Lida Abdul Works 1999—2008

In Transit
Martin Sturm, „Lida Abdul ist Direktor OK eine der wenigen ernstzunehmenden bildenden KünstlerInnen, die sich kontinuierlich mit dem sensiblen Thema Afghanistan auseinandersetzen. Sie hat dafür eine eigene ästhetische Sprache gefunden: Mit langen ruhigen Einstellungen und dem bewussten Einsatz von Slowmotion zeigt sie scheinbar absurde Motivkonstellationen bzw. Schauplätze, die sich wie Narben durch die tragische Geschichte des Landes ziehen. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt sie sich auf einem schmalen Grat zwischen Kriegstrauma, Ruinenlandschaften, Trauerarbeit und Zukunftshoffnung, Neuanfang und Optimismus.“ Genoveva Eine dunkle FrauenRückert gestalt streicht, dem gleißenden Sonnenlicht ausgesetzt, die Reste einer Ruine weiß. Die einfache Tätigkeit in Lida Abduls Video White House (2005) mutet in ihrer Sinnlosigkeit zunächst zwanghaft an, entwickelt aber in der langsamen Wiedergabe ihre poetische Kraft. Es sind subtile, zutiefst eindrückliche Bilder, die Abdul in formaler Präzision mit wenigen Schnitten und mittels stark zurückgenommener Tonebene erzeugt. Ihre meist vier bis sechs Minuten langen Videos geben vor der kargen Landschaft Afghanistans formelhafte Handlungen wieder, die sich gerade aufgrund ihrer einfachen Struktur tief einprägen. Wie in ihrem Video Clapping with Stones, Bamiyan (2005) zoomt sich die Kamera aus einer Totale langsam in die Nische des von den Taliban zerstörten Buddhas aus dem 5. Jahrhundert. Das
rhythmische Aneinanderschlagen der übrig gebliebenen Steine, ausgeführt von einer Gruppe schwarz gekleideter Männer, mahnt an dessen Abwesenheit. Nach Jahren des Exils in das Land ihrer frühen Kindheit zurückgekehrt, hat Lida Abdul mit ihren filmischen Parabeln ein Mittel entwickelt, das eine angemessene künstlerische Auseinandersetzung mit dem vom Krieg gezeichneten Land ermöglicht. Aus ihrer performativen Arbeitsweise und der Beschäftigung mit der eigenen Existenz einwickelt Abdul Werke, die einen offenen, hoffnungsvollen Blick abseits der Medienbilder bieten. Nachdem es aufgrund des massiven gesellschaftlichen Drucks unmöglich ist, mit Frauen zu arbeiten, greift sie in ihren Arbeiten gerne auf Tiere und Kinder zurück. Kinder verkaufen Ziegelsteine (Bricksellers of Kabul, 2006) oder aktivieren Schauplätze des Krieges mit ihrem Spiel (Umbrella, 2005, und Dome, 2005). In der Neuproduktion für das OK stopfen sie zunächst ein völlig zerschossenes Flugzeugwrack auf einem Fußballfeld gelegen mit Baumwolle aus. Dann ziehen sie über angebrachte Seile an diesen, als wollten sie das Wrack wie einen Drachen zum Fliegen bringen. Das Flugzeug wird im Spiel wieder belebt und wird einerseits zu einem phantastischen Transportmittel aus der Situation und andererseits zu einer Metapher für die transitorische Kraft der Kunst. Ihre Protagonisten streben nach Transformation – sei es durch sisyphusartige Wiederholungen oder in Form der Übermalung durch reinigendes Weiß. Wie das spärliche Grün in White House taucht immer wieder ein Hoffnungsschimmer in ihren Videos auf. In der letzten Einstellung zieht eine Ziegenherde über die Ruine – ein Bild für die Natur und das Leben, die sich wieder durchsetzen. Ruinen sind wiederkehrende Motive in Lida Abduls Arbeiten. Diese sind steinerne Zeugen und stehen für die Künstlerin als „AntiMonument“ sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zukunft. Sie bezieht sich bewusst auf die Tradition der westlichen Kunstgeschichte, wenn sie sich selbst einbringt, um die „Skulptur“ (ebenso wie die auftauchende männliche Figur) in einem performativen Akt weiß zu streichen. Seitdem die beiden berührenden Arbeit White House und Bamiyan und auf der Biennale von Venedig 2005 in der ersten Präsentation Afghanistans gezeigt wurden, zählt Lida Abdul zu den Shooting Stars der zeitgenössischen Kunstszene und war in den letzten Jahren auf allen wichtigen Kunstbiennalen weltweit präsent. Die Präsentation im OK umfasst ihre wichtigsten Arbeiten von 1999 bis 2008 und ist Teil der Ausstellung „Biennale Cuvée – Weltauswahl der Gegenwartskunst“, einer Auswahl von Werken der bedeutendsten Biennalen 2006/2007. Der Schwerpunkt liegt auf Abduls Videoarbeiten, die im OK eine räumliche Umsetzung in aufwändigen Videoinstallationen finden und durch weitere Arbeiten im Filmprogramm ergänzt werden. Gezeigt werden auch ältere Werke, wie die Beschäftigung mit der eigenen nomadischen Existenz und andere im Exil entstandene performative Arbeiten, wie ihre schwarzweißen Super8Filme. Damit wird ihre künstlerische Entwicklung hin zu einer Position, die für die eigentlich unaussprechliche Situation in Afghanistan Aussagen findet, nachvollziehbar. Es ist ein sehr mutiges und engagiertes Werk, wenn man bedenkt, dass die Künstlerin zunächst selbst eine Haltung in dieser fremden, traumatisierten Umgebung entwickeln musste.

