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Rudolf Steiner – Thementaschenbuch 16 – Mensch und Sterne

Rudolf Steiner
MENSCH UND STERNE
Planeten- und Tierkreisentsprechungen in Mensch und Erde Rudolf-Steiner-Thementaschenbuch – TTB Band 16 Ausgewählt und herausgegeben von Heinz Herbert Schöffler Verlag Freies Geistesleben – 1990

Ob in der medizinischen oder pädagogischen Menschenkunde, ob in Philosophie oder Religion oder gar in der Landwirtschaft und Naturwissenschaft, überall erweist sich der Rückbezug auf die kosmischen Gegebenheiten von Planeten und Tierkreis als allseitig anregend und belebend. Gerade weil das ganze Werk Rudolf Steiners für die kosmischen Bezüge beispielgebend ist, mußte in einer Auswahl wie der vorliegenden auf die Grundbegriffe einer erneuerten, der naturwissenschaftlichen Erkenntnishaltung verpflichteten Sternenweisheit einführend hingewiesen werden. Zentrale Darstellungen Rudolf Steiners zu diesem Problem sind in die vorliegende Zusammenstellung eingegangen.

Der Sinn des Prophetentums Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie? Die Weltenuhr Das Ich und die Sonne Die Formung des Menschen aus dem Universum Der Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos Der Weg zu einer neuen Geburt durch Planeten und Fixsternwesen Schicksalsbestimmende und menschenbefreiende Planeten Zwölf Stimmungen – Eine kosmische Dichtung

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Rudolf Steiner – Thementaschenbuch 16 – Mensch und Sterne

Inhalt
Inhalt .........................................................................................................................................................5 Einführung ................................................................................................................................................6 Der Sinn des Prophetentums ................................................................................................................15 Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie? .............................................................................36 Die Weltenuhr – Der Zusammenhang konkreter Konstellationen....................................................39 von Tierkreis und Planeten mit der Entwickelung des Menschen ..................................................39 Das Ich und die Sonne – Der Mensch innerhalb der Sternenkonstellation.............................................51 Die Formung des Menschen aus dem Universum ............................................................................63 Der Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos ......................................................................76 in bezug auf sein Leben ......................................................................................................................76 Der Weg zu einer neuen Geburt durch Planeten und Fixsternwesen.............................................90 Schicksalbestimmende und menschenbefreiende Planeten ...............................................................108 Zwölf Stimmungen ..............................................................................................................................118 Anmerkungen........................................................................................................................................121 Einführung ........................................................................................................................................121 Der Sinn des Prophetentums (9.November 1911) ............................................................................122 Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie? (1905) .................................................................122 Die Weltenuhr (8. Januar 1919)........................................................................................................123 Das Ich und die Sonne (5. Mai 1921) ...............................................................................................123 Der Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos (29. Oktober 1921) ......................................123 Der Weg zu einer neuen Geburt (5. November 1922) ......................................................................124 Quellennachweis ...................................................................................................................................125

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Einführung
Die Beschäftigung mit Astrologie ist aktuelles Bedürfnis geworden; in ganz anderem Maße als noch zu Beginn unseres Jahrhunderts wird heute Astrologie diskutiert und studiert. Der Philosoph Ernst Cassirer hat schon vor zwei Menschenaltern die Geschlossenheit des astrologischen Weltbildes als einen der «großartigsten Versuche systematisch-konstruktiver Weltbetrachtung» (1) bezeichnet und C.G. Jung meinte gar, die Astrologie stehe vor den Toren der Universitäten. Äußerte er doch bereits 1947: «Ich muß gestehen, daß ich sehr oft gefunden habe, daß die astrologischen Daten gewisse Dinge erhellt haben, die mir sonst unverständlich geblieben wären.» (2) Aber auch führende anthroposophische Autoren haben im Gespräch mitgeteilt, daß sie zu bestimmten Menschen erst dann eine wirkliche seelische Verbindung haben aufbauen können, wenn sie das Horoskop ihres Gegenübers gekannt haben. Und Guenther Wachsmuth hat in seinem großangelegten Werk Kosmische Aspekte von Geburt und Tod – Beiträge zur Karmaforschung in breiter Form und ganz grundsätzlich positiv zur Astrologie Stellung genommen. (3) Aber nicht allein die gewandelte Zeitsituation ist Anlaß zu einer anthroposophischen Stellungnahme zur Astrologie, sondern auch gewisse Informationsrückstände, die durch einseitiges Zitieren von Äußerungen Rudolf Steiners entstanden sein mögen. [7] Untersucht man nämlich diese Äußerungen zur Astrologie, so stellt sich heraus, daß es zwei Klassen davon gibt, die einen warnend bis vernichtend, die anderen hervorhebend, erwartungsvoll und die Astrologie als voll zukünftiger Möglichkeiten einstufend. Ist man mit dem Werk Rudolf Steiners einigermaßen vertraut, so weiß man von seinem Bestreben, jeweils alle Gesichtspunkte zur Sprache zu bringen, auch die gegensinnigen und widersprechenden. So daß schon aus diesem Ansatz klar sein muß, daß wenn es negative Äußerungen gibt, unbedingt die dazugehörigen positiven Feststellungen zu suchen wären. Und es gibt positive! Die sehr unterschiedliche Tendenz der Äußerungen Rudolf Steiners erklärt sich aber auch aus der widersprüchlichen Natur des Gegenstandes selbst: Von der wirklich dekadenten Form der Vulgärastrologie (z.B. in den Boulevardblättern) unterscheidet sich deutlich, was Rudolf Steiner als die «wahre Astrologie» charakterisiert. Nur auf diese treffen seine fördernden Äußerungen zu. In seinem Buch Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit von 1911 lesen wir dazu folgenden Passus: «Dem Stellen des Horoskops liegt die Wahrheit zum Grunde, daß der Kenner dieser Dinge die Kräfte lesen kann, nach denen sich der Mensch in das physische Dasein hereinfindet. Einem Menschen ist ein bestimmtes Horoskop zugeordnet, weil in demselben sich die Kräfte ausdrücken, die ihn ins Dasein geführt haben. Wenn so zum Beispiel im Horoskop der Mars über dem Widder steht, so heißt das, daß gewisse Widderkräfte nicht durch den Mars durchgelassen werden, daß sie abgeschwächt werden. Es wird also der Mensch in das physische Dasein hineingestellt, und das Horoskop ist das, wonach er sich richtet, bevor er sich hineinbegibt in das irdische Dasein.

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Es soll diese Sache, die ja in unserer Gegenwart so gewagt erscheint, nicht berührt werden, ohne darauf aufmerksam zu machen, daß fast alles, was in dieser Richtung jetzt getrieben wird, der reinste Dilettantismus ist – ein wahrer Aberglaube –, und daß für die äußere Welt die wahre Wissenschaft von diesen Dingen zum großen Teile ganz verloren gegangen ist. Man soll daher die prinzipiellen Dinge, welche hier gesagt werden, nicht beurteilen nach dem, was gegenwärtig vielfach als Astrologie ein fragwürdiges Dasein führt. [8] Was den Menschen hereintreibt in die physische Verkörperung, das sind die wirksamen Kräfte der Sternenwelt. Wenn das hellseherische Bewußtsein einen Menschen betrachtet, so kann es an seiner Organisation wahrnehmen, wie diese tatsächlich ein Ergebnis des Zusammenwirkens von kosmischen Kräften ist. Dies soll nun in hypothetischer, aber völlig den hellseherischen Wahrnehmungen entsprechender Form veranschaulicht werden. Wenn man das physische Gehirn eines Menschen herausnehmen und es hellseherisch untersuchen würde, wie es konstruiert ist, so daß man sehen würde, wie gewisse Teile an bestimmten Stellen sitzen und Fortsätze aussenden, so würde man finden, daß das Gehirn bei jedem Menschen anders ist. Nicht zwei Menschen haben ein gleiches Gehirn. Aber man denke sich nun, man könnte dieses Gehirn mit seiner ganzen Struktur photographieren, so daß man eine Art Halbkugel hätte und alle Einzelheiten daran sichtbar wären, so gäbe dies für jeden Menschen ein anderes Bild. Und wenn man das Gehirn eines Menschen photographierte in dem Moment, in dem er geboren wird, und dann auch den Himmelsraum photographierte, der genau über dem Geburtsort dieses Menschen liegt, so zeigte dieses Bild ganz dasselbe wie das menschliche Gehirn. Wie in diesem gewisse Teile angeordnet sind, so in dem Himmelsbilde die Sterne. Der Mensch hat in sich ein Bild des Himmelsraumes, und zwar jeder ein anderes Bild, je nachdem er da oder dort, in dieser oder jener Zeit geboren ist. Das ist ein Hinweis darauf, daß der Mensch herausgeboren ist aus der ganzen Welt.» (4) Eine grundsätzliche Bemerkung findet man weiterhin in dem Vortragszyklus Christus und die geistige Welt. Von der Suche nach dem heiligen Gral am 1. Januar 1914: [9] «Es zeigte sich mir nun – und das ist ein Forschungsergebnis vieler Jahre – immer klarer und klarer, daß wirklich in unserem Zeitraum sich so etwas herauflebt wie ein von dem Christus-Impuls durchzogenes Auferstehen der Astrologie des dritten nachatlantischen Zeitraumes», d.h. der ägyptisch-babylonisch-chaldäischen Zeit. «In anderer Weise zwar, als man dazumal in den Sternen geforscht hat, müssen wir heute in den Sternen forschen, aber die Sternenschrift muß uns wiederum etwas werden, was uns etwas sagt.» (5) Und im September 1924 gar weist Rudolf Steiner auf die Astrologie als ambivalente Erscheinung hin, welche einerseits weit in historische Zeitperioden, andererseits weit in die Zukunft hineinweise. In abzusehender Zukunft werde es als trivial gelten, zum Beispiel Pflanzenkunde nur botanisch zu beherrschen, man müsse vielmehr bei jeder Pflanze zu erkennen wissen, welche Gestirne durch sie wirken.

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In diesem Sinne steht uns also geradezu ein astrologisches Zeitalter bevor und wenn man diese zukünftige astrologische Kultur im Auge hat, so kann es nicht im Sinne Rudolf Steiners sein, daß Astrologie in der Art triviale Schicksals-Deutungskunst bleibt, als die sie in diesem Jahrhundert mit Alan Leo und seinen zeitgenössischen Mitastrologen wie Sepharial, Libra und Franz Hartmann angetreten ist. Schon die nicht von der Anthroposophie berührte Gegenwartsastrologie berücksichtigt heute weniger die Deutung und Vorausschau von Lebensereignissen als die psychische Grundkonstitution ihrer fragenden Auftraggeber. Es scheint hier also ein Wandel in der Zielsetzung im Gange. Aber auch ein Wandel der Methode ist darin zu erkennen, daß seit 1929 der bekannte nicht-anthroposophische Astrologe Walter Koch das ins Leben rief, was er ganz berechtigt «Gestaltastrologie» nannte und was eindeutig imaginative Impulse aufnahm und heute vielfach bei anthroposophischen Autoren ganz unabhängig von Kochs Anregungen gepflegt wird. Freilich geht auf anthroposophischem Felde die diagnostische Suche nach der psychischen Grundkonstitution niemals so weit, daß etwa die schulüblichen Gegenwartspsychologien bemüht werden. Bekanntlich ist mittlerweile die Astrologie weithin eine Verbindung mit C.G. Jungs psychologischen Theoremen eingegangen. [10] Eine Vermengung hiermit wird auf anthroposophischem Felde schon deswegen kaum eintreten, weil Rudolf Steiner selbst Grundlagen für eine anthroposophische Psychologie gegeben hat, die eindeutige Ansätze in Richtung der Astrologie erkennen lassen. Diese psychologische Menschenkunde Rudolf Steiners geht bemerkenswerter Weise von einem aristotelischen Grundkonzept in trichotomischer Gliederung aus. Sie wurde unter anderen in charakteristischer Weise formuliert im Heilpädagogischen Kurs 1924, als Rudolf Steiner eben daran gehen wollte, zwei Geburtshoroskope von Kindern des damaligen Heilpädagogischen Instituts Lauenstein bei Jena zu analysieren. (6) Auf diese Analyse ist bemerkenswerterweise bis heute kaum aufmerksam gemacht worden, geschweige denn, daß sie je gewürdigt worden wäre.

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Damals formulierte Rudolf Steiner folgende Zusammenhänge zwischen den einzelnen Wesensgliedern des Menschen und den im astrologischen Sinn verstandenen Planeten: Geistesmensch Lebensgeist Geistselbst Bewußtseinsseele Gemüts- und Verstandesseele Empfindungsseele Empfindungsleib Ätherleib physischer Leib Neptun Uranus Saturn Jupiter Mars Venus Merkur Mond Sonne.

Diese Gliederung und ihre Zuordnung zu den Planeten entspricht dem, was in dem grundlegenden Werk Theosophie (1904) als der neungliedrige Mensch beschrieben ist. Sehr bemerkenswert ist an der Zuordnung der Planeten, daß hier «Uranus» und «Neptun» eine volle Funktion zugewiesen erhalten. Bis dahin hatte Rudolf Steiner immer darauf hingewiesen, daß diese beiden kaum zu berücksichtigen seien, weil sie erst später in unser Planetensystem eingetreten seien, weil sie eine andere Lage ihrer Achse aufweisen und anderes mehr. [11] Die beiden – geistigen – Wesensglieder, denen sie zugeordnet sind, werden erst in weiter Zukunft voll ausgebildet sein. Man beachte aber, daß dieser psychologisch-menschenkundliche Aufbau streng trichotomisch gegliedert ist: auf die drei leiblichen Glieder, physischer Leib, Ätherleib, Empfindungsleib folgen die drei seelischen Glieder Empfindungsseele, Gemüts- und Verstandesseele, Bewußtseinsseele, schließlich erheben sich darüber das Geistselbst, der Lebensgeist und der Geistesmensch als in zukünftigen Entwicklungen erst auszubildende Wesensglieder. Leib – Seele – Geist ergeben so zusammen den dreigegliederten Menschen. Das eigentliche Zentrum dieses Konstitutionszusammenhanges stellen die drei seelischen Glieder Empfindungsseele, Gemüts- oder Verstandesseele und Bewußtseinsseele dar. Die Empfindungsseele übernimmt hierbei die Funktion, alle Sinneseindrücke, die von außen (auch von dem leiblich-inneren Äußeren) eindringen, mit Empfindungen zu beantworten. «An die Empfindungen schließen sich die Gefühle der Lust und Unlust, die Triebe, Instinkte, Leidenschaften. All das trägt denselben Charakter des Eigenlebens wie die Empfindungen und ist, wie sie, von der Leiblichkeit abhängig.» (7) Soferne das Seelische nun mit dem Denken in Beziehung tritt, entwickelt sich die Verstandesseele, welche auch als Gemütsseele bezeichnet werden kann. Der eigentliche Seelenkern aber, «die Seele in der Seele, ist hier mit Bewußtseinsseele gemeint». Die Verstandesseele «ist noch in die Empfindungen, in die Triebe, Affekte und so weiter verstrickt».

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«Erst diejenige Wahrheit aber ist die bleibende, die sich losgelöst hat von allem Beigeschmack solcher Sympathien und Antipathien der Empfindungen und so weiter. Die Wahrheit ist wahr, auch wenn sich alle persönlichen Gefühle gegen sie auflehnen. Derjenige Teil der Seele, in dem diese Wahrheit lebt, soll Bewußtseinsseele genannt werden.» Man studiere zu diesen grundlegenden Gedanken, welche zu einer geisteswissenschaftlichen Menschenkunde führen, Rudolf Steiners Theosophie. [12] Die ausführlichsten Hinweise zur Gestirnswelt und ihrer Beziehung zum Erdenmenschen haben zweifellos die Ärzte in den medizinischen Kursen Rudolf Steiners erhalten, Hinweise, welche vielfach noch künftiger Verarbeitung harren, aber schon jetzt den Blick auf diagnostischem und therapeutischem Felde weisen helfen. Namentlich der therapeutische Umgang mit den Metallprozessen ist erst durch Rudolf Steiner zu einer weiten Zukunftsaufgabe geworden. Auch die Landwirtschaft ist in ihrer Neubefruchtung durch die Ideen Rudolf Steiners in die Nähe astronomisch-astrologischer Betrachtung gerückt worden. Der entsprechende sechste Vortrag im Koberwitzer Landwirtschaftlichen Kurs (8) will teilweise gelesen werden wie eine Einführung zu einer künftigen spirituellen Astrologie. Breite Eröffnungen und Erläuterungen gab Rudolf Steiner den Eurythmisten, als es galt, die eurythmischen Gesten zu den Tierkreiszeichen und zu den Planeten einzuführen. Nicht aufzuzählen sind die Sonderhinweise und Sonderbetrachtungen, die Rudolf Steiner verstreut in seinem gesamten Vortragswerk gegeben hat und die jeweils Details erhellen helfen. So wird man nicht fehlgehen mit der Feststellung, daß das ganze Werk Rudolf Steiners durchzogen ist mit dem Thema «Mensch und Sterne» und dies in der ganzen Breite, angefangen von dem Einzelhinweis: «Wir treiben, so oft wir nach der Uhr schauen, Astrologie» (Vortrag vom 8. Januar 1918 in diesem Band) bis hin zu der späten Formulierung der Anthroposophischen Leitsätze. «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen möchte.» (9) Grundlage aller Gegenwartsastrologie ist nach wie vor das sogenannte Thema mundi. Thema hieß stets das Horoskop – so wie in der Musik das Thema bestimmend ist für Form und Ablauf der ganzen Komposition; Thema mundi war aber das Horoskop der Weltentstehung. Formuliert wurde es in den Astrologumena (= astrologischen Büchern) des Nechepso (ca. 700 vor Christus) und Petosiris (ca. 300 vor Christus in Hermopolis, wo sein Grab erhalten ist). [13] Man wird dieses Thema mundi als eine viel ältere – lange Zeit mündlich tradierte ägyptische Tempelurkunde zu betrachten haben. (Es gab auch ein anders gestaltetes babylonisches Thema mundi.) Das Thema mundi formuliert die Zusammengehörigkeit der Planeten zu den Tierkreiszeichen; also: Mond gehört in den Krebs, Sonne in den Löwen, Merkur in die Jungfrau, Venus in die Waage usf. Rudolf Steiner hat am 8. Januar 1918 das Thema mundi teilweise dargestellt. Aus verstreuten Einzelbemerkungen und aus dem Heilpädagogischen Kurs geht eindeutig hervor, daß er das Thema mundi mit all seinen Erhöhungen, Würden, Schwächen und Vernichtungen der Planeten im Detail gekannt hat.

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Nun sind die Hinweise Rudolf Steiners für die Eurythmie nicht allein derart, daß den astrologischen Elementen – also den Planeten und Tierkreiszeichen – ausschließlich seelische Ausdrucksgesten zugeordnet werden. Also: Löwe = flammende Begeisterung, oder Jungfrau: Ernüchterung. Vielmehr werden die einfachen eurythmischen Lautgebärden der Einzellaute den Tierkreiszeichen und Planeten unterlegt: dabei werden die Planeten durch Vokale dargestellt: Sonne = AU, Mond = EI, Merkur = I, Venus = A, Mars = E und so fort. Den Tierkreiszeichen werden die Konsonanten zugeordnet: Schütze zeigt sich in G und K, Waage etwa in CH, zu Löwe gehört das T das S zu Skorpion. So wird es prinzipiell möglich, auch Konstellationen eurythmisch darzustellen oder umgekehrt kosmische Konstellationen durch Laute zu «übersetzen». Als im September 1913 der Grundstein für das (erste) Goetheanum gelegt wurde, hielt Rudolf Steiner auf der Grundsteinurkunde das Datum fest mit dem Zusatz: «Als Merkurius in der Waage stand». Merkur entspricht real dem Laut I und für das Sternzeichen Waage tritt das CH ein, so daß die Konstellation von Merkur in der Waage dem Worte ICH entspricht. (10) Merkur stand an diesem Tage, dem 20. September 1913, mittags auf 0 Grad 9 Minuten Waage – Rudolf Steiner hatte offensichtlich diesen Tag abgewartet, an dem diese kosmische Rune am Himmel stehen würde. [14] Von einer so gearteten realen Beziehung zwischen den Lautgesten einerseits sowie den Planeten und Tierkreiszeichen andererseits her wird es dann weiterhin denkbar, daß auch Sätze, ganze Verszeilen formuliert werden könnten, in denen dann «fast jede Silbe selbst in ihren Tönen darauf stilisiert ist» direkt kosmisch zu sein. Von daher wird es verständlich und einsehbar, daß Rudolf Steiner eine zwölfstrophige Dichtung «Zwölf Stimmungen» verfaßt hat, deren Strophen eine jede sieben Zeilen umfaßt, die im einzelnen den sieben klassischen «Planeten» Sonne bis Saturn gewidmet sind: Erste Zeile als Sonnenzeile, zweite und dritte Zeile den untersonnigen Planeten Venus und Merkur gewidmet, die nächste die Mittelzeile als Marszeile; es folgen die Zeilen von Jupiter und Saturn, am Ende steht die Mondzeile mit einer jeweiligen Textumkehr der ersten Sonnenzeile, damit dokumentierend, daß der Mond das Sonnenlicht zurückwirft. In dieses Kunstwerk ist nun das Thema mundi hineingearbeitet, es muß dort herausgelesen werden können, wie etwa das stets wiederkehrende Thema einer Orgelfuge. Mit seinen «Zwölf Stimmungen» versuchte Rudolf Steiner «in wirklichem inneren Ergreifen» dasjenige festzuhalten, «was kosmisch ausgeführt worden ist, indem unser Sonnensystem geschaffen worden ist.» (11) Mit dieser Dichtung Rudolf Steiners und seinen Angaben zur Eurythmie sind wir bei dem weiten Thema «Astrologie und Kunst» angekommen. In der Kunst war Astrologie bis weit ins siebzehnte Jahrhundert hinein ein lebendiger und bestimmender Faktor, wir brauchen nur an die Villa Schifanoia in Ferrara oder den Salone in Padua zu denken oder an die vielen Holzschnitte und malerischen Darstellungen von Tierkreis, Planeten und Planetenkindern in Gotik, Renaissance und Frühbarock. Erst seit den letzten 25 Jahren weiß man darüberhinaus von der besonderen Beziehung der Literatur zu Astrologischem, die sich darin ausspricht, daß ganze Literaturpartien unter bestimmte Planeten gestellt werden, indem die Einzelkapitel von einem Inhalt handeln, der eindeutig einem Planeten zugeteilt werden muß. [15]

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Günter Weydt (12) in Münster hat 1968 mitgeteilt, daß der Simplizissimus des Grimmelshausen ein solcher astrologischer Schlüsselroman sein müsse, und Klaus Haberkamm (13) hat für eine breitere Renaissance- und Barockliteratur ein gleiches nachgewiesen. Wie allenthalben versiegten die Ströme astrologischen Lebens kaum dreißig Jahre nach Johannes Keplers Ableben. Mit dem Tode des großen ArztAstrologen Morinus 1650 erlischt Aktivität und Einfluß der Astrologie und der Rationalismus zieht überall ein. Einer bedeutsamen Andeutung Rudolf Steiners entnehmen wir, daß dieses Abkommen von der Astrologie am Beginn der Neuzeit einem aktiven Verzicht, einem Opfer «für eine gewisse Zeit» gleichkomme. Im Ausgleich zu diesem Opfer wurde das Freiheitsstreben impulsiert. (14) In welchem Sinne aber das Wiederheraufkommen der Astrologie nun im Zusammenhange mit der Anthroposophie Rudolf Steiners zu denken ist, geht aus einer prinzipiellen Formulierung hervor, die ebenfalls schon 1914 ausgesprochen wurde. Seit 1910 Rudolf Steiners Geheimwissenschaft im Umriß erschienen war, konnte der Zusammenhang der Erdevolution mit der chaldäischen Reihe der Planeten: Saturn – Sonne – Mond – Mars – Merkur – Jupiter – Venus deutlich ins Bewußtsein treten: Der 1913 begonnene Goetheanum-Bau in Dornach und seine Vorstufen in Stuttgart und Malsch hatten sieben Säulen, die in der chaldäischen Reihe angeordnet waren, und nun wurde 1914 ausgesprochen: «Versuchen wir, meine lieben Freunde, uns würdig zu machen, diese Sternenschrift in neuer Gestalt wieder lesen zu lernen, wie sie uns jetzt gegeben werden muß. Denn im Grunde ist es nichts anderes als ein Lesen der Sternenschrift, wenn wir versuchen, uns die menschliche Evolution in Saturn-, Sonnen-, Mond-, Erden- bis zur Vulkanentwicklung auseinanderzulegen. Aber erkennen müssen wir, in welchen Zusammenhängen wir die Sternenschrift in unserer Zeit entziffern wollen. Machen wir uns dessen würdig!» (15) Geht man mit dieser gewiß richtungsweisenden Maxime längere Zeit um, so kann man durchaus zu Entdeckungen kommen. [16] Hat man insbesondere die Sternenverbundenheit der Renaissance- und Barockliteratur im Bewußtsein, so stellt man nun bei Rudolf Steiner entsprechende kompositorische Gliederungen fest, die auf einen strengen Aufbau im Sinne der chaldäischen Reihe schließen lassen. Die Vortragszyklen, die Dramen und später die Hochschulkurse Rudolf Steiners tragen in der Abfolge ihrer Vorträge und Szenenbilder die Signaturen der chaldäischen Gestirnsreihe an sich: der erste Vortrag gibt sich jeweils als Saturnvortrag zu erkennen (durch seine historischen Bezüge, Saturn wird als Planet der Historie gekennzeichnet, Vortrag vom 27. Juli 1923 in diesem Band) der zweite als Sonnenvortrag (durch seine meist sehr deutlichen Bezüge zu Licht und Dunkel, die Raumesrichtungen Oben und Unten etc.), der dritte als Mondenvortrag, der vierte als Marsvortrag etc. Diese Beziehungen sind sehr konkret und exakt in die Vortragsinhalte und Dramenbilder hineingearbeitet und erst vor kurzem als Kompositionsprinzipien wahrgenommen worden. (16)

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Wir haben also damit zu rechnen, daß mehr oder weniger das gesamte Werk Rudolf Steiners eine Verbindung zur Gestirnswelt erkennen läßt, wie sie durch lange Jahrhunderte nicht mehr möglich gewesen ist. Das ganze Werk Rudolf Steiners atmet die Luft der Verbindung von Erdensein und Sternensein. Wenn aber dieses Wiederaufleben der Astrologie der ägyptisch-chaldäischen Zeit den Christus-Impuls voll in sich aufnimmt, dann muß diese neue Astrologie ein Kennzeichen an sich tragen, das unbedingt in den Rahmen der modernen Spiritualität gehört, dies ist die Freiheit. Der in die vorliegende Sammlung aufgenommene Vortrag vom 27. Juli 1923 läßt das ganz deutlich werden: die untersonnigen Planeten – namentlich aber Venus und Merkur – «tragen mehr das Seelisch-Geistige des Karmischen in den Menschen hinein und bringen es in seiner Gemütsanlage, in seinem Temperament zum Vorschein. Dagegen haben Mars und namentlich Jupiter und Saturn, wenn der Mensch in einem richtigen Verhältnis zu ihnen steht, etwas Befreiendes. Sie reißen ihn los von allem Schicksalsbestimmten und machen ihn gerade zu einem freien Wesen». [17] Die früher übliche Determination des Lebensschicksals als einziger Ausdruck des Verhältnisses von oberer zu irdischer Welt wird so ersetzt durch eine Art Indikation zur Qualität der Freiheit. Namentlich in der arabischen Astrologie des Mittelalters wurde der furchterregende rein determinative Charakter der Sternenschrift deutlich erlebt. Nun aber ist das Wesen der Freiheit im Horoskop ausgedrückt! Dieser Gesichtspunkt leitet über zu der ganz zentralen Frage: wie hängt nun die ganze astrologische Betrachtungsart zusammen mit dem Gesetz des Karma, wie hängt das Astrologische zusammen mit dem Wesen der Reinkarnation? In dem Aufsatz «Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie?» vom September 1905, der in diesem Band aufgenommen worden ist, ist dazu schon wichtiges Grundlegendes ausgesprochen, das freilich hier der Erläuterung bedarf Rudolf Steiner weist im Zusammenhang mit den Schritten zur Erkenntnis der geistigen Welt auf drei Stufen hin; die erste Stufe nennt er Imagination. Hier wird die geistige Welt in Bildern erlebt. Der Erkenntnissuchende nimmt die geistige Welt als Schauender auf. Auf der nächsten, zweiten Stufe der Inspiration wird die Welt als tönend aufgenommen, der Erkenntnis-Schüler lernt die geistige Welt hörend zu erkennen. Auf der dritten Erkenntnisstufe der Intuition kommt es zu einer Wesensberührung und -Durchdringung mit den Wesen der geistigen Welt. Zu dieser zunächst höchsten Erkenntnisstufe muß aufgestiegen sein, wer den Sinnzusammenhang der astrologischen Gesetze aufnehmen will. Ebenfalls sind die karmischen Grundgesetze auf dieser höchsten Erkenntnisebene angesiedelt. Freilich, wer zur Erkenntnis der astrologischen Gesetzzusammenhänge gelangt, wird die karmischen Zusammenhänge im Vergleich dazu als relativ elementar aufnehmen können. Astrologie und Karma werden also stets in Erkenntnis-Konkurrenz miteinander auftreten. Und wir verstehen, daß sich hier ein weites – erst anfänglich bearbeitetes – völlig neuartiges Erkenntnisfeld auftut, das noch der geistigen Durchdringung bedarf.

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In der gegenwärtigen Praxis bedeutet dies alles, daß wir gehalten sind, den imaginativen Gesichtspunkt überall dort zu erüben, wo wir uns die Möglichkeit schaffen, Gestaltastrologie zu erarbeiten. Also, der Bildgehalt von Geburtshoroskopen will studiert sein, so wie es Walter Koch 1929 erstmals formuliert hat. Gewisse Planetenoppositionen im Horoskop Friedrichs des Großen werden zum Beispiel so betrachtet als die Gestalt eines Schwertes; die Gesamtfigurine im Geburtshoroskop Ita Wegmans, der Pionierin der anthroposophischen Medizin, würde einem nach vorne halbrunden Kriegskampfwagen gleichen und die beiden keineswegs harmonisch konfigurierten Geburtshoroskope von Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart würden – wenn man sie aufeinander bezieht und zusammenlegt – einem Merkurstab mit zwei Schlangen ähnlich sein. Auf diese Weise würde imaginative Bildhaftigkeit mit Hilfe einer rationalen Phantasie in die Ebene des diskursiven Gegenwartsdenkens übersetzt werden. – Geht man einen Schritt weiter, so würde man die Bewegung der Planeten – ausgehend von der Geburtskonstellation ganz im Sinne der Transitastrologie verfolgen und dabei auf Wiederkehr von ähnlichen Positionen achten. So würden sich Rhythmen ergeben, ganz so wie Rudolf Steiner das in dem hier ebenfalls abgedruckten Vortrag vom 9. November 1911 auffaßt: «Man wird dann darauf kommen, wenn man den Gang der Sterne auf das menschliche Leben bezieht, daß man gar nichts anderes braucht, als den Gang der Sterne als eine Himmelsuhr anzuschauen, und das menschliche Leben als einen Rhythmus, der für sich abläuft, aber dennoch in einer gewissen Beziehung durch die Sterne bestimmbar ist. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie man, wenn man auch nicht in naturwissenschaftlichem Sinne die Ursachen in den Sternen sucht, dennoch denken kann, daß das Menschenleben durch eine innere Verwandtschaft in einem ähnlichen Rhythmus abläuft.» So wäre auch der inspirative Gesichtspunkt berücksichtigt und mittels unseres gegenwärtigen diskursiven Verstandesdenkens bewußt gemacht. [19] Erst im Verfolgen von Ähnlichkeiten von Horoskopen beim Tode und bei der Geburt in einem neuen Leben – vielleicht sogar im Hintereinander von mehreren Inkarnationen – würde so etwas wie eine Wesensberührung oder eine Wesensdurchdringung mit einer ewigen Individualität erzielt, was einer intuitiven Geste entsprechen könnte, die auf solche Weise in unser gegenwärtiges Denken hineingenommen würde. Die drei höheren Erkenntnisarten von Imagination, Inspiration und Intuition könnten so stellvertretend in unserem Verstandesdenken nachrealisiert werden. Mit dem Studium der Sternenschrift im Sinne einer spiritualisierten Astrologie betreten wir – wie Rudolf Steiner das 1924 zum Ausdruck brachte, – ein durch und durch zukünftiges Gebiet; wir werden grundsätzlich vor die Notwendigkeit gestellt sein, erkenntnismethodisches Neuland zu betreten, stets aber werden wir uns aufgefordert fühlen, das neuartige von Rudolf Steiner wieder eingeführte und impulsierte Sternenwissen zu studieren, zu pflegen und immer besser zu durchdringen. Die hier veröffentlichten ausgewählten Vorträge Rudolf Steiners werden dieser Zielsetzung dienlich sein. [20] Heinz Herbert Schöffler
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Der Sinn des Prophetentums
Es ist gewiß richtig, was Shakespeare (17) eine seiner berühmtesten Personen sagen läßt, und was im Deutschen gewöhnlich mit den Worten wiedergegeben wird: Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf der Erde, als Ihr mit Eurer Schulweisheit Euch träumen laßt. – Aber es ist auch gewiß nicht minder richtig, was ein großer deutscher Humorist, Lichtenberg, (18) gleichsam als Erwiderung darauf in die Worte gefaßt hat: Es gibt viele Dinge in der Schulweisheit, die weder im Himmel noch auf der Erde zu finden sind! – Beide Aussprüche zusammen werfen gewissermaßen ein Licht auf die Behandlungsart, die man vielem gerade in unserer Gegenwart angedeihen läßt in bezug auf das, wovon hier in diesen Vorträgen gesprochen werden soll. Wenn es sich um einen Gegenstand wie den heutigen handelt, muß man allerdings sagen: Es erscheint mehr noch als den übrigen Gebieten des übersinnlichen Forschens, mehr als den übrigen Gebieten der Geisteswissenschaft gegenüber, ganz begreiflich, daß es gegenüber einem solchen Thema weite Kreise insbesondere der ernsten, strengen Wissenschaft gibt, welche solche Dinge leugnen. Denn wenn schon für die übrigen Gebiete, oder wenigstens für zahlreiche der übrigen Gebiete der Geisteswissenschaft, sehr schwierig die Grenze zu ziehen ist zwischen dem, was ehrliches, ernstes Forschen ist, und was Scharlatanerie oder vielleicht etwas noch Schlimmeres ist, so muß man sagen: Überall da, wo das übersinnliche Forschen irgendwie in Beziehung steht zum menschlichen Egoismus, da beginnen allerdings gefährliche Partien dieses Forschens. – [21] Und auf welchen Gebieten höherer Erkenntnis könnte das mehr der Fall sein, als bei alledem, was sich zusammenschließt in das Thema vom Prophetentum, wie es in den verschiedenen Zeiten aufgetreten ist. Hängt doch alles, was mit dem Worte Prophetie bezeichnet wird, unmittelbar zusammen mit einer – allerdings begreiflichen – verbreiteten Eigenschaft der Menschen: mit der menschlichen Begierde, das Dunkel der Zukunft zu durchdringen, etwas von dem zu wissen, was dem Menschen auf seinem zukünftigen Lebenswege beschieden ist. Nicht mit irgendeiner Neugier nur, sondern mit einer Neugier, die sozusagen an die intimsten und tiefsten Seiten der menschlichen Seele geht, hängt das Interesse für Prophetie zusammen. Kein Wunder daher, daß in unserer Zeit, nachdem man im Laufe der menschlichen Entwickelung so schlechte Erfahrungen mit der Befriedigung aller derjenigen Wissenssehnsuchten gemacht hat, welche so tief mit den Interessen der menschlichen Seele zusammenhängen, die Wissenschaft, die ernstlich in Betracht kommen will, nichts weiter wissen will von solchen Dingen. Nur scheint es doch, als ob unsere Zeit nicht mehr anders könnte, als sich wenigstens mit diesen Dingen wiederum auseinanderzusetzen, wie mit so vielem also, wovon wir in den vorhergehenden Vorträgen gesprochen haben und in der Zukunft noch sprechen werden.

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Hat doch sogar, wie viele von Ihnen wissen werden, ein reiner Historiker, Kemmerich, ein Buch über «Prophezeiungen» geschrieben, in dem er nichts anderes will, als zusammentragen, was sich in gewisser Weise an Tatsachen geschichtlich belegen läßt, die darauf hinweisen, daß wichtige Geschehnisse von diesem oder jenem Menschen vorher gewußt oder vorhergesagt worden sind. Ja, der betreffende Historiker fühlt sich sogar zu dem Ausdruck gedrängt, daß es kaum irgendein bedeutendes Ereignis in der geschichtlichen Entwickelung gibt, welches nicht einmal vorausgesagt, vorausempfunden, vorausgedacht und auch vorausverkündet worden wäre. Man hört heute noch solche Behauptungen nicht gern. [22] Aber man wird ihnen endlich in denjenigen Grenzen, innerhalb welcher sich die Geschichte der Dinge bemächtigt, gar nicht mehr ausweichen können, indem man ebenso die Dinge der Vergangenheit wie die Dinge der Gegenwart mit klaren äußeren Dokumenten belegen wird. Nicht immer war das Gebiet, von dem wir heute etwas sprechen wollen, so wenig angesehen als in unserer Zeit, nicht immer war es auf so zweifelhafte Kreise des menschlichen Strebens angewiesen als in unserer Zeit. Wir brauchen nur wenige Jahrhunderte zurückzugehen und werden finden, daß zum Beispiel im sechzehnten Jahrhundert hervorragende tonangebende Gelehrsamkeit in dem damaligen Betriebe des Prophetentums durchaus vertreten war. Sehen wir doch einen der größten Geister der naturwissenschaftlichen Forschung aller Zeiten in einer entsprechenden Verbindung mit einer Persönlichkeit, deren Neigung für eine Lebensauffassung, die sich in das Licht der Prophezeiungen stellt, bekannt ist, sehen wir doch Kepler, den großen Naturforscher, in Verbindung mit dem Namen Wallenstein, dessen Persönlichkeit Schiller nicht zum geringsten Teile aus dem Grunde so interessiert hat, weil er sein Leben in das Licht prophetischer Weisheit stellte. Diejenige Art von Prophezeiung, die uns zu Keplers Zeiten entgegentritt, und die uns vor ein paar Jahrhunderten in Europa überall so entgegentritt, daß erleuchtete, wissenschaftlich führende Geister sich mit ihr beschäftigen, hängt mit der Art und Weise zusammen, wie man damals den Zusammenhang der Sternenwelt, den Gang der Gestirne, die Stellung der Gestirne zum menschlichen Leben anschaute. Es ist jene damalige Prophezeiung im wesentlichen irgendwie zusammenhängend mit der Astrologie. Man braucht dieses Wort nur auszusprechen, um zu wissen, daß in weiteren Kreisen auch heute noch ein Bewußtsein dafür vorhanden ist, wie ein Zusammenhang gedacht wird zwischen den zukünftigen Ereignissen des einzelnen menschlichen Lebens oder auch des Völkerlebens und dem Gange der Gestirne. Aber niemals wurde, was man prophetische Erkenntnis oder Prophetenkunst nennt, so unmittelbar zusammenhängend gedacht mit der Beobachtung des Ganges und der Konstellation der Sterne als zu Keplers Zeiten. [23]

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Wenn wir in die griechische Zeit zurückgehen, so sehen wir allerdings, daß eine prophetische Kunst vorhanden war, die, wie Sie wohl wissen, zum großen Teil von Prophetinnen ausgeübt wurde. Es war eine prophetische Kunst, die dadurch herbeigeführt wurde, daß der Mensch ganz bestimmten Erlebnissen, ausgesetzt wurde, zum Beispiel Erlebnissen der Askese oder auch solchen Erlebnissen, die auf eine andere Art das Selbstbewußtsein, die Besonnenheit des alltäglichen Lebens zurückdrängten, so daß der Mensch an andere Mächte hingegeben war, gleichsam wie außer sich, wie in Ekstase war und dann Dinge sagte, die sich entweder direkt auf die Zukunft bezogen oder von den zuhörenden Priestern oder Weisen so gedeutet wurden, daß sie auf die Zukunft Beziehung hatten. Gleich taucht da das Bild der Pythia, der Prophetin in Delphi auf, welche durch die aus einem Erdspalt auftauchenden Dünste in einen anderen Seelenzustand versetzt wurde, als es der Bewußtseinszustand des gewöhnlichen Alltagslebens ist, und die dann Mächten hingegeben war, mit denen sie sonst keine Verbindung hatte, an die sie sonst nicht dachte und aus einem solchen Zustande heraus nun entsprechende Andeutungen machte. Da sehen wir eine Art von Prophetie, die nicht mit der Berechnung von Sternkonstellationen und Sterndeuten zusammenhängt. Ebenso ist jedem das Prophetentum des alttestamentlichen Volkes bekannt, das selbstverständlich von der heutigen Aufklärung als Prophetentum auch bezweifelt werden kann, das aber, wenn es zunächst nur in bezug auf seine Eigenart charakterisiert werden soll, insofern es aus dem Munde dieser Propheten kam, nicht nur wichtige Weisheitssprüche brachte, die dann für das, was innerhalb des alttestamentlichen Volkes geschieht, tonangebend sind, sondern die auch ihre Aussagen voraussehend über die Zukunft machten. [24] Doch sehen wir dieses Prophetentum nicht in derselben Weise wie die Astrologie des fünfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts Voraussagen machen aus der Sternenwelt, aus Sternenkonstellationen heraus, sondern da sehen wir wieder, wie entweder durch besondere Anlagen der betreffenden Persönlichkeiten oder durch Askese und bestimmte Übungen und so weiter diese Propheten sich einen andern Bewußtseinszustand als den der übrigen Menschheit aneignen, durch den sie aus dem alltäglichen Leben hinausgerissen werden, nicht das gewöhnliche Leben beurteilen können. Dafür aber sehen wir sie in die großen Zusammenhänge ihres Volkes blicken, sehen sie das, was Glück und Unglück ihres Volkes ist, empfinden. Dadurch, daß sie gleichsam so etwas wie ein Übermenschliches erleben, was über die einzelnen menschlichen Interessen hinausgeht, reißen sie ihre Seele von dem unmittelbaren Bewußtsein los, und es ist so, wie wenn der Gott Jahve selber aus ihnen sprechen würde. So weise erschienen ihre Andeutungen, wie wenn Jahve selber dem Volke verkünden wolle, was das Volk zu tun habe, was die künftigen Schicksale des Volkes sind. Wenn wir dies bedenken, muß es uns doch erscheinen, als wenn die Art der Prophezeiung, wie sie uns am Ausgange des Mittelalters vor der Morgenröte der neueren Wissenschaft entgegentritt, nur eine besondere Art wäre, und als ob Prophetie ein umfassenderes Gebiet wäre, das aber immer in irgendeiner Weise mit irgendwelchen besonderen Seelenzuständen zusammenhinge, die der Mensch erst erreicht, wenn er von seiner Persönlichkeit loskommt.
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Allerdings muß man sagen, daß kaum noch erkenntlich die astrologische Prophetie als eine solche Kunst scheint, durch welche der Mensch von seiner Persönlichkeit loskommt. [25] Denn der Astrologe, welcher das Geburtsdatum eines Menschen bekommt, nach diesem Geburtsdatum nun nachsucht, wie die Konstellation in dieser Stunde ist, welches Sternbild gerade im Aufgange über dem Horizont ist, wie zur Geburtsstunde die Konstellation der anderen Sterne zu einem Sternbilde ist und daraus berechnet, wie der Verlauf der Sternkonstellationen, während des Lebens dieses Menschen weiter sein würde, und nach gewissen Anschauungen, die man sich über den günstigen oder ungünstigen Einfluß gewisser Sterne und Sternkonstellationen auf das menschliche Leben gemacht hat, nach solchen Berechnungen voraussagt, was im Leben eines Menschen oder eines Volkes auftreten würde – ein solcher Astrologe erscheint uns kaum mehr als eine solche Persönlichkeit wie der alte jüdische Prophet oder wie die griechischen Prophetinnen oder überhaupt die alten Propheten, die herausgetreten waren aus dem gewöhnlichen Bewußtsein und in der Ekstase nur aus einem aus dem Übersinnlichen geschöpften Wissen die Zukunft vorhersagten. Was bei diesen astrologischen Prophezeiungen die heutigen Menschen am stärksten stört, insofern sie sich zu dem aufgeklärten Teil unserer Gebildeten rechnen, das ist, daß schwer eingesehen werden kann, was der Gang der Sterne, die Konstellation von Sternen mit dem zu tun haben sollen, was im Leben eines Menschen, im Leben eines Volkes oder in der Aufeinanderfolge der Zeitereignisse hier auf der Erde geschieht. Und da der Blick der heutigen Erkenntnis auf etwas ganz anderes gerichtet ist als auf solche Zusammenhänge, so bringt man auch demjenigen kein besonderes Interesse entgegen, was in den Zeiten, in welchen auch erleuchtete Wissenschaft mit astrologischer Prophezeiung vereinbar war, vor allen Dingen als etwas Gewisses, als etwas Reales erschienen war. Noch der große tonangebende Forscher und Gelehrte Kepler hat nicht nur seine keplerischen Gesetze gefunden, er war nicht nur einer der größten Astronomen aller Zeiten, sondern er widmete sich auch der astrologischen Prophezeiung. Und in seiner Zeit, kurz vorher und kurz danach, finden wir zahlreiche wirklich erleuchtete Geister, welche dieser selben Kunst anhängen, und welche von ihrem Standpunkte aus, wenn man alle Dinge objektiv bedenkt, gar nicht anders konnten, als diese prophetische Kunst, diese prophetischen Erkenntnisse so ernst zu nehmen, wie in entsprechender Weise unsere heutigen Zeitgenossen irgendeinen wissenschaftlichen Zweig ernst und würdig nehmen. [26] Denn man kann leicht sagen, daß irgendeine Vorhersage, die zum Beispiel bei der Geburt eines Menschen getan worden ist, die aus Sternenkonstellationen geholt und an dem Leben dieses Menschen bewahrheitet worden ist, daß dieser Zusammenhang der Konstellation mit dem Leben des Menschen doch nur auf einer Art von Zufall beruht. Gewiß, in einer unendlich großen Anzahl von Fällen muß zugegeben werden, daß das Frappierende des Eindruckes, den man von der Bewahrheitung astrologischer Vorhersagungen haben kann, einfach darauf beruht, daß man durch das Eintreten einer solchen Vorhersagung überrascht ist und das Übereinstimmende behält und darüber vergißt, was nicht eingetroffen ist.

