angelegenheiten eines untergeordneten politischen Gemeinwesens). es geht um die Struktur einer Ordnung und sie wird verstanden als Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie. Gewalt) und daraus kommender Fähigkeit zur Aneignung (Einfluss) aus. zwischen »Innen« und »Außen« u. durch Zonierung. Krieg) erstellen und sichern Imperien die Bedingungen und den Prozess der Aneignung (im Kern: den asymmetrischen Prozess der Kapitalakkumulation . Damit zusammen hängt die Frage. Gebiete oder Bereiche der Politik sie sich erstreckt. S. Ungleichheit durch Aneignung ist das zentrale Merkmal dieser Beziehung (z. Imperien zeichnen sich daher gegenüber ihrer »inneren« wie ihrer »äußeren« Peripherie (Umwelt) durch starke Vorteile an Verfügung über Ressourcen (Kapital/Reichtum. Zu dieser Frage nach der Qualität der Beziehung gehört auch eine Aussage darüber. in: Items & Issues.). S.ä. auf welche Felder.

was möglich ist: Herrschaft durch direkte.es geht um die aktive Produktion wirklicher Ausnahmen und Ausschlüsse.also um eine politische Praxis. 49 • Das schließt nicht jene Situationen direkter imperialer Unterwerfung durch die U S A aus. sondern auch Bereiche der inneren Beziehungen anderer Staaten oder politischer Subjekte zu kontrollieren. Dies ist eine gewichtige Differenz. 93-107 sowie dies. S. nicht nur die Außenpolitik. Ihre Plastizität wird gesichert durch die kontinuierliche Praxis der Ausnahme. denn sie zeigt. • Ein Empire ist imstande. Bei dieser dunklen Seite des amerikanischen Exzeptionalismus geht es nicht nur um den rhetorischen und diskursiven Apparat der Imperialität . sondern um die autoritative politische Ordnung des Raumes geht . Bosnien. 95 (2005). eine hierarchisierte zwischenstaatliche Ordnung zu schaffen bzw. was einst Carl Schmitt die »Großraumordnung« genannt hatte und in deren Mittelpunkt für ihn die »Raumhoheit« steht. die sich fluid verdichten. die zeigt. grausame Gewalt.78 Rainer Rilling arrangieren und managen im Raum disparate Zonen abgestufter Souveränität und unbestimmter Rechte der Menschen. kolonialistischen Praxis halt. 1/2006. wieder auflösen und neu bilden und deren elastisches Wirkungsfeld keineswegs in staatliche Grenzziehungen eingespannt ist. 49 . Afghanistan. Kosovo und in einigen anderen Ländern praktiziert werden und die scharfe Ausnahmeseite eines neuimperialen Projekts präsentieren. in: Public Culture. nachhaltige. zu kontrollieren und auch nichtstaatliche Grenzen zu konstruieren und zu managen. Formell aber macht sie vor jener annektierenden. S. welche die einst völkerrechtlich unstrittig fixierte »Gebietshoheit« abgelöst hat. Es kann dazu im politischen Raum sehr unterschiedliche Machtressourcen mobilisieren und direkte/formelle als auch indirekte/informelle (»Penetration«) Mittel in der Regel »cäsaristisch« (undemokratisch) und mit einem signifikanten Einsatz von Zwang einsetzen. und ihre militärischen Basen und politischen Institutionen der Macht sind auf keiner eigenen. die auf das zielt. exklusiven Territorialsouveränität begründet. wie sie im Irak. welche die Bürger zu eigenen Untertanen macht und das Land auch formell annektiert. dass es nicht um die Aneignung eines Territoriums. Im Übrigen setzen Imperien immer deutliche moralpolitische (und dabei oft auch angesichts ihrer Selbstverortung in der Zeit als lang- Vgl. On Degrees of Imperial Sovereignty. in: Radical History Review. 117-139.. die kontrollbildend ist und deshalb eine attraktive politische Option darstellt. Ann Laura Stoler/David Bond: Refractions Off Empire: Untimely Comparisons in Harsh Times.

Ausbeutung und Reichtum. um eine Ordnung stabil zu institutionalisieren. Imperien freilich. in der Zugehörigkeiten und Ausschlüsse und Ausnahmen. sondern sie sind ein Land. Dabei machen sie auf der Basis ökonomischer Asymmetrie und politisch-sozialer Ungleichheit eine Kultur der eigenen Superiorität. um konzedieren zu müssen. Doch andererseits sind sie zu stark. zum Hegemonialkonkurrenten) es ggf. 3/2004. Der imperiale Jahrhundertweg der Vereinigten Staaten von Amerika ist noch nicht zu Ende. 50 ein Amerika des Americanism und seiner Vektoren global projizierter Macht. Wie lange diese labile Situation andauert. Imperiale und imperialistische Ordnungen dauerten einst Jahrhunderte. zit. Aber die U S A sind nicht nur das. zu stabilen Zukunftsperspektiven. Zwar scheinen die U S A gegenwärtig zu schwach. was man auf der Karte sieht. S. das in der Welt arrangiert wird. 50 .B. die ihr ein dauerhaftes Primat sichert. ist nicht entschieden. zu der ein ständiges Schwanken in die eine oder andere Herrschaftsstruktur gehört. Präsenz und Verschwinden. dass andere große Staaten und kapitalistische Zentren gemeinsam mit ihnen nach den Maßstäben eines kollegialen Managements des Globalkapitalismus kooperieren. ein Land mit physikalisch identifizierbaren Grenzen. gleich welchen Zuschnitts . ist sicher offen. Rechte und Ansprüche.sie nützen nie den Eingeborenen. in: Comparative American Studies. 288.Imperialität 79 fristige Projekte manichäistische) Unterscheidungen: sie sind »gute« (»benign«) Unternehmungen und legen deshalb deutlich fest. Aneignung und Ungleichheit im Raum und in der Zeit platziert werden. das nicht herausgefordert werden kann. wo Grenzen zu ziehen sind: gegenüber dem »Außen« oder dem »Bösen«. Teilsouveränitäten und Territorialansprüche. Sie sind eine grundlegende Institution der politischen Moderne wie des postmodernen Kapitalismus. der Aberkennungspolitiken und der Respektversagung stark. nach Aruif Dirlik: American Studies in the time of Empire. bieten aber zugleich als eigene Leistung das Management der globalen Akkumulation. Der Begriff des Empire ist daher keineswegs überholt . dessen Entstehung oder Entwicklung (z. auch durch massive Intervention zu verhindern gelte. doch eine rasche Eindeutigkeit wäre eine Überraschung. Zugang zu ihr und deren politisch-militärische Sicherung.doch wer nach dem letzten »amerikanischen Jahrhundert« nunmehr sein Subjekt und Formgeber sein wird. endlich auch zu einer bestimmten zivilisatorischen Moral und einer zumeist differenzierten Kultur. So im März 2004 Donald Rumsfeld in CNN: »how our country is arranged around the world«.

Nachdem sich weder die Verheißungen der New Economy noch die düsteren Untergangsszenarien mancher Linker (exemplarisch Kurz 2001) bewahrheitet haben. bleiben aktuelle Zeitdiagnosen jedoch häufig eigentümlich unbestimmt. »Heterogenität« und »Unübersichtlichkeit« die Diskurse .Einleitung Nach dem »kurzen zwanzigsten Jahrhundert« (Hobsbawm) erleben wir derzeit neuerlich eine Phase zugespitzter gesellschaftlicher Veränderung. welche die gesellschaftliche Dynamik nach wie vor strukturieren (exemplarisch Hardt/Negri 2002). Man überschätzt Veränderungspotenziale und übersieht die Kontinuität der widersprüchlichen Prinzipien des Kapitalismus. wohin sich der zeitgenössische Kapitalismus bewegt und wie sich dabei die zentralen Konfliktlinien sozialer Auseinandersetzungen verschieben. Während traditionelle Linke oftmals die Reichweite und das Ausmaß der Veränderung unterschätzen. schießen andere wiederum »über das Ziel hinaus«. . Auch innerhalb vieler sozialer und politischer Bewegungen besteht oftmals Unklarheit darüber. Arbeit bildet immer noch ein zentrales Gravitationszentrum gesellschaftlichen Wandels (Boes/ Hackett 2006). neue Kontrollstrategien im Arbeitsprozess und die Ausweitung der Bereiche reell subsumierter Lohnarbeit. Neben einem flexiblen »as well as« (Polt) bestimmen »Ambivalenz«. Gerade hier werden gegenwärtig Momente einer neuen Phase kapitalistischer Vergesellschaftung greifbar.Andreas Boes/Tobias Kämpf Lohnarbeit reloaded Arbeit und Informatisierung im modernen Kapitalismus I. Nur mit Blick auf die Entwicklungen im Feld der Arbeit lässt sich der gegenwärtige Umbruch präzise fassen und verstehen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Krise des Fordismus und der damit verbundenen Erosion von (scheinbarer) Stabilität werden die Umbrüche im Kapitalismus manifest. Zentrale Merkmale sind hierbei neue Möglichkeiten der Steuerung international verteilter Produktionsprozesse.um nur drei Varianten aktueller »Sprachlosigkeit« aufzuführen.

Eine n e u e Qualität der Informatisierung Die Grundlage für die gegenwärtigen Veränderungen innerhalb des Kapitalismus bildet eine neue Stufe der Produktivkraftentwicklung. greift es u. der lediglich die maschinell-mechanische Seite des Produktionsprozesses in den Blick nimmt. Um den Stellenwert und die genaue Bedeutung von Informatisierung in der Entwicklung von Lohnarbeit zu verstehen. kritisch Egloff 1996). Gleichzeitig zeigen die Diskurse zum Thema »Wissensgesellschaft« und »Informationsgesellschaft« (vgl. deshalb vielmehr aus einer grundlegenderen.B. dass die Durchsetzung neuer Technologien als sozialer Prozess eingebettet ist in gesellschaftliche Verhältnisse. Hardt/Negri 2002). aktuell Haug 2003. dass solche Ansätze oftmals zu mechanistisch-deterministischen Verengungen neigen. jedoch zu kurz. Stehr 1994. Informatisierung sollte u. Sie ist dann zu begreifen als ein historisch-gesellschaftlicher Prozess des bewussten. wurde in der kritischen Sozialwissenschaft lange vernachlässigt (Ausnahme z. Deckstein/Felixberger 2000. der insbesondere die Erzeugung und . sondern auch eine vereinfachende Gleichsetzung von Informatisierung mit Computer & Co.E. z. B. Informatisierung Eine Analyse der Informatisierung. Braverman 1977. Candeias 2004a).E. Die damit verbundene widersprüchliche gesellschaftliche Überformung der Nutzung von Technik gerät so aus dem analytischen Fokus (Boes/Kämpf 2006). Gesellschaftliche Veränderungen werden dann schnell zu einem bloßen »Anhängsel« technologischer Innovation. Ubersehen wird.B. Hintergrund hierfür ist nicht nur ein einseitiger Blickwinkel. Eine neue Qualität der Informatisierung im Allgemeinen und der Informatisierung von Arbeit im Besonderen bildet die Basis für neue Formen der Organisation von Produktionsprozessen. Auch die unkritische und wenig reflektierte Diskussion um das Internet während des New-Economy-Hypes zeigt die Naivität dieses Vorgehens (z. gesellschafts-theoretischen Perspektive verstanden werden.Lohnarbeit reloaded 81 2. Informatisierung lediglich als den Aufstieg der vielzitierten I&K-Technologien zu begreifen. Strukturen und Handlungsmuster. systematischen Umgangs mit Informationen. Rifkin 2000. verstanden als wesentliches Moment der Produktivkraftentwicklung. Damit wird man dem Stellenwert der Entwicklung kaum gerecht. welche ihrerseits die »Betriebsweise« (Marx) des modernen Kapitalismus nachhaltig beeinflussen und zu veränderten Formen der Vergesellschaftung führen.

die Reproduktion arbeitsteiliger Gesellschaften und die Weiterentwicklung von Produktivkräften sind ohne eine systematische Erzeugung. Beninger . der lange vor dem Aufstieg von I&K-Technologien wie etwa PC und Internet begonnen hat. Vielmehr ist er ein allgemeines Moment geschichtlichen Fortschritts. Wesentlicher bzw. Kritische Gesellschaftstheorie muss deshalb immer die Entwicklung der Informatisierung und ihre Rolle für die Entwicklung des Kapitalismus in den Blick nehmen. Dazu müssen Informationen aus ihrer geistigen. Kurzum: Informatisierung ist zu verstehen als die Materialisierung des Informationsgebrauchs (Boes 2005a). charakteristischer Bestandteil des menschlichen Arbeitsprozesses ist immer der Umgang mit Information und Wissen.a. ideellen Form in eine materielle Form überführt werden. Nutzung und Weitergabe von Informationen nicht denkbar. Eine besondere Dynamik im Prozess der Informatisierung entfaltet sich insbesondere im Zuge der Herausbildung des »organisierten Kapitalismus« am Ende des 19. Kocka 1969. Ziel ist dabei immer Wissen. Informatisierung und Kapitalismus Informatisierung wird hier als ein Prozess verstanden. unabhängig vom jeweiligen Subjekt verwendbar zu machen. Weber 1964/1920). in der Arbeit zur Lohnarbeit und Tausch zur dominierenden Interaktionsform wird. Gerade in der warenproduzierenden Gesellschaft. das an konkrete Menschen und deren Praxis gebunden ist. Einerseits wird mittels bürokratischer Methoden auf die »Verschriftlichung« der Kommunikation gedrungen. muss der systematischen Umgang mit Information zu einer zentralen Grundlage der Vergesellschaftung werden. Die Organisation und Steuerung von menschlicher Kooperation im »Stoffwechsel mit der Natur« (Marx). Besonders eng verbunden ist die Informatisierung mit der Entwicklung menschlicher Arbeit. Andererseits führt der organisierte Umgang mit Informationen in den Unternehmen zu zunehmend komplexeren Informationssystemen (vgl. was das verstärkte Entstehen eigenständiger Schreibarbeit mit entsprechenden Abteilungen und die »Bürokratisierung« der betrieblichen Kommunikationsprozesse beinhaltet (vgl. Der Umgang mit Informationen wird vor allem in zweierlei Hinsicht effektiviert. Die Rationalisierung des Informationsgebrauchs in den Großunternehmen wird nun zum wichtigen Moment. 2001). um diese »rationell« zu »steuern«. Jahrhunderts. Insbesondere die historische Durchsetzung des Kapitalismus geht einher mit einer beschleunigten Informatisierung. Braverman 1977.82 Andreas Boes/Tobias Kämpf Nutzung von Informationen und Informationssystemen beinhaltet (Baukrowitz u.

So entsteht aufbauend auf dem basalen Informationssystem des kapitalistischen Unternehmens. Restrukturierung und der Neuzusammensetzung von Teilprozessen. Industrialisierung und Informatisierung: Die entstehenden Informationssysteme werden nämlich insbesondere zu einem Medium der Steuerung von Arbeit .vielmehr findet dieser nun zunehmend vermittelt durch Informationssysteme statt. da nun erst eine informatorische Grundlage geschaffen wird.die das »Kapital-Verhältnis« bestimmende Kontrolle über Produktionsmittel wird zunehmend auf Basis von Information ausgeübt. in welchen Bereichen wie viel und vor allem mit welcher Rendite Wert geschaffen wird. Jahrhundert schließlich eine »strukturelle Dopplung« (Schmiede 1992) von stofflichen Arbeitsprozessen. Besonders mit Blick auf die Rationalisierung der Produktion erlaubt erst die doppelte Buchführung dem Einzelkapital sich strategisch als »verwertender Wert« zu verhalten. ein »papierner Apparat« (Jeidels 1907). Der »papierene Apparat« wird schließlich abgelöst durch die zunehmende »Computerisierung«. der Buchhaltung. Boes 2005a). Information wird so zum zentralen Bezugssystem der Steuerung und Kontrolle von immer komplexeren Produktionsprozessen. 1986. Die Nutzung von Informationen ersetzt dabei nicht den »Stoffwechsel mit der Natur« . Baethge/Oberbeck 1986) sind nun nicht mehr einzelne Segmente des Produktionsprozesses Gegenstand von Rationalisierung. Nachdem sich Ende der 1970er Jahre der PC allmählich gegenüber dem Paradigma der Großrechnertechnologie durchsetzt. Grundlage hierfür bildet die Anschlussfähigkeit von Informationen in nun immer öfter durchgängigen Informationssystemen (vgl. um so wieder auf die stoffliche Ebene zurückzuwirken. In diesem Sinne ermöglicht die Informatisierung im 20. Die Flexibilität solcher systemischer Produktionsstrukturen wird gewährleistet . die vermittelt als »Realabstraktion« den konkret-stofflichen Arbeitsprozess zunächst abbildet. Damit entsteht eine neue informatorische Ebene. sondern der Prozess als solcher wird Gegenstand von permanenter Veränderung. Diese basieren auf hoch formalisierten Informationen. ihn der Kontrolle und Steuerung zugänglich macht. Deutlich zeigt sich hier die Verschränkung von Kapitalismus. kommt es im Anschluss zu einer Einbindung des PCs in neuartige Netzkonzepte. Die nun entstehenden komplex-vernetzten computer-gestützten Informationssysteme bilden nun den Ausgangspunkt für die Etablierung eines neuen Rationalisierungstypus: Im Sinne »systemischer Rationalisierung« (Altmann u.a. über den zunehmend komplexere Informationen zur Steuerung und Kontrolle der Unternehmen gesammelt werden können (Boes 2006). die in Formularen erfasst und über diese weiterverarbeitet werden.Lohnarbeit reloaded 83 1986).

Es entsteht ein »weltweiter Informationsraum«. Die neue Stufe der Informatisierung führt gleichzeitig jedoch vor allem zu einer enormen Veränderungdynamik innerhalb der Arbeitswelt. sondern auch lebensweltliche Bereiche werden nun in zunehmendem Maße informatorisch durchdrungen. Die rasant steigende Bedeutung des Internets führt seit Mitte der 1990er Jahre zu einer enormen Beschleunigung und Vertiefung der Informatisierung in der Gesellschaft. Was sich auf den ersten Blick zunächst wenig spektakulär anhört. Auf der einen Seite kann . hierzu auch Rilling 2001). welche unter dem Zugriff von Unternehmen oder Behörden entstanden waren. dass mit dem Internet ein weltumspannendes Medium etabliert wird. weltweit zugänglichen offenen Netzwerk markiert hier eine neue Qualität (vgl. welche bisher nicht kommodifizierbar waren. Vor allem der Aufstieg des Internets von einem militärisch genutzten. Diese waren jedoch bislang nur unzureichend miteinander verknüpft bzw. werden nun in neuer Qualität warenförmig erschlossen. in dem die unterschiedlichsten Formen des Informationsgebrauchs (z. über die sie wechselseitig anschlussfähig werden. Die Kommodifizierung der Lebenswelt findet so in einer beschleunigten Informatisierung ihre materielle Basis. was informatorisch erfasst wird. Alles. Wirtschaft und Lebenswelt) in einem aufeinander bezogen werden können (Boes 2005a/b). Bis dahin bestanden Informationssysteme aus unzähligen kleinen »Inseln«. Die Informatisierung wird in der Folge zu einem zentralen »Transmissionsriemen« der Ökonomisierung der Gesellschaft (Boes 2005a. Boes 2006). Das Internet als »weltweiter Informationsraum« . eng begrenzten Informationssystem hin zu einem auf nicht-proprietären Standards basierenden. kann »rechenbar« gemacht und in ein warenförmiges Verhältnis gebracht werden. Diese organisationsspezifischen Informationssysteme erhalten nun mit dem Internet eine gemeinsame Bezugsebene mit internationalen Dimensionen. voneinander abgeschottet. Analytisch betrachtet resultiert diese zunächst daraus. das die Kommunikationsmöglichkeiten und den Austausch von Informationen grundlegend verändert. Sphären der Gesellschaft und der Natur.84 Andreas Boes/Tobias Kämpf durch die Veränderbarkeit und zunehmende wechselseitige Kommensurabilität von Informationssystemen (Baukrowitz 1996). Nicht nur der Bereich der Wirtschaft.eine neue Qualität der Informatisierung Mit Blick auf die heutige Verbreitung globaler Informationsnetze bildet die »Computerisierung« jedoch nur die Ouvertüre eines tiefgreifenden Wandels des Informatisierungsprozesses. ist in der Folge mit tiefgreifenden Konsequenzen verbunden.B.

2001) ausgegangen werden. Im Rahmen von vertikalen Desintegrations-Prozessen (vgl. 2001. Döhl u. die Perspektive der Informatisierung stärker als bisher zu berücksichtigen.a.a. Teusch 2004). Huffschmid 2002) vor allem die internationale Restrukturierung von Produktionsprozessen und die globale Fragmentierung von Wertschöpfungsprozessen. Schmierl/Pfeiffer 2005).erst durch die Berücksichtigung der Informatisierung als Teil der Produktivkraftentwicklung und als materielle Basis einer »Arbeitswelt im Umbruch«. Steuerung und Kontrolle von Produktionsprozessen.1 Zum anderen setzen Hierbei ist es wichtig zu verstehen. Bei ihrer Analyse gilt es. Insbesondere für eine Abschätzung der Folgen für Lohnarbeit ist dieser Blickwinkel wertvoll .a.Lohnarbeit reloaded 85 insbesondere im Bereich der »Kopfarbeit« von einer neuen Qualität der informatorischen Durchdringung von Arbeitsprozessen ausgegangen werden.a. Sablowski 2003. hierzu u. standardisierte Informationssysteme zu einer Flexibilisierung und permanenten Restrukturierung von Wertschöpfungsketten. Sydow 1992. Zum einen verliert das Leitbild des vertikal integrierten Unternehmens (Chandler 1977) an Prägekraft. . wird die Tragweite dieser Entwicklung sichtbar. 3. Vielmehr muss von einem »Nebeneinander von Zentralisierung und Dezentralisierung« (Baukrowitz u. dass diese Entwicklung keinen Zerfall von Großunternehmen bedeutet. Globalisierung und Standortkonkurrenz: Internationale Produktionsstrukturen und die neue Flexibilität von Wertschöpfungsketten Als zentrales Moment einer veränderten Arbeitswelt wird gemeinhin die Globalisierung verstanden (einen Überblick über die Diskussion geben Trinczek 1999. 2003) kommt es zu einer Relativierung vormals starrer Unternehmensgrenzen und zur Etablierung netzwerk-artiger Unternehmenskonzepte (vgl. Weniger die Ausweitung des Welthandels ist dabei bemerkenswert. Auf der anderen Seite führen neue unternehmensübergreifende. Jürgens u. So entstehen umfassende neue Möglichkeiten der Organisation. Internationalisierung und Offshoring Reorganisation von Produktionsprozessen und Unternehmensstrukturen Die Globalisierung geht auf der Ebene des Betriebs zunächst mit einer sich seit Mitte der 1970er Jahre abzeichnenden umfassenden Reorganisation von Unternehmensstrukturen einher. sondern neben der Internationalisierung der Finanzmärkte (vgl.

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sich zunehmend am Kapitalmarkt orientierte Unternehmenskonzepte durch (vgl. Sablowski 2003). Im »neuen Marktregime« (vgl. dazu Dörre/Röttger 2003) werden die Kurse der internationalen Börsen zur zentralen »Meßlatte« für Unternehmen, die vor allem dem Ziel einer Erhöhung des »shareholder value« verpflichtet sind. Das Bezugssystem der entstehenden multinationalen Konzerne ist nun jedoch nicht mehr ein einzelner Nationalstaat. Vor dem Hintergrund international gültiger Produktions- und Tauschnormen (Aglietta 1979; Röttger 2003) agiert man nun als »global player« auf einem globalen »Spielfeld« - nicht nur hinsichtlich des Verkaufs der produzierten Waren und Dienstleistungen, sondern auch hinsichtlich der Produktion. Wertschöpfungsprozesse werden nun oftmals nicht mehr innerhalb eines Nationalstaates bzw. einer räumlich-integrierten Einheit (Fabrik, Betrieb) organisiert. Vielmehr werden diese verstärkt in abgrenzbare, aber zueinander anschlussfähige Teilprozesse gegliedert und segmentiert. Die Internationalisierung von Produktionsstrukturen erfolgt in einer Art und Weise, dass die Verrichtung einzelner Teilschritte eines Arbeitsprozesses nicht mehr unmittelbar örtlich aneinander gebunden ist. Diese Modularisierung und Fragmentierung von Wertschöpfungsketten schafft den Unternehmen neue Möglichkeiten, Unternehmensteile auszulagern und international verteilte Arbeitsprozesse zu organisieren. Schon 1977 wird diese Tendenz der »zunehmenden Aufspaltung von Fertigungsprozessen in verschiedene Teilfertigungen an verschiedenen Standorten weltweit« von Folker Fröbel u.a. als »neue internationale Arbeitsteilung« (1977: 62; 1986) verstanden. Vor dem Hintergrund verschärfter globaler Konkurrenz werden die Wertschöpfungsketten dahingehend optimiert, für jedes Segment des Arbeitsprozesses die jeweils günstigsten Anlagebedingungen zu suchen und zu realisieren. Da auch die Erschließung von Märkten ein zentrales Motiv von multinationalen Konzernen bleibt, konzentrieren sich deren internationale Aktivitäten oftmals weiterhin auf die Triade (Nordamerika, Europa und Asien). Dennoch ist es gerade ein zentrales Moment dieser »neuen internationalen Arbeitsteilung«, dass insbesondere auch aufstrebende Schwellenländer als potenzielle Unternehmens-Standorte eine neue Bedeutung bekommen (Boes/Kämpf 2006). Zunächst beschränkt sich dieser Prozess auf klassische Industriesektoren. Im Zentrum von Verlagerungen und Internationalisierungsprozessen standen z.B. die Textil- oder die Elektroindustrie. Hier deutet sich heute jedoch ein Wandel an: auch der Bereich der Dienstleistungen wird heute Gegenstand einer beschleunigten Internationalisierung (Boes u.a. 2005; U N C T A D

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2004; WTO 2005). Unter dem Label »Offshoring« bzw. »Nearshoring« geraten nun auch jene Sektoren unter den Druck der Globalisierung, die lange als weitgehend verlagerungsresistent galten. Zum einen ist dies der Bereich unterstützender Dienstleistungen (z.B. Call-Center, Buchhaltung, Kundendienst etc.). Durch den Einsatz moderner I&K-Technologien sind diese im Rahmen von »Business-Process-Outsourcing« geradezu prädestiniert für Verlagerungen in Billiglohnländer. Zum anderen werden aber auch zunehmend hochqualifizierte und wissensintensive Tätigkeitsbereiche zum Gegenstand von Verlagerungsaktivitäten. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen die Bereiche IT-Dienstleistungen und Software-Entwicklung. Diese Branche wird gewissermaßen zum »Pionier« einer Entwicklung, in deren Folge auch die Arbeit moderner »Symbolanalytiker« (Reich 1992) internationaler Arbeitsteilung zugänglich wird. Komplexe und wissensintensive Teilarbeitsprozesse (z.B. Entwicklung und Design von Software) werden nun immer häufiger in Off- und NearshoreStandorten wie Indien oder auch Osteuropa erbracht (vgl. dazu Boes 2004, 2005b; Aspray u.a. 2006; Flecker/Huws 2003). Vorraussetzung dafür ist ein riesiges Reservoir hochqualifizierter IT-Arbeitskräfte, das in den OffshoreRegionen bereitsteht - insbesondere in Süd-Ost-Asien und Mittel-Osteuropa. Wurde dieser »Weltmarkt für Arbeitskraft« (Potts 1988) zunächst über den Umweg der Migration erschlossen - Stichwort: »Green-Card« -, steht heute die Reorganisation der gesamten Wertschöpfungskette auf der Agenda der IT-Unternehmen: es gilt auch in diesem Bereich internationale Produktionsstrukturen zu etablieren und Offshore- Standorte in nun globale Entwicklungsnetzwerke zu integrieren (Boes 2004, 2005b; Flecker/Huws 2003). Informatisierung und Internationalisierung Die Rolle der Informatisierung kann für den Prozess der Internationalisierung kaum überschätzt werden. Die Bedeutung liegt nicht nur darin begründet, dass eine »zeitlose« Übertragung von Informationen über große räumliche Entfernungen möglich wird. Vielmehr bildet das Internet einerseits ein informationelles Rückgrat von räumlich verteilten Produktionsprozessen (vgl. Baukrowitz/Boes 1996), andererseits wird es zum neuen »Ort« der globalen Produktion von Dienstleistungen (Boes 2004). Die Herausbildung der für die Globalisierung charakteristischen Formen räumlich und organisatorisch differenzierter Produktionsnetzwerke, die sich in Konzepten wie »Wintelism« und »contract manufacturing« verkör-

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pern (Borrus/Zysman 1997; Lüthje u.a. 2002), ist ohne die Durchsetzung des Internets kaum vorstellbar. So führte der Siegeszug des Internets nicht nur zu einem weltweiten Auf- und Ausbau der Telekommunikationsinfrastrukturen, sondern erst der entstehende gemeinsame Informationsraum erlaubt eine Integration der verschiedenen Produktionsmodule in einen Gesamtprozess. Auf der einen Seite wird so ein organisations-übergreifender, durchgängiger Informationsfluss im gesamten Netzwerk möglich. Der Transfer von Information zwischen den verschiedenen Akteuren der Wertschöpfungskette kann nun ohne informatorischen Bruch mittels eines gemeinsamen Mediums stattfinden. Auf der anderen Seite werden durch die sich etablierenden gemeinsamen Standards die Schnittstellen zwischen den Unternehmen kompatibel und handhabbar. Verschiedene Segmente von Wertschöpfungsketten können so auf Basis einheitlicher »interfaces« flexibel miteinander verknüpft, getrennt und wieder neu zusammengesetzt werden (Baukrowitz/Boes 1996; Schmierl/Pfeiffer 2005). Informationssysteme fungieren so als »strukturelle Doppelung« systemisch-organisierter Produktion. Modularisierte Produktionsstrukturen auf der stofflichen Ebene finden nun eine Entsprechung auf einer gewissermaßen »darüber liegenden« Informationsebene. Diese reproduziert nun aber nicht mehr die ursprüngliche Trennung der voneinander getrennten Teilprozesse, sondern integriert diese vielmehr zu einer prozessualen Einheit. Komplexe netzwerk-artige Produktionsstrukturen können so »zusammengehalten« werden. Die »organisatorische Ausdifferenzierung der Produktionsprozesse stützt ... sich ... auf die Integrationswirkung einer durchgängigen, unternehmensübergreifenden Informationsebene« (Baukrowitz u.a. 2001). Die Steuerung und Kontrolle der Produktions-Prozesse unabhängig von deren geographischer Verortung wird so ermöglicht. Das Internet wird damit zu einem informationellen Rückgrat von vernetzten und räumlich verteilten Produktionsstrukturen. Erst auf dieser technologischen Basis werden moderne Unternehmens- und Fertigungskonzepte wie »lean production«, »just-in-time-production« etc. möglich (Boes/Kämpf 2006). Neben dieser zentralen Funktion spielt das Internet jedoch auch eine weitere, zunehmend wichtiger werdende Rolle in Internationalisierungsprozessen: wenn die zu erbringenden Güter und Leistungen digitalisierbar sind, wird der Informationsraum zu einem neuen »Ort« der Produktion (Boes 2004, 2005b). Aufgrund ihrer Beschaffenheit können solche Güter dann nämlich leichter bzw. organischer als stoffliche Güter im »Netz« bearbeitet werden. Die Arbeit findet nun gewissermaßen im Informationsraum selbst statt.

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Ohne die Bedeutung einer sozialen Einbettung von Arbeit in Abrede zu stellen (dazu Flecker 2000), gilt für bestimmte Arbeitsprozesse, dass geografische Entfernungen in Zukunft so in neuer Qualität »überwunden« werden können. Die Bereiche IT-Dienstleistungen und Software-Entwicklung sind dabei geradezu »übliche Verdächtige«. Die Entwicklung wird jedoch kaum auf dieses Feld beschränkt bleiben: Beispiele wie die Digitalisierung von Röntgenbildern und die nachfolgend mögliche Verlagerung der Diagnose werfen ein erstes Schlaglicht auf das enorme Potenzial dieser Entwicklung. Folgen für die Lohnarbeit I: Standortkonkurrenz und verschobene Kräfteverhältnisse Die öffentliche, aber auch die kritische sozialwissenschaftliche Diskussion war lange Zeit von einer deutlichen Skepsis bzgl. des Ausmaßes und der Tragweite der Globalisierung geprägt. Nicht zuletzt von gewerkschaftlichen Akteuren wurde immer wieder darauf verwiesen, dass die Globalisierung und die damit einhergehende Standortkonkurrenz letztlich nur künstlich von den Arbeitgebern inszeniert würde, um von Beschäftigten Zugeständnisse zu erpressen - und in der Tat war in der Vergangenheit das Argument der »globalen Wettbewerbsfähigkeit« in vielen Auseinandersetzungen der entscheidende Trumpf, um Forderungen der Arbeitgeber durchsetzen zu können. Dennoch unterschätzt man Globalisierungsprozesse, wenn man sie in erster Linie als bloßen ideologischen »Trick« versteht, der keine materielle Grundlage hat. Gerade aus der Perspektive der Informatisierung wird schließlich die tatsächliche und konkrete Qualität der neuen Möglichkeiten räumlich desintegrierter Produktionsprozesse greifbar. Die Folgen spüren Beschäftigte in ihrer Arbeit täglich. Immer öfter befinden sich die Belegschaften eines Standortes in einem Wettbewerb mit anderen Standorten auf der ganzen Welt. Angesichts der hohen Rentabilität und der geringeren Kosten in »Niedriglohnländern« müssen Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen geradezu als »Sachzwänge« erscheinen - die Offshore-Produktivität wird gewissermaßen zum allgegenwärtigen globalen »Benchmark«, an dem sich auch die »Hochlohnstandorte« orientieren müssen. Ob diese Kosten-Standards in der Folge realisiert werden, ist zunächst nicht entscheidend. Gleichzeitig sind Verlagerungen keineswegs zwangsläufig. Vielmehr geht es darum, dass die entsprechenden Standorte in einen andauernden Rechtfertigungszwang geraten und permanent auf Forderungen nach Kostensenkung reagieren müssen. Diese neue Standortkonkurrenz ist Ausdruck eines neuen »stark gewandelten Möglichkeitsraums der

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Weltwirtschaft« (Dörre u.a. 1997: 44). Auf Basis der Informatisierung können Unternehmen heute Standortentscheidungen treffen, wo es früher nichts zu entscheiden gab - Globalisierung wird für sie zu einer realen »Option« (ebd.). Damit haben sich die Handlungsoptionen der Unternehmen gegenüber ihren Belegschaften, die weit weniger mobil und flexibel sind, grundlegend verändert (vgl. Schwemmle 2005). Alleine die »Wirklichkeit der Möglichkeit« (Beck 1998) führt zu einer deutlich gestiegenen Verhandlungsmacht der Arbeitgeber. Solange Beschäftigte ihre Interessen weiterhin vorrangig national organisieren (vgl. dazu auch Riexinger/Sauerborn 2004), wird die allgegenwärtige »ExitOption« ein zunehmend dominierender Faktor in der Entwicklung von Arbeitsbeziehungen bleiben. Insgesamt führt so die Internationalisierung von Produktionsprozessen zu einer systematischen Verschiebung betrieblicher und gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse zugunsten der Arbeitgeber. Die grassierende Standortdebatte erscheint in neuem Licht: Sie wird zweifelsohne »inszeniert« - aber dieser Inszenierung liegen auf Informatisierung bestehende neue, reale Handlungsmöglichkeiten der Unternehmen und gewandelte Kräfteverhältnisse zugrunde.

4. Steuerung und Kontrolle von »Kopfarbeit«: von der verantwortlichen Autonomie zur wirklichen Lohnarbeit Neue Möglichkeiten der Internationalisierung und der räumlichen Fragmentierung von Produktionsprozessen sind jedoch nur ein Moment einer auf Grundlage der Informatisierung deutlich veränderten Arbeitswelt. Gleichzeitig wandeln sich auch der Arbeitsprozess als solcher und die jeweiligen Arbeitsinhalte grundlegend. Auch wenn davon grundsätzlich alle Arbeitsbereiche betroffen sind, so sind die Veränderungen im Bereich der »Kopfarbeit« besonders hervorzuheben. So sind nicht nur der Umgang mit Information und ihre Bearbeitung in Informationssystemen der wesentliche Inhalt der Arbeit eines wachsenden Anteils der Erwerbstätigen. Vielmehr entstehen auf dieser Grundlage auch neue Möglichkeiten der Kontrolle und Steuerung von »Kopfarbeit«.

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Informatisierung und ihr Verhältnis zu Informationsarbeit und »Kopfarbeit« Schon bei Marx ist jedwede menschliche Arbeit immer gleichermaßen »Hand- wie Kopfarbeit«. Wesentlich für die kapitalistische Produktionsweise ist dabei, dass im Streben nach fortwährender Rationalisierung der Arbeit einerseits sowie nach Kontrolle und Herrschaft andererseits eine Trennung von Planung und Ausführung bzw. »Handarbeit« und »Kopfarbeit« vollzogen wird, die systematisch in entsprechende Formen der Arbeitsteilung überführt wird. Die Informatisierung von Arbeit beinhaltet nun eine systematische Weiterentwicklung dieses Verhältnisses. Mittels der Erzeugung und Nutzung von Informationen schafft sich zunächst die »Kopfarbeit« ein wirkungsvolles Instrumentarium, um Arbeit fortwährend rationalisieren zu können. Informationen bilden dabei letztlich die entscheidende Grundlage zur Kontrolle der Arbeit jenseits der unmittelbaren Anschauung (Boes 2006). Der Ausbau und die Integration der Informationssysteme machen nach und nach zentrale Momente des Unternehmens einer Steuerung und Kontrolle über die Informationsebene zugänglich (Schmiede 1996; Baukrowitz/ Boes 1996). Diese wiederum bildet den Ort, an dem die Verwissenschaftlichung der Arbeitsprozesse vorangetrieben wird (Bravermann 1977; Hack/ Hack 1985), um deren Steuerung und Kontrolle von hieraus mit zunehmender Effizienz bewerkstelligen zu können. So werden Informationen für eine zunehmende Anzahl von Beschäftigten zum eigentlichen Gegenstand ihrer Arbeit. Der schnelle Anstieg der Büroberufe und Angestelltenzahlen erklärt sich in hohem Maße aus dem verstärkten Bestreben zur Informatisierung der Unternehmen (vgl. bereits Pirker 1962; Braverman 1977). Ein Großteil des Strukturwandels, der mit den unspezifischen Begriffen der »Tertiarisierung«, der »Dienstleistungs-« oder der »Wissensgesellschaft« belegt wird, hat in der Informatisierung der Arbeit seine Basis (vgl. Braverman 1977; Dostal 1995; Baukrowitz u.a. 1998). Insbesondere der Computer bleibt in der Folge nicht das Arbeitsmittel einer weitgehend organisatorisch getrennten Gruppe von Spezialisten im »Rechenzentrum«, sondern wird nun insbesondere in den informationsintensiven Branchen (Banken, Versicherungen etc.) zum wesentlichen Arbeitsmittel im normalen Arbeitsprozess (vgl. Baethge/Oberbeck 1986). Fachliche Aufgaben im Bürobereich werden zunehmend über den Computer bewältigt und die Fertigungsarbeit erhält mit der numerischen Programmsteuerung eine neue Bezugsebene (Hirsch-Kreinsen 1993). Dazu trägt bei, dass die computergestützte Informationsverarbeitung nunmehr auch in Bereiche

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eindringt, die bisher als nicht-computerisierbar galten. Dies gilt insbesondere für das weite Feld der Textverarbeitung sowie für bestimmte Bereiche hochqualifizierter Angestelltentätigkeit wie beispielsweise die Ingenieurtätigkeiten in der Konstruktion und der Fertigungsplanung. Damit bietet die Informatisierung die entscheidende Basis dafür, die »Kopfarbeit« selbst unter den Kontrollzugriff des kapitalistischen Produktionsprozesses zu bringen (Boes 2006). Erst indem geistige Tätigkeit in eine weitgehend subjektunspezifische Informationsarbeit überführt und in betriebliche Informationssysteme integriert wird, kann sie nicht nur formell, sondern auch reell zu einer Form kapitalistischer Lohnarbeit werden. Insbesondere im Bereich Software-Entwickung und IT-Dienstleistungen vollzieht sich diese Entwicklung in beschleunigter Form. Gerade in dieser Branche, die in den Diskursen zur »Zukunft der Arbeit in der Wissensgesellschaft« immer wieder als Idealtypus neuer selbstbestimmter, kreativer und emanzipativer Arbeitsformen herhalten musste, verabschiedet man sich heute vom Leitbild des kreativen »Künstlers« (Janßen 2005). Nicht mehr die »Genialität« des einzelnen Entwicklers gilt hier heute als Garant für Rendite und erfolgreiche Produkte, sondern der optimierte »Prozess«. Ziel ist es hier, Produkte und Prozesse zu standardisieren und zu industrialisieren. Dies darf nicht als Rückgriff auf ein altes tayloristisches Rationalisierungsparadigma missverstanden werden. Vielmehr geht es um eine »Industrialisierung neuen Typs« (Boes 2004, 2005a/b), deren Kern eine bestimmte Form der Standardisierung ist. Dabei ist nicht die einzelne Tätigkeit des individuellen Beschäftigten der Ansatzpunkt der Rationalisierung, sondern im Sinne »systemischer Rationalisierung« (Altmann u.a. 1986) geht es um die Organisation und Gestaltung des Gesamtprozesses. Es gilt einheitlich definierte Prozesse, Strukturen, Schnittstellen und Arbeitsabläufe in homogenisierter Form in der gesamten Organisation zur Anwendung zu bringen. Wo im Bereich der industriellen Handarbeit das Maschinensystem den Ausgangspunkt bildet, um lebendige Arbeit in eine »technologisch handhabbare Größe« zu verwandeln (Schmiede 1989: 26), basiert die Rationalisierung moderner Informationsarbeit letztlich auf den zu Grunde liegenden Informationssystemen. Erst durch sie gelingt es, auch in diesen Bereichen Arbeit zeitlich und hinsichtlich des Ressourcenaufwands transparent und planbar zu machen.

Ausgehend von Unternehmen der IT-Industrie beginnt sich ein Modus »marktzentrierter Kontrolle« in den hochqualifizierten Bereichen durchzusetzen (Boes 2002. dass diese Sicherheiten und vergleichsweise privilegierte Arbeitsbedingungen für Hochqualifizierte aus der Perspektive der Unternehmen nicht mehr länger funktional und notwendig sind. Umgekehrt werden vielmehr nun die vielfach beschworene Flexibilität (kritisch bereits Sennett 1998) und Unsicherheit zur Grundlage neuer Kontrollformen. dass die tatsächliche Arbeitsleistung der Beschäftigten möglichst hoch ist. Dörre 2003) und den vormaligen Modus der »verantwortlichen Autonomie« abzulösen. die konkrete Arbeitsleistung bleibt jedoch unbestimmt (Deutschmann 2002). Verantwortung und ein überdurchschnittliches Gehalt korrespondieren hier mit einer besonderen Identifikation der Hochqualifizierten mit dem Unternehmen und einer überdurchschnittlichen Leistungsbereitschaft. Da sich »Kopfarbeit« diesem Kontrollmodus notwendigerweise entzog. Kennzeichnend für den neuen Kontrollmodus ist nun.Lohnarbeit reloaded 93 Neue marktzentrierte Formen der Kontrolle von »Kopfarbeit« Ein zentrales Moment dieser Entwicklung sind neue Formen der Kontrolle hochqualifizierter Informations. Arbeitsprozesse dahin gehend zu kontrollieren. entwickelte sich für hochqualifizierte Beschäftigte analog das Modell der »verantwortlichen Autonomie« (Friedman 1977. Zentrale Aufgabe des Managements ist es deshalb. Zentrale . Diesem Vertrauensverhältnis liegt ein »psychologischer Vertrag« zugrunde. Eine hohe Leistungsverausgabung der hochqualifizierten Beschäftigten wurde dabei durch ein spezifisches Arrangement gewährleistet: hohe Freiheitsgrade in der Arbeit. 1987). Gekauft wird nur ein abstraktes Quantum an Arbeitskraft. Im Fordismus war dabei der Taylorismus das bestimmende Paradigma im Bereich klassischer Industriearbeit.und »Kopfarbeit«. Dieser wird in den Unternehmen systematisch zur Handlungsgrundlage erhoben. Im Zentrum stehen dabei der Markt und die damit verbundenen Instabilitäten. Raeder/Grote 2001). sondern nahezu alle Beschäftigtengruppen müssen sich nun an den Anforderungen des Marktes orientieren. Nicht mehr nur die strategischen Stäbe des Managements. in dem Sicherheit und eine stabile Karriereperspektive gegen eine besondere Loyalität »getauscht« werden (Rousseau 1995. Ausgangspunkt ist hierbei das Transformationsproblem und die grundsätzliche Unbestimmtheit des kapitalistischen Arbeitsvertrags. ist heute von einer grundsätzlich anderen Entwicklung auszugehen. Kotthoff 1997. Während Braverman hier noch eine Taylorisierung solcher Arbeiten vermutete (1977).

im- . Die Grundlage für diese permanenten Vergleichsprozesse bilden Kennzahlensysteme und fortgeschrittene Formen des Controlling. Während früher das Unternehmen seine internen Abläufe weitgehend der Dynamik des Marktes entzog. Der eigene Wille der Arbeitskräfte muss nun nicht mehr gebrochen werden. da sonst Budgetkürzungen. Im Sinne einer Kontextsteuerung werden den Beschäftigten lediglich die Ziele (also das »was«). nicht aber das genaue Vorgehen (also das » w i e « ) vorgegeben. Auf diese Weise ist lebendige Arbeit nun nicht mehr das »bloße Anhängsel« (Marx) eines Maschinensystems. Gleichzeitig wird zwischen den verschiedenen Einheiten desselben Unternehmens eine Situation permanenter innerbetrieblicher Konkurrenz inszeniert. Der »Fetisch« Markt erlaubt. Abteilungen werden dazu »gerankt« und »gebenchmarkt«. Man ist nun gezwungen. sondern die geistige Tätigkeit wird zum Anhängsel des Marktes. objektiviert und naturalisiert. muss der Wettbewerb systematisch in die Organisation integriert werden (Sauer 2005). das nicht hinterfragt werden kann. Die einzelnen Beschäftigten und Abteilungen müssen dazu in eine systematische Beziehung zum Markt gebracht und an dessen Dynamik angeschlossen werden. sondern wird vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Marktes für das Unternehmen instrumentalisiert. das jeweilige Geschäftsergebnis signifikant zu steigern. Wer im Vergleich zu anderen Unternehmensbereichen weniger profitabel ist und dem allgemeinen »Benchmark« nicht entspricht.94 Andreas Boes/Tobias Kämpf Referenz sind dabei nicht zuletzt die Kunden. dass Beschäftigte in der Auseinandersetzung mit den Anforderungen des Marktes zu einer selbsttätigen Steigerung der Leistungsverausgabung gebracht werden können (Boes/Trinks 2006). Damit der Markt jedoch wirklich handlungsleitend für die einzelnen Beschäftigten werden kann.). Outsourcing oder gar die Schließung schnell auf der Agenda stehen können. gerät unter enormen Rechtfertigungsdruck. Die zu erreichenden Ziele erscheinen jedoch nicht mehr als willkürliche Anweisungen des Managements. Der Rhythmus und die Intensität der Arbeit werden gewissermaßen vom Markt bestimmt. sondern werden mit dem Verweis auf die Erfordernisse des Marktes zum »Naturgesetz«. die von den internationalen Finanzmärkten vorgegebenen Renditeerwartungen der shareholder und die »Erfolgszahlen« der Konkurrenz. Peters/Sauer 2005). Unter dem Schlagwort der »Selbstorganisation« macht man sich so die Eigeninitiative der Beschäftigten zu Nutze (Glissmann/Peters 2001. vollzieht sich heute eine umgekehrte Entwicklung: im Sinne einer »Vermarktlichung« gilt es nun die Organisation gegenüber dem Markt zu öffnen (ebd. Ziel ist es.

So verändern sich für die betroffenen Beschäftigten die Arbeits.und Leistungsbedingungen und nicht zuletzt oftmals auch die Art ihrer Tätigkeit. Charakteristisch waren dabei vor allem enge Vertrauensbeziehungen zum Management. Gerade die bisher privilegierten Beschäftigtengruppen werden nun zu einem zentralen Gegenstand betrieblicher Rationalisierungsstrategien. Letztendlich ist man bestrebt. dass sie als Handlungsgrundlage dienen können. Erst diese erlauben es.Lohnarbeit reloaded 95 mer genauere Informationen in möglichst differenzierter Form über alle Unternehmenseinheiten zu generieren. Hier erleben die Beschäftigten nach dem Zusammenbruch der New Economy eine »Zeitenwende«. die Organisation und ihre Einheiten informatorisch zu durchdringen. Informationen zu erzeugen und in einer Form zu aggregieren. gewissermaßen naturwüchsigen Verbündeten zu einem latenten Gegner der Hochqualifizierten in betrieblichen Auseinandersetzungen (Kämpf 2006). Hier wird deutlich. Hier heißt es nun nicht mehr »der Mensch steht im Mittelpunkt«. sichere Arbeitsverhältnisse und planbare Karrierewege. Heute hingegen deutet sich hier ein manifester Wandel an. Nur so gelingt es schließlich. dazu auch Ehrenreich 2006). ihre Privilegien und Vergünstigungen stehen mehr und mehr zur Disposition. selbst den Wertbeitrag einzelner Beschäftigter abbilden und nachvollziehen zu können. Exemplarisch vollzieht sich diese Entwicklung in der IT-Industrie. den Markt als Organisationsprinzip innerhalb des Unternehmens glaubwürdig zu verankern und zum zentralen Kontext bzw. dass diese vermarktlichten Unternehmensstrukturen auf Informatisierung und ausgereiften Informationssystemen beruhen. Dabei entwickelt sich insbesondere das obere Management von einem zentralen. die insbesondere einen veränderten strategischen Umgang des Managements mit den Hochqualifizierten beinhaltet. Vormalig genossen die Hochqualifizierten eine privilegierte Stellung innerhalb der Unternehmen. Entscheidungshorizont der Beschäftigten zu konstruieren. sondern »die Zeit der Stammplatzgarantien ist vorbei« (Boes/Trinks 2006). Angesichts von Globalisierung und Offshoring werden dann selbst beste Qualifikationen und überdurchschnittliches Engagement auch in erfolgreichen Unternehmen keineswegs . Nicht nur in dieser Branche wird für die Hochqualifizierten die Erfahrung von Ersetzbarkeit und die Angst vor Arbeitslosigkeit zu einem maßgeblichen Faktor ihrer Arbeitsidentität (vgl. Besonders hervorzuheben sind allerdings die Auswirkungen auf die Arbeitsbeziehungen. Folgen für die Lohnarbeit II: Veränderte Arbeitsbeziehungen und Prekarisierung Die Folgen dieser Entwicklung sind gravierend.

2005. 2006).a. Unsicherheit und Konkurrenz zur dominierenden Erfahrung abhängig Beschäftigter. Gleichzeitig werden dabei. Perspektiven sozialer Auseinandersetzungen Die hier skizzierten Entwicklungen zeigen die gravierenden Folgen der Informatisierung von Arbeit und die daraus resultierenden Konturen einer Arbeitsgesellschaft »im Übergang« (Sauer 2005). Damit eröffnen sich neue Widerspruchskonstellationen und Konfliktlinien. Aus dieser Perspektive erscheint auch die Diskussion zum Thema Prekarisierung (Castel 2000. Zum anderen wird es kaum noch als Selbstverständlichkeit erfahren. der sich selbst hochqualifizierte Beschäftigte nicht mehr entziehen können (vgl. sondern vielmehr eine Ausweitung der Sphären »normaler« kapitalistisch verfasster Lohnarbeit.wie noch zu Zeiten der New Economy suggeriert (vgl. sondern vielmehr die neue Allgegenwärtigkeit von Unsicherheit.erlebt. Die Haltung. Beispielsweise haben die Veränderungen in der IT-Industrie zur Folge. nicht zuletzt unter dem Eindruck der Globalisierung. durch Bitten erlangt«. sich als »Arbeitnehmer« zu begreifen und darauf aufbauend eine eigenständige. Arbeit wird dann zum einen weniger als »kreative Selbstverwirklichung« . vom Unternehmen unabhängige In- .als »Gnade. Arbeit erscheint auch diesen Beschäftigtengruppen immer mehr als ein »bedrohtes und zerbrechliches Privileg« (Bourdieu 1998) oder . auch Bultemeier u. 2006) . Dörre 2005.a. Candeias 2004b) in neuem Licht. Gerade ältere Beschäftigte spüren hier zudem die rasante technologische Entwicklung und die immer kürzer werdende Halbwertszeit ihres Wissens und ihrer Qualifikation. dazu Boes u.a.im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Ausdrucks prekär . dass von den Beschäftigten Interessengegensätze in neuer Qualität wahrgenommen und reflektiert werden. sondern in erster Linie als Sicherung der materiellen Existenz.96 Andreas Boes/Tobias Kämpf mehr als zuverlässiger Garant für Beschäftigungssicherheit erlebt. Damit werden auch für die Hochqualifizierten und die modernen Informationsarbeiter die Bedingungen »normaler« Lohnarbeit immer mehr zur greifbaren Realität und Handlungsgrundlage. 5. 2005. Dabei erleben wir keineswegs ein »Ende der Arbeit«. Brinkmann u. einen Arbeitsplatz zu haben. Dies betrifft insbesondere die Arbeitssituation von Hochqualifizierten. Weniger die Entstehung verschiedener Zonen von prekärer und nicht-prekärer Beschäftigung bestimmt dann die Entwicklung.

und Lebensbedingungen (z. zwischen einer prekär Beschäftigten und einem Software-Entwickler). Sicherlich wird man auf zahlreiche Hindernisse und Barrieren stoßen. eine solche Einheit in der Praxis zu konstruieren . mittlerweile ihren vormaligen Exotenstatus verloren (Boes/Trinks 2006).trotz aller Differenzen . Zu groß bleiben »auf der Oberfläche« zunächst die Unterschiede in Arbeits. Demgegenüber würde ein Modell inklusiver Solidarität die allgemeine und übergreifende Erfahrung von Unsicherheit aufgreifen und darauf aufbauend die Gemeinsamkeit von Interessen . hat selbst in dieser Branche. Folgerichtig wäre dann von einer weiteren Fragmentierung von Erwerbstätigen und einem Aufleben »ständischer« Formen der Interessenvertretung auszugehen.B. Privilegien der eigenen Gruppe gegenüber anderen Lohnabhängigen zu »verteidigen«.Lohnarbeit reloaded 97 teressenperspektive zu vertreten. Die Entstehung wechselseitiger Solidarität ist dabei allerdings keineswegs a priori ausgeschlossen. deren Kultur Konflikte lange Zeit tabuisierte. . alte lineare Proletarisierungsthesen wieder neu aufzuwärmen. Vor diesem Hintergrund ist von einer komplexen Dynamik und Entwicklungslogik künftiger sozialer Konflikte auszugehen.betonen. Mögliche Szenarien bewegen sich zwischen den Polen »inklusiver Solidarität« und »exklusiver Solidarität« (Kurz-Scherf/ Zeuner 2001). Ein Modell exklusiver Solidarität würde darauf abzielen. Mit Blick auf Globalisierung drohen dann zudem eine Ethnisierung von Konflikten und eine Beschleunigung einer weltweiten Standortkonkurrenz. Gleichzeitig basieren die neuen vermarktlichten Kontrollstrukturen auch auf einer tendenziellen Fragmentierung der Belegschaften und einer permanenten Konkurrenz zwischen den Lohnarbeiterinnen. Dennoch wäre es grob vereinfachend und zu kurz gegriffen. zu unterschiedlich sind auch die jeweiligen Kulturen verschiedener Segmente der Lohnabhängigen.gleichzeitig haben freilich unlängst die Massenproteste in Frankreich gegen das CPE das Potenzial und die Dynamik einer solchen zeitgemäßen Form von Solidarität vor Augen geführt.

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woanders wird dies als »indirekte Steuerung« oder auch »Vermarktlichung« von Produktion und Arbeit bezeichnet (Sauer 2005). zumal dann nicht. zugunsten des »wiederaufgeladenen Kapitalismus«.Stefanie Hürtgen Globalisierungskritik statt Modellanalyse Das Beispiel der Elektronik-Kontraktfertigung in M i t t e l . Die Machtspiele und Spielregeln im ökonomischen Feld. sei. nicht zuletzt durch Finanzinvestoren und Shareholder gegenübersähen. Das Ergebnis. marktzentrierten Kontrollmodus. um die gesellschaftlichen Veränderungen auf den Begriff zu bringen. wo nicht eine unternehmerische Organisationsform ins Zentrum gestellt wird (»Netzwerkkapitalismus«). Solche Befunde sind anregend. wenn sich politische Ansprüche an wissenschaftliches Forschen stellen. spricht von einem neuen »flexibel-marktgesteuerten Produktionsregime« (Dörre 2002) und markiert darin die flexible Arbeitsweise als einen zentralen Bestandteil. Das gilt auch für die Fragestellung. sie in einem »Modell« begrifflich zusammenzufassen dient der gedanklichen Präzisierung und Selbstvergewisserung . dass Arbeitskräfte in den Betrieben zum Puffer der steigenden Flexibilitätsanforderungen würden. Klaus Dörre bspw. Anregend erscheinen sie mir vor allem dort. ob man von einem neuen Modell von Kapitalismus sprechen könne. keineswegs folgen. sondern der soziale Zusammenhang des Kapitalverhältnisses auch und gerade in der Lohnarbeit zu einem zentralen Bezugspunkt wird. Modellierungen sind sicherlich sinnvoll. doch muss man dieser kurzlebigen Wissenschaftsmode. Begriffe hin und herzuwenden und dann zu verabschieden.und Osteuropa Globalisierung statt Modell Der Kongress »Kapitalismus reloaded« hatte zwischenzeitlich den Arbeitstitel »After Globalization«. gerieten unter die Regie eines qualitativ neuen. Das ist schade. Die »Globalisierung« wurde dann wieder entfernt. so Dörre (2003). denen sich die Unternehmen. so eine von vielen geteilte Beobachtung. denn zwar gilt die Globalisierungsproblematik in der Wissenschaftsdiskussion mittlerweile als veraltet.

und zwar eben länderübergreifend.sondern gleichzeitig die ständige Infragestellung der eben noch verfolgten Strategien. Präziser schlage ich vor. Im Resultat entsteht eine prinzipielle Unsicherheit in der sozialen Existenz von Arbeitskräften sowie eine qualitativ neue. aber im Gegensatz zum »Modell« legt sie den Schwerpunkt auf einen Prozess. 1 Doch die theoretisch-gedankliche Fixierung veränderter Arbeitsbedingungen in einem Modell. der vor kurzem noch getätigten Produktionsansiedlungen. das zudem noch häufig als nationales gedacht wird (Rheinischer Kapitalismus etc. Ich schlage also vor. erleben: nicht einfach Modernisierung von Technologie. nationale wie länderübergreifende Neuorganisierung von Lohnabhängigen bedeutet. aus dem theoretischen Werkzeugkasten die »Globalisierung« wieder hervorzuholen. der Kontraktfertigung. Das wesentlich Neue am postfordistischen Kapitalismus scheint mir die ständige Umwälzung der Grundlagen der Produktion zu sein.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 105 und damit der theoretischen Debatte. was mir das zentrale Kennzeichnen des gegenwärtigen Kapitalismus zu sein scheint: dass nämlich insbesondere im Bereich Arbeit eine Stabilität von Reproduktion systematisch immer weniger gegeben ist. das die ständige. . der immer schon international gedacht ist. was wir aktuell.). Die so verstandene Globalisierung als permanente Restrukturierung soll am Beispiel einer spezifischen Zuliefererindustrie illustriert werden. internationale Restrukturierung von Wertschöpfung und Intensivierung von Arbeit . Er beschreibt meines Erachtens sehr treffend. der jüngst noch vorgenommenen Investitionen. in einem Ausmaß. um an ihrem Beispiel generelle gewerkschaftspolitische Überlegungen zu diskutieren. den zugegebenermaßen sperrigen Begriff der Globalisierung als »permanenter Restrukturierung von Wertschöpfungsketten auf internationalem Niveau« wieder in die Debatte zu holen (z. 1 In diese Richtung geht auch die Einschätzung von Frieder Otto Wolf (2006). allerdings destruktive Beziehung zwischen ihnen: internationale Konkurrenz. Haipeter 1999).B. gerät in Konflikt mit dem. Sicher auch kein optimaler Begriff.

106 Stefanie Hürtgen Kontraktfertigung in Europa 2 Kontraktfertigung ist als internationale Produktion vergleichsweise jung. Waren an. Zum Projekt gehörten Boy Lüthje. bspw. Doch die Dienstleistung umfasst längstens viele »immaterielle« Bereiche. ob es sich um Leiterplatten für Industriecomputer oder für Minikameras handelt. denn gerade hier erreichen die Kontraktfertiger einen Kostenvorteil durch Konzentration der Aufträge von mehreren Kunden: die Bestückung ist in der Art der Herstellung ein recht unspezifischer Produktionsschritt. Ende der 1980er Jahre waren Kontraktfertiger noch kleine Firmen in den USA. Kontraktfertigung gilt als spezifische Form einer Zulieferer-Industrie. Peter Pawlicki. zur Bestückung von Leiterplatten. durchgeführt im Rahmen meiner Mitarbeit in einem von DFG geförderten Projekt. zum Herzstück gehört typischerweise die Leiterplattenbestückung. sind sie der hiesigen ÖffentDie folgenden empirischen Daten basieren auf umfangreichen Interviews mit Managern und Gewerkschaftern und mehreren Diskussionsrunden mit Gewerkschaftern in Ost. egal. Anlagen und Know how zur Produktion von Plastikgehäusen (bspw. für Drucker oder Handys). in Anspruch genommen wird.und Westeuropa sowie eigenen Recherchen. bis hin zur Eruierung der günstigsten Zollbestimmungen bei der Einfuhr von Geräten oder Vorprodukten aus Fernost. Verpackung etc. Von Silicon Valley nach Shenzhen. sondern Kapazitäten: sowohl Maschinen. Globale Produktion und Arbeitsteilung in der IT-Industrie. im berüchtigten Silicon Valley (Lüthje 2001). Wilhelm Schumm und Martina Sproll.h. weil sie Produktion als Dienstleistung organisiert und dabei weit über übliche Teile-Zulieferung hinausgeht. die nach just-in-time organisierte Lagerhaltung oder von Logistikcentern zur punktgenauen Auslieferung der Markenwaren an Warenhäuser oder Auslieferungszentren. variiert.). Welche der Dienstleistungen von den Kunden. den Markenherstellern. heute ist dieses Produktionssegment von internationalen »Weltmarktfabriken« mit mehreren zehntausend Beschäftigten dominiert. aber auch Kapazitäten des Managens ausgedehnter globaler Produktionsketten oder logistische Leistungen in einzelnen Fertigungsregionen. zur Endkonfiguration der Produkte (Bespielen mit Software. d. Die Großunternehmen bieten keine Produkte bzw. Die Projektergebnisse sind veröffentlicht in: Stefanie Hürtgen/Boy Lüthje/Wilhelm Schumm/Martina Sproll. 2 . Frankfurt/New York 2007. Obwohl diese Kontraktfertiger einen großen Anteil an der Elektronikproduktion haben (im Schnitt spricht man von 30%) und seit Beginn der 1990er Jahre auch in Westeuropa tätig sind.

Für die Kontraktfertiger wiederum erhöhte sich nicht nur die Anzahl der Produktionsstätten. sondern nun erschien auch Osteuropa auf der Bühne der Unternehmensstrategien. Nokia an den einzigen großen europäischen Kontraktfertiger. Siemens oder Philips nichts zu tun haben. Flextronics. Von Anfang an hatten die Kontraktfertiger auch Niedrigkostenregionen im Blick. Die Nachfrage nach Computern. . Motorola an Flextronics und Solectron. Letzteres bedeutet. und drittens eine Entlastung. um Extraprofite zu realisieren. Anfang der 1990er Jahre begannen die meist US-amerikanischen Kontraktfertiger.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 107 lichkeit auch dem Namen nach. wenig bekannt. wuchs enorm. Auch bis dahin noch in Sachen Auslagerung zurückhaltende Unternehmen vergaben nun Produktionen: Alcatel an Flextronics. Spielkonsolen. Dieses Jahr markiert den beginnenden Boom der »New Economy«. die mit den Namen Hewlett Packard. Zu Beginn der 1990er Jahre hießen die aber noch Nordengland und Irland. sie heißen bspw. dass es zu . zum einen über Preiskonkurrenz. Produktion extrem kurzfristig hochzufahren. Im Unterschied nämlich zu Marken-Zulieferern im Automobilbereich wie Bosch legen die Kontraktfertiger bzw. Das Zulieferprodukt soll im Markenartikel verschwinden. dass wer ein neues. die es den Markenherstellern erlauben sollte.sagen wir . vor allem aber Handys. Kontraktfertiger versprachen in dieser Situation einer scharfen Konkurrenz im Wachstumsmarkt vor allem drei Dinge: erstens eine Verbilligung der Produktion. zweitens ein hohes Maß an Flexibilität. Produktionsstätten in Westeuropa zu übernehmen: das IBMLeiterplattenwerk in Bordeaux (Frankreich) oder die Siemens-Produktionsanlage in Paderborn (BRD). sich besser auf die Entwicklung neuer Produkte und Technologie-Standards zu konzentrieren. dass die Zusammenarbeit möglichst wenig bekannt wird. was die Volumina der Zulieferung betrifft. die sie von den Markenherstellern in Westeuropa übernahmen. Die Markenhersteller bemühten sich nun. Celestica oder Solectron. zum anderen über die immer schnellere Abfolge von »Produktgenerationen«. ihre Kunden besonderen Wert darauf. Erst ab 1997 begann der Ausbau von Produktionsstätten in Osteuropa. der Endkunde. Elcoteq. auch in der Lage sein muss. als hervorragender Standort und explizit als Alternative zu den bisherigen westeuropäischen Niedrigkostenregionen. sich im ausdehnenden Markt nachhaltig zu platzieren. also der Konsument. soll nicht wissen. Denn. »besseres« Produkt erfolgreich auf den Markt bringt.50-80% aus Zulieferungen besteht. Und in der Tat war der Boom der New Economy auch ein Boom der Kontraktfertigung in Europa.

insbesondere im technologischen Sinn. Neoklassische Argumentationen. Westeuropa stehe unter Kapital-Abwanderungsdruck. organisiert sein. in Polen beschäftigt dasselbe Unternehmen im Durchschnitt einige tausend Leute. in Richtung einer Angleichung der osteuropäischen Wirtschaften an westliche ökonomische Effizienz und westlichen Wohlstand. Die Kontraktfertiger kalkulierten mit Osteuropa klar als Niedrigkostenstandort. als Motor für Modernisierung. sondern vor allem die fast vollständigen Steuernachlässe. die immer noch die Basis der uns seit Jahren verfolgenden Standortdebatte darstellen. Die Standortfaktoren.000 Beschäftigten bald zum größten Privatarbeitgeber. gemeint sind.siehe unten). Massenentlassungen kein Problem. günstige Bodenpreise. Richtig ist auch: Um die Dienstleistungswünsche ihrer Kunden befriedigen zu können. Die bürokratische Abwicklung laufe namentlich in Ungarn schnell und unkompliziert. schnelle. Diese Version ist nicht gänzlich falsch. Ab 1997 entstehen in kurzer Zeit eine Reihe von Produktionsstätten mit mehreren tausend Beschäftigten in Ungarn. wonach die Produktion den günstigen Löhnen und Steuern folgt. die Osteuropa anbieten kann. unternehmensfreundliche Abwicklungen etc. In Ungarn wird Flextronics mit insgesamt 25.000 Beschäftigten größter Arbeitgeber und größter Exporteur des Landes. ist Elcoteq mit rund 5. mehr Menschen als im gesamten Umland. solange die Löhne im Osten niedriger seien. in Tallinn. Das bedeutet. der Hauptstadt von Estland.108 Stefanie Hürtgen so das Management in dieser Zeit fast unisono: Nordengland sei längst zu teuer. so die Annahme. muss Kontraktfertigung stets als modernste Produktion. die wirklich billigen Löhne und Steuervorteile fände man in Osteuropa. wirkten. würden in dem Aufbau hochmoderner Produktionsstätten einen Ausdruck für eine Ausgleichsbewegung sehen. Polen und Rumänien. die Leute gut ausgebildet und arbeitsam (wobei die Ungarn als arbeitsamer als die Polen dargestellt wurden und die Ukrainer dann später wiederum als fleißiger als die Ungarn . W a r u m ist Kontraktfertigung ein Beispiel für Globalisierung? Z w e i typische Argumente und eine eigene Antwort Inwiefern lässt sich nun von Kontraktfertigung als einem Beispiel für Globalisierung von Produktion sprechen? Diese Frage ließe sich verschieden beantworten. die Steuererlässe seien bis zu zehn Jahren und oft darüber hinaus enorm. die . wobei nicht nur die Löhne.

haben wenig gemein mit dunklen Klitschen und veralteten Maschinenparks. Doch es passiert genau das nicht. Bauteile und Leiterplatten werden aus Asien geliefert.). Richtig ist weiterhin: Nahezu alle untersuchten Produktionsstätten von Kontraktfertigung in Osteuropa (insgesamt 15) basieren auf Verlagerungen: Produktion von Schweden nach Polen. Allen Wünschen regionaler Cluster-Bildung zum Trotz bleibt die Ausstrahlungskraft der Investitionen auf die Region (im Fachjargon: spill-over-effect) gering.u.B. oder es entstehen lose Kooperationspartnerschaften zu benachbarten Ingenieursschulen. In der Tat sind die Standorte der Kontraktfertiger in Osteuropa (wie anderswo auch) nicht lokal eingebunden. von Finnland nach Estland. Polen. Andererseits aber bedeuten die hochmodernen ausländischen Standorte in Osteuropa keineswegs die wirtschaftliche Modernisierung der Länder und Regionen. z. In der Tat sprechen Beschäftigte und Gewerkschafter dieser Länder davon. Zwar werden mitunter Straßen gebaut. so sehr wünschen. geschaffen hätten: Intel in Gdansk. von Spanien und England nach Ungarn. er umfasst zumeist wenig entwickelte Bereiche wie die Zulieferung von Papier zur Verpackung oder den CateringService bzw. Flextronics etc. 3 . Deren abermals nicht sehr weitreichende regionale Auswirkung wäre hier ein anderes Thema. was sich nicht zuletzt lokale Politiker. Im Gegenteil: Die zumeist neuen Gebäude sind hell. Wirtschaftsstrategen und Leiter der Sonderwirtschaftszonen. er passt auch auf die untersuchten Fälle. zumeist mit dem Flugzeug. die Maschinen modern. mitunter werden sogar auch auf den eigenen Bedarf zugeschnittene Ausbildungszentren geschaffen. als Anfahrtswege zum Werk. in denen die Standorte oft angesiedelt sind. die stets im Munde geführt wird. dass ausländische Elektronikhersteller nicht längstens Forschungs. die Kantine. dass die Arbeitsbedingungen in dieser Hinsicht vergleichsweise gut sind (s. sondern international. Für das Gebiet der ehemaligen DDR ist der Begriff der »Kathedralen in der Wüste« geprägt worden. Schipohl bei Amsterdam) an die einzelnen Werke Das bedeutet nicht. Motorola in Krakow etc.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 109 Produktionsstätten von Elcoteq. 3 Der Anteil lokaler Zulieferer für die Produktion der Kontraktfertiger liegt bei mageren drei bis fünf Prozent. über zentrale Flughäfen (z. und weswegen sie gerade für die Ansiedlung der hochmodernen Elektronik-Multis werben: eine Vernetzung der High-Tech-Produktion mit heimischen Kapazitäten.und Software-Entwicklungszentren in Osteuropa.B. wie sie verbreitet noch mit »Niedriglohnarbeit« in Verbindung gebracht werden. was zum Beispiel heißt: sie sind leise und haben weitgehend gute Umweltvorrichtungen wie Abzugsvorrichtungen für Dämpfe.

wenn man damit eine weitverzweigte. um Diebstahl zu verhindern. Die Auslieferung über L K W erfolgt durch westliche Speditionsfirmen wie Kühne&Nagel (in Rumänien können einige kleinere Speditionsfirmen noch über sehr geringe Löhne.110 Stefanie Hürtgen verteilt. Warenhäuser) oder ins zentrale Auslieferungszentrum (häufig ebenfalls in Osteuropa) transportiert. Handys zum Beispiel sind für die meisten Beschäftigten. hochflexiblen Unternehmensnetzwerken. vornehmlich auf Information und Kommunikation beruhenden »leichten« Netzwerk. der weltweiten Kommunikation. zugleich eng und höchstflexibel zusammenarbeitende Unternehmensorganisation meint. Maschinen. hohe Flexibilität und nur gemietete LKWs konkurrieren). mehr noch: sie steht häufig für ein Abwerfen des Ballastes der Produktion hin zum virtuellen. sind gering. Das Phänomen der Auslagerung von Produktion wird quasi verallgemeinert hin zu einer Überbewertung des Virtuellen. Kurz: die Kontraktfertiger sind nicht national oder lokal. aber auch innerhalb Osteuropas. sondern international eingebunden. Dem widerspricht schon . so sind es auch die unternehmensinternen Kommunikationen und Kooperationen: Um die Produktion reibungslos zu gewährleisten. besteht häufig ein ständiger Kontakt zu westeuropäischen Werken. des Internets. Der Kontakt zum Kunden erfolgt in einem kurzfristigen oder auch permanenten Austausch in internationalen Teams oder »Boards«. man produziert hauptsächlich für den westeuropäischen Markt. aber auch Arbeitskräfte verliehen. und nicht lokalen Einbindung der Standorte geht in eine zweite Richtung. hier werden innerhalb eines Unternehmens Produktionsvolumina hin und hergeschoben (zum Beispiel zwischen Estland und Ungarn oder zwischen Ungarn und Polen). Dieser Darstellung kann zugestimmt werden. die ökonomischen und sozialen Modernisierungseffekte. dort weiterverarbeitet. Sind Zulieferer und Auslieferungsbeziehungen in erster Linie überregional. die heute den wichtigsten »Rohstoff« darstelle. Auch die Produkte selbst haben wenig mit heimischen Märkten zu tun: der Exportanteil der Kontraktfertigungsstandorte in Osteuropa liegt zumeist bei 95% oder darüber. was betriebsorganisatorisch einigen Aufwand zur Überwachung bedeutet. von Globalisierung angesehen wird: Globalisierung bedeute heute die Entstehung von weltweiten. nämlich für die Ablösung alter Hierarchien zugunsten »flacher« Entscheidungsstrukturen. die sie produzieren. die gern als das Neue des gegenwärtigen Kapitalismus bzw. bei weitem nicht erschwinglich. von der grundsätzlichen Problematik dieses Begriffs einmal abgesehen. verpackt und entweder direkt an die Endkunden (Großmarktketten. Diese Darstellung einer internationalen. Doch die Metapher des Netzwerkes steht für mehr.

Druckern.u. leichten Netzwerkes eher eine Vision denn Realität. Für die Arbeitenden heißt das rigide Bandarbeit. wer nun auf den zigtausenden Handys.B. sondern sie binden mitunter auch die Auftragsvergabe an Standortentscheidungen.und Videospielgeräten sitzen bleiben soll (den Markenherstellern gelang es dann weitgehend. wie viele ostasiatische Hersteller. also Farbe. Doch auch aus Sicht der auslagernden Markenhersteller ist das Bild eines produktionslosen. als die Absatzzahlen plötzlich einbrachen. auch »das Netz« bleibt . Kontraktfertiger produzieren. handfest und in hoher Stückzahl. Wie handfest dieses hierarchische Moment an Produktionsaufträge und ihre Bezahlung gebunden ist. die Kernkompetenz heute sei das »industrial design«. Kameras. die in hoher Konkurrenz untereinander steht. Doch nicht nur die Produktion. nämlich als Massenfertigung. den Produktionsprozess der Kontraktfertiger bis ins Detail zu kontrollieren. s. der kaum ein Teil selbst produziert. Das Modell . Fernseh. Zwar erzählten uns Manager in den Interviews immer wieder. sehr hohe Anteile von gewinn. Hier wurde besonders deutlich: die Kontraktfertiger fungieren als Produktionspuffer einer von den Markenherstellern selbst schlecht zu kalkulierenden Marktentwicklung. sie haben nicht nur weitreichende Möglichkeiten. gewürzt mit institutionalisierter Stimulation der corporate identitiy (Schautafeln über die Kundenzufriedenheit. geben also vor. Doch im Durchschnitt liegt der Anteil von zumeist auf Kontraktfertiger ausgelagerter Produktion bei »nur« 30% und trotz vieler frohlockender Prognosen gibt es auch den Trend der Rückverlagerung: Motorola z. Gruppenarbeit. wo Kontraktfertiger (künftig) produzieren sollen. wird nicht zuletzt deutlich in der Krise der Elektronik-Branche. die bislang vergleichsweise »auslagerungsresistent« und trotzdem erfolgreich sind. die ab 2001 einsetzte: Ein großer Streitpunkt zwischen Markenherstellern und Kontraktfertigern war im Herbst 2001. diese Kosten auf ihrer Kontraktfertiger abzuwälzen).). Die Kunden machen nicht nur rigide Vorgaben hinsichtlich der Herstellung eines gewünschten Produktes oder einer Leistung.trotz hoher Flexibilität .Globalisierungskritik statt Modellanalyse 111 einmal der hier betrachtete Gegenstand: Kontraktfertiger sind ja genau der »Bodensatz an Produktion«. zum Beispiel eines Telefons . das Pendant zu Auslagerung. Formgebung etc. auch gibt es Unternehmen wie den Computer-Hersteller Dell.ein hierarchisches: zwischen Kunden und Kontraktfertigern besteht eine klare Abhängigkeit.der »Rest« müsse ausgelagert werden. Zudem gibt es Unternehmen.und motivationsabhängigem Leistungslohn). holte eine kleinere Fertigungsserie aus Polen zurück an den deutschen Standort in Flensburg (allerdings um sie alsbald nach China zu verlagern.

sich gegen die Konkurrenz zu behaupten. Vielmehr besteht das Neue in einer Umorganisation von Produktion. die den Produktions. indem sie sich »ausdehnt« (internationalisiert) oder indem sie »ausgelagert« wird auf Zulieferer wie Kontraktfertiger. 4 Was kann nun als neue Qualität der gegenwärtigen kapitalistischen Entwicklung angesehen werden? Meines Erachtens ist dies die Tatsache.unternehmerische Organisationsform.und von der kein Ende auch nur absehbar ist.u.und Handelsbereich erweitern. der Management-Literatur zu folgen. der Globalisierung angemessenen Modell der Unternehmensführung erklärt.B. Man sollte also nicht dem Fehler verfallen. dass Produktion nicht einfach umverteilt wird. wie der Manager versichert. einer Restrukturierung. Mit anderen Worten: Auslandsstandorte sind nicht einfach Dependencen der Heimatfirmen. die Produktion bestand hier in der Konfiguration und Software-Bespielung der aus Asien eingeflogenen.wenn auch sehr verbreitete . 4 .und runterzufahren war und der zugleich in räumlicher Nähe zum europäischen Markt lag. und auch sie ist mittlerweile durch ein neues Modell der Auslagerung infragegestellt (s. Hewlett Packard hatte ebenfalls in Ungarn das Auslieferungszentrum für bestimmte Drucker für den Raum »HP Europe«.).und Auslieferungszentren. In der Situation eines außerordentlichen weltweiten Wachstums bekamen die MOE-Standorte (Mittel. Besonders gut sichtbar wird die Realisierung dieser Funktionalität in großen Endkonfigurations.112 Stefanie Hürtgen Kontraktfertigung ist also nur eine .B. die international ist .und Osteuropa) die Funktion eines besonders flexiblen und zugleich besonders kostengünstigen Massenproduktionsstandortes. die z. eines der besten der Welt. wo auch großvolumige Produktion kurzfristig und kostengünstig hoch. dann der Verpackung und Auslieferung in alle Welt. Sie sind vielmehr mit spezifischer Funktionalität ausgestattete Bestandteile eiHier wird vielmehr »der rasche Verschleiß immer neuer >bester Praktiken< selbst zum Programm« (Dörre 2002: 399). mit der versucht wird. also Europa und einige arabische Staaten sowie Israel. z. Der Handy-Hersteller Sony-Ericsson hatte bis vor nicht langer Zeit in der ungarischen Stadt Sarvar sein weltweites Auslieferungszentrum. Deutlich wird dies schon bei der Ansiedlung der Kontraktfertigungsstandorte in Osteuropa. in Ungarn entstanden. die alle Jahre eine neue optimale Unternehmensstruktur (best practice) zum neuen. noch operationsunfähigen »dummen Handys« (dummies) ihren Test. teilweise der Verkleidung mit Plastik.

der Produkteinführung und vor allem logistische Kompetenzen hinzu (die wiederum aus westeuropäischen Standorten abgezogen wurden). dass dieser Vorgang in keine stabilen Produktionsbeziehungen mündet. in diesem Fall der Bedarf nach kostengünstiger Produktion aus lokaler Nähe zur Belieferung vor allem von Westeuropa. 5 . Auch die »Führung« der Betriebe. deren Großaufträge. findet nun eigenständig vor Ort statt. nicht weltweit. Im Resultat waren die meisten Standorte in einer Dauerkrise. 1997 bis 2001 deutlich. in Osteuropa nur einfache Massenproduktion zu konzentrieren. Die MOE-Standorte waren also keine »verlängerten Werkbänke« bzw. Dies wird schon in der Zeit des Booms. Österreich oder Deutschland kommend) die Idee von Osteuropa als dem Herz einer flexiblen Massenproduktionsstätte unter den Fingern. Russland) übernehmen. wenn sich die Anforderungen für die Unternehmen ändern. Im Resultat entstanden in Osteuropa logistisch und operativ eigenständige Standorte 5 (wohlgemerkt: Eigenständigkeit im Rahmen einer internationalen Unternehmenshierarchie. die sich schnell umorganisieren können muss. Die Crux ist nun. die internationalen Abläufe umorganisiert werden etc. Die Vorstellungen. Während in Westeuropa aus diesem Grund viele Standorte der Kontraktfertigung geschlossen wurden (in Frankreich gibt es innerhalb von drei Jahren von sechs Großstandorten der Dieses Bild wiederholt sich innerhalb Osteuropas. der Wartung. während in Westeuropa die höherwertige Produktion und vor allem Produkteinführung angesiedelt ist. nicht europäisch und nicht national. wenn von hier aus auch die zentrale Auslieferung reibungslos funktionieren sollte.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 113 ner weltweiten Unternehmenskonfiguration. wurde faktisch revidiert: die osteuropäischen Standorte wurden nach kurzer Zeit stark aufgewertet. sie blieben es nicht: zu den ursprünglich aufgestellten Produktionshallen mit ihren langen Montage-Bändern oder Pressmaschinen gesellten sich mehr und mehr Funktionen des Tests. Der Absatzmarkt der Markenhersteller brach ein . Kapital neu konzentriert. wo ältere Standorte für eine gewisse Zeit die »Führung« der neueren. solange bis diese wiederum »eigenständig« sind. die bspw. Das »musste« gewissermaßen geschehen. Dann müssen vorherige Beziehungen gekappt. Vor allem aber: Nach dem Platzen der »New Economy-Blase« im Herbst 2001 zerrann den in Osteuropa tätigen Managern (selbst häufig aus Schottland.und die Kontraktfertiger verloren fast alle Großkunden bzw. anfänglich noch von Westeuropa aus gesteuert. weiter östlich (zum Beispiel in Sankt Petersburg. ihre Kapazitäten erweitert. die eigenständige Auswahl von Zulieferern quasi ausschließt).

Osteuropa erhielt vor allem Kleinserien. Foxconn ist ein solches ODM-Unternehmen. (BenQ hatte bereits zuvor Handys für Tchibo. Wie der Manager eines Computerunternehmens aus England sagte »Es gibt nichts. mit prekärem Status und einigen hundert Beschäftigten). bevor man den .es wäre verrückt. Durch Ausrichtung auf angrenzende Länder wie Rumänien oder die Ukraine gelang es mitunter. den sie nicht unterbieten würden . Der Trend nach der Krise 2001 hieß: Verlagerung in den Osten des Ostens. Motorola und Nokia produziert). Die Standorte wurden logistisch und technologisch damit weiter anspruchsvoller. abgezogene Aufträge und die neue Konkurrenz aus Fernost reagierten die in Osteuropa tätigen Manager mit dem Versuch. den Preisvorstellungen der Markenhersteller noch einige Zeit zu genügen. Auf den Druck durch zusammenbrechende Märkte bzw. Allerdings: bei weitem nicht in dem erhofften Ausmaß! Denn in den letzten Jahren war eine neue Konkurrenzregion äußerst attraktiv geworden: China. Bereits zuvor war die Verschiebung der Produktion zwischen Standorten in einem Land oder länderübergreifend gang und gäbe. Kurz: die weltweite Konkurrenz um Absatz und Marktführerschaft übersetzt sich hier in konkurrierende Modelle der (weltweiten) Zulieferung. was Foxconn nicht macht! Und es gibt keinen Preis. Massenentlassungen fanden zwar auch hier statt. Im Unterschied zu den Kontraktfertigern bieten ODM-Unternehmen eigene Design-Produkte unter eigenem Namen an.114 Stefanie Hürtgen Firma Solectron nur noch einen. so waren das nun ein bis zwei Dutzend. Hatte ein Auftrag bis dato mehrere hundert Menschen beschäftigt. nun wurde die strategische Nutzung der Billigländer innerhalb Osteuropas zur zentralen strategischen Option. Ein Großteil der aus Westeuropa abgezogenen Produktion wurde dorthin verlagert. wenn sie in China Fabriken mit vielen zehntausend und Ingenieursabteilungen mit mehreren tausend Beschäftigten betreiben. die Kapazitäten auszulasten. die kaum ausreichten. Zudem tritt aus Asien ein neues Modell der Zulieferung auf die Bühne und macht den Kontraktfertigern enorme Konkurrenz: das ODM (Original Designed Manufacturing). mittlerweile durch den Kauf der Siemens-Handy-Sparte bekannt. die Kostenspirale innerhalb Osteuropas nach unten zu drehen. konnten die meisten osteuropäischen Standorte überleben. Vor allem aber treiben sie das Prinzip der Verbilligung durch Masse auf bislang unvorstellbare Höhen. auch wenn sie in einer andauernden Krisensituation steckten. Ein anderes solches ODM-Unternehmen ist BenQ. sie nicht zu nehmen«. aber Osteuropa profitierte weiter von Verlagerungen aus Westeuropa.

Dies galt schon zu Zeiten des Booms.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 115 Auftrag abgeben musste . gewerkschaftliches Handeln für eine Zeitlang einstellen kann.entweder an einen Standort des gleichen Unternehmens in Fernost oder an einen ganz anderen Zulieferer dort. dem inneren China oder Nordkorea) sprechen. gezielt werden neue Standorte in Rumänien.nach Ostungarn und dann weiter in einen neuen Zulieferer-Park in der angrenzenden Ukraine verlagert worden war . das ist Globalisierung. Arbeitsverhältnisse in Osteuropa in der Konkurrenz Was die Situation der Belegschaften in Osteuropa vor allem kennzeichnet. Erfolge dieser Strategie sind bislang nicht spektakulär. und diese Länder bewusst als Alternative zu Fernost platzieren. Dies ist der Fall bei den schon oben angeführten HP-Druckern. wenn auch zeitbegrenzten Erfolge beflügeln die Managementstrategien.wenn auch mit Indizien angereicherte . . Natürlich müssen zu einem gegebenen Moment die über den Globus in verschiedenen Standorten verstreuten arbeitsteiligen Funktionen zueinander passen . Wichtig ist festzuhalten: In der Weltmarktkonkurrenz entsteht kein Modell einer fixierbaren Arbeitsteilung. Das Erzähl-Karussell soll an dieser Stelle angehalten werden. das sei mittlerweile das Schwerste. so das Management.Spekulation. Man wolle sich der Konkurrenz aus Asien stellen. Man könnte jetzt noch von neuem Verlagerungsdruck (aus Vietnam. weil die Produktion auf estnische Standorte verschoben wurde. der Ukraine und Russland aufgebaut.bis der Auftrag schließlich nach China. und mir scheint. Gerade für Europa sei die räumliche und auch kulturelle Nähe ein entscheidender Standortvorteil. auf die sich bspw. Große Konkurrenz besteht auch innerhalb eines Landes. ist eine umfassende Konkurrenz. Solche. aber es gibt sie: Rückverlagerungen von China nach Osteuropa. denn die permanente Unsicherheit der Auftragslage übersetzt sich für sie in permanente Unsicherheit der eigenen Arbeitssituation. ging.sonst stockt der Produktionsprozess (was in der Praxis häufig genug passiert). oder wo ungarische Arbeitskräfte ihre Anstellung verloren. keine auch nur mittelfristige Perspektive. Davon müsse auch der Kunde überzeugt werden. Nur bildet diese Momentaufnahme. deren Produktion in nur zwei Jahren innerhalb des Kontraktfertigers Flextronics zunächst von West. an einen neuen Zulieferer. um bei Auftragsstornierungen kurzfristig entlassen werden zu können. wo ein Großteil der Beschäftigten nur befristet eingestellt war. doch das wäre .

wie es heißt .000 Menschen.000 Entlassungen und einer nachhaltigen Gefährdung des Standortes. Zwar liegt hier die Anzahl der Beschäftigten höher.116 Stefanie Hürtgen schon bei der Frage.wenn auch viel kleinere . und ein Teil der Produktion findet sich in Ungarn und Rumänien wieder.000. Forderungen aufzustellen und durchzusetzen. denn der eigene Standort stehe schon seit einiger Zeit ständig kurz vor dem Aus. doch kurzfristige Produktionsvergabe nach China steht ebenfalls auf der Tagesordnung. ganze Hallen stehen leer. heute arbeiten dort etwa 3. Zu Tausenden wurden Beschäftigte in Ungarn und Polen entlassen. Kurz: Es entsteht gerade seit der Krise 2001 und dem Auftreten neuer Konkurrenz aus Fernost eine enorme Konkurrenz um Produktion und also Beschäftigung innerhalb der MOE-Standorte. Man hätte da wenig machen können. wo sich die Kontraktfertiger überhaupt ansiedeln (in Polen bewarben sich drei Sonderwirtschaftszonen um das Unternehmen Flextronics) und wie viel von ihren Bauplänen dann realisiert wird. dass sie Schwierigkeiten hätten. Lagerräume wurden »umsonst« gebaut. da das Management mit Verlagerung in eine nur 200 km südlicher gelegene Stadt gedroht hätte. wo man gehofft hatte. Auf einem europäischen Treffen berichtet eine ungarische Gewerkschafterin.) Die Konkurrenzsituation verschärft sich in der Krise eklatant. weiter an . Einerseits gelingt es Osteuropa. Die Beschäftigten von Sanmina SCI in Schottland oder von Solectron in Schottland und Frankreich erlebten einen rasanten Arbeitsplatzabbau. höhere Löhne zu fordern (s. Die Einführung der 40-Stunden-Woche und der Verzicht auf Weihnachtsgeld und anderes im westdeutschen Standort Kamp Lintfort. denn Überkapazitäten und Konkurrenz aus Fernost sind allgegenwärtig.wieder erholten Konjunktur ist die Zukunft eines Großteils der Standorte der Kontraktfertiger ungewiss. Andererseits aber erhöht sich für die MOE-Standorte selbst der Konkurrenzdruck untereinander. in Polen 10.000 Menschen einzustellen. und die daraufhin erfolgte Stornierung von Aufträgen für Flextronics führten in Ungarn zu mindestens 1. Nur relativ besser geht es den weiter östlicher gelegenen Werken in Ostungarn. damals noch Siemens. mit den Siemens-Aufträgen aus der Krise zu kommen. mit zumeist letztendlicher Schließung der Werke.u. lange Zeit waren es nur knapp 2. Mit dem Resultat. (Flextronics versprach.). wo die Löhne bislang in der Tat niedriger sind als im stärker entwickelten Westungarn. es gab auch einige Werksschließungen (in Polen und Tschechien) und trotz einer . Polnische Gewerkschafter aus dem untersuchten Betrieb ar- . Rumänien und der Ukraine. die zuvor in Westeuropa erledigt wurden.Aufträge zu kommen. dass es Belegschaften und Gewerkschaften schwer haben.

Lohnforderungen aufzustellen. der DGB-Vorsitzende Michael Sommer immer wieder in die Verteidigungsrhetorik »Wir dürfen nicht zulassen. Solche Worte sind kritikwürdig. Umfassende Unsicherheit in Ost und W e s t Westdeutschen Gewerkschaftern und Belegschaften dürften solche Problemlagen bekannt vorkommen. indem man den Konkurrenten als minderwertig darstellt. 6 Neben Solidarisierungsbekenntnissen gerät z. Insbesondere deutsche Betriebsräte und Gewerkschafter sehen sich nach wie vor auf einem besonderen Platz in der Weltökonomie und in Europa: Spitzentechnologie. 6 . sich »in einem Boot« mit osteuropäischen Lohnabhängigen zu sehen. die Konkurrenz von dort abzuwehren. dass es zwischen Ost. in den genannten Ländern zwischen 200 und 300 Euro. »ordentlich zu arbeiten«.400 Euro. die es bundesdeutschen Beschäftigten und Betriebsräten wenigstens gedanklich erlaubt. die die Situation der Arbeiter verbessern. lieferte Rainer Zoll Anfang der 1980er Jahre in Bezug auf die Arbeitslosen (Zoll 1984).B.und Westeuropa keine Unterschiede mehr gäbe. Beim Kontraktfertiger Flextronics liegt der Basislohn für Arbeiter in den Niederlanden bei 1. Vor allem sind sie falsch! Um im Bild zu bleiben: »Wir« haben längst polnische Arbeitsverhältnisse. Dieses Bild bedeutet nicht. dass die polnischen oder slowakischen Arbeitsbedingungen ganz legal zum Standard in Darmstadt. Jena oder Kassel werden« (Sommer 2005). es ist schon richtig: Osteuropa ist aus westlicher Sicht eine Niedriglohnregion. Stattdessen hört man in den Betrieben der Bundesrepublik viel. Exportweltmeister. hinzu). dass sie sich in Zurückhaltung üben müssten. bis der Standort über den Berg sei. denn sie schaffen nationale Abgrenzungen. ohne den Standort zu gefährden. traditionsreiche Qualitätsarbeit. dass man »denen« in Polen oder Ungarn erst mal beibringen müsse. wie Konkurrenz gedanklich abgewehrt wird. jeweils brutto (beide Male kommen Zuschläge etc. und deutsche Arbeitsverhältnisse finden sich in Polen und der Slowakei. Gerade gegenüber osteuropäischen Lohnabhängigen wird eine Andersartigkeit konstruiert. estnische Gewerkschafter versuchen.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 117 gumentieren. denn dort laufe vieles noch unproduktiv und traditionell. Vor allem die Löhne. die teilweise sogar noch Eine gute Studie darüber. Allerdings gibt es bis heute eine weitreichende Abwehr dagegen.

118 Stefanie Hürtgen unter den regional üblichen liegen. Hochflexible und zugleich unsichere Beschäftigung kennzeichnen die Situation in den meisten Betrieben.000 Beschäftigten. die letzte Produktion wurde im Juni 2005 eingestellt. Auch in höhergestellten Ingenieursbereichen ist Leiharbeit kein Tabu mehr. Wir finden Bereitschaftsdienste und eine kaum zu überblickende Zahl von hochflexiblen. Entlassungen konnten trotzdem nicht verhindert werden und über allem liegt. er reicht in den untersuchten Standorten von 30% bis zu 75% der Beschäftigten. denn mit ihnen lässt sich angesichts der sich dem Westen annähernden Lebenshaltungskosten schwer leben.im Gegensatz zu Klischees von dem für jeden Arbeitsplatz dankbaren Osteuropäer .000 Beschäftigten. verlagert. Doch die Unsicherheit an den deutschen Standorten geht weiter: Wird die Entwicklungstätigkeit in Asien neu konzentriert? Soll Berlin bestehen bleiben oder die Tätigkeiten in die Nähe von Erfurt verlagert werden? Als prinzipieller Unterschied zwischen Ost und West bleiben die Löhne. Mit befristeter Beschäftigung zum Beispiel versuchen die Kontraktfertiger. kurz: Kontraktfertigung in Osteuropa ist in diesem Sinne hochflexible. Auftragsschwankungen abzufangen. in Kamp Lintfort (damals noch ein Siemens-Standort) diskutierte man die teilweise Wiedereinführung der 12-Stunden-Schicht. Richtig ist auch. Einstellungen erfolgen in nahezu allen Betrieben und Bereichen fast nur noch befristet. 50% und mehr der Belegschaft. ständig wechselnden Arbeitszeitmodellen. Nur: die sind . sorgen in Osteuropa . Alcatel. wie lange die Standorte überhaupt noch existieren. moderne Niedriglohnarbeit. Der Anteil der Befristung in Osteuropa ist hoch. zum Beispiel Flextronics.000 Beschäftigten und 15 Standorten. Der Anteil von Leiharbeit im Betrieb liegt verbreitet bei einem Drittel der Beschäftigten und erreicht in einem Betrieb sogar 2. Hinzu kommt ein umfangreiches Segment von Leiharbeit in den Betrieben. wir finden Diskussionen zur Wiedereinführung des 12-Stunden-Tages. sie wurde auf die Kontraktfertiger. die andauernde Frage.000 von 3. war auch in der Bundesrepublik bis vor nicht langer Zeit ein wichtiges Produktionsunternehmen mit 11. heute gibt es noch vier Standorte mit etwa 5. über Betriebsvereinbarungen werden Lohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerungen beschlossen. hier wie in Osteuropa. und auch bei Markenherstellern wie Nokia oder Motorola in der Bundesrepublik. der französische Elektronik-Konzern. Nur: Was ist jetzt hier »typisch osteuropäisch«? Die Zahl der Leiharbeitnehmer erreichen auch in den westeuropäischen Kontraktfertigern. dass die Zahl der unregelmäßigen Arbeitsformen sehr groß ist.verbreitet für Unmut. das seit der Legalisierung von Leiharbeit in vielen MOE-Ländern im Jahr 2002 enorm anwächst.

Auch gegenüber osteuropäischen Standorten bewirken bundesdeutsche Vereinbarungen »Druck«: Der Widerstand ungarischer Gewerkschafter gegen eine Einführung des Samstags als Normalarbeitstag ging verloren. stellen polnische Gesprächspartner klar.di Vorsitzenden Frank Bsirkse am 20. müssten sämtliche Finger anklagend auf die Bundesrepublik weisen« (Hensche 2006: 197). In Ostdeutschland liegen die Löhne in vergleichbaren Fällen bei ca.übrigens auch von Steuerdumping . wie gemeinhin angenommen.300 Euro netto pro Monat. gerät in jüngster Zeit in den Fokus gewerkschaftlicher Statements. auch im Internet zugänglichen Artikel (Hürtgen 2003). Diese findet sich in einem anderen. 8 Sie seien osteuropäisches Hochlohnland. wo dortige Gewerkschafter unter Druck geraten. weil . ohne dass es seitens der bundesdeutschen Betriebsräte auch nur eine größere Kommunikation darüber gegeben hätte . Auch deshalb nicht. Die Rolle der Bundesrepublik als diejenige.in Europa die Rede ist. 7 . 1.Samstagsarbeit ist hier längst normal. die bundesdeutschen Arbeitsverhältnisse als Vorbild für Europa zu konzipieren. weil ihnen das Management die hierzulande über Betriebsvereinbarungen üblich gewordene Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche vorhält.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 119 auch in der Bundesrepublik schon lange nicht mehr durchgängig so hoch.die Bundesrepublik längst selbst als Lohndrücker in Europa auf den Plan tritt. 1. Noch einmal: Hier geht es nicht darum. So rankte sich ein Vortrag des ver. Verschiedenheiten wegzureden und alles »gleichzumachen«.000 Euro netto wären für polnische Arbeiter schon eine große Erleichterung. 1. die Sozialdumping betreibt. 8 Eine systematische Auseinandersetzung mit Vorstellungen und Forderungen seitens der Gewerkschaftsaktivisten und Betriebsräte in den untersuchten Werken soll hier nicht erfolgen. ebenso wie ungarische und estnische. In einem namhaften deutschen Markenhersteller bekommt eine angelernte. Tagtäglich bekommen sie zu hören. allen Schichten und Zuschlägen inklusive. Nicht nur gegenüber französischen Standorten. wenn von Lohndumping . Juni 2006 an der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main um dieses Thema und Detlef Hensche schreibt: »Hinsichtlich der Lohn.000 Euro. das nun aus Osteuropa heraus angegriffen wird und also verteidigt werden muss.und Gehaltserhöhungen sind die deutschen Gewerkschaften bekanntlich Schlusslicht in Europa. bislang nur ungern wahrhaben wollen . Gewerkschaftsfunktionäre etc. Nur rechtfertigen diese und andere Differenzen nicht. seit vielen Jahren hier beschäftigte Frau mit zwei Kindern.was viele Betriebsräte. 7 Gegen die Vorstellungen von »Osteuropa« als einer Niedrigkostenregion wehren sich dortige Gewerkschafter und Beschäftigte vehement.

