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Ralf Stöhr

Die chemischen Kampfstoffe


Eigenschaften, Wirkung,
Schutzmöglichkeiten
und Entgiftung

Deutscher Militärverlag • Berlin 1961


Vorwort

Durch die Entwicklung der Kernwaffen mit ihrer wesent-


lich größeren Vernichtungswirkung gegenüber den kon-
ventionellen Waffen sind viele Menschen zu der Auffassung
gekommen, daß die im 1. Weltkrieg so gefürchtete che-
mische Waffe ihre Bedeutung verloren habe. Sie fühlen
sich in ihrer Meinung noch bestärkt durch die Tatsache,
daß im 2. Weltkrieg keine chemischen Kampfstoffe an-
gewendet wurden. All diese Leute unterliegen einem ver-
hängnisvollen Irrtum, denn die Tatsachen beweisen das
Gegenteil. Es wird später noch zu sagen sein, warum im
vergangenen Weltkrieg die chemischen Granaten und
Bomben in den Depots liegenblieben und der Menschheit,
die in diesen Jahren ohnehin aufs schwerste geprüft
wurde, die Geißel des chemischen Krieges erspart blieb.
Soviel kann aber schon hier gesagt werden: Es geschah
dies keinesfalls etwa deswegen, weil die chemischen
Kampfstoffe vielleicht ihre militärische Bedeutung ein-
gebüßt hätten. Im Gegenteil. Es hat in der militär-
chemischen Forschung seit dem 1. Weltkrieg keinen Still-
stand gegeben. In den Jahren der totalen Aufrüstung zum
2. Weltkrieg wurde mit geradezu hektischer Eile an der
Entwicklung immer neuer und wirksamerer Kampfstoffe
gearbeitet. Auch nach 1945 riß diese Entwicklung nicht
ab. Es ist das zweifelhafte Verdienst der Westmächte,
insbesondere der USA, gerade in den letzten Jahren die
Weltöffentlichkeit mit Mitteilungen über neue chemische
Kampfstoffe stark beunruhigt zu haben. Es gibt keinen
1.-5. Tausend Grund für die Annahme, die imperialistischen Mächte
Deutscher Militärverlag • Lizenz Nr. 5 würden im Kriegsfall auf den Einsatz dieser Gifte ver-
Schutzumschlag: Hartwig Hoeftmann zichten, wenn auch der breiten Öffentlichkeit die Gefahr
Zeichnungen: Heinz Schweig • Lektor: Dieter Peißker eines chemischen Krieges nicht so akut zu sein scheint
Korrektor: Horst Hartmann • Hersteller: Werner Briege
wie die einer Auseinandersetzung mit atomaren Waffen.
1151 Satz und Druck: VEB Landesdruckerei Sachsen

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Die Westmächte selbst aber machen gar kein Geheimnis Die vorliegende Schrift soll einen allgemeinen Überblick
aus ihrer Absicht, in einem zukünftigen Krieg chemische über das Gebiet der chemischen Kampfstoffe geben und
Kampfstoffe einzusetzen. Ja, sie versuchen sogar, den den Lesern einige Kenntnisse der Militärchemie ver-
Völkern einen Krieg mit chemischen Kampfstoffen als mitteln. Für ein tieferes Studium werden einige Hinweise
human gegenüber einem Atomkrieg hinzustellen. Die auf die Fachliteratur gegeben. Die Beschreibungen der
Wahrheit ist, daß die Imperialisten sowohl die atomaren einzelnen Kampfstoffe erheben nicht den Anspruch, voll-
als auch die chemischen — und darüber hinaus auch die ständig zu sein, sie sind unter Zuhilfenahme der bisher
biologischen — Waffen einzusetzen beabsichtigen, weil veröffentlichten Literatur zusammengestellt worden. Da
diese Waffen ja qualitativ verschieden sind und jede es notwendig war, dabei einige naturwissenschaftliche
für den imperialistischen Aggressor ihre „Vorzüge" und Gesetze und Grundbegriffe vorauszusetzen, sind dem
„Nachteile" hat, weil alle sich gegenseitig wirksam er- Hauptteil einige entsprechende Erläuterungen voraus-
gänzen. geschickt worden. Auch für diese Erläuterungen gilt, daß
Es gibt in militärischen Kreisen keinen Zweifel darüber, für ein eingehenderes Studium die Fachbücher, besonders
daß ein Krieg unter diesen Bedingungen beiderseits die zahlreich verbreiteten Einführungen und Lehrbücher
sowohl von den Angehörigen der bewaffneten Kräfte als der Chemie, herangezogen werden müssen.
auch von der Zivilbevölkerung ungeheure Leistungen und Die Schrift hat nicht nur den Zweck, die wichtigsten
Anstrengungen erfordert. Die häufigen Aggressions- Eigenarten der chemischen Waffe zu erläutern. Sie soll
drohungen und die aktiven Kriegsvorbereitungen der auch die Gefahren aufzeigen, die durch die Anwendung
Imperialisten zwingen deshalb die sozialistischen Staaten, dieser Mittel für die Menschen entstehen.
die Arbeiten der imperialistischen Mächte auf diesen Ge- Wie groß die Empörung der friedliebenden Menschen über
bieten aufmerksam zu verfolgen und selbst geeignete das von den Imperialisten ausgelöste Wettrüsten beson-
Maßnahmen einzuleiten, um sowohl für die bewaffneten ders auf dem Gebiete der Massenvernichtungswaffen ist,
Kräfte als auch für die Zivilbevölkerung den Schutz vor zeigen die vielen Proteste aus allen Bevölkerungskreisen.
den Wirkungen der Massenvernichtungswaffen zu organi- Diese Proteste, die in den letzten Jahren in zunehmendem
sieren. Es wäre ein ernster Fehler, wenn man angesichts Maße auch von vielen berühmten Wissenschaftlern, Ärz-
der hochmodernen chemischen Kampfstoffe den Schutz ten und real denkenden Politikern der kapitalistischen
vor dieser Art Massenvernichtungswaffen vernachlässigen Staaten unterstützt oder verfaßt wurden, haben nicht
würde. Die Nationale Volksarmee sowie die zivilen zuletzt dazu beigetragen, daß die imperialistischen Kreise
Schutzorganisationen der Deutschen Demokratischen davor zurückschreckten, diese Waffen in den von ihnen
Republik müssen aus diesem Grunde entsprechend aus- entfesselten Kriegen gegen die sich befreienden Kolonial-
gerüstet und ausgebildet werden. Die Erfahrungen des völker anzuwenden. Die beste Unterstützung des Kampfes
letzten Krieges haben recht eindeutig bewiesen, wie für das Verbot der Massenvernichtungswaffen gibt die
wichtig die Aufklärung über die Wirkungsweise einer Sowjetunion, die auf allen internationalen Konferenzen
neuartigen Waffe und über die Schutzmöglichkeiten ist. immer wieder beharrlich und konsequent das Verbot der

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Massenvernichtungswaffen und die allgemeine und voll- 1. Die Entwicklung der chemischen Kriegführung
ständige Abrüstung fordert. So betonte der Minister-
präsident der Sowjetunion, N. S. Chruschtschow, in sei- Chemische Kampfstoffe sind keine Erfindung des 20. Jahr-
nem Begrüßungsschreiben an die im August 1959 in dem hunderts. Bereits in alten chinesischen Schriften finden
kanadischen Städtchen Pugwash tagende Wissenschaft- sich Hinweise, daß zur Erstürmung befestigter Ortschaf-
lerkonferenz, die sich mit den Gefahren der chemischen ten Pech- und Schwefelkörper angewendet wurden. Die
und biologischen Kriegführung beschäftigte, die Sowjet- Spartaner gebrauchten im Peloponnesischen Krieg vor
union sei der Auffassung, daß die Verwendung chemischer Platäa 431 bis 404 v. d. Z. Schwefelbrandkörper, die große
und bakteriologischer Waffen nicht weniger furchtbare Mengen Schwefeldioxyd entwickelten. Bereits 600 v. d. Z.
Konsequenzen habe als die Verwendung von Kernwaffen. war das griechische Feuer bekannt, eine Mischung aus
Die Sowjetunion unterstütze deshalb nachdrücklich ein Petroleum, Harzen, Pech und Schwefel, die zum Tränken
Verbot aller Massenvernichtungsmittel, deren Anwendung von Werg diente.
gegen die menschlichen Grundsätze und das Gewissen der Auch aus dem Mittelalter gibt es viele Empfehlungen für
Völker verstoße. den Einsatz giftiger Stoffe.
Der bekannte Chemiker Glauber konstruierte Geschosse,
die in getrennten Kammern Salpetersäure und Terpen-
tinöl enthielten. Sie entwickelten bei der Detonation
starken Rauch und konnten dazu dienen, den Gegner
auszuräuchern. Eine Zeichnung von einer Brand-Hand-
granate, genannt Fewer-Ballen, befindet sich in der
Praxis Artilloriae pyrotechnicae, erschienen 1660 in
Osnabrück. Diese Wurfkörper waren mit Arsen, Antimon
und Schwefel gefüllt.
Der Arzt Fioravanti von Bononia erzeugte durch Destil-
lation einer Mischung aus Terpentin, Menschenkot.
Schwefel und Blut ein 01, das einen derartigen Gestank
verbreitete, daß ihn kein Mensch ertragen konnte.
Um 1750 schlug der österreichische Ritter Veit Wulf von
Senftenberg vor, zum Kampf gegen die Türken Arsenik-
rauchkugeln zu verwenden. Diese Kugeln sollten ins
feindliche Lager geschleudert werden, und die bei der
Verbrennung erzeugten Arsenikdämpfe sollten Vergif-
tungen unter der Lagerbesatzung hervorrufen.
Im Jahre 1813 schlug ein Berliner Apotheker dem preu-

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ßischen General von Bülow die Verwendung von Blausäure Erst die beschleunigte Entwicklung der Technik und der
vor. Mit der Blausäure sollten kleine Pinsel getränkt Wissenschaften im Zeitalter des modernen Industrie-
werden, die an den Bajonetten der Soldaten zu befestigen kapitalismus schuf die notwendigen Voraussetzungen, um
waren. neuartige chemische Kampfmittel zu entwickeln und sie
Im Marokkofeldzug von 1844 wurde von den Truppen des großtechnisch herzustellen. Daß mit dem Einsatz che-
französischen Generals Cavaignac eine Gruppe von mischer Kampfstoffe bereits um die Jahrhundertwende
Marokkanern, die sich in einem Höhlenlabyrinth, ver- gerechnet wurde, zeigen die Verhandlungen der inter-
borgen hatte, dadurch getötet, indem vor den Höhlen- nationalen Konferenzen in Den Haag 1899 und 1907.
eingängen Faschinen entzündet wurden, die starke Rauch- Diese Konferenzen beschäftigten sich mit der „Ein-
gase entwickelten. schränkung und Humanisierung des hemmungslosen
Der englische Admiral Lord Dundonald hatte im Krim- Landkrieges", wie es in den Verhandlungsprotokollen
krieg 1855 vor, das stark befestigte Fort Malakow bei heißt. Dabei stand auch das Verbot der Anwendung von
Sewastopol durch den Einsatz einer Mischung von Giftstoffen im Falle bewaffneter internationaler Aus-
Schwefel, Teer und Kohle einzunehmen. Dieses Vorhaben einandersetzungen zur Debatte. In der von der Haager
wurde durch den Einspruch des französischen Befehls- Konferenz am 29. Juli 1899 angenommenen Deklaration
habers nicht verwirklicht. heißt es:
Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 empfahl „Die vertragschließenden Mächte unterwerfen sich
ein deutscher Apotheker, Veratrin in Granaten abzufüllen. gegenseitig dem Verbote, solche Geschosse zu ver-
Veratrin ist ein stark zum Niesen reizender Stoff. Er war wenden, deren einziger Zweck ist, erstickende oder
natürlich nicht in genügender Menge vorhanden, um ihn giftige Gase zu verbreiten."
in großem Maße im Gefecht einsetzen zu können. Diese Formulierung ließ aber einige falsche Auslegungen
Der russische General Ssemenow schildert in seinem zu, da die bei der Detonation und besonders bei der De-
Buch „Die Schlacht bei Tschuschima", wie sich giftige flagration (nicht explosionsartige Verpuffung) von Spreng-
Gase entwickelt hätten, die zu einer Reihe von Vergif- stoffen entstehenden Gase (nitrose Gase, Blausäure und
tungen führten. Diese Vergiftungen waren wahrscheinlich Kohlenmonoxyd) starke Vergiftungserscheinungen her-
auf die bei der Deflagration von Granaten entstehenden vorrufen können. Die Verhandlungspartner versuchten
nitrosen Gase und Kohlenmonoxyd zurückzuführen. deshalb, durch den ergänzenden Satz „Die Splitter-
Wie alle diese Beispiele zeigen, beschäftigte man sich also wirkung muß immer die Giftwirkung übertreffen", sich
bereits vor dem 20. Jahrhundert mit den Problemen der über diesen unklaren Punkt zu einigen. England und die
Gift- und Brandstoffe. Diese Kampfmittel spielten aber USA weigerten sich damals, diese Deklaration anzu-
damals nie eine überragende Rolle, weil ihre Herstellungs- erkennen. Die von der internationalen Konferenz in Den
möglichkeiten seinerzeit begrenzt waren und auch die Haag 1907 nach eingehenden Verhandlungen erarbeitete
naturwissenschaftliche Forschung auf diesem Spezial- Anlage zum IV. Haager Abkommen wurde von England
gebiet noch in den ersten Anfängen steckte. unterzeichnet. Diese Anlage zum Haager Abkommen, das

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allgemein als Haager Landkriegsordnung bekannt ist, Armee die ersten Versuche mit Reizstoff-Granaten unter-
enthält folgende Bestimmungen: nommen. Am 2. Oktober 1914 wurden bei Neuve-Chapelle
3000 Ni-10,5-cm-Schrapnelle auf die französischen Stel-
Artikel 22 lungen abgefeuert, die neben der Brisanzladung und den
Die Kriegführenden haben kein unbeschränktes Schrapnellfüllkörpern Dianisidinsalz enthielten. Dieses
Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Salz reizt stark zum Niesen.
Feindes. Von deutscher Seite wurde mitgeteilt, daß die französische
Artikel 23 Armee in den ersten Monaten Gewehrgranaten mit einer
„Abgesehen von den durch Sonderverträge auf- Bromessigesterfüllung verschoß. Die Granaten enthielten
gestellten Verboten, ist namentlich untersagt: etwa 19 cm3 Bromessigester, einen Augenreizstoff. Diese
a) Die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen; geringe Menge reichte aber selbst bei günstigen Bedin-
e) der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder gungen nicht aus, um eine ausreichende Gefechts-
Stoffen, die geeignet sind, unnötig Leiden zu konzentration zu erhalten.
verursachen. Anfang 1915 war in Deutschland die Konstruktion einer
Alle europäischen Staaten haben dieses Abkommen chemischen Granate abgeschlossen, die als 12-T- Granate
unterzeichnet. bezeichnet wurde. Diese Granaten enthielten außer der
Vor Beginn des 1. Weltkrieges gab es also durch diese von Sprengstoffüllung eine Mischung von Xylyl- und Xylylen-
fast allen großen Militärmächten unterzeichneten und bromiden. Sie wurden erstmalig am 31. Januar 1915 bei
anerkannten völkerrechtlichen Abmachungen Bestim- Bolimow an der Ostfront eingesetzt. Infolge der niedrigen
mungen, die — für den damaligen Entwicklungsstand der Temperatur verdampfte jedoch nur ein geringer Teil der
Militärtechnik eindeutig —. die Anwendung chemischer Füllung, weshalb die Wirkung dieser Geschosse äußerst
Kampfmittel mit Giftwirkung verboten. Dessen ungeach- gering blieb. Bei einem zweiten Einsatz dieser Granaten
tet arbeitete man in vielen Staaten daran, geeignete Mög- bei Nieuport in Flandern (März 1915) war die Wirkung
lichkeiten für den militärischen Einsatz von Giftstoffen größer, da die höhere Lufttemperatur die Verdunstung
zu finden. Die ökonomische Grundlage dazu ergab sich der Kampfstoffmischung beschleunigte.
aus der schnellen Entwicklung der chemischen Industrie Diese Beispiele zeigten den Militärs, daß weit größere
in den Jahren nach der Jahrhundertwende. Besonders die Mengen Gift und Reizstoff notwendig waren, um hohe
großtechnischen Produktionsverfahren der Farbenindu- Gefechtskonzentrationen und damit ausreichende Ver-
strie erwiesen sich als sehr geeignet für die Massen- giftungswirkungen zu erzielen. Dem deutschen General-
produktion militärisch bedeutsamer Giftstoffe. stab war deshalb ein Vorschlag des bekannten deutschen
Wie wenig sich die imperialistischen Staaten an die Be- Chemikers Haber willkommen, der empfahl, Chlorgas für
stimmungen der Haager Landkriegsordnung gehalten Blasangriffe zu verwenden. Am militärischen Einsatz
haben, hat der Verlauf des 1. Weltkrieges deutlich gezeigt. dieses Gases hatte besonders die Farbenindustrie Deutsch-
Bereits kurz nach Kriegsbeginn wurden von der deutschen lands großes Interesse, da einmal der größte Teil der

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Farbenproduktion aus kriegsbedingten Gründen still- mit diesen Behelfsmitteln ausgestattet. Sie boten einen
gelegt werden mußte - was sich negativ auf die Profite sehr brauchbaren Schutz gegen die Reiz- und Gift-
der Aktionäre ausgewirkt hatte — und zum anderen große wirkungen des Chlorgases.
Mengen Chlorgas noch in den Fabriken lagerten. Da die Blasverfahren zu stark von den Gelände- und
Der erste Blasangriff mit Chlorgas fand nach eingehender Witterungsbedingungen abhängig sind, suchte man ver-
Vorbereitung am 22. April 1915 bei Ypern statt. Auf die besserte Anwendungsverfahren und neue chemische
völlig überraschten französischen und englischen Truppen Kampfstoffe. Obwohl noch 19l5 sowohl von den Alliierten
wurden an diesem Tage in einem 6 km breiten Front- als auch von der deutschen Armee einige Blasangriffe
abschnitt etwa 30 Mp Chlor aus Gasflaschen abgeblasen. durchgeführt wurden, gab es in diesem Kriegsjahr keine
Nach französischen Angaben sind bei diesem Angriff weiteren entscheidenden Neuerungen. Es wurden lediglich
15 000 Vergiftungen, davon 5000 tödliche, registriert Versuche mit den verschiedensten chemischen Füllungen
worden. durchgeführt, zum Beispiel von der französischen Armee
Dieser erste Masseneinsatz chemischer Kampfstoffe war mit Perchlormethylmerkaptan und Brandgranaten mit
Gegenstand zahlreicher völkerrechtlicher und militäri- einer Lösung von Phosphor in Schwefelkohlenstoff. Auch
scher Studien. Besonders die den deutschen Militaristen Granaten mit Chlorazetonfüllung wurden auf ihre Ge-
nahestehenden Kreise haben wiederholt versucht, diesen fechtswirksamkeit untersucht.
Angriff als harmlos und nicht gegen die Haager Land- Erst das Jahr 1916 brachte wesentliche Neuerungen auf
kriegsordnung verstoßend darzustellen. Statt dessen ver- dem Gebiet der chemischen Kriegführung. Nach streng
suchten sie, den Gegnern Deutschlands die alleinige geheimgehaltenen Vorbereitungen setzte die französische
Schuld am Beginn des chemischen Krieges in die Schuhe Armee am 21. Februar 1916 bei Verdun 75-mm-Granaten
zu schieben. ein, die neben einer geringen Sprengladung eine Phosgen-
Nach dem ersten Masseneinsatz chemischer Kampfstoffe füllung hatten. Der Einsatz dieses Kampfstoffes machte
bei Ypern unternahmen alle kriegführenden Staaten es notwendig, die Truppen mit wirksameren Atemschutz-
fieberhafte Anstrengungen, um die technischen und mili- geräten auszurüsten. Darüber hinaus war eine gute
tärischen Probleme des Einsatzes der chemischen Kampf- Organisation der Abwehr und der Alarmierung erforder-
mittel zu lösen. Neben der Herstellung neuer Kampfstoffe lich, da in Gefechtskonzentrationen das Phosgen prak-
und der Entwicklung ihrer Anwendungsmethoden wurde tisch geruchlos ist und akute Vergiftungen leicht über-
die Ausrüstung der Truppen mit Schutzmitteln, besonders sehen und erst entdeckt werden, wenn es bereits zu
Atemschutzmitteln, ein vorrangiges Problem. In der spät ist.
ersten Zeit behalf man sich mit Mulläppchen, die mit Die deutsche Armee verschoß am 7. Mai 1916 erstmalig
einer Lösung von Fixiersalz getränkt waren. Durch che- aus Kanonenbatterien Diphosgen, und zwar an der Maas
mische Umsetzung konnte das Chlorgas damit entgiftet bei Forts Souville und bei Tavennes. Dieser Kampfstoff
werden. Bereits wenige Wochen später waren die wichtig- ist im Gegensatz zu Phosgen flüssig und läßt sich deshalb
sten Truppenteile beider Seiten an der französischen Front leichter in Granaten abfüllen. In seiner Wirkung ent-

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spricht er praktisch dem Phosgen. Aus diesen Gründen am 4. April 1917 bei Arras fast 100 000 Wurfminen auf
wurde Diphosgen im Verlaufe des Krieges in immer die deutschen Stellungen. Die Minen waren größtenteils
größeren Mengen produziert und eingesetzt. In der Nacht mit Phosgen gefüllt. Auch Thermit und Nebelstoffe
vom 22. zum 23. Juni 1916 wurden von der deutschen wurden aus diesen Werfern verschossen.
Armee bei Verdun während eines siebenstündigen, pau- Nachdem die Engländer das Werferverfahren für che-
senlosen Trommelfeuers 76 000 Haubitz- und 40 000 Kano- mische Kampfstoffe als brauchbar befunden hatten,
nengranaten mit Diphosgenfüllung abgeschossen. stellte auch die deutsche Armee entsprechende Einheiten
Im Kriegsjahr 1916 wurden von der französischen Armee auf. Am 24. Oktober 1917 war der erste Einsatz einer
auch Granaten mit Blausäurefüllung eingesetzt. Nach deutschen Werfereinheit bei Flitsch an der italienisch-
deutschen Angaben fand der erste Angriff mit diesen österreichischen Front.
Granaten am 1. Juli 1916 statt. Von deutscher Seite wird Aber nicht nur neue Anwendungsmethoden wurden
behauptet, dieser Angriff habe keinen großen Erfolg erprobt. In fast allen Staaten arbeiteten große Forschungs-
gehabt, da die von den Franzosen verwendete Lösung institute an der Erforschung neuer chemischer Kampfstoffe.
von Blausäure in Arsentrichlorid infolge des sehr hohen In Deutschland beschäftigten sich starke Forschergruppen
Dampfdruckes keine genügende Kampfkonzentration in den Labors der chemischen Werke und besonders im
ergeben habe. ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem
Trotz der immer stärker in den Vordergrund tretenden mit diesen Problemen. Leiter dieser Arbeiten war
Artillerieangriffe fanden auch in den weiteren Kriegs- Prof. W. Haber. Begünstigt durch die bereits vor dem
jahren noch Blasangriffe mit gasförmigen Kampfstoffen Kriege in Deutschland hochentwickelte chemische Indu-
statt. Durch höhere Kampfstoffkonzentration und durch strie wurden neue chemische Kampfstoffe gefunden und
mehrere hintereinander folgende Kampfstoffwellen (Wel- großtechnisch produziert. Ungeheuere finanzielle und
lenangriffe) versuchte man, den gegnerischen Atemschutz materielle Mittel steckten bereits damals die Betriebe in
zu durchschlagen. Diese Angriffe waren aber meist nur die militärchemischen Forschungen, die sich später zum
bei Einheiten von Erfolg, in denen durch undiszipliniertes IG-Farben-Konzern vereinigten. Sie erzielten durch die
Verhalten oder durch fehlende Schutzausrüstung kein Produktion chemischer Kampfstoffe riesige Profite.
ständiger Schutz vor chemischen Kampfstoffen gewähr- Durch die neuentwickelten Kampfstoffe errangen die
leistet war. Mittelmächte zeitweise eine gewisse Überlegenheit auf
Am 24. September 1916 verschossen englische Einheiten diesem Gebiet.
erstmalig aus vierzölligen Granatwerfern chemis3he In der Nacht vom 10. zum 11. Juli 1917 setzte die deut-
Granaten, deren Füllung aus Augenreizstoff (Jodessig- sche Armee bei Nieuport in Flandern den starkwirkenden
ester) bestanden haben soll. Nasen- und Rachenreizstoff Diphenylarsinchlorid ein, der
Die Granatwerfer fanden im Kriegsjahr 1917 überhaupt in der Lage war, die bis dahin hauptsächlich verwendeten
immer weitere Verbreitung. Die von Foulkes geführte Schutzmaskenfilter zu durchdringen. Da dieser Kampf-
englische Gasbrigade verschoß bei einem Massenein satz stoff seine größte Wirkung als feinster Schwebstoff in der

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Luft entwickelt und die damaligen Masken keinen Schweb- chlordiäthylsulfid sehr gut für Verteidigungsaufgaben
stoffilter enthielten, verursachte dieser Stoff unter der geeignet.
Maske einen unerträglichen Hustenreiz, der sich bis zum Der Einsatz des neuen Kampfstoffes stellte die krieg-
Erbrechen steigerte. Der als Maskenbrecher geeignete führenden Länder vor neue wirtschaftliche Probleme.
Kampfstoff wurde entsprechend der Munitionskennzeich- Zum Schutz der Truppen mußten entsprechende Schutz-
nung Blaukreuz genannt. Es wurden Angriffe bevorzugt, bekleidungsstücke (Schutzanzüge, Schutzplanen) ent-
bei denen gleichzeitig Phosgen (Grünkreuz entsprechend wickelt und produziert werden. Diese Aufgaben bereiteten
der deutschen Munitionskennzeichnung) zum Einsatz besonders den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-
kam. Nachdem das Diphenylarsinchlorid die Soldaten Ungarn) große Schwierigkeiten, weil diesen nur eine
zum Abnehmen der Masken gezwungen hatte und diese begrenzte Rohstoffbasis zur Verfügung stand. Bis zum
dadurch schutzlos geworden waren, sollte ihnen das Phos- Ende des Krieges konnten sie dieser Schwierigkeiten nicht
gen tödliche Vergiftungen zufügen. Die nach dieser Herr werden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die
Methode beschossenen Geländeabschnitte nannte man Alliierten, denen das Wirtschaftspotential der USA eine
bunte Räume. Wegen der kurzen Wirkungsdauer der ver- unerschöpfliche Quelle war, eine starke Kampfstoff- und
wendeten Kampfstoffe ist diese Methode besonders für die Schutzmittel-Industrie aufgebaut hatten.
Artillerievorbereitung eines Angriffes geeignet. Welchen Umfang die Angriffe mit Dichlordiäthylsulfid
Kurz nach dem ersten Einsatz von Diphenylarsinchlorid erreichten, zeigt die Tatsache, daß im Verlaufe der
wurde von der deutschen Armee das Dichlordiäthylsulfid Flandernschlacht von 1917 innerhalb von 10 Tagen
(Yperit, Lost, Gelbkreuz) in das Arsenal der chemischen 1 Million Granaten mit etwa 2500 Mp Dichlordiäthyl-
Kampfstoffe übernommen. Die Gelbkreuzgranaten wur- sulfid verschossen wurde.
den zum ersten Mal in der Nacht vom 12. zum 13. Juli Das Kriegsjahr 1918 brachte eine weitere Verstärkung des
1917 bei Ypern — in der Flandernschlacht — angewandt. Einsatzes chemischer Kampfstoffe. Die deutsche Armee
Von den Engländern wurde dieser Kampfstoff wegen verschoß an der Westfront etwa 30 Prozent chemische
seines senfartigen Geruchs mustard-gas (Senfgas) ge- Munition. Nachdem allerdings die alliierte Kampfstoff-
nannt. Sein Einsatz führte zu einer radikalen Änderung produktion den Stand der deutschen erreicht hatte,
in der chemischen Kriegführung. Alle bis dahin verwende- wendeten sich die Erfolge der chemischen Kriegführung
ten Kampfstoffe wirkten in der Hauptsache nur auf die mehr und mehr auf die Seite der Alliierten. Der Gesamt-
Augen und die Atmungsorgane. Dichlordiäthylsulfid verbrauch an chemischer Munition erreichte in der fran-
zeichnet sich im Gegensatz dazu durch seine starke zösischen Armee in der Zeit vom 1. Juli 1915 bis 11. No-
Wirkung auf die Haut aus. Außerdem ist es in der Lage, vember 1918 die beachtliche Zahl von über 17 Millionen
unter günstigen Bedingungen das beschossene Gelände Granaten.
tagelang zu vergiften. Die vergifteten Geländeabschnitte Die deutsche Industrie war in den letzten Kriegsjahren
können nur mit Schutzbekleidung (Schutzstiefel usw.) nicht mehr in der Lage, den alliierten Kampfstoffangriffen
betreten werden. Auf Grund dieser Vorzüge ist das Di- auch nur annähernd die gleiche Munitionsmenge entgegen-

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zustellen, da sich die Rohstoffschwierigkeiten noch ver- nal gültige Abkommen wurden aber trotz eingehender und
schärft hatten. Auch auf chemischem Gebiet endete der größtenteils sachlicher Diskussion nicht gefaßt.
vom deutschen Imperialismus mitentfesselte Krieg also Erwähnenswert ist eine Entschließung der internationalen
mit einem völligen Fiasko. Konferenz des Roten Kreuzes in Den Haag von 1929, in
Die ungeheuren Verluste, die der chemische Krieg for- der erklärt wird:
derte und die am schwersten die werktätigen Klassen aller „Getreu seiner Sendung zu helfen und zu heilen, dem
kriegführenden Länder trafen, veranlaßten Wissenschaft- Fundament seines Daseins, ist es Pflicht des Roten
ler sowie Mitglieder von Arbeiter- und Friedensorgani- Kreuzes, unverzüglich solche technische Mittel aus-
sationen, gegen die Verwendung chemischer Kampfstoffe findig zu machen und anzuwenden, die es gestatten,
zu protestieren. in denkbar weitestem Maße die Erhaltung und den
Bereits im Februar 1918 veröffentlichte das Internationale Schutz der Zivilbevölkerung gegen die entsetzlichen
Komitee des Roten Kreuzes einen Aufruf gegen die Ver- Gefahren sicherzustellen, die ihr bislang erspart
wendung von giftigen Gasen, der von den kriegführenden geblieben sind. Durch einen nachdrücklichen propa-
Staaten allerdings nicht beachtet wurde. gandistischen Appell an die öffentliche Meinung der
Nach dem Kriege wurden durch den Vertrag von Versailles Welt sowie durch die Ausübung praktischer Schutz-
Deutschland Herstellung. Einfuhr und Verwendung che- aufgaben wird das Rote Kreuz sein Hilfswerk aus-
mischer Kampfstoffe untersagt. zubauen haben, der Zivilbevölkerung Schutz vor den
Trotz zahlreicher internationaler Verbote setzten furchtbaren Auswirkungen eines aerochemischen
aber bereits wenige Jahre nach Kriegsende die deut- Angriffes zu gewähren."*)
schen Militaristen und besonders der neugebildete Ungeachtet der internationalen Verbote setzten die kapi-
IG-Farben-Konzern die militärchemischen Forschungen talistischen Staaten und besonders Deutschland die Ent-
fort. wicklung der chemischen Waffe fort. In einem Vortrag
In den Jahren 1921 und 1922 beschäftigte sich die Wa- vor der American Chemical Society erklärte der bekannte
shingtoner Seeabrüstungskonferenz auch mit dem Verbot amerikanische Militärchemiker Fries: „Erstrebenswert
chemischer Kampfmittel. Entsprechend den Vorschlägen, ist die Herstellung geheimgehaltener Kampfstoffe, die
die von den Teilnehmern dieser Konferenz ausgearbeitet kein anderer besitzt."
wurden, wurde in das Genfer Protokoll vom 17. Juni 1925 Natürlich wurde die Wirkung und der Einfluß der
die Bestimmung aufgenommen, daß ,der Gebrauch von chemischen Waffe auf den Verlauf eines Krieges
erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen, Flüssigkei- auch stark übertrieben. So schrieb zum Beispiel
ten, festen Stoffen und Verfahrensarten sowie der Ge- Vedder: „In Zukunft wird die Nation den Krieg gewin-
brauch von bakteriologischen Mitteln in zukünftigen Krie- nen, die den Vorteil eines Giftgases besitzt, das durch
gen verboten ist'. die feindlichen Masken dringt."
In den folgenden Jahren beschäftigten sich viele Tagungen
des Völkerbundes mit diesen Fragen. Andere internatio- *) Blätter des Deutschen Roten Kreuzes, Heft 8; 1929.

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Douhet vertrat die Meinung, daß in einem Krieg besonders blasenbildende Eigenschaften haben, ordnet man sie den
dem aerochemischen Angriff, also der Anwendung che- hautschädigenden Kampfstoffen zu.
mischer Kampfstoffe aus der Luft, eine bevorzugte Stel- In Frankreich untersuchte man Kohlenmonoxyd und
lung zukomme. kohlenmonoxydhaltige Verbindungen auf ihre Einsatz-
Fast in allen Veröffentlichungen vor dem 2. Weltkrieg fähigkeit. Reines Kohlenmonoxyd läßt sich aber nur
wurde dem Einsatz chemischer Kampfstoffe . durch schwer als Kampfstoff gebrauchen, da es wegen seiner
Fliegerkräfte eine hohe Wirkung zugesprochen. Flug- hohen Flüchtigkeit nicht möglich ist, im freien Gelände
zeuge, besonders langsamfliegende Typen, können nicht hohe Kampfkonzentrationen herzustellen. In einer Ver-
nur chemische Bomben abwerfen, sondern auch chemische öffentlichung von Hanne wird aber trotzdem die Meinung
Kampfstoffe abrieseln und dadurch große vergiftete vertreten, daß das Kohlenmonoxyd in einem Krieg als
Flächen schaffen. Das erfordert auf der anderen Seite die Kampfstoff eine Rolle spielen kann.
Organisation einer Zivilverteidigung, die über die ent- Nicht zu unterschätzen sind allerdings die Karbonyle, in
sprechenden Schutzmittel und Einrichtungen verfügen denen Kohlenmonoxyd chemisch an Metalle gebunden
muß. Auch die Aufklärung der Zivilbevölkerung über den ist. Beim Erwärmen geben diese Stoffe das locker gebun-
Schutz vor chemischen Kampfstoffen ist überaus wichtig. dene Kohlenmonoxyd ab. Als eine einsatzfähige Mischung
Obwohl in vielen Staaten vor dem 2. Weltkrieg intensive sahen die Franzosen eine Mischung von Eisenkarbonyl
militärchemische Forschungen durchgeführt wurden, und Blausäure an.
sind darüber nur wenige Einzelheiten bekannt geworden. Viele wissenschaftliche Arbeiten wurden dem Dichlor-
Bereits kurz nach dem 1. Weltkrieg erfuhr die Öffent- diäthylsulfid gewidmet. Man versuchte, die Chloratome
lichkeit, daß nur das Kriegsende den Einsatz der durch die ähnlichen chemischen Elemente Brom und Jod
neuen Kampfstoffe Adamsit, Chlorazetophenon und zu ersetzen, um dadurch Stoffe herzustellen, die ähnliche
Lewisit verhindert hatte. Diese Kampfstoffe unter- Wirkungen wie die Chlorverbindungen besitzen. Die so
schieden sich jedoch nicht wesentlich von den im Krieg gewonnenen Stoffe hatten eine geringere Flüchtigkeit,
eingesetzten Stoffen. Sie hätten deshalb keinen umwäl- erreichen aber in ihren physiologischen Wirkungen nicht
zenden Einfluß gehabt, da die damals verwendeten das Dichlordiäthylsulfid. Im 2. Weltkrieg wurden tak-
Schutzmittel zum einwandfreien Schutz gegen sie aus- tische Mischungen*) des Dichlordiäthylsulfids bekannt,
gereicht hätten. die sich durch große Klebkraft und Zähigkeit aus-
Eine neue Gruppe chemischer Kampfstoffe wurde durch zeichneten.
die Arbeiten von Prandtl und Sennewald bekannt. Diese Mischungen haften sehr fest an der Bekleidung, an
Diese Stoffe werden durch die Oximgruppe charakte- Holz und anderen Materialien und sind sehr schwer zu
risiert. Auf der Haut rufen sie starke Nesselerscheinungen entgiften. Ihr Einsatz würde bei der Entgiftung des Ge-
hervor; man nennt sie deshalb auch Nesselstoffe. Zu
dieser Gruppe gehört das später noch eingehend zu be- *) Taktische Mischungen: Mischungen von Kampfstoffen untereinander
oder mit anderen Stoßen, die für bestimmte Anwendungszwecke her-
schreibende Dichlorformoxim. Da die Nesselstoffe auch gestellt werden, zum Beispiel für den Einsatz bei tieferen Temperaturen.

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ländes, der Bewaffnung und der Technik große Schwierig- der Chemiker den äußerst aggressiven Fluorverbindungen
keiten bereiten. vom Typ der Schwefelfluoride und der Halogenfluoride.
Bei Untersuchungen über die dem Dichlordiäthylsulfid Bekannt wurden Arbeiten über Schwefelpentafluorid und
ähnlichen Stoffe wurden die Stickstoff-Loste (Stickstoff - Chlortrifluorid. Diese und ähnliche Stoffe erlangten später
Yperite) gefunden. Diese Stoffgruppe unterscheidet sich besondere Bedeutung als Oxydationsmittel für Raketen-
chemisch durch den Ersatz des Schwefelatoms durch treibstoffe. Inwieweit diese Stoffe als chemische Kampf-
Stickstoff. Als besonders wirksame Verbindungen dieser mittel eingesetzt werden können, ist bisher noch nicht
Reihe erwiesen sich das Trichlortriäthylamin und das eindeutig bekannt geworden.
Methyldichlordiäthylamin dadurch, daß sie praktisch Große Bedeutung hatten die vor dem 2. Weltkrieg syste-
geruchlos und nur äußerst schwer zu entgiften sind. matisch durchgeführten Arbeiten über die Fluorazetate.
Eine von Le Wita als wichtig bezeichnete Stoffgruppe Anfang der dreißiger Jahre war man hinter die hohe
sind die Metalläthyl Verbindungen. Sie sollen sich als Giftigkeit der Monofluoressigsäure und des Fluoräthyl-
chemische Kampfstoffe eignen. Neben Tellurdiäthyl ist alkohols sowie ihrer Ester gekommen. Besonders vom
besonders das Bleitetraäthyl zu erwähnen. Bleitetraäthyl Methylfluorazetat hoffte man, daß es die für einen Kampf-
wird in der chemischen Industrie in großen Mengen her- stoff notwendigen Eigenschaften habe. Eingehend unter-
gestellt; es dient als Treibstoffzusatz, um die Klopffestig- suchten die Militärchemiker die Verwendungsmöglich-
keit zu erhöhen. In der Industrie sind beim Umgang mit keiten dieser Stoffe zur Trinkwasservergiftung. Die Stoffe
diesem Stoff viele tödliche Unfälle vorgekommen. Es ist boten sich dafür an, da sie sich leicht in Wasser lösen
nicht ausgeschlossen, daß dieser Stoff oder Mischungen und sehr stabil sind.
mit anderen Kampfstoffen militärisch verwendet werden Nachdem in Deutschland die faschistische Diktatur er-
können. richtet worden war, ließen die neuen Machthaber die
Tellurdiäthyl hat ähnliche Eigenschaften wie das Blei- militärischen Forschungen der Reichswehr stark beschleu-
tetraäthyl. Es ist jedoch weniger giftig als dieses. nigen. Besonders von der Herstellung neuer chemischer
Besonderes Interesse zeigten viele Forschungsinstitute Kampfstoffe versprach man sich in Deutschland ein
an den Fluorverbindungen. 1934 erregte eine Meldung aus militärisches Übergewicht. Der IG-Farben-Konzern, der
USA die Gemüter, daß in Massachusetts ein Chemiker des in der Massenproduktion chemischer Kampfstoffe eine
technologischen Instituts einen neuen tödlichen Fluor- lohnende Profitquelle sah, unterstützte diese Arbeiten,
kampfstoff entdeckt habe. Der angegebene Stoff (Stick - indem er die Forschungseinrichtungen und enorme finan-
stofftrioxyfluorid) ist äußerst unbeständig, und es ist un- zielle Mittel bereitstellte. Besondere Aufmerksamkeit
wahrscheinlich, daß er als Kampfstoff verwendet werden wurde der Entwicklung solcher Kampfstoffe gewidmet,
kann. Die Meldung zeigte aber, daß man sich in der die eine ähnlich schnelle Giftwirkung wie die Blausäure,
Kampfstofforschung einem neuen erfolgversprechenden jedoch eine geringere Flüchtigkeit besitzen. Einige Stoffe,
Gebiet, der Fluorchemie, zugewandt hatte. Wie spätere die chemisch zur Gruppe der Phosphorsäureester gehören,
Veröffentlichungen zeigten, galt das besondere Interesse entsprechen diesen Forderungen. Bereits lange vor dem

24 25
Krieg hatte man in Deutschland versucht, synthetische eine Belegschaft von 3000 Arbeitern. Die Werkanlage
Stoffe herzustellen, die an Stelle von Nikotin und anderen breitete sich über 1 km2 aus.
natürlichen Insektenbekämpfungsmitteln eingesetzt wer- Oft wird die Frage gestellt, wieso im 2. Weltkrieg trotz-
den könnten. Zum Beispiel wurde 1932 von Lange und dem keine chemischen Kampfstoffe eingesetzt wurden.
Krüger mitgeteilt, daß Dimethyl- und Diäthylfluorphos- Kurz vorher hatten die italienischen Faschisten bei ihrem
phat eine enorme Toxizität haben. Fußend auf diesen und Überfall auf Abbessinien große Mengen Dichlordiäthyl-
anderen Arbeiten ließ der IG-Farben-Konzern weitere sulfid eingesetzt. In diesem Krieg bestätigten sich die
Arbeiten durchführen, die zu dem als Schädlingsbekämp- Prophezeiungen über die ungeheure Wirkung von Luft-
fungsmittel äußerst wirksamen Bladan führten. Im angriffen mit chemischen Kampfstoffen. Neben Bomben
Rahmen dieser Arbeiten entdeckte G. Schröder das Tabun. und Kanistern mit Kampfstoffüllungen verwendeten die
Dieser Stoff, der chemisch als Äthylester der Dimethyl- italienischen Faschisten erstmalig Flugzeugabsprüh-
aminozyanphosphorsäure bezeichnet werden kann, eignet geräte. Unrühmlich bekannt geworden ist der Angriff im
sich als Kampfstoff. Er vereinigt hohe Giftigkeit mit Tal von Takuse, bei dem Tausende abbessinischer Frei-
geringer Flüchtigkeit. Die von den IG-Farben begonnenen heitskämpfer und Zivilisten getötet wurden.
Arbeiten wurden mit Unterstützung des ehemaligen Beurteilt man die Wirksamkeit der chemischen Kampf-
Heereswaffenamtes in den Labors der IG-Farben unter stoffe im abbessinischen Krieg, so muß man berücksichti-
Leitung von G. Schröder und in Heidelberg unter der gen, daß die abbessinischen Einheiten nicht einmal mit
Leitung von R. Kuhn weitergeführt. Schon in den Jahren Schutzmasken ausgerüstet waren.
1937/38 wurden Versuchsanlagen bei Münster/Lüneburg Auch Japan versuchte im Krieg gegen China mehrmals,
und in Schwansee bei Frankfurt/Oder aufgebaut. durch den Einsatz chemischer Kampfstoffe Vorteile zu
In den Jahren vor dem 2. Weltkrieg waren in Deutsch- erringen. Auch hier stand eine auf chemischem Gebiet
land riesige Produktionsstätten für chemische Kampf- nicht gerüstete Armee den wohlvorbereiteten japanischen
stoffe und Anlagen für ihre Abfüllung in Granaten, Truppen gegenüber.
Bomben usw. errichtet worden. Der faschistischen Armee
Es ist nicht leicht, ein allgemeingültiges Urteil über die
standen Tausende Tonnen der bis dahin bekannten che-
Gründe der Nichtanwendung chemischer Kampfstoffe im
mischen Kampfstoffe zur Verfügung. Sie war vollständig
2. Weltkrieg abzugeben.
mit Schutzmasken und anderen Schutzmitteln aus-
Bei Kriegsbeginn waren alle großen Militärmächte mit
gerüstet. Ferner standen zehn Sonderregimenter, so-
den für einen chemischen Krieg notwendigen Geräten und
genannte Nebelwerferregimenter, bereit, die mit allen
Schutzmitteln ausgerüstet. Die Faschisten waren nicht
erforderlichen Geräten ausgestattet waren.
abgeneigt, einen derartigen Krieg zu führen. So versuchte
Kurz nach Beginn des 2. Weltkrieges begann bei Dyhern-
beispielsweise Goebbels, durch Meldungen über die angeb-
furth an der Oder der Bau eines riesigen Werkes zur
liche Anwendung von Yperit bei der Versenkung des
Tabunherstellung. Dieses Werk hatte nach seiner Fertig-
deutschen Panzerkreuzers Graf Spee in der La Plata-
stellung trotz weitgehender automatischer Steuerung
Mündung, den Beginn des chemischen Krieges herauf-

26 27
zubeschwören. Einen fadenscheinigen Grund zu diesen Menge von monatlich 1000 Mp produziert. Von Sarin sollen
Meldungen gab die Fehldiagnose eines Arztes. Dieser insgesamt etwa 25 bis 30 Mp existiert haben.
hatte die bei vielen Besatzungsmitgliedern aufgetretenen In England arbeitete in Cambridge eine Forschergruppe
Hautschädigungen irrtümlich als Yperitverletzungen für das englische Ministerium für Versorgung an ähnlichen
erklärt, obwohl sie lediglich auf das bromhaltige Feuer- Fragen wie die Gruppen in Deutschland. Diese Arbeits-
löschmittel zurückzuführen waren, das aus den zerstörten gruppe untersuchte besonders die Ester der Fluorphos-
Löschanlagen geflossen war. phorsäure auf ihre Eignung zum militärischen Einsatz.
England protestierte daraufhin energisch gegen derartige Auf einer Konferenz des Ministeriums für Versorgung in
Meldungen, die sich durch eingehende Untersuchungen London berichtete am 11. Dezember 1941 der Leiter der
auch als unzutreffend erwiesen. Forschungsabteilung über die Ergebnisse der bis dahin
England seinerseits hatte kurz nach Kriegsbeginn in Dün- durchgeführten Arbeiten, und er erläuterte besonders die
kirchen und Calais Lager mit chemischer Munition an- Eignung von Diisopropylfluorphosphat (DFP) als Kampf-
gelegt, die aber noch vor der Besetzung durch deutsche stoff. Die Arbeiten wurden daraufhin verstärkt fort-
Truppen rechtzeitig geräumt werden konnten. Auch in gesetzt und großtechnische Verfahren zur Herstellung
den anderen von den Faschisten besetzten Gebieten ist dieser Stoffe erarbeitet.
es diesen nie gelungen, nennenswerte Mengen chemischer Es haben also alle Staaten bis zum Kriegsende an der
Kampfstoffe zu erbeuten. Ein derartiges Lager hätte Vervollkommnung der chemischen Waffe gearbeitet. Die
unter Umständen den Vorwand für den Beginn des che- Gefahr eines chemischen Krieges schwebte daher immer
mischen Krieges gegeben. wie ein Damoklesschwert über den Völkern.
Im Verlaufe des Krieges verstärkten die deutschen Fa- Ein nicht zu unterschätzendes Hindernis für die Anwendung
schisten an vielen Hochschulinstituten und Industrie- chemischer Kampfstoffe war das Genfer Protokoll vom
laboratorien die militärchemischen Forschungen. Neben 1. Juni 1925. Im Zusammenhang mit der Abrüstungsfrage
Tabun wurden auch die Ester der Methylfluorphosphor- und der Diskussion über die Wirksamkeit internationaler
säure untersucht. Dabei wurden die Kampfstoffe Sarin Verbote schrieb dazu die Prawda vom 26. Juni 1952:
und Soman entdeckt, die weit giftiger als das Tabun sind „Die politischen, völkerrechtlichen und moralischen
und die sich auf Grund ihrer chemischen Eigenschaften Verpflichtungen, die die Staaten auf Grund der Unter-
besser zum militärischen Einsatz eignen. Da die Herstellung zeichnung dieser Genfer Konvention übernommen
dieser Stoffe große technische Schwierigkeiten bereitet, hatten, waren im 2. Weltkrieg ein ernst zu nehmender
gelang es den Faschisten jedoch bis zum Ende des Krieges Faktor, der die faschistischen Machthaber von der
nicht, größere Mengen dieser Stoffe zu produzieren. Nach Anwendung dieser mörderischen Waffen zurückhielt.
Literaturangaben soll sich das Soman bei Kriegsende noch Damit wurde erwiesen, daß dieser Faktor ein wesent-
im Stadium der labormäßigen Untersuchungen befunden liches Hindernis für Aggressoren darstellt."
haben. Für das Sarin war eine großtechnische Anlage noch Es gab aber auch technische und militärische Über-
im Bau. Tabun wurde gegen Ende des Krieges in einer legungen, auf einen chemischen Krieg zu verzichten. Bei

28 29
Beginn des 2. Weltkrieges war die deutsche Wehrmacht Welchen Umfang der Einsatz chemischer Kampfmittel
beispielsweise durch Untersuchungen dahintergekom- im 2. Weltkrieg angenommen hätte, zeigt ein Vergleich
men, daß der Filtereinsatz FE 39, mit dem die deutschen zwischen der nach 1945 in Deutschland vorgefundenen
Truppen ausgerüstet waren, nur wenig Schutz vor hohen Kampfstoffmenge (abgefüllt und nicht abgefüllt etwa
Konzentrationen von Blausäure und Chlorzyan bot. Die 250 000 Mp) und dem Gesamtverbrauch aller Staaten,
Einsatzmöglichkeiten gerade dieser Stoffe wurden aber die im 1. Weltkrieg Kampfstoffe angewendet haben
bei Kriegsbeginn bekannt. Die Anwendung dieser Kampf- (etwa 125 000 Mp). Man erhält so ein Bild von der un-
stoffe hätte zu schweren Verlusten bei den deutschen geheuren Gefahr, die der Einsatz dieser Stoffe herauf-
Truppen und noch mehr unter der Zivilbevölkerung beschworen hätte. Ein von Frankreich veröffentlichter
geführt. Die Produktion des neuen deutschen Filters Vergleich über die vorhandenen französischen Produk-
FE 42, der auch gegen diese Kampfstoffe schützte, kam tionskapazitäten unterstreicht diese Tatsache. Frankreich
nur langsam in Gang. Die Ausrüstung der Truppen stellte im Oktober 1918 monatlich 500 Mp Yperit her;
konnte erst im Jahre 1944 abgeschlossen werden. Zu im Jahre 1939 hätten die Betriebe monatlich 1200 Mp
dieser Zeit hatten aber die Alliierten bereits eine der- Phosgen und 800 Mp Yperit produzieren können.
artige technische und militärische Überlegenheit gewon- Interessant ist eine statistische Aufstellung von Kom-
nen, daß ein chemischer Krieg sich in der Hauptsache mandeur Bonnand über die Mengen der in der damaligen
gegen die deutschen Faschisten selbst und gegen ihre anglo-amerikanischen Zone aufgefundenen Kampfstoff-
Verbündeten gerichtet hätte. Die deutsche Industrie und vorräte :
besonders die Zivilverteidigung hätten in den letzten 37 700 Mp Yperit
Kriegsjahren in keiner Weise die Anforderungen der 13 350 Mp Tabun
chemischen Abwehr befriedigen können. Nach Aussage 10 500 Mp Phosgen
des Nazi-Rüstungsministers Speer im Nürnberger Prozeß 1 700 Mp Arsine
hatte Goebbels Anfang 1945 den Versuch unternommen, 1 700 Mp Augenreizstoffe
den Austritt Deutschlands aus der Genfer Konvention 1 500 Mp Trichlortriäthylamin
zu erreichen, um den Krieg mit allen Mitteln zu ver- Man muß dabei berücksichtigen, daß viele Fabriken nur
schärfen. Die Militärs, erklärte Speer, lehnten jedoch mit einem Bruchteil ihrer Kapazität gearbeitet haben und
insbesondere den Gaskrieg ab, die aufgefundenen Mengen nur die Einsatzreserve bis
„da er ja heller Wahnsinn war, denn bei der Luft- zum Anlaufen der vollen Produktion waren.
überlegenheit, die sie (die Alliierten, R. S.) hatten, Nach dem 2. Weltkrieg setzten vor allem die USA die
mußte ja in kurzer Zeit über die deutschen Städte, Entwicklungen auf militärchemischem Gebiet fort. Die
die völlig schutzlos waren, eine furchtbare Kata- USA hatten auf Grund ihrer Erfahrungen im 1. Weltkrieg
strophe kommen".*) in der Armee einen gut organisierten chemischen Dienst
aufgebaut. Die bereits im 1. Weltkrieg eingerichteten
*) Der Prozeß gegen die Naziverbrecher vor dem Internationalen Militär- chemischen Forschungs- und Erprobungsinstitute wurden
gerichtshof, Bd. XVI, Nürnberg 1948, Seite 576 ff.