Impressum / Imprint LIDA ABDUL - Works 1999–2008 OK Artist in Residence Ausstellung / Exhibition: 22.– 27. April 2008 Im Rahmen von / Within the frame of crossing europe Filmfestival Linz Atelier OK Offenes Kulturhaus Oberösterreich Direktor OK / Director OK: Martin Sturm KuratorInnen / Curators: Martin Sturm, Genoveva Rückert Projektleitung / Project manager: Rainer Jessl Produktionsleitung / Head Production: Michael Weingärtner Martina Rauschmayer Medienproduktion / Media production: Gottfried Gusenbauer, Carmen Steiner, Florian Grunt Technik: Andreas Steindl, Geari Schreilechner Aufbauteam / Setup Team: Jarno Bachheimer, Attila Ferenzci, Andreas Kurz, Tom Vens OK Team: Erika Baldinger, Max Fabian, Maria Falkinger, Stefanie Hoch, Marion Krammer, Franz Krug, Kathi Lackner, Barbara Mair, Thomas Mauhart, Judith Maule, Wolfgang Nagl, Karin Pils, Franz Quirchtmayr, Brigitte Rosenthaler, Markus Schiller, Ulrike Schimpl, Norbert Schweizer Dank an / Thanks to: crossing europe Festival Linz, Christine Dollhofer + Festival Team moviemento, Wolfgang Steininger Dagmar Schink Lies Declerk und Etienne de Berg von Contour Mechelen vzw Giorgio Persano und Stefano Riba Gabriel Soucheyre, Videoformes Artists in Residence Broschüre / Brochure Texte (wenn nicht anders angegeben / if not indicated otherwise): Genoveva Rückert. Katalogredaktion / Catalog Editor: Genoveva Rückert Übersetzung / Translation: Aileen Derieg Lektorat / Copy Editing: Ingrid Fischer-Schreiber, Aileen Derieg Fotos/photos: Lida Abdul, © Lida Abdul & galeria georgopersano Gestaltung / Graphic Design: bauer – konzept & gestaltung Druck / Printing: Gutenberg, Linz

© OK Offenes Kulturhaus, KünstlerInnen und AutorInnen / artists and authors 2008 OK Offenes Kulturhaus Oberösterreich OK Center for Contemporary Art Upper Austria OK Platz 1, A-4020 Linz Tel. +43(0)732-78 41 78 Fax +43(0)732-77 56 84 office@ok-centrum.at www.ok-centrum.at Mit Unterstützung / With support from:

Clapping with Stones, Bamiyan, 2005 Video dvd ntsc / 16mm, 4:3, Farbe, Ton: Stereo / colour, sound: stereo

