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HEINZ GUDERIAN

Erinnerungeneines Soldaten
Mit 37 Kartenskizzen
und 23Abbi l dungen
IV. Auflage
NECKARGEMÜND1960
KURT VOWI NKEL VERLAG
DieAbbildungendesWerkesentstammendemArchivdesVer-
fassersbisauf dasTitelbild, eineAufnahmevonFrauTitaBinz,
Heidelberg.
Copyright 1950by Kurt Vowtmkel Verlag, Heidelberg.
Druck: fotokop, Darmstadt
INHALT
Seit*
Vorwort . 9
I. FamilieundJugend 11
II. DieEntstehungder deutschenPanzertruppe 13
III. Hitler auf demGipfel der Macht 40
Der AnschlußÖsterreichs 42
Der AnschlußdesSudetenlandes 50
DieerneuteZuspitzungder Lage 52
IV. Der Beginnder Katastrophe 56
Der FeldzuggegenPolen 57
Zwischenden Feldzügen 75
V. Der FeldzugimWesten 79
DieVorbereitungen 79
Der DurchbruchzumKanal 88
DieEroberungder Kanalküste 102
Der verhängnisvolleHalt-Befehl Hitlers 104
Der Durchbruchzur Schweizer Grenze 108
Waffenstillstand 122
VI. Der Feldzugin Rußland1941 126
Vorgeschichte 126
Vorbereitungen 130
DieerstenOperationen 139
Der Ubergang überdenDniepr 151
Smolensk—Jelnja—Roslawl 157
Moskauoder Kiew? 171
DieSchlachtumKiew 183
DieSchlachtbei Orel undBriansk 204
Der Vorstoßauf TulaundMoskau 220
MeineersteEntlassung 240
VII. AußerDienst 247
VIII. DieEntwicklungder PanzerwaffevomJanuar 1942biszumFebruar 1943. 251
IX. Generalinspekteur der Panzertruppen 258
Ernennungunderste Maßnahmen 258
DieBesucheDr. Gördelers 272
Die „Citadelle' 273
DieStreitfragendeszweitenHalbjahres1943 283
DasJahr der Entscheidung 296
X. Der 20. Juli 1944undseineFolgen 306
XL Chef desGeneralstabes 318
DieOperationenander Ostfront 338
DieArdennenoffensive 344
Der russische Stoß 353
XII. Der endgültigeBruch 386
XIII. Die führendenPersönlichkeitendesDrittenReiches 391
Hitler .391
DiePartei * 403
DieReichsleiter undGauleiter 408
DieengereUmgebungHitlers 410
DieRegierung 410
XIV. Der deutscheGeneralstab 412
„Seinoder Nichtsein?Dasisthier dieFrage!" 422
ANLAGEN
Seit«
Aus meinemLeben 425
1. OKW-Befehl: WeisungNo. 1 fürdie Kriegsführung(31.8.1939) . . . 427
2. MeldungGen.-Insp. d. Panzertruppen überGliederungund StärkederPanzer-
truppenimWestfeldzug (7. 11.1944) 429
3. Korpsbefehl XIX. A.K. fürden12. 5. 1940 430
4. Vorbefehl XIX. A.K. fürdenAngriff überdieMaas (12. 5. 1940) . . . 431
Divisionsbefehl No. 4, 1. Panzer-Division(12.5.1940) 432
Vorbefehl 10. Panzer-Division fürdenAngriff überdieMaas(12.5.1940) . 432
5. Korpsbefehl No. 3, XIX. A.K. fürdenAngriff überdieMaas (13. 5. 1940) . 433
Divisionsbefehl No. 5, 1. Panzer-Division fürden Angriff überdieMaas am
13.5. 1950 435
Divisionsbefehl 10. Panzer-Division f.d. Angriff überdieMaasam13. 5. 1940 438
6. Korpsbefehl XIX. A.K. vom13. 5. 1940, 22,30Uhr 440
7. Korpsbefehl XIX. A.K. (14.5. 1940) 441
8. Korpsbefehl No. 7, XTX. A.K. fürden17. 5. 1940 442
9. Korpsbefehl No. 8, XIX. A.K. fürden18.5. 1940 442
10. Korpsbefehl No. 9, XIX. A.K. fürden19.5. 1940 444
11. Korpsbefehl XIX. A.K. vom18.5.1940, 13.00Uhr 445
1Z Korpsbefehl No. 10, XIX. A.K. fürden20. 5. 1940 446
13. Korpsbefehl XIX. A.K. vom20. 5. 1940, 16.30Uhr 447
14. Korpsbefehl No. 11, XIX. A.K. fürden21.5.1940 448
15. VorläufigerKorpsbefehl No. 12, XIX. A.K. fürden22. 5. 1940 . . . 449
Gruppenbefehl No. 12GruppevonKleist, fürden22.5. 1940 . . . . 450
16. Gruppenbefehl No. 13, GruppevonKleist, fürden23. 5. 1940 . . . . 450
17. Korpsbefehl No. 13, XIX. A.K. fürden22. 5. 1940 451
18. XIX. A.K. —Befehl fürdie Ablösungder1. Panzer-Division durch die20.
(mot.) I.D. vom26. 5. 1940 452
19. Korpsbefehl XIX. A.K. fürden27. 5.1940 453
20. Korpsbefehl No. 15, XIX. A.K. vom28. 5. 1940 454
21. Führerbefehl:WeisungNo. 21 „FallBarbarossa" (18. 12. 1940) . . . . 455
22. Die Spitzengliederung derWehrmacht 1944 458
23. Kriegsgliederung einerPanzer-Division 1935 459
24. Kriegsgliederung einerPanzer-Division 1940 460
ABBILDUNGEN
1. Porträt Titelbild
2. Auf Artillerie-Beobachtung 64/65
3. PolnischeLandschaft imSommer 64/65
4. Bunkerkampf bei Wizna 64/65
5. Ubergabevon Brest-LitowskandieRussen 80/81
6. ImBefehlspanzer 80/81
7. SturmdurchvonFlakundPanzerngeschosseneBrescheinderStadtmauer
auf Boulogne 96/97
8. DerAngriff rollt! 96/97
9. Wieauf demExerzierplatz: PanzerimVorgehen(ChampagneimJuni 1940) 112/113
10. Oberstlt. Balde übergibteineinJunivilleerbeuteteFahne. . . . 112/113
11. ImMorgengrauen des22. 6. 1941 128/129
12. Vormarschstraßein Rußland 128/129
13. BrückenbauüberdenDnieprbei Kopys 128/129
14. Kampf umSchklow 128/129
15. ImSturmboot überdenDnieprbei Kopys 144/145
16. AmDnieprbei Kopysmit General Marras 144/145
17. Bereitstellung zumAngriff 192/193
18. EinrussischerPanzergraben inderStalinliniewird überwunden . . 192/193
19. Bei Roslawl am5. 8. 1941 192/193
20. VormarschdesPz. Rgts. 35zumGefecht bei Goroditsche . . . . 192/193
21. TypischerussischeStadtlandschaft: Orel a. d. Oka 208/209
22. So fängtderrussischeWinteran: Dimitrowsk 208/209
23. Nachtkampf vorMoskau 1941 208/209
KARTENSKIZZEN
Seite
1. Ubersichtsskizze 1: AufmarschgegenPolen 59
Lageam31. 8. — am5. 9. 1939
2. Skizze1: Die Kämpfeam1.,2. und3. 9. 1939inderTucheierHeide . . . 61
3. Übersichtskizze2: DerVormarschinPolen 67
Lageam9. 9. — am18. 9. 1939
4. Skizze2: Vormarsch des XIX. A.K. nachBrest-Litowsk 69
Lagevom8. 9. bis 17. 9. 1939
5. Skizze3a: Vormarschdes XIX. A.K. durchdieArdennen 83
6. Skizze3b: Vormarsch des XIX. A.K. zurKanalküste 85
7. Skizze 4: DerKampf umdenMaas-Ubergang 93
Lageam13. 5., 14. 5., 15. 5. 1940
8. Skizze 5: Umdie Kanalhäfen 103
Lageam24. 5. — am28./29. 5. 1940
9. Skizze 6:DurchbruchdurchdieWeygand-LiniebiszumPlateauvonLangres 109
Lagevom11. 6. bis 15. 6. 1940
10. Skizze 7: DurchbruchzurSchweizerGrenzeundins Ober-Elsaß. . . 117
Lagevom16. 6. bis 20. 6. 1940
11. Skizze 8: Vormarsch imOsten derPanzergruppeGuderian . . . . 133
Lagevom22. 6. bis 28. 6. 1941
12. Skizze 9: Entwicklungvom28. 6. bis2. 7. 1941 147
13. Skizze10: Entwicklungvom3. 7. bis10. 7. 1941 149
14. Skizze 11: DerDniepr-Ubergang und Smolensk 155
Lagevom11. 7. bis 15. 7. 1941
15. Skizze 12: Jelnja . 161
Lagevom17. 7. bis 20. 7. 1941
16. Skizze 13: Roslawl 169
Lagevom30. 7. bis 3. 8. 1941
17. Skizze 14: Kritschew— Müoslawitschi 175
Lageam9. 8. 1941
18. Skizze15: Lageam17. 8. 1941 177
19. Skizze16: Lageam24. 8. 1941 (Führer-Vortrag) 181
20. Skizze17: Lageam26. 8. 1941 /Entwicklungbis31. 8. 1941 . . . . 187
21. Skizze 18: SchlachtumKiew 191
Lagevom4. 9. bis 14. 9. 1941
22. Skizze 19: Krisebei Romny-Putiwl 201
Lageam18. 9. 1941
23. Skizze20: Entwicklungvom19. 9. bis22. 9. 1941 203
24. Skizze21: Lageam23. 9. 1941 205
25. Skizze22: Lageam30. 9.1941 207
26. Skizze23: Orel —Lageam5. 10. 1941 211
27. Skizze24: Lageam14. 10. 1941 219
28. Skizze25: Vormarschauf Tula 221
Lagevom27. 10. bis 14. 11. 1941
29. Skizze26: Schlacht umMoskau 229
Lagevom1. 12. bis 5. 12. 1941
30. Skizze27: Entwicklung derOstlage vom22. 2.1943bis 4. 3.1944. . 277
31. Skizze27a: Kämpfeder25. Pz.Div. imNovember 1943 . . . . 291
32. Skizze28: DieVernichtung derHeeresgruppe Mitte 305
Lagevom22. 6. bis 1. 8. 1944
33. Skizze29: DieEntwicklung imBaltikum 321
Lagevom23. 7. bis 4. 10. 1944
34. Skizze30: Die AbschnürungderHeeresgruppeNord 323
Lagevom5. 10. bis 25. 10. 1944
35. Skizze31: DerVerlust Rumäniens 331
Lagevom16. 3. bis 4. 10. 1944
36. Skizze32: KämpfeinUngarn 339
Lagevom5. 10. bis 21. 12. 1944
37. Skizze33: DieKatastropheimJanuar1945 355
Lagevom12. 1. bis 25. 1. 1945
VORWORT
Das Schicksal hat meine Generation zur Teilnahme an zwei Weltkriegen
gezwungen, diebeidemit einer Niederlagemeines Volkes endeten. Das ist ein
hartesLos, undwir ehemaligenSoldatenempfinden denSchmerz unddieTrauer
unseres Volkes besonders tief. Lange Jahre hindurch haben die Mitkämpfer
des letzten, großenRingens geschwiegen. Sie saßenentweder inder Gefangen-
schaft oder warenausanderen Gründenzur Zurückhaltungveranlaßt.Bei unseren
früherenFeinden, den Siegern, erschienen bereits zahlreiche Bücher überden
zweitenWeltkrieg. Siesindteils persönlicheErinnerungen, teils Geschichtswerke
vonWert. Nachdemnun die heftigsten Erschütterungendes Zusammenbruchs
abgeklungensind, scheint esander Zeit, auchauf deutscher Seite aufzuzeichnen,
was denUberlebendender großenKatastrophe tief ins Gedächtniseingegraben
ist. UnsereArchive sind großenteilsvernichtet oder inFeindeshand gefallen.
Diehistorischgetreue Geschichtsschreibung wird dadurch sehr erschwert. Umso
wichtiger scheint dieAbfassung der persönlichenErinnerungen der Mitkämpfer
jener Zeit, wenngleichsienur Ausschnitte aus demGeschehen, undauch diese
vorwiegendinsubjektiver Form, bieten können.
Aber nicht dieser Grundallein veranlaßtemichzumSchreiben. Millionen deut-
scher Frauenund MüttergabendenGatten, die SöhnedemVaterland. Hundert-
tausende deutscher Frauen, Kinder, Greisefielen den feindlichen Bomben zum
Opfer. Frauen und Kinder halfen beimSchanzen, halfen indenFabriken, auf
demAcker, umdasVaterland, dieHeimat zubewahren. Diedeutsche Arbeiter-
schaft hat unter härtestenBedingungen unermüdlichihrePflicht gegenüberdem
Vaterland erfüllt.DiedeutschenBauernbestelltenunter erschwerten Arbeitsver-
hältnissendieheimischeScholleundsichertenbiszumbitterenEndedieVolks-
ernährung.MillionenDeutscher wurden vonHaus undHof vertrieben und gin-
genentweder zuGrundeoder müssendasharteBrot der Fremdeessen. Millionen
deutscher Männer,die Blüteunseres Volkes, starben denTodvor demFeinde,
tapfer undtreu, wiedeutscheSoldaten seit Jahrhunderten fürVolk und Vater-
landihr Lebenhingegeben haben. Siealleverdienen einenDank.
Ich bin nicht befugt, imNamen meines Volkes zu sprechen. Aber ich kann
wenigstens meinen altenSoldateneinZeichenmeinesDankes zukommen lassen.
Wir wußten,was wir voneinander zuhaltenhatten, unddas hat unsinAchtung
undLiebeverbundenbis auf denheutigenTagund, wieichzuversichtlich hoffe,
verbunden fürimmer.
Man ist jetzt vielfachnur zugeneigt, uns des „Militarismus"und des „Natio-
nalismus"zuzeihen. Auchdieses BuchwirddiesemVorwurf vongewisser Seite
9
ausgesetzt sein. FürmeinealtenSoldatenwie fürmichbedeutet „Militarismus*
jeneeitleSpielerei mit militärischenFormen, jenebramarbasierendeNachahmung
der soldatischen Spracheund jene Übertreibungder soldatischen Haltung und
ihre Übertragungindas bürgerlicheLeben, diejeder echte Soldat ablehnt. Ge-
rade der Soldat kennt die furchtbaren Wirkungen des Krieges und lehnt ihn
daher als Menschab. Ihmliegt jeder Gedanke an eineehrgeizige Eroberungs-
und Machtpolitik fern. Wir wurden Soldaten, umunser Vaterland zu verteidi-
gen und umunsere Jugend zu anständigenund wehrhaften Männernzu er-
ziehen, und wir wurden und waren es gerne. Soldatentumwar uns eine hohe
Verpflichtung, geboren aus der Liebe zuunseremVolk undzu unseremLand.
Füruns bedeutet „Nationalismus"eine eigensüchtigeÜbertreibungder Vater-
landsliebe und eine Überheblichkeit gegenüberanderen Völkernund Rassen.
Wir wissenuns davonfrei. Aber wir liebenunser Landundunser Volk ebenso,
wiewir andere Völkerinihrer Eigenart achtenwollen. Und diese Vaterlands-
liebe, dieses hochgespannte National- und Pflichtgefühl werdenwir uns zu er-
halten wissen. Wir werden uns durch das Gejammer einer schwachen Gegen-
wart überden sogenannten „Nationalismus"darin nicht beirren lassen. Wir
wollen undwerdenDeutschebleiben. Involler Erkenntnis der Bedeutung eines
einigen Europasindwir bereit, eingleichberechtigtesundgleichgeachtetes Glied
unseres inseinen Grundfesten erschüttertenErdteils zu werden.
IndiesemGeiste mögedasBuchauchder jungenGeneration erzählen,wieihre
Väter kämpftenund ihr Leben einsetzten fürihr Volk, mögees siedaran er-
innern, diejenigen nicht zuvergessen, dieanunser Deutschlandglaubten trotz
Not undTod, und schließlichtrotz sicherer Niederlage. Denn nur dannwar das
schmerzliche Opfer nicht umsonst, nur dannbesteht Hoffnung auf einen —so
Gott will —friedlichen Aufstieg Deutschlands.
Es liegt mir fern, zu entschuldigen oder anzuklagen. Ich habemich bemüht,
Selbsterlebtes zuschildern. MeineQuellenbestandenineinigen Aufzeichnungen
und Briefen, diedieVertreibung aus der Heimat und dieGefangenschaft über-
dauert haben, sowieinMitteilungenvon Mitkämpfern. Gedächtnisirrtümerinman-
chenEinzelheitensindnicht ausgeschlossen, weil die Fülleder Ereignisse Einzel-
heitenverwischteunddieErinnerungjetzt —nachentbehrungsreichenJahren—
zuverblassen beginnt.
Die Ereignisse sind so geschildert, wie ich sie in meiner jeweiligen Dienst-
stellung —als Kommandierender General eines Armeekorps, als Befehlshaber
einer Panzergruppe, als Oberbefehlshaber einer Panzerarmee —sah. Zur Ab-
fassungeiner zusammenhängendenDarstellungdes ganzenzweiten Weltkrieges
nachArt frühererGeneralstabswerke gebrachesan Quellen.
Fürfreundliche Unterstützungmeiner Arbeit habe ichzu danken den Herren
Freiherr vonLiebenstein, Gehlen, Scherer, vonSchell, Freiherr vonStein, Baron
FreytagvonLoringhovenund Becke.
Heinz Guderian
10
I. FAMILIE UND JUGEND
An einemfrühenSonntagmorgen, am17. Juni 1888, erblickteichzuKulman
der Weichsel das Licht der Welt. Mein Vater war der Premier-Lieutenant im
Pommerschen Jäger-BataillonNr. 2Friedrich Guderian, geboren am3. August
1858zu Groß-Klonia,KreisTuchel. MeineMutter Clara, geboreneKirchhoff, war
am26. Februar 1865zu Niemczyk, Kreis Kulm, geboren. Meine beiden Groß-
väterwarenGutsbesitzer, undsoweit ichdieReihemeiner Vorfahren ermitteln
konnte, warensiealsLandwirteoder JuristenimWarthegau, inWest- oder Ost-
preußentätiggewesen. Mein Vater war der ersteaktive Offizier in der un-
mittelbaren Verwandtschaft.
Am2. Oktober 1890erhielt icheinenBruder, Fritz.
Die militärischeLaufbahn führtemeinen Vater imJahre 1891nachKolmar im
Elsaß,woichvonmeinemsechstenLebensjahreandieSchulebesuchte, bismein
Vater imDezember 1900nachSankt-AvoldinLothringenversetzt wurde. Dain
diesemkleinen Städtchenkeine höhereSchule bestand, mußtenmeine Eltern
beide SöhneausdemHausegeben. Diebescheidenen Vermögensverhältnisseder
Eltern, verbunden mit demWunsch beider Söhne,Offiziere zu werden, führte
zur Wahl des Kadettenkorps fürdieweitere Erziehung. Und so wurden mein
Bruder undicham1. April 1901indas Kadettenhaus KarlsruheinBaden aufge-
nommen, vonwo icham1. April 1903indieHaupt-Kadetten-Anstalt zu Groß-
Lichterfeldebei Berlin überführtwurde. Zwei Jahre späterfolgtemir meinBru-
der nach. ImFebruar 1907bestandichdort die Reifeprüfung.Meiner Vorgesetzten
aus diesenEntwicklungsjahren kann ichnur mit größterDankbarkeit und Ver-
ehrung gedenken. Die Erziehung imKadettenkorps war sicher militärisch
strengundeinfach. Aber sieberuhteauf GüteundGerechtigkeit. Der Unterricht
bevorzugte nachdemLehrplan eines Realgymnasiums die lebenden Sprachen,
Mathematik undGeschichte. Er gabuns eineguteGrundlage fürdas Leben und
standinnichtshinter demgleichartiger ziviler Lehranstalten zurück.
ImFebruar 1907wurde ich als Fähnrichindas Hannoversche Jäger-Bataillon
Nr. 10inBitschinLothringeneingestellt, dessenKommandeur biszumDezember
1908meinVater war. Durchdiesen glücklichenUmstandkonnteichmein Eltern-
hausnachder sechsjährigenKadettenzeit nocheinmal genießen.NachdemBesuch
der KriegsschuleMetz vomApril bis Dezember 1907wurde icham27. Januar
1908zumLeutnant mit einemPatent vom22. Juni 1906 befördert.Icherlebtenun
biszumBeginndeserstenWeltkrieges eine glücklicheLeutnantszeit. Am1. Ok-
tober 1909kehrte unser Jäger-Batailloninseine Stammesheimat, die Provinz
Hannover, undinseine frühereGarnisonGoslar amHarz zurück.Dort verlobte
11
ichmichmit MargareteGoerne, meiner liebenFrau, dievonunserer am1. Ok-
tober 1913vollzogenenHochzeit anmeinetreue Lebensgefährtingeblieben ist
undFreudundLeideiner langen, wechselvollen, nicht immer leichten Soldaten-
laufbahnmit mir geteilt hat.
Unser junges Glückwurde durch den Kriegsausbruch am2. August 1914 jäh
unterbrochen, und währendvierer Jahre konnte ich nur gelegentlich kurzer
UrlaubstagemeinWeibunddieinzwischengeborenenKinder sehen. Am23. Au-
gust 1914schenkteunsGott unserenSohnHeinz Günter,demam17. September
1918unser zweiter SohnKurt folgte.
ZuBeginn des Krieges starbmein lieber Vater, der nach schwerer Operation
imMai 1914denAbschiedhattenehmen müssenundnicht mehr felddienstfähig
war. Ichverlor inihmmeinmenschliches undsoldatisches Vorbild. Meine Mut-
ter überlebteihnummehr als16Jahre. Sie verließunsimMärz1931nacheinem
Lebenvoller GüteundLiebe.
Nach demWaffenstillstand von 1918 betätigteich mich imGrenzschutz Ost,
zuerst inSchlesien, sodannimBaltikum. Meine militärischeLaufbahn ist inihren
Einzelheiten aus demimAnhang beigefügtenLebenslauf ersichtlich. Aus ihm
ergibt sich, daßich bis zumJahre 1922 abwechselnd imFront- und General-
stabsdienst gestanden habe, vorwiegend infanteristisch vorgebildet war, aber
durch ein Kommando zumTelegraphen-Bataillon Nr. 3in Koblenz und durch
dieVerwendung indenerstenMonatendes ersten Weltkrieges imFunkwesen
einigeKenntnissesammelnkonnte, diemir inden nun folgenden Jahren beim
Aufbau einer neuzeitlichen Waffe zugutekommen sollten.
12
II. DIEENTSTEHUNGDERDEUTSCHEN PANZERTRUPPE
DieHauptarbeit meines LebenszwischendenWeltkriegen galt der Errichtung
der deutschen Panzeriruppe. Obwohl ich ursprünglichJägeroffizier war und
keinetechnischeVorbildung besaß, führtemichdas Schicksal inStellungen, die
mitder Motorisierung zusammenhingen.
Nach Rückkehraus demBaltikumimHerbst 1919 und nach einemkurzen
Zwischenspiel bei der Reichswehr-Brigade 10inHannover erhielt ichimJanuar
1920eineKompaniebei meinemalten Jäger-BatailloninGoslar. An eine Wie-
derverwendung imGeneralstabe, demichbiszumJanuar 1920 angehörthatte,
dachte ich nicht, weil sich mein Fortgang aus demBaltikumunter gewissen
Reibungen vollzogen hatte, und die Enge des 100000-Mann-Heeres ohnehin
wenigAussichtenauf eine bevorzugte Laufbahn bot. Umsomehr wurde ich im
Herbst 1921durcheineAnfrage meines verehrtenRegimentskommandeurs, des
Oberst vonArnsberg, überrascht,obichLust hätte,wieder imGeneralstabDienst
zutun. Ichbejahte, hörtedannaber längereZeit nichtsmehr darüber,bismich
imJanuar 1922der Oberstleutnant Joachimvon Stülpnagel aus demTruppen-
amt des Reichswehrministeriums anrief und fragte, warumichnochnicht nach
Münchenabgereist sei. Icherfuhr vonihm, daßmeineVersetzungindieInspek-
tion der Verkehrstruppen, Abteilung fürKraftfahrtruppen, beabsichtigt sei, für
welcheder Inspekteur, General vonTschischwitz, einenGeneralstabsoffizier an-
gefordert habe. DieVersetzung solle am1. April ausgesprochen werden, man
wollemir aber vorher noch Gelegenheit geben, den Truppendienst der Kraft-
fahrtruppe praktisch kennen zulernen und habemich deshalb bis dahin nach
Münchenzur 7. (bayrischen) Kraftfahr-Abteilung kommandiert; ichsolle sofort
abreisen.
Sehr erfreut überdieses neueKommandotrat ichmeineReiseanund meldete
michin Münchenbei demKommandeur, Major Lutz, mit demmichinden folgen-
denJahren nicht nur die gemeinsameArbeit, sondern darüberhinaus die auf-
richtigeAchtungmeinerseits unddas größteWohlwollenseinerseits verbanden.
Ichwurdein Münchenstationiert undder 1. Kompaniezugeteilt, derenChef der
ehemalige und spätereFlieger Wimmer war. Major Lutz eröffnetemir beim
Eintreffen, daßichimMinisteriumdieOrganisationundVerwendung der Kraft-
fahrtruppenbearbeitensolle. Auf dieVorbereitung fürdieseAufgabe erstreckte
sich meine Tätigkeitin Münchenhauptsächlich.Major Lutz und Hauptmann
Wimmer tatenalles, ummir EinblickinihrenDienst zu gewähren,undidi habe
viel gelernt.
13
Am1. April 1922meldeteichmichinBerlinbei General vonTscbischwitz, sehr
begierig, seine Aufträgefürmeinen neuen Generalstabsdienst zuerhalten. Er
erklärtemir, daßer ursprünglichdieAbsicht gehabt habe, mir dieVerwendung
der Kraftfahrtruppen alsArbeitsgebiet zuzuweisen. DerChef desStabes, Major
Petter, habeaber eineandere Geschäftseinteilungangeordnet, nachwelcher ich
dieFragender Kraftfahrwerkstätten,derTankanlagen, derBautenundder tech-
nischen Beamten, sowie schließlichdie Straßen-und Verkehrsangelegenheiten
zu bearbeiten hätte.Ichwar sehr erstaunt undmeldete demGeneral, daßich
auf diesevorwiegendtechnischeVerwendungnicht vorbereitet sei undmir nicht
die füreineministerielle Arbeit auf diesemGebiet erforderlichen Kenntnisse
zutraue. General vonTschischwitz erwiderte, daßer ursprünglichdiemir von
Major Lutz übermittelteVerwendung gewünscht hätte;der Chef des Stabes
habeihmaber anHandder Geschäftsordnungdes KöniglichPreußischenKriegs-
ministeriums von1873, die natürlichdurcheineReihevon Deckblätternergänzt
war, nachgewiesen, daßderChef desStabesundnicht der Inspekteur dieArbeit
verteile, undsosei er leider nicht inder Lage, eine Änderungzubefehlen; er
werde aber dafürsorgen, daßichbei denvonihmgeplantenStudien beteiligt
werde. Meine Bitte umRückversetzungzumeiner Jägerkompaniewurde ab-
gelehnt.
Nun saßichalso auf demtechnischenGleis und mußteversuchen, mich damit
abzufinden. Mein Vorgänger hinterließmir außereinigen unerledigten Akten
nichts Wissenswertes. Dieeinzige Stützebestand ineinigenalten Ministerial-
amtmännern,welche dieAkten kannten, den Geschäftsgangbeherrschten und
inkameradschaftlicher Weise halfen. Sicher war dieArbeit lehrreichund für
meine zukünftigeEntwicklunggut. DenHauptwert besaßjedocheineStudie, die
General vonTschischwitz überTruppentransporte auf Kraftwagen anstellte.
DurchdieseArbeit, der einekleinepraktische ÜbungimHarz vorangegangen
war, wurdeichzumerstenmal mit den Verwendungsmöglichkeitenmotorisierter
Truppen bekannt gemacht undgezwungen, mir eineigenes Urteil zubilden.
General vonTschischwitz war einsehr kritischer Vorgesetzter, der jedenFehler
bemerkte undauf Genauigkeit großenWert legte. Er hat mir eine gute Er-
ziehungzuteil werden lassen.
Der ersteWeltkrieghatteeineReihevonBeispielen fürTruppentransporteauf
Kraftwagen gebracht. DieseBewegungen hatten aber stets hinter einer festen
Front stattgefunden; niewarensieimBewegungskrieg unmittelbar gegen den
Feind geführtworden. Obein zukünftigerKriegmit demStellungskampf hinter
festen Fronten beginnen würde,war fürdasunbefestigte Deutschland unwahr-
scheinlich. Wir mußtenmit beweglicher Abwehr imKriege rechnen. DasPro-
blemdesTransports motorisierter Truppen imBewegungskrieg warf bald die
Frageder Sicherungsolcher Bewegungen auf. Siekonntenur durch gepanzerte
Fahrzeugewirksamerfolgen. Ichsuchtealsonach Vorgängen,diemich überdie
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mit Panzerfahrzeugen gemachten Erfahrungen aufklärenkonnten. Indiesem
Streben geriet ichandenjungen Oberleutnant Volckheim, der die spärlichen
Erfahrungen der kleinendeutschenKampfwagentruppe sowiedieerheblichum-
fassenderen der feindlichen Tanktruppe sammeln undunseremkleinen Heer
nutzbar machen sollte. Durch ihnkonnte ichmir einige Literatur verschaffen
undauf dieser schwachenTheoriediegestelltenProblemestudieren. Diemeisten
Erfahrungen hatten die EngländerundFranzosengesammelt. Ichbesorgte mir
derenSchrifttumundlernte.
Hauptsächlichwarenesdieenglischen Bücherund Aufsätzevon Füller,Liddell-
Hart undMartel, diemeinInteresseerregtenundmeinePhantasie befruchteten.
Diese weitsichtigen Soldaten suchten damals schon aus demPanzer mehr zu
machen, alsnur eine Hilfswaffe der Infanterie. Siestellten ihnmitten indie
entstehende Motorisierung unserer Epoche hinein und wurden so die Bahn-
brecher einer neuartigen KriegführunggroßenStils.
Unter Blinden ist der EinäugigeKönig.Dasich sonst niemand mit dieser
Materie befaßte,geriet ichbaldindenRuf eines Sachverständigen.Hierzutrugen
einigekleine Aufsätzebei, dieichgelegentlichim„Militär-Wochenblatt"ver-
öffentlichte,dessenSchriftleiter, General vonAltrock, midi wiederholt aufsuchte
und zur Mitarbeit ermunterte. Er war einaufgeschlossener Soldat undwollte
dieZeilenseinesBlattes denProblemender Zeit gerne öffnen.
Diese Tätigkeitverschaffte mir auchdieBekanntschaft des ÖsterreichersFritz
Heigl, desVerfassers des „Taschenbuchsder Tanks", demicheinigeWinkeauf
taktischemGebiet fürseine Arbeit geben konnte, unddenichals einen auf-
rechtendeutschenMann schätzenlernte.
EinKriegsspiel imWinter 1923/24 überdieVerwendungmotorisierter Truppen
imZusammenwirken mit Fliegern, dessenLeitung mir der Oberstleutnant von
Braudiitsch, der spätereOberbefehlshaber desHeeres, übertragenhatte, fand
dieAnerkennungder Heeresausbildungs-Abteilung undhattezurFolge, daßich
zur VerwendungalsLehrer fürTaktik undKriegsgeschichtevorgeschlagenund
nacheiner Uberprüfunggelegentlicheiner sogenannten „Lehrerreise"befohlen
wurde. ImHerbst 1924kamichindenStab der 2. Division nach Stettin, wo
General vonTschischwitz, inzwischenzumDivisionskommandeur ernannt, er-
neut meinVorgesetzter wurde.
Vorher jedochhatteichunter Oberst vonNatzmer, demNachfolger Tschischwitz'
als Inspekteur, eineReihe von ÜbungenundPlanspielen zuleiten, bei denen
die Verwendung vonPanzerwagen erprobt werden sollte, undzwar zu Auf-
klärungszweckeninVerbindungmit der Kavallerie. Zur Verfügungstandennur
die unförmigen„GepanzertenMannschaftstransportwagen", dieuns dasVer-
sailler Diktat gestattet hatte. Siewarenzwar mitVierradantriebversehen, aber
infolgeihres Gewichts dennoch imwesentlichen straßengebunden.Ichwar von
demErgebnismeiner Übungenbefriedigt und äußerteinder Schlußbesprechung
dieHoffnung, daßsichausdiesen ÜbungenfürdieKraftfahrtruppe der Ubergang
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voneiner Nachschub- zueiner Kampftruppeergeben möge.MeinInspekteur war
jedoch entgegengesetzter Ansicht undwarf michmit den Worten: „ZumTeufel
mit der Kampftruppel Mehl sollt Ihr fahren!"inmeinNichts zurück.
NungingichalsonachStettin, umdie für zukünftigeStabsarbeit vorgesehenen
Offiziere inTaktik undKriegsgeschichtezuunterrichten. DasneueAmt machte
viel Arbeit, aber es zwangmich, meinen sehr kritischveranlagten Hörerngut
durchdachte Aufgaben zu stellen, deren Lösungensorgsamzu überlegenund
klare Besprechungen abzuhalten. Inder Kriegsgeschichte widmete ich meine
Aufmerksamkeit demFeldzug Napoleons von 1806, der inDeutschland meist
stiefmütterfichbehandelt wurde, weil er eineempfindliche Niederlage gebracht
hatte, der aber gerade vomStandpunkt beweglicher Truppenführungsehr lehr-
reich war, ferner der Geschichte der deutschen und französischenHeereska-
vallerievomHerbst 1914. DaseingehendeStudiumder Kavallerie-Tätigkeitvon
1914erwies sichals sehr nützlichfürmeine nunmehr immer schärferauf die
Ausnutzung der Beweglichkeit zielende, taktischeundoperative Entwicklung.
Da ich mehrfach Gelegenheit fand, meine Gedanken bei taktischen Übungen
und Kriegsspielen vorzubringen, wurdeauchmein unmittelbarer Vorgesetzter,
Major Höring, darauf aufmerksamund veranlaßteeinen Hinweis auf diese
Neigung inmeiner Beurteilung. Sokames, daßichnach dreijähriger Tätigkeit
als Lehrer erneut indas Reichswehrministeriumversetzt wurde unddort indie
Transport-Abteilung des Truppenamts unter Oberst Halm, späterunter den
Oberstleutnants Wägerund Kühne,geriet, diedamals ein Anhängsel der Ope-
rations-Abteilung war. Mein Referat war neuundsollteTruppentransporte auf
Kraftwagen bearbeiten. DemTruppenamt schwebten großeTransporte normal
gegliederter Truppen auf handelsüblichenLastkraftwagen vor. Etwas anderes
standunsdamalsauchnicht zur Verfügung.DasStudiumdieser Frageergab die
Schwierigkeiten, die derartigen Transporten bevorstanden. Zwar hatten be-
sonders dieFranzosenimerstenWeltkrieg großeLeistungen auf diesemGebiet
aufzuweisen, z. B. bei Verdun, jedochhandelteessichdamals immer umTrans-
portehinter einer festenFront, bei denennicht alles, was anPferdenundFahr-
zeugenzu einer Division gehört,sofort zur Stellezu sein brauchte, besonders
dieArtillerienicht. Wenn manaber imBewegungskrieg ganze Divisionen mit
allen Pferden und Fahrzeugen auf Lastkraftwagen verladen wollte, wuchs der
Bedarf anLkw. insUngeheure. EsgabalsoheftigeDiskussionenumdieses Pro-
blemundmehr Zweifler als Gläubigebezüglichder Durchführbarkeit.
ImHerbst 1928trat der Oberst Stottmeister vomKraftfahrlehrstab mit der Bitte
anmichheran, seinen HörernUnterricht inPanzertaktik zuerteilen. MeineVor-
gesetzten imTruppenamt genehmigten diese zusätzlicheBetätigung. Damit
kehrteichwieder zur Beschäftigungmit denPanzern zurück,wennauchnur in
der Theorie. Mir fehltejedePraxis inBezugauf Panzer ¡ ichhattebis dahinnie
ineinemTankgesessen. Nun sollteidi denLehrer machen. Das erforderte zu-
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nächsteinesehr sorgsameVorbereitungundhierzuein fleißigesQuellenstudium.
DadieLiteratur überdenverflossenen Weltkrieginzwischenreichlicher floßund
infremden Armeen eineerkennbareEntwicklung eingetreten war, die bereits
inDienstvorschriften*) ihrenNiederschlaggefunden hatte, war das theoretische
Studiumleichter alsbei meiner erstenDienstleistung imReichswehrministerium.
Die Praxis allerdings konnte sich anfänglichnur auf Übungenmit Attrappen
stützen,dieaber dochschonvonden ursprünglichen,durch Menschen gescho-
benen Leinwandattrappen zumotorisierten Blechattrappen entwickelt waren.
Wir veranstalteten also Übungenmit Attrappen, bei denen uns das Spandauer
III. Bataillon des Infanterie-Regiments 9unter den Oberstleutnants Busch und
Liese bereitwillig unterstützte. Bei diesen Übungenlernte ichmeinen späteren
Mitarbeiter Wenck, damals Adjutant desIII./9kennen. —Wir gingen systema-
tischzuWerk und studierten die Verwendung des Panzers als Einzelfahrzeug,
imZuge, inder Kompanieund Abteilung.
Sobescheiden diepraktische Übungsmöglichkeitauch war, sie genügtedoch,
umallmählichklareVorstellungenvondenAussichtendesPanzers immodernen
Kriege zu gewinnen. Besonders befruchtet wurdemeine Phantasie dann durch
ein vierwöchigesKommando nach Schweden, wo ichGelegenheit bekam, den
letztendeutschenKriegspanzer, denLK II, inder Praxis zusehenundselbst zu
fahren.
Die ReisenachSchweden führtemeineFrau und michzuerst nach Dänemark,
wowir inKopenhagen und seiner schönenUmgebung einigeinteiessante Tage
verbrachten. Thorwaldsen's herrliche Bildwerke machten tiefen Eindruck auf
uns. Undauf der Terrassevor demSchlossevon Helsingör beschäftigteuns die
ErinnerunganHamlet:
,,Es gibt mehr Ding' imHimmel undauf Erden,
AlsEureSchulweisheit sich träumt,Horatio."
Allerdings, als wir auf jener Terrasse standen, lagstrahlender Sonnenschein
überdemSund und ließdie Rohreder altenBronzekanonen grünlichglänzen.
KeinGeist erschien.
DieWeiterreiseerfolgtevonMotaladurohden Göta-Kanal unddieschwedischen
Seen mit demSchiff. Nachts verließenwir den Dampfer zur Besichtigung der
Vreta Kloster Chyrka, einer schönenalten Klosterkirche. AmnächstenTage
lag Stockholmvor uns mit seinen schönenBauten, das Venedig des Nordens,
einstolzer Anblick.
BeimStrijdsvagnBataillon, demII. Bataillon GötaGarde, trat ichmeinen Dienst
an. Der Kommandeur, Oberst Buren, nahmmich sehr liebenswürdigauf. Ich
wurdeder Kompagniedes Hauptmanns Klingspor zugeteilt, mit demmich bald
') Die vorläufigeenglische Vorschrift fürGepanzerte Kampffahrzeuge wurde ins
Deutsche übersetztunddientelangeJahrehindurchalstheoretischer Leitfadenfür unsere
gedanklicheEntwicklung.
2Erinnerungeneines Soldaten
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eine treueFreundschaft verband, die bis zu seinemfrühenTode anhielt. Die
schwedischen Offiziere, dieichkennen lernte, kamen ihrendeutschen Kamera-
den offen und herzlich entgegen. Ihre Gastfreundschaft wurde mit natürlicher
Selbstverständlichkeit gewährt.Bei den ÜbungenimGeländewurden wir in
denQuartierensehr freundlichaufgenommen. Wir besuchtenKlingspors Schwie-
germutter, die ehrwürdigeWitwe Cederlund, auf ihremgroßartigenSchloß
Brandalsund, herrlichamMeeregelegen. FrauCederlund besaßdieFabrik des
vorzüglichenSchwedenpunsches, denwir nunander Quelleprobieren konnten.
Wir sahen den KöniglichenLandsitz Tullgam, der von einemReserveoffizier
des Panzerbataillons, namens Bager, verwaltet wurde, der uns inseinemgast-
lichenHausebewirtete. Mit Oberst Buren fuhr ichindie Schärenzur Jagd. In
Skansenbesuchtenwir dasFreilichttheater, wir sahendie GemäldevonLiljefors,
demgroßenJagdmaler. InDrottningholmwurdenunsdieLedertapetenaus dem
Palais WallensteininPraggezeigt, dieder großeSchwedenkönigGustavAdolf
imDreißigjährigenKrieg „gerettet"hatte. Damals lächeltenwir überdie merk-
würdigeBezeichnung, mit welcher der Kastellanuns dieBedeutung der schönen
Tapetenklar machte. Heute müssenwir zugeben, daßtatsächlichmanche Schätze
gerettet wurden, diesonst wohl kaumder Vernichtung durchdenzweiten Welt-
kriegentgangen wären.Soder „CodexArgenteus"aus Prag, der inder Univer-
sitätsbibliothekvonUpsalaunter Glas undhinter einemvioletten Samtvorhang
zusehenist. Ganz in der Nähedieses unschätzbarenDokuments entdeckte ich
dieBibel, die Kaiser Heinrich III. demDomin Goslar schenkte. Auch sie ge-
hörtezudengeretteten Schätzenaus den über250vonGustavAdolf eroberten
deutschen Städten.
Die schöneundlehrreicheZeit inSchweden ist mir stets inangenehmster und
dankbarer Erinnerung geblieben.
IndiesemJahre 1929hatteichmichzuder Uberzeugungdurchgerungen, daß
der Panzer alleinundinder BindungandieInfanterieniemalszu entscheidender
Bedeutung gelangen könne.DasStudiumder Kriegsgeschichte, die Übungenin
England und dieeigenenErfahrungen mit unseren Attrappenfestigten midi in
der Ansicht, daßdiePanzer zur Höchstleistungnur dann befähigt würden,wenn
dieanderen Waffen, auf deren Hilfesieimmer angewiesen blieben, in Bezug
auf Geschwindigkeit und Geländegängigkeitmit ihnenauf dengleichen Nenner
gebracht würden.DiePanzer mußtenindiesemVerbändealler Waffendieerste
Geige spielen, dieanderen mußtensichnachden Panzern richten. Man durfte
nicht Panzer in Infanterie-Divisionen stecken, sondern mußtePanzerdivisionen
errichten, indenenalleWaffen enthaltenwaren, derendiePanzer zuwirkungs-
vollemKampf bedurften.
Bei einer Gelände-BesprechungimSommer 1929legteichder Übungauf einer
Partei einePanzer-DivisionzuGrunde. Die Übunggelang, undichwar überzeugt,
auf demrichtigenWegezusein. Der anwesendeInspekteur der Verkehrstruppen
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aber, nunmehr General Ottovon Stülpnagel,verbot dietheoretischeVerwendung
vonPanzern über Regimentsstärke,weil er der Ansicht war, daßPanzer-Divi-
sioneneineUtopie wären.
ImHerbst 1929fragte midi der Chef desStabes der Inspektionder Kraftfahr-
truppen, Oberst Lutz, meinalter Gönnervon München,obichKommandeur einer
Kraftfahr-Abteilung werden wolle. Ichbejahte underhielt am1. Februar 1930
das Kommando überdie3. (Preußische)Kraftfahr-Abteilung inBerlin-Lankwitz.
DieseAbteilung besaß4Kompanien: die1. und4. lagenbeimStabeinBerlin-
Lankwitz, die 2. auf demTruppen-Übungsplatz Döberitz-Elsgrund,die 3. in
Neiße.Die4. Kompaniewar aus einer Schwadronder Fahr-Abteilung 3hervor-
gegangen. NachdemichmeineTruppe übernommenhatte, half mir Oberst Lutz
zuihrer Umgliederung dergestalt, daßdie 1. Kompanie mit Panzerspähwagen,
die4. mit Krafträdernausgestattet wurdenundsomit dieElementeeiner Panzer-
Aufklärungs-Abteilungbilden konnten. Die2. Kompanie wurdeals Panzerkom-
panie mit Attrappen ausgestattet, die3. in Neißeals Panzerabwehrkompanie,
ebenfalls mit Attrappen (Holzgeschützen).Die 1. Kompanie verfügtezwar über
die alten gepanzerten Mannschaftstransportwagen nach demVersailler Diktat,
für Übungenaber benutzten wir zur Ersparnis ebenfalls Attrappen. Nur die
Kraftradschützen-Kompanieführteihr richtiges Gerätundwurdemit Maschinen-
gewehren ausgestattet.
Mit dieser reichlich behelfsmäßigenTruppe machteichnun mit großemEifer
praktische Übungen,froh, endlich auf begrenztemGebiet mein eigener Herr zu
sein. OffiziereundMannschaften gingendenneuenWegbegeistert mit, brachte
er dochnachdemmehr als eintönigenBetriebeiner Nachschubtruppedes100000-
Mann- Heeres frischenWind inihrenAlltag. Bei meinenVorgesetztenfand idi
nicht durchweg Verständnis.Der Inspekteur der Verkehrstruppen traute der
jungenTruppesowenigzu, daßunsauf demTruppenübungsplatz Übungenmit
anderenAbteilungenverbotenwurden. Ins Manöverder 3. Division, zuder wir
gehörten, durften nur Formationen inZugstärkeausrücken. Eine Ausnahme
machte unser Divisionskommandeur, General Joachimvon Stülpnagel, der
gleiche, der mir seinerzeit die Mitteilung von meiner Kommandierung nach
Münchengemacht hatte. Dieser vorbildlicheGeneral hatteInteresse fürunsere
Versuche undeinHerz fürunsere Truppe. Er hat uns viel geholfen. Sein Ge-
rechtigkeitsgefühl sorgteauch füreine verständigeHandhabungder Kritik nach
Übungen.Leider entschloßsichGeneral von Stülpnagel imFrühjahr1931den Ab-
schiedzunehmen, weil er ineinenKonflikt mit demReichswehrministeriumge-
raten war.
Imgleichen Frühjahrnahmauch unser Inspekteur, General Otto von Stülp-
nagel, den Abschied. Bei meiner Abmeldung sagte er mir: „Siesind zu stür-
misch. GlaubenSiemir, wir beidewerdennicht mehr erleben, daßdeutsche Pan-
zer rollen."SeineSkepsishemmtedenklugenMannund lähmteseine Entschluß-
kraft. Er sahdieProbleme, fandaber nicht denAbsprung, siezu lösen.
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AnseineStelletrat nunder bisherigeChef desStabes, General Lutz. Er wai
ein kluger Mann und zeichnetesich durch großestechnisches Verständnisund
beachtliches Organisationstalent aus. Er erkannte den Vorteil der von mir er-
strebten taktischenEntwicklungundstelltesichdarin ganz auf meineSeite. Ei
machtemichzuseinemChef desStabes, undimHerbst 1931trat ichmeine neue
Stellungan. NunfolgteeineReihevonzwar sehr unruhigen und kampfreichen,
aber schließlichauch höchsterfolgreichen Jahren. Es war die Gründerzeitder
Panzertruppe.
Wir warenuns darüberklar, daßdie zukünftigeOrganisationder Panzertruppe
ihre Verwendung als operativentscheidende Waffe ermöglichenmüsse. Die
Formder Organisationkonntealsonur diePanzer-Divisionund späterdas Pan-
zerkorps sein. Nunkames darauf an, dieanderen Waffen und denChef der
Heeresleitung davon zu überzeugen, daßunser Weg der richtigesei. Das war
schwer, weil niemanddenKraftfahrern, einer Nachschubtruppe, zutraute, auf tak-
tischemundgar operativemGebiet neue, fruchtbare Gedanken zu produzieren
DiealtenWaffen, zumal dieInfanterie unddieKavallerie, hielten sich fürdie
Hauptwaffen. DieInfanterienanntesichnachwievor die „KönigindesSchlacht-
feldes". Dadem100000-Mann-Heer Panzer verboten waren, hatteniemand das
vonunsangepriesene Kampfmittel gesehen, undunsereBlechattrappen machten
imManövereinen so lächerlichenEindruck auf die alten Krieger des ersten
Weltkrieges, daßman uns bemitleidete und nicht ernst nahm. Man war also
wohl geneigt, diePanzer alsHilfswaffe der Infanteriezuzulassen, aber nicht ge-
willt, siealseineneueHauptwaffe anzuerkennen.