30 31
ständig ausgebaut und vergrößert und in Zusammenarbeit eigene Anlagen, die im Frieden Insektenbekämpfungs-
mit großen amerikanischen Chemiekonzernen die For- mittel herstellen und jederzeit auf die Produktion von
schungsarbeiten mit unverminderter Energie voran- Kampfstoffen umgestellt werden können.
getrieben. Die Finanzmittel für chemische Forschungen Um die neuentwickelten chemischen Kampfstoffe zu
wurden ungeachtet der riesigen Ausgaben für die Produk- erproben, wurden große Übungsplätze eingerichtet. Von
tion von Kernwaffen und biologischen Kampfmitteln von Oktober 1954 bis Januar 1955 fanden im USA-Staat
Jahr zu Jahr erhöht. In Arizona wurden die Yuma- Louisiana Manöver statt, an denen über 110 000 Mann
Labors errichtet, die Stationen und Erprobungseinrich- und etwa 1200 Flugzeuge teilnahmen. Die angenommene
tungen für chemische und biologische Kampfmittel Lage sah den Masseneinsatz von Kernwaffen und che-
besitzen. mischen Kampfstoffen vor. Im Verlauf der Übung sollte
In diesem Zusammenhang ist eine Mitteilung des Leiters die Ausrüstung der Truppen, die Truppenführung im
der Abteilung für chemische Kriegführung der US-Armee Gefecht und die allgemeine Taktik unter den Bedingungen
erwähnenswert, die am 3. Juni 1948 in der New York des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen erprobt
Herald Tribune erschien: werden.
„Ende des 2. Weltkrieges gab es völlig neue Ent- In den letzten Jahren sind in der amerikanischen und in
deckungen auf dem Gebiete der chemischen Krieg- anderer westlicher Fachliteratur Meldungen erschienen,
führung, die auf dem Schlachtfeld noch nicht aus- nach denen die militärischen Forschungsstellen der USA
probiert worden sind. Wir müssen auf alle Fälle auf und ihrer NATO-Partner sich mit neuartigen Kampf-
diesem Gebiet an der Spitze aller Staaten bleiben." stoffen beschäftigen.
Mit welchen Mitteln in den USA neue Produktions- So sollen einige Psychopharmaka mit ähnlicher Wirkung
kapazitäten für chemische Kampfstoffe geschaffen wer- wie das bekannte Meskalin für militärische Zwecke ver-
den, zeigt eine Meldung, die Der Mittag (Düsseldorf) am wendbar sein. Wahrscheinlich handelt es sich in den
23./24. April 1955 veröffentlichte. Danach wurde in Colo- meisten Fällen um ausgesprochen auf das Zentralnerven-
rado mit einem Kostenaufwand von 50 Millionen Dollar system wirkende Stoffe. Es ist selbstverständlich, daß bei
ein neues automatisches Werk zur Herstellung von Phos- der schnellen Entwicklung, die in den letzten Jahren auf
phorsäureester-Kampfstoffen errichtet. Dieses Werk, das den Gebieten der organischen Synthese, der Toxikologie
in der Hauptsache Sarin produziert, ist nicht das einzige und der Pharmakologie zu beobachten ist, viele neue
seiner Art in den USA. Nach 1948 wurden mehrere Pro- Erkenntnisse erhalten wurden, für die sich die militär-
duktionsanlagen für Sarin und Soman sowie Anlagen zu chemische Forschung außerordentlich interessiert. In den
ihrer Abfüllung in Bomben, Granaten und chemische letzten beiden Jahren sollen in den USA auch einige
Minen erbaut, die jede mindestens einen ähnlich hohen größere Versuchsanlagen ihre Produktion aufgenommen
finanziellen Aufwand erforderten. Neben Produktions- haben. Es kann jedoch nicht Aufgabe dieser Arbeit sein,
anlagen, die direkt dem amerikanischen Kriegsmini- diese Fragen näher darzulegen. Es weisen auch keinerlei
sterium unterstehen, errichteten viele Chemiekonzerne Veröffentlichungen in der Fachliteratur darauf hin, daß

32 3 Kampfstoffe 33
sich diese Stoffe bereits in großen Mengen in der Aus- Jahren einige Einzelheiten bekannt. So wird in verschie-
rüstung der imperialistischen Armeen befinden. Einige denen Veröffentlichungen darauf hingewiesen, daß es
Stoffe mit angstauslösender Wirkung, die in den letzten möglich ist, 2,4-Dichlorpbenoxyazetat zu verwenden, um
Jahren beschrieben worden sind, scheinen sich für den das Wachstum von Kulturpflanzen zu verlangsamen.
militärischen Einsatz zu eignen. Es bleibt aber abzu- Auch andere, chemisch ähnliche Verbindungen wurden
warten, ob diese meist nur schwer herstellbaren Stoffe in den USA und anderen westlichen Staaten auf ihre
auch für die Massenproduktion tauglich sind. Die west- Brauchbarkeit in einem biologischen Krieg untersucht.
lichen Tageszeitungen übertreiben häufig ihre Einsatz- Wie weit sich die militärchemischen Forschungen in den
möglichkeiten. Meist ergeben Felderprobungen völlig an- NATO-Ländern auf das Gebiet biochemischer Vorgänge
dere Einschätzungen als die Überprüfung im Laborver- verlagert haben, zeigen die Veröffentlichungen über
such. Zum Teil sind die Meldungen von der Tagespresse Stoffe, die in der Lage sind, Laubbäume schnell verwelken
auch mit der Absicht verfaßt worden, von den Fehl- zu lassen. Diese Stoffe sollen sich als militärisch einsatz-
schlägen der amerikanischen Forschung in der Raketen- fähig erwiesen haben.
technik abzulenken, die Überlegenheit der USA auf Ein weites, bisher in der einschlägigen Literatur nur wenig
anderen Gebieten der Militärtechnik zu beweisen und die behandeltes Gebiet der chemischen Kriegführung bilden
Öffentlichkeit irrezuführen. In anderen Meldungen ist die Sabotagegifte. Auf diesem Sektor der chemischen
deutlich die Absicht zu merken, der Öffentlichkeit einzu- Kriegführung gibt es wahrscheinlich ebensoviele Möglich-
reden, daß es auch humane Seiten der chemischen Krieg- keiten und spezielle Anwendungsmittel wie auf dem Ge-
führung gibt und ein Verbot der Produktion chemischer
biete der biologischen Kriegführung. Besonders die in den
Kampfstoffe und ihrer Anwendung nicht notwendig ist.
letzten Jahren erzielten Ergebnisse über die synthetischen
Wichtig und beachtenswert sind einige Entwicklungen
Giftstoffe lassen die Möglichkeiten ahnen, die sich hier
auf dem Gebiete der Militärchemie, die eigentlich in das
bieten. Wie intensiv man sich auch in den NATO-
Gebiet der biologischen Kriegführung gehören. So sind
Staaten, besonders seitens der Geheimdienste, für dieses
zahlreiche Meldungen erschienen, nach denen in den USA
Gebiet interessiert, zeigen die wiederholten Versuche,
und anderen NATO-Staaten besonders intensiv das
diese Mittel zu Sabotageakten zu verwenden, und die ver-
Gebiet der militärisch anwendbaren Toxine*) und der
wachstumsregulierenden Stoffe bearbeitet wird. stärkte Ausbildung der sogenannten Ranger-Gruppen in
Auf dem Gebiet der wachstumsregulierenden Stoffe, die den Spezialschulen der NATO-Armeen.
den chemischen Kampfstoffen infolge ihrer synthetischen Überblickt man alle zur Zeit bekannten und möglichen
Herstellbarkeit sehr nahestehen, wurden in den letzten chemischen Massenvernichtungsmittel, so muß man zu
der Schlußfolgerung kommen, daß diese Mittel in der
Hand eines kriegslüsternen imperialistischen Staates eine
*) Toxine sind Giftstoffe, die als Folgeprodukte des Stoffwechsels verschie-
dener Mikrobenarten entstehen und eine beträchtliche toxische Wirkung furchtbare Waffe sind, deren Einsatz ungeheure Verluste
gegenüber Warmblütern haben. Ein bekanntes Toxin, das sich mili- und Zerstörungen zur Folge hätte. Das zeigt, wie not-
tärisch besonders gut als Sabotagegift einsetzen läßt, ist das Botulinus-
Toxin. wendig es ist, den Schutz der Menschen und der tech-

35
Um die Kampfeigenschaften, Anwendungsmöglichkeiten
irischen Einrichtungen vor den chemischen Kampfstoffen
und Vernichtungswirkungen sowie die Verhaltensweise
zu organisieren, die notwendigen Ausrüstungen dafür zu
der Kampfstoffe unter den verschiedensten meteorologi-
schaffen und die bewaffneten Organe entsprechend aus-
schen und topografischen Verhältnissen zu verstehen, um
zubilden.
die Schutz- und Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Vergiftungen
Auf der anderen Seite zeigt die Entwicklung der chemi-
mit chemischen Kampfstoffen zu begreifen, ist die Kennt-
schen Waffe, daß der Kampf um den Frieden nicht nur
nis der vielfältigen Eigenschaften der chemischen Kampf-
eine Angelegenheit einiger weniger Menschen sein kann,
stoffe erforderlich. Wie kaum bei einer anderen modernen
sondern daß sich in diesem Kampf die ganze Menschheit
Waffenart sind zur näheren Beurteilung der chemischen
zusammenfinden muß, weil es ein Kampf um ihre Exi-
Kampfstoffe viele grundlegende Erkenntnisse und Gesetz-
stenz ist. Die Anstrengungen der friedliebenden Menschen
mäßigkeiten aus den verschiedensten naturwissenschaft-
müssen noch, stärker werden, um es den Kriegstreibern
lichen und medizinischen Wissenszweigen zu berück-
zu verwehren, ihren seit Jahren vorbereiteten Krieg zu
sichtigen. Gerade diese Tatsache ist häufig die Ursache
entfesseln. Die Vertreter der Sowjetunion haben auf den
für falsche Einschätzungen der chemischen Kampfmittel,
Tagungen der UN und der Abrüstungskonimission immer
für die Unter- oder Überschätzung ihrer möglichen Rolle
wieder auf die Gefahr hingewiesen, die alle modernen
in einem modernen Krieg. Es kann nicht oft und ein-
Massenvernichtungswaffen für die Menschheit darstellen,
dringlich genug auf das intensive Studium der Natur-
und konkrete und für alle Staaten annehmbare Vor-
wissenschaften hingewiesen werden. Der komplizierte
schläge für das absolute Verbot der Massenvernichtungs-
Charakter eines modernen Krieges ist nicht zuletzt darauf
waffen eingebracht. So beantragte die Sowjetunion 1952
zurückzuführen, daß von allen Angehörigen der militäri-
in der Debatte des Sicherheitsrates, der Rat solle alle
schen und zivilen Organe zur Erfüllung ihrer Aufgaben
Staaten, gleichgültig, ob Mitglied oder nicht Mitglied der
im Falle eines Krieges umfassende Grundkenntnisse auf
UN, die bis dahin das Genfer Protokoll nicht ratifiziert
ihrem Fachgebiet als Voraussetzung für die erfolgreiche
hätten, auffordern, dies nachzuholen. Dieser Antrag
Lösung ihrer Aufgaben verlangt werden.
wurde von der USA-hörigen Mehrheit mit faden-
scheinigen Gründen abgelehnt. Die USA, die bis
heute noch nicht das Genfer Protokoll ratifiziert haben,
wollten sich damit alle Möglichkeiten für die weitere
Entwicklung der chemischen und biologischen Waffe
offenhalten.
Es ist daher notwendig, daß sich alle Angehörigen unserer
bewaffneten Kräfte einen Überblick über die chemischen
Waffen und ihre Einsatzmöglichkeiten verschaffen, um im
Falle eines imperialistischen Angriffs mit chemischen Waf-
fen wirkungsvolle Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

36
2. Allgemeine Eigenschaften und Wirkungen Die Kenntnis des Schmelzpunktes der chemischen Kampf-
chemischer Kampfstoffe stoffe ist für die Beurteilung ihrer Anwendungsmöglich-
keiten notwendig. So müssen zum Beispiel chemische
Um das Verständnis für die Beschreibung der chemischen Kampfstoffe, die zur Geländevergiftung eingesetzt werden
Kampfstoffe zu erleichtern, werden deshalb im allgemei- sollen, einen niedrigen Schmelzpunkt haben, der ihren
nen Teil dieses Buches einige physikalische, chemische flüssigen Zustand auch noch bei winterlichen Tempe-
und pharmakologische Grundbegriffe und Gesetze be- raturen gewährleistet.
handelt. In erster Linie sollen dabei Begriffe erläutert Flüssige Kampfstoffe lassen sich besser verteilen, besit-
werden, die für das Verständnis der Grundlagen der zen eine größere Wirkung auf Oberflächen und dringen
chemischen Kriegführung von Bedeutung sind. besser und wesentlich schneller in Gewebe, Holz und an-
dere Materialien ein.
Um flüssige Kampfstoffe, deren Schmelzpunkt in der
2.1 Physikalische Eigenschaften der Kampfstoffe Nähe des Gefrierpunktes des Wassers liegt, auch im
Winter einsatzfähig zu erhalten, wird der Schmelzpunkt
Die wichtigsten physikalischen Eigenschaften, die für die durch den Zusatz von anderen Stoffen entsprechend
militärtechnische Beurteilung der chemischen Kampf- herabgesetzt.
stoffe Bedeutung haben, sind: Schmelzpunkt, Siedepunkt, Als Zusatzstoffe dienen Kampfstoffe, die bei wesentlich
Dampfdruck, Sättigungskonzentration (ungenau auch niedrigerer Temperatur schmelzen, oder auch andere
Flüchtigkeit), Seßhaftigkeit, spezifisches Gewicht, Dampf- Stoffe und Lösungsmittel, die Gemische mit niedrigem
dichte, Adsorbierbarkeit und Löslichkeit. Schmelzpunkt bilden.
Im 1. Weltkrieg wurden taktische Mischungen des Kampf-
2.1.1 Schmelzpunkt stoffes Yperit verwendet, dessen Schmelzpunkt durch
Als Schmelzpunkt eines Stoffes bezeichnet man die Tem- Zusatz von Tetrachlorkohlenstoff oder Chlorbenzol ver-
peratur, bei welcher ein Stoff aus dem festen Zustand in bessert worden war. Durch Zusatz von 10 Prozent Tetra-
den flüssigen übergeht. Diese Temperatur ist eine charak- chlorkohlenstoff erniedrigt sich der Schmelzpunkt von
teristische Konstante für jeden reinen Stoff und dient oft Yperit, der normalerweise bei 14 °C liegt, um rund
zur Bestimmung der Art und der Reinheit einer chemi- 10 °C.
schen Substanz. Stoffgemische oder großtechnische Pro- Im 2. Weltkrieg wurde von deutscher Seite eine taktische
dukte haben meist keinen scharf ausgeprägten Schmelz- Yperit-Mischung hergestellt, die 54 Prozent Yperit,
punkt und werden bei Erwärmung allmählich flüssig. 25 Prozent Phenylarsindichlorid und 21 Prozent Di-
Ähnliches gilt für amorphe Stoffe.*) phenylarsinchlorid enthielt. Diese "Mischung wurde als
Winterlost bezeichnet und war bis zu - 25 °C einsatz-
*) Amorph nennt man den gestaltlosen Zustand fester Stoffe, bei denen, im fähig.
Gegensatz zu den Kristallen, die physikalischen Eigenschaften nach
allen Richtungen gleich sind. Die Schmelzpunkterniedrigung eines Stoffgemisches kann

38 39
nach dem Raoultschen Gesetz berechnet werden, das genauen Angabe des Siedepunktes eines Stoffes gehört
durch folgende Gleichung ausgedrückt wird: deshalb auch die Angabe des Druckes, bei dem dieser
Wert gewonnen wurde.
Wie groß die Unterschiede bei verschiedenen Temperatu-
ren sein können, soll folgendes Beispiel zeigen: Sarin siedet
TDiff = Schmelzpunkterniedrigung in °Celsius unter Normaldruck (760 mm Hg-Säule) bei 151 °C, bei einem
n = Anteil des gelösten Stoffes in Molen pro Liter
Druck von 12 mm Hg-Säule jedoch bereits bei 50 °C.
R = allgemeine Gaskonstante
Der Siedepunkt chemischer Kampfstoffe ist für ihre
T = Schmelztemperatur des Lösungsmittels [°K] Handhabung während des Herstellungsprozesses und bei
s = Schmelzwärme des Lösungsmittels
der Abfüllung von großer Wichtigkeit. So müssen zum
In modernen taktischen Mischungen chemischer Kampf- Beispiel Kampfstoffe mit einem niedrigen Siedepunkt durch
stoffe sind Stoffe zugesetzt, die meistens selbst hochgiftig Unterkühlungs- oder Druckverfahren in Granaten oder an-
sind und bereits bei kleinen Zusatzmengen hohe Tempe- dere Einsatzbehälter abgefüllt werden, während bei Zim-
ratureffekte ergeben. So ist zum Beispiel aus der Literatur mertemperatur flüssige Kampfstoffe mit einem hohen Siede-
bekannt, daß sich hochtoxische Phosphorsäureester zur punkt einfacher und sicherer gehandhabt werden können.
Herstellung von Yperit-Wintermischungen eignen, die Aus diesem Grunde wurde im 1. Weltkrieg beispielsweise
weitaus giftiger sind als das Yperit selbst. das flüssige Diphosgen eingesetzt, das zwar etwas ungif-
Die chemischen Kampfstoffe schmelzen in einem weiten tiger als Phosgen ist, jedoch infolge seines wesentlich höhe-
Temperaturbereich. Nur wenige Kampfstoffe, die unter ren Siedepunktes gefahrloser gehandhabt werden kann.
modernen Kampfbedingungen einsatzfähig sind, sind bei Die Angabe der Siedetemperatur eines Kampfstoffes
normalen Temperaturen im festen Zustand. Bei diesen kann zur ungefähren Ermittlung seiner Seßhaftigkeit im
Kampfstoffen handelt es sich meistens um sogenannte Gelände dienen. Flüchtige Kampfstoffe haben meist einen
Aerosol-Kampfstoffe*), die erst im feinverteilten Zustand Siedepunkt unter 130 °C. Bei seßhaften Kampfstoffen
als Rauch oder Nebel ihre größte Wirksamkeit besitzen. liegt der Siedepunkt über 150 °C. Bei dieser Faustregel
Ein Beispiel dafür ist der Kampfstoff Adamsit, ein hoch- muß jedoch beachtet werden, daß die Aerosol-Kampf-
wirksamer Rachenreizstoff. stoffe nicht unter diese Einteilung fallen. Der Siedepunkt
läßt in diesen Fällen erkennen, ob der Kampfstoff als
2.1.2 Siedepunkt Aerosol gefechtsmäßig anwendbar ist.
Der Siedepunkt eines Stoffes gibt die Temperatur an, bei
der dieser vom flüssigen Zustand in den gasförmigen über- Flüchtige Kampfstoffe Siedepunkt (°C)
geht. Der Siedepunkt eines Stoffes ist abhängig von dem Phosgen 8,2
Luft- (bzw. Gas-)druck, der auf dem Stoff lastet. Zu einer Chlorzyan 13
Blausäure 26,5
*) Als Aerosol bezeichnet man dem Zustand, in dem sich feinverteilte
Schwebstoffe (Rauch, Nebel) in der Luft scheinbar stabil erhalten. Diphosgen 107

41
Seßhafte Kampfstoffe Siedepunkt (°C) Kampfstoff A B
Soman ca. 200 Yperit 8,3937 2734,5
Yperit . 217 Methylarsindichlorid 8,6944 2281,7
Brombenzylzyanid 242 Diphenylarsinchlorid 7,8930 3288
Phenylarsindichlorid 252
Der Dampfdruck chemischer Kampfstoffe ist für ihre
2.1.3 Dampfdruck Seßhaftigkeit und bei einigen auch für ihre Wirksamkeit
Jeder feste oder flüssige Stoff besitzt das Bestreben, in auf die Atmungsorgane wichtig.
den gasförmigen Zustand überzugehen. Es bildet sich Je kleiner der Dampfdruck eines Stoffes ist, um so lang-
deshalb über jedem festen oder flüssigen Körper eine Dampf- samer verdunstet dieser. Die Seßhaftigkeit der Kampf-
schicht, die einen Druck ausübt. Diesen Druck bezeichnet stoffe im Gelände wird wesentlich von der Temperatur
man als Dampfdruck. Der Dampfdruck wird in Millimeter bestimmt. Im Winter ist die Seßhaftigkeit eines flüssigen
Quecksilbersäule oder in Atmosphären gemessen. Kampfstoffes größer als im Sommer. So beträgt die Seß-
Der Dampfdruck besitzt für jeden Stoff bei jeder Tempe- haftigkeit des Kampfstoffes Diphosgen im Sommer (20 °C)
ratur einen bestimmten Wert. Steigt die Temperatur, etwa 10 min bei normaler Vergiftungsdichte und geringer
wird der Dampfdruck größer, fällt die Temperatur, wird Windgeschwindigkeit. Im Winter wurden Zeiten bis zu
er kleiner. einigen Stunden beobachtet.
Der Dampfdruck eines Stoffes bei einer gegebenen Tempe- Der Dampfdruck ist auch von Bedeutung für die physio-
ratur kann nach der Formel von Regnault berechnet logische Wirksamkeit eines Stoffes. Seßhafte Kampfstoffe,
werden: die auf die Atmungsorgane wirken sollen, müssen einen
Dampfdruck haben, der bei normalen Witterungs- und
Geländebedingungen zur Erzielung kräftiger physiologi-
p = Dampfdruck in mm Hg scher Wirkungen ausreicht.
= für jeden Stoff charakteristische Konstanten Diese Verhältnisse zeigen sich am besten bei der Betrach-
tung der Yperitdämpfe. Im Winter ist der Dampfdruck
t = Temperatur in OCelsius von Yperit so gering, daß nur selten durch Dämpfe Haut-
Die Konstanten A und B wurden von Baxter und Mum- verletzungen auftreten können. Im Sommer besitzt
ford für einige wichtige Kampfstoffe bestimmt und haben Yperit einen so hohen Dampfdruck, daß die Dämpfe
folgende Werte: binnen einiger Stunden bei geringer Windgeschwindigkeit
erhebliche Hautverletzungen hervorrufen.
Kampfstoff A B Bei nervenschädigenden Kampfstoffen vom Typ des Sarins
Phosgen 7,5595 1326 können bereits bei erheblich niedrigeren Temperaturen als
Chlorpikrin 8,2424 2045,6 bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische
Bromzyan 10,3282 2457,5 Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist.

42
Die Dampfdrücke einiger wichtiger Kampfstoffe:
ziemlich weiten Grenzen. Die Sättigungskonzentrationen
Kampfstoff Dampfdruck einiger Kampfstoffe:
(mm Hg-Säule) bei 20 °C
Kampfstoff Sättigungskonzentration
Adamsit 2 * 10-13
(mp/m3)
Diphenylarsinchlorid . 5 * 10-4
Yperit 0,1 Diphenylarsinchlorid 0,17
Tabun 0,12 Yperit 570
DFP 0,9 Tabun 650
Sarin 1,43 Diphosgen 26 000
Äthylarsindichlorid. . . 2 Sarin 11300
Methylarsindichlorid . 8 Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 16,9
Die starke Abhängigkeit der Sättigungskonzentration von
Blausäure 603
der Temperatur zeigen die folgenden Angaben über
Yperit:
2.1.4 Sättigungskonzentration
Temperatur (°C) Sättigungskonzentration
Als Sättigungskonzentration bezeichnet man die Menge (mp/m3)
eines Stoffes, die bei einer bestimmten Temperatur in
-18 45
einem Kubikmeter gesättigten Dampfes enthalten ist. Die
Sättigungskonzentration hängt vom Dampfdruck des 0 96
Stoffes bei der jeweiligen Temperatur ab. Die Angabe 10 210
dieses Wertes erfolgt in mp/m3. 20 570
Die Sättigungskonzentration eines Stoffes, dessen Dampf- 40 2640
druck bekannt ist, kann für eine bestimmte Temperatur
Die Sättigungskonzentration ist ein Maß für die Flüchtig-
nach folgender Formel berechnet werden:
keit eines Kampfstoffes. Ein Beispiel für den wesentlichen
Einfluß der Sättigungskonzentration eines Kampfstoffes
auf seine Wirksamkeit unter Gefechtsbedingungen ist die
Verwendung von Xylylbromid in den Jahren des 1. Welt-
CSätt = Sättigungskonzentration in mp/m 3 krieges. Xylylbromid, das bei 215 °C siedet, ist infolge
M = Molekulargewicht des Stoffes seiner geringen Sättigungskonzentration nur bei Tempera-
p = Dampfdruck des Stoffes in mm Hg turen über 20 °C als wirksamer Geländekampfstoff zu
t = Temperatur in °Celsius. verwenden. Von deutscher Seite wurde mit dem Xylyl-
Die Sättigungskonzentrationen der Kampfstoffe liegen i bromid im Winter 1914/15 ein chemischer Überfall unter-
nommen, der auf die beschossenen Einheiten keinerlei
44
Wirkung hatte, da die geringen Temperaturen die Reiz- Die Dampfdichte wichtiger Kampfstoffe bei 20 °C (gas-
wirkung dieses Stoffes nicht zur Geltung kommen förmiger Zustand):
ließen. Kampfstoff Dampfdichte
2.1.5 Spezifisches Gewicht Blausäure 1,2
Als spezifisches Gewicht bezeichnet man das Gewicht, das Chlorzyan 2,7
ein Kubikzentimeter eines bestimmten Stoffes hat. Man Phosgen 4,4
mißt dieses Gewicht in p/cm3. Meist gibt man das spezi- Sarin 6,3
fische Gewicht bei einer Temperatur von 20 °C an. Das Yperit 7,1
spezifische Gewicht der Kampfstoffe ist von untergeord- Tabun. 7,2
neter Bedeutung. Es ist lediglich für das Verhalten DFP 8,1
. wasserunlöslicher Kampfstoffe bedeutungsvoll und dient
zur Berechnung des Kampfstoffinhaltes von Bomben, 2.1.7 Löslichkeit
Granaten und chemischen Minen. Die Löslichkeit der Kampfstoffe ist für ihr Ver-
Die spezifischen Gewichte einiger Kampfstoffe: halten gegenüber den Entgiftungsmitteln und für ihre
Kampfstoff Spezifisches Gewicht Brauchbarkeit in taktischen Mischungen von großer
(p/cm3) Bedeutung.
Yperit 1,27 Die Löslichkeit kann in Gewichtsprozenten angegeben
werden, in Volumenprozenten, in Pond je Liter Lösungs-
Diphosgen 1,64
mittel und in Pond je Kilopond Lösungsmittel. Meist
Phenyldichlorarsin 1,65 wird die Löslichkeit nur in Gewichtsprozenten an-
Sarin.... 1,09 gegeben.
Soman 1,01 Die Löslichkeit eines festen oder flüssigen Stoffes ist
DFP 1,07 abhängig von der Temperatur. Im allgemeinen nimmt die
Tabun 1,08 Löslichkeit mit steigender Temperatur zu. Bei Gasen
hängt die Löslichkeit aber nicht nur von der Temperatur,
2.1.6 Dampfdichte sondern auch noch vom Druck des Gases über dem
Als Dampfdichte bezeichnet man das Gewicht eines Lösungsmittel ab.
Kubikmeters Gas bei 0 °C und 760 mm Hg-Säule in Kilo- Die Löslichkeit der Kampfstoffe in "Wasser ist für die
pond. Durch die Dampfdichte der gasförmigen Kampf- Beurteilung der Wirksamkeit wäßriger Entgiftungsmittel
stoffe läßt sich das Verhalten der von ihnen gebildeten wichtig. Wasser zersetzt fast alle Kampfstoffe (Hydro-
Kampfstoffwolken beurteilen. Sehr oft wird das Verhält- lyse), wobei zu beachten ist, daß die Geschwindigkeit
nis der Dampfdichte des Gases zur Dampfdichte der Luft dieser Zersetzung wesentlich von der Löslichkeit des
angegeben. Luft hat eine Dampfdichte von 1,29. Kampfstoffes abhängt.

46 47
Die Löslichkeitswerte einiger Kampfstoffe im Wasser: 2.2 Chemische Eigenschaften der Kampfstoffe
Kampfstoff Löslichkeit
Zur Charakterisierung der chemischen Kampfstoffe ist
Adamsit unlöslich
eine Reihe von chemischen Eigenschaften wichtig. Dabei
Blausäure. . . . in jedem Verhältnis mischbar
interessieren militärisch besonders die Eigenschaften,
Sarin in jedem Verhältnis mischbar
welche die Lagerungs-, Entgiftungs- und Erkennungsmög-
Soman unter 1 %
lichkeiten sowie das Verhalten der Kampfstoffe unter den
Yperit etwa 1 %
Einflüssen der Atmosphäre bestimmen. Zu diesen chemi-
DFP 1,5 %
schen Eigenschaften, gehören das Verhalten gegen die
Die meisten Kampfstoffe sind in organischen Lösungs- Entgiftungsmittel, speziell die Hydrolysier- und Oxydier-
mitteln löslich. Die günstigsten organischen Lösungs- barkeit, sowie die analytischen Reaktionen. Im folgenden
mittel für Kampfstoffe sind chlorierte Stoffe, zum Beispiel Abschnitt werden einige der allgemeinen chemischen
Tetrachlorkohlenstoff, Dichloräthan, Trichloräthylen, Eigenschaften besprochen.
Chlorbenzol.
In Alkoholen lösen sich besonders gut esterartige Kampf- 2.2.1 Hydrolysierbarkeit
stoffe, zum Beispiel DFP, Sarin und Soman. Auch die Als Hydrolyse bezeichnet man die Umsetzung der Stoffe
anderen Kampfstoffe lösen sich in Alkoholen (Methyl- mit Wasser. Die Geschwindigkeit dieser Umsetzung hängt
alkohol, Äthylalkohol) mehr oder weniger gut. Diese von den Eigenarten des Stoffes und von der Temperatur
Wirksamkeit organischer Lösungsmittel wird bei der ab. Bis auf wenige Ausnahmen sind die chemischen
Entgiftung empfindlicher Geräte ausgenutzt, die eine Kampfstoffe gegenüber dem Wasser unbeständig. Für
Behandlung mit aggressiven Entgiftungsmitteln nicht ihren gefechtsmäßigen Einsatz und besonders für die
vertragen (optische Geräte usw.). Beurteilung ihrer Wirksamkeit unter dem Einfluß der
Wie die Löslichkeit eines Kampfstoffes von der Tempera- Luftfeuchtigkeit, von Regen usw. ist daher die Kenntnis
tur abhängt, zeigt die Löslichkeit von Yperit in Benzin: der Hydrolysierbarkeit von großem Interesse. Außerdem
Temperatur (°C) Löslichkeit (Vol.-%) interessiert diese Eigenschaft hinsichtlich der Entgif-
-10 unter 4% tungsmöglichkeiten durch Kochen oder Dampfentgif-
- 5 5% tungsmethoden (für die Behandlung vergifteter Beklei-
0 7% dung und Ausrüstung).
5 14% Eine ganze Anzahl von Kampfstoffen (Phosgen, Diphosgen,
10 77% Phosgenoxim, Blausäure) ist nur sehr wenig beständig
30 unbegrenzt gegenüber Wasser; sie werden schnell hydrolysiert. Daher .
Die Tabelle zeigt, daß sich Benzin im Winter wenig zur eignen sich diese Kampfstoffe nicht für den Einsatz bei
Reinigung von Geräten eignet. Ähnlich verhält es sich bei feuchter Witterung. Andere Kampfstoffe (Yperit, Stick-
anderen Lösungsmitteln. stoff-Yperit, Brombenzylzyanid) werden nur langsam

48 4 Kampfstoffe 49
hydrolysiert und können im Gelände lange Zeit ihre Entgiftungszeit beim Kochen vergifteter Bekleidung auf
physiologische Wirksamkeit behalten. Je höher daher die mindestens eine halbe Stunde fest, um sicher zu sein, daß
Beständigkeit eines Kampfstoffes gegenüber dem Einfluß der Kampfstoff vollständig hydrolysiert wird. Ähnliche
des Wassers ist, um so wertvoller ist der Stoff für den Zeiten gelten auch für andere Kampfstoffe mit einer
militärischen Einsatz. Die wasserempfindlichen Kampf- relativen Beständigkeit gegenüber Wasser.
stoffe erfordern bei der Lagerung und bei ihrer Abfüllung
in Behälter, Bomben und Granaten besondere Vorsichts- 2.2.2 Verhalten gegen Entgiftungsmittel
maßnahmen (Verwendung trockener Gefäße, Abschir- Viele chemische Kampfstoffe erfordern zu ihrer Beseiti-
mung der Luftfeuchtigkeit usw.). gung von Gegenständen, Bekleidungsstücken oder von der
Um die Entgiftungsmöglichkeiten für Bekleidung und Haut chemische Entgiftungsverfahren. Aus diesem
Ausrüstung beurteilen zu können, muß die Abhängigkeit Grunde interessiert ihr Verhalten gegenüber den technisch
der Hydrolysegeschwindigkeit von der Temperatur be- leicht zugänglichen Entgiftungsstoffen (Chlorkalk, Alka-
achtet werden. Allgemein gilt, daß die Hydrolyse- lien, Chloramine, einige Oxydationsmittel). Diese Ent-
geschwindigkeit mit Erhöhung der Temperatur zunimmt. giftungsmittel wirken hauptsächlich oxydierend, hydroly-
Bei höheren Temperaturen, zum Beispiel durch Kochen. sierend und chlorierend auf die Kampfstoffe. Dabei muß
Behandlung mit Heißdampf und alkalischen Flüssig- berücksichtigt werden, daß in Abhängigkeit von der
keiten kann also in kürzester Zeit entgiftet werden. Zur Eigenart und dem chemischen Aufbau der Kampfstoffe
Erläuterung dieser Beziehungen kann die Hydrolyse von die Entgiftungsreaktionen für diesen oder jenen Kampf-
Yperit dienen. Bei Zimmertemperatur dauert die voll- stoff von mehr oder weniger praktischer Bedeutung sind.
ständige Hydrolyse des Kampfstoffes mehrere Stunden, In vielen wissenschaftlichen Arbeiten wurden diese Um-
während bei Temperaturen um den Siedepunkt des setzungsreaktionen untersucht und die jeweils günstig-
Wassers die Hydrolyse bereits nach wenigen Minuten sten Entgiftungsmöglichkeiten ausgewählt.
vollständig ist. Für die praktische Ausnutzung dieser Oxydierende Entgiftungsmittel wie Chlorkalk und Ka-
Gesetzmäßigkeiten sind folgende Faktoren zu berück- liummanganat eignen sich für leicht oxydierbare Kampf-
sichtigen : das Verhältnis Wasser-Kampfstoff, die Löslich- stoffe vom Typ des Yperits. Alkalien sind günstig für
keit des Kampfstoffes in Wasser, der Dispersionsgrad des Kampfstoffe mit Esterstruktur wie Tabun, Sarin und
Kampfstoffes in Wasser, der Säure- bzw. Alkaligehalt des Soman.
Wassers, die anwesenden Hydrolyseprodukte usw. Um
Für die Entgiftung chemischer Kampfstoffe sind beson-
eine sichere Entgiftung des Kampfstoffes zu erreichen,
ders solche Reaktionen von Bedeutung, bei denen die
wird deshalb eine wesentlich längere Entgiftungszeit
Endprodukte nur geringe oder keine toxische Wirkung
angesetzt, als theoretisch angesichts der Hydrolyse-
besitzen. In diesem Zusammenhang sind besonders die
geschwindigkeit für die betreffende Temperatur notwendig
Kampfstoffe zu nennen, die in ihrer Struktur Arsen ent-
wäre. So beträgt die theoretische Entgiftungszeit für
halten, da bei diesen Stoffen selbst mit den energischsten
Yperit bei 95 °C nur einige Minuten; man setzt jedoch die
Entgiftungsmitteln die toxische Wirkung nicht voll-

50 51
ständig beseitigt werden kann. Die Endprodukte der- Mengen ermöglichen. Bei der Bestimmung moderner
artiger Entgiftungsreaktionen enthalten Arsen und sind Kampfstoffe vom Sarin-Typ müssen beispielsweise noch
deshalb noch immer giftig, obwohl ihnen der Kampfstoff- Mengen von 0,01 mp/m3 Luft in wenigen Minuten sicher
charakter fehlt. Ähnlich verläuft die Umsetzung von erfaßt werden. Daran zeigt sich die Wichtigkeit der
Blausäure mit Alkalien. Im Ergebnis dieser Reaktionen Untersuchung analytischer Reaktionen zur Erkennung
bilden sich Zyanide, die noch über eine ziemlich hohe und quantitativen Bestimmung der chemischen Kampf-
Toxizität verfügen, aber ebenfalls keinen Kampfstoff- stoffe. Da diese Fragen aber nur einen kleinen Kreis von
charakter mehr besitzen. Militärchemikern interessieren, soll auf sie im Rahmen
Bei der Behandlung der einzelnen Kampfstoffe werden die dieser kurzen Einführung in die Probleme der chemischen
jeweils wichtigsten Entgiftungsreaktionen angeführt. Kampfstoffe nicht näher eingegangen werden.

2.2.3 Analytische Reaktionen


Die Existenz, Art und Menge chemischer Kampfstoffe in 2.3 Physiologische Wirkungen chemischer Kampfstoffe
der Luft, in Erd-, Stoff- und anderen Proben wird meist
mit Hilfe chemischer Reaktionen festgestellt, die mehr Als physiologische Wirkung der chemischen Kampfstoffe
oder weniger spezifisch für den betreffenden Kampfstoff bezeichnet man die Art und Weise sowie die Stärke ihrer
oder auch eine Kampfstoffgruppe sind. Diese Reaktionen Einwirkung auf den Organismus. Die Art der Einwirkung
führen bei Anwesenheit chemischer Kampfstoffe zu auf den Organismus hängt von den Eigenschaften des
charakteristischen Färb- oder anderen physikalischen Kampfstoffes ab. Es gibt Kampfstoffe mit vorwiegend
Eigenschaftsänderungen, die zur Erkennung oder quanti- reizerregender Wirkung auf die Augen, die Schleimhäute
tativen Bestimmung der Kampfstoffe ausgenutzt werden. des Nasen-Rachenraumes und die Haut, lungenschädi-
In der militärchemischen Forschung nimmt das Interesse gende, zellzerstörende sowie blut- und nervenschädigende
an der Erforschung neuer und für die einzelnen Kampf- Kampfstoffe; außerdem gibt es Kampfstoffe, die vor-
stoffe spezifischer Reaktionen und Nachweismethoden wiegend auf die physiologischen Mechanismen des Gas-
ständig zu. Das hängt mit der modernen Entwicklung der austausches in der Lunge wirken. Es ist verständlich, daß
Kampfstoffchemie zusammen. Die Entdeckung der bei dieser Vielzahl der Wirkungsmöglichkeiten die Syste-
Kampfstoffe mit extrem hoher Giftwirkung wie Sarin und matisierung der Kampfstoffe nach physiologischen Ge-
Soman erfordert neue und hochempfindliche Nachweis- sichtspunkten nur bedingt möglich ist. Hinzu kommt, daß
und Bestimmungsmethoden für den militärischen Ge- die meisten chemischen Kampfstoffe mehrere physiolo-
brauch. Während noch vor dem 2. Weltkrieg zur Bestim- gische Einwirkungsarten auf den Organismus besitzen.
mung der damals bekannten Kampfstoffe eine geringe Ferner spielt eine Rolle, daß die physiologischen Wirkun-
Empfindlichkeit und Spezifität ausreichte, müssen heute gen in beträchtlichem Maße von der Menge des einwirken-
Reaktionen und Verfahren angewendet werden, die eine den Kampfstoffes und von der Empfindlichkeit des
sichere Erkennung des Kampfstoffes noch in minimalsten Organismus abhängen. Noch schwieriger als die Systema-

52 53
tisierung ist die Gewinnung brauchbarer Zahlenangaben, nende Hautrötung als Kriterium für die minimalste
mit deren Hilfe die Wirksamkeit ähnlicher chemischer merkbare Einwirkung.
Kampfstoffe auf den Organismus verglichen werden kann. Um die physiologischen Wirkungen der Reizstoffe besser
Trotzdem ist es erforderlich, wenigstens relative Werte miteinander vergleichen zu können, empfiehlt sich nur
für die Beurteilung der Kampfstoffe zu ermitteln. Zu ein Vergleich der Reizschwellenwerte der Kampfstoffe,
diesem Zwecke unterscheidet man Kampfstoffe mit vor- die an ähnlichen Orten auf den Organismus einwirken
wiegend reizerregenden Eigenschaften und solche mit und die sich in ihren sonstigen Eigenschaften nur wenig
ausgeprägter Giftwirkung. Zur Charakterisierung der unterscheiden. Da für militärische Zwecke — besonders
Kampfstoffe mit vorwiegend reizerregenden Eigenschaften für Gefechtsbedingungen — nur die Wirksamkeit interes-
dienen die Reizschwelle und die Erträglichkeitsgrenze. siert, kann mit einigen Einschränkungen der Reizschwel-
Bei Kampfstoffen mit vorwiegender Giftwirkung kann lenwert als allgemeines Charakteristikum herangezogen
die tödliche Dosis, die tödliche Konzentration und - mit werden.
Einschränkung — das Tödlichkeitsprodukt zur Einschät-
zung der Giftwirkung dienen. Die wichtigsten Reizstoffe mit militärischer Bedeutung
besitzen folgende Reizschwellenwerte:
2.3.1 Reizschwelle Kampfstoff Reizschwellenwert
Als Reizschwelle bezeichnet man die Konzentration eines (mp/m3)
Kampfstoffes, die bei einer einminütigen Einwirkungszeit
Adamsit 0,01
auf den Teil des Organismus, auf den die Substanz haupt-
sächlich wirkt, einen gerade noch merkbaren Reiz Diphenylarsinchlorid 0,02
hervorruft. Die Konzentration wird dabei meist in Milli- Brombenzylzyanid 0,3
pond je Liter oder auch in Pond je Kubikmeter Luft Chlorazetophenon 0,5
angegeben. Bei Augenreizstoffen wird als Reizschwellen- Bromazeton 1,0
wert die Konzentration angegeben, die gerade noch Chlorpikrin 2,0
Tränenfluß hervorruft; bei Nasen-Rachenreizstoffen
entspricht der kleinste merkbare Reizeffekt des Stof- Der stärkste Reizstoff ist nach dieser Aufstellung Adamsit.
fes auf die Schleimhäute des Nasen-Rachenraumes Er wird auch als der Reizstoff angesehen, der selbst in
dem Reizschwellenwert. Ähnliches gilt für die Haut- einem modernen Krieg noch von Bedeutung ist. Es muß
reizstoffe oder für andere Kampfstoffe, die neben ihrer jedoch betont werden, daß es nicht möglich ist, nur aus
Giftwirkung noch eine nicht zu unterschätzende Reiz- einer Eigenschaft eines Stoffes die Zweckmäßigkeit seines
wirkung auf den Organismus haben, zum Beispiel Einsatzes unter Gefechtsbedingungen zu beurteilen. Bei
Diphosgen. Adamsit sprechen allerdings auch seine sonstigen Eigen-
Mitunter wird auch die Reizschwelle für hautschädigende schaften und die Produktionsmöglichkeiten für seinen
Kampfstoffe angegeben. In diesen Fällen gilt die begin- Einsatz als chemischer Kampfstoff.

54 55
2.3.2 Erträglichkeitsgrenze Lagerungsmöglichkeit begrenzt ist. Chlorazetophenon
Als Erträglichkeitsgrenze bezeichnet man die Konzentra- und Chlorpikrin werden in den meisten Ländern nur noch
tion eines Stoffes, die von einem Menschen bei einer ein- für Dichtheitsprüfungen der Schutzmasken und für
minütigen Einwirkung gerade noch ohne behindernde Übungszwecke gebraucht.
Reizerregungen ertragen werden kann. Bei Augenreiz-
stoffen gilt die Erträglichkeitsgrenze als erreicht, wenn die 2.3.3 Tödliche Dosis
Augen nicht mehr geöffnet werden können; bei Nasen- Als tödliche Dosis bezeichnet man die Menge eines Giftes,
Rachenreizstoffen versteht man darunter die Konzen- die bei der Einwirkung auf den Organismus tödlich ver-
tration, bei der sich nicht mehr zu unterdrückender, laufende Vergiftungserscheinungen hervorruft. Dieser
Husten und Kopfschmerzen einstellen. Wert läßt sich sehr schwierig bestimmen, da die für eine
Die Erträglichkeitsgrenze hat für die militärische An- tödliche Vergiftung notwendige Giftmenge von sehr
wendung der Reizstoffe große Bedeutung. Beim Gefechts- vielen Faktoren abhängt. So müssen bei Versuchstieren
einsatz müssen, um wirksame Effekte zu erzielen, min- die Tierart, das Geschlecht, das Alter des Tieres, die
destens Konzentrationen angewendet werden, die über der Lebensgewohnheiten, die Konstitution, der Gesund-
Erträglichkeitsgrenze liegen. Deshalb wurde bei Einsatz- heitszustand und die Art beziehungsweise der Ort der
berechnungen die Erträglichkeitsgrenze oder ein mehr- Einwirkung des Giftes berücksichtigt werden.
faches dieses Wertes als Grundlage genommen, um die Es ist allerdings nicht möglich, die bei Tierversuchen
Granat- beziehungsweise Bombenzahl je Flächeneinheit gewonnenen Ergebnisse auf andere Tierarten oder gar auf
des Zieles zu berechnen. den Menschen zu übertragen. Um deshalb für Vergleichs-
zwecke brauchbare Mittelwerte zu erhalten, wird bei
Die wichtigsten Reizstoffe besitzen folgende Erträglich- Tierversuchen eine größere Anzahl von Tieren zur
keitsgrenzwerte : Bestimmung der Tödlichkeitswerte verwendet. Meist gibt
Kampfstoff Erträglichkeits- man nicht die absolut tödliche Dosis an, sondern die
grenzwert (mp/m3) Menge des Giftes, die bei 50% der benutzten Versuchstiere
Adamsit 0,4 zu tödlichen Vergiftungen führt. Die Angabe erfolgt zweck-
Diphenylarsinchlorid 1,0 mäßigerweise in Gewichtsteilen (Millipond oder Pond) je
Chlorazetophenon 4,5 Kilopond Körpergewicht. Man nennt diesen Wert die
Bromazeton 30 50%ige tödliche Dosis (LD50). Bei Angabe dieses Wertes
Brombenzylzyanid 30 muß noch die Art der Giftaufnahme (Applikationsart)
Chlorpikrin 50 genannt werden, da die tödlichen Dosen bei verschiedenen
Aufnahmearten sehr unterschiedlich sein können. So
Auch diese Tabelle zeigt die hohe Wirksamkeit von
sind die tödlichen Dosen bei der Aufnahme durch die
Adamsit. Die übrigen genannten Kampfstoffe besitzen
Haut (kutane Aufnahme) wesentlich höher als bei
nur noch geringe militärische Bedeutung, da ihre Her-
Injektionen in die Muskeln (intramuskuläre Injektion),
stellung meist schwierig und kostspielig ist und ihre

56 57
in die Venen (intravenöse Injektion) oder bei der Auf- Kampfstoff 50 %ig tödliche Konzentration
nahme mit Speisen oder Getränken (Aufnahme durch den Einwirkungszeit 10 min
Mund — per os). Vergleich der 50%ig tödlichen Dosen Tabun 50 mp/m3
einiger nervenschädigender Kampfstoffe: Sarin 20 mp/m3
Kampfstoff 50%ig tödliche Dosis (LD50) Soman 10 mp/m3
Aufnahme durch Injektion in die
die Haut Muskeln 2.3.5 Tödlichkeitsprodukt
Tabun 50-70 mp/kp 0,1 -0,2 mp/kp Der deutsche Chemiker Haber führte für den Vergleich
Sarin 30-50 mp/kp 0,06-0,09 mp/kp der physiologischen Wirksamkeit der Kampfstoffe das
Soman . . . 10-30 mp/kp 0,03-0,06 mp/kp sogenannte Tödlichkeitsprodukt ein. Dieser Wert ist das
Produkt aus tödlicher Konzentration und Einwirkungs-
2.3.4 Tödliche Konzentration zeit :
Um die Giftwirkung eines Stoffes bei seiner Aufnahme C*t = Tp
mit der Atmungsluft zu beurteilen, muß man seine töd- C = Konzentration des Kampfstoffes
liche Konzentration kennen. Dieser Wert ist besonders t = Einwirkungszeit
für die Beurteilung gasförmiger beziehungsweise dampf- Tp = Tödlichkeitsprodukt
förmiger chemischer Kampfstoffe wichtig. Auch hier gibt Die Konzentration wird meist in Millipond je Kubik-
man am besten die Konzentration des Giftes an, die bei meter und die Einwirkungszeit in Minuten angegeben.
50% der Versuchstiere zu tödlichen Vergiftungen führt. Das Tödlichkeitsprodukt kann natürlich nur für grobe
Man spricht dann analog der tödlichenDosis von der 50 %ig Einschätzungen und zu Überschlagsberechnungen ver-
tödlichen Konzentration (LC50). Die tödlichen Konzentra- wendet werden, da die Zahlenwerte jeweils nur für
tionen der Kampfstoffe sind sehr unterschiedlich. Es ist einen kleinen Bereich der Konzentrationen und wenig
natürlich, daß der Kampfstoff die größte Wirksamkeit be- unterschiedliche Einwirkungszeiten angenähert stimmen.
sitzt, der bei den niedrigsten Konzentrationen Vergiftungs- Trotzdem wurden in vielen Staaten die Tödlichkeits-
erscheinungen hervorruft. Bei der 50%ig tödlichen Kon- produkte als Grundlage der Normen für die Anwendung
zentration ist die gleichzeitige Angabe der Einwirkungszeit chemischer Kampfstoffe genommen.
erforderlich, da bei längerer Dauer bereits geringere Kon- Die Tödlichkeitsprodukte einiger chemischer Kampf-
zentrationen tödliche Vergiftungen zur Folge haben. stoffe :
Die LC50-Werte einiger chemischer Kampfstoffe: Kampfstoff Tödlichkeitsprodukt
Kampfstoff 50 %ig tödliche Konzentration Chlor 10 000
Einwirkungszeit 10 min Diphosgen 5 300
Phosgen . 500 mp/m 3 Phosgen 5 000
Blausäure 400 mp/m3 Chlorzyan 4 500

58 59
Kampfstoff Tödlichkeitsprodukt 3. Klassifizierung chemischer Kampfstoffe
Blausäure 4 000
Tabun 450 Die chemischen Kampfstoffe können nach verschiedenen
Sarin 150 Gesichtspunkten eingeteilt werden. So können die che-
Soman 80 mischen oder physikalischen Eigenschaften, die physiolo-
Ein Kampfstoff ist um so gefährlicher, je geringer der gischen Wirkungen oder die taktischen Einsatzmöglich-
Wert des Tödlichkeitsprodukts ist. Man kann die an- keiten die Grundlage zu einer Einteilung der Kampfstoffe
gegebenen Werte für Überschlagsberechnungen aber nur geben.
bei Einwirkungszeiten von wenigen Minuten als Grund- Die Einteilung nach chemischen Gesichtspunkten ist
lage nehmen. In den letzten Jahren wurden die Tödlich- kompliziert, sie kann meist auch nur zur genauen chemi-
keitsprodukte immer weniger zur Einschätzung chemi- schen Erläuterung der Eigenschaften der Kampfstoffe
scher Kampfstoffe gebraucht, da die exaktere 50%ig verwendet werden. Sie gibt nur wenig Hinweise für die
tödliche Dosis wesentlich genauere Beurteilungen erlaubt. taktischen Anwendungsmöglichkeiten. Am einfachsten
ist die Einteilung nach physikalischen Gesichtspunkten,
da durch die physikalischen Eigenschaften der Kampf-
stoffe eine grobe Einteilung nach Anwendungsmöglich-
keiten durchführbar ist. Prinzipiell kann man je nach dem
Aggregatzustand bei normalen Temperaturen die Kampf-
stoffe in gasförmige, flüssige und feste chemische Kampf-
stoffe einteilen. Je nach Flüchtigkeit unterscheidet man
flüchtige und seßhafte Kampfstoffe.

