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Der Seelenforscher und Therapeut C. G.Jung hat sich immer auch
auf jene Bereiche eingelassen, die sich exakter wissenschaftlicher
Uberprüfbarkeit entziehen, auf Ereigniszusammenhänge, die nicht
den Gesetzen von Raum, Zeit und Kausalität der materiellen Welt
zu gehorchen scheinen. Seine Neigung zu mittelalterlicher Alche­
mie, zu Orakel, Astrologie und Mantik, zu paradoxen und parapsy­
chologischen Phänomenen hat ihm viel Kritik-in jüngerer Zeit aber
auch großen Zuspruch seitens spiritueller Bewegungen - einge­
bracht. Auf der Suche nach einer geistesgeschichtlichen Tiefendi­
mension für das Unbewußte befaßte er sich mit rätselhaften Bilder­
welten, die ihm Bezugssysteme für symbolische Deutungen der
psychischen Aspekte zu leifern schienen. Mit dem Begriff »Synchro­
nizität« versuchte er, ein bedeutungsvoll scheinendes Zusammen­
treffen von Ereignissen zu beschreiben, die in keinem kausalen Zu­
sammenhang stehen, bestrebt, so auch zwei scheinbar unzusammen­
hängende Wirklichkeiten wie die innere und die äußere in
sinnvollen Bezug zueinander zu bringen. Fasziniert von den okkul­
ten Überlieferungen in den verschiedenen Kulturen, von der Welt
des Zufalls und der Koinzidenz, suchte er die Fäden aufzunehmen,
die ihn zu Mitteilungen des Unbewußten führten, zu Erlebnisdi­
mensionen des Menschen, die für ihn unabhängig von der dring­
lichen Welt existierten und nur im Austausch mit dieser zu Wand­
lung und Veränderung führen.
Carl Gustav Jung wurde am 26. Juli 1875 in Kesswil in der Schweiz
geboren. Er studierte Medizin und arbeitete von 1900 bis 1909 an der
psychiatrischen Klinik der Universität Zürich (Burghölzli). 1905 bis
1913 war er Dozent an der Universität Zürich, 1933 bis 1942 Titular­
professor an der ETH und 1943 Ordentlicher Professor für Psycho­
logie in Basel. Jung gehört mit Sigmund Freud und Alfred Adler zu
den drei Wegbereitern der moderen Tiefenpsychologie. Er entwik­
kelte nach der Trennung von Sigmund Freud (1913) die eigene Schule
der Analytischen Psychologie. C. G.Jung starb am 6. Juni 1961 in
Küsnacht.
C. G.Jung
Synchronizität, Akausalität
und Okkultismus
Deutscher Taschenbuch Verla
g
C. G. Jung-Taschenbuchausgabe in elf Bänden
Herausgegeben von Lorenz Jung
auf der Grundlage der Ausgabe
>Gesammelte Werke<
Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem U nbewußten (35170)
Antwort auf Hiob (35171)
Typologie (35172)
Traum und Traumdeutung (35173)
Synchronizität, Akausalität, Okkultismus (35174)
Archetypen (35175)
Wirklichkeit der Seele (35176)
Psychologie und Religion (35177)
Die Psychologie der Übertragung (35178)
Seelenprobleme der Gegenwart (35179)
Wandlungen und Symbole der Libido (35180)
C. G. Jung-Taschenbuchausgabe in elf Bänden als Kassette (59049)
Januar 2001
6. Auflage Juni 2003
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
www.dtv.de
© 1971-1990 Walter-Verlag AG, Olten
Umschlagkonzept: Balk & Brumshagen
Umschlagbild: >Landschaft mit Fahnen< (1915) von Paul Klee
(Sprengel Museum Hannover/© VG Bild-Kunst, Bann 1996)
Gesamtherstellung: Druckerei C. H. Beck, Nördlingen
Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany ·ISBN 3-423-35174-8
Inhalt
Synchronizität, Akausalität
Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge
(1952) 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 9
Vorrede 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 9
10 Exposition 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 10
20 Ein astrologisches Experiment 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 45
30 Die Vorläufer der Sychronizitätsidee 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 64
40 Zusammenfassung o o o o o o o o o o o o o o . . o . . o o . . o . o . o . 83
Briefe über Synchronizität (1950-1955) 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 99
Okkultismus
Die psychologischen Grundlagen des Geisterglaubens (1928) 0 109
Über spiritistische Erscheinungen (1905) 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 127
Drei Vorreden (1948, 1950, 1958) 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 145
Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phäno-
mene (1902) 0 . 0 0 . 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 165
Fall von Somnambulismus bei einer Belasteten (Spiritisti-
sches Medium) 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 178
Sitzungsberichte 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 187
Entwicklung der somnambulen Persönlichkeiten 0 0 0 0 0 • 0 0 191
Die Romane 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 197
Mystische Naturwissenschaft 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 200
Ausgang 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 204
Der Wachzustand 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 205
Der Heri-Somnambulismus 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 208
Die Automatismen 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 209
Die Charakterveränderung 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 222
Verhältnis zum hysterischen Anfall 0 • 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 231
Verhältnis zu den unbewußten Persönlichkeiten 0 0 0 0 0 0 0 0 0 237
Verlauf 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 239
Die unbewußte Mehrleistung 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 240
Schlußwort 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 248
Bibliographie der genannten Werke 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 251
Quellennachweis 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 • 0 • 0 0 259
Obersicht der Ausgabe >Gesammelte Werke< von C. Go Jung 0 260
Namenregister 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 . 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 265
Synchronizität, Akausalität ·
Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge ( 1 952)
Vorrede
Mit der Abfassung dieser Schrift löse ich sozusagen ein Verspre­
chen ein, an dessen Erfüllung ich mich viele Jahre lang nicht ge­
wagt habe. Zu groß schienen mir die Schwierigkeiten des Problems
sowohl wie die seiner Darstellung; zu groß die intellektuelle Ver­
antwortung, ohne welche ein derartiger Gegenstand nicht behan­
delt werden kann; zu ungenügend endlich meine wissenschaftliche
Vorbereitung. Wenn ich nun dennoch meine Scheu überwunden
und das Thema in Angriff genommen habe, so geschah es haupt­
sächlich deshalb, weil sich einerseits meine Erfahrungen mit dem
Synchronizitätsphänomen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt häuften,
andererseits meine symbolgeschichtlichen Untersuchungen, insbe­
sondere diejenigen über das Fischsymbol, mir das Problem immer
näher rückten, und schließlich, weil ich schon seit zwanzig Jahren
in meinen Schriften hin und wieder das Vorhandensein besagten
Phänomens, ohne eine nähere Erläuterung desselben, angedeutet
habe. Ich möchte dem unbefriedigenden Zustand der Frage ein
vorläufiges Ende setzen, indem ich versuche, alles, was ich hiezu
vorzubringen habe, zusammenhängend darzustellen. Man möge es
mir nicht als Anmaßung auslegen, wenn ich im folgenden unge­
wöhnliche Ansprüche an die Aufgeschlossenheit und Bereitwillig­
keit meines Publikums stelle. Es werden dem Leser nicht nur Ex­
kursionen in dunkle, zweifelhafte und durch Vorurteile abgerie­
gelte Gebiete menschlicher Erfahrung zugemutet, sondern es wer­
den ihm auch Denkschwierigkeiten aufgebürdet, wie sie eben die
Behandlung und Durchleuchtung eines so abstrakten Gegenstan­
des mit sich bringen. Es handelt sich, wie jedermann nach der
Lektüre einiger Seiten feststellen kann, keineswegs um eine voll­
ständige Beschreibung und Klärung des verwickelten Tatbestan­
des, sondern nur um einen Versuch, das Problem so aufzurollen,
daß, wenn nicht alle, so doch viele seiner Aspekte und Beziehun­
gen sichtbar werden und damit, wie ich hoffe, ein Zugang zu
einem noch dunkeln Gebiet, das aber weltanschaulich von größter
Bedeutung ist, sich auftut. Als Psychiater und Psychotherapeut
kam ich oft in Berührung mit den in Frage stehenden Phänomenen
und konnte mich namentlich darüber vergewissern, wieviel sie für
die innere Erfahrung des Menschen bedeuten. Es handelt sich ja
meist um Dinge, über die man nicht laut spricht, um sie nicht
gedankenlosem Spotte auszusetzen. Ich war immer wieder er-
10 S Y NCHRON I Z I TÄT, AKAUSALI TÄT
staunt darüber, wi e viele Leute Erfahrungen dieser Art gemacht
haben und wie sorgsam das Unerklärliche gehütet wurde. Meine
Anteilnahme an diesem Problem ist daher nicht nur wissenschaft­
lich begründet, sondern auch menschlich.
Bei der Ausführung meiner Arbeit erfreute ich mich des Interes­
ses und der tatkräftigen Unterstützung seitens einer Reihe von
Persönlichkeiten, deren ich im Text Erwähnung tue. An dieser
Stelle möchte ich Frau Dr. L. Frey-Rohn meinen besonderen
Dank abstatten. Sie hat mit großer Hingabe das astrologische Ma­
terial bearbeitet.
Im August 1950 C. G. Jung
1. Exposition
Die Ergebnisse der modernen Physik haben, wie bekannt, eine
bedeutende Veränderung unseres naturwissenschaftlichen Weltbil­
des herbei geführt, indem sie die absolute Gültigkeit des Naturge­
setzes erschütterten und in eine relative verwandelten. Naturgeset­
ze sind statistische Wahrheiten, das heißt, sie sind nur dort sozusa­
gen durchwegs gültig, wo es sich um sogenannte makrophysikali­
sche Größen handelt. Im Bereiche sehr kleiner Größen aber wird
di e Voraussage unsicher, beziehungsweise unmöglich, weil sich
sehr kleine Größen nicht mehr den bekannten Naturgesetzen ge­
mäß verhalten.
Das philosophische Prinzip, das unserer Anschauung von Na­
turgesetzlichkeit zugrunde liegt, ist die Kausalität. Wenn der Zu­
sammenhang von Ursache und Wirkung sich als nur statistisch
gültig beziehungsweise als nur relativ wahr herausstellt, dann ist
auch das Kausalprinzip in letzter Linie nur relativ zur Erklärung
von Naturvorgängen verwendbar und setzt eben damit das Vor­
handensein eines oder mehrerer anderer Faktoren, die zur Erklä­
rung nötig wären, voraus. Das heißt soviel, als daß die Verknüp­
fung von Ereignissen unter Umständen von anderer als kausaler
Natur ist und ein anderes Erklärungsprinzip verlangt.
Man wird natürlich in der makrophysikalischen Welt vergeblich
nach akausalen Ereignissen Umschau halten, schon einfach darum,
weil man sich nicht-kausal verknüpfte, nicht-zu- erklärende Ereig­
nisse gar nicht vorstellen kann. Das will aber keineswegs bedeuten,
daß solche nicht vorkommen. Ihr Vorhandensein geht - wenig­
stens als Möglichkeit - logisch aus der Prämisse der statistischen
Wahrheit hervor.
Die naturwissenschaftliche Fragestellung zielt auf regelmäßige
und, so weit sie experimentell ist, auf reproduzierbare Ereignisse.
S YNCHRONI ZI TÄT ALS EI N P RI NZ I P 11
Damit fallen einmalige oder seltene Ereignisse außer Betracht.
Überdies auferlegt das Experiment der Natur einschränkende Be­
dingungen, denn es will sie veranlassen, auf vom Menschen er­
dachte Fragen Antwort zu geben. Jede Antwort der Natur ist
daher belastet durch die Art der Fragestellung, und das Ergebnis
stellt ein Mischprodukt dar. Die hierauf basierte, sogenannte na­
turwissenschaftliche Weltanschauung kann daher nichts anderes
sein als eine psychologisch präj udizierte Teilansicht, welche alle
j ene durchaus nicht unwichtigen Aspekte, die statistisch nicht er­
faßbar sind, vermissen läßt. Um aber diese Einmaligkeiten bezie­
hungsweise Seltenheiten irgendwie erfassen zu können, scheint
man zunächst auf ebenso >> einmalige<< Einzelbeschreibungen ange­
wiesen zu sein. Daraus ergäbe sich wohl eine chaotische Kuriositä­
tensammlung, die an j ene alten Naturalienkabinette erinnert, wo
neben Versteinerungen und anatomischen Mißbildungen sich auch
das Horn des U nicorn, das Mandragoramännchen und ein einge­
trocknetes Meerfräulein finden. Die beschreibenden Naturwissen­
schaften, wie vor allem die Biologie im weitesten Umfang, kennen
derartige >> Einmaligkeiten<< sehr wohl, und es braucht dort zum
Beispiel nur ein festgestelltes Exemplar eines an sich höchst un­
glaubwürdigen Lebewesens, um dessen Existenz zu beweisen. Al­
lerdings haben in diesem Fall viele Beobachter Gelegenheit, sich
durch ihre eigenen Sinne vom Vorhandensein eines derartigen We­
sens zu überzeugen. Wo es sich aber um vorübergehende Ereignis­
se handelt, welche keine anderen nachweisbaren Spuren hinterlas­
sen als etwa Gedächtnisspuren in einzelnen Köpfen, da genügt ein
einzelner Zeuge nicht mehr, und auch mehrere reichen nicht aus,
um ein einmaliges Vorkommnis als unbedingt glaubwürdig er­
scheinen zu lassen. Man kennt ja hinlänglich die Unzuverlässigkeit
von Zeugenaussagen! In diesem Falle drängt sich gebieterisch die
Notwendigkeit auf, zu untersuchen, ob das anscheinend einmalige
Ereignis wirklich einmalig in der Erfahrung ist oder ob es gleiche
oder wenigstens ähnliche Vorkommnisse sonstwo gibt. Dabei
spielt der consensus omnium eine zwar psychologisch bedeutsa­
me, aber empirisch etwas mißliche Rolle. Zur Feststellung von
Tatsachen erweist er sich nämlich nur ausnahmsweise als nützlich.
Die Empirie wird ihn zwar nicht außer acht lassen, aber sich besser
nicht auf ihn stützen. Absolut einmalige, vorübergehende Ereig­
nisse, deren Vorhandensein man mit keinen Mitteln leugnen, aber
auch nicht beweisen kann, können nie Gegenstand einer Erfah­
rungswissenschaft sein; seltene Vorkommnisse aber sehr wohl,
wenn eine größere Anzahl von verläßlichen Einzelbeobachtungen
vorliegt. Dabei spielt deren sogenannte Möglichkeit gar keine Rol­
le; denn das Kriterium derselben leitet sich jeweils nur von einer
1 2 S Y NCHRONIZITÄT, AKAUS ALITÄT
zeitbedingten, verstandesmäßigen Voraussetzung her. Es gibt kei­
ne absoluten Naturgesetze, deren Autorität man anrufen könnte,
um seine Vorurteile zu stützen. Man kann billigerweise nur eine
möglichst hohe Zahl von Einzelbeobachtungen verlangen. Wenn
diese Zahl, statistisch betrachtet, innerhalb der Zufallswahrschein­
lichkeit bleiben sollte, so ist damit zwar statistisch erwiesen, daß es
sich um einen Zufall handelt ; aber eine Erklärung ist damit nicht
geleistet. Es hat eine Ausnahme von der Regel stattgefunden.
Wenn zum Beispiel die Zahl der Komplexmerkmale unterhalb der
wahrscheinlichen Anzahl der beim Assozi ationsexperiment zu er­
wartenden Störungen liegt, so berechtigt dies keineswegs zu der
Annahme, daß in diesem Fall kein Komplex vorliege. Das hat aber
nicht gehindert, daß man die Reaktionsstörungen früher als Zufäl­
le betrachtet hat.
Obschon wir uns gerade in der Biologie auf einem Gebiet bewe­
gen, wo kausale Erklärungen öfters sehr wenig befriedigen bezie­
hungsweise fast unmöglich erscheinen, so wollen wir uns hier
doch nicht mit dem Problem der Biologie beschäftigen, sondern
vielmehr mit der Frage, ob es ganz im allgemeinen nicht nur eine
Möglichkeit, sondern eine Tatsächlichkeit akausaler Ereignisse
gibt.
Es gibt nun innerhalb unserer Erfahrung ein unermeßlich weites
Gebiet, dessen Ausdehnung der Reichweite der Gesetzmäßigkeit
sozusagen das G Ieichgewicht häl t: es ist die Welt des Zufals, 1
welcher mit dem koinzidierenden Tatbestand kausal nicht verbun­
den zu sein scheint. Wir wollen uns daher im folgenden zunächst
mit dem Wesen und der Auffassung des Zufalls näher befassen.
Man ist es gewohnt, vom Zufall vorauszusetzen, daß er selbstver­
ständlich einer kausalen Erklärung zugänglich sei und eben nur
darum als >>Zufall << oder »Koinzidenz« bezeichnet werde, weil sei­
ne Kausalität nicht oder noch nicht aufgedeckt sei. Da man ge­
wohnheitsmäßig von der absoluten Gültigkeit des Kausalgesetzes
überzeugt ist, hält man diese Erklärung des Zufalls für zureichend.
Ist aber das Kausalprinzip nur relativ gültig, so ergibt sich daraus
der Schluß, daß, wenn schon die überwiegende Mehrzahl der Zu­
fälle kausal erklärt werden kann, dennoch ein Restbestand, der
akausal ist, vorhanden sein muß. Wir finden uns daher der Aufga­
be gegenübergestellt, die Zufallsereignisse zu sichten und die akau­
salen von den kausal erklärbaren zu trennen. Natürlich steht zu
vermuten, daß die Zahl der kausal erklärbaren die der auf Akausa­
lität verdächtigen Vorkommnisse weitaus überwiegt, weshalb
1
Das Wort ·Zu-fall« ist wie »Ein-fall« ungemein bezeichnend: Es ist das, was sich auf
jemanden zu bewegt, wie wenn es von ihm angezogen wäre.
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 1 3
Oberflächlichkeit oder Voreingenommenheit des Beobachters die
relativ seltenen akausalen Phänomene leicht übersehen könnte. So­
bald man an die Behandlung des Zufalls herantritt, drängt sich die
Notwendigkeit einer zahlenmäßigen Erfassung der i n Frage kom­
menden Ereignisse auf.
Die Sichtung des Erfahrungsmaterials kann nicht erfolgen ohne
Kriterien der Unterscheidung. Woran soll man akausale Verknüp­
fungen von Ereignissen erkennen, da man ja unmöglicherweise alle
Zufälle auf ihre Kausalität untersuchen kann? Hierauf ist zu ant­
worten, daß man akausale Ereignisse am ehesten dort erwarten
kann, wo bei näherer Überlegung eine kausale Verknüpfung als
undenkbar erscheint. Als Beispiel diene das den Ärzten wohlbe­
kannte Phänomen der »Duplizität der Fälle«. Gelegentlich handelt
es sich auch um Triplizität und mehr, so daß Kammerer von einem
»Gesetz der Serie<< sprechen konnte, wofür er eine Reihe vorzügli­
cher Beispiele gibt.2 In den meisten solcher Fälle besteht keine
auch noch so entfernte Wahrscheinlichkeit eines kausalen Zusam­
menhanges der koinzidierenden Ereignisse. Wenn ich zum Bei­
spiel feststellen muß, daß mein Trambahnbillett die gleiche Num­
mer trägt wie das Theaterbillett, das ich gleich darauf erwerbe, und
ich am selben Abend noch einen Telephonanruf erhalte, bei dem
mir die gleiche Zahl als Telephonnummer genannt wird, so er­
scheint mir ein kausaler Zusammenhang über alle Maßen unwahr­
scheinlich, und ich vermöchte mir auch mit der kühnsten Phanta­
sie nicht zu erdenken, wieso überhaupt ein Zusammenhang beste­
hen könnte, obschon j eder Fall für sich ebenso evidenterweise
seine Kausalität besitzt. Ich weiß aber andererseits, daß das Zu­
fallsgeschehen eine Tendenz zu aperiodischer Gruppenbildung auf­
weist, was notwendigerweise der Fall sein muß, weil sonst nur eine
periodische, regelmäßige Anordnung der Ereignisse, welche den
Zufall eben gerade ausschlösse, vorhanden sein müßte.
Kammerer ist nun allerdings der Ansicht, daß die Häufungen,3
beziehungsweise Zufallsserien, zwar der Wirkung einer gemeinsa­
men Ursache entrückt,4 das heißt akausal, aber dennoch Ausdruck
der Inertie, das heißt des allgemeinen Beharrungsvermögens, sei­
en.5 Die Gleichzeitigkeit der »Häufung des Gleichen im Neben-
2 Kammerer: Das Gesetz der Serie, 1919.
' Ebenda, S. 1 30.
4 Ebenda, S. 93 f. und 1 02 f.
5 Ebenda, S. 117: ·Das Seriengesetz ist Ausdruck des Beharrungsgesetzes der in seinen
Wiederholungen mitspielenden (die Serie in Szene setzenden) Objekte. Aus der unver­
hältnismäßig größeren Beharrlichkeit, die im Vergleiche zum Einzelkörper und zur Ein­
zelkraft dem Körper- und Kräftekomplex eigen ist, erklärt sich das Beibehalten einer
identischen Konstellation und das ihn begleitende Zustandekommen von Wiederholun­
gen durch sehr lange Zeiträume hindurch.«
1 4 S Y NCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
einander« erklärt er durch >> lmitation« .6 Damit widerspricht er
sich aber selber, denn die Zufallshäufung ist keineswegs >> außer­
halb des Bereiches der Erklärlichkeit gerückt«/ sondern aller Er­
wartung entsprechend innerhalb derselben und daher, obschon
nicht auf eine gemeinsame, so doch auf mehrere Ursachen rück­
führbar. Seine Begriffe von Serialität, Imitation, Attraktion und
Inertie gehören in ein als kausal gedachtes Weltbild und sagen
nichts weiter aus als die Zufallshäufung, welche der statistischen
und mathematischen Wahrscheinlichkeit entspricht. Kammerers
Tatsachenmaterial enthält nur Zufallshäufungen, deren einzige
>> Gesetzmäßigkeit<< die Wahrscheinlichkeit ist, das heißt, es besteht
kein ersichtlicher Anlaß, dahinter irgend etwas anderes zu suchen.
Er sucht aber aus einem dunkeln Grunde doch mehr dahinter, als
was die bloße Wahrscheinlichkeit verbürgt, nämlich ein Gesetz der
Serialität, das er als Prinzip neben der Kausalität und der Finalität
einführen möchte.8 Diese Tendenz wird aber, wie gesagt, durch
sein Material in keinerlei Weise gewährleistet. Ich kann mir diesen
offenkundigen Widerspruch nur dadurch erklären, daß er eine
dunkle, aber faszinierende Intuition einer akausalen Anordnung
und Verknüpfung der Ereignisse hatte, und zwar irfolge des Um­
standes, daß er sich wie alle besinnlichen und empfindsamen Natu­
ren dem eigentlichen Eindruck, den Zufallshäufungen zu machen
pflegen, nicht entziehen konnte und daher, seiner wissenschaftli­
chen Veranlagung gemäß, den kühnen Versuch wagte, eine akausa­
le Serialität auf Grund eines Erfahrungsmaterials, das innerhalb
der Wahrscheinlichkeitsgrenzen liegt, zu postulieren. Leider hat
Kammerer nicht den Versuch einer zahlenmäßigen Erfassung der
Serialität unternommen. Ein derartiges Unternehmen hätte aller­
dings schwer zu beantwortende Fragen aufgeworfen. Die kasuisti­
sche Methode mag der allgemeinen Orientierung gute Dienste lei­
sten; dem Zufall gegenüber ist erfolgversprechend nur die zahlen­
mäßige Erfassung beziehungsweise die statistische Methode.
Zufallsgruppierungen oder -serien scheinen, für unser derzeiti­
ges Begreifen wenigstens, sinnlos zu sein und überdies samt und
sonders innerhalb der Wahrscheinlichkeit zu liegen. Es gibt aller­
dings Fälle, deren Zufälligkeit Anlaß zu Zweifel geben könnte. Ich
6 Ebenda, S. 130.
7 Ebenda, S. 94.
8 Die Numinosität einer Zufallsserie wächst proportional der Anzahl ihrer Glieder.
Das bedeutet, daß unbewußte (vermutlich archetypische) Inhalte dadurch konstelliert
werden, woraus dann der Eindruck entsteht, als ob die Serie durch solche Inhalte •verur­
sacht« wäre. Wieso dies möglich ist, kann man sich, ohne geradezu magische Kategorien
in Anspruch zu nehmen, allerdings nicht recht vorstellen, weshalb man sich in der Regel
mit dem bloßen Eindruck begnügt.
S YNC HRONI ZI TÄT ALS EI N P RI N Z I P 1 5
habe mir, um ein Beispiel aus vielen zu erwähnen, unter dem
1. April 1 949 folgenden Fall notiert: Heute ist Freitag. Wir haben
Fisch zum Mittagessen. Jemand erinnert beiläufig an den Gebrauch
des »Aprilfisches«. Am Vormittag habe ich mir eine Inschrift no­
tiert: >> Est homo totus medius piscis ab imo. «9 Nachmittags zeigt
mir eine frühere Patientin, die ich seit Monaten nicht gesehen
habe, einige ungemein eindrucksvolle Fischbilder, die sie in der
Zwischenzeit gemalt hat. Abends wird mir eine Stickerei gezeigt,
die fischartige Meerungeheuer darstellt. Am 2. April, am frühen
Vormittag, erzählt mir eine frühere Patientin, die ich seit vielen
Jahren nicht mehr gesehen hatte, einen Traum, in welchem sie, am
Ufer eines Sees stehend, einen großen Fisch erblickt, der direkt auf
sie zuschwimmt und sozusagen zu ihren Füßen »l andet «. Ich bin
zu dieser Zeit mit einer Untersuchung über das historische Fisch­
symbol beschäftigt. Nur eine der hier in Betracht kommenden
Personen weiß darum.
Der Verdacht, daß es sich in diesem Fall um sinngemäße Koinzi­
denz, um einen akausalen Zusammenhang handeln könnte, liegt
nahe. Ich muß gestehen, df lß diese Häufung mir Eindruck gemacht
hat. Sie hatte für mich einen gewissen numinosen Charakter. Un­
ter solchen Umständen sagt man bekanntlich gerne : »Das kann
doch kein bloßer Zufall sein<< , und weiß nicht, was man damit sagt.
Kammerer hätte mich hier gewiß an seine »Serialität« erinnert. Die
Stärke des Eindrucks beweist aber nichts gegen die zufällige Koin­
zidenz aller dieser Fische. Es ist gewiß höchst sonderbar, daß sich
innerhalb vierundzwanzig Stunden das Thema »Fisch« nicht weni­
ger als sechsmal wiederholt. Man muß sich aber vor Augen halten,
daß Fisch am Freitag eine gewöhnliche Sache ist. Am 1. April kann
man sich leicht des Aprilfisches entsinnen. Ich war damals schon
seit mehreren Monaten mit dem Fischsymbol beschäftigt. Fische
als Symbole unbewußter Inhalte kommen häufig vor. Es besteht
daher keine gerechtfertigte Möglichkeit, darin etwas anderes als
eben eine Zufallsgruppe zu erblicken. Häufungen oder Serien,
welche aus öfters vorkommenden Dingen zusammengesetzt sind,
müssen bis auf weiteres als zufällig gelten.10 Sie scheiden daher,
gleichviel, wie groß ihr Umfang auch sein mag, als akausale Zu­
sammenhänge aus, denn es ist unersichtlich, wie man sie als solche
9 ·Der ganzheitliche Mensch ist von unten bis zur Mitte ein Fisch. «
10
Zur Ergänzung des Gesagten möchte ich erwähnen, daß ich diese Zeilen am Ufer
unseres Sees schrieb. Als ich den Satz beendet hatte, machte ich ein paar Schritte auf der
Seemauer: Da lag ein etwa 30 cm langer Fisch tot auf der Mauer, anscheinend unverletzt.
Am Vorabend hatte noch kein Fisch dort gelegen. (Vermutlich war er durch einen
Raubvogel oder eine Katze aus dem Wasser gezogen worden.) Der Fisch war der sieben­
te in der Reihe.
1 6 S YNCHR ONI Z I TÄT, AKAUS AL I TÄT
erweisen könnte. Man nimmt deshalb allgemein an, daß überhaupt
alle Koinzidenzen Zufallstreffer seien und daher keiner nichtkau­
salen Erklärung bedürfen. 1 1 Diese Annahme kann und muß sogar
so lange als wahr gelten, als der Beweis nicht erbracht ist, daß die
Häufigkeit ihres Vorkommens die Grenzen der Wahrscheinlich­
keit überschreitet. Sollte aber dieser Beweis geleistet werden, dann
wäre damit zugleich bewiesen, daß es echte akausale Verknüpfun­
gen von Ereignissen gibt, zu deren Erklärung oder Auffassung ein
der Kausalität inkommensurabler Faktor postuliert werden müßte.
Es müßte dann nämlich angenommen werden, daß Ereignisse
überhaupt einerseits als Kausalketten, andererseits aber gegebe­
nenfalls auch durch eine Art von sinngemäßer Querverbindung
zueinander i n Beziehung gesetzt seien.
An dieser Stelle möchte ich j ene Abhandlung Schopenhauers,
>Transcendente Spekulation über die anscheinende Absicht!ichkeit
i m Schicksale des Einzelnen<, welche meinen hier zu entwickeln­
den Anschauungen ursprünglich zu Gevatter stand, zum Worte
kommen lassen. Handelt sie doch von der Frage der » Gleichzeitig-
keit . . . des kausal nicht Zusammenhängenden, die man den Zufall
nennt . . . <<
1
2
Schopenhauer veranschaulicht diese Gleichzeitigkeit
durch Parallelkreise, welche eine Querverbindung zwischen den
als Kausalketten gedachten Meridianen darstellen. »Alle Ereignisse
i m Leben eines Menschen ständen demnach in zwei grundver­
schiedenen Arten des Zusammenhangs : erst!ich, im objektiven,
kausalen Zusammenhange des Naturlaufs ; zweitens, in einem sub­
j ektiven Zusammenhange, der nur in Beziehung auf das sie erle­
bende Individuum vorhanden und so subjektiv wie dessen eigene
Träume ist . . . Daß nun jene beiden Arten des Zusammenhangs
zugleich bestehen und die nämliche Begebenheit als ein Glied
zweier ganz verschiedener Ketten, doch beiden sich genau einfügt,
infolge wovon j edesmal das Schicksal des Einen zum Schicksal des
Andern paßt und j eder der Held seines eigenen, zugleich aber auch
der Figurant im fremden Drama ist, dies ist freilich etwas, das alle
unsere Fassungskraft übersteigt und nur vermöge der wundersam-
1
1
Man i st in einiger Verlegenheit, wie man j enes Phänomen, das Stekel al s » Verpflich­
tung des Namens« bezeichnet hat, auffassen soll. Es handelt sich dabei um zum Teil
groteske Koinzidenzen von Name und Eigenart eines Menschen. Zum Beispiel leidet
Herr Groß an Größenwahn, Herr Kleiner hat einen Minderwertigkeitskomplex. Zwei
Schwestern Altmann heiraten beide zwanzig Jahre ältere Männer, Herr Feist ist Ernäh­
rungsminister, Herr Roßtäuscher Advokat, Herr Kalberer ein Geburtshelfer, Herr
Freud vertritt das Lustprinzip, Herr Adler den Willen zur Macht, Herr Jung die Idee der
Wiedergeburt und so weiter. Handelt es sich hier um absurde Zufallslaunen oder um
Suggestivwirkungen des Namens, wie Stekel anzunehmen scheint, oder um •sinngemäße
Koinzidenzen«?
1
2 Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, 1891, Bd. 2, S. 40, 39 und 45.
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 17
sten harmonia praestabilita als möglich gedacht werden kann. «
Nach seiner Auffassung i st >>das Subjekt des großen Lebenstrau­
mes . . . nur eines«, nämlich der transzendentale Wille, die prima
causa, von welcher alle Kausalketten wie die Meridiane vom Pol
ausstrahlen und vermöge der Parallelkreise in einer sinngemäßen
Gleichzeitigkeitsrelation 1 3 zueinander stehen. Schopenhauer
glaubt an den absoluten Determinismus des Naturablaufes und
dazu noch an eine erste Ursache. Letztere Annahme ist wie erstere
durch nichts gewährleistet. Sie ist ein philosophisches Mytholo­
gem und nur dann glaubwürdig, wenn sie in der Gestalt der alten
Paradoxie Hen to pan, nämlich als Einheit und Vielheit zugleich
auftritt. Erstere Annahme, daß die Gleichzeitigkeitspunkte auf den
Kausal ketten-Meridianen sinngemäße Koinzidenzen darstellen,
hätte nur dann eine Aussicht auf Erfolg, wenn die Einheit der
prima causa wirklich feststünde. Wäre sie aber, was sie ebensogut
sein könnte, eine Vielheit, so müßte die ganze Schopenhauersche
Erklärung zusammenbrechen, ganz abgesehen von der erst neuer­
dings eingesehenen, bloß statistischen Gültigkeit des Naturgeset­
zes, welche dem Indeterminismus eine Möglichkeit offenhält. We­
der philosophische Überlegung noch die Erfahrung gewährleisten
daher das regelmäßige Vorhandensein jener beiden Arten von Zu­
sammenhang, in denen eines und dasselbe Subjekt und Obj ekt ist.
Schopenhauer hat zu einer Zeit gedacht und geschrieben, wo die
Kausalität als Kategorie a priori absolute Gültigkeit hatte und da­
her zur Erklärung sinngemäßer Koinzidenzen herangezogen wer­
den mußte. Sie leistet aber, wie wir gesehen haben, diesen Dienst
nur dann mit einiger Wahrscheinlichkeit, wenn man die weitere
willkürliche Annahme einer Einheit der prima causa zu Hi lfe
nimmt. Dann ergibt sich aber auch die Notwendigkeit, daß jeder
Punkt auf dem gedachten Meridian mit j edem anderen auf demsel­
ben Breitengrade in der Beziehung sinngemäßer Koinzidenz steht.
Dieser Schluß überschreitet aber alle empirische Möglichkeit, das
heißt er schreibt der sinngemäßen Koinzidenz ein so rege!- und
gesetzmäßiges Vorhandensein oder Vorkommen zu, daß dessen
Feststellung entweder gar nicht nötig oder die einfachste Sache von
der Welt wäre. Schopenhauers Beispiele sind so sehr und so wenig
überzeugend wie alle anderen. Höchstes Verdienst aber ist es, daß
er das Problem gesehen und dabei wohl verstanden hat, daß es
hierfür keine billigen Ad-hoc-Erklärungen gibt. Da es an die
Grundlagen unserer Erkenntnis überhaupt greift, hat er es im Sin­
ne seiner Philosophie aus einer transzendentalen Voraussetzung
abgeleitet, nämlich aus dem Willen, der Leben und Sein auf allen
n Daher mein Terminus »Synchronizität«.
1 8 S Y NC HR ONI ZI TÄT, AKAUSAL I TÄT
Stufen schafft und jede der letzteren solchergestalt abstimmt, daß
sie nicht nur ihren gleichzeitigen Parallelen harmonisch entspricht,
sondern auch jeweils als fatum oder Vorsehung das Zukünftige
vorbereitet und ordnet.
Im Gegensatz zum Schopenhauerschen Pessimismus hat diese
Anschauung eine beinahe freundliche und optimistische Tönung,
die wir heutzutage kaum mehr mitzuempfinden vermögen. Eines
der i nhaltreichsten und zugleich bedenklichsten Jahrhunderte der
Weltgeschichte trennt uns von jener noch mittelalterlichen Zeit,
wo der philosophierende Geist glaubte, vor und jenseits aller Er­
fahrung etwas feststellen und behaupten zu können. Aber jene Zeit
hatte noch den größeren und weiteren Blick, der nicht dort halt­
machte und dort die Grenzen der Natur erreicht zu haben glaubte,
wo der wissenschaftliche Straßenbau gerade sein vorläufiges Ende
erreicht hatte. So hat Schopenhauer in wahrhaft philosophischer
Schau dem Nachdenken ein Gebiet erschlossen, dessen eigenartige
Phänomenologie er zwar nicht genügend erfaßte, wohl aber annä­
hernd richtig umriß. Er erkannte, daß die omina und praesagia, die
Astrologie und die vielfach variierten intuitiven Methoden der Zu­
fallsdeutung einen gemeinsamen Nenner besitzen, den er mittels
>> transzendenter Spekulation<< herauszufinden trachtete. Er er­
kannte dabei ebenfalls richtig, daß es sich um ein prinzipielles
Problem erster Ordnung handelte, im Gegensatz zu allen jenen,
die vor ihm und nach ihm mit untauglichen Kraftübertragungsvor­
stellungen operierten oder gar bequemerweise das ganze Gebiet als
Unsinn abtun wollten, um einer allzuschweren Aufgabe auszuwei­
chen. 1 4 Schopenhauers Versuch ist um so bemerkenswerter, als er
in eine Zeit fällt, wo der ungeheure Vorstoß der Naturwissen­
schaften alle Welt davon überzeugte, daß einzig und allein die
Kausalität als letzthinniges Erklärungsprinzip in Frage komme.
Statt alle j ene Erfahrungen, die sich der Alleinherrschaft der Kau­
salität nicht ohne weiteres beugen wollten, einfach außer Betracht
fallen zu lassen, hat er, wie wir gesehen haben, den Versuch ge­
macht, sie in seine deterministische Ansicht einzubeziehen. Damit
aber hat er das, was schon immer und längst vor ihm als eine neben
der kausalen bestehende andere Weltordnung, nämlich diejenige
der Präfiguration, der Korrespondenz und der prästabilierten Har­
monie, der Welterklärung zugrunde lag, in das kausale Schema
hineingezwängt, wohl aus dem richtigen Gefühl heraus, daß das
naturgesetzliche Weltbild, an dessen Gültigkeit er nicht zweifelte,
1
4
Kam muß hier ausgenommen werden. In seiner Abhandlung >Träume eines Geister·
sehers, erläutert durch Träume der Metaphysik• hat er Schopenhauer den Weg vorge­
zeichnet.
S YNCHRON I ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 1 9
doch etwas vermissen lasse, was i n der antiken und mittelalterli­
chen Anschauung (wie im ahnungsvollen Gefühl des Modernen)
eine beträchtliche Rolle spielt.
Angeregt durch die große Tatsachensammlung von Gurney,
Myers und Podmore15 haben Dariex16, Richet17 und Flammarion1 8
das Problem mi t der Wahrscheinlichkeitsrechnung angegangen.
Dariex hat für >> telepathische<< Todeswahrnehmungen eine Wahr­
scheinlichkeit von 1 :4 1 14 545 ermittelt, das heißt die Erklärung
eines derartigen Falles als Zufall ist also mehr als viermillionenmal
unwahrscheinlicher als die »telepathische« beziehungsweise die
akausale, sinngemäße Koinzidenz. Der Astronom Flammarion hat
für einen besonders gut beobachteten Fall der »phantasms of the
living<< eine Wahrscheinlichkeit von sogar 1 : 804 622 222 berech­
net. 19 Er bringt auch zum erstenmal andere verdächtige Ereignisse
in Zusammenhang mit den dazumal interessierenden Todeswahr­
nehmungen. So erzählt er,20 daß, als er mit seinem Werk über die
Atmosphäre beschäftigt, gerade an dem Kapitel über die Windstär­
ke schrieb, ein plötzlicher heftiger Windstoß alle seine losen Blät­
ter vom Schreibtisch weg zum Fenster hinausfegte. Ebenso er­
wähnt er das ergötzliche Erlebnis der dreifachen Koinzidenz des
Monsieur de Fontgibu mit dem Plumpudding. 21 Die Erwähnung
dieser Koinzidenzen im Zusammenhang mit dem telepathischen
Problem zeigt, daß sich bei Flammarion allbereits die Ahnung
eines weit umfassenderen Prinzips, allerdings noch unbewußter­
weise, abzeichnet.
Der Schriftsteller Wilhelm von Scholz22 hat eine Reihe von Fäl­
len gesammelt, welche zeigen, in welch seltsamer Weise verlorene
oder gestohlene Gegenstände wieder zu ihren Eigentümern zu­
rückkehren. Unter anderem erwähnt er den Fall einer Mutter, die
von ihrem vierjährigen Söhnchen im Schwarzwald eine photogra-
1
' Gurney, Myers, Podmore: Phantasms of the Living, 1 886.
1
6 Dariex: Le Hasard et la telepathie, 1 891 , S. 300.
17 Richet: Relations de diverses experiences, 1 888.
1 8 Flammarion: L'lnconnu et les problimes psychiques, 1900, S. 227ff.
19 Ebenda, S. 241.
20 Ebenda, S. 228 f.
21 Ebenda, S. 231 . Ein M. Deschamps erhielt als Knabe einmal in Orleans ein Stück­
ehen Plumpudding von einem M. de Fontgi bu. Zehn Jahre später entdeckte er in einem
Pariser Restaurant wieder einen Plumpudding und verlangte ein Stück davon. Es erwies
sich aber, daß der Pudding bereits bestellt war, und zwar von M. de Fontgibu. Vielejahre
später wurde M. Deschamps zu einem Plumpudding als einer besonderen Rarität einge­
laden. Beim Essen machte er die Bemerkung, jetzt fehle nur noch M. De Fontgibu. In
diesem Moment öffnete sich die Türe, und ein uralter, desorientierter Greis trat herein:
M. de Fontgibu, der sich in der Adresse geirrt hatte und fälschlicherweise in diese
Gesellschaft geraten war.
22
Scholz: Der Zufall, 1924.
20
SYNC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
phisehe Aufnahme machte. Sie ließ den Film in Straßburg entwik­
keln. Wegen des Kriegsausbruches (19 1 4) konnte sie den Film
nicht mehr abholen. Sie gab ihn verloren. 1 91 6 kaufte sie sich in
Frankfurt a. M. wieder einen Film, um von ihrem inzwischen ge­
borenen Töchterchen eine Aufnahme zu machen. Bei der Ent­
wicklung erwies sich der Film als doppelt belichtet : Das zweite
Bild war die Aufnahme, die sie 1 91 4 von ihrem Söhnchen gemacht
hatte! Der alte, nicht entwickelte Film war irgendwie unter neue
Filme und so wieder in den Handel geraten. Der Autor kommt zu
dem begreiflichen Schluß, daß alle Anzeichen auf ei ne >>Anzie­
hungskraft des Bezüglichen« hindeuteten. Er vermutet, daß das
Geschehen angeordnet sei, wie wenn es der Traum eines uns >> UD­
erkennbaren größeren und umfassenderen Bewußtseins<< wäre.
Von psychologischer Seite wurde das Zufallsproblem durch
Herben Silberer behandelt. 23 Er weist nach, daß anscheinend sinn­
gemäße Koinzidenzen teils unbewußte Arrangements, teils unbe­
wußte Willkürdeutungen sind. Er zieht weder parapsychische
Phänomene noch die Synchronizität in Betracht, und theoretisch
geht er nicht über den Kausalismus Schopenhauers hinaus. Abge­
sehen von der ebenso notwendigen wie empfehlenswerten psycho­
logischen Kritik der Zufallsbewertung enthält Silberers Untersu­
chung keine Hinweise auf das Vorkommen echter sinngemäßer
Koinzidenzen.
Der entscheidende Beweis für das Vorhandensein akausaler Er­
eignisverknüpfungen ist erst in neuester Zeit hauptsächlich durch
die Rhineschen Experimente24 in wissenschaftlich zureichender
Weise erbracht worden, allerdings ohne daß die in Frage kommen­
den Autoren die weitreichenden Schlüsse, die aus ihren Ergebnis­
sen abgeleitet werden müßten, erkannt hätten. Es ist bis jetzt kein
kritisches Argument gegen diese Versuche, das nicht widerlegt
werden konnte, vorgebracht worden. Das Experiment besteht im
Prinzip darin, daß von einem Experimentator eine Serie von nu­
merierten und einfache geometrische Motive tragenden Karten,
eine nach der anderen, abgedeckt wird. Zugleich wird einer vom
Experimentator räumlich getrennten Versuchsperson der Auftrag
gegeben, die entsprechenden Zeichen anzugeben. Es wurde ein
2
3
Silberer: Der Zufall und die Koboldstreiche des Unbewußten, 192 1 .
2
4
Rhine: Extra-Sensory Perception, 1934; derselbe: New Frontiers of the Mind, 1937;
hiervon gi bt es eine deutsche Übersetzung: Neuland der Seele (1938). Pratt, Rhine,
Smith, Stuart und Greenwood: Extra-Sensory Perception after Sixty Years, 1940. Eine
allgemeine Übersicht über die Ergebnisse findet sich in Rhine: The Reach of the Mind,
1948, ebenso in dem empfehlenswerten Buch von Tyrrel l : The Personality of Man, 1946.
Ein kurzes, aber übersichtliches Resure bei Rhine: An lntroduction to the Work of
Extra-Sensory Perception, 1950, S. 164 ff.
S YNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 21
Satz von 25 Karten verwendet, welcher aus j e fünf dasselbe Zei­
chen tragenden Karten bestand. Fünf Karten waren durch einen
Stern, fünf durch ein Rechteck, fünf durch einen Kreis, fünf durch
zwei Wellenlinien und fünf durch ein Kreuz markiert. Die Karten
wurden durch den Experimentator, dem die Anordnung des vor
ihm liegenden Satzes natürlich unbekannt war, eine nach der ande­
ren abgedeckt. Die Versuchsperson (V. P.), welche keine Möglich­
keit hatte, die Karten zu sehen, mußte, so gut es eben ging, die
abgedeckten Zeichen angeben. Viele Versuche verliefen natürlich
negativ, indem das Resultat die Wahrscheinlichkeit von fünf zufäl­
ligen Treffern nicht überstieg. Einige Resultate lagen aber deutlich
über der Wahrscheinlichkeit. Dies war bei gewissen V. PP. der
Fall. Die erste Versuchsserie bestand darin, daß jede V. P. acht­
hundertmal versuchte, die Karte zu erraten. Das Durchschnittsre­
sultat ergab 6, 5 Treffer auf 25 Karten, das heißt 1 , 5 mehr als die
mathematische Wahrscheinlichkeit, die fünf Treffer beträgt. Die
Wahrscheinlichkeit, daß eine Zufallsdeviation von 1 , 5 von der
Zahl Fünf eintritt, beträgt 1 :250 000. Diese Proportion zeigt, daß
die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Deviation nicht gerade
groß ist, indem nur in 250 000 Fällen einmal eine zufällige Devia­
tion dieses Betrages zu erwarten ist. Die individuellen Resultate
variierten je nach der spezifischen Begabung der V. P. Ein junger
Mann, der in zahlreichen Versuchen durchschnittlich zehn Treffer
auf je 25 Karten erzielte (also doppelt soviel als die Wahrschein­
lichkeit), las einmal alle 25 Karten korrekt, was einer Wahrschein­
lichkeit von 1 :298 023 223 876 953 1 25 entspricht. Gegen die Mög­
lichkeit, daß der Kartensatz in irgendeiner arbiträren Weise ge­
mischt war, schützte eine Apparatur, welche die Karten automa­
tisch, also unabhängig von der Hand des Experimentators, misch­
te.
Nach den ersten Versuchsserien wurde in einem Falle die räum­
liche Distanz zwischen Experimentator und V. P. bis zu 350 Kilo­
meter ausgedehnt. Das Durchschnittsresultat zahlreicher Versuche
betrug hier 1 0, 1 Treffer auf 25 Karten. In einer anderen Versuchs­
reihe ergaben sich, als Experimentator und V. P. sich i m gleichen
Zimmer befanden, 1 1 ,4 Treffer auf 25; wenn die V. P. im nächsten
Zimmer war, 9,7 auf 25; wenn sie zwei Zimmer weit weg war, 1 2,0
auf 25. Rhine erwähnt die Experimente von Usher und Burt, die
sich mit positiven Resultaten über 1 344 Kilometer erstreckten.25
Unterstützt durch synchronisierte Uhren wurden auch Experi­
mente zwischen Durhar in North Carolina und Zagreb in Jugo-
25 Rhine: The Reach of ehe Mind, 1948, S. 49.
22 S YNC HR ONI Z I TÄT, AKAUS ALI TÄT
slawien (etwa 5600 Kilometer) mi t ebenfalls positivem Resultat
durchgeführt.
26
Der Umstand, daß die Entfernung im Prinzip keinen Effekt hat,
beweist, daß es sich nicht um eine Kraft- beziehungsweise Ener­
gieerscheinung handeln kann, denn sonst müßte die Uberwindung
der Distanz und die Ausbreitung im Raume eine Verminderung
der Wirkung verursachen, das heißt, es müßte unschwer festzu­
stellen sein, daß sich die Trefferzahl proportional dem Quadrate
der Entfernung vermindert. Da dies offenbar nicht der Fall ist, so
bleibt nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß die Distanz sich
als psychisch variabel erweist beziehungsweise durch einen psy­
chischen Zustand gegebenenfalls auf Null reduzieren läßt.
Noch merkwürdiger ist, daß auch die Zeit im Prinzip nicht pro­
hibitiv wirkt, das heißt, die Ablesung einer in der Zukunft heraus­
zulegenden Kartenserie weist eine die bloße Wahrscheinlichkeit
übersteigende Trefferzahl auf. Die Wahrscheinlichkeit der Rhine­
schen Resultate mit dem Zeitexperiment beträgt 1 :400 000, was
eine beachtliche Wahrscheinlichkeit für das Vorhandensein eines
von der Zeit unabhängigen Faktors bedeutet. Das Resultat der
Zeitexperimente weist auf eine psychische Relativität der Zeit hin,
indem es sich um Wahrnehmungen von Ereignissen handelt, die
noch gar nicht eingetreten sind. In derartigen Fällen scheint der
Zeitfaktor ausgeschaltet zu sein, und zwar durch eine psychische
Funktion oder besser durch einen psychischen Zustand, der auch
den Raumfaktor zu eliminieren vermag. Wenn wir schon bei den
Raumexperimenten konstatieren mußten, daß die Energie mit der
Distanz keine Verminderung erfährt, so wird es bei den Zeitexpe­
rimenten vollends unmöglich, an irgendein energetisches Verhält­
nis zwischen der Wahrnehmung und dem zukünftigen Ereignis
überhaupt auch nur zu denken. Man muß daher von vornherein
auf alle energetischen Erklärungsweisen verzichten, was soviel
heißt, als daß Ereignisse dieser Art nicht unter dem Gesichtswin­
kel der Kausalität betrachtet werden können, denn Kausalität setzt
die Existenz von Raum und Zeit voraus, indem aller Beobachtung
in letzter Linie bewegte Körper zugrunde liegen.
Unter den Rhineschen Experimenten müssen auch die Würfel­
versuche erwähnt werden. Die V. P. erhält den Auftrag zu würfeln
(was durch einen Apparat besorgt wird), mit dem Wunsche, es
möchten zum Beispiel möglichst viele Drei zum Vorschein kom­
men. Die Resultate dieses sogenannten PK-Experimentes (Psycho­
Kinesis) waren positiv, und zwar um so eher, j e mehr Würfel auf
26 Rhi ne/Humphrey : A Transoceanic ESP Experiment, 1942, S. 52.
S Y NC HRONI Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 23
einmal benützt wurden. 2
7
Wenn Raum und Zeit sich als psychisch
relativ erweisen, so muß auch der bewegte Körper die entspre­
chende Relativität besitzen beziehungsweise ihr unterworfen sein.
Eine durchgehende Erfahrung bei diesen Experimenten ist die
Tatsache, daß nach dem ersten Versuch die Trefferzahl abzusinken
beginnt und damit die Resultate negativ werden. Tritt aber aus
irgendeinem äußeren oder inneren Grund eine Auffrischung des
Interesses seitens der V. P. ein, so erhöht sich die Trefferzahl wie­
der. Interesselosigkeit und Langeweile wirken prohibiti v; Anteil­
nahme, positive Erwartung, Hoffnung und Glaube an die Mög­
lichkeit der ESP verbessern die Resultate und scheinen daher die
eigentlichen Bedingungen für das Zustandekommen derselben
überhaupt zu sein. In dieser Hinsicht ist interessant, daß das be­
kannte englische Medium Mrs. Eileen J. Garrett bei den Rhine­
schen Experimenten schlechte Resultate erzielte, und zwar darum,
weil sie, wie sie selber angibt, keinerlei Gefühlsverhältnis zu den
seelenlosen Experimentierkarten herstellen konnte.
Diese wenigen Andeutungen mögen genügen, um dem Leser
einen wenigstens oberflächlichen Begriff von diesen Experimenten
zu geben. Das oben erwähnte Buch von C. N. M. Tyrrell, dem
derzeitigen Präsidenten der Society for Psychical Research, enthält
eine sehr gute Zusammenstellung aller Erfahrungen auf diesem
Gebiete. Der Verfasser hat sich selber große Verdienste um die
Erforschung der ESP erworben. Von physikalischer Seite sind die
ESP-Experimente durch Robert A. McConnell in einem Aufsatz,
betitelt >ESP - Fact or Fancy?< , i n positivem Sinne gewürdigt wor­
den.28
Begreiflicherweise hat man diese Resultate, die ans Wunderbare
und schlechthin Unmögliche zu grenzen scheinen, auf alle mögli­
chen Arten wegzuerklären versucht. Solche Versuche aber schei­
terten alle an den Tatsachen, die sich bis jetzt nicht wegbeweisen
ließen. Wir sind durch die Rhineschen Experimente mit der Tatsa­
che konfrontiert, daß es Ereignisse gibt, die experimentel, das
heißt in diesem Fall sinngemäß, aufeinander bezogen sind, ohne
daß dabei dieser Bezug als ein kausaler erwiesen werden könnte,
indem die »Übertragung« keinerlei bekannte energetische Eigen­
schaften erkennen läßt. Es besteht daher ein begründeter Zweifel,
ob es sich überhaupt um eine »Übertragung«29 handelt. Die Zeit­
experimente schließen nämlich eine solche prinzipiell aus, denn es
27 Rhine: The Reach of the Mind, 1948, S. 73 ff.
28
Herr Prof. W. Pauli hat mich freundliehst auf diese Arbeit, die in >The Scientific
Monthly< 1949 erschienen ist, aufmerksam gemacht.
29 Nicht zu verwechseln mit dem Terminus »Übertragung« in der Neurosenpsycholo­
gie, welcher die Projektion eines Verwandtschaftsverhältnisses bezeichnet.
24 S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS AL I TÄT
wäre absurd, anzunehmen, daß ein noch nicht vorhandener, son­
dern erst i n der Zukunft eintretender Tatbestand sich als ein ener­
getisches Phänomen auf einen gegenwärtigen Empfänger übertra­
gen könnte. 30 Es scheint vielmehr, daß die Erklärung einerseits bei
einer Kritik unseres Raum- und Zeitbegriffes, andererseits beim
Unbewußten einzusetzen hat. Es ist, wie schon gesagt, mit unseren
derzeitigen Mitteln unmöglich, die extra-sensory perception, das
heißt die sinngemäße Koinzidenz, als ein energetisches Phänomen
zu erklären. Damit scheidet auch die kausale Erklärung aus, denn
»Wirkung« ist anders denn als ein energetisches Phänomen nicht
zu verstehen. Es kann sich daher nicht um Ursache und Effekt
handeln, sondern um ein Zusammenfallen in der Zeit, eine Art von
Gleichzeitigkeit. Um des Merkmals der Gleichzeitigkeit willen ha­
be ich den Ausdruck Synchronizität gewählt, um damit einen hy­
pothetischen Erklärungsfaktor, der ebenbürtig der Kausalität ge­
genübersteht, zu bezeichnen. In meinem Aufsatz >Der Geist der
Psychologie<31
habe ich die Synchronizität als eine psychisch be­
dingte Relativität von Zeit und Raum dargestellt. Bei den Rhine­
schen Experimenten verhalten sich Raum und Zeit der Psyche
gegenüber gewissermaßen >> elastisch«, indem sie anscheinend be­
liebig reduziert werden können. Bei der räumlichen Versuchsan­
ordnung wird der Raum und bei der zeitlichen die Zeit gewisser­
maßen auf annähernd Null reduziert; das heißt, es scheint, als ob
Raum und Zeit in einem Zusammenhang mit psychischen Bedin­
gungen stünden oder als ob sie an und für sich gar nicht existierten
und nur durch das Bewußtsein >> gesetzt<< wären. Raum und Zeit
sind i n der ursprünglichen Anschauung (das heißt bei den Primiti­
ven) eine höchst zweifelhafte Sache. Sie sind erst im Laufe der
geistigen Entwicklung zu "festen<< Begriffen geworden, und zwar
durch die Einführung der Messung. An sich bestehen Raum und
Zeit aus nichts. Sie gehen als hypostasierte Begriffe erst aus der
diskriminierenden Tätigkeit des Bewußtseins hervor und bilden
die für die Beschreibung des Verhaltens bewegter Körper unerläß­
lichen Koordinaten. Sie sind daher wesentlich psychischen Ur­
sprungs, was wohl der Grund ist, der Kant bewogen hat, sie als
Kategorien a priori aufzufassen. Sind aber Raum und Zeit durch
die Verstandesnotwendigkeiten des Beobachters erzeugte, anschei­
nende Eigenschaften bewegter Körper, dann ist ihre Relativierung
durch eine psychische Bedingung auf alle Fälle kein Wunder mehr,
sondern liegt im Bereiche der Möglichkeit. Diese Möglichkeit tritt
1° Kammerer hat sich mit der Frage der »Gegenwirkung des nachfolgenden Zustandes
auf den vorhergehenden« befaßt, aber nicht gerade in überzeugender Weise (Das Gesetz
der Serie, 1 91 9, S. 1 3 1 f.).
11
Al s >Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen<, GW 8, § § 343-442.
S Y NCHRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 25
aber dann ein, wenn die Psyche nicht äußere Körper, sondern sich
selbst beobachtet. Das ist nämlich bei den Rhineschen Experimen­
ten der Fall : Die Antwort der Versuchsperson erfolgt nicht aus der
Anschauung der physischen Karten, sondern aus reiner Imagina­
tion, das heißt aus Einfällen, in denen sich die Struktur des diese
erzeugenden Unbewußten manifestiert. Ich will hier nur zunächst
einmal darauf hinweisen, daß es die ausschlaggebenden Faktoren
der unbewußten Psyche, die sogenannten Archetypen sind, welche
die Struktur des kollektiven Unbewußten ausmachen. Letzteres
aber stellt eine bei allen Menschen sich selbst identische »Psyche<<
dar, die im Gegensatz zu dem uns bekannten Psychischen unan­
schaulich ist, weshalb ich sie als psychoid bezeichnet habe.
Die Archetypen sind formale Faktoren, welche unbewußte seeli­
sche Vorgänge anordnen: Sie sind »patterns of behaviour« . Zu­
gleich haben die Archetypen eine >> Spezifische Ladung« : Das heißt,
sie entwickeln numinose Wirkungen, die sich als Affekte äußern.
Der Affekt bewirkt ein partielles abaissement du niveau mental,
indem er einen bestimmten Inhalt zwar zu einer übernormalen
Klarheitshöhe erhebt, in eben demselben Maße aber auch den an­
deren möglichen Bewußtseinsinhalten soviel Energie entzieht, daß
sie verdunkelt beziehungsweise unbewußt werden. Infolge der be­
wußtseinseinschränkenden Wirkung des Affektes entsteht eine der
Dauer desselben entsprechende Herabsetzung der Orientierung,
welche ihrerseits dem Unbewußten eine günstige Gelegenheit bie­
tet, sich in den leer gelassenen Raum einzudrängen. Es ist daher
eine sozusagen regelmäßige Erfahrung, daß im Affekt unerwartete,
sonst gehemmte beziehungsweise unbewußte Inhalte durchbre­
chen und zur Äußerung gelangen. Derartige Inhalte sind nicht
selten inferiorer oder primitiver Natur und verraten damit ihren
Ursprung in den Archetypen. Wie ich weiter unten noch beleuch­
ten werde, scheinen mit den Archetypen unter gewissen Umstän­
den Gleichzeitigkeits-, das heißt Synchronizitätsphänomene ver­
bunden zu sein. Das ist der Grund, warum ich die Archetypen hier
erwähne.
In die Richtung der psychischen Raum-Zeit-Relativität weisen
vielleicht die Fälle außerordentlicher Raumorientierung bei Tieren
hin. Die rätselhafte Zeitorientierung des Palolowurmes, dessen mit
Geschlechtsprodukten befrachtete Schwanzsegmente j eweils am
Vortage des letzten Mondviertels im Oktober und November an
der Meeresoberfläche erscheinen,32 könnte in diesen Zusammen-
32 Genauer gesagt, beginnt das »Schwärmen« etwas vor und endet erst etwas nach
diesem Tage. Auf diesen Tag fällt nur das Maximum. Die Monate wechseln je nach
Standort. Der Wawo von Amboina soll beim Vollmond im März erscheinen. (Krämer:
Über den Bau der Korallenriffe, 1 897.)
26 S Y NC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
bang gehören. Als Ursache dafür wurde die zu dieser Zeit infolge
der Mondgravitation eintretende Erdbeschleunigung angegeben.
Es ist aber aus astronomischen Gründen unmöglich, daß diese
Erklärung stimmt.33 Die an sich unzweifelhafte Beziehung der
menschlichen Menstruationsperiode zum Mondlauf hängt mit
letzterem nur durch die Zahl zusammen, ohne mit ihm in Wirk­
lichkeit zu koinzidieren. Es ist auch nicht bewiesen, daß sie dies j e
getan hat.
Das Problem der Synchronizität hat mich schon lange beschäf­
tigt, und zwar ernstlich seit der Mitte der zwanziger Jahre,34 wo
ich bei der Untersuchung der Phänomene des kollektiven U nbe­
wußten immer wieder auf Zusammenhänge stieß, die ich nicht
mehr als zufällige Gruppenbildung oder Häufung zu erklären
vermochte. Es handelte sich nämlich um »Koinzidenzen<< , die
si nngemäß derart verknüpft waren, daß ihr »zufälliges« Zusam­
mentreffen eine Unwahrscheinlichkeit darstellt, welche durch eine
unermeßliche Größe ausgedrückt werden müßte. Ich erwähne nur
beispielsweise einen Fall aus meiner Beobachtung: Eine j unge Pa­
tientin hatte in einem entscheidenden Moment ihrer Behandlung
einen Traum, in welchem sie einen goldenen Skarabäus zum Ge­
schenk erhielt. Ich saß, während sie mir den Traum erzählte, mit
dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Plötzlich hörte ich
hinter mir ein Geräusch, wie wenn etwas leise an das Fenster
klopfte. Ich drehte mich um und sah, daß ein fliegendes Insekt von
außen gegen das Fenster stieß. Ich öffnete das Fenster und fing das
Tier im Fluge. Es war die nächste Analogie zu einem goldenen
Skarabäus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, näm­
lich ein Scarabaeide (Blatthornkäfer), Cetonia aurata, der »gemei­
ne Rosenkäfer<< , der sich offenbar veranlaßt gefühlt hatte, entgegen
seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in
diesem Moment einzudringen. Ich muß schon sagen, daß mir ein
solcher Fall weder vorher noch nachher je vorgekommen, ebenso
wie auch der damalige Traum der Patientin ein Unikum in meiner
Erfahrung geblieben ist.
" Dahns: Das Schwärmen des Palolo, 1932.
" Schon Jahre zuvor sind mir Zweifel an der unbeschränkten Anwendbarkeit des
Kausalprinzips in der Psychologie aufgestiegen. In der Vorrede zur I. Auflage der •Col­
lected Papers on Analytical Psychology< ( 1 91 6) habe ich geschrieben: Die •Kausalität ist
nur ein Prinzip, und die Psychologie kann nicht allein mit kausalen Methoden ausge­
schöpft werden, denn der Geist lebt auch auf Ziele hin. • (GW 4, § 679.) Die psychische
Finalität beruht auf einem »präexistentenu Sinn, welcher erst dann problematisch wird,
wenn es sich um ein unbewußtes Arrangement handelt. In diesem Fall muß nämlich eine
Art » Wissen• vorgängig aller Bewußtheit angenommen werden. Zu diesem Schluß ge­
langt auch H. Driesch (Die •Seele« als elementarer Naturfaktor, 1903, S. SOff.)
S YNCH RONI Z I TÄT ALS E I N P RI NZ I P 27
In diesem Zusammenhang möchte ich noch einen anderen, für
eine gewisse Kategorie von Vorkommnissen typischen Fall anfüh­
ren. Die Frau eines meiner in den Fünfzigerjahren stehenden Pa­
tienten erzählte mir einmal gesprächsweise, daß beim Tode ihrer
Mutter und Großmutter sich vor den Fenstern des Sterbezimmers
eine große Zahl von Vögeln gesammelt hätte; eine Erzählung, wie
ich sie schon mehr als einmal von anderen Leuten gehört hatte. Als
die Behandlung ihres Mannes sich ihrem Ende nahte, indem seine
Neurose behoben war, da traten bei ihm vorerst leichte Symptome
auf, welche ich auf eine Herzerkrankung bezog. Ich schickte ihn
zu einem Spezialisten, der aber bei der ersten Untersuchung, wie
er mir schriftlich mitteilte, nichts Besorgniserregendes feststellen
konnte. Auf dem Heimweg von dieser Konsultation (mit dem
ärztlichen Bericht in der Tasche) brach mein Patient plötzlich auf
der Straße zusammen. Als er sterbend nach Hause gebracht wurde,
war seine Frau bereits in ängstlicher Unruhe, und zwar darum,
weil, bald nachdem ihr Mann zum Arzte gegangen war, ein ganzer
Vogelschwarm sich auf ihr Haus niedergelassen hatte. Natürlich
erinnerte sie sich sofort an die ähnlichen Vorkommnisse beim To­
de ihrer Angehörigen und befürchtete Schlimmes.
Obschon ich die an diesen Ereignissen beteiligten Personen ge­
nau kenne und deshalb weiß, daß es sich um einen wahren Tatsa­
chenbericht handelt, so stelle ich mir doch keineswegs vor, daß
sich irgend jemand, der entschlossen ist, solche Dinge als bloße
Zufälle anzusehen, dadurch bewogen fühlen wird, seine Auffas­
sung zu ändern. Ich bezwecke mit der Darstellung der beiden Fälle
daher nur einen Hinweis auf die Art und Weise, wie sich sinnge­
mäße Koinzidenzen im praktischen Leben zu präsentieren pflegen.
Die sinngemäße Beziehung in ersterem Falle ist in Ansehung der
annähernden Identität der Hauptobjekte (nämlich der beiden Ska­
rabäen) einleuchtend; in letzterem Falle dagegen sind Todesfall
und Vogelschwarm anscheinend inkommensurabel. Wenn man
aber berücksichtigt, daß schon im babylonischen Hades die Seelen
ein >> Federkleid« tragen und in Alt-Ägypten der ba, das heißt die
Seele, als Vogel35 gedacht wird, so liegt die Annahme eines arche­
typischen Symbolismus nicht allzuferne. Wäre ein solches Vor­
kommnis zum Beispiel geträumt worden, so käme eine derartige
Deutung vergleichend-psychologisch unbedingt in Betracht. Eine
archetypische Grundlage scheint auch in ersterem Fall zu beste­
hen. Wie ich schon erwähnt habe, handelte es sich um eine unge­
wöhnlich schwierige Behandlung, die bis zu dem erwähnten
Traum so gut wie gar nicht vom Flecke gekommen war. Der
35 Bei Homer "zwitschern« die Seelen der Toten.
28 S Y NCHRONIZITÄT, AKAUS ALITÄT
Hauptgrund hiefür war, wie ich zum Verständnis der Situation
erwähnen muß, der in cartesianischer Philosophie erzogene Ani­
mus meiner Patiemin, welcher an seinem starren Wirklichkeitsbe­
g_iff dermaßen festhielt, daß ihn selbst die Bemühungen von drei
Arzten (ich war nämlich der dritte) nicht zu erweichen vermocht
hatten. Dazu brauchte es offenbar schon ein irrationales Ereignis,
das ich aber selbstverständlich nicht produzieren konnte. Schon
durch den Traum allein war die rationalistische Einstellung meiner
Pariemin leise erschüttert. Als aber gar noch der Skarabäus in
Wirklichkeit geflogen kam, da konnte ihr natürliches Wesen den
Panzer der Animusbesessenheit durchbrechen, womit auch der die
Behandlung begleitende Wandl ungsprozeß zum erstenmal richtig
i n Fluß kam. Wesentliche Einstellungsänderungen bedeuten psy­
chische Erneuerungen, die fast in der Regel durch Wiedergeburts­
symbole in Träumen und Phantasien begleitet sind. Der Skarabäus
ist ein klassisches WiedergeburtssymboL Nach der Schilderung
des altägyptischen Buches >Am-Tuat< verwandelt sich der tote
Sonnengott an der zehnten Station in Kheperä, den Skarabäus, und
als solcher besteigt er an der zwölften Station die Barke, welche die
verj üngte Sonne am Morgenhimmel emporführt. Schwierig ist in
diesem Fall nur, daß (obschon das Symbol meiner Pariemin nicht
bekannt war) bei Gebildeten Kryptomnesien oft nicht mit Sicher­
heit auszuschließen sind. Beiläufig bemerkt, stößt die psychologi­
sche Erfahrung beständig auf solche Fälle,36 in denen das Auftreten
von Symbolparallelen ohne die Hypothese des kollektiven Unbe­
wußten nicht erklärt werden kann.
Fälle von sinngemäßen Koinzidenzen ¯ die von bloßen Zufalls­
gruppen zu unterscheiden sind - scheinen auf archetypischer
Grundlage zu beruhen. Wenigstens weisen alle Fälle meiner Erfah­
rung - es sind ihrer eine ganze Anzahl - dieses bezeichnende
Merkmal auf. Was das zu bedeuten hat, habe ich oben bereits
angedeutet. 37 Obschon j eder, der einige Erfahrung auf diesem Ge­
biete hat, unschwer den archetypischen Charakter solcher Erleb­
nisse erkennt, so wird er doch die psychischen Bedingungen des
Rhineschen Experimentes damit nicht ohne weiteres in Verbin­
dung bringen können, denn eine Konstellation des Archetypus ist
hier zunächst nicht ersichtlich. Es handelt sich dabei auch nicht um
derart emotionale Situationen wie die meiner Beispiele. Immerhin
ist zunächst darauf zu verweisen, daß bei Rhine durchschnittlich
die erste Versuchsserie die besten Resultate ergibt, die dann rasch
36 Derartiges läßt sich natürlich nur dann feststellen, wenn der Arzt über die nötigen
symbolgeschichtlichen Kenntnisse verfügt.
37 Ich verweise auf meine Ausführungen in: Der Geist der Psychologie (Theoretische
Überlegungen zum Wesen des Psychischen, GW 8, § § 343-442).
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 29
abnehmen. Wenn es aber gelingt, ein neues Interesse für das (an
sich langweilige) Experiment wachzurufen, verbessern sich auch
die Resultate wieder. Daraus geht hervor, daß der emotionale Fak­
tor eine bedeutsame Rolle spielt. Die Affektivität aber beruht in
hohem Maße auf den Instinkten, deren formaler Aspekt eben der
Archetypus ist.
Es besteht aber auch eine psychologische Analogie zwischen
meinen beiden Fällen und dem Rhineschen Experiment, die aller­
dings nicht auf der Hand liegt. Diese anscheinend gänzlich ver­
schiedenen Situationen haben nämlich als gemeinsames Charakte­
ristikum eine gewisse Unmöglichkeit. Die Patientin mit dem
Skarabäus befand sich insofern in einer >> unmöglichen« Situation,
als ihre Behandlung stockte und sich nirgends ein Ausweg ab­
zeichnete. In derartigen Situationen, wenn sie ernsthaft genug
sind, pflegen sich archetypische Träume einzustellen, welche eine
Fortschrittsmöglichkeit aufzeigen, an die man nicht gedacht hätte.
Derartige Situationen sind es überhaupt, welche den Archetypus
mit großer Regelmäßigkeit konstellieren. In gewissen Fällen sieht
sich daher der Psychotherapeut gezwungen, das rational unlösbare
Problem aufzufinden, auf welches das Unbewußte des Patienten
hinsteuert. Ist dieses gestellt, dann werden dadurch die tieferen
Schichten des Unbewußten, die Urbilder nämlich, aufgeweckt, wo­
durch die Wandlung der Persönlichkeit in die Wege geleitet wird.
Im zweiten Fall war es die halb unbewußte Besorgnis einerseits
und die drohende Möglichkeit eines letalen Ausganges anderer­
seits, wobei keine Möglichkeit eines genügenden Erkennens der
Situation bestand. Beim Rhineschen Experiment schließlich ist es
die Unmöglichkeit der Aufgabe, welche die Aufmerksamkeit auf
die inneren Vorgänge lenkt und damit dem Unbewußten eine
Möglichkeit gibt, sich zu manifestieren. Die Fragestellung des
ESP-Experimentes hat an sich schon eine emotionale Wirkung,
indem sie nämlich etwas Unerkennbares und schlechterdings Un­
wißbares als möglicherweise Erkenn- und Wißbares hinstellt und
damit die Möglichkeit eines Wunders ernstlich in Betracht zieht.
Unbekümmert um den eventuellen Skeptizismus der V. P. appel­
liert diese Andeutung an die unbewußt stets und überall vorhande­
ne Bereitschaft, ein Wunder zu erleben und an die Hoffnung, daß
etwas Derartiges am Ende doch möglich sein könnte. Der primiti­
ve Aberglaube liegt auch bei den aufgeklärtesten Geistern dicht
unter der Oberfläche, und gerade diejenigen, die sich am meisten
dagegen wehren, unterliegen zuerst seiner Suggestivkraft. Wenn
nun ein seriöses Experiment mit seiner gewichtigen wissenschaftli­
chen Autorität diese Bereitschaft irgendwo berührt, so entsteht
unvermeidlicherweise eine Emotion, welche affektiv annimmt
30 S YNCHRONI Z ITÄT, AKAUS ALITÄT
oder ablehnt. Auf alle Fälle entsteht eine affektive Erwartung, die
trotzdem vorhanden ist, auch wenn sie geleugnet wird.
Es ist wohl angebracht, auf die Möglichkeit eines Mißverständ­
nisses hinzuweisen, das durch den Ausdruck Synchronizität ver­
anlaßt werden könnte. Ich habe diesen Terminus gewählt, weil mir
die Gl eichzeitigkeit zweier sinngemäß, aber akausal verbundener
Ereignisse als ein wesentliches Kriterium erschien. Ich gebrauche
hier also den allgemeinen Begriff der Synchronizität in dem spe­
ziellen Sinne von zeitlicher Koinzidenz zweier oder mehrerer
nicht kausal aufeinander bezogener Ereignisse, welche von glei­
chem oder ähnlichem Sinngehalt sind. Dies im Gegensatz zu »Syn­
chronismus<< , welcher die bloße Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse
darstellt.
So bedeutet denn Synchronizität zunächst die Gleichzeitigkeit
eines gewissen psychischen Zustandes mit einem oder mehreren
äußeren Ereignissen, welche als sinngemäße Parallelen zu dem mo­
mentanen subj ektiven Zustand erscheinen und - gegebenenfalls -
auch vice-versa. Diesen Fall veranschaulichen meine beiden Bei­
spiele i n verschiedener Weise. Beim Fall des Skarabäus ist die
Gl eichzeitigkeit unmittelbar evident, im zweiten Beispiel dagegen
nicht. Wohl veranlaßt der Vogelschwarm eine vage Besorgnis, was
aber kausal zu erklären ist. Die Frau meines Patienten war sich
allerdings vorher keiner Ängstlichkeit bewußt, die sich mit meiner
Besorgnis vergleichen ließe, denn die Symptome (Schmerzen im
Hals) waren nicht derart, daß ein Laie sofort an etwas Schlimmes
gedacht hätte. Das Unbewußte weiß aber oft mehr als das Bewußt­
sein, weshalb es mir möglich erscheint, daß bei der Frau das Unbe­
wußte bereits die Gefahr witterte. Das läßt sich nun allerdings
nicht beweisen, aber die Möglichkeit und vielleicht sogar Wahr­
scheinlichkeit besteht immerhin. Wenn wir also einen bewußten
psychischen Inhalt, wie den der Vorstellung einer tödlichen Ge­
fahr, ausschließen, so besteht in diesem Falle eine evidente Gleich­
zeitigkeit des Vogelschwarmes, in seiner traditionellen Bedeutung,
mit dem Tode des Mannes. Der psychische Zustand erscheint,
wenn wir von der zwar möglichen, aber nicht nachweisbaren Erre­
gung des Unbewußten absehen, als vom äußeren Geschehen ab­
hängig. Die Psyche der Frau ist immerhin insofern impliziert, als
der Vogelschwarm sich bei ihr niedergelassen hatte und von ihr
beobachtet wurde. Aus diesem Grunde ist es mir auch wahrschein­
lich, daß ihr Unbewußtes konstelliert war. Der Vogelschwarm an
sich hat traditionelle mantische Bedeutung.38 Diese erscheint auch
3
8
Ein literarisches Beispiel sind die Kraniche des Ibykus. Wenn ein Schwarm von
Elstern sich lärmend bei einem Haus niederläßt, so bedeutet dies einen Todesfall und so
weiter. Man denke auch an die Bedeutung der Augurien.
S YNCHRON I ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 3 1
i n der Deutung der Frau, und es sieht deshalb so aus, wie wenn die
Vögel eine unbewußte Todesahnung dargestellt hätten. Die alten
romantischen Ärzte hätten hier wohl von »Sympathie<< oder »Ma­
gnetismus« gesprochen, aber wie schon erwähnt, lassen sich solche
Phänomene nicht kausal erklären, es sei denn, daß man sich phan­
tastische Hypothesen ad hoc gestatten zu dürfen glaubt.
Die Deutung des Vogelschwarms als Omen beruhte, wie wir
gesehen haben, auf zwei früheren Koinzidenzen ähnlicher Art. Sie
bestand beim Tode der Großmutter noch nicht. Dort wurde die
Koinzidenz nämlich nur durch den Tod und die Ansammlung der
Vögel dargestellt. Damals war sie unmittelbar evident; im dritten
Fall konnte sie erst als solche verifiziert werden, als der Sterbende
ins Haus gebracht wurde.
Ich erwähne diese Komplikationen, weil sie für den Umfang des
Synchronizitätsbegriffes wichtig sind. Nehmen wir nun einen an­
deren Fall : Einer meiner Bekannten sieht und erlebt im Traum den
plötzlichen und gewaltsamen Tod seines Freundes, mit charakteri­
stischen Einzelheiten. Der Träumer befindet sich in Europa und
sein Freund in Amerika. Ein Telegramm am nächsten Morgen
bestätigt den Tod, und ein Brief etwa zehn Tage später die Einzel­
heiten. Die Vergleichung der europäischen Zeit mit der amerikani­
schen ergibt, daß der Tod mindestens eine Stunde vor dem Traume
eingetreten ist. Der Träumer war spät zu Bett gegangen und hatte
bis um ein Uhr nicht geschlafen. Der Traum fand um zwei Uhr
morgens statt. Das Traumerlebnis ist nicht synchron mit dem To­
de. Erlebnisse dieser Art finden häufig entweder nach oder vor
dem kritischen Ereignis statt. J. W. Dunne39 erwähnt einen beson­
ders instruktiven Traum, den er im Frühjahr 1902 hatte, als er den
Burenkrieg mitmachte: Es schien ihm, als stünde er auf einem
vulkanischen Berg. Es war eine Insel, von der er schon früher
geträumt hatte und von der er wußte, daß sie unmittelbar durch
einen katastrophalen vulkanischen Ausbruch gefährdet war (wie
Krakatau!). Angsterfüllt wollte er die viertausend Einwohner der
Insel retten. Auf einer benachbarten Insel versuchte er, die franzö­
sischen Behörden zu bewegen, sofort alle verfügbaren Schiffe zur
Rettungsaktion zu mobilisieren. Hier begann sich der Traum durch
das Motiv des Hastens, Hetzens und Nicht-Ankommens zum typi­
schen Nachtmahr zu entwickeln, wobei dem Träumer beständig
der Satz vorschwebte: » Viertausend Menschen werden getötet,
wenn nicht . . . " Einige Tage später erhielt Dunne seine Post mit
einer Nummer des >Daily Telegraph<, und sein Blick fiel auf fol­
gende Nachricht :
39 Dunne: An Experiment with Time, 1927, S. 34 ff.
32 S Y NCHRONIZI TÄT, AKAUS ALITÄT
Volcano Disaster
In
Martinique
Town Swept Away
An Avalanche of Flame
Probable Loss of Over
40 000 Lives.
Der Traum fand nicht im Augenblick der wirklichen Katastro­
phe statt, sondern erst, als die Zeitung mit der Nachricht sich ihm
näherte. Dabei unterlief ihm der Lesefehler 4000 statt 40 000. Die
fehlerhafte Wahrnehmung setzte sich beim Träumer als Paramne­
sie fest, so daß er, wenn immer er den Traum erzählte, stets 4000
sagte statt 40 000. Erst fünfzehn Jahre später, als er den Zeitungsar­
tikel für sich kopierte, entdeckte er den Irrtum. Sein unbewußtes
Wissen hat gleichsam denselben Lesefehler wie er selber gemacht.
Die Tatsache, daß erst kurz vor dem Eintreffen der Nachricht
diese geträumt wird, stellt eine relativ häufige Erfahrung dar, in­
dem der Traum zum Beispiel Personen erwähnt, von denen die
nächste Post einen Brief bringt. Ich konnte mehrere Male konsta­
tieren, daß im Augenblicke, in dem der Traum stattfand, der Brief
schon i m Postamt des Adressaten lag. Ich kann aus eigener Erfah­
rung auch die Verlesung bestätigen. In den Weihnachtsferien 1 91 8
beschäftigte ich mich mit der Orphik und insbesondere mit dem
orphischen Fragment bei Malalas, in welchem das primordiale
Licht >> trinitarisch<< als Metis, Phanes und Ericepaeus bezeichnet
wird. Dabei las ich beharrlich Erikapaios statt Erikepaios, wie es
der Text hat. (Es kommen an sich beide Lesarten vor. ) Diese Ver­
lesung setzte sich dann als Pa_ramnesie fest, und ich habe diesen
Namen später immer nur als Erikapaios erinnert u_nd erst dreißig
Jahre später entdeckt, daß der Text bei Malalas Erikepaios hat.
Genau zu dieser Zeit hatte eine meiner Patientinnen, die ich da­
mals seit vier Wochen nicht mehr gesehen hatte und die in keiner­
lei Weise mit meinen Studien bekannt war, einen Traum, in wel­
chem ein unbekannter Mann ihr ein Blatt überreichte, auf dem ein
»lateinischer« Hymnus an einen Gott Ericipaeus aufgezeichnet
war. Die Träumerin konnte diesen Hymnus beim Erwachen nie­
derschreiben. Die Sprache desselben war ein eigentümliches Ge­
misch von Latein, Französisch und Italienisch. Die Dame hatte
einige elementare Schulkenntnisse des Lateins, konnte etwas mehr
Italienisch und sprach fließend Französisch. Der Name Ericipaeus
war ihr völlig unbekannt - begreiflicherweise -, da sie über keiner­
lei klassische Kenntnisse verfügte. Unsere beiden Wohnorte sind
S YNC HRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 33
etwa neunzig Kilometer voneinander entfernt, und es hatte seit
einem Monat überhaupt keine Kommunikation zwischen uns
stattgefunden. Bemerkenswerterweise setzt die Variation des Na­
mens, das heißt die »Verlesung« gerade bei dem Vokal ein, bei dem
auch ich mich verlesen hatte, indem ich a statt e las ; nur verlas sich
ihr Unbewußtes in der anderen Richtung, indem es i statt e las. Ich
vermute daher, daß sie unbewußterweise nicht meinen Irrtum,
sondern vielmehr den Text, in welchem die lateinische Translitera­
tion Ericepaeus vorkommt, »gelesen« hat, wobei sie anscheinend
von meinem Verlesen nur gestört wurde.
Synchronistische Ereignisse beruhen auf der Gleichzeitigkeit
zweier verschiedener psychischer Zustände. Der eine ist der norma­
le, wahrscheinliche (das heißt kausal zureichend erklärbare) und
der andere der kausal aus dem ersteren nicht ableitbare Zustand,
nämlich das kritische Erlebnis. Im Falle des plötzlichen Todes ist
letzteres nicht unmittelbar als extra-sensory perception (ESP) er­
kennbar, sondern kann als solche erst nachträglich verifiziert wer­
den. Aber auch im Falle des Skarabäus ist das unmittelbar Erlebte
ein psychischer Zustand oder ein psychisches Bild, das sich vom
Traumbild nur dadurch unterscheidet, daß es unmittelbar verifi­
ziert werden kann. Im Falle des Vogelschwarmes handelt es sich
bei der Frau um eine unbewußte Alterierung beziehungsweise Be­
sorgnis, welche mir allerdings bewußt war und mich veranlaßt
hatte, den Patienten zum Herzspezialisten zu schicken. Es besteht
in allen diesen Fällen, gleichviel ob es sich um räumliche oder
zeitliche ESP handelt, eine Gleichzeitigkeit des normalen oder ge­
wöhnlichen Zustandes mit einem kausal nicht ableitbaren, anderen
Zustand oder Erlebnis, dessen Objektivität meist erst nachträglich
verifiziert werden kann. Diese Definition muß man besonders im
Auge behalten, wenn zukünftige Ereignisse in Frage kommen. Sie
sind nämlich evidenterweise nicht synchron, wohl aber synchroni­
stisch, indem sie als psychische Bilder gegenwärtig erlebt werden,
wie wenn das objektive Ereignis schon vorhanden wäre. Ein uner­
warteter Inhalt, der sich unmittelbar oder mittelbar auf ein objek­
tives äußeres Ereignis bezieht, koinzidiert mit dem gewöhnlichen
psychischen Zustand: Dieses Vorkommen nenne ich Synchronizi­
tät und bin der Ansicht, daß es sich um genau dieselbe Kategorie
von Ereignissen handelt, ob nun deren Objektivität als i m Raum
oder als in der Zeit von meinem Bewußtsein getrennt erscheint.
Diese Ansicht wird durch die Rhineschen Ergebnisse bestätigt,
insofern weder Raum noch Zeit, i m Prinzip wenigstens, die Syn­
chronizität beeinflussen. Raum und Zeit, die verstandesmäßigen
Koordinaten des bewegten Körpers, sind wohl im Grunde eines
und dasselbe, darum spricht man von »Zeiträumen«, und schon
34 SYNC HR ONI Z I TÄT, AKAUSALI TÄT
Philo Iudaeus sagt : >> Die Erstreckung der Himmelsbewegung ist
die Zeit. «40 Man kann die räumliche Synchronizität ebensogut als
ein Wahrnehmen in der Zeit auffassen, aber bemerkenswerterwei­
se kann nicht ebensoleicht die zeitliche als räumlich verstanden
werden, denn wir vermögen uns keinen Raum vorzustellen, in
welchem zukünftige Ereignisse schon objektiv vorhanden wären
und durch Reduktion dieser räumlichen Distanz als gegenwärtig
erlebt werden könnten. Indem aber erfahrungsgemäß unter gewis­
sen Umständen Raum und Zeit als auf annähernd Null reduziert
erscheinen, fällt damit auch die Kausalität weg, denn sie ist an das
Vorhandensein von Raum und Zeit und von Körperveränderun­
gen geknüpft, da sie j a im Nacheinander von Ursache und Wir­
kung besteht. Aus diesem Grunde kann das Synchronizitätsphä­
nomen prinzipiell mit keinen Kausalitätsvorstellungen in Verbin­
dung gebracht werden. Die Verknüpfung sinngemäß koinzidenter
Faktoren muß daher notwendigerweise als akausal gedacht wer­
den.
Hi er geraten wir nun allerdings i n die Versuchung, aus Erman­
gelung einer feststellbaren eine transzendentale Ursache anzuneh­
men. » Ursache« kann aber nur eine feststellbare Größe sein. Eine
»transzendentale« Ursache ist nämlich insofern eine contradictio
in adiecto, als etwas Transzendentales per definitionem gar nicht
festgestellt werden kann. Wenn man die Annahme der Akausalität
nicht riskieren will, so bleibt nichts anderes übrig, als die soge­
nannten synchronistischen Phänomene für bloße Zufälle zu erklä­
ren, womit man aber zu den Rhineschen ESP-Ergebnissen und
anderen wohlbeglaubig_ten Tatsachen in Widerspruch gerät. Oder
wir sind gezwungen, Uberlegungen in der Art der obigen anzu­
stellen und die Prinzipien unserer Welterklärung einer Kritik zu
unterziehen, in dem Sinne, daß Raum und Zeit in einem bestimm­
ten System nur dann konstante Größen sind, wenn sie abgesehen
von psychischen Zuständen gemessen werden. Dies ist beim natur­
wissenschaftlichen Experiment in der Regel der Fall. Wird aber das
Geschehen ohne experimentelle Einschränkungen beobachtet, so
kann beim Beobachter ein gewisser emotionaler Zustand eintreten,
welcher Raum und Zeit im Sinne einer Kontraktion verändert.
Jeder emotionale Zustand bewirkt eine Bewußtseinsveränderung,
welche Janet als »abaissement du niveau mental<< bezeichnet hat,
das heißt, es tritt eine gewisse Verengerung des Bewußtseins zu­
gleich mit einer Verstärkung des Unbewußten ein, was besonders
bei starken Affekten auch für den Laien ohne weiteres erkennbar
ist. Der Tonus des Unbewußten wird gewissermaßen erhöht, wo-
40 Philo Alexandrinus: De opificio mundi, 1 826, Band 1 , S. 8.
S YNCHRONI Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 35
durch leicht ein Gefälle vom Unbewußten zum Bewußtsein hin
entsteht. Das Bewußtsein gerät damit unter den Einfluß unbewuß­
ter, instinktiver Antriebe und Inhalte. Letztere sind in der Regel
Komplexe, die i n letzter Linie auf den Archetypen, das heißt dem
»instinctual pattern«, beruhen. Neben diesen finden sich i m Unbe­
wußten aber auch subliminale Wahrnehmungen (und ebenso ver­
gessene, das heißt momentan oder überhaupt unreproduzierbare
Gedächtnisbilder). Unter den subliminalen Inhalten sind die
Wahrnehmungen von dem, was ich als ein unerklärliches >> Wissen«
oder >> Vorhandensein« bezeichnen möchte, zu unterscheiden.
Während die Wahrnehmungen auf mögliche oder wahrscheinliche
unterschwellige Sinneserregungen bezogen werden können, hat
das >> Wissen« oder >> Vorhandensein« von unbewußten Bildern ent­
weder keine erkennbare Grundlage, oder es bestehen erkennbare
kausale Beziehungen zu gewissen, schon vorher vorhandenen (oft
archetypischen) Inhalten. Diese Bilder aber, gleichviel, ob sie in
schon vorhandenen Grundlagen wurzeln oder nicht, stehen in ana­
loger oder äquivalenter, das heißt sinngemäßer Beziehung zu ob­
jektiven Ereignissen, die mit ihnen keine erkennbare, ja nicht ein­
mal eine denkbare kausale Beziehung haben. Wie kann zum Bei­
spiel ein räumlich oder gar zeitlich entlegenes Ereignis die Entste­
hung eines entsprechenden psychischen Bildes anregen, wenn ein
hiezu nötiger energetischer Ubermittlungsprozeß nicht einmal
denkbar ist? So unverständlich dies auch erscheinen mag, so ist
man doch schließlich gezwungen anzunehmen, daß es i m Unbe­
wußten etwas wie ein apriorisches Wissen oder besser »Vorhan­
densein« von Ereignissen gibt, das jeder kausalen Grundlage ent­
behrt. Auf alle Fälle erweist sich unser Begriff von Kausalität als
untauglich zur Erklärung der Tatsachen.
Bei dieser verwickelten Sachlage lohnt es sich, das oben erörterte
Argument zu rekapitulieren, was wohl am besten anband unserer
Beispiele geschieht. Beim Rhineschen Experiment mache ich die
Annahme, daß infolge der Erwartungsspannung, das heißt des
emotionalen Zustandes der V. P. ein schon vorhandenes, korrek­
tes, aber unbewußtes Bild des Resultates das Bewußtsein befähigt,
eine mehr als bloß wahrscheinliche Anzahl von Treffern anzuge­
ben. Der Skarabäustraum ist eine bewußte Vorstellung, die aus
einem unbewußt schon vorhandenen Bild der am folgenden Tag
eintretenden Situation, nämlich der Traumerzählung und des da­
zukommenden Rosenkäfers, hervorgeht. Die Frau meines verstor­
benen Patienten hatte ein unbewußtes Wissen um den bevorste­
henden Todesfall. Der Vogelschwarm evozierte die entsprechen­
den Erinnerungsbilder und damit ihre Angst. Ebenso ist der beina­
he gleichzeitige Traum vom gewaltsamen Tode des Freundes aus
36 S Y NCHRONI ZITÄT, AKAUS ALITÄT
dem schon vorhandenen unbewußten Wissen davon hervorgegan­
gen.
In allen diesen und ähnlichen Fällen scheint ein a priori beste­
hendes, kausal nicht zu erklärendes Wissen um einen zur betref­
fenden Zeit unwißbaren Tatbestand vorzuliegen. Das Synchroni­
zitätsphänomen besteht also aus zwei Faktoren : 1. Ein unbewuß­
tes Bild kommt direkt (wörtlich) oder indirekt (symbolisiert oder
angedeutet) zum Bewußtsein als Traum, Einfall oder Ahnung.
2. Mit diesem Inhalt koinzidiert ein objektiver Tatbestand. Man
kann sich gleichermaßen über das eine wie über das andere wun­
dern. Wie kommt das unbewußte Bild zustande, oder wie die
Koinzidenz? Ich verstehe nur zu gut, warum man es vorzieht, die
Tatsächlichkeit solcher Dinge in Zweifel zu ziehen. Ich will hier
nur die Frage aufwerfen. Eine Antwort zu geben, will ich im späte­
ren Verlauf dieser Untersuchung wagen.
Hinsichtlich der Rolle, welche der Affekt beim Zustandekom­
men synchronistischer Ereignisse spielt, möchte ich erwähnen, daß
dies keineswegs eine neue Idee ist, sondern schon von Avicenna
und Al bertus Magnus klar erkannt wurde. Albertus Magnus sagt :
»Ich fand (bezüglich der Magie) eine einleuchtende Darlegung im
sechsten Buche der Naturalia des Avicenna, daß der menschlichen
Seele eine gewisse Kraft (virtus), die Dinge zu verändern, inne­
wohne und ihr die anderen Dinge untertan seien; und zwar dann,
wenn sie in einem großen Exzeß von Liebe oder Haß oder etwas
ähnlichem hingerissen ist (quando ipsa fertur in magnum amoris
excessum aut odii aut alicuius talium). Wenn also die Seele eines
Menschen in einen großen Exzeß von irgendeiner Leidenschaft
gerät, so kann man experimentell feststellen, daß er (der Exzeß) die
Dinge (magisch) bindet und sie in eben der Richtung hin verän­
dert, wonach er strebt (fertur in grandem excessum alicuius passio­
nis invenitur experimento manifesto quod ipse ligat res et alterat ad
idem quod desiderat et diu non credidi illud), und ich habe es lange
nicht geglaubt ( ! ), aber nachdem ich nigrerantisehe Bücher und
solche über Zauberzeichen (imaginum) und Magie gelesen habe,
fand ich, daß (wirklich) die Emotionalität (affectio) der menschli­
chen Seele die Hauptwurzel all dieser Dinge ist, sei es entweder,
daß sie wegen ihrer großen Emotion ihren Körper und andere
Dinge, wonach sie tendiert, verändert, oder daß ihr, wegen ihrer
Würde, die anderen, niedrigeren Dinge untertan sind, oder sei es,
daß mit einem solchen, über alle Grenzen hinausgehenden Affekt
die passende Sternstunde oder die astrologische Situation oder eine
andere Kraft parallel läuft, und wir (infolgedessen) glauben, daß
(das), was diese Kraft mache, dann von der Seele bewirkt würde
(cum tali affectione exterminata concurrat hora conveniens aut
S Y NCHRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 37
ordo coelestis aut alia virtus, quae quodvis faciet, illud reputavi­
mus tune animam facere) . . . Wer also das Geheimnis hievon wis­
sen will, um j enes zu bewirken und aufzulösen, der muß wissen,
daß jeder alles magisch beeinflussen kann, wenn er in einen großen
Exzeß gerät . . . , und er muß es dann eben gerade in j ener Stunde
tun, in welcher ihn jener Exzeß befällt, und mit den Dingen tun,
die ihm die Seele vorschreibt. Die Seele ist nämlich dann so begie­
rig nach der Sache, die sie bewirken will, daß sie auch von sich aus
die Bedeutendere und bessere Sterstunde ergreift, die auch über
den Dingen waltet, die besser zu j ener Sache passen . . . Und so ist
es die Seele, welche die Sache intensiver begehrt, welche die Dinge
mehr wirksam und (dem) ähnlicher macht, was herauskommt . . .