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In gewisser Beziehung hat allerdings jener griechische Atheist ganz recht, der einmal mit seinem Schiffe in einer Küstenstadt ankam, wo an einem Opferorte gewisse Zeichen derjenigen Persönlichkeiten aufgehängt wurden, welche auf der See ein Gelübde getan hatten, daß sie, wenn sie bei irgendeinem Schiffbruch gerettet würden, ein solches Opferzeichen an einem solchen Opferorte aufhängen würden. Gewiß, da waren viele solche Opferzeichen aufgehängt. Es war kein Zweifel: sie alle rührten von solchen Menschen her, die aus einem Schiffbruch gerettet worden waren. Aber der betreffende griechische Atheist meinte, man könnte erst dann die Wahrheit wissen, wenn man auch die Zeichen aller derjenigen aufhängen würde, die trotz jenes Gelübdes bei Schiffbrüchen zugrunde gegangen sind. Da würde sich dann zeigen, von welcher Seite mehr Zeichen aufgehängt würden. Ebenso könnte auch gesagt werden: Ein objektives Urteil kann man nur gewinnen, wenn man nicht nur alle eingetroffenen, sondern auch alle nichteingetroffenen astrologischen Voraussagen verzeichnen würde. – Aber gegenüber einer solchen Anschauung, die ja immer möglich ist, erscheint doch mancherlei wieder höchst frappierend. Da ich in diesen öffentlichen Vorträgen nicht eine gründliche Kenntnis aller geisteswissenschaftlichen Grundlagen voraussetzen kann, so muß auch auf das hingewiesen werden, was dem allgemeinen Bewußtsein eine Vorstellung davon geben kann, welchen Wert entsprechende Dinge auf Gebieten haben, über die wir uns hier ergehen. [27] Frappierend muß es doch für den größten Skeptiker erscheinen, wenn zum Beispiel folgende Tatsache auftritt. Wallenstein – damit wir bei bekannten Persönlichkeiten bleiben – wendet sich an den großen Kepler, dessen Namen jeder Wissenschafter nur mit Ehrfurcht nennen kann, um sein Horoskop von ihm zu erhalten, das heißt die aus den Sternen zu findende Aussage in bezug auf sein künftiges Leben. Er erhält von Kepler dieses Horoskop. Dieses Horoskop des Wallenstein war mit einer gewissen Vorsicht gemacht worden. Es wurde nicht etwa so zustande gebracht, daß Wallenstein in einem gewissen Lebensjahre an Kepler schrieb, dann und dann sei er geboren und er wünsche jetzt von ihm sein Horoskop, sondern es geschah in der Weise – so dumm nämlich, wie man es heute glaubt, war es doch nicht –, daß ein Mittelsmann gewählt wurde, so daß der Betreffende, der das Horoskop zu machen hatte, nicht wußte, um welche Persönlichkeit es sich eigentlich handelte. Es wurde nur das Geburtsdatum angegeben. Kepler wußte also nicht, um wen es sich handelte. Nun hatte Wallenstein damals schon eine gewisse Anzahl von Erlebnissen hinter sich, von denen er auch verlangte, daß sie aufgezeichnet würden, und dann sollte eine Aufzeichnung der weiteren Erlebnisse, die der Zukunft, angefertigt werden. Kepler fertigte das von ihm verlangte Horoskop aus. Darin fand Wallenstein, wie es bei zahlreichen Horoskopen der Fall ist, eine große Übereinstimmung mit vielen seiner Erlebnisse. Er faßte zum Horoskop Vertrauen – es ist das ein Vorgang, der sich so bei vielen Leuten der damaligen Zeit abgespielt hat – und es gelang ihm in manchen Fällen, sein Leben so einzurichten, wie es im Sinne gewisser solcher Voraussagen war. Nun muß gleich gesagt werden, daß im verflossenen Leben zahlreiche Tatsachen stimmten, aber manche stimmten auch nicht. Ebenso war es mit dem, was sich auf die Zukunft bezog.

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Das war bei zahlreichen Horoskopen der Fall. Da hat man in der damaligen Zeit allerdings eine sonderbare Sache befolgt, die darin bestand, daß man gesagt hat: Da muß in der Geburtsstunde irgend etwas nicht richtig sein, und vielleicht könnte der betreffende Astrologe die Geburtsstunde etwas korrigieren. – [28] So etwas hat auch Wallenstein gemacht. Er hat Kepler ersucht, die Geburtsstunde zu korrigieren; es handelt sich dabei nur um ganz weniges; dadurch kamen richtigere Daten heraus, die stimmten jetzt wieder besser. Demgegenüber muß aber gesagt werden, daß Kepler ein durchaus ehrlicher Mann war und gar nicht gern so etwas tat, wie die Geburtsstunde korrigieren. Aus dem Brief, den Kepler damals darüber an Wallenstein schrieb, fühlt man heraus, daß er es nicht gerne tat und einen solchen Vorgang nicht empfehlen konnte, denn wenn man so etwas vornimmt, könnte man ja dadurch alles mögliche in dieser Weise feststellen. Dennoch unterzog er sich dieser von Wallenstein gewünschten Aufgabe – es war das im Jahre 1625 und gab auch dann wieder Angaben über das zukünftige Leben Wallensteins, namentlich sagte er ihm, daß nach diesem jetzigen Lesen der Sternenzusammenhänge die Sternkonstellationen für Wallenstein im Jahre 1634 außerordentlich ungünstig ständen. Er fügte auch noch hinzu, jetzt, nachdem dies noch so lange bis dahin sei, könnte er es voraussagen, denn, wenn auch Wallenstein sich aufregen würde, so würde diese Aufregung doch schon schwinden bis zu der Zeit, da diese ungünstigen Verhältnisse einträfen, aber er glaube nicht, daß es gefährlich wäre für das, was Wallenstein tun würde. Für den März 1634 war es vorausgesagt. Und siehe da: wenige Wochen vor diesem Datum stellten sich die Ursachen ein, die zur Ermordung von Wallenstein führten. Das sind Dinge, die doch wenigstens frappieren können. Aber nehmen wir andere Beispiele, und zwar nicht aus den Reihen untergeordneter Astrologen, sondern solche, die mit erleuchteten Geistern umgehen. Da muß einer außerordentlich bedeutsamen Persönlichkeit auf diesem Gebiete gedacht werden: ich meine Michel, Nostradamus. Nostradamus war ein bedeutender Arzt, der unter anderem auch bei einer Pestkrankheit unendlich heilsam gewirkt hat; er wurde tief verehrt gerade wegen der selbstlosen Art, wie er sich seinem Arztberufe hingab. [29] Bekannt ist aber auch, daß er sich, als er wegen dieser Selbstlosigkeit von seinen medizinischen Kollegen vielfach angefeindet worden ist, von seinem ärztlichen Berufe in die Einsamkeit von Salon zurückzog. Da beobachtete er nun nicht so wie Kepler oder andere die Sterne, sondern er hatte einen besonderen Raum in seinem Hause, in das er sich zurückgezogen hatte. Von diesem Raume aus – das ist aus seinen eigenen Angaben zu entnehmen – betrachtete er die Sterne eigentlich nur so, wie sie sich dem Blicke darbieten, nicht so, daß er besondere mathematische Rechnungen vornahm, sondern nur das, was Gemüt und Seele und Imagination verfolgen können, wenn sie sich den Wundern des nächtlichen Sternenhimmels aussetzen. Viele, viele Stunden, Stunden voll Inbrunst und Andacht verbrachte Nostradamus in dieser eigentümlichen Kamera, die nach allen Seiten den freiesten Ausblick in den Sternenhimmel bot.

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Und da haben wir von ihm nicht nur einzelne Vorhersagungen, sondern eine ganze lange Serie von den mannigfaltigsten Vorhersagungen über Ereignisse der Zukunft, die in der sonderbarsten Weise eintrafen, so daß der vorhin genannte Historiker Kemmerich gar nicht umhin kann, als frappiert zu sein und noch nach langer Zeit etwas auf das zu geben, was die Vorhersagungen des Nostradamus sind. Nostradamus trat zuerst mit einigen seiner Vorhersagungen hervor. Er wurde natürlich auch in seiner Zeit zuerst ausgelacht, denn er konnte nicht einmal auf irgend welche astrologischen Berechnungen hinweisen. Es war ihm, wie wenn durch den Anblick der Sterne ihm in merkwürdigen Bildern, Imaginationen die Zukunft sich gezeigt hätte, zum Beispiel als ob in einem großen Bilde ihm aufgegangen wäre der Ausgang der Schlacht bei Gravelingen im Jahre 1558, welche die Franzosen mit großem Verlust verloren haben. Eine andere Voraussage, die auch lange vorher für das Jahr 1559 gemacht wurde, bezog sich darauf, daß König Heinrich II. von Frankreich in einem Duell fallen sollte, wie er sagte. Man lachte nur darüber. Die Königin selbst lachte und meinte, daran könne man am leichtesten sehen, wieviel darauf zu geben sei, denn ein König sei über ein Duell erhaben. [30] Aber siehe da: bei einem Turnier fiel der König in dem vorhergesagten Jahr. Und viele Dinge könnten wir anführen, die erst später eingetreten sind und die, wenn sie in der entsprechenden Weise gedeutet werden, nur eingetretene Voraussagen des Nostradamus genannt werden können. Weiter haben wir einen anderen erleuchteten Geist des sechzehnten Jahrhunderts, der wieder als Astronom eine große Bedeutung hat: Tycho de Brahe. Die heutige Welt kennt Tycho de Brahe kaum anders, als daß man sagt, er habe nur zur Hälfte die kopernikanische Weltanschauung angenommen. Wer aber sein Leben genauer kennt, der weiß, was Tycho de Brahe zum Beispiel zur Herstellung von Sternkarten getan hat, wie er die damals vorhandenen Sternkarten in ganz hervorragender Weise verbessert hat, da er ein Astronom von ganz hervorragender Bedeutung für seine Zeit war, neue Sterne gefunden hat und so weiter. Aber Tycho de Brahe war zu gleicher Zeit ein Mensch, der tief davon durchdrungen war, daß nicht nur die physischen Verhältnisse der Erde im Zusammenhang stehen mit der ganzen Welt, sondern daß auch dasjenige, was die Menschen geistig erleben, mit den Ereignissen des großen Kosmos zusammenhängt. So kam es denn, daß Tycho de Brahe nicht nur ein großer Astronom war, der die Sterne beobachtete, sondern daß er die Vorgänge des Himmels auf die Vorgänge im Menschenleben bezog. Und es war allerdings frappierend, daß Tycho de Brahe schon als zwanzigjähriger Mensch, als er nach Rostock kam, damals den Tod des Sultans Soliman vorausgesagt hat, der zwar nicht auf den Tag genau, aber doch eintraf, wenn auch mit einer kleinen Ungenauigkeit. Es war eine ungenaue Angabe, aber eine Angabe, gegen die man sich vielleicht gerade als Historiker nicht auflehnen kann; denn wenn man schon lügen wollte, könnte man sagen, so würde man nicht halb lügen und nicht die Differenz von ein paar Tagen in das Resultat hineinmischen.

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Daraufhin ließ sich der König von Dänemark von Tycho de Brahe das Horoskop machen für seine drei Söhne. [31] Das stimmte für seinen Sohn Christian, weniger für den andern Sohn Ulrich. Aber eine merkwürdige Voraussage machte Tycho de Brahe über den dritten Sohn Hans, die eingekleidet und hergenommen ist von dem Gang der Sterne. Die ganze Konstellation, alles was man für den Herzog Hans sehen könne, sei so, daß er ein gebrechlicher Mensch sei und bleiben müsse, der kaum ein hohes Alter erreichen könne. Da die Geburtsstunde nicht ganz sicher war, machte Tycho de Brahe sogar mit großer Vorsicht seine Angabe: Vielleicht stirbt er im achtzehnten, vielleicht im neunzehnten Jahre, denn da treten ganz besonders ungünstige Konstellationen ein. – Ich will es dahingestellt sein lassen, ob er dies aus einer gewissen Nachsicht mit den Eltern oder aus einem andern Grunde tat, denn er schrieb, es wäre allerdings möglich, daß diese furchtbare Konstellation in bezug auf das achtzehnte oder neunzehnte Jahr für das Leben des Herzogs Hans überwunden werden könne; dann würde Gott sein Schützer sein. Aber man müsse sich klar werden, daß diese Verhältnisse da wären, daß Hans zuerst eine außerordentlich ungünstige Konstellation mit dem Mars hätte und daß er deshalb kriegerischen Verwickelungen in früher Jugend ausgesetzt sein würde. Aber da in bezug auf diese Konstellation über dem Mars die Venus noch günstig stünde, so könnte man hoffen, daß er über diese Zeit hinüberkommen würde. Aber dann käme gerade mit dem achtzehnten, neunzehnten Jahre jene ungünstige, gefährliche Konstellation, die durch den für Hans feindlichen Saturn hervorgerufen sei, und die zeige, daß er einer «feuchten, melancholischen» Krankheit ausgesetzt sei, die namentlich von der betreffenden fremdartigen Umgebung kommen müsse, in die dieser Mensch dann versetzt sein würde. Wie war der Verlauf des Lebens dieses Herzogs Hans? Er wurde als junger Mann in die damaligen politischen Verhältnisse verwickelt, wurde in einen Krieg geschickt, machte eine Schlacht mit, die Schlacht bei Ostende, und hatte dann in Anknüpfung daran – das hatte Tycho de Brahe besonders vorausgesagt – große Seestürme zu bestehen. [32] Er war nahe daran, zugrunde zu gehen. Dann wurden Verhandlungen angeknüpft von befreundeter Seite über eine Ehe des Herzogs Hans mit der Zarentochter, und er selbst wurde aus diesem Grunde nach Dänemark zurückberufen. Das konnte nun Tycho de Brahe so auslegen, daß Mars hart herangetreten sei an den Herzog, daß die von den ungünstigen Marseinflüssen herrührenden Verwickelungen aber zurückgehalten wurden durch die Einflüsse, die von der Venus kamen, so daß die Venus, welche die Beschützerin der Liebesverhältnisse ist, zunächst den Herzog Hans geschützt hat. Dann aber kam in seinem achtzehnten, neunzehnten Jahre der feindliche Saturneinfluß. Er wurde abgeschickt nach Moskau. Bis Petersburg kam er. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, in welcher Stimmung der dänische Hof auf den jungen Herzog hinblickte. Alle Vorbereitungen zur Heirat wurden gemacht, man erwartete stündlich die Nachricht von dem Zustandekommen dieser Verbindung, statt dessen kam zuerst eine Meldung, daß die Heirat verzögert wurde, dann kamen Nachrichten von der Erkrankung des Herzogs und endlich die Todesnachricht.

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Solche Dinge wirkten auf die Zeitgenossen frappierend. Daß aber solche Dinge auch auf die Nachwelt frappierend wirken müssen, das kann doch nicht bestritten werden. Und schließlich ist es auch wahr, daß die Weltgeschichte zuweilen Humor liebt, humoristisch ist, wie es ja auf anderem Gebiete zum Beispiel jenem Professor ergangen ist, der behauptet hat, daß das weibliche Gehirn weniger wiege als das männliche, und bei dem sich dann herausgestellt hat, als sein Gehirn nach seinem Tode gewogen wurde, daß es ganz besonders wenig wog, so daß er einem humoristischen Spiele des Weltengeistes zum Opfer gefallen ist. So ging es auch Giovanni Pico von Mirandola, dem das Horoskop gestellt und gesagt war, daß ihm der Mars besonders ungünstig sei, ihm ein großes Unglück bringen würde. Er war ein Gegner aller solcher Prophezeiungen. Lucius Bellantius (19) hatte ihm noch gezeigt, daß alles unrichtig sei, was er gegen die Sterndeutungen eingewendet hatte. [33] Er starb dann genau in dem Jahre, für welches der ungünstige Einfluß des Mars angegeben war. So könnten wir zahlreiche Beispiele anführen und würden uns die Überzeugung verschaffen können, daß es allerdings in einem gewissen Sinne leicht ist, manches gegen diese oder jene solcher Angaben einzuwenden. Gewiß, es muß ernst genommen werden, was ein sehr bedeutender und namentlich durch seine humanitären Bestrebungen außerordentlich zu verehrender heutiger Astronom gegen das, was man alles für das Eintreffen des Todes Wallensteins nach Keplers Horoskop sagen kann, eingewendet hat. Es muß zugegeben werden, daß es ernst zu nehmen ist, wenn Wilhelm Förster dem entgegenhält: Nun wußte Wallenstein diese Tatsache. Da kam das betreffende Jahr heran, und indem er sich an sein Horoskop erinnerte, wurde er zögernd, griff nicht recht durch, wie er es sonst wohl getan hätte, und hat auf diese Weise selbst den unglücklichen Ausgang herbeigeführt. – Solche Dinge wird man immer einwenden können. Man muß aber auf der anderen Seite doch bedenken, wenn man überhaupt in bezug auf wissenschaftliche Belege bei äußeren Daten etwas geben kann, dann genügen auch für die heutige Zeit jene Angaben für die Aufstellung wissenschaftlicher Tatsachen durchaus, die – sagen wir – keine schärferen Belege erfordern. Es können manche Dinge durchaus problematisch sein, man sollte sich aber darum dem nicht verschließen, daß das sorgfältige Vergleichen von vergangenen Lebensdaten, wobei man es mit Angaben zu tun hatte, die aus den Sternen zu gewinnen waren, zu dem Vertrauen führte für das, was erst in kommenden Zeiten geschehen sollte. Bei allem, was fehl ging, hatte man schon ein Auge für das, was fehl ging und die frappierenden Zusammenhänge nicht aufdeckte, aber man nahm das doch nicht in einem ganz kritiklosen Sinne an. Kritik konnten die Leute der damaligen Zeiten auch anwenden und haben sie vielleicht bei manchen Dingen recht viel angewandt. [34] Wie man auch über diese Dinge denkt, ich wollte nur von einigen dieser Beispiele die frappierendsten anführen, um zu zeigen, daß auch auf dem Wege der heutigen Wissenschaft mit den Methoden der heutigen Wissenschaft es möglich ist, im Ernste über diese Dinge zu reden.

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Und selbst wenn man das nimmt, was dagegenstünde, so müßte man doch mindestens das eine zugestehen, wenn man auch ganz den Inhalten ablehnend gegenüberstünde, daß die Gründe, nach welchen erleuchtete Geister einer verhältnismäßig so kurz hinter uns liegenden Zeit an diesen Dingen festgehalten haben, nicht schlechte Gründe, sondern menschenwürdige, gute Gründe sind. So daß man, wenn man auch selbst die Gründe ablehnte, sich sagen muß: Diese Dinge wirkten in jenem Zeitalter so auf erleuchtete Geister, daß man sah, wie diese Geister, ganz abgesehen von Einzelheiten, an den Zusammenhang dessen glaubten, was im einzelnen Menschenleben und im Völkerleben vorgeht mit den Dingen, die in der großen Welt, im Weltenraume sich abspielen. An diesen Zusammenhang des Makrokosmos, der großen Welt, mit dem Mikrokosmos, der kleinen Welt, glaubten diese Menschen. An was glaubten sie im Grunde genommen? Sie glaubten daran, daß dieses Menschenleben auf der Erde, wie es sich abspielt, nicht allein ein chaotisches Strömen von Ereignissen ist, sondern daß Gesetzmäßigkeit in diesen Ereignissen ist, daß ebenso, wie zyklische Gesetzmäßigkeit in den Himmelsereignissen ist, so eine gewisse zyklische Gesetzmäßigkeit, ein gewisser Rhythmus in den menschlichen und irdischen Verhältnissen sich abspielt. Damit wir uns darüber verständigen können, was gemeint ist, soll auf einige Tatsachen hingewiesen werden, die wahrhaftig, wenn man beobachten will, ebenso Gegenstand der Erfahrung werden können, wie es die strengsten Tatsachen der wissenschaftlichen Chemie oder Physik heute sind. Nur muß man dann auf den entsprechenden Gebieten Beobachtungen anstellen. Nehmen wir an, wir beobachten irgendeine besondere Tatsache, die sich im Menschenleben während der Kindheitszeit abspielt. [35] Wer dann das Menschenwesen so betrachtet, daß er längere Zeiträume ins Auge faßt, wird merkwürdige Zusammenhänge herausbringen. Da ergibt sich ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen dem allerersten Kindesleben und dem spätesten Greisenleben, so daß wir – wenn auch in Umkehrung – ganz genau einen Zusammenhang bemerken können zwischen dem, was der Mensch am Abend seines Lebens erlebt, und dem, was er in der Jugend durchgemacht hat. Dann werden wir sagen können: Wenn wir zum Beispiel in der Jugendzeit Aufregungen durchgemacht haben durch besondere Angstzustände, dann kann es sein, daß wir vielleicht unser ganzes Leben hindurch davon verschont sein konnten, aber im Alter dann eigentümliche Dinge auftreten, von denen wir wissen können, wir haben die Ursache zu ihnen in den Angstzuständen der allerfrühesten Kindheit zu suchen. Dann gibt es wieder Zusammenhänge zwischen dem Jünglingsalter und der Zeit, die dem Greisenalter vorangeht. Kreisförmig spielt sich das Leben ab. Wir können noch weiter gehen. Nehmen wir zum Beispiel an, irgend jemand würde in seinem achtzehnten Jahre aus seinem bisherigen Lebensgange herausgerissen werden, er hätte vielleicht bis dahin studieren können, wäre im achtzehnten Jahre aus seinem Studium herausgerissen worden und müßte von da ab Kaufmann werden, vielleicht dadurch, daß der Vater sein Vermögen verloren hat und so weiter. Da könnte sich herausstellen, daß der Betreffende sich zuerst gar nicht unglücklich in seinem Beruf fühlt, wir sehen aber dann nach einigen Jahren ganz besondere Schwierigkeiten im Leben auftreten. [36]
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Wenn wir einen solchen Menschen weise leiten, ihm über gewisse Schwierigkeiten hinweghelfen wollen, so können wir nicht irgendwelche allgemeine abstrakten Grundsätze anwenden, sondern wir müssen uns klar sein, daß wir, während er mit achtzehn Jahren aus seinen Lebensverhältnissen herausgerissen worden ist und mit vierundzwanzig Jahren besondere seelische Schwierigkeiten hat, so daß also sechs Jahre später die Schwierigkeiten aufgetaucht sind, sechs Jahre vorher, also etwa im zwölften Jahre, im Seelenleben dieses betreffenden Menschen irgendwelche Vorgänge finden werden, welche die Schwierigkeiten bedingen, die uns also in Wahrheit erklären werden, was sich mit vierundzwanzig Jahren abgespielt hat: sechs Jahre vorher, sechs Jahre nachher, der Berufswechsel liegt in der Mitte. Wie bei einem Pendel, das nach rechts und links ausschlägt, in der Mitte der Punkt ist, wo die Gleichgewichtslage ist, so ist in diesem Falle das achtzehnte Jahr ein Knotenpunkt gegenüber dem Pendelschlag des Lebens. Was vorher im Leben da war, spielt sich so ab, daß eine Ursache, die vorher gelegt ist, ihre Wirkung dieselbe Anzahl von Jahren nach diesem Knotenpunkt hat. So ist es mit dem ganzen Menschenleben. Das menschliche Leben verläuft nicht unregelmäßig, sondern in gewisser Weise regelmäßig und gesetzmäßig. Der einzelne Mensch braucht das nicht zu wissen. Aber in jedem Menschenleben ist ein Lebensmittelpunkt, und was vor diesem Lebensmittelpunkt ist, das Jugendleben, das Kindheitsleben, läßt die Ursachen gleichsam im Schoße der aufeinanderfolgenden Ereignisse liegen, und was dann eine gewisse Anzahl von Jahren vor diesem Lebensmittelpunkt sich abgespielt hat, zeigt sich in seinen Wirkungen ebenso viele Jahre nach demselben. Und so wie der Tod der entgegengesetzte Punkt der Geburt ist, so sind die Ereignisse der Kindheit die Ursache für Ereignisse, die sich in den Jahren zutragen, die dem Tode vorangehen. So begreift man das Leben. Vernünftig wird man das Leben nur begreifen, wenn man so zurückzeichnet, wenn man zum Beispiel in bezug auf einen Krankheitszustand, der vielleicht mit vierundfünfzig Jahren auftritt, sich einen Lebensknotenpunkt suchen wird, wo ein Mensch an einer besonderen Krise vorbeigegangen ist, von dort zurückrechnet und ein Ereignis finden wird, das sich zum vierundfünfzigsten Jahre verhält wie Geburt zum Tode, das heißt in gewisser Beziehung entgegengesetzt. In einer gewissen Weise sind die Ereignisse im Menschenleben auch so angeordnet, daß sie sich gesetzmäßig verfolgen lassen. [37] Das widerspricht nicht unserer Freiheit. Die größte Sorge der Menschen ist gewöhnlich, daß eine solche gesetzmäßige Art des Ablaufes der Ereignisse der menschlichen Willkür, der menschlichen Freiheit widerspräche. Das ist aber nicht der Fall, das kann nur für ein ungeschultes Denken so scheinen. Wer zum Beispiel in seinem fünfzehnten Jahre irgendeine Ursache in den Schoß der Zeiten hineinlegt, deren Wirkung er im vierundfünfzigsten Jahre erlebt, der benimmt sich dadurch ebensowenig seiner Freiheit für dieses Jahr wie der, welcher sich ein Haus baut, das im nächsten Jahre fertig werden soll, und dann in dasselbe einzieht.

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Bei genauem logischem Denken wird man nicht sagen können, man benehme sich seiner Freiheit, wenn man dann in das Haus zieht. Bei genauem logischem Denken wird man nicht sagen können, man benehme sich seiner Freiheit, wenn man Ursachen für spätere Ereignisse legt. Das hat mit der Freiheit des Lebens direkt nichts zu tun. Ebenso, wie es zyklische Zusammenhänge im einzelnen Menschenleben gibt, ebenso sind solche für das Leben der Völker, überhaupt auch für das Leben auf der Erde vorhanden. In früheren Vorträgen wurde schon angeführt, was auch später noch gezeigt werden soll, daß wir die Entwickelung unserer Erdenmenschheit zunächst für unsere unmittelbare Kulturepoche in aufeinanderfolgende, uns zunächst berührende Kulturepochen, Kulturzeiträume einteilen. Da haben wir einen Kulturzeitraum, den wir als denjenigen bezeichnen, in welchem die babylonisch-assyrisch-ägyptisch-chaldäische Kultur sich abgespielt hat. Darauf folgend haben wir denjenigen Zeitraum, den wir als den griechisch-lateinischen bezeichnen, in den alle Tatsachen des Griechentums und des Römertums hineinfallen, und dann haben wir den unsrigen, den wir vom Untergange des Griechentums und des Römertums an bis in unsere Zeit hinauf rechnen, und der, wie alle Zeichen der Zeit zeigen, noch lange dauern wird. So haben wir drei aufeinanderfolgende Kulturepochen. [38] Wer genauer das Völkerleben in diesen drei aufeinanderfolgenden Epochen betrachtet, der wird gewahr werden, daß die griechisch-lateinische Zeit etwas wie einen Lebensknotenpunkt in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit hatte. Daher auch jenes eigentümlich Faszinierende der griechisch-römischen Kultur. Die Art und Weise, wie griechische Kunst, griechische und römische Staatenbildung sich ausnehmen, was römisches Recht und römische Staatskunst und was Auffassung des römischen Bürgers ist, das ist etwas, was wie eine Art von Gleichgewichtspunkt in den aufeinanderfolgenden Strömungen der Entwickelung der Menschheit dasteht. Dann haben wir nachher unseren Kulturzeitraum, vorher den ägyptisch-chaldäischen. In einer merkwürdigen Weise kann nun der, welcher die Verhältnisse tief genug betrachtet, wahrnehmen, wie ganz bestimmte Erscheinungen des ägyptisch-chaldäischen Zeitraumes, allerdings in veränderter Gestalt, aber dennoch verwandt mit diesen, sich heute wieder abspielen. So daß damals die Ursachen in den Schoß der Zeiten gelegt worden sind, die jetzt wieder herauskommen. Und wir empfinden es dann wie eine merkwürdige Mahnung, daß nicht nur gewisse Arten zum Beispiel der menschlichen Hygiene, gewisse Waschungen im alten Ägypten aufgetreten sind und jetzt wieder, wenn auch in anderer Gestalt, auftreten, sondern daß auch gewisse Arten, sich zum Leben zu stellen, so auftreten, daß man sieht: es erscheint das, was im alten Ägypten als Ursache gelegt worden ist, heute in seinen Wirkungen, aber wie ein Ruhepunkt dazwischen erscheint die griechisch-römische Kultur. Und wiederum geht der ägyptischchaldäischen Kultur diejenige voran, welche wir als die urpersische bezeichnen. Nach dem Gesetz der Kreislaufentwickelung ist es dann, man möchte sagen, wie eine Ahnung zu erhoffen, daß ebenso, wie sich die ägyptisch-chaldäische Zeit in unserem Kulturzyklus wiederholt, so der urpersische Zeitraum in demjenigen sich wiederholen wird, der auf den unsrigen folgen wird.
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Immer Gesetzmäßigkeit in dem Gange der Menschheitsentwickelung! Nicht Regellosigkeit, nicht Chaos, aber auch nicht eine solche Gesetzmäßigkeit, wie die heutigen Historiker vielfach vermuten. [39] Da sucht man die Ursachen für alles, was heute geschieht, in der unmittelbar vorhergehenden Zeit, die Ursachen für die Geschehnisse der nächsten Vergangenheit wieder in der unmittelbar vorhergehenden Zeit und so weiter, so daß man eine Kette von Ereignissen konstruiert, wo immer eines auf das andere folgt. Aber bei genauerer Betrachtung stellt sich das nicht heraus, sondern da stellen sich Kreisläufe, Überschneidungen, heraus, so daß etwas, was vorher da war, eine Zeitlang verborgen bleibt und später wieder auftritt, was noch früher da war, noch später auftritt und so weiter. Das kann sich schon einer äußerlichen Betrachtung der Menschheitsentwickelung ergeben. Für den aber, der in den letzten zwei Vorträgen anwesend war, und der auch geisteswissenschaftlich in den Gang der Menschheitsentwickelung eindringt, stellt sich noch viel weiteres heraus, daß nämlich auch noch in der Tat eine tiefe geistige Gesetzmäßigkeit in dem Strom des Geschehens, in dem Strom des Werdens drinnen liegt, und daß in dem Augenblick, wo der Mensch zu einer gewissen Vertiefung seines Seelenlebens kommt, wie es schon charakterisiert worden ist, er auch zu einem Schauen solcher tieferen inneren Zusammenhänge vordringt. Und wenn es auch wahr ist, daß nichts so leicht, als was in dieses Gebiet gehört, verkannt werden kann, daß es sogar leicht auch in die Nähe kommen kann von Scharlatanerie, vielleicht auch von Schwindelhaftigkeit und von dem, was unmoralischen menschlichen Trieben und Instinkten entgegenkommt, so ist dennoch dieses wahr, daß der Mensch imstande ist, Persönliches auszuschließen und die inneren verborgenen Kräfte des Geisteslebens rege zu machen, so daß er nicht mehr nur das entwickelt, was er aus seiner Umgebung weiß, woran er sich als an sein eigenes Leben und das seiner nächsten Bekannten erinnert, sondern daß er frei wird von allem, was sein persönliches, sein sinnliches Anschauen ausmacht. [40] Wenn der Mensch, wie es im ersten und zweiten Vortrage geschildert ist, derart aus seiner Persönlichkeit heraustritt und sich bewußt wird, daß noch höhere Kräfte in ihm sind, die nur durch entsprechende Übungen, die charakterisiert worden sind und auch weiter charakterisiert werden sollen, entwickelt zu werden brauchen, und wenn der Mensch durch solche Übungen die tiefer liegenden Kräfte an die Oberfläche ruft, dann wird dies, indem irgend etwas in einem Menschenleben geschieht, zu irgendeiner Zeit auch zum Verräter von tiefer liegenden Ursachen, und der Mensch ahnt dann, daß alles, was im Laufe der Zeit geschieht, so oder so Wirkungen hineinwirft in die Zukunft. Das ist das Gesetz, welches uns auch durch die Geisteswissenschaft entgegentritt, daß alles, was auch auf geistigem Gebiete geschieht, nicht wesenlos im Strome des Daseins verrinnt, sondern daß es seine Wirkungen hat, und daß wir das Gesetz suchen müssen, wonach diese Wirkungen in späteren Zeiten auftreten. Durch diese Erkenntnis kommen wir auch dazu, überhaupt einzusehen, daß dieses Leben zwischen Geburt und Tod auch die Ursachen für das Zurückkehren unserer Individualität auf die Erde enthält, so daß sich für die Wirkungen in einem nächsten Leben die Ursachen zeigen im jetzigen Leben.

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Wie die Erkenntnis der Wirkungen des Karma ein Ergebnis der Einsicht ist, wie die Ursachen im Schoße der Zeit liegen und wieder umgeändert als Wirkungen erscheinen, so wie dieses Gesetz Ergebnis solcher Erkenntnis ist, so war im Grunde genommen auch bei all den Menschen, welche Prophetie ernst nahmen oder sie ausübten, als eine Einsicht, als Grundstimmung ihrer Seele das vorhanden, daß es Gesetze gibt im Werdegang des Menschenlebens, und daß die Seele die Kräfte wachrufen kann, welche in diese Gesetze einzudringen vermögen. Aber die Seele braucht Anhaltspunkte zunächst. Die ganze Welt in ihren Tatsachen hängt zusammen. Wie schließlich der Mensch in seinem physischen Leben von Wind und Wetter abhängig ist, so ist wenigstens vorauszusetzen, wenn man auch über die Einzelheiten keine Klarheit hat, daß alles, was uns umgibt, in gewisser Weise zusammenhängt. [41] Und wenn man auch nicht Naturgesetze sucht in diesen Zusammenhängen nach der Art der heutigen Naturgesetze, so kann man doch aus dem, was einem in dem Gange der Sterne, in den Konstellationen der Sterne erscheint, etwas herausholen, was in uns den Gedanken hervorrufen kann: Da draußen sehen wir Harmonien, die in uns ähnliche Harmonien, ähnliche Rhythmen auslösen können, nach denen das menschliche Leben verläuft. Dann führen andere Betrachtungen auf Einzelheiten. Führen wir zunächst das Folgende an: Wir haben, wenn wir das Menschenleben genau betrachten, wie man in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» nachlesen kann, unterscheidbare Epochen noch in folgendem: die ersten Jahre des Menschen bis zum Zahnwechsel, darauf die nächsten Jahre bis zur Geschlechtsreife, dann die Jahre bis zum einundzwanzigsten Jahre und dann wieder die bis zum achtundzwanzigsten Jahre, das heißt siebenjährige Perioden im Menschenleben, welche uns zeigen, daß sie in ihrem ganzen Charakter verschieden sind, daß neue Arten von Fähigkeiten auftreten, nachdem diese Epochen da sind. Wenn wir darauf einzugehen vermögen, dann zeigt sich uns ganz klar, daß ein rhythmischer Gang im Menschenleben vorhanden ist, der in einer gewissen Weise im Sternenhimmel wiedergefunden werden kann. Merkwürdig, wenn jemand das Leben nach diesem Gesichtspunkte betrachtet – man muß es nur objektiv ruhig betrachten, ohne den Fanatismus einer Gegnerschaft – dann findet man, daß sich um das achtundzwanzigste Lebensjahr für die Seele etwas abspielt, was in einer gewissen Weise in der Tat für viele Menschen so ist, daß man sagen kann: Es hat sich nach vier mal sieben Lebensjahren Wichtiges zum Abschluß gebracht. – Vier mal sieben Lebensjahre, achtundzwanzig ungefähr, wenn auch nicht ganz genau, das ist auch die Zeit, welche der Saturn zu seinem Umlauf braucht. Während dieser Zeit durchläuft er einen Kreis, der aus vier Teilen besteht, geht also durch den ganzen Kreis durch, durchläuft die Zeichen des Tierkreises, und es entspricht dann sein Gang in einer gewissen Weise wirklich bildhaft dem Gang des Menschenlebens von der Geburt bis zum achtundzwanzigsten Jahre. [42] Und man kann es wieder weiter einteilen, indem man, wie man den Kreis in vier Teile teilt, diese achtundzwanzig Jahre in Perioden teilt, von denen jede sieben Jahre dauert. Da sieht man, wie in der Tat in dem Umlaufe eines Sternes für den großen Weltenraum etwas gegeben ist, was sich in einer ähnlichen Weise im Menschenleben zeigt.

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In ganz ähnlicher Art kann für andere Dinge, die am Himmel vorgehen, Rhythmisches im Menschenleben gezeigt werden. Wenn einmal die heute wenig beachtete, außerordentlich geistvolle, aber noch durchaus in ihren Anfängen ruhende Lehre des Berliner Arztes Fließ (20) über die wunderbare Reihe von Geburt und Tod studiert und weiter ausgebaut werden wird, so wird man sehen, wie rhythmisch Geburten und Tode im Leben der Menschheit sind. Aber alles das ist heute erst im Anfang wissenschaftlicher Untersuchungen. Man wird dann darauf kommen, wenn man den Gang der Sterne auf das menschliche Leben bezieht, daß man gar nichts anderes braucht, als den Gang der Sterne als eine Himmelsuhr anzuschauen, und das menschliche Leben als einen Rhythmus, der für sich abläuft, aber dennoch in einer gewissen Beziehung durch die Sterne bestimmbar ist. Man kann sich eine Vorstellung davon machen, wie man, wenn man auch nicht in naturwissenschaftlichem Sinne die Ursachen in den Sternen sucht, dennoch denken kann, daß das Menschenleben durch eine innere Verwandtschaft in einem ähnlichen Rhythmus abläuft. Wenn wir zum Beispiel oftmals des Morgens vor unsere Tür getreten sind oder zum Fenster hinausgeschaut haben und dann zur selben Zeit immer einen Menschen vorbeigehen gesehen haben, von dem wir wissen, er geht zu seinem Amte oder dergleichen, schauen wir auf die Uhr und wissen, daß jeden Tag zu dieser bestimmten Zeit der betreffende Mensch bei uns vorbeigeht. Ist es nun unbegründet, einmal die Uhr zu nehmen, wenn wir das wissen und zu sagen: Wenn die Zeiger der Uhr so stehen, können wir erwarten, daß dieser Mensch da vorbeigeht? Sind die Zeiger der Uhr dafür die Ursache, sind sie bestimmend für den Menschen, der da vorbeigeht? [43] Die Ursachen liegen ganz anderswo, aber man kann durch den bestimmten Rhythmus annehmen, daß um diese bestimmte Zeit der Betreffende dann draußen vorbeigehen wird. So braucht man nicht in den Sternen die Ursachen zu suchen. So kann man in den Sternen eine Weltenuhr sehen, die den Rhythmus angibt, nach dem sich auch das Menschen- und Völkerleben abspielt. Hier ruhen Dinge, die auch heute schon wichtige Gesichtspunkte für die Betrachtung des Lebens abgeben werden, und die Geisteswissenschaft hat, weil sie mit viel tieferen Mitteln vorgehen kann, auf diese tieferen Zusammenhänge hinzuweisen. Jetzt werden wir es auch begreifen, warum Tycho de Brahe, Kepler und andere sozusagen als Rechner vorgingen, Kepler am allermeisten, Tycho de Brahe schon weniger. Denn wer sich in das eigentümliche Seelenleben Tycho de Brahes hineinlebt, der findet, daß es nicht gar so weit entfernt war von dem Seelenleben des Nostradamus. Aber vollends sehen wir bei Nostradamus, daß er nicht zu rechnen braucht, sondern daß er in seiner oben offenen Kammer sitzt und den Sternenraum auf sich wirken läßt. Daß er dazu die entsprechenden Fähigkeiten hat, das schreibt er besonders günstigen Vererbungsverhältnissen zu, die sein Organismus besitzt, der ihm keine Hindernisse entgegensetzt. Dann braucht er aber noch etwas anderes, wie er sagt: eine ruhige, gelassene Seele, die alles ausschaltet, was ihn sonst im Leben umgeben hat, die alle Gedanken und Bewegungen, vor allem alle Sorgen, Aufregungen und Bekümmernisse des gewöhnlichen Lebens entfernt, alle Erinnerungen an das tägliche Leben.
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Rein und frei muß sich die Seele ihren Sternen entgegenstellen. Dann taucht in der Seele auf, taucht in Nostradamus' Geist – man sieht es ganz genau geistig – in Bildern dasjenige auf, was er verkündet. Er sieht es wie in Bildern, in Szenen vor sich. [44] Und wenn er in astronomischen Ausdrücken sprechen würde, und ein Menschenschicksal voraussagen und zum Beispiel sagen würde, der Saturn sei schädlich, oder der Mars sei schädlich, so würde er bei Schicksalsvoraussagungen nicht an den physischen Saturn oder an den physischen Mars da draußen direkt denken, sondern er würde denken: Dieser Mann hat einen kriegerischen Charakter, hat ein kriegerisches Temperament, zugleich aber etwas, was Melancholie ist, was ihn gewissen trübsinnigen Stimmungen aussetzen kann, die bis in die Leiblichkeit hineingehen können. – Das sieht er. Das läßt er im Geiste zusammen wirken, und da entsteht ihm dann ein Bild für die Zukunftsereignisse des betreffenden Menschen; da wirken die Neigung zur Melancholie und die kriegerische Stimmung des Menschen zusammen: Saturn und Mars. Das sind nur Sinnbilder. Wenn er Saturn und Mars sagt, so will er sagen, daß in dem Menschen etwas drinnen ist, das zu dem hindrängt, was sich ihm wie eine Szene, ein Bild hinstellt, was man aber mit der Oppositionsstellung oder Konjunktionsstellung von Mars und Saturn am Himmel vergleichen kann. Aber das ist nur Ausdrucksmittel, nur Sinnbild für das, was er sagen will. Für Nostradamus lösen die Betrachtungen der Harmonie der Sterne die Stimmung der Sehergabe aus, die es ihm möglich macht, daß er tiefer in die Seelen hineinsehen kann, als man es sonst vermag. Das heißt also, wir sehen in ihm einen Menschen, der durch ein besonderes Verhalten die inneren Kräfte der Menschenseele erwecken kann, die sonst verborgen im Menschen ruhen. Deshalb ist es Stimmung der Andacht, der Ehrfurcht vor dem Göttlichen, die er in sich hervorruft, wenn Sorgen und Bekümmernisse völlig stillestehen, und auch das Hinneigen der Seele zur äußeren Welt verschwunden ist. Er hat sich dann vollständig vergessen, fühlt sich nicht selbst und kann dann sagen, daß sich in solchen Momenten in seiner Seele bewahrheite, was immer sein Wahlspruch war: Es ist der Gott, der hier durch meinen Mund sich ausspricht. Ist, was ich zu sagen vermag, etwas, was dich berührt, o Mensch, so nimm es hin, als dir gesagt von der Gnade deiner Gottheit! – Diese Ehrfurcht gehört dazu! [45] Sonst ist Sehergabe nichts Echtes. Diese Stimmung aber sorgt von vornherein dafür, daß der, welcher sie hat, diese Sehergabe nicht in einem unmoralischen oder in irgendeinem unedlen Sinne mißbraucht. Bei Tycho de Brahe sehen wir eine Art von Übergang zwischen dem Charakter des Nostradamus und dem des Kepler. Tycho de Brahe kommt einem vor, wenn man seine Seele studiert, wie jemand, der sich aus einem früheren Leben heraus an Anschauungen erinnert, die er gehabt hat, etwa wie man in Griechenland prophetische Dinge getrieben hat. Es ist etwas in ihm wie in der Seele eines alten Griechen, der überall Weltenharmonie sehen will. Das wird Stimmung. Und die Stimmung ist es bei ihm, wie wenn die astronomische Berechnung nur eine Krücke wäre, die darauf hinweist, daß es in der Seele die Kräfte findet, welche in ihm aufsteigen lassen die Bilder aus früheren Ursachen über die Ereignisse der Zukunft oder der Vergangenheit.