3.1 Flüchtige Kampfstoffe

Zu den flüchtigen Kampfstoffen zählen alle Stoffe, die bei


normaler Temperatur nur kurzzeitig im Gelände eine hohe
Konzentration in der Luft bilden.
Zu dieser Gruppe gehören alle Kampfstoffe, deren Siede-
punkt unter 130 °C liegt. Man bezeichnet diese Stoffe auch
als kurzwirkende Kampfstoffe. In diese Gruppe werden
außer den gasförmigen Kampfstoffen Phosgen und
Chlorzyan auch Diphosgen, Blausäure, Chlorpikrin,
Phosgenoxim und ähnliche Kampfstoffe eingeordnet.

61
3.2 Seßhafte Kampfstoffe 3.4 Klassifizierung nach physiologischen Gesichts-
punkten
Die seßhaften Kampfstoffe haben eine geringe Flüchtig-
keit und sind infolge ihres geringen Dampfdruckes in der Sehr zweckmäßig ist die Einteilung der chemischen
Lage, einen Geländeabschnitt längere Zeit zu vergiften. Kampfstoffe nach physiologischen Gesichtspunkten. Bei
Zu dieser Gruppe, auch Gruppe der langwirkenden dieser Einteilung ordnet man die Kampfstoffe nach ihrer
Kampfstoffe genannt rechnet man die schwerflüchtigen Hauptwirkung auf den Organismus. Man unterscheidet:
Stoffe Yperit, Stickstoff-Yperit, Lewisit, Tabun, Phenyl- 1. Augenreizstoffe
arsindichlorid und andere. Auch die Kampfstoffe Sarin
2. Nasen- und Rachenreizstoffe
und Soman sind viel weniger flüchtig als die Gruppe der
3. Lungenschädigende Kampfstoffe
kurzwirkenden Kampfstoffe und können deshalb als
4. Hautschädigende Kampfstoffe
seßhafte Kampfstoffe bezeichnet werden.
5. Blut- und nervenschädigende Kampfstoffe
Natürlich hat diese Einteilung Mängel, da viele Kampf-
stoffe gleichzeitig auf mehrere Organe einwirken können.
3.3 Aerosole
Chlorpikrin beispielsweise wirkt außer auf die Augen auch
sehr stark auf die Lunge. Die Dämpfe von Yperit oder
Eine Reihe von Kampfstoffen, besonders Kampfstoffe
aerolisiertes Yperit verursachen sehr starke Verletzungen
mit einem hohen Siedepunkt, erreichen ihre größte Wirk-
der Augen und der Atmungsorgane, obwohl Yperit zu den
samkeit, wenn sie als Nebel oder Rauch (Aerosol) ein-
hautschädigenden Kampfstoffen zählt.
gesetzt werden. Zu dieser Gruppe gehören Adamsit, Di-
phenylarsinchlorid, Diphenylarsinzyanid sowie einige
andere Stoffe. Diese Stoffe besitzen ausgesprochen reiz-
erregende Eigenschaften auf die Schleimhäute des Nasen-
Rachenraumes. Sie werden entsprechend ihrer Anwen-
dungsform auch als Giftrauchstoße bezeichnet. Diese Stoffe
sind nach ihrer praktischen Wirkungsdauer mit den kurz-
wirkenden Kampfstoffen gleichzusetzen, da sie sich wie
die Luft im Gelände verhalten. Daneben können einige
hier unter den seßhaften Kampfstoffen aufgezählte Stoffe
ebenfalls durch Versprühen in der Luft in eine hochwirk-
same Form gebracht werden.

62
4. Augenreizstoffe azetonfüllung kamen Anfang 1915 an die Front und
wurden später entsprechend ihrer Kennzeichnung zu den
Als Augenreizstoffe bezeichnet man die chemischen Weißkreuz-Granaten*) gezählt.
Kampfstoffe, deren Wirkung auf den Organismus vor-
wiegend auf eine Tränenerregung beschränkt ist. Sie 4.1.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
werden in der Literatur auch als Tränenreizstoffe oder Bromazeton ist im reinen Zustand eine farblose, stechend
Tränengase bezeichnet. Chemisch handelt es sich bei riechende Flüssigkeit mit einem spezifischen Gewicht
diesen Stoffen meist um halogenierte Ketone, Halogen- von 1,6. Bei normalem Druck siedet es bei 136 °C. Der
karbonsäureester sowie halogenierte aromatische Verbin- Erstarrungspunkt liegt bei — 54 °C, der Dampfdruck bei
dungen. Sie haben meist nur eine geringe Giftwirkung 20 °C entspricht 9 mm Hg-Säule. Infolge der hohen Sätti-
und sind unter modernen Gefechtsbedingungen nur noch gungskonzentration, die 75 p/m 3 bei 20 °C beträgt, wird
von untergeordneter Bedeutung. Sie werden hauptsäch- Bromazeton zu den flüchtigen chemischen Kampfstoffen
lich für Übungszwecke und für Dichtheitsprüfungen der gezählt. Bei längerem Stehen und unter Einfluß von Wärme
Schutzmasken verwendet. In den kapitalistischen Län- und Licht verfärbt sich dieser Stoff durch Bildung von Zer-
dern werden für Polizeizwecke Tränengashandgranaten setzungsprodukten allmählich bräunlich. Dieser Zerset-
und andere Mittel gegen Streikende, Demonstranten und zungsprozeß kann durch Stabilisatoren verzögert werden.
gegen Freiheitskämpfer in den noch kolonialen Ländern Während des 1. Weltkrieges wurde dem Bromazeton fein-
eingesetzt. pulverisiertes Magnesiumoxyd zugesetzt, das bei der Lage-
Die wichtigsten Augenreizstoffe sind Bromazeton,Chlor- rung freiwerdende Säure band und das Auftreten von Zer-
azetophenon und Brombenzylzyanid. setzungserscheinungen um einige Monate verzögerte.
Bromazeton ist in Wasser wenig, in Alkohol, Benzol, Azeton
und anderen organischen Lösungsmitteln gut löslich.
4.1 Bromazeton BrCH2-CO-CH3 Technisches Bromazeton ist eine gelbe bis braune Flüssig-
keit, die bei längerem Stehen einen harzigen Bodensatz
Einer der ersten von der deutschen Armee im 1. Weltkrieg bildet. Bromazeton greift bei der Lagerung eiserne Behäl-
eingesetzten Augenreizstoffe war das Bromazeton. Es ter an, da sich Bromwasserstoffsäure abspaltet, die stark
wurde unter der Deckbezeichnung B-Stoff als Füllung korrodierend wirkt. Blei-, Glas- und Porzellangefäße wer-
für chemische Granaten und Handgranaten verwendet. den nicht angegriffen. Um Korrosionsschäden an den Gra-
Dieser Stoff wurde erstmalig 1863 von Linnemann her- nathüllen zu vermeiden, wurden die Granaten im 1. Welt-
gestellt und beschrieben. krieg mit Blei ausgekleidet, später verwendete man
Die starken tränenerregenden Eigenschaften und die Granaten, deren Innenraum emailliert war.
technisch einfache Herstellungsweise veranlaßten die Eine Entgiftung ist nach einer Bromazeton-Einwirkung
deutschen Chemiker, das Bromazeton für militärische
*) Als Weißkreuz-Granaten wurden in der deutschen Armee alle Granaten
Zwecke auszuwählen. Die ersten Granaten mit Brom- mit Augenreizstoffüllung bezeichnet.

64 5 Kampfstoffe 65
meist nicht notwendig, da es infolge seiner hohen 4.1.3 Anwendungsmöglichkeiten
Flüchtigkeit schnell verdampft. Sind Textilien oder Von französischer Seite wurde Bromazeton unter der
andere poröse Materialien stark mit Bromazeton benetzt, Bezeichnung Martonite in einer Mischung mit 20%
so kann der Reizstoff durch Lüften oder (im Winter) Chlorazeton in Granaten verschossen. Nachdem man
durch eine Warmluftbehandlung leicht entfernt werden. aber bessere und stabilere Reizstoffe entwickelt hatte,
In Laboratorien oder anderen Räumen, in denen sich fand das Bromazeton kaum noch militärische Verwen-
durch Unvorsichtigkeit oder nach Dichtheitsprüfungen dung.
starke Konzentrationen gebildet haben oder in denen sich Infolge seiner hohen Reiz- aber geringen Giftwirkung
flüssiges Bromazeton befindet, kann der Reizstoff durch kann das. Bromazeton für Dichtheitsprüfungen beim
eine Lösung zerstört werden, die 250 p Natriumsulfid Anpassen von Schutzmasken verwendet werden. Die
(oder Kaliumsulfid) und 30 p Seife oder Waschmittel in Konzentration darf dabei 100 mp/m3 nicht übersteigen,
10 1 Wasser enthält. Diese Lösung wird auf die benetzten um Verletzungen zu verhindern. Bei hohen Bromazeton-
Oberflächen oder im Raum versprüht. konzentrationen kann die Bekleidung eine große Menge
Reizstoff aufnehmen und noch Stunden danach eine starke
4.1.2 Physiologische Wirkungen Reizwirkung hervorrufen.
Bromazeton ist einer der stärksten Augenreizstoffe. Die Im 1. Weltkrieg wurde Bromazeton auch für die Prüfung
Reizschwelle liegt bei 1 mp/m3 und die Erträglichkeits- von Schutzmaskenfiltern verwendet. Zu diesem Zweck
grenze bei 30 mp/m3. Bei einer Konzentration von 40 wurde ein Luftstrom mit einer Geschwindigkeit von
bis 50 mp/m3 tritt eine so starke Tränenreizung ein, daß 20 l/min und einem Bromazetongehalt von 15 p/m 3 durch
es unmöglich ist, die Augenlider zu öffnen. Stärkere Kon- den Filtereinsatz geblasen. Die Filter mußten 45 min lang
zentrationen können Augenbindehautentzündungen her- den Durchbruch des Reizstoffes aufhalten.
vorrufen. Die Empfindlichkeit gegenüber Bromazeton-
dämpfen ist sehr verschieden. Manche Menschen werden
bei wiederholter Einwirkung auf die Augen überempfind- 4.2 Brommethyläthylketon BrCH2-CO-C2H5
lich, während sich andere fast daran gewöhnen.
Wenn flüssiges Bromazeton in die Augen gerät, so ent- Brommethyläthylketon wurde im 1. Weltkrieg als Ersatz
stehen schwere Augenverletzungen, die sich unter Um- für Bromazeton eingeführt. Dieser Ersatz wurde notwen-
ständen zur Erblindung steigern können. Die Giftwirkung dig, da das zur Herstellung von Bromazeton benötigte
des Bromazetons ist sehr gering. Erst Konzentrationen von Azeton in großen Mengen als Lösungsmittel für die
einigen Pond je Kubikmeter sind gefährlich. Kommen Sprengstoffindustrie gebraucht wurde. Die Reizwirkung
flüssige Bromazetontropfen mit der Haut in Berührung, dieses Stoffes ist etwas geringer als die von Brom-
so rötet sich die Haut, und es bilden sich Blasen. Diese azeton. Deutscherseits wurde Brommethyläthylketon als
Erscheinungen sind jedoch ungefährlich, da sie spätestens Bn-Stoff und französischerseits als Homomartonite bezeich-
nach einigen Tagen wieder vergehen. net.

66 67
4.2.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
Dieser Stoff soll nach deutschen Angaben bereits 1912 auf
Brommethyläthylketon ist eine farblose oder leicht bräun-
Vorschlag des städtischen Laboratoriums der Stadt Paris
liche Flüssigkeit mit einem spezifischen Gewicht von 1,43.
in die Ausrüstung der französischen Armee aufgenommen
Der Siedepunkt liegt bei 145 °C. Bei dieser Temperatur
worden sein. Diese Mitteilung ist in vielen deutsch-
treten bereits Zersetzungserscheinungen auf. Der Stoff
sprachigen Veröffentlichungen enthalten, um Frankreich
kann deshalb nur unter vermindertem Druck destilliert
die Schuld für den Beginn des völkerrechtswidrigen che-
werden. In Wasser ist Brommethyläthylketon unlöslich.
mischen Krieges in die Schuhe zu schieben.
Gegenüber Bromazeton ist es etwas länger lagerungs-
Während des 1. Weltkrieges wurde Bromessigester nur
fähig. Die chemischen Eigenschaften des Brommethyl -
selten für Reizstoffgranaten verwendet, da sich Brom-
äthylketons ähneln denen des Bromazetons. Durch alko-
azeton und andere Reizstoffe wesentlich leichter herstellen
holische Alkalilösung läßt sich zum Beispiel das Brom
lassen und auch eine stärkere Wirksamkeit haben.
abspalten. Zur Entgiftung kann gleichfalls Natriumsulfid-
Seifenlösung verwendet werden. 4.3.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
4.2.2 Physiologische Wirkungen Reiner Bromessigsäureäthylester ist eine farblose Flüssig-
keit mit einem stechenden Geruch. Der Siedepunkt dieses
Die Reizschwelle von Brommethyläthylketon liegt bei
Stoffes liegt bei 168 °C und der Erstarrungspunkt bei
2 mp/m3 und die Erträglichkeitsgrenze bei 15 mp/m3.
- 13,8 °C. Das spezifische Gewicht beträgt bei 20 °C 1,51,
In seinen sonstigen physiologischen Wirkungen entspricht
die Sättigungskonzentration bei der gleichen Temperatur
es dem Bromazeton.
21 p/m3.
Im Wasser ist Bromessigsäureäthylester unlöslich, gut
löslich dagegen in allen organischen Lösungsmitteln.
4.3 Bromessigester BrCH2COOC2H5
Bei längerer Berührung mit Wasser oder der Luftfeuchtig-
keit tritt ein hydrolytischer Zerfall ein. Durch wäßrige
Bromessigester (genauer Bromessigsäureäthylester) soll
oder wäßrig-alkoholische Natronlauge läßt sich Brom-
nach deutschen Angaben als erster chemischer Stoff mit
essigsäureäthylester schnell zersetzen. In Metallgefäßen
Reizwirkung von der französischen Armee bereits in den
kann er relativ lange ohne starke Zersetzungserscheinun-
ersten Kriegsmonaten des 1. Weltkrieges eingesetzt gen aufbewahrt werden.
worden sein. Er soll zur Füllung von Gewehrgranaten
und später auch von Artilleriegeschossen gedient haben. 4.3.2 Physiologische Wirkungen
Dieser Stoff wurde von Perhin und Duppa im Jahre 1858
Bromessigester ist ein starker Augenreizstoff. Die Reiz-
hergestellt.
schwelle liegt bei 10 mp/m3 und die Erträglichkeitsgrenze
Bromessigester wird von der chemischen Industrie in großen
bei 40 mp/m3. Gefährliche Vergiftungen sollen bei einer
Mengen als Zwischenprodukt für organische Synthesen im
Konzentration von 0,3 p/m 3 und einer Einwirkungszeit
Labor und bei großtechnischen Prozessen hergestellt.
von 10 bis 15 min beobachtet worden sein.
68
.69
4.4 Xylylbromid CH 3 -(C 6 H 4 )-CH 2 Br Ursachen tödliche Vergiftungen. Xylylbromid wurde
noch im Verlaufe des 1. Weltkrieges durch das Phenyl-
Im Januar 1915 wurden von der deutschen Armee Gra- karbylaminchlorid abgelöst, das über günstigere Eigen-
naten eingesetzt, die eine Füllung von Xylylbromid ent- schaften verfügen soll.
hielten. Es wurde als T-Stoff bezeichnet und in eigens
dafür hergestellte Granaten gefüllt. Von deutscher Seite
wurden im 1. Weltkrieg etwa 500 Mp dieses Stoffes her- 4.5 Phenylkarbylaminchlorid C6H5-NCC12
gestellt und eingesetzt. Es war praktisch der erste che-
mische Kampfstoff, der im 1. Weltkrieg zur Anwendung Phenylkarbylaminchlorid wurde im 1. Weltkrieg von der
kam. Der erste Einsatz an der deutsch-russischen Front deutschen Armee angewendet. Man gebrauchte etwa
brachte jedoch keinen Erfolg, da die tiefen Temperaturen 700 Mp dieses Stoffes als Maskierungsmittel für das
eine Gefechtswirkung unmöglich machten. Erst bei einem gefährlichere Yperit. Durch diesen Stoff sollte der Geruch
zweiten Einsatz an der Flandernfront erwies sich Xylyl- des Yperits überdeckt und dem Gegner somit ein alleiniger
bromid als ausreichend gefechtswirksam. Einsatz von Reizstoff vorgetäuscht werden. Phenyl-
Xylylbromid wurde erstmalig im Jahre 1882 von Rad- karbylaminchlorid wurde 1874 von Sell und Zierold her-
gestellt.
ziszewski hergestellt.

4.4.1 Physikalische und chemische Eigenschaften 4.5.1 Physikalische und chemische Eigenschalten
Xylylbromid ist im reinen Zustand eine farblose Flüssig- Phenylkarbylaminchlorid ist eine ölige Flüssigkeit mit
keit, die bei 210 °C siedet. Bei 20 °C beträgt das spezifische einem starken, zwiebelähnlichen Geruch. Der Siedepunkt
Gewicht 1,4 und die Sättigungskonzentration 600 mp/m3. liegt bei 210 °C. Das spezifische Gewicht ist 1,3, und die
Technisches Xylylbromid ist ein braunes Öl, das aus den Sättigungskonzentration liegt bei 20 °G bei 2 p/m3.
drei isomeren Substitutionsprodukten besteht. Es riecht Phenylkarbylaminchlorid ist unlöslich in Wasser, löst sich
stark aromatisch. jedoch gut in organischen Lösungsmitteln und flüssigen
Kampfstoffen (Yperit). Bei Zimmertemperatur wird es
Bei der Lagerung in Metallgefäßen zersetzt sich Xylyl-
von Wasser nur wenig angegriffen. Es ist auch in Metall-
bromid und wirkt stark korrodierend, weshalb es im
gefäßen ausreichend lagerfähig.
1. Weltkrieg nur in bleiausgekleideten Gefäßen gelagert
wurde. Auch die Granaten erhielten aus diesem Grunde Wegen seines hohen Siedepunktes und der geringen
Bleiwandungen. Flüchtigkeit wird Phenylkarbylaminchlorid zu den seß-
haften chemischen Kampfstoffen gerechnet.
4.4.2 Physiologische Wirkungen
4.5.2 Physiologische Wirkungen
Die Reizschwelle des Xylylbromids liegt bei 1,8 mp/m 3
und die Erträglichkeitsgrenze bei 15 mp/m3. Die Gift- Die Reizschwelle dieses Kampfstoffes liegt bei 3 mp/m3
wirkung ist verhältnismäßig gering. Erst 6 p/m 3 ver- und die Erträglichkeitsgrenze bei 30 mp/m3. Tödliche

71
70
Vergiftungen sollen erst bei einer Konzentration von 4.6.2 Physiologische Wirkungen
5 p/m 3 bei einer Einwirkungszeit von 10 min auftreten. Die Reizwirkung von Chlorazeton ist geringer als die von
Unter modernen Bedingungen ist dieser Stoff ohne beson- Bromazeton. Die Reizschwelle liegt bei 18 mp/m3 (Brom-
dere Bedeutung. azeton 1 mp/m3) und die Erträglichkeitsgrenze bei
100 mp/m 3 (Bromazeton 30 mp/m3). Die Giftwirkung ist
stärker als bei den bisher beschriebenen Stoffen aus-
4.6 Chlorazeton ClCH2-CO-CH3 geprägt. Konzentrationen von 3 p/m3 sollen nach Lite-
raturangaben bei einer einminütigen Einatmung zu töd-
Chlorazeton wurde von den Franzosen als Ersatz für lichen Vergiftungen führen.
bromhaltige Reizstoffe eingesetzt, da sich in Frankreich
bereits kurz nach Kriegsbeginn ein akuter Brommangel
bemerkbar machte. Dieser Kampfstoff wurde in franzö- 4.7 Chlorazetophenon C1CH2-CO-C6H5
sischen Veröffentlichungen als Tonite bezeichnet. Nach-
dem auf französischer Seite wirksamere Kampfstoffe Chlorazetophenon wurde nach dem 1. Weltkrieg in den
gefunden worden waren, verwendete man diesen Stoff USA auf seine Eignung als chemischer Kampfstoff unter-
nur noch als Lösungsmittel für taktische Mischungen und sucht und in großen Mengen für militärische Zwecke her-
für Übungszwecke. gestellt. Es ist der wirksamste Augenreizstoff, der bisher
Chlorazeton wurde bereits 1859 von Riche hergestellt, als in der Literatur beschrieben wurde. In den USA wird
dieser eine Lösung von Chlorwasserstoff in Azeton elek- dieser Stoff militärisch als CN-Gas bezeichnet und noch
trolysierte. immer in großen Mengen hergestellt und gelagert.
Erstmalig wurde Chlorazetophenon von Graebe beschrie-
4.6.1 Physikalische und chemische Eigenschaften ben, der es durch Einwirkung von Chlor auf Azetophenon
Chlorazeton ist eine wasserklare Flüssigkeit mit einem darstellte.
stechenden Geruch, die bei 119 °C siedet. Das spezifische Später wurde es von Friedet und Crafts durch die nach
Gewicht beträgt 1,16. Die Sättigungskonzentration bei diesen beiden Chemikern benannte Reaktion — Um-
20 °C liegt bei 61 mp/m3. setzung von Chlorazetylchlorid mit Benzol bei Gegenwart
Chlorazeton ist in Wasser nur wenig löslich, dagegen gut von Aluminiumchlorid — erhalten.
in organischen Lösungsmitteln. Wasser zersetzt den Stoff Bereits in den damaligen Veröffentlichungen wurde die
nicht. Von Aktivkohle werden die Chlorazetondämpfe gut starke Reizwirkung dieses Stoffes beschrieben.
adsorbiert.
Bei längerer Lagerung zersetzt sich Chlorazeton zu einer 4.7.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
festen, dunklen Substanz. Eisen beschleunigt diesen Vor- Reines Chlorazetophenon ist ein farbloser, kristalliner
gang. Die Granaten und Lagergefäße mußten deshalb mit Stoff mit einem schwachen Geruch, der an Faulbeerbaum -
einer Schutzschicht versehen werden. blätter erinnert.. Der Schmelzpunkt liegt bei 58 °C und

72 73
der Siedepunkt unter normalem Druck bei 244 °C. Der wichtigsten Augenreizstoffe, die auch noch unter moder-
Dampfdruck bei 20 °C ist gering und entspricht etwa nen Bedingungen von Bedeutung sind.
0,01 mm Hg-Säule. Bei der gleichen Temperatur beträgt In Metallbehältern ist eine jahrelange Lagerung ohne
die Sättigungskonzentration etwa 105 mp/m 3 . Das Korrosionserscheinungen möglich. Auch die Lösungen
spezifische Gewicht ist bei 15 °C 1,32. lassen sich bei luftdichtem Abschluß der Behälter
Technisches Chlorazetophenon ist gelb bis gelbbraun mehrere Jahre lang aufbewahren.
gefärbt und besitzt einen stärkeren aromatischen Geruch Entgiftungsmaßnahmen sind bei diesem Kampfstoff
als der reine Stoff. In Wasser ist Chlorazetophenon nur unter .Gefechtsbedingungen wahrscheinlich nur selten
wenig löslich (1 p in 1000 cm3), es wird durch Wasser notwendig, da er sich beim Lüften der Bekleidung oder
praktisch nicht zersetzt. In organischen Lösungsmitteln bei Luftzutritt an die Oberflächen der vergifteten Geräte
(Alkohol, Tetrachlorkohlenstoff, Benzol, Äther, Benzin) schnell wieder verflüchtigt. Räume oder Geräte, die mit
ist es gut löslich, in verschiedenen flüssigen Kampfstoffen Kampfstofflösungen benetzt oder verunreinigt wurden,
sogar sehr gut (Diphosgen, Chlorzyan, Bromazeton). können durch eine Lösung von 5 bis 10% Natriumsulfid
Die gute Löslichkeit des Kampfstoffes wird bei seiner An- in 50 %igem Alkohol gereinigt werden. Notfalls kann man
wendung in Zerstäubereinrichtungen ausgenutzt. Aus eine angewärmte Natriumsulfid-Wasserlösung dazu be-
einer konzentrierten Lösung von Chlorazetophenon in nutzen. Bei der Umsetzung von Chlorazetophenon mit
Tetrachlorkohlenstoff verdampft nach der Zerstäubung Natriumsulfid bildet sich, besonders wenn eine warme
das Lösungsmittel, und das Chlorazetophenon bleibt alkoholische Lösung angewendet wird, Phenazylsulfid
in einer feinen, reizkräftigen Verteilung in der Luft
nach folgender Reaktionsgleichung:
zurück.
2 C5H6COCH2C1 Na2S (C6H5COCH2)2S 2 NaCl
Chlorazetophenon ist physikalisch und chemisch gesehen
eine sehr stabile Substanz. Es wird im Wasser auch beim Phenazylsulfid
Sieden nicht zersetzt und unterliegt selbst bei einer langen Die bei der Umsetzung entstehenden Endprodukte
Lagerung in feuchter Atmosphäre keinen chemischen besitzen keine Reizwirkung.
Zersetzungsreaktionen. Unter normalem Druck treten Bekleidung oder andere Ausrüstungsgegenstände können
beim Siedepunkt ebenfalls keine wesentlichen Zerset- auch durch Warmluftverfahren gereinigt werden.
zungserscheinungen auf; beim Verschwelen in Reizstoff-
Schwelkörpern oder bei der Detonation von Granaten 4.7.2 Physiologische Wirkungen
und Bomben wird es praktisch vollständig als Dampf oder Chlorazetophenon wirkt ausgesprochen tränenreizerre-
Aerosol verteilt. gend. Die Reizschwelle liegt bei 0,5 mp/m 3 . Auch bei Chlor-
Infolge seines relativ hohen Schmelzpunktes läßt sich azetophenon ist die Wirkung stark individuell bedingt.
Chlorazetophenon leicht in Granaten, Bomben oder andere In den meisten Fällen nimmt die Empfindlichkeit bei
Anwendungsmittel einschmelzen und ohne besondere wiederholter Einwirkung von Chlorazetophenon zu. Die
Schutzmaßnahmen handhaben. Daher ist es einer der Erträglichkeitsgrenze liegt bei 4,5 mp/m 3 .

74 75
Bei Konzentrationen über 5 mp/m 3 tritt besonders bei -Zuckermischung hergestellt, die in einer Bohrung Chlor-
der Mundatmung ein ausgesprochener Rachenreiz auf; azetophenon enthielten.
bei höheren Konzentrationen werden auch Reizerschei- Chlorazetophenonlösung ist in den meisten Tränengas-
nungen auf der Haut, besonders an empfindlichen Haut- Handgranaten enthalten, die von den Polizeikräften der
stellen beobachtet. Die Hautreize sind meist harmloser kapitalistischen Staaten gegen Demonstranten eingesetzt
Natur und verschwinden kurze Zeit nach' dem Verlassen werden.
der vergifteten Atmosphäre.
Wird die Haut mit Chlorazetophenonlösungen benetzt,
machen sich stechendes Brennen und Hautrötungen 4.8 Brombenzylzyanid
bemerkbar, die nach dem Abtupfen der Lösung fast
immer wieder verschwinden. Brombenzylzyanid wurde gegen Kriegsende und auch
Die Giftwirkung von Chlorazetophenon ist sehr gering. noch nach dem 1. Weltkrieg in den Laboratorien und auf
Erst bei Konzentrationen von über 5 p/m 3 und einer den Versuchsplätzen des Chemical Warfare Service*) der
mehrminütigen Einwirkungszeit sollen tödlich verlaufende USA-Armee in Edgewood-Arsenal im Staat Maryland auf
Vergiftungen bei Tierversuchen vorgekommen sein. seine militärische Brauchbarkeit untersucht.
Die Versuchsergebnisse zeigten eine hohe Reizwirkung
4.7.3 Anwendungsmöglichkeiten und eine ziemlich hohe Beständigkeit. Das Brombenzyl-
Die faschistische Wehrmacht besaß chemische Granaten, zyanid wurde in den USA als Ca-Gas und in Frankreich
die eine Füllung von Chlorazetophenon hatten und sich als Camite bezeichnet. Einige Megapond aus amerikani-
besonders für die gleichzeitige Anwendung mit Brisanz- scher Produktion sollen gegen Ende des 1. Weltkrieges
und Splittergranaten eignen sollten. Auch chemische von der französischen Armee eingesetzt worden sein.
Bomben mit kombinierter Splitter- und Reizwirkung Erstmalig wurde dieser außerordentlich starke Reizstoff
(Chlorazetophenonfüllung) wurden im faschistischen von Reimer im Jahre 1881 hergestellt. Reines Brom-
Deutschland hergestellt. Nach dem 2. Weltkrieg wurden benzylzyanid konnte erst 1914 isoliert werden.
außerdem Nebelgranaten mit einem Zusatz von Chlor-
4.8.1 Physikalische und chemische Eigenschatten
azetophenon in den Munitionsfabriken aufgefunden.
In den USA wurden Reizstoff-Nebelkörper produziert, Reines Brombenzylzyanid besteht aus weißgelben Kri-
die in der Brandmischung oder in besonderen Schwel- stallen. Der Schmelzpunkt liegt bei 25,4 °C und der Siede-
kammern Chlorazetophenon enthielten. Eine in der Lite- punkt bei 242 °C unter normalem Druck. Bei dieser Tem-
ratur beschriebene Reizstoff-Nebelmischung bestand aus peratur treten Zersetzungserscheinungen auf. Die Kri-
einer Zinknebelmischung mit einem Zusatz von Chlor- stalle des reinen Produkts werden bei der Lagerung
azetophenon. Die Lagerbeständigkeit dieser Mischungen allmählich gelb. Das spezifische Gewicht des Stoffes beträgt
soll jedoch ungenügend sein. Für Übungszwecke wurden
in verschiedenen Staaten Nebelkörper mit einer Chlorat- *) Chemischer Dienst.

76 77
bei 20 °C 1,51. Der Dampfdruck entspricht 0,012 mm Hg- Bei Erhitzung ist Brombenzylzyanid nicht beständig.
Säule, die Sättigungskonzentration wurde bei 20 °C mit In der amerikanischen Literatur wird deshalb mehrfach
130 mp/m3 bestimmt. von der Abfüllung in so konstruierte Granaten und
Technisches Brombenzylzyanid ist ein braunes Öl mit Bomben gesprochen, daß bei deren Detonation keine
einem scharfen, stechenden Geruch. Es erstarrt bei etwa hohen Temperatur- und Druckeffekte auftreten.
— 5 bis — 10 °C. Brombenzylzyanid ist in Wasser unlös- Wird Brombenzylzyanid längere Zeit in Metallgefäßen
lich, leicht löslich dagegen in Alkohol, Benzol, Tetra- gelagert, treten starke Korrosionserscheinungen auf; der
chlorkohlenstoff, Azeton, Bromazeton, Chlorpikrin, Di- Kampfstoff zersetzt sich langsam. In emaillierten oder
phosgen und anderen Kampfstoffen. Die gute Löslichkeit Porzellangefäßen hält sich der Kampfstoff besser.
in anderen Kampfstoffen wird ausgenutzt, um taktische
Mischungen herzustellen. Von verschiedenen Forschungs- 4.8.2 Physiologische Wirkungen
instituten wurde die Mischbarkeit von Brombenzylzyanid Brombenzylzyanid ist ein Augenreizstoff mit starker
und Chlorpikrin untersucht, wobei gefunden wurde, daß Wirkung. Die Reizschwelle liegt bei 0,3 mp/m3. Bei einem
besonders eine Mischung mit 25% Chlorpikrin eine hohe Aufenthalt von 2 min in einer Atmosphäre mit einer
Wirksamkeit bis zu Temperaturen von etwa 10 °C besitzt. Konzentration von 1 mp/m 3 macht sich ein schwacher
Brombenzylzyanid ist gegen chemische Einwirkung ver- Reiz im Nasenraum bemerkbar. Bei etwa 10 mp/m3 tritt
hältnismäßig beständig. Durch Wasser wird es nur lang- zusätzlich ein schwacher Rachenreiz auf, und bei 30 mp/m3
sam zersetzt. Da entsprechend der physikalischen Eigen- liegt die Erträglichkeitsgrenze. Die Giftwirkung des
schaften Brombenzylzyanid zu den seßhaften chemischen Stoffes ist praktisch ohne Bedeutung. Erst bei Konzen-
Kampfstoffen gerechnet werden muß, kann beim Einsatz trationen von über 10 mp/m 3 sollen beim Tierversuch
dieses Stoffes eine Entgiftung mit chemischen Mitteln tödliche Vergiftungen beobachtet worden sein.
notwendig werden. Zur Vernichtung von Brombenzyl- Tritt Brombenzylzyanid auf die Haut, löst es nur schwache
zyanid auf Geräte-Oberflächen, in Räumen und auf Reizeffekte aus, die sofort nach dem Abtupfen wieder
Straßen kann eine wäßrige alkoholische Natriumsulfid- verschwinden. Auch auf den Schleimhäuten und in
lösung angewendet werden, die etwa 30% Alkohol und Wunden erzeugt Brombenzylzyanid ein stark brennendes
10% Natriumsulfid enthält. Notfalls genügt eine an- Gefühl.
gewärmte Natriumsulfidlösung in Wasser. Bei der Ent-
giftung bildet sich Dizyanbenzylsulfid, das keine Reiz- 4.8.3 Anwendungsmöglichkeiten
eigenschaften besitzt. Nach älteren amerikanischen Veröffentlichungen kann
Brombenzylzyanid in Bomben und Granaten abgefüllt
werden, deren Konstruktion eine Zerstäubung ohne
starken Druck- und Temperaturanstieg ermöglicht. In
verschiedenen Veröffentlichungen wird darauf hingewie-
sen, daß sich Brombenzylzyanid zur lang anhaltenden

78 79
Geländevergiftung eignet, wenn es aus Flugzeugen oder hafte Schädigungen zurückbleiben. Die Augen dürfen
Fahrzeugen versprüht wird, die mit den nötigen Zer- nach der Einwirkung nicht gerieben oder mit einem Tuch
stäubervorrichtungen ausgerüstet sind. Unter modernen ausgewischt werden, weil das den Tränenreiz verstärkt
Bedingungen sind diese Möglichkeiten jedoch bedeutungs- und verlängert oder neuer Reizstoff in die Augen kommen
los. Einige Veröffentlichungen enthalten den Hinweis, kann.
Brombenzylzyanid als Maskierungsmittel für giftigere Ist die Bekleidung von Reizstoffen behaftet, so muß sie
seßhafte Kampfstoffe zu verwenden. gewechselt und gut gelüftet werden. Im Freien ist diese
Maßnahme nur selten notwendig, da die Reizstoffe hier
schnell verdunsten.
4.9 Schutzmaßnahmen gegen Augenreizstoffe Ist flüssiger Reizstoff in die Augen gekommen, so müssen
die Augen mit schwacher Bikarbonatlösung gespült
Zum Schutz vor den Augenreizstoffen genügt es, die werden. Notfalls können 0,1 bis 0,5 %ige Sodalösungen oder
Schutzmaske schnell und sicher aufzusetzen, nachdem auch reines Wasser verwendet werden.
der Giftstoff erkannt wurde. Durch Atemanhalten kann Bei Augenreizungen dürfen keinesfalls stark alkalische
man verhindern, daß während des Aufsetzens Kampfstoff- oder aktivchlorhaltige Stoffe (Chlorkalk, Chloramine usw.)
dämpfe eingeatmet werden. Die in den sogenannten Tot- zur Ersten Hilfe verwendet werden.
raum der Maske (Luftraum zwischen Gesicht und Maske) Sind die Augen durch das Eindringen flüssiger Reizstoffe
eingedrungenen Kampfstoffdämpfe müssen durch kräf- verletzt worden, ist auch bei scheinbar raschem Ab-
tiges Ausatmen entfernt werden. Die modernen Schutz- klingen der Reizerscheinungen ärztliche Hilfe in Anspruch
maskenfilter bieten lange Zeit, auch bei höheren Konzen- zu nehmen. Das ist besonders deshalb wichtig, weil viele
trationen, sicheren Schutz vor Reizstoffen. Lebensmittel, gefährliche Kampfstoffe durch Augenreizstoffe getarnt
Wasser, Geräte und medizinische Mittel sollten von vorn- sein können.
herein nur in einer kampfstoffsicheren Verpackung auf- Einige flüssige Augenreizstoffe können auf der Haut
bewahrt und transportiert werden, die eine Oberflächen- Rötungen und Blasen hervorrufen. In solchen Fällen
entgiftung erleichtert und das Eindringen von gas- wird der Kampfstoff mit Watte, Gaze oder sauberen
förmigen und flüssigen Stoffen verhindert. Tüchern von der Haut getupft. Nicht von der Haut
reiben, weil dadurch der Kampfstoff mit einer größeren
Hautfläche in Berührung kommt.
4.10 Erste Hilfe bei Verletzungen durch Augenreizstoffe

Augenreizstoffe führen nur selten Verletzungen herbei,


da die starke Reizwirkung in geringen Konzentrationen
sofort zum Anlegen der Schutzmaske zwingt. Der heftige
Tränenreiz läßt meistens schnell nach, ohne daß ernst-

6 Kampfstoffe
5. Nasen- und Rachenreizstoffe stoffe, wenn sich die Aerosolteilchen auf den Schleim-
häuten des Nasen-Rachenraumes festsetzen. Das ent-
Zur Gruppe der Nasen- und Rachenreizstoffe gehören spricht etwa einer Teilchengröße von 5 bis 30 um. Es war
hochwirksame chemische Kampfstoffe, die hauptsächlich daher das Ziel der Militärchemiker in den kapitalistischen
als Aerosole ihre typischen Wirkungen entfalten. Diese Staaten, Anwendungsmittel zu entwickeln, mit denen
Kampfstoffe verursachen starke Reizerregungen im derartige Teilchengrößen erreicht werden konnten. Prin-
Nasen-Rachenraum. zipiell ist das bei chemischen Bomben und Granaten
Die typischen Vertreter dieser Gruppe sind die arsen- durch einen entsprechend vorberechneten Detonations-
haltigen Verbindungen Diphenylarsinchlorid, Diphenyl- und Zerstäubungsverlauf sowie durch die Wahl geeigneter
arsinzyanid und Adamsit. Diese Gruppe wurde in. der Lösungsmittel und entsprechender Düsenkonstruktionen
faschistischen Wehrmacht entsprechend ihrer Munitions- hei der Aerolisierung des Kampfstoffes durch Sprüh-
kennzeichnung im 1. Weltkrieg als Blaukreuzgruppe anlagen oder Flugzeugabsprühgeräte möglich.
bezeichnet. Es muß angenommen werden, daß dieses Problem im all-
Man kann zu dieser Gruppe auch noch einige andere gemeinen praktisch gelöst ist. Theoretisch sind auch
arsenhaltige Kampfstoffe rechnen, zum Beispiel das Kombinationen möglich, so beispielsweise, wenn als
Phenylarsindichlorid oder das Äthylarsindichlorid, die Bomben- oder Granatfüllung konzentrierte Lösungen ver-
chemisch gesehen den typischen Nasen-Rachenreizstoffen wendet werden, die nach der Detonation ein Maximum
strukturell verwandt sind, daneben aber noch eine be- an Aerosolteilchen im obenerwähnten Durchmesser-
trächtliche hautschädigende Wirkung haben. bereich ergeben. Die außerordentliche Wirksamkeit und
Die Wirkung der typischen Nasen-Rachenreizstoffe kann die anhaltenden Reizeffekte erklären sich durch das
am einfachsten durch das Verhalten ihrer Aerosolteilchen Wirken der auf den Schleimhäuten festgehaltenen Aerosol-
in der Atmungsluft im Nasen-Rachenraum erklärt wer- teilchen. Die folgende Skizze (nach Müller) verdeutlicht
den. Das Verhalten dieser Teilchen, ihr Niederschlagen die unterschiedliche Wirksamkeit bei der Aufnahme gas-
oder Festhalten an den Schleimhäuten des Nasen- förmiger und aerolisierter Kampfstoffe.
Rachenraumes ist von ihrer Größe abhängig. Teilchen
mit einem Durchmesser von mehr als 10 um*) werden im
Nasen-Rachenraum niedergeschlagen und können dort
ihre Wirkung entfalten.
Teilchen von etwa 3 bis 6 um werden zu etwa 20 % und
Teilchen mit einem geringeren Durchmesser zu etwa 90 %
mit dem Luftstrom bis in die Lungenbläschen geführt.
Am stärksten ist die Wirkung der Nasen-Rachenreiz-
Wirksamkeit bei der Aufnahme gasförmiger und aerolisierter
•) 1 um = 1 Mikrometer = 1/10000 cm. Kampfstoffe

82 83
Auf dem linken Teil der Skizze ist die Einwirkung von 5,1 Diphenylarsinchlorid (C6H5)2AsCl
gasförmigen Kampfstoffen dargestellt. Die Kampfstoff-
dämpfe wirken gleichmäßig auf die gesamte Oberfläche Diphenylarsinchlorid war der erste Nasen- und Rachen-
der Schleimhaut. Es ist verständlich, daß dies nur so lange reizstoff, der im 1. Weltkrieg angewendet wurde. Sein
der Fall ist, bis die vergiftete Luft wieder aus dem Nasen- Einsatz war das Ergebnis einer großangelegten Unter-
Rachenraum ausgeatmet ist. Die Reizauslösung hängt suchung, die von den deutschen militärchemischen For-
also unmittelbar mit dem Aufenthalt der vergifteten Luft schungsinstituten in den ersten Kriegsjahren mit dem
an der Schleimhautoberfläche zusammen. Die Eindring- Ziel durchgeführt wurde, Kampfstoffe zu entwickeln,
tiefe der Kampfstoffe ist verhältnismäßig gering; in der die den gegnerischen Atemschutz durchschlagen konnten.
Skizze ist das an der relativ geringen Tiefe der Wirkungs- Der Einsatz von Diphenylarsinchlorid war eine der vielen
zone zu erkennen. Überraschungen, die der 1. Weltkrieg auf chemischem
Im rechten Teil der Skizze wird die Wirkung von Aerosol- Gebiet mit sich brachte. Da bis zum Einsatz dieses
teilchen gezeigt. Diese Teilchen bleiben an der Schleim- Kampfstoffes die damaligen Schutzmaskenfilter nur für
hautoberfläche haften und lösen so lange Reize aus, bis gasförmige Kampfstoffe berechnet waren, brachte die
sie durch die Bewegung der Schleimhaut und die Schleim- überraschende Anwendung dieses Aerosol-Kampfstoffes
hautabsonderung von den Haftstellen entfernt werden. der deutschen Seite einen zeitweiligen militärischen Vor-
Demzufolge hält die reizauslösende Wirkung auch dann teil. Zum Schutz vor derartigen Stoffen mußten die
noch an, wenn die vergiftete Luft nach dem Ausatmen Truppen Schutzmasken mit einer Schwebstoffilter-
den Nasen-Rachenraum bereits wieder verlassen hat. Die schicht bekommen. Die besten Filter der Jahre 1915 und
relativ hohe Kampfstoffkonzentration an den Haftstellen 1916 hatten Aktivkohleschichten, die einen guten Schutz
verursacht außerdem eine größere Tiefenwirkung (auf der vor praktisch allen damaligen Kampfstoffen boten. Die
Skizze durch die gestrichelte Zone dargestellt). Natürlich Verwendung von Aktivkohle in den Filterschichten war
läßt sich diese Wirkung nicht erklären, ohne die Besonder- bereits in der Industrie erprobt und erstmals von dem
heiten der Nervenstrukturen und der Nervenfunktionen russischen Chemiker Selinski für militärische Zwecke
sowie der spezifischen Wirkungsmechanismen zu berück- vorgeschlagen worden. Zum Schutz vor Kampfstoff-
sichtigen. Auf diese Fragen kann aber im Rahmen dieser Aerosolen wurden nach 1917 Wattebausch- oder Bierfilz-
kurzen Einführung verzichtet werden. Es muß außerdem schichten in die Filtereinsätze der Schutzmasken ein-
berücksichtigt werden, daß sich beim Einsatz der Nasen- gebaut. Doch auch noch nach der Einführung dieser ver-
Rachenreizstoffe Besonderheiten ergeben, wenn Aerosol- besserten Filter hatten das Diphenylarsinchlorid und
teilchen geringer Größe verwendet werden, die auf die ähnliche chemische Kampfstoffe einen großen Vorteil
empfindlichen Wände der Lungenbläschen wirken. In gegenüber anderen Kampfstoffen, da häufig infolge der
diesen Fällen entstehen Lungenschäden, ähnlich wie bei etwas verzögerten Reizauswirkung nach dem Einatmen
ausgesprochen lungenschädigenden Kampfstoffen vom Kampfunfähigkeit bei den beschossenen Einheiten ver-
Typ des Phosgens. ursacht werden konnte. Der Einsatz von Diphenylarsin-

84 85
chlorid war ein markantes Beispiel für den fortwährenden Chlorwasser bilden durch energische Oxydation Di-
Kampf zwischen der Wirksamkeit der Kampfstoffe einer- phenylarsinsäure.
seits und der Wirksamkeit der Schutzmittel andererseits. Diphenylarsinchlorid ist bei kurzzeitiger Erhitzung bis
Diphenylarsinchlorid wurde erstmalig 1880 von La Coste zu Temperaturen von 250 °C beständig. Es ist deshalb
und Michaelis hergestellt. Die Entdecker beschreiben in gegen Detonationen unempfindlich und kann in Brisanz-
ihrer Veröffentlichung auch die starken Reizwirkungen, granaten und in Bomben angewendet werden.
die der Stoff auf die Schleimhäute des Nasen-Rachen- Metalle werden von Diphenylarsinchlorid nur unwesent-
raumes ausübt. lich angegriffen. Deshalb ist es möglich, Diphenylarsin-
Die Deutschen bezeichneten diesen Stoff als Clark I chlorid längere Zeit in Metallgefäßen (Bomben, Granaten)
(Chlorarsin-Kampfstoff). zu lagern.

