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2 June, 2014 | created using PDF Newspaper from FiveFilters.

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Kalter Krieg 2.0 | Telepolis (Print)



Kalter Krieg 2.0
Rudolf Maresch 29.05.2014
Die Dämonisierung Putins und der Kampf Russlands um die Ukraine zeigen, dass
der geopolitischen Verschnaufpause nur ein kurzer Sommer beschieden war. Der
Bär zeigt wieder Krallen, Teil V
Das Bild hat für Furore und politische Missstimmung gesorgt, in Berlin, in den
Medien und in der Regierungskoalition. Gerhard Schröder, Vorsitzender des
Aktionärsausschusses der Nord Stream AG, eines Unternehmens, das die
gleichnamige Ostsee-Pipeline betreibt und vom russischen Staatskonzern
Gazprom dominiert wird, feierte Ende April seinen 70. Geburtstag in St.
Petersburg nach und umarmte demonstrativ lachend und mitten in der
Ukraine-Krise, Vladimir Putin, seinen “alten” und “engen Freund”, wie der
“Spiegel” süffisant anmerkte.

Wer über die Weltinsel herrscht, herrscht über die Welt
Sir Halford Mackinder
Party mit Putin
Bereits Wochen davor hatte der Altbundeskanzler den Kremlchef wegen seiner
Haltung in der Ukraine-Krise öffentlich in Schutz genommen und der EU, die
einer “Zollunion” des Landes mit Russland zuvorkommen und ein
“Assoziierungsabkommen” mit Kiew schließen wollte, schwere Fehler im Umgang
mit dem osteuropäischen Land vorgeworfen und ihren Unterhändlern kulturelle
Unkenntnis über die Region und die Struktur des Landes attestiert.
1
Zeitgleich hatte bereits Helmut Schmidt, ein anderer Altbundeskanzler der SPD,
Ähnliches in der Wochenzeitung “Die Zeit” geäußert[1]. Auch er hatte um
Verständnis für das Vorgehen des russischen Präsidenten auf der Insel Krim
geworben, Sanktionen des Westens gegenüber Russland für “dummes Zeug”
erklärt und den Europäern eine Mitverantwortung für die Probleme im
flächenmäßig zweitgrößten Staat Europas gegeben.
Die Aufregung, die um das “Umarmungsfoto” und die Bemerkungen der beiden
“Altvorderen” der Bundesrepublik entstand, war daher verständlich und wenig
verwunderlich. Denn just in dem Moment befand sich ein Team westlicher
Militärberater, darunter drei deutsche Offiziere und ein Dolmetscher, über deren
Auftrag in der Ostukraine auch nach ihrer Freilassung große Unklarheit herrscht,
in der Hand der Separatisten.
Böse Erinnerungen wurden wach
Zudem schien das Bild eines herzlich lachenden Altbundeskanzlers die
Außenpolitik der deutschen Regierung zu diskreditieren. Zumal sie unter dem
Druck stand, härtere Sanktionen des Westens gegenüber Moskau mit zu
vertreten, die der deutschen Wirtschaft empfindlich schaden, Arbeitsplätze
hierzulande gefährden und den wirtschaftlichen Interessen des Landes
zuwiderlaufen konnten.
Bei den Polen wiederum weckte das “Fotoshooting” schlimmste Erinnerungen. An
den Hitler-Stalin-Pakt etwa, bei denen Deutsche und Russen sich in einem
separaten Deal auf die Zerschlagung des polnischen Staates und die Aufteilung
der osteuropäischen Gebiete verständigt hatten. Schon die geplante
Streckenführung der Nord-Stream-Gasleitung, die zum Ärger Polens durch die
Ostsee direkt von Russland nach Deutschland verläuft, hatte zu derartigen
Sorgen, Ängsten und Nöten im Nachbarland Anlass gegeben.
Aber auch an den polnischen Aufstand Anfang der 1980er, als Helmut Schmidt
die Militärmaßnahmen des damaligen polnischen Präsidenten Jaruszelskis gegen
die Solidarnosc-Aktivisten auf der Danziger Lenin-Werft und den
Metallkombinaten von Nowa Huta für “notwenig” erklärt[2] und der spätere
außenpolitischer Berater und Unterhändler Egon Bahr im “Vorwärts” den Frieden
für wichtiger erachtet hatte als Polen.