Der heftigste Kampf entbrannte zwischen uns und der Kavallerie-Inspektion.
MeinGeneral fragte dieKavalleristen, obsieinihrer zukünftigenEntwicklung
die Rolle einer Aufklärungstruppeoder einer Schlachtenkavallerie erstrebten.
Der Kavallerie-Inspekteur, General vonHirschberg, erklärtesich fürdieSchlach-
tenkavallerie. Er verzichteteauf dieoperative Aufklärungzugunsten der Kraft-
fahrtruppe. Wir entschlossen uns daraufhin, unsere Panzer-Aufklärungs-Abtei-
lungen fürdieseAufgabezuschulen. Unabhängighiervonerstrebtenwir fürdie
Panzerkampfwagen die Errichtung von Panzer-Divisionen. Schließlichwollten
wir dieErrichtungmotorisierter Panzerabwehr-Abteilungen füralle Infanterie-
Divisionen, weil wir überzeugtwaren, daßnur einedemPanzer inBezug auf
Geschwindigkeit ebenbürtigeAbwehr Aussicht auf Erfolg habe.
Der Nachfolger des Generals von Hirschberg, der aus der Infanterie hervor-
gegangeneGeneral Knochenhauer, war aber nicht gewillt, das bereits verlorene
Geländeinunserer Hand zulassen. Er bildeteaus den drei vorhandenen Ka-
vallerie-Divisionen des 100000-Mann-Heeres einKavalleriekorps und versuchte,
dieoperative Aufklärungwieder zueiner Aufgabe der Kavallerie zu machen
und dazu unsere erste Neuschöpfungzugewinnen. Eine Invasion von Kaval-
lerie-Offizieren sollteunserejungeTruppehierzubefruchten. Die Diskussionen
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nahmen oft eine übertriebeneSchärfean. Aber schließlichsiegtendie Väterder
neuenGedanken überdieReaktion, der Motor überdasPferd, dieKanone über
dieLanze.
DiegleicheWichtigkeit, wieder Organisation undVerwendung kamdemGe-
rätzu, mit demwir unsereGedankenindieTat umsetzenwollten. Auf diesem
technischen Gebiet war einige Vorarbeit geleistet. ImAusland war seit 1926
eineVersuchsstationentstanden, auf weldier deutschePanzerkonstruktionen er-
probt werden sollten. Das Heereswaffenamt hatte zwei Typen mittlerer Tanks
und drei Typen leichter Tanks —wiemandamals sagte—bei verschiedenen
FirmeninAuftraggegeben. JedeTypewar inzwei Exemplaren gebaut, so daß
insgesamt 10Panzer entstanden. DiemittlerenPanzer trugendie7,5-cm-Kanone,
dieleichtenwaren mit der 3,7-cm-Kanone bestückt.Die Versuchsstückewaren
nicht in Panzerstahl, sondern in Flußeisenausgeführt. Die Höchstgeschwindig-
keit aller Typenlagbei etwa20km/Stde, auf ebenemBodenbei 35—40km/Stde.
Der fürdieKonstruktionverantwortlicheOffizier, HauptmannPirner, hattesich
bemüht,eineReihemoderner ForderungenindenNeubautenzu verwirklichen,
darunter Gasdichte, hohe Watfähigkeit, Rundumfeuer aus Turmgeschützund
Maschinengewehr, genügendeBauchfreiheit*) und Wendigkeit. Dies war ihm
weitgehend gelungen. Nachteiligwar dagegen die Anordnung des Platzes für
den Kommandanten imBug des Panzers neben demFahrer, wo er nach rück-
wärtsüberhauptkeineSicht hatteundnachdenSeitenwegender vorspringen-
denKettentrummeundder tiefenAnordnungdesSitzes nur einensehr begrenz-
tenUberblick gewinnenkonnte. EineAusstattungmit Funkgerätwar noch nicht
vorhanden. Wenn also die Konstruktionen der zwanziger Jahre technisch eine
ReihevonFortschritten gegenüberdenKriegsbauten ausdemersten Weltkrieg
aufwiesen, soentsprachen siedochtaktischnicht mehr denForderungen, diesich
aus der neuerdings geplanten Verwendung der Panzer ergaben. Es war nicht
möglich,dievorhandenen Versuchsstückeeinfach indieSerie zugeben. Neu-
konstruktionenwurden unerläßlich.
Für die endgültigeAusstattung der Panzer-Divisionen brauchte man nach
unserer damaligen Ansicht zwei Typen, einen leichten Typ mit einer panzer-
brechenden Kanone, einemTurm- undeinemBug-M.G., undeinenmittlerenTyp
mit einer Kanone schweren Kalibers, einemTurm- und einemBug-M.G. Der
leichtere Typsollte zur Bewaffnung der drei leidvten Kompanien der Panzer-
Abteilungdienen, der mittlere Typ war fürdie jeder Abteilung zuzuteilende
mittlere Kompaniebestimmt, dieden leichten Panzern RückhaltimKampf zu
bietenunddieZielezu beschießenhätte, fürdiedas kleineKaliber der panzer-
brechenden Kanone nicht ausreichte. Uber dieKaliberfrage entstanden Mei-
nungsverschiedenheiten mit demAmtschef desWaffenamtes unddemArtillerie-
Inspekteur. DiesebeidenFachleuteerachtetendasKaliber 3,7cmals ausreichend
')Die HöhedesBodensder Panzerwanne überdemErdboden.
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fürdenleichtenPanzer, währendichgernegleichauf 5cmgegangen wäre,um
einen Vorsprung vor der voraussichtlichen Verstärkungder Panzerungen im
Auslandzugewinnen. Daaber dieInfanteriebereitsinder Ausstattungmit der
3,7-cm-Panzerabwehrkanone begriffen war und man aus Gründender Verein-
fachung nur eine kleine, panzerbrechende Kanone bauen und munitionieren
wollte, mußtenGeneral Lutz undichnachgeben. Wir konntenaber veranlassen,
daßder Turmkranz der leichtenPanzer einenDurchmesser erhielt, der dennach-
träglichenEinbau der 5-cm-Kanone gestattete. Als Kaliber fürden mittleren
Panzer wurdedie7,5-cm-Kanonebestimmt. DasGesamtgewicht der Panzer sollte
24 tnicht überschreiten. Maßgebendfürdiese Gewichtsgrenze war die Trag-
fähigkeitder deutschen Straßenbrücken.AlsGeschwindigkeitsforderung wurden
40km/Stde. festgesetzt. Die Besatzung beider Panzertypen sollte aus 5Mann
bestehen, demKommandanten, demRieht- unddemLadeschützenimDrehturm,
wobei fürden Kommandanten ein Sitz überdemRichtschützenmit einembe-
sonderen KommandantentürmchenmitRundumsicht vorgesehen war, demFahrer
unddemFunker imBug. DieBesatzungsolltedurchKehlkopfmikrophon komman-
diert werden. Funkverbindung von Panzer zuPanzer und Sprechmöglichkeit
währendder Fahrt wurdenverlangt. Vergleicht man diese Konstruktionsbedin-
gungenmit denForderungen, welcheandie erwähntenVersuchspanzer gestellt
waren, soergeben sichdie Änderungen,welchedurchdieneuentaktischen und
operativen Verwendungsgrundsätzebedingt waren.
Bei dieser vorausschauendenPlanungwarenwir uns klar, daßbis zumFront-
reifwerden der Neukonstruktionen Jahre vergehen mußten.Inzwischen mußte
einAusbildungsbehelf geschaffenwerden. Alssolcher bot sichein Carden-Loyd-
Fahrgestell an, das inEnglandgekauft und fürdenBaueines 2-cm-Flakträgers
bestimmt war. Dieses Fahrgestell ließsichallerdings nur mit Maschinengeweh-
renimDrehturmbestücken.Es konntemit dieser EinschränkungbiszumJahre
1934frontreif gemacht werdenundwenigstens alsExerzierpanzer dienen, bis die
Kampfpanzer fertig würden.Unter der Bezeichnung „PanzerI"wurde also die
Einführungdieses Gerätsbefohlen. Niemand dachte 1932daran, daßwir eines
Tagesmit diesenkleinenUbungspanzernandenFeindgehen müßten.
DadieFertigungder geplanten Haupttypensich länger hinauszögerte,als ur-
sprünglicherhofft wurde, entschloßsichGeneral Lutz zueiner weiteren Zwi-
schenlösung,demmit einer 2-cm-Maschinenkanone und einemM. G. bestückten
„PanzerII"der Firma MAN.
WährenddesSommers 1932leiteteGeneral Lutz zumerstenmal Übungenver-
stärkterInfanterie-Regimenter mit Panzer-Abteilungen —Attrappen, versteht
sich—auf den Truppen-ÜbungsplätzenGrafenwöhrund Jüterbog.ImManöver
dieses Jahres erschienensodann zumersten Maleseit demBestehen des Ver-
sailler Vertrages deutsche Panzerspähwageneiner Behelfskonstruktion auf dem
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Fahrgestell eines 6-Rad-Lkw. inPanzerstahl. Schulkinder, die gewohnt waren,
unsereAttrappenmit ihren Bleistiften zudurchbohren, umEinblick indas In-
nerezuerlangen, erlebten ihreerste Enttäuschung,ebensodieInfanteristen, die
sichmit Steinwürfendagegenwehrten, vondenverachtetenPanzern außerGe-
fecht gesetzt zu werden. Auchdas Bajonett erwies sichhinfort als eine gegen
Panzer unwirksame Waffe.
In diesemManöverwurde die Möglichkeitdes Operierens mit motorisierten
undgepanzertenEinheitenunter Beweisgestellt. Essetztezwar seitens der Füh-
rer der KavalleriemancheAnfechtungundUnsachlichkeit, aber unser Erfolg war
zu offenkundig, umunbeachtet zubleiben. Inden Reihen dereinsichtsvollen
jüngerenReiteroffiziere brach sich eine zustimmende Ansicht über dieneue
WaffeBahn; zahlreicheReiteroffiziere fandendenWegzuuns ausder richtigen
Erkenntnis, daßdie bewährtenGrundsätzeder Reiterei inunseren Tagen mit
neuenMittelnindieTat umgesetzt werden müßten.
Das Manöver1932war dasletzte, andemder greiseFeldmarschall vonHinden-
burgteilnahm. Er sprach bei der Schlußkritik,und ichbewunderteseine klare
Erkenntnis der gemachten Fehler. Uber die Führungdes Kavalleriekorps be-
merkte der alteHerr: „ImKriege verspricht nur das Einfache Erfolg. Ich war
beimStabedes Kavalleriekorps. Was ichdagesehen habe, war nicht einfach."
Er hattewohl recht.
Das Jahr 1933brachte die Ernennung Hitlers zumReichskanzler und damit
einen völligenUmschwungder Innen- und Außenpolitikdes Reichs. Ichsah und
hörteHitler zumerstenMaleAnfangFebruar bei der Eröffnungder Automobil-
Ausstellung inBerlin. Daßder Reichskanzler selbst die Eröffnungsansprache
hielt, war außergewöhnlich.Auchwas ersagte, stach wesentlich von den bis-
herigenRedender Minister undKanzler bei derartigen Anlässenab. Er verkün-
detedenFortfall der Automobilsteuer und kündigteden Bau von Reichsauto-
bahnenunddesVolkswagens an.
Militärischwirkte sichauf dieEntwicklung meines Arbeitsbereiches inerster
LiniedieErnennung des Generals von BlombergzumReichswehrminister und
des Generals von Reichenau zumChef des Ministeramtes aus. Beide Generale
huldigten modernen Ansiditen, und sofand ich fürdiePanzerwaffe bei der
obersten Stelle der Wehrmacht jedenfalls Verständnis.Hinzu kambald, daß
Hitler selbst denFragen der Motorisierungundder PanzertruppeseinInteresse
zuwandte. Denersten Beweis hierfürerhielt ichgelegentlich einer Vorführung
der Waffenentwicklung durch das Heeres-Waffenamt inKummersdorf, bei der
mir einehalbeStundeZeit gewährtwurde, umdemReichskanzler dieElemente
der damaligen Kraftfahrkampftruppe vorzuführen.Ich zeigte einen Kraftrad-
schützenzug,einenPanzerabwehrzug, einenZugPanzer I inder damaligen Ver-
suchsausführungundeinen leichtenundeinenschwerenZug Panzerspähwagen.
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Hitler war von der Schnelligkeit und Präzisionder Bewegungen unserer Ein-
heitensehr beeindruckt undrief wiederholt aus: .Das kannichgebrauchen! Das
will ichhaben!"Ichgewannnachdieser VorführungdieUberzeugung, daßder
Regierungschef sichmeiner Auffassung vonder Gliederung einer neuzeitlichen
Wehrmacht anschließenwürde,wennesgelang, ihmmeineAnsichtenzur Kennt-
niszubringen. Bei der Starrheit unseres Dienstweges undder ablehnenden Hal-
tungder maßgebendenPersönlichkeitendesGeneralstabes desHeeres, der Zwi-
schenstellenzwischenBlomberg undmir, bildetediesdie Hauptschwierigkeit.
Es war übrigensbezeichnend für die deutschePolitik seit 1890, daßFürst
Bismarck der einzigeReichskanzler war, der sein Interesse an der Waffenent-
wicklungdes Heeres durcheinen BesuchinKummersdorf bekundet hatte; seit-
her war bis zu demgeschilderten Besuch Hitlers niewieder ein Reichskanzler
dort erschienen. Das GästebuchdesHeeres-Waffenamtes gab hierüberAuskunft,
als der Amtschef, General Becker, den Reichkanzler umseine Unterschrift bat.
Wie diese Tatsache beweist, hat die deutsche Politik keine .militaristische*
Notegehabt.
Am21. März1933nahmichander Eröffnungdes Reichstages inder Garnison-
kircheinPotsdamteil. IchhattemeinenPlatz auf der Emporehinter demleeren
Sessel der Kaiserin und hinter demgreisen Feldmarschall vonMackensen und
konntedessen Ergriffenheit angesichts des denkwürdigenBildes vor der Gruft
Friedrichsdes Großenbeobachten.
DemfeierlichenStaatsakt inder GarnisonkircheinPotsdamfolgteam23. März
1933das berüchtigteErmächtigungsgesetz,dasmit denStimmender „Nationalen
Front*unddesZentrums angenommenwurdeunddemneuenReichskanzler dik-
tatorische Vollmachten einräumte.DieSozialdemokratische Partei stimmte mit
anerkennswertemMutegegendas Gesetz, dessennachteiligeBedeutung fürdie
Zukunft damals nur wenigenPolitikernklar gewordenwar. DiesePolitiker, die
für das Ermächtigungsgesetzstimmten, übernahmendamit die Verantwortung
für seine Folgen.
ImSommer 1933lud mich der KorpsführerdesNationalsozialistischen Kraft-
fahrkorps, Adolf Hühnlein,ein, an einer SA-Führer-TagunginGodesberg teil-
zunehmen, zuder Adolf Hitler seinErscheinenzugesagt hatte. Mich interessierte
es, Hitler imKreiseseiner Getreuenzusehen. Da außerdemHühnleinein ge-
rader, aufrechter Mannwar, mit demman arbeiten konnte, sagteichzu. Hitler
hielt einenVortrag überdieGeschichteder Revolutionen, bei demder Redner
umfangreiche GeschichtskenntnisseandenTaglegteundin mehrstündigerDar-
legung nachwies, daßjede Revolutionnach einiger Zeit, wenn sieihr Ziel er-
reicht habe, indieEvolution übergehenmüsse.Dieser Zeitpunkt sei nun fürdie
nationalsozialistischeRevolutiongekommen. Er forderte seineGefolgsleute auf,
diesenGedankeninZukunft Rechnungzutragen. —Mankonntenur hoffenund
wünschen, daßseiner ForderungFolgegeleistet würde.
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Bei diesemAnlaßlernteichauchdenoberstenParteirichter Buchkennen, einen
ernsten, ruhigen Mann mit vernünftigenGrundsätzen,der sichleider aber in
den folgenden Jahrennicht durchzusetzen vermochte.
Ich verließGodesberg inder Hoffnung, daßdievon Hitler propagierte Evolu-
tionnunbaldTatsache würde.
DasJahr 1933brachtedieimEntstehenbegriffene Panzertruppe gut vorwärts.
EineReihevonVersuchs- und Lehrübungenmit Attrappenschuf klarere Ansich-
ten überdasZusammenwirken der Waffen und bestärktemichinder Uberzeu-
gung, daßdiePanzer nur dann zu voller Auswirkung imRahmen des modernen
Heereskommen könnten,wennsiealsHauptwaffe behandelt, zuDivisionen zu-
sammengefaßtundmit voll motorisierten Ergänzungswaffengekoppelt würden.
Konnteman dietaktische Entwicklung mit einiger Befriedigung verfolgen, so
machtedieEntwicklungdes Panzergerätsumso mehr Sorge. DiedurchdenVer-
sailler Vertragbedingte Abrüstunghattezur Folgegehabt, daßunsere Industrie
nach jahrzehntelanger Untätigkeitauf militärischemGebiet nicht die Fachleute
und erst recht nicht dieMaschinen besaß,umunseren Wünschenschnell genug
zu entsprechen. Besonders die Fertigung eines Panzerstahls von genügender
Zähigkeit stießauf Schwierigkeiten. Dieersten uns gelieferten Platten splitter-
tenwieGlas. Ebensobedurfte esgeraumer Zeit, bisunsereallerdingssehr weit-
gehenden WünscheandieFunkerei undandieOptiken erfülltwerden konnten.
Ichhabeaber niebereut, daßichdamals anmeinen Forderungen auf guteSicht
und Führungsmöglichkeitenaus den Panzern festgehalten habe. In Bezug auf
die Führungwaren wir unseren Gegnernstets überlegenund manchesonstige,
der Not entspringende Unterlegenheit konnte dadurch später ausgeglichen
werden.
ImHerbst 1933wurdeGeneral Freiherr vonFritschzumChef der Heeresleitung
ernannt. Mit ihmtrat ein Soldat an dieSpitze des Heeres, demdas Offizier-
korps mit Vertrauen folgte. Er war eine innerlich vornehme, ritterliche Natui
undeinkluger, überlegterSoldat mit gesundemtaktischemundoperativemUr-
teil. Technischwar er nicht beanlagt; er war aber stets bereit, neue Gedanken
vorurteilsfrei zu prüfenund—wennsieihmeinleuchteten—anzunehmen. Die
dienstlichen Verhandlungen mit ihmüberdie Entwicklung der Panzertruppen
warendaher angenehmer alsmit allenanderen Angehörigendes OKH. Er hatte
sichschon alsChef der 1. Abteilung des Truppenamtes im100000-Mann-Heer
für Motorisierungs- undPanzerfragen interessiert unddemStudiumder Panzer-
Division eine besondere Reisegewidmet. In seiner neuen hohen Stellung be-
wahrteer unsstets dasgleicheInteresse. Kennzeichnend fürseineArt war fol-
gendekleineSzene: IchtrugihmeinetechnischeEntwicklungsfrage vor. Er hegte
Zweifel undsagtemir: „WissenSie, dieTechniker lügenalle.*Ich antwortete:
„Sicherwird oft gelogen, aber man merkt es inder Regel nach ein bis zwei
Jahren, wenn sichdieGedanken der Techniker nicht verwirklichen lassen. Die
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Taktiker lügenauch, aber bei ihnenmerkt maneserst nachdemnächstenver-
lorenenKrieg, unddannist eszu spät.*Fritschwechseltenachseiner Gewohn-
heit nachdenklichdas Monokel underwiderte: »Siemögenrecht haben."So zu-
rückhaltend,jafast schüchterner in größeremKreiswirkenkonnte, sooffenund
zugänglichwar erunter Kameraden, denen ervertraute. Dannentwickelte er
einenfeinenHumor undwar vonbestrickender Liebenswürdigkeit.
Schwieriger war diePerson des neuen Generalstabschefs, des Generals Beck.
Dieser war einvornehmer Charakter, einruhiger, zuruhiger, überlegterMann
der altenSchule, ein AnhängerMoltkes, auf dessen Anschauungener denGe-
neralstabdes neuenHeeres imDrittenReichaufzubauen gedachte. Fürdiemo-
derne Technik hatte erkein Verständnis. Daer naturgemäßMänner seiner
Geistesrichtung indie maßgebendenStellen des Generalstabes, zumal inseine
engere Umgebung brachte, errichtete ermit der Zeit —ohnees zuwollen —
eineMauer der Reaktioninder ZentraledesHeeres, die außerordentlichschwer
zu überwindenwar. Er nahmAnstoßanden Plänender Panzertruppe, wolltein
erster LiniePanzer alsHilfswaffeder Infanterieunddemnachals größteEinheit
unserer Waffe die Panzer-Brigade. Von der Errichtung von Panzer-Divisionen
hielt ernicht viel.
Mit General BeckhatteichdenKampf umdieAufstellungder Panzer-Divisionen
und umdieAusbildungsvorschriften fürdiePanzertruppen vorwiegend auszu-
fechten. Schließlichwar er soweit, zur Errichtungzweier Panzer-Divisionenseine
Zustimmungzugeben, währendichgleichdrei beanspruchte. Ichschilderteihm
die Vorzügeder neuen Verbändeinden glühendstenFarben, insbesondere deren
operativeBedeutung. Er erwiderte: „Nein,nein, ichwill Euchnicht. Ihr seidmir zu
schnell."MeineVorhaltung, daßdieEntwicklungder Funkerei trotzder großenGe-
schwindigkeit der Verbändedie Führunggewährleistete,fandkeinenGlauben. Die
inunserenGefechtsvorschriften mehrfachenthalteneForderung, daßalle Führer
sichweit vorne aufzuhalten hätten, mißfiel ihmsehr. „AberSie könnendoch
nicht ohneKartentischeundFernsprecher führen.HabenSiedennSchlieffen nicht
gelesen?"*) Daßgar einDivisionskommandeur sichbiszur Feindberührungweit
vorneaufhaltensolle, gingihmzuweit.
Abgesehen von diesemStreit umdiePanzertruppe war aber Bede überhaupt
einZauderer, auf militärischemwieauf politischemGebiet. Er wirkte irgendwie
lähmend,woimmer ererschien. Ersah dieSchwierigkeiten jeder Entwicklung
undwar voller Bedenken. Kennzeidmend fürseineArt zudenkenwar die von
ihmpropagierteFechtweise des hinhaltenden Widerstandes, einer Fechtweise,
dieals sogenannter „hinhaltenderKampf"schon vor demersten Weltkrieg in
unseren Vorschriften erwähntwar, dieaber von ihmzumSystemdes 100000-
Mann-Heeres erhobenwurde. Becks „hinhaltenderWiderstand"wurde bis zur
*)Anspielungauf denAufsatzdesGrafenSchlieffen „DerKrieginder Gegenwart" in
der „DeutschenRevue", 1909.
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Schützengruppehinunter geübtundbesichtigt. DieKampfart zeichnetesichdurch
vollendeteUnklarheit aus, undichhabekeine Übungerlebt, dieden Zuschauer
befriedigte. General von Fritsch schaffte sie nach Gründungder Panzer-Divi-
sionenab.
ImJahre 1934erhieltenwir durchdenChef des Generalstabes ein Manuskript
mit demTitel „Kampfwagenkrieg".Der Verfasser war der österreichischeGene-
ral Ritter vonEimannsberger. General Beck war sich überdieBedeutung des
BuchesimZweifel, General Lutzundichaber erkannten, daßdiesesBuchunsere
Gedankenenthielt. Seine Veröffentlichungschienunsdaher geboten, weil soaus
neutraler Quelleder Ideenstromzu fließenbegann, denwir zuerzeugen wünsch-
ten. Selbst auf dieGefahr hin, daßausländischeFachleute auf Eimannsbergers
Gedankenaufmerksamwerden könnten, mußtedieser Entschlußgefaßtwerden,
weil der Widerstandder deutschenDienststellenbeseitigt werden mußteundbei
derenNeigung, auf fremdeAnsichtenmehr zu hörenalsauf dieeigenen Berater,
anders kaumzubrechenwar. IchhabeGeneral Ritter vonEimannsberger später
persönlichkennengelernt undinihmeinenechtendeutschenMannundSoldaten
verehrt, demdiedeutschePanzertruppeviel zuverdankenhatte. SeinBuchwurde
ein wesentlicher Bestandteil unserer Truppenbüchereienund unsere Panzer-
männerhabenviel daraus gelernt.
Ebenso tüchtigwie der Vater war der Oberst imGeneralstab von Eimanns-
berger, der seinenimzweitenWeltkriegerlittenenWundennachlangem, tapfer
getragenemSiechtumimJahre1951erlag.
ImFrühjahr1934wurdedas Kommandoder Kraftfahrtruppen errichtet, andes-
senSpitzeGeneral Lutz trat, währendichdie Geschäftedes Chefs des Stabes
übernahm.General Lutz blieb außerdemInspekteur der Kraftfahrtruppen, also
Vorgesetzter der Waffenabteilung In 6imAllgemeinen Heeresamt desRWM.
IndiesemgleichenZeitraummachteHitler seinen erstenBesuchbei Mussolini
inVenedigmit anscheinend nicht befriedigendemVerlauf. Nach seiner Reise
spracher vor denGeneralender Wehrmacht unddenSpitzender Partei undSA
inBerlin. DieResonanz seiner Rede bei den SA-Führernwar bemerkenswert
gering. BeimVerlassendesSaales hörteichBemerkungenwie: „Adolf wirdnoch
erheblichumlernen müssen."Mit Erstaunen schloßichhieraus auf starke Diffe-
renzenimLager der Partei. Am30. Juni fanddas Rätsel seine Lösung. Röhm,der
Stabschef der SA, undeine großeZahl von SA-Führernwurdenkurzerhander-
schossen, aber nicht nur sie allein, sondernmit ihneneineAnzahl völligunbe-
teiligter MännerundFrauen, undzwar nur deshalb, —wiewir jetzt wissen —
weil siesichzuirgendeiner Zeit undinirgendeiner Angelegenheit inGegensatz
zur Partei gesetzt hatten. Unter den Ermordetenbefanden sich auch der ehe-
maligeReichswehrminister undReichskanzler, General vonSchleicher unddessen
Frau, sowieder Mitarbeiter Schleidiers, der General vonBredow. DieVersuche,
eine öffentlicheRehabilitierungder beidenGenerale zuerreichen, führtennicht
27
zueinembefriedigenden Ergebnis. Nur der alteFeldmarschall von Mackensen
stelltebeimSchlieffen-Abend 1935, einemalljährlichstattfindenden Zusammen-
seinder altenund jungen Generalstabsoffiziere klar, daßdieEhre der beiden
Männerunbefleckt gebliebensei. Die ErklärungHitlers imReichstagzu diesem
Ereigniswar ungenügend.Damalshoffteman, daßdiePartei ihre Kinderkrank-
heiten bald überwindenwürde. Rückschauendkannmannur bedauern, daßdie
damaligeLeitungder Wehrmacht nicht nachdrücklichauf voller Genugtuungbe-
stand. Sie hättedamit sichselbst, der Wehrmacht unddemdeutschenVolk einen
großenDienst erwiesen.
Der 2. August 1934brachteDeutschlandeinenschweren Verlust. Feldmarschall
vonHindenbugstarbund hinterließseinVolkineiner inneren Revolutionierung
vonunabsehbarer Wirkung. IchschriebandiesemTageanmeine Frau:
„Unseralter Herr ist nicht mehr. Wir allesindsehr traurig überdiesen uner-
setzlichen Verlust. Er war wieeinVater zumganzenVolkeund besonders zur
Wehrmacht, undwir werdendiese großeLückeinunseremvölkischenDaseinnur
schwer undlangsamschließenkönnen.SeinDaseinalleinwogindenAugen des
Auslandes schwerer als geschriebene Verträgeund schöneWorte. Er besaßdas
Vertrauender Welt. Wir, diewir ihngeliebt undverehrt haben, sindumvieles
ärmergeworden."
.Morgenwerdenwir denEidauf Hitler leisten. EinenfolgenschwerenEidl Gebe
Gott, daßer beiderseits mit der gleichen Treue gehalten wird zum Wohle
Deutschlands. DieArmeeist gewohnt, ihrenEidzuhalten. Mögesiees inEhren
tun können."
„Du hast recht. Es wäreeineWohltat, wenndie Wortführerder Organisationen
diesen Anlaßbenutzten, umalle Feiern bis auf weiteres abzublasen und das
Redenzulassen PflichttreueArbeit undBescheidenheit tun not."
DieseZeilenvom2. August 1934kennzeichnendieStimmung, diedamals nicht
nur mich, sondernvielemeiner Kameradenundwohl darüberhinausweiteKreise
unseres Volkes beherrschte.
Am7. August 1934trugen deutsche Soldaten den verewigten Feldmarschall-
ReichspräsidentenimTannenberg-Denkmal zur Ruhe. Hitlers letzteWorteklan-
qenihmnach: „ToterFeldherr! KehrenuneininWalhall!"
Bereits amI. August aber hatteder Reichskanzler unddas Reichskabinett auf
Grund des Ermächtigungsgesetzesdas Amt des Reichspräsidentenfürden Fall
desAblebens Hindenburgs mit demdes Reichskanzlers verbunden. Adolf Hitler
wurdehierdurch am2. August zugleichOberhaupt desReichsundOberster Be-
fehlshaber der Wehrmacht. Daer das Amt des Reichskanzlers beibehielt, ver-
einigte er in seiner Hand alleGewalt des Reichs. DieDiktatur war nunmehr
nahezu schrankenlos.
NacharbeitsreichemWinter kamdasJahr 1935heran, dasunsimMärzdieVer-
kündungder Wehrhoheit brachte. Jeder Soldat hat dieses Ereignis, das einen
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entehrendenTeil des Versailler Vertrages beseitigte, mit Freuden begrüßt. Am
Heldengedenktag, der in Anwesenheit des Feldmarschalls von Mackensen mit
einer Paradealler Waffen begangenwurde, erschienenerstmalsaucheinigeBa-
taillone der jungen Panzertruppe, allerdings bei dieser Fußparademeist ohne
Gerät.Bei denVorbereitungenzuder ParadewurdediePanzertruppe ursprüng-
lichsehr benachteiligt, weil sie—wiemir der bearbeitende Generalstabsoffizier
sagte— „mitihrenkurzen Karabinernkeinen Präsentiergriff ausführenkönne",
fch vermochtetrotz dieses „schwerwiegenden"Gegengrundes eine angemesene
Beteiligung durchzusetzen.
Am16. Marz dieses Jahres war ichzueinemabendlichenZusammensein beim
englischen Militärattachegeladen. Kurz bevor ichmichanschickte, meine Woh-
nungzuverlassen, meldeteder Rundfunk eineKundgebungder Reichsregierung
an. Es war die Wiedereinführungder allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland.
DasGesprachmitmeinenenglisdienundden gleichfallsanwesendenschwedischen
Bekannten war an diesemAbend ungewöhnlichlebhaft. Die Herren bewiesen
Verständnislürdie Genugtuung, die ich angesichts dieser fürDeutschlands
Wehrmacht soertreuhdien Sachlage empfand.
ImRahmen der nunmehr einsetzenden Aufrüstungverfolgten wir theoretisch
das Ziel, mit unseren hochgerüstetenNadibarn auf gleichen Stand zu kommen
Praktischkonntees sidi —zumal wasdiePanzertruppeanlangt —bis auf wei-
teres nidit darumhandeln, mit einer auch nur annäherndgleichen Zahl oder
GüteanWaffen aufzutreten. Wir mußteninder PanzertruppedenAusgleich in
der Organisationund inder Führungsuchen. Diestraffe Zusammenfassung un-
serer geringen Kräftein Großeinheiten,inDivisionen, unddieseineinemPan-
zerkorpssolltedenAusgleich fürdieuns fehlendeZahl bringen.
Zunächst mußtenunsere militärischenVorgesetzten davon überzeugtwerden,
daßunser Weg überhauptgangbar und richtigsei. ZudiesemZweck hatte das
imJuni 1934errichteteKommando der Kraftfahrtruppen unter Leitungvon Ge-
neral Lutz fürdenSommer 1935 vierwöchigeÜbungenmit einer ausdenbis da-
hin vorhandenen Einheiten zusammengesetzten Panzer-Division angelegt. Die
Ubungs-Division wurde von General Freiherr von Weichs geführt.Sie wurde
auf demTruppenübungsplatzMunster-Lager zusammengezogenund systematisch
inder Darstellungvonvier verschiedenen Gefechtsbildern geschult. Es kamuns
dabei nicht darauf an, KommandeureimFassenund AusführenselbständigerEnt-
schlüssezu schulen, als vielmehr zubeweisen, daßdie Bewegungen und der
Kampf großerPanzermassen imZusammenwirken mit ihren Ergänzungswaffen
überhaupt möglichseien. DieGeneralevonBlomberg undFreiherr von Fritsch
folgtenden Übungenmit großemInteresse. DieTeilnahmeHitlers, den General
Lutz gleichfalls eingeladen hatte, wurde durchdenpassiven Widerstand seiner
Heeresadjutantur verhindert.
Das Ergebnis der Versuchs- und Lehrübungenwar hochbefriedigend. General-
oberst Freiherr vonFritschmeinte, alsder gelbe Manöverballonals Schlußsig-
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nal der Übungenhochgelassenwurde, scherzhaft: «Jetztfehlt nur noch, daßauf
demBallonsteht: „GuderiansPanzer sinddieBestenl"General Lutz wurde zum
KommandierendenGeneral desneuzuerrichtendenKommandos der Panzertrup-
penernannt. DieAufstellungeinesGeneralkommandos üblicherArt wurdedurch
denChef desGeneralstabes desHeeres, General Beck, verhindert.
Mit dem15. Oktober 1935wurdendrei Panzer-Divisionen aufgestellt:
1. Panzer-Division unter General Freiherr vonWeichs in Weimar,
2. Panzer-Division unter Oberst Guderianin Würzburg,
3. Panzer-Division unter General Feßmannin Berlin.
Gliederungeiner Panzer-Division von1935s. Anlage23.
Anfang Oktober verließichBerlin, umdie Tätigkeitinder Zentrale mit dem
praktischenTruppendienst zuvertauschen. Ich wußtedasKommandoder Panzer-
truppenunter meinemverehrtenGeneral Lutz inguten Händen.Allerdings war
mit vermehrter Gegnerschaft aus denReihendesGeneralstabes zurechnen und
esbliebfraglich, obmeinNachfolger inder Chefstellegeradediesen Einflüssen
gegenüberstarkgenugbleiben würde.Ebensowar zweifelhaft, obdieInspektion
der PanzertruppenimOKH, diebeimChef desAllgemeinenHeeresamts dieBe-
lange der Panzertruppen wahrzunehmen hatte, die Entwicklung imursprüng-
lichenSinne weiterführenwürde.Inbeiden Dienststellengeschah das, was ich
befürchtete:MangabdenBestrebungen des Chefs des Generalstabes auf Schaf-
fung von Panzer-Brigaden nach, dienur zumZusammenwirken mit der Infan-
teriebestimmt waren. Bereits imJahre 1936entstand zudiesemZweck die
4. Panzer-BrigadeinStuttgart. Mangabferner demDrängender altenKavallerie
auf vermehrten Einflußauf diemotorisierten Verbändenach und gründetean-
stelleneuer Panzer-Divisionennundrei sogenannte „LeichteDivisionen", diesich
aus jezwei motorisierten Schützen-Regimentern, einemAufklärungs-Regiment,
einemArtillerie-Regiment, einer Panzer-Abteilungund einer ReihevonEinzel-
waffen zusammensetzten. Bei der Panzer-Abteilung machte man überdiesdas
Experiment, diePanzer auf Lastkraftwagen mit Tieflade-Anhängernzuverladen,
umihneneine größereMarschgeschwindigkeit auf Straßenzuverleihen. Das war
eineohnehin müßigeBestrebung, dennmankonntenur die gegenwärtigenPan-
zer I und II auf Lkw. und Tieflade-Anhängerverladen, dievon 1938abzu er-
wartendenPanzer III undIV aber nicht mehr.
Außerden Leichten Divisionen wurden noch vier Infanterie-Divisionen (mot)
aufgestellt, Normal-Infanterie-Divisionen, dievoll motorisiert wurdenund eine
beachtliche Zahl von Kraftfahrzeugen benötigten.Soentstanden das XIV. Ar-
meekorps fürdiemotorisierten Infanterie-Divisionen, das XV. Armeekorps für
dieLeichten Divisionen, währendausdemKommando der Panzertruppen das
XVI. Armeekorpsfür diedrei Panzer-Divisionenwurde. Diesedrei Korpswurden
schließlichdemneugebildetenGruppenkommando4unter General vonBrauchitsch
inLeipzigunterstellt, das fürAusbildung undEntwicklungsorgensollte.
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Diebisherige, einheitlicheWaffenfarbe der Panzertruppen, rosa, wurde geändert,
rosa blieben die Panzer-Regimenter und die Panzerabwehr-Abteilungen. Die
Panzer-Aufklärungs-Abteilungenwurden zunächst gelb, sodann braun, die
Schützen-Regimenterund Kraftradschützender Panzer-Divisionen bekamen die
grüneFarbe, die Kavallerie-Schützen-Regimenterder LeichtenDivisionen erhiel-
tendas Gelbder Kavallerie, währenddie motorisierten Infanterie-Regimenter
weißblieben. Natürlichhatten nunauchdieWaffen-Inspekteure der Infanterie
undder Kavallerie mitzureden.
Ichhabediehiermit verbundeneZersplitterungder Kräfteauf demGebiet der
Motorisierungundder Panzer sehr bedauert, konnteaber nicht verhindern, daß
dieEntwicklung zunächstdiesenWegging. Siekonnte späternur teilweisewie-
der indierichtigeBahngelenkt werden.
UnserebegrenztenHilfsmittel auf demGebiet der Motorisierungwurden aber
auchnochdurchFehler auf demGebiet der Organisationder anderenWaffen des
Heeresverschwendet. Sobefahl der Chef desAllgemeinenHeeresamtes, General
Fromm, daßdie 14. Kompanien der Infanterie-Regimenter, die Panzerabwehr-
Kompanien, motorisiert würden.Auf meinenEinspruch, daßdieseKompanien im
Rahmen der zu Fußmarschierenden Regimenter vorerst besser pferdebespannt
bleibensollten, erwiderteer: „DieInfanterie mußaucheinpaar Autos haben."
MeineBitte, statt der 14. Kompaniender Infanterielieber dieschwerenArtillerie-
Abteilungenzumotorisieren, wurdeabgelehnt. Dieseschweren Geschützeblie-
benpferdegezogen und versagten späterimKriege, besonders in Rußland.
Die Entwicklung der Kettenfahrzeuge fürdie Ergänzungswaffender Panzer
nahmniemals das vonuns gewünschteTempo an. Eswar klar, daßdie Ergeb-
nisseder Panzer umso größersein mußten,jebesser ihnendie Schützen,dieAr-
tillerieunddieanderenWaffender DivisionbeimMarschquerbeet folgen konn-
ten. Wir forderten also Halbkettenfahrzeuge mit leichter Panzerung fürdie
Schützen,diePioniere, den Sanitätsdienst,gepanzerte Selbstfahrlafetten fürdie
Artillerie und fürdie Panzerabwehr-Abteilungen, und Panzer verschiedener
Bauart fürdie Aufklärungund fürdieNachrichten-Abteilungen. DieAusstattung
der Divisionen mit diesen Fahrzeugen ist niemals ganz durchgeführt worden.
Trotz aller Produktionssteigerung hat unserebegrenzt leistungsfähigeIndustrie
der gewaltigen Aufblähungder motorisiertenFormationeninder Wehrmacht und
der Waffen-SS sowie imWirtschaftsleben nicht nachkommen können. Die
oberste Führunglegte sich trotz aller Vorstellungen der Fachleute keine Be-
schränkungenauf, undder Ehrgeiz einzelner Machthaber bestärktesie darin.
Bei der Schilderung der kriegerischen Ereignissedes Jahres 1941wird hierauf
noch zurückzukommensein.
Vondiesenzuletzt erörtertenFragen wurdeichbei meiner Divisionin Würz-
burgnur nebenbei berührt.MeineArbeit galt der Aufstellung und Ausbildung
der Neuformationen, diesich aus Stämmenverschiedener Herkunft zusammen-
setzten. Der Winter 1935/36verlief ungestört.ImStandort Würzburgwurdeich
31
freundlich aufgenommen, sowohl von der bisherigen Garnison unter General
Brandt, alsvonStadt undLand. IchbezogeinkleinesHaus inder Boelckestraße
mit wunderbarer Aussicht überdieimMaintal vor uns liegendeStadt, auf die
Marienfeste und das Räppele,eineder Perlendes Barock.
ImFrühjahr1936wurdenwir durchden EntschlußHitlerszur militärischenBe-
setzung des Rheinlandes überrascht.DadieBesetzung eine militärischeGeste
bleiben sollte, wurden keine Panzertruppen dazu verwendet. Meine Division
wurdezwar alarmiert undnach Münsingenauf den Truppenübungsplatzverlegt,
aber ohnediePanzer-Brigade, dieinihren Standorten belassenwurde, umdie
Spannungnicht unnötigzuvermehren. NacheinigenWochenkehrteallesindie
Standorte zurück.
Am1. August dieses JahreswurdeichzumGeneralmajor befördert.
Anden Herbstmanöverndes Jahres nahm nur das Panzer-Regiment 4aus
Schweinfurt teil. DieVerwendung eines einzelnenRegiments imRahmen einer
infanterie-Division gab kein klares Bild unserer Leistungsfähigkeit.
IndiesemManöverbefandsichunter den Gästenauchder ausOstasien zurück-
gekehrteGeneraloberst vonSeeckt, undichhattedieEhre, ihmeinige Erläuterun-
gen üoerdie ihmbis dahin nochunbekannte Panzertruppe zugeben. Fernei
konnte ichdenzumManövergeladenen Pressevertretern dieOrganisation und
Fechtweiseder neuenWaffe schildern.
DasJahr 1937verlief friedlich. Wir gabenuns fleißigder Ausbildung hin, die
in ManövernimDivisionsrahmen auf demTruppenübungsplatz Grafenwöhr
ihren Abschlußfand. ImAuftragdesGeneralsLutz verfaßteichimWinter 1936/37
unter demTitel „Achtung!Panzer!"einBuch,*) welchesdieEntstehungsgeschichte
der Panzertruppen schilderte und die Grundgedanken entwickelte, nach denen
diedeutschePanzertruppeaufgebaut werden sollte. Wir wolltendadurch einem
größerenKreis unsereGedanken nahebringen, alses auf demtrockenenDienst-
weg möglichwar. Darüberhinaus bemühteichmich, in der militärischenFach-
presse fürunsereAnsichten zuwerben unddieGegenargumente zu entkräften,
andenenesnicht fehlte. In gedrängter KürzekamenunsereGedankenineinem
Aufsatz inder amtlichenZeitschrift desReichsverbandesDeutscher Offiziere vom
15. Oktober 1937zumAbdruck, den ichimWortlaut wiedergeben möchte,weil
er eingutesBildder damaligen KämpfeundMeinungsverschiedenheiten gibt.
Der Panzerangriff inBewegung und Feuer
Wenn gemeinhin vomPanzerangriff gesprochen wird, pflegt sich der Laie der
stählernenUngeheuer von Cambrai und Amiens zu erinnern, von denen in den
Kriegsberichten zulesen stand. Er sieht vor seinem geistigen Auge tiefe Draht-
hindernisse zusammenknicken wie Strohhalme; er entsinnt sich, daß Unterstände
eingedrücktund Maschinengewehre zermalmt wurden, und daß aus der Walz-
') Union, DeutscheVerlagsgesellschaft, Stuttgart.
32
Wirkung der .Tanks", ihrem Motorengeräuschund den Flammen aus ihren Aus-
puffrohren der .Tankschrecken" geboren wurde, den man dann zur Ursache un-
serer Niederlage vom8. August 1918 erklärte.So wird eine —keineswegs die
wichtigste —Eigenschalt der Panzer, dieWalzwirkung, in der Vorstellung zahl-
reicher Kritiker zur hauptsächlichengestempelt und aus dieser einseitigen Vor-
stellung heraus ein Wunschbild des Panzerangriffs entwickelt, auf dem zahl-
reiche Panzer indichten Formationen sich gleichsam als riesige Scheiben für
Abwehrgeschützeund Artillerie in gleichmäßiger Geschwindigkeit und nahezu
gleicher Richtung auf den Verteidiger bewegen, umihn niederzuwalzen, wenn
die Übungsleitunges behehlt, sogar in ungeeignetem Gelände. Die Walfenwir-
kung aus demPanzer wird gering geschätzt; er wird für blind und taub erklärt;
die Fähigkeit, erobertes Geländezu behaupten, wird ihmabgesprochen. Hin-
gegen werden der Verteidigung alle Vorteile zugebilligt; sie läßtsich angeblich
nicht mehr von Panzern überraschen; ihre Abwehrgeschützeund ihre Artillerie
treffen immer ohne Rücksichtauf eigene Verluste, Rauch, Nebel, Bodenbedeckung
und -gestaltung; sie sind auch immer dort zur Stelle, wo die Panzer gerade an-
greifen; sie sehen durch ihre Optiken auch bei Nebel und in der Dämmerung
vorzüglichund hörentrotz des Stahlhelmes jedes Wort.
Aus diesem Wunschbild wird dann gefolgert, daß der Panzerangrifl keine Aus-
sichten mehr habe. Also sollte man diePanzer abschaffen und —wie ein Kritiker
vorschlug —die Epoche der Panzer einfach überspringen?Damit wäreman der
Sorge umeine Änderungder Taktik bei allen alten Waffen mit einem Schlage
enthoben und könntesich beruhigt wieder demStellungskriege nach dem Mu-
ster 1914/15 zuwenden. Allein es springt sich nicht gut ins Dunkle, wenn man
nicht weiß, ob und wo man beimNiedersprung landet. Solange daher unsere
Kritiker uns keinen neuen, besseren Weg zumAngrilfserfolg weisen können,als
den der Selbstauflösung,werden wir für unsere Auffassung fechten, daß in den
Panzern —richtiger Einsatz vorausgesetzt —heutzutage die beste Angriffswaffe
tür den Erdkampf zu erblicken ist. Umaber das Bilden eines Urteils überdie
Aussichten der Panzerangrüfezu erleichtern, seien seine wesentlichsten Kenn-
zeichen einer Betrachtung unterzogen.
Die Panzerung
Alle zuernsthaftem Kampf bestimmten Panzerkampfwagen sind mindestens
gegen S.m.K.-Munition geschützt. Für den Kampf gegen Abwehrgeschützeund
feindliche Panzer genügt dieser Schutz nicht; deshalb tragen die hierfür be-
stimmten Panzer in den sogenannten Siegerstaaten des Weltkrieges, vor allem
inFrankreich, einen erheblich stärkerenSchutz. Umz. B. den Char 2Czu durch-
schlagen, bedarf man eines Kalibers von 7,5cm. Setzt ein Heer zumAngriff im
ersten Treuen Panzer ein, die gegen dieMasse der Abwehrgeschützedes Gegners
geschütztsind, sosteht ihr Erfolg gegen diesen gefährlichstenFeind außerZwei-
fel und damit auch überkurz oder lang der Erfolg überdie feindlichen Infante-
3 ErinnerungeneinesSoldaten -0
risten und Pioniere, der unter demSchutz der starken Panzer und nadi Ausschal-
ten der gegnerischen Panzerabwehr auchvon leichteren Typen errungen werden
kann. Gelingt es dem Verteidiger hingegen, ein Abwehrgeschützins Feld zu
führen,das allevorhandenen Panzer des Angreifers durchschlägt,und dieses Ge-
schützrechtzeitig an der entscheidenden Stelle einzusetzen, so wird der Erlolg
der Panzer mit Opfern erkauft werden müssenoder —bei genügenderDichte
und Tiefe der Abwehr —inFrage gestellt sein. Der Kampf zwischen Panzer und
Schußwaffe,den wir seit Jahrtausenden kennen, bleibt der Panzertruppe niclü
erspart und muß weitergeführtwerden, wie dies auch imFestungsbau, bei der
Marine und neuerdings bei der Luftwaffe geschieht. DieTatsache dieses Kampfes
und seine wechselnden Aussichten könnenkein Anlaßzur Preisgabe des Pan-
zers imErdkampf sein, sonst kämenwir jaauf den imWeltkrieg als unzuläng-
licherkannten wollenen Waffenrock als einzigen Schutz des Angreifers zurück.