“Lida Abdul is the only really serious visual artists who has continuously probed the sensitive theme of Afghanistan. For this she has found her own aesthetic language: with long calm shots and the conscious use of slow motion, she shows seemingly ‘absurd’ motif constellations and settings, which cross the tragic history of the country like scars. With the certainty of a sleep-walker, she moves along the fine line between the trauma of war, landscapes of ruins, mourning and hope in the future, new beginnings and optimism.” Martin Sturm, Director OK Exposed to searing sunlight, the dark figure of a woman paints the remainders of a ruin white. The simple action in Lida Abdul’s video White House at first seems so pointless as to be compulsive, yet it develops a poetic force in the slow depiction. These are subtle, profoundly moving images that Abdul creates with formal precision using few cuts and subdued soundtracks. Her videos, which are usually four to six minutes long, present formula-like plots before the austere landscape of Afghanistan, but specifically because of the simple structure they are deeply impressive. In Clapping with Stones, Bamiyan, 2005, for instance, the camera slowly zooms in from a long shot into the niche of the 5th century Buddha destroyed by the Taliban. The rhythmic clapping of stones, carried out by a group of men dressed in black, is a reminder of its absence. Returning to the land of her childhood after years of exile, with her filmic parables Abdul has developed a means that enables a suitable artistic exploration of the country marked by war. From her performative manner of working and her reflection on her own existence, Abdul has developed works that offer an open, hopeful view beyond the realm of media images. Since it is impossible to work with women, due to massive social pressure, in other works she takes recourse to animals and children. Children sell bricks (Bricksellers of Kabul, 2006) or activate settings of war with their playing (Umbrella, 2005, and

inserts herself to paint the “sculpture” white (as well as the male figure that appears) in a performative act. Ever since the presentation of the two touching pieces White House

Dome, 2005). In the new production for the OK they pull on a bullet-ridden airplane wreck as though they want to fly it like a kite. The airplane is reanimated in their playing and becomes both a fantastical means of transport out of the situation and a metaphor for the transitory power of art.

The protagonists strive again and again for transformation – whether in Sisyphus-like repetitions or in the form of painting over something with purifying white. Like the sparse green in White House, a glimmer of hope arises again and again in her videos. In the last shot a herd of goats crosses the ruins – an image of nature and of life prevailing again. Ruins are a recurrent motif in Lida Abdul’s works. They are stone witnesses that the artist sees as standing for both the past and the future as an “anti-monument”. She consciously refers to the tradition of western art history, when she

and Bamiyan at the first Afghan pavillion at the Venice biennial 2005, Lida Abdul is one of the shooting stars of the contemporary art scene and has been presented all over the world in recent years at all the important biennials. The exhibition at OK is Lida Abdul’s first major retrospective in a German-speaking country and comprises her most important works from 1999–2008. The presentation is part of the OK exhibition “Biennale Cuvée – world selection of contemporary art” which presents works from the major biennials 2007. The exhibition focuses especially on Abdul’s video works, which are spatially presented in OK in elaborate video installations and accompanied by other works in the film program. Beside others, older works are also shown, such as an exploration of her own nomadic existence and other performative works created in exile, such as her black and white Super8 films. In this way, it becomes possible to follow her artistic development to a position that finds expression for the unspeakable situation in Afghanistan. The work is courageous and engaged, especially considering that the artist had to first develop a position herself in this alien, traumatized environment.

White House, 2005 Video dvd ntsc / 16 mm, 16:9, 5'01'' Farbe, Ton: Stereo / colour, sound: stereo

In dieser bekannten Videoperformance von Lida Abdul sieht man die Künstlerin, wie sie eine weiß bemalte Ruine weiter weiß streicht. Diese befindet sich am Stadtrand von Kabul in unmittelbarer Nähe eines Militärstützpunktes und stammt aus den 1920er Jahren, also aus einer Zeit, in der die reiche afghanische Kultur durch viele ausländische und westliche Künstler, wie z. B. deutsche Architekten, geprägt wurde. Im traditionellen Kleid der afghanischen Nomaden gekleidet, sieht man eine moderne, unverschleierte Frau, die mit einem breiten Pinsel Mauerreste, aber auch Trümmer am Boden streicht. Ruinen sind wichtige Motive in Lida Abduls Schaffen und beinhalten verschiedene Zeitebenen – die Zeit der Entstehung, die Bombardierungen vor 2001 und die Nachkriegs-Zustände. Das Streichen erscheint zunächst absurd und ist doch auf einer symbolischen Ebene ein Akt der Reinigung und ein möglicher Weg, um nach den Zerstörungen weitermachen zu können. Abdul bezieht sich in dieser Arbeit auch auf die Trümmerfrauen. Allerdings geht es ihr weniger um ein Aufräumen als um ein Bewahren des fragmentarischen „Ist-Zustandes“. Im Spiel mit der Performance-Tradition der westlichen Kunstgeschichte, die sie anwendet, um das Objekt und eine männliche Figur in einem performativen Prozess, aufzuladen und zu dekonstruieren, entsteht ein flüchtiges Monument.