In ähnlicher Weise nämlich funktioniert die Herstellung bei allem,
was die Seele mit intensivem Wunsche begehrt. Alles nämlich, was
sie, auf jenes zielend, treibt, hat Bewegungskraft und Wirksamkeit
nach dem hin, was die Seele ersehnt. <<41
Dieser Text zeigt deutlich, daß das synchronistische (»magi­
sche«) Geschehen als vom Affekt abhängend angesehen wurde.
Natürlich erklärt Albertus Magnus, dem Geist seiner Zeit entspre­
chend, durch die Annahme eines magischen Vermögens der Seele,
ohne in Betracht zu ziehen, daß der seelische Vorgang ebensosehr
»angeordnet« ist wie die koinzidente Vorstellung, welche den phy­
sischen, äußeren Vorgang antizipiert. Die koinzidente Vorstellung
geht aus dem Unbewußten hervor und gehört daher zu j enen »CO­
gitationes quae sunt a nobis independentes« und die, wie Arnold
Geulincx meint, von Gott veranlaßt sind und nicht dem eigenen
Denken entspringen.42 Auch Goethe denkt in Hinsicht auf syn­
chronistische Ereignisse i n »magischer« Weise. So sagt er in den
Eckermannsehen Gesprächen: »Wir haben alle etwas von elektri­
schen und magnetischen Kräften in uns und üben wie der Magnet
selber eine anziehende und abstoßende Gewalt aus, j e nachdem
wir mit etwas Gleichem oder Ungleichem in Berührung kom­
men. «43
Kehren wir nach dieser allgemeinen Betrachtung wieder zu un­
serem Problem der empirischen Grundlagen der Synchronizität
zurück! Die Beschaffung eines Erfahrungsmaterials, das hinläng­
lich sichere Schlüsse ermöglicht, bildet zunächst die Hauptfrage,
deren Lösung leider nicht leicht ist. Die hier in Frage kommenden
41 Albertus Magnus : Oe mirabilibus mundi. Inkunabel der Zürcher Zentralbibliothek,
undatiert. (Es gibt hievon einen Kölner Druck von 1 485. )
" Geulincx: Metaphysica vera, 3. Teil , S. 1 87f. (Vorstellungen, di e von uns unabhän­
gig sind).
43 Eckermann: Gespräche mit Goethe, 1 8 84, S. 142.
38 S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Erfahrungen liegen j a nicht auf der Hand. Man muß sich deshalb
i n die obskursten Winkel wagen und den Mut aufbringen, die
Voreingenommenheiten unserer gegenwärtigen Weltanschauung
zu brüskieren, wenn man versuchen will, die Basis der Naturer­
kenntnis zu verbreitern. Als Galilei mittels seines Fernrohrs die
Jupitermonde entdeckte, stieß er auch sofort mit der Voreinge­
nommenheit seiner gelehrten Mitwelt zusammen. Niemand wuß­
te, was ein Fernrohr war und was ein solches konnte. Nie zuvor
hatte j emand von Jupitermonden gesprochen. Natürlich denkt je­
de Zeit, alle früheren seien voreingenommen gewesen, und heute
denkt man dies mehr denn je und hat damit ebenso unrecht wie
alle früheren Zeiten, die so dachten. Wie oft schon hat man es
erlebt, daß die Wahrheit verdammt wurde. Es ist traurig, aber
leider wahr, daß der Mensch aus der Geschichte nichts lernt. Diese
Tatsache wird uns die größten Schwierigkeiten bereiten, denn
wenn wir uns anschicken, in einer so dunkeln Sache ein irgendwie
erleuchtendes Erfahrungsmaterial zu sammeln, so werden wir es
ganz sicher dort finden, wo alle Autoritäten uns versichert haben,
daß nichts zu finden sei.
Die Erzählung von merkwürdigen Einzelfällen - seien sie auch
noch so gut beglaubigt - ist unprofitabel und führt höchstens da­
zu, daß man den Erzähler für einen leichtgläubigen Menschen hält.
Selbst die sorgfältige Registrierung und Verifizierung einer sehr
großen Anzahl von Fällen, wie sie sich in dem Werke von Gurney,
Myers und Podmore44 findet, hat auf die wissenschaftliche Welt so
gut wie keinen Eindruck gemacht. Weitaus die meisten »Fachleu­
te<<, nämlich Psychologen und Psychiater, scheinen überhaupt
nichts davon zu wissen.45
Die Resultate der ESP- und PK-Experimente haben eine zahlen­
mäßig erfaßbare Grundlage für das Synchronizitätsphänomen ge­
schaffen, und zugleich weisen sie hin auf die bedeutsame Rolle,
welche der psychische Faktor dabei spielt. Diese Tatsache hat mir
die Frage nahegelegt, ob es nicht möglich wäre, eine Methode
ausfindig zu machen, die einerseits das Synchronizitätsphänomen
nachweist und andererseits psychische Inhalte soweit erkennen
läßt, daß man damit wenigstens gewisse Anhaltspunkte in bezug
auf die Natur des involvierten psychischen Faktors gewinnen
kann. Ich fragte mich, ob es nicht eine Methode gäbe, welche
" Gurney, Myers, Podmore: Phantasms of the Living, 1 886.
45 Neuerdings hat si ch Pascual Jordan in sehr verdienstlicher Weise für di e wissen­
schaftliche Erforschung des räumlichen Hellsehens eingesetzt (Positivistische Bemer­
kungen über die parapsychischen Erscheinungen, 1936). Ich möchte auch auf seine
Schrift >Verdrängung und Komplementarität• (1 947) hinweisen, welche für die Beziehun­
gen zwischen der Mikrophysik und der Psychologie des Unbewußten wichtig ist.
S Y NCHRONI Z I TÄT ALS E I N P RI NZ I P 39
meßbare beziehungsweise zählbare Resultate ermöglichen und zu­
gleich einen Einblick in die psychischen Hintergründe der Syn­
chronizität gewähren würde. Daß sehr wesentliche psychische Be­
dingungen der Synchronizitätsphänomene vorhanden sind, haben
wir ja bereits bei den ESP-Experimenten gesehen, obschon diese
letzteren ihrer ganzen Art nach sich auf die Tatsache der Koinzi­
denz beschränken und nur deren psychische Bedingtheit hervor­
heben, ohne diesen Faktor näher zu beleuchten. Es war mir nun
schon seit langem bekannt, daß es gewisse intuitive (sogenannte
mantische) Methoden gibt, welche hauptsächlich vom psychischen
Faktor ausgehen, die Tatsächlichkeit der Synchronizität aber als·
selbstverständlich voraussetzen. Ich richtete zunächst mein beson­
deres Augenmerk auf jene Hilfstechnik der intuitiven Ganzheits­
erfassung, welche für China charakteristisch ist, nämlich auf den I
Ging (oder I Ching) . Der chinesische Geist strebt, im Gegensatz
zu dem griechisch erzogenen westlichen, nicht nach der Erfassung
der Einzelheit um ihrer selbst wil len, sondern nach einer Anschau­
ung, welche das einzelne als Teil eines Ganzen sieht. Eine derartige
Erkenntnisoperation ist dem reinen Intellekt aus naheliegenden
Gründen unmöglich. Das Urteil muß sich daher in vermehrtem
Maße auf die irrationalen Funktionen des Bewußtseins, nämlich
auf die Empfindung (als »Sens du reel<< ) und auf die Intuition (als
eine hauptsächlich durch subliminale Inhalte bestimmte Wahrneh­
mung) stützen. Der I Ging, diese - man darf wohl sagen experi­
mentelle - Grundlage der klassischen chinesischen Philosophie, ist
nun eine Methode, seit alters dazu bestimmt, eine Situation ganz­
heitlich zu erfassen und damit das Einzelproblem in den Rahmen
des großen Gegensatzspieles von Yang und Yin zu stellen.
Die Ganzheitserfassung ist selbstverständlich auch das Ziel der
Naturwissenschaft. Aber dieses Ziel liegt notwendigerweise in
großer Entfernung, indem die Naturwissenschaft, wenn immer
möglich, experimentell und auf alle Fälle statistisch vorgeht. Das
Experiment aber besteht in einer bestimmten Fragestellung, wel­
che alles Störende und Nichtzugehörige möglichst ausschließt. Es
stellt Bedingungen, zwingt diese der Natur auf und veranlaßt sie
auf diese Weise, eine auf die menschliche Frage ausgerichtete Ant­
wort zu geben. Es wird ihr dabei verwehrt, aus der Fülle ihrer
Möglichkeiten zu antworten, indem letztere tunliehst einge­
schränkt werden. Zu diesem Zwecke wird im Laboratorium eine
künstlich auf die Frage eingeschränkte Situation geschaffen, wel­
che die Natur zwingt, eine möglichst eindeutige Antwort zu ge­
ben. Das Walten der Natur in ihrer unbeschränkten Ganzheit ist
dabei völlig ausgeschlossen. Um dieses aber kennenzulernen,
brauchen wir eine Fragestellung, die möglichst wenig oder wo-
40 S Y NCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
möglich gar keine Bedingungen stellt und es damit der Natur über­
läßt, aus ihrer Fülle zu antworten.
Die bekannte, feststehende Experimentanordnung bildet den in­
variabeln Faktor der die Resultate sammelnden und vergleichen­
den Statistik. Beim intuitiven beziehungsweise mantischen Ganz­
heitsexperiment dagegen braucht es keine Frage, die irgendwelche
Bedingungen stellt und damit die Ganzheit des Naturvorganges
beschränkt. Letzterer hat alle Chancen, die er überhaupt haben
kann. Beim I Ging fallen und rollen die Münzen, wie es ihnen eben
paßt.46 Auf eine unbekannte Frage folgt eine unverständliche Ant­
wort. Insofern sind also für eine Ganzheitsreaktion die Bedingun­
gen geradezu ideal . Der Nachteil aber springt in die Augen: Im
Gegensatz zum naturwissenschaftlichen Experiment weiß man
nicht, was geschehen ist. Diesem Übelstand versuchten schon im
1 2. Jahrhundert vor unserer Ära zwei chinesische Weise abzuhel­
fen, indem sie, auf der Hypothese des Einsseins aller Natur fu­
ßend, versuchten, die Gleichzeitigkeit eines psychischen Zustan­
des mit einem physischen Vorgang als Gleichsinnigkeit zu erklä­
ren. Mit anderen Worten : Sie nahmen an, daß dasselbe Sein sich im
psychischen wie im physischen Zustand ausdrücke. Um diese Hy­
pothese zu verifizieren, bedurfte es aber bei diesem anscheinend
schrankenlosen Experiment doch einer Bedingung, nämlich einer
bestimmten Form des physischen Vorganges, das heißt einer Me­
thode oder Technik, welche die Natur zwang, i n geraden und
ungeraden Zahlen zu antworten. Diese sind als die Repräsentanten
von Yin und Yang dem Unbewußten sowohl wie der Natur in der
Gestalt der Gegensätze, nämlich der Mütter und der Väter alles
Geschehens, eigentümlich und bilden daher das tertium compara­
tionis zwischen der psychischen Innen- und der physischen Au­
ßenwelt. So erfanden die beiden Alten eine Methode, wie ein inne­
rer Zustand als ein äußerer und vice-versa dargestellt werden
konnte. Dazu gehörte nun allerdings ein (intuitives) Wissen um die
Bedeutung der j eweiligen Orakelfigur. Der I Ging besteht daher in
einer Sammlung von 64 Deutungen, in denen der Sinn jeder der 64
möglichen Yang-Yin-Kombinationen herausgearbeitet ist. Diese
Deutungen formulieren das innere, unbewußte Wissen, welches
mit dem j eweiligen Bewußtseinszustand zusammentrifft. Mit die­
ser psychischen Voraussetzung koinzidiert das Zufallsergebnis der
Methode, nämlich die geraden und ungeraden Zahlen, die sich aus
dem Fall der Münzen oder der zufälligen Teilung der Schafgar­
benstengel ergeben. 4
7
4
6 Wenn das Experiment mit den klassischen Schafgarbenstengeln vorgenommen wird,
so stellt di e Teilung der 49 Stenge! den ZufallsfaktOr dar.
47 Siehe unten.
S YNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 41
Die Methode i st, wi e alle divinatorischen, das heißt intuitiven
Techniken, auf das Prinzip des akausalen oder Synchronizitätszu­
sammenhanges gegründet.48 Bei der praktischen Ausführung des
Experimentes ereignen sich tatsächlich zahlreiche und dem Unvor­
eingenommenen einleuchtende Fälle, die man rational und mit
einiger Gewalttätigkeit nur als Projektionen erklären könnte.
Nimmt man aber an, daß sie das wirklich sind, was sie zu sein
scheinen, dann handelt es sich um sinngemäße Koinzidenzen, für
die es unseres Wissens keine kausale Erklärung gibt. Die Methode
besteht darin, daß entweder 49 Schafgarbenstengel arbiträr in zwei
Hälften geteilt, und letztere nach drei und fünf abgezählt werden,
oder daß man drei Münzen wirft, wobei das j eweilige Vorherr­
schen des Zahlenwertes von Avers und Revers, respektive Bild
(drei) und Wert (zwei), die Gestalt des Hexagrammes entschei­
det. 49 Das Experiment fußt auf einem triadischen Prinzip (zwei
Tri gramme) und besteht aus 64 Mutationen, welche ebensovielen
psychischen Situationen entsprechen. Diese sind im Text und den
dazugehörigen Kommentaren ausführlich erörtert. Es gibt nun
aber auch eine westliche, aus der Antike stammende Methode,50
die im allgemeinen auf dem gleichen Prinzip beruht wie der I
Ging. Nur ist im Westen dieses Prinzip nicht triadisch, sondern
bezeichnenderweise tetradisch, und das jeweilige Resultat ist nicht
ein aus Yang- und Yinlinien zusammengesetztes Hexagramm, son­
dern es sind sechzehn Quaternionen, die aus geraden und ungera­
den Zahlen bestehen. Zwölf davon werden nach gewissen Regeln
in einem astrologischen Häuserschema angeordnet. Die Grundlage
des Experimentes bilden vier mal vier Zeilen, die aus einer zufälli­
gen Anzahl von Punkten bestehen. Diese werden von der fragen­
den Person im Sand oder auf dem Papier von rechts nach links
markiert. 51 Das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren geht
in echt okzidentalischer Weise erheblich mehr in die Einzelheiten
als der I Ging. Auch hier ereignen sich reichlich sinngemäße Koin­
zidenzen, welche aber im allgemeinen schwerer zu erfassen und
48 Ich habe diese Bezeichnung zum erstenmal veröffentlicht in meiner Gedächtnisrede
auf Richard Wilhelm ( 1 0. Mai 1930 in München). Die Rede ist in der zweiten und den
folgenden Auflagen von ·Das Geheimnis der Goldenen Blüte< ( 1929 von Wilhelm und
mir gemeinsam herausgegeben) erschienen. Es heißt dort: ·Die Wissenschaft des I Ging
beruht nämlich nicht auf dem Kausalprinzip, sondern auf einem bisher nicht benannten ­
weil bei uns nicht vorkommenden - Prinzip, das ich versuchsweise als synchronistisches
Prinzip bezeichnet habe. • (GW 1 5, § 8 1 . )
4
9 Ich verweise auf: I Ging. Das Buch der Wandlungen, hrsg. von R. Wilhelm, 1924.
50 Schon im >Liber ethimologiarum< des Isidor von Sevilla (Buch 8, Kapitel 9, 1 3)
erwähnt.
51 Es können dazu auch Körner irgendwelcher Art oder eine Anzahl Würfel benützt
werden.
42 S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
darum weniger einleuchtend al s di e Resultate des I Gi ng sind. Es
bestehen bei der westlichen Methode, di e seit dem 1 3 . Jahrhundert
als Ars geomantica oder Punktierkunst52 bekannt ist und sich einer
weiten Verbreitung erfreute, keinerlei umfassende Kommentare,
da deren Gebrauch nur mantisch, aber nie philosophisch wie der­
j enige des I Ging war.
Die Resultate beider Verfahren, des I Ging sowohl wie der Ars
geomantica, liegen zwar in der gesuchten Richtung, bieten aber
keinerlei Handhaben zu einer exakten Erfassung. Ich habe mich
daher nach einer anderen intuitiven Technik umgesehen und bin
dabei auf die Astrologie gestoßen, welche - i n ihrer modernen
Entwicklungsform wenigstens - den Anspruch erhebt, relativ
ganzheitliche Charakterbilder zu ermöglichen. Im Bereiche dieses
Verfahrens fehlt es zwar nicht an Kommentaren. Es gibt sogar
einen verwirrenden Überfluß davon; ein Zeichen dafür, daß die
Deutung weder eine einfache noch eine sichere Sache ist. Die sinn­
gemäße Koinzidenz, die wir suchen, ist in diesem Fall ohne weite­
res einleuchtend, indem seit den ältesten Zeiten feststehende
Planeten-, Häuser-, Zodiakal- und Aspektbedeutungen, auf wel­
che sich ein Tatbestand gründen ließe, vorhanden sind. Man kann
zwar immer noch den Einwand erheben, daß das Resultat mit der
psychologischen Kenntnis der Situation respektive des in Frage
stehenden Charakters nicht übereinstimme und die schwer zu wi­
derlegende Behauptung aufstellen, daß die Erkenntnis eines Cha­
rakters eine höchst subjektive Angelegenheit sei, indem es auf dem
Gebiete der Charakterkunde keine untrüglichen, verläßlichen,
meß- oder zählbaren Merkmale gebe; ein Einwurf, den man be­
kanntlich auch gegen die Graphologie erhebt, obschon deren Ge­
brauch sich praktisch schon allgemeiner Anerkennung erfreut.
Di ese Kritik und die Abwesenheit sicherer Kriterien für die
Feststellung von Charaktereigenschaften läßt die von der Astrolo­
gie geforderte sinngemäße Koinzidenz von Horoskopstruktur und
Charakter für den hier diskutierten Zweck als unverwendbar er­
scheinen. Wenn man daher die Astrologie zu einer Aussage über
akausale Verknüpfung von Ereignissen veranlassen will, so muß
man an Stelle der unsicheren Charakterdiagnose einen bestimmten
und unbezweifelbaren Tatbestand setzen. Ein solcher ist zum Bei­
spiel die eheliche Verbindung zwischen zwei Personen. 53
52 Die beste Darstellung bei Roben Fludd: Oe arte geomantica. Siehe auch Thorndike:
A History of Magie and Experimental Science, Band 2, S. 1 1 0.
53 Weitere eindeutige Tatbestände wären Mord und Selbstmord. Hiezu finden sich bei
von Kloeckler (Astrologie als Erfahrungswissenschaft, 1927, S. 232 ff. und 260 ff. ) Stati­
stiken, die leider den Vergleich mit normalen Durchschnittswerten vermissen lassen und
daher für unseren Zweck unverwendbar sind. Dagegen hat Paul Harbart (Preuves et
SYNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 43
Die mythologische und traditionelle astrologische und alchemi­
stische Entsprechung ist seit alters die coniunctio Solis (8) et
Lunae ( {), das Liebesverhältnis des Mars (d) mit der Venus ( �),
sowie die Beziehungen dieser Gestirne zum Aszendenten respekti­
ve Deszendenten. Letztere Beziehung muß mit einbezogen wer­
den, indem die Aszendentachse seit alters als für das Wesen der
Persönlichkeit besonders wichtig gilt. 54 Es wäre daher zu untersu­
chen, ob sich in den Horoskopen von Verheirateten eine größere
Anzahl von koinzidierenden 8 - C- oder d - �- Aspekten als
bei Nichtverheirateten nachweisen läßt. 55 Zur Ausführung einer
derartigen Untersuchung bedarf es keines Glaubens an die Astro­
logie, sondern nur der Geburtsdaten, der Ephemeriden und einer
Logarithmentafel, mit deren Hilfe das Horoskop zu errechnen ist.
Die dem Wesen des Zufalls adäquate Methode ist, wie die drei
erwähnten mantischen Prozeduren zeigen, die des Zählens. Seit
alters haben sich die Menschen der Zahl bedient, um die sinngemä­
ße, das heißt deutbare Koinzidenz festzustellen. Die Zahl ist etwas
Besonderes - man darf wohl sagen - etwas Geheimnisvolles. Man
hat sie ihres numinosen Nimbus nie ganz berauben können. Wenn
man, so sagt ein Lehrbuch der Mathematik, von einer Gruppe von
Gegenständen j eden einzelnen aller seiner Eigenschaften beraubt,
so bleibt zuletzt doch noch die Anzahl derselben übrig, womit der
Zahl der Charakter einer anscheinend unabdingbaren Größe ver-
bases de l'astrologie scientifique, 1921 , S. 79ff.) eine Statistik über den Aszendenten bei
geistig hervorragenden Leuten ( 1 23 Personen) graphisch dargestellt. Es finden sich deut­
liche Anhäufungen an den Ecken des Lufttrigons ( ], ", : ). Dieses Resultat wurde
bestätigt durch weitere 300 Fälle.
54 Hier kann der mehr oder weniger routinierte Astrologe wohl kaum ein Lächeln
unterdrücken, indem für ihn nämlich derartige Entsprechungen einfach selbstverständ­
lich sind. Ein klassisches Beispiel ist Goethes Verbindung mit Christiane Vulpius, näm­
lich 050 11V o I rnv.
" Diese Auffassung i st schon bei Ptolemaeus vorhanden: »Apponit (Ptolemaeus) au­
tem tres gradus concordiae: Primus cum Sol in viro, et Sol, vel Luna in foemina, aut Luna
in utrisque, fuerint in locis se respicientibus trigono, vel hexagono aspectu. Secundus
cum in viro Luna, in uxore Sol, eodem modo disponuntur. Tertius, si cum hoc alter
alterum recipiat . « (Ptolemaeus »nimmt drei Stufen harmonischer Übereinstimmung an:
Di e erste, wenn die Sonne beim Mann, und di e Sonne oder der Mond bei der Frau, oder
der Mond bei beiden sich in ihren jeweiligen Stellungen zueinander in einem Trigon­
oder Sexti!aspekt befinden. Die zweite, wenn beim Manne der Mond, bei der Frau die
Sonne in gleicher Weise angeordnet sind. Die dritte, wenn sie dazu noch füreinander
empfänglich sind. •) Auf derselben Seite zitiert Cardanus den Ptolemaeus (De astrorum
iudiciis): •Ümnino vero constantes et diurni convictus permanent, quando in utriusque
coniugis genitura luminaria contigerit configurata esse concorditer. « (»>m allgemeinen ist
ihr Zusammenleben beständig und von Dauer, wenn sich in beider Geburtshoroskop die
Stellung der Himmelsleuchten [Sonne und Mond] im Einklang befindet. «) Als besonders
günstig für die Ehe erachtet er die Konjunktion eines männlichen Mondes mit einer
weiblichen Sonne. Hieronymus Cardanus: Opera omnia: Commentaria in Prolemaeum
De astrorum iudiciis, 1 663, Buch 4, S. 332.
44 S YNC HR ONI Z ITÄT, AKAUS ALI TÄT
liehen wird. (Ich setze mich hier nicht mi t der Logik des mathema­
tischen Argumentes auseinander, sondern nur mit dessen Psycho­
logi e! ) Die Reihe der ganzen Zahlen ist unerwartet mehr als eine
Aneinanderreihung identischer Einheiten: sie enthält in sich die
ganze Mathematik und alles, was in ihr noch zu entdecken sein
wird. Die Zahl ist daher eine unabsehbare Größe, und es ist wohl
kein Zufall, daß gerade das Zählen die der Behandlung des Zufalls
adäquate Methode ist. Obschon ich mich nicht möchte anheischig
machen, irgend etwas Erleuchtendes über die innere Beziehung
zweier Gegenstände, die dermaßen inkommensurabel erscheinen
wie die Synchronizität und die Zahl, beizubringen, so kann ich
doch nicht umhin, hervorzuheben, daß nicht nur Zahl und Zählen
mit der Synchronizität schon von j eher in Verbindung gebracht
wurden, sondern beide auch N uminosität und Geheimnis als ge­
meinsame Eigenschaften besitzen. Die Zahl diente von j eher zur
Bezeichnung des numinosen Objektes, und alle Zahlen von eins
bis neun sind »heilig«, ebenso sind 1 0, 1 2, 1 3 , 1 4, 28, 32 und 40
durch Bedeutsamkeit ausgezeichnet. Wohl die elementarste Eigen­
schaft des Objektes ist dessen Einheit und Vielheit. Zur Ordnung
des chaotischen Vielerlei der Erscheinung hilft in allererster Linie
die Zahl. Sie ist das gegebene Instrument zur Herstellung einer
Ordnung oder zur Erfassung einer schon bestehenden, aber noch
unbekannten Regelmäßigkeit, das heißt eines Angeordnetseins. Sie
ist wohl das primitivste Ordnungselement des menschlichen Gei­
stes, wobei den Zahlen von eins bis vier die größte Häufigkeit und
die allgemeinste Verbreitung zukommt, das heißt primitive Ord­
nungsschemata sind meist Triaden und Tetraden. Daß die Zahl
einen archetypischen Hintergrund besitzt, ist nicht etwa meine
Vermutung, sondern diejenige gewisser Mathematiker, wie wir
unten noch sehen werden. Es ist darum wohl keine allzu kühne
Schlußfolgerung, wenn wir die Zahl psychologisch als einen be­
wußtgewordenen Archetypus der Ordnung definieren.56 Bemer­
kenswerterweise besitzen auch die vom Unbewußten spontan pro­
duzierten psychischen Ganzheitsbilder, beziehungsweise die Sym­
bole des Selbst i n Mandalaform, mathematische Struktur. Es sind
in der Regel Quaternitäten (oder deren Mehrfaches) . 57 Diese Ge­
bilde drücken nicht nur Ordnung aus, sondern bewirken auch eine
solche. Deshalb erscheinen sie zumeist in Zuständen psychischer
Desorientiertheit als Kompensationen eines chaotischen Zustan­
des, oder sie formulieren numinose Erfahrungen. Dabei muß her-
56 Zur Psychologie östlicher Meditation, GW 1 1 , § 943.
57 Vgl. dazu ,zur Empirie des lndividuationsprozesses< und >Über Mandalasymbolik•,
GW 9/l .
S YN CHRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 45
vorgehoben werden, daß diese Strukturen keine Erfindungen des
Bewußtseins sind, sondern spontane Produkte des Unbewußten,
wie die Erfahrung hinlänglich bewiesen hat. Natürlich kann das
Bewußtsein diese Ordnungsgebilde nachahmen, aber solche
Imitationen beweisen keinesfalls, daß auch die Originale bewuß­
te Erfindungen wären. Aus diesen Tatsachen geht unwiderlegbar
hervor, daß das Unbewußte die Zahl als Ordnungsfaktor ver­
wendet.
Wenn wir uns nun i m folgenden Kapitel dem Problem eines
astrologischen Synchronizitätsbeweises zuwenden, so werden es
Berechnungen und Zahlen sein, welche uns zur Verfolgung der
Spur ihre Dienste leisten müssen.
2. Ein astrologisches Experiment
Wie erwähnt, brauchen wir zwei verschiedene Tatbestände, wo­
von der eine die astrologische Konstellation, der andere aber das
Verheiratetsein darstellt. Die Ehe ist ein wohlcharakterisierter Tat­
bestand, obschon ihr psychologischer Aspekt alle erdenklichen
Variationen aufweist. Nach astrologischer Ansicht drückt sich
eben gerade letzterer am allermeisten im Horoskop aus, während
die Möglichkeit, daß die charakterisierten Individuen sozusagen
zufälligerweise miteinander verheiratet sind, notwendigerweise
dagegen in den Hintergrund tritt, wie überhaupt äußere Tatsachen
nur vermöge ihrer psychologischen Repräsentation einigermaßen
astrologisch erfaßbar zu sein scheinen. lnfolge der sehr großen
Zahl von charakterologischen Variationen ist wohl kaum nur eine
einzige astrologische Konfiguration als für die Ehe kennzeichnend
zu erwarten, sondern es werden wohl mehrere Merkmale sein,
welche auf eine Prädisposition hinsichtlich der Wahl des Ehepart­
ners hinweisen, wenn die astrologische Voraussetzung überhaupt
zu Recht besteht. In letzterer Hinsicht muß ich allerdings die Auf­
merksamkeit meines Lesers auf j ene schon seit geraumer Zeit be­
kannte Übereinstimmung der Sonnenfleckenperioden mit der
Mortalitätskurve hinweisen. Das verbindende Zwischenstück stel­
len die erdmagnetischen Störungen dar, welche ihrerseits auf den
Schwankungen der solaren Protonenstrahlung beruhen. Diese
letzteren beeinflussen auch das >> Radiowetter<< durch Störung der
die Radiowellen reflektierenden Heavisideschicht : Es hat sich nun
bei der Untersuchung dieser Störungen ergeben, daß dabei die
planetaren Konjunktionen, Oppositionen und quadratischen
Aspekte eine beträchtliche Rolle spielen, indem sie die Protonen­
strahlung ablenken und dadurch elektromagnetische Stürme erre-
46 S YNC HRONJ Z I TÄT, AKAUS ALI TÄT
gen. Di e astrologisch günstigen trigonalen und sextilen Aspekte
dagegen bedingen gleichmäßiges Radiowetter. 58
Diese Beobachtung nun eröffnet einen unerwarteten Ausblick
auf eine mögliche kausale Grundlage der Astrologie. Auf alle Fälle
gilt dies für die Keplersche Wetterastrologie. Die Möglichkeit be­
steht aber auch, daß über die bereits festgestellten physiologischen
Wirkungen der Protonenstrahlung hinaus psychische Effekte zu­
stande kommen können, womit die astrologischen Aussagen ihrer
Zufallsnatur entkleidet und in den Bereich einer kausalen Betrach­
tung gerückt würden. Obschon man keineswegs des näheren weiß,
worauf sich die Gültigkeit eines Nativitätshoroskopes gründet, so
ist die Möglichkeit eines kausalen Zusammenhanges planerarer
Aspekte mit psychophysiologischen Dispositionen doch denkbar
geworden. Man tut demnach gut daran, wenn man die Resultate
der astrologischen Betrachtungsweise nicht als synchronistische
Phänomene, sondern als möglicherweise kausal bedingte Effekte
auffaßt. Denn, wo immer eine Ursache vernünftigerweise auch nur
denkbar ist, wird die Synchronizität zu einer höchst zweifelhaften
Angelegenheit.
Gegenwärtig besteht allerdings noch keine genügende empiri­
sche Sicherheit, daß die astrologischen Resultate mehr sind als
Zufälle, beziehungsweise daß Statistiken mit großen Zahlen ein
mehr als bloß wahrscheinliches Ergebnis zeitigen.59 Da derartig
groß angelegte Untersuchungen bio j etzt nicht vorliegen, habe ich
mich entschlossen, an einer das übliche Maß etwas überschreiten­
den Zahl von Ehehoroskopen mein Glück zu versuchen, um zu­
nächst einmal festzustellen, was für Zahlen bei einer derartigen
Untersuchung herauskommen.
Ich habe mein Augenmerk in erster Linie auf die Konjunktionen
( ö ) und die Oppositionen ( 8 ) von Sonne und Mond gerichtet,6
0
indem diese beiden Aspekte astrologisch als ungefähr gleich stark
(obschon im Gegensinne) gelten, das heißt, sie bedeuten intensive
Beziehungen zwischen den Gestirnen. Alle 0 < d 2 Aszendent­
Deszendent- Konjunktionen und Oppositionen ergeben zusam­
men 50 verschiedene Aspekte. Sie wurden zunächst bei 180 verhei-
58 Ich verweise auf die zusammenfassende Darstellung, die Herr Prof. Max Knoll
(Princeton) 1951 in seinem Eranos-Vortrag •Wandlungen der Wissenschaft in unserer
Zeit< gegeben hat.
59 Vgl. z. B. die statistischen Ergebnisse bei Krafft, Traite d'astro-biologie, 1939,
S. 23 ff.
60
Ich habe die quadratischen und Sextilaspekte sowie die Beziehungen zum Medium
und lmum Coeli, die natürlich auch in Betracht kämen, unberücksichtigt gelassen, um
die Darstellung nicht unnötig zu komplizieren. Es handelt sich ja nicht um die Frage, was
Eheaspekte seien, sondern darum, ob horoskopisch sich die Ehe überhaupt bemerkbar
macht.
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 47
rateten Paaren (360 Horoskopen) untersucht und mit den entspre­
chenden Beziehungen bei 32 220 unverheirateten verglichen, wobei
die Zahl 32 220 sich aus der Anzahl möglicher Kombinationen der
zugrunde gelegten Horoskope Verheirateter ergibt ( 1 80 X { 1 80 - 1 }
= 32 220). Bei sämtlichen Berechnungen wurde ein Orbis (das
heißt Aspektumkreis) von acht Grad angenommen, und zwar so­
wohl in der Richtung des Uhrzeigers als umgekehrt, und nicht nur
innerhalb eines Zeichens, sondern auch darüber hinausgreifend.
Im ganzen wurden 483 Ehen, das heißt 966 Horoskope unter­
sucht. Wie aus den nachfolgenden Tabellen hervorgeht, wurde die
Prüfung sowohl wie die Darstellung der Resultate sozusagen >> pa­
ketweise« vorgenommen. Diese Methode dürfte nicht ohne weite­
res einleuchten. Wenn sich mein Leser aber Rechenschaft darüber
gibt, daß es sich hier vor allem einmal um einen erstmaligen Vor­
stoß auf einer terra incognita handelt, so wird er begreifen, daß
Vorsicht und Umsicht bei einer so riskanten Unternehmung wohl
am Platze sind. Die paketweise Untersuchung empfahl sich inso­
fern, als man damit einen unmittelbaren Einblick in das Benehmen
der Zahlen bekam. Im Vergleich zu anderen astrologischen Stati­
stiken müßte man zum Beispiel annehmen, daß 1 00 Fälle schon
eine respektable Grundlage zu einer Statistik darstellen. Für eine
astrologische Untersuchung genügt diese Zahl aber nicht, und
schon gar nicht für eine Statistik, bei der es sich um nicht weniger
als SO Aspekte handelt. In einem derartigen Fall lassen sich bei
kleinen Zahlen sehr große Streuungen, die das Urteil leicht irre­
führen, erwarten. Es war auch a priori keineswegs sicher, welche
und wie viele von diesen SO Aspekten sich als für die Ehe charakte­
ristisch erweisen würden, wenn überhaupt! Selbstverständlich
stellt die unvermeidlich große Anzahl der Aspekte eine ernsthafte
Schwierigkeit für die statistische Durchleuchtung des komplizier­
ten Tatbestandes dar, denn es stand zu erwarten, daß eine große
Anzahl der Aspekte steril sein würde, was sich dann auch bestätigt
hat.
Das Material verdanke ich verschiedenen astrologisch tätigen
Persönlichkeiten in Zürich, London, Rom und Wien. Es wurde
ursprünglich zu rein astrologischen Zwecken, zum Teil schon vor
vielen Jahren aufgenommen. Zwischen der Aufnahme des Mate­
rials und der Absicht meiner Untersuchung besteht also keinerlei
Zusammenhang, was ich deshalb hervorhebe, weil man möglicher­
weise einwenden könnte, das Material sei in Hinsicht meines
Zweckes besonders ausgewählt worden. Das Material ist seiner
Herkunft nach ein ganz zufälliges und ergibt darum ein unpräjudi­
ziertes Durchschnitts bild. Es wurde in chronologischer Reihenfol­
ge aufgehäuft. Als 1 80 Ehen zusammengekommen waren, ergab
48 SYNC HRONJ ZI TÄT, AKAUSALI TÄT
sich zufälligerweise eine Pause i n der Sammlung, welche dazu be-
nützt wurde, die 360 Horoskope aufzuarbeiten. Das erste Paket
von 1 80 Ehen ergab sich auf diese Weise rein zufällig, ebenso das
später zu erwähnende zweite und dritte Paket.
Tabelle I
Aspekt weiblich Absolute Werte Absolute Werte Durchschnittliche
zu männlich bei 1 80 Ehen bei 32 220 unver- Häufigkeit bei 180
heirateten Paaren unverheirat. Paaren
Mond 0 Sonne 18 = 1 0, 0% 1 506 8,4
Asz. 0 Venus 1 5 = 8,3% 1 41 1
7,
9
Mond 0 Asz. 14
=
7,7% 1 485 8,3
Mond R Sonne 1 3 = 7,2% 1 438 8,0
Mond 0 Mond 1 3 = 7,2% 1 479 8,3
Venus 8 Mond 1 3 = 7,2% 1 526 8,5
Mars 0 Mond 1 3 = 7,2% 1 548 8,6
Mars 0 Mars 1 3 = 7,2% 1 71 1 9,6
Mars 0 Asz. 12 = 6,6% 1 467 8,2
Sonne 0 Mars 12 = 6,6% 1 485 8,3
Venus 0 Asz. 1 1 = 6, 1 % 1 409 7,9
Sonne 0 Asz. 1 1
=
6, 1 % 1 41 3 7,9
Mars 0 Desz. 1 1 = 6, 1 % 1 471 8,2
Desz. 0 Venus 1 1 = 6, 1 % 1 470 8,2
Venus 0 Desz. 1 1 = 6, 1 % 1 526 8,5
Mond 8 Mars 10 = 5, 5% 1 540 8,6
Venus 8 Venus 9 = 5,0% 1 41 5 7,9
Venus 0 Mars 9 = 5,0% 1498 8,4
Venus 0 Sonne 9 = 5,0% 1 526 8,5
Mond 0 Mars 9 = 5,0% 1539 8,6
Sonne 0 Desz. 9 = 5,0% 1 556 8, 7
Asz. 0 Asz. 9 = 5,0% 1 595 8,9
Desz. 0 Sonne 8 = 4,3% 1 398 7,8
Venus
8
Sonne 8 = 4,3% 1 485 8,3
Sonne
0 Mond 8 = 4,3% 1 508 8,4
Sonne < Venus 8 = 4, 3% 1 502 8,4
Sonne < Mars 8 = 4,3% 1 51 6 8,5
Mars 8 Sonne 8 = 4,3% 1 51 6 8,5
Mars 0 Venus 8 = 4,3% 1 520 8, 5
Venus 8 Mars 8 = 4, 3% 1 531 8,6
Asz. 0 Mond 8 = 4,3% 1 541 8,6
Mond 8 Mond 8 = 4,3% 1 548 8,6
Desz. 0 Mond 8 = 4,3% 1 543 8,6
Asz. 0 Mars 8 = 4,3% 1 625 9, 1
Mond 0 Venus 7 = 3,8% 1 481 8,3
Mars
8
Venus 7 = 3, 8% 1 521 8,5
Mond 0 Desz. 7 = 3, 8% 1 539 8,6
Mars 8 Mond 7 = 3,8% 1 540 8,6
Asz. 0 Desz. 6 = 3,3% 1 328 7,4
Desz.
0 Mars 6 = 3,3% 1 433 8,0
Venus 0 Mond 6 = 3,3% 1 436 8,0
Asz. 0 Sonne 6 = 3,3% 1 587 8,9
S YNC HR ON I Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 49
Aspekt weiblich Absolute Werte Absolute Werte Durchschnittliche
zu männlich bei 1 80 Ehen bei 32 220 unver- Häufigkeit bei 1 80
heirateten Paaren unverheirat. Paaren
Mars
d
Sonne 6 = 3,3% 1 575 8, 8
Mond 8 Venus 6 = 3, 3% 1 576 8,8
Venus d Venus 5 = 2, 7% 1497 8,4
Sonne I Mond 5 = 2,7% 1 530 8,6
Sonne d Venus 4 = 2, 2% 1 490 8,3
Mars
8 Mars 3 = 1 ,6% 1 440 8,0
Sonne
d Sonne 2 = 1 , 1 % 1 480 8,3
Sonne 8 Sonne 2 = 1 , 1 % 1 482 8,3
Durchschnitt: 1 506 auf 180 reduziert : 8, 4.
Zunächst wurden sämtliche Konjunktionen und Oppositionen
zwischen 8 C c C Asz. und Desz. , sowohl bei den 180 Ehepaa­
ren als bei den 32 220 unverheirateten Paaren gezählt. Die aufge­
führten Zahlen stellen Häufigkeitswerte dar, das heißt sie geben
die Anzahl der Fälle pro Aspekt für beide Gruppen an. Da es sich
dabei um die ursprünglichen Zahlen handelt - im Unterschied zu
den später in Betracht gezogenen Mittelwerten -, bezeichne ich
diese Zahlen als absolute Werte. Sie sind in der Rubrik der Verhei­
rateten nach Maßgabe ihrer Häufigkeit angeordnet. Wir sehen, daß
zum Beispiel die Konjunktion zwischen (weiblich) Mond und
(männlich) Sonne an oberster Stelle figuriert.
Diese Zahlen sind nicht aufeinander bezogen und lassen sich
daher nicht unmittelbar vergleichen. Um ihre Bedeutung zu erken­
nen, müssen sie auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden,
indem man zum Beispiel die rechte auf die linke Seite reduziert,
wie folgt :
Aspekt weiblich
zu männlich
Mond
Asz.
Mond
d Sonne
d Venus
d Asz.
Absolute Werte
bei Verheirateten
1 8 = 1 0, 0%
15 = 8, 3%
14 = 7, 7%
Durchschnittliche Häufigkeit
bei 1 80 Unverheirateten
1 506 : 1 80 = 8,40 = 4, 6%
1 41 1 : 1 80 = 7, 88 = 4, 3%
1 485 : 1 80 = 8, 29 = 4, 6%
Durch diese arithmetische Operation wird ein Vergleich mög­
lich: wir setzen die rechte Seite (Unverheiratete) = 1, woraus sich
folgende Proportion ergibt: 1 8 : 8,40 = 2, 1 4 : 1 . In der nächsten
Tabelle (II) sind diese Proportionen der Häufigkeit nach geordnet.
so S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Tabelle II
Proportion der Aspekthäufigkeiten bei
Aspekt männlich zu weiblich
Verheirateten Unverheirateten
2, 1 4
Mond
0
Sonne
1 ,89
Asz. 0 Venus
1 ,68
Mond 0 Asz.
1 ,61
Mond 8 Sonne
1 ,57
Mond 0 Mond
1 , 53
Venus 8 Mond
1 ,50
Mars 0 Mond
1 ,46
Mars 0 Asz.
1 ,44
Sonne 0 Mars
1 ,39
Venus 0 Asz.
1 ,39
Sonne 0 Asz.
1 ,36
Mars
0 Mars
1 ,34
Mars 0 Desz.
1 ,34
Desz. 0 Venus
1 ,29
Venus 0 Desz.
1 , 1 6
Mond 8 Mars
1 , 1 4
Venus 8 Venus
1 ,07
Venus 0 Mars
1 ,06
Venus 0 Sonne
1 ,05
Mond
0
Mars
1 ,04
Sonne 0 Desz.
1 ,02
Desz. 0 Sonne
1 ,01
Asz. 0 Asz.
0,96
Venus 8 Sonne
0, 95
Sonne 0 Mond
0,95
Sonne 8 Venus
0,94
Sonne 8 Mars
0,94
Mars
8
Sonne
0,94
Mars 0 Venus
0,94
Venus 8 Mars
0,93
Asz. 0 Mond
0,93
Mond R Mond
0,92
Desz. 0 Mond
0, 88
Asz. 0 Mars
0, 85
Mond 0 Venus
0, 82
Mars 8 Venus
0, 81
Mond 0 Desz.
0, 81
Asz. 0 Desz.
0, 81
1 Mars 8 Mond
0, 75
1 Desz. 0 Mars
0, 75
1 Venus 0 Mond
0,68
" 1 Asz. 0 Sonne
0,68
1 Mars 0 Sonne
0,68
1 Mond 8 Venus
0,60
Venus 0 Venus
0,59
Sonne
8
Mond
S YNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P
5 1
Proportion der Aspekthäufigkeiten bei Aspekt männlich zu weiblich
Verheirateten Unverheirateten
0,48
0,37
0,24
0,24
Sonne o Venus
Mars 8 Mars
Sonne o Sonne
Sonne 8 Sonne
Was bei dieser Tabelle auffällt, ist die ungleichmäßige Streuung
der Häufigkeitswerte. Sowohl die obersten sieben als die untersten
sechs Aspekte weisen eine stärkere Streuung auf, während sich die
mittleren Werte eher um die Proportion 1 : 1 zusammendrängen.
Ich werde auf diese Eigenart der Streuung anband einer besonde­
ren Tabelle (Tabelle III) zurückkommen.
Interessant ist die Bestätigung der traditionellen astrologischen
und alchemistischen Entsprechung der Ehe zu den Aspekten zwi­
schen Mond und Sonne :
(weiblich) Mond o (männlich) Sonne = 2, 1 4 : 1
(weiblich) Mond c (männlich) Sonne = 1 ,61 : 1
während hier ein Hervortreten der Venus-Mars-Aspekte nicht
festzustellen ist.
Von den 50 möglichen Aspekten ergeben sich bei den Verheira­
teten 1 5 solcher Beziehungen, deren Häufigkeit deutlich über der
Proportion 1 : 1 liegt. Der höchste Wert findet sich bei der schon
erwähnten Mond-Sonne-Konjunktion, die beiden nächsthöheren
Zahlen 1 , 89 : 1 und 1 , 68 : 1 entsprechen den Konjunktionen zwi­
schen (weiblich) Asz. und (männlich) Venus bzw. (weiblich)
Mond und (männlich) Asz. , womit die überlieferte Bedeutung des
Aszendenten anscheinend bestätigt wird.
Unter diesen 1 5 Aspekten kommt bei Frauen viermal ein Mond­
aspekt vor, während nur 6 auf die 35 anderen möglichen Werte
entfallen. Der mittlere Verhältniswert aller Mondaspekte beträgt
1 ,24 : 1 . Der Durchschnittswert der 4 in der Tabelle angeführten
beträgt 1 , 74 : 1 gegenüber 1 ,24 : 1 aller Mondaspekte. Der Mond
scheint danach bei den Männern weniger betont zu sein als bei den
Frauen.
Bei den Männern spielt die entsprechende Rolle hier nicht die
Sonne, sondern die Aszendent-Deszendent-Achse. Diese Aspekte
kommen in unserer Tabelle sechsmal bei Männern, bei Frauen nur
zweimal vor. In ersterem Fall haben diese Aspekte einen Durch­
schnittswert von 1 ,42 : 1 , gegenüber 1 ,22 : 1 aller männlichen
Aspekte zwischen Aszendent-Deszendent einerseits und einem
der vier Gestirne andererseits.
52 S Y NCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Tabelle III
Verteilung der Aspekte nach Maßgabe ihrer Häufigkeit
Häufig- bei bei den Häufig- bei bei den
keit der Ehepaaren Unverheirateten keit der Ehepaaren Unverheirateten
Aspekte ( 1 80) (durchschnittliche Aspekte ( 1 80) (durchschnittliche
Häufigkeit) Häufigkeit)
1 8,0 X 1 1 ,4
1 7,8 1 1 ,2 xxxxx
1 7,6 1 1 ,0
1 7,4 10,8
1 7,2 1 0,6
1 7,0 1 0,4
1 6,8 1 0,2
1 6,6 1 0,0 X
1 6,4 9,8
1 6,2 9,6 X
1 6,0 9,4
1 5,8 9,2
1 5,6 9,1 X
1 5,4 9,0 XXXXXX
1 5,2 X 8,9 XX
1 5,0 8,8 XX
1 4,8 8,7 X
1 4,6 8,6 xxxxxxxxxx
1 4,4 8,5 xxxxxxx
14, 2 X 8,4 xxxxx
1 4,0 8,3 xxxxxx
1 3,8 8,2 XXX
1 3,6 8,0 xxxxxxxxxxxx xxxx
13,4 7,9 xxxx
1 3,2 XX XXX 7,8
1 3,0 7,6
1 2,8 7,4
1 2,6 7,2
1 2,4 7,0 xxxx
1 2,2 XX 6,8
1 2,0 6,6
1 1 ,8 6,4
1 1 ,6 6,2
6,0 XXXXXX 3,4
5,8 3,2
5,6 3,0 X
5,4 2,8
5,2 2,6
5,0 XX 2,4
4,8 2,2
4,6 2,0 XX
4,4 1 ,8
4,2 1 ,6
4,0 X 1 ,4
3, 8 1 ,2
3,6 1 ,0
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 53
Diese Tabelle (III) gibt eine graphische Darstellung der in Tabel­
le I aufgeführten Werte, und zwar nach dem Gesichtspunkt der
Verteilung der Aspekte auf die einzelnen Urzahlen (das heißt die
absoluten Häufigkeitswerte). Die Kreuzehen bedeuten die Aspek­
te, welche denselben Häufigkeitswert aufweisen. Die linke Seite
der Tabelle entspricht der ersten Rubrik von Tabelle I ( Aspekthäu­
figkeit bei Ehepaaren), während die rechte Seite die entsprechende
Darstellung der Durchschnittswerte der Kombinationen Unver­
heirateter enthält. Als Beispiel diene der Häufigkeitswert 9,0 mit
sechs Kreuzehen versehen :
Aspekt weiblich zu männlich
Venus 8 Venus
Venus o Mars
Venus
o Sonne
Mond
o Mars
Sonne o Desz.
Asz. o Asz.
Absoluter Wert (oder Urzahl) bei 1 80 Ehen
9
9
9
9
9
9
XXXXXX
Diese Anordnung gibt ein Bild der Streuung der Werte, ebenso
gestattet sie die Ablesung des wahrscheinlichen Mittels (W. M. ),
das bei statistischen Zahlen si ch dann empfiehlt, wenn es sich um
große Streuungen handelt. Während der Mittelwert der Kombina­
tionen Unverheirateter jeweils ein arithmetisches Mittel ist (näm­
lich Summe der Aspekte : 50), bedeutet das wahrscheinliche Mittel
jene Häufigkeitszahl, welche dadurch erreicht wird, daß man die
Kreuzehen von oben und unten abzählt, bis die Zahl 25 erreicht
ist. Der Häufigkeitswert, auf den diese Zahl fällt, stellt das W. M.
dar.
Das W. M. beträgt bei Ehepaaren 7,8 Fälle, bei den Kombinatio­
nen mehr, nämlich 8,4. Bei den Unverheirateten decken sich das
W. M. und das arithmetische Mittel - beide betragen 8,4 Fälle -,
während bei den Verheirateten das W. M. tiefer liegt als der ent­
sprechende Mittelwert, der 8,4 Fälle beträgt, was mit dem Vorhan­
densein abnorm niedriger Werte bei den Verheirateten zusammen­
hängt. Wenn wir nämlich die Rubrik der Ehepaare betrachten, so
finden wir eine bedeutende Streuung der Werte in auffallendem
Gegensatz zu der Zusammendrängung derselben um das Mittel 8, 4
bei den Unverheirateten. Bei letzteren findet sich kein einziger
Aspekt, der eine größere Häufigkeit als 9,6 aufwiese, während bei
den Verheirateten ein Aspekt sogar eine beinahe doppelt so große
Häufigkeit erreicht.
54 S Y NC HR ONI ZI TÄT, AKA U S ALI T Ä T
Tabelle IV
1 80 Ehepaare 220 Ehepaare 400 Ehepaare
Mond 0 Sonne 1 0,0% Mond 0 Mond 1 0,9% Mond 0 Mond 9,2%
Asz. 0 Venus 9,4% Mars 8 Venus 7,7% Mond 8 Sonne 7,0%
Mond 0 Asz. 7,7% Venus 0 Mond 7,2% Mond 0 Sonne 7,0%
Mond 0 Mond 7,2% Mond 8 Sonne 6, 8% Mars 0 Mars 6,2%
Mond 8 Sonne 7,2% Mond 8 Mars 6,8% Desz. 0 Venus 6,2%
Mars 0 Mond 7,2% Desz. 0 Mars 6,8% Mond 8
Mars 6,2%
Venus 8 Mond 7,2% Desz. 0 Venus 6, 3% Mars 0 Mond 6,0%
Mars 0 Mars 6,6% Mond 8 Venus 6, 3% Mars 8 Venus 5,7%
Mars
0 Asz. 6,6% Venus 0 Venus 6, 3% Mond
0
Asz. 5,7%
Sonne 0 Mars 6,6% Sonne 8 Mars 5,9% Venus 0 Desz. 5,7%
Venus 0 Desz. 6, 1 % Venus 0 Desz. 5,4% Venus 0 Mond 5, 5%
Venus 0 Asz. 6, 1 % Venus 0 Mars 5,4% Desz. 0 Mars 5, 2%
Mars 0 Desz. 6, 1 % Sonne 0 Mond 5, 4% Asz. 0 Venus 5,2%
Sonne 0 Asz. 6, 1 % Sonne 0 Sonne 5, 4% Sonne 8 Mars 5,2%
Da die in der vorhergehenden Tabelle hervortretende Streuung
sich bei einem größeren Material wahrscheinlich ausgleichen wür­
de, so habe ich eine größere Anzahl von Ehehoroskopen zusam­
mengestellt, i m ganzen 400 (das heißt 800 Einzelhoroskope), um
der astrologischen Behauptung Genüge zu tun. Es hat ja keinen
Zweck, eine Ansicht, die beinahe so alt ist wie die menschliche
Kultur, aus vorgefaßten Meinungen und ohne gründliche Prüfung
zu verwerfen, und zwar hauptsächlich darum, weil man sich den
kausalen respektive gesetzmäßigen Zusammenhang nicht vorzu­
stellen vermag. Ich stelle in Tabelle IV die hauptsächlichen Ergeb­
nisse des zusätzlichen Materials, verglichen mit den vorher bespro­
chenen 1 80 Fällen dar, wobei ich mich auf die Maximalzahlen, die
das W. M. deutlich überschreiten, beschränke. Ich gebe die Zahlen
in Prozenten wieder.
Di e 1 80 Ehepaare der ersten Kolonne stellen das Resultat der
ersten Zusammenstellung dar, während die 220 der zweiten Ko­
lonne später während mehr als eines Jahres gesammelt wurden.
Das erste Paket zeigt das für die astrologische Behauptung gün­
stigste Ergebnis, während die zweite Kolonne nicht nur in den
Aspekten von der ersten variiert, sondern auch ein deutliches Ab­
sinken der Häufigkeitswerte erkennen läßt. Eine Ausnahme bildet
bloß die erste Zahl, welche die klassische C o C betrifft. Sie tritt
an die Stelle der ebenso klassischen C
o
8 in der ersten Kolonne.
Von den 14 Aspekten der ersten Kolonne kehren nur vier in der
zweiten wieder, darunter sind aber nicht weniger als drei Monda­
spekte, was zugunsten der astrologischen Erwartung spricht. Die
mangelnde Entsprechung zwischen den Aspekten der ersten und
zweiten Kolonne weist auf eine große Ungleichheit des Materials,
S YNCHRON I ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 55
das heißt auf eine bedeutende Streuung hin, welche sich hinsicht­
lich des Ergebnisses bei noch größeren Zahlen für die astrologische
Erwartung recht ungünstig auswirken dürfte. Man sieht dies schon
bei den Gesamtzahlen der 400 Ehepaare : sämtliche Zahlen zeigen
infolge der Ausgleichung der Streuung wiederum eine deutliche
Abnahme. In der folgenden Tabelle V treten diese Verhältnisse
noch deutlicher zutage.
Tabelle V
Durch-
Häufigkeit i n %
(
d8 ( < ( (88
schnitt
1 80 Ehepaare 1 0, 0 7, 2 7,2 8, 1
220 Ehepaare 4,5 1 0,9 6,8 7,4
1 80 + 220 = 400 Ehepaare 7,0 9,2 7,0 7,7
Später hinzugekommene
83 Ehepaare 7,2 4,8 4, 8 5,6
83 + 400 = 483 Ehepaare 7,2 8,4 6,6 7,4
Die Tabelle zeigt die Häufigkeitszahlen von drei Konstellatio­
nen, welche am meisten vorkommen, zwei Mondkunjunktionen
und einer Mondopposition. Die zuerst gesammelten 1 80 Ehepaare
weisen als größte durchschnittliche Häufigkeit 8 , 1 % auf. Bei den
später gesammelten und bearbeiteten 220 Ehepaaren geht das
durchschnittliche Maximum schon auf 7,4% zurück. Bei den noch
später hinzugekommenen 83 Ehepaaren beträgt der Durchschnitt
nur noch 5, 6%. Während bei den Anfangsgruppen ( 1 80 und 220)
die Maxima noch bei den gleichen Aspekten liegen, zeigt es sich
bei den später hinzugekommenen 83 Ehepaaren, daß deren Maxi­
ma sogar bei anderen Aspekten liegen, nämlich Asz.
d
C , 8 c
<, 8 o d und Asz. o Asz. Das durchschnittliche Maximum
dieser vier Aspekte beträgt 8, 7%. Dieser hohe Betrag überschreitet
sogar unsere >> beste<< Durchschnittszahl 8 , 1 % bei den ersten 1 80
Paaren, womit ohne weiteres ersichtlich wird, wie zufällig unsere
»günstigen<< Anfangsresultate sind. Immerhin darf man hervorhe­
ben, daß sozusagen scherzhafterweise das Maximum von 9,6% bei
Asz. o C liegt, also wiederum bei einem Mondaspekt, der für die
Ehe als besonders charakteristisch gilt - ein lusus naturae fürwahr,
aber ein hintergründiger, in dem der Ascendens oder Horoscopus
zusammen mit Sonne und Mond nach alter Tradition die für das
Schicksal beziehungsweise die Charakterbestimmung grundlegen­
de Dreiheit bildet. Wenn man dieses statistische Ergebnis hätte
zurechtfälschen wollen, um es in Einklang mit der Tradition zu
bringen, so hätte man nicht besser verfahren können.
56
Tabelle VI
Maximale Häufigkeit in % bei :
1 . zufällig kombinierten 300 Paaren
2. ausgelosten 325 Paaren
3. ausgelosten 400 Paaren
4. 32 220 Paaren
S Y NC HRONIZITÄT, AKAUS ALITÄT
7
,
3
6, 5
6,2
5,3
Hier sind die maximalen Häufigkeiten bei unverheirateten Paa­
ren angegeben. Die Rubrik 1 . wurde dadurch hergestellt, daß mei­
ne Mitarbeiteri n, Frau Dr. L. Frey-Rohn, die männlichen Horo­
skope auf die eine Seite legte, die weiblichen auf die andere und die
j eweils zufällig obenaufliegenden miteinander zu einem Paar kom­
bi nierte. Dabei wurde natürlich darauf geachtet, daß nicht zufälli­
gerweise ein wirkliches Ehepaar kombiniert wurde. Die resultie­
rende Häufigkeit von 7,3 liegt noch recht hoch im Vergleich zu der
sehr viel wahrscheinlicheren Maximalzahl bei den 32 200 unverhei­
rateten Paaren, die nur 5, 3 beträgt. Ersteres Ergebnis schien mir
etwas verdächtig.61 Ich schlug daher meiner Mitarbeiterin vor, die
Kombination der Paare nicht selber vorzunehmen, sondern fol­
gendermaßen vorzugehen: 325 männliche Horoskope wurden nu­
meriert ; die Nummern wurden auf besondere Zettel geschrieben,
diese in einen Topf geworfen und gemischt. Sodann wurde eine
Person, die nichts von Astrologie und Psychologie und erst recht
nichts von diesen Untersuchungen wußte, eingeladen, einen Zettel
nach dem anderen, ohne hinzusehen, aus dem Topf herauszuho­
len. Die herausgeholten Nummern wurden jeweils mit dem näch-
61
Wie subtil diese Dinge sein können, zeigt folgender Fal l : Meiner Mitarbeiterin fiel
kürzlich die Aufgabe zu, für das gemeinsame Nachtessen einer größeren Gesellschaft die
Tischordnung zu erstellen. Sie tat dies mit Sorgfalt und Umsicht. Im letzten Moment
aber erschien ein unerwarteter, geschätzter Gast, den man unbedingt passend placieren
mußte. Dadurch wurde die ganze Tischordnung über den Haufen geworfen, und es
mußte in aller Eile ein neues Arrangement aufgestellt werden. Zu langem Nachdenken
bestand keine Zeit. Als wir zu Tische saßen, ergab sich in der unmittelbaren Umgebung
des Gastes folgendes astrologisches Bi l d:
Dame Dame Gast Dame
( in Q Gin ) Gin C Gin )
Dame Dame Herr Dame
Gin Q
(
m ) ( in C ( in )
Es waren vier 0- ( -Ehen entstanden. Dazu muß nun allerdings bemerkt werden, daß
meine Mitarbeiterin es lange genug mit astrologischen Eheaspekten zu tun hatte, um
diese gründlich zu kennen; auch war sie über die Horoskope der in Frage kommenden
Personen unterrichtet. In der Eile, in der die Tischordnung erstellt werden mußte, hatte
sie aber keine Gelegenheit zu langen Überlegungen, so daß das Unbewußte freie Hand
hatte, die •>Ehen« im geheimen zu arrangieren.
S YNCHRONI Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 57
sten weiblichen Horoskop gepaart, das zuoberst auf den aufge­
schichteten weiblichen Horoskopen lag, wobei wiederum darauf
geachtet wurde, daß nicht zufälligerweise Ehepaare zusammenka­
men. Auf diese Weise wurden 325 künstliche Paare erzeugt. Das
Ergebnis 6, 5 nähert sich schon mehr der Wahrscheinlichkeit an.
Noch wahrscheinlicher ist das Resultat bei den 400 unverheirate­
ten Paaren. Immerhin liegt auch diese Zahl (6,2) noch zu hoch.
Das etwas merkwürdige Verhalten unserer Zahlen hat zu einem
Experiment geführt, dessen Resultat ich mit allen nötigen Vorbe­
halten doch erwähnen möchte, weil es allem Anschein nach geeig­
net sein könnte, auf die statistischen Variationen ein gewisses Licht
zu werfen. Der Versuch wurde mit drei Personen, deren psycholo­
gischer Status genau bekannt war, durchgeführt. Das Experiment
bestand darin, daß zuerst von 200 beliebigen Ehehoroskopen 200
mit Nummern versehen wurden. Sodann wurden davon 20 Eheho­
roskope von der V. P. ausgelost. Darauf wurden diese 20 Ehepaare
statistisch auf unsere 50 Ehemerkmale untersucht. Die erste V. P.
war eine Patientin, die sich zur Zeit des Experimentes in einem
Zustand triebmäßig gesteigerter Aktivität befand. Es ergab sich,
daß von 20 Marsaspekten nicht weniger als zehn, und zwar mit der
Häufigkeit von 1 5,0, von den Mondaspekten neun mit einer Häu­
figkeit von 1 0,0 und von den Sonnenaspekten neun mit einer Häu­
figkeit von 1 4,0 betont waren. Die klassische Bedeutung des Mars
ist dessen Triebhaftigkeit, in diesem Fall unterstützt von der
männlichen Sonne. Im Vergleich zu unseren allgemeinen Resulta­
ten ergibt sich hier ein Vorherrschen der Marsaspekte, was mit
dem psychischen Zustand der V. P. übereinstimmt.
Die zweite V. P. war eine Patientin, deren Hauptproblem die
Bewußtwerdung und Durchsetzung der eigenen Persönlichkeit ge­
genüber Selbstunterdrückungstendenzen bildete. In diesem Fall
traten die sogenannten Achsenaspekte (Asz. Desz. ), welche gerade
für die Persönlichkeit charakteristisch sein sollen, zwölfmal auf
mit einer Häufigkeit von 20,0 und die Mondaspekte mit einer
Häufigkeit von 1 8, 0. Dieses Resultat ist, astrologisch bewertet, in
völliger Übereinstimmung mit der gegenwärtigen Problematik der
V. P.
Die dritte V. P. ist eine Frau mit starken inneren Gegensätzen,
deren Vereinigung und Aussöhnung ihr gegenwärtiges Hauptpro­
blem bildet. Die Mondaspekte kommen vierzehnmal vor mit einer
Häufigkeit von 20,0, die Sonnenaspekte zwölfmal mit einer Häu­
figkeit von 1 5,0 und die Achsenaspekte neunmal mit einer Häufig­
keit von 1 4, 0. Die klassische coniunctio Solis et Lunae als das
Symbol der Gegensatzvereinigung tritt in diesem Fall stark in den
Vordergrund.
58 S YNC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
In allen diesen Fällen erweist sich die erloste Auswahl von Ehe­
horoskopen als beeinflußt, der Erfahrung entsprechend, die man
mit dem I Ging und anderen mantischen Methoden macht. Ob­
schon sich alle diese Zahlen weit innerhalb der Wahrscheinlich­
keitsgrenzen befinden und deshalb nicht anders denn als zufällig
aufgefaßt werden können, so gibt doch ihre Variation, die dem
j eweiligen psychischen Zustand der V. P. überraschend entspricht,
zu denken. Der in Frage kommende j eweilige psychische Zustand
ist charakterisiert als eine Situation, in welcher Einsicht und Wil­
lensentschluß an die unüberwindliche Schranke eines widerstre­
benden und entgegengesetzten Unbewußten stoßen. Diese relative
Niederlage der Bewußtseinskräfte konstelliert in der Regel den
moderierenden Archetypus. Letzterer erscheint im ersten Fall als
Mars, der triebhafte Maleficus, im zweiten als ausgleichendes und
persönlichkeitsfestigendes Achsensystem und im dritten als Hie­
rosgamos der supremen Gegensätze. Das psychische und physi­
sche Geschehen (nämlich die Problematik und das Auslosen der
Horoskope) entspricht, wie es den Anschein hat, der Natur des
hintergründlichen Archetypus und könnte daher ein Synchronizi­
tätsphänomen darstellen.
Wie mir Herr Prof. M. Fierz in Basel, der sich liebenswürdiger­
weise der Mühe unterzogen hat, die Wahrscheinlichkeit meiner
Maximalzahlen zu berechnen, mitteilt, beträgt diese um 1 : 1 0000.
Daraus erhellt, daß unsere besten Resultate, nämlich ( ö 8 und
( ö (, praktisch zwar ziemlich unwahrscheinlich sind, aber
theoretisch dennoch so wahrscheinlich, daß wenig Berechtigung
besteht, die unmittelbaren Ergebnisse unserer Statistik anders denn
als zufällig aufzufassen. Unsere Untersuchung zeigt, daß nicht nur
mit der größten Anzahl von Ehepaaren die Häufigkeitswerte sich
dem Durchschnitt annähern, sondern auch, daß irgendwelche zu­
fälligen Paarungen ähnliche statistische Verhältnisse zeitigen. Vom
wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen, ist das Ergebnis unse­
rer Untersuchung für die Astrologie in einer gewissen Hinsicht
nicht ermutigend, denn es weist alles darauf hin, daß bei großen
Zahlen sich die Unterschiede zwischen den Häufigkeitswerten der
Eheaspekte Verheirateter und Unverheirateter überhaupt verwi­
schen. Somit besteht vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gese­
hen geringe Hoffnung, die astrologische Entsprechung als eine
Gesetzmäßigkeit zu erweisen.
So ist denn das Wesentliche, was von unserer astrologischen
Statistik übrigbleibt, die Tatsache, daß die erste Gruppe von 1 80
Ehehoroskopen bei ( ö 8, und die zweite, später gesammelte
Gruppe von 220 ein deutliches Maximum bei ( ö ( aufweist.
Diese beiden Aspekte sind schon in der alten Literatur als für die
S YNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P RINZ I P 59
Ehe charakteristisch erwähnt und stellen daher älteste Tradition
dar. Die dritte Gruppe von 83 Ehepaaren ergibt, wie erwähnt, ein
Maximum bei < o Asz. , das, wie mir Herr Prof. M. Fierz freund­
liehst mitteilt, eine Wahrscheinlichkeit von etwa 1 : 3000 besitzt.
Ich möchte den Fall, der sich hier ereignet hat, durch ein Beispiel
verdeutlichen: Man nimmt drei Schachteln, verbirgt in die zwei
ersten j e 1 0000, in die dritte 3000 schwarze Ameisen, worunter
jeweils eine weiße, verschließt die Schachteln und bohrt in j ede ein
Loch, klein genug, um aufs Mal nur eine Ameise durchschlüpfen
zu lassen. Die erste Ameise, die aus den drei Schachteln heraus­
kommt, ist j eweils die weiße. Dieser Zufall stellt eine höchst un­
wahrscheinliche Tatsache dar. Die Wahrscheinlichkeit in den bei­
den ersten Fällen beträgt bereits 1 : 1 0 0002, das heißt, man kann
dieses Zusammentreffen nur einmal in etwa 1 00 Millionen Fällen
erwarten. Es ist daher unwahrscheinlich, daß es in der Erfahrung
überhaupt j emals vorkommt. Rechnet man < o Asz. der dritten
Gruppe hiezu, so ergibt sich hiefür noch eine viel höhere Unwahr­
scheinlichkeit, nämlich 1 : 300 000 000 000. Es hat sich also in mei­
ner statistischen Untersuchung der Fall ergeben, daß ausgerechnet
die von der astrologischen Tradition hervorgehobenen Konjunk­
tionen in höchst unwahrscheinlicher Weise zusammengekommen
sind.
Wenn man nun die Resultate der Rhineschen Experimente und
namentlich den besonderen Umstand in Betracht zieht, daß diesel­
ben in hohem Maße vom lebendigen Interesse der V. P. abhän­
gen,62 so läßt sich unser Fall als ein Synchronizitätszusammenhang
auffassen : Es ereignet sich im statistischen Material eine nicht nur
praktisch, sondern sogar auch theoretisch unwahrscheinliche Zu­
fallskombination, welche mit der traditionell-astrologischen Er­
wartung in aufallender Weise koinzidiert. Daß ein derartiges Zu­
sammentreffen überhaupt stattfindet, ist so unwahrscheinlich und
deshalb so unglaubwürdig, daß niemand es wagen könnte, etwas
Ähnliches vorauszusagen. Es sieht in der Tat so aus, als ob das
statistische Material manipuliert und arrangiert worden wäre, um
ein positives Resultat vorzutäuschen. Die emotionalen (bezie­
hungsweise archetypischen) Vorbedingungen eines synchronisti- ·
sehen Phänomens sind durchaus gegeben, indem es offenkundig
zutage liegt, daß sowohl meine Mitarbeiterin bei dieser Untersu­
chung wie ich selber lebhaft am Ergebnis interessiert waren und
62
Vgl. dazu Schmiedler: Personality Correlates of ESP as Shown by Rorschach Stu­
dies, 1949, S. 23 ff. Die Autorin weist nach, daß diejenigen, welche die Möglichkeit von
ESP annehmen, über der Erwartung liegende ESP-Resultate aufweisen, während jene,
die ESP verwerfen, Minusresultate produzieren.
60
S Y NCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
überdies die Frage der Synchronizität mich seit vielen Jahren zu­
tiefst beschäftigt hat. Der Fall scheint tatsächlich so zu liegen - und
scheint es schon immer getan zu haben, wenn wir die lange astro­
logische Tradition in Betracht ziehen -, daß sich zufällig wieder
dasjenige Resultat herausstellt, das vermutlich schon öfters in der
Geschichte vorgekommen ist. Hätten die Astrologen (von weni­
gen Ausnahmen abgesehen) sich mehr mit der Statistik abgegeben
und die Berechtigung der astrologischen Deutung wissenschaftlich
untersucht, so hätten sie schon lange entdeckt, daß ihre Aussagen
auf einer schwankenden Grundlage ruhen. Es dürfte ihnen aber
wohl so gegangen sein wie mir, daß nämlich eine heimliche gegen­
seitige Konnivenz (conniventia ¯ Nachsicht, Duldung) zwischen
dem Material und dem psychischen Zustand des Astrologen be­
steht. Diese Entsprechung ist einfach vorhanden wie irgendein
anderer freundlicher oder ärgerlicher Zufall, und es kann, wie es
scheint, i n wissenschaftlicher Weise nicht bewiesen werden, daß
sie mehr ist als ein solcher.
6
3 Man mag durch die Koinzidenz ge­
narrt sein, aber es braucht schon eine gewisse Dickhäutigkeit, um
von der Tatsache nicht beeindruckt zu sein, daß zweimal oder
dreimal aus j e 50 Möglichkeiten sich gerade diejenige, welche von
der Tradition als typisch angesehen wird, herausstellt.
Um mi ch von der (zwar zugegebenermaßen unwahrscheinli­
chen) Zufälligkeit unseres Resultates zu vergewissern, habe ich ein
weiteres statistisches Experiment gemacht. Ich habe die ursprüng­
liche und zufällig chronologische Anordnung sowie die ebenso
zufäll i ge Einteilung in drei Pakete aufgehoben, indem ich die er­
sten 1 50 mit den letzten 1 50 Ehen (letztere in umgekehrter Reihen­
folge) mi schte, das heißt ich legte zur ersten Ehe die letzte, zur
zweiten die zweitletzte und so fort. Dann teilte ich die 300 Ehen in
Pakete von j e 1 00 ein. Es ergab sich folgendes Resultat :
1 . Paket 2. Paket
Maximum: Keine Aspekte I I % I I %
1 1 %
3 . Paket
< d Asz. 1 2%
Das Resultat des ersten Paketes i st amüsant insofern, als sich
erstens unter den 300 Ehen nur 15 finden, die keinen der von uns
erwählten 50 Aspekte gemeinsam haben, und zweitens insofern,
63 Wie meine Statistik zeigt, verwischt sich das Resultat bei größeren Zahlen. Es ist
darum höchst wahrscheinlich, daß bei einer Sammlung weiteren Materials kein ähnliches
Ergebnis mehr zustande gekommen wäre. Man muß sich also mit diesem anscheinend
einmaligen »lusus naturae« begnügen, was der Tatsächlichkeit desselben keinen Abbruch
tut.
S Y NCHRONI Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 61
als diese Aspekte in Hinsicht auf das erwartete Vorhandensein von
Gemeinsamkeiten gewählt wurden. Das zweite Paket ergibt zwei
Maxima, von denen das zweite wieder eine klassische Konjunktion
darstellt. Das dritte Paket endlich ergibt ein Maximum bei der uns
bereits bekannten ( o Asz. , der dritten »klassischen<< Konjunk­
tion. Das Gesamtresultat läßt erkennen, daß eine zufällig andere
Anordnung der Ehen einerseits leicht ein vom früheren Total ab­
weichendes Resultat ergeben kann, andererseits aber doch ein
Hervortreten der klassischen Konjunktionen nicht ganz verhin­
dert. Letzteres Ergebnis dürfte vielleicht dafür sprechen, daß die
für 8
o ( und C o ( errechnete Wahrscheinlichkeit von rund
1 : 1 0 000 eine einigermaßen beachtliche Größe darstellt, die auf
einer gewissen Gesetzmäßigkeit beruhen könnte. Soweit sich das
feststellen läßt, scheint es sich um eine schwach ausgedrückte Re­
gelmäßigkeit zu handeln, die aber viel zu gering ist, als daß sie für
die seltsame Koinzidenz der drei klassischen Mondkonj unktionen
eine kausale Grundlage wahrscheinlich machen würde.
Die Untersuchung der von uns gewählten 50 Eheaspekte hat
kein eindeutiges Resultat gezeitigt. Was die von der Astrologie
erwartete Häufigkeit oder Regelmäßigkeit von Aspektbeziehun­
gen anbetrifft, so liegen ihre Zahlen noch im Bereich der Zufalls­
wahrscheinlichkeit, obschon letztere als praktisch gering erscheint.
Was aber das in puncto astrologischer Erwartung erstaunlich posi­
tive Resultat unserer ersten Statistik betrifft, so ist es dermaßen
unwahrscheinlich, daß man dafür ein >> Arrangement<< wohl anneh­
men muß. Letzteres hat wiederum mit der Astrologie insofern
nichts zu tun, als das vorliegende Material das sofortige Hervortre­
ten der drei klassischen Mondkonjunktionen nicht erklärt. Das
Ergebnis unseres ersten Experimentes entspricht den Erfahrungen,
die man mit den oben erwähnten mantischen Prozeduren macht.
Man hat den Eindruck, als ob diese und ähnliche Methoden eine
günstige Vorbedingung für das Zustandekommen sinngemäßer
Koinzidenzen schüfen. Es ist j a richtig, daß die genaue Feststel­
lung des synchronistischen Phänomens eine mißliche beziehungs­
weise unmögliche Aufgabe darstellt. Man muß daher Rhines Ver­
dienst, anhand eines einwandfreien Materials die Koinzidenz des
psychischen Zustandes mit entsprechendem objektivem Vorgang
nachgewiesen zu haben, um so höher veranschlagen. Obschon die
statistische Methode im allgemeinen höchst ungeeignet ist, um sel­
tenen Vorkommnissen gerecht zu werden, haben die Rhineschen
Experimente dem ruinösen Einfluß der Statistik doch standgehal­
ten. Man muß daher ihre Ergebnisse bei der Beurteilung der Syn­
chronizitätsphänomene in Betracht ziehen.
Angesichts des verwischenden Einflusses der statistischen Me-
62 S Y NCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
thode auf die zahlenmäßige Feststellung der Synchronizität muß
die Frage beantwortet werden, wie es Rhine gelungen ist, trotzdem
zu positiven Ergebnissen zu gelangen. I eh wage die Behauptung,
daß er seine Resultate nie erreicht hätte, wenn er seine Versuche
mit einer einzigen64 oder nur wenigen V P. durchgeführt hätte. Er
brauchte ein immer wieder erneutes Interesse, das heißt eine Emo­
tion mi t ihrem charakteristischen abaissement mental, welche dem
Unbewußten ein gewisses Übergewicht verleiht. Einzig dadurch
nämlich können Raum und Zeit in einem gewissen Grade relati­
viert werden, womit zugleich auch die Möglichkeit eines kausalen
Vorganges vermindert ist. Was dann entsteht, ist eine Art von
creatio ex nihilo, ein kausal nicht mehr erklärbarer Schöpfungsakt.
Di e mantischen Methoden verdanken ihre Wirksamkeit wesentlich
demselben Zusammenhang mit der Emotionalität: sie erregen
durch die Berührung einer unbewußten Bereitschaft Interesse,
Neugier, Erwartung, Hoffnung und Befürchtung und damit das
entsprechende Übergewicht des Unbewußten. Die wirksamen
(numi nosen) Potenzen des Unbewußten sind die Archetypen.
Weitaus die meisten spontanen Synchronizitätsphänomene, die ich
zu beobachten und zu analysieren Gelegenheit hatte, ließen un­
schwer ihre direkte Beziehung auf einen Archetypus erkennen. Er
stellt an sich einen unanschaulichen, psychoiden Faktor65 des kol­
lektiven Unbewußten dar. Letzteres kann insofern nicht lokalisiert
werden, als es entweder i n j edem Individuum im Prinzip vollstän­
dig oder als ein und dasselbe überall anzutreffen ist. Von dem, was
i m kollektiven Unbewußten eines einzelnen Individuums vorzu­
gehen scheint, ist nie mit Sicherheit anzugeben, ob es sich nicht
auch i n anderen Individuen oder Lebewesen oder Dingen oder
Situationen ereignet. Als zum Beispiel i n Swedenborgs Bewußtsein
die Vision von einem Brand i n Stockholm entstand, da wütete dort
auch ein entsprechendes Feuer,66 ohne daß das eine mit dem ande­
ren in einem irgendwie nachweisbaren oder auch nur denkbaren
Zusammenhang gestanden hätte. Ich möchte mich allerdings nicht
anheischig machen, die archetypische Beziehung in diesem Fall
aufzuzeigen. Ich weise aber auf die Tatsache hin, daß die Biogra­
phie Swedenborgs gewisse Ereignisse berichtet, welche ein merk­
würdiges Licht auf seinen psychischen Zustand werfen. Man muß
annehmen, daß bei ihm eine Herabsetzung der Bewußt­
seinsschwelle bestand, welche das >>absolute Wissen« zugänglich
6' Womit eine beliebige und nicht etwa eine spezifisch begabte V. P. gemeint ist.
65 Vgl. Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen, GW 8.
66 Dieser Fall ist wohlbeglaubigt. Siehe den Bericht bei Kant: Träume eines Geister­
sehers, 1 91 2.
S YNC H RONI Z I TÄT ALS EI N P RI NZ I P 63
machte. Der Stockholmer Brand fand gewissermaßen auch in ihm
statt. Für die unbewußte Psyche scheinen Raum und Zeit relativ
zu sein, das heißt, das Wissen befindet sich in einem raumzeitli­
chen Kontinuum, in welchem Raum nicht mehr Raum und Zeit
nicht mehr Zeit ist. Wenn daher das Unbewußte ein gewisses Po­
tential zum Bewußtsein hin entwickelt oder erhält, dann entsteht
die Möglichkeit, daß Parallelereignisse wahrgenommen bezie­
hungsweise >> gewußt<< werden können.
Gegenüber Rhine besteht der große Nachteil meiner astrologi­
schen Statistik darin, daß sozusagen das ganze Experiment nur an
einer V. P. , nämlich mir selber, ausgeführt wird. Ich experimentie­
re nicht mit vielen V. P., sondern ein mannigfaltiges Material
fordert mein Interesse heraus. Ich bin daher in der Lage der V. P.,
die zuerst enthusiastisch ist, sich aber nachträglich durch die Ge­
wöhnung wie im ESP-Experiment abkühlt. Die Resultate ver­
schlechtern sich darum mit der zunehmenden Anzahl der Experi­
mente, welche der paketweisen Exposition des Materials entspre­
chen, das heißt, die Anhäufung größerer Zahlen verwischt das
>> günstige« Anfangsresultat. Ebenso zeigt mein späteres Experi­
ment, daß die Aufhebung der ursprünglichen Anordnung und die
arbiträre Paketeinteilung der Horoskope, wie zu' erwarten, ein an­
deres Bild, das allerdings nicht ganz eindeutig ist, ergeben.
Die Rhinesche Regel dürfte sich daher überall empfehlen (zum
Beispiel in der Medizin), wo es sich nicht um sehr große Zahlen
handelt. Das Interesse und die Erwartung des Forschers könnte
nämlich anfangs von überraschend günstigen Resultaten, trotz al­
ler Vorsichtsmaßnahmen, synchronistisch begleitet sein. Um
»Wunder« handelt es sich nur für den, der den statistischen Cha­
rakter des Naturgesetzes nicht in Betracht zieht.
Wenn, wie es allen Anschein hat, die sinngemäße Koinzidenz
oder >> Querverbindung« von Ereignissen kausal nicht erklärt wer­
den kann, so liegt das Verbindende i n der Gleichsinnigkeit der
Parallelereignisse, das heißt, ihr tertium comparationis ist der Sinn.
Wi r si nd gewohnt, unter >> Sinn« einen psychischen Vorgang oder
Inhalt zu verstehen, von dem wir nicht ohne weiteres annehmen,
daß er auch außerhalb unserer Psyche existieren könnte. Wir glau­
ben wenigstens soviel von der Psyche zu wissen, daß wir ihr keine
Zaubermacht zutrauen dürfen, und noch viel weniger dem Be­
wußtsein. Wenn wir also die Annahme in Betracht ziehen, daß ein
und derselbe (transzendentale) Sinn sich in der menschlichen Psy­
che und zugleich in der Anordnung eines gleichzeitigen äußeren
und unabhängigen Ereignisses ofenbaren könne, so geraten wir
mit unseren hergebrachten naturwissenschaftlichen und erkennt­
nistheoretischen Ansichten in Widerstreit. Man muß sich schon
64 S YNC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
immer wieder an di e bloß statistische Gültigkeit der Naturgesetze
und an die Wirkung der statistischen Methode, welche alle selte­
nen Ereignisse ausmerzt, erinnern, um unserer Hypothese ein Ohr
leihen zu können. Die große Schwierigkeit liegt darin, daß uns alle
wissenschaftlichen Mittel fehlen, einen objektiven Sinn, der kein
bloß psychisches Produkt ist, festzustellen. Wir sind aber zu einer
derartigen Annahme gedrängt, sofern wir es nicht vorziehen, auf
eine magische Kausalität zu regredieren und der Psyche eine deren
empirischen Bereich weit überschreitende Macht zu vindizieren.
In diesem Fall müßte man, um die Kausalität nicht fahren zu las­
sen, annehmen, daß das Unbewußte Swedenborgs den Brand
Stockholms inszeniert, oder umgekehrt, daß das objektive Ereignis
(in allerdings unvorstellbarer Weise) die entsprechenden Bilder in
Swedenborgs Gehirn angeregt hätte. In beiden Fällen aber stoßen
wir,
.
�ie oben auseinandergesetzt, an die unbeantwortbare Frage
der Ubermittlung. Es bleibt natürlich dem subj ektiven Ermessen
vorbehalten, welche Hypothese als sinnreicher empfunden wird.
Bei der Wahl zwischen transzendentalem Sinn und magischer
Kausalität hilft uns auch die Tradition nicht viel, indem einerseits
der Primitive bis zur Gegenwart Synchronizität als magische Kau­
salität erklärt, andererseits der philosophische Geist seit alters eine
geheimnisvolle correspondentia der Naturereignisse, also sinnge­
mäße Verbindung derselben, bis ins 1 8. Jahrhundert angenommen
hat. Ich ziehe letztere Hypothese vor, weil sie nicht, wie erstere,
mit dem empirischen Kausalitätsbegriff in Konflikt gerät, sondern
als ein Prinzip sui generis gelten kann. Das nötigt uns allerdings
zwar nicht zu einer Korrektur der bisherigen Prinzipien der Na­
turerklärung, wohl aber zu einer Vermehrung der Anzahl dersel­
ben, eine Operation, die nur durch schwerwiegende Gründe zu
rechtfertigen ist. I ch glaube aber, daß die im Vorangegangenen
gegebenen Hinweise ein Argument, das gründlich überlegt sein
will, bedeuten. Die Psychologie vor allem kann es sich auf die
Dauer nicht leisten, die vorhandenen Erfahrungen zu übersehen.
Für das Verständnis des Unbewußten sind diese Dinge denn doch
zu wichtig, ganz abgesehen von den weltanschaulichen Konse­
quenzen.
3. Di e Vorläufer der Synchronizitätsidee
Das Kausalprinzip sagt aus, daß die Verbindung von causa und
effectus eine notwendige sei. Das Synchronizitätsprinzip sagt aus,
daß die Glieder einer sinngemäßen Koinzidenz durch Gleichzei­
tigkeit und durch den Sinn verbunden seien. Wenn wir also anneh-
S YNCHRONI Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 65
men, daß die ESP-Experimente sowie die vielen Einzelbeobach­
tungen Tatsachen feststellen, so ergibt sich daraus der Schluß, daß,
neben dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung, es in der
Natur noch einen anderen, in der Anordnung von Ereignissen sich
ausdrückenden Faktor gibt, welcher uns als Sinn erscheint. Sinn ist
eine zugegebenermaßen anthropomorphe Deutung, bildet aber das
unerläßliche Kriterium des Synchronizitätsphänomens. Worin j e­
ner Faktor, der uns als >> Sinn<< erscheint, an sich besteht, entzieht
sich der Erkenntnismöglichkeit. Als Hypothese aber stellt er doch
keine solche Unmöglichkeit dar, wie es einen auf den ersten Blick
dünken möchte. Man muß nämlich in Betracht ziehen, daß unsere
okzidentale Verstandeseinstellung nicht die einzig mögliche oder
die allumfassende ist, sondern sie stellt in gewisser Hinsicht eine
Voreingenommenheit und eine Einseitigkeit dar, welche mögli­
cherweise zu korrigieren wären. Das sehr viel ältere Kulturvolk
der Chinesen hat von j eher in einer gewissen Hinsicht anders ge­
dacht als wir, und wir müssen schon bis auf Heraklit zurückgehen,
wenn wir in unserem Kulturkreis - wenigstens was die Philo­
sophie betrifft - Ähnliches feststellen wollen. Nur auf dem Niveau
der Astrologie, der Alchemie und der mantischen Prozeduren gibt
es zwischen unserer und der chinesischen Einstellung keine prinzi­
piellen Unterschiede. Deshalb verlief auch die Entwicklung der
Alchemie im Westen wie i m Osten auf parallelen Bahnen und zu
demselben Ziel mit zum Teil identischen Begriffsbildungen.67
In der chinesischen Philosophie gibt es seit alters einen zentralen
Begriff, dessen Bezeichnung als Tao die Jesuiten mit »Gott<< über­
setzt haben. Dies ist aber nur im okzidentalen Sinn richtig. Andere
Übersetzungen, wie Providenz und ähnliches, sind bloße Notbe­
helfe. R. Wilhelm hat in genialer Weise Tao als Sinn gedeutet.68
Der Begriff des Tao beherrscht das ganze weltanschauliche Den­
ken Chinas. Diese Bedeutung hat bei uns die Kausalität, aber sie
hat sie erst im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte erreicht, dank
dem nivellierenden Einfluß der statistischen Methode einerseits
und dem beispiellosen Erfolg der Naturwissenschaften anderer­
seits, wobei das metaphysisch begründete Weltbild allerdings in
Verlust geraten ist.
Vom Tao gibt Lao-Tse im berühmten >Tao Te King< folgende
Beschreibung:
67 Vgl. hiezu Psychologie und Alchemie (GW 1 2, § 453) und Der Geist Mercurius
(GW 1 3, § 273); ferner die Lehre vom chen-jen bei Wei Po-Yang in Lu-Ch'iang Wu: An
ancient Chinese treatise on alchemy, 1932, S. 241 und 251 , und bei Dschuang Dsi: Das
wahre Buch vom südlichen Blütenland, 1920.
68
Siehe Wilhelm/jung: Das Geheimnis der goldenen Blüte, GW 1 3, §§ 28-30, und
Wilhelm: Chinesische Lebensweisheit, 1922, Kap. 25 und I I , S. 1 5.
66 S YNC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Es gi bt etwas, das i st unterschiedslos vollendet,
Es geht der Entstehung von Himmel und Erde voran.
Wie stil l ! Wie leer !
Selbständig und unverändert,
Im Kreise wandelnd ungehindert.
Man kann es für die Mutter der Welt halten.
Ich weiß nicht seinen Namen.
Ich bezeichne es als Tao [Wilhelm: »Sinn<< ]
Notdürftig nenn ich es : das Große.
Das Tao »kleidet und nährt alle Wesen und spielt nicht ihren
Herrn<< . Lao-Tse bezeichnet es als Nichts,69 womit er, wie Wilhelm
sagt, nur dessen »Gegensatz zur Welt der Wirklichkeit<< zum Aus­
druck bringt. Lao-Tse schildert dessen Wesen folgendermaßen:
Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
Auf dem Nichts daran beruht des Wagens Wirkung (wörtlich:
Brauchbarkeit).
Man macht Schüsseln und Töpfe zu Gefäßen:
Auf dem Nichts darin beruht des Gefäßes Wirkung.
Man höhlt Türen und Fenster aus an Zimmern,
Auf dem Nichts darin beruht des Zimmers Wirkung.
Darum: das Etwas schafft Wirklichkeit,
Das Nichts schafft Wirkung.
Das >> Nichts<< ist offenbar der >> Sinn<< oder >> Zweck<< und darum
Nichts genannt, weil es an und für sich in der Sinnenwelt nicht
erscheint, sondern nur deren Anordner ist. 70 So sagt Lao-Tse:
Man schaut nach ihm und sieht es nicht, das heißt mit Namen :
das Luftige.
Man horcht nach ihm und hört es nicht, das heißt mit Namen:
das Dünne.
Man greift nach ihm und faßt es nicht, das heißt mit Namen:
das Unkörperliche.
Das heißt die gestaltlose Gestalt,
Das dinglose Bild,
69 Tao ist das Kontingente, von dem A. Speiser sagt, es sei ein •reines Nichts• (Über
die Freiheit, 1950, S. 4).
70 Wilhelm: Chinesische Lebensweisheit, 1922, S. 1 5 : »Man kann das Verhältnis von
Sinn (Tao) und Wirklichkeit auch nicht unter der Kategorie von Ursache und Wirkun
g
erfassen . . . • (Die weiteren Zitate Kap. 14 und 21 , S. 1 6, 17 und 1 8. Hervorhebungen von
mir. )
S YNCHRON I Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P
Das heißt das Neblig-Verschwommene.
Ihm entgegentretend sieht man nicht sein Antlitz,
Ihm folgend sieht man nicht seinen Rücken.
67
»Es handelt sich also<< , so schreibt Wilhelm, >> Um eine Konzeption,
die auf der Grenze der Welt der Erscheinungen liegt. « Die Gegen­
sätze sind in ihr »in der Ununterschiedenheit aufgehoben«, aber
potentiell bereits vorhanden. >> Diese Keime nun«, fährt er fort,
>> deuten auf etwas, das erstens irgendwie der Sichtbarkeit ent­
spricht, etwas Bildartiges . . . , zweitens irgendwie der Hörbarkeit
entspricht, etwas Wortartiges . . . , drittens irgendwie der Ausge­
dehntheit entspricht, etwas Gestaltartiges. Aber dieses Dreifache
ist nicht deutlich geschieden und definierbar, sondern ist eine un­
räumliche (kein oben und unten) und unzeitliehe Einheit (kein
vorn und hinten) . « So sagt der •Tao Te King< :
Der Sinn (Tao) bewirkt die Dinge
Ganz neblig, ganz verschwommen.
So verschwommen, so neblig
Sind in ihm Bilder,
So neblig, so verschwommen
Sind in ihm Dinge!
Die Wirklichkeit, meint Wilhelm, sei begrifflich erkennbar, weil
nach chinesischer Auffassung in den Dingen selber etwas irgend­
wie >> Rationales« stecke.71 Dies ist der Grundgedanke der sinnge­
mäßen Koinzidenz ; sie ist möglich, weil beiden Seiten derselbe
Sinn eignet. Wo der Sinn prävaliert, da ergibt sich Ordnung:
Der Sinn (Tao) als höchster ist namenlose Einfalt.
Wenn Fürsten und Könige ihn so wahren könnten,
So würden alle Dinge sich als Gäste einstellen.
Das Volk würde ohne Befehle von selbst ins Gleichgewicht
kommen.
Er wirkt nicht,
Und doch kommt alles von selbst.
Er ist gelassen
Und weiß doch zu planen.
Das Netz des Himmels ist so groß, so groß,
Weitmaschig und verliert doch nichts.
71 Wilhelm: Chinesische Lebensweisheit, 22, S. 1 9 (Verse: S. 22 und 25).
68 S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Dschuang Dsi (ein Zeitgenosse des Platon) sagt über di e psycholo­
gische Voraussetzung des Tao : >> Der Zustand, wo Ich und Nicht­
Ich keinen Gegensatz mehr bilden, heißt der Angelpunkt des Sinns
(Tao) . «72 Es klingt wie eine Kritik unserer naturwissenschaftlichen
Weltanschauung, wenn er sagt : >> Der Sinn (Tao) wird verdunkelt,
wenn man nur kleine fertige Ausschnitte des Daseins ins Auge
faßt, << 73 oder: >> Die Begrenzungen sind nicht ursprünglich im Sinn
des Daseins begründet. Die festgelegten Bedeutungen sind nicht
ursprünglich den Worten eigentümlich. Die Unterscheidungen
entstammen erst der subj ektiven Betrachtungswei se. «74 Die Mei­
ster des Altertums, sagt Dschuang Dsi an anderer Stelle, nahmen
als Ausgangspunkt >> einen Zustand an, da die Existenz der Dinge
noch nicht begonnen hatte. Damit ist in der Tat der äußerste Punkt
erreicht, über den man nicht hinausgehen kann. Die nächste An­
nahme war, daß es zwar Dinge gab, aber ihre Getrenntheit noch
nicht begonnen hatte. Die nächste Annahme war, daß es zwar in
gewissem Sinn Getrenntheiten gab, aber Bej ahung und Vernei­
nung noch nicht begonnen hatten. Durch die Entfaltung von Beja­
hung und Verneinung verblaßte der Sinn (Tao) . Durch die Ver­
blassung des Sinns verwirklichte sich einseitige Zuneigung. «75
>> Das äußere Hören darf nicht weiter eindringen als bis zum Ohr;
der Verstand darf kein Sonderdasein führen wollen, so wird die
Seele leer und vermag die Welt i n sich aufzunehmen. Und der Sinn
(Tao) ist's, der diese Leere füllt. « Wer Einsicht hat, sagt Dschuang
Dsi, der >> gebraucht sein inneres Auge, sein inneres Ohr, um die
Dinge zu durchdringen und bedarf nicht verstandesmäßigen Er­
kennens. «76 Damit wird offenbar auf das absolute Wissen des Un­
bewußten hingewiesen, das heißt auf das mikrokosmische Vorhan­
densein makrokosmischer Ereignisse.