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Kepler ist schon ein mathematischer Geist, ein wissenschaftlich abstrakter Geist in dem Sinne, wie es die Geister unserer Gegenwart in noch erhöhterem Maße sind. Er ist daher schon mehr oder weniger auf die bloße Berechnung angewiesen, die natürlich auch wieder stimmt, weil nach den Erfahrungen, die auf hellseherische Art gemacht worden sind, die Himmelskonstellationen eingestellt sind auf das menschliche Leben. Und immer mehr und mehr wurde die Astrologie bloße Berechnung. Sehergabe, wie sie Nostradamus noch hatte, ging immer mehr und mehr verloren. Wir werden den Übergang noch sehen in dem Vortrag «Von Paracelsus zu Goethe». (21) – Sehergabe ging auf in abstrakte Erkenntnis, in reine intellektuelle, astrologische Prophetie, und wir können sagen: Als die Sehergabe nur noch astrologische Prophetie war, ist sie schon intellektuell, verstandesmäßig gedacht. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr werden wir finden, daß den alten Propheten aus den Untergründen ihrer Seele das aufging, was sie über das Leben ihrer Völker zu sagen hatten. [46] So war es bei den jüdischen Propheten, daß sie unmittelbar aus der Verknüpfung mit ihrem Gotte, aus dem Umstande, daß sie von ihrer Persönlichkeit und von ihren persönlichen Angelegenheiten frei wurden, den großen Ereignissen ihres Volkes hingegeben waren, und auch hinschauen konnten auf das, was ihrem Volke bevorstand. So wie heute der Erzieher, der vorschauen kann, daß sich im Kinde Eigenschaften zeigen, die sich im Alter wiederholen müssen, darauf Rücksicht nehmen kann, so erscheint dem jüdischen Propheten die Seele seines Volkes als ein Ganzes, und was in Vorzeiten als Ursachen da war, das lagerte sich in seiner Seele ab und wirkte so, daß er die Wirkungen wie in einer grandiosen Ahnung wahrnimmt. Was für eine Bedeutung hat das aber für das menschliche Leben, was für einen Sinn hat dieses Prophetentum? Darauf kommen wir, wenn wir uns klar machen, daß es große Persönlichkeiten gibt, auf die wir immer das geschichtliche Strömen der Tatsachen zurückführen werden. Wenn auch die Menschen immer am liebsten nivellieren möchten, weil es unangenehm ist, wenn eine Persönlichkeit besonders über die anderen Menschen emporragt, denn heute will man Gleichheit in bezug auf alle Fähigkeiten, heute will man leugnen, daß gewisse Persönlichkeiten mehr an Kraft als die anderen haben, so gibt es dennoch im geschichtlichen Werden und in der Entwickelung der Menschheit solche großen, fortgeschritteneren Führerpersönlichkeiten. Es gibt zweierlei Führer in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Heute ist es ja schon so weit gekommen, daß das größte Ereignis der Menschheitsentwickelung oder überhaupt, daß größte Ereignisse so betrachtet werden, als ob sie nicht auf eine Persönlichkeit zurückführen, sondern wie von selber aus den Ideen herauswachsen würden. So gibt es heute eine theologische Richtung, die sich noch immer christlich nennt, die aber sagt, es brauche gar keinen einzelnen Menschen Christus Jesus gegeben zu haben. Ja, einer dieser Theologen hat sogar gesagt, als ihm erwidert wurde, daß doch die Weltgeschichte von Menschen gemacht würde, das sei so selbstverständlich, wie der Wald aus Bäumen bestände, aber darauf käme es nicht an, sondern so wie die Bäume den Wald machen, so machen die Menschen die Weltgeschichte. [47]
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Es ragt keiner hervor. Aber trifft denn so etwas wie der Ausdruck: «Der Wald besteht aus Bäumen» zusammen mit dem, was in der Geschichte da ist? Man muß sich nur wundern, wie wenig Logik sich darin ausdrückt, denn der Betreffende braucht nur darüber nachzudenken, daß der Wald, so wie er besteht, zurückzuführen ist auf Taten eines Menschen oder vieler Menschen. Es muß die Frage entstehen, ob nicht der Wald doch so entstanden sein könnte, daß ein oder zwei Samenkörner gelegt worden sind, und daß daraus der ganze Wald abstammen kann. Gewiß besteht der Wald aus Bäumen; aber es ist doch erst zu untersuchen, ob er einmal nicht aus ein oder zwei gelegten Samenkörnern abstammt. So ist auch in der Menschheitsgeschichte zu untersuchen, ob nicht die Ereignisse der Menschheitsentwickelung auf diesen oder jenen einzelnen Menschen zurückzuführen sind, der die übrigen befruchtet hat. Wer die Weltgeschichte so betrachtet, der kommt darauf, daß Menschen, die den Strom der Menschheitsentwickelung leiten, überschüssige Kräfte haben. Ob sie nun diese Kräfte im günstigen oder ungünstigen Sinne verwenden, ist eine andere Sache. Aus überschüssigen Kräften wirken die Menschen auf ihre Umgebung. Überschüssige Kräfte, die der Mensch nicht für seine Persönlichkeit gebraucht, können sich entweder in Taten ausleben, oder sie haben in unmittelbaren Taten keine Verwendung. Bei Tatenmenschen sehen wir, wie das, was der Mensch an Kräften in sich trägt, sich in Taten unmittelbar auslebt. Es gibt aber Menschen, die nicht dazu veranlagt sind, dasjenige, was sie an Kräften haben, auch in Taten auszuleben, oder aber es tritt, wenn es sich in Taten ausleben will, immer ein Hindernis ein. Da haben wir gerade den interessanten Fall des Nostradamus. Er ist Arzt, er war Jude, er wirkt in einer heilsamen Weise durch seine Tätigkeit, er tut vielen Menschen Gutes. Aber die Menschen können es oft nicht leiden, daß jemand Gutes tut. So bekam er Neider, wurde bezichtigt, daß er Calvinist sei. [48] Nun, Jude und Calvinist, das waren damals zwei unmögliche Dinge, und so kam es, daß er gezwungen war, sich aus einer weitverzweigten, hingebungsvollen Tätigkeit, die er als Arzt entwickelt hatte, zurückzuziehen und seinen Beruf aufzugeben. Aber waren jetzt die Kräfte, die er in dieser aufregenden Tätigkeit angewendet hatte, nicht mehr in ihm, als er sich zurückzog? Dieselben Kräfte waren noch immer in ihm. In der Physik glaubt man an eine Erhaltung der Kraft. Man übertrage das nur in gesunder Weise auf die Seelenkräfte. Bei Nostradamus war es so, daß jetzt seine Kräfte, als er seine Tätigkeit einstellte, einen anderen Weg nahmen. Wenn er aber Arzt geblieben wäre, so würden sie keine andere Wirkung in die Zukunft gehabt haben. Oder ist es keine Wirkung in die Zukunft, wenn man einen Menschen heilt, während er vielleicht sonst gestorben wäre? Setzt man da nicht seine Tätigkeit im weiteren Verlaufe der Dinge in die Zukunft hinein fort? Denn wo ist ein Ende dessen, was man da an Taten vollbringt? Der Tatenstrom setzt sich fort. Ziehen wir uns wie Nostradamus von einer Tätigkeit zurück, so ist der Tatenstrom plötzlich unterbrochen. Er ist nicht mehr da. Die Kräfte aber sind da. Und die Kräfte, die in der Seele bleiben, gestalten sich um, so etwa, daß das, was sonst vielleicht als fernste Wirkungen seiner Taten in der Zukunft sich gezeigt hätte, als Sehergabe sich zeigt und im Bilde vor ihm auftauchte. Umgewandelt sehen wir seine Taten.

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Und anders ist es auch nicht bei anderen prophetischen Naturen aller Zeit, und auch nicht bei den alten jüdischen Propheten. Die alten hebräischen Propheten sind Männer gewesen – das zeigt die biblische Geschichte –, innig verbunden mit alledem, was in der Seele ihres Volkes an Kräften lebte, was im Strome der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft ging; nicht hingen sie an der eigenen Seele, nicht am Persönlichen. Und auch solche Naturen waren sie nicht, die in Taten sich auslebten, wohl aber solche die überschüssige Kräfte in sich hatten, die von vornherein so auftraten wie des Nostradamus Kräfte nach ihrer Umwandlung. Daher zeigte sich ihnen in gewaltigen Traumbildern, was sonst als Taten sich ausgelebt hätte. [49] Sehergabe ist mit Tatendrang unmittelbar verbunden, zeigt sich nur wie eine Metamorphose des Tatendranges der in der Seele überschüssigen Kräfte. So zeigt sich Sehergabe durchaus nicht unbegreiflich, sondern sie kann sich ganz hineinstellen in die logische Denkweise unserer Naturwissenschaft selber. Daraus ersehen wir aber auch, daß uns gerade eine solche Sehergabe hinausführt über die unmittelbare Gegenwart. Und alles, was wirken soll über die unmittelbare Gegenwart hinaus, wie kann es nur wirken? Nur der kann über die unmittelbare Gegenwart hinaus wirken, der Ideale hat. Ideale sind aber zunächst etwas Abstraktes. Man setzt sie sich vor und glaubt, daß sie wirklich unserer Gegenwart entsprechen könnten. Wer aber aus der übersinnlichen Welt heraus wirken will und vollbringen will, was aus der übersinnlichen Welt auf ihn einwirkt, der nimmt nicht abstrakte Ideale, sondern er sucht in die Ursachen einzudringen, die im Schoße der Zeiten liegen, und fragt sich: Wie wirken sich diese Ursachen in der Zeit aus? – Und das läßt er nicht wirken auf den Verstand sondern auf seine Sehergabe. Eine richtige Erkenntnis der Vergangenheit, wenn dies aber nicht verstandesmäßig gemacht wird, sondern sich auf die tieferen Seelenkräfte ablagert, läßt immer in der Seele Bilder der Zukunft auftauchen, die mehr oder weniger entsprechend sind. So ist es auch heute, daß dem, der Sehergabe richtig betreibt, indem er sich in den Gang der Menschheitsentwickelung der Vorzeit vertieft, ein Bild aufsteigt, welches wie ein konkretes Ideal dasteht und sich etwa so ausnimmt, daß man sich sagen würde: Wir leben in einer Zeit, in welcher die Menschheit an einem Übergange steht; gewisse Kräfte, die bisher nur dunkel in der Seele waren, treten immer mehr und mehr hervor. Und in einer gewiß gar nicht fernen Zukunft wird, wie heute Vernunft, Verstand und Phantasie für den Menschen existieren, etwas anderes in der Seele da sein, etwas wie eine neue Seelenkraft, durch welche sich der Drang, die übersinnliche Welt zu erkennen, geltend machen wird. Man sieht etwas wie einen neuen Sinn an die Seele herankommen. [50] Man sieht aber heute schon das Aufgehen dieser neuen Seelenkraft. Wenn solches Angeregtsein durch das, was in der Vergangenheit geschah, auf uns wirkt und Bilder entstehen von dem, was in der Zukunft geschehen muß, dann haben wir nicht die Impulse des Fanatikers, sondern dann haben wir die Impulse, die aus der Realität heraus wirken und uns sagen, warum wir in bezug auf die geistige Entwickelung der Gegenwart dieses oder jenes tun. Das ist im Grunde genommen der Sinn alles Prophetentums. Es zeigt sich, wie der Sinn des Prophetentums auch dann erreicht werden kann, wenn die Bilder, die ein Seher von der Zukunft entwirft, nicht ganz richtig sind.
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Gerade wer die verborgenen Kräfte der menschlichen Seele zu beobachten vermag, weiß, daß vielleicht durchaus falsche Bilder von dem auftreten, was in der Zukunft geschehen soll, weiß aber auch, warum die Bilder vieldeutig sind oder sein können, so daß durchaus nichts Besonderes ausgesprochen ist in bezug auf das Geschehene, wenn gesagt wird: Der hat dieses oder jenes angegeben, aber das ist dehnbar, das ist vieldeutig! Solche Bilder können vieldeutig sein. Worauf es aber ankommt, das ist, daß solche Impulse im Menschen vorhanden sind, die sich auf das Ganze beziehen, was in die Zukunft hineingeht, und auf dasjenige wirken, was im Menschen vorhanden ist, so daß durch solche Impulse schlummernde Kräfte im Menschen geweckt werden. Mögen die Bilder mehr oder weniger stimmen, diese Prophezeiungen; ganz aber stimmen sollen die Kräfte im Menschen, die Impulse, die geweckt werden; darauf kommt es an! So ist der Sinn des Prophetentums weniger in der Befriedigung der Neugier durch Voraussagen auf die Zukunft zu suchen, als vielmehr in der Anfeuerung des Bewußtseins, daß der Mensch überhaupt der Wirkung von Ursachen in die Zukunft hinein sicher sein kann. [51] Dann mögen Schattenseiten und dergleichen da sein, notwendig aber ist es, zu denken, daß die guten Seiten der Prophetie auch da sind, und den Sinn für das Menschenleben haben, daß man wissen kann, daß auch im Großen das Menschenleben da ist, daß der Mensch nicht blind in den Tag hinein, aber auch nicht blind in eine ferne Zukunft hinein lebt, sondern daß er sich selber seine Ziele, seine Impulse setzen kann aus dem Lichte der Erkenntnis heraus. Recht hatte Goethe, der so viel Wunderbares über die Weltendinge gesagt hat, als er die Worte hinschrieb: Wer das Vergangene kennte, der wüßte das Künftige; beides Schließt an heute sich rein, als ein Vollendetes, an. In einem schönen Spruche der «Weissagungen des Bakis» sagt er das. So, sehen wir, liegt im Grunde genommen der Sinn des Prophetentums nicht so sehr in dem, was die Neugier oder den Erkenntnisdrang befriedigt, sondern der Sinn des Prophetentums liegt in den Impulsen, die es uns für ein Wirken in die Zukunft hinein geben kann. Und nur weil in unserer Zeit das Erkennen, das Verstandes-Erkennen, das nicht die Impulse des Willens entzündet, überschätzt wird, kommt es, daß man auch über das Prophetentum kein objektives Urteil gewinnen will. Aber die Geisteswissenschaft wird es dahin bringen, daß man erkennen wird: ja, es waren viele Schattenseiten in dem alten und in dem neuen Prophetentum, aber es ruht in diesem Prophetentum – in dem Streben, in dem Bewußtsein, einen Hinweis auf den Gang der Zukunft zu erhalten – ein wichtiger Kern, der nicht für die Erkenntnis oder für die Neugier gebildet ist, sondern der wichtig ist als Feuer für unseren Willen. Und auch die Menschen, die alles, was im Menschen vorgeht, nur darnach beurteilen wollen, ob man es nüchtern, verstandesmäßig begreifen kann, müssen aus einer solchen Einsicht in die Weltverhältnisse erkennen, wie die Prophetie aus einer Wissensrichtung hervorgeht, welche die Anfeuerung der Willensentwickelung zum Ziele hat.

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Und nachdem wir jetzt angeführt haben, was gegen alle Anfeindungen des Prophetentums gesagt werden kann, und uns über das verständigt haben, was Kern und Sinn der Prophetie ist, kann mit einem gewissen Recht gesagt werden: Auf diesem Gebiete liegen viele von jenen Dingen verborgen, von denen Schulweisheit sich nichts träumen läßt. [52] Wahr ist dies. Aber gerade im Lichte einer solchen Erkenntnis werden sich auch viele Tatsachen zeigen, die uns den anderen Spruch beweisen, wie Verstandes-Erkenntnisse, selbst wenn sie noch so richtig sind, zuweilen praktisch vollständig wertlos sind, weil sie nicht Willensimpulse entwickeln können. Wie es wahr ist, daß vieles da ist, was Schulweisheit sich nicht träumen läßt, so ist es auf der anderen Seite wahr, daß vieles, was sich auf dem Gebiete der sich verbreitenden wissenschaftlichen Forschung, der Verstandesforschung, ergibt, daß vieles von den Dingen im Himmel und auf der Erde nicht anzutreffen ist. Diese Erkenntnisse verwehen, ziehen nichts nach sich, wenn sie nicht von dem im Menschenleben, was ein Wissen ist, fortschreiten zu dem, was nicht nur am Anfang war, sondern was in der Gegenwart und in der Zukunft das Wichtigste und Bedeutsamste ist: die menschliche Wirksamkeit, die menschliche Tat! [53]

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Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie?
Als eine weitere Frage ist gestellt worden: «Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie?» Da muß zunächst gesagt werden, daß man gegenwärtig sehr wenig kennt, was Astrologie wirklich ist. Denn was jetzt oft als solche in Handbüchern erscheint, ist eine rein äußerliche Zusammenstellung von Regeln, deren tiefere Gründe kaum irgendwie angegeben werden. Rechnungsmethoden werden angegeben, durch die gewisse Sternkonstellationen im Augenblicke der Geburt eines Menschen bestimmt werden können, oder für den Zeitpunkt einer anderen wichtigen Tatsache. Dann wird gesagt, daß diese Konstellationen dies oder jenes bedeuten, ohne daß man aus den Andeutungen etwas entnehmen könnte, warum das alles so sei, ja nur wie es so sein könne. Es ist daher kein Wunder, daß Menschen unseres Zeitalters dies alles für Unsinn, Schwindel und Aberglauben halten. Denn es erscheint ja alles als ganz willkürliche rein aus den Fingern gesogene Behauptung. Höchstens wird im allgemeinen gesagt, daß in der Welt alles in einem Zusammenhange stehen müsse, daß es daher sehr wohl von einer Wirkung für das Leben des Menschen sein könne, wie Sonne, Venus und Mond und so weiter bei der Geburt zueinander stehen, und was dergleichen Dinge mehr sind. – Die wirkliche Astrologie ist aber eine ganz intuitive Wissenschaft und erfordert bei dem, der sie ausüben will, die Entwickelung höherer übersinnlicher Erkenntniskräfte, welche heute bei den allerwenigsten Menschen vorhanden sein können. Und schon, wenn man ihren Grundcharakter darlegen will, so ist dazu ein Eingehen auf die höchsten kosmologischen Probleme im geisteswissenschaftlichen Sinne notwendig. [54] Deswegen können auch hier nur einige ganz allgemeine Gesichtspunkte angegeben werden. Das Sternsystem, zu dem wir Menschen gehören, ist ein Ganzes. Und der Mensch hängt mit allen Kräften dieses Sternsystems zusammen. Nur grober Materialismus kann glauben, daß der Mensch allein mit der Erde im Zusammenhang stehe. Man braucht sich nur anzusehen, was für ein Verhältnis zwischen Mensch, Sonne und Mond in den Ergebnissen der «Akasha-Chronik» (22) festgestellt wird. Daraus wird man sehen, daß es eine urzeitliche Entwickelung des Menschen gegeben hat, in denen sein Wohnplatz ein Weltkörper war, der aus Sonne, Mond und Erde noch gemeinschaftlich bestand. Daher hat auch heute noch der Mensch in seiner Wesenheit Kräfte, die verwandt mit denjenigen der genannten Weltkörper sind. Nach diesen Verwandtschaften regelt sich auch ein heute noch bestehender Zusammenhang zwischen Wirkungen der angeführten Weltkörper und dem, was im Menschen vorgeht. Allerdings sind diese Wirkungen sehr verschieden von denen rein materieller Art, von denen ja allein die heutige Wissenschaft spricht. Die Sonne wirkt zum Beispiel noch durch etwas ganz anderes auf die Menschen als durch das, was die Wissenschaft Anziehungskraft, Licht und Wärme nennt. Ebenso gibt es Beziehungen übersinnlicher Art zwischen Mars, Merkur und anderen Planeten und dem Menschen. Von da ausgehend kann, wer dazu Veranlagung hat, sich eine Vorstellung machen von einem Gewebe übersinnlicher Beziehungen zwischen den Weltkörpern und den Wesen, welche sie bewohnen.

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Aber diese Beziehungen zur klaren, wissenschaftlichen Erkenntnis zu erheben, dazu ist die Entwickelung der Kräfte eines ganz hohen übersinnlichen Schauens notwendig. Nur die höchsten, dem Menschen noch erreichbaren Grade der Intuition reichen da heran. (23) Und zwar nicht jenes verschwommene Ahnen und halbvisionäre Träumen, was man jetzt so häufig Intuition nennt, sondern die ausgesprochenste, nur mit dem mathematischen Denken vergleichbare innere Sinnesfähigkeit. [55] Es hat nun in den Geheimschulen Menschen gegeben und gibt noch solche, welche in diesem Sinne Astrologie treiben können. Und was in den zugänglichen Büchern darüber steht, ist auf irgendeine Art doch einmal von solchen Geheimlehrern ausgegangen. Nur ist alles, was über diese Dinge handelt, dem landläufigen Denken auch dann unzugänglich, wenn es in Büchern steht. Denn um diese zu verstehen, gehört selbst wieder eine tiefe Intuition. Und was nun gar den wirklichen Aufstellungen der Lehrer von solchen nachgeschrieben worden ist, die es selbst nicht verstanden haben, das ist natürlich auch nicht gerade geeignet, dem in der gegenwärtigen Vorstellungsart befangenen Menschen eine vorteilhafte Meinung von der Astrologie zu geben. Aber es muß gesagt werden, daß dennoch selbst solche Bücher über Astrologie nicht ganz wertlos sind. Denn die Menschen schreiben um so besser ab, je weniger sie das verstehen, was sie abschreiben. Sie verderben es dann nicht durch ihre eigene Weisheit. So kommt es, daß bei astrologischen Schriften, auch wenn sie noch so dunklen Ursprungs sind, für denjenigen, welcher der Intuition fähig ist, immer Perlen von Wahrheit zu finden sind – allerdings nur für einen solchen. Im allgemeinen sind also astrologische Schriften in ihrer Art heute sogar besser als die vieler anderer Erkenntniszweige. Dabei soll eine Bemerkung nicht unterdrückt werden. Es herrscht in der Gegenwart die größte Verwirrung über den Begriff der Intuition. Man sollte sich klarmachen, daß die heutige Wissenschaft den Begriff des Intuitiven überhaupt nur auf dem Felde der Mathematik kennt. Allein, diese ist unter unseren Wissenschaften eine auf reiner innerer Anschauung beruhende Erkenntnis. Nun aber gibt es eine solche innere Anschauung nicht nur für Raumgrößen und Zahlen, sondern auch für alles andere. Goethe hat zum Beispiel auf dem Gebiete der Botanik eine solche intuitive Wissenschaft zu begründen versucht. Seine «Urpflanze» in ihren verschiedenen Metamorphosen beruht auf innerer Anschauung. [56] Grund genug ist das dafür, daß die gegenwärtige Wissenschaft überhaupt keine Ahnung davon hat, worauf es bei Goethe in dieser Beziehung ankommt. Für viel höhere Gebiete bringt die Theosophie Erkenntnisse durch inneres Anschauen herbei. Auf solchem beruhen ihre Aussagen über Wiederverkörperung und Karma. Man darf sich nicht wundern, daß Menschen, die keine Ahnung haben von dem, worauf es bei Goethe ankommt, auch ganz außerstande sind, die Quellen der theosophischen Lehren zu verstehen. Gerade das Sichvertiefen in so wertvolle Schriften, wie zum Beispiel Goethes «Metamorphose der Pflanzen» eine ist, könnte als eine vortreffliche Vorbereitung für die Theosophie dienen. Dazu fehlt freilich auch vielen Theosophen die Geduld.

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Wenn man sich aber an solch einem lebensvollen intuitiven Werk, wie das genannte ist, hinaufgerungen hat zu einer Erfassung dessen, worauf es ankommt, dann wird man den Weg schon weiter finden. – Die astrologischen Gesetze beruhen nun allerdings wieder auf solchen Intuitionen, gegenüber denen auch die Erkenntnis von Wiederverkörperung und Karma noch sehr elementar ist. Diese Angaben sind gewiß sehr dürftig, aber sie können vielleicht doch einen schwachen Begriff von einer Sache geben, von welcher diejenigen zumeist gar nichts wissen, die sie bekämpfen, und über welche auch viele von denen recht schiefe Vorstellungen haben, die sie verteidigen. Man halte nur das Verständnis für solche Dinge nicht für wertlose, unpraktische Betätigung, ohne Beziehung zum wirklichen praktischen Leben. Der Mensch wächst durch das Einleben in die übersinnlichen Welten nicht nur in bezug auf seine Erkenntnis, sondern vor allem moralisch und seelisch. Schon eine schwache Vorstellung davon, welche Stellung er einnimmt im Zusammenhänge des Sternensystems, wirkt zurück auf seinen Charakter, auf seine Handlungsweise, auf die Richtung, die er seinem ganzen Sein gibt. Und viel mehr als sich heute mancher vorstellt, hängt eine Fortentwickelung unseres sozialen Lebens von dem Fortschreiten der Menschheit auf dem Wege zu übersinnlicher Erkenntnis ab. [57] Für den Einsichtigen ist unsere jetzige soziale Lage doch nur ein Ausdruck des Materialismus im Erkennen. Und wenn dieses Erkennen von einem geistigen abgelöst werden wird, dann werden auch die äußeren Lebensverhältnisse besser werden. [58]

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Die Weltenuhr – Der Zusammenhang konkreter Konstellationen von Tierkreis und Planeten mit der Entwickelung des Menschen
Bevor ich von hier wegzugehen habe, werden wir versuchen, gerade die Dinge gründlicher zu betrachten, die mit der neulich angeregten Frage zusammenhängen: Welche Impulse des menschlichen Lebens müssen insbesondere in der Gegenwart in das Bewußtsein der Menschen eintreten, damit ein Gegengewicht geschaffen sei gegen das fast ausschließlich sowohl in der Wissenschaft wie im Leben herrschende Vererbungsprinzip? – Allein, der damit gemeinten außerordentlich wichtigen Frage können wir uns nur langsam und allmählich nähern. Es ist ja im Grunde diese Frage im Tiefsten zusammenhängend mit dem Gegensatz, den ich Ihnen vor Augen, vor das Geistesauge führen wollte, indem ich darauf aufmerksam machte, wie man hinsehen kann ach dem alten ägyptischen Inschriftspruch der ägyptischen Isis: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet –, und wie man auf der andern Seite in sein Bewußtsein aufnehmen kann dasjenige, was von der Gegenwart an und in die Zukunft hinein gewissermaßen der andere, der ergänzende Spruch sein muß: Ich bin der Mensch. Ich bin die Vergangenheit, ich bin die Gegenwart, ich bin die Zukunft. Meinen Schleier sollte jeder Sterbliche lüften. Nun muß man vor allen Dingen sich klar sein, daß in der Zeit, in der jener Spruch entstanden ist innerhalb der ägyptischen Kultur, es noch klar war, deutlich war, daß man ja eigentlich den Menschen selbst anspricht, wenn man vom «Unsterblichen» spricht. [59] Allein innerhalb dieser ägyptischen Kultur war das Mysterium als Mysterienprinzip ein tief eingewurzeltes Prinzip. Der Ägypter, der mit seiner Kultur bekannt war, wußte, daß dasjenige, was in der Seele als Unsterbliches lebt, geweckt werden sollte. Ja, entgegen dem Gebrauche, den wir heute haben müssen, betrachtete der Ägypter eigentlich, so wie ja der Grieche auch, wenigstens der in Platos Sinne denkende Grieche, nur denjenigen als wahrhaft der Unsterblichkeit teilhaftig, welcher mit seinem Bewußtsein die spirituelle Welt ergriffen hat. Sie können den Beweis dafür nachlesen in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache», wo ich Ihnen die oftmals hart klingenden Aussprüche Platos angeführt habe für den Unterschied zwischen denjenigen Menschen, welche versuchen, die Impulse des Unsterblichen die spirituellen Impulse in der Seele zu ergreifen, und denjenigen Menschen, die das verschmähen, die das nicht tun. Indem Sie das bedenken, werden Sie aber leicht einsehen, daß der Ausspruch am Bildnis zu Sais eigentlich heißen sollte: Derjenige, der niemals versuchen will, das spirituelle Leben in der Seele zu ergreifen, der kann den Schleier der Isis nicht lüften; wohl aber der kann ihn lüften, der dieses spirituelle Leben ergreift, der – man würde im Sinne der alten Ägypter eben sprechen, heute klingt es etwas anders –, der sich also als «Sterblicher» zum «Unsterblichen» macht. Es sollte nicht gesagt werden, daß der Mensch überhaupt nicht den Schleier der Isis heben könne, sondern nur: Derjenige Mensch kann nicht den Schleier der Isis heben, der sich mit dem Sterblichen ausschließlich verbinden will, der nicht an das Unsterbliche heran will.
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Das bewirkte ja natürlich auch, daß später, als die ägyptische Kultur mehr in Verfall kam, der Spruch, möchte ich sagen, auch in eine unfugartige Ausdeutung hineintrieb. [60] Die Priester, als sie das Mysterienprinzip zum Machtprinzip umgestalteten, haben eigentlich der profanen, nicht der priesterlichen, Menge beizubringen versucht, daß sie, die Priester, die Unsterblichen seien, und daß diejenigen, die nicht die Priester sind, die Sterblichen sind, daß also alle diejenigen, die außerhalb der Priesterschaft stehen, den Schleier der Isis nicht heben können. Man könnte sagen, in der Verfallszeit der ägyptischen Kultur gab es schon diese Deutung: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft; meinen Schleier kann nur ein Priester lüften. – Und die Priester nannten sich in jener Verfallszeit auch «die Unsterblichen» Dieser Ausdruck in seinem Gebrauche ist ja dann mehr für die auf dem physischen Plane lebenden Menschen zurückgegangen. Nur in der französischen Akademie braucht man ihn noch für die Mitglieder, indem man in Fortsetzung des ägyptischen Priesterprinzips besonders bedeutsame Menschen da zu «Unsterblichen» macht. Man wird in diesen Tagen daran erinnert, weil ja der Schelling- und Schopenhauer-Plagiator Bergson (24) gerade jetzt von der Französischen Akademie in die Unsterblichenwürde erhoben werden soll. Solche Dinge bleiben aus Zeiten zurück, in denen man sie verstanden hat, und münden in die Zeiten hinein, wo die Worte und Begriffe und Ideen weitab von ihrer Ursprungsstätte liegen. Man könnte leicht meinen, wenn man genötigt ist, so manches von dem zu sagen, was eben auch im Laufe dieser Betrachtungen gesagt werden muß, daß diese Betrachtungen dazu dienen sollten, unsere Zeit nur anzuklagen. Ich habe oftmals betont, das ist nicht der Fall. Dasjenige, was hier gesagt ist, ist zur Charakteristik der Zeit, nicht zu einer Kritik der Zeit gesagt. Es kann aber nicht verlangt werden, daß da, wo Wahrheit geredet werden soll, nicht auch auf dasjenige hingedeutet werde, was eben durchschaut werden muß, sei es in seiner Haltlosigkeit, sei es in seiner Schädlichkeit. Dabei darf man ja durchaus sagen: Sollte es denn ganz tadelnswert sein, wenn man ein gewissen Beispiel – selbstverständlich in entsprechend großer Entfernung – befolgt, ein Beispiel, das aber eben nicht genug befolgt werden kann. Im Evangelium wird ja nicht erzählt, daß der Christus Jesus in den Tempel gegangen ist und die Händler gestreichelt hat, sondern es wird einem etwas anderes erzählt, daß er ihnen die Stühle umgeworfen hat und dergleichen! [61] Um dasjenige, was geltend gemacht werden soll, wirklich geltend zu machen, dazu ist eben notwendig, daß man wirklichkeitsgemäß auf dasjenige hinweist, was getadelt werden muß, wenn die Zeit vorwärtsgehen soll. Da darf nicht das Sentimentale einer ganz falschen allgemeinen Schönfärberei in der menschlichen Seele Platz greifen und etwa gar als allgemeine Menschenliebe ausposaunt werden. Wenn man dies gebührend berücksichtigt, dann kann auf der einen Seite gesagt werden, daß wir nun eben einmal im materialistischen Zeitalter leben, in diesem materialistischen Zeitalter, das zum Materialismus notwendig hinzufügt die Abstraktion in dem Sinne, wie wir es kennengelernt haben: die Wirklichkeitsfremdheit, und daß alles dasjenige, was katastrophal hereinbrechen mußte über unsere Zeit, zusammenhängt mit dieser Wirklichkeitsfremdheit.
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Auf der andern Seite darf aber auch gesagt werden, daß, verglichen mit den verschiedenen Perioden, namentlich – wenn wir dabei stehenbleiben – der nachatlantischen Zeit, unsere fünfte nachatlantische Zeit in gewisser Beziehung, von gewissen Gesichtspunkten aus die größte Zeit ist, diejenige, die der Menschheit am allermeisten bringt, diejenige, die ungeheure Entwickelungs- und Daseinsmöglichkeiten für den Menschen in sich beherbergt. Und gerade durch das, was der Mensch in diesem Zeitalter ganz besonders, ich möchte sagen, als Schattenseite des spirituellen Daseins ausbildet, nimmt er den Weg und kann er, wenn er sich richtig verhält, den Weg hineinfinden in die spirituelle Welt. Namentlich kann er den Weg finden zu seinem wahren, höchsten Menschenziel. Die Entwickelungsmöglichkeiten sind in unserer Zeit so groß, wie sie in den abgelaufenen Phasen der nachatlantischen Entwickelung von einem gewissen Gesichtspunkte aus nicht waren. Es ist ja eigentlich etwas ungeheuer Bedeutungsvolles geschehen mit dem Eintritt dieses fünften nachatlantischen Zeitalters. [62] Man muß schon sich in neuer Weise wiederum hineinversetzen in den Zusammenhang des Menschen mit dem ganzen Weltenall, wenn man dem, was wir ja von verschiedenen Gesichtspunkten öfter hervorgehoben haben, die rechte Färbung, die rechte Gemütsnuance geben will. Gewiß, die Gescheitlinge im Philisterium, die nennen es Aberglaube, wenn gesprochen wird von einem gewissen Zusammenhang des Menschen mit konkreten Konstellationen des Weltenalls. Man muß nur diesen Zusammenhang richtig verstehen. Aberglaube – was ist Aberglaube? Der Glaube, daß sich der physische Mensch nach dem Weltenall in einer gewissen Beziehung richten muß? Wir richten uns nach der Uhr, die wir nach dem Sonnenstand regeln; wir treiben, so oft wir nach der Uhr schauen, Astrologie. Wir haben unterbewußte Glieder der Menschennatur, die richten sich nach andern Konstellationen als nach denen, nach denen wir im physischen Leben die Uhr richten. Wenn jemand die Dinge im richtigen Sinne versteht, so hat das Reden von Aberglauben nicht den geringsten Sinn. Deshalb darf wohl zur Illustrierung zunächst ein Stück dieser Weltenuhr jetzt vor Ihre Seele hingestellt werden. Wir werden es brauchen, um das vorerst angeschlagene Rätsel weiter betrachten zu können. Als jene Zeit abgelaufen war, welche als die atlantische Überflutung, als Untergang der Atlantis, unsere nachatlantische Kultur von der atlantischen Kultur trennt, da war als erste nachatlantische Zeit, als erste nachatlantische Kulturepoche diejenige, welche ihre makrokosmischen Einflüsse dadurch empfing, daß die Kraft, die das Erdenleben durchflutete, diejenige war, welche entspricht dem Aufgang der Sonne im Frühlingspunkte im Zeichen des Krebses. Wir können also sagen, als die Sonne mit ihrem Frühlingspunkte in das Zeichen des Krebses eintrat, da begann die erste nachatlantische Kultur. Wir können sie geradezu – wenn der Ausdruck selbstverständlich nicht mißverstanden wird – die «Krebskultur» nennen. Wenn wir die Dinge in ihrem wirklichen Lichte begreifen, so können wir sagen, die Sonne stand mit ihrem Frühlingsaufgang im Zeichen des Krebses.

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Wir haben davon gesprochen in diesen Betrachtungen, daß im Menschen immer etwas entspricht demjenigen, was da draußen im Makrokosmos ist. Der Krebs entspricht beim Menschen dem Brustkorb. [63] So daß man, makrokosmisch gesprochen, diese erste, die urindische Kultur, dadurch charakterisieren kann, daß man sagt, sie verlief, während der Frühlingspunkt der Sonne im Krebs war. Wenn man sie mikrokosmisch charakterisieren will, kann man sagen, sie verlief damals, als der Mensch für seine Weltenerkenntnis, für seine Weltenwahrnehmung, für seine Weltenanschauung unter dem Einfluß jener Kräfte stand, die zusammenhängen mit dem, was sich in der Umhüllung seiner Brust, im Brustpanzer im Krebs zum Ausdrucke bringt. Wir haben heute als physische Menschen keine Möglichkeit, durch diejenigen Kräfte, die in unserem Krebs sind, mit der Welt in erkennende Beziehungen zu treten. Wir haben keine Möglichkeiten dazu heute. Wenn der Mensch diejenigen Kräfte entwickeln kann, die eine intime Verwandtschaft zu seinem Brustkorb haben, wenn er, ich möchte sagen, mit Bezug auf die Kräfte seines Brustkorbes sensitiv ist für alles dasjenige, was in der Natur und im Menschenleben geschieht, dann ist es so, wie wenn der Mensch in einer unmittelbaren Berührung mit der äußeren Welt wäre, mit alledem, was als elementarische Welt an ihn herantritt. Wenn wir nur nehmen – wir treffen damit dasjenige, was der urindischen Kultur zugrunde lag –, wenn wir nur nehmen das Verhältnis von Mensch zu Mensch, so war es so, daß in dieser alten Zeit der Mensch, indem er dem Menschen entgegentrat, gewissermaßen an der Sensitivität seines Brustkorbes fühlte, wie der andere Mensch war. Er fühlte, wie ihm der andere Mensch sympathisch oder mehr oder weniger antipathisch sein konnte. Er trat dem andern Menschen entgegen und lernte ihn erkennen. Indem er in seiner Nähe die Luft atmete, lernte er ihn erkennen. Gewiß, in mancher Beziehung weiß davon zu dem Heil der Menschheit die moderne Menschheit nichts. Aber in jedes Menschen Nähe atmet natürlich der Mensch anders, denn in jedes Menschen Nähe teilt der Mensch die von dem andern ausgeatmete Luft. Für diese Dinge ist der moderne Mensch sehr unempfindlich geworden. Während der ersten nachatlantischen Kultur, während der Krebskultur, war diese Unempfindlichkeit nicht vorhanden. [64] Ein Mensch konnte durch seinen Atem sympathisch, antipathisch sein; der Brustkorb bewegte sich anders, wenn der Mensch sympathisch oder antipathisch war. Und der Brustkorb war sensitiv genug, diese seine eigenen Bewegungen wahrzunehmen. Denken Sie, was man da eigentlich dann wahrnimmt! Man nimmt den andern wahr, aber man nimmt den andern wahr durch etwas, was in einem selber vorgeht. Das Innere des andern nimmt man in einem Vorgang wahr, den man als Inneres erlebt, als körperlich Inneres erlebt. Das war während der Krebskultur. Ich habe Ihnen das illustriert an dem Beispiel der Begegnung mit einem andern Menschen. Aber so wurde die ganze Welt betrachtet. So entstand die Weltanschauung, die diese erste nachatlantische Kultur hatte. Der Mensch atmete anders, wenn er die Sonne betrachtete, wenn er die Morgenröte betrachtete, wenn er den Frühling betrachtete, wenn er den Herbst betrachtete; und danach bildete er sich seine Begriffe.

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Und wie die heutige Menschheit ihre abstrakten, ihre so strohern-abstrakten, nicht einmal mehr strohern-abstrakten, sondern papieren-abstrakten Begriffe bildet über Sonne, Mond und Sterne, über Wachsen und Gedeihen, über alles mögliche, so bildete die Menschheit in der ersten nachatlantischen Zeit, in der Krebskultur, Begriffe, die in dieser unmittelbaren Weise gefühlt wurden wie ein Mitvibrieren des eigenen Krebses, des eigenen Brustkorbes. Man kann also sagen: Wenn das etwa den Sonnenweg vorstellt und hier die Sonne im Frühling im Krebs steht, dann ist das die Zeit, in der auch der Mensch in der Krebskultur

ist. [65] In besonderer Weise ist ja immer ein solches Tierkreisbild – aus Gründen, die wir vielleicht auch nächstens erwähnen können, aber die ja den meisten von Ihnen bekannt sind – verwandt, als besonders einem Planeten zugehörig anzusehen. Der Krebs ist besonders dem Mond als zugehörig anzusehen. Man sagt, weil die Kräfte des Mondes eben ganz besonders wirken, wenn der Mond im Krebs steht: der Mond habe seine Heimat, sein Haus im Krebs; dort sind seine Kräfte, ganz besonders kommen sie dort zur Entwickelung. So wie nun dem Krebs der Brustkorb am Menschen entspricht, so entspricht dem planetarischen Mond am Menschen die Sexualsphäre. Und in der Tat, man kann sagen, während auf der einen Seite der Mensch so empfänglich und empfindlich, so sensitiv war in der ersten nachatlantischen Zeit, hing gerade in dieser ersten nachatlantischen Zeit alles dasjenige, was an intimen Begriffen der nachatlantischen Weltanschauung zutage gefördert worden ist, mit der Sexualsphäre zusammen – damals mit Recht, denn es war jene Naivität vorhanden, die in späteren, verdorbenen Zeiten nicht mehr vorhanden war. Dann trat ja die Sonne mit ihrem Frühlingspunkte in das Zeichen der Zwillinge. Und wir haben es dann zu tun mit der zweiten nachatlantischen Kultur, mit der urpersischen Kultur, während der Frühlingspunkt in den Zwillingen verläuft. Mit den Zwillingen im Makrokosmischen ist mikrokosmisch verwandt alles dasjenige, was sich beim Menschen auf sein Symmetrischsein bezieht, insbesondere auf das Symmetrischsein, das sich in der Beziehung der rechten Hand zur linken Hand symmetrisch ausdrückt. Wir haben natürlich auch andere Dinge, in denen sich das Symmetrischsein zum Ausdruck bringt: wir sehen mit zwei Augen die Dinge nur einfach und so weiter. Dieses Symmetrischsein, dieses Zusammenwirken des Links und Rechts beim Menschen, das sich also besonders in den beiden Armen und Händen zum Ausdruck bringt, das ist dasjenige, was im Makrokosmos den Zwillingen entspricht. [66]

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Dasjenige, was nun durch die Kräfte der Zwillingssphäre, durch die Kräfte des Symmetrischseins vom Menschen so für seine Weltanschauung lebensartig in sich aufgenommen wird – wie durch den Brustkorb in der ersten nachatlantischen Zeit das, was ich vorher charakterisiert habe –, das ist nun schon weniger intim mit der unmittelbarsten Umgebung verbunden, sondern das Symmetrischsein verbindet den Menschen schon mehr mit dem, was von der Erde abliegt, mit dem, was nicht irdisch, sondern himmlisch, kosmisch ist. Daher tritt in dieser zweiten nachatlantischen Zeit zurück das intime Verknüpftsein minder unmittelbar elementaren Erdenumgebung, und es tritt auf die Zarathustrakultur, das Hinauswenden zu dem Zwillingshaftsein in der Welt – auf der einen Seite der Lichtnatur, auf der andern Seite der Finsternisnatur –, die Zwillingsnatur, die zusammenhängt mit den Kräften, die der Mensch durch seine Symmetrie, durch sein Symmetriewesen ausdrückt, auslebt. So wie der Mond sein Haus in dem Krebs hat, so hat Merkur sein Haus in den Zwillingen (siehe Zeichnung Seite 44). Und gerade so, wie gewissermaßen dem Menschen in der ersten nachatlantischen Zeit die Kraft der Sexualsphäre geholfen hat, um diese intime Beziehung zur Umwelt zu bekommen, von der wir gesprochen haben, so hilft nun wiederum die Merkursphäre, die eigentlich mit den Kräften des Unterleibes zusammenhängende Sphäre, in diesem zweiten nachatlantischen Zeitraum. Auf der einen Seite gehen die Kräfte des Menschen aus der Erde weg in das Weltenall hinaus, in das außerirdische Weltenall; aber dabei hilft dem Menschen gewissermaßen dasjenige, was noch sehr an atavistische Kräfte gemahnt, was zusammenhängt mit den Kräften seines Gefäßsystems, seines Verdauungssystems. Der Mensch hat ja wirklich sein Verdauungssystem nicht bloß, um zu verdauen, sondern es ist zu gleicher Zeit ein Erkenntnisapparat. Diese Dinge sind nur vergessen worden. [67] Und die wirkliche Scharfsinnigkeit – nicht der Spürsinn, von dem ich in diesen Tagen gesprochen habe –, die wirkliche Scharfsinnigkeit, die wirkliche tiefere Kombinationsgabe, welche mit den Dingen in Beziehung steht, die kommt ja nicht aus dem Kopfe, die kommt aus dem Unterleib, die diente dieser zweiten nachatlantischen Zeit. Dann kam die dritte Zeit, in der der Frühlingspunkt der Sonne eintrat in den Stier. Dasjenige, was von den Kräften herunterkommt vom Weltenall, wenn die Sonne den Frühlingspunkt im Stier hat, das hängt mikrokosmisch beim Menschen zusammen mit alldem, was die Kehlkopfgegend, die Kehlkopfkräfte betrifft. Daher hat der Mensch in dieser dritten nachatlantischen Zeit, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, ich möchte sagen, als sein besonderes Erkenntnisorgan entwickelt alles das, was mit seinen Kehlkopfkräften zusammenhängt. Die Verwandtschaftsempfindung zwischen dem Wort und der Sache, namentlich den Dingen draußen im Weltenall, war in dieser dritten nachatlantischen Zeit ganz besonders groß. Von der intimen Verwandtschaft desjenigen, was der Mensch vom Weltenall erkannte durch seinen Kehlkopf, kann man sich heute im Zeitalter der Abstraktionen nicht viel Vorstellungen machen.

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Unterstützt wurde wiederum die Kraft, die dem Stier entspricht, durch Venus, die ihr Haus im Stier hat (siehe Zeichnung Seite 48). Im Mikrokosmos, im Menschen, entspricht das Kräften, welche zwischen der Herzgegend und der Magengegend liegen. Dadurch wurde aber dasjenige, was in dieser dritten nachatlantischen Zeit als das Weltenwort erkannt wurde, intim mit dem Menschen verbunden, indem er es verstand durch die Venuskräfte, die in ihm selber waren. Dann kam die griechisch-lateinische Zeit, das vierte nachatlantische Zeitalter. Die Sonne trat mit ihrem Frühlingspunkte ein in den Widder. Das entspricht der Kopfgegend des Menschen, der Stirngegend, der Oberkopf-, der eigentlichen Kopfgegend des Menschen. Es begann diejenige Zeit, in der der Mensch vorzugsweise sich so in ein erkennendes Verhältnis zur Welt setzte, daß dieses erkennende Verhältnis zur Welt ihm Gedanken brachte. Das Kopferkennen ist ganz verschieden von den früheren Arten des Erkennens. Das Kopferkennen trat ja in diesem Zeitalter besonders ein. [68] Aber der Kopf des Menschen ist, trotzdem er fast eine getreue Nachbildung des Makrokosmos ist, gerade weil er in physischem Sinne eine getreue Nachbildung des Makrokosmos ist, im spirituellen Sinne eigentlich nicht gar viel wert. Verzeihen Sie den Ausdruck: als physischer Kopf ist der Kopf des Menschen nicht gar viel wert. Und wenn der Mensch auf seinen Kopf angewiesen ist, so kann er zu nichts anderem kommen als eigentlich zu einer Gedankenkultur. Nach und nach hat auch die griechisch-lateinische Zeit, die ja, wie wir von andern Gesichtspunkten aus gesehen haben, die Kopfkultur bis zu ihrer Höhe brachte und dadurch gewissermaßen den Menschen in einer besonderen Weise heranbrachte an die Welt, in einer nach und nach sich entwickelnden Weise es zu der eigentlichen Kopfkultur gebracht, zu der Gedankenkultur, die dann abgelaufen ist. So daß man, wie ich gestern aufmerksam gemacht habe, vom 15. Jahrhundert ab nicht mehr wußte, wie man mit dem Denken noch mit der Wirklichkeit zusammenhing. Diese Kopfkultur, diese Widderkultur, sie war aber noch immer so, daß man gewissermaßen in den Menschen hereinnahm die Anschauung des Weltenalls. Und mit Bezug auf die physische Welt war diese Kopfkultur, diese Widderkultur, die allervollkommenste. Materialistisch ist erst dasjenige geworden, was sich dann als Entartung daraus entwickelt hat. Der Mensch trat durch seinen Kopf eben doch gerade in dieser Widderkultur in ein besonderes Verhältnis zur Umwelt. Und man versteht heute insbesondere die griechische Kultur schwer – die römische hat es ja dann ins mehr Philiströse verzerrt –, wenn man das nicht berücksichtigt, daß der Grieche eben zum Beispiel Begriffe und Ideen anders wahrnahm. Ich habe das in meinen «Rätseln der Philosophie» (25) besonders ausgeführt. Bedeutungsvoll war nun für diese Zeit, daß der Mars sein Haus im Widder hat. [69] Die Kräfte des Mars, das sind diejenigen Kräfte, die nun wiederum, aber in anderer Art, zusammenhängen mit dem menschlichen Kehlkopfwesen, so daß der Mars, der zu gleicher Zeit dem Menschen die aggressiven Kräfte gibt, im wesentlichsten die Unterstützung bot für alles dasjenige, was an Beziehung zur Umwelt von seiten des Menschen entwickelt wurde durch seinen Kopf.

