Philosophie als projektive Ethnologie der eigenen Kultur

Moralphilosoph war, konnte sich zur selben Zeit auch als Fachwissenschaftler, Künstler, Arzt oder Zauberer betätigen. 100 Es sind diese Grenzüberschreitungen, die die inflationäre Rede v o m humanistischen uomo universale veranlaß ten. Bei der Vielfalt konkurrierender philosophischer Geltungsansprüche und der Fraglichkeit der Grenzen zwischen den Wissenschaften und Künsten und zwischen theoretisch-artistischer Disziplin und von ihr angeleiteter Lebenspraxis kam es mehr denn je auf das einzelne Subjekt d e s Wissens und Handelns an, das sich seinen beschwerlichen Weg durch unsicheres Gelände selber allererst zu bahnen hatte. Einer der wenigen Einheitsgesichtspunkte der damaligen Zeit war der Index der katholischen Kirche, dessen Bannspruch die unterschiedlichsten Denker zur Gemeinde der Stigmatisierten vereinte. 101 Im Zusammenhang mit dem wiedcrerwachten Interesse am Menschen iWid an der antiken Kultur, deren D o k u m e n t e man im authentischen Original wiederherzustellen und zu vervielfältigen bemüht war, kam es auch zur Wiedergeburt des Philosophen, der laut Jacques Le G o f f die N a c h f o l g e des mittelalterlichen Intellektuellen und Schriftgelehrten antrat 102 und den antiken Philosophen, den Lebenskünstler und Wissenschaftler, den Leib- und Seelenarzt, den politischen Reformer oder Rebellen z u m Vorbild hatte. D o c h vielleicht verfehlt die historische Wahrheit, wer den humanistischen Philosophen, der die aristotelisch-scholastische vita contemplativa in eine vita activa in Stadt und Gesellschaft aufzuheben bemüht war, nur als Wiedergeburt des Philosophen antiken Typs denkt. Eugenio Garin zufolge wird »der 'Philosoph« (und Wissenschaftler) in der Renaissance als eine Figur geboren, die es vorher nicht gab, während zugleich der antike Philosoph (und Wissenschaftler) wiedergeboren wird, zu dem er sich in eine komplexe Beziehung setzt, derzufolge er ihn als ein Vorbild betrachtet, von dem er seinen Ausgang nimmt, von d e m er sich aber auch abstoßt, um seine A u t o n o m i e zu gewinnen und auf die Fragen der neuen Zeit eine Antwort zu finden.« 1 0 3 Für den neuen Philosophen können weder die göttliche Offenbarung noch ein Buch, das es ex cathedra zu kommentieren gilt, die hauptsächlichen Garanten der Wahrheit sein. Ausgangspunkt des Wissens ist vielmehr die lebendige Erfahrung der Natur und der historischen Lebenswelten der Menschen. Man muß Garins Behauptung, in der Renaissance sei ein Philosoph neuen Typs entstanden, wohl so interpretieren, daß man von einer Geburt der Philosophie im modernen Sinne unbotmäßiger Forschung spricht. 104 Damals wurde antizipiert, was aus Hegels Transformation der Metaphysik in Geschichtsphilosophie wurde, als sich der Philosoph und Hegel-Schüler Karl Marx für ein Jahrzehnt in das Londoner British Museum zurückzog, um die politische Ö k o n o m i e seiner Zeit zu studieren. Es wurde antizipiert, was umgekehrt aus einer dominierenden Fachwissenschaft wurde, als der Arzt und Psychologe Sigmund Freud die Psychoanalyse metapsychologisch auf das allgemeine Reflexionsniveau der Philosophie hob. D i e Grenzen zwischen 119

Montaigne

Wenn eben von einem weltgeschichtlichen Ereignis die Hede war, dann im Sinne der Schlußfolgerungen, die Michel de Montaigne (1533-1592) aus seiner Hinsicht 7.0g, die Entdeckung der »neuen Welt« sei ein weltgeschichtliches Ereignis (3/2, 230).'M D i e s e im folgenden noch auszuführende Einsicht verdankte er d e m kulturellen Einfluß einer Renaissance, die zugleich ein Humanismus war. Was da in den italienischen Stadtstaaten seit dem 15. Jahrhundert wiedergeboren wurde, war nicht nur die Antike in ihrer ganzen kulturellen Vielfalt, sondern auch das Interesse am Menschen, oder besser: an den Menschen als einzigartigen Individuen. v s An die Stelle der theozentrisch-monistisch verfaßten Hierarchie des mittelalterlich-scholastischen Weltbildes war ein anthropozentrisch-pluralistisches Weltbild getreten: magnum miraculum est homo, so formulierte Giovanni Pico della Mirandola die Losung seiner Zeit. 96 An die Stelle der O r t h o d o x i e trat die freie Forschung, an die der Schulweisheit universitärer Lehren die Lebensweisheit welterfahrener Wissenschaftler. Die geschlossenen Räume universitärer oder kirchlicher Studierstuben öffneten sich dem Urbanen Leben der Stadtstaaten und H ö f e und einer unermüdlichen Reisetätigkeit durch ganz Europa, durch die sich am Ende der Epoche Montaigne genauso belehrt fand wie an ihrem Anfang Petrarca. 97 Die Diktatur des Aristoteles, dessen Metaphysik sich mit der christlichen O f f e n barung zu einem kanonischen Text verband, den es nur noch zu kommentieren galt, wurde abgelöst durch eine kunterbunte philosophische Aristokratie. Schon Petrarca stellte dem Aristoteles nicht nur Piaton zur Seite, sondern auch Pythagoras, Anaxagoras, Demokrit, Diogenes, Sokrates, Plotin, Porphyrios, Cicero und Seneca, ein philosophisches Erbe, dem Marsilio Ficino die nichtchristliche, mit Magie und Astrologie durchsetzte Gnosis des H e r m e s Trismegistos und Pico die jüdische Kabbala hinzugescllten."'* Statt mit der einen Welt der Scholastik sah man sich nun mit einer Vielfalt von Welten konfrontiert, deren es ebensoviele zu geben schien wie es Philosophen und eigensinnige philosophische Weltkonzepte gab." Die Diversifizierung ging einher mit neuen Verbindungslinien. Die Grenzen der alten Disziplinen und Professionen wurden durchlässig. Der Naiurphilosoph, der zugleich 118

statt in der Heiligen Schrift las sie zu diesem Zwecke im »Buche der Natur«. Was für die Geschichte der Philosophie recht ist. D e m ethnographischen Befund der Relativität menschlicher Lebensformen 121 Es war der Montaigne-Schüler Jean-Jacques Rousseau. der Magie und der Astrologie. was man zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Weltgegenden jeweils für vernünftig. s o n d e r n auch in O p p o s i t i o n zur Schulweisheit der Universitätslehrer. daß sich die Welt mit den in ihr ausgeheckten philosophischen Weltkonzepten zu ebensovielen Welt en vervielfältigt hat. auf Menschen /u anderen Zeiten und an anderen Orten. bin ich selber der Gegenstand meines Buches. »So also. daß es dies stets in Beziehung auf andere t u t . daß sich in ihnen der Gegenstand »Mensch« z u m Gegenstand »Ich : Montaigne« und Anthropologie zur Darstellung eindringlicher Selbsterkenntnis wandeln. Allzumenschlichesspricht der Spätmoralist Friedrich N i e t z s c h e v o m »freie(n). Der Moralist stellt Lebensformen. was der Mensch ist. moralischer N o r m e n geht. 1 " D e r Moralist ist kein Moralphilosoph. der nur »eine von den Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen Zwecken« bezeichnet. Die entsprechenden Vorbilder waren Demokrit und Sokrates. O h n e die Menschen zu kennen. Spanien. von deren Herrschaft er sich »losgerissen« hat. und ihrem Weltbegriff. und nicht zuletzt der Index der katholischen Kirche. Sitten.1. sondern ein Ethnograph der Kulturen. d e m es um eine Begründung allgemeiner. Sextus Empiricus oder der Kosmopolitismus des Sokrates und der Stoiker die Sinne geschärft hatten. Von der Moralistik führt ein direkter Weg zum Relativismus und von diesem z u m Skeptizismus. lieber Leser.« (34) Wenn Montaignes Essais Anthropologie als Moralistik ausführen. Sie ist die Wissenschaft von den Menschen.und wertfreie Wissenschaft der Moralen sein. Von Italien aus breitete sich diese Disziplin über Frankreich. Die humanistisi lu· Erforschung des »Wunders Mensch« teilte sich in zwei Disziplinen: in Anthropologie und Moralistik." Ihre Eigenart aber erhalten die Essais dadurch. andere. daß das eine nicht ohne das andere zu haben ist. gegenteilige Lebensformen gegenüber und enthält sich selbst des Urteils.Fachwissenschaft und philosophischer Theorie und zwischen Theorie und Praxis wurden in der Renaissance vor allem auf zwei Gebieten überschritten : in der Naturund in der Moralphilosophie. England und später auch Deutschland aus. furchtlose(n) Schweben über Menschen. die Vorliebe für authentische Lebensbeschreibungen 1 0 9 . und die Verallgemeinerungen der Vernunft werden durch die Verschiedenartigkeit oder gar Gegensätzlichkeit dessen. Gesetzen und d e n herkömmlichen Schätzungen der Dinge«. 447).12." 2 Montaignes Standpunkt ist das freie Schwebenüber den Sitten und Gebräuchen seiner und vergangener Zeit. die sich selbst für die einzig vernünftigen halten. deren einzelne. S. wie sie wirklich leben — die Wissenschaft v o n ihren unterschiedlichen und vielfältigen Sitten und Bräuchen (mores). die Annahme einer Vielfalt v o n Weltanschauungen und Lebenswelten. wird man niemals wissen. wie der Mensch unter einheitlichen und allgemeinen moralischen Gesichtspunkten leben oder handeln solle. »der das betrifft. da er sie sonst nicht z u m Studienobjekt distanzieren und distanziert miteinander vergleichen könnte. der ernüchterte Erforscher einer entzauberten Natur und der subversive Tugendlehrer. was jedermann notwendig interessiert«. dann scheint es weder den Menschen noch eine vorbildhaft-verbindliche Lebensform zu geben. dann ziehen sie nur die Konsequenz aus der frühhumanistischen Einsicht. Die Erforschung der Geschichte des Menschen formierte sich indessen nicht nur entlang ihrer Verbindungslinien zum Leben und Handeln des Forschers. mögliche Allgemeinheitsansprüche ihrer Individualität d e m Test relativierender Vergleiche auszusetzen. Seneca. auf dem sich posthum wiederzufinden auch Montaigne die zweifelhafte Ehre hatte. Bei Montaigne nahm sie die eigentümliche Gestalt eines Bezugsfeldes für seine als Selbstreflexion ausgeführte Anthropologie an. w o r u m es der Philosophie eigentlich ging. D i e Sinne täuschen. 108 Andererseits scheint es gerade zu den wichtigsten Einsichten dieser E p o c h e zu gehören. U n d die Moralphilosophie hatte direkte Verbindungen zur politischen Praxis im Gemeinwesen und an den H ö f e n der weltlichen und kirchlichen Fürsten. in dem Anthropologie und Moralistik jeweils zueinander stehen. die Geschichte der Menschen und ihrer Kulturen. für die bereits in der Antike H e r o d o t .26. die der Schulweisheit der Bücher mißtrauende Neugier auf seine wirklichen Lebenswelten (1. D i e Moralistik lehrt nicht. Man kann die humanistischen Philosophien durch das spezifische Verhältnis voneinandei unterscheiden. wahr. das ist für ihren G e g e n stand. daß Jacob Burckhardts Standardwerk über die italienische Renaissance beides auf unzulässige Weise miteinander vermischt. Garin kritisiert zu Recht. Plutarch und D i o g e n e s Laert i us." 3 Im A p h o r i s m u s 34 von Menschliches. die Philosophie des Menschen und die Geschichte der Menschen. Die Moralistik will eine ihrerseits moral.39). billig. Sind die Individuen und ihre jeweiligen Kulturen tatsächlich völlig verschieden. in Frage gestellt — so bereits Montaignes Vorbild Sextus Empiricus. der Überlieferer pyrrhonischer Skepsis (2. D a s Gegenteil des relativistischen Skeptizismus ist der Dogmatismus. und die moralistische Reflexion erlaubt es. gut oder schön hielt. die Natur in menschliche Verfügungsgewalt zu bringen. 105 D i e angewandte Naturwissenschaft versuchte mittels ihrer Disziplinen der Medizin. Auf Montaignes Essais treffen die meisten Kennzeichen des Humanismus zu: das d e m logischen oder metaphysisch-kosmologischen Interesse vorgelagerte Interesse am Menschen. der Kant die 107 Augen geöffnet hatte für das. Ein spätes Echo dieser Entgegensetzung ist Kants Unterscheidung zwischen dem Schulbegriff der Philosophie. Zwar reflektiert das »Ich« auf nichts anderes als auf 120 0 . alltägliche Lebensformen er als unbeteiligter Beobachter gleichsam v o n außen studiert und miteinander vergleicht. Die Selbstreflexion ^eht der Subjektivität des Menschen (Montaigne) auf den Grund. der ständige Rückgriff auf antike Autoren und unter ihnen insbesondere auf Sokrates. 104 sich selbst^ jedoch so.