Diese taoistische Anschauung ist typisch für chinesisches Den­
ken überhaupt. Es ist, wenn irgend möglich, ganzheitlich, wie
auch der hervorragende Kenner der chinesischen Psychologie,
Granet, hervorhebt.77 Man kann diese Eigentümlichkeit auch im
gewöhnlichen Gespräch mit Chinesen beobachten : Eine uns ein­
fach erscheinende, präzise Frage nach einer Einzelheit veranlaßt
den chinesischen Denker zu einer unerwartet umfänglichen Ant-
71 Dschuang Dsi : Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Buch 2, S. 1 4.
7 3 Ebenda, S. 1 3.
7 4 Ebenda, S. 1 7.
7' Ebenda, S. 1 5 f.
76 Ebenda, Buch 4, S. 29.
77 Granet: La Pensee chinoise, 1934. Ebenso Abegg: Ostasien denkt anders, 1949.
Letzteres Werk gibt eine vorzügliche Darstellung der synchronistischen Mentalität Chi­
nas.
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 69
wort, gerade so, wie wenn man von ihm einen Grashalm verlangt
hätte und er als Antwort eine ganze Wiese brächte. Für uns zählen
Einzelheiten an und für sich; dem östlichen Geist ergänzen sie
stets ein Gesamtbild. In diese Ganzheit sind nun, wie schon in der
primitiven oder in unserer (zum Teil noch vorhandenen) mittelal­
terlichen, vorwissenschaftliehen Psychologie, Dinge einbegriffen,
deren Verbindung mit den anderen nur noch als » zufällig<<, das
heißt als Koinzidenz, deren Sinngemäßheit als arbiträr erscheint,
aufgefaßt werden kann. Dazu gehört die mittelalterliche naturphi­
losophische Lehre der correspondentia/8 insbesondere die schon
antike Anschauung der Sympathie aler Dinge (sympatheia ton
holon). Hippakrates sagt : »Ein Zusammenfließen, ein Zusammen­
hauchen (conflatio), alles zusammen empfindend. Alles hinsicht­
lich der Ganzheit, hinsichtlich des Teiles aber die in j edem Teil
(vorhandenen) Teile mit Absicht auf die Wirkung. Das große Prin­
zip reicht bis in den äußersten Teil, aus dem äußersten Teil gelangt
es i n das große Prinzip: eine Natur, das Sein und das Nichtsein. <<79
Das universale Prinzip findet sich aber auch im kleinsten Teil,
welcher daher mit dem Ganzen übereinstimmt.
Ein für unsere Überlegungen interessanter Gedanke findet sich
bei Philo (geboren um 25 v. Chr. und gestorben nach 42 n. Chr. ) :
»Indem Gott Anfang und Ende des Gewordenen unter sich wollte
(so) zusammenstimmen lassen, daß die Dinge durch Notwendig­
keit und Freundschaft verbunden seien, hat er als Anfang den
Himmel, als Ende aber den Menschen gemacht ; ersteren (schuf er)
als das vollkommenste der unvergänglichen wahrnehmbaren Din­
ge, letzteren als bestes der erdgeborenen vergänglichen Wesen, als
einen kleinen Himmel - wenn man die Wahrheit sagen soll -,
welcher in sich die Abbilder der vielen, den Sternen ähnlichen
Naturen trägt . . . Da nun das Vergängliche und das Unvergängli­
che entgegengesetzt ist, so hat er beiden, dem Anfang und dem
Ende, die schönste Gestalt gegeben, dem Anfang, wie gesagt, die
des Himmels, dem Ende die des Menschen. <<80
Hier ist das große Prinzip (arche megale) oder Anfang der Him­
mel, das heißt das Firmament, dem Menschen als dem Mikrokos­
mos eingegeben, indem dieser die Abbilder der Sternnaturen, also
78 Herr Professor W. Pauli macht mich freundliehst auf die Tatsache aufmerksam, daß
Niels Bohr zur Bezeichnung jener Verallgemeinerung, welche zwischen der Vorstellung
des Diskontinuums (Teilchen) und des Kontinuums (Welle) vermittelt, sich des Aus­
drucks »Korrespondenz« bedient, ursprünglich ( 1 91 3-191 8) als » Korrespondenzprin­
zip« und später (1927) als »Korrespondenzargument« formuliert.
79 Hippokrates: De alimento, 1927, S. 79ff.
80
Philo Iudaeus : De opificio mundi, 1 896, S. 28.
70 S Y NCHRONJ ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
al s kleinster Teil und Ende des Schöpfungswerkes wiederum das
Ganze enthält.
Nach Theophrast (371-288 v. Chr. ) ist das Übersinnliche und
das Sinnliche durch ein Band der Gemeinschaft verbunden. Dieses
Band kann nicht die Mathematik, sondern vermutlich nur die
Gottheit sein. 81 Ebenso sind die aus der einen Weltseele stammen­
den Einzelseelen bei Plotin sympathisch oder antipathisch in
wechselseitiger Beziehung, wobei die Entfernung keine Rolle
spielt. 82 Ähnliche Anschauungen kehren bei Pico della Mirandola
wieder: »Est enim primum ea in rebus unitas, qua unumquodque
sibi est unum sibique constat atque cohaeret. Est ea secundo, per
quam altera alteri creatura unitur, et per quam demum omnes
mundi partes unus sunt mundus. Tertia atque omnium principalis­
sima est, qua totum universum cum suo opifice quasi exercitus
cum suo duce est unum. «83 Pico meint mit der dreifachen Einheit
eine einfache, die entsprechend der Trinität einen dreifachen
Aspekt hat ( »unitas est ita ternario distincta, ut ab unitatis simpli­
citate non discedat«) . Die Welt ist sozusagen für ihn ein Wesen, ein
sichtbarer Gott, in welchem natürlich alles von Anbeginn so zu­
sammengeordnet ist, wie es den Teilen eines lebendigen Organis­
mus entspricht. Die Wel t erscheint als das corpus mysticum Got­
tes, wie die Kirche dasjenige Christi ist oder wie ein wohldiszipli­
niertes Heer ein Schwert i n der Hand des Heerführers genannt
werden kann. Die Anordnung aller Dinge auf den Willen Gottes
hin ist eine Anschauung, welche der Kausalität nur einen beschei­
denen Raum gönnt. Wie in einem lebenden Körper verschiedene
Teile gleichzeitig sinngemäß aufeinander Abgestimmtes tun, so
stehen auch die Ereignisse der Welt in sinngemäßer wechselseitiger
Beziehung, die man nicht aus immanenter Kausalität ableiten
kann. Der Grund hiefür ist, daß im einen wie im anderen Fall das
Verhalten der Teile von einer ihnen übergeordneten zentralen Lei­
tung abhängt.
In seinem Traktat > De hominis dignitate< sagt Pico: »Nascenti
homini omnifaria semina, et omnigenae vitae germina indidit pa-
81 Zeller: Die Philosophie der Griechen, 1 859, Bd. 2, 2. Teil, S. 654.
8
2 Ploti n: Enneaden, zitiert nach Drews: Plotin, 1907, S. 1 79.
83 •In erster Linie ist i n den Dingen die Einheit, durch welche jedes mit sich selber eins
ist, aus sich selber besteht und mit sich selber zusammenhängt. Zweitens ist (es) die
(Einheit), durch welche eine Kreatur mit der anderen geeint wird und durch welche
schließlich alle Teile der Welt eine Welt ausmachen. Die dritte und hauptsächlichste ist
die, durch welche das ganze Weltall mit seinem Schöpfer wie ein Heer mit seinem Führer
eins ist.« (Heptaplus, 1 557, Buch 6, S. 40f.) • . . . eine Einheit, in der Weise dreifach
gegliedert, daß sie von der Einfachheit der Einheit nicht abweicht.•
S Y NCHRONI Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 71
ter . . . «84 Wie Gott quasi die copula der Welt darstellt, so auch der
Mensch innerhalb der Schöpfung. >> Faciamus«, sagt Pico, >> homi­
nem ad imaginem nostram, qui non tar quartus est mundus, quasi
nova aliqua creatura, quam trium (mundus supercoelestis, coele­
stis, sublunaris) quos diximus complexus et colligatio. << 85 Der
Mensch ist in Körper und Geist »der kleine Gott der Welt<<, der
Mikrokosmos (»Gott . . . hat den Menschen in die Mitte [der Welt]
gestellt nach seinem Bilde und der Gleichheit der Formen. << ) . So
wie Gott ist daher auch der Mensch ein Zentrum des Geschehens,
und alle Dinge sind auch auf ihn ausgerichtet. 86 Dieser der moder­
nen Auffassung so fremdartige Gedanke beherrschte das Weltbild
bis in unsere Zeit, nämlich bis die Naturwissenschaft die Unterle­
genheit des Menschen unter die Natur und seine äußerste Abhän­
gigkeit von Ursachen dartat. Damit wurde die Idee einer Zuord­
nung und einer Ausrichtung des Geschehens auf den Sinn (der nur
mehr als menschlich gelten konnte) in eine dermaßen entfernte
und verdunkelte Region verbannt, daß sie sich der Vernunft als
unauffindbar erwies. Schopenhauer hat sich sozusagen nachträg­
lich ihrer erinnert, nachdem sie bei Leibniz noch ein Hauptstück
der Welterklärung gebildet hatte.
Vermöge seiner mikrokosmischen Natur ist der Mensch ein
Sohn des Himmels respektive des Makrokosmos. »Ich bin ein
Stern, der mit euch seine Wandelbahn geht<< , lautet ein Bekenntnis
der MithrasliturgieY Der Mikrokosmos ist in der Alchemie
gleichbedeutend mit dem »rotundum<< , ein seit Zosimos von Pano­
polis (3. Jahrhundert) beliebtes Symbol, welches auch als Monas
bezeichnet wurde.
Die Idee, daß der innere und der äußere Mensch zusammen das
Ganze, die Hippokratische ülomelie, nämlich einen Mikrokosmos,
also jenen kleinsten Teil, in welchem der »große Anfang<< (arche
megale) ungeteilt anwesend ist, darstelle, dieser Gedanke kenn­
zeichnet auch die Geistesart des Agrippa von Nettesheim. Er sagt :
»Est Platonicarum omnium unanimis sententia, quemadmodum in
archetypo mundo omnia sunt in omnibus, ita etiam in hoc corpo­
reo mundo, omnia in omnibus esse, modis taren diversis, pro
" •Bei der Geburt hat der Vater allenthalben Samen und Keime vielgestaltigen Lebens
dem Menschen eingesenkt. « (Ebenda, S. 31 5. )
85
Ebenda, Buch 5, Kap. 6, S. 38: •Laßt uns den Menschen zu unserem Bilde machen,
der zwar keine vierte Welt, (also) gleichsam irgendeine neue Kreatur ist, sondern viel­
mehr die Umfassung und Verbindung dreier (Welten, d. h. der überhimmlischen, der
himmlischen und der sublunaren) ist. «
86
Picos Lehre ist ein charakteristisches Beispiel für die mittelalterliche Korrespon­
denzanschauung. Eine gute Darstellung der kosmologischen und astrologischen Ent­
sprechung findet sich bei Alfons Rosenberg: Zeichen am Himmel, 1949.
87 Dieterich: Eine Mithrasliturgie, 1 91 0, S. 9.
72 S YNCH RONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
natura videlicet suscipientium: si e et elementa non solum non sunt
i n istis inferioribus, sed et in coelis, in stellis, in daemonibus, in
angelis, in ipso denique omnium opifice et archetypo. «88 Die Alten
hätten gesagt : >> Ümnia plena diis esse. << (Alles sei von Göttern
erfüllt. ) Diese Götter seien »virtutes divinae i n rebus diffusae«
(göttliche Kräfte in den Dingen verteilt) . Zoroaster habe sie als
»divi nae illices« (göttliche Lockungen) und Synesius als »symboli­
cae illecebrae« (symbolische Köder) bezeichnet.89 Letztere Inter­
pretation kommt dem Begriff der archetypischen Projektionen in
der modernen Psychologie schon recht nahe, obschon von den
Tagen des Synesius bis herauf in die neuere Zeit es keine Erkennt­
niskritik gab, geschweige denn deren neueste Form, nämlich die
psychologische. Agrippa teilt mit den Platonikern die Ansicht, daß
den Di ngen der unteren Welt eine gewisse Kraft (vis) innewohne,
vermöge welcher sie zu einem großen Teil mit denen der oberen
Welt übereinstimmten, und daß daher die Tiere mit den »göttli­
chen Körpern« (das heißt den Himmelskörpern) zusammenhingen
und mit ihren Kräften diese affizierten.9
0
Er zitiert dazu den Ver­
gilschen Vers :
Haud equidem credo, quia sit divinitus illis
Ingenium, aut rerum fato prudentia maior.91
Damit deutet Agrippa auf ein den lebenden Wesen angeborenes
»Wissen« oder »Vorstellen« hin, zu dem in unserer Zeit auch
Driesch92 rekurriert. Man gerät in der Tat nolens volens in diese
Verlegenheit, sobald man ernstlich über die zielgerichteten Vor­
gänge in der Biologie nachdenkt oder die kompensierende Funk­
tion des Unbewußten genauer untersucht oder gar das Synchroni­
zitätsphänomen erklären will. Die sogenannten finalen Ursachen
setzen - man kann es drehen, wie man will - ein Vorauswissen
88
Agrippa von Netteshei m: De occulta philosophia libri tres, 1 533, Buch I , Kap. 8,
S. XII: •Es i st di e einmütige Auffassung aller Platoniker, daß, wi e in der archetypischen
Welt, Alles in Allem ist, so auch in dieser Körperwelt Alles in Allem sei, zwar in
verschiedener Weise, j e nach der Natur der aufnehmenden (Wesen oder Dinge). So sind
auch die Elemente nicht allein in dieser unteren Welt, sondern auch im Himmel, in den
Sternen, in den Dämonen, in den Engeln und schließlich (auch) im Schöpfer und Arche­
typus des All. •
8
9 Agrippa (ebenda, Buch I, Kap. 14, S. XIX) stützt si ch hi er auf die Übersetzung von
Marsilius Ficinus (Auctores Platonici, 1 497). Bei Synesius (Opuscula, III B) heißt es to
thelgomenon von thelgein " reizen, entzücken, bezaubern.
9 Agrippa von Nettesheim: De occulta philosophia, 1 533, Buch I, Kap. 55, S. LXI I I .
Ähnliches bei Paracelsus.
'
91 »Ich wenigstens glaube nicht, daß sie mit einem göttlichen Geiste oder mit einer
Voraussicht der Dinge, größer als das Orakel, begabt seien.•
92 Driesch : Die •Seele• als elementarer Naturfaktor, 1903, S. 80 und 82.
S YNC HRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 73
irgendwelcher Art. Es ist sicherlich keine Kenntnis, die mit dem
Ich verbunden wäre, also kein bewußtes, wie wir es kennen, son­
dern vielmehr ein an sich bestehendes oder vorhandenes >> unbe­
wußteS<< Wissen, das ich als absolutes Wissen bezeichnen möchte.
Es ist darunter keine Erkenntnis zu verstehen, sondern, wie Leib­
niz treffend formuliert, ein Vorstellen, das aus subjektlosen »simu­
larca<< , aus Bildern besteht, oder - vorsichtiger ausgedrückt - zu
bestehen scheint. Diese postulierten Bilder sind vermutlich dassel­
be wie die von mir angenommenen Archetypen, die sich als forma­
le Faktoren bei spontanen Phantasiebildungen nachweisen lassen.
In moderner Sprache ausgedrückt, würde die Idee des Mikrokos­
mos, der »die Bilder aller Kreatur<< enthält, das kollektive Unbe­
wußte darstellen.93 Mit dem »Spiritus mundi<< , dem »Iigamentum
animae et corporis<<, der »essentia quinta<< , 94 die Agrippa mit den
Alchemisten gemeinsam hat, ist wohl das Unbewußte gemeint.
Dieser Geist, der >> alles durchdringt<<, das heißt alles abbildet, ist
nach ihm die Weltseele : »Est itaque anima mundi, vita quaedam
unica omnia replens, omnia perfundens, omnia colligans et con­
nectens, ut unam reddat totius mundi machinam . . . << 95 Die Dinge,
i n denen dieser Geist besonders mächtig ist, haben daher eine
Tendenz, »sich (selber) Ähnliches zu erzeugen<< , 96 das heißt Korre­
spondenzen respektive sinngemäße Koinzidenzen hervorzubrin­
gen.97 Von diesen gibt Agrippa lange Listen, basiert auf den Zahlen
93 V gl. meine Darstellung in Theoretische
Ü
berlegungen zum Wesen des Psychischen,
GW 8.
9' Darüber sagt Agrippa: •Quoddam quintum super illa (elementa) aut praeter illa
subsistens.« (Buch 1, Kap. 14, S. XIX. )
95 •So ist di e Weltseele ei n gewisses einziges Leben, das alles erfüllt, alles durchströmt,
alles zusammenbindet und in Zusammenhang bringt, damit sie Eines mache aus der
Maschine der ganzen Welt . . . « (Buch 2, Kap. 57, S. CCIII . )
96
potentius perfectiusque agunt, tur etiam promptius generant sibi simile.«
(Ebenda.)
97 Der Zoologe A. C. Hardy macht ähnliche Überlegungen: •Perhaps our ideas on
evolution may be altered if something akin to telepathy - unconscious no doubt - were
found to be a factor in moulding the patterns of behaviour among members of a species.
If there was such a nonconscious group-behaviour plan, distributed between, and lin­
king, the individuals of the race, we might find ourselves coming back to something like
those ideas of subconscious racial memory of Samuel Butler, but on a group rather than
an individual basis.« (•Vielleicht würden sich unsere Vorstellungen von der Evolution
verändern, wenn sich etwas der Telepathie Verwandtes - zweifellos Unbewußtes - als
Gestaltungsfaktor für die Verhaltensmuster unter den Individuen einer Spezies entdek­
ken ließe. Wenn es einen solchen nicht bewußten Plan für das Gruppenverhalten gäbe,
zwischen den einzelnen Gliedern einer Rasse wirksam und sie untereinander verbindend,
so ließe sich feststellen, daß wir zu etwas wie den Vorstellungen von einem unbewußten
Rassegedächtnis im Sinne Samuel Butlers - aber eher auf Gruppen - als auf individueller
Basis - zurückkehren würden. «) (The Scientific Evidence for Extra-Sensory Perception,
1949, s. 328.
74 S Y NCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
von Ei ns bi s Zwölf.98 Ei ne ähnliche, mehr alchemistisch orientierte
Korresrondenztabelle findet sich in einem Traktat des Aegidius de
Vadis.9 Von diesen möchte ich nur die »Scala unitatiS<< hervorhe­
ben, weil sie symbolgeschichtlich von besonderem Interesse ist:
>>Jod (der Anfangsbuchstabe des Tetragrammaton, des Gottesna­
mens) - anima mundi - so! - Iapis philosophorum - cor - Luci­
fer<< . 1 00
Ich muß mich mit der Andeutung begnügen, daß es sich
hier um einen Versuch zur Archetypenordnung handelt. Es beste­
hen in dieser Hinsicht empirisch nachweisbare Tendenzen des Un­
bewußten. 1 01
Agrippa war ein älterer Zeitgenosse des Theophrastus Paracelsus
und hat auf letzteren nachweislichen Einfluß ausgeübt.
1 0
2 Es ist
daher nicht erstaunlich, wenn sich das Paracelsische Denken als
von der Korrespondenzidee in j eglicher Hinsicht durchdrungen
erweist. So sagt Paracelsus : >> Einer der da will ein Philosophus sein
I und darinn kein falsch legen I der muß den grund der Philo­
sophey dermaßen setzen I das er Himmel unnd Erden in einen
Microcosmum mache I unnd nicht umb ein härlen fehlschieß. Also
auch einer der da wil auß dem grund der Artzney schreiben I der
muß auch nicht umb ein härlen fehlen I anderst dann das er auß
dem Mi crocosmo den Lauff der Himmel und der Erden mach:
Also das der Philosophus anderst nichts find im Himmel und in
der Erden I anderst dann dz er im Menschen auch findt. Unnd das
der Artzt nichts findt im Menschen I dann was Himmel und Erden
auch haben: Und das diese zwey nichts anders scheiden von einan­
der I dann die gestalt der Form I und dz doch die form zu beiden
seiten in eim ding verstanden wurde I usw. << 1 0
3 Psychologisch auf
den Arzt zugespitzt, heißt es im >Paragranum< : 1
0
4 >> Darumb nit
vier I sondern ein Arcanum, aber vierecket gsetzt I wie ein Thurn
auff die vier Wind: Und als wenig ein Thurn einen Eck mangeln
mag I also wenig mag ein Artzt deren theilen eins gerathen . . . Und
zu gleicher [Zeit] weiß [er] wie (durch) ein Ey in einer Eyerschalen
I die Welt Figuriert wirdt I und ein Hünlin mit allen seinen Fetti­
gen darinn verborgen ligt : Also sollen die ding alle I was die Welt
98 Buch 2, Kap. 4-14.
9 Aegidius de Vadis: Dialogus inter Naturam et filium Philosophiae. I n: Theatrum
chemicum, 1 602, Bd. 2, S. 1 23.
100
Agrippa, Buch 2, Kap. 4, S. 104.
1 01
Vgl. dazu die Untersuchung der Symbolik des >Goldnen Topfes• von E. T. A.
Hoffmann bei Aniela Jaffe: Bilder und Symbole aus E. T. A. Hoffmanns Märchen ·Der
Goldne Topf•, 1950.
102
Vgl. Paracelsus als geistige Erscheinung, GW 13, § 1 48.
1 03
Paracelsus : Das Buch Paragranum, 1903, S. 35f. Ähnliches i n: Labyrinthus medi­
corum (Werke, hrsg. von Sudhoff und Ma!!hiesen, Bd. I I , S. 204 ff. ).
104
Ebenda, S. 34.
S Y NC HRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 75
und d' Mensch begreiHen I im Artzt verborgen Iigen. Und wie die
Hennen die figurierte Welt i n d'Shalen durch ihr brüten verwand­
let i n ein Hünlin: Also durch die Alchimey werden gezeitigt die
Arcana I so Philosophisch im Artzt ligend . . . Hierinn ligt die
irrung I daß der Artzt nicht recht fürgenommen ist worden. << 1 05
Was gerade diese Äußerung für die Alchemie bedeutet, habe ich an
anderen Beispielen in meiner >Psychologie und Alchemie< ausführ­
lich gezeigt.
In ähnlicher Weise dachte auch Johann Kepler. So sagt er in
seinem >Tertius interveniens< : 1 06 Die niedere Welt ist an den Him­
mel gebunden und ihre Kräfte werden von oben regiert »nach
Aristotelis Lehre: Nemlich daß in dieser niedem Welt oder Erden­
kugel stecket ein Geistische Natur, der Geometria fähig, welche
sich ab den Geometrischen und Harmonischen Verbindungen der
himmlischen Liechtstraalen ex instinctu creatoris, sine ratiocina­
tione erquicket, und zum Gebrauch jhrer KräHten selbst auHmun­
dert und antreibt . << »Üb alle Kräutter und Thier diese Facultet so
wol als die Erdekugel in jhnen haben, kan ich nicht sagen. Kein
ungläublich ding ist es nicht . . . es ist überall der instinctus dinvi­
nus, rationis particeps, und gar nicht deß Menschens eygne WitZ. <<
»Daß aber auch der Mensch mit seiner See! und deroselben nideren
KräHten eine solche Verwandtnuß mit dem Himmel habe wie der
Erdtboden, mag in viel wege probiert und erwiesen werden . . . <<
1
0
7
Über den astrologischen »Charakter<< , das heißt die astrologi­
sche Synchronizität, sagt er folgendes : »Dieser Character wirdt
empfangen nicht in den Leib, dann dieser ist viel zu ungeschickt
hierzu, sondern in die Natur der Seelen selbsten, die sich verhält
wie ein Punct, darumb sie auch in den Puncten deß confluxus
radiorum mag transformiert werden, und die da nicht nur deren
Vernunfft theilhaHtig ist, von deren wir Menschen vor andern
lebenden Creaturen vernünHtig genennet werden, sondern sie hat
auch ein andere eyngepflantzte Vernunft, die Geometriam so wo!
in den radiis als in den vocibus, oder in der Musica, ohn langes
erlernen, im ersten Augenblick zu begreiHen. << 1 08 >> Fürs dritte ist
diß auch ein wunderlich Ding, daß die Natur, welche diesen Cha­
racterem empfähet, auch jhre angehörige zu etwas Gleichheiten in
constellationibus coelestibus befürdert. Wann die Mutter großes
Leibs und an der natürlichen Zeit ist, so sucht dann die Natur
105
Ä
hnliche Vorstellungen finden sich auch bei Jacob Böhme: •Der Mensch hat zwar
alle Gestaltnüsse aller drey Welten in ihme liegen I dann er ist ein Bild Gottes oder des
Wesens aller Wesen . . . • (De signatura rerum, 1682, S. 6.)
Je 1 61 0; Opera omnia, Bd. I .
107 Ebenda, S. 605 ff., Thesis 64.
108
Ebenda, Thesis 65.
76 S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
einen Tag und Stund zur Geburt, der sich mit der Mutter jhres
Vattern oder Brudern Geburt Himmels halben (non qualitative,
sed astronomice et quantitative) vergleichet . . . << 1
0
9 ,,zum vierdten,
so weiß ein j ede Natur nicht allein j hren characterem coelestem,
sondern auch jedes Tags himmlische configurationes und Läuffe so
wo! , daß so offt ihr ein Planet de praesenti in j hres characteris
aseendenter oder loca praecipua kömpt, sonderlich in die Natali­
tia sie sich dessen annimbt und dadurch unterschiedlich affectio­
nirt und ermundert wird. << 1 1 0
Kepler vermutet, daß das Geheimnis der wundersamen Entspre­
chung i n der Erde begründet sei, denn diese sei durch eine anima
telluris beseelt, für deren Existenz er eine Reihe von Beweisen
anführt, unter anderem die beständige unterirdische Wärme, die
der Erdseele eigentümliche Erzeugung der Metalle, Mineralien
und Fossilien, die facultas formatrix, die derjenigen des Mutterlei­
bes ähnlich sei und Gestalten hervorbringen könne im Inneren der
Erde, die sonst nur außen vorkämen, nämlich von Schiffen, Fi­
schen, Königen, Päpsten, Mönchen, Soldaten und so weiter, 1 1 1
ferner die Ausübung der Geometrie, denn sie bringe die fünf Kör­
per und die sechseckigen Figuren in Kristallen hervor. Die anima
telluris habe dies alles durch einen urtümlichen Antrieb, und nicht
durch Überlegung und Schlußfolgerung des Menschen. 1 12
Der Sitz der astrologischen Synchronizität sei nicht in den
Planeten, sondern vielmehr in der Erde, 1 1 3 aber nicht in der Mate­
rie, sondern eben in der anima telluris. Jede Art von natürlichen
oder lebendigen Kräften i n den Körpern habe daher eine gewisse
Gottähnlichkeit. 1 1
4
Aus diesem geistigen Hintergrund trat Gottfried Wilhelm Leib­
niz ( 1 646-1 71 6) mit der Idee der »prästabilierten Harmonie<< ,
nämlich eines absoluten Synchronismus der psychischen und der
physischen Ereignisse hervor. Diese Lehre hat im Begriff des »psy­
chophysischen ParallelismuS<< ihren Ausklang gefunden. Auch die
prästabilierte Harmonie und die oben erörterte Idee Schopenhau-
Ebenda, Thesis 67.
1 1 0
Ebenda, Thesis 68.
1 1 1
Siehe dazu die S. 81 berichteten Träume.
1 1 2
. . . formatrix facultas est in visceribus Terrae, quae feminae praegnanris rore
occursantes foris res humanas, veluti eas videret, in fissilibus lapidibus exprimit, ut
militum, monarchorum, pontificum, regum et quicquid in ore hominum est . . . « (Kepler:
Opera omnia, Bd. 5, S. 254; ähnlich Bd. 2, S. 270f. , ebenso Bd. 6, S. 1 78 f. )
I D

_ • _
quod sei. principatus causae in terra sedeat, non in planetis ipsis . . . (Ebenda,
Bd. 2, S. 642. )
1 14
. . . ut omne genus naturalium vel animalium facultatum in corporibus Dei quan­
dam gerat similitudinem. « (Ebenda, Bd. 2, S. 643) Ich verdanke den Hinweis auf Kepler
der freundlichen Kooperation von Frau Dr. L. Frey-Rohn und Frl. Dr. M. -L. v. Franz.
S Y NCHRONI Z I TÄT ALS E I N P R I NZ I P 77
ers von der durch die Einheit der prima causa bewirkten Gleich­
zeitigkeit und Verwandtschaft kausal nicht unmittelbar verbunde­
ner Ereignisse bedeuten im Grund nichts anderes als eine Wieder­
holung der peripatetischen Anschauung, allerdings mit einer mo­
dernen deterministischen Begründung im Falle Schopenhauers
und einer teilweisen Ersetzung der Kausalität durch eine präzedie­
rende Zusammenordnung im Falle von Leibniz. Für ihn ist Gott
der Urheber der Anordnung. So vergleicht er Seele und Körper
mit zwei synchronisierten Uhren
1 1 5
und drückt mit demselben
Gleichnis auch die Beziehung der Monaden oder Enteleebien un­
ter sich aus. Obschon die Monaden nicht gegenseitig aufeinander
einwirken können (relative Aufhebung der Kausalität ! ), da sie
>> keine Fenster« haben,
1 1 6
so sind sie doch so beschaffen, daß sie
1 1 5 Leibni z: Kleinere philosophische Schriften, Zweite Erläuterung des Systems über
den Verkehr zwischen den Substanzen (1 883, S. 68). Auf der gleichen Seite sagt Leibniz:
»Gott hat gleich bei Anbeginn jede von diesen beiden Substanzen (sei. Seele und Körper)
so geschaffen, daß sie, indem sie nur ihren eigenen Gesetzen folgt, die sie gleichzeitig mit
ihrem Dasein empfangen hat, dennoch mit der andern zusammenstimmt, ganz als ob eine
wechselseitige Einwirkung zwischen ihnen bestände oder als ob Gott neben seiner allge­
meinen Mitwirkung auch immer noch im besondern Hand dabei anlegte.• Hier ist auch
anzumerken, worauf mich Herr Prof. Pauli dankenswerterweise aufmerksam macht, daß
Leibniz seine Idee der sychronisierten Uhren möglicherweise von dem flämischen Philo­
sophen Arnold Geulincx ( 1 625-1699) bezogen hat. In der >Metaphysica vera< findet sich
zur octava scientia ( Arnoldi Geulincx Antverpiensis opera philosophica, Bd. 2, S. 194f. )
eine Annotation (S. 296), welche besagt: » . . . quod non amplius horologium voluntatis
nostrae quadret cum horologio motus in corpore• (daß die Uhr unseres Willens mit der
Uhr der Bewegungen innerhalb unseres Körpers nicht weitgehender übereinstimme).
Eine weitere Annotation (S. 297) präzisiert: » Volumas nostra null um habet influxum,
causalitatem, determinationem, aut efficaciam quamcunque in motum . . . cum cogiratio­
nes nostras bene excutimus, nullam apud nos invenimus ideam seu notionem determina­
tionis . . . Restat igitur Deus solus primus motor et solus motor, qui et ita motum ordinat
atque disponit et ita simul volumati nostrae licet libere moderatur, ut eodem temporis
momento conspiret et voluntas nostra ad projiciendum v. g. pedes inter ambulandum, et
simul ipsa illa pedum projectio seu ambulati o. << (Unser Wille ist von keinerlei Einfluß,
Verursachung, Bestimmung oder Auswirkung in bezug auf die Bewegung . . . wenn wir
unsere Gedanken genau untersuchen, so finden wir in uns selbst keinerlei Vorstellung
oder Begriff von Bestimmung . . . Gott allein bleibt daher der erste Beweger und einzige
Beweger, da er auf diese Weise auch die Bewegung festsetzt und ordnet und so mit
unserem Willen frei zur Übereinstimmung bringt, daß zum gleichen Zeitpunkt sowohl
unser Wille, beispielsweise die Füße zum Gehen vorwärtsbewegt als auch gleichzeitig die
Vorwärtsbewegung der Füße beziehungsweise das Gehen wünscht.)
Annot. zur nona sciemia (S. 298) bemerkt: »Mens nostra . . . penitus independens est
ab illo (sei. corpore) omniaque quae de corpore scimus jam praevie quasi et ante
nostram cognitionem esse in corpore. Ut illa quodammodo nos in corpore legamus, non
vero inscribamus, quod Deo proprium est.<< (Unser Geist ist von jenem Körper innerlich
unabhängig, und alles, was wir vom Körper wissen, ist schon im voraus und vor unserer
Erkenntnis im Körper. So daß wir uns damit gleichsam von unserem Körper ablesen
können, jedoch nicht darein einschreiben, denn das steht Gott allein zu.) Diese Anschau·
ung antizipiert in gewissem Sinne das Uhrengleichnis von Leibniz.
1 1 6
Ebenda, Monadologie, § 7, S. 1 5 1 : »Die Monaden haben keine Fenster, durch
78 S YNC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
immer übereinstimmen, ohne voneinander Kunde zu haben. Er
faßt j ede Monade als >> kleine Welt« oder als »tätigen unteilbaren
Spiegel« auf. 1 1 7 Der Mensch ist also nicht nur ein das Ganze in sich
schließender Mikrokosmos, sondern überhaupt jede Entelechie
beziehungsweise Monade ist annähernd ein solcher. Jede »einfache
Substanz<< hat Beziehungen, »die alle übrigen ausdrücken<< . Sie ist
daher »ein beständiger, lebender Spiegel des Universums. << 1 1 8 Er
nennt die Monaden lebender Körper »Seelen<< : »Die Seele folgt
ihren eigenen Gesetzen und ebenso der Körper den seinen, sie
begegnen sich aber vermöge der zwischen allen Substanzen vor­
herbestimmten Harmonie, da sie sämmtlich Darstellungen des
nämlichen Universums sind. << 1 19 Damit ist der Gedanke, daß der
Mensch einen Mikrokosmos darstellt, deutlich ausgesprochen. Die
Seelen sind, wie Leibniz sagt, »im allgemeinen lebende Spiegel
oder Bilder des Universums der geschaffenen Dinge . . . << Er unter­
scheidet sie einerseits von den Geistern, welche »Bilder der Gott­
heit<< und "fähig sind, das System des Universums zu erkennen
und einen Theil davon durch aufbauende Proben nachzuahmen, da
jeder Geist in seinem Bereiche gleichsam eine kleine Gottheit
ist<< ; 1 2
0
andererseits von den Körpern, welch letztere »nach den
Gesetzen der bewirkenden Ursachen oder der Bewegungen<<, wäh­
rend die Seelen »nach den Gesetzen der Zweckursachen durch
Begehrungstriebe, Zwecke und Mittel<< handeln. l2l In der Monade
beziehungsweise der Seele finden Veränderungen statt, deren Ur­
sache der »Begehrungstrieb<< ist. 1 22 »Der dem Wechsel unterworfe­
ne Zustand, der eine Menge in der Einheit oder einfachen Substanz
umschließt und vorstellt, ist nichts anderes als was ich Vortellung
nenne<< , sagt Leibni z. 1 23 Die "Vorstellung<< ist »der innere, die Au­
ßendinge darstellende Zustand der Monade<< , welcher von der be­
wußten Anschauung zu unterscheiden ist. Die Vorstellung näm­
lich ist unbewußt. 124 Hierin hätten die Cartesianer gefehlt, meint
welche etwas ein- oder austreten könnte . . . Daher kann weder eine Substanz noch ein
Accidenz von außen in die Seele eintreten. «
1 1 7 Entgegnung auf die Bemerkungen im •Bayleschen Wörterbuch< (ebenda, S. 1 05).
118
Monadologie, § 56, S. 1 63 : »Diese Verknüpfung oder Anpassung aller erschaffenen
Dinge an jedes einzelne und jedes einzelnen an alle übrigen hat nun aber zur Folge, daß
jede einfache Substanz Beziehungen hat, die alle übrigen ausdrücken, und daß sie folglich
ein beständiger lebendiger Spiegel des Universums i st. •
1
1
9 Monadologie, § 78, S. 1 69.
1 20 Monadologie, § 83, S. 1 70, und Theodicee, B, § 1 47.
1
2
1
Monadologie, § 79, S. 1 69.
1
22
Monadologie, § 1 5, S. 1 53.
" Monadologie, § 1 4, S. 1 52.
1 24 Kleinere philosophische Schriften, Die in der Vernunft begründeten Principien der
Natur und der Gnade, § 4, S. 1 40f.
SYNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 79
er, daß sie die Vorstellungen, die man nicht wahrnimmt, für nichts
rechneten. 1 25 Das Vorstellen der Monade entspricht dem Wissen,
und ihr Begehrungstrieb dem Wilen in Gott. 1 26
Aus diesen Ausführungen wird ersichtlich, daß Leibniz neben
der kausalen Verknüpfung einen durchgehenden prästabilierten
Parallelismus der Ereignisse innerhalb und außerhalb der Monade
annimmt. Das Synchronizitätsprinzip wird damit zur absoluten
Regel in allen Fällen, wo es sich um ein gleichzeitiges äußeres und
inneres Geschehen handelt. Demgegenüber müssen wir aber in
Berücksichtigung ziehen, daß die empirisch feststellbaren syn­
chronistischen Phänomene, weit entfernt davon, eine Regel zu bil­
den, relativ so seltene Ausnahmen darstellen, daß ihr Vorkommen
meistens bezweifelt wird. Sie sind allerdings in Wirklichkeit wohl
viel häufiger, als man denkt und nachweisen kann, aber es ist noch
unbekannt, ob und in welchem Erfahrungsgebiet sie eine derartige
Häufigkeit oder Regelmäßigkeit bilden, daß man von einem ge­
s�tzmäßigen Vorkommen reden könnte. 1 27 Wir wissen bis heute
nur soviel, daß es ein allen derartigen (verwandten) Erscheinungen
zugrunde liegendes Prinzip geben muß, aus welchem sie mög­
licherweise erklärt werden könnten.
Die primitive Auffassung sowohl wie die antike und mittelalter­
liche Naturanschauung setzen das Vorhandensein eines derartigen
Prinzips neben der Kausalität voraus. Noch bei Leibniz ist letztere
weder einzig noch auch nur vorherrschend. Im Laufe des 1 8 . Jahr­
hunderts ist sie dann zum ausschließlichen Prinzip der Naturwis­
senschaft geworden. Mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften
im 1 9. Jahrhundert ist die correspondentia dann allerdings von der
Bildfläche verschwunden, und damit schien die magische Welt frü­
herer Zeiten endgültig untergegangen zu sein, bis dann gegen das
Ende des Jahrhunderts die Gründer der Society for Psychical Re­
search die Frage indirekt durch die Erforschung des sogenannten
telepathischen Phänomens aufs neue aufrollten.
Die oben geschilderte mittelalterliche Denkweise liegt allen den
magischen und mantischen Prozeduren zugrunde, welche seit je­
her eine große Rolle gespielt haben. Einem mittelalterlichen Geiste
käme die Rhinesche Experimentanordnung als magische Hand-
1 25 Monadologie, § 14, S. 1 52. Vgl. dazu die Abhandlung von M.-L. v. Franz: Der
Traum des Descartes, 1952.
126 Monadologie, § 48, S. 1 61 , und Theodicee, B, § 1 49.
127
Ich muß hier allerdings nochmals die Möglichkeit hervorheben, daß das Verhältnis
von Körper und Seele als eine Synchronizitätsbeziehung verstanden werden könnte.
Sollte sich diese bloße Vermutung einmal bestätigen, so müßte meine heutige Ansicht,
daß Synchronizität ein relativ seltenes Phänomen sei, korrigiert werden. Siehe hiezu die
Ausführungen von C. A. Meier: Zeitgemäße Probleme der Traumforschung, 1950, S. 22.
80 S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
l ung vor, deren Effekt aus diesem Grunde auch nicht erstaunlich
wäre. Er wurde als »Übertragung<< gedeutet, was übrigens auch
heute noch allgemein der Fall ist, obschon es, wie gesagt, keinerlei
Möglichkeiten gibt, sich eine empirisch begründbare Vorstellung
von dem übertragenden Medium zu machen.
Ich brauche wohl nicht hervorzuheben, daß für den primitiven
Geist die Synchronizität eine selbstverständliche Voraussetzung
bedeutet, weshalb es auf seiner Stufe auch keine Zufälle gibt. Es
gibt sozusagen keinen Unfall, keine Krankheit, keinen Todesfall,
der zufällig wäre und auf >> natürlichen<< Ursachen beruhen würde.
Alles gründet sich irgendwie auf eine magische Bewirkung. Das
Krokodil, das einen Mann beim Baden erwischt, ist von einem
Zauberer ausgesandt; die Krankheit ist durch den Geist eines
Soundso verursacht; die Schlange, die am Grabe der verstorbenen
Mutter erscheint, ist natürlich deren Seele und so weiter. Selbstver­
ständlich erscheint auf primitiver Stufe die Synchronizität nicht als
ein Begriff ihrer selbst, sondern als >> magische<< Kausalität. Letzte­
re stellt die Frühform unseres klassischen Kausalitätsbegriffes dar,
während die Entwicklung der chinesischen Philosophie aus der
Konnotation des Magischen den >> Begriff<< des Tao, der sinngemä­
ßen Koinzidenz, hervorgebracht hat, nicht aber eine auf Kausalität
beruhende Naturwissenschaft.
Die Synchronizität setzt einen in bezug auf das menschliche
Bewußtsein apriorischen Sinn voraus, der außerhalb des Menschen
vorhanden zu sein scheint. 1 28 Eine derartige Annahme erscheint
vor allem in der Philosophie Platons, welche die Existenz trans­
zendentaler Bilder oder Modelle der empirischen Dinge, die soge­
nannten eide (Gestalten, species), deren Abbilder (eidola) die Din­
ge sind, annimmt. Diese Annahme hat früheren Jahrhunderten
nicht nur keine Schwierigkeit bedeutet, sondern war vielmehr so­
zusagen eine Selbstverständlichkeit. Die Idee eines a priori vorhan­
denen Sinnes dürfte auch in der Vorstellung der älteren Mathema­
tik liegen, wie des Mathematikers Jacobi Paraphrase des Schiller­
sehen Gedichtes >Archimedes und der Jüngling< zeigt. Er preist die
Berechnung der Uranusbahn und schließt mit den Versen:
Was du i m Kosmos erblickst, ist nur der Göttlichen Abglanz,
In der Olympier Schaar thronet die ewige Zahl.
128
In Anbetracht der Möglichkeit, daß die Synchronizität nicht nur eine psychophysi­
sche Erscheinung ist, sondern sich auch ohne Beteiligung der menschlichen Psyche
ereignen könnte, möchte ich hier schon erwähnen, daß in diesem gedachten Fall nicht
mehr von Sinn, sondern vielmehr von Gleichartigkeit oder Konformität gesprochen
werden müßte.
S YNC HRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 81
Dem großen Mathematiker Gauß wird das Wort zugeschrieben:
ho theos arithmetizei (Gott treibt Arithmetik). 129
Die Annahme einer Synchronizität und eines an sich bestehen­
den Sinnes, welche die Grundlage des klassischen chinesischen
Denkens und die naive Voraussetzung des Mittelalters bildet, er­
scheint uns heute als ein Archaismus, der tunliehst zu vermeiden
ist. Der Westen hat zwar diese altertümliche Voraussetzung soviel
wie möglich abgestreift, allerdings nicht ganz. Gewisse mantische
Prozeduren scheinen zwar ausgestorben zu sein; die Astrologie
aber, welche in unserer Zeit eine nie zuvor erreichte Höhe erklom­
men hat, ist geblieben. Auch der Determinismus des naturwissen­
schaftlichen Zeitalters hat es nicht vermocht, die Überzeugungs­
kraft des Synchronizitätsprinzips gänzlich auszulöschen. Es han­
delt sich dabei eben letzten Endes nicht um einen Aberglauben,
sondern um eine gewisse Wahrheit, die nur darum so lange nicht
gesehen worden ist, weil sie weniger mit dem materiellen Aspekt
der Ereignisse als vielmehr mit deren psychischem zu tun hat. Es
sind die moderne Psychologie und Parapsychologie, welche dar­
tun, daß die Kausalität eine gewisse Anordnung der Ereignisse
nicht erklärt und daß als Erklärungsprinzip in diesem Fall ein
formaler Faktor, nämlich die Synchronizität, in Frage kommt.
Für psychologisch Interessierte möchte ich hier erwähnen, daß
die eigenartige Vorstellung eines an sich bestehenden Sinnfaktors
in Träumen angedeutet wird. Als einmal in meinem Kreise dieser
Begriff diskutiert wurde, fiel die Bemerkung : >> Das geometrische
Quadrat kommt i n der Natur nicht vor, ausgenommen in Kristall­
flächen. « Eine bei diesem Gespräch anwesende Dame träumte in
der folgenden Nacht : Im Garten ist eine große Sandgrube, in wel­
cher Ablagerungsschichten zutage treten. Dort entdeckt sie, in ei­
ner Schicht liegend, dünne, schiefrige Platten aus grünem Serpen­
tin. Auf einer derselben sieht sie schwarze, konzentrisch angeord­
nete Quadrate. Die schwarze Farbe ist nicht aufgemalt, sondern
eine im Stein befindliche Verfärbung, ähnlich wie die Zeichnung
eines Achats. Ähnliche Zeichnungen finden sich auf zwei bis drei
anderen Platten, die ein (der Träumerin oberflächlich bekannter)
Herr A. an sich nimmt. 130 Ein anderes Traummotiv derselben Art
129
In einem Briefe aus dem Jahre 1 830 schreibt dann Gauß allerdings: »Wir müssen in
Demuth zugeben daß, wenn die Zahl bloß unsers Geistes Product ist, der Raum auch
außer unserm Geiste eine Realität hat. « (Leopold Kronecker: Über den Zahlbegriff,
1 899, S. 252.) Ebenso faßt Hermann Weyl die Zahl als Verstandesprodukt auf (Wissen­
schaft als symbolische Konstruktion des Menschen, 1949, S. 37S ff. ) . Markus Fierz dage­
gen (Zur physikalischen Erkenntnis, 1949, S. 434 ff.) neigt mehr der Platonischen Idee zu
(vgl. auch Briefe über Synchronizität, S. 99-106 in diesem Band).
130
Nach den Regeln der Traumdeutung entspricht dieser Herr A. dem Animus, wel-
82 S YNC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
i st das folgende : Der Träumer entdeckt in einer wilden felsigen
Gegend anstehende Schichten eines schierigen Triasgesteins. Er
löst die Platten auseinander und entdeckt zu seinem maßlosen Er­
staunen lebensgroße menschliche Köpfe in Flachrelief auf den frei­
gelegten Platten. Dieser Traum hat sich in längeren Abständen
mehrfach wiederhol t. 1 31 In einem anderen Fall findet der Träumer
» auf einer Fahrt durch die sibirische Tundra ein längst gesuchtes
Lebewesen: es ist ein mehr als lebensgroßer Hahn, der aus etwas
wie dünnem, farblosem Glas besteht. Er ist aber lebendig und eben
gerade zufällig aus einem mikroskopischen einzelligen Wesen ent­
standen, welches die Fähigkeit besitzt, plötzlich irgendwelche Tiere
(die in der Tundra gar nicht vorkommen) oder sogar menschliche
Gebrauchsgegenstände von irgendwelcher Größe darzustellen. Im
nächsten Augenblick ist die Zufallsform jeweils spurlos verschwun­
den. « Ein weiterer Traum dieser Art ist der folgende: Der Träu­
mer spaziert in einer waldigen Gebirgsgegend. Er stößt auf eine aus
dem steilen Abhang hervortretende Rippe von löcheriger Nagel­
fluh und findet dort einen kleinen braunen Mann, der die Farbe
des von Eisenoxyd gebräunten Gesteines besitzt. 132 Dieser ist damit
beschäftigt, im Fels eine kleine Höhle auszuhauen, in deren Hin­
tergrund im gewachsenen Gestein ein Pfeilerbündel erscheint. Auf
jedem Pfeiler sitzt oben je ein dunkelbrauner Menschenkopf mit
großen Augen, der äußerst sorgältig aus einem lignitähnlichen,
sehr harten Stein geschnitten ist. Der kleine Mann befreit dieses
Gebilde von dem anliegenden amorhen Konglomerat. Der
Träumer traut zuerst s.einen Augen nicht, muß dann aber kon­
statieren, daß sich dieses Gebilde tatsächlich in den gewachsenen
Fels fortsetzt und daher darin ohne Zutun des Menschen entstan­
den sein muß. Der Träumer macht die Überlegung, daß diese
Nagelfluh mindestens fünfhunderttausend Jahre alt sei und das
Artefakt daher unmöglich von Menschenhänden gemacht sein
könne. 1 33
Diese Träume scheinen das Vorkommen eines formalen Faktors
in der Natur zu schildern. Es handelt sich nicht bloß um einen
lusus naturae, sondern um die sinngemäße Koinzidenz eines abso­
luten Naturproduktes mit einer (davon unabhängigen) menschli-
eher als Personifikation des Unbewußten die Zeichnungen als lusus naturae wieder an
sich nimmt, das heißt, das Bewußtsein hat dafür keine Verwendung bzw. kein Verständ­
nis.
1
3
1
I n der Wiederholung drückt sich eine gewisse Insistenz des Unbewußten aus, den
Trauminhalt schließlich dem Bewußtsein zuzuführen.
1
3
2 Es handelt sich um ein Anthroparion, ein »Erzmännchen«.
1
33
Vgl. dazu die oben erwähnten Keplerschen Ideen.
S Y NCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 83
chen Vorstellung. Dies ist, was die Träume offenkundigerweise
aussagen134 und durch Wiederholung dem Bewußtsein näherbrin­
gen wollen.
4. Zusammenfassung
Ich betrachte diese meine Ausführungen keineswegs als endgülti­
gen Beweis meiner Ansicht, sondern bloß als eine Schlußfolgerung
aus empirischen Prämissen, welche ich hiemit der Überlegung
meiner Leser unterbreiten möchte. Ich vermochte aus dem mir
vorliegenden Tatsachenmaterial keine andere Hypothese abzulei­
ten, die zu dessen Erklärung (inklusive der ESP-Experimente) ge­
nügen würde. Ich bin mir dabei hinlänglich bewußt, daß die Syn­
chronizität eine höchst abstrakte und unanschauliche Größe dar­
stellt. Sie schreibt dem bewegten Körper eine gewisse psychoide
Eigenschaft zu, welche, wie Raum, Zeit und Kausalität, ein Krite­
rium seines Verhaltens bedeutet. Wir müssen dabei auf die Vor­
stellung einer mit einem lebenden Gehirn verbundenen Psyche
völlig verzichten und uns vielmehr des »Sinngemäßen<< bezie­
hungsweise »intelligenten<< Verhaltens der niederen Lebewesen,
die kein Gehirn besitzen, erinnern. Wir befinden uns dort schon in
größerer Nähe des formalen Faktors, der, wie gesagt, mit einer
Gehirntätigkeit nichts zu tun hat.
Man müßte sich hier, wie es scheint, die Frage vorlegen, ob nicht
das Verhältnis der Seele zum Leibe unter diesem Gesichtswinkel
zu betrachten, beziehungsweise ob nicht die Koordination der
psychischen und der physischen Vorgänge i m Lebewesen als ein
synchronistisches Phänomen statt einer kausalen Relation zu ver­
stehen wäre. Geulincx sowohl wie Leibniz betrachten die Koordi­
nation des Psychischen und des Physischen als einen Akt Gottes,
also eines außerhalb der empirischen Natur stehenden Prinzips.
Die Annahme einer Kausalrelation zwischen Psyche und Körper
führt andererseits zu Schlüssen, die sich schlecht mit der Erfah­
rung vertragen: Entweder sind es physische Vorgänge, welche
Psychisches bewirken, oder es ist eine präexistente Psyche, welche
' " Wem diese Aussage unbegreiflich erscheinen sollte, der wird unter Umständen
geneigt sein, auf Grund vorgefaßter Meinungen einen ganz anderen verborgenen Sinn
darin zu wittern. Man kann über alles, so auch über Träume, phantasieren. Ich ziehe es
vor, möglichst nahe bei der Traumaussage zu bleiben und zu versuchen, diese ihrem
offenbaren Sinn entsprechend zu formulieren. Wenn es sich als unmöglich erweisen
sollte, diesen Sinn mit der Bewußtseinslage des Träumers in Verbindung zu bringen, so
bekenne ich, daß ich den Traum nicht verstehe, hüte mich aber, diesen mit allerhand
arbiträren Kunstgriffen zu manipulieren und mit einer vorgefaßten theoretischen Mei­
nung in Einklang zu bringen.
84 S YNC HR ONI Z I TÄT, AKAUS ALI TÄT
den Stoff anordnet. I n ersterem Fall i st nicht abzusehen, wi e che­
mische j emals psychische Vorgänge zu erzeugen und wie in letzte­
rem Falle eine immaterielle Psyche j emals den Stoff in Bewegung
zu setzen vermöchte. Es ist nicht nötig, an eine Leibnizsche »har­
monia praestabilita<< zu denken, die nämlich absolut wäre und sich
i n einer allgemeinen correspondentia und sympathia kundgeben
müßte, etwa ähnlich wie die Schopenhauersche sinngemäße Koin­
zidenz der auf dem gleichen Breitengrad liegenden Zeitpunkte.
Die Synchronizität besitzt Eigenschaften, welche für die Erklä­
rung des Leib-Seele-Problems möglicherweise in Betracht kom­
men. Vor allem ist es die Tatsache der ursachelosen Anordnung
oder, besser, des sinnvollen Angeordnetseins, welche auf den psy­
chophysischen Parallelismus ein Licht werfen könnte. Die Tatsa­
che des >> absoluten WissenS<< , das heißt der durch keine Sinnesor­
gane vermittelten Kenntnis, welche das synchronistische Phäno­
men kennzeichnet, unterstützt die Annahme beziehungsweise
drückt die Existenz eines an sich bestehenden Sinnes aus. Letztere
Seinsform kann nur eine transzendentale sein, da sie sich, wie die
Kenntnis zukünftiger oder räumlich distanter Ereignisse beweist, in
einem psychisch relativen Raum und einer entsprechenden Zeit, das
heißt i n einem unanschaulichen Raum-Zeit-Kontinuum befindet.
Es dürfte sich vielleicht lohnen, von diesem Gesichtspunkt aus
j ene Erfahrungen, welche das Vorhandensein psychischer Vorgän­
ge in einem nach allem Dafürhalten unbewußten Zustand wahr­
scheinlich machen, in nähere Betrachtung zu ziehen. Ich denke
hier zunächst an die merkwürdigen Beobachtungen, die bei tiefen
Synkopen nach akuten Gehirnverletzungen gemacht wurden. Ent­
gegen aller Erwartung hat eine schwere Kopfverletzung nicht im­
mer eine entsprechende Bewußtlosigkeit zur Folge. Dem von au­
ßen Beobachtenden erscheint der Verwundete allerdings als teil­
nahmslos, gelähmt, >> entrückt<< und bewußtlos. Subjektiv aber ist
das Bewußtsein keineswegs erloschen. Die Sinneskommunikation
mit der Außenwelt ist zwar in hohem Maße eingeschränkt, aber
nicht immer völlig aufgehoben, obschon zum Beispiel der Ge­
fechtslärm plötzlich einer ,, feierlichen<< Stille Platz macht. In die­
sem Zustand tritt nun eine sehr deutliche und eindrucksvolle Levi­
tationsempfindung und -halluzination auf, indem der Verwundete
i n derjenigen Stellung, i n der er sich im Momente der Verwundung
befand, sich in die Luft zu erheben vermeint. Ein Stehender erhebt
sich stehend, ein Liegender liegend und ein Sitzender sitzend. Ge­
legentlich scheint sich auch die Umgebung mit zu erheben, zum
Beispiel der ganze Bunker, in welchem sich der Verletzte befindet.
Die Höhe der Erhebung beträgt zwischen einem halben und vielen
Metern. Die Schwereempfindung ist aufgehoben. In wenigen Fäl-
S YNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 85
Jen glauben die Verwundeten mit den Armen Schwimmbewegun­
gen auszuführen. Wenn Wahrnehmung einer Umgebung vorhan­
den ist, so scheint sie meist imaginiert zu sein, das heißt, aus Erin­
nerungsbildern zu bestehen. Die Stimmung während der Levita­
tion ist überwiegend euphorisch. »Gehoben, feierlich, schön, selig,
aufgelockert, glücklich, erwartungsfroh, gespannt<< sind die zur
Kennzeichnung verwandten Ausdrücke. Es sind eine Art »Him­
melfahrtserlebnisse<< . 1 35 Jantz und Beringer heben mit Recht her­
vor, daß die Verwundeten sich von auffal lend leichten Reizen, wie
Anruf bei Namen, Berührung aus der Synkope aufwecken lassen,
während der heftigste Gefechtslärm keine Wirkung hat.
Ähnliches kann bei tiefen Ohnmachten, die auf anderen Ursa­
chen beruhen, beobachtet werden. Ich möchte ein Beispiel aus
meiner eigenen ärztlichen Erfahrung erwähnen: Eine Patientin, an
deren Zuverlässigkeit und Wahrheitsliebe ich keinen Grund zu
zweifeln habe, erzählte mir, daß ihre erste Geburt sehr schwierig
war. Nach dreißigstündiger erfolgloser Wehentätigkeit hielt es der
Arzt für angezeigt, eine Zangengeburt einzuleiten. Diese wurde in
leichter Narkose durchgeführt. Sie war von einem ausgiebigen
Dammriß und großem Blutverlust gefolgt. Als der Arzt, ihre Mut­
ter und ihr Gatte fortgegangen waren und alles aufgeräumt war,
wollte die Pflegerin essen gehen, und die Patientin sah sie noch
unter der Türe, von wo sie fragte: ,, Wünschen Sie noch etwas,
bevor ich zum Nachtessen gehe? << Die Patientin wollte antworten,
konnte aber nicht mehr. Sie hatte die Empfindung, als ob sie durch
das Bett hindurch in eine bodenlose Leere sänke. Sie bemerkte
noch, wie die Pflegerin zu ihrem Bette eilte und ihre Hand ergriff,
um den Puls zu fühlen. Aus der Art, wie sie dabei die Finger hin
und her bewegte, schloß die Patientin, daß offenbar der Puls un­
merkbar geworden war. Da sie sich selber sehr wohlfühlte, amü­
sierte sie der Schrecken der Pflegerin. Sie selber war nicht im ge­
ringsten erschrocken. Das war das letzte, woran sie sich für unbe­
stimmt lange Zeit entsinnen konnte. Das nächste, was ihr nunmehr
zum Bewußtsein kam, war, daß sie, ohne ein Gefühl ihres Körpers
und dessen Lage zu haben, von einem Punkte unmittelbar an der
Zimmerdecke herunterblickte und alles wahrnahm, was unter ihr
im Zimmer vorging: Sie sah sich selber totenblaß mit geschlosse­
nen Augen im Bett liegen. Neben ihr stand die Pflegerin. Im Zim­
mer ging der Arzt aufgeregt hin und her, und es schien ihr, als
hätte er den Kopf verloren und wisse nicht recht, was tun. Ihre
Angehörigen kamen an die Türe. Ihre Mutter und ihr Gatte kamen
135 Jantz/Beringer: Das Syndrom des Schwebeerlebnisses unmittelbar nach Kopfver­
letzungen, 1944, S. 202.
86 S YNCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
herein und schauten si e erschreckt an. Di e Patientin dachte, es sei
doch zu dumm, daß sie meinten, sie sterbe. Sie würde ja wieder zu
sich kommen. Dabei wußte sie, daß sich hinter ihr eine prachtvol­
le, in den lebhaftesten Farben leuchtende, parkähnliche Landschaft
befand, und insbesondere eine smaragdgrüne Wiese mit kurzem
Gras, welche sich an einem Hang hinaufzog und zu der im Vor­
dergrund ein Gattertor, durch das man in den Park eintreten
konnte, führte. Es war Frühling, und kleine bunte Blumen, wie sie
solche zuvor nie gesehen hatte, waren im Grase eingebettet. Die
Gegend lag i n strahlendem Sonnenschein, und alle Farben waren
von unbeschreiblichem Glanz. Der Abhang war auf beiden Seiten
flankiert von dunkelgrünen Bäumen. Die Wiese machte ihr den
Eindruck einer Lichtung im Urwald, von keines Menschen Fuß je
betreten. >> Ich wußte, daß hier der Eingang zu einer anderen Welt
war, und daß, wenn ich mich umdrehen sollte, um das Bild direkt
anzuschauen, ich mich versucht fühlen würde, durch das Tor hin­
ein- und damit aus dem Leben hinauszugehen. << Sie sah diese
Landschaft nicht wirklich, da sie ihr den Rücken kehrte, aber sie
wußte um sie. Sie fühlte, daß nichts sie hindern würde, durch das
Tor hineinzugehen. Sie wußte nur, daß sie wieder zu ihrem Körper
zurückkehren und nicht sterben werde. Deshalb fand sie die Auf­
regung des Arztes und die Besorgnis ihrer Angehörigen dumm
und überflüssig.
Das nächste, was nun geschah, war, daß sie im Bette aus ihrer
Ohnmacht erwachte und ihre Pflegerin, die sich über sie beugte,
erblickte. Sie erfuhr jetzt, daß sie ungefähr eine halbe Stunde lang
bewußtlos gewesen sei. Anderntags, etwa fünfzehn Stunden spä­
ter, als sie sich kräftiger fühlte, machte sie zur Pflegerin eine kriti­
sche Bemerkung über das ihr als inkompetent und »hysterisch<<
erscheinende Benehmen des Arztes während ihrer Ohnmacht. Die
Pfleg�rin aber wies diese Kritik energisch zurück i n der begründe­
ten Uberzeugung, daß die Patientin j a völlig bewußtlos gewesen
sei und darum nichts von der Szene wahrgenommen haben könne.
Erst als diese ihr die Vorgänge, die sich während der Ohnmacht
abgespielt hatten, mit allen Einzelheiten beschrieb, mußte sie zu­
geben, daß die Patientin die Ereignisse so wahrgenommen hatte,
wie sie i n Wirklichkeit stattgefunden hatten.
Man könnte in diesem Fall vermuten, daß es sich um einen
psychogenen Dämmerzustand, in welchem noch eine abgespaltene
Bewußtseinshälfte bestand, gehandelt habe. Die Patientin war aber
nie hysterisch, sondern hatte einen genuinen Herzkollaps mit einer
auf Gehi rnanämie beruhenden Synkope erlitten, wofür alle äuße­
ren und offenbar alarmierenden Anzeichen sprachen. Sie war
wirklich ohnmächtig und hätte dementsprechend psychisch völlig
S YNC HR ONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 87
ausgelöscht und keineswegs klarer Beobachtung und zugleich ei­
nes Urteils fähig sein sollen. Merkwürdigerweise war es auch nicht
ein unmittelbares Innewerden der Situation durch indirekte, das
heißt unbewußte Beobachtung, sondern sie sah die Gesamtsitua­
tion von oben, wie wenn ihre »Augen an der Zimmerdecke gewe­
sen wären<< , wie sie bezeichnenderweise sagte.
Es ist in der Tat nicht leicht zu erklären, wieso in einem Zustand
schweren Kollapses erinnerungsfähige, ungemein intensive psychi­
sche Vorgänge stattfinden, und wieso bei geschlossenen Augen
wirkliche Vorgänge mit konkreten Einzelheiten beobachtet wer­
den können. Man sollte doch nach aller Voraussetzung erwarten,
daß eine so deutliche Gehirnanämie gerade das Zustandekommen
hochkomplexer psychischer Vorgänge erheblich beeinträchtigen,
beziehungsweise verhindern würde.
Einen sehr ähnlichen Fall, in welchem aber die ESP sehr viel
weiter ging, präsentierte Sir Auckland Geddes der Royal Medical
Society (27. Februar 1 927). Dieser Patient beobachtete während
eines Kollapszustandes die Abspaltung eines integralen Bewußt­
seins von einem körperlichen Bewußtsein, welches sich allmählich
in seine (Organ-) Komponenten auflöste. Ersteres hatte verifizier­
bare ESP.
136
Solche Erfahrungen scheinen darauf hinzuweisen, daß in Ohn­
machtszuständen, wo nach allem menschlichen Dafürhalten j ede
Garantie dafür besteht, daß die Bewußtseinstätigkeit und vor allem
die Sinneswahrnehmungen aufgehoben sind, gegen alle Erwartung
dennoch Bewußtsein, reproduzierbare Vorstellungen, Urteilsakte
und Wahrnehmungen bestehen können. Das dabei vorhandene
Levitationsgefühl, beziehungsweise die Veränderung des Beobach­
tungswinkels, und die Auslöschung des Gehörs und der koenäs­
thetischen Wahrnehmungen weisen in die Richtung einer Verän­
derung der Bewußtseinslokalisation, einer Art von Abtrennung
vom Körper, beziehungsweise von der Hirnrinde oder vom Zere­
brum, wo man den Sitz des Bewußtseinsphänomens vermutet.
Wenn diese Überlegung zu Recht besteht, so muß man sich fragen,
ob in uns noch ein anderes nervöses Substrat als das Zerebrum
denken und wahrnehmen kann, oder ob es sich bei diesen während
der Bewußtlosigkeit stattfindenden psychischen Vorgängen um
synchronistische Phänomene, das heißt um Ereignisse handelt,
welche in keiner kausalen Verbindung mit organischen Prozessen
stehen. Letztere Möglichkeit ist darum nicht ohne weiteres von
der Hand zu weisen, als es ESP, das heißt von Zeit und Raum
136
V
g
l. den Bericht bei Tyrrell : The Personality of Man, 1946, S. 197f. Auf S. 199 f.
befindet sich ein weiterer Fall dieser Art.
88
S Y NC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
unabhängige Wahrnehmungen gibt, welche nicht durch biologi­
sche Substratvorgänge erklärt werden können. Wo Sinneswahr­
nehmungen an sich unmöglich sind, kann es sich um gar nichts
anderes handeln als um Synchronizität. Wo aber räumliche und
zeitliche Bedingungen, welche an sich Perzeption und Apperzep­
tion ermöglichen würden, vorhanden sind und nur die Bewußt­
seinstätigkeit, also vermutlich nur die Rindenfunktion, ausgelöscht
ist, und wo, wie dies bei unserem Beispiel der Fall ist, trotzdem ein
Bewußtseinsphänomen, das heißt Wahrnehmung und Urteil, statt­
findet, da könnte möglicherweise dafür ein nervöses Substrat in
Frage kommen. Es ist allerdings beinahe axiomatisch, daß Be­
wußtseinsvorgänge an das Großhirn gebunden seien, und daß alle
niederen Zentren nur Reflexverbindungen, die an sich unbewußt
sind, beherbergen. Vollends gilt dieses Axiom für den Bereich des
Sympathikus. Man hält daher die Insekten, die überhaupt kein
zerebrospinales Nervensystem, sondern nur das Strickleitersystem
besitzen, für Reflexautomaten.
Diese Ansicht ist nun allerdings durch die Bienenforschungen,
die Karl von Frisch in Graz unternommen hat, einigermaßen ins
Wanken geraten. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die Bienen
ihren Stammgenossen durch einen eigenartigen Tanz nicht nur
mitteilen, daß sie eine Futterstelle gefunden haben, sondern auch,
in welcher Richtung und Distanz. Durch diese Mitteilung werden
die Neulinge in den Stand gesetzt, die Futterstelle direkt anzuflie­
gen. 137 Diese Mitteilung läßt sich im Prinzip von einer Information
unter Menschen nicht unterscheiden. Wir würden letzteren Fall
zweifellos als ein bewußtes und intendiertes Handeln auffassen
und könnten uns kaum vorstellen, wie zum Beispiel ein Angeklag­
ter oder dessen Verteidiger einem Gerichtshof beweisen könnte,
daß eine derartige Handlung unbewußt erfolgt sei. Man könnte
zur Not, unter Berufung auf psychiatrische Erfahrungen, noch
zugeben, daß die Mitteilung einer sachlichen Information auch
ausnahmsweise einmal in einem Dämmerzustand erfolgt, würde es
aber ausdrücklich ablehnen, Mitteilungen dieser Art für normaler­
weise unbewußt zu halten. Trotzdem wäre die Annahme möglich,
daß der geschilderte Vorgang bei den Bienen unbewußt sei. Damit
ist aber für die Lösung der Frage nichts gewonnen, denn nach wie
vor sind wir mit der Tatsache konfrontiert, daß das Strickleitersy­
stem im Prinzip anscheinend dasselbe leistet wie unsere Großhirn­
ri nde. Man kann übrigens auch nicht beweisen, daß die Bienen
unbewußt sind.
\ Jl Frisch: Aus dem Leben der Bienen, 1948, S. 1 1 1 ff.
S YNC HRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 89
Damit ist man zum Schlusse gedrängt, daß ein vom Zerebrospi­
nalsystem in puncto Herkunft und Funktion so verschiedenes ner­
vöses Substrat wie der Sympathikus offenbar ebensogut Gedanken
und Wahrnehmungen erzeugen kann wie ersteres. Was soll man
nun vom Sympathikus bei Vertebraten halten? Kann auch er spezi­
fisch psychische Vorgänge erzeugen oder vermittel n? Die Beob­
achtungen von Frischs beweisen das Vorhandensein transzerebra­
len Denkens und Wahrnehmens. Man muß diese Möglichkeit
wohl i m Auge behalten, wenn man die Existenz einer Bewußtheit
innerhalb der Bewußtlosigkeit einer Ohnmacht erklären will. Der
Sympathikus ist nämlich während einer Ohnmacht nicht gelähmt
und könnte daher möglicherweise als Träger psychischer Funk­
tionen in Betracht kommen. Sollte dem so sein, so müßte man
wohl auch die Frage aufwerfen, ob die normale Bewußtlosigkeit
des Schlafes, welche bewußtseinsfähige Träume enthält, nicht in
ähnlicher Weise betrachtet werden könnte? Das heißt, ob nicht,
mit anderen Worten, Träume weniger aus der schlafenden Rin­
dentätigkeit als vielmehr aus dem vom Schlaf nicht betroffenen
Sympathikus hervorgehen, mithin also transzerebraler Natur
wären?
Außerhalb des noch völlig undurchsichtigen psychophysischen
Parallelismus stellt das synchronistische Phänomen keine durch­
gängige und leicht zu beweisende Regelmäßigkeit dar. Man emp­
findet darum ebensosehr die Disharmonie der Dinge, wie man von
deren gelegentlicher Harmonie überrascht ist. Im Gegensatz zur
Idee einer prästabilierten Harmonie beansprucht der synchronisti­
sche Faktor bloß die Existenz eines für die erkennende Tätigkeit
unseres Verstandes notwendigen Prinzips, das sich der anerkann­
ten Triade Raum, Zeit und Kausalität als Viertes anschließen wür­
de. Wie erstere zwar notwendig, aber durchaus nicht absolut sind
- unräumlich sind die meisten psychischen Inhalte; Zeit und Kau­
salität sind psychisch relativ -, so erweist sich auch der synchroni­
stische Faktor als nur bedingt gültig. Ungleich aber der Kausalität,
welche das Bild der makrophysischen Welt sozusagen unum­
schränkt beherrscht und ihre universale Herrschaft erst bei gewis­
sen niederen Größenordnungen erschüttert findet, erweist sich die
Synchronizität als ein Phänomen, welches hauptsächlich mit psy­
chischen Bedingungen, nämlich mit Vorgängen im Unbewußten,
zusammenzuhängen scheint. Mit relativer Regelmäßigkeit und
Häufigkeit ergeben sich - experimentell - synchronistische Phäno­
mene bei den intuitiven, >> magischen<< Prozeduren, wo sie zwar
subjektiv überzeugend, aber obj ektiv kaum oder recht schwer zu
beweisen und statistisch nicht erfaßbar sind (wenigstens vorder­
hand nicht).
90 S YNC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Auf organischer Stufe könnte vielleicht di e biologische Mor­
phogenese unter dem Gesichtswinkel des synchronistischen
Faktors betrachtet werden. Prof. A. -M. Dalcq (Brüssel) faßt
die Form trotz ihrer Bindung an die Materie als eine der le­
benden Materie >> übergeordnete Kontinuität<< auf. 138 Zu den
ursachenlosen Ereignissen, zu denen, wie wir sahen, auch die
synchronistischen gehören, rechnet Sir James Jeans auch den
RadiumzerfalL Er sagt : »Radioaktiver Zerfall stellte sich als ei­
ne Wirkung ohne Ursache dar und legte den Gedanken nahe,
daß di e letzten Gesetze der Natur nicht einmal kausal sei­
en. « 1 39 Diese höchst paradoxe Formulierung, welche der Feder
eines Physikers entstammt, ist charakteristisch für die Verle­
genheit, welche der Radiumzerfall dem Verständnis bedeutet.
Letzterer, beziehungsweise das Phänomen der Halbwertszeit,
erscheint i n der Tat als ein ursacheloses Angeordnetsein, unter
welchen Begriff auch die Synchronizität fällt, worauf ich un­
ten noch zurückkommen werde.
Es handelt sich bei der Synchronizität nicht um eine philo­
sophische Ansicht, sondern um einen empirischen Begriff, der ein
der Erkenntnis notwendiges Prinzip postuliert. Das ist weder Ma­
terialismus noch Metaphysik. Kein ernsthafter Naturforscher wird
behaupten, daß das Wesen des durch Beobachtung feststellbaren
Seienden oder die Natur des Beobachtenden, nämlich der Psyche,
ein Bekanntes und Erkanntes wären. Wenn die neuesten Schluß­
folgerungen der Naturwissenschaft sich einem einheitlichen Be­
griffe des Seins, dem die Aspekte von Raum und Zeit einerseits
und von Kausalität und Synchronizität andererseits eignen, nä­
hern, so hat das mit Materialismus gar nichts zu tun. Vielmehr
scheint sich hier die Möglichkeit zu zeigen, die lnkommensurabili­
tät zwischen Beobachtetem und Beobachtendem zu eliminieren.
Sollte dies der Fall sein, so würde sich daraus eine Einheit des Seins
ergeben, die durch eine neue Begriffssprache ausgedrückt werden
müßte, nämlich durch eine »neutrale Sprache«, wie dies Wolfgang
Paul i einmal trefflich formulierte.
Raum, Zeit und Kausalität, diese Triade des klassischen physika­
lischen Weltbildes, würden durch den Synchronizitätsfaktor zu
einer Tetras ergänzt, nämlich zu einem ein Ganzheitsurteil ermög­
lichenden Quaternio:
138
Dalcq : La Morphogenese dans le cadre de Ia biologie generale, 1949. Vgl. dazu die
oben erwähnte ähnliche Überlegung des Zoologen A. C. Hardy.
"9 Jeans: Physik und Philosophie, 1944, S. 1 88 und 220.
S Y NCHRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 91
Hiebei verhält si ch di e Synchronizität zu den drei anderen Prin­
zipien wie die Eindimensionalität140 der Zeit zur Dreidimensiona­
lität des Raumes oder wie das widerstrebende Vierte im >Timaios<,
das sich der Mischung der drei nur »mit Gewalt<<, wie Platon
sagt, 141 beifügen läßt. Wie die Einführung der Zeit als vierte Di­
mension in der modernen Physik das Postulat eines unanschauli­
chen Raum-Zeit-Kontinuums bedingt, so erzeugt die Synchronizi­
tät mit der ihr anhaftenden charakteristischen Sinnqualität ein
Weltbild von einer zunächst beinahe verwirrenden Unanschau­
lichkeit. 1 42 Der Vorteil dieser Ergänzung aber ist die Ermögli­
chung einer Auffassung, welche den psychoiden Faktor, nämlich
einen apriorischen Sinn (beziehungsweise eine » Gleichartigkeit<< )
mi t in die Beschreibung und Erkenntnis der Natur einbezieht.
Damit wiederholt und löst sich zugleich ein Problem, das seit
anderthalb Jahrtausenden die Spekulationen der alchemistischen
Naturphilosophie wie ein roter Faden durchzieht, nämlich das
sogenannte Axiom der Maria, der Jüdin (oder Koptin): ek tü tritü
to he tetarton (aus dem Dritten folgt das Eine als Viertes ) . 1 43 Auch
diese obskure Observation bestätigt, was ich oben sagte, daß man
nämlich prinzipiell neue Gesichtspunkte in der Regel nicht in
schon bekanntem Gebiet, sondern an abgelegenen, vermiedenen
oder sogar verrufenen Orten entdeckt. Der alte Traum der Alche­
misten, die Transmutation der chemischen Elemente, diese vielver­
lachte Idee, hat sich in unserer Zeit verwirklicht, und ihre Symbo­
lik, die nicht minder ein Gegenstand des Spottes war, ist zu einer
wahren Fundgrube für die Psychologie des Unbewußten gewor­
den. Ihr Dilemma zwischen Drei und Vier, das schon mit der
Rahmenerzählung des ,Timaios< anhebt und bis zur Kabirenszene
14
0
Ich sehe von der Diracschen Mehrdimensionalität der Zeit ab.
141
Vgl. dazu meinen Aufsatz >Versuch einer psychologischen Deutung des Trinitäts­
dogmas<, GW I I .
14
2 Sir James Jeans (Physik und Philosophie, 1944, S. 3 1 3) meint, es könnte sein, ·daß
die Ursprünge der Ereignisse in dieser Unterschicht (d. h. Jenseits von Raum und Zeit)
auch unsere eigene Geistestätigkeit umfassen, so daß der künftige Ablauf der Ereignisse
zu einem Teil von dieser Geistestätigkeit abhinge«. Der Kausalismus in dieser Überle­
gung scheint mir allerdings nicht haltbar zu sein.
14
3 Vgl. dazu Psychologie und Alchemie, GW 1 2.
92 SYNC HR ONI Z I TÄT, AKAUS ALI TÄT
in >Faust<, Zweiter Teil, reicht, i st von einem Alchemisten des
1 6. Jahrhunderts, Gerardus Dorneus, als die Entscheidung zwi­
schen der christlichen Trinität und dem >> Serpens quadricornutus«
(der vierhörnigen Schlange), das heißt dem Teufel, erkannt wor­
den. Wie in Vorahnung kommender Dinge verwahrt er sich gegen
die heidnische Quaternität, die doch sonst den Alchemisten so
sehr am Herzen liegt, denn sie ist aus dem binarius (der Zweizahl),
also aus dem Stofflichen, Weiblichen und Teuflischen, entstan­
den. 1 44 Marie-Louise von Franz hat dieses Hervortreten des trini­
tarischen Gedankens in der Parabel des Bernardus Trevisanus, so­
dann in Khunraths >Amphitheatrum<, bei Michael Maier und dem
Anonymus des >Aquarium Sapientum< nachgewiesen. 1 45 Wolfgang
Paul i weist auf die Polemik zwischen Johannes Kepler und Robert
Fludd hin, in welcher die Korrespondenzlehre des letzteren zu Fall
kam und der Dreiprinzipienlehre des ersteren das Feld räumen
mußte. 1 4
6
Der Entscheidung zugunsten der Dreiheit, die in gewis­
sem Widerspruch zur alchemistischen Tradition steht, folgte ein
naturwissenschaftliches Zeitalter, welches die correspondentia
nicht mehr kannte, sondern mit Ausschließlichkeit einem triadi­
schen Weltbild, welches den Typus der Trinität fortsetzte, anhing,
nämlich der Welt, die mittels Raum, Zeit und Kausalität beschrie­
ben und erklärt wurde.
Die durch die Entdeckung der Radioaktivität veranlaßte Revolu­
tion der Physik hat die klassischen Anschauungen erheblich modi­
fiziert. Die Veränderung ist dermaßen beträchtlich, daß wir das
klassische Schema, auf das ich mich oben berufen habe, einer Revi­
sion unterziehen müssen. Da ich dank dem liebenswürdigen Inter­
esse, das Herr Prof. W. Pauli meiner Untersuchung entgegenge­
bracht hat, in der vorteilhaften Lage war, mit einem berufenen
Physiker, der zugleich auch meine psychologischen Argumente zu
würdigen verstand, diese Prinzipienfrage diskutieren zu können,
bi n ich in den Stand gesetzt, einen die moderne Physik mit einbe­
ziehenden Vorschlag zu machen. Pauli regte an, die Gegenüber­
stellung von Zeit und Raum im klassischen Schema durch Ener­
gie(erhaltung)-Raum-Zeit-Kontinuum zu ersetzen. Dieser Vor­
schlag hat mich veranlaßt, das Paar Kausalität-Synchronizität nä­
her zu umschreiben, um eine gewisse Verbindung zwischen den
beiden heterogenen Begriffen herzustellen. Wir haben uns dem­
entsprechend auf folgenden Quaternio geeinigt :
Dorn: De tenebris contra naturam, 1 602, S. 5 1 8 ff.
1 45 M. - L. v. Franz: Di e Parabel von der Fontina des Grafen von Tarvis (Manuskript).
1 46
Siehe Paulis Beitrag i n Jung/Pauli: Naturerklärung und Psyche, Zürich 1952.
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P
Unzerstörbare Energie
Konstanter Zusammenhang hang durch Kontingenz
durch Wirkung (Kausalität) bzw. Gleichartigkeit
93
+ Inkonstanter Zusammen-
oder »Sinn« (Synchronizität)
Raum-Zeit-Kontinuum
Dieses Schema befriedigt einerseits die Postulate der modernen
Physik, andererseits die der Psychologie. Der psychologische Ge­
sichtspunkt ist erklärungsbedürftig. Eine kausalistische Erklärung
der Synchronizität erscheint als ausgeschlossen, wie oben erläu­
tert. Sie besteht wesentlich aus »zufälligen<< Gleichartigkeiten. Ihr
tertium comparationis beruht auf psychoiden Gegebenheiten, die
ich als Archetypen bezeichne. Letztere sind undeutlich, das heißt
nur annähernd erkenn- und bestimmbar. Sie sind zwar den kausa­
len Vorgängen beigesellt, beziehungsweise von diesen >> getragen<< ,
begehen aber eine Art von Rahmenüberschreitungen, die ich als
Transgressivität bezeichnen möchte, indem sie nicht eindeutig und
ausschließlich nur im psychischen Bereich festgestellt werden, son­
der ebensosehr auch in nicht psychischen Umständen erscheinen
können. (Gleichartigkeit eines äußeren physischen Vorganges mit
einem psychischen. ) Die archetypischen Gleichartigkeiten verhal­
ten sich zur kausalen Determination kontingent, das heißt, es be­
stehen zwischen ihnen und den Kausalvorgängen keine gesetzmä­
ßigen Beziehungen. Sie scheinen also demnach einen Sonderfall
jener Gesetzlosigkeit und Zufälligkeit oder jenes >> gesetzlosen Zu­
standes<<, der »völlig gesetzmäßig durch die Zeit hindurchgetragen
wird<<, wie Andreas Speiser sagt, 147 darzustellen. Es handelt sich
dabei um jenen Anfangszustand, der >> durch das mechanische Ge­
setz nicht bestimmt<< ist. Er ist die zufällige Voraussetzung oder
das Substrat, auf das sich das Gesetz bezieht. Rechnen wir die
Synchronizität, beziehungsweise die Archetypen, zu dem Kontin­
genten, so gewinnt letzteres den spezifischen Aspekt eines Modus,
der funktionell die Bedeutung eines weltgestaltenden Faktors hat.
Der Archetypus stellt die psychische Wahrscheinlichkeit dar, indem
er durchschnittliches, instinktmäßiges Geschehen in einer Art von
Typen abbildet. Er ist der psychische Sonderfall der allgemeinen
Wahrscheinlichkeit, die »aus Gesetzen des Zufalls besteht und Re­
geln für die Natur genau wie die Mechanik bildet<< . 1 48 Man muß
zwar Speiser zugeben, daß, im Reiche des reinen Intellektes wenig-
14
7 Speiser: Über die Freiheit, 1950, S. 4f.
1
48
Eben da, S. 5 f.
94 S YNC HR ONI Z I TÄT, AKAUS ALI TÄT
stens, das Kont ingente »ei n forml oser Stoff« sei , für di e psychi sche
I ntrospekti on aber enthüll t es sich, sowei t es si ch durch i nnere
Wahrnehmung erfassen l äßt, als Bil d oder besser Typus, welcher
ni cht nur den psychi schen, sondern merkwürdi gerweise auch den
psychophysi schen Glei charti gkeiten zugrunde l i egt.
Es ist schwer, si ch der kausal i sti schen Färbung der Begriffsspra­
che zu ent l edi gen. So entspri cht das "zugrundel i egen« trotz sei ner
kausal i sti schen Worthül l e kei nem ursächl i chen Tatbestand, son­
dern einem bloßen Vorhanden- oder Sosein, das hei ßt ei ner ni cht
weiter reduzi erbaren Kont i ngenz. Die s i nngemäße Koi nzi denz
oder di e G I ei charti gkei t ei nes psychi schen und ei nes physi schen
Zustandes, die in keinem gegensei ti gen Kausal verhäl tni s zuei nan­
der stehen, bedeutet, al l gemei n gefaßt, ei ne akausal e Modal ität, ei n
ursacheloses Angeordnetsei n. Di e Frage erhebt si ch nun, ob unse­
re Defi ni ti on der Synchroni zi tät, wel che si ch auf di e Gleichartig­
keit psychi scher und physi scher Vorgänge bezi eht, nicht einer Er­
weiterung fähi g wäre, bezi ehungswei se eine solche erfordern wür­
de. Di ese Forderung schei nt si ch aufzudrängen, wenn wi r unsere
obi ge al l gemei nere Fassung der Synchroni zi tät al s ein »ursachelo­
ses Angeordnetsei n<< in Betracht zi ehen. Unter diesen Begriff fal­
l en näml i ch schl echthi n al l e »Schöpfungsakte« , respektive Apri ori ­
Gegebenhei ten, wi e zum Bei spi el di e Ei genschaften ganzer Zahlen,
di e Di skonti nui täten der modernen Physi k und so weiter. Dami t
würden wi r nun al l erdi ngs konstante und experi mentel l j ederzeit
reproduzi erbare Phänomene i n den Umkrei s unseres erwei terten
Begri ffs ei nbezi ehen, was der Natur der unter dem engeren Begriff
von Synchroni zi tät verstandenen Phänomene ni cht zu entsprechen
schei nt . Letztere si nd ja mei st Ei nzelfäll e, wel che experimentel l e
Reproduzi erbarkei t vermi ssen l assen. Al lerdi ngs gi l t dies ni cht
durchwegs, wie die Rhi neschen Experi mente und die vi el fachen
Erfahrungen mit hel l seherisch begabten I ndi vi duen zeigen. Di ese
Tatsachen bewei sen, daß i n dem Gebi ete i nkommensurabler Ei n­
zel fäl l e, vulgo curi osa, es doch auch gewi sse Regel mäßi gkei teil gibt
und dami t konstante Faktoren, woraus man schließen muß, daß
unser engerer Synchroni zi tätsbegri ff wahrschei nl i ch wi rkl i ch zu
eng ist und deshalb der Erwei terung bedarf. Ich nei ge in der Tat
der Annahme zu, daß die Synchronizität im engeren Sinne nur ein
besonderer Fall des allgemeinen ursachelosen Angeordnetsems i st,
und zwar derj eni ge der Glei charti gkei t psychi scher und physi scher
Vorg:1nge, wobei der Beobachter i n der vortei lhaften Lage i st, das
t eni um comparati oni s erkennen zu können . Mi t der Wahreh­
mung der archetypi schen Grundl age gerät er aber auch i n die Ver­
suchung, die Ass i mi l ati on gegensei ti g unabhängi ger psychi scher
und physi scher Vorgänge auf ei ne (kausal e) Wi rkung des Archcty-
S Y NCHRONI ZI TÄT ALS E I N P RI NZ I P 95
pus zurückzuführen und damit deren bloße Kontingenz zu
übersehen. Diese Gefahr wird vermieden, wenn man die Synchro­
nizität als einen Sonderfall des allgemeinen Angeordnetseins
betrachtet. Damit wird auch eine unzulässige Vermehrung der Er­
klärungsprinzipien vermieden: Der Archetypus ist die durch Intro­
spektion erkennbare Form des apriorischen psychischen Angeord­
netseins. Gesellt sich dazu ein äußerer synchronistischer Vorgang,
so folgt er derselben Grundzeichnung, das heißt er ist i n derselben
Weise angeordnet. Diese Form des Angeordnetseins unterscheidet
sich dadurch vom Angeordnetsein der Eigenschaften ganzer Zah­
len oder der Diskontinuitäten der Physik, daß letztere von j eher
und regelmäßig vorgefunden sind, während erstere Schöpfungsakte
in der Zeit darstellen. Hierin liegt, beiläufig gesagt, der tiefere
Grund, warum ich gerade das Moment der Zeit als für diese Phä­
nomene charakteristisch hervorgehoben und sie als synchronisti­
sche bezeichnet habe.
Die moderne Entdeckung der Di skontinuität (das heißt des An­
geordnetseins zum Beispiel des Energiequants, des Radiumzerfalls
und so weiter) hat der Alleinherrschaft der Kausalität und damit
der Trias der Prinzipien ein Ende bereitet. Das Terrain, das letzte­
re verloren, gehörte früher zum Bereiche der correspondentia und
sympathia, welche Begriffe in der prästabilierten Harmonie von
Leibniz ihre größte Entfaltung erreichten. Schopenhauer kannte
die empirischen Grundlagen der Korrespondenzidee viel zuwenig,
um die Aussichtslosigkeit seines kausalistischen Erklärungsversu­
ches zu erkennen. Heutzutage sind wir in der vorteilhaften Lage,
dank den ESP-Experimenten über ein beträchtliches Erfahrungs­
material zu verfügen. Von der Zuverlässigkeit dieser Tatsachen
kann man sich ein Bild machen, wenn man erfährt, daß zum Bei­
spiel die Resultate der ESP-Experimente von S. G. Soal und K. M.
Goldeney, wie G. E. Hutchinson1 49 hervorhebt, eine Wahrschein­
lichkeit von 1 : 1 031 besitzen. 1 : 1 031 entspricht der Summe der Mo­
leküle in 250 000 Tonnen Wasser. Es gibt nur relativ wenige expe­
rimentelle Arbeiten im Gebiete der Naturwissenschaften, deren
Resultate einen auch nur annähernd so hohen Sicherheitsgrad er­
reichen. Die übertriebene Skepsis in bezug auf ESP hat wirklich
keine genügenden Gründe für sich anzuführen. Ihren wesentlichen
Daseinsgrund bildet heutzutage nur noch die Unwissenheit, wel­
che leider als eine beinahe unvermeidliche Folge das Spezialisten­
tum begleitet und den notwendigerweise an sich schon verengerten
Horizont des Spezialstudiums i n unwillkommener und schädli­
cher Weise gegen höhere und weitere Gesichtspunkte abschirmt.
149 Soal: Science and Telepathy, 1948, S. 5.
96 S Y NCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Man hat es ja schon vielfach erlebt, daß sogenannte abergläubische
Meinungen einen Kern von wissenswerter Wahrheit enthalten. So
konnte es wohl sein, daß die ursprünglich magische Bedeutung des
Wortes >> WÜnschen<< , die noch i n der »Wünschelrute<< erhalten ist
und nicht nur bloßes Wünschen im Sinne eines Verlangens, son­
dern auch zugleich ein (magisches) Bewirken ausdrückt, 1 50 sowie
der althergebrachte Glaube an die Wirksamkeit des Gebetes auf
der Erfahrung von synchronistischen Begleiterscheinungen beru­
hen.
Di e Synchronizität ist nicht rätselhafter oder geheimnisvoller als
die Diskontinuitäten der Physik. Es ist nur die eingefleischte
Überzeugung von der Allmacht der Kausalität, welche dem Ver­
ständnis Schwierigkeiten bereitet und es als undenkbar erscheinen
läßt, daß ursachelose Ereignisse vorkommen oder vorhanden sein
könnten. Gibt es sie aber, so müssen wir sie als Schöpfungsakte
ansprechen im Sinne einer creatio continua, 151 einesteils von jeher,
teils sporadisch sich wiederholenden Angeordnetseins, das aus kei­
nerlei feststellbaren Antezedentien abgeleitet werden kann. Man
muß sich selbstverständlich davor hüten, jedes Geschehen, dessen
150
Grimm: Deutsche Mythologie, Bd. I , S. 347. Wünscheldinge sind von Zwergen
geschmiedete Zaubergeräte, wie Odins Speer Güngnir, Thors Hammer Miölnir und
Freyrs Schwert (Bd. 2, S. 725). Wunsch ist »gotes kraft«. »Got hät an sie den wunsch
geleit und der wünschelruoten hort• . ·Beschoenen mit Wunsches gewalte• (Bd. 3, S. 51
und 53) . Wunsch heißt skr. manoratha = wörtl. Wagen des Verstandes oder der Psyche,
d. h. Wunsch, Begehren, Phantasie (Macdonell: A Practical Sanskrit Dictionary, 1924).
1 51
Unter dem Begriff der creatio cominua ist nicht nur eine Reihe sukzessiver Schöp­
fungsakte, sondern auch die ewige Gegenwart des einen Schöpfungsaktes zu denken, im
Sinne des »Semper patrem fuisse, er genuisse verbum« (immer sei der Vater gewesen und
habe das Wort gezeugt; Origenes: De principiis, Buch I, Kap. li, 3), oder des •aeternus
creator mentium• (ewiger Schöpfer der Geister; Augustinus: Confessiones, Buch I I ,
Kap. 3 1 , col. 352). Gott ist in seiner Schöpfung enthalten: »Nec indiget operibus suis,
tanquam in eis collocetur, ut maneat; sed i n sua aeternitate persistit, in qua manens omnia
quaecumque voluit fecit in coelis et in terra« (und er bedarf nicht seiner eigenen Werke,
als wäre er in ihnen aufgehoben, um Bestand zu haben; sondern er verharrt in seiner
Ewigkeit, wo er weilt und alles schafft, was er will, im Himmel und auf Erden; Augusti­
nus, Enarratio in Psalmum 1 1 3, col. 1 796). Was in der Zeit sukzessive geschieht, ist im
göttlichen Geiste gleichzeitig: »Mutabilium dispositionem immutabilis ratio continet,
ubi sine tempore simul sunt, quae in temporibus non simul sunt« (eine unwandelbare
Ordnung hält die wandelbaren Dinge in Beziehung zueinander, und in dieser ist alles
zeitlos gleichzeitig, was in der Zeit nicht gleichzeitig ist; Prosperus Aquitanus: Sententiae
ex Augustino delibatae, XLI). Ȇrdo temporum in aeterna Dei sapiemia sine tempore
est• (zeitliche Abfolge ist ohne Zeit in der ewigen Weisheit Gottes; ebenda LVI I). Vor
der Schöpfung war überhaupt keine Zeit, welche erst mit den bewegten Dingen begon­
nen hat: » Potius ergo tempus a creatura, quam creatura coepit a temporeu (eher nahm
daher die Zeit vom Geschaffenen ihren Anfang als das Geschaffene von der Zeit; ebenda
CCLXXX). •Non enim erat tempus ante tempus, tempus autem cum mundo concrea­
tum est« (es gibt nämlich keine Zeit vor der Zeit, sondern die Zeit wurde mit der Welt
zusammen geschaffen; Anonymus: De triplici habitaculo, Kap. 5).
S YNCHRONI ZI TÄT ALS E I N P R I NZ I P 97
Ursache unbekannt ist, als ursachelos aufzufassen. Letzteres ist
nur, wie ich hervorgehoben habe, in jenen Fällen statthaft, wo eine
Ursache nicht einmal denkbar ist. Die Denkbarkeit ist allerdings
ein Begriff, der höchste Kritik erfordert. Wenn zum Beispiel das
Atom seinem ursprünglichen philosophischen Begriff entspräche,
so wäre dessen Teilbarkeit undenkbar. Wenn es sich aber als eine
meßbare Größe erweist, dann ist seine Unteilbarkeit undenkbar.