In this well known video performance by Lida Abdul, we see the artist re-painting white-painted ruins white again. The ruins are located at the outskirts of Kabul close to a military base and are from the 1920s, a period when rich Afghani culture was influenced by many foreign and western artists, for example German architects. We see a modern unveiled woman wearing the traditional dress of the Afghani nomads painting remains of walls, but also rubble with a broad paintbrush. Ruins are important motifs in Lida Abdul‘s work and hold many levels of time – the time of creation, the bombings before 2001, and the post-war situation. At first the painting seems absurd, yet at the symbolic level it is an act of purification and a possible way to keep going after the destruction. In this work Abdul also refers to the „Trümmerfrauen“, the rubble women of post-war Germany. However, her focus is not on clearing away, but rather on preserving the fragmentary „state of affairs“. A transient monument results from playing with the performance tradition of western art history, which she uses to charge and deconstruct the object and a male figure in a performative process.

Dome, 2005 Video dvd ntsc / Minidv, 4:3, 7'50'' Farbe, Ton: Stereo / colour, sound: stereo

Kinder sind die Hoffnungsträger der gewaltgeprägten und traumatisierten afghanischen Gesellschaft und faszinieren Lida Abul durch ihren selbstverständlichem Umgang mit den Kriegsrelikten, die sie im Spiel aktivieren. Die beiden Videos Dome und Umbrella sind Arbeiten, die aus der Situation heraus entstanden sind und von der Künstlerin nicht inszeniert wurden. Für Dome ist sie einem Jungen mitten in Kabul in einen Zentralbau gefolgt und filmte, wie er sich in der zerstörten Architektur bewegte, sich in dem Rundbau langsam drehte und durch das offene Dach in den Himmel schaute. Ein Helikopter oder Flugzeug bewegt sich in unmittelbar Nähe bedrohlich und laut hörbar vorbei und trübt die sonnige Situation. In Umbrella dagegen hat sie einen Jungen in einer Art Hof entdeckt, wie dieser mit einem kleinen weißen Sonnenschirm spielt. Doch angesichts des prächtigen Wetters erscheint der Schirm sowohl als Sonnenschutz als auch zum Schutz dieses kurzen glücklichen Selbstvergessens sehr klein. Entstanden sind poetische Videoporträts von flüchtigen Momenten, in denen kleinen Jungen die harte Wirklichkeit, die sie umgibt spielerisch beleben.
Children are the hope of the violencetorn and traumatized Afghani society, and Lida Abdul is fascinated by the matter-of-fact way they deal with the war relics they activate in playing. The two videos Dome and Umbrella are works that have emerged from the situation and were not initially staged by the artist. For Dome she followed a boy in the middle of Kabul into a central building and filmed the way he moved in the destroyed architecture, slowly turning in the round construction and looking up to the sky through the open roof. A helicopter or airplane moves past close by, ominous and loudly audible, and it darkens the sunny situation.

In Umbrella, on the other hand, she discovered a boy in a kind of courtyard playing with a small white parasol. Yet in light of the magnificent weather, as protection against the sun and as protection for this brief moment of happy abandonment, the parasol seems very small.

Umbrella, 2005 Video dvd ntsc / Minidv, 4:3, 3'47'' Farbe, Ton / colour, sound: stereo

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Bricksellers of Kabul, 2006 Video dvd pal / 16mm, 16:9, 6'00'', Farbe, Ton: Stereo / colour, sound: stereo Afghanische of (Farsi/Dari) mit engl. ut / Afghan Original (Farsi/Dari) with English subtitles

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Bricksellers ist eine Arbeit, die Lida Abdul von langer Hand vorbereitet hat. Kinder prägen das geschäftige Treiben in Kabul, sie sind in vielerlei Tätigkeiten zu finden und versuchen auf verschiedenste Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für Bricksellers hat Abdul an die 30 Schulkinder bzw. Kinder auf der Straße angesprochen. Sie stehen in einer Schlange und warten bis sie an der Reihe sind, ihre Ziegelsteine einem Mann verkaufen zu können. Es geht ein orkanartiger Wind, der den Dreh vermeintlich ruinierte. Er verleiht der Situation jedoch eine große Dramatik, die sich vor allem über die Audioebene vermittelt. Auf Ziegelsteinen stehend oder sitzend, kämpfen die Jungen gegen den rauen Wind an und versuchen, sich zu schützen. Das Bild der Jungen, die das gefundene Gut wieder in den Warenkreislauf einbringen wollen, ist sehr existenziell und lebt von der Bedrohung durch die Naturkraft.

