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Die Zukunft des KVG

Diplomarbeit
für das
Höhere Wirtschaftsdiplom VSK
bei der
HSO Handels- und Kaderschule Oerlikon, Zürich
Dante Simonitto, Juni 2006

Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung.............................................................................................................................. 2
2 Abgrenzungen und Bemerkungen ...................................................................................... 3
3 Volkswirtschaftliche Bedeutung der Gesundheitssysteme............................................... 3
4 Internationaler Vergleich...................................................................................................... 4
5 Grundsätzliches zum KVG................................................................................................... 4
6 Schlüsselthemen.................................................................................................................. 5
7 Alternative Versicherungsmodelle.................................................................................... 13
8 Übersicht der wichtigsten Meinungen .............................................................................. 14
9 Zusammenfassung und Resultat....................................................................................... 20
10 Schlusswort und Ausblick............................................................................................... 21
11 Anhang.............................................................................................................................. 23
12 Adressen und Quellen...................................................................................................... 24
13 Literatur............................................................................................................................. 25


1 Einleitung
Bis 1996 hatte bezüglich Krankenpflegeversicherung jeder Kanton eigene Gesetze und
Ausführungsbestimmungen und der Abschluss einer solchen Versicherung war im Wesentlichen
freiwillig. Seit 1996 ist das Krankenversicherungsgesetz (KVG) in der ganzen Schweiz gültig und
damit hat sich jede Einwohnerin und jeder Einwohner der Schweiz zwingend für Krankenpflege
und, wo diese fehlt, für Unfallpflege ebenfalls zu versichern. Obwohl im KVG implementiert, ist
die Krankentaggeldversicherung weiterhin freiwillig und es besteht für die Versicherungen im
Gegensatz zur Krankenpflege kein Kontrahierungszwang
1
.
Aufgrund steigender Gesundheitskosten wird die Last für die Bewohnerinnen und Bewohner
dieses Landes immer grösser. Es sind aber nicht nur die Versicherten, die sich beklagen. Die
Ärzte tun es, die Spitäler, Spitexorganisationen und die Apotheken. Gibt es denn auch Positives
zu berichten? Auf jeden Fall gibt es das.
Die vorliegende Arbeit möchte das Thema umreissen, eine Bestandesaufnahme machen und die
aktuell diskutierten Themen kurz analysieren.

1
Vertragszwang
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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Der Verfasser möchte auch einen Blick in die nahe Zukunft wagen. Wir werden uns einleitend
ansehen, wie die Schweiz im internationalen Vergleich da steht. Nach einer grundsätzlichen
Betrachtung des KVG werden wir uns verschiedenen Schlüsselthemen zuwenden und uns so
langsam in die Thematik vertiefen. Auch alternative Versicherungsmodelle verdienen dabei
Beachtung, weil sie zu Kosteneinsparungen führen können. Anschliessend werden wir uns
ansehen, wie die Meinungslandschaft aussieht und welche Verbesserungsvorschläge vorhanden
sind.
Alle männlich verwendeten Sprachformen schliessen Frauen mit ein.
2 Abgrenzungen und Bemerkungen
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich nur auf den Bereich der Krankenpflegeversicherung,
obwohl eine isolierte Betrachtungsweise suboptimal ist. Eine Ausweitung auf das gesamte
Gesundheitssystem würde den Rahmen der Diplomarbeit sprengen. Selbst die Darstellung aller
aktuellen Diskussionen tut dies, weshalb nicht alle Themen abschliessend behandelt werden
können.
Bei politischen Debatten werden selten umfassende Ansätze angesehen, und so wird auch in
diesem Fall nicht die Volksgesundheit als Ganzes betrachtet. Auf der Abstimmungsagenda steht
jeweils entweder die Revision der Arbeitslosenversicherung, der Invalidenversicherung oder
eben des Krankenversicherungsgesetzes. Die Zusammenhänge untereinander werden leider
auch in der Politik zu wenig aufgezeigt.
Trotzdem ist es manchmal nicht möglich, das Zahlenmaterial und die Aussagen vollständig zu
isolieren und nur die KVG-relevanten Fakten darzustellen.
Die Frage, die wir uns bei der Betrachtung der Probleme immer stellen müssen ist, ob wir in
Richtung Minimal- oder Maximalprinzip gehen möchten. Betrachten wir die beanspruchten
Leistungen als vollumfänglich nötig, konzentrieren wir uns auf die Reduktion der Kosten und
wenden das Minimalprinzip an. Wollen wir andererseits mit einem vorgegebenen Kostenbudget
das Maximum an Gesundheitsleistungen erhalten, gilt es, das Maximalprinzip anzuwenden.
Entsprechend sind andere Steuerungselemente nötig.
3 Volkswirtschaftliche Bedeutung der Gesundheitssysteme
Für jede Volkswirtschaft ist die Gesundheit der Bevölkerung eine zentrale und existenzielle
Grösse. Sie widerspiegelt sich letztendlich auch in der Leistungsfähigkeit eines Volkes und der
Fähigkeit des Systems, den Bedürfnissen gerecht zu werden.

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Da die Ausgaben für die Gesundheit weltweit immens sind und voraussichtlich infolge der
demographischen Entwicklung weiter wachsen werden, sind die Kosten und deren Finanzierung
die wichtigsten Aspekte eines jeden Gesundheitssystems.
4 Internationaler Vergleich
Die OECD
2
unterscheidet im Wesentlichen 3 Typen von Systemen
3
:
- Nationaler Gesundheitsdienst
Finanzierung aus Steuererträgen
- Sozialversicherung
Finanzierung durch eine gesetzliche Kranken- oder Pflichtversicherung
- Privatversicherung
Finanzierung individuell oder durch Beiträge der Unternehmer
Die Schweiz hat demnach eine Sozialversicherung. Liberale Kräfte tendieren in unserem Land
zur Privatisierung, weil dort der Markt am Besten spiele. Soziale Kräfte hingegen setzen sich
derzeit vehement für eine staatliche Einheitskrankenkasse ein, weil sie sich daran stören, dass
fast 1/3 des Prämienvolumens für Provisionen ausgegeben wird.
4

Im internationalen Vergleich ist das Gesundheitssystem in der Schweiz insgesamt sehr gut, was
die Mortalität
5
und die Morbidität
6
anbelangt. In sozialen Fragen sind die Noten nicht optimal, wie
wir im Folgenden sehen werden.
5 Grundsätzliches zum KVG
Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) gilt für die ganze Schweiz und regelt zusammen mit
den entsprechenden Verordnungen die Krankenpflege und die Pflege bei Unfall, falls nicht eine
andere obligatorische Versicherung bei Unfall dafür aufkommt.
7
Zum KVG gehört unter Anderem
die Definition eines Pflichtleistungskataloges und die Durchführung von Präventivmassnahmen,
die Finanzierung und die Vereinbarung von Tarifen mit den Leistungserbringern, die

2
Die „Organisation for Economic Cooperation and Development“ (OECD, dt.: Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung) ist eine internationale, strikt intergovernmentale Organisation. Sie hat ihren Sitz
in Paris.
3
http://de.wikipedia.org/wiki/Gesundheitssystem#internationaler_Vergleich (14.05.2006)
4
Argumentarium für eine soziale Einheitskrankenkasse (Entwurf vom März 2004)
5
Sterblichkeitsrate
6
Erkrankungshäufigkeit, Verhältnis der kranken zur gesunden Bevölkerung
7
Angestellte sind obligatorisch gegen Unfall zu versichern (UVG). Die obligatorische Unfallversicherung (im Primär-
und Sekundärsektor die SUVA, im Tertiärbereich auch private Versicherungen) deckt auch den Lohnausfall zu 80%.
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Versorgungssicherung, die Zulassung von Medikamenten, die Prämienkontrolle, die
Kostenkontrolle ganz allgemein sowie die Qualitätssicherung. Derzeit sind 94 Versicherer in
diesem Bereich tätig (BAG, 2006).
Zurzeit besteht für die Versicherungen ein Kontrahierungszwang, sowohl was die Versicherten
anbelangt, als auch in Bezug auf die Leistungserbringer. Die Versicherungen dürfen keine
Vorbehalte anbringen oder die Versicherten diskriminieren, wenn sie beispielsweise Kenntnis
über bestehende Erkrankungen haben. Der Versicherte kann den Versicherungsvertrag jederzeit
unter Einhaltung der ordentlichen Kündigungsfrist wechseln, wenn keine Prämienrechnungen
offen sind.
Die Prämien sind für alle Versicherten nach Wahl der Franchise gleich hoch zu halten. Es
können regional unterschiedliche Prämien erhoben werden. Neben der Versicherungsprämie
sowie Franchise trägt der Versicherte einen Selbstbehalt von 10%, bei einem Spitalaufenthalt
sind zusätzlich Fr. 10.- pro Tag
8
bei maximal Fr. 700.-/ p.a. (exkl. Prämien und Franchise). Er ist
verpflichtet, Generika den Originalpräparaten vorzuziehen, wenn dies medizinisch möglich ist.
Andernfalls gilt diesbezüglich ein Selbstbehalt von 20%.
6 Schlüsselthemen
6.1 Kosten
Das Bundesamt für Statistik wies für das Jahr 2004 Ausgaben von 51.7 Milliarden Franken aus.