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Und für die vierte nachatlantische Zeit, die also im 8. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung beginnt, im 15. Jahrhundert schließt, da haben sich auch jene Verhältnisse herausgebildet, die man schon als eine Marskultur bezeichnen kann. Die Konfiguration der einzelnen sozialen Gebilde über die Erde hin ist ja in dieser Zeit im wesentlichen durch eine Marskultur, durch eine kriegerische Kultur entstanden. Jetzt sind Kriege Nachzügler. Wenn sie auch schrecklicher sind als einst, sie sind Nachzügler. Wir werden gleich noch darauf zu sprechen kommen. Nun ist der Kopf des Menschen mit allen seinen Kräften gerade als physisches Denkwerkzeug; als Werkzeug für die physischen Gedanken, eine Nachbildung des Sternenhimmels. Daher hat auch diese vierte nachatlantische Zeit in den Gedanken noch etwas Makrokosmisches. Es kommt in die Gedanken noch viel Makrokosmisches herein, die Gedanken sind noch nicht an die Erde gebunden. Aber bedenken Sie den großen Umschwung, der nun kommt mit dem 15. Jahrhundert, indem die Widderkultur übergeht in die Kultur der Fische. Das, was jene Kräfte geworden sind im Makrokosmos, sind im Menschen die Kräfte, die mit den Füßen zusammenhängen. Vom Kopf geht es hinunter zu den Füßen. Der Umschwung ist ein ungeheurer. Daher konnte ich Ihnen erzählen, daß, wenn Sie zurückgehen würden, aber mit Verständnis zurückgehen würden in die Zeit vor dem 14. Jahrhundert und die heute viel verachteten alchimistischen und sonstigen Schriften lesen würden, Sie dann sehen würden, was da für tiefe, für ungeheure Einblicke in Weltengeheimnisse vorhanden sind. Aber es dreht sich ja die ganze menschliche Kultur – auch die Menschenkräfte – vollständig mit um. Was der Mensch vorher vom Himmel empfangen hat, empfängt er nun von der Erde aus. Das ist dasjenige, was uns aus den Himmelszeichen heraus illustriert den großen Umschwung, der sich mit dem Menschen vollzogen hatte. [70] Und das hängt zusammen mit dem Aufgange der materiellen, der materialistischen Zeit. Die Gedanken verlieren ihre Kraft, die Gedanken können leicht zur Phrase werden in diesen Zeiten. Aber nun denken Sie an ein merkwürdiges anderes. Wie Venus ihr Haus im Stier, Mars sein Haus im Widder hat, so hat in den Fischen Jupiter sein Haus. Und Jupiter hängt zusammen mit der menschlichen Stirnesentwickelung, mit der menschlichen Vorderhirnentwickelung. Groß kann der Mensch mit dieser Erdenkultur werden in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum, weil er gerade in selbständiger menschlicher Weise, durch die Kräfte seines Hauptes veredeln und fassen kann dasjenige, was ihm von der entgegengesetzten Seite zugeführt wird gegenüber der früheren nachatlantischen Periode. Daher hat dieselbe Leistung beim Menschen, die Mars für das vierte nachatlantische Zeitalter zu leisten hatte, Jupiter für das fünfte zu leisten. Und man könnte sagen: Mars war in gewisser Beziehung der rechtmäßige König dieser Welt in der vierten nachatlantischen Zeit. In der fünften nachatlantischen Zeit ist er nicht der rechtmäßige König dieser Welt, weil nichts in der fünften nachatlantischen Zeit durch seine Kräfte wirklich – im Sinne dieser fünften nachatlantischen Zeit – erreicht werden kann; sondern was groß machen kann diese Epoche, das muß durch die Kräfte des geistigen Lebens, der Welterkenntnis, der Weltanschauung geltend gemacht werden.

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Der Mensch ist abgeschlossen von den himmlischen Kräften; er ist in das materialistische Zeitalter gebannt. Aber er hat in diesem fünften nachatlantischen Zeitalter die größte Möglichkeit, sich zu vergeistigen. Keines war der Geistigkeit so günstig, wie dieses fünfte nachatlantische Zeitalter. Es muß nur den Mut finden, die Händler aus dem Tempel zu jagen. Es muß den Mut finden, gegenüber den Abstraktionen, gegenüber den wirklichkeitsfremden Dingen die Wirklichkeit, die volle Wirklichkeit und damit die geistige Wirklichkeit zu stellen. [71] Diejenigen, welche die Konstellationen der Sterne durchschaut haben, sie haben auch immer gewußt, daß besondere Hilfen wiederum kommen von den besonderen Planeten für die einzelnen Abschnitte im Gang der Sonne. Man hat mit einem gewissen Recht jeder von diesen Konstellationen: Mond – Krebs, Merkur – Zwillinge, Venus – Stier, Mars – Widder, Jupiter – Fische, man hat ihnen drei, wie man sagte, Dekane zugeteilt, (26) drei Dekane. Diese drei Dekane stellen diejenigen Planeten dar, welche den Beruf haben, während der betreffenden Konstellationen ganz besonders einzugreifen in das Geschick, während die andern unwirksamer sind. So sind die Dekane der ersten nachatlantischen Zeit, der Krebszeit: Venus, Merkur, Mond; die Dekane während der Zwillingszeit: Jupiter, Mars, Sonne; die Dekane während der Stierzeit: Merkur, Mond, Saturn; die Dekane während der Widderzeit: Mars, Sonne, Venus. Und die Dekane während unserer Zeit, während des Zeitalters der Fische, sehr charakteristisch, also diejenigen Kräfte, die uns gewissermaßen nach der Himmelsuhr wiederum besonders dienen können: Saturn, Jupiter, Mars. Mars hier nicht in demselben Dienst, den er hatte, als er in seinem Haus war, wenn er durch den Widder durchgeht, sondern Mars jetzt als repräsentative Kraft für die menschliche Stärke. Aber Sie sehen in den äußeren Planeten: Saturn, Jupiter, Mars dasjenige, was zusammenhängt mit dem menschlichen Haupte, mit dem menschlichen Antlitz, mit dem menschlichen Wortbilden. [72]

Also alles, was zunächst für dieses irdische Leben zwischen Geburt und Tod – über das andere zwischen Tod und neuer Geburt werden wir das nächste Mal reden – zusammenhängt in bezug auf die Geistigkeit, das ist wiederum besonders dienstbar in diesem Zeitalter. So ist dieses Zeitalter dasjenige, welches die unendlichst größten spirituellen Möglichkeiten in sich enthält.

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In keinem Zeitalter war es den Menschen vergönnt, so viel Unfug zutreiben wie in diesem, weil man sich in keinem gegen die innere Mission des Zeitalters stärker versündigen konnte als in diesem Zeitalter. Denn, lebt man mit dem Zeitalter, so wandelt man die von der Erde kommende Kraft durch die Jupiterkraft um in spirituell-freies Menschentum, und es stehen einem zur Verfügung die besten, schönsten Kräfte des Menschen, die der Mensch entwickelt zwischen der Geburt und dem Tode: Saturn-, Jupiter- und Marskräfte. Die Weltenuhr steht günstig für dieses Zeitalter. Das darf keinen Fatalismus begründen. Das darf nicht begründen, daß man sagt: Also überlassen wir uns dem Weltengeschick, es wird schon alles gut werden –, sondern das soll begründen, daß, wenn der Mensch will aber er muß wollen –, er gerade in unserer Zeit unendliche Möglichkeiten findet. Nur wollen die Menschen vorläufig noch nicht. Aber unbegründet ist es immer, zu sagen: Ja, was vermag ich selber? Die Welt geht ihren Gang! – Gewiß, so wie wir hier sind – die Welt hört heute nicht viel auf uns. Aber auf etwas anderes kommt es an. Es kommt darauf an, daß wir nicht so sagen sollen, wie die Menschen vor dreiunddreißig Jahren gesagt haben, als sie sich zunächst bei sich selbst um nichts gekümmert haben! Dadurch sind die Dinge so geworden, wie sie jetzt sind. Für unsere Zeit kommt es darauf an, daß jeder bei sich selbst damit anfängt, aus der Abstraktion heraustreten zu wollen, die Wirklichkeitsfremdheit abzulegen und so weiter; und daß jeder bei sich selbst versucht, an das Wirkliche heranzukommen, über Abstraktionen hinwegzugelangen. [73] Man muß von so weitliegenden Begriffen herkommen, wenn man das Wichtige entwickeln will, was uns eben jetzt in diesen Tagen dann beschäftigen wird: Auseinandersetzungen über, ich möchte sagen, das Älterwerden des Menschen, das ebenso Dem-Tode-Entgegengehen wie Aus-der-Geburt-Stammen, Aus-der-GeburtKommen. Während heute die Pädagogik, die Erziehung, die praktische Kindererziehung ganz darauf ausgeht, nur zu betrachten, daß das Kind geboren ist und sich als Kind entwickelt, muß die Zeit kommen, in der schon das Kind lernt, was es heißt: älter werden. Aber diese Dinge können nicht so einfach entwickelt werden. Da muß man die Begriffe weit her holen. Denn man kann schon sagen, um jene Wirklichkeitsfremdheit zu überwinden, die heute die Signatur der Zeit ist, dazu ist notwendig, daß die Menschen vor allen Dingen den Willen zur Aufmerksamkeit entwickeln, den Willen entwickeln, den Jupiter in Bewegung zu setzen. Jupiter ist ja gerade diejenige Kraft, die den Appell, den fortwährenden Appell an unsere Aufmerksamkeit richtet. Die Menschen sind heute so froh, wenn sie nicht aufmerksam zu sein brauchen, wenn sie gleichen können der schlafenden Isis – ich habe wohlüberlegt von der schlafenden Isis gesprochen!

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Der größte Teil der Menschheit verschläft diese heutige Zeit und fühlt sich dabei sehr, sehr wohl; denn er zimmert sich Begriffe und bleibt bei diesen Begriffen stehen, will nicht Aufmerksamkeit entwickeln. Hinschauen auf die Zusammenhänge des Lebens, das ist es, worauf es ankommt. Und die schweren Jahre, in denen wir leben, die sollen uns vor allen Dingen das beibringen, daß wir wegkommen von dem, was so lange Zeit hindurch die menschliche Kultur so verweichlicht hat: die Aufmerksamlosigkeit, das Nichtvorhandensein des Willens – und auf die Verhältnisse der Welt hinschauen. Es genügt nicht, bloß so hinzuhuschen über die Dinge. (27) [74]

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Das Ich und die Sonne – Der Mensch innerhalb der Sternenkonstellation
Die vierte nachatlantische Epoche, in welche hineinfällt die Verstandesentwickelung der Menschheit, sie wurde aus den griechischen Mysterien heraus geleitet. Erst gaben die Mysterien der allgemeinen Bevölkerung Vorderasiens, des europäischen Südens, dasjenige an, was dieser Verstandes- oder Gemütskultur zugrunde liegt. Es spielte in diesen Mysterien das Geheimnis von dem menschlichen Zusammenleben mit der Sonne eine große Rolle. Wir wissen ja aus den Darstellungen, die ich in meiner «Theosophie» gegeben habe, wie innerhalb der Verstandes- oder Gemütsseele des Menschen das Ich aufleuchtet, das dann gewissermaßen zu seiner vollen inneren Kraft durch die Bewußtseinsseele kommen soll. Insofern nun das Ich des Menschen gewissermaßen zu seiner Erweckung kommen sollte während der Verstandeskulturzeit, mußten sich die Mysterien dieser Zeit beschäftigen mit den Geheimnissen des Sonnenlebens und seinen Zusammenhängen mit demjenigen, was gerade menschliches Ich ist. Es ist Ihnen ja auch bekannt aus meiner Darstellung der «Rätsel der Philosophie», wie der Grieche noch in der Außenwelt seine Vorstellungen, seine Begriffe so wahrgenommen hat, wie wir heute Farben, Töne und so weiter wahrnehmen. Dasjenige, was in den Vorstellungen lebte, das war durchaus für den Griechen nicht eben bloß innerlich in der Seele Erschaffenes, sondern es war für ihn etwas an den Dingen Wahrgenommenes. [75] In dieser Beziehung hatte ja Goethe durchaus etwas Griechisches in sich, was er dadurch bezeugte, daß, als er in dem berühmten Gespräch (28) von Schiller die Worte hörte, seine Vorstellungen, also etwas Begrifflich-Ideelles, wären keine Wahrnehmungen, sondern eine Idee, daß er darauf sagte, dann sähe er seine Ideen vor sich, wie er eben äußere Wahrnehmungen vor sich sehe. Diese griechische Art, sich zu den Vorstellungen zu verhalten, war durchaus verknüpft mit einer ganz bestimmten Empfindung, welche die Griechen hatten, wenn sie ihr Auge richteten auf die äußere Welt. Sie sahen in dem, was Ihnen als Vorstellungsinhalt entgegenglänzte, überall eigentlich das Geschöpf des Sonnenlebens. Sie empfanden, indem die Sonne am Morgen aufging, auch das Heraufkommen des Vorstellungslebens in dem Raum, und beim Untergange der Sonne empfanden sie das Versinken der Vorstellungswelt. Man kann die Entwickelung der Völker nicht verstehen, wenn man nicht diese Änderung des Seelenlebens durchaus ins Auge faßt. Das ist etwas, meine lieben Freunde, was den Menschen in ihrem Seelenleben eigentlich verlorengegangen ist: mitzuempfinden die Geistigkeit ihrer ganzen Umgebung. Heute sieht der Mensch eben den Sonnenball heraufkommen, und er hat nur die Empfindung für dasjenige, was ihm da entgegentritt an farbiger und leuchtender Lufterscheinung. Und ebenso ist es, wenn er die Sonne in der Abendröte verschwinden sieht. Der Grieche hatte eben die Empfindung, daß des Morgens aufsteigt diejenige Welt, die ihm die Vorstellungen bringt, und daß sie des Abends untergeht, daß abends diejenige Welt kommt, die ihm diese Vorstellungswelt entzieht. Er war daher so, daß er sich empfand Vorstellung-verlassen in der Finsternis der Nacht.

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Und wenn er hinausblickte in den Himmel, den wir blau sehen, für den er ja die gleiche Bezeichnung wie für das Dunkel hatte, so fühlte er eigentlich die Welt begrenzt von demjenigen, was außerhalb des Vorstellungslebens war. Dort hörte für ihn das Vorstellungsleben, so wie es dem Menschen beschert ist, auf, wo er begrenzt sah den Weltraum. Jenseits dieses Weltraumes waren für ihn andere Gedankenwelten, die Gedankenwelten der Götter. Und sie sah er eben eng gebunden an dasjenige, was er als Licht bezeichnete. [76] Sie offenbarten sich ihm gewissermaßen konzentriert im Sonnenleben, während sie sonst sich ihm entzogen in der Weite des dunklen Weltenfirmamentes. Man muß in diese ganz andersgeartete Empfindungswelt hineinschauen, wenn man verstehen will, wie eigentlich, nachdem diese Anschauungsweise mit aller ihrer inneren Lebendigkeit eine Zeitlang gewirkt hat in der Weltentwickelung des Menschen, wie dann der Mensch in seinen fortgeschrittensten Repräsentanten fühlte, wie er im Weltenraum das Sonnenleben nicht mehr als ihm etwas geistig Zurückstrahlendes empfinden konnte, und wie er in den ersten Zeiten eben – es war das gerade bei den fortgeschrittensten Repräsentanten der Menschheit der Fall, bei denjenigen, die noch ihre Bildung in den griechischen Mysterien empfangen hatten –, wie er empfand das Mysterium von Golgatha als eine Erlösung, insofern als es ihm die Möglichkeit brachte, in sich nun das Licht zu entzünden. Das Licht, das er vorher als Göttliches wirklich erlebt hat, das wollte er jetzt erleben dadurch, daß er seinen seelischgeistigen Anteil nahm an den Geschehnissen des Mysteriums von Golgatha. Man lernt dasjenige, was eigentlich in der Menschheit im Laufe der Jahrtausende geschehen ist, nicht kennen, wenn man bloß mit dem Verstande auf diese Dinge hinsieht. Man muß die Umwandlung des Menschengemütes, des menschlichen Seelenlebens in seiner Ganzheit ins Auge fassen. Und wir, die wir nun seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts leben in dem Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung, wir haben ja von jener Verstandesgeistigkeit, welche da war in den Zeiten der vierten nachatlantischen Periode, nur noch das Schattenwesen unserer inneren Verstandestätigkeit. Das habe ich ja in den letzten Wochen hier auseinandergesetzt. Aber wir müssen uns wiederum durchringen zu einer Erkenntnis desjenigen, was dieses Verstandeswesen, dieses schattenhafte Verstandeswesen durchdringen kann mit einer lebendigen Anschauung des Weltenalls. Gerade durch die moderne Verstandesschattenkultur ist der Mensch gewissermaßen an die Erde gebannt worden. [77] Er betrachtet heute, insbesondere wenn er sich anstecken läßt von der immer weiter und weiter um sich greifenden, rein wissenschaftlichen Kultur, er betrachtet ja heute nur dasjenige, was ihm die Erde eigentlich gibt. Er hat keine Ahnung davon, daß er mit seinem ganzen Wesen nicht bloß der Erde angehört, sondern daß er mit seinem ganzen Wesen dem außerirdischen Weltall angehört. Und das ist dasjenige, was sich der Mensch wieder erringen muß, diese Erkenntnis seines Zusammenhanges mit dem außerirdischen Weltenall. Wir bilden heute einfach unsere Begriffe, Vorstellungen, indem wir von dem irdischen Leben ausgehen und uns nach diesem irdischen Leben das ganze Weltenall konstruieren. Aber dasjenige, was sich da uns als Weltbild ergibt, ist dann nicht viel anders als eine Übertragung der irdischen Verhältnisse auf die außerirdischen Verhältnisse.

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Und so ist es denn gekommen, daß aus den grandiosen Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft heraus mit der Spektralanalyse und den anderen Ergebnissen, daß da gebildet worden ist eine Anschauung über die Sonne, die eigentlich ganz den irdischen Verhältnissen nachgebildet ist. Man bildet sich die Vorstellung, wie ein leuchtender Gaskörper eben aussieht. Und nun überträgt man diese Ansicht eines leuchtenden Gaskörpers auf dasjenige, was uns als Sonne entgegenkommt im Weltenall. Wir müssen wiederum geisteswissenschaftliche Unterlagen anwenden lernen, um zu einer Anschauung von der Sonne kommen zu können. Diese Sonne, von der der Physiker glaubt, wenn er hinauskommen würde in den Weltenraum, sie böte sich ihm dar als eine leuchtende Gaskugel; diese Sonne, trotzdem sie das Weltenlicht in ihrer Art uns zurückstrahlt, so wie sie es empfängt, ist ein durch und durch geistiges Wesen, und wir haben es nicht zu tun mit einem physischen Wesen, das da oben irgendwo im Weltenraum herumgondelt, sondern mit einem durch und durch geistigen Wesen. Und der Grieche empfand noch richtig, wenn er das, was ihm von der Sonne zustrahlte, als dasjenige empfand, was in Zusammenhang gebracht werden muß mit seiner Ich-Entwickelung, insofern diese IchEntwickelung gebunden ist an das Vorstellungswesen des Verstandes. [78] In dem Sonnenstrahl sah der Grieche dasjenige, was in ihm entzündet das Ich. So daß man sagen muß: Der Grieche hatte noch diese Empfindung von der Geistigkeit des Kosmos. Er sah in dem Sonnenwesen substantiell ein dem Ich verwandtes Wesen. Dasjenige, was der Mensch gewahr wird, wenn er zu sich selber Ich sagt, die Kraft, die in ihm wirkt, so daß er zu sich Ich sagen kann, auf die sah der Grieche hin, und er fühlte sich veranlaßt, zur Sonne dasselbe zu sagen wie zu seinem Ich, dieselbe Empfindung der Sonne entgegenzubringen, wie er sie seinem Ich entgegenbrachte. Ich und Sonne, sie verhalten sich wie das Innere und das Äußere. Was draußen durch den Weltenraum kreist als Sonne, ist das Welten-Ich. Was drinnen in mir lebt, ist das Ich des Menschen. Man möchte sagen: Gerade noch zu erhaschen ist diese Empfindung für diejenigen Menschen, die etwas tiefer mitfühlen mit dem ganzen All der Natur. Schon sehr verglommen ist dasjenige, was da eigentlich zugrunde liegt, aber es gibt doch noch heute dasjenige Leben im Menschen, das gewissermaßen heraufkommen vernimmt die Sonne im Frühling, das den Sonnenstrahl noch erleben kann als etwas Geistiges, und das das Ich aufleben fühlt, indem der Sonnenstrahl in einer größeren Stärke die Erde erleuchtet. Aber es ist, ich möchte sagen, eine letzte Empfindung, die in dieser äußeren Art nun auch schon verglimmt in der Menschheit, die zugrunde gehen will innerhalb der abstrakten Verstandesschattenkultur, die nach und nach sich unseres ganzen Zivilisationslebens bemächtigt hat. Aber durchdringen müssen wir wiederum dazu, etwas zu erkennen von dem Menschheitszusammenhang mit dem außerirdischen Dasein. Und in dieser Beziehung möchte ich heute auf einiges hinweisen. [79]

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Wir werden, indem wir all dasjenige zusammennehmen, was Sie an verschiedenen Stellen unserer geisteswissenschaftlichen Literatur zerstreut finden, zunächst wiederum den Zusammenhang der Sonne mit dem Ich ergreifen können, und wir werden den bedeutungsvollen Gegensatz erkennen können, der da besteht zwischen den Kräften, die der Erde von der Sonne zustrahlen, und denjenigen Kräften, welche für die Erde wirksam sind in demjenigen, was wir Mond nennen. Sonne und Mond, sie sind in einer gewissen Beziehung das völlige Gegenteil voneinander. Sie sind polar zueinander. Wenn wir die Sonne studieren mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, so strahlt uns die Sonne alles dasjenige zu, was uns gestaltet zu einem Träger unseres Ich.

Wir verdanken der Sonnenstrahlung dasjenige, was uns eigentlich die menschliche Gestalt gibt, was uns in der menschlichen Gestalt zu einem Abbild des Ich macht. Alles, was im Menschen von außen wirkt, was von außen seine Gestalt bestimmt, was schon während seiner Embryonalzeit seine Gestalt bestimmt, das ist Sonnenwirkung. Wenn sich der menschliche Embryo im Mutterleibe bildet, dann ist durchaus nicht bloß dasjenige vorhanden, was eine heutige Wissenschaft träumt, daß von der befruchteten Mutter die Kräfte ausgehen würden, welche den Menschen formen, nein, der menschliche Embryo ruht nur im mütterlichen Leibe. Dasjenige, was ihm da die Form gibt, das sind die Sonnenkräfte. Allerdings müssen wir diese Sonnenkräfte in Zusammenhang bringen mit den ihnen entgegengesetzt wirkenden Mondenkräften. Die Mondenkräfte sind zunächst dasjenige, was sich für den unteren, den Stoffwechselmenschen als das Innerliche geltend macht. So daß wir sagen können, wenn wir schematisch zeichnen: die Sonnenkräfte sind dasjenige, was den Menschen von außen gestaltet. Dasjenige, was sich im Stoffwechsel des Menschen von innen aus gestaltet, das sind die zentral ausstrahlenden Mondenkräfte, die sich in ihm festsetzen. [80] Das widerspricht nicht dem, daß diese Mondenkräfte zum Beispiel das menschliche Gesicht mitformen. Sie formen ja das menschliche Gesicht, weil dasjenige, was im unteren, im Stoffwechselmenschen. von dem Zentrum aus wirkt, gewissermaßen anziehend von außen auf die menschliche Gesichtsbildung wirkt; differenzierend die menschliche Gesichtsbildung wirken die Mondenkräfte, aber indem sie sich summieren mit den Sonnenkräften, während sie vom Inneren des Menschen aus den Sonnenkräften entgegenwirken. Daher hängt auch die menschliche Fortpflanzung als Organismus von den Mondenkräften ab, die Gestalt geben.
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Aber das Fortgepflanzte, das hängt von den Sonnenkräften ab. Der Mensch ist mit seinem ganzen Wesen zwischen Mondenkräften und Sonnenkräften eingespannt. Nun müssen wir aber unterscheiden, wenn wir die Mondenkräfte im menschlichen Inneren, im Inneren des menschlichen Stoffwechsels suchen, diese Mondenkräfte im Stoffwechsel von den Kräften, die im Stoffwechsel nun selber ihren Ursprung haben. Es spielen die Mondenkräfte in den Stoffwechsel hinein, aber der Stoffwechsel hat seine eigenen Kräfte. Und diese eigenen Kräfte, das sind die Erdenkräfte. So daß wir sagen können, wenn im Menschen die Kräfte wirken, die in den Substanzen seiner Nahrungsmittel liegen, die Kräfte, die also, sagen wir, in den Vegetabilien oder sonstigen Nahrungsmitteln liegen, so wirken diese Kräfte in ihm durch sich selbst. Sie wirken da als Erdenkräfte. Der Stoffwechsel ist zunächst ein Ergebnis der Erdenkräfte; aber in diese Erdenkräfte wirkt dasjenige hinein, was Mondenkräfte sind. Wenn der Mensch bloß den Stoffwechsel mit seinen Kräften in sich hätte, wenn also gewissermaßen die Substanzen seiner Nahrungsmittel nur ihre eigenen Kräfte in seinem Leib fortsetzen würden, nachdem sie aufgenommen sind, dann würde der Mensch ein Chaos sein von allen möglichen Kräften. Daß diese Kräfte immerzu wirken, die menschliche Wesenheit von innen aus zu erneuern, das hängt gar nicht von der Erde ab, das hängt von dem der Erde beigegebenen Mond ab. [81] Von innen heraus wird der Mensch durch den Mond gestaltet, von außen herein wird der Mensch durch die Sonne gestaltet. Und indem die Sonnenstrahlen wieder aufgenommen werden durch das Auge in den menschlichen Kopforganismus, wirken sie auch innerlich; aber sie wirken doch von außen herein. So finden wir, wie auf der einen Seite der Mensch in seiner ganzen Ich-Entwickelung abhängt von der Wirkung der Sonne, wie er ein fest auf der Erde lebendes Ich nicht sein könnte ohne die Sonne; und wie kein Menschengeschlecht wäre, keine Fortpflanzung wäre, wenn nicht der Mond der Begleiter der Erde wäre. Man kann sagen: die Sonne ist dasjenige, was den Menschen als eine Persönlichkeit, als einzelnes Individuum fest auf die Erde stellt. Der Mond ist dasjenige, was den Menschen in seiner Vielheit, in seiner ganzen Entwickelung auf die Erde hinzaubert. Das Menschengeschlecht als physische Folge von Generationen ist das Ergebnis der Mondenkräfte, die es anregen. Der Mensch als einzelnes Wesen, als Individualität, ist das Ergebnis der Sonnenkräfte. Und wenn wir daher den Menschen und das Menschengeschlecht studieren wollen, dann können wir nicht bloß die Verhältnisse der Erde studieren. Vergebens suchen die Geologen die Verhältnisse der Erde zu ergründen und daraus den Menschen zu begreifen, vergebens untersuchen sie die anderen Kräfte der Erde, um daraus den Menschen zu begreifen. Der Mensch ist zunächst nicht auf der Erde gemacht. Der Mensch ist geformt aus dem Kosmos herein; der Mensch ist ein Ergebnis der Sternenwelt, zunächst von Sonne und Mond. Von der Erde stammen nur diejenigen Kräfte, welche dem Stoff selbst innewohnen, und die wirksam sind außerhalb des Menschen, dann ihre Wirksamkeit fortsetzen, wenn sie in den Menschen durch das Essen und Trinken eingetreten sind; aber sie werden da empfangen von dem Außerirdischen.

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Was im Menschen vorgeht, ist durchaus nicht bloß ein irdisches Geschehen, ist durchaus etwas, was von der Sternenwelt aus besorgt wird. Zu dieser Erkenntnis muß wiederum der Mensch sich durchringen. [82] Und wenn wir den Menschen weiter betrachten, so können wir Rücksicht nehmen darauf. Er ist zunächst ein physischer Leib. Dieser physische Leib nimmt ja die äußeren Nahrungsmittel auf. In diesem physischen Leib setzen sie ihre Kräfte fort. Aber der physische Leib wird angegriffen von dem astralischen Leib, und in dem astralischen Leib ist tätig die Mondenwirkung, so wie ich es Ihnen dargestellt habe. Und in diesen astralischen (29) Leib wirkt hinein die Sonnenwirkung. Sonne und Mond durchziehen kraftend den astralischen Leib, und der astralische Leib äußert sich in der Weise, wie ich es jetzt eben beschrieben habe. Der ätherische Leib steht in der Mitte zwischen physischem Leib und astralischem Leib. Wenn man die Kräfte studiert, welche von den Nahrungsmitteln ausgehen, so werden sie zunächst regsam im physischen Leibe, und sie werden von dem astralischen Leib, der Sonnen- und Mondenwirkung in sich hat, so aufgenommen, wie ich es eben beschrieben habe. Aber dazwischen steht das andere, dasjenige, was im ätherischen (30) Leibe wirksam ist. Das kommt auch nicht von der Erde, das kommt aus dem Umkreise des ganzen Weltenraumes. Wenn wir die Erde im Verhältnis zum Menschen betrachten mit ihren Produkten, mit denjenigen Stoffen, die sich darleben als feste, flüssige, luftförmige Bestandteile, so werden diese aufgenommen vom Menschen, im Menschen drinnen verarbeitet gemäß den Sonnen- und Mondenkräften. Aber im Menschen wirken auch diejenigen Kräfte, die ihm zustrahlen nun von allen Seiten des Weltenraumes. Die Kräfte, die in den Nahrungsmitteln wirken, sie kommen aus der Erde heraus. Aber ihm strahlen von allen Seiten des Weltenraumes Kräfte zu: das sind die ätherischen Kräfte. Diese ätherischen Kräfte, die ergreifen auch, aber in einer viel gleichförmigeren Weise, die Nahrungsmittel und verwandeln sie so, daß sie aus ihnen ein Lebensfähiges machen, daß sie aus ihnen etwas machen, was außerdem das Ätherische als solches, das Licht und die Wärme, innerlich erleben kann. So daß wir sagen können: [83] Der Mensch ist zugeteilt durch seinen physischen Leib der Erde, durch seinen ätherischen Leib dem ganzen Umkreis, durch seinen astralischen Leib ist er zunächst zugeteilt dem Monde und der Sonne in ihren Wirkungen. Aber diese Wirkungen, die im astralischen Leib als Sonnen- und Mondwirkungen enthalten sind, die werden wiederum modifiziert, so modifiziert, daß ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen denjenigen Wirkungen, welche ausgeübt werden auf den oberen, und denen, die ausgeübt werden auf den unteren Menschen. Nennen wir heute «oberen Menschen» denjenigen Menschen, der gewissermaßen durchkreist wird von dem nach aufwärts, nach dem Kopfe zu gehenden Blutstrom; nennen wir den «unteren Menschen» dasjenige, was vom Herzen nach abwärts liegt. Wenn wir so den Menschen anschauen, dann haben wir zunächst im Menschen das Obere, das sein Haupt umfaßt, und dasjenige, was gewissermaßen organisch zu dem Haupte gehört. Das ist hauptsächlich in seiner Gestaltung von den Sonnenwirkungen abhängig. Das bildet sich ja auch zunächst embryonal vorzugsweise aus.

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Da wirken schon im Embryo auf diesen Organismus die Sonnenwirkungen in ganz besonderer Weise, aber diese Wirkungen setzen sich ja dann fort, wenn der Mensch geboren ist, wenn der Mensch physisch da ist im Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Und da wird nun dasjenige, was ja in diesem Gebiet des Menschen, ich möchte sagen, was oberhalb des Herzens liegt, genauer müßte man das nach der Blutzirkulation beschreiben, was oberhalb des Herzens liegt, das wird in bezug auf die astralischen Wirkungen modifiziert von Saturn, Jupiter, Mars (siehe Darstellung S. 60). Der Saturn hat Kräfte, die er – betrachten wir es nach der kopernikanischen Weltanschauung – in seinem Umkreis um die Sonne entwickelt und die er der Erde zuschickt; er hat diejenigen Kräfte, welche eigentlich im ganzen astralischen Leib, namentlich in demjenigen Teile, der diesem oberen Menschen angehört, wirksam sind. Der Saturn hat die Kräfte, die in diesen astralischen Leib hineinstrahlen. [84] Und indem sie den astralischen Leib durchstrahlen, beleben, wirken sie auf ihn so, daß von ihnen eigentlich in ganz wesentlicher Weise abhängt, inwiefern sich der astralische Leib in ein richtiges Verhältnis zum physischen Leib des Menschen stellt. Wenn der Mensch zum Beispiel nicht richtig schlafen kann, wenn also sein astralischer Leib nicht richtig herausgehen will aus dem Ätherleib und dem physischen Leib, wenn er beim Erwachen nicht richtig hineingehen will, wenn er sonst in irgendeiner Weise sich nicht richtig eingliedert dem physischen Leibe, so ist das eine Wirkung, eine unregelmäßige Wirkung der Saturnkräfte. Der Saturn ist im wesentlichen derjenige Weltenkörper, welcher auf dem Umwege durch das menschliche Haupt ein richtiges Verhältnis des astralischen Leibes zum menschlichen physischen Leib und zum Ätherleib herstellt. Dadurch liefern die Saturnkräfte auf der anderen Seite wiederum das Verhältnis des astralischen Leibes zum Ich, (31) weil ja der Saturn im Verhältnisse steht zu der Sonnenwirkung. Er steht so im Verhältnis zur Sonnenwirkung, daß das räumlich-zeitlich dadurch ausgedrückt ist, daß ja der Saturn ungefähr seinen Umkreis um die Sonne, wie Sie wissen, in dreißig Jahren vollendet. Diese Beziehung des Saturn zur Sonne, die drückt sich im Menschen dadurch aus, daß erstens das Ich in ein entsprechendes Verhältnis kommt zum astralischen Leib, aber namentlich daß der astralische Leib sich in einer richtigen Weise in die ganze menschliche Organisation eingliedert. So daß wir sagen können, der Saturn hat seine Beziehung zu dem oberen Teil des ganzen astralischen Leibes. Diese Beziehung, die war für die Menschen älterer Zeiten durchaus etwas Maßgebendes. [85] Und noch in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, wenn wir zurückgehen würden in das 3., 4. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha, da würden wir finden, daß bei den Lehrern, bei den Weisen in den Mysterien jeder Mensch daraufhin beurteilt wurde, wie er sein Verhältnis zum Saturn durch sein Geburtsdatum bestimmt hatte; denn man wußte ganz genau, wenn ein Mensch geboren ist bei dieser oder jener Konstellation des Saturn, so war er ein Mensch, der seinen astralischen Leib im physischen Leib richtig brauchen konnte oder weniger richtig brauchen konnte. Die Erkenntnis solcher Dinge spielte in alten Zeiten eine große Rolle. Aber darauf beruht gerade der Fortschritt der Menschheitsentwickelung in unserem Zeitalter, das mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts seinen Anfang genommen hat, daß wir uns freimachen von dem, was da in uns wirkt.
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Meine lieben Freunde, mißverstehen Sie das nicht. Das heißt nicht, daß der Saturn heute nicht in uns wirkt. Er wirkt in uns geradeso, wie er in alten Zeiten gewirkt hat; nur müssen wir uns davon freimachen. Und wissen Sie, worinnen dieses In-der-richtigenWeise-Freimachen von der Saturnwirkung besteht? Man macht sich am schlechtesten frei von der Saturnwirkung, wenn man dem schattenhaften Intellekt unseres Zeitalters folgt. Da läßt man geradezu die Saturnwirkungen in sich wüten, da schießen die Saturnwirkungen hin und her und machen einen gerade zu demjenigen, was man in unserem Zeitalter den nervösen Menschen nennt. Der nervöse Mensch beruht im wesentlichen darauf, daß sein astralischer Leib in seine ganze physische Wesenheit nicht ordentlich eingeschaltet ist. Darauf beruht die Nervosität unseres Zeitalters. Und wozu der Mensch gebracht werden muß, ist: das Streben nach wirklicher Anschauung, das Streben nach Imagination. Wenn der Mensch beim abstrakten Vorstellen bleibt, so wird er immer nervöser und nervöser werden, weil er eigentlich herauswächst aus der Saturntätigkeit, diese aber doch in ihm ist, in ihm hin- und herschießt und aus seinen Nerven den astralischen Leib herauszerrt und daher den Menschen nervös macht. Die Nervosität unseres Zeitalters muß kosmisch erkannt werden als eine Saturnwirkung. So wie es Saturn zu tun hat mit dem oberen Teil des ganzen astralischen Leibes, insofern dieser astralische Leib mit dem ganzen Organismus in Verbindung steht durch das Nervensystem, hat es Jupiter vorzugsweise mit dem menschlichen Denken zu tun (siehe Darstellung S. 60). Dieses menschliche Denken beruht ja in einer gewissen Weise auch auf einer partiellen Tätigkeit des astralischen Leibes. [86] Ich möchte sagen, eine kleinere Partie des astralischen Leibes ist tätig beim Denken als beim Versorgen des ganzen Menschen durch den astralischen Leib. Was in unserem astralischen Leib wirkt, und was zunächst überhaupt unser Denken stark macht, das ist Jupiterwirkung. Jupiterwirkung hat es vorzugsweise mit dem astralischen Durchorganisieren des menschlichen Gehirnes zu tun. Sehen Sie, die Saturnwirkungen erstrecken sich eigentlich über das ganze menschliche Leben, und dieses ganze menschliche Leben hat ja angefangen seit unseren drei ersten Lebensjahrzehnten. Wie wir uns – solange wir in den Wachstumsperioden sind, und ganz hören diese ja eigentlich erst auf nach dem dreißigsten Jahre –, wie wir uns da entwickeln in unserem astralischen Leib, davon hängt unser ganzes Leben und unsere Gesundheit ab. Daher braucht der Saturn dreißig Jahre, um herumzugehen um die Sonne. Das ist ganz auf den Menschen zugeschnitten. Dasjenige, was sich in uns als Denken entwickelt, das hat mit den ersten zwölf Lebensjahren zu tun. Dasjenige, was da draußen kreist, das ist nicht ohne Beziehung zum Menschen. Ebenso wie es Jupiter zu tun hat mit dem Denken, hat es Mars zu tun mit demjenigen, was die Sprache ist. Mars hat es zu tun mit der Sprache. Saturn Jupiter Mars oberer Teil des ganzen astralischen Leibes Denken Sprache
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Mars, sehen Sie, hebt gewissermaßen vom astralischen Leib noch ein kleinere Partie, als diejenige ist, die fürs Denken in Betracht kommt, heraus aus seiner ganzen Einorganisierung in den übrigen Menschen. Und von den Marswirkungen in uns hängt es ab, daß entfaltet werden können die Kräfte, die sich dann in das Sprechen ergießen. Die kleine Umlaufszeit des Mars ist ja auch dafür maßgebend. Der Mensch lernt ja innerhalb einer Zeit, die durchaus der halben Umlaufzeit des Mars ungefähr entspricht, die ersten Sprachlaute. [87] Auf- und absteigende Entwickelung! Wir sehen, diese ganze Entwickelung, insofern sie an die Gegend des menschlichen Hauptes gebunden ist, hängt zusammen mit Saturn-, Jupiter- und Marskräften. Damit haben wir die äußeren Planeten in ihrem Fortwirken innerhalb des menschlichen astralischen Leibes gegeben. Während die Sonne mehr mit dem Ich zusammenhängt, haben diese drei Weltenkörper: Saturn, Jupiter und Mars, mit der Entwickelung desjenigen, was ja an den astralischen Leib gebunden ist, Sprechen, Denken und dem ganzen Verhalten der menschlichen Seele im menschlichen Organismus zu tun. Dann haben wir die Sonne, die mit dem eigentlichen Ich zu tun hat. Und dann haben wir diejenigen Planeten, die wir auch die inneren nennen, diejenigen Planeten, die gewissermaßen der Erde näher sind als die Sonne, diejenigen Planeten also, die zwischen der Erde und der Sonne sich befinden, während die anderen Planeten, Saturn, Jupiter, Mars, abgewendet sind von der Erde gegenüber der Sonne. Wenn wir diese inneren Planeten ins Auge fassen, dann kommen wir dazu, ebenfalls solche Beziehungen ihrer Kräfte zum Menschen ins Auge zu fassen. Betrachten wir zunächst den Merkur. Merkur hat, ich möchte sagen seine Angriffspunkte ähnlich dem Monde mehr im Inneren des Menschen, nur gegenüber dem menschlichen Antlitz wirkt er von außen; aber er wirkt schon in demjenigen Teil des Menschen, der unter der Herzgegend liegt. Da wirkt er mit seinen Kräften, indem er innerlich die menschliche Organisation ergreift und seine Kräfte von dort wiederum ausstrahlen. Und da wirkt er so, daß er vorzugsweise es ist, der die Vermittlung besorgt der Wirksamkeit des astralischen Leibes in der ganzen Atmungs- und Zirkulationstätigkeit des Menschen. Er ist der Vermittler zwischen dem astralischen Leib und den rhythmischen Vorgängen im Menschen. So daß wir also sagen können: seine Kräfte besorgen die Vermittlung des Astralischen mit der rhythmischen Tätigkeit des Menschen (siehe Darstellung S. 60). [88] Dadurch greifen die Merkurkräfte ähnlich den Mondenkräften auch ein in den ganzen Stoffwechsel des Menschen, aber nur insofern der Stoffwechsel dem Rhythmus unterliegt, auf die rhythmische Tätigkeit zurückwirkt. Dann haben wir Venus. Venus ist dasjenige, was vorzugsweise im menschlichen Ätherleib tätig ist, was also von dem Kosmos aus im menschlichen Ätherleib sich betätigt: Tätigkeit des menschlichen Ätherleibes.

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Und dann haben wir Mond. Über ihn haben wir schon gesprochen. Er ist dasjenige im Menschen, was den Sonnenkräften polarisch entgegengesetzt ist, und was von innen aus den Stoff überführt ins Lebendige und dadurch auch mit der Reproduktion zusammenhängt. Der Mond ist also im ausgiebigsten Sinne der Anreger sowohl der inneren Reproduktion wie auch der Fortpflanzungsreproduktion. Bedenken Sie nun, daß ja dasjenige, was im Menschen eigentlich vorgeht, Ihnen in seiner Abhängigkeit erscheint von dem umliegenden Kosmos. Der Mensch ist auf der einen Seite mit seinem physischen Leib gebunden an die irdischen Kräfte, mit seinem ätherischen Leib gebunden an den ganzen kosmischen Umkreis. Saturn oberer Teil des ganzen astralischen Leibes Jupiter Denken Mars Sprache ________________ Sonne Ich ________________ Merkur Vermittlung des Astralischen mit der rhythmischen Tätigkeit des Menschen Venus Tätigkeit des menschlichen Ätherleibes Mond Anreger der Reproduktion In ihm wird aber differenziert in dieser Weise, wie ich es hier dargestellt habe, und indem die Differenzierung vorzugsweise von seinem astralischen Leibe ausgeht, gliedern sich in diesen astralischen Leib die Kräfte von Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, Venus, Mond ein. [89]Auf dem Umwege durch das Ich wirkt dann die Sonne in ihm. Bedenken Sie, daß dadurch, daß der Mensch also in den Kosmos eingegliedert ist, es etwas anderes ist, ob der Mensch auf einem Punkte der Erde steht und, sagen wir, Jupiter glänzt vom Himmel, oder ob der Mensch hier auf der Erde steht und Jupiter ist von der Erde zugedeckt. Die Wirkungen auf den Menschen sind in dem einen Falle direkt, die Wirkungen in dem anderen Falle sind so, daß die Erde sich dazwischen stellt. Das gibt einen bedeutsamen Unterschied. Jupiter, haben wir gesagt, steht mit dem Denken in Beziehung. Nehmen wir an, da wo das menschliche physische Denkorgan in seiner vorzugsweisen Entfaltung ist, da erlebt der Mensch, also bald nach seiner Geburt, von seiner Geburt aus, daß Jupiter ihm zuglänzt seine Wirksamkeit. Der Mensch bekommt die direkte Jupiterwirkung. Sein Gehirn wird ganz besonders zum Denkorgan umgegliedert; er bekommt eine gewisse Anlage zum Denken. Nehmen wir an, der Mensch verlebt diese Jahre so, daß der Jupiter auf der anderen Seite ist, die Jupiterwirkungen also durch die Erde gehindert sind: sein Gehirn wird wenig umgestaltet zum Denkorgan.