Bricksellers is a work that Lida Abdul prepared long in advance. Children mark the bustle in Kabul, they can be found engaging in many activities and seeking to earn a living in very different ways. For Bricksellers Abdul spoke to 25-30 schoolchildren and children in the street. They stand in a line and wait until it is their turn to sell their bricks to a man. A hurricane-like wind blows, presumably ruining the shot. Yet it imbues the situation with great drama, which is conveyed primarily through the audio level. Standing or sitting on the bricks, the children struggle against the rough wind, trying to protect themselves. The resultant image, how the children try to bring the found goods back into the circulation of commodities, is highly existential and lives from the threat from the forces of nature.

Landscape (Tree), 2005 Video dvd ntsc / 16mm, 16:9, 3'30'', Farbe, Ton: Stereo / colour, sound: stereo Afghanische of (Farsi/Dari) mit engl. ut / Afghan Original (Farsi/Dari) with English subtitles

Im Vergleich zu vielen sehr bildhaften Parabeln von Lida Abdul hat dieses Video eine einfache narrative Struktur und beginnt mit einer Einstellung, in der ein Mann versucht, einen Baum zu fällen. Nach dem Grund seiner Tätigkeit gefragt, führt er die Tatsache an, dass das Taliban-Regime zahlreiche Menschen an Bäumen wie diesen hängen ließ. Daraufhin findet er Unterstützer, die ihm helfen, den Baum zu Fall zu bringen und diesen Corpus Delicti gemeinsam fort zu schaffen.

In comparison with Lida Abdul‘s many pictorial parables, this video has a simple narrative structure and begins with a shot, in which a man is trying to cut down a tree. Asked about what he is doing, he states

the fact that the Taliban regime had many people hanged from trees like this. Consequently, he finds supporters who help him bring down the tree and get rid of this corpus delicti together.

In Transit, 2008 Video 35mm oder /or dvd pal / 16mm, 16:9, 4'55'', Farbe, Ton: 5.1 Surround sound / colour, sound: 5.1. sourround, Engl. oder dt. ut / English or German subtitles Musik / music: Damon Thomas Lee Schnitt / editing: Florian Grunt / OK Media Studios Commissioned by OK Center for Contemporary Art, Linz / Austria, in coproduction with videoformes, Clermont-Ferrand / France and Contour vzw, Mechelen / Belgium, with the support of the Culture 2000 Programme of the European Union.

„Dieser Film spielt am Stadtrand von Kabul, wo die Landschaft von Trümmern aus mehr als zwanzig Jahren Krieg übersät und von der fortgesetzten Zerstörung durch Bombardierungen etc. gezeichnet ist. Es ist nichts Ungewöhnliches, hier mitunter Kinder zu sehen, die mit den Skeletten von Flugzeugen und Panzern spielen, die wie vom Himmel gefallene tote Vögel aussehen. Solche Anblicke haben etwas Unheimliches, weil diese metallischen Riesen ein Symbol für die Präsenz der physischen und psychischen Kriegstraumata sind, die die Geschichte Afghanistans seit nunmehr nahezu drei Jahrzehnten prägen. Nahe einer der kleinen Städte im Umkreis Kabuls sah ich die metallischen Skelette von zwei Militärflugzeugen, die vermutlich vor Jahren abgeschossen wurden. Die Flugzeuge, die über die Jahre hinweg von den Leuten ausgeräumt wurden, liegen auf einem ehemaligen Fußballfeld. Je nach Blickwinkel sehen die Flugzeuge wie Vögel aus, die zu fliegen versuchen, oder auch wie Skelette von Dinosauriern. Der Rumpf der Flugzeuge ist von Tausenden von Einschüssen durchlöchert. Dieser Film funktioniert sowohl als Performance als auch als Video. Etwa 30 Schulkinder im Alter von 5 bis 9 Jahren wirken mit. Diese Kinder füllen jedes Einschussloch mit Baumwolle aus und versuchen auch, das Flugzeug mit Baumwolle auszustopfen. Sie kreieren eine Fantasiewelt, indem sie (in kindlicher Unbefangenheit) Kriegsrelikte verwandeln – in dem Versuch zu bewahren und gleichzeitig zu verändern. Sie bringen Seile am Flugzeug an und bemühen sich, das Flugzeug zum Fliegen zu bringen, wie man einen Drachen steigen lässt. Ich möchte die tragische Schönheit davon zeigen, wie Kinder mit von Gewalt geprägten Geschichten umgehen und wie flexibel sie mit traumatischen Verlusten zurechtkommen. Gäbe es die Kinder nicht, die ich durch die staubigen Straßen Kabuls laufen sehe, die afghanische Gesellschaft wäre wohl noch gewalttätiger geworden. Ich möchte ihre Sehnsüchte und ihre Unschuld zeigen bei diesem Versuch, die Ungeheuer der Vergangenheit aufsteigen zu lassen, damit etwas Neues in der Gesellschaft, in der sie leben, entstehen kann. Sie geben einander Anweisungen, während sie sich bemühen, die toten Flugzeuge abheben zu lassen, und lachen dabei.“(Lida Abdul)