Die Konkurrenz zu Rumänien. Die Konkurrenten werden als andersartige beschrieben. ist groß. denn diese sei im Betrieb zu wenig integriert und lasse sich zu viel gefallen. wenn auch nicht im untersuchten Kontraktfertiger. in Ostungarn sind regelmäßig viele ukrainische Arbeiter zum »Anlernen« vor Ort. besteht). Lohndruck gebe es prinzipiell. Auch auf die einmal vereinbarte Lohnhöhe ist kein Verlass. Schon heute fungieren ausländische Beschäftigte aus weiter östlichen Ländern massiv als Lohndrücker.120 Stefanie Hürtgen dass . ob ein Investor in die Region kommen wird. In Nordungarn werden jeden Morgen slowakische Leiharbeiter in die Elektronik-Betriebe von Komárom gebracht. das sollten die vielen einzelnen Schilderungen verdeutlichen.wenn hohe Löhne gefordert würden . bei uns. dass gewerkschaftliche Politik ad hoc als Verteidigung von nationalen Errungenschaften konzipiert wird. Es ist ungewiss.die Investitionen leider weiter nach Osten wandern müssten. im Süden Ungarns wird die neue Zusammenarbeit mit ausländischen Leiharbeitsfirmen erprobt. oder wie lange der gesamte Standort oder auch nur einige Produktions. Doch gibt es gegen die Figur der Andersartigkeit eine zentrale Gemeinsamkeit zwischen den Ländern und den sozialen Gruppen: Diese besteht meines Erachtens. ob nach der Befristung von drei oder sechs Monaten die Anstellung verlängert wird oder nicht. Um den Preis allerdings. Russland etc. das heißt Unplanbarkeit der materiellen und damit sozialen Existenz. von Seiten der Ukraine. . Im Resultat entsteht eine umfassende Unsicherheit.und Tätigkeitsbereiche weiter hier angesiedelt bleiben. in der Bundesrepublik. es ist ungewiss.auch das ist hier. dass hüben wie drüben die Frage nach den Gemeinsamkeiten in den aktuellen Ausbeutungsverhältnissen nicht systematisch gestellt werden kann. in einer enormen Unsicherheit der sozialen Existenz von Lohnabhängigen. ob dort eine Anstellung gefunden wird (zum Beispiel. nicht anders als in den benachbarten M O E Ländern. denn die serbischen Arbeitskräfte seien billiger als die ungarischen. Auch hier stellt sich das Problem. die den Gewerkschaftern Sorgen macht. Kurz: Die Instabilität in der betrieblichen Beschäftigung wird zu großen Teilen wahrgenommen als Bedrohung »aus dem Ausland« . ebenso wie Polen etc. sie soll und wird häufig nach unten »gedrückt«. ob man die vorgelagerten Tests etc. um sie wenigstens gedanklich noch von sich selbst fernzuhalten. In Estland ist es die russische Minderheit.

die ihrerseits entsprechend hohe Löhne und Sozialleistungen rechtfertige. Nach den »neuen Angestellten«. Bislang fragt der ganz überwiegende Teil von Aktivisten. wo dem arbeiteraristokratischen Kyberiat ein in unsicherer Existenz gehaltenes Prekariat gegenübersteht .Globalisierungskritik statt Modellanalyse 121 Fazit: Konkurrenz thematisieren und Anspruchslogiken entwickeln Die hier skizzierten Überlegungen sind prinzipieller Natur.egal ob der Unterschied zwischen beiden in der sozialen Produktionshierarchie (Wissensarbeiter hier. Dies bedeutet nicht. Doch auch die Fragestellung nach den neuen Kernsegmenten in der Industrie und den auf diese Weise zu entdeckenden neuen Vorreitern in der Gewerkschaft basiert auf der Idee einer besonderen Position im Produktionsprozess. zu einem gegebenen Zeitpunkt ist die Gegenseite von bestimmten sozialen Gruppen vielleicht verwundbarer als von anderen.polnisch) festgemacht wird. . Nur kann man doch angesichts einer allumfassenden und längst breit diskutierten Schwächung der betrieblichen Kernbelegschaften (x-fach manifestiert in Entlassungen. aus der heraus sie Forderungen durchsetzen können. Kurz: Angesichts einer permanenten Umstrukturierung von Produktion kann kein halbwegs stabiles soziales Modell der Ausbeutung konstruiert werden. dass nicht bestimmte (neu entstehende) Berufsgruppen für eine Zeit eine für sie vorteilhaftere Arbeitsmarktsituation innehaben können. qualitativ hochwertigen Produktion in Deutschland. Sie betreffen die Frage. austauschbare manuelle Arbeiter dort) oder regional (deutsch . Diese Grundkonstruktion findet sich in der oben angesprochenen Vorstellung einer besonderen. nämlich hochproduktiven. um darauf Durchsetzungsfähigkeiten der eigenen Forderungen abzuleiten. die gerade in den letzten Jahren zu Tausenden entlassen worden sind. auch der Gewerkschaftslinken danach. hat auch der letzte Versuch in dieser Richtung arge Dämpfer erlitten: Die Hoffnungen auf eine neue Arbeiteravantgarde bei den »Wissensarbeitern« oder »High-Tech-Arbeitern« in der ITIndustrie gerieten zusammen mit dem Platzen der New-Economy-Blase ins Trudeln. aus der eine besondere Handlungsfähigkeit folge. Natürlich. Lohnkürzungen etc. welche Akteursgruppen aus ihrer Stellung im Produktionsprozess als der »starke Kern« der Ökonomie angesehen werden. solange sich jede Menge verfügbares Kapital darauf stürzen kann.) nicht wieder abermals auf die Suche gehen nach einem vielleicht doch prinzipiell sicheren gewerkschaftspolitischen Akteur. auf welcher gedanklichen Basis gewerkschaftliche Forderungen und ihre Durchsetzung überhaupt beruhen. Nur ist die Halbwertzeit solcher »neuen Märkte« vermutlich abermals gering.

dass eine mehr oder minder willkürliche Einkommensgrenze die Grenzlinie zwischen »sicher« und »unsicher« darstellte. und die Frage nach dem neuen kämpferischen Arbeitnehmersubjekt tut so. Bezeichnenderweise war der Begriff zum Beispiel in Polen in Gewerkschaftskreisen noch bis vor kurzem weitgehend unbekannt. dass »Prekarisierung« gedanklich konzipiert ist als Abweichung von einem . Prekarisierung wurde so zu einem soziologischen Phänomen derjenigen. wenn von der Erwerbstätigkeit die eigene Lebensplanung abhängt. Arbeitsbedingungen und Sicherheiten. gewerkschaftspolitische Forderungen im weitesten Sinne aus der Zugehörigkeit bzw. der Stellung in einem bestimmten ökonomischen System heraus abzuleiten. was doch der zentrale Motor wachsender Unsicherheiten auch in den vermeintlichen »Kernen« der Produktion ist: die Konkurrenz zwischen Arbeitskräften . Befristete. Zur Debatte um Prekarisierung siehe die Beiträge auf www.Normalarbeitsverhältnis (das zum Beispiel in Polen so nicht bestand).122 Stefanie Hürtgen um so auch hier wieder nach kurzer Zeit eine Situation der Überkapazität zu schaffen (zur Debatte um den Finanzmarktkapitalismus vgl. Angemessen wäre in Zeiten von Globalisierung vielmehr ein polit-ökonomischer Begriff von Prekarität: zur Bezeichnung der systematischen Unsicherheit in der Existenz als Lohnabhängiger.labournet. Leichtlohngruppen. als gäbe es einen qua Produktionsorganisation halbwegs geschützten Bereich. Das aber ist die Frage nach dem richtigen Subjekt im falschen Leben.de. Mir scheint. Windolf 2005). Teilzeitkräfte. aus betrieblicher Sicht als Standortkonkurrenz ausgetragen. 9 Diese Konkurrenz ist allgegenwärtig. Kurz: Vor dem Hintergrund einer Beobachtung von Globalisierung als einer »permanenten Restrukturierung« erweist es sich als kontraproduktiv. die Begründungsmuster gewerkschaftlicher Ansprüche neu anzugehen. 9 . Anstatt auf die eigene Leistung im Wirtschaftssystem zu verweiPrekarität wurde in der Bundesrepublik lange Zeit als wachsendes Randgruppenphänomen diskutiert.um Anstellung. als wäre mit einer möglichst umfassenden Denunziation der Standortideologie der faktische Konkurrenzzusammenhang aus dem Weg. Dabei erfolgte nicht einmal der spontane und wütende Streik bei Opel in Bochum im Herbst 2004 jenseits der Standortlogik. Wie auch. Leiharbeiter. Stattdessen ginge es darum. denn diese ist immer auch systematisch gefährdet. obwohl die Arbeitsverhältnisse durchaus als prekär bezeichnet werden können. Das Problem dieser soziologisch ausgerichteten Debatte war immer. Vor allem aber: Die Konstruktion von »fest« oder »normal« Beschäftigten hier und prekär Beschäftigten und Arbeitslosen dort muss immer als nachrangig betrachten. Diese Unkenntnis verweist darauf. die keine »normale« Anstellung fanden: Illegale.immer auch idealisierten und verallgemeinerten . dass solche soziologischen Versuche der Einkastelung heute nicht mehr zeitgemäß sind. um Lohnhöhen.

Die Loslösung einer Legitimation von sozialen Anliegen von Leistung und Erwerbsarbeit mündet in Begründungsmustern.und ob diese Anspruchshaltungen Anknüpfungspunkte für die eigenen enthalten. Eine neue. hätte der Betriebsrat die auf diese Weise indirekt zum Ausdruck gebrachten Lohnforderungen der ungarischen Beschäftigten wahrnehmen. Auf diese Weise könne die Qualität nicht stimmen. das ergäbe einen deutlich höheren Verdienst. um dort als Kellner zu arbeiten. soziale Forderungen in Hinblick auf die eigene Lebensqualität als Lohnabhängiger anzuerkennen. bedarf er jedoch einer eigenständigen Begründung außerhalb der wirtschaftlicher Effizienzkalküle. überhaupt beim Namen zu nennen. sollte anerkannt werden. die zwischen der ungarischen und deutschen Belegschaft entstanden war. sollte eine Verständigung darüber beginnen. Leiharbeiter oder sonstiger »andersartiger« Lohnabhängiger zu verweisen. ohnehin in die Programmatik verbannt.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 123 sen. In einem Interview mokierte sich ein westdeutscher Betriebsrat lang und breit darüber. welche Anspruchshaltungen die jeweils »Anderen« für sich entwickelt haben . Es hätte zweitens bedeutet. Das hätte aber zweierlei bedeutet: die massive Konkurrenzsituation. wie groß der Beitrag zum Wohlergehen der kapitalistischen Wirtschaft oder auch nur des Standortes gewesen ist. Es hätte mit anderen Worten ein eigenständiges Begründungsmuster der sozialen Anliegen bedeutet. unabhängig davon. Soll der Gedanke vom »Bürgerstatus« in Betrieben und Unternehmen nicht zur bloßen Phrase gerinnen. dass die wirtschaftsdemokratischen Ambitionen der Gewerkschaften. Anstatt sich hier in der Vision einer unzuverlässigen osteuropäischen Arbeiterschaft bestätigt zu sehen. Anstatt auf die vermeintlich geringere Leistungskraft ausländischer Beschäftigter. »die Konturen eines organisierten Kapitalismus widerspiegeln]. der so nicht mehr existiert. dass der Status der Leistungserbringung selbst prinzipiell prekär geworden ist und also als Legitimationsfolie nicht mehr taugt. 10 das die Qualität des eigenen Lebens in den Vordergrund stellt. auf die Realitäten des flexiblen Kapitalismus bezogene Konzeption ist bislang nicht gefunden. Vor allem im Sommer würde »fast die ganze Belegschaft« an den Balaton fahren (ein großer See und beliebtes Urlaubsziel). anstatt sie in Klischees von den unzuverlässigen Ungarn wegzuretuschieren. die Forderungen nach einem »guten Leben« zum nicht weiter herzuleitenden Ausgangspunkt er- Klaus Dörre schreibt. vielleicht verbreiten können.« Für die innerbetriebliche Mitbestimmung setzt Dörre dann perspektivisch auf eine »Politik der Teilhaberechte« (Dörre 2002: 408). dass in einem ungarischen Elektronik-Werk (wohin große Teile der zuvor bei ihm im Werk getätigten Produktion hinverlagert worden war) die Arbeitskräfte-Fluktuation so hoch sei. 10 .

Sie geraten aber an ihre Grenze. endlich den konkurrenziellen Zusammenhang dieser verschiedenen örtlich und sozial segmentierten Kategorien von Lohnabhängigen in den Mittelpunkt gewerkschaftlicher Betrachtung zu stellen. Modelle sind als heuristische Konstruktionen zum Verständnis und zur Verständigung über den aktuellen Kapitalismus sinnvoll. die von ihrer eigenen sozialen und ökologischen Basis weniger denn je wissen will. Volker Koehnen greift ein Menschenbild an. Anders gesagt: Stabilität in einem sozialen Sinne. von heute auf morgen eine »solidarische«.und Ausbeutungsverhältnissen immer weniger.124 Stefanie Hürtgen klären. hinterfragten Arbeits. die Entwicklung einer eigenen Logik von Lebensansprüchen überhaupt in Angriff zu nehmen. . standortideologiefreie Argumentation entwickeln zu können . die einem Modell zugrunde liegt. oder soziale. Im gewerkschaftlichen Jugendbereich heißt eine gern auf Demonstrationen getragene Parole: »Her mit dem schönen Leben!« Und in »linksradikalen« Kreisen gibt es Kampagnen wie die »Berlin umsonst«. ob man diesen Zustand als ein neues Kapitalismusmodell identifiziert oder nicht. weitgehend aufgegeben haben. ohne Rekurs auf eine Wachstumsstabilität. findet sich in den sich ständig ändernden. Andere Diskutanten versuchen. wie die Bundesrepublik. sobald aus ihnen gewerkschaftliche Handlungsstrategien entwickelt werden sollen. nach dem eine menschenwürdige Existenz erst »verdient« werden muss und schlägt ein politisches Netzwerk entlang der Frage »Wie wollen wir leben?« vor (Koehnen 2005). Soziale Stabilität muss insofern selbst erstritten werden. auch wenn sie bislang gerade hierzulande äußerst minoritär blieben. dass sie die Suche nach einem ökonomischen Modell. denn gerade die gedankliche Stabilität. Maßstäbe einer »menschengerechten Arbeitsgestaltung als gewerkschaftliche Querschnittsaufgabe zu verankern« (Pickshaus 2006: 173).egal. ihre reale Wirksamkeit zur Kenntnis zu nehmen. Das bedeutet nicht. Solche Ansätze haben gemein. Es könnte aber bedeuten. Solche Forderungen und Diskussionen gibt es. entlang von Lebensgestaltung. Anstatt auf schmelzende oder unsicher Kernbereiche des Arbeitslebens zu orientieren (seien dies regionale. scheint es auf absehbare Zeit nicht mehr zu geben .die enorme soziale Konkurrenz zur Kenntnis zu nehmen heißt auch. wie die »Wissensarbeiter«) scheint es mir politisch sinnvoller. auf das Gewerkschaftspolitik bauen kann.

Münster Hürtgen. Klaus (2002): Kampf um Beteiligung.de/people/huertgen/index. Köln . Hamburg Sommer. 45/2005.Gravitationszentrum eines »neuen Kapitalismus«?.htm Koehnen.a. S. Stefanie (2003): Der ganz normale Weltmarkt. Münster Sauer. Wiesbaden Wolf. Boy (2001): Silicon Valley.de/koehnen/Koehnen2.) (1984): »Die Arbeitslosen. Klaus (2003): Das flexibel-marktzentrierte Produktionsmodell . nach: http://www. Turnaround? Strategien für eine neue Politik der Arbeit. Detlef (2006): Anmerkungen zum »Epochenbruch«. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Frieder Otto (2006): Der »Epochenbruch« als historisches Periodisierungsproblem. in: Dieter Scholz u. Herausforderungen an Gewerkschaften und Wissenschaft. Herausforderungen an Gewerkschaften und Wissenschaft.. in: Frankfurter Rundschau vom 21. in: Frankfurter Rundschau vom 1. Volker (2005): Ende des Arbeitszwangs. Frankfurt/New York Pickshaus. 1/1999.archiv-grundeinkommen. die könnt' ich alle erschießen!« Arbeiter in der Wirtschaftskrise.. Hamburg Haipeter. Heft 14.Globalisierungskritik statt M o d e l l a n a l y s e 125 Literatur Dörre. Sonderheft Nr. Thomas (1999): Zum Formwandel der Internationalisierung bei VW in den 80er und 90er Jahren. Münster Zoll.uni-frankfurt.). Herausforderungen an Gewerkschaften und Wissenschaft. in: Prokla. 145-171 Hensche. Arbeit. Partizipation und industrielle Beziehungen im flexiblen Kapitalismus. Rainer (Hrsg. in: Klaus Dörre/Bernd Röttger (Hrsg. in: Mitteilungen des Instituts für Sozialforschung. Michael (2005): Den Fall der Löhne stoppen. Ökonomie und Politik der vernetzten Massenproduktion. Nr. download am 16.12. Dieter (2005): Arbeit im Übergang.ifs.ein gesellschaftliches Leitbild jenseits der Erwerbstätigkeit schafft Abhilfe. zit.7. in: Dieter Scholz u.a. Turnaraound? Strategein für eine neue Politik der Arbeit. Klaus (2006): Arbeitspolitik im Umbruch . Das neue Marktregime. abrufbar unter: http://www.gute Arbeit als neuer strategischer Ansatz.August 2006 Lüthje.) (2005): Finanzmarkt-Kapitalismus.2005 Windolf. Zeitdiagnosen. Turnaraound? Strategein für eine neue Politik der Arbeit. in: Dieter Scholz u. Kontraktfertigung als »Unterseite« der New Economy und Formen gewerkschaftlicher Interessenartikulation in Osteuropa.pdf.. Konturen eines nachfordistischen Produktionsmodells. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.a. Heft 114. Paul (Hrsg. Wiesbaden Dörre.2005. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen. Gefahr für Demokratie .

2. in: Comparative Sociology. teils in Gestalt von Mafia-Milliardären. teils in Gestalt eines durch korrupte Privatisierungspraktiken erzeugten Oligarchentums.J. Issue 1. teils noch »kapitalistischen«. in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. 6/1. 1 Zu diesem Zweck verwenden wir einen neuen Begriff: Geldmachtapparat. Vol. Harvey. Krysmanski. Der neue Imperialismus. per se höchst interessante Gruppen heimisch zu machen: teils in Gestalt eines über Generationen vererbten Reichtums. Oxford 2003 (dt. The New Imperialism. D.Hans Jürgen Krysmanski Geldmacht Strukturen und Akteure des Reichtums Reichtum und Geldmacht haben auch unter klassentheoretischen Gesichtspunkten eine neue historische Stufe erreicht. vgl. teils in Gestalt eines mithilfe technischer.F. hrsg. Hamburg 2005) 1 . 2003 2 David Harveys Begriff der »accumulation by dispossession« (Akkumulation durch Enteignung) umschreibt den heutigen Kern von »Privatisierung«. teils aber schon »transkapitalistischen« Globalisierungsprozesses als ein komplexes Netzwerk teils kooperierender. die Akteure und Profiteure des gegenwärtigen. ist die Frage nach einem solchen neuen Souverän sinnvoll. »Is there a Ruling Class in France?«. In einem zunächst einzig durch Geldreichtum definierten Netzwerk von Personen und Gruppen können vielfältigste gegensätzliche Interessen.eine seltsame Mischung aus klassischer Kapitalverwertung und »Akkumulation durch Enteignung« 2 . Konflikte und Widersprüche aufbrechen. Mattei Dogan. von W. deren vereinheitlichendes Vorbild die US-amerikanische Plutokratie sein dürfte. Selbst wenn nach unserer Auffassung die Postulierung einer globalen »herrschenden Klasse« verfrüht ist. Doch haben die derzeit beobachtbaren Akkumulationsprozesse . Bd. Berlin 2004.auch soziale und kulturelle Integrationseffekte. Vgl. In diesem »Geldmachtapparat« genannten Netzwerk beginnen sich verschiedene. Wir werden zunächst einmal versuchen. Haug. teils konkurrierender Eliten darzustellen. teils in Gestalt alten oder neuen europäischen Adels. finanzpolitischer oder marketingmäßiger Innovationen zusammengerafften Neureichtums. Herrschende Klassen. H. Eine neue Oberschicht mit eigenen Machtund Herrschaftsperspektiven entsteht.

Zugleich üben sie direkten Einfluss auf die Massenmedien aus. eingesetzt. Thomas Leif. Das ist ein neuartiges Regime. Macht und Allmacht des Geldes.und der Verteidigungspolitik der Regierung. Lundberg. da ihre Konzerne den Zeitungen und Zeitschriften. München 2006. München 2005 3 . Machtwahn. Rundfunk. Ferner kontrolliert die jeweilige Familie eine oder auch mehrere von ihr errichtete Stiftungen. Hinzu kommen die Verschiebung öffentlichen Eigentums (des Staates. Hamburg 1969. Ferner übt er einen absoluten oder zumindest doch beherrschenden Einfluss auf einen. Albrecht Müller. Frankfurt/M 2006. Beraten und verkauft. Und angesichts des Zusammenbruchs der Steuerungsinstanzen der bürgerlich-kapitalistischen Welt 4 werden die in den bisherigen. zwei.zumindest unterstützen sie solche Institute in großem Ausmaß. aus vielen unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen gefilterten Geldvermögen in den Händen einiger weniger Personen und Familien. bis hin zu systemischer Korruption. Natur usw. S. der Kommunen) und gesellschaftlichen Eigentums (Wasser. Der Deutschland-Clan. Zu ihren Vermögenswerten gehören einerseits handfeste Aktienpakete. Diese steinreichen Familien haben außerdem eine oder mehrere Universitäten oder Technische Hochschulen gegründet . aber auch an ihrem allgemeinen politischen Kurs besonders stark interessiert sind. Diese Familien haben große Vermögenswerte im Ausland angelegt.Geldmacht . Zum anderen aber sollen sie gesellschaftspolitischen Einfluss auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens ermöglichen und eine Vielzahl ideeller Ziele fördern.meistens zum Nutzen der Republikanischen Partei.« 3 Es handelt sich also um die Elite der privaten Anteilseigner. Das Imperium der Schande. drei oder mehr große Industriekonzerne aus.und Fernsehstationen riesige Beiträge für die Werbung zahlen.Strukturen und Akteure des Reichtums 127 Über diese Schicht des amerikanischen Superreichtums schrieb Ferdinand Lundberg einst: »Der Superreichtum weist bestimmte Charakteristika auf: Zunächst einmal verfügt er über eine oder mehrere Großbanken. F. Jean Ziegler. die so etwas wie das Spiegelbild der Reichen im Lande ist. so dass sie an der Außen. die eine Kontrolle über riesige industrielle Bereiche sichern. München 2006. Die Reichen und die Superreichen. Jürgen Roth. Klassenprivilegien usw.) in eben diese Sphäre privaten shareholder-Eigentums. zur immer rücksichtsloseren Akkumulation von Geld. Darüber hinaus treten sie als politische Geldgeber auf . um die Konzentration von riesigen. »alten« Systemen erworbenen Positionsvorteile. 116 4 Vgl.

der Krieg.zu der ganz wesentlich die Verfügungsgewalt über reale Ressourcen gehört . 1991 in einer Rede.findet innerhalb eines inneren Kreises des internationalen Bankensystems statt und dient allein der Anhäufung privaten Reichtums. dass jede Generation von vorne anfangen muss. die Armut.org/wiki/ Ownership_society 5 6M. 787 Chossudovsky. Von Geldpolitik als einem Mittel staatlicher Intervention kann keine Rede mehr sein: »Geldpolitik ist weitgehend eine Sache der Privatbanken.. so möchte ich auch den Reichtum zwischen den Generationen weiterfließen sehen. Geld zu schöpfen und ohne Behinderung frei zu bewegen. Nach Michel Chossudovsky ist so ein Teufelskreis in Gang gekommen. die beispielsweise etwas mit den historischen Phänomenen der ursprünglichen Akkumulation und mit der Rolle des (absolutistischen) Staates zu tun haben: »Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation. Premier. .« 5 Dieses Schuldenmachen ist ja keineswegs ein schicksalhaftes Verhängnis. 306ff. Erster Band. dass die Zentralbanken nicht mehr in der Lage sind. brit. um etwa Produktionsanreize zu schaffen oder die Beschäftigung zu fördern. Global brutal. Eltern die Ausbildung ihrer Kinder.. Wir wollen nicht. S. 7 John Major.128 Hans Jürgen Krysmanski Es hat allerdings alte Wurzeln. http://en. sondern können auch die Zinssätze manipulieren und den Niedergang großer Währungen beschleunigen . Das bedeutet in der Praxis. MEW 23. In der ownership society kontrollieren Patienten ihre eigene Gesundheitsversorgung. ArKarl Marx. wenn sie sich von den Almosen des Staates unabhängig machen und stattdessen ihr eigenes Leben und Schicksal kontrollieren. Das Kapital. die Geldschöpfung im Allgemeininteresse der Gesellschaft zu regulieren. ohne dass es dazu nötig hätte. Der entfesselte Welthandel. S.« 7 Und das Cato Institute setzt noch eins drauf: »Individuen gewinnen Verfügungsmacht.« 6 Mit riesigem Propagandaaufwand wird das ideologische Projekt einer Ownership Society vorangetrieben: »So wie wir Konservativen unsere Werte von Generation zu Generation weiterreichen. sondern gehört zu den Kernprojekten des Neoliberalismus und ermöglicht heute ja erst die Anhäufung jener gewaltigen Privatvermögen. Frankfurt/M 2002. Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital. Mächtige Finanzakteure haben nicht nur die Fähigkeit. und Geldschöpfung . abgeschnitten von der Vergangenheit und ungewiss ob der Zukunft. sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühe und Gefahr auszusetzen. die den Geldmachtapparat tragen.wikipedia. ehem.

www worldwealthreport06/wwr_pressrelease.« 8 Es ist die perfekte Nebelwand. ein 8.3 Bill. Oder anders gesagt. hinter der sich die Interessen einer kleinen. Ökonomische Manuskripte 1857/1858. in Indien um 19%. US-$ an.400 Personen weltweit. teilzuhaben und der Unsicherheit des Dollars entgegenzuwirken. auch wenn dies die für Investitionen populärste Region bliebe. dass auch die Europäer künftig weniger in den USA und in Europa selbst investieren werden. Dabei lässt sich.Geldmacht . die Zahl der HNWIs wuchs gegenüber 2004 um 6. 10 die nicht durch ihre Gebrauchseigenschaften. Press Release. ebenso Lateinamerika und der Mittlere Osten. Gleichwohl wird erwartet. Auch die HNWIs würden also »aggressiver« und skeptischer gegen Investitionen in Nordamerika. US-$ . so Merrill Lynch.asp?ID=565 10 Vgl. June 20. blieb Europas Anteil an den globalen Nettovermögenswerten konstant bei 22%.mit einem NettoGeldvermögen (ohne Erstwohnsitz und Konsumvermögen) von mindestens 1 Mio. in Russland um 17% und in Südafrika um 15%. 48% ihrer Investitionen in Europa zu tätigen .5prozentiger Zuwachs gegenüber 2004.5% auf 8. Für die Reichtumsakkumulation am interessantesten erwiesen sich die asiatisch-pazifische Region. insbesondere in Asien. 322 . Obgleich die asiatisch-pazifische Region Europa im Jahre 2005 an Dynamik übertraf. Die gute Performance der »reifen« europäischen Kapitalmärkte und die Dynamik der neuen europäischen Märkte veranlasste die regionalen HNWIs. die über mehr als 30 Mio. sondern allein durch 8 Homepage des Cato Institute: »Ownership Society Philos special/ownership_society/ 9 Capgemini Consulting.verglichen mit 40% im Jahre 2004. wuchs 2005 auf 85. In Südkorea stieg die Anzahl der HNWIs um 21%. US-$ verfügen. Laut Merrill Lynch World Wealth Report 2006 stieg das Vermögen der so genannten High Net Worth Individuais (HNWIs) .im Jahre 2005 auf 33. superreichen Oberschicht zu einem Geldmachtapparat formieren können. Karl Marx. MEW 42.7 Millionen Personen weltweit. um am Aufschwung jener neuen Märkte. beobachten. S. 2006.Strukturen und Akteure des Reichtums 129 beiter ihre Rücklagen für den Lebensabend. 9 Für Karl Marx ist der bürgerliche Reichtum »eine ungeheure Warensammlung«. Und die Zahl der Ultra -HNWIs. Trotz einer gewissen Verlangsamung stellten dabei die USA noch immer die meisten HNWIs mit dem weltweit größten Anteil an akkumuliertem Reichtum. dass eine zunehmende Zahl von HNWIs die Strategien der Ultra -HNWIs kopiert und ihre Portefeuilles auf internationale Investitionen umorientiert. zugunsten der asiatisch-pazifischen und lateinamerikanischen Märkte.

Gebrauchs. Frankfurt/M 1997) 11 12 . 320 Thorstein Vehlen. immer »flexibler« gehandhabt. zusammengelegt. Guthaben. Privatjets usw. In ihm wird vor allem auch das klassische Betriebsvermögen. die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere den Finanzmärkten). Patenten usw. absolut gesellschaftliche Form des Reichtums«.12 Die Frage. die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten und vermachteten. Theorie der feinen Leute. Geld verkörpert damit in unseren Gesellschaften die »stets schlagfähige. Sozialvermögen (Renten. Rentenwerte. 1899 (dt. 1 3 vom Feudalismus bis heute.und Immobilienvermögen. Luxuskonsum dient der Sicherung des sozio-kulturellen Status und ist damit eine herrschaftsnützliche Form der Kapitalvernichtung. Geldanlagen. Diese Bestimmung des Vermögens als Kapital findet schließlich im abstrakten Medium des Geldes seine fertige Gestalt. kurzfristig veräußert. Aktien u. welche die großen Revenuen erbringen. in Gestalt von kleinen und großen Unternehmen.ä. auf welche Weise diese Multimillionäre zu ihrem Reichtum gekommen sind. In diesem Sinne waren und sind beispielsweise die Wohnsitze der Vermögenden ein zentraler Raum für conspicuous c o n s u m p t i o n . welcher unternehmerische Eigentumsoperationen. Und auch der Kunst- Karl Marx. MEW 23. Geldvermögen (Bargeld. sodass es in erster Linie solche Geschäfte mit verflüssigtem Betriebsvermögen (und nicht Geschäfte auf der Basis von Betriebsvermögen) sind.130 Hans Jürgen Krysmanski ihr Wertdasein und ihre Verwertung bestimmt ist. S.oder Konsumvermögen.. 145 Ulrich Busch. Neben Geldvermögen und verflüssigtem Betriebsvermögen wächst heute für die Schicht der Superreichen die Bedeutung des Gebrauchsvermögens im Luxussegment. hin und her geschoben. April 2003. in: Utopie kreativ. aber nicht für alle«. S. Betriebsvermögen als unmittelbares Eigentum an Unternehmen. netzwerkartigen Zusammenhang bringt. dass hier ein Geldmachtapparat entstanden ist. The Theory of the Leisure Class. 11 Andererseits umfasst die Vermögensrechnung der privaten Haushalte noch weitere Werte: Grund. Humanvermögen.).von Kutschen zu Rolls Royces. Das Kapital. »filetiert« usw. Auch Mobilität war schon immer ein Feld demonstrativen Konsums . private Eigentumsrechte an natürlichen Ressourcen. »Der Reichtum wächst. Erster Band. Lizenzen. wird immer wieder zu dem Phänomen führen.und Versorgungsansprüche).

« 15 Letztlich aber drückt sich für die Geldelite die Bedeutung und Funktion kulturellen Kapitals nicht in individuellen Bildungskarrieren usw.mit negativen Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes. institutionalisiert hat. bislang in diesen Kreisen nie gesehener Privatmann (Beobachter vermuteten: ein Russe) auf einer Sotheby-Auktion en passant Picassos »Dora Maar mit Katze« für 95. wie jüngst geschehen. dgl. vgl. einen Monet für 5 Mio. höhere Bildung als ein Luxusgut zu betrachten und aufzugeben . welche bereits wieder an die höfische Gesellschaft erinnern. »Enthusiastic bidder at rear walks away with the big prize«. kultivierter.Strukturen und Akteure des Reichtums 131 markt spielt eine besondere . Und in Großbritannien äußern Politiker die Sorge. Formelle und informelle Bildungsgüter werden letztlich erst vermögenswirksam. Eliteuniversitäten bleiben den Kindern der Reichen vorbehalten . vgl. Think Tanks u. Carol Vogel. Kulturelles Kapital erscheint hier in Gestalt von Entouragen gebildeter. Die übrigen Bildungswilligen müssen sich verschulden. 15 Holly Hubbard Preston. welche eines der dünn gesäten Stipendien ergattern und später gehobene Dienstleistungspositionen einnehmen dürfen. Dollar. wenn sie zur Kultivierung des Geldmachtapparats insgesamt führen. in: IHT. »Für die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft ist nicht. zu einer »Vermögenskultur«.org 14 . Hofschranzen usw.000 Dollar. 2006. wird zunehmend monetarisiert. ebenso bei der Rekrutierung des engsten Hilfspersonals.und den sorgfältig ausgelesenen Best and Brightest aus den übrigen Schichten. Dollar ersteigert und wenn derartiges immer häufiger in den großen Auktionshäusern geschieht.Rolle im Bereich des demonstrativen Konsums. Denn wirklich großer Reichtum schafft sich Netzwerke der Kultur und Bildung.Geldmacht .5 Mio. so steckt dahinter eine »Vermögenskultur« im Umfeld des Geldmachtapparats.und besonders subtile . 14 Auch kulturelles Kapital im Sinne Pierre Bourdieus. 2006. June 30. »dass das Schuldengespenst die jungen Leute veranlassen könnte. wie von ihren RepräsenWenn. und noch schnell einen Chagall für 2. wissenschaftlich spezialisierter Berater. Zweifellos spielt der in familialen und transfamilialen Milieus erworbene individuelle Habitus bei der Selbstorganisation der Geldelite eine wichtige Rolle. ein unscheinbarer.2 Mio. die sich in Stiftungen. aus. »Higher education: Priced out of reach?«. Amerikanische Hochschulabsolventen verlassen inzwischen ihre Universität mit einem durchschnittlichen Schuldenberg von 19. Ähnliches gilt für das soziale Kapital der Geldeliten. May 5. http://studentdebtalert. Washington Public Interest Research Group (PIRG). in: IHT. vor allem Bildungsprivilegien und -titel. die noch kaum erforscht ist.

Alle Vorgänge innerhalb des gesamten Geldmachtapparats und selbstverständlich auch innerhalb eines einzelnen Unternehmens zu jedem Michael Hartmann.03 17 Volker Eick. immer »privater«. die wildesten Verteilungsblüten treiben. Die wenigen Privatleute.diesen historischen Fundus an Bereicherungserfahrungen mit allen kommunikativen und medialen Mitteln ausschöpft. die für >Eingeweihte< den entscheidenden Unterschied zwischen denen.und Informationsgesellschaft . die dazugehören. Ein dichtes Beeinflussungsgeflecht zwischen Wirtschaft und Politik ist entstanden. Der kleine Krieg vor der Haustür«. die einerseits an uralte. Paramilitärs. vom Lobbyismus bis zur Korruption.Kanzleiter. in: junge Welt. Je mehr privatisiert wird..132 Hans Jürgen Krysmanski tanten immer wieder betont wird. in: D. Wer sich »Sozialtrainer«. desto weniger Privatleute. die überall auf der Welt. Leute. 17 Global nomadisierende Finanzinvestoren.. die übrig bleiben. Die Rekrutierung der deutschen Wirtschaftselite ist keine Frage der Leistung«.Azzelini/B.« 16 Andererseits aber muss »Sozialkompetenz« nicht unbedingt direkt in einer Person oder Familie konzentriert sein. gibt es. das heißt. Imageberater oder auch nur Bodyguards leisten kann. 201-215 16 . die Leistung ausschlaggebend. Das alles ist verbunden mit Verteilungsoperationen im parlamentarischen und staatlichen Raum im Sinne des Geldmachtapparats. S. tradierte Formen der Organisierung von Habgier anknüpft. die nur dazugehören wollen. gerade in ihren philanthropischen Bemühungen. Das Unternehmen Krieg. die über sich selbst verfügen. Berlin/Hamburg/Göttingen 2003. werden. das staatliche Gewaltmonopol zu unterlaufen und die innere und äußere Sicherheit zu privatisieren. »Policing for Profit. unter der Fahne der »Reform«. »Macht muss gelernt sein. 19. Es handelt sich dabei um jene Selbstverständlichkeit im Auftreten. Nicht zuletzt deshalb haben sie auch damit begonnen. verfügt über viel soziales Kapital. und denen. indem sie immer reicher werden. dass ihnen die ganze Welt gehört. U n d allmählich glauben sie. wo immer sie sich anbieten. Privatisierung als ein höchst komplexer Eroberungsfeldzug ist die wichtigste Form der Stabilisierung von Reichtumsstrukturen. markiert. mit einem Zeithorizont von wenigen Jahren. Die Gestaltung des rechtlichen Rahmens für Verteilungsoperationen mündet in Steuergesetzgebungen.9. Warlords und Privatarmeen als Akteure der Neuen Kriegsordnung. schwimmen im Geld und kaufen auf Teufel komm raus nicht an der Börse notierte Firmen oder saftige Aktienpakete. selbst wenn er ein stotternder Autist ist.in einer Wissens. sondern der klassenspezifische Habitus der Kandidaten . die aber andererseits in der Gegenwart .

»Das Diktat der Politmanager«. SWIFT ist damit die Dienstleistungszentrale des globalen Finanzmarkts. dass auch der Reichtum Europas nicht mehr Europas Reichen gehört. Richard Sennett: »Ich erinnere mich an den Besuch bei einem Freund.Geldeliten. der eine große Investmentfirma in New York leitet. S. Ein Indiz dafür war beispielsweise die Bespitzelung der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (SWIFT) durch die USRegierung im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus. einander bis aufs Messer zu bekämpfen. Und nun wurde durch die Amerikaner demonstriert.und Kommunikationstechnologien die Grundlagen des Geldmachtapparats zutiefst verändert. immer sehr viel mehr »Verwertbares« zu liefern als ursprünglich erfragt wurde. Außerdem haben die neuen Informations. sondern durch die Geldelite werden umgekehrt Geldwerte auch vermachtet.2005.Strukturen und Akteure des Reichtums 133 beliebigen Zeitpunkt minutiös überwachen zu können: das jedenfalls ist eine neue Qualität ökonomischer Macht (und Herrschaft). sondern »alles« machen 18 Richard Sennett. Nicht nur also wird Macht monetarisiert. 32. arabischen. dass im »Krieg« gegen den Terrorismus nicht auch andere Interessen des amerikanischen Finanzkapitals gegenüber dem islamischen. Wir verlassen uns nicht mehr auf irgendwelche Berichte. Insofern deutet der amerikanische Spionageangriff auf SWIFT an. in: Freitag. und zwar in Echtzeit. dass die Dienstleistungszentralen globaler Geldmachtapparate auch »Kriegsschauplätze« sind. Investmentfirmen und anderen Finanzinstitutionen weltweit. in denen das Personal . Die Geldelite verkörpert im gegenwärtigen Zyklus finanzieller Expansion nichts so sehr wie die Befreiung großer Geldmengen aus der Warenform und deren Umwandlung in die Machtform. politische Eliten und Wissenseliten . 12.Geldmacht . Solche High-Tech-Spionageaktionen haben die Eigenschaft. asiatischen und eben auch dem europäischen Finanzkapital verfolgt würden. dass man mit Geld nicht nur mehr Geld.<«18 Andererseits haben diese Informatisierungsprozesse eine erhebliche Brisanz. wo jeder einzelne Cent im Augenblick steckt.8. Managereliten.durchaus disponiert ist. wir können es jetzt mit eigenen Augen sehen. Das ist im Grunde ein uralter Prozess auf der Grundlage der Tatsache.800 Banken. Er zeigte mir auf einem großen Computerschirm unzählige Zahlenkolonnen und erklärte: >Wir verwalten Milliarden von Dollar und wissen ganz genau. Die in Belgien angesiedelte Kooperative des internationalen Finanzkapitals bewegt täglich in 11 Millionen Transaktionen 6 Billionen Dollar zwischen 7. Denn niemand wird so naiv sein zu glauben. Börsen. 3 .

134 Hans Jürgen Krysmanski kann. Der Geldelite am nächsten operieren sicherlich die Konzern. welcher die Wissens. dass sie. um sich als eine neue gesellschaftliche Mitte zu etablieren. im Gegensatz zur Geldelite. Manche von ihnen . Von ihren Vermögensverhältnissen her gehören sie auf jeden Fall zu den HNWIs oder auch UHNWIs. Um diese neue gesellschaftliche Mitte lassen sich dann in einem Ringmodell weitere Gruppen und Schichten anordnen. haben also zunächst einmal nicht un- . entlassen werden oder »stürzen« können. Ihr Dienstklassenstatus drückt sich im Wesentlichen darin aus. die Chief Executive Officers der verschiedenen Wirtschaftsbereiche. der Absicherung und Expansion von Akkumulationsmöglichkeiten. welche der Geldmacht zuarbeiten bzw. Je nach Loyalität gegenüber ihren jeweiligen Herren (den großen Investoren und Anteilseignern) kooperieren oder konkurrieren sie untereinander. Ihre Machtbasis ist der Geldmachtapparat.und Informationsgesellschaft alle Mittel in die Hände legt. Diese Gruppen fungieren als Spezialisten der Kapitalverwertung bzw.aber erstaunlicherweise gar nicht so viele . Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine »völlig losgelöste und zu allem fähige« soziale Schicht.steigen selbst in die eigentliche Geldelite auf. von ihr abhängen.und Finanzeliten.

hier nur Wolfgang Zapf. die politischen Eliten.« 2 0 Diese Tendenz zur Endogamie oder Dynastienbildung nach aristokratischem Vorbild ist ein wesentliches Merkmal des Superreichtums. symbolisch.Strukturen und Akteure des Reichtums 135 bedingt ein einheitliches strategisches Bewusstsein (wie man es traditionellerweise etwa der »Kapitalistenklasse« zuschrieb). das dadurch hochgradig differenziert und konfliktualisiert wird. 21 Vgl. Auch viele Politiker und vor allem Ex-Politiker können sich unter die HNWIs rechnen. können auch sie in die Ränge der HNWIs aufrücken. Politiker. Folglich wirkt er durch Lobbyismus und Korruption in dieses Feld der politischen Eliten hinein. a. S. Technokraten. Warren Buffet. 19 20 . München 1966 Dogan. dass zwischen Geldmachtpositionen (Kapitaleigentum) einerseits und sonstigen Machtpositionen (Manager. alle Regierungen haben aus der Sicht des Geldmachtapparats die Funktion der Verteilung des Reichtums von »unten« nach »oben«. für die Entstehung und Expansion des Geldmachtapparats unentbehrlichen Technokraten und Experten aller Art (analytisch.com -Milliardäre bestätigen die Regel).Geldmacht . Kultureliten) andererseits scharf unterschieden werden muss. letztere nicht. 28 21 Gegen diese Praxis sprach sich jüngst der zweitreichste Mann der USA. Wandlungen der deutschen Elite.. kaum aber höher (Ausnahmen wie die dot.). Alle Parlamente. Innerhalb der Geldelite spielt dabei »das Phänomen der Verschwägerung eine große Rolle. Was sie verbindet. das sich nach der Nützlichkeit für die ökonomischen. sozialen und kulturellen Interessen des Geldmachtapparats bemisst. Entsprechend ihrem Ranking. aus (s.a.O. Erstere haben ein funktionierendes Regime der Vererbung ihrer Positionen. Den Außenring schließlich bilden die bereits erwähnten. während eine Verschwägerung zwischen der ökonomischen und der politischen Elite kaum vorkommt. kurz: die Wissenseliten. Aufstiege in die Geldelite aber sind nahezu ausgeschlossen (Ausnahmen wie der Bush-Clan bestätigen die Regel). Für die gegenwärtige Elitenkonfiguration und das Netzwerk der Geldmacht sind einige weitere Fragen von Belang: Wie steht es um die Vererbung von Machtpositionen? Gibt es tatsächlich einen Eisernen Vorhang zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten? Welche Rolle spielt das Ranking im Geldmachtapparat ? Hinsichtlich der Vererbungsfrage kommen alle Untersuchungen 19 zu dem Schluss. affektiv).u. ist die Maxime der Gewinnsteigerung. Den nächsten Funktionsring bilden die Spezialisten der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

der die kapitalistische Elite von den anderen Elite-Kategorien trennt. die relativ wohlhabend sind. S. also kurzfristig denken..« 23 Genau dieser Mechanismus aber bewirkt. aber keiner gehört zu den 500 reichsten Personen in Frankreich. in diese Kreise integriert zu werden.O. erfinden und denken. Aus dieser erbarmungslosen Statistik ergibt sich ein tektonischer Bruch. ein Winner Takes All-System entsteht. Bemessen aber wird der Rang nach den jeweiligen Funktionen für den Geldmachtapparat. was immer an langfristigen Folgen für das Unternehmen dabei herauskommt. Das Denken in kurzen Fristen der Gewinnmaximierung ist kein neues Phänomen in der Konzernwelt. er treibt keine Politik und er produziert keine Kultur. Vielmehr: Der Geldadel verwaltet nicht. aber es ist unter dem Konkurrenzdruck der Globalisierung ein entscheidendes Systemmerkmal geworden. immer höhere p a y o f f s realisieren.westga. die erst einmal in die oberen Ränge gelangt sind. Wenn so hohe Einsätze vom nächsten Schritt abhängen.edu/~bquest/2004/thinking.« 22 Das bedeutet aber nicht. gibt es nicht mehr als eine Handvoll Absolventen der Ecole Polytechnique. die meist auch die reichsten Familien repräsentieren.und Einkommensverhältnissen. werden Unternehmen und Individuen sich schlichtweg auf den Sieg in der nächsten Runde konzentrieren. dass die »kapitalistische Elite«. wie Dogan sie noch nennt. Zunächst einmal: Der Rang innerhalb der Elitenringe drückt sich aus in den jeweiligen Vermögens. Eduard Garcia. dass diejenigen Individuen oder Gruppen. »Unter den 100 reichsten Personen Frankreichs gab es 1987 keinen der Großkapitalisten. während die übrigen unverhältnismäßig stark zurückfallen. Und unter den 500 reichsten Unternehmern. Wichtig ist auch die Rolle des Ranking innerhalb der verschiedenen Dienstklassen.htm 22 23 . a. verteilen. 62f. Weder Spitzenmanager noch Spitzenbürokraten noch Spitzenpolitiker haben wirklich eine Chance. Denn die Geldelite lebt auf einem anderen Planeten. www. »Corporate Short-Term Thinking and the Winner Takes All Market«.a. Unter den wichtigen Politikern der 1990er Jahre gibt es einige. den eine politische Karriere in Versuchung geführt hätte und nur ganz wenige hatten familiale Bindungen zu Politikern.136 Hans Jürgen Krysmanski Entscheidend für ein Verständnis der europäischen Machtelitenkonfiguration ist also vor allem die praktisch unüberbrückbare Mauer zwischen der Geldelite und den übrigen Eliten. »Ein kompetitiver Markt erzeugt hinsichtlich der p a y o f f s riesige Unterschiede zwischen >Gewinnern< und >Verlierern<. nicht »herrscht«. aber er lässt verwalten. So entstehen in allen Berei- Dogan.

25 25 Davide Dukcevich. Seit kurzem aber beginnen Wirtschaftsführer .. den ersten Präsidenten mit dem Abschluss eines >Master of Business Administration«. Die Spannweite der Einkommen ist extrem. denn sie deuten auf jeden Fall auf das beste »Dienstpersonal« in Akkumulationsdingen. sie brauchten die politische Sphäre gar nicht. der Fall ist. der Wissenseliten und der politischen Klasse und natürlich auch der Managerelite ist dann erreicht. die Millionen von Dollars für den Auftritt in einem Film verlangen können. »>Winner takes all< markets«. in: Prospect Magazine. Tatsächlich wärmen mehr Rechtsanwälte als Angehörige irgendeines anderen Berufs die Sessel der drei Zweige der Bundesregierung.. in: Forbes Magazine. »America's Richest Politicians«. Bloomberg zum eindrucksvollsten Neuankömmling auf der politischen Bühne New Yorks . und der Rest dieses Berufsstandes findet sich beim Kellnern oder in billigen Werbespots wieder. Vor zwei Jahren wählte Amerika George W. October 29. Im Prinzip aber haben die Wirtschaftseliten schon immer geglaubt. Das Bild ist einfach: »Man nehme die Filmindustrie als Beispiel. die Verteilung gleicht einer außerordentlichen Pyramide mit einer ganz kleinen Spitze und einer ganz breiten Basis. August 1998.die Party der Politiker aufzumischen. 33.und sie werden vom Geldmachtapparat sehr genau wahrgenommen. als es vor den Kongresswahlen 2002 eine Liste der zehn reichsten Politiker der USA mit folgendem Kommentar veröffentlichte: »Viel zu lange ist Politik eine Spielwiese der Juristenklasse gewesen.« 25 Ganz offensichtlich sind die Dinge zunächst einmal anders gekommen.« 24 Vollständige Willfährigkeit der Dienstklassen. als man dachte.wie das in den USA.die schließlich für die dynamischsten und wichtigsten Verbesserungen in unserer Gesellschaft verantwortlich sind . wenn sich auch in den politischen Strukturen das Ranking und die Winner Takes All -Mentalität voll entfalten . Vor einem Jahr wählte die größte Stadt des Landes einen self made -Milliardär zum Bürgermeister und machte damit Michael R.Geldmacht . S. Nur wenige haben einen weltweit bekannten Namen. aus dem sich dann auch die jeweiligen Spitzengruppen in unserem Ringmodell rekrutieren.Strukturen und Akteure des Reichtums 137 chen der Gesellschaft die berühmten Ranking-Listen . Forbes Magazine hatte das längst begriffen. 2002 24 . Und wer weiß? Vielleicht werden wir in nicht allzu ferner Zukunft einen Milliardär als Präsidenten haben. etwa im Millionärskabinett von George Bush oder im von Millionären wimmelnden US-Senat. Schon diejenigen auf dem zweiten Rang verdienen erheblich weniger. Zu jedem Zeitpunkt wird es nur ganz wenige Schauspieler geben. »Direktherrschaft« sei Diane Coyle. Bush.

June 14.vor einem geopolitischen Hintergrund .. scheint dies in Europa von den Investoren weniger akzeptiert zu werden und in manchen Ländern regt sich Widerstand .138 Hans Jürgen Krysmanski möglich. Hier tun sich in letzter Zeit beispielsweise in Europa interessante Dinge: »Jahrzehntelang haben sich die Europäer bei der Belohnung der Bosse viel mehr zurückgehalten als die Amerikaner.1518.. »Der private Staat: Der Griff der Konzerne nach der Staatsmacht«. Doch jetzt geben die europäischen Manager ihre Zurückhaltung auf. >Wobei man bei weltweiten Vergleichen nur ein Land als Maßstab hat.auch Konflikte zwischen den Konzerneliten und ihren »Herren«. Sie betreiben nicht nur den Monetarisierungsprozess und damit die Entwicklung des Geldmachtapparats. und zwar ziemlich schnelh. »Speak up for Globalization«. Diese Manager würden sich hunderte von Millionen Dollar in die Taschen stecken. den superreichen Investoren dieser Welt.<. Youssef M. August 2006. vgl. während der Wert David de Pury/Jean-Pierre Lehmann.< sagte Pierre-Henri LeRoy.de/ spiegel/0. wie diese Kluft sich schließt. auch Markus Verbeet. in: The New York Times. wenn man so will) ins Gericht. die Vereinigten Staaten.spiegel. 2006 26 .00. Spiegel Online. einer Londoner Headhunter-Firma. Aber während riesige Zahltage im amerikanischen Konzernleben etwas Normales sind. 2000. in: IHT. html 27 Geraldine Fabrikant. Chef der französischen Beratungsfirma Proxinvest. ein Sprecher und Berater reicher Investoren und Shareholder aus dem arabischen Raum. 21. >Zum ersten Mal in 30 Jahren sehe ich. verlangen eine Bezahlung nach amerikanischem Vorbild . sich auf die obersten hundert oder zweihundert Personen auf den Rangskalen der Spitzenmanager zu konzentrieren. Ibrahim.. meinte John Viney. sie symbolisieren ihn durch ihre exorbitanten Belohnungen auch. Kenner der Situation sagen.und bekommen sie oft auch.« 2 7 Andererseits entfalten sich . In Deutschland stieg nach einer Studie der Zeitung >Die Welt< im Jahre 2005 das durchschnittliche Gehalt von Aufsichtsratsmitgliedern der 30 >blue-chip<-Unternehmen im DAX Index um 11%. »Fertile new fields for executive ambition«. June 16. Gründer von Zygos Partnership. So auch jetzt: »This is a time that urgently calls for global corporate statesmanship..432615. http://www. die Veränderungen seien enorm. die zusammen mit den Superreichen den magischen Zirkel der Corporate World bilden. geht in diesem Sinne mit den westlichen Konzerneliten (den »Hausmeiern« seiner reichen Araber. >In Frankreich ist Habgier jetzt legal.«26 Für unsere Zwecke ist es wichtig.

abhängig. Foothall millionaires. Die empirisch-statistische Annäherung an die Geldelite ist schwierig. Und am Horizont zeichnet sich eine gewaltige Revolte der Shareholder ab.). bezahlt von den Shareholders.timesonline.. Sie sind Freunde.org. http://business. ihren Bankiers ein paar harte Fragen zu stellen: Wo ist mein Geld und was macht ihr damit?« 2 8 Im Übrigen spielt auch bei den Superreichen Ranking eine Rolle. Besonders einfallsreich und intensiv haben sich Rechercheure der britischen Wochenzeitung Sunday Times bei der Erforschung der Reichen ihres Landes ins Zeug gelegt. http://www.co.20589-2132606. sie genehmigen sich Privatlogen bei großen Sportereignissen und Shows.html. Ibrahim. http://www. The Sunday Times Giving Index.htm 30 The Sunday Times Rieh List. http://business. Goldman Sachs millionaires usw. Bornpower.00. Online millionaires.theyrule. welcher die gewöhnlichen Investoren am ausgestreckten Arm verhungern lässt . Dabei sind eine Fülle von Ranglisten entstanden: The 20 fastest growing fortunes.bornpower. Die seriöse oder Mainstream-Forschung . www.30 Youssef M. die großen Banken und Investmentfirmen helfen jenen Bossen dabei. Die Praktiken der Konzerneliten bedrohen die globale Ökonomie. hunderte von Milliarden ihres Vermögens in diese großen Konzerne investiert haben. http://utangente..B.timesonline. das Projekt They Rule. Es ist an der Zeit für die Reichen.de/index. der Künstler Mark Lombardi. sodass es vor allem Journalisten. die Datenbank Namebase.fr/index2. Top 30 political donors / Top 20 political lenders. 2004 29 Vgl. Music millionaires. March 9. in: IHT. die. Rules of Engagement. »The Collapse of Capitalism as we know it«. wie sie von »Drittmitteln« ist .html 28 .uk/section/ 0„29049. Ein fauler Gestank breitet sich aus in den Führungsetagen der größten Konzerne. www. die zusammen tafeln.co.B.free.albany.Geldmacht . in Deutschland z. The riebest women. die Spuren zu verwischen.lässt die Finger davon.namebase. das Projekt Universite Tangente.net.u.. html (s. Millionaires in film and TV. Schlimmer noch. die Licht in diese Schicht zu bringen versuchen.Strukturen und Akteure des Reichtums 139 ihrer Konzerne durch Unehrlichkeit und Inkompetenz in den Keller sinke: »Diese Lenker gigantischer Konzerne sind Mitglieder eines winzigen Clubs.edu/museum/wwwmuseum/work/lombardi/. während sie von Aufsichtsratssitzung zu Aufsichtsratssitzung ziehen.uk/article/0. Sie fliegen Privatjets.00. z. wie beispielsweise die Araber. kleine Teams von »Privatforschern« 29 oder besessene Einzelne sind.

140 Hans Jürgen Krysmanski .

Geldmacht .Strukturen und Akteure des Reichtums 141 .

wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. US-$. wie diese auf Individuen und Gruppen zukommenden Geldflüsse nicht nur »ökonomisch«.und oft verborgene . sozialen. kulturellen und politischen Einflussnahmen auf Geldmachtbasis und durch weitgehend informelle Netzwerke verlangen nach weiterer Forschung. die auf enorme .Vermögen hindeuten. entschieden. Warren Büffet. den größten Teil seines Vermögens.142 Hans Jürgen Krysmanski Angesichts all dieser Aufstellungen und Rankinglisten. um eine Wohltätigkeitsorganisation zu gründen. sondern eben auch »sozial« (nicht unbedingt im Sinne von wohltätig). Entwicklung von Impfstoffen und Bildungsinitiativen. interessiert die Frage. Buffet wird in den Aufsichtsrat der Gates Stiftung gehen. kulturell (nicht unbedingt im Sinne von kulturvoll) und politisch (nicht unbedingt im Sinne von demokratisch) reinvestiert werden. »Was solche . Die Melinda & Bill Gates Foundation mit einem Vermögen von 30 Mrd. Nun hat sich der zweitreichste Mann Amerikas. 30 Mrd. ebenfalls in die Gates Stiftung einzubringen. Die ökonomischen. US-$ kümmert sich um Krankheitsbekämpfung in armen Ländern.

D. July 4. Greenway. Dies aber geschieht in 31 2006 H.. die sich genauso wie zu Carnegies Zeiten nicht gerne sagen lassen.Geldmacht . die Carnegie 1899 in einem Essay. Gates.« 31 Die Dinge werden fragwürdig. in: The Boston Globe. . wenn durch Philanthropie direkte Eingriffe in Politik. Rockefeller und Carnegie vereint.Strukturen und Akteure des Reichtums 142 Titanen wie Büffet. Jetzt ist die Fackel der Titanen weitergereicht worden . »Titans pass their torches«.. Aber auch der kombinierte Reichtum von Gates und Büffet kann die Welt allein nicht verändern.. >Das Evangelium des Reichtums*. Das Engagement der Bill & Melinda Gates Foundation für die Bekämpfung von Krankheiten in der Dritten Welt wird Konfrontationen bringen mit Regierungen und Herrschern.. ist eine Überzeugung. Kultur und sogar Religion erfolgen. Doch durch den Einsatz ihres enormen Stiftungsvermögens draußen in der Welt ist die Gates Stiftung längst zu einem wichtigen global player geworden .S. was sie tun sollen. formulierte: Die Superreichen sollten die >Treuhänder< ihrer großen Vermögen sein und sie zum Wohle der Gesellschaft verwalten.

Derselbe Soros. der Menschenrechte. der Millionen verschenkt. in: Cicero. Vgl. com-Milliardäre wie die Chefs von Google. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt und die Utopie des gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich. Die neuen Kolonialherren.144 Hans Jürgen Krysmanski wachsendem Umfang.. Sie seien letztlich nichts als »Vermittler einer strukturellen Gewalt. unter denen wir bisher gelebt haben.ich nenne sie Kosmokraten . Frankfurt/M 2004 . Danach muss weltweit eine vollständige Liberalisierung stattfinden: Alle Güter. IBM. dass smarte Milliardäre wie Bill Gates so tun. der Welthandel hat sich in den letzten 12 Jahren mehr als verdreifacht. der Tiere und Pflanzen werden in Besitz genommen und patentiert. Diese neue Feudalherrschaft ist 1000 Mal brutaler als die aristokratische zu Zeiten der Französischen Revolution . die die Bedingungen für den Ausbruch subjektiver Gewalt schafft. Oder die Demokratie.. diese Zivilisation. das Welt-Bruttosozialprodukt fast verdoppelt. wird ermordet . Das Resultat ist absolut fürchterlich . als gäbe es keinen Widerspruch zwischen kapitalistischer Ausbeutung und mildtätiger Menschenliebe.« 32 Führt dieses Handlungsgefüge von Interessen. »liberale Kommunisten«. Intel. »Der liberale Kommunist«. Ein Kind.eignen sich die Reichtümer der Welt an. Die Legitimationstheorie der Konzerne ist der Konsensus von Washington. Auch die Gene der Menschen. Ausnahmezustand... 108f. Nach diesem Konsensus gibt es keine öffentlichen Güter wie Wasser. S. Ebay usw. Diese kannibalische Weltordnung von heute ist das Ende sämtlicher Werte und Institutionen der Aufklärung. Alles wird dem Prinzip der Profitmaximierung unterworfen. Dabei setzen die Konzerne zwei Massenvernichtungswaffen ein. Zizek nennt George Soros und dot. die multinationalen Konzerne . Slavoj Zizek schreibt. 7/2006. Einflussnahmen und künstlich erzeugten Ausnahmezuständen 33 zu einer Refeudalisierung oder gar Schlimmerem? »In den letzten Jahrzehnten sind auf der Erde unglaubliche Reichtümer entstanden. die er geißelt.. alles Kapital und die Dienstleistungsströme in jedem Lebensbereich müssen vollständig privatisiert werden. das heute an Hunger stirbt.. Und gerade jetzt findet eine brutale. Giorgio Agamben. Entweder wird die strukturelle Gewalt der Konzerne gebrochen. den Hunger und die Verschuldung. massive Refeudalisierung statt. wie sie heute in den 111 Artikeln 32 33 Slavoj Zizek. hat mit seinen Finanzspekulationen das Leben Tausender ruiniert und dabei die Bedingungen für jene Intoleranz geschaffen. um Bildungsprojekte zu fördern. das Ende der Grundwerte.

Er führe zu einer weichen Spielart des Faschismus ( s o f t fascism).« 34 Richard Sennett hält den modernen Kapitalismus in seiner Grundtendenz für antidemokratisch. vgl.und dass auch die Welt der Spitzenmanager für eben diese prekärer wird.a. wohlgeschützte Eigner des Besten. Germanwatch-Zeitung. dass die politische Sphäre selbst immer bedeutungsloser wird . den man innerhalb eines weltweiten Netzwerkes einer immer kleiner werdenden Gruppe von Spitzenmanagern und Spitzenpolitikern einnimmt. ist vorbei und der Dschungel kommt.w e r .souveräne. 32. In modern organisierten Unternehmen werde die Macht von einer immer kleiner werdenden Zahl von Spitzenmanagern ausgeübt. Diese Tendenz zur Zentralisierung von Macht und zur extremen Verkürzung der Zeithorizonte im Unternehmensmanagement sei die unmittelbare Folge der totalen Freisetzung riesiger Kräfte des Finanzkapitals nach dem Zusammenbruch des Bretton-WoodsAbkommens in den 1970er Jahren.W e l t glauben sich die Geldeliten .Strukturen und Akteure des Reichtums 145 der UNO-Charta oder im Deutschen Grundgesetz fixiert ist. »Diese Netze geben Managern heute die Freiheit.2005 14 . das gleiche gelte für die politische Sphäre. Doch die Historie wird auch dieses historisch kurzfristige Denken. die sehr genau weiß.« 35 Das Problematische aber ist. Die Dinge entwickeln sich dramatisch. Politische Macht sei abgewandert in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse. Dinge zu tun. wo die Entscheidungsmacht einigen wenigen Spitzenpolitikern vorbehalten sei. »Das Diktat der Politmanager«. die innerhalb der offiziellen Strukturen eines Unternehmens völlig unmöglich wären.8.s i c h . Es ist eine Existenzfrage. Nur eine äußerst schmale Schicht der Gesellschaft hat überhaupt noch Zugang zu ihr.gut gerüstet. Und für eine solche R e t t e . Macht entzieht sich in dieser Weise ganz einfach der Wahrnehmung und wird unsichtbar.k a n n . diese an Dynastien gebundene Herrschaftspraxis einholen. in: Freitag. Ziegler.« Wirkliche Macht hängt vom Platz ab. Die Geldeliten verselbständigen sich. 12. J. was diese Welt zu bieten hat . 35 Richard Sennett. 4/2005. beginnen im wahrsten Sinne des Wortes in dieser Winner Takes All -Gesellschaft auf eigene Faust zu operieren. Das Imperium der Schande. a. Aus einem Interview mit Jean Ziegler. Klimawandel und Ressourcenprobleme deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Die Bürger »haben in der politischen Sphäre keinen Platz mehr. wie man mit den neuen Strukturen umgeht und sich in zumeist informellen Netzwerken organisiert.Geldmacht .O.

und eine andere Fraktion. die das Ideenelement der Politik als das ausschlaggebende Moment des Regierens ansieht. Hiermit einher geht ein Durcheinander im Denken des Mainstreams über das. Hierdurch tendiert das Mainstream-Denken zur falschen Wahrnehmung der Dynamiken beider Bereiche: Die Wirtschaft wird als eine sich selbst regulierende Sphäre des Austauschs bzw.Peter Gowan Weltmarkt. Meine These ist. aus dem eine internationale Ordnung entspringt: Entweder befriedet und leitet ein liberaler Wertekanon die internationalen Beziehungen an oder es ist die Verteilung von militärischer Macht. Staatensystem und Weltordnungsfrage Dass die internationalen Beziehungen sich in einem Zustand des Übergangs und der Unordnung befinden. uns davon zu überzeugen. Im Hinblick auf die Politik spaltet sich das konventionelle Denken dann in eine Fraktion. aus der als Funktion die Befriedung der Erde resultiert. dass die unleugbare Weltunordnung ihre Wurzeln im Zusammenbruch der Weltordnung des Kalten Kriegs und der Schwierigkeit. Mit anderen Worten: Von Seiten der liberalen Idealisten werden uns . ist ein weitverbreiteter Eindruck. dass dem von ihnen favorisierten Element ein Mechanismus innewohnt. Spannungen und Konflikte zwischen den vermeintlichen Logiken beider Ebenen auszumachen. Beide Schulen nehmen dann ihrerseits für sich in Anspruch. Das Mainstream-Denken bringt die internationale Wirtschaft und die internationale Politik zueinander in einen Gegensatz und ist darauf geeicht. was die Haupttendenzen in der Weltordnung heute sind. die materielle Zwangselemente als politisch entscheidend betrachtet. besitzt. dass sie den Schlüssel für den neuen Ordnungsmechanismus in der Welt gefunden haben. Die ökonomistische Perspektive preist die ökonomische Globalisierung. in der die individuellen Akteure in der Weltwirtschaft der Hegemonie des Weltmarkts und seiner Logik gegen das alte »westfälische« Staatensystem zum Durchbruch verhelfen. Handels betrachtet. die aus sich selbst heraus ein Gleichgewicht und eine stabile Ordnung hervorbringt. Beide akademischen Mainstream-Ansätze versuchen also seit den letzten 15 Jahren. eine neue kapitalistische Weltordnung zu begründen.

und beiden ist eine Blindheit hinsichtlich des Wesens der Tiere in dem Zoo gemein. die den großen Hammer zu ihrem Fetisch erkoren haben. 1. Auf der anderen Seite haben wir es mit der Konzentration der politischen Entscheidungsprozesse und der gesellschaftlichen Gewalt in den Händen des Staatspersonals und eines . kommt der Vorschlag. nämlich das dezentralisierte gesellschaftliche System der verschiedenen Kapitalismen. Grundprobleme der Weltordnungskompromisse Im Folgenden werde ich die These entwickeln. dass keiner dieser beiden vermeintlich ordnungsstiftenden Mechanismen funktioniert. aus dem eine neue Ad-hoc-Totalität entstehen soll. die sich sowohl auf die Ökonomie und die Politik nach innen und nach außen erstrecken. machtbasierte Kompromisse. der für eine liberale kosmopolitische Befriedung der Welt sorgen soll. De facto befrieden Weltordnungskompromisse die kapitalistische Welt niemals in toto. Die Einsichten der Orthodoxie und ihre Grenzen Der Kapitalismus ist bekanntlich und ganz ohne Zweifel von einer realen Zweigleisigkeit gekennzeichnet. Und von denjenigen. Allerdings besteht die Aufgabe solcher Weltordnungskompromisse in der Hinausdrängung von Chaos und Krieg in den geographischen Raum außerhalb des kapitalistischen Zentrums.Weltmarkt. Beide sind mit etlichen Fehlern behaftet und unlogisch. Ordnung in diesem System ist das Resultat von umfangreichen Aushandlungen zwischen den Hauptzentren in diesem System. gleichwohl diese Kompromisse stets als ach so prinzipienfest und auf allgemeinen Normen wie Gerechtigkeit und Wohlfahrt basierend dargestellt werden. in den Ordnung zu bringen ist. dass die amerikanische Militärmaschine die Welt auf Vordermann bringen kann und soll. kredenzt. Chaos und Krieg dauern an. Staatensystem und Weltordnungsfrage 147 Lockesche und Kantsche Werte als der Mechanismus. was sein institutionelles Gefüge anbelangt: Auf der einen Seite gibt es da die »Privatisierung« der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion und -Verteilung. Die heutige Unordnung in der Welt ist als das Resultat derjenigen Probleme zu verstehen. mit denen sich die Hauptzentren bei der Aushandlung eines neuen Kompromisses konfrontiert sehen. welche diese großteils von den Institutionen der öffentlichen Macht abschottet. Diese Aushandlungen sind ihrem Wesen nach ad hoc und grundsätzlich prinzipienlose.

Organisierung und Integration der Arbeiterschaft durch Formen des Marktaustauschs voraussetzt. Marktinfrastrukturen. was produziert und getauscht wird. ist schlicht und ergreifend so nützlich. Dabei ist diese Unabhängigkeit im operativen Sinne real. denn jede Stunde an jedem x-beliebigen Tag werden Milliarden spezifische Gütereinheiten zu einem bestimmten Preis gegeneinander getauscht. Und doch sind diese marktförmigen Tauschhandlungen in ein gesellschaftlich-kapitalistisches Herrschaftssystem eingebettet und von diesem bestimmt. Dies ermöglicht es wiederum. denn beides . als ein Netzwerk von Territorialstaaten.Märkte und Gewehre . d. die Klassenverhältnisse zu integrieren und zu stabilisieren und die externen politisch-ökonomischen Verhältnisse so zu strukturieren. dass die Organisierung der Produktion und Verteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums in privaten Händen über mehrere Staatsjurisdiktionen hinweg stattfinden kann. Existiert die öffentliche Macht in fragmentierter Form. wie wenn man die Machtpolitik als von der Logik der Gewehre angetrieben versteht. das von den Herren und Knechten der Produktion abgetrennt ist. in denen die öffentlichen Ressourcen des Staates für die Schaffung von Märkten. Bildungssystemen und Forschungs. ohne dass irgendwelche Staatsbeamten hierauf Einfluss nehmen könnten.und Verbundeffekten und Aspekten der learning economy beruht Wettbewerbsfähigkeit heute auf staatlich-privaten Partnerschaften. Diese Zweigleisigkeit führt nun wiederum zu qualitativen Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen in einer kapitalistisch verfassten Welt. die diktieren.und Entwicklungseinrichtungen zentral sind. Gleiches gilt für die Kapazitäten des Staates.sind Werkzeuge gesellschaftlicher Kräfte. Mit anderen Worten: Diese Wirtschaft einfach als tauschende Markthandlungen aufzufassen. dass sie der Expansion seines kapitalistischen Systems dienen. als ob sich die internationale ökonomische Tätigkeit in völliger Unabhängigkeit vom Staatensystem vollzieht. so »transnationalisiert« sich unter kapitalistischen Verhältnissen die Produktion. . Dieses spezifische Gefüge sorgt nun für den Eindruck. Dabei beschränkt sich in der modernen Welt der Erfolg im kapitalistischen Wettbewerb immer weniger auf die Sphäre der Marktes und des Tausches von Werteinheiten zu bestimmten Preisen. In Anbetracht der heutigen ökonomischen Bedeutung von Skalen.und konfliktgeladen.h. da sie die Unterordnung.148 Peter Gowan staatlichen Verwaltungssystems zu tun. Die ökonomische Betätigung ist den Bedürfnissen ihrer gesellschaftlichen Machtstellung untergeordnet und bleibt ihrem Wesen nach ununterbrochen spannungs. denn es sind kapitalistische Klassen.

wobei diese allerdings (vorzugsweise) off-camera stattfinden. Der Kampf für eine humanere internationale Ordnung hätte also dieses Untier als Gegner ins Visier zu nehmen. dass die staatlichen Ordnungen des Kapitalismus die Verkörperungen der Vernunft im Sinne von universalistischen Menschheitswerten darstellen oder dies zumindest sein können. Hegels Versuch. deren Handlungen zwischen und über zahlreiche Rechtssysteme hinweg operieren. Märkte allein sind und wären nie in der Lage. rationalisierenden multinationalen Konzerne. Staatensystem und Weltordnungsfrage 149 Einzig und allein indem sie diese klassenbasierten Sozialstrukturen der Kapitalakkumulation ignorieren. ohne den gesellschaftlich-kapitalistische Herrschaftssysteme nicht bestehen könnten. Was beide übersehen. Dabei haben sich diese Verfechter der Vorstellung. vor dessen einrahmendem Hintergrund sich Tauschhandlungen und Organisationen vollziehen und operieren. Die Webersche Perspektive ist wie geblendet durch die scheinbar autonome Macht der gigantischen. der die Grenzen des Staatensystems gesprengt hat. Gesellschaftliche Ideensysteme und kollektive Identitäten sind der Kitt. in der wir leben. integrierende Gesellschaftssysteme aus sich selbst heraus zu schaffen.W e l t m a r k t . Demgegenüber können die Verfechter der anderen Auffassung. dass sie einen Großteil der Geschieh- . dass nämlich die Machtpolitik zentral für die Schaffung von Weltordnung ist. gelingt es den neoklassischen und Weberschen Vorstellungen von der internationalen Wirtschaft. nicht einmal potenziell. sich die Welt. dienen als Rechtfertigungsgrundlage für ein ganzes Arsenal von abscheulichen Verbrechen. mit Glaubenssystemen den zentralen und (welt-) ordnungsstiftenden Mechanismen entdeckt zu haben. woran uns wieder die schlicht zu offensichtlichen Barbareien der Bush-Regierung erinnert haben. noch mit der Marxschen Hegelkritik von vor 150 Jahren auseinanderzusetzen. Die traditionellen liberalen Idealisten heben zu Recht die Bedeutung der ideellen und kulturellen Faktoren in der Politik des Kapitalismus hervor. dass die staatlichen Ordnungen im modernen Kapitalismus Minotauren und eben keine griechischen Gottheiten sind. die sie in der dann doch mehr irdischen Gegend begehen. anstatt ausgerechnet es selbst als das Mittel zur Herstellung einer Welt der Kantschen Gerechtigkeit auszuerkoren. liegt der Fehler zugrunde. Der neoklassische Blick auf die Dinge ist von den Milliarden Tauschhandlungen pro Stunde wie hypnotisiert. im Namen der modernen Kant-Anhänger die These zu behaupten. die sie sich auf ihre Fahnen geschrieben haben. als einen Weltmarkt vorzustellen. ist der gesellschaftliche Klassenhintergrund. dass er nicht erkennt. Die engelsgleichen Werte. zumindest zu ihrer Verteidigung vorbringen.

150 Peter Gowan te des 20. einem fortgeschritteneren Gesellschaftssystem anzugehören. Hieraus erwuchs eine exogene Quelle der Einheit des kapitalistischen Zentrums. Jahrhundert konnten sich die auf Europa konzentrierten Zentren des Kapitalismus verbünden und gemeinsam in die vorkapitalistische Welt expandieren. Und doch ist die militärische Macht nie jener deus ex machina gewesen. In beiden Fällen wurden diese expansionistischen Bestrebungen von gemeinsamen Großidentitäten flankiert. die eine Quelle der äußeren Bedrohung herbeizaubern wollen. wenn er sich für Zwecke einsetzen lässt. weshalb exogene Quellen der Geschlossenheit unter den Klubmitgliedern des Zentrums kaum noch bestehen. Kann er diese Lösung nicht garantieren. das dem Rest der Welt erst den Fortschritt bringe. der aus dem sozialen Chaos des Kapitalismus eine Ordnung hätte schaffen können. Später entstand die Einheit des Zentrums aus dem gemeinsamen Kampf gegen die alternativen Modernisierungsprojekte des Staatssozialismus und der radikalen nationalen Befreiungsbewegungen im Süden. sondern waren von einer großen Anzahl nichtkapitalistischer Länder umgeben. dass er als wirkungsvolles Instrument für die Stiftung von Weltordnung nur dann brauchbar ist. und im frühen 20. Jahrhunderts auf ihrer Seite wissen. Im 19. Die militärische Macht muss parallel zum Entwicklungstrend der gesellschaftlichen Verhältnisse des internationalen Kapitalismus verlaufen. andernfalls wird sie die Unordnung und das Chaos im Gesamtsystem nur noch verstärken. die kapitalistische Welt in ein neues Gleichgewicht zu bringen. die auf stark rassisch begründeten Konstrukten wie »die Weißen gegen den Rest« oder aber auch auf der gemeinsamen Vorstellung des Zentrums beruhten. Die Bedeutung der Gewalt und der Machtpolitik für die Entwicklung des internationalen Kapitalismus ist bis heute endemisch. Daran ändern auch die amerikanischen Führer nichts. Jahrhundert noch als eine einigermaßen handhabbare Aufgabe. Die Hauptprobleme beim Aufbau kapitalistischer Weltordnungen als Ad-hoc-Totalitäten Das Problem der Schaffung kapitalistischer Weltordnungen erwies sich im 19. Für den amerikanischen Militärapparat bedeutet das. Heute ist die Welt fast vollständig kapitalistisch geworden. dann wird er selbst zum Unruheherd und einem Hindernis für die amerikanischen Bemühungen. die ihm in den realen sozialen Konflikten im internationalen Kapitalismus vorausgesetzt sind und die nur durch Gewalt oder Gewaltandrohung zu lösen sind. mit der sie ihrem gigantischen . denn die Zentren des Weltkapitalismus befanden sich seinerzeit nicht nur in einer klaren Minderheitenposition.

die eine Weile Bestand hatten. zu keiner Zeit den Versuch unternommen.oder Kooperationsverhältnisse seien. die zentrumsübergreifend Ordnung stifteten oder stiften sollten. Diese umfassten wirtschaftliche. bestand darin. mit der man sich im Hinblick auf die zwischenkapitalistischen Verhältnisse beschäftigte. Hinzu kommt. nicht-normativ und machtbasiert betont und dabei gleichzeitig diese Weltordnungen an ein Verständnis des Wesens des Kapitalismus als soziales System knüpft. Die klassisch-marxistischen Debatten über diese frühen Weltordnungen versuchten vor allem mit Hilfe des begrifflichen Instrumentariums der Imperialismustheorie dem Ad-hoc-Charakter dieser Totalitäten analytisch gerecht zu werden. Im Hinblick auf die heutigen Bedingungen problematisch wird der Imperialismusbegriff allerdings im gewandelten Kontext. dass er den Charakter dieser Weltordnungen als ad hoc. der auch das imperiale Zentrum strukturierte. Dabei war es eben jener Kontext. um schließlich zusammenzubrechen und in neue Anläufe zur Schaffung von Weltordnungsgefügen zu münden. Stattdessen haben die von der Logik des Kapitalismus beseelten und getriebenen Siegerstaaten vielmehr versucht. politische und kulturell/ideologische Bausteine. das kapitalistische Zentrum zu schützen. Die große Stärke des Imperialismusbegriffs besteht darin. In dieser Hinsicht behält der Begriff des Imperialismus seine Erklärungsmacht. Die zentrale Frage. Selbst inmitten von zwischenkapitalistischen Kriegen bestanden immer noch Momente der Zusammenarbeit. Die sich kriegerisch befehdenden Staaten haben bspw. in dem sich das kapitalistische Zentrum heute wiederfindet. Sie entstanden als Ad-hoc-Totalitäten. die anderen kapitalistischen Staaten des Zentrums durch Kriege auszuradieren. Auch haben sie es sich nie zur Aufgabe gemacht. Der nichtkapitalistische Kontext der früheren Imperialismen existiert heute nicht mehr. ob sie Konkurrenz. Im Rahmen der soeben skizzierten historischen Konfigurationen des 19. In Wirklichkeit sind jedoch sowohl Kooperation als auch Konflikt endemische Bestandteile zwischenkapitalistischer Verhältnisse. Jahrhunderts schufen die zentralen kapitalistischen Länder unterschiedliche institutionelle Gefüge. dass die klassische marxistische Imperialismusdiskussion sich nicht hinreichend mit der Beschaffenheit der hierarchischen Verhältnisse zwischen den von der kapitalistischen Produktionsweise dominierten Zentren auseinandersetzte.Weltmarkt. die beherrschten Klassen in den Ländern des Kriegsgegners zum Sturz der dortigen Kapitalisten aufzustacheln. Staatensystem und Weltordnungsfrage 151 Apparat eine neue Aufgabe verschaffen können. . und 20. zu welchen Teilen sie von Zusammenarbeit und von Konflikt geprägt.

ist . ist deren grundsätzlich expansionistische Tendenz.152 Peter Gowan ihre (einstigen) Feinde als kapitalistische Zentren wieder aufzupäppeln. sondern auch als ideeller Träger für ihre innenpolitische Machtstellung gegenüber der Bevölkerung. die zum einen aus dem inneren Wesen der kapitalistischen politischen Ökonomien resultiert. Was den Geschichten aller kapitalistischen Zentren gemeinsam ist. weil sie ihrem Wesen nach nur partikularistisch sein kann.) angestrebt. was aber schlichter auch einfach als Einflusssphäre bezeichnet werden kann. sei es auch mit geänderten Wertesystemen und institutionellen Regimes. Die immense innenpolitische Macht der britischen Bourgeoisie. in denen die Schlüsselbausteine für ihre ausgeweiteten Akkumulationskreisläufe und politischen Einflussgebiete lagen.Ü. A. die sich aus ihrem Imperium ergab. Dabei hat sich die offene Durchdringung als brauchbar erwiesen. Die Abschottung eines Raumes ist dahingegen ein Symptom gefühlter Schwäche. und Gleiches gilt auch für die anderen kapitalistischen Hauptzentren. die eine ökonomische Durchdringung zu verhindern suchten. so wie dies die deutsche Elite in den 1930er Jahren nannte und was von den amerikanischen Strategen »grand areas« genannt worden ist. Mitunter sind diese Räume ökonomisch offen gewesen und haben zu ihrer ökonomischen Durchdringung durch die anderen kapitalistischen Zentren eingeladen.d. d. den Siegermächten Vorteile zu sichern.historisch betrachtet .nicht nur im Sinne einer ökonomischen Stütze. sondern auch durch die innenpolitische Machtstellung als einem Nebeneffekt der imperialen Ausdehnung entstanden. Ergo haben alle kapitalistischen Zentren den Aufbau von Großräumen (im Original deutsch. der sich aus den wesentlichen Formen der internationalen kapitalistischen Konkurrenz . die Macht der einen Klasse über die andere. Gelegentlich waren sie aber auch ökonomisch geschlossene Räume. Die Offenheit und Geschlossenheit von Räumen sind dabei zur gleichen Zeit durch den Charakter der kapitalistischen Zentren bedingt. Dabei hat es sich um geographische Räume gehandelt.h. die Vorherrschaft auch im Kontext einer offenen Struktur aufrecht zu erhalten. wenn sich das eindringende Zentrumsland stark genug fühlte.nicht nur das Ergebnis materieller Vorteile für die Bevölkerung. Mächtige kapitalistische Zentren können ihre inneren gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse durch Expansionismus stärken . So ist das neuralgische Zentrum der kapitalistischen Gesellschaften die Erhaltung der innenpolitischen Klassenmacht. die darauf geeicht waren. die aber schließlich auch mit dem Wesen ihrer innenpolitischen sozialpolitischen Systeme zusammenhängt. deren Rechtfertigung stets ein schweres Unterfangen bleibt.

so wie dies vor 1914 mit dem Goldstandardsystem oder unter der unipolaren Führung der ersten drei Jahrzehnte des Nachkriegssystems existierte. Staatensystem und Weltordnungsfrage 153 ergibt. als die Weltwirtschaft ein Aggregat politisch eigenständiger Währungszonen und Finanzsysteme ist. Gleichzeitig bedarf es für das Funktionieren stabiler monetärer und finanzieller Abkommen und Einrichtungen umfangreicher and enger kollegialer Zusammenarbeit zwischen den Hauptzentren der Weltwirtschaft.Weltmarkt. Diese konkurrenzgetriebenen Kämpfe resultieren aus den starken stagnativen Tendenzen in den Kernkapitalismen. aus der wie in den 1930er Jahren tiefgehende politische Konflikte entstehen können. sich Vorteile vermittels des Aufbaus von ökonomischen und politischen Institutionen einer zentrumsübergreifenden Weltordnung zu verschaffen. auf denen die Märkte dann selbst aufgebaut werden sollen. ist. Was Schumpeter begriff. Während Tauschhandlungen in neoklassischen Vorstellungen von Märkten stets die verschwommene Form von Tauschwerten annehmen. Brechen solche Einrichtungen zusammen. geht es bei den Konflikten und Aushandlungen in all diesen Bereichen ja eben genau um die zu entwickelnden Rahmenbedingungen. in der einige Länder die Gipfel der internationalen industriellen Arbeitsteilung besetzt halten und andere geringwertige Konsumgüter für »Vollreife Märkte« produzieren. sondern vielmehr um den Kampf um neue Wachstumsbranchen und für Skalenökonomien in Hochtechnologiebereichen sowie um das händeringende Suchen nach und Kämpfen um neue Wachstumszentren. Insofern. das Ergebnis von unbarmherzig das Handeln der Hauptzentren diktierenden Marktlogiken zu sein. dass die Konkurrenz zwischen kapitalistischen Zentren sich weniger um die Preise von Stabilwerten dreht. ist der Weltmarkt dagegen dazu auch noch eine Hierarchie von Gebrauchswerten. so wie in der neoklassischen Perspektive. Weit davon entfernt. . gerät die internationale Ökonomie in eine strukturelle Krise. welche Ungleichgewichte und makroökonomische Krisen beheben oder eindämmen sollen. welche die internationalen monetären Verhältnisse und Finanzhoheiten regeln. erfordert ihr Funktionieren Einrichtungen. Hieraus resultieren die Notwendigkeit von Abkommen über internationale Marktinstitutionen mit dem Ziel der Expansion des Kapitals sowie vereinbarte Arrangements. Solche zentralen Einrichtungen sind diejenigen. Vor diesem Hintergrund haben die führenden Zentren das Ziel verfolgt. welche diese Zonen mit einer gemeinsamen Verrechnungseinheit und mit zwischenstaatlichen Zahlungsausgleichsmethoden für die verschiedenen Staaten in der Weltwirtschaft verknüpfen sowie Arrangements für die Finanzierung internationaler Transaktionen herausbilden.

den die Vereinigten Staaten errichteten. mit denen jedes Klubmitglied leben kann. Diese Mängel lagen weniger in den ökonomischen Institutionen selbst begründet. die sich verheerend auswirken sollten. Gleichzeitig werden diese Deals dann als Arrangements dargestellt. was aber in der Regel auf Kosten der zum Klub nicht Zugelassenen passiert. Die Zwischenkriegszeit war dann von der absoluten Unfähigkeit der kapitalistischen Zentren geprägt. nationalistischen.den U S A .154 Peter Gowan Solche spezifischen ökonomisch-institutionellen Arrangements existieren allerdings nur für begrenzte Zeiträume. darwinistischen. sondern wurzelten vielmehr in den politischen Mechanismen zur Behebung von Konflikten sowie in dem potenziell explosiven Mix aus militaristischen. die im Grunde genommen wie ein exklusiver Privatklub Abkommen aushandeln und sich Vorteile verschaffen. Diese Unfähigkeit hatte zahlreiche Zusammenbrüche auf allen Ebenen zur Folge: in der Politik. mit den Vereinigten Staaten und Japan in Randpositionen. die es erlauben.h. dass er diese unter seiner Führung wiederaufbauen und für die Konfrontation mit dem Sowjetblock und dem Kommunismus organisieren durfte. In der Zeit vor 1914 war dieser exklusive Klub auf die europäischen Großmächte beschränkt. da die Entwicklung der Weltwirtschaft einem konstanten Wandel unterliegt. d.war ein solch überwältigender Aufstieg über die zerstörten und finanziell ruinierten Kapitalismen an beiden Enden Eurasiens beschieden. innenpolitischen Kulturen. welche das universelle Wohlergehen der Menschheit als solche sichern. Aus dieser Gemengelage resultierte schließlich jene politische Konfiguration. einen größere Belastungsproben aushaltenden Privatklub zu bilden. in der Wirtschaft und in der Ideologie. Gleichzeitig wurden dabei die eurasischen Kapitalismen für 30 Jahre . Die Nachkriegsvereinbarungen waren danach das goldene Zeitalter der kapitalistischen Weltordnung: einem Staat . die monetären und Marktarrangements immer wieder neu auszuhandeln. dem Goldstandard und der imperialen Expansion in den Süden bei gleichzeitig ziemlich flexiblen Handelsregeln zwischen den zentralen Kapitalismen. und in diesem Kontext ist es die Machtpolitik. die diese Länder in Abhängigkeit von einem riesigen Militärapparat hielt. die den Ausschlag gibt. Aus diesem Grund besteht die wichtigste Aufgabe in der Schaffung politischer Mechanismen. So sind es die mächtigsten Zentren in der Weltwirtschaft. ohne den die durch immense soziale Spannungen geprägten Gesellschaften nicht hätten integriert werden können. Die internen Mechanismen dieses Klubs beinhalteten allerdings Mängel.

mag das System seit dem Zusammenbruch des Ostblocks einen ziemlich rüstigen Eindruck gemacht haben. In diesem System orientierten sich alle kapitalistischen Zentren zwecks ihrer ökonomischen und politischen Entwicklung nach innen.zumindest fürs erste . Diese positive Entwicklung . Beide wurden im Rahmen der Schaffung eines rechtlichen Rahmens für internationale Wirtschaftsaktivitäten in der WTO behandelt. in denen das Wachstum gering ausfiel (wie in Westeuropa) oder wo die Wirtschaft stagnierte (Beispiel Japan). Zudem ist es den Vereinigten Staaten gelungen.). die Kommunikations. Und trotz der wachsenden Spannungen und ökonomischen Probleme in diesem Großraum überlebte dieses politische Rahmenwerk bis zum Zusammenbruch des Ostblocks.Ü.und Informationstechnologie. die Auseinandersetzungen in den Führungszirkeln der USA über die Frage nach dem Führungsverlust der USA in der internationalen industriellen Arbeitsteilung zu mildern.d. Staatensystem und Weltordnungsfrage 155 zu den neuen Wachstumszentren des internationalen Kapitalismus. 2. die den Zustand der kapitalistischen Welt rein aus der Ökonomie ableiten. in der sie führend sind. Auch der heftige politische Konflikt zwischen Japan und den USA aus den 1980er Jahren hat sich entschärft.h.dazu beigetragen. und selbst in den Regionen des Zentrums.Weltmarkt. Der Zusammenbruch des Ostblocks und der Zerfall und die Demoralisierung der internationalen Arbeiterbewegungen hat sich für die kapitalistischen Klassen jeden Landes als äußerst vorteilhaft erwiesen. dass die Weltwirtschaft alles in allem leidlich funktioniert. Die allgemeinen makroökonomischen Indikatoren (wie zweifelhaft auch immer ihre Berechnungsmethoden vor allem bezüglich der Vereinigten Staaten sein mögen) legen nahe. die sich im Zeichen des so genannten Neoliberalismus vollzieht. In diesem Kontext wurde eine ziemlich dramatische Reichtumsumverteilung und gesellschaftliche Machtverschiebung zugunsten des Kapitals möglich. in die amerikanische Einflusssphäre bzw. in denen ihre Arbeiterklassen sowohl Konsumenten als auch Produzenten wurden. fallen momentan zumindest die Profitraten der Schlüsselkapitale sehr hoch aus. Die Hauptprobleme der »Klubgründung« heute In den Augen derer. den amerikanischen Großraum (im Original deutsch. Auch dies hat . eine neue Wachstumsbranche. während die USA die neuen Wachstumsbranchen schufen: Massenkonsumindustrien. A. und auch die transatlantischen Spannungen bezüglich des transatlantischen Handels haben sich gelegt. d. zu entwickeln.

156 Peter Gowan für die USA wird noch ergänzt durch den Siegeszug einer weiteren extrem dynamischen neuen Wachstumsbranche.positiv zumindest aus der Sicht der kapitalistischen Stabilität und von der Warte der amerikanischen Führungsposition . die Dauerhaftigkeit garantieren könnten. den Vereinigten Staaten. das sozusagen die Rolle der tragenden Säule jedweder internationalen kapitalistischen Wirtschaft sein muss: eine internationale Währungs. Kurzum. An ihrer Stelle haben wir etwas. Und doch sind diese positiven Merkmale der internationalen Lage heute . Dieses Arrangement sorgt für äußerst brisante und instabile Rahmenbedingungen bei der Durchführung internationaler kapitalistischer Aktivitäten. Das Fehlen eines solchen Gefüges ist die Haupttriebkraft hinter der internationalen Politik der Gegenwart und ist eine große Gefahrenquelle für die Stabilität und Integrität der Weltwirtschaft.h. Aus einer längerfristigen historischen Perspektive betrachtet ist das bemerkenswerte Kennzeichen der heutigen Situation das absolute Fehlen eines kohärenten Gefüges einer stabilen neuen Weltordnung. dem internationalen Finanzsektor. welche die gesamte Weltwirtschaft umgreift. d. basierend auf einer Übereinkunft zwischen den kapitalistischen Hauptzentren. dass die kapitalistischen . Eine Konsequenz dieses Systems ist. Stattdessen betreiben diese ihre Aktivitäten mit der Währung eines einzelnen kapitalistischen Staates. »gehorcht«. das wir als ein imperiales Dollarsystem bezeichnen könnten und das sich auf die zentrale Bedeutung der Wall Street und der Londoner Börse im Finanzsektor stützt.und herschwankt. Probleme in der internationalen politischen Ökonomie Das Dollar-Wall-Street-Regime Dem kapitalistischen Zentrum mangelt es schon seit den 1970er Jahren an einem stabilen Vertragsgefüge. da der Wechselkurs des Dollars zu anderen Währungen wild hin. einer Weltordnung im Sinne der eingangs beschriebenen Ad-hoc-Totalität.und Finanzarchitektur. die Vereinigten Staaten bleiben offenkundig das Zentrum sowohl in der internationalen politischen Ökonomie als auch in der internationalen Politik.allesamt temporär und weisen keine tiefgreifenden Wurzeln auf. die ausschließlich den makroökonomischen Interessen ihres Ursprungslandes. In diesem System mangelt es den internationalen kapitalistischen Akteuren an einer stabilen internationalen Währungseinheit. in dem die Führung der amerikanischen Finanzakteure genauso für jedermann ersichtlich ist.

Bankdarlehen aufnehmen oder Kredit/Schulden-Arrangements aushandeln etc. Allerdings lösen solche Derivatverträge das Problem des internationalen Handels nicht wirklich. das die beiden Enden der eurasischen Landmasse unabhängig vom Dollar miteinander verknüpft. so genannte transplant Investments in anderen Zentren vorzunehmen.) der fortbestehende Unwille der eurasischen kapitalistischen Hauptzentren. wie es in den letzten Jahren sehr deutlich unter Belastungsproben aller Art litt.und Finanzregime zu konstruieren. (2. mit Forderungsrechten besicherte.) die Auseinandersetzungen über die bestehenden enormen Zahlungsungleichgewichte und . und (3. ihren Handel mit diesen Waren in Dollars zu betreiben.a. um die aus den Wechselkursschwankungen resultierenden Risiken zu mildern. Gleichzeitig konnte man beobachten. ein eigenes internationales Währungs. dem Dollar als Handelswährung den Rücken zu kehren. sich bei all ihren internationalen ökonomischen Operationen gegen Wechselkursschwankungen abzusichern.wie sich zeigen könnte . Für den Augenblick besteht das Dollar-Wall-Street-Regime ohne einen unmittelbar erkennbaren Herausforderer fort.insbesondere der Ölwirtschaft -. festverzinslich strukturierte Wertpapiere ausgeben.) die Weigerung der ostasiatischen Finanzbehörden nach 2002. oder auch die Notwendigkeit von Transferpreissetzungen. Staatensystem und Weltordnungsfrage 157 Unternehmen dadurch gezwungen werden.) die weiterbestehende Bereitschaft der hauptsächlichen Warenproduzenten .) der Fortbestand der Zentralität des amerikanischen Gütermarktes für das ökonomische Wachstum in weiten Teilen des übrigen Teils der Weltwirtschaft. was ein Anzeichen für Spannungen ist. Dieses aus der Sicht der internationalen kapitalistischen Wirtschaft äußerst dysfunktionale Währungssystem beruht nun auf dem Fortbestand einer Reihe von Umständen und Begebenheiten. Ähnliches kann gesagt werden für (1.nicht auf Dauer am Leben erhalten werden können: (1. (3. die . und (4. Dies hat dann wiederum eine ganze Reihe von weiteren Veränderungen im modus operandi der Weltwirtschaft zur Folge gehabt.Weltmarkt. da sie nur eine Laufzeit von sechs Monaten haben.) die Zentralität der Wall Street und Londons als die Hauptzentren der Werteeinlagerung (value storage) und ihre Funktion als finanzielle Clearinghäuser der Weltwirtschaft. (2. ein Absinken des Dollarkurses hinzunehmen.) die zwischen 2001 und 2003 artikulierten Andeutungen einiger Ölproduzenten. den Aufbau eines eurasischen Währungsregimes ins Auge zu fassen. Hierzu zählen die Bereitschaft der europäischen und japanischen Politikgestalter. Hierzu gehören u. indem sie Derivatverträge über ausländische Währungen abschließen. die Notwendigkeit für Unternehmen.

bei dem es im Kern darum geht. Tatsächlich ist das angestrebte Ziel. sich über den industriellen Kapitalismus »zu erheben« Ungeachtet des Erfolgs des von den U S A angeführten informations. sondern auch für Absatzmärkte. dass man seit den 1970er Jahren politisch auf eine Vermögens. Denn der Durchbruch in dieser neuen Wachstumsbranche war zu großen Teilen das Ergebnis amerikanischer staatlicher Industriepolitik und war abhängig von umfangreichen staatlichen Subventionen für Forschung und Entwicklung und von der Ankurbelung der Wirtschaft durch Staatsaufträge.und Einkommensumverteilung zugunsten der Unternehmerklasse und zuungunsten der Arbeiterklasse drängte. Stattdessen hat es den Aufstieg eines neuen Typus von Rentierkapitalismus befördert. denn hier entsteht in der Folge des Aufstiegs von China ein neues Wachstumszentrum nicht bloß für Investitionen und billige Arbeitskräfte. ob die Kosten für die Abmilderung dieser Ungleichgewichte von den eurasischen Ökonomien durch Wechselkursbewegungen oder von der amerikanischen Ökonomie durch Hinnahme einer tiefen Rezession geschultert werden sollten. den industriellen Sektor in den U S A dadurch wiederzubeleben. nicht Wirklichkeit geworden.158 Peter Gowan die hieraus resultierende Frage. im Interesse des Geldkapitals . Schließlich zeichnet sich am Horizont ab.und kommunikationstechnologischen Sektors ab den 1990er Jahren ist heute die industriell-technologische Führerschaft im Zentrum heute gestreut.und Kommunikationstechnologie in vielerlei Hinsicht eher als die Ausnahme angesehen werden. Dies gilt insbesondere für Asien. dass der amerikanische Absatzmarkt seine makroökonomische Bedeutung für andere Wirtschaften verlieren könnte. vermittels ihres politischen Einflusses sich die Unterstützung der Zentralbanken und Finanzministerien der anderen kapitalistischen Kernländer für dieses System zu sichern. wenn man die gegenwärtige Situation mit den 1950er Jahren vergleicht. Im Augenblick schützt das Dollar-Wall-Street-Regime allerdings noch jene unerschütterliche Säule ihrer langfristigen Robustheit. Ein Zusammenbruch des Dollar-Wall-Street-Regimes würde sich auf die amerikanische Wirtschaft verheerend auswirken und käme einer ziemlichen Gefährdung der Integrität der US-zentrierten internationalen politischen Ökonomie gleich. Amerikas Verlust der Führungsposition in Sachen industrieller Arbeitsteilung und der Versuch. nämlich die politische Macht der Vereinigten Staaten und deren Fähigkeit. Tatsächlich kann der Durchbruch in der Informations. welche die Regel des Zerfalls des Industriekapitalismus in den U S A bestätigt.