5.1.1 Physikalische und chemische Eigenschaften 5.1.2 Physiologische Wirkungen


Reines Diphenylarsinchlorid besteht aus farblosen Kri- Die starke Reizwirkung des Diphenylarsinchlorids tritt
stallen, die bei 41 °C schmelzen. Der Siedepunkt liegt erst im Aerosolzustand auf. Geringste Konzentrationen
unter normalem Druck bei 333 °C. Bei 20 °C beträgt das des Aerosols rufen starke Reizungen der Schleimhäute
spezifische Gewicht 1,4, der Dampfdruck entspricht des Nasen-Rachenraumes hervor. Die Reizschwelle liegt
0,0005 mm Hg-Säule, und die Sättigungskonzentration bei 0,02 mp/m3 und die Erträglichkeitsgrenze bei 1 mp/m3.
liegt bei 0,68 mp/m3. Die Reizwirkungen treten bei diesen Konzentrationen
Technisches Diphenylarsinchlorid ist ein Öl, das sich bei erst etwa 1 bis 2 min nach Beginn der Einwirkung auf.
längerer Lagerung in eine zähe Masse verwandelt. Diese Latenzzeit (Verzögerungszeit) läßt sich dadurch
In Wasser ist der Stoff praktisch unlöslich (in 100 p erklären, daß sich erst eine gewisse Menge der Kampf-
weniger als 0,1 p). In organischen Lösungsmitteln (reiner stoffteilchen auf den Schleimhäuten des Nasen-Rachen-
Alkohol, Petroleum, Benzol, Tetrachlorkohlenstoff), in raumes festsetzen muß, um die zur Reizerregung notwen-
Phosgen, Diphosgen sowie in Chlorpikrin ist er leicht dige Konzentration zu schaffen. Die ersten Reizerschei-
löslich. nungen sind Kribbeln in der Nase und im Rachenraum.
Wasser hydrolysiert Diphenylarsinchlorid bei längerer Darauf stellen sich starker Schleimfluß und Niesen ein.
Einwirkung zu Diphenylarsinoxyd. Diese Reizeffekte steigern sich noch nach einigen Minuten,
selbst wenn die vergiftete Atmosphäre bereits wieder ver-
2 (C6H5)2AsCl + H2O--> [(C6H5)2As]2O + 2 HC1 lassen worden ist.
Bei Zimmertemperatur geht die Hydrolyse sehr langsam Bei Konzentrationen von 2 bis 4 mp/m 3 oder bei mehr-
vor sich. Bei erhöhter Temperatur und besonders bei An- minutigem Aufenthalt in einer geringeren Konzentration
wesenheit von Alkohol und Alkalien verläuft sie schneller. leiden die Betroffenen unter heftigem Husten und starkem
Luftsauerstoff wirkt praktisch nicht auf den Stoff ein. Würgen im Hals. Sind größere Mengen des Kampfstoffes
Erst stärkere Oxydationsmittel wie Salpetersäure und in den Rachenraum gedrungen, so treten keuchhusten-

86 87
ähnliche Anfälle auf. Bei diesen Konzentrationen können 5.1.3 Anwendungsmöglichkeiten
auch starke Zahnschmerzen entstehen. Eigenartig für Unter modernen Bedingungen besitzt das Diphenylarsin-
Vergiftungen mit Nasen-Rachenreizstoffen ist das perio- chlorid nur noch untergeordnete Bedeutung, da es heute
dische Auf- und Abschwellen der Reizerscheinungen nach wirksamere Kampfstoffe der Nasen-Rachenreizstoff-
Verlassen der vergifteten Atmosphäre. Selbst bei Auf- gruppe gibt, die einfacher herzustellen sind. Bereits gegen
nahme geringer Mengen kann der Rachenreiz bis zu 1 h Kriegsende und besonders nach dem 1. Weltkrieg wurde
andauern. Das brennende Gefühl im Nasen-Rachenraum die Kampfstoffproduktion der meisten kapitalistischen
führt nicht selten zu Angstzuständen, die durch schmerz- Länder auf Adamsit, den wirksamsten bisher bekannt-
hafte Atemnot und starke Druckgefühle hinter dem gewordenen Kampfstoff dieser Gruppe umgestellt.
Brustbein verstärkt werden. Bei Konzentrationen über In den Kampfstoffarsenalen der faschistischen Armee
1 p/m 3 kann die Lunge lebensgefährlich verletzt werden. wurden nach 1945 allerdings noch große Mengen Di-
Lungenschäden wurden im 1. Weltkrieg jedoch nur selten phenylarsinchlorid aufgefunden. Diese Kampfstoffbe-
beobachtet, da der starke Reiz, der meist mit Erbrechen stände stammten zum Teil noch aus der Zeit kurz nach
verbunden ist, zum Verlassen der vergifteten Atmosphäre dem 1. Weltkrieg, zum Teil aber auch aus den Kriegsjahren,
zwingt. als Adamsit infolge fehlenden Diphenylamins (Rohstoff für
Starke Konzentrationen des Stoffes in der Luft erzeugen die Herstellung von Adamsit) nur in relativ geringen Men-
neben Tränenfluß zuweilen auch Hornhautschäden in den gen produziert werden konnte. Auch die Umsetzung zu dem
Augen. wirksameren Diphenylarsinzyanid konnte wegen Natrium-
Auf der Haut können bei hohen Konzentrationen sowie zyanidmangel nur zum Teil durchgeführt werden.
durch Tropfen von Diphenylarsinchloridlösung Haut-
rötungen und ekzemartige Schäden auftreten. Die Haut-
schäden verschwinden im Gegensatz zu den Haut- 5.2 Diphenylarsinzyanid (C6H5)2AsCN
verletzungen durch hautschädigende Kampfstoffe nach
wesentlich kürzerer Zeit, ohne daß es zu gefährlichen Diphenylarsinzyanid wurde von der deutschen Armee
Komplikationen kommt. gegen Kriegsende unter der Bezeichnung Clark II ein-
Wird Diphenylarsinchlorid mit Getränken und Speisen auf- gesetzt. Es ist wirksamer als Diphenylarsinchlorid, ins-
genommen, kommt es zu starken Magen- und Darmschmer- besondere auch deshalb, weil seine Wirkung nachhaltiger
zen, die von Erbrechen und Durchfall begleitet sind. und längerdauernder ist.
Im allgemeinen können Rachenreizstoffe unter feld- Erstmalig wurde Diphenylarsinzyanid von Sturniolo und
mäßigen Bedingungen keine tödlichen Verletzungen her- Bellinzoni dargestellt.
vorrufen. Gefürchtet waren im 1. Weltkrieg jedoch kom-
binierte Einsätze mit Phosgen und anderen lungen- 5.2.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
schädigenden Kampfstoffen, die meist hohe Verluste unter Reines Diphenylarsinzyanid besteht aus farblosen Kri-
den beschossenen Truppen verursachten. stallen mit einem schwachen Bittermandelgeruch. Der

88 89
Schmelzpunkt liegt bei 35 °C; der Stoff siedet unter Zer- schiedlichen Beinheitsgrade der bei den Untersuchungen
setzungserscheinungen bei 377 °C. Bei vermindertem verwendeten Produkte zurückzuführen. Auch bei den
Druck (21 mm Hg-Säule) siedet er ohne Zersetzungs- arsenhaltigen Kampfstoffen spielen — ähnlich wie bei den
erscheinungen bei 200 bis 201 °C. Augenreizstoffen — individuelle Besonderheiten eine große
Bei 20 °C beträgt das spezifische Gewicht 1,45, der Rolle. In den meisten Fällen tritt jedoch bei wiederholter
Dampfdruck 0,0002 mm Hg-Säule und die Sättigungs- Einwirkung von derartigen Reizaerosolen erhöhte Emp-
konzentration 0,12 mp/m3. findlichkeit auf.
Das technische Produkt ist bräunlich gefärbt und riecht Die Erträglichkeitsgrenze liegt bei 1,0 mp/m3. Die hohe
stark nach Bittermandeln. Wirksamkeit dieses Stoffes wird anschaulicher, wenn man
Diphenylarsinzyanid ist in Wasser nur wenig löslich, gut bedenkt, daß bereits 0,002 mp bei einem Atemzug genügen,
dagegen in Alkohol, Chloroform, Benzol, Äther und um den Betroffenen infolge unerträglicher Reizerregungen
Ligroin. Wirkt Wasser auf Diphenylarsinzyanid, bildet kampfunfähig zu machen. Die Reizerregung hält im Ver-
sich Diphenylarsinoxyd und Blausäure: gleich zum Diphenylarsinchlorid länger an. 1 bis 2 h
2 (C6H5)2AsCN+ H2O -> [(C6H5)2As]2O + 2 HCN nach Verlassen der vergifteten Atmosphäre hören
die Reizerregungen wieder auf, ohne daß anhaltende
Diese Reaktion ist die Ursache für den Blausäuregeruch Organschäden entstanden sind. Sofern Diphenylarsin-
des Stoffes. Die Hydrolyse verläuft jedoch langsamer als zyanid nicht mit anderen Kampfstoffen kombiniert
bei Diphenylarsinchlorid. Daraus ergibt sich, daß Di- eingesetzt wurde, waren bei seiner Anwendung im 1. Welt-
phenylarsinzyanid gegenüber atmosphärischen Einflüssen krieg auch keine gefährlichen Lungenverletzungen fest-
beständiger ist als Diphenylarsinchlorid. Diese Eigen- zustellen.
schaft, die auch die Lagerbeständigkeit günstig beeinflußt,
war zusammen mit der stärkeren Reizwirkung der Grund, 5.2.3 Anwendungsmöglichkeiten
weshalb im faschistischen Deutschland der Produktion Das Diphenylarsinzyanid wurde im 1. Weltkrieg als
des Diphenylarsinzyanids große Aufmerksamkeit gewid- Maskenbrecher eingesetzt. Es sollte den Gegner zwingen,
met wurde. die Schutzmasken abzunehmen, da sich bei überraschen-
Starke Oxydationsmittel, zum Beispiel Salpetersäure, den Einsätzen und bei nicht dichtsitzenden Masken in den
oxydieren Diphenylarsinzyanid zu Diphenylarsinsäure. meisten Fällen starke Brechreize einstellten. Gleichzeitig
mit den Nasen-Rachenreizstoffgranaten wurden Granaten
5.2.2 Physiologische Wirkungen
mit Phosgenfüllung verschossen, die unter den schutz-
Diphenylarsinzyanid ist der stärkste Rachenreizstoff, der losen Soldaten tödliche Vergiftungen hervorrufen sollten.
im 1. Weltkrieg eingesetzt wurde. Die Reizschwelle liegt Bei überraschenden Artilleriefeuerüberfällen und hohen
bei diesem Stoff bei 0,02 mp/m3. In einigen Veröffent- Kampfstoffkonzentrationen wurde dieses Ziel oft erreicht.
lichungen wird die Reizschwelle auch höher angegeben. Die Artillerievorbereitung zur deutschen Sommeroffensive
Diese Unterschiede sind wahrscheinlich auf die unter- an der Somme im Jahre 1918 war auf der Wirkung eines

90 91
solchen Buntkreuz-Beschusses*) aufgebaut und hatte, da Stoff herstellte und großtechnische Herstellungsverfahren
günstiges Wetter war und die Artilleriedichte ausreichte, ausarbeitete. Nach ihm wurde dieser Stoff als Adamsit
eine große Wirkung: sie verursachte starke Ausfälle bei bezeichnet. Chemisch gesehen ist diese Verbindung
den alliierten Truppen. Phenarsazinchlorid. Adamsit gehört zu den stärksten
Einige Male wurden von deutscher Seite Versuche mit bekanntgewordenen Reizstoffen und ähnelt in seiner
Artilleriegranaten durchgeführt, die eine Lösung von Di- Wirkung den Diphenylarsinhalogeniden. In der amerika-
phenylarsinzyanid in Diphosgen enthielten. Derart kom- nischen Militärliteratur wird Adamsit auch als DM-Gas
binierte Füllungen hatten jedoch keine ausreichende bezeichnet.
Wirkung. Wegen Herstellungsschwierigkeiten und der
geringen Produktionskapazität für Diphenylarsinzyanid 5.3.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
wurde in den letzten Monaten des 1. Weltkrieges dann Reines Adamsit besteht aus gelben Kristallen mit einem
nur noch eine Mischung von Diphenylarsinchlorid mit Schmelzpunkt von 195 °C. Der Siedepunkt unter Normal-
Diphenylarsinzyanid eingesetzt, die bei der unvollstän- druck liegt bei 410 °C (berechnet aus der Dampfdruck-
digen Umsetzung in den Produktionsstätten anfiel. kurve). Bei dieser Temperatur treten bereits Zersetzungs-
Im 2. Weltkrieg stellte das faschistische Deutschland im erscheinungen auf. Bei 20 °C ist das spezifische Gewicht
großen Umfang Diphenylarsinzyanid her. Nach alliierten des Stoffes 1,648, der Dampfdruck entspricht 2 * 10 - 1 3 mm
Angaben sollen nach 1945 etwa 30 000 Mp aufgefunden Hg-Säule, und die Sättigungskonzentration beträgt nur
worden sein. 0,02 mp/m3.
Es kann angenommen werden, daß Diphenylarsinzyanid Adamsit ist in Wasser unlöslich. In organischen Lösungs-
nur noch eine untergeordnete Bedeutung besitzt, da mitteln wie Benzol, Xylol, Benzin und Tetrachlorkohlen-
Adamsit einfacher hergestellt werden kann und überdies stoff löst es sich nur wenig. Auch in anderen organischen
bessere Lager- und Abfülleigenschaften hat. Lösungsmitteln ist die Löslichkeit verhältnismäßig
gering. Gut löst es sich dagegen in Arsentrichlorid und in
konzentrierter Schwefelsäure.
5.3 Adamsit Technisches Adamsit ist durch Verunreinigungen grün
gefärbt. Es läßt sich gefahrlos handhaben und hat im
Dieser Stoff wurde während des 1. Weltkrieges sowohl in festen, kompakten Zustand nur eine geringe Reizwirkung.
Deutschland als auch in den USA hergestellt und auf Wird es erwärmt, verflüssigt es sich leicht und läßt sich
seine Brauchbarkeit als chemischer Kampfstoff unter- in Behälter abfüllen. Diese Eigenschaften machen es
sucht. In den USA war es der Chemiker Adams, der diesen zusammen mit der hohen Reizwirkung zum wichtigsten
Reizstoff, der auch unter modernen Bedingungen noch
*) Unter Buntkreuz-Beschuß verstand man die kombinierte Anwendung von von Bedeutung ist.
Nasen-Rachenreizstoffen mit Phosgen oder Diphosgen, so benannt nach Adamsit wird durch Wasser nur langsam hydrolysiert.
der Munitionskennzeichnung (Blaukreuz für Nasen-Rachenreizstoff-
granaten und Grünkreuz für Phosgen- oder Diphosgengranaten). Diese Umsetzung verläuft schneller, wenn auf den Stoff

92 93
etwa 70%iger Alkohol einwirkt. Dabei bildet sich Phen- ergeben haben. Außerdem sind in der Literatur ver-
arsazinoxyd, das noch beträchtliche Reizwirkungen h a t : schiedene Bomben und Granaten beschrieben worden, die
sowohl eine hohe Splitterwirkung als auch einen Adamsit-
2HN(C 6 H 4 ) 2 AsCl + H 2 O -> [HN(C 6 H 4 ) 2 As] 2 O + 2 HC1 zusatz haben. Dabei entspräche die Splitterwirkung denen
Das gleiche Oxyd bildet sich bei der Einwirkung alkali- normaler Splitterbomben und -granaten.
scher Lösungen auf Adamsit. In den USA wurden auch Reiznebelkörper hergestellt,
Mit starken Oxydationsmitteln, zum Beispiel Wasserstoff- die in einer besonderen Schwelkammer Adamsit enthalten
superoxyd in saurer Lösung, wird Adamsit zu Phenarsa- und nach der Entzündung hohe Gefechtskonzentrationen
zinsäure oxydiert. Dabei wird das Arsen von der drei- schaffen. Außerdem sind Versuche zur Herstellung adam-
wertigen Stufe in die fünfwertige übergeführt. sitgefüllter Gewehrgranaten bekannt geworden, die be-
sonders im Ortskampf und beim Sturmangriff zum Nieder-
HN (C6H4)2AsO(OH) Phenarsazinsäure
halten von Bunkerbesatzungen dienen sollen.
Phenarsazinsäure bildet sich auch bei der Einwirkung
von Chloramin-T-Lösung in wäßrigem Alkohol. Diese
Reaktion kann notfalls zur Beseitigung des Kampfstoffes 5.4 Methylarsindichlorid CH3AsCl2
verwendet werden.
Adamsit greift bei der Lagerung langsam Eisen-, Stahl-und Methylarsindichlorid wurde 1850 von Bayer entdeckt, der
Kupfergefäße an, weshalb in den USA zur Aufbewahrung auch bereits die heftigen Reizwirkungen beschrieb.
emaillierte oder Kunststoffbehälter verwendet werden. Gegen Ende des 1. Weltkrieges wurde dieser Stoff von
den Amerikanern hergestellt und eingesetzt. In der deut-
5.3.2 Physiologische Wirkungen schen Armee erhielt er die Bezeichnung Methyl-Dick.
Die Reizschwelle von Adamsit liegt bei einem Aerosol mit
einer Teilchengröße von durchschnittlich 5 bis 15 um bei 5.4.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
0,01 mp/rn 3 . Die Erträglichkeitsgrenze liegt bei 0,4 mp/m 3 . In reinem Zustand ist Methylarsindichlorid eine farblose,
In seinen physiologischen Wirkungen gleicht Adamsit ölige Flüssigkeit mit einem Siedepunkt von 133 °C. Das
dem Diphenylarsinzyanid. Tödliche Vergiftungen und spezifische Gewicht beträgt bei 20 °C 1,84, die Sättigungs-
schwere Lungenschäden sollen erst beiKonzentrationen von konzentration in Luft 7400 mp/m 3 . Der Dampfdruck
über 20mp/m 3 auftreten. Diese Konzentration ist jedoch entspricht bei Zimmertemperatur 8 mm Hg-Säule.
unter feldmäßigen Bedingungen praktisch nicht möglich. Methylarsindichlorid löst sich in fast allen organischen
Lösungsmitteln.
5.3.3 Anwendungsmöglichkeiten
Wasser wirkt schnell hydrolysierend auf diesen Kampf-
In den USA wurden Versuche mit chemischen Granaten
stoff ein. Dabei entsteht Methylarsinoxyd:
und Bomben durchgeführt, die eine Adamsit-Füllung
hatten. Diese Versuche sollen eine ausreichende Wirkung CH3AsCl2 + H20 -> CH3AsO + 2 HC1
94 95
Natronlauge und alkalische Flüssigkeiten zersetzen diesen Nach einigen anderen Veröffentlichungen soll es sich auch
Stoff ebenfalls schnell unter Bildung der entsprechenden gut beim Abrieseln aus Flugzeugen bewährt haben. Unter
Salze. Methylarsindichlorid wirkt nur in Anwesenheit modernen Gefechtsbedingungen dürfte dieser Stoff kaum
von Wasser auf Metalle ein. Es kann deshalb im trocke- noch von Bedeutung sein.
nen Zustand in Metallbehältern aufbewahrt und trans-
portiert werden.
5.5 Äthylarsindichlorid C2H5AsCl2
5.4.2 Physiologische Wirkungen
Methylarsindichlorid ist ein wirksamer Kampfstoff, der Dieser Stoff wurde im 1. Weltkrieg unter dem Decknamen
neben seiner Reizwirkung auf die Schleimhäute des Dick von der deutschen Armee eingesetzt. Seine Eigen-
Nasen-Rachenraumes noch eine beträchtliche Giftwirkung schaften gleichen denen des Methylarsindichlorids.
hat und auch Schäden auf der Haut hervorrufen kann. Äthylarsindichlorid wurde 1881 durch La Coste her-
Bei Konzentrationen von 2 mp/m 3 tritt ein eigenartiger gestellt.
Geruch und ein heftiger Reiz der Nasen- und Rachen-
schleimhäute auf. Bei 20 mp/m 3 liegt die Erträglichkeits- 5.5.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
grenze. Höhere Konzentrationen bewirken Atemnot, Äthylarsindichlorid ist eine farblose Flüssigkeit, die sich
Brustkrämpfe und Angstzustände. Diese Erscheinungen im Licht gelblich färbt. Es siedet bei 156 °C und hat ein
sind auch noch nach Verlassen des vergifteten Raumes spezifisches Gewicht von 1,7. Der Dampfdruck entspricht
zu beobachten. Die Vergiftungserscheinungen können bei 20 °C 2 mm Hg-Säule, und die Sättigungskonzentra-
periodisch mit wechselnder Stärke noch nach Stunden tion in Luft ist 20 p/m 3 .
wiederkehren. Insgesamt ist also eine Kampfunfähigkeit In Alkohol, Äther, Benzol, Tetrachlorkohlenstoff ist
von mehreren Stunden möglich. Konzentrationen von Äthylarsindichlorid leicht löslich.
400 mp/m 3 haben nach l0minutiger Einwirkung den Tod In Wasser wird der Stoff schnell hydrolysiert. Bei der
zur Folge. Umsetzung mit Wasser bildet sich Äthylarsinoxyd nach
Die Haut wird durch Methylarsindichloriddämpfe erst der Gleichung:
bei Konzentrationen über 100 mp/m 3 angegriffen. Es
treten dabei starke Juckreize auf. C2H5AsCl2 + H20 -> C2H5AsO+ 2HC1
Durch Kampfstofftropfen können auf der Haut Blasen
hervorgerufen werden, die jedoch nach einigen Tagen Auch durch Natronlauge, Ammoniak, Natriumsulfid und
gutartig heilen. Chlorkalk wird dieser Kampfstoff rasch zersetzt. Bei der
Einwirkung von trockenem oder in Wasser emulgiertem
5.4.3 Anwendungsmöglichkeiten Chlorkalk wird Äthylarsindichlorid schnell entgiftet.
Nach amerikanischer Ansicht eignet sich das Methyl- Daher wurde zur Entgiftung dieses Kampfstoffes im
arsindichlorid zur Verwendung in taktischen Mischungen. 1. Weltkrieg Chlorkalkbrei verwendet.

96 7 Kampfstoffe 97
5.5.2 Physiologische Wirkungen 5.6 Phenylarsindichlorid C6H5AsCl2
In seinen physiologischen Wirkungen gleicht Äthylarsin-
dichlorid der besprochenen Methylverbindung. Charakte- Phenylarsindichlorid wurde während der letzten Jahre
ristisch ist ebenfalls die anhaltende Wirkung auf die des 1. Weltkrieges von deutscher Seite als Lösungsmittel
Atmungsorgane nach Verlassen des vergifteten Raumes. für Diphenylarsinchlorid verwendet. Es besitzt außer
Bei einer Konzentration von 0,5 mp/m3 wird ein obst- seinen Reizstoffeigenschaften noch ausgeprägte haut-
artiger Geruch bemerkt. schädigende Wirkungen. Es kann deshalb nur bedingt zu
Die Erträglichkeitsgrenze liegt bei 10 mp/m8. den Nasen-Rachenreizstoffen gerechnet werden. Phenyl-
Auf die Haut wirkt Äthylarsindichlorid erst bei Konzen- arsindichlorid wurde erstmalig 1880 von La Coste und
trationen von über 100 mp/m3. Durch flüssigen Kampf- Michaelis hergestellt.
stoff können schmerzhafte Nagelbettentzündungen ent-
stehen, wenn die Finger mit ihm in Berührung kommen. 5.6.1 Physikalische und chemische Eigenschatten
Auch in den Augen können Spritzer gefährliche und Phenylarsindichlorid ist in reinem Zustand eine wasser-
schmerzhafte 'Verletzungen hervorrufen. klare Flüssigkeit. Beim Stehen verfärbt sich dieser Stoff
langsam gelb bis gelbbraun. Der Schmelzpunkt liegt bei
5.5.3 Anwendungsmöglichkeiten etwa - 20 °C und der Siedepunkt bei 252 °C. Bei 20 °C
Äthylarsindichlorid wurde gegen Ende des 1. Weltkrieges beträgt das spezifische Gewicht 1,65 und die Sättigungs-
mehrfach als Füllung für Werfergranaten verwendet, die konzentration 400 mp/m 3 , der Dampfdruck entspricht
für schlagartige Überfälle vorgesehen waren. Hier kam 0,012 mm Hg-Säule.
die hohe Flüchtigkeit des Kampfstoffes zur Geltung. Das technische Produkt ist eine braune, ölige Flüssigkeit
Dabei wurden nicht selten Konzentrationen von über mit einem eigenartigen aromatischen Geruch. Entspre-
100 mp/m 3 auf großen Flächen erreicht. chend den physikalischen Eigenschaften kann Phenyl-
Die deutsche Armee setzte auch Mischungen dieses Kampf- arsindichlorid zu den seßhaften Kampfstoffen gezählt
stoffes mit anderen Stoffen ein. Die wichtigsten taktischen werden.
Mischungen waren etwa folgendermaßen zusammen- Phenylarsindichlorid löst sich in Wasser nur wenig,
gesetzt : jedoch gut in fast allen organischen Lösungsmitteln. In
anderen Kampfstoffen (Yperit, Lewisit, Diphosgen) ist es
- Dichlordimethyläther 18%, Äthylarsindichlorid 37%
gut löslich, es kann andererseits auch als Lösungsmittel für
und Äthylarsindibromid 45 %
viele feste Kampfstoffe, insbesondere Reizstoffe, ver-
- Dichlordimethyläther 20%, Äthylarsindichlorid 80%
wendet werden.
Am günstigsten soll die Flüchtigkeit der zweiten takti-
Wirkt Wasser auf Phenylarsindichlorid ein, bildet sich
schen Mischung gewesen sein.
unlösliches Phenylarsinoxyd:
Unter modernen Gefechtsbedingungen wird dieser Kampf-
stoff kaum Bedeutung haben. C6H5AsCl2 + H2O --> C6H5AsO + 2HC1

99

..
Natronlauge setzt sich mit diesem Kampfstoff unter 5.7 Schutzmaßnahmen gegen Nasen-Rachenreizstoffe
Bildung des Natriumsalzes der Phenylarsinsäure um:
Zum Schutz vor Nasen-Rachenreizstoffen dient die
C6H5AsCl2 + 4 NaOH -> C6H5As(ONa)2
Schutzmaske. Die modernen Schutzmaskenfilter haben
+ 2 NaCl + 2 H2O
eine ausreichende Abscheidungswirkung, so daß Gefechts-
Diese Reaktion kann zur Entgiftung des Kampfstoffes konzentrationen dieser Kampfstoffe selbst bei stunden-
ausgenutzt werden. langer Einwirkung dem Schutzmaskenträger nicht gefähr-
Im reinen Zustand greift Phenylarsindichlorid Eisen lich werden. Voraussetzung für einen sicheren Schutz ist
nicht an. Deshalb ist es möglich, das frisch destillierte jedoch das schnelle und sorgfältige Aufsetzen der Schutz-
Produkt in luftdicht abgeschlossenen Eisengefäßen län- masken und ihr guter Sitz. Es muß besonders darauf
gere Zeit zu lagern. geachtet werden, daß unmittelbar nach dem Erkennen
chemischer Kampfstoffe beziehungsweise nach dem ver-
5.6.2 Physiologische Wirkungen einbarten Zeichen für chemischen Alarm beim Anlegen
Phenylarsindichlorid ist ein starker Nasen-Rachenreiz- der Schutzmaske die Luft angehalten wird und danach
stoff, der daneben noch über hautschädigende Eigen- die im sogenannten Totraum der Maske befindliche Luft
schaften verfügt. Die Reizschwelle dieses Stoffes liegt durch kräftiges Ausatmen herausgestoßen wird. Diese
bei 4 bis 5 mp/m3 und die Erträglichkeitsgrenze bei Vorsichtsmaßnahme ist besonders bei Nasen-Rachenreiz-
16 mp/m3. stoffen wichtig, da bereits geringste Mengen einen starken
Bei stärkeren Konzentrationen und längeren Einwirkungs- Brechreiz hervorrufen und den Schutzmaskenträger
zeiten können schwere Lungenschäden entstehen. zwingen, die Maske abzunehmen.
Dämpfe und besonders Tropfen des Kampfstoffes können Lebensmittel, Wasser sowie die Oberflächen von Gegen-
auf der Haut Blasen hervorrufen, die im Gegensatz zu den ständen können nach Überfällen mit Nasen-Rachenreiz-
typischen hautschädigenden Kampfstoffen mit einem stoffen durch abgesetzte Kampfstoffteilchen vergiftet
Nesselreiz verbunden sind. sein. In diesen Fällen kann der Kampfstoff mit Seifen-
lösung abgewaschen oder bei Wasservergiftungen durch
5.6.3 Anwendungsmöglichkeiten Filtration mit Struktur- oder behelfsmäßigen Wasser-
Phenylarsindichlorid wurde im 1. Weltkrieg als Lösungs- filtern entgiftet werden.
mittel für andere Nasen-Rachenreizstoffe verwendet.
Während des 2. Weltkrieges diente dieser Stoff in Deutsch-
land als gefrierpunkterniedrigender Zusatz zu Yperit. Das 5.8 Erste Hilfe bei Verletzungen durch Nasen- und
sogenannte Winterlost enthielt einen beträchtlichen An- Rachenreizstoffe
teil Phenylarsindichlorid. Schwere und lebensgefährliche Verletzungen durch Nasen-
Rachenreizstoffe treten nur in den seltensten Fällen auf,
da die im Verhältnis zur Giftwirkung starken Reiz-

100 101
erscheinungen sofort zum Verlassen der vergifteten 6. Lungenschädigende Kampfstoffe
Atmosphäre zwingen.
Gegen die starken Reizerscheinungen, die diese Kampf- Zu den lungenschädigenden Kampfstoffen zählen stark
stoffe im Nasen-Rachenraum verursachen, hilft meist die giftige, meist gasförmige oder leichtflüchtige Kampfstoffe,
Inhalation einer Mischung aus Alkohol und Chloroform, deren Hauptangriffspunkt bei der Einwirkung auf den
die unter der Bezeichnung Riechflüssigkeit bekannt ist. Organismus die Lunge ist.
Die Schmerzen lassen beim Einatmen der Dämpfe dieser Der typische Kampfstoff dieser Gruppe ist das Phosgen,
Mischung nach. das in der chemischen Industrie in großen Mengen bei der
Sofern sich der Verletzte noch im Bereich der vergifteten Herstellung wichtiger Chemikalien verwendet wird. Ob-
Atmosphäre befindet, ist zur Verhinderung weiterer wohl in den letzten Jahren wesentlich giftigere Kampf-
" Kampfstoffeinwirkungen die Schutzmaske aufzusetzen stoffe entdeckt und produziert wurden, ist es nicht aus-
und ein mit der Riechflüssigkeit getränkter Wattebausch geschlossen, daß im Falle eines Krieges auch lungen-
unter den Maskenkörper zu schieben. In vielen Fällen schädigende Kampfstoffe vom Phosgen-Typ eingesetzt
lassen die Reizerscheinungen sofort nach. Die Inhalation werden. In vielen imperialistischen Staaten werden noch
der Riechstoffdämpfe muß nach einiger Zeit wiederholt heute große Phosgenmengen für militärische Zwecke
werden. erzeugt und die Produktionsstätten ausgebaut.
Bei Augenverletzungen, Hautschäden und Verletzungen Die lungenschädigenden Kampfstoffe zerstören bei ihrer
der Atmungsorgane werden die bei den entsprechenden Einwirkung auf die Lunge die feinen Membranen der
Kampfstoffgruppen erwähnten Erste-Hilfe-Maßnahmen Lungenbläschen. Infolgedessen werden die Membranen
angewandt. für das Blutplasma durchlässig, und die Lunge saugt sich
Sind feste oder flüssige Nasen-Rachenreizstoffe mit der voll Flüssigkeit. Die Gefährlichkeit dieses Vorganges
Nahrung in den Magen-Darmkanal gelangt, so empfiehlt wird anschaulicher, wenn man sich vorstellt, daß die
\
sich die sofortige Einnahme von Abführ- und Brech- Gesamtfläche der Lunge, die für den Gasaustausch zur
mitteln, um gefährliche Arsenvergiftungen zu ver- Verfügung steht, mit etwa 100 m2 der Größe eines
meiden. Volleyballplatzes entspricht.*)
Eine solch große Fläche ist natürlich ein idealer An-
griffsort für einen gasförmigen Giftstoff. Der Übertritt der
Blutflüssigkeit durch die Membranen der Lungenblasen
bewirkt ein starkes Anschwellen der Lungenflügel und
verringert die für den Gasaustausch zur Verfügung
*) Als Gasaustausch in den Lungen bezeichnet man den Austausch von
Kohlendioxyd — einem Folgeprodukt der Lebenstätigkeit im Organis-
mus, das vom Blut in die Lungen transportiert wird — gegen Sauerstoff
aus der eingeatmeten Luft, der bei den Oxydationsprozessen im Organis-
mus benötigt wird.

103
stehende Fläche. Bild 2 zeigt einen normalen und einen zum Tode, wenn nicht sofort Erste Hilfe und ärztliche
durch Phosgen geschädigten Lungenflügel. Man sieht Betreuung gegeben werden.
deutlich das Größenverhältnis, wie es sich etwa 5 h nach Diese verheerende Giftwirkung war die Ursache, daß im
der Aufnahme einer tödlich wirkenden Phosgenmenge 1. Weltkrieg die lungenschädigenden Kampfstoffe zu den
ausgebildet hat. gefürchtetsten chemischen Kampfmitteln wurden.
Im einzelnen rechnet man zu den lungenschädigenden
Kampfstoffen außer Phosgen noch Diphosgen und Chlor-
pikrin. In den vergangenen Jahrzehnten wurden in den
imperialistischen Staaten große Anstrengungen unter-
nommen, um diese Kampfstoffgruppe durch die Her-
stellung giftigerer Kampfstoffe mit den typischen lungen-
schädigenden Wirkungen weiter zuentwickeln.
Viel diskutiert wurden Stoffe, bei denen neben der
Wirkung auf die Lunge noch eine schädigende Wirkung
auf das sogenannte Atmungszentrum im Zentralnerven-
system hinzukommt. Aus einigen Veröffentlichungen geht
hervor, daß man auch aggressive Fluorverbindungen
untersucht hat, bei denen eine Lungenschädigung zu
erwarten ist. Als Beispiel für einen derartigen Stoff ist
in diesem Abschnitt eine kurze Beschreibung des Schwefel-
Ansicht einer normalen und einer Phosgenlunge pentafluorids eingefügt, das etwa in dieser Richtung
Gewicht Normallunge 250 p; Phosgenlunge 1250 p liegen dürfte.

Die Folgen einer derartigen Vergiftung sind verständlich.


Durch die verminderte Sauerstoffbeladung des Blutes 6.1 Chlor Cl2
tritt ein akuter Sauerstoffmangel im Organismus ein, der
sich äußerlich durch Erstickungssymptome und bei Chlor war der erste Kampfstoff, der im 1. Weltkrieg in
akuten Fällen durch Blauwerden der Lippen und anderer großen Mengen eingesetzt wurde. Bei dem bereits erwähn-
Hautstellen zeigt. Dieses Blauwerden (Zyanose) gleicht ten Gasangriff am 22. April 1915 bei Ypern wurden von
den Sauerstoffmangelerscheinungen, wie sie bei Ertrun- der deutschen Armee 30 Mp Chlor abgeblasen. Da man
kenen bekannt sind. Außerdem wird ein merkbares sich vor Chlor leicht schützen kann, hat es als Kampfstoff
Dickwerden des Blutes durch Flüssigkeitsverlust be- jedoch nur geringe militärische Bedeutung. Bei der
obachtet. Alle diese Erscheinungen, die noch viel kompli- Herstellung fast aller Kampfstoffe werden aber bedeutende
zierter sind, als hier geschildert werden konnte, führen Mengen Chlor verbraucht.

104 105
6.1.1 Physikalische und chemische Eigenschaften wird von Chlor stark geschädigt. Durch Gefäßzerstörun-
Chlor ist ein grünes Gas mit einem eigenartigen, stechen- gen tritt blutiger Schleimfluß und krampfhafter Husten
den Geruch. Es kondensiert bei — 33,6 °C oder unter ein. Die tödliche Konzentration liegt bei einer Einwir-
einem Druck von 6 atü bei Zimmertemperatur. Flüssiges kungszeit von 10 min bei 1,5 p/m 3 .
Chlor hat ein spezifisches Gewicht von 1,46, die Dampf- Die Augen und die Haut werden erst bei höheren Konzen-
dichte des gasförmigen Stoffes gegenüber Luft ist 2,5. trationen angegriffen.
Aus einem Liter flüssigen Chlores entstehen bei der Ent-
spannung fast 500 1 Chlorgas.
In der chemischen Industrie fallen große Mengen Chlor 6.2 Chlorpikrin CC13NO2
als Nebenprodukt bei der elektrolytischen Herstellung
von Ätznatron an. Chlorpikrin wurde im 1. Weltkrieg in bedeutenden Men-
Von Wasser wird Chlor im gewissen Umfang gelöst. gen eingesetzt. In der deutschen Armee wurde dieser Stoff
Dabei bilden sich durch Disproportionierung Salzsäure als Klop, in der englischen und amerikanischen als
und unterchlorige Säure: PS-Gas bezeichnet. Chlorpikrin nimmt, streng genommen,
CL2 + H2O -> HCl + HOC1 eine Zwischenstellung zwischen den Reizstoffen und den
Chlor setzt sich auch bei Zimmertemperatur ziemlich lungenschädigenden Kampfstoffen ein.
schnell mit Natriumthiosulfat (Fixiersalz) in wäßriger In geringen Konzentrationen wirkt Chlorpikrin als aus-
Lösung um. Dabei bilden sich Natriumtetrathionat und gesprochener Reizstoff, während bei höheren Konzentra-
Natriumchlorid gemäß folgender Gleichung: tionen starke phosgenähnliche Lungenverletzungen auf-
treten können.
2 Na2S2O3 + Cl2 -> Na2S4O6 + 2 NaCl Chlorpikrin, dessen chemische Bezeichnung Trichlor-
Diese Reaktion wurde bei den Behelfsschützern aus- nitromethan lautet, wurde 1848 von Stenhouse durch
genützt, die in den Wochen nach dem ersten Einsatz von Einwirkung von Chlorkalk auf Pikrinsäure hergestellt.
Chlor ausgegeben wurden und bis zur Ausrüstung der
Truppen mit Schutzmasken gute Dienste geleistet haben. 6.2.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
In der französischen und der englischen Armee wurden an Chlorpikrin ist eine farblose, flüchtige Flüssigkeit mit
der Flandern-Front zu diesem Zweck, Mullbinden mit einem stechenden Geruch. Es siedet bei 112 °C und
einer Lösung von Natriumthiosulfat in einer Mischung erstarrt bei — 64 °C. Chlorpikrin kann deshalb sowohl im
von Glyzerin und Wasser getränkt. Sommer als auch im Winter als Kampfstoff eingesetzt
werden. Das spezifische Gewicht beträgt bei 20 °C 1,66.
6.1.2 Physiologische Wirkungen Bei der gleichen Temperatur entspricht der Dampfdruck
Chlor wirkt auf die Atmungsorgane. Etwa 10 mp/m3 16,9 mm Hg-Säule und die Sättigungskonzentration
erzeugen Husten und Reizungen der Rachenschleimhäute. 184 p/m 3 .
Bei 100 mp/m 3 liegt die Erträglichkeitsgrenze. Die Lunge Technisches Chlorpikrin ist gelb bis braun gefärbt.

106 107
Entsprechend seinem hohen Dampfdruck wird Chlor- Reizwirkung auf die Augen so stark, daß sich die Augen-
pikrin zu den flüchtigen Kampfstoffen gezählt. lider sofort schließen. Etwa bei der gleichen Konzentra-
In Wasser ist Chlorpikrin nur wenig löslich (in 100 p nur tion treten Reizungen des Nasenraumes und im Rachen
0,7 p bei 20°C). Gut löslich ist es in Benzol, Schwefel- auf. Bei 50 mp/m 3 liegt die Erträglichkeitsgrenze. Töd-
kohlenstoff, Alkohol und Chlorkohlenwasserstoffen. Es liche Vergiftungen sind ab etwa 1 p/m 3 möglich, wenn der
kann als Lösungsmittel für andere chemische Kampfstoffe Aufenthalt in der vergifteten Zone mehrere Minuten
verwendet werden. beträgt. Bei hohen Konzentrationen werden typische
Durch Wasser oder Alkalien wird Chlorpikrin praktisch Lungenschäden beobachtet. Als Besonderheiten gegenüber
nicht zersetzt. Selbst beim Erwärmen mit Alkalilösungen Phosgen-Vergiftungen treten ein heftiger Brechreiz und
treten nur geringe Zersetzungserscheinungen auf. starkes Brennen in der Magengegend auf. Wird Chlor-
Natriumsulfidlösungen zerstören Chlorpikrin. Diese Um- pikrin mit Getränken und Speisen aufgenommen, werden
setzung kann zur Entgiftung verwendet werden. Die heftige Bauchschmerzen, die von Durchfall und Erbrechen
Reaktion verläuft folgendermaßen: begleitet sind, beobachtet.
2 CC13NO2 + 3 N a 2 S -> 3S + N2 + 2 C0 2 + 6 NaCl 6.2.3 Anwendungsmöglichkeiten
Bei starker Erhitzung zersetzt sich Chlorpikrin in Phosgen Im 1. Weltkrieg diente Chlorpikrin als Füllung für
und Nitrosylchlorid entsprechend folgender Gleichung: chemische Granaten. Es wurde besonders von der ameri-
CC1 3 NO 2 -> COC12 + NOC1 kanischen und der russischen Armee eingesetzt. Dabei
Nitrosylchlorid kam es in einer taktischen Mischung zur Anwendung, die
5 0 % Sulfurylchlorid enthielt. Von französischen Ein-
Die Bildung von Phosgen bei der Zersetzung des Chlor-
heiten wurde zeitweise eine Mischung mit 5 0 % Zinn-
pikrins infolge Erhitzung war schon mehrfach die Ursache
tetrachlorid verwendet, die nach der Detonation der
gefährlicher Vergiftungen.
Granaten erheblichen Nebel entwickelte.
Gegenüber Metallen ist die Wirkung von Chlorpikrin
Chlorpikrin wird unter modernen Gefechtsbedingungen
unterschiedlich. So werden nach Ireland Stahl nur wenig,
keine Bedeutung mehr besitzen. Es wird jedoch noch in
Blei und Kupfer jedoch stark angegriffen. Bei Aluminium-
großen Mengen von der chemischen Industrie als Schäd-
oberflächen bildet sich infolge der Einwirkung von Chlor-
lingsbekämpfungsmittel, besonders gegen Ratten und
pikrin eine festhaftende Oxydschicht, die das Metall vor
Wühlmäuse, produziert.
einer weiteren Einwirkung des Kampfstoffes schützt.
Chlorpikrin kann daher in Aluminiumbehältern auf-
bewahrt werden. (5.3 Phosgen COC12

6.2.2 Physiologische Wirkungen Phosgen war im 1. Weltkrieg einer der wichtigsten und
Chlorpikrin reizt die Augen und die oberen Luftwege. Die meistgebrauchten chemischen Kampfstoffe. Allein Frank-
Reizschwelle liegt bei 1 mp/m 3 . Bei 5 mp/m 3 ist die reich produzierte 15 800 Mp und setzte sie an der

108 109
Front auch ein. In Deutschland war Phosgen in den Im Handel befindet sich deshalb eine etwa 30%ige
ersten Kriegsjahren unter dem Decknamen Zusatz, in Toluollösung, die sich für Arbeiten in chemischen
Frankreich unter dem Namen Collongite bekannt. In der Laboratorien eignet.
amerikanischen Literatur wird Phosgen als CG-Gas be- Phosgen ist auch sehr gut in anderen Kampfstoffen sowie
zeichnet. in nebelbildenden Stoffen löslich, zum Beispiel in Silizium-
Nach Statistiken sollen 80% aller im 1. "Weltkrieg tetrachlorid und in Titantetrachlorid. Außerdem ist
tödlich verlaufenen Kampfstoffvergiftungen auf den Ein- flüssiges Phosgen selbst ein gutes Lösungsmittel für andere
satz von Phosgen zurückzuführen sein. Kampfstoffe, zum Beispiel für Yperit, Lewisit, Phenyl-
Phosgen wurde 1812 von dem englischen Chemiker Davy arsindichlorid, Chlorpikrin und Diphenylarsinchlorid.
dargestellt, als dieser Chlor und Kohlenmonoxyd dem Chlor wird bei — 20 °C zu etwa 20 % gelöst. Phosgen ist
Sonnenlicht aussetzte; daher auch der Name Phosgen, bei Abwesenheit von Wasser sehr stabil. Es kann deshalb
der auf Deutsch etwa mit „das durch Licht erzeugte'' wie flüssiges Chlor in Stahlflaschen aufbewahrt werden.
übersetzt werden kann. Auch gegen Luftfeuchtigkeit ist Phosgen relativ beständig.
Bei starkem Regen wird es jedoch hydrolysiert:
6.3.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
COCL2 + H2O -> 2 HC1 + CO2
Bei Zimmertemperatur ist Phosgen ein farbloses Gas mit
einem eigentümlichen Geruch, etwa nach faulem Heu Phosgen kann aus diesem Grunde bei Regenfällen nicht
oder Obst. Es kondensiert bei einer Abkühlung auf 8 °C; im Gefecht eingesetzt werden. Bei kurzzeitigen Erhitzun-
unter einem Druck von 15 atü bei 20 °C. Bei — 118 °C gen, wie sie beispielsweise bei der Detonation von Grana-
erstarrt es zu einer weißen, kristallinen Masse. Das ten und Bomben auftreten, sind keine wesentlichen Zer-
spezifische Gewicht des flüssigen Phosgens beträgt am setzungserscheinungen beobachtet worden. Phosgen wird
Siedepunkt 1,4. Die Dampfdichte im Verhältnis zu Luft verhältnismäßig gut von Aktivkohle adsorbiert.
ist 3,5. Das technische Produkt ist im flüssigen Zustand Die Schutzdauer der Filterschichten ist um so größer, je
durch Verunreinigungen gelb bis braun gefärbt und höher der Feuchtigkeitsgehalt der Aktivkohle ist. Ein
enthält neben etwa 95 % Phosgen Chlor, Chlorwasserstoff, Maximum an Schutzwirkung zeigt sich bei einem Feuch-
Eisenchlorid und Chlorkohlenwasserstoffe. Das Verdamp- tigkeitsgehalt der Filterschichten von etwa 20%. Zweck-
fen von flüssigem Phosgen wird durch den hohen Dampf- mäßiger sind jedoch Filterschichten, die mit einem
druck und die niedrige Verdampfungswärme (etwa 60 cal) Katalysator imprägniert sind. Dazu eignen sich Mangan-
auch bei Wintertemperaturen begünstigt. Es muß des- oxyd oder Mischkatalysatoren von Metalloxyden.
halb auch im Winter zu den flüchtigen Kampf- Bei der Einwirkung von Alkalien, besonders von Natron-
stoffen gezählt werden. Flüssiges Phosgen besitzt bei lauge, wird Phosgen schnell zersetzt. Es bilden sich dabei
— 20 °C eine Seßhaftigkeit von etwa 2 bis 4 h. Phosgen nur ungiftige Produkte:
löst sich leicht in organischen Lösungsmitteln (1 p Phosgen COC12 + 4 NaOH -> Na2CO3 + 2 NaCl + 2 H2O
löst sich in 1 p Benzol beziehungsweise 1,5 p Toluol). Diese Reaktion kann zur Entgiftung von Phosgen aus-

110 111
genutzt werden. Eine andere Möglichkeit ist die Behand- Die ersten deutlichen Vergiftungssymptome nach der
lung von Oberflächen oder porösen Gegenständen mit Einwirkung einer gefährlichen Konzentration von
einem Warmluft-Wasserdampf-Gemisch. In den meisten "200 mp/m3 werden erst nach etwa 5 bis 10 h bemerk-
Fällen ist jedoch eine Entgiftung wegen des hohen bar. Die 50%ig tödlich wirkende Konzentration von
Dampfdruckes von Phosgen nicht notwendig. Phosgen liegt bei einer Einwirkungszeit von 10 min bei
Eine Vergiftung von Lebensmitteln und Wasser ist meist 500 mp/m3. Bei der Einatmung dieser Giftkonzentration
nicht zu befürchten, da die relativ geringen Kampfstoff- treten nach etwa 4 bis 6 h sehr starke Hustenanfälle
mengen, die beim Gefechtseinsatz auftreten können, und ein beklemmendes Brustgefühl auf. Dann kommen
durch Wasser schnell zersetzt werden und der Stoff beim starkes Herzklopfen, Kopfschmerzen und allgemeine
Erwärmen praktisch vollständig zerstört wird. Schwäche hinzu. Meist sind diese Vergiftungssymptome
Auf vulkanisierten Naturkautschuk wie auf die meisten nur zeitweise so stark, daß sie zu ernsten körperlichen
synthetischen Gummiarten wirkt Phosgen zerstörend. Beschwerden führen. Bei vielen gefährlichen Vergiftungs-
fällen wurde beobachtet, daß sich der Vergiftete nach
6.3.2 Physiologische Wirkungen einer derartigen Schwächeperiode wieder ganz normal
Phosgen besitzt keine ausgeprägte Reizschwelle und fühlte und den zurückgebliebenen Symptomen keine
Erträglichkeitsgrenze. Bei etwa 5 mp/m 3 werden schwache besondere Aufmerksamkeit mehr schenkte. In solchen
Reizeffekte in den Augen und Atmungsorganen bemerkt, Fällen werden nach einigen Stunden stärkste Vergiftungs-
die sich durch schwachen Tränenfluß und leichten Husten erscheinungen bemerkt, die besonders ernst sind, wenn
äußern. Sie sind jedoch durchaus erträglich und werden die Kampfstoffverletzten während des scheinbaren Zu-
bei schwerer Arbeit oder Unaufmerksamkeit meist über- rückgehens der Vergiftungssymptome ohne medizinische
sehen. Eine längere Einwirkung dieser Konzentration Hilfe bleiben und womöglich noch schwer arbeiten.
kann aber bereits zu gefährlichen Vergiftungen führen. Atemnot, blutiger Schleimfluß und zeitweilige Bewußt-
Im 1. Weltkrieg nutzte man zur Erkennung dieses Kampf- losigkeit sind dann die charakteristischen Vergiftungs-
stoffes die Geschmacksveränderungen aus, die beim symptome. Solche Vergiftungen enden meist tödlich. Nach
Zigarettenrauchen selbst bei geringsten Kampfstoffkon- Aufnahme einer tödlich wirkenden Menge Phosgen tritt bei
zentrationen auftreten. Auch der beste Tabak schmeckt fehlender Behandlung der Tod meist nach 2 Tagen ein.
widerlich und ekelerregend, wenn gleichzeitig mit dem Ziga- Wirken geringere Konzentrationen ein oder wird der
rettenrauch Phosgen aufgenommen wird. Es ist bemerkens- Kampfstoffvergiftete in einem Lazarett behandelt, sind
wert, daß diese Geschmacksveränderung bereits bei Kon- die Vergiftungssymptome meist noch nach Wochen zu
zentrationen auftritt, die mit chemischen Indikatoren nur erkennen.
schwer feststellbar sind. Besonders charakteristisch ist bei
einer Phosgenvergiftung die lange Latenzzeit.*) 6.3.3 Anwendungsmöglichkeiten
*) Als Latenzzeit bezeichnet man die Zeit von der ersten Einwirkung des Im 1. Weltkrieg wurde Phosgen als Füllung für chemische
Kampfstoffes bis zum ersten Auftreten der Vergiftungssymptome. Granaten und Wurfgranaten verwendet sowie im Blas-

112 8 Kampfstoffe 113


verfahren eingesetzt. Die deutsche Armee benutzte zum 6.4.1 Physikalische und chemische Eigenschalten
Abblasen eine Mischung, die etwa 50 % Phosgen enthielt. Diphosgen ist eine farblose, flüchtige Flüssigkeit mit einem
Die französische Artillerie verschoß wiederholt Granaten, Geruch, der dem des Phosgens ähnelt. Es siedet bei 128 °C
die eine Lösung von Phosgen in Arsentrichlorid ent- und erstarrt bei — 57 °C. Das spezifische Gewicht von
hielten. Besonders wirksam soll nach französischen An- Diphosgen beträgt 1,64. Der Dampfdruck entspricht bei
gaben eine Mischung im Gewichtsverhältnis 1:1 gewesen 20 °C 4 mm Hg-Säule, und die Sättigungskonzentration
sein. beträgt bei der gleichen Temperatur 54 p/m3. Der
Mehrfach versuchte man, das heimtückische Phosgen Dampfdruck von Diphosgen ist sehr gering; er bewirkt
durch nebelbildende Stoffe zu tarnen. So wurden tak- eine für flüchtige Kampfstoffe verhältnismäßig hohe
tische Mischungen eingesetzt, die als Nebelbildner Seßhaftigkeit. Diphosgen ist gut in Benzol, Toluol,
Siliziumtetrachlorid oder Zinntetrachlorid enthielten. Tetrachlorkohlenstoff, Dichloräthan, Trichloräthylen und
Die faschistische Wehrmacht ließ vor und während des Chlorbenzol löslich. Es kann selbst als Lösungsmittel für
2. Weltkrieges ähnliche taktische Mischungen herstellen, Chlorpikrin, Phosgen, Diphenylarsinchlorid und andere
die besonders für den Einsatz in chemischen Bomben Kampfstoffe verwendet werden.
vorgesehen waren. Von den Alliierten wurden nach 1945 Technisches Diphosgen ist durch Beimischungen braun
verhältnismäßig große Vorräte an chemischer Munition oder rötlich gefärbt. Der rötliche Farbton kann durch
mit Phosgenfüllung in den deutschen Kampfstofflagern Phenol entstehen, das meist als Stabilisierungsmittel
aufgefunden. zugesetzt wird.
In den letzten Jahren ist wiederholt festgestellt worden, In seinen chemischen Eigenschaften ähnelt Diphosgen
daß die Tschiang-Kai-schek-Clique sich nicht scheut, beim dem Phosgen. Wird es erwärmt oder kommt es mit
Beschuß des chinesischen Festlandes chemische Granaten porösen Körpern in Berührung, kann es in Phosgen
mit Phosgenfüllung einzusetzen. zerfallen.
Unter modernen Bedingungen wird das Phosgen nur noch
eine relativ geringe militärische Bedeutung besitzen. Es ClCOOCCl3-> 2 COCl2
ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß im Falle eines Auf diesen Zerfall soll auch die enorme Giftwirkung
chemischen Krieges bei Kampfstoffmangel auf diesen zurückzuführen sein.
Stoff zurückgegriffen wird. Ein Zerfall von Diphosgen tritt auch auf, wenn das
technische Produkt in Eisenbehältern gelagert wird oder
wenn der reine Stoff mit Eisensalzen in Berührung kommt.
6.4 Diphosgen C1COOCC13 Daher kann Diphosgen nur kurze Zeit oder nur bei Zugabe
von Stabilisatoren in eisernen Behältern gelagert werden.
Diphosgen ist chemisch der Trichlormethylester der Chlor- Durch Umsetzung mit Wasser entstehen Kohlendioxyd
kohlensäure. Es wurde von der deutschen Armee erst- und Salzsäure (wie bei Phosgen):
malig 1916 unter der Bezeichnung Perstoff angewendet. C1COOCC13 + 2 H2O -> 4 HC1 + 2 CO2

114 115
Durch Alkalien (zum Beispiel Natronlauge) wird Diphos- oder Mischungen von Diphosgen und anderen Kampf-
gen sehr schnell zerstört. Dabei entstehen wie bei Phosgen stoffen sowie mit nebelbildenden Stoffen gefüllt waren.
die entsprechenden Salze: Diphosgen wirkt im Gelände bedeutend länger als Phos-
gen und kann im Winter bei tieferen Temperaturen zu den
ClCOOCCl3 + 8 NaOH -> 2 Na2CO3 + 4 NaCl
seßhaften Kampfstoffen gerechnet werden.
+ 4H 2 O
Die Vorzüge des Diphosgens liegen in seiner einfachen
Diese Reaktion wird bei Zimmertemperatur für die Ent- und relativ ungefährlichen Abfüllbarkeit.
giftung von Geräten ausgenutzt.
Bei der Umsetzung mit Ammoniak entsteht neben
Ammoniumchlorid Harnstoff: 6.5 Schwefelpentafluorid S2F10

ClCOOCCl3 + 8 NH 3 -> 4 NH4C1 Verschiedene Autoren sind der Meinung, daß Schwefel-
+ 2 (NH2)2CO (Harnstoff) pentafluorid als chemischer Kampfstoff eingesetzt werden
Diese Reaktion wird ausgenützt, wenn — besonders im kann. Schwefelpentafluorid ist eine farblose, leichtflüch-
Winter — Textilien vergiftet wurden und Ammoniak- tige Flüssigkeit mit einem Siedepunkt von 29 °C und
Dampfentgiftungen vorgenommen werden müssen. einem Schmelzpunkt von — 92 °C. Das spezifische Ge-
wicht der Flüssigkeit beträgt bei 0 °C 2,08.
6.4.2 Physiologische Wirkungen Schwefelpentafluorid kann durch Umsetzung von Schwe-
Diphosgen hat eine ähnliche physiologische Wirkung wie fel mit elementarem Fluor hergestellt werden:
Phosgen. Es reizt jedoch die Schleimhäute der Augen und
der Atmungsorgane stärker als Phosgen. Die Reizschwelle
liegt bei 5 mp/m3. Die Erträglichkeitsgrenze wird in der Schwefelpentafluorid wird durch Wasser merklich zer--
Literatur mit 40 mp/m 3 angegeben. setzt. Es ist giftiger als Phosgen und wirkt stark ätzend
Die LC50 liegt bei einer Einwirkungsdauer von 10 min bei auf die Lunge, ohne jedoch einen merklichen Reiz auf die
500 mp/m3. oberen Atmungsorgane auszuüben. Die Vergiftungs-
symptome sind ähnlich wie bei Phosgen. Hohe Konzen-
6.4.3 Anwendungsmöglichkeiten trationen rufen selbst bei kurzer Einwirkungsdauer
Im 1. Weltkrieg wurde Diphosgen in Granaten und tödliche Vergiftungen hervor.
Wurfgranaten abgefüllt.
Um hohe Produktionskosten und komplizierte Trenn- 6.6 Schutzmaßnahmen gegen lungenschädigende
verfahren zu vermeiden, wurden von deutscher Seite Kampfstoffe
unvollständig chlorierte und gereinigte Produkte ein-
gesetzt, deren Diphosgengehalt bei etwa 70 bis 80 % lag. Zum Schutz vor lungenschädigenden Kampfstoffen dient
Im 2. Weltkrieg besaß die faschistische Wehrmacht in die Schutzmaske. Entscheidend ist — wie bei den Reiz-
ihren Lagern Bomben und Granaten, die mit Diphosgen stoffen — das schnelle und sichere Aufsetzen der Maske.