Wirtschaft vs. Politik
2
Gleichwohl verdichteten sich in der Umarmungsszene nochmals all jene Konflikte
und Debatten, die die deutsche Nachkriegspolitik nachhaltig geprägt haben und
die mit den Namen der beiden Altbundeskanzler und der SPD aufs Engste
verbunden sind: die deutsche Ostpolitik und der Nato-Doppelbeschluss; die Politik
der Aussöhnung und der Wandel durch Annäherung; die Achsen– und
Schaukelpolitik (Eurasische Gegenmacht[3]) während des Irak-Krieges und die
Energieabhängigkeit des Landes von russischem Gas und Erdöl, die Partnerschaft
und wirtschaftliche Kooperation mit Russland und die Sehnsucht nach Frieden
und Sicherheit in Europa.
Allerdings kollidierten diese bilateralen Interessen, die die neue mit der alten
Bundesrepublik teilt, schon immer mit jener Politik, die das Land post WK II mit
der Westbindung und der transatlantischen Partnerschaft eingegangen ist, seiner
Einbindung in Nato und EU und den daraus sich ergebenen gemeinschaftlichen
und vertraglichen Verpflichtungen. Und sie überschneidet sich naturgemäß mit
dem regen Handel, den intensiven Austauschbeziehungen und den guten
Geschäften, die große Teile der deutschen Wirtschaft mit Russland pflegen.
Dass bei der Nachfeier in St. Petersburg neben dem deutschen Botschafter und
dem außenpolitische Sprecher der konservativen Fraktion auch Topmanager der
deutschen Großindustrie zugegen waren, verwunderte daher nicht. Und es
verwundert auch nicht, dass deutsche Konzernführer und andere globale
Entscheider es sich nicht nehmen lassen wollten[4] trotz des Konflikts mit
Russland nach St. Petersburg zu reisen, um am dortigen Wirtschaftsforum Ende
Mai teilzunehmen, dem russischen Pendant zum gleichnamigen in Davos. Warum
schließlich von den deutschsprachigen Industriekapitänen dann doch nur der
Metro-Chef teilnahm, darüber darf trefflich spekuliert werden.
Ressentiment oder Beschwichtigung
Darum kann es nicht allzu sehr in Erstaunen versetzen, wenn in der deutschen
Medienöffentlichkeit ein Russland-Bild revitalisiert wird, das aus der Zeit des
Kalten Krieges stammt und das man längst für überholt gehalten hatte. Dieses
Bild ist nicht nur vielfach klischeebehaftet, von Stereotypen durchzogen und wird
zum großen Teil von Vorurteilen, überkommenen Reflexen und gängigen
Feindbildern beherrscht; es wird auch immer noch von hinlänglich bekannten
Argumenten unterfüttert, die zwischen Ressentiment oder Appeasement
schwanken und mal mit einer Mischung aus Angst, Ekel und Abscheu, mal mit viel
3
Mitleid, Bedauern und Verständnis für das Land vorgetragen werden.

“A bear sleeping with a happy face in the cold Russian sun”. Foto: Julie R[1];
Lizenz: CC BY-SA 2.0[2]
Erblicken die einen in Russland vor allem jenen Bären, der wieder globale
Ambitionen hegt, seinen Einfluss in Europa stärken und ausweiten und seine
unmittelbaren Nachbarn unter seine Knute bringen will[5], fordern die anderen
dazu auf, mehr Feingefühl für die (geo)politische Lage und den besonderen Status
des Riesenreiches aufzubringen, das geografisch wie historisch an jener
Nahtstelle angesiedelt ist, wo westliche und asiatische Kultur
aufeinanderprallen[6].
Allein aufgrund seiner enormen Größe, der riesigen Entfernungen, die zu
bewältigen sind, und der vielen Völker und Kulturen, die auf seinem Territorium
beheimatet sind, könne man Russland nicht mit “westlichen” Maßstäben messen,
das große Land müsse seinen eigenen Weg gehen[7].