Die Bewegung
Es wurde gesagt: .Nur aus der Bewegung entspringt der Sieg"). Wir stimmen
demzu und wollen die technischen Hilfsmittel unserer Zeit inden Dienst dieses
Gedankens stellen. DieBewegung dient dazu, dieTruppen anden Feind zu brin-
gen-, man benutzt hierzu Menschen- oder Pferdebeine, die Eisenbahn oder —
neuerdings —den Kraftwagen und das Flugzeug. Einmal amFeinde, erstarrt
die Bewegung meist unter der Wirkung des feindlichen Feuers. Umsie erneut
auszulösen,muß der Gegner vernichtet oder doch niedergehalten oder zum Ver-
lassen seiner Stellungen gezwungen werden. Dies kann durch ein Feuer ge-
schehen, das demdes Feindes so überlegenist, daß die feindliche Artillerie und
die feindlichen M.G. schweigen und jeder Widerstand erlischt. Das Feuer, aus
testen Stellungen abgegeben, reicht soweit, wie dieMasse der Feuerwaffen mit
Beobachtung schießenkann. Bisdahin kann dieInfanterie dieWirkung des Feuers
ausnützen;dann müssendieschweren Waffen und die Artillerie einen Stellungs-
wechsel vornehmen, umerneut durch Feuer dieBewegung zu ermöglichen.Zahl-
reiche Waffen, noch zahlreichere Munition sind erforderlich, umdieses Kampf-
verfahren durchzuführen. Die Aufmärschezu dieser Art des Angriffs erfordern
geraume Zeit und sind schwer zu tarnen. Die Überraschung, diese wesentliche
Vorbedingung des Erfolges, ist in Frage gestellt. Aber selbst wenn die Über-
raschung gelingt, deckt der Angreifer mit Angrilfsbeginn die Karten auf, die Re-
serven des Verteidigers strömennach der Angriffsstelle und riegeln sie ab; das
Aufbauen neuer Abwehrfronten ist seit der Motorisierung der Reserven leichter
als früher; dieAussichten eines Angriffs, der an das Zeitmaßder Infanterie und
Artillerie gebunden bleibt, sind demgemäßnoch geringer als imletzten Kriege.
Alles kommt also darauf an, schneller inBewegung zu kommen, als bisher und
dann trotz des Abwehrfeuers inder Bewegung zubleiben, damit dem Verteidiger
der Aufbau einer neuen Abwehrfront erschwert und der Angrilfsstoßindie Tiefe
der Verteidigung getragen wird. Die Anhängerder Panzerwaffe glauben, unter
34
günstigenVoraussetzungen das Mittel hierzu zubesitzen; die Zweifler meinen,
daßdieimKriege 19i8 eingetretene Überraschung.einen für einen Panzerangriff
heute nicht mehr zu erwartenden Umstand"
2
) bedeute. Danacli kann also ein
Panzeiangritf den Verteidiger nicht mehr überraschen?Wie kommt es dann aber,
daßimKriege überraschungserfolgeerzielt werden konnten, gleichgültigob neue
oder alteMittel hierzu eingesetzt wurden?General der Infanterie von Kühl schlug
imJahre 1916der O.H.L. vor, für den Fall eines Durchbruchsangriifs den Haupt-
wert aui die Überraschungzu legen*), obwohl ihmkeine neuen Angriifsmittel
hieriürzu Gebote standen. Die Michael-Offensive des Jahres 1918hatte infolge
gelungener ÜberraschunggroßenEriolg, obwohl keine neuartigen Wafien ver-
wendet wurden. Treten außer den sonstigen, zur Herbeiführungder Über-
raschung getroffenen Maßnahmennoch neuartige Kampfmittel hinzu, sowird der
Erfolg durch siemeist vergrößert; eine Vorbedingung der Überraschungsind sie
aber nicht. Wir glauben, beimAngriff mittels der Panzer schneller in Bewegung
zukommen als bisher und —was fast noch wichtiger scheint —nach erfolgtem
Einbruch auchinder Bewegung bleiben zu können. Wir glauben, daß die Bewe-
gung aufrechterhalten werden kann, wenn gewisse Voraussetzungen erfülltsind,
von denen der Erfolg des Panzerangrifis nun einmal gegenwärtigabhängt: Zu-
sammenfassen der Kräftein geeignetem Gelände, lückenhafteAbwehr, unter-
legener Panzerfeind, umnur einige zunennen. Wennman uns vorwirft, daß wir
nicht voraussetzungslos jeden Angriff erfolgreich fahren und mit M.G.-Panzern
keine Festungen stürmenkönnen,so müssenwir zu unserem Bedauern auf die
invieler Hinsicht noch unvollkommenere Angriffskraft der anderen Waffen ver-
weisen und hinzufügen,daß wir auch nicht allmächtigsind.
Es wird behauptet, daß jede Waffe ihre größteWirksamkeit nur entfalte, so-
lange sie neu sei und keine Abwehr zu fürchtenhabe
4
). Arme Artillerie! Sie ist
schon Jahrhunderte alt. Arme Luftwaffe! Sie beginnt auch sclion zu vergreisen,
denn sieschwebt übereiner Luftabwehr. Wir glauben, daßdie Wirksamkeit einer
Waffe von demjeweiligen Stand der Gegenwehr abhängt. StoßenPanzer auf
überlegenenFeind —feindliche Panzer oder Abwehrgeschütze—sowerden sie
geschlagen werden; ihre Wirksamkeit wird gering sein; ist es umgekehrt, so
werden siezu vernichtender Wirkung gelangen. Abgesehen von der Stärkeder
Abwehr hängtdie Wirksamkeit jeder Waffe aber auchvon ihremWillen ab, sich
dieErrungenschalt der Technik schnell zunutze zumachen und auf der Höheihrer
Zeit zubleiben. Indieser Hinsicht wird sich die Panzerwafle von keiner anderen
überholenlassen. Es wird gesagt: .Die Granate der Artillerie des Verteidigers
ist zunächstnocli schneller, als der auf dieArtillerie angesetzte Panzerangriff."*)
Niemand hat das bisher bezweifelt. Dennoch sind schon 1917und 1918 Hunderte
von Panzern unmittelbar hinter der vorderen Infanterielinie bereitgestellt wor-
den, haben Hunderte von Panzern das Sperrteuer unterlauten, sind diesen Pan-
zern Dutzende von Infanterie- und sogar Kavallerie-Divisionen gefolgt, und zwar
bei Angriffen, die ohne Artillerievorbereitung erfolgten, die also bei Angriff s-
35
beginn aul eine unversehrte Artillerie des Verteidigers stießen. Die feindliche
Artillerie wird dieBewegungen der Panzer nur inbesonders ungünstiggelagerten
Fällenernsthaft behindern-, und wenn den Panzern der Einbruch bis in die Ar-
tilleriestellungen erst einmal gelungen ist, dann werden die Batterien sehr bald
schweigen und auch der Infanterie nicht mehr schaden. Gerade die starre Ar-
tillerietaktik mit ihrem.längstfestliegenden Notfeuer vor der bedrohten Stelle'
hat imletzten Kriege versagt. Erdsäulen,Staub, Qualm und Rauch des Abwehr-
feuers mögendas Gesichtsfeld der Panzer einschränken-, unerträglichwird diese
Beschränkungnicht sein; wir lernen schon imFrieden, siezu überwinden.Panzer
vermögenselbst bei Nacht und Nebel nach Kompaßrichtungzu fahren.
.Trägerder Entscheidung" ist bei Angriffen, die auf den Erlolg der Panzerwaile
gegründetwerden, nicht die Infanterie, sondern diePanzerwalle, denn ein Miß-
lingen ihres Angriffs schließtden Mißerfolgdes Gesamtangriffs ein, der Erfo/cj
des Panzerangriffs aber bringt den Sieg.
Das Feuer.
Panzerung undBewegung umfassen aber nur einen Teil der Kampfeigenschalten
der Panzerwaffe; die wichtigste ist das Feuer.
DieFeuerabgabe kann sowohl aus demHalten wie aus der Bewegung erlolgen.
Bei beiden Feuerarten wird direkt gerichtet. Erfolgt die Feuerabgabe aus dem
Halten auf erkannte Ziele, so ist bei direktem Richten durch gute Optiken auf
den Gebrauchsentfernungen in kürzesterZeit unter geringem Munitionseinsatz
vernichtende Wirkung zu erwarten. Das Erkennen der Ziele wird dem Panzer-
schützendurch Beobachtungsschwierigkeiten währendder Fahrt erschwert, durch
die Feuerhöheder Waffe aber auch wieder erleichtert, zumal bei bewachsenem
Boden; der vieiiach bemängeltehohe Aufzug der Panzer, der der Abwehr ein
gutes Ziel bietet, erweist sich also für den Panzerschützenauch als einigermaßen
nützlich.Muß währendder Bewegung geschossen werden, sosind die Treltaus-
sichten auf nahe Entfernungen gut; sie verringern sich mit der Entfernung des
Ziels, der zunehmenden Geschwindigkeit des Panzers, der wachsenden Uneben-
heit des Geländes.
Jedenfalls besitzt imErdkampf nur der Panzer die Fähigkeit,sein Feuer angrilis-
weise demFeind entgegenzutragen, auchwenn nochnicht alle Maschinengewehre
und Geschützedes Verteidigers zumSchweigen gebracht sind. Wir bezweifeln
nicht, daßdiestehende Walle größereTreifaussichten besitzt, als diesich bewe-
gende; wir könnendies selbst ambesten ermitteln, da wir beide Feuerarten ab-
zugeben vermögen. Allein: .Nur aus der Bewegung entspringt der Sieg." Soll
nun der Panzerangrift dazu benutzt werden, das Hauplkampifeld einer tiefgeglie-
dert zur Verteidigung eingerichteten, mit Panzerabwehrwaffen versehenen In-
lanlerie und Artillerie nach demMuster der Materialschlacht des Weltkrieges
sturmreil zu schießen*), zu zertrommeln? Sicherlich nicht. Wer dies versuchen
36
möchte,geht von demGedanken des reinen Infanterietanks aus, einer Panzer-
truppe, deren Aulgabe sich darin erschöpft,inengstem Zusammenwirken mit der
Infanterie und inderen —von uns für zu langsam gehaltenem — Zeitmaßzu
kämpfen. Wir könnenund wollen uns weder aul wachen- und monatelange Er-
kundungen, noch auf einen ungeheueren Munitionsaulwand stützen,sondern wir
wollen lür bemessene Zeit den Feind inder ganzen Tiele seines Verteidigungs-
systems gleichzeitig lähmen. Wir sind uns klar, daß wir mit dem begrenzten
Schießvorratunserer Panzer keine .planmäßigeartilleristische Vorbereitung',
keine .Zusammenballung artilleristischer Wucht' erreichen können; wir beab-
sichtigen jagerade das Gegenteil, den direkt gerichteten, treffsicheren Einzel-
schuß,zumal wir aus langjähriger Kriegserfahrung wissen, daß wochenlanges
Trommelfeuer der stärkstenArtillerie dieser Erde nicht vermocht hat, der In-
fanterie den Sieg zu ermöglichen. Wir glauben aber eben auf Grund der Erfah-
rungen unserer Gegner, mit den Panzern bei einem rasch in genügenderBreite
und Tiele gleichzeitig gegen die verschiedenen Abwehrgliederungen des Feindes
geführtenAngriff Erfolge erreichen zu können,dieder Gesamtentscheidung mehr
nützen,als begrenzte Einbrüchenacli demMuster des Weltkrieges. Unser ge-
zieltes Feuer wird nicht nur überden Feind .hinüberhuschen"wie ein Flächen-
schießenunter verschwenderischem, aber sinnlosem Munitionseinsatz, sondern
bei genügenderDichte, Breite und Tiele des Angriffs durch tatsächlicliesVernich-
ten der erkennbaren Ziele ein Loch in die gegnerische Abwehr schlagen, durch
das die Reserven schneller zu lolgen vermögenals 1918. Wir wünschen, daß
diese Reserven in Formvon Panzer-Divisionen vorhanden seien, weil wir den
anderen Wallen die Kampfkraft, die Schnelligkeit und Beweglichkeit, die zw
Durchtührungdes Angrilfs und der Verfolgung benötigtwerden, nicht mehr zu-
billigen können. Wir erblicken daher in der Panzerwaffe nicht nur .ein zusätz-
liches Mittel zur Schlachtentscheidung, das imZusammenwirken mit den anderen
Wallen in mandien denkbaren Lagen der Infanterie zur Bewegung verhellen
kann.'
1
) Wäredie Panzerwaile nur das, sobliebe ja alles beimalten, wie 1016;
wollte man nicht mehr aus ihr herausholen, so müßteman von Anlang an im
Stellungskrieg versacl<en und jede Hoffnung auf rasche Entscheidung für die Zu-
kunft begraben. Weder die uns prophezeite Munitionsmenge der zukünftigen
Gegner, noch die gewachsene Treffgenauigkeit und Reicliweite der Geschütze
aller Kaliber, nochihre besser entwickelte Schießtechnikvermögenunsere Aul-
fassung zu erschüttern,imGegenteil! Wir erblicken inder Panzerwaile durchaus
eine Hauptwalle zumAngrifl, und wir werden dies solange tun, bisuns die Tecli-
mk etwas Besseres beschert. Wir werden unter keinen Umständenzeitraubende
Vorbereitungen inKauf nehmen und den Gedanken der Überraschunggefährden
lassen, nur umder Lehre zu folgen, .daß erst das Feuer dieEinleitung der Be-
wegung ermöglicht.'
8
) Wir sind imGegenteil der Ansicht, daß Motoren unter
Panzer uns gestatten, unsere Waffen ohne diese Feuervorbereitung inden Feind
zutragen, wenn wir dafürsorgen, daß diewichtigsten Voraussetzungen für ihren
37
Einsatz erfülltwerden: Geeignetes Gelände, Überraschungund Masseneinsatz.
Das Wort .Masseneinsatz' jagt den Zweiflern aber bereits eine Gänsehaut über
den Rücken.Sie schreiben: .Es ergibt sich also die organisatorische Frage, ob
grundsätzlichdie Massierung aller Panzerkräfterichtig ist oder obdaneben die
Forderung, der Infanterie durch grundsätzlicheZuweisung von Panzerkampi-
wagen erst den Angriffsschwung zu ermöglichen,nicht derselben Beachtung wert
ist."') Wir entnehmen dieser Äußerungzunächstdas Zugeständnis,daß die In-
fanterie ohne Panzer keinen Angriffsschwung zu besitzen scheint, und folgern
daraus, daß diejenige Waffe, die diesen Schwung besitzt und anderen Waffen
vermitteln soll, zweifellos eine Hauptwalfe ist. DieFrage, obdie Panzer auf die
Infanterie aufgeteilt werden sollen oder nicht, sei an einem Zahlenbeispiel er-
läutert:
Rot und Blau führenKrieg gegeneinander. Jede Partei besitzt 100 Infanterie-
Divisionen und 100Panzer-Abteilungen. Rot hat seine Panzer auf die Infanterie-
Divisionen verteilt-, Blau hat sie als Heerestruppen in Panzerdivisionen zusam-
mengefaßt. Auf einer Schlachtlront von —sagen wir —300kmseien 100 km
panzersicheres, 100kmpanzerhemmendes, 100kmfür Panzer geeignetes Kampt-
gelände.Für den Angriff kann sichsomit sehr leicht folgendes Bild ergeben: Rot
hat einen erheblichen Teil seiner Divisionen mit ihren Panzern vor blauen Stel-
lungen inpanzersicherem Gelände,kann siealso nicht benutzen; einweiterer Teil
findet inpanzerhemmendem Geländezwar etwas bessere, aber nicht durchschla-
gende Erfolgsaussichten. In demfür Panzer günstigenGeländekann jedenfalls
nur ein Teil der roten Panzerkräfteverwendet werden. Blau hingegen hat seine
gesamten Panzerkräftedort zusammengezogen, wo dieEntscheidung gesucht wer-
den soll und nach demGeländeauch herbeigeführtwerden kann; es hat also
Aussicht, mit mindestens doppelter ÜberlegenheitanPanzern indie Schlacht zu
gehen unddennoch auf den übrigenFronten sich inder Abwehr gegen die ver-
einzelt auftretenden Panzer von Rot zuhalten. Eine Infanterie-Division, die über
etwa 50 Abwehrgeschützeverfügt, wird sich gegen den Angriff von 50 Panzern
eher wehren können,als gegen 200. Wir vermögendaher indemVorschlag, die
Panzer auf dieIntanterie-Divisionen zuverteilen, nur einen Rückfall indie primi-
tive englische Taktik der Jahre 1916/17 zuerblicken, die bereits damals vollstän-
dig scheiterte und sodann zu der von Erfolg gekrönter. Zusammenlassung der
Waffe bei Cambrai führte.
Durch dieschnell inden Feind getragene Waffenwirkung, durch das direkt ge-
richtete Feuer unserer unter Panzerschutz motorisch bewegten Waffen wollen wir
den Sieg erstreben. Man sagt: .Der Motor ist keine neue Waffe, sondern er be-
fördertalte Waffen inneuer Form."
10
) Daßman mit Motoren nicht schießenkann,
ist bekannt; wenn wir von der Panzerwaffe als etwas Neuem sprechen, so mei-
nen wir eine neue Waffengattung, wie sie z. B. durch den Motor bei der Marine
in der Formdes Unterseebootes entstand; durch den Motor allein ist das Flug-
38
zeug und damit die Luftwaffe möglichgeworden-, auch hier spricht man von
„Waffe". Wir fühlenuns durchaus als .Waffe' und sind überzeugt,daß unsere
Erfolge inder Zukunftsschlacht den Ereignissen ihren Stempel aufdrückenwer-
den. Gelingt unser Angriff, so müssensich die anderen Waffen nach dem Zeit-
maß unseres Angriffs ricMen können. Wir verlangen daher, daß die zum Aus-
nutzen unserer Erfolge benötigtenErgänzungswaffenebenso beweglich gemacht
werden wie wir, und daß sie uns imFrieden bereits unterstellt werden. Denn
zumErzwingen großerEntscheidungen wird zwar nicht die Masse der Infanterie,
wohl aber dieMasse der Panzertruppen zur Stelle sein müssen.—
ImSpätherbst1937fanden großeWehrmachtmanöverstatt, andenenHitler und
indenletztenTagen aucheineReihe ausländischer Gäste,Mussolini, der eng-
lischeFeldmarschall Sir Cyrill Deverell, der italienischeMarschall Badoglio und
eineungarische Militärmissionteilnahmen. Vonder Panzertruppebefandensich
die3. Panzer-Divisionunter General Feßmannund die 1. Panzer-Brigade unter
den übendenTruppen. Mir war die Leitung eines Panzer-Schiedsrichterstabes
übertragen.
Das positive Ergebnis der Manöverwar der Beweis, daßdie Panzer-Division
verwendbar war. UngenügendhattenNachschubundInstandsetzung gearbeitet.
Hier mußteder Hebel zur Verbesserungangesetzt werden. IchmachtedemGene-
ralkommando Verbesserungsvorschläge.Leider wurden sienicht sofort berück-
sichtigt, sodaßsichdiezutagegetretenen UbelständeimFrühjahr1938anaugen-
fälligerStelle wiederholten.
Amletzten Manövertagewurdeden fremden Gästenein großer Schlußangriff
vorgeführt,andemalleimManöveranwesendenPanzer unter meiner Führung
teilnahmen. Der Anblick war recht eindrucksvoll, obwohl wir damals nur über
diekleinenPanzer I verfügten.
NachdemManöverwar inBerlineineParadeund anschließendein Frühstück,
das Generaloberst Freiherr vonFritsch den militärischenausländischenGästen
gab. Zudiesemwar auchichbefohlen. Bei dieser Gelegenheit hatteicheineReihe
interessanter Unterhaltungenundwurdeauchunter anderemvondembritischen
Feldmarschall Sir Cyrill Deverell unddemitalienischen Marschall Badoglio ins
Gesprächgezogen. Badoglio sprach von seinen Erfahrungen imabessinischen
Feldzuge. Sir Cyrill Deverell fragtenachmeinenAnsichten überMotorisierung.
JüngerebritischeOffiziere interessierten sich fürdieFrage, obmanimKriege
auchso viele Panzer auf einemGefechtsfelde bewegen könne,wie auf dem
Manöverfeldvor Mussolini. Siewollten nicht recht daran glauben und waren
offenbar Anhängerder Hilfswaffentheorie. Jedenfalls war dieUnterhaltung recht
angeregt.
DieAnmerkungen1—10beziehensichauf gegnerische Äußerungeninder Militär-Wis-
senschaftlichenRundschau1937, 3. Heft, S. 326, 362, 364, 368, 369, 372, 373und374der
Zeitschrift desGeneralstabesdesHeeres.
39
III. HITLER AUF DEMGIPFEL DER MACHT
Das Jahr 1938. Die Blombeig-Fritsch-Krise. Dei AnschlußÖsterreichsund des
Sudetenlandes.
Das ereignisreicheJahr 1938begannmitmeiner unerwarteten Beförderungzum
Generalleutnant inder Nacht vom2. zum3. Februar, der der Befehl folgte, arn
4. zu einer Besprechung bei Hitler inBerlin zuerscheinen. Am4. früherfuhr
ichinBerlinauf der StraßedurchdenZuruf einesBekanntenvonder elektrischen
Bahnherunter, daßichzumKommandierendenGeneral desXVI. Armeekorps er-
nannt sei. Meine Überraschungwar grenzenlos; ichbesorgte mir unverzüglich
eineMorgenzeitungundlasdarinmit Bestürzung, daßeineReihehoher Offiziere
desHeeresverabschiedet sei, darunter Blomberg, Fritschundmeinguter General
Lutz. Die Erklärungfürdiese Maßnahmebrachte—wenigstens teilweise—der
Empfang inder Reichskanzlei. AlleKommandierendenGeneraleder Wehrmacht
standenineinemHalbkreisineinemSaal, indenHitler trat, umuns mitzuteilen,
daßer den Reichskriegsminister, Generalfeldmarschall von Blomberg, wegen
seiner Heirat entlassen habe und sich gleichzeitig gezwungen sähe,audi den
Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Freiherr von Fritsch, wegen Ver-
gehensgegendasStrafgesetz zuentlassen, überdiesonstigen Verabschiedungen
ließer sichnicht näheraus. Wir warenwieversteinert. Dieschweren Vorwürfe
gegenunsere höchstenVorgesetzten, diewir für makellose Ehrenmännerhielten,
trafenunsinsMark. Mankonntesienicht glaubenund mußtesichindemAugen-
blick, indemsieerhobenwurden, dochsagen, daßdasOberhaupt desReiches sie
nicht ausder Luft gegriffenhabenkonnte. NachdemHitler gesprochenhatte, ver-
ließer denSaal, und wir warenentlassen. Niemandwar inder Lage gewesen,
einWort zusagen. Was hätteindiesemerschütterndenAugenblick—ohneUn-
tersuchung der Vorgänge—auch mit Aussicht auf Wirkung gesagt werden
können?
Der Fall Blomberglagklar. EinVerbleiben desMinisters imAmt war unmög-
lich. Anders war es mit Generaloberst Freiherr vonFritsch. Hier war kriegsge-
richtlicheUntersuchunggeboten. Das Kriegsgericht fand unter demVorsitz von
Göringstatt undkamtrotzseinesVorsitzendenzueinemglattenFreispiuch. Der
gegen den Generaloberst ausgesprochene, schmählicheVerdacht hatte sich als
völligunbegründeterwiesen. Monate nach der infamen Verleumdung kamen
wir —diesesMal auf einemFliegerhorst—wieder zusammen, umausdemMunde
des PräsidentendesReichskriegsgerichts, desGeneralsHeitz, dasUrteil unddiesehr
eingehende Begründungvorgelesen zu erhalten. Der Bekanntgabe des Urteils
40
gingeinekurze, bedauerndeAnspracheHitlersvoraus, inder er uns versicherte,
daßsichsolche Vorfällenicht wiederholen würden.Wir verlangtennundie völ-
ligeRehabilitierung des Generalobersten. Der neueOberbefehlshaber des Hee-
res, nachBlombergsVorschlagGeneraloberst vonBraudiitsch, erreichteaber nur,
daßGeneraloberst Freiherr vonFritschzumChef desArtillerie-Regiments Nr. 12
inSchwerinernannt undsomit wieder inder Rangliste geführtwurde. EinKom-
mandoerhielt er niewieder. Angesichtsder Schmach, diemanihmzugefügthatte,
war diese Sühneungenügend.Der elende, falscheZeugegegenihnwurde zwar
auf Befehl Hitlers hingerichtet, aber die gefährlichenHintermännerdes feigen
Aktesbliebenunbestraft. DasTodesurteil gegendenDenunziantendientenur der
Verschleierung. Am11. August fand auf demTruppenübungsplatz Groß-Bornin
Pommern dieUbergabe desArtillerie-RegimentsNr. 12anGeneraloberst Freiherr
vonFritschstatt. Am13. August nahmHitler an einer Übungauf demgleichen
Platz teil. EineBegegnung der beiden Männerunterblieb.
Dievornehme Zurückhaltung,dieGeneraloberst Freiherr vonFritschinder Folge-
zeit übte,zwangzur Bewunderung. Obsieangesichtsseiner Gegner auf dempoli-
tisdien Kampffeld richtig war, ist eineandereFrage. Dochberuht dieses Urteil
auf nachträglidierKenntnis der Zusammenhängeund Personen.
Hitler übernahmam4. Februar 1938selbst denOberbefehl überdieWehrmacht.
Der PostendesReichskriegsministers bliebunbesetzt. Der Chef desMinisteramts,
General WilhelmKeitel, übernahmdieFunktionendesMinisters, soweit sienicht
denOberbefehlshabern der Wehrmachtsteile übertragenwurden, erhielt jedoch
keine Kommandogewalt. Er nannte sich fortan Chef des Oberkommandos der
Wehrmacht.
DenOberbefehl überdas Gruppenkommando 4inLeipzig, demdie motorisier-
tenKorps unterstanden, erhielt General von Reichenau, ein fortschrittlich den-
kender Kopf, mit demmidi herzlicheKameradschaft verband.
Nachdem30. Juni 1934war der 4. Februar 1938der zweitesdiwarzeTagdes
OberkommandosdesHeeres. Der gesamtendeutschen Generalitätwird nachträg-
lichder schwere Vorwurf gemacht, anbeidenTagen versagt zuhaben. Dieser
Vorwurf kannnur die maßgebendenMännerander Spitzetreffen. FürdieMehr-
zahl bliebder wahreSachverhalt nicht zudurchschauen. Selbst imFalle Fritsch,
der vonvornhereinunwahrscheinlich, jaundenkbar war, mußteerst das kriegs-
gerichtlicheUrteil abgewartet werden, bevor ernsteSchritteunternommen wer-
denkonnten. Der neue Oberbefehlshaber des Heeres wurde dringend gebeten,
dieseSchrittezutun, konntesichaber nicht dazu entschließen.Inzwischen wurde
dieses Ereignisdurch außenpolitischeVorgängevon größterBedeutung, den An-
schlußÖsterreichs, überschattet.Der Augenblick zumHandeln wurde verpaßt.
DasGanzebewiesaber das Besteheneiner VertrauenskrisezwischendemOber-
haupt des Reichs undder Spitzedes Heeres; dies war mir klargeworden, ohne
daßichdie Hintergründezuerkennenvermocht hätte.
41
Ich übernahmvon meinemverehrten Vorgänger,General der Panzertruppen
Lutz, die Geschäftemeines neuenBefehlsbereichs. Chef desStabesdes General-
kommandos XVI. A.K.'swar Oberst Paulus, mir schonseit Jahrengut bekannt,
der Typdesvornehmdenkenden, klugen, gewissenhaften, fleißigen,ideenreichen
Generalstabsoffiziers, andessen reinemWollen undpatriotischer Haltung kein
Zweifel erlaubt ist. Wir habenausgezeichnet undinvoller Harmonie zusammen
gearbeitet. Inzwischenwurden gegen den unglücklichenOberbefehlshaber der
6. ArmeevonStalingradBeschuldigungenund Verdächtigungenschlimmster Art
verbreitet. Bevor Paulus nicht selbst Gelegenheit zur Verteidigung gehabt hat,
kannichkeineder gegenihnerhobenenAnklagen glauben.
DiePanzer-DivisionenhatteninzwischenihreKommandeuregewechselt. Esbe-
fehligten:
die 1. Panzer-Division General Rudolf Schmidt,
die2. Panzer-Division General Veiel und
die3. Panzer-Division General Freiherr Geyr von Sohweppenburg.
Der AnschlußÖsterreichs
Am10. Märzwurdeichgegen 16Uhr zumChef des Generalstabes des Heeres,
General Beck, gerufenunderfuhr vonihmunter demSiegel tiefer Verschwiegen-
heit, daßder Führermit demGedanken umgehe, den AnschlußÖsterreichsan
das Reichzu vollziehen, und daßhierzu eineReihevonFormationen mit dem
Marschbefehl rechnen müßten: „SiemüssenIhrealtezweitePanzer-Divisionwie-
der übernehmen",sagteer zumir. Ichwendeteein, daßder General Veiel, mein
Nachfolger, der doch ein tüchtigerGeneral sei, dadurch gekränkt würde. „Sie
sollenaber unter allen UmständendiemotorisiertenEinheitenbei diesemAnlaß
führen",erwiderteBeck. Ichschlugdarauf vor, dasGeneralkommandoXVI. A.K.
mobil zumachenundihmaußerder 2. Panzer-DivisionnocheinenweiterenVer-
bandzuunterstellen. General Beckbestimmte hierfürdieSS-Leibstandarte „Adolf
Hitler", diegleichfalls andemEinmarschteilnehmensollte. Er meinteabschlie-
ßend: „Wennmanden Ansdilußüberhauptvollziehenwill, ist jetzt wahrschein-
lichder günstigsteMoment gekommen."
Ichbegabmichauf mein Geschäftszimmer,befahl dienachLageder Dinge mög-
lichenVorbereitungenund überlegte,welche Maßnahmenzutreffen wären,um
denAuftrag auszuführen.Gegen20Uhr wurdeicherneut zuBeck gerufen und
erhielt nacheinigemWartenzwischen21und22Uhr denBefehl, die2. Panzer-
DivisionunddieSS-Leibstandarte „Adolf Hitler"zualarmierenundbei Passau
zuversammeln. Icherfuhr bei diesemAnlaß, daßdiezumEinmarschnach Öster-
reichbestimmten VerbändedemBefehl desGeneraloberst vonBock unterstellt
werdensollten. SüdlichmeinesArmeekorpssolltenInfanterie-Divisionen denInn
überschreiten,weitere Kräftewaren fürTirol bestimmt.
42
Inder Zeit zwischen23und24Uhr erteilteichdieAlarmbefehle fürdie2. Pan-
zer-DivisiondurchFernsprecher, an den Kommandeur der Leibstandarte, Sepp
Dietrich, persönlich.Allen VerbändenwurdealsMarschziel Passaugesetzt. Wäh-
renddie Übermittlungdes Alarmbefehls andieLeibstandarte keine Schwierig-
keiten bereitete, kames bei der 2. Panzer-Divisiondadurch zuReibungen, daß
sich sämtlicheStabsoffiziere unter Leitungdes Divisions-Kommandeurs zu einer
ÜbungsreiseimMoselgebiet in Trier aufhielten. Die ganzeDivision war also
beimEintreffendesBefehls ohneihreKommandeure. Diese mußtenerst vonder
Mosel imKraftwagen herangeholt werden. Trotz dieser Komplikationen drang
der Befehl schnell durch, unddieTruppe wurde unverzüglichinMarsch gesetzt.
DieEntfernungaus demUnterkunftsraumder 2. Panzer-DivisionumWürzburg
nachPassaubetrugdurchschnittlich400km, dievon PassaunachWien 280 km
undvonBerlinnachWien 962km.
Bevor idi SeppDietrich entließ,sagte er mir, daßer nochzumFührer müsse.
Nunlagmir daran, daßder Anschlußsich ohneKampfhandlungen vollzog. Es
solltejaeinefür beideTeilefreudigeAngelegenheit werden. Daher kammir der
Gedanke, diePanzer zumZeichenunserer friedlichenAbsichten zuflaggen und
mit frischemGrünzu schmücken.Ichbat Sepp Dietrich, mir dieErlaubnis des
Führerszudieser MaßnahmezuerwirkenundhattesieeinehalbeStunde später.
Das GeneralkommandoXVI. A.K. traf am11. Märzgegen20Uhr inPassau ein.
Dort wurdeder Befehl fürden Einmarscham12. Märzum8Uhr vorbereitet.
GegenMitternacht traf der Kommandeur der 2. Panzer-Division, General Veiel,
ander Spitzeseiner Truppen inPassau ein. Er besaßweder Kartenvon Öster-
reich noch Brennstoff fürdie Fortsetzung des Marsches. Bezüglichder Karten
mußteichihnauf den fürReisende üblichen„Baedeker"verweisen. Die Brenn-
stofffrage war schwieriger zu lösen.Zwar befandsichinPassaueinHeeresbrenn-
stofflager, aber es war fürdenAufmarschmit der Front nachWesten zur Ver-
teidigungdesWestwalls bestimmt unddurftenachseiner Mobilmachungsanwei-
sung nur fürdiesen Fall Brennstoff abgeben. Die maßgebendenVorgesetzten
waren überunseren Auftrag nicht unterrichtet unddaher inder Nacht nicht zu
erreichen. Der pflichttreue Verwalter des Lagers verweigertemir alsodie Her-
ausgabedeskostbarenStoffes, undes bedurfte der Drohungmit Gewalt, bis er
nachgab.
DakeineNachschubkolonnenmobilgemacht waren, mußteeinBehelf geschaffen
werden. Der BürgermeistervonPassauhalf durchBereitstelleneiner Anzahl von
Lastkraftwagen zur beschleunigten Aufstellung der notwendigen Betriebsstoff-
kolonnen. Imübrigenwurden die österreichischenTankstellen längsder Vor-
marschstraßegebeten, sichauf Dauerbetrieb einzurichten.
Trotz aller Mühe,diesichGeneral Veiel gab, gelang es nicht, den Grenzüber-
gang pünktlichum8Uhr durchzuführen.Eswurde9Uhr, bisdieerstenEinheiten
der 2. Panzer-DivisiondenhochgezogenenSchlagbaumpassierten, auf der öster-
reichischenSeitefreudigvonder Bevölkerungbegrüßt.DieVorhut der Division
43
setzte sich aus den Panzer-Aufklärungs-Abteilungen5(Kornwestheim) und 7
(München),sowiedemKraftradschützen-Bataillon2(Kissingen) zusammen. Diese
Vorhut eilte überLinz, dasgegenMittagdurchfahrenwurde, nachSt. Pölten.
Ichfuhr amAnfangdes Grosder 2. Panzer-Division, währenddieLeibstandarte
„Adolf Hitler", dienachihremweitenAnmarschvonBerlinher sichder Panzer-
Division anschloß,den Beschlußmachte. DieBeflaggungund Ausschmückungder
Panzer bewährtesich. Die Bevölkerungsah, daßwir infriedlicher Absicht kamen,
undder Empfangwar überausherzlich DiealtenSoldatendesersten Weltkrieges
standenmit ihrenKriegsdekorationen auf der Brust amWegeund grüßten.Die
Fahrzeuge wurdenbei jedemHalt geschmückt,die Soldatenmit Lebensmitteln
versehen. Es gab Händeschütteln,Umarmungen, Freudentränen.Kein Mißklang
störtedenvonbeidenSeitenersehnten, bereits mehrfach vereitelten Ansdiluß.
DieKinder einesVolkes, dieeine unglücklidiePolitik durchlangeJahrzehntege-
trennt gehaltenhatte, fandenzueinander undjubeltensidi zu.
Der Vormarschvollzogsichauf der einzigen, überLinz führendenStraße.Kurz
nach12Uhr traf ichinLinz ein, begrüßtedie Behördenundnahmeinen kurzen
Imbißein. ImBegriff, dieStadt inRichtungSt. Pöltenzuverlassen, begegneteich
demReichsführerSSHimmler und den österreichischenMinistern Seiß-Inquart
undvonGlaise-Horstenau. Dieseteiltenmir mit, daßder Führerum15Uhr in
Linz eintreffen würdeundbatenmich, dieAbsperrung längsder Einzugsstraße
undauf demMarkt zu übernehmen.Ich ließdaraufhin dieVorhut inSt. Pölten
anhalten und ordnete dieAbsperrung der Straßenund des Marktes von Linz
durchdie verfügbarenTeiledes Gros an. An dieser Absperrung beteiligte sich
auchdie Garnison des Bundesheeres auf eigenen Wunsch. Bald fülltenetwa
60000 Menschen Straßenund Plätze.Eine ungeheure Begeisterung hatte die
Massen ergriffen. Diereichsdeutschen Soldatenwurden stürmischbejubelt.
Das Eintreffen Hitlers verzögertesich bis zumEinbruch der Dämmerung.Ich
empfingihnamEingangder Stadt undwurdenunAugen- undOhrenzeuge seines
triumphalen Einzuges indieStadt und seiner AnsprachevomBalkon des Rat-
hauses. Ichhabeweder vorher nochnachher einesoelementareBegeisterunger-
lebt wieindieser Stunde. Nachseiner AnsprachebegabsichHitler zueinigen
Verwundeten aus den Zusammenstößenvor demAnschlußund sodanninsein
Hotel, woichmichzur FortsetzungdesMarsches nachWienbei ihmabmeldete.
Er war währenddes Empfanges auf demMarkt sehr ergriffen gewesen.
Gegen21Uhr verließichLinz, war etwaumMitternacht inSt. Pölten,setzte
meineVorhut wieder inMarschunderreichteanihrer Spitzebei heftigemSchnee-
sturmam13. Märzgegen1Uhr Wien.
InWienwar geradeein großerFackelzugzuEhrendesAnschlussesbeendet und
die Straßenvoller festlich gestimmter Mensdien. Sowar es keinWunder, daß
dasErscheinender erstendeutschenTruppen stürmisdmnJubel auslöste.Ander
Oper fand einVorbeimarsch der Vorhut nachden Klängeneiner Musikkapelle
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des Bundesheeres undin Anwesenheit des Kommandeurs der Wiener Division
desBundesheeres, General Stümpfl,statt. NachBeendigungdes Vorbeimarsches
brach die Begeisterung erneut stürmischaus. Ich wurde in mein Quartier ge-
lragen. Die Knöpfemeines MantelsverwandeltensichimHandumdrehen inAn-
denken. Wir erfuhren sehr viel Freundlichkeiten.
Nachkurzer NachtruhebegabichmichamVormittagdes13. Märzauf Besuchs-
fahrtenzudenBefehlshabern des österreichischenBundesheeres, bei welchenich
durchwegeinesehr höflicheAufnahme fand.
Der 14. Märzwar ausgefülltdurchdieVorbereitungder fürden15. betohlenen
großenParade. Manhattemir dieLeitungder Vorbereitungen übertragen,und so
hatteichdas Vergnügen,zumerstenMalemit unserenneuenKameraden dienst-
lichzusammenzuarbeiten. In kurzer Zeit waren wir zueiner Ubereinkunft ge-
langt, undamnächstenTag hattenwir dieGenugtuung, daßdieser erste öffent-
licheAkt indemnunmehr reichsdeutschgewordenenWiengut verlief. Bei der
Parade eröffnetenFormationendes Bundesheeres denVorbeimarsch. Dann folg-
tenabwechselndjeeineFormationdes reichsdeutschenHeeresmit einer öster-
reichischen. DieBegeisterungder Bevölkerungwar groß.
Aneinemder nächstenAbendevereinigteicheineAnzahl österreichischerGene-
rale, dieichindiesenTagenkennengelernt hatte, zueinemkleinen Abendessen
imHotel Bristol, umdie neue Kameradschaft auch außerhalbdes Dienstes zu
festigen. Sodannbegabichmichauf Besichtigungsfahrten, umdie motorisierten
Verbändedes Bundesheeres kennen zulernen undmir überdieArt ihrer Ein-
gliederung indas Reichsheer Klarheit zuverschaffen. Von diesenFahrten sind
mir zwei besonders inErinnerung geblieben. Dieerste führtemichnach Neu-
siedel amSee, woein Kraftfahrjäger-BatailloninGarnisonlag. Diezweite ging
nachBruckander LeithazumPanzer-BataillondesBundesheeres. DiesesBataillon
standunter der Führungdes Oberstleutnants Theiß,eines besonders tüchtigen
Offiziers, der durcheinenschwerenUnfall mit demPanzer körperlichbehindert
war. SeineTruppemachteeinen vorzüglichenEindruck, undichfand rasch Ver-
bindung mit den jungen Offizieren undden Männern.In beiden Formationen
herrschteeinsehr guter Geist und eineebenso gute Disziplin, so daßman nur
mit FreudeundHoffnung andieVereinigungdieser Truppenmit demreichsdeut-
schenHeer herangehen konnte.
Umnicht nur dendeutschenSoldaten Österreich,sondernauchden österreichi-
schenDeutschlandzuzeigenunddas Gefühl der Zusammengehörigkeitzu stär-
ken, wurdeneineReihevonEinheitendesBundesheeres zukurzenBesuchen ins
Altreidi geschickt. Sokamauch eine Formation nach meiner alten Garnison
Würzburg,wosieunter der Leitungmeiner Fraufestlichempfangenund bewirtet
wurde.
Sehr baldkonnteichmeineliebeFraunachWien nachkommenlassen, umam
25. MärzihrenGeburtstagmit ihr zuverleben.
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Für die deutsche Panzertruppe ergaben sichaus demUnternehmen des An-
schlusses einigewichtigeLehren.
Der Marschwar imallgemeinenreibungslosverlaufen. Die AusfälleanRadiahr-
zeugenwarengering, dieanPanzernwaren höher.Ichkannmichder genauen
Datennicht mehr erinnern,- mehr als 30%betrugensiejedenfalls nicht. Bis zur
Parade am15. Märzwaren fast alle Panzer zur Stelle. Diese, angesichts der
Längedes zurückgelegtenWeges undder Schnelligkeit des Vormarsches nicht
übermäßighohe Ausfallziffer erschiendemLaienauf demPanzergebiet, zumal
demGeneraloberst von Bock zuhoch. Daher wurden nachdemEinmarsch von
dieser SeiteheftigeKritiken ander jungen Panzerwaffe laut. Manglaubte, ihr
die FähigkeitzumDurchhalten großer Märscheabsprechen zusollen. Diesach-
licheKritik kamjedochzuanderenErgebnissen. Bei Bewertung der Leistungen
der Panzertruppeauf demMarschnachWien müssenfolgendeGesichtspunktebe-
rücksichtigtwerden:
a) DieTruppe war inkeiner Weiseauf ihreAufgabe vorbereitet. Sie befand
sichAnfang MärzimBeginnder Kompanie-Ausbildung. DietheoretischeAusbil-
dungder Stabsoffiziere, die imWinter imBereich der 2. Panzer-Division sehr
intensivbetriebenwurde, sollteauf der erwähntenReiseander Mosel ihrenAb-
schlußfinden. An eineunvorbereitete WinterübungimDivisionsrahmen dachte
niemand.
b) Dieobere Führungwar auf dasEreignis ebensowenigvorbereitet. Der Ent-
schlußdazuentsprang der InitiativeHitlers. DasGanzestellt sichalsoals eine
Improvisation dar, bei den erst seit demHerbst 1935bestehenden Panzer-Divi-
sionenalseinRisiko.
c) Der improvisierteMarschnachWienverlangtevondenTruppender 2. Pan-
zer-Division eineLeistung von etwa 700km, von der SS-Leibstandarte „Adolf
Hitler"eineLeistungvonetwa1000kmineinemZeitraumvon48Stunden. Im
Wesentlichenwurdedieser Anspruch erfüllt.
d) Der wichtigste übelstand, der sich geltend gemacht hatte, war die unge-
nügendeInstandsetzung, besondersder Panzer. Dieser Fehler war bereitsinden
Herbstmanövern1937inErscheinunggetreten. Diezuseiner Behebung gemach-
ten Vorschlägewaren aber imMärz1938nochnicht berücksichtigt.Der Fehler
hat sichnie wiederholt.
e) DemnächsthattesichdieVersorgungmit Brennstoff alswesentlich erwiesen.
Dieauf diesemGebiet zutage getretenen Mängel wurden alsbald behoben. Da
keinMunitionsverbrauch eingetretenwar, konntenauf diesemGebiet nur durch
AnalogieErfahrungenkonstruiert werden. Sie genügten,umVorsorgezu treffen.
f) Jedenfalls war bewiesen, daßdietheoretischenBehauptungen vonder Ver-
wendbarkeit der Panzer-Divisionen zuoperativen Aufträgenstimmten. Marsch-
leistungen undGeschwindigkeiten hatten dieErwartungen übertroffen. Die
Truppewar inihremSelbstvertrauen gestärkt.Die Führunghatteviel gelernt.
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g) Der Marsdi hattegelehrt, daßmanohneSchwierigkeit mehr alseinemotori-
sierteDivisionauf einer Straßebewegenkonnte. Der Gedankeandie Aufstei-
lungundoperativeVerwendungmotorisierter Korps setztesich durch.
h) Man mußjedochbetonen, daßErfahrungen nur bezüglichder Alarmierung,
der Bewegung und derVersorgung von Panzerverbändengesammelt werden
konnten, aber nicht bezüglichihresKampfes. Indessenhat dieZukunft bewiesen,
daßdiedeutschePanzertruppeauchhierinauf demrichtigenWegewar. —
Winston Churchill gibt inseinen bemerkenswerten und hoch bedeutenden
Memoiren (Band1/1, S. 331der deutschenAusgabe, AlfredScherz Verlag, Bern)
allerdings eineganz andereDarstellungdesAnschlusses. Sieverdient, imWort-
laut wiedergegebenzu werden:
„Eintriumphaler EinzuginWienwar vonjeher der Traumdes österreichischen
Gefreitengewesen. Auf denSamstagabenddes 12. Märzhattedie nationalsozia-
listischePartei inWien einen FackelzugzumEmpfang des siegreichen Helden
geplant. Aber eserschien niemand. Drei verstörteBayern aus den Nachschub-
truppen, diemitder Bahngekommenwaren, umfürdieInvasionsarmee Quartier
zumachen, mußtendaher auf denSchulterndurchdie Straßengetragen werden.
Der Grund dieser Verzögerungsickerte langsamdurch. Die deutsche Kriegs-
maschinewar schwankend überdieGrenzegerumpelt und inder Nähevon Linz
zumStillstand gekommen. Trotz tadellosen Wetter- und Straßenverhältnissen
versagtedieMehrzahl der Panzer. Inder motorisierten schwerenArtillerie er-
eigneten sichPannen. Die StraßevonLinz nachWien war durch steckengeblie-
beneschwereFahrzeuge blockiert. General von Reichenau, Hitlers besonderer
Günstling,der Kommandant der ArmeegruppeIV, galt alsverantwortlich fürein
Versagen, dasdenunfertigenZustand der deutschen Armee indiesemStadium
ihres Wiederaufbaus enthüllte.
„Hitlerselbst, der imAutodurchLinzfuhr, sahdieVerkehrsstockungund war
rasendvor Wut. DieleichtenPanzer wurdenausdemGewirr befreit und rollten
einzeln inden frühenMorgenstundendes Sonntags inWienein. Dieschweren
Panzer unddiemotorisierteArtilleriewurdenauf dieBahnverladenundkamen
nur auf dieseWeise rechtzeitig fürdie Zeremonie an. DieBilder von Hitlers
Fahrt durchWien inmitten jubelnder oder verängstigterMenschenmengen sind
bekannt. Aber dieser Augenblick mystischer Gloriehatteeinenunruhigen Hin-
tergrund. InWahrheit schäumteder Führervor Wut überdie offensichtlichen
Mängel seines Militärapparates.Er fuhr seineGeneralean, undsieblieben ihm
dieAntwort nicht schuldig. Sieerinnertenihn anseineWeigerung, auf Fritsch
unddessen Warnungen zuhören, daßDeutschland nicht inder Lage sei, das
Wagnis eines größerenKonfliktes auf sichzunehmen. Der Scheinwurde immer-
hingewahrt. Dieoffiziellen Feierlichkeiten und Paraden fanden statt ..."