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Wirkt dagegen die Erde mit ihren Stoffen und Kräften in ihm, und alles dasjenige, was von den Stoffen der Erde ausgeht, wird vielleicht gerade umgestaltet, sagen wir, durch die Mondenwirkungen, die ja immer in einer gewissen Weise da sind, so wird der Mensch ein dumpf Träumender, ein dumpf bewußtes Wesen nur; das Denken tritt zurück. Dazwischen liegen alle möglichen Grade. Nehmen Sie an, ein Mensch habe aus seiner früheren Inkarnation solche Kräfte in sich; welche sein Denken dazu prädestinieren, in dem Erdenleben, das er nun antreten soll, besonders ausgebildet zu sein; dann schickt er sich an, auf die Erde herunterzukommen. Er wählt sich, da ja der Jupiter seine bestimmte Umlaufszeit hat, diejenige Zeit, in der er auf der Erde erscheint, in der er auf der Erde geboren werden soll, so, daß der Jupiter direkt die Strahlen zusendet. Auf diese Weise gibt die Sternkonstellation dasjenige ab, in das der Mensch sich hineingeboren werden läßt nach den Bedingungen seiner früheren Erdenleben. [90] Von dem, was sich Ihnen da erweist, muß sich ja allerdings der Mensch heute im Bewußtseinszeitalter immer mehr und mehr freimachen. Aber es handelt sich darum, daß er sich in der richtigen Weise freimacht davon, daß er tatsächlich so etwas tut, wie ich es angedeutet habe mit Bezug auf die Saturnwirkungen: daß er versucht, aus dem bloßen schattenhaften intellektuellen Entwickeln zu einem bildhaften, anschaulichen Entwickeln wiederum zu kommen. Was wir auf die Art aus der Geisteswissenschaft entwickeln, wie ich es dargestellt habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», ist zugleich eine Anweisung dafür, daß der Mensch in der richtigen Weise unabhängig werde von den kosmischen Kräften, die aber trotzdem in ihm wirken. Indem der Mensch sich geboren werden läßt, lebt er sich in die Erde hinein, je nachdem die Sternkonstellation ist. Aber er muß sich ausrüsten mit Kräften, die ihn in der richtigen Weise unabhängig machen von dieser Sternkonstellation. Sehen Sie, zu solchen Erkenntnissen vom Zusammenhange des Menschen mit dem außerirdischen Kosmos muß unsere Zivilisation wieder kommen. Der Mensch muß sich wieder fühlen so, daß er weiß: In meiner Organisation wirken nicht nur die gewöhnlichen, von der heutigen Wissenschaft anerkannten Vererbungskräfte. Gegenüber dem wirklichen Tatbestand ist es zum Beispiel ein bloßer Unsinn, zu glauben, innerhalb der Organisation des weiblichen Organismus lägen diejenigen Kräfte, die sich dann vererben – es ist das so eine dunkle, mystische Vorstellung, dieses Vererben –, die dann sich so vererben, daß sie ein Herz, eine Leber ausbilden und so weiter. Kein Herz wäre im menschlichen Organismus, wenn nicht die Sonne eben dieses Herz eingliederte, und zwar vom Kopfe aus, und keine Leber wäre im menschlichen Organismus, wenn ihm nicht diese Leber von Venus eingegliedert würde. Und so ist es mit den einzelnen Organen des Menschen. Die hängen durchaus zusammen mit demjenigen, was außerirdisch ist. Im Gehirn des Menschen wirken die Jupiterkräfte. [91] In der ganzen Konstitution des Menschen, insofern er seinen astralischen Leib gesund oder krank einorganisiert hat in seine physische Organisation, wirken die Saturnkräfte. Der Mensch lernt sprechen dadurch, daß die Marskräfte in ihm wirken, und im Sprechen zeigen sich die Marskräfte.

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Das sind Dinge, die wiederum durchschaut werden müssen von der Menschheit. Der Mensch muß wiederum wissen, daß mit einer Wissenschaft, die nur das Irdische umfaßt, sein Wesen durchaus nicht erklärt werden kann. Dann wird man auch den Zusammenhang des Menschen mit der Erde kennenlernen. Denn die anderen Wesenheiten, die um den Menschen herum leben, sie sind auch nicht bloß Erdenwesen. Erdenwesen sind bloß zunächst die Mineralien. Aber auch mit den Mineralien sind Veränderungen vor sich gegangen, welche wiederum abhängig gewesen sind von den Kräften der Umgebung der Erde. So sind alle unsere Metalle, insofern sie kristallisieren, durchaus in ihren Gestalten deshalb da, weil sie in einer gewissen Weise abhängig sind von den außerirdischen Kräften, weil sie gebildet worden sind, als die Erde noch nicht intensiv ihre Kräfte entwickelt hatte, sondern noch die außerirdischen Kräfte in der Erde tätig waren. Heilkräfte, die in den Mineralien, in den Metallen namentlich liegen, sie hängen mit dem zusammen, wie diese Metalle sich innerhalb der Erde, aber aus außerirdischen Kräften gebildet haben. Wir sehen, wenn wir in der nachatlantischen Entwickelung zurückgehen, wie da der Mensch in der ersten Zeit, als die alte indische Kultur blühte, durchaus ein Wesen war, das sich fühlte im ganzen Weltenall, ein Bürger des ganzen Weltenalls. Er war, wenn er auch noch nicht diejenigen Kräfte, auf die heute die Menschheit so stolz ist, entwickelt hatte, er war im wahren Sinne des Wortes Mensch. Dann wurde der Mensch mehr oder weniger abgelenkt von den außerirdischen Kräften. Aber wir sehen noch in der ganzen chaldäischen Zeit und in der ersten griechischen Zeit, wie wenigstens der Mensch hinblickte auf die Sonne. [92] Er war noch in gewissem Sinne eine Art Amphibium, das sich freute, wenn es die Sonnenstrahlen empfing, und wenn es nicht mehr in der Dumpfheit der Erde drinnen zu wühlen brauchte. Aus dem Menschen war ein Amphibium geworden. Jetzt ist der Mensch, indem er glaubt, daß er eigentlich nur mit den Erdenkräften zusammenhängt, man kann nicht einmal sagen ein Maulwurf, er ist eigentlich ein Regenwurm, der höchstens noch wahrnimmt, wenn ihm dasjenige, was erst von der Erde in den Weltenraum hinausgesetzt wurde, das Regenwasser, wiederum zurückkommt. Das ist das einzige, was der Mensch noch von außerirdischen Kräften wahrnimmt. Aber das nehmen die Regenwürmer auch wahr – Sie haben das heute morgen sehen können, wenn Sie auf den Straßen gegangen sind! Der Mensch ist im Grunde heute in seinem Materialismus ein Regenwurm geworden. Er muß wiederum dieses Regenwurmwesen überwinden. Das kann er aber nur, wenn er sich dahin entwickelt, seinen Zusammenhang mit dem außerirdischen Kosmos zu erkennen. Also, meine lieben Freunde, es handelt sich darum, daß wir es in unseren Zeiten dahin bringen müssen, uns aus unserer Zivilisation heraus zu einem neuen Spiritualismus zu «entregenwurmen». [93]

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Die Formung des Menschen aus dem Universum
Wir wollen heute einmal den Menschen seiner Form nach studieren und wollen sehen, wie wir von diesem Gesichtspunkte aus Erweiterungen und Vertiefungen bekommen können für dasjenige, was wir in der letzten Zeit betrachtet haben. Wenn wir zunächst uns vor die Seele halten, daß ja die Form des Menschen im weitesten Sinne natürlich durchaus zusammenhängt mit seinem Gesamtleben, so müssen wir eben dieses Gesamtleben ins Auge fassen, wenn wir nun wirklich innerlich die Form des Menschen begreifen wollen. Der Mensch gliedert sich ja zunächst ein in das ganze Universum, in den ganzen Kosmos. Und wenn Sie in Betracht ziehen, wie der Mensch zunächst seiner Hauptesgestaltung nach ja eigentlich ein Abbild der Sphäre, des kosmischen Universums ist, so werden Sie gewissermaßen den Menschen von seiten seines Hauptes aus hineingestellt finden in das ganze Weltenall. Aber verstehen kann man die Art, wie der Mensch da in das ganze Weltenall hineingestellt ist und doch wiederum eine innere geschlossene Wesenheit ist, nur, wenn man sich die Beziehungen des Menschen zu der Umwelt vor Augen hält. Und da sehen wir zunächst einmal so auf die Form des Menschen, daß wir uns sagen: Durch sein ganzes Denken, insofern es an das Haupt gebunden ist, kehrt sich der Mensch durch sein Haupt dem ganzen Kosmos zu. [94] Und indem er sein Haupt durch die Geburt hereinträgt aus der geistigen Welt in das physische Dasein, kann er, indem er eingeschlossen ist in seinen Leib, in einer gewissen Weise auf sein eigentliches Wesen, auf sein inneres geistig-seelisches Wesen zurückblicken, kann er zurückblicken auf eine Zeit, in der er nicht in einen solchen Leib eingeschlossen war. Wir haben vielleicht am besten ein Bild von dem, was ich hier meine, wenn wir uns vor Augen stellen, wie der Mensch in einer gewissen Weise zu seinen Erkenntnissen kommt, indem er in sich gewissermaßen zurückblickt. Es ist ja ein In-sich-Zurückblicken, wenn wir, sagen wir, Zahlenlehre, Geometrie treiben. Wir erkennen die Gesetzmäßigkeit der Geometrie einfach dadurch, daß wir Mensch sind, daß wir die räumliche Gesetzmäßigkeit aus uns selber hervorholen können. Aber wir wissen auf der anderen Seite: Diese Gesetzmäßigkeit erfüllt das ganze Universum. Wir haben also da etwas, was wir notwendig, wenn wir hinausschauen durch die Augen, sehen; es ist ja alles geometrisch angeordnet, auch die Augen selber sind geometrisch gebaut, sie stellen sich geometrisch ein. Wir können also sagen: Insofern der Mensch aus seinem Denken, das ans Haupt gebunden ist, sich der Welt gegenüberstellt, nimmt er gewissermaßen das, was im Universum ausgebreitet ist, in sich zurück. Und wir wollen uns deshalb seine erste Zuordnung zu dem Universum so vorstellen, daß wir sagen: Es ist ein Hereinfassen des Universums, eine Art Zurückblicken auf das Universum. Indem man auf sich selber zurückschaut, findet man das Universum. Da haben wir, ich möchte sagen, das alleräußerste Verhältnis des Menschen zu dem Universum, aus dem er herausgebaut ist.

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Wir kommen schon ein Stück weiter, wenn wir als zweites ins Auge fassen, wie der Mensch dann das, was er von außen aufnimmt, in sich rege macht. Denken Sie, das Kind, wenn es geboren wird, hat eigentlich ganz in sich, was es durchlebt hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Könnte es ein Bewußtsein nach dieser Richtung entwickeln, so würde es zurückblicken können auf das, was es vor der Geburt erlebt hat. Dann aber beginnt sich innerlich zu regen, was da erlebt worden ist. Der Mensch sieht nicht nur in sich zurück, um das Universum in sich wieder zu finden, sondern er sieht um sich herum. Er sieht eine Umwelt. Wir können also sagen: [95] Es ist nicht mehr bloß ein Hereinfassen des Universums, sondern ein Blicken in den Umkreis des Universums und ein Hereinnehmen der Beweglichkeit des Universums. Man wird innerlich beweglich. Das dritte aber: Wenn wir die zwei ersten anschauen, so ist der Mensch eigentlich noch nicht ganz bei sich. Indem er das Universum in sich trägt, sagen wir als Geometrie, lebt er eigentlich im Äußeren. Wenn das Kind sich regt, indem es das Universum innerlich nachmacht, lebt es in dem Äußeren. Wie wird der Mensch innerlich? Wie erfaßt er sich selbst? Sie brauchen bloß einmal sinnig mit Ihrer rechten Hand Ihre linke zu umfassen, Sie brauchen sich bloß selber anzugreifen, dann bleiben Sie ganz in Ihrem Inneren. Sie verrichten mit der rechten Hand eine Tätigkeit, aber das, was Sie dadurch anfassen, das sind Sie selber. So wie Sie sonst einen äußeren Gegenstand beim Herumtasten anfassen, so fassen Sie ja sich selber an. Alles Gewahrwerden des Ich, der Innerlichkeit, beruht im Grunde genommen auf diesem Sich-selber-Anfassen. Wir tun das dann auch in abgeleiteter Weise mit den Augen. Indem wir irgendeinen Punkt ins Auge fassen, kreuzen sich die rechte und die linke Augenachse, so wie sich die rechte Hand über die linke legt. Und das Tier hat deshalb weniger Innerlichkeit, weil es eigentlich in viel geringerem Maße das vollzieht, daß es sich selber betastet. Wir können also sagen als drittes: das Sich-selber-Erfahren oder -Betasten. Wir sind eigentlich in der Außenwelt und erfassen uns selber. Wir sind noch nicht innerhalb unserer Haut. Aber jetzt fassen wir gewissermaßen die Grenze ins Auge zwischen dem Äußeren und dem Inneren. Wir deuten diesen Vorgang an: Bewegen wir die Hand, die als rechte die linke erfaßt, auf- und abwärts, so beschreiben wir eine Fläche. Diese Fläche ist an uns selber überall. Da schließen wir durch unsere Körperbedeckung unser Inneres ab. Wir sagen also viertens: Sich umschließen. Wenn Sie sich lebhaft einfühlen in Ihre Form, insofern die Haut diese Form bildet, so haben Sie dieses Sich-Umschließen. [96] 1. Hereinfassen des Universums. Zurückblicken 2. Blicken in das Universum. Hereinnehmen der Beweglichkeit des Universums 3. Sich selber erfahren, betasten 4. Sich umschließen.

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In diesen vieren steht vor uns, was eigentlich das allmähliche Formen des Menschen von außen nach innen ist: zunächst das ganze Universum, da ist man noch außer sich; dann das Universum nachahmend: man ist noch nicht zu sich gekommen, man ahmt es nach, das Universum. Greift man sich an, so kommt man außer sich selber zu sich. Nun erst im vierten hat man das Sich-Umschließen. Im fünften müssen wir dasjenige suchen, was nun schon innerlich ist, was uns ausfüllt, was uns durchwebt und durchwebt. Wir können sagen fünftens: Das Ausfüllende, das uns durchwellt und durchwebt. Nun aber sechstens: Indem wir nun – dadurch, daß wir nicht nur gewissermaßen eine Haut haben, sondern die Haut auch ausgefüllt ist – so in uns selber hereingekommen sind, beginnt auch schon das, was nun die Form auflöst, was die Form wiederum zurückbildet; was den Menschen nicht nur innerlich erfüllt, sondern ihn so macht, nun, sagen wir, wie eine Frucht, wenn sie reif wird. Verfolgen wir die Frucht bis zu dem Punkte, wo sie gerade eben an der Kippe steht, reif zu werden; überspringt sie diese Kippe, dann dorrt sie ab, dann beginnt sie abzudorren. Wir dürfen also hier sechstens sagen: Reifung. Dann aber stellen Sie sich einmal vor diese Reifung. Wir beginnen gewissermaßen, indem wir reif werden, innerlich wieder zu zerfallen. Wir hören schon ein bißchen auf, Mensch zu werden. Wir sind Mensch, aber wir zerfallen innerlich, wir werden gewissermaßen innerlich Staub. Wir werden mineralisch. Wir ordnen uns damit wieder in die Außenwelt ein. Wir sind mit dem Ausfüllenden ganz im Inneren. [97] Dann, indem wir innerlich zerstäuben, ordnen wir uns wiederum in das Mineralische ein. Wir werden ein gewissermaßen schwerer Körper. Wir können also siebentens sagen: Einordnung in die unorganische Welt. Ich habe es einmal beschrieben, wie der Mensch eigentlich, wenn wir ihn wiegen, wenn er herumgeht, wie er da wie ein Mineral sich verhält. Wir kommen da an bei diesem Sich-Einordnen in die äußeren Naturkräfte. Wir könnten auch sagen: Dieses Einordnen in die äußeren Naturkräfte – denken Sie nur einmal, indem Sie gehen, ordnen Sie sich selber in die äußeren Naturkräfte ein; wenn Sie nicht ordentlich gehen, fallen Sie um –, es ist also eigentlich das erste, was man hat beim Einordnen, ein Suchen des Gleichgewichtes. Das achte: Da kommen wir dazu, daß wir uns nicht mehr bloß einordnen in die äußere Welt, sondern daß wir die äußere Welt aufnehmen. Wir atmen, wir essen, wir nehmen die äußere Welt herein. Früher haben wir nur das in uns aufgeschlossen, was wir innerlich schon hatten. Das ist im wesentlichen dieses Sich-Aufschließen. Dann ist es ein Leben im Inneren. Aber wir nehmen das Äußere ins Innere auf. Nun, wenn man zu diesem Punkt kommt, muß man vor allen Dingen sich ganz klar darüber sein, daß alles, was der Mensch von außen aufnimmt, etwas ist wie eine Art von nicht in den Menschen Hereingehörendes.

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Über dieses Aufnehmen von irgend etwas von außen macht sich ja eigentlich die Welt unrichtige Vorstellungen. Im Grunde genommen ist alles, was wir essen, ein bißchen giftig. Das Leben besteht nämlich darin, daß wir die Nahrung aufnehmen und eigentlich nicht vollständig mit uns eins werden lassen, sondern uns dagegen wehren, und in diesem Sich-Wehren, in diesem Abwehren besteht eigentlich das Leben. Nur sind diejenigen Nahrungsmittel, die wir eben als Nahrungsmittel aufnehmen, so wenig giftig, daß wir uns aufrechterhalten gegen sie. Wenn wir ein richtiges Gift aufnehmen, so zerstört es uns, dann können wir uns nicht mehr dagegen wehren. Wir können also sagen: Indem die Außenwelt in uns eindringt, dringt eine Art von Giftstachel in uns ein. [98] Man muß da prägnante Ausdrücke wählen, aber man hat sie ja aus der heutigen Sprache und aus der heutigen Erkenntnis heraus nicht. Sie müssen also verstehen, was ich da eigentlich meine, indem ich Ihnen das auseinandersetze. 5. Das Ausfüllende 6. Reifung 7. Einordnung in die unorganische Welt Suchen des Gleichgewichtes 8. Giftstachel Damit wäre der Mensch dann so weit, daß er das Äußere aufnimmt. Wir wären also zunächst hinweggeschritten über das Formen des Menschen aus dem Universum. Wir sind hier geschritten durch das Formen des Menschen von innen, wobei wir schon angekommen sind bei dem, wo sich das Innere formt, indem es sich gegen das Äußere wehrt. Nun formt sich aber der Mensch, wenigstens sein Leben formt er und auch etwas seine eigentliche Form, nach dem, wie er sich äußerlich verhält, wie er sich äußerlich betätigt. Nun, unsere Betätigungen sind eigentlich nicht mehr etwas recht mit dem Menschen Zusammenhängendes; wir müssen schon in frühere Zeiten zurückgehen, wenn wir den Menschen so auffassen wollen, wie er sich richtig auch noch als Mensch in die Umgebung hineinstellt, so daß er mit menschlichem Anteil sich an der Welt betätigt. Und da können wir sagen: Neuntens ist ja eine Betätigung des Menschen, indem er Anteil nimmt an der äußeren Welt, indem er nun auf Erden hineingestellt ist, nicht im Universum. In dem äußeren Leben, in das er gewissermaßen kulturell hineingestellt ist, da ist er zunächst Jäger. Neuntens: Jäger. Er schreitet dann vorwärts, indem er sich weiter betätigt: Er wird Tierzüchter. Das ist ja die nächste Stufe. Zehntens: Tierzüchter. Elftens: Er wird Ackerbauer. Das ist die nächste Vollkommenheitsstufe. Und endlich, zwölftens: Er wird Handeltreibender. [99] Warum ich die nächstfolgenden Betätigungen nicht hereinnehme – Sie werden es später schon sehen. Es sind das die sekundären Betätigungen. Die eigentlichen primären Betätigungen des Menschen sind diese als Jäger, Tierzüchter, Ackerbauer und Handeltreibender.

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Damit haben wir dann den Menschen in bezug auf seine Form charakterisiert, wie er sich auf die Erde hinstellt, ob er Jäger, Tierzüchter, Ackerbauer oder Handeltreibender ist. Das wären also Formen der menschlichen Tätigkeit, der menschlichen Erdentätigkeit. 9. Jäger 10. Tierzüchter 11. Ackerbauer 12. Handeltreibender Wir könnten nun folgende schematische Zeichnung als eine Versinnbildlichung dessen machen, was wir da aufgeschrieben haben. Sagen wir zunächst, wir hätten hier die Erde. Nehmen wir einmal an, wir hätten den Menschen auf der Erde. Er wäre nun in Übersicht dieser vier Formprinzipien angewiesen auf den Umkreis der Erde, also er würde hereingeformt werden aus dem Umkreis der Erde. Hier formt sich der Mensch von innen (siehe Zeichnung Seite 67). Lassen wir das zunächst aus und betrachten wir dieses, wo der Mensch von der Erde aus geformt wird als Jäger, Tierzüchter; dann würden wir das Umgekehrte haben. Wenn zum Beispiel hier aus dem Umkreis die Sternbilder wirken auf den Menschen, so kommt die Wirkung der Sternbilder, die da unten stehen (unterhalb des Gestrichelten), weil die Erde sie bedeckt, wenn ein Mensch zunächst hier aufgefaßt wird (links), nur durch die Erde an den Menschen heran. Da würde er sich also in bezug auf seine Sterne nach der Erde richten. Und was in der Mitte liegt, das würde ihm die Möglichkeit bieten, sich innerlich auszubilden.

Man könnte also sagen: [100] Diese vier (oberen) Glieder der menschlichen Formung (siehe Tabelle Seite 69), die führen uns hinaus ins Weltenall; die letzten vier Glieder, die führen uns auf die Erde, und die Sterne kommen insoweit in Betracht, als sie durch die Erde bedeckt sind. Bei den vier mittleren Gliedern ist es eben so, daß sich die Sterne und die Erde die Waage halten. Da ist der Mensch in seiner Innerlichkeit.
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Sehen Sie, schon in alten Zeiten hat man diese Sache gefühlt und hat gesagt: Ein gewisser Teil des Sternenhimmels hat auf den Menschen so Einfluß, daß er ihn von außen, vom Universum her formt. Und man hat, je nach den Zeitenfolgen natürlich, verschiedene Sterne annehmen müssen. Die Konstellationen ändern sich. Aber nehmen wir einmal so im großen das Zeitalter an, in dem wir leben. Wenn wir uns etwa auf den Standpunkt eines Griechen stellen, der über diese Dinge nachgedacht hätte, so würde dieser sagen: [101] Diejenigen Sterne, die in der Nähe des Widders stehen, die wirken von außen herein; auch noch diejenigen, die in der Nähe des Stieres stehen, diejenigen, die in der Nähe der Zwillinge stehen und diejenigen, die in der Nähe des Krebses stehen. Durch diese Sternbilder Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, hat der Mensch sein Zurückblickendes, sein Innerlich-Bewegliches, sein Sich-selber-Anfassen und sein Umschließendes (siehe Tabelle Seite 69). Durch die anderen Sterne, die drunten auf der entgegengesetzten Seite stehen, die von der Erde bedeckt sind, hat der Mensch sein Jägerdasein durch den Schützen; er hat sein Tierzüchterdasein, indem er den Bock zähmt: Steinbock; er hat sein Ackerbaudasein, indem er – nun, nehmen wir zunächst das einfachste Ackerbaudasein –, indem er Wasser ausgießt, also mit Urnen hinschreitet über den Acker und Wasser ausgießt: Wassermann. Und er wird Handeltreibender durch diejenige Sterngegend, wo das ist, was ihn über das Meer trägt. In sehr alten Zeiten hat man nämlich jedes Schiff so ähnlich ausgebildet wie einen Fisch. Und zwei nebeneinander befindliche Schiffe, die über das Meer handeltreibend gefahren sind, die sind eigentlich das Symbolum für den Handel. So würde man also, wenn man sich erlaubt, die Schiffe «Fische» zu nennen, hier haben bei zwölftens: die Fische. In der Mitte hat man dann das, was zwischendrinnen ist, das Ausfüllende, dasjenige also, was im Menschen wirkt als ausfüllendes Blut. Nun, wie kann man denn am besten das ausfüllende Blut symbolisieren? Man wird vielleicht jenes Tier nehmen, bei dem die Herztätigkeit am allerintensivsten ist: den Löwen. Das Reifwerden – man braucht nur den Acker anzuschauen, auf dem der Weizen oder das Korn reif wird; die Ähre stellt gerade den Zustand dar, wo das Fruchtende in das Reifende hineingeht: es ist die Jungfrau mit der Ähre. Die Ähre ist die Hauptsache dabei. Und wenn wir das ins Auge fassen, wo der Mensch sich wiederum hineingliedert in die Außenwelt, also Gleichgewicht sucht: Waage. Und wo er den Giftstachel fühlt, wo er fühlt, wie alles etwas giftig ist: Skorpion. [102]

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Sehen Sie, in älteren Zeiten hat man tatsächlich diesen Zusammenhang des Menschen mit Universum und Erde empfunden; nur die neueren Menschen können diese Sachen nicht mehr deuten. Sie sagen: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe – und zeichnen hin einen Widder und so weiter, haben aber im Grunde genommen doch keine Ahnung, was diese Dinge bedeuten. Man muß diese Dinge auch in der richtigen Weise ansehen. Wenn Sie ein altes Widderbild sehen, so werden Sie nämlich doch darauf kommen, daß es da nicht die naturalistisch-materialistische Abbildung eines Widders ist, worum es sich handelt, sondern das Charakteristische ist immer, daß der Widder zurückblickt, und das, die Gebärde, ist die Hauptsache. Dieses Zurückblicken des Widders, das ist die Hauptsache dabei. [103] Und dieses Zurückblicken des Widders, das ist in dem Zurückblicken des Menschen auf sich selbst gegeben, in diesem Zurückblicken auf das Universum, das in ihm lebt. Man darf also nicht naturalistisch-materialistisch bloß auf den Widder hinschauen.

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Es soll nicht in diesem Sinne ein Abbild sein, sondern die Gebärde des Zurückblickens ist es, worauf es ankommt. Und wenn Sie den Stier auf alten Abbildungen sehen – der blickt immer nach der Seite und springt! Diese Gebärde wiederum ist es, um die es sich handelt, das Um-sich-Herumblicken und Innerlich Regemachen dessen, was als allgemeines universelles Prinzip lebt. Also wiederum diese Gebärde ist es, auf die es ankommt. Und wenn Sie die Zwillinge sehen, so haben Sie wirklich den rechten und linken Menschen, nur – es ist überall ein Mensch, aber es ist nie anders abgebildet, als indem die rechte Hand des rechten Menschen, die linke Hand des linken Menschen sich umspannen, sich übergreifen, und auf diese Gebärde kommt es wiederum an. Das ist das Sich-Betasten, Sich-Fühlen. Es ist nur eben rechter und linker Mensch als selbständiger Mensch angeführt, weil ja der Mensch gewissermaßen noch außer sich ist, seinen vorgeburtlichen Menschen noch in sich hereinnimmt durch das Sich-selbst-Betasten. Das Abschließen, das Sich-Umschließen: Krebs. Nun nimmt man wiederum materialistisch-naturalistisch den Krebs als Abbild. [104] Aber worauf es denen ankam, die da einen Krebs nahmen als das Symbolum für dieses Umschließen, das war, daß der Krebs mit den Scheren sein Opfer umschließen kann, da er die Scheren herumlegt. Nun, es ist ja in dem Worte «cancer», der die Menschen umschließt, es ist schon in dem Worte noch das Sich-Umschließen erhalten. Der Krebs ist das Umschließende. Er ist eigentlich da als das Symbolum des ins Innere sich einschließenden Menschen, der sich nicht bloß betastet und befühlt, sondern der sich von außen nach innen einschließt. Der Löwe stellt ja an sich selber dadurch, daß bei ihm das Herz besonders ausgebildet ist, die Sache dar als Herztier. Den Löwen können wir geradezu als Herztier auffassen. Er stellt also eigenschaftlich dasjenige dar, was da als das fünfte Glied ins Auge gefaßt werden soll. Bei der Reifung steht die Jungfrau mit der Ähre, und auf diese Ähre kommt es an, auf diesen Zustand des gerade ins Dürre Hineingehens des Fruchtenden. Und die Waage ist eben das Gleichgewicht suchen. Der Skorpion ist natürlich der Giftstachel. Und der Schütze ist in Wirklichkeit eigentlich ein Tier, etwas, das tierische Gestalt hat, aber nach vorn in einen Menschen ausläuft, der Pfeil und Bogen hat. Das ist das Tierkreiszeichen des Schützen: ein Mensch, der Pfeil und Bogen hat und der kentaurhaft auf einem Tierleibe sitzt. Das ist also für den Jäger.

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Der Bock ist eigentlich ein Bock, der in einen Fischschwanz ausgeht, also etwas, was nicht mehr in der Natur vorhanden ist. Es gibt keinen Bock mit Fischschwanz. Aber der Mensch, indem er die wilden Tiere zähmt, indem er ein Tierzüchter wird, macht die wilden Tiere so zahm, wie die zahmen Fische sind. Wir haben also ein künstliches Symbolum, das hier auftritt. Für den Ackerbau haben wir den Wassermann. Da hat man natürlich immer an Wasser und dergleichen gedacht, was ja in einem gewissen geistigen Sinne eine Berechtigung hat. Aber Sie werden immer sehen: Sein Schreiten kommt in Betracht, zwei Urnen hat er an den Händen und schüttet Wasser aus. Er begießt. Er ist derjenige, der also Gärtner, Ackerbauer ist. [105] Und die Fische, darauf habe ich schon hingedeutet: es ist das Handeltreiben, weil man Fischköpfe oben gehabt hat an den Schiffen Delphinköpfe zum Beispiel, wenn auch der Delphin kein Fisch ist, aber die Alten haben ihn als solchen angesehen. Es ist also durchaus das, was auf das Handeltreibende in diesem Symbolum hindeutet. Wir dürfen eben die Dinge nicht so schematisch äußerlich betrachten, wie das heute oftmals geschieht, sondern wir müssen ausgehen von dieser Formung des Menschen und von da aus dann sehen, wie wir hinaufkommen in die Beziehung des Menschen zum Universum und zur Erde. Dadurch lernen wir allmählich aus der Form heraus den Menschen als einen Teil, als ein Glied des ganzen Universums begreifen. Nun können wir ja die Sache noch von einer anderen Seite aus auffassen. Wir wollen sie nun von der folgenden Seite aus auffassen. Wir haben hier, sagen wir, den Widder. Betrachten wir alles zunächst vom Standpunkte des alten Griechen: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische, so können wir sagen, wenn wir die menschliche Form betrachten:

Der Mensch – nehmen Sie das alles zusammen, was ich gesagt habe –, der Mensch wird in bezug auf seine Kopfform von außen, vom Universum herein gebildet. [106] Nehmen wir also die Sache vom griechischen Standpunkte aus, so werden wir sagen: Der Mensch wird seiner Kopfform nach vom Universum herein gebildet. Da regt es sich dann im Inneren. Da setzen sich die Möglichkeiten an, daß er symmetrisch wird. Aber dann sind wir genötigt, das, was durch die letzten Sterngruppen an Einfluß auf den Menschen geschieht, im entgegengesetzten Sinne aufzufassen.

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Der Mensch hat da seine Einflüsse von der Erde. Tätigkeiten wirken auf ihn ein. Wenn wir hier das (oben) breit zeichnen (siehe Zeichnung Seite 71), so werden wir auf dieser anderen Seite am besten das hier (unten) schmal malen, und wir werden sagen: Wenn der Mensch Jäger werden will, so muß er besonders starkausgebildet haben, was hier aufgefaßt werden kann als Schütze. Sie wissen, es ist das, was menschliche Oberschenkel sind. Diese muß er besonders stark haben, wenn er Jäger werden will. Wird er Tierzüchter, muß er sich viel in der Kniebeuge bewegen. Wird er Ackerbauer, muß er gehen; er wird deshalb als schreitend dargestellt und so weiter. Handeltreiben: Wenn man an dem Menschen selber ein Symbolum suchen will, so werden es die Füße sein. Aber diese Organe werden jedenfalls von außen herein gebildet. Das andere steht dann in der Mitte, wo der Mensch sich selber bildet. Wenn ich Ihnen diese Figur hinzeichne, so ergibt sie sich eigentlich aus den zwölf Zeichen wie von selbst. Wir können sagen: Da (in der Mitte) wirkt das Universum, die Sterne, mehr im Inneren des Menschen; da (oben) wirken die Sterne von außen, und da (unten) drücken sie ihn zusammen. Aber Sie erkennen ja in dem, was ich da hingezeichnet habe, die Form des menschlichen Embryos! Und wenn Sie den menschlichen Embryo nehmen, so müssen Sie ihn eigentlich, wenn Sie den Tierkreis aufzeichnen, aus seiner eigenen Gesetzmäßigkeit heraus so zeichnen – geradeso wie Sie, wenn Sie eine Figur zeichnen wollen, die hundertachtzig Grad umschließt, ein Dreieck bekommen. [107] Wenn Sie den Tierkreis so zeichnen, so umformen, daß seine Gesetzmäßigkeit in bezug auf die Erde zum Vorschein kommt, dann bekommen Sie durch innere Gesetzmäßigkeit die Form des menschlichen Embryos. Und Sie haben damit unmittelbar gegeben, daß der menschliche Embryo allerdings aus dem ganzen Universum heraus gebildet wird, daß er ein Ergebnis des Universums ist. Ich sagte vorhin, man müsse sich auf den Standpunkt des Griechen stellen, denn heute können wir nicht mehr beim Widder anfangen, heute müssen wir anfangen im Zeichen der Fische. Wir stehen ja seit Jahrhunderten im Zeichen der Fische, und gerade im Zeichen der Fische vollzieht sich der Übergang zum Intellektualismus des Menschen. Wenn Sie aber zurückgehen bis dahin, wo noch der Widder berechtigt war, wo man also im alten Sinne von dem Tierkreis reden konnte, dann haben Sie nicht viel mehr als Schütze, Bock, Wassermann und Fische, respektive die Berufe: Jäger, Tierzüchter, Ackerbauer und Handeltreibender. Alles das, was an Industriellem gekommen ist und so weiter, das gehört schon in die Fische hinein; das ist schon eine Wiederholung. Denken Sie sich doch einmal: Wir leben im Zeitalter der Fische; da hat sich alles das herausgebildet, was heute unsere Maschinenkultur und so weiter ist. Gehen wir hinter dieses zurück in die Widderzeit, so haben wir noch die ehrlichen vier Berufe, wenn sie auch etwas komplizierter und modifizierter sind, die den Menschen in die Natur hineinstellen.

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Und dann können wir weiter zurückgehen – in das Stierzeitalter, den dritten, zweiten, ersten nachatlantischen Zeitraum, den letzten atlantischen, den vorletzten atlantischen und so weiter: so würden wir zurückkommen und würden, wenn wir weiter zurückkommen bis wiederum in das Zeitalter der Fische, den Menschen noch haben als ein vollständig ätherisches Wesen, das noch nicht in die physische Welt heruntergestiegen ist. Und weil wir ihn da haben in den Fischen, wo er einmal war als ein ätherisches Wesen, wiederholt er im Grunde genommen das, was er dazumal beim eigentlichen Mensch werden durchgemacht hat. Er wiederholt es seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, aber er wiederholtes in abstrakter Weise. [108] Dazumal wuchs er konkret in sein Menschentum hinein. Seither wächst er in seine Abstraktionen hinein, denn eine Maschine ist auch eine Abstraktion. Seither, seit das Zeitalter der Fische wiederum da ist, ist der Mensch eigentlich hineingestellt in das, was ihn auflöst. Und wird der Mensch gar wiederum zurück in den Wassermann kommen, dann wird diese Auflösung wesentlich weiterschreiten, dann wird er vor allen Dingen nicht den geringsten Zusammenhang mit der Welt haben können, wenn er sich nicht an die geistige Welt hält. Eben wegen dieser Wiederholung muß der Mensch in die geistige Welt einrücken. Auch daraus können Sie wiederum sehen, daß der Mensch eigentlich ein dreifaches Wesen ist: aus dem Universum hereingebildet, indem er Kopfmensch ist, im Inneren sich bildend, nur in Korrespondenz mit der Außenwelt, indem er Brustmensch ist, Gliedmaßen und Stoffwechsel bildend, indem er eben sich der Erdenwelt einfügt, also Gliedmaßen- oder Erdenmensch ist (siehe Tabelle Seite 69). Und noch in einer anderen Beziehung liegt hier ein Dreifaches vor. Denken Sie einmal, wenn der Mensch ankommt bei der Geburt, so liegen eigentlich die vier ersten Kräfteimpulse in ihm. Die bildet er dann erst aus, aber er ist da auch in gewissem Sinne ein ganzer Mensch, nur sind die anderen acht Glieder rudimentär. Der Kopf ist ein ganzer Mensch, nur sind die anderen Glieder daran rudimentär. Der Brustmensch wiederum ist ein ganzer Mensch, nur sind die vier ersten Kraftimpulse rudimentär und die vier letzten. Auch der Gliedmaßenmensch ist ein ganzer Mensch, nur ist die Brust und der Kopf daran rudimentär. Es stecken eigentlich drei Menschen auf diese Weise in dem Menschen drinnen. Der erste, der Kopfmensch, ist eigentlich die Umbildung der vorigen Inkarnation. Der Brustmensch ist eigentlich die jetzige Inkarnation an sich. Und das, was der Mensch tut, wie er sich in der äußeren Welt betätigt, was namentlich in seinen Gliedmaßen zum Ausdruck kommt und in seinem Stoffwechsel, das trägt ihn wieder in die nächste Inkarnation hinüber. [109] Also auch in dieser Beziehung ist der Mensch ein dreigliedriges Wesen. So kann man die Form des Menschen in seiner Ganzheit studieren. Man müßte also eigentlich sagen: Wenn man den Menschen aufzeichnet, müßte man zeichnen seinen Kopf. Man hat aber dann einen vollständigen Menschen. Daß man einen vollständigen Menschen hat, werden Sie schon daraus erkennen: Wenn Sie den Unterkiefer nehmen, so sind es eigentlich Beine, nur sind sie nach rückwärts gerichtet am Kopfe; dieser Mensch sitzt mit seinen Beinen.

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Der Kopf ist ein ganzer Mensch, nur sind die Beine umgestülpt, es sind die Unterkiefer hier. Der Mensch sitzt darauf, so daß ich das so zeichnen könnte, daß ich eigentlich einen ganzen Menschen, wenn auch sitzend, hier einzeichnen würde. Dann wiederum ist eben der Brustmensch ein ganzer Mensch: die Arme sind gewissermaßen die äußeren Repräsentanten für ätherische Augen. Und wiederum ist ein ganzer Mensch der Gliedmaßenmensch. Da wären zum Beispiel die Nieren wiederum die Augen. So daß wir drei ineinandergeschobene Menschen auch in bezug auf die Form haben, wiederum so, daß wir in dem Menschen, der in den Kopf hinein verschwunden ist, der da eine Kugel geworden ist, zu sehen haben, was von der vorhergehenden Inkarnation sich hereinlebt, in dem Brustmenschen den eigentlichen jetzigen Menschen, und in demjenigen, was da herumläuft, das was in die folgende Inkarnation sich hineinschiebt. Aber man kann in einem gewissen Sinne sagen: Auch am gegenwärtigen Menschen ist es so, daß er in seinem ganzen Verhalten etwas Dreigliedriges hat. Nehmen Sie den Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen: er ist fähig, einen ganzen Menschen hervorzubringen. Sie brauchen nur eben den Menschenkeim, den menschlichen Embryo im Leibe der Mutter zu nehmen, so haben Sie den Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen, der ein ganzer Mensch werden will. [110] Nehmen Sie den Brustmenschen, so sehen Sie, wie in dem Kinde, wenn es noch ein Säugling ist, tatsächlich der Kopfmensch mit dem Brustmenschen als ein Ganzes zusammengehört. Sie haben also auch im Heranwachsen des Menschen dieses Dreigliedrige. Und dann wird der Mensch, wenn er nicht mehr Säugling ist, erzogen: Kopf des Menschen als Erzieher, erzieht den anderen Menschen – Kindskopf den Kindskopf, denn im Grunde genommen bleibt der Mensch in bezug auf seinen Kopf immer Kind. Alt, das heißt mittelalterlich, wird er nur in bezug auf den mittleren Menschen, den Brustmenschen, und ganz alt wird er in bezug auf den Gliedmaßenmenschen. Das merken ja die Menschen auch, wenn sie alt werden. Und schon nach dem alten Rätsel: In der Jugend geht man auf vieren, in der mittleren Zeit auf zweien und dann auf dreien – merken es die Menschen, daß sie da zunächst alt werden. Von da herein werden sie alt. Also in bezug auf den Kopf bleibt der Mensch immer so etwas wie ein Ergebnis der letzten Inkarnation. Der Kopf bleibt eigentlich sein ganzes Leben lang im Grunde genommen ein Kindskopf. Und man kann schon sagen: Die Erziehungswissenschaft muß eigentlich das Problem lösen, wie es am besten geht, daß der Kindskopflehrer den Kindskopfschüler in der besten Weise behandelt. Diese Dinge sind scheinbar humoristisch, aber es verbirgt sich hinter ihnen eine tiefe Wahrheit, die nur ins Auge gefaßt werden muß, damit der Mensch wirklich die richtige Ansicht über sich selber erhalten kann. Bedenken Sie doch, daß im Grunde genommen der Kopf des Menschen eigentlich der Passagier ist, der fortwährend getragen wird von dem übrigen Menschen. Seine Beine, die hat der Kopf überhaupt immer in Sitzstellung; er schickt sich nicht einmal an, selbständig zu gehen. Er wird fortwährend getragen wie eben ein Mann, der in der Kutsche fährt.
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Er ist eigentlich im Grunde genommen der Passagier des Menschen, dieser Kopf. Der Brustmensch ist der Pfleger des Menschen. Und der Gliedmaßenmensch ist der Arbeitsmensch, derjenige, der verwendet wird als Sklave, der Arbeiter, der eigentlich Arbeitende, der Mensch, der nun das Leben eigentlich durchmacht. [111] Daher hat man den Kopf auch, insofern man als ganzer Mensch Kopf ist; ich habe das oftmals ausgesprochen. Insofern man sich umschließt, ist man noch Kopf, bis zum Krebs herein ist man noch Kopf. Das hat man ohne sein Zutun vom Himmel. Hier (Mitte) muß man atmen und essen: es ist der Pfleger, die Amme. Und der eigentliche Arbeitsmensch, der gehört dem Gebiete des Schützen, des Steinbocks, des Wassermanns und der Fische an. Sie sehen, auf diese Weise kann man nun wirklich die Form des Menschen im Zusammenhang mit dem ganzen Universum herausbekommen. Sie müssen diese Dinge, wenn sie eben auch so hingestellt sind, daß sie, ich möchte sagen, nicht mit Pedanterie, sondern in einer mehr leichteren Art vor Sie hingestellt werden, Sie müssen diese Dinge nur ganz ernst nehmen, dann werden Sie sehen, daß in allem diesem, was ich heute gesagt habe, auf der einen Seite die Möglichkeit liegt, die Form des Menschen aus dem ganzen Universum heraus zu begreifen, und auf der anderen Seite wiederum das liegt, was einen erfüllt mit der großen Ehrerbietung vor den Urerkenntnissen der Menschen, die in ihre Tierkreissymbole wirklich eine Menschenwissenschaft ungeheuerster Art aus ihrem instinktiven Hellsehen heraus haben hineinlegen können. Dagegen haben wir heute solch eine Wissenschaft, daß die Menschen in den Tierkreisbildern den Widder anglotzen, aber nicht wissen, daß die Hauptsache darin liegt, daß er sich umdreht; den Stier anglotzen, nicht wissen, daß das Wesentliche ist, daß er springt und nach der Seite blickt; und bei den Zwillingen dieses Sich-Anfassen, dieses Sich-Übergreifen und so weiter. Es ist alles in diesen Tierkreissymbolen ungeheuer tiefsinnig, ungeheuer bedeutsam, jede Gebärde jedes einzelnen Zeichens, und wo es sich nicht um eine Gebärde handelt, wie beim Löwen, da ist das Symbolische so gewählt, daß es als Zeichen schon die Gebärde in sich enthält, weil der Löwe den stärksten Herzschlag hat; so ist er gewählt. Also das Erfüllende ist im Löwen dargestellt. Auf diese Weise kann man wieder heraufholen die Urweisheit der alten Zeiten, wenn man sie heute in sich selbst findet. [112] Nun habe ich heute vor Ihnen betrachtet die Form des Menschen, möchte morgen betrachten das Leben des Menschen im Zusammenhange mit dem Universum, und dann im dritten Vortrag werden wir die Seele des Menschen betrachten im Zusammenhange mit dem Universum. [113]

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Der Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos in bezug auf sein Leben
Wir haben gestern gesprochen von der Formung des Menschen und haben gesehen, wie die innere und äußere Form des Menschen herausgebildet wird aus dem Weltenall, und haben zugleich gesehen, wie bedeutsam in Zeiten älteren instinktiven Erkennens die Menschen diesen Zusammenhang der menschlichen Form mit dem ganzen Weltenall durchschaut haben. Wir müssen aber dabei doch das Folgende festhalten. Ich habe in einer der Zeichnungen gezeigt, wie man einzeichnen kann in die menschliche Gestalt den ganzen Tierkreis. Aber wir mußten als menschliche Gestalt dann eigentlich die Embryonalform des Menschen aufzeichnen. Und wenn wir diese Embryonalform aufzeichnen, dann haben wir förmlich in der Gestalt des Menschen selber die Tierkreisform nachgebildet. Der Mensch aber reißt sich gewissermaßen in seinem Leben hier auf der Erde zwischen Geburt und Tod aus dieser Embryonalform heraus. Er ist während der Embryonalzeit durchaus aus dem Weltenall heraus geformt. Ich möchte sagen: Er streckt sich dann während seiner Erdenzeit. Dadurch hebt er sein Haupt heraus aus dem Kreise, der dem Tierkreis nachgebildet ist. Und dadurch, daß er sein Haupt heraushebt, daß er also während seiner physischen Lebenszeit zwar noch die Form hat, die er embryonal veranlagt bekommt, aber sie nicht mehr eingliedert in den Fixsternhimmel; dadurch bekommt der Mensch zunächst in bezug auf die Hauptesform die Möglichkeit, in diese Hauptesform aufzunehmen dasjenige, was er herüberbringt aus dem vorigen Erdenleben. Das Tier behält seine horizontale Rückgratlage. Der Kopf hängt vorne nur an dem Rückgrat daran. [114] Das Tier behält im Grunde genommen viel mehr bei von dieser Tierkreisstellung. Dadurch aber kann das Tier auch mit Hilfe seines Hauptes nichts aufnehmen von einem vorigen Erdenleben. Das ist so, wenn wir die Form des Menschen nach der einen Seite betrachten, wenn wir uns also sagen: Würde der Mensch genau dem Tierkreis nachgebildet sein, würde er diese Form haben (Embryo). Dann, wenn er während des Lebens diese Form beibehielte, würde er nicht sein Wesen aus der vorigen Inkarnation durch die Hauptesform aufnehmen können.