Sinngemäße Koinzidenzen sind als reine Zufälle denkbar. Je mehr
sie sich aber häufen und j e größer und genauer die Entsprechung
ist, desto mehr sinkt ihre Wahrscheinlichkeit, und desto höher
steigt ihre Undenkbarkeit, das heißt, sie können nicht mehr als
bloße Zufälle gelten, sondern müssen mangels kausaler Erklärbar­
keit als Anordnungen aufgefaßt werden. Dabei besteht, wie schon
betont, der >> Mangel an Erklärbarkeit<< nicht etwa nur aus der
Tatsache, daß die Ursache unbekannt ist, sondern daraus, daß eine
solche mit unseren Verstandesmitteln auch nicht denkbar ist. Die­
ser Fall tritt notwendigerweise dann ein, wenn Raum und Zeit
ihren Sinn verlieren, beziehungsweise relativ geworden sind, denn
unter diesen Umständen kann eine Kausalität, die Raum und Zeit
zu ihrem Bestehen voraussetzt, nicht mehr festgestellt, ja über­
haupt nicht mehr gedacht werden.
Aus diesen Gründen scheint es mir notwendig, daß neben
Raum, Zeit und Kausalität eine Kategorie eingeführt wird, welche
nicht nur die Charakterisierung der Synchronizitätsphänomene als
eine besondere Klasse von Naturereignissen ermöglicht, sondern
auch das Kontingente als ein einerseits Allgemeines, seit jeher Vor­
handenes, andererseits als die Summe vieler, sich in der Zeit ereig­
nender individueller Schöpfungsakte begreift.
Briefe über Synchronizität ( 1950-1955)
An Markus Fierz 2 1 . Februar 1950
Lieber Herr Professor, Si e hatten di e große Freundlichkeit, mein
Manuskript1 über die Synchronizität anzusehen, wofür ich Ihnen
nie gebührend gedankt habe. Ich war eben zu sehr mit der Ausar­
beitung dieser Idee beschäftigt.
Ich nehme mir heute die Freiheit, Sie wieder mit einem Stück
dieses Manuskriptes zu belästigen, was Sie vielleicht damit ent­
schuldigen wollen, daß ich sehr i n Verlegenheit bin in bezug auf
die mathematische Auswertung der herausgearbeiteten Resultate.
Ich lege Ihnen nämlich die Tabellen bei, samt dem kommentieren­
den Text. Zur allgemeinen Orientierung möchte ich nur bemer­
ken, daß die Eigenart des Materials eine etwas sonderbare Anlage
der Tabellen bedingt hat. Die Grundlage der Untersuchung be­
steht aus 1 80 Ehepaaren, deren Horoskope verglichen wurden in
bezug auf das Vorkommen der sogenannten klassischen Eheaspek­
te, nämlich Konjunktion und Opposition von Sonne und Mond,
Mars und Venus, Aszendent und Deszendent. Dies ergibt
50 Aspekte. Die Resultate, die bei Ehepaaren erzielt wurden, wur­
den verglichen mit 1 80 X 1 80 - 1 = 32 220 Kombinationen Un­
verheirateter. Zu dem ursprünglichen Material von 1 80 Ehepaaren
kamen später noch 1 45 weitere dazu, die ebenfalls in die Statistik
einbezogen wurden. Sie wurden teils gesondert, teils summiert mit
den 1 80 untersucht, wie Sie aus den Tabellen ersehen werden.
Am interessantesten scheint mir die Tabelle VI zu sein, welche
die Streuungen bei verschiedenen Anordnungen zeigt. Ich wäre
Ihnen nun sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre Kritik und Auffassung
der Tabellen im allgemeinen mitteilten und insbesondere mir eine
Frage beantworteten, die sich aus der Tabelle VI ergibt. Wir haben
dort einige Aspekte, welche das wahrscheinliche Mittel der Kom­
binationen beträchtlich übersteigen. Ich möchte nun gerne wissen,
welches die Wahrscheinlichkeit dieser Deviationen vom wahr­
scheinlichen Mittelwert ist. Ich weiß, daß zu diesem Zwecke eine
Rechnung verwendet wird, die auf dem sogenannten »deviation
Standard« beruht. Diese Methode übersteigt aber mein mathemati­
sches Können, und hier bin ich ganz auf Ihre Hilfe angewiesen. Ich
wäre sehr froh, wenn Sie sich hauptsächlich auf diese Frage kon­
zentrieren wollten. Aus äußeren Gründen pressiert es nämlich et-
1 Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge, S. 9-97 in diesem Band.
1 00 S YNCHRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
was mit diesen Tabellen. Die Sache soll nämlich bald in Druck
gegeben werden. Im Notfalle würde es mir genügen, wenn Sie mir
nur bestätigen könnten, daß die Tabellen im allgemeinen in Ord­
nung sind, und wenn Sie mir die Wahrscheinlichkeit wenigstens
für die beiden höchsten Werte auf Tabelle VI, Kolonne I, angeben
könnten. Alles übrige, so hoffe ich wenigstens inständigst, können
Sie aus den Tabellen selber ersehen. Sie sind mir selber nach länge­
rer Überlegung klar, und ich muß gestehen, daß ich nicht wüßte,
wie ich sie klarer gestalten könnte.
Falls Sie sich für das ganze Manuskript interessieren sollten oder
es für wünschenswert hielten, es für den vorliegenden Zweck zu
lesen, so steht es Ihnen natürlich zur Verfügung. Ich möchte aber
nicht ohne weiteres eine solche Lawine auf Sie herunterprasseln
lassen.
Empfangen Sie zum voraus meinen besten Dank für Ihre Bemü­
hungen. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener C. G. Jung
2. März 1950
Lieber Herr Professor, empfangen Sie meinen besten Dank für
Ihre Mühewaltung. Sie haben mir genau das gegeben, was ich mir
von Ihnen wünschte, nämlich ein objektives Urteil über die Be­
deutung der statistischen Zahlen, die mein Material von j etzt
400 Ehen ergeben hat. Verblüfft hat mich nur, daß meine Statistik
die traditionelle Angabe, daß Mond- und Sonne-Aspekte für die
Ehe charakteristisch seien, liberal bestätigt hat, was noch durch
den von Ihnen ermittelten Wert für Mond-Konjunktion-Mond,
nämlich 0, 1 25%, unterstrichen wird.
Ich habe von mir aus bereits das Ergebnis für sehr ungenügend
erachtet und deshalb die weitere Materialsammlung sistiert, da mir
die Annäherung an den wahrscheinlichen Mittelwert mit zuneh­
mendem Material verdächtig wurde.
Obschon die Zahl 0, 1 25% noch durchaus innerhalb der Mög­
lichkeit liegt, so möchte ich Sie doch, der Klarheit halber, fragen,
ob man di esen Wert wenigstens insofern als »bedeutsam« ansehen
darf, als er eine mit der historischen Tradition koinzidierende,
relativ kleine Wahrscheinlichkeit darstellt? Dürfte man hier wenig­
stens vermuten, daß dies eher für als gegen die Tradition (seit
Ptolemaeus) spricht? Ich teile Ihre Auffassung der divinatorischen
Methode als Katalysator der Intuition durchaus. Dieses Ergebnis
der Statistik hat mich aber doch etwas stutzig gemacht, namentlich
i m Zusammenhang mit den neueren ESP-Experimenten, die eine
Wahrscheinlichkeit von 1 0-
3 1
erreicht haben. Diese Experimente
B R I EFE ÜB E R S Y NC HRONI Z I TÄT 1 01
und die ganze große ESP (extra-sensory perception)-Erfahrung
überhaupt, beweisen hinlänglich, daß es sinngemäße Koinziden­
zen gibt. Es besteht also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß die
divinatorischen Methoden tatsächlich Synchronizitätsphänomene
(') produzieren. Sie schienen mir bei der Astrologie am faßbar­
sten. Zweifellos zeigen die statistischen Ergebnisse, daß die astro­
logischen Entsprechungen nicht mehr als Zufälle sind. Die statisti­
sche Methode stützt sich auf die Voraussetzung eines Kontinuums
uniformer Gegenstände. Das '-Phänomen aber ist ein qualifizier­
tes individuelles Ereignis, welches durch die statistische Methode
ruiniert wird; umgekehrt hebt das '-Phänomen die Vorausset­
zung uniformer Gegenstände auf. Es ruiniert also die statistische
Methode. Es scheint daher zwischen ' und Kausalität ein Komple­
mentaritätsverhältnis zu bestehen. Die Rhinesche Statistik hat also
trotz der ungeeigneten Methode das Vorhandensein von ' nachge­
wiesen. Das hat mir in bezug auf die Astrologie eine falsche Hoff­
nung erweckt. Das '-Phänomen der Rhineschen Experimente ist
ein äußerst einfacher Tatbestand. Demgegenüber ist der astrologi­
sche Tatbestand unvergleichlich komplexer und deshalb empfind­
licher für die statistische Methode, welche gerade das betont, was
für ' am wenigsten charakteristisch ist, nämlich die Uniformität.
Meine Resultate bestätigen nun boshafterweise gerade die alte Tra­
dition, obschon sie so zufällig sind wie die Resultate der Alten.
Damit ist wieder ein Ereignis entstanden, das alle Kennzeichen der
' aufweist, nämlich der »sinngemäßen Koinzidenz« oder der >>j ust
so story<< . Offenbar haben ganz zufälligerweise die Alten die glei­
che Erfahrung gemacht, sonst hätte eine derartige Tradition wohl
kaum entstehen können. Ich glaube nun nicht, daß je ein alter
Astrolog 800 Horoskope auf Ehemerkmale statistisch untersucht
hat. Er hatte jeweils nur kleine Zahlenpakete zur Verfügung, wel­
che die ' nicht ruinieren konnten, und er konnte daher, wie ich,
die prädominierenden Mond-Konjunktion-Mond und die Mond­
Sonne-Aspekte feststellen, obschon diese bei großen Zahlen not­
wendigerweise verschwinden müssen. Alle '-Phänomene, die hö­
her qualifiziert sind als die ESP, sind als solche unbeweisbar, das
heißt, ein einziger beglaubigter Fall ist im Prinzip genügend Be­
weis, wie man j a auch nicht 1 0 000 Schnabeltiere vorweisen muß,
um die Existenz dieses Tieres zu beweisen. Mir scheint, daß das '­
Phänomen einen unmittelbaren Schöpfungsakt darstellt, der in der
Breite der Zufälligkeit erscheint. Die statistische Feststellung der
Naturgesetzlichkeit ist darum ein nur sehr beschränkt taugliches
Mittel der Naturbeschreibung, indem sie nur uniforme Ereignisse
erfaßt. Die Natur ist aber auch essentiell diskontinuierlich, das
heißt zufällig. Ihre Beschreibung bedarf daher noch eines Prinzips
1 02
S Y NC HRONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
der Diskontinuität. In der Psychologie i st es di e Individuations­
tendenz, i n der Biologie die Differenzierung, in der Natur aber die
>> Sinngemäße Koinzidenz«, das heißt '.
Entschuldigen Sie, daß i ch Ihnen vielleicht abstrus erscheinende
Überlegungen unterbreite. Sie sind mir selber neu, und deshalb
sind sie noch etwas chaotisch, wie alles in statu nascendi.
Besten Dank für Ihre Mühewaltung! Ich wäre froh, wenn Sie
mir Ihre Eindrücke mitteilen wollten. Mit freundlichen Grüßen
Ihr ergebener C. G. Jung
20. Oktober 1954
Lieber Herr Professor! Gegenwärtig wird eine englische Version
meiner Arbeit über Synchronizität vorbereitet. Bei dieser Gelegen­
heit möchte ich die nötigen Korrekturen an den Wahrscheinlich­
keiten der Maximalzahlen meiner Statistik anbringen, welche Sie
freundli cherweise für mich berechnet haben. Meine Herausgeber
wünschen nun, Ihre Berechnung im Detail kennenzulernen, da sie
nicht verstehen, welche Methode Sie angewandt haben. Wenn es
Ihnen nun möglich wäre, mir diesen Bericht in Bälde zukommen
zu lassen, so wäre ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet. Leider muß
ich noch einen speziellen Wunsch hinzufügen, nämlich die Beant­
wortung der Frage: Welches ist die Wahrscheinlichkeit des Ge­
samtresultates, daß die 3 Konjunktionen ( o 8, ( o ( , ( o Asz.
zusammen herauskommen? Dieses Resultat (das zwar aus Zufalls­
zahlen besteht), entspricht der traditionellen astrologischen Vor­
aussage und imitiert wenigstens j enes Bild, das, wenn es aus »signi­
ficant numberS<< bestünde, die Richtigkeit der astrologischen Er­
wartung dartäte.
Hoffentlich ist es mir gelungen, mein Anliegen klar auszudrük­
ken. Es tut mir im übrigen außerordentlich leid, Sie mit diesen
Fragen zu belästigen und Ihre kostbare Zeit hiefür in Anspruch zu
nehmen. Vielleicht könnten Sie einen Studenten mit dieser Aufga­
be betrauen. Ich bin in dieser Sache natürlich hilflos und deshalb
gerne bereit, die Ihnen beziehungsweise dem Studenten hieraus
erwachsenen Unkosten zu vergüten. Bi tte nehmen Sie mir diesen
praktisch gemeinten Vorschlag nicht übel.
Mit bestem Dank zum voraus Ihr sehr ergebener C. G. ] ung
B RI E F E ÜB E R S Y NC HRONI Z I TÄT 1 03
28. Oktober 1 954
Sehr geehrter, lieber Herr Professor ! Empfangen Sie hiermit mei­
nen verbindlichsten Dank für Ihre liebenswürdige und prompte
Erfüllung meines Wunsches. Ich werde Ihre Darstellung, die Sie
selbstverständlich nicht wiederholen müssen, an Dr. Michael
Fordham weitersenden.
Bezüglich meiner Anfrage wegen der Triade
(
Ö
8,
( Ö
8
und (
Ö Asz. scheint ein Mißverständnis zu bestehen:
1 . Daß es sich bei meinen Zahlen um Zufälligkeiten handelt,
habe ich bei der Zusammenstellung meiner Tabellen selber schon
gemerkt. Daher habe ich meine Tabellen, welche diese Zufälligkeit
schon deutlich zum Ausdruck bringen, so ausführlich abgedruckt,
um dem nicht-mathematischen Leser einen visuellen Überblick zu
ermöglichen. Um der Genauigkeit willen habe ich Sie dann gebe­
ten, mir die Wahrscheinlichkeit meiner Maxima anzugeben. Ihre
Antwort hat meiner Erwartung mehr oder weniger entsprochen.
Meine Absicht lag keineswegs darin, zu beweisen, daß die astrolo­
gische Voraussage recht hat, dazu kenne ich die Unzuverlässigkeit
der Astrologie viel zu gut. Ich wollte nur den genauen Betrag der
Wahrscheinlichkeit meiner Zahlen in Erfahrung bringen. Sie haben
mich schon bei dieser ersten Gelegenheit zweimal vor der Unmög­
lichkeit eines Beweises gewarnt. Wie ich vielleicht bemerken darf,
haben Sie damit Eulen nach Athen getragen: Es liegt mir nämlich
gar nichts daran, ob die Astrologie recht hat oder nicht, sondern
(wie gesagt) wieviel die Wahrscheinlichkeit j ener Zahlen ( »Maxi­
ma«) beträgt, welche einen Beweis für die Richtigkeit der astrolo­
gischen Voraussage vortäuschen.
2. Die Voraussage der Astrologie besteht darin, daß sie tradi­
tionsgemäß meine drei Mondkonjunktionen als für die Ehe in er­
ster Linie charakteristisch angibt. (8 ( Asz. sind die Grundpfei­
ler des Horoskops ! ) Diese Triade ist also keineswegs arbiträr ge­
wählt, weshalb ich das Gleichnis von den drei weißen Ameisen für
durchaus passend halte. Mit Verlaub zu sagen, scheinen Sie mir
eine offene Türe einzurennen, wenn Sie annehmen, daß ich mein
Resultat für etwas anderes als statistisch bedingt ansehe. Selbstver­
ständlich liegt es mathematisch innerhalb der Wahrscheinlichkeit,
was aber keineswegs hindert, daß die »Maxima<< genau an den
Stellen liegen, die man astrologisch erwarten dürfte. Mich interes­
siert bloß der Betrag der Wahrscheinlichkeit, welche dieser Koin­
zidenz zukommt, um der Genauigkeit willen! Ich will mit meinen
Zahlen gar nichts beweisen, sondern nur darstellen, was sich ereig­
net hat und was ich getan habe. Es hat sich dabei zufälligerweise,
was ich eben so deutlich wie möglich zeigen möchte, eine Konfi-
1 04 S Y NC HR ONI Z I TÄT, AKAUS ALI TÄT
guration ergeben, die, wenn sie aus bedeutsamen Zahlen bestün­
de, zugunsten der Astrologie spräche. Die ganze Geschichte, mit
anderen Worten, ist ein Fall wie der Skarabäus und zeigt, was
der Zufall tun kann, also eine >> just so story« ! Daß nun solche
Zufälle im Prinzip mehr sind als bloß statistisch bedingt, zeigen
die Rhineschen Ergebnisse, aber nicht ein einzelner Fall wie
meine Statistik.
Selbstverständlich rede ich dem Zufall das Wort i n einer gewis­
sen Hi nsicht, weil ich die absolute Gültigkeit der statistischen
Aussage bestreite, insofern sie alle Ausnahmen als unerheblich ab­
tut. Das ergibt ein abstraktes Durchschnittsbild der Wirklichkeit,
welches eine gewisse Verfälschung derselben darstellt, was dem
Psychologen nicht gleichgültig sein kann, da er nämlich mit den
pathologischen Resultaten dieses abstrakten Wirklichkeitsersatzes
zu tun hat.
Die Ausnahme ist sogar wirklicher als der Durchschnitt, indem
sie der Wirklichkeitsträger par excellence ist, wie Sie ja in Ihrem
Brief vom 24. Oktober selber hervorheben.
Es tut mir leid, daß ich Ihnen soviel Arbeit veranlaßt habe und
daß Sie j etzt noch diesen langen Brief zu lesen haben. Ich weiß
aber wirklich nicht, was Sie veranlaßt haben könnte zu meinen, ich
wolle die Astrologie beweisen. Ich wollte j a nur einen Fall von
>> sinnvoller KoinzidenZ<< , welcher den Gedanken meiner Schrift
über Synchronizität illustriert, darstellen. Dieser Umstand wird
allerdings allgemein übersehen. In London haben sie zum Beispiel
einen top statistician angestellt, um das Rätsel meiner Tabellen zu
lösen. Das ist, wie wenn ein Bauer sein Scheunentor nicht mehr
öffnen kann und einen Experten für Tresorschlösser kommen läßt,
der es dann natürlich auch nicht zu öffnen versteht. Man ist bedau­
erlicherweise dem Irrtum verfallen, ich wolle etwas zugunsten der
Astrologie herausfinden, was ich j a in meiner Schrift ausführlich in
Abrede stelle.
Leider kann ich nicht verstehen, wieso Sie irgendwelche andere
Konstellationen (unter meinen 50) als ebenso »sinnvoll<< ansehen,
wie die drei ( - Konjunktionen. Alle anderen sind ja keine >> klassi­
schen Voraussagen<< . Auch kommt nicht irgendeine, sondern nur
die »vorausgesagte<< weiße Ameise zum Vorschein. Die Wahr­
scheinlichkeit dieses »sinnvollen<< Geschehens wäre mir eben dar­
um interessant, denn es ist ja nicht gerade sehr wahrscheinlich, daß
dreimal nacheinander die weiße Ameise zuerst aus der Schachtel
kommt. Wenn die Wahrscheinlichkeit des einzelnen Falles 1 : 50
betrüge, so wäre die dreifache Wiederholung doch 1 : 503 ? Also
eine ganz erkleckliche Zahl, wie mir scheinen will. Dieses Resultat
dürfte man doch wohl als günstig für meine Absicht, einen Fall
B RI E F E ÜB E R S YNCHRONI Z I TÄT 1 05
von Synchronizität darzustellen, ansehen, wennschon er für die
Astrologie nichts beweist, was .ich auch gar nie beabsichtigt habe.
In der Hoffnung, diesmal das Mißverständnis aufgeklärt zu ha­
ben, verbleibe ich mit bestem Dank und freundlichen Grüßen Ihr
ergebener C. G. Jung
An Michael Fordham 1 . Juli 1955
Lieber Fordham, Synchronizität s agt etwas über di e Natur dessen
aus, was ich den psychoiden Faktor, das heißt den unbewußten
Archetypus nenne (nicht seine bewußte Vorstellung! ). Da der Ar­
chetypus die Tendenz hat, geeignete Ausdrucksformen um sich zu
versammeln, läßt sich seine Natur am besten begreifen, wenn man
diese Neigung durch Amplifikation nachahmt und unterstützt.
Die natürliche Wirkung eines Archetypus und seiner Amplifika­
tionen kann allerdings als eine Analogie zu der synchronistischen
Wirkung verstanden werden, insofern als letztere dieselbe Ten­
denz zeigt, gleichzeitige und zufällige Tatsachen zu kombinieren,
die dem zugrunde liegenden Archetyp angemessenen Ausdruck
verleihen. Es ist jedoch schwierig oder sogar unmöglich nachzu­
weisen, daß amplifikatorische Assoziationen nicht kausal sind,
während amplifikatorische Tatsachen auf eine Weise zusammen­
treffen, die sich einer kausalen Erklärung widersetzt. Das ist der
Grund, warum ich spontane und künstliche Amplifikationen als
bloße Analogie zur Synchronizität bezeichne. Es stimmt j edoch,
daß wir eine kausale Verknüpfung nicht in jedem Fall von Ampli­
fikation nachweisen können, und so ist es durchaus möglich, daß
es sich bei einer Reihe von Fällen, wo wir eine kausale >>Assozia­
tion<< annehmen, in Wirklichkeit um Synchronizität handelt. Was
ist schließlich »Assoziation« ? Wir wissen es nicht. Es ist nicht
ausgeschlossen, daß die psychische Anordnung mit Ausnahme des
sekundären rationalen >>enchainement« psychischer Vorgänge im
Bewußtsein im allgemeinen auf Synchronizität beruht. Das ist ana­
log zum natürlichen Verlauf der Dinge, der so anders ist als unsere
wissenschaftliche und abstrakte Rekonstruktion der Realität, die
auf dem statistischen Durchschnitt basiert. Diese entwirft ein Bild
der Natur, das aus bloßen Wahrscheinlichkeiten besteht, während
die Realität ein Durcheinander von mehr oder weniger unlenkba­
ren Ereignissen ist. Unser psychisches Leben bietet das gleiche
phänomenologische Bild dar. Dies ist der Grund, warum ich ei­
gentlich der Meinung bin, daß es eine Anmaßung wäre anzuneh­
men, daß die Psyche ausschließlich auf dem synchronistischen
1 06 S Y NC HR ONI ZI TÄT, AKAUS ALI TÄT
Prinzip begründet ist, zumindest bei unserem jetzigen Wissens­
stand.
Ich stimme völlig mit Ihrer Vorstellung von den zwei komple­
mentären Einstellungen des Verstehens, nämlich der rationalen
und der irrationalen oder synchronistischen überein. Aber es wird
sich noch zeigen müssen, ob alle irrationalen Ereignisse sinnvole
Zufäle sind. Ich bezweifle es.
Es i st erfrischend, Sie mit diesen interessanten Problemen be­
schäftigt zu sehen, und etwas Intelligentes von Ihnen zu hören,
statt der erstaunlichen Dummheiten, die unsere Zeitgenossen uns
auftischen.
Es tut mir leid, daß ich nicht nach England kommen kann, um
mi t Ihnen zu feiern. Ich schreibe vom Spital aus, wo ich eine
Prostatageschichte kuriere. Morgen werde ich einstweilen entlas­
sen. Das Alter ist nicht gerade, was ich unter einem Spaß verstehe.
Mei ne besten Wünsche, herzlich Ihr C. G. Jung
P. S. Da Sie meinen 80. Geburtstag in London feiern wollen und
ich leider nicht anwesend sein kann, wäre es vielleicht eine nette
Geste, wenn Sie dem schweizerischen Botschafter in Großbritan­
nien eine Einladung schicken könnten. Ich bin sicher, daß er zu­
mi ndest Ihre freundliche Geste einem seiner Landsleute gegenüber
begrüßen würde.
Okkultismus
Die psychologischen Grundlagen des Geisterglaubens ( 1 928)
Wenn wi r in die Vergangenheit des Menschengeschlechtes zurück­
blicken, so finden wir neben vielen anderen religiösen Überzeu­
gungen einen allgemein verbreiteten Glauben an die Existenz von
Luft- oder Hauchwesen, welche sich in der Umgebung der Men­
schen aufhalten und ihn unsichtbar, aber wirksam beeinflussen.
Meistens wird damit der Gedanke verknüpft, daß diese Wesen die
Geister oder Seelen verstorbener Menschen seien. Dieser Glaube
findet sich vom höchsten Kulturvolk bis zum Australneger, der
noch im Steinzeitalter lebt. Bei den westlichen Kulturvölkern al­
lerdings hat die seit etwas mehr als hundert Jahren bestehende
rationalistische Aufklärungsepoche den Geisterglauben bekämpft
und ihn bei einer großen Anzahl von Gebildeten verdrängt, zu­
gleich mit anderen metaphysischen Überzeugungen.
Wie diese aber bei der großen Masse noch lebendig bestehen, so
auch der Geisterglaube. Das Spukhaus ist auch in den aufgeklärte­
sten und intellektuellsten Städten noch nicht ausgestorben, sowe­
nig wie der Bauer aufgehört hat, an die Behexung seines Viehes zu
glauben. Wir haben es im Gegenteil gesehen, daß der Geisterglau­
be gerade im Zeitalter des Materialismus - dieser unvermeidlichen
Folge der rationalistischen Aufklärung - eine Wiederbelebung auf
höherer Stufe erlebt hat, und diesmal nicht als einen Rückfall in die
Dunkelheit des Aberglaubens, sondern als ein intensives wissen­
schaftliches Interesse, als ein Bedürfnis, mit dem Lichte der Wahr­
heit dieses düstere Chaos zweifelhafter Tatsachen zu erhellen. Die
Namen eines Crookes, Myers, Wallace, Zöllner und vieler anderer
ausgezeichneter Autoren symbolisieren diese Wiedergeburt und
Erneuerung des Geisterglaubens. Wenn man sich auch über die
Natur der Beobachtungen streiten, wenn man diesen Forschern
auch Irrtümer und Selbsttäuschungen vorwerfen kann, so bleibt
ihnen doch das unsterbliche moralische Verdienst, mit dem ganzen
Gewicht ihrer Autorität und ihres großen wissenschaftlichen Na­
mens, unter Hintansetzung persönlicher Ängstlichkeit, für diese
Bemühungen, in der Finsternis ein neues Licht zu entzünden, ein­
getreten zu sein. Sie haben weder das akademische Vorurteil noch
den Spott der Menge gescheut und haben gerade in einer Zeit, wo
das Denken der Gebildeten mehr denn j e der materialistischen
Strömung verfiel, auf Phänomene psychischer Provenienz hinge­
wiesen, welche zum Materialismus der Gegenwart in schärfstem
Widerspruch zu stehen schienen.
Diese Männer bezeichnen daher eine Reaktion des menschlichen
1 1 0 OKKULTI S MUS
Geistes gegen die materialistische Weltanschauung. Vom Stand­
punkt der Geschichte aus betrachtet, ist es keineswegs erstaunlich,
daß sie sich gerade des Geisterglaubens bedienten als der wirksam­
sten Waffe gegen die bloß sinnlich bedingte Wahrheit, denn der
Geisterglaube hat auch für den Primitiven dieselbe funktionale
Bedeutung. Die ungeheure Abhängigkeit des Primitiven von den
umgebenden Umständen, die vielfache Not und Bedrängtheit sei­
nes Lebens unter feindlichen Nachbarn und gefährlichen Raubtie­
ren, öfters ausgeli efert einer unbarmherzigen Natur, seine ge­
schärften Sinne, seine sinnliche Begehrlichkeit, seine mangelhaft
beherrschten Affekte, alles bindet ihn an physische Realitäten, so
daß er stets in Gefahr steht, einer völlig materialistischen Einstel­
lung und damit der Degeneration zu verfallen. Sein Geisterglaube
aber, oder besser gesagt, seine Wahrnehmung des Geistigen, reißt
ihn immer wieder aus der Bindung an die bloß sieht- und tastbare
Welt heraus und drängt ihm die Gewißheit einer geistigen Realität
auf, deren Gesetze er ebenso sorgsam und ängstlich zu befolgen
hat wie die Gesetze der ihn umgebenden physischen Natur. Er lebt
daher eigentlich in zwei Welten. Seine physische Realität ist zu­
gleich auch eine Geisterwelt; so unleugbar ihm jene ist, so wirklich
ist ihm auch diese, nicht etwa aus bloßem Dafürhalten, sondern
aus Naivität der Wahrnehmung geistiger Dinge. Wo immer diese
Naivität durch die Berührung mit der Kultur und ihrer für den
Primitiven verderblichen Aufgeklärtheit zugrunde gegangen ist,
härte auch seine Bedingtheit durch das geistige Gesetz auf, und er
degenerierte. Vor diesem Untergang wird ihn auch das Christen­
tum nicht bewahren, denn diese hochentwickelte Religion verlangt
auch eine hochentwickelte Psyche, um ihre segensreichen Wirkun­
gen entfalten zu können.
Das Geisterphänomen ist dem Primitiven die unmittelbare Evi­
denz der Realität des Geistig�n. Wenn wir näher untersuchen,
worin für ihn das Geisterphänomen besteht, so finden wir folgen­
de psychologische Tatsachen: Vor allem ist die Geisterision unter
den Primitiven nicht selten. Man ist geneigt anzunehmen, daß die­
se beim Primitiven ungleich viel häufiger vorkomme als beim Kul­
turmenschen, und man leitet daraus die Idee ab, die Geistervision
sei bloßer Aberglauben, denn bei einem aufgeklärten Menschen
komme so etwas nie vor, außer etwa i n krankhaften Zuständen. Es
ist ganz gewiß, daß der Kulturmensch ungleich viel weniger von
der Geisterhypothese Gebrauch macht als der Primitive; es ist aber
meines Erachtens ebenso gewiß, daß das psychische Phänomen
selber nicht sehr viel seltener bei ihm vorkommt als beim Primiti­
ven. Ich bin überzeugt, daß ein Europäer, der dieselben Exerzitien
und Praktiken durchliefe, welche ein Medizinmann gebraucht, um
PS YC HOL OGI S CHE GRUNDLAGE N DES G EI S TERGLAUB E NS 1 1 1
sich die Geister sichtbar zu machen, auch dieselben Wahrnehmun­
gen machen würde. Er würde sie allerdings anders deuten und
dadurch entkräften, was aber von der Tatsache als solcher nichts
wegnähme. Bekannt ist j a der Umstand, daß auch der Europäer
allerhand merkwürdige psychische Wahrnehmungen machen
kann, wenn er längere Zeit unter primitiven Umständen zu leben
gezwungen ist oder wenn er sich sonstwie unter außerordentlichen
psychischen Bedingungen befindet.
Eine wesentliche Stütze des Geisterglaubens bildet für den Pri­
mitiven der Traum. Im Traume treten sehr oft handelnde Personen
auf, welche vom primitiven Bewußtsein gerne als Geister verstan­
den werden. Für den Primitiven haben gewisse Träume bekannt­
lich einen unvergleichlich viel höheren Wert als für den Kultur­
menschen. Er spricht nicht nur sehr viel von seinen Träumen,
sondern sie sind ihm auch so bedeutungsvoll, daß es oft scheint, als
könne er sie von der Wirklichkeit kaum unterscheiden. Den Kul­
turmenschen im allgemeinen erscheinen zwar die Träume als un­
wichtig, aber es gibt doch auch unter ihnen sehr viele Menschen,
welche gewissen Träumen eine große Bedeutung beilegen, und
zwar gerade um ihres oft fremden und eindrucksvollen Charakters
willen. Diese Eigentümlichkeit gewisser Träume läßt die Annah­
me, daß sie Eingebungen seien, verständlich erscheinen. Zu der
Inspiration gehört aber auch implicite ein Inspirierendes, ein Spiri­
tus oder Geist, wenn schon von dieser logischen Folgerung wenig
die Rede ist. Ein besonders günstiger Fall ist das nicht seltene
Auftreten Verstorbener in Träumen. Der naive Verstand hält dies
für ein Wiedererscheinen der Toten.
Eine weitere Quelle für den Geisterglauben sind die psychogenen
Krankheiten, nervöse Störungen, besonders solche von hysteri­
scher Art, welche bei Primitiven öfters vorzukommen scheinen.
Da solche Krankheiten aus psychologischen Konflikten hervorge­
hen, die größtenteils unbewußt sind, so hat es den Anschein, als ob
diese Krankheiten verursacht wären durch diejenigen Lebenden
oder Verstorbenen, welche mit dem subjektiven Konflikt irgend­
wie wesentlich verbunden sind. Handelt es sich um Verstorbene,
so liegt die Annahme nahe, daß es ihr Geist sei, welcher eine
schädliche Wirkung ausgeübt habe. Da pathogene Konflikte häu­
fig bis in die Kindheit zurückreichen und auf diese Weise mit den
Erinnerungen an die Eltern zusammenhängen, so ist es verständ­
lich, daß dem Primitiven gerade die Geister verstorbener Angehö­
riger von besonderer Wichtigkeit sind. Aus diesen Beziehungen
erklärt sich der vielfach verbreitete Ahnen- und Verwandtenkul­
tus. Der Totenkult bedeutet in erster Linie einen Schutz gegen das
Übelwollen der Verstorbenen. Wer sich mit der Behandlung Ner-
1 1 2 OK KULTI S MUS
venkranker beschäftigt, weiß, wie groß die Bedeutung der Eltern­
einflüsse auf die Kranken ist. Viele Patienten fühlen sich geradezu
verfolgt von den Eltern, auch wenn diese längst tot sind. Die psy­
chologischen Nachwirkungen der Eltern sind so stark, daß sich,
wie gesagt, bei vielen Völkern ein ganzes System des Totenkultus
herausgebildet hat. 1
Von unzweifelhafter Bedeutung für die Entstehung des Geister­
glaubens sind die eigentlichen Geisteskrankheiten. Bei primitiven
Völkern handelt es sich, soweit Genaueres darüber bekannt ist,
meist um Krankheiten deliriöser, halluzinatorischer und katatoner
Art, die anscheinend zu dem weiten Gebiet der sogenannten Schi­
zophrenie gehören, einer Krankheit, welche die Großzahl der
chronischen Geisteskranken ausmacht. Immer und überall wurden
Geisteskranke als von bösen Geistern Besessene angesehen. Die­
sem Glauben kommt der Kranke durch seine Halluzinationen ent­
gegen. Diese Art von Kranken leiden weniger an Visionen als
vielmehr an Halluzinationen des Gehörs : sie hören »Stimmen<< .
Diese Stimmen sind sehr häufig diejenigen von Angehörigen oder
von Personen, welche mit den subjektiven Konflikten des Kranken
irgendwie verknüpft sind. Auf den naiven Verstand machen solche
Halluzinationen natürlicherweise den Eindruck, als ob sie von
Geistern herrührten.
Vom Geisterglauben kann man nicht reden, ohne zugleich auch
den Seelenglauben in Betracht zu ziehen. Der Seelenglauben ist ein
Korrelat zum Geisterglauben. Wie in der primitiven Überzeugung
ein Geist meist ein Totengeist ist, so war er vorher die Seele eines
Lebenden. Dies ist namendich dort der Fall, wo die Überzeugung
vorherrscht, daß der Mensch nur eine Seele besitze. Diese Annah­
me besteht aber gar nicht überall, sondern es wird sehr häufig
angenommen, daß der Mensch zwei oder mehrere Seelen besitze,
1 Als ich mich 1925/26 auf einer Expedition am Mount Elgon aufhielt, erkrankte eine
unserer Wasserträgerinnen, eine junge Frau, die in einem benachbarten Kraal wohnte,
allem Anschein nach an einem septischen Abort mit hohem Fieber. Unsere spärliche
Ausrüstung genügte nicht zu einer Behandlung. Die Angehörigen ließen sofort einen
»nganga«, einen Medizinmann, kommen. Dieser ging in immer weiteren Kreisen um die
Hütte herum und beschnupperte die Umgebung. Plötzlich stand er still auf einem Pfad,
der vom Berg herunterkam, und erklärte, die Kranke sei die einzige Tochter von Eltern,
die allzu j ung gestorben seien und sich jetzt oben im Bambuswald aufhielten, von woher
sie jede Nacht herunterkämen, um die Tochter krank zu machen, damit sie sterbe und
ihnen dann Gesellschaft leiste. Es wurde nun sofort an diesem Pfade eine •Geisterfalle•
in Gestalt einer Miniaturhütte gebaut, eine kleine Lehmfigur als Simulacrum der Kran­
ken geformt und mit •posho• (Lebensmitteln) in das Hüttchen gelegt. Nachts kehrten
die Geister dort ein, weil sie meinten, bei der Tochter zu sein. Zu unserem maßlosen
Erstaunen genas die Kranke innerhalb von zwei Tagen. War unsere Diagnose falsch? Das
Rätsel blieb ungelöst.
P SY C HOL OGI S C HE GRUNDLAGE N D ES G EI S TE RGLAUB E NS 1 1 3
von denen die eine oder andere den Tod überdauert und eine
relative Unsterblichkeit besitzt. In diesem Fall ist der Totengeist
nur eine von den verschiedenen Seelen des Lebenden. Er ist also
nur ein Teil der Gesamtseele, ein psychisches Fragment sozusagen.
Der Seelenglauben ist somit eine fast notwendige Voraussetzung
des Geisterglaubens, insofern es sich um den Glauben an Toten­
geister handelt. Es gibt nun in der primitiven Überzeugung aller­
dings nicht bloß Totengeister, sondern auch Elementardämonen,
von denen nicht angenommen wird, daß sie j e Menschenseelen
oder Teile von solchen gewesen seien. Für diese Gruppe von Gei­
stern käme daher eine andere Ableitung in Frage.
Bevor wir nun näher auf die psychologischen Grundlagen des
Seelenglaubens eintreten, wollen wir einen kurzen Rückblick auf
die vorhin erwähnten Tatsachen werfen. Ich habe in der Hauptsa­
che drei Quellen hervorgehoben, welche dem Geisterglauben eine
sozusagen tatsächliche Grundlage verschaffen: die Geistervision,
den Traum und die krankhaften Störungen des Seelenlebens. Der
normalste und häufigste Fall ist der Traum, dessen große Bedeu­
tung für die primitive Psychologie allgemein anerkannt wird. Was
ist nun der Traum?
Der Traum ist ein psychisches Gebilde, welches ohne bewußte
Motivierung im schlafenden Zustande entsteht. Im Traumschlafe
ist das Bewußtsein allerdings nicht völlig erloschen, sondern es
besteht noch eine geringe Bewußtheit. So hat man zum Beispiel in
den meisten Träumen noch ein relatives Bewußtsein seines Ich,
allerdings eines sehr beschränkten und eigentümlich veränderten
Ich, das man als Traum-Ich bezeichnet. Es ist nur ein Fragment
oder eine Andeutung des wachen Ich. Bewußtsein besteht nur
insofern, als ein psychischer Inhalt mit dem Ich assoziiert ist. Das
Ich stellt einen psychischen Komplex von besonders fester innerer
Bindung dar. Da der Schlaf selten ganz traumlos ist, so kann man
auch annehmen, daß der Ichkomplex selten als Tätigkeit ganz er­
lischt. Seine Tätigkeit ist in der Regel durch den Schlaf nur be­
schränkt. An dieses Ich assoziieren sich im Traume psychische
Inhalte, die so an das Ich herantreten, wie zum Beispiel die realen
äußeren Umstände, weshalb wir auch im Traume meistens in Si­
tuationen versetzt sind, welche keine Ähnlichkeit mit dem wachen
Denken, sondern vielmehr mit Wirklichkeitssituationen haben.
Wie die realen Menschen und Dinge in unser Blickfeld treten, so
treten auch die Traumbilder wie eine andere Art von Realität in
das Bewußtseinsfeld des Traum-Ich. Wir haben nicht das Gefühl,
daß wir die Träume machen, sondern sie kommen zu uns. Sie
unterliegen nicht unserer Willkür, sondern gehorchen eigenen Ge­
setzen. Sie stellen offenbar autonome psychische Komplexe dar,
1 1 4 OKKULTI S MUS
welche aus sich selber sich zu gestalten vermögen. Ihre Motivquel­
le ist uns unbewußt. Wir sagen darum, daß die Träume aus dem
Unbewußten kommen. Wir müssen daher annehmen, daß es selb­
ständige psychische Komplexe gibt, die unserer Bewußtseinskon­
trolle entgehen und nach ihren eigenen Gesetzen auftreten und
verschwinden. Aus unserem wachen Dasein glauben wir zu wis­
sen, daß wir unsere Gedanken machen und sie dann haben, wann
wir wollen. Wir glauben auch zu wissen, warum und wozu wir
diese Gedanken haben, und kennen ihre Herkunft. Wenn uns je
ein Gedanke wider unseren Willen kommt und uns beherrscht,
oder wenn er plötzlich ohne unseren Willen verschwindet, so
empfinden wir diesen Fall als einen Ausnahmefall oder gar als
etwas Krankhaftes. Der Unterschied der psychischen Aktivität im
Wachen und im Schlafzustand scheint daher bedeutend zu sein. Im
Wachen untersteht die Psyche anscheinend dem bewußten Willen,
i m Schlaf dagegen erzeugt sie Inhalte, die fremd und unverständ­
lich wie aus einer anderen Welt in unser Bewußtsein hineinragen.
Dasselbe ist nun der Fall mit der Vision. Sie ist wie ein Traum,
aber i m wachen Zustand. Sie tritt aus dem Unbewußten neben die
bewußte Wahrnehmung und ist nichts anderes als ein momentaner
Ei nbruch eines unbewußten Inhaltes in die Kontinuität des Be­
wußtseins. Das gleiche Phänomen findet auch in der Geistesstö­
rung statt. Anscheinend ganz unvermittelt hört das Ohr nicht bloß
die Geräusche der Umgebung, die von außen kommenden Schall­
wellen, sondern es wird von innen erregt und hört psychische
Inhalte, welche keine unmittelbaren Bewußtseinsinhalte des Sub­
j ektes waren.2 Neben den Urteilen, welche durch den Intellekt und
das Gefühl aus Prämissen gebildet werden, treten Meinungen und
Überzeugungen auf, welche sich dem Subjekt aufdrängen, anschei­
nend aus wirklichen Wahrnehmungen, tatsächlich aber aus inneren
unbewußten Bedingungen stammend. Dies sind die Wahnideen.
Das Gemeinsame dieser drei Fälle ist die Tatsache, daß die Psy­
che als Ganzes keine unteilbare Einheit ist, sondern ein teilbares
und mehr oder weniger geteiltes Ganzes. Obschon die einzelnen
Teile untereinander zusammenhängen, so sind sie doch von relati­
ver Selbständigkeit, welche so weit geht, daß gewisse Seelenteile
entweder gar nicht oder nur selten mit dem Ich in Assoziation
treten. Ich habe diese Seelenteile als autonome Komplexe bezeich­
net und auf die Tatsache ihres Vorhandenseins meine sogenannte
Komplextheorie der Psyche gegründet.3 Nach dieser Theorie bil-
2 Es gibt auch Fälle, wo die Stimmen der Kranken die eigenen bewußten Gedanken
laut vortragen. Doch si nd dies seltenere Fälle.
3 Vgl. Allgemeines zur Komplextheorie, GW 8.
PS YC HOL OGI S C HE GR UNDLAGE N DE S GE I S TE RGLAUB E NS 1 1 5
det der Ichkomplex das für unsere Psyche charakteristische Zen­
trum. Er ist aber nur einer unter verschiedenen Komplexen. Die
anderen Komplexe treten mehr oder weniger oft in Assoziation
mit dem Ichkomplex und werden auf diese Weise bewußt. Sie
können aber auch längere Zeit existieren, ohne mit dem Ich in
Assoziation zu treten. Ein treffliches und allgemein bekanntes Bei­
spiel hiefür ist die Psychologie der Bekehrung des Paul us. Ob­
schon der Moment der Bekehrung ein absolut plötzlicher zu sein
scheint, so wissen wir doch andererseits aus vielfacher Erfahrung,
daß zu einer so fundamentalen Umwandlung eine längere innere
Vorbereitung gehört; und erst wenn diese vollendet ist, das heißt
wenn das Individuum zur Bekehrung reif ist, bricht die neue Er­
kenntnis mit gewaltigem Affekt durch. SauJus war unbewußt
schon längere Zeit ein Christ, daraus erklärt sich sein fanatischer
Christenhaß; denn Fanatismus findet sich immer bei solchen, die
einen inneren Zweifel zu übertönen haben. Darum sind die Kon­
vertiten immer die schlimmsten Fanatiker. Die Vision Christi auf
dem Wege nach Damaskus bezeichnet bloß den Moment, wo der
unbewußte Christuskomplex sich mit dem Ich des Paulus assozi­
ierte. Daß ihm Christus dabei quasi objektiv als Vision gegenüber­
trat, erklärt sich aus dem Umstand, daß die Christlichkeit des
Saulus ein ihm unbewußter Komplex war. Daher erschien ihm
dieser Komplex projiziert, als quasi nicht zu ihm selber gehörig. Er
konnte si ch selber al s Christen nicht sehen; weshalb er aus Wider­
stand gegen Christus blind wurde und nur durch einen Christen
wieder geheilt werden konnte. Die psychogene Blindheit, um die
es sich in diesem Falle handelte, ist erfahrungsgemäß immer ein
(unbewußtes) Nichtsehenwollen. Das Nichtsehenwollen in diesem
Falle entspricht dem fanatischen Widerstand des SauJus gegen das
Christentum. Dieser Widerstand ist, wie die Schrift beweist, bei
Paulus nie ganz erloschen, sondern brach in seinen Anfällen, die
man fälschlicherweise als Epilepsie erklärt, zeitweise wieder her­
vor. Die Anfälle entsprechen einer plötzlichen Wiederkehr des
Sauluskomplexes, der durch die Bekehrung so abgespalten wurde
wie früher der Christuskomplex.
Wir dürfen aus Gründen intellektueller Moral den Fall des Pau­
lus nicht einer metaphysischen Erklärung unterwerfen, sonst müß­
ten wir auch alle ähnlichen Fälle, die sich bei unseren Kranken
ereignen, auf die gleiche metaphysische Weise erklären. Damit
aber käme man zu ganz absurden Konklusionen, gegen die sich
nicht nur die Vernunft, sondern auch das Gefühl sträubt.
In Träumen, Visionen, krankhaften Halluzinationen und Wahn­
ideen treten die autonomen Komplexe der Psyche am deutlichsten
hervor. Weil sie dem Ich unbewußt, also fremd sind, erscheinen sie
1 1 6 O KK U LTI S MU S
zunächst immer proj iziert. I m Traume sind sie durch andere Per­
sonen dargestellt, in der Vision gewissermaßen in den Raum proji­
ziert, wie in der Geistesstörung die Stimmen, insofern diese nicht
von den Kranken direkt den Personen ihrer Umgebung zuge­
schrieben werden. Die Verfol gungsideen richten sich bekanntlich
häufig auf bestimmte Personen, welche mit den Qualitäten des
unbewußten Komplexes ausgestattet werden. Sie werden vom
Kranken als feindlich empfunden, weil sein Ich dem unbewußten
Komplex feindlich gegenübersteht, etwa wie SauJus seinem nicht­
anerkannten Christuskomplex. Die Christen wurden von ihm ver­
folgt als Repräsentanten des in ihm bestehenden, aber von ihm
nicht anerkannten Christuskomplexes. Dieser Fall wiederholt sich
i m Alltagsleben beständig: ohne lange zu zögern, ist man stets
bereit, irgendeine Annahme über Menschen und Sachen zu proji­
zieren und diese dementsprechend zu hassen oder zu lieben. Da
Nachprüfen und Nachdenken so umständlich und schwierig sind,
so urteilt man lieber unbeschwert und realisiert nicht, daß man
bloß proj iziert und somit sich selber zum Opfer eines närrischen
Illusionstricks macht. Man gibt sich keine Rechenschaft von der
Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit solchen Verfahrens, und vor
allem denkt man nie an die beträchtliche Einbuße an Persönlich­
keit, die man erleidet, wenn man sich aus lauter Fahrlässigkeit den
Luxus gestattet, seine eigenen Fehler oder Vorzüge anderen anzu­
dichten. Es ist in jeder Hinsicht äußerst unvorteilhaft, den anderen
für so dumm und so minderwertig zu halten, wie man selber ist,
und man sollte um den Schaden wissen, den man damit anrichtet,
daß man die eigenen guten Eigenschaften willig an auf Beute er­
pichte moralische Wegelagerer abtritt.
Die Geister sind also, vom psychologischen Standpunkt aus be­
trachtet, unbewußte autonome Komplexe, welche projiziert er­
scheinen, da sie sonst keine direkte Assoziation mit dem Ich ha­
ben. 4
Ich habe vorhin ausgeführt, daß der Seelenglaube ei n notwendi­
ges Korrelat des Geisterglaubens sei. Während die Geister als
fremd und als dem Ich nicht zugehörig empfunden werden, ist dies
bei der oder den Seelen nicht der Fall. Der Primitive empfindet die
Nähe oder den Einfluß eines Geistes als unangenehm oder gefähr­
lich und fühlt sich erleichtert, wenn der Geist gebannt werden
kann. Umgekehrt aber empfindet er den Verlust einer Seele wie
eine schwere Krankheit und führt auch eine schwere körperliche
' Man möge dies nicht als metaphysische Konstatierung mißverstehen. Die Frage, ob
es Geister an sich gibt, ist damit nicht von ferne entschieden. Die Psychologie beschäftigt
sich nicht mit dem »An-sich« der Dinge, sondern nur mit deren Vorstellung.
P S Y CHOL OGI S CHE GRUNDLAGE N DE S GEI STERGLAU B ENS 1 1 7
Krankheit auf Seelenverlust zurück. Es gibt zahlreiche Riten, den
Seelenvogel wieder in den Kranken zurückzulocken. Kinder dür­
fen nicht geschlagen werden, weil ihre Seele sich sonst beleidigt
zurückziehen könnte. Die Seele ist für den Primitiven also etwas,
das normalerweise bei ihm sein sollte; die Geister aber scheinen
ihm etwas anderes zu sein, das normalerweise nicht in seiner Nähe
sein sollte. Er meidet daher auch die Orte, wo sich Geister aufhal­
ten. Er betritt sie nur mit Scheu, zu religiösen oder magischen
Zwecken.
Die Mehrheit der Seelen weist auf eine Mehrheit von Komplexen
von relativer Autonomie hin, die sich wie Geister verhalten kön­
nen. Die Seelenkomplexe aber erscheinen dem Ich als zugehörig
und ihr Verlust als krankhaft, im Gegensatz zu den Geisterkom­
plexen, deren Beziehung zum Ich Krankheit bewirkt und deren
Abspaltung Genesung bedeutet. Daher kommt es, daß die primiti­
ve Pathologie als Ursache von Krankheit nicht nur den Seelenver­
lust kennt, sondern auch die Besessenheit durch den Geist. Die
beiden Theorien halten sich so ziemlich die Waage. Dieser Sachla­
ge entsprechend müßte man also die Existenz unbewußter Kom­
plexe fordern, welche normalerweise zum Ich gehören, und sol­
cher, welche normalerweise sich dem Ich nicht assoziieren sollten.
Erstere sind die Seelenkomplexe, letztere die Geisterkomplexe.
Diese der primitiven Überzeugung geläufige Unterscheidung
entspricht nun genau meiner Auffassung des Unbewußten. Das
Unbewußte zerfällt nach meiner Auffassung in zwei scharf zu
unterscheidende Teile. Der eine Teil ist das sogenannte persönliche
Unbewußte. Es enthält alle diejenigen psychischen Inhalte, welche
im Laufe des Lebens vergessen worden sind. Ihre Spuren sind im
Unbewußten noch erhalten, auch wenn j ede bewußte Erinnerung
erloschen ist. Außerdem enthält es alle subliminalen Eindrücke
oder Perzeptionen, welche eine zu geringe Energie besaßen, um
das Bewußtsein erreichen zu können. Dazu kommen noch die
unbewußten Vorstellungskombinationen, welche noch zu schwach
und zu undeutlich sind, um die Bewußtseinsschwelle überschrei­
ten zu können. Schließlich finden sich im persönlichen Unbewuß­
ten auch alle diejenigen Inhalte, die sich als inkompatibel mit der
bewußten Einstellung erweisen. Meist betrifft dies eine ganze
Gruppe von Inhalten. Vor allen Dingen unterliegen der Verdrän­
gung wegen Inkompatibilität diejenigen Inhalte, welche moralisch,
ästhetisch oder intellektuell als unzulässig erscheinen. Bekanntlich
kann der Mensch nie nur Schönes, Gutes und Wahres denken und
fühlen. Wenn man sich aber bestrebt, eine möglichst ideale Ein­
stellung zu haben, so verdrängt man automatisch alles, was zu
dieser Einstellung nicht paßt. Wenn, wie dies bei differenzierten
1 1 8 O KKULTI S MUS
Menschen fast immer der Fall ist, eine Funktion, wie zum Beispiel
das Denken, vor allem entwickelt ist und damit das Bewußtsein
beherrscht, so wird dadurch das Fühlen in den Hintergrund ge­
drängt, und es gerät damit zum großen Tei l ins Unbewußte.
Aus diesen Materialien setzt sich das persönliche Unbewußte
zusammen. Den anderen Tei l des Unbewußten bezeichne ich als
das unpersönliche oder kollektive Unbewußte. Wie schon der Na­
me zeigt, enthält dieses Unbewußte keine persönlichen Inhalte,
sondern kollektive, das heißt solche, welche nicht einem Individu­
um allein zugehören, sondern mindestens einer ganzen Gruppe
von Individuen, meist einem ganzen Volke, ja sogar der ganzen
Menschheit. Diese I nhalte sind nicht Erwerbungen der Individual­
exi stenz, sondern sind Erzeugnisse von angeborenen Formen und
Instinkten. Obschon das Kind keine angeborenen Vorstellungen
hat, so hat es doch ein hochentwickeltes Gehirn mit ganz be­
stimmten Funktionsmöglichkeiten. Dieses Gehirn ist von den Ah­
nen vererbt. Es ist der Niederschlag der psychischen Funktion der
ganzen Aszendenz. Das Kind bringt somit ein Organ ins Leben
mit, das bereit ist, mindestens so zu funktionieren, wie es zu allen
Zeiten funktioniert hat. Im Gehirn sind die Instinkte präformiert
und ebenso alle Urbilder, auf deren Grundlage die Menschen stets
gedacht haben, also der ganze Reichtum an mythologischen Moti­
ven. 5 Bei einem normalen Menschen ist es natürlich nicht leicht,
ohne weiteres die Existenz eines kollektiven Unbewußten nachzu­
weisen, aber in seinen Träumen melden sich von Zeit zu Zeit
mythologische Vorstellungen. Am deutlichsten sieht man solche
Inhalte in Fällen von Geistesstörung, speziell in der Schizophrenie.
Dort entfalten sich oft die mythologischen Bi lder in ungeahnter
Mannigfaltigkeit. Die Geisteskranken produzieren oft Ideenver­
bindungen und Symbole, die man nicht auf die Erfahrungen ihres
individuellen Daseins zurückführen kann, wohl aber auf die
menschliche Geistesgeschichte. Es ist primitives mythologisches
Denken, welches seine Urbilder reproduziert, und nicht Repro­
duktion bewußter Erfahrungen. 6
Das persönliche Unbewußte enthält also Komplexe, welche dem
Individuum zugehören und einen unerläßlichen Tei l seines psychi-
5 Worunter keinesfalls die jeweilige Gestalt des Motivs, sondern dessen vorbewußtes
(und daher unanschauliches) Schema zu verstehen ist. Man kann dieses dem in der
Mutterlauge präformiert vorhandenen Kristallgitter vergleichen, das nicht zu verwech­
seln ist mi t dem verschieden ausgebildeten Axialsystem des individuellen Kristalls.
6 Vgl. dazu mein Buch Wandlungen und Symbole der Libido (Neuausgabe: Symbole
der Wandlung, GW 5) ferner Spielrein: Über den psychologischen Inhalt eines Falles von
Schizophrenie, 191 1 , S. 329 ff. ; Nelken : Analytische Beobachtungen über Phantasien
eines Schizophrenen, 1 91 2, S. 504 ff. ; Meier: Spontanmanifestationen des kollektiven
Unbewußten, 1939.
P S YCHOL OGI S C HE GR UNDLAGE N DE S GEI S TE RGLAUB E NS 1 1 9
sehen Lebens bilden. Wenn irgendwelche Komplexe, die mit dem
Ich assoziiert sein sollten, durch Verdrängung oder durch Versin­
ken unbewußt werden, so erfährt das Individuum einen Verlust.
Und wenn ihm, zum Beispiel durch psychotherapeutische Be­
handlung, ein verlorengegangener Komplex wieder bewußtge­
macht wird, so empfindet es dadurch einen Kraftzuwachs. 7 Die
Heilung vieler Neurosen geschieht auf diesem Weg. Wenn dage­
gen ein Komplex des kollektiven Unbewußten sich dem Ich asso­
ziiert, das heißt bewußt wird, so empfindet das Individuum diesen
Inhalt als fremd, unheimlich und zugleich faszinierend; auf jeden
Fall wird das Bewußtsein dadurch i n beträchtlicher Weise beein­
flußt, sei es, daß es den Komplex als krankhaft empfindet, sei es,
daß es dadurch dem normalen Leben entfremdet wird. Es tritt
durch Assoziation eines kollektiven Inhaltes an das Ich immer ein
Zustand von >> Entfremdung<< ein, denn es mischt sich etwas in das
individuelle Bewußtsein, das eigentlich unbewußt, das heißt vom
Ich getrennt, bleiben sollte. Gelingt es, einen solchen Inhalt wieder
aus dem Bewußtsein zu entfernen, so fühlt sich das Individuum
erleichtert und normaler. Der Einbruch dieser fremden Inhalte
findet sich als charakteristisches Symptom am Anfang vieler Gei­
steskrankheiten. Die Kranken werden von fremden und unerhör­
ten Gedanken befallen, die Welt sieht verändert aus, die Menschen
haben fremde, verzerrte Gesichter und so weiter. 8
Die Inhalte des persönlichen Unbewußten empfindet man als
zur eigenen Seele gehörig, die Inhalte des kollektiven Unbewußten
hingegen erscheinen fremd und wie von außen kommend. Die
Reintegration eines persönlichen Komplexes wirkt erleichternd
und oft direkt heilend, der Einbruch eines kollektiv-unbewußten
Komplexes dagegen ist ein sehr unangenehmes, ja sogar gefährli­
ches Zeichen. Der Parallelismus mit dem primitiven Seelen- und
Geisterglauben ist deutlich. Die Seelen der Primitiven entsprechen
den autonomen Komplexen des persönlichen Unbewußten, die
Geister dagegen den Komplexen des kollektiven Unbewußten.
Vom Standpunkt der Wissenschaft aus bezeichnen wir prosai­
scherweise das, was der Primitive als Seelen oder Geister auffaßt,
7 Dieser wird allerdings nicht immer als angenehm empfunden. Man ist ja zuvor mit
dem Verlust des Komplexes gar nicht unzufrieden gewesen, solange man die schlimmen
Folgen des Verlustes nicht zu spüren bekam.
8
Kenner dieser Materie werden die Einseitigkeit meiner Darstellung beanstanden,
denn sie wissen, daß der Archetpus, eben der autonome Kollektivinhalt, nicht nur den
hier geschilderten negativen Aspekt besitzt. I ch habe mich aber hier auf die landläufige
Symptomatologie, wie sie in jedem Lehrbuch der Psychiatrie zu finden ist, und auf die
ebenso landläufige Abwehreinstellung gegen das Ungewöhnliche beschränkt. Selbstver­
ständlich hat der Archetypus auch eine positive Numinosität, deren ich reichlich Erwäh­
nung getan habe.
1 20 OKKULTI S MUS
als psychische Komplexe. I n Anbetracht der außerordentlichen
Rolle, welche der Seelen- und Geisterglaube in der Geschichte und
i n der Gegenwart spielt, dürfen wir uns mit der bloßen Konstatie­
rung solcher Komplexe nicht begnügen, sondern müssen etwas
tiefer in ihr Wesen eindringen.
Man kann diese Komplexe leicht experimentell demonstrieren
mittels des Assoziationsexperimentes.9 Das Experiment besteht
bekanntlich darin, daß man der Versuchsperson ein Wort zuruft,
worauf die Versuchsperson so rasch wie möglich mit einem dazu­
gehörigen Wort reagiert. Die Reaktionszeit wird gemessen. Nach
der allgemeinen Erwartung müßten alle einfachen Wörter unge­
fähr mit gleicher Geschwindigkeit beantwortet werden können,
und nur »schwierige« Wörter würden eine längere Reaktionszeit
verursachen. In Wirklichkeit liegt aber die Sache anders. Es gibt
oft unerwartet lange Reaktionszeiten auf sehr einfache Wörter,
während schwierigere Wörter rasch beantwortet werden. Es hat
sich bei näherer Nachforschung herausgestellt, daß lange Reaktions­
zeiten meistens dann eintreten, wenn das Reizwort auf einen Inhalt
trifft, der stark gefühlsbetont ist. Außer der Verlängerung der Reak­
tionszeit treten auch noch andere charakteristische Störungen auf,
auf deren Einzelheiten ich hier nicht eingehen kann. Die gefühlsbe­
tonten Inhalte betreffen meistens Dinge, von denen die Versuchsper­
son möchte, daß sie dem anderen unbekannt blieben. Es handelt sich
in der Regel um etwas peinliche und darum verdrängte Inhalte, sogar
etwa um solche, welche der Versuchsperson selber unbekannt sind.
Wenn ein Reizwort auf einen solchen Komplex trifft, so fällt ihr
überhaupt keine Antwort ein, oder es fallen ihr so viele Dinge ein, daß
sie aus diesem Grunde gar nicht weiß, was antworten, oder sie
wiederholt mechanisch das Reizwort oder gibt eine Antwort und
ersetzt sie gleich durch eine andere und so weiter. Wenn man, nach
vollendetem Experiment, die Versuchsperson noch einmal befragt,
was sie auf die einzelnen Reizwörter geantwortet hat, so kann sie sich
an die gewöhnlichen Reaktionen meistens gut erinnern, an die
Komplexwörter dagegen meistens schlecht.
Diese Eigentümlichkeiten zeigen deutlich die Eigenschaften des
autonomen Komplexes : Er bewirkt eine Störung in der Reaktions­
bereitschaft, er entzieht einem die Antwort oder bewirkt wenig­
stens eine unverhältnismäßige Verspätung, oder er verursacht eine
nicht passende Reaktion, und nachträglich entzieht er auch oft die
Erinnerung an die Antwort. Er durchbricht also den bewußten
Willen, indem er die Einstellung stört. Darum sprechen wir von
der Autonomie der Komplexe. Wenn wir einen Neurotischen oder
• Vgl. meine Schrift Diagnostische Assoziationsstudien, GW 2.
PS YCHO LOGI S C HE GR UNDLAGEN DE S GE I S TERGLAUB E NS 1 21
einen Geisteskranken diesem Experiment unterwerfen, s o entdek­
ken wir, daß dieselben Komplexe, welche das Reagieren stören,
auch zugleich wesentlicher Inhalt der psychischen Störung sind.
Sie verursachen nicht nur die Reaktionsstörungen, sondern auch
die Symptome. Ich habe einzelne Fälle gesehen, wo gewisse Reiz­
wörter mit fremden und anscheinend sinnlosen Wörtern beant­
wortet wurden, mit Wörtern, die der Versuchsperson ganz uner­
wartet heraussprangen. Es klang so, als hätte ein fremdes Wesen
aus ihr gesprochen. Diese Wörter gehörten in den autonomen
Komplex. Diese Komplexe können, wenn durch einen äußeren
Reiz angeregt, plötzliche Verwirrungen des Denkens, Affekte, De­
pressionen, Angstzustände und so weiter erzeugen, oder sie äu­
ßern sich in Halluzinationen. Kurz, sie benehmen sich so, daß der
primitive Geisterglaube als eine ungemein anschauliche Formulie­
rung dafür erscheint.
Wir können nun die Parallele noch weiter ziehen. Gewisse
Komplexe entstehen durch schmerzliche oder peinliche Erfahrun­
gen im individuellen Leben. Es sind Lebenserfahrungen affektvol­
ler Art, welche langdauernde psychische Wunden hinterlassen. Ei­
ne schlimme Erfahrung kann zum Beispiel wertvolle Eigenschaf­
ten eines Menschen unterdrücken. Daraus entstehen unbewußte
Komplexe persönlicher Natur. Der Primitive würde in diesem Fall
von Seelenverlust sprechen - richtigerweise, denn tatsächlich sind
gewisse Teile der Psyche anscheinend verschwunden. Ein Tei l der
autonomen Komplexe entsteht aus solchen persönlichen Erfah­
rungen. Ein anderer Teil aber stammt aus ganz anderer Quelle. So
leicht ersichtlich die erstere Quelle ist - weil sie eben das j eder­
mann sichtbare äußere Leben betrifft -, so dunkel und schwer
verständlich ist die andere, weil sie immer Wahrnehmungen oder
Eindrücke von Inhalten des kollektiven Unbewußten betrifft. Ge­
wöhnlich versucht man diese inneren Wahrnehmungen durch äu­
ßere Ursachen zu rationalisieren, ohne damit aber der Sache beizu­
kommen. Es handelt sich im Grunde genommen um irrationale
Inhalte, welche dem Individuum zuvor nie bewußt waren und die
es darum vergebens irgendwo außen nachzuweisen versucht. Die
primitive Auffassung drückt dies treffend aus mit ihrer Überzeu­
gung, daß ein fremder Geist dabei seine Hand im Spiele habe.
Nach meiner Erfahrung treten diese inneren Erlebnisse entweder
dann ein, wenn eine äußere Erfahrung dermaßen erschütternd auf
das Individuum eingewirkt hat, daß seine ganze bisherige Lebens­
anschauung zusammenbricht oder wenn die Inhalte des kollekti­
ven Unbewußten aus irgendeinem Grunde eine so große Energie
erlangen, daß sie das Bewußtsein zu beeinflussen vermögen. Die­
ses letztere Ereignis tritt meines Erachtens dann ein, wenn im
1 22 O KKULTI S MUS
Leben eines Volkes oder überhaupt einer größeren menschlichen
Gruppe eine tiefgreifende Veränderung politischer, sozialer oder
religiöser Natur stattfindet. Diese Veränderung bedeutet zugleich
eine Veränderung der psychologischen Einstellung. Wir sind zwar
gewohnt, tiefgreifende historische Veränderungen ausschließlich
auf äußere Ursachen zurückzuführen. Ich glaube aber, daß die
äußeren Umstände öfters mehr oder weniger bloße Gelegenheiten
sind, bei welchen die unbewußt vorbereitete, neue Einstellung zu
Welt und Leben manifest wird. Durch allgemeine soziale, politi­
sche und religiöse Bedingungen wird das kollektive Unbewußte
affiziert, und zwar i n dem Sinne, daß alle diejenigen Faktoren,
welche durch die herrschende Weltanschauung respektive Einstel­
lung i m Leben eines Volkes unterdrückt werden, sich allmählich
i m kollektiven Unbewußten ansammeln und dadurch seine Inhalte
beleben. Meistens ist es dann ein Individuum oder mehrere von
besonders kräftiger Intuition, welche diese Veränderungen im kol­
lektiven Unbewußten wahrnehmen und sie in mitteilbare Ideen
übersetzen. Diese Ideen breiten sich dann rasch aus, weil auch bei den
anderen Menschen parallele Veränderungen im Unbewußten statt­
gefunden haben. Es herrscht eine allgemeine Bereitschaft, die neuen
Ideen aufzunehmen, obschon andererseits auch ein heftiger Wider­
stand dagegen besteht. Neue Ideen sind nicht bloß Gegner der alten,
sondern sie treten auch meistens in einer Form auf, welche der alten
Einstellung als mehr oder weniger unannehmbar erscheint.
Wenn immer Inhalte des kollektiven Unbewußten belebt wer­
den, so wirkt dieses Ereignis übermächtig auf das Bewußtsein. Es
tritt immer eine gewisse Verwirrung ein. Tritt die Belebung des
kollektiven Unbewußten ein infolge des Zusammenbruches der
Lebenshoffnungen und -erwartungen, so entsteht dadurch die Ge­
fahr, daß sich das Unbewußte an die Stelle der Wirklichkeit setzt.
Di eser Zustand wäre krankhaft. Tritt dagegen die Belebung ein
durch psychologische Vorgänge im Unbewußten des Volkes, so
fühlt sich zwar der Einzelne bedroht oder mindestens desorien­
tiert, aber der daraus hervorgehende Zustand ist kein krankhafter,
wenigstens nicht für das Individuum. Wohl aber ließe sich dann
der Geisteszustand des ganzen Volkes mit einer Psychose verglei­
chen. Gelingt die Übersetzung des Unbewußten in eine mitteilbare
Sprache, so entsteht eine erlösende Wirkung. Die in den unbewuß­
ten Inhalten befindlichen Triebkräfte werden durch die Überset­
zung ins Bewußtsein übergeführt und bilden eine neue Kraftquel­
le, welche einen folgenschweren Enthusiasmus auslösen kann. 1
0
10
Die obige Beschreibung des Zustandekommens einer Kollektivpsyche ist im Früh­
jahr 1 91 9 verfaßt worden. Die Zeitereignisse von 1933 an geben dazu die Bestätigung.
PS YC HOL OGI S C HE GRUNDLAGE N DE S G EI S TE RGLAU B E NS 1 23
Di e Geister sind nicht unter allen Umständen gefährlich und
schädlich, sondern können, wenn i n Ideen übersetzt, auch segens­
reiche Wirkung�n entfalten. Ein allgemein bekanntes Beispiel für
einen solchen Ubergang eines kollektiv-unbewußte� Inhaltes in
die allgemeine Sprache ist das Pfingstwunder. Für den Außenste­
henden befanden sich die Apostel i n einem Zustand ekstatischer
Verwirrung. 1 1 Aber aus eben diesem Zustande heraus vermittelten
sie die neue Lehre, welche der unbewußten Erwartung des Volkes
den passenden und erlösenden Ausdruck verlieh und sich mit er­
staunlicher Schnelligkeit durch das ganze römische Weltreich aus­
breitete.
Die Geister sind Komplexe des kollektiven Unbewußten, wel­
che entweder an die Stelle einer verlorengegangenen Anpassung
treten, oder eine ungenügend gewordene Einstellung eines ganzen
Volkes durch eine neue zu ersetzen trachten. Die Geister sind also
krankhafte Gedanken oder noch unbekannte neue Ideen.
Die Geister der Verstorbenen entstehen dadurch, daß derjenige
Betrag an affektiver Zugehörigkeit, welcher den Verstorbenen mit
seinen Angehörigen verband, mit dem Tode seine Realanwendung
verliert und darum i n das Unbewußte gerät, wo er einen kollekti­
ven Inhalt belebt, der keine günstigen Wirkungen auf das Bewußt­
sein ausübt. Die Batak und viele andere Primitive sagen daher, daß
die Verstorbenen sofort mit dem Tode ihren Charakter ver­
schlechtern und den Lebenden immer irgendwie zu schaden trach­
ten. Sie sagen dies offenbar aus der vielfach gemachten Erfahrung,
daß eine unaufgelöste Bindung an Verstorbene die Menschen zum
Leben weniger tauglich macht, ja sogar seelische Krankheiten ver­
ursacht. Die ungünstige Wirkung kann unmittelbar eintreten in
Gestalt von Libidoverlust, Depression und körperlicher Krank­
heit. Als postmortale Ereignisse werden auch allgemein Spukphä­
nomene berichtet. Es handelt sich dabei in erster Linie um psychi­
sche Tatsachen, die man nicht in Abrede stellen kann. Die mit der
sogenannten allgemeinen Aufklärung sonderbarerweise verbunde­
ne Superstitionsphobie veranlaßt sehr oft, daß höchst interessante
Tatsachenberichte schleunigst unterdrückt werden und so der For­
schung verlorengehen. Ich habe nicht nur vielerlei Berichte dieser
Art bei meinen Patienten eruieren können, sondern selber einiges
beobachtet. Aber mein Material ist zu spärlich, als daß ich darauf
eine begründbare Ansicht basieren könnte. Immerhin bin ich zur
subjektiven Überzeugung gelangt, daß es sich beim Spuk um Tat­
sachen handelt, von denen man zwar träumt, aber wovon die
>> Schulweisheit<< keine Notiz nehmen will .
11 Apostelgeschichte 2, 1 3: »Sie sind voll süßen Weines.•
1 24 OKKULTI S MU S
Ich habe in diesem Aufsatz eine psychologische Auffassung des
Geisterproblems skizziert, wie sie sich aus der derzeitigen Er­
kenntnis unbewußter Prozesse ergibt. Ich habe mich ganz auf das
Psychologische beschränkt und mit Absicht die Frage, ob Geister
auch an und für sich existieren und ihre Existenz durch materielle
Wirkungen bekunden könnten, aus der Diskussion gelassen. Nicht
etwa, weil ich a priori der Meinung wäre, eine solche Frage sei
unsinnig, sondern weil ich nicht in der Lage bin, irgendwie bewei­
sende Erfahrungen beizubringen. Mein Leser ist sich wohl mit mir
bewußt, wie außerordentlich schwierig es ist, Beweise für die un­
abhängige Existenz der Geister zu finden, denn die gewöhnlichen
spiritistischen Kommunikationen sind meist nichts anderes als
sehr alltägliche Manifestationen des persönlichen Unbewußten.
Immerhin gibt es erwähnenswerte Ausnahmen. So möchte ich auf
den merkwürdigen Fall, den Stewart E. White in einer Reihe von
Büchern beschreibt, aufmerksam machen. Die Kommunikationen
haben hier einen ungewöhnlich tieferen Gehalt als anderswo. So
werden eine Reihe von archetypischen Ideen produziert, darunter
zum Beispiel der Archetypus des Selbst, so daß man beinahe mei­
nen könnte, es handle sich um Entlehnungen aus meinen Schriften.
Ganz abgesehen von einem bewußten Plagiat halte ich auch eine
kryptomnestische Reproduktion für unwahrscheinlich. Es dürfte
sich wirklich um genuine Spontanproduktion des kollektiven Ar­
chetypus handeln. Das ist an sich nichts Außergewöhnliches, da
man gerade den Typus des Selbst überall in der Mythologie wie in
individuellen Phantasieprodukten antreffen kann. Die spontane
Bewußtwerdung von Kollektivinhalten, deren Vorhandensein im
Unbewußten von der Psychologie schon längst eruiert worden ist,
gehört mit zu der allgemeinen Tendenz mediumistischer Kommu­
nikationen, die Inhalte des Unbewußten ins Bewußtsein überzu­
führen. Ich habe den weitaus größeren Teil der spiritistischen Lite­
ratur gerade auf die in den Kommunikationen zutage tretenden
Tendenzen untersucht und bin dabei zum Schlusse gekommen,
daß i m Spiritismus ein Spontanversuch des Unbewußten vorliegt,
i n kollektiver Form bewußtzuwerden. Die Bemühungen der soge­
nannten Geister laufen darauf hinaus, entweder die Lebenden di­
rekt bewußter zu machen, oder den neu Verstorbenen ihre psy­
chotherapeutischen Bemühungen und damit indirekt wieder den
Lebenden angedeihen zu lassen. Der Spiritismus als Kollektiver­
scheinung verfolgt also dieselben Ziele wie die ärztliche Psycholo­
gie, und dabei produziert er sogar, wie seine neuesten Manifesta­
tionen dartun, dieselben Grundvorstellungen - allerdings in der
Form von >>Geisterlehren« -, welche für das Wesen des kollektiven
Unbewußten charakteristisch sind. Solche Dinge, so verblüffend
P S Y C HOL OGI S C HE G RU NDL AGE N DE S GE I S TE RGLAU B E NS 1 25
sie auch sein mögen, beweisen nichts für und nichts gegen die
Geisterhypothese. Ein anderes ist es allerdings mit den geglückten
Identitätsnachweisen. Ich werde nicht die Modetorheit begehen,
alles, was ich nicht erklären kann, für Schwindel anzusehen. Es
dürfte nur sehr wenige Nachweise dieser Art geben, welche dem
Kriterium der Krptomnesie und vor allem der »extra-sensory per­
ception<< standhalten. Die Wissenschaft kann sich den Luxus der
Naivität nicht gestatten. Diese Fragen sind noch zu beantworten.
Wer sich aber für die Psychologie des Unbewußten interessiert,
dem kann ich nur empfehlen, die Bücher Stewart E. Whites zu
lesen. 1 2 Das interessanteste Buch scheint mir >The U nobstructed
Universe< zu sein. Auch >The Road I Know< ist bemerkenswert,
insofern sich darin eine vortreffliche Anleitung zu j ener Methode
der Aktiven Imagination findet, die ich schon seit mehr als dreißig
Jahren in der Neurosenbehandlung verwende, um unbewußte In­
halte dem Bewußtsein zuzuführen. 1 3 Man findet in diesen Schrif­
ten noch die primitive Gleichung: Geisterland = Traumland (Un­
bewußtes).
Wo es sich um parapsychologische Phänomene handelt, so
scheinen diese in der Regel mit der Gegenwart eines Mediums
verbunden zu sein. 1 4 Sie sind, soweit wenigstens meine Erfahrung
reicht, exteriorisierte Wirkungen unbewußter Komplexe. Von die­
sen Exteriorisationen bin ich allerdings überzeugt. Ich habe zum
Beispiel vielfach telepathische Wirkungen unbewußter Komplexe
gesehen und auch eine Reihe parapsychischer Phänomene beob­
achtet. Aber ich kann in all dem keinen Beweis für die Existenz
von wirklichen Geistern erblicken, sondern muß dieses Erschei­
nungsgebiet bis auf weiteres für ein Kapitel der Psychologie hal­
ten. 1 5 Ich glaube, die Wissenschaft muß sich diese Beschränkung
1 2
Herr Dr. Künkel in Los Angeles hat mich freundliehst auf Stewart E. White auf­
merksam gemacht.
13 Eine kurze Schilderung der Methode findet sich in Die transzendente Funktion,
GW 8; ferner in Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten, GW 7,
§§ 341-373.
1 4 Aber es gibt auch von dieser Regel gewisse bemerkenswerte Ausnahmen. (Vgl. z. B.
den ortsgebundenen Spuk.)
1 5 Nachdem ich seit einem halben Jahrhundert von vielen Menschen und i n vielen
Ländern psychologische Erfahrungen gesammelt habe, fühle ich mich nicht mehr so
sicher wie im Jahre 1919, als ich obigen Satz niederschrieb. Ich zweifle offen gestanden
daran, daß eine ausschließlich psychologische Methodik und Betrachtung den in Frage
stehenden Phänomenen gerecht werden kann. Nicht nur die Feststellungen der Parapsy­
chologie, sondern auch meine eigenen theoretischen Überlegungen, die ich in meinem
Eranosbeitrag Jahrbuch 14 (1946), S. 485 ff. (GW 8, §§ 343-442) skizziert habe, führten
mich zu gewissen Postulaten, welche das Gebiet der atOmphysikalischen Vorstellungen,
d. h. des Raum-Zeit-Kontinuums berühren. Damit wird die Frage der transpsychischen
Realität, welche der Psyche unmittelbar zugrunde liegt, aufgeworfen.
1 26 OKKULTI S MUS
auferlegen. Darüber aber soll man nie vergessen, daß die Wissen­
schaft nur eine Angelegenheit des Intellektes ist. Der Intellekt ist
nur eine unter mehreren fundamentalen psychischen Funktionen
und genügt darum nicht zur Schaffung eines allgemeinen Weltbil­
des. Dazu gehört zum mindesten auch das Gefühl. Das Gefühl hat
vielfach andere Überzeugungen als der Intellekt, und es ist nicht
immer zu beweisen, daß die Überzeugungen des Gefühls gegen­
über denen des Intellektes minderwertig seien. Wir haben ferner
die subliminalen Wahrnehmungen des Unbewußten, welche dem
bewußten Intellekt nicht zur Verfügung stehen und deshalb bei
einem intellektuellen Weltbild nicht i n Betracht kommen. Wir ha­
ben daher allen Grund, unserem Intellekt nur eine beschränkte
Gültigkeit einzuräumen. Wo wir aber mit dem Intellekt arbeiten,
müssen wir wissenschaftlich vorgehen und solange einem Erfah­
rungssatze treu bleiben, bis untrügliche Beweise seiner Ungültig­
keit vorliegen.
Über spiritistische Erscheinungen ( 1 905)
Es ist unmöglich, im knappen Zeitraum einer Stunde etwas
Gründliches und Erschöpfendes zu sagen über ein so komplizier­
tes historisches und psychologisches Problem, wie es uns die Er­
scheinung des Spiritismus bietet. Man muß sich darauf beschrän­
ken, bald auf diese, bald auf j ene Seite dieser weitläufigen Materie
ein Licht fallen zu lassen. Diese Behandlungsweise hat den Vorteil,
daß der Hörer dadurch am ehesten einen Begriff bekommt von der
Vielseitigkeit der spiritistischen Frage. Der Spiritismus (von spiri­
tus = Geist) ist sowohl eine Lehre (die Überzeugten nennen sie
eine >> wissenschaftliche<<) als auch eine religiöse Überzeugung,
welche, wie j ede religiöse Überzeugung, den geistigen Kern abgibt
zu einer religiösen Bewegung, einer Sekte, welche das tatsächliche
und greifbare >> Hineingreifen einer Geisterwelt in die unsrige<< glaubt
und konsequenterweise als ihre religiöse Praxis den Verkehr mit den
Geistern übt. Der Spiritismus hat vor anderen religiösen Bewegun­
gen eine Doppelnatur voraus : Er glaubt nicht bloß an gewisse weiter
nicht beweisbare Glaubenstatsachen, sondern er stützt seinen Glau­
ben auf einen die Naturwissenschaft angehenden, in letzter Linie
physikalischen Komplex von Erscheinungen, welche derart beschaf­
fen sein sollen, daß sie nicht anders als durch die Wirksamkeit von
Geistern schlechthin erklärt werden können. Diese eigentümliche
Doppelnatur - einerseits religiöse Sekte, andererseits naturwissen­
schaftliche Hypothese - macht es, daß der Spiritismus die verschie­
denartigsten und anscheinend entlegensten Lebensgebiete berührt.
Der Spiritismus als Sekte nahm seinen eigentlichen Anfang in
Amerika im Jahre 1 848. Seine Entstehungsgeschichte klingt selt­
sam. 1 Zwei Mädchen aus der Methodistenfamilie Fox i n Hydesvil­
le bei Rochester (New York) werden allnächtlich durch Klopflaute
erschreckt. Zuerst entstand daraus ein großer Skandal, die Nach­
barn vermuteten, daß der Teufel hier sein Spiel treibe, dann aber
gelang es, mit diesen Klopflauten allmählich in Verbindung zu
treten, indem man die Entdeckung machte, daß sie auf Fragen mit
einer bestimmten Anzahl Schläge antworteten. Mit einem Klopfal­
phabet wurde schließlich herausgebracht, daß im Hause der Fox
ein Mann ermordet und seine Leiche im Keller verscharrt worden
sei. Nachforschungen sollen diese Nachricht bestätigt haben.
Soweit der Bericht. An öffentlichen Vorstellungen, welche die
1 Ausführlicher Bericht bei Capron: Modern Spiritualism, 1 885. Kurz referiert bei
Aksakow: Animismus und Spiritismus, 1 894.
128
OKKULTI S MU S
Fox mit ihren Klopfgeistern i n Rochester gaben, schlossen sich
rasch Gründungen von anderen Zirkeln respektive Sekten an. Man
nahm das früher schon geübte Tischrücken wieder auf, man suchte
und fand zahlreiche Medien, das heißt Personen, bei denen derarti­
ge Erscheinungen wie Klopflaute, Tischrücken und so weiter vor­
kommen. Die Bewegung verpflanzte sich rasch auch nach England
und dem Kontinent. Bei uns äußerte sich die spiritistische Bewe­
gung hauptsächlich in Form einer Tischrückepidemie, welche ganz
Europa überzog. Es gab dazumal keine Abendgesellschaft, kein
Kränzchen, wo nicht in später Stunde noch offen oder verstohlen
der Tisch befragt wurde. Dieses eine Symptom des Spiritismus
grassierte allgemein; weniger schnell drang bei uns die religiös
sektiererische Sekte durch, doch wuchs sie langsam und stetig.
Heutzutage gibt es keine größere Stadt mehr, wo sich nicht eine
ziemlich zahlreiche gläubige Spiritistengemeinde fände.
In Amerika, wo es von kleinen lokalreligiösen Bewegungen
wimmelt, ist auch das Emporkommen der Spiritisten leicht ver­
ständlich. Bei uns ist die günstige Aufnahme dieses exotischen
Glaubens nur daraus verständlich, daß ein günstiger, historischer
Boden dafür vorhanden war. Der Anfang des 1 9. Jahrhunderts hat
uns die romantische Richtung der Literatur gebracht, als ein Sym­
ptom für eine tief ins Volk hinabreichende und weitverbreitete
Sucht nach dem Außergewöhnlichen und Abnormen. Man schau­
erte gerne in Ossianisehen Gefühlen, man bevorzugte die Romane,
die i n alten Schlössern und verfallenen Klöstern spielten. Überall
drängten sich mystische, überempfindsame, hysterische Züge her­
vor. Gespräche über das Leben nach dem Tode, über Somnambule
und Geisterseher, über animalischen Magnetismus ware·n an der
Tagesordnung. Schopenhauer hat dieser Richtung ein umfangrei­
ches Kapitel seiner >Parerga und Paralipomena< gewidmet und
kommt auch an verschiedenen Stellen seines Hauptwerkes auf der­
artige Dinge gern zu sprechen. Selbst sein wichtiger Begriff der
>> Hei ligkeit« ist ein übertriebenes mystisch-asketisches Ideal . Auch
in der katholischen Kirche zeigten sich ähnliche Richtungen, die
sich namentlich in der seltsamen Gestalt des Johann Josef von
Görres ( 1 776-1 848) verdichteten. Besonders bezeichnend in dieser
Hinsicht ist sein vierhändiges Werk >Die christliche Mystik<. Eine
ähnliche Tendenz verrät seine frühere Schrift : >Emanuel Sweden­
borg. Seine Visionen und sein Verhältnis zur Kirche<. Das prote­
stantische Publikum schwärmte für die empfindsame Poesie des
Justinus Kerner und seiner Seherin, der Frau Friederike Hauffe,
während gewisse Theologen ihrer katholisierenden Richtung
durch Geisterbannungen Ausdruck verliehen. Aus jener Zeit stam­
men eine ganze Anzahl merkwürdiger Lebensbeschreibungen oder
ÜB E R S P I RI TI S TI S C HE E R S C HE I NUNGE N 129
sonstiger psychologischer Schilderungen von ekstatischen (som­
nambulen, sensitiven) Personen. Man suchte überall diese nervö­
sen Abnormitäten auf und kultivierte sie förmlich. Ein schönes
Beispiel ist Frau Hauffe, die Seherin von Prevorst, und der Kreis
von Bewunderern, den sie um sich sammelte. Ein katholisches
Gegenstück dazu ist Katharina Emmerich, die ekstatische Nonne
von Dülmen. Über ähnliche Persönlichkeiten berichtet ein gelehr­
ter Anonymus in einem dicken Buche >Die Tyroler ekstatischen
Jungfrauen. Leitsterne in die dunkeln Gebiete der Mystik<.
Bei diesen wunderlichen Personen - Sensitiven oder Somnambu­
len, wie man sie damals nannte - wurden meist folgende übersinn­
liche Vorgänge beobachtet:
1. »Magnetische« Erscheinungen
2. Hellsehen und Prophetie
3. Visionen.
1 . Unter animalischem Magnetismus verstand man im Anfang des
19. Jahrhunderts ein ganz unbestimmt abgegrenztes Gebiet phy­
siologischer und psychologischer Erscheinungen, die man alle
»magnetisch« erklären zu können glaubte. Man sprach von »ani­
malischem Magnetismus«, seitdem man die genialen Experimente
Franz Anton Mesmers gesehen hatte. Mesmer entdeckte nämlich
die Kunst, durch leichte Streichungen mit den Händen einen Men­
schen in Schlaf zu bringen. Bei den einen war dieser Schlaf ein dem
natürlichen ähnlicher, bei anderen war er dagegen ein sogenannter
»Wachschlaf« , das heißt, die Leute glichen Nachtwandlern, sie
schliefen nur partiell, während gewisse Sinnesgebiete wach blie­
ben. Man nannte diesen Halbschlaf auch den »magnetischen
Schlaf« oder Somnambulismus (Schlafwandel). In diesen Zustän­
den waren die Leute dem Willen des Magnetiseurs gänzlich unter­
worfen, sie waren von ihm »magnetisiert<< . Bekanntlich haben die­
se Zustände heutzutage das Wunderbare verloren; wir kennen sie
als Hypnose und verwenden die Mesmersehen Striche oder passes
als wertvolles Hilfsmittel neben anderen Suggestionsmethoden.
Die Bedeutung, die man den Mesmersehen Strichen zumutete,
führte auch rasch zu einer unverhältnismäßigen Überschätzung.
Man glaubte damit eine Lebenskraft entdeckt zu haben, man
sprach von einem »magnetischen Fluidum«, das vom Magnetiseur
auf den Patienten überströme und den Krankheitsstoff zersetze.
Man wollte damit auch die Bewegungen des Tisches beim Tisch­
rücken erklären, indem man sich vorstellte, der Tisch werde durch
Auflegen der Hände belebt - vitalisiert - und bewege sich darum
wie ein belebtes und beseeltes Wesen. Auf ähnliche Weise erklärte
1 30 OKKULTI S MUS
man sich die Erscheinungen der Wünschelrute und des automa­
tisch schwingenden Pendels. Es wurden sogar ganz tolle Erschei­
nungen dieser Art berichtet und geglaubt. So erzählte die >Neue
Preußische Zeitung< aus Barmen in Pommern, daß sich eine Ge­
sellschaft von sieben Personen in einem freischwimmenden Boote
um einen befestigten Tisch gesetzt und ihn magnetisiert habe. »In
den ersten 20 Minuten trieb das Boot 50 Fuß weit mit dem Strome.
Sodann fing es seine drehende Bewegung, seine Rotation an, so
daß es unter stetiger Beschleunigung in drei Minuten umwandte
( 1 80 Grad). Durch geschickte Handhabung des Steuerruders wur­
de endlich die Längsbewegung erzielt, und die Gesellschaft fuhr in
40 Minuten 1 /2 Meile stromaufwärts, in 26 Minuten aber dieselbe
Strecke zurück. Ein Schwarm Zuschauer, die den Experimenten
vom Ufer aus zugesehen, empfing die >Tischfahrer< mit Jubel . «
Al so ein mystisches Automobilboot! Der Universitätsprofessor
Nägeli i n Freiburg i m Breisgau soll zu diesem Experiment den
Vorschlag gemacht haben.
Auch aus dem grauen Altertum sind derartige Experimente be­
kannt. So berichtet Ammianus Marcellinus aus dem Jahr 371 , daß
ein gewisser Patricius und ein Hilarius zu Lebzeiten des Kaisers
Valens, »durch abscheuliche Wahrsagekünste« nach dem zukünfti­
gen Reichsnachfolger geforscht hätten. Sie benutzten dazu eine
Metallschale, auf deren Rand das Alphabet eingegraben war. Dar­
über hielten sie unter Beschwörungen einen an einem Faden aufge­
hängten Ring. Dieser begann zu pendeln und buchstabierte durch
Anschlagen an die Schale den Namen Theodorus heraus. Als ihre
Zauberei ruchbar wurde, wurden sie verhaftet und hingerichtet.
Die gewöhnlichen Experimente mit automatischen Bewegungen
des Tisches, der Wünschelrute und des Pendels verlaufen weder so
wundersam wie das zuerst genannte Beispiel, noch so gefährlich
wie das zweite. Über die verschiedenen Erscheinungen, die beim
Tischrücken vorkommen können, hat Justinus Kerner eine Ab­
handlung geschrieben, die den bezeichnenden Titel führt >Die
somnambülen Tische. Zur Geschichte und Erklärung dieser Er­
scheinungen<. Der j üngst verstorbene Professor Thury in Genf hat
ebenfalls über diese Vorgänge geschrieben: >Les Tables parlantes
au point de vue de I a physique generale<.
2. Helsehen und Prophetie sind weitere Eigentümlichkeiten der
Somnambulen. Fälle von Hellsehen in Zeit und Raum spielen in
den Lebensbeschreibungen von besseren Somnambulen immer ei­
ne große Rolle. Die betreffende Literatur ist reich an mehr oder
weniger glaubwürdigen Berichten.2
2
Am meisten findet man in Gurney/Myers/Podmore: Phantasms of the Living, 1 886.
ÜB E R S P I RI TI S TI S C HE E RS C HE I NUNGE N 1 3 1
Ein hübsches Beispiel von Hellsehen bewahrt uns die philo­
sophische Literatur auf; es ist uns auch darum interessant, weil
lmmanuel Kant es mit persönlichen Randbemerkungen versehen
hat. In einem nicht genau datierten Brief an Fräulein Charlotte von
Knobloch schreibt Kant über den Geisterseher Swedenborg fol­
gendermaßen :
>> Die folgende Begebenheit aber scheint mir unter allen die größ­
te Beweiskraft zu haben und benimmt wirklich allem erdenklichen
Zweifel die Ausflucht. Es war im Jahre 1 756, als Herr von Sweden­
borg gegen Ende des Septembermonats am Sonnabend um 4 Uhr
Nachmittags aus England ankommend, zu Gothenburg ans Land
stieg. Herr William Castel bat ihn zu sich und zugleich eine Ge­
sellschaft von fünfzehn Personen. Des Abends um 6 Uhr war Herr
von Swedenborg herausgegangen und kam entfärbt und bestürzt
ins Gesellschaftszimmer zurück. Er sagte, es sei eben jetzt ein
gefährlicher Brand in Stockholm am Südermalm (Gothenburg liegt
von Stockholm über 50 Meilen weit ab) und das Feuer griff sehr
um sich. Er war unruhig und ging oft heraus. Er sagte, daß das
Haus einer seiner Freunde, den er nannte, schon in der Asche läge
und sein eigenes Haus in Gefahr sei. Um 8 Uhr, nachdem er wie­
der herausgegangen war, sagte er freudig: Gott!ob, der Brand ist
gelöschet, die dritte Thüre von meinem Hause! - Diese Nachricht
brachte die ganze Stadt und besonders die Gesellschaft in starke
Bewegung und man gab noch denselben Abend dem Gouverneur
davon Nachricht. Sonntags des Morgens ward Swedenborg zum
Gouverneur gerufen. Dieser befrug ihn um die Sache. Swedenborg
beschrieb den Brand genau, wie er angefangen, wie er aufgehört
hätte und die Zeit seiner Dauer. Desselben Tages lief die Nachricht
durch die ganze Stadt, wo es nun, weil der Gouverneur darauf
geachtet hatte, eine noch stärkere Bewegung verursachte, da Viele
wegen ihrer Freunde oder wegen ihrer Güter in Besorgniß waren.
Am Montage Abends kam eine Estafette, die von der Kaufmann­
schaft in Stockholm während des Brandes abgeschickt war, in Go­
thenburg an. In den Briefen ward der Brand ganz auf die erzählte
Art beschrieben. Dienstags Morgens kam ein königlicher Courier
an den Gouverneur mit dem Berichte von dem Brande, vom Ver­
luste, den er verursachet, und den Häusern, die er betroffen, an;
nicht im mindesten von der Nachricht unterschieden, die Sweden­
borg zur selbigen Zeit gegeben hatte, denn der Brand war um
8 Uhr gelöseher worden. - Was kann man wider die Glaubwürdig­
keit dieser Begebenheit anführen? Der Freund, der mir dieses
schreibt, hat alles das nicht allein in Stockholm, sondern vor unge­
fähr 2 Monaten in Gorbenburg selbst untersucht, wo er die an­
sehnlichsten Häuser sehr wohl kennt und wo er sich von einer
1 32 OKKULTI S MUS
ganzen Stadt, i n der seit der kurzen Zeit von 1 756 doch die meisten
Augenzeugen noch leben, hat vollständig belehren können. << 3
Das Prophezeien ist ei ne begrifflich und durch den Religionsun­
terricht so bekannte Erscheinung, daß sie durch Beispiele nicht
besonders verdeutlicht werden muß.