Wie Wilhelm von Ockham.) und unterhielt sich ausführlich mit drei nach Frankreich exportierten. um dem Glauben an Gott Platz zu machen. die sich vollständig aus der Konfrontation beider ethnographischer Grundbefunde herleiten läßt. der nie auch nur sein eigenes kannte. Aus der Macht der Gewohnheit folgt. Sein Informant über die Indianer war »ein einfacher und ungeschlachter Mensch« (230). weil es ihm. sollte dies unmöglich sein. M o n taignes Späthumanismus vollendet sich in einer Humanismuskritik 114 . Hier herrscht stets die vollkommene Religion. sondern auch zu menschlichem Elend. brasilianischen Indianern (242 f. Erasmus von Rotterdam oder Luther verzweifelt er an der Fähigkeit des Menschen. 451). 2. so ist es nicht mehr und nicht weniger. als erden Menschen zum Maß aller Dinge erhob. Gebildete Menschen seien zwar wißbegieriger und sähen mehr.11 . so kommt es Montaigne demgegenüber — wie Sahagün — auf eine glaubwürdige und zuverlässige Wiedergabe der Fakten an. Wenn sie dennoch zum Ereignis wurden.12. Protagoras hielt uns trefflich zum besten. Verblendeter Eigendünkel und bornierte Dummheit werden zum Gegenstand moralistischer Kritik. desto mehr wird er verlieren.12. mögliche Ursache v o n Grausamkeit und Krieg (1. dazu rät.widerstreitet der weitere Befund. Weil sie sich in ihre eigenen Vorstellungen verliebt haben »und um ihrem Urteil ein Ansehen zu geben und es uns einzureden.. Agrippa und später Kant. als wenn jemand Wasser zusammenballen wollte: denn je mehr er umklammert und umspannt.).12.) Trifft diese Kritik auf Kolumbus in ähnlicher Weise zu wie auf O v i e d o und Las Casas.12. schriftloser Kulturen stand — ein Weg. 2. Bereits Montaigne antizipierte die kulturalistisch-relativistischen N e i gungen moderner.). diese Grundgedanken im Zeichen des weltgeschichtlichen Ereignisses der Entdeckung der »neuen Welt« miteinander zu verbinden. man solle nach der Maxime den eigenen Kirchturmshorizont relativierender Welterfahrung und Lebensklugheit leben.. das allgemeine Wesen der Dinge mit den Mitteln der Vernunft zu erkennen (2. »Die Anmaßung ist unsere natürliche Erbkrankheit. die vollkommene Staatsordnung. wie man sieht. Zu Beginn von Kapitel 31 des ersten Buches der Essais (»Über die Kannibalen«) schreibt Montaigne seinen Discours de la méthode einer nicht durch Projektionen verzerrten Ethnographie. geschweige denn zu beherrschen.). S. macht seine eigentliche theoretische Absicht wett.« (ebd. so hieß es oben.« (231) Der Ethnozentrismus ist die gewöhnlichste Sache der Welt. 116 Der moralistischen Ethnographie damals bekannter Hochkulturen wurde durch die Reiseberichte aus der »neuen Welt« der Weg gebahnt. F. die sich in der Fragestellung kundtut: Was halten die Indianer von der ihnen fremden.12. das nicht einmal seiner selbst Herr und von allen Seiten jeder Unbill ausgesetzt ist.] euer Denken darauf richtet. ist sie doch. die Tatsachen etwas zu fälschen und sie sich nach der Gestalt zurecht/u legen. sein (des Seins .12. Die geg en die scholastische Orthodoxie 122 gerichtete Diversifizierung der Weltanschauungen ließ von Anfang an ihre Fluchtpunkte des Relativismus und des Skeptizismus als Möglichkeiten einer konsequenten Radikalisierung erscheinen. der Kusaner. Die Verabsolutierung der eigenen. wie bei Montaigne. führt nicht nur zu den bornierten Verblendungen mitunter tragischer Torheit.115 »Und wenn ihr [.) Wesen zu fassen. zu vernichten gilt. S.) D o c h Montaignes Skeptizismus verweigerte letztlich die nihilistischen Konsequenzen.« »Läßt sich etwas Lächerlicheres ausdenken. daß sie sich jeweils absolut zu setzen pflegen. was nicht seiner Gewohnheit entspricht. 157 . die vollkommene und unübertreffliche Gepflogenheit in allen Dingen. der auch der Philosophie einschneidende Veränderungen zumutete. 482 ff. europäischen Kultur? Die eigene Kultur von den fremden »Barba123 . in dem wir leben. in die N ä h e des Nihilismus geführt hatte. als wenn dieses elende und erbärmliche Geschöpf. neigten aber dazu. Man hält sich selbst für den Nabel der Welt und die anderen für barbarische Untermenschen. »daß jedermann das Barbarei nennt. »Wahrlich. Montaigne ist. Das unglücklichste und gebrechlichste aller Geschöpfe ist der Mensch. der gegenüber die Moralistik nun doch zur Moral wird. D e n Nachteil. alles zu erklären. das Wissen zu begrenzen. darum ging. Das eigentliche Gegenteil der moralistischen Urteilsenthaltung ist die ethnozentrische Urteilsanmaßung. was er ergreifen und festhalten wollte. 435 ff. wie Agrippa von Nettesheim. wie man zu denken und zu leben habe.E. nicht in seiner Macht steht ?« (2. S. fügen hinzu und bauschen auf. durch Erziehung zur Gewohnheit verfestigt. an dessen Ende die Ethnologie im strikten Sinne einer Erforschung primitiver. S.23. H. wie Erasmus. Philosophen und Libertin Pietro Pomponazzi. schmücken sie die Sache gern nach dieser Seite hin aus. S. D e m humanistischen Vernunftoptimismus setzt Montaigne sein berühmtes »Was weiß ich?« ( Q u e saisje?) entgegen (2. die erst sein Nachfolger Friedrich Nietzsche ziehen sollte.482f. sondern führt eine seiner eigenen Tendenzen nur zu Ende. von dem auch nur den geringsten Teil zu überschauen. S. sofern sie. S. die es zu den eigenen Sitten zu bekehren oder. was nach seiner Natur nach allen Seiten zerrinnt.« (2. in der sie ihnen erschienen sind. Deshalb stützte er sich auf den mündlichen Bericht jenes Augenzeugen und nicht auf die Bücher der »Kosmographen« (ebd. 461) Diese Kritik widerfährt dem Humanismus jedoch nicht von außen. Von der relativistischen Kritik ethnozen tri scher Vernunftanmaßung wiederum ist es nur noch ein Schritt zur skeptizistischen Kritk ¿¿erVernunft. Keitum der Grundgedanken der Essais gebührt besondere Originalität. wie wir denn in der Tat keinen Prüfstein der Wahrheit und der Vernunft haben als das Beispiel und Vorbild der Meinungen und Brauche des Landes. ganz der Sohn seiner Zeit. je relativen Vorstellungen. dann dank der ihnen eigentümlichen Weise. 432) Mit der Würde des Picoschen Wunders »Mensch« und mit der ihm zugeschriebenen Kraft der Vernunft ist es nicht weit her. sich für den Herrn und Meister des Alls ausgibt. empiristischer Ethnologie. die bereits den Arzt.« (2. selber nicht in deren Heimatland gewesen zu sein.