Ganz im Gegenteil.h. Ein augenfälliges Moment dieses Trends sind die Spannungen zwischen den unmittelbar aus den Fusionen oder Übernahmen entspringenden Ausschüttungen an die Shareholder (um gar nicht erst von den Ausschüttungen an die bei diesen Operationen involvierten Finanzdienstleister zu sprechen) sowie den strategischen Aussichten der Industrieunternehmen. Und doch hat diese Tatsache dem allgemeinen Trend keinen Abbruch getan. d. zwischen den 1930er und den 1970er Jahren. der Hedge. und zwar im Zuge des entstehenden Marktes für fremdkapitalfinanzierte Unternehmensübernahmen.W e l t m a r k t . bestand eine bemerkenswerte Kontinuität in industriellen Firmen in den Vereinigten Staaten und der Markt für industrielle Wertbestände war im Grunde genommen eine Restgröße mit bankrotten Firmen.und Privat-Equity-Fonds in diesen Bereich. Im Falle Europas hat das europäische Binnenmarktregime ferner die Rahmenbedingungen für einen Markt von der Größenordnung der Verei- . unrentable Bereiche stillzulegen und industrielle Vermögenswerte zwecks der Erzielung kurzfristiger eigener Shareholdergewinne abzustoßen oder aufzukaufen. Vielmehr haben die Vereinigten Staaten diesen neuen Rentierkapitalismus auch in den kapitalistischen Zentren jenseits des Atlantiks und Pazifiks befördert und eine Umstrukturierung deren Kapitalismen nach ihrem eigenen Vorbild angestrebt. In der Phase des industriekapitalistischen Aufstiegs in den Vereinigten Staaten. In seinem Buch über die Geschichte des Industriekapitalismus in der atlantischen Welt sieht Alfred Chandler diesen Trend schon in den frühen 1960er Jahren einsetzen. die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrieunternehmen wiederherzustellen. sich im industriellen Wettbewerb zu behaupten. Gleichzeitig haben sowohl der europäische (insbesondere der deutsche) und der japanische Kapitalismus weiter daran gearbeitet. und damit mit dem Eintreten der Wall-Street-Investmentbanken. die Wirtschaftssysteme in diesen Ländern so auszurichten. Dieser Trend beschleunigte sich in den 1980er Jahren. sondern beschränkten sich darauf. Staatensystem und Weltordnungsfrage 159 kurzfristige Gewinne aus dem industriellen Sektor abzuschöpfen. um die es dabei geht: So haben es große Teile der neufusionierten Einheiten in der Folge versäumt. Man kann diesen Trend unter anderem als die Entstehung eines freien Marktes für industrielle Unternehmen verstehen. dass in ihnen industrielle Modernisierung und die Eroberung der Weltexportmärkte funktionieren können. Im Zuge der sich verschärfenden industriellen Konkurrenz durch japanische und europäische Unternehmen versuchten viele Unternehmensführungen schließlich gar nicht erst.

h. hat sich die makroökonomische Politik Japans und Deutschlands weiterhin an der binnenökonomischen Maßgabe der Deflation und dem Außenwirtschaftsziel der Handelsüberschüsse und Exporterfolge orientiert. als sie es jemals zuvor war. die kapitalistische Gesellschaft in toto entlang des Rentiermusters umzustrukturieren. dann wird sich die Arbeiterklasse in einer Position der viel totaleren Marktabhängigkeit wiederfinden. Während die makroökonomische Politik der U S A entlang des Wachstums in der nachfragegeleiteten Binnenkonsumwirtschaft orientiert war und dabei typischerweise ein Hauptaugenmerk auf den nicht gewerblichen Sektor und hierbei insbesondere den Immobilienmarkt richtete. weil es vom amerikanischen Absatzmarkt abhängig ist). Im letzten Jahrzehnt hat dieses Projekt in der angelsächsischen Welt auf der makroökonomischen Ebene bedeutende Erfolge feiern können. insbesondere die Rente.und zwar nicht allein hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes. bei dem es darum geht. könnte die anhaltende dynamische Entwicklung des ostasiatischen Wirtschaftsraums (allen voran die der chinesischen Wirtschaft) in absehbarer Zukunft Japan ein alternatives Umfeld für seine industrielle Expansion liefern. sondern auch im Hinblick auf Sozialleistungen. Und während Japan vorerst zwar eine solche autonome Marktbasis vermissen lässt (was Japan für den äußerst wirksamen Wirtschaftskrieg der U S A verwundbar macht. d. die Gesundheitsfürsorge und die Hochschulbildung. ist das Wirtschaftswachstum in zunehmendem Maße von einem Boom im nicht gewerblichen Sektor abhängig. Diese Trends verlaufen nun parallel zu den Konfigurationen der makroökonomischen Wirtschaftssteuerung. Wir haben es hier mit einem Vorstoß zu tun. die Lohnabhängigen direkt von der Performance der Wertpapiermärkte abhängig zu machen . Während die Wettbewerbsfähigkeit in angloamerikanischen Firmen mit steigender Tendenz in Richtung Kostenverringerung gezielt hat.160 Peter Gowan nigten Staaten geschaffen. von Industrien. Das angelsächsische Projekt eines neuen Rentier-Gesellschaftssystems Die Entstehung der neuen Kapitalismusform des Rentierkapitalismus hat in den 1990er Jahren den Aufstieg eines neuen angelsächsischen Projektes begünstigt. welche die binnenökonomischen Konsumentenmärkte versorgen und nicht exportwirtschaftlich tätig sein . Ist dieses Projekt erfolgreich zu Ende geführt. In diesem Sinne korrespondieren die amerikanischen Zahlungsbilanzdefizite und die steigende internationale Verschuldung der U S A mit diesen deutschen und japanischen Überschüssen.

Die mit ihm so eng verknüpfte steigende Verschuldung der Privathaushalte gerät allmählich an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und Gleiches gilt für die Leistungsbilanzdefizite all jener Länder. dass die Kosten für Renten. d. nämlich den hohen Grad an privatem Hauseigentum. Hierfür ist die Beibehaltung diversifizierter und integrierter Industriestrukturen und die Erhaltung der Kapazitäten für einen langfristig-strategischen Investitionsansatz im industriellen Sektor notwendig. auf Widerstand gestoßen.Weltmarkt.h. Dabei hat man sich die Rentieraspekte im Alltag breiter Teile der Arbeiterschaft in der angelsächsischen Welt zunutze gemacht. indem man die Sparquote der privaten Haushalte senkte und gleichzeitig Anreize für eine zunehmende Verschuldung dieser privaten Haushalte schuf. Auf einer mehr strukturellen Ebene impliziert das Rentierprojekt. Eben genau dieser Zusammenhang ist der Kern der wirtschaftlichen Aufschwünge in den Vereinigten Staaten. Gesundheit und Hochschulbildung den Privathaushalten aufgebürdet werden. Großbritannien. Staatensystem und Weltordnungsfrage 161 können. Hieraus ist ein Widerspruch zwischen dem Drängen auf niedrigere Löhne. Die Quadratur des Kreises bewerkstelligte man. in Deutschland und in Japan. So gelang es den angelsächsischen Kapitalismen. indem die Arbeiter ihre Häuser mit neuen Hypotheken belasten konnten. den japanischen Kapitalismus um- . dass solche Investitionen ihre Gesundheitsfürsorge und Renten für die Zukunft absichern. Die Schlacht um die Marktstrukturen im kapitalistischen Zentrum Dieses angelsächsische Projekt und sein Ziel der Umstrukturierung des kernkapitalistischen Gefüges ist in den anderen Hauptzentren des Kapitalismus. vermittels der Förderung eines Booms im Immobiliensektor und des gleichzeitigen umfangreichen Angebots von historisch niedrigverzinsten Krediten Finanzmittel aus den Hausbesitzvermögen zu extrahieren. Allerdings scheint sich dieses Projekt nicht aus eigenem Antrieb am Leben erhalten zu können. und diese Mittel dann in den konsumbasierten binnenökonomischen Boom zu kanalisieren. Australien und Neuseeland im vergangenen Jahrzehnt. die in Rentiersaktivitäten aktiv sind und die Fonds der Versicherungsindustrie auffüllen und dabei hoffen. Uber einen Zeitraum von 20 Jahren haben die Vereinigten Staaten einen unbarmherzigen Vorstoß unternommen. Beide Zentren sind bis heute im Kern Industriekapitalismen geblieben mit dem Ziel des Industrieexports und der Verteidigung ihrer Führungsposition in Sachen industrieller Wettbewerbsfähigkeit. Kaufkrafteinschränkungen und der gleichzeitigen Abhängigkeit von einem Anstieg des Massenkonsums für das Wirtschaftswachstum entstanden.

Und dennoch: Ungeachtet dieses nicht nachlassenden Drangs. wenn denn die Hauptzentren des Systems in einem stabilen und politisch kohärenten Klub zusammengeschlossen wären. in Japan eine feindliche Übernahmekultur zu etablieren. alle Beteiligten in einer neuen . da die deutsche Wirtschaft einen großen Gütermarkt in der Europäischen Union besitzt. Dieser Versuch wurde durch die lange Abhängigkeit der japanischen Wirtschaft vom amerikanischen Gütermarkt begünstigt. Die hieraus resultierende Pattsituation ist nun wiederum keine rein ökonomische Frage. Trotz der erfolgreichen Angriffe Vodafones auf Mannesmann im Jahr 2000 und trotz des Vorstoßes US-amerikanischer Investmentbanken. der in der Lage wäre. Die US-Kampagne gegen Japan in den 1980er und 1990er Jahren implizierte die Auferlegung regulierter Handels. eine von Erfolg gekrönte und durch europäische Hilfe zustande gekommene Kampagne zur Benachteiligung japanischer Banken (vermittels des Baseler Bankenregimes) und einen ebenfalls erfolgreichen Versuch. Das ist aber nicht der Fall. Bankenund Industriestrategie sowie die Keiretsu-Verbindungen zwischen den Industrieunternehmen und den Banken zu beenden. nämlich die Frage nach der Legitimität verschiedener kapitalistischer Gesellschaftsmodelle und Staatstypen. Im Falle Deutschlands ist diese Abhängigkeit dagegen deutlich geringer ausgeprägt. haben weder der japanische noch der deutsche Kapitalismus das angelsächsisch-rentierkapitalistische Modell übernommen.162 Peter Gowan zustrukturieren. dass es in absehbarer Zeit nicht zur Entstehung eines solchen Klubs kommt. haben diese beiden Staaten der Entwicklung eines freien Marktes für Industrieunternehmen erfolgreich widerstanden und sich eine wirksame Binnenkontrolle über ihre Industriestrukturen erhalten. Und es ist absolut nicht auszuschließen. das Drängen auf eine Zulassung amerikanischer Akteure im japanischen Finanzsektor. den japanischen Kapitalismus umzustrukturieren. Der Mangel an einem kohärenten Klub Diese Probleme in der internationalen politischen Ökonomie des Gegenwartskapitalismus wären einigermaßen leicht zu behandeln.und regulierter Produktionsbeziehungen für eine ganze Reihe von japanischen Industriebranchen. Auch der Weichenstellung in Richtung eines an die »Rentierisierung« der Arbeiterklasse gekoppelten konsumbasierten Booms haben sich Japan und Deutschland widersetzt. die enge japanische Koordination von Regierungspolitik. bei der es sich um die Wettbewerbsbedingungen zwischen verschiedenen Kapitalen dreht. Es handelt sich dabei vielmehr um eine tiefgreifend politische Frage.

bekämpften. Gleichzeitig verankerte sich die militarisierte amerikanische politische Ökonomie mit tiefen Wurzeln in der Binnenstruktur der U S A und sicherte sich so die innenpolitische Unterstützung für die expansionistische Tendenz des amerikanischen Kapitalismus. Im selben Atemzug stellte die anhaltende militarisierte Konfrontation mit dem Ostblock sicher. um ihre eigene Sicherheit zu gewährleisten. besaß die politische Vorherrschaft der U S A über die Länder des Zentrums einen weiteren stabilisierenden Baustein. Der abgeschwächte Schutzmachtstellenwert des amerikanischen Militärapparats für die US-amerikanische Führung des Zentrums Die Differenzen und realen oder potenziellen Spannungen in der internationalen politischen Ökonomie wären nicht zwangsläufig mit einer Krise der Weltordnung gleichzusetzen. wenn sie durch ein robustes internationales Rahmenwerk amerikanischer geopolitischer Kontrolle in Grenzen gehalten würden. Ein solches Rahmenwerk bestand zurzeit des Kalten Krieges. als das amerikanische Militär und ihre Geheimoperationsressourcen auch den Süden weltpolizeilich überwachten und dort antikapitalistische oder radikale nationalistische Regimes und Bewegungen. Staatensystem und Weltordnungsfrage 163 Ad-hoc-Totalität zum Steuern des Systems zu organisieren. Im Folgenden werde ich kurz die Ursachen dieser Sackgasse behandeln. in dem Bewusstsein. dass die zentrale Stellung der US-amerikanischen Wirtschaft für den Rest des Zentrums gesichert blieb. So beschäftigte das amerikanische Verteidigungsministerium 2006 unmittelbar . Diese innenpolitische Bedeutung der militarisierten politischen Ökonomie hatte auch über das Ende des Kalten Krieges hinaus Bestand. da die politische Gegnerschaft zur kommunistischen Welt die deutschen und japanischen Kapitalisten dazu zwang. Dabei spielte der Wehretat der U S A eine zunehmend wichtigere Rolle für die Erneuerung der hochtechnologischen Führerschaft der Vereinigten Staaten. In einem solchen Kontext konnten die Vereinigten Staaten das Dollar-Wall-Street-Regime aufbauen und sich zufrieden zurücklehnen. welche die Investitionen des Zentrums dort gefährdeten. ihre Akkumulationsraumstrategien nach innen in das amerikanisch kontrollierte Zentrum zu richten. dass die eurasischen kapitalistischen Kernländer auf die amerikanische Militärmaschine angewiesen blieben. Auf diese Weise spielte der gigantische Militärapparat der U S A eine funktionale Rolle für die amerikanische Vormachtstellung in der kapitalistischen Weltordnung des Kalten Kriegs. Und insofern. da er hierfür als Transmissionsriemen diente.Weltmarkt.

6 Mio.000 Metern praktisch monopolisiert. die qua ihres Status Transferleistungsbezieher des Verteidigungsministeriums sind.000 Beschäftigte der Veterans Administration. für welche die amerikanische Militärmacht schlecht gerüstet ist. auch besitzen . wie Japan sich zunehmend in Richtung China orientiert. Hinzu kommen noch einmal 230. dass jeder Amerikaner mit einer finanziellen Anbindung an das Verteidigungsministerium einem Haushalt mit durchschnittlich einer weiteren wahlberechtigten Person angehört. Kriegsveteranen. Weitere 3. amerikanischen Wählern. Menschen waren im Dienst von Kontraktoren des US-Verteidigungsministeriums tätig. Und doch ist es ein auffallendes Merkmal des heutigen US-militärischen Apparats. Die militärische Schutzmachtfunktion der USA in Europa ist im Grunde genommen in sich zusammengefallen und auch in Ostasien ist ihre bleibende Wirksamkeit ambivalenter und spannungsgeladener geworden. Gleichzeitig haben aus der Sicht der spezifisch kapitalistischen Machtinteressen des amerikanischen Staates der Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer kommunistischen Verbündeten die politische Bedeutung des Militärapparats untergraben. und tatsächlich ist es denkbar. denn der südkoreanische Kapitalismus hat seine Aktivitäten massiv in Richtung eines Handels mit China selbst orientiert. Freilich bleibt es dabei. Und während die amerikanische militärische Schutzmachtfunktion für Japan weiterhin bedeutsam ist. Und was die Funktion der USA im Verhältnis zu Taiwan ist.143 Mio. dass der US-amerikanische Militärapparat seine Bedeutung als ein Apparat zur U n terdrückung von antikapitalistischen Bewegungen und Regimes in dieser Region beibehält. Alles in allem hat man es hier also mit einer Gesamtbeschäftigtenzahl von 5. Im Falle des südkoreanischen Kapitalismus ist die Legitimität des militärischen Schutzes durch die USA stark untergraben worden sowohl hinsichtlich Nordkoreas als auch Chinas. dass die bis in die entlegendsten Regionen reichenden Investitionen des kapitalistischen Zentrums an ihren Investitionsstandorten im Süden von nationalen Kräften bedroht werden können.973 Mio. und nehmen wir weiter an. dass dies der Ansicht Auftrieb verleiht. die finanziell mit dem amerikanischen Militärestablishment verknüpft sind. Menschen zu tun. werde ich für den Augenblick hintanstellen und weiter unten erörtern. dann kommen wir auf eine Zahl von ungefähr 60 Mio. Die Vereinigten Staaten haben die militärische Kontrolle der Ozeane. des Weltalls und des Luftraums oberhalb von 5. haben sich in dem Maße. auch hier neue und belastende Ambivalenzen ergeben. Zählen wir hierzu noch die 25 Mio. Menschen. Das entspricht mehr als 4% der Summe aller Beschäftigten in den USA.164 Peter Gowan 2. dass dies genau jene Funktion ist.

Weltmarkt. scheinen sehr effektiv in der Lage zu sein. Und solche Städtekriege fordern den amerikanischen Bodentruppenkapazitäten einen unhaltbaren Blutzoll ab. das Vertrauen der anderen kapitalistischen Zentrumsstaaten zu gewinnen und die starke diplomatische Führungsrolle der Vereinigten Staaten gegenüber den anderen Zentrumsstaaten zu sichern. Allerdings reicht diese Kapazität beileibe nicht aus. bei kriegerischen Auseinandersetzungen in Küstennähe und vor allem in Bodenkriegen in Urbanen Räumen oder Dschungel. Unterhalb der 5.B. das in seiner Form der Gefechtsmacht mit der amerikanischen Militärmaschine identisch ist. Ebenen und Wüsten. Paradoxerweise mangelt es dem gigantischen Militärapparat der U S A in den Urbanen Zonen des Südens somit an Glaubwürdigkeit als eine wirksame Polizeimacht im Namen der übrigen Länder des kapitalistischen Zentrums.und Bergregionen jedoch ist ihre uneingeschränkte Vorherrschaft keineswegs unangetastet. Radikale politische Kräfte. die ihre politische Basis bei den städtischen Armen besitzen. De facto sind wir heute im Besitz von zahlreichen Hinweisen auf diese maßgebliche Schwäche der politischen Funktionalität des gigantischen Militärapparats der Vereinigten Staaten. Viel besser ist der amerikanische Militärapparat dafür gerüstet. Wir befinden uns also in einer Situation. in denen kriegerische Auseinandersetzungen mit antikapitalistischen oder radikalen nationalistischen Kräften aller Wahrscheinlichkeit nach stattfinden würden. Die Annahme der Bush-Regierung. sich der amerikanischen Militärmacht erfolgreich zu widersetzen. wie z. Das zeigt sich bei den Urbanen Aufständischen in den irakischen Städten und im militärischen Erfolg der Hisbollah in ihrem Widerstand gegen das israelische Militär. Hier kann die Macht seiner Luftstreitkräfte eingesetzt werden. dass das Misstrauen gegenüber der amerikanischen außenpolitischen Strategie vergrößert und die diplomatische Machtstellung der Vereinigten Staaten geschwächt worden ist. in der sich die weiterhin bestehende massive Binnenlogik des riesigen Militärapparats in den Vereinigten . verheerende Erschütterungen des Zivillebens und der ökonomischen Aktivitäten am Boden vor Ort zu verursachen.000-Meter-Marke. hat sich als irregeleitet erwiesen. Staatensystem und Weltordnungsfrage 165 sie überwältigende Vorteile im Bereich des Bodenkriegs in offenen Zonen. dass der unilaterale Einsatz ihrer Militärmacht gegen ein außerhalb des Zentrums liegendes und als Angriffsziel auserkorenes Land den Rest des kapitalistischen Zentrums hinter sich scharen würde. kapitalistische Regimes mit ausgeprägten zivilen Infrastrukturen in die Knie zu zwingen. Stattdessen hatte sie zum Ergebnis. Dabei sind es exakt diese Räume.

166 Peter Gowan Staaten nicht in die wirksame Waffe übersetzt hat. war seinerzeit eine Quelle verbitterter Proteste von Seiten der westeuropäischen Staaten. wie z. unter der Vorherrschaft der westeuropäischen EU-Staaten. um in Zentral. bei denen es auf Kompromisse zwischen Insidern in einer ganzen Reihe von potenziell konfliktträchtigen Themen ankommt. Die EUInstitutionen wurden genutzt. Bühne frei für die neuen Aspiranten des Eintritts ins Zentrum: Russland und China Angesichts der Tatsache. das KyotoProtokoll. die Internationale Handelskammer ( I C C ) oder Rüstungskontrollen. sondern blieb im Rahmen der N A T O rein formell unter der Kontrolle der USA. die bei den anderen kapitalistischen Zentren für Zuspruch sorgen. Initiativen ins Leben zu rufen.und Osteuropa einen abhängigen Großraum (im Sinne des eingangs beschriebenen deutschen Begriffs) zu schaffen. die qua amerikanischer Militärmacht die politische Kohäsion des Zentrums erzwingt. Die Entscheidung der Vereinigten Staaten. Das dramatischste Anzeichen für dieses Problem war die mögliche Entstehung eines neuen Typs von Einflusssphäre und eines neuen Typs von internationaler Politik. Zwar gelang es der Bush-Administration. . Hierfür diente der EU ihre Fähigkeit. dass die Versuche der USA. dass kapitalistische Weltordnungen die Form von Ad-hoc-Totalitäten annehmen. die den politischen Stellenwert der amerikanischen Militärmacht verringern oder eindämmen und die U S A in die politische Defensive drängen sollten. Dabei war dies keine exklusive Sicherheitszone. Japan in den frühen 1960er Jahren die volle Klubmitgliedschaft zu garantieren. doch bleibt die Tatsache bestehen. ist der Eintritt von neuen Mitgliedern in diesen Weltordnungsklub eine Quelle von sehr heftigen Spannungen. Und die Hinwendung Russlands und Chinas zum Kapitalismus erweist sich auch eine Quelle von ziemlich wahrscheinlich zunehmenden akuten Spannungen. die aus dem Kalten Krieg überlieferte Form der zentrumsübergreifenden politischen Kohäsion aufrechtzuerhalten. de facto der EU vermittels ihres britischen Satellitenstaates Großbritannien und der mittelosteuropäischen Klientenstaaten (vor allem Polen) die Suppe zu versalzen und ihre politische Initiative zu paralysieren. Uberhaupt ergriff die Europäische Union eine Reihe von weltpolitischen Maßnahmen. So treibt auch die N A T O in einem ziemlichen Kuddelmuddel ziellos dahin. auf wackligen Beinen stehen. den man in den 1990er Jahren in der europäischen Peripherie entwickelte. und doch entstand hier eine genuin politische Einflusssphäre.B.

ging ebenfalls als Schuss nach hinten los. All dies bedeutet für die Bestrebungen der Vereinigten Staaten. beherrscht von Oligarchen. Russlands NichtMitgliedschaft in der WTO als Hebel zur Gefügigmachung der russischen Regierung zu verwenden. zu gewährleisten.und anderer Warenpreise erlaubten es Putin. Das russische Wirtschaftsregime wurde in diesem Zuge auf breiter Front den westlichen Unternehmen und ihrem Erwerb von russischem Eigentum sowie für westliche Finanzakteure geöffnet. Damit waren schließlich die Weichen des russischen Kapitalismus so gestellt. den russischen Kapitalismus intern umzustrukturieren. gewaltige Rückschläge. die kapitalistische Transformation Russlands so zu gestalten. die Binnenökonomie wiederzubeleben und Russlands industrielle Struktur zu reorganisieren. indem die Nicht-Mitgliedschaft Putin erst freie Hand ließ. Zudem hat diese Politik Washingtons große Spannungen innerhalb der EU verursacht. Dieser Vorstoß kam jedoch gegen Ende der 1990er Jahre zu einem Halt . Staatensystem und Weltordnungsfrage 167 In den 1990er Jahren richtete die Clinton-Administration große Aufmerksamkeit darauf. Washington unterstützte in Russland mit großem Eifer die Entstehung einer Form von »Ganovenkapitalismus« und damit einhergehend die korrupte Privatisierung russischer Vermögenswerte in den Händen von Oligarchen mit engen Verbindungen zu angloamerikanischen Unternehmerinteressen. Der Versuch des Yukos-Konzernchefs Chodorkowsky (dessen Vorstandsabteilung einige ehemalige Mitglieder der Clinton-Administration angehörten). Russland als einen starken.Weltmarkt. integrierten und fortgeschrittenen Industriekapitalismus wiederaufzubauen.zunächst mit der russischen Schuldenkrise von 1998 und dem damit zusammenhängenden Währungszusammenbruch und dann schließlich mit dem Machtantritt Putins 1999/2000 und der Bestimmtheit der neuen russischen Regierung. Versuche von Seiten der USA. dass der neue russische Kapitalismus so strukturiert wurde. dass Russland im Ergebnis in eine subalterne und abhängige Stellung gebracht würde. und zwar zwischen einem deutschen Kapitalis- . die ihre gigantischen Einkommen aus den Eigentumswerten an insgesamt sinkenden Rohstoffressourcen schöpfen. dass dieser als eine seltsame Erscheinung mit quasi saudi-arabisch-rentierkapitalistischen Zügen entstehen konnte. ging als Schuss nach hinten los und der Anstieg der Öl. Russlands Staatsschulden zu verringern. eine politische Alternative zu Putin auf die Beine zu stellen. Im selben Atemzug wurde der russische Staat durch die rapide Auftürmung von Schulden in eine abhängige Stellung zu den westlichen Finanzzentren gebracht. ohne dabei auf WTO-Restriktionen achten zu müssen. dass er in eine untergeordnete und von den USA abhängige Stellung geraten würde.

auf der einen Seite und anderen west. subalterne und innenpolitisch desintegrierte Zone zum Austoben der anderen Kapitalismen tut.und Weiterbildung des Gesamtarbeiters. Mit einem 20% überschreitenden Anteil an der Weltbevölkerung ist China zweimal so groß wie das kapitalistische Zentrum am Ende des 20.168 Peter Gowan mus.das Bruttoinlandsprodukt Chinas heute schon beinahe so groß wie das Deutschlands und gleichzeitig bleibt Chinas gesellschaftlich-politische Kohäsion erhalten. dann wird dies die gesamte Dynamik des internationalen Kapitalismus in allen seinen Bereichen . So würde ein sich dynamisch entwickelnder russischer Industriekapitalismus in einer anderen Liga spielen als die anderen europäischen Kapitalismen und gleichzeitig die ihn umgebenden Ökonomien. Diese belohnen sowohl den Grad der autonomen Marktbasis für Kapitale als auch den Grad der öffentlichen Ressourcen für die effektive Aus. Selbstverständlich bleibt hierbei die entscheidende Frage. Die Aussicht auf ein anhaltendes Wachstum der chinesischen Wirtschaft in den kommenden 20 Jahren markiert eine fundamentale Herausforderung der gesamten Struktur des Weltkapitalismus. der USA. oder ob sie dies als eine gebrochene. unabhängige Kraft eingeht. Jahrhunderts zusammengenommen. die Bevölkerung im Inland auf eine stabile Weise in diese kapitalistische Entwicklung einzubinden. ist freilich noch gewaltiger als die russische Herausforderung.dramatisch umschichten. in Reichweite des deutschen Kapitalismus bringen. wenn man die Bedeutung von Skalenökonomien und learning economies für die kapitalistisch-industrielle Entwicklung im Allgemeinen betrachtet. die größer ist als die Bevölkerungszahl der mit Abstand größten kapitalistischen Ökonomie des 20. der die industrielle Stärke besitzt. Die Herausforderung.und Chinafrage nicht mehr die Kalte-Kriegs-Formel der Ein- . Der Charakter der langfristigen Herausforderung. U n d wenn es dem chinesischen Staat gelingen sollte. Vor diesem Hintergrund kann der Politikansatz der Vereinigten Staaten zur Russland.(und mitteleuropäischen Mitgliedsstaaten der EU auf der anderen Seite.den meisten Schätzungen zufolge .der Politik. insbesondere diejenigen der ehemaligen Sowjetrepubliken. die China verkörpert. die China darstellt. der Wirtschaft und der Kultur . Und doch ist . Jahrhunderts. mit Russland an seiner Entwicklung zu arbeiten. ob die politische Ökonomie Chinas ihre Verbindung mit der Welt als eine integrierte. Allein die bis heute noch weitgehend staatskapitalistische Ökonomie entlang der chinesischen Küstenregion umfasst eine Bevölkerung. Der Hauptgrund hierfür liegt in der schieren Größe Chinas. zeigt sich besonders deutlich.

Die amerikanische Strategie scheint allerdings unwirksam und extrem widersprüchlich zu sein. die politische Kontrolle über einen Großteil der globalen Ölressourcen und Ölhandelsrouten zu erlangen.gescheitert. eigene autonome Einflusssphären und kapitalistische Expansionszonen in ihrer geographischen Umgebung zu errichten. Russland und China geopolitisch so einzuschachteln. dass China die ökonomische Entwicklungsrichturig durch Investitionsplanung beibehält. wirksamen Druck auf den chinesischen Staat auszuüben.zumindest für den Augenblick .Weltmarkt. Staatensystem und Weltordnungsfrage 169 dämmung sein. Das beinhaltet erstens das Bestreben. um damit in der Lage zu sein. Unter diesen Bedingungen lautete die amerikanische Formel bisher nicht »Con-tainment«. Gleichzeitig besteht für die USA die Gefahr. enge wirtschaftliche Verbindungen mit seinen Nachbarn aufzubauen. dass die chinesische Taktik. welche die Kapitalismen des Zentrums magisch anziehen: Russland ist ein Energielieferant und ein potenzielles neues Wachstumszentrum für die kapitalistische ökonomische Expansion und China ist das prinzipiell neue Wachstumszentrum der Weltwirtschaft als solcher. was bedeutet. nämlich zu einer Stärkung des national(istisch)en Zusammenhalts des Regimes. Dabei sichert China seine makroökonomische Stabilität ab. Dieser Prozess zeigt sich heute schon mit besonderer Deutlichkeit im Fall von Südkorea. Wenn es hierbei . Dies allerdings führt eher zum gegenteiligen Effekt. dass sie nicht in der Lage sind. China ist heute das mit Abstand bedeutendste neue Wachstumszentrum der Weltwirtschaft. Und schließlich haben die USA den Versuch unternommen. indem es Kapitalkontrollen und eine effektive zentrale Kontrolle über sein Bankensystem behält. Zweitens zielt diese Politik darauf ab. die darin besteht. sondern »Enter-tainment«. Zugang zu den inneren gesellschaftlichen Systemen beider Länder zu erlangen und diese dann so umzustrukturieren. China in der Taiwanfrage offen zu konfrontieren. Während die Eindämmungspolitik als ein Mittel der Druckausübung durch die amerikanische Regierung über und zugleich zugunsten der traditionellen kapitalistischen Zentrumsstaaten von diesen selbst zum Schutz vor der Bedrohung durch Russland und China gewünscht werden könnte. welche das US-Kapital begünstigen. dass sie den Marktverbindungen entsprechen. Im Verhältnis zu China läuft die Eindämmungspolitik innerhalb der amerikanischen Strategie auf den Versuch hinaus. sich letzten Endes als trojanisches Pferd innerhalb der zahlreichen amerikanischen Sicherheitsbündnisse in der Region erweisen könnte. der in zunehmendem Maße von Energieimporten abhängig wird. Die amerikanischen »Enter-tainment«-Bestrebungen gegenüber Russland sind . wirken Russland und China gleichzeitig doch als gewaltige Magneten.

dann bedeutet das nichts weniger. stetig umtriebigere Versuche Washingtons. die sich in den letzten 50 Jahren in den U S A zusammen mit der beschriebenen inneren Konfiguration. als das noch vor 100 Jahren der Fall war. die Auflösung von Abrüstungsregimes. dass das steuerlose Dahintreiben des internationalen Kapitalismus in der näheren Zukunft ein Ende finden könnte. regionalisierten Großraum-System.zweifellos .mit besonderen Privilegien für die U S A bei gleichzeitigem Entstehen kohärenterer regionaler Zentren in Europa und in Ostasien. die deutlich mehr Systemsteuerung erfordert. hervorgerufen. Eine neue Konfiguration ist vor diesem Hintergrund somit gezwungen. Dabei hat die Gewohnheit unipolarer Führerschaft. das der Epoche vor 1914 ähneln könnte. sind keine in Sicht. Die institutionelle Malaise Die Entstehung einer fast ausschließlich kapitalistischen Weltgesellschaft und der Aufstieg der ostasiatischen Kapitalismen hat für einen weitaus höheren Grad an Komplexität in der Politik und der Wirtschaft der Welt gesorgt. dabei .oder auch nicht.170 Peter Gowan bleibt und wenn es dem chinesischen Regime gelingt. bis dann aus diesen eine neue und stabilere Konfiguration entspringen mag . Toronto . die Blockaden innerhalb der W T O als Folgen der Versuche einzelner Zentrumsländer. keine Kohärenz in der NATO. Aus dem Englischen von Ingar Solty. eben die Entstehung eines solchen denkbaren neuen Klubsystems zu verhindern. die Marginalisierung des IWF. diesen neuen Kontext zu meistern. Theoretisch besteht in diesem Kontext die Möglichkeit einer Rückkehr zu einem stärker dezentralisierten. sich Handelsvorteile vertraglich zu sichern. eine Sackgasse und das steuerlose Herumtreiben in der Europäischen Union. Mögen die amerikanische High-Tech-Militärmaschine und die vermeintlichen handwerklichen Zauberkunststückchen der Derivatmarktakteure auch noch so schillernd glänzen. Anzeichen dafür. Das Resultat sowohl dieser US-amerikanischen Versuche als auch der hierauf erfolgenden Reaktionen von Seiten der anderen Zentren ist die schleichende institutionelle Auflösung: Keine Reform der Vereinten Nationen. welche die zukünftige Bedeutung Amerikas und die Struktur einer möglichen neuen Weltordnung bestimmen wird. seine innenpolitische Stabilität zu wahren. Praktisch jedoch ist der amerikanische Staat so konfiguriert. als dass die absolut zentralste Frage. jenseits der Kontrolle Washingtons beantwortet werden wird. herausgebildet hat. auf der diese Gewohnheit fußt. einige krampfartige Erschütterungen und tiefgreifende Turbulenzen zu erwarten und zu erdulden.

Frank Unger

George W. Bush im historischen Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

1. Das Deuten der Geschichte in langen Zeiträumen, wie es von den Vertretern der »Weltsystem-Theorie« gepflegt wird, ist eine Disziplin mit Fallstricken. Es ist die besondere Stärke dieses Ansatzes, 1 dass die individuellen historischen Akteure nur als Charaktermasken »des Systems« gesehen werden - was dem methodischen Ansatz in Marx' »Das Kapital« entspricht, von dem die meisten Weltsystem-Theoretiker auch inspiriert sind. Die Vogelschau der »Weltsystem-Theorie« bietet die Möglichkeit, zeitgeschichtliche Ereignisse und Entwicklungen der neueren Geschichte in nüchterner, von den beschränkten Deutungsmustern der Zeitgenossen emanzipierter Form zu analysieren. Denn die handelnden Menschen finden stets Verhältnisse vor, die sie nicht selbst gewählt oder gestaltet haben. Durch die VogelschauAnalysen der Weltsystem-Theoretiker gewinnt man Perspektiven, auf deren Grundlage man die Unübersichtlichkeiten unserer »postnationalen Konstellation« 2 bis zur Kenntlichkeit verzerrt erkennen kann. Allerdings bleibt ein solcher Ansatz nur so lange fruchtbar, wie er um seine Grenzen weiß und sich für die Erkenntnis offenhält, dass geschichtsstiftende Politik, zumindest solche mit kurz- bis mittelfristigen Folgen, nach wie vor von handelnden Menschen in realen Machtpositionen und vor einem subjektiv durchaus begrenzten Zeithorizont gemacht wird. Weltsystem-Theoretiker sind der Tagespolitik entrückt. Dies wiederum schließt selbstverständlich nicht aus, dass auch sie bewusst Partei in den tagespolitischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit sind - was sie aber nur mit allen Historikern oder Sozialwissenschaftlern, die sich öffentlich äußern,
Führende zeitgenössische Vertreter dieser Richtung der Geschichtsbetrachtung auf der Basis der Kritik der Politischen Ökonomie sowie des Geschichtsmaterialismus Fernand Braudels sind Giovanni Arrighi, Christopher Chase-Dunn, Charles Tilly und vor allem Immanuel Wallerstein, dessen drei Bände über Das moderne Weltsystem (Wien 1986, 1998 und 2004) gewissermaßen den Kanon der neueren Welt-SystemTheorie bilden. 2 Jürgen Habermas: Die postnationale Konstellation, Frankfurt/M. 1998.
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teilen. Die allein relevanten Unterschiede zwischen Sozialwissenschaftlern bestehen im Grad der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit und der theoretischen Fruchtbarkeit. Auf diesen Gebieten gehören Weltsystem-Theoretiker auf die vorderen Ränge der Historiker und Sozialwissenschaftler, da sie bei ihren Interpretationen und Langzeit-Deutungen erstens von nachvollziehbaren theoretischen Grundlagen ausgehen und zweitens die Leser stets zu einem Überdenken überkommener Ansichten nötigen. Was sie alle miteinander verbindet und - in scheinbarem Kontrast zu ihrer stoisch-geologischen Geschichtsauffassung - gleichzeitig ihren politischen Charakter bestimmt, ist die konsequente Historisierung des Kapitalismus, der bei ihnen als Gesellschaftsformation mit einem Anfang, einer Mitte und (logischerweise) auch mit einem Ende gedacht wird: eine Provokation für die bürgerliche Geschichtswissenschaft, ja die bürgerlichen Sozialwissenschaften überhaupt, die eine historische »Relativierung« ihres Gegenstands, den die meisten von ihnen für die natürliche menschliche Gesellschaftsform halten, ablehnen. Dies gilt heute umso mehr, nachdem ja - zumindest im westlichen Teil der Welt3 - der finale Sieg von Freiheit und »Demokratie« über den Kommunismus deklariert wurde. Dies geschah (und geschieht) in allen nur erdenklichen Formen, von schlichtem Triumphalismus bis zu geschichtsphilosophischer Gemessenheit. So hat z.B. ein - in der Folge immer wieder bewundernd zitierter - amerikanischer Autor schon 1989 schlankweg behauptet, geradewegs ans »Ende der Geschichte« gelangt zu sein. Damit meinte er den absehbaren Untergang der sozialistischen Sowjetunion, des großen Gegenspielers der USA und des US-dominierten kapitalistischen Weltsystems. Das klang seinerzeit noch unerhört kühn, war aber im Grunde nur die aufgewärmte Variante eines uralten Gedankens: nämlich dass es sich bei der in den meisten Teilen der Welt herrschenden Gesellschaftsformation der bürgerlichen Gesellschaft, die sich nun vor allem dank des Einsatzes der USA auch im Kampf gegen den Kommunismus durchgesetzt habe, um die Vollendung der menschlichen Gattungsgeschichte handele. Diese Ansicht ist nicht erst im Amerika des späten 20. Jahrhunderts erfunden worden. Es war schließlich schon der praktische Hauptsinn von Marx' »Kritik der Politischen Ökonomie«, den historischen Charakter der Wertform und damit der kapitalistischen Produktionsweise nachzuweisen und gegen eben die unhistorische

Mit »westlicher Teil der Welt« ist hier gemeint die Welt des entwickelten Kapitalismus, also im Kern die G7-Länder, zu denen ja auch das durchaus »östliche« Japan gehört.
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George W. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

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bzw. eben »endzeitliche« Betrachtungsweise, der selbst die scharfsinnigsten bürgerlichen Ökonomen (Adam Smith und David Ricardo) anhingen, kritisch einzuwenden. Auch sie konnten sich keine andere Gesellschaftsform als die bürgerliche vorstellen. Aber sie sahen sich auch noch uneingeschränkt der Vernunft und der unbefangenen Wahrheitssuche verpflichtet, und Marx konnte sich in seiner »Kritik der Politischen Ökonomie« methodisch auf den Nachweis der Punkte konzentrieren, wo allein ihr (unhistorischer) bürgerlicher Klassenstandpunkt einer vollständigen Erkenntnis ihres Gegenstands - der Anatomie und Physiologie der bürgerlichen Gesellschaft - im Wege stand. 4 Die in die Neue Welt ausgewanderten und sich dann »revolutionär« abnabelnden Briten fügten dem säkularen Endzeitbewusstsein ihres bürgerlichen Mutterlandes dann noch eine subjektiv-politische Dimension hinzu, der in Europa nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil wird und mit der auch die Welt-Systemtheoretiker wenig anzufangen wissen: nämlich die bis zum heutigen Tag von großen Teilen der amerikanischen Bevölkerung und seinen politisch handelnden Eliten geteilte religiöse Wahnvorstellung, dass »der Herr« auf Seiten Amerikas stehe und die Expansion der Vereinigten Staaten - zunächst politisch als Nationalstaat über die südliche Hälfte des ganzen nordamerikanischen Kontinents, dann »systemisch« über den Rest der Welt - eine Erfüllung biblischer Prophezeiungen und damit die Gestaltung der Welt nach dem strukturellen Vorbild Amerikas gewissermaßen ein göttlicher Auftrag sei.5 Wenn der US-Generalstaatsanwalt John Ashcroft im Jahre des
Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man, New York 1992. Das Buch ist die Auswalzung eines hochgejubelten Artikels, mit dem der Autor, ein langjähriger Mitarbeiter der RAND-Corporation, bereits im Sommer 1989 enthusiastisch auf die absehbare Metamorphose junger Kader der sowjetischen Nomenklatura zu einer neuen russischen »business class« von Privateigentümern reagiert hat. Die Achtung vor der wissenschaftlichen Qualität der großen Universalhistoriker von Hegel bis Toynbee und Paul Kennedy verbietet es, Fukuyamas Auslassungen als ernsthaften Beitrag zur Universalgeschichtsschreibung zu bezeichnen. Es ist vielmehr der eher zum Lächeln anregende Versuch, mit beschränkten historisch-philosophischen Kenntnissen und in kruder Anlehnung an Alexandre Kojève den historischen Materialismus oder was der Autor dafür hält, ein letztes Mal mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, indem er den historischen Entwicklungsgedanken aufnimmt, ihn dann aber im real existierenden Kapitalismus des späten 20. Jahrhunderts kulminieren lässt. 5 Siehe hierzu z.B.: Edward McNall Burns: The American Idea of Mission: Concepts of National Purpose and Destiny, New Brunswick 1957; Lloyd Gardner: Architects of Illusion: Men and Ideas in American Foreign Policy, 1941-49, New York 1970; Albert K. Weinberg: Manifest Destiny: A Study of Nationalist Expansionism in American History, Gloucester 1958 (2. Aufl.).
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Herrn 2003 bemerkt, die Vereinigten Staaten »hätten keinen König, dafür aber Jesus«, dann halten die meisten Europäer dies für das hon mot eines populistischen Politikers. Da sie selber nicht an »Jesus« glauben, oder höchstens in den verdünnten Formen europäischer Amtskirchenrhetorik, können sie einfach nicht nachvollziehen, dass es sich hier um eine todernst gemeinte politische Drohgebärde handelt. 6 Im folgenden mache ich den Versuch, die genetisch-strukturelle Sichtweise der Weltsystem-Theorie durch individualisierende und ideologiegeschichtliche Elemente zu ergänzen, um ein adäquates Verständnis von der konkreten Rolle der U S A in der jüngeren Geschichte und im System der heutigen Welt zu erlangen.
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Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts übte Großbritannien praktisch die politischen und ökonomischen Funktionen einer Weltregierung aus. Seit etwa 1870 jedoch begannen die Briten, die politische Kontrolle zu verlieren: zunächst über das europäische Kräftegleichgewicht, bald darauf auch über den Rest der Welt. In beiden Fällen war der Aufstieg Deutschlands der entscheidende Faktor. Parallel dazu wurde die ökonomische Seite der Weltregierungsfunktion Großbritanniens, nämlich die, als »Sonne« im Planeten- und Satellitensystem der kapitalistischen Weltwirtschaft zu fungieren, dadurch unterminiert, dass eine neue kapitalistische Nation in die Geschichte eintrat, die erheblich größer war, unendlich mehr Rohstoffe besaß und potentiell um vieles reicher war als die kleine Insel Großbritannien. Dies waren die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich in kurzer Zeit zu einer Art »schwarzem Loch« des Weltkapitalismus entwickelten, indem sie in kurzer Zeit eine unendliche Menge an Arbeitskräften, Kapital und unternehmerischem Talent an sich zogen. Damit konnte Großbritannien nicht mithalten, ganz zu schweigen von den kleineren und weniger wohlhabenden Staaten Europas. Die deutsche (politisch-militärische) und die amerikanische (ökonomische) Herausforderung schaukelten sich gewissermaßen gegenseitig hoch und profitierten in dem Maße voneinander, wie gleichzeitig die Macht der Briten zur Regulierung des internationalen Staatensystems geschwächt wurde. Am Ende führte das schließlich zu einer neuen, alles in allem 30 Jahre dauernden bewaffneten

Siehe hierzu Lewis H. Lapham: Notebook - Shock and Awe, in: Harper's, June 2003, S. 7.
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Auseinandersetzung um die Welt-Vorherrschaft, die unerbittlicher und blutiger war als jemals zuvor in der Geschichte. Diese Auseinandersetzung durchlief einige, aber nicht alle der Phasen, die die Weltsystemtheoretiker für vorangegangene Konflikte um die WeltVorherrschaft herausgearbeitet haben. Die traditionelle Eingangsphase früherer Konflikte, in der ein mächtiger Flächenherrscher sich daran macht, die führende kommerzielle Macht in sein Territorium zu inkorporieren, fiel dieses Mal weg. Denn bei den diesmal konkurrierenden Mächten (USA, UK, Deutschland) waren die territoriale und die kommerzielle Machtlogik derartig miteinander verwoben, dass es sich nachträglich gar nicht mehr sagen lässt, wo die kommerziellen und wo die territorialen Interessen lagen bzw. welche die kommerziellen und welche die territorialen Machtträger waren. 7 Während des unmittelbaren Verlaufs des modernen 30-jährigen Krieges um die Weltvorherrschaft waren die Deutschen erkennbar stärker als ihre beiden Konkurrenten auf direkte territoriale Expansion aus. Dies aber nicht, weil sie prinzipiell landhungriger waren, sondern weil sie ihre historische »Verspätung« wettmachen wollten. Schließlich waren die Briten bei ihrem Aufstieg zur Weltmacht in den zwei Jahrhunderten zuvor nicht gerade zurückhaltend bei der Landnahme gewesen; im Gegenteil, die Existenz eines globalen Empire war ein konstituierendes Element ihrer globalen Vorherrschaft, auch wenn sie sich vielfach mit einer informellen Kontrolle begnügten und lokale Führungsschichten als Partner kooptierten bzw. kauften. Und was die Vereinigten Staaten betraf, so lagen die Hauptursachen ihres enormen Magnetismus auf Arbeitskräfte, Kapital und Unternehmergeist in dem pan-kontinentalen Expansions-Charakter, den ihre Wirtschaft im 19. Jahrhundert angenommen hatte. So schreibt der britische Historiker Gareth Stedman Jones: »Amerikanische Historiker, die gern selbstgerecht auf die Abwesenheit eines Annexions-Kolonialismus, wie er für die europäischen Kolonialmächte charakteristisch war, in der Geschichte Amerikas hinweisen, verdrängen bloß die Tatsache, dass die ganze interne Geschichte des amerikanischen Imperialismus eine einzige Orgie territorialer Landnahme gewesen ist. Die Abwesenheit territorialer Landnahme >in Übersee< wurde kompensiert durch eine beispiellose Landnahme >zu Hause<.« 8
Siehe hierzu Giovanni Arrighi: The Long Twentieth Century. Money, Power, and the Origins of Our Times, London 1994. Gareth Stedman Jones: The History of US Imperialism, in: Robin Blackburn (Hrsg.): Ideology in Social Science, New York 1972, S. 216-217. (Übersetzung fremd7

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Die »innere« Expansion Amerikas war untrennbar verwoben mit einer kommerziellen Machtlogik. Im Fall Großbritannien hatten Kapitalismus/ Kommerzialismus und territoriale Landnahme sich gegenseitig befördert. Aber in den Vereinigten Staaten von Amerika waren sie mehr als bloß Partner: sie waren von Beginn der politischen Existenz Nordamerikas (bereits als britische Kronkolonien) identische Momente ein und desselben Prozesses. Wie Max Weber so bildhaft demonstriert hat, hatten die ersten englischen Kolonisten diese Identität gewissermaßen im Kopf, als sie an der nordamerikanischen Ostküste ihre Siedlerquartiere aufschlugen, um sich dann sukzessive in »Amerikaner« zu verwandeln. Weber hat in seiner Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus überzeugend demonstriert, wie im Geburtsort Benjamin Franklins, des unbestrittenen Homo Americanicus, der kapitalistische Geist - bei Weber die Idee des Berufsmenschentums und der Zeitvergeudung als der ersten und prinzipiell schwersten aller Sünden - lebendig war, bevor von einer realen kapitalistischen Gesellschaft überhaupt die Rede sein konnte. 9 Dazu zitiert er ausführlich aus einem Dokument, in dem Franklin in unendlichen Varianten kontinuierlich die Tugend des Geldverdienens als einen Zweck an sich propagierte. Was Weber in seiner Lektüre Franklins aber übersah, war die Tatsache, dass in dessen Denken der kapitalistische Geist in seiner »beinahe klassischen Reinheit« auch aufs engste verwoben war mit einer gleichermaßen prononcierten Begeisterung für territoriale Expansion. Denn lange bevor Jefferson (ein anderes Musterexemplar eines Homo Americanicus!) die »Entdecker« Lewis und Clark zur Vorbereitung der kontinentalen Landnahme Richtung Pazifikküste losschickte, spricht Franklin in schwärmerischer Form von der territorialen Zukunft der amerikanischen Kolonien und »sagte voraus, dass die Bevölkerung der nordamerikanischen Kolonien sich alle 25 Jahre verdoppeln würde und ermahnte die britische Regierung, für die zu erwartenden Neuankömmlinge zusätzlichen Lebensraum zu beschaffen, mit der Begründung, dass einem Herrscher, >der neue Gebiete b e s c h a f f t , die

sprachiger Zitate im folgenden von mir, F.U.)
9 In diesem Sinne kö

Anwendung, nicht als »Ergänzung« oder gar »Widerlegung« der materialistischen Geschichtsauffassung gesehen werden: Die puritanischen Siedler brachten in der Tat den Kapitalismus, den sie aus England kannten, nun im Kopf mit in die Neue Welt, und zwar mit der Militanz von Proselyten!

George W. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik

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unbewohnt sind, oder der die Eingeborenen vertreibt, um für sein eigenes Volk Raum zu schaffen<, der Dank der Nachwelt sicher sei,«10 Der Versuch der britischen Regierung, nach dem Sieg über die Franzosen im Siebenjährigen Krieg die Westexpansion ihrer nordamerikanischen Kolonien zurückzufahren, war neben ihren Plänen, die Siedler an den Gesamtkosten des Empire stärker zu beteiligen, der Hauptgrund für die Rebellion der Siedler 1776.11 Und sowie nach der erfolgreichen Revolution die Hände der Kolonisten nicht mehr gebunden waren, gingen sie sogleich daran, so viel vom nordamerikanischen Territorium zu erobern und als strikt kapitalistischen Raum zu re-organisieren, wie sie nur konnten. Vor allem bedeutete das natürlich die Vertreibung der Eingeborenen, um Raum für eine ständig wachsende Einwanderung aus Übersee zu schaffen, ganz wie Franklin empfohlen hatte. Das Ergebnis davon war ein kompaktes »inländisches Reich« Jefferson sprach in seiner Inaugurationsrede von einem »Empire of liberty« - was die Gründerväter Washington, Jefferson, Hamilton und Adams auch genau so im Sinne hatten, weshalb sie den Begriff »Empire« abwechselnd mit »Federal Union« gebrauchten, wenn sie von ihrem neuen Staatswesen sprachen. 12 Im Unterschied zum alten britischen Empire war es vor allem gekennzeichnet durch erheblich geringere Unterhaltskosten.
3.

Das britische und das amerikanische »Empire«, nicht etwa das alte Heilige Römische Reich deutscher Nation, waren real die beiden »Reichs«-Vorbilder, die Teile der deutschen Bourgeoisie vor Augen hatten, als sie etwas verspätet, aber mit begeisterter Unterstützung ihres Monarchen, ihrerseits einen »Platz an der Sonne« anstrebten. Zunächst versuchten sie, es den Briten

George Lichtheim: Imperialism, Harmondsworth 1974, S. 64. Siehe hierzu Immanuel Wallerstein: The Modern World System III. The Second Era of Great Expansion of the Capitalist World-Economy, 1730-1840s, New York 1988, S. 202-03. 12 Siehe hierzu Richard W. van Alstyne: The Rising American Empire, New York 1960, S. 1-10. Der Vollender dieses Empire und damit wichtigster Wegbereiter für den späteren Aufstieg zur Weltmacht war Abraham Lincoln, der den Versuch, eine zweite legitime Macht auf dem Territorium der Vereinigten Staaten zu etablieren, mit äußerster Entschlossenheit niederschlug. Vgl. dazu: William Appleman Williams: Amerika - Die ermattete und nostalgische Kultur, in: Frank Unger: Amerikanische Mythen. Zur Inneren Verfassung der Vereinigten Staaten, Frankfurt/M 1988, S. 267-276. Zur Detailgeschichte der Westexpansion siehe Frederick Merk: History of the Westward Movement, New York 1978.
10 11

13 zuvor bereits in netterer Form als »liberale« Mitteleuropa-Visionen eines Friedrich Naumann und anderer Vertreter des deutschen Exportkapitals.und Reichtumsvorteil der führenden Nation wettzumachen. Harmondsworth 1974. ihre Insellage sowie ihre extrem günstige Ausstattung mit Rohstoffen. Obwohl die informelle Kontrolle über den Welthandel und das Finanzsystem weiterhin eine wesentliche Rolle für die Position eines Landes im internationalen System spielte. den relativen Macht. wie das Frankreich und Spanien im 15. 14 Weder Deutschland noch die Vereinigten Staaten versuchten. Jahrhundert und Frankreich und England im 17. und nicht zuletzt die gemeinsame Sprache und kulturelle Verbundenheit mit dem alten Hegemon machten sie zum Siehe Franz Neumann: Behemoth: the Structure and Practice of National Socialism. S.178 Frank Unger nachzumachen. Köln 1994. 74. verbunden mit einer Politik des Protektionismus gegenüber ausländischen Waren bei gleichzeitiger Öffnung des Landes für ausländisches Kapital und ausländische Arbeiter. was früher die zweite Phase war. Von diesem Gesichtspunkt aus waren die Vereinigten Staaten in einer weitaus besseren Position als das Deutsche Reich. sowie George Lichtheim: Imperialism. Jahrhunderts die relative Größe und das Wachstumspotential des inländischen Markts an Bedeutung.): Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945. Aber nachdem das Ergebnis des Ersten Weltkriegs diese Strategie als hoffnungslos demonstriert hatte. dem territorialen Expansionsmodell der Amerikaner in den Weiten Osteuropas nachzueifern: in exterministischer Version in den Osteuropa-Plänen der Nazis. in der die Herausforderer darangehen.d. London 1942. indem sie sich Kolonien in Übersee aneigneten und die britische Seeherrschaft herausforderten. beginnen musste . Die Weltmacht des führenden kapitalistischen Staats ihrer Zeit war im Vergleich zu der seiner historischen Vorgänger um so vieles größer. gingen sie nun dazu über. desto größer die Chance. die Phase. gewannen im Laufe des 19. Großbritannien von der Zentralposition der globalen Netzwerke von persönlichen Klientenbeziehungen.h. zu verdrängen. Jahrhundert jeweils getan hatten. dass der Kampf um seine Nachfolge gewissermaßen mit dem. Ihre kontinentalen Dimensionen. 14 Siehe hierzu Reinhard Opitz (Hrsg. Je größer und dynamischer der inländische Markt. 13 . den führenden kapitalistischen Staat in ihren Herrschaftsbereich zu inkorporieren. die den Weltmarkt konstituierten. Aus dieser imaginierten Analogie erklärt sich auch die menschenverachtend-genozidale Haltung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg gegenüber den Osteuropäern: Sie waren für die Deutschen so etwas wie die »Indianer« des erträumten »Inland-Empire«.

auf dessen Basis das Deutsche Reich gegen Ende des 19. frei von kolonial-imperialen Abschottungen und »national-egoistisch« motivierten Protektionismen. Kapital und Unternehmerinitiative. S. war die US-Wirtschaft praktisch bereits im Begriff. New York 1987. 210-211. auch innenpolitische und kulturelle Faktoren einbeziehenden Darstellungen von William Appleman Williams: Americans in a Changing World. Als der eigentliche Kampf um die Vorherrschaft begann. das neue Gravitationszentrum des Weltwirtschaftssystems zu werden . sondern als unwiderstehlicher Anziehungspunkt für Arbeitskräfte. Wegen ihrer unvergleichlichen Produktionskraft und ihres Wachstumspotenzials waren die USA aber gleichzeitig auch daran interessiert. dass es eher seinen Tribut zollen musste bei diesem allgemeinen Zug in die Neue Welt. mit dem kein anderer europäischer Staat sich messen konnte. S. Deutschlands lange Beteiligung am Kampf um die europäische Vorherrschaft einen machtvollen militärisch-industriellen Komplex hervorgebracht hatte. 16 Siehe hierzu u. Paul Kennedy: The Rise and Fall of the Great Powers: Economic Change and Military Conflict from 1500 to 2000.George W. auch wenn Preußens bzw.allerdings ein Gravitationszentrum neuen Typs: nicht mehr als Mittelpunkt und Verteilerstation der Handelsströme. Kapital und unternehmerischen Kapazitäten in die Neue Welt. Seit den 1840er Jahren hatten militärische und industrielle Innovationen sich wechselseitig vorangetrieben und für jenen spektakulären Industrialisierungsschub gesorgt. Jahrhunderts den Status einer Weltmacht errungen hatte. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 179 Hauptnutznießer des britischen Freihandels-Imperialismus. Die wachsende Besessenheit der deutschen Führungsschichten von Siehe hierzu die ausgezeichneten. Ihre Parole für die Beziehungen zu den anderen Ländern dieser Welt lautete daher ganz unschuldig und scheinbar uneigennützig: Open Door! Nicht mehr. 15 . aber auch keinen Deut weniger!' 5 Auf diesem Gebiet konnte Deutschland nicht mithalten. Zu den Tributen. Cleveland 1961. sowie The Contours of American History.a. kamen die Verluste in Form ständigen Abflusses von Arbeitskräften. die internationalen Märkte für ihre Produkte und ausländische Anlagemöglichkeiten für ihr überschüssiges Kapital offenzuhalten.16 Doch der absolute wie relative Anstieg militärischer Macht und industriellen Potenzials änderte grundsätzlich nichts an der tributären Position des Deutschen Reiches am Rande der reichtumheckenden und -abschöpfenden Netzwerke der anglo-amerikanisch dominierten Weltwirtschaft. Seine Geschichte und geographische Lage brachten es mit sich. A History of the United States in the Twentieth Century. New York 1978. die an die Briten als die Herren der internationalen Märkte zu entrichten waren. 44-51.

Und in beiden Fällen fiel Joshua Goldstein/David P. in: Futures. Hegemony and the Future World Order. Ganz ähnlich wie im 17. waren sie bereits auf dem Weg. trieb diese Obsession die deutschen herrschenden Klassen dazu. Damit hob sich auch der relative kommerzielle Nachteil. Jahrhundert für Großbritannien. so wurde sie es im frühen 20. in ihrem Bestreben nach territorialer Expansion zunächst den Briten nachzueifern. S. das hatte allemal noch der Atlantische Ozean. Jahrhundert die internationale Führungsrolle eine Nummer zu groß für die Niederlande wurde. dann den Amerikanern. in denen zwar die Fundamente der britischen Hegemonie unterminiert wurden. waren wiederum die Vereinigten Staaten von Amerika. und frühen 18. Wie bereits gesagt. weil sie direkt in Großbritanniens Rolle als insulares Verteilungszentrum der internationalen Handelsströme schlüpfen konnten. 23.180 Frank Unger »Lebensraum« kann leicht interpretiert werden als Ausdruck wachsender Frustration darüber.17 4. buchstäblich alle Teile der Welt zu erfassen und einzubeziehen. Die USA waren in bemerkenswerter Weise geschützt vor den Auswirkungen und Belastungen des Krieges um die Vorherrschaft in der Welt 1914-18. Und als schließlich der pazifische Raum zum ernstzunehmenden Rivalen für den atlantischen Raum heranwuchs. am Ende aber auch dem Status und der internationalen Macht Deutschlands selbst nachhaltiger Schaden zugefügt wurde. »Was bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dem englischen Kanal als Garanten einer geschützten Insellage schon abging. dass rapide wachsende industrielle Kapazitäten und kontinuierlich zunehmende militärische Stärke sich mitnichten automatisch in internationale Macht. Ihre Versuche schufen beträchtliche Unordnung im internationalen System in einer Reihe von zwischenstaatlichen Konflikten. rückten die USA in die zentrale Position: eine Insel von kontinentalem Ausmaß mit ungehindertem Zugang zu den beiden großen Ozeanen der Welt«. Und als die Weltwirtschaft sich weiter entwickelte und all jene technologischen Innovationen schuf mit denen die Nachteile großer Entfernungen überwunden werden konnten. 1991. der am meisten von diesem Konflikt profitierte. den zunächst die entfernte Lage Amerikas von den europäischen Handelszentren hatte. tendenziell auf. 17 . in erster Linie auch deshalb. sprich: entsprechende Teilhabe an der Verfügung über internationale Ressourcen übersetzen ließen. 935-959. Der Staat. Rapkin: After Insularity.

und frühen 18. sich die führenden kapitalistischen Staaten in ihren Einflussbereich einzuverleiben. Aber zu Beginn des 20. d. New York 1962. Jahrhundert nicht neue Ordnung. 18 Aber diese Staaten waren gleichzeitig auch gewichtig genug innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft. 18 . 19 William R. sondern unmittelbar systemisches Chaos. S. Im vorausgegangenen Kampf zwischen Frankreich und Großbritannien brauchte es über ein Jahrhundert bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten. Christopher Chase-Dunn: Global Formation. Siehe hierzu: Ludwig Dehio: The Precarious Balance: Four Centuries of European Power Struggle. 127-152. bevor die Anarchie in den zwischenstaatlichen Beziehungen sich schließlich zum systemischen Chaos auswuchs. zwischenstaatlichen Beziehungen ohne Verzögerung ins systemische Chaos. Readings in Protection Rent and Violence-Controlling Enterprises.George W. was die Kämpfe um die Vorherrschaft in den beiden Epochen unterscheidet.die davor eine ganze Zeitlang eine beträchtliche »Schutzrente« genossen hatten: d. 12-13. S. Long Cycles and the Geohistorical Context of Structural Transition.h. und zwar in Folge einer Welle von Volksaufständen und Drucks von unten. Jahrhunderts führte die offene Konfrontation in den äußeren. Darüber hinaus brachte die Eskalation der zwischenstaatlichen Konflikte im frühen 20.und Verkehrsströme. Jahrhundert versucht hatten. im frühen 20. Frederic Lane: Profits from Power. Structures of the World Economy. Albany 1979. exklusive Kostenvorteile durch relative oder absolute Isolation von den Brennpunkten politischer Konflikte bei gleichzeitiger Nähe zu den großen Knotenpunkten der internationalen Handels. Oxford 1989. und den Vereinigten Staaten im frühen 20. Thompson: Dehio. wurden die Voraussetzungen an Territorium und Ressourcen für die Führungsrolle entsprechend größer. 19 Doch die Unterschiede in der Größe des eigenen Territoriums und der Menge an eigenen Ressourcen zwischen Großbritannien im 18. 118. 114. in: World Politics. zu massiven Herausforderungen der inneren Ordnung in den beteiligten Staaten. 45. S. Und da sich die kapitalistische Weltwirtschaft im 19. Jahrhundert beträchtlich ausgeweitet hatte. die Vereinigten Staaten .Großbritannien bzw. 1992. um das Mächtegleichgewicht zwischen den Mitkonkurrenten jeweils nach eigenem Belieben und zu ihren Gunsten zu verschieben. Jahrhundert gab es keine Versuche von konkurrierenden Territorialstaaten. Jahrhundert sind nicht das Einzige. Wie bereits bemerkt.h. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 181 die Führungsrolle an Staaten . so wie es Frankreich und England jeweils erfolglos im späten 17.

galt dies ganz und gar nicht für den Rest der Welt außerhalb Europas. 18. dass das Los der Sklaven in aristokratischen Gesellschaften (wie im kolonialen Lateinamerika oder vielen afrikanischen Königreichen. Der amerikanische Soziologe Pierre v. Said: Orientalism. Jahrhunderts wurden die nichtwestlichen Völker weder von der Hegemonialmacht noch von deren Verbündeten und Klienten als satisfaktionsfähige nationale Gemeinschaften angesehen. Siehe dazu auch die für das Verständnis des historischen Verhältnisses Westeuropas zum Rest der Welt unverzichtbare Meisterwerk von Eric R. den unterdrückten Gruppen den Status des Menschseins zu verweigern. Während einerseits die Zone des zivilisierten Verhaltens erweitert wurde auf die neuen Siedlerkolonien in Amerika und Australien und das individuelle Bereicherungsrecht westlicher Bürger sogar über das Recht ihrer Regierungen gestellt wurde. Pierre L. Er schreibt: »Das Bestreben.« Vgl. A Comparative Perspective. sowohl die profitablen Formen der Diskriminierung und Ausbeutung zu erhalten als auch die demokratische Ideologie zu bewahren. machten es notwendig. in dem andere Regeln galten. zum einen durch despotische koloniale Herrschaft. S. Zuvor . und den Ideologien des Rassismus oder Orientalismus auf der anderen Seite besteht ein intrinsischer Zusammenhang. New York 1967.« 20 Während Europa sich etabliert hatte als eine Zone des »zivilisierten Verhaltens«. Feinde und Widersacher konnten ohne viel Federlesens ausradiert werden. Dort galten keine solchen Maßstäbe.wurde die Welt bereits gleichsam offiziell unterteilt in »ein begünstigtes Europa und ein Restgebiet. Der britische Freihandelsimperialismus ging in dieser Aufteilung der Welt noch einen Schritt weiter. Es ist nur dem Anschein nach paradox. sahen die nicht-westlichen Völker sich (theoretisch wie praktisch) ihrer elementaren Selbstbestimmungsrechte beraubt. Zwischen den Bestrebungen nach Demokratie und Durchsetzung der Menschenrechte auf der einen. New York 1978. Berkeley/Los Angeles 1982. 20 . Wolf: Europe and the People without History. 21 Siehe hierzu z.182 Frank Unger Im britisch-dominierten System des 19.d.Berghe benutzt zur Charakterisierung dieser internen Machtkonstellationen den deutschen Begriff »Herrenvolkdemokratie«. ohne dass man sich zu Hause viel zivilisierte Gedanken darüber machte. Spatiality and the Modern World-System.unter holländischer Herrschaft .B. Newcastle upon Tyne 1991. Edward W. in denen Sklaverei praktiziert wurde) typischerweise besser war als in Herrenvolk-Demokratien wie den Vereinigten Staaten. zum anderen durch die Erfindung entsprechender Rechtfertigungsideologien wie den Rassismus oder den »Orientalismus«. 21 Auch der deutsche Faschismus übertrug und erweiterte später in seinem Versuch der Nachholung britisch-amerikanischer Expansionsstrategien das dual-rassistische Peter Taylor: Territoriality and Hegemony. auch in Zeiten des Krieges. van den Berghe: Race and Racism.

7 Milliarden $ Im Jahr 1914) in den mit Abstand größten Gläubigerstaat (3. Bereits lange vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren machtvolle soziale Bewegungen im Entstehen.8 Milliarden $ im Jahr 1918) verwandelt hatten.George W. proklamierte er das amerikanische Kriegsziel mit dem berühmten Slogan »to make the world safe for democracy«. Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. 22 . in der er den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg begründete. der seinem Selbstverständnis nach erstmalig die Lebensinteressen der besitzlosen Massen und dadurch auch die der nicht-westlichen Völker zu vertreten vorgab. Sein engster Berater Colonel House hatte ihm zuvor dringend abgeraten. gegen ihre kolonialistische Unterdrückung.23 Ihr Präsident zu jener Zeit war Woodrow Wilson. In dieser Konstellation entstand im Gefolge des Ersten Weltkriegs mit der Oktoberrevolution auf einem Sechstel der Erde ein Staat. 22 5. United States Foreign Policy at Home and Abroad since 1750. so doch zumindest ideologisch und perspektivisch in den Alpträumen ihrer politischen Führer. Er stellte allein dadurch für die besitzenden Klassen der kapitalistischen Länder vom ersten Augenblick seines Bestehens an eine beträchtliche Gefahr da. Und der Verlauf des Krieges hatte eindeutig nur noch einen der drei Bewerber um die Führungsrolle im internationalen kapitalistischen System übrig gelassen: die Vereinigten Staaten von Amerika. New York 1989. Frankfurt/M 2005. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 183 Menschenbild des westlichen Imperialismus auf die Opfer seiner konkreten Land. Raub. zum anderen den der besitzlosen Massen in den Ländern des Westens selbst. dazu Götz Aly: Hitlers Volksstaat. In seiner Botschaft an das amerikanische Volk 1917. die sich innerhalb von wenigen Jahren von einem der größten Schuldnerstaaten der Welt (3. 273. S. Diese Bewegungen verkörperten den Widerstand von zwei großen Gruppen gegen das internationale System des Freihandels-Imperialismus: zum einen den der nicht-westlichen Völker. wenn nicht machtpolitisch. ihn zu verwenden: Zu viele Menschen oder Völker könnten die Botschaft missverstehen und sich zu revolutionären Aktionen Auf den Aspekt der »Akkumulation durch Enteignung« bei der Judenverfolgung wird im Unterschied zur Vernichtung interessanterweise in den meisten westlichen Darstellungen des Nationalsozialismus wenig systematischer Wert gelegt. 23 Walter LaFeber: The American Age. Vgl. Sie artikulierten und organisierten sich gegen ihre Ausbeutung bzw.und Vermögensnahme: auf Osteuropäer und Juden. Dabei war ihre finanzielle Bedeutung für das Deutsche Reich enorm.

1913-21. und darauf sollte auch die Ordnung des 20. New York 1984. In diesen beiden Punkten waren alle Kompromisse ausgeschlossen.unterstützt von Lansing und praktisch allen führenden US-Politikern seiner Zeit . was er konnte... sich in der Vollversammlung an den Diskussionen der wichtigen Weltprobleme zu beteiligen. Nicht ausschließlich veranlasst von.a. aber dem Timing und der Formulierung nach eindeutig in Reaktion auf Lenins Friedensaufruf präsentierte Wilson im Januar 1918 in einer Rede vor dem Kongress sein berühmtes 14-Punkte-Programm für den Frieden. 25 Darauf beruhte die Pax Britannica des 19. S.alles. wenn nötig bewaffnete Aktionen aller anderen Mitglieder sanktioniert werden sollte. alle Mitglieder waren gleich berechtigt. a. 24 25 . um die Machtübernahme der Bolschewiki in Russland wieder rückgängig zu machen. Jahrhunderts beruhen. In Russland übernahmen die Bolschewiki die Macht und ihr Führer Lenin wandte sich sofort mit einem Friedensappell an die kämpfenden Armeen. aber auch im Innern der kapitalistischen Staaten selbst Opposition gegen das System des westlichen. dass sich in verschiedenen Teilen der Welt. Zweitens sollte ein System der »kollektiven Sicherheit« geschaffen werden. Parallel zu diesen Bemühungen tat Wilson . 293. und Wilson war sich vollkommen bewusst darüber.. Siehe hierzu Lloyd C. die nach folgenden Prinzipien funktionieren sollte: Erstens. die es aber in sich hatten. Denn letztere betonten noch einmal die Grundpfeiler der »Open Door«-Politik. Sichergestellt und überwacht werden sollte die Nachkriegsordnung durch eine zu gründende internationale Organisation. Sie waren nicht das einzige. anglo-amerikanisch dominierten und multilateral organisierten Kapitalismus formierte.O. aber die führenden westlichen Länder (»metropolitan powers«) würden bei den schließlichen Entscheidungen durch ihre Ratsmitgliedschaft das letzte Wort haben. die durch die Machtübernahme der Bolschewiki in Russland sowie durch ähnliche politische Entwicklungen in Mexiko in Frage gestellt schienen: »Freiheit der Meere« und »Freiheit des Welthandels«. nach dem bei jedem Angriff auf die territoriale Unversehrtheit eines Mitglieds der Aggressor durch kollektive.184 Frank Unger ermutigt fühlen. Jahrhunderts. 24 Houses Befürchtungen sollten sich noch im gleichen Jahr bewahrheiten. aber doch das am meisten alarmierende Anzeichen dafür. das eine Menge »weicher« Vorschläge enthielt und zwei »harte«. Gardner : Safe for Democracy: The Anglo-American Response to Revolution.. LaFeber: American Age.

George W. die anderen kritisierten die Kreuzzugsmentalität hinter dem Wilsonschen Siehe hierzu Daniel Yergin/Joseph Stanislaw: The Commanding Heights. wobei beim »Markt« immer die US-amerikanische Hegemonie mitzudenken ist. 2. regionalen Zentralverwaltungswirtschaften. Frankfurt/M 1999. 2S Die Tradition eines »linken Isolationismus« wurde in der Folge fortgeführt von den bekannten Historikern Charles Beard und (nach dem Zweiten Weltkrieg) von William Appleman Williams und seiner »revisionistischen« Schule. So versuchte er . Jahrhunderts« geschaffen: die zwischen »wilsonistischen« Liberalen und »leninistischen« Sozialisten. Ihr letzter großer Überlebender ist der Schriftsteller und Historiker Gore Vidal. dt. 28 Die einen sahen in der Einbindung der USA in einen Völkerbund eine Beschneidung und Schwächung der nationalen Souveränität und damit der außenpolitischen Handlungsfreiheit. und zwar von einer widersprüchlichen Koalition aus konservativen Nationalisten und Imperialisten (angeführt von Senator Henry Cabot Lodge) und progressiven Isolationisten (repräsentiert von den Senatoren Borah. 26 . dem Kongress. 6. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 185 dass die Herausforderung der Bolschewiki und des radikalen Sozialismus zukünftig die größte Gefahr für die »Open-Door«-Ordnung darstellen würde. oder noch allgemeiner gesagt: die zwischen globalistischer Marktwirtschaft und nationalen bzw. 1914. New York 1998. bis er auch »für sich« . oder noch abstrakt-verdünnter: zwischen »Staat« und »Markt«.: Staat oder Markt? Die Schlüsselfrage unserer Zeit.im Diskurs der amerikanischen Machteliten verankert war. LaFolette und Johnson).26 Und welche neuen Namen auch immer auftauchten und welche Varianten praktischer Politik und ideologischer Rhetorik auch immer vorübergehend angewandt werden mochten .wie schon in Mexiko fünf Jahre zuvor . Vgl. 32. zunächst die Zustimmung verweigert.das Wesen dieser Konfrontation blieb unverändert bis in die letzte Dekade des Jahrhunderts. In den USA selbst brauchte der Wilsonismus nach seiner Entstehung »an sich« noch gut zwei Jahrzehnte. 27 Ich benutze hier den Begriff in dem von Kautsky ursprünglich eingeführten Sinn. Wilsons »ultraimperialistischem« 27 Völkerbundsplan wurde vom Zentralkomitee der herrschenden Klasse Amerikas. H. In den sechs Monaten zwischen Januar und Juli 1918 wurde die Grundkonstellation für die bestimmende politische Konfrontation des »kurzen 20. in: Neue Zeit.die revolutionäre Entwicklung auch in Russland zweimal durch militärisches Eingreifen zu stoppen.also als eine bewusste Ideologie . Karl Kautsky: Der Imperialismus.]%.

Er kündigte 1941 in einem millionenfach in Sonderdrucken verbreiteten Leitartikel die Geburt des American Century29 an und verwies dabei ausdrücklich auf die weitsichtigen Pläne Woodrow Wilsons. die Besiegung Deutschlands und Japans. Henry Luce. zumindest indirekt eine Bedeutung für die Kriegführung der Alliierten gewann: 29 . denn die dauerte formell genau 100 Jahre. zumal Roosevelt und der engste Kreis seiner Berater natürlich über die schnell vorangehende Arbeit an einer amerikanischen Atomwaffe informiert waren. des einflussreichen Herausgebers der Zeitschriften TIME. Damit meinte Luce die aktive. Die politische Führung unter Präsident F. nämlich von 1815 (Wiener Kongress) bis 1914 (Ausbruch des Ersten Weltkriegs).186 Frank Unger Ansatz und die . bei dem das deutsche Jahrhundertverbrechen. Roosevelt hatte sich mehrheitlich dieser Auffassung bereits angeschlossen. in dem nach einer kurzen Scheinblüte in den 1920er Jahren auch die Binnenwirtschaft der mächtigen Vereinigten Staaten selbst an den Rand des totalen Zusammenbruchs geriet. Erst der beinahe folgerichtige Ausbruch des zweiten großen Krieges nach dem Zusammenbruch der Pax Britannica und die sich daraus ergebenden Chancen für einen Akkumulationsanschub durch Staatstätigkeit brachten dann in den U S A mit dem Keynesianismus zu Hause auch den Durchbruch des Wilsonismus in der Außenpolitik. für die 20 Jahre zuvor die amerikanische Öffentlichkeit.zu einem Zeitpunkt. aber zu einem großen Teil deshalb blieb das internationale System für weitere zwei Jahrzehnte in unreguliertem Chaos. Nicht nur. 30 Diese Maßnahme war das Abkommen von Der Begriff weist wiederum auf den gedanklichen Bezug zur Pax Britannica.D. eingeschlossen er selbst. durch internationale Verträge und Bündnissysteme abgestützte Führungsrolle der Vereinigten Staaten im internationalen Wirtschaftssystem.seine Selbstbestimmungsrhetorik Lügen strafenden . an dem das erklärte Hauptziel des amerikanischen Kriegseintritts. nicht mehr ernsthaft bezweifelt werden konnte -. Ein klassisches Indiz dafür war das Umschwenken eines der bis dato fanatischsten Wortführer der konservativen »Isolationisten«. leider noch nicht reif genug gewesen sei. 30 Der Bau der amerikanisch-britischen Atomwaffe ist übrigens das einzige Beispiel. LIFE und Fortune und langjährigen Anführers der »China-Lobby«.Interventionen gegen die mexikanische und die russische Revolution sowie die unmittelbar nach dem Krieg einsetzenden Repressionsmaßnahmen gegen »Radikale« im Lande selbst. der Völkermord an den europäischen Juden. Die entscheidende und wichtigste Maßnahme zur Implementierung des neuen Systems wurde dann im Sommer 1944 getroffen .

multilateralen Weltwirtschaftssystems einbezogen werden.George W.und Finanzsystem der »Open Door« nach multilateralen Prinzipien 31 verpflichtet wurden. die das Vereinigte Königreich während der Pax Britannica gespielt hatte. Nur auf einer solchen Basis gewissermaßen kos- Er geschah auf drängende Initiative jüdischer Naturwissenschaftler. Genau so hatte es Woodrow Wilson gewollt: Die Vereinigten Staaten von Amerika übernehmen in der veränderten Umständen entsprechenden Form die Rolle. Die größten Widerstände kamen nicht von armen Ländern. in dem Waren und Kapital nach rein marktwirtschaftlichen Kriterien von Angebot und Nachfrage beliebig nationale Grenzen überschreiten können. die eine deutsche Atomwaffe fürchteten. sondern von der alten imperialen Weltmacht Großbritannien. wenn sie aufgebaut sei nach dem Vorbild des Sonnensystems: Ein zentraler. Mit diesem strategischen Ziel war (und ist!) folgende normative Vorstellung eines funktionierenden internationalen Systems verbunden: Die Weltwirtschaft funktioniere nur dann optimal.und energiespendender Fixstern habe das Zentrum zu bilden. New York 1988. die sowohl ihr imperiales Präferenzsystem als auch unmittelbar nach Kriegsende . in dem insgesamt 44 Staaten der Anti-Hitler-Koalition auf eine modifizierte Neuauflage des alten Goldstandards und ein internationales Wirtschafts. Block: The Origins of International Economic Disorder. 31 Der hier gebrauchte Begriff »Multilateralismus« bedeutet ein internationales Wirtschaftsregime. um das eine Reihe von mehr oder weniger große Planeten kreist. das endlich dort anknüpfen sollte.alles auf der Basis eines einheitlichen. Siehe dazu Richard Rhodes: The Making of the Atomic Bomb. S. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 187 Bretton Woods. Berkeley 1977. für alle verbindlichen und vergleichbaren Wertmaßes.durch ihre frisch gewählte Labour-Regierung .und Finanzkreisläufe und buyer of last resort sein. wärme. welche wiederum umschwärmt werden von einem Haufen Satelliten . . ohne dass mithilfe politischer Eingriffe die eine oder die andere Nation privilegiert wird. konnten sie bald als Juniorpartner in den Neuaufbau eines kapitalistischen. Siehe dazu Fred L. Nachdem wenig später die großen imperialistischen Rivalen Deutschland und Japan bedingungslos kapituliert hatten. A Study of United States International Monetary Policy from World War II to the Present. 36f.eine stärkere Stellung der nationalen Regierungen vor allem bei der Regulierung des internationalen Finanzverkehrs beibehalten wollte. Er ist praktisch synonym mit »Open Door«. wo das Goldene Zeitalter der Pax Britannica 1914 geendet hatte. Der heimische Markt des Fixsterns müsse gleichzeitig das Zentrum der multilateralen Wirtschafts.

München 1957). N u r in sehr kurzen historischen Abschnitten.: The Political Economy of American Foreign Policy. 32 . bei der Erfüllung seiner Aufgabe als »Fixstern« des Weltsystems bereit sein. London/New York 2003) bereits wie die Auftragsarbeit einer public relations-Agentur. Dessen Aufgabe wiederum ist es. Dieser Nationalstaat muss aber. New York 1955 (dt. sondern im weitesten Sinne sowohl einer Organisation als auch einer polizeilichen Absicherung bedarf. Dieser Kern besteht darin. dass das internationale kapitalistische System in der Tat nicht allein auf der Basis von Angebot und Nachfrage und den anderen Regeln des Marktes funktioniert. was im amerikanischen politikwissenschaftlichen Diskurs als »Idealismus« und »Realismus« bezeichnet wird. Demgegenüber liest sich die bloß mit einigen unterhaltsamen Reminiszenzen an die große Zeit der britischen Weltherrschaft aufgepeppte Wiederholung des haargenau gleichen Gedankens beim von den meisten Rezensenten als »originell« angehimmelten Briten Niall Ferguson ( Empire: The Rise and Demise of the British World Order and the Lessons for Global Power. sonst nur in den Modellphantasien neoklassischer Ökonomen. Strategie und Grenzen der amerikanischen Außenpolitik. auf der anderen Seite die Verteidiger der partikularen Interessen der amerikanischen Nation oder des national beschränkten Kapitals.a.: Weltwirtschaft und Weltpolitik. hierzu die klassische Darstellung in William Yandell Elliott u. In der realen Welt ist das ein mächtiger Nationalstaat. wenn es dem Gesamtwohl des Systems dient. Diese Schrift verbreitet noch den unschuldigen Charme der frühen Jahre des US-Nachkriegsimperiums. Er muss also bei der Verfolgung seines strategischen Ziels bzw. im nationalen Sinn uneigennützig zu handeln. fallen diese beiden Bestrebungen in eins. 33 Hier liegt auch die Unterscheidungslinie zwischen dem. mit Gewalt durchsetzen. 33 Ein weiteres Dilemma: Da die Über- Vgl. die Interessen und Bedürfnisse des internationalen Kapitals in allen ihren Formen kompromisslos vertreten und. wenn seine Hegemonie von Dauer sein soll.188 Frank Unger misch veredelter Stabilität in der Bewegung könne das System zum Wohle aller funktionieren. Grundlage. Mithin kann die Geschichte des außenpolitischen Verhaltens der U S A seit dem Ende des Ersten Weltkriegs verständig analysiert werden als der kontinuierliche Kampf dieser zwei Linien: auf der einen Seite die Verfechter der Interessen des globalen Gesamtkapitals. 32 Dieses normative Weltbild der außenpolitischen Eliten der USA ist natürlich nicht rein substanzlose Propaganda. Aber gleichzeitig ist auch die lebensspendende Sonne des kapitalistischen Weltsystems ein souveräner Nationalstaat. wenn nötig. Wie alle einigermaßen erfolgreichen Ideologien muss sie einen Realitätskern haben. international die Interessen der dominanten Fraktion seiner eigenen Bourgeoisie zu vertreten.

in Europa und anderen Teilen der Welt Unternehmen . ergibt sich daraus stets die Gefahr einer Verselbständigung des militärischstrategischen Interesses. eine Abhängigkeit von lebenswichtigen Importen (z. d. Anders gesagt: Die US-Wirtschaft war zu jener Zeit so gut wie autark.h. Interessanterweise fällt diese Phase des »altruistischen« Internationalismus der USA in eine Periode. 7. die USA hätten locker auf dem erreichten Niveau existieren können. Ol) bestand zu diesem Zeitpunkt noch nicht. ohne überhaupt Außenhandelsbeziehungen zu pflegen. Auf diese Weise förderte sie sowohl die schnelle Rekonstruktion der anderen kapitalistischen Kernländer als auch die Re-Internationalisierung der Wirtschafts. Die Vereinigten Staaten förderten großzügig.und Finanzbeziehungen. den Wiederaufbau der kapitalistischen Länder Westeuropas und Japans mit Hilfe des European Recovery Program (Marschall-Plan) und anderer Hilfsprogramme: Schließlich brauchte die US-Wirtschaft nach dem Wachstumsschub durch den Krieg nun satisfaktionsfähige und leistungsstarke Partner für die Friedenszeit danach. indirekt die lebenswichtigen Exporte ihrer Partner zu subventionieren. eine angeblich an der Weltherrschaft interessierte Sowjetunion durchgeführt wurde. Dies umso mehr. Die Sowjetunion und die Länder des sozialistischen Lagers waren nach dem Krieg die Ursache dafür. Zwar erlaubte es der strukturell überbewertete Dollar amerikanischem Kapital. indem sie jahrelang eine strukturelle Unterbewertung von deren Währungen im Bretton Woods-System hinnahm.B. Ihre zunächst ungeheure Überlegenheit an industrieller Produktivität und ihre finanziellen Ressourcen erlaubten es ihr. als die aktive Vorantreibung der globalistischen Marktwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg gleichzeitig in der Form eines existenziellen Abwehrkampfes der »westlichen Zivilisation« gegen den östlichen Kommunismus bzw. dass in den ersten 20 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Interessen des globalen Gesamtkapitals und die des Nationalstaats USA weitgehend zusammenfielen. einer militärisch induzierten Machtprojektion um ihrer selbst willen. dass das wilsonistische Projekt zwar bewusst verfolgt. aber durchaus im Eigeninteresse. in der die Internationalisierung der US-Wirtschaft selbst noch nicht sehr weit fortgeschritten war. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 189 wachung der globalen Regeln für die Geschäfte des Weltkapitals durch einen mächtigen Nationalstaat ein starkes und schlagkräftiges Militär erfordert. Gleichzeitig waren sie aber dafür verantwortlich. aber nicht gleich ganz verwirklicht werden konnte. der Außenhandel spielte erst eine geringe Rolle.George W.

der französische Präsident de Gaulle mehrfach angekündigt hatte. indem er 1971 ohne Vorankündigung sozusagen über Nacht die Goldbindung des Dollars für beendet erklärte und damit 34 David Harvey: A Brief History of Neoliberalism. 34 Mit anderen Worten: Der real existierende Kapitalismus hatte nach 20 Jahren »sozialdemokratischer« Politik aus Angst vor dem Kommunismus in seinem Führungsland. genau dies nicht zu tun. wie sie z. 16. aber diese Einkäufe waren aus Überschüssen bezahlte Extras. arg eingeschränkt waren. Das keynesianische System der Nachkriegszeit stieß an die politischen Grenzen seiner Tolerierbarkeit für die ökonomischen Eliten. nahm der Abfluss der US-Goldreserven in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre kontinuierlich zu. Präsident Nixon reagierte auf diese bedrohliche Situation. dass die Zeit der unmittelbaren Interessendeckung von U S A und ihren Partnern in Westeuropa und Japan zu Ende gehen würde. Bereits in den 1960er Jahren hatte sich abgezeichnet.B. sondern auch eine Akkumulationskrise für das amerikanische Kapital und damit eine Schwächung der ökonomischen Eliten. S. Sie mussten die schreckliche Erfahrung eines »wealth Crashs« machen. aber nicht nur dort. politische und militärische Krise für die Vereinigten Staaten. Aber auch ohne gezielte politische Aktionen. dass auf der Grundlage des inzwischen unrealistisch niedrig fixierten Dollarwerts ($ 35 pro Unze Gold) ausländische Banken mit ihren Dollar-Guthaben locker mehrmals die Goldvorräte aus Fort Knox hätten aufkaufen können. Die späten 1960er und 1970er Jahre brachten nicht nur eine moralische. Nicht zuletzt die Kosten des Vietnamkriegs und die wachsenden Auslandsschulden führten dazu. . von ihnen aber erwartet wurde. Die Hauptleidtragenden waren die »investierende Klasse«. Grob gesagt: Investieren »lohnte nicht mehr«.190 Frank Unger und Industrieanlagen zu basement bargain-Preisen zu erwerben. Oxford 2005. noch kein essentieller Bestandteil amerikanischer Akkumulationsstrategien. der geradewegs Züge einer Umverteilung von oben nach unten annahm: Innerhalb von knapp zehn Jahren sank der prozentuale Anteil am Aktienbesitz des reichsten 1% der US-Bevölkerung von 37% im Jahr 1965 auf 23% Mitte der 1970er Jahre. hohe Rendite zu erwirtschaften und neuen Reichtum zu akkumulieren. also die Superreichen. aufgrund hoher Arbeitseinkommen und eines hohen Beschäftigungsniveaus ein solches Stadium relativer sozialer Nivellierung erreicht. Stagnation und Inflation traten gemeinsam auf und ließen das Neuwort »Stagflation« in die Umgangssprache eingehen. dass die Chancen für die ökonomischen Eliten.

seit Ende des Zweiten Weltkriegs gemeinsam mit der Londoner City das finanzielle Zentrum der Weltwirtschaft..so wenig Möglichkeiten wie möglich blieben. Das riskante Spiel der Aufkündigung des Bretton WoodsSystems hatte sich gelohnt.. 35 wie das keynesianisch-klassenkompromisslerische Nachkriegssystem neuerdings genannt wird. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben spätestens seit Beginn der 1980er Jahre auch politisch in diesem Prozess in allen Feldern wieder die Führungsrolle übernommen. 35 .a. und drittens. 36 Bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre wurde ein gezielter Politikwechsel eingeleitet. S . der rigorose Senkung der relativen Arbeitskosten in den Hauptländern des Kapitalismus. der Überführung von so vielen nationalen Ressourcen und Bereichen des öffentlichen Lebens wie möglich in die Verfügungsgewalt Anlage suchenden Privateigentums. in dem unter der Supervision des internationalen Finanzkapitals die Regeln und Gesetze der kapitalistischen Marktwirtschaft universell durchgesetzt waren und den nationalen Regierungen . a. was sich aber am Ende insofern als erfolgreich erwies. A Brief. London 1999. Damit war.George W. in den so genannten »neo-liberalism«. S.. der von folgenden Zielen geleitet war: erstens der forcierten Durchsetzung eines neuen Regimes des Kapitalismus. Blyth: Great Transformations: Economic Ideas and Institutional Change in the Twentieth Century. statt des zuvor letztinstanzlichen Goldes. 19-38. zweitens. l l . Aktionspolitisch umgesetzt wurde er als Siehe dazu M. in: The Global Gamble.O. in das »freie Spiel« der Marktkräfte einzugreifen.. als es die reale Voraussetzung für einen neuen Abschnitt in der Entwicklung des Nachkriegskapitalismus wurde: die Umwandlung des »embedded liberalism«.ob demokratisch gewählt oder nicht . Cambridge 2002. Praktisch umgesetzt wurde sie vor allem durch eine enge Zusammenarbeit mit der Wall Street. auch Harvey. Vgl. Washington^ Faustian Bid for World Dominance. 36 Siehe hierzu Peter Gowan: The Dollar-Wall Street Regime. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 191 praktisch das Bretton Woods-System einseitig aufkündigte. nach dem die »Befreiung der Märkte« von jedweder Kontrolle oder Regulierung gleichsam naturgesetzlich optimale Ertragsresultate für alle Beteiligten hervorbringe. Der nun in konzertierter Aktion mit den wichtigsten Verbündeten über die nächsten zehn Jahre lancierte und legitimierte »Neoliberalismus« kann nach mehreren Gesichtspunkten analysiert werden: Verlautbarungspolitisch gestartet wurde er als ein utopisches Programm auf der ideologischen Grundlage der neo-klassischen Ökonomie und des wilsonistischen Weltbildes. nunmehr der reine Papierdollar zum Weltgeld erhoben worden: ein durchaus riskantes Spiel.

8. Der Wilsonismus ist bis heute die durchgängige Konstante amerikanischer Außenpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. »überparteiliche« (»bipartisan«) Bezugsrahmen für jede amerikanische Regierung von Harry S. Es war nicht zuletzt diese naive Verwechslung von rhetorischem und praktischem Wilsonismus. mit dem er jenen Hass und jenes Misstrauen bei einem Teil der politischen Eliten auf sich lud. denn eine legale oder illegale Amtsenthebung durch konzertierte Aktion der ökonomischen Eliten wäre die unvermeidliche Folge gewesen. eine militärische Intervention in Haiti zur Rettung des (demokratisch gewählten) sozialdemokratischen Präsidenten Aristide vor einem Militärputsch anordnete. So wurde es lange Siehe hierzu meinen Aufsatz From the »Anti-Revisionist Left« to the »New Centre«: Reflections on the Ancestry of »Modernized« Social Democracy. hedonistische Couponschneider und selbstherrliche Bankchefs als die wahren Vollender der Kulturrevolution der 60er Jahre erscheinen konnten. S. dann lag das weniger am politischen Verhalten der USA als an sich verändernden Kräfteverhältnissen und daraus resultierenden Wahrnehmungsveränderungen. Jahrhunderts.192 Frank Unger ein politisches Projekt zur Wiederherstellung optimaler Akkumulationsbedingungen und der Macht der ökonomischen Eliten. obwohl Clinton diesen Fauxpas später hundertmal wettgemacht hatte! 37 . Kein US-Präsident ist in sechs Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte auch nur einen Deut von den Grundprinzipien des Wilsonismus abgewichen. offenbar noch betört von seiner eigenen Rhetorik und in Gedenken an seine wilde Jugend in Gesellschaft von Vietnamkriegs-Gegnern. 37 Real-historisch aber ist dieser »Neoliberalismus« nichts weiter als ein weiterer Abschnitt des wilsonistischen Programms zur Wiederherstellung der kapitalistischen Weltordnung des 19. der später bis zu einem Impeachment-Versuch führen sollte. Er war und ist der verbindliche. Und das. die bereits mindestens so global (bis auf die technischen Accessoires der Gegenwart) war wie die heutige »postnationale Ordnung«. 163-181. wobei listig auf rhetorische Figuren und kulturelle Stile der 68er Revolte zurückgegriffen wurde. Bush. in: Oliver Schmidtke (Hrsg . Er hätte es auch gar nicht gekonnt. 38 Wenn die Handlungsweisen von US-Präsidenten während dieser Zeit dennoch ganz unterschiedliche Reaktionen im Rest der Welt einschließlich der kapitalistischen Verbündeten hervorgerufen haben. als der noch unerfahrene Präsident Clinton. Propagandistisch massenwirksam verkauft wurde er als anti-etatistisches »Freiheitsprogramm«. 38 Einen einzigen zaghaften Ansatz dazu gab es Anfang der 1990er Jahre. Normative claims and policy initiatives in the 21" Century. Aldershot/England 2002. Truman bis zu George W.):The Third Way Transformation of Social Democracy. sodass coole Finanzjongleure.

eine gefährliche Person. aber sehr 39 . dass der Vietnamkrieg .George W.ein Vernichtungsfeldzugs gegen ein ganzes Volk. Auch der Vietnamkrieg diente in letzter Instanz den Zielen »Freiheit der Meere« und »Freiheit des Welthandels«. sondern auch zur Gefahr Nr. Gut anderthalb Jahrzehnte nach dem größten Triumph der ökonomischen Eliten der USA. Damals oblag es Teilen der jungen Generation in Europa wie in den USA selbst. von den Bevölkerungen gar nicht zu reden. der Kapitulation der Sowjetunion. zum Ausdruck. dass die Interessen der ökonomischen Eliten in den europäischen kapitalistischen Ländern an guten Beziehungen zu den USA damals noch allerhöchste Priorität hatten. Vom objektiven Tatbestand her kann jedoch Bush und seiner Regierung . um ein Vielfaches blutiger als und genauso »völkerrechtswidrig« durchgesetzt wie der jüngste Feldzug gegen den Irak. Protest und Widerstand zu Gehör zu bringen.das mit Abstand größte internationale Verbrechen der Nachkriegszeit gewesen ist. 1 für den Weltfrieden avanciert sei. Der Grund für die westeuropäische Solidarität mit Amerika war. Ein »Völkerrecht« wurde in Zusammenhang mit Vietnam ausschließlich von den sozialistischen Ländern argumentativ ins Feld geführt. Sie hatten einen schweren Stand gegenüber ihren Regierungen wie gegenüber der Mehrheitsmeinung in ihren Ländern. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 193 Zeit auch außerhalb der USA weitgehend übersehen. Die politischen Führer und die veröffentlichte Meinung der westeuropäischen Verbündeten brachten immer wieder ihre Solidarität mit »dem Engagement der Amerikaner in Vietnam«. die nicht ebenso und zum Teil weitaus brutaler von jedem ihrer Vorgänger seit Harry S. Truman begangen worden sind: entweder direkt durch militärische Aktionen oder indirekt durch geheimdienstliche Unterstützung lokaler Kräfte. die nicht nur bedenkenlos das »Völkerrecht« breche. wie es damals hieß. Bush in den Augen eines großen Teils der politischen und ökonomischen Eliten Europas.abgesehen von bestimmten rhetorischen Fehlgriffen . dem annähernd drei Millionen Menschen zum Opfer fielen . 39 Allein die bloße Nennung von Beispielen hierfür würden Seiten in Anspruch nehmen. ist der amerikanische Präsident George W. Zu nennen wären neben dem erwähnten Vietnamkrieg drei indirekte. man war einig im gemeinsamen ideologischen Abwehrkampf gegen Sozialismus und Kommunismus und vorteilhaft verbunden durch das für die Europäer segensreiche Bretton Woods-System. Verstöße gegen das »Völkerrecht« oder gegen die allgemein-menschliche Moral begangen zu haben. auch wenn in diesem Fall die Logik des Kalten Krieges mit ihrer »Dominotheorie« vordergründig dazwischengeschaltet war.nicht ernsthaft vorgeworfen werden.

alles unverzichtbare Elemente des wilsonistischen Programms und des wilsonistischen Verständnisses von »Demokratie«! Die Ordnungspolitik der Europäischen Union und die Lobbyarbeit der ökonomischen Eliten Europas verfolgen im Prinzip genau die gleichen Ziele. die Einführung neuer.m. die fossile Energiequellen und insbesondere das Erdöl für die nationale Reproduktion der U S A spielen.v. was den moralischen Standard (»Völkerrechtsmissachtungen«) betrifft. sehen die ökonomischen Eliten sich gerafolgenreiche Interventionen: Die Zerstörung der Demokratie im Iran 1953. Investitionsfreiheit für ausländisches Kapital. wenn ein Land in den alleinigen Zuständigkeitsbereich der »internationalen Märkte« übergeleitet werden soll: Privatisierung des Staatseigentums. dass mit der Präsidentschaft George W. als auch. . das vier. gemessen an ihrer Bevölkerungszahl. Diese Konstellation ergibt sich zwingend aus der besonderen Bedeutung. unternehmerfreundlicher Steuergesetze u. und zwar sowohl. was andere vergleichbare Länder verbrauchen. in der die Erwartungen der kapitalistischen Länder an die U S A als »uneigennützige« Sonne des kapitalistischen Weltsystems und die nationalen Interessen der U S A sich nicht mehr nachhaltig miteinander vereinbaren lassen. der Massenmord an Mitgliedern der KP Indonesiens 1965 und der Putsch in Chile 1973.194 Frank Unger Dennoch erscheint es dem öffentlichen wie auch dem akademischen Diskurs in Deutschland wie in den meisten seiner Nachbarländer. Warum? Was angesichts des Irak-Kriegs die plötzliche Kritikbereitschaft in Europa hervorzurufen scheint. die seit 50 Jahren durchgeführt werden.B. ist keineswegs ein plötzlich gewachsener moralischer Anspruch aufsehen erfahrener und aus eigenen Erfahrungen geläuterter Europäer. gesetzliche Garantien für den Profittransfer. .und Kühlenergie geketteter Lebensstil unverzichtbar für den American Way of Life ist. Bushs ein qualitativer Wandel in der amerikanischen Außenpolitik stattgefunden habe. Die U S A verbrauchen. was die politische Strategie (»Unilateralismus«). Dabei haben die U S A im niedergeworfenen Irak nichts weiter getan als die üblichen Maßnahmen einzuleiten. Offensichtlich ist zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte eine Konstellation am Entstehen. Weil ein an das Automobil sowie an billige Heiz. sondern wohl eher der Beginn eines objektiven Auseinanderfallens der Interessen zwischen den USA als Nationalstaat und den bislang engsten Verbündeten im kapitalistischen Weltsystem. Dennoch wächst auch hier die Kritik an den USA. Habermas reklamieren. wie es einige Autoren wie z.bis zwanzigfache an fossilen Energien von dem.

65-74. Dies ist natürlich Unfug. 40 . Siehe auch Elmar Altvater: Öl-Empire. liegt letztlich in der beginnenden Unvereinbarkeit von »Sonnenfunktion« und hartem nationalstaatlichen Interesse für das politische Verhalten der USA. um der Erhaltung des sozialen Friedens willen angesichts knapper werdender Ölvorräte die Verfügungsgewalt über die großen Quellen dieser Erde zumindest mittelfristig sicherzustellen. die von anSiehe hierzu: Michael Klare: Blood and Oil. Pinochet und auf ihre Weise auch Helmut Kohl. Seine Rationalität für die verbündeten Länder hätte allein in dem indirekten Argument bestanden. New York 2004. Gerhard Schröder und selbst Deng Xiaoping ebenso bei wie Ronald Reagan. eindeutig ein Akt.George W. die USA und vor allem George W. 1/2005. das Land mit den zweitgrößten gesicherten Ölreserven der Erde. S. der im Interesse des Nationalstaats USA geführt wurde. er war nicht mehr selbstverständlich vermittelbar als im Interesse des Gesamtsystems. Der Grund dafür also. Zwar ist der Neoliberalismus. 40 In diesem Sinne war der militärische Überfall auf den Irak. Bush im Kontext US-amerikanischer Außenpolitik 195 dewegs dazu genötigt. Die antikapitalistische Linke zieht bei diesem Antiamerikanismus freudig mit und unterstellt am liebsten gleich dabei. Diese Begründung reichte wohl hin für einige beflissene Neumitglieder der kapitalistischen Weltfamilie aus dem Osten Europas. Aber gleichzeitig war und ist er auch ein internationales Projekt. The Dangers and Consequences of America's Growing Petroleum Dependency. inzwischen in den Ländern der EU den politischen Mainstream erreicht haben. Deswegen kommt es bei der Einschätzung von anti-amerikanischer Kritik mehr denn je darauf an. No. nicht aber mehr für die politischen und ökonomischen Eliten des westlichen Europa. wie oben gezeigt. meist fokussiert auf die Person George W. Bush. Tony Blair. dass Kritik an den USA und leidenschaftlicher Antiamerikanismus. ideologisch und praktisch nichts als das Weitertreiben des Wilsonismus. Zu seiner politischen Durchsetzung trugen Margaret Thatcher. zu unterscheiden zwischen solcher. um auch angesichts einer vom kommunistischen Jahrhundertfeind befreiten Welt sich trotzdem noch einmal bedingungslos hinter ihre alte »Schutzmacht« zu scharen. Bush persönlich seien auch allein verantwortlich für den Neoliberalismus. das materielle Wohlergehen und die politische Stabilität der »Sonne« des kapitalistischen Weltsystems sei per se von positivem Wert für das System und damit letztlich auch den eigenen Interessen nützlich. in: Blätter für deutsche und internationale Politik. Japans oder Indiens ebenso wie denen der USA. verfolgt von den ökonomischen Eliten der EU. Clinton und die Bushs.

heißt das: Wer vom Kapitalismus nicht reden will. und solcher. die nicht von falschen Freunden missbraucht werden will. soll vom amerikanischen Imperialismus schweigen! . Für eine politische Linke.196 Frank Unger tikapitalistischen Prämissen ausgeht. die bloß eine wachsende Rivalität unter imperialistischen Komplizen zum Ausdruck bringt.