116 117
Die Filterkapazität moderner Schutzmasken ist gegen- 7. Hautschädigende Kampfstoffe
über Phosgen und ähnlichen Stoffen fast unbegrenzt.
Bekleidung, Verbandstoffe, Lebensmittel und andere Güter Zur Gruppe der hautschädigenden Kampfstoffe zählen
müssen durch sichere Verpackung geschützt werden. alle Kampfstoffe, deren Hauptwirkung in einer Schädi-
gung der Haut besteht. Dazu gehören die typischen
Zellgifte wie Yperit, Stickstoff-Yperit und Lewisit sowie
6.7 Erste Hilfe bei Verletzungen durch lungen- die Gruppe der sogenannten Nesselstoffe, die auf der Haut
schädigende Kampfstoffe unangenehme Nesselerscheinungen hervorrufen.
Die typischen, als Zellgifte bezeichneten Kampfstoffe
Da Verletzungen durch lungenschädigende Kampfstoffe dieser Gruppe waren das Objekt eingehender wissenschaft-
gewöhnlich stärker sind als der Betroffene annimmt, ist in licher Studien und Untersuchungen. Es wurden viele
jedem Falle oberstes Prinzip, dem Vergifteten die Schutz- Arbeiten durchgeführt, um diese Kampfstoffe weiter-
maske aufzusetzen oder ihn aus der vergifteten Atmo- zuentwickeln, um neue Stoffe mit ähnlichen Eigenschaften
sphäre hinauszuschaffen. Der Vergiftete muß völlig ruhig darzustellen und neue Anwendungsmöglichkeiten zu er-
gestellt werden. Jegliche Anstrengung oder Bewegung proben. Trotzdem ist auch heute noch das Yperit der
muß untersagt werden. Selbst das Sprechen erhöht den wichtigste Kampfstoff dieser Gruppe. Selbst die Ent-
Sauerstoffbedarf des Körpers und hat zu unterbleiben. deckung und Produktion der hochgiftigen Phosphorsäure-
Beim Transport muß der Vergiftete ruhig getragen werden. ester-Kampfstoffe konnten dem Yperit nicht seine Bedeu-
Werden diese Punkte berücksichtigt, kann der Sauerstoff- tung als wirkungsvollster Geländekampfstoff nehmen.
verbrauch des Körpers auf ein Minimum gesenkt und Nach wie vor werden in den imperialistischen Staaten
eine Verschlimmerung der Vergiftung vermieden werden. große Mengen Yperit hergestellt und eingelagert.
Der Vergiftete muß ständig durch Wolldecken oder Klei- Die hautschädigenden Kampfstoffe besitzen die Fähigkeit
dungsstücke warm gehalten werden. sowohl die Atmosphäre (durch Dämpfe oder Aerosole) als
Da bei der Einwirkung lungenschädigender Kampfstoffe auch das Gelände (für längere Zeit) zu vergiften. Dadurch
die Sauerstoffzufuhr in den Körper stark vermindert wird, können auch Menschen, die durch Atemschutzgeräte
ist in fast allen Fällen eine drucklose Sauerstoffbehandlung
weitgehend geschützt sind, geschädigt werden.
notwendig. Dabei muß darauf geachtet werden, daß der
Muntsch erklärt die Ursachen der schweren Zellzerstö-
Sauerstoffgehalt des Beatmungsgases über 75 % liegt. Bei
rungen durch eine Reaktion des Stoffes mit lebenswichtigen
der Sauerstoff behandlung sind 6 l/min zur Erleichterung
Aminosäuren in den Gewebezellen. Dadurch entsteht der
der Atmung und zur Behebung der Störungen notwendig.
durch Blasenbildung äußerlich sichtbare Zellzerfall.
Die Sauerstoffbehandlung ist von Zeit zu Zeit zu unter-
Die Yperitmoleküle dringen infolge ihrer guten Löslich-
brechen. Sie muß wiederaufgenommen werden, wenn sich
keit und der relativ hohen chemischen Beständigkeit in
erneut Atemnot einstellt. Der Vergiftete ist sobald als mög-
lich einer ärztlichen Behandlung zuzuführen. die Organgewebe ein und entfalten innerhalb der Zellen
ihre zerstörende Wirkung.

118 119
Besonders empfindlich sind natürlich die Zellen der auf die Lunge und durch die Aufnahme des Giftes mit
unteren Hautschichten sowie die Zellen der Schleimhäute. Speisen und Getränken entstehen. Bei der Einwirkung
Das erklärt auch, warum die Vergiftungserscheinungen an von Stickstoff-Yperit können stärker als bei Schwefel-
so empfindlichen Hautstellen wie im Nacken, an den Yperit Schädigungen des Nervensystems entstehen.
Achselfalten, an den Geschlechtsteilen und zwischen den
Fingern und Zehen stärker und gefährlicher sind als an
anderen Hautstellen, wo die Hornhaut dem Eindringen 7.1 Yperit
des Kampfstoffes einen größeren Widerstand entgegen-
setzt. Yperit (chemisch Dichlordiäthylsulfid) ist einer der wich-
Bei der Einwirkung der Kampfstoffe auf die intakte tigsten chemischen Kampfstoffe. Er wurde bereits im
Haut treten nach einer Latenzzeit von einigen Stunden 1. Weltkrieg angewendet, hat aber auch noch unter
die ersten Vergiftungserscheinungen in Form von Haut- modernen Bedingungen Bedeutung. In der chemischen
rötungen und Schwellungen auf. Die Oberhaut wird Literatur wird Yperit oft auch als Lost bezeichnet. Diese
zwar vom Kampfstoff durchdrungen, bleibt aber intakt. Bezeichnung war vor allem in Deutschland gebräuchlich.
Nachdem sich Zellzerstörungen in den unteren Haut- Sie.wurde aus den Anfangsbuchstaben der Namen zweier
schichten ausgebildet haben, hebt sich die Oberhaut deutscher Chemiker gebildet, die im 1. Weltkrieg die
infolge Blasenbildung ab, und die Vergiftung ähnelt in technische Herstellung dieses Stoffes bearbeiteten (Lom-
diesem Stadium einer Hautverbrennung. mel und Steinkopf). In der englisch-sprachigen Literatur
Gleichzeitig mit der Blasenbildung entstehen Entzün- findet man auch die Bezeichnung Mustard-Gas, entspre-
dungsflächen in der Nähe der Einwirkungsherde, was chend dem senfartigen Geruch, der besonders dem tech-
darauf hindeutet, daß mit der Einwirkung des Kampf- nischen Produkt eigen ist. In der amerikanischen Militär-
stoffes schwere Fermentschäden verbunden sein müssen. literatur findet sich die Bezeichnung H-Gas.
Im weiteren Verlauf der Vergiftung wird der Kranke Wie die gesamte Gruppe der hautschädigenden Kampf-
hochempfindlich gegen Infektionserreger, das ist besonders stoffe wurde das Yperit in der faschistischen Wehrmacht
stark im Stadium des Blasenzerfalls möglich. Die Vergif- auch Gelbkreuz genannt, entsprechend der Munitions-
tung verläuft bei fehlender Behandlung äußerst langwierig kennzeichnung im 1. Weltkrieg.
und kann sich — bis zur vollständigen Wiederherstel- Yperit war, wie fast alle chemischen Kampfstoffe, die im
lung — monatelang hinziehen. Durch eine rechtzeitige 1. Weltkrieg angewendet wurden, schon lange vor dem
Behandlung kann jedoch der vollen Ausbildung des Krieg bekannt. Es wurde bereits 1854 von Riche und 1860
Hautschadens entgegengewirkt werden. von A. Niemann durch die Einwirkung von Schwefel-
Bei der Einwirkung auf die Schleimhäute der Atmungs- chlorür auf Äthylen hergestellt. Sehr charakteristisch
organe und des Magen-Darmkanals sind lebensgefährliche schildert Niemann in seiner Veröffentlichung die Eigen-
Vergiftungen möglich. Besonders schwer sind Vergiftun- schaften dieses Stoffes:
gen, die durch die Einwirkung von Kampfstoffdämpfen „Sie (die Flüssigkeit, E. St.) zeigt einen sehr eigentüm-

120 121
lichen, unangenehmen, an Meerrettich erinnernden, die normalem Druck bei 217 °C. Bei 20 °C beträgt das
Geruchsnerven aufreizenden Geruch . . . Die charakteri- spezifische Gewicht 1,27. Der Dampfdruck entspricht bei
stische Eigenschaft dieses Öles ist zugleich eine sehr der gleichen Temperatur 0,115 mm Hg-Säule.
gefährliche. Sie besteht darin, daß selbst die geringste Den Dampfdruck des Yperits kann man für verschiedene
Spur, die zufällig auf irgendeine Stelle der Haut kommt, Temperaturen nach der Formel
anfangs zwar keinen Schmerz hervorruft, nach Verlauf
einiger Stunden aber eine Rötung derselben bewirkt und
bis zum folgenden Tage eine Brandblase hervorbringt, die
sehr lange eitert und außerordentlich schwer heilt, unter berechnen. (T = Temperatur in Grad Kelvin)
Hinterlassung starker Narben, eine Wirkung, welche die- Danach ergeben sich folgende Werte des Dampfdruckes
ser Körper auf gleiche Weise bei verschiedenen Individuen und der Sättigungskonzentration bei verschiedenen Tem-
hervorbrachte. Es ist deshalb auch beim Arbeiten mit peraturen :
demselben große Vorsicht erforderlich."*)
Auch von Guthrie, der sich um die gleiche Zeit mit dem Temperatur Dampfdruck Sättigungskonzentration
Dichlordiäthylsulfid beschäftigte wie Niemann, wurde 0 °C 0,035 mm Hg 0,28 mp/1
eine gute Charakteristik des Stoffes veröffentlicht: 10° 0,055 mm Hg 0,42 mp/1
.,Sie riecht stechend und nicht angenehm, dem Senföl 20° 0,12 mm Hg 0,65 mp/1
ähnlich; sie schmeckt zusammenziehend und ähnlich wie 30° 0,23 mm Hg 1,44 mp/1
Meerrettich. Die geringsten Mengen Dampf, welche sich 40° 0,45 mm Hg 3,66 mp/1
von ihr verbreiten, greifen die zarteren Teile der Haut,
zum Beispiel zwischen den Fingern und um die Augen, Bei technischem Yperit liegt die Sättigungskonzentration
an und zerstören die Epidermis. Läßt man sie im flüssigen bei etwa 0,57 mp/1 (20 °C).
Zustand auf der Haut verweilen, so bildet sich eine Technisches Yperit ist ein gelbes oder dunkelbraunes 01
Brandblase."**) mit einem senfähnlichen Geruch. Dieser Geruch stammt
Später hat sich Viktor Meyer sehr eingehend mit dem von verschiedenen Verunreinigungen, die bei der groß-
Dichlordiäthylsulfid beschäftigt und die Eigenschaften technischen Herstellung entstehen. Technisches Yperit
des Stoffes genau beschrieben. erstarrt bei Temperaturen von 5 bis 10 °C.
Yperit ist in Wasser schlecht löslich. Bei 20 °C löst sich in
7.1.1 Physikalische und chemische Eigenschaften 1 1 Wasser weniger als 1 p. Infolge dieser geringen
Yperit ist in reinem Zustand eine farblose, ölige Flüssig- Löslichkeit kann es mit wäßrigen Lösungen nur schwer
keit mit einem schwachen Geruch nach Rizinusöl. Der entgiftet werden. Gut löslich ist Yperit in Benzol,
Schmelzpunkt liegt bei 14 °C und der Siedepunkt unter Tetrachlorkohlenstoff, Dichloräthan, Trichloräthan,
Schwefelkohlenstoff, Äther und Eisessig. Mit diesen
*) Niemann, Liebigs Annalen der Chemie, 1860, Band 113, Seite 288.
**) Guthrie, Journal of the Chemical Society, 1870, Band 12, Seite 116. Lösungsmitteln kann der Kampfstoff von empfindlichen

122 123
Oberflächen, bei denen eine Entgiftung mit chemischen von der Temperatur und der Porosität des Stoffes, der
Entgiftungsmitteln nicht möglich ist, sowie von Glas- mit dem Yperit in Berührung kommt.
und Metalloberflächen abgelöst werden. Gewöhnliche Ziegel sind wenig durchlässig, glasierte
In Alkohol ist Yperit nur wenig löslich. In 92%igen Ziegel, Porzellan, Glas und Metall überhaupt nicht.
Äthylalkohol lösen sich bei Zimmertemperatur nur 30 p Unlackiertes Holz saugt Yperit leicht auf. Die Aufnahme
Yperit je Liter. Auch in Benzin, Erdöl und anderen Kohlen- geschieht am schnellsten in der Faserrichtung. Papier-,
wasserstoffen ist die Löslichkeit nur beschränkt. Lack- und Wachsschichten werden von Yperit schnell
Bei niedrigsiedenden flüssigen Kohlenwasserstoffen wie durchdrungen. Guten Widerstand gegen Yperit bieten
Leichtbenzin und Petroläther reicht bei Temperaturen verschiedene Kunststoffarten wie Oppanol, Butylkau-
von über 10 °C die Löslichkeit noch aus für physikalische tschuk oder Polyäthylen. Im allgemeinen haben hoch-
Entgiftungsmethoden. Im Winter löst sich Yperit in polymere Stoffe eine höhere Widerstandskraft als nieder -
diesen Lösungsmitteln aber so wenig, daß eine wirkungs- polymere. Diese Kunststoffe eignen sich als Oberschicht
volle Entfernung des Kampfstoffes oft nicht mög- für Stoffe, die für Schutzanzüge und Schutzmatten ver-
lich ist. wendet werden sollen. Gegen Ende des 2. Weltkrieges, als
Im faschistischen Deutschland wurden Bekleidungs- im faschistischen Deutschland eine allgemeine Material-
Entgiftungsverfahren erprobt, bei denen der Kampfstoff knappheit herrschte, wurden Polyamidschichten für
durch Warmextraktion mit Benzinen entfernt wurde. derartige Schutzstoffe verwendet. Die bei der faschisti-
Diese Verfahren für stationäre Anlagen sollen auch bei schen Wehrmacht gebräuchlichen Gasschutzplanen waren
klebrigen Yperit-Mischungen gute Ergebnisse gehabt mit einer Kaseinschicht versehen.
haben. Um die Klebkraft und Wirksamkeit des Yperits zu
Yperit kann selbst als Lösungsmittel für andere Kampf- erhöhen, wurden dem Yperit Zusätze beigegeben, die
stoffe dienen. So lösen sich beispielsweise Chlorpikrin, seine Zähigkeit und das Haftvermögen erhöhten. Die
Lewisit, Phosphorsäureester und Phenylarsindichlorid faschistische Wehrmacht hatte derartige taktische Mi-
sehr gut in Yperit. Mischungen von Yperit und Phenyl- schungen unter der Bezeichnung Zählost in ihrem Bestand.
arsindichlorid wurden von der faschistischen Wehrmacht Diese Mischungen haften gut an Geweben, der Haut und
für den Wintereinsatz bereitgehalten (sogenanntes Win- anderen Materialien. Die Entgiftung des Kampfstoffes
terlost). wird durch diese Zusätze erheblich erschwert; sie ver-
Yperit wird gut von Gummi, Holz, Leder und anderen längern auch die Wirkungsdauer im Gelände selbst bei
Materialien aufgesogen. Es durchdringt sehr schnell sommerlichen Temperaturen.
Textilien und Gewebe. Das hohe Durchdringungsvermö- Yperit ist im Verhältnis zu den anderen chemischen
gen bereitet bei der Entgiftung große Schwierigkeiten. Kampfstoffen sehr beständig. Beim Erhitzen bilden sich,
Es wurde beobachtet, daß von Holz aufgesogenes Yperit beginnend bei 150 °C, ein tränenreizendes Gas und Salz-
noch nach Wochen seine Wirksamkeit besaß. Das Durch - säure. Der Zerfall ist bei 500 °C vollständig.
dringungsvermögen von Yperit hängt ab vom Material, Bei der Einwirkung von Wasser tritt ein hydrolytischer

124 125
Zerfall des Yperits ein. Bei dieser Umsetzung bilden sich Mit Chloramin, zum Beispiel dem Monochloramin T,
Thiodiglykol und Salzsäure: bildet sich eine Additionsverbindung unter Abspaltung
von Natriumchlorid:

Die Geschwindigkeit dieser Umsetzung wird durch die


Temperatur, das Mengenverhältnis Yperit:Wasser, den
Säure- beziehungsweise Alkaligehalt des Wassers und den
Verteilungsgrad des Yperits im Wasser bestimmt. Bei
Zimmertemperatur dauert eine 50%ige Zersetzung des
Yperits etwa 1 h. Beim Kochen einer 1 %igen Lösung
des Yperits in Wasser ist die Hydrolyse nach etwa 15 min Diese Umsetzung ist besonders wirkungsvoll, wenn das
vollständig. Man kann deshalb schwach vergiftetes Trink- Monochloramin in einer wäßrig-alkoholischen Lösung
wasser oder Speisen durch Kochen entgiften. Durch angewendet wird.
Oxydationsmittel wird Yperit in das entsprechende Bei der Entgiftung von Yperit mit Chlorkalk oder hoch-
Sulfoxyd oder in das Sulfon übergeführt: aktiven Chloraminen können die Reaktionen so schnell
verlaufen, daß leichtentzündbare Stoffe wie Heu, Papier
und trockenes Holz entflammt werden. Man verwendet
deshalb meistens Chlorkalkbrei oder Chloraminlösungen.
Mit Alkalien treten je nach Stärke verschiedene Reak-
tionen ein. Starke alkoholische Alkalilaugen zersetzen
Yperit zu Divinylsulfid:

Durch starke Oxydationsmittel (rauchende Salpetersäure,


Chromschwefelsäure) wird Yperit vollständig zerstört.
Mit Chlorkalk bilden sich durch Oxydation und Chlorie-
rung verschiedene Endprodukte, darunter das dem Verdünnte Alkalilösungen bewirken die Bildung von
Yperit entsprechende Sulfoxyd: Thiodiglykol:

126 127
Diese Hydrolyse tritt ein, wenn Bekleidung oder Aus- Die Wirkung von Yperitdämpfen auf die Haut zeigt
rüstungsgegenstände durch Wasserdampf-Ammoniakver- folgende Tabelle:
fahren entgiftet werden. Einwirkungszeit
5 min 15 min 60 min
7.1.2 Physiologische Wirkungen
Hautrötung 0,03 mp/1 0,02 mp/1 0,006 mp/1
Yperit ist das typischste Zellgift der Gruppe der haut-
Blasenbildung... 2,0 mp/1 1,0 mp/1 0,7 mp/1
schädigenden Kampfstoffe. Es kann seine Wirkung als
Flüssigkeit, als Aerosol oder als Dampf entfalten. Besonders empfindlich gegen Yperitdämpfe sind die
Hauptangriffsorte bei der äußeren Einwirkung sind die Augen. Die Augenverletzungen entwickeln sich nach
Haut, die Schleimhäute, eventuelle Wunden, die Augen etwa 2 bis 4 h und machen sich durch starkes Brennen,
und der Nasen-Rachenraum. Lichtscheu, Tränenfluß und bei längerer Einwirkung von
Wird die intakte Haut durch flüssige Kampfstofftropfen Dämpfen oder Aerosolteilchen durch Rötung der Augen-
benetzt, so sind die ersten Vergiftungssymptome nach lider und starkes Anschwellen der Schleimhäute bemerk-
etwa 6 bis 8 h bemerkbar. Nach dieser Zeit wird dann bar. Kommen Flüssigkeitstropfen in die Augen, schwellen
eine Rötung der Haut beobachtet, die meistens von einem die Lider so stark an, daß sie sich nur schwer öffnen lassen.
leichten Juckreiz begleitet ist. Dann entstehen Blasen, Flüssigkeitstropfen, die in die Augen gelangt sind, können
die sich nach etwa 2 bis 3 Tagen öffnen und bei fehlender Hornhauttrübungen und dadurch zeitweise oder ständige
Behandlung erst nach Wochen oder Monaten heilen. Oft Blindheit verursachen. Bei leichten Augenverletzungen
bleiben bei Yperitverletzungen der Haut stark pigmen- dauert die Erkrankung oft einige Wochen.
tierte Stellen zurück. Besonders langwierig ist die Krank- Rötungen der Augenschleimhäute entstehen bei 0,01 mp/1
heit, wenn sich in geschädigten Hautstellen infolge Infek- bei einer Einwirkungszeit von etwa 15 min.
tion eitrige Herde bilden. Die Hautschädigungen durch flüs- Werden Yperitdämpfe oder -nebel eingeatmet, entstehen
siges Yperit können bei folgenden Giftstoffdosen entstehen: Schäden des Nasen-Rachenraumes und der Lunge. Die
ersten Anzeichen einer solchen Vergiftung zeigen sich
Hautrötung bei 0,01 mp/cm2 meist nach 4 bis 12 h und sind durch starke Husten-
kleine Blasen bei 0,1 mp/cm2 anfälle, Kratzen im Halse und — bei schweren Vergiftun-
große Blasen bei 0,5 mp/cm2 gen — durch blutigen Auswurf gekennzeichnet. Nach
Die tödliche Dosis für Menschen liegt bei etwa 40 bis einigen Stunden treten starke Kopfschmerzen und
50 mp/kp Körpergewicht. Sprechschwierigkeiten, mitunter sogar teilweiser Verlust
Ähnliche Vergiftungserscheinungen wie durch Flüssig- des Sprechvermögens auf. Oft werden Vergiftungen des
keitstropfen entstehen auch bei der Einwirkung von Nasen-Rachenraumes durch Infektionen kompliziert.
Kampfstoffdämpfen auf die Haut. Dabei sind besonders Besonders schnell entwickeln sich die Vergiftungssym-
die Augenschleimhäute und die empfindlichen und zarten ptome bei der Einwirkung von Yperit-Aerosolen. Hier kön-
Hautstellen oder Wunden gefährdet. nen die ersten Vergiftungssymptome bereits nach wenigen

128 9 Kampfstoffe 129


Minuten auftreten und schwerste, bei fehlender Behand- Die Wirkungsdauer ist aber nicht nur von der Tempe-
lung meist tödlich ausgehende Lungenschäden entstehen. ratur, sondern auch noch von der Windgeschwindigkeit
Gelangt Yperit mit Getränken und Speisen oder mit und der Bodenstruktur abhängig. Am längsten ist die
Wasser in den Magen-Darmkanal, so entstehen schwere Wirkung in Wäldern oder im Buschgelände, weil dort die
innere Vergiftungen. Die ersten Anzeichen einer Vergiftung Verdampfungsgeschwindigkeit infolge der relativ niedri-
machen sich bereits nach 30 bis 60 min durch starke gen Bodengeschwindigkeiten niedrig ist. Auf Beton- oder
Leibschmerzen, Magenkrämpfe und Erbrechen bemerkbar. Asphaltstraßen muß eine wesentlich geringere Wirkungs-
Nach einigen Stunden tritt blutiger Durchfall auf. Ver- dauer angenommen werden. Klebrige Mischungen des
giftungen durch Yperit, das mit Speisen und Getränken Yperits sind selbst bei hohen Temperaturen im Sommer
aufgenommen wurde, enden in der Mehrzahl tödlich. bis zu mehreren Tagen im Gelände wirksam. Im Sommer
Yperitvergiftungen sind von allgemeinen Vergiftungs- wird jedoch neben der hautschädigenden Wirkung durch
symptomen begleitet, die unabhängig vom Einwirkungs- Flüssigkeitstropfen besonders bei Windstille oder in
ort entstehen, da der Giftstoff durch das Blut oder die Stagnationsräumen eine starke Wirkung der Kampfstoff-
Lymphflüssigkeit im Körper verteilt wird und auf die dämpfe auf die Atmungsorgane und empfindliche Haut-
lebenswichtigen Organe wie Herz, Nieren und Leber sowie stellen zu erwarten sein. Beim Überfall des faschistischen
auf das zentrale Nervensystem einwirkt. Deshalb ist eine Italiens auf Abbessinien (1935) wurde Yperit auch bei
starke Yperitvergiftung von Temperaturerhöhungen, psy- relativ hohen Temperaturen von den italienischen Trup-
chischer Depression und heftiger Abmagerung begleitet. pen eingesetzt. Dabei wurden — besonders bei ungeschütz-
ten Menschen — Schäden im Nasen-Rachenraum und den
7.1.3 Anwendungsmöglichkeiten Augen festgestellt. Weil die mit Yperit vergifteten Ge-
Yperit ist der typischste aller seßhaften Kampfstoffe. Er ländeabschnitte leicht am starken Yperit-Geruch erkannt
kann zur langdauernden Vergiftung des Geländes ein- werden können, setzten die italienischen Truppen wieder-
gesetzt werden. Sein Einsatz ist in Granaten, Bomben holt sogenannte geruchlose Loste ein. Das Yperit wurde
sowie aus Vergiftungsfahrzeugen und Flugzeugen mit zu diesem Zweck sehr stark gereinigt, so daß es nur eine
Absprüheinrichtungen möglich. leichte gelbliche Färbung und nur noch einen schwachen
Entsprechend seinen physikalischen Eigenschaften ist Geruch besaß.
nach der Anwendung flüssigen Yperits eine Wirkungs- Für den Einsatz im Winter wurde von der faschistischen
dauer von mehreren Stunden oder Tagen zu erwarten. Wehrmacht eine Mischung von Yperit und Phenylarsin-
Nach einigen Veröffentlichungen soll die Wirkungsdauer dichlorid mit einem Zusatz Diphenylarsinchlorid gela-
im offenen Gelände bei geringer Bodenbewachsung wie gert. Diese taktische Mischung war bis zu — 35 °C flüssig
folgt sein: und sollte in der Sowjetunion zur Anwendung gelangen.
10 °C 12 bis 24 h In England wurden nach dem 2. Weltkrieg Versuche mit
20 °C 10 bis 16 h einer Mischung Diisopropylfluorphosphat und Yperit
30 °C 6 bis 12 h sowie Mischungen von Sarin und Yperit erprobt, die eben-

130 131
falls im Winter eingesetzt werden können und eine erheblich dung, das Methyldichlordiäthylamin, als Kampfstoff her-
höhere Toxität haben als das rein technische Yperit. gestellt. Methyldichlordiäthylamin hat die Formel:
In den Munitionslagern der faschistischen Wehrmacht
wurden nach dem 2. Weltkrieg Granaten mit Yperit-
Füllung aufgefunden, die einen Distanzzünder enthielten
und mittels einer starken Sprengladung ein feines, äußerst
gefährliches Yperit-Aerosol erzeugen konnten. Auch Nach dem 2. Weltkrieg sind die Stickstoff-Yperite als
chemische Splitterbomben mit einer erheblichen Aerosol- Mittel für Geschwulstbehandlung bekannt geworden.
wirkung wurden aufgefunden. Diese Granaten und
Bomben sollten gegen Menschen außerhalb von Deckun- 7.2.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
gen, gegen Kolonnen sowie gegen die Zivilbevölkerung Stickstoff-Yperit ist im reinen Zustand eine farb- und
eingesetzt werden. geruchlose Flüssigkeit mit einem Siedepunkt von 230 °C.
Es erstarrt bei — 4 °C zu kleinen Kristallen. Der Dampf-
druck des Stoffes bei 20 °C liegt unter 0,005 mm Hg-Säule
7.2 Stickstoff-Yperit (Trichlortriäthylamin)
und die Sättigungskonzentration bei 40 mp/m3. Das
spezifische Gewicht bei 20 °C beträgt 1,24.
Technisches Stickstoff-Yperit ist eine gelbbraune Flüssig-
keit ohne charakteristischen Geruch. In Wasser ist Stick-
stoff-Yperit wenig löslich. Bei 20 °C lösen sich nur 0,5 p/l
Stickstoff-Yperit ist ein Kampfstoff, der kurz vor dem
Wasser. Diese Menge reicht aber aus, um beim Genuß von
2. Weltkrieg bekannt wurde. Er ist ein Ergebnis der zahl-
vergiftetem Wasser schwere Vergiftungen mit meist töd-
losen Forschungen, die nach dem 1. Weltkrieg zur Weiter- lichem Ausgang hervorzurufen.
entwicklung der hautschädigenden Kampfstoffe durch-
geführt wurden. Aus dem Vergleich der chemischen In organischen Lösungsmitteln löst sich Stickstoff-Yperit
gut. Auch Mischungen mit anderen Kampfstoffen sind
Formeln des Yperits und des Stickstoff-Yperits läßt sich
möglich. Trichlortriäthylamin ist als organische Amin-
der ähnliche Aufbau des Stoffes leicht erkennen:
verbindung in der Lage, mit Säuren Salze zu bilden. Mit
Salzsäure bildet es ein kristallines, giftiges Salz, das bei
131 °C schmilzt.
Die Hydrolyse verläuft wesentlich langsamer als beim
Schwefel-Yperit Stickstoff-Yperit Yperit. Durch die vollständige Hydrolyse wird Tri-
äthanolamin gebildet:
Die chemische Bezeichnung für das Stickstoff-Yperit ist
Trichlortriäthylamin. Im faschistischen Deutschland
wurde außerdem noch eine ähnliche chemische Verbin-

132 133
Diese Entgiftungsreaktion verläuft sehr langsam und bei Nervensystem betroffen werden, allerdings schwächer als
Zimmertemperatur nur unvollständig, da die sich bilden- bei den typischen nervenschädigenden Kampfstoffen.
den Zwischenprodukte der Hydrolyse noch eine starke Trichlortriäthylaminvergiftungen zeichnen sich durch die
zellschädigende Wirkung haben. gleichen Besonderheiten wie Yperitvergiftungen, so durch
Durch starke Oxydationsmittel wird Trichlortriäthyl- Schmerzlosigkeit bei der Einatmung und eine versteckte
amin zu Trichlortriäthylaminoxyd oxydiert. Periode bei der Einwirkung auf den Organismus, aus.
Die Dosis, die bei der Einwirkung auf die Haut Haut-
rötungen und leichte Verletzungen hervorruft, liegt bei
0,001 mp/cm2. Technisches Stickstoff-Yperit ruft auf der
Haut sehr schwache Reizerscheinungen hervor. Die töd-
Das bei dieser Reaktion entstehende Oxyd ist noch liche Dosis von Stickstoff-Yperit beträgt 20 mp/kp bei
beträchtlich giftig, weshalb die üblichen Oxydations der Aufnahme durch die Haut. Bei der Einwirkung auf
mittel keine ausreichende Entgiftung gewährleisten. die Atmungsorgane wirken 1 bis 2 mp/1 bei einer Ein-
Durch chlorierend wirkende Stoffe ist Trichlortriäthyl- wirkungszeit von 5 mm tödlich.
amin nur schwer zu entgiften. Nur starkwirkende Chlo- Charakteristisch für die Verletzungen durch Stickstoff-
rierungs- oder Oxydationsmittel sind dazu geeignet. Man Yperit sind die kleinen Blasen, die nur selten zu größeren zu-
verwendet deshalb zur Entgiftung von Stickstoff-Yperit sammenfließen. Bei der Einwirkung auf die Augen treten
Hypochlorite (Chlorkalk DTS) oder hochaktive Chlor- die gleichen Erscheinungen auf wie bei Yperit; auch Ver-
aminlösungen. Aber auch bei diesen Entgiftungsmitteln letzungen der Verdauungsorgane verlaufen ähnlich wie dort.
verläuft die Reaktion nur unvollständig. Nach einer Ent-
giftung von Geräten ist deshalb anschließend das Gerät 7.2.3 Anwendungsmöglichkeiten
unter Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen sorgfältig
Stickstoff-Yperit ist ein seßhafter chemischer Kampfstoff.
mit Lösungsmitteln zu reinigen.
Im Kriege kann er ähnlich wie das Yperit zur Gelände-
Zur Entgiftung können auch alkoholische Lösungen von vergiftung und als Aerosol eingesetzt werden. Besonders
Natriumsulfid verwendet werden. Bei der Reaktion bildet wirkungsvoll sollen nach englischen Ansichten Mischun-
sich ein kompliziert aufgebauter Stoff: gen mit Phosphorsäureestern sein. Der Vorteil dieses
Kampfstoffes im Gefechtseinsatz soll gegenüber Yperit
in seiner Geruchlosigkeit und schweren Entgiftbarkeit
liegen. Tatsächlich läßt sich Stickstoff-Yperit, besonders
klebrige Mischungen, nur schwer entgiften. Es hat im
7.2.2 Physiologische Wirkungen Gelände eine ähnlich lange Wirkung wie das Yperit.
Trichlortriäthylamin wirkt ähnlich wie Yperit und andere In der faschistischen Wehrmacht waren Stickstoff-Yperit-
hautschädigende Kampfstoffe. Neben der hautschädigen- Vorräte unter anderem für Wasser- und Lebensmittel-
den Wirkung kann bei schweren Vergiftungen auch das vergiftungen bestimmt.

134 135
7.3 Lewisit C1CH = CH-AsCl2 löst sich Lewisit gut. Auch mit Kampfstoffen wie Yperit,
Diphosgen und Chlorpikrin ist Lewisit gut mischbar.
Lewisit wurde gegen Ende des 1. Weltkrieges von G. Lewis Bei der Einwirkung von Wasser hydrolysiert Lewisit
in den USA hergestellt. Dieser Kampfstoff kam im unter der Bildung giftiger Arsenverbindungen:
1. Weltkrieg nicht mehr zur Anwendung. C1CH=CH—AsCL2 + H 2 0 -> C1CH=CH—AsO
Man unterscheidet drei Lewisitarten: + 2 HC1
Lewisit A C1CH = CH-AsCl2 Wegen der giftigen Hydrolyseprodukte kann durch Lewi-
Lewisit B [C1CH = CH]2-AsCl sit vergiftetes Wasser auch nach dem Abkochen weder
Lewisit G [C1CH = CH]3As für Speisezwecke noch für andere Wirtschaftszwecke
verwendet werden.
Von diesen drei Lewisitarten ist das Lewisit A, chemisch Bei der Umsetzung mit Alkalien bilden sich ebenfalls
Chlorvinylarsindichlorid, das wirksamste und als Kampf- giftige Umsetzungsprodukte:
stoff brauchbar.
C1CH=CH—AsCl2 + 2 KOH -> C1CH=CH—AsO + 2 KC1
Lewisit wurde in übertriebenen amerikanischen Berichten
nach dem 1. Weltkrieg als Todestau bezeichnet. Man + H 2 0 Chlorvinylarsinoxyd
schrieb ihm eine ungeheure Wirksamkeit zu. Genauere Chlorvinylarsinoxyd ist ebenso wie das Lewisit selbst ein
Untersuchungen in den Nachkriegsjahren haben jedoch Giftstoff mit blut- und nervenschädigender Wirkung.
gezeigt, daß dieser Kampfstoff in seinen Eigenschaften Bei der Einwirkung starker Laugen (über 30 %) entstehen
und Wirkungen etwa dem Yperit gleichzusetzen ist. Azetylen und andere Produkte:
2 C1CH=CH—AsCl2 + 6 NaOH -> 2 CH=CH
7.3.1 Physikalische und chemische Eigenschaften + As2O3 + 6 NaCl + 3 H2O
Lewisit ist im reinen Zustand eine farblose Flüssigkeit, Das Arsentrioxyd (As2O3) ist ebenfalls giftig.
die bei 190 °C unter Zersetzungserscheinungen siedet. Bei der Einwirkung von Oxydationsmitteln entstellt aus
Der Schmelzpunkt liegt bei —18 °C. Das spezifische Lewisit Chlorvinylarsinsäure:
Gewicht bei 20 °C beträgt 1,9. Der Dampfdruck ent-
spricht bei 20 °C 0,4 mm Hg-Säule und die Sättigungs-
konzentration 2300 mp/m3.
Technisches Lewisit ist eine bräunliche Flüssigkeit mit
einem starken geranienähnlichen Geruch. Die technische Die Chlorvinylarsinsäure besitzt keine hautschädigende
Mischung enthält etwa 70% Chlorvinylarsindichlorid Wirkung. Auch die Chlorierung von Lewisit zerstört den
sowie Arsentrichlorid und andere Arsenverbindungen. Kampfstoff und vermindert die Giftwirkung.
In Wasser ist Lewisit schwer löslich, es wird aber schnell Lewisit dringt stärker als Yperit in Gummi, Kunststoffe
hydrolysiert. In Benzin, Tetrachlorkohlenstoff, Dichlor- und andere Materialien ein. Während eine 0,5 mm starke
äthan, Alkohol und anderen organischen Lösungsmitteln Weichgummischicht von Yperit in etwa 20 bis 30 min

136 137
durchdrungen wird, liegt die Durchschlagzeit für Lewisit 7.3.3 Anwendungsmöglichkeiten
bei etwa 10 bis 15 min. Deshalb ist auch die Entgif- Lewisit kann ähnlich wie Yperit als seßhafter chemischer
tung von Gummibekleidung, die mit Lewisit durchsetzt Kampfstoff zur Geländevergiftung eingesetzt werden.
ist, nur schwer möglich. Die Anwendungsmethoden sind ähnlich wie bei Yperit.
Nach einigen westlichen Veröffentlichungen sollen sich
7.3.2 Physiologische Wirkungen Yperit-Lewisit-Mischungen infolge ihres niedrigen Er-
Lewisit ist ein starkes Hautgift. Seine allgemeingiftige starrungspunktes für den Einsatz im Winter eignen. Bei
Wirkung ist stärker als die von Yperit. Gelangt Lewisit feuchtem Wetter ist jedoch eine ausreichende Gefechts-
auf die Haut, sind die Verletzungen weniger tiefgreifend wirksamkeit nicht zu erwarten, da dieser Kampfstoff zu
als bei Yperit; sie heilen auch schneller. Blasen bilden schnell vom Wasser hydrolysiert wird.
sich auf der Haut bei der Einwirkung von 0,2 mp/cm2.
Im Gegensatz zum Yperit stellt sich sofort nach der Ein-
7.4 Phosgenoxim C12CNOH
wirkung Hautbrennen ein. Die Hautverletzungen (Rö-
tungen, später Blasenbildung) werden bereits nach etwa Phosgenoxim galt während des 2. Weltkrieges im fa-
15 bis 20 min spürbar. Die sich bei einer Lewisitvergiftung schistischen Deutschland als chemischer Kampfstoff. Der
bildenden Blasen sind mit einer durch Blut gefärbten Vorteil dieses Kampfstoffes sollte in seiner stark haut-
Flüssigkeit gefüllt. Dieses Blut gelangt durch Poren- reizenden Wirkung (Nesselwirkung) liegen. Die für den
blutergüsse in die Blasenflüssigkeit. Die Lewisitvergif- militärischen Einsatz nachteilige Latenzzeit der anderen
tungen sind, sofern keine tödlichen Mengen aufgenommen hautschädigenden Kampfstoffe sollte damit wegfallen.
wurden, nicht so langwierig wie Yperitvergiftungen. Beim Die chemische Instabilität dieses Stoffes und seine geringe
Einatmen führen Konzentrationen von 0,05 mp/1 bei einer Toxizität lassen die militärische Bedeutung dieses Stoffes
Einwirkungszeit von etwa 1 h zu schweren Vergiftungen. jedoch zweifelhaft erscheinen.
Tödlich wirken Konzentrationen von 0,5 mp/1 bei einer Phosgenoxim und ähnliche chemische Verbindungen
Einwirkungszeit von 5 min. Die Dämpfe können bei einer wurden in der faschistischen Wehrmacht als Rotkreuz-
Einwirkungszeit von etwa 1 h und bei einer Konzentra- Kampfstoffe — entsprechend der vorgesehenen Munitions-
tion von 3 mp/1 Blasenbildung auf der Haut, besonders kennzeichnung — bezeichnet.
auf weichen Hautstellen, hervorrufen. Wirken Lewisit-
dämpfe auf die Augen, schwellen die Augenlider an, die 7.4.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
Hornhaut rötet sich und, starkes Augenbrennen tritt ein. Phosgenoxim ist ein farbloser, kristalliner Stoff mit einem
Die Augenverletzungen durch Lewisitdämpfe heilen Siedepunkt von 129 °C und einem Schmelzpunkt von
schneller als bei Yperit. 43 °C. Es besitzt einen eigenartigen penetranten Geruch.
Kommt Lewisit in den Magen-Darmkanal, so treten sofort Technisches Phosgenoxim ist eine gelbbraune Flüssigkeit
, heftige Leibschmerzen und später Krämpfe auf. Tödlich mit einem hohen Dampfdruck.
wirken Mengen von 20 mp/kp Körpergewicht. Phosgenoxim ist ohne Zusatz von Stabilisatoren nur

138 139
kurze Zeit lagerfähig. Es ist in Alkohol, Wasser, Tetra- schutzanzüge können zum Behelf angewendet werden.
chlorkohlenstoff und anderen organischen Flüssigkeiten Besonders wichtig ist der Schutz der Augen, der Atmungs-
gut löslich. organe und der Hände. Die Schutzmasken und die
Schutzbekleidung gewähren ausreichenden Schutz vor
Durch Wasser wird Phosgenoxim schnell hydrolysiert: den Wirkungen dieser Kampfstoffe.
C12CNOH + 2H 2 O-> CO2 + HC1 + NH2OH • HC1 Besonderer Wert ist auf den Schutz von Nahrungsmitteln,
Die Hydrolyse kann durch Alkalien oder Säuren beschleu- Trinkwasser und Bekleidung zu legen. In diesem Zusam-
nigt werden. menhang muß darauf hingewiesen werden, daß es un-
umgänglich ist, bei einer möglichen Kampfstoff-Vergif-
7.4.2 Physiologische Wirkungen tung ständig alle Lebensmittel und Futtermittel sowie das
Wasser zu untersuchen. Aus diesem Grunde sind an mög-
Phosgenoxim hat neben seiner Reizwirkung noch eine
lichst vielen Stellen chemische Untersuchungsplätze einzu-
starke hautschädigende Wirkung. In geringen Konzen-
richten und mit dem notwendigen Gerät auszustatten.
trationen reizt der Stoff die Schleimhäute der Augen und
des Nasen-Rachenraumes. Werden seine Dämpfe ein-
geatmet, treten sofort starke Hustenanfälle und Schmer-
zen im Kehlkopf auf. Gelangen die Dämpfe in die Lunge, 7.6 Erste Hilfe bei Vergiftungen durch hautschädigende
so entwickeln sich örtliche Geschwülste. Bei schweren Kampfstoffe
Verletzungen kommen zur Wirkung auf das Zentral-
nervensystem noch Störungen des Herzgefäßsystems. Sind Spritzer von hautschädigenden Kampfstoffen auf
Kommen Tropfen des Kampfstoffes mit der Haut in Be- die Haut gekommen, so müssen sie mit Wattebauschen
rührung, verspürt der Betroffene sofort einen schneiden- oder speziellen Tupfern entfernt werden. Keinesfalls darf
den Schmerz. Danach entwickeln sich Blasen, die jedoch dabei gerieben werden, weil das die Einwirkungsfläche
im Vergleich zu anderen hautschädigenden Kampfstoffen des Kampfstoffes vergrößert und die Vergiftung ver-
schneller heilen, ohne große Nachwirkungen zu hinter- schlimmert. Der Kampfstoff muß auch dann noch von
lassen. Die LD50 des Stoffes liegt bei 25 mp/kp Körper- der Haut getupft werden, wenn der Stoff bereits eine
gewicht. längere Zeit mit der Haut in Kontakt gewesen ist. Da-
durch wird eine weitere Einwirkung verhindert und die
Hautschädigung wesentlich eingeschränkt.
7.5 Schutzmaßnahmen gegen hautschädigende Die Haut kann durch Hautentgiftungssalben, die Chlor-
Kampfstoffe amin oder ähnlich wirkende Mittel enthalten, entgiftet
werden. Außer Salben gibt es auch noch extra für die
Die wichtigsten Schutzmittel gegen diese Kampfstoffe Hautentgiftung hergestellte Kalziumhypochloritprodukte,
sind die Schutzmaske und die Schutzbekleidung. Regen- die als Tabletten in den Handel kommen. Derartige
mäntel, Gummihandschuhe, Gummistiefel und Wetter- Hautentgiftungsprodukte müssen mit Wasser angefeuch-