»alle U t o p i e n v o m M e n s c h e n glück«. weil er auf einmal. bei d e n e n noch »die wahren. Bis heute glaubt die E t h n o l o g i e . daß die menschliche Gesellschaft mit so w e n i g künstlichen Zwangsmitteln bestehen k ö n n e . D i e s e ethnozentrische Sicherheit wird durch die Konfrontation mit d e m »ganz Anderen«. Man kann M o n t a i g n e s Sicht der indianischen L e b e n s f o r m unter vier P u n k t e n zusammenfassen.] . Unsere N a t u r f e r n e ist Barbarei. w e n n anders es insbesondere d e r P h i l o s o p h i e letztlich um nichts geringeres als um das g u t e Leben ging. D i e Infragestellung alles bisher G e w o h n t e n löst im Skeptiker Montaigne den Zweifel aus. D i e indianische Lebensform stellt. Auf einmal sieht er sich selbst v o n außen w a h r g e n o m m e n und in das E n s e m ren« in Frage stellen zu lassen. als aufrechter H u m a n i s t . so ist Maßstab für die U m k e h r u n g M o n t a i g n e s die Natur. Wir greifen nach allem. dessen politische U t o p i e Villegaignon. die Europäer. sondern tatsächlich auch verwirklicht: »die Vorstellung v o m g o l d e n e n Zeitalter«. in s e i n e m überseeischen Königreich tatsächlich verwirklichen wollte. Auch die P h i l o s o p h i e legte sich v o n nun an die Vorstellung eines Naturzustandes zugrunde. daß es N a t u r g e s e t z e gibt [. den »wilden« V ö l k e r n der »neuen Welt«. d o c h bei uns haben sie sich verloren.) D o c h just an dieser Stelle schlägt M o n t a i g n e s g e w o h n t e G e d a n k e n f ü h r u n g um. alles für sicher gehaltene Wissen könne w i e Wasser z w i s c h e n den H ä n d e n zerrinnen. wie Las Casas. eingereiht. sondern »wir«. und die Natürlichkeit indianischer L e b e n s f o r m e n stellt die eigentlich menschliche Kultur dar. die wir diese verfälscht und verdorben haben (ebd. die alte Werteordnung auf den K o p f . aber wir fassen nur Wind. in der tiefverwurzelten G e w o h n h e i t gründet.gleicht. War Las Casas' U m k e h rung indessen moralisch-rechtlich begründet. D i e N e u g i e r d e hatte die Europäer nach Ü b e r s e e geführt und ihnen die »Entdeckung eines unendlichen Gebietes« (230) beschert. was erst diejenigen. so schlägt diese. projektive E t h n o l o g i e auf d e n K o p f . D a s Leben der Indianer ist verwirklichte P h i l o s o p h i e . weil er sie. keiner hat es je für möglich gehalten. An dieser Stelle (und nur hier) schreibt der Skeptiker M o n t a i g n e seine H y m n e auf das gelungene Leben : »Kein D i c h t e r und kein P h i l o s o p h hat eine so reine und einfache Natürlichkeit ausdenken k ö n n e n . alles das »Barbarei« zu nennen. Barbarisch oder wild sind nicht die Indianer. was u n g e w o h n t ist (231). und zwar nur-liier. in d e m M a ß e bewunderte. N a c h d e n e n aber leben die w i l d e n Naturvölker der »neuen Welt«. M o n t a i g n e griff ständig auf antike D i c h t u n g u n d P h i l o s o p h i e zurück. Je relativ sind nur die verschiedenen Wertschätzungen und Sitten verschiedener Kuli υ ron. Evans-Pritchard und 121 ble der eigenen L e b e n s f o r m e n . klassenlosen Gesellschaft. D a s auf sich selbst reflektierende »Ich« d e s Moralisten s t e h t a u f einmal nicht m e h r außerhalb d e r vielfältigen und gleichberechtigten L e b e n s f o r m e n . a b s o l u t e Gültigkeit h i n g e g e n h a b e n die G e s e t z e der Natur. D e r U m s c h l a g im G e d a n k e n g a n g Montaignes reflektiert sich in jener ethnographisch informierten U m k e h r u n g der Blick. die h ö c h s t e Steigerungsstufe in d e n Vorstellungen menschlichen G l ü c k s dar. noch irritierendere Entdeckungen mit sich bringe.. um zu herrschen und zu befehlen. ob die Z u k u n f t nicht n o c h weitere.« (2. da sich diese erhabene menschliche Vernunft überall eindrängt.12. Was d i e D i c h t e r sich nur ausmalten und die P h i l o s o p h e n begrifflich konstruierten. es ist das beste Leben. mit d e m wir schon durch Lévi-Strauss. die »Wunschbilder der Philosophie« {110/232). sofern n o c h ein Immanuel Kant die artifiziellen Konstrukte reiner meta-physischer Vern u n f t vor d e n Gerichtshof natürlichen Menschenverstandes zitierte. [.« (ebd. sondern auch im Bereich theoretischer Erkenntnis kriterielle B e d e u t u n g z u k o m m t . »Ich fürchte fast. D i e besten Geister der M e n s c h h e i t suchten. w i e wir sie hier verwirklicht sehen . mit der E n t d e c k u n g der (angeblichen) N « i « r v ö l k e r in der »neuen Welt« konfrontiert. wäre zu w e n i g .. zugleich auch A n t h r o p o l o g i e zu sein. erschüttert. fanden. während der Naturzustand der Indianer die U t o p i e v o l l k o m m e n e n menschlichen Z u s a m m e n l e b e n s darstellt . auf festen.. D e r Zweifel nährt d e n nihilistischen Verdacht. außer in der Eitelkeit der professionellen Berichterstatter. Wenigstens eines jedoch hat diese der glorreichen Antike voraus : die E n t d e c k u n g der »neuen Welt«. d e m nicht nur in anthropologischer und praktisch-politischer Hinsicht.und V e r n u n f t kritische Anthropologie um. D a s hier erkennbare Wesen menschlicher N a t u r ist Maßstab für eine Kritik des U n w e s e n s zivilisatorischer Vernunft. das sich als G a n z e s v o n außen in Frage gestellt sieht. D e r W i l d w u c h s unserer künstlichen Zivilisation ist d i e eigentliche Barbarei. Es als das g u t e Leben zu denken. und das A n t l i t z der D i n g e nach ihrer Eitelkeit und Unbeständigkeit verdunkelt und verwirrt. die Sicherheit eines absoluten Urteils erlaub e n d e n Grund stößt. der K ö n i g v o n Amerika. relativistische Skeptizismus hebt sich auf. die die »neue Welt« bereisten. « (UOf. bereits dies stellt die g e w ö h n l i c h e ./252L) Hierüber hätte er gern mit P i a t o n gesprochen (ebd.).] unsere N e u g i e r d e [ist] größer als unsere Fassungskraft. die umgekehrt die f r e m d e Kultur nach d e m Maßstab der glorifizierten eigenen zur »barbarischen« herabsetzt und.477) D a s Leben der N a t u r v ö l k e r erhellt und entwirrt uns die wirklichen Grundlagen menschlichen Z u s a m m e n l e b e n s .und Fragerichtung. in d e m er die zeitgenössische Kultur verachtete.). (1) D i e Reiseberichte übermittelten ihm jenes Bild einer egalitären. die er sammelt und miteinander ver124 ( 2 3 2 f. D e r in d e n N i h i l i s m u s abgleitende. Clastres. machte die E t h n o l o g i e v o n nun an z u m wesentlichen Bestandteil der P h i l o s o p h i e . »Es ist glaubhaft. stellt er.. in eine kultur.). H a t t e der skeptizistische /^«/i«rtheoretikcr M o n taigne A n t h r o p o l o g i e als relativistische Moralistik ausgeführt. S. verglichen mit den in antiker D i c h t u n g und P h i l o s o p h i e angepriesenen L e b e n s f o r m e n . I n d e m M o n t a i g n e die Gestalt des Edlen W i l d e n in die Philosophie einführt. D e s s e n privilegierter Zeuge zu sein. tauglicheren und ursprünglicheren Kräfte und Eigenschaften lebendig und mächtig« sind. in ein »wir« (231). das wird v o n den Indianern nicht nur übertroffen. weil sie im Einklang mit der N a t u r des M e n s c h e n steht.

