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WIE MAN EFFIZIENT LERNT: DIE HOHE KUNST DES REPETIERENS

Es ist langweilig, wenn man bereits einmal gelernten Stoff repetieren muss.
Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass es sich lohnt: Das Repetieren
verbessert den Lernerfolg.

Das machten die meisten von uns vermutlich schon als Kind: Mussten wir ein
Gedicht lernen, gingen wir in zwei Schritten vor. In einem ersten Schritt prägten wir
uns das Gedicht solange ein, bis wir es perfekt aufsagen konnten. Daran schlossen
wir dann einen zweiten Schritt an: Obwohl wir das Gedicht eigentlich schon be-
herrschten, lasen wir es noch mehrere Male durch - ‚damit es besser bleibt’, sagten
wir.

Das machen die meisten Primarschüler noch heute so: Der Lehrer erklärt Ihnen, wie
sie vorgehen müssen, wenn sie schriftlich zwei Zahlen durcheinander teilen sollen.
An diese Erklärung des Lehrers schliesst sich dann eine Übungsphase an - da
trainieren die Kinder die Fertigkeiten, die es braucht, um zwei Zahlen durcheinander
zu teilen.
Irgendwann ist dann der Zeitpunkt gekommen, an dem die Kinder das Vorgehen
beim Teilen perfekt beherrschen. Doch auch hier hören sie noch nicht auf: Sei es in
der Schule oder sei es in der Form von Hausaufgaben - die Kinder lösen noch
weitere Aufgaben, bei denen sie teilen müssen: ‚So wird das Gelernte gefestigt ’,
sagt der Lehrer.

Kaum jemand von uns macht sich Gedanken darüber, ob das auch wirklich stimmt:
Wir alle nehmen an, dass das eingehende Wiederholen von Dingen, die wir
eigentlich bereits können, dem Gedächtnis dient.

Doch ist dem so? Verschiedene neuere Untersuchungen zeigen es ganz klar: Es ist
nicht so. Oder besser gesagt: Es ist nicht immer so. Zwar hilft es dem Gedächtnis,
wenn etwas perfekt lernt und es gleich anschliessend nochmals und nochmals
repetiert - aber die Wirkung ist nur kurzfristig: Spätestens nach vier Wochen ist sie
weg.
Das heisst: Jene, die das bereits gelernte Gedicht oder die bereits gelernten
Rechenaufgaben noch mehrere Male wiederholt haben, zeigen jenen gegenüber
keinen Vorteil mehr, die damals die Schulbücher zusammenpackt und aufs
Wiederholen verzichteten.
Das heisst aber auch: Wenn Sie auf eine Prüfung hin lernen müssen, die noch weit
weg ist, macht es keinen Sinn, wenn Sie sich das Gelernte einprägen und es
unmittelbar danach unzählige Male wiederholen - das ist in diesem Falle die pure
Zeitverschwendung.
Verschiedene neuere Untersuchungen zeigen aber auch, wie man es besser macht:
Besser ist es, wenn man auf eine Massnahme zurückgreift, die ziemlich altväterlich
tönt - nämlich auf das Wiederholen: Unmittelbar nach dem Lernen ist das
Wiederholen kaum sinnvoll; später einmal und wenn einige Zeit vergangen ist,
macht dies durchaus Sinn Da lohnt es sich, die Hefte und die Bücher wieder hervor
zu nehmen und den Stoff zu repetieren.

Das allerdings wirft dann eine sehr praktische Frage auf: Wenn wir sagen, dass man
später einmal den Stoff repetieren muss - was genau heisst dann ‚später’? Heisst
das, dass es sinnvoll ist, den Stoff nach einem Tag zu wiederholen? Oder nach einer
Woche? Oder gar erst einem Monat nach dem erstmaligen Lernen?