Anders als die USA, die von zwei Weltmeeren umgeben und geschützt werden,
teilt sich Europa die “eurasische Landmasse” mit dem größten Land der Erde. Um
Frieden und Sicherheit in Europa zu gewährleisten, ist das “geografische
Anhängsel” Europa und vor allem Deutschland, das geografisch in dessen Mitte
4
situiert ist (“Mittellage”) auf Ausgleich, Kooperation und gute Nachbarschaft mit
Russland angewiesen. Ohne oder gar gegen die Großmacht im Osten kann und
wird es in Europa weder Stabilität noch einen dauerhaften Frieden geben.
Politische Theologie des Westens
Politische Studien, die einen eher nüchternen und kühl analysierenden Blick auf
die politische Lage und den gut zehn Jahre währenden Kampf um die Ukraine
werfen, dazu noch die politische Geografie der Akteure in ihre Überlegungen
einbeziehen und obendrein die jüngsten Ereignisse und machtpolitischen
Interessen des Westens und des Ostens nach dem Fall der Mauer und dem Ende
der bipolaren Welt berücksichtigen, findet man in den hiesigen Medien nicht.
Große Verwunderung sollte dieses Fehlen allerdings nicht auslösen. Dort hat sich
seit dem Ende des Kalten Krieges eine moralisierende Haltung breitgemacht, die
von einer Politischen Theologie (“Politik der Menschenrechte”) und vermeintlich
absoluten und/oder universalen Werten (Universalismus) getragen wird und
glaubt, anderen Völkern, Nationen und Kulturen vorschreiben zu müssen, wie sie
zu denken und zu handeln, zu leben und zu sterben haben.
Dabei böte das derzeitige Geschacher um die Ukraine hinreichend Anlass, diese
besserwisserische Einstellung gegenüber Andersdenkenden (Wir sind die Guten
und hegen nur die besten Absichten) zu hinterfragen; es böte die Gelegenheit,
von einer solchen Idealisierung der Politik, einer die sich im Besitz absoluter
Wahrheiten wähnt und meint, sie anderen auf elegante (Soft Power) oder mit dem
Hammer (Hard Power) zu vermitteln, Abstand zu nehmen und wieder zu einer
pragmatischen und realpolitischen Sichtweise zurückzukehren.
Friede, Freude, Eierkuchen
Dass es in der Politik weniger um Moral, Werte und Ideale, sondern vielmehr um
Macht, Interessen und Einflusszonen geht — dieses Wissen ist in den letzten
Jahrzehnten, bei Leitartiklern und Meinungsmachern ebenso wie in der
politischen Wissenschaft und ihren Denkfabriken, etwas außer Blick geraten.
Trotz Balkan-Krise und Krieg im ehemaligen Jugoslawien, trotz Nine-Eleven und
der Kriege in Größeren Mittleren Osten glaubten etliche westliche Beobachter, in
Europa noch mehr als in Washington, dass die Geschichte zu Ende sei, die
blutigen Kämpfe um Anerkennung der Vergangenheit angehöre und nun eine
neue Ära der Menschheitsentwicklung eingeläutet werde. Ihnen schwebte eine
5
Kantische Staaten– und Friedensordnung vor, in der sich Starke wie Schwache,
Große wie Kleine, Reiche wie Arme fortan als gleichwertige Partner achten und
anerkennen und ihr Handeln eher an Recht und Gesetz als an Macht und Stärke
ausrichten werden.
Es war Samuel Huntington, der schon Mitte der 1990er das Ende der Ideologien
und die Idee vom weltweiten Siegeszug der Demokratie ins Reich der Träume
verwies (Demokratie in der Krise[8]). Trotz einer Vielzahl neuer Demokratien, die
sich im Osten Europas konstituiert hatten, hielt er nicht nur die ehernen Gesetze
von Geschichte, Geografie und Politik, die die politischen Kämpfe um Ansehen,
Geltung und Rang charakterisiert hatten, nach wie vor für intakt, er sah auch
längst neue Bruchlinien und Konflikte am Horizont auftauchen, dort, wo
unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallten und sich unversöhnlich
gegenüberstanden.