Dadurch, daß er das Haupt heraushebt aus dieser Stellung, dadurch wird die Form in die Möglichkeit versetzt, Umhüllung zu sein für das, was aus dem vorigen Erdenleben kommt.
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Ebenso aber hebt der Mensch dann die andere Seite heraus, die nach den letzten Tierkreisbildern hin orientiert ist, nach dem Schützen, dem Steinbock, dem Wassermann und den Fischen, also, wie wir gestern gesagt haben, nach dem äußeren Leben, nach den älteren äußeren Lebensverhältnissen: der Jagd, der Tierzüchtung, dem Ackerbau und dem Handel, der Schiffahrt. [115] Dadurch, daß der Mensch wiederum diese Verrichtungen aus seinem Wollen heraus bildet, also aus seinem Gliedmaßensystem, das er aus der Tierkreisorientierung herausgehoben hat, dadurch bleibt ihm in alldem, was diese seine Verrichtungen, was überhaupt menschliche Verrichtungen sind, die Möglichkeit, der Keim zu späteren Erdenleben. Das Tier bleibt durchaus im Tierkreis drinnen orientiert. Dadurch hat das Tier keine Möglichkeit, von einem vorigen Erdenleben irgend etwas aufzunehmen oder nach einem folgenden Erdenleben hinüberzublicken. Daher wird auch das, was wir als den Orientierungskreis, den Tierkreis bezeichnet haben, aus einer tiefen Weisheit der älteren instinktiven Erkenntnis heraus eben der Tierkreis genannt. Aus alldem ersehen Sie, wie gründlich eigentlich diese ältere instinktive Weisheit war, und wie wir, wenn wir heute wiederum Geisteswissenschaft treiben, jetzt nicht aus Instinkt, sondern aus einem klaren Bewußtsein heraus zu denselben Tatsachen kommen und dadurch wieder erkennen, was in einer alten instinktiven Erkenntnis so gelebt hat, wie ich es in den letzten Vorträgen hier angedeutet habe, und wovor wir immer mehr und mehr Respekt bekommen, je mehr wir Einblick gewinnen in diese Urweisheit der Menschen. Das ist es, was ich Ihnen zunächst über die Form sagen möchte. Was nun in diese Form beim Menschen gewissermaßen einfließt, was in diese Form ergossen ist, das ist das Leben. Dieses Leben des Menschen, das finden wir ebenso im Ätherleib des Menschen lokalisiert, wie wir die Form im physischen Leib lokalisiert finden. Und es ist durchaus das Richtige, wenn man den physischen Leib des Menschen betrachtet, ihn seiner Form nach zu studieren, denn die Form ist das Wesentliche an dem physischen Leibe. Zu dem physischen Leibe kommt der Ätherleib (32) hinzu, und dieser Ätherleib des Menschen, der repräsentiert vorzugsweise dasjenige, was das Leben ist. Wir haben also gestern die Form besprochen und wollen heute das Leben besprechen. Wir haben gestern gesehen, wie die Form sich eigentlich aus zwölf verschiedenen Formen zusammensetzt, und wir haben versucht, diese zwölf verschiedenen Formen zu studieren. [116] Die Gesamtform des Menschen, innerlich und äußerlich, ergibt sich, wie wir gesehen haben, aus zwölf einzelnen Formen. Ebenso ergibt sich das Leben des Menschen aus einer Reihe von einzelnen Lebensstufen. Und diese einzelnen Lebensstufen, sie kann man sich in der folgenden Weise zunächst vor die Seele stellen. Das erste, was der Mensch in seinem alltäglichen Bewußtsein gewöhnlich noch nicht als eine Lebensstufe ansieht, das ist das Sinnesleben. Die Sinne sind ja eingegliedert in die gesamte menschliche Wesenheit, aber sie liegen so sehr an der Peripherie, im Umkreis des Menschen, daß der Mensch eigentlich im alltäglichen Leben vergißt, daß dieses Sinnesleben die äußerste Schichte seines Lebens ist. Wir haben aber im Umkreise diese äußerste Schichte unseres Lebens, das Sinnesleben.

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Gehen wir weiter nach dem Inneren, dann kommen wir, indem wir uns auf die Betrachtung des Lebens beschränken, zu der Fortsetzung des Sinneslebens nach innen, und dieses Sinnesleben, das setzt sich nach innen fort in dem Nervenleben. Die Nerven gehen ja von den Sinnesorganen nach innen. Das Nervenleben setzt das Sinnesleben fort. Das Nervenleben kommt nun aber seinerseits in Berührung mit einem anderen Leben, mit einer anderen Lebensstufe, die sich im menschlichen Lebewesen entfaltet. Von gewissen Gesichtspunkten aus habe ich dieses schon bei früheren Anlässen charakterisiert. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch einatmet. Indem er einatmet, nimmt er die Atemluft auf. Diese Atemluft, die versetzt zunächst den Menschen in eine Art inneren Rhythmus. Der setzt sich fort durch den Rückenmarkskanal bis in das Gehirn. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, was auf diesen Fortsetzungen beruht. Da kommt das Nervenleben in Kontakt mit dem Atmungsleben. Und die nächste Lebensstufe, wenn wir nach innen gehen, ist in der Tat das Atmungsleben. Das Atmungsleben seinerseits wiederum, das schließt sich zusammen mit einer anderen Lebensstufe. Der Atem erneuert, wenn wir so sagen dürfen, beständig das Blut. [117] Damit steht der Atmungsrhythmus mit dem Blutrhythmus in einem Zusammenhang, und wir können hinübergehen vom Atmungsleben in das Zirkulationsleben, in das Leben, das im Zirkulationsrhythmus enthalten ist. Die Zirkulation wiederum, sie steht nach der anderen Seite im Zusammenhang mit dem gesamten Stoffwechsel. Die Zirkulation nimmt den Stoffwechsel auf, so daß wir zur nächsten Lebensstufe, zum Stoffwechsel kommen. Der Stoffwechsel hinwiederum, der regt an, was wir in der äußeren Bewegung vollziehen. Nur dadurch, daß der Mensch im Stoffwechsel lebt, kann er sich äußerlich bewegen. Der menschliche Stoffwechsel – und auch der tierische – ist ja so geartet, daß des Menschen Seele das, was im Stoffwechsel vor sich geht, verwenden kann, um dadurch Bewegungen hervorzubringen, und wir kommen dann zu dem Bewegungsleben. Da ordnen wir uns schon wiederum in die Außenwelt ein. Da nehmen wir mit dem, was wir hervorbringen, an der Außenwelt teil. Und dann gibt es noch eine weitere Lebensstufe. Das ist das Reproduktionsleben, das Fortpflanzungsleben. In der Bewegung verbraucht der Mensch in der Tat fortwährend sich selber, und eine innere Reproduktion muß stattfinden eben deshalb, weil der Mensch in Bewegung ist. So daß man statt Bewegungsleben auch sein Korrelat schreiben könnte: innere Reproduktion, wenn man innerhalb der Haut des Menschen stehenbleiben würde. Und wenn dann diese Reproduktion selbständig auftritt, so tritt sie auf im Fortpflanzungs-, im eigentlichen Reproduktionsleben. [118]

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1. Sinnesleben 2. Nervenleben 3. Atmungsleben 4. Zirkulationsleben 5. Stoffwechselleben 6. Bewegungsleben 7. Reproduktionsleben Wir haben auf diese Weise, wie wir gestern zwölf Formelemente der Gesamtform des Menschen entwickelten, heute sieben Lebensstufen entwickelt. Diese sieben Lebensstufen, sie sind in der Tat so, daß der Mensch mit Bezug auf seinen Ätherleib in verschiedener Weise lebt auf diesen verschiedenen Lebensstufen. Wir können nicht von einem einzelnen, verwaschenen Leben reden, wenn wir die Dinge im Ernste ins Auge fassen wollen. Unser Ätherleib lebt zunächst, wenn ich so sagen darf, in der Sinnenschichte. Er lebt in der Sinnenschichte das Sinnesleben. Dieses Leben in der Sinnenschichte, das ist das Leben, das wir in der Tat kaum mehr als Leben empfinden. Wir nehmen dadurch an der Außenwelt teil. Unser Ätherleib, sagen wir, wenn wir da zum Beispiel das Auge haben, durchdringt das Auge. Er ist lebendig. Er belebt dadurch in einer gewissen Weise das Auge. Aber er berührt sich mit einem Substantiellen im Auge, das nahe dem Sterben ist. Nur dadurch, daß der Ätherleib dieses Auge noch durchdringt, ist es ein lebendiges Organ. Es ist eigentlich, abgesehen von dem es durchdringenden Ätherleib, ein physikalischer Apparat. Nun ist das bei den verschiedenen Sinnen in der verschiedensten Weise ausgebildet, daß sie auf der einen Seite ein physikalischer Apparat sind und dann vom Ätherleib durchdrungen sind. Aber im großen und ganzen ist es doch durchaus so, daß die Sinnesorgane eigentlich tote Organe sind, die eben nur einfach vom Ätherleib durchdrungen sind. So daß man das Sinnesleben schon nennen kann das ersterbende Leben. Das Nervenleben hingegen, das bildet aus dem, was in den Sinnen erlebt wird, das, was das Sinnesleben dann bewahren kann. Auf dem Nervenleben beruhen alle Nachklänge, Nachwirkungen zum Beispiel, wenn wir das Auge betrachten, so daß wir im Nervenleben eine Art von ruhendem Leben haben, ein, wir können sagen, ruhendes oder bewahrendes Leben. Das Atmungsleben dagegen, das bringt dieses flüchtige und sich bewahrende Sinnesleben zur Bildhaftigkeit. [119] Auf der Berührung des Atmungsrhythmus mit den Nervenströmungen beruht es, daß wir uns Bilder machen können von der äußeren Welt. Gedanken, abstrakte Gedanken sind noch durchaus an das Nervenleben gebunden, aber das Bildhafte ist an das Atmungsleben gebunden. So daß man sagen kann: Hier haben wir das bildende Leben. – Wir haben also, indem wir atmen, bildendes Leben in uns. Dieses bildende Leben lebt natürlich in der menschlichen Form. Dadurch, daß es in der menschlichen Form lebt, nimmt es teil an der menschlichen Form.
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Die menschliche Form, sie ist, wie wir gesehen haben, gebildet nach dem Tierkreis. Indem gerade dieses bildende Leben, das durch das Atmen vermittelt wird, in der Form des Menschen lebt, nimmt es auch teil an der gesamten äußeren, aus dem Sternenhimmel herausgebildeten Form. Dadurch gliedert sich diese Form auch in das Innere des Menschen hinein. Und es beruht dann auf dem Atmen, daß aus dem Atmungsprozeß nicht nur herauskommt, was der Mensch im Bewußtsein hat, sondern daß herauskommen aus dem Atmungsprozeß zunächst die Bilder sämtlicher innerer Organe in der Nachbildung an die äußere Form. Die inneren Organe werden also auf dem Umwege durch den Atmungsprozeß zunächst als Bilder gebildet. Da sind sie noch nicht substantiell. Der Atem bildet zunächst ein Bild des Menschen, ein Bild des inneren Menschen. [120]

Indem wir atmen – wir atmen ja in der Welt, bewegen uns mit der Erde im Tierkreis –, atmen wir fortwährend die Bilder unserer inneren Organisation ein. Aus dem äußeren Leben atmen wir die Bilder unserer inneren Organisation ein. So daß wir sagen können: Hier haben wir das bildende Leben. – Diese Bilder, die da eingeatmet werden, die werden nun durch das Zirkulationsleben über den ganzen Organismus verbreitet. Zirkulationsleben und Atmungsleben zusammen führen den Menschen dazu, innerlich Bild der Welt zu sein. Wir können also sagen: Hier das bildende Leben, und dann können wir sagen: die sich verbreitenden Bilder, das sich Verbreitende, die sich verbreitenden Organbilder. Dadurch nun, daß das Zirkulationsleben an den Stoffwechsel sich anschließt, wird der Stoff eingefügt diesen Bildern, und es entstehen bei der fünften Lebensstufe die stofflichen Organe. Es schiebt sich der Stoff in die Bilder hinein. Er tingiert die Bilder. Wir haben also durch unseren oberen Menschen, durch unser Atmungsleben unser inneres Bild, und die Bilder machen wir gewissermaßen zu Wirklichkeiten durch den tingierenden Stoff, der sich da hineinschiebt. Aus dem Bewegungsleben schiebt sich in die stofflichen Organe die Kraft ein. So daß wir sagen können: Wir haben die stofflichen Organe, und hier haben wir das kraftende Leben in den Organen. Und das Reproduktionsleben ist dann das sich erneuernde Leben.

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Sie sehen da zu gleicher Zeit, wie der dreigegliederte Mensch gebildet ist: der NervenSinnesmensch, der Zirkulationsmensch, der Mensch des Rhythmus, und der Stoffwechsel-Gliedmaßenmensch oder Stoffwechsel-Bewegungsmensch. Durch die Reproduktion entsteht ja wiederum erst der neue Mensch. [121]

Diese Attribute, die ich Ihnen hier rechts dazugeschrieben habe, die geben Ihnen eine Vorstellung von den Unterschieden, die zwischen den Lebensstufen bestehen. Indem unser Ätherleib in den Sinnen lebt, lebt er in einer Art ersterbendem Leben. In einem bewahrenden Leben lebt er, indem er im Nervenleben, in den Nervenströmen ist. Im Atmungsleben wird eigentlich unser Ätherleib der richtige Bildekräfteleib, der die Bilder entwirft. Und daß diese Bilder dann wirklich zur gesamten inneren Organisation werden, das vermittelt das Zirkulationsleben. Mit Stoff füllt sich das aus vom Stoffwechselleben. Indem der Ätherleib den Stoffwechsel durchdringt, tingiert er den eigentlichen Bildekräfteleib. Und dann kommt die subjektive menschliche Kraft hinein durch das Leben der Gliedmaßen und so weiter. Auch diese Zusammenhänge hat eine alte instinktive Weisheit durchschaut. Sie wußte, daß der Mensch das Leben von außen aufnimmt und innerlich weiterbildet, richtig innerlich weiterbildet. So etwa dachten sich diese älteren Weisen die Sache. Sie sagten sich: Nehmen wir eine äußerste Schichte des Erdenumkreises, der Weltensphäre, nehmen wir eine nächste Schichte, nehmen wir eine weitere Schichte – so haben wir die äußerste Schichte zunächst am nächsten dem Fixsternhimmel, also demjenigen im Weltenall, dem der Mensch seine Form verdankt. [122]

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Sein Leben, sagte nun diese ältere instinktive Weisheit, erfließt ihm nicht aus dem Fixsternhimmel, sondern aus dem planetarischen Himmel. Da unterschied er zunächst den Saturn, den Jupiter, den Mars, die Sonne. Wenn wir die Sonne in ihrer wahren Wesenheit ins Auge fassen, ich habe ja über diese wahre Wesenheit der Sonne des öfteren gesprochen, so unterscheidet sie sich – man nennt sie deshalb in der populären Astronomie einen Fixstern – von den übrigen Gliedern des Planetensystems, das zur Erde gehört, dadurch, daß sie als Lichtquelle erscheint. Sie erscheint als Lichtquelle. Sie ist insofern von den anderen Gliedern verschieden, als die anderen Glieder nicht als Lichtquellen erscheinen, sondern sie erscheinen als Bilder. Man sagt ja deshalb auch in der populären Astronomie: Sie haben das erborgte Licht, sie strahlen das Licht der Sonne zurück. – Die Sonne selbst erzeugt, im populären Sinne gesprochen, das Licht; die anderen planetarischen Körper strahlen das Licht zurück. Vergegenwärtigen Sie sich den Unterschied: ob man Sonne hat, die das eigene Wesen aus sich hervorgehen läßt in dem Lichte, oder ob man die anderen Himmelskörper, die Planeten hat, die nur das Bild des äußeren Wesens zeigen, gewissermaßen nur, was sie an der Oberfläche tragen, dadurch sichtbar machen, daß sie das Sonnenlicht zurückwerfen. Es ist ein wesentlicher Unterschied. Und indem die Sonne gewissermaßen die Quelle des Lichtes ist, ist sie auch die Quelle des Lebens. Und sie ist auch noch eine andere Quelle. [123] Zu allen Zeiten hat man schon innerhalb der instinktiven Erkenntnis gesprochen von einer dreifachen Sonne, von der Sonne als Lichtquelle, Lebensquelle, Liebesquelle. Diese Trinität ist durchaus in der Sonne enthalten.

Nun brauchen Sie heute gar nicht zu sündigen wider das kopernikanische Weltensystem, sondern Sie können es durchaus beibehalten und können dennoch aus diesem kopernikanischen Weltensystem heraus einsehen, was die Alten, die eine instinktive kosmische Erkenntnis gehabt haben, mit ihrem Weltensystem gemeint haben. Nehmen wir also an, kopernikanisch gedacht in der Mitte, oder meinetwillen in einem Brennpunkte, aber das können wir jetzt unbeachtet lassen, da stehe die Sonne; es drehen sich Merkur, Venus, Erde, Mars – die Planetoiden können wir heute unberücksichtigt lassen –, Jupiter, Saturn um sie herum. [124]

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Nun nehmen wir die Sache aber so: Nehmen wir hier die Stellung, die ja durchaus auch möglich ist, daß wir hier (oben) haben Saturn, Jupiter, Mars, und nun kommen wir zu Sonne, Merkur, Venus, Erde mit dem Mond aber, den wir hier so aufstellen. Nun ist eine solche Stellung natürlich nicht notwendig ins Auge zu fassen, sondern ich stelle sie nur deshalb hin, um Ihnen zu zeigen, daß in der Tat, trotz des kopernikanischen Systems, auch die Reihenfolge möglich ist, welche die Alten angenommen haben: Mond, Venus, Merkur, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn. Man braucht nur die Konstellationen so zu nehmen, daß eben die Erde auf einer Seite von der Sonne steht und irgendwo auf der anderen die äußeren Planeten. Es ist ja gar nicht nötig, daß eine solche Oppositions- oder Konjunktionsstellung stattfindet, das kann ja auch alternierend geschehen, abwechselnd, aber diese Reihenfolge ist eben durchaus auch denkbar. Und an diese Reihenfolge hat eine alte instinktive Weisheit gedacht. Warum? Weil ihr diese Reihenfolge wichtig erschien. Der alte Mensch sagte sich: Nehmen wir an, hier auf der Erde lebe der Mensch. Der Mensch ist ausgesetzt dem Universum. Er erlebt die Sonnenstrahlen. Die Sonnenstrahlen sind ihm zunächst Lichtquelle, Lebensquelle, Liebesquelle. Dadurch kommt Licht, Leben, Liebe in ihn hinein. Die Sonne ist die Quelle von diesen dreien. Nun ist aber der Mensch nicht nur ausgesetzt dem Sonnenleben, der Sonnenliebe, dem Sonnenlichte, sondern auch dem Bildhaften des Saturn. Wenn der Mensch bloß, auf der Erde sich entwickelnd, dem Sonnenleben ausgesetzt wäre, dann würde er das Leben seiner Sinne nicht entwickeln können. Nehmen wir die Augen – einen Sinn: sie würden sich nicht als physikalische Apparate absondern. Sie würden so wie irgendein anderer Teil des menschlichen Körpers dadrinnen sitzen. Sie würden etwa Muskelorgane oder so etwas sein, Gefäße. Also wenn der Mensch fortwährend der Sonne ausgesetzt wäre, würde er eben seine Augen, aber auch die anderen Sinne nicht entwickeln können. [125] Daß er die Sinne entwickeln kann, das verdankt er dem Umstande, daß den Sonneneinfluß abschwächt der Saturn, der in der äußersten Sphäre sich herumbewegt. Also dieser Saturn trocknet gewissermaßen das Gefäß aus, und es entsteht dadurch der physikalische Apparat, grob gesprochen. So daß aus dieser instinktiven Erkenntnis heraus, auf die wir heute wieder kommen, der alte Mensch sagte: Das Sinnesleben ist hereingewirkt vom Saturn.
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Und ein Zweites: Der Mensch ist nun nicht bloß dem Saturnleben ausgesetzt. Wenn er dem Sonnenleben fortwährend ausgesetzt wäre, würde er nicht nur keine Sinne entwickeln können, sondern er würde auch sein Nervenleben nicht entwickeln können. Das Nervenleben, das trocknet aus, sonst würde es überwuchern. Die Nerven würden auch Organe sein so wie etwa die Muskeln. Dieses Austrocknende im Nervenleben, das ist der Einwirkung von Jupiter entsprechend. So daß der alte Mensch gesagt hat: Das Nervenleben wird angeregt vom Jupiter. Sehen Sie, der Saturn kreist um die Sonne herum in dreißig Jahren etwa annähernd. Da erlebt natürlich der Mensch, wenn er auf der Erde lebt, einmal annähernd, daß der Saturn gewissermaßen von der Sonne zugedeckt ist. Wenn der Mensch das Glück hat, den Saturn von der Sonne besonders stark zugedeckt zu erhalten, dann dämmert in sein Sinnesleben hinein ein starkes Sonnenleben. Man möchte sagen: Die Augen oder andere Sinne – die Augen kommen dabei allerdings am wenigsten in Betracht, aber wir können an ihnen, weil sie am deutlichsten sind, am besten exemplifizieren –, die Augen bekommen dann eine Anregung. Wenn der Mensch also während seines Erdenlebens einmal die Konstellation erlebt, daß gewissermaßen der Saturn auf seine Sinne nicht wirkt, dann kann es sein, daß er die Entdeckung macht, wie gerade durch seine Sinne eine besondere kosmische Einwirkung geschieht. Er bekommt eine Anregung. Er wird sinnlich stärker. Solche Dinge gibt es. Die wollen dann die Menschen als alles mögliche erklären, nur nicht als das, was sie sind. [126] Es gibt heute eine ganz große amerikanische Literatur über diese Dinge. Da kommt William James und redet von allerlei «Erweckungen». (33) Er redet davon, wie es Menschen gibt, in denen das Leben eine besondere Erweckung erfährt. Lesen Sie nur einmal nach in den Büchern dieses William James und in denen seiner Schüler, da werden Sie finden, daß das ein besonderes Phänomen ausmacht, daß der Mensch zu irgendeiner Zeit eine besondere Anregung erfährt. Natürlich wissen diese Leute nicht, wovon das kommt, wissen nicht, daß das davon kommt, daß solch eine Konstellation eintritt entweder mit Saturn oder Jupiter. Wenn das Saturnleben verdeckt wird, wird das Sinnesleben besonders angeregt; wenn das Jupiterleben verdeckt wird, was noch leichter sein kann übrigens, weil Jupiter alle zwölf Jahre, also schneller herumkreist, da findet der Mensch eine Anregung seines Nervenlebens. Alle diese Dinge, die da verzeichnet werden, die werden ins Unterbewußtsein verlegt. Dieses Unterbewußtsein, das ist das reine Faulbett heute für alle Leute von der Sorte des William James, von der Sorte der Psychoanalytiker. Dieses Unterbewußtsein, es ist ja ein rein negativer Begriff, es ist ein Spucknapf, in den man alles hineinspucken kann, wofür man gar keine Erklärung mehr hat im Leben. Ein reiner Spucktopf ist dieses Unterbewußtsein. Da muß alles herein, `rein, `rein; da sind die verborgenen Seelen«Provinzen», nicht wahr, drinnen, die dann gelegentlich reagieren und so weiter. Es wäre schon im höchsten Grade wünschenswert, daß alle diese sowohl pragmatischen wie psychoanalytischen Theorien einmal eine gründlichere Beleuchtung erfahren würden.

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Der dritte Planet ist dann der Mars. Er schwächt das wuchtende Leben zur Atmung ab. Auch bei ihm kann natürlich das der Fall sein, daß die Sonne ihn zudeckt. Dann kann das Atmungsleben eine besondere Anregung erfahren. [127] Da der Mars aber sehr rasch, etwa in zwei Jahren herumkreist, so ist das so, daß das fast jeder Mensch erfährt, und daher jeder Mensch in seinem Atmungsleben, in seinem Bild-Erleben gewisse Anregungen bekommt. Sie sind ja nicht immer allerersten Ranges, aber die Menschen werden dann Dichter oder so was dergleichen, oder Komponisten, die Anregungen in ihrem Atmungsleben empfangen. Da geht es dann nicht so tief, daß dann Leute wie James dem nachspekulieren. Das findet man als etwas Erklärliches. Also den Mars betrachteten die alten instinktiven Weisen als Anreger für das Atmungsleben. Dann ist es das Sonnenleben selber, welches den Menschen anregt, die Sonne selber, die Sonne als das Leben-, Liebe-, Licht-Erregende, äußerlich Licht-Erregende, innerlich Liebe-Erregende und im Verkehre mit der Außenwelt Leben-Erregende. Das wird nun in die Mitte zwischen Atmungsleben und Zirkulationsleben versetzt, wohin es auch die alte Weisheit versetzt hat. Zwischen dem Atmungsleben und dem Zirkulationsleben liegt ja das Herz, der Ausdruck, nicht der Motor, aber der Ausdruck für das, was zwischen Zirkulation und Atmung sich abspielt. Und wir kommen dann zum Stoffwechsel. Wie gesagt, die alte Wissenschaft hat nun die Konstellation so betrachtet: den Merkur hat sie nun nicht so betrachtet, daß sie das Hauptaugenmerk darauf legte, inwiefern die Sonne ihn zudecken kann wie die anderen Planeten, sondern inwiefern er die Sonne zudeckt gegenüber der Erde, also daß er die Sonne zudeckt. Für den Merkur betrachtete die alte Weisheit die Stellung zwischen Sonne und Erde als das Wesentliche. Für den Jupiter betrachtete die alte Weisheit die Stellung außerhalb der Sonne als das Wesentliche. Für den Merkur fand sie wichtig für die Entwickelung des Lebens des Menschen die Stellung zwischen Sonne und Erde. Da deckt der Merkur die Sonne zu. Sonst hat immer die Sonne die anderen zugedeckt; hier deckt der Merkur die Sonne zu, das heißt, er schwächt das Leben ab. Indem dadurch eine Wirkung ausgeübt wird, daß also das Sonnenleben abgeschwächt wird, regt sich das abgeschwächte Leben im Inneren. [128] Der Mensch würde – wenn sich dieses Leben nicht abschwächen würde –, er würde, wenn er irgend etwas zu sich nehmen würde, es – verzeihen Sie – sofort wieder ausspeien; er würde gar nichts von äußerem Stoff in sich dulden, er würde fortwährend speien. Er würde sich dann das Essen abgewöhnen, weil das ja zu langweilig wäre. Das Leben der Sonne ist eben so stark im Menschen. Wenn also nur Herz-, das heißt Sonnenleben wäre, würde der Mensch nichts in sich verarbeiten können von Stoffen. Er würde alles gleich ausspeien. Daß der Mensch einen Stoffwechsel entwickeln kann, das verdankt er lediglich dem Umstande, daß hier das Merkurleben etwas abschwächt das Sonnenleben. So daß aus diesem Grunde die alte Weisheit eingeschaltet sich dachte, als fortwirkend aus dem Kosmos zwischen das Zirkulationsleben und das Stoffwechselleben, das Merkurwesen. Das Merkurwesen schiebt also den Stoff durch den menschlichen Organismus hindurch in die einzelnen Organe hinein. Die Kraft aber wird hineingestoßen durch das Bewegungsleben.

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Das Bewegungsleben, das ist nun ebenso abhängig von dem Venusleben wie das Stoffwechselleben von dem Merkurleben. Daher hat die alte Weisheit hier die Kraft, welche durchfließt, also dieses innerliche Sich-selbst-Erneuern, dieses Einen-zweitenKraftmenschen-in-sich-Fühlen, dem Venusleben zugeschrieben. Das Mondenleben, das nahe dem Erdenleben selber liegt, das wirkt nun nicht bloß so abschwächend, daß der Mensch Stoff, daß er Kraft verarbeitet. Ich habe das einmal auseinandergesetzt, worauf die Reproduktion beruht: Es wird ausgespart, es wird gewissermaßen organisch Materie zurückgeschoben. Darauf beruht ja die Keimesbildung im Menschen, daß organisch Materie zurückgeschoben wird und daß aus dem Kosmos heraus der Embryo eigentlich seiner Kraft nach organisiert wird. Das Reproduktionsleben beruht in dieser Beziehung auf dem Mondenleben. [129] So wie ich Ihnen gestern die Beziehung der menschlichen Form in ihren zwölf Stücken darstellen konnte in Beziehung auf den Fixsternhimmel, so habe ich mich heute bemüht, Ihnen zu zeigen, wie sowohl im Einklange mit der alten instinktiven Weisheit, wie im Einklange mit der neueren anthroposophischen Wissenschaft das Leben des Menschen in seinen verschiedenen Stufen zusammenhängt mit dem planetarischkosmischen Leben. Und das geschieht dadurch, daß in der Tat durch die verschiedene Stellung der Erde zu den Gliedern des Planetensystems und zu dessen Mittelpunkt, der Sonne, das Leben in der verschiedensten Weise modifiziert wird. Es wird erstorben gemacht, bewahrt, in Bildung getrieben im oberen Menschen. Es wird abgeschwächt im unteren Menschen, so daß der Mensch von der Erde aufnehmen kann das Stoffliche, die Kraft der Erde. Der Mensch nimmt einfach die Abstoßungskraft der Erde in seine eigene Kraft auf und bildet dadurch die Kraft seiner Organe aus und so weiter. So sehen wir auch das Leben des Menschen aus dem Kosmos hervorgehen. Wir haben hier die Möglichkeit, uns zu sagen: Schauen wir zum Fixsternhimmel hinauf, dann sehen wir im Fixsternhimmel die Repräsentanten, nämlich in den Tierkreisbildern die Repräsentanten der Bildung der menschlichen Form. Beobachten wir die Bewegung der Planeten, so haben wir darinnen das, was uns aus dem Kosmos heraus erklärlich macht die verschiedenen menschlichen Lebensstufen. Wir blicken bis zum Saturn, indem wir das Sinnesleben nehmen, bis zum Jupiter, indem wir das Nervenleben nehmen, bis zum Mars, indem wir das Atmungsleben nehmen. Dieses Atmungsleben wirkt in Bildern. Nun stellen wir einmal dieses Atmungsleben besonders heraus. Ich sagte Ihnen: Die Bilder werden aufgenommen aus dem Kosmos heraus: Form. Also das, was aus dem Tierkreis heraus erlebt wird in der Bewegung, das fließt gewissermaßen als die Bilder der inneren Organe nach innen. Aber der Mensch steht zwischen Geburt und Tod auf der Erde. Das Untere wirkt nach dem Oberen hinauf. Dadurch wird immer alles polarisch ausgebildet. [130] Diese Bilder gehen schon nach innen; sonst hätten wir eben keine Organe, wenn die Bilder nicht nach innen gehen würden und tingiert werden könnten mit dem Stoffe.

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Aber es findet überall ein Gegenüber statt. So daß wir sagen können: Wenn wir atmen, werden die Bilder – sagen wir also zum Beispiel das Bild der Niere – nach innen getrieben. Der Stoff, der füllt dann das aus (rot); aber es entsteht ein Gegenüber, nach oben wiederum. Das heißt, es werden gewissermaßen im Echo diese Bilder wieder zurückgeworfen. Also die Bilder, die hat der Mensch einmal aufgenommen. Sie müssen nicht an Gleichzeitigkeit denken, die Organe sind einmal da. Der Mensch hat die Dinge natürlich gebildet in den ersten Zeiten seines Erdendaseins, aber der Rückschlag kann fortwährend geschehen. Wie das Seelische dabei mitwirkt, werden wir dann morgen sehen. Der Rückschlag geschieht fortwährend. Also stellen Sie sich jedes für sich vor: Sie nehmen die Bilder für Ihre inneren Organe mit dem Lebensprozesse auf. Das wird wiederum zurückgestoßen, das heißt, es kommen wiederum herauf, zurück die Echos dieser Bilder, auch der Tierkreis, namentlich mit dem Atmungsleben darinnen. Nun, Sie brauchen bloß an Ihre Ohren zu denken, dann haben Sie diesen Rückschlag. Diese Bilder werden in die Luft hinein gebildet, das sind die Vokale, die Konsonanten! Von den Planeten kommen mehr die Vokale, von den Tierkreisbildern kommen die Konsonanten. Dieser Rückschlag ist die Sprache. Was hineingeht, bildet die Organe. [131] Was wiederum zurückgeschlagen wird, lebt in der Sprache. Konsonanten und Vokale werden gewissermaßen in uns hineingetrieben, bilden die Grundlage unserer Organe. Was mehr Form ist in unserem Inneren, kommt mehr von den Tierkreisbildern, was mehr Leben ist, kommt mehr von den Planeten. Wenn mehr das Leben zurückgeschlagen wird, vokalisieren wir, wenn mehr die Formen zurückgeschlagen werden, konsonantisieren wir. Das alles hängt in einer gewissen Weise mit dem Atmungsleben zusammen. Nun, in der Sprache haben Sie es ja deutlich, wie sie mit dem Atmungsleben zusammenhängt. Sehen Sie, es ist schon nichts damit, den Menschen so erklären zu wollen, daß man ihn auf den Seziertisch legt und untersucht, was innerhalb seiner Haut ist. Das gibt nichts anderes, als wenn jemand eine Magnetnadel nimmt und absehen will davon, daß die Erde selber ein großer Magnet ist, so daß das eine Ende nach Norden getrieben wird, das andere nach Süden getrieben wird von außerhalb.

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Wenn einer durchaus erklären möchte, warum diese Magnetnadel in sich just die Tendenz hat, sich in einer Richtung zu stellen – denn drehe ich sie, sie dreht sich immer wieder um –, wenn man ihr das zuschreibt, wenn man also eine Theorie erfindet, warum die Magnetnadel aus sich heraus sich so stellt, wenn man keine Rücksicht darauf nehmen will, daß die Erdenkräfte sie richten, dann tut man genau dasselbe, was man heute tut innerhalb der Anatomie und Physiologie, wenn man den Menschen erklären will aus dem, was innerhalb seiner Haut liegt. Es ist nicht zu erklären aus dem, was innerhalb seiner Haut liegt. Alle die Leute, die da zum Beispiel die Sprache erklären wollen aus dem, was innerhalb des Menschen ist, die stehen auf der Stufe dieser Magnetnadelerklärung, während die Wahrheit diese ist, daß der Mensch in sich aufnimmt der Form nach das Fixsternleben, es wiedergibt im Echo, dadurch Konsonanten bildet. Er nimmt auf die Bewegungen des planetarischen Lebens, die sein eigenes Leben bewirken. Da wird namentlich durch das Atmungsleben in Bildern gebildet. [132] Es wird aber zurückgeschlagen; dadurch entstehen die Vokale. Der Mensch in seiner Sprache ist nur erklärbar, wenn man die Konsonanten aus den Fixsterngruppierungen, die Vokale aus den Planetenbewegungen beziehungsweise aus den Übereinanderlagerungen der Planeten erklärt, wenn man also das, was der Mensch spricht, aus dem ganzen Kosmos erklärt. Sie haben hier in der Sonne (siehe Zeichnung Seite 89, waagrechter Strich) gewissermaßen die Mitte. Nehmen Sie die drei oberen Glieder, so haben Sie den oberen Menschen. Nehmen Sie die drei unteren Glieder, so haben Sie den unteren Menschen. Das Reproduktionsleben bringt ja den neuen Menschen hervor. Nehmen Sie nun das Atmungsleben und Zirkulationsleben. Das Zirkulationsleben ist es namentlich, welches die planetarische Bewegung abbildet. Unser Blutkreislauf ist im Grunde genommen nichts als eine Abbildung des planetarischen Lebens. So daß wir auch sagen können: Aus dem Zirkulationsleben kommen die Vokale, aus dem Atmungsleben kommen die Konsonanten. Und nun bekommen Sie wieder eine merkwürdige Zuordnung. Das Stoffwechselleben können Sie dem Nervenleben zuordnen; das Bewegungsleben können Sie dem Sinnesleben zuordnen. Das Sinnesleben aber, das ist zugeordnet dem Saturn, der Saturnbewegung. Die Saturnbewegung geht, wenn ich so sagen darf, am nächsten vorbei an dem Tierkreise, geradeso wie im Bewegungsleben der Mensch. sich am besten nach außen hinaus abbildet. Will man daher die kosmischen Geheimnisse durch den Menschen abbilden lassen, so hat man zu dem einen Pol das Sinnesleben, zu dem anderen Pol das Bewegungsleben, und man bekommt daraus – die Eurythmie. In der Eurythmie ist also unmittelbar ein Abbild der peripherisch kosmischen Beziehung des Menschen zu sehen. Das wollte ich nur zunächst andeuten. Was ich Ihnen also heute habe entwickeln wollen, das ist der Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos in bezug auf sein Leben. Gestern wollte ich Ihnen den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos in bezug auf seine Form darlegen. [133]

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Morgen werden wir nun dazu übergehen, das dritte Element des Menschen im Verhältnis zur Welt zu betrachten, die Seele. Dann haben wir betrachtet: Form, Leben und Seele. Also morgen wollen wir die Seele des Menschen dem kosmischen Leben zuteilen. [134]

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Der Weg zu einer neuen Geburt durch Planeten und Fixsternwesen
Es ist mir immer eine Befriedigung, im Anschlusse an die öffentlichen Vorträge und öffentlichen Veranstaltungen, auch in dem Zweige hier im Haag sprechen zu können, und ich werde heute Abend versuchen, Ihnen einiges zu sagen, das eine intimere Fortsetzung, eine Ergänzung sein kann dessen, was ich in der Lage war, in den öffentlichen Vorträgen auszusprechen. Es kommt ja vor allen Dingen für die Erkenntnis der geistigen Welt und für das Erringen eines inneren Zusammenlebens mit der geistigen Welt darauf an, dasjenige im richtigen Lichte zu sehen, was man nennen könnte die verborgene Seite des menschlichen Daseins. Die verborgenen Seiten des menschlichen Daseins sind es ja, welche für die Gesamtbeurteilung und Gesamtbewertung des menschlichen Lebens die wichtigeren sind. Das mag von äußerlich und materialistisch denkenden Menschen nicht gerne zugegeben werden, aber es ist doch so. Niemand kann das menschliche Dasein kennenlernen, der nicht auf dessen verborgene Seiten einzugehen vermag. Vielleicht könnte man, wenn ich mich so ausdrücken darf, gegen die Götter einwenden, daß sie gerade das Wertvollste für den Menschen in seine verborgenen Lebensseiten hineingelegt haben, daß sie ihm nicht gewissermaßen in dem Offenbaren entgegengetragen haben, was ihm das Wertvollste ist. Wäre das so, dann würde der Mensch in einem höheren Sinne kraftlos bleiben. [135] Gerade dadurch kommen wir ja zu geistig-seelischen Kräften, die dann unser ganzes Dasein durchdringen können, daß wir uns unsere eigentliche Menschenwürde und unser Menschenwesen erst erringen müssen, daß wir erst geistig-seelisch etwas tun müssen, um überhaupt im rechten Sinne Menschen zu werden. Und in diesem Überwinden, in dieser Notwendigkeit erst etwas zu tun, um Mensch zu werden, liegt, was uns kraftvoll machen kann, was uns gerade im Innersten unseres Wesens mit Kräften durchdringen kann. Und so will ich denn heute, um gewissermaßen dieses Leitthema, das ich angeschlagen habe, näher auseinanderzusetzen, Ihnen wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus über die verborgene Seite des Menschendaseins sprechen, die sich in die Bewußtlosigkeit des Schlafes hüllt. Und ich will Ihnen dann einiges von dem mitteilen, was sich in Daseinszustände hüllt, die während des Erdenlebens unbewußt bleiben: in die Daseinszustände des vorirdischen Lebens und des Lebens nach dem Tode. Das Schlafesleben spielt sich ja für den Menschen so ab, daß er mit dem Übergang der Träume – die aber ein höchst zweifelhaftes Dasein und eine höchst zweifelhafte Bedeutung für das menschliche Leben haben, wenn man sie einfach so hinnimmt, wie sie sich darstellen – in die Bewußtlosigkeit des Schlafes verfällt, aus der er erst wiederum herauskommt im Erwachen, wenn er mit seinem Ich und astralischen Leib untertaucht in seinen Ätherleib und physischen Leib, (34) sich also dieser beider Organisationen als eines Werkzeuges bedient, um seine physische Umgebung wahrzunehmen und dann innerhalb dieser physischen Umgebung durch seinen Willen zu arbeiten. Dasjenige aber, was über Geburt und Tod hinaus liegt, das hüllt sich gerade in jene Wesenheit des Menschen, die mit dem Einschlafen unbewußt wird.
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Und ich will Ihnen die Zustände, die da der Mensch durchmacht, so schildern, als wenn sie bewußt wären. Bewußt werden können sie nur für das imaginative, inspirierte und intuitive Bewußtsein. (35) Aber es ist ja dies nur ein Erkenntnisunterschied gegenüber dem, was jeder Mensch in der Nacht durchmacht. Derjenige, der als ein moderner Eingeweihter, als ein moderner Initiierter in das Schlafesleben hineinschaut, der weiß, wie es ist. [136] Aber dadurch wird das Schlafesleben auch für ihn selbst ja zu nichts anderem, als es für jeden Menschen ist, auch für denjenigen, der es ganz unbewußt durchmacht: Und so kann man schon wirklichkeitsgemäß schildern, wenn man das, was unbewußt bleibt, einfach so schildert, als wenn der Mensch es bewußt durchmachte. Und das werde ich nun zunächst tun. Nach dem Übergang über die Träume – ich deutete es schon an – geht der Mensch für das gewöhnliche Bewußtsein in die Bewußtlosigkeit über. Aber diese Bewußtlosigkeit stellt sich in ihrer Wirklichkeit für das höhere, für das übersinnliche Erkennen so dar, daß der Mensch unmittelbar nach dem Einschlafen wie in eine Art verschwimmenden Daseins kommt. Würde er seinen Zustand bewußt durchschauen, so würde er sich wie ausgegossen in einer ätherischen Welt fühlen. Er würde sich außerhalb seines Leibes fühlen, aber nicht engbegrenzt, sondern weit ausgegossen; seinen Leib würde er als etwas außer ihm befindliches Objektives verspüren, wahrnehmen. Dieser Zustand wäre eben, wenn er zum Bewußtsein kommen würde, im Seelischen des Menschen innerlich ausgefüllt von einer gewissen Angst oder Ängstlichkeit: man fühlt, man hat die feste Stütze seines Leibes verloren, man fühlt sich wie vor einem Abgrunde. Was man die Schwelle zur geistigen Welt nennt, muß ja da sein aus dem Grunde, weil der Mensch sich erst vorbereiten muß dazu, solch ein Gefühl zu haben: das Gefühl, jene Stütze verloren zu haben, die der physische Leib abgibt, und jene Ängstlichkeit in der Seele zu tragen, die daher kommt, weil man zunächst einem ganz Unbekannten, Unbestimmten gegenübersteht. Dieses Gefühl der Ängstlichkeit, wie gesagt, ist nicht da für den gewöhnlichen Schläfer; im Bewußtsein ist es nicht da, aber der Mensch macht es durch. [137] Und was zum Beispiel im physischen Tagesdasein Angst ist, das drückt sich, wenn auch in feinen Vorgängen des physischen Leibes, dennoch in eben solchen Vorgängen aus: es sind gewisse Gefäßtätigkeiten des physischen Leibes anders, wenn der Mensch in Angst ist, als wenn er nicht in Angst ist. Es geht also etwas objektiv vor, außer dem, was der Mensch im Bewußtsein als Unruhe und so weiter fühlt. Dieses Objektive einer seelisch-geistigen Angst, das macht der Mensch durch, indem er durch die Pforte des Schlafes in den Schlafzustand eintritt. Aber verbunden ist dieses Angstgefühl mit etwas anderem: mit einem Gefühl tiefer Sehnsucht nach einem Göttlich-Geistigen, das die Welt durchflutet und durchwebt.