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WinstonChurchill ist offenbar falsch informiert worden. Soviel ich weiß,*)ver-
kehrten am12. Märzkeine ZügevonBayern nachWien. Die.drei verstört«»
Bayern"müßtenalso auf demLuftwege dorthingekommen sein. Diedeutsche
Kriegsmaschinewar inLinz lediglichzumEmpfang Hitlers von mir angehalten
worden, aus keinemanderen Grunde. Sie wäreandernfalls amNachmittag in
Wieneingetroffen. Das Wetter war schlecht; es fingnachmittags anzu regnen,
undnachtsherrschteeinerheblicher SchneesturmDieeinzige Straße,dievonLinz
nachWien führte,war wegenNeubeschotterung kilometerweit aufgerissen und
imübrigenziemlichschlecht. DieMehrzahl der Panzer traf ohneZwischenfall in
Wienein. Pannenbei der schwerenArtilleriekonntennicht eintreten, weil wir
keine besaßen.Die Straßewar zukeiner Zeit blockiert. General von Reichenau
hattedenBefehl überdieHeeresgruppe4erst am4. Februar 1938 übernommen,
konntealso füreventuelleVersager desMaterials nicht verantwortlich gemacht
werden, daer erst 5WochenimAmt war. Auchsein Vorgänger,Generaloberst
von Brauchitsch, war nur so kurze Zeit in seiner Stellung gewesen, daßman
ihmdieVerantwortung nicht zuschieben konnte.
Wie oben geschildert, habeichHitler inLinz empfangen. Er zeigte nicht die
geringsteWut. Eswar vielleicht daseinzigeMal, daßichihnergriffensah. Wäh-
rendseiner AnspracheandiebegeistertenMassenstandichnebenihmauf dem
Balkondes Rathauses vonLinz und konnteihngenau beobachten. Die Tränen
liefen ihmüberdieWangen, und er spieltehier bestimmt nicht Theater.
Wir hattendamals überhauptnur leichtePanzer inder Truppe. SchwerePanzer
waren ebenso wenig vorhanden wie schwere Artillerie, konnten daher auch
nicht auf dieBahnverladen werden.
Kein General wurde angefahren, jedenfalls ist mir nichts darüber bekannt
geworden. Auch die erwähntenAntwortenkonntendaher nicht erteilt werden;
auch überdiese ist mir nichtsbekannt geworden. Persönlichwurde ich sowohl
inLinzwieinWienvonHitler indiesen Märztagendurchaus höflichbehandelt.
Der einzigeTadel, denicherhielt, kamvonGeneraloberst vonBock, demOber-
befehlshaber der einmarschierenden Truppen, undbetraf dievon mir erwähnte
Beflaggungder Panzer, dieer für unvorschriftsmäßighielt. Der Hinweis auf die
Erlaubnis Hitlerserledigteauchdiese Angelegenheit.
DiegleicheKriegsmaschine, diehier „schwankendüberdieGrenze gerumpelt"
war, hat 1940innur wenigverbesserter Formjedenfalls genügt,umdieveralteten
Heere der Westmächteinkurzer Frist zu überwinden. Aus den Memoiren
*)WiedieEisenbahndirektion Münchenfreundlichst mitteilte, sindnach übereinstim-
menden Äußerungendamals tätigerBeamter amTagedesEinmarscheskeine Sonderzüge
mit Militärpersonenoder MilitärgutvonDeutschlandnachWiengefahren. Letzteres hätte
eineVereinbarungzwischendeutschenund österreichischenEisenbahnstellenvorausge-
setzt, waskeinesfallszutraf. DieInfanterie-DivisionensindeinenTagvor demEinmarsch
ingrenznahen RäumenumBerchtesgaden, FreilassingundSimbachausgeladenunddie
Leerzügesofort wieder zuneuenVerladungen zurückgeleitetworden. AmzweitenTage
desEinmarscheswurdendieseTruppenbereits inSalzburgausgeladenunderst am
drittenTagebisWiendurchgefahren.
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Winston Churchills geht klar hervor, daßer den Nachweis führenwill, die
politischen Führer GroßbritanniensundFrankreichs hätten1938mit guter
Aussicht auf ErfolgKrieg führenkönnen.Die militärischenFührerwaren
mit guten Gründenskeptischer. Siekanntendie Schwächeihrer Heere, ohne
jedoch denWeg zuderen Erneuerungzubetreten. Diedeutschen Generale
wolltenauchdenFrieden, jedochnichtaus Schwächeoder Furchtvor Neuerungen,
sondern weil sieglaubten, dienationalenZieleihresVolkes auf friedlichem
Wegeerreichenzu können.
Die 2. Panzer-Division verblieb imRäumeumWien und erhielt vomHerbst
ab österreichischenErsatz. Die SS-Leibstandarte und das Generalkommando
XVI. A. K. gingenimApril nachBerlin zurück.Indemleer gewordenen Unter-
kunftsraumumWürzburgwurde imHerbst 1938die 4. Panzer-Division unter
General Reinhardt neuaufgestellt. Außerdemwurdennochdie5. Panzer-Division
unddie4. LeichteDivision formiert.
Währendder Sommermonate 1938widmeteichmichmeinen Friedensaufgaben
alsKommandierender General. Diesebestanden hauptsächlichin Besichtigungen
der mir unterstelltenTruppen. Siegabenmir Gelegenheit, Offiziereund Männer
kennenzulernenunddieGrundlagezudemimKriegezutagegetretenen Ver-
trauensverhältniszulegen, auf das ichimmer besonders stolz gewesenbin.
ImAugust d. J. konnteich diemir inBerlinzugewiesene Dienstwohnung be-
ziehen. IndiesenMonat fiel der BesuchdesungarischenReichsverwesers Horthy
und seiner Gemahlin, sowie des ungarischen MinisterpräsidentenImredy. Ich
erlebte den Empfang auf demBahnhof, die Parade, die Abendtafel bei Hitler
und dieFestvorstellung inder Oper. Nach der Abendtafel setzte sich Hitler
einigeZeit anmeinenTischundunterhielt sich überPanzerfragen.
Die politischen Ergebnisse des Besuchs Horthys waren unbefriedigend für
Hitler. Er hattewohl gehofft, denReichsverweser zueinemMilitärbündnisbe-
wegenzu können,sahsichaber indieser Hinsicht getäuscht.Leider verlieh er
seiner Enttäuschungbei der TischredeunddurchseinVerhaltennachder Abend-
tafel ziemlichdeutlichAusdruck. —
Vom10.—13. September nahmichmit meiner FrauamReichsparteitagin Nürn-
bergteil. ImLaufedieses Monats hattedieSpannungzwischendemReich und
der Tschecho-SIowakei ihren Höhepunkterreicht. Die Atmosphärewar geladen.
Dies fand seinenlebhaftesten Ausdruck in Hitlers großer Schlußredeinder
Nürnberger Kongreßhalle.Man konnte der nächstenZukunft nur mit größter
Sorge entgegensehen.
Ich mußtemich vomParteitag weg auf den Truppenübungsplatz Grafenwöhr
begeben, wo die 1.Panzer-Division und die SS-Leibstandarte untergebracht
waren. Die nächstenWochenwarenmitzahlreichen ÜbungenundBesichtigungen
4 Erinnerungeneines Soldaten
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ausgefüllt.Gegen EndedesMonatswurdeder Einmarsch indasSudetenland
vorbereitet. Angesichtsder ablehnendenHaltungder Tschechei gegen jederlei
KonzessionenwuchsdieKriegsgefahr.DieStimmungwurdeernst.
DasMünchenerAbkommenmachtejedochdenWegzueiner friedlichen Lösung
frei, und sokonnteder AnschlußdesSudetenlandesohneBlutvergießenvoll-
zogen werden.
Ich mußteder Politik nochein persönlichesOpfer bringen, dennam1.Oktober
feierteichdasFestmeiner silbernen Hochzeitallein in Grafenwöhr, während
meineliebeFrauebenso alleininBerlin saß,daauchunserebeiden Söhnesich
imGrenzgebietbefanden.DasschönsteGeschenkzudiesemTagewar der noch
einmal gewahrteFrieden.
Am2.Oktober wurdemein Stab nach Plauen imVogtland verlegtund am
3.begannder EinmarschindasdeutscheSudetenland.
Der Anschlußdes Sudetenlandes.
Für den Einmarsch insSudetenland waren demXVI. A.K. die1.Panzer-
Division, die13.unddie20.(mot.) Infanterie-Divisionunterstellt.DieBesetzung
vollzogsichindrei Etappen.Am3.10.wurdenEger, AschundFranzensbad von
der 13.(mot.) Infanterie-Division unter GeneralOttobesetzt, am4.10.Karlsbad
vonder 1.Panzer-Divisionund am5.10.vonallendrei Divisionen ein Streifen
ostwärtsdavonbiszur Demarkationslinie.
An denerstenbeidenTagen desEinmarschesweilteAdolfHitler bei meinem
Armeekorps.Die1.Panzer-Division, diesevonChamnach Eibenstock in Sach-
sen273 km, und die13.(mot.) Infanterie-Division hatten inden Nächtenvom
30.9.zum1.10.und vom1.zum2.10.eineVerschiebungausder Gegend von
GrafenwöhrnachNorden durchgeführtund sichzudemkampflosen Einmarsch
insEgerlandbereitgestellt, einesehr guteMarschleistung.
Am3.10.erwarteteichHitler ander Grenzebei Aschund meldeteihmden
erfolgtenEinmarschmeiner Divisionen.Dannfuhr ichdurchAschzueinemFeld-
küchenfrühstückdichtvor Eger, an demHitler teilnahm. Esgab dieübliche
Mannschaftsverpflegung, einedickeSuppemitRindfleisch.AlsHitler feststellte,
daßFleischinder Suppewar, begnügteer sichmitdemGenußeiniger Äpfel
undbatmich fürdasFeldküchenessendesnächstenTagesumfleischloseKost.
Der anschließendeEmpfanginEger war sehr festlichundfroh.DieBevölkerung
war in großenMengeninder kleidsamen Egerländer-Trachterschienenundbe-
reiteteHitler lebhafteOvationen.
Am4.10.erwarteteichHitler ander FeldküchedesStabesder 1.Panzer-Division,
saßihmbeimFrühstück gegenüberund erlebteeineungezwungeneUnterhal-
tung, bei der dielebhafteBefriedigungaller zumAusdruck kam, daßder Krieg
vermieden werden konnte. DieTruppen hielten längsder Straße,dieHitler
50
6odannentlangfuhr, wurdenvonihmbegrüßtundmachten einen vorzüglichen
Eindruck.Alleswar fröhlich,dieFahrzeuge—wieimMärzin Österreich— über
und übermitGrünundBlumen geschmückt.Ichfuhr dannnachKarlsbad voraus
zudendortvor demTheater bereitstehenden Ehrenkompanien, jeeiner des
Panzer-Regiments1, desSchützen-Regiments1und der SS-Leibstandarte. Am
rechten Flügelder PanzerkompaniestandnebenseinemKommandeur mein älte-
ster SohnalsAdjutantder I.AbteilungdesPanzer-Regiments1.
DieAbsperrungkonntemitknapper Notfertiggestelltwerden, dannkamAdolf
Hitler.Er begab sichdurch dasTruppenspalier insTheater, wo er durch die
Bevölkerungempfangen wurde. Draußenströmteder Regenherab.ImVestibül
desTheatersaber spielten sich geradezuergreifendeSzenen ab.Diein ihren
schönenTrachten erschienenen Frauen und Mädchenbrachen in Tränenaus,
vieleknieten nieder, der Jubel war ungeheuer. DieSudetendeutschen hatten
Schweresertragen müssen, grenzenlosesElend, Arbeitslosigkeit, nationale
Unterdrückung.VielehattenjedeHoffnungverloren.Nunsollteeinneuer Auf-
baukommen.Wir fingen sofortmitFeldküchen-SpeisungenfürdieArmen an,
bisdassozialeHilfswerk inGanggesetztwerden konnte.
Zwischendem7.und10.Oktober wurdeeineweitereZonedeutsch besiedelten
Landesbesetzt.Ichfuhr zudiesemZweck überKaadenund Saatz nach Teplitz-
Schönau.Uberall wurdeunseren Soldatender gleicheergreifendeEmpfangzu-
teil. EinBlumenhagel bedeckteallePanzer und Fahrzeuge. LebendeStraßen-
sperrender männlichenundweiblichenJugend erschwerten dasVorwärtskom-
men.TausendevonSoldatendeutschenBlutes, dieausder tschechischen Armee
entlassenwaren, marschierten zuFußinihreHeimat, meistnochinihrentsche-
chischen Uniformen, einen Koffer oder eineKisteaufdemRücken:Eineohne
KampfzerschlageneArmee.DieersteFestungslinieder Tschechei war inunserer
Hand; siewar nichtsostark, wiewir gedachthatten; aber eswar dochgut, daß
wir sienichtimblutigenKampferobern mußten.
Uberhauptwaren alleglücklichüberdiefriedlicheWendungder Politik. Ein
Krieghättegeradediedeutschen Landstricheamhärtestengetroffen, und von
dendeutschen MütternwärenvieleOpfer verlangtworden.
InTeplitz wurdeichimKurhausuntergebracht, dasdemFürstenClary-Aldrin-
gen gehörte.Der Fürstund dieFürstinempfingenunssehr gastfrei und liebens-
würdig.Wir lernten eineReihevon Persönlichkeitendesdeutsch-böhmischen
Adelskennen und freuten unsihresechtenDeutschtums.Ichglaube, daßLord
RuncimandieLageinder Tschechei richtigbeurteilthatte, und daßsein Votum
damalsviel zur ErhaltungdesFriedensbeitrug. DaßdiesefriedlicheLösung
keinen Bestandhatte, war nichtseineSchuld.
Zunächstwar diepolitischeSpannungjedenfallsgelöst,und wir konnten uns
der Freudedarüberhingeben. IchbekamGelegenheitzur Pirscheauf Rotwild
undbrachteinden nächsten14TagenmehrereguteHirschezur Strecke.—
51
DasbewegteJahr 1938gingseinemEndeentgegen, unddieder Politik fern-
stehenden Soldaten, wieich, hofften trotz der bisherigen Stürme, daßnunmehr
eineruhigereEntwicklungPlatz greifen würde.Wir dachten, daßder demReich
zuteil gewordeneZuwachsan Landund Leuten einelängerePeriodeder An-
gleichungerfordern, und daßdieFestigungder neuerrungenen Position die
deutscheStellunginEuropaohneKriegderartstärkenwürde, daßunserenatio-
nalenZielesichauffriedlichemWegeerreichenlassen müßten.IchhatteÖster-
reich unddasSudetenland miteigenen Augen gesehen; bei aller Begeisterung
für den Anschlußwar dochdiewirtschaftlicheLagebeider Gebieteso schlecht
unddieUnterschiedeinder VerwaltungzwischendemAltreichundden neuen
Gebieten so groß, daßeinelangeFriedenszeitdringend nötigschien, umdie
VerschmelzungzueinemGanzen fürdieDauer erfolgreich zugestalten. Das
MünchenerAbkommen schiendieseLösungzuermöglichen.
DiegroßenaußenpolitischenErfolgeHitlershatten außerdemden schlimmen
Eindrudtder Februarkriseverwischt.Auchder Wechsel imAmtdesChefsdes
GeneralstabesdesHeeresimSeptember von Beck zuHalder war unter dem
Eindruck der ErfolgeimSudetenland ohnebesondereAuswirkunggeblieben.
General BeckhattedenAbschied genommen, weil er der AußenpolitikHitlers,
dieer für gefährlichhielt, nichtzustimmenkonnte.Einevonihmvorgeschlagene
Demonstrationder gesamten GeneralitätfürdenFriedenwurdeleider vonBrau-
chitsch abgelehntund den Generalen nichtbekanntgegeben. Ichkehltealso in
der UberzeugungausdemSudetenlandnachBerlin zurück,einer längerenFrie-
densarbeitentgegenzugehen.Ichbefandmichleider imIrrtum.
Die erneute Zuspitzung der Lage.
EndeOktober fand inWeimar ausAnlaßder EinweihungdesNeubausdes
Hotels„Elephant"einGautaginAnwesenheitHitlersstatt, zudemichalsKom-
mandierender GeneraldesXVI.A.K.undVorgesetzter der inWeimar stehenden
Truppen eingeladen wurde.Der GautagwurdemiteinemStaatsaktimStadt-
schloßeröffnetund fand seinen Höhepunktin einer AnspracheHitlersunter
fi eiernHimmel vor einer großenMenschenmenge.Indieser RedewurdeHitler
auffallend scharfgegenEngland, besondersgegenChurchill undEden.Ichhatte
seinevorhergegangeneRedein Saarbrückeninfolgemeiner Anwesenheitim
Sudetenlandnichtgehörtundwar nun höchstüberrascht,neuerdingseinegereizte
Atmosphärefeststellen zumüssen.Nach der AnspracheHitlersfand inden
Räumendes„Elephant"einTee-Empfangstatt.Hitler fordertemichauf, anseinem
TischPlatz zunehmen, undichhattenunGelegenheit, michetwazwei Stunden
mitihmzuunterhalten.IchfragteihnimZugediesesGesprächs,weshalber so
scharf gegen Englandgesprochen habe.Er begründeteseineAusführungenmit
demvon ihmalsunaufrichtigempfundenen Verhaltenseiner Gesprächspartner
52
von Godesbergund mitgewolltunhöflichemBenehmen prominenter Besucher
ihmgegenüber.Er habedemBotschafter Henderson gesagt: .Wenn ich noch
einmal vonLeutenin saloppemAnzugbesuchtwerde, schickeichmeinen Bot-
schafter inLondonimPullover zuIhremKönig.Ubermitteln SiedasIhrer Re-
gierung."Er gerietnoch nachträglichinZorn überdievonihmempfundeneZu-
rücksetzungund erklärte, daßmanenglischerseitskeineaufrichtigeVersöhnung
wolle.Diestrafihnumsomehr, alser ursprünglichgroßeHochachtunggegen-
überEnglandunddenWunschnach ständigerZusammenarbeitgehegthatte.
Trotz desMünchenerAbkommensstand Deutschland also weiter vor einer
höchstgespannten, von MißtrauenerfülltenLage.DiesmußtemitEnttäuschung
undernster Sorgeerfüllen.
AmAbend desGautageswurdeimWeimarer Theater „Aida"gegeben. Ich
hattemeinen Platz in der Führerlogeund wurdeauch zudemanschließenden
Abendessen an den Tisch Hitlersgebeten. DieUnterhaltungdrehtesich um
allgemeineund Kunstfragen. Hitler erzähltevon seiner ReisenachItalien und
der Aida-AufführunginNeapel. Um2Uhr nachtsbegaber sich anden Tisch
der Schauspieler.
Nach Berlin zurückgekehrt,wurdeichzumOberbefehlshaber desHeeresge-
rufen.Er teiltemir mit, daßer beabsichtige, eineneueStellezuschaffen, der
diemotorisierten Truppenund dieKavallerieanvertrautwerden sollten, eine
Artgehobener Inspekteur fürdiese—wieer sich ausdrückte—schnellenTrup-
pen.Er hatteauchmiteigener Hand einen Entwurf zueiner Dienstanweisung
für dieneueStelleaufgesetzt, den er mir zulesen gab.Der Entwurf sah an
Befugnissen fürden neuen Posten vor: DasRechtzuBesichtigungen und zur
VorlageeinesJahresberichts.Er enthieltkeineKommandogewalt, keineBerech-
tigungzumVerfassen undzur HerausgabevonDienstvorschriften, keinen Ein-
flußauf Organisation und Personalien. Ichlehntedaher dieseKaltstellungab.
EinigeTagespätererschiender ChefdesHeeres-Personalamtes, General Bode-
winKeitel, der jüngereBruder desChefsOKW, imAuftragedesOberbefehls-
habersdesHeeres, umerneutauf ÜbernahmedesneuenAmteszudringen.Ich
lehnteunter Angabemeiner Gründeabermalsab.Darauf eröffnetemir Keitel,
daßdieErrichtungdesneuenAmtesnichtder InitiativeBrauchitsch'sentspränge,
sondernaufeinenWunschHitlerszurückzuführensei.Ich könnemidi daher der
Annahmenichtentziehen. Ich konntemeineEnttäuschungdarübernicht ver-
bergen, daßder Oberbefehlshaber mir nichtvon vornherein gesagthabe, von
wemder Befehl fürdieneueStellungausging, aber ichlehnteerneutab und
batKeitel, demFührermeineGründefürmeineWeigerungmitzuteilen und
gleichzeitigmeineBereitschaftzupersönlicherDarlegungderselben zumAus-
druckzubringen.
53
WenigeTagedaraufwurdeichzuHitler befohlen, vonihmunter vier Augen
empfangen undnachden Gründenmeiner Weigerunggefragt. Ichtrugihmdie
BefehlsverhältnisseimOberkommando desHeeresvor und erklärteihm.die
Grundzügeder vomOberbefehlshaber desHeeresfürdieneueStelleentworfenen
Dienstanweisung.Danach hätteichinmeiner gegenwärtigenStellungalsKom-
mandierender Generaldreier Panzer-Divisionenmehr EinflußaufdieEntwicklnng
der Panzertruppen, alsinder mir angebotenen neuen. Ausmeiner genauen
Kenntnisder imOKH maßgebendenPersönlichkeitenundihrer Einstellungzuden
Entwicklungsproblemen der Panzertruppen imSinneeiner operativ verwend-
baren AngriffswaffegroßenStilsmüsseich dieneueLösungalseinen Rück-
schrittempfinden.Ichsetzteauseinander, daßimOKHdieNeigungvorherrsche,
diePanzer aufdieInfanterieaufzuteilen, und daßichmir inErinnerungan die
hierausinder Vergangenheitbereitsdurchgefochtenen KonflikteinZukunft
keinenFortschrittversprechen könne.DieKoppelungmitder Kavallerieerfolge
außerdemgegen den Willen dieser alten Waffe, dieinmir ihren Widerpart
säheunddieNeuregelungmitMißtrauenbegrüßenwürde.EineModernisierung
der Kavalleriesei dringenderforderlich, aber selbsthiergegenmachtensichstarke
WiderständeimOKHundbei denaltenKavallerieoffizieren geltend.Ich schloß
meineeingehendenDarlegungenmitdenWorten:„Diemir zugedachten Befug-
nissewerdenesnichtgestatten, dieseWiderständezuüberwinden,und ständige
Reibungen und Auseinandersetzungen müssendieFolgesein.Ichbittedaher,
michinmeiner jetzigenStellungzubelassen."Hitler hattemichetwa20Minuten
sprechenlassen, ohnezuunterbrechen. Dann begründeteerseinenWunsch auf
Errichtungder neuen Stellemitder Notwendigkeitzentraler Leitungder Ent-
wicklungaller motorisierten Truppenund der Kavallerieund befahl mir unter
Ablehnungmeiner Bitte, dieneueStellezuübernehmen.Er schloß:„Wennsich
dievonIhnen erwähntenWiderständehemmend bemerkbar machen, werdeich
Sieunmittelbar zumir zumRapportbestellen.Wir werden dieerforderlichen
Neuerungen zusammen schon durchziehen.Ich befehleIhnen daher, dasneue
Amtzuübernehmen."
Zudemunmittelbaren Vortragistesnatürlichniegekommen, trotz der sofort
einsetzenden Schwierigkeiten.
Ichwurdealsounter BeförderungzumGeneralder PanzertruppenzumChefder
„SchnellenTruppen"ernanntund errichteteinder Bendlerstraßemeinen sehr
bescheidenen neuen Amtssitz. Man gab mir zwei Generalstabsoffiziere, den
OberstleutnantvonleSuireunddenHauptmann Röttiger;meinAdjutantwurde
OberstleutnantRiebel. Fürjeden Zweigder mir anvertrauten Truppen bekam
icheinen Referenten.Danngingichan dieArbeit.Eswar ein Schöpfeninein
FaßohneBoden.DiePanzertruppen besaßenbisdahinkaumAusbildungsvor-
schriften. Wir verfaßtensieund legten dieEntwürfeder Heeres-Ausbildungs-
Abteilungzur Genehmigungvor.Dortbefand sichkeinPanzeroffizier. DieEnt-
54
würfewurdenalsonichtunter demGesichtspunktder Notwendigkeitender Pan-
zertruppebeurteilt, sondern unter anderen. Sieerhielten meistden Bescheid:
„DieStoffgliederungentsprichtnichtder der Infanterie.Der Entwurfwird daher
abgelehnt."Einheitlichkeitder Stoffgliederung, Einheitlichkeitder „Nomenkla-
tur", daswarendiewesentlichenGesichtspunkte, nachdenenunsereArbeitbe-
urteiltwurde.DasTruppenbedürfnisspieltekeineRolle.
Dievon mir fürnotwendiggehalteneund daher vorgeschlageneGliederung
der Kavallerieinhandliche, modernbewaffneteDivisionenscheiterteander Be-
schaffungvon2000Pferden, dieder ChefdesAllgemeinenHeeresamts, General
Fromm, nichtglaubtebewilligenzukönnen.DieKavallerieblieb also biszum
Kriegeinihrer unbefriedigenden Gliederung, diesiedazuverurteilte, mitAus-
nahmeeiner inOstpreußenbestehenden Brigade, gemischteAufklärungs-Ab-
teilungen fürInfanterie-Divisionen zubilden, diesich ausjeeiner Schwadron
zuPferde, einer Radfahrschwadronundeiner motorisiertenSchwadronauseinigen
unzulänglichenPanzerspähwagen,Panzerabwehrkanonen und Kavalleriegeschüt-
zen zusammensetzten.Zuführenwar diesemerkwürdigeMischungkaum. Bei
der MobilmachungstelltedieKavallerienur fürdieaktiven Divisionen des
FriedensheeresderartigeAufklärungs-Abteilungenauf.DieNeuformationen
mußtensichohnehinmitRadfahrern begnügen.Eslagalsonahe, allgemein eine
andereLösungzuwählen.DieKavalleriewar indieseschlechteLagegeraten,
obwohl alleihreVorgesetzten siemitbesonderer Liebezubetreuen vorgaben.
Dasistder UnterschiedzwischenTheorieund Praxis.
Nochein nebensächlicherUmstand warfeinLichtaufdieVerhältnisse:Meine
MobilmachungsbestimmungalsChefder SchnellenTruppen wurdezunächstdie
einesKommandierenden GeneralseinesReserve-Infanteriekorps. Esbedurfte
einer Beschwerde, umdieVerwendungimRahmender Panzertruppezuerreichen.
55
IV.DERBEGINNDER KATASTROPHE
DemKriege entgegen
Der März1939brachtedieEingliederungder Tschechei in dasReich inier
FormeinesProtektorates.Hiermitwar einesehr ernsteaußenpolitischeLagege-
schaffen. DieInitiativezudiesemSchrittgingausschließlichvonHitler aus.
IchwurdeamMorgendesEinmarscheszumOberbefehlshaber desHeeresge-
rufen, mitder vollzogenen Tatsachebekanntgemachtundbeauftragt, mich nach
Pragzubegeben und Erfahrungen der motorisierten und Panzerverbändeaber
denbei Winterwetter erfolgtenEinmarschzusammelnundmir dastschechische
Panzergerätanzusehen.
InPragtrafichmeinenNachfolger imKommando desXVI.A.K., den General
Hoepner, ließmir seineErfahrungen berichten und besuchteverschiedene
Truppenteile, umunmittelbareEindrückezusammeln. In Brünnsah ich das
tschechischePanzergerät,daseinen brauchbaren Eindruck machteund unsim
Polen- und FrankreichfeldzugguteDienstegeleistethat, biseswährenddes
Rußlandfeldzugesden schwerendeutschen Konstruktionen weichen mußte.
Nachder Tschechei fiel dasMemellandkampflosandasReich.
Am20.AprilfeierteHitler seinen50.Geburtstagmiteiner großenParade.Alle
Fahnender WehrmachtwarenineinemFahnenbataillon vereinigtund brachten
ihmihren Gruß.Er stand aufdemGipfel desErfolges. Würdeer dieSelbstbe-
herrschungbesitzen, umseineStellungzuwahren, ohnedenaufsäußerstege-
spanntenBogenzuüberspannen?
Am28.4. kündigteerdasFlottenabkommen mitEngland und den deutsch-
polnischen Nichtangriffspakt.
Am28.5.besuchteder italienischeAußenministerGrafCianoBerlin.Der Reichs-
außenministerveranstalteteihmzuEhreneinen großenEmpfang.Er hatte, um
mehr Raumzuschaffen, zwei großeZelteerrichtet, dieseinenganzen Garten
überdachten.Aber eswar sehr kaltindiesenMaitagen, undso mußtendieZelte
geheiztwerden, einschwierigesUnternehmen.Hitler war bei demFestzugegen.
DieGästewurden durch kabarettistischeDarbietungen, u.a. durch Tänzeder
Geschwister Höpfnerunterhalten, zudenen man sich in demeinen der Zelte
versammelte, dasdurcheineBühnedaraufvorbereitetwar.Man mußteeinige
Zeitwarten, bisdieVorführungenbeginnen konnten, weil Hitler neben Olga
Tschechowasitzenwollte, dieseaber erstgeholtwerden mußte.Hitler hatteeine
VorliebefürdieKünstlerschaftundweiltegerninihremKreise.Der politische
Zweck desBesuchesCianoswar wohl, Hitler vor demKriegezuwarnen.Ober
56
diesenAuftragMussolinisfolgerichtigund tatkräftiggenugbiszumEndeseines
Besuchsdurchgeführthat, entziehtsichmeiner Kenntnis.
Der Juni brachteschließlichden Besuch desPrinzregenten Paul von Jugo-
slavien undseiner schönenGemahlininBerlin.Wieder gab eseinegroßePa-
radehauptsächlichmotorisierter Truppenineiner solchenZahl, daßdasSchau-
spiel ermüdendwirkte, anstattzuüberzeugen.Bemerkenswerter Weisefuhr
der Prinz vonBerlinnachLondon weiter.Soviel ich weiß,gingen diean den
Besuch geknüpftenErwartungenHitlersnichtin Erfüllung.
AnpolitischenWarnungenhatteesnichtgefehlt.Aber Hitler undsein Außen-
minister Ribbentrophatten sichin den Glaubenhineingeredet, daßdieWest-
mächteden EntschlußzumKriegegegenDeutschland nichtfinden würden,und
daßsiesomitfreieHand fürihreZieleinOsteuropahätten.
MeineAufgabeinden Sommermonaten desJahres1939bestandinder Vor-
bereitungder fürdenHerbstgeplanten großenWehrmachtmanövermitmotori-
sierten Truppen.Siesollten überdasErzgebirgeindasSudetenland geführt
werden. Dieumfangreichen Vorarbeiten fürdieseÜbungenwurden umsonst
geleistet.
Der Feldzug gegen Polen.
Am22. August1939 wurdeichnach dempommerschen Truppenübungsplatz
Groß-Bornbefohlen, umdortmitdemStabdesneuerrichteten XIX.A.K.unter
der Bezeichnung„BefestigungsstabPommern' Feldbefestigungen längsder
ReichsgrenzezumSchutz gegen einen polnischen Angriff zuerrichten. Dem
XIX.A.K.wurden die3.Panzer-Division, die2.und 20.(mot.) Infanterie-Di-
vision sowieKorpstruppen unterstellt. Die3. Panzer-Division war durch die
Panzer-Lehrabteilung, welcheüberunser neuestesPanzergerät,diePanzer III
und IV verfügte, verstärkt.Zuden Korpstruppen rechneteunter anderen die
Aufklärungs-LehrabteilungausDöberitz-Krampnitz.DieseLehrtruppen unserer
Schulen waren aufmeinen Wunsch zudieser Aufgabemitgenommen worden,
damitsiealserstepraktischeErfahrungen sammeln konnten.Diessollteihrer
späterenLehrtätigkeitzugutekommen.
Erstnachder AnspracheHitlersandieArmeeführeraufdemObersalzberg, an
der ich nichtteilgenommen habe, erhieltichdurch den Oberbefehlshaber der
4. Armee, Generaloberst von Kluge, meinen Auftrag. Ich erfuhr, daßmein
XIX.A.K.einBestandteil der 4.Armeesei. Südlich(rechts) vonmir stand das
II. KorpsdesGeneralsStrauß, nördlich(links) von mir Grenzschutzverbände
unter General Kaupisch, zudenenunmittelbar vor Ausbruch der Feindseligkei-
tennochdie10.Panzer-Divisionhinzutrat, welcheseitdemMärzdieBesatzung
vonPragundUmgebunggebildethatteHinter meinemKorpsbefand sich als
Armee-Reservedie23.Infanterie-Division ausPotsdam. (Siehe Anlage \)
57
MeinAuftraglautete, zwischender Zempolno (rechts) und Könitz(links) über
dieBrahevorzugehen, dieWeichsel schnellzuerreichenunddieimsogenann-
ten „polnischenKorridor"stehenden polnischen Verbändeabzuschneiden und
zuvernichten.AlsdannsollteüberdieFortsetzungderBewegungenneuer Befehl
ergehen.DasKorpsStraußsollterechtsvonmirgleichfallsgegen dieWeichsel
vorgehen, dieVerbändedesGeneralsKaupischlinksvonmir aufDanzig.
Diepolnischen Kräfteim„Korridor"wurden auf 3Infanterie-DivisionenuDd
eineKavallerie-Brigade„Pomorska"veranschlagt.Miteiner geringenZahl Pan-
zer vomTypFiat-Ansaldo wurdegerechnet. DieGrenzewar polnischerseits
ieldmäßigbefestigt. MankonntedieSchanzarbeiten gutbeobachten.Miteiner
rückwärtigenLinieanderBrahewar zurechnen.
Der Angriffsbeginn wurdefürden26.Augustfrühfestgesetzt.
DurchdasindiesenTagen geschlosseneAbkommen mitSowjetrußlandhatte
Hitler sichdiefürdenKriegerforderlicheRückendeckunggesichert. Ober die
Reaktion der Westmächtegab ersichallerdingsunter demschädlichenEinfluß
Ribbentropseiner Illusionhin, indemer deren Eingreifen fürunwahrscheinlich
hielt.
JedenfallsisteskeinenachträglicheFeststellung, wenn ichsage, daßdie
StimmungdesHeeresernstwar undohnedenPaktmitRußlandwahrscheinlich
sehr zweifelhaftgeworden wäre.Wir sindnichtleichtenHerzensindenKrieg
gezogen, undesgabkeinenGeneral, der zumKriegegeraten hätte.Alleälteren
OffiziereundvieleTausendeunserer Soldaten hatten denersten Weltkrieg
mitgemachtund wußten,waseinKriegbedeutete, zumal wenn ernichtauf
Polen beschränktwerden konnte—unddieswar zubefürchten,daEnglandim
Märznachder ErrichtungdesböhmischenProtektoratesdenPolen eineGaran-
tieihresLandesangetragen hatte. Jeder vonunsdachteandieMütterund
Frauen deutscher SoldatenunddieschwerenOpfer, dieselbstbei gutemAus-
gangdesKriegesvonihnenzubringenwaren.Unsereeigenen Söhnestanden
ebenfallsimFelde.Mein ältesterSohn Heinz Günterwar Regimentsadjutant
desPanzer-Regiments35, meinzweiter SohnKurtwurdeam1.September Leut-
nantinder Panzer-Aufklärungs-Abteilung3der 3.Panzer-Division undstand
somitinmeinemKorps.
Mein letztesQuartier vor demKriegewarDobrin bei Preußisdi-Friedland,wo
wir vonunseren liebenswürdigenWirtenvonWilkenssehr verwöhntwurden.
Inder Nachtvom25.zum26.AugustwurdederAngriff abgesagt.Esgelang
geradenoch, dieteilweisebereitsindieAusgangsstellungen eingerücktenTrup-
pen zurückzurufen.Offenbar waren diplomatischeVerhandlungen imGange.
EineleichteFriedenshoffnungdämmerteauf.JedochdrangnichtsPositiveszu
den Fronttruppen. Am31.August erfolgteeinerneuter Alarm. DiesesMal
wurdeesernst. DieDivisionen bezogen ihreAusgangsstellungen längsder
Grenze.Esstanden:
58
Übersichtsskizze 1
'\_ lägeam318.1339
* \ —Lageam5 9.1939
.fallt Hilft! O'nhin
|K8r[ -flu KuaUifit Sri].
fm] -pah mlttitkrii Srif.
[p'f]. til/i Pamir Srigadl
3/ dtatscfii Qititioreo
VL-.deuticfiePaitlrrQ'if
1.• deutscht Itkhti Ii».
59
rechtsdie3.Panzer-Division unter General Freiherr Geyr von Schweppenburg
mitdemAuftrag, zwischen den FlüßchenZempolno und Kamionkagegen die
Brahevorzugehen, diesen FlußostwärtsPruszcz bei Hammermühlezuüber-
schreiten und sodann den StoßinRichtungauf dieWeichsel bei Sdiwetz fort-
zusetzenj
inder Mittedie2.(mot.) Infanterie-Division unter General Bader nördlichder
Kamionkazwischen Grünauund Firchaumit demAuftrag, diepolnischen
GrenzstellungenzudurchstoßenundsodanninRichtungTuchel vorzugehen;
linksdie20. (mot.) Infanterie-Division unter General Wiktorin westlich Kö-
nitz, mitdemAuftag, sichindenBesitz dieser Stadtzusetzenundsodann durch
dieTucheier HeideüberOsdieaufGraudenz vorzugehen.
Der SchwerpunktdesAngriffslagbei der durchdieKorpstruppen verstärkten
3. Panzer-Division, hinter derdieArmee-Reserve(23. Infanterie-Division)
folgte.
Am1.9.um4,45Uhr gingdasKorpsgleichzeitigentwickeltüberdieGrenze.Es
herrschtestarker Bodennebel.DieLuftwaffewar daher anfänglichausgeschaltet.Ich
begleitetedie3.Panzer-Brigadeinder erstenWellebisindieGegend nördlich
Zempelburg, woeszudenerstenkleinenGefechtenkam.Leider fühltesich die
schwereArtillerieder 3.Panzer-Divisionentgegen ihrer ausdrücklichenAnwei-
sungbemüßigt,inden Nebel hineinzuschießen.DieersteGranateschlug50m
vor meinemBefehlspanzer ein, diezweite50mdahinter. Ich vermutete, daß
der nächsteSchußein Volltreffer würde,und befahl demFahrer, rechtsumzu
machen.Der Mannwurdeaber durchdenungewohnten Krach nervösund fuhr
denWagenmitVollgasineinenGraben.DieVorderachsedesHalbkettenfahr-
zeugswar verbogen, so daßdieLenkfähigkeitstark beeinträchtigtwurde. Hier-
durch war meiner Fahrtvorläufigein Ziel gesetzt. Ich begab mich auf den
Korpsgefechtsstand, besorgteandereFahrzeugeundsprachmich mitden über-
eifrigen Artilleristenaus.Bei dieser Gelegenheitsei erwähnt, daßichalserster
Kommandierender General gepanzerteBefehlswagen benutzte, ummeinePan-
zer aufdasGefechtsfeld begleiten zukönnen.SiewarenmitFunkgerätausge-
stattetund ermöglichtenständigeVerbindungzumKorpsgefechtsstand und den
unterstelltenDivisionen.
NördlichZempelburg, bei Groß-Kloniakameszumersten ernsteren Gefecht,
alsplötzlidi der Nebel aufriß,unddieentwickeltvorfahrenden Panzer sich vor
einer polnischen Abwehrfrontfanden, dieeineAnzahl Volltreffer ausPanzer-
abwehrkanonen erzielte.EinOffizier, einFahnenjunker und8Mann fielen.
Groß-Kloniawar der Besitz meinesUrgroßvatersFreiherr Hiller von Gärtrin-
gen gewesen.Er sowiemein GroßvaterGuderian liegen dortbegraben. Mein
Vater wurdedortgeboren.Ichkamzumerstenmal inmeinemLebenan diesen,
meiner Familieeinstsolieben Ort.
60
61
Nach erfolgtemFahrzeugwechsel hatteich mich wieder andieFrontder
3.Panzer-Division begeben, diemitihrer SpitzeandieBrahegelangtwar.Die
Masseder Division befand sich zwischen Pruszcz und Klein-Kloniaund war
imBegriff, zur Ruheüberzugehen.Der Divisionskommandeur war zueiner Be-
sprechungbeimOberbefehlshaber der Heeresgruppe, demGeneraloberst von
Bock, abwesend.Ich ließmichdaher durchdieanwesendenOffizieredesPanzer-
Regiments6überdieLageander Braheinformieren. Der Regimentskomman-
deur glaubtenicht, den FlußübergangnochandiesemTageerzwingenzukön-
nen, undwar imBegriff, demwillkommenenBefehlzumUbergangzur Ruhemit
Eifer nachzukommen.Der Korpsbefehl, noch amerstenAngriffstagedieBrahe
zuüberschreiten,war vergessen. Ich gingärgerlichabseits, umzuüberlegen,
mitwelchen MaßnahmendieseunerfreulicheSituationbehobenwerden könnte.
Datratder jungeLeutnantFelix anmichheran.Er hattedenRock ausgezogen
unddieHemdärmelhochgekrempelt.GesichtundArmewaren rauchgeschwärzt.
„HerrGeneral, ichkommevonder Brahe.DiefeindlicheBesetzungdesFlußufers
istschwach.DiePolen haben dieBrückebei Hammermühleangezündet, aber
ichhabesieselbstvomPanzer ausgelöscht.Sieistfahrbar.DasVorwärtskom-
men scheitertnur daran, daßniemand führt.Herr General müßtenselbstdort-
hin."Ich sahden jungen Mann erstauntan.Er machteeinen sehr guten Ein-
druck, und ausseinen AugensprachVertrauen.Warumsolltenichtein junger
LeutnantdasEi desKolumbusgefunden haben?Ich folgteseinemRat, fuhr
durchdasGewirr vonpolnischenunddeutschenFahrzeugenaufdemschmalen,
sandigenWaldwegnach Hammermühleundkamdortzwischen 16und 17Uhr
an.Hinter einer dicken Eicheetwa100 mvomFlußstanden mehrereStabs-
offiziere, diemichmitdemRufempfingen: »HerrGeneral, hier schießtesaber!"
Dieswar freilich nichtzuleugnen, denn diePanzer desRegiments6und die
SchützendesRegiments3 schössen,wasdieRohreund Läufehergeben wollten.
Der Feind saßaufdemanderenUfer inseinen Gräbenundwar nichtzuerken-
nen.Ich stopftezunächstdasirrsinnigeFeuer, wobei mir der hinzukommende
Brigadekommandeur der 3. Schützenbrigade,OberstAngern, tatkräftighalf.So-
dann ließichdieAusdehnungder polnischen Besetzungfeststellen. Dasnoch
nichteingesetzteKraftradschützen-Bataillon3erhieltdenBefehl, auf Schlauch-
booten außerhalbdesfeindlichen Feuerbereichsden Flußzuüberschreiten.Als
der Ubergangder Kradschützengelungen war, setzteich diePanzer überdie
BrückeinBewegung.SienahmendieverteidigendepolnischeRadfahrkompanie
gefangen.DieVerlustewaren minimal.
Allevorhandenen Truppen wurden sofortzumBilden einesBrückenkopfes
überden Flußgezogen.DiePanzer-Aufklärungs-Abteilung3erhieltden Befehl,
unverzüglichdurchdieTucheier HeidebisandieWeichsel bei Schwerz vorzu-
stoßenund den Verbleib der polnischen Hauptkräfteund etwaiger Reserven
festzustellen.Gegen 18Uhr war der Flußübergangvollzogen.Inder Nachter-
reichtedie3.Panzer-Division ihr Angriffsziel Swiekatowo.
62
lohbegabmichzumKorpsgefechtsstand nachZahn zurück,woichbei Einbruch
der Dunkelheiteintraf.
DielangeStraßewar leer.Weitundbreitfiel kein Schuß.Umsoerstaunter war
ich, alsichunmittelbar vor Zahn angerufen wurdeunddieMännermeinesSta-
besimHelmdamitbeschäftigtfand, einePanzerabwehrkanoneinStellungzu
bringen.AufmeineFrage, wassiedazuveranlaßthätte,erhieltich dieAnt-
wort, polnischeKavalleriesei imAnmarsch und müssejeden Augenblick ein-
treffen. IchberuhigtedieMännerund begab michanmeineStabsarbeit.
DieMeldungen vonder 2.(mot.) Divisionbesagten, daßder Angriff vor den
polnischen Drahthindernissen liegengeblieben sei. Alledrei Infanterie-Regi-
menter warenfrontal eingesetzt. DieDivision besaßkeineReservenmehr. Ich
ordnetean, daslinkeRegimentwährendder Nachtausder Frontzuziehen und
hinter den rechten Flügelzuverschieben, umesamnächstenTagehinter der
3.Panzer-Division zur Umfassungin RichtungTuchel anzusetzen.
Die20.(mot.) DivisionhatteKönitzmiteinigen Schwierigkeiten genommen,
war aber nichtwesentlich überdieStadtvorwärtsgekommen. Sieerhieltden
Befehl zur FortsetzungihresAngriffs.
Währendder NachtmachtesichdieNervositätdesersten Kriegstagesnoch
mehrfach geltend.So meldetedie2.(mot.) Division nachMitternacht, daßsie
gezwungen sei, vor polnischer Kavalleriezurückzugehen.Ich war zunächst
sprachlos, faßtemichdann aber und fragteden Divisionskommandeur, ob er
schon jegehörthätte, daßpommerscheGrenadierevor feindlicher Kavallerie
ausgerissen seien.Er verneinteund versichertenun, seineStellungen halten
zukönnen.Ich entschloßmichaber, amnächstenMorgenzudieser Division zu
fahren.Gegen5Uhr fand ichden Divisionsstab immer noch einigermaßenrat-
los.Ichsetztemidi nunan denAnfangdesinder Nachtherausgezogenen Re-
gimentsund führteesselbstbisan den Kamionka-UbergangnördlichGroß-
Klonia, umesvon dortaufTuchel anzusetzen.Der Angriff der 2.(mot.) Divi-
sionkamnunmehr schnell in Fluß.DiePanik deserstenKriegstageswar über-
wunden.
DiePanzer-Aufklärungs-Abteilung3war inder Nachtbisan dieWeichsel
gelangt.AufdemGutshof Polednoinder NähevonSchweiz hattesieleider
durch UnvorsichtigkeitempfindlicheOffiziersverluste. DieMasseder 3. Pan-
zer-Divisionwar durch dieBraheinzwei Teilegetrenntund indieser Ver-
fassungimLauf desVormittagsvon den Polen auf demOstufer desFlusses
angegriffen worden. EswurdeMittag, bisder Gegenangriff in Flußkamund
dieDivision unter Waldgefechten ihren Vormarsch fortsetzen konnte. Die
23. Infanterie-Division folgteder 3.Panzer-Division in starken Märschen.Die
beiden mot.Infanterie-Divisionen machten in der Tucheier HeideguteFort-
schritte.
63
Am3. 9. gelangunter Einsatz der 23. Infanterie-Division unter General Graf
Brockdorff zwischender bis andieWeichsel vorgestoßenen3. Panzer-Division
und der 20. (mot.) Division nachmancherlei Krisen und schweren Gefechten
eine völligeEinkreisung des vor uns stehenden Gegners inden Waldungen
nördlichSchwetz undwestlich Graudenz. DiepolnischeKavallerie-BrigadePo-
morska hatteinUnkenntnis der Bauart undWirkungunserer Panzer mit der
blankenWaffe attackiert undvernichtendeVerlusteerlitten. EinpolnischesAr-
tillerie-Regiment wurdeauf demMarschnachder Weichsel vonPanzerneinge-
holt undvernichtet; nur zwei GeschützekamenzumFeuern. Auchdiepolnische
Infanterieerlitt schwereVerluste. EinTeil der Nachschub- und Brückenkolonnen
wurdeauf demRückzuggefaßtundvernichtet.
Am4. 9. wurdeder RingumdeneingeschlossenenGegner verengert. DieKor-
ridorschlacht ging ihremEnde entgegen. Eine vorübergehendeKrisebei der
23. Infanterie-DivisionkonntedurcheinRegiment der 32. I.D. desKorps Strauß
behoben werden.
Die Truppe hatte sich glänzendgeschlagen und war guter Stimmung. Di«
Mannschaftsverluste warengering, dieOffiziersverluste ungewöhnlichhoch; sie
hattensichmit größterHingabeeingesetzt. General Adam, StaatssekretärFrei-
herr von Weizsäcker,Oberst Freiherr vonFunkhattenjeeinenSohnverloren.
Ichhatteam3. 9. die23. Infanterie-Divisionunddie3. Panzer-Divisionbesucht
unddabei meinen Sohn Kurt wiedergesehen undmich an den Türmenvon.