Das neue Sicherheitskonzept weitet den strategischen Radius der EU global aus. Der Europäische Rat verkündete im März 2000 in Lissabon eine Strategie mit einem ambitionierten Ziel: Bis 2010 sollte die EU zum »wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt« umgebaut werden. »der fähig ist. Mit dem Ubergang ins 21. dass die Europäer sich aus der US-Hegemonie der Nachkriegszeit zu lösen versuchen und . die Sicherheit einer weltwirtschaftlichen Infrastruk- . 2003) war für Beobachter in den USA der letzte Beweis dafür. dass die EU sich nicht nur territorial erweitert.und Sicherheitspolitik (GASP).in der Zeit des Kalten Krieges durch eine deutliche ökonomische und politische Dominanz der USA charakterisiert . Und auch die Fortschritte auf dem Gebiete einer Gemeinsamen Europäischen Außen. Dräger 2005). sondern auch die politische Integration vorantreibt und mit den »institutionellen Reformen« auch ihre außenpolitische Handlungsfähigkeit zu effektivieren versucht. die Osterweiterung bis 2001 und Ausarbeitung des Verfassungsvertrages mussten in den USA als Zeichen dafür gewertet werden.erheblichen Belastungen ausgesetzt.Frank Deppe »Euroimperialismus« Anmerkungen zu einem neuen Schlagwort 1.und Währungsunion mit dem Ziel der Einführung des Euro und der Errichtung der Europäischen Zentralbank (EZB) bis 1999 als Kampfansage gegenüber dem »Dollar-Wall-Street-Regime« (Peter Gowan) bewertet.eigene Interventionsstreitkräfte aufbauen wollen. Die Ausarbeitung einer Europäischen Sicherheitsstrategie (»Solana-Papier«.jenseits der NATO . In den USA wurden schon in den 1990er Jahren die Beschlüsse der EU über die Wirtschafts.immer mehr in die Rolle eines neuen Zentrums der kapitalistischen Weltwirtschaft hineinwächst.mit dem neuen Kraftzentrum China . Jahrhundert deuteten sich Veränderungen in den Beziehungen zwischen den kapitalistischen Zentren der Weltwirtschaft und der Weltpolitik an. Während Ostasien . ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einen größeren sozialen Zusammenhalt zu erreichen« (vgl. waren die transatlantischen Beziehungen .

die Stärkung der Sicherheit der Nachbarschaftsregionen (östlich der EU und im Mittelmeerraum) sowie eine multilaterale Weltordnung« (Algieri 2005: 222).gegebenenfalls auch gegenüber den U S A . Auf der anderen Seite nahm in den Jahren 2003/2004 der Antiamerikanismus in Westeuropa erheblich zu. musste sie feststellen. die inzwischen auch der NATIO angehörten . Als die politische Führung der U S A im Jahre 2003 den Militärschlag gegen den Irak vorbereitete. Rice und Cheney. sondern arbeitete auf der Ebene der Geheimdienste eng mit den USA bzw.vor allem bei der Verfolgung und Folterung von Menschen.B.anders als im ersten Irakkrieg 1991 . »Die strategischen Ziele der EU beziehen sich auf die Abwehr von Bedrohungen (Terrorismus. dass sich . der CIA zusammen .und speziell der ESVP (Europäische Sicherheits-.einige europäische Regierungen der militärischen Kooperation verweigerten: die Regierungen Frankreichs. gewährte jedoch den USA nicht nur logistische Unterstützung im Irakkrieg.in Westeuropa demonstrierten Millionen von Menschen gegen den Krieg und gegen die Politik von Bush. Von der Bush-Administration musste dieser EU-interne Dissens zunächst als eine Bestätigung ihrer globalen Führungsrolle gewertet werden. Bush (über das Pentagon. Spanien. der beste Verbündete (Tony Blair) geriet unter den Druck der eigenen Partei.bekundet hatten und im Verfassungsentwurf die militärische Dimension der EU-Integration gestärkt wurde.198 Frank Deppe tur wird darin ebenso erwähnt wie die Bedeutung von Armut und Migration für die europäische Sicherheit. Die neokonservativen Ideologen in den USA. regionale Konflikte). Rumsfield. die verdächtigt wurden. Gegen die »Unwilligen« wurde in den U S A eine rüde Polemik entfacht .endlich auszubauen. 2. die Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice und den Vizepräsenten Dick Cheney) maßgebend bestimmen (Menzel Die Regierung der BRD z. die die Außenpolitik von George W. und Verteidigungspolitik) . 1 . gute Freunde (Aznar und Berlusconi) wurden abgewählt. Massenvernichtungswaffen. gleichzeitig entwickelte sich in Westeuropa eine lebhafte Debatte über die Notwendigkeit. terroristischen Netzwerken anzugehören. vor allem aber die Regierungen der neuen Mitgliedsstaaten im Osten. Italien. die außenpolitische und militärisch-sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit der EU . der Bundesrepublik Deutschland sowie Belgiens.die Regierungschefs von Großbritannien. obwohl sie doch gerade den Willen zum gemeinsamen Handeln im Rahmen der GASP . 1 Andere . Die Europäer waren also gespalten.schlossen sich der »Allianz der Willigen« an.

Die Führungsposition der USA . Europa ist . aber nicht groß genug..mittel.beschwört das »Paradox« der amerikanischen Macht: Sie sei zu groß.. in the much longer run still.) werden dabei ebenso benannt wie die Gefahren einer Politik des »Unilateralismus« (Mearsheimer 2001). Die Europäer träumen den Traum des Kantischen »Ewigen Friedens«. Diese »entstehen. and where true security and the defense still depend on the possession and use of military might. Sie kann sich freilich nur . exercising power in an anarchic Hobbesian world where international laws and rules are unreliable. um alle Probleme dieser Welt allein zu lösen. Die USA hingegen sind als die stärkste Macht in der Welt zum Realismus gleichsam verdammt: »the United States remains mired in history. reagierten auf diese neue Herausforderung zunächst gelassen.prominenter Sprecher der liberalen Schule und des alten »Ostküsten-Establishments« ..und die damit verbundene Führungsaufgabe . 2004: 85ff.a.vor allem im Umkreis der Demokraten .»Euroimperialismus« 199 2004: 93ff. Nye warnt auch Brzezinski (1997: 198) formulierte schon zur Zeit der Präsidentschaft von Bill Clinton diese Aufgabe: »In the short run. Es gibt allerdings in den USA . Die strukturellen Schwächen und Risikopotenziale der US-Ökonomie (vgl. Deppe u.in der Kooperation mit Partnern stabilisieren.. It is entering a post-historical paradise of peace and relative prosperity«.).und langfristig .« 2 . »to move beyond power into a self-contained world of laws and rules and transnational negotiation and Cooperation. 2 Joseph Nye (2002) . Americans are from Mars and Europeans are from Venus« (Kagan 2003: 3). it is Americas interest to consolidate and perpetuate the prevailing geopolitical pluralism of the map of Eurasia . wenn Amerika der Illusion erliegt. the foregoing could phase into a global core of genuinely shared political responsibility. Robert Kagan hat in einer viel beachteten Schrift die Differenzen zwischen den USA und der EU als völlig normalen Ausdruck ihrer unterschiedlichen Stärke und Macht interpretiert. By the middle term.politisch und militärisch schwach. the foregoing should gradually yield to a greater emphasis on the emergence of increasingly important but strategically compatible partners .im Verhältnis zu den USA . Eventually. die vor der Gefahren einer grenzenlosen Überschätzung der amerikanischen Macht warnen. um von irgendeiner anderen Macht oder Mächtekonstellation in Frage gestellt zu werden. Daher tendiert es dazu. That is why on major Strategie and international questions today. der die USA von ihren Verbündeten isoliert.wird nicht in Frage gestellt.genügend Stimmen. seine Vorherrschaft sei von ewiger Dauer und die eher traditionellen geopolitischen Herausforderungen existierten nicht mehr« (Kupchan 2003: 21).

und Währungsunion.B. die Attraktivität des American Way of Life und seines Wertesystems) zu unterschätzen. Wirtschafts. 3 .vor allem als Antwort auf den terroristischen Angriff vom 11. Opposition to American unilateralism in recent years (military Intervention in the Middle East. vertritt vor allem der Ostasienexperte Chalmers Johnson in seinem neuen Buch »The Sorrows of Empire. Osterweiterung etc.« 3 Angesichts der Unfähigkeit der US-Besatzungsmacht.und Außenpolitik in der Folge des »neokonservativen Putsches«. die Bedeutung der »soft power« (z. seiner Politik des »Imperialismus« den Niedergang voraussagen (Pfaff 2004. charakterisiert die EU als eine »leise Supermacht«.5 Oftmals werden dabei von Anhängern der Demokratischen Partei die Verhältnisse in der EU idealisiert. Ferguson 2004). sondern auch auf deren Rolle als eine »Supermacht« in der Arena der internationalen Dass der »Militarismus« das Charakteristikum des US-amerikanischen »Imperiums« sei. also in der Regel vom Ausland akzeptiert und häufig als legitim betrachtet wurde. den Irak nach dem militärischen Sieg zu stabilisieren .B. Military. GASP/ ESVP.200 Frank Deppe davor. assertiveness of trade relations and neglect of the Doha round. 4 »Many West European Leaders believe that the Euro will greatly strengthen their political position vis-à-vis the United States in international negotiations. many Americans fear that the Euro will have negative consequences for American security and the international Standing of the United States« (Gilpin 2000: 225). 2004. September 2001 . Dabei bezieht er sich nicht allein auf die Wirtschaftskraft sowie auf die Arbeitsbeziehungen und die Sozialpolitik in der EU. Schärfer noch kritisierte der Soziologe Michael Mann (2003: 314) die Innen. kommt sie jetzt aus den Gewehrläufen. das seinerseits auf die ökonomische Potenz der Europäischen Union. Jeremy Rifkin z. der . als »Hoffnungsträger für eine bessere Welt« gegenüberstehe.ganz zu schweigen vom erfolgreichen Aufbau eines demokratischen Staatswesens mehren sich natürlich die Stimmen. Secrecy and the End of the Republic«. auf die Position des Euro gegenüber dem US-Dollar 4 sowie auf die Fortschritte der EU seit dem Ende des Kalten Krieges (Binnenmarkt.) zurückzuführen sei. recklessness in managing the dollar) has been taken as a sign of mounting political antagonisms between contesting Centers of the world capitalism« (Albo 2003: 89). die dem amerikanischen »Empire« bzw. die den U S A längst als Modell bzw. at times Japanese. 5 »European. Dabei werten einige Kommentatoren die Krise der transatlantischen Beziehungen im Zusammenhang des Irakkrieges schon als Indikator eines wachsenden Selbstbewusstseins der »Europäer«.das Primat des militärischen Denkens etablierte: »Während in der Vergangenheit Amerikas Macht hegemonial war.

die schon während der Balkankrisen der 1990er Jahre und dann wiederum während des Irakkrieges zutage trat. and more secure in the quest for peace. dass solche Vorstellungen von einem »besseren Europa« nicht begründet sind. North and South. Out of these troubled times . The crisis of the Persian Gulf. 6 . September 1990 sagte US-Präsident George H. Auch die Beurteilung der »weichen Faktoren« europäischer Politik (Sozialpolitik. vgl.a. as grave as it is. das durch die Umverteilung der »Friedensdividende« möglich wird.« 7 In seiner berühmten Rede »Towards a New World Order« vom 11.W.. »Dritten Welt« Die innere Spaltung innerhalb der EU.) sowie des politischen Systems der EU bleibt blind für die Defizite und Widersprüche in diesen Bereichen. also offers a rare opportunity to move toward a historic period of Cooperation.im Gegensatz zum Militarismus der USA . A world in which nations recognize the shared responsibility for freedom and justice. um das Kaspische Meer und schließlich auch bei der politischen Reorganisation Gesamteuropas auszubauen (»militarisierte Hegemonie«. Die Debatte um den Irakkrieg und um die transatlantischen Beziehungen ließ so schon erkennen. »Instead of exporting welfare capitalism and a security order based on multilateralism and human rights.»Euroimperialismus« 201 Politik. A world where the strong respect the rights of the weak« (zit. n. wie die Frage nach der Existenz und der Relevanz eines »Euroimperialismus« aufkommen konnte.a new world order can emerge: a new era. free from the threat of terror. Müller 2003: 122ff. um die Vormachtposition der USA sowohl im Nahen Osten. Schon unter der ClintonAdministration haben sich jedoch Konturen einer Außenpolitik der USA abgezeichnet.den Leitbildern der Nachhaltigkeit und des Ausgleichs verpflichtet sei (Rifkin 2004). East and West.. ist typisch für die GASP.im nationalen Interesse . EU expansion has entailed the reemergence of economic center-periphery relations within the new Europe. stronger in the pursuit of justice. can prosper and live in harmony.). Der Imperialismusbegriff spielte für die Analyse der internationalen Beziehungen und der Weltordnung lange Zeit keine bedeutende Rolle. Sie steht im Kontext des Kampfes um die »neue Weltordnung« nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes. Umweltpolitik usw. 6 3. sozial gerechteren und ökologisch sicheren Welt. Noch Anfang der 1990er Jahre war die »neue Weltordnung« (u.die militärische Überlegenheit der USA (und der NATO) einsetzt. Menzel 2004: 7).) zeigt am Beispiel der EU-Osterweiterung. dem »Alteren«) 7 begriffen als Projekt einer friedlichen. die . A world where the rule of law supplants the rule of the jungle. von George H. Bush. In den 1960er und 1970er Jahren konzentrierten sich »Imperialismusanalysen« auf das Verhältnis zwischen den Kapitalmetropolen und der sog. Bush: »We stand today at a unique and extraordinary moment. die .W. An era in which the nations of the world. Dorothee Bohle (2004: 300ff.

202 Frank Deppe sowie auf die »antiimperialistischen Befreiungsbewegungen« . an die klassisch gewordenen Imperialismusanalysen vom Anfang des 20. Würde die neue Weltordnung durch die einzig verbliebene »Supermacht« U S A beherrscht werden oder würden sich neben den U S A (und Nordamerika) weitere Zentren ökonomischer und politischer Macht . Seit den 1980er Jahren geriet der Begriff »Imperialismus« fast in Vergessenheit . Sie knüpften z.auf der einen Seite galt er als marxistisch-leninistisch »vorbelastet«.in der Struktur der »Triade« (Nordarmerika. die Dynamik der Weltwirtschaftsbeziehungen usw. Diese hatten den Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Kapitalismus im Inneren und seiner ökonomischen und politischen Expansion nach außen in den Mittelpunkt gestellt (»Überakkumulation« und »Unterkonsumtion«). Hilferding. 2004). Lenin. Kultur und Kommunikation für die Auseinandersetzung um die »neue Weltordnung« spielen? Wie würden sich die der kapitalistischen Globalisierung eingeschriebenen Widerspruchskomplexe auf die Auseinandersetzungen um die neue Weltordnung auswirken? Die Imperialismustheorien hatten einerseits die Frage nach dem Zusammenhang von Kapitalakkumulation und der territorialen Expansion von ökonomischen und politischen Herrschaftsräumen in den Mittelpunkt gestellt. Mit anderen Worten: Kapitalistische Regime müssen nach innen . 4. Bucharin).. die Hegemonie der USA innerhalb des westlichen Lagers und der darin eingeschlossene Wandel der zwischenimperialistischen Konkurrenzverhältnisse.öko- . (vgl.T. die Rolle der Atomwaffen. Ostasien) . Die erste dieser Fragen betraf die »neue Weltordnung« nach dem Ende der Bipolarität. auf der andere Seite setzten sich innerhalb des akademischen Mainstreams in den Sozialwissenschaften immer mehr Richtungen durch.a. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes. Jahrhunderts an (Hobson.von Kuba. Wissensproduktion. Die neueren Analysen betonten jedoch die Veränderungen innerhalb der Weltordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: der Ost-West-Konflikt. Luxemburg. Westeuropa. der Herausbildung einer neuen Formation des »transnationalen High-Tech-Kapitalismus« und dem Siegeszug des Neoliberalismus in Wirtschaft und Politik (Candeias 2004) wurden jedoch neue Fragen aufgeworfen. die zum Teil an die alten Debatten anschlossen. denen die Fragestellungen einer kritischen Gesellschaftsund Kapitalismusanalyse mehr oder weniger als irrelevant erscheinen.herausbilden? Welche Rolle würde die »Globalisierung« von Ökonomie. Algerien bis nach Vietnam und Angola. ausführlich Deppe u.

seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes . die stets das Primat des »national interest« betont. nationale Grenzen zu überschreiten. Er behandelt darin »the American attempt to use the international system of sovereign states as a mechanism of American global dominance . the benefits of the global transnational order will accrue to the United States. This is the main distinctive form of the US's global project. obwohl auf die Funktion des Nationalstaates für die Sicherung der Eigentums.der Kapitallogik adäquate . sondern der Kampf von Staaten und Staatengruppen um Hegemonie oder Suprematie in der ökonomischen und politischen Weltordnung einer bestimmten historischen Epoche kapitalistischer Entwicklung.Strategien überwunden und hinausgeschoben werden (auch im räumlichen und zeitlichen Sinne). This is the Global Gamble.B.kann kein Staat (wie die USA) oder keine Staatengruppierung (wie die Europäische Union) ihre Rolle als »Global Player« bei der Gestaltung der neuen Ordnung im eigenen Interesse wahrnehmen.»Euroimperialismus« 203 nomisch.B. politisch und ideologisch .und Verkehrswegen. Gill vertritt die Auffassung. einer der führenden Vertreter der neogramscianischen Schule der Internationalen Politischen Ökonomie unterscheidet sehr genau zwischen Hegemonie (Konsens zwischen Herrschenden und Beherrschten) und Dominanz/Suprematie. Peter Gowan (1999: VII/VIII) den Titel seines ausgezeichneten Buches aus dem Jahre 1999. Hierin liegt die Tendenz des Kapitals.und Verwertungsverhältnisse nicht verzichtet werden kann.« Die klassischen Imperialismustheorien wollten jedoch gleichzeitig die Frage beantworten. Diese Logik entspricht der widersprüchlichen Bewegungsform kapitalistischer Akkumulation selbst. warum sowohl die äußere Expansion und die damit verbundene zwischenimperialistische Konkurrenz als auch die sozialen KonStephen Gill (2004). verändert hat.. die immer wieder neu reproduzierten Verwertungsschranken müssen durch verschiedene . Imperialistisch ist also nicht die äußere Expansion. 8 . des Zwangs gegenüber den Beherrschten aus. In diesem Sinne versteht z. von »Eurasien« oder des »Nahen Ostens«) und von Kommunikations. die Eroberung von Märkten und Einflusssphären.sei's zur Kontrolle der Rohstoffvorkommen oder auch zur Eroberung von Absatzmärkten oder zur Kontrolle von Finanzmärkten . in dem er allerdings den Begriff des »Imperialismus« nicht verwendet. 8 Ohne die Kontrolle von Räumen (z. while the risks and costs can be distributed abroad. ohne die ökonomische Beherrschung anderer Länder und Regionen . dass sich ..durch externe Expansion abgesichert werden.die Rolle der USA in der »Weltordnung« von der Hegemonie zur Suprematie. Letztere zeichnet sich durch das Übergewicht der direkten Gewalt bzw.

Bush über die »neue Weltordnung« und dem Angriff auf das World Trade Centre in N e w York (am 11.zwischen der Rede des älteren George H.verbunden war. Dem entsprach ein Wandel in der Innenpolitik der demokratischen Staaten des Westens: die Sicherheitsproblematik . September 2001 und der anschließend vom US-Präsidenten verkündete »Krieg gegen den Terror« wird immer wieder als Bestätigung der Thesen von Huntington angesehen..204 Frank Deppe flikte im Innern der eigenen Gesellschaften (Aufstieg der sozialistischen Arbeiterbewegung) zunehmend gewaltförmig ausgetragen wurden. also mit einer deutlichen Zunahme der direkten und indirekten Gewaltanwendung . Der 11.B. die schließlich in den beiden Weltkriegen eskalierte.schon 1996 die These. Als kritische Auseinandersetzung und Alternative vgl. dass nunmehr der »Zusammenstoß der Kulturen« (letztlich bezog er sich auf den Zusammenstoß zwischen der westlich-christlichen und der islamischen »Zivilisation«) die internationale Politik und d. 9 .nicht nur als unmittelbare Folge des Zerfalls der alten Ordnungen (wie z. steigenden Kriminalitätsraten als Folge der Schattenökonomie und der Informalisierung von Arbeit (Altvater/Mahnkopf 2002) .als Schutz vor dem Terrorismus ebenso wie als Antwort auf die zunehmenden sozialen Widersprüche in den Kapitalmetropolen als Folge von wachsender Armut. auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion bzw. September 2001) und den nachfolgenden Kriegen gegen Afghanistan und den Irak .h. Cox 1998. von Jugoslawien).W. das die Auflösung der alten Weltordnung mit neuen Konflikten und Kriegen. Der imperialistische Machtstaat (nach innen und außen) wurde zum Träger dieser politisch-militärischen Gewalt. Innerhalb von nur 10 Jahren . den Kampf um »Weltordnung« bestimmen werde. Schnell wurde allerdings deutlich. Arbeitslosigkeit. Samuel Huntington vertrat .vollzog sich eine dramatische Wendung zur Akzeptanz von unmittelbarer Gewalt. verdrängte die Sozialpolitik auf die unteren Ränge und sicherte die Zustimmung breiter Bevölkerungsteile bei der Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte. um Herrschaftsinteressen im Zusammenhang des Kampfes um Weltordnung durchzusetzen. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes schien zunächst eine neue Periode des Friedens und des Abbaus der Rüstungspotenziale in der Welt möglich.rückte auf der Agenda der Innenpolitik an die erste Stelle. sondern auch als Reaktion auf neue transnationale Konfliktlinien 9 .als einer der einflussreichsten konzeptiven Ideologen US-amerikanischer Außenpolitik .

Dass die USA ein »Imperium« (Empire). Der liberale Imperialismus überragt alle anderen an militärischer Stärke. Jahrhunderts ist ein Neuankömmling in den Annalen der politischen Wissenschaft. »Das Imperium des 21. dem immer vor Augen steht. und es kämpft dabei für die Ordnung in instabilen Zonen. sondern um Demokratie.wie der »alte Imperialismus« . Jahrhundert herrscht Amerika alleine. »Eine imperiale Macht zu sein . Es ist ein Empire Ute . die es jemals gegeben hat. Vielmehr wird nunmehr konstatiert. Es ist der Imperialismus eines Volkes. Menschenrechte und Demokratie sind. um nur zwei zu nennen« (Ignatieff. der fast in Vergessenheit geraten war. aber er wendet diese nicht an.. diese fernen Länder unter Kontrolle zu halten . in: Speck/Snaider 2003: 16). Es liegt auf der Hand. dass die Weltmacht Nr. Wohlstand und American Way of Life in der Welt zu verbreiten. in Afghanistan und angesichts des politischen und militärischen Widerstandes gegen sie kaum noch ernstgenommen wird.gleichsam als Reflex auf die zunehmende Gewaltförmigkeit der Politik .das Römische Reich und das Britische Empire . dass ein solcher Begriff vom »liberalen Imperialismus« angesichts der Außerkraftsetzung dieser Werte durch die US-Besatzung im Irak bzw. bedeutet. in denen sich der Untergang vergangener Imperien besiegelt hat. 205 Der Begriff des »Imperialismus«. der bestehenden Weltordnung Geltung zu verschaffen.Regionen voller gescheiterter.ein Kolonialreich zu sichern. um . 1 zwar den ersten Militärschlag erfolgreich führen kann. ob es uns gefällt oder nicht« (Boot. also staatliches Zentrum eines Weltherrschaftssystems bilden und deshalb an Macht und Reichtum die alten Imperien .»Euroimperialismus« 5.. in Palästina und an der nordwestlichen Grenze Pakistans.überragen. Das bedeutet. in: Speck/Snaider 2003: 17). Die USA müssen im eigenen Interesse die Rolle des »Weltpolizisten« (»Globocop«) akzeptieren: »Wenn wir die Bösen nicht stoppen. wurde kaum bestritten.. deren Merkmale freie Märkte. Die Begriffe »Imperium« und »imperialistisch« wurden jetzt vor allem von neokonservativen Journalisten als positive Selbstbeschreibungen der amerikanischen Macht und Politik geradezu inflationiert.eine globale Hegemonie. wurde nunmehr . eines Volkes. in: Speck/Snaider 2003: 70). das sich als Freund der Freiheit in aller Welt versteht« (Ignatieff. dass es die Unabhängigkeit seines Landes erwarb.immer häufiger verwendet. durchgesetzt mit Hilfe der abschreckendsten Militärmacht. dass liberaler Imperialismus wohl unsere Zukunft ist. und dies im amerikanischen Interesse .. wer sonst? Die Aufgabe. aber danach . wird letzten Endes uns zufallen. Im 21. indem es gegen ein Empire revoltierte. krimineller Staaten -.

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sowohl militärisch als auch politisch (»state building«) die Schlacht zu verlieren droht. Die kritischen Imperialismusanalysen beschränken sich nicht allein darauf, die Ideologie vom »guten Imperialismus« und seinen universalistischen Wertebezügen (Freiheit, Menschenrechte) mit der Realität der US-amerikanischen Machtpolitik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und mit den partikularen Interessen der herrschenden ökonomischen und politischen Eliten in den U S A (aber auch in den anderen entwickelten kapitalistischen Gesellschaften) an der Beherrschung und Ausbeutung der Welt »im nationalen Interesse« zu konfrontieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die schlimmsten »Terroristen« der Gegenwart (von den Taliban bis zu Osama Bin Laden) vor nicht allzu langer Zeit engste Verbündete der U S A im Kampf gegen den Kommunismus bzw. gegen die Sowjetunion gewesen sind. Diese Kritik bleibt jedoch auf der Ebene der Ideologiekritik bzw. der Identifikation einer bestimmten Form der Politik mit dem »Imperialismus« stehen. Sie verzichtet auf die Analyse des Zusammenhangs zwischen dem »internen Regime« und der zunehmenden Gewaltförmigkeit globaler Machtpolitik. Michael Hardt und Antonio Negri haben in ihrem - außerordentlich erfolgreichen - Buch mit dem Titel »Empire« (2002: 35) dieses als Zentrum eines globalen Herrschaftssystem beschrieben, »das die Globalisierung von Netzwerken der Produktion trägt und ein Netz der Inklusion einsetzt, um möglichst alle Machtbeziehungen innerhalb der neuen Weltordnung einzufassen. Zur gleichen Zeit setzt es Polizeimacht gegen die neuen Barbaren und die rebellischen Sklaven ein, die diese Ordnung bedrohen.« Mit dem alten staatszentrierten Imperialismus habe diese neue Ordnung (der Wissensproduktion und der »Biomacht«) nur noch wenig gemein; obwohl die Grundstruktur des Systems durch die kapitalistische Logik bestimmt wird. Das heißt: Für dieses Konzept einer weitgehend entstaatlichten globalen Machtstruktur sind die transatlantischen Beziehungen - wie insgesamt die Entwicklung der Europäischen Union - sowie die Konkurrenzverhältnisse zwischen den Blöcken der Triade weitgehend irrelevant. 10
Hardt/Negri2002: 383) schreiben: »Von unserem Standpunkt aus jedoch ist die Tatsache, dass sich gegen die alten Mächte Europas ein neues Empire herausgebildet hat, nur zu begrüßen. Denn wer will noch irgendetwas von der angekränkelten herrschenden Klasse Europas wissen, die vom Ancien Regime direkt zum Nationalismus überging, vom Populismus zum Faschismus und die heute auf einen generalisierten Neo-Liberalismus drängt? Wer will noch etwas wissen von diesen Ideologien und bürokratischen Apparaten, von denen die verrottende europäische Elite so gut lebte? Und
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Der imperialismustheoretische Ansatz von Panitch und Gindin (2000; 2003a/b) kritisiert sowohl den »Ökonomismus« der klassischen Imperialismusdebatte als auch die staatstheoretischen Defizite in »Empire« von Hardt und Negri. Der amerikanische Imperialismus zeichnet sich dadurch aus, dass der amerikanische Staat die Funktion der Sicherung der globalen kapitalistischen Ordnung - ihrer Spielregeln und ihrer materiellen und ideologischen Funktionsbedingungen - übernommen hat. Dieses Imperium wird durch die Kapitalverflechtungen auf dem Weltmarkt (für Waren und Geldtitel) sowie durch die damit einhergehende Internationalisierung der Klassenverhältnisse (vor allem der Bourgeoisie) materiell fundiert. Die Vorherrschaft des US-Militärs in der Welt,11 das »Dollar-Wall-Street-Regime« sowie die Dominanz der US-Regierung in den internationalen Organisationen (vor allem IWF/WB, WTO) sind die Stützpfeiler des American Empire, die durch die weltweite Bedeutung der Kommunikations- und Kulturindustrien (Microsoft, C N N , Warner, Hollywood etc.), aber auch z.B. durch die führende Rolle der US-Universitäten bei der Ausbildung der »Eliten« aus der ganzen Welt im Bereich der Politik, der Ideologie, der Kultur, der Sprache etc. flankiert werden. Panitch und Gindin sehen wohl die Bedeutung der europäischen Integration und nehmen auch die Spannungen zwischen Europa und den USA im Zusammenhang des Irakkrieges zur Kenntnis. Gleichwohl betrachten sie den Binnenmarkt, die Wirtschafts- und Währungsunion, die Planungen für einen einheitlichen, europäischen Finanzmarkt, selbst die Osterweiterung und die Fortschritte auf dem Felde der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik seit den frühen 1990er Jahren als durchaus funktionale Entwicklungsprozesse innerhalb des Systems des amerikanischen Imperialismus. Dabei kommt es zu Konflikten und Spannungen, die es freilich auch schon zur Zeit des Kalten Krieges in den transatlantischen Beziehungen immer wieder gegeben hatte. Die neoliberale Ausrichtung der EU-Politik seit der Einheitlichen Europäischen Akte (Binnenmarktprogramm) und Maastricht (1991),
wer erträgt noch diese Systeme der Arbeitsorganisation und diese Unternehmen, die längst jede Lebendigkeit verloren haben?« Die europäische Integration und die Antworten der »Europäer« auf die Anforderungen einer »neuen Weltordnung« nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes werden nicht einmal erwähnt. Die Autoren haben eine Vorstellung von Europa, die dem Zeitalters des klassischen Imperialismus (vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges) korrespondiert. 11 Nach Chalmers Johnson (2004) gibt es im Jahre 2003 offiziell 725 US-amerikanische Militärstützpunkte in anderen Ländern; er bezeichnet diese Basen als das »Skelett des Empire«. Er schätzt die tatsächliche Zahl der Basen als deutlich höher ein!

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die stets von der Strategie geleitet war, dass die europäische Wirtschaft sich den Herausforderungen der »Globalisierung« zu stellen habe, ist für Panitch und Gindin gerade der Mechanismus, durch den die EU in das amerikanische Imperium integriert und ihm untergeordnet wird. Die ökonomische Penetration - z.B. durch die Direktinvestitionen transnationaler Konzerne in den U S A und der EU - ist eine der Voraussetzungen dafür, dass Spannungen nicht zum Bruch führen. Je mehr allerdings der US-amerikanische Staat (unter der Führung der neokonservativen »Hardliner«) »im Interesse des amerikanischen Kapitals und nicht im Interesse des globalen Kapitals« agiert, um so mehr bestimmen solche Konflikte auch die Innenpolitik der Staaten innerhalb des US-Empire (Spannungen zwischen nationalen, europäischen und neo-imperialen Interessen) und eröffnen den oppositionellen Kräften »gewisse Möglichkeiten« (Panitch/Gindin 2003a: 139/40). 6. Die Renaissance der Imperialismus-Analysen reflektiert fast ausschließlich die Machtposition und die expansive und aggressive Politik der U S A im Prozess des Kampfes um eine »neue Weltordnung« nach dem Ende des Kalten Krieges. Die kritischen Analysen, die die Widersprüche und den Herrschaftscharakter kapitalistischer Ordnungen in den Mittelpunkt stellen, bezeichnen die Zunahme der direkten und indirekten Gewaltanwendung zur Sicherung dieses Herrschaftssystems als das eigentliche Merkmal imperialistischer Politik in der Gegenwart. Diese Widersprüche betreffen nicht nur die ökonomischen Instabilitäten und die sozialen Spaltungen im Weltmaßstab, sondern zugleich die Arroganz der Mächtigen, die globalen Armutsprozesse, Massenmigration, die zahllosen lokalen Kriege etc. (vgl. ausführlich Deppe u.a. 2004: 131ff.; Foster u.a. 2003). In den politischen Alltagsdiskursen finden sich immer wieder Stimmen, die jede Form der expansiven und aggressiven Außenpolitik kapitalistischer Staaten als »imperialistisch« bezeichnen. Oftmals wird auch im Anschluss an Lenins Imperialismusanalysen die Zunahme zwischenimperialistischer Konflikte und deren Zuspitzung als Merkmal der gegenwärtigen Epoche konstatiert. Dies verbindet sich dann mit dem Appell, den »Imperialismus im eigenen Lande« bzw. den »Imperialismus der EU« zum »Hauptfeind« zu erklären. 12 An der Peripherie (z.B. in Lateinamerika) wird auch immer

Bezugspunkte für solche Kritik bietet z.B. die Außenpolitik der ehemaligen europäischen Kolonialmetropolen - namentlich Frankreich und Großbritannien. Die fran12

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wieder an die »Ausbeutung der Dritten Welt« als zentralem Merkmal des Imperialismus erinnert. Solche Bezüge ignorieren freilich nicht nur die Defizite der »alten Imperialismustheorien«, sondern immunisieren sich auch gegen einen adäquaten Begriff des gegenwärtigen Kapitalismus im 21. Jahrhundert. Oftmals wird in diesem Zusammenhang der »Antiamerikanismus« als Vorwurf gegen diejenigen gewendet, die den Imperialismusbegriff für das American Empire reserviert haben. Angesichts der Defizite der »klassischen Imperialismusanalysen« sowie der vielfältigen - sozialwissenschaftlich aber keineswegs eindeutigen - Bedeutungen des Imperialismusbegriffs in der Gegenwart kann dieser wohl kaum als zeitdiagnostische Schlüsselkategorie anerkannt werden. Eher handelt es sich um eine Fragestellung bzw. um eine Forschungshypothese, um • die in den aktuellen Analysen der internationalen Politik verwendeten Imperialismusbegriffe (und ihre unterschiedlichen Bedeutungen und Reichweiten) kritisch zu überprüfen; • die Entwicklung der transatlantischen Beziehungen in bezug auf die Kräfteverhältnisse zwischen den USA und der EU sowie die Konfliktfelder politisch-strategischer Interessen im Hinblick auf die Gestaltung der Weltordnung unter der Fragestellung zu analysieren, ob sich die EU eher in Richtung eines »Gegenimperialismus« oder eines »Subimperialismus« innerhalb des American Empire entwickelt;

zösische Armee (bzw. die Fremdenlegion) interveniert immer wieder in afrikanischen Staaten (ehemalige Kolonien Frankreich), um die Interessen französischer Unternehmen und Bürger sowie derjenigen Teile der einheimischen Eliten, die mit den alten Kolonialherren kooperieren, zu schützen. Auch die Bundesrepublik Deutschland verfolgt in ihrer Außen- und Europapolitik nationale Interessen, die auf die Stärkung der eigenen Position in der U N O (ständiger Sitz im Sicherheitsrat), in der EU und auf die Erweiterung von ökonomischen und politischen Einflusssphären in Osteuropa oder auf dem Balkan gerichtet sind. Die Umwälzungen z.B. in der Ukraine, in Georgien oder in der Region des Südkaukasus (vgl. Soghomonyan 2004) sind nicht nur durch innere soziale und politische Kräfte, sondern auch durch die Interventionen von außen (der USA, der EU bzw. von einzelnen EU-Staaten) angetrieben, in denen je spezifische ökonomische und politische Interessen (Eroberung von Märkten, Kontrolle von Räumen, politische Einbindung von Eliten) eine zentrale Rolle spielen. Auch der gewaltsame Zerfall Jugoslawiens wurde auf diese Weise von außen - insbesondere durch die Politik der Bundesregierung - beeinflusst (Bohle 2004: 304ff.). Solche Formen der Außenpolitik werden oftmals als imperialistisch bezeichnet. Sie betreffen jedoch nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtprozess des Kampfes um Weltmacht und Weltordnung.

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• zu erkunden, wie solche Optionen und Strategien mit den unterschiedlichen Interessen von Fraktionen der wirtschaftlichen und politischen Eliten in den U S A bzw. in den Mitgliedstaaten der EU korrespondieren; • schließlich auch normative Diskurse über die Möglichkeiten eines durch die EU - in ihrer Innen-, Sozial- und Außenpolitik - repräsentierten alternativen Gesellschafts- und Politikmodells gegenüber der heute fortgeschrittensten Gestaltung kapitalistischer Entwicklung diesseits und jenseits des Atlantiks zu führen. Dabei werden solche Hypothesen a priori von jener Widerspruchskonstellation auszugehen haben, die die europäische Integration seit ihren Anfängen charakterisiert. Der ökonomische und politische Integrationsprozess bewegt sich stets in der Spannung von partikularen/nationalen und supranationalen/gemeinschaftlichen Interessen. Das gilt zumal für das Gebiet der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), die seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes - zusammen mit der Erweiterung der EU - systematisch ausgebaut wird. Gleichwohl achten die Regierungen der Mitgliedstaaten gerade auf diesem Felde - vor allem der Sicherheitspolitik - darauf, dass die nationale Souveränität im Kern erhalten bleibt. 13 Obwohl die Entwicklung der GASP eindeutig auf die Stärkung der EU als »Global Player« bzw. als »regionales Machtzentrum« in der Weltpolitik 14 gerichtet ist, ist sie doch noch weit von ihren eigenen Zielsetzungen und einer strategischen Kohärenz zwischen den größten Mitgliedstaaten in der EU entfernt. Dazu kommt, dass die Frage der Beziehungen zu den U S A zwischen den Regie-

Wessels (2004: 166/7) hebt hervor, dass in den Beratungen über die neue EUVerfassung besonders intensiv über jene Materien (und die Abstimmungsverfahren in diesen Materien) verhandelt wurde, »die als zentral für die nationale Souveränität einzelner Staaten deklariert wurden: Die Außen- und Verteidigungspolitik (Art. 1-40 Abs. 7) sowie die Sozial- und Steuerpolitik (Art. III-210 Abs. 3), aber auch die Grundentscheidungen zum mehrjährigen Finanzrahmen (Art. 1-55) bleiben zunächst der Einstimmigkeit unterworfen.« 14 Vor allem die Debatten über den Beitritt der Türkei (der allerdings innerhalb der Union höchst umstritten ist) zeigen, dass die deutsch-französische Allianz offensichtlich bestrebt ist, die EU - mit ihren Grenzen im Mittelmeerraum, im Nahen Osten, in der Kaukasus-Region, vor allem auch in Osteuropa (zwischen der neuen Ostgrenze der EU und der Westgrenze Russlands) als handlungsfähigen Akteur zu profilieren, der auch seine eigenen strategischen Interessen gegenüber den USA zu vertreten vermag. Allerdings ist es auch hier offen, ob daraus zwangsläufig eine Konstellation der Konfrontation bzw. der offenen »zwischenimperialistischen Konkurrenz« entsteht - ebenso möglich scheint die geopolitische Erweiterung der Macht der EU als Bedingung für eine engere Kooperation mit den USA - vor allem im Nahen Osten.
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rungen der EU höchst umstritten ist. Wenn sich die britische Regierung im Jahr 2003 - unterstützt von den Regierungen Italiens, Spanien, Polens und anderen Neumitgliedern in Mittel- und Osteuropa - sofort der »Allianz der Willigen« im Irakkrieg angeschlossen hat und - seit dem Beitritt Großbritanniens zur EG (in den frühen 1970er Jahren) - stets die »special relationship« zu den USA als Kernbestand ihrer Europapolitik betont hat, so wurde auch darin deutlich, dass das Adjektiv »imperialistisch« - bezogen auf eine eigenständige Rolle der EU als kollektiver Akteur und als »Global Player« - die Wirklichkeit der europäischen Politik zum gegenwärtigen Zeitpunkt (wohl auch auf absehbare Zeit) nicht richtig zu beschreiben vermag. 15 Wenn die Hypothese vom »Euroimperialismus« überprüft wird, so sind zwei Dimensionen zu beachten. Auf der einen Seite wird die EU im Zuge der Erweiterung mit der Herausforderung konfrontiert, an ihren Außengrenzen in Osteuropa, im Mittleren Osten sowie im Mittelmeerraum (vor allem in der Maghreb-Region) ihre Sicherheitsinteressen geltend zu machen und zugleich - durchaus in Konkurrenz zu anderen Großmächten (z.B. den USA und Russland im Südkaukasus und um das Kaspische Meer) - eigene Strategien der Einflussnahme auf die Eliten und die Regierungen der Staaten dieser Regionen zu verfolgen. Sie kann dabei - wie das Beispiel des Atomkonfliktes mit dem Iran andeutet - durchaus als kollektiver Akteur eigene Konzepte einer friedlichen Konfliktregulierung durch Verhandlungen statt durch militärische Drohung und Krieg verfolgen - ob mit Erfolg, steht dahin. Es ist in diesem Fall aber auch denkbar, dass die EU als »subimperialistischer«, kollektiver Akteur auch die Interessen der USA wahrnimmt, die durch den Irak-Krieg eindeutig geschwächt sind und die sich angesichts des wachsenden Widerstandes in den USA selbst gegen die Politik des Präsidenten ein weiteres militärisches Abenteuer überhaupt nicht leisten können. Die Schwierigkeiten in der EU, die nationale Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu vergemeinschaften, deuten jedoch eindeutig darauf hin, dass die EU noch weit davon entfernt ist, als »Global Player« eine starke Rolle zu spielen. Schon auf dem Balkan zeigen sich die Grenzen einer einheitlichen Politik. Die engen Bindungen der neuen Mitgliedstaaten in Mittel- und Ost-

Cafruny (2003: 95) fasst seine Analyse der Kräfteverhältnisse zwischen den USA und der EU - auch im Bereich der Neugestaltung Europas nach dem Ende des Kalten Krieges - wie folgt zusammen: »The geopolitical dimension ... can generally he characterized by American supremacy, West European fragmentation and rivalry, and a >hub and spoke< integration with the dominant superpower«. Diese Schlussfolgerung stimmt mit den Position von Panitch und Gindin überein.
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Frank Deppe

europa an die U S A und die N A T O konfrontieren daher eine supranationale Integration der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik mit neuen Hindernissen. Die zweite Dimension betrifft die inneren Verhältnisse in der EU selbst. Die Erweiterung auf 25 bis 27 Mitglieder schafft einen Wirtschafts- und Sozialraum, der durch extreme Asymetrien gekennzeichnet ist, während gleichzeitig mit der erfolgreichen Implementierung des Gemeinsamen Marktes und der Wirtschafts- und Währungsunion ein Großraum, ein »Empire« geschaffen wurde, »das auf der Souveränität des Kapitals basiert« (Holmann 2005: 25). Diese Asymetrien beziehen sich nicht allein auf die enormen Entwicklungsunterschiede der Ökonomie, der Produktivität, der Strukturen des Arbeitsmarktes, der Entwicklung des Sozialstaates usw., sondern »asymetrische Regulierung« betrifft vor allem »die nachteiligen Auswirkungen der Wirtschafts- und Währungsintegration auf europäischer Ebene auf die soziale Regulation auf der nationalen Ebene« (ebd.: 34). Die Aussichten auf eine künftige soziale Harmonisierung bzw. Überwindung der Kluft zwischen Arm und Reich in der EU werden damit noch unwahrscheinlicher. In diesem Zusammenhang kann das Empire-Building in der EU und insbesondere die Erweiterungsstrategie auch in Zusammenhang mit dem »Euroimperialismus« interpretiert werden. Das Kapital aus den entwickelten Zentren der Alt-EU erschließt sich die neuen Räume als Absatzmärkte, als Anlagesphäre bzw. als Reservoir für billige Arbeitskräfte, die als eine gewaltige »Reservearmee« im Osten das Lohnniveau der Lohnabhängigen im Westen drücken können und damit für das Kapital einen Machtfaktor im Kampf zur Ausschaltung gewerkschaftlicher Gegenmacht bilden. Damit würde das auswärtige Kapital eine zentrale Rolle im Prozess der transnationalen Klassenformierung in Mittel- und Osteuropa spielen: »Die neue Machtelite, die (hier) seit 1989 entstanden ist, ist dann nicht mehr so sehr um eine besitzende Compradorenbourgeoisie gruppiert - wie es die Dependenztheorien in den 1960er und 1970er Jahren sehen würden -, sondern um eine Manager- oder Aktionärselite, deren Interessen denen des auswärtigen Kapitals vollständig unterordnet sind und die als Durchgangs- und direkte Vermittlungsinstanz bei der Einführung und Reproduktion des auswärtigen Kapitals in diesen Ländern fungiert« (ebd.: 40). Der Prozess des »Empire-Building« verläuft extrem asymetrisch und geht mit der Konstitution neuer Zentrum-Peripherie-Herrschaftsverhältnisse einher (Bohle 2004). Diese entsprechen keineswegs jenem propagandistischen Leitbild, das nicht nur die Politik friedlicher Konfliktbearbeitung und den Multilateralismus (d.h. Stärkung der inter-

»The West European states have continued to seek to build up their international political . obwohl Elemente dieser außenpolitischen Konzeption in der Europapolitik der französischen Präsidentschaft unter Jacques Chirac und in der neu belebten deutsch-französischen Allianz fortwirkten. ist schwächer geworden. durch überzeugende Beispiele des Multilateralismus und durch eine Politik der Krisenvermeidung . dass Projekte und Strategien diskutiert und entwickelt werden. Zur Realität europäischer Politik gehört es freilich. Die Tradition des »Gaullismus«.gerichtet sind. »imperialistische« Aufwertung der EU als »Global Player« . Auch in diesem Zusammenhang taugt der klassische Imperialismusbegriff als zeitdiagnostische Schlüsselkategorie nur wenig. die auf eine »imperiale« bzw.anstelle direkter militärischer Intervention oder gar »präventiver Schläge«. Strategische Projekte für eine »imperiale« Profilierung der EU kamen vor allem aus den Reihen der konzeptiven Ideologen der in Deutschland zwischen 1998 bis 2005 regierenden Sozialdemokratie und ihres grünen Koalitionspartners.sollen die Anziehungskraft dieses europäischen Modells auf der Arena der Weltpolitik erweitert werden. Die strategischen Überlegungen richteten sich dabei im Kern auf die weitere Stärkung des Einflusses der EU in der internationalen Politik. während Premierminister Tony Blair für seine New-Labour-Regierung nur die Politik der bedingungslosen Subordination gegenüber den USA in seiner Amtszeit fortsetzte. vgl. die die Suprematie der USA anerkennen. Innerhalb des konservativen Lagers überwiegen Positionen. 7. Eingreiftruppe. Die Ministerpräsidenten Berlusconi und Aznar (bis zu ihrer Abwahl) fügten sich demonstrativ in diese Rolle der besten Freunde von George W. Durch die Stärkung ihrer ökonomischen Macht. Koordination der Rüstungsindustrien. der den Außenminister der Bundesregierung stellte. Bush. Heidbrink 2004) sowie durch eine Attraktivität des »europäischen Sozialmodells«.insbesondere als Gegengewicht zum American Empire . die die US-Regierung für sich als Recht in Anspruch nimmt . der in den 1960er Jahren das »Europa der Vaterländer« zu einer eigenständigen weltpolitischen Kraft zwischen den Fronten des Kalten Krieges ausbauen wollte. den Aufbau einer militärischen Komponente der EU (ESVP.»Euroimperialismus« 213 nationalen Organisationen). die seine Vorgängerin Margaret Thatcher (in der Kooperation mit Ronald Reagan) eingeleitet hatte. sondern auch das »europäische Sozialmodell« dem Modell der US-amerikanischen Weltherrschaft gegenüberstellt.

something that would be a matter of great concern in Washington.vor allem in Mittel. It could be described as a subversive bandwagoning« (Gowan 2002: 305). Konzepte einer künftigen Weltordnung sollten ohne europäische Beteiligung nicht akzeptiert werden.vom amerikanischen Militär dominierten . Die Bürger Europas sollten sich ihrer Identität und ihres gemeinsamen Schicksals bewusst werden. They also demand a more collegial form of global government in which the US cannot decide all the big issues unilaterally. They have done so by developing a stronger civilian political diplomacy and one with a real edge against the United States. Habermas hatte einerseits die politische Linie (vor allem des deutschen Außenministeriums) zum Ausbau der politischen und militärischen Kapazitäten der EU durch die »verstärkte Zusammenarbeit« zwischen Deutschland und Frankreich unterstützt. Diese Elemente einer »postnationalen.globalen »Turbokapitalismus« hervorheben.214 Frank Deppe influence as a caucus. it stresses rule-based human rights regimes etc. Europa muss sein volles Gewicht auf der Ebene der internationalen Politik und innerhalb der U N O einbringen. Mai 2003 veröffentlichten führende europäische Zeitungen einen von Jürgen Habermas verfassten Aufruf. Schließlich sah sich Habermas schnell . it stresses the peaceful resolutions of conflicts. um ein Gegenwicht zu dem hegemonialen Unilateralismus der U S A zu bilden. auf der anderen Seite war die Idealisierung von Elementen eines »europäischen Gesellschaftsmodells« wenig glaubwürdig. europäischen Identität« sollten die EU in die Lage versetzen. »die U S A mit einer alternativen (universalistischen) Vision und Konzeption einer Weltordnung zu konfrontieren« (Habermas 2003a/b).und Osteuropa . There have even been signals of a European interest in linking up with East Asian states against Washington on certain important issues. Am 31. Die EU muss ihre militärischen Interventionskapazitäten ausbauen. in dem der Angriff der U S A und ihrer Verbündeten auf den Irak kritisiert wurde und gleichzeitig die Antikriegesdemonstrationen vom Februar desselben Jahres als Geburtsstunde einer europäischen Öffentlichkeit gefeiert wurden. den politischen Integrationsprozess durch das Verfahren der »verstärkten Zusammenarbeit« vorantreiben und gleichzeitig die besonderen Merkmale des europäischen Gesellschaftsmodells sowie seiner politischen Kultur als Alternative zu einem . Die Resonanz auf das Manifest der Intellektuellen war bescheiden (Deppe 2004). It focuses on rule-based treaty regimes on a global scale instead of power politics. Thus there is a real though still very fragile and not very streng EU-centered West European game of balancing against US hegemonic power politics.

. die Beziehungen zu Washington zu verbessern.. Inzwischen hat Münkler auch seine Terminologie an den ImperialismusDiskurs angepasst. »Wenn Europa jetzt nicht auf die Schiene der Selbstverschweizerung gerät. Europa müsste dann eine Großmachtrolle mit mindestens hegemonialer Ausstrahlung übernehmen« (Münkler 2004a: 544). also darauf vertraut. mag er nun legitim oder illegitim sein. Gleichzeitig war die deutsche Außenpolitik bis zum Ende des Jahres 2004 (vor allem nach der Wiederwahl von George W. einem der führenden Köpfe in den »Vorhöfen der (sozialdemokratischen) Macht«. könnte ihm eine komplementäre.also seit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes .. Die Ideologie des »Euroimperialismus« .wurde »durch Elemente von Imperialität überlagert«. dass es in ihrem »eigenen Interesse« liege. vielleicht sogar eine konkurrierende Rolle gegenüber den amerikanischen Ordnungsvorstellungen zuwachsen.»Euroimperialismus« 215 . darüber hinaus hat Europa ein vitales Interesse an der Stabilisierung der Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens auf der einen und des Kaukasusraumes wie des Kaspischen Beckens auf der anderen Seite. Das hätte mit Sicherheit ziemliche Integrationseffekte ..: 547). von Freunden umzingelt zu sein. gegebenenfalls geltend gemacht werden kann« (ebd. Die gesamte Entwicklung der EU seit den frühen 1990er Jahren . die zugleich einen der klassischen Krisenherde des Kontinents während der gesamten Neuzeit darstellt . Mit anderen Worten: die EU tritt . Die Vision eines alternativen Modells der europäischen Gesellschaft und Kultur wird jetzt aufgegeben zugunsten einer nüchternen Forderung nach dem Ausbau imperialer Handlungsfähigkeit der EU. ausgebaut und zugespitzt.auch im Hinblick auf die Aufnahmeverhandlungen mit der Türkei . Bush) bemüht. als »Ordnungsmacht«.eher auf der Linie eines neuen machiavellistischen »Realismus« . Dass die EU als »imperialer Akteur« aufzutreten habe. Diese Stabilität ist nicht ohne die Türkei zu sichern« (Münkler 2004b: 1464). dass ein politischer Wille der Europäer mit militärischen Mitteln.wird hingegen von Herfried Münkler.mit dem Vorwurf des »Antiamerikanismus« konfrontiert. und sich möglichst klein macht. die bedeutet. um als bloße Kapitalsammelstelle in der Welt zu fungieren -. wird nunmehr . »an einer für sie vitalen Peripherie eine politisch entscheidende Rolle zu spielen«.geopolitisch begründet: »Einerseits ist die Südostflanke der EU nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens die schwächste Stelle Europas. Diese Großmachtrolle verlangt eine entsprechende militärische Fundierung: »Die eigentliche Frage heißt doch: In welcher Weise sind die Europäer handlungsfähig? Das ist die klassische Frage nach der militärischen Interventionsfähigkeit.

B.obwohl die herrschende politische Kultur eher »antiimperial« ausgerichtet ist . Wenn deutsche Strategen eine . der in der Novemberrevolution als Reichswehrminister (»Bluthund«) traurige Berühmtheit erlangen sollte.: 1463). Verbreiter politischer und kultureller Werte und Absicherer großräumiger Handelsbeziehungen und Wirtschaftsstrukturen begreifen« (ebd. in denen sich Imperien zu ihrer Umgebung verhalten« (ebd. Immerhin gab es auch den »guten Imperialismus« . Imperien mit Unterdrückung und Ausbeutung zu identifizieren. Allerdings bilden solche strategischen Diskurse stets auch Felder des intellektuellen und politischen Kampfes um Hegemonie.von der Realität europäischer Politik ziemlich weit entfernt. die dem Imperialismus in den Kolonialgebieten eine »zivilisatorische Mission« gegenüber den Eingeborenen zuschreiben wollte.216 Frank Deppe . dem »Block an der Macht« das Bewusstsein ihrer/seiner geschichtlichen Rolle zu vermitteln. Genauso gut lassen sie sich aber auch als Friedensgaranten. der deutschen und der französischen Regierungen beim Widerstand gegen die Irak-Politik der U S A durchaus zutreffend anspricht. hat allerdings solche ideellen Höhenflüge und Ambitionen beschädigt. Wenn es eine Funktion der Intellektuellen ist. die Forderung nach schrittweiser Demokratisierung angrenzender Länder und schließlich die wirtschaftliche Durchdringung dieser Räume sind klassische Formen.»Großmachtpolitik« der EU einfordern.militärisch gestützte .wie wir festgestellt haben . Einer der Vertreter dieser Position war Gustav Noske. wenn sie des »Imperialismus« beschuldigt werden sollten. obwohl er reale Entwicklungstendenzen der europäischen Integration seit 1991 und auch die Interessenlage z. dann werden seine Texte bei den Strategieplanern der außenpolitischen Staatsapparate aufmerksame Leser finden. der herrschenden Klasse bzw.auch darin knüpft Münkler an Denktraditionen in der deutschen Sozialdemokratie vor 1914 an. Die »Verfassungskrise«.längst als »imperialer Akteur« auf: »Die Insistenz auf Einhaltung der Menschenrechte. um den Politikern in Europa das schlechte Gewissen zu nehmen. Münklers Propagierung des »Euroimperialismus« ist . dahinter verberge sich wieder einmal der Anspruch auf eine Führungsposition Deutschlands »in der Mitte Europas«. Hatte . dann wächst mit Recht bei den Nachbarn das Misstrauen.) Münkler nutzt die Position des Wissenschaftlers. Münkler plädiert für eine Revision des kritischen Imperialismusbildes: »Im Gefolge der ökonomischen Imperialismustheorien haben wir uns daran gewöhnt. in die die EU unvermeidlich nach den Referenden in Frankreich und den Niederlanden im Jahre 2005 geraten ist.

Gütersloh. Jahrhundert.). Mario (2004): Neoliberalismus.a. Miren u. die mit der Hervorhebung der Rolle der EU als »Global Player« verbunden sind. so haben die meisten EU-Politiker inzwischen gelernt. Zbigniew (1997): The Great Chessboard. Deppe. Lanham/Oxford. Frank/Heidbrink. 11. S. in: Etxezarreta. Marburg. 88-113. Greg (2003): The Old and New Economics of Imperialism. in: Leo Panitch/Colin Leys (Hrsg.. Deppe. Stefan/Schoppengerd. die durch das Scheitern des Verfassungsentwurfes ausgelöst wurde. Ingar (2004): Der neue Imperialismus. (2003): The Geopolitics of U.). Hegemony in Europe. S. Birgit (2002): Globalisierung der Unsicherheit. dass ohne eine effektive politische Führung gerade diejenigen Ziele. lassen freilich erkennen. Elmar/ Mahnkopf. S. Stefan /Salomon./Magnus Ryner (Hrsg. Weltordnung und Hegemonie. David /Schmalz. Alan W. Heilbronn. A Ruined Fortress. Die bislang wenig erfolgreichen Bemühungen. The Empire Reloaded. nicht zu erreichen sind. Socialist Register 2005. S. Neoliberal Hegemony and Transformation in Europe. Altvater. Cafruny. Die Europäische Verfassung in der Analyse. Hamburg. Cox. S. neu zu konfigurieren. keineswegs überwunden ist. The New Imperial Challenge. Hochtechnologie. Socialist Register 2004. S.und Sicherheitspolitik im Verfassungsvertrag. Dorothee (2004): The EU and Eastern Europe: Failing the test as a better world power. Grundlagen der »Internationalen Politischen Ökonomie«.»Euroimperialismus« 217 der frühere Erweiterungskommissar Günther Verheugen noch Anfang 2005 die Losung ausgegeben: »Die EU muss Weltmacht werden!«. in: ders. . Bohle. Werner (Hrsg. The Empire Reloaded. 116-142. in: Leo Panitch/ Colin Leys (Hrsg. Algieri. den Verfassungsprozess weiterzuführen bzw. in: ders. 300-312.und Lebensweise. Brzezisnki. London/New York/Halifax. 313-323. From the Breakup of Yugoslavia to the War in Iraq. Hegemonie. Dräger. Die Lissabon-Strategie der EU und ihr »Neubeginn«. Frank (2004): Habermas' Manifesto for a European Renaissance: A Critique. Münster. Socialist Register 2005.). Stefan /Solty. Grundrisse einer transnationalen kapitalistischen Produktions. dass die politische Integrationskrise. New York. 41-58. EuroMemo 2004. Candeias. S.. London/New York/Halifax. (1998): Zivilisationen und das 21. Franco (2005): Von der Macht der Zeitumstände und der Fortführung eines integrationspolitischen Projekts: Die Gemeinsame Außen. Literatur Albo. 205-227. 95-122. London/New York/Halifax. in: Weidenfeld.S. Klaus (2005): Jedem seine zweite Chance. Robert W. Hamburg. in: Leo Panitch/Colin Leys (Hrsg.).). FEG-Studie Nr.

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Krise und Neuanfang in Lateinamerika Von den 1930er Jahren bis zu den 1980er Jahren lassen sich in fast allen Ländern Lateinamerikas Konturen eines . Die hier vertretene These lautet. dass es Elemente dieser Hegemonie gibt. die Politik der neuen Linksregierungen zu definieren. Währungsstabilität und Marktöffnung setzte. Es soll im folgenden zunächst die Krise der Hegemonie beschrieben werden. dann der Versuch unternommen werden. die weiterhin fortwirken. da ein Aufbrechen der neoliberalen Zwangsstrukturen dafür von Nöten wäre. die Implementierung von Mechanismen und Spielregeln. Dies bedeutet. welche das neoliberale System festigen.mehr oder weniger stark ausgeprägten Modells der Importsubstitution ausmachen.Ingo Malcher Nach dem Neoliberalismus? Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven Um die Jahrtausendwende sind in vielen Ländern Lateinamerikas Linksregierungen an die »Macht« gekommen. dass nach der Argentinienkrise zur Jahreswende 2001/2002 die neoliberale Hegemonie auf dem Kontinent ideologisch in die Krise geraten ist. Privatisierung. und es ist eine Krise der neoliberalen Hegemonie zu konstatieren. dass die neoliberale Institutionalisierung. während der 1990er Jahre durchaus erfolgreich war. 1. das sich durch einen starken regulierenden Staat und hohe Zollsätze nach außen charakterisierte. Spätestens mit Beginn der 1990er Jahre setzte sich in fast allen Ländern ein Modell durch. das auf Deregulierung. Jedoch ist gleichzeitig festzustellen. Die 1990er Jahre sind daher als . Es ist daher zu untersuchen. und schließlich sollen ihre externen Limitationen untersucht werden. Gerade dies macht es für antihegemoniale Bewegungen und Regierungen besonders schwierig. alternative Wege zu finden.je nach Land . welche Mechanismen die politischen Spielräume der Mitte-Links-Regierungen in Lateinamerika einschränken und wie diese wirken.

in den 1990er Jahren eine solche dominante Produktionsweise feststellen. Freihandel. die alle Länder durchdringt und sich mit anderen untergeordneten Produktionsweisen verbindet«. Damit werden das Prinzip der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten und die Währungsstabilität zum obersten Primat. Der Zusammenbruch im Jahr 2001 und der Zahlungsausfall Argentiniens kurz vor der Jahreswende markieren die Krise der neoliberalen Hegemonie in Lateinamerika.B. dass sie in der Weltmarktkonkurrenz bestehen können. Dies geschah über niedrige Steuern. In fast allen Ländern Lateinamerikas haben Finanzkrisen das orthodoxe Modell. In Lateinamerika lässt sich. die nicht mehr zu bedienen war. die für andere hochverschuldete lateinamerikanische Länder Maßstäbe für Verhandlungen mit den Gläubigern setzen könnte. Deregulierung. Umso bemerkenswerter ist es. Bolivien. Ecuador. Williamson 2002: 1). Robert Cox (1998: 83) definiert Hegemonie rückgreifend auf Antonio Gramsci auf internationaler Ebene als »eine Ordnung innerhalb der Weltwirtschaft mit einer dominanten Produktionsweise. Anti-Inflationspolitik. Uruguay und Venezuela gegenhegemoniale Regierungsprojekte heraus. das auf Marktöffnung. Aber nicht nur Argentinien ist während der neoliberalen Dekade in die Krise geraten. Mexiko. einen Abschlag von 70 Prozent auf seine Schuldsumme zu erzwingen. Brasilien. Finanzkrisen in so gut wie allen Ländern Südamerikas (z. Ecuador. eine Maßnahme.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 221 Dekade der neoliberalen Hegemonie in Lateinamerika zu bezeichnen. Uruguay) kennzeichnen diese Dekade. Brasilien. Zur Jahrtausendwende geriet das neoliberale Modell in die Krise. Deregulierung und Privatisierung setzt. Nicht zufällig bildeten sich in Argentinien. Peru und Chile. der Staat hat die Gesellschaften derart umzugestalten. der die sozialen Klassen der verschiedenen Länder miteinander verbindet«. Brasilien. Sie ist auch »ein Komplex internationaler sozialer Beziehungen. dass es ausgerechnet Argentinien in zähen Verhandlungen mit Gläubigern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gelungen ist. Flexibilisierung. stark diskreditiert. In keinem Land des Kontinents war während der 1990er Jahre das neoliberale Modell mit solcher Konsequenz durchgesetzt worden wie in Argentinien. niedrige Außenzölle. unter dem Stichwort des »Washington (Konsensus« (vgl. Der argentinische Zahlungsausfall war der dem Volumen nach größte Zahlungsausfall in der Geschichte der Emerging Markets. Somit lässt sich die Argentinien-Krise als polit-ökonomische Zäsur in ganz Lateinamerika deuten. 1 . mit der Argentinienkrise als Auslöser. 1 Beispielhaft für die während der neoliberalen Konterrevolution durchgesetzten Reformen sind die Länder Argentinien. Die Folge war eine wirtschaftliche Depression und eine Staatsverschuldung.

sozialen Ausgleich und auf eine verstärkte regionale Integration statt auf Weltmarktöffnung. 3 Auch für ganz Lateinamerika kommt Boyer zu demselben Schluss: »Der Washington Consensus ist zusammengebrochen. die im Wahlkampf und in der Regierung mehr oder weniger erfolgreich versucht haben. in Argentinien. die neoliberalen Reformen der 1990er Jahre zu entschärfen. dass in den Ländern Lateinamerikas viele Dinge revolutionär sind. 3 Alle Zitate wurden.222 Ingo Malcher So kann der jüngste Linksrutsch in Lateinamerika als Antwort auf die neoliberale Dekade gesehen werden. Uruguay und Venezuela2 die Regierungsgewalt inne. wie eine langfristige Lösung aussieht«. Sie setzen auf einen starken. neoliberale Politikmuster zurückzudrängen. bei allen Differenzen. Ecuador. etwa Erhöhung der Renten.« (ebd. Verstaatlichungen von einst privatisierten Firmen. Brasilien. es ist die Korrektur der effektiven Nachfrage. höhere Sozialausgaben. 2 . der sagt. dass es Regierungen sind. Das mag für europäische Maßstäbe noch nicht besonders revolutionär klingen. Doch nach Ansicht des französischen Ökonomen Robert Boyer (2005) kann im Falle Argentiniens kein neues Akkumulationssystem erkannt werden »Es ist kein Akkumulationsregime. dass der Spielraum im Moment der Krise für die Länder größer geworden zu sein scheint. dass ein Akkumulationsmodell politisch und ökonomisch gescheitert war. soweit nicht anders vermerkt. Dies liegt daran. Interessant daran ist aber auch. aber es gibt keine langfristige Vision. oder dass die Polizei ohne Waffen Demonstranten gegenübertritt. regulierenden Staat. so Boyer. Es wären sicherlich sehr viele Unterschiede zwischen den einzelnen Regierungen herauszuarbeiten. weil sie nie erreicht wurden. die in Europa selbstverständlich sind. Man muss aber dem argentinischen Soziologen und Linksperonisten Horacio Gonzalez recht geben. Wobei Venezuela in dieser Reihe wegen seines Ölreichtums als Sonderfall bezeichnet werden muss.) Politisch und wirtschaftlich versuchen die neuen Linken vorsichtig. Aufgabe der überbewerteten Währungen. 2. aber festzuhalten bleibt. durch den Autor übersetzt. Bolivien. Niemand weiß. Neue Wirtschaftspolitik? Linksregierungen haben. und dass sich dadurch die hegemonialen Verhältnisse innerhalb der Gesellschaften und auch auf dem Kontinent verschoben haben. Genauer zu Venezuela: Müller 2007.

Man mag an dieser Aussage viel zu kritisieren finden. die sich mittelfristig erst noch beweisen muss. Doch Referenzen an das Modell der Importsubstituierung der 1970er Jahre sind erkennbar. die sich besser nicht zu viel vornimmt. Die Vertiefung des Mercosur geht einher mit einer neuen Außenhandelspolitik. Man muss aber auch sehen. so schrieb der argentinische Politologe Atilio Borón gegen Ende der neoliberalen Dekade der 1990er Jahre. Es wird der Versuch unternommen. den Mercosur auf ganz Südamerika auszuweiten und ihn als Alternative zur von den USA betriebenen FTAA (Free Trade Area of the Americas) aufzubauen.und Sozialpolitik ab.mit Distanz gegenübersteht (vgl. So ist die Ablehnung der FTAA auch der kleinste gemeinsame Nenner der Mercosur-Mitglieder. Uruguay und Paraguay gegründet und erlebte nach der Argentinien-Krise ihre Wiederbelebung. Auch in der Außenpolitik lässt sich mit dem Mercosur (Mercado Común del Sur) ein gemeinsames Projekt ausmachen. Deregulierung und Weltmarktöffnung . Seit der Eskalation der Argentinienkrise 2001/2002 setzen Argentinien und Brasilien auf eine Vertiefung des Mercosur und der Süd-Süd-Zusammenarbeit. . Die Aufgabe der Linken. Malcher 2005). In beiden Ländern ist eine Abkehr von der bisherigen außenpolitischen Orientierung auszumachen. Dies scheint der einzige Weg zu sein. So ist die Aussage Boröns eher als Aussage über die tatsächliche Schwäche linker Bewegungen in dieser Zeit zu verstehen. Nach dem marktradikalen Kahlschlag der vergangenen Dekade ist es die Aufgabe der Regierungslinken. Diese Freihandelsgemeinschaft wurde zu Beginn der 1990er Jahre unter neoliberalen Vorzeichen von Argentinien. In Brasilien war während der 1990er Jahre das Modell der »pragmatischen Unterordnung« (Schirm 1994: 227) unter die Interessen der USA vorherrschend. den Staat zu rehabilitieren (Borón 1999: 220). demzufolge ein Land wie Argentinien überhaupt keine eigene Außenpolitik betreiben könne und sich daher besser einem starken Staat wie den USA anschlösse. in Argentinien hingegen der von dem Politologen Carlos Escudé (1995) entwickelte »periphere Realismus«. Brasilien.Privatisierung. So zeichnen sich gegenwärtig erst Konturen einer neuen Wirtschafts.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 223 Industrieförderung sind die neuen Merkmale einer Krisenwirtschaft. dass die Verhältnisse im Lateinamerika der 1990er Jahre nicht mit denen in Europa vergleichbar sind. Getragen wird die Opposition dagegen vor allem von Argentinien und Brasilien. sei es. zunächst den Staat als Regulationsinstanz zu rehabilitieren. die von Entwicklungszielen geleitet ist und dem Modell der 1990er Jahre .

Eine herrschende Klasse ist dann hegemonial. Hegemonie ist die gesellschaftliche Herrschaft und politische Führung einer Klasse. die Kultur und die Ideologie. Sein Hegemoniebegriff integriert die Alltagsebene. die Spielregeln zu verändern. So ist die Außenöffnung nicht mehr prioritäres Ziel der Mercosur-Länder. immer eine Mischung aus Konsens und Zwang. Krise des Konsens Wenn von einer Krise der neoliberalen Hegemonie gesprochen wird. Hegemonie nach Gramsci ist also eine Herrschaftsstruktur. scheinen auf ein Agroexport-Modell zuzusteuern. bei der nur in Ausnahmefällen Gewalt angewandt wird. noch immer Undefiniert. Argentinien und Brasilien. wie gut es den Mercosur-Ländern auf internationaler Ebene gelingt. Anerkennung. Gerade die beiden größten und wichtigsten Länder. Dieses setzt in der Regulierung andere Prioritäten. Die herrschende Klasse verfügt auch über die Möglichkeit der Ge- . auf dem Konsens der Beherrschten. moralische Führung dar und beruht auf der Zustimmung. Diese neue. kulturelle. Sein Erfolg hängt nicht zuletzt davon ab. dass die Konturen eines neuen. der es gelingt. Das beinhaltet auch die Regulierung der Zwangselemente der neoliberalen Hegemonie. das wenig Raum lässt für fortschrittliche Ideen und nur in einem Bündnis mit der Agrarbourgoisie möglich ist. Doch noch ist das Akkumulationsregime erst in Konturen auszumachen. geistige. Hegemonie ist demnach nicht nur die Vorherrschaft einer Klasse. Auch sind Zweifel angebracht. einen Konsens zwischen Beherrschten und Herrschern herzustellen. die Politik. noch nicht voll ausgereifte Akkumulationsstrategie könnte als national-regionales ISI-Modell (importsubstituierende Industrialisierung) mit gleichzeitigem Erreichen makroökonomischer Stabilität bezeichnet werden. wie dies beispielsweise die liberalisierten Finanzmärkte darstellen. Hegemonie stellt die politische.224 Ingo Malcher Nicht zuletzt die Dynamiken sozialer Bewegungen in den einzelnen Mercosur-Ländern haben dazu geführt. einen Konsens innerhalb der Gesellschaft aufzubauen. aus der Krise der neoliberalen Hegemonie entstehenden Akkumulationsregimes zu erkennen sind. die über die Produktionsmittel verfügt und den Staat als Instrument ihrer Herrschaft über die Gesellschaft benutzt. ist zu Beginn gleich einzuschränken: Hegemonie ist. sondern die eigene industrielle Entwicklung. die Ökonomie. Antonio Gramsci folgend. wenn sie auch von Mitgliedern anderer Klassen Zustimmung erfährt und es ihr gelingt. 3.

in dem unterschiedliche politökonomische Bereiche zusammenkommen: Staaten. Es sind dies die Mechanismen der Finanzmärkte. die im Zentrum sozialwissenschaftlicher Kritik standen (vgl. aber auch Handelsverhandlungen und Abkommen. umso stärker ist die Hegemonie.P. sondern vielmehr ist der Konsens der Hegemonie zusammengebrochen.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 225 waltanwendung und sie kann diese Gewalt auch anwenden. GH Bd. die Instrumente der privaten Regulierung hingegen kommen in den Analysen oftmals zu kurz. Auch infolge der Asienkrise oder der Argentinienkrise waren es vor allem die Weltbank und der Internationale Währungsfonds. Die Einheit der Interessen kann durch Zugeständnisse an die beherrschten Klassen hergestellt werden. die in der Krise ist. da ihr Wirken die politischen Spielräume der Regierungen stark einschränkt. 4. ohne dass dies ihrer Hegemonie einen Abbruch tut.oder Sozialpolitik vorranging von Schwellenländern. 8: 1947ff. hat er doch starken Einfluss auf die Ausrichtung der Wirtschafts-. wie etwa das Leiten von Investitionen durch Risikoversicherungen. Der Finanzbereich ist ein Schlüsselsegment. die Zwangselemente der neoliberalen Hegemonie. Es sind dies die Rating-Agenturen zur Bemessung des Kreditrisikos und der von der Investmentbank J. Allzu oft werden in den Sozialwissenschaften der IWF und die Weltbank als zentrale Akteure wahrgenommen. Seine Wirkungsmacht wird in den Sozialwissenschaften bislang zu wenig beachtet. wie etwa die WTO oder Mechanismen der kapitalistischen Ökonomie. etwa Wade/Veneroso 1998: 323).) Auf Lateinamerika übertragen bedeutet dies: Es ist nicht die Hegemonie. die während der 1990er Jahre institutionalisiert wurden. Morgan Chase ermittelte Emerging-Markets- . (Vgl. Gramsci. Auf die Mechanismen der Finanzmärkte und ihre beschränkende Wirkung für nicht-marktkonforme Politiken soll im folgenden genauer eingegangen werden. welche die internationalen Finanzströme regulieren. Unternehmen und ihre Investitionsentscheidungen. Finanzmärkte und politischer Spielraum Neben suprastaatlichen Institutionen wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) sind während der 1990er Jahre im Zuge der Finanzmarktliberalisierung weitere Einrichtungen und Mechanismen immer wichtiger geworden. Dies bedeutet. sind weiterhin in Kraft. ihre Finanzierung und ihre Politik. Je mehr diese Zustimmung in Unterstützung übergeht (und umso weniger Gewalt nötig ist). Finanz.

dass sie private Regulierungsinstrumente der Weltwirtschaft darstellen und fernab jeglicher staatlicher oder suprastaatlicher Kontrolle liegen. Diese definiert er (ebd. Hegemonie immer eine Mischung aus Konsens und Zwang darstellt. Doch die Folgen ihrer Tätigkeit haben durchaus politische Implikationen für Staaten. Im Falle der Rating-Agenturen spricht Timothy Sinclair von »embeded knowledge networks (EKN)« (Sinclair 2001: 441). Die privaten internationalen Regulationsinstanzen sind ein zentrales Element für die Festigung der neoliberalen Hegemonie und sie gewährleisten das Fortwirken der hegemonialen Mechanismen. bei denen Konzerne.« (Sinclair 2001: 441) Die Souveränität der Nationalstaaten hinsichtlich der Gestaltungsspielräume wird durch Einheiten der privaten Regulierung stark eingeschränkt. Wenn. Russlandkrise. dass im Zuge liberalisierter Finanzmärkte seit dem Ende des Bretton Woods-Systems 1973 und im Zuge der Neuen Finanzarchitektur. Zentral für die Existenz der neoliberalen Hegemonie sind diese Mechanismen deshalb.226 Ingo Malcher Bond-Index (EMBI+).) als private Institutionen. welche den staatlichen und suprastaatlichen Einfluss zurückdrängen und das Funktionieren der Ökonomie und der Finanzmärkte zum Ziel haben. Die hier vertretene These lautet. so können diese Finanzmarktinstrumente als Zwangselemente der neoliberalen Hegemonie gewertet werden. Kommunen und die dort lebenden Menschen und für die Verteilungsmechanismen der Gesellschaft. Sie treten auf in neu geschaffenen Sphären. Ihre Existenz und ihr Wirken wird demnach auch selten kritisiert oder gar ihre Existenzberechtigung oder ihre Funktionsweise infrage gestellt. Long-Term-Capital-Management-Crash) eingeführt wurde. Importeure oder Exporteure sich gegen politische Risiken oder Währungsschwankungen oder Zahlungsausfall des Kunden versichern können. die nach den Krisen 1997-1999 (Asienkrise. wie oben beschrieben. da sie marktimmanent (also »neutral«) funktionieren und keiner Kontrolle unterliegen. weil sie die Hegemo- . Richtig schlussfolgert Sinclair: »EKNs help to privatize policymaking. Allen diesen Einrichtungen ist gemein. neue Mechanismen privater Regulierung entstanden sind. Diese Mechanismen ersetzen staatliche und suprastaatliche Regulierung nicht. die eine soziale Form der Autorität besitzen. Sie sind Mechanismen. narrowing the sphere of government intervention. Zwar sind sie ihrer Definition nach ökonomische Institutionen. Es ist daher von privater Regulierung der globalen politischen Ökonomie zu sprechen. aber auch Rückversicherungen. Im folgenden sollen daher die Instrumente der privaten Regulierung als ernst zu nehmende politische Akteure betrachtet werden.

der IWF oder die Weltbank das neoliberale Modell durch Abmachungen und Verträge institutionalisieren.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 227 nie selbst dann aufrechterhalten. dass ein privater oder staatlicher Kunde nicht bezahlt. die die Interessen der Investoren vertreten. wie die Mechanismen der privaten Regulierung funktionieren und wie sie Einfluss auf die volkswirtschaftlichen Ziele von meist hochverschuldeten Schwellenländern nehmen. was bei der Analyse und Bewertung gerade der neuen Linksregierungen in Lateinamerika in Betracht gezogen werden sollte. Jochen Sanio. dass durch die privaten Regulierungsinstanzen der Weltwirtschaft alternative Wege für Regierungen extrem erschwert. Sie gehen damit einen Schritt weiter in der Festigung der neoliberalen Hegemonie. da diese die beiden zentralen Elemente der privaten Regulierung darstellen. Die hier vorgetragene These lautet. Jede Firma kann sich dagegen versichern. Schließlich ist zu untersuchen. die sich außerhalb des Zugriffs der Regierungen oder suprastaatlicher Organisationen befinden. kann sich dagegen versichern. wenn dieselbe in die Krise geraten ist. Der Präsident der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (BaFin). Die Wirkungsweise dieser Instanzen der privaten Regulierung funktioniert über Marktmechanismen. und wie diese dadurch in ihrem Handeln eingeschränkt werden. nach: manager-raagazin. wie und ob diese Form der privaten Regulierung überwunden werden kann. kann sich gegen Lieferausfall versichern.de/geld/artikel/0. bezeichnete Rating-Agenturen im Juni 2003 als »größte unkontrollierte Machtstruktur im Weltfinanzsystem«.00. stellen die Finanzmarktmechanismen eine private Form der Institutionalisierung dar. dass bei einer Auslandsinvestition ihre Produktionsmittel durch den Staat enteignet werden. 5 Ein weiteres Instrument der privaten Regulierung sind Versicherungen. die Investitionen für Konzerne unterschreiben. Während Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO). Die Höhe der Versicherungsrate wird von den rund 20 weltweiten Risikoversicherern danach beurteilt. 4 Zu untersuchen ist. Die Instanzen der privaten Regulierung wirken über Zwangsstrukturen fort. Ohne solche Versicherungen werden transnationale Konzerne in Schwellenländern nicht tätig. 5 Zit. in: http://www.2828.265077. in denen investiert 4 . wenn sie das Risiko als absolut gering einschätzen. wenn nicht gar verhindert werden.html. Die Finanzmarktmechanismen hingegen sind private Schiedsrichter im Schein der Neutralität. wie sie die Länder.manager-magazin. Denn IWF und Weltbank unterliegen immerhin noch der Kontrolle von Regierungen. Im folgenden sollen zunächst die Rating-Agenturen und der Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+) genauer untersucht werden.de. oder nur dann.

Morgan Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+): Weltweit werden Staatsanleihen von Schwellenländern auf den Schuldenmärkten gehandelt. da die Preise für Staatsanleihen auf dem Schuldengebrauchtmarkt sich sofort verändern und damit auch der Zinssatz für Neuemissionen und die Finanzierung des Haushaltes des betroffenen Staates. Belohnt werden von ihnen Regierungen. einschätzen. sinken die Länderrisikopunkte und damit die Zinsen. J. bekommen schlechte Noten von den Rating-Agenturen ausgestellt wegen ihres erhöhten Standortrisikos. was wiederum zu einer Verteuerung der Finanzierungskosten führt.1 Rating-Agenturen In dem Prozess der Liberalisierung der Finanzmärkte spielen die RatingAgenturen zur Bewertung des Kreditrisikos eine zentrale Rolle. oder umgekehrt. Durch die Einstufung des Kreditrisikos eines Landes haben die Rating-Agenturen eine faktische Macht inne. . die in einem schlecht benoteten Land tätig sind. einen Staat oder eine Gemeinde höhere Zinsen oder dass Pensionsfonds die Schuldpapiere abstoßen müssen. Kaufen also viele Investoren an den Märkten die Papiere eines Landes. Dadurch erhöht sich der Druck auf die wirtschaftspolitischen Entscheidungen einer Regierung unmittelbar. Damit nehmen die Agenturen direkten Einfluss auf Managemententscheidungen. Über den EMBI+ werden die Länderrisikopunkte eines Landes ermittelt. aber auch auf Wirtschafts-. da sich die Ergebnisse dieser Einstufungen sofort in höheren oder niedrigeren Zinssätzen für die betroffenen Länder bemerkbar machen. also. wie hoch das politische Risiko dort eingeschätzt wird. Je höher das Defizit eines Unternehmens oder Staates. die dann wiederum in Zinsen gerechnet als Risikoaufschlag auf US-Staatsanleihen dem Zinssatz für Neuemissionen eines Landes am Ausgabetag hinzugerechnet werden. Sie lenken damit Investorengelder. 4. etwa nach einer vorteilhaften Rating-Entscheidung. desto schlechter das Rating. Finanz. Damit sind die Rating-Agenturen zu einem Zwangs-TÜV geworden für richtige oder falsche Wirtschaftspolitik.P. Ein schlechtes Rating bedeutet für ein Unternehmen.und Sozialpolitik.228 Ingo Malcher Rating-Agenturen: Unternehmen wie Standard & Poor's oder Moody's bewerten die Bonität von Kreditgebern im privaten und öffentlichen Sektor. Auch entsteht durch eine schlechtere oder bessere Einstufung ein Druck im Inland: Selbst hoch effizient arbeitende Firmen. die bei den Haushaltsausgaben maßhalten und sparsam sind und den oder aus denen gekauft oder geliefert wird.

Hauch-Fleck 2003). Nirgendwo ist festgelegt. Also Regierungen. wenn sie einen Auftrag dazu von einer Firma oder einem Land erhalten. dass Moody's und Standard & Poor's über die von ihnen erteilten Ratings den Fluss von rund 80 Prozent des gesamten Weltkapitals kontrollieren« (zit. um als NRSRO anerkannt zu werden. bei Moody's sind es ca.4. Konkurrenten aus Japan und anderen Ländern kämpfen seit Jahren vergebens um dieses Gütesiegel. die keine Haushaltsdisziplin halten und wirtschaftlich in eine Krise geraten sind oder geraten könnten. Seit 1974 haben Standard & Poor's. Vor allem die hochverschuldeten Schwellenländer der Dritten Welt sind für die Rating-Agenturen ein »Schlüsselmarkt« Beide Agenturen gehören Informationskonzernen: Moody's gehört zu Dun & Bradstreet und S&P gehört zur Verlagsgruppe McGraw-Hill (Willke 2001: 163). Moody's und Fitch das SEC-Gütesiegel »nationally recognized statistical rating organisation« (NRSRO). 9. dass die Zahlungsfähigkeit ihres Landes erhalten bleibt und die Anleger nicht um ihr investiertes Geld fürchten müssen.2000) »ist davon auszugehen. Nach Ansicht der Financial Times Deutschland (19. Bestraft werden Länder von den RatingAgenturen. welche Kriterien erfüllt sein müssen. Dadurch sind die Rating-Agenturen zu einem Instrument der neoliberalen Hegemonie geworden. nach Hillebrand 2001:152). Moody's und S&P bewerten jeweils eine Schuldsumme von etwa drei Billionen Dollar (Sinclair 1994: 453).) »das am stärksten oligopolisierte und konzentrierte Element des globalen Finanzsystems«.3. Moody's und S&P teilen 80 bis 85 Prozent des Marktes unter sich auf (FAZ. S&P hat sehr viele nationale Rating-Agenturen aufgekauft und so ein weltweites Netz geknüpft.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 229 staatlichen Sektor eindämmen. 7 Beide Agenturen haben einen aggressiven Expansionskurs eingeschlagen. 6 . um ihre marktbeherrschende Stellung zu verteidigen. In der Regel werden die beiden Agenturen nur dann tätig. Ende Februar 2003 hat die SEC der kleinen kanadischen Agentur Dominion Bond Rating diesen Status zuerkannt (vgl. Der Rating-Prozess wird dann vom Kunden bezahlt. Die Rating-Agenturen sind demnach für Willke (ebd. 7 An dieser marktbeherrschenden Stellung der Agenturen hat auch die US-amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) einen Anteil. Bei S&P arbeiten derzeit ca. 600.2000). Das Duopol der Agenturen Zwei US-amerikanische Firmen teilen das Rating-Geschäft praktisch unter sich auf und haben ein Duopol inne: Moody's Investors Service (Moody's) und Standard & Poor's Ratings Group (S&P). die dafür sorgen. 6 Auch die kleineren Konkurrenten haben ihren Sitz in den USA: Fitch IBCA und Duff & Phelps Credit Ratings. 700 Analysten.

ins Rating-Geschäft stieg die Firma allerdings erst im Jahr 1926 ein. sondern zeichneten Staatsanleihen der Länder. Neu allerdings sind ihre Wichtigkeit und Definitionsmacht. Hillebrand 2001: 151). die Bonität eines Kreditnehmers festzustellen und zu bewerten. Standard & Poor's entstand im Jahre 1941 aus der Fusion von Standard Statistics und Poor's Publishing Company. als Henry Varnum Poor (1860) seine »History of Railroads and Canals of the United States« veröffentlichte. Beide Marktführer haben es sich zur Gewohnheit gemacht. die sie spätestens seit den 1990er Jahren innehaben. dem stehen allein 8. Im Rating-Geschäft macht die Beurteilung von Staatsanleihen (Bonds). 8 . etwa zehn Prozent der Ratings als öffentliche Informationen anzubieten oder als »unsolicited rating« (Everling 1999: 253).standardandpoors. Die erste Rating-Agentur wurde im Jahr 1837 in New York gegründet. da sie den Ländern Kredite gegeben hatten.230 Ingo Malcher (Hillebrand 2001: 151) geworden. Zahlreiche Schwellenländer standen während der Schuldenkrise am Rande der Zahlungsunfähigkeit. http://www2. weil alle Neuemissionen von privaten Anleihen staatlich genehmigt werden mussten und Investoren davon ausgehen konnten. dass zumindest ein Mindestmaß an Sicherheit bestand. Vor allem die US-Banken waren davon ernsthaft bedroht. Die Geschichte der Firma geht zurück bis ins Jahr 1860. die sich bewerten lassen (Hillebrand 2001: 152). Es war die Deregulierung im Finanzbereich.000 US-amerikanische Firmen gegenüber. dass die Rating-Agenturen keine neuen Instrumente des sich herausbildenden Neoliberalismus sind. Dies hat eine größere Flexibilität für die Banken Vgl. Entstehung und Aufgaben der Rating-Agenturen Die Aufgabe von Rating-Agenturen ist es. Dadurch wird deutlich. Als Folge gaben die Banken den Ländern keine starren Kredite mehr. dass sich die Richtlinien der Rating-Agenturen in Deutschland durchsetzen konnten. Bis zum Jahr 1991 waren die Rating-Agenturen in Deutschland nicht besonders wichtig. einen geringen Anteil aus.8 Moody's Investor Service wurde 1900 gegründet (vgl. Auch die beiden heutigen Marktführer können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Über 80 Länder haben gegenwärtig ein Rating in Auftrag gegeben. die dafür gesorgt hat. das sogenannte sovereign rating. Durch die Schuldenkrise der Schwellenländer während der 1980er Jahre veränderte sich das Kreditgeschäft und damit auch die Bedeutung der RatingAgenturen.com/NASApp/cs/ContentServer?pagename =sp/Page/AboutUsMainPg&r=l&b=8&l=EN&s=l.

der Finanzstruktur. oder neue Papiere zu zeichnen. Willke (2001:165) stellt hierzu richtig fest: »Je stärker sich Unternehmen. Aktien (Stock-Rating) und Banken bewertet.« (Sinclair 2005: 18) Funktionsweise der Rating-Agenturen Bei einem Rating-Verfahren werden sowohl qualitative als auch quantitative Daten verwendet. der Ertragskraft. Daher bemüht sich der Schuldner um ein möglichst gutes Rating-Ergebnis. Die Einstufung des Schuldners drückt aus. Vor allem werden von den Agenturen Schuldtitel (Bond-Rating). was die Rating-Agenturen ins Spiel bringt. dass dieser seine Schulden nicht wird zurückzahlen können. die Papiere abzustoßen. um das Risiko eines Kreditnehmers zu beurteilen. auch das Investitionsrisiko besser zu streuen.225 Milliarden Dollar angestiegen (Bank for International Settlements 2000: 112). Für Länder und Unternehmen ergibt sich daraus die Möglichkeit. Eine hohe Rendite bedeutet für den Schuldner höhere Kosten. ohne den Umweg über die Banken zu gehen. der Managerqualität. Doch dieser Wandel in der Art. desto höher ist das Investitionsrisiko und desto höher steigt die Rendite.8 Milliarden Dollar. wenn sie sich ein gutes Geschäft davon versprechen. Damit einher geht ein sprunghafter Anstieg der Wertpapieremissionen. Bei diesen Geschäften schlüpfen die Banken oftmals nur in die Rolle des Abwicklers der Geschäfte. Die Ratings sind somit Handreichungen für Investoren und beeinflussen die Investorenentscheidungen. Sinclair schreibt zu Recht: »Rating has become a key means of transmitting the policy of orthodoxy of managerial best practice. ohne selbst tätig zu werden. Dabei muss der Investor aber das Risiko absichern. im Jahr 1999 waren sie schon auf rund 1. hat Folgen für Firmen und Regierungen. Je schlechter ein Land oder eine Firma von den Rating-Agenturen eingestuft wird. wie empirische Untersuchungen ergeben haben (vgl. Im Jahr 1994 beliefen sich die Nettoneuemissionen noch auf 257. Die Einschätzung der Wettbewerbslage. ihren Kapitalbedarf direkt an den Finanzmärkten zu decken. der strategischen Ausrichtung und des Umfelds eines Kreditnehmers werden dabei bewertet. Die Rating-Ergebnisse wirken sich umgehend auf die Aktienpreise oder die BondPreise aus. um sich mit Geld zu versorgen. Ins- . Hand/Holthausen/Leftwich 1992). wie Investments abgewickelt werden. wenn ihnen das Risiko zu groß wird. die Investitionskapital suchen. Much more of the world is now open to the consequences of rating judgements than was the case during the Cold War. wie groß die Gefahr ist. So gelingt es den Banken und Investoren. der Vermögenswerte. da sie in der Lage sind. und wo Banken nur noch Geschäfte abwickeln.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 231 und Investoren zur Folge.

dass die Staatsausgaben gesenkt werden und ein für das Finanzkapital günstiges Investitionsumfeld (keine Steuer auf Kapitalgewinne. Factoring-Instituten. Sie bestimmen. Auf die Firmen oder Länder haben sie einen Zwangseffekt: Sie zwingen zum Kostensparen und zu einem sparsamen Haushaltskurs. Dabei werden die gewonnenen Daten permanent aktualisiert und das Rating aufoder abgewertet. dann das Branchenrisiko und schließlich das firmenspezifische Risiko ermittelt. Dies bedeutet. Leasing-Gesellschaften. wo und zu welchen Bedingungen sie investieren werden oder ob sie ihr Geld aus einem bestimmten Markt abziehen. Beim Rating-Prozess wird zunächst das Länderrisiko. »In der Regel erhält eine >Untereinheit< keine bessere Einstufung als das Land. die in einem bestimmten Land ihren Sitz hat. Sie entscheiden darauf aufbauend. Anlagefonds. der in Zusammenarbeit zwischen Regierung/Firmenleitung und der Rating-Agentur abläuft. Dadurch werden die Rating-Agenturen zum institutionellen Fundament der neoliberalen Wende. desto stärker sind sie auf möglichst positive Ratings angewiesen.als private Institutionen eine Definitionsmacht über den Kurs der Wirtschaftspolitik verschuldeter und von Auslandsinvestitionen abhängiger Länder. Pensionsfonds. Gerade in den kritischen Sozialwissenschaften wurde ihrer Rolle bei der Diskussion um die Durchsetzung der neoliberalen Epoche bislang zu wenig Beachtung geschenkt.im Falle der Schwellenländer . Investmentbanken. um ihre Kapitalkosten zu optimieren. dass sie ihr Geld wiedersehen werden. Der Rating-Prozess ist ein permanenter Prozess.« Rating-Agenturen werden so im Bereich der Schwellenländer zu einer Art T Ü V über die richtige oder falsche Wirtschaftspolitik. in dem sie ansässig ist. Das Ergebnis der Länderrisikoanalyse fließt direkt in die Bewertung einer Firma ein.« (Hillebrand 2001: 158) Dieses sogenannte sovereign . Bei der Analyse des Länderrisikos wird die politische und wirtschaftliche Stabilität eines Staates ermittelt. Sie bekommen . wohin Investitionen bei unterschiedlichen Wirtschaftslagen fließen. Kapitalund Unternehmensbeteiligungsgesellschaften. Durch die Funktionsweise der Rating-Agenturen wird Wissen über Firmen und Länder gewonnen und aufgearbeitet. Regionen und ganze Länder auf den globalen Finanzmärkten im Wettbewerb untereinander um Anlagekapital bemühen. stabile Währung) geschaffen werden muss.232 Ingo Malcher titutionen. Hieraus erwächst den wenigen global agierenden Rating-Agenturen ein bislang noch wenig begriffener und noch weniger problematisierter Einfluss auf globale Ströme von Investitionsentscheidungen. Dieses Wissen wird in den Dienst gestellt von Investoren. damit den Investoren das Gefühl gegeben werden kann.

Auch wenn Moody's und S&P in aller Welt Büros haben. • Inflation: Hohe Inflation lässt auf finanz. Folgen für Schwellenländer Der Bewertungsprozess der Bonität von Staaten ist ähnlich dem von Firmen.« Gerade Regierungen von Schwellenländern beschweren sich daher häufig. Finanzierungspolitik etc. Daraufhin wird die Wahrscheinlichkeit ermittelt. So stellt Sinclair (1994: 453) zu Recht fest: »New York remains the analytical core.und wirtschaftspolitische Schwierigkeiten schließen. Das Unternehmensrisiko bezieht sich auf die Qualität des Managements. mit der dieser Fall eintreten kann. .Zahlungsausfall. Denn die von den Rating-Agenturen gewählten Parameter fördern keine falschen oder richtigen Ergebnisse zu Tage. Bei der Beurteilung des Branchenrisikos werden die Zukunftsperspektiven des Industriezweigs sowie die Konkurrenzsituation unter die Lupe genommen. die verwendete Technologie. ob er viel riskieren will oder nicht. Selective Default.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 233 ceiling erschwert und verteuert die Kreditbeschaffung von effizienten Firmen in Schwellenländern. so ist der Einfluss der Wall Street. where rating expertise is defined and reinforced. exceptional financial security. sondern nur um geeignet oder ungeeignet als Geldanlage aus Sicht des Geldbesitzers. Dabei finden sowohl makroökonomische Indikatoren Eingang in die Analyse wie auch historische Indikatoren. dass Rating-Agenturen das von ihnen bewertete Land nicht richtig kennen würden und daher zu falschen Einschätzungen kommen. Angefangen bei »AAA«. als schlimmster Fall. Diese Indikatoren listet Hillebrand (2001: 153f. bis hin zu »SD«. • Haushaltsdefizit: Hohes Haushaltsdefizit ist gefährlich für Schuldendienst. die Kapitalstruktur. und dabei geht es nicht um richtig oder falsch. Diese Kritik mag nur zum Teil zutreffen. Die Ranking-Skala von S&P hat zwölf unterschiedliche Stufen. umso besser für die finanzielle Basis eines Staates. Vielmehr haben sie ein eindeutiges Ziel: Die Risikoabwägung für Investoren.) auf. doch maßgeblich für die Parameter in den Ratings. wo sie ihren Hauptsitz haben. angenommen. • Pro-Kopf-Einkommen: Je höher. Auch hier wird der Credit Default als Ausgangsszenario. • Wachstumsrate des BIP: Je höher. umso wahrscheinlicher die volle Bedienung von Schulden und Zinsen. und schließlich »D« . der aufgrund des Rating-Ergebnisses entscheidet.

• Regierungsform und politische Institutionen • Politische Partizipation • Geordnetheit der Führungsnachfolge • Ausmaß und Konsens über die Ziele der Wirtschaftspolitik • Integration in das globale Handels. Richtigerweise erkennt Strulik in den Rating-Agenturen auch Institutionen. was wiederum zur Gefährdung der Zahlungsfähigkeit führt. sind ein höheres Risiko.2000. Von 1993 bis 1997 stiegen die Portfolio-Investitionen in den Schwellenländern von 117 Milliarden US-Dollar auf 286 Milliarden US-Dollar an. umso unwahrscheinlicher ihre vollständige Bedienung. • Schuldner-Geschichte: Länder.234 Ingo Malcher • Leistungsbilanz: Hohe Defizite führen zu wachsender Verschuldung. In den U S A unterliegen diese strengen Vorschriften und müssen ihre Werte in Titel anlegen. 3. wo vor allem institutionelle Anleger tätig sind (Pensionsfonds. Ca. • Wirtschaftliche Entwicklung: Je entwickelter. Versicherungen. die von den Rating-Agenturen zumindest mit investment grade eingestuft werden (bei S&P »BBB«.000 geschätzt. die . • Das endgültige Rating wird innerhalb der Agentur abgestimmt und potenzielle Investoren werden darüber informiert. Investmentfonds). bei Moody's »Baa3«). • Staatsverschuldung: Je höher. Anmerkung bei Hillebrand 2001: 161) auf ca. Wenn die Titel eines Landes oder einer Firma unter diese Note fallen. Dieter (1999: 81) berechnete. umso geringer die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls. dass deren Kapitalanlagen im Jahr 1995 den Wert des gesamten BIP der G-7-Länder deutlich übertrafen.4. die diesen überprüfen und anfechten kann. 32 Prozent dieses Vermögens entfallen auf die großen Pensionsfonds.und Finanzsystem • Interne und externe Sicherheitsrisiken Das Verfahren zur Rating-Erhebung kennt vier Stufen: • Datenerhebung und -forschung • Ein vorläufiger Bericht wird der Regierung übergeben. • Die Rating-Agentur verfolgt weiterhin die Entwicklung des Landes und korrigiert gegebenenfalls das Rating. Schwellenländer finanzieren sich seit der Schuldenkrise der 1980er Jahre immer stärker über den Kapitalmarkt. Genau dies führte zur Verschärfung der Asienkrise 1996/1997. so müssen sie diese automatisch abstoßen. die in der Vergangenheit zahlungsunfähig waren. Die Zahl der institutionellen Anleger wird von der Financial Times Deutschland (19.

dass Thyssen-Krupp sehr hohe Pensionsrückstellungen habe. wenn er schreibt.html. und inwieweit dieser durch die Bereitstellung von Informationen der Rating-Agenturen (ganz abgesehen von deren Richtigkeit) noch beschleunigt wurde. 9 Schlechte Urteile der Rating-Agenturen Auch in der Privatwirtschaft werden die Rating-Agenturen für Fehlurteile kritisiert. die Agenturen hätten schlicht falsche Ratings abgegeben. Die folgende Herabstufung führte zu einer schweren Belastung der Volkswirtschaften auch außerhalb der Region.de.). manager-magazin. sondern auch deshalb.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 235 für Instabilität sorgen können: »[J]ede Information begründet neben Erwartungen auch die Möglichkeit gegenläufiger Entwicklungen.« (Strulik 2000: 449) Allerdings erkennt er nicht. Er definiert Rating-Agenturen als »wissensbasierte Organisationen« (Strulik 2000: 450). schafft also Ungewissheit. können die Rating-Agenturen nicht.265077. Standard & Poor's und Moody's haben erst die Anleihen von Enron und Woldcom heruntergestuft. Für Fehlurteile haftbar gemacht werden. und auch Südkorea wurde bis Oktober 1997 noch von ihnen als sicher eingestuft. Ihre Bewertungen der Zahlungsfähigkeit gelten juristisch als freie Meinungsäußerung (vgl. weil sie beispielsweise mit jeder Verfeinerung ihrer Analysetechniken zugleich die Zahl anfechtbarer Annahmen über künftige Entwicklungen erhöhen. in: http://www. als deren Konkurs schon kurz bevorstand. eine strengere Kontrolle der Rating-Agenture. die in der Lage sind. Thyssen-Krupp will jetzt mit einem Gutachten die Sichtweise der Rating-Agentur korrigieren. etwa über Schadenersatzklagen. Rüdiger von Rosen. Thyssen-Krupp-Anleihen auf den Junk-Bond-Status abzuwerten. greift zu kurz und beschreibt ihre Funktionsweise nur unzureichend. Langsam kommt aber in Deutschland eine Diskussion über die Macht der Rating-Agenturen in Gang.) Angesichts der Machtfülle der beiden führenden Agenturen S&P und Moody's forderte von Rosen die Einrichtung einer 9 . Hauch-Fleck 2003).2828. So forderte der Chef des Deutschen Aktieninstitutes (DAI).manager-magazin. Dabei ist doch gerade die Frage nach dem Zusammenhang von Rating-Urteil und folgendem Zusammenbruch interessant. Der Vorwurf. ihre Umwelt mit »anderen Unsicherheiten« zu belasten. (Vgl.00. Im Verlauf der Asienkrise führten die Urteile der Rating-Agenturen zu erheblichen »Folgeproblemen« (ebd.de/geld/artikel/0. zu einer Zeit. In Deutschland wird die Entscheidung von Standard & Poor's kritisiert. Euro mehr an Zinszahlungen. Für die Agenturen selbst werden zukünftige Ereignisse nicht nur durch Veränderungen in ihrer Umwelt unvorhersehbarer. dass schon die Veröffentlichung eines Ratings die Wirklichkeit beeinflusst. die Agenturen hätten Thailand erst im Oktober 1997 in ihre Watchlist aufgenommen. Diese wurde von den Analysten damit begründet. Doch seine Kritik geht über eine immanente Kritik am Funktionieren der Agenturen nicht hinaus. als die Landeswährung Baht schon längst eingebrochen war. Immerhin kostet die Herabstufung des Unternehmens rund 20 Mio.