“This piece takes place on the outskirts of Kabul, where the landscape is littered with the detritus of more than 20 years of war and the continued destruction of the land due to bombings etc. It‘s not unusual to see children playing around sometime within the carcasses of the planes and tanks lying like dead birds fallen from the sky. These are uncanny sights because the presence of these metallic giants is a symbol of sorts for the presence of the physical and psychological traumas of wars that have defined the history of Afghanistan for almost three decades now. Close to one of the small towns near Kabul, I saw the metallic skeletons of two military planes which were probably shot down years ago. The planes, whose insides have been hollowed out over the years by people, lie in what was once a soccer field. From different angles the planes look like birds attempting to fly or skeletons of dinosaurs. The bodies of the planes bear thousands of bulletholes. This piece will function both as a performance of sort and video. I work with about 30 school children between ages of 5-9 years old. These kids are filling each hole with cotton and trying to cover the plane with cotton too. They try to create a world of fantasy by (naively) transforming the reminders of war in an effort to preserve and change at the same time. They tie the plane with ropes and are trying to fly the plane like one would fly a kite. I want to bring out the tragic beauty of how children come to terms with violent histories and how flexible they are with coming to terms with tremendous depravation, and in some way if it weren‘t for the children I see running and laughing through the dusty streets of Kabul, Afghan society would have turned even more violent. I want to bring out their aspirations and innocence by trying to raise the monsters of the past so that something new could appear within the societies in which they live. They‘ll give orders to each other as they try to raise the dead planes and laugh while doing so.” Lida Abdul

War Games (What I Saw), 2006 Video dvd pal / 16mm, 16:9, 5'05'' Farbe, Ton: Stereo / colour, sound: stereo

Nachdem es aufgrund des massiven gesellschaftlichen Drucks unmöglich ist, mit Frauen zu arbeiten, greift Lida Abdul in ihren Arbeiten immer wieder auf Tiere und Kinder zurück. Pferde und ihre symbolische Aufladung, sei es in der westlichen Kultur als herrschaftliche Statussymbole und Ikonen der Kriegsführung oder in der afghanischen Kultur beim Poloähnlichen Nationalspiel, beschäftigen die Künstlerin. Diese Konnotationen spielen in War Games (What I Saw) mit, wenn sich in den heroisch anmutenden Aufnahmen Reiter ergebnislos bemühen, die Reste einer hohen Ruine umzustürzen.
Because it is impossible to work with women, due to massive social pressure, Lida Abdul often takes recourse to animals and children in her works. The artist is fascinated by horses and their symbolic charge, whether in western culture as a status symbol for the ruling class and icons of warfare, or in Afghani culture in the polo-like national game. These connotations reverberate in War Games (What I Saw) when riders in seemingly heroic shots futilely attempt to knock down the remainders of a tall ruin.

Once Upon Awakening, 2006 Video dvd pal / 16mm, 16:9, 6'51'' Farbe, Ton: Stereo / colour, sound: stereo

Dieselbe Ruine ist auch Schauplatz einer zweiten Arbeit, in der schwarz gekleidete Männer an Seilen ziehen und versuchen, den noch aufragenden Teil der einst monumentalen Architektur zu Fall zu bringen. Wie viele von Lida Abduls Videos braucht die Arbeit auch eine gewissen Monumentalität in der Präsentation. Die Bilder müssen groß projiziert werden, sodass die baulichen Reste bedrohlich wirken und die Anstrengung geradezu körperlich greifbar wird. Immer wieder setzt der bebende Ton aus und in Wiederholungen und Zeitlupe gefrieren die Bewegungen. Die Männer begraben letztendlich ihre Bemühungen mit einem Stein.