Aufstieg der anderen
Die blutigen Kriege, die alsbald in Zentralasien, im Mittleren Osten oder am
Kaukasus ausbrachen, demonstrierten das auch recht eindrucksvoll. Rasch stellte
sich diese “neue Weltordnung”, die von George Bush und anderen ausgerufen
wurde und die von Handel, Ausgleich und Kooperation zwischen den Staaten,
Völkern und Kulturen getragen werden sollte, als Trugbild und frommer Wunsch
heraus.
Statt einer “geopolitischen Auszeit” und zwangsläufigen und weltweiten
Durchsetzung der Demokratie westlicher Prägung kehrte das “Zeitalter der
Geopolitik” zurück und mit ihr jener “Großmachtnationalismus”, der schon das
19. und 20. Jahrhundert geprägt und in Atem gehalten hatte. Im Brennpunkt
stehen seitdem wieder politische Interessenslagen, die vom Kampf um Macht und
Raum, um “Hinterhöfe” und Interessens– und Sicherheitssphären künden, und
mit Geoökonomie, Ideologieschwund und Harmonie unter Nationen und Völkern
herzlich wenig im Sinn haben.
Ein wesentlicher Grund für das Aufflackern neuer Rivalitäten und
Systemkonkurrenzen ist, neben einem allmählichen Verblassen und
Unattraktivwerdens des westlichen Modells (Unweigerlich abwärts[9]) gewiss der
rasante wirtschaftliche Aufstieg, den andere Völker und Staaten seitdem
genommen haben. Selten haben sich derart viele Nationen so schwungvoll und in
so kurzer Zeit vom Zustand der Schwäche in einen Zustand der Stärke entwickelt.
6
Dieser “Rise of the Rest” (Die Zukunft ist postamerikanisch[10]) der sich
vorwiegend im östlichen und da vor allem im südpazifischen Raum abspielt,
zwingt dem Westen einen neuen Antagonismus im “welthistorischen Ausmaß” auf.
Autokratie vs. Demokratie
Der wirtschaftliche Höhenflug, den diese Staaten und Räume hingelegt haben,
beweist, dass sich Wohlstand und Autokratie keinesfalls widersprechen müssen.
Prosperität und Sicherheit lassen sich herstellen, ohne dass ein Land gezwungen
ist, den Preis politischer Liberalisierung zu zahlen. China etwa hat den
Turbokapitalismus als neues Aufbauprogramm entdeckt, es baut seine
Wirtschaftsmacht und seine militärischen und globalen Ansprüche im pazifischen
Raum und in Afrika Zug um Zug aus.
Ähnliches lässt sich auch von Russland vermelden. Nach dem fast Ausverkauf des
Landes unter Boris Jelzin und der schlimmen Erfahrung, die Russland mit dem
Neoliberalismus gemacht hat, hat das Land seinen kurzzeitigen Flirt mit dem
politischen Kurs des Westens, seiner Kultur und Zivilisation wieder verloren. Es
besinnt sich auf seine historischen und kulturellen Wurzeln zurück, entdeckt
dabei die “russischen Seele” und die “eurasische Idee“[11] als politische Idee neu
und verschreibt sich dem Autokratismus.
Suche nach den Wurzeln
In dem von byzantinischen Sehnsüchten, russischer Mystik und vom Glauben an
die christliche Orthodoxie unterfütterten Denken geht es vor allem um die
Bewahrung des Traditionellen, Gewachsenen und Eigenen, um den Schutz der
Heimat und der russischen Erde vor dem Ansturm des Liberalen,
Gleichmacherischen und Globalistischen, und um eine offensive Wendung gegen
die für dekadent erklärte Kultur des Westens, die aus Völkern Märkte und aus
Individuen Konsumenten macht.