Statt sich in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander zu befinden.6) sind den entsprechenden Tugenden der hervorragendsten Männer. 679) »Sinti wir nicht sehr tierisch. Wenn dem Krieg. Während die europäischen Gesellschaften durch die »künstlichen Zwangsmittel« herrschaftlicher Gewalt in die Klassen der Herrscher und der Untertanen aufgespalten wurden.12. und dieses würden wir nur zwischen den Zähnen zu murmeln wagen ?« (3. die Institution des Vertrags (233).35). der natürlich z u m Prüfstein seiner Umkehrung des eurozentrischen Verhältnisses zwischen d e m zivilisierten Europäer und d e m barbarischen Wilden werden muß. die eine spontane Übernahme seiner Bedürfnisse erlaubt: Solidarität.« (238) Das wiederum erübrigt eine rechtsförmige Verfassung der Gesellschaft. Sie haben keine Arbeitsgesellschaft herausgebildet. so notwendige und so gerechte Handlung. Die Konfrontation mit den Naturvölker^ in der »neuen Welt« konfrontiert!. z. die Europaer auch mit der verschütteten Natur in ihnen selbst. den Geiz.. stehlen. einen Kranken zu finden« (233). das uns hervorbringt?« (704) Montaigne nimmt das angeblich freie Sexualleben der »Wilden« z u m Anlaß f ü r eine Attacke auf die Institution monogamer Ehe (241).5). durch brutale Grausamkeit und Eroberungssucht geprägt ist (239ff. Seele und Geist auseinander (1. U n d daß es die letztere. keinen Wein und kein Getreide (233). Evolutionstheoretische Konzepte wie die Histoire naturelle sollten den Abgrund zwischen d e m Naturursprung und der zeitgenössischen Kultur überbrücken helfen. So formierte sich bereits bei Montaigne eine Problemlage. die ökonomische. D i e soziale Gleichheit erübrigt »die Lüge.und Rechenkunst« kennen (ebd. die einander wechselseitig bedürfen. dürfte auch darin begründet sein. (2) Diese Organisation der indianischen Gesellschaft hat ihre natürliche Grundlage in der Fruchtbarkeit der »Ländereien [. Tatsächlich gibt es bei den v o n ihm beschriebenen 127 . Egalitär ist jedoch nicht nur die politische Gesamtstruktur verfaßt. noch die soziale Zweiteilung in Reichtum und Armut (233). auf den M y t h o s d e s B ö s e n Wilden oder d e s Kannibalen. daß ihnen an Erweiterung ihrer Grenzen gar nicht gelegen sein kann.117 D i e s gefährdet die erkenntnis.]. die es je gab.). (3) D e m mühelosen Umgang mit der äußeren Natur und dem zwanglosen U m g a n g der Menschen untereinander entspricht ihr zwangloser Umgang mit den Triebkräften der eigenen. die Lévi-Strauss zufolge eines der wichtigsten Machtmittel ist. worin sich die europäischen Ehemänner verzehren: die demütigende Eifersucht auf mögliche Konkurrenten in der Liebe. daß sie die Schrift nicht kennen (ebd.B. (4) Für Montaigne besteht die ganze Sittenlehre der Indianer darin. SoÜdarität und Reziprozität — dies waren die Strukturprinzipien der »primitiven« Gesellschaften. 2. den Verrat. Weil sich die europäische Zivilisation von der äußeren und inneren Natur des Menschen entfremdet hat.). die eigentlich seelisches Bindeglied zwischen Körper und Geist sein sollten (1. Gleichheit.. Er begreift die indianische Polygamie bzw. die ihnen ohne Arbeit und Mühe alles N o t w e n d i g e in solcher Fülle spendet. die Verleumdung. »dieser Seuche der Menschheit«. verdankt sich offenbar der Tatsache.25. auch innerhalb der Verwandtschaftsverhältnisse gibt es keine Rangordnung. ist dessen inneres Gleichgewicht gefährdet. Bei ihnen hat der Kampf die Bedeutung einer persönlichen Erprobung von Kraft und M u t . die Verzeihung« (ebd.] Brüder. »Vielweiberei« als »die eigentliche eheliche Tugend« (ebd. daß die Indianer weder »Güterteilungen« noch »Erbfolgen« noch Handel und damit auch keine »Zähl.). verraten.). sondern leben für den »Zeitvertreib« (ebd. den Tanz (234).17. daß es in jenen Gegenden »eine Seltenheit ist. Sie erübrigt nämlich. In diesem Zusammenhang k o m m t Montaigne auf sein eigentliches Thema zu sprechen (siehe Kapitelüberschrift!). Legitimierte sich dies Verhältnis durch das Schreckensbild des abscheulichen Menschenfressers.Fortes bekannt gemacht wurden.5. D a ß es die erstere nicht gibt. Wo die europäischen Gesellschaften durch herrschaftliche Ungleichheit auseinanderfallen. »dieTapferkeit gegen die Feinde« empfiehlt (235).).20.40. Klassenspaltung nicht gibt. intersubjektive Verhältnisse also. Ihre Ö k o n o m i e ist daher kaum entwickelt: sie kennen keinen Ackerbau. d e n N e i d .. die im christlichen Abendland ein besonders heikles Problem darstellte. so entspricht Montaignes erster U m k e h r u n g eine zweite: des B ö s e n z u m Edlen Wilden. D a ß die Indianer ohne Bekleidung auskommen (233) und erotisch höchst freizügig miteinander verkehren. den Menschen angetan. die uns Lévi-Strauss vorhin vorgestellt hatte. 1.). Konkurrenz und Zwang zur Selbstbehauptung durch Überlegenheit voraussetzen. An deren Stelle tritt die positive Beziehung zum anderen. dann bei den Indianern (238). weil die Kultur sich von der Natur entfremdet hat. vereint die indianischen das Prinzip symmetrischer Reziprozität. an der sich die spätere europäische Aufklä rung abarbeiten sollte. Ferner bezeichnen »sie die Menschen als Hälften voneinander« (242). die Verstellung. S. kein Metall. M u t und Tapferkeit der den spanischen Eroberern Widerstand leistenden Mexikaner und Peruaner (3. Auch hier findet Montaignes gegenwartskritische Bewunderung der Antike endlich eine zeitgenössische Entsprechung. das Tun tierisch zu nennen. die Ungleichheit. Epaminondas (2. 2. ihrer Sexualität. 3. inneren Natur. diese so natürliche.12). Der herrschsüchtige Geist hat sich vom (daher) kranken Körper entfremdet. hatte bereits Kolumbus fasziniert. »Was hat das Werk der Zeugung. während die Kriegs führung der Europäer durch die anonyme Überlegenheit der Waffen. 2. Alexander der Große. daß sie n e b e n »der Liebe zu ihren Frauen«" 8 die »Standhaftigkeit im Kriege« bzw.« (238) Natürlicher Überfluß und soziale Sicherheit bedingen. »Untereinander nennen sie sich alle [.. ebenbürtig: H o m e r .und handlungsregulierende Rolle der Affekte. herrscht bei den Indianern natürliche Gleichheit Weder gibt es bei ihnen die politische Aufspaltung in den Stand der »Obrigkeit« und den der »Dienstbarkeit«. fallen Körper. irgendeine »Rechtfertigung und Schönheit« zugestanden werden kann. daß sie nicht ohne Scham davon zu sprechen wagen und es aus den ernsthaften und ehrbaren Gesprä126 chen verbannen? Wir sprechen dreist die Worte aus: töten.

der über diese relativistische Einsicht nicht verfügt und die Torheit seiner Lebensweise für den Stein der Weisen hält. ihn v o n H u n d e n und Schweinen zerbeißen und zerfleischen zu lassen [. dessen subversives Potential auf keine begründbare soziale Alternative z u m B e s t e h e n d e n verweisen kann.und Orientierungssicherheit der M e n s c h e n abhängt. D e s h a l b sagte Lévi-Strauss. O f f e n b a r idealisiert er diese.].) N i e fand sich bei den Indianern die »verworfene Lehre«.] schießen und sie nachher [. sie glaubte außerdem. Gelten alle L e b e n s f o r m e n gleich viel. ist die Kritik der eigenen Kultur als ganzer. Erlaubte der gegenethnozentrische Relativismus eine dezentrierte Wahrnehmung der Welt und mit ihr den außerordentlichen kultuçéllen Fortschritt zur Fähigkeit der Selbstrelativierung. 2. auf den herausragenden Teil des Körpers einen Hagel von Pfeilen [. übertreffen »sie in jeder Art v o n Barbarei« (238). die Tyrannei. daß diese Leute aus der anderen Welt. die Europäer.als einschließt. indes aus d e m »weniger barbarisch« ein »gut« (tapfer. Als Alternative z u m Bestehen irgendeiner O r d n u n g stand M o n t a i g n e ( w i e H o b b e s ) die zeitgenössische Katastrophe kriegerischer Anarchie 129 .K u l t u r in Berührung g e k o m m e n .]. die sie in Aussicht stellen. um sie w o m ö g lich in Furcht und Schrecken zu versetzen und so d e n eigenen Sieg triumphal auskosten zu k ö n n e n (ebd. in die man nun eben einmal hineingeboren und m ü h s a m hineinerzogen w u r de — so schon..« (241) Unterdessen scheint der anfänglich als »Fehler« gebrandmarkte Kannibalismus g a n z in das edle Sein der W i l d e n a u f g e h o b e n zu sein.23. um dieser zu folgen. einen noch v o n G e f ü h l e n belebten Körper mit Foltern und Q u a l e n zu zerreißen.. Als diese nämlich merkten.. als der Relativismus den konservativen D o g m a t i s m u s andererseits auch untergräbt.12) rächt sich grausam am für sie Unerträglichen. die »den Verrat. die Grausamkeit entschuldigt hätte.). eigenen Tod verlangen (240 f. dessen antikes Vorbild Sextus Empiricus. Relativismus und Konservativismus sind nur die z w e i Seiten derselben Medaille 1 2 0 . i h n e i n e n »Fehler« zu n e n n e n (237). um die seine vergleichsweise abwerten zu k ö n n e n .] graben. den er ausführlich beschreibt (236 f... gerade auf Dauer stellen will. die also viel bitterer sein müsse als die ihre. D o c h » w i r « . herausgefordert und mit den ihnen bevorstehenden Q u a l e n bedroht. U n d deshalb sprach ich vorhin v o m weltgeschichtlichen Ereignis der Essais. die man »lange Zeit gut behandelt« (ebd.] erhängen: so dachten sie. die. die unsere gewöhnlichen Fehler sind. Unter Anspielung auf die zeitgenössischen. in einem bei spiellosen Massaker explodierten. Die einzelnen G e f a n g e n e n . 1 . in ihm auf einen unverrückbaren Maßstab gestoßen zu sein. schienen anthropologischer Maßstab und G e g e n stand der Kritik d o c h in einem Verhältnis wechselseitigen Ausschlusses zu stehen.. der die L e b e n s f o r m . und dies u m s o mehr. die diejenigen des Schrittes v o m E t h n o z e n t r i s m u s zur relativistischen D e z e n trierung w o h l n o c h übertreffen. v o n deren Festigkeit und Fortdauer immerhin die Lebens. daß der Relativismus Kritik eher aus. welch wilde M e n s c h e n sind dies d o c h im Vergleich zu u n s . dann ist die Kritik an einer Lebensform e b e n s o sinnlos w i e unmöglich. w i e man lebt.Indianern einen rituellen Kannibalismus.. M o n t a i g n e selber war bekanntlich alles andere als ein R e v o l u t i o när..9. als tot zu fressen. »bis an die H ü f t e n in die Erde [. die Treu128 losigkeit.)· Ironisch kommentiert M o n t a i g n e : » O h n e Lüge.11) empfindet es M o n t a i g n e als eine »schlimmere Barbarei [.. nicht o h n e G r u n d diese Form der Rache wählten. 3. w i e M o n t a i g n e (1. einen M e n s c h e n lebendig zu fressen. Kritisierba: ist höchstens derjenige.« (236Í.« (237) Montaigne ist ersichtlich bemüht. O f f e n b a r ist M o n t a i g n e eher an d e m kritischen Vergleich mit der eigenen Kultur interessiert als an einer unparteiischen Darstellung der fremden. der eine Kritik der eigenen Kultur als ganzer möglich machte. als ihn zu braten und zu verspeisen.) u n d m i t d e s s e n » Β r a n d m a r k u n g « er e b e n s o e i n v e r s t a n d e n ist w i e d a m i t . Sollten indessen alle L e b e n s f o r m e n tatsächlich gleich viel gelten. der zur Französischen Revolution führte. indem sie sie beleidigen und den baldigen. erhellen daraus. ihn bei langsamem Feuer zu rösten. die die edlen. 2. und fingen an. statt sie bloß aufzufressen.12. U m g e k e h r t fordern auch die G e f a n g e n e n ihre H e r r e n heraus. d o c h ein w e l t g e schichtliches N o v u m . die M o n t a i g n e brandmarken will : D e s p o t i s m u s und Grausamkeit der eigenen Kultur. Auch das kannibalistische Ritual ist Ausdruck des Wettkampfes um Stärke und Tapferkeit s o w i e Ausdruck »äußerste(r) Rache« für die Missetaten des Feindes (236). 9 D i e s e s Gegenbild ließ die zunächst als relativistische Moralistik ausgeführte A n t h r o p o l o g i e nicht nur zu sich selbst z u r ü c k f i n d e n . in natürlicher Gleichheit.. erstmals mit d e m »ganz Anderen« einer scheinbaren N i c h t . welche die Kenntnis so vieler anderer Laster in ihrer Nachbarschaft ausgesät hatten u n d so viel größere Meister als sie in jeder G a t t u n g von B o s h e i t waren. Es ist letztlich gleichgültig. D i e v o n der tyrannischen Herrschaft maßloser..« (237 f. ist in dieser Hinsicht die N o t b r e m s e eines Relativismus. dann liegt es nahe. die um einiges weniger barbarischen Praktiken der Indianer im Sinne der genannten Tugendlehre in Einklang zu bringen mit seinem Bild d e s Edlen Wilden. europäischen Religionskriege u n d w o h l auch die H e x e n v e r f o l g u n g e n (vgl. daß die Portugiesen ihre Feinde. Es sind die barbarischen Europäer. 3. sich derjenigen anzu passen. D i e Konservierung gegebener Lebensformen. an der Kultur ihres als pure N a t u r erscheinenden Gegenbildes. 3.) und »in voller Freiheit« hält (239). M o n t a i g n e stehe am A n f a n g des Weges. nachd e m er verendet ist.. mutig) wurde. [.) D i e s ist die eigentliche Barbarei. G r ö ß e und Schwierigkeit d e s Schrittes von der Selbstrelativierung zur Selbstkritik.. 239 ff. der man sich anzupassen hat. zivilisatorischer Vernunft unterdrückte N a t u r (vgl.] es liegt ein ungeheuerlicher A b s t a n d z w i s c h e n ihrem Wesen und d e m unsern. so hat sich diese nun zur Fähigkeit der Selbstkritik und damit zur M ö g l i c h k e i t einer Selbstveränderung fortentwickelt. in solidarischer Gütergemeinschaft und »glücklicher Zufriedenheit« (238) lebenden Kannibalen erst eigentlich zu Barbaren gemacht haben. werden» b e v o r m a n sie tötet und verspeist. ihre alte Art fahren zu lassen.13).