Dies verschärft dortige Wirtschaftsund Finanzkrisen nur. etwas länger auf die Rating-Agenturen einzugehen. der die sozialen Gegensätze noch verschärft. wurden neue Elemente entwickelt. Nachdem die Schuldenkrise der 1980er Jahre die Banken der USA erschüttert hatte. will von Rosen staatliche Institutionen einschalten. Damit wird der Zinssatz für Neuemissionen von Staatsanleihen von Schwellenländern festgelegt. Erst wenn dort keine Einigung erzielt würde. da sie deren Kapitalaufnahme verteuern. Im Folgenden soll auf ein weiteres privates Regulierungsinstrument eingegangen werden: den Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+). wie er von J. die immer mit Blick auf die Bewertung ihres Landes Politik machen müssen. disziplinierend auf die Regierungen einzuwirken und deren Zahlungsfähigkeit zu gewährleisten.236 Ingo Malcher laufen in der Regel entgegengesetzt zu den Interessen der Schwellenländer. Dies schränkt die Handlungs. Schlechte Ratings beschleunigen in der Regel den Abwärtstrend in den Schwellenländern. da ein hoher Zinssatz die Wiederbelebung der Wirtschaft erschwert. Nichts.P. ist erwünscht. da sie in der kritischen Sozialwissenschaft bislang wenig Beachtung fanden. um die Gläubiger besser zu Schiedsstelle. wenn diese mit den Ratings nicht einverstanden seien. Diese Schiedsstelle sollte nach Ansicht von Rosens allerdings zunächst privatwirtschaftlich organisiert sein.2 Emerging-Markets-Bond-Index (EMBI+) Es erschien notwenig. die von den Unternehmen angerufen werden könnte. 4. was Geld kostet und dadurch den Schuldendienst gefährden könnte. etwa die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) oder eine Institution auf EU-Ebene. Das Ziel der Ratings ist es in diesem Fall. da der EMBI+ direkt und unmittelbar marktfreundliche Politik belohnt und marktfeindliche bestraft. Morgan Chase ermittelt wird. die über die Realisierung und Finanzierbarkeit von Politiken in den Schwellenländern entscheiden und die über die Handlungsperspektiven urteilen. Es sind die Einstufungen der Rating-Agenturen.und Entscheidungsspielräume von Regierungen in den Schwellenländern ein. Die Finanzmärkte haben damit einen direkten Einfluss auf die Wirtschaftspolitik. Auch zwingen die Entscheidungen der Rating-Agenturen Regierungen dadurch zu einem Sparkurs. . Auch kritisierte von Rosen die Dominanz der beiden US-Agenturen und forderte eine stärkere europäische Komponente und mehr Wettbewerb auf dem duopolistischen Rating-Markt.

Marktkonforme Politiken (z. Den Zinssatz für die Bonds bestimmt der sekündlich festgestellte EMBI+ am Ausgabetag. dass ein Land seine Schulden bezahlen kann. oder neue Papiere zu zeichnen. da sie einzelne von Staaten ausgegebene Bonds bewerten. 10 So geben die Banken heute so gut wie keine starren Kredite mehr an Schwellenländer. Übersetzung I. marktfeindliche (z. bieten verschreckte Investoren auf den Schuldtitelmärkten die Schuldtitel (»Bonds«) des entsprechenden Landes zum Verkauf an. dass die Aussichten auf Zahlung der Schulden sinken. Dies funktioniert über das Gesetz von Angebot und Nachfrage: Werden viele Titel angeboten. extremer Sparkurs) werden durch niedrige Zinssätze belohnt. Sinken die Aussichten. Damit sind Banken und Investoren flexibler. bilanziert Hobsbawm (1998: 527) über die Schuldenkrise. Denn das Interesse des Geldkapitals richtet sich in erster Linie auf die Stabilität des Geldwerts. wenn sie sich ein gutes Geschäft davon versprechen. sondern zeichnen Staatsanleihen dieser Länder (Bonds). Dadurch sinkt der Wert der Bonds und es steigen die Länderrisikopunkte. Gerechtigkeits.B.« (Halperin Donghi 1992: 758. nicht den armen Entwicklungsländern.) 10 . Erhöhung der Staatsausgaben) bestraft. auf den steigenden Kurswert seiner Wertpapierdepots. Es ist auch ein Sanktionsmechanismus für wirtschaftspolitische Maßnahmen. Dieser Ubergang von der Kreditfinanzierung der 1970er und 1980er Jahre zur Bond-Finanzierung war nur Schwellenländern möglich. wenn ihnen das Risiko zu groß wird. hätten sie das weltweite Finanzsystem in Gefahr gebracht.oder Nachhaltigkeitsvorstellungen orientiert. Wohlfahrts-.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 237 schützen. die sich an Beschäftigungs-. die dazu führen. Dabei muss der Investor aber das Risiko absichern. Dieser Prozess stärkte den Einfluss und die Einnahmen der Rating-Agenturen. mit dem die Finanzmärkte auf wirtschaftspolitische Entscheidungen in den einzelnen Ländern direkt und unmittelbar Einfluss nehmen können. Das Länderrisiko ist eine Art Zwangs-TÜV. auf hohe »Wahrscheinlich war dies der gefährlichste Moment für die kapitalistische Wirtschaft seit 1929 gewesen«. Über den EMBI+ haben die Finanzmärkte eine direkte Definitionsmacht über die Ziele der verschuldeten Volkswirtschaften inne. da sie in der Lage sind. die Papiere abzustoßen. sinken die Preise. Treffend schreibt Huffschmid (1999: 545) über die Rolle der Finanzmärkte in der Weltökonomie: »International liberalisierte F[inanzmärkte] werden zunehmend zu einer Schranke für jede Wirtschaftspolitik. Halperin Donghi stimmt zu: »Hätten alle lateinamerikanischen Länder ihre Schulden nicht mehr bezahlt. was die Rating-Agenturen und den EMBI+ ins Spiel bringt.B.M. Insofern haben die Finanzmärkte ein reales politisches Druckmittel in der Hand.

dass sie geschlossen wird. 11 . um die Schulden zu bedienen. etwa das Bezahlen von Staatsangestellten.). sich jederzeit ohne besonderen Aufwand durch Kapitalflucht unliebsamen Eingriffen zu entziehen. Profitieren können von einer solchen Situation nur Geldbesitzer. Aufrechterhaltung von Infrastruktur. Erhaltung von Schulen. Er hat auch nach seinem Bankrott Aufgaben zu erfüllen. AFP. 23. die verbliebenen A k tiva versteigert werden. verglichen mit der Gewinnerwartung bei Investitionen im produktiven Bereich inmitten einer Krise. was als weiteres Disziplinierungsinstrument wirkt. seit es über die Möglichkeit verfügt. Dennoch gelten für Staaten auf den Finanzmärkten dieselben Kriterien. Die stellvertretende IWF-Chefin Anne Krueger hat bereits kurz nach Argentiniens Zahlungsausfall eine Diskussion über die Etablierung suprastaatlicher Regelungen für Staatsbankrotte in Gang gebracht. dass Geld in produktive Investitionen fließt. 11 Denn der Fall Argentinien hat die Finanzmärkte wachgerüttelt: Durch das Fehlen von Regulierung im Falle des Bankrotts standen auch keine Sanktionsmechanismen mehr zur Verfügung. Die von den Rating-Agenturen entworfenen Begriffe »Non-investment« oder »Default« sind im Falle von Firmen leicht festzustellen: Bankrott. sie verhindern aber auch.09. Durch die hohe Verschuldung des Staates im Land verloren die lokalen Banken und die lokalen privaten Rentenkassen ihre Liquidität. die es als Drohung gegen jede Regierung wenden kann. bevor sich das Land zum Jahreswechsel 2001/2002 zahlungsunfähig erklären musste. 15:38. da die Rendite schon auf Festgeldkonten relativ hoch ist. Dividenden. Bei einer Firma bedeutet dies. 12 Vgl.« Mit den in die Höhe getriebenen Zinsen durch die Länderrisikorate sitzt der Staat doppelt in der Falle: Die hohen Zinsen erschweren wegen der teuren Kredite das Wirtschaftswachstum. sie hatten rund die Hälfte der argentinischen Bonds in ihren Portfolios (Boris/Malcher 2001: 47ff. Argentinien wurde im Moment der Zahlungsunfähigkeit dadurch begünstigt.: IWF will Konkursrecht für Staaten schon ab nächstem Frühjahr. 12 Zumindest in diesem Fall.02. Seine Durchsetzungsmacht gegenüber der Politik ist besonders groß. Im Falle eines Staates ist dies nicht möglich. Die hohe Mobilität verschafft dem Kapital Exit-Optionen.238 Ingo Malcher Zinsen bzw. dass die Commodity-Preise sehr stark anzogen und das Land dank florierender Exporte einen Haushaltsüberschuss verzeichnete und nicht auf Fremdfinanzierung angewiesen war. Genau dies ist im Falle Argentiniens passiert. Krankenhäusern etc.

Steuer-.und damit direkt über die Ziele der Politik und was politisch möglich ist und was nicht. Staaten sind keine privatwirtschaftlichen Einrichtungen. dass es sich beim EMBI+ um einen Marktmechanismus handelt. Mit dem EMBI+ werden für Staaten die gleichen Kriterien bei der Ermittlung der Zinszahlungen angewandt wie für Unternehmen. staatliche Institutionen in den G7-Ländern von ihren Richtlinien zu überzeugen und diese in den Rang von staatlicher Politik zu erheben. Im Gegenteil: Wie am Beispiel des Baseler Akkords für Bankensicherheit gezeigt wurde.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 239 5. Die Weltpolitik wird auf diese Weise privatisiert.Sozialstaat finanzieren.wie auch immer gearteten . dass die Wirtschafts-. Weder die Rating-Agenturen noch der EMBI+ unterliegen der Kontrolle eines Staates oder suprastaatlicher Organisationen. muss auch eine globale Geld. Umwelt. die eigene wirtschaftspolitische Autonomie dafür zurückzu13 . die Verwaltung finanzieren. gibt es vergleichbare Regelungen für den Bereich der Finanzmärkte nicht. Dies hat zur Folge. trotzdem werden sie so behandelt. eine Welt mit freiem Güter. 13 Heiner Flassbeck kritisierte als einer der wenigen mehrfach die bestehende Währungsordnung. wo es eine globale Ordnung mit klar definierten Regeln gibt . Wichtig ist. die Infrastruktur sichern. Dabei müssen die Staaten einen .und Sozialpolitik weltweit privat reguliert werden. sind die Rating-Agenturen in der Lage. Dieser Marktmechanismus steht über den Regierungen der Länder und besteht weiter fort. das heißt im Sinne privater Interessen reguliert werden. Perspektiven Anders als im Bereich des internationalen Handels. Daher gehören die Rating-Agenturen und der EMBI+ zum institutionellen Fundament der neoliberalen Hegemonie und zu ihren Durchsetzungsinstrumenten. selbst wenn der neoliberale Konsens bereits zerbrochen ist. Genau deswegen ist er als Zwangsmechanismus zu begreifen. Aber sie sind mehr als das: Die private Regulierung der Weltwirtschaft und der globalen Finanzmärkte sind ein Zwangsmechanismus der neoliberalen Hegemonie.und Kapitalverkehr. »Wer eine globalisierte und liberalisierte Welt will.und Währungsordnung anstreben und bereit sein.wie auch immer diese zustande kamen -. der im Zuge der Liberalisierung der Finanzmärkte entstanden ist. Mit den Rating-Agenturen und dem EMBI+ entscheiden private Institutionen über die Zugangsbedingungen von Staaten zu den Finanzmärkten und über die Kosten der Finanzierung von Staaten .

Doch auch in diesen Ländern führte die neoliberale Hegemonie der 1990er Jahre wie in ganz Lateinamerika nicht zu Wohlstand. sondern stürzte fast alle Länder des Kontinents in schwere Krisen. . welche die Spielräume der MitteLinks-Regierungen in Lateinamerika einschränken. Herr 2001: 161ff. Huffschmid 2001: 201ff. vor allzu hohen Erwartungen an seine neue Regierung. Zu Recht warnt Jose Mujica. stellen. Doch bei dem Prozess der Veränderung werden auch Rückschläge und Niederlagen auf die Linksregierungen zukommen.. Kleinbauern gelingt es als organisierte Kraft. ist dies nicht notwendigerweise der Beginn einer neuen Epoche. Das liegt aber auch daran. Gerade Länder wie Venezuela oder Bolivien sind sehr stark vom Rohstoffexport abhängig und ernten mit ihren gegenwärtigen Reformen bei Unternehmern und Investoren heftige Kritik. Aber es ist ein Anfang. Doch wenigstens eine stärkere Regulierung weltwirtschaftlicher Verhältnisse wäre nötig.ein Zurück zu mehr Markt erscheint heute als nicht denkbar. wie es ihnen gelingt. Selbst das ist nicht durchsetzbar. wird ihre Wirkungsweise abgeschwächt.. die dies fordern.« (Flassbeck 2002) Zu Kritik und Alternativen zur bestehenden Weltwährungsstruktur siehe auch: Flassbeck 2001: 241ff. ob sie schon ausreicht.und das ist derzeit utopisch. in vielen Ländern Druck auf die Regierungen auszuüben.und Sozialpolitik ist fraglich. und schon gar nicht.240 Ingo Malcher Es sind diese Zwangsmechanismen. Gefragt. Arbeitslosen. Ihre Wirkungsmacht hängt auch von weltwirtschaftlichen Verhältnissen ab. um die Verhältnisse in den lateinamerikanischen Ländern zu beeinflussen und das enorme soziale Ungleichgewicht wenigstens ein wenig zu verändern. Und bei der eigenen Wirtschafts. Doch der Erfolg der linken Regierungen hängt auch stark davon ab. wenn die Preise auf den Weltmärkten wieder fallen. wenn es Länder abseits der Zentren sind. ehemaliger Stadtguerillero der Tupamaros und inzwischen Landwirtschaftsminister von Uruguay. Landlosen. Hierfür finden sich weder bei europäischen Regierungen und erst recht nicht in den USA Bündnispartner. dass die Krise in Südamerika zum Wiedererwachen der sozialen Bewegungen auf dem Kontinent geführt hat. ob die Linke in Uruguay jetzt die Macht erobert habe. Dies ändert sich aber sofort wieder. Nur weil einige Regierungen ausgewechselt wurden. In Zeiten hoher Rohstoffpreise. in denen die Länder über hohe Deviseneinnahmen verfügen und daher meist kein Haushaltsdefizit finanzieren müssen. Progressive Veränderung in Südamerika scheint derzeit möglich. Und die neuen Regierungen steuern mit mehr staatlicher Regulierung dagegen . auf internationaler Ebene die Verhältnisse zu verändern .

69-86 Dieter. S. Marburg. in: Heise. Carlos (1995): El realismo de los estados debiles. Robert (1998): Gramsci. H. John/Holthausen. Global Capitalism versus Democracy.Linkswende in Lateinamerika und ihre Perspektiven 241 gab er zur Antwort: »Macht ist etwas. Buenos Aires Everling. haben die Disziplinarinstitutionen wie der IWF. wir haben es an die Regierung gebracht. 11. 47-59 Boron.Zeitschrift marxistische Erneuerung. 48.und Finanzmärkte nach der Asienkrise: Reformbedarf und politische Hemmnisse. Dezember 2001. was uns zu groß ist.): Gefängnishefte. in: Cash. Gerhard-Mercator-Universität Duisburg Escude. S. Bd. Rendlesham Boyer. Robert/Leftwich. Heiner (2001): Flexiblere oder festere Währungskurse .: Weltordnung und Hegemonie .Grundlagen der »Internationalen Politischen Ökonomie«. haben ausländische Investoren. Hegemonie und Internationale Beziehungen: Ein Aufsatz zur Methode. Atilio (1999): State Decay and Democratic Decadence in Latin America.de/text/2003/12/G-Rating_ Agenturen Cox. H. 733-752 Hauch-Fleck. Oliver (1999): Mehr als nur zwei Ratings. in: Journal of Finance KL VII. INEF Report H. Leo.einige falsche Lehren aus der Asienkrise. 6/2002 Gramsci. u. in: Panitch. 252257 Flassbeck.: Socialist Register. Arne (Hrsg. S. 1ff. Der IWF verpasste Argentinien falsche Rezepte. 2. Robert (2005): Es un gobierno pragmätico. Buenos Aires Hand. S. 241-270 Flassbeck. Heiner (2002): Naiver Musterschüler. S. Marie-Luise (2003): Noten bringen Geld. Dieter/Malcher. Supplemento de Pägina/12. in: Die Bank. Marburg. Hamburg Halperin Donghi. 41. http://zeus. Richard (1992): The effect of bond Tating agency announcements on bond and stock prices.« Macht hat die nationale Bourgeoisie. Nr. Heribert (1999): Die globalen Währungs.a.. 06 de Noviembre de 2005. 4/99. Deshalb können Veränderungen von den Regierungslinken in Südamerika nicht allein in die Wege geleitet werden. Literatur Bank for International Settlements (2000): 70th Anual Report. Antonio (1991ff.): Neue Weltwährungsarchitektur. La política exterior del primer gobierno Menem frente a la teoría de las relaciones internacionales. in: Z. in: ders. Basel Boris. Tulio (1992): Historia contemporänea de America Latina. haben die internationalen Finanzmärkte. in: Die Zeit. Ingo (2001): Argentinien am Ende der neoliberalen Sackgasse. Rating-Agenturen beur- . FEG-Studie Nr..zeit.

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würde sich »kein Einzelthema als wichtiger erweisen (..« (Rozman 1991: 6) Die Renaissance erfolgte durch einen Schneeballeffekt miteinander verbundener »Wirtschaftswunder« in einer Reihe von ostasiatischen Staaten. Jahrhunderts . schrieb Geoffrey Barraclough Mitte der 1960er Jahre. bis zum 16. die mindestens zweitausend Jahre lang an der Spitze der Weltentwicklung stand.. »stand die europäische Macht in Asien und Afrika in ihrer vollen Blüte. nach dem sie einen relativ kurzen. Die ökonomische Renaissance Ostasiens ist das erste und deutlichste Anzeichen dafür. Für Barraclough gab es wenig Grund zum Zweifel: Wenn die Geschichte der ersten Hälfte des 20. .) In meinem Buch »Adam Smith in Beijing« (2007) stelle ich die folgende Behauptung auf: Wenn die Geschichte der zweiten Hälfte des 20.aus größerem Blickwinkel geschrieben würde. keine Nation.« Die Positionsveränderung der Völker Asiens und Afrikas »war das sicherste Zeichen für den Beginn einer neuen Ära«.in den Worten Gilbert Rozmans .) als die Auflehnung gegen den Westen«. Nie zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte kam es in solcher Geschwindigkeit zu einem derartigen revolutionären Umschwung.. aber sehr tief empfundenen Niedergang erlitt. konnte der Überlegenheit europäischer Waffen und Wirtschaftskraft standhalten. der in den 1950er Leicht gekürzte Fassung der Einleitung zum gleichnamigen Buch (Hamburg 2007). Jahrhunderts aus solch einem größeren Blickwinkel geschrieben wird.. denn .Giovanni Arrighi Adam Smith in Beijing1 »Zu Beginn des 20. Sechzig Jahre später sind nur noch Überreste der europäischen Dominanz übrig. dass solch eine Machterlangung begonnen hat. dann wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach kein Einzelthema als bedeutsamer erweisen als die ökonomische Renaissance Ostasiens.die für die meisten Historiker noch von europäischen Kriegen und Problemen dominiert war . (Barraclough 1967: 153f. Jahrhundert. 17. oder sogar 18.. Die Auflehnung gegen den Westen schuf für die Völker der nichtwestlichen Welt die politischen Bedingungen für die Erlangung sozialer und ökonomischer Macht.»Ostasien ist eine große Region der Vergangenheit. 1 . so schien es. Wir sprechen von einer Renaissance. Jahrhunderts«.

insbesondere auf Nachbarländer. in den 1970ern und 1980ern in Südkorea. Doch selbst wenn er nur teilweise Recht hat. die seither vergangen sind. welche Wohltaten und welches Unglück der Menschheit aus diesen 2 3 Die Schneeball-Metapher wird zum ersten Mal verwendet in Ozawa 1993: 30f. auch wenn es noch in der Anfangsphase steckt.wird sich als keins von beidem erweisen.. September. Das Land hat sich als zu klein und zu sehr nach innen gerichtet erwiesen.« (Ozawa 2003: 700.wird »das chinesische Wunder. was seine Auswirkungen auf den Rest der Welt angeht .... die Auswirkungen in ihrer ganzen Tragweite erkennen zu können.allem voran China . . wenn er erklärt: »Sollte [Asiens Aufstieg] so weitergehen wie während der letzten paar Jahrzehnte. ohne Zweifel . . deutet die Renaissance Ostasiens darauf hin..« 3 Die von Wolf ins Auge gefasste asiatische Zukunft ist vielleicht nicht so zwangsläufig. Was nun folgt . anschließend. wie er unterstellt. Terutomo Ozawa zufolge . »Ihre Folgen sind zwar bereits recht beachtlich gewesen.244 Giovanni Arrighi und 1960er Jahren in Japan begann. Hongkong. The Financial Times. die USA sind die Gegenwart und ein von China dominiertes Asien ist die Zukunft der Weltwirtschaft. Wie Karl Marx nach ihm sah Smith einen wichtigen Wendepunkt der Weltgeschichte in den europäischen »Entdeckungen« von Amerika und der Passage nach Ostindien um das Kap der Guten Hoffnung. Singapur. kommt diese Zukunft bestimmt. das dramatischste sein.. wird er die zweihundert Jahre währende Dominanz Europas und. Europa war die Vergangenheit. Und keine menschliche Klugheit und Umsicht kann voraussehen. Japan war lediglich der Vorbote einer asiatischen Zukunft.der als erster den Begriff eines Schneeballeffekts zur Beschreibung des ostasiatischen Aufstiegs einführte . »Asia is Awakening«. um die Welt zu verändern. in dem kurzen Zeitraum von zwei bis drei Jahrhunderten. dass Adam Smiths Voraussage einer letztendlichen Angleichung der Macht zwischen dem siegreichen Westen und dem besiegten Nichtwesten schließlich wahr werden könnte. wie bald und wie reibungslos das passiert. Die großen Fragen sind. 22. 2003. Nichtsdestotrotz war er viel weniger zuversichtlich als Marx in Bezug auf den letztendlichen Nutzen dieser Ereignisse für die Menschheit. Hervorhebung im Original) 2 Martin Wolf stößt in dasselbe Horn. doch ist es noch nicht möglich. Taiwan. seines riesigen nordamerikanischen Ablegers beenden. Wie es scheint.. Malaysia und Thailand weiter anwuchs und in den 1990ern und frühen 2000ern im Hervortreten Chinas als weltweit dynamischster Brennpunkt des Wachstums von Wirtschaft und Handel gipfelte.

der bemerkenswerte Frieden und Wohlstand und das Bevölkerungswachstum in China während des größten Teils des 18. Für die Eingeborenen in Ost.« (Smith 1993: 526f. »was ganz Europa wäre. Anleitung in institutioneller Entwicklung und Belege für ihr Eintreten für so unterschiedliche Sachen wie aufgeklärten Absolutismus. dass sie sich jede Art Ungerechtigkeit in diesen fernen Gebieten erlauben konnten. sich in der nichteuropäischen Welt ungestraft »jede Art von Ungerechtigkeit« zu erlauben. siehe auch Hung 2003) Der auffallendste Unterschied zu europäischen Staaten war die Größe und Bevölkerung des chinesischen Reichs. sodass die Bewohner aller Regionen der Welt den gleichen Mut und die gleiche Stärke erlangen.. die Macht der Europäer aber schwächer werden. Hervorhebung von mir) Da die Ureinwohner Europas bei weitem nicht schwächer und diejenigen nichteuropäischer Länder bei weitem nicht stärker wurden. Im Gegenteil. Quesnays Charakterisierung zufolge war das chinesische Reich das. Ganz allgemein dürften sie wohl in der Tendenz nützlich und förderlich sein.Adam Smith in Beijing 245 einmaligen Entdeckungen erwachsen werden. zusammengeschrumpft. wodurch es zu einem Gleichgewicht in der Abschreckung kommt. war das Ü b e r g e w i c h t an Macht auf Seiten der Europäer so groß. wäre das letztere unter einem einzigen Souverän vereinigt« . Vielleicht können künftighin die Eingeborenen jener Länder stärker und machtvoller. stieg das »Übergewicht an Macht« auf Seiten der Europäer und ihrer Ableger in Nordamerika und anderswo nach der Veröffentlichung von Der Wohlstand der Nationen noch fast zweihundert Jahre weiter an.. Zu der Zeit. Quesnay und andere »wandten sich an China um moralische Belehrung.eine Charakterisierung. (Adas 1989: 79. die aus beiden Ereignissen hätten erwachsen können. da sie die entlegensten Gebiete der Welt in gewissem Umfange zusammengeführt und es ihnen möglich gemacht haben. die auch in Smiths Bemerkung anklingt. den Bedarf an Nötigem und Annehmlichem im Austausch zu decken und Gewerbe und Handel untereinander zu fördern. Voltaire. ebenso wie ihre Möglichkeit. Meritokratie und eine auf Landwirtschaft basierende Volkswirtschaft«. Ja. das sie erlitten haben . Leibniz. der chinesische »Binnenmarkt« sei »in seiner Ausdehnung nicht . sich gegenseitig zu helfen.und Westindien aber sind alle Handelsvorteile. Jahrhunderts waren eine Quelle der Inspiration für führende Köpfe der europäischen Aufklärung. hatte Ostasiens »Niedergang« kaum begonnen. als man beide Entdeckungen gemacht hat. und sie haben in dem schrecklichen Unglück geendet. als Smith dies schrieb. das allein die Ungerechtigkeit unabhängiger Nationen in eine Art Respekt vor den gegenseitigen Rechten umzuwandeln vermag..

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war China zum ärmsten Land der Welt geworden. 1836. 185f. drei Jahre bevor Großbritannien den ersten Opiumkrieg gegen China begann (1839-1842). die bis dahin durch einen ähnlichen Lebensstandard gekennzeichnet waren. Smith 1993: 576) Während der nächsten 50 Jahre unterlief ein großer Vorwärtssprung in der militärischen Macht Europas dieses positive Bild von China. antiquierte Kanonen und disziplinlose Armeen machten China »an Land machtlos«.« (Adas 1989: 89-93.246 Giovanni Arrighi viel kleiner als der Absatzmarkt aller europäischen Länder zusammen«. Japan war ein militärisch besetzter. siehe auch Parker 1989: 98f. erklärte der Autor eines in Kanton anonym veröffentlichten Aufsatzes. und Ostasien sank ebenso rasant auf seinen Tiefstpunkt. die weit hinter die aggressiven >Barbaren< vor ihren südlichen Toren zurückgefallen waren. Diese Anklagen und Beschwerden förderten eine grundsätzlich negative Sicht auf China als bürokratisch repressives und militärisch schwaches Reich. die Perfektion und Vielfalt ihrer Hilfsmittel zur gegenseitigen Zerstörung und die Kunstfertigkeit. (Pomeranz 2000) Das politische und wirtschaftliche Geschick zweier Weltregionen. Europäische Kaufleute und Abenteurer hatten schon lange die militärische Verwundbarkeit eines Reichs betont. fügt hinzu. das von einer Klasse des Amtsadels regiert wurde. durch die Teilung im aufkommenden Kalten Krieg auseinandergerissen zu werden. Michael Adas.) In dem Jahrhundert nach Chinas Niederlage im ersten Opiumkrieg wurde der Niedergang Ostasiens zu dem. (Quesnay 1969: 115. der diese Bewertungen wiedergibt... mit der sie diese verwendet«. auf die sie beim Handel mit China stießen. Dann fuhr er fort. was Ken Pomeranz die große Divergenz genannt hat. indem er die chinesische Reichsmarine als »ungeheuerliche Burleske« abtat. und diese Schwächen seien Symptome einer grundlegenden Schwäche der chinesischen Gesellschaft als Ganzer. In Ostasien gab es ebenso wenig Anzeichen wie anderswo für eine nahe bevorstehende . nichts Gutes verhieß. 124f. »es gibt derzeit vermutlich kein passenderes Kriterium für die Zivilisation und den Fortschritt einer Gesellschaft als ihre Kenntnisse in der >mörderischen Kunst<. und sich gleichzeitig bitter beschwert über die bürokratischen und kulturellen Hindernisse. dass die zunehmende Bedeutung militärischer Fähigkeiten »für die Beurteilung der Gesamtleistung nichtwestlicher Völker durch die Europäer den Chinesen. wichen stark voneinander ab. und die meisten anderen Länder der Region kämpften entweder noch gegen die Kolonialherrschaft oder standen kurz davor. denn Europa stieg rasant auf den Zenit seiner Macht. »halb-souveräner Staat«. und behauptete.

Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Verschwinden der Zweiten Welt wurden die Ausdrücke Erste und Dritte Welt zu Anachronismen und durch die Ausdrücke globaler Norden bzw. durch die Ausweitung und Vertiefung des Austausches in der Weltwirtschaft würde es zu einem Machtausgleich zwischen Völkern europäischer und nichteuropäischer Abstammung kommen. 4 . Jahrestag der Veröffentlichung von Wohlstand der Nationen und kurz nachdem die USA beschlossen hatten. in Stephen Krasners Worten. Die Kapitalflüsse aus Ländern der Ersten in Länder der Das weit auseinandergezogene/ausgreifende Netzwerk quasi dauerhafter Militärstützpunkte in Ubersee.Adam Smith in Beijing 247 Bestätigung von Smiths Behauptung. war. 4 In den späten 1960er und frühen 1970er Jahren.»die Bewohner aller Regionen der Welt den gleichen Mut und die gleiche Stärke erlangen. das allein die Ungerechtigkeit unabhängiger Nationen in eine Art Respekt vor den gegenseitigen Rechten umzuwandeln vermag«.« (Krasner 1988: 21) 5 Die Entstehung einer »Dritten Welt« in den 1950ern war ein gemeinsames Produkt der Auflehnung gegen den Westen und der Weltordnung des Kalten Kriegs. ob die Zeit endlich gekommen sei. Sicherlich hatte der Zweite Weltkrieg der Auflehnung gegen den Westen gewaltigen Auftrieb verliehen. die inzwischen die Dritte Welt bildeten. den die Welt je gesehen hatte. Ein weniger wohlhabender Bestandteil (die UdSSR und Osteuropa) bildete fortan die Zweite Welt und ein weiterer (Lateinamerika) konstituierte zusammen mit dem Nichtwesten die Dritte Welt. spaltete sich der historische Westen in drei verschiedene Bestandteile. 5 Ihre natürlichen Ressourcen waren sehr gefragt. schien die Situation sich zu verändern.wie Smith es sich vorgestellt hatte . als es dem mächtigen USamerikanischen Militärapparat nicht gelang. »ohne historischen Präzedenzfall. Westeuropa und Australien) machte zusammen mit Japan fortan die Erste Welt aus. (Sylos-Labini 1976: 230-232) Die wirtschaftlichen Umstände schienen auch die Länder zu begünstigen. Süden ersetzt. fragte sich Paolo Sylos-Labini. da . das die USA während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufbauten. wodurch es zu einem Gleichgewicht in der Abschreckung kommt. sich aus Vietnam zurückzuziehen. In Asien und Afrika wurde vielerorts die alte Staatssouveränität wieder hergestellt und massenweise neue wurden geschaffen. Der wohlhabendste (Nordamerika. ebenso wie ihr üppiges und billiges Angebot an Arbeitskräften. das vietnamesische Volk in eine permanente Spaltung entlang der Trennlinie des Kalten Krieges zu zwingen. Zum 200. Doch mit der Entkolonialisierung ging die Errichtung des umfangreichsten und potenziell zerstörerischsten Apparats westlicher Streitmacht einher. kein Staat hatte zuvor seine eigenen Truppen in so großem Umfang während eines so langen friedlichen Zeitabschnitts auf souveränem Territorium anderer Staaten stationiert. Während der historische Nichtwesten fast vollständig der Dritten Welt zugeordnet wurde.

mussten Drittweltländer nun mit ehemaligen Zweitweltländern um den Zugang zu Märkten und Ressourcen der Ersten Welt konkurrieren. die sich durch den Zusammenbruch der UdSSR bot. sondern auch . In den 1980ern hatte eine von den USA vorangetriebene Eskalation des Wettbewerbs auf den weltweiten Finanzmärkten plötzlich die Versorgung der Dritt. Hongkong war nicht einmal ein souveräner Staat. dass ihre Übermacht nicht nur größer war als je zuvor. (Cumings 1993: 25f. Statt zwei einander feindlich gegenüberstehende Supermächte zur Verfügung zu haben. Von den übrigen waren die Stadtstaaten Singapur und Hongkong. mit einigem Erfolg Anspruch auf ein weltweites »Monopol« der legitimen Anwendung von Gewalt zu erheben. Denn das Schwinden der Sowjetmacht war von der Entstehung dessen begleitet gewesen. die rasche Industrialisierung von Drittweltländern unterminierte die frühere Konzentration der Produktion in Erst. dass jede Hoffnung (oder Befürchtung) einer unmittelbar bevorstehenden Angleichung der Chancen der Völker der Welt. wie sie sich in den 1970ern zu ihren Ungunsten gekehrt hatten.(und Zweit-)Weltländern. Gleichzeitig ergriffen die USA und ihre europäischen Verbündeten die Gelegenheit. (Arrighi 1994: 21f.und Zweitweltländer mit Geldern zum Versiegen gebracht und die Nachfrage nach ihren Produkten stark schrumpfen lassen. was Bruce Cumings den »kapitalistischen Archipel« von Ostasien getauft hat. sondern in jeder Hinsicht unanfechtbar. voreilig gewesen war.Japan. Südkorea und Taiwan .248 Giovanni Arrighi Dritten (und Zweiten) Welt verstärkten sich beträchtlich. und die drei größeren Staaten .) Nichtsdestotrotz wurde mir ebenfalls klar. von dem andauernden Prozess der weltweiten wirtschaftlichen Integration zu profitieren. Die Handelsbedingungen waren so schnell und entschieden zugunsten der Ersten Welt umgeschlagen.) Japan war bei weitem die größte der »Inseln« dieses Archipels. Desorientiert und desorganisiert durch die zunehmende Turbulenz der Weltwirtschaft und in harter Bedrängnis infolge einer neuen Eskalation des Rüstungswettlaufs war das Sowjetreich zerfallen. in dem Glauben. und Drittweltländer hatten sich über ideologische Gräben hinweg vereinigt.waren vollkommen abhängig von den USA. der Garnisonsstaat Taiwan und die Teilnation Südkorea am wichtigsten. dass die Gegenreaktion nicht die Machtverhältnisse von vor 1970 wieder hergestellt hatte. um eine neue internationale Wirtschaftsordnung zu fordern. Als ich mich 18 Jahre später erneut mit Sylos-Labinis Überlegungen beschäftigte. wurde mir klar. nicht nur im Hinblick auf militärischen Schutz. Keiner dieser Staaten war nach herkömmlichen Maßstäben mächtig.

Die glänzenderen Aussichten für dieses Ergebnis sind zum Teil den verheerenden Auswirkungen des irakischen . wenn er erfolglos geblieben wäre. in Paraphrasierung von Schumpeter 1954: 163) Die Trends und Ereignisse der 13 Jahre.zur Umstrukturierung und Neuorganisation ihrer eigenen Industrien. Aber es war auch möglich. in den Annalen der kapitalistischen Geschichte ohne Präzedenzfall und könnte sich in drei recht verschiedene Richtungen entwickeln. den entstehenden kapitalistischen Zentren Ostasiens »Schutzzahlungen« abzupressen. »könnte sie leicht im Schrecken (oder dem Ruhm) der eskalierenden Gewalt verbrennen.Westeuropa und Nordamerika . (Arrighi 1994: 354-356.und Nahrungsmittelvorräte sowie die profitable Veräußerung ihrer Erzeugnisse.Adam Smith in Beijing 249 auf Energie. seit dies geschrieben wurde. so behauptete ich. dann wäre Ostasien im Lauf der Zeit möglicherweise das Zentrum einer Weltmarktgesellschaft geworden. Und dennoch zwang die kollektive Wirtschaftskraft des Archipels als neue »Werkstatt« und »Geldkassette« der Welt die traditionellen Zentren der kapitalistischen Macht . wäre möglicherweise das erste echte Weltreich der globalen Geschichte entstanden. ihrer Wirtschaft und ihrer Lebensweise. aber doch stark verringert. die mit der Liquidierung der Weltordnung des Kalten Kriegs einhergegangen ist«. Das abgrundtiefe Scheitern des Projekts auf irakischem Testgelände hat die Möglichkeit der tatsächlichen Entstehung eines West-zentrierten Weltreichs zwar nicht ausgeschlossen. Die weltweite Gewalt ist weiter eskaliert und die Übernahme des Projekts für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert durch die Bush-Regierung in Reaktion auf die Ereignisse des 11. wie Adam Smith sie sich vorstellte. Wäre der Versuch gelungen. Wie ich es damals in einer Paraphrasierung Joseph Schumpeters ausdrückte: Ehe die Menschheit im Verlies (oder Paradies) eines West-zentrierten Weltreichs oder einer Ostasien-zentrierten Weltmarktgesellschaft erstickt (oder sich aalt). (Arrighi 1994: 22) Eine solche Trennung von militärischer und wirtschaftlicher Macht ist. September 2001 war im Wesentlichen ein Versuch. Ohne einen solchen Versuch bzw. ihre militärische Überlegenheit dazu einzusetzen. dieses erste echte Weltreich der globalen Geschichte entstehen zu lassen (dazu näher Arrighi 2007: Teil 3). Gleichzeitig sind auch die Chancen für die Herausbildung einer Ostasien-zentrierten Weltmarktgesellschaft gestiegen. dass die Trennung zu endlosem weltweiten Chaos führen würde. Die Wahrscheinlichkeit eines endlosen weltweiten Chaos hat sich vermutlich vergrößert. haben die Wahrscheinlichkeit für das tatsächliche Eintreten jedes dieser Ergebnisse radikal verändert. Die USA und ihre europäischen Verbündeten hätten versuchen können.

in der Art. Sie haben das beschleunigt.250 Giovanni Arrighi Abenteuers auf die US-amerikanische Weltmacht geschuldet. der die Reichtümer des Westens hervorgebracht hat. Chinas Aufstieg hat Auswirkungen von großer Tragweite. zunächst und vor allem von China und Indien. Und was noch wichtiger ist. geschaffen als je zuvor. und günstigere Bedingungen für die Bildung eines C o m monwealth. einer Gemeinschaft der Zivilisationen. letztlich zustande kommen wird. Welche Weltordnung. dass das Scheitern des Projekts für ein Neues Amerikanisches Jahrhunderts und der Erfolg der chinesischen Wirtschaftsentwicklung zusammengenommen die Verwirklichung von Smiths Vision einer Weltmarktgesellschaft auf der Grundlage größerer Gleichheit unter den Zivilisationen der Welt wahrscheinlicher gemacht haben als je zuvor seit der Veröffentlichung von Der Wohlstand der Nationen vor fast 250 Jahren. wie Smith sie sich vorgestellt hat. was ich die »letzte Krise« der US-Hegemonie nenne. sich und der Welt einen sozial gerechteren und ökologisch nachhaltigeren Entwicklungspfad zu eröffnen als denjenigen. schlugen auf sie selbst zurück. oder Unordnung. Größtenteils jedoch bestehen sie aufgrund von Chinas spektakulärem wirtschaftlichem Fortschritt seit den frühen 1990ern. ist die Abhängigkeit des Wohlstands und der Macht der U S A vom Import billiger chinesischer Waren und von der Abnahme von US-Staatsanleihen durch China doch ebenso groß. und insbesondere bleibt auch eine lange Zeitspanne der eskalierenden Gewalt und des endlosen weltweiten Chaos möglich. Die übergreifende These in »Adam Smith in Beijing« ist. die Erlangung von Macht durch den globalen Süden zurückzudrängen. China tritt immer stärker an die Stelle der U S A als Hauptantriebskraft der Expansion von Wirtschaft und Handel in Ostasien und darüber hinaus. hängt stark von der Fähigkeit der einwohnerstärkeren südlichen Staaten ab. Die westliche Dominanz kann auf viel subtilere Arten reproduziert werden als in der Vergangenheit. Aus dem Amerikanischen von Britta Dutke . Die Versuche der USA. China ist kein Vasall der U S A wie Japan oder Taiwan und auch kein bloßer Stadtstaat wie Hongkong und Singapur. Die Entstehung einer solchen Gemeinschaft ist bei weitem nicht sicher. wenn nicht größer. Auch wenn die Reichweite seiner militärischen Macht im Vergleich zu den U S A verblasst und das Wachstum seiner verarbeitenden Industrien immer noch von Exporten auf den US-amerikanischen Markt abhängt.

254-280 Krasner. 21(3). Jahrhunderts. Francois (1969): »From Despotism in China«. in: MHQ: The Quarterly Journal of Military History. Power and the Origins of Our Times. Stephen (1988): »A Trade Strategy for the United States«. 17-35 Ozawa. 13. 88-101 Pomeranz. in: F. in: Sociological Theory. Joseph (1954): Capitalism. Science.. Technology and Ideologies of Western Dominance.). Skinner (Hrsg. Giovanni (2007): Adam Smith in Beijing. Schell (Hrsg. London Smith. Pacific-Asia and the Future of the World-System. Ithaca Arrighi. 699-713 Parker. 1(4). and Democracy. in: Business and the Contemporary World. Princeton Schumpeter. Terutomo (1993): »Foreign Direct Investment and Structural Transformation: Japan as a Recycler of Market and Industry«.). Paolo (1976): »Competition: The Product Markets«. Schurmann/O. 115-120 Rozman. 2 Bde. in: Ethics and International Affairs. Imperial China. Die Genealogie des 21. Bruce (1993): »The Political Economy of the Pacific Rim«. Geoffrey (1989): »Taking Up the Gun«. Princeton Quesnay. Harmondsworth Cumings.Adam Smith in Beijing Literatur 251 Adas. London Arrighi. 5(2). Kenneth (2000): The Great Divergence: Europe. Terutomo (2003): »Pax Americana-Led Macro-Clustering and FlyingGeese-Style Catch-Up in East Asia: Mechanisms of Regionalized Endogenous Growth«. Wilson/A. Westport/CT. New York. Michael (1989): Machines as Measure of Men. and the Matzing of the Modern World Economy. Giovanni (1994): The Long Twentieth Century: Money. London Sylos-Labini. 21-37 Hung. in: R. China.A. Hamburg Barraclough. in: Journal of Asian Economics.S. Adam (1993/1961): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. 200-232 . Socialism. 2. Oxford.). The Market and the State: Essays in Honor of Adam Smith. in: T. Geoffrey (1967): An Introduction to Contemporary History. 129-150 Ozawa. Gilbert (1991): The East Asian Region: Confucian Heritage and its Modern Adaptation. Palat (Hrsg. Ho-fung (2003): »Orientalist Knowledge and Social Theories: China and European Conceptions of East-West Differences from 1600 to 1900«.

dass die Kommunistische Partei Chinas (KP) die »Große Halle des Volkes« für ein Popkonzert vermietet.06) war zu lesen. Dies ist ein Zeichen für den Wandel. reicht inzwischen weit über das Wirtschaftssystem hinaus. So beobachten wir heute einen aufblühenden Kapitalismus in China. mit der Deng Xiaoping die Bevölkerung für die Reformen geistig auszurüsten suchte. das wichtigste Symbolbauwerk und Wahrzeichen des chinesischen Sozialismus im Herzen Beijings. die vom Kalkül von Profitmaximierung bestimmt wird.und Lebensbereiche durchdrungen. Die Parole »reich zu werden ist ruhmvoll«. Die um sich greifende kapitalistische Verwertungslogik hat die gesamte Lebenswelt einschließlich der natürlichen Lebensgrundlage in Besitz genommen und prägt den Habitus der Menschen. haben inzwischen die gesamten Produktions. Infolge der marktwirtschaftlichen Reformen in China hat sich ein Wirtschaftssystem herausgebildet.07. das kapitalistisch durchorganisiert und immer stärker von ausländischem Kapital abhängig ist. kommerziell zu vermarkten. den die chinesische Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten erlebt hat. Die KP hat keinerlei Hemmungen mehr. Das »heilige« Prinzip des Geldmachens kennt keine moralisch-ethischen und sozialen Grenzen. Das drei Jahrzehnte lange Experiment mit dem Sozialismus nach der Chinesischen Revolution von 1949 scheint zu einer kurzen historischen Episode zu werden. ist mittlerweile im Bewusstsein der Chinesen fest verankert. die anfänglich außerhalb von den sozialistisch-planwirtschaftlichen Strukturen und auf dem kleinen Gebiet am Rande des Landes auf Experimentierbasis erlaubt waren. die Volkskongresshalle. Die Marktbeziehungen. Die augenfällige Begleiterscheinung der kapitalistischen Transformation ist ein gewaltiges Wirtschaftswachstum. das das einst arme sozialistische Entwicklungsland zu einer Wirtschaftsmacht mit globaler Bedeutung gemacht . 26.Hyekyung Cho Sozialistische Fata Morgana in kapitalistischer Wüste Die Illusion vom chinesischen Sozialismus In einem Zeitungsbericht (Süddeutsche Zeitung. Das Gesetz einer Marktökonomie.

Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 253 hat. Der Jubel über grenzenlose kommerzielle Möglichkeiten in China hat in letzten Jahren allerdings deutlich nachgelassen. Man wundert sich nur. Vielmehr liegt das Hauptanliegen darin. Gegenüber der so genannten Schock-Therapie. als ein wünschenswertes nachkapitalistisches Modell qualifiziert werden kann. das die Träumerei der internationalen Geschäftswelt über einen Markt mit einer schier unvorstellbaren Größenordnung widerspiegelt. Stattdessen häufen sich ernüchternde Warnungen. Im Folgenden werden diese Mythen. mit der die ehemaligen sozialistischen Länder im Ostblock einen abrupten Systemwechsel vom Sozialismus zum Kapitalismus durchsetzten. welche aus Missverständnissen und Fehlinterpretationen des chinesischen Reformprozesses erwachsen. Der zweite Mythos besteht in China als »dem neuen Eldorado der Weltwirtschaft«. Ziel ist nicht. Der erste Mythos betrifft die These einer neuen Supermacht China als der Herausforderer der USA und schöpft aus der Scheinrealität der statistischen Zahlen über Chinas ökonomische Leistungsfähigkeit. Zuletzt ist der Sozialismusmythos zu nennen. indem es geschickt der »Falle« der neoliberalen Globalisierung entkommen zu sein scheint. China hebt sich von den anderen Transformations. kritisch beleuchtet. erweist sich die graduelle Strategie der politischen Führung in China als erfolgreicher. insbesondere der Sozialismusmythos. Das chinesische Wirtschaftswunder erregt eine weltweit große Aufmerksamkeit. In einer unüberschaubar wachsenden Informationsflut in täglichen Medien wie wissenschaftlichen Publikationen kursieren viele Mythen. die verbreiteten Missverständnisse über die chinesischen Reformen auszuräumen und dadurch die kapitalistische Realität Chinas von Trugbildern und Projektionen der diversen Wunschvorstellungen zu bereinigen. wie ein Land wie China. die theoretische Möglichkeit eines erfolgreichen Sozialismus anhand des chinesischen Beispiels zu überprüfen. Einige Kritiker des Kapitalismus sehen in Chinas ökonomischem Aufstieg ein erfolgversprechendes alternatives Modell zum Kapitalismus. das eine rücksichtslose Ausbeutung und Entrechtung der Lohnabhängigen wie der Armen betreibt und jegliche Möglichkeiten für demokratische Kontrolle über politische und ökonomische Entscheidungsprozesse ablehnt. .und Entwicklungsländern ab.

Die sozialistische Rhetorik der KP steht aber im Dienste der ideologischen Anpassung an die . Deren zerstörerische Natur jedoch würde durch eine sozialistische Politik gezähmt. Itoh 2003. sorgt für einige Verwirrungen.anarchischen .254 Hyekyung Cho Verwirrungen und Missverständnisse über Chinas politische Ökonomie Chinas Wachstumserfolge seit 1979 werden in der gegenwärtigen Diskussion nahezu einhellig der marktwirtschaftlichen Transformation und der Einbindung in den globalen Kapitalismus zugeschrieben. Hier herrscht ein fundamentaler Konsens. Das ist nicht verwunderlich angesichts der Tatsache. die sich einerseits von der .sowjetischen Typus des Sozialismus unterscheidet. Wenn wir dieser Auffassung folgen. Umstritten ist die Frage nach dem so genannten chinesischen Charakter der Marktwirtschaft. dass die sozialistische Orientierung im gegenwärtigen China lediglich in der propagandistischen Selbstdarstellung der KP vorzufinden ist. Im Gegensatz zu einer Planwirtschaft gilt eine Marktwirtschaft wegen der »flexiblen Regulierungsfunktionen« (Itoh 2003: 3) als wachstumsfördernd. dass Marktwirtschaft und Sozialismus keinen Widerspruch darstellen.kapitalistischen Marktwirtschaft und andererseits vom . Demnach wird das chinesische Modell als eine sozialistische Marktwirtschaft charakterisiert. die sich in der Dominanz des öffentlichen Eigentums an Produktionsmitteln äußern soll. lautet die logische Schlussfolgerung. dass sich der Sozialismus im marktwirtschaftlichen China parallel zum schwindenden Anteil des staatlichen Eigentums im Prozess der Selbstauflösung befindet. Neuerdings werden von allen Seiten die soziale Verwahrlosung und eine ökologische Katastrophe in China registriert. Dass sich die herrschende KP nach wie vor zum Sozialismus bekennt und an öffentlichem Eigentum an Produktionsmitteln als dessen Kern festhält. dass die sozialistische Grundorientierung trotz des gesellschaftlichen Wandels mit eindeutiger kapitalistischer Prägung bewahrt würde (vgl. der unabhängig von politischer und ideologischer Couleur von Befürwortern der neoliberalen Globalisierung über Kritiker des Marktliberalismus hin zu fundamentalen Kapitalismuskritikern reicht. Die KP ebenso wie einige linke Kapitalismuskritiker vertreten unter Berufung auf Marx die Meinung.rigiden . Dennoch ist aus linken Kreisen zu hören. Die Verfechter des chinesischen Sozialismus stützen sich zur Begründung ihrer Annahme auf die offiziellen Reformprogramme und übernehmen häufig Argumente der KP. Diese werden jedoch lediglich als »Kollateralschäden« des Wachstums angesehen. Peters 2005).

(Itoh 2003: 7) Das öffentliche Eigentum oder Gemeineigentum.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 255 marktwirtschaftliche Transformation. Im Unterschied zum früheren strengeren Verständnis des Staatseigentums schließt öffentliches Eigentum die Beteiligung privaten Kapitals ein. das auch von der KP als Kernstück des chinesischen Sozialismus propagiert wird. den Machtanspruch der KP ideologisch zu rechtfertigen.oecd. 2005. OECD. dass im Jahr 2003 der Anteil des Privatsektors am BIP 59.00.Org/document/21/0. Die wenigen übriggebliebenen Staatsbetriebe gelten als das Spiegelbild der technologischen Rückständigkeit und Ineffizienz der chinesischen Wirtschaft. Das zentrale Argument für die verbleibende sozialistische Grundorientierung in China ist die Dominanz des öffentlichen Eigentums. Klar ist jedoch. 22. Zudem reicht die quantitative Dominanz des staatlichen Eigentums nicht aus. Aug. Wie die historischen Erfahrungen des realen SoDer Privatsektor umfasst alle Betriebe.2% betrug und somit den öffentlichen Sektor übertraf. einen Sozialismus zu qualifizieren.2 Aufgrund dieses Wandels sind die bisherigen Argumente für den chinesischen Sozialismus in der Propaganda der KP hinfällig geworden.2340.en_2649_201185_ 35331797_l_l_l_1. Der Abbauprozess des Staatsektors in China ist noch nicht abgeschlossen. Diesbezüglich postuliert Makoto Itoh den staatlichen Anteil an den wichtigen Produktionsmitteln von über 50% als das Mindestmaß für eine sozialistische Marktwirtschaft und hält eine gesellschaftliche Restriktion der privatwirtschaftlichen Expansion für unverzichtbar. ist eine begriffliche Neuschöpfung in den späten 1990er Jahren. dass sich der Abbau des öffentlichen Sektors fortsetzt. und politische Restriktionen oder »sozialistisch« tragfähige Grenzziehungen in diesem Prozess sind dabei nicht zu erkennen. als die flächendeckende Privatisierung der Staatsbetriebe voll in Gang kam. wobei die Idee des Sozialismus dazu missbraucht wird. (http://www. 1 . Economic Survey of China 2005. Aufgrund der undurchsichtigen und unzuverlässigen chinesischen Statistiken sowie der neu entstandenen diversen Mischeigentumsformen ist weder eine klare Grenzziehung zwischen staatlichen und privaten Betrieben noch eine genaue Angabe über die staatlichen bzw. die weder vom Staat noch von kollektiven Eigentümern kontrolliert werden. privaten Anteile möglich.html) 2 »China Is a Private-Sector Economy«. Eine im Jahr 2005 veröffentlichte Studie der OECD belegt. Daher wird der Reformbedarf unermüdlich propagiert. 1 In aktuellen Zahlen liegt der Anteil des Privatsektors mit 70% des BIP noch höher. Published on 16 September 2005. Die Zahl der staatlich kontrollierten Unternehmen sinkt von Jahr zu Jahr rapide. Business Week.

) . den späteren Übergang zum Sozialismus bewerkstelligen zu können. Der grundlegende Wandel des Herrschaftscharakters. Zu klären ist die Frage. die die Fata Morgana eines sozialistisch-demokratischen China hervorruft. Zwischen 1953 und 1977 betrug die jährliche Wachstumsrate des Nationaleinkommens 6.256 Hyekyung Cho zialismus in China und Osteuropa zeigen. Peters 3 2006. ohne eine plausible Erklärung für diese Möglichkeit abzugeben. dass »sich unter Führung der KP auch eine Art national-demokratische Gesellschaft (mit starken Elementen des nationalen Kapitalismus) im Sinne einer allseitigen Vorbereitung auf den späteren (neuen) Übergang zum Sozialismus gestalten lässt«. Hohes Wirtschaftswachstum in China ist jedoch kein charakteristisches Merkmal der marktwirtschaftlichen Reformen. So wirkt der KP-Staat wie eine geheimnisvolle Black box. Wie in aller Munde ist. Das scheint für mich die einzig nachvollziehbare Erklärung über das Beharren des Sozialismusmythos. 3 Im Glauben an die Fähigkeit des KP-Staates. beseitigt die Verstaatlichung der Produktionsmittel nicht die Ausbeutung. dass sie nämlich den bestehenden KP-Staat als Garant der sozialistischen Politik unhinterfragt voraussetzen. Trotzdem schließt er die Möglichkeit nicht aus.7%. (Vgl. sondern die Stärkung der Demokratie sein sollte. Jahrhundert. Der Niedergang des realen Sozialismus jedoch lehrt uns. Helmut Peters. dass das Zentrum im Kampf für eine sozialistische Politik nicht der Aufbau eines allmächtigen vorsorgenden Staates. Im heutigen China unterschieden sich die Staatsbetriebe in ihren Geschäftstätigkeiten nicht mehr von privaten Unternehmen. stellt mittlerweile fest. Im Gegenteil verzeichnete China schon vorher hohe Wachstumsraten. der fatale Irrtum des realen Sozialismus im 20. fort. Dieser Kritikpunkt führt uns zu der zentralen argumentativen Schwäche bei den Verfechtern des chinesischen Sozialismus. lebt der Staatskult. der die Verschiebung der ökonomischen und sozialen Machtstrukturen im Zuge der Durchkapitalisierung reflektiert. dass die ökonomischen und sozialen Strukturen in China eine »unverkennbar kapitalistische Einfärbung« aufweisen. wuchs die chinesische Wirtschaft seit 1979 im Jahresdurchschnitt um knapp 10%. Chinas Wachstum: Sozialistisch oder marktwirtschaftlich? Wir beginnen mit dem eingangs erwähnten fundamentalen Konsens der Gleichsetzung von Wirtschaftswachstum und Marktwirtschaft. bleibt im Dunkeln. eine rätselhaft mächtige Gestalt. ein Verfechter des chinesischen Sozialismus. inwiefern das chinesische Wachstum mit den marktwirtschaftlichen Reformen in Verbindung gebracht werden kann.

Dank des massiven Aufbaus der Schwerindustrie. Die ländliche Bevölkerung erhielt zwar die minimalen Sozialleistungen durch das Kommunensystem. Wie Makoto Itoh zu Recht kritisiert. Itohs Schlussfolgerung. ist jedoch voreilig.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 257 Die Zuwachsrate im Industriesektor im gleichen Zeitraum war noch höher und lag im Jahresdurchschnitt bei 14. 4 . Das hohe Wachstum in dieser Periode ging auf den big push zur Schwerindustrialisierung nach dem sowjetischen Vorbild zurück. dass das chinesische Wachstum seinen sozialistischen Grundlagen zugeschrieben werden soll. (Vgl. Angesichts der Tatsache. jedoch deutlich höher als in vielen kapitalistischen Entwicklungsländern. war das chinesische Wachstum in der Periode des maoistischen Sozialismus zwar niedriger als das in der marktwirtschaftlichen Reformära. zählte China bereits in den späten 1970er Jahren zu einem der größten Stahl.und Zementproduzenten der Welt. erscheint die Frage zwar berechtigt. was wegen seiner wirtschaftlichen Autarkie verständlicherweise von keiner Bedeutung für den kapitalistischen Weltmarkt war. Die schwerindustrie-zentrierte Industrialisierung wurde durch die wirtschafts. ist diese Sichtweise ein »enges ideologisches Gerüst« (Itoh 2003: 2). dass die chinesische Wirtschaft bislang mit oder ohne Marktwirtschaft schneller als die meisten der kapitalistischen Entwicklungsländer gewachsen ist.B. 4 Dies hatte vor 1978 eine entwicklungstheoretische Debatte um das chinesische Modell des Sozialismus und dessen Übertragbarkeit auf andere Länder ausgelöst. für die Sowjetunion in den 1950er und 1960er Jahren und Nordkorea nach dem Koreakrieg bis Ende der 1970er Jahre. die als Avantgarde-Industrie des Sozialismus galt. das Wachstum als das natürliches Begleitprodukt der marktwirtschaftlichen Reformen betrachtet wird.und investitionspolitische Diskriminierung der Landwirtschaft sowie durch die auf niedrigem Niveau festgesetzten Löhne und den erzwungenen Konsumverzicht erreicht. Das Sozialrevolutionäre Ziel der Befreiung von Armut und Unterdrückung blieb jedoch eine leere Versprechung. inwiefern dies mit dem Sozialismus chinesischer Prägung im Zusammenhang steht. Dernberger 1980.4%. werden die Anfangswachstumserfolge in der sozialistisch-planwirtschaftlichen Industrialisierung einfach ignoriert. Wird der Blick dennoch auf makroökonomische Zahlen gerichtet. Meines Erachtens kann das chinesische Das gleiche gilt z.) Die relativ positive Gesamtbilanz des Wirtschaftswachstums im maoistischen China liefert ein Gegenbeispiel zur Annahme. Seitdem die Marktwirtschaft synonym für Wachstum geworden ist. Selbst die privilegierte städtische Bevölkerung erreichte kaum einen Lebensstandard oberhalb des Existenzminimums.

also des systematischen Transfers der Wirtschaftsressourcen .und Dienstleistungssektor erreichte im gleichen Jahr jeweils 52.3% im Jahr 1952 auf 34. liegt das Problem für China nicht in mangelndem Wachstum. Wie die chinesische Führung immer wieder den berühmten Spruch von Deng Xiaoping zitiert. Charakteristisch für das chinesische Wachstum waren die investitionsgetriebene quantitative Expansion der Produktionskapazität mit sinkender Produktivität . Die Landwirtschaft schrumpfte auf 13. Hauptsache sie fängt Mäuse«. ist ein tiefergehender Blick in den Wachstumsprozess notwendig. Wachstum und das chinesische Problem Als nächstes ist zu fragen: Was führte dazu. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil des Industriesektors von 22.8% des BIP im Jahr 2005.5% im Jahr 1977. dass die KP Ende der 1970er Jahre für die Marktwirtschaft als den besseren Weg zum Wachstum optierte? Was treibt die KP-Führung dazu. In Bezug auf die alte und neue Frage. Der Industrie. dann mit marktwirtschaftlicher Methode. Im ersten Anlauf der sozialistischen Industrialisierung sank der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 57.8% des BIP mehr als verdoppelt. die marktwirtschaftlichen Reformen konsequent durchzusetzen? Wie oben erwähnt.und Dienstleistungssektor.9% und 33.Kapital und Arbeitskräfte . Durch die boomende Konsumgüterproduktion und die steigenden Löhne kam China allmählich aus der schwerindustriellen Mangelwirtschaft heraus. ob das relativ hohe Wachstum in China mit oder ohne Marktwirtschaft einen vorbildlichen Modellcharakter besitzt. ob die Katze weiß oder schwarz ist.zur Konsumgüterindustrie den zentralen Anschub für die markwirtschaftlich orientierte Industrialisierung nach 1978.von der Landwirtschaft zum Industrie. Die KP hat eine erfolgreiche staatlich gelenkte Industrialisierung bewerkstelligt.7% auf 47. Das schnelle Wachstum in China ist vielmehr das Resultat der staatlich organisierten Industrialisierung. sondern in der Qualität des Wachstums.258 Hyekyung Cho Wachstum weder mit der sozialistischen noch mit der marktwirtschaftlichen Grundorientierung ausreichend erklärt werden. Dabei bildete die investitionspolitische Verschiebung von der Schwer. Nach 1978 wurde der industrielle Strukturwandel in der Kombination mit der marktwirtschaftlichen Transformation fortgesetzt. Der alltägliche Lebensstandard der Bevölkerung verbesserte sich merklich.3% des BIP. »ist es egal. zunächst mit planwirtschaftlicher.

Die Folge war ein Zickzack von Re-Zentralisierung und Dezentralisierung. Die graduelle Transformation war kein planmäßiger Prozess. Sie waren aber von kurzer Dauer. weil das aufgrund der drastisch zugenommenen Haushaltsdefizite nicht mehr finanziert werden konnte.mehr Autonomie der Staatsbetriebe bei Geschäftsentscheidungen unter Beibehaltung des Staatseigentums .Planung die ihr zugedachte Funktion einer effektiveren Ressourcenallokation nicht erfüllte. um die maroden Staatsindustrien effizient und rentabel zu machen. begann die KP in den 1970er Jahren mit dem Experiment von Marktmechanismen. Wie bekannt. Die ersten Reformen in der Landwirtschaft. der während der katastrophalen Großen Proletarischen Kulturrevolution (1966-1976) nahezu erstickt wurde.3% im Jahr 1970. war von marktsozialistischen Reformansätzen geprägt. um die Staatsindustrien mit Hilfe der entwickelten ausländischen Technologien zu modernisieren.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 259 sowie das Nebeneinander von Überkapazitäten und Versorgungsengpässen. war die chinesische Transformation gradualistisch. wurden marktwirtschaftliche Elemente . Die Re-Zentralisierungsphase war mit dem rückläufigen. Es ist anzumerken. diesen Problemen entgegenzuwirken. Diese Erfolge gingen im Wesentlichen auf die Erhöhung der staatlichen Ankaufpreise für Agrarprodukte zurück. und die Dezentralisierungsphase mit dem exzessiven Wachstum verbunden. Dies kam in extremen Schwankungen zum Ausdruck. Die Öffnung für den kapitalistischen Weltmarkt wurde beschlossen. die zum starken Einkommenszuwachs der Bauern führten.als Hilfsmittel eingeführt. zwischen dem dramatischen Rückgang von -29. Die folgenden Reformen im Industriesek- . Ziel war die Wiederbelebung des Sozialismus. wurden zunächst als erfolgreich bewertet. Sie wurde vom Auseinanderklaffen von Resultaten und Intentionen der Reformexperimente getrieben. sondern deren Fehlschlag den Pfad und die Dynamik der Transformation bestimmte.zentrale oder dezentrale . sondern verschlimmerte sogar die Situation. Experimente mit dem Marktsozialismus und sein Scheitern Die Anfangsphase in den 1980er Jahren. Diese Maßnahme jedoch war nicht nur wirkungslos.7% im Jahr 1961 und dem höchsten Stand von +23. Vor 1978 hatte die KP-Führung mit der Dezentralisierung der Planautorität versucht. Da die . in der die ideologischen Berührungsängste mit dem Kapitalismus noch stark vorhanden waren. dass nicht der Erfolg der jeweiligen Reformschritte. Während der planwirtschaftliche Rahmen weiterhin der bestimmende Faktor für den Wirtschaftsprozess blieb.

Dieses Thema verlor Ende der 1990er Jahre angesichts der Deflationstendenz kurzzeitig an Aktualität. Im Jahr 2004 kehrte die Sorge um das »zu viel Wachstum« wieder. Jedoch traten die erhofften Effekte von effizienter Ressourcenallokation und Wachstumsstabilität nicht ein. um die Versorgung mit Rohstoffen für ihre Industrien zu sichern. 6 Dieser lag die Angst vor Inflation zugrunde. Damit war das Ende der Marktsozialismus-Experimente erreicht. Das eigentliche Ziel des Aufbaus leistungsfähiger Staatsindustrien schlug fehl. Militäreinheiten einzusetzen. Hingegen erreichte der angeheizte lokale Wachstumswettkampf Ende der 1980er Jahre einen Zustand wirtschaftspolitischer Anarchie und löste eine ökonomische Krise aus. der sich außerhalb des öffentlich-staatlichen Sektors schnell entfaltete. 5 .5 die dann in einer politischen Krise eskalierte. Das landesweite Investitionsfieber war von den Subventionen finanziert. während deren Verluste stetig wuchsen. Hinzu kam der starke Zuwachs des Privatsektors. Seither wurde das altbekannte Qualitätsproblem im chinesischen Wachstumsprozess als »überhitztes Wachstum« bezeichnet und von der Zentralregierung als die Hauptplage angesehen. Hingegen war der »local developmentalism« die treibende Kraft für die unkontrollierbare Expansion der ProduktionskaDas starke Wachstum des Industriesektors in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre verschlimmerte die Versorgungsengpässe mit Elektrizität und Rohstoffen. Das Experiment der wirtschaftlichen Öffnung der ersten Sonderwirtschaftszonen hatte zwar ein steigendes Außenhandelsvolumen zur Folge. was mehr Subventionen erforderte und dem Staat einen Schuldenberg hinterließ. Neben den akuten Finanzierungsproblemen sah sich die KP-Führung mit dem gleichen Strukturproblem wie vor 1978 konfrontiert. Das anstelle der staatlichen Planung eingeführte Selbstverantwortungssystem der Wirtschaftssubjekte ließ dem unstillbaren Drang zur Investitionsexpansion freien Lauf. Die Löhne stiegen ebenso wie die Verluste der Staatsbetriebe. die China nicht eigenhändig finanzieren konnte und die in den Jahren 1981 und 1986 mit den Hilfskrediten vom IWF finanziert werden mussten. Dies schlug sich in hohem Wirtschaftwachstum nieder. Dies ging jedoch mit wachsenden Handelsbilanzdefiziten einher. Die Bekämpfung der Inflation bildete die Priorität der Wirtschaftspolitik der Zentralregierung.260 Hyekyung Cho tor zeigten die ähnlichen Züge. Die Produktivität der Staatsbetriebe sank weiter. Angesichts dessen scheuten einige lokale Regierungen nicht davor zurück. weil eine funktionierende Marktwirtschaft in China nicht existiert. 6 Dieses Problem hatte wenig mit der »Anarchie des Marktes« zu tun. Als Folge ging die Inflationsrate in die Höhe und die Industrieproduktion musste eine Zwangspause einlegen. der zu einem massiven Aufbau von Produktionskapazitäten im staatlichen und kollektiven Sektor führte.

Jedoch die zentralstaatliche Intervention zur Kontrolle des local developmentalism wirkte nur kurzzeitig. lokale Entwicklungen zu beeinflussen. nämlich Chinas Eintritt in den globalen Kapitalismus. Da die marktwirtschaftliche Selbstregulierungsmechanik einer »Schumpeterschen schöpferischen Zerstörung« aus politisch-ideologischen Gründen noch nicht erlaubt war. setzte die KP-Führung zunehmend auf die Macht der Marktgesetze. Die darauffolgenden Wachstumsrückschläge wurden durch die Abwertung der chinesischen Währung kompensiert. Darin findet man nicht nur eine Erklärung. die zu einem explosionsartigen Exportwachstum führte.und Implementierungsstruktur. nämlich höhere Profite zu erzielen. Anfang der 1990er Jahre wurde die Produktionsplanung gänzlich abgeschafft und die Preisbildung der Agrar.die Beschränkung der Kreditvergabe .und Industrieprodukte wurde mit wenigen Ausnahmen dem Markt überlassen.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 261 pazitäten ohne Rücksicht auf die realen Absatzmöglichkeiten oder Verluste. um die technologische Modernisierung der Staatsbetriebe zu beschleunigen. warum die Wachstumsschwankungen in der Reformära weniger extrem ausfallen. die Marktgesetze sich frei von staatlicher Einflussnahme entwickeln zu lassen. Sie machte die politische Intervention auf lokaler Ebene für die krisenhafte Entwicklung in den 1980er Jahren verantwortlich. sondern auch ein völlig neues Element im Wachstumsprozess seit 1978. Die Investitionen schnellten Anfang der 1990er Jahre . Die Umsetzung dieser Ziele jedoch erfolgte in staatlicher Regie auf lokaler Ebene. Das ordnungspolitische Eingreifen der Zentralregierung scheiterte häufig an der dezentralisierten wirtschaftspolitischen Entscheidungs. um die Fehlentwicklungen zu korrigieren und das Wachstum nach ihrer Zielvorstellung zu gestalten. Um ein »richtiges« Wachstum zu ermöglichen. Auf diese Weise wurde die binnenwirtschaftliche Überakkumulation externalisiert. konnte das überhitzte Wachstum nur durch zentralstaatliche Zwänge . Der Importsubstitution galt zwar weiterhin die entwicklungsstrategische Priorität. Perfektionierung der Marktwirtschaft Nach einem heftigen internen Richtungsstreit Ende der 1980er Jahre schrieb die KP-Führung die Etablierung einer vollständigen Marktwirtschaft in ihren Reformprogrammen fest. Jedoch wurde die Öffnung der Binnenmärkte für ausländisches Kapital ausgeweitet. sah die Zentralregierung ihre Hauptaufgabe darin.gebremst werden. Dieser Reformanstoß hatte erneut das überhitzte Wachstum in den Jahren 1992/93 zur Folge. Aufgrund der begrenzten Möglichkeit der KP-Führung. Die Motive lokaler Wirtschaftssubjekte waren zwar marktwirtschaftlich bestimmt.

a. Dies führte die KP-Führung zu einem radikalen Politikwechsel für den Staatssektor mit dem Ziel des Abbaus der Überkapazitäten und der Profitsteigerung.lokale Regierungen als Eigentümer.u. staatliche Banken als Finanziers. unrentable von rentablen Betrieben zu trennen und dann nur die ersteren abzuwickeln. Die wenigen Überbleibsel der sozialistischen Elemente aus der Vergangenheit verschwinden. Das regional unterschiedliche Tempo der Privatisierung in China erklärt sich daraus. in denen das Monopol der großen Staatsbetriebe herrscht . Deflation. Die endgültige Entscheidung wird bestimmt von den Realisierungschancen der anvisierten finanziellen Vorteile für alle Beteiligten . einem gewaltigen Berg notleidender Kredite der staatlichen Banken und schließlich in einem Wachstumsrückgang ausdrückten. Die Verluste der Staatsbetriebe erreichten Rekordhöhen. die sich in den späten 1990er Jahren in Massenarbeitslosigkeit. 7 Bei kleineren und mittleren Betrieben ist der Privatisierungsprozess weitgehend abgeschlossen. indem die Staatsbetriebe von sozialpolitischen Verpflichtungen befreit und diese Aufgaben kommerzialisiert wurden. so dass die staatlichen Vermögen unkontrolliert in Privathände übertragen wurden. Ausführlich zum Privatisierungsprozess in China siehe Green/Lui 2005. Seitdem entfielen alle bisherigen politisch-ideologischen Tabus. Dafür gab sie Die Privatisierung gilt generell als der beste Weg zur Effizienzsteigerung. Die marktgerechte Restrukturierung des Staatssektors verbesserte die Finanzdaten der übriggebliebenen Staatsbetriebe. wobei die Mehrzahl davon noch unter staatlicher Kontrolle bleibt. Entgegen der ursprünglichen Absicht der KP-Führung verlief der Prozess aber blind für diese Unterscheidung. 7 . Davon blieben die strategisch wichtigen Branchen . Die marktwirtschaftliche Auflösung des Staatssektors in China war eigentlich dazu gedacht. Mit der Reform der Eigentumsrechte ging die faktische Privatisierung der Staatsbetriebe zügig voran. dass der Privatisierungsprozess in China ohne »Masterplan« vom Interessenkalkül der lokalen Entscheidungsträger getrieben wurde.vorerst verschont. auch wenn die KP-Führung diesen Begriff vermeidet. Sie hatte aber verheerende sozioökonomische Folgen. Manager und Beschäftigte. Die Abwicklung der ineffizienten Staatsbetriebe wurde erlaubt. industrielle Rohstoffe und Finanzdienstleistungen. Die Zentralregierung versuchte durch die Exportsteigerung aus dieser binnenwirtschaftlichen Wachstumskrise zu kommen.262 Hyekyung Cho wieder in die Höhe. Das geht darauf zurück. Die großen Staatsunternehmen wurden nach der internen Rationalisierung und Restrukturierung in Aktiengesellschaften umgewandelt.

Zugleich stürmten ausländische Investoren den Markt. Dennoch hält die KP-Führung an dieser Strategie fest und fördert den Verkauf der staatlichen Anteile an ausländische Investoren. hat mehr dem ausländischen Kapital geholfen. Der von außen kommende Wettbewerb erhöhte den Druck auf die laufende Reform der Schlüsselunternehmen. Denn sie hat nach wie vor mit dem Qualitätsproblem des Wachstums sowie mit dem local developmentalism zu kämpfen.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 263 den jahrzehntelangen Widerstand gegen den »freien Handel« auf und stimmte den Auflagen des WTO-Beitritts für eine umfassende Marktöffnung zu. Die verspäteten Versuche. Die Strategie »Tausch von (ausländischer) Technologie gegen (Binnen-)Markt«. Der Kern der erfolgreichen Industrialisierung in China ist die Mobilisierung der ökonomischen Ressourcen unter einem autoritären Regime. die zur Verringerung des technologischen Abstands zwischen China und den entwickelten Industriestaaten angewandt wurde. die bislang dank ihrer Monopolstellung am Binnenmarkt natürliche Wettbewerbsvorteile genossen hatten. seine Präsenz in China auszuweiten. 8 In Parallelen finden wir in den ostasiatischen Schwellenländern. Hier stellt sich die Frage. wie sich das Wachstum vor und nach 1978 voneinander unterscheidet. Dennoch ist Chinas Wirtschaftswachstum seit 1978 zweifellos bemerkenswert. der sich gegenüber disziplinarischen Maßnahmen aus Beijing unempfänglich zeigt. Der WTO-Beitritt führte zu einem starken Exportzuwachs und kurbelte das Wachstum wieder an. um von der Öffnung der bis dahin schwer zugänglichen Binnenmärkte zu profitieren. um den unkontrollierten Billigausverkauf des staatlichen Eigentums zu verhindern und den Transfer der staatlichen Anteile zu überwachen. Hier geht eine stille Privatisierung durch die Veräußerung der staatlichen Anteile an private Investoren vor sich. Zum Vergleich zwischen dem sowjetischen und dem ostasiatischen Wachstumsmodell siehe Krugman 1994. Erst Mitte 2003 schaffte die Zentralregierung eine Aufsichtsbehörde für das staatliche Eigentum. die Privatisierung zu regulieren. spiegeln die bittere Erkenntnis über das Ergebnis der Reformen wider. 8 . Wachstumserfolge w ä h r e n d der kapitalistischen Transformation Die bisherigen Reformen sind aus der Sicht der KP-Führung nur bedingt erfolgreich. Der Reformzustand der Staatsindustrien bleibt trotz aller bisherigen Versuche vom angestrebten Ziel meilenweit entfernt.

9% im Jahr 1986. sprich die unternehmerische Tätigkeit des Staates. nach profit-orientierten Marktgesetzen zu handeln. nun eine zweitrangige Rolle spielt.9 China steht auf der Seite der Gewinner der neoliberalen Globalisierung. Auch wenn die Produktionsplanung abgeschafft wurde. An diesem Punkt versagen die neoklassischen Wirtschaftslehren.jährlich und fünfjährig . Die direkt und indirekt staatlich kontrollierten Unternehmen hatten von der KP-Führung angesetzte Ziele zu erfüllen und mussten entsprechende Leistungen erbringen. (Vgl. Dies markiert einen wesentlichen Unterschied zum Staatssozialismus vor 1978. um sich behaupten zu können. Es ist mehr als fraglich. auch wenn der Privatsektor die Oberhand in der Wirtschaftsleistung hat. in der der Staat als Patron der wirtschaftlichen Entwicklung fungiert. indem der Staat Wachstumsziele . Die Industrialisierungserfolge im Zuge der kapitalistischen Transformation basieren nicht nur auf der Ausbeutung der Lohnarbeit.festlegt und dementsprechend nötige Ressourcen mobilisiert und zuteilt. Trotz der marktwirtschaftlichen Transformation kontrolliert der Staat den gesamten Ablauf des Wirtschaftsprozesses. sind planwirtschaftliche Elemente weiterhin von signifikanter Bedeutung. weil Chinas Export von der neoliberalen Globalisierung abhängt und auch von der neoliberalen »Konterevolution« in den entwickelten Industriestaaten profitiert.5% und 58. den chinesischen Staatskapitalismus als eine Opposition oder gar eine Gegenmacht gegen den neoliberalen Kapitalismus darzustellen.3% davon auf die ausländischen Unternehmen. behält der staatliche Sektor in China mit einem Anteil von über 50% immer noch die führende Position. Was die Investitionen betrifft. 9 .7% gegenüber 0. Itoh 2003: 20. Im Jahr 2004 entfielen 87. Das konsequent verfolgte Ziel war. Mit seiner Kontrollmacht über die ökonomischen Ressourcen befördert der Staat das Unternehmertum und diszipliniert es dazu.und Wettbewerbsfähigkeit der chinesischen Industrien zu erhöhen.4% und 1. irrtümlicherweise mit Sozialismus verwechselt. Im Sozialismusmythos wird diese Art des Wachstumsregimes.264 Hyekyung Cho dieser Hinsicht weist die chinesische Industrialisierung vor und nach 1978 eher eine Kontinuität als einen Bruch auf. die Leistungs. dass China zur Werkbank der Welt geworden ist. wobei die direkte Intervention.) Ein weiteres wichtiges Element für den chinesischen Erfolg ist die Integration in den globalen Kapitalismus. Insofern gibt es für die chinesische Der Anteil der ausländischen Unternehmen am chinesischen Export und Import lag im Jahr 2005 jeweils bei 58. Ausländisches Kapital profitiert davon und leistet einen wesentlichen Beitrag dazu. Der ausländische Anteil am Export der Hochtechnologiegüter ist besonders hoch.

000 im Jahr 2020. droht seinem eignen Wachstum zum Opfer zu fallen. die zugunsten der Industrialisierung benachteiligt und geopfert wurde. sondern ein autoritärer Staatskapitalismus. Die Entwicklung der Produktivkräfte im Zuge der raschen Industrialisierung hat zwar Millio- . dem niemand das Recht auf die Industrialisierung absprechen kann. Sie hat die sozialistischen Elemente aus der Vergangenheit abgeräumt. Allerdings ist der chinesische Wachstumserfolg mit einem Makel behaftet. Eine »normale« Begleiterscheinung dieses Wandels ist der wachsende Gegensatz zwischen arm und reich. dass immer noch über 60% der Bevölkerung in ländlichen Regionen leben und 49% der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt sind. wachsen schneller als die Politik der KP darauf reagieren kann. bleibt offen. der weder von der sozialistischen noch von der marktwirtschaftlichen Industrialisierung zu beheben war: die rückständige Landwirtschaft. ist noch genügend Kapazität dafür vorhanden. Während ein immer geringerer Teil der Bevölkerung als rechtlose billige Arbeitskräfte vom wachsenden Kapital genutzt wird.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 265 Regierung wenig Grund. Durch den von der KP-Führung ausgeübten Leistungsdruck bildet sich die kapitalistische Ordnungsstruktur heraus. Denn angesichts der Tatsache. die Versorgungsengpässe mit industriellen Rohstoffen. Die Frage. wie die KP in Zukunft das Problem meistern könnte. ist keine Marktwirtschaft. Konkret bedeutet das die Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens von derzeit US$ 1. die heute bereits dramatische Ausmaße angenommen haben. Jedoch schafft die forcierte Industrialisierung und Urbanisierung andere Probleme: die Verknappung des Ackerlandes.740 auf US$ 3. Diese Probleme. Autoritärer Staatskapitalismus Was die chinesische Transformation hervorgebracht hat. sich der neoliberalen Globalisierung entgegenzustellen. Das derzeitige Lösungskonzept scheint in der Beschleunigung der Industrialisierung und Urbanisierung zu liegen. die Umweltbelastung und die zunehmende Scherenentwicklung zwischen arm und reich. Dadurch kann China moderner und das von der chinesischen Regierung erklärte Ziel »bescheidener Wohlstand für alle« verwirklicht werden. mehrt sich die industrielle Reservearmee. Entscheidend dafür ist die Restrukturierung des Staatssektors seit Anfang der 1990er Jahre. China. Der Transfer des staatlichen Eigentums in die Privathände hat eine Schar von neureichen Kapitalisten hervorgebracht.

Die neuen Kapitalisten wachsen in einer engen Verbundenheit mit dem KP-Staat. die durch die Ausbreitung kapitalistischer Verhältnisse verursacht wird. auf den niedrigen Industrialisierungsgrad zurückgeht. die u. dass sie leicht das Opfer von ihr selbst provozierter innenpolitischer Unruhen werden kann. Diese enge Verbundenheit der neuen Kapitalisten mit der Partei ist einer der wesentlichen Gründe dafür.266 Hyekyung Cho nen Menschen aus der Armut herausgeholt. Die heutige Armut ist nun der Preis des wachsenden Reichtums und Wohlstands einer kleinen Minderheit. Auch entlang der kapitalistischen Entwicklung formieren sich neue gesellschaftliche Konflikte. die wie Helmut Peters zu Recht bemerkt. in der die Bedingungen für eine kapitalistische Marktwirtschaft noch nicht ausgereift waren. Wie der Untergang der autoritären Entwicklungsstaaten in Ostasien gezeigt hat. Schließlich war er ihr Geburtshelfer. denn sie sind die Helden für das neue China. . kann aber zugleich zur Ursache für seinen eigenen Untergang werden. Sie schafft aber eine andere Art von Armut. Jedoch stellt die wachsende Macht des Privatkapitals eine künftige Herausforderung für den autoritären Staatskapitalismus dar. Diese bilden die Machtbasis der KP. gerät die staatliche Bevormundung zunehmend in Konflikt mit den Interessen des wachsenden Privatkapitals. Die größte Schwäche der autoritären Entwicklungsstaat-Strategie liegt darin. Zudem gewährt er die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. dass die KP-Herrschaft trotz aller sozialen Probleme stabil geblieben ist. Die Unterdrückung der Demokratie im autoritären Staatskapitalismus ist die unabdingbare Voraussetzung für sein Bestehen. dass der Interessengegensatz von Arbeit und Kapital per politische Anordnung des autoritären Staates miteinander versöhnt werden könnte.a. in denen sich die Kapitalisten frei entfalten können. (Peters 2005) Es ist eine Illusion zu glauben. Dessen Erfolg ist mit einer bestimmten Entwicklungsphase verbunden. durch den Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital geprägt sind.

Martin/Burkett. Peters.uni-kassel. H. London. März.de/archiv/xxinfo/h065s098. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Itoh.html) Peters.) (1980): China's Development Experience in Comparative Perspective. Helmut (2006): »Ein anregender Beitrag zur Sozialismus-Debatte in der VR China«. Cambridge/London. Robert (Hrsg. 6. Stephen/Lui.) (2005): Exit the Dragon? Privatization and State Control in China. Jg. Münster. 73. in: Z. Paul (1994): »The Myth of Asia's Miracle«. html) . Supplement der Zeitschrift Sozialismus 7-8. Dernberger. Bd. New York. Nr. Green. AG Friedensforschung an der Uni Kassel (http:// www. (http://www. Hart-Landsberg. 65. Makoto (2003): Sozialistische Marktwirtschaft und der chinesische Weg. 17. Hyekyung (2005): Chinas langer Marsch in den Kapitalismus. in: Foreign Affairs. (Hrsg. Paul (2004): China and Socialism: market reforms and class struggle.Die Illusion vom chinesischen Sozialismus 267 Literatur Cho.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/fb5/frieden/rat/2005/peters. Krugman. Guy S. Helmut (2005): »Gefährdet der Aufstieg der VR China zu einer globalen Macht den Weltfrieden?«.

Dörfern und Städten herrsche »konfuzianische Ruhe«.000 tödlich verunglückten chinesischen Bergleuten pro Jahr aus. 50. 2005 sollen es bereits über 80. Das Gegenteil trifft zu. . hält der Wirklichkeit nicht stand. indem sie Löhne von Arbeitsmigrantlnnen nicht oder nicht rechtzeitig auszahlen. Doch selbst in staatlichen Unternehmen. ist die Verletzung von Sicherheitsstandards an der Tagesordnung. Inoffizielle Schätzungen gehen von mindestens (!) 5. Hongkong und Südkorea in den »Export Processing Zones« des Südens testen die Belastbarkeit des jungen chinesischen Arbeitsrechts. Dabei spricht die chinesische Statistik nicht nur von Protesten. Nicht selten sind das Ziel direkter Aktionen Parteibüros oder Verwaltungszentralen. Finanzkapital und Häuserspekulanten führt zur bisweilen brutalen Landnahme und (faktischen) Enteignung von Bauern und einfachen Hausbesitzern. also der Privatisierung öffentlicher Unternehmen.000 an. sondern sogar von (lokalen) »Aufständen«. Der Flächenbedarf von industriellem Kapital. wie insbesondere im Bergbau.000 gewesen sein. Und das gilt keineswegs nur für die mangelnde Streikbereitschaft der Organisation. in Chinas Betrieben. weniger die Unternehmensleitungen.000 auf 70. Investoren aus Taiwan. der Förderung des privaten Wirtschaftssektors und des ungebrochenen Wirtschaftswachstums.Rolf Geffken Klassenkampf statt Marktsozialismus? China auf neuen W e g e n oder auf altem Wachstumspfad? Die bisweilen noch anzutreffende Vorstellung. Und doch liegt die Hauptursache der aufbrechenden Konflikte in nichts anderem als in dem chinesischen Prozess angeblicher »Modernisierung«. Allein von 2003 auf 2004 stieg nach offiziellen Angaben die Zahl massiver Demonstrationen und Arbeitskonflikte von ca. Nicht selten sind die Funktionen von Parteisekretär und (!) Betriebsgewerkschaftsvorsitzendem (vergleichbar einem Betriebsratsvorsitzendem in Deutschland) identisch (!) mit der des Generalmanagers oder Eigentümers! Eine nicht nur nach deutschem Arbeitsrecht wegen des Verbots der Interessenkollision (§5 BetrVG) undenkbare Konstellation. Die chinesischen Gewerkschaften werden immer noch nicht den elementaren Anforderungen an die Interessenvertretung abhängig Beschäftigter gerecht.

Es sei begleitet von massiven Erscheinungen der Umweltzerstörung.die Einkommensschere zwischen »Arm« und »Reich« extrem weit auseinanderklafft. von denen auch die Industrieproduktion westlicher Investoren betroffen gewesen seien. Seit über 20 Jahren hält dieses Wachstums an. Zumal dann. wie manche Beobachter und Zeitungskommentatoren meinen? Richtig ist zunächst. Wasserreservoirs neigten sich ihrem Ende zu. hüllen sich viele Linke in Schweigen oder befürchten angesichts dieses Tempos Schlimmstes. Das Wachstum hat den inländischen und ausländischen Großunternehmen genutzt. Er trat . Nicht wenige »Experten« hatten angesichts eines solchen Wachstums den baldigen Kollaps der chinesischen Ökonomie prophezeit. Der Ressourcenverbrauch Chinas habe in manchen Regionen wiederholt bis an die Grenzen des »Denkbaren« geführt. bzw.nicht ein. . Sie lag und liegt also noch höher. dass China weiterhin auf Wachstumskurs ist. wenn man bedenkt. Es komme nur einer kleinen Schicht immer reicher werdender Unternehmer und den ausländischen Kapitalisten zugute. ist das Wachstum auch Ausdruck von deren ungebrochenen Profiten. Eine Zuspitzung »gesellschaftlicher Widersprüche« und damit sozialer Konflikte erscheine damit unausweichlich. In der Tat sind nicht nur die Einkommensdisparitäten Chinas signifikant. reichen nicht. dass dieser Protest alle Elemente eines Klassenkampfes beinhaltet. Europa und den USA des Lobes voll sind und deren Euphorie auch zahlreiche Regierungen der westlichen Hemisphäre angesteckt hat. Während Investoren aus Japan. Und zu allem Überfluss wurde nun auch noch die offizielle Wachstumsrate nach oben korrigiert.sind das nicht die untrüglichen Zeichen eines Marsches Chinas in den Turbokapitalismus? Oder ist das Reich der Mitte gar »auf neuem Kurs«. dass unter den Bedingungen eines mangelhaften Gesetzesvollzugs und wachsender Unglaubwürdigkeit politischer Kader in den Regionen Protest sich eruptiv und unkontrolliert Bahn bricht. Ständig steigender Energiebedarf habe schon zu Stromabschaltungen geführt. auch überkommene marxistische Kategorisierungsversuche. Eines ist sicher: Traditionelle Erklärungsmuster. Wachstum dieser Art habe wachsende Einkommensdisparitäten zur Folge. Sie scheiterten bisher alle am Objekt: an China selbst.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 269 Kein Wunder. dass in China . Kurz: Dieses Wachstum sei ein »Übel«. Wachstum und Klassenkampf . Bei bis zu 10% soll die Wachstumsrate pro Jahr gelegen haben. Kein Zweifel aber auch.bislang .noch mehr als in den USA .

der vermeintliche Prozess der Modernisierung habe China »in ein Paradies für das Kapital und eine Hölle für die Arbeiter« verwandelt.270 Rolf Geffken Ist dieses Wachstum nun aber also ein Beleg für den »turbokapitalistischen« Weg Chinas oder befindet sich China gar nicht auf einem solchen Weg? Liegt hier nicht vielmehr eine »nachholende Entwicklung« des eigentlichen Agrarlandes Chinas vor? Ist China etwa . dass die VR China »eine erfolgreiche Alternative zum Kapitalismus« sei und bezeichnet die gegenwärtige Phase immerhin als »sozialistischen Aufbau«. und bezeichnet dies als »Dritten Weg« zwischen Maoismus und kapitalistischer Entwicklung. Während der Exilgewerkschafter Han Dongfang behauptet. Auch der deutsche Rechtssinologe Harro von Senger sieht in der jetzigen Entwicklung Chinas einen Prozess der »Modernisierung« im Rahmen einer politischen Strategie der KP-Führung. Theodor Bergmann. 1 Darin stellt sie fest.B. Hyekyung .oder Manchesterkapitalismus«. Heberer unterstreicht in seinen Untersuchungen immer wieder den mit dem Prozess der »Modernisierung« einsetzenden Prozess des »Verkaufs von Macht« durch politische und staatliche Kader und die auf diese Weise bewirkte unmittelbare Einbindung der Partei in den Prozess der ökonomischen Transformation.wie die offizielle Lesart der KP-Führung glauben machen will .so die tatsächliche Zeitangabe . Zugleich bewertet sie das gegen- 1 Vgl. Der englische Soziologe Peter Nolan erkennt in der Politik der KP-Führung immerhin das Bestreben. erkennt Thomas Heberer als einer der führenden deutschen Chinawissenschaftler jedenfalls im sozialen Bereich eine Politik der »gezielten Duldung und Untätigkeit des Staates in sozialpolitischen Konflikten«.nur auf dem Weg einer Entfesselung der Produktivkräfte. Nun hat die koreanische Politologin Hyekyung Cho jüngst den Versuch einer rationalen Erklärung des »China-Phänomens« unternommen.in 100 Jahren den Sozialismus aufzubauen? Ist das Wirtschaftssystem Chinas deshalb vielleicht sogar eine »sozialistische Marktwirtschaft« und eben nicht der »Turbo. einen starken Staat im Interesse sozialer Stabilität durchzusetzen. weil nach wie vor das relative Wachstum unzulässigerweise verabsolutiert werde. dass das vielfache Räsonnieren über die »Weltwirtschaftsmacht der Zukunft« meist einhergehe mit einem erheblichen Wirklichkeitsverlust in der medialen Berichterstattung. von dem bisweilen in den Medien zu lesen und zu hören ist? Tatsächlich behauptet z. um .

dass damit unmittelbare Folgen für die nationalen Ökonomien einer Vielzahl westlicher Länder entstanden sind. Z. Der ständig wachsende Energiebedarf hat zu einer weltweit massiv erhöhten Nachfrage nach Kohle geführt (ein Phänomen. 65/2006. Nur einige Beispiele: a. Der anhaltende Bauboom hat zu einem Drittel (!) des Weltmarktverbrauchs an Stahl und zur Hälfte (!) des Weltmarktverbrauchs an Zement geführt. sein Wachstum also nur »relativ« sei. Noch deutlicher wird Helmut Peters. 2 3 .. der in den Beschlüssen des letzten Nationalen Volkskongresses einen Sinneswandel erkennt. junge weit 59/2006. Ganz anders Wolfgang Pomrehn. dass man als Anhänger des historischen Materialismus darauf vertrauen (!) könne. 106ff. vielmehr sei die chinesische Führung dabei. dass China bereits jetzt so massiv in den globalen Wirtschaftskreislauf eingegriffen hat. b. Sozialismus 3/2006. »dass die Marktwirtschaft objektiv die notwendigen . 4 Vgl. der behauptet. Vgl. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. 3 Dabei knüpft er an die These von Zhang Guangming an. Bedingungen für den künftigen Sozialismus schaffen wird.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 271 wärtige Wirtschaftswachstum als im wesentlichen gefährlich und konstatiert eine katastrophale Entwicklung vor allem der Arbeitsstandards in China. Ferner hat Vgl.« 4 Zhang sieht sogar »zwischen Marktwirtschaft und Demokratisierung« eine Beziehung von Ursache und Wirkung« (!). die sozialen Widersprüche »zu mildern und zu lösen«.. es gäbe gar keinen grundsätzlichen Wandel in Richtung Privatisierung. das sogar in Deutschland den alten Kohle-Konsens nun in Frage zu stellen droht). 2 Die Grenzen und Gefahren des ungebremsten Wachstums seien erkannt und nachhaltiger Ressourcenverbrauch und Stärkung der Binnenkonjunktur rückten jetzt in den Vordergrund. Also ein Weg in den Marktsozialismus oder in den Turbokapitalismus mit einer totalen Transformation des wirtschaftlichen Systems? Nur relatives Wachstum? Bei der Frage nach dem Wachstums Chinas halten sich tatsächlich manche damit auf. ob China »wirklich« wachse oder ob es in Wahrheit nicht nur »aufhole«. S. Doch auch das nur »relative« Wachstum Chinas ändert nichts an der Tatsache.

Diese Behauptung ist innerhalb der Linken und ihres begrenzten China-Diskurses immer wieder anzutreffen. die Behauptung Cho's. Ein Ausbeuterparadies? Natürlich hat das anhaltende Wirtschaftswachstum Chinas seinen innenpolitischen »Preis«. Zunächst einmal gibt es in China nicht nur eine Einkommensschere zwischen der ärmeren Landbevölkerung und den so genannten reichen Mittelschichten in den Städten des Ostens. c. bemühen sich andere . VW-China etwa 30% seiner qualifizierten Mitarbeiter pro Jahr durch Abwerbung und freiwillige Fluktuation verliert. liegt der Durchschnittslohn von Wanderarbeitnehmern etwa im PerlflussDelta sicherlich unter dem Niveau vergleichbarer Arbeitnehmer in Taiwan. Und dennoch: Die langanhaltende wirtschaftliche Dynamik ohne massive krisenhaften Erschütterungen hat zugleich zu einem wachsenden Bedarf (nicht nur an qualifizierten) Arbeitskräften und ebenfalls zu wachsenden Formen des Widerstandes von Arbeitnehmern geführt. 5 Dieser liegt vor allem im Bereich der Sozialstandards sowie im Bereich der Umweltstandards. China-Special. Japan und Südkorea.B. Rolf Geffken. Während z. Während in Shanghai beispielsweise das Bruttomonatseinkommen von IT-Mitarbeitern zum Teil das Einkommensniveau vergleichbarer Arbeitnehmer in Taiwan übersteigt. Hamburg 2005. Der anhaltende Boom z. Es gibt vielmehr eine solche Einkommensschere auch und gerade innerhalb der Arbeitnehmerschaft. Aber sie wird dadurch nicht richtiger. . Definitiv falsch aber ist z.272 Rolf Geffken die kontinuierliche Nachfrage nach Energie zur Erhöhung des Ölpreises und gleichzeitig zu einer aktiven Suche Chinas nach Kooperationen mit Ölförderländern geführt.B. China habe das »weltweit niedrigste Lohnniveau«.insbesondere US-amerikanische Firmen .massiv um die Abwerbung chinesischer Arbeitnehmer. Vgl. Asia-Bridge 2/2006. die massiven Gewinne insbesondere der deutschen Reedereien und der gleichzeitige Boom der deutschen Überseehäfen hängen unmittelbar (wenn nicht sogar ausschließlich) mit dem anhaltenden chinesischen Wirtschaftswachstum zusammen. Der Preis des Wachstums. Längst ist das »Job-Hopping« 6 zu einem allgemeinen Phänomen der chinesischen Wirtschaft geworden.B. insbesondere 5 6 Vgl. der deutschen Exportwirtschaft.

Doch auch im Bausektor sowie in der Textilindustrie kommt es seit ein oder zwei Jahren zu erheblichen Fluktuationen sogar unter Wanderarbeitnehmern. Vielfach hat ein Wettlauf um Arbeitnehmer begonnen.zu behaupten. Baden-Baden 2004. in China herrsche »die Missachtung sämtlicher (!) Normen der internationalen Arbeitsorganisation« (Cho) vor. Der Staat als Zuschauer? Dennoch ist es falsch . Das chinesische Arbeitsgesetz von 1995 gehört sicherlich nicht zu den fortschrittlichsten Arbeitsgesetzen weltweit. hat China nach Abschaffung der »eisernen Reisschüssel« ständig an einer Verbesserung des Vollzugs seines Arbeitsrechts gearbeitet. Zahlreiche der arbeitsrechtlichen Bestimmungen (insbesondere die Befugnisse staatlicher Kontrollbehörden. 7 Doch während die arbeitsrechtliche Entwicklung in den westlichen Industriestaaten von kontinuierlicher »Liberalisierung« gekennzeichnet ist. Arbeit in China. die KP-Führung verschließe »ihre Augen weitgehend vor den Schattenseiten der Wachstumserfolge«. Keine Arbeiterrechte? Auch die Behauptung. bei dem die Werbung mit besseren Arbeitsbedingungen eine Rolle spielt. der nach wie vor unmittelbar Korruption produziert und damit zugleich die Wirksamkeit sozialer Schutzgesetze unterläuft. mit dem Abschied genommen wird vom Modell des flexiblen Arbeitsrechts und Beschäftigte mehr geschützt werden sollen. ist definitiv falsch. die Befugnisse von Betriebsgewerkschaften oder etwa die Vorschriften über die Vergütung von Uberstunden) sind in sozialstaatlicher Hinsicht sogar richtungsweisend.wie Cho es tut . Das Gegenteil ist richtig: Immer deutlicher zeichnet sich insbesondere im Bereich der Arbeitsstandards ein Gegensatz zwischen den Ak7 Im Einzelnen: Rolf Geffken.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 273 mit zusätzlichen Leistungen und Vergütungen. Allerdings ist der immer noch mangelhafte Vollzug strukturbedingt: Es war und ist der von Heberer zu Recht konstatierte Verkauf von politischer Macht. . Nun bereitet der chinesische Gesetzgeber sogar ein völlig neues Gesetz vor.

