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GESELLSCHAFT ROTE HILFE

Allein machen sie Dich ein
Wie alles begann: Kundgebung der „Rote Hilfe Deutschlands“, 1931 im Veranstaltungssaal „Conventgarten“ in Hamburg.

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2.2014 liberal

Fotos: picture alliance/ZB; picture-alliance/akg-images

Die Gefangenenhilfsorganisation Rote Hilfe e. V. unterstützt Angeklagte aus dem politisch linken Spektrum, darunter inhaftierte ehemalige Mitglieder der RAF. Kritikwürdig ist vor allem, wie der Verein Strafprozesse begleitet: Er gewährt nur jenen Hilfe, die jede Zusammenarbeit mit Justiz und Polizei verweigern. Wer Reue zeigt, dem wird die Unterstützung versagt. // TEXT // KARSTEN DUSTIN HOFFMANN

Ü

ber kaum eine radikal linke Organisation ist in den letzten Jahren so viel geredet und geschrieben worden wie über die Rote Hilfe. Aber kaum jemand weiß, wie die linke Gefangenenhilfsorganisation arbeitet und was ihre Ziele sind. Wer in einer Bibliothek nach Texten über die Rote Hilfe sucht, wird nur solche finden, die von ihr selbst oder nahestehenden Autoren verfasst wurden. Dabei haben linke Hilfsorganisationen in Deutschland eine lange Geschichte. In der Weimarer Republik gründete sich im Umfeld der Kommunistischen Partei die „Rote Hilfe Deutschlands“, um inhaftierte Parteimitglieder zu unterstützen. Unter Leitung Clara Zetkins entwickelte sie sich zu einer Massen-

organisation mit über einer halben Million Mitgliedern. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde sie verboten und zerschlagen. Nicht wenige ihrer Funktionäre wurden umgebracht. Die Rote Hilfe, die heute immer wieder Thema politischer Auseinandersetzungen ist, orientiert sich am historischen Vorbild, steht zu diesem jedoch weder in personeller noch in organisatorischer Kontinuität. Vielmehr handelt es sich um eine Neugründung aus den 70er-Jahren. Infolge der Studentenbewegung waren Mao Zedong und Ho Chi Minh in akademischen Kreisen salonfähig geworden. Die jungen Revolutionäre veranstalteten nicht nur „Teach-ins“ und Demonstrationen, sondern sie suchten die physische Konfrontation mit den Autoritäten – und letztlich mündete die Radikalisierung der Linken im Terror der RAF. Ihre Geschichte und die der Verhaftung ihrer Anführer wurde schon viele Male erzählt und ist deswegen an dieser Stelle entbehrlich. Für die Wiedergründung der Roten Hilfe von erheblicher Bedeutung ist dagegen, dass die Zahl der Strafverfahren gegen linke Politaktivisten in den 70er-Jahren beträchtlich zunahm. Infolgedessen gründeten sich in mehreren westdeutschen Städten Anwaltskollektive und Unterstützergruppen für inhaftierte Genossen wie die RAF-Mitglieder Horst Mahler, Monika Berberich und Irene Goergens. Die Bündelung der bis dahin unabhängig voneinander arbeitenden Kollektive zu einer bundesweiten Organisation gelang erst ein halbes Jahrzehnt später durch die maoistische K-Gruppe „KPD/ML“ („Kommunistische Partei Deutschlands/ Marxisten-Leninisten“). Diese Splitterpartei – bei Wahlen erhielt sie im Schnitt etwa 0,05 Prozent der Stimmen – wäre vermutlich völlig in Vergessenheit geraten, hätte sie nicht am 22. März 1975 eine Neugründung der „Roten Hilfe Deutschlands“ (RHD) gewagt. Allerdings bewegte sich die neue Rote Hilfe ideologisch zunächst so eng an der Mutterpartei, dass sie den Großteil ihrer Mitglieder aus der KPD/ML rekrutierte. Im Laufe der 80er-Jahre sank das Interesse an kommunistischen Parteien, was sich für die RHD in

sinkenden Mitgliederzahlen bemerkbar machte. Während die KPD/ML ihren endgültigen Niedergang erlebte, gelang es der RHD, sich von der Mutterpartei zu lösen und den Protestbewegungen anzunähern. Dafür war es notwendig, die als sektiererisch empfundene Ideologie der KPD/ML abzulegen. Hatte die RHD in ihrem Programm von 1975 noch die Wiedervereinigung beider deutscher Teilstaaten gefordert und die DDR als „faschistischen“ Staat unter „sozialistischem Deckmantel“ beschimpft, wurde das Thema Deutschland bis zur Wiedervereinigung konsequent gemieden und das lästige Wort aus dem Vereinsnamen getilgt.

Werbung in Fraktur: Die Rote Hilfe Deutschlands propagiert den Kampf gegen Faschismus und bürgerliche Klassenjustiz.

Fundraising: Solidaritätsverlosung der „Roten Hilfe Deutschlands“ für die Verteidigung der proletarischpolitischen Gefangenen und zur Unterstützung der Angehörigen aus dem Jahre 1931.

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