Weniger gleichgültig ist es. u 2 Andererseits sah sich M o n t a i g n e durch d i e Eroberung der »neuen Welt« mit der grausamen Gewaltsamkeit der eigenen Kultur und der N o t w e n d i g k e i t einer diesbezüglichen Kritik konfrontiert. 163). . was sich in Wahrheit der b l o ß e n Macht kontingenter . mehr als ein Jahrhundert vor Lafitau.. In dieser Gestalt zeigt die G e w o h n h e i t »ein furchtbares u n d tyrannisches Gesicht«. w e n n es ein Kaufmann ist. »uns solchermaßen zu ergreifen und zu unterjochen. Völker.). D e r Konservativismus des relativistischen Skeptikers M o n t a i g n e scheint nach all d e m wohl begründet zu sein (2.. 121 D a s Fehlen allgemein anerkannter Autorität führte z u m Krieg gegen die v o m leweiligen Gegner in Anspruch g e n o m m e n e religiöse u n d politische Autorität.12). »anderswo. der bei Las Casas und Sahagún seine ersten.« Sie trägt d a z u bei. M o n t a i g n e interessiert sich vor allem für die p s y c h o l o g i s c h e Seite (158) der A k k ul turation durch G e w o h n h e i t . und wir »sehen sie auf Schritt und Tritt d i e N a t u r vergewaltigen« (156). Lafitau ( 1670-1740). für Mario Erdheim) beginnt sie mit d e m Werk v o n Sahagún. d a m i t sie nicht geliebt werden 131 i m D i e n s t e u n d d e r B e q u e m l i c h k e i t d e s Körpers liegt. w o v o n ihre ursprüngliche A n m u t und A n g e m e s s e n h e i t herrührt. . Der Ü b e r g a n g v o m Relativismus zur Kritik kann den Relativismus nicht unberührt lassen. A n g e s i c h t s des absoluten Maßstabs jener idealen L e b e n s f o r m der Naturvölker in der »neuen Welt« m u ß die Kulturkritik als Kritik zivilisatorischer Vernunft zur Kritik des Relativismus selber werden.und Zivi Ii sa tionsprozesses. Im Kapitel » Ü b e r die Kannibalen« hatte er die G e w o h n h e i t kritisiert. wo man Männer in öffentlichen Bordellen finden kann. die ihre Möglichkeit.]. B. In einer und derselben N a t i o n tragen die Jungfrauen ihre Schamteile öffentlich zur Schau. und die Verheirateten bedecken und verhüllen sie sorgfältig«. präsentiert Montaigne einen ausgedehnten und exotischen Katalog kultureller Phantasmen. das er als »innerliche Verehrung« allgemein anerkannter »Meinungen und Sitten« faßt ( 162 f. um seinen Auswurf in Linnen aufzuraffen!« (159) »Es gibt V ö l ker. überwindet er die b l o ß komparatistis c h e Moralistik und f o r m t sie im Ü b e r g a n g v o m Relativismus zur Selbstkritik in Ethnologie der eigenen Kultur (im Sinne Todorovs) um.B. die Lieblingsdame seines H o f e s ihm d a z u die H a n d hinstreckt . die Errungenschaft Montaignes.23) analysiert er deren M a c h t als H a u p t f a k t o r d e s Akkulturations. Mit dem Vorsatz. Einzelne Lebensgew o h n h e i t e n formieren sich über die Zeit h i n w e g zu allgemein gültigen Bräuchen oder Sitten. d e n e n die Klosterfrauen zur B e w a c h u n g anvertraut sind.. der sich verheiratet. D i e Datierung d e s Beginns »eigentlicher« E t h n o l o g i e ist umstritten. so w i e beispielsweise gewisse — vor allem D a m e n — 130 G e w o h n h e i t verdankt (ebd. w e n n man sich ihnen widersetzt (man kann »sich nicht o h n e G e w i s sensbisse von ihnen a b w e n d e n « .]. Indem er die eigene Kultur aus der Perspektive der s o e b e n entdeckten fremden betrachtet. D a s maßstabslos Relativierende ist die zivilisatorische Herrschaft kulturbildender Vernunft.].« (64/i59) Ich z i t i e r e n u r eine kleinere A u s w a h l : Es gibt z. für das » G e w i s s e n « . als wir zumeist »unvernünftigerweise« für »allgemein gültig(e) und naturgegeben(e)« G r u n d s ä t z e der »Vernunft« halten. v o n den H u n d e n gefressen zu werden. zaghaften Schritte machte. »daß sich z w e i Kulturen gegenseitig erhellen [. der Tyrannei« (157)..« 1 2 5 G e n a u dies letztere ist.)..b e e n g e n d e Kleidermod< η ti ie » w a h r e B e s t i m m u n g « d e r K l e i d e r v e r g e w a l t i g e n . §£rgelingt es der G e w o h n h e i t . bei denen außer seiner Gattin und seinen Kindern niemand mit d e m K ö n i g anders redet als durch ein Mundrohr. d . Wo d e n Eunuchen. n o c h keine wirkliche Ethnologie. w e n n der K ö n i g ausspuckt. und eine negative.F. uns aus ihrem Griff zu lösen und unseren G e i s t zu sammeln.. bis sie zu einem Brei werden.« D o c h dies sind »gleichgültige D i n g e « ( 165).. »bei denen. »die vor A u g e n . h . um ihre Vorschriften zu überd e n k e n und zu prüfen.« (ebd. die ihrerseits durch »die Macht der G e w o h n h e i t « (155) tradiert und zu einem » H e r k o m m e n « verfestigt werden.. daß wir kaum m e h r v e r m ö g e n . beschlafen alle zur H o c h z e i t geladenen Kaufleute die N e u v e r m ä h l t e vor ihm [.) D a s aber ist um so dringlicher g e b o t e n . bleibt selbst jedoch das einzige Subjekt* Seine Vergleiche erstrecken sich nur auf die anderen. o h n e ihnen beizustimmen«). andernorts v o n den V ö g e l n [. 1. sprich: Ausweisbarkeit gleich mitlieferte. »die p l u m p e n L ü g e n g e w e b e der Religionen beiseite« zu lassen (158). 1 2 3 F ü r T o d o r o v hingegen ist der e t h n o l o g i s c h e Komparatismus.. »Ich glaube. Er bringt b l o ß » Objekte. w e n n die furchtbare Tyrannei der G e w o h n h e i t auf d e m Wege der Erziehung »schon in der zartesten Kindheit ihren K n o t e n in unsere Seele« legt. « (De la cottstume. D i e E t h n o logie hingegen »bringt den anderen [.. w e n n m a n den anerkannten M e i n u n g e n und Sitten folgt (man kann sich ihrer nicht »befleißigen [. H i e r liegen »die wahren Samen und Wurzeln der Grausamkeit. und sogar M ä n nerehen« (160). es gibt keine n o c h so absonderlichen Einfälle d e r m e n s c h lichen Phantasie.. für die sich nicht i r g e n d w o Beispiele in e i n e m H e r k o m m e n f i n d e n lassen und d i e infolgedessen nicht auch durch Vernunftgründe gestützt und begründ e t werden. Coustume heißt s o w o h l G e w o h n h e i t w i e auch Brauch.. die alle außerhalb seiner selbst stehen. die die Barbarei der eigenen Sitten unkenntlich macht. Es gibt Länder. D e r Glaubensstreit seiner Zeit hatte seitens der Protestanten die Autorilät kirchlicher Traditionen und seitens der Katholiken die Autorität der Bibel relativiert. indem ihr barbarisch ausschließlich die anderen erscheinen. » w o man die Leichname der Verstorbenen kocht und hernach zerstößt. und bei einer anderen N a t i o n bücken sich die Vornehmsten seiner U m g e b u n g zur Erde.] mit sich selbst auf dieselbe E b e n e und stellt d i e e i g e n e n Kategorien [. auch noch N a s e und Lippen fehlen. auf dieselbe E b e n e .]: Man lernt den anderen durch sich kennen. für die anderen mit der vergleichenden E t h n o l o g i e v o n J. die die conditio humana zw eine unübersehbare Vielfalt unterschiedlichster L e b e n s f o r m e n ausliefert. Für die einen (z. D a s G e w i s s e n ist innere Sanktion: eine positive. Im Kapitel » Ü b e r die G e w o h n h e i t .] in Frage. den sie zu ihrem Wein mischen und trinken. Wo das ersehnenswerteste Begräbnis ist. aber auch sich selbst durch d e n anderen.