Kulm, meiner Geburtsstadt, erfreut, dievomOstufer der Weichsel herüberwink-
ten. Am4. 9. sahichdie2. und20. (mot.) Divisionbei ihrenWaldgefechtenund
endete auf demalten deutschen TruppenübungsplatzGruppe westlich Grau-
denz. Bei Nacht war ichbei der 3. Panzer-Division, diemit demRückenander
Weichsel den EinschließungsringimOstenvollendet hatte.
Der Korridor war durchstoßen.Wir wurden füreineneueAufgabefrei. Wäh-
rendwir aber unsermhartenHandwerk hingegebenwaren, hattesichdiepoli-
tischeLageernst gestaltet. England, und unter dessen Druckauch Frankreich
hattendemReichdenKrieg erklärt;damit wurdeunsereHoffnungauf baldigen
Frieden zerstört.Wir befandenunsimzweitenWeltkrieg. Eswar klar, daßer
langedauern würde,undwir denNackensteif halten müßten.
Am5.9. wurde das Korps durch denBesuch Adolf Hitlers überrascht.Ich
empfingihnander StraßevonTuchel nachSchwetz bei Plewno, stieginseinen
Wagenund führteihnauf der Verfolgungsstraßeander vernichtetenpolnischen
Artillerievorbei nachSchwetz undvondort dicht hinter unserer vorderenEin-
schließungslinieentlangnach Graudenz, wo er an der gesprengten Weichsel-
brückeeinige Zeit verweilte. BeimAnblick der vernichteten Artillerie hatte
Hitler gefragt: „Daswarenwohl unsereStukas?" MeineAntwort: „Nein,un-
serePanzerl" setzteihnsichtlichinErstaunen. ZwischenSchwetzund Graudenz
hattendienicht fürdie Einschließungder Polen benötigtenTruppender 3. Pan-
zer-DivisionAufstellung genommen, darunter das Panzer-Regiment 6und die
64
Abb. 4/Bunkerkampf bei Wiznaam9. 9. 1939
Autnahme während des Beschusses aus dem aui Lücke stehenden Panzer
Panzer-Aufklärungsabteilung3mit meinemSohn Kurt. Die Rückfahrt führte
durchTeileder 23. und2. (mot.) Infanterie-Division.
Währendder Fahrt unterhielten wir uns zuerst überdenVerlauf der Ereig-
nisseimBereichmeinesKorps. Hitler erkundigte sichnachdenVerlusten. Ich
nannteihmdiemir bisdahingemeldetenZahlenvon150Totenund700Ver-
wundeten fürdiemir währendder Korridor-Schlacht unterstellten vier Divi-
sionen. Er war überdiesegeringenZahlensehr erstaunt undnanntemir zum
VergleichdieVerlustziffern seines Regiments „List"aus demersten Weltkrieg
nachdemerstenTagedesEinsatzes; siebetrugen über2000Toteund Verwun-
detebei einemeinzigen Regiment. Ichkonnte darauf hinweisen, daßdie ge-
ringen Verluste indiesen Kämpfengegen einen tapferen und zähenFeind
großenteilsauf dieWirksamkeit der Panzer zurückzuführenseien. Die Panzer
sind eine blutsparende Waffe. DasVertrauen der Männerindie Überlegen-
heit ihrer Waffewar durchdenErfolgimKorridor stark gewachsen. Der Geg-
ner hatte2bis3Infanterie-Divisionen undeineKavallerie-BrigadeTotalverlust
erlitten. TausendevonGefangenenundHundertevon Geschützenwarenunsere
Beute.
Bei der AnnäherungandieWeichsel hobsichdieSilhouetteeiner Stadt gegen
denHimmel ab. Hitler fragte, obdasKulmsei. Icherwiderte: „Ja, dasist Kulm.
IchdurfteSieimMärzvorigenJahres inIhrer Heimat begrüßenundkann Sie
heuteinder meinenempfangen. Kulmist meineGeburtsstadt." Hitler hat sich
mehrereJahre späterdieser Szenenocherinnert.
Unser Gesprächgingdann zutechnischenFragen über.Hitler wollte wissen,
wassichanunserenPanzernalsbesondersgut erwiesenhabeundwasder Ver-
besserung bedürfe.Ich führteaus, daßesdarauf ankäme,diePanzer III undIV
beschleunigt andieFront zubringen und deren Produktion zusteigern. Für
dieweitereEntwicklungsei zubeachten, daßdieGeschwindigkeit genüge, daß
es aber wichtigsei, diePanzerung, besonders inder Front zu verstärkenund
dieReichweiteundDurchschlagskraft der Geschützezu erhöhen,also längere
RohreundPatronenmit größererLadung. Das gleichegelte fürunserePanzer-
abwehrkanonen (Pak).
Mit einer Anerkennnung fürdieLeistungen der Truppe verabschiedete sich
Hitler bei Einbruchder Dunkelheit, umsichzuseinemHauptquartier zurück-
zubegeben.
Bemerkenswert war noch, daßdie Bevölkerung,diesichnachdemNachlassen
der Kampfhandlungen ausihrenSchlupfwinkelnheraustraute, Adolf Hitler sehr
herzlich begrüßteund ihmBlumenbrachte. DieStadt Schwetz hatteschwarz-
weiß-rotgeflaggt. Der Eindruck des Besuchsauf dieTruppewar sehr gut. Lei-
der hat Hitler imweiterenVerlauf desKriegesdieFront immer seltener, inden
letztenJahren garnicht mehr besucht. Er verlor dadurchdie Fühlungmit den
Soldatenunddas VerständnisfürihreLeistungenundLeiden.
5 Erinnerungen eines Soldaten
65
Am6.9. überschrittender Korpsstab und dieAnfängeder Divisionen die
Weichsel. DasKorpshauptquartier wurdein Finckenstein aufgeschlagen, dem
wunderschönenSchloßder Grafen Dohna-Finckenstein, einer Dotation Friedrichs
desGroßenanseinenMinister GrafvonFinckenstein.DiesesSchloßhatteiwei-
mal Napoleon I.alsQuartier gedient.Zumerstenmal kamder Kaiser dorthin,
alser imJahre1807denKrieggegendiePreußenundRussen überdieWeichsel
nach Ostpreußentrug.NachDurchquerungder einförmigenundarmen Tucheier
Heiderief Napoleon beimAnblick diesesSchlossesaus: „Enfinun diäteau!"
Man kann dasverstehen.Er hatdann dortdieFortsetzungdesFeldzugesin
RichtungPreußisch-Eylaugeplantund dieSpuren seiner Tätigkeitmit dem
Sporninden Fußbodengeritzt.Vor demFeldzuggegen RußlandimJahre1812
hater einzweitesmaldortgewohntundeinigeWochenmitder schönenGräfin
Walewskagelebt.
IchwurdenuninNapoleonseinstigemZimmer untergebracht.
Leider lagunser Wirt, der GrafDohna, krank ineiner Klinik inBerlin, so daß
ichnichtdieEhrehatte, ihnunddieGräfinkennenzulernen.Er war soliebens-
würdig,mir einen HirschzumAbschußanzubieten. Dawir überunsereneue
VerwendungnochkeinenBefehl hattenundnur wußten, daßwir ausdemBe-
reich der 4.Armeeausschieden und der Heeresgruppevon Bock unmittelbar
unterstelltseien, glaubteich, dasAngebotohneSchädigungmilitärischerIn-
teressen annehmenzudürfen,undgingwährenddesFlußübergangsmeiner Di-
visionenam7.abendsundam8. frühaufPirschemitdemErfolg, einen starken
Zwölferzur Streckezubringen. Der waidgerechteForstmeister der gräflichen
Forstverwaltunghatteessichnichtnehmenlassen, michselbstzuführen.
Am8.9.hatten meineDivisionen den Uferwechsel bei Meweund Käsemark
vollzogen, unddieEreignissenahmennuneinschnellesTempo an.AmAbend
wurdeichzumBefehlsempfanginsHauptquartier der Heeresgruppenach Alien-
steinbefohlen.Ich verließFinckensteinum19,30Uhr underhieltzwischen21,30
und22,30Uhr meineWeisungen. DieHeeresgruppehattezunächstdieAbsicht,
dasKorpsder 3.ArmeedesGeneralsvon Küchlerzuunterstellenundin enger
Anlehnunganderenlinken Flügelausder GegendvonArysüberLomshage-
gen dieOstfrontvon Warschauanzusetzen.Mir schiendieengeBindungan
eineInfanterie-ArmeenichtdemWesenmeiner Waffezuentsprechen.Ichver-
mutete, daßmir dasAusnutzender Geschwindigkeitmeiner motorisierten Divi-
sionen unmöglichgemachtwürde,und daßbei langsamemVorgehen diepolni-
schen KräfteumWarschaudieChancebekämen,nach Osten zuentkommen
und sich zuneuemWiderstand auf demOstufer desBugzuordnen. Daher
schlugichdemChef desStabesder Heeresgruppe, demGeneral von Salmuth
vor, dasPanzerkorpsunter demunmittelbaren Befehl der Heeresgruppezube-
lassenundlinksnebender Armeevon Küchler überWiznaöstlichdesBugauf
Brest-Litowsk anzusetzen. Hierdurch würdenalleVersucheder Polen, sich im
66
Räumevon Warschaunoch einmal zunachhaltiger Verteidigungzusetzen, im
Keimeerstickt.Salmuth und anschließendder Generaloberstvon Bock stimm-
ten demVorschlagzu; ich erhieltdenentsprechenden Befehl und begab mich
nachdemTruppenübungsplatzArys, wohin ichdieBefehlsempfängerder Divi-
sionen bestellthatte.Von meinen bisherigenDivisionen behieltich fürseiste
die3.Panzer-Division und die20.(mot.) Infanterie-Division. Die2.(mot.) In-
fanterie-Division wurdealsHeeresgruppen-Reservevorläufigzurückgehalten.
Die10.Panzer-Division, bisher der Armeevon Küchler unterstellt, und die
Festungs-Infanterie-BrigadeLotzen, eineNeuformation ausälterenJahrgängen,
diebeidebereitsamNarewbei und nördlichWiznaimGefechtlagen, traten
neuunter denBefehl desXIX.A.K.
Inder Zeitzwischen2und4.30Uhr amMorgendes9.9.erfolgtedieBefehls-
ausgabeinArysandiebeiden bisher zumKorpsgehörigenDivisionen, dann
begab ichmichzumeinemneuenrechten Nachbarn, demGeneral von Falken-
horst, KommandierendenGeneral desXXI.A.K., nachKorzeniste, 19kmnördl.
Lomsha, ummich überseineLageund diemir neuunterstellten Formationen
zuunterrichten. Ich traf dortzwischen 5und 6Uhr morgensein, wecktedie
Kameraden und ließmir von dembisherigen Verlauf ihrer Kämpfeerzählen.
Hierbei erfuhr ich, daßder Versuch, LomshadurchHandstreich zunehmen, an
der tapferen Abwehr der Polen, aber auchander Kampfungewohnheit unserer
Soldatengescheitertsei.DasXXI.A.K.lagaufdemNordufer desNarewfest.
Um8Uhr trafichinWiznaeinundfanddenStabder 10.Panzer-Division, die
infolgeeinesUnfallsdesDivisionskommandeurs, desGeneralsSchaal, vonGe-
neral Stumpftgeführtwurde.Dieser berichtete, daßseineInfanterieden Fluß
überschrittenund gemeldethabe, siesei imBesitz der polnischenBunker, die
den Abschnittschützten.DasGefechtsei imFortschreiten.Beruhigtüberdiese
Lagebegabichmichzur BrigadeLotzen, dieursprünglichalsBesatzungdieser
Festungvorgesehen, aber nunimfreienFeldezumAngriff überden befestigten
Narewangesetztwar.DieBrigadeund ihr Führer,OberstGall, machten einen
ausgezeichneten Eindruck. Der Flußübergangwar gelungen, der Angriff im
flotten Fortschreiten. Ich konntemich mitden MaßnahmendesBrigadekom-
mandeurseinverstanden erklärenund zur 10.Panzer-Division zurückbegeben.
Alsichwieder bei Wiznaeintraf, mußteichzumeiner Enttäuschungfeststellen,
daßder morgendlicheBerichtüberdieErfolgeder Infanterieder Division auf
einemIrrtumberuhte. DieInfanteriehattezwar den Flußüberschritten,aber
dieBetonbunker der Uferbefestigungen nichterreicht.Zur Zeitgeschah nichts.
Daher begab ichmich überden Flußund auf dieSuchenachdemRegiments-
kommandeur.Esgelangmir nicht, denRegimentsgefechtsstand zufinden. Auch
dieGefechtsständeder Bataillonewarenzugutgetarnt.Ichlandeteinder vor-
derenLinie.Von denPanzern der Division war nichtszusehen; siebefanden
sich noch auf demNordufer desNarew. Daher schickteichmeinen Begleiter
zurück,umsiezuholen.Inder vorderenLiniespieltesicheineigenartiger Vor-
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gangab, der mir aufBefragen alsAblösungder Kompanien vorderer Linieei-
klärtwurde; essah auswieeineWachparade.VoneinemBefehl zumAngriff
war den Männernnichtsbekannt. EinBeobachter der schweren Artillerie-Ab-
teilunglagohneAuftragbei denInfanteristen.Wo sichder Feindbefand, war
unbekannt; Aufklärungbefandsichnichtvor der Front.Ichunterband zunächst
dasmerkwürdigeAblösungsmanöverund ließmir den Regiments- und den
Bataillonskommandeur kommen. Dann erhielt der schwereArtillerist einen
SchießauftraggegendiepolnischenBunker.Mitdemnach einiger Zeiteintref-
fenden Regimentskommandeur begab ichmichsodannaufErkundungder vor-
deren feindlichenLinieundgingmitihmsoweitvor, biswir Feuer bekamen.
Wir lagendichtvor denBetonbunkern, fandendorteinetapferedeutschePan-
zerabwehrkanone, deren FührerdenAngriff bisdahinallein geführthatte, und
setztenvonhier ausdenAngriff an.Ichkann nichtleugnen, daßichsehr un-
gehalten überdasGesehenewar.
Anden Narew zurückgekehrt,traf ich dasPanzer-Regimentimmer nochauf
demNordufer. Der Regimentskommandeur wurdezubeschleunigtemFlußüber-
gangveranlaßt.DadieBrückenoch nichtfertigwar, mußtendiePanzer mit
der Fähreübergesetztwerden.Eswurde18Uhr, bisder Angriffendlichin Fluß
kam.Er gelangnun schnell undmitganz geringen Verlusten.Bei energischem
und zielbewußtemHandeln hättediesErgebnisbereitsimLaufedesVormit-
tagserreichtwerden müssen.
Bevor ichden in Wiznaerrichteten Korpsgefechtsstand aufsuchte, befahl ich
demden Brückenbauleitenden Pionieroffizier mündlichund schriftlich, die
KriegsbrückeüberdenNarewbeschleunigtfertigzustellen, dasiefürden Uber-
gangder 10., und anschließendder 3.Panzer-Divisiondringendgebrauchtwerde.
NachEintreffen aufdemGefechtsstand wurdeder Befehl fürden nächstenTag
verfaßt,der denNarew-Ubergangder 20.(mot.) Infanterie-Divisionrechtsneben
der 10.Panzer-Division, dender 3.Panzer-Divisionhinter der 10.vorsah. Wir
nächtigtenimNeubaudesPfarrhausesvon Wizna, einemunvollendeten, sehr
unwohnlichen Gebäude,aber dieanderen waren noch schlechter.
Am10.9. frühum5Uhr war meineersteFeststellung, daßdieNarew-Brücke,
dieetwaumMitternachtfertiggewordenwar, aufBefehldesKommandeursder
20.(mot.) Infanterie-Division wieder abgebrochenundweiter abwärtsfürseine
Divisionneuaufgebautwordenwar.Der Ubergangder Panzer-Divisionen blieb
auf Fährbetriebbeschränkt.Eswar zumVerzweifeln.Der Divisionskommandeur
war durchdenPionieroffizier nichtvonmeinemBefehl unterrichtetworden.Er
hatteimgutenGlaubengehandelt.NundauerteesbiszumAbend, bisfürdie
Panzer eineandereBrückegebautwar.
Die20. (mot.) Infanterie-Division unter General Wiktorin gerietan diesem
TageinheftigeKämpfebei Zambrow.StarkeTeiledieser Division marschierten
aufdenBuginRichtungNur.IhnenvoraushatteichdieAufklärungs-Lehrabtei-
lungaufdiesen Bugübergangangesetzt; siehatihnauchkampfloserreicht.Die
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10.Panzer-Division stießbisBransk vor; siehatteunterwegseineReihevon
Gefechten.Ichwar dieser Division gegenAbend gefolgtund nächtigtein dem
brennendenWysokieMasowieskie.Mein Korpsstab, der inden Abendstunden
denNarew überschrittenhatteund mir folgte, kaminder Dunkelheitund in
einemnördlichWysokieMasowieskiebrennendenDorfenichtmehr biszumei-
nemStandortdurch, so daßwir gezwungen waren, getrenntzunächtigen, für
dieBefehlserteilungein unerwünschterZustand.Ichhatteden Stellungswechsel
zufrühbefohlen und wärebesser an diesemAbendnoch inWiznageblieben.
Der Vormittagdes11.9.vergingin ungeduldigemWarten auf dasGeneral-
kommando.PolnischeKräfte, dievomLomshanach Südostenabziehen wollten,
setzten sichaufdieVormarschstraßeder 20.(mot.) Division südlichZambrow
und brachtendieDivision ineineschwierigeLage.Der Divisionskommandeur
entschloßsich, diebereitsinRichtungaufdenBugvorgegangenenTeilekehrt-
machenzulassen, umdiesen Feind einzuschließenundzuschlagen.Ich drehte
Teileder 10.Panzer-Divisiongegenihnab.Inzwischenhattesichbei der links
der 10.vorgehenden3.Panzer-DivisiondasGerüchtverbreitet, ichsei bei Wy-
sokieMasowieskieinGefahr, vonPoleneingeschlossenzuwerden.DasKraft-
radschützen-Bataillon3drehtedaraufhin nach Wysokieab, ummich heraus-
zuhauen.DieMännerwaren sehr erfreut, alssiemich imOrt ander Straße
stehendfanden.Dieoffenzur SchaugetrageneKameradschaftder Kradschützen
hatteetwasWohltuendes.
DasGeneralkommando bliebdieNachtinWysokieMasowieskie.
Am12.9.gelangder 20.(mot.) Divisionmitdenzuihrer Unterstützungherbei-
geeiltenTeilender 10.Panzer-DivisiondieEinschließungder Polenbei Andrze-
jewo.Die10.Panzer-DivisionerreichteWysokieLitowskie, die3.Panzer-Divi-
sion Bielsk.Ichselbstwar mitden vordersten Spähtruppsder Aufklärungs-
Abteilungen nachBielsk gefahren und empfingdort deren Meldungen aus
erster Hand.AmNachmittagsahichmeinenSohn Kurt.
Der GefechtsstandwurdenachBielsk verlegt.Die2.(mot.) Infanterie-Division
wurdeausder Heeresgruppen-Reservefreigegebenund unswieder unterstellt
SieerhieltBefehl, überLomsha—Bielsk den Anschlußan dasKorpszuer-
reichen.Der Befehl enthieltden Satz: „Divisionskommandeurvoraus."Alsnun
am13.9. frühGeneral Bader, gefolgtvoneiner Funkstelle, diesenBefehl aus-
führenwollte, gerieter zwischenBransk und Bielsk inpolnischeTruppen, die
sich der Einschließungvon Andrzejewo zuentziehen vermocht hatten; er
mußteeinigeungemütlicheStunden imfeindlichen Feuer verbringen, biswir
durchdasverständigeHandelnseiner Funkstellevonseiner bedrohtenLageer-
fuhren undihndarausbefreien konnten. Auch dieser Vorfall war eineLehre
für denKriegder schnellen Truppen.
AndiesemTagekapituliertendiePolenbei Andrzejewo.Der Kommandeur der
18.polnischen Division gerietin Gefangenschaft. Die3.Panzer-Division er-
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reichteKaminiec Litowskie. Auf Brest-Litowsk wurdeaufgeklärt.Der Befehl
zumAngriff aufdieFestungwurdegegeben.Wir bliebendieNachtinBielsk,
Unswar bekanntgeworden, daßpolnischeEinheiten den berühmtenWald
vonBielowiezaerreichthatten.Ichwollteaber Waldkämpfevermeiden, weil sie
unsvonunserer Hauptaufgabe—Brestzuerreichen —abgelenktund starke
Kräftegefesselthätten.Daher begnügteichmichdamit, dasWaldgeländebeob-
achten zulassen.
Am14.9.drangen Teileder 10.Panzer-Division —vonder Aufklärungs-Ab-
teilungundvomPanzer-Regiment8—indieFortlinievonBrestein.Ichsetzte
schleunigstdasganzeKorpsaufBrestinMarsch, umden Uberraschungserfolg
auszunutzen.
Wir verbrachtendieNachtinWysokieLitowskie.
Am15.9.wurdeder RingumBrestaufdemOstufer desBuggeschlossen.Der
Versuch, dieZitadelleimHandstreichmitPanzernzunehmen, scheitertedaran,
daßdiePolen einen alten Renault-Panzer imEingangstor quergestellthatten,
so daßunserePanzer nichteindringen konnten.
Korpsgefechtsstandzur NachtinKaminiec Litowsk.
Die20.(mot.) Divisionunddie10.Panzer-Divisionwurden fürden 16.9.zum
einheitlichen Angriff aufdieZitadelleangesetzt.Der Sturmführtebisauf die
Wallkrone, scheiterteaber daran, daßdasInfanterie-Regimentder 10.Panzer-
Division denBefehl zumAntreten unmittelbar hinter der Feuerwalzeder Ar-
tillerienichtausgeführthatte.AlsdasRegiment, indessen vordereLinieich
michalsbaldbegeben hatte, verspätetund ohneBefehl danndochnoch antrat,
erlittesleider schwereVerluste, ohnesein Ziel zuerreichen.Mein Adjutant,
OberstleutnantBraubach, wurdebei diesemAnlaßschwer verwundetund erlag
einigeTagespäterseiner Verletzung.Er hatteversucht, dasindieeigenevor-
dereLinieschlagendeFeuer rückwärtigerEinheitenzustoppen.Dabei wurdeer
durcheinenpolnischen Scharfschützenvonder nur 100mentfernten Wallkrone
getroffen. Daswar ein schmerzlicher Verlust.
Die3.Panzer-DivisiongingostwärtsBrestvorbei aufWlodawavor, diehinter
ihr folgende2.(mot.) DivisionnachOsten aufKobryn.
Der KorpsgefechtsstandbliebinKaminiec Litowsk.
Am17.9. frühwurdedieriesigeZitadelledurchdasinder NachtaufdasWest-
ufer desBugübergegangeneInfanterie-Regiment76unter OberstGollnik in
demAugenblick genommen, in demdiepolnischeBesatzungüberdieunver-
sehrteBug-BrückenachWesten ausbrechenwollte.Damitwar eingewisser Ab-
schlußdesFeldzugeserreicht.DasGeneralkommando wurdenachBrestverlegt
und bezogQuartier in der Wojwodsdiaft. Wir erfuhren, daßdieRussen von
OstenimAnmarsch wären.
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Der Polenfeldzugwar dieFeuerprobefürmeinePanzerverbände.Ichhattedie
Uberzeugunggewonnen, daßsiesichvoll bewährthatten, und daßdiean ihre
ErrichtunggewendeteMühesich gelohnthatte. Wir standen amBugmitder
FrontnachWesten, bereit, denRestder Polenzuempfangen. Der Rückendes
Korpswurdedurchdie2.(mot.) Division geschützt,dievor Kobrynnoch heftige
Kämpfezubestehen hatte.Wir erwarteten jedenAugenblick, Fühlungmitden
von Südenheranstrebenden Panzerkräftenzugewinnen.Unserevordersten Auf-
klärererreichten Luboml.
Inzwischenwar dasArmee-Oberkommando 4unter Generaloberstvon Kluge
unsgefolgt, undwir wurdenihmwieder unterstellt.DieFestungsbrigadeLotzen,
dieamNarewsotapfer vorgegangenwar, hattenocheinigeTagehindurch den
Schutz unserer linkenFlankeausgeübtund war dann der 4.Armeeunterstellt
worden. Nun befahl die4.Armee, daßdasXIX.A.K.miteiner Division nach
Süden,miteiner nach Osten aufKobryn, miteiner nach Nordosten auf Bialy-
stokvorgehensolle.DashättedasKorpsauseinandergerissenundjedeFührung
unmöglichgemacht. DasErscheinen der Russen enthob unsder Ausführung
diesesBefehls.
AlsVorboteder Russen erschien ein junger Offizier imPanzerspähwagen,
der unsMitteilungvomHerankommen einer russischenPanzer-Brigademachte.
Dann erhieltenwir NachrichtüberdievomAuswärtigenAmtfestgesetzteDe-
markationslinie, welchedieFestungBrestden Russen überließ,indemsieden
Bugzur Grenzemachte. Wir empfanden dieseLösungalsnicht vorteilhaft;
schließlichwurdefestgesetzt, daßwir denRaumostwärtsder Demarkationslinie
biszum22.9.zuräumenhätten.DieseFristwar so kurz bemessen, daßwir
nichteinmalunsereVerwundetenabschiebenunddieschadhaftenPanzer bergen
konnten.Anscheinend war bei denVerhandlungen überdieDemarkationslinie
und denWaffenstillstand überhauptkein Soldathinzugezogen worden.
AusBrest-Litowsk istnocheinekleineSzeneerwähnenswert.Der Bischof von
Danzig, O'Rourq, hattesich zusammen mitdemPrimasvon Polen, Kardinal
Hlond, von Warschauauf dieFluchtnach Ostenbegeben. Alsdiebeiden Kir-
chenfürstennachBrestkamen, stießensiezuihrer ÜberraschungaufdieDeut-
schen.Der Kardinal wichnach Südostenausundentkamnach Rumänien.Der
BischofvonDanzigwähltedenWegnachNordosten undliefunsdirektin die
Arme.Er batumeineUnterredungmitmir, dieichihminBrestgernegewährte.
Daer nichtwußte,wohiner sichinSicherheitbringenkonnteundunter keinen
UmständendenRussenausgeliefertwerdenwollte, schlugichihmvor, sicheiner
meiner Nachschubkolonnen anzuschließen,dieausKönigsbergunsern Bedarf
abzuholenpflegten.Er könnevondortleichtdenBischofvonErmland erreichen
undsichunter dessenSchutz begeben.Der BischofnahmdiesesAnerbieten an,
kammitseiner BegleitungunbehelligtausdemKriegsgebiethinausund hat
sichdannineinemliebenswürdigenBrief, in welchemer dietraditionelleRit-
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terlichkeitdesdeutschen Offizierskorpshervorhob, fürdiegeleisteteHilfebe-
dankt.
AmTageder Ubergabean dieRussen kamder Brigadegeneral Kriwoschein,
einPanzennann, der diefranzösischeSprachebeherrschte, undmitdemichmich
daher gutverständigenkonnte.WasdieFestsetzungen desAuswärtigenAmtes
offen gelassen hatten, wurdenun mitdenRussen unmittelbar und zufrieden-
stellendgeregelt.Alleskonntegeborgenwerden, nur dievondenPolen erbeu-
teten Vorrätemußtenden Russenverbleiben, weil ihr Abtransportsichin der
kurzen Zeitnichtbewerkstelligen ließ.EineAbschiedsparadeundein Flaggen-
wechselinGegenwartdesGeneralsKriwoscheinbeendeteunsern Aufenthaltin
Brest-Litowsk.
Bevor wir dieFestung, dieunssovielBlutgekostethatte, verließen,geleiteten
wir meinenAdjutanten, OberstleutnantBraubach, zur ewigenRuhe(21.9.).Ich
betrauerteden Verlust diesestapferen und tüchtigenMitarbeiterstief. Die
Wunde, dieer erlitt, wäreansichnichttödlichgewesen, aber einehinzutretende
SepsiserzeugteHerzschwäche,unddieseführtezumTode.
Am22.9.abendskamen wir inZambrowan.Die3.Panzer-Divisionwar be-
reitsvorausnach Ostpreußen,dieanderenfolgten.DasKorpswurdeaufgelöst.
Wir bezogen am23.9.Quartier inGallingen, demschönenBesitz desGrafen
Botho-Wend zuEulenburg.Der Grafselbstwar imFelde. Wir wurden daher
vonseiner liebenswürdigenGattinundderen hübschenTochter empfangen und
verlebtendorteinigeTageder Erholung, dieunsnachdemstürmischenAblauf
desFeldzugesguttaten.
MeinSohnKurthattedenFeldzuggutüberstanden.VonmeinemälterenSohn
Heinz hatteichkeineNachricht, wieüberhauptwährenddesganzen Feldzuges
keineFeldpostausder HeimatdieTruppeerreichthatte.Daswar ein schwerer
Nachteil.Nun hofften wir auf baldigeVerlegungin dieHeimatstandorte, um
dieTruppeschnell wieder ingutenStandbringenzukönnen.
Wir hofftendamalsauch, daßder rascheSieginPolenpolitischeAuswirkungen
haben könnteunddieWestmächteeinemvernünftigenFriedengeneigtmachen
würde.Wir glaubten, daßHitler, wenn diesnichtder Fall sein sollte, sich
schnell zueiner OffensiveimWesten entschließenwürde.BeideHoffnungen
solltensichleider alstrügerischerweisen.EsbegannjeneZeit, dieChurchill als
.Dröledeguerre"bezeichnete.
Diemir beschiedeneMußebenutzteichzuBesuchenbei meinen ostpreußischen
Verwandten, bei denen ich auch einen Neffen ausWestpreußenantraf, der
polnischer Soldathattewerden müssenundnun ausder Kriegsgefangenschaft
entlassenwar undindieDiensteseineseigenenVolkeseintreten wollte.
Umden 9. 10.wurdedasGeneralkommando nach Berlin verlegt. Auf dem
Wegedorthinsah ichmeineVerwandten in Westpreußenwieder, dieschwere
Zeiten, darunter den Bromberger Blutsonntaghinter sich hatten.Auch meiner
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GeburtsstadtKulmstatteteicheinenkurzenBesuchabundfand dieHäuser,in
denen meineElternund meineGroßmuttergewohnthatten. Eswar wohl das
letzteWiedersehen mitder Heimat.
Nach Berlin zurückgekehrt,hatteichbalddieFreude, meinen ältestenSohn,
mitdemEisernenKreuz I.undII.Klasseausgezeichnet, wiederzusehen.Er hatte
schwereKämpfeinWarschaumitgemacht.
IchkanndieSchilderungdesPolenfeldzugesnichtbeenden, ohnemeinesStabes
zugedenken, der unter der LeitungdesChefs, OberstNehring, hervorragend
gearbeitetunddurchsein Verständnisund seineausgezeichneteBefehlstechnik
unendlichviel zudenErfolgen desKorpsbeigetragen hat.
Zwischenden Feldzügen
Am27.10.wurdeichindieReichskanzlei bestellt.DorttrafsicheinKreisvon
24Offizieren, diemitdemRitterkreuz desEisernenKreuzesausgezeichnetwur-
den.Eswar eineGenugtuung, diesen Orden so frühzuerhalten, und ich er-
blicktedarininerster LinieeineRechtfertigungmeinesKampfesfürdieErrich-
tungeiner neuzeitlichen Panzertruppe. DieseWaffehattezweifellosinganz
ausschlaggebendemMaßedazubeigetragen, denFeldzuginsokurzer Zeitund
mitsogeringenVerlustenzubeenden.Bei demandieVerleihunganschließen-
den Frühstück saßich rechtsneben Hitler und hatteeineangeregteUnter-
haltungüberdieEntwicklungder Panzertruppeund überdieErfahrungen aus
demFeldzug. Schließlichfragteer ganz unvermittelt: „Ichmöchtewohl wissen,
wiemanimVolk undimHeer denPaktmitSowjetrußlandaufgenommen hat?"
Daraufkonnteichnur antworten, daßwir imHeereaufgeatmethätten,alsuns
dieNachrichtvomAbschlußdesPaktesEndeAugusterreichte.Wir hättenda-
durch dasGefühlder Rückenfreiheitbekommen und seien glücklichgewesen,
daßunsder gefürchteteZweifrontenkriegerspartgeblieben sei, der unsim
vorigenWeltkriegdochaufdieDauer zur Streckegebrachthabe.Hitler sahmich
sehr erstauntan, undichbekamdasGefühl, daßihnmeineAntwortnichtbe-
friedigthabe.Er antwortetejedochnichtundbrachdasThemaab.Erstviel spä-
ter mußteicherkennen, daßHitlersFeindschaftgegen Sowjetrußlandsehr tief
saß.Er hattewohl erwartet, mein Erstaunenzuhören, daßer sich auf einen
PaktmitStalineingelassen habe.
DiekurzeRuhepauseimeigenenHeimerlitteineschwereTrübung.Am4.11.
starbmeineliebeSchwiegermutter inunsermHauseinBerlin.Wir bettetensie
in Goslar an der SeitemeinesSchwiegervaterszur letzten Ruhe. Dann riß
micheinneuer Befehl vonHausefort:
MitteNovember wurdemeinStabzuerstnach Düsseldorf,dann aber in plötz-
licher Änderungder Absichtnach Koblenz verlegt. Dortunterstand ich dem
GeneraloberstvonRundstedt, Oberbefehlshaber der HeeresgruppeA.
75
UmdiepolitischeEinstellungdesOffizierkorps, besondersder Generalität,zu
festigen, wurdein Berlin ein Vortragszyklusveranstaltet, bei demunter an-
deren Göbbels, Göringund schließlicham23.11.Hitler selbstdasWortergrif-
fen. Zuhörerwaren hauptsächlichGeneraleundAdmirale, aber auchLehrer und
Aufsichtsoffiziereder Kriegsschulen biszumOberleutnant hinunter.
Inden Vorträgen"der drei genannten Persönlichkeitenwiederholtesich ziem-
lichgleichlautend etwafolgender Gedankengang: «DieGeneraleder Luftwaffe
sindunter der zielbewußtenLeitungdesParteigenossen Göringpolitisch absolut
zuverlässig;auchdieAdmiralewerdenimSinneHitlerssicher geführt;aber zu
den Generalen desHeeresbestehtseitensder Partei kein unbedingtesVer-
trauen."Nach den Erfolgen dessoeben abgeschlossenen Polenfeldzugeswar
dieser schwereVorwurfunsallen unverständlich.Nach Rückkehrnach Koblenz
suchteichdaher denChefdesStabesder Heeresgruppe, denmir gutbekannten
General vonMansteinauf, ummich überdiezuergreifenden Maßnahmenmit
ihmauszusprechen. Dieser teiltemeineAuffassung, daßsich dieGeneralität
dieerwähntenÄußerungennichtgefallen lassen dürfe.Er hattebereitsmit
seinemOberbefehlshaber gesprochen, aber keineNeigungbei ihmgefunden,
etwaszuunternehmen.Er fordertemich auf, einenzweitenVersuch bei Rund-
stedtzumachen.Diesgeschahsofort.GeneraloberstvonRundstedtwar bereits
unterrichtet, erklärtesich aber nur bereit, den Oberbefehlshaber desHeeres
aufzusuchen und ihmdiegefallenen Äußerungenmitzuteilen. Ich entgegnete
ihm, daßdieVorwürfevoraussichtlichinerster Liniegegen den Oberbefehls-
haber desHeeresgerichtetseien, daßer siepersönlichmitangehörthabe, und
daßesdarauf ankäme,von anderer SeiteSchrittebei Hitler zutun, umdiese
unberechtigten Verdächtigungenzurückzuweisen.General von Rundstedt war
nichtbereit, weitereSchrittezuunternehmen.Ichsuchteinden nächstenTagen
einigeältereGeneraleauf, umsiezumHandeln zubewegen, aber vergeblich.
Der letzteindieser Reihewar der GeneraloberstvonReichenau, dessen gutes
VerhältniszuHitler undder Partei allgemeinbekanntwar.Reichenauerklärte
mir aber zumeiner Überraschung, daßer keineswegsingutenBeziehungenzu
Hitler stünde,sondernimGegenteilsehr scharfeAuseinandersetzungen mitihm
gehabthabe. AusdiesemGrundehabesein Erscheinen beimFührer keinen
Sinn.Er halteesaber fürdringendnotwendig, daßdemFührerdieStimmung
der Generalitätmitgeteiltwürde,under sdilügedaher vor, daßichselber diese
Aufgabeübernähme.MeineEinwendung, ichsei einer der jüngstenKomman-
dierendenGeneraleunddaher kaumbefugt, imNamen sovieler ältererKame-
radenaufzutreten, wieser zurüdcund meinte, dassei vielleichtgeradegut.Er
meldetemich unverzüglichinder Reichskanzlei zumVortragan, und ichwurde
für den nächstenTagnachBerlinzuHitler befohlen.DieseAussprachebrachte
mir bemerkenswerteErkenntnisse.
76
Ichwurdeunter vier Augenempfangen, undHitler ließmichetwa20Minuten
sprechen, ohnezuunterbrechen.Ichschildertediedrei inBerlin gehörtenVor-
trägemitdengleichen Vorwürfengegen dieGeneralitätdesHeeresund fuhr
dannfort: „AlleGenerale, mitdenen ichseither zusammenwar, habenmir ihr
Erstaunen undihren Unwillen zumAusdruck gebracht, daßeinso ausgespro-
chenesMißtrauengegensiebei den maßgebendenPersönlichkeitender Reichs-
regierungherrsche, obwohl siesoeben imPolenfeldzugsichmitihremKönnen
undmitihremLeben fürDeutschlandeingesetztunddenFeldzuginwenigmehr
alsdrei WochenzueinemsiegreichenEndegeführthätten.Angesichtsdesbe-
vorstehenden schweren Kriegesgegen dieWestmächtehalteich esfüraus-
geschlossen, miteinemRißsolchen Ausmaßesinder obersten Führunganzu-
greifen. Siewerden sich vielleichtwundern, daßich alseiner der jüngsten
Kommandierenden GeneraledeshalbzuIhnenkomme.Ichhabemehrereältere
Herren gebeten, diesen Schrittzutun, aber keiner war bereit.Siesollen aber
späternichtsagen können:,Ich habedieGeneraledesHeeresmeinesMiß-
trauensversichert, undsiehaben sichdasgefallen lassen.Keiner hatdagegen
protestiert.' —Deshalb bin ichheutezuIhnen gekommen, umgegen diege-
tanen ÄußerungenEinspruch zuerheben, diewir alsungerechtund kränkend
empfunden haben.Wenn Siegegen einzelneGenerale—undnur umeinzelne
kann essichhandeln — Mißtrauenhegen, dann müssenSiesich von ihnen
trennen; der bevorstehendeKriegwird langedauern; wir könnenunssolch
einenRißinder militärischenFührungnichtleisten und müssendasVertrauen
sicherstellen, bevor der KriegdaskritischeStadiumerreichthat, dasimersten
WeltkriegimJahre1916entstandenwar, bevor HindenburgundLudendorff in
dieObersteHeeresleitungberufen wurden.Dieser Schritterfolgtedamalszu
spät.UnsereObersteFührungmußsichdavor hüten,wiederumzuspätdieent-
scheidendsten Maßnahmenzutreffen.*
Hitler hörtemichmitgroßemErnstan.Alsichgeendethatte, sagteer brüsk:
„EshandeltsichumdenOberbefehlshaber desHeeres!"Ichantwortete: „Wenn
SiezumOberbefehlshaber desHeereskein Vertrauen haben, müssenSiesich
vonihmtrennenundden General andieSpitzedesHeeresstellen, zudemSie
dasmeisteVertrauen haben."Nun kamdiegefürchteteFrageHitlers:„Wen
schlagenSievor?"Ichhattemir eineReihevon Persönlichkeitenüberlegt,die
meiner AnsichtnachdieFähigkeitenhatten, dasschwereAmtzuübernehmen.
Alserstennannteichden GeneraloberstvonReichenau.Hitler lehntemitden
Wortenab:„DerkommtnichtinFrage."SeinGesichtsausdruck war ungewöhn-
lichabweisend, undichsah, daßReichenaubei unserer Unterhaltungin Düssel-
dorfkeineswegsübertriebenhatte, alser seinschlechtesVerhältniszuHitler
schilderte. EineReiheweiterer Vorschläge,mitGeneraloberstvon Rundstedt
beginnend, wurdegleichfallszurückgewiesen,bisichmitmeinemLateinzuEnde
war und schwieg.
77
Hitler begann nunseinerseitszusprechen.ErschilderteausführlichdieEntste-
hungsgeschichteseinesMißtrauensgegen dieGenerale, beginnendmitder Auf-
rüstung,bei der ihmFritschundBeck Schwierigkeiten gemachthätten, indem
sieseiner ForderungaufsofortigeAufstellungvon36DivisionendenVorschlag
entgegenstellten, sich mit21Divisionen zubegnügen.Vor der Rheinlandbe-
setzunghättenihndieGeneralegewarnt, ja, siewärensogar bereitgewesen,
dieinsRheinland eingerücktenTruppenbeimerstenStirnrunzelnder Franzosen
wieder zurückzuziehen,wenn sich nichtder Reichsaußenminister gegen dieses
Nachgebengewendethätte.DannhabederFeldmarschallvonBlombergihnschwer
enttäuscht,dieFritsch-Krisehabeihnsehr erbittert.Beckhabeihminder Tsche-
chenfragewidersprochen undsei darübergegangen. Der jetzigeOberbefehls-
haber habeihmimweiterenVerlauf der AufrüstungvölligunzulänglicheVor-
schlägegemacht; einkrassesBeispiel sei sein völligungenügenderVorschlag
zur Erhöhungder 1.F.H.-Produktion gewesen, der geradezulächerlichgeringe
Zahlen enthaltenhabe.BereitsüberdieFührungdesPolenfeldzugessei eszu
DifferenzengekommenundinBezugaufdieFührungdesbevorstehenden Feld-
zugesimWestengingenseineAnsichtenmitdenendesOb.d.H.gleichfallsnicht
konform.
Hitler bedanktesichdann fürmeineOffenheit—unddieAussprachewar er-
gebnislosbeendet.SiehatteetwaeineStundegedauert. Ichkehrteniederge-
drücktüberdieAusblicke, dieichgewonnenhatte, nachKoblenz zurück.
78
V.DERFELDZUGIMWESTEN
Die Vorbereitungen
Bevor derFeldzuggegendieWestmächte—denwirgernvermieden hätten—
begann, wurden dieinPolen gemachtenErfahrungen verwertet. Siehatten —
fürmichnichtüberraschend—ergeben, daßdieLeichtenDivisioneneineHalb-
heitdarstellten.IhreUmwandlunginPanzer-DivisionenmitdenNummern6—9
war daher befohlenworden.Diemotorisierten Infanterie-Divisionen hatten sich
alszuumfangreich erwiesen. IhreVerkleinerungumein Infanterie-Regiment
wurdedurchgeführt.DiebesondersdringlicheUmbewaffnungder Panzer-Regi-
menter mitPanzernIII undIVmachteinfolgegeringer Leistungsfähigkeitder
Industrie, aber auchinfolgeHortensderneuenPanzer durchdasOKHnur sehr
langsameFortschritte.
Mir wurden einigePanzer-Divisionen unddasInfanterie-Regiment „Groß-
Deutschland* (LR.„G.D.") zuAusbildungszwecken unterstellt. Imübrigenbe-
wegten mich hauptsächlichdieGedanken überAnlageundgedachten Verlauf
der Operationen imWesten.
DasOKHhatte—vonHitler zumAngriff gedrängt—dieAbsicht, denalten
sogenannten „Schlieffen-Plan"von1914wieder anzuwenden.Dashattezwar den
VorzugderEinfachheit, aber nichtgeradedenReiz der Neuheit.Sehr baldkrei-
stendaher dieGedankenumeineandereLösung.EinesTagesimNovember ließ
michManstein zusichbittenundsetztemirseinenGedanken auseinander, mit
starken PanzerkräftendurchLuxemburgund Südbelgiengegendieverlängerte
Maginot-Liniebei Sedanvorzugehen, diesebefestigteFrontzudurchstoßenund
sodann denDurchbruch durchdiefranzösischeFrontzuvollenden.Er batmich
umPrüfungseinesVorschlagesvomStandpunktdesPanzermannes. Nach ein-
gehendemKartenstudiumund aufGrund eigener KenntnisdesGeländesaus
demerstenWeltkriegkonnteichMansteindieVersicherunggeben, daßdievon
ihmgeplanteOperation durchführbarsei. DieeinzigeBedingung, dieichzu
stellenhatte, war die, eineausreichendeZahl vonPanzer- und motorisierten
DivisionenandiesesUnternehmenzusetzen, ambesten alle!
Mansteinentwarfdaraufhin eineDenkschrift, diemitder BilligungundUnter-
schriftdesGeneraloberstvonRundstedtam4.12.1939 andasOKHgesandt
wurde. Hier fand siekeineGegenliebe.DasOKHwollteanfänglichnur 1—2
Panzerdivisionen fürdenAngriff überArlonansetzen. EskamzueinemGe-
dankenaustausch hierüber.IchhieltdiesenAnsatz fürzuschwachunddaher für
zwecklos.EineZersplitterungunserer ohnehinschwachen Panzerkräftewäreder
79
größteFehlergewesen, denwirüberhaupthättenbegehen können.Gerade
diesenaberwardasOKHimBegriff zubegehen.Mansteinwurdedringend, zog
sichaberdamitdenUnwillendesOKHinsohohemGradezu, daßmanihnzum
Kommandierenden General eines Infanterie-Korps ernannte.Erbat, man möge
ihmwenigstens einPanzerkorps geben; seineBittewurdenichtberücksichtigt.
SozogunserbesteroperativerKopf miteinemKorpsdritterWelleindenFeld-
zug, dessen glänzenderVerlauf seinerInitiativewesentlichzuverdankenist.—
SeinNachfolgerbei GeneraloberstvonRundstedtwurdederwesentlich ruhi-
gereGeneral vonSodenstern.
Inzwischen zwangeinZwischenfall bei derLuftwaffedieFührungdazu, den
Schlieffen-Plan aufzugeben.EinKurieroffizierderLuftwaffeflogam10.Januar
1940bei NachtverbotenerWeisemitwichtigenAkten, ausdenendergeplante
AufmarschnachSchlieffenersichtlichwar, überdiebelgischeGrenzeund mußte
auf belgischemGebietnotlanden.ObihmdieVernichtungseinerPapierenoch
gelungenwar, bliebunbekannt.Jedenfalls mußtedamitgerechnetwerden, daß
derAufmarsch denBelgiernundvoraussichtlich auchdenFranzosenundEng-
ländernbekanntgewordensei.
Mansteinhatteüberdiesbei seinerMeldungbei HitleranläßliebseinerErnen-
nungzumKommandierenden General Gelegenheitgefunden, diesemseineAn-
sichtüberdiezukünftigenOperationenzuerläutern.DerMansteinscheOpera-
tionsentwurf wurdejedenfalls nunGegenstandvonStudien, dieam7.Februar
1940ineinemKriegsspiel inKoblenzihren fürmichsichtbarenAusdruckfan-
den.Bei diesemKriegsspiel schlugichvor, mitstarkenPanzer- undmotorisier-
ten KräftenamfünftenTagedesFeldzuges überdieMaasbei Sedananzugrei-
fen, mitdemZiel, einenDurchbruchzuerzwingenunddiesendanninRichtung
auf Amiens auszuweiten.DerChef desGeneralstabes desHeeres, Halder, der
bei demKriegsspiel anwesendwar, hieltdiesenGedanken für„sinnlos*.Ihm
schwebtevor, mitden PanzerkräftendieMaaszuerreichen, allenfalls Brücken-
köpfezugewinnen, dieInfanterie-Armeen abzuwartenundsodanneinen „ein-
heitlichenAngriff nichtvordem9.oder10.TagedesFeldzuges zuführen.Er
nanntedas „einenrangiertenGesamtangriff". Ichwidersprachlebhaftundbe-
tonte, daßes darauf ankäme,dieverfügbare,begrenzteStoßkraftderPanzer
zusammengefaßtund überraschendauf denentscheidenden Punktanzusetzen,
den Stoßkeil sotief zugliedern, daßmankeineSorgeumdieFlankezuhaben
brauche, unddanneinenetwaigenAnfangserfolgunverzüglichundohneRück-
sichtauf dieInfanteriekorps auszunutzen.
InmeinenAnsichten überdenWertderGrenzbefestigungen warichdurchdie
sehrsorgfältigenStudiendesMajors vonStiotta, desPionierberaters derHee-
resgruppe, bestärktworden.HerrvonStiottastütztesich hauptsächlichauf eine
minutiöseAuswertungvonLuftbildern; seineArgumentewarendahernichtzu
widerlegen.