140 141
tet und als Brei auf die kampfstoffverletzten Hautstellen Sodalösung. Bei Augenverletzungen können auch spezielle
aufgetragen werden. In jedem Falle sollten Flüssigkeits- Salben, die BAL (Dithioglyzerin) enthalten, verwendet
tropfen vorher abgetupft werden. Nach einigen Minuten werden (besonders bei Lewisitvergiftungen).
wird der Entgiftungsbrei oder die aufgetragene Salben- Bei Vergiftungen der Atmungsorgane und der Augen muß
schicht entfernt und die entgiftete Hautstelle mit Wasser ärztliche Hilfe geleistet werden.
oder Seifenlösung abgewaschen. Je schneller nach der
Einwirkung des Kampfstoffes die Entgiftung erfolgt, um
so weniger bildet sich die Hautvergiftung aus. Wird der
Entgiftungsstoff bereits 1 bis 2 min nach der Kampf-
stoffeinwirkung aufgetragen, so ist nur in den seltensten
Fällen mit einer vollständigen Ausbildung der Hautver-
giftung zu rechnen. Bei Tierversuchen wurde beobachtet,
daß sich dann nur leichte Hautrötungen zeigten, die nach
einigen Stunden wieder verschwanden.
Fehlen Hautentgiftungsmittel, kann notfalls auch mit
Permanganatlösung oder schwacher Wasserstoffsuper-
oxydlösung entgiftet werden.
Sind die Bekleidungsstücke vergiftet, so müssen diese
schnellstens gewechselt werden, um die Einwirkung der
Kampfstoffdämpfe auf die Haut zu verhindern. Kann die
Bekleidung nicht gewechselt werden, so müssen Entgif-
tungsmittel angewendet werden. Nach jeder Entgiftung,
gleich, ob von Hautstellen oder von Bekleidungsstücken,
sollten die Hände entgiftet oder zumindest gründlich
gewaschen werden. Dabei spielt keine Rolle, ob die
Hände tatsächlich mit Kampfstoff in Berührung gekom-
men sind oder nicht.
Sind die Atemwege durch hautschädigende Kampfstoffe
verletzt worden, so hilft oft schon eine Wasserdampf-
inhalation oder Gurgeln mit schwachen alkalischen
Lösungen. Auch Kaliumpermanganatlösungen können
verwendet werden.
Ist Kampfstoff in die Augen gekommen, empfiehlt sich
eine Spülung der Augen mit Borwasser oder schwacher

142
8. Nervenschädigende Kampfstoffe logischen Mechanismen in den Zellen gehemmt werden.
Durch viele Untersuchungen ist bekannt geworden, daß
Die nervenschädigenden Kampfstoffe sind die wirksam- die Wirkung der Blausäure auf das Atmungsferment im
sten und gefährlichsten chemischen Kampfstoffe, die wesentlichen durch eine Komplexbindung des im Ferment
bisher bekannt geworden sind. Zu dieser Gruppe gehören vorhandenen Eisens erklärt werden kann. Diese Erklä-
Blausäure, Chlorzyan, Bromzyan, DFP, Tabun, Sarin rung wird noch dadurch erhärtet, daß die Blausäure mit
und Soman. Eisen und anderen Schwermetallionen sehr stabile Kom-
Die Bezeichnung nervenschädigende Kampfstoffe ist plexverbindungen bildet. Durch diese Wirkung der Blau-
nicht exakt, deshalb findet man in vielen Veröffent- säure wird folglich nicht die Aufnahme des Sauerstoffs
lichungen die Bezeichnungen allgemeingiftige oder auch durch das Blut verhindert, sondern seine Übertragung
blut- und nervenschädigende Kampfstoffe. auf die verschiedensten Zellen im Organismus. Daraus
Hier soll diese Gruppe unter der Bezeichnung nerven- entstehen die vielfältigsten Vergiftungssymptome, die
schädigende Kampfstoffe zusammengefaßt werden, da bei einer Blausäurevergiftung beobachtet werden können.
sich die Hauptwirkung dieser Stoffe durch Nerven- Hauptsächlich machen sich diese Wirkungen durch
schädigungen am einfachsten erklären läßt. Schwindelanfälle, Schwäche und Atembeschwerden be-
Die oben angeführten Kampfstoffe lassen sich in zwei merkbar. Durch Rückwirkungen auf das Atmungs-
Untergruppen einteilen. zentrum kommt es bei Einatmung tödlich wirkender
Zur ersten Untergruppe gehören die Kampfstoffe vom Typ Giftstoffmengen zu einer Verflachung der Atmung und
der Blausäure. Diese Kampfstoffe wirken hauptsächlich Verkürzung der Einatmungszeiten. Nach einer gewissen
lähmend auf das Atemzentrum.] Die Wirkung läßt sich Zeit, die von der Menge des eingeatmeten Giftstoffes und
vereinfacht durch die Unterbindung der Sauerstoffüber- von der Einwirkungszeit abhängig ist, kommt es zum
gabe in den Zellen des Organismus erklären. Gelangen Atemstillstand. Die Herztätigkeit dauert danach noch
Blausäure oder ähnlich wirkende Kampfstoffe wie Chlor- so lange an, bis durch Sauerstoffmangel in den Herz-
zyan und Bromzyan mit der Atemluft in die Atmungs- muskeln und zentral bedingte Störungen auch die Organ-
organe, so werden diese Stoffe durch das Blut in den tätigkeit aufhört. Infolge dieses Wirkungsmechanismus
Organismus gebracht. Der gleichfalls durch das Blut der Blausäure und die dadurch bedingten Organstörungen
transportierte Sauerstoff, mit dem sich das Blut beim gehört die Blausäure zu den am schnellsten wirkenden
Durchfließen der Lunge beladen hat, wird normalerweise Giftstoffen. Chlorzyan und Bromzyan wirken ähnlich wie
durch die Wirkung der Atmungsfermente in den Zellen die Blausäure, jedoch sind bei diesen Kampfstoffen noch
abgegeben. Die Blausäure hemmt jedoch im Organismus andere physiologische Wirkungen, zum Beispiel erhöhte
die Tätigkeit der Atmungsfermente und verhindert Reizeffekte bei der Einwirkung, zu beobachten.
dadurch die Übergabe des Sauerstoffs in den Zellen. Die zweite Untergruppe der nervenschädigenden Kampfstoffe
Dadurch wird ein akuter interzellularer Sauerstoffmangel sind die Kampfstoffe vom Typ des Sarins. Um die Wirkung
hervorgerufen, durch den die verschiedensten physio- dieser Kampfstoffe zu erklären, ist es notwendig, kurz die

144 145
Fortleitung der Nervenreize in den Nervenbahnen zu
erklären. Die Nervenbahnen haben die Aufgabe, Nerven- für den nächsten Impuls wieder in den ursprünglichen
impulse, die zur Auslösung bestimmter Effekte, beispiels- Zustand zu versetzen, muß das gebildete Azetylcholin
weise der Drüsen- und Muskeltätigkeit, vom Zentral- möglichst schnell wieder zersetzt werden. Diese schnelle
nervensystem ausgelöst werden, an die entsprechenden Zersetzung des Azetylcholins wird durch ein Enzym
Organe fortzuleiten. Umgekehrt werden durch die Nerven- bewirkt, das im gesamten Organismus und besonders an
bahnen bestimmte Reizeffekte, die durch äußere Ein- den Enden der Nervenzellen vorhanden ist. Dieses als
wirkung auf die Sinnesorgane entstehen, zum zentralen Azetylcholinesterase bezeichnete Enzym ist in der Lage,
Nervensystem geleitet, um dort entsprechende Gegen- die Hydrolysegeschwindigkeit des Azetylcholins enorm
reaktionen auszulösen. Die Nervenbahnen bestehen aus zu beschleunigen. Durch diese Enzymwirkung wird der
vielen aneinandergereihten Nervenzellen. Die Reiz- Überträgerstoff praktisch sofort nach seiner Freisetzung
übertragung, die mit der Fortleitung elektrischer Energie an den Nervenenden und der erfolgten Reizübertragung
in Leitungen vergleichbar ist, erfolgt an den Nervenenden zersetzt und die Übertragungswirkung hält nur weniger
durch die Wirkung von Überträgerstoffen, den sogenann- als eine tausendstel Sekunde an. Natürlich sind die Vor-
ten transmitters. In den letzten Jahren sind die Wirkungen gänge wesentlich komplizierter, als es in dieser kurzen
vieler derartiger Überträgerstoffe erforscht worden. Im Erklärung dargelegt werden konnte.
Zusammenhang mit den Kampfstoffen vom Sarin-Typ Die Wirkung der nervenschädigenden Kampfstoffe beruht,
interessieren hauptsächlich Nervenbahnen, in denen die nachdem sie in den Organismus eingedrungen sind, auf
Reizübertragung durch das Azetylcholin erfolgt. Diese einer Hemmung des für die Nervenreizleitung lebens-
Nervensysteme werden auch als cholinergische Systeme notwendigen Enzyms Azetylcholinesterase. Deshalb wer-
bezeichnet. den diese Stoffe auch oft als Cholinesteraseblocker bezeich-
net. Gelangen geringste Mengen dieser Kampfstoffe an
Die Reizübertragung in der Nervenbahn erfolgt durch die Nervenzellen, so wird das entstehende Azetylcholin
kurze Reizimpulse, die mit einer Frequenz von etwa 50 nicht oder nur unvollständig zersetzt, und eine unnatür-
bis 60 Impulsen pro Minute übertragen werden. Bei jedem liche Anhäufung dieses Stoffes an den Nervenenden ist
Impuls wird an den Nervenenden eine geringe Menge die Folge. Die dadurch hervorgerufenen Veränderungen
Azetylcholin freigesetzt, das durch entsprechende Reizung führen zu schwersten Störungen im gesamten Organismus.
der benachbarten Nervenzelle den Reizimpuls überträgt. Die Reizeffekte in den Nervenbahnen werden anhaltender
Untersuchungen haben ergeben, daß von diesem Stoff und stärker, und die normale Organtätigkeit wird gestört.
bereits die unvorstellbar geringe Menge von einigen So kommt es zu erhöhter Drüsentätigkeit und zu krampf-
millionstel Pond wirksam ist. Die Reizerregung auf die artigen Zuständen der Muskeln. Durch die Lähmung der
benachbarte Nervenzelle hält so lange an, wie in den Muskulatur des Brustkorbes wird die Atmung erschwert
Unterbrechungsstellen zwischen den Nervenzellen Azetyl- oder völlig zum Stillstand gebracht. Ähnlich sind die
cholin wirksam ist. Um die schnelle Reizfolge zu ermög- Wirkungen auf die Muskulatur des Magen-Darmkanals
lichen und nach jedem Reizeffekt die Übertragungsstelle und anderer Organe. Wenn man sich die durch geringste

146
10* 147
Mengen des Azetylcholins ausgelösten Wirkungen vor- krieg wurden in den kapitalistischen Ländern Methoden
stellt, so ist es verständlich, daß selbst geringste Mengen gefunden, die einen wirkungsvollen Einsatz dieses Kampf-
dieser Kampfstoffe zu schweren Vergiftungen führen, stoffes ermöglichen.
wenn sie an die entsprechenden Stellen im Organismus In der Industrie fällt die Blausäure mit ihren Salzen in
gelangen. Diese Kampfstoffe sind daher auch die giftigsten großen Mengen als Zwischenprodukt bei der Herstellung
und gefährlichsten, die bisher bekannt geworden sind. von Düngemitteln und anderen chemischen Produkten,
Bereits Bruchteile von Pond reichen aus, um tödliche beispielsweise bestimmten Kunststoffen, an. Im faschisti-
Vergiftungen bei Menschen hervorzurufen. Als Beispiel schen Deutschland diente die Blausäure den nazistischen
mag genügen, daß bereits weniger als ein halbes Pond Verbrechern in den Konzentrationslagern zur Vernich-
Soman in der Lage ist, einem Hund Vergiftungen zuzu- tung von Millionen Menschen. Die Direktoren und viele
fügen, die bereits nach wenigen Minuten den Tod zur Chemiker des IG-Farben-Konzerns scheuten sich nicht,
Folge haben. den Faschisten diesen Giftstoff tonnenweise zu liefern,
In der ausländischen, besonders der skandinavischen um damit ihre Profite zu steigern und die menschheits-
Literatur, werden die Kampfstoffe vom Typ des Sarins feindlichen Handlungen der Faschisten zu unterstützen.
entsprechend ihrer Wirkung als Krampfgifte bezeichnet. Nicht zuletzt deshalb wurden viele der IG-Direktoren
In der amerikanischen Literatur nennt man sie gewöhn- nach dem 2. Weltkrieg verurteilt. Wenn heute viele ehe-
malige Direktoren des IG-Farben-Konzerns im Bonner
lich Nervengase.
Staatsapparat und in der westdeutschen Wirtschaft wie-
der einflußreiche Funktionen besitzen, so wird auch damit
vor aller Welt dokumentiert, wessen Geist in diesem Staate
8.1 Blausäure HCN
herrscht. Die Arbeiter der Deutschen Demokratischen
Republik haben die ehemaligen Konzernbetriebe der
Blausäure wurde im Jahre 1782 erstmalig von dem
IG-Farben in ihre eigenen Hände genommen und damit ein
bekannten Chemiker Scheele aus Berliner Blau, einem
für allemal verhindert, daß in diesen Betrieben Giftstoffe
damals vielverwendeten Farbstoff, hergestellt. Nach
für menschheitsfeindliche Aktionen hergestellt werden.
dieser Darstellungsmethode erhielt diese Säure ihren
Um in der Industrie die Gefahr von Blausäurevergif-
Namen. Seit dieser Zeit sind ihre enorme Giftwirkung
tungen zu vermeiden, werden meistens Verfahren an-
und ihre Eigenschaften bekannt. Im 1. Weltkrieg wurde
gewendet, bei denen die Blausäure nur kurze Zeit im
von der französischen Armee versucht, die Blausäure als
gasförmigen oder flüssigen Zustand auftritt. Wo es mög-
chemischen Kampfstoff zu verwenden. Es war jedoch mit
lich ist, werden die Salze dieser Säure verwendet.
den damaligen Mitteln nicht möglich, wirksame Gefechts-
konzentrationen zu erzielen; man kam deshalb zu der
Schlußfolgerung, daß die Blausäure keine Bedeutung als 8.1.1 Physikalische und chemische Eigenschatten
chemischer Kampfstoff besitzt. Erst durch Unter- Reine Blausäure ist eine sehr flüchtige Flüssigkeit mit
suchungen und Anwendungsversuche nach dem 1. Welt- einem Geruch nach bitteren Mandeln. Der Siedepunkt

148 149
der reinen Blausäure liegt bei 25,6 °C und der Erstarrungs- aufnehmen. Durch bloßes Lüften lassen sich daraus nur
punkt bei —15 °C. Das spezifische Gewicht bei 15 °C etwa 75% entfernen. Besonders gut wird Blausäure von
beträgt 0,69 und der Dampfdruck bei 20 °C 0,82 at. Die Wollstoffen adsorbiert; es kann von diesen nur durch
Sättigungskonzentration bei 20 °C liegt sehr hoch Umsetzung mit Alkalien, zum Beispiel schwache Natron-
(1100 p/m3). lauge, oder durch Heißluftbehandlung entfernt werden.
Wasserfreie Blausäure ist nicht besonders lange lager- Blausäure verbrennt an der Luft mit einer bläulichen
fähig. Sie kann sich, wenn sie Verunreinigungen enthält Flamme. Luft-Blausäure-Gemische brennen, wenn sie 5
oder dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt ist, spontan bis 12% Blausäure enthalten.
umwandeln. Braunwerden der Flüssigkeit ist ein Hinweis Chemisch ist die Blausäure ein sehr reaktionsfähiger Stoff.
auf den Beginn der Umwandlung, der sich zur explosions- Als Säure ist sie äußerst schwach. Selbst von Kohlensäure
artigen Reaktion steigern kann. wird sie aus ihren chemischen Verbindungen verdrängt.
Die Lagerfähigkeit wird durch Alkali-Spuren stark ver- Wäßrige Lösungen von Blausäure werden langsam hydro-
mindert und durch saure Stabilisatoren erhöht. lysiert. Dabei entstehen Ammoniumformiat (ameisen-
Die von französischer Seite im 1. Weltkrieg angewen- saures Ammonium) und andere Stoffe (Polymerisations-
deten Blausäuremischungen hatten folgende Zusammen- produkte):
setzung :
H—CN + 2 H2O -> HCOONH4
50% Blausäure Ammoniumformiat
30% Arsentrichlorid Durch Umsetzung von Blausäure mit alkalischen Hy-
15% Zinntetrachlorid droxyden werden ihre Salze (Zyanide) gebildet:
5% Chloroform
H—CN + NaOH -> NaCN + H2O
Diese taktische Mischung wurde als Vincennite bezeich- 2 H—CN + Ca(OH)2 -> Ca(CN)2 + 2 H2O
net. Blausäure mischt sich in jedem Verhältnis mit
Diese Reaktionen können zur Entgiftung der Blausäure
Alkohol, Äther, Benzin, Chloroform und anderen organi-
ausgenützt werden. Allerdings entstehen dabei stark
schen Lösungsmitteln. In Wasser gelöste Blausäure
giftige Salze, die zwar keinen Kampfstoffcharakter mehr
bewirkt eine saure Reaktion und ist nicht lange beständig.
besitzen, jedoch Vergiftungen verursachen können!
Auch mit Kampfstoffen, wie Yperit und Phosgen, ist
Zur Entgiftung der Blausäure ist die Umsetzung mit
Blausäure mischbar.
Ammoniak nicht geeignet, da das sich bei dieser Um-
Blausäuredämpfe werden durch verschiedene Stoffe stark setzung bildende Ammoniumzyanid leicht in Blausäure
adsorbiert. Besonders gut nehmen Tuche, Stroh, Heu, und Ammoniak zerfällt:
Leder und Holz die Blausäuredämpfe auf. Aus diesen
Stoffen ist die Blausäure durch bloßes Lüften nur schwer H—CN + NH3<-> NH4CN
zu entfernen, dazu ist erst eine Heißluftbehandlung not- Reine Blausäure kann, wie gesagt, unter Umständen
wendig. 100 p Stroh können bis zu 100 mp Blausäure explodieren. Es wurde beobachtet, daß Blausäure, die

150 151
sich in Metallgefäßen befand, nach einer gewissen Zeit 30minutiger Einwirkung zu tödlich verlaufenden Ver-
explodierte. Man nimmt an, daß die Ursachen für die giftungen.
Explosion in der beginnenden Polymerisation zu suchen Konzentrationen von etwa 200 mp/m 3 und eine Ein-
sind, die durch die katalytische Einwirkung der Metalle wirkungszeit von wenigen Minuten führen zur augenblick-
verursacht wird. lichen Lähmung des Atemzentrums. Bei höheren Kon-
zentrationen tritt bereits nach wenigen Minuten der Tod
8.1.2 Physiologische Wirkungen ein. Nach den Vergiftungsbeschreibungen bricht der Ver-
Die Blausäure ist ein starkes Gift, das sowohl bei der Ein- giftete mit einem Aufschrei zusammen, und unter starken
atmung der Dämpfe als auch bei der Aufnahme durch Krämpfen tritt die Lähmung des Atemzentrums und
die Haut Vergiftungserscheinungen hervorrufen kann. Herzstillstand ein. Die 50%ig tödliche Konzentration
Die Wirkung der Blausäure wird durch folgende Zahlen liegt bei etwa 800 mp/m3 bei einer Einwirkungszeit von
charakterisiert: 1 min. Bei Konzentrationen von über 500 mp/m3 kann
Bei Konzentrationen unter 10 mp/m8 wird meist ein die Blausäure auch durch die Haut in den Organismus
bittermandelähnlicher Geruch wahrgenommen. Erst bei treten und Vergiftungen hervorrufen. Besonders gefähr-
längeren Einwirkungszeiten machen sich bei diesen Kon- lich wirken sich Flüssigkeitstropfen auf der Hautober-
zentrationen leichte Vergiftungserscheinungen bemerk- fläche aus, da hierbei erhebliche Mengen des Giftes in den
bar. Dabei ist zu beachten, daß der menschliche Organis- Körper gelangen können. Auch durch die Aufnahme
mus geringe Mengen von Blausäure selbst entgiften kann. blausäurehaltiger Getränke und Speisen sind gefährliche
Diese Entgiftung ist lebensnotwendig, weil mit der Nah- Vergiftungen möglich.
rung, zum Beispiel durch Obstkerne, ständig Blausäure
in den Körper gelangt. 8.1.3 Anwendungsmöglichkeiten
Bei Konzentrationen von etwa 20 bis 40 mp/m3 wird bei Entsprechend den physikalischen Eigenschaften der
der Einatmung ein leichtes Kratzen im Halse und ein Blausäure ist für wirksame Gefechtskonzentrationen eine
eigenartiger Geschmack im Munde verspürt. Auch diese Menge von mindestens mehreren Pond Kampfstoff pro
Konzentrationen können von den meisten Menschen bei Kubikmeter Luft notwendig. Derartig hohe Konzen-
einigen Stunden Einwirkungszeit ohne schwere Vergif- trationen können aber wahrscheinlich nur mit großen
tungen ertragen werden. Bomben oder durch massierte Artillerieüberfälle geschaffen
Höhere Konzentrationen, etwa 40 bis 80 mp/m3, ver- werden. Infolge des hohen Dampfdruckes und der etwa
ursachen nach einigen Minuten Einwirkungszeit heftige der Luft entsprechenden Dampfdichte kann die Konzen-
Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und Erbrechen. Im tration selbst in Stagnationsräumen nur kurze Zeit auf-
allgemeinen treten bei diesen Konzentrationen bereits rechterhalten werden. Trotzdem kann man annehmen,
Atemnot und ein beklemmendes Gefühl in der Brust daß im Sommer, besonders in Städten und Wäldern,
sowie starkes Herzklopfen auf. einige Minuten lang gefährliche Konzentrationen ge-
Konzentrationen von etwa 100 mp/m3 führen bei etwa schaffen werden können. Im Winter dürfte die Seßhaftig-

152 153
keit der Blausäure nur einige Stunden betragen. Außer Bei der Einwirkung von Alkalien entstehen die ent-
den hier genannten Anwendungsmöglichkeiten ist es sprechenden Salze der Salzsäure und der Zyansäure:
nicht ausgeschlossen, daß Blausäure auch als Sabotage- Cl—CN + 2 NaOH -> NaCl + NaOCN + H2O
gift eine Rolle spielen kann. Für derartige Zwecke können
auch Natrium- oder Kaliumzyanid eingesetzt werden. Durch die Einwirkung von Ammoniak entstehen aus
Chlorzyan Ammoniumchlorid und Zyanamid:
Cl—CN + 2 NH3 -> NH4C1 + NH2CN
8.2 Chlorzyan C1CN
Diese Reaktionen können für Entgiftungszwecke aus-
Chlorzyan wurde im 1. Weltkrieg von der französischen genützt werden. Bei längerer Lagerung entsteht aus Chlor-
Armee im Gemisch mit Arsentrichlorid unter dem Deck- zyan infolge Polymerisation Zyanurchlorid:
namen Vitrite eingesetzt. Der Einsatz blieb jedoch infolge 3 Cl—CN -> C13C3N3
der niedrigen Gefechtskonzentration, die sich mit den
damaligen Mitteln erreichen ließ, ohne Erfolg. 8.2.2 Physiologische Wirkungen
Chlorzyan wurde von Wurtz entdeckt und erstmalig von Die Giftwirkung des Chlorzyans ähnelt der von Blau-
Bertholet 1802 dargestellt. säure. Eine Besonderheit ist jedoch die starke Reiz-
In der Industrie dient Chlorzyan in Mischungen mit wirkung. Die Reizschwelle des Chlorzyans liegt bei
Blausäure für Schädlingsbekämpfungszwecke als Warn- 1 mp/m3. Bei Konzentrationen von 60 mp/m3 liegt die
substanz. In diesen Mischungen verzögert das zugesetzte Erträglichkeitsgrenze.
Chlorzyan gleichzeitig die Polymerisationserscheinungen Wirkt Chlorzyan auf die Atmungsorgane, entstehen
und wirkt deshalb als Stabilisator. Kopfschmerzen, Übelkeit, Tränenfluß und starke Atem-
beschwerden. Konzentrationen von 300 mp/m3 ver-
8.2.1 Physikalische und chemische Eigenschaften ursachen nach einer Einwirkungszeit von etwa 15 min
Chlorzyan ist bei Zimmertemperatur ein Gas mit einem tödlich verlaufende Vergiftungen. Hohe Chlorzyan-
Siedepunkt von 13 °C. Flüssiges Chlorzyan besitzt einen konzentrationen wirken schnell tödlich.
eigenartigen Geruch und hat starke reizerregende Eigen-
schaften. Der Schmelzpunkt liegt bei - 6,5 °C. Bei 0 °C 8.2.3 Anwendungsmöglichkeiten
entspricht der Dampfdruck 444 mm Hg-Säule. Chlorzyan kann als blausäureähnlicher Kampfstoff durch
In Alkohol, Äther, Azeton und anderen sauerstoffhaltigen chemische Bomben und massierte Artillerieüberfälle ver-
Lösungsmitteln ist Chlorzyan gut löslich. In einem Raum- breitet werden. Im Gegensatz zu Blausäure ist jedoch der
teil Wasser lösen sich 25 Raumteile gasförmiges Chlorzyan. Schutz vor Chlorzyan infolge seines höheren Molekular-
Durch Wasser wird Chlorzyan zu Zyansäure und Salz- gewichts und der dadurch bedingten besseren Adsorp-
säure hydrolysiert: tionsmöglichkeiten leichter.
Cl—CN + H2O -> HC1 + HOCN

154 155
8.3 Bromzyan BrCN

Bromzyan wurde 1827 erstmalig von Serullas hergestellt.


8.4 Tabun
Im 1. Weltkrieg wurde es von der österreichischen Armee
in Mischungen mit Bromazeton und Benzol eingesetzt.
Die Wirkung war sehr gering, und die Österreicher gingen Tabun wurde erstmalig im Jahre 1937 von Gerhard
schnell wieder von der Verwendung dieses Gemisches ab. Schrader im Labor hergestellt. Die technische Synthese
8.3.1 Physikalische und chemische Eigenschaften dieses hochwirksamen, nervenschädigenden Kampfstoffes
wurde noch vor dem 2. Weltkrieg im faschistischen
Bromzyan ist eine kristalline Substanz, die bei 51 °C Deutschland ausgearbeitet, und es wurde in Versuchs-
schmilzt. Der Siedepunkt liegt bei 61 °C. Der Dampfdruck
anlagen erprobt. Bei Kriegsbeginn wurden Großanlagen
entspricht etwa 90 mm Hg-Säule, und die Sättigungs-
projektiert und mit ihrem Aufbau begonnen. Die groß-
konzentration beträgt 286 p/m 3 bei 20 °C.
technische Produktion von Tabun lief etwa 1942 an. Bis
Bromzyan ist nur wenig in Wasser löslich. In organischen
Kriegsende wurden für die faschistische Wehrmacht
Lösungsmitteln (Alkohol, Äther, Schwefelkohlenstoff,
beträchtliche Mengen dieses Kampfstoffes hergestellt und
Benzol, Azeton) ist es leicht löslich.
eingelagert. In der faschistischen Wehrmacht wurde
Bei der Einwirkung von Wasser hydrolysiert Bromzyan
Tabun mit dem Decknamen Trilon 83 versehen.
sehr schnell. Alkalien bilden mit Bromzyan Zyanate und
Bromide: Entsprechend seiner chemischen Zusammensetzung wird
Tabun vereinfacht als Dimethylaminozyanphosphor-
BrCN + 2 NaOH -> NaBr + NaOCN + H2O
säureäthylester bezeichnet.
Durch Einwirkung von Natriumsulfidlösungen entsteht
ungiftiges Natriumrhodanid: 8.4.1 Physikalische und chemische Eigenschaften
BrCN + Na2S -> NaCNS + NaBr Chemisch reines Tabun ist eine farblose oder leicht gelb-
Diese Reaktion kann zur Entgiftung verwendet werden. lich gefärbte Flüssigkeit mit einem etwas süßlich-frucht-
artigen Geruch. Bei höheren Konzentrationen soll ein
8.3.2 Physiologische Wirkungen
schwacher fischartiger Geruch wahrnehmbar sein. Der
Bromzyan bringt ähnliche Vergiftungserscheinungen Siedepunkt des Tabuns liegt unter normalem Druck
hervor wie die Blausäure. Es besitzt wie Chlorzyan eine bei 235 °C. Etwa ab 200 °C treten beim Erhitzen
starke reizerregende Wirkung. Konzentrationen von bereits Zersetzungserscheinungen auf. Der Schmelzpunkt
6 mp/m3 reizen stark die Augenbindehaut und die liegt bei - 48 °C. Bei 20 °C beträgt der Dampfdruck
Schleimhäute der Atmungsorgane. Die Erträglichkeits- 0,073 mm Hg-Säule und die Sättigungskonzentration
grenze liegt bei 85mp/m3. Konzentrationen von 300 mp/m3 650 mp/m3.
erzeugen bei einer Einwirkungszeit von etwa 10 min auf Technisches Tabun ist eine gelbbraune Flüssigkeit mit
den ungeschützten Organismus tödliche Vergiftungen. schwachem bittermandelartigem Geruch. Dieser Geruch

156 157
beruht auf der während der Lagerung des technischen Von Alkalilaugen wird Tabun vollständig zersetzt. Bei
Produkts stattfindenden Abspaltung von Blausäure. Zur dieser Zersetzung bilden sich außer Alkalizyaniden nur
Stabilisation des technischen Tabuns wurden im 2. Welt- ungiftige Produkte.
krieg bis zu 20% Chlorbenzol zugesetzt, wodurch eine
Lagerungsdauer von einigen Jahren erreicht wurde.
Dieses Gemisch wurde als Tabun B bezeichnet und diente
zur Füllung von Granaten, Bomben und chemischen
Minen.
In organischen Lösungsmitteln löst sich Tabun gut. In Diese Zersetzung des Tabuns mit Alkalien, besonders mit
Wasser ist es bei 20 °C zu etwa 12% löslich. Die wäßrige Natronlauge, kann zur Entgiftung des Kampfstoffes auf
Lösung wird in der Kälte langsam und bei Erwärmung Metalloberflächen, auf Straßen und im Gelände aus-
schnell hydrolysiert. Dabei spaltet sich Blausäure ab; bei genutzt werden. Für die Entgiftung empfindlicher Ober-
weiterer Hydrolyse bilden sich ungiftige Produkte: flächen können auch angewärmte Sodalösungen eingesetzt
werden.

8.4.2 Physiologische Wirkungen


Tabun ist eines der stärksten Nervengifte. Die Vergif-
tungen sind am stärksten, wenn die Dämpfe des Kampf-
stoffes eingeatmet werden. In verschiedenen Veröffent-
Bei 20 °C werden nach Holmstedt in 9 h etwa 50% lichungen wird angegeben, daß Konzentrationen von 30
des Zyanids vom Tabun abgespalten, bei 95 °C etwa in bis 40 mp/m 3 bei einer Einwirkungszeit von etwa 10 min
10 min. bereits leichte Vergiftungen hervorrufen, die sich durch
Pupillenverengung und dadurch bedingtes Nachlassen
Entsprechend dieser Reaktion kann mit Tabun vergifte-
der Sehschärfe, durch Atemnot und Beklemmungsgefühl
tes Wasser durch längeres Kochen entgiftet werden. Man
in der Brust bemerkbar machen. Die wiederholte Ein-
rechnet, daß bei einer Konzentration von 1% Tabun in
wirkung dieser Konzentrationen kann bei verschiedenen
Wasser die Hydrolyse nach einer Kochzeit von etwa 1/2 h
Menschen zu erhöhter Empfindlichkeit führen. Leichte
vollständig verläuft. In jedem Falle muß bei derartig
Vergiftungen sind meist von tagelangen Kopfschmerzen
hochgiftigen Kampfstoffen vor dem Verbrauch des
begleitet.
Wassers durch chemische Untersuchungen festgestellt
werden, ob die Hydrolyse vollständig ist. Um die Hydro- Mittlere Vergiftungen treten bei Konzentrationen von
lyse bei der Entgiftung von Bekleidung und anderen etwa 40 bis 80 mp/m 3 und bei einer Einwirkungszeit von
Gegenständen durch Dampf-Heißluftverfahren zu be- etwa 10 bis 15 min auf. Außer den bereits genannten
schleunigen, wird dem Wasserdampf Ammoniak zu- Symptomen treten starke Krampferscheinungen, erhöhter
gesetzt. Speichelfluß und stärkste Kopfschmerzen auf. Bei der-

158 159
artigen Vergiftungen hält die Vergiftung mehrere Tage und die Dampfwirkung sogar noch nach 20 Stunden zu
an, und noch nach Wochen lassen sich bei den betroffenen bemerken ist. Nach westlichen Angaben über Gelände-
Menschen Restwirkungen feststellen. versuche sollen die Kampfstoffdämpfe bei günstigen
Tödliche Vergiftungen wurden im Tierversuch nach Wetter- und Geländebedingungen noch etwa 5 km in der
Literaturangaben bei Konzentrationen von über 100 mp/m 3 Abzugsrichtung der Kampfstoffwolken Vergiftungen ver-
und Einwirkungszeiten von etwa 5 bis 10 min beobach- ursachen können.
tet. Hierbei folgen die Vergiftungssymptome schnell auf- Tabun kann in Granaten, Bomben und chemische Minen
einander, und nach stärksten Muskelkrämpfen, die zur abgefüllt werden. Die faschistische Wehrmacht unter-
Bewußtlosigkeit, Atem- und Herzstillstand führen, tritt nahm den Versuch, Tabun aus Spezialfahrzeugen zur
der Tod ein. Das ist bei diesen Konzentrationen meist Geländevergiftung einzusetzen. Die Versuche sollen
schon wenige Minuten nach der Einwirkung des Kampf- erfolgreich gewesen sein.
stoffes der Fall.
Schwere Vergiftungen entstehen auch, wenn Kampfstoff-
tropfen auf die Haut gelangt sind. Die Haut wird schnell 8.5 DFP (Diisopropylfluorphosphat)
durchdrungen, und es treten ähnliche Vergiftungs-
symptome auf wie bei der Einatmung. Bei der Einwirkung In englischen Forschungslaboratorien wurden während
durch die intakte Haut sollen Tabun-Dosen von 60 bis des 2. Weltkrieges intensiv die Ester der Fluorphosphor-
80 mp/kp Körpergewicht tödlich wirken. Besonders säure auf ihre Brauchbarkeit als chemische Kampfstoffe
gefährliche und meist tödlich verlaufende Vergiftungen untersucht. Als besonders wirksam erwies sich der
entstehen, wenn der Kampfstoff mit Getränken oder Diisopropylester der Fluorphosphorsäure, der nach dem
Speisen aufgenommen wird. Schwerste Magen- und Darm- 2. Weltkrieg unter der Bezeichnung DFP bekannt
schmerzen sollen dabei auftreten. geworden ist.
Die schnelle Wirkung des Tabuns zeigt, wie wichtig es DFP ist wie Tabun ein starkes Nervengift. Die Unter-
ist, Tabunvergifteten möglichst sofort nach der Gift- suchungen an der Universität Cambridge ergaben, daß
einwirkung Erste Hilfe und ärztliche Betreuung zu dieser Kampfstoff relativ leicht aus einfachen chemischen
erweisen, um die Vergiftung zu verhindern oder abzu- Rohstoffen hergestellt werden kann.
schwächen.
8.5.1 Physikalische und chemische Eigenschatten
8.4.3 Anwendungsmöglichkeiten DFP ist eine farblose Flüssigkeit. Der Siedepunkt bei
Tabun wird entsprechend seinen physikalischen Eigen- 12 mm Hg-Säule liegt bei 67,5 °C. Bei 760 mm Hg-Säule
schaften zu den seßhaften chemischen Kampfstoffen liegt der Siedepunkt bei 183 °C.
gerechnet. Man kann annehmen, daß bei Temperaturen Der Dampfdruck des Stoffes bei 20 °C beträgt 0,9 mm
von 15 bis 20 °C und günstigen Geländebedingungen die Hg-Säule, und die Sättigungskonzentration liegt bei
Wirkung des flüssigen Kampfstoffes etwa 10 h anhält 9200 mp/m3.

160 161
DFP ist in organischen Lösungsmitteln leicht löslich. Die Vergiftungssymptome entsprechen im wesentlichen
Auch mit Kampfstoffen wie Yperit und Phenylarsin- denen von Tabun. Die 50 %ig tödliche Dosis soll etwa bei
dichlorid ist es leicht mischbar. Die Erstarrungspunkte 0,5 mp/kp Körpergewicht liegen.
vieler bei Zimmertemperatur flüssiger Kampfstoffe
können durch Zusatz von DFP erheblich erniedrigt 8.5.3 Anwendungsmöglichkeiten
werden. Von Wasser wird DFP sehr langsam hydroly- DFP kann ähnlich wie -Tabun eingesetzt werden. In
siert. England wurden Versuche durchgeführt, die zu wirkungs-
Es entsteht dabei als Hydrolyseprodukt Flußsäure: vollen taktischen Mischungen mit Yperit geführt haben
sollen, die sich besonders für den Einsatz im Winter
eignen. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß DFP keine der-
artige Kampfstoffbedeutung hat wie Sarin und Soman.

Die Hydrolyse einer 1 %igen wäßrigen Lösung ist bei


etwa 20 °C erst nach 72 Stunden vollständig. Mit Alka-
lien, zum Beispiel Natriumhydroxyd, verläuft die
Hydrolyse wesentlich schneller. Dabei entstehen Natrium- 8.6 Sarin
fluorid und Natriumdiisopropylphosphat:

Sarin wurde zum ersten Mal während des 2. Weltkrieges


in Deutschland hergestellt. Chemisch gesehen ist es der
Isopropylester der Methylfiuorphosphorsäure. Im faschi-
stischen Deutschland wurde Sarin als Trilon 46 be-
zeichnet.

8.6.1 Physikalische und chemische Eigenschalten


Bei einer Temperatur von 25 °C ist die Umsetzung bereits Reines Sarin ist eine fast geruchlose Flüssigkeit, die unter
nach etwa 15 min vollständig. Auch durch Chlorkalk mit Normaldruck bei 151,5 °C siedet und bei 100 °C zu einer
entsprechenden Lösungsmitteln wird DFP schnell zer- glasartigen Masse erstarrt. Unter einem Druck von
stört. 12 mm Hg-Säule siedet Sarin bei 42 °C. Bei 20 °C
beträgt das spezifische Gewicht 1,1, der Dampfdruck
8.5.2 Physiologische Wirkungen 1,43 mm Hg-Säule und die Sättigungskonzentration
DFP ist wie Tabun ein hochwirksamer, nervenschädi- 11 300 mp/m3.
gender Kampfstoff. Die Toxizität soll etwas geringer sein Technisches Sarin ist eine gelbe Flüssigkeit mit sehr
als die von Tabun. schwachem, aromatisch-fruchtähnlichem Geruch.

162 163
Sarin ist in organischen Lösungsmitteln wie Alkohol, 8.6.2 Physiologische Wirkungen
Äther, Tetrachlorkohlenstoff, Dichloräthan und Essig- Sarin ähnelt in seinen physiologischen Wirkungen dem
ester löslich. Mit Wasser ist es in jedem Verhältnis misch- Tabun, seine Wirkung ist jedoch wesentlich höher.
bar. Lösungen von Sarin in Wasser hydrolysieren sehr Leichte Vergiftungen sollen bereits bei Konzentrationen
langsam. Bei der Hydrolyse entsteht Flußsäure: von 20 bis 30 mp/m3 und einer Einwirkungsdauer von
etwa 10 min entstehen. Mittlere Vergiftungen entstehen
bei etwa 30 bis 40 mp/m3. Die tödliche Konzentration
bei einer Einwirkungsdauer von 5 min soll bei etwa 50 bis
70 mp/m 3 liegen.
Die 50%ig tödliche Dosis liegt bei etwa 0,06 mp/kp
Körpergewicht.
Die Hydrolyse wird von Alkalien stark beschleunigt, da
die freiwerdende Flußsäure zu Fluoriden gebunden 8.6.3 Änwendungsmöglichkeiten
wird. Entsprechend den physikalischen Eigenschaften nimmt
Starke Ätzalkalilösungen oder alkoholische Alkalilösungen Sarin eine Zwischenstellung zwischen den flüchtigen und
zerstören Sarin schnell und sicher: seßhaften chemischen Kampfstoffen ein. Man kann
annehmen, daß bei Temperaturen von 15 bis 20 °C wie
überhaupt bei günstigen Wetter- und Geländebedin-
gungen die Flüssigkeit noch nach etwa 2 bis 3 h und die
Dämpfe noch nach 10 bis 20h wirksam sind.
Nach französischen Angaben über Versuche sollen bei
Auch durch Säuren wird die Hydrolyse stark beschleu- Artillerieüberfällen gefährliche Sarinkonzentrationen noch
nigt. in einer Entfernung von 10 bis 15 km in der Abzugs-
Durch Chlorkalk kann Sarin nicht entgiftet werden. Es sind richtung der Kampfstoffschwaden wirksam sein.
jedoch in der Literatur kalziumhydroxydhaltige Chlor- Sarin kann in Granaten, Bomben und chemischen Minen
kalksorten beschrieben worden, die sich zur Entgiftung eingesetzt werden.
des Kampfstoffes im Gelände eignen. Im allgemeinen
kann jedoch gesagt werden, daß sich für die Entgiftung
des flüssigen Kampfstoffes am besten alkalische Ent-
giftungsmethoden eignen. 8.7 Soman
Besonders erwähnenswert ist, daß Sarindämpfe leicht von
Bekleidungsstücken (Wolle) adsorbiert werden und bei-
spielsweise beim Betreten warmer Räume (Bunker) Soman wurde während des 2. Weltkrieges in Deutschland
infolge Verdampfung Vergiftungen hervorrufen können. entwickelt. Es ist der giftigste aller bisher bekannt

164 165
gewordenen Kampfstoffe. Chemisch gesehen handelt es Kampfstoffkonzentrationen von 10 bis 20 mp/m3 sollen
sich um den Pinakolylester der Methylfluorphosphorsäure. bei einer Einwirkungsdauer von etwa 10 min bereits
zu tödlichen Vergiftungen führen. Die tödliche Dosis soll
8.7.1 Physikalische und chemische Eigenschaften bei etwa 0,03 mp/kp Körpergewicht liegen. Einige Pond
Reines Soman ist eine wasserklare Flüssigkeit mit einem des Kampfstoffes sollen auf unbeschädigter Haut, wenn
schwachen kampferartigen Geruch. Der Siedepunkt keine Erste Hilfe geleistet wird, tödliche Vergiftungen
dieses Stoffes liegt bei 200 °C und der Schmelzpunkt bei hervorrufen.
— 80 °C. Bei einem Druck von 0,2 mm Hg-Säule siedet
Soman bei 42 °C. Das spezifische Gewicht bei 20 °C 8.7.3 Anwendungsmöglichkeiten
beträgt 1,41. Die Sättigungskonzentration beträgt bei Soman wird zu den seßhaften chemischen Kampfstoffen
20 °G 10 p/m3. gezählt. Es ist anzunehmen, daß seine Wirkungsdauer im
Das technische Soman soll ebenfalls einen kampfer- Gelände wesentlich höher ist als die von Sarin.
artigen Geruch besitzen. Soman eignet sich zur Geländevergiftung und kann als Fül-
Soman ist in den meisten organischen Lösungsmitteln lung für Granaten, Bomben und chemische Minen dienen.
gut, in Wasser nur wenig löslich (unter 1%). Die Hydro-
lyse mit Wasser verläuft äußerst langsam.
Wie bei Sarin wird durch die Hydrolyse des Somans 8.8 Schutzmaßnahmen gegen nervenschädigende
Flußsäure frei: Kampfstoffe

Gegen Blausäure bieten moderne Schutzmasken völlige


Sicherheit. Wichtig ist dabei aber, wie bei allen Atmungs-
giften, das schnelle und sichere Aufsetzen der Schutz-
maske, um zu verhindern, daß selbst geringe Mengen des
hochwirksamen Giftes in die Atmungsorgane eindringen.
Die modernen Schutzmaskenfilter besitzen, um ihre
Schutzwirkung zu erhöhen, meist noch besondere Imprä-
gnierungen und Schichten, die besonders gegen Blau-
säuredämpfe wirken. Die Entgiftung von verpackten
Alkalien und Ammoniak zerstören Soman schnell. Diese Lebensmitteln, von Bekleidung, Wasser und Gerät ist bei
Stoffe können zur Entgiftung verwendet werden. Blausäure infolge ihrer hohen Flüchtigkeit meist nicht
notwendig. Sollten dennoch Bekleidungsstücke durch
8.7.2 Physiologische Wirkungen flüssige Kampfstoffspritzer vergiftet sein, so läßt sich der
Soman ist etwa dreimal giftiger als Sarin. In seinen Wir- Kampfstoff durch Heißluftbehandlung oder notfalls
kungen ähnelt es dem Tabun. durch Lüften leicht entfernen.

166 167
Bei Vergiftungen durch Kampfstoffe vom Sarin-Typ 8.9 Erste Hilfe bei Vergiftungen durch nervenschädigende
sind besonders wirkungsvolle Schutzmaßnahmen erfor- Kampfstoffe
derlich.
Ein zuverlässiger Schutz der Atmungsorgane ist nur durch Bei Vergiftungen durch nervenschädigende Kampfstoffe
Filter und gut sitzende Schutzmasken zu erreichen. Das ist die rechtzeitige Erste Hilfe von entscheidender Bedeu-
Anlegen der Schutzmaske im Gefahrfall hat sofort nach tung. Je schneller nach der Kampfstoffeinwirkung die
der geringsten Giftwahrnehmung oder beim bloßen entsprechenden Gegenmaßnahmen eingeleitet werden,
Verdacht zu erfolgen. Behelfsschützer, wie sie in verschie- desto günstiger sind die Aussichten für eine schnelle
denen Veröffentlichungen als behelfsmäßiger Schutz gegen Wiederherstellung der physiologischen Wirkungsmecha-
klassische Kampfstoffe beschrieben werden, würden bei nismen und desto leichter kann die Todesgefahr abgewen-
hohen Konzentrationen des Kampfstoffes in der Luft nur det werden. Allgemein gilt, daß dem Vergifteten die
wenige Minuten ausreichenden Schutz bieten. Auch bei Schutzmaske aufgesetzt oder er aus dem vergifteten
den modernen Schutzmasken ist der effektive Schutz nur Raum herausgebracht werden muß, um ihn einer weiteren
dann gewährleistet, wenn der Träger diese ständig auf Einwirkung des Kampfstoffes zu entziehen.
Dichtheit und fehlerfreie Arbeit der Ausatemventile Bei Vergiftungen durch Kampfstoffe vom Blausäure-Typ
überprüft. Die Schutzdauer der Maskenfilter gewähr- sollen nach der Vergiftung möglichst schnell entsprechende
leistet bei ordnungsgemäßer Behandlung und Lagerung Gegenmittel angewendet werden. In vielen Armeen sind
der Schutzmasken einen mehrere Stunden währenden persönliche Erste-Hilfe-Päckchen eingeführt worden, die
Aufenthalt selbst bei gefährlichen Konzentrationen. Ampullen mit Isoamylnitrit enthalten, das sich bei Blau-
Die Haut wird gegen das Eindringen der Kampfstoffe säurevergiftungen bewährt haben soll. Diese Ampullen
durch Schutzbekleidung oder notfalls durch dichtschlie- werden zerbrochen, der Inhalt wird auf einen Wattebausch
ßende Gummibekleidung geschützt. In jedem Falle ist gegeben, und die Dämpfe werden eingeatmet. Hat der Ver-
aber darauf zu achten, daß auch kleinste Kampfstoff- giftete die Schutzmaske auf, so wird der Wattebausch
mengen sofort nach dem Auftreffen auf die Bekleidung unter die Schutzmaske gebracht. Bei Blausäurevergiftun-
oder die Haut durch alkalisch wirkende Entgiftungs- gen ist außerdem künstliche Beatmung zu empfehlen.
mittel beseitigt werden. Bei Vergiftungen durch Kampfstoffe vom Sarin-Typ kann
Um sich vor vergifteten Speisen und Getränken schützen einem gefährlichen Verlauf durch die sofortige Injektion
zu können, muß ein zuverlässig funktionierendes Unter- von Atropin oder ähnlich wirkenden Gegenmitteln vor-
suchungssystem vorhanden sein, das mit Hilfe entspre- gebeugt werden. Zu diesem Zweck wurden Injektions-
chender Laboruntersuchungsverfahren bereits geringste ampullen entwickelt, die eine einfache Selbstinjektion
Kampfstoffmengen vom Sarin-Typ feststellen kann. Den ermöglichen. Außerdem soll eine künstliche Beatmung
sichersten Schutz für Lebensmittel und für "Wasser bietet bei druckloser Sauerstoffzufuhr durchgeführt werden, um
eine zweckmäßige Verpackung. die durch die Brustmuskelkrämpfe erschwerte Atmung
zu unterstützen.