« (ebd. » U n d was alle P h i l o s o phie nicht in die K ö p f e der Weisesten einpflanzen kann. A c h t e n die freien Völker »jede andere Form der Regierung als ungeheurlich und wider die N a t u r « . später wird er jedoch merken. w e n n er es »unvernünftig« findet. F . w e n n ein jeder.« (161) 126 D a s Urteil kritischer Vernunft über die selbstgewählte Knechtschaft liegt nach all d e m auf der Hand.). S a m m l u n g e n exotischer Sitten anzulegen.. die M o n t a i g n e in Anspruch nimmt. w e n n sie sich vernünftig begründen ließen (159). »Die menschliche Vernunft ist eine Lauge. w e n n man das M a ß der Wahrheit und der Vernunft an die D i n g e anlegt. Politische D e n k e r w i e B o e t h i u s . . w i e nach ihm H o b b e s oder Kant.) E i n solcher Vergleich wird einige Seiten später ausgeführt. als wir sie. Er stellt »in Freiheit und Selbstregierung aufgewachsenen Völker(n)« jene gegenüber. der in diesem Z u s a m m e n h a n g in pikante N ä h e zu M o n t a i g n e s zahlreichen Beispielen für die absurden Gebräuche narzißtischer Alleinherrschaft gerät. deren Lebensform für M o n t a i g n e verwirklichte P h i l o s o p h i e war. seine eigenen M e i n u n g e n so h o c h zu schätzen. mit e b e n s o l c h e n Mühsalen einen neuen e i n z u s e t z e n . Wer letzteres vorhat.].). europäische Kultur betrifft. europäische Feudalismus. nachdem er diese fremdartigen Beispiele durch wandert hätte. als sei der kritische Konservative z w e i getrennte Personen in einer. sich über die eigenen zu beugen und g e s u n d e n Sinnes zu vergleichen wüßte.k ö n n e n . M o n t a i g n e spaltet. während sich die andere im öffentlichen Bereich 133 O f f e n b a r verwendet M o n t a i g n e d e n Begriff der Vernunft in zweierlei Bedeutung. die Knechtschaft selbst zu hassen. der Theorie in innerlicher Freiheit. der der feste B o d e n h e r k ö m m l i cher Wertschätzungen entgleitet. so e m p f i n d e t jener »roheste H a u f e n « Freiheit und Selbstregierung als widernatürlich. Gegenstand kritischer Vernunft ist die relativistische »Vernunft« b l o ß e n H e r k o m m e n s . nämlich auf derjenigen autonomer. das fiktive Ideal unverfälschter N a t u r gegenüberzustellen. D i e eine entfaltet sich im Bereich des Privaten. was die eigene. was als unbezweifelbar hingestellt wird und was weiter d o c h keine B e g r ü n d u n g hat als d e n weißen Bart und die Altersrunzeln.) D i e s ist der Vernunftbegriff. was man einführen will (ebd. das eine v o m anderen schlicht ab. die an die despotische »Herrschaft eines Einzelnen g e w ö h n t sind« (163). W i e lassen sich jene kritische Vernunft und diese konservative Skepsis miteinander vereinbaren ? Gar nicht. weil sie sich nicht entschließen k ö n n e n . Man kann diese M a s k e abreißen. die damit v e r b u n d e n sind.. und die Priester sich die A u g e n ausstechen. Er »wird zunächst ein G e f ü h l haben.« (165) M o n t a i g n e hat zu e i n e m weiteren G e m e i n p l a t z seiner Zeit z u r ü c k g e f u n d e n . statt als b l o ß vorgegebene zu herrschen. Allgemeingültig wären sie nur dann.. Er »wird vielerlei entdecken k ö n n e n . trifft eine »weit gefahrvollere Wahl«. die die N a t u r vergewaltigt und beherrscht und eine inkommensurable Vielfalt unterschiedlichster Sitten hervorbringt.. Montaigne war einen Schritt zu weit gegangen. d e n die relativistische Vernunft d e s Moralisten nachzeichnet. so eilen sie. Es war damals üblich. 1 2 8 D i e N a c h t e i l e einer » U m w ä l z u n g « (166) überwiegen deren Vorteile. so daß die gewaltsame Veränderung eines Teils das G a n z e zu zerrütten droht (ebd. der bloßen G e w ö h n u n g an das gegebene G e b o t .] allen unseren M e i n u n g e n und Sitten eingetränkt ist [. der Innerlichkeit. Es ist » E i g e n liebe und A n m a ß u n g [. so viele unvermeidbare Ü b e l und eine so entsetzliche Sittenverderbnis angerichtet werden müßten.. weil kritisch in Frage gestellt wird. D i e möglichen F o l g e n wären Anarchie und Bürgerkrieg (167). 1 2 7 D o c h just an dieser Stelle ereignet sich der genannte U m s c h l a g in d e r A r g u m e n t a tion. durch den Vergleich mit der fremden Kultur der Naturvölker entrelativiert.. unbegrenzt in der Vielfalt. verdankt. »Die Barbaren setzen uns nicht stärker in Verwunderung. ist eine Staatsordnung d o c h ein integriertes G a n z e s . Einmal meint er die zivilisatorische Einbildungskraft. der »sich v o n diesem mächtigen Vorurteil d e s H e r k o m m e n s freimachen will« (ebd.) Wer das tut. Z u m zweiten aber hat »Vernunft« offensichtlich die Bedeutung kritischer Weraunit. daß um ihretwillen der öffentliche Friede gebrochen. selbst w e n n sie sich mit großen Mühsalen der A n m a ß u n g eines Herrn entledigt haben. Das Beispiel für jene waren in Kapitel 1.« (66/163 f. Tatsächlich k o m m t M o n t a i g n e anschließend auf denjenigen (nämlich sich selbst) zu sprechen..« (159 f.E .] durch die Macht des A n s e h e n s alter Bräuche« (241). s o . während sich die despotische »Herrschaft eines Einzelnen« eben der letzteren.]: unbegrenzt in der Fülle. lehrt sie (die G e w o h n h e i t — H . und mit nicht mehr Grund. d e n n um entscheiden und verändern zu k ö n n e n . erfährt d e n Schwindel einer Freiheit. um mit ihren D ä m o n e n in Verbindung zu treten und das Orakel zu befragen. » U n d welche Gelegenheit einer Ä n d e r u n g ihnen das Geschick auch biete.. sie verändern zu wollen./ 164). s o w i e »das Gute« dessen. ) es nicht durch das bloße G e b o t dem rohesten H a u f e n ? « (162) A l s verwirklichte Philosophie ist die indianische Lebensform das strikte Gegenteil »einfältiger und knechtischer B e f o l g u n g ihrer Sitten [. Das Beispiel für diese hingegen ist der zeitgenössische.31 die Kannibalen.« (168) D e n Gebräuchen und G e s e t z e n seiner Zeit zu folgen. während es ein »Frevel« ist. die. Le R o y oder B o d i n hatten der intellektuellen Vorsicht eine konservative Orientierung anempfohlen. die Macht der G e w o h n h e i t und die Befremdlichkeit ihrer A u s w i r k u n g e n zu b e t o n e n und der Eitelkeit und Torheit. » D i e s e Ü b e r l e g u n g e n halten indessen keinen verständigen M e n s c h e n ab. d e m g e m e i n e n Geschmack zu folgen. w i e ein jeder eingestehen würde. An dieser Stelle formuliert M o n t a i g n e sein e t h n o l o g i s c h e s Credo im Sinne von Todorov. kritischer Vernunft. m u ß man richten und »das Falsche« dessen genau angeben k ö n n e n . M i t diesem G e d a n k e n g a n g ist M o n t a i g n e einen Schritt über dje G e m e i n p l ä t z e seiner Z e i t hinausgegangen. als w e n n seine bisherige Art zu urteilen vollständig über d e n H a u f e n geworfen würde. bloße G e w o h n h e i t e n für naturgegebene und allgemeingültige Grundsätze der Vernunft zu halten (163). daß s e i n U r t e i l nun auf viel sichererer Basis ruht« (66 f.). w a s man verändern.« (163) 132 . die [. ist »äußerstenfalls ein U n g l ü c k « . der sie ihr zähes Ü b e r l e b e n verdanken.