3. Die Geistervisionen endlich spielten von jeher eine große Rol­
le in den Wundergeschichten, sei es als Gespensterspuk oder als
ekstatisches Gesicht. Die Wissenschaft faßt die Geistervisionen als
Sinnestäuschungen (Halluzinationen) auf. Halluzinationen sind
bei Geisteskrankheiten sehr gewöhnlich. Ich greife aus der psych­
iatrischen Literatur ein beliebiges Beispiel heraus :
Eine vierundzwanzigjährige Magd, die von einem trunksüchti­
gen Vater und einer nervenkranken Mutter stammt, bekommt
plötzlich eigentümliche Anfälle : Sie gerät von Zeit zu Zeit in einen
anderen Bewußtseinszustand, in welchem sie alles, was ihr i n den
Sinn kommt, in so lebendigen Farben vor sich sieht, als ob es
Wirklichkeit wäre. Dabei wechseln die Bilder mit wahrhaft aufre­
gender Schnelligkeit und Lebendigkeit. Die Kranke, die eigentlich
nichts ist als ein einfaches Landmädchen, gleicht dann einer begei­
sterten Seherin. Ihre Miene ist verklärt, ihre Bewegungen erfolgen
mit wahrer Grazie. An ihrem geistigen Auge ziehen herrliche Bil­
der vorüber. Schiller erscheint ihr persönlich und spielt mit ihr. Er
trägt ihr seine Gedichte vor. Dann fängt sie selbst an zu dichten
und Gelesenes, Erlebtes, Gedachtes in Versen zu rezitieren und zu
improvisieren. Endlich kommt sie müde, erschöpft, mit Kopfweh
und Beklemmungen wieder zum Bewußtsein, mit nur undeutli­
cher Erinnerung an das Erlebte. Ein andermal hat ihr zweites Be­
wußtsein einen düsteren Charakter : Sie sieht Unglück prophezei­
ende Spukgestalten, Geisterzüge, Karawanen von seltsamen und
schrecklichen Tiergestalten, sieht ihr eigenes Leichenbegräbnis
und so weiter. 4
Nach diesem Typus verläuft im allgemeinen auch di e Ekstase des
Sehers. Aus der Geschichte sind uns zahlreiche Visionäre bekannt;
zu ihnen gehören viele der Propheten des Alten Testamentes. Von
Paulus wird die Vision auf dem Weg nach Damaskus berichtet; sie
war von einer Blindheit gefolgt, die in einem psychologischen Mo­
ment aufhörte. Diese Blindheit erinnert lebhaft einerseits an die
Bli ndheit, die man durch Suggestion erzeugen kann, andererseits
an diejenige, die bei gewissen hysterischen Kranken spontan ent­
steht und in einem geeigneten psychologischen Momente wieder
schwindet. Di e schönsten und psychologisch durchsichtigsten Vi-
' Kant : Träume eines Geistersehers, 1 766, hrsg. von Kehrbach, Anhang, S. 73 f.
4 Bei Krafft-Ebing: Lehrbuch der Psychiatrie, 1 890, S. 577.
ÜB E R S P I RI TI S TI S CHE E RS CHE I NUNGE N 133
sionen findet man in der Heiligenlegende, wo die Gesichte am
farbigsten sind, wenn es sich bei weiblichen Heiligen um das
himmlische Verlöbnis handelt. Ein hervorragender visionärer Ty­
pus ist die Jungfrau von Orleans, die unter Ludwig XVIII. von
dem frommen Träumer Themas Ignaz Martin anscheinend unbe­
wußt kopiert wurde. 5
Ein Visionär von. unerreichter Fruchtbarkeit ist Emanuel von
Swedenborg ( 1 689-1 772), ein gelehrter und geistig hochstehender
Mann. Seine Bedeutung zeigt sich uns noch darin, daß er einen
nicht unbeträchtlichen Einfluß auf Kant ausübte. 6
Di e bisherigen Ausführungen sollen nichts Abschließendes ge­
ben, sondern bloß in gröbsten Umrissen das damalige Wissen und
die damalige mystische Richtung skizzieren. Sie geben andeu­
tungsweise die psychologischen Prämissen, welche die rasche Auf­
nahme, die der amerikanisch-englische Spiritismus bei uns gefun­
den, verständlich machen. Der Spiritismus fiel auf dem Kontinent
auf fruchtbaren Boden. Die Tischrückepidemie der 1 850er Jahre
wurde bereits erwähnt. In den 1 860er und -70er Jahren wurde der
Höhepunkt erreicht. In Paris wurden am Hofe Napoleons III. spi­
ritistische Sitzungen abgehalten. Die berühmten und zum Teil be­
rüchtigten Medien Cumberland, die Gebrüder Davenport, Hore,
Slade, Miß Cook produzierten sich; mit ihnen brach eigentlich die
Blütezeit des Spiritismus an, denn bei diesen Medien geschahen
Wunder, ganz außerordentliche Dinge, die so weit über alles
menschliche Maß hinausgingen, daß ein denkender Mensch, der
nicht selber Augenzeuge war, ihnen nur Skepsis entgegenbringen
konnte. Es geschah nämlich das Unmögliche: Es entstanden
menschliche Körper und Körperteile da, wo vorher nichts gewesen
war als Luft. Diese Körper verrieten eine selbständige Intelligenz
und enthüllten sich als Geister Verstorbener. Sie gingen mit Ver­
ständnis auf die zweifelnden Forderungen der Menschen der dies­
seitigen Welt ein und fügten sich sogar experimentellen Bedingun­
gen: Die Geister hinterließen bei ihrem Verschwinden dem Dies­
seits Stücke ihrer weißen Florgewänder, Abdrücke von Fuß und
Hand, Handschriften auf der Innenseite zweier aneinander gesie­
gelter Schieferplatten, und schließlich ließen sie sich auch photo­
graphieren.
Tief eindrucksvoll wirkte diese Kunde aber erst, als der auf dem
Gebiete der Physik rühmliehst bekannte englische Gelehrte Wil­
liam Crookes in seiner Zeitschrift >Quarterly Journal of Science<
5 Vgl. Kerner: Die Geschichte des Thomas Ignaz Martin, Landmann zu Gallardon,
über Frankreich und dessen Zukunft im Jahre 1 8 1 6 geschaut, 1 835.
6 Über sein Leben vgl . Ballet: Swedenborg, 1 899.
1 34 OKKULTI S MUS
der Welt einen Bericht vorlegte über seine während dreier Jahre
angestellten Beobachtungen, welche ihn von der Realität der in
Frage stehenden Phänomene überzeugt hatten. Da es sich um Be­
obachtungen handelt, die keiner von uns mitgemacht hat und de­
ren nähere Bedingungen niemand mehr kontrollieren kann, so
bleibt nichts anderes übrig, als durch den Mund des Beobachters
selbst zu vernehmen, wie sich seine damaligen Beobachtungen in
seinem Gehirn spiegelten. Die Art seines Ausdrucks läßt uns dann
wenigstens ahnen, welche Gefühle seine Schilderung begleitet ha­
ben. I ch zitiere darum wörtlich einen Passus aus dem Berichte
Crookes' über die in den Jahren 1 870-1 873 angestellten Untersu­
chungen:
>>Klasse VI: Das Sicherheben von Personen. - Dieses hat sich in
meiner Gegenwart bei vier Gelegenheiten im Finsteren zugetra­
gen. Di e Prüfungsbedingungen, unter denen es stattfand, waren
ganz befriedigend, soweit sich dieses beurteilen ließ; aber der
sichtbare Beweis einer solchen Tatsache ist so notwendig, um un­
sere vorgefaßten Meinungen über das >VOn Natur Mögliche und
Unmögliche< zu zerstören, daß ich hier nur Fälle erwähnen will,
bei denen die Schlußfolgerungen der Vernunft von dem Gesichts­
sinn bestätigt wurden.
Bei einer Gelegenheit sah ich einen Stuhl mit einer auf ihm sit­
zenden Dame sich mehrere Zoll hoch vom Boden erheben. Bei
einer anderen Gelegenheit kniete die Dame, um den Verdacht zu
vermeiden, daß dieses auf irgendeine Weise von ihr selbst bewirkt
werde, derart auf dem Stuhl, daß uns dessen vier Füße sichtbar
waren. Er hob sich dann ungefähr drei Zoll hoch, blieb etwa zehn
Sekunden lang schwebend und senkte sich dann langsam nieder.
Ein andermal erhoben sich zwei Kinder bei besonderen Gelegen­
heiten vom Fußboden mit ihren Stühlen in vollem Tageslicht, un­
ter (für mich) höchst befriedigenden Bedingungen; denn ich kniete
und beobachtete dicht an den Stuhlbeinen, und bemerkte, daß
niemand sie berühren konnte.
Di e schlagendsten Fälle des Sicherhebens, deren Zeuge ich war,
fanden bei Mr. Hore statt. Bei drei besonderen Gelegenheiten
habe ich ihn vollständig vom Fußboden des Zimmers sich erheben
sehen. Das eine Mal saß er auf einem Lehnstuhle, das andere Mal
kniete er auf einem Stuhle, und das dritte Mal stand er auf ihm. In
j edem Fall hatte ich volle Gelegenheit, den Vorgang zu beobach­
ten, sobald er stattfand.
Es gibt wenigstens hundert berichtete Fälle von Mr. Hores Er­
hebungen vom Boden, in Gegenwart ebenso vieler verschiedener
Personen, und ich habe von den Lippen dreier Augenzeugen der
schlagendsten Vorfälle dieser Art - vom Grafen von Dunraven,
ÜB E R S P I RI TI S TI S C HE E RS C HE I NUNGE N 135
von Lord Lindsay und von Kapitän Wynne - ihre selbsteigenen,
genauesten Berichte von dem, was stattfand, entgegengenommen.
Die berichteten Sinneswahrnehmungen über diesen Gegenstand
verwerfen, hieße überhaupt alles menschliche Zeugnis verwerfen;
denn weder in der heiligen noch in der profanen Geschichte ist
eine Tatsache durch eine stärkere Reihe von Zeugnissen gestützt.
Die gesammelten Zeugnisse, welche Mr. Hores Erhebungen
feststellen, sind überwältigend. Es ist sehr zu wünschen, daß j e­
mand, dessen Zeugnis in der wissenschaftlichen Welt als entschei­
dend angesehen wird - wenn i n der Tat ein solcher Mann sich
finden sollte, dessen Zeugnis zugunsten derartiger Erscheinungen
angenommen würde - ernst und geduldig diese behaupteten Tatsa­
chen prüfen möchte. Die meisten Augenzeugen für diese Erhebun­
gen leben noch und werden ohne Zweifel geneigt sein, ihr Zeugnis
zu geben. Aber in einigen Jahren wird ein solches direktes Zeugnis
sehr schwer, wenn überhaupt noch möglich, zu erhalten sein. << 7
Wie man aus dem Tone des Zitates ohne weiteres schließen
kann, ist Crookes völlig überzeugt von der Tatsächlichkeit seiner
Wahrnehmungen. Ich verzichte auf weitere Zitate. Etwas prinzi­
piell Neues würde man daraus nicht lernen. Es genügt zu bemer­
ken, daß Crookes so ziemlich alles, was bei diesen großen Medien
vorkommt, gesehen hat. Es ist wohl kaum nötig, noch besonders
zu betonen, daß, wenn dieses Unerhörte wirklich Tatsache ist,
Welt und Wissenschaft um ein Erfahrungsgebiet von der ungeheu­
ersten Bedeutung bereichert sind. Die psychologische Auffas­
sungsfähigkeit und Reproduktionstreue Crookes' in den Jahren
1 870-1 873 vom Standpunkt des Irrenarztes zu kritisieren, ist ein
aus vielen Gründen unmögliches Unterfangen. Wir wissen nur,
daß Crookes damals nicht manifest geisteskrank war. Crookes und
seine Beobachtungen sind uns vorderhand ein ungelöstes psycho­
logisches Rätsel. Das gleiche gilt auch von einer Reihe anderer
Beobachter, deren Intelligenz oder Ehrlichkeit man nicht grundlos
herabsetzen will. Von den zahlreichen Beobachtern aber, bei de­
nen Voreingenommenheit, Kritikmangel und Bildungsfähigkeit
auffallen, sage ich nichts : sie kommen von vorneherein nicht in
Betracht.
Man braucht nicht besonders angekränkelt zu sein von Zweifeln,
ob die Welterkenntnis des 20. Jahrhunderts wirklich den höchst­
möglichen Gipfel erklommen hat, um sich menschlich berührt zu
fühlen von dem unzweideutigen Zeugnis eines hervorragenden
Gelehrten. Man kann bei diesem Mitgefühl völlig absehen von der
physikalischen Frage der Realität solcher Phänomene und sich
7 Crookes : Notes of an Enquiry into the Phenomena called Spiritual, 1 874, S. 85 f.
1 36 OKKULTI S MU S
vorerst rein der psychologischen Frage zuwenden : Wie kommt ein
denkender Mensch, der sich anderweitig nur vorteilhaft über seine
Besonnenheit und wissenschaftliche Beobachtungsgabe ausgewie­
sen hat, dazu, das Unfaßbare als Realität zu behaupten?
Dieses psychologische Interesse hat mich veranlaßt, seit Jahren
denj enigen Personen, die als Medien veranlagt sind, nachzuspüren.
Mein Beruf als I rrenarzt gab mir dazu reichlich Gelegenheit, be­
sonders i n einer Stadt wie Zürich, wo so viele merkwürdige Ele­
mente auf so kleinem Raum zusammenströmen, wie nicht bald an
einem anderen Ort Europas. Ich habe im Laufe der Jahre acht
Medien untersucht, sechs weiblichen und zwei männlichen Ge­
schlechts. Den Gesamteindruck dieser Untersuchungen kann man
dahin resümieren, daß man mit äußerst geringen Erwartungen an
ein Medium herangehen muß, um nicht enttäuscht zu werden. Die
Ausbeute der Untersuchungen hat ein lediglich psychologisches
Interesse, das heißt, physikalische oder physiologische Neuigkei­
ten kamen dabei nicht heraus. Alles, was als wissenschaftlich siche­
re Tatsache gelten kann, gehört ins Gebiet der geistigen Vorgänge,
das heißt der Gehirnprozesse, und ist durch die der Wissenschaft
bereits bekannten Gesetze völlig erklärbar.
Alle vom Spiritismus für die Wirksamkeit von Geistern rekla­
mierten Erscheinungen sind an die Gegenwart gewisser Personen,
der sogenannten Medien, geknüpft. Als spiritistisch bezeichnete
Ereignisse konnte ich nie beobachten an Orten oder bei Gelegen­
heiten, wo kein Medium zugegen war. Medien sind in der Regel
geistig leicht abnorme Personen. Frau Rothe zum Beispiel konnte
von den Gerichtspsychiatern nicht als unzurechnungsfähig be­
zeichnet werden, obschon sie eine Reihe sogenannter hysterischer
Symptome darbot. Sieben meiner Medien zeigten leichtere hysteri­
sche Erscheinungen (die übrigens auch sonst außerordentlich ver­
breitet sind). Eines meiner Medien war ein amerikanischer
Schwindler, dessen Abnormität hauptsächlich in Unverschämtheit
bestand. Meine sieben übrigen Medien handelten in guten Treuen.
Nur ein Medium, eine Frau in mittlerem Alter, hatte ihre Fähig­
keiten angeboren; sie litt nämlich seit frühester Kindheit an Be­
wußtseinsveränderungen (häufige und leichte hysterische Däm­
merzustände). Sie machte aus der Not eine Tugend, rief durch
Autosuggestion die Bewußtseinsveränderung selbst herbei und
prophezeite dann in dieser Autohypnose. Die anderen Medien
wurden auf ihre Fähigkeit erst durch die Umgebung geführt, in­
dem sie in spiritistischen Sitzungen dazu dressiert wurden, was
nicht besonders schwierig ist. Man kann durch ein paar geschickte
Suggestionen einen ungemein hohen Prozentsatz der Menschen,
namentlich der Frauen, zu einfachen spiritistischen Manipulatio-
ÜB E R S P I RI TI STI S C HE E R S C HE I NUNGE N 1 37
nen bringen, zum Beispiel zu selbständigem Tischrücken, etwas
weniger häufig auch zu automatischem Schreiben.
Die gewöhnlichsten Erscheinungen, die man an Medien sehen
kann, sind das Tischrücken, das automatische Schreiben und das
Trancereden.
Das Tischrücken besteht darin, daß eine oder mehrere Personen
die Hände auf ein leicht bewegliches Tischehen legen. Nach eini­
ger Zeit (ein paar Minuten bis eine Stunde) fängt der Tisch an, sich
zu bewegen, und zwar macht er drehende oder schaukelnde Bewe­
gungen. Diese Erscheinungen kann man an allen Gegenständen,
die berührt werden, beobachten. Das automatisch schwingende
Pendel und die Wünschelrute beruhen auf dem gleichen Prinzip.
Es war nun eine sehr kindliche Hypothese der früheren Jahrzehn­
te, daß man annahm, die berührten Gegenstände bewegten sich
selbständig, wie lebende Wesen. Wenn man ein etwas schwereres
Objekt wählt und während der Bewegung desselben die Armmus­
keln des Mediums befühlt, so kann man mit aller Deutlichkeit die
Spannung derselben konstatieren und damit auch die Anstren­
gung, welche das Medium macht, um den Gegenstand zu bewe­
gen. Merkwürdig ist an der Sache bloß, daß die Medien behaupten,
sie spürten nichts von dieser Anstrengung, sondern hätten dabei
das bestimmte Gefühl, als bewege sich der Gegenstand selbständig
oder als würde ihnen der Arm oder die Hand bewegt. Diese psy­
chologische Erscheinung ist aber bloß für diejenigen Leute merk­
würdig, welche die Erfahrungen des Hypnotismus nicht kennen.
Man kann zum Beispiel einem Hypnotisierten befehlen, daß er
nach dem Erwachen alles, was in der Hypnose passiert ist, verges­
sen müsse, er werde aber nachher auf ein bestimmtes Zeichen,
ohne zu wissen warum, plötzlich den rechten Arm emporheben.
Nach dem Erwachen hat er richtig alles vergessen; auf das Zeichen
aber erhebt er den Arm; er weiß aber nicht warum, »es hat ihm den
Arm einfach in die Höhe gezogen« .
Umgekehrt kann man gelegentlich bei Hysterischen spontan
auftretende automatische Erscheinungen beobachten, zum Bei­
spiel Lähmungen eines Armes oder eigentümliche automatische
Bewegungen desselben. Den Grund dieser plötzlich eintretenden
Symptome können die Kranken entweder nicht angeben, oder sie
geben Scheingründe an, zum Beispiel das komme von einer Erkäl­
tung oder von Überanstrengung. Man braucht die Kranken bloß
zu hypnotisieren, um dann in der Hypnose den wirklichen Grund
und die Bedeutung dieses Symptomes zu erfahren. Ein j unges
Mädchen erwacht des Morgens und entdeckt, daß ihr rechter Arm
gelähmt ist. Sie eilt entsetzt zum Arzt und gibt an, sie wisse nicht,
woher das komme, sie habe sich offenbar tags zuvor in der Haus-
1 38 O KK U LTI S MUS
haltung überanstrengt. Dies sei der einzige Grund, den sie sich
denken könne. In der Hypnose aber stellt es sich heraus, daß tags
zuvor die Kranke eine heftige Auseinandersetzung mit den Eltern
gehabt hatte, wobei der Vater sie schließlich energisch am rechten
Arm gefaßt und zur Türe hinausspediert hatte. Nun ist die Läh­
mung des rechten Armes klar; sie hängt ab von der dem wachen
Bewußtsein nicht gegenwärtigen (unbewußten) Erinnerung an die
gestrige Szene. 8
Aus diesen Tatsachen ist zu ersehen, daß an unserem Körper
unter Umständen sehr wohl automatische Bewegungen vorkom­
men können, deren Grund und Herkunft uns unbekannt sind.
Wenn uns nicht die Wissenschaft darauf aufmerksam gemacht hät­
te, so wüßten wir auch nicht, daß unsere Arme und Hände fast
beständig leise Bewegungen ausführen, welche unsere Gedanken
begleiten, sogenannte » Intentionszitterbewegungen<< . Stellt man
sich zum Beispiel eine einfache geometrische Figur, vielleicht ein
Dreieck, vor, so beschreiben die Bewegungen der ausgestreckten
Hand ebenfalls ein Dreieck, was man mittels geeigneter Apparate
leicht sichtbar machen kann. Wenn man sich also mit der lebhaften
Erwartung automatischer Bewegungen an den Tisch setzt, so wer­
den die I ntentionszitterbewegungen diese Erwartung widerspie­
geln und allmählich den Tisch in Bewegung bringen. Haben wir
aber einmal die scheinbar automatische Bewegung bemerkt, so
sind wi r auch davon überzeugt, daß >> die Sache geht<< . Die Über­
zeugung (Suggestion) trübt aber Urteil und Beobachtung, so daß
wi r nicht bemerken, daß die anfänglich leisen Zitterbewegungen
allmählich in kräftigere Muskelzusammenziehungen übergehen,
welche dann natürlich entsprechend größere und noch mehr über­
zeugende Wirkungen hervorbringen.
Wenn nun aber ein gewöhnlicher Tisch, dessen einfache Kon­
struktion wir kennen, scheinbar selbständige Bewegungen aus­
führt und sich wie belebt gebärdet, so ist die menschliche Phanta­
sie gern bereit, irgendein mystisches Fluidum oder gar die Geister
der Luft als Bewegungsursache anzunehmen. Wenn nun gar, was
i n der Regel geschieht, der Tisch aus einem Alphabet Sätze mit
vernünftigem Inhalt zusammenstellt, so scheint der Beweis er­
bracht zu sein, daß hier eine >> fremde Intelligenz<< noch mit im
Spiele ist. Wir wissen aber, daß die anfänglichen automatischen
Zitterbewegungen in hohem Grade von unseren Vorstellungen ab­
hängig sind. Sind sie nun imstande, den Tisch zu bewegen, so
können sie auch die Bewegungen des Tisches so leiten, daß sie in
8
Über di e Existenz •unbewußter Vorstellungen• vgl. meine Habilitationsschrift
>Über das Verhalten der Reaktionszeit beim Assoziationsexperiment<, GW 2.
ÜB E R S PI RI TI S TI S C HE E RS C HE I NUNGE N 1 39
einem Alphabet Buchstaben zu Worten und Sätzen zusammenstel­
len. Es ist dabei ganz unnötig, daß man sich die Sätze vorher
deutlich vorstellt. Derjenige unbewußte Teil unserer Seele, der die
automatischen Bewegungen leitet, läßt auch bald intellektuellen
Inhalt in die Bewegungen einfließen. 9 Wie nicht anders zu erwar­
ten, steht der intellektuelle Gehalt von dergleichen Produktionen
in der Regel auf einer recht niederen Stufe und überschreitet nur in
ganz seltenen Fällen die Intelligenzsphäre des betreffenden Me­
diums. Gute Beispiele für die Armlichkeit der >>Tischreden<< gibt
Allan Kardecs bekanntes >Buch der Medien<.
Das sogenannte automatische Schreiben erfolgt nach den glei­
chen Prinzipien wie das Tischrücken. Der Inhalt des Geschriebe­
nen überragt in keiner Weise denjenigen der »Tischreden<< . Das
Trancereden, das Reden in der Verzückung oder Ekstase, ist prin­
zipiell das gleiche. Statt der Muskeln des Armes und der Hand
werden hier einfach die Muskeln des Sprachapparates in selbstän­
dige Tätigkeit versetzt. Der Inhalt des Gesprochenen nimmt na­
türl!ch den gleichen Rang ein wie die Produkte der anderen Auto­
matismen.
Die besprochenen Erscheinungen sind statistisch die häufigsten,
die man bei Medien beobachten kann. Erheblich seltener sind Er­
scheinungen von »Hellsehen<< . Unter meinen Medien befanden
sich zwei, denen man Hellsehen nachsagte. Das eine dieser Medien
ist eine bekannte, gewerbsmäßige Hellseherin, die sich schon in
verschiedenen Schweizer Städten mit ihren Seancen blamiert hat.
Um mir ein möglichst gerechtes Urteil über den Geisteszustand
dieser Person zu verschaffen, habe ich während eines halben Jahres
annähernd dreißig Sitzungen mit ihr abgehalten. Die Ergebnisse
der Untersuchung bezüglich hellseherischer Leistungen sind kurz
gefaßt : Etwas ganz unzweifelhaft über die normalen psychologi­
schen Möglichkeiten Hinausgehendes wurde nicht beobachtet.
Dagegen waren einige Fälle darum merkwürdig, weil sie eine un­
bewußte feine Kombinationsgabe verrieten. Das Medium konnte
gewiß kleine Wahrnehmungen und Vermutungen sehr geschickt
zusammenstellen und verwerten, und zwar geschah dies meist in
einem Zustande leichter Umnebelung des Bewußtseins. Irgend et­
was Übernatürliches hat dieser Zustand nicht an sich; er ist im
Gegenteil ein der Psychologie bekanntes Forschungsobjekt.
Wie fein die unbewußte Auffassungsfähigkeit ist, konnte ich bei
meinem zweiten Medium experimentell nachweisen. Die Anord-
' Eine ausführliche Darstellung findet sich in meiner Schrift >Zur Psychologie und
Pathologie sogenannter okkulter Phänomene< (S. 1 65-249 dieses Bandes).
1 40 OK KULTI S MUS
nung der betreffenden Versuche war folgende: Das Medium setzte
sich mir gegenüber an einen leichten kleinen Tisch, der auf einem
dicken weichen Teppich stand (behufs größerer Beweglichkeit).
Beide legten die Hände auf den Tisch. Während das Medium von
einer dritten Person durch Konversation geistig in Anspruch ge­
nommen wurde, stellte ich mir intensiv eine Zahl zwischen 0 und
1 0 vor, zum Beispiel 3. Die Abmachung war, daß der Tisch durch
eine entsprechende Anzahl Neigungen angeben sollte, wie groß
die j eweilen vorgestellte Zahl war. Daß nun der Tisch j edesmal,
wenn ich meine Hände während des ganzen Versuches auf der
Platte hielt, die Zahl richtig angab, ist weiter nicht merkwürdig.
Bemerkenswert ist aber, daß der Tisch in 77% der Fälle die Zahl
auch richtig angab, wenn ich meine Hände entfernte, sobald die
erste Bewegung anhob. Brachte ich meine Hände überhaupt nicht
mit dem Tisch in Berührung, so gab es keine Treffer. Aus diesen
Resultaten zahlreicher Versuche geht hervor, daß es möglich ist,
durch einfache Intentionszitterbewegungen eine Zahl zwischen 0
und 1 0 einer anderen Person zu übermitteln, und zwar so, daß
diese Person die Zahl nicht erkennen, aber doch durch ihre auto­
matischen Bewegungen wiedergeben konnte. Wie ich zur Genüge
konstatieren konnte, hatte das Bewußtsein des Mediums nie eine
Ahnung von der Zahl, die ich übermittelt hatte. Zahlen über 1 0
wurden sehr unsicher, oft nur zur einen oder anderen Hälfte wie­
dergegeben. Wurden die Ziffern römisch vorgestellt, so gingen sie
bedeutend schlechter als die arabischen. Die oben erwähnten 77%
Treffer gelten nur für die Versuche mit arabischen Ziffern. Man
kann daraus schließen, daß meine unbewußten Bewegungen wahr­
scheinlich das Schriftbild der Ziffern übermittelten. Die kompli­
zierteren und ungewohnteren Schriftbilder der römischen Ziffern
gingen darum schlechter, ebenso die Zahlen über 1 0.
Ich kann von diesen Versuchen nicht berichten, ohne einer ku­
ri osen, aber lehrreichen Beobachtung zu gedenken, die ich an ei­
nem Tage machte, an welchem alle psychologischen Versuche mit
dem Medium mißrieten. Auch die oben erwähnten Zahlenexperi­
mente wollten durchaus nicht gehen, bis ich schließlich auf folgen­
den Ausweg verfiel : Bei im übrigen gleicher Versuchsanordnung
erklärte ich, daß die Zahl, die ich mir vorstelle (3 ), zwischen 2 und
5 liege. Ich ließ nun jeweilen den Tisch ein dutzendmal Antwort
geben. Die Zahlen, die der Tisch wiedergab, lauteten mit eiserner
Konsequenz: 2, 4, 5 aber nie 3, womit der Tisch, respektiv das
Unbewußte des Mediums, negativ, aber deutlich angab, daß es die
mir vorgestellte Zahl kannte und bloß aus irgendeiner Laune um­
ging. Die Launenhaftigkeit des Unbewußten ist etwas, von dem
die Spiritisten auch sonst viel zu erzählen wissen, nur heißt es in
ÜB E R S PI RI TI S TI S C HE E RS C HE I NUNGE N 1 41
ihrer Sprache, die guten Geister seien von neckischen Spottgeistern
abgelöst worden, wodurch die Versuche gestört worden seien.
Die feine Auffassungsfähigkeit des Unbewußten, welches aus
den Zitterbewegungen einer anderen Person Zahlen ablesen kann,
ist eine auffallende, aber keineswegs unerhörte Tatsache. Die wis­
senschaftliche Literatur kennt eine Reihe von Beispielen, welche
diese Tatsache belegen. Ist nun aber das Unbewußte eines Men­
schen imstande, etwas zu erkennen und wiederzugeben (was mei­
ne Experimente beweisen), ohne daß das Bewußtsein des Individu­
ums etwas davon weiß, so ist bei der Beurteilung von bellseheri­
schen Leistungen die größte Vorsicht vonnöten. Bevor wir anneh­
men, daß der Gedanke unabhängig vom Gehirn Raum und Zeit
überfliegt, müssen wir danach trachten, durch minutiöse psycho­
logische Untersuchung die verborgenen Quellen und Zuflüsse der
scheinbar übernatürlichen Erkenntnis aufzudecken.
Auf der anderen Seite aber kann j eder vorurteilslose Forscher
ruhig zugeben, daß man gegenwärtig noch nicht auf dem Gipfel
aller Weisheit angelangt ist und daß die Natur noch unendliche
Möglichkeiten in sich birgt, mit denen eine glücklichere Zukunft
wird rechnen können. Ich beschränke mich deshalb darauf zu er­
klären, daß diejenigen Fälle von bellseherischen Leistungen, die
ich erlebte, sich zwanglos auf einem anderen, verständlicheren
Wege erklären ließen als durch die Annahme mystischer Erkennt­
nismöglichkeiten. Die anscheinend unerklärlichen Hellsehleistun­
gen habe ich nur erzählen gehört oder in Büchern gelesen.
Das gleiche gilt auch von den übrigen großen spiritistischen Ma­
nifestationen, von den sogenannten physikalischen Erscheinungen.
Die, welche ich sah, galten als solche, waren aber keine. Überhaupt
werden unter den zahllosen Wundergläubigen unserer Tag� weni­
ge sein, die überhaupt jemals etwas derart handgreiflich Uberna­
türliches gesehen haben. Unter diesen wenigen sind jedenfalls etli­
che, welche eine überhitzte Phantasie haben und kritische Beob­
achtung durch Glauben ersetzen. Immerhin bleibt aber unter die­
sen Zeugen doch ein Rest, den man nicht kritisch bemängeln darf.
Ich rechne zum Beispiel Crookes hieher.
Alle Menschen beobachten Dinge, die ihnen ungewohnt sind,
schlecht. Auch Crookes ist ein Mensch. Es gibt keine universelle
Beobachtungsgabe, die ohne spezielle Übung in hohem Grade si­
cher wäre. Die menschliche Beobachtung leistet nur dann etwas,
wenn sie für ein bestimmtes Gebiet geübt ist. Nehmen wir einen
feinen Beobachter von seinem Mikroskop weg und richten seine
Aufmerksamkeit auf Wind und Wetter, so ist er hilflos und leistet
weniger als j eder Jäger und Bauer. Setzen wir einen guten Physiker
in das täuschende und zauberische Dunkel einer spiritistischen
142 O KKULTI S MUS
Sitzung, wo hysterische Medien mit all dem wunderbaren und
unglaublichen Raffinement, das vielen zu Gebote steht, ihr Wesen
treiben, so leistet seine Beobachtung so viel wie die irgendeines
Laien. Es kommt dann nur noch darauf an, wie stark sein Vorurteil
pro oder contra ist. Daraufhin wäre zum Beispiel Crookes' seeli­
sche Disposition noch zu untersuchen. Ist er durch Milieu und
Erziehung oder durch seinen angeborenen Geisteszustand nicht
abgeneigt, das Wunderbare zu glauben, so wird er durch den Spuk
überzeugt. Ist er von vornherein abgeneigt, das Wunderbare zu
glauben, so glaubt er trotz dem Spuk nicht, wie es so vielen ande­
ren Leuten gegangen ist, die Ähnliches bei den nämlichen Medien
gesehen haben.
Die menschliche Beobachtung und Berichterstattung ist gestört
durch zahllose Fehlerquellen, die zum Teil noch ganz unbekannt
sind. So beschäftigt sich zum Beispiel eine ganze Richtung der
experimentellen Psychologie mit der »Psychologie der Aussage<< ,
das heißt mit dem Problem der Beobachtung und Berichterstat­
tung. Professor William Stern, 1
0
der Schöpfer dieser Richtung, hat
Experimente veröffentlicht, deren Resultate ein böses Licht auf die
menschliche Beobachtungsgabe werfen, und dabei hat Stern noch
mit gebildeten Leuten experimentiert ! Es scheint mir nun, als
müßten wir zuerst noch einige Jahre in der von Stern eingeschlage­
nen Richtung fleißig weiterarbeiten, bevor wir uns an die schwieri­
ge Realitätsfrage in spiritistischen Dingen machen.
Was die Wunderberichte in der einschlägigen Literatur betrifft,
darf man bei aller Kritik nie das Bewußtsein von der Beschränkt­
heit unserer Erkenntnis verlieren, sonst könnte einem leicht etwas
allzu Menschliches zustoßen, nämlich, daß man sich blamiert, wie
die Akademie mit Chladnis Meteoren 1 1 oder das hochwohlweise
bayerische Ärztekollegium mit der Eisenbahn. 1 2 Immerhin glaube
ich, hat man beim gegenwärtigen Stand der Dinge Grund genug,
ruhig zuzuwarten, bis sich wieder größere physikalische Erschei­
nungen ereignen. Steckt dann nach Abzug von bewußtem und
unbewußtem Betrug, Selbsttäuschung, Vorurteil und so weiter
noch etwas Positives dahinter, so wird die exakte Wissenschaft
10
Stern ( 1 871-1938) war Professor für Angewandte Psychologie in Breslau; 1934-
1938 an der Duke University, USA. Vgl. Freud/Jung ·Briefwechsel< und Jung: Die
psychologische Diagnose des Tatbestandes, GW 2, § 728.
11
Eigentlich Meteoriten, die noch die Astronomen des 19. Jahrhunderts für irdischen
Ursprungs hielten. Der deutsche Physiker E. F. F. Chladni ( 1 756-1827) vertrat die
Theorie ihrer außerirdischen Herkunft.
1 2
Als 1 835 die erste deutsche Eisenbahnlinie von N ürnberg nach Fürth eröffnet wur­
de, warnten Ärzte, daß die Geschwindigkeit der Züge bei Reisenden und Zuschauern
Schwindel hervorrufen und die Milch der Kühe, die in der Nähe der Geleise weideten,
sauer werden lassen könnte.
ÜB E R S P I RI TI S TI S CHE E RS C HE I NUNGE N 1 43
sich auch dieses Gebiet erobern und dem prüfenden Experiment
unterwerfen, so wie es mit allen anderen Dingen menschlicher
Erfahrung gegangen ist. Daß viele Spiritisten mit ihrer »Wissen­
schaft« und »wissenschaftlichen Erkenntnis« renommieren, ist na­
türlich arger Unfug. Diesen Leuten fehlt es nicht bloß an Kritik,
sondern auch an den elementarsten psychologischen Kenntnissen.
Sie wollen im Grunde genommen übrigens auch nicht belehrt sein,
sondern bloß glauben, was in Ansehung der menschlichen Unvoll­
kommenheit eine naive Unbescheidenheit ist.
Drei Vorreden ( 1948, 1 950, 1958)
[White]
Man lege dieses Buch 1 nicht leichthin aus der Hand, wenn man
entdeckt, daß es von >> Unsichtbaren« (invisibles), das heißt also
von Geistern, handelt und daher in die Kategorie der spiritisti­
schen Literatur gehört. Man kann es nämlich auch ohne diese
Hypothese oder Theorie lesen, und zwar als einen psychologi­
schen Tatsachenbericht oder als eine fortlaufende Erzählung von
Mitteilungen des Unbewußten - denn um letzteres geht es in erster
Linie. Sogar die Geister sind zunächst psychische Phänomene, die
ihre Begründung im Unbewußten haben. Jedenfalls sind die >> Un­
sichtbaren«, welche die Informationsquellen dieses Buches darstel­
len, schattenhafte Personifikationen unbewußter Inhalte, entspre­
chend der Regel, daß aktivierte Teile des Unbewußten, wenn sie
sich der bewußten Wahrnehmung bemerkbar machen, Persönlich­
keitscharakter annehmen. Aus diesem Grunde scheinen die Stim­
men, welche Geisteskranke vernehmen, Persönlichkeiten, die oft
identifiziert werden, anzugehören oder es werden ihnen persönli­
che Intentionen zugeschrieben. Wenn es dem Beobachter gelingt ­
was nicht immer eine leichte Sache ist -, eine gewisse Anzahl von
halluzinierten Aussagen zu sammeln, so lassen sich in der Tat
etwas wie Motive und Absichten, die personalen Charakter haben,
darin erkennen.
Das gleiche gilt in entsprechend vergrößertem Maßstab bei den
>> COntrols<< der spiritistischen Medien, welche >> Kommunikatio­
nen« vermitteln. Alles in unserer Psyche hat zunächst persönlichen
Charakter, und man muß seine Untersuchung schon sehr weit
treiben, bis man auf Elemente stößt, welche diesen Charakter nicht
aufweisen. Das >> Ich« oder >>Wir« der Kommunikationen hat bloß
grammatikalische Bedeutung und beweist niemals die Existenz ei­
nes Geistes, sondern bloß das persönliche Vorhandensein des Me­
diums oder der Medien. Handelt es sich aber um >> Identitäts bewei­
se« , wie sie in diesem Buche vorkommen, so muß man sich daran
erinnern, daß ein solcher Beweis wenigstens theoretisch unmög-
1 Stewart Edward White: Uneingeschränktes Weltall, 1948. White ( 1 873-1946), ameri­
kanischer Schriftsteller, Verfasser von Abenteuergeschichten, befaßte sich in seinem
späteren Leben mit Spiritualismus. Jung lernte seine Bücher 1946 durch Fritz Künkel,
einen amerikanischen Psychotherapeuten, kennen ; vgl. seinen ausführlichen Brief an
Künkel vom 1 0. Juli 1946 über >The Unobstructed Universe< (C. G. Jung: Briefe, Bd. 2,
hrsg. von A. Jaffe, 1972).
1 46 O KK ULTI S MUS
lieh zu sein scheint, wenn man sich vergegenwärtigt, was für eine
unabsehbare Reihe von Fehlerquellen dabei in Betracht kommt.
Wir wissen für sicher, daß das Unbewußte subliminal wahrnimmt
und den Schatz verlorener Erinnerungen beherbergt. Es gibt, wie
wir wissen, überdies genügend experimentelle Beweise dafür, daß
Raum und Zeit für das Unbewußte relative Größen bedeuten, daß
mithin die unbewußte Wahrnehmung nicht unbedingt durch die
Schranken von Raum und Zeit behindert wird, sondern Erwer­
bungen machen kann, die dem Bewußtsein schlechterdings unzu­
gänglich wären. Ich verweise i n dieser Hinsicht auf die an der
Duke University und an andern Orten durchgeführten Rhine­
schen Experimente.2
Bei dieser Sachlage scheint der Identitätsbeweis, theoretisch we­
nigstens, eine hoffnungslose Sache zu sein. Praktisch allerdings
liegt die Sache insofern anders, als Fälle nicht nur möglich sind,
sondern tatsächlich vorkommen, welche derartig überwältigend
eindrucksvoll sind, daß sie auf die Betroffenen unbedingt überzeu­
gend wirken. Wenn schon einerseits unsere kritischen Argumente
j eden einzelnen Fall in Zweifel ziehen, so gibt es doch andererseits
kein einziges, welches die Nichtexistenz der Geister beweisen
könnte. Wir müssen uns daher wohl in dieser Hinsicht mit einem
»non liquet<< begnügen. Wer von der Wirklichkeit der Geister
überzeugt ist, möge wissen, daß es sich dabei um eine subj ektive,
aus soundso vielen Gründen anfechtbare Entscheidung handelt.
Wer davon nicht überzeugt ist, der hüte sich vor der naiven An­
nahme, daß damit aller Spuk erledigt sei und daß alle Manifestatio­
nen dieser Art als schwindelhaft und sinnlos zu gelten hätten. Dem
ist nämlich keineswegs so. Die Phänomene bestehen, abgesehen
von aller Deutung, zu Recht, und es ist über allen Zweifel sicher,
daß es sich um genuine Manifestationen des Unbewußten handelt.
Mitteilungen der >> Geister<< sind auf alle Fälle Aussagen über die
unbewußte Psyche, vorausgesetzt, daß sie wirklich spontan und
nicht von einem betrügerischen Bewußtsein zusammengeschwin­
delt sind. Das haben solche Aussagen mit dem Traum gemeinsam:
auch dieser sagt über das Unbewußte aus, und deshalb benützt ihn
auch die Psychotherapie als erstrangige Informationsquelle.
Was also White in seinem Buche darstellt, dürfen wir als eine
umfängliche Auskunft über das Unbewußte und dessen Wesen
betrachten. Die Mitteilungen unterscheiden sich von der gewöhn­
lichen spiritistischen Kommunikationsliteratur dadurch sehr vor­
teilhaft, daß sie von aller Erbaulichkeit und banaler Phantasterei
2 Rhi ne: New Frontiers of the Mind, 1937; The Reach of the Mind, 1948. Tyrrel l : The
Personality of Man, 1945.
DRE I VORRE DE N
1 47
absehen und sich dafür auf gewisse allgemeine Aspekte und Ideen
konzentrieren. Diesen ebenso wohltuenden wie bemerkenswerten
Unterschied dürfen wir wohl dem glücklichen Umstand zuschrei­
ben, daß das eigentliche Verdienst dieses Buches dem Medium
Betty, der damals schon verstorbenen Frau des Autors, zukommt.
Es ist ihr >> Geist<< , der in dem Buche waltet. Wir kennen nämlich
ihr Wirken und ihre Persönlichkeit aus früheren Büchern Whites3
und wissen, wie groß der Einfluß ihrer Persönlichkeit auf ihre
Umgebung war, wie erzieherisch und seelenbildend sie gewirkt
und wie sehr sie damit im Unbewußten ihrer Umgebung all das
vorbereitet hat, was i n den Mitteilungen dieses Buches zutage tritt.
Die erzieherische Absicht der Tätigkeit Bettys unterscheidet sich
nicht von der allgemeinen Tendenz der spiritistischen Kommuni­
kationsliteratur: Die »Geister<< (oder personifizierte unbewußte
Faktoren) streben nach einer Entwicklung des menschlichen Be­
wußtseins und nach einer Vereinigung desselben mit dem Unbe­
wußten. Die Bemühungen Bettys verfolgen eingestandenermaßen
den gleichen Zweck. Interessanterweise koinzidieren die Anfänge
des amerikanischen (und bald nach Europa verpflanzten) Spiritis­
mus um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufblühen des
Wissenschaftsmaterialismus. Es kommt daher dem Spiritismus in
allen seinen Formen eine kompensatorische Bedeutung zu. Es ist
von Belang, zu wissen, daß eine Reihe von Naturforschern, Ärzten
und Philosophen, deren Kompetenz unbestritten ist, sich für die
Wahrheit der fraglichen Phänomene, die eine höchst seltsame Wir­
kung der Psyche auf die Materie demonstrieren, eingesetzt haben.
Ich erwähne Friedrich Zöllner, William Crookes, Alfred Riebet,
Camille Flammarion, Giovanni Schiaparelli, Sir Oliver Lodge und
unseren Zürcher Psychiater Eugen Bleuler, ganz abgesehen von
einer großen Zahl weniger bekannter Namen. Ich selber habe mich
speziell auf diesem Gebiete durch keine originale Forschung her­
vorgetan, stehe aber nicht an zu erklären, daß ich genügend derar­
tige Phänomene beobachtet habe, um von deren Realität völlig
überzeugt zu sein. Sie sind mir unerklärlich, und ich kann mich
daher für keine der gewöhnlichen Deutungen derselben entschei­
den.
Ich will dem Inhalt dieses Buches nicht vorgreifen, aber ich kann
es mir nicht versagen, einige Punkte hervorzuheben. Vor allem
scheint mir erwähnenswert - und dies in Ansehung des Umstan­
des, daß der Autor keinerlei Kenntnis von moderner Psychologie
hat -, daß die »Unsichtbaren<< eine energetische Auffassung der
Psyche präkonisieren, welche gewissen neuesten Anschauungen
3 The Betty Book, 1937; Across the Unknown, 1939; The Road I Know, 1942.
148 OKKULTI S MUS
der Psychologie nahekommen. Die Analogie liegt i m Begriffe der
»Frequenz<< . Hier liegt aber auch der nicht zu übersehende Unter­
schied: Die Psychologie nimmt für das Bewußtsein eine höhere
energetische Spannung an als für das Unbewußte. Umgekehrt
schreiben die »Unsichtbaren« dem Geiste eines Abgeschiedenen
(also einem personifizierten unbewußten Inhalt) eine höhere >> Fre­
quenz<< zu als der lebenden Psyche. Man darf allerdings dem Um­
stand, daß beide Gebiete sich einer energetischen Anschauung be­
dienen, nicht allzu große Bedeutung zumessen, da der Energiebe­
griff sozusagen eine Kategorie des modernen naturwissenschaftli­
chen Verstehens überhaupt darstellt.
Die >> Unsichtbaren« erklären des ferneren, daß unsere Bewußt­
seinsweit mit dem >>Jenseits« einen und denselben Kosmos bilde,
so daß die Toten sich gewissermaßen nicht an einem anderen Orte
befinden als die Lebenden. Es besteht nur ein Unterschied in der
>> Frequenz« der beiden Lebensformen, wie bei niederer Umdre­
hungszahl die Flügel eines Propellers deutlich sichtbar sind, bei
hoher aber verschwinden. Ins Psychologische übersetzt, würde
dies bedeuten, daß die bewußte wie die unbewußte Psyche eine
und dieselbe sind, nur getrennt durch einen verschiedenen Ener­
giewert. Die Wissenschaft kann dieser Aussage beipflichten, ob­
schon sie den dem Unbewußten vindizierten höheren Energie­
wert, wenigstens für die durchschnittliche Erfahrung, nicht akzep­
tieren kanr.
Das >>Jenseits« ist, nach den >> Unsichtbaren«, dieser Kosmos,
aber ohne die Schranken, welche dem sterblichen Menschen durch
Raum und Zeit gesetzt sind, daher >>the unobstructed universe«.
Das Diesseits ist sozusagen in dieser höheren Ordnung enthalten
und verdankt seine Existenz wesentlich dem Umstand, daß der im
Körper lebende Mensch eine niedrige >> FrequenZ<< hat, weshalb die
einschränkenden Faktoren von Zeit und Raum wirksam werden.
Die Welt ohne Schranken wird von den >> Unsichtbaren<< >>orthos<<
genannt, also soviel wie die >> richtige« oder >> eigentliche<< Welt.
Daraus geht mit Deutlichkeit hervor, was für ein Bedeutungsak­
zent auf das »Jenseits<< gelegt wird, allerdings - man muß dies
gebührend hervorheben - nicht zuungunsten des Diesseits. Ich
erinnere mich der philosophischen Frage, die mein arabischer Dra­
goman an mich richtete, als ich die Kalifengräber in Kairo besuch­
te. >> Welcher Mann«, fragte er, >> ist der klügere, der, welcher sein
Haus da baut, wo er die längste Zeit sein wird, oder der, der es
dort baut, wo er nur vorübergehend weilt ? << - Betty ist sich klar
darüber, daß dieses Leben in der Beschränktheit so ganz wie nur
möglich gelebt werden sollte, weil die Erreichung einer höchst­
möglichen Bewußtheit schon im Diesseits eine wesentliche Vorbe-
DRE I VORRE DE N 1 49
dingung für das kommende Leben im »orthos<< sei. Damit stimmt
sie nicht nur mit der allgemeinen Tendenz der spiritistischen »Phi­
losophie<< überein, sondern auch mit Platon, der die Philosophie
als eine Einleitung zum Tode betrachtete.
Die moderne Psychologie kann bestätigen, daß es - wenigstens
für gewisse Menschen - ein Problem der zweiten Lebenshälfte
gibt, weil sich in ihr das Unbewußte oft in sehr vernehmlicher
Weise zum Worte meldet, und das Unbewußte ist laut ältester
Auffassung das Traum- und zugleich das Toten- und Ahnenland.
Das Unbewußte scheint in der Tat nach allem, was wir darüber
wissen, eine Seinsform relativ unabhängig von den Schranken von
Raum und Zeit darzustellen; auch wäre gegen die Idee, daß das
Bewußtsein und seine Welt im Meere des Unbewußten gewisser­
maßen eingeschlossen seien, nichts einzuwenden. Die unbewußte
Psyche ist von unbekannter Erstreckung und möglicherweise von
größerer Bedeutung als das Bewußtsein. Wenigstens sind wir
überzeugt, daß die Rolle, die das Bewußtsein im Leben der Pri­
mitiven oder der Primaten spielt, gegenüber dem Unbewußten
relativ unbedeutend ist. Die Ereignisse in unserer modernen Welt
- die Menschheit, die blind und hilflos, ohne es zu wollen, von
einer Katastrophe in die andere tappt - sind kaum dazu angetan,
den Glauben an den Wert unseres Bewußtseins und an die Freiheit
unseres Willens zu stärken. Gewiß - dem Bewußtsein sollte größte
Bedeutung zukommen; denn es ist die einzige Garantie der Frei­
heit und der Möglichkeit, Fatalitäten zu vermeiden. Aber wie es
scheint, bleibt es vorderhand bei dem frommen Wunsche.
Bettys und ihrer »Unsichtbaren<< Streben geht dahin, das Be­
wußtsein durch den Anschluß desselben an den >> orthos<< mög­
lichst zu erweitern. Sie versuchen, das Bewußtsein dahin zu erzie­
hen, daß es in die Seele hineinzuhorchen lernt und damit eine
Zusammenarbeit mit den »Unsichtbaren<< in die Wege leitet. Die­
ses Bestreben läßt sich der analogen Bemühung der modernen
Psychotherapie vergleichen. Auch diese versucht die Einseitigkeit,
Enge und Beschränktheit des Bewußtseins durch eine bessere Be­
ziehung und Bekanntschaft mit dem Unbewußten zu kompensie­
ren.
Die Ähnlichkeit zwischen den Hauptvorstellungen dieses Bu­
ches und gewissen grundsätzlichen Ansichten der Psychologie des
Unbewußten darf nun allerdings nicht über einen ebenso profun­
den Unterschied hinwegtäuschen. Die Psychologie der >Betty
Books< unterscheidet sich prinzipiell nicht von der primitiven
Weltanschauung, in welcher die Inhalte des Unbewußten alle auf
Objekte der Umwelt projiziert sind. Was auf primitiver Stufe als
ein »Geist<< spukt, ist auf einem bewußteren Niveau vielleicht ein
1 50 OKKULTI S MUS
abstrakter Gedanke; s o wie übrigens die antiken Götter um die
Wende unserer Zeitrechnung sich i n philosophische Ideen zu ver­
wandeln anfingen. Diese Projektion psychologischer Tatbestände
teilt der Spiritismus mit der Theosophie unserer Tage. Der Vorteil
der Proj ektion ist offenkundig: Sie ist unmittelbar anschaulich und
gegenständlich und erhebt keinerlei Ansprüche an das Denken und
die Überlegung. Da sie aber das Unbewußte doch einigermaßen
dem Bewußtsein näherbringt, so ist sie wenigstens besser als gar
nichts. Whites Buch erhebt indessen Ansprüche an das Denken,
aber nicht nur an das psychologische, sondern vielmehr noch an
das physikalische, Ansprüche, die allerdings hinsichtlich der Inte­
gration der projizierten Inhalte bedeutend sind.
Juli 1948
[Moser]
Dem Wunsche der Autorin nach einigen einleitenden Worten mei­
nerseits komme ich um so lieber nach, als mir ihr früheres Werk
über Okkultismus, das mit großer Umsicht und Materialkenntnis
verfaßt wurde, noch in lebhafter Erinnerung ist. Ich begrüße das
Erscheinen des vorliegenden Buches, 1 welches eine reich doku­
mentierte Sammlung parapsychologischer Ereignisse darstellt, als
eine wertvolle Bereicherung der psychologischen Literatur über­
haupt. Außerordentliche und mysteriöse Geschichten sind nicht
notwendigerweise immer Lügen und Phantastereien. Frühere
Jahrhunderte kannten zahlreiche »geistreiche, curieuse und ergerz­
liehe Hi storien<< , unter denen sich Beobachtungen befanden, die
seither ihre wissenschaftliche Bestätigung gefunden haben. Die
moderne >>ganzheitliche« psychologische Beschreibung des Men­
schen hatte ja auch ihre Vorbilder in den zahlreichen Lebensge­
schichten sonderbarer Leute wie Somnambulen und dergleichen
i m Anfang des 19. Jahrhunderts. Ja, wir verdanken die Entdeckung
des Unbewußten geradezu solchen alten, noch vorwissenschaftli­
ehen Beobachtungen. In bezug auf die Erforschung der parapsy­
chologischen Phänomene stehen wir noch ganz am Anfang. Wir
sind noch nicht einmal über den ganzen Umfang des in Betracht
kommenden Gebietes unterrichtet. Daher ist die Sammlung von
Beobachtungen und möglichst zuverlässigem Material eine hoch­
verdienstliche Sache. Der Sammler muß allerdings den Mut und
den unerschütterlichen Vorsatz haben, sich von den Schwierigkei­
ten, Unzulänglichkeiten und Irrtumsmöglichkeiten, welche eine
1 Fanny Moser: Spuk, 1950.
DRE I VORRE DE N 1 5 1
derartige Unternehmung umlauern, nicht abschrecken zu lassen,
wie auch der Leser das Interesse und die Geduld aufbringen muß,
den oft befremdlichen Stoff, unter Hintansetzung aller möglichen
Vorurteile, objektiv auf sich wirken zu lassen. In diesem weit­
schichtigen und dämmerigen Gebiete, wo alles möglich und des­
halb nichts glaubwürdig zu sein scheint, muß man selber beobach­
tet und dazu noch viele Geschichten gehört, gelesen und wenn
möglich durch Zeugenbefragung zusätzlich geprüft haben, um zu
einem auch nur einigermaßen gefestigten Urteil zu kommen.
Trotz gewissen Fortschritten, wie der Gründung der Britischen
und der Amerikanischen Society for Psychical Research und dem
Bestehen einer erheblichen und zum Teil wohldokumentierten Li­
teratur, herrscht doch noch, und gerade in den Kreisen der Urteils­
fähigen, ein Vorurteil und ein nur zum Teil berechtigtes Mißtrauen
gegen dergleichen Berichte. Es hat fast den Anschein, als ob Kant
noch auf längere Zeit recht behalten sollte, als er vor nun bald
zweihundert Jahren schrieb: »Und so werden die Erzählungen von
dieser Art wohl j ederzeit nur heimliche Gläubige haben, öffentlich
aber durch die herrschende Mode des Unglaubens verworfen wer­
den. <<2 Er selber reserviert sein Urteil mit folgenden Worten:
»Eben dieselbe Unwissenheit macht auch, daß ich mich nicht un­
terstehe, so gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geisterer­
zählungen abzuleugnen, doch mit dem gewöhnlichen obgleich
wunderlichen Vorbehalt, eine jede einzelne derselben i n Zweifel
zu ziehen, allen zusammen genommen aber einigen Glauben bei­
zumessen. <<3 Man möchte wünschen, daß recht viele unserer Vor­
eingenommenen sich diese weise Stellungnahme eines großen
Denkers merkten.
Dies wird aber, wie ich aus gewissen Gründen fürchte, nicht so
leicht der Fall sein, denn das rationalistische Vorurteil gründet sich
- »lucus a non lucendo<< -4 nicht etwa auf die Vernunft, sondern
auf etwas weit Tieferes und Ursprünglicheres, nämlich auf einen
urtümlichen Instinkt, dem Goethe im >Faust< Ausdruck verleiht:
»Berufe nicht di e wohlbekannte Schar . . . << 5 Ich hatte einmal die
kostbare Gelegenheit, diesen Effekt in vivo zu beobachten, und
zwar bei einem Stamme am Mount Elgon, von dem nur wenige mit
2 Träume eines Geistersehers, 1 766, hrsg. von Kehrbach, S. 45.
3 Ebenda, S. 42.
• Latein im Al ltag, hrsg. von Sellner, S. 74 : »Wörtlich: Wald (wird Wald genannt) vom
nicht leuchtend sein. Quintilian (um 35-95 n. Chr.) stellt die Behauptung auf, daß einige
Begriffe von ihren Gegenteilen stammen - Wal d: lucus, leuchtend : lucere. Als spöttische
Verkehrung vergleiche man bei : Canis a non canendo.«
5 I . Teil, Osterspaziergang; Wagner spricht.
1 52 OKKULTI S MUS
dem weißen Mann j e i n Berührung gekommen waren. Ich sprach
bei einem Palaver einmal ahnungslos das Wort >> selelteni<< aus, das
»Geister« bedeutet. Plötzlich fiel eine Totenstille auf die Ver­
sammlung der Männer. Sie wendeten die Blicke von mir ab, schau­
ten nach allen Richtungen, und einige machten sich davon. Mein
headman und der Häuptling steckten die Köpfe zusammen, und
dann flüsterte mir der headman ins Ohr: »Warum hast du das
gesagt? Du mußt >shauri tahari< machen (das Palaver schließen). «
Damit erfuhr i ch, daß man di e Geister unter keinen Umständen
laut nennen dürfe. Diese primitive Geisterfurcht steckt uns noch,
aber unbewußt, in den Gliedern. Der Rationalismus verhält sich
komplementär zum Aberglauben. Nach psychologischer Regel
verstärkt sich mit dem Licht der Schatten, das heißt, j e rationalisti­
scher sich das Bewußtsein gebärdet, desto lebendiger wird die
spukhafte Welt des Unbewußten. Und es wird offenkundig, in
welchem Maße die Vernünftigkeit einen Apotropäismus gegen den
unvermeidlichen und von jeher vorhandenen »Aberglauben« be­
deutet. Die offenkundige Dämonenwelt des Primitiven ist nur
durch wenige Generationen von uns getrennt, und wie furchtbar
nahe sie uns noch ist, lehrten und lehren uns noch die unerhörten
Dinge, welche in den Diktatorenstaaten geschahen und immer
noch geschehen. Ich persönlich führe mir immer wieder zu Gemü­
te, daß die letzte Hexe im Geburtsjahr meines Großvaters ver­
brannt wurde.
Die vielerorts herrschende Voreingenommenheit gegenüber den
hier i n Betracht kommenden Tatsachenberichten weist alle Sym­
ptome primitiver Gespensterfurcht auf. Selbst gebildete Leute, die
es besser wissen könnten, brauchen gelegentlich die unsinnigsten
Argumente, werden unlogisch und verleugnen das Zeugnis ihrer
eigenen Sinne. Sie unterschreiben gegebenenfalls ein Sitzungspro­
tokoll und ziehen nachher, wie dies mehr als einmal vorgekommen
ist, ihre Unterschrift wieder zurück, da j a das, was sie beobachtet
und bestätigt hatten, doch unmöglich sei - wie wenn man genau
wüßte, was möglich ist !
Geistergeschichten beweisen durchaus nicht immer das, was sie
zu bezeugen scheinen. So liefern sie zum Beispiel keinen Beweis
für die Unsterblichkeit der Seele. Für den Psychologen sind sie
aber i n verschiedenen Hinsichten interessant : sie geben Auskunft
über Di nge, von denen der Laienverstand nichts ahnt, so zum
Beispiel über die Frage der Exteriorisierung unbewußter Vorgän­
ge, über den Inhalt letzterer und damit über die möglichen Quel­
len parapsychischer Phänomene. Von ganz besonderer Wichtig­
keit sind solche Erzählungen für die Erforschung der Zuständlich­
keit des Unbewußten und insbesondere der Synchronizitätsphä-
D REI VORRE DE N 1 53
nomene, welche auf eine psychische Relativierung von Raum und
Zeit und damit auch der Materie hinweisen. Man kann zwar mit
Hilfe der statistischen Methode das Vorhandensein solcher Effekte
mit mehr als hinlänglicher Sicherheit beweisen, wie dies Rhine und
eine Reihe von anderen Forschern getan haben. Die individuelle
Natur der komplexeren Phänomene dieser Art verbietet aber die
Anwendung des statistischen Gesichtspunktes, weil sich dieser zur
Synchronizität als komplementär erweist und daher letzteres Phä­
nomen zerstört, indem er nicht mehr kann, als daß er es als wahr­
scheinlichen Zufall eliminiert. Wir sind daher in dieser Beziehung
ganz und gar auf den wohlbeobachteten und -beglaubigten Einzel­
fall angewiesen. Man kann darum j eden neuen Beitrag an objekti­
ven Berichten vom Standpunkt der Psychologie aus nur willkom­
men heißen.
Frau Dr. Fanny Moser hat in diesem ersten Bande ein imponie­
rendes Tatsachenmaterial zusammengetragen. Es unterscheidet
sich von anderen Sammlungen dieser Art durch eine ebenso sorg­
fältige wie ausführliche Darstellung und Dokumentierung, welche
in vielen Fällen j enen Gesamteindruck der Situation ermöglicht,
den man in derartigen Berichten sonst öfters vermißt. Obschon
den Spukphänomenen gewisse universale Züge eignen, so treten
sie doch in individuell unendlich variierten Bedingungen und For­
men auf, welche für die Forschung von besonderer Bedeutung
sind. Die vorliegende Sammlung gibt gerade in dieser Hinsicht
wertvollste Auskünfte.
Die Frage, um die es hier geht, ist zukunftsträchtig. Die Wissen­
schaft hat eben erst angefangen, sich ernsthaft mit der menschli­
chen Seele und insonderheit mit dem Unbewußten zu beschäfti­
gen. In den weiten Umkreis der psychischen Phänomene gehört
auch die Parapsychologie, die uns mit unerhörten Möglichkeiten
bekannt macht. Es ist wirklich an der Zeit, daß die Menschheit sich
des Wesens der Seele bewußt wird, denn es stellt sich allmählich
mit immer größerer Deutlichkeit heraus, daß die schlimmste Ge­
fahr, die dem Menschen j e drohte, von seiten seiner Psyche kommt
und damit aus jener Ecke unserer Erfahrungswelt, von der wir
bislang am wenigsten Kenntnis hatten. Die Psychologie bedarf
einer gewaltigen Erweiterung ihres Horizontes. Das vorliegende
Buch bedeutet einen neuen Meilenstein auf dem langen Wege zur
Erkenntnis der seelischen Natur des Menschen.
Im April 1950 C. G. Jung
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Fall von Prof. C. G. Jung, Zürich
Im Sommer 1920 befand ich mich in London, wo ich auf Einla­
dung von Dr. X arbeitete und Vorlesungen gab. Mein Kollege
erzählte mir, daß er, in der Erwartung meiner Ankunft, für diesen
Sommer einen passenden Weekendort gefunden habe. Es sei nicht
so einfach gewesen, meinte er, ein zusagendes Haus zu finden, da
auf die Sommerferien hin entweder alles schon vermietet oder
dann so exorbitant teuer oder dermaßen unattraktiv gewesen sei,
daß er den Plan beinahe aufgegeben habe. Schließlich hätte er aber
- und das sei ein wahrer Glücksfall gewesen - ein reizendes cottage
gefunden, für unsere Zwecke gerade richtig, und zwar zu einem
lächerlich niederen Preise. Es war, wie sich herausstellte, in der Tat
ein höchst anziehendes altes Farmhaus in Buckinghamshire, wohin
wir uns am Ende der ersten Arbeitswoche (das heißt am Freitag­
abend) begaben. Für die Bedienung hatte Dr. X ein Mädchen aus
dem benachbarten Dorfe angestellt, zu der sich im Laufe des
Nachmittags jeweils eine Freundin als freiwillige Helferio gesellte.
Wir waren einfach, aber komfortabel untergebracht. Das Haus
war geräumig, zweistöckig und in einem rechten Winkel gebaut.
Es hatte also zwei Flügel, von denen uns der eine vollauf genügte.
Im Erdgeschoß befanden sich ein Gartenraum mit angebautem
conservatory (Treibhaus) mit einer Türe, die direkt in den Garten
führte, sodann die Küche, ein Eßzimmer und ein drawing-room.
Im ersten Stock befand sich ebenfalls ein Korridor, der durch die
Mitte des Hauses, von der Treppe beim Gartenzimmer her, zu
einem großen Schlafzimmer führte, welches die ganze Stirnseite
des Flügels einnahm. Es hatte an den Seiten j e ein Fenster und an
der Stirnseite einen Kamin. Das eine Fenster ging gegen Westen,
das andere gegen Osten. Linker Hand von der Türe (auf der West­
seite) stand ein Bett, gegenüber an der Stirnseite (Norden) befand
sich eine große altertümliche Kommode, rechter Hand (Osten) ein
Schrank und ein Tisch. Zusammen mit einigen Stühlen war dies
das ganze ameublement. Das war mein Zimmer. Zu beiden Seiten
des Korridors befanden sich eine Reihe von Schlafzimmern, die
von Dr. X und den j eweiligen Gästen benützt wurden.
In der ersten Nacht, ermüdet von der anstrengenden Arbeit der
Woche, schlief ich ausgezeichnet. Den nächsten Tag verbrachten
wir mit Spaziergängen und Gesprächen. Am Abend der zweiten
Nacht ging ich, ziemlich müde, um elf Uhr zu Bett, aber ich kam
über den Punkt des Einschlafens nicht hinweg. Ich verfiel nur in
eine Art von Erstarrung, die darum peinlich war, weil es mir
schien, daß ich mich nicht bewegen könne. Auch schien es mir, die
Luft i m Zimmer sei dumpf und es herrsche ein undefinierbarer,
DRE I V ORRE DE N 1 55
unangenehmer Geruch. Ich dachte, ich hätte vergessen die Fenster
zu öffnen. Das veranlaßte mich dann schließlich, trotz meiner Er­
starrung, Licht zu machen (das heißt eine Kerze anzuzünden) :
Beide Fenster standen offen, und ein leiser Nachtwind zog durch
das Zimmer und erfüllte es mit dem hochsommerliehen Wohlge­
ruch blühender Wiesen. Von üblem Geruch war keine Spur zu
entdecken. Ich blieb hellwach in meinem merkwürdigen Zustand,
bis ich durch das östliche Fenster den ersten blassen Schimmer des
kommenden Tages erblickte. In diesem Moment wich wie ein Zau­
ber die Erstarrung von mir, und ich fiel sofort in tiefen Schlaf, aus
dem ich erst gegen neun Uhr erwachte.
Am Sonntagabend bemerkte ich beiläufig zu Dr. X, daß ich die
Nacht vorher merkwürdig schlecht geschlafen hätte. Er riet mir,
eine Flasche ale zu trinken, was ich dann auch tat. Aber es ging mir
in dieser dritten Nacht wie vorher: ich kam nicht weiter als bis
zum Punkte des Einschlafens. Die beiden Fenster standen offen.
Anfangs war die Luft frisch, aber nach etwa einer halben Stunde
schien sie sich zu verschlechtern; sie wurde dumpf und muffig,
und schließlich irgendwie widerwärtig. Es war mir schwierig, den
Geruch zu identifizieren, obschon ich mich bemühte, dessen Na­
tur festzustellen. Es kam mir nur in den Sinn, er habe etwas
Krankhaftes an sich. Ich ging dieser Spur nach durch alle Geruchs­
erinnerungen, die man während acht Jahren praktischer Tätigkeit
an einer psychiatrischen Klinik sammeln kann. Plötzlich stieß ich
auf das Erinnerungsbild einer alten Frau, die an einem offenen
Karzinom litt. Das war unmißverständlich der krankhafte Geruch,
den ich in ihrem Krankenzimmer so oft wahrgenommen hatte.
Als Psychologe wunderte ich mich nun, was der Grund zu die­
ser eigentümlichen Geruchshalluzination sein könnte. Es gelang
mir aber nicht, irgendeine überzeugende Beziehung zwischen mei­
nem Bewußtseinszustand und der Halluzination aufzufinden. Ich
fühlte mich nur sehr unbehaglich und kam mir in meiner Erstar­
rung wie gelähmt vor. Ich konnte schließlich auch nichts mehr
denken, sondern verfiel in einen halbwachen Torpor. Plötzlich
hörte ich etwas regelmäßig tropfen. »Habe ich den Wasserhahn
nicht recht zugedreht ? << dachte ich. >> Aber es gibt ja gar kein flie­
ßendes Wasser im Zimmer - dann muß es offenbar regnen - es war
doch heute so schön! << Unterdessen ging das Tropfen regelmäßig
weiter im Tempo von einem Tropfen in zwei Sekunden. Ich stellte
mir links von meinem Bette in der Nähe der Kommode eine kleine
Wasserlache vor. >> Dann muß aber das Dach irgendwo lecken<< ,
dachte ich mir. Schließlich, mit heroischer Anstrengung, wie es
mir schien, machte ich Licht und ging zur Kommode. Es war kein
Wasser auf dem Boden, und an der gegipsten Decke war kein
1 56 OKKULTI S MU S
Wasserfleck. Erst dann blickte ich zum Fenster hinaus: es war eine
klare Sternennacht. Unterdessen ging das Tropfen ruhig weiter.
Ich konnte eine Stelle auf dem Fußboden, etwa einen halben Meter
vor der Kommode, ermitteln, woher das Tropfgeräusch kam. Ich
hätte sie mit der Hand berühren können. Plötzlich hörte das Ge­
räusch auf und kam nicht wieder. Erst um drei Uhr beim ersten
Tagesschimmer fiel ich in tiefen Schlaf. Ich habe Holzwürmer
gehört. Aber ihr Ticken ist schärfer. Dies war ein mehr dumpfes
Geräusch, genau wie es ein von der Decke fallender Wassertropfen
erzeugen würde.
Ich war ärgerlich und nicht gerade erfrischt von diesem Week­
end. Ich sagte aber nichts zu Dr. X. Am nächsten Weekend, nach
einer inhalts- und ereignisreichen Woche, dachte ich an mein vori­
ges Erlebnis gar nicht mehr. Als ich aber etwa eine halbe Stunde im
Bett war, da war alles wie zuvor wieder da, die Erstarrung und der
widerwärtige Geruch, und dazu kam nun etwas Neues: etwas
streifte an den Wänden entlang, wie knisterndes Papier, die Möbel
krachten hie und da, es rauschte sonderbar, bald in der einen, bald
i n der anderen Ecke. Es war eine seltsame Unruhe in der Luft. Ich
dachte, es sei der Wind, machte Licht und wollte die Fenster
schließen. Die Nacht war aber ruhig, und da war keine Spur von
Wind. Solange das Licht brannte, war die Luft frisch und kein
Geräusch hörbar. Kaum hatte ich gelöscht, so trat langsam die
Erstarrung wieder ein, die ·Luft wurde stickig, und das Rauschen
und Knistern begann wieder. Ich dachte, ich hätte Ohrgeräusche.
Sie hörten aber so um drei Uhr morgens wieder prompt auf.
Am Abend der zweiten Nacht versuchte ich es wieder mit einer
Flasche ale. Ich hatte nämlich in London stets gut geschlafen und
vermochte mir gar nicht vorzustellen, was ausgerechnet an diesem
stillen und friedlichen Ort mir Schlaflosigkeit verursachen könnte.
In dieser Nacht wiederholten sich die gleichen Phänomene, aber in
gesteigerter Form. Erst j etzt kam mir der Gedanke, daß es sich um
etwas Parapsychisches handeln könnte. Ich wußte, daß gewisse
Probleme der Hausbewohner, die ihnen unbewußt sind, zu derar­
tigen Exteriorisationen Anlaß geben können; denn konstellierte
unbewußte Inhalte haben oft eine Tendenz, sich irgendwie äußer­
lich zu manifestieren. Nun kannte ich die Probleme der damaligen
Bewohner sehr gut, und ich konnte gar nichts entdecken, was diese
Exteriorisationen zu erklären imstande gewesen wäre. Anderen­
tags erkundigte ich mich aber doch vorsichtshalber bei allen, wie
sie geschlafen hätten. Alle rühmten ihren guten Schlaf.
In der dritten Nacht wurde es noch schlimmer. Es traten sogar
Klopflaute auf, und ich hatte den Eindruck, es husche ein Tier in
der Größe eines mittleren Hundes im Zimmer herum, wie in einer
DRE I VORRE DE N 1 57
Panik. Wie gewöhnlich hörte der Spuk schlagartig mit dem ersten
Lichtstreifen im Osten auf.
Im Laufe des nächsten, dritten Weekends steigerten sich die
Phänomene. Das Rauschen wurde iu einem Brausen und Sausen
wie das eines Sturmes. Die Klopflaute kamen auch von außen in
Form dumpfer Schläge, wie wenn jemand mit einem umwickelten
Schmiedehammer von außen auf die Backsteinmauern schlüge (im
ersten Stock! ). Mehrfach mußte ich mich vergewissern, daß kein
Sturm herrschte und niemand von draußen an die Mauer schlagen
konnte.
Beim vierten Weekend machte ich meinem Gastgeber einige vor­
sichtige Andeutungen: Das Haus sei vielleicht >> haunted<< , und das
könnte der Grund für den überraschend niederen Mietpreis sei n?
Er lachte mich natürlich aus, obschon er sich meine Schlaflosigkeit
sowenig wie ich erklären konnte. Es war mir aber aufgefallen, wie
schnell die beiden Mädchen jeden Abend nach dem dinner auf­
räumten und lange vor Sonnenuntergang j eweils das Haus verlie­
ßen. Um acht Uhr war kein Mädchen mehr zu sehen. Ich bemerkte
scherzhaft zu unserer Köchin, sie habe wohl Angst vor uns, daß sie
sich jeden Abend von ihrer Freundin abholen lasse und es dann
immer so eilig habe heimzugehen. Sie lachte und sagte : »Ich habe
keine Angst vor den Herrschaften, aber ich würde keinen Augen­
blick allein oder gar nach Sonnenuntergang in diesem Haus blei­
ben. << »Ja, was ist denn los hier?<< fragte ich sie. »Why, this house
here is haunted, didn't you know it? Das ist der Grund, warum Sie
es so billig bekamen. Niemand hat es hier ausgehalten. << Das sei so,
solange sie sich erinnern könne. Über den Ursprung des Gerüchtes
war nichts aus ihr herauszubekommen. Ihre Freundin bestätigte
sie mit Emphase.
Ich konnte als Gast begreiflicherweise keine näheren Nachfor­
schungen im Dorf anstellen. Mein Gastgeber war skeptisch, aber
gewillt, das ganze Haus einmal gründlich zu untersuchen. Wir
fanden gar nichts Bemerkenswertes, bis wir auf den Estrich ka­
men. Dort fanden wir nämlich zwischen den beiden Flügeln eine
Brandmauer, darin eine relativ neue, zirka vier Zentimeter dicke
Türe mit einem schweren Schloß und zwei mächtigen Riegeln,
welche den unbewohnten Flügel von dem unsrigen abschloß. Den
Mädchen war die Existenz der Türe unbekannt. Diese Türe ist
insofern rätselhaft, als das Erdgeschoß sowohl wie der erste Stock
in den beiden Flügeln offen kommunizierten. Im Dachraum waren
keine Zimmer und auch keine abschließbaren Gelasse. Auch fan­
den sich keine Spuren von irgendwelcher Benützung. Ich habe
keine Erklärung gefunden.
Das fünfte Weekend war dermaßen unerträglich, daß ich meinen
1 58 OKKULTI S MUS
Gastgeber bitten mußte, mir ein anderes Zimmer zu geben. Es
hatte sich nämlich folgendes ereignet : Es war eine schöne, wind­
stille Mondnacht. Im Zimmer rauschte, klopfte und knisterte es ;
von außen tönten Schläge an die Mauern. Ich hatte das Gefühl, es
sei etwas in der Nähe. Ich öffnete mit Mühe die Augen. Da sah ich
neben mir auf dem Kopfkissen den Kopf einer alten Frau, das
rechte Auge, weit aufgerissen, mich anstarrend. Die linke Ge­
sichtshälfte fehlte bis zum Auge. Das kam so plötzlich und uner­
wartet, daß ich mit einem Satz aus dem Bett flog, Licht machte und
bei Kerzenschimmer in einem Lehnstuhl den Rest der Nacht ver­
brachte. Anderentags siedelte ich ins Nebenzimmer über, wo ich
dann glänzend schlief und während dieses und des nächsten Week­
ends nicht mehr im geringsten gestört wurde.
Ich drückte meinem Gastgeber meine Überzeugung aus, daß ich
das Haus in der Tat für »haunted<< hielte, welche Erklärung er mit
lächelnder Skepsis quittierte. Diese Haltung, so begreiflich sie war,
ärgerte mich doch einigermaßen. Ich konnte mir nämlich nicht
verhehlen, daß meine Gesundheit unter diesen Erlebnissen gelitten
hatte. Ich fühlte mich unnatürlich erschöpft, wie ich mich nie
zuvor gefühlt hatte. Ich forderte darum Dr. X heraus, es selber
einmal mit dem >>haunted room<< zu versuchen. Er ging darauf ein
und gab mir sein Ehrenwort, mir ehrlich und genau seine Beob­
achtungen mitzuteilen. Er werde allein in das Haus gehen und dort
das Weekend verbringen, um mir ,, fair chance<< zu geben.
Ich verreiste darauf. Etwa zehn Tage später erhielt ich einen
Brief von Dr. X. Er sei allein ins Weekend gegangen. Am Abend
sei es sehr still gewesen, und er habe gedacht, es sei ja nicht unbe­
dingt nötig, in den oberen Stock zu gehen ! Der Spuk könne sich ja
nötigenfalls überall im Haus manifestieren, wenn es überhaupt
einen gebe! So habe er sein Feldbett im Gartenraum aufgeschlagen,
und da das Haus doch recht einsam stehe, habe er eine geladene
Jagdflinte mit sich ins Bett genommen. Es sei alles totenstill gewe­
sen. Er habe sich nicht gerade »comfortable<< gefühlt, sei aber dann
nach einiger Zeit doch beinahe eingeschlafen. Da habe es ihm
plötzlich geschienen, als ob er leise Schritte im Korridor höre. Er
habe sofort Licht gemacht und die Türe aufgerissen, aber da sei gar
nichts gewesen. Er habe sich darauf ärgerlich zu Bett gelegt und
gedacht, ich sei ein "fool<< ! Aber es sei nicht lange gegangen, da
habe er die Schritte wieder gehört und zu seinem Mißvergnügen
entdeckt, daß dem Türschloß der Schlüssel fehlte. Er habe dann
einen Stuhl mit der Lehne unter das Schloß geklemmt und sei
darauf wieder zu Bett gegangen. Bald darauf hätte er die Schritte
wieder gehört, die gerade vor der Türe anhielten; der Stuhl habe
geächzt, wie wenn j emand vom Korridor her gegen die Türe drük-
DRE I VORRE DE N 1 59
ke. Er habe darauf sein Bett in den Garten hinausgestellt und dort
sehr gut geschlafen. In der nächsten Nacht habe er das Bett wieder
in den Garten gestellt. Um ein Uhr nachts aber habe es zu regnen
angefangen, da habe er das Kopfende des Bettes unter das Vordach
des conservatory geschoben und das Fußende mit einer wasser­
dichten Blache bedeckt. So habe er dann friedlich geschlafen. Aber
nichts in der Welt hätte ihn veranlassen können, wieder im Gar­
tenzimmer zu schlafen. Er habe nun das Haus aufgegeben.
Etwas später vernahm ich dann durch Dr. X, daß der Eigentü­
mer das Haus abgerissen habe, da es unverkäuflich war und in
kürzester Zeit alle Mieter verscheuchte. Leider habe ich das Origi­
nal des Briefes nicht mehr. Aber sein Inhalt ist mir unauslöschlich
eingeprägt, weil er mir eine ganz besondere Genugtuung bedeute­
te, nachdem mich mein Kollege so ausgiebig wegen meiner Ge­
spensterfurcht ausgelacht hatte.
Epikritisch möchte ich zu den Phänomenen folgendes bemer­
ken : Das Tropfgeräusch kann ich mir nicht erklären. Ich war völlig
wach und habe den Fußboden genau untersucht. Ich halte eine
subjektive Täuschung in diesem Fall für ausgeschlossen. Was das
Knistern und Rauschen anbelangt, glaube ich, daß es sich wohl
nicht um objektive Geräusche gehandelt hat, sondern um Ohrge­
räusche, die mir aber als objektiv i m Raum befindlich vorkamen.
In meinem merkwürdigen hypnoiden Zustand erschienen sie über­
trieben stark. Auch von den Klopflauten bin ich keineswegs sicher,
daß sie objektiv waren. Sie können ebensogut einzelne starke
Herzschläge gewesen sein, die mir als außen befindlich vorkamen.
Mein Erstarrungszustand war mit einer inneren Erregung verknüpft,
die wohl einer Angst entsprach. Diese warmir aber, bis zum Moment
der Vision, unbewußt und ist erst dann ins Bewußtsein durchgebro­
chen. Die Vision hatte den Charakter einer hypoagogischen Halluzi­
nation und war vermutlich eine Rekonstruktion des Erinnerungsbil­
des j ener alten Frau, die an einem Karzinom litt.
Was nun die Geruchshalluzination betrifft, so hatte ich den Ein­
druck, als ob meine Gegenwart im Zimmer irgendwie etwas all­
mählich belebte, was gewissermaßen an den Wänden haftete. Es
kam mir vor, als ob jener Hund, der in panischer Angst herum­
huschte, meine Intuition (die ja bekanntlich mit der Nase ver­
knüpft wird - eine >> gute Nase<<) dargestellt hätte. Ich habe etwas
>> gewittert<< . Wenn der menschliche olfactorius nicht so hoffnungs­
los degeneriert, sondern so entwickelt wäre wie etwa bei einem
Hunde, so hätte ich wohl eine deutlichere Vorstellung von den
Personen bekommen, welche früher das Zimmer bewohnt hatten.
Primitive Medizinmänner können nicht nur einen Dieb, sondern
auch »Geister« riechen.
1 60 OK K ULTI S MUS
Die eigentümliche hypnoide Katalepsie, mit der die Phänomene
j eweils verknüpft waren, hat die Bedeutung einer intensiven Kon­
zentration, deren Gegenstand eine subliminale und daher "faszi­
nierende« Geruchswahrnehmung war, etwa ähnlich dem psychi­
schen Zustand eines Vorstehhundes (pointer), der Witterung ge­
faßt hat. Das faszinierende Agens nun scheint mir allerdings von
einer besonderen Beschaffenheit zu sein, welche durch die Annah­
me einer gerucherzeugenden Substanz nicht hinlänglich erklärt ist ;
es sei denn, daß der Geruch auch eine psychische Situation von
erregender Natur veranschaulicht und auf den Perzipienten über­
trägt. Das ist keineswegs undenkbar, wenn man an die außeror­
dentliche Bedeutung, die der Geruchssinn bei den Tieren hat,
denkt. Es ist auch gar nicht unmöglich, daß gerade die Intuition
beim Menschen die Stelle der ihm mit dem Abbau des olfactorius
verlorengegangenen Geruchswelt eingenommen hat. Ähnlich ist ja
auch die Wirkung der Intuition auf den Menschen wie die schlag­
artige Faszination der Geruchswahrnehmung für das Tier. Ich ha­
be selber eine Reihe von Erfahrungen gemacht, wo »psychische<<
Gerüche, das heißt Geruchshalluzinationen, subliminale Intuitio­
nen bedeuteten, wie ich nachträglich j eweils verifizieren konnte.
Mit dieser Hypothese sollen nun selbstverständlich nicht alle
Spukphänomene erklärt sein, sondern höchstens eine gewisse Ka­
tegorie derselben. Ich habe eine große Anzahl von Geisterge­
schichten gehört und gelesen. Darunter befanden sich einige, die
sehr wohl auf die angedeutete Art erklärt werden könnten, zum
Beispiel solche, wo in einem Zimmer, in welchem ein Mord ge­
schehen, sich ein Spuk entwickelte. In einem Fall waren, unter
einem Teppich verborgen, noch Blutspuren sichtbar. Ein Hund
hätte das Blut sicherlich gerochen und vielleicht sogar das Men­
schenblut erkannt, und wenn er die menschliche Phantasie besäße,
so hätte er auch die Gewalttat mehr oder weniger rekonstruieren
können. Das menschliche Unbewußte mit seiner sehr viel feineren
Perzeptions- und Rekonstruktionsfähigkeit, als das Bewußtsein sie
besitzt, hätte das gleiche leisten und ein visionäres Bild der erre­
genden psychischen Situation herausstellen können. So hat mir
zum Beispiel ein Verwandter erzählt, daß er i m Ausland auf einer
Reise i n einem Hotel abgestiegen sei. In der Nacht hatte er einen
wilden Angsttraum, daß in seinem Zimmer eine Frau ermordet
werde. Tags darauf erfuhr er, daß i n der Nacht vor seiner Ankunft
i n seinem Zimmer tatsächlich eine Frau umgebracht worden war.
Mit diesen Bemerkungen möchte ich nur darauf hinweisen, daß die
Parapsychologie wohl daran täte, die Erkenntnisse der modernen
Psychologie des Unbewußten sich dienstbar zu machen.
April 1950 C. G. Jung
D RE I V ORRE DE N 161
Kommentar der Herausgeberin Fanny Maser
Auf Grund eines Fragebogens hat Prof. Jung diesen Bericht über
sein merkwürdiges Erlebnis in j enem englischen Spukhaus noch
ergänzt:
Es handelte sich dabei um »ein altes Farmhaus, schätzungsweise
aus dem 1 7. oder 1 8 . Jahrhundert, ein einsames Gehöft, eine Vier­
telstunde vom nächsten Dorf entfernt. Das Haus war ein Back­
steinbau, die Gegend sanftes Hügelland mit Wiesen, Hecken und
einzelnen großen Bäumen. Kein größeres Gewässer in der Nähe. «
Auf die Frage, ob das »Tropfen wi e von Wasser<< bei Licht sofort
aufhörte, schrieb er: >> Nein, es dauerte mindestens drei Minuten
lang, nachdem ich Licht gemacht hatte. <<
Am wichtigsten war das Folgende: »Die Vision des Kopfes fand
statt in einer Nacht, die von heftigsten Klopfgeräuschen gestört
war. Wie ich Licht machte, hörte aber alles auf. Dabei war der
Kopf durchaus lebendig, kompakt und körperhaft. Er befand sich
rechts von mir in einer Entfernung von etwa vierzig Zentimetern.
Am Schluß löste er sich nicht auf, sondern verschwand in dem
Moment, wo ich Licht machte. Es ging alles natürlich sehr plötz­
lich. Die Vision dauerte also kaum mehr als ein bis zwei Sekun­
den<< - und doch war die Wirkung auf einen Mann wie Professor
Jung von solcher Stärke, daß sie ihn aus dem Bett jagte und er
vorzog, den Rest der Nacht auf einem Lehnstuhl zu verbringen,
um nachher ein anderes Zimmer zu verlangen ! Das muß man sich
vor Augen halten. Bezeichnend auch, wie sein englischer Kollege
ihn »ausgiebig wegen seiner Gespensterfurcht auslachte<< , und
doch in dem »haunted room<< nicht zu schlafen wagte, sondern
unter einem nichtigen Vorwand lieber bei Regen im Garten
schlief! - ungeachtet seines Versprechens, ihm »auf Ehrenwort<<
eine "fair chance<< zu geben und dann »ehrlich und genau<< zu
berichten! Oberbewußt war Prof. Jung für ihn ein "fool<<, unterbe­
wußt dagegen glaubte er offenbar an Gespenster, und diese Furcht
siegte!
Dieser Fall ist vielleicht der schauerlichste, vergegenwärtigt man
sich die plötzliche Erscheinung eines Frauenkopfes auf dem Kopf­
kissen »kompakt und durchaus lebendig, das rechte Auge weit
aufgerissen ihn anstarrend -! <<
1 62
Uaffe]
OKKULTI S MUS
Dieses Buch, 1 dessen Verfasserio sich bereits durch die Veröffent­
lichung verdienstvoller Arbeiten einen Namen gemacht hat,
erzählt von wunderlichen Geschichten, die das Odium des
Aberglaubens auf sich tragen und deshalb nur i n der Heimlichkeit
gehegt und gepflegt werden. Die Umfrage des >Schweizerischen
Beobachters< hat sie an das Licht der Öffentlichkeit gelockt, womit
sich die genannte Zeitschrift kein geringes Verdienst erworben hat.
Das umfangreiche Material
g
elangte zuerst an meine Adresse. Da
aber mein Alter und meine Überbeschäftigung mit anderen Din­
gen mir keine weiteren Belastungen erlaubten, konnte ich die Last
dieser Aufgabe, eine derartige Sammlung zu sichten und einer psy­
chologischen Betrachtung zu unterziehen, in keine würdigeren
Hände legen als in die der Verfasserin. Sie hat sich in ihrer Behand­
lung einer verwandten Vorstellungswelt, nämlich derjenigen von
E. T. A. Hoffmanns >Goldnem Topf<,2 über soviel Feinheit an psy­
chologischer Einfühlung, Verständnis und Erkenntnis ausgewie­
sen, daß ich in meiner Wahl nicht gezögert habe.
Kurioserweise, muß man schon sagen, ist das Problem der Wun­
dererzählungen, wie sie gang und gäbe sind - Aufklärung hin oder
her -, so gut wie nie von der psychologischen Seite her angegangen
worden. Ich schließe natürlich die Mythologie aus, obschon man
im allgemeinen der Ansicht ist, daß sie wesentlich historisch sei
und sich heutzutage nicht mehr ereigne. Als heutiges psychisches
Ereignis ist sie darum nur als Jagdgebiet für Abseitige bekannt.
Geistergeschichten, Vorausgesichte und andere wundersame Er­
eignisse werden immer wieder berichtet, und die Zahl j ener, denen
einmal »etwas<< zugestoßen ist, ist überraschend groß. Zudem ist es
auch einem weiteren Publikum, trotz dem mißbilligenden Schwei­
gen der »Aufgeklärten<< , nicht ganz verborgen geblieben, daß es
schon seit geraumer Zeit eine seriöse Wissenschaft gibt, die sich als
>> Parapsychologie<< bezeichnet. Dieser Umstand hat vielleicht mit
dazu beigetragen, eine derartige Befragung des Publikums zu er­
mutigen.
Es hat sich dabei die beachtenswerte Tatsache ergeben, daß in
unserem Volk, das man als nüchtern, phantasielos, rationalistisch
und materialistisch zu bezeichnen beliebt, so viele Geisterge­
schichten und ähnliches vorkommen wie zum Beispiel in England
oder I rland. Ja, wie ich aus eigener Erfahrung und aus derjenigen
1 Aniela Jaffe: Geistererscheinungen und Vorzeichen, 1958.
2
Jaffe: Bi lder und Symbole aus E. T. A. Hoffmanns Märchen ·Der Goldne Topf¹g
1950.
DRE I V ORRE DE N 1 63
anderer Forscher weiß, ist auch das mittelalterliche und noch viel
ältere Zauberwesen keineswegs ausgestorben, sondern blüht heut­
zutage so schön wie vor Jahrhunderten. Aber von dem >> redet man
nicht<< . Es geschieht bloß, und eine intellektuelle Oberschicht weiß
nichts davon; sie kennt sich selber nicht und nicht den wirklichen
Menschen. In der Welt des letzteren wird - ohne daß er sich dessen
bewußt wäre - das Leben der J ahnausende gelebt, und es ereignen
sich immerfort die Dinge, die von jeher das Leben des Menschen
begleitet haben: Ahnungen, Vorauswissen, Geistersehen, Spuk,
Wiederkehr der Toten, Dämonisches, Verhexung, Zauberhand­
lungen und so weiter.
Begreiflicherweise will unser wissenschaftliches Zeitalter >>wis­
sen<< , ob solche Dinge »wahr<< seien, ohne sich dabei genügend
Rechenschaft darüber zu geben, wie ein solcher Wahrheitsbeweis
beschaffen sein müßte und wie er zu erbringen wäre. Zu diesem
Zweck müssen die Ereignisse handfest und nüchtern angefaßt wer­
den, wobei es sich dann meistens herausstellt, daß die schönsten
Geschichten in die Luft zerflattern, und was dann noch übrig­
bleibt, ist nicht »der Rede wert<< . Niemand denkt daran, sich ein­
mal prinzipiell die Frage vorzulegen: Was ist der wirkliche Grund
dazu, daß immer wieder die gleichen alten Geschichten erlebt und
erzählt werden, ohne i m geringsten an Prestige einzubüßen? Sie
kehren im Gegenteil mit ewig erneuter Jugendkraft wieder, so
frisch »wie am ersten Tag<< .
Die Verfasserio hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wunderge­
schichten als das, was sie sind, nämlich als psychische Tatsachen,
anzuerkennen und sie nicht wegzutüfteln, weil sie in das Schema
unserer gegenwärtigen Weltanschauung· nicht passen wollen. Sie
hat darum folgerichtigerweise die im Falle der Mythologie schon
längst erledigte Wahrheitsfrage beiseite gelassen, dafür aber den
Versuch gewagt, sich nach dem psychischen Warum und Wozu zu
erkundigen: Wer erlebt einen Spuk? Unter was für psychischen
Voraussetzungen erlebt er ihn? Was bedeutet der Spuk, wenn in­
haltlich, das heißt als Symbol betrachtet?
Die Verfasserio versteht es, die Wundererzählung so zu lassen,
wie sie ist, mit allem Drum und Dran, das dem Rationalisten so
zuwider ist. Dadurch bleibt die dem Bericht wesentliche Atmo­
sphäre, das Zwielicht, erhalten. Zum nächtlich-numinosen Erleb­
nis gehört die Bewußtseinsdämmerung, das Ergriffensein, die Un­
möglichkeit der Kritik und die Lähmung der eigenen Stellungnah­
me. Es gehört zum Wesen des Wundererlebnisses, daß der Ver­
stand sich verflüchtigt und ein anderes selbsttätig die Führung
übernimmt - eine einzigartige Erfahrung, die man nolens volens in
aller Verborgenheit als Kostbarkeit hütet, manchmal unter Protest
1 64 OKKULTI S MUS
der Vernunft. Das ist der unverstandene Zweck dieser Erschei­
nung, daß nämlich der Mensch unwiderstehlich von einem Ge­
heimnis angerührt sei.
Es ist der Verfasserin geglückt, diese Ganzheit des Erlebnisses
trotz der Widerspenstigkeit der Berichte zu bewahren und sie zum
Gegenstand ihrer Betrachtung zu machen. Wer eine Antwort auf
die parapsychologische Wahrheitsfrage erwartet, wird nicht auf
seine Rechnung kommen. Es liegt nämlich dem Psychologen zu­
nächst wenig daran, was für eine Tatsächlichkeit im hergebrachten
Sinne festgestellt werden kann, sondern es kommt ihm nur darauf
an, daß j emand für die Authentizität seines Erlebnisses, abgesehen
von allen Deutungen, einsteht. Daran lassen die vorliegenden Be­
richte keinen Zweifel. Sie sind nicht nur durch den freien Bericht
selber, sondern auch in der Regel durch unabhängige Paralleler­
zählungen bestätigt. An dieser Tatsache kann nicht gezweifelt wer­
den: solche Berichte gibt es aus allen Zeiten und Orten. Es besteht
darum kein zureichender Grund, an der Wahrhaftigkeit eines ein­
zelnen Berichtes prinzipiell zu zweifeln. Ein berechtigter Zweifel
ist nur dort angebracht, wo es sich um eine absichtliche Lüge
handelt. Die Anzahl solcher Fälle ist verschwindend klein, denn
die Urheber solcher Fälschungen sind zu unwissend, um richtig
lügen zu können.