168
169
Wird der Kampfstoff durch vergiftete Speisen oder 9. Sonstige militärisch bedeutsame Gifte
Getränke aufgenommen, so müssen sofort Brechreiz-
9.1 Kohlenmonoxyd CO
mittel und Abführmittel verabreicht werden. Dadurch
kann die Aufnahme des Giftstoffes im Magen-Darmkanal Kohlenmonoxyd bildet sich in großen Mengen bei der
weitgehend verhindert oder doch zumindest eingeschränkt unvollständigen Verbrennung kohlenstoffhaltiger orga-
werden. nischer Verbindungen.
In jedem Falle müssen Vergiftete, die nervenschädigen- Im Kriege entstehen vielfach Kohlenmonoxydvergiftun-
den Kampfstoffen ausgesetzt waren, sobald als möglich gen durch die bei der Detonation von Sprengstoffen
einer ärztlichen Betreuung zugeführt werden. entstehenden Gase. Die Gase, die durch die Detonation
von Trinitrotoluol entstehen, enthalten bis zu 60% Koh-
lenmonoxyd. Es kann deshalb in Bunkern, Geschütz-
türmen und in Panzern bei ungenügender Entlüftung zu
derartigen Vergiftungen kommen. Auch die Auspuffgase
von Verbrennungsmotoren enthalten bis zu 7% Kohlen-
monoxyd. Deswegen ist es auch verboten, in geschlos-
senen Garagen die Motoren laufen zu lassen.
Die durch die Detonationsgase hervorgerufenen Vergif-
tungen werden oft als Pulverkrankheit bezeichnet. An
diesen Vergiftungserscheinungen ist Kohlenmonoxyd
gemeinsam mit dem ebenfalls bei der Detonation ent-
stehenden Stickstoffoxyden beteiligt.
Kohlenmonoxyd ist bei normalen Temperaturen ein farb-
und geruchloses Gas. Es siedet bereits bei — 191,5 °C.
Unterhalb dieser Temperatur ist Kohlenmonoxyd eine
farblose Flüssigkeit.
In Wasser ist Kohlenmonoxyd nur wenig löslich (2%).
Kohlenmonoxyd ist ein genügend beständiger Stoff. Im
Gemisch mit Sauerstoff ist es bei Zimmertemperatur sogar
lange Zeit beständig. Erst beim Entzünden verbrennt Koh-
lenmonoxyd mit blaßblauer Flamme zu Kohlendioxyd.
CO + 1/2 O2 -> CO2
Diese Reaktion erfolgt auch bei Zimmertemperatur, wenn
geeignete Katalysatoren anwesend sind. Einer der be-

171
kanntesten Katalysatoren ist Hopcalit, das in den 9.2 Arsenwasserstoff AsH3
CO-Filtern verwendet wird. Dieser Katalysator besteht
aus einer Mischung von Mangandioxyd, Kupferoxyd und Arsenwasserstoff ist eine stark giftige chemische Verbin-
anderen Metalloxyden. Diese Mischung wirkt nur bei dung, die blutschädigend wirkt. Es ist nur schwer
einem sehr geringen Feuchtigkeitsgehalt. Aus diesem möglich, mit Arsenwasserstoff eine genügende Gefechts-
Grund sind in den CO-Filtern noch geeignete Trocken- konzentration zu schaffen; trotzdem wurde mehrmals
schichten vor und zwischen den Katalysatorschichten vorgeschlagen, diese Verbindung als Kampfstoff zu ver-
eingebettet, die den Feuchtigkeitsgehalt der Luft ver- wenden. In verschiedenen deutschen Arbeiten wurde vor
mindern und somit die Gebrauchstüchtigkeit der Kata- dem 2. Weltkrieg auf diese Möglichkeit hingewiesen.
lysatorschichten gewährleisten. Arsenwasserstoff ist ein farbloses Gas mit einem unange-
Kohlenmonoxydvergiftungen sind von Kopfschmerzen, nehmen, knoblauchartigen Geruch. Es siedet bei - 58,5 °C
Schwindelgefühlen und Ohrensausen begleitet. Stärkere und erstarrt bei — 111 °C. Unter hohem Druck kann es bei
Vergiftungen erzeugen einen eigenartigen Druck in der Zimmertemperatur verflüssigt werden. Die Dichte des
Herzgegend, Erbrechen, Atemnot und allgemeines Un- Gases im Verhältnis zur Luft beträgt 2,07.
wohlsein. Wirkt Kohlenmonoxyd längere Zeit oder in Arsenwasserstoff löst sich gut in organischen Kohlen-
hohen Konzentrationen auf den Organismus ein, so ent- wasserstoffen und einigen anderen Lösungsmitteln. In
stehen Muskelkrämpfe und Bewußtlosigkeit, die zum Tode Wasser ist es dagegen nur wenig löslich. Mit Luft bildet
führen, sofern keine Gegenmaßnahmen eingeleitet Arsenwasserstoff ein explosives Gemisch.
werden. Vergiftungen mit Arsenwasserstoff machen sich erst nach
Tödlich wirken Konzentrationen von 2 bis 4 mp/1 bei einer Latenzzeit von einigen Stunden bemerkbar. Die
einer Einwirkungszeit von 15 min. ersten Anzeichen sind Kältegefühl, Mattigkeit, Übelkeit
Erste Hilfe. Der Vergiftete muß schnell aus der ver- und Erbrechen. Die Haut nimmt bei Vergiftungen eine
gifteten Atmosphäre entfernt und künstlich beatmet gelbe und später rötliche Färbung an.
werden. Während der künstlichen Beatmung ist dem. Arsenwasserstoff wirkt auf die roten Blutkörperchen zer-
Vergifteten Sauerstoff mit einer Beimischung von setzend. Sehr oft sind Nierenschäden und Blut im Harn
5% Kohlendioxyd zuzuführen. Die Haut soll gerieben, festzustellen. Infolge Sauerstoffmangel entsteht allgemeine
und die Atmung durch Salmiakgeist angeregt werden. Schwäche und Bewußtlosigkeit. Bei schweren Vergif-
Beim Transport, bei der Lagerung und der Beatmung tungen tritt der Tod zwei bis drei Tage nach der Einwir-
müssen enganliegende und die Atmung behindernde kung des Giftstoffes ein.
Kleidungsstücke gelockert werden, ohne daß sich der
Erste Hilfe. Der Kranke ist aus der vergifteten Atmosphäre
Körper durch die Außenluft abkühlen kann.
zu schaffen; ihm sind reichlich Milch oder andere Flüssigkei-
ten einzugeben. Ärztliche Hilfe ist unbedingt erforderlich.

172 173
9.3 Bleitetraäthyl Pb(C2H5)4 10. Anwendungsmöglichkeiten chemischer Kampfstoffe

Bleitetraäthyl wird als Antiklopfmittel zur Verbesserung Für die chemischen Kampfstoffe gibt es im Kriege viel-
der Vergaserbrennstoffe verwendet. Es wird aus diesem seitige Anwendungsmöglichkeiten. Wie bereits die Aus-
Grunde in großen Mengen von der chemischen Industrie führungen über die geschichtliche Entwicklung der
produziert. Es ist eine sehr giftige chemische Verbindung, chemischen Kriegführung und über die Entwicklungs-
die verschiedentlich als möglicher chemischer Kampfstoff tendenzen vor und während des 2. Weltkrieges gezeigt
bezeichnet wird. haben, können die Erfahrungen und die Angaben aus dem
Bleitetraäthyl ist eine farblose, ölige Flüssigkeit mit 1. Weltkrieg nur noch bedingt für eine Einschätzung der
einem etwas süßlichen, aromatischen Geruch. Es siedet Anwendungsmöglichkeiten unter modernen militärtech-
bei 200 °C unter teilweiser Zersetzung. Bei -156 °C nischen Bedingungen herangezogen werden.
erstarrt es zu einer farblosen Masse. Das spezifische Die jüngste Entwicklung der Kernwaffen, der Raketen
Gewicht beträgt bei 15 °C 1,62. und der sonstigen Waffentechnik haben in dieser Hinsicht
Bleitetraäthyl ist in organischen Lösungsmitteln, in den neue Verhältnisse geschaffen, die berücksichtigt werden
meisten Kampfstoffen sowie in Fetten löslich. In Wasser müssen. Schon im 1. Weltkrieg konnte bei chemischen
löst es sich nicht. Chemisch ist Bleitetraäthyl eine stabile Überfällen nur mit einer hohen Wirkung gerechnet
Verbindung, die nur von aggressiven Stoffen wie Sulfuryl- werden, wenn die chemischen Kampfmittel überraschend,
chlorid zersetzt wird. Von Wasser wird Bleitetraäthyl nur massiert und auf großen Flächen sowie unter Berücksichti-
äußerst langsam angegriffen. gung der meteorologischen und der Geländebedingungen
Bleitetraäthyl wirkt als Nervengift. Vergiftungen können eingesetzt wurden. Betrachtet man die Anwendungs-
sowohl bei der Aufnahme des Giftes durch die Atmung, möglichkeiten der chemischen Kampfstoffe im modernen
die Haut und die Nahrung auftreten. Sie werden durch Gefecht, so muß man beachten, daß in den letzten Jahr-
geistige Verwirrung, Blutdruckabfall und schwere Kopf- zehnten die Schutzmöglichkeiten vor chemischen Kampf-
schmerzen gekennzeichnet. Die Vergiftungssymptome stoffen wesentlich verbessert wurden. Außerdem wurden
können selbst bei guter ärztlicher Behandlung noch Kampfmethoden und neue taktische Grundprinzipien für
wochenlang anhalten. Bei jeder Vergiftung ist unbedingt die Truppenführung ausgearbeitet, durch deren Anwen-
ärztliche Hilfe erforderlich. dung die Gefahren eines Kampfstoffeinsatzes für die
Truppen vermindert werden. Das bezieht sich besonders
auf die Dezentralisation der Truppen, die durch die
Gefahr von Kernwaffenschlägen bedingt ist, sowie auf die
vollständige Ausstattung der Armeeangehörigen mit
Schutzmitteln sowie Mitteln für die Entgiftung und die
Erste Hilfe bei Kampfstoffvergiftungen. Außerdem muß
beachtet werden, daß die modernen automatischen

175
Kampfstofferkennungsgeräte die Gefahren des chemischen Adamsit, Phosgen, Yperit, Stickstoff- Yperit, Lewisit, Blau-
Krieges wesentlich herabgesetzt haben. Nicht zuletzt säure, Chlorzyan, Tabun, Sarin und Soman.
ist auch die Ausbildung der Armeeangehörigen im Ge- Diese Kampfstoffe können sowohl allein als auch in
brauch der Schutzmittel und -methoden ein Faktor, der die taktischen Mischungen zum Einsatz kommen. Die wich-
möglichen Verluste bei der Anwendung chemischer tigsten Mischungen dieser Art sind: klebrige Mischungen
Kampfstoffe unter Gefechtsbedingungen vermindert. des Yperits, des Lewisits und des Stickstoff-Yperits,
Heute gibt es in allen modernen Armeen der Welt intensive Phosgen-Nebelmischungen, Mischungen von Yperit und
Schulungen über die Wirkungen der Massenvernichtungs- Lewisit sowie Yperitmischungen für den Wintereinsatz.
waffen, über das Verhalten bei ihrer Anwendung und über Theoretisch sind natürlich auch andere Kombinationen
die Schutzmöglichkeiten vor ihnen. Schon die Erfahrungen möglich, beispielsweise Nebelstoffe, die Sarin oder Soman
des 1. Weltkrieges zeigen, daß eine gut ausgebildete enthalten, oder Mischungen verschiedener Arsenkampf-
Truppe selbst unter den schwierigsten Bedingungen beim stoffe.
Einsatz chemischer Kampfstoffe ihre Gefechtsaufgaben Die Anwendungsarten für chemische Kampfstoffe können
erfolgreich und mit geringen Verlusten lösen kann, wenn wie folgt gegliedert werden:
die Soldaten über die notwendigen Schutzmittel verfügen 1. durch die Luftstreitkräfte;
und in deren zweckmäßigstem Gebrauch geübt sind. Heute
bieten die Panzer, Schützenpanzerwagen und anderen 2. durch die gezogenen und reaktiven Systeme der Artil-
lerie und Werferverfahren;
gepanzerten Fahrzeuge der Truppe zusätzlichen Schutz
vor den Wirkungen der chemischen Kampfstoffe. Man 3. durch Vergiftungsfahrzeuge oder andere Vergiftungs-
kann sagen, daß die Entwicklung der Schutzmethoden geräte ;
und der Schutzmittel mit der Entwicklung der chemi- 4. durch chemische Nahkampfmittel;
schen Anwendungsverfahren Schritt gehalten hat. Unter 5. durch chemische Minen, Schwelkörper oder durch das
diesem Gesichtspunkt müssen auch die im allgemeinen Abblasen gasförmiger Kampfstoffe unter günstigen
modernen Gefecht möglichen Anwendungsarten chemi- Bedingungen.
scher Kampfstoffe betrachtet werden, um zu einer realen
Beurteilung eines Kampfstoffeinsatzes, insbesondere, was
seinen Umfang und die Vernichtungswirkungen an- 10.1 Anwendungsmöglichkeiten durch die Luftstreit-
betrifft, zu kommen. kräfte
Die Zahl der im modernen allgemeinen Gefecht einsatz-
fähigen chemischen Kampfstoffe ist trotz intensiver Die Entwicklung der Luftstreitkräfte und besonders die
Forschungs- und Entwicklungsarbeiten relativ gering Entwicklung der Bombenflugzeuge schuf günstige Vor-
geblieben. Nach der Meinung von Spezialisten aus den aussetzungen für die Anwendung chemischer Kampfstoffe.
imperialistischen Ländern sind nur folgende Kampfstoffe Chemische Bomben haben gegenüber den anderen Anwen-
für den Einsatz im Kriege von Bedeutung: dungsarten große Vorteile, weil dabei die chemischen

176 177
Kampfstoffe in der gesamten Reichweite der Bomben- groß war, wie es die Flugeigenschaften des Flugzeuges
flugzeuge eingesetzt werden können, also auch in der gerade erlaubten. Zum Versprühen waren Verteiler- und
strategischen Tiefe. Die Gefahr eines Einsatzes chemi- Düsensysteme eingebaut worden. Diese Flugzeuge sollten
scher Kampfmittel besteht also für das gesamte Terri- nach italienischen Angaben die beste Möglichkeit für den
torium eines kriegführenden Staates. Das erfordert Einsatz chemischer Kampfstoffe bieten. Unter modernen
wiederum eine kostspielige Ausrüstung und Ausbildung Bedingungen sind diese Zisternenflugzeuge sicherlich sehr
aller Zivilverteidigungskräfte und der Zivilbevölkerung unzweckmäßig.
eines Landes. Das zeigt, vor welch ungeheuren Schwierig-
keiten die Organisation der Landesverteidigung unter 10.1.1 Chemische Bomben
modernen Bedingungen steht. Als wichtigste Anwendungsart chemischer Kampfstoffe
In den zwanziger Jahren wurden in vielen Staaten Ver- ist ihr Einsatz in chemischen Bomben anzusehen, da diese
suche mit Absprühgeräten in Bomben- oder Jagdflug- von den verschiedensten Flugzeugtypen abgeworfen
zeugen durchgeführt. Besonders in Italien wurden derartige werden können und sie der Entwicklungstendenz moder-
Anwendungsmethoden erprobt und beim Überfall auf ner Mehrzweckflugzeuge am ehesten entsprechen.
Abessinien auch angewendet. Diese Absprühverfahren Die Vorteile der chemischen Bomben gegenüber den
verlangten eine niedrige Flughöhe und relativ geringe Anwendungsmöglichkeiten durch die Artillerie liegen im
Fluggeschwindigkeiten. Für die damaligen Verhältnisse günstigeren Verhältnis des Gesamtgewichts der Bombe
waren diese Verfahren sehr wirkungsvoll, und es wurden zum Kampfstoffinhalt.
große Geländestreifen mit hohen Kampfstoffkonzentra- Während bei chemischen Granaten das Verhältnis nur
tionen belegt. Angesichts der gestiegenen Fluggeschwin- etwa 100:30 beträgt, kann man bei chemischen Bomben
digkeiten und der verbesserten Fliegerabwehrmittel und mit einem Verhältnis von 100:60 rechnen; bei einer
-methoden kann man annehmen, daß diese Anwendungs- Bombe von 100 kp Gewicht kann also mit einem Kampf-
möglichkeiten unter modernen Bedingungen nur noch stoffinhalt von etwa 60 kp gerechnet werden. Dieses
geringe Bedeutung besitzen. Unter besonderen Umstän- Verhältnis schwankt natürlich bei den verschiedenen
den können sie jedoch noch für die Vergiftung von Kampfstoffen infolge ihres unterschiedlichen spezifischen
Geländestreifen angewendet werden, die wichtige Front- Gewichts und ist auch noch von der Konstruktion der
abschnitte sichern sollen und mit Vergiftungsfahrzeugen Bombe abhängig. In der einschlägigen Literatur werden
nicht vergiftet werden können. Das kann bei Wäldern, die verschiedensten Bombenkonstruktionen beschrieben,
Schluchten und schwer zugänglichen Geländeabschnitten die für den Einsatz chemischer Kampfstoffe in Frage
der Fall sein, sofern keine starken feindlichen Gegen- kommen. Demnach gibt es chemische Bomben mit
maßnahmen zu erwarten sind. Gewichten zwischen 10 bis 1000 kp. Chemische Bomben
In den Jahren vor dem 2. Weltkrieg wurden auch können sowohl mit kurz- als auch mit langwirkenden
sogenannte Zisternenflugzeuge erprobt. Diese Flugzeuge chemischen Kampfstoffen gefüllt werden. Desgleichen
besaßen einen fest eingebauten Kampfstofftank, der so sind chemische Splitterbomben beschrieben worden, die

178 179
neben der Vergiftungswirkung noch eine gewisse Splitter-
wirkung besitzen. Der Zünder der Bombe ist bei dieser Konstruktion an der
Chemische Bomben unterscheiden sich in ihrer. Form Seite angebracht. Bei anderen Konstruktionen befindet
nicht von anderen Bomben. Sie enthalten eine kleine er sich an der Spitze der Bombe, oder es sind zur Sicher-
Sprengladung, die so bemessen ist, daß sie gerade aus- heit zwei verschiedene Zünder eingesetzt. Die Kampfstoff-
reicht, um die Bombenhülle zu zerstören und den Kampf - ladung ist meist nur vom Mantel der Bombe umhüllt, der
stoffinhalt zu versprühen. Chemische Bomben können, aus Eisen- oder Stahlrohr gefertigt ist. Chemische Bomben,
sowohl Aufschlag- als auch Zeitzünder besitzen. Bild 3 die gasförmige Kampfstoffe oder leicht verdampfbare
zeigt das Bild einer deutschen chemischen Bombe aus Stoffe wie Phosgen und Blausäure enthalten, müssen eine
dem 2. Weltkrieg. stärkere Stahlhülle besitzen. Bei Flüssigkeitsfüllungen
ist immer ein gewisser Kaum freizulassen, damit sich die
Flüssigkeit bei Erwärmung ausdehnen kann.
Zum Schutz gegen vorzeitige Detonation haben die Zün-
der wie Sprengbomben noch Schutzkappen und Sicherun-
gen. Bekannt sind Schutzkappen mit Flügeln, die sich
beim Flug der Bombe abschrauben und damit den Zünder
entsichern.
Für chemische Bomben sind äußerst empfindliche Zünder
notwendig, denn sie müssen sofort, nachdem die Bombe
auf ein Hindernis aufgetroffen ist, die Detonation aus-
lösen, damit der Kampfstoffinhalt gut zerstäubt wird.
Dringt die Bombe in den Boden ein, würde ein großer Teil
der Kampfstoffladung nicht versprüht werden. Einzelne
Bombenkonstruktionen aus dem 2. Weltkrieg hatten
einen sogenannten Zündstab, der während des Fluges der
Bombe durch einen Flügel aus der Bombenspitze heraus-
gedreht wurde und den Zünder bereits in Stabhöhe über
dem Erdboden auslöste. Andere Konstruktionsarten
besaßen Zeit- oder Distanzzünder, die auf eine bestimmte
Höhe über den Erdboden oder auf eine vorher berechnete
Flugzeit eingestellt waren. Durch eine solche Einrichtung
Deutsche chemische Bombe aus dem 2. Weltkrieg kann die Kampfstoffladung völlig ausgenutzt werden.
(links - Außenansicht; rechts - Schnitt) Nach Literaturangaben können chemische Bomben mit
1 - Sprengstoffröhrchen; 2 - Kampfstoffkammer; 3 - Zwischenwand; 4-
Öffnung für die Anhängevorrichtung; 5 - Einfüllöffnung; 6 - Zündermund- Aufschlagzündern und Yperit-Füllung folgende Flächen
loch; 7 - Anhängering. vergiften:
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181
Gewicht der Bombe Größe der vergifteten Fläche Zerstäuberdüse sowie den notwendigen Regulierventilen
50 kp etwa 800 m 2 und der Druckgasflasche, die vom Piloten bedient werden
250 kp etwa 2000 m2 kann. Bild 4 zeigt ein deutsches Flugzeugabsprühgerät
1000 kp etwa 3000 m2 aus dem 2. Weltkrieg. Dieses Gerät war für eine Füllung
mit 300 kp Yperit berechnet.
Diese Aufstellung zeigt, daß bei Yperit mehrere kleine
Bomben eine bessere Ausnutzung des Kampfstoffes
ermöglichen als Bomben mit großen Gewichten. Bei einer
Yperit-Bombe, die in einer Höhe von 100 m detoniert,
kann man bei 250 kp Bombengewicht mit einer Vergif-
tungsfläche von etwa 5000 m2 rechnen, wenn man durch-
schnittlich eine Vergiftungsdichte von 20 p/m 2 und eine
Ausnutzung der Ladung von 50% annimmt. Deutsches Flugzeugabsprühgerät aus dem 2. Weltkrieg
Chemische Bomben mit einer derart hohen Detonations-
höhe sollten in der faschistischen Wehrmacht eine Füllung Bei den Luftstromgeräten wurde der Kampfstoffbehälter
mit klebrigen Kampfstoffmischungen erhalten. Die hohe durch den beim Flug auftretenden Staudruck entleert.
Viskosität und der davon wesentlich abhängige Dampf- Bei Luftstromgeräten ist die Zeit, in der der Kampfstoff-
druck dieser Mischungen verhinderten das starke Ver- behälter entleert wird, abhängig von der Fluggeschwindig-
dampfen des Kampfstoffes während des Herabregnens. keit. Nach amerikanischen Angaben soll bei einem
In der englischen Literatur wurden Bombenkonstruk- 150-kp-Behälter und einer Flughöhe von 15 m bei lang-
tionen für detonationsempfindliche feste Kampfstoffe samfliegenden Flugzeugen eine Fläche von 275 m Breite
beschrieben, die einen Erhitzersatz enthielten. Dieser und 1400 m Länge mit Yperit vergiftet werden können.
ließ den Kampfstoff bei Temperaturen unterhalb des Derartige Behälter eignen sich auch zum Einsatz von
Zersetzungspunktes schmelzen. Die Sprengladung braucht Nebel oder zum Absprühen verdickter Brandöle.
in solchen Bomben nur so groß zu sein, daß sie die Die beim Absprühen erzielten Teilchengrößen sind von
Bombenhülle aufreißt und die verflüssigte Kampfstoff- der Konstruktion der Düsen und von dem jeweiligen
ladung zerstäubt. Druck abhängig. Der Abtrieb der erzeugten Kampfstoff-
wolke und die Geschwindigkeit, mit der die Teilchen
10.1.2 Flugzeugabsprühgeräte niedersinken und damit die Größe des vergifteten Rau-
Die in der Literatur beschriebenen Flugzeugabsprüh- mes sind von der Flughöhe," der Fluggeschwindigkeit,
geräte werden in zwei Gruppen unterschieden: Druck- der Windrichtung und der Windgeschwindigkeit abhän-
geräte und Luftstromgeräte. Druckgeräte zum Abregnen gig-
chemischer Kampfstoffe bestehen aus einem stromlinien- Nach amerikanischen Ansichten ist das Abregnen des
förmigen Kampfstoffbehälter mit Einfüllöffnung und Kampfstoffes nur in Flughöhen bis zu 600 m zweckmäßig.

182 183
Aus größeren Höhen sind nur noch verdickte Kampfstoff- unbedeutender Zahl verschossen worden, so änderte sich
mischungen anwendbar, es sei denn, es herrschen sehr dieses Verhältnis gegen Ende des 1. Weltkrieges wesent-
günstige Windverhältnisse. lich. In der zweiten Marneschlacht von 1917 waren nicht
weniger als 60% aller Artilleriegranaten mit chemischen
Kampfstoffen gefüllt.
10.2 Anwendungsmöglichkeiten der Artillerie Große Schwierigkeiten hatten die Kampfstoffspezialisten
und der Werfer im 1. Weltkrieg zu überwinden, ehe sie alle Probleme, die
mit der Abfüllung und der ballistischen Stabilität der
Chemische Granaten und Werferverfahren wurden bereits Geschosse während des Fluges zusammenhingen, zufrie-
im 1. Weltkrieg zur Verbreitung chemischer Kampfstoffe denstellend gelöst hatten. Diese Schwierigkeiten wurden
angewandt. Insgesamt verschoß im 1.Weltkrieg die erst in monatelangen Versuchen überwunden.
Artillerie aller beteiligten Staaten etwa 66 Millionen Bei der Konstruktion chemischer Granaten sind gegen-
chemische Granaten und Wurfgranaten. In chemischen über normaler Sprengmunition zahlreiche Besonder-
Granaten können alle Arten chemischer Kampfstoffe heiten zu berücksichtigen. Die Sprengladung einer chemi-
verwendet werden. Die Anwendungsmöglichkeiten der schen Granate ist meist klein und reicht gerade aus, um
Artillerie haben viele Vorteile gegenüber anderen An- die Granate zu zerlegen. Sie befindet sich entweder in der
wendungsverfahren. So ist die Trefferwahrscheinlichkeit Spitze oder in einem zylinderförmigen Behälter in der
bei der Artillerie besser als beim Bombenabwurf, und der Mitte der Granate. Als Zünder dienen hochempfindliche
Einsatz der Artillerie ist auch unter beliebigen Wetter- Aufschlag-, Distanz- beziehungsweise Zeitzünder.
und Geländebedingungen möglich. Nachteilig wirkt sich Eine besondere Konstruktion erfordern chemische Grana-
jedoch die begrenzte Reichweite der Artillerie aus. Gegen- ten, die mit flüssigen chemischen Kampfstoffen gefüllt
über Brisanzgranaten haben chemische Granaten den werden sollen. Würde einfach der Hohlraum der Granate
Vorteil, daß es genügt, die Granate nur in unmittelbarer mit der Flüssigkeit ausgefüllt, so könnte beim Abschuß
Nähe des Zieles zur Detonation zu bringen, um Vergif- infolge des Beharrungsvermögens der Flüssigkeit eine der
tungen auch bei den Soldaten zu erreichen, die gegenüber Schußrichtung entgegengesetzte Flüssigkeitsbewegung
Sprenggranaten durch Bunker, Deckungen oder gepan- auftreten, durch welche die ballistische Stabilität der
zerte Fahrzeuge geschützt sind. Nachteilig für den Granate während des Fluges nicht "mehr gewährleistet
Einsatz chemischer Kampfstoffe durch die Artillerie ist wäre. Die ersten Granaten, die mit flüssigen chemischen
besonders die außerordentlich hohe Massierung von Kampfstoffen verschossen wurden, überschlugen sich tat-
Artilleriekräften, die zur Vergiftung einer großen Fläche sächlich während des Fluges oft in der Luft oder wichen
notwendig ist. zumindest stark von der Schußrichtung ab.
Im Verlaufe des 1. Weltkrieges nahm die Bedeutung der Diese Abweichungen wurden überwunden, indem man
chemischen Granaten ständig zu. Waren in den ersten Prallbleche in die Füllräume der Granaten einbaute oder
Jahren nur vereinzelt chemische Granaten in relativ den Kampfstoff von Kieselgur aufsaugen ließ.

184 185
Bei der Abfüllung des Kampfstoffes in die Granaten kam Gegen Ende des 1. Weltkrieges wurden von der deutschen
es während des 1. Weltkrieges oft zu schweren Vergif- Armee erstmals Kampfstoffgranaten mit Nasen- und
tungen. Diese Schwierigkeiten wurden mitunter dadurch Rachenreizstoffen eingesetzt, die eine Füllung von
umgangen, daß man den Kampfstoffinhalt in einem vor- Diphenylarsinchlorid und später von Diphenylarsinzyanid
gefertigten und bereits in den Betrieben gefüllten Blei- hatten. Nach ihrer Farbkennzeichnung wurden diese
behälter in die Granate einbrachte. Der Behälter wurde Granaten als Blaukreuz-Granaten bezeichnet. Sie brauch-
dann durch Kitt befestigt und der Zünder mit dem Spreng- ten einen höheren Sprengstoffsatz als flüssigkeitsgefüllte
satz im vorderen Teil der Granate festgeschraubt. Bei Granaten, da ja die festen Kampfstoffe nur als Aerosole
Flüssigkeitsfüllungen mußte ein Luftzwischenraum ge- ihre Wirkung auf die Schleimhäute des Nasen-Rachen-
lassen werden, der eine Ausdehnung der Flüssigkeit bei raumes entfalten.
Erwärmung gestattete. Bei einer 155-mm-Granate betrug
Der Kampfstoff mußte durch die Sprengladung auf eine
dieser Ausdehnungsraum etwa 30 cm3.
hohe Temperatur gebracht werden, bei der er besser
Als erste chemische Granaten mit ausgesprochenem Gift-
verdampfen und zerstäubt werden konnte. Zu diesem
stoffinhalt wurden 1915 Phosgengranaten eingesetzt.
Zwecke wurde der Kampfstoff in einer Blechhülse in die
Diese Granaten wurden bei der Detonation mit leisem
Sprengladung des Geschosses eingegossen. Das Verhältnis
Knall aufgerissen. Bei einer erfahrenen Truppe konn-
Sprengstoff zu Kampfstoff betrug dabei meist 2:1. Trotz
ten deshalb die Detonationsgeräusche zur Unterschei-
dieser Maßnahme wurde ein großer Teil des Kampfstoffes
dung chemischer Granaten von normalen Granaten die-
durch die Detonation und die damit verbundene Über-
nen. hitzung des Kampfstoffes zersetzt. Erst nach dem
Bild 5 zeigt einige chemische Granaten aus dem 1. Welt- 1. Weltkrieg wurde in England eine brauchbare Konstruk-
krieg, die infolge der geringen Sprengladung nur auf- tion für derartige Kampfstoffgranaten entwickelt, die eine
gerissen wurden.
wesentlich bessere Ausnutzung des Kampfstoffinhalts
gestattete. Bei dieser Konstruktion wurde — ähnlich wie
bei chemischen Bomben — ein Erhitzersatz in die Kampf -
stoffüllung eingebaut, der unmittelbar vor der Zerlegung
der Granate den Kampfstoff durch Erwärmung verflüs-
sigte. In diesem Falle ist zur Zerlegung der Granate nur
eine minimale Sprengladung nötig, sie braucht nur wenig
größer zu sein als bei flüssigkeitsgefüllten Granaten.
Eine andere Möglichkeit, Nasen- und Rachenreizstoffe
einzusetzen, besteht in der Verwendung konzentrierter
Lösungen. Mit derartigen Versuchen haben sich vor dem
Zerlegung von chemischen Granaten ohne Splitterwirkung aus dem 2. Weltkrieg einige Staaten beschäftigt, und es scheint,
1. Weltkrieg daß dabei brauchbare Ergebnisse erzielt worden sind.
186 187
konzentrationen vergiftet. Die Gaswerfer wurden einige
Schwierig ist aber die Wahl des Lösungsmittels, da einer- hundert Meter hinter dem ersten Graben in Gruppen von
seits der Kampfstoff in dem betreffenden Lösungsmittel 200 bis 300 Rohren in sogenannten Gaswerferfeldern
gut löslich sein und er andererseits schnell aus der Lösung eingegraben (Bild 7) und zentral gezündet. Für einen
durch Verdunstung des Lösungsmittels freigesetzt werden
muß. Günstig als Lösungen sind Kampfstoffe wie Chlor-
pikrin, Phenylarsindichlorid oder Äthylarsindichlorid. In
diesen Fällen ist das Lösungsmittel ebenfalls ein physio-
logisch stark wirksamer Stoff, der die Reizwirkungen des
gelösten Kampfstoffes verstärkt.
Besonderheiten in der Konstruktion weisen auch che-
mische Splittergranaten auf. Bei diesen Granaten sind in
die verfestigte Kampfstoffladung Metallkugeln oder
Stahldrahtstückchen eingegossen, die bei der Zerlegung
der Granate eine hohe Splitterwirkung entwickeln. Als
Füllung können praktisch alle die Kampfstoffe verwendet
werden, die auch für gewöhnliche chemische Granaten
geeignet sind. Bei einigen Konstruktionen, die für den
Einsatz im 2. Weltkrieg vorgesehen waren, wurden
klebrige Kampfstoffmischungen vom Yperit-Typ als
Ladung benutzt.
Im 1. Weltkrieg wurden in den Jahren 1917 und 1918
sogenannte Gaswerfer eingesetzt. Die ersten Werfer waren
noch recht primitiv. Aus einfachen Rohren wurden mit
Hilfe einer Treibladung Behälter mit leicht verdampfen- Französische Gaswerferflasche aus dem 1. Weltkrieg
den Kampfstoffen in die gegnerischen Stellungen geschos-
sen. Diese Behälter waren meist einfache kleine Stahl- Frontkilometer setzte man etwa 1000 Rohre ein. Dadurch
flaschen, die in der Längsachse eine Sprengladung hatten. konnten mit einem Schlage 20 000 kp Kampfstoff in die
Die Ladung wurde durch einen Zeitzünder noch über dem gegnerischen Stellungen geworfen werden. Für derart
Erdboden zur Detonation gebracht. Dadurch konnte der hohe Kampfstoffkonzentrationen reichten die damaligen
Kampfstoffinhalt der Flasche über eine große Fläche ver- Schutzmasken natürlich nicht aus. Durch überraschende
sprüht werden. Bild 6 zeigt eine derartige Gaswerferflasche, Überfälle konnten deshalb unter den gegnerischen
die für eine Phosgen-Füllung vorgesehen war. Truppen schwere Verluste verursacht werden.
Durch den massenhaften Einsatz der Gaswerfer wurden Die deutsche Armee setzte für derartige Angriffe Gas-
im 1. Weltkrieg große Flächen mit höchsten Kampfstoff-
189
188
werfer ein, die bei einem Kaliber von 160 mm und mit sich auch die schnelle Feuerbereitschaft und die große
gezogenem Rohr eine Schußweite bis zu 3500 m erreichten. Beweglichkeit (rascher Stellungswechsel) der Werfer
Die Wurfflaschen waren mit Phosgen gefüllt, das von auswirken. Aus dem 2. Weltkrieg sind die reaktiven
Bimssteinstückchen aufgesaugt war. Durch diese Füllung Werfer der faschistischen Wehrmacht (DO-Werfer) be-
konnten die ballistischen Eigenschaften wesentlich ver- kannt. Bild 8 zeigt einen derartigen Werfer mit sechs
bessert und die beschossenen Geländeabschnitte längere Rohren, aus denen die Granaten in kurzen Abständen
Zeit mit dem Kampfstoff vergiftet werden. Die Bims- nacheinander abgeschossen werden konnten.
steinstückchen, die nicht in den Erdboden eindrangen,
gaben den Kampfstoff nur langsam ab. Dadurch wurde
eine anhaltende Wirkung erreicht und der Einsatz selbst
bei feuchtem Wetter ermöglicht.

Deutsches Gaswerferfeld aus dem 1. Weltkrieg Mehrrohriger reaktiver Werfer aus dem 2. Weltkrieg

Eine Weiterentwicklung der Gaswerfer aus dem 1. Welt- Die reaktiven Geschosse der Werfer aus dem 2. Weltkrieg
krieg waren die im 2. Weltkrieg zahlreich eingesetzten enthielten im vorderen Teil des Geschosses die Treib-
reaktiven Granatwerfer. Auch durch diese Werfer, die sich ladung und im hinteren Teil die chemische Füllung. Die
durch hohe Feuergeschwindigkeit auszeichnen, können Geschosse konnten sowohl mit flüchtigen als auch mit
wirkungsvoll chemische Kampfstoffe eingesetzt werden. seßhaften chemischen Kampfstoffen gefüllt werden. In der
Das Gewicht einer reaktiven Wurfgranate beträgt etwa faschistischen Wehrmacht waren besonders Geschosse mit
40 bis 100 kp; als chemische Füllung kann eine Granate Yperit, Tabun, Phosgen, Phosgen-Nebelmischungen und
20 bis 60 kp Kampfstoff enthalten. Durch die große klebrigen Kampfstoffmischungen für den Einsatz vorgese-
Kampfstoffladung und die hohe Feuergeschwindigkeit der hen. Bild 9 zeigt den Aufbau dieser reaktiven Geschosse.
reaktiven Werfer sind höchste Kampfstoffkonzentrationen Nach dem 2. Weltkrieg ist durch verschiedene westliche
möglich. Nach Ansicht ausländischer Autoren sind die Veröffentlichungen bekannt geworden, daß man sich in
reaktiven Werfer das beste Mittel der Erdtruppen zur den kapitalistischen Staaten mit der Weiterentwicklung
Anwendung chemischer Kampfstoffe. Vorteilhaft sollen reaktiver Werfer beschäftigt. Im Vordergrund steht dabei

190 191
die Entwicklung mehrrohriger Werfersysteme auf Selbst- es im Falle eines Rückzuges und bei der Sicherung offener
fahrlafette und die Verbesserung des Verhältnisses der Flanken am zweckmäßigsten ist, Kampfstoffe vom Typ
chemischen Ladung zum Gesamtgewicht des Geschosses. des Yperits direkt aus Behältern im Gelände zu versprühen.
Nach dem 2. Weltkrieg sind sowohl Spezialfahrzeuge als
auch tragbare Sprühbehälter bekannt geworden, die diesem
Zwecke dienen sollen. Die faschistische Wehrmacht
besaß Halbkettenfahrzeuge, auf die ein Tank mit einem
Fassungsvermögen von 1000 bis 2000 1 montiert war.
Dieses geländegängige Fahrzeug konnte bei einem Kampf-
stoffinhalt von 1000 1 eine Fläche von 5,0 bis 15 ha je
nach Kampfstoffart und vorgesehener Vergiftungsdichte
chemisch sperren. Der Einsatz dieser Fahrzeuge war auf
Straßen, Wegen oder in befahrbaren Geländeabschnitten
möglich. Die Sprühbreite konnte durch entsprechende
Veränderungen der Sprühdüsen reguliert werden. Maxi-
mal konnte eine Breite von 30 m erreicht werden (Bild 10).

15-cm-reaktives Geschoß mit grünem bzw. gelbem Ring


1 - reaktiver Teil; 2 - Treibladung; 3 - ballistische Kappe; 4 - Verstärkung;
5 - Düse; 6 - Inneres Rohr mit Sprengladung; 7 - Bodenzünder; 8 - Grüner
bzw. gelber Ring, der die Kampfstoffart angibt; 9- Gewindepfropfen für
die Einfüllöffnung; 10 - Gewichtsklasse in römischen Ziffern; 11 - Bezeich-
nung des Sprengstoffes; 12 - Bezeichnung des Kampfstoffes; 13 - Bezeich-
nung der Geschoßart; 14 - Fülldatum der Granate; 15 - Fülldatum und
Kennzeichen der für die Füllung verantwortlichen Personen.
Deutsches Fahrzeug zur Geländevergiftung aus dem 2. Weltkrieg

10.3 Fahrzeuge und Geräte zur Geländevergiftung Der Kampfstoff wurde durch Preßluft versprüht, die
entweder aus Flaschen entnommen oder in einem mit-
Vor dem 2. Weltkrieg wurden in verschiedenen Staaten geführten kleinen Kompressor erzeugt wurde. Durch
Geräte entwickelt, die eine rasche Geländevergiftung Veränderung des Überdruckes im Behälter konnte die
ermöglichen sollten. Man ließ sich dabei davon leiten, daß Sprühdichte und die bei der Vergiftung von Gelände

192 193
wichtige Teilchengröße der Kampfstofftropfen verändert gezündet werden können, in dem der Gegner das Gelände
werden. Der zum Versprühen notwendige Druck war betritt. In der Literatur werden zumeist ferngezündete
abhängig von der Zähigkeit des Kampfstoffes und von der chemische Minen beschrieben, die durch Draht oder Funk
geplanten Vergiftungsdichte sowie von der Fahrgeschwin- zentral ausgelöst werden können. Mitunter können auch
digkeit des Fahrzeugs. chemische Minen mit Berührungszünder zweckmäßig sein.
In verschiedenen Veröffentlichungen sind tragbare Ge- Die faschistische Wehrmacht besaß im 2. Weltkrieg
ländevergiftungsgeräte beschrieben worden, die zur Ver- chemische Minen mit einem Kampfstoffinhalt von etwa
giftung von Bunkern, Häusern, Schluchten und Pfaden 10 1. Eine derartige Mine konnte mit einer Yperit-Füllung
verwendet werden sollten, also für Geländeabschnitte und eine Fläche von etwa 100 m2 vergiften. Einige Konstruk-
Stellen, die von Fahrzeugen nicht vergiftet werden tionen besaßen Ausstoßladungen, die den mit Kampfstoff
können. Diese Geräte entsprachen in ihrem Aufbau den gefüllten Behälter kurz vor der Detonation der Spreng-
bekannten Obstbaumspritzen für die Schädlingsbekämp- ladung ausstießen. Dadurch sollte eine bessere Flächen-
fung. Der notwendige Überdruck im Behälter wurde wirkung erreicht werden. Ähnlich waren auch chemische
meist durch eine Handluftpumpe geschaffen. Als Kampf- Splitterminen konstruiert.
stoffe für diese Behälter kamen Gifte vom Yperit-Typ in In Bild 11 wird eine ungetarnte chemische Mine
Betracht. Der Einsatz solcher tragbarer Behälter hätte zu gezeigt,
vielen Vergiftungen unter dem Bedienungspersonal ge-
führt, besonders, wenn versucht worden wäre, Kampf-
stoffe vom Typ des Tabuns anzuwenden.
In einigen ausländischen Veröffentlichungen wird in der
letzten Zeit davon gesprochen, daß es am zweckmäßigsten
ist, unwegsame Waldgebiete, Schluchten, Pfade und
Stellungen durch Hubschrauber, die mit den entsprechen-
den Absprühvorrichtungen ausgerüstet sind, zu vergiften.
Eine andere Möglichkeit, das Gelände zu vergiften,
bieten chemische Minen. In den letzten Jahren ist eine
Vielzahl solcher Minen bekannt geworden. Prinzipiell Chemische Mine
bestehen chemische Minen aus dem Kampfstoffbehälter,
der Sprengladung und der Zündvorrichtung. Als Füllung
10.4 Mittel zum Ablassen gasförmiger Kampfstoff-
können alle chemischen Kampfstoffe eingesetzt werden.
mischungen und Giftrauch
Es ist auch möglich, Minen mit kombinierter chemischer
und Splitterwirkung einzusetzen.
Im 1. Weltkrieg wurden häufig sogenannte Blasangriffe
Chemische Minen haben gegenüber der Geländevergiftung durchgeführt, bei denen aus Druckgasflaschen gasförmige
durch Fahrzeuge den Vorteil, daß sie in dem Augenblick Kampfstoffe abgelassen wurden. Als Kampfstoffe dienten

194 13* 195


Chlor, Phosgen sowie Mischungen dieser Stoffe. In den geschwindigkeiten eine geschlossene Kampfstoffwolke zu
Druckgasflaschen befindet sich der Kampfstoff im flüs- bilden, wären derart viel Abblasgeräte notwendig, daß der
sigen Zustand. Nachdem die Ventile geöffnet wurden, Aufwand in keinem Verhältnis zum Erfolg stehen
entströmt der Kampfstoff dem Druckgefäß und geht in würde.
den gasförmigen Zustand über. Dabei vermischt sich der Für Blasangriffe wurden im 1. Weltkrieg normale
Kampfstoff mit der umgebenden Luft und wird durch die Industrie-Druckgasflaschen verwendet, mit Ventilen, Ab-
Luftbewegung fortgetragen. Im 1. Weltkrieg wurden auf leitungen und Sprühdüsen. Meist wurden mehrere Düsen
diese Weise kilometerbreite Kampfstoffwolken erzeugt, und mehrere Flaschen zu einer Batterie verbunden, die
die bei günstigen Windverhältnissen in die gegnerischen elektrisch gleichzeitig in Tätigkeit gesetzt werden
Stellungen abgetrieben wurden. Nachteilig wirken sich bei konnten.
diesem Verfahren die starke Abhängigkeit von der Wind- Bild 12 zeigt einen derartigen Druckgasbehälter, der im
richtung, der Windgeschwindigkeit und der hohe Auf- 1. Weltkrieg verwendet wurde.
wand beim Einbau der Druckgasflaschen in den vordersten
Linien aus.
Am günstigsten für das Blasverfahren sind Windrichtun-
gen, die keine größere Abweichung als 30° von der
direkten Richtung zum Gegner haben. Jede weitere
Abweichung erhöht die Gefahr der Schädigung der
eigenen Truppen. Als günstigste Windgeschwindigkeiten
wurden im 1. Weltkrieg 3 bis 5 m/s ermittelt. Bei gerin-
geren Windgeschwindigkeiten ist es möglich, daß sich die
Kampfstoffwolke auch in die eigenen Stellungen verbrei-
tet. Bei diesen Geschwindigkeiten muß auch mit einem
schnellen Umschlagen des Windes in andere Richtungen
gerechnet werden.
Vereinzelt wurde im 1. Weltkrieg bei großflächigen Blas-
angriffen starke Luftabkühlung infolge Verdampfung des
Kampfstoffes beobachtet. Das führte zur Stagnation der
Kampfstoffwolke oder bei geringen Windgeschwindig-
keiten zum Umschlagen des Windes.
Bei Windgeschwindigkeiten über 5 m/s läßt sich meist
keine zusammenhängende Kampfstoffwolke erzielen, und
die Kampfstoffschwaden werden schnell über die gegne- Kampfstoffbehälter (Druckgasflasche)
rischen Objekte hinweggetragen. Um bei so hohen Wind- 1-Kampfstoff; 2 - Preßluft; 3-Saugrohr; 4-Ventil; 5 - Stutzen;
6 - Kappe; 7 - Gummischläuche; 8 - Zerstäuber; 9 - Behälter.