Die Psychologie produziert zwar Tausende von wissenschaftlichen Untersuchungen
pro Jahr, doch aus welchen Gründen auch immer hat sie es unterlassen, dieser
Frage nachzugehen. Das ist ein ziemlich ärgerliches Versäumnis, das nun allerdings
eine Forschergruppe nachgeholt hat.
Diese Forschergruppe hat sich die Frage gestellt, wie man zeitlich das Wiederholen
planen muss. Gemerkt hat sie dabei, dass man keinen fixen Zeitpunkt angeben
kann. Denn der Zeitpunkt, zu dem man wiederholen soll, ist von der Zeitspanne
abhängig, die zwischen dem ersten Einprägen und der Prüfung liegt. Als Faustegel
gilt dabei, dass die Wiederholungsphasen umso weiter voneinander entfernt sein
müssen, je weiter entfernt die Prüfung ist. Dauert es nur eine kurze Zeit, bis die
Prüfung kommt, muss auch nach einer kurzen Zeit wiederholt werden; dauert es
länger, müssen auch die Zeitintervalle zwischen den Wiederholungsphasen länger
angelegt sein. Und auch hier scheint es (soweit man dies heute sagen kann) eine
Faustregel zu geben: Der optimale Zeitpunkt, zu dem man die Unterlagen hervorholt
und repetiert, lässt sich finden, indem man die Zeit zwischen dem ersten Lernen und
der Prüfung etwa durch 3 teilt - dauert die Zeit zwischen dem ersten Lernen und der
Prüfung zum Beispiel 12 Wochen, tut der Student gut daran, wenn er jeweils nach
rund 4 Wochen eine Wiederholungsphase ansetzt.

Da zucken allerdings manche Lernende zusammen: Abgesehen davon, dass es
langweilig ist, bereits einmal gelernten Stoff zu wiederholen, braucht das ständige
Repetieren auch sehr viel Zeit - steht einem diese zur Verfügung, wenn man sich auf
eine Prüfung vorbereitet?

Die Antwort lautet, dass sie zur Verfügung steht und auch zur Verfügung stehen
muss. Das Wiederholen bringt für das Lernen so viel, dass es sich für jedermann
lohnt, diese Wiederholungsphasen im Voraus einzuplanen - sie müssen einen
obligatorischen Teil der Prüfungsvorbereitung bilden.

Gezielt zu wiederholen lohnt sich, wenn es um Dinge geht, die man auswendig
lernen muss - um Wörter in einer fremden Sprache oder um Jahreszahlen in der
Geschichte zum Beispiel. Doch nicht nur das: Zu den aufregenderen Ergebnissen,
die die Forscher herausgefunden haben, gehört die Einsicht, dass sich das
Wiederholen auch bei der Mathematik lohnt: Es zahlt sich aus, wenn man vor einiger
Zeit einmal geübte und beherrschte Mathematikaufgaben aufgreift und auch sie
wiederholt.
Dies allerdings ist eine Vorgehensweise, die in den Schulstuben noch immer nicht so
recht Fuss gefasst hat: So manche Mathematikbücher (und mit ihnen zusammen so
manche Mathematiklehrer) behandeln ein bestimmtes Stoffgebiet und festigen es
unmittelbar darauf mit einer Unmenge von Übungsaufgaben - um später im Laufe
der Zeit dann nie mehr auf dieses Stoffgebiet zurückzukommen. Gut sei dies in
keinem Falle, finden die Forscher: Auch die Mathematik müsste sich strikte an-
gewöhnen, das Wiederholen in ihren Lehrplan aufzunehmen.

Gezieltes Wiederholen kann also einiges dazu beitragen, dass der Lernerfolg grösser
wird: Der Lernerfolg kann, so vermuten die Forscher, um ein Mehrfaches gesteigert
werden. Das spricht dafür, dem lange etwas vernachlässigten Wiederholen mehr
Ehre zu erweisen und es intensiver zu pflegen. Und es spricht auch dafür, dass es
vertretbar ist, an die alten Römer zu denken ‚Das Wiederholen ist die Mutter des
Lernens’ pflegten diese sinngemäss zu sagen - einige Jahrhundert später merken
wir, dass sie damit absolut richtig gelegen sind.

Quellen:

Pashler, Hal und andere: Temporal Spacing an Learning. Observer March 2006, Vol
19, 30, 38

Rohrer, Doug und andere: Increasing Retention Without Increasing Study Time.
Current directions in psychological science, Vol 15, 4, 183 – 186, 2007

Rohrer, Doug und andere: The shuffling of mathematics practice problems improves
learning. Instructional Science, 35, 481-498, 2007

Autor:

Hanspeter Weiss

www.lernberatung-hpweiss.ch
Weitere Publikationen bei Scrib unter ‚Hanspeter Weiss’

Siehe auch:

Hanspeter Weiss

Bessere Noten. Mit 10 Regeln zum Erfolg in der Berufsschule.

Sauerländer Verlage Oberentfelden 2005

60 Seiten, 13 €