Unter Vladimir Putin hat es sich gestärkt durch die Milliarden, die es aus dem Öl–
und Gasgeschäft bezieht, wirtschaftlich wieder konsolidiert; es ist wieder größer
und stärker geworden und zu den Ambitionen einer Großmacht zurückgekehrt,
die eine “völkerrechtliche Großraumordnung” bevorzugt, globale Interessen
verfolgt und sich, wie die USA seit 1823 schon (Monroe-Doktrin), eine
Einmischung (“Interventionsverbot) raumfremder Mächte” an seinen
Außengrenzen und Einflussgebieten verbietet. Daher verwundert es auch nicht,
7
wenn Carl Schmitt, auf den dieses Denken in völkerrechtlichen Großräumen
zurückgeht, in Moskau eine politische Renaissance erfährt
Ohne Russland geht nichts
Dank seiner Größe und Bedeutung, seiner Bevölkerungszahl und Schätze, die in
seinen Böden zu finden sind und darauf warten, gehoben zu werden, kann das
Land dieses politische Selbstbewusstsein auch öffentlich zur Schau tragen. Auch
darum war es eine politische Dummheit, dass der US-amerikanische Präsident in
Den Haag Russland als eine “Regionalmacht” bezeichnet hat[12].
Das Land, das höchst stolz auf seine spirituellen Quellen ist, ebenso gern wie die
USA das Hohelied auf seine “einzigartige Größe” singt, vor aller Welt zu
verletzen, zu beleidigen und zu demütigen, ist politisch kontraproduktiv und gibt
allenfalls dem russischen Patriotismus und vor allem Nationalismus zusätzlichen
Auftrieb. Zumal die USA auf den guten Willen und die konstruktive Mitarbeit
Russlands angewiesen ist, im Iran und in Syrien genauso wie in Zentralasien oder
in Nordafrika.
Ein gekränktes und erniedrigtes Land wird sich wenig kooperativ zeigen, sich zu
“rächen” versuchen und es in diesen Regionen dann auch zu keinen dauerhaften
Frieden kommen lassen. Man stelle sich vor, Russland würde mit Mexiko,
Venezuela oder anderen Staaten, die den amerikanischen Hinterhof zieren, ein
Assoziierungsabkommen aushandeln und die Stationierung russischer Raketen
und Truppen beschließen. Wie würden sich wohl die politischen Eliten in den USA
verhalten?
In historischen Dimensionen denken
Anders als Obama und seine Administration denkt Putin in geschichtlichen
Dimensionen. Nicht nur bezeichnete er den Zusammenbruch der Sowjetunion als
“die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts”. Wie nahezu jeder
seiner Vorgänger, von den Zaren bis zu den Sowjetherrschern, hat er als
historisch denkender Mensch Angst vor einer Eindämmungs– und/oder
Einkreisungspolitik.
Für Russland und für jede anderen Präsidenten ist es daher ebenso undenkbar
wie politisch unannehmbar, dass ehemalige Staaten des Warschauer Paktes dem
Nato-Bündnis angehören und Soldaten des westlichen Bündnisses vor seinen
Grenzen patrouillieren. Das gab Putin bei seiner Rede vor der Duma am 18. März
8
nach der Annektierung der Krim auch nochmals deutlich zu verstehen[13]:

Das Wehen der NATO-Flagge in einer russischen Stadt ist eine Bedrohung für den
gesamten Süden Russlands. Wir sind dagegen, dass eine Militärallianz […] vor
unserem Zaun, an unserem Haus und auf unseren historischen Territorien das
Sagen hätte.
Russische Ohnmacht
Gewiss musste das Land mit der Auflösung des Warschauer Paktes neue
Realitäten akzeptieren. Ohnmächtig und hilflos musste Putin danach den
Ereignissen und Entwicklungen vor seiner Haustür, in Zentralasien, auf dem
Balkan und im Osten Europas, zusehen. Allzu bereitwillig ließ er sich für den War
on Terror einspannen.
Auch den “Big Bang” mithin die Eingemeindung der baltischen Staaten in das
Westbündnis ließ er noch geschehen, obwohl das westliche Militärarsenal gerade
mal sechzig Kilometer vor St. Petersburg Stellung bezogen hat, ballistisch
gesehen, nur ein paar Flugsekunden weit weg. Geografisch ist der russische
Marinestützpunkt Kaliningrad jedenfalls von Nato-Truppen umringt.