8
Kostenbeteiligung bei Spitalaufenthalt/ Bericht des Bundesrates/ in Erfüllung des Postulates 02.3641 der Kommission
für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates vom 14. November 2002, Seite 4:
2.2 Geltende Regelung auf Verordnungsstufe (Art. 104 KVV)
Gestützt auf Artikel 64 Absatz 5 KVG hat der Bundesrat den Beitrag an die Kosten des Spitalaufenthalts auf täglich
10 Franken festgelegt. Keinen Beitrag zu entrichten haben:
a. Versicherte, welche mit einer oder mehreren Personen, mit denen sie in einer familienrechtlichen Beziehung
stehen, in gemeinsamem Haushalt leben;
b. Frauen für Leistungen bei Mutterschaft;
c. Versicherte nach Artikel 103 Absatz 6 KVV.
Buchstabe a befreit insbesondere Kinder und ihre Eltern sowie Eheleute vom Spitalkostenbeitrag, wenn sie in einem
gemeinsamen Haushalt leben. Demgegenüber zahlen Versicherte mit Unterhalts- oder Unterstützungspflichten, die
alleine wohnen, den Beitrag.
Ebenso bezahlen Versicherte, die einen gemeinsamen Haushalt mit Personen führen, zu denen sie keine
familienrechtlichen Beziehungen haben, den Beitrag.
Buchstabe b stützt sich auf Artikel 64 Absatz 7 KVG, wonach auf den Leistungen bei Mutterschaft keine
Kostenbeteiligung erhoben wird.
Buchstabe c betrifft Versicherte, die in einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaft, in Island, Liechtenstein
oder Norwegen wohnen und die bei einem Aufenthalt in der Schweiz Anspruch auf internationale Leistungsaushilfe
haben. Sie bezahlen eine pauschale Kostenbeteiligung (Art. 103 Abs. 6 KVV).
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Der Anteil an den Gesundheitskosten stieg von 11.5% des BIP
9
im Jahr 2003 auf 11.6% des BIP
im Jahr 2004. Zu beachten ist, dass das BIP selbst in dieser Zeit um 2.4 % stieg.
10

Die Schweiz hat nach der USA das teuerste Krankenversicherungssystem. Teuer ist aber nicht
immer ein Zeichen für Qualität.
11

Laut Europäischem Gesundheitsbericht 2005 der
WHO
12
ist die durchschnittliche Lebenserwartung
in der Schweiz 80.5 Jahre (2001). In Italien liegt sie
bei 80.3 Jahren (2001) und in den USA gemäss
Center for Health Statistics (NCHS) bei 77.6
Jahren (2003). Die Abbildung 6-1
13
zeigt die
entsprechenden Kosten in Prozent des
Bruttoinlandproduktes (World Health Report 2000).
In der Schweiz lehnt wahrscheinlich eine Mehrheit
der Stimmbevölkerung einen Leistungsabbau ab, weshalb es gilt, die Kosten in den Griff zu
bekommen (Minimalprinzip), nicht die Leistungen zu reduzieren.
Die Aussage, dass im Gesundheitsbereich eine Kostenexplosion stattgefunden hat, kann auch
kritisch beleuchtet werden. Die Steigerung der Gesundheitskosten betrug in der Schweiz von
1990 bis 2001 durchschnittlich 2.4% pro Jahr. Der OECD-Durchschnitt lag in diesem Zeitraum
bei 3.4%. Wäre unser Wachstum in dieser Periode dann auch noch mehr als durchschnittlich
magere 0.2% pro Jahr gewesen, würden wir uns beim Kostenvergleich im Gesundheitsbereich
rühmen können.
Was aber tatsächlich stattgefunden hat, ist nicht eine Kostenexplosion, sondern eine
Prämienexplosion.
14

1945 waren 1151 Krankenkassen in der Schweiz tätig. 2001 waren gemäss BSV-Zahlen 7.3 Mio.

9
Bruttoinlandprodukt: Die Gesamtheit aller hergestellten Güter und Dienstleistungen in einem Land zu Marktpreisen
während eines Jahres
10
Medienmitteilung Nr. 0350-0602-60 des Bundesamtes für Statistik vom 03.03.2006
11
Im Denknetz Jahrbuch 2005 schreibt Beat Ringger im Artikel “Das US-Gesundheitswesen: Ein Schrecken ohne
Ende?” sinngemäss, dass in den USA mehrere US-Gesundheitsversicherungen, die zu den grössten HMO-
Besitzern gehören, gleichzeitig in die Tabakindustrie investiert haben. Cigma beispielsweise hat Philip Morris-Aktien
im Wert von 38.6 Mio. Dollar. Die Mitglieder erhielten von ihrem Krankenversicherer entsprechend wiederholt mit
Philip Morris abgesprochene „Informationen“, dass Tabakkonsum nahezu harmlos sei (S. 68 f.).
12
Die Weltgesundheitsorganisation (engl.: World Health Organization, WHO) ist eine UN-Spezialorganisation, die
ihren Hauptsitz in Genf (Schweiz) hat. Sie wurde am 7. April 1948 gegründet und zählt 192 Mitgliedstaaten. Sie ist
die Koordinationsbehörde der Vereinten Nationen für das internationale öffentliche Gesundheitswesen.
13
http://de.wikipedia.org/wiki/Gesundheitssystem#internationaler_Vergleich (14.05.2006)
14
Denknetz Jahrbuch 2005: „Eine Kostenexplosion die nie stattgefunden hat“ (Fachgruppe Gesundheitspolitik), S. 55
Abbildung 6-1
1. USA 15%
2. Schweiz 11.5%
3. Deutschland 11.1%
4. Frankreich 10.1%
5. Italien 8.4%
6. Großbritannien 7.7%

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Menschen bei 99 Versicherungen gemäss KVG versichert und das Prämienvolumen betrug 14
Mia. Franken. Davon wurden 4 Mia. Franken für Provisionen gebraucht, was 28.5% der Beiträge
entspricht.
15

Bei der Suche nach Kosteneinsparungen muss umsichtig gehandelt werden, wenn die
Volksgesundheit wirklich ernsthaft gepflegt werden soll.
16
Beispiele aus unterentwickelten
Ländern zeigen, dass sich fehlende Medizin auf tragische Weise kostendämmend wirken kann.
Werden zum Beispiel Diabetiker nicht behandelt, führt dies zum Tod. Die Kosten werden so
reduziert und es gibt weniger Kranke.
17

6.2 Finanzierung
31.9% der Kosten brachten die privaten Haushalte auf (Zahnpflege, nichtversicherte Leistungen
und Medikamente) und 42.3% die Krankenversicherer. Der Staat beteiligte sich 2004 mit 17% an
den Kosten. Die Gesamtkosten stiegen von 2003
bis 2004 um 3.7%. Die Steigerung des Anteils der
privaten Haushalte betrug im gleichen Zeitraum
4.9%, während der Staat seinen Anteil um 1.6%
reduzierte. 2003 beteiligte er sich noch mit 17.9%
an den Kosten.
18
Im Anhang finden sie eine Grafik
über die gesamte Finanzierung. Diese Zahlen
beziehen sich auf alle Sozialversicherungen. Wenn
man die Beteiligung der privaten Haushalte an den
Gesamtkosten des KVG betrachtet, zahlen die
Versicherten in keinem anderen OECD-Land
anteilsmässig so viel an die Gesundheit wie in der
Schweiz. Gemäss Papieren der Initianten der
Einheitskasse finanzieren die Versicherten 80%
der Krankenpflegeversicherung selbst. Das
Prämienniveau der obligatorischen