80
Abb. 5/ Übergabevon Brest-Litowsk an dieRussen (22. 9. 1939)
Gencial Wiktorin General Kriwoschein
Am14.2.fandinMayen beimAOK 12des GeneraloberstListeinweiteres
Kriegsspiel inAnwesenheitHaldersstatt, bei demderKampf umden Maas-
übergangerörtertwurde.DieHauptfrage, dieman mirvorlegte, beschränkte
sichdarauf, obdiePanzer-Divisionen den Flußübergangmiteigenen Mitteln
versuchenoderbesserdasHerankommenderInfanterieabwartensollten, ferner
obsieinletzteremFalleamFlußübergangteilnehmensolltenoderbesserdurch
Infanterieabzulösenseien.LetztereLösungverbotsichalleindurchdieGelände-
schwierigkeitenindenArdennen nördlichderMaas.DieAusspracheverlief so
deprimierend, daßGeneral von Wietersheim, derFührerdes motorisierten
XIV.A.K., dasdemmeinen folgensollte, undichzumSchlußerklärten,unter
diesen UmständenkeinVertrauenindieFührungdesUnternehmens zuhaben.
Wirerklärtenden Panzereinsatz fürfalsch undsagten eineVertrauenskrise
voraus, fallserindieserWeisebefohlenwerdensollte.
DieAngelegenheitwurdenochverwickelter, als sichherausstellte, daßauch
GeneraloberstvonRundstedtkeineklareVorstellungvonderLeistungsfähigkeit
derPanzer besaßundfürdievorsichtigeLösungeintrat.JetztfehlteMansteinl
Besonderes Kopfzerbrechen machteanscheinenddieFragederFührungder
vielen Panzerverbände.Man verfiel nachlangemHinundherschließlichauf den
General vonKleist, dersichbishernichtgeradepanzerfreundlich gezeigthatte.
Nachdemklargestelltwar, daßmeinPanzerkorpsjedenfalls den Stoßdurchdie
Ardennenzuführenhabe, machteichmichmitEiferandieAusbildungmeiner
GeneraleundStabsoffizierefürdiebevorstehendeAufgabe.Mirwurden die
1., 2.und10.Panzer-Division, dasLR.„G.D."sowieeineReihevon Korpstrup-
pen, darunteraucheineMörser-Abteilung,unterstellt.MitAusnahmedes LR.
„G.D."kannteichdieTruppenausFriedens- oderKriegszeitenundsetzteinihre
Leistungsfähigkeitunbedingtes Vertrauen.JetzthatteichGelegenheit, sieauf
dieschwereAufgabevorzubereiten, dieihnen bevorstand, undanderen Ge-
lingeneigentlichniemandglaubte, außerHitler, Mansteinundmir.Dergeistige
Kampf umdasDurchsetzendieserIdeewarrechtaufreibendgewesen.Ichhatte
dahereinekleineErholungnötig,diemirinderzweiten Märzhälfteauchzuteil
wurde.
Vorherjedoch, am15.3., fand eineBesprechungderOberbefehlshaber der
HeeresgruppeA unterEinschlußdesGeneralsvonKleistundvonmirbei Hitler
inderReichskanzlei statt.JederderAnwesendenschilderteseinenAuftragund
dieArtundWeise, wieerihnzulösengedächte.Als letzterkamichandie
Reihe. Mein Auftraglautete, an dembefohlenen Tagedieluxemburgische
Grenzezuüberschreiten,alsdanndurch Südbelgienauf Sedanvorzugehen, bei
SedandieMaaszuüberschreitenundauf demlinkenUfereinen Brückenkopf
zuerrichten, derdasUbergehen dermirfolgenden Infanteriekorps ermögliche.
Ichsetztein Kürzeauseinander, daßdas Korpsindrei KolonnendurchLuxem-
burgund Südbelgienvorgeführtwürde, daßichdamitrechnete, amerstenTage
diebelgischenGrenzstellungenzuerreichenundwenn möglichzudurchstoßen,
S Erinnerungen eines Soldaten
81
amzweitenTagedenVormarsch über Neufchäteaufortzusetzen, amdrittenTage
bei Bouillon überden Semoiszukommen, amviertenTagedieMaaszuer-
reichen und amfünftenTageüberden Flußhinweganzugreifen. AmAbend
diesesTageshoffteichden Brückenkopfzuhaben.DarauffragteHitler: »Und
waswollen Siedann tun?"Er war der Erste, der dieseentscheidendeFrage
überhauptstellte.Ich antwortete: .Wenn kein entgegenstehender Befehl ein-
geht, werdeichamnächstenTageden Stoßin westlicher Richtungfortsetzen.
DieObersteFührunghättezuentscheiden, ober inRichtungAmiensoder Paris
geführtwerden soll.DiewirksamsteStoßrichtungistmeiner Ansichtnach die
überAmienszumÄrmelkanal."Hitler nickteund sagteweiter nichts.Nur der
General Busch, der dielinksvon mir angesetzte16.Armeeführte,rief aus:
.Na, ichglaubenicht, daßSierüberkommen!"Hitler erwartetemitsichtlicher
SpannungmeineAntwort.Sielautete:.Siebrauchenesjaauchnichtzumachen."
Hitler äußerteauchhieraufnichts.
Auch in der Folgehabeich keinen Befehl erhalten, der überdasGewinnen
einesBrückenkopfesüberdieMaashinausgegangen wäre.Ich habealleEnt-
schlüssebiszumErreichen desAtlantik bei Abbevilleselbständiggefaßt.Die
obereFührunghatvorwiegend einen hemmenden Einflußauf meineOpera-
tionen ausgeübt.
Nach AbschlußmeineskurzenUrlaubsbegabichmichwieder andieVorberei-
tungdesgroßenUnternehmens. Der langeWinter wich einem zauberhaften
Frühling,unddamitdrohteauchausdenwiederholtenProbealarmierungenErnst
zuwerden.Bevor ichmichder Schilderungder Ereignissezuwende, scheintmir
eineErklärungangebracht, weshalb ichdembevorstehenden schweren Angriff
mitZuversichtentgegenging.Ich mußdazuetwaszurückgreifen.
Der ersteWeltkriegwar an der Westfront nachkurzemBewegungskriegin
Stellungskämpfenerstarrt. Keinenoch so gewaltigeAnhäufungvon Kriegs-
material hattevermocht, dieFrontenwieder inBewegungzusetzen, bisimNo-
vember 1916die„Tanks*aufder Seiteunserer Gegner infolgeihrer Panzerung,
ihrer Raupenketten und ihrer BewaffnungmitGeschützenund Maschinenge-
wehren diebislangungeschütztenKämpferdurchSperrfeuer und Drahthinder-
nisse, über Gräbenund Trichterfelder hinweglebend und kampffähigin die
deutschenLinientrugenund demAngriffwieder zuseinemRechtverhalfen.
DieseErscheinungwar eigentümlichund verdienteernsteBeachtung. Leider
haben dieDeutschen währenddesKriegesdieTanksunterschätzt, und esist
heutegleichgültig,obdieseTatsacheihren Grund inmangelndemtechnischen
Verständnismaßgebender Männeroder in mangelnder Leistungsfähigkeitder
deutschen Rüstungsindustriehatte.
DiewahreBedeutungder „Tanks"ergabsichausder Tatsache, daßder Vertrag
von VersaillesDeutschland den Besitz und dieHerstellungvon Panzerwagen,
Tanksoder ähnlichenVorrichtungen, dieKriegszweckendienen können,unter-
sagteundunter Strafestellte.
82
Bei unserenFeinden galtalso der .Tank"alsein so entscheidendesKampf-
mittel, daßunsseinBesitzverbotenwurde.IchzoghierausdieFolgerung, die
GeschichtediesesentscheidendenKampfmittelssorgfältigzustudierenund seine
weitereEntwicklungzubeobachten. Ausder theoretischen Betrachtungeines
Außenstehenden, von keiner Tradition Belasteten, ergabsicheineLehrevonder
Verwendung, Organisation und Konstruktion von Panzern und Panzerverbän-
den, dieüberdieimAuslandeherrschenden Lehrenhinausging.Esgelangmir
injahrelangen, heftigen Kämpfen,meineUberzeugungenindieTatumzusetzen,
bevor dieanderenArmeenzuähnlichenAuffassungen gelangtwaren.Der Vor-
sprunginder beabsichtigten Gliederungund Verwendungder Panzer war der
ersteFaktor, aufdensichmeinGlaubeandenErfolggründete.Noch1940stand
ichmitdiesemGlaubenimdeutschenHeereziemlich allein.
DaseingehendeStudiumdeserstenWeltkriegeshattemir einentiefen Einblick
indiePsycheder Kämpfendengewährt.Uber dieeigeneArmeewußteich aus
demAugenscheinohnehinBescheid.Uber dieSeelenunserer westlichen Gegner
gewann icheinbestimmtesUrteil, dassichimJahre1940 bestätigte.Der Stel-
lungskriegbeherrschtedieGehirnetrotz der neuenPanzerwaffe, der dieGegner
ihren SiegvomJahre1918 großenteilsverdankten.
DasstärksteHeer deswesteuropäischenFestlandesbesaßFrankreich. Diean
Zahl stärkstePanzerwaffeinWest-EuropabesaßFrankreich.
Dieenglisch-französischenStreitkräfteimWesten verfügtenimMai 1940 über
etwa4800Panzer, diedeutschen übereineSollstärkevonetwa2800einschl.der
Panzerspähwagen; tatsächlichvorhanden waren aufdeutscher SeitebeimAn-
griffsbeginn rund2200Panzer.Wir standenalsoeiner doppelten Überlegenheit
gegenüber,dienochdadurch verschärftwurde, daßdiefranzösischenPanzer den
deutschenanPanzerungund Geschützkaliber überlegen,an Führungsmittelnund
Geschwindigkeitallerdingsunterlegenwaren.(Vgl.Anlage2.) Trotz dieser stärk-
stenbeweglichenKampfmittel schufsichFrankreich dieMaginotlinieund damit
diestärksteBefestigungslinieder Erde.Warumwurden diein Befestigungen
angelegten Gelder nichtzur Modernisierungund Verstärkungder beweglichen
Kräfteverwendet?
DieindieseRichtungzielendenAnregungen vondeGaulle, Daladier und an-
deren blieben unberücksichtigt.Man mußtehierausschließen, daßdieoberste
französischeFührungdieBedeutungder Panzer fürdenBewegungskriegnicht
erkannthatteoder nichtanerkennenwollte.JedenfallsließenalleManöverund
größerenTruppenübungen,von derenVerlauf ichKenntnisbekam, den Schluß
zu, daßdiefranzösischeFührunggewilltwar, ihreTruppen so zuführen, daß
auf sicheren Unterlagen aufgebauteEntschlüssezusicheren Bewegungen und
planmäßigenAngriffs- oder Verteidigungsmaßnahmendienen sollten. Man er-
strebtevolleKlarheitüberdieAufstellungund KräfteverteilungdesFeindes,
bevor mansich entschloßzuhandeln.War der Entschlußgefaßt,sowurdeplan-
gemäß,fastmußmansagen, schematischverfahren, sowohl beimAnnäherungs
84
85
marsch, wiebei der Bereitstellung, der Feuervorbereitungund Durchführung
einesAngriffsoder der Anlageeiner Verteidigung.DiesesStreben nach ge-
plantemHandeln, bei demdemZufall nichtsüberlassenbleiben sollte, führte
auch zur Eingliederungder beweglichen Kraftder Panzer in den Organismus
desHeeresineiner Form, diedasSchemanichtdurchbrach, d.h.zuihrer Auf-
teilungaufdieInfanterie-Divisionen. Nur einBruchteil wurdezuoperativer Ver-
wendunggegliedert.
Hinsichtlichder FranzosenkonntediedeutscheFührungmitSicherheitrechnen,
daßdieVerteidigungFrankreichsunter Benutzungder Befestigungen vorsichtig
undschematisch nachder Doktrin geführtwürde,diesichausdenvon Frank-
reich gezogenen Folgerungen ausdemersten Weltkrieg, den Erfahrungen des
Stellungskrieges, der hohenBewertungdesFeuers, der Unterschätzungder Be-
wegungergab.
DieunsbekanntenPrinzipiender französischenStrategieundTaktik von 1940
waren in ihrer Gegensätzlichkeitzudemvon mir vorgeschlagenen Kampfver-
fahren der zweiteFaktor meinesGlaubensanden Sieg.
BiszumFrühjahr1940hattesichaufdeutscher SeiteeinklaresBildder feind-
lichen Kräfteverteilungund der Befestigungen ergeben. Wir wußten, daßdie
MaginotliniezwischenMontmedy und Sedan von einer sehr starken zueiner
schwächerenFormdesAusbauesüberwechselte.Wir nanntendieBefestigungen
vonSedanbiszumKanal die„verlängerteMaginotlinie".Wir hattenden Ver-
laufund großenteilsauchdieStärkeder belgischenund holländischenBefesti-
gungen erkannt.Siewareneinseitiggegen Deutschland gerichtet.
WährenddieMaginotliniedünnbesetztwar, wurdedieMassedesfranzösi-
schen Heeres, einschließlichder Panzer-Divisionen, und dasbritischeExpedi-
tionsheer in Französisch-Flandernzwischender MaasunddemÄrmelkanalmit
der FrontnachNordosten versammelt; diebelgischenund holländischenTrup-
penwurdenhingegenzumSchutz ihrer LändergegeneinenAngriff von Osten
gegliedert.
Ausdieser Gliederungder Kräfteließsich schließen, daßder Feinddamitrech-
nete, daßdieDeutschendenSchlieffenplan von 1914abermalszumTragen brin-
gen würden,und daßmanmitder Masseder verbündetenHeeredieser Um-
fassungdurchHollandundBelgienentgegengehenwolle.EinegenügendeSiche-
rungdesDrehpunktesder Bewegungnach Belgien hinein durch Reserven —
etwaimRäumeumCharlevilleoder Verdun—war nichterkennbar.Esschien,
alsobdiefranzösischeHeeresleitungüberhauptkeinenanderenFall für möglich
hielt, alsdenalten Schlieffenplan.
DieseunsbekannteGliederungder feindlichen Kräfteundihr voraussehbares
Verhalten bei Beginnder deutschen Bewegungen waren der dritteFaktor des
Glaubensanden Sieg.
Hinzutratennocheinigeweniger zuverlässige,aber doch erwähnenswerteGe-
sichtspunkteinder Gesamtbewertungunserer Gegner.
86
Wir kanntenundachteten dieFranzosenausdemerstenWeltkriegalstapfere
und zäheSoldaten, dieihr Landmitunbeugsamer Energieverteidigthatten.Wir
zweifelten nichtdaran, daßsiediegleicheHaltungbewahren würden.Wasdie
obersteFührunganbelangt, sohatteunsinErstaunen gesetzt, daßdiegünstige
GelegenheitzumAngriff imHerbst1939nichtausgenutztwurde, alsdieMasse
desdeutschen Heeres, besondersdieganzen Panzerkräfte, in Polen gebunden
waren. DieGrundefürdieseEnthaltsamkeitwaren damalsnichtzuerkennen.
Mankonntenur Vermutungenanstellen.JedenfallssetztedieVorsichtder ober-
sten FührunginErstaunenund ließdenGedankenaufkommen, daßman drüben
hoffen mochte, den ernsten Waffengangirgendwiezuvermeiden. Daseiniger-
maßenuntätigeVerhalten der Franzosen währenddesWinters1939/40 ver-
leitetezudemSchluß, daßdieNeigungfürdiesenKriegauf französischer Seite
nichtgroßsei.
Ausalldemließsich schließen, daßein zielbewußter, überraschendgeführter
Stoßmitstarken PanzerkräftenüberSedan aufAmiensund den Atlantik die
tiefeFlankeder imVorgehennach Belgien begriffenen Gegner treffen müsse,
daßgegen einensolchen Stoßnur unzulänglicheReservenbeimGegner verfüg-
bar seien, daßer also einegroßeErfolgsaussichthabeund bei unverzüglicher
Ausnutzungvon Anfangserfolgen zur Abschnürungder gesamten nach Belgien
vorgegangenen feindlichen Hauptkräfteführenkönne.
Nun kamesdarauf an, meineVorgesetzten undmeineUntergebenenin glei-
cher Weisevon der Richtigkeitmeiner Gedanken zuüberzeugenund damit
Handlungsfreiheit von oben und zuversichtlichesMitgehen von unten zuer-
reichen.Ersteresistmir nur sehr unvollkommen gelungen, letzteresdafürum
so besser.
Für denFall einesAngriffsbliebesbei demBefehl, daßdasXIX.A.K.durch
dasnördlicheLuxemburgundden SüdzipfelBelgiensdieMaasbei Sedanzuer-
reichen und dorteinen Brückenkopfzugewinnen habe, der den nachfolgenden
Infanterie-Divisionen den Flußübergangermögliche.Für denFall überraschender
ErfolgewurdenkeineHinweisegegeben.
DasZusammenwirken mitder Luftwaffewurdegeregelt. Ich wurdeauf ge-
meinsamesHandeln mitNahkampffliegern unter demhervorragend tapferen
General vonStutterheimundmitdemFliegerkorpsdesGeneralsLoerzer ange-
wiesen.UmdieZusammenarbeitfruchtbar zugestalten, hatteichdieFlieger zu
meinen Planübungeneingeladen undnahmaneinemKriegsspiel der Luftwaffe
unter der LeitungvonLoerzer teil.Gegenstand der Aussprachewar der Maas-
übergang.Nach sorgfältigenÜberlegungenkamenwir zudemübereinstimmen-
den Entschluß,dieAktion der Flieger aufdieganzeZeitdesUbergangsauszu-
dehnen, alsonichteineneinzigen, zusammengefaßtenSchlagdurchBomber und
Stukasausführenzulassen, sondernvomBeginndesÜbersetzensandurch stän-
digeAngriffeundBedrohungenmitAngriffen diefeindlichen Batterien, diein
offenen Feuerstellungenstanden, zulähmen,indemdieBedienungen veranlaßt
87
wurden, sich der tatsächlichenoder befürchtetenBedrohungdurch dieFlieger
zuentziehen.Der zeitlicheAblaufdiesesAngriffsverfahrensunddieZielvertei-
lungwurdenineiner Kartefestgelegt.
Kurz vor Beginnder BewegungenwurdeaufWunschvon GöringnocheinBa-
taillon desLR.„G.D."aufStörcheverladen mitdemZweck, amMorgen des
erstenAngriffstagesdichthinter der Frontder Belgier bei Witry westlichMar-
telangezulanden und hierdurchUnsicherheitindieVerteidigungder Grenz-
befestigungen zutragen.
Fürdenbefohlenen, raschen VorstoßdurchLuxemburgund Südbelgienwurden
diedrei Panzer-Divisionen desKorpsnebeneinandergesetzt, inder Mittedie
1.Panzer-Division, dahinter dieKorpsartillerie, dasGeneralkommando und die
Masseder Flak-Artillerie.Hier lagfürsersteder Schwerpunkt. Rechtsder 1.
solltedie2.Panzer-Division, linksder 1.die10.Panzer-Division mitLR.„G.D."
vorgehen.Die1.Panzer-DivisionwurdevonGeneral Kirchner, die2.von Gene-
ral Veiel, die10.vonGeneral Schaalkommandiert.Alledrei warenmir gutbe-
kannt.IchhattevollesVertrauenzuihrer FähigkeitundzuihremgutenWillen.
SiekanntenmeineKampfgrundsätzeund wußten, daßPanzerverbändemiteiner
FahrkartebiszurEndstation auszustatten sind, wenn man sieaufdieReise
schickt.InunseremFallelautetedasZiel „derKanal"I Daswar klar und leuch-
tetejedemSoldatenein, auch wenn ernachdemBeginnder Bewegungen län-
gereZeitkeinenBefehl bekam.
Der Durchbruchzum Kanal
Am9.5.1940, nachmittagsum13.30Uhr, wurdenwir alarmiert.Um16Uhr ver-
ließichKoblenz underreichtegegen Abend den Gefechtsstand desKorps, den
Sonnenhofbei Bitburg.DieTruppenstelltensich, wiebefohlen, längsder Grenze
zwischenViandenund Echternach bereit.
Am10.5., 5.35 früh, überschrittich mitder 1.Panzer-Division bei Wallen-
dorf dieluxemburgischeGrenzeunderreichtenachmittagsdiebelgische
Grenze(bei Martelange). DieVorhutder1.Panzer-Division hattedieGrenz-
befestigungen durchstoßen, dieVerbindungmitden luftgelandeten Männern
von „G.D."hergestellt, war aber nichttief nach Belgien vorgedrungen, weil
starkeStraßenzerstörungen, dieindembergigen Geländenicht umgangen
werdenkonnten, dieBewegungen hemmten. DieStraßensollten währendder
Nachtbenutzbar gemachtwerden. Die2.Panzer-Division kämpfteumStrain-
champs, die10.Panzer-Divisionbefand sichimVorgehen überHabay-la-Neuve
und Etallegegenüber französischenKräften(2.K.D. und3.Kol.I.D.).Das
Korpshauptquartier gingnachRambruch, westlich Martelange.
Der 11.5.brachtevormittagsdasÜberwindender Zerstörungenund Verminun-
gen längsder belgischen Grenze.GegenMittagkamdasVorgehender 1.Pan-
zer-Division inGang.Esrichtetesich, Panzer voraus, gegendieBefestigungen
88
beiderseitsNeufchäteau,dievonden ArdennenjägernausdenbelgischenGrenz-
stellungenund französischerKavalleriebesetztwaren.Nachkurzen, wenigver-
lustreichen Gefechtenwaren diefeindlichen Stellungen durchbrochenund Neuf-
chäteaugenommen.Die1.Panzer-Division verfolgteunverzüglich,nahmBertrix
und gelangteinder Dämmerungbisnach Bouillon, inwelcher Stadtsich die
Franzosen jedoch noch dieNachtüberbehaupteten. Bei den beiden anderen
Divisionen hattesichder Vormarsch unter leichten Gefechten glatt vollzogen.
Die2.Panzer-Division nahmLibramont. Die10.Panzer-Division hattebei Ha-
bay-la-NeuveeinigeVerluste; derKommandeur desSchützen-Regiments69,
OberstleutnantEhlermann, war am10.5.bei SainteMariegefallen.
Währendder Nacht, 10./11.5., befahl dievorgesetztePanzergruppeKleist, daß
die10.Panzer-DivisionzumSchutzeder linkenFlankeder Gruppeunverzüglidi
auf Longwy abzudrehen sei, dafranzösischeKavallerievon dortimAnmarsch
gemeldetwurde. Ich bat, von dieser MaßnahmeAbstand zunehmen, dader
Fortfall einesDrittelsmeiner KampfkraftwegendesmöglichenAuftretensfeind-
licher Kavallerieden MaasübergangunddamitdasGelingen der Gesamtopera-
tion gefährdenmüsse.UmallenSchwierigkeitenvorzubeugen, diebei der merk-
würdigenFurchtvor der Kavalleriedenkbar waren, setzteichdie10.Panzer-
Division aufeinen Parallelwegnördlichihrer bisherigen Marschstraßeüber
Rullesgegen den Semois-AbschnittCugnon—Mortehan anund befahl ihr, den
Vormarsch fortzusetzen. DieGefahr desAnhaltensund Abdrehensblieb fürs
erstegebannt. DiePanzergruppehatschließlichdarauf verzichtet. Diefranzö-
sischeKavalleriekamnicht. (Siehe Anlage 3)
LR.„GD.."wurdeabendszur VerfügungdesKorpsüberSt.Medard herausge-
zogen. DasGeneralkommando verbrachtedieNaditinNeufchäteau.
AmPfingstsonntag, den 12.5., um5Uhr, fuhr ichmitmeiner Generalsstaffel
überBertrix—Fays-les-Veneurs—Bellevaux nachBouillon, dasum7.45Uhr vom
Schützen-Regiment1unter OberstleutnantBalck angegriffen und schnell ge-
nommenwurde.DieSemois-Brückewar vondenFranzosengesprengt, der Fluß
aber fürPanzer anverschiedenenStellendurchfurtbar.DiePioniereder Division
begannen alsbald mitdemBaueiner neuen Brücke.Nachdemichmichvon der
Zweckmäßigkeitder getroffenen Maßnahmenüberzeugthatte, folgteichden
Panzerndurchden FlußinRichtungSedan, mußtejedochwegenVerminungder
Straßenocheinmal nachBouillon zurück.ImSüdteilder Stadterlebteichhier-
bei den ersten Angriff feindlicher Flieger aufden Brückenschlagder 1.Panzer-
Division.DieBrückenstellebliebzumGlückunversehrt.EinigeHäusergerieten
in Brand.
Ich fuhr nunmehr durch den Wald zur 10.Panzer-Division, dieden Abschnitt
bei CugnonundHerbeumontüberschrittenhatte.Anderen Vormarschstraßean-
gelangt, wurdeichAugenzeugedesGefechtsder Aufklärungs-Abteilungum
dieGrenzbefestigungen; dichthinter der Aufklärungfolgten dieSchützen, der
tapfereBrigadekommandeur, OberstFischer, ander Spitzeunddannalsbaldder
89
Divisionskommandeur, General Schaal.DasflotteVorgehen der Division unter
ihren Offizieren machteden besten Eindruck.DieWegnahmeder imWalde
gelegenenBefestigungengelanginkurzer Zeit; der Vormarsch überlaChapelle
auf Bazeilles-Balan wurdefortgesetzt. IchkonnteberuhigtzumKorpsgefechts-
standBouillon zurückkehren.
OberstNehring, der ChefdesStabes, hattesichinzwischenimHotel Panorama
eingerichtet, mitherrlicher AussichtaufdasschöneSemois-Tal.Indemgemein-
samenArbeitszimmer war mein Platz ineiner NischemitJagdtrophäensinnig
eingerichtet. Wir gingen ansWerk. Plötzlichjedoch ertönteneineReihevon
Detonationen inrascher Folge; abermalsFliegerl Damitnichtgenug, gerieteine
PionierkolonnemitNahkampfmitteln, Sprengmunition, Minen und Handgrana-
teninBrandunddieDetonationen setztensichfort.Der übermir ander Wand
hängendegewaltigeKeilerkopf löstesichund hättemich umHaaresbreiteer-
schlagen; auchdieanderen Trophäenkamenherunter unddasschöneAussichts-
fenster, andemich saß,flogmir inSplitternumdieOhren.Der Aufenthaltwar
sehr ungemütlichgeworden, undwir beschlossen, denStandortzuwechseln.Ein
kleinesHotel aufeiner AnhöhenördlichBouillon, dasdemRegimentsstab des
Panzer-Regiments1zumQuartier diente, wurdedazuausersehen.Bei seiner Be-
sichtigungwarntemichder geradeanwesendeKommandeur der Nahkampfflie-
ger, GeneralvonStutterheim, vor diesemHausinexponierter Lage.Noch wäh-
rend wir unsunterhielten, erschien eineStaffel belgischer Flieger und bewarf
dasBiwack der Panzer mitBomben.DieVerlustewaren minimal, aber Stutter-
heimfandnun fürseineWarnungGehör,-wir zogen nochweiter nach Norden
insnächsteDorf, nach Bellevaux-Noirefontaine.
Nochbevor dieser zweiteUmzuginsWerk gesetztwar, erschieneinFieseler-
Storch, ummichzumBefehlsempfangzur PanzergruppezumGeneral von Kleist
zuholen.Dorterhieltichden Befehl, amnächstenTag, dem13.5.um16Uhr
überdieMaasanzugreifen. Meine1.und 10.Panzer-Division konnten biszu
diesemZeitpunktvoraussichtlich bereitstehen, die2.Panzer-Division, dieam
SemoisSchwierigkeitengefundenhatte, mitSicherheitnicht.Ichmeldetediesen
Umstand, der angesichtsder SchwächedesGesamtangriffsvon Bedeutungwar.
General vonKleistbestandaber aufseinemBefehl, undich mußtezugeben, daß
esvorteilhaftseinkonnte, unverzüglichausdemAnmarsch anzugreifen, ohne
dasFertigwerdendesAufmarschesabzuwarten.Einweiterer Befehl war wesent-
lichunangenehmer: General von Kleistundder Fliegergeneral Sperrlehatten
ohneKenntnismeiner AbredemitLoerzer beschlossen, eineneinmaligenMassen-
abwurf von Bomben zuBeginnder Artillerievorbereitungdurchzuführen.Mein
ganzer Angriffsplan gerietdadurch insWanken, weil nunmehr dielangwäh-
rendeLähmungder feindlichen Artillerienichtmehr gewährleistetwar.Ich er-
hoblebhaftenEinspruch undbatumWiederherstellungmeinesursprünglichen
Planes, aufdemder ganzeAngriffbasierte.GeneralvonKleistlehnteauchdiese
Bitteab, undsoflogichmiteinemanderenPilotenimStorchwieder zumeinem
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Korpszurück.Dieser jungeMann behauptete, den Storchlandeplatz, von dem
ichgestartetwar, genauzukennen, aber er fandihninder Dämmerungnicht,
und ichbefandmichsehr schnell überder Maasundden französischenStellun-
gen, in einemunbewaffneten, lahmen Storch kein angenehmesGefühl.Sehr
energisch brachteichden Flieger nach Nordenund aufmeinen Landeplatz; es
ginggeradenoch.
Nach Eintreffen auf demKorpsgefechtsstand gingich mitHochdruck an die
Ausarbeitungder Befehle. Wir konnten unsbei der kurzen, verfügbarenZeit
nur dadurchhelfen, daßwir diebeimKriegsspiel in Koblenz ausgearbeiteten
BefehleausdenAktenrissen, DatumundUhrzeiten änderten,undsiedann aus-
gaben.Siestimmten mitder Wirklichkeitüberein.Auf demPlan war der An-
griffallerdingsauf10Uhr vormittagsangesetztgewesen, währender inWirk-
lichkeiterstum16Uhr anfangen konnte. Die1.und 10.Panzer-Division ver-
fuhren ebenso, undsovollzogsichdieBefehlsausgabedenkbar schnell und ein-
fach. (Siehe Anlage 4)
AmAbend des12.5.hatten die1.und 10.Panzer-Division sichinden Besitz
desnördlichenMaas-UfersgesetztunddiehistorischeStadtundFestungSedan
genommen.DieNachtwurdezur Bereitstellungausgenutztund dieKorps- und
Panzergruppen-ArtillerieinStellunggebracht. Der SchwerpunktdesAngriffs
lagbei der 1.Panzer-Division, diedurch dasI.R.,G.D.", dieKorpsartillerie
und dieschwerenArtillerie-Abteilungen der beiden Flügeldivisionenverstärkt
war. Die2.und 10.Panzer-Division verfügtenalso amersten Angriffstagnur
überjezwei leichteArtillerie-Abteilungen. DieseartilleristischeSchwächeder
Flügelmußbei der Bewertungder Kampfleistungen der beiden Divisionen am
13.5. berücksichtigtwerden.
Für den 13.5.war dieVerlegungdesKorpsgefechtsstandesnach laChapelle
angeordnet. (Siehe Anlage 5)
IchbegabmichamVormittagzuerstzumGefechtsstandder 1.Panzer-Division,
ummich vomStand der Bereitstellungzuüberzeugen,und fuhr dann durch
stellenweisevermintesGelände, dasdieFahrer meiner Staffel räumten, und
durch Artilleriefeuer von den französischenBefestigungen zur 2. Panzer-Divi-
sionnachSugny.Der Anfangdieser DivisionhattediefranzösischeGrenzeer-
reicht.Mittagswar ichbei deminzwischenbei laChapelleeingetroffenen Korps-
stabe.
Um15,30Uhr begab ich michdurch dasfranzösischeArtilleriefeuer auf eine
vorgeschobeneBeobachtungsstelleder 10. Panzer-Division, ummir dasWir-
kungsschießenmeiner ArtillerieunddenEinsatz der Luftwaffeanzusehen. Um
16Uhr gingdieSchlachtmiteinemfürunsereVerhältnissebeachtlichen Feuer-
zauber los.Mitbesonderer SpannungsahichdemAngriffder Flieger entgegen.
Sieerschienen pünktlich,aber meinErstaunenwar unbeschreiblich, weilsiemit
wenigen Staffeln von Bombern und Stukasunter Jagdschutz zumAngriff an-
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setzten, und zwar in der Art, wieesbeimKriegsspiel mitLörzerbesprochen
und festgelegtwar. Hattesich General von Kleistdoch noch einesAnderen
besonnenoder war der Befehl zur ÄnderungdesAngriffsverfahrensnichtdurch-
gedrungen?Gleichviel, dieFlieger taten, wasnach meiner Ansicht dasfür
unserenAngriffVorteilhaftestewar, undichatmeteauf.
Nun lagmir daran, demAngriff der SchützenüberdieMaasbeizuwohnen.
DasUbersetzen mußtebeinahebeendetsein, undso begabich mich nach St.
MengesundvondortüberFloingzuder geplanten Brückenstelleder 1.Panzer-
Division.MitdemerstenzuWasser gehendenSturmbootließichmich überden
Flußsetzen.Autdemanderen Ufer traf ichden tüchtigenund tapferen Kom-
mandeur desSchützen-Regiments1, OberstleutnantBalck mitseinemStab.Ich
wurdemitdemRufe.Gondelfahren aufder Maasistverboten"fröhlichempfan-
gen. Tatsächlichhatteichbei denvorbereitenden PlanübungendieseÄußerung
getan, weilmir dieAuffassungen der jüngerenHerrenzuleichtsinnigschienen.
Nunerwiessich, daßsiedieLagerichtigbeurteilthatten.
Der Angriff desSchützen-Regiments1undlinksdanebendesI.R.„G.D."voll-
zogsichnunwiebei einer BesichtigungaufdemTruppenübungsplatz.Diefran-
zösischeArtilleriewar durch dieständigeBedrohungdurch dieStukasund
Bomber nahezugelähmt.DieBetonwerkean der Maaswaren durch Panzer-
abwehrgeschützeund Flak außerGefecht gesetzt, diefeindlichen Maschinen-
gewehrewurdendurch dieeigenen schweren Waffen und durchdieArtillerie
niedergehalten. Trotz desvölligdeckungslosen Wiesengeländesvon erheb-
licher BreitebliebendieVerlustesehr gering.Biszur Dunkelheitwar ein tiefer
EinbruchindieBefestigungenerzielt.DieTruppehattedenBefehl, den Angriff
pausenloswährendder Nachtfortzusetzen, und ich konntemich darauf ver-
lassen, daßsiediesen wesentlichen Befehl auch ausführenwürde.Sienahm
bis23Uhr CheveugesundTeiledesBoisdelaMarfeeunddrangwestlich Wa-
delincourtindiefranzösischeHKL.Sobegab ichmichfreudigen Stolzeszum
Korpsgefechtsstand nachdemBoisdelaGarenne, wo ichrechtzeitigeintraf, um
noch einenFliegerangriff auf dieStraßebei laChapellezuerleben, und mich
dannandasSichtender Meldungenvonden Flügelnmachte.
Rechtswar die2.Panzer-Division nur mitihren vordersten Teilen, der Auf-
klärungsabteilungund demKraftradschützen-Bataillonsowieihrer schweren
ArtillerieinsGefechtgekommen.Siehatteden Flußübergangmitdiesen Mitteln
nichtvollziehen können.Die1.Panzer-Division war mitder ganzen Schützen-
Brigadeauf demlinken Maasufer und imBegriff, mitdemFertigwerden des
BrückenschlagesdieArtillerieund diePanzer nachzuziehen. I.R.„G.D."war
jenseitsder Maas. Die10.Panzer-Division hatteden Flußüberschrittenund
einenkleinen Brückenkopfgewonnen; siehatteeswegen fehlender Artillerie-
Unterstützungan diesemTageschwer gehabt.DasflankierendeFeuer ausder
Maginot-LiniesüdlichDouzy-Carignan störtesehr.Der kommendeMorgen mußte
ihr, wieder 2.Panzer-Division, aber Erleichterungbringen. DiestarkeFlak-
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ArtilleriedesKorpswurdewährendder Nachtanden Brückenstellender Maas
inStellunggebracht, daam14. mitkeiner Unterstützungdurchdieanderwärts
eingesetzteLuftwaffemehr gerechnetwerden konnte.
Inder NachtriefichLoerzer an, ummichnachden Gründenfürden Flieger-
einsatz zuerkundigen und zugleich fürdiehervorragendeUnterstützungzu
bedanken, diesowesentlich zuunseremErfolgebeigetragen hatte.Ich erfuhr,
daßSperrlesBefehl zuspäteingetroffen war, umdieStaffelnnochzuerreichen,
und daßLoerzer ihndaher richtigerweiseangehalten hatte.Sodann funkteich
anBusch, der seinerzeitbeimFührervortraginBerlin Zweifel geäußerthatte,
ob ich überdieMaaskäme,den Erfolgmeiner Truppeund erhielteinesehr
netteAntwort. Schließlichdankteichmeinen Mitarbeitern imStabefürihre
aufopferndeHilfe. (Siehe Anlage 6)
Am14.5. frühmeldetedietapfere1. Panzer-Division, daßsieihren Einbruch
währendder Nachterheblich erweitern konnteund Chemery durchschritten
habe. Also auf nach Chemery! An der MaasTausendevon Gefangenen. Bei
Chemery Befehlsempfangder Kommandeureder 1. Panzer-Division, demich
beiwohnte.AufdieMeldungvomAnmarschstarker französischer Panzerkräfte
setztedie1. Panzer-Division ihreverfügbarenPanzer zumAngriff in Richtung
Stonnean, währendichmichandieMaas-Brückebegab, umvermittelsmeiner
dortbereitgestellten Befehlsstaffel den bevorzugten Ubergangder 2. Panzer-
Brigadeunmittelbar hinter der 1. zuveranlassen, damitdemfranzösischenStoß
mitausreichenden Kräftenbegegnetwerdenkonnte. Dieser scheitertebei Bul-
sonunter Verlustvon20Panzern, bei Chemery unter Verlustvon50Panzern.
LR..G.D."nahmBulsonund gingvon dortauf Villers-Maisoncellevor. Kurz
nach meiner Abfahrtgriffen leider deutscheStukasdieMenschenansammlung
inChemeryanundverursachten betrüblicheVerluste.
Inzwischen hattedie2. Panzer-Division dieMaasbei Donchery überschritten
undwar imBegriff, diesüdlichenUferhöhenzuersteigen.Ichfuhr dorthin, um
mich vomStand desGefechtszuüberzeugen,traf dieverantwortlichen Kom-
mandeure, dieObersten von VaerstundvonPrittwitz, anden Anfängenihrer
VerbändeundkonnteandieMaaszurückkehren.Dortentwickeltesichnun ein
lebhaftesBomben durch diefeindlichen Flieger.Esgelangdensehr tapfer an-
greifenden Franzosen und Engländernnicht, dieBrückenzutreffen, aber ihre
Verlustewaren sehr beträchtlich.DieFlak hatteihren Ehrentagund schoß
ausgezeichnet.AmAbend hattesieetwa150 Abschüsseerzielt.Der Regiments-
kommandeur, Oberstvon Hippel, erhieltspäter hierfürdasRitterkreuz.
InzwischenvollzogsichinununterbrochenemStromder Ubergangder 2. Pan-
zer-Brigadeüberden Fluß.Gegen Mittagerschien zuunser aller Freudeder
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, Generaloberst von Rundstedt, umsich
vonder Lagezuüberzeugen.Mittenauf der Brückeerstatteteichihmmeine
Meldung, geradewährendeineserneuten Fliegerangriffs. Er fragtetrocken:
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.Istdashier immer so?"IchkonntemitgutemGewissen bejahen.Dann sprach
er sehr herzlicheWorteder AnerkennungfürdiebraveTruppe.
Wieder vor zur 1.Panzer-Division! Ichtraf den Divisionskommandeur in Be-
gleitungseinesersten Generalstabsoffiziers, Major Wende, und stellteihmdie
Frage, ob dieganzeDivision nach Westen abgedrehtwerden könne,oder ob
einTeil nochalsFlankenschutz mitder Frontnach SüdenostwärtsdesArden-
nen-Kanalsverbleiben müsse.WendeplatzteindieÜberlegungmitden Worten:
.Klotzen, nichtKleckern!", einer oftvon mir gebrauchten Redewendung. Die
Fragewar damitentschieden. Die1. und 2. Panzer-Division erhielten unver-
züglichden Befehl, mitallen Kräftenrechtsumzumachen, den Ardennenkanal
zuüberschreitenund nach Westen vorzugehen mitdemZiel, den Durchbruch
durch diefranzösischeFrontzuvollenden.UmdieBewegungen beider Divi-
sioneninEinklangzubringen, begabichmichzumStabeder 2. Panzer-Division
auf dieMaas-HöheüberDonchery, imChäteauRocan. Von dorthatteman
einen gutenUberblick überdasAnmarsch- und Angriffsgeländeder 2. Panzer-
Divisionvom13. und 14. 5. Ichwundertemich, daßdiefranzösischeFernkampf-
artillerieausder Maginot-Linieunseren Anmarsch nichtstärker beschossen
und beeinträchtigthatte.DasGelingen unseresAngriffskammir beimAnblick
dieser Stellungnoch nachträglichfastwieeinWunder vor.
AmNachmittagzurückzumGefechtsstand, umdasZusammenwirken der Di-
visionen fürden 15. 5. zuregeln.Dichthinter meinemKorpswar dasXXXXI.
A.K.Reinhardtgefolgtundseitdem12. 5. rechtsnebendasXIX.A.K.inRich-
tungaufMezieres-Charlevilleangesetztworden.Eshatteam13. 5. den Maas-
Übergangerzwungen und kämpftesichnun in westlicher Richtungvorwärts.
DasXIV.A.K.unter General von Wietersheimwar mir unmittelbar nachge-
führtwordenund mußtebaldander Maaserscheinen.
Die1. Panzer-DivisionhattebiszumAbendmitstarkenTeilenden Ardennen-
Kanal überschrittenund Singly und Vendressegegen lebhaften Widerstand
erreicht.Die10. Panzer-DivisionhattemitihrenPanzerndieLinieMaisoncelle-
Raucourt-et-Flabasüberschrittenund mitder MassedieHöhensüdlichBulson-
Thelonneerreichtund dabei über40 Geschützeerbeutet.
Für dasXIX.A.K.kamesdarauf an, dasbeherrschendeHöhengeländevon
Stonnezuerreichen, umdemFeindejedeEinwirkungsmöglichkeitaufdieMaas-
Brückenzunehmen und dennachfolgenden Verbändenden ungestörtenFluß-
übergangzusichern.Der Angriff aufdieseHöhenhatteam14.5. zuschweren
KämpfenbeimLR..G.D."undder 10. Panzer-Division geführt.Der OrtStonne
hattemehrfach den Besitzer gewechselt.Am15. solltendieseKämpfezumAb-
schlußgebrachtwerden. (Siehe Anlage 7)
Am15.5. um4Uhr frühtraf General von WietersheimbeimKorpsgefechts-
stand ein, umdieAblösungmeiner VerbändeimMaas-Brückenkopfsüdlich
Sedanzubesprechen.Nach kurzer Schilderungder Lagebegaben wir unszum
Gefechtsstand der 10. Panzer-Division bei Bulson. General Schaal war vorne
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bei seiner Truppe. Der ersteGeneralstabsoffizier der Division, der ausgezeich-
nete Oberstleutnant Freiherr von Liebenstein, erläutertedieschwierige Lage
und beantwortete geduldig dievielen, genauen Fragenunseres Nachfolgers.
FürdenGangder Ablösungwurdevereinbart, daßdie10. Panzer-Divisionund
I.R. „G.D."solange unter den Befehl des XIV. A.K. treten sollten, bis die
VerbändediesesKorpssie abgelöst hätten.Ichsahmich fürdie nächstenTage
auf denBefehl überdie1. und2. Panzer-Division beschränkt.
Die10. Panzer-Divisionmit unterstelltemI. R. „G. D."erhielt denAuftrag, die
SüdflankedesXIX. A. K. inLinieCanal desArdennes— HöhenvonStonne—
Maas-Schleife südlichVillemontry zusichern. Sie wurde imLaufe des 15. 5.
bereitsdurchdievorderstenTeileder 29. (mot.) I. D. verstärkt.
VomGefechtsstand der 10. Panzer-Division fuhr ichnach Stonne zumI. R.
„G. D."Dort war geradeein französischerAngriff imGangeunddaher niemand
greifbar. DieStimmungwar etwas nervös,aber schließlichwurdedieStellung
gehalten. DannbegabichmichzumneuenKorpsgefechtsstand ineinemWald-
stückbei Sapogne, bereitsauf demsüdlichenMaas-Ufer. DieNacht verlief ent-
gegenmeinenErwartungensehr unruhig, aber nicht durchdieEinwirkungdes
Feindes, sonderndurch Schwierigkeitenmit der eigenen Führung.Die Panzer-
gruppeKleist befahl dasAnhaltender Bewegungenunddie Beschränkungauf
den Brückenkopf.Ichwollteundkonntemichmit diesemBefehl nicht abfinden,
bedeuteteer dochdiePreisgabeder Überraschungunddes ganzen, bereits er-
zieltenAnfangserfolges. Daher setzteichmichzuerst mit demChef des Stabes
der Panzergruppe, Oberst Zeitzier, undalsdiesnicht genügte,mit General von
Kleist unmittelbar inVerbindung, umdieAufhebung des Stop-Befehls zu er-
reichen. DieAussprache nahmeinensehr lebhaften Charakter anund wurde
mehrfach wiederholt. SchließlichgestatteteGeneral vonKleist, daßdie Bewe-
gungennoch24Stundenfortgesetzt würden,umdemBrückenkopf dieerforder-
licheAusdehnung fürdas Nachziehender Infanteriekorps zugeben. Ich hatte
zuletzt von einer Mission Hentsch gesprochen und damit dieErinnerung an
das „Marne-Wunder"von 1914 geweckt. Der Gedanke hieran war vielleicht
der Panzergruppedochetwas unbehaglich.
Glücklichüberdie erkämpfteBewegungsfreiheit begab ich mich amfrühen
Morgendes16. 5. zumStabeder 1. Panzer-Division. DieFahrt führteüberVen-
dressenachOmont. DieLageander Front war nochnicht geklärt.Man wußte
nur, daßinder Nacht sehr heftige KämpfeumBouvellemont stattgefunden
hatten. AlsonachBouvellemont! Auf der Dorfstraßedesbrennenden Ortes traf
ichdenRegimentskommandeur, Oberstleutnant Balck, und ließmir die Ereig-
nisseder Nacht schildern. DieTruppewar übermüdet,nachdemsieseit dem
9. 5. keineNacht wirklicheRuhegehabt hatte. DieMunitionwar knapp gewor-
den. Die Männerder vorderenLinieschliefen inihren Schützenlöchern.Balck
selbst, in Windjacke undmit Knotenstock, erzählte, daßdieWegnahme des
Dorfes inder Dunkelheit nur gelungensei, weil er auf denEinspruch seiner
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SturmdurchvonFlakundPanzerngeschosseneBresche
inder Stadtmauer auf Boulogne (23.5.1940)
Abb. 8/Der Angriff rollt!
Offiziere gegendieFortsetzungdes Angriffs geantwortet hatte: „Dannwerde
ichdasDorf ebenalleinerobern!" undsichinBewegunggesetzt habe. Darauf
seien seine Männerihmgefolgt. Seinverstaubtes Gesicht und seine entzün-
detenAugenbewiesen, daßer einenschwerenTagundeineschlaflose Nacht
hinter sichhatte. Er erhielt fürdiesenTagdasRitterkreuz. Der Gegner —eine
gute normannische Infanterie-Division und eine Spahi-Brigade —hatte sich
sehr tapfer geschlagen. Seine Maschinengewehre bestrichen die Dorfstraße.
Allerdingswar seit einiger Zeit keinArtilleriefeuer mehr zu spüren.Balckteilte
mein Gefühl, daßder WiderstanddesGegnersamErlahmensei.
Nunwar unsamVortageein französischerBeutebefehl indie Händegefallen—
wennichnicht irre, vonGeneral Gamelinselbst —der dieWorteenthielt: „Der
Flut der deutschenPanzer mußendlicheinHalt gebotenwerden!" Dieser Be-
fehl hattemichinder Uberzeugung bestärkt,denAngriff mit aller Kraft fort-
zusetzen, daoffenbar dieWiderstandskraft der FranzosenihremOberkommando
ernsteSorgebereitete. Nur jetzt kein ZögernundkeinHalten!