Hierzulande werden bei einer vergleichsweise fast nur symbolischen Aktion weder Parteibüros abgefackelt.davon ausgehen. zeigt. Ursache der Konflikte sind auch nicht nur bloß »lokale Anlässe«. in China habe sich die Erkenntnis durchgesetzt. Gerade die Tatsache. Dennoch gibt es nach wie vor eine dirigierende Rolle des Staates. allerdings sehr vermittelt. Auch der chinesischen Führung ist nicht entgangen. .274 Rolf Geffken tivitäten der Zentralregierung und mancher Provinzregierung ab: So ist es insbesondere die Zentralregierung.wie Pomrehn dies tut . aber sie existiert. den Vollzug arbeitsrechtlicher Normen durchzusetzen und die Rolle der Gewerkschaften in den Betrieben zu stärken. dass sich dringend notwendige Arbeitnehmerrechte verfestigen und damit letztlich die Grundlage für eine demokratische Entwicklung des Landes bilden können. die durch zusätzliche Maßnahmen versucht. und gleichzeitig annehmen. dass zwischen politischen Absichten der Zentrale und tatsächlicher Umsetzung in der Region bisweilen massive Lücken klaffen. Jhonny Erling. Trifft es aber zu. dass die Zahl massiver Arbeitskonflikte 8 angestiegen ist. sondern vor allem »Verrechtlichung«. So kann man nicht behaupten. noch Verwaltungsgebäude gestürmt.wie Pomrehn . Die Antwort der Zentralregierung und auch zahlreicher Provinzregierungen darauf ist nicht allein Repression (insbesondere in Bezug auf Sanktionen gegen »Rädelsführer«). ein effektiver Ressourcenverbrauch sei notwendig. Tatsächlich aber birgt genau dieses Vorgehen die Chance.geht an der Sache vorbei. dass dem Aufbau von Sozialversicherungen eine Schlüsselrolle bei der Stärkung der Binnenkaufkraft zukommt? Es gibt in der Politik der Privatisierung keinen Wandel. Der massive Rückgang des öffentlichen Sektors spricht eine deutliche Sprache. So ist es keine Frage. Sie zeigen aber auch. Sie sind die gesetzmäßige Folge massiver Einkommensdefizite und Vollzugsmängel der Gesetze und des Staates. dass es keine Politik der Privatisierung (mehr) gibt? U n d kann man . die Zahl der Konflikte kleinreden zu wollen. Die Arbeitskonflikte in China ausgerechnet mit dem Streik im öffentlichen Dienst in Deutschland 2006 zu vergleichen . Doch es gibt wenig Grund. Man mag dies als »konservatives Sozialmodell« denunzieren. dass die massiven Interventionen der Zentralregierung zum Abbremsen des Wirtschaftswachstums vor allem innenpolitische und sozialpolitische Ursachen hatten und haben. dass die Anlässe (obwohl lokalen Ursprungs) landesweit auftreten. Die Welt 23.12.2006. danach werde jetzt auch tatsäch8 Vgl. dass sie verallgemeinerungsfähig sind.

sind nun die Gewinne chinesischer Staatsunternehmen in den ersten drei Monaten des Jahres 2005 um 31% auf 16 Mrd. sondern zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. 9 10 Wirtschaftswoche. dass die wirtschaftliche und sozialpolitische Rolle des Staates (wieder) zunimmt: Seit drei Jahren gibt es eine staatliche Institution. Neoliberaler Rückzug oder Intervention? Doch darf niemand übersehen.wie in Russland . 27. S. dass sich schon mal der eine oder andere Provinzfürst aus den Beiträgen der Versicherten »legal« bereichert. Sei dieses relativ oder absolut. 78. Das gilt übrigens auch und gerade für die von Pomrehn gelobte Sozialversicherung. Vgl. Wenn Zhang von Waren als »natürlichen politischen Gleichmachern« 10 spricht und die Ursachen kapitalistischer Machtkonzentration nicht in der »Marktwirtschaft« sieht.. Zeitschrift Marxistische Erneuerung. Das immer noch in weiten Bereichen wirtschaftlich rückständige China hat keine andere Wahl als die des massiven wirtschaftlichen Wachstums. Ohne Wirtschaftswachstum wird es in China weder soziale noch politische Fortschritte geben. Zugleich hat die Dynamik dieses Wachstums auch zur Entwicklung von Widerstandspotenzialen und mit einer gewissen Verspätung auch zur erheblichen Verbesserung von Sozialstandards geführt. Dort ist die immer noch (!) faktisch fehlende Trennung der Versicherungshaushalte von den allgemeinen staatlichen Haushalten der Grund dafür. nicht weitreichend genug war«. . 110. Z. Insofern kann sicher nicht von einem »Marktsozialismus« die Rede sein. dass »die Umgestaltung des politischen Systems .Klassenkampf statt Marktsozialismus? 275 lich gehandelt.9 Zugleich wird damit der Staatssektor nicht etwa . US$ gestiegen.und Rechtsvollzugs. sondern darin. Es ist die »State Asset Super Vision and Administration Commission (SASAC)«. die sich organisiert um den Umbau des Staatssektors kümmert.10. Sonderausgabe 1 v. S. 65/2006. Auch die Theorie des 100 Jahre langen Marsches dürfte in den Bereich der Politfabel zu verweisen sein.. In Wahrheit überlagert die landesweit wuchernde und in der Politik der Privatisierung wurzelnde Korruption jede Art des Politik.zur Beute wirtschaftlicher Oligarchien.2005. in der sämtliche staatlichen Anteile chinesischer Unternehmen zusammengelegt wurden. Während früher (insbesondere in der ersten und zweiten Phase der Privatisierung) Staatsunternehmen als angeblich »nicht rentabel« heruntergerechnet wurden.

sondern dass den Regionalregierungen und auch den Parteizentralen in den Regionen zum Teil erhebliche Bedeutung zukommt. dass das System irgendwann politisch implodieren wird. Wenn der Ge- . zugrunde und akzeptiert man die grundsätzlich dominante Rolle der ökonomischen Basis im Verhältnis von Basis und »Überbau« so müsste die Schlussfolgerung. Legt man die grundlegende marxistische Erkenntnis. Pomrehn. Und die Frage ist mehr als berechtigt. Nicht etwa im Sinne der Entwicklung eines westlich geprägten Parlamentarismus. Ja sogar unter weitgehend angestrebter formaler Rechtsstaatlichkeit (»Regieren mit Gesetzen«). wie und unter welchen Bedingungen sich dagegen ein noch so »sozialistischer« Überbau durchsetzen kann. Es ist unklar. dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Wohl aber im Sinne einer Entfesselung privatkapitalistischer Dynamik bei gleichzeitiger Beibehaltung staatlicher Kontrollmechanismen bis hin zu sozialstaatlichen Strukturen. Soll das durch ein Mehrparteiensystem anders werden? Und wenn ja: Wer könnte und sollte dann daran ein Interesse haben? Richtig ist aber. widerspricht Theorie und Praxis gleichermaßen.276 Rolf Geffken so reduziert sich seine These auf die Erkenntnis. wenn man allein an die absurde Rolle der Gewerkschaften denkt. Peters und Zhang haben nicht im Blick. wie weit dieser Prozess gehen kann und welche historische Tragfähigkeit diese Balance zwischen Staat und Privatkapital haben wird. dass dies staatlicherseits (!) garantiert sei. Bergmann. dass objektive Voraussetzung des Sozialismus eine bestimmte Stufe der Produktivkraftentwicklung ist. die immer noch nicht (!) die ihnen mindestens zukommende Rolle einer Interessenvertretung der Arbeiter zu erfüllen scheinen. aber schon nach 20 Jahren Transformationsprozess sehr unhistorisches Bild. naheliegen. Hierzulande wird vielfach übersehen. Doch zu glauben (»Vertrauen«!). dass von den Erscheinungen sich zuspitzender Widersprüche nicht auf einen »kapitalistischen Kern« im Sinne Han Dong Fangs geschlossen werden kann: Die »Hölle für die Arbeiter« ist ein bestechendes. dass China eben eine klar definierte Zentralgewalt nicht hat. wie sich die privatkapitalistische Entwicklung Chinas auch auf den gesellschaftlichen Überbau auszuwirken begonnen hat und weiterhin auswirkt: Korruption ist in diesem Prozess eine gesetzmäßige Auswirkung des Verkaufs und des Erhalts von politischer Macht. So paradox es klingen mag: Bei aller angebrachter Vorsicht scheint die VR China das vielleicht erste und einzige »sozialdemokratische« Entwicklungsmodell zu sein. Allein der Verkauf von Macht und die damit einhergehende systembedingte Korruption lassen die Frage aufkommen.

der mit Blut. liegt mehr als nur ein juristisches Inkompatibilitätsproblem vor: So kann vielmehr dauerhaft keine gesamtgesellschaftliche Steuerung stattfinden. . dass China auf dem Umweg seiner eigenen »Bismarckschen« Sozialgesetzgebung und einer sich entwickelnden organisierten Gewerkschaftsbewegung zu einem Sozialstaatsmodell abseits von marktsozialistischen Träumen und nur-kapitalistischem Alltag kommt. Insofern ist das »nachholende Wachstum« nicht nur objektiv notwendig. dass der deutsche Weg zum Sozialstaatsmodell des Grundgesetzes einen Umweg von 150 Jahren nahm. Und mit Sicherheit werden Armut und Stillstand diesen Weg nicht beschleunigen. und zwar auch auf regionaler Ebene. Mit Sicherheit wird China diesen Weg in kürzerer Zeit zurücklegen. Sozialstaat statt Sozialismus? Doch steht diese mikroökonomische Ebene in einem Gegensatz zur gesamtstaatlichen Kontrolle. wuchern. Aber ein »neuer Kurs« ist das dennoch nicht. dass »Verteilung von Armut« immer auch Entrechtung zur Folge haben wird. Zugleich darf der Einfluss wachsender sozialer Konflikte auf diesen Prozess nicht unterschätzt werden. Ein sich gewissermaßen immer neu selbst gefährdendes Projekt ohne wirkliche Gewissheit seiner eigenen Zukunft. Tatsächlich ist das wirtschaftliche Wachstum Voraussetzung für einen funktionsfähigen Sozialstaat ebenso wie für rechtsstaatliche Strukturen. Desillusionierungen. Dabei sollte niemand vergessen. Mit Recht haben die Erfahrungen und Wunden der verheerenden »Kulturrevolution« einen innerchinesischen Konsens geschaffen. Es ist und bleibt ein eigener Weg jenseits von Turbokapitalismus und sozialistischen Träumen. sondern auch im Bewusstsein der meisten Chinesen unbestrittene Bedingung einer progressiven Entwicklung.Klassenkampf statt Marktsozialismus? 277 neralmanager zugleich (!) Parteisekretär und Gewerkschaftsvorsitzender ist. so muss vielmehr »Steuerung« (und Korruption) im privatkapitalistischen Sinn sich vollziehen bzw. Es ist deshalb durchaus wahrscheinlich. Trotz aller »kapitalistischen Entwicklung« ist Chinas Wachstum also für seine Zukunft ein Segen und kein Fluch. aber auch mit Erfolgen gepflastert war. Tränen.

quer über den Globus verteilte. Durch xenophob motivierten Nationalismus gesteigerte Homeland Security führte zur Verschärfung der US-Einwanderungspolitik und zur Abschiebung tausender Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Papiere. die ins Fadenkreuz geraten: im Süden wie im Norden. Osteuropa. Bis zum Januar 2006 führte dieser Krieg zum Tod von über einer halben Million Irakern und von über 3. flexible feminisierte Subjekte. Durch die Lockerung staatlicher Finanz. .und Handelsbeschränkungen konnten Unternehmen besseren Zugriff auf Regierungen erlangen sowie Land und natürliche Ressourcen aus Lateinamerika. Russland. Dies sind Beispiele einer langen Reihe von Opfern und Beschädigungen. die diejenigen umklammern. dass der neoliberale Kapitalismus schon lange einen verdeckten Krieg gegen die Körper und die Natur führt. Jeans und Gerechtigkeit Die seit Anfang der 1970er Jahre heraufziehende neoliberale Neuorganisierung des Kapitalismus deregulierte die Profitakkumulation für eine kleine Gruppe transnationaler Eliten zum Preis einer zunehmenden Verelendung der Mehrheit der Gesellschaft. seine versteckten Kosten und die materiellen Bedingungen. Im folgenden wird ein Kapitel dieses verdeckten Kriegs gezeigt: die Körper. China. die er ins Visier nimmt. Südostasien und zuletzt Irak in den ungezügelten globalen Markt saugen. Nach dem 11. Die Lockerung staatlicher Kontrollen des Kapitals beinhaltete die Privatisierung sozialer Leistungen und eine zunehmende Flexibilisierung der Arbeit durch die Schwächung oder Abschaffung rechtlicher Rahmenbedingungen zum Schutze von Arbeiterinnen und Arbeitern.000 US-Soldaten. September 2001 nahm die neoliberale Geopolitik der USA mit dem Start des »Kriegs gegen den Terror« eine neue aggressive Wende. In dieser aktuellen Phase gewalttätiger Hegemoniebestrebungen der USA ist es wichtig sich daran zu erinnern.Rosemary Hennessy Deregulierung des Lebens Körper.

bewusste Existenz auspumpt. wenn die Zeit zur Reproduktion zu lang wird und damit die Kosten zur Reproduktion der täglichen Arbeitskraft wie auch der nächsten Generation zu hoch werden. Zur Senkung der mit der Reproduktion des Lebens verbundenen Kosten ist eine Strategie des Neoliberalismus die Deregulierung. Versorgungsbetriebe. dass menschliche und natürliche Reproduktion Zeit benötigt. unkontrollierte Wettbewerb hat zu unerschwinglichen und unerträglichen Lebenskosten geführt. Sie zeigt.Deregulierung des Lebens 279 1. die für generationale und tägliche Reproduktion. Um als Einzelne und als Gattungswesen überleben zu können. Diese Aufrechterhaltung hängt von der menschlichen genauso ab . die Menschen genauso wie die natürliche Welt das soziale Wesen der Natur und die körperliche. dass Leben beschädigt wird. d. desto mehr dringt die Deregulierung in die elementaren Bedingungen des Überlebens ein. die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Lebensbedingungen benötigen. der im Neoliberalismus entfesselte. privatisiert werden. müssen Menschen die Mittel herstellen. zum Überleben. der billigste Quell von Arbeitskraft. Man hört viel über die Deregulierung als Instrument neoliberaler Wirtschaftsreformen. Brennan führt eine scharfsinnige Analyse des täglichen Lebens im Westen durch. so heißt das auch zu sagen. Am Kreuzungspunkt von weltweiter räumlicher Ausdehnung des Kapitals und Preisgabe der Zeit. benötigt wird. so auch die Distribution. indem natürliche Ressourcen ebenso wie öffentliche Verkehrsmittel. Gesundheitsversorgung. Bildung. dass Kapitalisten dann durch Umsiedlung und durch Outsourcing Kapital zu akkumulieren versuchen. dass sie mit Kosten verbunden ist. Bio-Deregulierung .»La Realidad Vivida en Carne Propia« Egal wie wir es nennen. Für die Nutzung menschlicher und natürlicher Ressourcen in der kapitalistischen Produktion begibt sich das Kapital bei der Suche nach Nachschub auf eine Reise um die Welt. Je mehr das Tempo der Kapitalausdehnung und -akkumulation zunimmt und die zur menschlichen und natürlichen Reproduktion und Regeneration benötigte Zeit dahinter zurückbleibt. den Konsum und den Tausch.h. Wir wissen weniger über die Deregulierung als Technologie der Bio-Macht. Von den Erfordernissen menschlicher wie natürlicher Reproduktionszyklen abzusehen hat zur Folge. Wenn man sagt. so Teresa Brennan in »Der Terror der Globalisierung« (2003). Land usw. dass das globalisierte Kapital in seinem Profitstreben alle Aspekte der Produktion beschleunigt. das die wohlfahrtsstaatlichen Begrenzungen der Kapitalakkumulation aufweicht. soziale Dienste. Anders ausgedrückt heißt das. befinden sich die am stärksten Feminisierten.

ein Obdach zum Uberleben brauchen. dass alle Formen menschlicher Reproduktion zu teuer werden. Kranken. das menschliche Leben gesellschaftlich und das einzelne Leben lebenswert macht. Sie strukturieren Kulturen und Identitäten und beinhalten das. es sich gut gehen zu lassen und alt zu werden. dass Menschen Essen. wird der Organismus depressiv. Mittlerweile muss man. Es ist allgemein anerkannt. Zu diesen sprichwörtlich notwendigen Bedürfnissen kommen weitergehende Bedürfnisse nach Kommunikation und Ausleben der eigenen Möglichkeiten der Gefühlsempfindungen . die durch die Zeit aufgenötigt sind. 17. sondern in diese eingewoben. in relativ stabilen Verhältnissen aufzuwachsen. In einem Kapitalismus »reloaded« wird die für die Reproduktion menschlicher und natürlicher Ressourcen benötigte Zeit auf das Notwendigste hinuntergeschraubt. die menschlichen Fähigkeiten der Kommunikation und emotionalen sozialen Interaktion auszuüben. des Handels. Die allumfassende Deregulierung (des menschlichen Körpers. Das Ergebnis ist. sowohl in bezug auf Gesundheit als auch in bezug auf die nachfolgenden Generationen (ebd. der das Mit. 20). so erinnert sie uns. alle Einschränkungen aufzuheben. wie Brennan richtigerweise anmerkt.280 Rosemary Hennessy wie von der natürlichen Welt. saubere Luft. Luft und angenehme Temperaturen bzw. der Arbeit und der natürlichen Umgebung) strebt danach. Seine Grenzen findet dies in den Bedürfnissen des menschlichen Organismus.und Untereinander der Leute. die nicht mehr überall vorausgesetzt werden kann. Armut. Diese sozialen Bedürfnisse sind von den körperlichen nicht getrennt. ein in der Geschichte bisher unausweichliches Faktum. die Mensch und Natur für ihre Reproduktion benötigen. hinzufügen: Sauerstoff. Depressionen senken die Immunfunktionen und damit die Aussicht körperlichen Überlebens (Brennan 2003: 17). Wasser. genauso wie Krankheit. der Natur und zunehmend auch in den Folgen ihres Zusammenspiels. nennt. Ohne die Gelegenheit. Die Voraussetzung menschlichen Lebens oder die Bedingungen der täglichen wie generationalen Reproduktion sind gemeinhin auch als menschliche Bedürfnisse bekannt.der Stoff. Kinderversorgung.und Altenpflege und Rente erlauben es den Menschen. Doch das bedeutet zeitintensive Kosten und somit eine Last für die Kapitalakkumulation. Mit zunehmender Deregulierung werden die (Über-)Lebensbedingungen von ihr durchdrungen (ebd. 87). was Brennan die »Möglichkeit. Der ungezügelte Wettbewerb der Lohnabhängigen auf dem Weltmarkt und die daraus folgende Abwertung ihrer Arbeit könnte der krönende Sieg des . beeinträchtigt den Lebensgenuss. das Leben zu genießen«.

was Brennan »Bio-Deregulierung« (ebd. aber dieser Sieg wird durch die Ausweitung der Grenzen des menschlich Erträglichen errungen. sein Wohlbefinden zu opfern bzw. Sie zeigt sich auch dort. Überstunden. zu »deregulieren«. 1 Der Körper »dereguliert« sich ebenfalls. Um Schritt zu halten. Wenn das autonome Nervensystem überlastet ist. nehmen psychosomatische Krankheiten enorm zu (ebd. Je stärker die Deregulierung in die grundlegenden Lebensbedingungen eindringt. wenn auf die für das harmonische Zusammenspiel der verschiedenen Bio-Zyklen notwendigen Regelmäßigkeiten keine Rücksicht genommen wird. um sich zu erholen. 33). stört dieses Zusammenspiel. 20. wo die Beschäftigung nicht mehr garantiert ist und Mehrfachanstellung. wenn sich die Produktion mit ihrer Geschwindigkeit und ihren Anforderungen über die Erfordernisse der sich selbst regulierenden Körperfunktionen hinwegsetzt. dass die Gehetztesten der Gehetzten arbeitende Mütter sind (ebd. 25). die sowohl Menschen als auch die Natur zur Verfügung haben. wenn sie gezwungen sind. Sie wirkt sich auf die Körper in den entwickelten kapitalistischen Bereichen des globalen Nordens aus wie auch auf die Körper der hyper-ausgebeuteten »Zwei-Drittel-Welt« des Südens. 1 . und diese Störung zeigt sich in zunehmender persönlicher Isolation und neuen Formen körperlicher und seelischer Verelendung . und zwingt dem Alltag neue Regeln auf. zeigt sich. Die Deregulierung des Lebens schlägt sich nieder in Zeitmangel. Wie die wirtschaftliche Deregulierung zieht auch die Bio-Deregulierung den kurzfristigen Profit einer langfristigen Perspektive vor (ebd. Es gibt folglich einen Brennan weist darauf hin. 30).Stress. Die Deregulierung des Lebens verringert die Zeit. Die Folgen der Bio-Deregulierung zeigen sich in den Zwängen. Begegnungen und persönliche Kontakte eingeschränkt werden und Migration entweder eine Frage des Pendeins über lange Strecken oder des Umziehens wird. desto mehr wird sie zu dem. wie und wo Menschen leben und arbeiten. Die Sorge um das Überleben. die Einfluss darauf haben. zwingt das menschliche Gehirn den Körper. Krebs und Geburtsfehlern führt. wie die Bio-Deregulierung der Natur das Wohlbefinden des Menschen beeinträchtigt. länger und härter zu arbeiten. Die Bio-Deregulierung nimmt ihren Lauf. Arbeitsplatzunsicherheit und Arbeitslosigkeit zu einem Zerfall emotionaler Bindungen in Familien und Gemeinden führen. einem Zeitrhythmus des Gehetztseins und der Unsicherheit. wenn die Umweltverschmutzung beim Menschen zu Immunschwächen.Deregulierung des Lebens 281 neoliberalen Kapitals sein. depressiven und neurologischen Störungen. 32) nennt. ob real oder antizipiert.

zu dem die menschlichen Fähigkeiten. Sie kümmert sich jetzt um die Kinder ihrer Söhne und Töchter.er nimmt Drogen. die bei ihr leben. die vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist. die in der »Zwei-DrittelWelt« arbeiten. um zu überleben. Hennessy 2006). Teresas eindringlicher Ausdruck. weil sie an einem Handwurzelknochensyndrom leidet. Die Folgen der Bio-Deregulierung überschreiten die Trennung zwischen ausgebeuteten und hyper-ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeitern. Erholung und richtiges Essen aus . vollständiger von ihrem Besitzer gelöst sind. die die Arbeitskraft des feminisierten Arbeiters umfasst. zeigt ein Bild von den Kosten. 24). Aus diesem Grund ist es ein brauchbares Konzept. die sich im Körper niederschlägt . Viele in der »Ein-Drittel-Welt«. einer Enteignung. als es bei einem Arbeiter der Fall ist. Der deregulierte Körper kommt ohne Schlaf. Als Arbeiter feminisiert zu sein bedeutet. Diese Besitzlosigkeit senkt die Kosten der Arbeitskraft und vergrößert dadurch den Wert. die repetitiven Arbeitstätigkeiten am Fließband haben ihren Körper außer Funktion gesetzt. um seine Schmerzen zu betäuben (ebd. »la realidad vivida en su propia carne«. beschreibt Folgen der Bio-Deregulierung. In diesem Sinne sind feminisierte Arbeiterinnen und . Fleisch gewordene Realität. sagt sie (Ojeda/Hennessy 2007: 91). leiden unter dessen negativen Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Gesundheit. Nach Jahren der Fließbandarbeit in einer Autofabrik findet sie keine Arbeit mehr. der den Waren zugefügt wird. den Anspruch auf die eigene Leistungsfähigkeit auf doppelte Weise aufzugeben.Weiblichkeit ist eine Form der Enteignung (Hennessy 2004: 426. darunter leiden auch die. Das ist »die am eigenen Leib erlebte Wirklichkeit«. die der Capitalism Reloaded mit sich bringt. Teresa Chavez. so auch das Kind von Teresas Tochter. die der feminisierte Arbeiter produziert. die angeblich vom globalen Kapitalismus profitiert haben. 30). was sein Wille ihm aufzwingt (ebd. um chronische Beschwerden und stärker werdende Allergien ruhigzustellen oder greift auf illegale Drogen zurück. und die Bedeutung der Bio-Deregulierung für die Arbeiterinnen und Arbeiter am globalen Fließband. eine ehemalige Fabrikarbeiterin aus dem mexikanischen Reynosa im Bundesstaat Tamaulipas. wenn sie die zersetzenden Auswirkungen des Freihandels auf ihr Leben beschreibt. Es gibt einen bestimmten Grad. der nicht feminisiert ist. was der Körper kann und dem.282 Rosemary Hennessy Fehlbetrag zwischen dem. Der freie Handel profitiert von der politischen und kulturellen Entmächtigung und Enteignung bestimmter Subjekte. Leute in offensichtlich grundverschiedenen Situationen eine gewisse Gemeinsamkeit erkennen zu lassen.

dass durch die Abnutzung der Körper der Arbeiterinnen auf Seiten des Kapitals tatsächlich (Mehr-)Wert entsteht. wie die feminisierte Arbeitskraft in den ganzen Körper einverleibt ist und wie der Körper der Arbeiterin durch die unternehmerische Deregulierung am Arbeitsplatz und die Deregulierung der natürlichen Welt beherrscht ist. deine Hände.« In dem Maße. Melissa Wright (2005) beschreibt den Widerspruch. Ausbeutung ist als solche nie »wertfrei«. 2 . wo die Arbeiterin ihre bereits wertbeladene Arbeit.) beschreibt. 2 Die Körper der zu spät zur Sony-Fabrik kommenden Arbeiterinnen und Arbeiter waren nicht nur schlammbeschmutzt. die schlammbeschmutzt ankamen. und das Unternehmen hatte keine Fahrgelegenheiten. die musste wegen der Festplatten sauber bleiben. Und wenn die Glocke wieder schellt. Natürlich waren die schmutzig. Der schmutzstarrende Körper einer Arbeiterin trägt ausreichend negativen Wert. Wie eine ehemalige Arbeiterin einer Elektronikfabrik in Nueva Laredo/Mexiko ihre Arbeit in den maquilas (Montagebetriebe im Norden Mexikos und in Mittelamerika . dass du ein Bewusstsein hast.d. Die Schmerzen sind so groß. »Wenn du in der Fabrik arbeitest. schafft der schmerzhafte Verfall einer entbehrlichen Arbeiterschaft auf Seiten des Unternehmens (Mehr-)Wert. Du starrst nur noch auf die Uhr. des eigenen Fleisches der Arbeiterin oder des Arbeiters abpresst. Letztere setzt an dem Punkt an. und die verloren dadurch einen ganzen Arbeitstag. dann sagst du mit deinem ganzen Körper: >Gott sei Dank!< An regnerischen Tagen haben sie immer diejenigen weggeschickt. auf denen die Mehrheit der Maquiladora-Arbeiterinnen und . wie die Körper verausgabt werden. zeigt. gegen einen Lohn eintauscht. Doch das Unternehmen konnte keine verschmutzten oder nassen Leute in die Fabrik lassen. weißt du nicht was mehr weh tut. die den Mehrwert (oder Profit) auf Kosten der Auslöschung des »carne propria«.Arbeiter leben. um an einem regnerischen Tag den Wert ihrer Arbeitskraft komplett auszulöschen.Deregulierung des Lebens 283 Arbeiter nicht nur die Subjekte des Mehrwerts. sie waren durch und durch mit Giften getränkt: Das Unternehmen entsorgte die bei der Produktion anfallenden Chemikalien direkt in den Fluss . dass du keine Gefühle mehr hast.V. dein Körper oder die Tatsache. sie sind vielmehr die H y per-Ausgebeuteten.die einzige Wasserquelle der Siedlungen und unbewirtschafteten Flächen. Sie mussten auf eigene Faust zwei colonias durchqueren. Dein Rücken. denn sie hängt von der Bio-Deregulierung ab und ist durch sie mit hervorgebracht. Die Mehrwertakkumulation hängt davon ab und gleichzeitig von Formen der BioDeregulierung am Arbeitsplatz. aber unterwertige Arbeitskraft.

Seine Zeit verbrachte er mit Politik. der dem unbezahlten Teil des Arbeitstages zugerechnet werden kann. sie waren so jung und hatten schreckliche Angst. ich sagte: >Sie kommen alle mit mir mit. allerdings ziehen sie die Kosten dafür vom Lohn ab. An dem Tag warteten viele Frauen in der Schlange. Ich erinnere mich an den Ausdruck auf ihren Gesichtern. Eine ehemalige Maquiladora-Arbeiterin beschreibt das wie folgt: »Ich erinnere mich an einen Tag. mussten sie mit ihm mitgehen und Sex mit ihm haben. zu dem Vorplatz zu gehen. ich solle etwa 50 von ihnen holen. nimm diese mit. aber es ist auch die sprichwörtliche Tauschwährung als Preis für einen Job. die Produktion zu beschleunigen. würde die Kapitalakkumulation des Unternehmens belasten. um sich mit ein paar Reportern zu treffen. die Frauen überprüft. der für Einstellungen zuständig war. Busfahrten durchzusetzen. an denen das Kapital die Zeit und Kraft der Menschen als Ernte einfährt. die dafür nötig ist. 3 Bio-Deregulierung benennt die Orte. Wenn diese Frauen den Job wollten. und du wirst das nie wieder tun! Von jetzt an werden die Arbeiterinnen direkt in die Fabrik kommen.Muskeln.und Totgeburten und entsetzliche Geburtsfehler aufgrund der am Arbeitsplatz verwendeten Chemikalien und Gifte. Fehl. Er sagt zu mir: >Hier. aber die anderen bleiben bei mir. Knochen und Bewusstsein als Wert abschält. wo die Arbeiterinnen eingestellt werden. Danach würde er sie zur Fabrik bringen. Also ging ich ihn vor dem Gewerkschaftssekretär und der Presse an. Auf der einen Seite des Platzes war das Büro des Gewerkschaftssekretärs der C T M (Confederaciön de Trabajadores de Mexico). Sie sind carne fresca<. »Vergewaltigung« könnte eine passende Metapher für diese Taten sein. mit denen ihnen das Unternehmen erlaubte. 3 . die Brücke zur Fabrik zu überqueren. Produktionsquoten zu erfüllen und Überstunden zu machen. Währenddessen hat der Typ. Die Unternehmensleitung hatte mir gesagt. aber in der Fabrik war der kaum. und dort einige abholen sollte. Er war so widerlich. ihnen sprichwörtlich das Fell gerbt . als ich als Gewerkschaftsvertreterin des Unternehmens die Aufgabe hatte. Frischfleisch. die Deregulierung der Sinne durch den Stress und die Kraft. An dem Tag war er da. Im Beispiel dieser Firma gelang es den Arbeiterinnen.284 Rosemary Hennessy denn die Arbeiterinnen und Arbeiter mit dem Bus abholen zu lassen. allerdings erst nachdem sie sich gewerkschaftlich organisiert hatten und selbst die Busse (alte US-Schulbusse) suchten. Der beständige Abbau von Gesundheits.und Sicherheitsvorschriften bedeutet auch dauerhafte Behinderungen. Der kam jeden Tag. meldete sich und ging dann wieder. um eingestellt zu Viele Maquilas bieten Busfahrten zur Fabrik an.

Der Wert. die die Freiheit des »freien« Subjekts des Kapitals bestimmen. »What's Real?« .Deregulierung des Lebens 285 werden<. dann zeigt die Tat dieser Arbeiterin uns und ihren companeras. dass Erfahrung von etwaigen zugrundeliegenden . dass er dieses Schwein gedeckt hat. Prozessen.das Ausmaß. ist auch deswegen ein Kampfschauplatz. wie auch der Bio-Deregulierung bei. transgeschlechtlichen und post-gay Identitäten durch die kulturelle Wirklichkeit (cultural »real«). Die kulturelle Logik des Zufalls und der Beliebigkeit (»logic of randomness«) zeigt sich in vielen dieser Diskurse über die neoliberale Wirklichkeit. Diskurse über kulturelle Vielfalt und Multikulturalismus.« Wenn die Identität als feminisierte Arbeiterin am Körper haftet.und bereitwilliger Subjekte). uns als menschliche Wesen zu reproduzieren und unsere menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. In deren Folge werden Vorstellungen von Kausalzusammenhängen zurückgedrängt. über Zivilgesellschaft (als Freiwilligenorganisationen oder Zusammenschlüsse gut. 2. Globalisierung und Freihandel. der seinen Fähigkeiten anhaftet. Es entsteht eine Engführung des Wissens um die gesellschaftlichen Verhältnisse. Erzählungen von Assimilation und von den Unterschieden. dass die materiellen und historischen gesellschaftlichen Verhältnisse bestenfalls kontingent. zufällig und nicht vorhersagbar sind. trägt zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus. Industriegebiete und Freihandelszonen vervielfältigenden Formen der Bio-Deregulierung stehen in einem zeitlichen Zusammenhang mit Prozessen der ungleichmäßigen Assimilation und Vereinnahmung von schwul-lesbischen. der Wert. wird unausgesprochen . Und ich habe den Gewerkschaftssekretär dafür angezeigt. dass dies nicht zwangsläufig so ist. nicht für sich selbst spricht. Erzählungen von individueller Verantwortung und Wettbewerb. bis zu dem dieser Tausch nicht in den eigenen Händen liegt.Wirklichkeit und Wahrheit der Körper Die sich über die Landschaften. was wirklich und wahr ist (»what's real«).und durchaus auch ausgesprochen . Neoliberale Ideologien nehmen vielfältige Formen an. weil die Bedeutung des Körpers. der der Arbeitskraft anhaftet wird gegen einen Lohn eingetauscht . dazu gehören moralische Diskurse. die das Vordringen des Kapitalismus in die Zeit beschleunigen. die das Voranschreiten des neo-liberalen Kapitalismus begleitet haben. die benötigt wird.darauf beharrt. Die vorherrschende Art und Weise zu erkennen.

die bestimmen. einerlei. die geschlechtliche Teilung der Arbeit lockerte sich in einigen Arbeitsfeldern und Unterschiede. anpassungsfähig) ist. ist der Inbegriff dieser Logik des Unbestimmten und Unvorhersagbaren (random cultural logic).. Harvey 2005). wie viele Experten hervorgehoben haben. sondern vielmehr Ergebnis struktureller Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise (Martin 1994. erlagen postmodernen Ambivalenzen. bekanntes Substantiv beziehen. die Kultur der Angst. die die herrschenden Diskurse der entwickelten Welt bisher formiert hatten. Übers. was wahr ist. mittlerweile Klischee des globalen Nordens. Sein Erkennungszeichen ist das weit verbreitete englische Wort »whatever« . indem den Bürgern gesagt wurde. Die Überformungen neoliberaler Ideologie nach dem 11. Diese Logik schränkt die Bedeutung bestimmter Schlüsselbegriffe. Aufgabenerweiterung. entkräftet. und der Staat deswegen seine Überwachungsmaßnahmen ausdehnen müsse. Unbestimmbares auf (»do whatever you like«. d. um dem Zufallscharakter der feindlichen Handlungen gerecht werden zu können. So tritt dieser Ausdruck als Platzhalter für Unbekanntes. wann und wo die Terroristen zuschlagen werden. Die für die menschliche Reproduktion notwendige Zeit wurde durch den Umbau der Arbeitsverhältnisse aufgesogen. September sind ebenfalls nahe Verwandte der Logik der Unvorhersehbarkeit.: Das englische »whatever« fungiert grammatisch als unbestimmtes Relativpronomen. Dazu zählt bspw. werden vereindeutigt. mit denen die Leute menschliches und natürliches Leben verstehen und mit denen sie Bedeutung stiften. »whatever you say« usw. Das flexible Subjekt. die sich auf ein bestimmtes. relativiert zuvor Gesagtes. biegsam. Als Sprechgewohnheit transportiert und verfestigt dieses »whatever« die von Hennessy im Text angesprochenen um sich greifenden Bedeutungsambivalenzen sowie ein zunehmendes Beliebigkeitsdenken. 4 Das Auftauchen des flexiblen Subjekts (wendig. was Anm.286 Rosemary Hennessy Verhältnissen entkoppelt ist. whatever. Anders als bestimmte Relativpronomen. dessen Ergebnis die Schaffung einer durch Zeitarbeit. die durch die Bush-Regierung angeheizt wurde.« . Eine Auswirkung der neoliberalen Bio-Deregulierung besteht darin.) bzw.Ins Deutsche ist es je nach Kontext übertragbar als »wie oder was auch immer« oder »ist ja auch egal«. eine Konstruktion. 4 . Trennungen zwischen Heim und Arbeit wurden durchlässiger. just-in-time Produktion frei verfügbaren Arbeiterschaft ist. die im Deutschen am ehesten mit dem Indefinitpronomen vergleichbar ist. nicht unwillkürlich. bleibt gerade das im Ausdruck »whatever« offen.. dass sich diese Zufallslogik auch im Verständnis dessen äußert. ein: Die Begriffe. Mit der Beschleunigung der Produktion im neoliberalen Kapitalismus ging die Normalisierung von Unterschieden durch Subjektivierungstechnologien einher.egal. dass niemand wisse. wenn es am Ende eines Aussagesatzes steht: »..

dass. 5 . der Trend in Richtung post-schwul-lesbische (post-gay) Identitäten geht.als nicht durch menschliches Vermögen kontrollierbar . egal ob auf Seiten der religiösen Rechten oder progressiven Linken. Dies kann man z. nicht auf Umverteilung zielende Form der >Gleichheit< heraus«.Deregulierung des Lebens 287 menschliche Reproduktion und menschliche Grundbedürfnisse sind. Lisa Duggan hat dargelegt. müssen sie nicht bei einer Demonstration mitlaufen. wenn es um den Wert ihrer Arbeitskraft geht. der »eine entpolitisierte schwul-lesbische Kultur vertritt. diesen Prozess als unvorhersehbar .« (Badgett 2001) Eine prägnante Analyse der Debatten in den USA um die Homo-Ehe führt Mariana Valverde (2006) vor. an einer Titelgeschichte des Time Magazine vom Oktober 2005 sehen.« 5 Entgegen diesem »post-gay«-Trend zeigt eine Studie von Lee Badgett (1997) eine gänzlich andere Wirklichkeit. doch dass.B.). am gleichen Ort und mit derselben Beschäftigung. und die Grenzen von Toleranz und Akzeptanz wurden neu gezogen. formale. dass Jugendliche in immer jüngerem Alter ihr Coming Out haben. die tief im privatisierten emotionalen Leben des Zuhauses und des Konsums verankert ist« (Duggan 2004: 44ff. Oder wie Rieh Savin-Williams (Cornell-University) schreibt: »Nur weil sie schwul sind. Die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse als zufällig anzusehen bedeutet. Lesben in der Arbeiterschaft der USA immer noch Frauen und die Mehrheit der schwulen Männer keine ganzen Männer sind. Badgett zeigt. der mit den globalen Bestrebungen der US-Geschäftsinteressen kompatibel ist. fand zugleich eine erstaunliche Metamorphose der Normen und Werte statt. die mit dem Gerede vom »dritten Weg« (weder queer noch konservativ) der Homonormativität einen schwul-lesbischen Mainstream formt. schwule und bisexuelle Männer verdienen 17% weniger als heterosexuelle Männer mit derselben Ausbildung und Herkunft. wie sich die Rhetorik der offiziellen neoliberalen Politik in den USA in den 1990er Jahren von der Allianz des »Kulturkriegs« hin zu einer des oberflächlichen »Multikulturalismus« verschoben hat. die weder CSD-Demonstrationen noch post-schwul-lesbische Verlautbarungen aufgreifen. die die sexuelle Identität formen. The Battie Over Gay Teens. Im neuen Jahrtausend bildet sich eine »enge. »Lesbische und bisexuelle Frauen verdienen etwa so viel wie heterosexuelle Frauen.und die Subjekte gleichsam durch die flexibilisierten Normen des »whatever« regiert zu sehen. in der behauptet wird. Während der Neoliberalismus sich in den letzten 30 Jahren als vorherrschende gesellschaftliche und kulturelle Logik herausbildete.

auch schwul-lesbische. dass wir die Einverleibung schwul-lesbischer Subjekte in das kulturelle Zentrum der Homonormativität und die Debatten um die Homo-Ehe als Kampfschauplätze um die Landnahme betrachten können. die die flexible Logik des Unvorhersehbaren von Arbeit und Leben begleitet hat. die öffentliche Vorstellungswelt in den U S A fest im Griff und geht mit einem neuen nationalistischen Diskurs einher. die all das. die ihnen die Erfordernisse der Reproduktion abverlangen. sind Familien aller Art. Ich denke. Die neoliberale Globalisierung schreitet durch die Landnahme immer größerer Teile des gesellschaftlichen Lebens voran. zu dessen Schlüsselworten »Heim«. Während die konservative Verteidigung der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau versucht. die institutionelle Basis der Familie zu stärken. die in der Hoffnungslosigkeit eines sich auflösenden sozialen Ganzen leben und sich auf die Unterstützung der Familie verlassen müssen. die die neoliberale Wirtschaftspolitik für alle . die für die Homo-Ehe eintritt.288 Rosemary Hennessy Dennoch hat die Eingemeindung post-schwul-lesbischer Subjekte. in der die meisten Menschen leben. Da die Ehe das Versprechen eines »sicheren Heim(atland)s« bietet. den Anschein zu erwecken. behält die mit der Institution der Ehe verschränkte soziale Realität der Unsicherheit des Zuhauses bei und belässt die Kosten im Dunkeln. nicht mehr bieten kann. »Sicherheit« und »Familie« gehören. die sich am deutlichsten anhand von Kampagnen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe zeigt. was ihr zunehmend abverlangt wird. symbolischen Anziehungskraft von Ehe als Garant des sicheren Heims (egal ob begrenzt auf heterosexuelle Paare oder demokratisiert für homonormative Schwule und Lesben) und der Wirklichkeit. sich über Wasser zu halten und die Arbeit zu leisten. Die Verbreitung »post-schwul-lesbischer flexibler Subjekte« und die Assimilierung der Homonormativität in den U S A geschieht durch eine parallele Unterströmung konservativen Backlashs. Ein Großteil der Rhetorik dieser Kampagnen dreht sich um die Begriffe Heim. war dies eine wirkmächtige Ergänzung im ideologischen Arsenal des Kriegs gegen den Terror.und Lesbenrechte. die in den verschiedenen Bundesstaaten laufen. Lisa Duggan und Richard Kim bezeichnen die EheDiskussion im US-Wahlkampf von 2004 als »die andere Sicherheitsfrage« und stellen fest. Familie. Sicherheit. Aber es besteht ein grundlegender Widerspruch zwischen der imaginären. damit beschäftigt. dass die Bush-Regierung im Wahlkampf den Backlash gegen die Homo-Ehe mit auf den Weg gebracht und als zutiefst emotionales Programm der Homeland Security genutzt hat. So gesehen stützt die Verteidigung der häuslichen »Heimatfront« die Hoffnungen vieler. Die Position der Schwulen.

am Arbeitsplatz und außerhalb. beide speisen sich aus den Kosten. in der Sexualität. Einem speziellen Kapitel dieses geschichtlichen Zusammenhangs wende ich mich im folgenden zu. die das Normale. Aber der Diskurs über das flexible Subjekt gibt keinerlei Hinweise auf die Gründe der Unsicherheiten. dass der Diskurs post-schwul-lesbischer Assimilation und die gegen Schwule und Lesben gerichtete Verteidigung der Ehe in den USA beide Teil einer internationalen Arbeitsteilung und neoliberaler Geopolitik sind. Darüber hinaus denke ich. die die Bio-Deregulierung abverlangt. Dabei sind die Formen der Lebensführung. indem ökonomische und soziale Verantwortung . wie soziale Sicherungssysteme verschwinden. historisch und materiell eng gekoppelt an die Feminisierung der Arbeitsverhältnisse gerade jenseits dieser hochentwickelten Bereiche. kann Bio-Deregulierung uns dazu in die Lage versetzen. Die konservative Verteidigung der Ehe und das Pendant der Schwulen.und außerhalb des symbolischen und schwer zu erreichenden »Heims«. die die meisten post-schwullesbischen Leben strukturieren. die Normen besser zu verstehen. er kann als progressiv oder sogar als befreiend erscheinen. Diese Herangehensweise ermöglicht es uns. aber sie tun dies beide auf ideologische Art und Weise. Menschen demonstrieren für die Verteidigung der Ehe oder für den Eintritt in sie aufgrund ihrer nicht erfüllten eigentlichen Bedürfnisse. Er kann für eine Whatever-Haltung in Fragen sexueller Identität eintreten.auf die Privathaushalte verschoben wurde. Körper und Geschlechtsidentität ebenso in einer Reihe von Praxen des US-Nationalstaats auftauchen wie auch transnational in den vielfältigen und geteilten gesellschaftlichen Unsicherheiten der im globalen Norden und Süden lebenden und arbeitenden Menschen.und Lesbenrechte sind zwei Seiten desselben Anliegens.für Kinder.Deregulierung des Lebens 289 Arten von Familie mit sich bringt. das Erträgliche. Als Begriff. Alte und Kranke . Die Kulturen des Neoliberalismus bieten verschiedene eng abgesteckte Wege des Verständnisses menschlicher und natürlicher Fähigkeiten und ihrer Beschaffenheit an. die Rolle dieser Normen zu begreifen. das Unsagbare regulieren. der eine der Technologien des neoliberalen Kapitalismus offenlegt. Der Diskurs über post-schwul-lesbische Homonormativität ist eine Ergänzung dieser beiden Seiten. inner. werden Verwandtschaftsnetze für viele Menschen der einzige Rückhalt des Überlebens. die sie bei der Enteignung der grundsätzlichen und gesellschaftlichen menschlichen Bedürfnisse einer Mehrheit von uns spielen. . In dem Maße. die Art und Weise zu betrachten. und sie ermöglicht uns. die in den fortgeschrittenen Bereichen der Kultur der Ein-Drittel-Welt gelten. aus den unbefriedigten Bedürfnissen der Arbeitenden.

und es entstand der Ruf einer ethischen Unternehmensführung.und Lebensmittel verkaufte. vgl. und Loeb sah armen Verhältnissen entgegen. der 1845 überraschend an Tuberkulose starb. unterstützte Museen und Wohlfahrtsorganisationen und gab zig Millionen Dollar an die Universität Berkeley.com und www. der Erfinder der Stahlniete für die Verstärkung von Hosen. In den darauffolgenden Jahren gründete das Unternehmen eine Reihe von Stiftungen. der Haas-Familie.museumoftheamericanwest. dass der Stoff.6 Es folgte ein langfristiges Engagement durch Levi Strauss. Waisenhäuser und die jüdische Synagoge unterstützte. Als Levi Strauss 1902 starb. Er nahm ihre zwei Töchter und emigrierte in die USA zu den älteren Strauss-Söhnen. Zwei Jahre später starb auch seine Mutter. Da er keine direkten Nachkommen hatte. Jeans w i t h Justice im Namen der Gerechtigkeit produzierte Hosen? Jacob Levi Strauss (1829-1902). die in New York einen Textilwarenhandel aufgebaut hatten. war das jüngste von sieben Kindern. www. Rebecca Haas-Strauss. geboren als Loeb Strauss in Buttenheim in Bayern. war er ein hoch angesehenes Mitglied der Gemeinde. an der das Institut für Betriebswirtschaft nach einem Nachkommen von Levi Strauss benannt ist (Schoenberger 2000: 47).levistrauss. an der Western Frontier gute Geschäftsmöglichkeiten auftauchen. 1872 kam Jacob Davis. ging das Unternehmen in den Besitz seiner Neffen. zu dem Zeitpunkt schon als »Levi« bekannt. auf Bedürfnisse von Arbeitern einzugehen. Ihm wurde schnell klar. wo er der Westküstenvertreter des Familienunternehmens wurde und den Bergleuten Arbeits. viel besser dafür genutzt werden konnte. Sein Vater. weitaus dringenderen Anforderungen gerecht zu werden: nämlich strapazierfähige Hosen für die Bergleute herzustellen. die Levi Strauss' Investitionen in progressive Arbeitgeberpraktiken und Philanthropie fortsetzten.290 Rosemary Hennessy 3. Das Unternehmen Levi Strauss & Co ist stolz auf das seit langem bestehende Profil eines ethisch geführten Biographische Details zu Jacob Levi Strauss siehe »Jewish Life in the American West«. um die erste Jeansfabrik der Westküste zu leiten. zu Strauss nach San Francisco. das gemeinnützige Arbeit. 1853 nahm er die US-Staatsbürgerschaft an und reiste nach San Francisco. Hirsch Strauss. sah Loeb. Als die Nachricht des kalifornischen Goldrauschs die Ostküste erreichte. mitgebracht hatte.com 6 . für die Herstellung von Zelten und als Dachplanen für die Wagen. war Textilwarenhändler. den er zur Erfüllung bestimmter Bedürfnisse.

das das Unternehmen zu einem international führenden Unternehmen im Kampf gegen AIDS machte. Der damalige Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer.und Spendentafel in der Eingangshalle.a.Deregulierung des Lebens 291 Unternehmens und weist u. Levi Strauss & Co's Engagement im Wertediskurs speist sich aus zwei aufeinanderfolgenden und punktuell sich überschneidenden globalen Krisen: den Auswirkungen der AIDS-Epidemie und der strukturellen Anpassung der Produktion. Projekt und förderte später eine Reihe von Initiativen. sondern auch dafür. d. dass das Unternehmen auf Kunden eingeht. ist in beiden dieser Krisen begründet. die an AIDS gestorben waren. Erstere bringt die Firma zu einem großen unternehmerischen Beitrag zur HIV-Aufklärung. und forderten die Einrichtung einer AIDS Informations. Haas. Auf Druck der Beschäftigten entwickelte Levi Strauss & Co 1982 ein Modellprogramm. Letztere führt zu einem jahrzehntelangen Prozess der Verlagerung der Produktion ins Ausland. Wenn wir den Weg nachverfolgen. Es begann mit den Forderungen einer Gruppe von Arbeitern im Hauptquartier des Unternehmens in San Francisco.. die unter den Namen Levi's®. dessen Betriebe ohne Rassentrennung arbeiteten. Auf der Internetseite des Unternehmens wird der unternehmerische Ansatz des »Profit durch Prinzipien« vorgestellt und der Mut herausgestrichen. Es wird geltend gemacht. hin. die sich zu . wie sie hergestellt und vermarktet werden«. wie die Produkte von Levi Strauss & Co hergestellt und vermarktet werden. Diese Arbeiter beklagten den Verlust von Freunden und Liebhabern. ist Levi Strauss & Co's globale Reichweite eng verbunden mit dem Ruf eines Unternehmens. um angesichts des Wettbewerbs die Profitrate halten und steigern zu können. Levi Strauss hatte gegen Forderungen nach einer segregierten Arbeiterschaft aufbegehrt und war einer der ersten Arbeitgeber. in denen die Einverleibung post-schwuler Identitäten und viel brutalere Formen der Bio-Deregulierung aufeinandertreffen. der Zusammenarbeit Weißer und Schwarzer. das auf proaktive Art und Weise auf Arbeiter eingeht. auf den Beitrag zur Integration in der Textilindustrie des Südens. gemäß den Grundwerten des Unternehmens zu handeln. Dockers® und Levi Strauss Signature™ Bekleidung verkaufen.h. als Unterstützung ihrer schwulen Arbeiter in San Francisco und durch AIDS hervorgerufene Philanthropie. nicht nur für ihre Produkte. die ausdrücklich auf junge schwule und transgender Subjekte zielte. Heute in 110 Ländern mit Markenzeichen ins Handelsregister eingetragen. dann stoßen wir auf eine Reihe von Begebenheiten. Robert D. unterstützte da. die »Unternehmen zur Rechenschaft ziehen. Dass Levi Strauss & Co in der Mitte der 1990er Jahre eine Vermarktungsstrategie betrieb.

und Lesbenrechten eingenommen hatte.. darauf verpflichtet. Gesundheitsversorgung oder die Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen . dass ihre Angestellten in keinem Fall physischen Risiken ausgesetzt werden. dass Arbeiterinnen und Arbeiter keine bezahlten Überstunden.com). weil die Boyscouts of America Schwule und Lesben diskriminieren. viele gingen an Projekte der AIDS-Arbeit. schwache oder gar keine Kollektivvertretungsrechte garantieren dort.levistrauss. Protest von Arbeitern und ziemlich viel Aufmerksamkeit der Medien anlässlich der Neuansiedlung von Levi Strauss & Co-Produktionsstätten im Ausland waren der eigentliche Grund für die Schaffung des Ethikkodexes.. 1991. wurde es das erste multinationale Unternehmen. Bis 1992 war Levi Strauss & Co die einzige Fortune 500 Firma. »gesetzestreu und im Rahmen der Durchführung ihrer unternehmerischen Geschäfte stets im Einklang mit den rechtlichen Bestimmungen zu handeln . Kliniken.292 Rosemary Hennessy einer facettenreichen Kampagne bündelten und die Aufklärung über AIDS. Handelskammer und Aktivistengruppen an Levi Strauss & Co zwecks Rat in der AIDS-Aufklärung gewandt« (www. Sie gehörte auch zu den Stiftungen. Niedrigere Löhne. Die Stiftung des Unternehmens finanzierte darüberhinaus viele Projekte aus dem LGBT-Bereich (lesbisch/schwul/bisexuell/transgender-Projekte). die Sozialleistungen für gleichgeschlechtliche Paare gewährte. Die Geschäftspartner werden in diesen Verhaltensmaßregeln. zur Verbesserung der Bedingungen der Kommune beizutragen (sowie) sicherzustellen.). und mit Levi Strauss & Co das Engagement zu teilen. um die Profitraten durch billigere Arbeit aus dem Süden zu erhöhen. Seither haben sich gemeinnützige Einrichtungen. fair bezahlt werden. sie das Recht zur freien Assoziation ausüben können und in keiner Weise ausgebeutet werden« (ebd. das einen umfassenden Ethikkodex für die Zulieferer. darunter das LGBT-Filmfestival und das Hetrick-Martin-Institut. die ihre Finanzierung der Pfadfinder zurückzog. Gesundheitsversorgung sowie ein Outreach-Programm mit der schwulen Community beinhaltete. Dieses »umfassende und anspruchsvolle Programm« machte Levi Strauss & Co zu einer »der größten und wichtigsten Ressourcen für die Bevölkerung San Franciscos. ein Jahrzehnt nachdem Levi Strauss & Co eine führende Rolle in der Befürwortung von Schwulen.und Herstellerbetriebe des Unternehmens verabschiedete. und bis zum Endes des Jahrhunderts gewährte die Levi Strauss & Co Stiftung über 3 Millionen Dollar im Jahr an Zuschüssen. Wie viele US-Hersteller verlagerte auch Levi Strauss & Co seine Produktion. den Global Sourcing and Operating Guidelines.

Singapur. da diese Gegenden so wieso schon unter hoher Arbeitslosigkeit und Niedrigstlöhnen litten. Malaysia.000 mexikanische und mexikanisch-amerikanische Arbeiterinnen des Levi Strauss & Co-Werks in Zarzamora/Texas. Bangladesh. darunter Costa Rica. Zugman 2003). außerdem bot Levi Strauss & Co nur schäbige Abfindungen an. Macao. Pakistan.Deregulierung des Lebens 293 fordern können und reduzieren dadurch die Kosten. Louie o. Das Ergebnis waren Entlassungen in einigen der älteren Werke in Tennessee. aber die Fuerza Unida (Vereinte Kraft). Louie o. Mithilfe von Aktivisten und Rechtsanwälten führten die Arbeiterinnen einen Gerichtsprozess gegen das Unternehmen (vgl. Unter den entlassenen Arbeiterinnen und Arbeitern befanden sich 2. chinesische Frauen als Sklavinnen zu halten. die Gruppe. Thailand. Brasilien. Hongkong.). Guatemala. dass mindestens zehn Kinder im Alter von unter 14 Jahren in der Fabrik gearbeitet haben. um festzustellen. 8 Kara Zugmans Analyse bezieht Berichte der Mitglieder von Fuerza Unida ein und zeigt. dass er bei den Arbeiterinnen Leibesvisitationen vornahm.J. Arkansas und Texas (vgl. Dominikanische Republik. China. Sri Lanka und Indonesien (vgl. Taiwan. Indien. Viele dieser Frauen hatten seit mehr als 14 Jahren für Levi Strauss & Co gearbeitet. (vgl. und dass Regenwasser durch die Decke drang und auf dem Boden Pfützen bildete. Ein Auftragnehmer in Indonesien flog damit auf. als die Produktion nach Costa Rica verlagert wurde. die sie nicht unterstützten. 8 Die Arbeiterinnen aus dem Werk in San Antonio beschreiben die Kosten der Ende des Jahres 1991 wurde ein Levi Strauss & Co-Auftragnehmer in Saipan (USTerritorium im Pazifik) beschuldigt.J. Angestellte eines ehemaligen Levi Strauss & Co-Auftragnehmers in Mexiko geben an. Zwischen 1981 und 1990 verlagerte das Unternehmen etwa die Hälfte seiner Produktion aus den USA und Kanada. Um 1990 gab es rund um den Globus verteilt 600 Tochtergesellschaften und Auftragnehmer in Entwicklungsländern. die die Kapitalakkumulation bremsen. wie die Arbeiterinnen von Levi Strauss & Co's widersprüchlichen Diskursen über Familie und Wettbewerb befangen waren und wie sie dennoch den Gegendiskurs der »Mutterschaft« neu erzählen . Südkorea. 7 Der Ausgleich der Folgen der automatisierten Produktion in einigen ihrer US-Werke wurde von Levi Strauss & Co bereits begonnen. Owen 2000). brachte die Sweatshop-Praktiken von Levi Strauss & Co ans Licht der Öffentlichkeit. Philippinen. wenn sie »zu oft« auf die Toilette gingen. Mexiko. Die Schließungen trafen die Arbeiter im Süden hart. ihnen die Pässe abzunehmen und sie bei Löhnen unterhalb des Minimums zu 84-StundenWochen zu zwingen. ob sie menstruierten und ihnen der gemäß islamischem Gesetz zustehende freie Tag wirklich zustand.in Frontstellung zu dem Unternehmen und den Gewerkschaften. die sich im Arbeitskampf gegründet hatte. die zu Stromschlägen führten. Sie verloren den Prozess. dass Arbeiter entlassen wurden. 7 .).

darunter James Dale. die Folge der Hyperausbeutung ihrer Arbeitskraft war.1 Milliarden Dollar. in den frühen 1990er Jahren wuchsen bei Levi Strauss & Co die Profite kontinuierlich. haben wir festgestellt. darunter ein unbeholfener Teenager namens Dustin. Die Verlagerung der Produktion ins Ausland erwies sich für das Unternehmen als lukrativ. und wie dann sowohl die Mutter als auch der Vater mit ihm zu flirten beginnen. dessen Klage gegen die Pfadfinder New Jersey bis zum Obersten Gerichtshof ging. junge hippe Käufer für die Marke Dockers® zu gewinnen. und darin klingt das Echo der Stimmen der mexikanischen MaquiladoraArbeiterinnen nach: der Druck. der Chefmarketingspezialist von Levi Strauss & Co: »Wir versuchen die 25. Zugman 2003). u.).294 Rosemary Hennessy Bio-Deregulierung. Die mit der Kampagne Betrauten geben an. zeigt eine junge Frau. Eine weitere Dockers-Anzeigenkampagne von 2000/2001. dass schwule Männer und Lesben einen großen Anteil dieser Gruppe ausmachen« (vgl. Zu dieser Kampagne sagte Mark Malinowski.html?record= 16 . die aus einer Reihe von Interviews mit »wirklichen« Menschen besteht.bis 34-jährigen zu erreichen. die darauf aus war.a. schnell zu arbeiten. nachdem Matthew Shepherd. 1998 entwickelte Levi Strauss & Co seine erste auf Schwule ausgerichtete Werbekampagne. die wir die modernen Stadtmenschen nennen. Als wir uns diese Gruppe angesehen haben. erschlagen wurde (ebd. der vor der Kamera steht. direkt in sie hineinsieht und uns über eine Unterhaltung mit seinem Vater berichtet: 5 Siehe http://www2. dass sie viel bedeutsamer wurde. die unter die Kategorie der »vage schwulen« Kampagnen fällt. die zum Schrecken des Taxifahrers einen Rasierapparat aus ihrer Handtasche zieht. In diesem Jahrzehnt entdeckte das Unternehmen auf äußerst aggressive Art und Weise Schwule und Transgender als Marktnische. Produktionsquoten einzuhalten. die ihren Eltern ihren neuen Freund vorstellt.commereialcloset. ein offen schwul lebender Student der Universität W y oming. In einer Anzeige von 1995 wird eine transsexuelle Frau auf dem Rücksitz eines Taxis gezeigt. 9 1996 lagen die Verkaufszahlen bei 7. Im Jahr 1998 startete Levi Strauss & Co seine »What's real?«-Werbekampagne. Handwurzelknochensyndrom und zerrissene Bandscheiben (vgl. nicht auf die Toilette gehen zu dürfen oder Trinkwasser zu holen und Mehrfachverletzungen. um den Bartschatten zu rasieren.org/cgi-bin/iowa/portrayals. Die Anzeige wurde als Beilage des Magazins Out geschaltet und zeigte Porträts von zehn schwulen Helden. Elliott 1998).

erreichte das Unternehmen der NAFTA-bedingte Niedergang der US-Textilindustrie. Wir haben darüber geredet.<« (www.Deregulierung des Lebens 295 »Wir haben über meine Nachbarn gesprochen. ist es dann auch berechtigt zu sagen. Murphy (North Carolina) und Cornwall (Ontario/Kanada).< Und er sagte: >Was hast du gesagt?< Und dann sagte ich: >Ich meine.. sowie die Werke in Valdosta (Georgia). die wissen doch gar nicht. Wie passen diese Geschichten zusammen? Wenn es richtig ist zu sagen. sich über die Erfordernisse und Bedürfnisse menschlicher Körper hinwegzusetzen und sie bloß als Profitbremse zu betrachten. dass der Transfer der .. zu dem die gehören< . dass sie mich hassten und so. die ich hörte.< Und ich sagte: >Papa. weil die mich hassen und so. Gleichzeitig wurde durch die Fabrikschließungen und Unternehmenspraktiken wie die in San Antonio und die neueröffneten Werke in Asien. halb schwule oder transgender Rhetorik. die in den USA geschlossen wurden. dass Levi Strauss & Co's Aufmerksamkeit in der AIDS-Krise die Voraussetzung für seine auf Schwule zielenden Marketingstrategien in den 1990er Jahren war. dass ich schwul bin. ich meine. Zentralamerika und der Karibik die Gesundheit von Arbeiterinnen und Arbeitern völlig ignoriert und mit deren entwerteter feminisierter Arbeitskraft Kasse gemacht. Jones 1999). Warsaw (Virginia). Morrilton (Arkansas). Die Reaktion von Levi Strauss & Co auf die AIDS-Krise innerhalb der Belegschaft in San Francisco setzte die sonst übliche unternehmerische Art außer Kraft. Die zwei Werke in San Antonio waren die letzten. Harlingen.org/cgi-bin/iowa/portrayals/html ?record=92) Diese halb angepasste. die wissen doch gar nicht. El Paso und Wichita Fall. dass ich Drogen nehme! Ah. Er sagte dann: >Das ist halt der Typ Mensch. die hier am Werke ist. verbindet »schwul« nur halbherzig mit Drogengebrauch und normalisiert zugleich das »schwule« Subjekt als Junge von nebenan. Zwei Nähereibetriebe in Edmonton und Stoney Creek in Ontario/Kanada wie auch die Fertigungsanlage in Brantford schlossen im März 2004 und vollendeten den Auszug von Levi Strauss & Co aus Nordamerika (vgl. 1998 schlössen in Texas die Werke in McAllen.die sind wie er. in Tennessee die Werke in Mountain City und Johnson City.commercialcloset. >Die mögen keine Homosexuellen. 2002 schlossen sechs weitere US-Werke und bis September 2003 hatten weitere 5. die denken du nimmst Drogen. nicht. ein »whatever« post-schwuler Jugendlicher. Sie mochten die Musik.900 Arbeiterinnen und Arbeiter ihren Job verloren. weil ich die immer ziemlich laut gehört habe und dazu in meinem Zimmer getanzt habe. in der die Verbraucher Dustin und andere Darsteller von Levi Strauss & Co sahen. Zur gleichen Zeit.

und leitete eine neue Entwicklungsphase ein. aber auch der Abbau von Bodenschätzen. Die Gegend um La Laguna im Norden Mexikos ist immer noch das größte Zentrum für Textilproduktion und -export des Landes und hat Zentren wie Puebla und Tehuacan im Süden längst überholt. die sexuelle Identitäten bestimmen in diesem Feld? Ist es falsch anzunehmen. offiziell bekannt als Maquiladoras y Manufacturas Lajat. mussten die Bewohner der ejidos vertrieben werden und sie wurden obdachlos. Wir werden vielmehr die Herausforderungen annehmen müssen. die Levi's-Jeans zusammennähen? Besteht ein Verhältnis der Bio-Deregulierung zwischen dem spektakulären Einsatz homonormativer Körper im transnationalen Werbesektor und dem Dahinschwinden der Körper anderswo? Wenn das so ist. die diese komplizierte Sachlage mit sich bringt und die eine transnationale Organisierung immer wieder in Frage stellt. Lajat gehört den Gebrüdern Bello. was in dieser komplizierten Sachlage wirklich und wahr ist. der Ländereien im öffentlichen Besitz. deren Anderssein normal und akzeptabel. Um das neoliberale Modell durchsetzen zu können. welche Rolle spielen die Grenzen. sogar cool ist. In dieser Periode wurde die Lajat Manufacturing Company gegründet. Bis Mitte der 1990er Jahre gab es hier keine großen Maquiladoras. Die Reform des Artikels 27 der mexikanischen Verfassung beschleunigte 1992 die Privatisierung der ejidos. Welche Verbindung hat diese Normalisierung der post-schwulen Subjekte zur Deregulierung der Körper der Arbeiterinnen und Arbeiter. Um zu verstehen. vor allem Baumwollanbau findet hier statt. die ein Modell neoliberaler Geschäftsgebaren ist. Eigentlich ist diese Gegend eher landwirtschaftlich geprägt.296 Rosemary Hennessy Produktionsstätten ins Ausland materiell verbunden ist mit der Vermarktung schwuler Assimilation? Levi Strauss & Co's »What's real?«-Kampagne gemeindet schwule Jugendliche als Subjekte in den Mainstream ein. dass schwule und post-schwule Subjekte und Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter gänzlich verschieden und geografisch bestimmt sind? Was sind die Implikationen einer solchen möglicherweise falschen Annahme? Der jüngste Arbeitskampf bei einem Levi Strauss & Co-Zulieferer in Gömez Palacio in Durango/Mexiko bestätigt die Schnittstelle zwischen Geschlechtsidentität und dem Wert der Arbeitskraft im Neoliberalismus und lässt eine komplizierte Beziehung zwischen Sexualität und Feminisierung der Arbeit annehmen. dürfen wir Sexualität nicht gegen Arbeit ausspielen oder schwule Konsumenten und Bürgerinnen und Bürger des Nordens nicht von den Arbeiterinnen und Arbeiter des Südens trennen. die Subunterneh- .

die in diesem tödlichen Spiel gefangen sind. kritisch dazu: http:// www. der dem Kauf ablehnend gegenüberstand. die sich aus den zunehmend austrocknenden Seen speist. wenn nicht von mehreren anderen Subunternehmen großer namhafter Textilhersteller.html. Mudd Jeans und Aeropostale sind. dass sie in Torreön einen exklusiven Country Club und Golfplatz bauten und die örtliche Wasserversorgung abgruben. Dieser Mord wurde niemals aufgeklärt. den die marodierende Textilindustrie von denen fordert. Dem Journalisten Julio Ramirez zufolgte entstand die Lajat Company aus der Privatisierung der ejidos der Region Laguna vor allem auf der Grundlage eines Abkommens zwischen Lazaro Bello und dem Gouverneur von Coahuila.ustr. Die Profite aus den Investitionen der Bellos in die Textilfabriken waren so ertragreich. in denen der Leiter einer der ejidos.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in verschiedenen Werken der Region. Zu einem niedrigen Preis wurden die Ländereien 1993 gekauft. Durch die NAFTA wurde 1994 die Region für die Herstellung von Jeans geöffnet. darin wurden die Exportmengen festgelegt. die aus den sogenannten Entwicklungsländern in die entwickelten Länder exportiert werden durften.gov. mit den Niedriglohngegenden im Süden des Landes zu konkurrieren und den Unternehmen weiterhin Zugang zum großen US-Verbrauchermarkt zu bieten. Dies erlaubt es der Region. Die näheren Einzelheiten des Arbeitskampfs in den Lajat-Werken in G6mez enthüllen den Tribut an den Neoliberalismus. 10 . Übers. die Produktion von Gömez in die Stadt Torreön zu verlaAnm. Dies fand unter zweifelhaften Umständen statt. Dennoch herrschte in der Region eine Atmosphäre der Jobunsicherheit vor. denn es ist die Region der drei Sonderproduktionszonen Mexikos mit dem niedrigsten Minimallohn. denn Schutztarife fielen weg und neue Handelsvereinbarungen brachten Zentralamerika und Asien mit in den globalen Wettbewerb der Textilbranche. Das Agreement of Textile and Clothing (ATC) galt zwischen 1974 und 2005.: Details hierzu vgl./Trade_Agreements/Bilateral/CAFTA/CAFTA-DR_Final_Texts/Section_Index.oeku-buero. La Laguna hatte weiterhin einen strategischen Vorteil.Deregulierung des Lebens 297 mer von mindestens einem. http://www. Die fünf Brüder verfügen über enge politische Verbindungen in den Bundesstaaten Durango und Coahuila und sie beschäftigen etwa 12. d. erschossen wurde und seine Leiche auf einer Müllkippe in der Wüste gefunden wurde.de/veroeff. darunter Levi Strauss & Co. Zeitgleich mit dem Auslaufen des Textilabkommens kündigte Lajat im Januar 2005 an. Die Unterzeichung des CAFTA-DR im Jahr 2005 und das Auslaufen des Textilhandelsabkommens (ATC) 10 am ersten Tag desselben Jahres bedrohten die Textilindustrie dieser Region.

dass sie auf der offenen Ladefläche von Lastwagen dorthin gebracht würden. denn die Arbeitsbedingungen im Gómez-Werk waren bereits grauenhaft . und beschwerten sich wegen der gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen. In der Zwischenzeit wurden die Organisierungsversuche der Arbeiterinnen bei jedem Schritt durch die mexikanische Kommission für Arbeitsangelegenheiten und durch den offiziellen Gewerkschaftsverband Confederacion de Trabajadores de Mexico ( C T M ) torpediert. um gegen den Transport nach Torreón zu protestieren. Dann sagte sie. Sie benutzten für den S t o n e w a s h . Die Produktionsquoten waren extrem und die Arbeiterinnen und Arbeiter durften die Fabrik nicht verlassen. wie sie nach Hause kommen. übte das Bündnis Druck auf Levi Strauss & Co aus. wenn sie weiter für sie arbeiten wollten. Für viele war das ein unüberwindbares Hindernis. Das Werk in Torreön liegt etwa 10 km von Gómez entfernt und das Unternehmen sagte den Arbeiterinnen und Arbeitern. desto offener stellten sich die Arbeitsbehörde und . dort arbeiten müssten. dass das Werk ohne gültige Konzession von Levi Strauss & Co gearbeitet habe. auf die Toilette zu gehen. Es gab kein Trinkwasser. obwohl die Arbeiterinnen ihr Beweise vorlegten. Zuerst sagte diese. Als Reaktion darauf schickte Levi Strauss & Co die für Lateinamerika zuständige Abteilungsleiterin. Da der Ethikkodex von Levi Strauss & Co auch das Recht auf freie Assoziation enthält. dass die Fabrik in Gömez nicht für Levi Strauss & Co arbeite und das. ohne dass Überstunden bezahlt wurden.298 Rosemary Hennessy gern und teilte mit. sich an den Kodex zu halten. aber abends selbst zusehen müssten. dass die Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter waren junge Frauen und alleinerziehende Mütter. Die Lajat-Arbeiterinnen wandten sich an die internationale Organisation der Coalition for Justice in the Maquiladoras und baten diese um Unterstützung. und diejenigen. bevor sie die Quoten erfüllt hatten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter organisierten sich.E f f e k t der Jeans viele Chemikalien. Die Ankündigung des Umzugs nach Torreon brachte für die Arbeiterinnen und Arbeiter von Lajat das Fass zum Überlaufen. Die Toiletten waren oft kaputt und zwei der drei hatten kein fließendes Wasser. das Management erlaubte ihnen nicht. Sie gründeten ein unabhängiges Bündnis und starteten den Prozess zur Anerkennung des Kollektivvertretungsrechts als unabhängige Gewerkschaft.die Arbeiterinnen wurden gezwungen. um die Zustände in Gömez zu untersuchen. die es dennoch wagten. wurden davongejagt. aber sie bekamen dazu keinerlei Schutzkleidung. Je mehr Arbeiterinnen auf eine Wahl drängten. bis zu 12 Stunden täglich zu arbeiten.

kürzten sie deren Löhne von 850 Pesos auf 350 Pesos die Woche (von 85 auf 35 Dollar) und stoppten die Zahlungen an die Krankenkasse sowie die Wohnzuschüsse. Doch die Art. nicht standhalten. um Organisierungsversuche von Arbeiterinnen und Arbeitern zu vereiteln. behauptete Levi Strauss & Co weiterhin. Als im September 2005 ein Erfolg der Arbeiterinnen bei der Gewerkschaftsabstimmung so gut wie sicher war. wie das letztlich geschah. das normalerweise von der Kommission für Arbeitsangelegenheiten nicht anerkannt wird. Gemäß des Ethikkodexes zur Unternehmensführung darf ein Zulieferer eine Fabrik nicht schließen und die Produktion in eine andere verlagern. Und sie hielten stand gegen ein riesiges multinationales Unternehmen und enthüllten dessen Praktiken in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit. Normalerweise geben die Arbeiterinnen und Arbeiter auf. Arbeiterinnen und Arbeiter wurden außerdem auf Schwarze Listen gesetzt.Deregulierung des Lebens 299 der Gouverneur auf die Seite des Unternehmens. Sie erlangten die Wiederanstellung der zu Unrecht gefeuerten Arbeiterinnen und die Nachzahlung ihrer Arbeitsausfälle. in der Region eine starke soziale Bewegung in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen aufzubauen. Doch obwohl die Arbeiterinnen und Arbeiter das Gegenteil bewiesen. Da Lajat die Arbeiterinnen und Arbeiter rechtlich nicht einfach kündigen konnten. Auf internationalen Druck hin war Levi Strauss & Co im Herbst 2005 endlich dazu bereit. Außerdem schafften sie es. bediente einen doppelbödigen Diskurs. Sie verpflichteten das Unternehmen auf ein Arbeitsabkommen. Tatsächlich verlagerten sie die Produktion aber nur zu einem anderen Subunternehmer ein paar Häuser weiter und in das andere Lajat-Werk in Torreón. dass es in Gömez offiziell keine Produktionsstätten unterhalten habe. was bedeutet. Was noch wichtiger ist: Sie erlangten die offizielle Anerkennung und Zulassung ih- . denn sie können dem langfristigen Druck und Widerstand. wenn die mexikanische Kommission für Arbeitsangelegenheiten den Prozess der Gewerkschaftsgründung verzögert. als die Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Organisierungskampagne starteten. Doch die Arbeiterinnen gewannen in diesem Fall an Stärke und schafften in dieser Region einen wichtigen Präzedenzfall. Sie gründeten eine offiziell anerkannte Koalition der Arbeiterinnen und Arbeiter. das die Verbesserung der Arbeitsbedingungen vorsieht. die Verantwortung für die Durchsetzung des hauseigenen Ethikkodexes zu übernehmen. der ihren Organisierungsversuchen entgegengebracht wird. dass sie in anderen Fabriken der Region keine Jobs bekommen können. verkündete Lajat die Schließung des Werks in Gómez Palacio aufgrund mangelnder Aufträge. ein Gebilde. und es deswegen auch nichts unternehmen könne.

Eduardo Gonzalez. traf ich auf einen mächtigen.« (Ojeda/Hennessy 2007: 122) Zu Eduardos persönlichen Problemen gehört. wozu hat man dann einen Ehrenkodex unternehmerischen Handelns? Die Geschichte des Arbeitskampfes bei Lajat ist die Geschichte der zügellosen Bio-Deregulierung eines Unternehmens im Streben nach Beibehaltung und Erhöhung der Profitraten. Angefangen bei der Verlagerung der Produktion nach Torreón und dem damit verbundenen 10km Nachhauseweg folgten sexuelle Belästigung von Frauen. dass Lajat die Produktion wieder nach Gömez zurückverlagert. Am Ende führten diese gemeinsamen Aktionen dazu. war Biopolitik wieder die Hauptwaffe des Unternehmens. Manchmal kam Tomás Bello. so wurde gesagt: »Wir können unseren Zulieferern nicht vorschreiben. die wir in unsere Arbeit steckten. Diese Siege sind das Ergebnis ihrer Unbeirrbarkeit und ihres Muts sowie der Unterstützung durch abgestimmte Verbraucherkampagnen in den U S A und Kanada wie auch effektiver grenzüberschreitender Organisierung. . der ersten Gewerkschaft. welche Formen der Bio-Deregulierung diese Feminisierung beinhaltet: »Als ich in diese Fabrik kam.ensohn<. Ich erinnere mich daran. dass jedes Jahr im Dezember die Gerüchte starteten.. ein Arbeiter bei Lajat..300 Rosemary Hennessy rer Gewerkschaft. herumfluchend feuerte er rechts und links Arbeiter und beschimpfte uns mit Worten wie >H. denn. Doch die Feminisierung der Arbeiterschaft bei Lajat geschah in der Form von Herrschafts. die es in den letzten Monaten der Verhandlungsgespräche eingenommen hatte: Levi Strauss & Co würde nicht darauf bestehen. Als die Arbeiterinnen und Arbeiter mit der Organisierung begannen. dass sein Wort Gesetz ist. weil es keine Arbeit mehr gebe und ich spürte diese Unsicherheit und Ungewissheit bei meinem Job. nicht an .« Doch wenn das so ist. dass die Fabrik geschlossen werde. Während dieses Prozesses behielt Levi Strauss & Co seine Position bei. dass seine Tochter mit einem Herzfehler geboren wurde und sie Medikamente und Operationen benötigte. rücksichtslosen und neiderfüllten Chef. der Lajat Workers' Union.. Während des Arbeitskampfs lief der Krankenversicherungsschutz ab und sie starb. deren Führungspositionen nur von Frauen besetzt sind. erklärt. der Ingenieur. wie sie ihre Geschäfte organisieren.. um zu zeigen.und Unterdrückungsritualen. dass leitende Führungskräfte von Levi Strauss & Co nach La Laguna kamen. Er erkannte die Leistung. um die letzte Runde der Verhandlungen zwischen dem Lajat Management und der Lajat Workers' Union zu eröffnen. wie sie in anderen Maquilas ebenfalls am Werk sind. Das beeinträchtigte meine Familie und würde zu persönlichen Problemen führen.

dass er denkt. schwul zu sein. Er ist stolz darauf. Als die Arbeiterinnen und Arbeiter mit der Organisierung einer unabhängigen Gewerkschaft begannen. Er hat eine Ehefrau. die das Zusammenschlagen von Schwulen. Ojeda/Hennessy 2007. . und schließlich Kürzungen der Löhne und Sozialleistungen. den ich hier aus Gründen der Anonymität Jose nenne. 11 vgl. wurde ihm gesagt. Soweit ich das sehe. dass das kein Geheimnis war. Manager der Fabrik kamen zu ihm nach Hause und drohten ihm verbal Tätlichkeiten an. beinhalteten. welches Gewicht der Einsatz seines Schwulseins als Druckmittel beim Vergeltungsschlag des Unternehmens in den Überlegungen zu Joses Verantwortung hat. Ich weiß nicht. dass er schwul ist. die im Arbeitskampf nicht ein einziges Mal zur Sprache gekommen war. ihn als Teil der Entwertung ihrer aller Arbeitskraft gemeinsam anzugehen. kaum sagbare Art und Weise eine tragende Rolle in dieser Auseinandersetzung. dass er nicht auf die Schwarze Liste käme. als noch mehr davon zu ertragen. als feminisierter Mann.11 Doch Biopolitik spielte auch auf unterschwelligere. und lässt durchblicken. der zunächst Generalsekretär werden sollte.coalitonforjustice. nächtliche Drohungen und Beschimpfungen an der Haustür waren alle durchzogen mit Ausfällen gegen sein Schwulsein. noch imstande. war einer ihrer Sprecher derjenige. In einem informellen Gespräch erzählte er. Ein Mann. Er hat auch einen Sohn. um die er sich kümmert und der es nicht gut geht. so spielte es eine große Rolle bei den Schikanen und Einschüchterungsversuchen ihm gegenüber. als offen schwuler Mann. Als er aufgab und lieber die Abfindung annahm. den Angriff auf Joses Homosexualität als Strategie der Trennung seitens des Unternehmens zu erkennen.Deregulierung des Lebens 301 nächtliche Besuche des Managements bei den Arbeiterinnen und Arbeitern zu Hause. Voller Bedauern und Reue sagt er. wo ihre Familien bedroht wurden. Joses Homosexualität spielte auch in der Kampagne »Jeans with Justice« keine Rolle. Anonyme Anrufe. die zur Unterstützung der Lajat-Belegschaft von einer internationalen gemeinnützigen Organisation gestartet wurde.h. seine Kolleg/innen verraten zu haben. waren die Arbeiterinnen und Arbeiter weder in der Lage oder willens dazu. siehe auch http://www. All dies erhöhte den Druck auf die Arbeiterinnen und Arbeiter und verminderte die Chancen ihrer Familien aufs Überleben. dass die Arbeit in den Maquilas eine der wenigen Möglichkeiten ist. Er erzählte. Arbeit zu finden. Doch das war eine Lüge. Während Joses Schwulsein in den öffentlichen Auseinandersetzungen und Berichten über den Arbeitskampf keine Rolle spielte.net. eine Tatsache. Gay-Bashing. die unerbittlicher wurden je mehr der Arbeitskampf im Sommer 2005 an Fahrt gewann. d.

wie sie vormals dem Elend überlassene Subjekte an flexibilisiertere Formen des Normalen anpassen. Ihr Auftauchen in der Werbung für Levi Strauss & Co ändert an diesen materiellen Verhältnissen nichts. ist weithin erforscht. dass sie damit dazu beitragen. die diese Unterschiede und Taktiken erkennen können: Die Kosten sind für diejenigen. das eine elitäre Minderheit bereichert. dann weisen sie auch darauf hin. Die Tatsache.302 Rosemary Hennessy Was enthüllen diese Erzählungen? Wenn sie nahelegen. dargestellt durch einige unternehmerische Gesten wie Werbekampagnen. deren Körper und Fähigkeiten als Elende herabgesetzt oder als »Normale« assimiliert sind. Philanthropie und Sozialleistungen für Angestellte. dass dieser Prozess ungleich und über geografische Räume und gesellschaftliche Bereiche hinweg verschieden ist. aber sie sind dennoch zerstörerisch. u. Doch gerade weil Bio-Deregulierung ein Prozess ist. Ich schlage vor. Auch sie sind am Gängelband des deregulierten Kapitals. brauchen wir Analysen. Mit diesem Prozess einher geht das Zusammenschmelzen der für die Reproduktion der Natur und des menschlichen Lebens notwendigen Zeit und er gerinnt in den Zuschreibungen an die Subjekte. Vor. arbeiten Teilzeit. manchmal während und nach der Arbeit pflegen sie Alte und kümmern sich um Kinder. der in verschiedenen Formen und entlang unterschiedlicher gesellschaftlicher Achsen verläuft. Tatsächlich könnte man sogar sagen. die assimiliert werden. Post-schwul-lesbische Arbeiterinnen und Arbeiter machen Überstunden. indem er in die »am eigenen Leib erfahrene Wirklichkeit« vordringt. dass zur Jahrtausendwende mit der Assimilierung von schwul-lesbischen und transgender Subjekten. Die Tendenz der Geschäftsdiskurse in der hochentwickelten Welt zu mehr Verantwortung. dass die aktuelle Phase des neoliberalen Kapitalismus von den Prozessen der Bio-Deregulierung abhängt und sie vertieft. arbeiten zu Minimallöhnen und managen Mehrfachaufgaben und flexible Arbeitszeiten. sind in dem Maße fortschrittlich. diese Ver- . trägt nichts zur Mäßigung der Auswirkungen der Bio-Deregulierung auf die meisten arbeitenden Menschen im Norden und Süden bei. über Werbekampagnen wie die von Levi Strauss & Co. Das Zusammentreffen dieser Vorgänge mit den intensivierten Feminisierungsprozessen der Arbeit andernorts sowie ihrer materiellen Abhängigkeit von diesen ist hingegen viel weniger begriffen.a. in den Mainstream der US-Kultur begonnen wurde. diese Prozesse als zwei Seiten derselben Medaille zu betrachten. Das Auftauchen des post-schwul-lesbischen Subjekts als bekanntes und anerkanntes Mitglied der flexibilisierten neoliberalen Arbeiterschaft. vielleicht abgemildert und weniger brutal. vielleicht sogar als Mitglied einer anerkannten »neuen Familie«.

Es ist eine materielle Tatsache. die für soziale Gerechtigkeit eintreten. was als unwiderlegbare Realität präsentiert wird. Doch wenn Geschichte tatsächlich von einer Dialektik von Freiheit und Zwang durchzogen ist. die zur Trinkwasserversorgung da sind. die gemeinsame Unsicherheiten anspricht und kreative Gegenerzählungen aufstellt. was sein kann im Unterschied zu dem. ihrer Rechte beraubt werden. die uns verbindet. »blau« werden. Wie es auch das Elend des schwulen Gewerkschafters in einem Zuliefererbetrieb von Levi Strauss & Co in Mexiko ist. die in einer Kette von Subunternehmen der Textilbranche für dieselbe Firma produzieren. die ihre Jobs verloren haben. wo Kultur und Arbeit aufeinandertreffen. aber entschuldigen ihn nicht. das ist kein Zufall. so gehören auch die Angestellten von Levi Strauss & Co in San Francisco dazu. Aus dem Amerikanischen von Catharina Schmalstieg . Vergeschlechtlichte Elendspolitik liegt dem Verrat Joses an seinen Genossinnen und Genossen zugrunde. wo Aktivistinnen und Aktivisten schwul oder lesbisch sind und Schikanen und Einschüchterungsversuche darauf zielen. zu den Beschädigten dort gehören. Die Logik der neoliberalen »Whatever«-Kultur und die blinden Flecken des Schweigens bleiben bei der Formulierung von Konzepten und dem Entwerfen von Strategien Herausforderungen für Geschlechterpolitik. und dennoch wird dies fast nie in den transnationalen Strategien der Organisationen. Dass die Arbeiterinnen und Arbeiter. dann bedeutet dies. Diese Politik bedingte auch das Verschwinden des homosexuellen Körpers aus den Organisierungsbemühungen der Nichtregierungsorganisation und aus den öffentlichen Berichten über den Arbeitskampf.Deregulierung des Lebens 303 hältnisse zu rechtfertigen. das neu zu erzählen. die mit einem coolen post-schwulen Image Kunden wirbt. angesprochen. dass Flüsse und Bachläufe. Der Arbeitskampf bei Lajat/Levi Strauss & Co ist nur ein Beispiel von vielen. die nie von Jose gehört haben. und ein ehemaliger Gewerkschafter. beschreibt »sexuelle Orientierung« schlimmstenfalls einen Ort der Vernachlässigung und bestenfalls eine verpasste Chance. An den Orten beheimatet. dass das menschliche Wesen niemals komplett begrenzt ist und dass es trotz der Deregulierung des menschlichen Lebens Möglichkeiten gibt. sich zu organisieren. der seine Überzeugungen aufgegeben hat. bei denen Sexualität und sexuelle Orientierung in die kulturelle Politik der Organisierung eingelassen sind. dass ihre Körper mit Fusseln und Bleichmitteln vergiftet werden. Wenn die Angestellten von Levi Strauss & Co in Gömez Palacio.

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kein »Mythos« oder »Lüge«. Die rationale Abwägung der Handlungsoptionen erfolgt in Analogie zur Betriebswirtschaftslehre durch Kalkulation von Kosten und Nutzen. emotionale. dass »die Linke« selten den Neoliberalismus in seinen Stärken ernst genug nimmt.und Klassenverhältnissen etc. ob an der Uni und in der . weil es ihm gelingt. Der Neoliberalismus kann als hegemonial gelten. auch eine individuelle Ablehnung dieser Prinzipien kann nur bei Strafe des persönlichen Untergangs oder gesellschaftlicher Marginalisierung gelebt werden. Dies liegt vielleicht auch daran. Ansonsten muss jeder sich mehr oder weniger widerwillig in die alltägliche Konkurrenz begeben. Jedes individuelle finanzielle. intellektuelle oder moralische Ziel oder Bedürfnis wird dabei als Gut interpretiert. die sich im Alltagsverstand einnistet und den Einzelnen eine gewisse Orientierung und restriktive Handlungsfähigkeit ermöglicht. werde ich immer wieder gefragt. Ideologie meint dabei eben nicht »falsches Bewusstsein«. Die neoliberale Ideologieproduktion ist vielmehr organisierendes Element eines krisenhaften Umbaus aller gesellschaftlichen Verhältnisse: von Arbeits.und Produktionsverhältnissen bis zu Geschlechter. Im Zentrum steht dabei eine radikale Vorstellung von Individualisierung und verallgemeinerter marktwirtschaftlicher Tauschgesellschaft. D.Mario Candeias Leben im Neoliberalismus Zwischen erweiterter Autonomie. Die Maximierung des individuellen Nutzens wird zur grundlegenden Motivation aller menschlichen Handlungen. bezeichnet also eine Realität der verkehrten gesellschaftlichen Verhältnisse. Kritik und Widerstand gegen Neoliberalismus zu mobilisieren. in der gesellschaftliche Realität neue Definitionen erfährt. die gesamte Gesellschaft mit den Kriterien betriebswirtschaftlicher Nutzenkalküle und Orientierung auf den Wettbewerb zu durchdringen und die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse damit nachhaltig zu verschieben. Selbstvermarktung und Unterwerfung Weshalb ist es so schwierig. sie ist vielmehr eine Form der Rationalisierung. wenn ihn doch eigentlich so viele ablehnen und »die Linke« doch die »besseren« Argumente hat.h. physische wie psychische. Neoliberalismus ist kein reines »Uberbauphänomen«.

Ideologie ist also nicht einfach falsches Bewusstsein. Nun setzt sich kein hegemoniales Projekt in »Reinform« durch. dass ich mich dem Druck zum Verkauf meiner Arbeitskraft entziehen könnte (es sei denn. Kapital etc. Es ist also keineswegs so. sondern müssen ihre eigenen Vorstellungen auf konkrete Weise mit den allgemeinen Interessen der untergeordneten Gruppen verbinden. Es han- . ihre Ziele allerdings ver-rückt.306 Mario Candeias Schule. im Allgemeinen glauben sie aber wirklich. untergeordneter Gruppen aufnimmt. 3: 21) ist also mit veränderten Subjektivitäten verbunden. ich verfüge über ein entsprechendes Vermögen oder akzeptiere meinen gesellschaftlichen Ausschluss). Sie müssen zuvor »bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils« gewonnen haben (MEW. oder auch in Liebesverhältnissen (vgl. im Betrieb oder am Arbeitsmarkt. sich zu »objektiven Gedankenformen« (ebd. naturalisierten und später kaum noch hinterfragten Verhältnissen. 90) entwickelt haben. heißt es nicht. sich reartikulieren. Lohnarbeit. Wenn ich morgen beschließe. sondern in der Struktur gesellschaftlicher Verhältnisse selbst. Sie werden zu allgemein akzeptierten. dass Lohnarbeit doof ist. sondern materiell wirksam. Bd. tragen wir selbst zu ihrer Festigkeit bei. dass Politiker und Konzernvorstände uns einfach nur nach Strich und Faden belügen (das kommt schon auch vor). weil er die Interessen subordinierter. Die ideologische Verkehrung erfolgt also nicht im Kopf. Bd. Man kommt aber auch nicht einfach durch einen Willensakt heraus. können sich niemals vom Konsens und den Alltagsgewohnheiten der Individuen ablösen. die Strukturen zu reproduzieren. Die schmale gesellschaftliche Basis des Neoliberalismus und geringere Kohärenz verleiht zugleich dem Zwang größere Bedeutung (Candeias 2004). dass sie das alles für die Gesellschaft machen. Da wir als tätige Subjekte diese Struktur alltäglich reproduzieren. Der Neoliberalismus kann sich also trotz seiner antisozialen Politik auf aktive und passive Zustimmung stützen. Volksvorurteile Selbst grundlegende strukturelle gesellschaftliche Verhältnisse wie Warenform. 1. Im Kampf um kulturelle Hegemonie sind die herrschenden Gruppen nicht nur zu Kompromissen gezwungen. ins Kleid der Selbstvermarktung stopft. also universell subjektiv wirksam werden. sich selbst verändern.und Lebensweise (MEW. 23: 74). Eine neue Produktions. die dennoch bewusst gelebte Praxis darstellen. wir können nicht einfach aufhören. die Romane von Houellebecq).

die Forderung. die Krise als Folge von »Überregulierung«.sie ernten allzu oft Widerspruch. verunsichernden gesellschaftlichen Verhältnissen auf »Rigiditäten« und »Verkrustungen« des alten sozialdemokratischen Projekts zu lenken.meistens lohn arbeiten. Sie bietet damit handlungsleitende Deutungen der Veränderungsprozesse an. »Realsozialismus« im Osten. Versuchen sie mal allgemeine Zustimmung zu bekommen für eine Forderung wie der nach einem begingungslosen Grundeinkommen oder Existenzgeld (eine Forderung diverser sozialer Bewegungen) . . wird nach dem Zweiten Weltkrieg die eine Hälfte Europas »kommunistisch«. Die neoliberale »Ideologiekritik« fokussiert auf die »unterdrückenden Fähigkeiten des Wohlfahrtsstaates« (Marcuse 1964: 70) gegenüber der (Zivil-)Gesellschaft. etwa Hayeks. Aber die damit verbundenen Ideologien setzen sich nicht nur als Zwang durch.Aus Sicht der Neoliberalen. der Osten. er meint die sozialen Kompromisse und keynesianischen staatlichen Interventionsprogramme . die andere »sozialistisch«. das Unbehagen an unübersichtlichen. In dieser Situation gelingt es neoliberalen Kräften. die als evident erscheint und sich in den Köpfen der Subjekte verankern kann. Aber bleiben wir bei weniger grundlegenden. Gegen den bevormundenden Wohlfahrtsstaat wird die emphatische Rede . der durch Abbau bzw. das Lebensnotwendige umsonst bereitzustellen (auch eine Forderung einiger sozialer Initiativen). beginnende Massenarbeitslosigkeit. nichtsdestoweniger für den Neoliberalismus verbreiteten Volksvorurteilen: Zuviel Staat Einem orthodox-konservativen Neoliberalismus gelang es zunächst. auch bezahlen .für ihn ein »Weg zur Knechtschaft« (Hayek 1944). für sein Auskommen müsse man auch arbeiten . wissen die regierenden sozialdemokratischen Parteien keine überzeugende Antwort zu formulieren. Wachstumsrückgang. insbesondere auf den Wohlfahrtsstaat. man müsse für die notwendigen Dinge. Jedenfalls: Auf die Krisenerscheinungen der 1970er Jahre wie hohe Inflation. gibt eine vermeintlich klare Orientierung. als allgemeine staatliche Steuerungskrise darzustellen. erntet meist nur belustigtes Kopfschütteln. die man konsumiert. weil die Vorstellung herrscht. Verschlankung des Staates und Deregulierung zu begegnen sei. aber natürlich auch auf den sog. Versuchen sie überhaupt mal gegen die Vorstellung anzugehen.Leben im Neoliberalismus 307 delt sich um sich » hinter dem Rücken« der Individuen herausbildende und zugleich ihr Handeln bestimmende »objektive« soziale Formen. sondern ernten aktive Zustimmung.

und Verbrauchssteuern betrieben. massiv v. senken sozialdemokratische wie konservative Regierungen ein ums andere Mal die Steuern für Unternehmen und Vermögende. seit den 1970er Jahren eine grundlegende Reform des Schulwesens gefordert. Grüne und Sozialdemokraten wurden selbst zu treibenden Kräften einer Orientierung auf Eigenverantwortung und Enstaatlichung. Auch die Schelte über die Privilegien der Beamten dürfte in Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung stoßen. radikalisierte sie und nahm der linken Kritik damit die Spitze und Überzeugungskraft. Lohn. die fast jeder schon mal gemacht hat . Differenzierungen gehen jedoch allzu oft verloren: Da die Debatte auf zwei Alternativen reduziert wird.308 Mario Candeias von der individuellen Freiheit gesetzt.und Frauenbewegung die unterdrückenden Seiten eines paternalistischen und partriarchalen Sozialstaates. An diesem Punkt trifft sich der reaktionäre Impuls der Neoliberalen mit den emanzipativen Impulsen der 68er-Bewegung. Genau hier setzen die Diskurse über Privatisierung und Effizienzsteigerung an.a.wieder durchaus berechtigten . der dem Osten einfach übergestülpt wurde.pauschalisiert und verallgemeinert erhält diese Kritik aber eine andere politische Stoßrichtung. lässt die Akzeptanz für den alten Wohlfahrtsstaat. staatlicher Dienstleistungen und fauler Bürokraten ist verbreitetes »Volksvorurteil« geworden. nicht zuletzt wird z. Wer teilte nicht die . Die permanente Mehrbelastung der Lohnabhängigen bei gleichzeitig sinkenden Leistungen. die Gegenposition dagegen wird schnell als altmodisch denunziert . Die Linke hat zu Recht auf den schlechten Zustand und die Lebensferne vieler staatlicher Dienste hingewiesen.anders artikuliert . immer verspätete Züge oder miesen Postservice? Der Staatssozialismus war da auch nicht besser. die . staatliche versus private Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen.und sie ist es in . Die neoliberale Bewegung nahm diese sehr erfolgreich im Alltagsverstand etablierte Kritik auf.B. Private Unternehmen arbeiten effizienter Um das Wachstum und Investitionen anzukurbeln.Klagen über ineffiziente Gesundheitsdienste. die ihnen daraus erwachsen. nach 1990.auch von links betont wird. Die Finanzierung des Sozialstaates wird derweilen über erhöhte Sozialabgaben. kehrte sie um. überfüllte Massenuniversitäten. der die freie Entfaltung der Einzelnen in ein Korsett der Normierung von Lebensweisen presste. Die Vorstellung ineffizienter Verwaltungen. gilt die Privatisierung als modern. Ehemalige 68er. trifft sie doch auf persönliche Erfahrungen. schwinden. stellte sie sozusagen auf den Kopf. Ganz zu Recht kritisierten 68er.

tatsächlich sind es 61% der Bevölkerung und ich muss mich da wohl einschließen. Aber konzentrieren wir uns . in Deutschland sind es 92%? Wer ist überzeugt. wenn er das nötige Kleingeld hätte? Nun. auf die Erweiterung der Einnahmebasis durch Einbeziehung aller Einkommensarten (nicht nur der Löhne). weil er sich nicht darauf verlassen will. auf Kapitalbasis. Vereinsamungserscheinungen. Die Durchsetzungschancen sind mit der großen Koalition allerdings nicht gewachsen. wenn es nicht um grundsätzlich andere Formen der Produktion gesellschaftlicher Reproduktionsbedingungen geht. Das werbeindustrielle Bild einer kleinen.Leben im Neoliberalismus 309 dieser Einfachheit auch.von Teilhabe an gesellschaftlich nützlicher Arbeit ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. um sie für die Zukunft zu sichern? Wahrscheinlich auch nicht gerade viele. Wer hat trotzdem privat vorgesorgt. oder wer würde es tun. die meisten wohl nicht.h. bei Frauen noch früher . d. Für die Rente muss mehr privat vorgesorgt werden Ein anderes Beispiel: Wer glaubt noch. die Weltreisen antreten. der Ausschluss älterer Menschen . Aber selbst bei Erhalt des heutigen Niveaus würde ein wachsender Anteil angesichts der Prekarisierung und Unstetigkeit der Erwerbsbiographien kaum in den Genuss der »Normalrente« nach 35 bis 40 Erwerbsjahren kommen. wie die Kinder am Strand spielen und auf Segeljachten durch die Ägäis schippern oder Mallorca unsicher machen. Ungern werden rapide steigende Altersarmut. Denn so verständlich die Sehnsucht nach der Pensionierung angesichts der herrschenden Arbeitsbedingungen ist. dass das alles schon irgendwie gehen wird. Und schon spielen wir mit beim Gerangel um den Abzug vom produzierten Mehrwert. Bürgerversicherung verwiesen. Nun wird zwar von links schon seit langem auf die sog. dass kein grundsätzliches Umdenken in der Frage des Umgangs mit dem Altern erfolgt. die Rente sei sicher? Nun. Auch eine Umstellung auf stärkere Steuerfinanzierung führte in den entsprechenden Ländern zu einer Abkehr von erworbenen Ansprüchen hin zu einer sinkenden Rente nach Kassenlage der öffentlichen Haushalte. dass wir also die Renten kürzen und die Altervorsorge privatisieren müssen.faktisch schon ab Anfang/Mitte 50. Depressionen und steigende Selbstmordraten wahrgenommen. prägt die Wahrnehmung. denn nichts anderes sind Zinsgewinne und Aktienkurssteigerungen unserer kleinen Fonds und Kapitallebensversicherungen. aber reichen Schar rüstiger Rentner. Ältere Menschen sind nicht leistungsfähig genug Viel wichtiger ist.