15
Argumentarium für eine soziale Einheitskrankenkasse (Entwurf vom März 2004)
16
Es darf darüber nachgedacht werden, ob es nötig ist, bei den Sozialversicherungen Verwaltungsräte und
Geschäftsführer mit allzu grosszügigen Salären und Tantiemen zu engagieren sowie kostspielige Werbungen zu
platzieren. Die „Gesundheitswerbung“ könnte beispielsweise ähnlich organisiert und geregelt sein wie die politische
Werbung (Stichworte: politische Litfasssäulen, Radio- und Fernsehwerbeverbot,...).
17
Anregung aus http://www.wiwi.uni-augsburg.de/vwl/institut/paper/217.pdf (6.05.2006) „Internationale Vergleiche von
Gesundheitssystemen und die Neubestimmung des Leistungskatalogs in der gesetzlichen Kranken: Was bringt ein
Blick über die Grenzen? (Axel Olaf Kern und Stephan Dieter Kupsch, S.11)
18
Medienmitteilung Nr. 0350-0602-60 des Bundesamtes für Statistik vom 03.03.2006, Seite 1-2
Abbildung 6-2
1. USA 5’635.-
2. Norwegen 3’807.-
3. Schweiz 3’781.-
4. Luxemburg 3'705.-
5. Island 3'115.-
6. Kanada 3'001.-
7. Deutschland 2'996.-
8. Niederlande 2'976.-
9. Frankreich 2'903.-
10. Belgien 2’827.-

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Krankenpflegeversicherung liegt etwa auf der Höhe der Einkommenssteuer (je nach Einkommen,
da Kopfprämie). Die Abbildung 6-2 zeigt die kaufkraftbereinigten Gesundheitskosten pro Kopf in
US-Dollar (2003)
19
. Der ungenügende und ungeeignete Lastenausgleich bei den Versicherern
einerseits (Risikoausgleich) und bei den Versicherten andererseits (Franchisesystem), gibt bei
der WHO Anlass zur Kritik am schweizerischen Krankenversicherungssystem, insbesondere
dem KVG.
6.3 Franchisen
Das KVG bietet die Möglichkeit einer höheren Franchise, womit die KVG-Prämie sich stark
reduziert. Die Franchise ist der Betrag, für den der Versicherte vollumfänglich selbst aufkommen
muss, wenn Kosten anfallen. Die gesetzliche Franchise beträgt seit 2004 Fr. 300 pro Jahr. Die
Wahlfranchisen betragen Fr. 500, 1000, 1500 oder 2000 pro Jahr.
Das Ziel, welches mit den Wahlfranchisen verfolgt wird, ist nicht, den Patienten günstigere
Prämien anzubieten sondern, sie dazu zu bringen, unnötige Arztbesuche zu vermeiden und so
Kosten zu vermeiden. Im folgenden Absatz zum Thema soziale Gerechtigkeit werden wir sehen,
dass das Franchisensystem auch negative Effekte mit sich bringt.
6.4 Soziale Gerechtigkeit
Was den Sozialtransfer anbelangt, der bei einer Sozialversicherung stattfinden sollte, bestehen
die folgenden Probleme: Aufgrund der verschiedenen Franchisen entstehen verschiedene
Risikogruppen. Die Versicherer bemühen sich in der Folge vor allem um Versicherte, die an
hohen Franchisen interessiert sind. Das liegt in der Natur der Sache, denn chronisch Erkrankte
und Menschen mit einem hohen Krankheitsrisiko werden sich kaum auf eine hohe Franchise
einlassen. Die verschiedenen Franchisen sind also auch verschiedenen Risikogruppen
zuzuordnen.
Die Schweiz gehört mit den USA zu den wenigen Ländern, die ihre Krankenpflege über
Kopfprämien finanzieren. Es stellt sich die Frage, ob die Kopfprämie wirklich das richtige Modell
ist. Die FDP
20
ist der Meinung, dass alle für das gleiche Geld die gleiche Leistung bekommen
sollen und Zusatzbedürfnisse privat über das VVG
21
versichert werden sollten. Soziale Kräfte
möchten eine Umverteilung von oben nach unten, indem einkommensabhängige Prämien
erhoben werden sollen. Ausserdem soll der Leistungskatalog möglichst umfassend sein, damit
allen diese Leistungen zugute kommen, zum Wohl der Volksgesundheit.

19
http://de.wikipedia.org/wiki/Gesundheitssystem#internationaler_Vergleich (14.05.2006)
20
Freisinnig Demokratische Partei
21
Vertragsversicherungsgesetz (Für die meisten Privatversicherungsverträge verbindlich)
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Die Kantone gewähren gemäss Art. 64a – 66a KVG Prämienverbilligungen, wenn die
Jahresprämien (inklusive die der nichterwerbstätigen Familienangehörigen) der
Krankenversicherung 6% ihres Bruttorenteneinkommens (Renteneinkommen,
Unterhaltsbeiträge, Vermögenserträge) übersteigen und das anrechenbare Vermögen (inklusive
dasjenige der Familienangehörigen ohne einen eigenen Rentenanspruch) den Wert von Fr.
100'000.- nicht übersteigt. Gemäss Art. 65b (neu) KVG haben die Kantone nach Feststellung der
Bezugsberechtigung dafür zu sorgen, dass die Auszahlung der Prämienverbilligung so erfolgt,
dass die anspruchsberechtigten Personen ihrer Prämienzahlungspflicht nicht vorschussweise
nachkommen müssen. Mit der ursprünglichen Fassung des Gesetzes verzichteten die Kantone
auf die volle Abschöpfung der Bundessubventionen, weil sie sich zu gleichen Teilen an den
Verbilligungen beteiligen mussten. Seit dem 26. Mai 2004 besteht nun aber für die Kantone eine
Pflicht, die Subventionen vollumfänglich zu beanspruchen.
Da es den Krankenversicherern in der Schweiz nicht erlaubt ist, unterschiedliche Prämien für
unterschiedliche Risiken zu verlangen (ausser bei den Franchisen), versuchen einzelne
Versicherungen, Versicherte mit hohen Kosten wie chronisch Kranke zu benachteiligen, indem
sie die zu leistenden Zahlungen über Monate hinaus schieben. Das KVG enthält keine
Regelungen, welche Fristen für geschuldete Zahlungen an die Versicherten gelten. Die
Versicherungen verstecken sich bei Anfragen diesbezüglich im hinter ihrem Recht auf
Abklärungen, ob die Rechnungen bezahlt werden müssen.
6.5 Gewinnverbot
Die Idee ist gut gemeint: Art. 13 KVG sagt, dass die Mittel der sozialen Krankenversicherung nur
zu deren Zweck verwendet werden dürfen. Diese Tatsache lässt den Wunsch der
Krankenversicherer erahnen, die Bereiche, die zu Gewinn führen, in den VVG-Bereich zu
verschieben.
Vielleicht hat Bundesrat und Gesundheitsminister Pascal Couchepin, der vor seinem Amtsantritt
als Bundesrat Mitglied des Verwaltungsrates der Krankenversicherungsgesellschaft Groupe
Mutuel war, diesem Wunsch mit dem folgenden Entschluss Rechnung getragen: Eine Woche
nachdem er den über weite Kreise umstrittenen Entscheid bekannt gibt, dass ein Grossteil der
Alternativmedizin aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung gestrichen wird, wirbt die
Groupe Mutuel mit ganzseitigen Inseraten dafür, dass man sich bei ihnen für wenige Franken für
Komplementärmedizin zusatzversichern kann
22
.