Zu allem Überdruss errichteten die Amerikaner infolge des
Afghanistan-Feldzuges in Usbekistan und Kirgisien Militärbasen und bauten sie
zu einem engen Netz amerikanischer Stützpunkte in Zentralasien aus. Im April
2004 unterzeichnete die Nato schließlich ein Übereinkommen mit Kiew, das die
Entsendung von Nato-Truppen in die Ukraine erlaubt, sollte dies die Allianz für
notwendig erachten. Und dass die Ukraine bald Teil der Nato werden könnte,
haben vor Jahren einflussreiche Politiker, wie etwa der damalige
US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz, bereits angedeutet[14].
Lohnende Beute
Dass der Kreml diesem Expansionsdrang des Westens und seines Bündnisses
Richtung Osten und zu Lasten Russlands so lange tatenlos zusah und erst 2003/4,
als zunächst die Ukraine dank der sogenannten orangenen Revolution und vier
Jahre später Georgien sich der Obhut Russlands entziehen und in die Arme der
EU (Russland, die USA und der Krieg in Georgien[15]) streben wollten, dem
Westen die Stirn bot, in die geopolitische Offensive ging und dem einen
9
militärisch Riegel vorschob, verwundert schon sehr. Zumal es viele und gute
Gründe für den Westen gibt, sich die Ukraine zur Beute zu machen.
Schon 1991, als sie ihre Unabhängigkeit vollzog, wurde die Ukraine vom Westen
politisch gefördert und finanziell, etwa von der Soros-Foundation, massiv
unterstützt. Seit 1994 räumten die USA den Beziehungen zur Ukraine bereits
höchste Priorität ein. Bei jeder passenden Gelegenheit ließen in den Jahren
danach westliche Politiker keinen Zweifel, dass in ihrer Optik die Ukraine Teil
Europas sei.
Seit Mitte der 1990er unterhält die Ukraine zudem mit Amerika eine
“strategische Partnerschaft”, die sich an gemeinsamen Übungen der Nato mit
ukrainischen Truppenverbänden zeigte. Um die damalige, prorussische Regierung
zu schwächen, liefen von Amerika aus massive Geldzahlungen an NGOs, Medien
und liberale Politiker. Und mit der Mitgliedschaft Polens und anderer
osteuropäischer Länder, bekam der Wunsch der Ukraine nach einem Beitritt in
die EU auch intern immensen Auftrieb.
Bis hierher und nicht weiter!
Zu dieser Zeit muss auch ein abrupten Gesinnungswandel beim russischen
Präsidenten stattgefunden haben. Fortan betrachtete Putin, der bekanntlich in
Ostdeutschland lange gelebt hat und mit westlichen Werten und Ideen bestens
vertraut ist, den Westen nicht mehr als Partner, der Russland wohl gesonnen ist,
sondern als Gegner und Feind. Und zu dieser Zeit scheinen auch die Eurasier um
Alexander Dugin, den Zugang zum Ohr Putins gefunden und einen gewissen
Einfluss auf ihn bekommen zu haben.
Denn was Russland bislang fehlte, um dem Expansionsstreben des Westens nach
Osten politisch die Stirn zu bieten, war eine “große Erzählung” bzw. “große
Strategie”, wie sie die Neocons und George W. Bush mit ihrer
“Sicherheitsdoktrin” Anfang der Nullerjahre für die “einzige Weltmacht”
entworfen hatten. Und Dugin lieferte wichtige Stichwörter dafür.
Das Ziel seines Neu-Eurasismus, der mit Studien des politischen Geografen Sir
Halford Mackinder operiert, ist ein Europa, das von Wladiwostok bis Lissabon
reicht. Nur wer über die eurasische Landmasse herrscht, herrscht auch über die
Welt. Der US-amerikanische Unipolarismus bzw. die angelsächsische Welt steht
dem allerdings entgegen. Ein ständiges Ringen um Europa ist demnach die Folge.
10
Das barsche Auftreten Vladimir Putins auf der Münchner Sicherheitskonferenz im
Frühjahr 2007, wo er sich jede “Belehrung von außen in Sachen Demokratie”
verbat, er den Anwesenden erklärte, dass “ein unipolares Modell” weder etwas
mit Demokratie zu tun habe noch für Russland annehmbar sei und er das stetige
Heranschieben von Nato-Truppen an russisches Territorium ebenso für einen
“provozierenden Faktor” halte wie die Dislozierung amerikanischer Patriots in
Polen und Radar– und Abhöranlagen in Tschechien, signalisierte das den
durchaus überraschten Anwesenden, dass Russland fortan nicht mehr gewillt sein
werde, diese Politik des Westens zu tolerieren.