Ich ließdie MännerkompanieweiseantretenundverlasihnendenBeutebefehl,
machteihnendieBedeutungklar, dieeinesofortigeFortsetzung des Angriffs
haben müsse,dankteihnen fürihrebisherigenLeistungenundfordertesieauf,
sich zusammenzureißenunddenSiegzuvollenden. Dannbefahl ichaufzusitzen
undvorzugehen.
Der Schleier, der unsin Ungewißheitgehaltenhatte, zerrißin kürzesterFrist.
Wir gewannen das freie Feld und die Verfolgung kaminraschen Fluß. In
Poix-TerronerwischteichdenerstenGeneralstabsoffizier der 2. Panzer-Division,
Oberstleutnant vonQuast, unterrichteteihn überdieLageundfuhr dannnach
Novion-Porcien und von dort nach Montcornet. Auf dieser Fahrt überholte
ichdieMarschkolonnender 1. Panzer-Division. Die Männerwarennun aufge-
wacht undhattenbegriffen, daßeinvoller Sieg, einDurchbruchgelungen sei.
Siejubeltenundriefenmir ihreBemerkungenzu, dievielfacherst vondemmir
folgendenzweitenWagenmeinesStabesverstandenwurden: „Mensch,knorke!"
„UnserAlter!" „Hastejesehn, der schnelle Heinz!" und ähnliche.Sie waren
bezeichnend.
Auf demMarktplatz vonMontcornet traf ichmit General Kempf, demKom-
mandeur der 6. Panzer-Divisiondes KorpsReinhardt, zusammen, dessenTrup-
pennachUberschreitender Maas gleichzeitigmit denmeinendenOrt erreich-
ten. Nun mußtendie Straßenauf drei Panzer-Divisionen—die6., 2. und 1. —
verteilt werden, diein ungestümemVorwärtsdrangnachWesten sich inden
Ort ergossen. Da von der Panzergruppe keineTrennungslinie zwischen den
Korpsbefohlenwar, einigtenwir unsschnell anOrt undStelleundsetztenden
VormarschbiszumletztenTropfenBenzinfort. MeinevorderstenTeile kamen
bisMarieundDercy.
Inzwischen ließichdurchmeineBegleiter die HäuseramMarkt absuchen und
hatteinnerhalbkurzer Frist mehrerehundert Gefangenegesammelt, Franzosen
7 Erinnerungen eines Soldaten
97
verschiedener Verbände,denen dieÜberraschungüberunser Erscheinen aus
denAugen sprach. EinefeindlichePanzerkompanie, dievon Südwestenin die
Stadthineinzustoßenversuchte, wurdegefangen genommen. Siegehörtezur
DivisiondesGeneralsdeGaulle, überdessenAnwesenheitimRäumenördlich
Laon wir Nachrichthatten. In demkleinen DorfeSoizeostwärtsMontcornet
errichteten wir sodann den Korpsgefechtsstand. Mitden Stäbender 1.und 2.
Panzer-DivisionbestandVerbindung.Der PanzergruppewurdedurchFunk über
denVerlaufdesTagesunddieAbsichtgemeldet, am17.5.dieVerfolgungfort-
zusetzen. (Siehe Anlage 8 und Skizze 3b)
Nach demherrlichen Erfolgdes16.5.und nach demgleichzeitigen Siegdes
XLI.A.K.war ichnichtaufden Gedanken gekommen, daßmeineVorgesetzten
nochinder bisherigenAuffassungbefangen sein könnten,sichmitdemBrücken-
kopf überdieMaaszubegnügenund dasEintreffen der Infanteriekorpsabzu-
warten.MichbeherrschtevollständigdieIdee, dieichbeimVortragvor Hitler
imMärz ausgeführthatte, nämlichdenDurchbruchzuvollenden undnichteher
Haltzumachen, alsbisder Ärmelkanalerreichtsei.Ichkonntemir erstrecht
nichtvorstellen, daßHitler selbst, der den kühnenMansteinschen Angriffsplan
gebilligtund keinen Einspruch gegenmeineAbsichtdesDurchbruchsgeäußert
hatte, nun etwaAngstvor der eigenen Couragebekommen könnteund den
sofortigen Vormarsch stoppen würde.Hierin befand ich mich aber ineinem
fundamentalen Irrtum; diessolltemir amnächstenMorgen klarwerden.
Am17.5. frühwurdeichvon der PanzergruppeinKenntnisgesetzt, daßder
Vormarsch anzuhalten sei, und ichdenGeneralvonKleistzupersönlicherAus-
spracheamStorchlandeplatz um7Uhr erwartensolle.Dieser erschien pünktlich
und begannohneBegrüßung,mir dieheftigsten Vorwürfezumachen, daßich
mich überdieAbsichtender oberen Führunghinweggesetzthätte.Der Leistung
der Truppegeschah mitkeinemWortErwähnung.Nachdemder ersteSturm
vorüberwar, und eineAtempauseeintrat, batichumEnthebungvon meinem
Kommando.General vonKleiststutzte, nicktedann undbeauftragtemich, das
Kommando an den nächstältestenGeneral abzugeben. DieAussprachewar
damitbeendet.IchbegabmichzumGefechtsstand zurückundbatGeneral Veiel
zumir, umihmdieFührungzuübergeben.
Sodann meldeteich der HeeresgruppeRundstedtdurch Funkspruch, daßich
nach AbgabedesKommandosgegenMittagbei ihr zur Berichterstattungein-
treffen würde.Sehr schnell kamvon dortdieWeisung, ich sollevorerstauf
meinemGefechtsstand bleiben und dasEintreffen desGeneraloberstListab-
warten, der dieunsfolgende12.Armeeführteundder beauftragtsei, dieAn-
gelegenheitzuregeln.BiszumEintreffen von GeneraloberstListwurdeder
Befehl zumAnhalten an alleVerbändedurchgegeben. Der hierzupersönlich
erschieneneMajor Wenck wurdeaufder Rückfahrtvon französischenPanzern
angeschossenund amFußverwundet.General Veielerschienundwurdeindie
98
\
Geschäfteeingewiesen. Dann kamamfrühenNachmittagGeneraloberstList
und fragte, waseigentlichbei unslossei.IchgabihmAuskunft.Er machteim
Auftragevon Generaloberst von Rundstedt dieEnthebungvom Kommando
rückgängigund erklärte, daßder Stop-Befehl vomOKHgekommen wäreund
daher ausgeführtwerden müsse.Er säheaber meineGründefürdieFortsetzung
der Bewegungen ein und erteiledaher imAuftrageder HeeresgruppedieGe-
nehmigung, „kampfkräftigeAufklärungweiter vorzutreiben. Der Korpsge-
fechtsstand müsseallerdingsambisherigen Standortweiterhin erreichbar blei-
ben."Hiermitließsichschon etwasanfangen, und ichwar GeneraloberstList
sehr dankbar fürseinEingreifen.Ichbatihn, meinen KonfliktmitGeneral von
Kleistzuregeln.Dannsetzteichdie„kampfkräftigeAufklärung"in Bewegung.
Der Korpsgefechtsstand blieb amalten Fleck inSoize; er wurdemitmeinem
vorgeschobenen Gefechtsstand durch Feldfernkabel verbunden, so daßich von
meinemStandortnichtzufunken brauchteund vomAbhördienstdesOKH und
OKWnichtgepeiltwerden konnte.
Nochvor EingangdesBefehlszumHalten, am17.5. früh, hattedie1. Panzer-
Division Ribemontan der OiseundCrecy an der Serregenommen. Dievor-
derstenTeileder südlichSedan abgelösten10.Panzer-Divisionerreichten Frailli-
courtund Saulces-Monclin. AmAbenddes17.5.gelangnochdasBilden eines
Oise-Brückenkopfesbei Moy. (Siehe Anlage 9)
Am18.5.um9Uhr erreichtedie2.Panzer-Division St.Quentin.Linksder 2.
gingdie1.Panzer-Division an diesemTagegleichfallsüberdieOiseund in
RichtungPeronnevor.Die10.Panzer-Division folgteden vorderen Divisionen
linksrückwärtsgestaffeltaufPeronne.Der 1.Panzer-Division gelangam19.5.
früh,bei dieser Stadteinen BrückenkopfüberdieSommezugewinnen. Mehrere
französischeStäbe,diezuErkundungszwecken nach Peronnnevorfuhren, ge-
rieten indeutscheGefangenschaft. (Siehe Anlage 10 und 11)
Der vorgeschobeneKorpsgefechtsstand gingnach Villers-le-Sec.
Der 19.5.brachteunsüberdieFelder der Somme-Schlachtdesersten Welt-
krieges. Währenddesbisherigen Vormarschesnördlichder Aisne, der Serre,
undnunder SommeübtenanfänglichSeitendeckungen ausAufklärern, Panzer-
jägernundPionierendenSchutz der offenen, linkenFlankeaus.DieBedrohung
der Flankewar gering; wir wußtenvon der 4. französischenPanzer-Division,
einer Neuformation unter General deGaulle, diesichvom16.5.ab bemerkbar
machteund —wiebereitserwähnt—bei Montcorneterstmalsauftrat. De
GaullebliebunsdienächstenTagetreuund gelangteam19.5.miteinzelnen
Panzernbisauf2kmanmeinenvorgeschobenenGefechtsstand imHolnon-Wald
heran, der nur durch einige2-cm-Flak gesichertwar. Ich durchlebteeinige
Stunden der Ungewißheit, bisdiebedrohlichen Besucher beidrehten. Ferner
wußtenwir voneiner französischenReserve-Armeein Stärkevonetwa8Infan-
terie-Divisionen, dieimRäumevonParisinAufstellungsei.Wir nahmen nicht
99
an, daßGeneral Freresichgegen unsinBewegungsetzen würde,solangewir
selber inBewegungblieben.Nach den französischenKampfgrundsätzenwürde
er aufgenaueMeldungen überdenVerbleibdesGegnerswarten.Eskamalso
darauf an, ihn in der Ungewißheitzuerhalten; diesgeschah ambesten durch
Fortsetzen der Bewegungen.
Am19.5. abendshattedasXIX.A.K.dieLinieCambrai—Peronne—Harn er-
reicht.Die10.Panzer-Division übernahmden Schutz der immer längergewor-
denen linken Flankeund lösteinder Nachtvom19.zum20.5. diebisher zu
diesemZweckegebundenenTeileder 1.Panzer-Division ab.Der Korpsgefechts-
standwurdenachMarlevillevorgeschoben.AndiesemTageerhieltdasKorps
endlichseineBewegungsfreiheitwieder mitder Ermächtigung,am20.5. inRich-
tungAmiensanzutreten.Nun erhieltdie10.Panzer-Division den Auftrag, die
Sicherungder linken FlankebisCorbie, ostwärtsvon Amiens, auszudehnen.
Siewurdeinihren bisherigen Stellungendurch die29.(mot.) I.D.ersetzt. Die
1.Panzer-Division wurdeauf AmiensangesetztmitdemBefehl, sofort einen
BrückenkopfaufdemSüduferder Sommezubilden.Die2.Panzer-Division be-
kamdenAuftrag, überAlbertaufAbbevillevorzugehen, dortgleichfallseinen
BrückenkopfüberdieSommezubilden und dasGeländebiszur Küstevom
Feindezusäubern.Trennungsliniezwischen2.und1.Panzer-Division:Combles—
Longueval—Pozieres—Varennes—Puchevülers—Canaples—Flixecourt—Somme.
Sicherungsabschnitteander Somme:
2.Panzer-Division: Somme-MündungbisFlixecourt(ausschließlich),
1. Panzer-Division: Flixecourt—Mündungder AvreindieSomme(ostwärts
Amiens),
10.Panzer-Division: Avre-MündungbisPeronne.
Nach meiner Berechnungkonntedie1.Panzer-Division gegen 9Uhr zumAn-
griffaufAmiensbereitsein.IchbestelltealsomeineFahrzeugeauf5Uhr, weil
ich diesemhistorischen Aktbeiwohnen wollte. DieOffizieremeinesStabes
hielten dasfür verfrühtund schlugen einen späterenZeitpunktvor, aber ich
bliebdabei undbehieltrecht. (Siehe Anlage 12 und 13)
Alsicham20.5.um8.45Uhr amnördlichenVorstadtrandvonAmienseintraf,
war die1.Panzer-DivisiongeradeimBegriff, zumAngriff anzutreten.Auf dem
WegedorthinhatteichmichinPeronnevon der Anwesenheitder 10.Panzer-
Division überzeugtund dabei einedrastischeSchilderungder Ablösungder
1.Panzer-Division erhalten. DieBrückenkopfbesatzungder 1. Panzer-Division
war nämlichabgerückt,ohnedasEintreffender Ablösungabzuwarten, weil der
befehligendeOberstleutnantBaldedenZeitpunktdesAngriffsaufAmiens, den
er fürwichtiger hielt, alsdasHütendesBrückenkopfes,nichtverpassen wollte.
Sein Nachfolger, OberstLandgraf, war sehr entrüstetüberdiesen Leichtsinn
und überBaldesAntwortaufseineVorwürfe:„NehmenSieden Brückenkopf
dochwieder.Ichhabeihnjaaucherobern müssen!"Der Gegner ließLandgraf
100
zumGlückZeit, dasgeräumteGeländekampfloswieder zubesetzen.Ich umging
dasvomFeindenochbesetzteAlbertsüdlichundfuhr an unzähligenFlüchtlings-
kolonnenvorbei nachAmiens.
Der Angriffder 1. Panzer-Division kamgutvorwärts,und gegen Mittagwar
dieStadtundeinetwa7kmtiefer Brückenkopfinunserer Hand.Ichnahmdas
besetzteGeländeunddieStadt, insbesonderedieherrlicheKathedrale, kurz in
Augenschein und begabmich schleunigstaufdenWegnachAlbert, wo ichdie
2. Panzer-Division vermutete.Hierbei fuhr ichdemStrommeiner vormarschie-
renden Truppe, den Flüchtlingenund—einer Reihefeindlicher Fahrzeugeent-
gegen, welchesich in demdichten Staub unbemerktin diedeutscheMarsch-
kolonneeingegliederthatten und hofften, aufdieseWeisedochnochPariszu
erreichen undder Gefangenschaftzuentgehen.Ichhatteinkurzer Zeit15Eng-
ländergefangen. (Siehe Anlage 14)
In Alberttrafich General Veiel.Die2. Panzer-Division hatteeineenglische
BatterieaufdemExerzierplatz gefangen, dienur mitManöverkartuschenaus-
gerüstetwar, weil niemand andiesemTagemitunseremErscheinen gerechnet
hatte.Gefangenealler Völkerbelebtenden MarktunddieStraßen.DieBeden-
ken der 2. Panzer-Division, wegen Betriebsstoffknappheit den Marsch fortzu-
setzen, warenbald zerstreut. Sieerhieltden Befehl, noch heuteAbbevillezu
erreichenundhatdiesesZiel auch überDoullens—Bernaville—Beaumetz—Saint
Riquier gegen 19Uhr erreicht.Allerdingswurdesiedortdurch einenBomben-
angriff eigener Flieger zeitweiseineineungemütlicheLagegebracht. Nachdem
ichnochdenKommandeur der 2. Panzer-Brigade, den rührigenOberstvon Pritt-
witz aufgesuchthatte, umsicher zugehen, daßer aufAbbevilleanträte, begab
ichmich nachQuerrieu, nordostwärtsAmiens, in dasdorthin verlegteKorps-
hauptquartier.Hier wurdenwir vonunserenFliegern angegriffen. Daswar ein
so unfreundlicher Akt, daßunsereguteFlak wiederschoßundeinen der unauf-
merksamen Vögelherunterholte. Diebeiden Insassen sprangen mitFallschirm
abundsahensich zuihrer unangenehmen Überraschungbalddaraufmir gegen-
über.Nachdemder erstepeinlicheTeil der Unterhaltungvorüberwar, stärkte
ichdiejungenLeutedurcheinGlasSekt.Leider hattensiemir einegeradeneu
eingetroffeneAufklärungsmaschineamBoden zerstört.
Nochindieser NachterreichtedasBataillon Spittader 2.Panzer-Division als
erstedeutscheTruppeüberNoyellesden Atlantik.
Wir wußtenamAbenddiesesdenkwürdigenTagesnicht, inwelcher Richtung
wir dieBewegungenfortsetzensollten; auchdiePanzergruppevonKleisthatte
noch keinen Befehl überdieWeiterführungder Operationen. Der 21. 5. ging
also mitWarten aufBefehleverloren.Ichbenutzteihn, ummir dieBesetzung
der Somme-Übergängeund BrückenköpfeanzusehenundAbbevillezubesuchen.
UnterwegsfragteichmeineMänner,wieihnen diebisherigenOperationen ge-
fallen hätten.„Ganzgut", antworteteein Österreicherder 2. Panzer-Division,
„aberzwei Tagehabenwir vertrödelt*.Leider hatteer recht.
101
Die Eroberung der Kanalküste
Am21.5.kamdann der Befehl zur Fortsetzungder Bewegungennach Norden
zur Wegnahmeder Kanalhäfen.Ichwolltedie10.Panzer-Division überHesdin—
St.Omer auf Dünkirchen,die1.aufCalaisunddie2.aufBoulogneansetzen,
mußtejedochdiesenPlanfallen lassen, weildiePanzergruppesichdurchBefehl
vom22.5., 6Uhr die10.Panzer-Division alsGruppenreservezurückbehielt.Mir
standenalso fürdenVormarsch am22.5.nur die1.und2.Panzer-Division zur
Verfügung.DieBitteumBelassungaller drei Divisionen imInteresseeiner
raschen Wegnahmeder Kanalhäfenbliebleider unberücksichtigt.Daher mußte
auf den sofortigen Ansatz der 10.Panzer-Division auf Dünkirchenverzichtet
werden.Ichtatdiessehr schwerenHerzens! Die1.Panzer-Divisionmitdemin-
zwischen von Sedan herangekommenen I.R.„G.D."wurdenunmehr überSa-
nier—DesvresaufCalais, die2. längsder KüsteaufBoulogneangesetzt.
Am21.5.tratnördlichvonunsnocheinbemerkenswertesEreignisein; eng-
lischePanzer versuchteninRichtungParisdurchzubrechen.Sietrafen bei Arras
auf diebisdahin nochnichtimFeuer geweseneSS-Division .Totenkopf" und
richteten einigePanik an.Durchgekommen sindsienicht, aber sieübtendoch
einegewisseWirkungaufdenStabder PanzergruppevonKleistaus, der plötz-
lichetwasnervöswurde.Nach unten hatsich dieWirkungaber nichtausge-
breitet.DasXLI.A.K.erreichteam21.5.mitder 8.Panzer-DivisionHesdin, mit
der 6.Panzer-DivisionBoisle.
DieBewegungen begannen am22.5. früh.Um8Uhr wurdeder Authie-Ab-
sdinittnachNorden überschritten.Der VormarschnachNordenkonntenichtmit
allen Kräftender 1.und2.Panzer-Divisionangetretenwerden, weil von beiden
Divisionen, vor allemvonder 2., Sicherheitsbesatzungeninden Somme-Brüdten-
köpfenstehen bleiben mußten,bisdieAblösungdurchdasunsfolgendeXIV.
A.K.desGeneralsvonWietersheimerfolgen konnte, denwir schonbei Sedan
ingleicher Missionkennenlernten. (Siehe Anlage 15und 16)
AmNachmittagdes22.5.kamesbei Desvres, Samer und südlichBoulognezu
heftigen Kämpfen.Franzosen hauptsächlich,aber auch Engländer,Belgier und
sogar einigeversprengteHolländerstandenunsgegenüber.Der Gegner wurde
geworfen. Aber diefeindlicheLuftwaffewar sehr rege, bombardierteunsund
beschoßunsmitBordwaffen, währendwir vonunserer eigenenFliegerei wenig
mehr merkten.DieAbsprunghäfenwaren weitentferntundihreVorverlegung
anscheinend nichtschnell genugmöglich.Trotzdemgelanges, inBoulogneein-
zudringen.
Der Korpsgefechtsstand wurdenachRecquesverlegt.
Die10.Panzer-Division wurdedemKorpsnunmehr wieder unterstellt. Ich
entschloßmich, diebereitsbisdichtvor Calaisgelangte1.Panzer-Division so-
fortauf Dünkirchenanzusetzenund dieausdemRäumeumDoullensnachfol-
gende10.anihrer StelleüberSamer aufCalais, dessen Eroberungnoch Zeit
102
hatte.UmMitternachtbefahl ichdurchFunkspruchder 1.Panzer-Division:„Auf-
schließenbis23.5., 7Uhr nördlichCanche-Bach, weil 10.Panzer-Division hinter
Divisionfolgt.2.Panzer-Division inBoulogneeingedrungen.Teiledieser über
Marquiseam23.5.bisCalais. 1.Panzer-Division erreichtzunächstLinieAu-
druicq—Ardres—Calaisundschwenktsodann ostwärtsein, umin ostwärtiger
RichtungüberBourbourg—Ville—Gravelinesauf Bergues—Dünkirchenvorzu-
gehen. Südlichgeht10.Panzer-Division vor. Ausführungauf Stichwort„Ab-
marschOst".Antreten sodann 10,00 Uhr."
DiesemFunkspruchfolgteam23.5. frühder Ausführungsbefehl:„AbmarschOst
10.00Uhr. VorstoßsüdlichCalaisvorbei aufSt.Pierre-Brouck und Gravelines."
Am23.5.setztedie1.Panzer-DivisionihrenVormarschinRichtungGravelines
unter Gefechtenfort, währenddie2.Panzer-DivisionumBoulognekämpfte.Der
SturmaufdieStadttrugeinen eigenartigenCharakter, dadiealteStadtmauer
eineZeitlangdasEindringenunserer Panzer und Schützenverhinderte. Mit
Hilfevon Küchenleiternundder tatkräftigenSpracheeiner 8,8-cm-Flak gelang
es, inder Näheder KathedraleüberdieMauer undindieStadtzukommen.Es
kamdannnochzuKämpfenamHafen, inderenVerlaufeinbritischesTorpedo-
bootdurdi einenPanzer versenktundmehrereanderebeschädigtwurden.
Die1.Panzer-Division erreichteam24.5.denAa-Kanal zwischen Holcrueund
der Küsteundgewann Brückenköpfebei Holque, St.Pierre-Brouck, St.Nicolas
undBourbourgville,- die2.Panzer-Division säuberteBoulogne; die10.Panzer
Divisiongelangtemitder MassebisindieLinieDesvres—Samer.
DemKorpswurdedieLeibstandarde.AdolfHitler"unterstellt.Ichsetztediesen
VerbandaufWattenan, umdemAngriffder 1.Panzer-Division inRichtungauf
Dünkirchenmehr Nachdruck:zuverleihen.Die2.Panzer-Division erhieltBefehl,
alleinBoulogneentbehrlichen Kräfteausder StadtherauszuziehenundinRich-
tungWatteninMarschzusetzen.Die10.Panzer-Division schloßCalaisein und
bereitetesichzumAngriffaufdiealteSeefestungvor.IchbesuchtedieDivision
imLaufedesNachmittagsundbefahl ihr, plangemäßvorzugehen, umVerluste
zusparen. Fürden 25.5.solltesiedurch schwereArtillerie, diebei Boulogne
entbehrlichwurde, verstärktwerden.
DasXXXXI.A.K.unter Reinhardthattebei St.Omer einen Brückenkopfüber
dieAagebildet.
Der verhängnisvolleHalt-Befehl Hitlers
AndiesemTageerfolgteeinEingriffder Obersten FührungindieOperationen,
der denVerlauf desganzen Kriegesin der nachteiligsten Weisebeeinflussen
sollte. Hitler hielt denlinken Heeresflügelander Aa an. DasUberschreiten des
Flüßchenswurdeverboten. Der Grund wurdeunsnichtmitgeteilt. Der Befehl
enthieltdieWorte: „Dünkirchenistder Luftwaffezuüberlassen.WenndieEr-
oberungvonCalaisaufSchwierigkeiten stößt,istauchdiesesder Luftwaffezu
überlassen."Der InhaltdesBefehlswirdnachdemGedächtniswiedergegeben.
104
Wir warensprachlos.InUnkenntnisder Gründehieltesaber schwer, demBe-
fehl zuwidersprechen.DiePanzer-Divisionenerhielten also dieWeisung:„Ka-
nalliniehalten. Stillstand zur Instandsetzungausnutzen."*)
RegefeindlicheFliegertätigkeitfand keineeigeneGegenwehr.
Am25.5. frühbegabichmichnachWatten, umdieLeibstandarteaufzusuchen
undmichzuüberzeugen, daßder BefehlzumHalten durchgeführtsei.InWatten
angelangt, fand ichdieLeibstandarteimVorgehen überdieAa.Auf demjen-
seitigenUfer lagder Wattenberg, eineErhöhungvon72m, dieindemflachen
Marschland aber genügte,umdieganzeUmgegend zubeherrschen. Auf dem
Hügeltrafichineiner altenBurgruinedenKommandeur, SeppDietrich.Meine
Frage, warumder Befehl nichtausgeführtsei, wurdedamitbeantwortet, daß
der WattenbergeinemaufdemanderenUfer „überallindenMagen sähe",und
SeppDietrichsichdaher am24.5.entschlossenhabe, ihnkurzerhandzunehmen.
DieLeibstandarte, undebenso 'inksneben ihr dasLR. „G.D."waren imVor-
gehen inRichtungaufWormhoudt—Bergues.Angesichtsdieser günstigenEnt-
wicklungbestätigteichden Entschlußder FühreranOrtund Stelleund sorgte
für dasNachziehen der 2.Panzer-Division, umdemVorgehen einen Rückhalt
zugeben.
BoulognefielandiesemTagevollendsinunsereHand.Die10.Panzer-Division
standbereitsimKampfumdieZitadellevonCalais.Der englischeKommandant,
Brigadier Nicholson, hatteaufdieAufforderungzur Kapitulationdielakonische
Antworterteilt: „Theanswer isno, asitistheBritisharmy'sdutytofightas
well asitistheGerman's."Also mußtegekämpftwerden.(SieheAnlage 17)
Am26.5.fiel CalaisindieHand der 10.Panzer-Division.Mittagswar ichauf
demDivisions-Gefechtsstand und fragteden Kommandeur, General Schaal, ob
er dieFestungder Luftwaffeüberlassenwolle, wiebefohlenwar.Er verneinte,
weil er dieWirkungunserer BombengegendiedickenMauernund Erdauflagen
der alten Werkefür unzulänglichhieltund wegen einesBombenangriffsdie
bereitserreichtenStellungen amRandeder Zitadellewieder hätteräumenund
dann erneuterobern müssen.Ich konnteseiner Ansichtnur beipflichten. Um
16.45Uhr kapituliertendieEngländer.20000Gefangene, darunter 3—4000Eng-
länder,der RestFranzosen, Belgier und Holländer,welchegroßenteilsnichtmehr
hatten kämpfenwollenund daher von den Engländernin Kellern eingesperrt
waren, gerieteninunsereHand.
In Calaistrafichzumerstenmal seitdem17.5.den General von Kleistund
erhieltseineAnerkennungfürdieLeistungender Truppe.
AndiesemTagewarenwir erneutbemüht,denAngriffinRichtungDünkirchen
vorzutragenunddenRingumdieSeefestungzuschließen.Aber dajagten sich
dieBefehlezumAnhalten. Angesichtsvon Dünkirchenwurden wir gestopptI
*) Vgl.hierzuv. Loßberg, ImWehrmachtsführungsstab, S.81(H.H. Nölke-Verlag
Hamburg).
105
Wir sahen diedeutschen Luftangriffe. Wir sahen aber auch diekleinen und
großenSchiffsgefäßealler Art, mitdenendieEngländerdieSeefestungverließen.
AufmeinemGefechtsstanderschienandiesemTageGeneral von Wietersheim,
umdieAblösungdesXIX.A.H.durch dasXIV.A.K.vorzubereiten. Dievor-
dersteDivisiondiesesKorps, die20.(mot.) I.D.wurdemir unterstelltundrechts
neben der Leibstandarte.AdolfHitler* eingeschoben. (Siehe Anlage 18)Bevor
dieseBesprechungerfolgte, ereignetesichnocheinkleinesZwischenspiel. Der
Kommandeur der Leibstandarte, SeppDietrich, gerietaufdemWegezur Front
indasMaschinengewehrfeuer von Engländern,dieineinemeinzeln stehenden
Hausehinter unserer Angriffsfrontverbliebenwaren.SieschössenseinenWagen
in Brand und zwangen ihn und seineBegleiter, imStraßengrabenSchutz zu
suchen.DietrichkrochmitseinemAdjutanten ineineRöhreunter einemUber-
wegundbestrichsichzumSchutzgegendasindenGraben fließende, brennende
BenzindesWagensGesichtund HändemitfeuchtemLehm.DurchdieHilferufe
einer demKommandeurwagen folgenden Funkstellewurden wir aufdieunge-
mütlicheLageDietrichsaufmerksamundkonntendasindiesemAbschnittvor-
gehendePanzer-Regiment3der 2.Panzer-Divisionbeauftragen, ihnzubefreien.
Total beschmierterschien er balddarauf aufmeinemGefechtsstand und mußte
zumSchadenauchnochdenSpottaufsichnehmen.
Erstam26.5.mittagsgabHitler dasVorgehen auf Dünkirchenwieder frei, als
esfüreinen großenErfolgzuspätwar. (Siehe Anlage 19)
Nochinder Nachtvom26.zum27.5.wurdedasKorpszumerneuten Angriff
angesetzt.Die20.(mot.) I.D., welcher dieLeibstandarte.Adolf Hitler"und das
I.R.,G.D."unterstelltwurdenundder eineVerstärkunganschwerer Artillerie
zugeführtwurde, erhieltWormhoudtalsZiel. Die1.Panzer-Division wurde
angewiesen, sich, vomrechten Flügelbeginnend, demAngriff anzuschließen,so-
bald er Geländegewann.
LR..G.D.* erreichteunter wirksamer Unterstützungder 4.Panzer-Brigadevon
der 10.Panzer-Division semZiel, dasHöhengeländevon Crochte—Pitgam. Die
Panzer-Aufklärungs-Abteilungder 1.Panzer-Division nahmBrouckerque.
StarkefeindlicheTransportbewegungen überSeevon Dünkirchenauswaren
zuerkennen.
Wir erreichten biszum28.5.nochWormhoudtundBourbourgville.Am29.5.
fiel GravelinesindieHandder 1.Panzer-Division.Der Abschlußder Eroberung
DünkirchensvollzogsichjedochohneunsereMitwirkung.DasXIX.A.K. wurde
am29.5.durchdasXIV.A.K. abgelöst.(Siehe Anlage 20)
Siehätteeinen wesentlich kürzerenVerlauf genommen, wenn dieOberste
FührungdasXIX.A.K.nichtwiederholtangehalten unddamitseinen raschen
Siegeslauf gehemmthätte.Welchen Gangder Krieggenommen hätte,wenn es
gelungen wäre,diebritischen Expeditionskräftedamalsbei Dünkirchengefangen
zunehmen, läßtsichschwer ausmalen.Jedenfallswäreneiner überlegtenDiplo-
matieauseinemsolchen militärischenErfolgguteChancen erwachsen. Diese
106
Möglichkeitwurdeleider durch dieNervositätHitlersverspielt.DieBegrün-
dung, dieer nachträglichfürdasAnhaltenmeinesKorpsgab, dasflandrische
Geländesei wegenseiner vielen Gräbenund KanälefürPanzer ungeeignetge-
wesen, trafnichtzu.
Michbeseelteam26.Mai dasGefühlder Dankbarkeitgegenübermeiner bra-
venTruppe.IhmgabichinnachstehendemKorpsbefehl Ausdruck:
Soldaten desXIX. Armeekorps!
SiebzehnKampftageinBelgienundFrankreichliegenhinter uns.EinWegvon
rund600kmtrenntunsvon der GrenzedesReiches.DieKanalküsteund der
AtlantischeOzean sind erreicht.Ihr habtaufdiesemWegediebelgischenBe-
festigungen durchstoßen,den Maas-Ubergangund den Durchbruch durch die
Maginot-Linieauf demdenkwürdigenSchlachtfeld von Sedan erzwungen, das
wichtigeHöhenmassivvon Stonnegenommen undalsdann inschnellemZufas-
sen überSt.QuentinundPeronnedieuntereSommebei Amiensund Abbeville
erkämpft.DurchdieEroberungder Kanalküstemitden Seefestungen Boulogne
undCalaishabtihr eurenTatendieKroneaufgesetzt.
Ich hatteeuch aufgefordert, 48Stunden nichtzuschlafen. Ihr habt17 Tage,
durchgehalten.Ichhatteeuchgezwungen, Flanken- und Rückenbedrohungenauf
euchzunehmen.Ihr habtniegeschwankt.
In vorbildlichemSelbstvertrauen und imGlauben an dieErfüllbarkeiteures
Auftragesseidihr jedemBefehl mitHingabenachgekommen.
Deutschland iststolz aufseinePanzer-Divisionen, und ichbin glücklich,euch
zuführen.
Wir gedenkeninEhrfurchtunserer gefallenen Kameradenuudsind gewiß, daß
ihr Opfer nichtumsonstgebrachtwurde.
Nun rüstenwir zuneuen Taten.
FürDeutschlandund fürunseren FührerAdolf Hitler.
gez. Guderian.
Winston Churchill spricht inseinen Erinnerungen anden zweiten Welt-
kriegBd.II, S.100ff. der deutschen AusgabeJ.P.Toth-Verlag, dieVermutung
aus, Hitler habedurch Anhalten der Panzerverbändevor DünkirchenEngland
einebessereFriedenschancegebenoder dieAussichten fürDeutschland verbes-
sernwollen, zueinemgünstigenFrieden mitEngland zugelangen.Weder da-
malsnoch späterhabeicheineBestätigungdieser Auffassungerhalten.Auch die
VermutungChurchills, daßRundstedtdiePanzerverbändeauseigenemEnt-
schlußangehalten habe, istunzutreffend. AlsBefehlshaber an Ortund Stelle
kann ichferner versichern, daßder geschilderteheroischeWiderstandvon Ca-
laiszwar alleAnerkennungverdient, aber aufdieEreignissevor Dünkirchen
keinen Einflußausgeübthat.RichtigdagegenistdieVermutung, daßHitler und
107
vor allemGöringdiedeutscheLuftüberlegenheitfürausreichend hielten, um
denAbtransportder britischenTruppen überSeezuverhindern.Indieser Auf-
fassungbefanden siesich in einemfolgenschweren Irrtum, dennnur eineGe-
fangennahmeder britischen ExpeditionsarmeehättedieNeigungGroßbritan-
nienszueinemFriedensschlußmitHitler stärkenoder dieAussichtaufeinGe-
lingeneiner etwaigenLandunginEngland gewährenkönnen.
InFlandern erhieltich dieNachrichtvon der Verwundungmeinesältesten
Sohnes, dieaber zumGlücknichtlebensgefährlichwar.Mein zweiter Sohn er-
hieltinFrankreichdasEiserneKreuz II.undI.Klasse.Trotz Tätigkeitin einer
Panzer-Aufklärungs-Abteilungblieber unversehrt.
Am20.5. hatteGeneral Kirchner dasRitterkreuz erhalten. Ihmfolgten am
3.6.General Veiel, OberstFischer (10.Panzer-Division), OberstleutnantBalck
(1.Panzer-Division), OberleutnantEtzold von den Kraftradschützen, Leutnant
Hanbauer, Schützen-Regiment86, undFeldwebel RubarthvondenPionierender
10.Panzer-Division.Ihnenfolgten späternochweitereAuszeichnungen.
Der Durchbruchzur Schweizer Grenze.
Am28.5.befahl Hitler dieBildungeiner Panzergruppeunter meinemBefehl.
DasGeneralkommando wurdenachSigny-le-Petit, südwestlichCharleville, ver-
legt, umdieVorbereitungen fürdieFortsetzungdesFeldzugeszutreffen.Estraf
dortam1.6. ein.IndenerstenTagendesJuni vollzogsichsodann imRäume
südwestlichCharlevilledieZusammenstellungder .PanzergruppeGuderian".
Der StabwurdeausdembisherigenGeneralkommando XIX.A.K.gebildet. Der
bewährteOberstNehringbliebChef desStabes, Major Bayerlein la, Oberst-
leutnantRiebel Adjutant.Der Panzergruppewurden unterstellt:
DasXXXIX.A.K.(GeneralSchmidt) mitder 1.und2.Panzer-Divisionund der
29.(mot.) Infanterie-Division,
dasXLI.A.K. (General Reinhardt) mitder 6.und8.Panzer-Division und der
20.(mot.) Infanterie-Division,
sowieeinigeder Gruppeunmittelbar unterstellteVerbände.
DiePanzergruppeselbstwurdeder 12.ArmeedesGeneraloberstListunter-
stellt.
DieMarschleistungenbiszumErreichender neuen Versammlungsräumewaren
erheblich, besondersfürdievon der Küsteanrückende1.und2. Panzer-Divi-
sion.DieGesamtstreckebetrug250km; durchUmleitungeninfolgevon Brücken-
zerstörungenwurdesiejedochbei einigenMarschgruppenbiszu100kmlänger.
StarkeErmüdungserscheinungenbei Menschen und Material machten sichgel-
tend.ZumGlückkonnteder TruppeeineErholungs- undInstandsetzungsfristvon
einigen Tagen gewährtwerden, so daßsieausgeruhtund einigermaßenmate-
riellaufgefrischtandieneueAufgabegehen konnte.
108
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Durchdenso glücklichverlaufenenerstenTeildesFeldzugesimWesten waren
diegesamtenfeindlichen StreitkräfteinHolland, BelgienundNordfrankreich aus-
geschaltet. Der RückenfürdieFortsetzungder Operationen nach Südenwar
frei.Bei dieser Gelegenheitwar esgelungen, dieMasseder feindlichen Panzer-
undmotorisiertenTruppenzuvernichten.Bei dembevorstehendenzweiten Teil
desFeldzugeskonnteessichalso hauptsächlichnur darumhandeln, den Rest
desfranzösischenFeldheeres, einschl.zweier britischer Divisionen etwanoch
70Divisionen, zuschlagenundalsdanneinenvorteilhaftenFriedenzuschließen
—soglaubtenwir damalsjedenfalls.
Der Aufmarsch fürdieFortsetzungdesKampfesvollzogsichaufdemrechten
Heeresflügelander Sommeschneller alsinder Mitteander Serreund Aisne.
Der Angriff der HeeresgruppevonBockkonntedaher bereitsam5.6.beginnen,
währendder der HeeresgruppevonRundstedtaufden9.6.festgesetztwurde.
ImRahmender HeeresgruppevonRundstedthattedie12.Armeeden Auftrag,
zwischen Chäteau-PorcienundAttigny dieAisneunddenAisne-Kanal zuüber-
schreiten und sodann in südlicherRichtungweiter vorzustoßen.Der Ubergang
überden FlußunddenihnbegleitendenKanal solltean8StellendurchdieIn-
fanteriekorpserzwungen werden. Nach Herstellungvon Brückenköpfenund
nach demBrückenschlagsollten sodann diePanzer-Divisionen meiner Gruppe
durchdieInfanteriehindurch angreifen, dasfreieFeldgewinnenund—jenach
demVerlauf—in RichtungParisoder Langresoder Verdun vorgehen. Als
erstesZiel wurdemir dasPlateauvonLangresgesteckt; spätestensdortsollte
ichweitereBefehleerhalten.
IchbatdenOberbefehlshaber der 12.Armee, mir zugestatten, meineDivisio-
nenanbestimmten ÜbergängenvonvornhereinindievordereLiniezunehmen
unddenUbergangüberdieAisneselbstzuerkämpfen,weilichvondemDurch-
ziehen durchdieInfanteriekorpsmitihren großenTrossenVerstopfungen der
Straßenund Führungsschwierigkeitenbefürchtete.Der Oberbefehlshaber wollte
aber diePanzerverbändefürdenentscheidendenDurchbruchschonenund lehnte
daher meineBitteab.DiePanzergruppewurdealso derarthinter den Infan-
teriekorpsbereitgestellt, daßsiemit4Panzer-Divisionenauf8 verschiedenen
BrückenstellenüberdieAisnevorgehen sollte, sobaldder Brückenschlagbe-
endetsei.Diebeiden mot.Infanterie-Divisionen solltendenPanzer-Divisionen
ihrer Korpsfolgen. VoraussetzungfürdasGelingen diesesPlaneswar aller-
dings, daßden Infanteriekorpsder FlußübergangunddasBildender Brücken-
köpfegelang.
DieTrennungsliniezwischen demXXXIX.und demXU.A.K.liefvon Wa-
signy überRethel—Juniville—Hauvine—Auberive—Suippes—St. Remy—Tilloy
(OrtezuXXXIX.)—Vanault—Sogny—Pargny (OrtezuXLI.).
Am8.6.verlegtenwir denGefechtsstand der PanzergruppenachBegny.
110
Am9.6., demersten Angriffstag, der 12.Armee, begab ichmich auf eineBe-
obachtungsstelledichtnordostwärtsRethel, ummichdurcheigenen Augenschein
vomFortschreitendesInfanterieangriffszuüberzeugenunddenAugenblick zum
Antretennichtzuverpassen.Nachdemvon5bis10Uhr nichtszuerkennen war,
entsandteichmeineOrdonnanzoffizierezuden nächsten, seitwärtsgelegenen
BrückenstellenindievordereLinie, umfestzustellen, obdieInfanterieüberdie
Aisnegelangtsei.Bis12 Uhr hatteichvon der FrontbeiderseitsRethel die
Meldung, daßder Angriff aufder Frontvon Rethel gescheitertsei.MeineBe-
obachter vonden anderenFronten berichteten, daßesnur bei Chäteau-Porcien
gelungen wäre,einenkleinen Brückenkopfvon 1bis2kmTiefezubilden.Ich
setztemichmitdemChefdesStabesder Armee, demmir befreundeten General
vonMackensen, inVerbindungund batihn, demOberbefehlshaber zumelden,
daßichunter diesen Umständenvorschlüge,diePanzer erstin der Dunkelheit
indeneinzigen Brückenkopfvorzuziehen, umamnächstenMorgenden Durch-
bruch andieser Stellezuerzwingen.Ichbegabmichsodann überdasGeneral-
kommando desIII.A.K. unter General Haase, wo ichmich kurz orientieren
ließ,nach Chäteau-Porcien.Nach BesichtigungdesBrückenkopfestraf ichdicht
nördlichdesStädtchensden Kommandierenden General meinesXXXIX.A.K.,
General Schmidtund General Kirchner, undbesprach mitihnen den Anmarsch
und dasEinrückender 1.Panzer-Division in den Brückenkopfvon Chäteau-
Porcien.DieBewegungen sollteninder Dämmerunganlaufen.
Kurz daraufbegegneteichdemOberbefehlshaber, GeneraloberstList, der, von
Norden kommend, an Teilen der 1.Panzer-Division vorbeigefahren war und
dabei mitUnwillenfestgestellthatte, daßeineAnzahl PanzermännerdieRöcke
ausgezogen, einzelnesogar einBadimnahenBachgenommenhatten.Ichwurde
heftigzur Redegestellt, weshalbdieTruppenichtschon in dieBrückenköpfe
imVorgehensei.AufGrundmeiner soebengewonnenen persönlichenEindrücke
konnteichnur erwidern, daßesnicht möglichsei vorzugehen, bevor die
Brückenköpfegewonnen und genügendgroßgemachtwären, daßferner das
Nichtvorhandensein der BrückenköpfenichtzuLasten der Panzertruppeginge.
Eswar kennzeichnend fürdieritterlicheArtvonGeneraloberstList, daßer mir
sofortdieHandhinstreckteundsichinruhiger WeiseüberdieFortführungdes
Angriffsmitmir unterhielt.
NachkurzemAufenthaltaufdemGruppengefechtsstand begabichmich wieder
nach Chäteau-Porcieninden Brückenkopf,umdasEinrückenmeiner Panzer zu
überwachenund mitdemInfanterie-Divisionskommandeur Fühlungaufzuneh-
men.IchtrafdenGeneral Lochvonder 17.Infanterie-Division imBrückenkopf
anundkonnteunsereMaßnahmeninEinklangbringen.Bis1Uhr nachtsblieb
ich vorne, sprach dann noch den Verwundeten meiner Panzer und Aufklärer,
dieander BrückenstelleaufAbtransportwarteten, meinenDank fürihr tapferes
Verhalten ausund fuhr zur BefehlsausgabezumeinemGefechtsstand Begny
zurück.
111
ImLaufedesNachmittagskonntenwestlichund ostwärtsvon Chäteau-Porcien
zwei flache Brückenköpfegewonnenwerden, wodurchdie2. Panzer-Divisionund
weitereTeileder1. die MöglichkeitzumFlußübergangerhielten.
DerAngriff meinerPanzersollteam10. 6. um6,30Uhrbeginnen. Ich war
pünktlichvorneundbrachteBewegungindiezuweit rückwärtshaltendenBa-
tailloneder1. Schützen-Brigade.IndervorderenLiniederInfanteriewurdeich
zumeinerÜberraschungerkannt underfuhrauf Befragen, daßichmichbei dem
aus WürzburgstammendenRegiment 55befand, dessenOffiziereund Unteroffi-
zieremichnochausderZeit kannten, alsichKommandeurder2. Panzer-Divi-
sionindieserschönen,jetzt leidervölligzerstörtenStadt war. Die Begrüßung
warherzlich. DerAngriff derPanzerundInfanteriebeganngleichzeitigundvon
gegenseitigemVertrauengetragen. InflottemTempoginges überAvanconund
Tagnonauf NeuflizeanderRetourne. DiePanzerfandenimfreienFeldekaum
Widerstand, dadieneue französischeTaktiksichauf dieVerteidigungderDör-
ferund Waldstückekonzentrierte, währenddasfreieFeldausRespekt vorden
Panzern frei gelassenwurde. SofandunsereInfanterie inden Dörfernzähen
WiderstandimHäuser-undBarrikadenkampf, währendderStoßderPanzer—
nurdurchwenigwirksames RückenfeuerfranzösischerschwererArtillerie von
dernochhaltendenFront bei Rethel belästigt—unaufhaltsambis andieRe-
tourne durchbrachund bei Neuflize den sumpfigen, angestauten Bach über-
schritt. Die 1. Panzer-Division setzteihrenAngriff nunmehrauf beiden Seiten
derRetournefort, mit der1. Panzer-Brigade südlichdesBaches, mit den Schützen
unterBalck nördlichdavon. Inden frühenNachmittagsstundenwurdeJuniville
erreicht, alsderGegnermit starken PanzerkräftenzumGegenangriff antrat. Es
kamsüdlichJuniville zu einerPanzerschlacht, die nach etwa zweistündiger
Dauerzuunseren Gunstenentschiedenwar. AuchJunivillefiel imLaufedes
NachmittagsinunsereHand. Balck erobertedabei persönlicheine französische
Regimentsfahne. DerGegnergingauf laNeuville zurück. WährendderPanzer-
schlacht versuchteichvergeblich, mit einerfranzösischen4,7-cm-Beute-Pak einen
CharBzurStreckezubringen; alleGeschossepralltenwirkungslosandemDick-
häuterab. Unsere3,7-und2-cm-Kanonenwarenebensounwirksamgegendiesen
Feind. WirmußtendahereineReihebittererVerluste hinnehmen.
Inden spätenNachmittagsstunden spieltensich nördlichJuniville gleichfalls
heftige Kämpfemit französischenPanzernab, dieaus RichtungAnnelles auf
Perthes zumGegenstoßangetretenwaren, aberabgewiesenwerden konnten.
Inzwischenwardie2. Panzer-Divisionwestlich Chäteau-PorcienüberdieAisne
gelangt undimVorgehennach Süden.SieerreichtebiszumAbendHoudilcourt—
St. Etienne. Das Korps Reinhardt, das dieAisnenochnicht imvorgesehenen
Raumüberschreitenkonnte, gingmit Teilenhinterder1. Panzer-Division über
den Fluß.Eswaraberdamit zurechnen, daßdieWegnahmevonJunivilleden
Widerstandbei Rethel baldzumErliegenbringen würdeunddamit demKorps
Bewegungsfreiheit verschaffte.
112
Abb. 9/Wie auf demExerzierplatz: Panzer imVorgehen
(Champagne imJuni 1940)
Gruppengefechtsstand anderAisneimBoisdeSevigny, südostwärtsChäteau-
Porcien. Dorthin fürdieNacht. Ichwarf mich todmüdemit derMützeauf dem
Kopf auf einBundStrohundschlief sofort ein. DerfürsorglicheRiebel ließein
Zelt übermirbauenundsorgte durchAufstellen einesPostens, daßich drei
Stundennicht gestörtwurde.