The same ruin is also the setting for a second work, in which men dressed in black pull on ropes, trying to bring down the still upright part of what was once monumental architecture. Like many of Lida Abdul‘s videos, the work also needs a certain monumentality in the presentation. The projections of the images must be large, so that the remainders of buildings have an ominous effect and the effort becomes almost physically palpable. Again and again, the quaking sound halts and the movements are frozen in repetitions and slow-motion. The men finally bury their efforts with a stone.

Die vier schwarzweißen, in Super8 gedrehten Filme, stellen eine Auswahl aus Lida Abduls frühen Arbeiten dar und zeigen die Entwicklung der Künstlerin von sehr persönlichen Auseinandersetzungen und der Befragungen der eigenen Existenz hin zu umfassenderen Aussagen zu Afghanistan. Deutlich wird dabei die Herkunft ihrer filmischen Arbeiten aus der Dokumentation von Performances, wobei jedoch Abduls Sinn für poetische Aussagen und starke ästhetische Momente immer sehr präsent ist. Wie in Bubble Gum kann die Performance sehr einfach und durchaus humorvoll sein, wenn die mit einem dunklen Kopftuch verhüllte Künstlerin Kaugummi kaut und die Mundpartie mittels Special Effects stark verzerrt wird. Der Film endet in einer abstrakten, vertikalen Bewegung, wobei Anklänge an die Ästhetik der Leichentücher Christi nicht unbeabsichtigt sind. In Totem dagegen führt die ebenfalls mit einem Kopftuch bekleidete Künstlerin ein Papier in Form eines Trichters vor ihr Auge, wodurch ein visuelles Spiel mit dem Innen und Außen entsteht. After Desaster ist die Essenz einer viermonatigen Performance, während der Lida Abdul den Schriftblock der Encyclopedia Britannica aus den Seiten geschnitten hat. In die leeren Seiten füllt sie Asche, in die sie im archaisch anmutenden Auf und Ab des Gebets immer wieder ihr Gesicht taucht. Das Wissen, das sich in einem Buch fassen läßt, liegt in Asche. Die Arbeit wird zu einem ironischen Kommentar zu den Buchreligionen und dem vermeintlich das Weltwissen fassenden Buch. Fish dagegen zeichnet eine Performance auf, in der die Künstlerin einen Goldfisch in einem durchsichtigen Plastiksack hält. Aus einem Loch tritt Wasser aus, womit die einfache Aktion ein lebensbedrohliches Ausmaß annimmt.

The four films shot in black and white represent a selection from Lida Abdul‘s early works, showing the artist‘s development from very personal engagements and questioning her own existence all the way to more extensive statements about Afghanistan. At the same time, the origin of her film works in documenting performances is evident, whereby Abdul‘s sense of poetic statements and strong aesthetic moments are always highly present. As in Bubble Gum, the performance can be very simple and quite humorous, when the artist wearing a dark veil chews bubble gum and the mouth is strongly distorted using special effects. The film ends in an abstract vertical movement, whereby allusions to the aesthetic of the shroud of Christ are not unintentional. In Totem, on the other hand, the artist, covered again with a scarf, holds a paper shaped like a funnel in

Totem, 1999—2001 Video dvd ntsc / 8mm, 4:3, 1'25'' s/w, ohne Ton / bw, no sound

front of her eyes, resulting in a visual play with inside and outside. After Desaster is the essence of a four-month performance, during which Lida Abdul cut our the block of writing from the pages of the Encyclopedia Britannica. She fills ashes into the empty pages, into which she repeatedly dips her face in a seemingly archaic up and down of prayer. The knowledge that can be contained in a book is in ashes. The work becomes an ironic commentary on the religions of the book and the book that allegedly comprises the knowledge of the world. Fish records a performance, in which the artist holds a goldfish in a transparent plastic bag. Water escapes through a hole, so that the simple action becomes a life-threatening situation.

Bubble Gum, 1999—2001 Video dvd ntsc / 8mm, 4:3, 0'60'' s/w, ohne Ton / bw, no sound