Geopolitischer Angelpunkt
Angesichts vieler deprimierenden Ergebnisse, die die russische Politik aus ihrer
Sicht heraus mit der Kooperation des Westens gemacht hat, ist es nur
verständlich, dass Putin die politische Entwicklung in der Ukraine zur Chefsache
erklärt hat. Das machte Putin am 18. März vor der Duma auch unmissverständlich
klar[16]:

Im Fall der Ukraine haben unsere westlichen Partner eine Grenze überschritten.
[…] In der Ukraine spiegelt sich all das, was derzeit, aber auch bereits in den
vergangenen Jahrzehnten in der Welt passiert ist […] Die Eindämmungspolitik
wird auch heute noch fortgeführt […]. Das Recht des Stärkeren […], der Glaube
an Erwähltheit und Exklusivität” des Westens, der “alles grob nach seinen
Interessen zurechtbiegt.
Mit seinen über fünfzig Millionen Einwohnern ist das Land, an der Westgrenze
Russlands gelegen, geopolitisch zu bedeutend für Russlands Zukunft, als dass
Putin die Ukraine dem Westen kampflos überlassen könnte. Die Kontrolle über
die Ukraine ist mithin im vitalen Interesse Russlands. Zumal es nach
Aserbaidschan und der Türkei dritter “geopolitischer Angelpunkt” beim Streit um
die Kontrolle Eurasiens ist.
Als solche werden laut Zbigniew Brzezinski gemeinhin Staaten betrachtet, die den
“Zugang zu geopolitisch wichtigen Gebieten festlegen oder einem geostrategisch
bedeutsamen Akteur bestimmte Ressourcen verweigern können.” Wegen ihrer
prekären geografischen Lage sind sie daher auch potentiell besonders
verwundbar, was sie zu einem schützenswürdigen, aber auch zu einem heiß
11
umkämpften Gut macht.
Zwar erlangte sie im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion 1991 ihre staatliche
Unabhängigkeit. Aufgrund der ethnischen Zusammensetzung ihrer Bevölkerung
(russische Minderheit im Osten) und ihrer historischen Herkunft (Zankapfel
zwischen Polen und Russland) ist die Ukraine aber auf unterschiedlichste Art mit
Russland liiert. Diverse Abkommen und Kooperationsverträge garantieren dem
Land die dringend benötigten Öl– und Gaslieferungen aus dem Osten. Zum
Ausgleich gewährte es Russland davor Zugang zu den russischen
Militärstützpunkten auf der Krim und die Nutzung des Hafens von Odessa für den
Handel mit der Mittelmeerregion.
Keine eurasische Macht
Sowohl diese Verträge als auch diese geografisch-kulturelle Bindung haben dazu
geführt, dass die Ukraine fest an Russland gebunden war. Flächenmäßig ist die
Ukraine nicht nur das zweitgrößte Land Europas, es bietet auch offenen Zugang
zum Schwarzen Meer. Dass Putin die Krim nach der Flucht des amtierenden
Präsidenten aus Kiew rasch annektieren würde, lag förmlich auf der Hand. “Die
Krim”, so Putin vor der Duma danach, “ist ein unabdingbarer Bestandteil
Russlands […] Sie ist seit jeher russische Erde, und Sewastopol eine russische
Stadt.”
Und dass er den langjährigen Versuchen liberaler und nationalistischer Politiker,
sich heimlich, still und leise von Russland davonzustehlen, nicht tatenlos zusehen
würde und zumindest den prorussischen Teil des Ostens an Russland binden
werde, auch. Putin dazu:

Kiew ist die Mutter der russischen Städte. Die alte Rus ist unser gemeinsamer
Ursprung.
Würde sich die Ukraine von Russland lösen und dem Westen zufallen, hätte das
weitreichende Auswirkungen auf das Land und sein nationales Selbstverständnis.