Tatsächlich ähnelte die Kultur der Kariben stark der Kultur der Tupinamba (TT. In e i n e m S c h w i n del der Freiheit hat er sich v o m mächtigen Vorurteil des H e r k o m m e n s losgerissen und seine Seele aus d e m G e d r ä n g e in die Innerlichkeit und den privaten Freiraum der Bibliothek im Turm seines Schlosses z u r ü c k g e z o g e n . 241 ) . z u m O b j e k t goldgieriger Phantasien der Europäer.. aber auch Franzosen und Holländern) erbitterten Widerstand leistete. in Friedenszeiten der strengen Kontrolle d e s Ältestenrats. Beachtet man ferner. Sie m u ß ten zwar arbeiten. d a s tien Eroberern (vor allem d e n Portugiesen. A u s M o n t a i g n e s A n g a b e . M y t h i s c h e Z e i t e n w ü r d e n wiederkehren. rednerische G a b e n u n d materiellen Wohlstand gehorsamer. »So unterlag die Autorität der T u p i n a m b a . 330). w i e schon Kolumbus' Kariben. sondern es sind im besonderen jene B ö s e n W i l d e n . z w e i m a l das A m t d e s Bürgermeisters v o n B o r d e a u x z u bekleiden (1581-1585) und z w i s c h e n den H ä u p t e r n der verfeindeten G u i s e n u n d B o u r b o n e n z u vermitteln (1588). die vor allem die brasilianische K ü s t e südlich d e s A m a z o n a s besiedelten. s o w i e aus teilweise w ö r t l i c h e n Ü b e r e i n s t i m m u n g e n mit T h e v e t . indianischen Bevölkerung gegen die spanischen Eroberer ( 7 í 8 f í . U m g e k e h r t haben »wir« als ['reis für unsere private Selbstliebe und A n m a ß u n g »unsere Arbeit. nicht zu scheren«. ) . 1549 z o g e n sie nach Peru. nahmen aber vollständig am sozialen Leben teil. zu d e n k e n . »Tapferkeit gegen die Feinde«. die über . Daher w u r d e n die G e f a n g e n e n lange am L e b e n erhalten und gut behandelt. utopi 135 Wie die Kariben. waren die Kulturen d e s südamerikanischen T r o p e n w a l d e s durch »den Mangel an sozialer Schichtung und autoritärer Macht« gekennzeichnet. gäbe es G o l d . u n b e f a n g e n über die D i n g e zu urteilen. deren hierarchisch in Kasten geschichtete Sozialstruktur derjenigen der H o c h k u l t u r e n in d e n A n d e n nahestand. weil die Flucht sie entehrt hätte und sie v o n ihrem eigenen Stamm getötet w o r d e n wären). war vollständig v o n Z u s t i m m u n g und Vertrauen d e s g a n z e n Stammes abhängig. U n d damit diese nicht in d e n vetiührerischen S o g intellektueller Subversion hineingeraten. e i n e egalitäre G e s e l l s c h a f t o h n e zentrale Z w a n g s g e w a l t . D e r e n SchamanCndeuteten die Invasion der Portugiesen und die Versklavung durch sie als göttliches Zeichen dafür. »in der Villep υ ΐί n o n an L a n d g i n g u n d d i e er das A n t a r k t i s c h e Frankreich n a n n t e « (229 f.] um unsere Art. äußerer Lebenspraxis bewegt. betrifft. und ihre zeremonielle O p f e r u n g brachten soziales Prestige hervor. »Liebe zu den Frauen«. die im uneinholbaren. d i e d e n E d l e n W i l d e n verkörpern. d e m ein h o h e r sozialer Wert zukam. um D e u t s c h l a n d . Edel sind nicht die Indianer als solche.) über die Tupi-Indianer bildeten für ihn »den U r s p r u n g d e s m o d e r n e n ethnographischen B e w u ß t s e i n s « (TT.« 134 1)4 D i e Macht. b ö s e s U n t e r m e n s c h e n t u m . A l s die S p a n i e r e r f u h ren. welches die Feinde sind. so praktizierten auch diese einen rituellen Kannibalismus. gegen die die W i l d e n Krieg führen. die reine Theorie. die bei Kriegsexpeditionen unangefochten war. und die w e i ß e Rasse w ü r d e verschwinden. 136 Z w e i t e n s waren auch die Tupinamba ein kriegerisches Wandervolk.. Wie jene. magische Kräfte. dort. 03 verfügten. dann wird das eigentlich Edle deutlich. N u n werden z w e i weitere Abspaltungen deutlich. daß ihr Stamm nun in das verheißene Land o h n e Leid und Tod zurückzukehren hätte. die Schweiz und Italien zu bereisen 1 3 0 . w u r d e n in ihrer Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt und mitunter v o n den Siegern sogar geheiratet (die G e f a n g e n e n versuchten nicht. den Konflikt z w i s c h e n der kritischen Vernunft d e s E t h n o l o g e n und der konservativen Skepsis d e s Moralisten Montaigne zu entschärfen. so wird der Edle Wilde als M a ß s t a b der Kritik z u m fiktiven Ideal reiner Natur. Widerspenstigkeit und G o l d — dies sind die hauptsächlichen Bestandteile des europäischen M y t h o s v o m B o s e n Wilden. deren eschatologische Heilserwartung sich auf trübe Weise mit der apokalyptischen Eschatologie der Tupinamba vermischte. zu fliehen. 1 2 9 D e r »Weise« soll »innerlich seine Seele aus d e m G e d r ä n g e z u r ü c k z i e h e n und ihr die Freiheit und Fähigkeit wahren [. So hat M o n t a i g n e selber gelebt. d e n A r a w a k i m N o r d w e s t e n S ü d amerikas.kriegerischen Mut. Ihnen war n o c h Lévi-Strauss g a n z zu A n f a n g seiner Brasilienreise auf d e r Spur.). Seitenlang feiert M o n t a i g n e d e n Widerstand der einheimischen. daß M o n t a i g n e s »Kariben« die brasilianischen Tupinamba sind.« Was jedoch »das Ä u ß e r e angeht«."' M o n t a i g n e s U m k e h r u n g d e s eurozentrischen Verhältnisses z w i s c h e n d e m zivilisierten Christen und d e m barbarischen W i l d e n gleicht der U m k e h r u n g v o n Las Casas. w e n n sie zu jener z w e i t e n U m k e h r u n g d e s b ö s e n Kannibalen z u m E d l e n W i l d e n ausholt.m Abscheulicher Kannibalismus. So machten sieh die Tupinamba mehrfach auf Wanderschaft. Léry und O s o r i o 1 3 2 geht eindeutig hervor. D i e Berichte der ersten R e i s e n d e n ( e b e n T h e v e t . die w i e die s o e b e n dargestellten d e n nämlichen Z w e c k h a b e n . hat sich die »Öffentlichkeit [." 7 U n d schließlich wurden auch sie. die S e n d b o t e n der eigenen Kultur. so waren auch die Tupinamba. d i e nach e i n e m Sieg versklavt wurden. U n d was sein eigenes Metier. im verheißenen Land. D e n verließ er ein Jahrz e h n t später (etwa 1580). D e r Besitz v o n G e f a n g e n e n . jene Kannibalen. Der kritische Theoretiker delegiert d e n praktischen Widerstand gegen den eigentlichen G e g e n s t a n d seiner Kritik an die exotischen Wilden. unser Glück und unser eigenes Leben« gehorsam in den D i e n s t der öffentlichen A n g e l e g e n h e i t e n zu stellen (166)..a.. d e n M o n t a i g n e z u m Edlen Wild e n und zur Projektionsfläche s e i n e r e i g e n e n M oral Vorstellungen m a c h t : »Standhafl i g k e i t i m Kriege«. um das es M o n t a i g n e s U m k e h r u n g geht: der tapfere Widerstand gegen die Europäer. soll er durchaus » d e n herrschenden M o d e n und Formen g e h o r c h e n « . die man allein an die delegierte. d i e K o l u m b u s auch Kariben nannte. 1 " Ich h e b e unter den Gemeinsamkeiten z w i s c h e n Kariben und Tupinamba weitere drei hervor. machten auch sie sich auf d e n Weg in das ihnen verheißene Land. g e h t j e d o c h n o c h einen Schritt weiter als diese. Léry u.].H ä u p t l i n ge. sein I n f o r m a n t sei »in der G e g e n d « g e w e s e n . nach ElDorado. i m G e g e n s a t z z u K o l u m b u s ' Edlen W i l d e n . A u s g e r e c h n e t d e r aber ist es nun.

G o l d hätten sie w e n i g . was im Lande für den Gottesdienst gebraucht werde. deren Tugenden nicht zu besitzen den Europäern sehr nützlich war : »die Frömmigkeit. der Stellvertreter G o t t e s auf Erden. H a b s u c h t .Gesellschaft rufen Vorstellungen des N i e d e r g a n g e s und des nahen Endes der Welt hervor (715). die Beachtung der G e s e t z e . daherkamen. negativen Staunen über die eigene Kultur.haftigkeit und M u t . die die Kritik der eigenen Kultur als ganzer allererst möglich machte. ganze Millionen zu unterwerfen. was ihm nicht gehöre.].« (315/719) Am E n d e dieses Kapitels hat Montaigne einen D i a l o g z w i s c h e n Spaniern u n d I ndianern transkribiert. D i e Welt wird in Krämpfe fallen. und derjenige. die mit Feuerwaffen h o c h zu R o ß einige »nackte Volksstämme« niedermachten. sage ich. daß die Aggressivität der anderen d e n Sieg davontragen mußte. Millionen erschlagener Menschen. nur weil man Perlen und Pfeffer einheimsen wollte [. deshalb k ö n n t e n sie ruhig alles m i t n e h m e n . für die U m k e h rung des eurozentrischen Blickwinkels und die Ü b e r n a h m e des die eigene Kultur distanzierenden Blicks des exterritorialen Fremden auf sie. Warum w u r d e die weltgeschichtliche C h a n c e vertan. M o n t a i g n e übernimmt hier so deutlich w i e an keiner anderen Stelle den Blick der anderen auf die S e n d b o t e n der eigenen Kultur. Freigebigkeit. die Güte. sich nur 139 . die sie ihnen a n z u n e h m e n rieten. 147 Wie die iilentifikatorische Schilderung d e s erschreckten Staunens d e r Indianer über d i e U n g e h e u e r aus Übersee. daß es nur einen G o t t gäbe. was sie darüber vorgetragen hätten. und sie schätzten es auch gar nicht besonders. mit d e m »berechtigte(n) Staunen« der Indianer über »bärtige M e n s c h e n von ganz anderer Sprache.