Lida Abdul
Geboren / Born 1973 in Kabul, Afghanistan Lebt und arbeitet zwischen Kabul, Europa und den USA Lives between Kabul, Europe and the US Ausbildung / Education M.F.A. University of California, Irvine B.A. Philosophy, Cal State University, Fullerton B.A. Political Science, Cal State University, Fullerton Auswahl Einzelausstellungen / Selected Solo Exhibitions 2008 Indianapolis Museum of Art, Indianapolis, USA Giorgio Persano Gallery, Turin, Italy Lida Abdul wurde 1973 in Kabul, Afghanistan, geboren. Sie lebt und arbeitet heute in Los Angeles und Kabul. Sie verließ bereits kurz nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan (1979) das Land und lebte als Flüchtling unter anderem in Deutschland und Indien. 2000 beendete sie ihr Kunststudium mit dem Master of Fine Arts an der University of California, Irvine. Sie arbeitet mit den Medien Video, Film, Fotografie, Installation und Performance. Mit ihrer Präsentation für das 2005 erstmals auf der Biennale von Venedig vertretene Land Afghanistan erregte sie internationale Aufmerksamkeit und ist inzwischen auf vielen Biennalen weltweit präsent. Lida Abdul was born in 1973 in Kabul, Afghanistan. She lives and works today in Los Angeles, USA and Kabul. She left Afghanistan shortly after the Soviet invasion (1979) and lived as a refugee in Germany, India and elsewhere. She studied art and graduated in 2000 with a Master of Fine Arts from the University of California at Irvine. She works with the media of video, film, photography, installation and performance. In her presentation for the Venice Biennale in 2005, where Afghanistan was represented for the first time, she attracted international attention and has meanwhile taken part in nearly all the international biennials. 2007 Museum of Chagall, Nice, France Museum of Picasso, Vallauris, France ICA Prefix Institute of Contemporary Art Toronto, Ontario, Canada National Archaeological Museum, Naples, Italy National Museum of Kabul, Afghanistan Location One, New York, USA 2006 Museum Voor Moderne Kunst Arnhem, The Netherlands Musées Palais du Tau de Reims, France CAC Bretigny, France 2005 51st Venice Biennale, International Art Exhibition “Afghan Pavilion” Venice, Italy Kunsthalle Vienna, Ursula Blickle Video Lounge, Vienna, Austria Auswahl Gruppenausstellungen / Selected Group Exhibitions 2008 Riwaq Biennial, Ramallah, Palestine (2007-2009) Biennale Cuvée, Linz, Austria Biennale of Life Art Festival, Svolvaer, Norway “Intimacies of Distant War” Samuel Dorsky Museum of Art., New York, USA 2007 8th Sharjah Biennale “Timeout: Art and Sustainability” Kunstmuseum Liechtenstein Vaduz, Liechtenstein “Illuminations” Tate Modern, London, UK 2nd Moscow Biennale of Contemporary Art, Russia “Thermocline of Art. New Asian Waves” ZKM Karlsruhe, Germany 2006 Sao Paulo Biennale, Brazil Gwangju Biennale, Korea Mens S.M.A.K Gent en K.U., Leuven, Belgium “Painting as a way of Living” Istanbul Modern, Istanbul, Turkey 2004 Contemporaneity in Tashkent, Academy of Fine Arts, Uzbekistan

After Desaster, 1999—2001 Video dvd ntsc / 8mm, 4:3, 1'25'' s/w, ohne Ton / bw, no sound Fish, 1999—2001 Video dvd ntsc / 8mm, 4:3, 2'05'' s/w, ohne Ton / bw, no sound

Lida Abdul Works 1999−2008

O.K Artists in Residency

Das OK Offenes Kulturhaus Oberösterreich ist ein Experimentallabor in Sachen Kunst. Es hat die Herausforderungen an ein zeitgenössisches Kunsthaus in besonderer Weise angenommen und konzentriert sich nicht nur auf die Präsentation, sondern auch ausdrücklich auf die Produktion von künstlerischen Arbeiten. In den „Artist in Residence“-Programmen wird einer zumeist jüngeren Generation von überregional interessanten und international arbeitenden KünstlerInnen öffentliche Plattform, Infrastruktur und Laborsituation in einem geboten – von der Entwicklung einer künstlerischen Idee bis zu ihrer Ausführung. Die im Regelfall dreimonatigen ResidenceAufenthalte der eingeladenen KünstlerInnen werden von den OK-KuratorInnen diskursiv begleitet und von einem erfahrenen Produktionsteam betreut.

The OK Center for Contemporary Art is an experimental laboratory in matters of art. It has especially taken up the challenges that face an institution of contemporary art today and focuses explicitly on the production of art works, rather than on presentation. The Artists in Residence programs offer a mostly younger generation of trans-regionally interesting and internationally active artists a public platform, infrastructure and laboratory situation in one – from the development of an artistic idea to its implementation. The invited artists, whose residence generally lasts 3 months, are discursively accompanied by the OK curators and supported by an experienced production team.

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