Der große Vorrang des siebten 'Tages vor den andern .

Durch ihn soll uns die Gottesliebe ans Herz gelegt werden. 53. Mit wenigen Worten will ich auf den Vorrang des siebten Tages hinweisen. Freilich ist auch jener Tag groß, an dem die Finsternis verscheucht wurde und das Licht auf Gottes Befehl hin aufleuchtete. Groß ist der Tag, an dem Gottes Stimme die unteren und oberen Wasser durch die Errichtung des Himmelsgewölbes voneinander schied. Kostbar ist der Tag, an dem sich das Wasser auf Gottes Wort hin sammelte und das trockene Land mit Pflanzen bekleidet, mit Bäumen geziert, mit Blumen verschönert und durch Früchte bereichert wurde. Um nichts geringer ist der Tag, an dem der Himmel mit seinen Lichtern geschmückt wurde, welche die Reihenfolge der Tage, den Wechsel der Jahreszeiten, den Lauf des Jahres und die Ordnung der Sternbilder regeln. Wie wunderbar ist auch jener Tag, an dem das Wasser allerlei Lebewesen hervorbrachte, von denen es einen Teil in seinen Fluten barg, während es die übrigen in die Luft entließ! Auch der sechste Tag ist bewundernswert, da an ihm vierfüßige Tiere und Kriechtiere aus Erde geschaffen wurden und schließlich sogar der Mensch aus Lehm gebildet und vom Hauch Gottes beseelt ward. Und doch kann man keinen dieser Tage mit dem siebten vergleichen. An ihm wird nicht ein Schöpfungstag, sondern die Ruhe Gottes und die Vollendung der ganzen Schöpfung gepriesen. So heißt es nämlich: „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und ruhte von dem ganzen Werk aus, das er vollbracht hatte" (Gen 2, 2V). 54. Dieser Tag vergeht nicht mit dem Lauf der sichtbaren Sonne, er beginnt nicht mit Sonnenaufgang und endet nicht mit Sonnenuntergang. Er hat keinen Morgen und keinen Abend. Was den ersten Tag betrifft, soll man ihn überhaupt den ersten nennen? Die Schrift nennt ihn nämlich nicht so, sondern sagt nur: ein Tag. „Doch", fragst du, „wieso heißt dann der folgende Tag der zweite, wenn dieser nicht der erste ist? " Überlege, ob nicht vielleicht auch beim zweiten Mal wieder dasselbe mit „ein Tag" gemeint ist, ebenso beim dritten Mal, so daß wir nur durch die sechsmalige Wiederholung von „ein Tag" auf die Zahl sechs hingewiesen werden. Wie es mit dieser dunklen Frage auch stehen mag, die Schrift sagt: „Es wurde Abend und es wurde Morgen, ein Tag" (Gen 1,5). Und nachher: „Es wurde Abend und es wurde Morgen, zweiter Tag" (Gen 1,8). Dasselbe berichtet sie über die übrigen Schöpfungstage. Ich denke, durch diese Worte soll die Unbeständigkeit allen geschöpflichen Daseins ausgedrückt werden, sein Zunehmen und Abnehmen, sein Anfang und sein Ende. Vom siebten Tag aber hören wir nichts dergleichen. Ihm wird kein Abend, kein Morgen, kein Ende und kein Anfang zugeschrieben. Somit ist der Tag der Ruhe Gottes nicht zeitlich begrenzt, sondern ewig. Du hast dir Gott so vorgestellt, als ob er zuerst eine Zeitlang arbeiten und dann, ermüdet, eine Zeitlang ruhen würde. Damit hast du aber nicht an Gott gedacht, sondern dir ein Götzenbild gemacht. 55. Du mußt achtgeben, sonst hast du zwar keinen Götzen im Tempel von Jerusalem, dafür aber einen in deinem Herzen! Gott hat überhaupt nichts durch Arbeit geschaffen: er sprach und es geschah (vgl. Gen 1, .3). Er hat auch nicht aus Ermüdung nur einen Tag lang gerastet, denn der Tag seiner Ruhe dauert ewig. Daher ist seine Ruhe dasselbe wie sein ewiges Sein,

was wiederum nichts anderes ist als sein göttliches Wesen. Freilich schuf er alles, damit es ins Dasein tritt, erhält alles, damit es im Dasein bleibt, und führt alles, was da ist, an das ihm entsprechende Ziel. Das alles tut er aber nicht aus irgendeinem Zwang, sondern allein aufgrund seines unendlich gütigen Willens. Mächtig umfaßt er das All von einem Ende bis zum andern durch seine allgegenwärtige und allmächtige Majestät, und dennoch ordnet er alles in Milde und beständiger Ruhe, ruhend in seiner sanften Liebe (vgl. Wh 8,1). 56. Die Liebe allein ist die unwandelbare und ewige Ruhe Gottes, sein ewiger und unwandelbarer Friede, sein ewiger und unwandelbarer Sabbat. Sie allein ist der Grund, warum er die Schöpfung erschuf, warum es alles, was Lenkung braucht, lenkt, was bewegt werden muß, bewegt, was zu führen ist, führt; und warum er alles, was vollendet werden soll, vollendet. Es ist daher durchaus passend, daß uns dort, wo von der Ruhe Gottes die Rede ist, gleichzeitig die Vollendung aller Dinge gezeigt wird , nämlich seine Liebe. Sie selbst ist ja sein Wille, sie selbst ist seine Güte, und das alles ist nichts anderes als sein ewiges Sein. Durch seine Ewigkeit wird seine Ruhe angemessen beschrieben, damit niemand glaube, Gott habe irgendein Geschöpf aufgrund eines Bedürfnisses oder durch mühevolle Arbeit ins Dasein gerufen. Doch warum kommt dort die Zahl sechs, hier aber die Zahl sieben vor? Höre zu, ich will es erklären, so gut ich kann.

AELRED VON RIEVAULX "SPIEGEL DER LIEBE"

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