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Würde der Mensch die ersten Augenblicke – oder auch vielleicht für viele Menschen Stunden – nach dem Einschlafen vollbewußt erleben, er würde zunächst in dieser Angst und in dieser Sehnsucht nach dem Göttlichen sein. Daß wir uns überhaupt während des wachen Tageslebens religiös gestimmt fühlen, das ist in erster Linie davon abhängig, daß dieses Angstgefühl und diese Sehnsucht nach dem Göttlichen, die wir in der Nacht durchmachen, herüberwirken in die Stimmung des Tages. Es sind, gewissermaßen ins physische Leben hereinprojiziert, geistige Erlebnisse, welche uns mit der Nachwirkung jener Angst erfüllen, die uns überhaupt dazu treibt, erkennen zu wollen, was in der Welt das Wirkliche ist, und mit der Nachwirkung jener Sehnsucht erfüllen, die wir im Schlafe tragen und die sich im religiösen Fühlen während des Tagwachens aussprechen. Nun aber ist das nur in den ersten Stadien nach dem Einschlafen so. Wenn der Schlaf weitergeht, dann tritt etwas Eigentümliches ein: die Seele ist wie zerspalten, wie in viele Seelen auseinandergespalten. Der Mensch würde sich, wenn er bewußt diesen Zustand durchlebte, den heute nur eben der moderne Eingeweihte ganz schauen kann, als viele Seelen vorkommen, und dadurch würde er meinen müssen, er habe sich selbst verloren. Alle die einzelnen Seelenwesen, die eigentlich nur Schattenbilder von Seelen sind, die stellen etwas dar, in das er sich verloren hat. Für diesen Zustand des Schlafes nimmt sich das Menschenwesen schon verschieden aus, je nachdem wir es vor oder nach dem Mysterium von Golgatha betrachten. [138] Der Mensch braucht nämlich eine äußere kosmische Hilfe gegenüber diesem, wenn ich so sagen darf, Zerspaltetsein in viele Seelenabbilder. In alten Zeiten, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen sind, haben die Eingeweihten, die alten Initiierten, den Menschen auf dem Umwege durch ihre Schüler, durch die Lehrer, die sie in die Welt für die Menschen hinausgeschickt haben, gewisse religiöse Anweisungen gegeben, welche Gefühle im wachen Tagesleben hervorgerufen haben. Und diese Anweisungen, die auch in Kultushandlungen dann von den Menschen ausgelebt worden sind, haben die Seelen verstärkt, so daß sie etwas wie eine Nachwirkung dieses religiösen Gestimmtseins nun wiederum hineingenommen haben in den Schlaf. Sie sehen die Wechselwirkung zwischen Schlafen und Wachen! Auf der einen Seite erlebt der Mensch in seiner Gottessehnsucht im ersten Stadium des Schlafes etwas, was ihn im Wachleben dazu stimmt, Religion zu entwickeln. Wird diese Religion im wachen Tagesleben entwickelt – und sie wurde in alten Zeiten durch die Initiierten entwickelt –, dann wirkt das wiederum zurück auf das zweite Stadium nach dem Einschlafen: die Seele fühlt sich dann stark genug durch die Nachwirkung dieser religiösen Stimmung, gewissermaßen ihr Zerspaltetsein zu ertragen, überhaupt innerhalb der Vielheit wenigstens zu bestehen. Das ist ja die Schwierigkeit von nichtreligiösen Menschen, daß sie keine solche nächtliche Hilfe haben gegenüber dem Zerspaltetsein in viele Seelen, und daß sie dann das, was sie erleben, ohne die religiöse Stärkung herübertragen ins Tagesleben. Denn alles, was da in der Nacht durchgemacht wird, das wird in seiner Nachwirkung herübergetragen ins Tagesleben.
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Es ist ja noch nicht so lange her, daß die Irreligiosität und Areligiosität unter der Menschheit eine so große Rolle gespielt hat wie im letzten, im 19. Jahrhundert. Die Menschen haben immer noch Nachwirkungen gehabt von dem, was frühere, ehrlichere religiöse Zeiten dem Menschen waren. [139] Aber indem die irreligiösen Zeiten immer weitergehen, werden sie eine bedeutungsvolle Folge haben: die Menschen werden sich aus ihren Schlafzuständen die Nachwirkung dieses Gespaltenseins der Seele herübertragen in das Tagesleben, und das wird namentlich dazu beitragen, daß der Mensch während des Tageslebens in seinem Organismus nicht die zusammenhaltenden Kräfte haben wird, um die Wirkung der Nahrungsmittel in der richtigen Weise in seinem Organismus zu verteilen. Und die Folge der Irreligiosität wird im Laufe von gar nicht so fernen Zukunftszeiten sich in bedeutungsvollen Krankheiten der Menschen ausleben. Man soll nur ja nicht glauben, daß das Geistig-Seelische in keiner Beziehung steht zu dem Physischen! Es steht nicht in solcher Beziehung, daß unmittelbar dasjenige, was sich heute an Irreligiosität entwickelt, von irgendwelchen dämonischen Göttern mit Krankheit bestraft wird. In dieser äußerlichen Weise spielt sich allerdings das Dasein nicht ab, aber ein innerlicher Zusammenhang ist dennoch vorhanden zwischen dem, was der Mensch geistig-seelisch durchmacht, und dem, was seine physische Beschaffenheit ist. Damit der Mensch während des Tagwachens gesund sein kann, hat er nötig, in sein Schlafesleben das Gefühl seiner Zusammengehörigkeit mit den göttlich-geistigen Wesenheiten hineinzutragen, in deren Geschehen er seinen eigenen ewigen Wesenskern während der Schlafenszeit einsenkt. Und nur aus dem richtigen Darinnenstehen in einer geistigseelischen Welt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen kann der Mensch die richtigen, auch geistig-seelisch gesundenden Kräfte für sein Tagwachen hervorholen. Während dieses zweiten Schlafstadiums gelangt nun der Mensch dahin, an der Stelle seines gewöhnlichen physischen Bewußtseins nicht ein kosmisches Bewußtsein, wohl aber ein kosmisches Erleben zu haben. Wie gesagt, erst der Eingeweihte bringt sich dieses kosmische Erleben zum Bewußtsein, aber erleben tut es jeder Mensch in der Nacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen. [140] Und während dieses zweiten Stadiums des Schlafes ist der Mensch in einem solchen Lebenszustande, daß sein Inneres Nachbildungen der Planetenbewegungen unseres Sonnensystems vollführt. Während des Tages erleben wir uns in unserem physischen Leibe. Wenn wir von uns als physischen Menschen sprechen, so sagen wir: In uns sind unsere Lunge, unser Herz, unser Magen, unser Gehirn und so weiter, das ist unsere physische Innerlichkeit. Im zweiten Stadium des Schlafes ist unsere geistig-seelische Innerlichkeit die Bewegung der Venus, die Bewegung des Merkur, die Bewegung der Sonne, die Bewegung des Mondes. Dieses ganze Wechselspiel der Planetenbewegungen unseres Sonnensystems, wir tragen es nicht direkt in uns, nicht die Planetenbewegungen selbst, aber Nachbildungen, astralische Nachbildungen davon, die sind dann unsere innere Organisation. Wir sind nicht ausgedehnt etwa in den ganzen planetarischen Kosmos; wir sind aber von einer ungeheuren Größe gegenüber unserer physischen Tagesgröße. Wir tragen nicht die wirkliche Venus während jedes Schlafzustandes in uns, aber ein Nachbild ihrer Bewegung.
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Und was sich da in unserem Geistig-Seelischen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen im zweiten Stadium des Schlafes zuträgt, das sind solche Zirkulationen der Planetenbewegungen in astralischer Substanz, wie – angeregt durch die Atmungsbewegung während des Tages unser Blut durch unseren physischen Organismus zirkuliert. So daß wir in der Nacht gewissermaßen ein Nachbild unseres Kosmos als unser Innenleben in uns zirkulieren haben. Wir müssen zuerst das Zerspaltensein der Seele durchmachen, dann können wir diese Zirkulation der planetarischen Nachwirkung erleben. Wie gesagt, den alten Menschen vor dem Mysterium von Golgatha gaben ihre Eingeweihten Anweisungen, damit sie dieses Zerspaltensein der Seele ertragen konnten und damit die Seele sich zurechtfand in diesen Bewegungen, die jetzt ihr inneres Leben ausmachten. Nach dem Mysterium von Golgatha ist etwas anderes an die Stelle dieser alten Lehre getreten. [141] Dasjenige ist eingetreten, was der Mensch innerlich als Gefühl, als Empfindung, als seelisches Leben und seelische Stimmung sich aneignen kann, wenn er sich so recht verbunden fühlt mit dem, was durch das Mysterium von Golgatha für die Menschheit auf der Erde durch den Christus geleistet worden ist. Wer sich verbunden fühlt mit Christus bis zu dem Grade, daß sich in ihm das Pauluswort erfüllt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», der hat in diesem Verbundensein mit dem Christus und dem Mysterium von Golgatha für seine Empfindung etwas entwickelt, was in den Schlaf hinein nachwirkt, so daß er nun die Stärke hat, die Zerspaltenheit der Seele zu überwinden und sich in dem Labyrinth der Planetenbahnen, die jetzt sein Inneres sind, zurechtzufinden. Denn zurechtfinden müssen wir uns doch, auch wenn wir nicht bewußt in unserem Inneren das tragen, was für die Seele die planetarische Zirkulation an der Stelle der Blutzirkulation während des Tages ist, die sich in dem zurückgelassenen physischen Leib fortsetzt. Nachdem wir dieses durchgemacht haben, kommen wir in das dritte Stadium des Schlafes. Im dritten Stadium tritt hinzu – es bleiben nämlich immer die Dinge des ersten Stadiums, nur kommen die Erlebnisse des nächsten Stadiums hinzu –, im dritten Stadium des Schlafes kommt hinzu dasjenige, was ich das Fixsternerlebnis nennen möchte. Nachdem wir die Zirkulation der planetarischen Nachbildungen erlebt haben, erleben wir tatsächlich die Formungen der Fixsterne, das, was in älteren Zeiten die Tierkreisbilder zum Beispiel genannt wurde. Und was da erlebt wird, das ist notwendig für die Seelenseite des Menschen, weil er die Nachwirkung dieses Erlebnisses mit den Fixsternen hereintragen muß in sein waches Tagesleben, um überhaupt die Kraft zu haben, jederzeit seinen physischen Organismus von der Seele aus zu beherrschen und zu beleben. Tatsächlich macht jeder Mensch während der Nacht ein ätherisches Vorstadium in Weltenangst und Gottessehnsucht durch, dann ein planetarisches Stadium, indem er in seinem astralischen Leib die Nachbilder der Planetenbewegungen fühlt, und er macht ein FixsternerlebnisStadium durch, in dem er sich dann so fühlt – oder sich fühlen würde, wenn er Bewußtsein hätte –, daß er sein eigenes seelisch-geistiges Inneres als Nachbildung des Fixsternhimmels erlebt. [142]

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Nun, für denjenigen, der diese Stadien des Schlafes durchschaut, entsteht, ich möchte sagen, jede Nacht eine bedeutungsvolle Frage. Die Menschenseele, der astralische Organismus, die Ich-Wesenheit treten aus dem physischen Leibe hinaus, ihr Inneres wird erfüllt von Nachbildungen der Planetenbewegungen und der Fixsternanordnungen. Die Frage, die da entsteht, ist diese: Warum kehrt denn der Mensch an jedem Morgen, nach jedem Schlafe, wiederum in sein physisches Dasein zurück? Und da stellt sich für die Initiationswissenschaft heraus, daß der Mensch tatsächlich nicht zurückkehren würde, wenn er nicht, indem er in die Planetenbewegungen und Fixsternformen eintritt, sich auch bei diesem Hinauswachsen in die Nachbildungen des kosmischen Daseins hineinleben würde in die Mondenkräfte. Er lebt sich in die geistigen Mondenkräfte hinein, in diejenigen Kräfte des Kosmos, welche im physischen Monde und in den Veränderungen des physischen Mondes ihre Nachbilder haben. Während alle anderen planetarischen und Fixsternkräfte eigentlich den Menschen hinausziehen aus dem physischen Leibe, sind es die Mondenkräfte, die ihn immer wieder und wieder beim Aufwachen zurückbringen in seinen physischen Leib. Der Mond hängt überhaupt mit alledem zusammen, was den Menschen aus dem geistigen Dasein zum physischen Dasein hinbringt: So ist es auch gleichgültig – es kommt ja nicht auf die physische Konstellation dabei an, obwohl diese eine gewisse Bedeutung hat –, ob es sich um Neumond, Vollmond, Wende, abnehmenden Mond handelt, in der geistigen Welt ist ja der Mond immer da: die Mondenkräfte sind es, die den Menschen zurückgeleiten in die physische Welt, in seinen physischen Leib. Sie sehen, daß, indem ich Ihnen, wenn auch nur skizzenhaft schildere, was der Mensch durchmacht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, darin so etwas gegeben ist wie ein Abbild des Aufenthaltes des Menschen in der geistigen Welt überhaupt. [143] Und so ist es auch. Wir erleben im Grunde genommen jede Nacht ein Abbild von dem, was wir durchmachen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn wir durch Imagination, Inspiration und Intuition zurückschauen in das vorirdische Dasein, dann erblicken wir uns zunächst als geistig-seelische Menschenwesenheit in einem sehr frühen Stadium unseres vorirdischen Daseins. Wir erblicken uns so, daß wir ein kosmisches Bewußtsein haben. Da sind wir nicht in einem Leben, das nur Nachbildungen des Kosmischen in sich trägt wie im Schlafesleben, sondern da sind wir in der Tat ausgegossen über den wirklichen Kosmos. Und ungefähr um die Mitte des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt fühlen wir uns als geistig-seelische Wesen vollbewußt – ja mit einem viel klareren, intensiveren Bewußtsein, als wir nur irgendwie auf Erden haben können – umgeben von göttlich-geistigen Wesenheiten, von den göttlich-geistigen Hierarchien. Und so wie wir auf Erden mit den Naturkräften arbeiten, wie wir als Werkzeuge die äußeren Naturgegenstände haben, so spielt sich eine Arbeit ab zwischen uns und den Wesen der höheren geistigen Hierarchien.

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Und worin besteht diese Arbeit? Nun, diese Arbeit besteht darin, daß im Vereine mit einer ungeheuren Anzahl erhabener geistiger Wesenheiten des Weltenalls der geistigseelische Mensch den kosmischen Geistkeim seines physischen Menschenleibes im Geistigen webt. So sonderbar Ihnen das erscheinen mag: den physischen Menschenleib als geistigen Keim herauszuweben aus dem kosmischen All, das ist die größte, bedeutsamste Arbeit, die überhaupt im Weltenall denkbar ist. Und daran arbeitet nicht nur die menschliche Seele in dem charakterisierten Zustande, daran arbeitet diese menschliche Seele im Zusammenhange mit ganzen Scharen göttlich-geistiger Wesenheiten. [144] Denn wenn Sie sich das Komplizierteste vorstellen, was hier auf Erden gebildet werden kann, so ist das ein Primitives und Einfaches gegen jenes gewaltige Gewebe von kosmischer Größe und Grandiosität, das da gewoben wird und das dann zusammengeschoben, in sich verdichtet wird durch die Empfängnis und durch die Geburt, was mit physischer Erdenmaterie durchsetzt wird und physischer Menschenleib wird. Wenn man hier auf Erden von einem Keime spricht, spricht man von einem kleinen Keime, der dann verhältnismäßig groß wird. Wenn wir jetzt gegenüber dem Menschenleib als Produkt des Geistigen von seinem kosmischen Geistkeim sprechen wollen, so ist der von riesiger Größe. Und indem der Mensch von jenem Zeitpunkte, den ich Ihnen angedeutet habe, gegen seine Geburt zu lebt, verkleinert sich immer mehr und mehr der geistig-seelisch grandiose Menschenkeim. Der Mensch arbeitet ihn weiter aus fortwährend im Hinblick darauf: das wird zusammengewoben und zusammengeschoben, verdichtet zu dem physischen Menschenleib. Wirklich, nicht umsonst haben ältere Eingeweihte – allerdings aus einer Art von Hellsehen heraus, die nicht mehr die unsrige sein kann, aber die neuere Initiationswissenschaft zeigt uns dasselbe –, nicht umsonst haben diese Eingeweihten den menschlichen Leib einen «Tempel der Götter» genannt. Er ist es, denn er wird von der menschlichen Seele jedesmal zwischen dem Tode und einer neuen Geburt im Vereine mit Götterwesenheiten aus dem Weltenall heraus gewoben. Und dann, auf die noch zu schildernde Art, wird ihm seine physische Gestalt gegeben. Indem der Mensch in dem angezeigten Stadium an dem Geistkeime seines physischen Leibes webt, ist er in einer Seelenverfassung, in einer Seelenstimmung, die man nur vergleichen kann mit dem, was der moderne Eingeweihte die Intuition nennt. Der Mensch lebt mit seiner Seele in den Göttertaten drinnen. Er ist ganz ausgeflossen in kosmisches Götterdasein. Er erlebt in diesem mittleren Zustande zwischen dem Tod und einer neuen Geburt mit, was die Götter leben. Aber indem der Mensch dann weiterschreitet, indem er mehr gegen die Empfängnis oder die Geburt schreitet, ändert sich das. Gewissermaßen hat er dann für das Bewußtsein den Eindruck: Die göttlich-geistigen Wesen der höheren Hierarchien ziehen sich zurück von ihm. [145] Und es erscheint ihm nur etwas wie eine Offenbarung, wie ein Abglanz, wie wenn die Götter sich zurückgezogen hätten und ihre Nebelnachbilder vor der Menschenseele noch stünden, und als ob eine Art Schleier gewoben würde als Nebelnachbild desjenigen, was früher in Realität gewoben worden ist.

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Das intuitive Bewußtsein, das man früher gehabt hat, geht jetzt über in ein kosmisches inspiriertes Bewußtsein. Man lebt nicht mehr mit den göttlich-geistigen Wesen, man lebt mit ihrer Offenbarung. Aber dafür bildet sich auch im Seelenbewußtsein immer mehr und mehr ein innerliches Ich heraus. Im, ich möchte sagen, Hochstadium des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt man ganz mit den göttlich-geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien; das Ich hat keine innere Stärke, es wird erst wiederum seiner selbst innerlich bewußt, wenn die Götter sich zurückziehen und nur die Offenbarung der Götter da ist. Der Schein der Götter, die Ausstrahlung, gelangt in eine Art inspiriertes Bewußtsein herein; dafür aber fühlt sich der Mensch als ein eigenes Wesen. Und was da in dem Menschen zunächst erwacht, das ist eine Art, ich, könnte sagen, Begierde, eine Art Begehren. In der Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt arbeitet der Mensch gewissermaßen aus einer tieferen inneren Befriedigung heraus an seinem Geistkeim für den physischen Leib. Er schaut zwar hin auf das Ziel als auf seinen physischen Leib im nächsten Erdenleben, aber er ist nicht von Begierde durchdrungen, sondern nur, man möchte sagen, von Bewunderung, was eigentlich, universell angesehen, dieser physische Menschenleib ist. In dem Augenblicke, wo der Mensch nicht mehr in Götterwelten, sondern in den Offenbarungen der Götterwelten lebt, erwacht in ihm die Begierde, sich wiederum auf Erden zu verkörpern. Gerade indem das Ich-Bewußtsein immer stärker wird, erwacht diese Begierde, sich auf Erden wieder zu verkörpern. Man entfernt sich gewissermaßen von den Götterwelten, und man nähert sich dem, was man dann als Erdenmensch werden wird. [146] Diese Begierde wird immer stärker und stärker, und auch das, was man äußerlich anschaut, verändert sich. Man hat ja vorher in lauter Wesen, in den göttlich-geistigen Hierarchien gelebt, man wußte sich eins mit diesen göttlichen Hierarchien. Wenn man von seinem Inneren sprach, so war das der Kosmos; aber der Kosmos, das waren Wesen, Wesen mit erhabenen Bewußtseinsstufen, mit denen man zusammenlebte. Jetzt ist ein äußerer Schein da, und in diesem äußeren Scheine treten allmählich die ersten Bilder desjenigen auf, was dann die physischen Nachbilder der göttlich-geistigen Wesen sind. Aus dem Wesen, das man drüben kennengelernt hat als hohes Sonnenwesen, kommt der Schein, und in dem Scheine tritt auf gewissermaßen die Sonne von außen gesehen, von der Welt herein gesehen. Hier von der Erde sehen wir hinauf zur Sonne. Wir sehen da zunächst, wenn wir herunterkommen, die Sonne von der anderen Seite. Aber es taucht die Sonne, es tauchen die Fixsterne auf, und es tauchen hinter den Fixsternen die Planetenbewegungen auf. Und indem die Planetenbewegungen auftauchen, taucht eben eine ganz bestimmte Art von Kräften auf die geistigen Mondenkräfte, die nehmen uns jetzt gefangen. Sie sind es auch jetzt, die uns nach und nach in das Erdenleben zurücktragen. Das ist tatsächlich der Anblick, den der Mensch hat, indem er von den kosmischen Welten heruntersteigt zum irdischen Dasein: daß er aus einem Erleben göttlich-geistiger Hierarchien übergeht zu Bildern von ihnen.

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Aber die Wesensbilder werden allmählich Sternbilder, und der Mensch tritt ein in etwas, was er allerdings, ich möchte sagen, von hinten zunächst sieht: er tritt ein in das, was sich ihm hier von der Erde aus als Kosmos darstellt. Was da der Mensch vollbringt, das kann in seinen Einzelheiten durchschaut werden, und die moderne Initiationswissenschaft kann in dem Durchschauen dessen, was da der Mensch durchmacht, ziemlich weit kommen. Gerade durch Einzelheiten auf diesem Gebiete lernt man eigentlich das Leben erst kennen. Denn niemand kennt das Leben, der den Menschen nur im Zusammenhang mit dem Erdendasein zu betrachten in der Lage ist. [147] Was ist uns denn da viel unser Zusammenhang mit dem Erdendasein? In den ungeheuer langen Zeiten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist uns ja die Erde zunächst nichts, und dasjenige, was uns nur, ich möchte sagen, als Äußerlichkeit entgegenleuchtet, das ist für uns in dieser langen Zeit in ganze Götterwelten gewandelt, in denen wir dann leben, und die erst wiederum sich in ihrer Außenseite als Sterne zeigen, wenn wir uns der Erde nahen für ein neues irdisches Dasein. Was der Mensch zuerst als den Geistkeim seines physischen Leibes gewoben hat, das weiß er zunächst eins mit dem ganzen Weltenall, mit dem geistigen Weltenall. Dann, indem er nur die Offenbarung der göttlich-geistigen Welten sieht, wird das immer mehr und mehr sein Leib, der jetzt auch ein Nachbild des Kosmos ist. Und aus diesem seinem Leibe tritt die Begierde für ein irdisches Dasein auf, ein Ich-Bewußtsein in seinem Leibe. In diesem Leibe ist nun noch vieles unberührt vom Erdendasein, denn es ist ja ein Geistleib. So zum Beispiel ist es für diesen Leib zunächst in einem gewissen Stadium noch völlig unentschieden, ob der Mensch bei seinem nächsten Erdendasein eine männliche oder eine weibliche Persönlichkeit sein wird. Denn während dieser ganzen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt bis in ein sehr spätes Stadium, bevor man auf Erden geboren wird, hat es gar keinen Sinn, nach Mann und Weib zu fragen. Das sind ganz andere Verhältnisse als die, welche sich auf Erden spiegeln als Mann und Weib. Es gibt auch Verhältnisse, die sich in dem geistigen Dasein abspielen und die sich auf Erden spiegeln; aber das, was als Mann und Weib auf Erden auftritt, das gewinnt erst eine Bedeutung verhältnismäßig spät, bevor man zur Erde heruntersteigt. [148] Und wir können in den Einzelheiten verfolgen, wie das Menschenwesen – wenn es nach gewissen früheren, karmischen Zusammenhängen glaubt, im kommenden Erdendasein am besten dieses Erdendasein als Frau durchzumachen – beim Heruntersteigen nach dem irdischen Dasein, um sich dann mit dem physischen Menschenkeim zu verbinden, sich jene Zeit wählt, die hier auf Erden als die Vollmondszeit geschaut wird. Also wir können sagen: Blicken wir von der Erde aus in irgendeiner Gegend nach dem Vollmond, dann haben wir diejenige Zeit, die sich die Wesen wählen, um zur Erde herunterzusteigen, die Frauen werden wollen. Da erst wird das entschieden. Und die Neumondzeit ist diejenige Zeit, die sich die Wesen wählen, die Männer werden wollen. So daß also der Mensch durch das Mondentor in das irdische Dasein eintritt.

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Aber die Kraft, die der Mann braucht, um in das Erdenleben einzutreten, wird dann ins Weltenall hinausgeströmt; man geht ihr entgegen, indem man vom Weltenall hereinkommt, und sie wird vom Monde ausgestrahlt, wenn er für die Erde Neumond ist. Die Kraft, welche die Frau braucht, wird ausgestrahlt vom Monde, wenn er Vollmond ist; da ist seine beleuchtete Seite der Erde zu gerichtet, seine unbeleuchtete Seite geht ins Weltenall hinaus, und diese Kraft, die der Mond an seiner unbeleuchteten Seite ins Weltenall hinaussenden kann, die braucht das Menschenwesen, wenn es Frau werden will. Was ich Ihnen jetzt geschildert habe, das zeigt Ihnen, daß der alte Gedanke der Astrologie, der nur durch die landläufigen Astrologen heute vollständig in die Dekadenz gebracht worden ist, seine gute Begründung hatte. Man muß nur die Dinge innerlich anschauen können, wie sie zusammenhängen. Man muß auch nicht bloß rechnend auf die physische Konstellation hinschauen, sondern das entsprechende Geistige davon durchschauen. Da ist es wirklich möglich, in Einzelheiten einzugehen. Nicht wahr, in einem bestimmten Stadium kommt ja der Mensch aus dem Kosmos herunter. Aus dem geistigen Kosmos tritt er in den ätherischen Kosmos ein. Und ich rede eigentlich jetzt noch ganz vom ätherischen Kosmos; das Physische der Sterne kommt dabei weniger in Betracht, auch das Physische des Mondes kommt weniger noch in Betracht. [149] Das wesentliche Moment, der wesentliche Augenblick, wo der Mensch die Entscheidung trifft, auf die Erde herunterzukommen, hängt, wie ich es geschildert habe, vom Mondstadium, von den Mondenverhältnissen ab. Aber der Mensch ist ja bei diesem Herunterkommen öfter dem Vollmond oder Neumond ausgesetzt, und so kann es sein, daß der Mensch sich zunächst gewissermaßen einem entscheidenden Neumond aussetzt, um Mann, zu werden, oder einem entscheidenden Vollmond, um Frau zu werden. Dann aber – es geht ja das Heruntersteigen nicht so schnell, er bleibt längere Zeit exponiert –, dann kann er auch irgendwie sich noch entscheiden, wenn er durch den Neumond als Mann heruntersteigt, trotzdem noch dem kommenden Vollmonde sich auszusetzen. So daß er also die Entscheidung getroffen hat, als Mann herabzusteigen: er hat die Neumondkräfte dazu verwendet; aber er hat noch während seines Abstieges den weiteren Mondengang zu seiner Verfügung, den Vollmondgang. Da erfüllt er sich mit den Mondenkräften dann so, daß diese nun nicht auf sein Verhältnis als Mann oder Weib wirken, sondern vorzugsweise auf seine Hauptesorganisation und auf das, was mit der Hauptesorganisation von außen, vom Kosmos her zusammenhängt, wenn gerade die Konstellation eintritt, von der ich jetzt gesprochen habe. Wenn also der Mensch die Entscheidung getroffen hat: Ich werde Mann durch eine Neumondszeit – und dann noch im Weltenall weiterlebt, so daß er noch nicht ganz durch den Mondeneinfluß durchgegangen ist, sondern noch der nächsten Vollmondzeit ausgesetzt ist, dann bekommt er durch die Einwirkung der Mondenkräfte in diesem Zustande zum Beispiel braune Augen und schwarze Haare. So daß wir sagen können: Durch die Art und Weise, wie der Mensch an dem Mond vorbeikommt, wird nicht nur sein Geschlecht bestimmt, sondern seine Haarfarbe und seine Augenfarbe.

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Ist der Mensch zum Beispiel als Frau an dem Vollmond vorbeigegangen und setzt sich nachher noch dem Neumond aus, so kann er als Frau blaue Augen und blonde Haare bekommen. [150] So grotesk sich das ausnimmt, so sind wir durchaus prädestiniert durch die Art unseres Erlebens aus dem Kosmos heraus, wie wir als Seelisch-Geistiges in unseren physischen und ätherischen Organismus hier hineinarbeiten. Es ist durchaus vorher nicht entschieden, ob wir ein Blondkopf oder ein Schwarzkopf werden. Das entscheiden erst beim Vorbeigehen, beim Heruntergehen aus dem Kosmos in das irdische Dasein die Mondenkräfte. Und ebenso wie wir am Monde vorbeikommen, der uns eigentlich hereingeleitet ins irdische Dasein, so kommen wir ja an den anderen Planeten vorbei. Es ist nicht einerlei, ob wir zum Beispiel in der einen oder in der anderen Art, sagen wir, am Saturn vorbeikommen. Wir können zum Beispiel am Saturn dadurch vorbeikommen, daß zusammenwirken durch die besondere Konstellation die Kraft des Saturn mit der Kraft des Löwen im Tierkreise. Dadurch, daß wir gerade die Region des Saturn passieren, wenn der Saturn in seiner Kraft verstärkt wird durch den Löwen im Tierkreise, dadurch gewinnen wir in der Seele, allerdings bedingt durch unser vorhergehendes Karma, die Kraft, äußeren Lebenszufällen gescheit zu begegnen, so daß sie uns nicht immer niederwerfen. Steht der Saturn mehr, sagen wir, unter der Gewalt des Steinbocks, dann werden wir schwache Menschen, die zusammensinken unter den äußerlichen Lebensverhältnissen. Alles das tragen wir in uns, indem wir von dem Kosmos herein unser irdisches Dasein vorbereiten. Natürlich kann das durch die entsprechende Erziehung besiegt werden, aber nicht dadurch, daß wir nach Ansicht der Materialisten sagen: Das ist alles Unsinn, das braucht man alles nicht zu berücksichtigen–, sondern gerade dadurch kann es besiegt werden, daß wir diese Kräfte entwickeln, daß wir sie wirklich entwickeln. [151] Und die Menschheit wird in der Zukunft wiederum lernen, nicht bloß hinzuschauen – und gegen dieses Hinschauen soll gar nichts eingewendet werden –, ob ein Kind gute Milch bekommt und gute Nahrung, sondern die Menschheit wird auch wiederum lernen, hinzuschauen, ob in diesem oder jenem Menschen Saturnkräfte oder Jupiterkräfte unter diesem oder jenem Einfluß wirksam sind. Sagen wir, wir finden an einem Menschen, daß er durch sein Karma in sich trägt Saturnkräfte unter dem ungünstigsten Einfluß, zum Beispiel unter dem Einfluß des Steinbocks oder Wassermanns, so daß er allen Lebensschwierigkeiten ausgesetzt ist, dann werden wir sorgfältigst nach anderen Kräften in diesem Menschen suchen, wenn wir ihn stark machen wollen. Wir werden uns zum Beispiel fragen: Hat er den Durchgang durch die Jupitersphäre, durch die Marssphäre oder durch irgendeine andere Sphäre durchgemacht? – Und man wird immer eines durch das andere korrigieren und paralysieren können.

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Man wird eben lernen müssen, den Menschen nicht nur im Zusammenhange mit dem zu denken, was er im irdischen Dasein zu essen oder zu trinken beginnt, sondern man wird den Menschen im Zusammenhange betrachten müssen mit dem, was er dadurch wird, daß er durch die kosmischen Welten hindurchgeht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn der Mensch schon nahe ist seiner irdischen Laufbahn, dann tritt eigentlich für ihn eine Art von Verlust seines Wesens ein. Er war ja, wie Sie aus meiner Darstellung ersehen, verbunden mit dem, was er sich als den Geistkeim seines physischen Leibes gewoben hat. Er hat dann diesen Geistkeim noch durchwoben mit den Erfahrungen des Heruntersteigens durch Fixsterne und Planeten. In einem bestimmten Stadium, ganz nahe schon an der Konzeption und Geburt, ist der Geistkeim nicht mehr da. Dieser Geistkeim ist mittlerweile mit seinen Kräften als Kraftsystem auf die Erde hinuntergestiegen. Er ist dem Menschen entfallen. Er hat sich auf Erden selbständig mit der physischen Vererbungssubstanz verbunden, die durch die Vorfahren, durch Vater und Mutter gegeben werden. Was da im Organismus gewoben wird, geht eher auf die Erde hinunter als der Mensch als geistig-seelisches Wesen selbst. [152] Und dann, wenn der Mensch so fühlt, daß er eigentlich dasjenige, was er im Kosmos erst selbst gewoben hat, abgegeben hat an die Eltern, dann ist er im letzten Stadium vor seinem irdischen Dasein imstande – weil er eben nicht mehr zu weben hat an seinem physischen Leib, der im wesentlichen fertig und auch schon der Vererbungsströmung abgegeben und eingegliedert ist –, dann ist er imstande, aus dem Weltenäther heraus anzuziehen, was er selber als Ätherorganismus braucht. Jetzt zieht er seinen Ätherorganismus zusammen. Und zusammen mit diesem Ätherorganismus verbindet er sich mit dem, was er nun selber vorbereitet hat durch die Eltern. Er übernimmt seinen physischen Leib, in dem dieses ganze kosmische Gewebe des Geistkeimes zusammengezogen ist, und in das hineinverwoben ist, was der Mensch selber beim Heruntersteigen damit verbunden hat, indem er durch diese oder jene Sternenregion durchgegangen ist. Er geht ja nicht nach Willkür durch Neumond oder Vollmond durch und läßt sich dadurch etwa nach Willkür Mann oder Weib werden, oder schwarze oder blonde Haare haben, oder blaue oder braune Augen, sondern das alles hängt innig zusammen mit dem, was die Ergebnisse seines früheren Karma sind. Aus alledem aber werden Sie ersehen, daß der Mensch, während er im Schlafzustande nur Nachbilder der planetarischen Welt, der Fixsternwelt als sein Inneres durchmacht, er jetzt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt diese Welten in ihrer Wirklichkeit durchmacht. Er geht durch sie hindurch, sie werden sein Inneres. Und die Mondenkräfte sind es immer, die uns auf die Erde zurückbringen. Sie unterscheiden sich wesentlich dadurch von allen anderen Sternenkräften, daß sie uns auf die Erde zurückbringen. Sie bringen uns im Schlafe auf die Erde zurück, sie bringen uns auch auf die Erde zurück, wenn wir alles das, was ich skizzenhaft geschildert habe, durchgemacht haben, um wiederum zu einem Lebenslauf auf die Erde zu kommen.

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Aber sehen wir uns noch einmal dasjenige an, was da zwischen dem Einschlafen und Aufwachen als astralische und Ich-Organisation außerhalb des physischen Leibes ist. [153] Aus physischen Knochen und physischem Blut ist es nicht gewoben, es ist ein Geistig-Seelisches. Aber hinein verwoben ist unser ganzer moralischer Wert. So wie wir hier wachend aus Knochen und Blut und Nerven bestehen, so besteht das, was beim Einschlafen aus uns herausgeht und beim Aufwachen in uns wieder hereingeht, aus den real gewordenen Beurteilungen unserer eigenen moralischen Taten. Habe ich während des Tages eine gute Handlung vollbracht, so ist ihre Wirkung abbildlich in meinem Schlafesleib in dem Geistig-Seelischen drinnen, das in der Nacht herausgeht. Meine moralische Qualität lebt da drinnen. Und wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, da trägt er realisiert seine ganze moralische Bewertung mit. Der Mensch erzeugt in der Tat in sich einen zweiten Menschen zwischen Geburt und Tod im Erdenleben. Dieser zweite Mensch, der jede Nacht aus dem Leibe herausgeht, der ist das Ergebnis unseres moralischen oder unmoralischen Lebens, und das geht mit uns durch die Todespforte. Dieses Ergebnis, das unserem ewigen Wesenskern eingegliedert ist, es ist ja nicht das einzige, was wir in dem Geistig-Seelischen haben, das in der Nacht aus uns herausgeht. Aber gerade nach dem Tode, wo wir zuerst im Ätherleib, dann im Astralleib sind, (36) sehen wir kaum etwas anderes an uns selbst als diese moralische Wesenheit des Menschen. Ob einer gut oder böse war, das schaut man an: man ist es. Wie man hier ein Haut- oder ein Nerven- oder ein Blut- oder ein Knochenmensch ist, so ist man dort in seiner eigenen Anschauung das, was man moralisch oder unmoralisch war. Und nun macht man nach dem Tode den Weg hinaus, zuerst durch die Mondensphäre, dann durch die Fixsternsphäre, bis eben in die Zeit hinein, wo man beginnen kann mit den Wesen der höheren Hierarchien zu arbeiten an dem Geistkeim des nächsten physischen Leibes. Aber trüge man dieses Moralische bis in die höchsten Welten hinauf, wo man seinen künftigen physischen Organismus im Geistkeime zu weben hat, da würde dieser physische Organismus eine richtige Mißgeburt werden. [154] Es muß eben eine Zeitlang zwischen dem Tode und einer neuen Geburt der Mensch herausgehoben sein aus dem, was seine moralische Qualität ist. Ja, er läßt die moralische Qualität in der Mondensphäre zurück. Es ist in der Tat so, daß wir beim Hinausgehen aus der Mondensphäre unseren moralischen oder unmoralischen Menschen in der Mondensphäre zurücklassen und in die reine Sphäre der Götter eintreten, wo wir an unserem physischen Leibe weben können. Nun muß ich wiederum auf den Unterschied zwischen den älteren Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha und denjenigen Zeiten, die dem Mysterium von Golgatha nachgefolgt und heute noch sind, zurückkommen. Die älteren Initiierten haben ihren Schülern und durch diese Schüler der ganzen Menschheit der damaligen Zivilisation klargemacht:

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Um den Übergang finden zu können aus derjenigen Welt, die ich in meiner «Theosophie» die Seelenwelt genannt habe, und die eigentlich noch ganz in der Mondensphäre durchgemacht wird, um den Übergang zu gewinnen in die Welt, die ich dann das Geisterland genannt habe, muß der Mensch jene Gefühle hier auf Erden sich aneignen, durch die er von dem geistigen Sonnenwesen hinaufgeleitet wird, nachdem er in der Mondensphäre dieses ganze Gepäck seiner moralischen Nachwirkungen zurückgelassen hat. Sehen Sie, alles dasjenige, was uns die Geschichte über die drei ersten christlichen Jahrhunderte, auch noch über das 4. Jahrhundert erzählt, ist ja im Grunde genommen eine Fälschung; denn das Christentum war in diesen Jahrhunderten etwas ganz anderes. Es war etwas anderes, weil diejenige Auffassung in ihm geherrscht hat, die noch aus dem Verstehen der alten Initiationswissenschaft herstammte. [155] Man wußte aus dieser Initiationsweisheit, daß das ganz hohe Sonnenwesen den Menschen aus der Mondensphäre drüben in dem Leben nach dem Tode hinausführte, nachdem er sein moralisches Gepäck zurückgelassen hatte, und ihn wiederum hereinführte beim Zurückkehren in die Mondensphäre. Dadurch hatte der Mensch die Kraft – die er nicht durch sich selbst hätte haben können –, sich diesen moralischen Menschen in einer gewissen Zeit vor der Geburt einzugliedern, damit er dann auf Erden in der Seele sein Schicksal erfüllen könne, damit das nicht in den Leib hineingehe, denn sonst würde ja der Mensch als Mißgeburt geboren werden und ganz krank sein im Leibe. Es muß das wiederum in der Mondensphäre beim Heruntersteigen übernommen werden, damit es nicht in den Leib hineinkommt. Diejenigen Eingeweihten, die zur Zeit des Mysteriums von Golgatha, ja noch etwa drei bis vier Jahrhunderte hinterher gelebt haben, haben dann ihren Schülern gesagt: Das hohe Sonnenwesen war früher nur oben in den geistigen Welten. Aber mit dem Fortschritte der Menschheit ist das Ich-Bewußtsein auf Erden so hell geworden, daß es um so stärker verdunkelt wird in der geistigen Welt. Je heller nämlich unser IchBewußtsein nur durch den physischen Leib hier unten auf Erden ist, desto dunkler ist es oben. Der Mensch könnte nicht mehr an das Sonnenwesen heran, er würde nicht den Übergang finden durch seine eigene Kraft nach dem Tode aus der Mondensphäre in die höheren Sphären, wenn der Christus nicht heruntergestiegen wäre und durch das Mysterium von Golgatha gegangen wäre. Das Wesen, das der Mensch früher nach dem Tode nur in der geistigen Welt angetroffen hat, das ist heruntergestiegen, lebt nach dem Mysterium von Golgatha hier auf der Erde. Der Mensch kann ein Verhältnis zu ihm gewinnen nach dem Paulusworte: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» (37) Dadurch nimmt sich der Mensch hier von dieser Erde Kraft mit, die ihm der Christus hier auf dieser Erde gibt, um sein Moralwesen, das er als ein selbständiges Wesen in sich erzeugt, in der Mondensphäre zurückzulassen, überzugehen in die höheren Sphären, um da nun zu weben an dem Geistkeim seines physischen Leibes. [156] Und dadurch hat er die Kraft, dann wiederum beim Heruntersteigen durch die Mondensphäre, aus freier Wahl sein Karma zu übernehmen, seine guten und seine bösen Taten in ihren Nachwirkungen. Wir sind freie Menschen geworden im Verlaufe der geschichtlichen Entwickelung.
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Wir sind es aber deshalb geworden, weil wir schon aus freier innerer Stärke durch die Christus-Kraft, die wir uns hier auf Erden erwerben, unser Karma beim Herunterstieg zur Mondensphäre übernehmen. Ganz gleichgültig, ob uns das hier auf Erden gefällt oder nicht gefällt, wir tun es, wenn wir hier auf Erden rechte Christen werden, in diesem Stadium, das ich eben beschrieben habe. So habe ich mich bemüht, Ihnen einiges zu zeigen von dein, wie die moderne Initiationswissenschaft hineinschauen kann in die Welten, die wir die verborgenen Seiten des Menschendaseins nennen können, wie eigentlich alles, was am Menschen ist, nur dadurch aufgeklärt werden kann, daß man in diese verborgenen Seiten hineinschaut. Und ich habe zugleich versucht, im Zusammenhange damit Ihnen zu zeigen, was für die jetzigen Menschen der Christus-Impuls ist; denn auf ihn müssen wir immer wieder zurückkommen. Der Mensch kann nicht ein volles Menschenwesen sein in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha, wenn er nicht den Weg zu diesem Christus-Impuls findet. Und daher muß er schon so werden, daß eine anthroposophische Geisteswissenschaft gerade den Christus-Impuls in der rechten Weise immer mehr und mehr beleuchtet. Denn die Art und Weise, wie er aus einem verdunkelten Bewußtsein heraus beleuchtet worden ist in der Vergangenheit, die würde ja einem großen Teil der Menschheit – denken Sie an die Orientalen, denken Sie an die Bewohner anderer Erdteile – die Möglichkeit nehmen, sich zum Christentum zu bekennen. Dasjenige Christentum, das anthroposophisch geisteswissenschaftlich vertieft ist, wird in der Tat – wenn man nur einmal richtig den Nerv der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, verstehen wird – gerade von den Orientalen, die eine alte Geistigkeit, wenn auch in der Dekadenz, in sich haben, aufgefaßt werden, mit Sehnsucht aufgefaßt werden. [157] Auf diesem Wege allein kann jener Friede über die Erde kommen, der aus der Seele und aus dem Geiste der Menschen kommen muß, und der der Erde – das fühlt jeder Unbefangene heute – so notwendig ist. Man wird sich noch viel mehr überzeugen müssen, wie wertlos im Grunde genommen heute alles Denken über äußere Institutionen ist, und wie notwendig es dagegen ist, unmittelbar sich an die Seelen zu wenden. An die Seelen aber kann man sich nicht wenden, wenn man diesen Seelen nicht etwas zu sagen weiß über die eigentliche Heimat der Seele, über das, was der Mensch erlebt jenseits des physischen Daseins in denjenigen Bewußtseinszuständen, von denen ich Ihnen heute gesprochen habe. Mögen diese Bewußtseinszustände auch während des irdischen Lebens nicht vorhanden sein, ihre Wirkungen sind vorhanden. Oh, derjenige, der das Leben durchschaut, er sieht in jedem Menschenantlitz ein Abbild der kosmischen Schicksale, die der Mensch durchgemacht hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt! Ich habe Ihnen heute geschildert, wie das Schicksal, ob man Mann oder Frau geworden ist, aus dem Kosmos heraus begriffen werden kann, wie selbst die Farbe der Augen, die Farbe der Haare erst begriffen werden können, wenn man ins kosmische Dasein hineinschauen kann. Nichts in dieser Welt ist verständlich, wenn es nicht aus dem Kosmos heraus verstanden wird.

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Dann erst wird der Mensch sich richtig als Mensch fühlen, wenn wir ihm wieder aus einer wirklichen Geist-Erkenntnis heraus zu sagen wissen, welches sein Zusammenhang ist mit dem, was hinter dem sinnlich-physischen Dasein steht. Wenn es auch die Menschen der Erde heute noch nicht wissen, unbewußt lechzen sie nach einem solchen Wissen. Und was sich konvulsivisch heute entwickelt auf allen Gebieten, sei es auf dem Gebiete des geistigen, des äußeren rechtlichen oder des wirtschaftlichen Lebens, alles ist zum Schluß eine Wirkung des Geistigen. [158] Alles das kann nur dadurch von Niedergangskräften zu Aufgangskräften gebracht werden, daß der Mensch wiederum etwas wissen lernt von seinem Zusammenhange mit dem außerphysischen Dasein; denn dieses physische Dasein ist nichts, wenn es nicht im Zusammenhange gesehen wird mit dem überphysischen Dasein. Dieser physische Menschenleib gewinnt erst seine Bedeutung, wenn wir ihn gewissermaßen als den Zusammenfluß all jener Hoheitskräfte sehen, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gewoben werden. Das ist ja die Tragik der materialistischen Welterkenntnis, daß sie zuletzt das Materielle selber nicht kennt. Wir legen den menschlichen Leib auf den Seziertisch, durchforschen ihn sorgfältig nach seinen Geweben und nach seinen einzelnen physischen Bestandteilen. Wir tun das, weil wir die Materie kennenlernen wollen. Wir lernen sie aber auf diesem Weg nicht kennen, denn sie ist Wirkung des Geistes, und wir kennen sie erst, wenn wir sie in jene Stadien zurückverfolgen können, wo sie aus dem Geiste heraus gesponnen wird. Gerade das physisch-materielle Dasein wird für die Menschen erst verständlich werden, wenn sie mit ihrer Seele in das Seelische und Geistige kosmisch hineingeführt werden. Durchdringen wir uns mit dem Bewußtsein, daß wir immer mehr verstehen sollen, wie wir zusammenhängen mit dem Geistig-Seelischen des Kosmos, dann werden wir richtige Anthroposophen. Und bei Ihnen werde ich ja wohl nicht verlacht werden, wenn ich sage: Die Welt braucht heute richtige Anthroposophen, die aus jenem Bewußtsein heraus einen Aufstieg der Menschheit bewirken, das sich ergibt aus dem Erleben des Geistigen, wenn wir es zunächst auch nur in dem Abbilde begreifen sollten, wenn wir auch nicht selber hellsehend erkennen. Wir brauchen noch nicht hellseherisch zu sein, um wohltätig zu wirken im Besitze einer Geist-Erkenntnis. Geradesowenig wie der Mensch zu wissen braucht, woraus Fleisch besteht, wenn er Fleisch ißt, und dieses Fleisch ihn doch nährt, ebensowenig braucht der Mensch hellseherisch zu sein, um durch seine Arbeit, durch seinen ganzen Zusammenhang mit dem Leben der höheren Welten zu wirken. Wie wenn der Mensch das Geistige verzehren würde, so ist es, wenn er es annimmt vor dem Hellsehen. [159] Und das Hellsehen fügt im Grunde genommen nichts zu dem hinzu, was wir durch das Geisteswissen der Welt werden können. Es befriedigt nur unsere Erkenntnis, die muß einmal da sein. Es müssen natürlich Leute da sein, die die Zusammensetzung des Fleisches untersuchen, aber zum Essen ist diese Erkenntnis nicht notwendig. So müssen auch Hellseher da sein in der neuen Zeit, die untersuchen können, wie des Menschen Zusammenhang mit der geistigen Welt ist; aber um das, was die Menschheit braucht, zu bewirken, ist notwendig, daß wir gesunde Menschenseelen sind.