22
Denknetz Jahrbuch 2005: Eine Reformagenda für eine soziale Gesundheitspolitik (Fachgruppe Gesundheitspolitik),
S. 59 f.
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6.6 Risikoausgleich
Im Gegensatz zu Deutschland, Belgien oder Holland hat es die Schweiz bisher versäumt, ihre
Risikoausgleichsmodelle zu verbessern. Der Risikoausgleich ist in der Schweiz vielmehr ein
unvollständiges Kostenausgleichsmodell als ein vollständiger Risikoausgleich. Die
Ausgleichszahlungen finden aufgrund von Alter und Geschlecht statt und berücksichtigen die
Gesundheit der Versicherten in keiner Weise
23
.
Ein neues Modell, das der Nationalfonds vorschlägt, möchte den Risikoausgleich differenzieren.
Es soll ein Ausgleichsmodell angewandt werden, das die Mortalität und die Morbidität der
Versicherten berücksichtigt. Dieses Modell richtet sich nach den zu erwartenden Ausgaben, nicht
nach Vergangenheitswerten. Ausserdem soll ein Hochrisikopool errichtet werden, mit dem
chronische Patienten der Prämienberechnungsbasis entzogen werden. Die Finanzierung würde
im Hochrisikopool retrospektiv erfolgen.
6.7 Kontrahierungsfreiheit und Kontrahierungszwang
Der Kontrahierungszwang stellt sicher, dass die Versicherten freien Zugang zu fast allen Ärzten
und Kliniken in ihrer Region haben. Das ist ideal im Falle von Notmassnahmen, aber weniger
ideal, wenn es um die Auslastungsplanung geht.
Es scheint sich langsam eine Mehrheit zu bilden, die den Kontrahierungszwang entschärfen will.
Eine völlige Aufhebung könnte zur Folge haben, dass die Versorgung gefährdet wäre und die
Wahlfreiheit quasi abgeschafft würde. Man hätte keine Möglichkeit mehr, den Leistungserbringer
zu wechseln, weil unter Umständen keine weiteren Vertragspartner zur Verfügung stehen. Durch
die Kontrahierungswahl kann ein Druck auf die Leistungserbringer ausgeübt werden, der dazu
führen soll, dass das Leistungsangebot sowohl attraktiver als auch effizienter angeboten wird
und die Patienten so möglichst schnell gesund werden lässt.
6.8 Spitalfinanzierung
Heute werden die Spitäler grundsätzlich objektfinanziert. Man spricht von einer objektorientierten,
dualfixen Finanzierung. Dual ist das System, weil die Versicherten zusammen mit den Kantonen
sich ungefähr (je nach Kanton) paritätisch an den Kosten beteiligen. Problematisch ist dabei,
dass die Defizite von den Kantonen bezahlt werden müssen. Sie sind deshalb darum bemüht,
eine möglichst hohe Beteiligung der Krankenversicherungen (und damit der Versicherten)
durchzusetzen. So ist eine Senkung der Kosten schwierig. Nicht nachzuvollziehen ist auch die

23
Schweizerischer Nationalfonds: „KVG: Ein neues Risikoausgleichssystem zwischen Versicherern“ (16.09.2004), S. 3
f.
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Tatsache, dass die Privatspitäler gemäss Santésuisse für die gleiche Leistung höhere Tarife
verlangen müssen!
Der Bund schlägt in der laufenden Vernehmlassung den Wechsel zu einer Leistungsfinanzierung
vor. Damit soll die Transparenz erhöht werden. Um das Problem des Interessenkonflikts zu
lösen, möchte er später eine monistische
24
Finanzierung einführen. Die Versicherer sollen alleine
für die Finanzierung zuständig sein. Sie erhalten aber Beiträge des Kantons im Rahmen von
45% bis 60% der Kosten. Die Kantone bleiben für die Versorgungssicherheit zuständig.
Zur Diskussion steht Idee der Globalbudgets. Der Finanzierungsbetrag ist bei diesem Modell
weitgehend fix und der Taxpunktwert verändert sich. Je höher die Anzahl abgerechneter
Taxpunkte, desto tiefer der Taxpunktwert. Damit wären die Fixkosten der Spitäler gedeckt und
die Patienten würden direkt von einer höheren Auslastung profitieren (weniger
Selbstbehaltskosten).
6.9 Einschränkung der Leistungserbringer
Seit dem 10. Mai 2006 ist die Anzahl der Leistungserbringer beschränkt
25
. Anfangs war ein
breiter Widerstand zu spüren, was diese Massnahme anbelangt. Es galt als skandalös, die
Wirtschaftsfreiheit im Gesundheitsbereich zu beschränken. Heute sind sogar eine Mehrheit der
Ärzte mit dieser Massnahme einverstanden. Der Bund sorgt dafür, dass die Einschränkungen
nicht zu einer Versorgungsknappheit führen.
Schwierigkeiten bereitet derzeit die Tatsache, dass Berufe wie beispielsweise derjenige des
Hausarztes aus finanziellen Gründen immer weniger attraktiv werden und so
Versorgungsengpässe entstehen könnten. Dies ist nicht zuletzt beachtenswert, weil man sich mit
ihnen Kosteneinsparungen verspricht (bspw. Hausarztmodell).
6.10 Swissmedic
Swissmedic ist die zentrale schweizerische Überwachungsbehörde für Heilmittel. Sie ist eine
öffentlich-rechtliche Anstalt des Bundes und organisiert sich selbständig über ein eigenes
Bundesbudget. Sie ist dem Eidgenössischen Departement des Innern angegliedert. Zu ihren
Leistungen gehören die Zulassung von Arzneimitteln, die Betriebsbewilligungen für Herstellung
und Grosshandel sowie Inspektionen, die Marktüberwachung von Arzneimitteln und
Medizinalprodukten, die Kontrolle des Betäubungsmittelverkehrs, die laboranalytische Prüfung
der Arzneimittelqualität sowie die Recht- und Normensetzung.

24
Einseitige Finanzierung im Gegensatz zu dualer Finanzierung
25
Verordnung über die Einschränkung der Zulassung von Leistungserbringern zur Tätigkeit zu Lasten der
obligatorischen Krankenpflegeversicherung, Änderung vom 26. April 2006
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Swissmedic wurde in letzter Zeit heftig kritisiert, sie verfüge technische Handelshemmnisse,
indem sie unsinnige Forderungen an die Herstellung stelle. Es hiess, Swissmedic verlange von
Herstellern jahrtausendalter pflanzlicher Präparate Laborresultate, die belegen, dass die
Präparate keinen Krebs auslösen (Medikamente aus Salbei, Johanneskraut,...).
Alle Medikamente, die auf die Spezialitätenliste kommen und die Versicherung im Rahmen des
KVG somit zahlt, werden von Swissmedic bewilligt.
26

6.11 Tarmed
Das so genannte Tarmed
27
gilt seit dem 1. Januar 2004 flächendeckend und regelt sämtliche
ambulanten Arztleistungen. Die Taxpunkte sind schweizweit einheitlich geregelt. Die
Versorgungsregionen (Kantone und Gemeinden) sind für den Taxpunktwert verantwortlich, die
den Kostenstrukturen der Region Rechnung tragen.
Das Tarmed hat erreicht, dass die Ärztinnen und Ärzte nicht mehr willkürlich
Paralleluntersuchungen abrechnen können, wie dies früher üblich war. Es hat aber auch dazu
geführt, dass sie teilweise wortwörtlich mit der Stoppuhr unterwegs sind.
Störend ist, dass Allgemeinmediziner aufgrund des neuen Tarifs teilweise in finanzielle Engpässe
geraten, weil die Tarife bei den technischen Leistungen und bei den Spezialbehandlungen sehr
viel attraktiver gestaltet sind.