Bei den Grünen etwa wird dies unter anderem mit dem Stichwort Generationengerechtigkeit begründet.und Haushaltspolitik wurde .310 Mario Candeias nicht immer auf die drastischen Folgen: Denken wir nur an viele frühpensionierte Männer. Die meisten finden. Mit dieser popularisierenden. während ein großer Bedarf gesellschaftlich notwendiger Arbeiten ungetan bleibt.und Verwertungsdrucks in der Arbeit. als man eingenommen hat: Wir müssen sparen Ein weiteres neoliberales Dogma ist.v.das sind harte Zwänge. oder vom Einkaufen die unmöglichsten Dinge zu überteuerten Preisen mit nach Hause bringen und sich sonst noch allerlei Hobbys ausdenken.sogar noch geschlechtsspezifisch konnotiert. weil sie nach 30 oder mehr Jahren Ehe sich auf einmal im Haushalt betätigen. Angesicht »explodierender Kosten« müsse die Haushaltskonsolidierung also vorrangiges Ziel jeder Regierung sein. Folge des grassierenden kapitalistischen Konkurrenz. und fühlen sich doch unnütz.vom Sozialstaat geschürt . Dass es nichts mehr zu verteilen gibt.a. im Stabilitätspakt gesetzlich festgeschrieben . 1 1 Umso wichtiger sind Kampagnen wie »Es ist genug für alle da!« von Attac. Das teilen grundsätzlich auch alle Parteien. vereinfachenden Form machte sie neoliberale Theorie auf Ebene des Alltagsverstandes anschlussfähig . teilen aber über 90% der Bevölkerung. Man kann nicht mehr ausgeben. dass sie ihre Rente nun wirklich verdient haben. Eine entsprechende Geld. ihnen zeigen. dank der Bundesbank . die sich auch nicht mal eben so umgehen lassen. Man könne eben nicht mehr Geld ausgeben.diesen überfordert. um die Lebenspartnerin zu terrorisieren. Margaret Thatcher hat dies auf eine einfache Formel gebracht: Einen Staat zu führen sei ganz dasselbe wie einen Haushalt zu managen. . dass das Anspruchsdenken in der Bevölkerung . bei wem gespart wird und wie viel. direkt die Figur der Hausfrau aufgreifend. die ihre Frauen schockieren. Der Streit geht nur darum.auf Ebene der EU in den Maastrichtverträgen bzw. als man eingenommen habe. dass sie dort hinten in der Ecke nicht richtig Staub saugen und sie das jetzt mal richtig machen. Perspektive bleibt die Flucht aus der Arbeit statt eine lebenswerte Umgestaltung der Arbeitsbedingungen. Daher sei der Staat von übersteigerten Forderungen zu entlasten und wieder auf seine Kernaufgaben zu reduzieren. der immer größere menschliche Ressourcen auspumpt und dann ungenutzt liegen lässt.

»Die Verschuldung des Staates« entspricht dem »direkten Interesse der herrschenden Bourgeoisiefraktion« (MEW. also v. die in den 1990er Jahren in allen Ländern ausbricht. Schulden gegenüberstehen. vermehrte Abschreibungsmöglichkeiten oder direkte Unterstützungsleistungen (Eigenheimzulagen oder Subventionen) zu entlasten. Die Staatsausgaben zu reduzieren.und Kapitalsteuern .a. wenn der öffentliche Schuldendienst durch Steuern auf Geldvermögen finanziert würde. als Kreditgeld. müssen logischerweise auch die Schulden zunehmen . Geld in seiner Funktion als Zahlungsmittel. so setzt ein Prozess der öffentlichen Verschuldung ein . in der trügerischen Hoffnung. Dennoch dürfen die staatlichen Schulden nicht zu groß werden. ist nahezu unmöglich. ist für sie dank der beträchtlichen Zinseinnahmen eine einträgliche Quelle der Bereicherung. 7: 13f. das nicht reinvestiert wird.). Fallen die privaten Schuldner. Bd. Unternehmen aus.und umgekehrt. ist eine Forderung. der Mehrwertsteuer). dem auf der anderen Seite Verpflichtungen. Entsprechend steigt der Anteil der Lohnsteuern (sowie auch der indirekten Steuern. um die Geldentwertung zu vermeiden. weil sie aufgrund sinkender Profitraten und hoher Realzinsen weniger investieren und somit kaum neue Kredite nachfragen. also ein Vermögenswert. Spitzenreiter sind die USA mit weit über 3 Billionen US-$. Die Bedienung der Schulden wirft freilich Probleme auf: Da der Staat die Erhaltung privater Geldvermögen nicht erfüllen könnte.a. Entsprechend steigt die Verschuldung der staatlichen Haushalte seit den 1980er Jahren drastisch. eine absolute Senkung der Ausgaben kaum.Leben im Neoliberalismus 311 Einige ökonomische Schlaglichter dazu: In einer Situation der Uberakkumulation. also wenn es zu einem Überschuss an liquidem Kapital kommt. diese würden die gewonnenen finanziellen Möglichkeiten für produktive Investitionen nutzen.sonst käme es erneut zu einer Situation der Überliquidität mit niedrigen Zinssätzen und Entwertung von Geldvermögen (durch Inflation oder Börsencrash) mit entsprechenden weltwirtschaftlichen Folgen. tatsächlich ist eine Begrenzung des Anstiegs möglich. wird das Einspringen der öffentliche Hand erforderlich. da andernfalls die Geldwertstabilität der jeweiligen Währung gefährdet wäre. Wachsen die Geldvermögen. Die Staatsschulden sind auch im deregulierten Finanzkapitalismus eine Funktionsnotwendigkeit. bleibt nur der Zugriff auf die Einkommen der Nicht-Vermögensbesitzer und die sozialstaatlichen Transferzahlungen. v. während der Anteil der Unternehmens. um auf der anderen Seite Vermögensbesitzer über Steuererleichterungen. Also führt die Globalisierung der Finanzmärkte zu jener Krise des Wohlfahrtstaates. Arbeitnehmer und Sozialsysteme werden immer stärker belastet.

also beim Kantinen. Zwar will freiwillig keiner auf Lohn verzichten. vielmehr zur Ent- . dass es nichts mehr zu verteilen gibt. um ihren Arbeitsplatz zu behalten. lettischer oder portugiesischer Lohnniveaus wird vielen einsichtig. Angesichts der auch staatlich betriebenen Liberalisierung des Kapitalverkehrs ist dem Problem mit nationalstaatlichen Maßnahmen allein allerdings nicht beizukommen. Dennoch ist die Ansicht. dass sie. Die Arbeitskosten sind zu hoch Letztes Beispiel: Die Arbeitskosten sind zu hoch und die Arbeitszeiten zu kurz. Der Konkurrenzdruck durch Globalisierung und Billiglöhne lässt »uns« keine andere Wahl. konnten die geltenden Tarifverträge (mit leichten Veränderungen) nur gehalten werden. Diese oft ungleichen Kompromisse bringen die kollektive Interessenvertretung in Übereinstimmung mit den betrieblichen Erfordernissen einer ständig verbesserten Konkurrenzfähigkeit und verteidigen gleichzeitig die Position etablierter Lohnabhängigenkerne in den Zentren . Es wird also immer mehr Reichtum akkumuliert. aber angesichts polnischer. während immer mehr Menschen überhaupt keine Arbeit mehr finden.zu Lasten der Prekarisierten und Arbeitslosen in den inneren und äußeren Peripherien. indem massive Verschlechterungen bei den Beschäftigten im Dienstleistungsbereich akzeptiert wurden.und Kapitalsteuern in Deutschland noch unterhalb des Niveaus der USA. Eine gigantische Umverteilungsmaschine von unten nach oben. verzichten und länger arbeiten müssen. Die konsensuale Unterwerfung wird zum einen über wettbewerbskorporatistische Bündnisse auf unterschiedlichsten Ebenen gewährleistet.312 Mario Candeias seit über 30 Jahren permanent sinkt (allein in den letzten 4 Jahren über 60 Mrd. während die Profite zumindest der Großunternehmen Rekordniveaus erreichen. 500 Mio. bis tief in die Linke hinein im Alltagsverstand festgesetzt. die ohnehin nicht so gut dran waren. Tatsächlich hat die Transnationalisierung der Produktion zu neuen Spaltungen zwischen Beschäftigten geführt und die Kräfteverhältnisse zugunsten des Kapitals verschoben. Beispiel Daimler-Chrysler: Angesichts der Forderung der Geschäftsführung. € einzusparen. Diese spezifische Form der betrieblichen Bündnisse trägt also nicht zur Solidarisierung bei. der nicht nur andernorts fehlt.und Reinigungspersonal wie beim Servicepersonal . Im übrigen liegen die effektiven Unternehmens. sondern auch noch weitere Zinszahlung an Vermögende erforderlich macht. € Steuersenkungen).diese Bereiche wurden ausgelagert oder es gab Lohnkürzungen und längere Arbeitszeiten für diejenigen.

Marcuse nannte dies Mitte der 1960er Jahre ein »betrügerisches Einverständnis von Kapital und organisierter Arbeiterschaft in einem starken Staate« (Marcuse 1964: 14). Werte in Höhe von fast 800 Mrd. nicht mal Japan oder die USA.Leben im Neoliberalismus 313 solidarisierung. €. Tatsächlich sind sie gegenüber den Haupthandelspartnern etwa in der EU sogar gesunken. eine Karikatur davon bietet heute Guido Westerwelle. Diese nutzen die Schwäche der Gewerkschaften. Das heißt auch. Die jährlichen Exportüberschüsse liegen bei nahezu 160 Mrd.die Gewerkschaften und jede Form kollektiver Interessenvertretung als das Grundübel. ihre Löhne noch weiter abzusenken. wo er am stärksten war: in den Großunternehmen von Volkswagen bis Siemens.h. Großbritannien oder Frankreich. Gewerkschaften und Kapital frühzeitig von der Linken kritisiert. Was würde ein Beschäftigter bei Daimler-Chrysler wohl sagen. D. Kein anderes Land exportiert mehr Waren. als vielmehr die realen Lohnstückkosten. die deutsche Lohndrückerei im Verhältnis zur Produktivitätsentwicklung zwingt Portugal. Produktivitäts. Heute kommt die Kritik nicht mehr von links. das mediale Selbstbild des Landes als sklerotisch. passt nicht recht zur wettbewerbsfähigsten Ökonomie der Welt. zeigt sich ein anderes Bild. Solange der verteilungspolitisch neutrale Spielraum zwischen Lohn-. Die absolute Höhe der Löhne ist wirklich vergleichsweise hoch. . kommt es zu einer Senkung der realen Lohnstückkosten.den Urvater der Neoliberalen . €. Die Neoliberalen haben dafür das ideologische Arsenal geliefert. Der Wettbewerbskorporatismus neuer Prägung wird nun von Kapitalseite dort angegriffen. zu verstärkter Konkurrenz innerhalb der Belegschaften und zur Individualisierung. Und diese sind dank der enormen Produktivität relativ niedrig.und Inflationsentwicklung nicht ausgenutzt wird. wenn ein Tscheche ihn als Lohndrücker beschimpft? Das kleine Deutschland konnte in den letzten fünf Jahren seinen Anteil am Welthandel auf über 10% steigern und ist damit Exportweltmeister. Aufgrund solcher ausgrenzender. ausschließender Wirkungen (etwa von Frauen und Migranten) wurde der lange Zeit herrschende staatliche Korporatismus zwischen Staat. Tatsächlich interessieren Unternehmen aber für ihre Kalkulation nicht so sehr die absolute Lohnhöhe. »Modell Deutschland« abzuräumen. um die Relikte des sog. Vor allem schwach entwickelte Ökonomien können nur über Lohnsenkungen mithalten. woher der Konkurrenzdruck in erster Linie kommt. Schaut man sich aber nun mal genauer an. undynamisch etc. Die Kritik der Linken aufnehmend und verkürzend gelten insbesondere für Hayek .

wird aber eine andere Realität verfehlt. das die wirklichen Verhältnisse nur vernebelt.di 2005). den Neoliberalismus als unwahr darzustellen. richteten sich ganz wesentlich gegen die immer weitergehende Vertiefung der Arbeitsteilung. um den . Beschränkt man sich darauf. Absorption der Kritik und reale Interessenverallgemeinerung im gesellschaftlichen Umbau Wer diese Art von Volksvorurteilen nicht teilt und sich dem zu entziehen versucht. Tatsächlich kann man natürlich versuchen.dass sich nämlich vieles gewandelt hat und durchaus nicht nur negative Seiten aufweist. »Humanisierung der Arbeit« Die Arbeiterbewegungen der 1960er Jahre. diese Vorurteile zu widerlegen. dass es sogar zu Reallohnsenkungen kommt. Diese gegen die kapitalistische Ausbeutung gerichtete Kritik wurde schon seit den 1970er Jahren tatsächlich von Kapitalseite aufgenommen. die insbesondere in Italien und Frankreich. aber auch in der BRD sich zu Fabrikbesetzungen und wilden Streiks steigerten. ist oft geneigt. allerdings nicht. Politiker oder Medien erzählten ohnehin nur die Unwahrheit. ver. als falsches Bewusstsein. 2. ihre Ziele allerdings ver-rückt. Auch die Gewerkschaftspolitiken der 1970er Jahre setzten mit Unterstützung des Staates auf eine »Humanisierung der Arbeit«. Beschleunigung der Fließbänder und die daraus folgende Monotonie und psycho-physischen Belastungen. die ebenfalls im alltäglichen Denken verankert ist . das kritische Potenzial dieser Bewegungen absorbiert und letztlich die Bewegungen damit selbst zersetzt. aktive Zustimmung organisiert. weil er die Interessen subordinierter Gruppen aufnimmt. Das ist im Alltagsverstand zwar unmittelbar anschlussfähig. der Öko. so wie ich eben ansatzweise. der Frauen-.wie der Arbeiterbewegung wurden in neoliberale Politiken integriert.314 Mario Candeias Tatsächlich sind die Lohnsteigerungen faktisch so niedrig. weil die Überzeugung verbreitet ist. Zentrale Forderungen der 68er-. aber auch in China oder Indien gestiegen sind (vgl. die zu einem frühzeitigen Verschleiß der Arbeitskräfte und Dequalifizierung führten. während Reallöhne wie Lohnstückkosten in allen europäischen Ländern. Die neoliberale Ideologieproduktion ist dabei das organisierende Element des gesellschaftlichen Umbaus und kann sich eben auch auf aktive und passive Zustimmung stützen.

»Indem Arbeit geistige Arbeit ist. Hauptsache. Sie durchsetzen die Freizeit«.Leben im Neoliberalismus 315 Beschäftigten einen größeren Anteil am produzierten Mehrwert zu gönnen. Es entwickelte sich ein neues hochtechnologisches Produktionsmodell. aber nicht nur dort. er würde ja schon um 5. Eingezwängt in fremdbestimmte. »Solche Praxen verändern das Familienleben. Die Probleme werden mit nach Hause genommen. Der genaue Ablauf der Tätigkeiten wird nicht mehr vorgegeben. sondern den Beschäftigten weitgehend selbst überlassen. Arbeitszeitverkürzung bei maßvollen Lohnabstrichen fordern. Beide sind bekannte Arbeitsforscher. wollen gelöst werden. Im Gegensatz zum Fordismus der Nachkriegszeit wird dabei stärker auf die Produktionsintelligenz. Desto höher der Grad an Verwissenschaftlichung der Tätigkeiten.und zwischenbetrieblichen Produktionsorganisation und restrukturierten Arbeitsverhältnissen. das vorgegebene Ziel wird erreicht.00 Uhr nicht mehr konzentriert arbeiten konnte. betrieblich kontrollierte Grenzen beschränkt sich die Autonomie allerdings auf einen engen Bereich des für die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens Förderlichen. dass die neuen Formen der Arbeit. dass sie um 22. desto schwieriger wird es. irgendwie stecke ihr die Erkältung von letzter Woche noch in den Knochen . wenn sie allgemein werden. eine direkte Kontrolle über den Arbeitsprozess aufrechtzuerhalten. die Kreativität und selbst die Emotionalität der unmittelbaren Produzenten gesetzt.00 Uhr morgens anfangen. Ihre Faszination verführt auch zum längeren Arbeiten. Die Einbindung des Wissens der Beschäftigten macht die Tätigkeiten generell interessanter und vielfältiger. sozusagen ein neues Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen: und zwar eine Kombination mikroelektronischer und informationeller Technologien mit dem erweitertem Wissen und Erfahrung der unmittelbaren Produzenten und veränderten Formen der inner. Mit dieser Repositionierung des Wissens und der Subjektivität ist eine erweiterte relative Autonomie der Beschäftigten im Arbeitsprozess verbunden.« (Haug 1996) Anekdotenhaft zeigt dies folgende Episode: Beim Schlendern über den Campus meint eine Kollegin. vor allem im »hochqualifizierten« Bereich. das informelle Erfahrungswissen.das merke sie daran. damit er dann auch wirklich um 22.00 aufhören könne. kann sie vor den Fabriktoren und Bürotüren nicht Halt machen. Als ich sie auf ihr quasi neoliberales Arbeitsethos ansprach. Damit . die immer wieder die überlangen Arbeitszeiten anprangern. Unter anderem liegt das daran. toppte mein Chef das Ganze und meinte. sondern um die Produktivität voranzutreiben. aber eben selbst im Alltag das genaue Gegenteil reproduzieren. dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und selbstverantwortlichen Arbeitsweisen entgegenkommen.

und Handlungsmuster zu internalisieren. Wer dem Druck der Konkurrenz und der Anpassung in der Arbeitswelt nicht standhalten kann .T. Da das Wissen der Beschäftigten in der hochtechnologischen Produktionsweise unverzichtbar geworden ist. Neue (oftmals kollektivvertraglich vereinbarte) Partizipationsformen wie Mitarbeiter. die Einbindung auf die individuelle Ebene zu beschränken. erzwungene) Kooperation«. Zum Teil werden neo-tayloristische Formen der Arbeitsorganisation eingeführt und die Einbindung zunehmend auf Arbeiter mit zentralen Positionen innerhalb des Produktionsprozesses beschränkt. in die Freizeit. sich über ein vielfältiges Angebot von Therapien wieder »fit« machen zu lassen.und Effizienzanschauungen. Wellness und nicht zuletzt Psychotherapie oder andere. Angesichts geschwächter kollektiver Interessenvertretung und verschärfter Konkurrenz um Arbeit gelingt es aber. Trotz Individualisierung und Arbeitsdruck.die sich in den Alltag. Der Grad der Selbstausbeutung und der Autonomie ist dabei umkämpft. die Selbstvermarktung und persönliche Performance nötig macht.316 Mario Candeias sind Beschäftigte gezwungen. Lohn und Freizeit werden zunehmend zugunsten der individuellen Leistungsfähigkeit.und Zielvereinbarungsgespräche tragen zur Individualisierung der Beschäftigungsverhältnisse bei. Es herrscht geradezu ein konformistischer Druck.immer mehr Zeit und Geld wird für Fitness. Flexibilitäts. in den Kreis von Familie und Bekannten. mehr esoterische Angebote verwendet. Und neue Formen sozialer Kontrolle treten hinzu. Die Ausbeutung abhängiger Arbeitskraft durch das Kapital wird durch Delegation erweiterter und zugleich eingegrenzter Spielräume auf das tätige Subjekt in Richtung »Selbstausbeutung« verschoben. aber im Rahmen des Geforderten und allgemein Akzeptierten bleiben. den Sport etc. besteht eine gewisse Notwendigkeit zur ausgehandelten Einbindung und erweiterten Partizipation. Stress und einseitiger Flexibilisierung stellen sich diese neuen Formen der Arbeit für große Teile der Beschäftigten nicht nur negativ als Verlust von Sicherheit oder gemeinsamer .eine Art hochtechnologische alltägliche Lebensführung. ein Non-Konformist sein zu müssen . Die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapitalverhältnis erreicht eine historisch-qualitativ neue Stufe. um seine Position im Kampf um die wenigen Arbeitsplätze und soziale Anerkennung zu erhalten. unternehmerisches Denken in ihre eigenen Denk. fortsetzen -. hat die Möglichkeit. Auffallen und kreativ sein. Beschäftigungsfähigkeit. Die hohen Löhne in der Anfangsphase des neuen Arbeitsregimes sollen die »psycho-physische Anpassung an die neue industrielle Struktur« (Gramsci) sichern. Es herrscht eine Art »Konkurrenz durch (z. kurz zugunsten der ökonomischen Verwertbarkeit verausgabt .

Kreativität und Abbau von Hierarchien. der genau dies in ver-rückter Weise Realität werden ließ. die sich dieser Widersprüchlichkeiten nicht annimmt. die ihre Interessen selbst vertreten können. monotoner Arbeit und normierten Lebensweisen hin zu einer Vielfältigkeit von Lebensstilen und der Ausbildung von patchwork-Identitäten. sondern vielmehr als eigenverantwortlich handelnde. Werbung und Design. verbunden mit hohen Mobilitätserfordernissen. »Befreiung« der Hausfrau und Zersetzung der Frauenbewegung Ein zweites Beispiel: Einer der Kernpunkte der (zweiten) Frauenbewegung war die Kritik an der geschlechtlichen Arbeitsteilung. aber auch für eine zunehmende Anzahl hochqualifizierter Beschäftigter in der industriellen Fertigung erhält die ideologisch überhöhte Rede vom »Arbeitskraftunternehmer« als neue gesellschaftliche Form der Ware Arbeitskraft eine gewisse Relevanz. Medien. Sie spiegelt die Etablierung eines neuen Alltagsbewusstseins wider. Die tendenzielle Selbstverständlichkeit weiblicher Berufstätigkeit tritt dabei zeitgleich mit der Verknappung der Arbeitsplätze aufgrund struktureller Arbeitslosigkeit und damit verschärfter Konkurrenz auf. der Einzwängung der Frauen in partriachale Eheverhältnisse. in Architekturbüros und in der Wissenschaft. Nicht nur von den begehrten Spezialisten wird die damit verbundene Spannung zwischen persönlicher Autonomie und zunehmender Ungewissheit durchaus auch als Zugewinn erfahren. sondern nur die negativen Seiten betont. Requalifizierung. indem sie Zusammenhänge auseinanderlegt und vereinseitigt. Eine Kritik. vor allem für die jüngeren Generationen entspricht dies einer Befreiung von jahrzehntelanger. Erweiterte Autonomie. unternehmerisch denkende selbständige Individuen. werden in die neoliberale Reorganisation und Flexibilisierung der Produktion integriert.Leben im Neoliberalismus 317 (Arbeiter-)Identität dar. Für diese Beschäftigtengruppen in Forschung und Entwicklung. also die Humanisierung der Arbeit. immer gleicher. in denen sie meist von (Vollzeit-) Erwerbsarbeit ausgeschlossen und abhängig vom männlichen Familienernährer auf den Bereich des Privaten verwiesen wurden. Nun war es ausgerechnet der neoliberale Umbau von Arbeitsverhältnissen und Sozialstaat. wird nicht wirkungsmächtig und reproduziert die Verhältnisse. Insbesondere hochausgebildete und erfolgreiche Beschäftigte fühlen sich ihrem eigenen Selbstverständnis nach nicht länger als Angestellte oder gar Arbeiter. Ihre Arbeit ist flexibel um zeitlich begrenzte Projekte organisiert. das den Erfordernissen neuer gesellschaftlicher Praxen entspricht. Gegenüber paternalistischen Staat- . in unternehmensnahen Dienstleistungen.

verbunden mit dem Versprechen. ist die dreifach freie Lohnarbeiterin erforderlich. d.das alles innerhalb Berlins wohlgemerkt. der die Arbeit von illegalen rumänischen Frauen beaufsichtigt . die wiederum einen ukrainischen oder rumänischen männlichen Unterauftragsnehmer bestellen. Da reproduktive Tätigkeiten immer noch fast exklusiv Frauen überlassen werden. Pflege älterer Familienmitglieder etc. Einerseits sehen sich Frauen aufgrund sinkender Einkommen der Männer und der Unterminierung des fordistischen Familienernährermodells gezwungen. Dies macht den neoliberalen Umbau der Gesellschaft und von Geschlechterverhältnissen sowie die Individualisierung der Arbeitsverhältnisse für große Teile der weiblichen Bevölkerung zustimmungsfähig und führt gleichzeitig zur Zersetzung der Frauenbewegung. im Anschluss an Marx nicht nur frei von Produktionsmitteln und frei. eine Beschäftigung aufzunehmen.auch und gerade zwischen Frauen. die durch klassenspezifische sowie ethnische und nationale Zuschreibungen noch einmal gravierend verschärft werden. Kollektive Organisationsformen zur Durchsetzung ihrer Interessen werden auch von Frauen kaum noch anvisiert. Ein Teil der weiblichen Bevölkerung profitiert tatsächlich davon. Die Kehrseite davon ist die wachsende Kluft zwischen hoch und niedrig qualifizierter Arbeit . ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die gewonnene Freiheit ist zugleich ein Zwang.. Kindererziehung und -betreuung. Es ist heute weitaus schwieriger. New York oder Mailand. Vor allem im informellen Sektor entstehen neue Geschlechterdifferenzen und -hierarchien. sondern meist als altmodisch und männerfeindlich empfunden.h. Erfolgreiche Karriere-Frauen . dass sie eine Erwerbsarbeit als Mittel zur Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung oder zumindest zur ökonomischen Unabhängigkeit betrachten. So etwa wenn deutsche mittelständische Unternehmer polnische Zulieferer beauftragen. was wiederum der Flexibilität der Unternehmen entgegenkommt. also Haushalt.318 Mario Candeias lichen und familiären Verhältnissen (des Fordismus) überträgt der Markt die Verantwortung auf die Frauen selbst. »die Frauen« insgesamt auf schlecht bezahlte und perspektivlose Jobs abzudrängen. nicht irgendwo. Ähnliches findet sich ebenso in Miami. Entsprechend haben die geschlechtsspezifischen Einkommensdifferenzen deutlich abgenommen. sondern auch frei von den notwendigen Reproduktionsarbeiten. Um ihre volle Arbeitskraft auf dem Markt anbieten zu können. dass die persönliche Tüchtigkeit und Leistungsbereitschaft potenziell zum Erfolg führen kann. sind diese häufig auf Teilzeitarbeit festgelegt. andererseits haben ein verändertes Selbstverständnis und die verbesserte Ausbildungssituation von Frauen dazu geführt.

warum prekarisierte Verhältnisse immer noch zustimmungsfähig sind. und von diesen (also »uns«) reproduziert werden (vgl. Wir hatten bereits das Beispiel: Die massive Ausweitung flexibilisierter Teilzeit-Arbeitsverhältnisse (einschließlich ihrer prekären Formen) ermöglichte für viele Frauen überhaupt erst die Teilhabe an der Lohnarbeit und ihre Verbindung mit den notwendigen Reproduktionsarbeiten (soweit das Einkommen nicht den Rückgriff auf illegalisierte Migrantinnen erlaubt). sonst wird der neoliberale Umbau als simpler Verelendungsprozess begriffen und damit verfehlt.häufig illegalisierte . mehr als die Neuauflage eines einfachen Prozesses der Verelendung. beinhaltet Momente erweiterter Selbstbestimmung und Selbstorganisierung oder besser: des Selbstmanagments. Sehr viele davon streben auch gar kein Normalarbeitsverhältnis mehr an.Arbeitskraft von Migrantinnen für die häusliche Reproduktionsarbeit zurückgreifen. entgegen der dominanten Wahrnehmung. . solche Widersprüche konsequent ins Auge zu fassen. in den Arbeitsmarkt einzutreten (erleben dies freilich zugleich als Zwang). wird deutlich. auch bei den »Betroffenen« selbst. warum diese Ideologie eigentlich so stark und wirkungsmächtig ist. die ihnen sonst verwehrt wäre. Candeias 2007). die das Ende des »Nine-to-five-Trotts« begrüßen. Die Menschen wissen häufiger als man denkt. prekäre . denn auch in den prekärsten Verhältnissen finden sich Momente erweiterter Selbstbestimmung und von Möglichkeiten andersartiger Lebensführung . im Niedriglohnsektor Arbeit zu finden. die ich hier jetzt nicht empirisch auffächern kann. indem sie auf die billige. . der flexiblen Ausbeutung. An diesen widersprüchlichen Durchsetzungsformen der neuen Verhältnisse. Es gilt also. was sich nicht zuletzt in dem von ihnen selbst geprägten Begriff der »Autonomie der Migration« spiegelt. viele haben »dank« flexibilisierter Arbeitsverhältnisse überhaupt erst die Möglichkeit erhalten. Diese Art der Flexploitation. Auch in der Existenzweise der Illegalisierten finden sich solche Widersprüche. Es sind nicht nur die Hochqualifizierten. Trotz repressivster Maßnahmen gelingt es illegalisierten Migranten.Leben im Neoliberalismus 319 können sich von alten Familienformen emanzipieren. Auf diese Weise entstehen »globale Betreuungsketten« (Hochschild). die sich angesichts von Niedriglohn und Überausbeutung aufdrängt.Mehr noch.meist allerdings verbunden mit vertiefter Unterwerfung. Prekarisierung von »unten« Selbst die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse ist. dass das alte Normalarbeitsverhältnis kaum zurückzuhaben ist.

dieses NAV wird von außen wie von innen.320 Mario Candeias Denn oft wird auf Seiten der Linken der Neoliberalismus als reine »Destruktivkraft« (Bourdieu 1998: 110) oder »konservative Restauration« (Bischoff u. häufig gewerkschaftlich organisierten »weißen« männlichen »Arbeitnehmer« . Soziotechnische Veränderungen und die Transnationalisierung der Produktion führen zu einer Umwälzung von Arbeitsformen und Tätigkeiten. 3. patriarchale Familienverhältnissen werden aufgebrochen und Erwerbsarbeit für Frauen in stärkerem Maße möglich und auch erzwungen. die Internationalisierung von Kultur. der früher einmal als »Proletariat« benannt wurde.und Produktivkräften in der kapitalistischen Entwicklung betont. mit umfangreichen sozialen Rechten ausgestatteten. neue Produktionsformen können deren Wissen integrieren. Dies ist verbunden mit dem Abbau fordistischer Arbeitsverhältnisse. Die Früchte dieser Kräfte werden jedoch ungleicher verteilt als jemals zuvor seit Ende des Zweiten Weltkrieges. der Entwicklung neuer Berufe und Branchen und mit neuen Spaltungen innerhalb und zwischen den verschiedenen Gruppen von Beschäftigten. Computerisierung und Automatisierung uns von schwerer körperlicher Arbeit entlasten. Jenseits dieses immer noch quantitativ bedeutsamen Torsos. Delegitimierung. tauchen zwei neue Gruppen von Beschäftigten . Entstaatlichung teilweise paternalistische Bevormundung zurückdrängen. Normalarbeitsverhältnisses der dauerhaft vollzeit-beschäftigten. Marginalisierung und Spaltung Mit der Etablierung einer transnationalen informationstechnologischen Produktionsweise ist darüber hinaus auch die Zersetzung und Neuzusammensetzung der Arbeiterklassen verbunden. Die Rücknahme extremer (tayloristischer) Arbeitsteilung in der Produktion kann die Arbeit der Beschäftigten von Monotonie befreien.a.und Warenwelt kann uns vor nationaler Borniertheit bewahren. Auch mit dem neoliberalen Management im Übergang zur transnationalen informationstechnologischen Produktionsweise entfalten sich durchaus produktive Kräfte-. von Seite der »Arbeitgeber« wie von den Beschäftigten selbst zunehmend eingeschränkt. Neuzusammensetzung der Klassen und Prekarisierung Der Geltungsbereich des sog. 1998: 9) dargestellt. Marx hatte immer die widersprüchliche Verschmelzung von Destruktiv.

ersetzt werden . Beiden Gruppen gemeinsam ist die deformalisierte und individualisierte Form der Aushandlung und Mikro-Regulation von Arbeitsverhältnissen. 2 Die Grenze zwischen beiden Sphären der Arbeit .sind allerdings so scharf. Kommunikation kaum noch stattfindet. Webdesignern und Wissenschaftlern und hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensweise. auch innerhalb desselben Unternehmens .das moderne Prekariat.prekäre Arbeitskräfte werden dann als eigentliche Bedrohung wahrgenommen. Diese Spaltungen bieten zugleich eine Chance. sondern findet sich auch in Werbeagenturen. bei Journalisten. Zum anderen wächst unter dem Druck hoher Arbeitslosigkeit ein wachsendes Subproletariat in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und mit geringer Entlohnung heran . vielmehr immanenter Teil der ökonomischen Restrukturierung und Voraussetzung fortschreitender »Flexploitation« ist .verbunden auch mit einer wachsenden Einkommenspolarisierung. Beide sind Teil einer allgemeinen Prekarisierung der Arbeit. sie unterscheiden sich jedoch fundamental in ihrer jeweiligen Stellung innerhalb des Produktionsprozesses. Transport oder Pflege. Spaltungen zwischen Beschäftigten vertieft. von dem formell hoch.Leben im Neoliberalismus 321 auf: Zum einen entsteht eine Gruppe hochqualifizierter. Gastronomie. Der Prozess der Prekarisierung zeigt sich als u-förmiges Muster. die keine Randerscheinung darstellt.und angelernte Arbeiter. einfacher Dienstleistungstätigkeiten in Haushalt. gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. 2 . flexibler. die Frage nach der »Einheit« der Arbeiterklasse oder besser: nach verallgemeinerter Handlungsfähigkeit auf dem Niveau der informationstechnologischen ProduktionsweiNicht nur un. als Phänomen. die den alten Habitus des Arbeiters abgelegt haben. etwa Leiharbeit. wenn reguläre Arbeitsplätze durch flexible Beschäftigung. Handel. auch Beschäftigte aus den »oberen Dienstklassen« weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit prekärer Arbeitsverhältnisse auf.etwa zwischen Putzmann und Computerarbeiterin. in Projektarbeit beschäftigter Individuen. deren Tätigkeiten durch die Bedienung/Beherrschung von I&K-Technologien geprägt sind .das moderne Kybertariat. Die Verunsicherung dringt zugleich bis in den Kern der noch sicheren Beschäftigung vor und wird besonders spürbar. Diese Prekarisierung bezieht sich nicht nur auf den Bereich sog. Unter Hochqualifizierten wird es besonders an der Entwicklung von abhängigen Ein-Personen-Unternehmen und freiberuflichen »Freelancern« deutlich.wie weniger qualifizierte Arbeitskräfte betroffen sind. dass die unterschiedlichen Arbeiten nicht mehr als Kooperationsbeziehungen wahrgenommen werden.

Ein Beispiel: In den jüngeren Generationen ist der Konservativismus wieder chic. Was nicht einfach ist. Die Anerkennung der Vorstellung. Proteste und Kritik im Sinne einer einfachen Negation der Umbauprozesse bleiben relativ wirkungslos. inklusive der Form des Sozialstaates. Krisendiskurs. Viele Stu- . fordern implizit eine Rückkehr zum vergangenen Modell. Sie sind oft auf reine Ablehnung beschränkt. einfache Negation und große Politik Dazu kommt: Ein von »oben« permanent reproduzierter Krisendiskurs zielt auf vermeintlich fortbestehende Rigiditäten des Alten: auf verkrustete unflexible Arbeitsmärkte.und Outsourcing sowie Dezentralisierungen schwierig. denn der herrschende öffentliche Diskurs setzt alles ein. Globalisierung verdeckt zugleich den rasanten Umbau der Gesellschaft. Was oder wer dabei nicht erfasst wird. dass keine Alternativen zur jeweiligen Form der Vergesellschaftung existieren. Solche allgegenwärtigen Krisenideologien dienen zur Einschränkung des Terrains gesellschaftlicher Auseinandersetzung und zur Produktion von aktivem Konsens zum vermeintlich notwendigen Umbau. Das Wissen der Einzelnen. Zudem machen es der permanente Umbau der Produktionsstrukturen. um diese Verallgemeinerung »zu verschleiern« (Gorz 2000: 76) . »untypische« Arbeitsverhältnisse und tatsächlich geleistete Arbeit in allen gesellschaftlichen Sphären. gilt als nicht existent. marginalisiert. Die Vermittlung von Bildern des Stillstands angesichts der dynamischen Entwicklung der sog.dies beginnt schon bei der Statistik über Erwerbslosenzahlen. ist dabei eines der entscheidenden Momente von Hegemonie. Es ist nicht selbstverständlich und gar nicht chic. transnationale Verlagerungen. über sog. findet kaum Formen kollektiver Verallgemeinerung. sichert dabei nach wie vor einen passiven Konsens. wird an den Rand gesellschaftlicher Wahrnehmung gedrückt. Kommunikationsverhältnisse zwischen den einzelnen Gruppen aufzubauen. In. sich für Protestbewegungen zu engagieren oder für bessere Studienbedingungen einen Uni-Streik zu organisieren. Individuelle Leistung und das Streben nach beruflicher Anerkennung haben insbesondere bei Studenten die alte Gleichung von Jung-Sein gleich irgendwie diffus Links-Sein aufgehoben. Haushaltskrise etc. dass der alte nationale Sozialstaat und das Normalarbeitsverhältnis unter den neuen Bedingungen kaum zurückzuhaben sind. die Kostenexplosion des Sozialstaates. Alltägliche Handlungsfähigkeit bleibt in individuellen Strategien verhaftet.322 Mario Candeias se neu zu stellen. zielen auf einen »sozialeren« Neoliberalismus oder wünschen sich eine bevorstehende Revolution herbei. staatliche Überregulierungen.

Auf diese Weise reproduzieren auch sie unter den veränderten gesellschaftlichen Zwängen täglich die alten Verhältnisse. auf diesem Terrain mitzuspielen. für alle. natürlich die Medien selbst. weil sie nur mehr das Zerrbild Emma und die Ablehnung der »Emanzen« von Seiten der Männer kennen. Dieser Anrufung des Staates entspricht ein enger. Wenn dann doch Alternativen von links formuliert werden. Der Versuch. Regierung. Damit ist zwar ab und an das Interesse der Medien zu erringen. wenn doch bitte schön gleich ein konstruktiver Vorschlag gemacht wird (TobinTax. was man in der Tagesschau sieht: Parlamentsdebatten vor leeren Rängen. ohne dass die Gruppen. Bürgerversicherung).. noch verfügen sie über eine kritische innere Haltung gegenüber dem. dass Kritik oder Protest nur als legitim gelten darf. die sich auf gute Argumente und Appelle an aufgeklärte Eigeninteressen in Wirtschaft und Politik konzentriert (Brand 2005). des Protests mit der Formu- . Die Beschränkung auf inhaltliche Kritik lässt die herrschenden Formen von Politik unberührt. verstärken aber den Trend zur Entpolitisierung von Politik. für die man sprechen möchte. dessen vermeintliche Aufgabe es doch wäre. ist damit oft eine Vorstellung von Politik verbunden. Protest. was die Lernfabrik Universität ihnen heute vermittelt. wen dieses »alle« meint. Der Raum für selbstbestimmtes Lernen ist eingeschränkt. die sich an den »Staat« richtet. Damit wird die alte Form der Stellvertreterpolitik reproduziert. Die formalen Leistungsstandards sind weitgehend verinnerlicht. die großen Verbände. Zudem lässt man sich zu sehr darauf ein. indem sie diese an eben jene Experten delegieren. Parteien. Einfachsteuer. Das Formulieren von besseren Vorschlägen erfordert Expertise. reproduzieren Kompetenz/Inkompetenz-Verhältnisse (Haug 1993) innerhalb der Bewegungen.wobei man sich dann schon fragen muss. ist selbst schon Teil von Hegemonie. für das »Volk« Politik zu machen . usw. limitiert sich auf den privaten Raum. Dagegen steht erst einmal die legitime Äußerung des Unmuts.« Es werden dann die besseren Reformprojekte formuliert.Politik ist dann. zu Wort kämen. traditioneller Begriff von Politik . der sich dann doch immer wieder regt.. Gesellschaftsveränderung? Geht doch sowieso nicht! Dem Feminismus geht es nicht besser: Junge Frauen distanzieren sich häufig reflexhaft davon. Expertenwissen. manchmal fast als Gesetzgebungsvorschläge. Viele NGO haben da Erstaunliches geleistet. wenn die Binnennachfrage gesteigert wird.Leben im Neoliberalismus 323 denten wissen nichts mehr von Marx oder anderen linken Theoretikern. Meist wird ein imaginäres Allgemeininteresse angerufen: »Es wäre doch für alle besser. zugleich wird aber eine bestimmte Vorstellung von Politik als »große Politik« reproduziert.

während die Konkurrenz und generische Krisen immer weiteren Verzicht. Sowohl die orthodox-konservative als auch die sozialdemokratische Form des Neoliberalismus haben sich als nicht ausreichend erwiesen. Die verschärften Ungleichheiten produzieren Verunsicherungen und U n zufriedenheit. Keine seiner Fraktionen ist in der Lage. die anderen Gruppen des Machtblocks unter ihre Führung zu bringen. zur kurzsichtigen Führung und auch zum Mangel an einem globalen politisch-ideologischen Projekt oder einer >Gesellschaftsvision<« führt (Poulantzas 1978: 226f. Der orthodoxe Neoliberalismus steht zu deut- . Zugleich finden letztere im Moment der hegemonialen Verallgemeinerung des Neoliberalismus keine adäquate Form der Artikulation innerhalb des bestehenden Rahmens. Das zielt dann auf individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit und die Frage der alltäglichen Organisierung. die dann verbunden werden muss mit einem anderen Verständnis von Politik . 4. zum Fehlen einer deutlichen und langfristigen Strategie des Blocks an der Macht. Poulantzas greift diese Figur Gramscis auf und führt eine solche Situation zurück auf Widersprüche innerhalb des herrschenden Machtblocks. Sonst werden die linken Angebote zu Recht nicht als wirkliche Alternativen angenommen (vgl.]. um den Gegensatz zwischen der Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse und dem Bedürfnis nach Orientierung und Existenzsicherung in für die Mehrheit befriedigender Weise zu bearbeiten.324 Mario Candeias lierung eines deutlichen »Nein!« (einfache Negation). was »zur charakteristischen Inkohärenz der gegenwärtigen Regierungspolitik [..). neue noch radikalere Einsparungen und heftigere Sozialkürzungen erforderlich machen. Eine solche Position kann jedoch niemals gewahrt werden ohne fortgesetzte Mobilisierung aller Ressourcen. aber auch die zweite Frauenbewegung dann nochmal überdeutlich machte). muss vielmehr im Alltag der Menschen ankommen. auf der Positionswahrung im verschärften globalen Wettbewerb. Es kommt zu einem Bruch zwischen Repräsentierten und Repräsentanten..denn umfassende gesellschaftliche Veränderung erschöpft sich nicht in »großer Politik«. Candeias 2007). Das Ziel wird nie erreicht. diesen selbst als Sphäre der Politik begreifen (wie Gramsci früh gezeigt hatte. Risse in G e b ä l k Die Zustimmung zum radikalen gesellschaftlichen Umbau basierte in erster Linie auf einem Versprechen zukünftiger gesellschaftlicher Prosperität bzw.

Geschlecht. In solchen Momenten deuten sich Risse in der hegemonialen Apparatur an (was keineswegs gleichbedeutend ist mit einem Hegemonieverlust). Sicherheitsdispositive in den Vordergrund gerückt. Familie.B. Nation. Nach Heitmeyer u. was Ohnmachtsgefühle verstärkt. Darüber hinaus werden Zwangselemente stärker betont. verliert an Überzeugungskraft. 57% der deutschen Bevölkerung. Werden diese Verunsicherung und Interessen nicht von links aufgegriffen. Es erwächst eine Sehnsucht nach Selbstkohärenz. Nationalismus und Standortkonkurrenz hervorgekehrt. Schengen-Abkommen.der sozialdemokratische wird unglaubwürdig: An eine Verbindung von neoliberalen Reformen und »Sozialverträglichkeit« glaubt kaum noch jemand. Die neoliberale Ideologie gerät in die Krise. (2002) glauben z. Zum einen manifestiert sich darin eine Krise traditioneller Ideologieelemente und Werte wie (Industrie-)Arbeit. insbesondere die bedrohten »Mittelschichten« in Gegnerschaft zur vorhandenen Form der Vergesellschaftung.a. Die herrschenden Gruppen reagieren mit einer Beschleunigung des immer gleichen. Auch an der abnehmenden Wahlbeteiligung und dem Wegbrechen der Mitgliederbasis von Parteien und Verbänden zeigt sich die Krise der politischen Repräsentationsmechanismen. kann diese Situation schnell nach rechts umschlagen . verwandelt sich diese ideologische Krise notwendig in eine »Identitätskrise« der sozial Handelnden (Laclau 1981: 90).Leben im Neoliberalismus 325 lich für eine Umverteilung von unten nach oben . die sich zum Teil gewaltsam äußern kann. gesellschaftliche Individuen als Subjekte zu konstituieren. ohne dass eine neue Artikulation gesellschaftlicher Formen eine vergleichbare identitäre Sicherheit böte. polizeilicher Aufrüstung und allgemeiner Ausdehnung der staatlichen und privaten Sicherheitsapparate. Besonders an der nordafrikanischen Grenze wird zurzeit mit Hochdruck an der . desto heftiger der Affekt. Die mangelnde Repräsentation ihrer Interessen bringt wachsende Teile der Bevölkerung.in Neofaschismus und Islamismus. Und natürlich an den verbreiteten Protesten der letzten Jahre oder den schlechten Ergebnissen der großen »Volksparteien« bei den jüngsten Wahlen. Der subjektiv erfahrenen Ungerechtigkeit kann individuell nicht begegnet werden. der Militarisierung von Außenpolitik bis hin zu Angriffskriegen. Diese diffusen »Mittelschichten« weisen trotz ihrer unterschiedlichen Stellungen in den ökonomischen Beziehungen einen gemeinsamen Grundzug auf: ihre Trennung von den zentralen Positionen im herrschenden Machtblock. Je stärker die Überforderung. dass eine politische Einflussnahme als Bürger nicht möglich ist. Da die Funktion jeder Ideologie darin besteht. Besonders sichtbar bei Asylgesetzgebung und Migrationsregime.

Arbeitsfaule. öffnen immer wieder Räume für eine erneuerte Kritik und Organisation gegen. die sie produziert und in denen wir uns bewegen müssen. auf diese Weise die Risse im Gebälk der neoliberalen Hegemonie glatt zu spachteln. Wir tragen zwar alle zur Reproduktion dieser Hegemonie bei. Die vom früheren rot-grünen (Super-)Wirtschaftsminister Clement losgetretene Missbrauchsdebatte bei A L G Ii-Bezug zielte auf eben jene Ressentiments und die Spaltung zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen. Leistungskürzungen. Das Autoritäre zeigt sich aber auch bei der Verschärfung von Zumutbarkeitskriterien und Zwang zu Niedriglohnarbeit. Asylanten. etwa durch Ressentiments gegen Ausländer. Soziale Rechte werden eingeschränkt und an die Erfüllung von Pflichten gebunden -fordern statt fördern. aber die zahlreichen Widersprüche.bzw. könnte man sagen. die einfach von »oben« kommen. Meiner Einschätzung nach wird es nicht gelingen.326 Mario Candeias »Festung Europa« gearbeitet. Wohlgemerkt sind dies keineswegs Prozesse.und Arbeitsrechten. vermeintlichen Haushaltszwängen und allgemeiner Entdemokratisierung. sondern von großen Teilen der Bevölkerung in höchst widersprüchlicher Weise passiv und aktiv gestützt werden. Abbau von Sozial. verschärften Kontrollen. anti-hegemonialer Projekte. . Sozialschmarotzer.

Poulantzas. 17. Perspektiven globalisierungskritischer Strategien. Zustandsbeschreibungen zur angetasteten Würde von Menschen in Deutschland«. Hayek. Nr.Hochtechnologie . Hamburg 2002 Poulantzas.di Bundesvorstand. Eine kritische Auseinandersetzung. Frankfurt/M. n. Hamburg. Wilhelm u. Hamburg Bourdieu. 8. dokumentiert in: FR v. Nicos Poulantzas. in: ders. Prekarität . Andre (2000): Arbeit zwischen Misere und Utopie.Hegemonie. Wolfgang Fritz (1993): Umrisse einer Theorie des Ideologischen«. Zürich/München 1972 Haug. 20 Laclau.). Nicos (1979): »Es geht darum. Mario (2004): Neoliberalismus . Ulrich (2005): Gegen-Hegemonie. Berlin/Hamburg Candeias. Berlin 1987 ver. November 2002. Demirovic.. Pierre. Berlin/Hamburg Haug. Populismus.(1998): Gegenfeuer. zit. 46-76 Heitmeyer. (2002): »Feindselige Mentalitäten.a. Juni 2005 . Konstanz Brand.Deregulierung. Bd. mit der stalinistischen Tradition zu brechen!«. in: Roland Klautke/Brigitte Oehrlein (Hrsg. Wirtschaftspolitik aktuell. Berlin Marcuse.Neoliberalismus . Frigga (1996): Frauen-Politiken.und Lebensweise. Joachim/Frank Deppe/Klaus-Peter Kisker (Hrsg.) (1998): Das Ende des Neoliberalismus?. Darmstadt/Neuwied 1982 Marx-Engels-Werke (MEW). lff. Interview in: Prokla 37. A. Nicos (1978): Staatstheorie. Hamburg Candeias. Hamburg Gorz. Friedrich August von (1944): The Road to Serfdom/Der Weg zur Knechtschaft. Berlin 1957ff. Mario (2007): »Handlungsfähigkeit durch Widerspruchsorientierung: Kritik der Analysen von und Politiken gegen Prekarisierung«. Kapitalismus.Leben im Neoliberalismus 327 Literatur Bischoff. Herbert (1964): Der Eindimensionale Mensch. Faschismus. Bereich Wirtschaftspolitik (2005): »Nachholbedarf bei den Löhnen«. Grundrisse einer transnationalen kapitalistischen Produktions. Ernesto (1981): Politik und Ideologie im Marxismus. Elemente einer Theorie des Ideologischen..

wie Teile der extremen Rechte ihre inhaltliche Position zur neoliberalen Globalisierung gewandelt haben und so Erfahrungen der Einzelnen mit der neuen Produktionsweise artikulieren und gleichzeitig in rechte Erklärungsmuster einbetten konnten. Parteien und Politikoptionen der extremen Rechten im Ringen des Neoliberalismus um Hegemonie verstanden werden? Sind sie Teil des »geschichtlichen Blocks« oder sein Gegenspieler? Ich möchte im folgenden beleuchten. Die inhaltliche Nähe von extremer Rechter und rechtspopulistischen Parteien lässt sich so wenig abbilden wie die Verbindungen zur gesellschaftlichen Mitte. »radikaler Deregulierung der Wett- Die Parteien werden oft als »rechtspopulistisch« bezeichnet. Es wird nahegelegt. Wie kann die Stellung von Programmen. In den 1980er Jahren waren dieselben Parteien Vorreiter einer »Befreiung der Wirtschaft« (Front National/FN). dass die Parteien inhaltlich weniger problematisch sind als die traditionell rechtsextreme Bewegung. Der Begriff ist problematisch. In den 1990er Jahren wandelten sich die Programme und nahmen .Globalisierungs. Gleichzeitig delegitimiert der Begriff potenziell das Aufgreifen der Interessen »der Unteren« als undemokratische Anbiederei.und Kapitalismuskritik auf. In vielen europäischen Ländern dagegen waren extrem rechte Parteien 1 bei Wahlen erfolgreich mit einer Verbindung von Globalisierungskritik und Mobilisierung gegen Ausländer.Christina Kaindl Die extreme Rechte in Europa Teil des herrschenden Blocks oder Gegenhegemonie? In den 1980er Jahren traten die Parteien der extremen Rechten in Europa überwiegend als Vertreter neoliberaler Positionen auf. dass die Inhalte bloß zufällig und an unmittelbaren Stimmungen ausgerichtet entstünden. 1 . Rechte Parteien in Europa Globalisierungskritik im herrschenden Block In Deutschland ist den Parteien der extremen Rechten bislang kein Erfolg im bundesweiten Maßstab gelungen.in unterschiedlichem Ausmaß . indem er suggeriert.

zu artikulieren. Die- . die sich so nicht durchsetzen könne. »dass es so nicht weitergehen kann«. Den Rechten gelang es. die über den Markt vermittelt sind (»Katalaxie«). Neoliberale Konzepte versprachen in einer Situation von Krise und Stagnation einen funktionierenden Kapitalismus . müssten sie sich ihm in Demut unterstellen. in Staatskritik. »AntiKollektivismus« und »gegen schleichenden Sozialismus« und organisierte damit gegen den herrschenden Machtblock. 1974-1979) orientierte auf einen Klassenkompromiss. Demokratieverachtung und sozialdarwinistischen Argumentationen.Die extreme Rechte in Europa 329 bewerbsordnung« (FPÖ). die Unzufriedenheit und das Wissen. Sie denken gesellschaftlichen Fortschritt lediglich als Ergebnis des Zusammenspiels verschiedener Selektionsvorgänge. zeigte sich erstmals 1973 beim Putsch in Chile. Für das England der 1970er und 1980er Jahre analysierte Stuart Hall diese Entwicklung: Die staatsinterventionistische Sozialdemokratie (an der Regierung 1966-1970.und konnten im Bündnis mit den konservativen und rechten Parteien und herausgebrochenen Teilen der unteren Klassen zu einem geschichtlichen Block (Gramsci) werden. Pinochets »Verfassung der Freiheit« zitiert ein Buch Hayeks. des »liberalistischen Föderalismus« (Lega Nord) und von »Entstaatlichung« (FN). behauptet die natürliche Ungleichheit und Ungleichwertigkeit der Menschen. Ein planender. Inhaltliche Berührungspunkte zwischen Neoliberalismus und extremer Rechter liegen im Ethnopluralismus. die die fordistischen Regulationsweisen gegen den aufkommenden Neoliberalismus verteidigte. Der gewaltsamen Niederschlagung der gewählten Regierung und ihrer Demokratisierungsprojekte folgte die Umkonzipierung von Ökonomie und Gesellschaft nach Maßgabe der Chicago Boys. den sie für die Arbeiterklasse herauswirtschaftete. Im weiteren Aufstreben des Neoliberalismus ermöglichte »autoritärer Populismus« (Hall 1982: 104-124) die Einbindung kapitalferner Bevölkerungsschichten. Dieser Prozess hatte desorganisierende Wirkung auf den politischen und ökonomischen Kampf. die Erfahrungen der Krise des fordistischen Kompromisses. Wie gut diese Auffassungen sich mit extrem rechten Politikoptionen vertragen. Da von den Einzelnen der gesamte Prozess nicht zu durchschauen ist.sofern dieser sich von den überholten Positionen zu lösen bereit war.a. Das neoliberale Menschenbild von Hayek u. steuernder (staatlicher) Eingriff in diesen Prozess ginge auf Kosten der bestmöglichen Lösung. Das politische Bündnis von extremer Rechter und Neoliberalismus wandte sich vor allem gegen eine Sozialdemokratie. Dagegen stand die Rechte mit »Anti-Etatismus«. Gesellschaftlicher Fortschritt und rechte Positionen wurden über neoliberale Theorien verbunden .

Mit dem Schwenk der Sozialdemokratie auf eine Politik. Der Sozialdemokratie. mit Gramsci kann dieser Prozess verstanden werden als »transformismo«.330 Christina Kaindl se »neue Kraft« bindet die Unteren über rassistische Mobilisierungen. was sie gewohnt waren zu glauben . »sich einen Teil der Antithese selbst einzuverleiben« (GH 7: 1728). zerfiel die »Front« von Neoliberalen und extremer Rechter.. während die Rechte als Geburtshelfer des »Neuen« auftritt. das Alte stirbt und das Neue (kann) nicht geboren werden« (GH 3: §34). worin nach politischen Alternativen zum konservativ-neoliberalen Kurs gesucht wurde. die die »Sachzwänge« von Globalisierung und Standortkonkurrenz zum Ausgangspunkt und unhinterfragten Rahmen dessen machten. der Anforderungsdruck . fällt hier die Rolle des »Alten« zu. ein Prozess. fast ganz Europa wurde eine Zeit lang sozialdemokratisch regiert. die am überholten Regulationsmodell festzuhalten versucht. Der Neoliberalismus erweiterte so seine soziale Basis und schien sich zu stabilisieren. ihre Interessen als die allgemeinen auszugeben und eine bestimmte politische Regulation der Produktionsweise durchzusetzen. die innerhalb neoliberaler Rahmenbedingungen »sozialverträgliche« Alternativen suchte. Zunächst war diese Strategie erfolgreich. Die gezielte Schaffung eines Niedriglohnsektors. in der es einer führenden Gruppe unter Kooptation eines Teils der »Unteren« gelingt. der auch die Ausgestoßenen der bisherigen Kernbelegschaften betrifft. dass die sozialdemokratische Strategie des dritten Weges keinen langfristigen Erfolg hat. Statt mit der Verteidigung des fordistischen Regulationsmodells war die Sozialdemokratie bei den Wahlen mit dem Versprechen erfolgreich. die auch für eine Kritik der fordistischen Lebensweise standen.. Ein wichtiger Aspekt der »passiven Revolution« besteht in dem Vermögen eines hegemonialen Projekts. die mit staatlicher Unterstützung beförderte Ausweitung von Leiharbeitsverhältnissen. durch den die »großen Massen von ihren traditionellen Ideologien losgelöst werden und nicht länger glauben. Mit der sozialdemokratischen Reartikulation des Neoliberalismus gelang die Einbindung von nicht-konservativen. Sie ließ den Eindruck des »Rückwärtsgewandten« hinter sich und bemühte sich um Regulationskonzepte. Als geschichtlicher Block (an der Macht) bezeichnet Gramsci eine konkrete hegemoniale Konstellation. den neoliberalen Umbau der Gesellschaft sozialverträglich zu gestalten. alternativen Milieus. die Zunahme von Konkurrenz und Arbeitsbelastung. Allerdings hat sich gezeigt. die Verbindung von Neokorporatismus und Deregulierung stärkt die gesellschaftlichen Spaltungslinien zu Lasten eines Teils der abhängig Beschäftigten.

werden von ihrer Klasse oder Klassenfraktion nicht mehr als ihr Ausdruck anerkannt« (GH 7: 1577f. 1995 kündigt der FN eine »soziale Wende« an. Es gelingt bisher nicht. 2003: 63). zit.a.und Gestaltungsvorschlägen geprägt (vgl. In Österreich wählten 1995 30% der »blue collar«-Arbeiter FPÖ. Haider wandelt sich in den 1990er Jahren vom Anwalt der Leistungseliten hin zur Verteidigung derjenigen österreichischen Arbeitnehmer. auch wenn sie kritisch intendiert sind. die traditionellen Parteien in dieser gegebenen Organisationsform. die sie bilden. Die Diskussionen der bisherigen gesellschaftlichen Vertreter der Lohnabhängigen sind. die »mondialisme économique« oder den »mondialisme«. die als Hauptfeind angegriffen werden und mit protektionistischen Maßnahmen begrenzt werden sollen (ebd. jeder 4. das heißt. So stellt sich etwa der FN bereits seit 1993 zunehmend als Schutzmacht der französischen Arbeiter dar. 174). die die Belastungen und Zumutungen der veränderten Produktionsweise für die Betroffenen kaum angemessen zum Ausdruck bringen können. In der Folge verlieren neoliberale Forderungen der rechtspopulistischen Parteien an Bedeutung »zugunsten einer verstärkten Betonung antiliberalistischer und antiliberaler politischer Diskursmuster« (Betz 2001: 168). aus Selbständigen. Greven/Grumke 2006: 16).). Arbeiter wählte FN. FPÖ-Parteitag 1996.). 2 . ebd. sie vertreten oder führen. von Anpassungs.2 Die gesellschaftlichen Verwerfungen des Neoliberalismus werden als »von der Migration verursachte Probleme übersetzt« (Scharenberg 2006: In den 1980er Jahren bestand die Wählerschaft des FN v. 171). neue Formen der Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten zu finden. In der Krise der Repräsentation wird das Feld frei »für die Gewaltlösungen. Geschäfts. die den Staat als Bollwerk gegen die Globalisierung rehabilitieren will. mit diesen bestimmten Männern. 1999 kamen 50% der Wählerschaft aus der Arbeiterklasse (Hentges u. 30% der Ladenbesitzer und Handwerker wählten die extreme Rechte.Die extreme Rechte in Europa 331 selbsttätiger Qualifizierung wie auch die Privatisierung und Inwertsetzung immer weiterer Teile der privaten Existenzsicherung erhöhen den Druck auf die Einzelnen und diskreditieren bisherige Werte von »guter Arbeit« und die damit verbundenen Gerechtigkeitsvorstellungen.und Handwerksleuten. die es »hart haben im Wettbewerb« (23. repräsentiert durch die Männer der Vorsehung oder mit Charisma« (ebd. 2002 sanken die Zahlen. Gramsci fasst diese Entwicklung als Krise der Repräsentation: Es kommt zu einer Loslösung gesellschaftlicher Gruppen »von ihren traditionellen Parteien. Ladenbesitzern. für die Aktivität obskurer Mächte.a. in den 1990er Jahren wählten 30% der Handarbeiter (Männer und Frauen) den FN. gegen den »libre-echangisme mondial«.

nach Einbindung und Kooptation oppositioneller Milieus und Kräfte in den geschichtlichen Block.und Gewaltaspekte neoliberaler Politik einer politischen Kraft zuzuweisen. der Großbürger besitzt daran Kulisse.und Unterordnung der völkisch-antikapitalistischen Fraktion . Das im Alltagsverstand implizite Wissen. 3 . »Nazitum bildet [. Die Bildung des geschichtlichen Blocks gelang damals mit der Bei. die flexiblen Migranten.ich aber meine nicht.a.] einen Schutzraum für die widersprechende Unruhe. Ihr Zurückdrängen in die Peripherie. die die real erfahrenen sozialen Spaltungen und Partikularisierungen bewältigen lässt (ebd. »Die Ausländer« werden zum Sinnbild der Globalisierung und bieten dem Alltagsverstand Reibungsfläche.unter die Fraktion des Großkapitals.332 Christina Kaindl 77). wie die langjährig erfolgreiche Konstellation unter Berlusconi in Italien gezeigt hat. Die dagegen gestellte »Homogenität« des Volkes. ermöglicht eine imaginäre Vergemeinschaftung.. Die Nähe der Rechten zur politischen Gewalt gefährdet einerseits latent die Blockbildung.stärker neoliberal oder stärker »gegen Globalisierung« . wieder fallengelassen werden kann. 78).sind dabei nicht unbedingt ein Hindernis. andererseits ermöglicht das Bündnis mit ihnen. weil sie [die Sozialdemokraten] ihre Politik änderten . Damit können gesamtgesellschaftliche Probleme reartikuliert und gleichzeitig denk-bar gemacht werden. dass »die Anderen«. die nach dem Transformismus. in das »außen«. C K ) Widersprüchliche Positionierungen innerhalb des rechten Lagers .»der Kleinbürger sieht darin Sozialismus. wird artikuliert. 75) . in der Konkurrenz um Arbeit und im Kampf um den »gesellschaftlich durchschnittlichen« Wert der Ware Arbeitskraft die eigenen Positionen bedrohen. der den Kampf gegen veraltete Lebensweisen mit der Sehnsucht nach dem Gewesenen verband. was ein Vordringen der Rechten in die Mitte erleichtert. 2003: 126. die es (zurück) zu gewinnen gelte. und für beides war dem Kapitalismus höchste Zeit« (ebd. 3 Die rechten Regierungsparteien erfüllen dieselbe Funktion: Sie binden die Kritik an der Globalisierung und den Kosten der neuen Produktionsweise Die erstere wurde in Deutschland allerdings bereits 1934 kaltgestellt und die Ideologieelemente im völkischen Rassismus des NS reartikuliert. Die rechten Parteien treten als »neue Arbeiterparteien« auf und werden auch so wahrgenommen: »Ich bin zur Dänischen Volkspartei gewechselt.« (Dänischer Busfahrer in Hentges u. ist Gegenstand rechter Mobilisierungen wie staatlicher Abschottungspolitik. sagte Bloch (1934: 60) über die Widersprüche des aufziehenden deutschen Faschismus. Übers.. damit sie ja nicht erwache«. Zwangs.

Zwar wird in diversen Schulungsbroschüren der JN Ausbeutung als Aneignung von Mehrwert referiert. »solange es dem Aber nicht immer »systemkonform« und vollständig. 7 die Eigentum schützt. Steuererhöhung und Hartz IV« seien allerdings nicht das Grundübel »unserer Probleme«. 7 Das ist nicht unumstritten. Zentral ist dabei ein Aufgreifen und Verschieben linker Argumentationen. Lohnsklaverei.6 Die extreme Rechte inszeniert sich als revolutionäre Opposition. 5 Arbeitslosigkeit. Niedriglohn und »prekäre Beschäftigungsverhältnisse« werden als Krisenerscheinungen des Kapitalismus aufgerufen und zum Ausgangspunkt für »notwendige Alternativen« gemacht.eine Umkehrung linker Kritiken an personalisierten und verschwörungstheoretischen Charakterisierungen des Kapitalismus.4 Antikapitalismus als soziale Bewegung von rechts Radikaler. werden von den JN einer »verkürzten Kapitalismuskritik« bezichtigt .2% der Stimmen. Monopolbildung. Globalisierung. Propagiert wird eine sozialpartnerschaftliche Marktwirtschaft. 4 . Der »Antikapitalismus« der JN (Junge Nationaldemokraten) grenzt sich von der »Falschlehre« von Marx ab. Die Kritik ist damit weitgehend still gestellt. die diesen Zusammenhang nicht in den Mittelpunkt stellen.Die extreme Rechte in Europa 333 für die Einzelnen und ordnen sie gleichzeitig dem herrschenden Block bei.antikap. So muss das Scheitern der europäischen Verfassung in Teilen auch den nationalistischen Mobilisierungen der Rechten zugerechnet werden. »Linke Wirrköpfe«. inhaltlich und in Bezug auf die politischen Formen. Strategien und Ästhetiken. so distanziert sich der JN-BuVo explizit von einer Unterscheidung in »guten und schlechten Kapitalismus«. sondern »die herrschende Zinswirtschaft des Kapitalismus. daraus folgt aber keine grundsätzliche Ablehnung von Eigentum oder gar Klassenkampf. 5 www. Massenentlassungen und Armut«. tritt die extreme Rechte in Deutschland auf: »Antikapitalismus von rechts« kann als neue strategische Ausrichtung der wichtigsten Strömungen in der deutschen extremen Rechten aufgefasst werden. »Privatisierungswahn.de 6 Bei den Wahlen 2004 erhielt die NPD mit ihrem auf Kritik der Sozialreformen ausgerichteten Programm in Sachsen 9. weil von Regierungsbeteiligungen weit entfernt.« Der Zinseszins zwinge die Wirtschaft zum endlosen Wachstum und führe so zu »Umweltzerstörung.

»Freiheit« wird als Kehrseite des »Liberalismus« und damit ideologische Schützenhilfe der Globalisierung angegriffen. Die Vorstellung eines »nationalen Schutzraums« ist die abstrakte Negation eines Diskurses.Wirtschafts. Dagegen sei der aktuelle Kapitalismus von »Händlertum« und »Karawanserei« gekennzeichnet. nicht die Raubkopie.und Plünderungsstandort Deutschland«.info/files/Privatisierung. der mit Verweis auf die internationale Konkurrenz Mobilisierung. auf niedrigere Standards gezwungenen Lohnabhängigen zu Personifizierungen der Konkurrenz und damit als Gegner artikuliert? -. das nicht die jeweils ärmeren. Dagegen stehe einzig das Nationale: »Weil der Kapitalismus international ist. Er wird unterschieden vom Kommunismus. die in der »Nationalzeitung« oder in »Nation und Europa« durch Karikaturen mit einschlägigen antisemitischen Stereotypen untermalt werden. So kann es gelingen. hrsg. wirft sich die rechte Position ungebrochen auf die Seite der »deutschen Arbeiter«. Ein Wahlspot der N P D ruft mit Bezug auf Lafontaines »Fremdarbeiter-Rede« auf. 8 Das Gegenkonzept ist »völkischer« oder »nationaler« Sozialismus. der zusammen mit linken Freiheitsvorstellungen als Kehrseite neoliberaler Ideologien gilt: Durch die Verherrlichung »hedonistischer Triebe« machten sie sich zu Helfern des »ideologischen Rinderwahns« der Globalisierung. Lafontaine ringt um eine Perspektive Schulungsbroschüren »Privatisierung . Wo Lafontaines Einsatz in Schwierigkeiten gerät .wie lässt sich ein Konzept der Verteidigung von Lohnstandards unter den Bedingungen der Standortkonkurrenz entwickeln. in dem »die Globalisierung« als externe Bedrohung nationaler Standards gedacht wird. Die Widersprüchlichkeit von Lafontaines Versuch einer »linkspopulistischen« Anknüpfung an die Verwerfungen verschärfter Konkurrenz und Freizügigkeit der Arbeitskraft wird hier deutlich.pdf. 8 . »Volkseigentum« wird gegen die »Ausplünderung« durch Privatisierung verteidigt. an einen Alltagsverstand anzuknüpfen. Dabei bedient die Ablehnung des » M a m monismus« antisemitische »Kritiken« des Kapitalismus. etwa Hartz 2001: 8). die restlichen Programmpunkte der Linkspartei zielten aber auf die Erweiterung individueller Freiheiten. Drogenfreigabe und Freizügigkeit gegenüber Flüchtlingen und konterkarierten die scheinbar »nationale« Orientierung. v. Initiative für Volksaufklärung.334 Christina Kaindl Volk dient«. muss der Sozialismus national sein«. Http://snbp. sondern das Original zu wählen: Zwar scheine jener ähnliche Punkte aufzugreifen und Interessen deutscher Arbeiter zu verteidigen. Aktivierung und Verzicht bei den Einzelnen einfordert (vgl.

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des nationalen Wohlfahrtsstaates und will die ausländischen Arbeitnehmer in Deutschland explizit eingeschlossen wissen, erteilt völkischem Nationalismus eine Absage. Dennoch argumentiert er von einem Standpunkt »privilegierter Solidarität« (Nachtwey 2005: 908). Eine angestrebte europäische Perspektive kann diese Probleme nur begrenzt aufheben: Die Billigarbeitskraft, gegen die Lafontaine sich wendet, kommt ja gerade aus Staaten innerhalb der Europäischen Union. Die extreme Rechte muss sich in solchen Widersprüchen nicht bewegen. Sie macht die Volkgemeinschaft als einziges Solidarprojekt stark. Die Frage der Grenzen der Solidarität wird mit Rekurs auf den »natürlichen« Bezugsraum geklärt: »Der Nationalismus erstrebt soziale Gerechtigkeit und nationale Solidarität.« 9 Versorgt wird, wer zum Volk gehört. Gleichzeitig ist der nationale Schutzraum Voraussetzung dafür, dass das geeinte Volk zu großen Gemeinschaftsleistungen befähigt werde. Wie im historischen Faschismus sollen hier zwei Bedeutungsaspekte des »Volkes« zusammengebracht werden: Die »kleinen Leute«, die Mehrheit, die unter die Herrschaft Gestellten werden angerufen und gleichzeitig als völkische Gemeinschaft konstruiert. Die Anknüpfungspunkte im Alltagsverstand finden diese Formulierungen gerade in der ehemaligen DDR, wo der emanzipatorische Bezug auf das »Volk« in der Tradition der Arbeiterbewegung stärker präsent war als im Westen, wo leicht mit Verweis auf die völkische Begriffsgeschichte die klassenspezifischen Interessen delegitimiert wurden. 10 Hier kann das Sprechen vom »Volk« womöglich aufgreifen, was Heitmeyer u.a. im Konzept der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« als »Anomia« bezeichnen (Heitmeyer 2002). Orientierungslosigkeit, das Gefühl, dass »früher alles besser war, weil man wusste, was man zu tun hatte«, hängt mit Ängsten vor sozialem Abstieg zusammen, die sich seit der Einführung von Hartz IV verstärkt haben (Hüpping 2006). Eine Abwertung schwächerer Gruppen ist bei diesen Befragten wahrscheinlicher: Besonders die Aussage, »wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken«,
www.jn-buvo.de/index.php?option=com_content8aask=view8dd=108&Itemid=33 Dabei gibt es für eine Aufgabe des Volksbegriffs im deutschen Sprachgebrauch von links gute Gründe, nicht nur wegen der Schwäche im Kampf gegen rechte Konnotationen, sondern auch aufgrund analytischer Schwäche. Als Begriff in Mobilisierungen »von unten« soll der Volksbegriff Bündnisse ermöglichen (etwa im Sinne der »Volksfront«); unterschiedliche Teilinteressen sollen hintangestellt werden. Die Gefahr besteht, dass bei sich verschiebenden Kräfteverhältnissen grundlegende Interessensdifferenzen und -antagonismen unsichtbar oder verschoben (etwa auf eine äußere Bedrohung) werden.
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erzielt deutliche Zustimmung. Bei aller Zurückhaltung in der Deutung von Daten, die die subjektiven Begründungszusammenhänge nicht aufklären, 11 kann doch gesagt werden, dass hier völkische Solidarkonzeptionen am Alltagsverstand ansetzen können: Die Abstiegsängste werden adressiert und mit einer »Ermächtigung« des Volkes beantwortet. Inhaltlicher Bezugspunkt der rechtsextremen Argumentationen ist der »Ethnopluralismus«, 1 2 der ein völkisches Verständnis von Nation transportiert, basierend auf der Vorstellung eines einheitlichen Volkes mit gemeinsamer Abstammungsgeschichte. Alle Völker sollen sich in ihrem »Siedlungsgebiet« frei entwickeln, eventuelle Unterschiede in den Wertigkeiten könnten sich nur bei freier Entfaltung der Völker zeigen. Von hier aus wird die rechte Opposition u.a. gegen den Irakkrieg, ihr Engagement beim Antikriegstag für ein »Selbstbestimmungsrecht der Völker« verständlich. Die extreme Rechte tritt hier als »antiimperialistisch« auf: 13 Gegen das US-Imperium gelte es einen »Eurasischen Block der Völker« als Element einer antiimperialistischen Abwehr und einer neuen völkerorientierten Weltordnung herzustellen. In völkischer Reartikulation der zapatistischen Losung - »Eine Welt, in der viele Welten Platz haben« - ruft die Rechte zur Ablösung der »einen Welt des Kapitals« durch eine »Welt der tausend Völker« auf. Der »europäische Nationalismus erstrebt ein gemeinsames Europa der Vaterländer und Völker, das seine Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit und Einheit gemeinsam gegen die Großmächte, falsche Ideologien, die multinationalen Konzerne und kleinkarierte Chauvinisten durchsetzen wird« (ebd). Angegriffen werden supranationale (»raumfremde«) Organisationsformen, die nicht auf Grundlage des Ethnopluralismus existierten, wie EU oder NATO. Die EU sei nichts als ein »Zusammenschluss der Großkonzerne«, regiert von Technokraten, 14 und somit Feind der freien Völker. Die

Es kann nicht umstandslos davon ausgegangen werden, dass die Befragten hiermit ein völkisches Modell im Sinn haben, wohl aber, dass es sich um verschärfte Ausgrenzungsforderungen handelt. 12 Ein ursprünglich aus der französischen Neuen Rechten stammendes Konzept, vgl. u.a. Alain Benoist: Schöne vernetzte Welt. Eine Antwort auf die Globalisierung, 2001 13 »Wer andere Völker oder Stämme seines Volkes spaltet, unterdrückt, knechtet oder ausbeutet, ist ein Imperialist. Der Nationalismus ist der größte und stärkste Feind des Imperialismus: Nationalismus ist antiimperialistischer Kampf.« Siehe www.jn-buvo. de/index.php?option=content&task=view&id=7&Itemid=32, 18.3.2005 14 »Technokraten« und Bürokraten dienen auch zur Kennzeichnung der repräsentativen Demokratie, der die »Volksherrschaft« - »wahre Demokratie« - gegenübergestellt wird. Sie basiert auf der Volksgemeinschaft; nur aus ihr könnten »sich die Per11

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so gekennzeichneten äußeren Fremdeinflüsse, die die »Selbstbestimmung« des deutschen »Volkes« untergraben, werden ergänzt durch innere: Vertreter »fremder Kulturen«, die durch die Durchmischung die Kultur »des Volkes« und damit seine Existenzkräfte insgesamt vernichten. Die Fremdeinflüsse sind zwei Seiten derselben Medaille - Imperialismus -, die auf politischer, ökonomischer und kultureller Ebene agierten und dort zu bekämpfen seien.15 Der Imperialismus findet seinen Niederschlag in kultureller Vielfalt und Durchmischung; diese werden als Vernichtung der Kultur und damit »des Volkes« gesehen und sind die komplementäre Entwicklung zur »OneWorld-Ideologie«. Werden multinationale Konzerne und die Anwesenheit von Flüchtlingen und ausländischer Wohnbevölkerung in Deutschland als zwei Seiten der gleichen Medaille gedacht, kann das eine unmittelbar im anderen bekämpft werden. Rassistische Gewalt ist hier unmittelbar Antiglobalisierungs-Politik, dem imperialistischen Kampf gegen das Volk wird Nationalismus als »Befreiungsbewegung« gegenübergestellt. Dies ermöglicht eine in sich kohärente Begründung von Aktivismus und praktischen Politikoptionen; Erfahrungen von politischer Hilflosigkeit angesichts globaler Prozesse können in Handlungen umgesetzt werden. 16 Dabei werden die Passivierungseffekte der Sachzwangargumentationen aktiv aufgegriffen: »Stoppt die Demontage Deutschlands! Es gibt Alternativen«. Die Slogans werden ergänzt durch ein alltägliches Ringen um (kulturelle) Hegemonie: Kinderfeste, Nachbarsönlichkeiten entwickeln, die Volk und Staat benötigen«, und die durch Egoismus und Materialismus immer weiter auseinanderdriftenden Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Vgl. www.jn-buvo.de/index.php?option=content&task=view&id=l 18dtemid=36, 18.3.2005 15 »Der Nationalismus ist nicht gleich mit Imperialismus; er ist vor allem dessen Gegenspieler: Sprenger multinationaler und kolonialer Gefüge. Der Nationalismus bekämpft jedes Fremdherrschaftsstreben (Imperialismus), gleichgültig ob es militärische, wirtschaftliche, politische oder kulturelle Mittel benutzt.« JN, Thesen zum Nationalismus. Die Abschaffung der »wirtschaftlichen und kulturellen Grenzen« seien Teil der Durchsetzung des globalen Marktes zugunsten eines »hemmungslosen grenzüberschreitenden Warenhandel«, www.gegen-globalisierung.de/texte.htm, 18.3.2005 16 In der GMF(Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit)-Studie von 2003 stimmen etwa 50,3% der Befragten voll und 29,5% eher der Aussage zu, dass »gegen soziale Missstände in Deutschland zu wenig protestiert wird«; 46% stimmen voll und 35,5% eher zu, dass »letztendlich die Wirtschaft in unserem Land [entscheidet] und nicht die Politik«; 58% stimmen voll, 31,4% eher zu, dass »die demokratischen Parteien alles [zerreden] und die Probleme nicht [lösen]«; und 65,1% stimmen voll, 28,6% eher zu, dass »Politiker mehr dafür tun [sollten], Zweifel an der Demokratie auszuräumen« (Heitmeyer/Mansel 2003: 43f.).

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schaftshilfe, Aufgreifen kommunaler Probleme, kulturpolitische Offensiven auf Schulhöfen etc. hinterlassen den Eindruck, »die tun wenigstens was«. Seit den 1990er Jahren arbeitet die N P D am »3-Säulen-Konzept«: Kampf um die Köpfe, um die Straße und um die Parlamente. 17 Es gelte an »veränderte Lebenswelten« 18 der Menschen anzuknüpfen, die von »nationalen Ideologen in ihren Elfenbeintürmen« nicht erreicht würden: »Sie erleben heute eine riesige Betonwüste. Sie erleben Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Verwahrlosung, trostlose Supermärkte und eine völlig gleichgeschaltete Gesellschaft. Sie erleben eine Ellenbogengesellschaft, von welcher entfernt anonym und weit weg die >Bonzenschweine< hausen und über ihre Köpfe regieren.« Hier zeigt sich ein gutes Gespür für die Bedeutung der Politik um Lebensweisen in Verbindung mit einem gesellschaftlichen »Großkonzept« für den Kampf um kulturelle Hegemonie. Bloch analysierte in den 1930er Jahren, wie die faschistische Bewegung ihre Propaganda mittels »Entwendungen aus der Kommune« mit revolutionärem Schein ausstaffierte: »denn selbst die herrenrassig-nationalistische Parole zöge nicht, wenn sie sich - scheinbar dem wirklichen Bedürfnis des Volkes entsprechend - nicht vorab als eine antikapitalistische gäbe« (Bloch 1934: 70). Den revolutionären Schein entleiht die faschistische Bewegung den linken, damals kommunistischen Bewegungen: Fahnen, Aufmärsche, gefährliche Lieder. Die Strategien der extremen Rechten versuchen Ähnliches: Seit Udo Voigt 1996 Parteivorsitzender der N P D wurde, will man »den Linken die soziale Frage entwinden«. »Die Positionen des Antikapitalismus« seien »aus den Traditionsbeständen der beamteten APO-Opas herauszubrechen, um sie mit nationalen Inhalten aufzuladen. Entweder es kommen endlich die >linken Leute von rechts< oder es kommen keine Leute von rechts.« 19 Entsprechend hat sich das Auftreten der Neonazis stark gewandelt: Kleidung, Webseiten, Transparente zitieren und kopieren linke, globalisierungsBereits der NHB (Nationaldemokratische Hochschulbund) hatte mit dem Strategiepapier »Schafft befreite Zonen« die Kampfzone erweitert: Die befreiten Zonen basieren auf einem Zueinander von Konsens und Zwang, das durch die Straßengewalt (»Sanktionsmacht«), Durchsetzen von Definitionsmacht »was cool ist« und alltäglicher Lebenshilfe bestimmt ist. 18 JN-Bundesvorstand, »Nationalismus heißt Kapitalismuskritik«, www.junge-nationaldemokraten.de 19 Aus den Reihen des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB), in: Nation und Europa, 48. Jg., 10/98, 13-15, hier 15 (Thor von Waldstein: »16 Thesen zum Kapitalismus: Dem Geld dienen oder dem Volk?«)
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kritische und antifaschistische Codes. Palästinenser-Tuch und schwarzes Kapuzenshirt verdrängen die »klassische« Skinhead-Kultur. 20 »Antikapitalismus von rechts« behauptet Anknüpfungspunkte an die Revolutionen in Kuba, Vietnam und bebildert den Artikel mit Che Guevara: »Vaterland oder Tod«. »Mögen auch viele dieser Bewegungen der Geschichte angehören, so geht von ihnen bis auf den heutigen Tag eine große Faszination aus. Angesichts der Globalisierung könnten aus den Funken der Erinnerung lodernde Flammen des nationalen und sozialen Widerstands emporschießen.« 21 In die revolutionären Bewegungen werden Nationalsozialisten und »Nationalsyndikalisten«, Faschisten, Falangisten, Peronisten, die Bewegung von Hugo Chavez und die DDR eingereiht. 70 Jahre nach Blochs Äußerung ist es mit einer Denunziation der »Entwendungen« nicht getan - wenn sie nicht schon damals die widersprüchliche Konstellation unterbelichtet ließ:22 Im Bereich der Reklamationen des Sozialen gibt es kein geistiges Eigentum. Ob die aufgerufenen Elemente von Kapitalismuskritik rechts oder links verortet werden, ist Gegenstand aktueller Kräfteverhältnisse: Wem gelingt es, die aktuellen Krisendiagnosen im Rahmen unterschiedlicher geschichtlicher und theoretischer Bezüge zu artikulieren? Als Katalysator für rechts dienen dabei die von links beschwiegenen Widersprüche. Hierzu legt Bloch wiederum die Spur: »Wohl aber sind im nationalsozialistischen Dunstbau, wie zu merken war, gewisse unterirdische Keller enthalten, auch gewisse versunkene Uberbauten, deren selbst kommunistisch noch nicht völlig >aufgehobener< Inhalt ernsthaft zu prüfen bleibt.« (Bloch 1934: 67)

Wobei auch die weitgehende Gleichsetzung von Skinhead-Bewegung mit Neonazis Ergebnis eines - weitgehend erfolgreichen - kulturellen Unterwanderungs- und Hegemoniebestrebens war. 21 »Antikapitalismus von rechts«, hrsg. AG Zukunft statt Globalisierung/Sachsen, 3/2006, 16, www.antikap.de 22 Der von den JN aufgerufene Peronismus ist geradezu Musterbeispiel für das Zusammenspannen gewerkschaftlicher, volks-bezogener und faschistoider Elemente und wird bis heute von beiden Seiten reklamiert.
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Kampf um Lebensweisen als Kampf um Hegemonie Die SIREN-Untersuchung 23 konnte das Ineinandergreifen von subjektiven Erfahrungen neoliberaler Umstrukturierungen und dem Hinwenden zu rechtsextremen Argumentationen zeigen. Dazu wurden besonders Personen interviewt, die von den Umarbeitungen der neuen Produktionsweise besonders betroffen waren. Zentral scheint die Erfahrung, dass die Einzelnen ihre Position in der sozialen Welt auf Grund der veränderten gesellschaftlichen Anforderungen überdenken müssen. Dabei konnten unterschiedliche Typologien herausgearbeitet werden, die die jeweils sehr unterschiedlichen Erfahrungen von prekarisierten Putzfrauen bis hoch qualifizierten IT-Arbeitern formulieren. Einige gemeinsame Punkte können formuliert werden: Seit den 1990er Jahren wird ein starker Anstieg der Arbeitsbelastung wahrgenommen, eine Aufkündigung der Unternehmenspolitik, die auf Klassenkompromisse gesetzt hat; diese werden nun als unnötige Kostenlast im Wettbewerb aufgefasst. Der Kampf zwischen Alten und Jungen und zwischen Migranten und Etablierten zieht sich durch die Interviews. Dabei bringen die Interviewten oft eine deutliche Wahrnehmung des eigenen Status als »Arbeiter« zum Ausdruck, die Wahrnehmung eines kollektiven Schicksals ist präsent. Als »Schuldige« des Prozesses werden Politiker und ein bürokratisiertes Management genannt, die sich von den Bedürfnissen und Realitäten der Produktion entfernt hätten. Die neoliberalen Versprechen, die Aufrufe zur mehr Leistung, die soziale Sicherheit bringen soll, scheitern an den alltäglichen Erfahrungen: Trotz schwerer Arbeit und schmerzlicher Unterordnung sind die Betroffenen nicht in der Lage, die angestrebte Position zu erreichen; es entstehen Gefühle der Ungerechtigkeit und persönlicher Verletzung. Das Gefühl des »aufgekündigten Vertrages« bezieht sich auf die implizite Vorstellung, dass sich »harte Arbeit gegen gesellschaftliche Absicherung, Lebensstandard und Anerkennung tausche«; die Interviewten äußern durchaus Bereitschaft, härter zu arbeiten, mehr zu leisten, müssen aber feststellen, dass legitime Erwartungen in Bezug auf verschiedene Aspekte von Arbeit, Beschäftigung, sozialen Status oder Lebensstandard dauerhaft frustriert werden: Der Vertrag ist »einseitig
Europaweite qualitative Untersuchung »Socio-Economic Change, Individual Reaction, and the Appeal of the Extreme Right« (SIREN) zur Veränderung der Anforderungen in der Arbeit und rechtspopulistischen Denkweisen, vgl. www.siren.at und Flecker/Hentges 2004.
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gekündigt« worden. Dies führt zu Ungerechtigkeitsgefühlen und Ressentiments in Bezug auf andere soziale Gruppen, die sich den Mühen der Arbeit anscheinend nicht in gleichem Maße unterziehen müssten und für die besser gesorgt werde oder die ihre Sachen (illegal) selbst arrangierten: einerseits Manager, Politiker mit hohem Einkommen, die sich großzügige Pensionen zusprächen, andererseits Menschen, die von der Wohlfahrt lebten statt zu arbeiten oder Flüchtlinge, die vom Staat unterstützt würden. Die »gestörte Balance in ihrem Bezug zur Arbeit bei gleichzeitigem Mangel an legitimen Ausdrucksformen für das Leiden scheint in vielen Fällen der Schlüssel für das Verständnis des Zusammenhangs zwischen sozioökonomischem Wandel und politischen Reaktionen zu sein« (Flecker/Hentges 2004: 142). Die gestörte Balance ist dabei nicht auf die unteren Segmente von Arbeit und Gesellschaft beschränkt. Dörre u.a. haben gezeigt, dass nicht nur Prekarisierungsängste ähnliche Orientierungen nach sich ziehen können wie tatsächliche Erfahrungen von Prekarisierung und Ausgrenzung (Dörre/Kraemer/Speidel 2004: 94); darüber hinaus hat der Niedergang der Start-up-Ökonomien viele mit Gefahr und Realität eines plötzlichen sozialen Abstiegs bekannt gemacht. Die Angestellten und freelancer des IT-Sektors »tendieren zu individualistischen Bearbeitungsweisen ihrer Probleme mit Stress, Druck und enormen Arbeitslasten: verlass dich auf dich selbst in einer mitleidlosen und konkurrenziellen Welt mit ihren Unsicherheiten, Risiken und Unwägbarkeiten« (Hentges u.a. 2003: 51; Übers. CK). Diese Bewältigungsweisen gehen mit verschärften Ausgrenzungsforderungen gegen solche einher, die sich in der sozialen Sicherheit auszuruhen scheinen und ihr Leben nicht an denselben Normen von Wettbewerb und Erfolg orientieren. »Diese Normen bilden Wahrnehmungsweisen heraus, die zu neoliberalen, mitleidlosen oder sozialdarwinistischen Haltungen führen.« (ebd. 58; Übers. CK) Da die Durchsetzung der neuen flexiblen Anforderungen auch ein Projekt der hochtechnologischen Spezialisten war, liegen rechte Kapitalismuskritiken hier nicht unmittelbar nahe. Verbindungen zu den Denkformen der extremen Rechten finden sich über sozialdarwinistische Vorstellungen und die Konstruktion, dass gerade ausländische Menschen eine Belastung der sozialen Sicherungssysteme darstellten, die von den hart arbeitenden »Inländern« zu finanzieren seien. Dabei klingen auch die Anrufe an die Leistungsbereitschaft an, die untergründig mit dem Konzept der Volksgemeinschaft artikuliert werden: Wer sich hier nicht einfindet, gerät schnell auf die Seite der »inneren Feinde« des Volkes. Im Medium welcher gesellschaftlichen Denkformen werden die Erfahrungen »gemacht« und verarbeitet? Politische Botschaften und Ideologien

Die Aufwertung entlastet von der Sorge. die »stattdessen« finanziert werden. die Nation. Auch hier werden Erfahrungen von Seiten der extremen Rechten systematisiert und artikuliert: Die Erfahrung. findet sich dabei bis in die höchsten Hierarchieebenen der Beschäftigten (oft auch als Wohlstandschauvinismus bezeichnet) und ist auch in gewerkschaftlichen Kreisen verbreitet (vgl.a. Unsicherheit und Ohnmachtgefühle. Ähnlich »funktioniert« die nostalgische Wertschätzung der guten alten (Arbeiter-)Zeiten und die populistische Glorifizierung von traditionellen Gemeinschaften. Die extreme Rechte thematisiert die Alltagserfahrung der Subjektanforderungen der neuen Produktionsweise und löst sie vorgeblich durch eine Verschiebung in Richtung einer Volksgemeinschaft: Die »völkische Identität« birgt das Versprechen von sozialer Sicherheit und Gleichheit. Die völkischen Sozialstaatskonzepte greifen diese Erfahrungen auf. Jahrelange Abgaben gehen den Einzelnen verloren und nähren das Ressentiment gegen gesellschaftliche Gruppen. wird verbunden mit rechtspopulistischen Mobilisierungen. »Padanien« -. Sozialhilfeempfängern. also Flüchtlingen. Angst vor Deklassierung.»der Osten«. ob man selbst . die Arbeiterklasse. Kranken und Behinderten. die die Bevölkerung als passives Opfer von übermächtigen Gegenspielern ansprechen. 2004). aufgrund der verschärften Konkurrenzerfahrungen in der Arbeitswelt gelingt ihnen hier das Anknüpfen am Alltagsverstand. sind das zweite Begründungsmuster der SIREN-Untersuchung. Fichter u. finden hier Resonanz. Spielball der ökonomischen Entwicklung oder anonymer Mächte zu sein. prekärer Beschäftigung und Entwertung von Fähigkeiten und Qualifikationen verbunden sind. sondern auch auf kollektive Einheiten wie Regionen . die mit industriellem Niedergang. Ebenso vermag ihre Thematisierung von nationalen oder subnationalen Einheiten als Träger kollektiver Interessen die Ohnmachtgefühle anzusprechen. Die Anrufung der »Arbeiter«. des »Volkes« spricht die Erfahrungen kollektiver Schicksale an und verspricht Handlungsfähigkeit. Die in Deutschland vollzogenen Hartz-Reformen setzen ähnliche Gefühle von Ungerechtigkeit frei: Mit dem Wechsel zu A L G II und den erweiterten Zumutbarkeitskriterien können auch langjährig Beschäftigte eine Deklassierung nicht abwehren. die die zweifache Abgrenzung »des Volkes« von Eliten oben und Ausgestoßenen unten in Anschlag bringen. die sich nicht nur auf die individuelle Ebene beziehen.342 Christina Kaindl des Rechtspopulismus. Die Abgrenzung von angeblich untätigen Leistungsempfängern. Solidarität und Zugehörigkeit.

das sich inhaltlich dennoch als Opposition geriert. dass sie auch für die alltäglichen Probleme Verbesserungen zu bieten hat. Linke Gegenhegemonie? Die Zustimmung zu rechten Politikoptionen kann also als »völkisches Wohlfahrtsstaatsbewusstsein« gefasst werden. Es ermöglicht damit ein »Denken in den Formen«. Die Linke stößt hier immer wieder auf Grenzen: Wie lässt sich die Verteidigung sozialer Rechte der Bevölkerung in den ehemaligen »Zentren« in eine emanzipatorische Konzeption einbetten. vor dessen Hintergrund die gesellschaftlichen Entwicklungen interpretiert und veränderndes Handeln begründet werden können. Um die »Entwendungen aus der Kommune« in emanzipatorische Konzepte zu überführen. Die Passivierungseffekte der fordistisch-sozialdemokratischen Regierungen wie der neoliberalen Sachzwangdebatten können nicht einfach »von oben« beantwortet werden. eine Biografie des politischen Engagements. Brutalisierung. ob die im neuen Sozialstaat geforderte eigene »Aktivierung« ausreichen wird. mithin die Grundlagen gesellschaftlicher Konkurrenz und Verwertung affirmiert. die den Korporatismus nicht einfach von Deutschland auf die EU ausweitet? Andererseits wird eine globale Perspektive kaum vermitteln können. Zentral sind dabei die Momente sozialer Sicherheit ebenso wie die Fähigkeit. Rechtsextremes Denken ermöglicht also ein widersprüchliches Bewegen in den neoliberalen Subjektanforderungen: Einerseits werden sie zurückgewiesen und im rechtsextremen Modell von volksgemeinschaftlichem Sozialstaat aufgelöst. die aufgrund von Umstrukturierungen sich plötzlich in Konkurrenz mit gesellschaftlich unterlegenen Gruppen wiedergefunden haben. muss es der Linken gelingen.Die extreme Rechte in Europa 343 »dazu« gehören wird. andererseits werden ihre Formen der Ausgrenzung. Gleichzeitig wird das Prinzip der Konkurrenz für den verschärften Kampf um gesellschaftliche Ressourcen gegen »undeutsche« Elemente genutzt. diese Aspekte neu einzubetten. Nicht alle Interviewten der SIREN-Untersuchung haben die gesellschaftlichen Umarbeitungen rechts verarbeitet: Andere. Mobilisierung des Subjekts aufgegriffen und gegen die gesellschaftlich Marginalisierten gewendet. Sie konnten auf andere theoretische Verarbeitungsformen. zurückgreifen. . haben sich trotzdem nicht dem Rechtsextremismus zugewandt. Erfahrungen mit Organisation von Demonstrationen und Widerstand etc. ein »Gesamtkonzept« zu bieten.

»wahrnehmbar« genug sein müssen. in denen die alltäglichen Erfahrungen. Globalisierung und Kapitalismus nicht per se rechts kodiert ist. Als »subjektive Seite« der Repräsentationskrise kann verstanden werden. das Leiden und die Widersprüche der Produktionsweise repräsentiert sind und Perspektiven auf eine nach-kapitalistische Gesellschaft eröffnet werden. dass die Kritik von Sozialstaatsreformen. Eine abstrakte und ausschließliche Fundamentalkritik oder eine Orientierung auf realpolitisch mögliche. Daraus ergibt sich die Anforderung an linke Politik. Diskursen. die Entwicklung popular-demokratischer Positionen voranzubringen.und Erfolgsgeschichten der neuen Produktionsweise. Teile der Linken rufen in Kritik an der neoliberalen Globalisierung den fordistischen Wohlfahrtsstaat auf. Kapitalismus und politischer Passivierung »revolutionär« artikuliert.344 Christina Kaindl Holzkamp verweist auf die Notwendigkeit einer »kooperativen Integration« (Holzkamp 1983: 373). Diese kooperative Integration kann neu gefasst werden als Formen von gegenhegemonialen Bewegungen. Die extreme Rechte ihrerseits wuchert mit dem »repressiven Subtext« fordistischer Lebensweisen und verspricht gleichzeitig den radikalen Bruch mit dem Bestehenden. Das Leiden an den Anforderungen ist in der »Mitte« kaum repräsentiert. Globalisierung. ist sie zwar für aktuelle Einbindung in den Block an der Macht unbrauchbar. ihre Position in der Welt zu überdenken und neu zu begründen. Die hegemoniale Sichtweise beleuchtet vor allem die Hochglanz. indem sie diese Kritik absorbiert und kanalisiert und emanzipatorische Perspektiven schwächt. Der Erfolg der Linkspartei bei der letzten Wahl zeigt. in dem nicht das ideologisch Nahegelegte sich einfach reproduziert. um überhaupt potenziell in die Prämissen von Handlungsbegründungen eingehen zu können. die aber »stark«. die notwendig im Rahmen des Bestehenden argumentiert. damit für die Subjekte überhaupt ein Denken funktional wird. kleine Schritte. kaum Denk. Dennoch leistet sie eine passive Hilfe. die linken Thematisierungen sind vielfach schwach. die aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Anforderungen sich gezwungen sehen. Indem die extreme Rechte Kritik an Produktionsweise. dass die Menschen. als gesellschaftliche Repräsentation von Kritik und Utopie. . Perspektiven auf eine veränderte Gesellschaft mit den Erfahrungen der Umarbeitung von Lebensweisen bei den Menschen zu verbinden und wird ihnen so auch keinen Grund geben. dieses politische Projekt als ihr eigenes zu übernehmen.und Deutungsangebote finden. werden es nicht vermögen. ein »Denken über die Formen« möglich wird.

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die sich soziologisch insgesamt weder notwendig der herrschenden noch der beherrschten Klasse zuordnen lassen (vgl. Im zweiten Zitat wird über die Bedeutung der Ideen und des Verstandes in einem Herrschaftsverhältnis gesprochen.vom neokonservativen Michael Joyce und dem ermordeten Antiapartheidaktivisten Steve Biko .Dieter Plehwe/Bernhard W a l p e n Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil It's true that many people do not know where certain ideas come from. Allerdings zeigen die beiden Zitate auch einen je unterschiedlichen Blickwinkel auf die Problemstellung.ru/118/finktanks. Gramsci bemerkte im 12. Wa Bofelo 2005) Die beiden Motti .weisen auf einen zentralen Aspekt hin.php. Intransparenz geradezu begrüßt. Das erste ist aus einer Herrschaftsperspektive formuliert. der Unterdrückten) erlangt wird. Es wird darauf hingewiesen. wie in einer Gesellschaft. Michael Joyce. Plehwe/Walpen 2001). in der Macht und Einfluss asymmetrisch verteilt sind. dass der Verstand eine der wirkungsvollsten Waffen der Unterdrücker ist. indem Unterdrücker und Unterdrückte explizit benannt werden. Damit rückt eine besondere Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft in den Vordergrund. während sie auf dem originären Boden einer wesentlichen Funktion in der Welt der ökono1 http://exile. weil es die Übereinstimmung mit und den Prozess der Durchsetzung von Ideen nicht in gesellschaftlichen Zusammenhängen problematisiert. nämlich über die Durchsetzung von Ideen und die Beeinflussung des Verstandes/der Gedanken/des Geistes (mind) im Sinne der dominanten Klasse(n). Stephen Bantu Biko (zit. but the important thing is that they agree with them. . Bradley Foundation 1 The most potent weapon in the hands of the oppressors is the mind of the oppressed. die Zustimmung ihrer Mitglieder (resp. Gefängnisheft: » J e d e gesellschaftliche Gruppe schafft sich.