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Die werden seelische Verdauungskraft fühlen, wenn ihnen von der Wissenschaft des Geistigen gesprochen wird, die werden dieses Geistige aufnehmen, es verdauen, es in ihre Arbeit eingliedern. Und das brauchen wir heute über die ganze zivilisierte Welt hin: äußere Menschenarbeit, die im rechten und wahren Sinne durchgeistigt ist. [160]

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Schicksalbestimmende und menschenbefreiende Planeten
Ich möchte in diesen Tagen zu dem früher Gesagten noch einiges von dem hinzufügen, was die Möglichkeit bietet, gewisse Untergründe der Weltengeheimnisse zu gewinnen, die der neueren Zivilisation verlorengegangen sind. Wir brauchen ja nur hinzuschauen auf das, was die neuere Zivilisation als ihre Anschauung hat zum Beispiel von dem Planetensystem. Wir wissen, daß dieses Planetensystem so vorgestellt wird, als sei es hervorgegangen aus einer Art Urnebel, der in rotierender Bewegung war und von dem sich infolge dieser rotierenden Bewegung die einzelnen planetarischen Körper abgespalten haben. Man hat durch die Spekulationen, die man sich für diese Anschauung zurechtgelegt hat, ja nichts gewonnen, als daß man eine Art von Gleichgültigkeit der einzelnen Himmelskörper untereinander hat, die dabei geschildert werden, und auch eine Gleichgültigkeit des menschlichen Blickes gegenüber diesen Himmelskörpern. Was unterscheidet sich da stark, sagen wir, am Mond vom Saturn, wenn das alles gefaßt sein soll in die Vorstellung eines rotierenden Nebels, aus dem sich allmählich diese Himmelskörper abspalten? Allerdings, die für alles Irdische und namentlich für das Irdisch-Mineralische s0 bedeutsamen Forschungen des 19. Jahrhunderts haben allerlei zu sagen gewußt über die stoffliche Zusammensetzung der Himmelskörper, haben eine Art Physik und Chemie der Himmelskörper geschaffen. [161] Damit ist es ja möglich, daß in den gebräuchlichen Handbüchern spezielle Dinge gesagt werden über Venus, Saturn, Mond und s0 weiter. Allein, all dieses ist s0, wie wenn man von dem Menschen, der beseelt und durchgeistet ist, gewissermaßen nur eine Art von Abbild seines äußeren Organismus schaffen würde, ohne einzugehen auf die Durchseelung und Durchgeistigung. Man muß wiederum dazu kommen, mit Hilfe einer Initiationswissenschaft auch in dasjenige einzudringen, was man Durchseelung und Durchgeistigung zunächst, sagen wir, unseres Planetensystems nennen kann. Und da möchte ich heute einfach mehr die Individualitäten der einzelnen Planeten dieses Systems charakterisieren. Ich möchte zuerst hinweisen auf denjenigen Planeten, welcher der Erde zunächst steht, mit dessen Geschick – in einer gewissen Beziehung allerdings nur – das Erdengeschick verbunden ist, und der einmal eine ganz andere Rolle spielte im Erdenleben, als er heute spielt. Denn Sie wissen ja aus den Schilderungen meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wie ich sie gegeben habe, daß dieser Mond in verhältnismäßig jüngerer Weltenzeit noch mit der Erde verbunden war, sich von der Erde getrennt hat und sie nun umkreist. Wenn wir von ihm als von einem äußeren physischen Himmelskörper sprechen, so ist das Physische in ihm eben nur die äußere, die alleräußerlichste Offenbarung des Geistigen, das dahinterliegt. Wenn wir den heutigen Mond betrachten, so erscheint er denjenigen, die ihn in bezug auf seine Außenseite und seine Innenseite kennenzulernen vermögen, so, daß er gewissermaßen zunächst in unserem Universum eine Versammlung von geistigen Wesenheiten darstellt, die in sich eine große Abgeschlossenheit haben.

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Nach außen hin verhält sich ja der Mond im Grunde genommen wie ein Spiegel des Universums. Wenn wir also hier die Erde haben (siehe Zeichnung Seite 112) und den Mond in die unmittelbare Nähe der Erde rücken, so ist für die alleräußerlichste Anschauung dies der Fall, daß er mit seiner Erscheinung das Sonnenlicht zurückwirft, so daß wir sagen können: Dasjenige, was vom Monde kommt, ist das auf ihn aufstrahlende und wieder zurückgeworfene Sonnenlicht. Er ist also eigentlich zunächst der Spiegel des Sonnenlichtes. [162] Sie wissen ja, wie es die Natur eines Spiegels ist, daß man dasjenige sieht, was außer ihm ist, vor ihm ist, daß man aber gerade nicht dasjenige sieht, was hinter ihm ist. Nun ist der Mond nicht nur gewissermaßen der Spiegel des Sonnenhaften im Universum, sondern er ist überhaupt ein Spiegel für alles dasjenige, was strahlend auf ihn auftreffen kann, nur daß das Sonnenlicht dabei das allerstärkste ist. Aber alles, was an Weltenkörpern im Universum vorhanden ist, strahlt nach dem Monde, und der Mond strahlt wie ein Spiegel des Gesamtuniversums dieses Universum bildhaft nach allen Seiten wiederum zurück. So daß man sagen kann: Man hat das Universum eigentlich, wenn man es anschaut, doppelt vor sich, einmal, wie es in der Umwelt der Erde sich offenbart, und einmal, wie es zurückgestrahlt ist vom Monde. Die Sonnenstrahlen wirken mächtig. Sie wirken mächtig auch in ihrer Rückstrahlung vom Monde. Aber auch alles übrige, was im Universum räumlich strahlend sich offenbaren kann, wird vom Monde zurückgestrahlt, und man hat außer dem, was sich im Universum offenbart, noch diese Rückstrahlung des Universums vom Monde. Derjenige, der alle Einzelheiten des Mondes würde beobachten können, der, mit anderen Worten, ein Auge hätte für die Spiegelbilder, die der Mond nach allen Seiten vom Universum entwirft, der würde vom Monde her gespiegelt haben das ganze Universum. Nur allein dasjenige, was innerhalb des Mondes ist, das bleibt – wenn ich mich so ausdrücken darf – Geheimnis des Mondes, das bleibt verborgen, wie das, was hinter dem Spiegel steht, verborgen bleibt. Was hinter der Oberfläche des Mondes, also im Innern des Mondes selber drinnen ist, das ist vor allen Dingen bedeutsam durch seine geistige Seite. Die geistigen Wesenheiten, welche dieses Innere des Mondes bewohnen, sind Wesenheiten, die sich im strengsten Sinne von dem übrigen Universum abschließen. Sie leben wie in der Mondenfestung. [163] Und nur derjenige, welcher es dahin bringt, zu dem Sonnenlichte eine solche Verwandtschaft zu bekommen, gewisse Eigentümlichkeiten des menschlichen Herzlebens so zur Entwickelung zu bringen, daß er die Rückstrahlung vom Monde nicht sieht, für den wird der Mond gewissermaßen seelisch durchsichtig, und er kann in diese Mondenfestung des Universums eindringen. Und er macht dann eine bedeutungsvolle Entdeckung. Er macht die Entdeckung, daß durch die Aussagen, durch die Lehren derjenigen Wesenheiten, die sich in voller Abgeschlossenheit wie zurückgezogen haben in diese Mondenfestung des Universums, wiederum geoffenbart werden können gewisse Geheimnisse, welche die Erde einmal besessen hat in ihren auserlesensten Geistern, die sie aber verloren hat.

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Und wenn wir heute zurückgehen in der Erdenentwickelung, so finden wir, daß, je weiter wir zurückgehen, wir desto weniger auf die abstrakten Wahrheiten treffen, die den Stolz der gegenwärtigen Menschheit ausmachen, aber wir kommen immer mehr und mehr auf Bildwahrheiten. Wir ringen uns dann durch die innerlich bedeutungsvollen Wahrheiten durch, die noch aufgeschrieben sind, die als ein letzter Nachklang der orientalischen Weisheit zum Beispiel in den Veden und in der Vedanta erglänzen, wir ringen uns da durch zu den Uroffenbarungen der Menschheit, welche noch hinter den Mythen und Sagen liegen, und kommen zunächst voller Ehrfurcht und voller Erstaunen dazu, anzuerkennen, wie die Menschheit einmal eine großartige Weisheit besessen hat, die sie, ohne Anstrengung des Verstandes, als eine Gnade der geistigen Weltenwesen erhalten hatte. Und wir werden zuletzt zurückgeführt zu all dem, was einmal auf der Erde den damals schon auf Erden vorhandenen Urmenschen lehren konnten diese Wesenheiten, die sich nun in die Mondenfestung des Universums zurückgezogen haben, die mit dem Monde hinausgegangen sind aus der Erde. Die Menschen haben dann die Erinnerung bewahrt an dasjenige, was einstmals diese Wesenheiten geoffenbart hatten den ältesten Urvölkern der Menschheit, die noch etwas ganz anderes in ihrem Wesen hatten als die heutige menschliche Gestalt. [164] Aber wenn man dieses Geheimnis – ich möchte es das Mondengeheimnis des Universums nennen – durchdringt, wird man gewahr, wie diese Wesenheiten, die heute in der Mondenfestung des Universums sich verankert haben, einmal die großen Lehrer der Erdenmenschheit waren, und wie die Erdenmenschheit verloren hat gerade dasjenige, was heute an Geistigem und Seelischem in dieser Universumsfestung verborgen liegt. Denn was der Erde noch zukommt vom Universum, es ist ja durchaus nur dasjenige, was die Außenfläche, gewissermaßen die Mauern dieser Festung zurückstrahlen von dem übrigen Weltenall. Es gehört dieses Mondengeheimnis zu den tiefsten Geheimnissen des alten Mysterienwesens. Denn was der Mond in seinem Innern enthält, das ist sozusagen die Urweisheit. Dasjenige aber, was der Mond zurückzustrahlen vermag aus allem Universum, das ist, was die Summe von Kräften bildet, welche unsere Tierwelt der Erde unterhalten, namentlich jene, die zusammenhängen mit der Geschlechtlichkeit der Tierwelt, die auch das Tierisch-Physische am Menschen unterhalten und zusammenhängen mit der physisch-sinnlichen Geschlechtlichkeit des Menschen. So daß die niedere Natur des Menschen ein Geschöpf ist desjenigen, was der Mond ausstrahlt, und das Höchste, was einmal die Erde besessen hat, in der Mondenfestung innerlich geborgen ist. In dieser Weise gelangt man durch eine solche Betrachtung allmählich heran an eine Kenntnis der Individualität des Mondes, an eine Kenntnis desjenigen, was er eigentlich ist, während alle andere Erkenntnis eben nur eine solche ist, die man erhalten würde von einem Menschen, wenn man einen Abdruck von ihm in Papiermache in einem Panoptikum fände. Man würde nichts wissen von der Individualität des Menschen, wenn man diesen Abdruck betrachtete. Ebensowenig weiß eine Wissenschaft, die nicht an die Initiation heran will, irgend etwas von der Individualität des Mondes. [165]
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In gewissem Sinne ist ein Gegensatz zu dieser Mondenindividualität der äußerste Planet – wenigstens der für die Alten äußerste Planet, es sind ja später noch der Uranus und der Neptun dazugekommen, aber betrachten wir diese beiden letzteren jetzt nicht –, einen gewissen Gegensatz zu dieser Mondenindividualität bildet die Saturnindividualität (siehe Zeichnung Seite 167). Die Saturnindividualität ist so geartet, daß sie eigentlich von dem Weltenall selbst zwar in der mannigfaltigsten Weise angeregt wird, daß sie aber wenigstens auf die Erde von diesen Anregungen aus dem Weltenall nichts zurückkommen läßt, nichts hinstrahlt. Gewiß, auch der Saturn wird von der Sonne bestrahlt, aber dasjenige, was er von den Sonnenstrahlen wieder zurückwirft, hat keine Bedeutung für das irdische Leben, sondern der Saturn ist ganz und gar derjenige Weltenkörper unseres Planetensystems, der sich voll hingibt in seinem eigenen Wesen. Er strahlt sein eigenes Wesen in die Welt hinaus. Und wenn man den Saturn betrachtet, dann sagt er einem eigentlich immer, wie er ist. Während der Mond, wenn man ihn äußerlich betrachtet, einem sagt, wie alles andere in der Welt ist, sagt einem der Saturn gar nichts von dem, was er an Anregungen von der übrigen Welt empfängt, sondern er spricht immer nur von sich selbst. Er sagt nur das, was er selbst ist. Und dasjenige, was er selbst ist, enthüllt sich nach und nach wie eine Art Gedächtnis unseres Planetensystems. Der Saturn kommt einem vor wie derjenige Weltenkörper, der alles getreulich mitgemacht hat in unserem Planetensystem, aber sich auch alles in der Erinnerung, in dieser kosmischen Erinnerung, die er hat, treu bewahrt hat. Er schweigt über die Dinge der Gegenwart des Universums. Diese Dinge der Gegenwart des Universums nimmt er auf, verarbeitet sie in seinem inneren Seelisch-Geistigen. Die ganze Summe der Wesenheiten, die im Saturn wohnen, gibt sich zwar der Außenwelt hin, aber nimmt schweigend, stumm die Ereignisse der Welt in das Seelenhafte auf und erzählt nur von den vergangenen Ereignissen des Kosmos. Daher ist der Saturn, wenn er zunächst kosmisch betrachtet wird, etwas wie das wandelnde Gedächtnis unseres Planetensystems. Und er enthält eigentlich als ein treuer Mitteiler desjenigen, was im Planetensystem passiert ist, in dieser Art die Geheimnisse des Planetensystems. [166]

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Während wir also, wenn wir die Weltengeheimnisse ergründen wollen, nach dem Monde vergeblich schauen, während wir uns sozusagen zu Vertrauten der Mondenwesen selber machen müssen, wenn wir von ihnen etwas erfahren wollen über die Weltengeheimnisse, ist solches beim Saturn nicht notwendig. Beim Saturn genügt ein Aufgeschlossensein für das Geistige: dann verwandelt sich der Saturn vor dem geistigen Auge, vor dem Seelenauge, in einen lebendigen Historiographen des Planetensystems. Er hält auch gar nicht zurück mit diesen Erzählungen, die er zu geben hat von alledem, was innerhalb des Planetensystems geschehen ist. Er ist in dieser Beziehung der volle Gegensatz der Mondenbildung, er spricht fortwährend. [167] Und er spricht von der Vergangenheit des Planetensystems mit innerer Wärme und innerer Glut, so daß es eigentlich gefährlich ist, mit dem, was er im Weltenall spricht, intimer bekannt zu werden, weil er von den vergangenen Ereignissen des Weltenalls mit einer solchen Hingebung spricht, daß man ungeheuer lieb gewinnt diese Vergangenheit des Weltenalls. Er ist sozusagen fortwährend für denjenigen, der ihm seine Geheimnisse ablauscht, der ständige Verführer, das Irdische gering zu achten und sich ganz und gar zu vertiefen in das, was die Erde einmal war. Namentlich spricht er deutlich über alles das, was die Erde war, bevor sie Erde geworden ist. So daß er derjenige Planet in unserem Planetensystem ist, der einem die Vergangenheit unendlich teuer macht. Und jene Menschen, die nun eine irdische Hinneigung zum Saturn haben, das sind solche, die immer gern in die Vergangenheit blicken die nicht gerne den Fortschritt haben, die das Vergangene immer wieder zurückführen möchten. Auf diese Art nähert man sich der Individualität des Saturn. Wieder von anderer Art ist zum Beispiel ein solcher Planet wie der Jupiter (siehe Zeichnung Seite 167). Der Jupiter ist der Denker unseres Planetensystems, und das Denken ist vorzüglich dasjenige Element, was alle Wesenheiten pflegen, die sozusagen in seinem Weltterrain vereinigt sind. Schöpferische und empfangene Gedanken des Universums strahlen uns vom Jupiter zu. Der Jupiter enthält in Gedankenform alle die Bildungskräfte für die verschiedenen Wesen des Universums.
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Während der Saturn das Vergangene erzählt, zeigt der Jupiter, doch in lebendiger Darstellung, in lebendiger Auffassung, das ihm Entsprechende im Gegenwärtigen des Universums. Aber es ist notwendig, daß man in einer sinnigen Weise eingreift in dasjenige, was er dem Geistesauge darbietet. Wenn man nicht selbst Denken entfaltet, dann kommt man auch zum Beispiel – gebrauchen wir das Wort – als Hellseher an die Geheimnisse des Jupiter nicht heran, denn die Geheimnisse des Jupiter sind so, daß sie nur in Gedankenform sich enthüllen, und nur wenn man selbst denkt, kommt man an die Geheimnisse des Jupiter heran, denn er ist der Denker des Universums. [168] Wenn man versucht, irgendeine bedeutsame Rätselfrage des Daseins in klarem Denken zu erfassen, und man kommt wegen der menschlich- physischen und ätherischen Hemmnisse, wegen der astralischen Hemmnisse namentlich, nicht zurecht, dann treten die Wesen des Jupiter ein, und sie helfen einem. Die Wesen des Jupiter sind gerade die Helfer des Menschlichen für die menschliche Weisheitsentfaltung. Und derjenige, der sich so recht angestrengt hat, um in klarem Denken zu entwickeln irgendwelche Rätselfrage des Daseins und nicht auf ihren Grund kommen kann, der findet, wenn er Geduld hat und diese Rätselfrage weiter im Gemüte bearbeitet, daß ihm die Jupitermächte sogar während der Nacht helfen. Und mancher, der ein Tagesrätsel dann wie aus einem Traume heraus in der Nacht besser gelöst hat als am vorigen Tage, müßte sich, wenn er die Wahrheit durchschauen würde, eigentlich gestehen: Es sind die Jupitermächte, die das menschliche Denken, wenn ich mich so ausdrücken darf, in Schwung und Bewegung und Verve bringen. Wenn also der Saturn der Gedächtnisbewahrer des Universums ist, so ist Jupiter der Denker des Universums. Dem Jupiter verdankt der Mensch alles das, was er von der geistigen Gegenwart des Universums hat. Dem Saturn verdankt der Mensch alles das, was er von der geistig-seelischen Vergangenheit des Universums hat. Es war aus einer gewissen Intuition heraus, daß gerade in Griechenland, wo man mit dem Geist so in der Gegenwart lebte, der Jupiter besonders verehrt wurde. Auch in demjenigen, was der Jupiter dem Jahreslauf verleiht, liegt für den Menschen in seiner ganzen Heranentwickelung die Anregung. Sie wissen ja, der Saturn geht, wenn wir seine scheinbare Bewegung genau ins Auge fassen, langsam, langsam herum: fast dreißig Jahre braucht er. Jupiter geht schneller herum: zwölf Jahre etwa braucht er. Er gibt durch das, was er in seiner schnelleren Bewegung ist, dem menschlichen Bedürfnisse nach der Weisheit gerade die Genugtuung. [169] Und wenn nach derjenigen Uhr, die gewissermaßen ausdrückt des Menschen Schicksal im Weltenall, eine besondere Beziehung besteht zwischen Jupiter und Saturn, dann kommen in dieses Menschenschicksal hinein jene wunderbaren leuchtenden Augenblicke, in denen mit dem Denken der Gegenwart vieles enthüllt wird über die Vergangenheit. Und suchen wir in der Weltgeschichte der Menschheit nach den Augenblicken, wo die Renaissance-Epochen eingetreten sind, wo ein Wiederheraufkommen alter Impulse eingetreten ist, wie etwa in der letzten Renaissancezeit, dann ist dieses Wiedererneuern alter Impulse durchaus zusammenhängend mit einer gewissen Konstellation zwischen Jupiter und Saturn.

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Aber, wie gesagt, in einem gewissen Sinne verschlossen ist schon der Jupiter, und seine Offenbarungen bleiben im Unbewußten, wenn der Mensch nicht durch ein aktives, in sich kräftiges, klares lichtvolles Denken ihnen entgegenkommt. Daher war in alten Zeiten, in denen das aktive Denken wenig entwickelt war, die Art, wie die Menschheit vorrückte, eigentlich immer davon abhängig, wie Jupiter zu Saturn stand. In Zeiten, in denen eine gewisse Konstellation zwischen Jupiter und Saturn war, offenbarte sich insbesondere den alten Menschen vieles. Der neuere Mensch ist mehr angewiesen darauf, die Dinge getrennt in ihrer Entwickelung zu nehmen, das heißt, das Saturngedächtnis und die Jupiterweisheit getrennt zu empfangen in seiner seelischgeistigen Entwickelung. Gehen wir dann zum Mars über (siehe Zeichnung Seite 167), so haben wir in dem Mars den Planeten, den man eigentlich – nicht wahr, eine Terminologie muß man ja haben – den vielsprechenden Planeten in unserem Planetensystem nennen kann. Er ist derjenige, der nicht, wie der Jupiter, mit seiner Weisheit in der Gedankenform zurückhält, sondern der eigentlich alles, was ihm zugänglich ist im Universum – und ihm sind ja nicht alle Dinge des Universums zugänglich, ich meine, den Seelen, die ihn bewohnen –, immer ausplaudert. Er ist der geschwätzigste Planet in unserem Planetensystem, er erzählt immer. [170] Und er ist zum Beispiel ganz besonders wirksam, wenn Leute aus dem Schlaf, aus dem Traum heraus reden. Denn er ist auch im Grunde genommen derjenige Planet, der eine ungeheure Sehnsucht hat, immer zu reden, so daß er, wenn ihm irgend etwas von der menschlichen Natur zugänglich ist, wodurch er sie redselig machen kann, die Geschwätzigkeit anregt. Er ist der Planet, der wenig denkt, wenig Denker, aber viele Redner hat. Seine Geister stehen immer auf der Wacht, was sich da und dort in dem Universum darbietet, und dann reden sie davon mit einer großen Hingabe und mit einer großen Verve. Er ist derjenige, der in der mannigfaltigsten Weise im Verlaufe der Menschheitsentwickelung die Menschen anregt, Aussagen zu machen über die Weltengeheimnisse. Er hat seine guten und minder guten Seiten. Er hat seinen Genius und seinen Dämon. Der Genius wirkt so, daß die Menschen aus dem Universum heraus überhaupt die Impulse bekommen zur Sprache. Sein Dämon wirkt so, daß die Sprache in der verschiedensten Weise mißbraucht wird. Er ist – in einem gewissen Sinne kann man das sagen – der Agitator des Weltenalls zu nennen. Er will überreden, während der Jupiter nur überzeugen will. Noch wieder eine andere Stellung nimmt zum Beispiel die Venus ein (siehe Zeichnung Seite 112). Die Venus ist in einer gewissen Beziehung ja, wie soll ich mich ausdrücken? – abweisend gegen das ganze Universum. Sie ist spröde gegen das Universum, sie will nichts wissen vom Universum. Sie betrachtet das Universum so, daß, wenn sie sich ihm aussetzen würde, sie dadurch, gerade durch das äußere Universum, ich möchte sagen, ihre Jungfräulichkeit verlieren würde. Sie ist furchtbar schockiert, wenn irgendein Eindruck aus dem äußeren Universum an sie herankommen will. Sie mag nicht das Universum, weist jeden Tänzer aus dem äußeren Universum ab.

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Das ist schwierig auszudrücken, weil natürlich die Verhältnisse in der Erdensprache ausgedrückt werden müssen, aber es ist eben so. Dagegen ist sie ungeheuer empfänglich für alles das, was gerade von der Erde kommt. Die Erde ist wirklich der Liebhaber der Venus in einem gewissen Sinne. [171] Während der Mond ringsherum das ganze Universum spiegelt, spiegelt die Venus nichts von dem Universum, sie will nichts wissen von dem Universum, aber sie spiegelt liebevoll alles zurück, was von der Erde kommt. Man hat die ganze Erde mit allen ihren seelischen Geheimnissen noch einmal, wenn man mit dem Seelenauge die Geheimnisse der Venus belauscht. Es ist schon so, daß die Menschen auf Erden im Grunde nichts Rechtes im Geheimen ihrer Seele tun können, ohne daß es für denjenigen, welcher der Sache nachgeht, von der Venus herabgespiegelt wird. Sie schaut den Leuten allen tief ins Herz hinein, denn das interessiert sie, das läßt sie an sich herankommen. Also man hat alles, was im Intimsten auf der Erde lebt, auf der Venus noch einmal, und in einer Widerspiegelung, die merkwürdig ist. Sie verwandelt eigentlich in der Widerspiegelung alles so, wie der menschliche Traum die äußeren Ereignisse des physischen Lebens verwandelt. Sie nimmt die irdischen Ereignisse und verwandelt sie in Traumbilder. So daß eigentlich der ganze Gang, den die Venus um die Erde herum macht, diese ganze Sphäre der Venus, eigentlich eine Träumerei ist. Und in den mannigfaltigsten Traumgebilden leben die traumhaft verwandelten irdischen Menschengeheimnisse. Die Venus hat sogar sehr viel mit den Dichtern zu tun. Nur wissen das die Dichter natürlich nicht, aber sie hat sehr viel mit den Dichtern zu tun. Nun ist es aber sehr merkwürdig: ich sagte, sie ist abweisend gegen das ganze übrige Universum; das ist sie durchaus. Aber sie ist nicht in der gleichen Art abweisend gegen alles, was aus dem Universum kommt. Also ich möchte sagen, mit dem Gemüte wird von der Venus alles abgewiesen, was von dem Universum kommt, und nur dasjenige nicht abgewiesen, was von der Erde kommt. Jeden Tänzer, sagte ich, weist sie zurück, aber sie lauscht mit aller Aufmerksamkeit auf das, was der Mars redet. Sie verwandelt, sie durchleuchtet ihre traumhaftirdischen Erlebnisse mit dem, was sie aus dem Universum durch den Mars übermittelt erhält. Alle solchen Dinge haben nun auch eine physische Seite. [172] Von diesen Dingen gehen ja die Impulse aus für dasjenige, was in der Welt geschaffen wird, was in der Welt entsteht. Und aus dem, was sich da abspielt allerdings, die Sonne ist dazwischen, die macht da Ordnung –, indem die Venus alles, was von der Erde kommt, aufnimmt und dann den Mars immer belauscht – sie will nicht, daß er es weiß, aber sie will ihn belauschen –, nun, aus dem bilden sich diejenigen Kräfte, die gerade zugrunde liegen den Organen der menschlichen Sprachbildung. Will man im Kosmos die Impulse für die menschliche Sprachbildung kennenlernen, dann muß man auf dieses merkwürdige Weben und Leben, das sich da abspielt zwischen Venus und Mars, hinschauen. So daß es, wenn das Schicksal gerade so spielt, eine große Bedeutung hat für die Entwickelung der Sprache irgendeines Volkes, wie Venus zu Mars steht: Eine Sprache wird innerlich vertieft, seelenvoll, wenn die Venus zum Beispiel in der Quadratur steht zum Mars.
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Dagegen wird eine Sprache seelenlos, schellend, wenn die Venus und der Mars in Konjunktion stehen und dies dann auf das betreffende Volk Einfluß hat. So stellen sich diese Dinge dar, die sich als Impulse im Weltenall bilden und dann hereinwirken in das Irdische. Dann haben wir Merkur(siehe Zeichnung Seite 112). Merkur ist derjenige Planet, welcher, im Gegensatze zu den anderen, eigentlich sich interessiert für das, was nicht sinnlicher, aber von solcher Natur ist, daß man es kombinieren kann. In ihm sind die Meister des kombinierenden Denkens, in Jupiter die Meister des weisheitsvollen Denkens. Und es ist so, daß wenn der Mensch aus dem vorirdischen Leben in das Dasein der Erde tritt, der Mondenimpuls dann derjenige ist, welcher die Kräfte liefert für sein physisches Dasein. Die Venus, die liefert die Kräfte für alles das, was Gemüts- und Temperamentsanlagen sind. Merkur aber liefert die Kräfte für alles das, was im Menschen Verstandes- und Vernunftanlagen sind, namentlich Verstandesanlagen. Es sind eben im Merkur verankert die Meister der kombinierenden Erkenntniskräfte. Und wiederum besteht in bezug auf den Menschen ein merkwürdiges Verhältnis zwischen diesen Planeten. [173] Der Mond, der die herben, sich ganz in sich selbst zurückziehenden Geister enthält, der nur dasjenige, was aus dem Universum ihm zugestrahlt wird, wiederum zurückstrahlt, der baut eigentlich das Äußere, den Körper des Menschen auf. Der vereinigt in diesem Aufbauen des Körperlichen also die Vererbungskräfte. In ihm sitzen eben jene geistigen Wesenheiten, die in voller Abgeschlossenheit, ich möchte sagen, kosmisch sinnen über dasjenige, was von Generation zu Generation auf dem Umwege durch das Physische sich forterbt. Daher wissen ja die Menschen der gegenwärtigen Wissenschaft, weil sich die Mondenwesen so verschanzt halten in ihrer Festung, über die Vererbung gar nichts. Im Grunde genommen erscheint es einem tieferen Blick so, daß in der Gegenwart, wenn irgendwo in einem wissenschaftlichen Zusammenhang von Vererbung gesprochen wird, man eigentlich, wenn man eine kosmische Sprache redete, sagen könnte: Der ist mondverlassen; dagegen ist er marsbehext, denn er redet unter dem Einflusse der dämonischen Marskräfte von der Vererbung, aber er steht ganz fern den eigentlichen Vererbungsgeheimnissen. Venus und Merkur tragen mehr das Seelisch-Geistige des Karmischen in den Menschen hinein und bringen es in seiner Gemütsanlage, in seinem Temperament zum Vorschein. Dagegen haben Mars und namentlich Jupiter und Saturn, wenn der Mensch in einem richtigen Verhältnis zu ihnen steht, etwas Befreiendes. Sie reißen ihn los von allem Schicksalsbestimmten und machen ihn gerade zu einem freien Wesen. Man könnte in einer etwas verwandelten Form ein biblisches Wort gebrauchen. Saturn, welcher der treue Gedächtnisbewahrendes Universums ist, sagte eines Tages: Lasset uns den Menschen in seinem eigenen Gedächtnisse frei machen. – Und da wurde der Einfluß des Saturn ins Unbewußte hinuntergedrängt, der Mensch bekam sein eigenes Gedächtnis und mit ihm die Unterlage, das Unterpfand seiner persönlichen Freiheit.

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Ebenso ist der innere Willensimpuls, der im freien Denken liegt, der Gnade des Jupiter zu verdanken. [174] Jupiter könnte eigentlich alle Gedanken der Menschen beherrschen. Er ist derjenige, bei dem man die gegenwärtigen Gedanken des ganzen Universums findet, wenn man sie sich zugänglich macht. Aber er hat sich ebenfalls zurückgezogen, er, läßt die Menschen denken als freie Wesen. Und das freie Element, das in der Sprache ist, liegt darinnen, daß sogar Mars gnadenvoll geworden ist. Weil er sich sozusagen fügen mußte dem Ratschlusse der anderen sonnenfernen Planeten, nicht dem Menschen die Dinge weiter aufdrängen durfte, so ist der Mensch auch in der Sprache in einer gewissen Weise frei, nicht ganz frei, aber er ist in einer gewissen Weise frei. So daß von einer anderen Seite her Mars, Jupiter und Saturn die menschenbefreienden Planeten genannt werden können, dagegen Venus, Merkur und Mond die schicksalbestimmenden Planeten genannt werden müssen. Zwischen diese Taten und Impulse der planetarischen Individualitäten stellt sich dann die Sonne hinein, gewissermaßen Harmonie schaffend zwischen dem Menschenbefreienden und dem Schicksalbestimmenden. So daß man in der Sonne diejenige Individualität hat, wo in einer wunderbaren Weise zusammenwirkt das schicksalbestimmend Notwendige, das Menschenbefreiende. Und derjenige allein versteht das, was eigentlich in dem lohenden, lodernden Sonnenlicht enthalten ist, der dieses Ineinanderweben und -leben von Schicksal und Freiheit, in dem sich in die Welt verbreitenden und wiederum in der Sonne sich warm zusammenhaltenden Lichte schaut. Auch mit der Sonne selbst kommen wir nicht zurecht, wenn wir sie bloß in dem anschauen, was die Physiker von ihr wissen. Wir kommen mit der Sonne nur zurecht, wenn wir sie in dem anschauen, was sie geistig-seelisch ist. Da ist sie dasjenige, was in der Wärme erglühen macht die Schicksalsnotwendigkeit, und in der Flamme das Schicksal in Freiheit löst, und wiederum die Freiheit, wenn sie mißbraucht wird, zusammenballt zu dem wirksamen Substantiellen der Sonne. [175] Die Sonne ist gewissermaßen die Flamme, in der die Freiheit phosphorisch im Weltenall erscheint, und sie ist zu gleicher Zeit die Substanz, in der, wie in sich zusammenballender Asche, die mißbrauchte Freiheit als Schicksal sich zusammenbackt, um weiter wirken zu können, bis dieses Schicksal wiederum seinerseits phosphorisch in die Flamme der Freiheit übergehen kann. [176]

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Zwölf Stimmungen
Q – Erstehe, o Lichtesschein, T – Erfasse das Werdewesen, S – Ergreife das Kräfteweben, U – Erstrahle dich Sein-erweckend. V – Am Widerstand gewinne, W – Im Zeitenstrom zerrinne. R – O Lichtesschein, verbleibe! Q – Erhelle dich, Wesensglanz, T – Erfühle die Werdekraft, S – Verwebe den Lebensfaden U – In wesendes Weltensein, V – In sinniges Offenbaren, W – In leuchtendes Seins-Gewahren. R – O Wesensglanz, erscheine! Q – Erschließe dich, Sonnesein, T – Bewege den Ruhetrieb, S – Umschließe die Strebelust U – Zu mächtigem Lebewalten, V – Zu seligem Weltbegreifen, W – Zu fruchtendem Werdereifen. R – O Sonnesein, verharre! [177] Q – Du ruhender Leuchteglanz, T – Erzeuge Lebenswärme, S – Erwärme Seelenleben U – Zu kräftigem Sich-Bewähren, V – Zu geistigem Sich-Durchdringen, W – In ruhigem Lichterbringen. R – Du Leuchteglanz, erstarke!

Widder

Stier

Zwillinge

Krebs

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Q – Durchströme mit Sinngewalt T – Gewordenes Weltensein, S – Erfühlende Wesenschaft U – Zu wollendem Seinentschluß. V – In strömendem Lebensschein, W – In waltender Werdepein, R – Mit Sinngewalt erstehe!

Löwe

Q – Die Welten erschaue, Seele! T – Die Seele ergreife Welten, S – Der Geist erfasse Wesen, U – Aus Lebensgewalten wirke, V – Im Willenserleben baue, W – Dem Weltenerblüh'n vertraue. R – O Seele, erkenne die Wesen!

Jungfrau

Q – Die Welten erhalten Welten, T – In Wesen erlebt sich Wesen, S – Im Sein umschließt sich Sein. U – Und Wesen erwirket Wesen V – Zu werdendem Tatergießen, W – In ruhendem Weltgenießen. R – O Welten, traget Welten!

Waage

Q – Das Sein, es verzehrt das Wesen, T – Im Wesen doch hält sich Sein. S – Im Wirken entschwindet Werden, U – Im Werden verharret Wirken. V – In strafendem Weltenwalten, W – Im ahndenden Sich-Gestalten R – Das Wesen erhält die Wesen.

Skorpion

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Q – Das Werden erreicht die Seinsgewalt, T – Im Seienden erstirbt die Werdemacht. S – Erreichtes beschließt die Strebelust U – In waltender Lebenswillenskraft. V – Im Sterben erreift das Weltenwalten, W – Gestalten verschwinden in Gestalten. R – Das Seiende fühle das Seiende!

Schütze

Q – Das Künftige ruhe auf Vergangenem. T – Vergangenes erfühle Künftiges S – Zu kräftigem Gegenwartsein. U – Im inneren Lebenswiderstand V – Erstarke die Weltenwesenwacht, W – Erblühe die Lebenswirkensmacht. R – Vergangenes ertrage Künftiges!

Steinbock

Q – Begrenztes sich opfere Grenzenlosem. T – Was Grenzen vermißt, es gründe S – In Tiefen sich selber Grenzen; U – Es hebe im Strome sich, V – Als Welle verfließend sich haltend, W – Im Werden zum Sein sich gestaltend. R – Begrenze dich, o Grenzenloses. Wassermann [179] Q – Im Verlorenen finde sich Verlust, T – Im Gewinn verliere sich Gewinn, S – Im Begriffenen suche sich das Greifen U – Und erhalte sich im Erhalten. V – Durch Werden zum Sein erhoben, W – Durch Sein zu dem Werden verwoben, R – Der Verlust sei Gewinn für sich!

Fische

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Anmerkungen
Einführung 1. Ernst Cassirer, Die Begriffsform im mythischen Denken, Leipzig, Berlin: Teubner 1922 (Studien der Bibliothek Warburg 1), S. 30. 2. Zitiert nach Wilhelm Knappich, Geschichte der Astrologie, 2. ergänzte Auflage, Frankfurt/M: Klostermann 1988, S. 368. 3. Guenther Wachsmuth, Kosmische Aspekte von Geburt und Tod - Beiträge zur Karmaforschung -, 3. durchgesehene Auflage, Dornach: PhilosophischAnthroposophischer Verlag am Goetheanum 1990. 4. Rudolf Steiner, Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit (1911), GA Bibl.-Nr. 15, Dornach 1987. 5. Rudolf Steiner, Christus und die geistige Welt, Sechs Vorträge (28. Dez. 1913 - 2. Jan. 1914) GA Bibl.-Nr. 149, Dornach 1987. 6. Rudolf Steiner, Heilpädagogischer Kurs, Zwölf Vorträge (25. Juni - 7. Juli 1924) GA Bibl.-Nr. 317, Dornach 1979. 7. Rudolf Steiner, Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung (1904), GA Bibl.-Nr. 9, Dornach, 8. Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft. Acht Vorträge (7. - 16. Juni 1924) GA Bibl.-Nr. 327, Dornach 1984. 9. Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie (1925 - 25), GA Bibl.-Nr. 26, Dornach 1989. 10. Es ist eine besondere Eigenschaft der deutschen Sprache, daß das Wort «Ich», mit dem ein Mensch sein innerstes Wesen bezeichnet, auch die Initialen des Jesus (1) Christus (CH) enthält. Daß hier ein realer Zusammenhang besteht, ist eine der zentralen Erkenntnisse der Anthroposophie, siehe dazu insbesondere die unter Anm. 4 angeführte Schrift Rudolf Steiners Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit. Eine handliche Einführung in Rudolf Steiners Christus-Verständnis bietet Band 14 dieser Taschenbuchreihe: Rudolf Steiner, Christologie. Anthroposophie – ein Weg zum Christusverständnis. 11. Rudolf Steiner, Wahrspruchworte, GA Bibl.-Nr. 40, Dornach 1978, S. 43. Für eine weitergehende Behandlung dieses Themas siehe den Aufsatz des Herausgebers «Zur astrosophischen Menschenkunde der „Zwölf Stimmungen“ von Rudolf Steiner» in H. H. Schöffler, Zur medizinischen Menschenkunde Rudolf Steiners, Stuttgart: Freies Geistesleben 1984. 12. Günter Weydt, Nachahmung und Schöpfung des Barock. Studien um Grimmelshausen, Bern: Francke 1968.

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13. Klaus Haberkamm, Sensus astrologicus. Zum Verständnis von Literatur und Astrologie in Renaissance und Barock, Bonn 1977. 14. Siehe den Vortrag vom 6. Januar 1924 in Rudolf Steiner, Mysterienstätten des Mittelalters. Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip, GA Bibl.-Nr. 233a, Dornach 1980. 15. Vortrag vom 2. Januar 1914 in dem unter Anm. 5 angeführten Zyklus Rudolf Steiners. 16. Eine detaillierte Darstellung findet sich bei H. H. Schöffler, Das Lesen der modernen Sternenschrift. Zwölf Studien zu den Kompositionsgeheimnissen im Werk Rudolf Steiners, Basel: Die Pforte 1990. Der Sinn des Prophetentums (9.November 1911) 17. 18. 19. 20. 21. Shakespeare: Hamlet, Prinz von Dänemark 1. Akt, 5. Szene Georg Christoph Lichtenberg (1742 - 1799), Göttinger Physiker und Schriftsteller Lucius Bellantius, Arzt und Astrologe aus Siena. Berliner Arzt: Wilhelm Fließ, Begründer der Biorhythmik Der Vortrag «Von Paracelsus zu Goethe», gehalten am 16. November 1911, ist in dem Band Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung GA Bibl.-Nr. 61, Dornach 1983 enthalten.

Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie? (1905) 22. Akasha Chronik. Das gesamte historische Weltgeschehen ist in einer feinen geistigen Substanz eingezeichnet. Hier kann es vom Geistesforscher mit entsprechend entwickelten Organen abgelesen werden. Vgl. die in der GA Bibl.Nr. 11 zusammengefaßten Aufsätze Aus der Akasha-Chronik (1904 - 1908). Nur die höchsten, dem Menschen noch erreichbaren Grade der Intuition reichen da heran. Es gibt im übersinnlichen Erkennen drei Stufen: Imagination (Erkennen in Bildform), Inspiration (Erkennen in Tönen) und Intuition (Erkennen in Form der Wesensdurchdringung). Dieser letzten und zunächst höchsten Erkenntnisform gehört das wirkliche astrologische Erkenntnisvermögen an. Für eine grundlegende Schilderung dieser (und weiterer) Erkenntnisstufen siehe das Kapitel «Die Erkenntnis der höheren Welten (Von der Einweihung oder Initiation)» in Rudolf Steiners Geheimwissenschaft im Umriß (1910), GA Bibl.-Nr. 13.

23.

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Die Weltenuhr (8. Januar 1919) 24. Henri Bergson (1859 - 1941), französischer Philosoph. 25. 26. Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt (1914), GA Bibl.-Nr. 18. Man hat ihnen drei Dekane zugeteilt. Es gab 36 Dekane im gesamten Tierkreis, folglich für jede Strecke von 10 Grad einen Dekan. Hier unterscheidet man eine ägyptische Dekanreihe von einer indischen. Rudolf Steiner benutzt die ägyptische Reihe des griechisch-ägyptischen Astrologen Teukros aus der hellinistischen Zeit. Am Schluß des Vortrags führt Rudolf Steiner verschiedene Beispiele zeitgeschichtlicher Art an, wie über die Dinge «bloß hingehuscht» wird. Da diese Beispiele nicht unmittelbar mit der Thematik dieses Bandes zusammenhängen, werden sie hier weggelassen.

27.

Das Ich und die Sonne (5. Mai 1921) 28. in dem berühmten Gespräch (Schiller und Goethe): Goethe berichtet davon im Aufsatz «Glückliches Ereignis», abgedruckt in den Naturwissenschaftlichen Schriften (Kürschners Deutsche National literatur) Band I. Auch in Rudolf Steiner GA Bibl.-Nr. 1a (1975), S. 111/112. astralischer Leib, Astralleib: Dasjenige Wesensglied des Menschen, welches alles Seelische umfaßt. Die Bezeichnung astralisch rührt her von der engen Beziehung der Planetensphären zum Seelischen des Menschen. Aus älterem spirituellem Schrifttum hat Rudolf Steiner diese Bezeichnung übernommen. ätherischer Leib, Ätherleib: nichtmaterielles, übersinnlich wahrnehmbares Wesensglied des Menschen, das als Träger des biologischen Lebens den physischen Leib durchzieht. Ich: Das vierte Wesensglied des Menschen, dem physischen, ätherischen und astralischen Leibe übergeordnet; der im Menschen anwesende «Tropfen des allgemeinen Geistes» – von göttlicher Natur. Verleiht dem Menschen Unabhängigkeit und Selbstbewußtsein im Erleben seiner Verschiedenheit gegenüber allen anderen Menschen.

29.

30.

31.

Der Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos (29. Oktober 1921) 32. vgl. Anm. 30 zum Vortrag vom 5. Mai 1921 «Das Ich und die Sonne». 33. Da kommt William James und redet von allerlei «Erweckungen»: William James, 1842 - 1910, amerikanischer Philosoph, Begründer des Pragmatismus, in seinem Werk The Varieties of Religious Experience 1902. Deutsch von Wobbermin 1907, Kapitel II «The Reality of the Unseen».

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Der Weg zu einer neuen Geburt (5. November 1922) 34. ... wenn er mit seinem Ich und astralischen Leib untertaucht in seinen Ätherleib und physischen Leib, vgl. Anm. 29, 30 und 31 zum Vortrag vom 5. Mai 1921 «Das Ich und die Sonne». 35. Bewußt werden können sie nur für das imaginative, inspirierte und intuitive Bewußtsein, vgl. Anm. 23 vom Aufsatz von 1905: «Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie?» 36. nach dem Tode, wo wir zuerst im Ätherleib, dann im Astralleib sind: unmittelbar nach dem Sterben beginnt zunächst die Rückschau in Form des Lebenstableaus, das allmähliche Ablegen des Ätherleibes während etwa drei Tagen, daran schließt sich ferner das Kamaloka an, das Läuterungsfeuer, während dessen allmählich der Astralleib abgelegt wird in einer Zeit, welche der gesamten Schlafenszeit des zurückgelegten Lebens entspricht. Vgl. die entsprechenden Darstellungen in der Theosophie, GA Bibl.-Nr. 9 und der Geheimwissenschaft GA Bibl.-Nr. 13. 37. «Nicht ich, sondern der Christus in mir». Galaterbrief Kap. 2, Vers 5. [186]

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Quellennachweis
Nach der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe (GA) unter Angabe der BibliographieNummer (Bibl.-Nr.), erschienen im Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach/Schweiz. Der Sinn des Prophetentums, 9. November 1911 in: Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung (GA Bibl.-Nr. 61), 2. Aufl. 1983. Wie verhält sich die Theosophie zur Astrologie?, 1905 in: Lucifer-Gnosis. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte aus der Zeitschrift «Luzifer» und «Lucifer-Gnosis» 1903 -1908 (GA Bibl.Nr. 34), 2., neu durchgesehene Aufl. 1987. Die Weltenuhr – Der Zusammenhang konkreter Konstellationen von Tierkreis und Planeten mit der Entwicklung des Menschen, 8. Januar 1918 in: Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse. Alte Mythen und ihre Bedeutung (GA Bibl.-Nr. 180), 2., neu durchgesehene Aufl. 1980. Das Ich und die Sonne – Der Mensch innerhalb der Sternenkonstellation, 5. Mai 1921 in: Perspektiven der Menschheitsentwickelung. Der materialistische Erkenntnisimpuls und die Aufgabe der Anthroposophie (GA Bibl.-Nr. 204), 1979. Die Formung des Menschen aus dem Universum, 28. Oktober 1921 und Der Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos in bezug auf sein Leben, 29. Oktober 1921 in: Anthroposophie als Kosmosophie – Zweiter Teil: Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer Wirkungen (GA Bibl.-Nr. 208), 1972. Der Weg zu einer neuen Geburt durch Planeten und Fixsternwesen, 5. November 1922 in: Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus (GA Bibl.Nr. 218), 1972. (Dort unter dem Titel: Die verborgenen Seiten des Menschendaseins und der Christus-Impuls). Schicksalsbestimmende und menschenbefreiende Planeten, 27. Juli 1923 in: Initiationswissenschaft und Sternenerkenntnis (GA Bibl.-Nr. 228), 1964. Zwölf Stimmungen, 1915 in: Wahrspruchworte (GA Bibl.-Nr. 40), 4., durchgesehene Aufl. 1978. [187]

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