Die Psychologie des Unbewußten hat uns in so vielen anderen
Hinsichten neue Lichter aufgesteckt, daß man erwarten konnte, sie
würde auch die dunkle Welt der ewig j ungen Wundererzählungen
erhellen. Aus dem umfangreichen Material, das dem vorliegenden
Buch zugrunde liegt, gewinnt die tiefenpsychologische Betrach­
tungsweise i n der Tat neue und bedeutsame Einsichten, welche
eine gebührende Aufmerksamkeit verdienen. Ich kann es daher
dem Interesse all j ener empfehlen, die das zu schätzen wissen, was
die Monotonie der Alltäglichkeit heilsam durchbricht, unsere
Selbstsicherheit (bisweilen) erschüttert und Ahnungen verleiht.
Im August 1 957
C. G. Jung
Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene
( 1902)
Auf jenem großen Gebiete der psychopathischen Minderwertig­
keit, von welchem die Wissenschaft die Krankheitsbilder der Epi­
lepsie, Hysterie und Neurasthenie abgrenzte, begegnen wir verein­
zelten Beobachtungen, welche seltene Zustände des Bewußtseins
betreffen, über deren Deutung die Autoren noch nicht einig sind.
Es sind dies jene sporadisch in der Literatur auftauchenden Beob­
achtungen über Narkolepsie, Lethargie, automatisme ambulatoire,
periodische Amnesie, double conscience, Somnambulismus, pa­
thologische Träumerei und pathologische Lüge und so weiter.
Die genannten Zustände werden teils der Epilepsie, teils der
Hysterie, teils dem Erschöpfungszustande des Nervensystems, der
Neurasthenie, zugeteilt, teils wird denselben auch die Dignität ei­
ner Krankheit sui generis zuerkannt. Die betreffenden Patienten
selbst machen gelegentlich eine ganze Stufenleiter von Diagnosen
durch, von Epilepsie aufwärts durch Hysterie bis zur Simulation.
Tatsächlich lassen sich einerseits diese Zustände nur mit größter
Schwierigkeit, unter Umständen gar nicht von den genannten
Neurosen abtrennen, andererseits aber weisen gewisse Züge über
das Gebiet der pathologischen Minderwertigkeit hinaus auf eine
mehr als bloß analogische Verwandtschaft mit Erscheinungen der
normalen Psychologie, j a sogar der Psychologie des Mehrwerti­
gen, des Genies.
So verschieden unter sich auch die einzelnen Erscheinungen die­
ses Gebietes sind, so ist doch gewiß kein Fall, der nicht durch die
Brücke eines Zwischen-Falles nahe mit dem anderen typischen
Falle verbunden wäre. Diese Verwandtschaft erstreckt sich tief in
die Krankheitsbilder der Hysterie und der Epilepsie. Es haben sich
sogar neuerdings Stimmen dafür erhoben, daß eine endgültige
Grenze zwischen Epilepsie und Hysterie überhaupt nicht vorhan­
den sei und ein Unterschied erst in den extremen Fällen deutlich
werde. So sagt zum Beispiel Steffens : >>Wir kommen ungezwungen
auf den Gedanken, daß das Wesen der Hysterie und Epilepsie
überhaupt nicht principiell unter einander verschieden ist, sondern
dieselbe Krankheitsursache hier nur in verschiedener Form und in
verschiedener Intensität und Nachhaltigkeit in die Erscheinung
tritt.<< 1
Die Abgrenzung der Hysterie und gewisser Grenzformen der
1 Steffens: Über drei Fälle von »Hysteria magna•, 1900, S. 928.
1 66 O KK U LTI S MU S
Epilepsie gegenüber angeborener und erworbener psychopathi­
scher Minderwertigkeit begegnet ebenfalls den größten Schwierig­
keiten. Die Symptome des einen oder anderen Krankheitsbildes
greifen überall weit i n das benachbarte Gebiet ein, so daß man den
Tatsachen Gewalt antun muß, wenn man sie gesondert als zu die­
sem oder j enem Gebiet gehörig betrachten will. Die Abgrenzung
der psychopathischen Minderwertigkeit vom Normalen ist voll­
ends ein Ding der Unmöglichkeit. Der Unterschied ist überall nur
das »Mehr« oder >>Weniger«. Auf dieselben Schwierigkeiten stößt
die Gruppierung auf dem Gebiete der Minderwertigkeit selber.
Man kann hier nur im großen und ganzen gewisse Gruppen her­
ausheben, die sich um einen durch besonders typische Charaktere
ausgezeichneten Kern kristallisieren. Sehen wir von den beiden
großen Gruppen der Minderwertigkeit des Intellektes und des Ge­
mütes ab, so bleiben uns noch die vorzugsweise hysterisch oder
epileptisch (epileptoid) oder neurasthenisch gefärbten Minderwer­
tigkeiten, welche weder durch Minderwertigkeit des Intellektes
noch des Gemütes ausgezeichnet sind. Auf diesem, einer sicheren
Klassifikation unzugänglichen Gebiete spielen sich vorzugsweise
j ene oben genannten Zustände ab. Sie können, wie bekannt, als
Teilerscheinungen einer typischen Epilepsie oder Hysterie oder als
Sonderexistenzen auf dem Gebiete der psychopathischen Minder­
wertigkeit vorkommen, wo sie ihre Qualifikation als »epileptisch<<
oder »hysterisch<< oft ziemlich unwesentlichen, akzessorischen
Nebenerscheinungen verdanken. So pflegt man i n der Regel den
Somnambulismus den hysterischen Erkrankungen beizuzählen,
weil er gelegentlich Teilerscheinung einer schweren Hysterie ist,
oder weil leichtere sogenannte »hysterische<< Symptome denselben
begleiten. Einet sagt : »11 n'y a pas un somnambulisme, un etat
nerveux toujours identique a lui-meme, il y a des somnambulis­
mes. << 2 Als Teilerscheinung einer schweren Hysterie ist der Som­
nambulismus eine nicht unbekannte Erscheinung, aber als patho­
logische Sonderexistenz, als Krankheit sui generis, dürfte er, nach
der Spärlichkeit der einschlägigen deutschen Literatur zu schlie­
ßen, ziemlich selten sein. Der sogenannte spontane Somnambulis­
mus auf dem Boden einer hysterisch gefärbten psychopathischen
Minderwertigkeit ist keine allzuhäufige Erscheinung, und es lohnt
sich der Mühe, derartige Fälle einem genaueren Studium zu unter­
werfen, da sie gelegentlich eine Fülle interessanter Beobachtungen
darbieten.
Fräulein E. , vierzig Jahre alt, ledig, Buchhalterin in einem gro­
ßen Geschäft, ist erblich nicht belastet. Es wäre höchstens zu er-
2 Binet: Les Alterations de Ia personnalite, 1 892, S. 2.
Z UR PS YC HOL OGI E OK KUL TE R P HÄNOME NE 1 67
wähnen, daß ein Bruder nach Familienunglück und Krankheit
leicht nervös geworden ist. Gute Erziehung, munterer, fröhlicher
Charakter, lernte nicht sparen, >>hatte es immer etwas groß im
Kopf<< . Sie war sehr wohltätig, weich, tat viel für ihre i n bescheide­
nen Verhältnissen lebenden Eltern und für fremde Familien.
Trotzdem fühlte sie sich nicht glücklich, weil sie sich nicht recht
verstanden glaubte. Nachdem sie früher immer gesund gewesen
war, soll sie vor einigen Jahren wegen Magenerweiterung und
Bandwurm behandelt worden sein. Während dieser Krankheit
wurden ihre Haare in kurzer Zeit weiß. Später machte sie noch
Typhus durch. Eine Verlobung wurde durch Tod des Bräutigams
an Paralyse gelöst. Seit etwa anderthalb Jahren war Patientin sehr
nervös. Im Sommer 1 897 Luft- und Wasserkur. Sie erzählt selbst,
seit zirka einem Jahr habe sie oft bei der Arbeit Momente gehabt,
in denen ihre Gedanken wie stillgestanden seien, ohne daß sie
einschlief. In ihren Rechnungen machte sie dabei keine Fehler. Auf
der Straße ging sie öfters an einen falschen Ort, merkte dann auf
einmal, daß sie nicht auf der richtigen Straße war. Schwindel oder
Ohnmachtsanfälle seien nicht vorgekommen. Menstruation früher
stets regelmäßig, ohne Beschwerden alle vier Wochen; seit sie ner­
vös und überarbeitet sei, alle vierzehn Tage. Seit langer Zeit leidet
sie an habituellem Kopfweh. Die Kranke hatte als Rechnerio und
Buchhalterio in einem großen Geschäft eine sehr anstrengende
Arbeit, welche sie tüchtig und gewissenhaft leistete. Im letzten
Jahr kamen zu den Anstrengungen des Berufes noch allerlei Wi­
derwärtigkeiten: Der Bruder mußte sich plötzlich scheiden lassen;
sie führte neben ihrem Beruf dessen Haushaltung, pflegte ihn und
sein Kind in schwerer Krankheit und so weiter. Um sich zu erho­
len, reiste sie am 1 3 . 9. zu einer Freundin in Süddeutschland. Die
große Freude, die lang entbehrte Freundin wieder zu sehen, und
die Teilnahme an einem Feste machten die nötige Ruhe unmöglich.
Am 1 5. 9. hatte sie ganz gegen ihre Gewohnheit zusammen mit der
Freundin einen halben Liter Rotwein getrunken. Nachher spazier­
ten sie auf einen Friedhof. Da begann sie Blumen von den Gräbern
abzureißen und die Gräber aufzukratzen. Nachher wußte sie abso­
lut nichts mehr davon. Am 1 6. 9. blieb sie bei ihrer Freundin, ohne
daß etwas weiteres passierte. Am 1 7. 9. brachte die Freundin sie
nach Zürich. Eine Bekannte kam nun mit ihr i n die Anstalt. Unter­
wegs habe sie immer klar gesprochen, sei aber sehr müde gewesen.
Vor der Anstalt begegneten sie drei Knaben, welche sie als die drei
Toten bezeichnete, die sie ausgegraben habe. Sie wollte nun nach
dem in der Nähe der Anstalt liegenden Friedhof gehen und ließ
sich nur mit Überredungskünsten in die Anstalt bringen.
Die Kranke ist klein, zart gebaut, leicht anämisch. Die Herz-
1 68
OKKULTI SMUS
grenze nach links leicht vergrößert, keine deutlichen Geräusche ;
einige Doppelschläge. An der Mitralis auffallend starke Töne. Die
Leberdämpfung reicht nur bis zum Rand der obersten Rippe. Pa­
tellarreflexe etwas verstärkt, sonst keine Sehnenreflexe. Keine An­
ästhesien und Analgesien, keine Lähmungen. Eine grobe Prüfung
des Gesichtsfeldes mit den Händen ließ keine Einengung desselben
finden. Kopfhaare ganz hell, gelblich weiß. Im übrigen sieht die
Kranke ihrem Alter entsprechend aus. Die Patientin erzählt über
ihr Vorleben und die Vorkommnisse in der letzten Zeit ganz klar,
nur für die Vorkommnisse auf dem Friedhof in C. und vor der
Anstalt hat sie gar keine Erinnerung. In der Nacht vom 1 7. auf den
1 8 . 9. sprach sie mit der Wärterin, äußerte sich, sie sehe das ganze
Zimmer voll Tote i n der Erscheinung von Skeletten. Sie war dabei
durchaus nicht ängstlich, wunderte sich vielmehr darüber, daß die
Wärterin sie nicht auch sah. Einmal lief sie zum Fenster. Sonst war
sie ruhig. Am folgenden Vormittag im Bett sah sie immer wieder
Geri ppe; nachmittags nicht mehr. In der folgenden Nacht um vier
Uhr erwachte sie und hörte die toten Kinder vom nahen Kirchhof
rufen, sie seien lebendig begraben. Sie wollte hinaus, um sie auszu­
graben, ließ sich aber zurückhalten. Morgens um sieben Uhr war
sie noch i n deliriösem Zustande und erinnerte sich nun genau an
die Ereignisse auf dem Friedhofe in C. und bei der Annäherung an
die Anstalt. Sie erzählte, daß sie in C. die toten Kinder, welche ihr
riefen, ausgraben wollte. Die Blumen habe sie nur weggerissen, um
die Gräber freizulegen und öffnen zu können. Es wurde ihr nun in
diesem Zustande von Herrn Professor Bleuler erklärt, daß sie sich
auch nachher im normalen Zustande an alles erinnern werde. Die
Kranke schlief am Vormittag noch einige Zeit, war nachher ganz
klar und fühlte sich relativ wohl . Sie erinnerte sich nun wirklich an
die Anfälle, verhielt sich aber auffallend gleichgültig denselben
gegenüber. In den folgenden Nächten, mit Ausnahme derjenigen
vom 22. auf den 23. und vom 25. auf den 26. September, hatte sie
wieder kürzere Anfälle deliriösen Inhaltes, in denen sie mit Toten
zu tun hatte; in den Details waren die einzelnen Anfälle unter sich
verschieden. Zweimal sah sie die Toten in ihrem Bett; sie schien
sich aber nicht vor ihnen zu fürchten, sie ging vielmehr aus dem
Bett, um die Toten nicht zu »genieren«. Mehrmals wollte sie auch
zum Zimmer hinaus.
Nach einigen freien Nächten folgte in der Nacht vom 30. 9. auf
den 1 . 1 0. wieder ein kurzer Anfall, in welchem sie am Fenster den
Toten rief. Während des Tages war sie in dieser Zeit immer ganz
klar gewesen. Am 3. Oktober sah sie, wie sie nachher selbst erzähl­
te, im Salon bei vollem Bewußtsein eine ganze Menge Gerippe.
Obschon sie an der Wirklichkeit der Skelette zweifelte, habe sie
ZUR PS Y C HOL OGI E OKKULTE R PHÄN OME N E 1 69
sich doch nicht davon überzeugen können, daß sie halluzinierte. In
der folgenden Nacht hatte si e zwischen zwölf und ei n Uhr - schon
die früheren Anfälle waren meistens um diese Zeit eingetreten -
während etwa zehn Minuten mit den Toten zu tun. Sie setzte sich
im Bett auf, starrte in eine Ecke und sagte : >> Nun kommen sie - es
sind aber noch nicht alle da - sie sollen nur kommen, der Saal ist
groß genug, es haben alle Platz. Wenn alle da sein werden, komme
ich auch mit. << Dann legte sie sich mit den Worten: »So, jetzt sind
alle da<< , nieder und schlief wieder. An alle diese nächtlichen Anfäl­
le hatte sie am Morgen nicht die geringste Erinnerung. Ganz kurze
Anfälle traten noch in den Nächten vom 4. /5. , 6. /7. , 9. /1 0, 1 3. /1 4. ,
1 5 ./ 1 6. Oktober j e nachts zwischen zwölf und ein Uhr auf. Die
letzten drei fielen in die Zeit des Monatsflusses. Die Wärterin
suchte mehrmals mit ihr zu sprechen, zeigte ihr die brennende
Straßenlaterne, die Bäume; die Kranke reagierte aber nicht auf
diese Anreden. Seither blieben die Anfälle ganz aus, die Kranke
klagte über eine Reihe von Beschwerden, die sie schon während
des bisherigen Verlaufes gehabt hatte. Namentlich Kopfweh plagte
sie viel und steigerte sich am Morgen nach den Anfällen, wie Pa­
tientin sagte, ins Unerträgliche. 0, 25 Sacch. lactis half prompt da­
gegen. Dann klagte sie über Schmerzen in beiden Vorderarmen,
die sie beschrieb, wie wenn es sich um eine Tendovaginitis handel­
te. Die Muskelbäuche der Beuger hielt sie für eine Geschwulst und
wünschte, massiert zu werden. Objektiv war nichts nachzuweisen,
und als man die Klagen ignorierte, besserte sich das Übel. Wegen
der Verdickung eines Zehennagels klagte sie auffallend viel und
lange, auch noch, nachdem die verdickte Partie abgetragen worden
war. Der Schlaf war öfters unruhig. Die Kranke hatte ihre Einwil­
ligung versagt, als sie gegen die nächtlichen Anfälle hypnotisiert
werden sollte. Schließlich entschloß sie sich doch, das Kopfweh
und die Schlafstörung hypnotisch behandeln zu lassen. Sie erwies
sich als leicht beeinflußbar und kam schon in der ersten Sitzung in
tiefen Schlaf mit Analgesie und Amnesie.
Im November wurde sie wieder gefragt, ob sie sich des Anfalles
vom 19. 9. , für welchen ihr Erinnerungsfähigkeit suggeriert wor­
den war, entsinne. Es machte ihr schon viel Mühe, sich darauf zu
besinnen, und sie konnte schließlich nur die Hauptsache noch
erzählen, die Einzelheiten hatte sie vergessen.
Es mag hier noch nachgetragen werden, daß die Kranke durch­
aus nicht abergläubisch ist und sich in gesunden Tagen nie beson­
ders für die übersinnlichen Dinge interessiert hat. Während der
ganzen Behandlungsdauer, die am 1 4. 1 1 . abschloß, fiel die große
Gleichgültigkeit der Kranken gegenüber der Krankheit und sogar
der Besserung auf. Im nächsten Frühjahr stellte sich die Kranke
1 70 O KK U LTI S MUS
wieder ein zur ambulanten Behandlung der Kopfschmerzen, wel­
che bei angestrengter Arbeit sich im Laufe der Monate langsam
wieder eingestellt hatten. Ihr Befinden ließ im übrigen nichts zu
wünschen übrig. Es wurde nun konstatiert, daß sie gar keine Erin­
nerung mehr an die Anfälle vom vorigen Herbst hatte, auch nicht
an diej enigen vom 1 9. 9. und früher. Dagegen konnte sie in Hyp­
nose die Vorgänge auf dem Friedhof, vor der Anstalt und während
der nächtlichen Störungen noch gut erzählen.
Unser Fall e_rinnert durch seine eigenartigen Halluzinationen
und durch sein Auftreten an die Zustände, welche von Krafft­
Ebing als >>protrahirte Zustände von hysterischem Delirium<< be­
schreibt. Er sagt: »Es sind . . . leichtere Fälle von Hysterie, bei
denen solche delirante Zustände vorkommen . . . Das protrahirte
hysterische Delirium steht auf dem Boden einer temporären Er­
schöpfung . . . Gemüthsbewegungen scheinen seinen Ausbruch zu
befördern. Es recidiviert leicht . . . Am häufigsten findet sich Ver­
folgungsdelirium mit oft sehr heftiger reaktiver Angst, dann reli­
giöses und erotisches. Hallucinationen aller Sinne sind nicht selten.
Am häufigsten und wichtigsten sind jedenfalls Gesichts-, Geruchs­
und Gefühlstäuschungen. Die Gesichtshallucinationen drehen sich
besonders häufig um Thiervisionen, Leichenzüge, phantastische
Prozessionen, in welchen es von Todten, Teufeln, Gespenstern
und dergleichen wimmelt. - Die Gehörstäuschungen sind einfach
Acusmen (Geschrei, Getöse, Knallen) oder wirkliche Hallucina­
tionen, vielfach mit sexuellem Inhal t. << 3
Di e Leichenvisionen unserer Patientin und das anfallsweise Auf­
treten derselben erinnern an Zustände, wie sie gelegentlich bei
Hysteroepilepsie beobachtet werden. Auch dort kommen die spe­
zifischen Visionen vor, und sind, im Unterschied zum protrahier­
ten Delir, an die einzelnen Anfälle gebunden.
Eine dreißigj ährige Dame mit grande hysterie hat deliriöse Däm­
merzustände, in denen sie sich vorzugsweise mit schreckhaften
Halluzinationen beschäftigt: Sie sieht, wie ihre Kinder ihr entführt
werden, wie wilde Tiere dieselben fressen und so weiter. Patientin
hat Amnesie für den Inhalt der einzelnen Anfälle. 4
Siebzehnjährige Patientin, ebenfalls schwere Hysterika, sieht in
ihren Anfällen j eweilen die Leiche ihrer verstorbenen Mutter, wel­
che sich ihr nähert, um sie an sich zu ziehen. Patientin hat Amnesie
für die Anfälle. 5
' Krafft-Ebing: Lehrbuch der Psychiatrie, 1 879, S. 58 1 .
' Richer: Etudes cliniques sur I' hystero-epilepsie, 1 8 8 1 , S. 483.
s Ebenda, S. 487ff. ; vgl. auch Erl er: Hysterisches und hystero-epileptisches Irresein,
1 897, S. 28; ferner Cullerre: Un Cas de somnambulisme hysterique, 1 888, S. 356.
ZUR PS Y C HOL OGI E OKKULTER PHÄN OME N E 1 71
Die zitierten Fälle sind schwere Hysterien, deren Bewußtsein
auf tiefer Traumstufe steht. Einzig das Anfallsweise und die Stabi­
lität der Halluzinationen zeigen eine gewisse Verwandtschaft zu
unserem Fall, welcher in dieser Beziehung noch mehrfache Analo­
gien zu entsprechenden hysterischen Zuständen hat, zum Beispiel
zu jenen Fällen, in denen ein psychischer Schock (Notzucht und
so weiter) die Veranlassung zum Ausbruch der hysterischen An­
fälle war, und wo jeweilen das auslösende Ereignis halluzinato­
risch stereotyp wiedererlebt wird. Ein spezifisches Gepräge erhält
aber unser Fall durch die Identität des Bewußtseins in den ver­
schiedenen Anfällen. Es handelt sich um einen >> etat second<< mit
eigenem Gedächtnis und Abtrennung vom Wachzustande durch
eine totale Amnesie. Hierdurch unterscheidet er sich von den bis­
her erwähnten Dämmerzuständen und nähert sich den sogenann­
ten somnambulen Zuständen.
Charcot6 teilt die Somnambulismen in zwei Grundformen ein:
1 . Delir mit auffall ender Inkoordination der Vorstellungen und
Handlungen.
2. Delir mit koordinierten Handlungen. Der Zustand nähert sich
dem des Wachseins.
Unser Fall gehört zu letzterer Form. Wenn man unter Somnam­
bulismus einen Zustand systematischen partielen Wachseins7 ver­
steht, müssen bei einer Besprechung dieser Affektion auch j ene
vereinzelten Fälle von anfallsweiser Amnesie berücksichtigt wer­
den, welche hin und wieder zur Beobachtung gelangen. Es sind
dies, abgesehen vom Noktambulismus, die einfachsten Zustände
eines systematischen partiellen Wachseins. Allen voran steht in der
Literatur gewiß der Naefsche Fall.8 Er betrifft einen zweiunddrei­
ßigjährigen Herrn, der, schwer belastet, zahlreiche teils funktio­
nelle, teils anatomische Degenerationszeichen aufweist. Infolge
Überanstrengung hatte er schon im siebzehnten Jahre einen eigen­
tümlichen Dämmerzustand mit Wahnideen, der einige Tage dauer­
te und mit einer summarischen Erinnerung heilte. Später war er
häufigen Schwindelanfällen mit Herzklopfen und Erbrechen un­
terworfen; j edoch waren diese Anfälle nie mit Bewußtseinsverlust
verknüpft. Im Anschluß an eine fieberhafte Krankheit reiste der
Explorand plötzlich von Australien nach Zürich, verlebte dort
' I n: Guinon: Documents pour servir a I' histoire des somnambulismes, 1 891 .
7 •Das Schlafwandeln ist als systematisches partielles Wachsein aufzufassen, bei wel­
chem ein begrenzter, logisch zusammenhängender Vorstellungskomplex in das Bewußt­
sein tritt. Gegenvorstellungen treten nicht ein, zugleich geht die geistige Tätigkeit inner­
halb der begrenzten Sphäre des Wachseins mit erhöhter Energie vor sich.• (Loewenfeld:
Der Hypnotismus, 1901 , S. 289. )
8 Naef: Ein Fall von temporärer, totaler, theilweise retrograder Amnesie, 1 898.
1 72 OKKULTI S MUS
einige Wochen sorglos und heiter und kam erst zu sich, als er in
der Zeitung die Notiz von seinem plötzlichen Verschwinden in
Australien l as. Er hatte eine zum Teil totale und retrograde Amne­
sie für die Zeit von mehreren Monaten, welche die Reise nach
Australien, den dortigen Aufenthalt und die Rückreise in sich
schließt. Einen Fall von periodischer Amnesie veröffentlicht
Azam: 9 Albert X, zwölfeinhalb Jahre alt, mit hysterischen Be­
schwerden, wird i m Verlaufe einiger Jahre mehrmals von amnesti­
schen Zuständen befallen, in denen er Lesen, Schreiben, Rechnen,
sogar zum Teil die Sprache auf mehrere Wochen vergißt. Dazwi­
schen Intervalle normalen Befindens.
Einen Fall von >> automatisme ambulatoire« auf ausgesprochen
hysterischer Grundlage, der sich aber vom Naefschen durch das
mehrfache Auftreten von Anfällen unterscheidet, publiziert
Proust : Ein dreißigjähriger gebildeter Mann zeigt alle Erscheinun­
gen der grande hysterie, ist sehr suggestibel, hat von Zeit zu Zeit
oft unter Einfluß von Gemütsbewegungen Anfälle von Amnesie,
welche sich auf die Dauer von zwei Tagen bis zu mehreren Wo­
chen erstrecken. In diesen Zuständen wandert er, besucht Ver­
wandte, zerstört verschiedene Gegenstände bei denselben, macht
Schulden, wird sogar, >>pour acte de filouterie<< , vor Gericht ge­
stellt und verurteil t. 1 0
Einen ähnlichen Fall mi t Wandertrieb berichtet Boeteau: Eine
zweiundzwanzigjährige schwer hysterische Witwe erschrickt vor
der drohenden Notwendigkeit einer Salpingitisoperation; sie ver­
läßt das Spital, i n dem sie sich bis dahin aufgehalten hatte, und
verfällt darauf in einen somnambulen Zustand, aus welchem sie
nach drei Tagen mit totaler Amnesie erwacht. In diesen drei Tagen
hatte sie einen Weg von etwa sechzig Kilometern zurückgelegt, um
ihr Kind zu suchen. 1 1
William James teilt einen Fall von >> ambulatory sort<< mit : Reve­
rend Anse! Bourne, Wanderprediger, dreißig Jahre alt, Psycho­
path, hatte einige Male Anfälle von einstündiger Bewußtlosigkeit.
Eines Tages ( 1 7. Januar 1 887) verschwindet er plötzlich aus Gree­
ne, nachdem er auf einer Bank 551 Dollar abgehoben hat. Zwei
Monate bleibt er verschollen. In dieser Zeit führt er als A. ].
Brown einen kleinen Kramladen in Norristown, Pennsylvanien,
besorgt regelrecht alle Einkäufe, obschon er nie zuvor so etwas
9 Azam: Hypnotisme, double conscience et alterations de Ia personnalite, 1 887. Ein
ähnlicher Fall bei Winslow: Obscure Diseases of the Brain and Disorders of the Mind,
1 860, s. 405.
10 Proust: Cas curieux d' automatisme ambulatoire chez un hysterique, 1 890.
1 1 Boeteau : Automatisme somnambulique avec dedoublement de Ia personnalite, 1 892.
ZUR PSYCH OL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 1 73
betrieben hat. Am 1 4. März 1 887 erwacht er plötzlich und kehrt
nach Hause zurück. Völlige Amnesie für das Interval l . 1 2
Mesnet · publiziert folgenden Fall : F. , siebenundzwanzig Jahre
alt, Sergeant der afri kanischen Truppe, wurde bei Bazeilles am
Parietale verwundet, hatte ein Jahr lang, bis die Wunde geheilt
war, eine Hemiplegie, welche mit der Heilung verschwand. Patient
bekam im Verlaufe seiner Krankheit somnambule Anfälle mit starker
Einengung des Bewußtseins, sämtliche Sinnesfunktionen mit Aus­
nahme des Tastsinnes und eines kleinen Teiles des Gesichtssinnes
waren gelähmt. Die Bewegungen waren koordiniert, jedoch war die
Zweckmäßigkeit derselben bei Überwindung von Hindernissen
stark eingeschränkt. Patient zeigte während der Anfälle einen blöden
Sammeltrieb. Durch verschiedene Manipulationen konnte man sei­
nem Bewußtsein einen halluzinatorischen Inhalt geben, zum Bei­
spiel gab man ihm einen Stock in die Hand, worauf sich Patient sofort
in eine kriegerische Szene versetzt sieht. Er befindet sich auf Vor­
posten, sieht den Feind kommen und so weiter. 13
Guinon und Sophie Woltke machten folgende Versuche an Hy­
sterischen: Einer Patientin im hysterischen Anfall wurde ein blau­
es Glas vor die Augen gehalten. Sie sah darauf regelmäßig das Bild
ihrer Mutter am blauen Himmel. Ein rotes Glas zeigte ihr eine
blutende Wunde, ein gelbes Glas eine Orangenhändlerin oder eine
Dame mit gelbem Klei d. 1 4
Mesnets Fall erinnert an die Fälle von anfallsweiser Einengung
des Gedächtnisses.
MacNish teilt einen entsprechenden Fall mi t: Eine anscheinend
gesunde junge Dame verfällt plötzlich, angeblich ohne Prodromal­
Symptome, in einen tiefen, abnorm langen Schlaf. Beim Erwachen
hat sie die Worte und die Kenntnis der einfachsten Dinge verges­
sen. Sie muß wieder lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie macht
bei der Erlernung dieser Dinge rapide Fortschritte. Nach einer
zweiten Schlafattacke erwacht sie wieder i n ihrem ersten normalen
Zustande ohne Erinnerung an die dazwischengeschobene Episode
des zweiten Zustandes. Während mehr als vier Jahren alternieren
diese Zustände, in denen das Bewußtsein innerhalb der zwei Zu­
stände Kontinuität zeigt, aber amnestisch getrennt ist vom Be­
wußtsein des normalen Zustandes. 1 5
1 2
James: The Principles of Psychology, 1 891 , Bd. 1, S. 391 .
u Mesnet: De l'Automatisme d e I a memoire et d u souvenir dans l e somnambulisme
pathologique, 1 874, zitiert in Binet: Les Al terations, 1 892, S. 3 ff. Vgl. auch Mesnet:
Somnambulisme spontane dans ses rapports avec l'hysterie, 1 892.
1 4 Gui non/Woltke: De l' Jnfluence des excitations des organes des sens sur les halluci­
nations, 1 891 .
1 5 MacNish: The Philosophy of Sleep, 1 830, zitiert i n Binet: Les Alterations, 1 892,
s. 4 ff.
1 74
OKKULTI S MUS
Diese ausgewählten Fälle von verschiedenartigen Bewußt­
seinsveränderungen werfen jeder ein gewisses Licht auf unseren
Fall. Der Naefsche Fall zeigt zwei hysteriforme Gedächtniseklip­
sen, von denen die eine durch Auftreten von Wahnideen ausge­
zeichnet ist und die andere durch zeitliche Dauer, Einengung des
Bewußtseins und Wandertrieb hervorragt. Die eigentümlichen un­
vermittelten Antriebe sind im Proustschen und Mesnersehen Falle
besonders deutlich. Wir können hierzu das triebartige Abreißen
von Bl umen, das Aufwühlen der Gräber, wie es in unserem Falle
beobachtet wurde, als gleichwertig in Parallele setzen. Die Be­
wußtseinskontinuität, welche Patientin in den einzelnen Anfällen
zeigt, erinnert an das Verhalten des Bewußtseins im Falle Mac­
Nishs, weshalb unser Fall als ein vorübergehendes Phänomen von
alternierendem Bewußtsein darf aufgefaßt werden. Der traumhafte
halluzinatorische Inhalt des eingeengten Bewußtseins in unserem
Falle läßt aber eine unbedingte Zuteilung desselben zu dieser
Gruppe der double conscience nicht gerechtfertigt erscheinen. Die
Halluzinationen im zweiten Zustande zeigen eine gewisse Produk­
tivität an, welche durch die Autosuggestibilität dieses Zustandes
bedingt erscheint. Wir sehen im Falle Mesnets das Auftreten hallu­
zinatorischer Vorgänge auf einfache Tastreize. Das Unterbewußt­
sein des Patienten verwendet die einfachen Perzeptionen zum auto­
matischen Aufbau komplizierter Szenen, welche dann das eingeeng­
te Bewußtsein gefangennehmen. Bezüglich der Halluzinationen
unserer Patientin haben wir an etwas Ähnliches zu denken, wenig­
stens scheinen die äußeren Umstände, unter denen das Auftreten der
Halluzinationen erfolgte, unsere Vermutungen zu bestärken:
Der Spaziergang auf dem Friedhof induziert die Skelett-Vision,
die Begegnung mit den drei Knaben erweckt die Halluzination
lebendig begrabener Kinder, deren Stimmen die Patientin nachts
hört. Patientin kommt auf den Friedhof in somnambulem Zu­
stand, der diesmal infolge des Alkoholgenusses besonders intensiv
auftritt; sie begeht triebartige Handlungen, von denen ihr Unter­
bewußtsei n j edenfalls gewisse Eindrücke empfängt. (Die Rolle, die
der Al kohol hier spielt, darf nicht unterschätzt werden; er wirkt
erfahrungsgemäß auf dergleichen Zustände nicht nur verschlim­
mernd ein, sondern es darf ihm auch, wie jedem anderen Narkoti­
kum, eine gewisse durch ihn bedingte Steigerung der Suggestibili­
tät zugeschrieben werden. ) Die im Somnambulismus erhaltenen
Eindrücke bilden sich unterbewußt fort als selbständige Vegetatio­
nen und treten schließlich als Halluzinationen in die Wahrneh­
mung. Damit schließt sich unser Fall eng an die somnambulen
Traumzustände, welche namentlich in England und Frankreich
neuerdings einem eingehenden Studium unterworfen wurden.
ZUR PS Y CHOL OGI E OKKULTER P HÄNOME NE 1 75
Die anfänglich anscheinend inhaltlosen Absenzen gewinnen
durch zufällige Autosuggestion einen Inhalt, der sich automatisch
bis zu einem gewissen Grade weiterbildet, in seiner weiteren Ent­
wicklung aber, wahrscheinlich unter dem Einfluss der beginnen­
den Besserung, zum Stillstand kommt und schließlich mit einge­
tretener Genesung überhaupt verschwindet.
Über die Einpflanzung von Suggestionen in einem partiellen
Schlafzustand haben Binet und Fere zahlreiche Versuche ange­
stellt. Sie haben zum Beispiel gezeigt, daß es genügt, der anästheti­
schen Hand einer Hysterischen einen Bleistift zu geben, um sofort
lange automatische Briefe und dergleichen zu erhalten, welche
dem Bewußtsein der Patientin durchaus fremd sind. Cutane Reize
in anästhetischen Regionen werden unter Umständen als Gesichts­
bilder wahrgenommen oder wenigstens als lebhafte, unvermittelt
auftauchende Gesichtsvorstellungen. Diese selbständigen Trans­
mutationen einfacher Reize sind als das Urphänomen der Entste­
hung somnambuler Traumbilder zu betrachten. Noch innerhalb
der Sphäre des wachen Bewußtseins kommen in seltenen Fällen
analoge Erscheinungen vor. So berichtet zum Beispiel Goethe,
daß, wenn er, den Kopf vornüber gesenkt, dasitze und sich eine
Blume lebhaft vorstelle, sehe, wie sich dieselbe selbständig verän­
dere, indem neue Kombinationen der Gestaltung auftreten. 1 6 Im
Halbwachzustande sind dergleichen Erscheinungen verhältnismä­
ßig häufig als sogenannte hypnagogische Halluzinationen. Die
Automatismen, welche das Beispiel Goethes illustriert, unterschei­
den sich von den eigentlich somnambulen, insofern die Ausgangs­
vorstellung in diesem Falle bewußt ist und die weitere Entwick­
lung des Automatismus sich in den durch die Ausgangsvorstellung
bestimmten Grenzen hält, also innerhalb des bloß motorischen
oder visuellen Gebietes.
Geht die Ausgangsvorstellung unter oder war sie überhaupt nie
bewußt und greift die automatische Entwicklung auf benachbarte
Gebiete über, also zum Beispiel gesellt sich zu der Wahrnehmung
der Blume die Vorstellung einer Hand, die sie pflückt, oder die
Vorstellung des Blumengeruches, so verlieren wir j ede Möglich­
keit einer Abgrenzung des Wachautomatismus von demjenigen
1 6 Goethe: Zur Naturwissenschaft im allgemeinen, 1 858, S. 333 : »Ich hatte die Gabe,
wenn ich die Augen schloß und mit niedergesenktem Haupte mir in der Mitte des
Sehorgans eine Blume dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten
Gestalt, sondern sie legte sich aus einander, und aus ihrem Innern entfalteten sich wieder
neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünen Blättern: es waren keine natürlichen Blu­
men, sondern phantastische, jedoch regelmäßig wie die Rosetten der Bildhauer. Es war
unmöglich, die hervorquellende Schöpfung zu fixiren, hingegen dauerte sie so lange, als
mir beliebte, ermattete nicht und verstärkte sich nicht. «
1 76 OKKULTI S MUS
des somnambulen Zustandes. Das einzige Unterscheidungsmerk­
mal ist dann nur das >> Mehr« oder >>Weniger«. Wir reden dann in
dem einen Fall von >> Wachhalluzinationen Gesunder«, im anderen
Fall von den >>Traumvisionen der Somnambulen« . Die Deutung
der Anfälle unserer Patienten als hysterische gewinnt durch den
Nachweis einer wahrscheinlich psychogenen Entstehung der Hal­
luzinationen an Sicherheit. Unterstützt wird sie noch durch die
Beschwerden der Patientin (Kopfweh und >>Tendovaginitis«), wel­
che sich einer suggestiven Behandlung zugänglich gezeigt haben.
Einzig der ätiologische Faktor findet in der Di agnose >> Hysterie<<
keine genügende Berücksichtigung, und es wäre doch eigentlich a
priori zu erwarten, daß im Krankheitsverlaufe, welcher doch so
ganz der Heilung einer Erschöpfung durch Ruhe entspricht, hie
und da Züge beobachtet würden, welche als Erschöpfungserschei­
nungen könnten gedeutet werden. Es erhebt sich die Frage, ob
nicht etwa die anfangs absence-ähnlichen und später somnambulen
Anfälle als Erschöpfungszustände respektive >> neurasthenische
Krisen<< aufgefaßt werden könnten. Wir wissen j a, daß es auf dem
Gebiete der psychopathischen Minderwertigkeit zu verschiedenar­
tigen epileptoiden Zufällen kommen kann, deren Zugehörigkeit
zur Epilepsie oder Hysterie zum mindesten zweifelhaft ist. West­
phal sagt wörtlich: >> Auf vielfältige Beobachtungen gestützt be­
haupte ich also, daß die sogenannten epileptoiden Anfälle eines der
allgemeinsten und häufigsten Symptome . . . in der Gruppe von
Erkrankungen bilden, die wir zu den Geisteskrankheiten und
Neuropathieen rechnen, und daß weder für den Charakter und die
Form der Erkrankung noch für ihren Verlauf und ihre Prognose
das bloße Vorhandensein eines oder mehrerer epileptischen oder
epileptoiden Anfälle maßgebend ist . . . Den Begriff des Epileptoi­
den habe ich hierbei für den Anfall selbst, wie erwähnt, im weite­
sten Sinne gebraucht. << 1 7
Di e epileptoiden Momente unseres Falles brauchen nicht erst
herausgehoben zu werden; man kann dagegen den Einwand erhe­
ben, daß die Färbung des ganzen Bildes eine exquisit hysterische
sei . Demgegenüber ist aber darauf hinzuweisen, daß nicht jeder
Somnambulismus eo ipso hysterisch ist. Es kommen gelegentlich
bei typischer Epilepsie Zustände vor, welche von berufener Seite
direkt in Paral lele zu somnambulen Zuständen gestellt werden
oder welche sich mit Ausnahme des eigentlichen Krampfanfalles
von Hysterischen unterscheiden. 1 8
1
7 Westphal : Die Agoraphobie, 1 871 , S. 1 58.
1 8
Pi ck: Vom Bewußtsein i n Zuständen sogenannter Bewußtlosigkeit, 1 884, S. 202;
ferner Pelman: Über das Verhalten des Gedächtnisses bei den verschiedenen Formen des
Irreseins, 1 864, S. 78.
Z UR PS Y C HOL OGI E OKKULTER P HÄNOME NE 1 77
Wie DiehJI9 zeigt, kommt es auch auf dem Boden der neurasthe­
nischen Minderwertigkeit zu >> Krisen<< , welche den Diagnostiker
oft in Verlegenheit bringen. Ein bestimmter Vorstellungsinhalt
kann sich sogar in den einzelnen Krisen stereotyp wiederholen.
Neuerdings publiziert auch Mörchen
2
0 einen Fall von epileptoi­
dem neurasthenischem Dämmerzustand.
Der Mitteilung von Herrn Professor Bleuler verdanke ich fol­
genden Fall : Gebildeter Herr in mittlerem Alter - keine epilepti­
schen Antezedentien - hat sich durch jahrelange übermäßige
geistige Arbeit erschöpft. Ohne sonstige prodromale Symptome
(keine Depression und so weiter) begeht er gelegentlich eines
Ferienaufenthaltes einen Suizidversuch, indem er sich in einem
eigentümlichen Dämmerzustand plötzlich an belebter Uferstelle
ins Wasser stürzt. Er wird sofort herausgezogen, hat ganz summa­
rische Erinnerung.
Mit Rücksicht auf diese Beobachtungen darf man gewiß der
Neurasthenie einen erheblichen Anteil an den Zufällen unserer
Patientin zuerkennen. Die Kopfschmerzen und die »Tendovagi­
nitis<< weisen auf das Bestehen einer relativ leichten Hysterie hin,
welche aber gewöhnlich latent, erst unter dem Einfluß der Er­
schöpfung manifest wird. Die Genese des eigentümlichen Krank­
heitsbildes erklärt uns dessen oben dargelegte Verwandtschaft zu
Epilepsie, Hysterie und Neurasthenie. Fassen wir zusammen:
Fräulein Elise K. ist psychopathisch minderwertig, mit Tendenzen
zu hysterischen Affektionen. Unter Einfluß einer nervösen Er­
schöpfung erkrankt sie an »epileptoiden<< Benommenheitsanfällen,
deren Deutung vorderhand noch ungewiß ist. Unter dem Einfluß
einer ungewohnt großen Alkoholdosis erweitern sich die Anfälle
zu deutlichen Somnambulismen mit Halluzinationen, welche
traumhaft an zufällige äußere Wahrnehmungen anknüpfen. Unter
Heilung der nervösen Erschöpfung treten auch die hysteriformen
Erscheinungen zurück.
Auf dem Gebiete der psychopathischen Minderwertigkeit mit
hysterischer Färbung begegnen wir zahlreichen Erscheinungen,
die wie der obige Fall zwar die Symptome verschiedener bestimm­
ter Krankheitsbilder an sich tragen, aber keinem derselben mit
Sicherheit zugeteilt werden können. Zum Teil sind diese Zustände
schon als selbständige Krankheitsbilder aufgestell t: so zum Bei­
spiel die pathologische Lüge, die pathologische Träumerei und so
19 Diehl: Neurasthenische Krisen, 1902, S. 366: »Wenn die Kranken zuerst ihre Krisen
schildern, geben sie meist ein Bild, das uns den Gedanken an epileptische Verstimmung
naherückt. Ich habe mich in diesem Sinne oft getäuscht . . . «
20
M
ärchen: Über Dämmerzustände, Fall 32, 1 901 , S. 75.
1 78 OKKULTI S MUS
weiter. Viele dieser Zustände aber harren noch einer eingehenden
wissenschaftlichen Bearbeitung und bewegen sich vorderhand im
Gebiete der mehr oder weniger wissenschaftlichen Anekdote. Die
Träger dieser Zustände sind der habituelle Halluzinant und der
Begeisterte, der bald als Dichter oder Künstler, bald als Heiliger,
Prophet oder Sektenstifter die Aufmerksamkeit der Umgebung auf
sich zieht.
Di e Genese der eigentümlichen Geistesverfassung dieser Men­
schen ist vielfach in absolutes Dunkel gehüllt, da es nur zur Selten­
heit einmal gelingt, eine dieser merkwürdigen Figuren einer
genauen Beobachtung zu unterwerfen. In Ansehung der oft gro­
ßen historischen Bedeutung solcher Personen erscheint es wün­
schenswert, ein wissenschaftliches Material zu besitzen, auf Grund
dessen wir imstande wären, nähere Einsichten in die psychologi­
sche Entwicklung ihrer Eigentümlichkeit zu gewinnen. Abgesehen
von den heutzutage fast wertlosen Produkten der pneumatologi­
schen Richtung im Anfange des 19. Jahrhunderts ist die wissen­
schaftliche Literatur deutscher Zunge sehr arm an einschlägigen
Beobachtungen, j a es scheint sogar eine eigentliche Aversion gegen
eine Bearbeitung des erwähnten Gebietes vorhanden zu sein. Was
wir an Tatsächlichem auf diesem Gebiete wissen, verdanken wir
fast ausschließlich den Arbeiten von Forschern französischer und
englischer Zunge. Eine Bereicherung unserer Literatur in dieser
Hinsicht erscheint deshalb zum mindesten wünschenswert. Diese
Überlegungen haben mich bewogen, einige Beobachtungen zu
veröffentlichen, die vielleicht dazu beitragen, unsere Kenntnisse
über die Beziehungen hysterischer Dämmerzustände zu geschicht­
lichen und normalpsychologischen Problemen zu erweitern.
Fall von Somnambulismus bei emer Belasteten (Spiritistisches
Medium)
Nachstehenden Fall habe ich in den Jahren 1 899 und 1900 beob­
achtet. Da ich i n keinem ärztlichen Verhältnis zu Fräulein S. W.
stand, konnte eine körperliche Untersuchung auf hysterische Stig­
mata leider nicht vorgenommen werden. Über die Sitzungen führ­
te ich ein ausführliches Tagebuch, das ich j eweils nach den Sitzun­
gen ergänzte. Der nachstehende Bericht ist eine gedrängte Darstel­
lung an Hand der Aufzeichnungen. Rücksichten auf die Familie
und die Person des Fräulein S. W. geboten Änderung unwesentli­
cher Daten und Weglassong verschiedener Details bei der Darstel­
l ung ihrer Romane, welche zum großen Teil aus sehr intimen An­
gelegenheiten bestehen.
Z UR PS YC HOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 1 79
Fräulein S. W., fünfzehneinhalb Jahre alt, reformiert. Der Groß­
vater väterlicherseits war sehr intelligent, Geistlicher, hatte häufig
Wachhalluzinationen. (Meist waren es Visionen, oft auch ganze
dramatische Szenen mit Gesprächen und so weiter). Ein Bruder
des Großvaters imbezill, verschroben, ebenfalls Geisterseher. Eine
Schwester des Großvaters seltsam, eigentümlicher Charakter. Die
Großmutter väterlicherseits hatte i m zwanzigsten Jahre nach einer
fieberhaften Krankheit (Typhus?) einen Anfall von Scheintod, in
welchem sie drei Tage lang sich befand und aus dem sie erst all­
mählich erwachte, als man ihr den Scheitel mit einem glühenden
Eisen brannte. Später hatte sie bei Gemütsbewegungen Ohn­
machtsanfälle, welche fast regelmäßig von einem kurzen Somnam­
bulismus gefolgt waren, in welchem sie prophezeite. Vater eigen­
tümliche, originelle Persönlichkeit mit bizarren Ideen. Zwei seiner
Brüder ähnlich. Alle drei haben Wachhalluzinationen. (Zweites
Gesicht, Ahnung und so weiter). Ein dritter Bruder von bizarrem,
verschrobenem Charakter, einseitig begabt. Mutter angeboren
psychopathisch minderwertig, oft ans Psychotische streifend. Eine
Schwester ist hysterisch, visionär, und eine zweite Schwester leidet
an »nervösen Herzzufällen«.
Fräulein S. W. ist sehr zart gebaut, zeigt etwas rachitischen Schä­
delbau ohne ausgesprochenen Hydrocephalus, etwas blasse Ge­
sichtsfarbe, dunkle Augen mit eigentümlich stechendem Glanz.
Fräulein S. W. hat nie erhebliche Krankheiten durchgemacht. In
der Schule war sie mittelmäßig, zeigte wenig Interesse, war zer­
streut. Im allgemeinen zeigte sie ein etwas zurückhaltendes Beneh­
men, das aber oft plötzlich ausgelassenster, exaltiertester Freude
Platz machen konnte. Sie ist von mittelmäßiger Intelligenz. Beson­
dere Gaben hat sie nicht. Sie ist sehr unmusikalisch. Sie liebt die
Bücher nicht, bevorzugt Handarbeiten oder träumerisches Her­
umsitzen. Schon in der Schule oft wie geistesabwesend, verlas sich
oft beim Lautlesen in eigentümlicher Weise, las zum Beispiel statt
dem Wort >> Ziege« : >> Gaiß,, , statt >>Treppe« : >> Stege«, was so häufig
vorkam, daß sie deshalb von ihren Geschwistern ausgelacht wur­
de. Sonst wurden nie irgendwelche Abnormitäten an S. W. beob­
achtet; namentlich kamen nie schwerere hysterische Erscheinun­
gen vor. Ihre Familie setzt sich aus Handwerkern und Geschäfts­
leuten zusammen, hat sehr beschränkten Interessenkreis. Bücher
mystischen Inhalts waren in der Familie nie geduldet. Die Erzie­
hung des Fräulein S. W. war eine mangelhafte. Abgesehen davon,
daß zahlreiche Geschwister vorhanden waren und deshalb die Er­
ziehung in Bausch und Bogen genommen wurde, hatten die Kin­
der auch viel unter der inkonsequenten, ungebildeten, oft direkt
rohen Behandlung seitens der Mutter zu leiden. Der Vater als
1 80
OKKULTI S MUS
vielbeschäftigter Geschäftsmann konnte sich nur wenig seinen
Kindern widmen und starb zu einer Zeit, als Fräulein S. W. noch
unerwachsen war. Bei diesen unerquicklichen Verhältnissen ist es
kein Wunder, wenn Fräulein S. W. sich beengt und unglücklich
fühlte. Sie hatte oft Furcht, nach Hause zu gehen, und war an
j edem anderen Orte lieber als zu Hause. Sie trieb sich daher viel
mit Gespielinnen herum und wuchs auf diese Weise heran, ohne
von der Kultur zu sehr beleckt zu sein. Demgemäß ist ihr Bil­
dungsniveau ein relativ niederes, entsprechend sind ihre Interessen
von sehr beschränktem Umfang. Der Umfang ihrer Literatur­
kenntnisse ist ebenfalls ein sehr beschränkter. Sie kennt die ge­
wöhnlich in den Schulen auswendig gelernten Lieder von Schiller
und Goethe und einigen anderen Dichtern, ferner einige Gesang­
buchlieder und Bruchstücke aus den Psalmen. In Prosa dürfte die
Stufe der Heimburg- und Zeitungsromane die obere Grenze be­
zeichnen. Bücher gebildeteren Inhalts hat sie bis zur Zeit des ent­
wickelten Somnambulismus nicht gelesen.
Sie hörte zu Hause und von Freundinnen vom Tischrücken er­
zählen, wofür sie sich zu interessieren begann. Sie verlangte, an
solchen Experimenten einmal teilnehmen zu dürfen. Der Wunsch
der Patientin erfüllte sich bald. Im Juli 1 899 beteiligte sich Fräulein
S. W. einige Male scherzweise am Tischrücken i m Kreise ihrer
Freundinnen und Geschwister. Dabei wurde die Entdeckung ge­
macht, daß sie ein vorzügliches »Medium<< sei. Es kamen einige
Mitteilungen ernsthaften Charakters, welche mit allgemeinem
Erstaunen aufgenommen wurden. Namentlich überraschte der
pastorale Ton derselben. Der Geist gab sich als Großvater des
Mediums aus. Da ich mit ihrer Familie bekannt war, gelang es
mir, an den betreffenden Experimenten teilzunehmen. Anfang
August 1 899 fanden i n meiner Gegenwart die ersten Anfälle von
Somnambulismus statt. Dieselben verliefen meist folgenderma­
ßen: Fräulein S. W. sank langsam, unter starkem Erblassen zu
Boden oder auf einen Stuhl, schloß die Augen, wurde katalep­
tisch, tat mehrere tiefe Atemzüge und fing dann an zu sprechen.
In diesem Stadium war sie meist völlig schlaff, die Lidreflexe
waren erhalten, ebenso die taktile Sensibilität. Sie war für uner­
wartete Berührungen empfindlich und schreckhaft, besonders im
Initialstadium.
Auf Anrufen mit ihrem Vornamen reagierte sie nicht. In ihren
somnambulen Gesprächen kopierte sie in äußerst geschickter Wei­
se verstorbene Verwandte und Bekannte mit allen Eigentümlich­
keiten derselben, so daß sie selbst auf unbeeinflußte Personen ei­
nen nachhaltigen Eindruck machte. Sie kopierte zum Beispiel auch
Personen, die sie nur der Beschreibung nach kannte, so treffend,
Z UR P S YC HOL OGI E OK K ULTE R P HÄNOME NE 1 8 1
daß j eder Zuhörer ihr zum mindesten ein erhebliches Schauspieler­
talent nicht abstreiten konnte. Allmählich gesellten sich zu dem
bloßen Sprechen auch Gesten hinzu, welche schließlich zu >> attitu­
des passionnelles<< , ja ganzen dramatischen Szenen führten. Sie
nahm betende, verzückte Stellungen an, in denen sie mit strahlen­
den Augen und leidenschaftlich glühender, geradezu hinreißender
Rhetorik sprach. Sie bediente sich dann ausschließlich der schrift­
deutschen Sprache, welche sie, ganz im Gegensatz zu ihrem sonsti­
gen durchaus unsicheren und verlegenen Benehmen in wachem
Zustande, mit vollendeter Sicherheit und Gewandtheit sprach.
Ihre Bewegungen waren durchaus frei und von edler Grazie und
versinnlichten in schönster Weise ihre wechselnden Gefühlszu­
stände. Das Verhalten während dieses Stadiums war in den ver­
schiedenen Anfällen ein regellos wechselndes und ungemein man­
nigfaltiges. Bald lag Fräulein S. W. ruhig mit geschlossenen Augen
zehn Minuten bis zwei Stunden auf dem Sofa oder auf dem Boden,
ohne sich zu rühren, bald lag sie in halb sitzender Stellung und
sprach mit veränderter Stimme und Sprache, bald war sie in be­
ständiger Bewegung und nahm alle möglichen pantomimischen
Stellungen an. Ebenso wechselnd und regellos war der Inhalt ihrer
Reden. Bald sprach sie von sich in der ersten Person, aber nie
lange, meist nur um ihren nächsten Anfall vorauszusagen, bald
sprach sie (das war das Gewöhnliche) von sich i n der dritten Per­
son. Sie stellte dann irgendeine andere Person dar, entweder be­
kannte Verstorbene oder frei erfundene Personen, deren Rolle sie
nach den Charakteristika, die sie selber gab, in konsequenter Wei­
se durchführte. Zum Schluß der Ekstase kam meist noch ein kata­
leptisches Stadium mit flexibilitas cerea, welches allmählich ins
Erwachen überging. Fast konstant war das j ähe Erblassen bis zu
einem geradezu beängstigenden wächsern anämischen Kolorit, das
oft schon im Beginn des Anfalls, oft aber auch erst in der zweiten
Hälfte desselben erfolgte. Dabei war der Puls klein aber regelmä­
ßig und von normaler Frequenz, die Atmung leise, oberflächlich,
oft fast unmerklich. Wie schon bemerkt, sagte Fräulein W. ihre
Anfälle oft voraus. Unmittelbar vor den Anfällen befielen sie ei­
gentümliche Gefühle, sie war aufgeregt, etwas ängstlich, und gele­
gentlich äußerte sie Sterbegedanken: sie werde wahrscheinlich ein­
mal in diesen Anfällen sterben, ihre Seele hänge im Anfall sowieso
nur mit einem ganz dünnen Faden am Körper, so daß der Körper
oft kaum mehr leben könne. Einmal wurde nach dem katalepti­
schen Stadium Tachypnoe von zwei Minuten Dauer mit einer Fre­
quenz von hundert Atemzügen pro Minute beobachtet. Anfangs
traten die Anfälle spontan auf, später konnte S. W. dieselben pro­
vozieren, indem sie sich in eine dunkle Ecke setzte und das Gesicht
1 82 OKKULTI S MUS
mit den Händen bedeckte. Häufig gelang ihr dieses Experiment
aber nicht. Sie hatte sogenannte >> gute<< und »schlechte<< Tage.
Di e Frage der Amnesie nach den Anfällen ist leider sehr unklar.
Soviel ist sicher, daß sie nach j edem Anfall ganz genau darüber
orientiert war, was sie speziell erlebt hatte >> in der Entzückung<< .
Unsicher dagegen ist, wie s i e an die Gespräche, welchen sie als
Medium diente, und an die Veränderungen in ihrer Umgebung
während des Anfalls sich erinnerte. Es hatte oft den Anschein, als
ob sie eine summarische Erinnerung dafür besitze. Denn sehr oft
sagte sie unmittelbar nach dem Erwachen: »Wer war da? War
nicht der X oder Z da? Was hat er gesprochen? << Sie zeigte sich
auch oberflächlich orientiert über den Inhalt der Gespräche. Sie
bemerkte dann oft, die Geister hätten ihr vor dem Erwachen noch
mitgeteilt, was man gesprochen hätte. Häufig war dies aber durch­
aus nicht der Fall. Wenn man ihr auf Verlangen den Inhalt der
Trancereden wiedergab, so war sie sehr oft entrüstet über densel­
ben. Sie war deshalb oft stundenlang traurig verstimmt, nament­
lich wenn unangenehme Indiskretionen vorgekommen waren. Sie
konnte dann geradezu schimpfen und versicherte oft, sie werde
ihren Führer das nächste Mal bitten, solche Geister von ihr fern zu
halten. Ihre Entrüstung war eine ungeheuchelte, denn in wachem
Zustande konnte sie sich und ihre Affekte nur ganz mangelhaft
beherrschen, so daß sich j ede Verstimmung sofort auf ihrem Ge­
sichte malte. Über die äußeren Vorgänge während des Anfalls
schien sie jeweilen kaum oder gar nicht orientiert zu sein. Sie
bemerkte selten, daß j emand das Zimmer verließ oder daß jemand
hereinkam. So verbot sie mir zum Beispiel einmal, das Zimmer zu
betreten, als sie besondere Mitteilungen erwartete, die sie vor mir
verheimlichen wollte. Ich begab mich aber trotzdem hinein, setzte
mich zu den drei Anwesenden und hörte alles an. Fräulein S. W.
hatte die Augen offen und sprach verschiedene der Anwesenden
direkt an, ohne mich zu bemerken. Erst als ich zu sprechen be­
gann, bemerkte sie mich, was einen lebhaften Entrüstungssturm
zur Folge hatte. Besser, aber auch nur in anscheinend unbestimm­
ten Umrissen erinnerte sie sich an die Äußerungen der Teilnehmer,
welche sich auf die Trancereden oder direkt auf sie bezogen. Ein
bestimmtes Rapportverhältnis i n dieser Beziehung konnte ich nie
entdecken.
Neben diesen »großen« Anfällen, welche eine gewisse Gesetz­
mäßigkeit i n ihrem Verlaufe zeigten, wies Fräulein S. W. noch eine
große Anzahl anderer Automatismen auf. Ahnungen, Vorgefühle,
unberechenbare Stimmungen und plötzlich wechselnde Launen
waren an der Tagesordnung. Einfache Schlafzustände habe ich nie
beobachtet. Dagegen fiel es mir bald auf, daß Fräulein S. W. oft
Z UR PS YC HOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 1 83
mitten im lebhaftesten Gespräch in eigentümlich monotoner Wei­
se ganz verwirrt und sinnlos weitersprach und dabei träumerisch
mit halbgeschlossenen Augen vor sich hinsah. Diese >> Absenzen<<
dauerten meist nur wenige Minuten. Dann fuhr sie plötzlich auf:
>>So, j a, was haben Sie gesagt ?« Anfangs wollte sie keine Auskunft
über diese Absenzen geben, antwortete ausweichend: Es sei ihr
etwas schwindlig gewesen, sie habe Kopfschmerzen und so weiter.
Später aber sagte sie einfach: >> Sie waren halt wieder da« , nämlich
ihre Geister. Sie war diesen Absenzen sehr gegen ihren Willen
unterworfen, sie wehrte sich oft dagegen, >> ich will nicht, ich kann
jetzt nicht, sie sollen zu einer anderen Zeit kommen, sie glauben,
ich sei nur für sie da« . Die Absenzen befielen sie nämlich auf der
Straße oder im Geschäft, überhaupt in jeder Situation. Wenn sie
dieser Zustand auf der Straße befiel, lehnte sie sich an ein Haus
und wartete, bis der Anfall vorüber war. Während dieser Absen­
zen, deren Intensität sehr verschieden war, hatte sie regelmäßig
Visionen, sehr oft auch, und dies besonders bei denjenigen Anfäl­
len, in welchen sie stark erbleichte, >> wanderte« sie, das heißt ver­
ließ, wie sie angab, ihren Körper und versetzte sich nach fernen
Orten, wohin sie von ihren Geistern geführt wurde. Weite Reisen
in der Ekstase strengten sie besonders stark an. Sie war nachher oft
stundenlang völlig erschöpft und beklagte sich manchmal, die Gei­
ster hätten ihr wieder viel Kraft entzogen, solche Anstrengungen
seien ihr jetzt bald zu viel, die Geister sollten ein anderes Medium
suchen und so weiter. Einmal war sie nach einer derartigen Ekstase
eine halbe Stunde lang hysterisch blind. Ihr Gang war schwan­
kend, tastend, sie mußte geführt werden, sie sah das Licht nicht,
das auf dem Tische stand. Die Pupillen reagierten.
.
Visionen kamen auch ohne eigentliche Absenzen vor (wenn wir
mit diesem Wort nur die höhergradigen Aufmerksamkeitsstörun­
gen bezeichnen), und zwar in großer Anzahl. Anfangs beschränk­
ten sich die Visionen auf den Beginn des Schlafes. Einige Zeit,
nachdem Fräulein S. W. zu Bette gegangen war, erhellte sich das
Zimmer, und aus der allgemeinen nebelhaften Helligkeit lösten
sich weiße, glänzende Gestalten ab. Sie waren durchweg in weiße,
schleierartige Gewänder gehüllt, die Frauen hatten eine turbanarti­
ge Kopfbedeckung und einen Gürtel. Später (dies alles nach den
Angaben des Fräulein S. W.) >>Standen die Geister oft schon be­
reit«, wenn Fräulein S. W. zu Bette gehen wollte. Schließlich sah
sie die Gestalten auch am hellen Tage, j edoch nur undeutlich und
kurze Zeit, solange nicht eine eigentliche absence eintrat, womit
dann allerdings die Gestalten sich zu greifbarer Natürlichkeit ver­
dichteten. Fräulein S. W. bevorzugte aber stets das Dunkel. Der
Inhalt der Visionen scheint nach den Angaben des Fräulein S. W.
1 84 O KKULTI S MUS
zum größten Teil höchst angenehmen Charakters gewesen zu sein.
Sie empfand im Anschauen der schönen Gestalten ein Gefühl
wonniger Beseli gung. Viel seltener waren schreckhafte Visionen
dämonischen Charakters. Sie beschränkten sich ganz auf die Nacht
oder auf dunkle Räume. S. W. sah gelegentlich schwarze Gestalten
auf der nächtlichen Straße oder in ihrem Zimmer; auf dem dunkeln
Hausfl ur erschreckte sie einmal ein furchtbares kupferrotes Ge­
sicht, das sie plötzlich von Angesicht zu Angesicht anstierte. Über
das erste Auftreten der Visionen konnte ich nichts Befriedigendes
erfahren. S. W. gibt an, in ihrem fünften und sechsten Jahre einmal
nachts ihren Führer, den Großvater (den sie bei Lebzeiten nicht
mehr gekannt hatte) gesehen zu haben. Objektive Anhaltspunkte
für diese Früh-Vision konnte ich bei den Verwandten von S. W.
nicht erhalten. Später soll nie mehr etwas derartiges vorgekommen
sein bis zu der ersten Sitzung. Mit Ausnahme der hypnagogischen
Helligkeit und des Funkensehens kamen nie elementare Halluzi­
nationen vor, sondern dieselben waren von Anfang an systemati­
scher Natur und betrafen sämtliche Sinnesgebiete in gleicher Wei­
se. Was die intellektuelle Reaktion auf diese Erscheinungen anbe­
langt, so ist bemerkenswert, mit welcher verblüffenden Selbstver­
ständlichkeit S. W. ihre Träume aufnahm. Ihre ganze Entwicklung
zur Somnambulen, ihre zahllosen rätselhaften Erlebnisse erschie­
nen ihr durchaus natürlich. Sie sah ihre ganze Vergangenheit nur in
diesem Lichte. Jedes etwas auffallende Ereignis der früheren Jahre
stand in einer notwendigen und klaren Beziehung zu ihrem jetzi­
gen Zustand. Sie war glücklich in dem Bewußtsein, ihre wahre
Lebensaufgabe gefunden zu haben. Sie war natürlich unerschütter­
lich überzeugt von der Realität ihrer Visionen. Ich versuchte oft,
ihr eine kritische Erklärung nahezulegen, sie verhielt sich aber stets
ablehnend, indem sie in ihrem gewöhnlichen Zustand eine ver­
nünftige Erklärung nicht recht verstand und im hemisomnambu­
len Zustand dieselbe als unsinnig, ihren Tatsachen direkt ins Ge­
sicht schlagend, empfand. So sagte sie einmal : »Ich weiß nicht, ob
das, was mir die Geister sagen und was sie mich lehren, wahr ist,
ich weiß schließlich auch nicht, ob sie diejenigen sind, mit deren
Namen sie sich nennen, aber daß meine Geister existieren, ist keine
Frage. Ich sehe sie vor mir, ich kann sie betasten, ich rede mit
ihnen über alles, was ich wil l, so laut und so natürlich, wie ich j etzt
rede. Es kann nicht anders sein, als daß sie wirklich sind. « Von
einer Krankhaftigkeit ihrer Erscheinungen wollte sie vollends gar
nichts wissen. Überhaupt betrübten sie Zweifel an ihrer Gesund­
heit oder an der Wirklichkeit ihrer Traumwelten aufs tiefste und
beeinträchtigten auch sehr meine Beobachtungen, indem sie sich
vor mir verschloß und sich oft längere Zeit weigerte, in meiner
Z UR P S YCH OL OGI E OK K ULTE R P HÄNOME NE 1 85
Gegenwart zu experimentieren; ich hütete mich daher, zu viele
Zweifel und Bedenken lautwerden zu lassen. Dafür genoß S. W.
einer um so ungeteilteren Verehrung und Bewunderung seitens
ihrer näheren Verwandten und Bekannten, welche sich bei ihr in
allen möglichen Dingen Rat holten. Sie erlangte mit der Zeit einen
solchen Einfluß auf ihre Anhänger, daß drei ihrer Geschwister
ebenfalls zu halluzinieren begannen, und zwar in analoger Weise.
Meist begannen diese Halluzinationen al s nächtliche Träume von
sehr lebhaftem, dramatisch geschlossenem Charakter, welche all­
mählich ins Wachsein herübertraten, teils hypnagogisch, teils hyp­
nopompisch. Namentlich eine verheiratete Schwester von Fräulein
S. W. bekam ungemein lebhafte Träume, welche sich von Nacht zu
Nacht konsequent erweiterten und schließlich auch ins Wachbe­
wußtsein zuerst als undeutliche Illusionen, dann als wirkliche Hal­
luzinationen eintraten, aber nie di e plastische Deutlichkeit der Vi­
sionen des Fräulein S. W. erlangten. So sah sie zum Beispiel im
Traume eine schwarze dämonische Gestalt an ihr Bett treten in
lebhaftem Wortwechsel mit einer weißen, schönen Gestalt, welche
den Schwarzen zurückzuhalten versuchte; der Schwarze griff sie
aber trotzdem an und würgte sie, wobei sie erwachte. Sie sah dabei
über sich gebeugt einen schwarzen Schatten mit menschlichen
Umrissen und daneben eine weiße nebelhafte Gestalt. Die Vision
verschwand erst, als sie ein Licht anzündete. Solche und ähnliche
Visionen wiederholten sich Dutzende von Malen. Die Visionen
der beiden anderen Geschwister waren ähnlicher Natur, nur an
Intensität geringer.
Der beschriebene Typus der "Anfälle samt der Fülle phantasti­
scher Visionen und Ideen hatte sich im Laufe von nicht ganz einem
Monat zur vollen Höhe entwickelt, welche später nie überschrit­
ten wurde. Was später noch dazu kam, war nur Ausbau aller jener
Gedanken und Visionszyklen, die gewissermaßen programmatisch
schon ganz · im Anfang angedeutet worden waren. Neben den
>> großen« Anfällen und den kleinen, aber inhaltlich gleichwertigen
>>absence<< -Zuständen ist noch eine dritte Kategorie von Zuständen
bemerkenswert. Es sind dies die hemi-somnambulen Zustände.
Dieselben traten auf im Beginn oder am Ende der >> großen« Anfäl­
le, kamen aber auch unabhängig von den großen Anfällen für sich
vor. Sie entwickelten sich allmählich im Laufe des ersten Monats.
Eine genauere Angabe des Datums ihres Auftretens ist nicht mög­
lich. In diesem Zustand fallen der starre Ausdruck des Gesichtes,
die glänzenden Augen und eine gewisse Würde und Gemessenheit
der Bewegungen auf. Fräulein S. W. ist in diesem Zustand sie
selbst, respektive ihr somnambules Ich. Sie ist dabei vollkommen
orientiert über die Außenwelt, steht aber gewissermaßen mit ei-
1 86
OKKULTI S MUS
nem Fuß in ihrer Traumwelt. Sie sieht und hört ihre Geister, sie
sieht, wie dieselben im Zimmer unter den Zirkelteilnehmern her­
umgehen, wie sie bald bei diesem, bald bei jenem stehen. Sie ver­
fügt über eine klare Erinnerung an ihre gehabten Visionen, an ihre
Reisen und ihre empfangenen Belehrungen. Sie spricht ruhig, klar
und bestimmt und ist stets von ernster, fast feierlicher Stimmung.
Ihr Wesen verrät eine tiefe Religiosität, frei von allem pietistischen
Beigeschmack, namentlich ist ihre Sprache in keiner Weise vom
Bibel- und Traktätchenjargon ihres Führers beeinflußt. Ihr feierli­
ches Benehmen hat einen leidenden Zug, etwas Wehmütiges. Sie
empfindet schmerzhaft den großen Unterschied zwischen ihrer
nächtlichen, idealen Welt und der rauhen Alltäglichkeit. Dieser
Zustand steht in schroffem Gegensatz zu ihrem wachen Dasein: Es
findet sich darin keine Spur von j enem unsicheren und unharmoni­
schen Wesen, von j enem sprunghaften, nervösen Temperament,
das für ihr sonstiges Verhalten so charakteristisch ist. Wenn man
mit ihr spricht, so hat man das Gefühl, als spreche man mit einer
um viele Jahre älteren Person, die durch zahlreiche Lebenserfah­
rungen zu einem sicheren, komponierten Benehmen gelangt ist. In
di esem Zustande auch gab si e ihre besten Produkte, während ihre
Romane meist den Gegenstand ihres wachen Interesses bean­
spruchten. Der Heri-Somnambulismus trat meist spontan auf, in
der Regel während der Tischexperimente, was sich jeweilen da­
durch ankündigte, daß S. W. anfing, j ede automatische Mitteilung
des Tisches vorauszuwissen. Sie hörte dann gewöhnlich mit den
Tischbewegungen auf und ging nach kurzer Zeit mehr oder weni­
ger plötzlich in Ekstase über. Fräulein S. W. erwies sich als sehr
feinfühlig. Sie konnte einfachere Fragen, welche sich ein Zirkelteil­
nehmer dachte, der selber nicht >> Medium<< war, erraten und beant­
worten. Es genügte, die Hand auf den Tisch oder auf ihre Hände
zu legen, um ihr die nötigen Anhaltspunkte zu geben. Mentale
Gedankenübertragung konnte nie erzielt werden. Neben der of­
fenbaren Erweiterung ihrer ganzen Persönlichkeit war um so auf­
fallender das Weiterbestehen ihrer früheren, gewöhnlichen Natur.
Fräulein S. W. teilte mit unverhohlenem Vergnügen alle die kleinen
kindischen Erlebnisse, die Liebeleien und Herzensgeheimnisse,
alle Unarten und Erziehungsmängel ihrer Alters- und Standesge­
nossinnen. Sie war für jedermann, der ihr Geheimnis nicht kannte,
ein Mädchen von fünfzehneinhalb Jahren, das in keinem Punkte
von Tausenden seiner Art abwich. Um so größer war auch das
Erstaunen, wenn man sie von der anderen Seite kennenlernte. Ihre
näheren Verwandten konnten diese Wandlung anfangs nicht fas­
sen; zum Teil begriffen sie dieselbe überhaupt nie, so daß es oft zu
bitterem Streit in der Familie kam, da der eine Teil für und der
Z UR PS YC HOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 1 87
andere Teil _gegen Fräulein S. W. Partei ergriff, die einen in schwär­
merischer Uberschätzung, die anderen in verächtlicher Beurtei­
lung des »Aberglaubens<< . So führte Fräulein S. W., solange ich sie
näher kannte, ein seltsames, widerspruchsvolles Dasein, ein eigent­
liches Doppelleben zweier neben- oder nacheinander existierender
Persönlichkeiten, die sich beständig den Rang streitig machten. Es
folgen nun einige der interessantesten Sitzungsberichte in chrono­
logischer Reihenfolge.
Sitzungsberichte
Erste und zweite Sitzung, August 1 899. Fräulein S. W. übernahm
sofort die Führung der » Kommunikationen<< . Der >> Psychograph<< ,
i n diesem Fall ein umgestülptes Trinkglas, auf das zwei Finger der
rechten Hand gelegt wurden, bewegte sich blitzschnell von Buch­
staben zu Buchstaben. (Man hatte mit Buchstaben und Zahlen
bezeichnete Zettel im Kreise um das Glas herumgelegt.) Es wurde
die Mitteilung gemacht, daß der Großvater des >> Mediums<< sich
hier befinde und mit uns sprechen werde. Es erfolgten nun zahlrei­
che Mitteilungen in rascher Folge, von meist religiös erbaulichem
Inhalt, teils in richtig geformten Worten, teils mit Buchstabenum­
stellungen, teils in umgekehrter Reihenfolge der Buchstaben. Letz­
tere Worte und Sätze wurden oft so rasch produziert, daß man
dem Inhalt nicht folgen, sondern denselben erst nachträglich durch
Umstellung der Buchstaben erkennen konnte. Die Kommunika­
tionen wurden einmal unterbrochen in brüsker Weise durch eine
neue Kommunikation, welche die Gegenwart des Großvaters des
Referenten ankündigte. Bei dieser Gelegenheit wurde die scherz­
hafte Bemerkung gemacht, »offenbar vertragen sich die beiden
>Spirits< sehr schlecht. << - Während dieser Versuche war die Däm­
merung hereingebrochen. Plötzlich wurde Fräulein S. W. unruhig,
sprang ängstlich auf, fiel auf die Knie nieder und rief: >> Da, da, seht
ihr nicht dieses Licht, diesen Stern da?<< , und deutete in eine dunk­
le Ecke des Zimmers. Sie wurde immer aufgeregter und verlangte
ängstlich nach Licht. Sie war bleich, weinte : Es sei ihr so eigen­
tümlich, sie wisse gar nicht, was mit ihr sei. Als Licht gebracht
wurde, beruhigte sie sich. Die Versuche wurden aufgehoben.
In der nächsten Sitzung, die nach ein paar Tagen, auch wieder
abends, stattfand, wurden ähnliche Kommunikationen des Groß­
vaters der S. W. erzielt. Bei Einbruch der Dunkelheit lehnte sich
S. W. plötzlich auf dem Sofa zurück, wurde bleich, schloß die
Augen bis auf eine kleine Spalte und lag regungslos da. Die Bulbi
waren nach oben gerollt, der Lidreflex war vorhanden, ebenso die
1 88 OKKULTI S MUS
taktile Sensibilität. Die Atmung war leise, fast unmerklich. Der
Puls klein, weich. Dieser Zustand dauerte etwa eine halbe Stunde,
worauf sich S. W. plötzlich mit einem Seufzer erhob. Die starke
Blässe des Gesichts, welche während des ganzen Anfalls vorhan­
den gewesen war, machte wieder der früheren, blaßroten Färbung
Platz. S. W. war etwas verwirrt und verlegen, deutete an, sie habe
allerhand gesehen, wollte aber nicht erzählen. Erst auf eindringli­
ches Befragen erzählte sie, sie habe in einem merkwürdigen wa­
chen Zustande ihren Großvater gesehen, mit dem Großvater des
Referenten Arm in Arm. Dann seien dieselben plötzlich in einer
offenen Kutsche nebeneinandersitzend vorbeigefahren.
Dritte Sitzung. In der dritten, nach einigen Tagen stattfindenden
Sitzung sofort ein dem früheren analoger Anfall von etwas mehr
als halbstündiger Dauer. S. W. erzählte nachher von zahlreichen
weißen, verklärten Gestalten, die ihr j ede eine Blume von besonde­
rer symbolischer Bedeutung überreicht hätten. Meist waren es ver­
storbene Verwandte. Über den genaueren I nhalt der Gespräche
beobachtete sie ein hartnäckiges Schweigen.
Vierte Sitzung. Nachdem Fräulein S. W. in Somnambulismus
gekommen war, fing sie an, eigentümliche Lippenbewegungen zu
machen, dabei gab sie schluckende und gurgelnde Geräusche von
sich. Dann flüsterte sie sehr leise und unverständlich. Nachdem
diese Erscheinung einige Minuten gedauert hatte, fing sie plötzlich
mit veränderter und tiefer Stimme zu sprechen an. Sie redete von
sich in der dritten Person: »Sie ist nicht hier, sie ist fort . << Es
folgten dann noch mehrere Sätze religiösen Inhaltes. Aus dem
Inhalt und der Sprache war mit Leichtigkeit zu schließen, daß ihr
Großvater, der Geistlicher gewesen war, kopiert wurde. Der In­
halt der Rede ging nicht über das geistige Niveau der »Kommuni­
kationen<< hinaus. Der Ton der Stimme hatte etwas Gemachtes und
Gezwungenes und bekam erst Natürlichkeit, als die Stimme im
Laufe des Gespräches sich immer mehr derjenigen des Mediums
genähert hatte. (In späteren Sitzungen war die Stimme nur noch
dann vorübergehend verändert, wenn ein neuer spirit sich manife­
stierte. ) Nachher Amnesie für die Trancerede. Andeutungen über
einen Aufenthalt im Jenseits. Sie sprach von einer ungeahnten Se­
ligkeit, die sie empfunden. Es muß noch bemerkt werden, daß das
Sprechen im Anfall absolut spontan erfolgte und keine diesbezüg­
liche Suggestion vorausgegangen war.
Unmittelbar nach dieser Sitzung wurde S. W. mit dem Buche
Justinus Kerners >Die Seherin von Prevorst< bekannt. S. W. fing in
der Folge an, gegen das Ende des Anfalls sich selbst zu magnetisie­
ren, teils durch regelrechte Passes, teils durch seltsame kreis- und
achtförmige Touren, welche sie mit beiden Armen zugleich in
Z UR PS Y C HOLOG I E OK K ULTE R P HÄNOME NE 1 89
symmetrischer Weise ausführte. Sie tat dies, wie sie selbst angab,
zur Vertreibung der nach den Anfällen sich einstellenden starken
Kopfschmerzen. In den (hier nicht referierten) Sitzungen im Au­
gust gesellten sich zum Großvater noch zahlreiche andere geistes­
verwandte spirits, welche nichts Bemerkenswertes produzierten.
Jedesmal, wenn ein Neuer auftrat, veränderte sich die Bewegung
des Glases in auffallender Weise: Es lief meist der Buchstabenreihe
entlang, stieß den einen und anderen Buchstaben an, ohne daß ein
Sinn dabei herausgekommen wäre. Die Orthographie war eine
ganz unsichere und willkürliche, und die ersten Sätze waren häufig
unvollständig oder von ganz sinnlosen Buchstabengemengseln un­
terbrochen. Meist setzte dann die flotte Schreibweise plötzlich ein.
Einige Male wurde bei vollständiger Dunkelheit automatisches
Schreiben versucht. Die Schreibbewegungen begannen mit hefti­
gen ruckweisen Stößen des ganzen Armes, so daß das Papier vom
Bleistift durchstoßen wurde. Die erste Schriftprobe bestand aus
zahlreichen Anstrichen und Zickzacklinien von etwa acht Zenti­
meter Höhe. Bei den weiteren Proben kamen zuerst sehr groß
geschriebene unleserliche Worte, und allmählich erst wurde die
Handschrift kleiner und deutlicher. Sie war nicht wesentlich von
der des Mediums verschieden. Der kontrollierende Geist war wie­
der der Großvater.
Fünfte Sitzung. Somnambule Anfälle aus dem September 1 899.
S. W. setzt sich auf das Sofa, lehnt sich zurück, schließt die Augen,
atmet leise und regelmäßig. Allmählich wird sie kataleptisch. Die
Katalepsie verschwindet nach etwa zwei Minuten wieder, worauf
S. W. in anscheinend ruhigem Schlaf mit vollständiger Erschlaf­
fung der Muskulatur daliegt. Sie beginnt plötzlich mit gedämpfter
Stimme zu sprechen: >> Nein, nimm du das Rote, ich nehme das
Weiße - du kannst das Grüne nehmen und du das Blaue. - Seid ihr
berei t? - Wir wollen jetzt gehen. << (Pause von mehreren Minuten,
in welcher sich das Gesicht mit leichenähnlicher Blässe bedeckt.
Ihre Hände fühlen sich kalt an und sind ebenfalls tief anämisch.)
Plötzlich ruft sie mit lauter, feierlicher Stimme : »Albert, Albert,
Albert<< , dann flüsternd: »SO, jetzt sprich du<< , worauf eine längere
Pause folgt, in der die Blässe des Gesichts den denkbar höchsten
Grad erreicht. Wieder mit lauter, feierlicher Stimme: »Albert, Al­
bert, du glaubst deinem Vater nicht? - Ich sage dir, in der N'schen
Lehre sind viele Irrtümer enthalten. - Denk daran. << - Pause. Die
Blässe des Gesichtes nimmt ab. »So, er ist sehr erschrocken, er
konnte gar nicht mehr sprechen. << (Diese Worte erfolgen in ge­
wöhnlichem Konversationston.) - Pause. - »Er wird gewiß daran
denken. << - S. W. spricht nun im gleichen Konversationston weiter
in einem fremden Idiom, das ähnlich dem Französischen und Ita-
1 90 OK KULTI S MUS
Iienischen klingt und bald an dieses bald an jenes erinnert. Sie
spricht fließend und mit Grazie i n sehr schnellem Tempo, so daß
man eben noch einige Worte versteht, ohne sie aber alle bei ihrer
Fremdartigkeit im Gedächtnis behalten zu können. Von Zeit zu
Zeit kehren beständig Worte wieder, wie: wena, wenes, wenai,
wene und so weiter. Verblüffend wirkt namentlich die absolute
Natürlichkeit des Vortrages. Von Zeit zu Zeit macht S. W. Pausen,
wie wenn j emand ihr antwortete. Plötzlich sagt sie deutsch: >>Ach,
ist es schon Zeit ? « Mit betrübter Stimme: »Muß ich schon gehen?
- Lebet wohl, lebet wohl ! << Bei den letzten Worten geht über ihr
Gesicht ein unbeschreiblicher Ausdruck ekstatischer Seligkeit. Sie
hebt ihre Arme empor, ihre bis dahin geschlossenen Augen öffnen
sich, sie sieht mit strahlenden Blicken nach oben. Einen Augen­
blick verharrt sie in dieser Stellung, dann sinken ihre Arme schlaff
herab, die Augen schließen sich, der Ausdruck des Gesichtes wird
müde und erschöpft. Nach einem kurzen kataleptischen Stadium
erwacht sie mit einem Seufzer. Sie sieht sich erstaunt um: »Nicht
wahr, ich habe wieder geschlafen? << Es wird ihr erzählt, sie habe
während des Schlafes gesprochen, worüber sie in lebhafte Entrü­
stung gerät, die sich noch steigert, als sie erfährt, sie habe in frem­
der Sprache gesprochen. »Ich habe den Geistern doch gesagt, ich
wolle nicht, es könne nicht sein, es strenge mich zu sehr an. <<
Beginnt zu weinen. »Ach Gott, muß denn alles, alles wiederkom­
men wie das letzte Mal, wird mir nichts erlassen? <<
Am folgenden Tage um die gleiche Zeit fand wieder ein Anfall
statt : Nachdem S. W. eingeschlafen ist, meldet sich plötzlich Ul­
rich von Gerbenstei n. U. v. G. zeigt sich als launiger Schwätzer, er
spricht sehr gewandt, in hochdeutscher Sprache mit norddeut­
schem Akzent. Darnach gefragt, was j etzt Fräulein S. W. mache,
gesteht er nach langen Umschweifen, sie sei weit fort, und er sei
unterdessen hier, um ihren Körper zu besorgen, den Blutumlauf,
die Atmung. Er müsse auch aufpassen, daß unterdessen kein
Schwarzer sich ihrer bemächtige und ihr Schaden zufüge. Auf ein­
dringliches Befragen erzählt er, Fräulein S. W. sei mit den anderen
nach Japan gegangen, um dort einem entfernten Verwandten zu
erscheinen und ihn von einer dummen Heirat abzuhalten. Er gibt
dann mit flüsternder Stimme den Moment an, i n dem die Erschei­
nung stattfindet, verbietet auf einige Minuten j edes Gespräch,
weist auf das soeben stattfindende jähe Erblassen der S. W. hin,
indem er bemerkt, die Materialisation auf so große Entfernungen
koste entsprechend viel Kraft. Er verordnet sodann kalte Um­
schläge auf den Kopf, um das starke Kopfweh, das sie nachher
befallen werde, zu mildern. Mit der allmählich sich wieder bele­
benden Gesichtsfarbe wird das Gespräch lebhafter. Es dreht sich
Z UR P S YCHOL OGI E OKKULT E R P HÄNOME NE 1 91
um alle möglichen kindischen Scherze und Kleinigkeiten ; plötzlich
sagt U. v. G. : »Ich sehe sie kommen, sie sind allerdings noch sehr
weit, ich sehe sie dort wie ein Sternchen. << S. W. deutet nach Nor­
den. Man fragt natürlich erstaunt, warum sie nicht von Osten
kämen, worauf U. v. G. lächelnd bemerkt : >>Ja, sie kommen eben
den direkten Weg über den Nordpol. Ich gehe j etzt; lebt wohl . <<
Unmittelbar darauf seufzt S. W., erwacht, ist mißmutig, klagt über
heftige Kopfschmerzen. Sie habe gesehen, daß U. v. G. bei ihrem
Körper gestanden habe; was er erzählt habe? Sie ärgert sich über
das »dumme Geschwätz<< , das er nun einmal nicht lassen könne.
Sechste Sitzung. Beginn wie gewöhnlich. Tiefes Erblassen. Liegt
ausgestreckt, kaum atmend da. Plötzlich spricht sie mit lauter,
feierlicher Stimme: »Ja, erschrecke nur, ich bin' s. - Ich warne dich
vor der N'schen Lehre. Sieh, im Hoffen ist alles enthalten, was
zum Glauben gehört. - Du möchtest wissen, wer ich bin? Gott
gibt, wo du es am wenigsten vermutest. - Kennst du mich nicht ? <<
- Daraufhin Flüstern, unverständlich. Nach wenigen Augenblik­
ken Erwachen.
Siebente Sitzung. Fräulein S. W. gerät bald in Schlaf, liegt ausge­
streckt auf dem Sofa. Ist sehr blaß. Spricht nichts, seufzt von Zeit
zu Zeit tief auf. Schlägt die Augen auf, erhebt sich, setzt sich auf
das Sofa, beugt sich nach vorn über, spricht dazu leise : »Du hast
schwer gesündigt, bist tief gefallen. << Beugt sich dazu nach vorn,
wie wenn sie mit j emandem spräche, der vor ihr kniete. Sie steht
auf, wendet sich nach rechts, streckt die Hand aus und zeigt auf die
Stelle, über die sie sich vorhin beugte: »Willst du ihr vergeben?<<
fragt sie laut. »Vergib nicht dem Menschen, sondern ihrem Geiste.
Nicht sie, ihr Mensch hat gesündigt. << Sie kniet darauf nieder, ver­
harrt etwa zehn Minuten in betender Stellung. Darauf erhebt sie
sich plötzlich, sieht mit ekstatischem Ausdruck zum Himmel und
wirft sich dann in kniender Stellung mit auf die Hände gelegtem
Gesicht nieder, flüstert unverständliche Worte. Sie verharrt re­
gungslos in dieser Stellung mehrere Minuten. Darauf erhebt sie
sich, sieht wieder verklärten Gesichtes nach oben und legt sich auf
das Sofa, erwacht bald darauf.
Entwicklung der somnambulen Persönlichkeiten
Zu Beginn vieler Sitzungen ließ man das Glas spontan laufen,
worauf jeweilen in stereotyper Weise die Aufforderung erfolgte:
»Ihr müßt fragen. << Da mehrfach überzeugte Spiritisten an den
Sitzungen teilnahmen, wurde natürlich sofort nach allen spiritisti­
schen Merkwürdigkeiten gefragt, vor allem nach den »Schutzgei-
1 92 OKKULTI S MUS
stern<< . Auf diese Fragen wurden teils Namen bekannter Verstor­
bener, teils unbekannte Namen produziert, wie Berthe de Valours,
Elisabeth von Thierfelsenburg, Ulrich von Gerbenstein und so
weiter. Der kontrollierende spirit war fast ausschließlich der
Großvater des Mediums, welcher einmal erklärte, er liebe sie am
meisten von dieser Welt, weil er sie von Kindheit auf beschützt
habe und alle ihre Gedanken wisse. Diese Persönlichkeit produ­
zierte eine Flut von Bibelsprüchen, erbaulichen Betrachtungen
und Gesangbuchliedern, auch selbstgemachte ( ? ) Verse wie:
Sei treu im Glauben,
An Deinem Gotte halte fest,
Laß Dir den Himmelstrost nicht rauben,
Der nie zu Schanden werden läßt.
Den Himmelstrost, vor Gott zu treten,
Wenn Erdennot die Seele drückt.
Wer beten kann, von Herzen beten,
Der kann auch tragen, was Gott schickt.
Zahlreiche ähnliche Elaborate verleugnen nicht ihre Abstammung
aus irgendeinem Traktätchen durch ihren banalen, salbungsvollen
Inhalt. Seitdem S. W. in der Ekstase angefangen hatte zu reden,
entwickelten sich lebhafte Zwiegespräche zwischen den Zirkelteil­
nehmern und der somnambulen Persönlichkeit. Der Inhalt der
erhaltenen Antworten ist i m wesentlichen ganz derselbe banale
und allgemein erbauliche wie derjenige der psychographischen
Mitteilungen. Der Charakter dieser Persönlichkeit ist gekenn­
zeichnet durch trockenen, geradezu langweiligen Ernst, rigorose
Sittlichkeit und pietistische Frömmigkeit (was mit der historischen
Wirklichkeit nicht stimmt). Der Großvater ist der Führer und
Hüter des Mediums. Er gibt während der Ekstase allerhand Rat­
schläge, sagt spätere Anfälle, Erscheinungen beim Erwachen vor­
aus und so weiter. Er verordnet kalte Umschläge, gibt Anweisun­
gen, die Lagerung des Mediums oder die Anordnungen der Sitzun­
gen betreffend und so weiter. Sein Verhältnis zum Medium ist ein
überaus zärtliches. In lebhaftestem Gegensatz zu dieser schwerfäl­
ligen Traumperson steht eine Persönlichkeit, die schon in den psy­
chographischen Mitteilungen der ersten Sitzungen sporadisch auf­
taucht. Sie enthüllt sich bald als der verstorbene Bruder eines
Herrn R. , der damals an den Sitzungen teilnahm. Dieser verstorbe­
ne Bruder, ein Herr P. R. , bewegte sich seinem lebenden Bruder
gegenüber in Allgemeinheiten über brüderliche Liebe und so wei­
ter. Speziellen Fragen wich er auf jede Weise aus. Dafür entwickel­
te er aber eine geradezu erstaunliche Beredsamkeit den Damen des
Z UR PS YC HOL OGI E OK KULTE R P HÄNOME NE 1 93
Zirkels gegenüber, wobei er namentlich einer Dame, die den leben­
den Herrn P. R. nie gekannt hatte, seine Huldigungen darbrachte. Er
behauptete, schon bei Lebzeiten für sie geschwärmt zu haben, sei ihr
öfters auf der Straße begegnet, ohne sie zu kennen und sei jetzt
ungemein erfreut, sie auf diese ungewöhnliche Weise kennenzuler­
nen. Mit faden Komplimenten, schnippischen Bemerkungen den
Herren gegenüber, harmlosen kindischen Späßen und so weiter
füllte er einen großen Teil der Sitzungen aus. Mehrere Zirkelteilneh­
mer hielten sich auf über den Leichtsinn und die Banalität dieses
>>Spirit<< , worauf derselbe für ein oder zwei Sitzungen verschwand,
aber bald darauf wieder, zuerst zahm, oft sogar mit christlichen
Phrasen, auftrat und auch bald wieder in den alten Ton verfiel.
Neben diesen beiden scharf getrennten Persönlichkeiten traten
noch andere auf, welche nur wenig vom Typus des Großvaters
variierten, meist waren es verstorbene Verwandte des Mediums.
Dementsprechend war der Gesamthabitus der Sitzungen der er­
sten zwei Monate ein feierlich-erbaulicher, der nur von Zeit zu
Zeit durch das triviale Geplauder des Herrn P. R. gestört wurde.
Einige Wochen nach Beginn der Sitzungen verließ Herr R. unseren
Zirkel, worauf eine bemerkenswerte Anderung im Verhalten des
P. R. auftrat. Er wurde einsilbiger, kam weniger oft, und nach
einigen Sitzungen verschwand er ganz, um später nur noch selten,
und zwar meist nur, wenn das Medium mit der betreffenden Dame
allein war, zu erscheinen. Dafür drängte sich eine neue Persönlich­
keit in den Vordergrund, welche im Gegensatz zu Herrn P. R. , der
stets Dialekt sprach, sich einer affektierten, norddeutsch akzentu­
ierten Sprache bediente. Im übrigen war er die genaue Kopie des
Herrn P. R. Seine Beredsamkeit war insofern bemerkenswert, als
Fräulein S. W. nur über ein sehr mangelhaftes Hochdeutsch ver­
fügt, während die neue Persönlichkeit, die sich Ulrich von Ger­
benstein nannte, ein beinahe tadelloses, an liebenswürdigen Phra­
sen und Komplimenten reiches Deutsch sprach. 21
Von Gerbenstein ist ein witziger, schlagfertiger Schwätzer, ein
Flaneur, großer Verehrer der Damen, leichtsinnig und von größter
Oberflächlichkeit. Im Laufe des Winters 1 899/1900 beherrschte er
die Situation allmählich immer mehr, übernahm nach und nach alle
oben angedeuteten Funktionen des Großvaters, der ernsthafte
Charakter der Sitzungen schwand unter seinem Einfluß zuse­
hends. Alle Gegensuggestionen erwiesen sich als machtlos, und
schließlich mußten die Sitzungen deshalb auf immer länger wer­
dende Zeiträume suspendiert werden.