196 197
Die Druckgasbehälter ermöglichten meistens einen Kampf- gebrachte Kampfstoff durch eine Wärmequelle verdampft
stoffinhalt von etwa 10 bis 30 kp. Diese Kampfstoffmenge und die Dämpfe durch Kanäle an die Luft geführt
konnte je nach Düseneinstellung oder deren Konstruktion wurden.
in etwa 5 bis 15 min abgelassen werden. In dieser Zeit Sowohl Giftrauchkörper als auch die zuletzt beschriebenen
wurde der umgebenden Luft so viel Gas beigemischt, daß Reizstoffkörper können unter modernen Bedingungen
bei einer genügenden Anzahl von Druckgasbehältern eine noch eingesetzt werden. Es ist möglich, lang anhaltende
zur gefährlichen Vergiftung ausreichende Giftstoffmenge Giftrauchwolken zu erzeugen und damit den Gegner, der
sogar noch in 5 bis 10 km Entfernung wahrgenommen lange Zeit unter die Schutzmaske gezwungen wird, zu
werden konnte. erschöpfen. Das kann jedoch nur an Frontabschnitten
Um die Wirksamkeit der Blasangriffe zu erhöhen und die durchgeführt werden, an denen sich die Truppen längere
betroffenen Truppen zu demoralisieren, führte man im Zeit gegenüberliegen. Außerdem sind diese Giftrauch-
1. Weltkrieg sogenannte Wellenangriffe durch, das heißt, einsätze nur bei günstigen Windrichtungen und -geschwin-
der Kampfstoff wurde jeweils in Abständen von einigen digkeiten möglich. Nach verschiedenen Veröffentlichun-
Minuten abgeblasen. Dadurch wurden die gegnerischen gen können die geeigneten chemischen Kampfstoffe nur
Truppen auf breiten Frontabschnitten lange Zeit unter wirkungsvoll eingesetzt werden, wenn die Windgeschwin-
die Schutzmaske und in die Bunker gezwungen und damit digkeit 2 bis 4 m/s beträgt und keine aufsteigende Luft-
an der Erfüllung ihrer Kampfaufgaben gehindert. strömung herrscht. Bei günstigen Bedingungen soll eine
Eine andere Möglichkeit, die Luft zu vergiften, bieten die Wirkungstiefe bis zu 10 und 15 km erreicht worden sein.
sogenannten Giftrauchkörper. Als Giftrauchkörper oder Diese Tiefen dürften sich jedoch nur bei kilometerbreiten
chemische Schwelkörper bezeichnet man Nebelkörper Einsatzfronten und mit hochwirksamen Gift- oder Reiz-
oder Verdampfungsgeräte, bei denen durch einen Er- stoffen erzielen lassen.
hitzersatz chemische Kampfstoffe oder Kampfstoff-Nebel-
mischungen verdampft oder aerolisiert werden.
Bei Giftrauchkörpern entspricht der Aufbau und die
Handhabung normalen Nebelkörpern. Durch die Brand-
oder Nebelmischung wird der Kampfstoff verdampft. Als
Kampfstoffzusatz eignen sich in erster Linie Kampfstoffe
mit einem hohen Zersetzungspunkt, zum Beispiel Adamsit
oder Chlorazetophenon. Natürlich können auch Giftstoffe,
deren physikalische und chemische Eigenschaften dieser
Anwendungsmethode entsprechen, in Giftrauchkörpern
angewendet werden.
In den USA wurden in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg
Reizstoffkörper entwickelt, bei denen der gesondert unter-

198
11. Entgiftungs- und Lösungsmittel — Gemischte Verfahren sind solche, bei denen sowohl
Methoden zur Entgiftung chemischer Kampfstoffe chemische Umsetzungen als auch physikalische Vorgänge
ausgenutzt werden. Dazu rechnet man das Entfernen der
11.1 Die Entgiftung chemischer Kampfstoffe Kampfstoffe durch Feuer, heißes Wasser, Dampf usw.
Für die Entgiftung chemischer Kampfstoffe ist es wichtig,
Werden in einem Krieg chemische Kampfstoffe an- die Eigenarten und Zerstörungswirkungen der Entgif-
gewandt, spielt nicht nur der passive Schutz der Soldaten, tungsverfahren zu kennen, um Materialzerstörungen,
der Zivilbevölkerung, der Lager und der Transportmittel Korrosionserscheinungen usw. zu vermeiden.
eine überragende Rolle, sondern auch die Vernichtung der Die Entgiftung chemischer Kampfstoffe muß mit der
vom Gegner eingesetzten Kampfstoffe, das heißt ihre nötigen Vorsicht durchgeführt werden, um Vergiftungen
Entgiftung. Mit chemischen Kampfstoffen können das durch auftretende Kampfstoffdämpfe oder Schädigungen
Gelände, die Bekleidung, Waffen, Geräte, Transport- durch aggressive Entgiftungsmittel zu vermeiden.
mittel, Nachschubgüter, das Wasser und viele andere
Dinge vergiftet sein. Im allgemeinen brauchen nur Die Entgiftungsmittel und Lösungsmittel werden in folgende
Gegenstände, Geräte usw. entgiftet werden, die durch Gruppen untergliedert:
seßhafte Kampfstoffe vergiftet wurden. Abgesehen von 1. Aktivchlorhaltige Entgiftungsmittel
den Wintermonaten ist die Entgiftung flüchtiger Kampf- (Chlorkalk, Hypochlorite, Chloramine usw.)
stoffe nicht notwendig. Auch in geschlossenen Räumen 2. Alkalische Entgiftungsmittel
kann unter ungünstigen Umständen eine Entgiftung (Ätznatron, Soda, Natriumsulfid usw.)
flüchtiger Kampfstoffe erforderlich sein. 3. Oxydationsmittel
Die Entgiftungsmethoden und die dazu nötigen Stoffe (Kaliumpermanganat, Wasserstoffsuperoxyd usw.)
hängen ab von der Art des chemischen Kampfstoffes, dem i. Lösungsmittel
Material des vergifteten Gegenstandes und dessen Ober- (Tetrachlorkohlenstoff, Dichloräthan usw.)
flächenbeschaffenheit.
Beim feldmäßigen Einsatz wird angestrebt, mit einer
Die Entgiftungsmethoden kann man in chemische, geringen Zahl von Entgiftungs- und Lösungsmitteln aus-
physikalische und gemischte Verfahren gliedern. zukommen, um die Schwierigkeiten beim Nachschub zu
Bei chemischen Entgiftungsverfahren, wird der Kampfstoff vermindern.
durch die Reaktion mit dem Entgiftungsmittel zersetzt,
wobei sich ungiftige oder nur schwachgiftige Stoffe bilden.
11.1.1 Aktivchlorhaltige Entgiftungsmittel
Physikalische Entgiftungsverfahren zerstören den Giftstoff
nicht oder nur unbedeutend. Zu diesen Verfahren gehören 11.1.1.1 Chlorkalk
das Heißluftverfahren sowie das Abspülen und Ablösen Chlorkalk ist einer der wichtigsten Entgiftungsstoffe; er
der Kampfstoffe mit Lösungsmitteln oder oberflächen- kann zur Entgiftung von Geländeabschnitten und - im
aktiven Flüssigkeiten. beschränkten Umfang — auch zur Entgiftung von Geräten

200 201
angewendet werden. Er diente bereits im 1. Weltkrieg zur Chlorkalk muß — um unnötige Verluste zu vermeiden —
Entgiftung von Yperit. in luft- und wasserdichten Fässern oder sonstigen Be-
Chlorkalk ist ein weißes, durch Feuchtigkeit leicht zu- hältern gelagert werden. Die Lagerräume sollen kühl und
sammenbackendes Pulver mit einem stechenden Chlor- trocken sein und dürfen keine leicht brennbaren oder
geruch. Es ist in Wasser nur wenig löslich. Chemisch ist explosiven Stoffe enthalten.
Chlorkalk eine Mischung verschiedener Kalziumhypochlo- Zur Entgiftung können reiner Chlorkalk oder Wasser-
rite, Kalziumchlorid und Kalziumhydroxyd. Technischer aufschlämmungen und -breie verwendet werden. Im all-
Chlorkalk ist durch verschiedene Metallsalze, Sulfate und gemeinen benutzt man zur Entgiftung des Geländes eine
Karbonate verunreinigt. Aufschlämmung mit Wasser im Verhältnis 1:2 oder 1:4.
Chlorkalk ist gegen Feuchtigkeit nicht beständig. Selbst Bei der Entgiftung mit trockenem Chlorkalk muß beach-
der Feuchtigkeitsgehalt der Luft zersetzt diesen Ent- tet werden, daß bei der Umsetzung mit Kampfstoffen wie
giftungsstoff. Yperit die Oxydationsreaktion unter Flammenbildung
Die entgiftende Wirkung dieses Stoffes beruht darauf, stattfinden kann. Zur Entgiftung von Holzgegenständen,
daß er leicht Sauerstoff abgibt und dadurch die Oxydation Holzbrücken oder von Gelände mit trockenem Gras darf
der Kampfstoffe ermöglicht. deshalb bei trockenem Wetter nur eine Chlorkalk-
Die Aktivität des Chlorkalks wird durch seinen Aktiv- aufschlämmung verwendet werden.
chlorgehalt bestimmt. Bei der Bestimmung des Aktivi-
tätsgrades von Chlorkalk oder anderen aktivchlorhaltigen 11.1.1.2 Chlorkalk DS-
Stoffen rechnet man den durch die Umsetzung des ab- Chlorkalk DS ist ein Stoff, der etwa folgender chemischer
spaltbaren Chlors mit Wasser entstehenden Sauerstoff in ' Formel entspricht:
das äquivalente Chlor um. 16 p Sauerstoff (1 g-Atom)
Ca(OCl)2 • 2 Ca(OH)2
entsprechen bei dieser -Umrechnung 71p Chlor (2 g-
Atome). Er wird ähnlich wie Chlorkalk hergestellt und enthält in
100 p 25 %iger Chlorkalk entwickeln demnach bei der frischem Zustand 38 bis 40% Aktivchlor. Chlorkalk DS
Umsetzung mit Wasser soviel aktiven Sauerstoff, wie 25 p ist ein weißes kristallines Pulver mit starkem Chlor-
Chlor bei der Umsetzung mit Wasser. Hinsichtlich ihres geruch. Es löst sich in Wasser nur unvollständig. Die
Aktivchlorgehaltes werden auch alle anderen aktivchlor- Lagerstabilität ist größer als bei normalem Chlorkalk.
haltigen Verbindungen auf diese Weise eingeschätzt.
Frisch produzierter Chlorkalk enthält mindestens 35% 11.1.1.3 Chlorkalk DTS
Aktivchlor. Bei der Lagerung verliert dieser Chlorkalk Chlorkalk DTS ist ebenfalls ein basisches Kalziumhypo-
selbst bei guter Verpackung 0,25% Aktivchlor je Monat. chlorit mit einer Zusammensetzung, die etwa folgender
Chlorkalkreserven müssen deshalb periodisch erneuert Formel entspricht:
werden. Chlorkalk mit einer Aktivität unter 10% ist 3 Ca(OCl)2 • 2 Ca(0H)2 • H2O
nicht mehr zur vollständigen Entgiftung gebrauchsfähig.
Dieser Stoff enthält 56 bis 58% Aktivchlor und besteht

202
203
aus kleinen spitzen Kristallnadeln. Im Wasser ist Chlor- Infolge seiner chemischen Aktivität kann Sulfurylchlorid
kalk DTS besser löslich als Chlorkalk DS. Der in "Wasser nicht zur Entgiftung empfindlicher Gegenstände (Op-
unlösliche Rückstand besteht aus Kalziumhydroxyd und tiken, Meßgeräte usw.) verwendet werden.
beträgt etwa 25%.
Zur Entgiftung können Chlorkalk DS und DTS als Pulver 11.1.1.6 Monochloramin B (DT-1)
oder in Wasseraufschlämmungen verwendet werden. Mit Monochloramin B ist ein weißes, kristallines Pulver mit
Stabilisatoren lassen sich aus Chlorkalk DTS in Wasser Chlorgeruch. Seine chemische Formel ist
genügend beständige Emulsionen herstellen, die sich gut C6H5SO2NClNa • 3 H2O.
zur Geländeentgiftung eignen und mehrere Stunden stabil
bleiben. Monochloramin B besitzt einen Aktivchlorgehalt von
etwa 30%. Sein Schmelzpunkt liegt bei 180 bis 185 °C.
11.1.1.4 Losantin, Perchloron und Caporit Es ist gut löslich in Wasser und Alkohol. Mit den wäßrigen
Losantin ist ein Entgiftungsstoff, der in Deutschland in gro- oder Wasser-Alkohol-Lösungen des Stoffes können die
ßen Mengen hergestellt wurde. Dieser Stoff enthielt 40 % Bekleidung, die Haut sowie Geräte entgiftet werden.
Aktivchlor und wurde durch Vermischen von 65 % Kal- 11.1.1.7 Monochloramin T (DT-1 T)
ziumhypochlorit mit 35 % gelöschtem Kalk hergestellt.
Perchloron und Caporit sind aktivchlorhaltige Entgif- Monochloramin T ist dem Monochloramin B ähnlich. Es
tungsstoffe, die bis zu 70 % Aktivchlor enthalten. Sie sind ist chemisch die entsprechende Toluolverbindung:
bedeutend beständiger als Chlorkalk und lösen sich teil- CH3C6H4SO2NClNa • 3 H2O.
weise unter Bildung eines geringen Bodensatzes in Wasser. Es enthält 24% Aktivchlor und schmilzt bei 175 bis
180 °C. Es entspricht in seinen Eigenschaften dem Mono-
11.1.1.5 Sulfurylchlorid
chloramin B.
Sulfurylchlorid SO2C12 ist eine gelbliche Flüssigkeit mit
einem stark stechenden Geruch. Der Siedepunkt liegt 11.1.1.8 Dichoramin B (DT-2) .
bei 69 °C und der Schmelzpunkt bei - 54 °C. Die Flüch- Dichloramin B ist das Dichloramid der Benzolsulfonsäure
tigkeit des Stoffes ist bedeutend, so daß beim Umgang
mit ihm größte Vorsicht geboten ist. Wird Sulfurylchlorid C6H5SO2NC12.
umgefüllt, muß die Schutzmaske getragen werden, um Es enthält 58 bis 61 % Aktivchlor und schmilzt bei 70 bis
Vergiftungen zu vermeiden. 72 °C. In Wasser ist Dichloramin B unlöslich, gut löslich
Sulfurylchlorid ist ein geeignetes Entgiftungsmittel für jedoch in chlorierten organischen Lösungsmitteln. In
chemisch stabile Kampfstoffe und kann im Winter in Kohlenwasserstoffen ist die Löslichkeit ebenfalls gering.
Mischungen mit Lösungsmitteln zur Geländeentgiftung Zur Entgiftung können Lösungen in Tetrachlorkohlen-
verwendet werden, wenn keine wäßrigen Entgiftungs- stoff, Dichloräthan und Trichloräthylen verwendet
lösungen zum Einsatz kommen können. werden.

204 205
11.1.1.9 Dichloramin I (DT-2 T) 11.1.1.12 Isozyanurtrichlorid
Dichloramin T ist eine dem Dichloramin B entsprechende Isozyanurtrichlorid ist ein Entgiftungsstoff, der besonders
Toluolverbindung: für die Entgiftung von Stickstoff-Yperit verwendet
CH3C6H4SO2NC12 werden kann. Seine chemische Formel ist:

Es enthält 57 bis 59 % Aktivchlor und schmilzt bei 80 bis


83 °C. In seinen Eigenschaften ist es dem Dichloramin B
ähnlich.

11.1.1.10 Hexachlormelamin (DT-6)


Hexachlormelamin ist ein äußerst aktiver Entgiftungs-
stoff mit einem Aktivitätsgrad von 115 bis 120%. Es ent-
spricht in seiner Zusammensetzung folgender Formel:
In der ehemaligen faschistischen Wehrmacht wurde eine
Mischung von 50% Isozyanurtrichlorid mit 50% Quarz-
sand als Entgiftungsstoff 40 bezeichnet.

11.1.2 Alkalische Entgiftungsmittel

11.1.2.1 Ätznatron
Ätznatron (Natriumhydroxyd, NaOH) ist ein in der che-
Hexachlormelamin besteht aus gelblichen Kristallen, die mischen Industrie vielverwendeter Rohstoff.
bei Erhitzung detonieren. Es muß deshalb kühl und Es ist eine weiße, spröde und stark hygroskopische Masse
trocken gelagert werden und darf nicht mit brennbaren mit einem spezifischen Gewicht von 2,13. In den Handel
organischen Materialien zusammengebracht werden. Zur kommt Ätznatron in Form von Stangen, Schuppen oder
Entgiftung können Lösungen in chlorierten organischen eingegossen in Blechbehälter. Es ist in Wasser und Alkoho-
Lösungsmitteln eingesetzt werden. len gut löslich. Die wäßrige Lösung (Natronlauge) reagiert
stark alkalisch und kann zur Entgiftung verwendet werden.
11.1.1.11 Methansulfonsäuredichloramid CH3SO2NC12
Ätznatron löst sich in Wasser unter erheblicher Wärmeent-
Methansulfonsäuredichloramid ist ein Entgiftungsstoff, wicklung auf, die bei Nichteinhalten der Lösungsvorschrif-
der einen Aktivchlorgehalt von 85,5 bis 86,5% und einen ten bis zum Sieden der Lösung führen kann. Man löst
Schmelzpunkt von 75 bis 77 °C besitzt. Es löst sich gut deshalb das Ätznatron stückweise in viel Wasser auf. Zum
in Benzin, schwerer in Dichloräthan und kann wie die Schutze vor Verätzungen müssen beim Lösen Schutzbrillen,
Dichloramine verwendet werden. Schutzkittel und Schutzhandschuhe getragen werden.

206 207
11.1.2.2 Ätzkali 11.1.8 Oxydierende Entgiftungsmittel
Ätzkali (Kaliumhydroxyd KOH) ist eine analoge Ver- 11.1.3.1 Kaliumpermanganat
bindung zu Ätznatron. Es kann ebenfalls zur Herstellung
Kaliumpermanganat (KMnO4) dient in wäßriger Lösung
alkalischer Entgiftungslösungen verwendet werden.
zur Entgiftung von Lewisit, Yperit und einigen anderen
11.1.2.3 Soda Kampfstoffen. Es wirkt oxydierend auf diese Kampfstoffe
und kann besonders bei der Entgiftung von Glas- und
Soda (Natriumkarbonat, Na2CO3) kann in vielen Fällen Metallgeräten verwendet werden. Kaliumpermanganat
in wäßriger 1- bis 5%iger Lösung als Entgiftungsmittel bestellt aus blauvioletten Kristallen, die sehr leicht in
verwendet werden. Besonders wirksam sind angewärmte Wasser löslich sind und eine intensive Färbekraft besitzen,
Sodalösungen für die Entgiftung der Phosphorsäureester-
Kampfstoffe. 11.1.3.2 Wasserstoffsuperoxyd
11.1.2.4 Ammoniak Wasserstoffsuperoxyd H2O2 ist eine farblose Flüssigkeit,
die meist in einer 30%igen Mischung (Perhydrol) in den
Ammoniak (NH3) dient sowohl als Gas als auch in seiner Handel kommt. Sie kann auf etwa 5 % verdünnt zur Ent-
wäßrigen Lösung (Ammoniakwasser) als Entgiftungs- giftung der Haut eingesetzt werden.
mittel.
Ammoniak ist ein stechend riechendes Gas, dessen wäß- 11.1.3.3 Salpetersäure
rige Lösung stark alkalisch reagiert. Es kann im militäri-
Salpetersäure HN0 3 kann in Laboratorien zur Entgiftung
schen Einsatz hergestellt werden, indem Ammoniumkarbo-
von Laborgeräten verwendet werden. Sie ist eine starke
nat auf über 60 °C erhitzt wird, wobei es sich zersetzt.
Säure, die in konzentrierter Form eine hohe Oxydations-
Ammoniakgas oder Ammoniakwasser wird besonders bei
kraft besitzt.
der Entgiftung von Bekleidung im Heißdampfverfahren
verwendet. Ammoniak wirkt auf Textilien nicht so zer-
störend wie Ätznatron oder Ätzkali. 11.1.4 Lösungsmittel
11.1.4.1 Tetrachlorkohlenstoff
11.1.2.5 Natriumsulfid
Tetrachlorkohlenstoff CC14 ist eine farblose, süßlich
Natriumsulfid (Na2S) ist eine graue oder graugelbe Masse riechende Flüssigkeit mit einem Siedepunkt von 77 °C.
mit Schwefelwasserstoffgeruch. Das spezifische Gewicht Der Schmelzpunkt liegt bei — 24 °C. Das spezifische
beträgt 1,85. Im Handel ist meist 60%iges Natriumsulfid Gewicht beträgt bei 20 °C 1,59.
erhältlich (Schwefelleber). Natriumsulfid ist in Wasser und Tetrachlorkohlenstoff brennt nicht und kann als Lösungs-
Alkohol gut löslich. Seine wäßrige Lösung reagiert alkalisch mittel für viele Entgiftungsstoffe (Chloramine) und für
und kann zur Entgiftung von halogenhaltigen Reizstoffen Kampfstoffe verwendet werden. Im Sommer können zur
und Phosphorsäureester-Kampfstoffen verwendet werden. Entgiftung 5- bis 10%ige Lösungen von Di- oder Hexa-

208 209
chloraminen verwendet werden. Im Winter lösen sich nur 12. Die Entgiftung von Holz-, Metall-
kleine Mengen von Chloraminen, so daß andere Lösungs- sowie anderen Oberflächen und Geräten
mittel verwendet werden müssen.
12.1 Rohe Holzoberflächen
11.1.4.2 Dichloräthan
Dichloräthan C1CH2CH2C1 ist ein viel benutztes Lösungs- Flüssige chemische Kampfstoffe (Yperit, Lewisit, Sarin
mittel für Dichloramine. Es ist eine farblose, mitunter und Soman) dringen schnell in rohe Holzoberflächen ein,
gelbliche Flüssigkeit mit schwachem Chloroformgeruch. während klebrige Kampfstoffmischungen ziemlich fest
Der Siedepunkt liegt bei 83 bis 84 °C und der Schmelz- haften können. So dringt beispielsweise flüssiges Yperit
punkt bei — 35 °C. Bei 20 °C beträgt das spezifische innerhalb von 2 bis 5 min etwa 0,5 bis 3 cm tief in
Gewicht 1,25. weiches Holz ein, wobei das Eindringen entlang der Holz-
Dichloräthan löst die meisten chemischen Kampfstoffe fasern schneller geht als quer zum Faserverlauf. Bei Hart-
gut. Dichloräthan wirkt als Nerven- und Atmungsgift, holz (Eiche, Buche) beträgt die Eindringtiefe nur wenige
deshalb muß beim Umgang mit diesem Stoff die Schutz- Millimeter.
maske getragen werden. Zur Entgiftung können 5- bis Rohe Holzflächen oder schwach gebeizte Holzteile werden
10%ige Lösungen von Dichloraminen oder Hexachlor- mit Lösungen entgiftet, die eine ausreichend tiefe Ent-
melamin verwendet werden. Die Lösungen der Chloramine giftungswirkung garantieren. Die Holzoberfläche wird
in Dichloräthan sind nicht lange lagerfähig und müssen mit der Entgiftungslösung abgespritzt oder — wenn Ent-
erst kurz vor dem Verbrauch angesetzt werden. giftungsgeräte fehlen — mit einem Tuch oder mit Pinseln
bestrichen. Etwa 10 bis 15 min nach dem ersten Auf-
11.1.4.3 Tetrachloräthan C12CHCHC12 spritzen wird nochmals Entgiftungslösung aufgetragen,
Tetrachloräthan ist eine farblose Flüssigkeit, die als damit die Lösung tief genug in das Holz eindringen kann.
Lösungsmittel für Entgiftungs- und Kampfstoffe verwen- Um eine ausreichende Entgiftungswirkung zu erzielen,
det werden kann. Der Siedepunkt liegt bei 146,2 °C und der muß die Entgiftungslösung etwa 15 bis 30 min lang auf
Schmelzpunkt bei - 42,5 °C. Bei 20 °C entspricht das die Holzoberfläche einwirken. Danach wird die Oberfläche
spezifische Gewicht 1,6. mit Wasser oder Waschlösung abgerieben und anschlie-
ßend abgetrocknet.
11.1.4.4 Triehloräthylphosphat Wird Natronlauge zur Entgiftung von Holzoberflächen
Trichloräthylphosphat (C1C2H4)3PO4 ist eine farblose, verwendet, so ist es nach der Entgiftung notwendig, die
zähe Flüssigkeit, die in Wasser unlöslich ist. Das spezi- Oberfläche mit schwacher Essigsäurelösung abzuwaschen,
fische Gewicht beträgt bei 20 °C 1,43. Dieser Stoff diente um die überschüssige Natronlauge zu neutralisieren. Dafür
in der ehemaligen faschistischen Wehrmacht für Methan- können auch schwache Salzsäurelösungen (3 bis 5%) ver-
sulfonsäuredichloramid als Lösungsmittel (Waffenentgif- wendet werden. Zur Entgiftung von Holzoberflächen
tungsmittel). werden folgende Mengen Entgiftungslösung benötigt:

210 211
Kampf stoffarten bedeckter Haut in Berührung kommen können (Spaten -
Entgiftungslösung flüssiges klebriges Sarin,
und Schaufelstiele, Bedienungshebel usw.) mit Folien,
Yperit Yperit Soman, Papier oder anderem Material bedeckt werden.
und Lewisit und Lewisit Tabun
l/m 2 l/m 2 Kleinere Holzgegenstände können eventuell auch wir-
kungsvoll entgiftet werden, wenn sie in schwacher Soda-
10% Monochloramin lösung 10 bis 20 min lang auf 50 bis 80 °C erhitzt
in Wasser 0,7 1,0
werden. Diese Entgiftungsmöglichkeit ist sowohl für
10% Dichloramin
in Dichloräthan . . . 0,5 0,7 Yperit und Lewisit als auch für Sarin, Tabun und Soman
5%ige Natronlauge. 0,5 zweckmäßig.
20- bis 25%iges Schwierig kann die Entgiftung von Holz sein, das mit
Ammoniakwasser.. 0,5 bis 0,7 Stickstoff-Yperit vergiftet wurde. Hier sind größere
5% ige Sodalösung Mengen und längere Einwirkungszeiten erforderlich. In
50 bis 60 °C warm. 0,7 bis 1,0
jedem Falle muß dort, wo eine einwandfreie Entgiftung
erreicht werden soll, nach der Entgiftung der betreffende
Chlorkalk und Chlorkalkbreie können mit Erfolg nur zur
Gegenstand mit Lösungsmitteln (Dichloräthan, Tetra-
Entgiftung von Lewisit, Yperit und klebrigen Mischungen
chlorkohlenstoff, Benzin, Benzol oder Alkohol) gereinigt
dieser Kampfstoffe verwendet werden. Zu diesem Zweck
werden. Bei Stickstoff-Yperit ist immer eine anschließende
sind der Chlorkalk oder der Chlorkalkbrei auf die ver-
Reinigung mit Lösungsmitteln zweckmäßig.
giftete Holzoberfläche aufzutragen und dort etwa 30 bis
40 min lang zu belassen. Wird Chlorkalk verwendet, ist
der Brei aus einem Teil Chlorkalk und 2 Teilen Wasser
durch Verrühren herzustellen. Je Quadratmeter wird 12.2 Lackierte Holzoberflächen
etwa 1 kp Brei benötigt. Unter Umständen kann auch die
notwendige Menge Chlorkalk auf der Oberfläche mit Die Entgiftung lackierter Holzoberflächen ist meistens
Wasser angefeuchtet werden. einfacher als die roher Holzflächen. Die Entgiftungsmittel
War rohes Holz längere Zeit der Einwirkung von Kampf- und -methoden sind dabei die gleichen wie bei rohen
stoffen ausgesetzt, so kann der Kampfstoff nach einer Flächen. Von Vort?il ist, daß der Kampfstoff in lackierte
nicht tief genug erfolgten Entgiftung nach Stunden oder Holzoberflächen wesentlich langsamer eindringt als in
Tagen wieder ausgeschwitzt werden und so Vergiftungen unlackierte. Bei mit Ölfarbe gestrichenen Flächen ist die
verursachen. Daher muß die entgiftete Oberfläche ständig Eindringtiefe meist nicht größer als 2 bis 4 mm.
einer Kontrolle unterzogen und — wenn notwendig — Schwierigkeiten können bei der Entgiftung entstehen,
nochmals entgiftet werden. wenn der Lack durch das Lösungsmittel des Entgiftungs-
Sollen Holzgegenstände unmittelbar nach der Entgiftung stoffes abgelöst wird (Dichloräthan). Hier ist von Fall zu
verwendet werden, so müssen die Stellen, die mit un- Fall zu entscheiden, ob entweder das Ablösen des Lackes
in Kauf genommen werden kann oder ob andere Lösungs-
212
213
mittel angewendet werden müssen (Alkohole). Bei guten, 12.3 Metalloberflächen
lösungsmittelfesten Lacken (PVC-Lacken oder Einbrenn-
lacken) kann die Entgiftung auch nur mit Lösungsmitteln Wie bei Holzoberflächen sind auch bei Metallflächen Unter-
durchgeführt werden. In diesen Fällen werden die Kampf- schiede bei der Entgiftung unlackierter und lackierter Flä-
stofftropfen mit einem Wattebausch, mit Lappen oder chen zu beachten. Unlackierte, glatte und nicht eingefettete
Putzwolle entfernt und die Oberfläche mit dem Lösungs- Metallflächen lassen sich verhältnismäßig leicht entgiften,
mittel abgebürstet. Die lackierte Oberfläche muß aber da der Kampfstoff nur an der Oberfläche haften bleibt.
mehrmals mit dem Lösungsmittel abgebürstet und ab- Verschiedene klebrige Kampfstoffmischungen besitzen
gerieben werden, um sicher zu sein, daß alle Kampfstoff- allerdings eine ziemlich hohe Haftfestigkeit und müssen
reste entfernt werden. Bei der Entgiftung mit Lösungs- mit Schabern oder Bürsten entfernt werden.
mitteln wird etwa 1 l/m2 benötigt. Bei Metallflächen ist darauf zu achten, daß einige Ent-
Bei Kampfstoffen vom Typ des Sarins ist es möglich, giftungsmittel die Korrosion beschleunigen können. So
daß bei Ölfarben oder nur wenig chemikalienfesten Lacken sind die Chloraminlösungen für empfindliche Metallober-
bei einer Einwirkungszeit von mehreren Stunden eine flächen wenig geeignet, da besonders Eisen nach der Ent-
ziemlich große Kampfstoffmenge vom Lack aufgenom- giftung starken Rost zeigen kann. Aus diesem Grunde
men wird. Dann ist eine Entgiftung oft nicht aus- werden bei der Entgiftung von Eisenoberflächen nur
reichend. Um Vergiftungserscheinungen beim Gebrauch schwache Chloraminlösungen verwendet und die Ein-
dieser Gegenstände zu vermeiden, muß entweder mehr- wirkungszeiten möglichst kurz gehalten.
mals entgiftet werden, oder die Lackoberfläche wird ab- Es ist auch zweckmäßig, bei der Entgiftung von Yperit,
geschabt. Notfalls kann der Gegenstand auch mit Lappen, Lewisit und deren klebrigen Mischungen nur 5%ige Di-
Stoffstreifen und anderen Hilfsmitteln, die mit schwacher chloraminlösungen in Dichloräthan zu verwenden und
Sodalösung getränkt sind, umwickelt werden. diese auch nur etwa 5 min lang auf die Metalloberflächen
Wenn keine andere Möglichkeit besteht, können lackierte einwirken zu lassen. Um in dieser kurzen Zeit bei hohen
Oberflächen auch mit heißer Sodalösung abgewaschen Vergiftungsdichten trotzdem eine sichere Entgiftung zu
werden, die eine Temperatur von über 70 °C besitzt. Das erreichen, müssen vor der Anwendung der Entgiftungs-
Abwaschen muß unter starkem Bürsten erfolgen und lösung die größeren Kampfstoffteilchen (Tropfen, Fladen)
mehrere Male wiederholt werden. Dabei werden etwa 5 mit geeigneten Mitteln (Schaber, Lappen, Wattebausche)
bis 10 1 Sodalösung pro Quadratmeter verbraucht. Wird abgetupft beziehungsweise abgeschabt werden. Nachdem
Waschmittel- und sodafreies Wasser verwendet, sind etwa die Entgiftungslösung eingewirkt hat, müssen ihre Über-
10 bis 15 1 siedendes Wasser pro Quadratmeter notwendig. reste sofort mit Lösungsmitteln oder Waschlösungen ent-
fernt werden. Das muß bei sehr empfindlichen Geräten
zweimal durchgeführt werden. Danach wird die Metall-
oberfläche mit Tüchern oder Lappen abgetrocknet und
sorgfältig eingefettet oder eingeölt.

215
Auch zur Entgiftung von Sarin und Soman auf Metall- Entgiftungslösung getaucht und anschließend abgebürstet
oberflächen kann bei der Anwendung von Natronlauge und abgerieben.
eine nur 5%ige Lösung von Ätznatron in Wasser ge- Schwieriger ist die Entgiftung von Metallteilen mit rauher
braucht werden. Natronlauge darf nicht zur Entgiftung oder poröser Oberfläche oder von solchen Metallflächen,
von Aluminiunioberflächen dienen. Zu diesem Zweck bei denen der Kampfstoff in Kitzen, Nuten usw. ein-
müssen Ammoniaklösungen (10 bis 15%) oder warme gedrungen ist. In diesen Fällen ist zu berücksichtigen, ob
Sodalösungen (3 bis 5%) eingesetzt werden. die Funktionstüchtigkeit des Gerätes durch den höheren
Die Verbrauchsnormen bei der Entgiftung von glatten Verbrauch von Entgiftungsmitteln oder durch längere
Metalloberflächen: Einwirkungszeiten gemindert wird. Manchmal ist es
zweckmäßiger, mit Entgiftungs-Aerosolen zu arbeiten.
Kampf stoffarten Zu diesem Zweck wird das Entgiftungsmittel in kleinsten
Teilchen versprüht, die als Schwebstoff (Aerosol) in die
Entgiftungslösung flüssiges klebriges Soman,
Yperit Yperit Sarin, tiefsten Stellen eindringen können. Durch den Zusatz
und Lewisit und Lewisit Tabun
l/m2
von Korrosionsschutzmitteln kann die aggressive Wir-
kung der Entgiftungsstoffe wesentlich gemildert werden.
5% Monochloramin Derartige Verfahren eignen sich besonders für die Ent-
in Wasser 0,5 0,7 giftung wertvoller Geräte.
5% Dichloramin
in Dichloräthan 0,3 0,5 Da es trotz dieser Sonderverfahren aber immerhin mög-
5% ige Natronlauge 0,3 lich ist, daß komplizierte Metallgeräte nicht vollständig
10- bis 15%iges' entgiftet werden, müssen — um schwierige und langwierige
Ammoniakwasser 0,3 Entgiftungsverfahren zu vermeiden — alle Geräte und
3- bis 5% ige Sodalösung Gegenstände bei Gefahr eines chemischen Überfalls
50 bis 60° warm 0,5
abgedeckt oder die Ritzen, Nuten usw. mit Kitt, Lehm
Zur Entgiftung grober Metalloberflächen, bei denen eine und ähnlichen Stoffen verschmiert werden.
eventuelle Rostbildung die Gebrauchstüchtigkeit des Bei lackierten Metalloberflächen kann nach einer längeren
Gerätes nicht beeinflußt, können auch Chlorkalkbrei oder Einwirkungszeit der Kampfstoff in die Lackschichten
entsprechende Emulsionen zur Entgiftung von Yperit, eindringen. Das ist besonders bei Yperit, Lewisit, Sarin
Lewisit und Stickstoff-Yperit verwendet werden. Da- und Soman zu erwarten. Dabei kann sich die Lackschicht
bei sind je Quadratmeter Fläche etwa 0,7 kp (~ 0,7 1) verändern (dunkle Stellen, Blasen, Ablösen der Lack-
notwendig. Sind Metalloberflächen mit Stickstoff-Yperit schicht). Am wenigsten dringen Kampfstoffe in chemi-
vergiftet, müssen die Flächen nach der Entgiftung noch- kalienbeständige Lackschichten ein (PVC-Lacke, Ein-
mals mit Lösungsmitteln abgebürstet werden, um auch brennlacke).
die nicht zersetzten Kampfstoffreste sicher zu entfernen. Lackierte Flächen werden wie unlackierte Metallober-
Kleinere Metallgegenstände werden in die entsprechende flächen entgiftet. Werden Entgiftungslösungen angewen-

216 15 Kampfstoffe 217


det, die organische Lösungsmittel enthalten, so besteht packungsoberfläche erforderlich ist. Am günstigsten sind
die Gefahr, daß sich die Lackschicht ablöst. Um eine ein- Verpackungen in luftdicht schließenden Metallbehältern
wandfreie Entgiftung zu garantieren, sollte lieber das oder Verbundfolien (möglichst Aluminiumverbundfolie
Ablösen der Lackschichten in Kauf genommen werden. mit Polyamid oder Polyäthylen).
Auch hier zeigt sich, daß schon bei der Konstruktion der
verschiedenen Geräte diese Gesichtspunkte berücksichtigt
werden müssen. Grundsätzlich sollte ihre Oberfläche so 12.4 Gummi- und Plastoberflächen
gestaltet werden, daß sie schnell entgiftet werden kann; Kampfstoffe vom Typ des Yperits oder des Sarins können
sie sollte auch nur mit Lacken bestrichen werden, die bei längerer Einwirkung ziemlich tief in Gummi- oder
gegenüber Entgiftungsmitteln weitgehend beständig sind. Plastteile eindringen. Die Eindringtiefe ist von der
Lackierte Metalloberflächen können auch mit Chlorkalk- Kampfstoffmenge, den spezifischen Eigenschaften und
brei oder entsprechenden Emulsionen entgiftet werden. dem Material abhängig.
Dabei sind etwa 0,5 kp Chlorkalkbrei oder 0,7 1 Chlor-
Die Eindringgeschwindigkeit von Yperit ist in Weich-
kalkemulsion erforderlich.
gummiteilen beispielsweise höher als bei Hartgummi-
Feinmechanische und optische Geräte lassen sich meist erzeugnissen; auch bei Plasten zeigen sich ähnliche Ver-
recht schwierig entgiften. Dabei können Funktions- hältnisse (weichgemachtes PVC nimmt Kampfstoff
minderungen durch Kratzer auf der polierten Oberfläche, schneller auf als Hart-PVC, Polyäthylen, Oppanol-
Ablösen von Kittstellen bei Linsensystemen und ähnliche mischungen oder harte Plaste).
Schäden auftreten. Am besten können derartige Geräte Kleine Gummi- oder Plastteile werden durch ein- oder
entgiftet werden, indem man sie in Alkohol, Benzin oder mehrstündiges Kochen in Wasser entgiftet, soweit das
andere weniger lösend wirkende Mittel eintaucht. Material eine derartige Behandlung verträgt.
Bei größeren Gegenständen müssen die Kampfstoff- Große Gummi- oder Plastteile (Autoreifen u. ä.) können
tropfen vorsichtig mit "Wattebauschen, Lappen usw. durch Chlorkalkbrei entgiftet werden. Die Entgiftungs-
abgetupft oder abgerieben und anschließend mit lösungs- mittel und -methoden entsprechen denen bei Holz-
mittelgetränkten Tupfern entfernt werden. oberflächen.
Bei chirurgischen Instrumenten werden am besten Koch-
Die Schutzausrüstung (Schutzanzüge, -Strümpfe, -hand-
entgiftungsverfahren angewendet. So kann bei Kampf-
schuhe, Gummistiefel) wird in warmen oder heißen Soda-
stoffen vom Yperit-Typ durch einstündiges Kochen in
lösungen oder durch Abreiben mit Chlorkalkemulsionen
2- bis 3%iger Sodalösung und bei Kampfstoffen vom
entgiftet. Wichtig ist, daß möglichst sofort nach der ersten
Sarin-Typ durch halbstündiges Kochen in der gleichen
Einwirkung des Kampfstoffes entgiftet wird, um ein
Lösung nach vorheriger mechanischer Reinigung ent-
tiefes Eindringen zu verhindern. Bei geringwertigen
giftet werden. Medikamente, Verbandmaterialien und
Gummi- oder Plasterzeugnissen kann es oft besser sein,
Lebensmittel sollen so verpackt werden, daß gegebenen-
die vergifteten Gegenstände zu vernichten, anstatt zeit-
falls nur eine Entgiftung oder Entaktivierung der Ver-
raubende Entgiftungsverfahren anzuwenden.

218 219
12.5 Glas- und Keramikoberflächen Wie die hohen Lüftungszeiten zeigen, ist diese Methode
unzweckmäßig. Schneller und sicherer sind Wasch-,
Glas- und Porzellangeräte lassen sich leicht entgiften, Dampf- und Heißluftverfahren. Sollen die vergifteten
weil der Kampfstoff nicht in sie eindringen kann. Es sind Bekleidungsstücke durch Kochen entgiftet werden, müssen
die gleichen Entgiftungsmittel und -methoden anzuwen- etwa 2 %ige Sodalösungen angewandt werden.
den wie bei Metalloberflächen. Die Verbrauchsnormen Bei Baumwollstücken ist nach einer Kochzeit von
sind aber meistens geringer als bei diesen. Optische Gläser etwa 30 min der Kampfstoff vollständig zersetzt. Wollene
oder Fensterscheiben können mit Lösungsmitteln bear- Bekleidungsstücke erfordern eine Temperatur von 70 °C
beitet werden. Schwieriger ist die Entgiftung poröser Kera- und den Gebrauch von Feinwaschmitteln. Die Entgif-
mikteile. Hier hilft meist nur mehrstündiges Kochen oder tungszeit beträgt etwa 40 min.
die intensive Behandlung der Teile mit heißer Sodalösung. Bei Dederonbekleidungsstücken reicht es aus, wenn sie
Emaillierte Oberflächen werden wie Glas oder Porzellan in 0,5 bis 1 %iger Sodalösung bei niedrigen Temperaturen
entgiftet. Schwierigkeiten sind dabei kaum zu erwarten. (unter 35 °C) gewaschen werden. Auf jeden Fall muß nach
der Entgiftung ausreichend gespült werden, um giftige
Zersetzungsprodukte (Arsenverbindungen, Reste bei
12.6 Die Entgiftung der Bekleidung Stickstoff-Yperit) zu entfernen.
Die Heißluftentgiftung erfordert besondere Anlagen. Sie
Die Bekleidung kann durch längeres Lüften, Koch- und kann durch Zusatz von Dampf und Ammoniakgas inten-
Waschverfahren sowie durch Heißluftbehandlungen ent- siviert werden. Durch diese Methode wird der Kampfstoff
giftet werden. verdampft und größtenteils zersetzt. Vor der Heißluft-
Um die Bekleidung durch Lüften zu entgiften, braucht behandlung werden die Bekleidungsstücke in Wasser ein-
man sehr lange Zeit. Die Bekleidungsstücke müssen geweicht. Das Einweichen kann entfallen, wenn die Heiß-
mehrere Tage auf Leinen oder Kleiderständern an die luftbehandlung mit Naßdampf unterstützt wird.
frische Luft gehängt werden. Bei klebrigen Kampfstoffen Dederonbekleidungsstücke oder dederonhaltige Textilien
ist diese Methode unzuverlässig. können durch Heißluftbehandlung nicht entgiftet werden,
da diese Methode das Material zu sehr angreift.
Richtwerte für die Lüftungszeiten:
Richtwerte für Temperaturen und Entgiftungszeiten:
Zeit der Lüftung in Tagen
Gegenstand Herbst, Winter
Temperaturen Entgiftungs-
Sommer
Gegenstand °C zeit
und Frühling

Wintermäntel 8 bis 10 20 bis 25 Lederstiefel, Schuhe, Pelzwaren 60° 6h


Sommeranzüge aus Baumwolle . . 6 bis 8 15 bis 25 Gummiwaren (Schutzmittel). . 70° 6h
Wollanzüge 8 bis 10 20 bis 25 Wollwaren (Wintermäntel) . . . 90 bis 95° 4h
Schutzbekleidung aus Gummi 15 bis 25 30 bis 35 Filzstiefel u. ä 95 bis 100° 6h
Lederstiefel und Schuhe 8 bis 10 12 bis 15 Zeltplanen, Kfz.-Planen 95 bis 100° 4h

220 221
Wenn Heißlufterzeuger vorhanden sind, kann die Heiß- weise der Vergiftungsdichte ab. Im allgemeinen dringen
dampfentgiftung auch in behelfsmäßigen, wärmeisolierten chemische Kampfstoffe wie folgt in den Boden ein: fester
großen Holzkammern durchgeführt werden. Auch Des- Boden 1 bis 2 cm, weicher Boden (Ackerland) bis zu 5 cm,
infektionskammern oder Industrietrockenanlagen können sehr lockerer Boden oder Schnee (frisch gepflügter Boden)
für diese Zwecke ausgenutzt werden. Zur Intensivierung bis zu 20 cm.
der Entgiftung kann — wie gesagt — gleichzeitig mit der Auf Straßen und festen Wegen ist die Eindringtiefe
Heißluft Ammoniakgas eingeblasen oder im Heißluft- geringer. Bei der Entgiftung mit flüssigen Entgiftungs-
generator hergestellt werden. mitteln werden an Lösungsmitteln benötigt:

Kampfstoffart
12.7 Die Entgiftung von Straßen, Wegen und Gelände- Entgiftungslösung flüssiges klebriges Tabun,
abschnitten Yperit Yperit Sarin,
und Lewisit und Lewisit Soman
2
l/m l/m 2 l/m 2
Straßen, Wege und Geländeabschnitte werden entgiftet,
Chloraminlösungen
indem — ähnlich wie bei der Entaktivierung — der Kampf- (5 bis 10%) 1,0 1,5
stoff abgespült, abgewaschen oder die oberste Erdschicht Natronlauge (5 bis 10%). . 1,0
abgehoben wird. Andererseits können auch Erde auf- Ammoniakwasser
geschüttet beziehungsweise Bretter, Matten oder Spur- (15 bis 20% bei Tem-
peraturen unter — 5 °C) 1,0
bahnen aufgelegt werden. Die letztgenannten Methoden
isolieren allerdings die vergiftete Fläche nur. Im Winter Eine vollständige Entgiftung ist in vielen Fällen nicht
werden Gassen durch vergiftete Abschnitte geschaffen, möglich, weil diese Mengen nicht ausreichen, um den
indem ganz einfach der Schnee beiseite geräumt wird. Boden genügend tief zu benetzen. Bei Beton- und Asphalt-
Wirksamere Entgiftungsmethoden bestehen darin, Ent- straßen genügen diese Mengen jedoch, so daß man nach
giftungslösungen auf die vergifteten Abschnitte aufzu- einer Einwirkungszeit von 30 bis 60 min die Abschnitte
sprühen oder die vergifteten Flächen mit festen oder ohne Schutzstrümpfe betreten kann.
angefeuchteten Entgiftungsstoffen zu bedecken. Um die Bei Yperit, Lewisit und mit Einschränkung auch bei
vergifteten Flächen zu berieseln, können Entgiftungs- Stickstoff-Yperit können Chlorkalk, Chlorkalkbrei oder
fahrzeuge, Straßenreinigungsfahrzeuge, Tornisterentgif- entsprechende Emulsionen verwendet werden. Dabei ist
tungsgeräte und zur Not auch Gießkannen verwendet zu beachten, daß die Entgiftungswirkung des Chlorkalks
werden. Feste Entgiftungsstoffe (Chlorkalk) können mit nur bis zu Temperaturen von 5 °C ausreichend ist. Bei
Schaufeln aufgetragen werden. tieferen Temperaturen können alle Kampfstoffe durch
Die zur Entgiftung mit flüssigen Entgiftungslösungen Lösungen von Sulfurylchlorid in Dichloräthan entgiftet
notwendige Menge der Lösung hängt von der Oberflächen- werden (Mischungsverhältnis Volumenteile 1:1 bis 0,5:1).
struktur und dem betreffenden Kampfstoff beziehungs- Trockener Chlorkalk läßt sich nur erfolgreich anwenden,

222 223
wenn die Bodenbewachsung nicht höher als 10 cm und betreten werden. Ihre Freigabe ist erst nach gründlicher
die Windgeschwindigkeit beim Auftragen nicht größer Untersuchung möglich.
als 5 m/s ist. Gassen durch vergiftete Abschnitte können folgende
Breiten haben:
Notwendige Mengen an Entgiftungsstoffen:
Gassen mit zweiseitigem Verkehr 2 Gassen von je
Kampf Stoffart
4 bis 5 m Breite im
Entgiftungsstoff flüssiges klebriges Stickstoff- Tabun, Abstand von 25 m
Yperit Yperit Yperit Sarin,
und Lewisit in Lewisit Soman Gassen für einseitigen Verkehr 4 bis 5 m Breite
trockener Pfade 1 bis 2 m Breite
Chlorkalk 0,4 bis 0,8 bis 0,8 bis —
0,5 kp 1,0 kp 1,0 kp Die Entgiftung hat jeweils 25 m vor und hinter dem ver-
Chlorkalkbrei. . . 1,01 1,51 1,51 1,51 gifteten Abschnitt zu beginnen. Die Gassen werden mar-
Chlorkalk-
emulsion kiert und der Verkehr durch Posten geregelt.
Wege . 1,01 1,51 1,51
Bewachsung
bis 10 cm . . . . 1,51 — 2,01 2,01
Sulfurylchlorid
in Dichlor-
äthan (bei
Temperaturen
unter 5 °C) . . . 1,01 1,51 1,01 1,5 bis
2,01

Ist es unbedingt notwendig, ein Gelände mit hoher Be-


wachsung zu entgiften, muß diese vorher abgehauen oder
abgemäht werden.
In der Nähe von Bomben- oder Granattrichtern ist die
Vergiftungsdichte meist so hoch, daß Entgiftungsmittel
über die Norm benötigt werden. Trichter und Kampfstoff-
pfützen müssen zuerst mit der zwei- bis dreifachen Menge
von Entgiftungsmitteln bedeckt und danach mit Erde,
Sand oder Kies zugeschüttet werden.
Über entgifteten Geländeabschnitten liegen häufig auch
noch nach der Entgiftung Kampfstoffdämpfe; diese Ab-
schnitte können nur mit angelegten Schutzmasken

224
13. Sicherheitsmaßnahmen bei der Entgiftung Um im Winter keine Erfrierungen zu bekommen, unter
der Schutzbekleidung warme Fußlappen oder Socken
Um bei Entgiftungsarbeiten Unfälle zu vermeiden, sind tragen und die Gummistiefel mit Stroh oder Papier aus-
die Sicherheitsmaßnahmen streng einzuhalten. Die wich- legen. Die Schutzhandschuhe über warme Handschuhe
tigsten von ihnen: ziehen, Kopfschützer tragen.
s Bei allen Arbeiten mit chemischen Kampfstoffen Für Leiter von Arbeitsgruppen:
Schutzmasken und Schutzbekleidung tragen!
Alle Angehörigen beobachten und bei plötzlichen
• Vor Arbeitsbeginn die Arbeit genau einteilen und Schwäche- oder anderen Erscheinungen den Be-
jeden Teilnehmer mit seinen Aufgaben vertraut treffenden von der Arbeit befreien und ihn dem
machen! nächstgelegenen Sanitätspunkt zuführen!
• Bei der Arbeit unter Schutzanzügen folgende Zeiten • Bei längeren Arbeitszeiten Ruhepausen einplanen
nicht überschreiten, um den Körper nicht zu über- (nach einer Arbeitszeit von 30 min eine Pause von
hitzen : 5 bis 10 min und mehr; nach 2 h Arbeit jeweils
30 min)! Je nach Schwierigkeit der Arbeit außer-
Temperatur °C Arbeitszeit dem Ruhe- und Essenpausen einlegen!
• Wird ein vergifteter Abschnitt verlassen, die Schutz-
30° und mehr 15 bis 20 Minuten
25 bis 29° bis 30 Minuten
mittel zumindest behelfsmäßig entgiften und diese
20 bis 24° 40 bis 50 Minuten Reinigung überwachen! Wird in stark vergifteten Ab-
15 bis 19° 1,5 bis 2 Stunden schnitten gearbeitet, auch während der Arbeit ständig
darauf achten, daß Kampfstoffspritzer von der Schutz-
Diese Arbeitszeiten nur bei gut trainierten Personen maske und von den anderen Schutzmitteln entfernt
nötigenfalls auf das 1,5- bis 2fache erhöhen, und auch werden! Das ist notwendig, um ein Eindringen der
dann nur, wenn man diese ständig mit Wasser besprüht! Kampfstoffe in die Gummiteile zu verhindern oder
Bei direkter Sonneneinwirkung gelten die oben angeführ- abzuschwächen und die spätere Reinigung zu erleich-
ten Zeiten als Höchstwerte. tern.
Während der Arbeit in vergifteten Abschnitten: • Die Schutzmittel nur an den gekennzeichneten Stellen
• nicht die Schutzmittel ablegen; ablegen und sofort danach die sanitäre Behandlung
durchführen!
• ständig auf den Zustand der Schutzmittel achten
(mechanische Beschädigungen usw.);
• vergiftete Gegenstände nur dann berühren, wenn es
die Spezialarbeiten erfordern.

226
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3.1 Flüchtige Kampfstoffe 61
(DV 66/6), Verlag des Ministeriums für Nationale Ver-
3.2 Seßhafte Kampfstoffe 62
teidigung, Berlin 1959
3.3 Aerosole 62
3.4 Klassifizierung nach physiologischen Gesichts-
punkten 63
4. Augenreizstoffe 64
4.1 Bromazeton 64
4.2 Brommethyläthylketon 67 7.4 Phosgcnoxim 139
4.3 Bromessigester 68 7.5 Schutzmaßnahmen gegen hautschädigende
4.4 Xylylbromid 70 Kampfstoffe '. 140
4.5 Phenylkarbylaminchlorid 71 Erste Hilfe bei Vergiftungen durch hautschädi-
4.6 Chlorazeton 72 gende Kampfstoffe 141
4.7 Chlorazetophenon 73
4.8 Brombenzylzyanid 77 Nervenschädigende Kampfstoffe 144
4.9 Schutzmaßnahmen gegen Augenreizstoffe 80 8.1 Blausäure 148
4.10 Erste Hüte bei Verletzungen durch Augenreiz- 8.2 Chlorzyan 154
stoffe 80 8.3 Bromzyan 156
8.4 Tabun 157
5. Nasen-Rachcnreizstoffc 82 8.5 DFP 161
5.1 Diphenylarsinchlorid 85 8.6 Sarin 163
5.2 Diphenylarsinzyanid 89 8.7 Soman 165
5.3 Adamsit 92 8.8 Schutzmaßnahmen gegen nervenschädigende
5.4 Methylarsindichlorid 95 Kampfstoffe 167
5.5 Äthylarsindichlorid 97 8.9 Erste Hilfe bei Vergiftungen durch nerven-
5.6 Phenylarsindichlorid 99 schädigende Kampfstoffe 169
5.7 Schutzmaßnahmen gegen Nasen-Rachenreiz-
stoffe 101 9. Sonstige militärisch bedeutsame Gifte 171
5.8 Erste Hilfe bei Verletzungen durch Nasen- und 9.1 Kohlenmonoxyd 171
Rachenreizstoffe 101 9.2 Arsenwasserstoff 173
9.3 Bleitetraäthyl 174
6. Lungenschädigende Kampfstoffe 103
6.1 Chlor 105 10. Anwendungsmöglichkeiten chemischer
6.2 Chlorpikrin 107 Kampfstoffe 175
6.3 Phosgen 109 10.1 Anwendungsmöglichkeiten durch die Luftstreit-
6.4 Diphosgen 114 kräfte 177
6.5 Schwfelpentafluorid 117 10.1.1 Chemische Bomben 179
6.6 Schutzmaßnahmen gegen lungenschädigende 10.1.2 Flugzeugabsprühgeräte 182
Kampfstoffe 117 10.2 Anwendungsmöglichkeiten der Artillerie und der
6.7 Erste Hilfe bei Verletzungen durch lungen- Werfer 184
schädigende Kampfstoffe , 118 10.3 Fahrzeuge und Geräte zur Geländevergiftung .. 192
10.4 Mittel zum Ablassen gasförmiger Kampfstoff-
7. Hautschädigende Kampfstoffe 119
mischungen und Giftrauch 195
7.1 Yperit. 121
7.2 Stickstoff-Yperit 132 11. Entgiftungs- und Lösungsmittel — Methoden
7.3 Lewisit 136 zur Entgiftung chemischer Kampfstoffe 200
11.1 Die Entgiftung chemischer Kampfstoffe 200
11.1.1 Aktivchlorhaltige Entgiftungsmittel 201
11.1.2 Alkalische Entgiftungsmittel 207
11.1.3 Oxydierende Entgiftungsmittel 209
11.1.4 Lösungsmittel 209
12. Die Entgiftung von Holz-, Metall- sowie
anderen Oberflächen und Geräten 211
12.1 Rohe Holzoberflächen 211
12.2 Lackierte Holzoberflächen 213
12.3 Metalloberflächen 215
12.4 Gummi- und Plastoberflächen 219
12.5 Glas- und Keramikoberflächen 220
12.6 Die Entgiftung der Bekleidung 220
12.7 Die Entgiltung von Straßen, Wegen und
Geländeabschnitten 222
13. Sicherheitsmaßnahmen bei der Entgiftung 226