26
Es wäre erstrebenswert, der Swissmedic einen politischen Auftrag zu geben. Der Auftrag könnte zum Beispiel darin
bestehen, die besten Medikamente zu den besten Konditionen an die Patienten zu bringen und neue Präparate zu
suchen, welche die Kosten reduzieren könnten. Ein Beispiel einer Bekannten mag verdeutlichen, woran unser
System unter anderem krankt. Eine Bekannte von mir leidet an starker Migräne und ist auf ein sehr kostspieliges
Medikament angewiesen. Auf der Spezialitätenliste steht das Medikament zwar in Tablettenform, nicht aber zur
intramuskulären Injektion. Als die Patientin vom Arzt darauf hingewiesen wurde, dass sie bei diesem Konsum in
einigen Jahren ein Nierenleiden haben werde und sie auf die Injektion des Präparates als gute Alternative
hingewiesen wurde, erkundigt sie sich bei der Krankenkasse, ob es möglich sei, in diesem Fall die Kosten für die
Injektionen zu übernehmen (ca. Fr. 70.-/ Injektion), auch wenn das Präparat in dieser Form nicht KVG-pflichtig sei.
Ansonsten werde sie in einigen Jahren eine Dialysepatientin sein und wesentlich höhere Kosten verursachen. Die
Krankenkasse lehnte diesen Vorschlag ab. Ich selbst habe mich damals eingeklinkt und ein Email an den
Ombudsmann der sozialen Krankenversicherer gerichtet, indem ich auf diese unsinnige, kostenerhöhende Praxis
hinwies. Der Ombudsmann verwies mich auf die Swissmedic, welche für die Spezialitätenliste zuständig sei und die
mit der Aufnahme dieses Medikaments in die Spezialitätenliste eine die injektiöse Einnahme dieses Medikaments
KVG-pflichtig machen könne. Ich folgte dem Rat des Ombudsmannes und erklärte Swissmedic die Sachlage. Diese
erklärte mir dann, dass der Hersteller ein Gesuch um Aufnahme in die Spezialitätenliste zu stellen habe oder das
BAG die Aufnahme mit der Swissmedic verfügen könne. Patienten können diesen Wunsch nicht geltend machen.
Weil sich die Bekannte das leisten kann und ihr die Gesundheit viel Wert ist, zahlt sie es nun selber und bewahrt die
anderen Versicherten vor den Kosten einer Dialyse! Das Beispiel zeigt, dass den Einzelfall niemanden zu
interessieren scheint, obwohl sich durch eine spezifische Fallbetreuung unter Umständen viel Geld sparen liesse.
27
TARMED Suisse ist eine einfache Gesellschaft und bezweckt den Unterhalt und die Weiterentwicklung der
Tarifstruktur TARMED. Sie wird von Leistungserbringern und Kostenträgern getragen. Die Konferenz der kantonalen
Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren hat Beobachterstatus.
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6.12 Generika und Parallelimporte
Generika (Einzahl: Generikum) sind Medikamente, die sich an ein bewährtes Medikament
anlehnen. Sie haben den gleichen Wirkstoff wie das bekannte Originalpräparat, kommen in der
gleichen Form (als Tabletten. Zäpfchen. usw.) auf den Markt und bewirken beim Patienten das
Gleiche.
28

Derzeit gilt die Regelung, dass Generika vom Patienten in der Apotheke eingefordert werden
müssen. Wer aus nicht medizinisch indizierten Gründen auf das Originalpräparat besteht, muss
einen Selbstbehalt von 20% anstatt 10% bezahlen.
Ich erwähne an dieser Stelle die Möglichkeit von Parallelimporten, also den Import von
Medikamenten aus dem Ausland, weil das Preisniveau hier höher eingestuft wird und die Preise
entsprechend angepasst sind. Dadurch liesse sich auch sehr viel Geld sparen.
7 Alternative Versicherungsmodelle
7.1 HMO
Das HMO-Modell
29
ist eine Gruppenpraxis oder ein Spital mit Ärzten. Diese Ärzte sind die ersten
Ansprechpartner der Versicherten und versorgen diese, soweit möglich, selbst. Nötigenfalls
werden interne oder externe Spezialisten mit dem Fall beauftragt.
30

7.2 Hausarztmodell
Die Versicherung informiert bei diesem Modell die Versicherten darüber, welches die
Vertragsärzte sind. Der Versicherte wählt dann einen Hausarzt, der dann immer zuerst
konsultiert werden muss und der für allfällige Überweisungen an Spezialisten verantwortlich ist.





28
In Anlehnung an http://www.helsana.ch/?wm=m(209) (22.05.2006)
29
Health Maintenance Organization, Gesundheitserhaltungszentrum
30
Das HMO-Modell kommt aus den USA und wird dort inzwischen heftig kritisiert. Das Modell wurde in den 70er-
Jahren von Paul Ellwood gegründet. Im Mai 1999 bezeichnete er die HMO als nationale Schande, nachdem er sich
wiederholt gegen katastrophale Anordnungen einer HMO widersetzt hatte. Hätte er den Anordnungen Folge
geleistet, wäre er heute querschnittsgelähmt. Das HMO-Modell enthält meiner Meinung nach und nach Ansicht von
Experten sehr gute Ansätze zur Kosteneindämmung. Trotzdem muss unbedingt darauf geachtet werden, dass nicht
kurzfristige Entscheide aufgrund der Kosten die längerfristigen, negativen Folgen unberücksichtigt lassen.
Vorstellbar wäre eine Rekurskommission, die bei umstrittenen Entscheiden angerufen werden kann.
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
Seite 14 von 25
7.3 Vorgängige telefonische Beratung
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zählt auch das Modell der vorgängigen telefonischen
Beratung zu den alternativen Versicherungsmodellen, welches einige Versicherer anbieten.
Damit lassen sich teilweise unnötige Arztbesuche und entsprechend auch Kosten sparen.
31

7.4 Bonus-Versicherung
Beim Bonus-Versicherungsmodell sinken die Prämien mit jedem Jahr, in dem man keine
Leistungen beansprucht. Man ist ausserdem verpflichtet, immer zuerst einen Hausarzt zu
konsultieren, wenn kein Notfall vorliegt.
32

8 Übersicht der wichtigsten Meinungen
8.1 Bund
In der Vernehmlassung steht der Vorschlag, dass die Krankenpflegeversicherung im Rahmen
des KVG die Pflegekosten für RentnerInnen im ordentlichen Rentenalter nur übernimmt, wenn es
sich um Behandlungspflege handelt. Andernfalls haben sie eine Hilflosenentschädigung zu gut.
Die Spitexkosten werden dadurch zwar nicht eingespart, aber verlagert.
33

Das BAG bereitet derzeit die Verordnungsbestimmungen zum Vollzug der Einführung einer
Versichertenkarte gemäss KVG Art. 42a vor.
34
Der Bundesrat möchte die Bestimmungen
diesbezüglich bis Ende Juni 2006 verabschieden. Der Sinn der Karte ist vor allem eine
administrative Erleichterung. Die Versicherten können sich so legimitieren und die Kassen
können besser abrechnen. In Notsituationen ist sofort eruierbar, welche Leiden vorliegen.
Freiwillig können ausserdem Rezeptdaten erfasst werden. Der Bundesrat betont, dass der
Versicherte Herr über die Daten auf der Karte sei und jederzeit Einsichtsrecht habe.
35