21
Es ist zu bemerken, daß im Hause des Fr! . S. W. ein Herr verkehrt, der norddeutsch
spricht.
1 94 OKKULTI S MUS
Folgender Umstand, der für alle diese somnambulen Persönlich­
keiten gilt, ist erwähnenswert. Sie verfügen über das ganze Ge­
dächtnis des Mediums, auch über den unbewußten Teil desselben,
sie sind auch orientiert über die Visionen, die das Medium in der
Ekstase hat, sie haben aber nur eine ganz oberflächliche Kenntnis
der Phantasie des Mediums in der Ekstase. Sie wissen nur das von
den somnambulen Träumereien, was sie gelegentlich von den Zir­
kelteilnehmern erfahren. Sie können über fragliche Punkte nie
Auskunft geben oder nur eine solche, welche im Widerspruch zu
den Erklärungen des Mediums steht. Die stereotype Antwort auf
diesbezügliche Fragen lautet: »Fraget Ivenes, Ivenes weiß es. <<22
Aus den oben zitierten Beispielen von verschiedenen Ekstasen ist
zu ersehen, daß das Bewußtsein des Mediums während der Trance
durchaus nicht untätig ist, sondern eine ungemein mannigfaltige
phantastische Tätigkeit entwickelt. Bei der Rekonstruktion des
somnambulen Ich des Fräulein S. W. sind wir ganz auf ihre nach­
träglichen Erzählungen angewiesen, denn erstens sind die sponta­
nen Äußerungen ihres mit dem Wachzustand zusammenhängen­
den Ich spärlich und meist unzusammenhängend, und zweitens
verlaufen sehr viele Ekstasen ohne Pantomime und ohne Sprechen,
so daß aus der äußeren Erscheinung kein Rückschluß auf innere
Vorgänge gemacht werden kann. Fräulein S. W. ist meist total am­
nestisch für die automatischen Phänomene während der Ekstase,
soweit sie den Bereich der ihrem Ich fremden Persönlichkeiten
fallen. Für alle anderen Phänomene, wie lautes Reden, Zungenre­
den und so weiter, welche direkt mit ihrem Ich zusammenhängen,
besteht i n der Regel klare Erinnerung. Doch besteht in allen Fällen
eine totale Amnesie sicher nur in den ersten Augenblicken nach
der Ekstase. Innerhalb der ersten halben Stunde, während welcher
meist noch eine Art Heri-Somnambulismus mit träumerischem
Wesen, Halluzinationen und so weiter vorhanden ist, schwindet
die Amnesie allmählich, indem bruchstückweise Erinnerungen an
das Vorgefallene auftauchen, jedoch in ganz regelloser und will­
kürlicher Weise.
Die späteren Sitzungen wurden meist damit begonnen, daß man
die Hände auf dem Tisch vereinigte, worauf der Tisch sofort in
Bewegung geriet. Unterdessen kam Fräulein S. W. allmählich in
somnambulen Zustand, wobei sie die Hände vom Tisch nahm, sich
ins Sofa zurücklehnte und in den ekstatischen Schlaf fiel. Nachher
erzählte sie j eweilen ihre Erlebnisse, wobei sie sich aber Fremden
gegenüber sehr zurückhaltend zeigte. Schon nach den ersten Ek­
stasen deutete sie an, daß sie eine bevorzugte Rolle unter den
22 lvenes ist der mystische Name des somnambulen Ich des Mediums.
Z UR PS YCHOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 1 95
Geistern spiel e; sie führte wie j eder Geist einen besonderen Na­
men: lvenes ; ihr Großvater umgab sie mit ganz besonderer Sorg­
falt, in der Ekstase mit der Blumenvision wurden ihr besondere
Geheimnisse gelehrt, über die sie sich aber vorderhand noch in
tiefes Schweigen hüllte. Während der Sitzungen, in denen ihre
Geister sprachen, machte sie weite Reisen, meist zu Verwandten,
denen sie erschien; oder sie befand sich im Jenseits, in >> j enem
Raum zwischen den Gestirnen, von dem man meint, daß er leer
sei ; es befinden sich aber dort zahlreiche Geisterwelten«. In dem
ihren Anfällen häufig folgenden hemi-somnambulen Zustande er­
zählte sie einmal in eigentlich poetischer Weise von einer Land­
schaft im Jenseits, >> einem wunderbaren, mondbeglänzten Tale,
das für die noch ungeborenen Geschlechter bestimmt sei «. Ihr
somnambules Ich schildert sie als eine vom Körper fast ganz be­
freite Persönlichkeit. Es ist eine erwachsene, aber kleine, schwarz­
haarige Frau, von ausgesprochen jüdischem Typus, in weiße Ge­
wänder gehüllt, den Kopf mit einem Turban bedeckt. Sie versteht
und spricht die Sprache der Geister, denn die Geister sprechen
noch aus menschlicher Angewöhnung unter sich, obschon sie dies
eigentlich nicht nötig haben, da sie sich ihre Gedanken gegenseitig
ansehen. Sie »spreche eigentlich auch nicht immer mit den Gei­
stern, sondern sehe sie bloß an, wobei sie die Gedanken der Gei­
ster verstehe« . Sie reist in Begleitung von vier bis fünf Geistern,
verstorbenen Verwandten, und besucht ihre lebenden Verwandten
und Bekannten, um ihr Leben und ihre Sinnesart zu erforschen, sie
besucht ferner alle Orte, welche im Rufe des Gespensterspukes
stehen. Nach der Bekanntschaft mit dem Buche Kerners ist ihre
Bestimmung, die schwarzen Geister, welche an gewisse Orte ge­
bannt sind oder sich teils unter der Erdoberfläche befinden, zu
belehren und zu bessern. (Analog der Seherin von Prevorst. ) Diese
Tätigkeit verursacht ihr viele Beschwerden und Schmerzen, sie
klagt in und nach den Ekstasen über erstickende Gefühle, heftige
Kopfschmerzen und so weiter. Am Mittwoch, alle vierzehn Tage,
darf sie aber dafür die ganze Nacht in den Gärten des Jenseits
zubringen in Gesellschaft seliger Geister. Dort wird sie belehrt
über die Kräfte der Welt und über die unendlich komplizierten
Verwandtschaftsverhältnisse der Menschen, ferner über die Geset­
ze der Reinkarnation, über die Sternbewohner und so weiter. Lei­
der gelangte nur das System der Weltkräfte und der Reinkarnation
zu einiger Ausbildung. Über die anderen Gegenstände ließ S. W.
nur gelegentlich Bemerkungen fallen. So kam sie zum Beispiel
einmal von einer Eisenbahnfahrt in höchster Aufregung zurück.
Man meinte zuerst, es sei ihr irgend etwas Unangenehmes zugesto­
ßen, bis sie sich endlich fassen konnte und erzählte, es sei ihr ein
1 96 OKKULTI S MUS
Sternbewohner i n der Eisenbahn gegenübergesessen. Aus der Be­
schreibung, die sie von diesem Wesen gab, erkannte ich einen mir
zufällig bekannten, älteren Kaufmann, der ein etwas unsympathi­
sches Gesicht hatte. Im Anschluß an dieses Ereignis erzählte sie
allerhand Seltsamkeiten von den Sternbewohnern, daß sie nämlich
keine göttliche Seele wie die Menschen haben, daß sie keine Wis­
senschaften betreiben, keine Philosophie, dafür aber in den techni­
schen Künsten viel weiter seien als die Menschen. So sei auf dem
Mars schon lange die Flugmaschine eingeführt, der ganze Mars
sei kanalisiert, die Marskanäle seien künstlich ausgegrabene Seen
und dienten der Bewässerung. Die Kanäle sind ganz flache Grä­
ben, das Wasser darin ist sehr seicht. Die Ausgrabung der Kanä­
le verursachte den Marsbewohnern keine besonderen Schwierig­
keiten, da der Marsboden leichter ist als der der Erde. Die
Kanäle sind nirgends überbrückt, auch hindern sie den Verkehr
nicht, da alles per Flugmaschine reist. Kriege kommen auf den
Gestirnen nicht vor, da es keine Meinungsverschiedenheiten
gibt. Die Sternbewohner haben keine menschliche Gestalt, son­
dern alle möglichen lächerlichen Gestalten, die man sich gar
nicht erdenken könne. Menschliche Geister, die im Jenseits die
Erlaubnis zum Reisen bekommen, dürfen die Gestirne nicht be­
treten. Ebenso dürfen wandernde Sternbewohner die Erde nicht
betreten, sondern müssen in einer Entfernung von etwa fünf­
undzwanzig Metern über der Erdoberfläche bleiben. Übertreten
sie das Gebot, so bleiben sie in der Gewalt der Erde und müs­
sen sich als Menschen verkörpern und werden erst nach ihrem
natürlichen Tode wieder freigelassen. Als Menschen sind sie
kalt, hartherzig und grausam. Fräulein S. W. erkennt sie am
eigentümlichen Blicke, in dem das »Seelische« fehle, und am
unbehaarten, brauenlosen, scharfgeschnittenen Gesicht. Napo­
leon I. war ein Sternbewohner.
Bei ihren Reisen sieht sie die Gegenden, die sie durcheilt, nicht.
Sie hat das Gefühl des Schwebens, und die Geister sagen ihr, wenn
sie an Ort und Stelle ist. Dann erblickt sie meist nur das Gesicht
und den Oberkörper desjenigen, dem sie erscheinen oder den sie
sonst sehen will. Sie konnte selten angeben, in was für einer Umge­
bung sie die betreffende Person sah. Sie sah gelegentlich mich, aber
nur meinen Kopf ohne irgendwelche Umgebung. Sie befaßte sich
viel mit der Bannung von Geistern und schrieb zu diesem Behufe
Sprüche in einer fremden Sprache auf Zettel, die sie an allen mögli­
chen Orten verbarg. In meiner Wohnung war ihr besonders die
Gegenwart eines italienischen Mörders, den sie Conventi nannte,
unangenehm. Sie versuchte denselben mehrere Male zu bannen
und versteckte, ohne daß ich es wußte, bei mir mehrere solcher
Z UR PS YCH OL OGI E OKK ULTE R P HÄNOME NE 1 97
Zettel, welche später zufällig gefunden wurden. Ein solcher Zettel
ist folgendermaßen beschrieben (mit Rotstift) :
Conventi :
 arch�govi
 
Ivenes.
Gen palus, vent allis
ton prost afta ben genallis.
Conventi, go
orden, astaf
vent.
Eine Übersetzung habe ich leider nie erhalten, denn Fräulein S. W.
erwies sich darin ganz unzugänglich.
Gelegendich spricht die somnambule Ivenes direkt zum Publi­
kum. Sie führt stets eine würdige Sprache mit etwas altklugem
Beiklang; Ivenes ist aber nicht langweilig-salbungsvoll und nicht
ausgelassen-läppisch, wie ihre beiden Führer, sondern sie ist eine
ernsthafte, reifere Person von devoter Frömmigkeit, weiblicher
Zartheit und großer Bescheidenheit, die sich stets dem Urteil ande­
rer unterwirft. Ein schwärmerisch-elegischer Zug, etwas Melan­
cholisch-Resigniertes ist ihr eigentümlich, sie sehnt sich aus dieser
Welt fort, sie kehrt ungern zur Wirklichkeit zurück, sie beklagt ihr
hartes Los, ihre unsympathischen Familienverhältnisse. Daneben
hat sie etwas Hoheitsvolles, sie gebietet ihren Geistern, verachtet
das läppische >> Geschwätz<< Gerbensteins, tröstet andere, richtet
betrübte Menschen auf, warnt und beschützt vor Gefahren des
Leibes und der Seele. Sie vermittelt das gesamte intellektuelle Re­
sultat aller Manifestationen, obschon sie dasselbe der Unterrich­
tung durch die Geister zuschreibt. Ivenes ist es, unter deren ganz
direktem Einfluß der hemi-somnambule Zustand des Fräulein
S. W. steht.
Die Romane
Der im Heri-Somnambulismus so eigenartig geisterhafte Blick
des Fräulein S. W. gab einigen Zirkelteilnehmern Anlaß, sie der
Seherin von Prevorst zu vergleichen. Diese Suggestion blieb nicht
ohne Folgen. Fräulein S. W. machte Andeutungen von früheren
Existenzen, die sie schon erlebt habe, und schon nach wenigen
198 OKKULTI S MUS
Wochen enthüllte sie auf einen Schlag ein ganzes Reinkarnations­
system, nachdem sie früher nie etwas dergleichen erwähnt hatte.
lvenes ist ein geistiges Wesen, das vor anderen Menschengeistern
etwas voraus hat. Jeder Menschengeist muß sich im Laufe der
Jahrhunderte zweimal verkörpern. Ivenes aber muß sich minde­
stens alle zweihundert Jahre einmal verkörpern; außer ihr teilen
nur noch zwei Menschen dieses Schicksal ; nämlich Swedenborg
und Mi ss Florence Cook (das berühmte Medium Crookes' )Y
Fräulein S. W. nennt diese beiden Persönlichkeiten i hre >> Geschwi­
ster<< . Über deren Präexistenzen machte sie keine Angaben. Ivenes
war Anfang des 19. Jahrhunderts Frau Hauffe, die Seherin von
Prevorst. Ende des 1 8. Jahrhunderts eine Pfarrersfrau in Mittel­
deutschland (unbestimmt, wo). Als solche wurde sie von Goethe
verführt und gebar ihm einen Sohn. Im 1 5 . Jahrhundert war sie
eine Gräfin von Sachsen und führte den poetischen Namen Thier­
felsenburg. Ulrich von Gerbenstein ist ein Verwandter aus j ener
Zeit. Die Pause von 300 Jahren, die sie eingelegt hatte, und ihren
Fehltritt mit Goethe mußte sie in den Leiden der Seherin von
Prevorst büßen. Im 1 3 . Jahrhundert war sie eine Adelige, namens
de Valours, im südlichen Frankreich und wurde als Hexe ver­
brannt. In der Zeit vom 1 3 . Jahrhundert bis zu den Neronischen
Christenverfolgungen fanden mehrfache Reinkarnationen statt,
ohne daß Fräulein S. W. darüber nähere Angaben macht. An der
Christenverfolgung Neros nahm sie als Märtyrerin teil. Dann folgt
wieder ein großes Dunkel bis zu Davids Zeiten, wo Ivenes eine
gewöhnliche Jüdin war. Nach ihrem damaligen Tode habe sie
durch Astaf, einen Engel aus einem höheren Himmel, den Auftrag
zu ihrer wunderbaren Laufbahn erhalten. In allen ihren Präexi­
stenzen war sie » Medium<< und vermittelte den Verkehr zwischen
Jenseits und Diesseits. Ihre »Geschwister<< sind gleich alt und ha­
ben den gleichen Beruf. In ihren verschiedenen Präexistenzen war
sie jeweilen verheiratet und gründete allmählich auf diese Weise
einen kolossalen Verwandtschaftsstamm, mit dessen unendlich
komplizierten Verhältnissen sie sich in vielen Ekstasen beschäftig­
te. Zum Beispiel war sie etwa im 8. Jahrhundert die Mutter ihres
leiblichen Vaters und ferner ihres und meines Großvaters : daher
die auffallende Freundschaft der beiden einander sonst fremden
alten Herren. Als Frau de Valours war sie die Mutter des Referen­
ten. Als sie als Hexe verbrannt wurde, nahm dieser sich das sehr zu
Herzen und ging in ein Kloster in Rouen, trug ein graues Habit,
wurde Prior, schrieb ein Werk über Botanik und starb hochbetagt,
über achtzig Jahre alt. Im Refektorium des Klosters hing das Bild
23 Sir William Crookes, Arzt und Seelenforscher ( 1 832-1919).
Z UR PS Y CHOL OGI E OK KUL TE R P HÄNOME NE 1 99
der Frau de Valours, auf dem sie in halb sitzender, halb liegender
Stellung abgebildet war. (Fräulein S. W. nahm im hemi-somnam­
bulen Zustand oft diese Stellung auf dem Sofa ein. Es entspricht
diese Stellung ganz genau derjenigen der Madame de Recamier auf
dem bekannten Bilde von David. ) Ein Herr, der öfters an den
Sitzungen teilnahm und einige entfernte Ähnlichkeit mit dem Re­
ferenten hat, war ebenfalls einer ihrer Söhne aus j ener Zeit. Um
diesen Verwandtschaftskern herum gruppierten sich nun i n nähe­
rer und weiterer Entfernung alle ihr irgendwie verwandten oder
bekannten Personen. Der eine war aus dem 1 5 . Jahrhundert, der
andere aus dem 1 8. ein Vetter und so weiter.
Aus den drei großen Verwandtschaftsstämmen besteht nun
weitaus der größte Teil der europäischen Völker. Sie und ihre
Geschwister stammen von Adam ab, der durch Materialisation
entstand, die übrigen damals schon existierenden Völker, aus de­
ren Mitte Kain seine Frau nahm, stammen vom Affen ab. Fräulein
S. W. produzierte aus diesen Verwandtschaftskreisen einen erwei­
terten Familienklatsch, das heißt eine Hochflut romanhafter Ge­
schichten, pikante Abenteuer und so weiter. Namentlich war die
Zielscheibe ihrer Dichtungen eine Dame aus der Bekanntschaft des
Referenten, welche ihr aus unerfindlichen Gründen ungemein an­
tipathisch war. Sie erklärte diese Dame als die Verkörperung einer
berühmten Pariser Giftmischerin, die im 1 8. Jahrhundert großes
Aufsehen erregt habe. Sie behauptete, diese Dame setze auch jetzt
noch ihr gefährliches Handwerk fort, aber auf eine weit raffinierte­
re Weise als früher; sie habe nämlich mittels Inspiration durch sie
begleitende böse Geister ein Flüssigkeitsgemisch entdeckt, das
man nur an die Luft zu stellen brauche, damit sich herumfliegende
Tuberkelbazillen darin sammelten, die dort trefflich wüchsen. Mit
dieser Flüssigkeit, die sie dem Essen beizumischen pflege, habe die
Dame ihren Mann, der tatsächlich an Tuberkulose gestorben ist,
umgebracht, ferner auch einen ihrer Liebhaber und ihren eigenen
Bruder, um denselben beerben zu können. Der älteste Sohn dieser
Dame sei ein uneheliches Kind von ihrem Liebhaber. Einem ande­
ren Liebhaber habe sie in ihrer Witwenzeit ein illegitimes Kind
heimlich geboren, und schließlich habe sie in einem unsittlichen
Verhältnis zu ihrem eigenen (später vergifteten) Bruder gestanden.
Auf diese Weise spann Fräulein S. W. unzählige ähnliche Ge­
schichten, an die sie selber felsenfest glaubte. Die Personen dieser
Romane traten auch in ihren Visionen handelnd auf, so zum Bei­
spiel die Dame in der oben berichteten Vision mit der pantomimi­
schen Beichte und Sündenvergebung. Alles, was irgendwie in ihrer
Umgebung an Interessantem passierte, wurde in diese Romansy­
steme einbezogen und in die Verwandtschaftsverhältnisse einge-
200 OK K ULTI S MUS
ordnet, mit mehr oder weniger genauer Angabe der Präexistenzen
und der beeinflussenden Geister. Ebenso erging es allen Personen,
welche die Bekanntschaft von Fräulein S. W. machten. Sie wurden,
je nachdem sie einen markanteren oder unbestimmteren Charakter
hatten, als zweite oder erste Verkörperung taxiert. Meist wurden
sie auch als verwandt bezeichnet, und zwar immer gleich in ganz
bestimmter Weise. Erst nachträglich, oft erst nach mehreren Wo­
chen, kam dann plötzlich einmal wieder ein neuer komplizierter
Roman nach einer Ekstase zum Vorschein, welcher durch Präexi­
stenzen oder durch illegitime Verhältnisse die auffallende Ver­
wandtschaft erklärte. Personen, die Fräulein S. W. sympathisch
waren, waren in der Regel stets sehr nah verwandt. Diese Fami­
lienromane waren (mit Ausnahme des oben berichteten) alle sehr
vorsichtig abgefaßt, so daß eine Kontrolle durchwegs unmöglich
war. Sie wurden aber immer mit ganz verblüffender Sicherheit
vorgetragen und überraschten durch eine oft äußerst geschickte
Verwertung einzelner Details, die Fräulein S. W. irgendwo ver­
nommen oder beobachtet hatte. Die Romane haben zum großen
Teil einen schauerlichen Charakter ; Mord mit Gift und Dolch,
Verführung und Verstoßung, Testamentsfälschungen und so wei­
ter spielen darin eine hervorragende Rolle.
Mystische Naturwissenschaft
Fräulein S. W. unterlag in Hinsicht auf naturwissenschaftliche Fra­
gen zahlreichen Suggestionen. Meist wurde nach Schluß der Sit­
zungen über zahlreiche und verschiedenartige Gegenstände natur­
wissenschaftlicher und spiritistischer Art gesprochen und debat­
tiert. Fräulein S. W. griff nie in die Unterhaltung ein, sondern saß
gewöhnlich träumerisch in einer Ecke in hemi-somnambulem Zu­
stande. Sie hörte bald das, bald j enes, das sie halbträumend auffaß­
te, doch konnte sie nie etwas im Zusammenhange erzählen, wenn
man sie darnach fragte, begriff auch Erklärungen nur immer zur
Hälfte. Im Laufe des Winters tauchten in verschiedenen Sitzungen
Andeutungen auf: Die Geister machten ihr über die Kräfte der
Welt und des Jenseits seltsame Offenbarungen, doch könne sie
j etzt noch nicht alles sagen. Einmal versuchte sie, eine Darstellung
zu geben, sagte aber nur, auf der einen Seite sei das Licht, auf der
anderen die Anziehungskraft. Endlich im März 1900, nachdem
mehrere Male vorher gar nichts mehr von diesen Dingen in den
Sitzungen verlautet war, kam sie plötzlich mit freudigem Gesicht,
sie habe j etzt alles von den Geistern erhalten. Sie zog einen langen,
schmalen Papierstreifen hervor, auf dem zahlreiche Namen stan-
Z UR PS YCHOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 201
den. Sie gab trotz meinem Verlangen den Zettel nicht aus den
Händen, sondern diktierte mir folgendes Schema in die Feder:
Ich kann mich genau entsinnen, daß im Laufe des Winters 1 899 bis
1900 mehrere Male in Gegenwart von Fräulein S. W. von repulsi­
ven und attraktiven Kräften gesprochen wurde im Anschluß an
Kants >Naturgeschichte des Himmels</4 ferner vom Gesetze der
Erhaltung der Energie, von den verschiedenen Formen der Energie
und von der Frage, ob die Schwerkraft ebenfalls eine Bewegungs­
form sei. Aus dem Inhalt dieser Gespräche hat Fräulein S. W. of­
fenbar die Grundlage ihres mystischen Systems geschöpft. Sie gab
darüber folgende Erklärungen: Die Kräfte ordnen sich auf sieben
Kreisen an. Außerhalb dieser Kreise sind noch drei weitere, auf
denen unbekannte Zwischenkräfte zwischen Kräften und Stoffen
sich finden. Die Stoffe befinden sich auf sieben Kreisen, welche die
24 Kam: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, 1 884.
202
OKKULTI S MUS
zehn i nneren umschließen. 25 I m Zentrum steht die Urkraft, sie ist
die Ursache der Schöpfung, sie ist eine geistige Kraft. Der erste
Kreis, welcher die Urkraft umschließt, ist die Materie, die keine
eigentliche Kraft ist und auch nicht von der Urkraft abstammt.
Aber sie verbindet sich mit der Urkraft, und aus dieser Verbin­
dung gehen i n erster Linie die geistigen Kräfte hervor; auf der
einen Seite die guten oder Lichtkräfte, auf der anderen die dunkeln
Kräfte. Am meisten Urkraft enthält die Kraft Magnesor, am we­
nigsten die Kraft Connesor, i n welcher die dunkle Macht der Ma­
terie am größten ist. Je weiter die Urkraft nach außen fortschreitet,
desto schwächer wird sie, desto schwächer wird aber auch die
Kraft der Materie, indem ihre Macht da am größten ist, wo der
Zusammenstoß mit der Urkraft am heftigsten ist, nämlich bei der
Kraft Connesor. Auf den Kreisen befinden sich immer analog,
aber i n entgegengesetztem Sinne wirkende und an Intensität glei­
che Kräfte. Das System läßt sich auch i n eine einzige Reihe schrei­
ben, welche mit Urkraft, Magnesor, Cafar und so weiter beginnt
(von l i nks nach rechts auf dem Schema fortschreitet) und über
Tusa, Endos aufsteigend mit Connesor endet, nur ist dann die
Übersicht der Intensitätsgrade erschwert. Jede Kraft auf einem
äußeren Kreise setzt sich zusammen aus den wieder zunächst lie­
genden Kräften des inneren Kreises.
Die Magnesorgruppe. Vom Magnesor stammen in direkter Linie
mit nur geringer Beeinflussung von der dunkeln Seite her die soge­
nannten Lichtkräfte ab. Die Kräfte Magnesor und Cafar bilden i n
i hrer Gesamtheit die sogenannte Lebenskraft, welche keine ein­
heitliche Kraft, sondern bei Tieren und Pflanzen von verschiede­
ner Zusammensetzung ist. Zwischen Magnesor und Cafar steht die
Lebenskraft des Menschen. Am meisten Magnesor haben die mo­
ralisch guten Menschen und die Medien, welche den Verkehr guter
Geister mit der Erde vermitteln. In der Mitte etwa stehen die
Lebenskräfte der Tiere und bei Cafar die der Pflanzen. Von Hefa ist
nichts bekannt, respektive Fräulein S. W. weiß nichts darüber anzu­
geben. Persus ist die Grundkraft, welche i n den Erscheinungsformen
der Bewegungskräfte zutage tritt. Ihre erkennbaren Formen sind
Wärme, Licht, Elektrizität, Magnetismus und zwei unbekannte
Kräfte, von denen die eine nur auf den Kometen vorkommt. Von den
Kräften des siebenten Kreises konnte Fräulein S. W. nur Süd- und
Nord-Magnetismus und positive und negative Elektrizität bezeich­
nen. Deka ist unbekannt. Smar ist von besonderer, unten noch zu
erläuternder Bedeutung; sie führt hinüber zur
Hyposgruppe. Hypos und Hyfonismus sind Kräfte, die nur
25 Auf der Abbildung si nd nur die ersten sieben inneren Kreise dargestellt.
Z UR PS Y CHOL OGI E OKKULTER P HÄNOME NE 203
bestimmten Menschen innewohnen, und zwar solchen, die im­
stande sind, einen magnetischen Einfluß auf andere auszuüben.
Athialowi ist der Geschlechtstrieb. Von ihm leitet sich direkt die
chemische Affinität ab. Auf dem neunten Kreise unter ihr
kommt die Trägheit (respektive in die Linie des Smar). Surus
und Kara sind unbekannter Bedeutung. Pusa entspricht i n um­
gekehrtem Sinne Smar.
Die Connesorgruppe. Connesor ist der Gegenpol des Magnesor.
Es ist die der guten Lichtkraft an Intensität gleichkommende
dunkle und böse Kraft. Was die gute Kraft schafft, verkehrt diese
in das Gegenteil. Endos ist eine Grundkraft der mineralischen
Stoffe. Von Tusa (unbekannter Bedeutung) leitet sich die Gravita­
tion ab, welche ihrerseits als Grundkraft der in die Erscheinung
tretenden Beharrungskräfte bezeichnet wird. (Schwerkraft, Kapil­
larität, Adhäsion und Kohäsion.) Nakus ist die geheime Kraft ei­
nes seltenen Steines, der die Wirkung des Schlangengifts aufhebt.
Die beiden Kräfte Smar und Pusa haben eine besondere Bedeu­
tung. Nach Fräulein S. W. kommt Smar zur Entwicklung im Mo­
mente des Todes moralisch guter Menschen, und zwar im Körper
derselben. Diese Kraft ermöglicht der Seele den Aufstieg zu den
Lichtkräften. Entgegengesetzt verhält sich Pusa, welche Kraft die
moralisch schlechte Seele zur dunkeln Seite hinüberführt, in den
Zustand des Connesor.
Mit dem sechsten Kreise beginnt die sichtbare Welt, welche nur
infolge der Mangelhaftigkeit unserer Sinnesorgane so scharf vom
Jenseits getrennt zu sein scheint. In Wirklichkeit ist der Übergang
ein ganz allmählicher, und es gibt Menschen, welche auf einer
höheren Stufe der Welterkenntnis leben, weil ihre Wahrnehmun­
gen und Empfindungen feiner sind als die der anderen Menschen.
Solche »Seher<< vermögen Krafterscheinungen zu sehen, wo ge­
wöhnlich Menschen nichts mehr wahrnehmen. Den Magnesor
sieht Fräulein S. W. wie einen weiß oder bläulich leuchtenden
Dampf, der hauptsächlich zur Entwicklung kommt, wenn gute
Geister in der Nähe sind. Connesor ist ein schwarzes dampfähnli­
ches Fluidum, das ähnlich dem Magnesor bei Erscheinungen
>> schwarzer<< Geister zur Entwicklung kommt. Namentlich nachts
vor dem Beginn der großen Visionen lagert sich der leuchtende
Magnesordampf in dichten Schwaden um sie, und daraus verdich­
ten sich dann die guten Geister zu sichtbaren, weißen Gestalten.
Ebenso verhält es sich mit dem Connesor. Diese beiden Kräfte
haben ihre verschiedenen Medien. Fräulein S. W. ist ein Magnesor­
medium, ebenso wie die Seherin von Prevorst und Swedenborg.
Die Materialisationsmedien der Spiritisten sind meist Connesor­
medien, weil die Materialisation viel leichter durch den Connesor
204 OKKULTI S MUS
stattfindet, wegen seiner nahen Beziehung zu den Eigenschaften
des Stoffes. Im Sommer 1900 versuchte Fräulein S. W. mehrere
Male, die Kreise der Stoffe zu produzieren, sie kam aber nie über
ganz vage und unverständliche Andeutungen hinaus, und in der
Folge sprach sie überhaupt nicht mehr davon.
Ausgang
Die eigentlich interessanten und inhaltsreichen Sitzungen nahmen
mit der Produktion des Kräftesystems ein Ende. Schon vorher
machte sich eine allmähliche Abnahme der Lebhaftigkeit der Ek­
stasen bemerkbar. Ulrich von Gerbenstein trat immer mehr in den
Vordergrund und erfüllte die Sitzungen stundenlang mit seinem
kindischen Geplauder. Die Visionen, die Fräulein S. W. unterdes­
sen hatte, scheinen ebenfalls bedeutend an Reichtum und Plastizi­
tät der Gestaltung eingebüßt zu haben, denn Fräulein S. W. wußte
nachher nur mehr von allgemeinen Wonnegefühlen in der Gegen­
wart guter Geister und von unangenehmen in Gegenwart böser zu
berichten. Irgend etwas Neues wurde nicht mehr produziert. In
den Trancereden wurde ei ne gewisse Unsicherheit, etwas wi e Ta­
sten und Forschen über den Eindruck, den sie beim Zuhörer
machten, neben der zunehmenden Fadigkeit des Inhaltes beobach­
tet. Auch im äußeren Benehmen des Fräulein S. W. trat eine auffal­
lende Scheu und Unsicherheit hervor, so daß der Eindruck ab­
sichtlicher Täuschung immer lebhafter wurde. Der Schreibende
zog sich darum bald von den Sitzungen zurück. Fräulein S. W.
experimentierte in der Folgezeit in anderen Kreisen und wurde
etwa ein halbes Jahr nach Aufhören meiner Beobachtung auf Be­
trug in flagranti ertappt. Sie wollte nämlich durch eigentlich spiri­
tistische Experimente wie Apport und so weiter den gesunkenen
Glauben an ihre übernatürlichen Fähigkeiten wieder beleben, in­
dem sie verschiedene kleine Gegenstände, die sie in ihrem Ober­
kleide verborgen hatte, in der Dunkelsitzung in die Luft warf.
Dami t hatte sie ihre Rolle ausgespielt. Seither sind anderthalb J ah­
re verflossen, in denen mir Fräulein S. W. aus den Augen gekom­
men ist. Wie ich von einem Beobachter, der sie aus früherer Zeit
kennt, erfahre, hat sie noch hie und da etwas sonderbare Zustände
von kürzerer Dauer, in denen sie sehr blaß und schweigsam ist,
starren, glänzenden Blick zeigt und so weiter. Von Visionen konn­
te ich nichts mehr in Erfahrung bringen. Auch soll sie an keinen
spiritistischen Sitzungen mehr teilnehmen. Fräulein S. W. ist jetzt
Angestellte in einem größeren Geschäft und ist allem Vernehmen
nach eine fleißige und pflichttreue Person, die mit Eifer und Ge-
ZUR PS YC HOL OGI E OKKULTER P HÄNOME NE 205
schick und zu allseitiger Zufriedenheit ihre Geschäfte besorgt. Ihr
Charakter hat sich nach Bericht zuverlässiger Personen bedeutend
gebessert, sie ist im ganzen ruhiger, gesetzter und sympathischer
geworden. Irgendwelche sonstigen Abnormitäten sind an ihr nicht
zutage getreten.
Dieser Fall enthält trotz seiner Unvollständigkeit eine Fülle psy­
chologischer Probleme, deren nähere Ausführung den Rahmen
dieser kleinen Arbeit weit überschritte. Wir müssen uns daher mit
einer bloßen Skizzierung der verschiedenen auffallenden Erschei­
nungen begnügen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit erscheint es
angezeigt, die einzelnen Zustände von Fräulein S. W. in gesonder­
ter Darstellung zu besprechen.
Der Wachzustand
Die Patientin bietet in wachem Zustand verschiedene Besonder­
heiten. Sie ist, wie wir gesehen haben, zur Schulzeit oft zerstreut,
verliest sich in eigentümlicher Weise, ist launisch, ihr Benehmen
wechselt in unbestimmter Weise, bald ist sie still, scheu, zurückge­
zogen, bald ungemein lebhaft, laut und gesprächig. Sie ist nicht
unintelligent zu nennen, jedoch kann sie bald durch Borniertheit,
bald durch einzelne intelligente Momente auffallen. Ihr Gedächt­
nis ist im allgemeinen gut, j edoch durch die bemerkenswerte Zer­
streutheit oft sehr beeinträchtigt; so weiß sie trotz vielfacher Un­
terhaltung und Lektüre über Kerners >Seherin von Prevorst< nach
vielen Wochen noch nicht, ob der Autor Koerner oder Kerner
heißt, auch nicht den Namen der Seherin, wenn sie direkt darnach
gefragt wird. Trotzdem erscheint i n den automatischen Mitteilun­
gen der Name » Kerner<<, wenn er gelegentlich einmal vorkommt,
richtig geschrieben. Im allgemeinen, kann man sagen, zeigt der
Charakter der Patientin etwas ungemein Maßloses, Unbeständi­
ges, beinahe Proteusartiges. Sehen wir von den psychologischen
Charakterschwankungen des Pubertätsalters ab, so bleibt ein ge­
wisser pathologischer Rest übrig, der sich in den maßlosen Reak­
tionen und dem unberechenbaren, bizarren Wesen äußert. Man
darf diesen Charakter als »desequilibr:!« oder »instable« bezeich­
nen. Ein spezifisches Gepräge erhält er durch gewisse als hyste­
risch zu bezeichnende Züge : Als hysterisch ist vor allem die Zer­
streutheit und das träumerische Wesen aufzufassen. Wie Janet be­
hauptet, ist die Grundlage der hysterischen Anästhesien die Auf­
merksamkeitsstörung. Er konnte bei j ugendlichen Hysterischen
»eine auffallende Gleichgiltigkeit und Zerstreutheit gegen Alles,
was in den Bereich des Empfindungslebens gehört<<, konstatie-
206 OKKULTI S MUS
ren. 26 Ein bemerkenswertes Moment, das die hysterische Zer­
streutheit aufs schönste illustriert, ist das Veresen. Die Psycholo­
gie dieses Vorganges darf man sich vielleicht folgendermaßen den­
ken : Während des Lautlesens erlahmt die Aufmerksamkeit für die­
sen Akt und wendet sich irgendeinem anderen Gegenstand zu.
Unterdessen wird mechanisch weitergelesen, die Sinneseindrücke
werden nach wie vor aufgenommen; infolge der Zerstreutheit ist
aber die Erregbarkeit des Perzeptionszentrums gesunken, so daß
die Stärke des Sinneseindruckes nicht mehr hinreicht, um die Auf­
merksamkeit so zu fesseln, daß die Perzeption als solche auf die
sprachmotorische Bahn weitergeleitet wird, das heißt daß alle zu­
fließenden Assoziationen, welche sich sofort mit jedem neuen Sin­
neseindruck verbinden, verdrängt werden. Der weitere psycholo­
gische Mechanismus läßt nun zwei Erklärungsmöglichkeiten zu.
1 . Die Aufnahme des Sinneseindruckes erfolgt infolge der Erhö­
hung der Reizschwelle im Perzeptionszentrum unbewußt, das
heißt unterhalb der Reizschwelle des Bewußtseins, und wird infol­
gedessen nicht von der bewußten Aufmerksamkeit aufgegriffen
und als solcher auf die Sprachbahn weitergeleitet, sondern er ge­
langt erst durch Vermittlung gewisser zunächstliegender Assozia­
tionen, in diesem Falle der Dialektausdrücke für denselben Gegen­
stand, zur sprachlichen Äußerung.
2. Der Sinneseindruck wird bewußt aufgenommen und gelangt
erst im Momente des Eintrittes in die Sprachbahn auf ein Territo­
rium, dessen Erregbarkeit durch die Zerstreutheit vermindert ist.
An dieser Stelle schiebt sich dem motorischen Sprachbild assozia­
tiv das Di alektwort unter und wird als solches geäußert. Sicher ist
in beiden Fällen die akustische Zerstreutheit, welche den Irrtum
nicht korrigiert. Welche der beiden Erklärungen die richtige ist,
kann i n diesem Falle nicht entschieden werden, wahrscheinlich
sind beide annähernd richtig, indem die Zerstreutheit eine allge­
meine zu sein scheint und j edenfalls mehr als eines der beim Akte
des Laut!esens in Betracht kommenden Zentren betrifft.
Für unseren Fall hat diese Erscheinung darum einen ganz beson­
deren Wert, weil es sich um ein durchaus elementares automati­
sches Phänomen handelt. Man darf dasselbe als hysterisch bezeich­
nen, insofern im konkreten Falle der Zustand der Ermüdung und
der I ntoxikation mit ihren parallelen Erscheinungen ausgeschlos­
sen ist. Ein gesunder Mensch läßt sich nur ausnahmsweise derart
von einem Objekt fesseln, daß er die Korrektur begangener Zer­
streutheitsfehler, namentlich solcher, wie der berichteten, unter­
läßt. Die Häufigkeit dieser Vorkommnisse bei der Patientin weist
26
Janet: Der Geisteszustand der Hysterischen, 1 894, S. 42.
Z UR PS YCHO L OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 207
auf eine erhebliche Einengung des Bewußtseinsfeldes hin, insofern
Patientin nur ein relatives Minimum von gleichzeitig zuströmen­
den Elementarempfindungen bewältigen kann. Wenn wir den psy­
chologischen Zustand der »psychischen Schattenseite<< qualifizie­
ren wollen, so können wir denselben je nach dem Vorherrschen
der Passivität oder Aktivität als einen Schlaf- oder Traumzustand
bezeichnen. Ein pathologischer Traumzustand von ganz rudimen­
tärer Ausdehnung und Intensität ist allerdings vorhanden; seine
Genese ist eine spontane, und spontan entstehende Traumzustän­
de mit automatischer Produktion pflegt man im großen und gan­
zen als hysterisch zu bezeichnen. Es muß dabei darauf hingewie­
sen werden, daß solche Fälle von Verlesen bei der Patientin häufig
vorkamen und daß aus diesem Grund die Bezeichnung »hyste­
risch<< angebracht ist, indem, soviel uns bekannt, nur auf dem
Boden der hysterischen Konstitution häufig spontane partielle
Schlaf- oder Traumzustände auftreten.
Die automatische Unterschiebung einer naheliegenden Assozia­
tion hat Binet an seinen Hysterischen experimentell studiert :
Wenn er zum Beispiel die anästhetische Hand der Patientin stach,
so dachte sie, ohne daß sie die Stiche empfand, an >> Punkte<<, be­
wegte er ihre anästhetischen Finger, so dachte sie an »Stöcke<< oder
»Säulen<< . Oder die anästhetische Hand, die durch einen Schirm
dem Blicke der Patientin entzogen ist, schreibt »Salpetriere<< : Pa­
tientin sieht vor sich auf schwarzem Grund mit weißer Schrift das
Wort »Salpetriere<< Y Wir erinnern hier auch an die oben berichte­
ten Experimente von Guinon und Sophie Woltke.
Wir finden also bei der Patientin schon zu einer Zeit, wo noch
nichts die späteren Phänomene andeutete, rudimentäre Automatis­
men, Bruchstücke von Traumerscheinungen, welche die Möglich­
keit in sich tragen, daß eines Tages zwischen die Zerstreutheitsper­
zeptionen und das Bewußtsein sich mehr als eine Assoziation ein­
schleichen wird. Das Verlesen zeigt uns ferner eine gewisse auto­
matische Selbständigkeit der psychischen Elemente, welche schon
bei Gelegenheit einer mehr oder weniger flüchtigen, j edenfalls
sonst in keiner Weise auffallenden oder verdächtigen Zerstreutheit
eine, wenn auch geringe, Produktivität entfalten, welche derjeni­
gen des physiologischen Traumes am nächsten steht. Das Verlesen
kann darum als Prodromalsymptom der späteren Ereignisse aufge­
faßt werden, besonders noch da seine Psychologie prototypisch ist
für den Mechanismus der somnambulen Träume, die eigentlich
nichts artderes sind als eine vielfache Multiplikation und unendlich
mannigfaltige Variation des oben besprochenen elementaren Vor-
27 Binet: Les A!terations, 1 892, S. 187 und 1 85.
208
OKKULTI S MUS
ganges. Es ist mir nie gelungen, zur Zeit meiner oben dargestellten
Beobachtungen ähnliche rudimentäre Automatismen nachzuwei­
sen: Es hat den Anschein, als ob sich mit der Zeit die anfänglich
geringgradigen Zerstreutheitszustände gewissermaßen unter der
Oberfläche des Bewußtseins zu jenen merkwürdigen somnambu­
len Anfällen ausgewachsen hätten und darum in dem anfallsfreien
Wachzustand verschwunden wären. Was die Entwicklung des
Charakters der Patientin anbetrifft, so konnte im Verlaufe der
beinahe zweijährigen Beobachtungszeit außer einer gewissen,
nicht sehr intensiven Reifung keine auffallende Änderung konsta­
tiert werden. Dagegen ist die Beobachtung, daß in den letzten zwei
Jahren seit dem Zurücktreten (gänzlichen Aufhören?) der som­
nambulen Attacken eine erhebliche Veränderung des Charakters
stattgefunden hat, bemerkenswert. Wir werden weiter unten noch
auf die Bedeutung dieser Beobachtung zu sprechen kommen.
Der Heri-Somnambulismus
In der Darstellung des Falles W. wurde mit dem Namen Heri­
Somnambulismus folgender Zustand bezeichnet : Die Patientin be­
findet sich einige Zeit vor und nach den eigentlich somnambulen
Attacken in einem Zustand, dessen hervorstechendste Eigentüm­
lichkeit als >> Präokkupation« bezeichnet werden muß. Patientin
nimmt nur mit halbem Ohr an der Unterhaltung teil, antwortet
zerstreut, ist häufig von allen möglichen Halluzinationen in An­
spruch genommen, ihre Miene ist feierlich, der Blick ekstatisch,
von stechendem Glanz. Bei näherer Beobachtung zeigt sich eine
tiefgreifende Veränderung ihres ganzen Charakters, sie ist ernst,
gemessen; wenn sie spricht, so ist das Thema immer ein durchaus
ernsthafter Gegenstand. Sie weiß in diesem Zustande ernst, ein­
dringlich und überzeugend zu reden, so daß man sich beinahe
fragen muß: Ist das noch ein Mädchen von fünfzehneinhalb Jah­
ren? Man gewinnt den Eindruck, daß hier eine reife Frau mit zum
mindesten beträchtlichem schauspielerischem Talent dargestellt
wird. Die Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit des Benehmens ist völ­
lig motiviert durch die Erklärung der Patientin, daß sie in ihrem
gegenwärtigen Zustande auf der Grenze zwischen Diesseits und
Jenseits stehe und ebenso wirklich j etzt mit den Geistern der Ver­
storbenen verkehre wie mit den lebenden Menschen. Tatsächlich
ist ihre Unterhaltung durchgehend gespalten zwischen Antworten
auf obj ektiv reale Fragen und solchen auf Halluzinationen. Wenn
ich diesen Zustand als Heri-Somnambulismus bezeichne, so ge­
schieht es in Übereinstimmung mit der Definition Richets, dem
Z UR PS YC HOL OGI E OK K ULTE R P HÄNOME NE 209
Autor dieses Begriffes. Riebet sagt : »La conscience de cet individu
persiste dans son integrite apparente: toutefois des operations tres
compliquees vont s' accomplir en dehors de Ia conscience; sans que
le moi volontaire et conscient paraisse ressentir une modification
quelconque. Une autre personne sera en lui, qui agira, pensera,
voudra, sans que Ia conscience, c' est-a-dire Je moi reflechi, con­
scient en ait Ia moindre notion. <<28
Binet bemerkt zu dem Namen Hemi-Somnambulismus : >> Ce
terme indique Ia parente de cet etat avec le somnambulisme verita­
ble, et ensuite il laisse comprendre que Ia vie somnambulique qui
se manifeste durant I a veille est reduite, deprimee, par Ia conscience
normale qui Ia recouvre. <<29
Die Automatismen
Der Heri-Somnambulismus ist charakterisiert durch die Konti­
nuität des Bewußtseins mit dem des Wachzustandes und durch das
Auftreten verschiedener Automatismen, welche die vom Selbstbe­
wußtsein unabhängige Tätigkeit eines Unterbewußtseins anzeigen.
Die automatischen Phänomene unseres Falles si nd folgende:
1 . Die automatischen Bewegungen des Tisches
2. Die automatische Schrift
3. Die Halluzinationen
1 . Die automatischen Bewegungen des Tisches. Bevor die Patientin
in meine Beobachtung kam, stand sie schon unter der Suggestion
des >>Tischrückens<< , welches sie als gesellschaftliches Spiel kennen­
gelernt hatte. Da mit ihrem Eintreten in jenen Zirkel sofort Mittei­
lungen von Personen ihrer Familie zum Vorschein kamen, wurde
sie auch folgerichtig sofort als das Medium bezeichnet. Ich konnte
nur konstatieren, daß, sobald ihre Hände auf dem Tische lagen,
auch sofort die typischen Bewegungen auftraten. Der Inhalt der
erfolgenden Mitteilungen interessiert uns nicht weiter. Dagegen
verdient der automatische Charakter des Aktes selber einige Be­
sprechung, denn es darf hier ohne weiteres der Einspruch erhoben
werden, daß es sich um absichtliche und willkürliche Stoß- und
Druckbewegungen seitens der Patientin handle.
Wie durch die Untersuchungen von Chevreul, Gley, Lehrano
und so weiter bekannt ist, sind die motorischen Phänomene des
28 Richet: La Suggestion mentale er le calcul des probabilites, 1 884, 5. 650.
29 Binet: Les Alterations, 1 892, S. 1 39.
21 0
ZUR P S YC HOL OGI E OK K U LTE R P HÄNOMENE
Unbewußten nicht nur von häufigem Vorkommen bei Hysteri­
schen oder sonst disponierten pathologischen Personen, sondern
sie lassen sich auch bei Gesunden, die sonst niemals spontane Au­
tomatismen zeigen, mit einer relativen Leichtigkeit provozieren. 3
0
Ich habe in dieser Richtung vielfache Versuche angestellt und kann
diese Beobachtung nur bestätigen. Es handelt sich bei weitaus den
meisten Personen nur um die nötige Geduld, die eventuell eine
Stunde ruhigen Wartens erträgt. Wo nicht Konträrsuggestionen
hindernd dazwischentreten, können vielleicht bei den meisten
Versuchspersonen schließlich die motorischen Automatismen in
mehr oder weniger hohem Grade erreicht werden. In einem relativ
niedrigen Prozentsatz treten die Erscheinungen spontan ein, das
heißt immerhin noch unter dem Einfluß der verbalen Suggestion
oder einer von früher her datierten Autosuggestion. Das Beispiel
wirkt in diesem Falle in hohem Grade suggestiv. Überhaupt unter­
liegt die betreffende Disposition allen denjenigen Gesetzen, die
auch für die normale Hypnose gelten. Es sind aber immerhin noch
gewisse eigentümliche Verhältnisse zu berücksichtigen, welche
durch die Spezialität des Falles bedingt sind. Es handelt sich nicht
um eine totale Hypnose, sondern um eine partielle, ganz auf die
motorische Region des Armes beschränkte, vergleichbar der durch
einige magnetische »passes<< erzeugten zerebralen Anästhesie einer
schmerzhaften Körperstelle. Wir berühren unter verbaler Sugge­
stion oder unter Benützung einer schon vorhandenen Autosugge­
stion die betreffende Körperstelle und benützen den erfahrungsge­
mäß suggestiv wirkenden taktilen Reiz zur Erzielung der ge­
wünschten partiellen Hypnose. Entsprechend diesem Vorgehen
können refraktäre Versuchspersonen ziemlich leicht zur Auslö­
sung des Automatismus gebracht werden, indem der Experimen­
tierende absichtlich dem Tisch einen leisen Stoß oder besser eine
Reihenfolge rhythmischer, aber sehr leiser Stöße gibt. Nach kurzer
Zeit merkt der Experimentierende, daß die Oszillationen stärker
werden, daß sie sich fortsetzen, obschon man die absichtlichen
Bewegungen unterbricht: Das Experiment ist gelungen, die Ver­
suchsperson hat ahnungslos die Suggestion aufgenommen. Man
erreicht durch dieses Vorgehen meist weit mehr als durch verbale
Suggestion. Bei sehr empfänglichen Personen und in allen j enen
Fällen, wo scheinbar spontan die Bewegung auftritt, übernehmen
die intendierten Zitterbewegungen, die j a subjektiv nicht wahr­
nehmbar sind, die Rolle des »agent provocateur<< . 31 Dadurch kön-
30 Ausführlich referiert bei Binet, ebenda, S. 197ff.
" Bekanntlich sind die Hände und Arme beim wachen Menschen nie ganz ruhig,
sondern führen beständig feine Zitterbewegungen aus. Preyer, Lehmann u. a. haben
nachgewiesen, daß diese Bewegungen in hohem Maße von den prädominierenden Vor-
Z UR PSY C HOL OGI E OK K ULTE R P HÄNOME NE 21 1
nen gelegentlich Personen, die für sich allein niemals automatische
Bewegungen gröberen Kalibers erreichen, die unbewußte Leitung
der Tischbewegungen übernehmen, vorausgesetzt daß ihre Zitter­
bewegungen so stark sind, daß das Medium deren Sinn versteht.
Das Medium übernimmt i n diesem Falle die leisen Oszillationen
und gibt sie in erheblichem Grade verstärkt wieder, nur in seltenen
Fällen im anscheinend gleichen Momente, meist erst einige Sekun­
den später, und offenbart auf diesem Wege den bewußten oder
unbewußten Gedankeninhalt des »agent«. Es können mittels die­
ses einfachen Mechanismus oft beim ersten Anblick verblüffende
Fälle von Gedankenlesen zustande kommen. Zur Illustration des
Gesagten diene ein sehr einfaches Experiment, das i n vielen Fällen
auch mit ganz ungeübten Personen gelingt: Der Experimentieren­
de denkt sich zum Beispiel die Zahl Fünf und wartet dann, die
Hände ruhig auf dem Tisch, bis er fühlt, daß der Tisch die erste
Neigung macht, um die gedachte Zahl anzugeben. In diesem Mo­
ment nimmt er die Hände vom Tisch. Die Zahl Fünf wird richtig
angegeben. Es empfiehlt sich, zu diesem Experiment den Tisch auf
einen weichen, dicken Teppich zu stellen. Bei genauem Aufpassen
bemerkt der Experimentierende gelegentlich eine Bewegung des
Tisches, welche sich folgendermaßen darstellt :
a
1
J
b
1 . Intendierte Zitterbewegungen, die subjektiv nicht beobachtet
werden können.
2. Mehrere minimale, eben noch wahrnehmbare Schwankungen
des Tisches, welche das Ansprechen der Versuchsperson auf die
intendierten Zitterbewegungen andeuten.
Stellungen beeinflußt sind; so zeigte z.B. Preyer, daß di e ausgestreckte Hand kleine mehr
oder weniger gelungene Abbildungen derjenigen Figuren zeichnete, welche gerade leb­
haft vorgestellt wurden. In sehr einfacher Weise können die intendierten Zitterbewegun­
gen durch die Versuche mit dem pendelnden Lot demonstriert werden.
212 O KKULTI S MUS
3 . Die großen, die gedachte Zahl Fünf objektiv angebenden Be­
wegungen.
Der Strich a-b bezeichnet den Moment, i n dem die Hände weg­
genommen werden.
Dieses Experiment gelingt vorzugsweise bei gut ansprechenden,
aber noch ungeübten Versuchspersonen. Schon nach kurzer
Übung pfl�gt das angedeutete Phänomen zu verschwinden, indem
durch die Ubung schon direkt aus den intendierten Bewegungen
die Zahl abgelesen und reproduziert wird.32
Ähnlich wie im oben berichteten Experiment die absichtlichen
Stöße, wirken hier beim empfänglichen Medium die intendierten
Zitterbewegungen des »agent«. Sie werden aufgenommen, ver­
stärkt und reproduziert, jedoch sehr leise, gewissermaßen zaghaft.
Sie sind aber eben noch vernehmbar und wirken daher als leise
taktile Reize suggestiv und lösen durch Steigerung der partiellen
Hypnose die großen automatischen Bewegungen aus. Dieses Ex­
periment illustriert aufs deutlichste die stufenweise Steigerung der
Autosuggestion. Auf dem Wege dieser Autosuggestion entwickeln
sich alle automatischen Phänomene motorischer Art. Wie sich all­
mählich der intellektuelle Gehalt in das rein Motorische einmischt,
braucht nach der obigen Auseinandersetzung kaum mehr erläutert
zu werden. Einer speziellen Suggestion zur Hervorrufung intellek­
tueller Phänomene bedarf es gar nicht. Es handelt sich ja von
vornherein, wenigstens von Seiten des Experimentators, um Wort­
vorstellungen. Nach den ersten planlosen motorischen Äußerun­
gen der ungeübten Versuchspersonen werden bald eigene Wort­
produkte oder die Intentionen des Experimentators wiedergege­
ben. Obj ektiv ist das Hereintreten intellektuellen Inhalts folgen­
dermaßen zu verstehen:
Durch die allmähliche Steigerung der Autosuggestion werden
die motorischen Bezirke des Armes isoliert gegen das Bewußtsein,
respektive die Perzeption der leisen Bewegungsimpulse wird dem
Bewußtsein verschleiert.33 Durch die auf dem Wege des Bewußt­
seins aufgenommene Erkenntnis der Möglichkeit intellektuellen
I nhalts erfolgt eine kollaterale Erregung im Sprachgebiet als dem
zunächstliegenden Mittel zur intellektuellen Kundgebung. Die In­
tention zur Kundgebung betrifft notwendigerweise den motori­
schen AnteiP4 der Wortvorstellung am meisten, wodurch das un-
32 Vgl . Preyer: Die Erklärung des Gedankenlesens, 1 886.
33 Analog gewissen hypnotischen Experimenten im Wachzustand. Vgl. das Experi­
ment Janets, der durch geflüsterte Suggestionen einen Patienten dazu brachte, daß er sich
platt auf den Boden legte, ohne es zu bemerken ( L'Automatisme psychologique, 1 889,
s. 241 ).
34 Charcotsches Schema der Wortbildzusammensetzung: I . Gehörsbild, 2. Gesichts-
Z UR PS YCHOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 2 1 3
bewußte Hinüberfließen von Sprachimpulsen zur motorischen
Region35 und umgekehrt das allmähliche Hinübertreten der par­
tiellen Hypnose auf das Sprachgebiet verständlich wird.
Ich habe bei zahlreichen Versuchen mit Anfängern in der Regel
beim Beginn intellektueller Phänomene eine mehr oder weniger
große Anzahl völlig sinnloser Wörter, oft auch nur sinnlose Buch­
stabenfolgen beobachtet. Später werden allerhand Spielereien pro­
duziert, zum Beispiel Wörter oder ganze Sätze mit regellos ver­
setzten Buchstaben oder mit umgekehrter Anordnung der Buch­
staben, also gewissermaßen Spiegelschrift. Das Auftreten des
Buchstabens oder Wortes bedeutet eine neue Suggestion; unwill­
kürlich gesellt sich irgendeine Assoziation dazu, welche sich dann
realisiert. Merkwürdigerweise sind dies aber zumeist nicht die be­
wußten Assoziationen, sondern gänzlich unerwartete. Ein Um­
stand, der dafür spricht, daß bereits ein erheblicher Teil des
Sprachgebietes hypnotisch isoliert ist. Die Erkenntnis dieses Auto­
matismus bildet wiederum eine fruchtbare Suggestion, indem un­
fehlbar in diesem Moment das Gefühl der Fremdartigkeit auftritt,
wenn es nicht schon bei dem rein motorischen Automatismus vor­
handen war. Die Frage: Wer tut das ? Wer spricht so? ist die Sugge­
stion zur Synthese der unbewußten Persönlichkeit, welche auch in
der Regel nicht zu lange auf sich warten läßt. Irgendein Name
stellt sich ein, gewöhnlich ein gefühlsstarker, und die automatische
Spaltung der Persönlichkeit ist fertig. Wie zufällig und wie
schwankend diese Synthese in ihrem Beginne ist, zeigen folgende
Berichte aus der Literatur:
Myers teilt folgende interessante Beobachtung eines Herrn A. ,
Mitglied der S. P. R. , mi t (Herr A. machte an sich selbst Versuche
mit automatischem Schreiben) :
3. Tag
Was ist der Mensch? - Tefi hasl esble lies.
Ist das ein Anagramm? - Ja.
Wie viele Worte enthält es ? - Fünf.
Wie lautet das erste Wort ? - See.
Wie lautet das zweite Wort? - Eeeee.
See? Soll ich es selber interpretieren? - Versuch' s !
Herr A. fand als Lösung: Life is less able. Er war erstaunt über
diese intellektuelle Kundgebung, welche ihm die Existenz einer
bild, 3. Bewegungsbilder, a) Sprechbild, b) Schreibbild (Ballet: Die innerliche Sprache,
1 890).
35 Bain sagt: Der Gedanke ist ein unterdrücktes Wort oder eine unterdrückte Hand­
lung (The Senses and the lntellect, 1 894, S. 358).
21 4 OKKULTI S MUS
von der seinigen unabhängigen Intelligenz zu beweisen schien. Er
fragte deshalb weiter:
Wer bist du? - Clelia.
Bist du eine Frau? - Ja.
Hast du j emals auf der Erde gelebt? - Nein.
Wirst du leben? -Ja.
Wann? - In sechs Jahren.
Warum unterhältst du dich mit mir? - E if Clelia el.
Herr A. interpretiert diese Antwort als : I Clelia feel.
4. Tag
Bin ich es, der die Frage gibt? - Ja.
Ist Cl elia da? - Nein.
Wer ist denn hier? - Niemand.
Existiert Clelia überhaupt? - Nein.
Mit wem sprach ich denn gestern? - Mit niemand. 36
Janet führt mit dem Unterbewußtsein der Lucie, die unterdessen
von einem anderen Beobachter in ein Gespräch verwickelt ist,
folgendes Gespräch:
Qanet fragt : ) M' entendez-vous ? (Lucie antwortet mittels auto­
matischer Schrift : ) Non.
Mais pour n!pondre il faut entendre. - Oui, absolument.
Alors, comment faites-vous? -Je ne sais.
II faut bien qu'il y ait quelqu'un qui m'entende? - Oui.
Qui cel a? - Autre que Lucie.
Ah! bien, une autre personne. Voulez-vous que nous lui don­
nions un nom? - Non!
Si, ce sera plus commode. - Eh bien, Adrienne.
Alors, Adrienne, m' entendez-vous ? - Oui. 37
Aus diesen Zitaten ersieht man, auf welchem Wege sich die unter­
bewußte Persönlichkeit konstruiert : Sie verdankt ihre Entstehung
lediglich Suggestivfragen, denen eine gewisse Disposition des Me­
diums entgegenkommt. Wir haben diese Disposition aus der Des­
aggregation der psychischen Komplexe zu erklären, wobei das Ge­
fühl der Fremdartigkeit solcher Automatismen unterstützend mit­
wirkt, sobald die bewußte Aufmerksamkeit auf den automatischen
Akt gerichtet ist. Binet bemerkt zu obigem Experiment Janets : »II
3 6 Myers : Automatie Writing, 1 885.
37 Janet: L'Automatisme psychologique, 1 889, S. 3 1 7f.
ZUR PS YCHOL OGI E OKKULTER P HÄNOME NE 21 5
faut bien remarquer que s i l a personnalite d'>Adrienne<' a pu se creer,
c'est qu'elle a rencontre une possibilite psychologique; en d' autres
termes, il y avait la des phenomimes desagreges, vivant separes de la
conscience normale du sujet. ,, Js Die Individualisierung des U nterbe­
wußtseins bedeutet immer einen beträchtlichen Fortschritt von
großem suggestivem Einfluß auf dieweitere Gestaltung der Automa­
tismen.39 Auf diese Weise kann man sich die Entstehung der unbe­
wußten Persönlichkeit in unserem Falle denken.
Der Einwand der »Simulation« des automatischen Tischrückens
darf wohl aufgegeben werden, wenn man das Phänomen des Ge­
dankenlesens aus den intendierten Zitterbewegungen, welches die
Patientin in reichem Maße dargeboten hat, berücksichtigt. Ra­
sches, bewußtes Gedankenlesen erfordert zum mindesten eine
ganz außerordentliche Übung, welche aber der Patientin nachge­
wiesenermaßen abgeht. Mittels der intendierten Zitterbewegungen
können ganze Gespräche geführt werden, wie etwa in unserem
Falle. Auf gleichem Wege läßt sich auch die Suggestibilität des
Unterbewußtseins obj ektiv nachweisen, indem zum Beispiel der
Agent sich lebhaft vorstellt : »Die Hand des Mediums wird den
Tisch oder das Glas nicht mehr bewegen können« , sofort steht
gegen aller Erwarten und zum lebhaftesten Erstaunen der Ver­
suchsperson der Tisch unverrückbar still. Natürlich lassen sich
auch beliebige andere Suggestionen realisieren, aber nur solche,
welche mit ihrer Innervation das Gebiet der partiellen Hypnose
nicht überschreiten, womit zugleich auch die Partialität der Hyp­
nose bewiesen ist. Suggestionen auf die Beine oder den anderen
Arm realisieren sich daher nicht.
Das Tischrücken ist nicht ein Automatismus, der etwa aus­
schließlich dem Heri-Somnambulismus der Patientin angehörte,
im Gegenteil, er tritt in der ausgebildetstell Form im Wachzustand
auf und vermittelt erst ·in den meisten Fällen den Hemi-Somnam­
bulismus, dessen Auftreten sich gewöhnlich durch Halluzinatio­
nen ankündigt; so zum Beispiel in der ersten Sitzung.
2. Die automatische Schrift. Ein zweites automatisches Phänomen,
welches einer von vornherein höheren partiellen Hypnose ent­
spricht, ist die automatische Schrift. Sie ist, wenigstens nach mei­
ner Erfahrung, viel seltener und schwieriger zu produzieren als die
Tischbewegungen. Es handelt sich wieder wie beim Tischrücken
um eine primäre Suggestion, bei erhaltener Sensibilität an das Be-
38 Binet: Les Alterations, 1 892, S. 1 33.
39 •Une fois baptise, le personnage inconscient est plus determine et plus net, il montre
mieux ses caracteres psychologiques.« Qanet: L' Automatisme psychologique, 1 899,
s. 31 8. )
21 6 OKKULTI S MUS
wußtsein, bei erloschener an das Unbewußte. Die Suggestion ist
aber insofern keine einfache, als sie schon das Element des Intel­
lektuellen in sich trägt : »Schreiben<< bedeutet »etwas schreiben<<.
Dieser spezielle, über das Motorische hinausreichende Gehalt der
Suggestion bedingt häufig ein gewisses Stutzigwerden der Ver­
suchsperson, wodurch leicht Konträrsuggestionen entstehen, wel­
che das Auftreten der Automatismen hindern. Indessen habe ich in
einigen Fällen beobachtet, daß die Suggestion sich trotz ihrer rela­
tiven Kühnheit (sie ist an das Wachbewußtsein eines sogenannten
Gesunden gerichtet! ) realisiert, aber in einer eigentümlichen Wei­
se, indem sie nur den rein motorischen Teil des betreffenden zen­
tralen Systems in Hypnose versetzt und dann die tiefere Hypnose
erst durch Autosuggestion aus dem motorischen Phänomen er­
reicht wird, analog dem oben erläuterten Vorgang beim Tischrük­
ken. Die Versuchsperson, der man einen Bleistift in die Hand
gegeben hatte, wird zweckmäßig in ein Gespräch verwickelt, da­
mit ihre Aufmerksamkeit vom Schreiben abgelenkt wird.4
0
Die
Hand beginnt alsdann Bewegungen zu machen, und zwar vorerst
teils zahlreiche Aufstriche, teils Zickzacklinien, oder sie macht
eine einfache Linie ; gelegentlich kommt es auch vor, daß der Blei­
stift das Papier gar nicht berührt, sondern in die Luft schreibt.
Diese Bewegun
g
en sind als rein motorische Phänomene aufzufas­
sen, welche der
Ä
ußerung des motorischen Elementes in der Vor­
stellung >> Schreiben<< entsprechen. Diese Erscheinung ist ziemlich
selten, meist werden von vornherein Buchstaben geschrieben, für
deren Zusammens etzung zu Worten und Sätzen dasselbe gilt, wie
das beim Tischrücken Gesagte. Hie und da wird auch eigentliche
Spiegelschrift beobachtet. Weitaus in den meisten Fällen und viel­
leicht in allen Erstlingsversuchen, die nicht unter einer ganz spe­
ziellen Suggestion stehen, ist die produzierte automatische Schrift
diejenige der Versuchsperson. Erst sekundär kann sich gelegent­
lich ihr Charakter oft in sehr hohem Maße umwandeln,4 1 was
'0 Vgl. di e entsprechenden Experimente von ßinet und Fere (Les Alterations, 1 892).
" Vgl. entsprechende Proben bei Flournoy: Des Indes a Ia planete Mars. Etude sur un
cas de somnambulisme avec glossolalie, 1900.
Z UR PS YC HOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 2 1 7
immer als Symptom der eingetretenen Synthese einer unterbewuß­
ten Persönlichkeit zu betrachten ist. Wie berichtet, ist das automa­
tische Schreiben der Patientin nie zu sehr hoher Vollkommenheit
gediehen. Sie ging bei diesen Versuchen, welche mit ihr in der
Dunkelheit angestellt wurden, meist in Heri-Somnambulismus
oder in Ekstase über. Das automatische Schreiben hatte also den
gleichen Erfolg wie das präliminarische Tischrücken.
3. Die Haluzinationen. Die Art des Überganges in Somnambulis­
mus in der zweiten Sitzung ist von psychologischer Bedeutung.
Wie berichtet, waren die automatischen Phänomene im besten
Gange, als die Dunkelheit hereinbrach. Das interessierende Ereig­
nis der vorangegangenen Sitzung war die brüske Unterbrechung
einer Mitteilung des Großvaters, welche zu verschiedenen Erörte­
rungen unter den Zirkelteilnehmern Anlaß gab. Diese beiden Mo­
mente: Dunkelheit und auffall endes Ereignis scheinen den Grund
gegeben zu haben zu einer raschen Vertiefung der Hypnose, infol­
ge deren sich dann die Halluzinationen entwickeln konnten. Der
psychologische Mechanismus dieses Vorganges scheint folgender
zu sein : Der Einfluß der Dunkelheit auf die Suggestibilität, na­
mentlich die der Sinnesorgane, ist bekannt. 42 Ein spezieller Einfluß
auf die Hysterischen, nämlich ein unmittelbar Schläfrigkeit erzeu­
gender, wird von Binet angegeben. 43 Wie aus den vorausgegange­
nen Erläuterungen anzunehmen ist, befand sich die Patientin im
Zustand partieller Hypnose, und zwar hatte sich eine mit dem
Sprachgebiet in nächster Verbindung stehende unterbewußte Per­
sönlichkeit konstituiert. Die automatische Äußerung dieser Per­
sönlichkeit wird in unerwarteter Weise unterbrochen durch eine
neue Person, von deren Existenz niemand eine Ahnung hatte. Wo­
her kam diese Spaltung? Offenbar hatte hier die lebhafte Erwar­
tung dieser ersten Sitzung die Patientin sehr beschäftigt. Was sich
in ihr von Erinnerungen an meine Person und Familie vorfand,
hatte sich wahrscheinlich um diesen Erwartungsaffekt gruppiert
und trat plötzlich auf einem Höhepunkt der automatischen Auße­
rung zutage. Der Umstand, daß es gerade die Person meines Groß­
vaters war und nicht irgendeine andere, etwa die meines verstorbe­
nen Vaters, der, wie die Patientin wußte, mir näher stand als mein
Großvater, den ich nie gekannt habe, deutet vielleicht darauf hin,
wo die Ursprungsstätte dieser neuen Person zu suchen ist. Es
handelt sich wahrscheinlich um eine Abspaltung aus dem Gebiete
der schon vorhandenen Persönlichkeit, welche sich des zunächst-
42 Vgl. Hagen: Zur Theorie der Hallucination, 1 868, S. 1 0.
" Binet: Les Alterations, 1 892, S. 1 57f.
2 1 8 O KKULTI S MUS
liegenden Materials, nämlich der meine Person betreffenden Asso­
ziationen zu ihrer Äußerung bemächtigte. Wieviel davon i n Paral­
lele zu setzen ist zu den Ergebnissen der Traumforschung
Freuds,44 muß dahingestellt bleiben; denn es entzieht sich unserem
Urteil, i nwiefern der erwähnte Affekt als >> Verdrängt<< bezeichnet
werden dürfte. Aus dem brüsken Einbrechen der neuen Persön­
lichkeit darf man auf eine große Lebhaftigkeit der betreffenden
Vorstellungen und auf eine entsprechend intensive Erwartung
schließen, welche vielleicht eine gewisse mädchenhafte Scheu und
Befangenheit zu bemeistern versuchte. Dieses Vorkommnis erin­
nert j edenfalls lebhaft an die Art und Weise, wie der Traum dasje­
nige, was man sich nie klar und offen im Zusammenhang sagte,
plötzlich in mehr oder weniger durchsichtiger Symbolik dem Be­
wußtsein darstellt. Wann diese Abspaltung der neuen Persönlich­
keit erfolgte, ob sie sich im Unbewußten langsam vorbereitete
oder ob sie erst i n jener Sitzung zustande kam, wissen wir nicht.
Auf j eden Fall bedeutet dieses Ereignis einen erheblichen Fort­
schritt in der Ausdehnung des durch die Hypnose zugänglich ge­
machten unbewußten Gebietes . Zugleich darf dieses Ereignis in
Hinsicht auf den Eindruck, welchen dasselbe auf das Wachbe­
wußtsein der Patientin machte, als mächtige Suggestion aufgefaßt
werden; denn die Wahrnehmung dieses unerwarteten Eingreifens
einer neuen Macht mußte das Gefühl der Fremdartigkeit des Au­
tomatismus entschieden noch heben und den Gedanken nahele­
gen, daß hier tatsächlich ein selbständiger Geist sich kundgab.
Daraus folgte die begreifliche Assoziation, daß man eventuell die­
sen Geist sehen könnte.
Aus dem Zusammentreffen der durch die Dunkelheit bedingten
Steigerung der Suggestibilität mit dieser energischen Suggestion ist
die i n der zweiten Sitzung erfolgende Situation zu erklären. Die
Hypnose und mit ihr die abgespaltenen Vorstellungsreihen bre­
chen zu der visuellen Sphäre durch: Die vorher rein motorische
Äußerung des U nbewußten obj ektiviert sich nun auch gemäß der
spezifischen Energie des neu betretenen Systems in Gestalt visuel­
ler Bilder mit dem Charakter der Halluzination. Und zwar nicht
als bloße Begleiterscheinung des Wortautomatismus, sondern ge­
radezu als stellvertretende Funktion : Die Erklärung der in der
ersten Sitzung entstandenen unerwarteten und vorerst unerklärli­
chen Situation stellt sich nun nicht mehr i n Worten, sondern als
erklärende allegorische Vision dar. Der Satz : >> Sie hassen sich
nicht, sondern sind Freunde<< ist im Bilde ausgedrückt. Wir begeg­
nen bei Somnambulen derartigen Ereignissen häufi g: Das Denken
44 Freud : Die Traumdeutung, 1900.
ZUR PS YCHOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE 21 9
der Somnambulen spielt sich i n plastischen Vorstellungen ab, wel­
che beständig bald in dieses, bald in jenes Sinnesgebiet einbrechen
und als Halluzinationen sich objektivieren. Der Überlegungspro­
zeß versinkt ins Unterbewußtsein, und nur dessen Endglieder
kommen als lebhaft sinnlich gefärbte Vorstellungen oder direkt als
Halluzinationen zum Bewußtsein. Es handelt sich in unserem Fal­
le um das nämliche wie bei der Patientin, welche Binet neunmal in
die anästhetische Hand sticht und die dabei lebhaft an die Zahl
Neun denken muß, oder wenn Flournoys45 Helene Smith in ihrem
Geschäfte bei der Frage nach einem gewissen Muster plötzlich die
Zahl der Tage ( 1 8) , die dasselbe schon ausgeliehen ist, in etwa
zwanzig Zentimeter Größe vor sich sieht. Es erhebt sich die weite­
re Frage: Warum brach der Automatismus zur visuellen Sphäre
durch und nicht zur akustischen? Für diese Wahl des Visuellen
sprechen verschiedene Gründe:
a) Die Patientin ist akustisch schlecht veranlagt, sie ist zum Bei­
spiel sehr unmusikalisch.
b) Die der Dunkelheit entsprechende Stille, welche das Auftre­
ten von Akusmen begünstigt hätte, war nicht vorhanden, denn es
wurde lebhaft gesprochen.
c) Die durch das Gefühl der Fremdartigkeit des Automatismus
gestärkte Überzeugung vom nahen Dasein der Geister kann sehr
wohl die Idee erwecken, daß ein Geist könnte gesehen werden,
wodurch eine leise Miterregung der Sehsphäre gegeben ist.
d) Die entoptischen Erscheinungen in der Dunkelheit begünsti­
gen das Auftreten von Halluzinationen.
Die sub c und d angeführten Gründe, die entoptischen Erschei­
nungen in der Dunkelheit und die wahrscheinlich vorhandene Er­
regung der Sehsphäre, sind von ausschlaggebender Bedeutung für
das Auftreten der Halluzinationen. Die entoptischen Erscheinun­
gen spielen in diesem Falle die gleiche Rolle in der autosuggestiven
Hervorrufung des Automatismus, wie die leisen taktilen Reize bei
der Hypnose der motorischen Zentren. Wie berichtet, ging dem
ersten halluzinatorischen Dämmerzustand ein Funkensehen in der
ersten Sitzung voraus. Offenbar war schon damals die Aufmerk­
samkeit gespannt auf Gesichtswahrnehmungen gerichtet, so daß
die sonst sehr schwachen Eigenlichterscheinungen der Netzhaut in
solcher Intensität gesehen wurden. Die Rolle, welche entoptische
Lichtwahrnehmungen bei der Entstehung von Halluzinationen
spielen, verdient etwas näher beleuchtet zu werden. Schüle sagt:
»Das Licht- und das Farbengewimmel, welches das nächtliche
Sehfeld im Dunkel erregt und belebt, gibt . . . das Zeug zu den
45 Flournoy: Des Indes a Ia planete Mars, 1900, S. 55.
220
OKKULTI S MUS
phantastischen Luftfiguren vor dem Einschlafen<< . 46 Bekanntlich
sieht man nie ein absolutes Dunkel, immer sind einige Partien des
dunkeln Sehfeldes matt erhellt; die Lichtflecken tauchen bald da,
bald dort auf, kombinieren sich zu allen möglichen Gestalten, und
eine nur einigermaßen lebhafte Phantasie formt daraus, wie aus
den Wolkengebilden des Himmels, leicht gewisse bekannte Figu­
ren. Die mit dem Einschlafen schwindende Urteilskraft läßt der
Phantasie freien Spielraum, so daß es zu lebhafterer Gestaltenbil­
dung kommen kann. An die Stelle der Lichtflecken, Nebel und
wandelnden Farben des dunkeln Sehfeldes treten bestimmte Ge­
genstandsumrisse. 47 Auf diesem Wege entsteht die hypnagogische
Halluzination. Der Hauptanteil fällt natürlich der Phantasie zu,
weshalb auch vorzugsweise phantasiereiche Leute hypnagogischen
Halluzinationen unterworfen sind. 48 Die hypnopompischen (My­
ers) sind natürlich den hypnagogischen Halluzinationen gleichzu­
setzen.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß die hypnagogischen Bilder iden­
tisch sind mit den Traumbildern des normalen Schlafes, respektive
deren visuel le Grundlage bilden. So hat Maury durch Selbstbeob­
achtung nachgewiesen, daß die gleichen Bilder, die ihn hypnago­
gisch umschwebten, auch Gegenstand seiner darauffolgenden
Träume waren.49 Noch überzeugender bewies dasselbe TrumbuH
Ladd. Durch Übung brachte er es dahin, daß er sich zwei bis fünf
Minuten nach dem Einschlafen plötzlich aufwecken konnte. Bei
dieser Gelegenheit bemerkte er jeweilen, daß die leuchtenden Fi­
guren der Retina gleichsam die Umrisse der eben geträumten Bil­
der darstellten. Er nimmt sogar an, daß fast j eder visuelle Traum
das Formale aus den Eigenlichterscheinungen der Netzhaut be­
zieht. 50 In unserem Falle begünstigte die Situation das Zustande­
kommen phantastischer Umdeutung. Einen nicht geringen Einfluß
darf man auch der gespannten Erwartung zuschreiben, welche das
matte Retinalicht in gesteigerter Intensität erscheinen ließ. 5 1 Die
Schül e: Handbuch der Geisteskrankheiten, 1 878, S. 1 34.
] . Müll er: Über die phantastischen Gesichtserscheinungen, 1 826, zitiert in Hagen:
Zur Theorie der Hallucinarion, 1 886, S. 41 .
4
8
Spinoza sah hypnopompisch einen »nigrum et scabiosum Brasilianum«, vgl. Hagen,
ebenda, S. 49. ln den •Wahlverwandtschaften• Goethes (S. 375) sieht Otti!ie jeweilen im
Halbdunkel die Gestalt Eduards i n einem matt erhellten Raume. Vgl. auch Cardanus :
,imagines uidebam ab imo lecti quasi e paruis annulis aereisque constantes, arborum,
belluarum, hominum, oppidorum, instructarum acierum, bellicorum er musicarum in­
strumcntorum, aliorumque huiusce generis ascendentes, uicissimque descendentes, aliis
atque aliis succedenti bus. « (Oe subti!i tate, 1 550, S. 358).
" Maury : Le Sommcil et !es reves, 1 86 1 , S. 1 34.
so
Ladd : Contribution to the Psychology of Visual Dreams, 1 892.
" Hecker sagt von derartigen Zuständen: »Es giebt eine einfache, elementare Vision
durch Spannung der geistigen Thätigkeit ohne Bildnerei der Phantasie, selbst ohne sinnli-
Z UR P S YCHOL OGI E OK K ULTE R P HÄNOME NE 221
weitere Gestaltung der Retinaerscheinungen erfolgt konform den
prädominierenden Vorstellungen. Diese Art des Auftretens der
Halluzinationen wurde auch bei anderen Visionären beobachtet :
Jeanne d' Are sah zuerst eine Lichtwolke, und erst nach einiger Zeit
traten daraus die Heiligen Michael, Katharina und Margaretha her­
vor. 52 Swedenborg sah einst eine Stunde lang nichts als leuchtende
Kugeln und hellbrennende Flammen. Dabei spürte er im Gehirn
eine gewaltige Veränderung, die ihm wie eine »Lichtentbindung<<
vorkam. Nach Verlauf einer Stunde aber sah er plötzlich wirkliche
Gestalten, die er für Engel und Geister hielt. 53 Die Sonnenvision
des Benvenuto Cellini54 in der Engelsburg dürfte vielleicht eben­
falls hierher gehören. Ein Student, der öfters Erscheinungen hatte,
gab an : >> Wenn diese Erscheinungen kommen, so sehe ich zuerst
immer nur einzelne Lichtmassen und zugleich vernehme ich in den
Ohren ein dumpfes Geräusch. Nach und nach aber werden diese
Umrisse zu wirklichen Gestalten. << 55 In ganz klassischer Weise ge­
staltet sich das Auftreten der Halluzinationen bei Flournoys Hele­
ne Smith. Ich setze die betreffenden Stellen aus den Protokollen
wörtlich hierher:
>> 1 8 mars . . . Tentative d' experience dans l'obscurite . . . Mlle.
Smith voit un ballon tantöt lumineux, tantöt s'obscurcissant . . .
25 mars . . . Mlle. Smith commence a distinguer de vagues lueurs,
de longs rubans blancs s'agitant du planeher au plafond, puis enfin
une magnifique etoile qui dans l'obscurite s' est montree a elle seule
pendant taute Ia seance . . .
1 er avril . . . Mlle. Smith se sent tres agitee ; eile a des frissons, est
partiellement glacee. Elle est tres inquiete et voit taut a coup, se
balancant au dessus de Ia table, une figure grimacante et tres laide
avec de longs cheveux rouges . . . . Elle voit alors . . . un magnifique
bouquet de roses de nuances diverses ; tout a coup elle voit sortir
de dessaus le bouquet un petit serpent qui, rampant doucement,
vient sentir !es fleurs, !es regarde. << 56
Über die Entstehung ihrer Marsvisionen sagt Helene Smith:
» . . . Ia lueur rouge persista autour de moi, et je me suis trouvee
entouree de fleurs extraordinaires . . . <<5
7
ehe Vorstellung: es ist die Vision des gestaltlosen Lichtes, eine Lebenserscheinung des
innerlich erregten Sehorgans . . . • (Über Visionen, 1 848, S. 16. )
" Quicherat: Proces de condamnation et de rehabilitation de Jeanne d' Arc, di te Ia
pucelle . . . , Bd. 5, S. 1 1 6ff.
" Hagen: Zur Theorie der Hallucination, 1 868, S. 57.
54 Cellini : Autobiographie, 1 803, Bd. I , S. 306 ff.
55 Hagen: Zur Theorie der Hallucination, 1 868, S. 57.
56 Flournoy: Des Indes a Ia planite Mars, 1900, S. 32 ff.
57 Ebenda, S. 1 62.
222 OKKULTI S MU S
Von j eher nahmen die komplexen Halluzinationen der Visionäre
eine besondere Stellung ein gegenüber der wissenschaftlichen Be­
urteilung: So trennt sie zum Beispiel schon Macario als sogenannte
intuitive von den übrigen Halluzinationen ab, indem er von ihnen
behauptet, daß sie bei Individuen von lebhaftem Geiste, tiefem
Verstande und hoher, nervöser Erregbarkeit :orkommen. 58 Ähn­
lich, aber noch enthusiastischer drückt sich Hecker aus : Er nimmt
an, ihre Bedingung sei >> die angeborene hohe Ausbildung des See­
lenorgans, welche das Eigenleben der Phantasie durch ursprüngli­
che Thätigkeit zu einem beweglichen freien Spiele einladet«. 59 Die­
se Halluzinationen sind ,, Vorboten oder auch Zeichen einer mäch­
tigen Geisteskraft<< . Die Vision ist geradezu >>eine höhere Erre­
gung, die sich in die vollkommenste Gesundheit des Geistes wie
des Körpers harmonisch einfüge<< . Die komplexen Halluzinatio­
nen gehören nicht dem wachen Zustand an, sondern vollziehen
sich in der Regel in einem partiellen Wachzustand: Der Visionär
ist in sein Gesicht vertieft bis zur völligen Versunkenheit. Auch
Flournoy hat während der Visionen der H. S. immer >> Un certain
degre d' obnubilation<< konstatieren können.6
0
In unserem Falle
kompliziert sich die Vision mit einem Schlafzustand, dessen Ei­
gentümlichkeiten wir weiter unten besprechen werden.
Die Charakterveränderung
Das hervorragendste Charakteristikum des zweiten Zustandes ist
in unserem Falle die Veränderung des Charakters. Wir begegnen in
der Literatur mehreren Fällen, welche das Symptom spontaner
Charakterveränderung dargeboten haben. Der erste, durch wis­
senschaftliche Publikation bekanntgewordene Fall ist derjenige der
Mary Reynolds, welchen Weir Mirehell publizierte. 61 Es handelt
sich um eine jugendliche Frauensperson, welche um 1 8 1 1 in Penn­
sylvanien wohnte. Nach einem tiefen Schlafe von etwa zwanzig
Stunden hatte sie ihre ganze Vergangenheit und alles Erlernte total
vergessen, sogar die Worte, die sie äußerte, hatten ihren Sinn ver­
loren. I hre Angehörigen kannte sie nicht mehr. Sie lernte langsam
wieder lesen und schreiben, wobei sie von rechts nach links
schrieb. Am auffallendsten aber war ihre Charakterveränderung :
" Macario: Des Hall ucinations, nach der Besprechung in der Allgemeinen Zeitschrift
für Psychiatrie 4, 1 847, 5. 1 39.
5 9 Hecker: Über Visionen, 1 848, 5. 6.
6° Flournoy: Des Indes a I a planete Mars, 1900, S. 5 1 .
6 1 Mitchel l : Mary Reynolds, 1 8 88, referiert bei James: The Principles of Psychology,
1 8 91 , 5. 38 1 ff.
Z UR PS Y CHOL OGI E O KK ULT E R P HÄNOME NE 223
»Instead of being melancholy she was now cheerful to extremity.
Instead of being reserved she was buoyant and social. Formerly
taciturn and retiring, she was now merry and jocose. Her disposi­
tion was totally and absolutely changed. <<62
Sie gab in diesem Zustand ihr früheres zurückgezogenes Leben
ganz auf und liebte es, durch Wald und Gebirge kühne Streifzüge
unbewaffnet zu Fuß und zu Pferd zu unternehmen. Bei einer die­
ser Touren kam ihr einmal ein großer schwarzer Bär entgegen, den
sie für ein Schwein hielt. Der Bär richtete sich auf die Hi nterfüße
auf und fletschte die Zähne gegen sie. Da sie ihr Pferd nicht mehr
weitertreiben konnte, ging sie mit einem gewöhnlichen Stock auf
den Bären los und schlug ihn in die Flucht. Nach fünf Wochen
kam sie nach einem tiefen Schlaf wieder in den früheren Zustand,
mit Amnesie für das Intervall. Diese Zustände alternierten etwa
sechzehn Jahre. Die letzten fünfundzwanzig Jahre aber brachte
Mary Reynolds ausschließlich in ihrem zweiten Zustande zu.
Schroeder van der Kolk63 berichtet über folgenden Fal l : Die
Patientin erkrankt im Alter von sechzehn Jahren, nach einer drei
Jahre vorausgegangenen langwierigen Krankheit, an periodischer
Amnesie. Jeweilen morgens nach dem Erwachen macht sie einen
eigentümlichen choreatischen Zustand durch, in welchem sie mit
den Armen taktmäßig schlagende Bewegungen macht. Darauf
zeigt sie den ganzen Tag ein kindisches, blödes Benehmen, hat alle
ihre ausgebildeten Fähigkeiten verloren. (Im normalen Zustande
ist sie sehr intelligent, belesen, spricht sehr gut Französisch.) Im
zweiten Zustand fängt sie an, mangelhaft Französisch zu lernen.
Am zweiten Tag ist die Patientin jeweilen wieder normal. Die
beiden Zustände sind durch Amnesie völlig getrennt.64
Höfelt berichtet über einen Fall von spontanem Somnamb  .. dis­
mus bei einer Magd, die im normalen Zustande sonst unterwürfig
und bescheiden war, im Somnambulismus aber frech, grob und
gewalttätig wurde.65 Azams Felida war im normalen Zustand de­
primiert, gehemmt, zaghaft ; im zweiten Zustand heiter, sicher,
unternehmend bis zum Leichtsinn. Der zweite Zustand wurde
allmählich der vorherrschende und verdrängte schließlich den er­
sten soweit, daß die Patientin ihren nur noch kurz andauernden
normalen Zustand >> Krise« nannte. Die amnestischen Anfälle wa­
ren mit vierzehneinhalb Jahren aufgetreten. Mit der Zeit wurde der
zweite Zustand gemäßigter; es trat eine gewisse Annäherung im
62 Emminghaus: Allgemeine Psychopathologie 1 878, S. 1 29, Fall Ogier Ward.
63 Schroeder van der Kol k: Pathologie und Therapie der Geisteskrankheiten, 1 863,
s. 3 1 .
64 Vgl. Donath: Über Suggestibilität, 1 892, und Der epileptische Wandertrieb, 1 899.
65 Höfelt: Ein Fall von spontanem Somnambulismus.
224
O KKULTI S MUS
Charakter der beiden Zustände ein. 66 Ein sehr schönes Beispiel
von Charakterveränderung ist auch der von Camuset, Ribot, Le­
grand du Saulle, Richer, Voisin und zusammenfassend von Bourru
und Burot bearbeitete Fall des Louis V. , einer schweren männli­
chen Hysterie mit amnestisch alternierendem Charakter. Im ersten
Zustand ist er unhöflich, frech, querulant, naschhaft, diebisch,
rücksichtslos. Im zweiten Zustand zeigt er einen angenehmen,
sympathischen Charakter und ist fleißig, gelehrig und gehorsam.67
Literarisch wurde die amnestische Charakterveränderung von Paul
Lindau verwendet in seinem Schauspiel >Der Andere<.68 Einen
Parallelfall zu Lindaus verbrecherischem Staatsanwalt berichtet
Rieger.69 Man kann zu unserem Falle auch die unterbewußten
Persönlichkeiten von Janets Lucie und Leonie7
0
oder diejenigen
der Patientin Morton Princes71 i n Parallele setzen; jedoch sind dies
therapeutische Kunstprodukte, deren Hauptbedeutung auf dem
Gebiete der Bewußtseins- und Gedächtnisspaltung liegt.
In den berichteten Fällen ist der zweite Zustand vom ersten stets
durch eine amnestische Spaltung geschieden, und die Charakter­
veränderung ist j eweils auch von einer Unterbrechung der Be­
wußtseinskontinuität begleitet. In unserem Falle fehlt jegliche am­
nestische Störung; der Übergang des ersten Zustandes in den zwei­
ten erfolgt ganz allmählich, und die Kontinuität des Bewußtseins
bleibt erhalten, so daß die Patientin alles, was sie durch Halluzina­
tionen im zweiten Zustand aus dem ihr sonst unbekannten Gebiet
ihres Unbewußten erfährt, i n den Wachzustand herübernimmt.
Periodische Persönlichkeitsveränderungen ohne amnestische
Spaltung finden sich auf dem Gebiete des zirkulären Irreseins ; zur
Seltenheit kommen sie j edoch auch auf dem Gebiete der Hysterie
vor, wie der Renaudinsche Fall zeigt : •• Ein j unger Mann, dessen
Betragen jederzeit musterhaft gewesen war, begann plötzlich die
schlechtesten Neigungen an den Tag zu legen. << Symptome des
I rrsinns waren an ihm nicht zu bemerken, dagegen zeigte es sich,
daß die Körperoberfläche total anästhetisch war. Dieser Zustand
zeigte periodische Unterbrechungen, und auf gleiche Weise war
auch der Charakter des Patienten Schwankungen unterworfen. So­
bald die Anästhesie verschwand, war er fügsam und freundlich.
Trat die Anästhesie wieder auf, so beherrschten ihn sofort die
66
Azam: Hypnotisome, 1 887, S. 63 ff.
67 Bourru/Burot: La Suggestion mentale et les variations de Ia personnalite, 1 895.
68
Vgl . Mol l : Di e Bewußtseinsspaltung in Paul Lindaus neuem Schauspiel, 1 893,
s. 306 ff.
69
Rieger: Der Hypnotismus, 1 884, S. 1 09ff.
70 Janet : L' Automatisme psychologique, 1 889.
71 Prince: An Experimental Study of Visions, 1 898.
Z UR PS YC HOL OGI E OKK ULTE R PHÄNOME NE 225
schlimmsten Triebe, die sich, wie beobachtet wurde, bis zur
Mordlust steigern konnten. 72
Wenn wir uns daran erinnern, daß das Alter unserer Patientin im
Momente des Auftretens jener Störungen fünfzehneinhalb Jahre
beträgt, also das Alter der Pubertät eben erreicht ist, so liegt der
Gedanke nahe, die Störungen in eine gewisse Beziehung zu den
physiologischen Charakterveränderungen der Pubertätsperiode zu
bringen. »Es erscheint während dieser Lebensperiode im Bewußt­
sein des Individuums eine neue Gruppe von Empfindungen nebst
den daraus entstehenden Gefühlen und Ideen, und dieser fortwäh­
rende Andrang ungewohnter Geisteszustände, die sich beständig
geltend machen, weil ihre Ursache beständig fortwirkt, und die
untereinander koordiniert sind, weil sie aus einer und derselben
Quelle entspringen, muß nach und nach in der Verfassung des Ichs
tiefgreifende Veränderungen herbeiführen. «
7
3 Bekannt sind j a die
Stimmungsschwankungen, die unklaren neuen und starken Gefüh­
le, die Neigung zu schwärmerischen Ideen, zu exaltierter Religio­
sität und zu Mystizismus, daneben die Rückfälle in das Kindische,
welche dem reifenden Menschen das so ungemein charakteristi­
sche Gepräge verleihen; der Mensch macht in dieser Epoche die
ersten ungeschickten Versuche mit seiner Selbständigkeit auf allen
Gebieten, er verwendet zum ersten Male mit eigenen Intentionen,
was Familie und Schule seiner Kindheit beigebracht haben, er faßt
Ideale, konstruiert hochfliegende Pläne für die Zukunft, lebt sich
in Träume hinein, deren Inhalt Ehrgeiz und Selbstgefälligkeit sind.
Soweit reicht schon das Physiologische. Die Pubertät eines Psy­
chopathen ist eine Krise ernster Bedeutung. Nicht nur verlaufen
die physiologisch-psychischen Umwandlungen in oft unerhört
stürmischer Weise, sondern es fixieren sich auch die Züge eines
hereditär entarteten Charakters, welche beim Kinde entweder gar
nicht oder nur sporadisch zum Vorschein kamen. Wir müssen bei
der Erklärung unseres Falles an eine spezifische Pubertätsstörung
denken. Die Gründe für diese Annahme werden sich aus dem
weiteren Studium der zweiten Persönlichkeit ergeben. (Der Kürze
halber wollen wir die zweite Persönlichkeit Ivenes nennen, wie die
Patientin ihr höheres Ich taufte. )
Ivenes i st di e gerade Fortsetzung des alltäglichen Ich. Si e umfaßt
dessen ganzen Bewußtseinsinhalt. Sie steht im hemi-somnambulen
Zustande in einem dem Wachen analogen Verkehr mit der realen
Außenwelt, der allerdings durch dazwischentretende Halluzina­
tionen beeinträchtigt ist, jedoch nicht in höherem Grade als derje-
72 Zitiert bei Ribot: Die Persönlichkeit, 1 894, S. 90.
" Ribot, ebenda, S. 69.