Ohne die Ukraine wäre Russland keine eurasische Großmacht mehr, und eine
imperiale Restauration, wie sie die Neocons in den USA befürchten, wäre
endgültig vom Tisch[17]. Russland wäre tatsächlich auf das
zusammengeschrumpft, was Obama Moskau auf dem nuklearen Gipfel der G7 in
12
Den Haag attestiert hat: eine Regionalmacht.
Russland klein halten
Genau das macht den aktuellen Kampf um die Ukraine, den der Osten mit dem
Westen austrägt, zu einem globalen. Die Geschichte ist zurück, die “große
Erzählungen” sind politisch nach wie vor intakt und mit ihr, der “Politischen
Theologie der Menschenrechte” auf der einen Seite und dem “eurasischen
Alternativprojekt” auf der anderen Seite, der Kalte Krieg zwischen West und Ost.
Der EU kommt dabei, nach amerikanischer Lesart, die Rolle der Vorhut und
Vorkämpferin zu.
Schon vor zehn Jahren, nach der orangenen Revolution und den annullierten
Wahlen im Dezember, lobte[18] Robert Kagan die EU für das gemeinsame,
arbeitsteilige Vorgehen mit seinem Land. Auf exemplarische Weise habe die EU in
Kiew ihre “Soft Power” eingesetzt, um Vladimir Putins verdeckten “Staatsstreich”
ins Leere laufen zu lassen.
Dadurch sei es gelungen, “die Wiedergeburt eines autoritären russischen
Imperiums an den Rändern des demokratischen Europas im Keim zu ersticken.”
Es zeige sich “welche bedeutungsvolle und vitale Rolle Europa bei der Gestaltung
von Politik und Wirtschaft der Nationen und Völker innerhalb ihrer ständig
expandierenden Grenzen spielen kann und spielt.” Dem ist wenig hinzuzufügen.
Teil I: Der Bär zeigt wieder Krallen[19]
Teil II: Der Bär zeigt wieder Krallen[20]
Teil III: Russland, die USA und der Krieg in Georgien[21]
Teil IV: Raum, Energie und Kampf um Anerkennung[22]
Anhang
Links
[1]
http://www.zeit.de/2014/14/helmut-schmidt-russland
[1]
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_Russian_Bear.jpg
[2]
http://www.welt.de/print/welt_kompakt/debatte/article127242520/Solidaritaet-mit
13
-Polen.html
[2]
http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en
[3]
http://www.heise.de/tp/artikel/14/14234/
[4]
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wirtschaftsforum-st-petersburg-dax-chef
s-pilgern-nach-russland-a-968870.html
[5]
http://www.welt.de/politik/article712990/Der_Traum_von_der_Wiederherstellung_
des_Russischen_Imperiums.html
[6]
http://www.zeit.de/2014/11/pro-russische-position-eugen-ruge
[7]
http://www.welt.de/print-welt/article185346/Europa_erlebt_einen_kalten_Frieden.
html
[8]
http://www.heise.de/tp/news/Demokratie-in-der-Krise-2019484.html
[9]
http://www.heise.de/tp/news/Unweigerlich-abwaerts-1996443.html
[10]
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28067/
[11]
http://openrevolt.info/2013/02/03/alexander-dugin-the-great-war-of-continents
[12]
http://www.washingtonpost.com/world/national-security/transcript-obamas-remar
ks-on-russia-nsa-at-the-hague-on-march-25/2014/03/25/412950ca-b445-11e3-8cb6-
284052554d74_story.html
14
[13]
http://derunbequeme.blogspot.de/2014/03/putins-rede-zur-krim-im-wortlaut.html
[14]
http://www.forum-sicherheitspolitik.org/viewtopic.php?t=2444
[15]
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28543/
[16]
http://derunbequeme.blogspot.de/2014/03/putins-rede-zur-krim-im-wortlaut.html
[17]
http://openrevolt.info/2014/03/08/alexander-dugin-letter-to-the-american-people-o
n-ukraine
[18]
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A34023-2004Dec3.html
[19]
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19290/
[20]
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19374/
[21]
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28543/
[22]
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28548/
Artikel URL: http://www.heise.de/tp/artikel/41/41895/
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