31
Dieses Modell würde sich sogar als Pflichtmodell eignen, damit die Patientinnen und Patienten den effizientesten
Weg wählen können. Wichtig wäre dabei, dass nicht Versicherungsmathematiker die Beratung vornehmen und
aufgrund ihres Fachgebietes entscheiden, sondern medizinisch geschultes Personal, dessen Entscheid dann auch
medizinisch indiziert ist.
32
Problematisch ist an diesem Modell unter Umständen das Bestreben der Versicherten, möglichst wenig Arztbesuche
zu tätigen, also auch alle Vorsorgeuntersuchungen zu unterlassen, um Prämien zu sparen. Letztlich kann dieses
Verhalten auch Kosten generieren, weil unter Umständen zu spät mit der Behandlung begonnen werden kann.
33
Neuordnung der Pflegefinanzierung – Vernehmlassungsvorlage (17.01.2006)
34
Das BAG lässt sich sehr viel Zeit für die Beantwortung von Fragen der Versicherten. Als ich mit der vorliegenden
Arbeit begonnen habe, telefonierte ich mit dem BAG und fasste auf ihren Wunsch hin meine Anliegen in einem
Email zusammen. Es ging zwei Monate, bis ich Antwort erhalten habe. Die Antwort bestand dann darin, dass ich auf
einige Links ihrer Website hingewiesen wurde.
35
Ich bin der Meinung, dass es für den Risikoausgleich auch sinnvoll sein könnte, die Kostenfaktoren zu erfassen. Der
Bund könnte damit die Ausgleichszahlungen an die Versicherungen festlegen, ohne die einzelnen Versicherten
erwähnen zu müssen. Der Datenschutz könnte vollumfänglich gewährleistet werden.
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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Der Bundesrat möchte unter dem Titel dualfixe Finanzierung die Spitäler von der heutigen
Objektfinanzierung in eine Leistungsfinanzierung überführen. In drei Jahren soll das Modell zu
einer monistischen Finanzierung vorliegen, um die Interessenkonflikte zu beseitigen (siehe auch
6.8 Spitalfinanzierung Seite 10). Die Nachfrager sollen dann die Krankenversicherer sein, die
Kantone die Leistungserbringer.
8.2 Die Ärztinnen und Ärzte
Die FMH
36
bewegt sich vorsichtig in diesem Bereich. Den Ärzten fehlt es an Patentlösungen, um
das Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. Sie stehen kritisch gegenüber
Hausarztmodellen und HMO-Modellen. Die Ärzteschaft ist gespalten. Es gibt verschiedene
Interessengruppen, bspw. die der Assistenzärzte, der Oberärzte, der Naturärzte, der
Spezialärzte und der Allgemeinmediziner, dessen Verbände unterschiedlich lobbyieren.
Die Hausärzte kommen teilweise an Leistungsgrenzen. Es gibt es immer weniger
Medizinstudenten, die sich für die Allgemeinmedizin entscheiden. Als Spezialist verdient mal
zwei- bis viermal mehr bei besseren Weiterbildungsmöglichkeiten, einer besseren Möglichkeit zu
einer Anstellung mit Ferien, geregelter Arbeitszeit und nicht zuletzt einem besseren Ansehen.
Der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM), dessen Verband
sich kürzlich mit einer grossen Demonstration in Bern exponierte, ist sich bewusst, dass der
absolute Kontrahierungszwang ein Auslaufmodell ist.
37

8.3 Santésuisse
Auch die Santésuisse
38
hat Schwierigkeiten, eine durch und durch glaubhafte Politik zu
markieren. Die Krankenkassen machen ein blendendes Geschäft und es ist schwierig, sich
selbst die Verdienste zu kürzen. Die Santésuisse möchte wie die FDP einen möglichst liberalen
Markt mit wenigen Gesetzen.
Die HMO-Modelle werden auf der ganzen Linie unterstützt. Das Modell USA zeigt, dass man als
Gesundheitsunternehmen gewinnbringend operieren kann, wenn man das HMO-Modell so
gestaltet, dass die Patienten nur mit dem Nötigsten versorgt werden. Trotzdem versucht
Santésuisse sehr verantwortungsvoll mit dem Thema Gesundheit umzugehen.
Sie agieren nicht proaktiv, stellen sich der Debatte aber konstruktiv. So haben sie vom

36
FMH: Verbindung der Schweizer Aerztinnen und Aerzte
37
Tagesanzeiger vom 31.03.2006: „Der Vertragszwang ist ein Auslaufmodell“
38
Konkordat der Schweizer Krankenversicherer
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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Gesetzesgeber den Auftrag
39
, die Wirtschaftlichkeit der Leistungserbringer zu überprüfen. Das
Konkordat hat bei den meisten Leistungserbringern, bei denen zu hohe Kosten indiziert wurden,
eine Kostenreduktion erreicht oder Rückzahlungsforderungen gerichtlich durchgesetzt und damit
im Sinne der Prämienzahler gehandelt.
40

8.4 Schweizerischer Gewerkschaftsbund
Der schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) hat dem Büro für arbeits- und sozialpolitische
Studien (BASS) in Form eines Auftrages die Frage gestellt, ob eine grössere staatliche
Steuerung sinnvoll und wünschenswert ist.
41
Das BASS hat das Thema durchleuchtet. Analysiert
wurden folgende Modelle:
Möglichkeit Kurzbeschreibung Problemlösungs-
bereich
Staatliche
Preisfestsetzung
Bund und Kantone bestimmen die Taxpunktwerte und
die Fallpauschalen
Kosten
Staatliche
Mengenfestsetzung
Bund und Kantone fixieren die max. Menge der
Leistungen
Kosten
Staatliche
Leistungserbringung
Staatliche Institutionen erbringen die Leistungen
a) ohne Aufhebung des Kontrahierungszwangs
b) mit Aufhebung des Kontrahierungszwangs
Kosten
Qualität
Staatliche
Einheitskasse
Nur noch 1 staatliche Einheitskasse
a) ohne Aufhebung des Kontrahierungszwangs
b) mit Aufhebung des Kontrahierungszwangs
Kosten
Qualität
Solidarität
Globalbudgets mit
Versicherern
Steuerfinanzierung eines Globalbudgets. Verteilung
des Budgets auf die Versicherer nach Massgabe der
Morbidität der Versicherten. Wettbewerb zwischen
den Versicherern und den Leistungserbringern
(kein Kontrahierungszwang).
a) Nationale Festlegung des Globalbudgets
b) Festlegung auf der Ebene der Versorgungsregion
Kosten
Qualität
Solidarität
Globalbudgets ohne
Versicherer
Steuerfinanzierung eines Globalbudgets. Verteilung
des Budgets auf die Versorgungsregionen nach
Massgabe der Morbidität der Bevölkerung.
Versorgung der regionalen Budgets auf den
stationären und den ambulanten Bereich durch die
Zuständigen der Versorgungsregion.
Leistungsaufträge mit den Leistungserbringern.
Qualitätskontrolle durch die Versorgungsregion.
a) Nationale Festlegung des Globalbudgets
b) Festlegung auf der Ebene der Versorgungsregion
Kosten
Qualität
Solidarität



39
Art. 56 KVG und Art. 76 KVV
40
Santésuisse Positionspapier: Wirtschaftlichkeitsverfahren (Januar 2006)
41
„Mehr staatliche Steuerung in der Krankenversicherung?“ Version 2 (BASS, Dr. Stefan Spycher), 15.08.2005, S. 12
f. und S.20 f.
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
Seite 17 von 25
Das BASS kommt zu folgenden Empfehlungen für den SGB:
• Es gibt kein Land, das eine Einheitskasse hat, weshalb ein solches Begehren höchstens
Modellcharakter haben kann, weil es sich noch nirgends bewährt hat.
• Der gelenkte Wettbewerb ist das beste System, um allen Ansprüchen gerecht zu werden.
• Der Risikoausgleich muss so angepasst werden, dass es sich für die Versicherer nicht lohnt,
hohe Risiken zu diskriminieren.
• Der Kontrahierungszwang muss aufgehoben werden.
• Es ist eine monistische Finanzierung einzuführen.
• Managed-Care-Modelle sind substanziell zu fördern.
• Es sind einkommensabhängige Franchisen einzuführen.
• Die Qualitätsmessung ist substanziell voranzutreiben.
• Die Versicherten müssen besser und gezielter informiert werden.
• Die Prävention und Gesundheitsförderung ist stärker zu betonen.
• Die Gesundheitspolitik muss umfassend betrieben werden.
• Die Möglichkeit von Globalbudgets muss ernsthaft geprüft werden.
8.5 Politische Parteien
8.5.1 Sozialdemokratische Partei der Schweiz
Die sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) hat beschlossen, die Idee der Einheitskasse
zu unterstützen. Dahinter stecken wahrscheinlich auch taktische Allianzen und Überlegungen,
denn seit der erwähnten BASS-Studie, welche der SGB in Auftrag gegeben hat, ist die
Begeisterung für die Einheitskasse innerhalb der Partei etwas abgeflacht. In der Frage der
Prämien vertritt die SPS die Meinung, dass die Prämien der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit
Rechnung tragen müssen. Auch einkommensabhängige Franchisen taugen zur Umverteilung
von oben nach unten. Die Spitalfinanzierung kann privatisiert werden, wenn Regeln erstellt
werden, die für die Privatspitäler zwingend sind. Dazu gehören zum Beispiel die Pflicht zur
Rechnungsoffenlegung und die Pflicht zu Leistungen gemäss KVG zu den vereinbarten Tarifen
sowie die Versorgungspflicht, damit der Leistungskatalog nicht auf profitable Leistungen gekürzt
wird.
Einer Aufhebung des Kontrahierungszwanges steht die SPS offen gegenüber, unter der
Voraussetzung, dass die Wahlfreiheit sich nicht auf wenige Anbieter beschränkt.

Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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Ausserdem nimmt die SPS die SUVA als gutes Bespiel, denn im Unfallversicherungsbereich
arbeitet sie gegenüber den privaten Unfallversicherern wesentlich günstiger.
42

8.5.2 Grüne Partei der Schweiz
Die Grüne Partei der Schweiz (GPS) fordert eine gute Gesundheitsversorgung für alle, Solidarität
zwischen den Versicherten, eine wirkungsvolle Prävention und Gesundheitsförderung sowie die
Stabilisierung der Kosten.
43

Für sie ist die Kopfprämie ein unsoziales Finanzierungsmodell. Die Prämienverbilligung wird von
den Kantonen sehr unterschiedlich stark genutzt, was als störend empfunden wird. Eine
Erhöhung der Franchise und des Selbstbehalts lehnt die GP ab, weil sie unsolidarisch ist. Sie
unterstützt die Forderung nach einer Einheitskasse.
Für die GPS ist eine Mengenbeschränkung der Leistungserbringer eine wichtige Massnahme zur
Kosteneindämmung, denn es bestehe ein direkter Zusammenhang zwischen der Ärztedichte und
den Kosten.
Spitzenmedizin ist extrem teuer und unkoordiniert, sagt das Positionspapier der Grünen ohne
Details zu nennen. 15 bis 20 % der medizinischen Leistungen erachten sie als nicht sinnvoll.
Parallelimporte sind ein wichtiges Instrument, um die Kosten für die Medikamente in den Griff zu
bekommen, genauso wie die Pflicht zur Verschreibung von Generika, wo möglich.
Bei den technischen Leistungen sind die Tarife und Leistungen zu hoch, was zu falschen
Anreizen führt. Der Kontrahierungszwang soll nur bei den Spezialärzten aufgehoben werden.
Für die Grünen bestimmt das Angebot die Nachfrage. Der Markt funktioniert deshalb im
Gesundheitswesen nicht.
44

Zentral ist die Gesundheitsförderung, die Unterstützung eines gesundheitsförderlichen
Verhaltens und die Aufklärung der Versicherten. Ausserdem sollen soziale und
arbeitsmedizinische Faktoren in der Gesundheitspolitik stärker berücksichtigt werden.
Tendenzen zur Zweiklassenmedizin müssen unterbunden werden (Operationen, Alterspflege,
Asylsuchende).
Der Zugang zur Alternativmedizin soll allen möglich sein. Für gesundheitsschädigende
Konsumgüter sind Lenkungsabgaben zu erheben.

42
Sinngemäss aus dem Vorentwurf des neuen Wirtschaftskonzeptes der SPS vom 18.10.2005 sowie verschiedenen
Positionspapieren auf der Homepage http://www.sp-ps.ch (22.05.2006)
43
Positionspapier im Auftrag der DV vom 27.04.2002: „Positionen der Grünen zur Gesundheitspolitik“
44
Volkswirtschaftlich gesehen versagt hier der Markt, weil für die Versicherten tendenziell nur das Beste gut genug ist
und die Leistungserbringer an diesen Leistungen am Meisten verdienen.
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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Als „Naturpartei“ legen die Grünen wert auf eine gesunde Umwelt, damit die Bevölkerung nicht
schon daran erkrankt. Die Kosten aus Verkehrsunfällen und Luftverschmutzung betragen 9 Mia.
Franken pro Jahr. Zur Gesundheitspolitik gehört deshalb auch die Sozial- und Wirtschaftspolitik.
8.5.3 Christliche Volkspartei
2/3 der christlichen Volkspartei (CVP) lehnen die Einheitskrankenkasse als Idee ab. Die Basler
CVP versucht mit einer Kantonalen Initiative, die Prämienbelastung zu reduzieren, indem die
Prämien vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden können. Die CVP Schweiz möchte,
dass alle Akteure einen Beitrag zur Kostenreduktion leisten. Und zwar mit den folgenden
Massnahmen
45
:
- Kantone
Wechsel zur monistischen Spitalfinanzierung, engere überkantonale Zusammenarbeit
- Versicherer
Vollständige Transparenz in der Rechnungslegung sowie strikte Kontrolle der zu zahlenden
Rechnungen
- Leistungserbringer
Vertragsfreiheit mit Bedarfsplanung der Kantone, integrierte Versorgungsnetze mit
Budgetverantwortung, aktives Fördern von interdisziplinären Versorgungsnetzen und
Behandlungspfaden, Tarmed für alle zulasten der obligatorischen Krankenversicherung
tätigen Ärzte, Generikaverschreibungspflicht, wenn medizinisch unbedenklich
- Versicherte
Personen, die ein integriertes Versorgungsnetz benutzen, bezahlen 10% Selbstbehalt
(andere 20%), der Höchstbetrag bleibt, Sensibilisierung der Gesundheitsförderung
- Pharmaindustrie
Mehr Generika auf den Markt bringen
- Bund
Optimierung der Prämienverbilligung mit Sozialzielen (Entlastung der Familien, 2. Kind
Halbtax, jedes weitere gratis), vermehrte Gesundheits- und Präventionskampagnen,
Überprüfung des Zulassungs- und Preisbildungssystems für Medikamente, positive
Formulierung des Leistungskataloges und restriktive Zulassungspraxis
Die CVP-Fraktion lehnt eine Erhöhung der Franchise ab. Sie setzt ihrer Meinung nach falsche
Anreize.

45
Thesen aus der Gesundheitspolitik der CVP für die Legislatur 2003 - 2007
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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8.5.4 Freisinnig demokratische Partei
Die Freisinnig Demokratische Partei (FDP) hielt seine Meinung 2001 sinngemäss wie folgt fest
und hat sie seither schriftlich nicht revidiert:
46

Es herrscht eine Vollkaskomentalität. Je höher die Prämien und je tiefer der Selbstbehalt und die
Franchise, desto stärker die Anspruchshaltung. Es müssen Anreize geschaffen werden, damit
die Selbstverantwortung gefördert wird. Der Selbstbehalt und die Franchise sind dafür die
richtigen Werkzeuge. Die FDP möchte noch mehr Markt und eine Entflechtung des Marktes vom
Staat. Der Leistungskatalog ist auf die Grundleistungen zu beschränken. Sie nennt ihre Politik
eine 3-Säulenpolitik:
• SV (Selbstverantwortung)
• KV (Krankengrundpflege obligatorisch)
• ZV (Zusatzversicherung fakultativ)
Die Finanzierung über Kopfprämien soll beibehalten werden. Von einer neuen Einkommens- und
Vermögenssteuer ist abzusehen. Wirtschaftlich schwächere Personen erhalten wie bis anhin
Direktzahlungen. Im Spitalbereich soll auf Subventionen verzichtet werden. Der
Kontrahierungszwang soll aufgehoben werden.
8.5.5 Schweizerische Volkspartei
Die Schweizerische Volkspartei (SVP) hat in der Gesundheitspolitik keine Position publiziert. Auf
der Webseite wird sie nicht thematisiert. Es finden sich keinerlei Ansätze, in welche Richtung sie
gedenkt, zu steuern. Aus den politischen Diskussionen hat sich aber herauskristallisiert, das für
die SVP das KVG zu teuer ist und vollumfänglich privatisiert werden sollte. Moderatere Vertreter
lehnen sich vorsichtig an die Vorschläge der FDP an.
9 Zusammenfassung und Resultat
Nach diesen Ausführungen können wir erkennen, dass es sich beim KVG und dem ganzen
Bereich der Gesundheit um ein sehr vielfältiges und umstrittenes Thema handelt. In jeder
Session der Räte werden neue Modelle diskutiert und der Bund wendet grosse Mittel auf in die
Weiterentwicklung der bestehenden Systeme und in die Entwicklung neuer. Zentral ist und bleibt
die Finanzierung. Es konnte aufgezeigt werden, dass wir uns in einem finanziellen einem
Rahmen bewegen, die sich mit anderen Industriestaaten vergleichen lassen darf. Gegen 10%
des BIP wird von der WHO als normal angesehen. Wenn wir noch ein bisschen mehr Wachstum