226 OKKULTI S MUS
nige der nichtverwirrten psychotischen Halluzinanten. Die Konti­
nuität der I venes erstreckt sich offenbar auch in den hysterischen
Anfall hinein, wo sie dramatische Szenen aufführt, visionäre Er­
lebnisse hat und so weiter. Im Anfall selber ist sie meist gegen die
Außenwelt isoliert, sie bemerkt nicht, was um sie her vorgeht,
weiß auch nicht, daß sie laut redet und so weiter. Sie hat aber keine
Amnesie für den Traum-Inhalt ihres Anfalles. Die Amnesie für
ihre motorischen Äußerungen und die Veränderungen ihrer Um­
gebung ist nicht immer vorhanden. Daß sie vom Intensitätsgrade
der somnambulen Benommenheit und von einem oft partiellen
Lähmungszustande einzelner Sinnesorgane abhängt, beweist zum
Beispiel jenes Vorkommnis, wo die Patientin, obwohl ihre Augen
offen waren und sie höchst wahrscheinlich die übrigen Anwesen­
den sah, mich nicht bemerkte, sondern meine Anwesenheit erst
wahrnahm, als ich zu ihr sprach. Es handelt sich in diesem Fall um
eine sogenannte systematische Anästhesie ( »hallucination negati­
ve<< ) , wie sie bei Hysterischen öfters beobachtet wird.
So berichtet zum Beispiel Flournoy von Helene Smith, daß sie
während der Sitzungen plötzlich die Zirkelteilnehmer nicht mehr
sah, obschon sie noch deren Stimme hörte und deren Berührung
fühlte, oder sie hörte plötzlich nichts mehr, obschon sie sah, wie
sich die Lippen der Sprechenden bewegten, und so weiter.74
So wie Ivenes das wache Ich fortsetzt, so überträgt sie auch ihren
ganzen Bewußtseinsinhalt wieder dem wachen Zustande. Dieses
merkwürdige Verhalten spricht nun entschieden gegen die Analo­
gie mit den Fällen von double conscience. Die berichteten Eigen­
schaften der Ivenes stechen in vorteilhafter Weise gegen diejenigen
der Patientin ab; die ruhigere, komponiertere Persönlichkeit, ihre
angenehme Bescheidenheit und Gemessenheit, ihre gleichmäßigere
Intelligenz, ihre sichere Beredsamkeit darf als eine Verbesserung
des ganzen Wesens aufgefaßt werden; insofern existiert eine Ähn­
lichkeit mit Janets Leonie. Es bleibt aber bei der bloßen Ähnlich­
keit. Sie sind getrennt durch einen tiefen psychologischen Unter­
schied, abgesehen von der Amnesie. Leonie II ist die gesündere,
die normalere, sie hat ihre natürlichen Fähigkeiten zurückgewon­
nen, sie ist die vorübergehende Besserung eines chronisch hysteri­
schen Zustandes. Ivenes aber macht den Eindruck eines mehr
künstlichen Produktes, sie hat etwas Erdachtes, sie macht trotz
aller Vorzüge den Eindruck einer ausgezeichnet gespielten Roll e;
ihre Weltschmerzlichkeit, ihre Sehnsucht nach dem Jenseits dieser
Di nge sind nicht mehr bloße Frömmigkeit, sondern das Attribut
der Heiligkeit ; Ivenes ist nicht mehr ganz Mensch, sondern ein
Flournoy: Des Indes a Ia planete Mars, 1900, S. 59.
Z UR P S YCHOL OGI E OK K ULTE R P HÄNOME NE 227
mystisches Wesen, das nur zum Teil der realen Wirklichkeit ange­
hört; der wehmütige Zug, die leidensvolle Ergebenheit, ihr ge­
heimnisvolles Schicksal leiten uns auf das historische Vorbild der
Ivenes : Justinus Kerners >Seherin von Prevorst<. Man darf den
Inhalt des Kernersehen Buches als bekannt voraussetzen und da­
her den Hinweis auf die verwandten Züge unterlassen. Ivenes ist
jedoch keine Kopie der Seherin: Die Resignation und die pietisti­
sche Frömmigkeit der letzteren mangeln ihr. Die Seherin ist bloß
Vorwurf für ein Original. Die Pariemin legt ihre eigene Seele in die
Rolle der Seherin, indem sie sich daraus ein Ideal der Tugend und
Vollkommenheit zu schaffen sucht, sie antizipiert ihre Zukunft,
und in Ivenes verkörpert sich das, was die Pariemin in zwanzig
Jahren zu sein wünscht, nämlich die sichere, einflußreiche, kluge,
graziöse, fromme Frau. In der Konstruktion der zweiten Person
liegt der tiefgreifende Unterschied zwischen Leonie II und Ivenes.
Beide sind psychogen. Leonie I empfängt aber in Leonie II das,
was ihr eigentlich gehörte, unsere Pariemin j edoch konstruiert eine
Person über sich hinaus. Man kann nicht sagen, »sie lügt sich«,
sondern >> sie träumt sich« in den höheren idealen Zustand hinein. 75
Die Realisierung dieses Traumes erinnert lebhaft an die Psycho­
logie des pathologischen Schwindlers. Delbrück76 und ForeF7 ha­
ben auf die Bedeutung der Autosuggestion bei der Bildung patho­
logischer Schwindeleien und Träumereien hingewiesen. Pick78
führt als erstes Symptom der hysterischen Träumer eine intensive
Autosuggestibilität an, welche die Realisierung der »Tagträume«
ermöglicht. Eine Pariemin Picks träumt sich in eine sittlich gefähr­
liche Situation hinein und führt schließlich ein Notzuchtattentat
an sich selber auf, indem sie sich entblößt auf den Boden legt und
sich an Tisch und Stühlen festbindet. Oder es wird eine dramati­
sche Person geschaffen, mit welcher die Patienten in brieflichen
Verkehr treten, wie etwa im Bohnschen79 Falle, wo eine Pariemin
sich in ein Verlobungsverhältnis mit einem ganz imaginären
Rechtsanwalt in Nizza hineinträumt, von dem sie Briefe empfängt,
75
. . reves somnambuliques . . . sortes de romans de l'imagination subliminale, analo-
gues a ces >histoires continues< que tant de gens se racontent a eux-memes, et cont ils sont
generalement les heros, dans leurs moments de far-niente ou d' occupations routinieres
qui n'offrent qu'un faible obstacle aux reveries, intfrieures. Constructions fantaisistes,
mille fois reprises et poursuivies, rarement achevees, ou Ia folle du Iogis se donne libre
carriere et prend sa revanche du terne et plat terre-3-terre des n!alitfs quotidiennes.«
(Flournoy, ebenda, S. 8).
76 Delbrück: Die pathologische Lüge und die psychisch abnormen Schwindler, 1 89 1 .
77 Fore!: Der Hypnotismus, 1 889.
78 Pick: Über pathologische Träumerei und ihre Beziehung zur Hysterie, 1 896,
s. 280ff.
79 Bohn : Ein Fall von doppeltem Bewußtsein, 1 898.
228 OKKULTI S MUS
die sie indessen selber mit verstellter Handschrift geschrieben hat.
Dieses pathologische Träumen mit autosuggerierten Erinnerungs­
fälschungen bis zu eigentlicher Wahnbildung und Halluzination
findet sich auch im Leben vieler Heiliger. 80 Von den traumhaften,
stark sinnlich gefärbten Vorstellungen zur eigentlich komplexen
Halluzination ist nur ein Schritt. 81 So sieht man zum Beispiel im
ersten Picksehen Falle, wie die Patientin, die Kaiserin Elisabeth zu
sein wähnt, sich allmählich so in ihren Träumen verliert, daß ihr
Zustand äußerlich als eigentlicher Dämmerzustand muß bezeich­
net werden und später auch wirklich in ein hysterisches Delir
übergeht, in welchem ihre Traumphantasien zur typischen Hallu­
zination werden. - Der pathologische Lügner, der sich durch seine
Phantasien hinreißen läßt, benimmt sich nicht anders als das Kind,
das sich i n seinem Spiel verliert, 82 oder der Schauspieler, der ganz
i n seiner Rolle aufgeht. - Der Unterschied zur somnambulen Per­
sönlichkeitsspaltung ist kein prinzipieller, sondern bloß ein Grad­
Unterschied und beruht bloß auf der Intensität der primären Au­
tosuggestibilität oder Desaggregation der psyühischen Elemente.
Je mehr sich das Bewußtsein dissoziiert, desto größer wird die
Plastizität der erträumten Situation, desto geringer wird auch der
Anteil der bewußten Lüge und des Bewußtseins überhaupt. Dieses
Mitgerissensein durch den interessierenden Gegenstand ist das,
was Freud >> hysterische Identifizierung« nennt. Es erscheinen zum
Beispiel der schwer hysterischen Patientin Erlers83 hypnagogisch
viele kleine Papierreiter, die ihre Phantasie so gefangennehmen,
daß sie die Empfindung hat, auch als ein solcher mitten unter
denselben sich zu befinden. Ähnliche Erscheinungen begegnen uns
normalerweise im Traume, wo wir überhaupt »hysterisch<< den­
ken. 84 Die absolute Hingabe an die interessierende Vorstellung
erklärt uns auch die für bewußte Schauspielerei unerreichbare Na­
türlichkeit pseudologischer oder somnambuler Darstellungen. Je
weniger das wache Bewußtsein überlegend und berechnend ein­
greift, desto sicherer und überzeugender wird die Objektivation
des Traumes. 85
8
0
Görres: Die christliche Mystik, 1 836-1 842.
81
Vgl. Behr: Erinnerungsfälschungen und pathologische Traumzustände, 1 899; siehe
auch Ballet : Le Langage interieur, 1 890, S. 44.
8
2 Vgl . Redli ch: Ein Beitrag zur Kenntniss der Pseudologia phantastica, 1900, S. 66.
83 Erl er: Hysterisches und hystero-epileptisches Irresein, 1 879, S. 2 1 .
84 )Les hysteriques n e sont pour nous que des sujers d'Clection, agrandissant des
phenomenes qu'on doit necessairement retrouver a quelque degre chez une foule d'autres
personnes qui ne sont ni atteintes ni meme effleurfes par Ia nfvrose hystfrique, ( (Binet:
Les Alterations, 1 892, S. 79.)
8
5 Man denke z. B. an die Dächer besteigenden Nachtwandler.
Z UR PS YC HOL OGI E OK K ULTE R P HÄNOME NE 229
Unser Fall hat noch eine Analogie mit der Pseudologia phanta­
stica: die anfallsweise Weiterbildung. In der Litercuur sind mehr­
fach Fälle bekannt, wo die pathologischen Lügen anfallsweise, un­
ter verschiedenen hysteriformen Beschwerden, gebildet werden.86
Unsere Patientin erweitert ihre Systeme ausschließlich im Anfall.
Sie ist ganz unfähig, im normalen Zustand irgend welche neuen
Ideen oder Aufklärungen zu geben, sie muß sich dazu j eweilen in
Somnambulismus versetzen oder das spontane Auftreten eines sol­
chen abwarten. Damit sind die Verwandtschaften zur Pseudologia
phantastica und zur pathologischen Träumerei erschöpft.
Unsere Patientin unterscheidet sich wesentlich dadurch von den
pathologischen Träumen, daß niemals konnte nachgewiesen wer­
den, daß ihre Traumgespinste zuvor den Gegenstand ihres tägli­
chen Interesses gebildet hätten; ihre Träume treten explosiv auf,
brechen plötzlich mit einer ganz verblüffenden Fülle aus dem
Dunkel des Unbewußten hervor. Ganz das gleiche ist auch bei
Flournoys Helene Smith der Fall. An mehreren Stellen (siehe un­
ten) kann aber die Anknüpfung an Perzeptionen des normalen
Zustandes nachgewiesen werden, so daß die Vermutung wahr­
scheinlich wird, daß die Wurzeln jener Träume ursprünglich ge­
fühlsbetonte Vorstellungen waren, die aber nur kurze Zeit das
wache Bewußtsein beschäftigtenY Wir müssen annehmen, daß bei
der Entstehung solcher Träume die hysterische Vergeßlichkeit88
eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt : Viele Vorstellungen,
die als solche wert wären, im Bewußtsein aufbewahrt zu werden,
versinken; angeknüpfte Gedankengänge kommen abhanden und
spinnen sich, dank der psychischen Dissoziation, im Unbewußten
weiter; ein Vorgang, dem wir wiederum bei der Genese unserer
Träume begegnen.89 Auf diese Weise läßt sich das anscheinend
86 Delbrück: Die pathologische Lüge, 1 891 ; Redlich: Ein Beitrag, 1900. Ich erinnere
hier auch an die Weiterbildung der Wahnideen im epileptischen Dämmerzustand, wie sie
Mörchen (Über Dämmerzustände, 1901 , S. 51 und 59) berichtet.
87 Vgl. hierzu die höchst interessante Vermutung Flournoys über die Entstehung des
cycle hindou der H. S. : »Je ne serais pas etonne que Ia remarque de Marles sur Ia beaute
des femmes du Kanara ait ete Je clou, l'atome crochu, qui a pique l'attention subliminale
et l'a rres naturellement rivfe sur cet unique passagc, avec les deux ou trois lignes
consfcutives, a l'exclusion de taut Je contexte environnant, beaucoup moins interessant.«
(Des Indes a Ia planete Mars, 1900, S. 285. )
88
Janet sagt: Von der Vergeßlichkeit »Stammen, wenn nicht immer, so doch häufig die
vermeintlichen Lügen der Hysterischen. So erklären sich auch in gleicher Weise ihre
Launen, ihr Stimmungswechsel, ihre Undankbarkeit, mit einem Wort ihre Unbeständig­
keit, denn die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, die dem ganzen Wesen
Ernst und Gleichmäßigkeit verleiht, hängt zum großen Theile vom Gedächtnis ab. " (Der
Geisteszustand der Hysterischen, 1 894, S. 67.)
89 " Von unserem bewußten Nachdenken her wissen wir, daß wir bei Anwendung der
Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg verfolgen. Kommen wir auf diesem Wege an
230 OKKULTI S MUS
plötzliche und unvermittelte Auftreten der Träumereien erklären.
Das totale Aufgehen der bewußten Persönlichkeit in der Traum­
rolle vermittelt indirekt auch die Entwicklung von gleichzeitig be­
stehenden Automatismen: »Une seconde condition peut amener la
division de conscience; ce n' est pas une alteration de l a sensibilite,
c' est une attitude paniculiere de l 'esprit, la concentration de l ' att­
ention sur un point unique; il resulte de cet etat de concentration
que l ' esprit devient distrait pour le reste, et en quelque sorte insen­
sible, ce qui ouvre la carriere aux actions automatiques ; et ces
actions . . . peuvent prendre un caractere psychique et constituer
des intelligences parasites, vivant cöte a cöte avec la personnalite
normale qui ne les connait pas. «90
Über die subj ektiven Wurzeln ihrer Träume geben die Romane
der Patientin bezeichnende Aufschlüsse. Es wimmelt darin von
offenen und heimlichen Liebschaften, von illegitimen Geburten
und anderen sexuellen Verdächtigungen. Der Mittelpunkt aller
dieser zweideutigen Geschichten ist eine ihr antipathische Dame,
welche sich allmählich zu ihrem Gegenpol gestaltet, indem lvenes
der Gipfel der Tugend, jene Dame der tiefste Lasterpfuhl ist. Ihre
Reinkarnationslehre aber, in der sie als die Stammutter ungezählter
Tausender auftritt, entspringt in ihrer naiven Nacktheit einer ex­
uberanten Phantasie, wie sie eben der Pubertätsepoche eigentüm­
lich ist. Es ist das ahnungsvolle sexuelle Gefühl des Weibes, der
Traum der Fruchtbarkeit, welche der Patientin j ene ungeheuerli­
chen I deen schuf. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir in der
aufkeimenden Sexualität den zureichenden Grund für das seltsame
Krankheitsbild suchen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist
das ganze Wesen der lvenes samt ihrer ungeheuren Familie nichts
anderes als ein erfüllter sexueller Wunschtraum, welcher vom
Traum einer Nacht sich dadurch unterscheidet, daß er sich über
Monate und Jahre erstreckt.
eine Vorstellung, welche der Kritik nicht Stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die
Aufmerksamkeitsbesetzung fallen. Es scheint nun, daß der begonnene und verlassene
Gedankengang sich dann fonspinnen kann, ohne daß sich ihm die Aufmerksamkeit
wieder zuwendet, wenn er nicht an einer Stelle eine besonders hohe Intensität erreicht,
welche die Aufmerksamkeit erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit Bewußtsein erfolgte
Verwerfung durch das Unheil, als unrichtig oder als unbrauchbar für den actuellen
Zweck des Denkactes, kann also die Ursache sein, daß ein Denkvorgang vom Bewußt­
sein unbemerkt sich bis zum Einschlafen fortsetzt . • (Freud: Die Traumdeutung, 1900,
5. 3 5 1 . )
90 Bi net: Les Alterations, 1 892, S. 84.
Z UR P S YCHOL OGI E OK KULTE R P HÄNOME NE 231
Verhältnis zum hysterischen Anfall
Es ist bis j etzt ein Punkt in der Geschichte des Fräulein S. W.
unerörtert geblieben, und das ist ihr Anfall. In der zweiten Sitzung
wird die Patientin plötzlich von einem ohnmachtähnlichen Zufall
betroffen, aus dem sie mit Erinnerung an verschiedene Halluzina­
tionen erwacht. Nach ihrer Angabe hatte sie keinen Moment das
Bewußtsein verloren. Nach den äußeren Symptomen und dem
Verlauf dieser Anfälle könnte man an eine Narkolepsie respektive
Lethargie denken, wie sie zum Beispiel von Leewenfeld beschrie­
ben wurde, um so eher, als wir wissen, daß bereits ein Familien­
glied (die Großmutter) einen Anfall von Lethargie hatte. Es ist
denkbar, daß die »lethargische Disposition<< (Loewenfeld) sich auf
unsere Patientin vererbt hat. Man beobachtet in spiritistischen Sit­
zungen häufig hysterische Krampfanfälle. Unsere Patientin zeigte
nie Krampferscheinungen, dafür die eigentümlichen Schlafzustän­
de. Ätiologisch kommen in unserem Falle zwei Momente (beim
erstmaligen Auftreten) in Betracht :
1 . Übergreifen der Hypnose
2. Psychische Erregung
1 . Übergreifen der partielen Hypnose. Janet beobachtete, daß die
unterbewußten Automatismen einen hypnotisierenden Einfluß
haben und den totalen Somnambulismus herbeiführen können.91
Er machte folgendes Experiment: Ein zweiter Beobachter verwik­
kelte die völlig wache Patientin in ein Gespräch, unterdessen stellte
sich ] anet hinter dieselbe und ließ sie durch geflüsterte Suggestio­
nen unbewußt die Hand bewegen, schreiben und durch Zeichen
auf Fragen Antwort geben; plötzlich hörte die Patientin mitten im
Gespräch auf, kehrte sich um und setzte nun mit ihrem Oberbe­
wußtsein die vorher unterbewußte Unterhaltung mit Janet fort :
Sie befand sich in hypnotischem Somnambulismus.92 Wir sehen in
diesem Beispiel einen ähnlichen Vorgang wie in unserem Fall. Es
ist aber aus gewissen (unten erörterten Gründen) anzunehmen,
daß der Schlafzustand nicht als Hypnose aufzufassen ist. Es
kommt daher in Frage :
2. Die psychische Erregung. Von Bettina Brentano wird berichtet,
daß sie, als sie zum erstenmal mit Goethe zusammentraf, auf des-
91 »Une autre consideration rapproehe encore ces deux ftats, c'est que les actes sub­
conscients ont un effer en quelque sorte hypnotisant et contribuant par eux-memes a
amener le somnambulisme. « Qanet: L' Automatisme psychologique, 1 889, S. 329)
9
2
Ebenda, 5. 329.
232 OKKULTI S MUS
sen Knien plötzlich einschlief.93 Der ekstatische Schlaf inmitten
der größten Qualen, der sogenannte •• Hexenschlaf,, , ist aus der
Geschichte der Hexenprozesse bekannt. 9
4
Bei disponierten Personen genügen schon verhältnismäßig ge­
ringfügige Anlässe, um somnambule Zustände auszulösen. So
wurde zum Beispiel einer sensiblen Dame ein Splitter aus dem
Finger geschnitten. Ohne irgendwelche körperliche Veränderung
sah sich dieselbe plötzlich an den Rand eines Baches auf eine schö­
ne Wiese versetzt, wo sie Blumen pflückte. Dieser Zustand dauerte
so lange wie die unbedeutende Operation und verschwand dann
von selbst ohne besondere Eingriffe.95
Unbeabsichtigte Veranlassung des hysterischen Lethargus durch
Hypnose hat Loewenfeld beobachtet.96 Unser Fall hat gewisse
Ähnlichkeiten mit dem hysterischen Lethargus,97 wie ihn Loewen­
feld beschrieben hat : die Oberflächlichkeit der Atmung, das Sin­
ken des Pulses und die Leichenblässe des Gesichtes, ferner die
eigentümlichen Sterbegefühle und Todesgedanken. 98 Das Erhal­
tensein einzelner Sinne spricht nicht gegen Lethargus : So bleibt in
gewissen Fällen von Scheintod das Gehör erhalten.99 Im Falle Bo­
namaison 1 0
0
war nicht nur das Gefühl erhalten, sondern noch Ge­
hör und Geruchssinn verschärft. Der halluzinatorische Inhalt und
das laute Sprechen mit halluzinierten Personen im Lethargus kom­
men ebenfalls vor. In der Regel besteht totale Amnesie für das
lethargische Intervall. Loewenfelds1
01 Fall D. hatte aber nachher
summarische Erinnerung, im Falle Bonamaison bestand keine
Amnesie. Für die gewöhnlichen Weckreize erwiesen sich Lethargi­
sche als unzugänglich; es gelang aber Loewenfeld, bei seiner Pa­
tientin St. den Lethargus mittels Mesmerischer Striche in Hypnose
umzuwandeln und auf diesem Wege sich mit dem Bewußtseinsrest
innerhalb des Anfalls in Verbindung zu setzen. 1 02 Unsere Patientin
erwies sich anfangs im Lethargus absolut unzugänglich, später be­
gann sie spontan zu sprechen, war unablenkbar, wenn ihr som-
93 Literarisch wurde dieses Einschlafen im Momente höchster Erregung von Gustave
Flaubert in seinem Roman •Salammbö< verwendet, wo der Held, nachdem er nach vielen
Kämpfen Salammbö endlich eroben hat, im Moment, da er ihren j ungfräulichen Busen
berührt, plötzlich einschläft.
94 Vielleicht gehören hieher die Fälle von Emotionslähmung. Vgl. Baetz: Über Emo-
tionslähmung, 1901 .
95 Hagen, Zur Theorie der Hallucination, 1 868, S. 1 7.
96 Leewenfeld : Über hysterische Schlafzustände, 1 89 1 , S. 59.
97 Vgl. Flournoy : Des Indes a Ia planete Mars, 1900, S. 65 f.
98 Loewenfeld : Über hysterische Schlafzustände, 1 891 , S. 737.
99 Ebenda, S. 734.
1
0
0 Bonamaison: Un Cas remarquable d'hypnose spontanee, 1 890, S. 234.
101 Loewenfel d: Über hysterische Schlafzustände, 1 891 , S. 737.
1 02
Ebenda, S. 59 ff.
Z UR PS YC HOL OGI E OKKUL TE R P HÄNOME NE 233
nambules Ich sprach, ablenkbar, wenn eine ihrer automatischen
Persönlichkeiten sprach. Für diesen letzteren Fall ist es wahr­
scheinlich, daß dem hypnotisierenden Einfluß von Seiten der Au­
tomatismen eine partielle Umwandlung des Lethargus in Hypnose
gelungen war. Wenn man berücksichtigt, daß nach der Ansicht
Loewenfelds die lethargische Disposition nicht »kurzweg mit dem
der Hysterie eigentümlichen Verhalten der Nervenapparate identi­
fiziert« werden darf, so gewinnt die Annahme einer familiären
Vererbung der betreffenden Disposition in unserem Falle eine ge­
wisse Wahrscheinlichkeit. Das Krankheitsbild wird durch die An­
fälle sehr kompliziert.
Wir haben bis jetzt gesehen, daß das Ich-Bewußtsein der Patien­
tin in allen Zuständen identisch ist. Sekundäre Bewußtseins-Kom­
plexe haben wir bis jetzt zwei besprochen und bis in den somnam­
bulen Anfall verfolgt, wo sie als Vision der Patientin gegenübertra­
ten, während sie ihre motorische Äußerung während des Anfalls
aufgaben. Sie blieben während der nächstfolgenden Anfälle ver­
schwunden für die äußere Erkennung, dagegen entfalteten sie eine
um so intensivere Tätigkeit innerhalb des Dämmerzustandes als
Visionen. Es scheinen sich schon früh zahlreiche sekundäre Vor­
stellungsreihen von der primären unbewußten Persönlichkeit ab­
gespalten zu haben, denn schon nach den paar ersten Sitzungen
folgten sich die »Spirits« dutzendweise. Die Namen waren in ihrer
Verschiedenheit unerschöpflich, dagegen waren die Unterschiede
zwischen den betreffenden Persönlichkeiten bald erschöpft, und es
zeigte sich, daß sie sich alle unter zwei Typen subsumieren ließen,
dem ernsthaft-religiösen und dem heiter-ausgelassenen Typus. In­
sofern handelte es si ch eigentlich nur um zwei verschiedene unter­
bewußte Persönlichkeiten, die unter verschiedenen Namen, wel�
ehe aber keine wesentliche Bedeutung hatten, auftraten. Der ältere
Typus, der Großvater, der die Automatismen überhaupt eingelei­
tet hatte, begann auch zuerst, den Dämmerzustand sich dienstbar
zu machen. Ich vermag mich keiner Suggestion zu entsinnen, wel- .
ehe zu dem automatischen Sprechen hätte Anlaß geben können.
Nach den früheren Erläuterungen kann der Anfall unter diesen
Umständen als eine partielle Autohypnose gedacht werden. Das
erhaltene Ich-Bewußtsein, das in Folge der Isolierung gegen die
Außenwelt ganz mit seinen Halluzinationen beschäftigt ist, ist der
Rest des Wachbewußtseins. Der Automatismus hat daher ein wei- ·
tes Feld für seine Tätigkeit. Die Selbständigkeit der einzelnen zen­
tralen Sphären, die wir bei der Patientin schon anfangs konstatiert
haben, läßt uns den automatischen Sprechakt begreiflich erschei­
nen. Spricht doch auch der Träumer gelegentlich im Schlafe, ja
sogar der Wachende begleitet intensive Gedanken mit unbewuß-
234
O KK U LTI S MUS
tem Flüstern.
1 0
3 Die eigentümlichen Bewegungen der Sprechmus­
kulatur sind bemerkenswert. Sie wurden auch bei anderen Som­
nambulen beobachtet. 1 04 Diese ungeschickten Versuche sind direkt
i n Parallele zu stellen mit den unintelligenten und ungeschickten
Bewegungen des Tisches oder Glases und entsprechen höchst­
wahrscheinlich der präEminarischen Äußerung der motorischen
Vorstellungsanteile respektive einer auf die motorischen Zentren
beschränkten Erregung, welche sich vorerst noch keinem höheren
System untergeordnet hat. Ob solches auch bei denjenigen Perso­
nen, die i m Traume reden, vorkommt, weiß ich nicht. Bei Hypno­
tisierten wurde es aber beobachtet. 1 05
Infolge des bequemen Kommunikationsmittels der Sprache war
nun das Studium der unterbewußten Persönlichkeiten erheblich
erleichtert. Ihr intellektueller Umfang ist ein verhältnismäßig ge­
ringer. Sie verfügen über die Kenntnisse, die den Besitzstand der
wachen Patientin bilden, dazu kommen noch einige gelegentliche
Detailangaben, wie Geburtsdaten fremder verstorbener Personen
und dergleichen, deren Ursprung mehr oder weniger dunkel ist,
indem die Patientin nicht weiß, woher ihr die Kenntnis dieser
Daten auf natürlichem Wege hätte zukommen können. Es sind
dies sogenannte Kryptomnesien, die aber zu unbedeutend sind, als
daß sie ausführlichere Erwähnung verdienten. Die Intelligenz der
beiden unterbewußten Personen ist sehr geri ng; sie produzieren
fast ausschließlich Banalitäten. Interessant ist ihr Verhalten zu dem
Ich-Bewußtsein der Patientin im somnambulen Zustand. Sie sind
stets unterrichtet von allem, was innerhalb der Ekstase vorkommt,
und erstatten gelegentlich von Minute zu Minute genauen Be­
richt. 1 0
6
Die unterbewußten Personen kennen aber nur ganz ober­
flächlich die phantastischen Gedankengänge der Patientin, sie ver­
stehen sie nicht und können keine einzige Frage, welche diesen
Gegenstand betrifft, richtig beantworten; sie verweisen stereotyp
auf lvenes : >> Fraget IveneS. << Diese Beobachtung deckt einen
schwer zu erklärenden Dualismus im Wesen der unterbewußten

-
Vgl. die Untersuchungen Lehmanns über unwillkürliches Flüstern (Aberglaube
und Zauberei, 1 898, S. 386 ff.).
104
So schreibt z. B. Flournoy: »Dans un premier essai, Leopold (der Kontrollgeist der
H. S. ) ne r�ussit qu'i donner ses intonations et sa prononciation a Hflfne: aprfs une
seance ou eile avait vivement souffert dans le bauche et le cou comme si on lui travaillait
ou l ui enlevait les organes vocaux, eile se mit a causer tres naturellement.« (Des Indes a Ia
planete Mars, 1900, S. 1 00. )
• es Loewenfeld : Über hysterische Schlafzustände, 1 891 , S. 60.
106
Dieses Verhalten erinnert an die Beoabachtungen Flournoys: Während H. S. som­
nambul als Marie Antoinette spricht, gehören die Arme der H. S. nicht zu der somnam­
bulen Persönlichkeit, sondern zu dem Automatismus »Leopold«, welcher sich mittels
Gesten mit dem Beobachter unterhält (Des Indes a Ia planete Mars, 1900, S. 1 25).
Z UR PS YC HOL OGI E O KK U LTE R P HÄNOME NE 235
Person auf, denn der Großvater, der sich durch automatisches
Sprechen kundtut, erscheint auch der Ivenes und belehrt sie nach
ihrer Angabe über die betreffenden Gegenstände. Warum weiß
nun der Großvater, wenn er durch den Mund der Patientin
spricht, nichts von diesen Dingen und belehrt Ivenes doch gerade
darüber in den Ekstasen?
Wir greifen wieder zurück auf die Erläuterungen des ersten Auf­
tretens der Halluzinationen. Wir haben damals die Vision als das
Übergreifen der Hypnose auf die visuelle Sphäre geschildert. Jenes
Übergreifen führte nicht zu einer >> normalen« Hypnose, sondern
zu einer »Hysterohypnose<<, das heißt die einfache Hypnose wur­
de durch einen hysterischen Anfall kompliziert.
Es ist auf dem Gebiete des Hypnotismus eine nicht seltene Er­
scheinung, daß durch das unerwartete Auftreten eines hysteri­
schen Somnambulismus die normale Hypnose gestört respektive
ersetzt wird, wodurch in vielen Fällen der Hypnotiseur den Rap­
port mit den Patienten verliert. In unserem Fall spielt der in der
motorischen Region auftretende Automatismus die Rolle des
Hypnotiseurs ; die von ihm ausgehenden Suggestionen (objektiv
Autosuggestionen genannt) hypnotisieren die benachbarten Ge­
biete, in denen eine gewisse Empfänglichkeit konstatiert wurde.
Im Momente des Übergreifens der Hypnose auf die visuelle Sphä­
re tritt der hysterische Anfall dazwischen, welcher, wie bemerkt,
eine sehr tiefgreifende Veränderung in einem großen Teile des
psychischen Gebietes bewirkt. Wir müssen uns nun denken, daß
der Automatismus dem Anfall gegenübersteht, wie der Hypnoti­
seur der pathologischen Hypnose: Er verliert den Einfluß auf die
weitere Gestaltung der Situation. Als seine letzte Einwirkung auf
die Persönlichkeit des Somnambulen kann das halluzinatorische
Erscheinen der hypnotisierenden Persönlichkeit respektive des
suggerierten Gedankens betrachtet werden. Von da an aber wird
der Hypnotiseur nur noch zu einer Figur, mit der sich die Persön­
lichkeit des Somnambulen selbständig beschäftigt; er kann nur
noch ungefähr konstatieren, was vorgeht, ist aber nicht mehr die
conditio sine qua non des Inhaltes der somnambulen Attacke. Der
selbständige Ich-Komplex des Anfalls, in unserem Falle Ivenes, hat
jetzt die Oberhand und gruppiert ihre eigenen Geistesprodukte
um die nunmehr zum bloßen Bild herabgesunkene Persönlichkeit
ihres Hypnotiseurs, des Großvaters. Auf diesem Wege gelangen
wir zum Verständnis des Dualismus im Wesen des Großvaters.
Der Großvater I, der direkt zur Umgebung spricht, ist eine total
andere Person und ein bloßer Zuschauer seines Doppelgängers, des
Großvaters I I, der als Lehrer der Ivenes auftritt. Der Großvater I
unterläßt zwar nicht, energisch zu versichern, daß beide ein und
236
OKKULTI S MUS
dieselbe Person seien und daß Nummer I alle diejenigen Kenntnis­
se auch besitze wie Nummer II und nur durch die schwierige
Situation des Zungenredens an ihrer Kundgebung verhindert sei.
(Die Patientin selber war sich natürlich dieser Spaltung nicht be­
wußt, sondern hielt beide für dieselbe Person). Großvater I hat
aber, bei Licht betrachtet, doch nicht so unrecht, und er kann sich
auf eine Beobachtung berufen, welche anscheinend für die Identi­
tät von I und II spricht: Wenn I automatisch spricht, so ist II nicht
vorhanden, das heißt lvenes bemerkt dessen Abwesenheit und
kann nicht angeben, wo I während dieser Ekstase sich befand, oder
sie erfährt bei der Rückkehr von ihren Reisen, daß der Großvater
unterdessen ihren Körper gehütet habe. Umgekehrt spricht der
Großvater nie, wenn er mit lvenes auf Reisen geht oder ihr beson­
dere Aufklärungen gibt. Dieses Verhalten ist allerdings beachtens­
wert. Ist I wirklich der von der Person der lvenes völlig getrennte
Hypnotiseur, so ist kein Grund vorhanden, daß nicht zugleich er
obj ektiv sprechen und sein Bild (II) in der Ekstase auftreten könn­
te. Obschon diese Möglichkeit sehr nahe liegt, wurde sie tatsäch­
lich nie beobachtet. Wie soll nun dieses Dilemma entschieden wer­
den? Allerdings ist eine Identität von I und II vorhanden, sie liegt
aber nicht im Bereich der fraglichen Persönlichkeit, sondern in der
den beiden zugrunde liegenden gemeinsamen Basis, nämlich in der
im tiefsten Wesen doch einen und unteilbaren Persönlichkeit der
Patientin.
Wir stoßen hier auf das Charakteristikum aller hysterischen Be­
wußtseinsspaltungen. Es sind Störungen, welche nur der Oberflä­
che angehören, und keine derselben reicht so tief, daß sie das
festgegliederte Fundament des Ich-Komplexes angriffe. An ir­
gendeiner, wenn auch oft sehr verborgenen Stelle, finden wir die
Brücke, welche die scheinbar unüberschreitbare Kluft überspannt.
Von vier Spielkarten wird eine dem Hypnotisierten durch Sugge­
stion unsichtbar gemacht, er nennt demgemäß nur die drei übri­
gen. Jetzt wird ihm ein Bleistift in die Hand gedrückt, mit der
Anweisung, alle Karten, die eben dagelegen, aufzuschreiben; er
fügt die vierte richtig hinzu. 1 07 - Ein Patient Janets1
0
8 hatte in der
Aura seiner hystero-epileptischen Anfälle stets die Vision einer
Feuersbrunst, und j edesmal, wenn er offenes Feuer sah, bekam er
einen Anfal l ; es genügte sogar, ihm ein brennendes Streichholz
hinzuhalten, um den Anfall auszulösen. Das Gesichtsfeld des Pa­
tienten ist links auf dreißig Grad eingeengt, das rechte Auge wird
geschlossen. Das linke Auge muß nun die Mitte eines Perimeters
107
Dessoir: Das Doppel-Ich, 1 896, S. 29.
1 08
Janet : L'Anesthesie hysterique, 1 892, S. 69.
Z UR PS Y C HOL OGI E OKK U LTE R P HÄNOME NE 237
fixieren, während auf achtzig Grad ein brennendes Streichholz
gehalten wird; es tritt sofort ein hystero-epileptischer Anfall ein.
Trotz der ausgebreiteten Amnesie in vielen Fällen von Doppelbe­
wußtsein benehmen sich die betreffenden Patienten doch nicht
dem Grade ihrer Unkenntnis entsprechend, sondern so, wie wenn
noch ein dunkler Instinkt ihre Handlungen entsprechend ihren
früheren Kenntnissen leitete. Nicht nur diese relativ leichte amne­
stische Spaltung, sondern auch die schwere Amnesie des epilepti­
schen Dämmerzustandes, welche früher für ein irreparabile dam­
num galt, genügt nicht, um die innersten Fäden zu zerschneiden,
welche den Ich-Komplex des Dämmerzustandes an den normalen
knüpfen. Es ist in einem Falle gelungen, den Inhalt des Dämmer­
zustandes dem wachen Ich-Komplex anzugliedern. 1
0
9
Wenden wir diese Erfahrungen auf unseren Fall an, so gelangen
wir zu der erklärenden Annahme, daß die von der Spaltung nicht
erreichten Schichten des Unbewußten unter dem Einfluß entspre­
chender Suggestionen zwar die Einheit der automatischen Persön­
lichkeit darzustellen sich bestreben, daß aber diese Bemühung
scheitert an der tiefer greifenden und elementareren Störung durch
den hysterischen Anfall, 1 1
0
welcher eine vollkommenere Synthese
hindert durch die Angliederung von Assoziationen, die gewisser- ·
maßen ureigenstes Eigentum der oberbewußten Persönlichkeit
sind: Der auftauchende Ivenes-Traum wird den zufällig im Ge­
sichtsfeld befindlichen Figuren in den Mund gelegt und bleibt von
nun an mit diesen Personen assoziiert.
Verhältnis zu den unbewußten Persönlichkeiten
Wie wir gesehen haben, gruppieren sich die zahlreichen Persön­
lichkeiten um zwei Typen, den Großvater und Ulrich von Ger­
benstein. Ersterer produziert ausschließlich Pietistisch-Religiöses,
gibt massenhaft erbauliche Moralvorschriften und so weiter. Letz­
terer ist mit einem Wort ein Backfisch, an welchem außer dem
Namen nichts Männliches ist. Wir müssen an dieser Stelle anamne­
stisch ergänzen, daß die Patientin mit fünfzehn Jahren von einem
streng pietistischen Pfarrer konfirmiert wurde, daß sie auch zu
Hause gelegentlich pietistische Moralpredigten zu hören be-
1 09 Graeter: Ein Fall von epileptischer Amnesie, durch hypnotische Hypermnesie be­
seitigt, 1 899, 5. 1 29.
1 1 ° Karplus sagt: Der hysterische Anfall ist kein rein psychischer Vorgang. Durch die
psychischen Vorgänge wird nur ein präformierter Mechanismus ausgelöst, der an und für
sich nichts mit psychischen Vorgängen zu tun hat (Über Pupillenstarre i m hysterischen
Anfall, 1 898, 5. 52).
238 O KK U LTI S MUS
kommt. Der Großvater repräsentiert diese Seite ihrer Vergangen­
heit, Gerbenstein die andere Hälfte, daher der seltsame Kontrast.
Wir haben also hier die personifizierten Hauptcharaktere der Ver­
gangenheit ; hier der pietistische Zwangserziehungsmensch, dort
die ganze Ausgelassenheit eines oft über das Ziel hinausschießen­
den lebhaften Mädchens von fünfzehn Jahren. 1 1 1 An der Patientin
selber finden wir die beiden Züge in einem sonderbaren Gemisch,
bald ist sie ängstlich, scheu, von übertriebener Zurückhaltung,
bald ausgelassen bis zur Grenze des Zulässigen. Sie empfindet sel­
ber diese Gegensätze oft i n pei nlicher Weise. Dieser Umstand gibt
uns den Schlüssel zum Ursprung der beiden unterbewußten Perso­
nen. Die Patientin sucht offenbar einen Mittelweg zwischen den
beiden Extremen, sie bemüht sich, dieselben zu verdrängen und
nach einem idealeren Zustand zu streben. Dieses Bemühen führt
sie zum Pubertäts-Traume der idealen Ivenes, neben deren Gestalt
die unabgeklärten Seiten ihres Charakters in den Hintergrund tre­
ten. Sie gehen aber nicht verloren, sondern beginnen als verdrängte
Gedanken, analog der Invenes-Idee, ein selbständiges Dasein als
automatische Persönlichkeiten.
Dieses Verhalten erinnert lebhaft an die Traumuntersuchungen
Freuds, welche die selbständigen Vegetationen der verdrängten
Gedanken aufdecken. 1 1 2 Wir begreifen nun auch, warum die hallu­
zinierten Personen von den automatisch schreibenden und spre­
chenden geschieden sind. Erstere belehren Ivenes über die Ge­
heimnisse des Jenseits, sie erzählen ihr alle j ene phantastischen
Geschichten über die Außerordentlichkeit ihrer Person, sie schaf­
fen ihr Situationen, in denen Ivenes dramatisch auftreten kann mit
den Attributen ihrer Macht, ihrer Klugheit und ihrer Tugend. Es
sind nichts anderes als dramatische Spaltungen ihres Traum-Ich.
Letztere aber sind die zu überwindenden, sie sollen eben keinen
Teil haben an lvenes. Sie haben mit den geisterhaften Gefährten
der Ivenes nur den Namen gemeinsam. Es ist a priori nicht zu
erwarten, daß in einem Falle wie dem unsrigen, wo nirgends ganz
scharfe Trennungen existieren, zwei so prägnante charakterologi­
sche Eigentümlichkeiten spurlos aus einem mit dem Wachbe­
wußtsein zusammenhängenden somnambulen Ich-Komplex ver­
schwinden. Tatsächlich begegnen wir denselben zum einen Teil in
j enen ekstatischen Buß-Szenen und zum anderen Teil in j enen von
1 1 1
Diese Objektivation gewisser einheitlicher Assoziationskomplexe wurde literarisch
verwendet von Carl Hauptmann i n seiner dramatischen Dichtung ·Die Bergschmiede•.
Dort ist es sein ganzes besseres Wesen, welches in der unheimlichen Nacht dem Schatz­
gräber halluzinatorisch gegenübertritt.
1
1
2 Freud: Die Traumdeutung, 1900. Vgl. auch Breuer/Freud : Studien über Hysterie,
1 895, s. 1 77 ff.
Z UR PS YC HOL OGI E OKK U LT E R P HÄNOME NE 239
mehr oder weniger banalem Klatsch strotzenden Romanen. Im
ganzen herrscht aber eine bedeutend gemilderte Form vor.
Verlauf
Es bleiben nun noch einige Worte über den Verlauf dieser eigen­
tümlichen Affektion zu sagen übrig. Im Verlauf von ein bis zwei
Monaten erreichte der Prozeß seinen Höhepunkt. Die von Ivenes
und den unterbewußten Persönlichkeiten entworfene Schilderung
paßt im allgemeinen auf diesen Zeitpunkt. Von da an machte sich
ein allmählicher Niedergang bemerkbar, indem die Ekstasen in­
haltlos und die Einflüsse Gerbensteins mächtiger wurden. Die Pla­
stizität der Erscheinungen verflachte immer mehr; es entstand all­
mählich ein unentwirrbares Gemenge der anfangs gut geschiede­
nen Charaktere. Die psychologische Ausbeute wurde immer ge­
ringer, und schließlich erhielt die ganze Geschichte einen exquisit
schwindelhaften Anstrich. Von diesem Niedergang wurde auch
Ivenes schwer betroffen, sie wurde peinlich unsicher, sprach vor­
sichtig tastend und ließ immer unverhüllter den Charakter der
Patientin zutage treten. Auch die somnambulen Attacken nahmen
an Häufigkeit und Intensität ab. Man konnte geradezu alle Stufen
vom Somnambulismus bis zur bewußten Lüge beobachten.
Damit fiel der Vorhang. Die Patientin ist seither ins Ausland
gegangen. Daß ihr Charakter viel angenehmer und stabiler gewor­
den ist, dürfte von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein,
wenn wir uns an die Fälle erinnern, in denen allmählich der etat II
den etat I ersetzte. Vielleicht handelt es si ch hier um ei ne ähnliche
Erscheinung.
Wie bekannt, sind somnambule Erscheinungen gerade in der
Pubertätszeit besonders häufig.
1 1
3 So begann der Somnambulis­
musfall von Dyce1
1
4 unmittelbar vor dem Eintritt der Pubertät und
dauerte genau bis zum Abschluß derselben. Ebenso steht der Som­
nambulismus Helene Smiths in engem Zusammenhang mit der
Pubertät.
1
1 5 Schroeder van der Kolks Patientin ist im Moment
ihrer Erkrankung sechzehn Jahre alt ; Felida X vierzehneinhalb
und so weiter. Wir wissen auch, daß um diese Zeit der zukünftige
Charakter sich ausbildet und fixiert. Im Falle der Felida X und der
Mary Reynolds haben wir gesehen, daß der Charakter des etat II
den des etat I allmählich verdrängt und ersetzt. Es ist daher nicht
undenkbar, daß derartige Doppelbewußtseins-Erscheinungen
1 1 3 Pelman: Über das Verhalten des Gedächtnisses, 1 864, S. 74.
1 1
4
Jessen: Doppeltes Bewußtsein, 1 865, S. 407.
1 1 5 Flournoy: Des Indes a Ia planete Mars, 1900, S. 28.
240 OKKULTI S MUS
nichts anderes sind als Charakterneubildungen oder Durchbruchs­
versuche der zukünftigen Persönlichkeit, die infolge besonderer
Schwierigkeiten (Ungunst äußerer Verhältnisse, psychopathische
Disposition des Nervensystems und so weiter) mit eigentümlichen
Störungen des Bewußtseins verknüpft sind. Unter Umständen er­
halten die Somnambulismen gerade in Ansehung der dem zukünf­
tigen Charakter sich entgegenstellenden Schwierigkeiten eine emi­
nent teleologische Bedeutung, indem sie dem sonst unfehlbar un­
terliegenden Individuum die Mittel zum Siege verleihen. Ich denke
hier vor allem an Jeanne d' Are, deren außerordentlicher Mut leb�
haft an die Taten der Mary Reynolds II erinnert. An dieser Stelle
sei auch auf die ähnliche Bedeutung der »hallucination teleologi­
que<< hingewiesen, von welcher gelegentlich Fälle zur allgemeinen
Kenntnis gelangen, ohne daß sie bis j etzt in wissenschaftlicher
Weise verarbeitet worden wären.
Di e unbewußte Mehrleistung
Wir haben jetzt sämtliche essentielle Erscheinungen, die unser Fall
bietet und die für seinen inneren Aufbau von Bedeutung waren,
besprochen. Es handelt sich nun noch darum, gewisse Begleiter­
scheinungen einer kurzen Besprechung zu unterziehen: Es sind
dies die unbewußten Mehrleistungen. Man begegnet auf diesem
Gebiete einem nicht unberechtigten Skeptizismus seitens der Ver­
treter der Wissenschaft. Schon Dessoirs Auffassung vom zweiten
Ich begegnete vielfachem Widerspruch und wurde von verschiede­
nen Seiten als zu enthusiastisch abgelehnt. Bekanntlich hat sich
vorzu�sweise der Okkultismus dieses Gebietes bemächtigt und
vorzeitige Schlüsse aus zweifelhaften Beobachtungen gezogen.
Wir sind tatsächlich noch weit davon entfernt, irgend etwas Ab­
schließendes sagen zu können, indem noch nirgends ein ausrei­
chendes Material dazu vorhanden ist. Wenn wir daher das Gebiet
der unbewußten Mehrleistung betreten, so geschieht es nur des­
halb, um allen Seiten unseres Falles gerecht zu werden.
Unter unbewußter Mehrleistung verstehen wir denjenigen auto­
matischen Prozeß, dessen Resultat für die bewußte psychische Tä­
tigkeit des betreffenden Individuums nicht erreichbar ist. Hierher
gehört vor allem das Gedankenlesen durch die Bewegungen des
Tisches. Ich weiß nicht, ob es Personen gibt, die mittels induktiver
Schlüsse aus lntentionszitterbewegungen längere Gedankenfolgen
erraten können. Jedenfalls ist sicher, daß, diese Möglichkeit vor­
ausgesetzt, solche Personen über eine durch unermüdliche Übung
erreichte Routine verfügen müssen. Die Routine aber kann für
Z UR PS YCH OL OGI E OK K ULTER P HÄNOME NE 241
unseren Fal l ohne weiteres ausgeschlossen werden, und es bleibt
nichts anderes übrig, als vorderhand eben eine primäre, der be­
wußten um ein Mehrfaches überlegene Empfänglichkeit des Unbe­
wußten anzunehmen. Diese Annahme stützt sich auf zahlreiche
Beobachtungen an Somnambulen. Ich erwähne hier nur die Expe­
rimente Binets,
1 1 6
welcher auf die anästhetische Haut des Han­
drückens oder des Halses kleine Buchstaben oder sonstige Gegen­
stände oder auch kleine komplizierte Reliefs legte und die unbe­
wußten Wahrnehmungen durch Zeichnungen wiedergeben ließ.
Er kommt auf Grund dieser Experimente zu folgendem Schluß:
»D'apres !es calculs que j ' ai pu faire, Ia sensibilite inconsciente
d'une hysterique est a certains moments cinquante fois plus fine
que celle d'une personne normale. << Eine zweite für unseren Fall
und für zahlreiche andere Somnambule in Betracht kommende
Mehrleistung ist derjenige Vorgang, den die Franzosen mit »cryp­
tomnesie<<
1 1 7
bezeichnen. Man versteht darunter das Bewußtwer­
den eines Gedächtnisbildes, welches aber nicht primär als solches
erkannt wird, sondern eventuell erst sekundär auf dem Wege der
nachträglichen Wiedererkennung oder des abstrakten Räsonne­
ments. Charakteristisch für die Kryptomnesie ist, daß das auftau­
chende Bild nicht die Merkmale des Gedächtnisbildes an sich trägt,
das heißt nicht mit dem betreffenden oberbewußten Ich-Komplex
verknüpft ist.
Man unterscheidet im allgemeinen drei Wege, auf denen das
kryptomnestische Bild dem Bewußtsein zugeführt wird:
1 . Das Bild tritt ohne Vermittlung der Sinnessphären (intrapsy­
chisch) ins Bewußtsein. Es ist ein Einfall, dessen Kausalkette dem
betreffenden Individuum verborgen ist. Insofern ist die Kryptom­
nesie ein ganz alltägliches Ereignis und berührt sich mit den nor­
malen psychischen Vorgängen aufs innigste. Wie oft verführt sie
den Forscher, den Schriftsteller oder den Komponisten, an die
Originalität seiner Einfälle zu glauben, und hinterher weist der
Kritiker die Quelle nach! Meist wird die individuell gefaßte Dar­
stellung den Autor vor dem Vorwurf des Plagiates schützen und
seinen guten Glauben beweisen, aber es können doch Fälle vor­
kommen, in denen unbewußterweise wörtlich reproduziert wird.
Enthält der betreffende Passus eine bemerkenswerte Idee, so ist
1 1 6
Binet: Les Alterations, 1 892, S. 1 25. Vgl. auch die hierher gehörigen Angaben
Loewenfelds (Der Hypnotismus, 1901 ).
1 1
7
K
ry
ptomnesie darf nicht mit Hypermnesie verwechselt werden. Mit letzterem Na­
men bezeichnet man die abnorme Schärfung des Vermögens der Wiedererinnerung,
welche die Gedächtnisbilder als solche reproduziert.
242 OKKULTI S MU S
der Verdacht eines mehr oder weniger bewußten Plagiates berech­
tigt, denn eine wichtige Idee ist durch zahlreiche Assoziationen
mit dem Ich-Komplex verbunden; sie wurde zu verschiedenen
Zeiten in verschiedenen Situationen schon überdacht und verfügt
daher über zahlreiche Anknüpfungspunkte nach allen Seiten, so
daß sie nie derart dem Bewußtsein entschwindet, daß ihre Konti­
nuität dem Umfang des bewußten Gedächtnisses könnte verloren­
gehen. Wir haben aber ein Kriterium, durch das wir j ederzeit die
intrapsychische Kryptomnesie auch objektiv erkennen können:
Die krptomnestische Vorstellung ist durch ein Minimum von As­
soziationen an den betrefenden Ich-Komplex geknüpft. Der
Grund liegt im Verhältnis des Individuums zum betreffenden Ge­
genstand, in der Unverhältnismäßigkeit zwischen Interesse und
Objekt. Es sind zwei Möglichkeiten denkbar: a) Das Obj ekt ist
des Interesses wert, aber das Interesse ist infolge Zerstreutheit oder
mangelhaften Verständnisses gering. b) Das Objekt ist des Interes­
ses nicht wert, weshalb das Interesse gering ist. - In beiden Fällen
entsteht eine höchst labile Verbindung mit dem Bewußtsein, wel­
che ein rasches Vergessen zur Folge hat. Die leichte Brücke ist bald
zerstört, und die erworbene Vorstellung versinkt ins Unbewußte,
wo sie dem Bewußtsein nicht mehr zugänglich ist. Tritt sie nun
wieder auf dem Wege der Kryptomnesie vor das Bewußtsein, so
haftet ihr entweder der Charakter der Fremdartigkeit oder der
originellen Schöpfung an, weil der Weg, auf dem sie ins Unterbe­
wußte eintrat, unauffindbar geworden ist. Fremdartigkeit und ori­
ginelle Schöpfung stehen übrigens einander sehr nahe, wenn man
sich an die in der schönen Literatur zahlreich vorhandenen Zeug­
nisse genialer Naturen erinnert. (Besessenheit des Genies. ) 1 1 8 Ab­
gesehen von einzelnen hervorragenden Fällen dieser Art, in denen
es zweifelhaft ist, ob es sich um kryptomnestische oder originelle
Schöpfung handelt, gibt es welche, in denen kryptomnestisch ein
Passus von unwesentlichem Gehalt reproduziert wird, und zwar,
wie in folgendem Beispiel, fast wörtlich genau:
1 1 8
»H
at Jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen Begriff davon,
was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im anderen Falle will ich's beschrei­
ben. - Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der That die
Vorstellung, bloß Inkarnation, bloß Mundstück, bloß medium übermächtiger Gewalten
zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinne, daß plötzlich,
mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen
i m Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man
sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedan­
ke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern, - ich habe nie eine Wahl gehabt.«
(Nietzsche: Ecce homo, 1 91 1 , S. 90. )
Z UR PS YC HOL OGI E O KK U LTE R P HÄNOME NE 243
Also sprach Zarathustra ( . . .
durch den Feuerberg selber
aber führe der schmale Weg ab­
wärts, der zu diesem Thore der
Unterwelt geleite.)
Um j ene Zeit nun, als Zara­
thustra auf den glückseligen In­
seln weilte, geschah es, daß ein
Schiff an der Insel Anker warf,
auf welcher der rauchende Berg
steht; und seine Mannschaft
gieng an's Land, um Kaninchen
zu schießen. Gegen die Stunde
des Mittags aber, da der Capi­
tän und seine Leute wieder bei­
sammen waren, sahen sie plötz­
lich durch die Luft einen Mann
auf sich zukommen, und eine
Stimme sagte deutlich: »es ist
Zeit! Es ist die höchste Zeit!«
Wie die Gestalt ihnen aber am
nächsten war - sie flog aber
schnell gleich einem Schatten
vorbei, in der Richtung, wo der
Feuerberg lag - da erkannten
sie mit größter Bestürzung, daß
es Zarathustra sei ; denn sie hat­
ten ihn Alle schon gesehn, aus­
genommen der Capitän selber
. . . >> Seht mir an! sagte der alte
Steuermann, da fährt Zarathu­
stra zur Hölle! «1 19
Ein Schrecken erweckender
Auszug aus dem Journal des
Schiffes Sphinx vomfahre 1686,
im mittelländischen Meere.
Die vier Capitäne und ein
Kaufmann, Herr Bell, gingen
an das Ufer der Insel Mount
Stromboli, um Kaninchen zu
schießen. Um drei Uhr riefen
sie ihre Leute zusammen, um
an Bord ihrer Schiffe zu gehen,
als sie, zu ihrem unaussprechli­
chen Erstaunen, zwei Männer
erscheinen sahen, die sehr
schnell durch die Luft auf sie
zuschwebten; der eine war
schwarz gekleidet, der andere
hatte graue Kleider an; sie ka­
men nahe bei ihnen vorbei, in
höchster Eile, und stiegen, zu
ihrer größten Bestürzung, mit­
ten in die brennenden Flammen
in den Schlund des schreckli­
chen Vulkans, Mount Strombo­
li, hinab. (Die betreffenden
Leute wurden als Bekannte aus
London erkannt. )1 2
0
Wie mir die Schwester des Dichters, Elisabeth Förster-Nietzsche,
auf meine diesbezügliche Anfrage antwortete, hat Nietzsche, zwi­
schen dem zwölften und fünfzehnten Jahr, bei seinem Großvater
Pastor Oehler in Pobler sich lebhaft mit Kerner beschäftigt, und
später sicher nicht mehr. Es dürfte wohl kaum in der Absicht des
Dichters gelegen haben, ein Plagiat an einem Schiffsj ournal zu
begehen, und wenn dies der Fall gewesen wäre, so hätte er sicher
die höchst prosaische und für die betreffende Situation ganz unwe-
1 19 Nietzsche: Also sprach Zarathustra, 190 1 , S. 1 91 .
12° Kerner: Blätter aus Prevorst, 1 833, S. 57.
244 OKKUL TI S MUS
semliehe Stelle >> Um Kaninchen zu schießen<< weggelassen. Offen­
bar unterschob sich ihm bei der dichterischen Ausmalung der Höl­
lenfahrt Zarathustras halb- oder unbewußt j ener vergessene Ein­
druck aus der Jugend.
An diesem Beispiel sehen wir alle Eigentümlichkeiten der Kryp­
tomnesie : Ein ganz unwesentliches Detail, das nichts anderes als
schleuniges Vergessen verdient, wird plötzlich mit beinahe wörtli­
cher Treue reproduziert, während die Hauptpunkte der Erzählung
i n individueller Weise, man kann nicht sagen abgeändert, sondern
neu geschaffen werden. Um den individuellen Kern, um die Idee
der Höllenfahrt legen sich als malerisches Detail j ene alten, verges­
senen Eindrücke einer ähnlichen Situation. Der betreffende Arti­
kel ist i m übrigen so albern, daß der viellesende Jüngling wahr­
scheinlich flüchtig darüber hinwegging und der Sache j edenfalls
kein tieferes Interesse entgegenbrachte. Wir haben hier das gefor­
derte Minimum assoziativer Verknüpfung, denn es läßt sich nicht
leicht ein größerer Sprung denken, als der von j enem alten, alber­
nen Märchen zu Nietzsches Bewußtsein im Jahre 1 883. Wenn wir
uns Nietzsches Stimmung zur Zeit der Abfassung des >Zarathu­
stra< vergegenwärtigen 1 21 und an di e i n mehr al s einem Punkte dem
Pathologischen sich nähernde Ekstase des Dichters denken, so
wird uns diese abnorme Reminiszens begreiflich erscheinen.
Die andere der oben erwähnten Möglichkeiten: Nämlich die
Aufnahme eines an sich nicht uninteressanten Obj ektes im Zustan­
de der Zerstreutheit oder bei halbem Interesse infolge mangelnden
Verständnisses und dessen kryptomnestische Reproduktion finden
wir hauptsächlich bei Somnambulen, auch als Kuriosa in der schö­
nen Literatur bei Sterbenden. 1 22 Unter der reichen Auswahl dieser
Phänomene kommen für uns hauptsächlich in Betracht das Reden
i n fremden Sprachen, das Symptom der sogenannten Glossolalie.
Wir finden dieses Phänomen überall erwähnt, wo entsprechende
ekstatische Zustände in Frage kommen; im Neuen Testament, in
den Acta Sanctorum, 123 in den Hexenprozessen, in neuerer Zeit bei
der Seherin von Prevorst, bei Judge Edmonds Tochter Laura, dann
bei Flournoys Helene Smith, welche auch in dieser Beziehung in
121
>>
Ei ne Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Thränen­
strom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein
vollkommenes Außersichsein mit dem disrinktesten Bewußtsein einer Unzahl feiner
Schauder und Überrieselungen bis in die Fußzehen; eine Glückstiefe, in der das
Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als heraus­
gefordert, als eine nothwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses . . .M (Ec­
ce homo, 19 1 1 , S. 90.)
122 Eckermann : Gespräche mit Goethe, 1 884, S. 230f.
1 2
3
Vgl . Görres: Die christliche Mystik, 1 836- 1 842.
Z UR PS YCH OL OGI-E O KK U LTE R P HÄNOME NE 245
einzig dastehender Weise untersucht wurde, ferner bei dem Fall
Breslers, 124 der wahrscheinlich mit Pastor Blumhardts1 25 Gottlie­
bin Dittus identisch sein dürfte. Wie Flournoy zeigte, ist die Glos­
solalie, soweit es sich um eine wirklich selbständige Sprache han­
delt, ein kryptomnestisches Phänomen katexochen. Ich verweise
auf die hochinteressanten Ausführungen des genannten Autors. 1 26
Was unseren Fall betrifft, so wurde nur einmal Glossolalie beob­
achtet, bei welcher die einzig verständlichen Worte die eingestreu­
ten Variationen über das Wort >> vena<< waren. Die Quelle dieses
Wortes ist deutlich: Die Patientin hat sich einige Tage zuvor in
einem anatomischen Atlas in das Studium der lateinisch bezeichne­
ten Venen des Gesichtes vertieft und das Wort >> vena« in ihren
Träumen verwendet, wie es auch dem gesunden Menschen gele­
gentlich passiert. Die übrigen Worte und Sätze in fremder Sprache
verraten auf den ersten Blick ihre Abstammung aus dem der Pa­
tientin etwas geläufigen Französisch. Leider fehlen mir die genaue­
ren Übersetzungen der verschiedenen Sätze, weil die Patientin die­
selben nicht geben wollte ; aber wir können annehmen, daß es sich
um ein ähnliches Phänomen handelt wie bei Helene Smiths Mars­
Sprache. Flournoy weist nach, daß die Mars-Sprache nichts ande­
res ist als eine kindliche Übersetzung aus dem Französischen, wo­
bei nur die Worte verändert sind, die Syntax aber völlig die gleiche
ist. Wahrscheinlicher noch als diese Erklärung ist die Annahme,
daß die Patientin einfach sinnlos fremdartig klingende Laute ohne
eigentliche Wortbildung aneinanderreihte, 127 indem sie gewisse
charakteristische Sprachtöne aus dem Französischen und Italieni­
schen entlehnte und sprachähnlich kombinierte, ähnlich wie Hele­
ne Smith die Lücken zwischen den wirklichen Sanskrit-Wörtern
durch sprachähnliche Eigenprodukte füllte. Die fremdartigen Na­
men des mystischen Systems lassen sich zum großen Teil auf be­
kannte Wurzeln zurückführen. Schon die Kreise erinnern lebhaft
an die j edem Schulatlanten beigegebenen Schemata der Planeten­
bahnen; auch die innere Ähnlichkeit mit dem Verhältnis der Plane­
ten zur Sonne ist ziemlich deutlich, wir werden darum nicht fehl­
gehen, wenn wir auch in den Namen Reminiszenzen aus der popu­
lären Astronomie sehen. Auf diese Weise erklären sich etwa die
Namen: Persus, Fenus, Nenus, Sirum, Surus, Fixus und Pix, als
124
Bresler: Culturhistorischer Beitrag zur Hysterie, 1 896, S. 333 ff.
I2
S
Zünde!: rfarrer J . C. Blumhardt, 1 880.
1 26
Flournoy: Des Indes a I a planete Mars, 1900.
127
»
Le baragouin rapide et confus dont on ne peut jamais obtenir Ia signification,
probablement parce qu'il n'en a en effet aucune, et n'est qu'un pseudo-Langage. « (Eben­
da, S. 193. ) "_ analogue au baragouinage par lequel !es enfants se donnent parfois dans
leurs jeux l'illusion qu'ils parlent chinois, indien, ou •sauvage•. • (Ebenda, S. 1 52. )
246 OKK ULTI S MUS
die kindlich umgestalteten Perseus, Venus, Sirius und Fix-Stern
(analog den Variationen von vena). Magnesor erinnert lebhaft an
Magnetismus, dessen mystische Bedeutung die Patientin aus der
>Seherin von Prevorst< kannte. Connesor läßt als Gegensatz zu
Magnesor in seiner Vorsilbe »Con<< das französische »contre<< ver­
muten. Hypos und Hyfonismus erinnern an Hypnose und Hyp­
notismus, über deren Bedeutung in Laienkreisen bekanntlich noch
die abenteuerlichsten Vorstellungen umgehen. Die mehrfach ver­
wendeten Endungen auf »US<< und »OS<< sind diejenigen Merkmale,
an denen in der Regel der Laie den U merschied zwischen Latein
und Griechisch bemerkt. Die übrigen Namen entspringen jeden­
falls ähnlichen Zufälligkeiten, deren Kenntnis sich unserem Wissen
entzieht. Die bescheidene Glossolalie unseres Falles macht natür­
lich nicht den Anspruch eines klassischen Paradigmas der Kryp­
tomnesie, denn dieselbe besteht nur in der unbewußten Verwen­
dung verschiedener teils optischer, teils akustischer Eindrücke, die
alle sehr nahe liegen.
2. Das krptomnestische Bild tritt durch Vermittlung der Sinne (als
Halluzination) ins Bewußtsein. Für diesen Fall liefert wieder Hele­
ne Smith klassische Beispiele. Ich erinnere an den oben berichteten
Fall mit der Ziffer 1 8 . 1 28
3. Das Bild tritt durch Vermittlung des motorischen Automatismus
ins Bewußtsein. Helene Smith hatte eine ihr kostbare Brosche ver­
loren, welche sie ängstlich überall vergebens suchte. Zehn Tage
darauf gab ihr Führer Leopold durch den Tisch die Mitteilung, wo
die Brosche zu finden sei. Sie wurde nach den erhaltenen Angaben
auf freiem Felde bei Nacht von Sand bedeckt gefunden. 129 Streng­
genommen handelt es sich bei der Kryptomnesie nicht um eine
Mehrleistung im eigentlichen Sinne des Wortes, indem das bewuß­
te Gedächtnis keine Steigerung seiner Funktion, sondern bloß eine
Bereicherung seines Inhaltes erfährt. Durch den Automatismus
werden bloß gewisse Gebiete auf indirektem Wege dem Bewußt­
sein zugänglich gemacht, welche demselben vorher verschlossen
waren. Das Unbewußte vollbringt aber deshalb keine Leistung,
welche die Fähigkeiten des Bewußten qualitativ oder quantitativ
überschritte. Die Kryptomnesie ist daher eine bloß scheinbare
Mehrleistung im Gegensatz zur Hypermnesie, welche tatsächlich
eine Funktionserhöhung darstellt. 1 3
0
1 28
Siehe S. 219.
1 19
Flournoy: Des Indes a Ia planete Mars, 1900, S. 378.
1 30
Ei n diesbezüglicher Fal l bei Krafft-Ebing: Lehrbuch der Psychiatrie, 1 879, S. 57f.
Z UR P S YC HOL OGI E OKKULTE R P HÄNOME NE
247
Wir haben oben von einer dem Bewußten überlegenen Emp­
fänglichkeit des Unbewußten gesprochen, hauptsächlich in Hin­
sicht auf die einfachen Gedankenübertragungsversuche mit Zah­
len. Wie schon erwähnt, ist nicht nur unsere Somnambule, son­
dern eine noch verhältnismäßig große Anzahl von Gesunden im­
stande, längere Gedankenfolgen, sofern sie nicht komplizierteren
Charakters sind, aus den Zitterbewegungen zu erraten. Diese Ex­
perimente stellen gewissermaßen das Urphänomen dar zu jenen
selteneren und ungleich erstaunlicheren Fällen intuitiver Erkennt­
nis, welche Somnambule bisweilen zeigen. 1 3
1 Daß derartige Er­
scheinungen nicht bloß an das Gebiet des Somnambulismus ge­
knüpft sind, sondern auch bei nicht somnambulen Personen vor­
kommen, zeigt uns zum Beispiel Zschokke1 32 in seiner Selbst­
schau.
Die Bildung solcher Erkenntnisse scheint auf verschiedenen We­
gen zu erfolgen: Vor allen Dingen kommt die schon erwähnte
Feinheit unbewußter Perzeptionen in Betracht. Sodann ist die
Wichtigkeit der erfahrungsgemäß enormen Suggestibilität der
Somnambulen hervorzuheben. Die Somnambule verkörpert ge­
wissermaßen nicht nur j eden suggestiven Gedanken, sondern lebt
sich auch in die Suggestion par excellence, in die Person ihres
Arztes oder Beobachters ein mit j ener den suggestibeln Hysteri­
schen eigentümlichen Hingabe. Das Verhältnis der Frau Hauffe zu
Kerner ist hierfür ein schönes Beispiel . Daß es in solchen Fällen zu
hochgradiger Assoziationskonkordanz kommt, kann nicht wun­
dernehmen, ein Umstand, den zum Beispiel Riebet in seinen Expe­
rimenten über mentale Gedankenübertragung vielleicht etwas
mehr hätte berücksichtigen dürfen. Endlich gibt es Fälle von som­
nambuler Mehrleistung, welche sich nicht allein durch Hyperäs­
thesie der unbewußten Sinnestätigkeit und Assoziationskonkor­
danz erklären lassen, sondern die Annahme einer hochentwickel­
ten intellektuellen Tätigkeit des Unbewußten voraussetzen. Die
Entzifferung der intendierten Zitterbewegungen erfordert nicht
nur eine außerordentlich sensible, sondern auch eine sensorische
Feinfühligkeit, welche die Kombination der einzelnen Wahrneh­
mungen zu der geschlossenen Einheit des Gedankens ermöglicht ;
wenn wir überhaupt den Erkenntnisprozeß im Gebiete des Unbe­
wußten in Analogie zum Erkenntnisprozeß des Bewußten setzen
dürfen. Es ist j a immerhin die Möglichkeit zu beachten, daß im
1 31
·
Die Einschränkung der associativen Vorgänge und die anhaltende Concentration
der Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Vorstellungsgebiet können auch zur Entwick­
lung neuer Gedanken führen, welche keine Willensanstrengung in wachem Zustande zu
Tage zu fördern vermochte.« (Loewenfeld: Der Hypnotismus, 1 901 , S. 289. )
m Zschokke: Ei ne Selbstschau, 1 843, S. 227 ff.
248 O KKULTI S MUS
Unbewußten Gefühle und Begriffe nicht so reinlich gesondert,
eventuell sogar eins sind. Der intellektuelle Aufschwung, den viele
Somnambule in der Ekstase zeigen, ist eine zwar seltene, aber doch
sicher beobachtete Tatsache, 1 33 und ich möchte das von unserer
Patientin verfaßte Schema eben als eine solche über ihre normale
Intelligenz hinausgehende Mehrleistung bezeichnen. Wir haben
schon gesehen, woher ein Stück j enes Schemas kommen dürfte.
Eine zweite Quelle sind wahrscheinlich die Lebenskreise der Frau
Hauffe, welche in dem betreffenden Buche Kerners abgebildet
sind. Durch diese Anhaltspunkte scheint die äußere Form determi­
niert zu sein. Wie schon i n der Darstellung des Falles bemerkt
wurde, stammt die Idee des Dualismus aus den bruchstückweise
aufgenommenen Gesprächen, denen die Patientin in träumeri­
schem Zustand j eweilen nach ihren Ekstasen beiwohnte.
Damit ist meine Kenntnis der Quellen, aus denen die Patientin
schöpfte, zu Ende. Woher die Grundidee stammt, weiß die Patien­
tin nicht zu sagen. Ich habe natürlich die okkultistische Literatur,
soweit dieselbe in Betracht kam, nach dieser Richtung durchsucht,
und zwar eine Fülle von Parallelen aus verschiedenen Jahrhunder­
ten mit unserem gnotischen System entdeckt, aber zerstreut in
allen möglichen Werken, welche zum größten Teil für die Patien­
tin ganz unzugänglich sind. Überdies ist bei ihrem j ugendlichen
Alter und bei ihrer Umgebung die Möglichkeit zu einem solchen
Studium ganz ausgeschlossen. Eine kurze Überlegung des Systems
an Hand der von der Patientin gegebenen Erklärungen zeigt, wie­
viel Geist auf die Konstruktion verwendet wurde. Wie hoch die
intellektuelle Leistung eingeschätzt werden soll, bleibt Ge­
schmackssache. Auf j eden Fall aber muß dieselbe in Anbetracht
des j ugendlichen Alters und der Geistesverfassung der Patientin als
eine ganz außergewöhnliche taxiert werden.
Schlußwort
Ich bin weit davon entfernt zu glauben, daß mit dieser Arbeit
irgendein abschließendes und wissenschaftlich befriedigendes Re­
sultat erreicht ist. Mein Bestreben ging vor allem dahin, entgegen
der öffentlichen Meinung, welche für die sogenannten okkulten
Phänomene nichts als ein geringschätziges Lächeln hat, die zahlrei-
" Gilles de la Taurette sagt: »Wir haben somnambule, arme, ungebildete, im Wachen
sehr unbegabte Mädchen gesehen, deren ganzes Auftreten sich änderte, sobald sie einge­
schläfert waren. Vorher waren sie langweilig und jetzt sind sie lebhaft und angeregt,
manchmal sogar geistreich.« (Zitiert in Loewenfeld: Der Hypnotismus, 1901 , S. 1 32. )
Z UR PS YC HOL OGI E O KK ULT E R P HÄNOME NE 249
chen Verknüpfungen derselben mit dem Erfahrungsgebiete des
Arztes und der Psychologie darzustellen und auf die zahlreichen
wichtigen Fragen hinzuweisen, welche dieses unerforschte Gebiet
noch für uns birgt. Den Anstoß zu dieser Arbeit gab mir die
Überzeugung, daß auf diesem Gebiete eine reiche Ernte für die
Erfahrungspsychologie reift, und das Bewußtsein, daß unsere
deutsche Wissenschaft sich noch viel zu wenig dieser Probleme
annimmt. Letzterer Grund gab mir auch Veranlassung, die Erörte­
rung eines Somnambulismusfalles aus dem rein pathologischen
Gebiet vorauszuschicken, um im allgemeinen über die Stellung der
Somnambulen zur Pathologie zu orientieren. In diesem Sinne hof­
fe ich, daß meine Arbeit mit dazu beitragen werde, der Wissen­
schaft einen Weg zur fortschreitenden Aufklärung und Assimila­
tion der noch viel umstrittenen Psychologie des Unbewußten zu
bahnen.
Bibliographie der genannten Werke
Verweise auf Werke C. G. Jungs beziehen sich in der Regel auf die Ausgabe
,Gesammelte Werke, (siehe dazu die Übersicht der Ausgabe >Gesammelte
Werke, von C. G. Jung, S. 260-264) mit Bandzahl und Absatzzählung (§).
Bi bl iographische Hi nwei se auf Werke C. G. Jungs, die ni cht i n den >Gesam­
melten Werken< enthalten sind, finden sich in der folgenden Bi bliographie der
genannten Werke.
Abegg, Lily: Ostasien denkt anders. Versuch einer Analyse des west-östlichen
Gegensatzes. Zürich 1 949.
Aegidius de Vadi s : Dialogus i nter naturam et fi l i um philosophiae. In : Thea­
trum chemicum. Band 2. Ursel und Strassburg 1 602. S. 95- 1 23.
Agrippa von Nettesheim, Heinrich Cornelius : De occulta philosophia libri
tres. Köln 1 533.
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Di e mit '' gekennzeichneten Texte sind enthalten in der C. G. Jung-Taschenbuchausgabe,
Deutscher Taschenbuch Verlag, München. (""'' " Auszüge.)
1. Band ( 1966, 3. Auf!. 1 98 1 ) : Psychiatrische Studien
Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene ( 1 902)''·
Über hysterisches Verlesen (1904)
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Ein kurzer Überblick über die Komplexlehre ( 19 1 1 )
Zu r psychologischen Tatbestandsdiagnostik ( 1 937)
3. Band ( 1 968, 3. Auf!. 1985) : Psychogenese der Geisteskrankheiten
Über die Psychologie der Dementia praecox ( 1907)
Der Inhalt der Psychose ( 1908)
Kritik über E. Bleuler: Zur Theorie des schizophrenen Negativismus ( 1 91 1 )
Über di e Bedeutung des Unbewußten i n de r Psychopathologie ( 1 91 4)
Über das Problem der Psychogenese bei Geisteskrankheiten ( 1 919)
Geisteskrankheit und Seele ( 1928)
Über die Psychogenese der Schizophrenie ( 1939)
Neuere Betrachtungen der Schizophrenie ( 1956)
Die Schizophrenie ( 1 958)
ÜB E RS I CHT DE R AUS GAB E > GES AMMELTE WE RKE <
4. Band ( 1969, 3 . Aufl. 1985): Freud und die Psychoanalyse
Die Hysterielehre Freuds ( 1906)
Die Freudsche Hysterietheorie ( 1 908)
Die Traumanalyse ( 1909)
Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes ( 1 91 0)
Ein Beitrag zur Kenntnis des Zahlentraumes ( 191 0)
Morton Prince ·The Mechanism and Interpretation of Dreams• ( 1 91 1 )
Zur Kritik über Psychoanalyse ( 191 0)
Zur Psychoanalyse ( 191 2)
Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie ( 1 91 3)
Allgemeine Aspekte der Psychoanalyse ( 1 91 3)
Über Psychoanalyse ( 191 6)
Psychotherapeutische Zeitfragen (Briefwechsel mit R. Loy) (191 4)
Vorreden zu •Collected Papers on Analytical Psychology• ( 191 6)
Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen (1909)
Einführung zu W. M. Kranefeldt •Die Psychoanalyse• ( 1 930)
Der Gegensatz Freud und Jung ( 1929, 1969)''
5. Band ( 1 973, 5. Aufl. 1988) : Symbole der Wandlung ( 1952)
(Neubearbeitung von •Wandlungen und Symbole der Libido•, 191 2'')
6. Band ( 1960, 1 5. Aufl. 1986) : Psychologische Typen ( 1921 )'"'
7. Band ( 1964, 4. Aufl. 1989): Zwei Schriften über die analytische Psychologie
Über die Psychologie des Unbewußten ( 1 943, 1966)
Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten ( 1928, 1966)''
261
Anhang: Neue Bahnen der Psychologie ( 1 91 2), Die Struktur des Unbewußten ( 191 6)
8. Band ( 1967, 1 5. Aufl. 1987) : Die Dynamik des Unbewußten
Über die Energetik der Seele ( 1928)
Die transzendente Funktion ( 191 6)
Allgemeines zur Komplextheorie (1934)
Die Bedeutung von Konstitution und Vererbung für die Psychologie ( 1929)
Psychologische Determinanten des menschlichen Verhaltens ( 1936)
Instinkt und Unbewußtes ( 1 928)
Die Struktur der Seele ( 1928)''
Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen ( 1 947)
Allgemeine Gesichtspunkte zur Psychologie des Traumes ( 1928)'''
Vom Wesen der Träume (1945)""
Die psychologischen Grundlagen des Geisterglaubens ( 1928)'
'
Geist und Leben ( 1 926)''
Das Grundproblem der gegenwärtigen Psychologie ( 1931 )''
Analytische Psychologie und Weltanschauung ( 1 931 ) ''
Wirklichkeit und Überwirklichkeit ( 1933)
Die Lebenswende (1931 )''
Seele und Tod ( 1 934)"
Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge ( 1 952)"
Über Synchronizität ( 1952)
9/l. Band ( 1976, 6. Aufl. 1985): Die Archetypen und das kollektive Unbewußte
Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten ( 1 935)''·
Der Begriff des kollektiven Unbewußten (1936)''
Über den Archetypus mit besonderer Berücksichtigung des Animabegriffes ( 1936) ''·
Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus ( 1939)''
262 Ü B E RS I CHT DE R AUS GAB E > GES AMMELTE WERKE<
Über Wiedergeburt (1940)
Zur Psychologie des Kindarchetypus (1940)*
Zum psychologischen Aspekt der Korefigur (1941 ) *
Zur Phänomenologie des Geistes i m Märchen (1946)
Zur Psychologie der Tricksterfigur ( 1954)''
Bewußtsein, Unbewußtes und Individuation (1939)
Zur Empirie des Individuationsprozesses ( 1 934)
Über Mandalasymbolik ( 1938)
Mandalas ( 1955)
9/ll. Band ( 1976, 6. Auf!. 1985): Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst (1951 )
Das Ich
Der Schatten
Die Syzygie: Anima und Aniinus
Das Selbst
Christus, ein Symbol des Selbst
Das Zeichen der Fische
Die Prophezeiung des Nostradamus
Über die geschichtliche Bedeutung des Fisches
Die Ambivalenz des Fischsymbols
Der Fisch in der Alchemie
Die alchemistische Deutung des Fisches
Allgemeines zur Psychologie der christlich-alchemistischen Symbolik
Gnostische Symbole des Selbst
Die Struktur und Dynamik des Selbst
Schlußwort
10. Band ( 1974, 3. Auf!. 1986) : Zivilisation im Übergang
Über das Unbewußte ( 1 91 8)
Seele und Erde ( 1931 )""
Der archaische Mensch ( 1931 )
Das Seelenproblem des modernen Menschen ( 1928)''
Das Liebesproblem des Studenten (1928)
Die Frau in Europa (1927, 1965)
Die Bedeutung der Psychologie für die Gegenwart (1933)''
Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie (1934)
Vorwort zu •Aufsätze zur Zeitgeschichte< ( 1946)
Wotan ( 1936)
Nach der Katastrophe ( 1945)
Der Kampf mit dem Schatten ( 1946)
Nachwort zu •Aufsätze zur Zeitgeschichte< ( 1 946)
Gegenwart und Zukunft (1957)
Ein moderner Mythus: Von Dingen, die am Himmel gesehen werden ( 1958)
Das Gewissen in psychologischer Sicht ( 1958)
Gut und Böse in der analytischen Psychologie (1959)
Vorrede zu: Toni Wolff •Studien zu C. G. Jungs Psychologie< ( 1959)
Die Bedeutung der schweizerischen Linie im Spektrum Europas (1928)
Der Aufgang einer neuen Welt ( 1930)
Ein neues Buch von Keyserling •La Revolution mondiale et Ia responsabilite de
l'esprit< ( 1934)
Komplikationen der amerikanischen Psychologie ( 1930)
Die träumende Welt Indiens ( 1939)
Was Indien uns lehren kann ( 1939)
Verschiedenes (Neun kurze Beiträge 1933-1938)
ÜB E RS I CHT DE R AUS GABE > G ES AMMELTE WE RKE <
I I . Band ( 1963, 5 . Auf!. 1988): Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion
Psychologie und Religion (1 940)''
Versuch einer psychologischen Deutung des Trinitätsdogmas (1942)
Das Wandlungssymbol in der Messe (1942)''
Geleitwort zu Victor Withe: Gou und das Unbewußte (1952)
Vorrede zu Zwi Werblowsky: Lucifer und Prometheus ( 1952)
Bruder Klaus ( 1933)
Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge ( 1 932)"·
Psychoanalyse und Seelsorge ( 1928)''
Antwort auf Hiob ( 1952)''
263
Psychologischer Kommentar zu: Das tibetische Buch der großen Befreiung ( 1 955)
Psychologischer Kommentar zum Bardo Thödol (1935)
Yoga und der Westen ( 1936)
Vorwort zu Daisetz Teitaro Suzuki: Die große Befreiung (1939)
Zur Psychologie östlicher Meditation (1943)
Über den indischen Heiligen. Einführung zu Heinrich Zimmer: Der Weg zum Selbst
(1 944)
Vorwort zum I Ging (1950)
1 2. Band ( 1972, 5. Auf!. 1987) : Psychologie und Alchemie (1 944)''*
1 3. Band ( 1978, 2. Auf!. 1982) : Studien über alchemistische Vorstellungen
Kommentar zu •Das Geheimnis der goldenen Blüte< (1929)
Die Visionen des Zosimos (1938)
Paracelsus als geistige Erscheinung (1942)
Der Geist Mercurius ( 1943)
Der philosophische Baum ( 1945)
1 4/1 . Band (1968, 4. Auf!. 1984): Mysterium Coniunctionis (1955)
Die Komponenten der Coniunctio
Die Paradoxa
Die Personifikationen der Gegensätze
14/11. Band ( 1968, 4. Auf!. 1984) : Mysterium Coniunctionis ( 1955)
Rex und Regina
Adam und Eva
Die Konjunktion
1 4/1 1 1 . Band (1971 , 3. Auf!. 1984): Mysterium Coniunctionis, Ergänzungsband
(Herausgegeben und kommentiert von Marie-Louise von Franz)
Aurora Consurgens
1 5. Band (1 971 , 4. Auf!. 1984): Über das Phänomen des Geistes in Kunst und
Wissenschaft
Paracelsus ( 1929)"
Paracelsus als Arzt ( 1 941 )
Sigmund Freud als kulturhistorische Erscheinung (1 932)''
Sigmund Freud ( 1939)
Zum Gedächtnis Richard Wilhelms ( 1930)
Über die Beziehung der Analytischen Psychologie zum dichterischen Kunstwerk
(1922)''
Psychologie und Dichtung (1930)
·Uiysses< (1932)''
Picasso (1932)''
264 Ü B E RS I C HT DE R AUS GAB E > G ES AMMELTE WERKE<
16. Band ( 1958, 4 . Auf!. 1984) : Praxis der Psychotherapie
Grundsätzliches zur praktischen Psychotherapie ( 1935)
Was ist Psychotherapie? (1935)
Einige Aspekte der modernen Psychotherapie (1930)
Ziele der Psychotherapie ( 1929)''
Die Probleme der modernen Psychotherapie (1929)''
Psychotherapie und Weltanschauung {1943)
Medizin und Psychotherapie ( 1945)
Die Psychotherapie in der Gegenwart (1945)
Grundfragen der Psychotherapie ( 1951 )
Der therapeutische Weg des Abreagierens (1921 )
Die praktische Verwendbarkeit der Traumanalyse (1934)''
Die Psychologie der Übertragung (1946)''
1 7. Band ( 1972, 5. Auf!. 1985): Über die Entwicklung der Persönlichkeit
Über Konflikte der kindlichen Seele (1910)
Einführung zu Frances G. Wickes •Analyse der Kinderseele< (1931 )
Die Bedeutung der Analytischen Psychologie für die Erziehung { 1923)
Analytische Psychologie und Erziehung { 1926)
Der Begabte ( 194 3)
Di e Bedeutung des Unbewußten für die individuelle Erziehung (1928)
Vom Werden der Persönlichkeit ( 1934)''·
Die Ehe als psychologische Beziehung {1925)''
1 8/1. Band (1981 ) : Das symbolische Leben
Über Grundlagen der analytischen Psychologie ( 1935)
Symbole und Traumdeutung {1961 )''
Das symbolische Leben {1939)
Ergänzungen zu GW I, 3, 4''*
1 8/11. Band (1981 ) : Das symbolische Leben*''
Ergänzungen zu GW 5, 7-1 7
1 9. Band {1983): Bibli<graphie
Die veröffentlichten Schriften von C. G. Jung (Original werke und Übersetzungen)
Die Gesammelten Werke von C. G. Jung
Die Seminare von C. G. Jung
20. Band: Gesamtregister
(noch nicht erschienen)
Supplementband (1987): Kinderträume
(Herausgegeben von Lorenz Jung und Maria Meyer-Grass)
Vorlesungen 1936-1941
Namenregister
Abegg, Lily 68
Agrippa von Nettesheim 71-74
Aegidius de Vadis 74
Aksakow, Alexander N. 127
Albertus Magnus 36f.
Ammianus Marcellinus 1 30
Aristoteles 75
Augustinus, Aurelius 96
Avicenna 36
Azam, Charles Marie Etienne-Eugene
1 72, 224
Baetz, E. von 232
Bain, Alexander 21 3
Ballet, Gilbert 1 33, 21 3, 228
Behr, Albert 228
Beringer, K. 85
Bernardus Trevisanus 92
Binet, Alfred 1 66, 1 73, 1 75, 207, 209 f.,
2 1 S ff., 229f., 241
Bleuler, Eugen 1 47, 1 68, 1 77
Böhme, 1acob 75
Boeteau, M. 1 72
Bohn, Wolfgang 227
Bohr, Niels 69
Bonamaison, L. 232
Bourru H. 224
Brentano, Bettina 231
Bresler, 1ohann 245
Breuer,1oseph 238
Burot, P. 224
Burt, 2 1
Butler, Samuel 73
Camuset, Louis 224
Capron, E. W. 1 27
Cardanus, Hieronymus 43, 220
Cassini, 1 acques Dominique (Comte de
Thury) 1 30
Cellini, Benvenuto 221
Charcot,1ean Martin 1 71 , 21 2
Chevreul, Michel Eugene 209
Chladni, E. F. F. 1 42
Crookes, Sir William 1 09, 1 33ff., 1 41 f. ,
1 47, 198
Cullerre, Alexandre 1 70
Dahns, Fritz 26
Dalcq, Albert-M. 90
Dariex, Xavier 19
Delbrück, Anton 227, 229
Dessoir, Max 236, 240
Diehl, August 1 77
Dieterich, Albrecht 71
Dirac, P. A. M. 91
Donath, 1 ulius 223
Dorneus, Gerard us 92
Drews, Arthur 70
Driesch, Hans 26, 72
Dschuang Dsi 65, 68
Dunne,1ohn William 3 1
Eckermann, Johann Peter 37, 244
Emminghaus, H. 223
Erler, 1 70, 228
Fere, - 1 75, 21 6
Ficin us, Marsili us 72
Fierz, Markus 58 f. , 8 1 , 99
Flambart, Paul 42
Flammarion, Camille 19, 1 47
Flaubert, Gustave 232
Flournoy, Theodore 21 6, 219, 221 f., 226,
229, 232, 234, 239, 244 ff.
Fludd, Robert 42, 92
Förster-Nietzsche, Elisabeth 243
Fordham, Michael l OS
Fore!, August 227
Franz, Marie-Louise von 76, 79, 92
Freud, Sigmund 1 42, 21 8, 230, 238
Frey-Rohn, Liliane 1 0, 56, 76
Frisch, Kar! von 88 f.
Galilei, Galileo 38
Gauß, Kar! Friedrich 81
Geddes, Sir Auckland 87
Geulincx, Arnold 37, 77, 83
Gley, M. E. E. 209
Görres, Johann1osef von 1 28, 228, 244
Goethe, 1ohann Wolfgang von 37, 43, 1 5 1 ,
1 75, 198, 220, 231
Goldeney, K. M. 95
Graeter, Carl 237
Granet, Marcel 68
Greenwood, J. A. 20
Grimm, 1 acob 96
Guinon, Georges 1 71 , 1 73, 207
Gurney, Edmund 19, 38, 1 30
266
Hagen, F. W. 2 1 7, 220f., 232
Hardy, A. C. 73, 90
Hauptmann, Carl 238
Hecker, Just. Friedrich Carl 220, 222
Hilarius 1 30
Hippakrates 69, 71
Höfelt, J . A. 223
Hoffmann, E. T. A. 74, 162
Humphrey, Betty M. 22
Hutchinson, G. E. 95
Isidor von Sevilla 41
J acobi, Kar! 80
Jaffe, Aniela 74, 1 45, 1 62
James, William 1 72f. , 222
Janet, Pierre 206, 21 2, 21 4f. , 224, 226, 229,
23 1 , 236
Jantz, Huben 85
Jeanne d' Arc 1 33, 221 , 240
Jeans, Sir J ames 90 f.
J essen, Peter Willers 239
Jordan, Pascual 38
Karplus, ]. P. 237
Kammerer, Paul 1 3, 24
Kant, l mmanuel 1 8, 62, 131 ff., 1 5 1 , 201
Kardec, Allan 1 39
Kepler, Johannes 75 f., 82, 92
Kerner, Justinus 1 28, 1 30, 1 88, 195, 205,
227, 243, 247f.
Khunrath, Heinrich 92
Kloeckler, H. von 42
Knobloch, Charlotte von 1 3 1
Knoll, Max 46
Krämer, Augustin Friedrich 25
Krafft, K. -E. 46
Krafft-Ebing, Richard von 1 32, 1 70, 246
Kronecker, Leopold 8 1
Künkel, Fritz 1 25, 1 45
Ladd, George Trumbull 220
Lao-Tse 66
Legrand du Saulle, Henri 224
Lehmann, Alfred 209f., 234
Leibniz, Gottfried Wilhelm 71 , 76-79,
83 f.
Lindau, Paul 224
Lodge, Sir Oliver 147
Loewenfeld, Leopold 1 71 , 232 ff., 241 ,
247f.
Ludwig XVIII. 1 33
Macario, M. M. A. 222
Macdonell, A. A. 96
MacNish, Roben 1 73
NAMENREGI S TER
Maier, Michael 92
Maury, Louis Ferdinand Alfred 220
McConnell, Roben A. 23
Meier, Carl Alfred 79, 1 1 8
Mesmer, Franz Anton 1 29, 232
Mesnet, Ernest 1 73 f.
Mitchell, Weir 222
Mörchen, Friedrich 1 77
Moll, Albert 224
Moser, Fanny 1 50, 1 53, 1 61
Müller, Johannes 220
Myers, Frederic W. H. 19, 38, 1 09, 1 30,
21 3 f.
Naef, Max 1 71 , 1 74
Napoleon I. 196
Napoleon III. 1 33
Nelken, Jan 1 1 8
Nietzsche, Friedrich 242 ff.
Origenes 96
Paracelsus, Theophrastus 74
Patricius 1 30
Pauli, Wolfgang 23, 69, 77, 92
Paulus l ! S f. , 1 32
Pelman, Carl 1 76, 239
Philo J udaeus 34, 69
Pick, Arnold 1 76, 227 f.
Pico della Mirandola, Giovanni 70 f.
Platon 68
Plotin 70
Podmore, Frank 19, 38, 1 30
Preyer, W. 2\ 0ff.
Prince, Monon 224
Prosperus Aquitanus 96
Prau, J. G. 20
Proust, A. A. 1 72
Ptolemaeus 4 3, I 00
Quicherat, J ules 221
Quintilian 1 5 1
Redlich, Johann 228 f.
Rhine, J. B. 20-23, 28 f., 33, 35, 59, 61 , 63,
79, 94, 1 01 , 1 46
Ribot, Theodule Armand 224 f.
Richer, Paul 1 70
Richet, Alfred 1 47
Richet, Charles 19, 208f., 247
Rieger, Conrad 224
SauJus siehe Paulus
Schiaparelli, Giovanni 147
Schiller, Friedrich 80
NAME NRE GI S TER
Schmiedler, G. R. 59
Scholz, Wilhelm von 19
Schopenhauer, Artbur 1 6ff., 71, 77, 84,
95, 128
Schroeder van der Kolk, Jacobus L. C.
223, 239
Schüle, Heinrich 220
Silberer, Herbert 20
Smith, B. M. 20
Soal, S. G. 95
Speiser, Andreas 66, 93
Spinoza, Baruch 220
Steffens, Paul 1 65
Stekel, Wilhelm 1 6
Stern, William 142
Stuart, Ch. E. 20
Swedenborg, Emanuel 62, 64, 1 28, 1 3 1 ,
1 33, 198, 203, 221
Synesius 72
Theophrast 70
Thorndike, Lynn 42
Thury siehe Cassini
Tourette, Gilles de Ia 248
Tyrrell , G. N. M. 20, 23, 87, 146
Usher, 21
Valens ( Kaiser) 1 30
Vulpius, Christiane 43
Wallace, A. R. 1 09
Westphal, C. 1 76
Weyl, Hermann 81
White, Seewart Edward 1 24f. , 1 45 ff.
Wilhelm, Richard 41 , 65 ff.
Winslow, Benignus Forbes 1 72
Woltke, Sophie 1 73, 207
Wu, Lu-Ch'iang 65
Zell er, Ed uard 70
Zöllner, ]. K. F. 1 09, 147
Zeroaster 72
267
Zosimos von Panopolis 71
Zschokke,Johann Heinrich Daniel 247
Zünde!, Friedrich 245
36 XIX. PychO/9. Stnts
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unzählige Filme an, di e von glücklichen oder unglück-
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