« A u ß e r d e m verlangten sie Lebensmittel zur N a h r u n g und G o l d [. F. durch diese Tugenden haben sie [die Indianer — H. k ä m e n v o n weit hergereist. schließlich erklärten sie ihnen den Glauben an einen einzigen G o t t und die Wahrheit unserer Religion. während der andere in voller Kraft steht.und Tauschg e w i n n so vollständig verfallen waren ? Zerstörte Städte. Für die »neue Welt« wird »der Tag beginnen. als vielmehr ihre kulturelle Überlegenheit. die ihnen Freundlichkeit und großzügige G e s c h e n k e entgegenbrachten. blitzenden Waffe«. verführt : man n e h m e . und ihn dadurch gegen die früheren Besitzer aufhetzte. Steine(n).] sich ins Verderben gestürzt und haben sich selbst verkauft und verraten.) »In Hinsicht auf 1 i < i /. z u m Schluß kamen noch einige D r o h u n g e n . w e n n über der unseren die N a c h t anbricht. die der Sucht nach Handels. w ü r d e n sie sehr gnädig behandelt werden. die »die g a n z e Welt verjüngt u n d verbessert« u n d » z w i s c h e n h ü b e n und d r ü b e n ein B a n d brüderlicher Gemeinschaft und Eintracht« geknüpft hätte ( J / 4 / / 7 1 8 f . so Montaigne. N i e hat Herrschsucht. wenn sie dies verstand. Treue und O f f e n h e i t [. die sich nur mit » B o g e n . sie noch nicht einmal ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung in der Vergangenheitsf o r m zu beschreiben — w i e vor i h m s c h o n Sahagún und nach ihm Lévi-Strauss' endgültiger A b g e s a n g auf die Traurigen Tropen: »Es war eine kindliche Welt«. auch die N e u e mit sich hinabzureißen. Es war w e n i g e r ihre militärische Überlegenheit... so fremde und unerhörte D i n ge zu sehen. Prügel(n) und hölzerne(n) Schilder(n)« zu wehren w u ß t e n (ebd. so daß sich Montaigne gehalten sieht. und das sei der mächtigste Fürst auf der b e w o h n b a r e n Erde. zu der dann noch »Blitz und 1 )onner unserer G e s c h ü t ze und Büchsen« h i n z u k a m e n (717). Ich zitiere diesen D i a l o g vollständig. D i e s mußten die Europäer verstanden haben. m ü ß t e ein ζ wieträchtiger M a n n sein. da es für ihre Bedürfnisse überflüssig sei. aber eine andere Religion wollten sie nicht annehmen. weil er die Ausgangssituation der Konfrontation beider Welten e b e n s o scharfsinnig w i e definitiv formuliert. d e m der Papst. H u n g e r u n d T o d « stellt M o n t a i g n e sie » d e n r u h m v o l l s t e n Beispielen d e s A l t e r t u m s z u r Seite« (717). Wo hat es je M e n s c h e n gegeben. da er Forderungen stellte. D i e A n t w o r t lautete f o l g e n d e r m a ß e n : »Wenn sie wirklich tricdlich wären. und man nimmt ihnen alle Voraussetzungen so vieler Siege.« (716) D o c h der N i e d e r g a n g der A l t e n Welt droht. weil sie unsere Sitten sahen und sich danach richteten. als sie die Indianer. und sie wären g e w ö h n t . »unter d e m D e c k m a n t e l der Freundlichkeit und R e d lichkeit übcrlistet(eten)« (718). so sähen sie jedenfalls nicht so aus. d e n Pferden. die es einigen Tausenden gestattete.. w e n n er einem Dritten etwas schenkte. da die eigene ihnen so lange gute D i e n s t e geleistet hätte. der eine Teil wird gelähmt sein. ganz Indien ζ u L e h e n g e g e b e n hätte. die Montaigne s o e b e n hervorhob. w e n n sie ihm Tribut zahlen w o l l t e n . nie Parteileidenschaft die M e n s c h e n zu so schrecklicher Feindschaft gegeneinander gehetzt und so elend ins Verderben gestürzt. zwei Kulturen »mit s c h o n e n d e r H a n d « z u s a m m e n z u f ü h r e n und die Möglichkeiten dieses Kontaktes »verständnisvoll zu n ü t z e n und zu fördern« ? Eine unwiederbringliche C h a n c e . Ausdauer.. Es war. außer d e m . die »auf g r o ß e n . so am wertet ihm Montaigne mit e i n e m u m g e k e h r t e n .).J. den er bei L ó p e z de Gomara aufgezeichnet fand. den Eroberern diese ungleichen Waffen ab. D i e Europäer verstanden. das hätte ihnen gefallen .« (718) Begann die E n t d e c k u n g der Neuen Welt mit einem Staunen über das ganz Andere noch nie gesehener Paradiese. der ihm das Land z u g e sprochen hätte. D e m s t e h e n d i e » L i s t e n u n d B l e n d w e r k e « d e r hochgerüsteten. sie wären v o m König v o n Kastilien geschickt. unbekannten U n g e h e u e r n « . die die Indianer ins o f f e n e Messer laufen ließ..-E. D i e Spanier sagten : » »Sie hätten friedliche Absichten. europäischen »Besieger« gegenüber. so stellt er für Montaignes Errungenschaft. U n t e r d e m » D e c k m a n t e l der Freundschaft und der Redlichkeit überlistet und durch die N e u g i e r . völliger U m s t u r z im reichsten und schönsten Erdteil. die eigene 138 L e b e n s f o r m . G e h a b e n u n d Körperbau«. »ausgestattet mit einer harten und blinkenden H a u t und einer scharfen. ) ? Weil hier z w e i Gesellschaften aufeinanderprallten. auf Entschlossenheit. Grausamkeit und unmenschliches Verhalten aller Art zu g e w ö h n e n . »wir haben ihre U n w i s s e n h e i t und Unerfahrenheit d a z u mißbraucht. anderem Glauben.« (716 f. was sie fänden. Standhaftigkeit gegen Sil ι m e r z e n . sie verlangten v o m Leben nur Glück und Zufriedenheit .]. deren eine so verfaßt war. sie an Verrat.. ausgerottete Völker. ihr König müsse w o h l arm und bedürftig sein. U n z u c h t . Lebensmittel würden sie ihnen liefern .

so daß Anthropologie zur Darstellung eindringlicher Selbsterkenntnis werde. sie fänden zweierlei sehr merkwürdig. seine H y m n e auf den tapferen Widerstand der Wilden (vgl.). noch die süße Freiheit der ursprünglichen N a t u r g e s e t z e herrscht. »den Ort zu wechseln« und »sich von der großen H e r d e abgesondert zu haben«. w e n n anders er sich soeben mit diesen identifiziert hat. soweit die Rücksicht auf die Öffentlichkeit das zuließ. N u r sie w ü ß t e n um seine tiefsten Geheimnisse. v o n einer Bedingung ab: d e m gelungenen R ü c k z u g aus der Öffentlichkeit in die Privatsphäre einsamer Selbsterkenntnis. D i e Ethnographie der N e u e n Welt hat Montaignes Moralistik in Anthropologie zurückverwandelt. Wie aber kann das private »Ich« d e m öffentlichen »Ich« und der z u m persönlichen G e w i s s e n verinnerlichten. auf der Spur. was wir hinter uns gelassen haben.2). bettelnd vor ihren Türen stünden.] ganz vollständig und ganz nackt dargestellt. die nach Übersee reisten. denn sie w ü ß t e n doch gar nicht. denn »jeder Mensch trägt in sich das ganze Bild der Menschlichkeit. Drei Tupi-Indianer begaben sich nach Rouen. da hätte ich mich sehr gern [. hat sich Montaigne auch mit den Wilden in seiner eigenen Kultur identifiziert. Zum einen ließen sich große. und unsere Gedanken sind voll davon.« ( J 4 / 5 1 ) So also. die am Stadtrand zu sehen waren. dann enthüllt sich ihm die Natur des Menschen. die es der Öffentlichkeit vorzuenthalten gilt. in denen. der noch unter den »ursprünglichen Naturgesetzen« lebt — allerdings nur dann. Gefragt. dem ergeht es wie den Ärzten. die einige Generationen später wahre Urstände feiern sollte: der fiktiven Ethnologie der eigenen Kultur aus dem Blickwinkel irgendeines Edlen Wilden.623) 1 4 8 Wie aber schlägt Montaigne die Brücke von privater Selbsterkenntnis über die allgemeine N a t u r des Menschen zur Ethnographie des Edlen Wilden ? Indem er sich seihst mit diesem identifiziert Bereits in der Vorrede » A n den Leser« verrät er das Allerwichtigste : »Der Leser 140 sieht hier meine Fehler ungeschminkt aufgezeigt. so hiels es eben. als die er sich selber sieht. w e n n er sich aus d e m öffentlichen Gedränge zurückgezogen hat in seine Privatsphäre.) Wer sich außerdem nicht nur gedanklich.12) und sogar mit den H e x e n (3.bei ihren Freunden und Bekannten Rat zu holen./7\9i. D a s psychologisch-anthropologische Fundament der Essais hängt. wie es heißt. v o n Armut und Hunger ausgemergelt. aufhielt. Erst in einsamer Selbst erkenntnis enthüllt sich die wahre Natur des Menschen. Vielleicht waren die obigen Ausführungen diesen Geheimnissen. Geklärt ist schließlich auch der Zusammenhang von Psychologie. gewöhnliche.27. Bei den Wilden hingegen hätte er sich »ganz vollständig« enthüllt.11). und z u m zweiten sei ihnen aufgefallen. wie denen da — und dabei zeigten sie auf die K ö p f e von Hingerichteten. mit dem Pöbel (le vulgaire). D e n n hätte ich in einem von den Ländern gelebt. der sich mit der europäischen Kultur als einem fremden Ausland konfrontiert sieht. tyrannischen Macht der Gewohnheit e n t k o m m e n ? »Unser Ü b e l sitzt uns in der Seele: sie aber kann sich selbst nicht entrinnen. sondern auch praktisch zu d e m zurückwendet. wo sich derzeit gerade König Karl IX. S. unstudierte und ungekünstelte Gestalt« (ebd. Reflektiert der Autor auf sich selbst. als splitternackter Wilder.) sei Delegation seines eigenen. 259) Selbst w e n n es gelungen ist. selbst dann »schleppen [wir] unsere Ketten mit uns: es ist keine ganze Freiheit. der nun von diesen her auf sie selber zurückfällt. einfachen Leuten aus dem Volk (1. weil er selbst der Wilde ist.« (1.« (3. denn sie seien nicht gewohnt. in gutem Sinne auszulegen. So wurde Montaigne z u m Begründer einer literarischen M o d e . daß auch das Kapitel »Über die Kannibalen« . Als die »einfache. sonst würde es ihnen gehen. D i e Bibliothek im Turm seines Schlosses ist das Reich des Edlen Wilden. und fänden es wunderlich. h ö f liche Redensarten und Warnungen von fremden Menschen. Anthropologie und Ethnographie der Wilden. Andererseits war behauptet worden. auch 721 f.2. und über welche Mittel sie verfügten: also möchten sie schleunigst ihr Land wieder räumen .ins dem ersten Buch mit eben diesem indianischen Blick auf die Europäer schließt. H i e r dokumentiert sich literarisch z u m ersten Mal die Umkehr des ethnologischen Blicks der Europäer auf die Fremden zu einem Blick. wir wenden den Blick zurück nach dem. antworteten sie. D e n n jetzt hat sich die Vermutung bestätigt.« (242 f. starke und bewaffnete Männer von einem Kind Befehle geben. die in Waffen vor ihnen stünden. mir daß es hier die Indianer sind. so hieß es oben. wie sie denn die europäische Kultur fänden.« (ebd.) Es ist kein Zufall.. gäbe es nicht die gebotene »Rücksicht auf die Öffentlichkeit«. lieber Leser. 2. Ihre Drohungen seien ein Zeichen v o n Unverständnis. wie diese derart bedürftigen Hälften eine solche Ungerechtigkeit ertragen könnten und daß sie nicht die anderen an der Gurgel packten oder Feuer an ihre Häuser legten. so schwächen sie 14Î . seine gesamte Kulturphilosophie sei fiktive Ethnologie der eigenen Kultur. v o n welcher Art die Menschen seien. So also.) D i e s ist der Blick Montaignes auf die eigene Kultur. Wenn »sie der Gesundheit der Kranken dienen. denen sie Angst machen wollten. den kleinen. die unter Kranken leben.39. mit allen Annehmlichkeiten gesättigte Menschen gebe und daß ihre anderen Hälften. S. (315f. Außerdem ist jetzt die These erhärtet.. »daß es unter uns üppige.. bärtige. hätte er bei ihnen gelebt. befindet er sich selber doch in (der Position des Edlen Wilden. bin ich selber der Gegenstand meines Buches. die mir angeborene Art mit ihren Unvollkommenheiten wiedergegeben. Wie also verhalten sich Anthropologie um! introspektive Psychologie zueinander? Gemäß seinen der N o t gehorchenden Abspaltungen hat Montaigne stets den Bereich des ö f f e n t l i c h e n relativistisch als den Bereich künstlicher Sittenvielfalt und den des Privaten als Refugium des Natürlichen gedacht (3. »der Mensch« sei in ihr als »Ich« thematisch.. wäre Montaignes »Ich« Gegenstand seines Buches. was er hinter sich gelassen hat.

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