46
Gesundheitspolitik: Positionspapier vom FDP-Delegiertenversammlung (13.01.2001)
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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erreichen, sind wir auf einem guten Weg. Aber die demographische Entwicklung zwingt uns
heute, zu handeln, wenn wir die Kosten morgen im Griff haben wollen.
Wir haben auch gesehen, dass es nicht nötig ist, die KVG-Leistungen zu kürzen. Es gibt noch
genügend Spielraum für Einsparungsmöglichkeiten, sei es bei den Versicherten selbst, sei es bei
der Prävention oder auch, und insbesondere bei den Leistungserbringern, die sich mit einer
neuen Art von Arbeit zugunsten der Gesundheit schon heute auseinandersetzen sollten.
Die aufgezeigten sozialpolitischen Nachteile gilt es gut im Auge zu behalten und Lösungen zu
finden, die eine breite Schicht der Bevölkerung überzeugen. Vielleicht bietet nun das Schlusswort
einen Ausblick, der in die Diskussionen einfliessen kann.
10 Schlusswort und Ausblick
2007 kommt die Gesundheitsinitiative zur Abstimmung, die möchte, dass der Bund eine
Einheitskrankenkasse einrichtet und die Finanzierung der Krankenpflegeversicherung lohn- und
einkommensabhängig erfolgt. Zurzeit unterstützen die SPS, die Partei der Arbeit, die Grünen und
der SGB diese Initiative. Die erwähnte und vom SGB in Auftrag gegebene BASS-Studie zeigt,
dass die Idee der Einheitskasse kritisch angesehen werden sollte. Es gibt es kein einziges Land,
das lediglich mit einer Einheitskasse die Volksgesundheit sicherstellt.
Es gibt ein wichtiges Kapitel in der Geschichte der Schweiz, von dem wir lernen könnten. Wir
sollten dazu ein Blick in die Vergangenheit werfen. „1912 wird das Kranken- und
Unfallversicherungsgesetz (KUVG) vom Volk angenommen. Das Gesetz sieht die
Subventionierung der Krankenkassen sowie die Einführung der obligatorischen
Unfallversicherung für einen wesentlichen Teil der Arbeitnehmenden vor. Die schweizerische
Unfallversicherungsanstalt (SUVA) wird mit der Durchführung der obligatorischen
Unfallversicherung und mit der Aufsicht über die Arbeitssicherheit in den Betrieben beauftragt.
Von 1918 bis 1983 hat die SUVA das Monopol über die Berufsunfallversicherung. 1984 tritt das
neue Unfallversicherungsgesetzes (UVG). Die obligatorische Unfallversicherung wird auf
sämtliche Arbeitnehmende ausgedehnt. Die Suva erhält mit diesem Gesetz eine neue
Rechtsgrundlage. Für die Durchführung der obligatorischen Unfallversicherung werden neben
der Suva neu auch andere Versicherer zugelassen. Gleichzeitig wird die Arbeitssicherheit neu
organisiert.“
47

Wenn wir uns anschauen, wo die privaten Versicherer seit Zulassung in diesem Bereich tätig
geworden sind, sehen wir, dass sie es fast ausschliesslich im Tertiärsektor getan haben, wo

47
http://www.suva.ch/home/unternehmen/geschichte.htm?WT.svl=sub
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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Arbeitunfälle selten schwerwiegend sind und die Arbeitssicherheit eine wesentlich kleinere Rolle
spielt. Dort, wo die privaten Versicherung Angebote im Primär- und Sekundärsektor macht, sind
die Prämien etwa 40% höher, als die der SUVA. Die SUVA ist tripartit
48
geführt und verfolgt per
Definition keine Gewinnabsichten. Ihre Leistungen im Präventivbereich sind vorbildlich und
werden von niemandem in diesem Land angezweifelt. Der Vorschlag der Einheitskasse nach
dem Modell der SUVA ist demnach ein durchaus gangbarer, effizienter und kostengünstiger
Weg. Wichtig wäre in diesem Fall, dass dieses Modell so aufgestellt wird, dass es sich
dynamisch anpassen kann ohne von der Politik blockiert zu werden.
Bei der Aufhebung des Kontrahierungszwangs ist eine komfortable Mehrheit zu erwarten, weil
die Lobby der Ärzte zwar stark aber nicht gross ist. Ausserdem sind deren Interessen, wie
erwähnt, teilweise konträr.
Die leistungsbezogene dualfixe Spitalfinanzierung wird sich wahrscheinlich durchsetzen und den
Weg für das Modell einer monistischen Spitalfinanzierung ebnen. Über Globalbudgets, wie es
das Büro BASS vorschlägt, diskutiert man derzeit in Bern noch nicht, obwohl das Modell mit
seiner Logik besticht. Ein ausgelastetes Spital kann nämlich kostengünstigere Leistungen
erbringen und sich andererseits nicht so viel Zeit für individuelle Bedürfnisse nehmen. Ein
schlecht belegtes Spital andererseits kostet den Versicherten mehr (Selbstbehalt), kann sich
aber intensiver mit dem Patienten auseinandersetzen.
Bei den Medikamentenpreisen wird es auch noch einige Machtgebaren bei den Herstellern
geben, bevor die Preise sich dem europäischen Niveau anpassen. Es wird wohl noch eine Zeit
dauern, bis Parallelimporte vollumfänglich möglich sind. Da sind Konsumentenschützer,
Preisüberwacher, Kartellkommission, Wettbewerbskommission und vor allem Swissmedic
gefordert, sich für die Interessen der Konsumenten einsetzen.
Ich finde es falsch, den Versicherten die Verantwortung dafür zu übergeben, dass sie Generika
bekommen. Diese Verantwortung muss bei den Fachstellen liegen, namentlich bei den
ÄrztInnen, Spitälern und den Apotheken.
Das HMO-Modell wird weiter entwickelt und gefördert werden. Damit lassen sich die Ausgaben
gesundheitsfördernd steuern. Wichtig ist dabei, dass der Bund bei der Entwicklung mitwirkt und
die Versicherungen auch in Richtung Qualitätssicherung und Prävention lenkt.

Abgabedatum: 6. Juni 2006 Unterschrift: __________________

48
„dreiparteiig“: die SUVA als Beispiel wird tripartit geführt, was heisst, dass Arbeitgebervertreter,
Arbeitnehmervertreter und Vertreter der öffentlichen Hand gemeinsam das Geschäft leiten.
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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11 Anhang


Medienmitteilung Nr. 0350-0602-60 des Bundesamtes für Statistik vom 03.03.2006, Seite 14
Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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12 Adressen und Quellen

• BAG http://www.bag.admin.ch
• BASS http://www.buerobass.ch
• Bund http://www.admin.ch
• CVP http://www.cvp.ch
• Denknetz http://www.denknetz-online.ch
• FDP http://www.fdp.ch
• FMH http://www.fmh.ch
• NZZ http://www.nzz.ch
• GPS http://www.gruene.ch
• U.S. Census Bureau, Statistic Abstract of United States http://www.census.gov
• Santésuisse http://www.santesuisse.ch
• Schweizerischer Nationalfonds http://www.snf.ch
• SGB http://www.sgb.ch
• SPS http://www.sp-ps.ch
• SUVA http://www.suva.ch
• SVP http://www.svp.ch
• Swissmedic http://www.swissmedic.ch
• Tagesanzeiger http://www.tagi.ch
• TARMED http://www.tarmed.ch
• Vorwärts http://www.vorwaerts.ch
• WHO http://www.euro.who.int
• Initiativkomitee Einheitsk. http://www.einheitskasse-ja.ch















Diplomarbeit HWD Volkswirtschaft
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13 Literatur

• WHO „World Health Report 2000/ Health Systems: Improving Performance“
http://www.euro.who.int, Genf (2000)
• WHO „Der europäische Gesundheitsbericht 2005/ Massnahmen für eine bessere Gesundheit der Kinder und der
Bevölkerung insgesamt“ http://www.euro.who.int, Genf (2005)
• Denknetzfachgruppe (22 Autoren) „Jahrbuch 2005: Der neue Glanz der Gleichheit/ Analysen und Impulse zur
Politik“ Edition 8, Zürich (2006)
• Simonetta Sommaruga & Rudolf H. Strahm „Für eine moderne Schweiz/ Ein praktischer Reformplan“ Nagel &
Kimche, München/ Wien (2005)