Solidität. wie die Auseinandersetzung ausgeht. Einige der radikalsten und lautesten 68er-Kämpfer (es sind vor allem Männer) sind heute vehemente Fürsprecher des Kapitalismus. zugleich organisch eine oder mehrere Schichten von Intellektuellen. der so sehr bewundert wird von den ökonomischen Apologeten. Geburt. sondern auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich geben« (GH 12. desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft. Und dieser Umstand. daß die katholische Kirche im Mittelalter ihre Hierarchie ohne Ansehn von Stand. 2 . so sehr er beständig gegenüber den vorhandnen einzelnen Kapitalisten eine unwillkommene Reihe neuer Glücksritter ins Feld führt.wie denn überhaupt in der kapitalistischen Produktionsweise der Handelswerth eines jeden mehr oder weniger richtig abgeschätzt wird -. erweitert ihre Basis und erlaubt ihr. daß er als Kapitalist fungiren. Ganz wie der Umstand. was ein Blick in die Geschichte der letzten 200 Jahre zu zeigen vermag. 2 Dabei ist nicht zu übersehen. M E W 25: 614) Umgekehrt bieten neben Karl Marx z. auch Friedrich Engels. Im »Kampf« um die Köpfe verfügen die jeweiligen Klassen zwar über sehr ungleiche Ressourcen. die bedeutendsten Männer der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen.348 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen mischen Produktion entsteht. die sich auf die Seite der unterdrückten Klasse gestellt haben. §1: 1497. Fähigkeit und Geschäftskenntniß sich in dieser Weise in einen Kapitalisten verwandeln kann . Prozesse der Kooptierung verlaufen selten geradlinig und kurzfristig. unbezahlte Arbeit aneignen wird mit dem geliehenen Kapital. befestigt die Herrschaft des Kapitals selbst.B. Es wird ihm Kredit gegeben als potentiellem Kapitalisten. Jemehr eine herrschende Klasse fähig ist. wie es der prokapitalistischen Seite gelang (und nach wie vor gelingt). aber mit Energie. DP/BW). ein Hauptbefestigungsmittel der Pfaffenherrschaft und der Unterdrückung der Laien war.. Auf den besonderen Wert der Integration der besten Köpfe aus den unteren Klassen in die Reihen der herrschenden Klasse hat Karl Marx im Dritten Band des Kapitals aufmerksam gemacht: »Selbst wo ein vermögensloser Mann als Industrieller oder Kaufmann Kredit erhält.15: 590f. deswegen ist es aber nicht schon vorentschieden. Intellektuelle für sich zu gewinnen. sich mit stets neuen Kräften aus der gesellschaftlichen Unterlage zu rekrutiren. Hvh. Rosa Luxemburg oder Georg Lukács hervorragende Beispiele für bürgerliche Gesellschaftsmitglieder. daß ein Mann ohne Vermögen.« (MEGA 11. Vermögen aus den besten Köpfen im Volk bildete. die ihr Homogenität und Bewußtheit der eigenen Funktion nicht nur im ökonomischen. geschieht es in dem Vertrauen.

die sich von der globalen Machtstruktur in Bildung und Wissenschaft (Wissensmachtstruktur) herleitet. aber sie ist viel weniger gut begriffen. Fuller 2000) nicht hinreichend erklären lassen.und Wahrnehmungsformen sowie die (selektiven) Kommunikationskanäle umfasse. Organisationsformen u. die sich mit linearen Entwicklungen und »paradigmatischen« Brüchen (Thomas Kuhn.a.und handlungstheoretische Fragen haben wir im Hinblick auf die Entwicklung der Intellektuellentheorie generell (vgl. die am häufigsten übersehen und am meisten unterschätzt wird. so. Im folgenden erläutern wir die intellektuellentheoretische Fragestellung genauer.und Gesellschaftspolitik zu erörtern. Dabei konzentrieren wir uns auf die Mont Pèlerin Society (MPS) und neuartige parteiische Think Tanks in ihrem Umfeld. Überzeugungen. Wir möchten uns in diesem Beitrag näher mit den Wissensmachtverhältnissen im Neoliberalismus auseinandersetzen. . als grundlegende Kritik vgl. Einige struktur. Finanz].« Das sei u. Die auf diesem Weg erkennbare Artikulation von Wissenschaften.m. Utopien. ist aus verschiedenen Gründen eine Weiterentwicklung seines Ansatzes unabdingbar. Theorien. Intellektuellennetzwerken. Produktion. Danach gehen wir kurz auf das empirische Beispiel des neoliberalen Intellektuellen. Denkformen. sondern auch aus gesellschaftspolitischen Gründen dringend erforderlich ist.und Think Tank-Netzwerks der MPS ein.a. dass die »Macht. wobei insbesondere die häufig vernachlässigte relative Autonomie intellektueller Akteure betont wurde. Flecks wissenschaftshistorische Arbeiten rückten generell die sozialen Zusammenhänge von »Denkkollektiven« und »Denkstilen« ins Zentrum der Erklärung von wissenschaftlichen Innovationen. um abschließend den wissenssoziologischen Ansatz von Ludwik Fleck vor dem Hintergrund der dezidiert neoliberalen Wissenschafts. die nicht nur aus wissenschaftlichen. weil sie Glauben. ermöglicht eine Analyse von wissenspolitischen Zusammenhängen. jene ist. Kritische Analysen der »Rolle der Ideen« und ihrer nicht einfach zu bestimmenden Wirkmacht können nicht auf ein schon fix ausgearbeitetes theoretisches Instrumentarium zurückgreifen.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 349 Susan Strange (1988: 115) hat in ihrer Analyse primärer globaler Machtstrukturen festgehalten. Sie ist nicht weniger wichtig in der internationalen politischen Ökonomie als die anderen drei primären Quellen von struktureller Macht [Militär. Wissens. Um Flecks verdienstvollen Ansatz für eine umfassendere herrschaftskritische Analyse der Wissensproblematik nutzbar zu machen. Plehwe/Walpen 2001) und der intellektuellentheoretischen Konzepte im Kontext der (neogramscianischen) Theorie der Internationalen Politischen Ökonomie (Plehwe/ Walpen/Neunhöffer 2006) bereits vorgelegt.

aufgrund der Kalkulationsdebatte. Konzepte und sonstiges sachdienliches Wissen generieren. Diese Präferenzen wurden zuvor meist als gegeben betrachtet. Katzenstein/Keohane/Krasner 1998). 3 Dabei ist man mit den Das lässt sich schon bei Hayek genau verfolgen. Fn. dem danach das »Abuse of 3 . Diskurskoalitionen und Think Tanks. der Wissenspolitik und seiner strukturellen wie organisatorischen Grundlagen. insofern er eine »harsh review« [ebd. d. Die Beschäftigung mit der MPS sowie den neoliberalen und neokonservativen Think Tanks ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. deren Existenz als entscheidende Voraussetzung für das erfolgreiche Wirken von Intellektuellen in wissenspolitischen Zusammenhängen erachtet wird. 10). Im Rahmen dieser Forschung konnte die Bedeutung kognitiver Aspekte bei der Entstehung und Umsetzung neuer politischer Ansätze und Programme nachgewiesen werden. die neue Ideen. z. politische oder populäre Diskurse von Anfang an beabsichtigt war und danach systematisch durchgeführt wurde. weil auch die Transformation wissenschaftlicher Arbeiten in mediale.u. Ein erster Beitrag dazu war sein Artikel Economics and Knowledge (1937). Wissensgemeinschaften im High-Tech-Kapitalismus In den Sozialwissenschaften wird in jüngerer Zeit intensiv über die Frage diskutiert.a. 177. und bes. die kurze Debatte zwischen beiden. (transnationale) epistemische Gemeinschaften. Sraffas Erwiderung auf Hayek bleiben unerwähnt) . welche Rolle Ideen (und damit Intellektuelle) im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse spielen. In diesem Kontext wuchs das Forschungsinteresse an sozialen Akteuren und Organisationszusammenhängen. bei denen die Erklärung der Entstehung von Akteurspräferenzen im Mittelpunkt steht. wissenschaftlicher Produktionsweisen. 10] von Hayeks Prices and Production verfasst hat. wie die grundlegenden Normen und Denkprinzipien entstehen. weil die sozialphilosophische und normative Grundlagenarbeit in diesem Kreise selbst als intellektuelle Kernaufgabe begriffen wird.B. Sie führt somit umfassender auf das Feld der Beziehung von Wissen und Macht. z.350 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen 1. Nach seiner »Transformation« (Caldwell 2004: Kap. Einflussreich sind dabei sozialkonstruktivistische Ansätze.B. der Kritik von Oskar Morgenstern und der sehr scharfen und präzisen Kritik von Piero Sraffa (darauf geht Caldwell nicht ein. oder als direkter Ausdruck materieller Interessen begriffen (vgl. nachdem Hayek sich vom Ökonomen zum Sozialphilosophen . sondern er erwähnt Sraffa nur.h. begann Hayek sich mit der Wissensproblematik theoretisch zu beschäftigen.gewandelt hat. Kaum erforscht wurde bisher unterdessen die Frage. Eine enge Perspektive auf die Theorien und wissenschaftlichen Arbeiten im Neoliberalismus muss vom spezifischen Gegenstand her überwunden werden.

Als politisch wird dabei im Gegensatz zum Alltagsverständnis jede gesellschaftliche Aktivität verstanden. Mit diesem nicht auf den Staat und den politischen Willensbildungsprozess im engeren Sinne reduzierten Verständnis wird der gesellschaftswissenschaftliche Charakter der Politikwissenschaft begründet. Ein wissenschaftlicher Objektivitätsanspruch kann daher nicht durch (fiktive oder . In mancher Hinsicht eint die Erkenntnis der zumindest bisweilen besonderen Rolle von Ideen das Werk so disparater Autoren wie Karl Marx. Eine so verstandene politische Soziologie ist praxisbezogen. Wir sind aber auch mit dem Verhältnis von Wissen und Wissenschaft und insbesondere dem Charakter wissenschaftlichen Arbeitens selber konfrontiert. Max Weber. Im Zentrum stehen Probleme der politischen Willensbildung. in deren Dienst sie sich mit ihrer Analyse stellt oder auf deren Veränderung sie zielt.4 Reason Project« (Caldwell 2004: Kap. die die Struktur der Gesellschaft und damit die Machtverteilung zwischen sozialen Gruppen verändern oder stabilisieren will. John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek. Dabei ist Politik »ihrem Wesen nach kontrovers. ob bzw. ihre Institutionen sowie deren Wirksamkeit. schon dem normativen Anspruch nach) Wissenschaft und Wahrheit stets zu bedenken und zu untersuchen ist. wie ihn etwa Wolfgang Abendroth in der Politikwissenschaft vertreten hat. Materiellem und Ideellem) und der Bedeutung der Ideen insbesondere konfrontiert. das wiederum in einer noch weiter vereinfachten Form als Artikel in Reader's Digest publiziert wurde und schliesslich seine einfachste Form in der Publikation eines Comic fand. Die in diesem Zusammenhang gewonnenen Erkenntnisse setzte Hayek in sein populärwissenschaftliches Werk Der Weg zur Knechtschaft (1944) um. weil sie auf Herrschaftserhaltung oder Herrschaftsaufhebung gerichtet ist« (Abendroth 1967: 11). Als Intellektuelle sind wir selbst mit der kritischen Beurteilung und den Wirkungen unserer Arbeiten konfrontiert: Wie verstehen wir unsere Arbeit? Welche Wirkung nehmen wir wahr und messen wir ihr zu? Wie denken wir über unsere Einflussmöglichkeiten? Wem nutzen unsere Arbeiten und Erklärungen? Wie ist unser Denken beschaffen? Berufen wir uns. von Interessen und Ideen (bzw. implizit wenn nicht explizit. weil entgegen der Identifikation von (bzw. 4 Abendroth zufolge untersucht die politische Wissenschaft die Bedingungen der Entstehung politischer Macht. auf Gründe oder auf eine Autorität? Neben der wichtigen (Selbst-)Verständigung über wissenschaftsphilosophische Grundlagen erfordert der reflexive Umgang mit dem Problem (und dem Anspruch) wissenschaftlicher Objektivität einen Ansatz der politischen Soziologie.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 351 Fragestellungen über den Zusammenhang von Gesellschaft und Individuum. weil die politische Praxis ihren Gegenstand bildet. inwiefern Wissenschaft ideologisch überdeterminiert (oder gar durchdrungen) ist. der im Begriff der politischen Soziologie zum Ausdruck kommt. weil die Menschen die Resultate ihres Handelns denkend antizipieren können. 11) folgte. Struktur und Handlung. wobei diese in engem Zusammenhang mit der politischen Theorie steht.

5: 14. 5 Die Passage aus dem Vorwort zum ersten Band Das Kapital von Marx sei hier ausführlich zitiert: »Die auswärtigen Vertreter der englischen Krone sprechen es hier mit dürren Worten aus. die sich damit zur Diskussion und der Kritik stellt. wie dezidiert und selbstbewusst neoliberale Akteure kontinuierlich in gesellschaftliche Transformationsprozesse eingreifen und diese mitgestalten.« (Das Kapital. damit alles so bleibt fingierte) Neutralität. Das neoliberale Verständnis solcher Interventionen ist dabei nicht mit dem konservativen zu verwechseln.« 5 Weil und seit diese Erkenntnis sowie die Einsicht in die Grenzen einer bloß repressiven Gewalt in den Köpfen der Herrschenden sowie der bürgerlichen Intellektuellen immer klarer wurde. wie selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung -aufdämmert. Längst ist die Zeit vorbei. Gleichzeitig erklärte jenseits des atlantischen Oceans Herr Wade. daß die jetzige Gesellschaft kein fester Krystall.kann demgegenüber gezeigt (und reflektiert) werden. Sie zeigen. Bd.352 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Während die intellektuelle Führungsrolle von organischen Intellektuellen der Arbeiterklasse ein bisweilen heiß diskutierter Gegenstand linker (Parteibzw. MEW 23: 16) . 1. die sich nicht verstecken lassen durch Purpurmäntel oder schwarze Kutten. kurz allen Kulturstaaten des europäischen Kontinents. Frankreich. sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist. daß morgen Wunder geschehen werden. Anhand einer kritischen Analyse neoliberaler Intellektueller und ihrer Organisationen in der Zivilgesellschaft (societd civile) . Think Tanks u. Stiftungen. herrscht im Hinblick auf die Bourgeoisie bzw. was im intellektuellen Feld zu leisten ist. Netzwerke. Vicepräsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika.und Grundeigenthumsverhältnisse auf die Tagesordnung! Es sind dies Zeichen der Zeit. mit der kein hinreichendes Verständnis der relativen Autonomie der (bürgerlichen) Intellektuellen zu erlangen ist.Klubs. daß die jetzige Gesellschaft kein fester Krystall. Vorwort zur ersten Auflage [1867]. in öffentlichen Meetings: Nach Beseitigung der Sklaverei trete die Umwandlung der Kapital. in der »selbst in den herrschenden Klassen die Ahnung aufdämmert. das Kapital eine instrumenteile Sicht der Intellektuellen vor. wenn nicht alles verändert werden muss. wohl aber durch Kennzeichnung des Standortes und unverhüllte Parteinahme. um den gesellschaftlichen Wandel in ihrem Sinne zu beeinflussen oder diesen zu lenken. bildeten die selbstbewusst herrschenden Klassen und ihre organischen Intellektuellen ein zunehmend professionelleres Verständnis dessen aus. sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist. eine Umwandlung der bestehenden Verhältnisse von Kapital und Arbeit ebenso fühlbar und ebenso unvermeidlich ist als in England. dass vieles.a. Bewegungs-)Theorie darstellt. . MEGA II. reklamiert werden. daß in Deutschland. Sie bedeuten nicht. weil im Ersteren die Einsicht reifte.

Seit den 1970er Jahren richten Think Tanks und Public Relations-Agenturen ihre Aktivitäten vermehrt auf die Einflussnahme und z. große Überlappungen zwischen neokonservativem und neoliberalem Denken. richtig wäre mit Der Serval oder Der Ozelot zu übersetzen. Der demokratische politische Prozess wird desarTancredi.T. wird in dieser Hinsicht der strategische Charakter von Diskurskoalitionen offensichtlich.und Erfolgskriterien unterworfen wird. was zu tun bzw. Denn wenn die Politik weitgehend ökonomischen Rationalitäts. Steuerung politischer Entscheidungsprozesse im engeren Sinne. wäre von kritischer Seite zu erwidern. dann ist nötig. weil unter neoliberalem Einfluss Wirtschaftskräfte weitreichender bestimmen können.die oft zitierten Worte: »Wenn wir wollen. dass eine klarere Trennung beider Bereiche erst wieder demokratische Einflussmöglichkeiten begünstigen kann. dem gemäß sich die Politik kapitalistischer Rationalität zu fügen habe. Obwohl die neoliberalen Positionen zu Drogen.der deutsche Titel Der Leopard ist eine falsche Übersetzung und führt zu falschen Assoziationen von einer mächtigen und erhabenen Fürstenfamilie. wird die ihr eigene Logik alternativer Gestaltungsoptionen trotz Beibehaltung demokratischer Institutionen und Prozeduren erheblich eingeschränkt. 6 . also einer kleinen Raubkatzenart . daß alles sich verändert.B.und Geschlechterfragen den Positionen der religiösen Rechten mitunter diametral entgegengesetzt sind. Aus der Sicht kapitalistischer Interessen ist das Verwischen der Grenzen zwischen den Bereichen Wirtschaft und Politik gewollt. werden diese von den säkular-neoliberalen Kräften in der Öffentlichkeit (vor allem in Wahlkampfzeiten) bestenfalls sehr zurückhaltend vertreten. Es ist ein erklärtes Ziel dieser Akteure. sagt seinem Onkel in Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman Il Gattopardo . 7 Organisierte Wissensgemeinschaften und Think Tanks versuchen immer stärker. politische und gesellschaftliche Debatten zu beeinflussen. vor allem auch deswegen.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 353 wie es ist. die neoliberale Kräfte und die religiöse Rechte umfasst.T. Bezüglich des insbesondere im Globalisierungsdiskurs immer wieder konstatierten Sachzwangs. 6 Allerdings gibt es viele Berührungspunkte und z. um eine Massenmobilisierung für die neoliberale Wirtschaftspolitik durch die Mobilisierung von Gegnern von Abtreibung und Homo-Ehe nicht zu gefährden. die Distanz zwischen Wirtschaft und Politik zu »überwinden«. daß alles bleibt wie es ist. Toleranz gegenüber Homosexualität. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?« (Tomasi di Lampedusa 1958: 21) 7 Bei der Analyse der gegenwärtig herrschaftssichernden intellektuellen Allianz in den Vereinigten Staaten (Bush-Administration). weil in der Hervorhebung des Individuums auch durchaus progressive Elemente aufgehoben sind (z. Abtreibung und »Drogen«). der Neffe des Fürsten Bendicö. Einen breiten gesellschaftlichen Durchbruch konnte jedoch nur die neoliberale Weltanschauung schaffen. zu unterlassen ist.

Von diesen Arbeiten sind wiederum einige selber ideologieförmig (vgl Plehwe/Walpen 1999). selbst wenn Wissenschaftlerinnen kaum umhinkommen. andere von ihrer Wahrheit zu überzeugen. das Ideologische der neoliberalen Wissenschaft genauer herauszuarbeiten und stellt dann und deshalb letztlich nur eine Behauptung dar. Letztlich geht kein Weg an der Erkenntnis vorbei. welche Wissenschaft der neoliberalen Wissenschaft gegenüber zu Recht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben kann. und das Gefühl der Ohnmacht verstärkt sich gerade bei denen. Eine solche Abwehr trägt wenig dazu bei. dass es sich immer um ein Verhältnis von Wissenschaft und gesellschaftspolitischem Standpunkt im Sinne Wolfgang Abendroths (1967) handelt. mit diesem verbundene Kompetenzen und Beziehungsnetze verfügt.a. Zudem muss geklärt werden. Zugleich werden aber ernsthafte Probleme durchaus wissenschaftlich und mitunter sehr aufwendig und anspruchsvoll behandelt. weil damit der prinzipielle politische Charakter des Wissens und der Wissenschaft verkannt wird . nationalistische oder rassistische Ressentiments. »Ideen haben Konsequenzen« (Richard Weaver) Die Durchsetzung neoliberaler Hegemoniekonstellationen und die in diesen Zusammenhängen erheblich erweiterte Wirkmächtigkeit der neoliberalen Ideologien während der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte (vgl. Jedenfalls ist es wenig hilfreich.354 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen tikuliert. wird der Problematik unterdessen kaum gerecht. dem sich jede Wissenschaft reflexiv stellen muss. die ohnehin schon über wenig gesellschaftliche Macht verfügen. Letzten Endes gipfeln die Auswirkungen neoliberaler Politik in der Aushöhlung demokratischer Prozeduren und Beteiligungsformen (im Sinne von Hayeks Verständnis einer »beschränkten Demokratie«). Plehwe/ Walpen/Neunhöffer 2006) stellt die Frage nach der Macht der Wissensstrukturen (Ideen) und verweist auf das Problem des Verhältnisses von Wissenschaft und Ideologie. wer über entsprechendes Kapital. Letzteres ist u. Dem Neoliberalismus generell Wissenschaftlichkeit abzusprechen und ihn einfach auf eine Ideologie zu reduzieren. Zahlreiche Ideologeme werden im Neoliberalismus wissenschaftlich bearbeitet oder gar in die Wissenschaften transferiert. Behaupten und durchsetzen kann sich dann letztendlich nur. ein Nährboden für sexistische. Ähnlich wie im Marxismus nimmt auch im Neoliberalismus die wissenschaftliche Arbeit eine wichtige Stelle ein. 2. im Rahmen einer Dichotomie von Ideologie und Wissenschaft (= Wahrheit) zu arbeiten.

die die Bereiche des Wissens. dessen organisatorische Infrastruktur über einen Think Tank bewerkstelligt werden sollte: dem Centre International d'Études pour la Renovation du Libéralisme mit Büros in N e w York. Organisationen und Institutionen von Interesse. Friedrich August von Hayek. Im Anschluss an das Walter-Lippmann-Kolloquium wurde der Aufbau eines internationalen Netzwerks von Intellektuellen geplant. Wilhelm Röpke. Konferenzteilnehmer in Paris waren unter anderen Hayek. Theoriegeleitete empirische Analysen sind u. bisweilen weniger erfolgreich in die öffentliche Diskussion einzubringen. des Alltagsverstandes und schließlich der Politik in neoliberaler Perspektive verändern wollten. was wiederum ein wichtiges Moment emanzipativer Praxis ist. Die Genese des Neoliberalismus lässt sich bis in das Jahr 1938 zurückverfolgen. Daher wenden wir uns nun einem weltanschaulich und letztlich gesellschaftspolitisch zielstrebigen neoliberalen Netzwerk von Intellektuellen und Think Tanks zu. Milton Friedman und anderen gegründete Mont Pelerin Society spielte eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung von Organisationen. Jacques Rueff. inwiefern normative Grundlagen und Denkprinzipien als Hintergrundwissen von Wissenschaftlern und Intellektuellen bewusst und kollektiv entwickelt werden. Der Zweite Weltkrieg setzte diesem ersten Anlauf zur Gründung einer neuartigen »neoliberalen Internationale« indes ein jähes Ende. die führenden Köpfe der schließlich 1947 ins Leben gerufenen Mont Pelerin Society. Dabei sind nicht zuletzt die hochgradig organisierten Zusammenhänge einer Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlichen Personen. die anlässlich des Erscheinens von Walter Lippmanns Buch The Good Society in Paris organisiert wurde. der oft leicht geäußerte Vorwurf der Ideologie als hilfloser Vorwurf verwendet wird. Das philosophische und wissenschaftspolitische Vorhaben wurde erstmals auf einer Konferenz konkretisiert. mit und über die wissenschaftspolitischer Einfluss entwickelt werden konnte.E. Es richtete sich sowohl gegen die traditionelle liberale Vorstellung des Laisser-faire als auch gegen kollektivistische Ansichten und wurde dort auf den Begriff des Neoliberalismus gebracht. der Wirtschaftspolitik und der Europäischen Integration) bisweilen mehr. Michael Polanyi und Ludwig von Mises. Am Beispiel MPS und der von vielen MPS-Mitgliedern gegründeten Think Tanks kann allgemeiner erörtert werden. um darauf aufbauendes Wissen in einem breiten Themenspektrum (z. London und Genf. um zu einem besseren Verständnis des Neoliberalismus zu kommen. . Die nach dem Zweiten Weltkrieg von William E. Rappard. Louis Rougier. notwendig.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 355 bzw.B.

was sich als offizielles Kernprogramm der MPS herauszuschälen begann: Es galt zunächst. wonach die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen einflussreicher sind als gemeinhin angenommen. den Kampf um die Köpfe der Eliten aufzunehmen. die dem Sozialismus nahe standen. denen sozialistische Experten in vielen Fragen den Rang abgelaufen hätten.356 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Intellektuell und programmatisch stand von H a y e k im Zentrum der Initiative. den »Kollektivismus« wirksam zu bekämpfen. gelangten ihm zufolge Intellektuelle. Röpke benannte das zweifache inhaltliche Anliegen der neoliberalen Gruppierung besonders deutlich. Röpke begründete die neoliberalen Organisationsanstrengungen inhaltlich mit der unumkehrbaren Politisierung der Wirtschaftswissenschaft in der Massengesellschaft. Weil das intellektuelle Personal der Bildungs. Sie seien aufgrund ihrer beruflichen Positionen einflussreicher als die klassischen Experten und als die liberalen Eigentümer der Medienkonzerne. an die Schaltstellen der gesellschaftlichen Diskurse. Das Ziel bestand darin. Beeindruckt von Keynes' Verdikt. konstatierte von Hayek zunächst einen Niedergang der Rolle von echten Experten.und Wissenschaftsorganisationen im Zuge der Ausweitung der höheren Bildung zunehmend aus den Mittelklassen rekrutiert werde. dessen naturalistisches Marktverständnis. H a y e k stellte darüber hinaus aber auch einen inhaltlichen Kompetenzverlust der liberalen Experten fest. H a y e k erläuterte und beklagte zugleich die mit der Multiplikation von Organisationen in Wissenschaft. In seiner Schrift aus dem Jahr 1949 Die Intellektuellen und der Sozialismus begründete er die Notwendigkeit. in einer internationalen Akademie neoliberale Akademiker und ausgewählte Praktiker aus vielen Disziplinen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen zu versammeln. weil die Politiker »Sklaven des Denkens längst verblichener Ökonomen« (Keynes 1936: 323) seien. Im Kern begründete er mit seiner Analyse das. Zum anderen war der klassische Liberalismus zu überwinden. um wieder Anschluss an die sozialistische Konkurrenz zu finden. Es galt zum einen. harmonisches Gleichgewichtsdenken und dualistische Konzeption von Markt und Staat im Gefolge der Großen De- . deren autoritative Rolle in Wissenschaft und Politik durch eine neue Klasse von intellektuellen »second hand dealer in ideas« (Hayek 1949: 222) beschränkt werde. Publizistik und Medien einhergehende Verschiebung der Kontrolle über autoritatives Wissen. fern vom tagespolitischen Geschehen kollektives Debattieren und Lernen in neoliberalem Rahmen zu ermöglichen. Auch dem in der Schweiz lehrenden deutschen Ökonomen Wilhelm Röpke kam eine Schlüsselfunktion zu.

Unter Punkt 4 wird die Verständigung über soziale Mindeststandards angemahnt. Vor diesem Hintergrund ist die weit verbreitete Kritik am Neoliberalismus unzutreffend. individuelle Freiheit und gesellschaftliche Mobilitätschancen positiv zu sichern. Unter Punkt 2 der Grundsatzerklärung wird demgegenüber die Aufgabe der »Redefinition der Funktionen des Staates zur klareren Unterscheidung zwischen totalitären und liberalen Ordnungen« zum Programm erhoben. In diesem Kontext werden die vielfach geäußerten Vorbehalte von Neoliberalen gegen die parlamentarische Demokratie ebenso interessant wie die feinsinnige Unterscheidung Hayeks zwischen einem autoritären Staat. und einem totalitären Staat. Dessen Hauptaufgabe wurde von neoliberaler Seite im Gegensatz zur Laisser-faire-Doktrin darin gesehen. die zwischen 1947 und 1998 statt- . den er bisweilen für erforderlich hielt. den er in jeder Hinsicht ablehnte. weil es die normativen Grundlagen und Denkprinzipien der neoliberalen Intellektuellen fixierte.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 357 pression nach dem Börsenkrach von 1929 als gescheitert angesehen werden mussten (vgl. Dies indiziert eine deutliche Abkehr vom klassisch liberalen Staats. Die parlamentarische Demokratie und die Koalitionsfreiheit gehören jedenfalls nicht zum schriftlich fixierten neoliberalen Minimalkonsens des auf dem Gründungstreffen 1947 verabschiedeten und bis heute nicht geänderten Statement of Aims der MPS. das mit der Akzeptanz einer erweiterten Funktion des Staates einherging. die in neoliberalem Grundsatzverständnis allerdings nicht in Gegensatz zur »Initiative« und zur »Funktionsweise des Marktes« geraten dürfen.und Freiheitsverständnis (»negativ«: nicht Einmischung). Philosophische Grundsatzfragen nahmen kontinuierlich einen großen Raum auf den 32 General Meetings ein. Das Neue des Neoliberalismus bestand somit im Kern in einem politischen Verständnis der Zusammenhänge von Staat und Markt. die kapitalistische Marktökonomie. Zmirak 2001). das wiederum nur vor dem Hintergrund des Kampfes des aufstrebenden Bürgertums gegen den absolutistischen Feudalstaat verständlich wird. Das neue positive Verständnis begründete und implizierte jedenfalls einen keineswegs marginalen Staatsinterventionismus. auf deren Basis sich die weit verzweigten Aktivitäten des neoliberalen Lagers innerhalb und außerhalb der MPS entwickelt haben. also keineswegs die Abschaffung oder einfache Minimierung des Staates propagiert. Dieses vom britischen Ökonomen Lionell Robbins verfasste (wissens-)politische Grundsatzprogramm der MPS verdient Beachtung. der häufig auf Marktradikalismus und Anti-Etatismus reduziert wird.

Liberalismus und Christentum. Sir Anthony Fisher.be/ MPS2005. ob die Organisation sich in der Öffentlichkeit politisch enthalten sollte. aber auch -kontinuität lassen sich leicht anhand der vom Liberaal Archief in Gent verfassten Dokumentation der MPS-Konferenzen nachvollziehen (http://www. Plehwe/Walpen 2006: 33-40). wonach ein grundlegendes neoliberales Umdenken in der Gesellschaft nur in einer langfristigen. die von Walter Lippmann in den 1930er Jahren formuliert und von Hayek aktualisiert worden war. wie es die Grundsatzerklärung vorgesehen hatte. sich über mehrere Generationen erstreckenden Perspektive erreicht werden könne (vgl. hope exists that the principles and policies of neoliberalism will find a promising field of activity and development there. Von Mitte der 1950er Jahre an gelang es. unterscheiden sich aber in vieler Hinsicht von der wesentlich pluralistisch verfassten akademischen Forschung. die Ergebnisse der neoliberal ausgerichteten akademischen Forschung unter Marketing-Gesichtspunkten verbreitet. Walpen 2004: Kap. Anfang der 1960er Jahre hatte sich eine Mehrheit für die Einschätzung gefunden. III). Die bemerkenswerte Themenvielfalt.358 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen fanden. vgl. Immer wieder ging es darum.pdf). Eine Strategie zur öffentlichen Intervention existierte gleichwohl. wie dem Kronberger Kreis/Frankfurter Institut-Stiftung Marktwirtschaft. Diese stellen sich als unabhängige und überparteiliche quasiwissenschaftliche Institutionen dar. In Deutschland werden von mit MPS-Mitgliedern verbundenen Think Tanks.« In den 1950er Jahren wurde in der MPS heftig über die Frage gestritten. über den britischen Geschäftsmann aus dem Kreis der MPS. laisser aller is as much out of the question in underdeveloped areas as elsewhere. sie sollte aber mittelbar und dezentral erfolgen und sich nicht im politischen Alltagsgeschäft erschöpfen. also zielgruppen. inoffizieller Aufgabenbereich der MPS die Gründung und Entwicklung eigenständiger Institutionen heraus. Liberalismus und Europäische Integration. So schloss der Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung Carlo Mötteli seine Zusammenfassung der Diskussion über das Thema Liberalismus und unterentwickelte Länder auf der 1951 im französischen Beauvallon abgehaltenen MPS-Konferenz folgendermaßen: »But while the old system of laisser faire.und . die zur Verbesserung der öffentlichkeitswirksamen Vermittlungschancen neoliberaler Perspektiven beitragen sollten. So kristallisierte sich im Laufe der Zeit als zweiter.liberaalarchief. die erarbeiteten neoliberalen Grundlagen auf konkrete wissenschaftliche Disziplinen und Themenfelder zu beziehen (zum Beispiel Liberalismus und unterentwickelte Länder. neoliberale Think Tanks zu gründen.

Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 359 medienspezifisch publiziert. Haas 1992 zum Ausstieg aus der F C K W Produktion). Der Kronberger Kreis griff zum Beispiel mit prägnanten Mehr Mut zum Markt-Traktaten seit den 1980er Jahren in die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung über verschiedene Themen ein. Den Organisationsanstrengungen der neoliberalen MPS kann jedoch eine Vorreiterrolle attestiert werden. Während der Erfolg einer »epistemischen Gemeinschaft« in einem Themengebiet mit sozialwissenschaftlichen Methoden mitunter anschaulich dokumentiert werden kann (vgl. umfassender und langfristiger angelegt ist. Arbeitsmarkt und Steuerpolitik. einer Meta-Diskursgemeinschaft vor. Konflikt. Zur Erforschung von Reichweite und Grenzen der wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Einflussnahme der MPS schlagen wir daher die Kategorie einer transnationalen Weltanschauungsgemeinschaft bzw. wie Sozialversicherung. jedenfalls nicht auf die wissenschaftliche Arbeit beschränkt wird. Verschwörungstheoretische Deutungen und Einschätzungen verbieten sich für das präzise erfassbare neoliberale Lager.und Akteurskonstellationen. Im Lager der linken Globalisierungskritiker und bei kommunitaristisch inspirierten Intellektuellen-Netzwerken lassen sich ähnliche Entwicklungen beobachten. Das Gleiche gilt für die mit dem Neoliberalismus konkurrierenden Zusammenschlüsse. Die weltweite Vernetzung neoliberaler Intellektueller und ihre organisatorische Infrastruktur können mit den bisherigen Konzepten zur Diskussion wissenspolitischer Akteure nicht hinreichend erfasst werden. Knapp 150 Mitglieder der bis heute insgesamt mehr als 1. .000 Mitglieder umfassenden Organisation sind oder waren bei einem Think Tank beschäftigt. Die Messung des Einflusses von Ideen im Allgemeinen und von weltanschaulich geprägten »Denkkollektiven« (Ludwig Fleck) im Besonderen stellt die vergleichende Sozialforschung vor schwierige Aufgaben. verbietet sich im Hinblick auf viel breiter arbeitende weltanschauliche Denkkollektive eine themenunspezifische Generalisierung aufgrund der Vielzahl von bearbeiteten Sachthemen. Nach dem Einstieg mit dem Institute of Economic Affairs in London stieg die Zahl bis heute auf weltweit mehr als 100 Think Tanks. weil sie sowohl grundsätzlicher als auch umfassender angelegt sind. weil deren Arbeit viel breiter. Gleichzeitig reicht der Einfluss von Weltanschauungsgemeinschaften zweifelsohne viel weiter. an deren Arbeit MPS-Mitglieder in führenden Positionen beteiligt sind.

Alltagsprobleme werden kaum thematisiert und wenn. -Verweigerung . die Schicht der herrschenden bürgerlichen Klasse zu analysieren. Darunter versteht man keineswegs eine fest organisierte Schicht der Bourgeoisie. wo sie sich selbst positionieren. sie als soziales Geschehen betrachten. Grossaktionäre. Die Welt. die Oberaufsicht (sprich: Management) der Firmen und Konzerne. wichtige Funktionäre internationaler Organisationen u. Strukturell bedingte Ungerechtigkeit wird beschwiegen und immer wieder als je individuelles Problem .).reartikuliert und damit als persönliches Verschulden abgetan. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935: 102) Um die neoliberalen Intellektuellen zu analysieren. kann prinzipiell auf eine ganze Reihe von Forschungsansätzen und -arbeiten zurückgegriffen werden.« (Kofler 1997: 270) Diese Aufgabenstellung ist wichtig. um den gesellschaftlichen Ort der neoliberalen Intellektuellen zu bestimmen und dabei genauer hinzusehen. sich durch Reichtum und Muße auszeichnende amorphe Gruppe. Adressaten sind mehrheitlich die Mitglieder der herrschenden Klasse (seien das neokonservative oder neoliberale Toppolitiker/-innen. die die meisten neoliberalen Intellektuellen bereisen und . was für einen Lebensstil sie führen und an wen sie sich in ihren Texten und Reden richten. Intellektuelle und Studierende (als Zukunftsgeneration). dann meist sehr abstrakt. Will man eine Entdeckung als solche untersuchbar machen. ohne die die Entwicklung und Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft nur unzureichend verstanden werden kann: die bürgerliche E[lite].a.h. Einen Ansatz im Marxismus liefert Leo Kofler. unterdrückte und arme Menschen sprechen. so muß man sich auf den sozialen Standpunkt stellen: d. Die individualistische Perspektivenverengung bringt es auch mit sich. Konzernbesitzer.insbesondere als eines der Leistungsbereitschaft resp.360 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen 3. sondern eine in einem weitläufig vermittelten Verhältnis zur scheinbar allein herrschenden politischen Führungsschicht stehende. Ludwik Fleck. wo sie öffentliche Reden halten und wie sie insbesondere über ausgebeutete. dass gerne einzelne Erfolgsgeschichten nach der Vom-Tellerwäscher-zum Millionär -Szenographie dargeboten werden. D a s n e o l i b e r a l e D e n k k o l l e k t i v Einem individuell-erkenntnistheoretischen Standpunkte bleibt unser Problem [der wissenschaftlichen Entdeckungen] unlösbar. Er hat auf den kritischen Aspekt marxistischer Forschung über die Intellektuellen und Eliten hingewiesen: »Es gehört zur kritisch-marxistischen Arbeit.

Die Anfangszeit zeichnete sich für etliche Mitglieder noch durch einen »bescheideneren« Lebensstil aus. rechtfertigen oder schönreden. sondern Wissenschaft auch in Beziehung zur Gesellschaft untersucht. Neid usw.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 361 bewohnen. die aus ihren spezifischen Tätigkeiten als Tuis (Bertolt Brecht) entstehen. Verallgemeinerungsfähig ist diese Welt nicht.a. Revolution. Es ist u. die Topwohnlagen usw. Genauso wichtig ist es aber. Diese Blickrichtung auf die neoliberalen Intellektuellen bestimmt vor allem ihren spezifischen gesellschaftlichen Ort. Durch die Einübung des »richtigen« Denkstils. Sie wurde in jüngster Zeit z. wo er über einen »kleine[n] esoterische[n] und ein[en] größere[n] exoterische[n] Kreis« (Fleck 1935:138) schreibt und auch auf die Wirkung der öffentlichen Meinung (139) Aufgrund des von uns gesichteten Archivmaterials gelangen wir zu dieser Schlussfolgerung. die »gated coramunities«. von Jürgen Nordmann (2005) als zentraler Bezugspunkt kritischer Neoliberalismusforschung gewählt. der Annehmlichkeiten.« (Fleck 1935: 137) Um solche Zusammenhänge untersuchen zu können. Fleiß und das Bekenntnis zu den neoliberalen Zielen können Intellektuelle in diese Welt gelangen. Die genauere Beschäftigung mit dem neoliberalen Denken erfolgt der praktischen (Aus-)Wirkungen wegen. Ortega y Gassets Aufstand der Massen). Das wird u. diese Welt des Renommees. kaum aus eigener Erfahrung. Am Beispiel der MPS-Mitglieder kann beobachtet werden. Muße und des Reichtums. das wissenschaftliches Denken. 8 Das Komplementärstück zur individualistischen Perspektive ist der Massen-Diskurs (vgl. den Bezug zu den Klassen und die materiellen Vorteile. Herrschaftskritisch wären die oben gemachten Ausführungen empirisch noch ausführlich darzulegen. »Zu jedem Denkstil parallel verläuft dessen praktische Auswirkung: die Anwendung.a. was nicht heißt. weil er nicht nur die wissenschaftliche Innenperspektive verfolgt. Kurz: Die neoliberalen und neokonservativen Intellektuellen positionieren sich selber im Bereich der herrschenden Klasse im Sinne Kofiers und üben ihre Tätigkeiten organisch für diese aus (oder streben dies an). wie sich diese in den ersten beiden Jahrzehnten schnell in die gesellschaftlichen Regionen von »Reichtum und Muße« (Kofler) bewegten. die auf zahlreiche junge Intellektuelle eine Attraktionskraft ausübt. Gier. bietet sich Ludwig Flecks Arbeit Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache an. Die Masse vereinigt Bedrohung. Fleck bietet sich für eine wissenschaftstheoretische und wissenssoziologische Reflexion des Neoliberalismus an. sind inzwischen Nobelhotels und -ferienorte.B. dass sie unkritisch alles gutheißen. Chaos. Favelas. den Alltagsverstand und das neoliberale Imaginäre zu analysieren. 8 . dort deutlich. städtische »Problem«Quartiere und das entsprechende Alltagsleben der Menschen dort kennen sie von den Medien her. Slums. was diese tut und sagt.

ist sein klarer Blick auf Aspekte wie das »Gefühl der Denksolidarität im Dienste einer überpersönlichen Idee«. Flecks Arbeit auf ihre spezifischen Bedingungen hin kritisch durchzuarbeiten.« (141) Was Fleck gerade für die Analyse der MPS interessant macht. Zudem werden auch die Medien in ihrer Wirkungsweise behandelt: »das gedruckte Wort. das einen neoliberalen Denkstil entwickelt. um Mentalitätsfragen zu untersuchen.B. Im Rahmen dieses Artikels möchten wir uns daher. Fleck ordnet einem Denkkollektiv genau einen Denkstil zu.und Sozialwissenschaften nicht grundsätzlich.B. Fleck verdeutlichte seine Theorie an einem Beispiel aus der medizinischen Forschung zur Syphilis. Flecks Ansatz hervorragend geeignet. das MPS Mitglied und Haushistoriker Ronald Max Hartwell mehrfach die »camaraderie« in der MPS (1995: 216. Fn.362 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen eingeht. 9 .B. dass Fleck folgend eine exakte Zuordnung von Denkkollektiv und Denkstil problematisch ist. wie Steve Füller (2000: 19. Weil sich darüber hinaus weitere Elemente des Neoliberalismus bestimmen lassen. In dieser Perspektive umfasste der neoliberale Denkstil den Markt. gesprochen werden. trotz aller Entfernung und trotz geringen persönlichen Verkehres. Z. 226). 9 Zudem ist. Diese Bestimmung ist tragfähig. das Kino und das Radio ermöglichen die gedankliche Wechselwirkung innerhalb der Denkgemeinschaft und den Zusammenhang zwischen den esoterischen und exoterischen Kreisen. die zur Auflösung von Problemstellungen führen. eingehender mit seinem Ansatz beschäftigen. »individuelle Freiheit«. aber auch aufgrund von einigen uns problematisch erscheinenden Aspekten von Flecks Konzeption. z. rule of law und »beschränkte Demokratie«. Dabei konnte er zeigen. das Konkurrenzprinzip und das Preissystem als jene Stilelemente. wenn weiterhin im Anschluss an Fleck der Denkstil weiter gefasst ist als eine Wissenschaft (vgl. 40) richtig bemerkt. müsste die Bedeutung von Experimenten genau untersucht und bestimmt werden. 1935: 137) und die inhaltliche wie begriffliche Bestimmung relativ abstrakt gefasst wird. die »gemeinsame Stimmung« oder gar die »Stimmungskameradschaft« (140). Insofern unterscheiden sich Natur. 218. so zeigt sich schnell. wie die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnis mit der Gesellschaft verknüpft ist und auch. Gleichwohl kommen aber die Sozialwissenschaften nicht umhin. wenn wir einige weitere Ausführungen Flecks zum Denkstil in Betracht zie- So betont z. dass ein naturwissenschaftlicher Denkstil durchaus von mythologischen Diskursen oder vom »Aberglauben« abhängen kann. Anknüpfend an Fleck kann im Hinblick auf die Mont Pélerin Gesellschaft von einem neoliberalen Denkkollektiv.

Dazu muss erstens die insgesamt engräumige Betrachtungsweise von Fleck überwunden (vgl. durchaus als komplex verfasst: »Ein Individuum gehört eben mehreren Denkkollektiven an« (Fleck 1935: 61). der auch bei Fleck selbst die Individuen A und B übersteigt: »Ob Erkenntnisse vom individuellen Standpunkte Wahrheit oder Irrtum. ist es wichtig. Die Bestimmung des Denkstils durch Fleck ist aber insgesamt zu wenig kohärent. Begriffsbildungen. die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen. vgl. 6. Füller 2000: 19. dann ist der Gedanke für beide entweder wahr oder falsch. Gehören A und B demselben Denkkollektiv an.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 363 hen. die den Denkstil bilden.« (Fleck 1935: 58. Gerade weil Denken und Erkennen »soziale Gebilde katexochen« (58) sind. in: MEW 3: 6) in der je spezifischen Ausprägung mit seinen Antagonismen und Widersprüchen genauer zu analysieren. Die Wahrheit ist Fleck zu Folge »innerhalb eines Denkstils vollständig determiniert.« (55) Um vom (neoliberalen) Denkkollektiv und Denkstil sprechen zu können. so vermag er wiederum nicht den Diskussionsprozess und die soziohistorische Dimension des Denkkollektivs zu erfassen. unterliegen »fortwährender Veränderung« (85). dass er auf den einzelnen Gedanken bezogen genau zu einer Auflösung des Wahr-Falsch-Kriteriums führt. verstärkt oder abgeschwächt. derselbe Gedanke sei für A wahr und für B falsch.« (131) Wird der Denkstil so eng gefasst. Auffassungen und Denkgewohnheiten.B. beeinflussen andere Erkenntnisse. da er für einen von ihnen unklar sein muß oder von ihm anders verstanden wird. eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes. den Widerspruch zwischen Flecks statischen Identitätsannahmen einerseits und seinen Einsichten in dynamische Entwicklungsprozesse andererseits aufzulösen. ob sie richtig oder mißverstanden scheinen. Fn. wie sie Fleck selbst eingeführt hat: »Definieren wir >Denkkollektiv< als Gemeinschaft der Menschen. sie wandern innerhalb der Gemeinschaft. Er ist bestimmter Denkzwang und noch mehr: die Gesamtheit geistiger Bereitschaften. das Bereitsein für sol- . werden geschliffen. Fleck verstand zudem das Individuum. wenn er z. sagt: »Denkstil ist nicht nur diese oder jene Färbung der Begriffe und diese oder jene Art sie zu verbinden. Gehören sie aber verschiedenen Denkkollektiven an. 85) Die Lehren. 40) und zweitens neben den zentralen Begriffen auch der Erkenntnisprozess genauer untersucht werden. Man kann nie sagen. These über Feuerbach. also eines besonderen Denkstiles. ist das »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (Marx 1845. so ist es eben nicht derselbe Gedanke. so besitzen wir in ihm den Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes. umgeformt. ähnlich wie Brecht.

Schon in seinem 1922 geschriebenen. können paradoxerweise mit dem wissenschaftssoziologischen Denkstilverständnis von Karl Mannheim überwunden werden. wenn sie überhaupt als einem Stil angehörig bezeichnet werden. ohne dass damit vieles oder gar alles zu grob über denselben Kamm geschoren wird (vgl.und Wahrheitsanspruches durch Lukäcs). dem Sozialen vornimmt. geht also weit über das engere wissenschaftliche Feld hinaus: »Wir sprechen von einem Denkstil im Gegensatz zur bloßen Differenz der Denkrichtungen.außer Mannheim (Füller 2000: 19. Fn. vor allem den Denkstil betreffend. Hull 2006 zu Mannheims Begründung eines »freischwebenden« Intellektuellen u. sondern soziogenetisch sind die Gebilde und die dazugehörigen Erkenntniszusammenhänge erfaßt.« (Mannheim 1922: 97) Der von der Rhetorik und Poetik herkommende Stilbegriff (Müller 1998) wurde von Mannheim auf den wissenschaftlichen Bereich übertragen. zum bisweilen großen Dissens innerhalb des neoliberalen Denkkollektives Walpen 2004). Die aufgezeigten Widersprüche in Flecks Verständnis. sondern dem dazugehörigen Gruppenerlebnis zuzurechnen. 1925a) in Anwendung des Begriffes bei seiner Analyse des Konservatismus. vgl. Vom Denkstil spricht Mannheim 1925 (vgl. wie die betreffenden Momente des Werkes und die dazugehörigen Erlebniszusammenhänge nicht dem schöpferischen Individuum. 40).« (85) Erst durch die genauere Untersuchung und Bestimmung der jeweiligen Begriffsfärbung und -verbindung sowie durch das Herausarbeiten der spezifischen (hier: neoliberalen) Bereitschaft für das Sehen und Handeln der Akteure wird es letztlich möglich. Karl Mannheim beschäftigte sich mit der Thematik Stil und Denkstil früher als Fleck. sondern wenn . wobei er eine Verschiebung weg vom Individuum und hin zur Gruppe bzw.364 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen ches und nicht anderes Sehen und Handeln. wenn es sich bei der wahrnehmenden Verschiedenheit im Denken nicht nur um theoretische Differenzen handelt. obwohl dieser in seiner späteren Wissenschaftssoziologie hinter das bei Fleck entwickelte soziale Verständnis von Wissenschaft und Intellektuellen zurückfällt (Konrad/Szelenyi 1979. aber nicht publizierten Artikel Über die Eigenart kultursoziologischer Erkenntnis setzte sich Mannheim mit dem Stil-Begriff auseinander: »Nicht individual-genetisch. den Neoliberalismus trotz unterschiedlicher Ansätze und Strömungen unter einem Begriff zu fassen. Unter dem Aspekt des >Stiles< einen Formzusammenhang und einen dazugehörigen Erlebniszusammenhang zu erfassen bedeutet soviel.a. Dieser erwähnt alle bedeutenden Wissenssoziologen seiner Zeit . als Reaktion auf die Begründung eines marxistischen Rationalitäts.

Zweifellos ist ein kritischer Rückgriff auf die Arbeiten von Mannheim und Fleck bei den Bemühungen um eine theoretisch genauere Fassung von Denkstilen insgesamt und der spezifischen Analyse des neoliberalen Denkkollektives. Anm. im Hinblick auf Geldtheorie und Monetarismus) durchaus ebenso zum neoliberalen Denkstil gezählt werden wie der deutsche Ordoliberalismus und die Österreichische Schule für Nationalökonomie. sich intensiv mit den vielfältigen Wissensstrukturen (Strange 1988: 115) zu beschäftigen. eine verschiedene Einstellung und eine verschiedene seinsmäßige Beziehung zu dem zu erkennenden Gegenstand aufweisbar ist. den Neoliberalismus viel genauer. so lenkte auch Mannheim bei der Untersuchung eines Denkstils die Aufmerksamkeit auf das Fehlen bestimmter Begriffe. Ausgehend von Mannheim kann ein Denkstil durchaus mehrere Denkrichtungen mit unterschiedlichen Theorien und Methoden umfassen. Cornelius Castoriadis (das Imaginäre) sowie Gramsci (organische Intellektuelle.« (Mannheim 1925b: 227. solange eine Weltanschauungstotalität besteht.a.) wichtig.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 365 hinter der aufweisbaren theoretischen Verschiedenheit eine Verschiedenheit der dahinterstehenden Weltanschauungstotalität steht. Ähnlich wie Althusser in seiner symptomatischen Lektüre auf die Leerstelle im Text geachtet hat. Benedict Anderson (imaginäre Gemeinschaft). das Imaginäre).T. scharfen wissenschaftlichen Differenzen (z. 10 .B. der Wettbewerbstheorie) bestehen.E. Darüber hinaus sind aber auch Begriffe und Theorien von Louis Althusser (Überdetermination.und kapitalismuskritische Perspektive kommt nicht umhin. dass bestimmte charakteristische Begriffe. obwohl zwischen diesen beiden ökonomischen Denkrichtungen erhebliche Differenzen im Hinblick auf neoklassische Grundlagen (z. im Besonderen außerordentlich ergiebig. 5) Ein Denkstil zeichnet sich durch eine je spezifische Perspektive aus. um ein besseres und genaueres Verständnis neoliberaler Diskurse zu erarbeiten. was noch wichtiger ist. als es die letztlich auf den wissenschaftlichen Bereich eingeengte Begriffsverwendung von Fleck tut. 10 Diese Bestimmung von Denkstil erfasst u.B. also neben der Wissenschaft im engeren Sinne u. Alltagsverstand. und wenn. Weltanschauung u. aber auch deren Gegenbegriffe verwendet werden. mit Mannheims Denkstil-Ansatz bietet sich deshalb für eine Verknüpfung mit Diskurs-/Texttheorien an.a. So können Friedman und Hayek also trotz der z. das den neoliberalen Denkstil entwickelt und reproduziert hat. Das zeigt sich im Diskurs daran. Eine über Fleck und Mannheim hinausgehende herrschafts.

Feministinnen.auszuarbeiten und zu formieren (vgl. sondern auch die Versuche.« (Fleck 1935: 135) Im Gegensatz zu Fleck verortete Gramsci diese Problemstellung innerhalb der Antagonismen der kapitalistischen Produktions. Verlage. sind nicht nur der hohe Stellenwert. Utopien. Insofern kommt den Einführungen in die Wissenschaften (von den textbooks über Kurzfassungen und Lexikonartikel bis zu den Einführungsseminaren) eine eminente Bedeutung zu: »Die Einführung in einen Denkstil. dass sie »permanent und organisiert den eigenen Glauben 11 Nach F . Dies ist die Wirkung der Aneignung eines Denkstils. der insgesamt den Wissenschaften zukommt.« (Fleck 1935: 137) Neoliberale Intellektuelle nutzen die mit dem etablierten wissenschaftlichen Objektivitätsverständnis verbundene Autorität der »Wahrheit« für ihren weltanschaulichen Denkstil. selbständiger Existenz der Welt. über sie Intellektuelle zu rekrutieren und von dem neoliberalen Statement of Aims zu überzeugen. NGOs. Medienverantwortliche. Mirowski/Plehwe).) werden neoliberale Selbstverständlichkeiten in den Gesellschaften vielförmig erarbeitet und vielstimmig verkündet. die wir aus der Ethnologie und Kulturgeschichte kennen. Sie wirken nicht nur formell: der heilige Geist senkt sich auf den Neuling herab und bis jetzt Unsichtbares wird ihm sichtbar. Die Wirkung dieses vielstimmig verkündeten Denkstils werden ab Mitte der 1980er Jahre zunehmend »manifester«: »Dieses zusammenhängende Geflecht verleiht der >Tatsachenwelt< massive Beharrlichkeit und erweckt das Gefühl fixer Wirklichkeit. den neoliberalen Denkstil . Den MPS-Intellektuellen gelang es in den 1950er und 1960er Jahren. Politikberatung. Was die wissenschaftlichen Aktivitäten im Neoliberalismus kennzeichnet.und Wissensformen und ihrer spezifischen Artikulation. Eine vorgeblich sachlich-neutrale Wissenschaft dient als Mittel zum Überzeugen. Über zahlreiche Kanäle (Journalismus. Schriftsteller. Richter usw. Glauben. Parteienvertreter. Für eine Klasse ist es entscheidend. Imponieren und Einwirken auf den Alltagsverstand und die »Masse«. also auch die Einführung in eine Wissenschaft sind erkenntnistheoretisch jenen Einweihungen analog. Prediger.366 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Überzeugungen.sowohl nach innen als auch nach außen . Es entstand ein »stabile[s] oder verhältnismäßig stabile[s]« Denkkollektiv (Fleck 1935: 135)11 des Neoliberalismus. Spätestens seit den 1970er Jahren wurden die engen Grenzen der MPS überschritten. Wahrnehmungs.und Lebensweise. Aktivisten.

weil sie den »Massen« zutiefst misstrauen. auszeichnet.) gemacht werden. »so beharrt es beständig gegenüber allem Widersprechenden« (Fleck 1935: 40). James Tobin hat versucht. jeden Augenblick und immer mit ähnlichen Argumenten kämpft und eine Hierarchie von Intellektuellen aufrechterhält. bei aller Vielfalt. weil sie dadurch die kapitalistische Ordnung insgesamt bedroht sehen. Diskursiv wird versucht. die sie als organische Intellektuelle der herrschenden Klasse einnehmen. Ist es einmal geformt.« (GH 11. unermüdlich dessen Apologie wiederholt. Tobin zufolge liegt diese Entwicklung darin begründet. 13 Demokratischen Verfahrensweisen und Politiken stehen Neoliberale generell skeptisch gegenüber. Vergünstigungen u. The problems remain. a second counter-revolution that has absorbed and breathed new life into the first. Sei es z.12 Der Widerstand gegenüber der Kritik ist bei den heutigen neoliberalen Intellektuellen nicht nur denkstilmäßig bestimmt. »das aus vielen Einzelheiten und Beziehungen besteht«. den Gründen für die falsche Vorhersage Johnsons auf die Spur zu kommen: »The flaws Johnson detected have not yet proved fatal. Was ihr Denken heute. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Beharrungskraft der Angebotsökonomie: Der Ökonom Harry G. To the contrary. ist der herrschaftsförmige Ansatz zur Durchsetzung ihres Denkens. sondern auch durch den eigenen Glauben und nicht zuletzt durch die gesellschaftliche Position.T. Löhne. dass individuell und z. die entgegen seiner Einschätzung als wichtiges Element des neoliberalen Denkstils erkannt werden kann. have pulled the centre of gravity of the profession toward their positions and their methodology. nur nicht mit partizipatorischen. die dem Glauben wenigstens den Anschein der Würde des Denkens verleihen.m. a movement both more reactionary and more revolutionary than its precursor« (Tobin 1981: 30). The credit goes to a second wave of monetarism.. geschlossenes Meinungssystem« etabliert ist. instead of being absorbed into a bland and messy synthesis. wenn »ein ausgebautes.B. it has become a virtue. Modisch gesprochen sind neoliberale Ansätze top-down-orientiert. 13 Es ist wichtig anzumerken. 12 . In the ten-year interim monetarists. Johnson sagte in seinem Vortrag The Keynesian Revolution and the Monetarist Counter-Revolution 1971 (Johnson/Johnson 1978: 183-202) aufgrund von Widersprüchen der monetaristischen Lehre und der ungelösten Arbeitsmarktprobleme vorschnell eine Assimilation des Monetarismus mit der keynesianischen Lehre vorher. bisweilen gruppenspezifisch auch materielle Zugeständnisse (Stellen. Vergütungen. dass der Monetarismus ein Teil der umfassenderen konservativen Ideologie wurde. einen Marktradikalismus oder gar Marktabsolutismus mit allen möglichen Mitteln als eine fixe Bezugsgröße im Alltagsverstand zu verankern. but the failure to solve them has never been an embarrassment. oder sei es. die betroffene Bevölkerung einbeziehenden Methoden.a. § 12: 1390) Die Phase der Apologie ist dann erreicht.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 367 unterhält.

dem Marxismus und den sozialistischen Parteien und Bewegungen die (wissenschaftliche) Legitimation zu entziehen. in der staatstheoretischen Debatte) einen »Denkzwang« und einen »ausgesprochene[n] Widerwille[n] gegen denkstilfremdes Denken« aus (Fleck 1935: 137). auf die wir hier anspielen) sind offensichtlich im Imaginären verankert. Mannheim 1922) Intellektuelle Arbeit ist stets »Gemeinschaftsarbeit« und sie zeichnet sich vor allem dadurch aus. was Fleck generell zum Denken bemerkte. als unentrinnbares Sklavenverhältnis zwischen Individuum und Staat veranschaulicht.B. Die neoliberale Weltanschauung besitzt neben den core principles einen festen Bestand an Denkmustern (principled beliefs). James Buchanan (1986) hat das neoliberale Staatsverständnis in seinem Presidential talk auf der MPS-Konferenz in Saint Vincent (Italien) z. metaphorisch zum Ausdruck gebracht werden. bei der es nicht auf die Summation der individuellen Arbeiten ankommt. Daraus werden handlungsrele- .« (1935: 129. der additiven. sondern ein spezielles Gebilde entsteht« (Fleck 1935: 129). die seines Erachtens naive Vorstellungen haben von der Möglichkeit einer Vereinigung der Individualisten aller Länder. zu erreichen.ideologisch überdeterminiert.368 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Um ihr Ziel. Althusser) und gerade deshalb schwer kritisierbar. sondern entwickeln trotz manifester Kontroversen (z. Ob sie es wollen oder nicht. Wissenschaftliche Arbeiten im Neoliberalismus sind nicht kurzerhand ideologisch.nicht darum herum. Er wies damit die in der MPS ebenfalls existierenden utopistischen Vorstellungen von libertären und anarchokapitalistischen Strömungen zurück. Die besten Arbeiten zeigen ein sehr klares Verständnis des Zusammenhangs der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche. Kollektive zu bilden. gilt gerade auch für sie. z. die nichts zu verlieren haben als ihre Staaten. Sie sind den Neoliberalen »selbstverständlich« ( evident. Das unterscheidet sie von einer zweiten Form gemeinschaftlicher Arbeit.im Bereich der Wissenschaften insbesondere die methodologischen Individualisten . dem »gemeinsame[n] Heben einer Last« (ebd.um einen Begriff Althussers zu verwenden . die häufig in bildhaften Formen bzw.B. Sie wurden im neoliberalen Denkstil nicht nur zu einer »Denkgewohnheit«.B. Solche neoliberalen Denkmuster (ebenso wie die marxistischen. um für eine neoliberale Reorganisation der Staatlichkeit zu argumentieren. vgl. welche die Versklavung des Individuums möglichst gering hält (eher 10 Prozent als 50 Prozent). die keineswegs innerhalb der Grenzen des Individuums vollständig lokalisiert werden kann.). kamen auch die vehementesten neoliberalen Individualisten . dass sie »eigentliche Kollektivarbeit [ist]. sondern . es ist »eine soziale Tätigkeit katexochen.

Reviews. Berlin/Hamburg 1991 ff. 1980 Füller. 141-155 Hartwell. 46. Peter M. (1978): The Shadow of Keynes. A. Insbesondere auch von literatur. Bruce (2004): Hayek's Challenge. A.E. hrsg. Klaus Bochmann u. A Philosophical History for Our Times. um die kulturellen Dimensionen der neoliberalen Durchstaatlichung (die neoliberal bestimmte Versklavung des Individuums im Sinne Buchanans) bzw. The Collected Works of F. Chicago/London Fleck.. Mt. Bruce Caldwell. Indianapolis Hayek. Antonio: Gefängnishefte. London/New York. Neuwied/Berlin Buchanan.und kulturwissenschaftlichen Arbeiten können hierzu wichtige Beiträge geleistet werden. Lothar Schäfer/Thomas Schnelle. Chicago/London Gramsci. Italia ( Liberaal A r c h i e f . Epistemic Community Efforts to Protect Stratospheric Ozone«. Richard (2006): »The Great Lie: Markets. Max (1995): A History of the Mont Pelerin Society. Freedom and Knowledge«. Saint Vincent. 1. Cambridge and Keynesian Economics.a. Nr. Alltagsverstand und dem Imaginären genauer zu analysieren und besser zu verstehen. Neoliberal Hegemony: A global critique. Hayek.. v. daher dringend erforderlich.). (zit. Essays. Hayek. v. um den Neoliberalismus und dessen IntellektuellenNetzwerke und Diskursgemeinschaften und -koalitionen in der spezifischen Artikulation von Wissenschaft. 1-10. Jg. An Intellectual Biography of F. Bde.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 369 vante Konsequenzen gezogen. Pelerine Society General Meeting. Wolfgang (1967): Antagonistische Gesellschaft und politische Demokratie. Remarks for >Presidential Talk< at Opening Banquet«. (1992): »Banning Chlorofluorocarbons. Vol. in: International Organization. 221-237 Johnson. Literatur Abendroth. GH) Haas. in: ders.187-224 Hull. Sunday 31 August 1986. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. (1986): »Man and the State. v. X: Socialism and War. R. Understanding Keynes. Ludwik (1935): Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Weitere theoretische und konzeptionelle Arbeiten sind u. gerade auch für die eigene Arbeit der Intellektuellen. Gent: MPS Sammlung) Caldwell. Elizabeth u. hrsg. James M. Documents. die Reichweite der gesamtgesellschaftlichen Durchdringung des Neoliberalismus zu ermessen. London 1997. Steve (2000): Thomas Kuhn. Friedrich August von (1949): »The Intellectuals and Socialism«. Oxford . in: Dieter Plehwe/Bernhard Walpen/Bernhard/Gisela Neunhöffer (Hrsg. hrsg.. Frankfurt/M. Harry G.

).370 Dieter Plehwe/Bernhard Walpen Katzenstein. London/New York. Wolfgang Fritz Haug. Neoliberal Hegemony. in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer (Hrsg. Berlin/Hamburg. des Zinses und des Geldes. 203-235 Plehwe. David Kettler/Volker Meja/Nico Stehr. Hamburg. hrsg. Dieter/Bernhard Walpen (2006): »Between Network and Complex Organization. 27-50 Plehwe. Karl (1925a): »Das Problem einer Soziologie des Wissens«. Marx-Engels Gesamtausgabe. Historisches Wörterbuch der Philosophie. 1984 Marx. London . in: dies. 43 Bde. Reconsidering Neoliberal Hegemony«. Bd. Berlin/Amsterdam 1975ff. v.. (zit. An Introduction to International Political Economy. A Global Critique. in: International Organization. (Hrsg. (zit. hrsg. Berlin/DDR u. in: dies. MEW) Mirowski. Leo (1997): »Elite«. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens. Peter/Robert Keohane/Stephen Krasner (1998): »International Organization and the Study of World Politics«. 577-652 Mannheim. in: ders. in: Prokla. Philip/Dieter Plehwe (Hrsg.): The Making of the Neoliberal Thought Collective./ Gisela Neunhöffer (Hrsg. 268-272 Konrad. Frankfurt/M. 33-154 Mannheim. in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Kritik und politische Praxis. (1998): »Stil«. H. 3. A Global Critique. Karl (1925b): Konservatismus. Hamburg Plehwe. Nr. 645-685 Keynes. 1980. 1 -24 Strange. in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. in: Hans-Jürgen Bieling/Klaus Dörre/Jochen Steinhilber/Hans-Jürgen Urban (Hrsg.). John Maynard (1936): Allgemeine Theorie der Beschäftigung. Dieter/Bernhard Walpen/Gisela Neunhöffer (2006): »Introduction. hrsg. Karl/Friedrich Engels. 29. 10.. New York Mannheim. Wolfgang G. Basel.Popper und Hayek im Diskurs. Bd. Karl/Friedrich Engels. Manuskript Müller. Beiträge der Mont Pelerin Society and marktradikaler Think Thanks zur Hegemoniegewinnung und -erhaltung«.). George/Ivan Szelenyi (1979): The Intellectuals on the Road to Class Power. 115. 52. David Kettler/Volker Meja/Nico Stehr. London/New York. 53. Frankfurt/M. 225-239 Plehwe. Neoliberal Hegemony. Analyse. v. Berlin Kofler. Dieter/Bernhard Walpen (2001): »Gedanken zu einer Soziologie der Intellektuellen des Neoliberalismus«. The Making of Neoliberal Knowledge and Hegemony«. 150-159 Nordmann. MEGA) Marx. Berlin/DDR 1957ff. v. Bd. Susan (1988): States and Markets. Karl (1922): »Über die Eigenart kultursoziologischer Erkenntnis«. Jürgen (2005): Der lange Marsch zum Neoliberalismus. Marx-Engels Werke. Dieter/Bernhard Walpen (1999): »Wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Produktionsweisen im Neoliberalismus.). Jg. Vom Roten Wien zum freien Markt . Flexibler Kapitalismus. Strukturen des Denkens.

91.za/ces/default.10. Hamburg Zmirak. Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pelerin Society. Bernhard (2004): Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft. Global Economist. 29-42 Tomasi di Lampedusa. Giuseppe (1958): Der Leopard. in: The Economic Journal.Neoliberale Denkkollektive und ihr Denkstil 371 Tobin.aspP3. Jg. München/Zürich 1984 Wa Bofelo. download: http://www. James (1981): »The Monetarist Counter-Revolution Today .28. John (2001): Wilhelm Röpke. Swiss Localist.ac.ukzn. Mphutlane (2005): »Gramsci and Biko on Hegemony and CounterHegemony..An Appraisal«. and the Role of Intellectuals and Mass Participation«. Wilmington .2289 Walpen.

Januar 1979 spricht Foucault davon. wenn man die allgemeine Funktionsweise [der] gouvernementalen Vernunft verstanden hat« /43/ Die Vorlesungen des Jahres 1979 drehen sich dann auch zentral um diese Funktionsweise der Gouvernementalität und in der 12. Frankfurt/M 2004. die unter dem etwas irreführenden Titel »Geburt der Biopolitik« 2 veröffentlicht wurden. Vgl.). Bd. Jahrhunderts beim komplizierten und krisenhaften Übergang zum Fordismus der Staat als der »große Rationalisierer«. auch Susanne Krassmann/Michael Volkmer (Hrsg. die neue Sozialdemokratie setzt auf einen »aktivierenden. 1: Sicherheit. 2 Schon in der ersten Vorlesung vom 10. Anhand seiner Vorlesungen von 1978/19791 kann die Reichweite dieses Ansatzes zur Erklärung des Neoliberalismus ausgelotet werden. sich aber zentral um Michel Foucault. Bevölkerung (Vorlesungen 1978). Und in den Reihen kritischer Sozialwissenschaft wird seit geraumer Zeit Michel Foucaults Ansatz der »Gouvernementalität« als ein zentraler Schlüssel zur Erklärung neoliberaler Politikformen gehandelt. Internationale Beiträge. Auch die Linke versucht seit den 1980er Jahren bis heute in immer wieder neuen Anläufen und auch Rückgriffen auf Debatten der 1970er Jahre zu einer modernen. Geschichte der Gouvernementalität. 2. Territorium. Bd. der »Staatsaufgaben« unverkennbar. Auch seit dem zweiten Strukturbruch des Kapitalismus Mitte der 1970er Jahre sind erneut Veränderungen des Staates. Bielefeld 2007. 2: Die Geburt der Biopolitik (Vorlesungen 1979). Im Zentrum stehen dabei die Vorlesungen von 1979.Christoph Lieber Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault Zur »Agenda und Non-Agenda« des bürgerlichen Staates Nach Gramsci erwies sich in der ersten Hälfte des 20. vorsorgenden Staat« und der Neoliberalismus changiert zwischen einem »market State« und einem »starken« Staat. Michel Foucaults »Geschichte der Gouvernementalität« in den Sozialwissenschaften. die den neoliberalen Umbau von Staat und Politik auf den Begriff bringt. Im folgenden beziehen sich Seitenangaben in Schrägstrichen // auf Bd. kam in den 1990ern das »New Public Management« hinzu. April 1979 resümiert Foucault 1 . Sprach man in den 1980ern noch vom »schlanken Staat«. zeitgemäßen marxistischen Staatstheorie zu kommen. »dass die Analyse der Biopolitik nur dann durchgeführt werden kann. Sitzung vom 4.

prägte: Gesellschaftsgestaltung und -Veränderung mit Hilfe des bürgerlichen bzw. am Beispiel des westdeutschen Nachkriegsliberalismus. Dankeschön.oft initiiert von reformkommunistischen und linkssozialistischen Zwischengruppen. des »Ordoliberalismus« der Freiburger Schule und der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards. 1.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 373 die Untersuchung liberaler und »neoliberaler« Regierungsformen drehen. die bei entscheidenden Umbruch. diese Vorlesungen: »Hier scheint mir der Geburtsort der Politik zu liegen. Diese Geschichte birgt zugleich die Tragik in sich. Im Zentrum steht das ökonomische Postulat der »Entfesselung der Märkte« und der Imperativ »Führe dich selbst!«. u. in den beiden politischen Großorganisationen der Arbeiterbewegung nicht durchsetzen konnte und auch alle »dritten Wege« . Kurzer Rückblick auf das »Zeitalter der Extreme« Der Neoliberalismus ist weit mehr als neoklassische ökonomische Wirtschaftstheorie. Jahrhunderts in unterschiedlicher Weise für eine Rücknahme des Staates plädierten .« /430/ . sozialdemokratischen und linksbürgerlichen Lager keinen durchschlagenden Erfolg hatten. dass sich die Marxsche Konzeption. Jahrhunderts auf. Damit bricht ein politisches Kontinuum des 20. das beide Hauptströmungen der politischen Linken. Gut.a.im kommunistischen. sozialistischen Staates. Mit dem neoliberalen wie neu-sozialdemokratischen Umbau des Staates ist damit die Linke mit einem schwelenden Geburtsfehler ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. das war's. Sozialdemokratie wie Kommunisten. Eine eigentlich originäre Option der Linken für Formen umfassender gesellschaftlicher Selbstbestimmung jenseits des Staates droht ideologisch von der Gegenseite als ein exklusives Projekt einer »Selbstregierung des Bourgeois ohne Staat« eingemeindet zu werden. zivilgesellschaftliche Sozialismuskonzeption zielte. In der Ausstrahlung und Hegemoniefähigkeit dieser Markt-Topoi auf die Vorstellung von politischer Steuerung liegt ein Kernelement im Transformationsprozess auch der ehemals »fordistischen« Sozialdemokratie: Sie verabschiedete sich von ihrer geschichtlich gewachsenen staatszentrierten Politikauffassung.und Krisenperioden des 20. die von Anbeginn auf eine nicht-staatsfixierte. Er ist vor allem auch Gesellschaftspolitik. Dagegen wird die Linke nur mit einem zivilgesellschaftlichen Gegen-Projekt der Gesellschaftsveränderung bestehen können.

d. Es wird keine ökonomische Regierung. ist eben die Masse der Leute. Jahrhunderts und zugleich zentrale »Drehpunktperson« vom aufgeklärten (links)bürgerlichen zum konservativen (Neo)Liberalismus in den 1930er Jahren.« (ebd. dass »Individualismus und Etatismus Hand in Hand (gingen). Das ist der Aufschrei der Konsumenten. sondern eine Regierung der Gesellschaft sein.« /207/ 3 Robert Castel. goss dieses Strukturproblem der kapitalistischen Moderne 1914 in folgende Worte: »Die eigentliche Macht. 32) Nach Lippmann ist ein Symposium von 1939 benannt .) 4 .der Gründungsakt des Neoliberalismus -. als er immer noch nach der neuen Charakterisierung des Liberalismus suchte: Kann man das nicht einen soziologischen Liberalismus< nennen? Jedenfalls wollen die Neoliberalen eine Regierung der Gesellschaft.h. der schon 1899 davon spricht. sehen in dieser E n t w i c k l u n g s t e n d e n z das Paradox begründet. von der die Physiokraten träumen. die sich lauthals über die >hohen Lebenshaltungskosten beschweren. Walter Lippmann (1889-1974). Chicago und Milton Friedman. der N e w Deal in A m e r i k a u n d der sowjetische Staatssozialismus stehen gleichermaßen für die A u s p r ä g u n g eines »starken« bis »totalen« Staates u n d für die Entstehung neuer. der hier zentrale gesellschaftstheoretische Grundlegungen einer (neo)liberalen Gouvernementalität ausmacht: »Es wird sich also nicht um eine ökonomische Regierung handeln wie jene. Übrigens sagte einer der Teilnehmer des Lippmann-Symposiums 1939. die heute im Bereich der demokratischen Politik zum Vorschein kommt.« (zit.a. die Zwischenkriegszeit als krisengeschüttelter Ü b e r g a n g zu einem knappen Vierteljahrhundert Nachkriegsprosperität und die Krise des Fordismus seit Mitte der 1970er Jahre. ein großer amerikanischer Kolumnist in der ersten Hälfte des 20. S.« 4 Der italienische u n d deutsche Faschismus. daß die Regierung nur die Gesetze der Wirtschaft zu erkennen und zu beachten braucht. stärker zu sein als die Interessenvertretung der Arbeiter oder des Kapitals. 93. J a h r h u n d e r t . Die Stärkung des Sozialen.. »dass der wachsende Einfluss des Sozialstaates als ein mächtiger Individualisierungsfaktor g e w i r k t hat. ja er ist meiner Meinung nach dazu bestimmt. In diesem Zusammenhang verweist Castel auf Emile Dürkheim. Die Gesellschaft der Vermögensbesitzer. 3 die sich im Verlauf des J a h r h u n d e r t s zu Gesellschaften massenhafter Individualisierung transformierten. S. Übrigens hat Müller-Armack der Politik Erhards den bezeichnenden Begriff der Gesellschaftspolitik gegeben. Über Geld. Hamburg 2000. Dieses »Walter-Lippmann-Colloque« spielt auch in Foucaults Vorlesung eine zentrale Rolle. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. in: Fritz Fiehler. w a r e n in je spezifischer Weise v e r b u n d e n mit z w e i zentralen gesellschaftspolitischen Herausforderungen: mit der Staatsfrage u n d mit der politischen Regulierung von »Massengesellschaften«. bei dem Lippmanns in den USA und Europa vielbeachtetes Buch »The Good Society« (1937) ein erstes Programm lieferte und das den Auftakt zur späteren Gründung der Mont Pèlerin Society (1947) bilden sollte. eine Gesellschaftspolitik. indem er dem Individuum beträchtliche kollektive Sicherungsleistungen zur Verfügung stellte. Robert Castel u. Er ist alles andere als ohnmächtig.374 Christoph Lieber D i e z w e i großen Epochenbrüche im 20. Hamburg 2005.

.« (ebd. New Deal 1933-1939. S. den bürgerlichen Staat auf eine sog. Jahrhunderts . Nationalsozialismus.« (zit.und antiliberalen »Regime« vor allem in städtischen Raumgestaltungen. Jahrhundert. Entfernte Verwandtschaft. Nationalsozialismus und New Deal. Faschismus. und schließlich der Wiedereinsetzung des Staates in eine fast absolute Macht durch die Weltwirtschaftskrise. Jahrhunderts erschütterten auch die festgefügten politischen Lager. S. sondern zugleich als Grundlage für den Frieden und das kommende Reich der Brüderlichkeit. Jahrhunderts auf den Schlachtfeldern von Verdun desavouiert hatte. München 2005. neoklassizistischer Architektur.« 5 In den kapitalistisch-demokratisch reparierten Gesellschaften nach dem 1. totalitären staatlichen Lösungen arrangierten.der politische Liberalismus die sich schon zu Beginn des 20. machten Grenzen fließend und produzierten Grenzgänger. 5 . so ergibt sich ein weiterer wundersamer Parallelismus zwischen Faschismus. Lang lebe die Planung (social control) .. wurde durch diese gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung des Kapitalismus nach dem 1. Dem mehr oder weniger »idealtypischen« Bestreben des Liberalismus im 19. Schivelbusch versucht Gemeinsamkeiten dieser post. auch ehemalige Sozialisten erblick- Wolfgang Schivelbusch. Jahrhundert mit seinem monumentalen Comeback des Staates ein Ende: der sich bereits vor 1914 anbahnenden Annäherung von Staat und Wirtschaft. die sich auch mit den z.T. 51) Der Eintritt in ein solches »golden age« allerdings führte durch eine gesellschaftsgeschichtliche Katastrophe. Alle drei bedurften zur Überwindung ihrer Wirtschaftskrise einer Rüstungskonjunktur und letztlich des Krieges. Weltkrieg. Weltkrieg glaubte man. 31) Diese politischen Antworten auf kapitalistische Modernisierungskrisen bürgerlicher Massengesellschaften im ersten Drittel des 20. der totalen staatswirtschaftlichen Mobilisierung im 1.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 375 massenkultureller Formen der Bildung oder Erzwingung von gesellschaftlicher Zustimmung und Konsens. Denn »nimmt man die heute unbestrittene Tatsache (dazu). Weltkrieg die Wirtschaftskrise überwanden. Die mehr oder weniger dominante Bourgeois-Ideologie des langen 19. »Nachtwächterrolle« zu begrenzen. So waren nicht nur Teile der liberalen Mitte von der staatlichen Planungseuphorie angezogen und ließen sich sogar in den Faschismus einbinden. einem neuen Zeitalter von aufgeklärtem »democratic collectivism« entgegenzugehen. 10. die ja nichts anderes war als die große Niederlage des liberalen Kapitalismus und der Revanchesieg des Staates. dass die USA erst durch den 2. Weltkrieg ein weiteres Mal in die Defensive gedrängt. S. ebd. »bereitete das 20. »Laisser-faire ist tot.nicht nur für den Krieg. massenmedialen Formen politischer Propaganda und charismatischen Politikstilen nachzuweisen.

6 . schrieb 1932 einen zentralen »Aufsatz gegen die mögliche Anwendung der keynesianischen Methoden in Deutschland zur Lösung der Krise« /150/.). Hamburg 2006. ist zu lesen: »Die wirtschaftlichen Reserven aus der Wiederaufbauphase Ludwig Erhards erlauben es einstweilen noch. Noch im ORDO-Jahrbuch 1997. 8 In: Weltwirtschaftliches Archiv. die Wirtschaft umfassenden. Soziologie als Gesellschaftskritik. Jahrhundert. politisch-theoretischer Mitbegründer des westdeutschen »Ordoliberalismus« in den 1940er Jahren und der »Freiburger Schule«. nämlich eine auf Dauer unerträgliche Arbeitslosigkeit und eine Krise des Fiskal. Opladen 2004. ähnliche Krisenerscheinungen zu überbrücken. 36. Trotzdem sind die Aussagen Euckens bei allem zeitgebundenen Kolorit für die nicht mehr länger hinwegzudisputierende Ordnungskrise der Bundesrepublik Deutschland im Grundsatz ebenso zutreffend wie für seine Zeit. zu deren Durchsetzung der Staat lediglich vorübergehend wichtig ist. Hitler und Roosevelt? Bruno Rizzi und die Katastrophen sozialistischer Politik im 20. S. 7 Darin heißt es: »Während die ältere antikapitalistische Bewegung nämlich. die auf Marx fußt. das sich im Schwerpunktthema dem 50-jährigen Jubiläum der Sozialen Marktwirtschaft widmet. Vom Ordoliberalismus zur Sozialen Marktwirtschaft. Stalin. möglichst autarken Staat den Kapitalismus überwinden. sondern in der Differenz zwischen Liberalismus und den verschiedenen Formen des Vgl.« (zit. Jena 1932.376 Christoph Lieber ten darin revolutionäres Potenzial. Brückenschlag zwischen Mussolini. 128-139. in: Ralf Ptak. in: Stephan Moebius/Gerhard Schäfer (Hrsg. S. will der moderne Antikapitalismus gerade im totalen. 305. Wider den Verlust einer aktuellen Tradition. in diesem Zusammenhang exemplarisch die kurze biographische Skizze über einen frühen Propagandisten des »bürokratischen Kollektivismus« und späteren »liberalsozialistischen« Elitetheoretiker von Karl Heinz Roth.und Sozialstaates. die für später von Interesse sein werden. der auch in Foucaults Vorlesungen einen bedeutsamen Referenzpunkt markiert: »Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus«. 7 Euckens Aufsatz gilt als bedeutendster Gründungstext für die Entstehung des Ordoliberalismus. Stationen des Neoliberalismus in Deutschland. wie sie 1932 in den Vordergrund gerückt waren. 6 Hier soll vorerst auf drei Zeitdiagnosen abgestellt werden. S. Der Faschismus entspringt nicht dem Kapitalismus. Walter Eucken. sondern ist Folge der Schwäche des politischen Liberalismus. Bd.« 8 Diese U m w a n d lung eines liberalen in den »Wirtschaftsstaat« ist dem Kapitalismus nicht zwangsläufig immanent. das Ziel einer staatenlosen sozialistischen Gesellschaft sieht. sondern ereignet sich unter dem »Druck der Massen« und offenbart die Diskrepanz fehlender »politischer Voraussetzungen« für einen voll entwickelten Kapitalismus. 33). Die politisch entscheidende Alternative besteht mithin für die Freiburger Schule nicht im Dualismus von Kapitalismus und Sozialismus.

174. aber ohne die Annahme Benthams. in: Joachim Bischoff. 7ff. Transformation des europäischen Sozialmodells.. von neuem zwischen den Agenda und den Non-Agenda des Staates zu unterscheiden. Von der ökonomischen Struktur aus enthüllt sich eine fast lückenlose Kontinuität in der Entwicklung der theoretischen Interpretation der Gesellschaft. Es ist vielleicht die wichtigste Aufgabe der heutigen Nationalökonomen. S. kommt er zum politischen Kern seines Anliegens: »Wir müssen unterscheiden zwischen dem. Entfesselter Kapitalismus.und Industriekapitalismus zum modernen Monopolkapitalismus.auf einer Kausalbeziehung zwischen Kapitalismus und Faschismus. 10 Herbert Marcuse..L. Zur zeitdiagnostischen Einordnung der Kapitalismusanalyse der Frankfurter Schule vgl. Demgegenüber bestand der Horkheimer-Kreis . aber nützlichen Nomenklatur Agenda und Non-Agenda genannt hat.« 10 Die im Hinblick auf Foucaults Behandlung liberaler Gouvernementalität in ihren beiden Varianten des nachkriegsdeutschen Ordoliberalismus und des amerikanischen Neoliberalismus der Chicagoer Schule der 1960er und 1970er Jahre interessanteste Zeitdiagnose aus der Zwischenkriegszeit stammt aus der Feder von John Maynard Keynes.): sie liegen im wesentlichen alle auf der Linie der Wandlung der kapitalistischen Gesellschaft von dem auf der freien Konkurrenz der selbständigen Einzelunternehmer aufgebauten Handels. Nachdem er in seinem Essay »Das Ende des Laissez-Faire. daß jede Staatseinmischung sowohl >ganz zwecklos< als >ganz schädlich< sei. parallel damit geht die Aufgabe der Politik. Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung. die Ausführungen »Globalisierung und die amerikanische Herausforderung«. was Bentham in seiner vergessenen.wie aus dem berühmten Diktum seines gleichnamigen Leiters bekannt .und Harmonielehren im fast Marxschen Sinne als popularisierte »Religion der Nationalökonomen« destruiert hat. Paris 1934. Die ökonomischen Grundlagen dieser Entwicklung von der liberalistischen zur totalitären Theorie müssen hier vorausgesetzt werden (Marcuse verweist hier auf Pollocks Analyse des Staatskapitalismus 9 . Ideen zur Verbindung von Privat.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 377 Staatsinterventionismus wie Keynesianismus. 9 . Hamburg 2003.und Gemeinwirtschaft« (1926) die überschwänglichen Freihandels. (Photomechanischer Nachdruck München 1980). was sich auch noch in seiner zeitgenössischen Liberalismus-Kritik zeigt: »Die rohe Skizze der liberalistischen Gesellschaftstheorie hat gezeigt. in: Zeitschrift für Sozialforschung. Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus. wie viele Elemente der totalitären Staatsauffassung in ihr schon angelegt sind.C. S.

S.« 11 Keynes deutet auch die Richtung an..)12 Foucault wird in seiner Eröffnungsvorlesung vom 10. Vom Roten Wien zum freien Markt . Keynes. a.. Foucaults Vorlesungen von 1978/1979 Diese kurze Reminiszenz liefert den Übergang zum zweiten großen Epochenbruch im Zeitalter der Extreme: die 1970er Jahre. welche der Übernahme der Agenda gewachsen sind. Der lange Marsch zum Neoliberalismus. Hamburg 1985. 14 »Eine der Krisen der siebziger Jahre war die des Staates.entgegen der Aufbruchstimmung auf Seiten der Linken ..378 Christoph Lieber im Rahmen der Demokratie Staatsformen zu finden. in: ders. S. dazu Jürgen Nordmann..O. ist allerdings eine Erkenntnis post festum.machen. Dass dieses Jahrzehnt als die »Periode der >Entkeynesianisierung< der Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik bezeichnet werden (kann)«.« (Ralf Dahrendorf. 11 .auf der Linken wie der Rechten.. 198) 15 Wie langwierig Anfang und Ende (Krise des Fordismus) sein können. 1988. Stuttgart 1992. 1979 bei Campus (Frankfurt/M) in deutscher Übersetzung erschienen: »Der Kapitalismus von morgen« von Henri Lepage. in der seines Erachtens politische Lösungsformen zu finden sind. Ein damals führender KonIn: Harald Mattfeldt. Auf dem »langen Marsch« zum Neoliberalismus gelang es aber insbesondere in der Frage des Staatsinterventionismus den Keynesianismus weitestgehend von der liberalen Landkarte zu verbannen (vgl. Kommentierte Werkauswahl. Januar 1979 diese Benthamsche Unterscheidung erneut aus dem Vergessen holen und zu einem zentralen Gesichtspunkt liberaler Gouvernementalität . engl. Einführung in Keynes' Theorie und Politik. 13 ist nur die halbe Wahrheit. S. 13 Harald Mattfeldt. Der moderne soziale Konflikt.15 Symptomatisch für das kommende neokonservative Jahrzehnt eines »Kapitalismus als sozialer Utopie« mag der deutsche Buchtitel einer Arbeit aus Frankreich sein. 111.a.« (ebd. Daneben spielte sich in dieser Zeit auch so etwas wie eine politisch-ideologische Auseinandersetzung um die Rolle des Staates ab . dt. 12 Keynes verkörpert damit innerhalb des bürgerlichen Lagers gegenüber einem radikalisierten Liberalismus einen »Dritten Weg«. Er plädiert für zivilgesellschaftliche politische Formen: »Daher glaube ich. Keynes. 13. nicht unähnlich Gramscis Stellungskrieg.»ihrem Prinzip zur Begrenzung der Regierungskunst« /25/ ..Popper und Hayek im Diskurs. Hamburg 2005).14 Es bahnte sich . dass der Fortschritt in der Richtung der Entwicklung und der Anerkennung halb-autonomer Körperschaften im Rahmen des Staates liegt. der Europa mit der ideologischen Revolution aus Amerika bekannt machen will..der »Anfang vom Ende« (Dahrendorf) an.

und amerikanischen Neoliberalismus richten. übersetzt im Vorwort Dahrendorfs Diktum ins Ideologische: »Die marxistische Bewegung Ende der sechziger Jahre traf die meisten unvorbereitet. Lepage ist Mitglied des internationalen Intellektuellen-Netzwerkes der Mont Pelerin Society. sondern eher in institutionellen und politischen Konflikten. eine Ökonomie vor. Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft.egal ob rechts.« /217/ So die Anmerkung des Herausgebers der Foucault-Vorlesungen. Darüber ging der Neo-Marxismus hinaus. gründete mit anderen französischen MPS-Mitgliedern in den 1970er Jahren den Think Tank »Institut Economique de Paris« und »machte sich einen Namen als Popularisator des >neuen Kapitalismus< und ist als Ökonom an der Universität tätig. Zumindest rückblickend sollte sie verständlich sein.16 Lepage charakterisiert die wissenschaftliche und ideologische Revolution der »neuen amerikanischen Ökonomen« als eine Art Zeitdiagnose: »Nach der Auffassung dieser Schule besteht die Herausforderung unserer Epoche nicht etwa in ökonomischen Problemen (indem man beispielsweise neue Wundermittel zur Lösung des fatalen Konflikts zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit findet). sie »Dieses Buch stellt eine der Quellen dar. die die Ungleichgewichte der gegenwärtigen Systeme vermeiden und dem unaufhörlichen Wachstum der bürokratischen Verwaltung Einhalt gebieten. die wieder zur Gesellschaftswissenschaft geworden ist.h. Heute aber finden wir. S. C. Paris 1978) eine hintergründige Rolle in Foucaults Vorlesungen spielte. Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pelerin Society. Am Beginn der Revolution stand Kapitalismuskritik. 7) Dieser gesellschaftstheoretische Anspruch neoliberaler Wirtschaftstheorie schon zu Beginn ihres hegemonialen Aufstiegs ist die Kernbotschaft von Lepages Buch und auch Foucault wird seinen Blick auf diesen gesellschaftspolitischen Gehalt des westdeutschen Ordo. Wolfram Engels. verglichen mit 1960. dass das Buch von Lepage (Demain le capitalisme. 362.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 379 servativer.. die von Foucault für die letzten Vorlesungen dieser Reihe verwendet wurden.L. Es war die Elite der jungen Generation.. Es ist sicher kein Zufall. er entwickelte sich zur Anti-Ökonomie. d.« (ebd.) 17 Auch Foucault spricht von der neoliberalen Gouvernementalität als neuer politischer Technologie. Uns fehlt vor allem eine neue politische Technologie 17 bzw. 16 . S. neue Formen der Demokratie. Der Marxismus ist zunächst eine Wirtschaftstheorie. S. die die Frage der gesellschaftlichen Moral und der gesellschaftlichen Relevanz radikal neu stellte.« (ebd. Die Revolution im ökonomischen Denken war weniger spektakulär als Demonstrationszüge und Straßenschlachten. Unter dieser Herausforderung brach die Verkrustung der Wirtschaftswissenschaften auf.oder linksorientiert ->korporativ<. Hamburg 2004.« (Bernhard Walpen. 28) Und »staatstheoretisch« zugespitzt: »Die Logik des Staates ist immer .

von Seiten des Marxismus in der Begrifflichkeit von Staatsapparaten.). das freilich mit der politischen Situation zusammenhing.« 19 Damit ist auch die Absetzbewegung von Louis Althusser angedeutet. Frankfurt/ M 2003. mit dem Marxismus etc. sie wirft ihm eine nihilistische Haltung vor.« In Frankreich wird hier früher (1970er Jahre) etwas formuliert. 80ff. einer jakobinisch-etatistischen. Bruch der »Meisterdenker« Glucksmann u. 18 . und einer auf Dezentralisierung und Regionalisierung bedachten.. also in Begriffen des Rechts gestellt. Frankfurt/M 2001. die gegen diese Allianz ist und schon bald die »zweite Linke< genannt werden wird. in: Michel Foucault. was zeitversetzt später (1980er Jahre) die Diskussion in der BRD erreichen sollte. Die Linksradikalen und Autonomen hatten sich mehr Militanz von seiner »Mikrophysik der Macht« versprochen und sind dann aber von seiner Abkehr von der »Repressionshypothese« des kapitalistischen Staates enttäuscht. in: Michel Foucault. Rechts wurde es nur in Begriffen wie Verfassung. S.« 18 Foucault selbst reflektiert seinen politisch-theoretischen Neuansatz in der »Machtfrage« gegenüber seinen früheren Texten: »Ich kann sagen. innerhalb der kommunistischen Bewegung die Krise des Marxismus offen auszusprechen und ihr Zentrum in der Staatsfrage zu lokalisieVgl. Der zeitgeschichtliche und politische Hintergrund in Frankreich für Foucaults Vorlesungen über liberale und neoliberale Gouvernementalität ist zudem vielschichtig (das Auf und Ab im »programme comune« von Sozialisten und Kommunisten. Es ist nicht zu sehen.. S. Souveränität usw. dem seinerseits das historische Verdienst zukommt. Einen charakteristischen Zusammenhang von politischer Zeitgeschichte und »Staatsdiskussion« auf Seiten der Linken veranschaulicht der Parteitag der Sozialistischen Partei im Juni 1979. Schriften 3. die Zeittafel zu Foucault.« (ebd. von welcher Seite aus . die zu einer Allianz mit den Kommunisten bereit ist. auf dem »Michel Rocard seine Unterscheidung zweier politischer Kulturen innerhalb der Linken (entwickelt).man dieses Problem der Macht hätte stellen können. Wie sie konkret und im Einzelnen in ihrem spezifischen Charakter und in ihren Techniken und Taktiken ausgeübt wurde.) 19 Gespräch mit Foucault im Juni 1976.380 Christoph Lieber führt auf jeden Fall zur gegenseitigen Ausbeutung.a. 72ff.. Foucault gerät im damaligen linken Lager zwischen die Fronten.von rechts oder von links .« (ebd. hat Vorbehalte gegen den Begriff der Mikromächte. S. Schriften 1. sowjetische Dissidentenproblematik. danach forschte man nicht. Und die traditionelle Linke. in der wir uns befanden. dass da sicherlich ein Unvermögen war. »der zentralen Stellung des Staates in der marxistischen Analyse verhaftet.. S. in der kein Platz für Widerstand oder Freiheit sei.. 194. 35) Resümee der Neoliberalen: »Unsere Gesellschaft war nie wirklich kapitalistisch.

Politischer Überbau. wie Bachelard sagt. Hamburg 1982... 65f. Hamburg 2002. daß die Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft bis ins Unendliche teilbar. ist mit Aufräumarbeiten geschlagener (und verlorener) Schlachten befasst und verheddert sich in Stamokap-Debatten. und erlaubt er. Die Krise des Marxismus.« (Michel Aglietta. S. widersprüchlich ist? Daß auf diesem Gebiet das >Einfache das Vereinfachte< ist. in der der Mainstream der kommunistischen Bewegung trotz eurokommunistischer Erneuerungsversuche immer wieder in gewendeten Kostümen überkommener »Imperialismustheoreme« 20 die sich verändernden politischen Kräfteverhältnisse zu erklären versuchte. S. Ideologie. 23 Christine Buci-Glucksmann/Göran Therborn. Jahrhundert reibt sich die Linke auch in den 1970er Jahren die Augen.« 23 Hilft Foucaults damaliger Ansatz. wo viel weiterreichende politische Transformationsprozesse zu analysieren wären. Die »Keynesianisierung« der Gesellschaft. Hamburg 1978 (frz. Le Socialisme). S. Paris 1976. Vereinfachungen zu vermeiden.«21 Wie beim ersten Epochenbruch im 20. Le Pouvoir. die keinen gemeinsamen Nenner mit dem vorkeynesianischen Staat haben. In einer Zeit. 30. Der Imperialismus kann nur auf der Grundlage einer voll entwickelten Staatstheorie begriffen werden. Nicos Poulantzas. ist >Imperialismus< kein Begriff. die veränderten und erweiterten politischen Formen bürgerlicher Hegemonie zu erfassen? Auch wenn Foucault seine Vorlesungen über libe»Wie >Macht<.) 21 Louis Althusser. Wann wird sich die Linke von ihren überkommenen Illusionen der Identifikation des Politischen mit dem Staat im allgemeinen oder mit dem parlamentarischen Staat im speziellen lösen? Wann wird sie erkennen. In Ansätzen wurde dies bei Nicos Poulantzas in einer erneuerten marxistischen Staatstheorie 22 oder von linkssozialistischer Seite in der Kritik an der »passiven Revolution« des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates versucht: »Ausgehend von unserer theoretischen und konkreten Analyse des keynesianischen Staates und des >Krisenstaates< haben wir gesehen. der sich als Gegenstand aus ökonomischen Konzepten ableiten und explizit definieren ließe. konstatierte Althusser auf dem von »il manifesto« 1977 organisierten Kongress »Macht und Opposition in den postrevolutionären Gesellschaften«: »Wir können es offen sagen: Es gibt keine tatsächliche >marxistische Staatstheorie<.Gouvernementalität und Neoliberalismus bei Foucault 381 ren. Originaltitel: L'État. 20 . Formen und Spielregeln hervorbringt. 22 Vgl. Autoritärer Etatismus. daß die Erweiterung des Staates eine Produktivität des Politischen erzeugt. Der sozialdemokratische Staat. Regulation et crises du capitalisme: l'expérience des Etats-Unis. Hamburg 1978. Erweiterte Neuausgabe mit einer Einleitung von Alex Demirovic/Joachim Hirsch/Bob Jessop. 284. deren umfassendster Ausdruck er ist. Staatstheorie...

aus verschiedenen Richtungen kommend. Luther und Calvin begonnen hatte.« 24 2. S. The Great Transformation.382 Christoph Lieber rale und neoliberale Gouvernementalität mit einem Rekurs auf die klassische politische Ökonomie.« (Bd. »die Instanz der Reflexion in der Regierungspraxis und auf die Regierungspraxis zu erfassen« /14/ — also so etwas wie das Selbstbewusstsein des Regierens. in: Schriften 3.Warum muss man überhaupt regieren?« Daher lässt sich für Foucault diese »liberale Kritik nur schwer von einer für die Epoche neuen Problematik der >Gesellschaft< trennen. um sie durch den globalen Gesichtspunkt der Machttechnologie zu ersetzen. Damit bricht der moderne bürgerlich-kapitalistische Liberalismus mit jeder frühneuzeitlichen festgefügten »Staatsräson«. Herv.« /437/ Diese Problematik verortete der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi 1944 . nämlich dass der Marxismus zur Verarmung der politischen Einbildungskraft beigetragen hat und immer noch beiträgt. in dem Ricardo und Hegel. 752f. 24 25 . Politik. das mit den Schöpfern des Staates.a... ist sein Ausgangspunkt nicht die Kritik der politischen Ökonomie: »Das Charakteristische unserer Generation. die nicht den Gesetzen des Staates unterworfen war. Das »Zeitalter der Politik« bei Foucault Einen für seine Staats-.in einer »Great Transformation« »eines Zeitalters. Frankfurt/M 1978.L. sondern im Gegenteil. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. 176) Letztere bildet dabei den Fluchtpunkt einer Analyse. 1. a.« Dagegen ist der Liberalismus von dem Kritik-Prinzip durchdrungen: »Es wird stets zuviel regiert. eröffnen wird.. C.ist der Mangel an politischer Einbildungskraft. Das ist unser Ausgangspunkt.... S.zeitdiagnostisch bezeichnenderweise in einem Rückblick von der faschistischen Katastrophe auf die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft .O. den Staat ihren eigenen Gesetzen unterwarf. präziser auf ihre Gründungsväter. Diese hegte gegenüber dem Territorium und der Bevölkerung immer den Verdacht: »Es wird zuwenig regiert. die Physiokraten.. die Existenz einer Gesellschaft entdeckten. 156f. zu jenem 19. S. in der versucht werden soll.. Karl Polanyi (1944). Thomas More.. Jahrhundert.« 25 Gespräch mit Foucault im April 1978.Eine Sache ist dabei bestimmend.. Machiavelli.und Regierungsanalyse grundlegenden methodischen Gesichtspunkt übernimmt Foucault aus seinem ersten Vorlesungszyklus: »Man muss aus der Institution heraustreten.

Frankfurt/M 1971). wo Bentham seine berühmte Unterscheidung zwischen sponta acta. und nicht durch irgendwelche Formen von Legitimität oder Illegitimität. Es gibt eine Natur. 26 Hier entdeckt di