Am11.6. frühbei laNeuvillezumAngriff der1. Panzer-Division. Baldezeigte
mirdieeroberteFahne. DerAngriff vollzogsichwieauf demTruppenübungs-
platz: Artillerievorbereitung, VorgehenderPanzerund Schützen, Umfassung
desOrtes, DurchbruchinRichtungBetheniville—wohlbekannterOrt aus dem
ersten Weltkriege. AnderSuippeversteifte sich derWiderstand. DerFeind
griff vergeblichmit 50Panzernan, wahrscheinlich französische7. leichteDivi-
sion. DieOrteNauroy, BeineundSt. Hilaire-le-Petit wurden genommen.
Die2. Panzer-DivisionerreichteEpoye, die29. (mot.) I.D. denWald südwest-
lichdieses Ortes.
Das links neben demXXXIX. aufmarschierende XLI. A.K. unterReinhardt
mußtedenAngriff derfranzösischen3. merh. Divisionundder3. Panzer-Divi-
sion, dieausdenArgonnenheraus gegenseinenlinken Flügel vorgingen, ab-
wehren, bevordieBewegungin südlicherRichtungfortgesetzt werdenkonnte.
AmNachmittag zurückzumGruppengefechtsstand auf dieNachricht, daßder
Oberbefehlshaberdes Heeres diePanzergruppe besuchen wolle. Ichtraf Ge-
neraloberst von Brauchitsch bereits auf demGefechtsstand an und berichtete
ihmüberdieLageanderFont unddieweiterenAbsichten. NeueWeisungen
erhielt ichnicht. AbendswurdederGefechtsstandnachJunivilleverlegt.
Am12.6. wurdederAngriff fortgesetzt. Das XXXIX. A.K. wurde mit der
2. Panzer-Divisionauf Chälons-sur-Marne,mit der29. (mot.) I.D. undmit der
1. Panzer-Division auf Vitry-le-Francois angesetzt. Das XLI. A.K. sollte mit
rechtemFlügel überSomme-Pyauf Suippes vorgehen.
DieBewegungenlittenunterdemungestümenNachdrängendernunmehrüber
dieAisne gelangten Infanterie, die die kämpfendenPanzerverbändestellen-
weiseeinholteundwegen ungenügenderAbgrenzungderGefechtsstreifen sich
mit ihnenvermischte. BittenbeimArmeeoberkommando umRegelung blieben
erfolglos. EsgabstellenweiseanderSuippes erregteSzenenumden Vortritt.
BeideTeilewollteninvordersterLinie kämpfen.DiewackereInfanterie mar-
schierteTagundNacht, umandenFeindzukommen. Die Champagne-Berge
—mirausdemHerbst 1917bekannt —warenamMorgendiesesTages über-
schritten. Ichbegabmichzudererstmals anderFront erscheinenden29. (mot.)
Infanterie-Division unterGeneral FreiherrvonLangermann, dieichamNord-
randdesLagersvonMourmelon-le-Grandantraf. Eswargerade Befehlsausgabe
fürdenAngriff auf dasvomFeindebesetzteLagerbei derAufklärungs-Abtei-
lung. AlleKommandeurewarenhiervornezurStelle. DerBefehl warkurz und
klar. Das GanzemachteeinensehrgutenEindruck. Ichkonntemich befriedigt
weiterzur2. Panzer-Divisionnach Chälons-sur-Marnebegeben.
8 Erinnerungen eines Soldaten
113
Chälonswar bei meinemEintreffen geradeerreicht.DieMarne-Brückewar von
unseren vordersten Spähtruppenüberwunden,jedoch leider nichtsofort auf
Sprengladungen untersucht, obwohl ausdrücklichdarauf hingewiesen war, in
dieser Hinsichtsorgfältigzuverfahren.Hier flogdieBrückeindieLuft, nach-
demunsereMännersiebereitsüberschrittenhatten. UnnötigeVerluste.
Noch währendmeiner AussprachemitGeneral Veiel überdieFortsetzungder
Bewegungen wurdeichzumGruppengefechtsstand zurückgerufen,umden Be-
suchdesOberbefehlshabersder Heeresgruppe, GeneraloberstvonRundstedt, zu
empfangen.
Die1.Panzer-DivisionerreichtebiszumAbend Bussy-le-Chäteau.Siewurde
aufEtrepy amRhein-Marne-Kanal angesetzt.
BeimKorpsReinhardtfanden auchandiesemTageAbwehrkämpfegegen den
ausden Argonnen herausnach Westen drängendenGegner statt.Ich traf die
DivisionendesKorpsnachmittagsin Gegend von Machaultund konntemich
vonder Zweckmäßigkeitihrer Maßnahmenüberzeugen.Souain, Tahure, Manie
fielen inunsereHand. Auf demRückwegzumGruppengefechtsstand erneut
Schwierigkeiten mitunserenVormarschkreuzenden Infanterie-Verbänden.Ver-
geblicheVersuche, eineRegelungdurchdasOberkommando der 12.Armeezu
erlangen.
Von nun anbekamdiePanzergruppetäglichmehrmalseinander wider-
sprechendeBefehlezumEinschwenkennachOstenundzumFortsetzendesVor-
gehensnach Süden.ZuerstsollteVerdun durch Überfallgenommen werden,
dannnach Südenvorgegangen, dannaufSt.Mihielabgedreht, dannwieder nach
Südenumgeschwenktwerden.DasKorpsReinhardtbekamalledieseSchwan-
kungenalleinzukosten, daichdasKorpsSchmidtunentwegtimVorgehen nach
Südenbeließundsowenigstensinder Hälfteder PanzergruppefürStetigkeit
sorgen konnte.
Am13.6.besuchteich zunächstdasKorpsReinhardtunddie6.und8.Panzer-
Division, diesichimmer nochmitFeindausdemRaumvonVerdunundden Ar-
gonnenherumschlagen mußten.GegenAbendtrafichbei der 1.Panzer-Division
ein, diebei Etrepy den Rhein-Marne-Kanal erreichthatte. DasXXXIX.A.K.
hattebefohlen, denKanal nichtzuüberschreiten.VondiesemBefehl wußteich
nichts; er war auchnichtinmeinemSinne.Bei EtrepyfragteichBalde, den un-
ermüdlichenFührerder vordersten Teileder 1.Panzer-Division, oberdie
BrückeüberdenKanalinder Handhabe.Er bejahte.Ober aucheinen Brücken-
kopfhabe?NacheinigemZögernkameinJa.Ichwundertemich überseineZu-
rückhaltung.Ob man in den BrückenkopfauchmitdemWagen hineinfahren
könne?Ein mißtrauischerBlick, einzaghaftesJa.Also fahrenwir! ImBrücken-
kopf ein tüchtigerPionieroffizier, LeutnantWeber, der dieZerstörungder
Brückeunter Lebensgefahr verhinderthatte, undder Bataillonskommandeur der
Schützen,HauptmannEckinger, der dieBrückegenommenundden Brückenkopf
114
geschaffen hatte.IchhattedieFreude, den beiden tapferen Offizieren an Ort
und StelledasEiserneKreuz I.Klassezuüberreichen.Dann fragteich Balde,
warumer nichtweiter vorgehe; erstjetzterfuhr ichvon demHaltbefehl des
XXXIX.A.K.BaldesmerkwürdigeZurückhaltungrührtedaher, daßer den Be-
fehl bereitseigenmächtigüberschrittenhatteund sich keinen Vorwürfenaus-
setzen wollte.
Wieder standen wir, wiebei Bouvellemont, vor der VollendungdesDurch-
bruchs.Wieder durftekein Zögern, kein Halten geduldetwerden.Baldeschil-
derteseinenFeindeindruck:Er hatteschwarzeTruppen gegenüber,diemitwe-
nigArtillerieden Kanal verteidigten. Er erhieltdenBefehl, unverzüglichauf
St.Dizier vorzugehen.DieBenachrichtigungdesDivisionskommandeursund des
Kommandierenden Generalsversprach ichselber vorzunehmen.Baldetratalso
an.Ichbegab michzumDivisionsstabund veranlaßte, daßdieganzeDivision
sich inBewegungsetzte. Dann gabichGeneral Schmidtmeinen Befehl an die
1.Panzer-Division bekannt.
Schließlich,bei Einbruchder Dämmerung,trafichnachDurchfahrendesRaumes
der 29.(mot.) I.D., welcheden Kanal bei Brusson erreichthatte, dichtnördlich
Vitry-le-FrancoisdieAufklärungs-Abteilung5der 2.Panzer-Division, konnte
mich überihreLageunterrichtenundvondemVormarschauchdieser Division
überzeugen.
Am14.6. rücktenseit9Uhr deutscheTruppeninParisein.
Bei der PanzergruppeGuderian erreichtedie1.Panzer-Division noch in der
NachtSt. Dizier. FranzösischeGefangenegehörtender 3.Panzer-Division an,
ferner der 3.nordafrikanischen undder 6.Kolonial-Infanterie-Division; siemach-
ten einen übermüdetenEindruck. Weiter westlich überschrittendieübrigen
TeiledesXXXIX.A.K.den Kanal. OstwärtsEtrepy gelangtedasKorpsRein-
hardtandenRheinnMarne-Kanal bei Revigny.
Mittagstrafichnach RücksprachemitdemKommandeur der 1.Panzer-Division
in St.Dizier ein und fand alsersten meinenFreundBaldeauf demMarkt, auf
einemStuhl sitzend.Er rechnetemiteiner ruhigen Nachtnach all den Mühen
der letztenTageund Nächte.Aber ich mußteihmeineschwereEnttäuschung
bereiten.Jeschneller wir unsereBewegungenfortsetzen konnten, desto größer
mußteder Erfolgwerden.Baldeerhieltalso denBefehl, unverzüglichauf Lang-
resvorzugehen.Dieganze1.Panzer-Division folgte.Der Vormarsch wurdein
der Nachtfortgesetztund führteamfrühenMorgendes15.6.zur Kapitulation
der altenFestung.3000 Gefangene.
Die29.(mot.) I.D.wurdeüberWassyaufJuzenencourt, die2.Panzer-Division
überMontierender—SoulainesaufBar-sur-Aubeangesetzt.DasKorpsReinhardt
erhieltdieWeisung, nach Südenvorzustoßen.
DieAbsichtdesOKH, diePanzergruppeüber Joinville—Neufchäteauauf
Nancy abzudrehen, hattezwar schonihren NiederschlaginBefehlen gefunden;
jedochkonnten dieGegenbefehlenochrechtzeitigandieTruppegelangen.
115
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Am15.6. frühbegab ichmichnach Langres, traf dortgegenMittagein und
setztedie1.Panzer-Divisionnach Gray-sur-Saöne—Besancon, die29.(mot.) I.D.
aufdieSaönesüdwestlichGray, die2.Panzer-Division auf Til-Chätelan, wäh-
renddasXXXXI.A.K. ostwärtsder MarneseinesüdlicheStoßrichtungbeibehal-
ten sollte.Rechtsvon unswar dasXVI.A.K.der GruppeKleistimVorgehen
aufDijon.Um13Uhr tratdie1.Panzer-Divisionan.Dann saßichmitmeiner
kleinenGefechtsstaffel inder Offiziersmesse, vonderenGartenmaneinen guten
Uberblidc nach Osten hatte, undsorgtemich ummeinesehr tief gewordere,
offene, linkeFlanke, weil nun allmählichMeldungen kamen, daßvon Osten
her französischeKräfteimAnmarsch seien.ImLaufedesNachmittagstraf die
20. (mot.) I.D.unter General Wiktorin inLangreseinund übernahmdieSiche-
rungder linken FlankedurchVorgehen inRichtungVesoul.Westlich Langres
gingdie29.(mot.) I.D.vor.DieLagefestigtesichvonStundezuStunde.Bis
zumAbendwaren Bar-sur-Aube, Gray-sur-Saöne, Bar-le-Duc genommen.
Der französischeKommandantvonGray, General deCourzon, fielbei der Ver-
teidigungder Stadt.
Der Gruppengefechtsstand wurdeamAbend nach Langresverlegt.Dabisher
kein Befehl desOKH überdieweitereVerwendungder Panzergruppeeinge-
gangenwar, sandteichdenVerbindungsoffizier desOKH, der sichbei meinem
Stabebefand, imFlugzeugzurück,ummeineAbsichtzumelden, den Vormarsch
inRichtungaufdieSchweizer Grenzefortzusetzen.
Wir bezogeninLangresQuartier infreundlichen Bürgerhäusernund genossen
dieguteUnterbringungnachden rechtanstrengenden, letztenTagen sehr.Die
29. (mot.) I.D.erreichtePontailler s.S.; siewurdefürden16.aufPontarlier, die
2.Panzer-Divisionauf Auxonne-Döleangesetzt.DasXLI.A.K.sollteseinePan-
zer-Divisionender 20.(mot.) I.D.folgen lassen.
Am16.6.gelangtedie1.Panzer:Division bei Quitteur, nördlichGray, inden
Besitz einer unzerstörtenBrückeund überdieSaöne.EigeneFlieger bewarfen
den Brückenschlagbei GraystundenlangmitBombenundriefen Verzögerungen
hervor. Dasieanscheinend von der HeeresgruppeLeeb kamen, konnten wir
unsnichtmitihnen verständigenunddenIrrtumnichtaufklären.Verlusteent-
standenzumGlücknicht.
DasXXXIX.A.K.erreichteamNachmittagBesangon—Avanne, dasXLI.konnte
seinePanzer-Divisionen der 20. (mot.) Infanterie-Division folgen lassen und
Port-sur-Saöne,Vesoul und Bourbonnenehmen. Tausendevon Gefangenen,
darunter erstmalsauchPolen.InBesanconwurden 30Panzer erbeutet.
Am17.6.hatteOberstNehring, mein tüchtigerChef, denStabaufder kleinen
TerrassezwischenunsermQuartier unddemWallder altenFestungversammelt,
ummir in herzlichen Worten zumGeburtstagzugratulieren. Er war in der
glücklichenLage, seineWünschedurchdieMeldungvomErreichender Schwei-
116
zer Grenzedurchdie29.(mot.) I.D.zubekräftigen.Wir warenallesehr erfreut
überdiesenErfolg, undichsetztemidi unverzüglichinBewegung, umder braven
TruppezuihremEhrentagemeineGlückwünscheauszusprechen.Gegen 12Uhr
trafichinPontarlier bei General Freiherr vonLangermannein, nachdemichauf
der langenFahrtden größtenTeil der Divisionauf ihremVormarsch überholt
hatte, überallvonden Männernfreudigbegrüßt.AufunsereMeldungvomEr-
reichen der Schweizer Grenzebei Pontarlier reagierteHitler durch eineRück-
frage:„IhreMeldungberuhtaufeinemIrrtum.Gemeintistwohl Pontailler-sur-
Saöne."ErstmeineAntwort: „KeinIrrtum.BinselbstinPontarlier anSchwei
zer Grenze.", beruhigtedasmißtrauischeOKW.
Einkurzer Besuchander GrenzefolgteundeineAussprachemiteinigen der
tapferen Spähtrupp-Führer,deren unermüdlicher Tätigkeitwir diebestenFeind-
nachrichten verdankthatten, darunter mitdembesonderstüchtigenLeutnant
von Bünau,der leider späterseinLeben fürDeutschland geben mußte.
VonPontarlier befahl ichdurch Funkspruch dasunverzüglicheAbdrehen des
XXXIX.A.K. nachNordosten, und zwar mitder 29.(mot.) Infanterie-Division
aufden Pruntruter Zipfelunter SäuberungdesJuravonVersprengten, mitder
1.Panzer-Division von Besancon überMontbeliard auf Beifortund mit der
2.Panzer-Division unter Kreuzen der rückwärtigenMarschstraßender beiden
anderen Divisionen aufRemiremontan der oberenMosel.Gleichzeitigwurde
dasXLI.A.K.aufEpinalundCharmesabgedreht.
Trennungsliniezwischen XXXIX. und XLI.A.K.: Straßengabelsüdwestlich
Langres—Chalindrey—Pierrecourt—Membrey—Mailley—Vellefaux—Lure—
Plancher (OrtezuXLI.).
Zielder Bewegungen war, dieVerbindungmitder ausdemOber-Elsaßzuer-
wartenden 7.ArmeedesGeneralsDollmannherzustellen unddiefranzösischen
Kräftein Elsaß-LothringenvonihrenVerbindungennachFrankreich abzuschnei-
den.DieseschwierigeSdiwenkungum90Grad wurdemitder erwarteten Ge-
nauigkeit ausgeführt, diealleBewegungen meiner Panzer-Divisionen bisher
ausgezeichnethatte. Schwierigkeiten durch diebefohlenen Marschkreuzungen
entstanden nicht. Ich hattedieGenugtuung, abendsin meinemHauptquartier
eineWeisungder HeeresguppeLeebvorzufinden, nachwelcher meinePanzer-
gruppedieser Heeresgruppeunterstelltwurdeund inRichtungBeifort—Epinal
vorgehen solle.Wir konnten melden, daßdiebefohleneBewegungbereitsin
der Ausführungbegriffen sei.
SechsJahrespäterteilteichmitFeldmarschall Ritter von Leeb dieZelleim
Gefängnisin Nürnberg.Wir kamen andiesemdüsterenOrtaufdasJahr 1940
zusprechen.Feldmarschall Ritter von Leebhattesichseinerzeitnichterklären
können,wiedieunerwartetschnelleAusführungseinesBefehls, auf Beifort—
Epinal vorzugehen, entstanden war.Ich konnteihmnoch nachträglichdiege-
wünschteAufklärunggeben.EinheitlicheoperativeAnschauungen hatten die
Panzergruppedengleichen Entschlußfassen lassen wiedieHeeresgruppe.
118
BeimAbendessen inunserembildschönüberdemTal desDoubsbei Be-
sancongelegenenQuartier AvannehatteichdieFreudedesWiedersehensmit
meinemzweiten SohneKurt, der geradevon seiner Panzer-Aufklärungs-Abtei-
lung3zumFührer-Begleit-Bataillonversetztworden war und dieGelegenheit
einer Kurierfahrtbenutzte, ummichandiesemTagezubesuchen.
Gegen Mitternachterreichtemich ein Anruf deslader 1. Panzer-Division,
Major Wende, der meldete, daßdieDivisionsoeben Montbeliard erreichthabe
und damitdasihr vomXXXIX.A.K.gesteckteZiel.DieTruppesei aber noch
mitausreichendemBrennstoff versehen, umden Vormarsch fortsetzen zukön-
nen.Daer denKommandierendenGeneral nichterreichen könne,wendeer sich
unmittelbar anmich, umdieErlaubniszur FortsetzungdesMarschesauf Beifort
noch währendder Nachtzuerbitten. Selbstverständlicherhielter diegewünschte
Erlaubnis, zumal der Halt inMontbeliard keineswegsvon mir beabsichtigt,
sondern nur demUmstand zuzuschreiben war, daßdasXXXIX.A.K. geglaubt
hatte, der Divisionnichtdasvon mir befohleneBeifort, sondern ein Zwischen-
ziel steckenzusollen.ImentscheidendenAugenblick befand sichdann dasGe-
neralkommando imStellungswechsel und war daher fürdieDivisionnichter-
reichbar.Eswar dieGeschichtevonder Fahrkartebiszur Endstation.DieUber-
raschungdesGegnerswurdevollständig.
Nachkurzer Ruhebegabichmidi am18.6. frühaufdenWegnachBeifort, wo
ich gegen 8Uhr eintraf.Zwischen Montbeliardund Beifortstanden längsder
StraßelangefranzösischeFahrzeugkolonnen, darunter viel schwereArtillerie,
diebereitskapitulierthatten. AmEingangzuder alten Festunglagerten Tau-
sendevonGefangenen. AufdenFortswar allerdingsdiedeutscheKriegsflagge
nichtzusehen und inder Stadtwurdenochgeschossen. Aufdemfreien Platz
vor demLöwenvonBeiforthieltidi einenKraftradmelder der 1.Panzer-Division
anund fragtenachdemDivisionsstabe.Der gewandtejungeMann führtemich
nach demHotel deParis, in weldiemer seinenGeneral wußte.Dortbegrüßte
michWenck, sehr erstauntübermein frühesErscheinen, undmeldeteaufmeine
FragenachdemDivisionskommandeur, dieser sei geradeimBade.Ichhattevol-
lesVerständnisfürdasReinlichkeitsbedürfnisdesStabesnach der Hetzeder
letztenTageundbenutztedieZeitbiszumErscheinenKirchners, umdasfürdie
französischenHerren OffizierebereitgestellteFrühstückzuerproben.Dann ließ
ichmich überdieLageunterrichtenunderfuhr, daßdieDivision zunächstnur im
Besitz einesTeilesder Stadtsei, daßaber dieFranzosen sämtlicheFortsnoch
in der Hand hielten. Kapitulationsverhandlungen waren eingeleitet, führten
aber nur bei denKasernenzumZiel.DieFortsverweigerten dieÜbergabeohne
Kampf und mußtendaher angegriffen werden.
DieDivision bildeteeineKampfgruppezur Bezwingungder Fortsund der Zi-
tadelle, undgegen Mittagbegann deren Bekämpfung.AlserstesFortfiel Bas-
ses-Perches, demsodann in meiner AnwesenheitHautes-Perchesund dieZita-
dellefolgten.Dashierbei angewendeteVerfahren war sehr einfach:Einekurze
119
Beschießungdurch dieArtillerieder 1.Panzer-Division gingvoraus, dann fuh-
ren dasSchützen-BataillonEckinger auf seinen gepanzerten Mannschaftstrans-
portwagenundeine8,8cm-Flak andasFortheran, letzteregegendieKehle; die
Schützenkamen ohneVerlustean dasGlacis, saßenab, durchkletterten den
Grabenunderstiegen denWall, währenddie8,8cm-Flak dasFeuer gegen die
Kehleeröffnete.AlsdannwurdedasFortzur Übergabeaufgefordert, dienun
unter demEindruck desschnellenAngriffserfolgte.DieKriegsflaggewurdezum
Zeichender vollzogenen Übergabegehißt,unddieSturmtruppewandtesichdem
nächstenWerkzu.UnsereVerlustewarensehr gering.
WeitereTeileder 1.Panzer-Divisionunter OberstNedtwigerreichtenandiesem
TageGiromagny, nördlidi Beifort.Siemaditen 10000Gefangeneund erbeuteten
40 Mörserund 7Flugzeugenebenzahlreichemsonstigen Material.
DiePanzergruppeverlegteihr Hauptquartier andiesemTagenach Mont-
beliard.
Inzwischen hattediefranzösischeRegierungdemissioniert, undder greiseMar-
sdiall Petain hatteein neuesKabinettgebildet, dasam16.Juni ein Waffen-
stillstandsangebotmachte.
UnsereHauptaufgabewar nun, dieVerbindungmitGeneral Dollmann herzu-
stellenunddenRingumdiefeindlichen Kräftein Elsaß-Lothringenzuschließen.
Währenddie29.(mot.) I.D.unter KämpfendurchdenJurainRichtungaufden
Lomontund denPruntruter Zipfel vorging, erreichtedie2.Panzer-Division die
obereMosel bei Ruptund Remiremont. Die6.Panzer-Division unter General
KemptnahmEpinal auf ähnlicheArt, wieesder 1.bei Beifortgelungenwar.In
jeder dieser Festungen gerieten40000GefangeneinunsereHand.
Dievordersten Teileder 7.Armeeerreichten imOber-ElsaßNieder-Asbach,
südlichSennheim.
Am19.6.wurden dieBewegungenfortgesetzt und dieVerbindungmit der
7.Armeebei laChapelle, nordostwärtsBeiforthergestellt.Mitden ostwärtigen
Fortsvon Beifortgabesnoch einigeSchwierigkeiten, dann kapitulierten auch
diese. Teileder 1.Panzer-Division erstürmtenden ElsäßerBelchen und den
Ballon deServanceund nahmen umMitternachtleTillot.Die2. Panzer-Divi-
sionnahmdasFortRuptander Mosel.Der Vormarsch indieVogesenwurdein
breiter Frontangetreten.Hierbei mußtendievonNordenaufEpinal angesetzten
Infanterie-Divisionen desI.A.K.angehalten werden, weil ihr weiteresVorge-
hen auf den von Panzertruppen bereitsüberfülltenStraßenzuVerstopfungen
geführthätte.Nun gab esallerdingsheftigeBeschwerden der Infanterie, die
endlich audi zumZugekommenwollte, bei der Heeresgruppe. Ich entsandte
schleunigstmeinen la, Major Bayerlein, imFlugzeugzu Generaloberst Ritter
vonLeeb, umihn überdieGründedesStopsaufzuklären.Er kamgeradezu-
Techt, umÄrgerniszuverhüten.
120
DasHauptquartier der PanzergruppewurdenachdemVogesenbad Plombieres
verlegt, einemalten, schonden RömernbekanntenHeilbad, indemwir fürdrei
Tagegutuntergebrachtwaren.
Der Widerstandder Franzosen brachnunvollendszusammen.Am20.6.fielCor-
nimont, am21.Bussangin denVogesen.Die2.Panzer-Division erreichteSt.Arne
undTholy, die29.(mot.) I.D.DelleundBeifort. Etwa150000Gefangenewaren in
unsereHandgefallen.Bei der Ermittlungder Gefangenenzahlen kameszwischen
einigenGeneralen der Heeresgruppe„C" zueinemZwist, der durcheinen salo-
monischenSdiiedsspruch desGeneraloberstenRitter vonLeeb entsdiieden wurde,
welcher mir dieobigeZiffer zuerkannteund außerdemden schmeichelhaften
Hinweisenthielt, daßohnedasumfassendeEingreifen der Panzergruppeüber
Beifort—Epinal keinesohohen Gefangenenzahlen zustandegekommen wären.
DieGesamtzahl der Gefangenen bei der Panzergruppebelief sich seit dem
Uberschreitender Aisneaufrund 250000Mann.Dazukameineunübersehbare
MengeanMaterial aller Art.
Am22.6. schloßdiefranzösischeRegierungWaffenstillstand. DieBedingungen
wurden unszunächstnichtbekanntgegeben. Am23.6. suchteich über die
SchluchtundKaysersbergindenVogesen General DollmanninseinemHaupt-
quartier Kolmar imElsaßauf. Ich sah dieStättenwieder, an denen ich eine
glücklicheKindheitverbrachthatte.
DannwurdemeinStabnach Besancon verlegt, wowir zunächstimHotel, so-
dannimGebäudedesfranzösischenGeneralkommandosuntergebracht wurden.
Ich benutzteden Abschlußder Kämpfe,ummeinen Generalen und General-
stabsoffizieren fürihrehervorragenden Leistungen zudanken. UnsereZusam-
menarbeitwar durch keinerlei Mißklanggetrübtworden. DietapfereTruppe
hatteihreanstrengenden Aufgaben mitgrößterHingabegelöst.Siekonnte
wahrhaftigstolz aufihreErfolgesein.
Am30.6.verabschiedeteichsiemitnachstehendemTagesbefehl:
GruppeGuderian Besancon, den 30.6.1940
Tagesbefehl.
ImAugenblick, indemdieGruppeGuderian ihrebisherigeZusammensetzung
ändert,rufeichallenKommandostellen undTruppen, diezuanderer Verwen-
dungherausgezogen werden, einherzlichesLebewohl zu.
Der Siegeslaufvonder Aisnebiszur Schweizer GrenzeunddenVogesen wird
in dieGesdiichteeingehen und alsheldenmütigesBeispiel fürden Durchbruch
schneller Truppenbestehen bleiben.
IchdankeEuch fürdieseTat, diedieschönsteErfüllungmeinesüberein Jahr-
zehntwährendenKampfesundStrebenswar.
Weiter zuneuenAufgaben mitgleichemSchwungundmitgleichenErfolgen bis
zumendgültigenSiegeGroßdeutschlandsI
HeildemFührer! gez. Guderian.
121
Waffenstillstand.
AusBesanconsindmir nochzwei Besucher inErinnerung:Am27.abendser-
schien der General Ritter vonEpp, der Chef desInfanterie-Regiments19, der
sichaufder SuchenachseinemRegimentaufder Durchreisebefand, unddenich
von gemeinsamen JagdenimSpessartkannte.Wir hatten einelangeund ein-
gehendeAusspracheüberden Waffenstillstand mitFrankreich und dieFort-
setzungdesKriegesgegenEngland.IchbenutztedieseGelegenheitumso freu-
diger, alsich ausmeiner isolierten Stellungkeinerlei Möglichkeithatte, mich
zuäußern.
Der zweiteBesucher, mitdemicham5.7.dasgleicheThemaerörterte,war der
Reichsminister für RüstungundKriegsproduktion Dr.Todt, der gekommen war,
umsidi diefrischenErfahrungen der FrontfürdieWeiterentwicklungdesPan-
zerbauszuholen.
Der soebenunter demJubel desdeutschenVolkesundzur ZufriedenheitHit-
lersabgeschlosseneWaffenstillstand gefiel mir nicht.Nach demvollen Siege
der deutschenWaffen überFrankreich gabesmehrereMöglichkeitendesAb-
schlusses.Man konntedievollständigeEntwaffnungFrankreichs, dievollstän-
digeBesetzungdesMutterlandes, dieUbergabeder Kriegsflotteundder Kolo-
nienverlangen.Mankonnteaber aucheinenganz anderenWeggehen, den der
Verständigung, und den Franzosen in diesemFalledieUnversehrtheit ihres
Landes, ihrer Kolonienundihrer nationalen UnabhängigkeitumdenPreisder
MitwirkungzumAbschlußeinesbaldigenFriedens—auchmitEngland —an-
bieten.ZwischendiesenbeidenExtremenlagenverschiedeneVarianten.Gleich-
gültig,wiemansich entschloß,diegewählteLösungmußtedemdeutschen Reich
diegünstigstenVoraussetzungen fürdenbaldigen AbschlußdesKriegesschaf-
fen, auchdesKriegesgegen Großbritannien.UmdenKrieggegen Großbritan-
nienzumAbschlußzubringen, mußtensicher inerster LiniediplomatischeVer-
handlungen angestrebtwerden.HitlersAngebotvon der TribünedesReichs-
tageskannnichtalssolchegelten.Ichbinmir jetztklar, daßesmehr alsfraglich
war, ob GroßbritanniendamalsaufVerhandlungenmitHitler eingegangen wäre.
Trotzdemmußtensieversuchtwerden, wenn auchnur, umsichkeinen Vorwurf
machen zumüssen,dieAnwendungfriedlicher Mittel unterlassen zuhaben.
Führtenaber diplomatischeSchrittenichtzumgewünschtenErgebnis, so mußten
militärischeMittel angewendetwerden, undzwar sofortundmitaller Kraft.Ge-
wißhatauchHitler undseinStab andieFortsetzungdesKriegesgegen Groß-
britannien gedacht; dieunter demDecknamen .Seelöwe"bekannteOperation
einer Landungaufder britischenInsel istder Beweisdafür.Angesichtsder Un-
zulänglichkeitunserer Vorbereitungen zur Seeund inder Luft, diekeinesfalls
für eineLandungaufden britischenInselnausreichten, mußtenaber außerdem
nochandereLösungenerwogenwerden, wiemandemseegewaltigenGegner so
wehtunkonnte, daßer verhandlungs- undfriedensbereitwurde.
122
Damalserblickteichdenwirksamsten Wegzur Herbeiführungeinesbaldigen
Friedensinder unverzüglichenFortsetzungunserer Operationen zur Rhöne-
Mündung,umsodann—nachGewinnungder französischenMittelmeerhäfen,im
Zusammenwirken mitden Italienern —zueiner Landungin Afrikaund zur
Wegnahmevon Maltadurch dieLuftwaffemitihrer vortrefflichen Fallschirm-
truppezugelangen. SchlössensichdieFranzosenunszudiesemVorhaben an
—umsobesser.Wennnicht, mußteder KriegvondenItalienernundunsallein
weitergeführtwerden, und zwar sofort. DiedamaligeSchwächeder Engländer
in Ägyptenwar bekannt. Noch bestanden diestarken italienischen Kräftein
Abessinien.DieVerteidigungMaltasgegenLuftangriffewar unzulänglich.Alles
schienmir fürdieFortsetzungunserer Operationen indieser Richtungzuspre-
chen, nichtsdagegen.Miteiner Uberführungvon 4—6Panzer-Divisionen nach
Afrikawar eineüberwältigendeUbermachtüberdieEngländersoschnell dort
zuversammeln, daßder Antransportbritischer Verstärkungenzuspätkommen
mußte.DieAuswirkungen einer deutsch-italienischen LandunginNordafrika
bereits1940 wärenvoraussichtlich weitgünstiger fürunsgeworden, alsdies
1941nachder erstenitalienischenNiederlageder Fall war.
MöglicherweisehatitalienischesMißtrauenHitler damalsabgehalten, denKrieg
nachAfrikazutragen.Wahrscheinlicher jedoch ist, daßder in rein kontinen-
talen GedankengängenbefangeneHitler dieentscheidendeBedeutungdesMit-
telmeerraumesfürdieBriten nichtvoll gewürdigthat.
Wiedemauchsei, ich hörtenichtsmehr vonmeinen Vorschlägenundhabeerst
1950erfahren, daßjedenfallsGeneral Ritter vonEppGelegenheithatte, Hitler
mitdiesenGedankenvertrautzumachen.NachMitteilungdesBegleitersEpp's,
desKapitänszur SeeWenig, lehnteaber Hitler einEingehen auf dieseVor-
schlägeab.
Der AufenthaltinBesancon botmir Gelegenheit, den Jurakennenzulernen
undam1.7.vomMont-Rond einenBlick nachdemmir wohlbekannten Genfer
Seezutun.Ferner besuchteichLyon, umdortmeinen ältestenSohn wiederzu-
sehen, der imWestfeldzugeinzweitesmal verwundetwordenwar und fürsein
bravesVerhalteneinvordatiertesPatenterhielt.
MitdemPräfektenunddemBürgermeistervonBesanconwurdeein korrektes
Verhältnishergestellt.BeideHerrenzeichnetensichdurch großeHöflichkeitaus.
AnfangJuli wurdediePanzergruppeaufgelöstundmiteinigenDivisionen nach
Deutschland abtransportiert, mitanderen in dieUmgebungvon Parisverlegt.
Hierhin gingauch der Stab der Panzergruppe; wir sollten einegroßeFührer-
paradevorbereiten, zuder esdannaber zumGlücknichtkam.
VonParisausbesuchteichVersaillesundFontainebleau, letzteresein wunder-
bares, altesSchloßvoller historischer Erinnerungenund Schönheiten.Mitbeson-
deremInteressesahichdasNapoleon-MuseuminlaMalmaison.Der alte, wür-
123
digeDirektor hattedieFreundlichkeit, michzuführen,undichhatteeinefür
michsehr lehrreicheundanregendeUnterhaltungmitdiesemwohlunterrichteten
Kenner der GeschichtedesgroßenKorsen.DaßdieSehenswürdigkeitenvonParis
besuchtwurden, soweitsieinfolgeder Kriegsverhältnissezugänglichwaren,
verstehtsichvonselbst.Ichwar anfänglichimHotel Lancaster, späterin einem
PrivathausamBoisdeBoulognesehr gutuntergebracht.
Der Aufenthaltin Pariswurdedurch dieReichstagssitzungvom19.7. unter-
brochen, zuder ichmitder Mehrzahl der Generalebefohlenwar, undinwelcher
meineBeförderungzumGeneraloberstdurchHitler ausgesprochen wurde.
DadieParadenichtstattfindensollte, bestandkeinGrund fürein längeresVer-
weilen desPanzergruppenstabesin Paris. Wir wurden daher AnfangAugust
nachBerlinverlegtundhatten einigeZeitder Mußeund Erholung.
Inzwischen beschäftigtensichdieinFrankreich verbliebenenEinheiten mitder
VorbereitungdesUnternehmens„Seelöwe",dasjedoch wohl von Anfangan
niditrechternstgemeintwar undmeinesErachtensmangelseiner ausreichenden
Luftwaffeund genügendenSchiffsraumes, sowienachdemEntkommendesbriti-
schenExpeditionsheeresvon Dünkirchenvölligaussichtsloswar.Inbeiden erst-
genannten Grundmängelnistder besteBeweisenthalten, daßDeutschland den
Krieginwestlicher Richtungweder beabsiditigt, nochauchnur imleisesten vor-
bereitethatte.AlsdieHerbststürmeimSeptember einsetzten, wurdeder .See-
löwe"endgültigbeerdigt.
FürdiePanzertruppebrachteder „Seelöwe"dieErprobungvon Unterwasser-
panzern vomTypIII und IV.Biszum10.8.waren dieseWagen einsatzbereit
bei der Panzer-SchießschuleinPutlosinHolstein.Siefanden 1941beimBug-
übergangin RußlandVerwendung.
Auf Grund der Erfahrungen desWestfeldzugesforderteHitler einePanzer-
kapazitätvon800—1000 StückjeMonat.DieBerechnungen desHeereswaffen-
amtesführtenaber zueinemKostenaufwand von2Milliarden Mark und einer
Anforderungvon 100000Facharbeitern und Spezialisten.Infolgedieser gewal-
tigenAnforderungließHitler leider seineAbsiditdamalsfallen.
Hitler forderteferner dieEinführungder 5-cm-KanoneL60 fürdiePanzer III
anStelleder bisdahin geführten3,7-cm-Kanone.Eingebautwurdedie5-cm-Ka-
noneL42, alsoeinerheblich kürzeresRohr.Hitler erfuhr anscheinendnichtso-
fort, weshalb dasWaffenamt zudieser Änderunggekommen war; alser im
Februar 1941bemerkte, daßseineWeisungnichtausgeführtwar, obwohl die
technischen Möglidikeitenbestanden, wurdeer sehr ärgerlichundhatdieseEi-
genmächtigkeitden verantwortlichen Offizieren desAmtesnieverziehen. Er
kamnochnachJahrendarauf zurück.
NachdemFeldzugverfügteHitler eineerheblicheVermehrungder Panzer- und
undmot.Infanterie-Divisionen. DieZahl der Panzer-Divisionen wurdekurzer-
hand verdoppelt, allerdingsunter Halbierungder Zahl der auf jedeDivision
124
entfallendenPanzereinheiten.DasdeutscheHeer erhieltdurchdieseMaßnahme
nominell zwar diedoppelteZahl anDivisionen, aber keineswegsdiedoppelte
DurchschlagskraftanPanzern, aufdieesinerster Linieangekommen wäre.Die
gleichzeitigeVerdoppelungder Zahl der mot. Infanterie-Divisionen erzeugte
einesostarkeBeanspruchungunserer Kraftfahrzeugproduktion, daßden Anfor-
derungen Hitlersnur unter Heranziehungaller vorhandenen Bestände—ein-
schließlichder Beuteausden westeuropäischenLändern—entsprochen werden
konnte.DasBeutematerial war wesentlich schlechter alsdasdeutscheund ins-
besondereden zuerwartenden Beanspruchungen auf östlichenoder afrikani-
schen Kriegsschauplätzeninkeiner Weisegewachsen.
IcherhieltdieAufsichtüberdieOrganisationundAusbildungeiniger Panzer-
undmot.Infanterie-Divisionenundhattedamitreichlichzutun.Inmeinen spär-
lichen Mußestundengrübelteich überder voraussichtlichen Fortführungdes
Krieges, der jain irgendeiner Formeinmal zuEndegebrachtwerden mußte.
MeineGedanken bewegten sichdabei in südlicherRichtung.Ichhielt, wiebe-
reitsbei denBesprechungenvonBesancon erwähnt,dieBeendigungdesKampfes
gegen GroßbritannienfürdasWichtigste, jafürdasallein Wichtige.
MitdemOKHoder demGeneralstabhatteichkeineFühlung,wurdeauchweder
inder Frageder Umgliederungder Panzertruppen noch bezüglichder Weiter-
führungdesKriegesherangezogen.
KlarheitkamerstindieseFrage, nachdemHerr Molotowam14. 11. 1940Berlin
besuchthatte, eineallerdingserschütterndeKlarheitl
125
VI.DERFELDZUGINRUSSLAND 1941
Vorgeschichte, Vorbereitungen. Die erstenOperationen. Der Ubergang über
denDniepr. Smolensk — Jelnja —Roslawl. Moskauoder Kiew? Die Schlacht
umKiew. Die Schlacht umOrel undBriansk. Der Vorstoßauf Tula und Moskau.
Meine erste Entlassung.
Vorgeschichte
Molotowwar am3.Mai 1939alsNachfolger Litwinowssowjetischer Außen-
kommissar geworden.Er hattelebhaften Anteil amAbschlußdesNichtangriffs-
abkommensmitDeutschland vom23.August1939, dasHitler den Angriff auf
Polen ermöglichte.DieRussen beteiligten sich an der NiederwerfungPolens,
indemsieam18.September 1939inOstpoleneinmarschierten.Sieschlössenam
29.September 1939 einen Freundschaftsvertragund ein Wirtschaftsabkommen
mitDeutschland, dasdiedeutschewirtschaftlicheKriegführungwesentlichzuer-
leichtern bestimmtwar.Siebenutzten aber auchdieseGelegenheit, umsichin
den Besitz der baltischen Randstaaten zusetzen und am30.November 1939
Finnlandanzugreifen. Währenddiedeutschen KräfteimWestengebundenwaren,
zwangendieRussen Rumänienzur AbtretungBessarabiens, waswiederumHit-
ler veranlaßte,am30.August1940dieUnabhängigkeitRumänienszugaran-
tieren.
ImOktober 1940war Hitler durchVerhandlungen mitdenFranzosenund mit
Franco überdieFortsetzungdesKriegesinAnspruch genommen. Anschließend
an dieseBesprechungen traf er sichmitseinemFreundeMussolini inFlorenz.
Auf der Fahrtdorthinwurdeer aufdemBahnhofvonBolognadurchdieMel-
dungüberrascht, daßseinBundesgenosseohneseinWissenunderstrechtohne
seineZustimmungeinenPrivatkrieggegenGriechenlandunternommenhatte.Da-
mitwurdedasBalkanproblemangeschnittenundder Kriegineiner für Deutsch-
land höchstunerwünschtenRichtungausgeweitet.
DieersteAuswirkungdeseigenmächtigenSchrittesMussoliniswar —nach
HitlersAngabenmir gegenüber—dasAbspringenFrancosvonjeder Artvon
Zusammengehenmitder Achse.Er wollteoffenbar mitsounberechenbaren Part-
nernsichnichtaufeinegemeinsamePolitik einlassen.
DiezweiteFolgewar diezunehmendeSpannungzwischenDeutschlandundder
Sowjetunion.Diesewar durcheineReihevon Vorfällender letztenMonate, be-
sondersdurchdiedeutscheRumänien-undDonau-Politik gesteigertworden.Zur
Beseitigungebendieser SpannungerfolgtedieEinladungMolotowsnachBerlin.
126
InBerlinerhobMolotowfolgendeForderungen:
1. Finnland fälltindieInteressensphäreder Sowjetunion.
2. VerständigungüberdiezukünftigeGestaltungPolens.
3.Anerkennungder sowjetischen Interessen in Rumänienund Bulgarien.
4.Anerkennungder sowjetischenInteressenanden Dardanellen.
DieseForderungenwurdennachder RückkehrMolotowsnachMoskauvon den
Russen schriftlich präzisiert.
Hitler war überdiesowjetischen Ansprüchesehr entrüstetundhatinder münd-
lichen ErörterunginBerlinausweichend geantwortet, aufdieschriftlichen Dar-
legungenMolotowsüberhauptnicht.DieFolgerung, dieer ausdemBesuchMolo-
towsund seinemVerlauf zog, war dieÜberzeugung, daßder Kriegmit der
Sowjetunion einesTagesunvermeidlich sein würde.Er hatmir wiederholtden
Verlauf der Berliner Besprechungen so geschildert, wieichsieoben wiederge-
geben habe.Er hatmitmir allerdingserst1943 überdieseFragegesprochen,
dann aber mehrmalsund stetsinder gleichen Weise.Ichzweiflenicht, daßer
seinedamaligenAnsichtenzutreffend wiedergab.
Weitentrüsteteralsüberdierussischen Ansprücheäußertesich Hitler aber
überdieitalienischePolitik desOktobers1940, und ichglaube, vonseinemStand-
punktausmitvollemRecht.Der italienischeAngriffaufGriechenlandwar ebenso
leichtfertigwieüberflüssig.Schonam30.Oktober kamder Angriff insStocken.
Am6.November bereitsgingdieInitiativeaufdieGriechen über.Wiegewöhn-
lich, wenneineschlechtePolitik zumilitärischenKatastrophen führt,richtetesich
auchbei denItalienernder ZornMussolinisgegendieGenerale, vor allemgegen
Badoglio, der vor kriegerischen Abenteuern gewarnthatte, leider vergeblich.
MitteNovember wurdendieItaliener empfindlichgeschlagen.Nunwar Badoglio
einFeind desRegimesund ein Verräter.Am26.November reichteer seinen
Abschiedein.Am6.Dezember wurdeCavallero sein Nachfolger.
Am10.Dezember erlittendieItaliener eineschwereNiederlageinAfrika, bei
Sidi Barani. Eshätteden gemeinsamen Interessen Deutschlandsund Italiens
mehr entsprochen, aufdasgriechischeAbenteuer zuverzichtenundstattdessen
dieLageinAfrikazufestigen. NunbatMarschall Graziani von dortumdeut-
scheFlugzeuge; Mussolini erwog, dieEntsendungzweier deutscher Panzer-Divi-
sionennachLibyenzuerbitten.ImLaufedesWintersgingenBardia, Dernaund
Tobruk verloren.DeutscheTruppenunter Rommel stelltendieLagewieder her.
DasErgebnisder italienischen EigenmächtigkeitenundFehler aufdemBalkan
war diestarkeBindungdeutscher KräfteinAfrikaundsodanninBulgarien, dann
inGriechenlandundSerbien. Dieser Umstand benachteiligteunsereStärkeauf
dementscheidenden Kriegsschauplatz.
Eshattesichgezeigt, daßdiegroßzügigeFestsetzungdesAlpenkammesalsIn-
teressengrenzezwisdien den AchsenmächtenfürdieKriegführungunzulänglich
127
Am1. MärztratBulgariendemDreierpaktbei, am25. MärzfolgteJugoslavier».
Jedochbereitsam27. MärzwarfeinStaatsstreichinBelgraddenPlandesDreier-
paktesüberdenHaufen.Am5.April schlössenRußlandundJugoslavieaeinen
Freundschaftspakt; am6.April begann der Balkan-Feldzug.Ichhatteandiesem
AktdesKriegeskeinenAnteil.DiedazukommandiertenPanzertruppen bewähr-
tensicherneutundtrugenzuseinemschnellen Abschlußbei.
Nur einer freutesich überdieseneuerlicheAusweitungdesKrieges:Mussolinil
Eswar seinKrieg, dener sichgegenHitlersWillenertrotzthatte. Fürunsließ
aber der Freundschaftspaktzwischen Rußlandund Jugoslavien klar erkennen,
daßder BruchmitdemgroßenNachbarnimOstenunmittelbar bevorstand.
Am13.April fiel Belgrad.Am17.April kapituliertediejugoslavischeArmee,
und am23.April folgtediegriechischeArmeetrotz britischer Hilfe.EndeMai
wurdeKretamitHilfevon Luftlandetruppen genommen, leider nichtMalta!
Deutschland, Italien, Ungarn, BulgarienundAlbanien erhieltenTeilejugoslavi-
schenGebietes.Ein selbständigerkroatischer Staatwurdeneuerrichtet; anseine
Spitzesollteder HerzogvonSpoleto, ein italienischer Prinz, treten; erhatje-
dochseinenetwaswackeligenThronniebestiegen.AufWunschdesKönigsvon
ItalienwurdeaußerdemMontenegrowieder selbständiggemacht.
DadieAbgrenzungdesneuenKroatiensdenVolkstumsgrenzennichtentsprach,
entstandenvonAnbeginnReibungenmitItalien.UnerfreulicheStreitereier»ver-
gifteten dieAtmosphäreindiesemWetterwinkel Europasimmer wieder.
ImMai undJuni 1941gelangdenBritendieBesetzungSyriensundAbessiniens.
Eindeutscher Versuch, imIrak Fußzufassen, wurdemitunzulänglichenMitteln
unternommen und scheiterte.Er hättenur bei folgerichtiger Mittelmeerpolitik
AussichtaufErfolggehabt, wiesiesichunsimSommer 1940unmittelbar nach
demWestfeldzugdarbot.Jetztwar esfürdieseisolierteAktionzuspät.
Vorbereitungen
Wennsichder Balkanfeldzugauchnochsoschnellentwickelthatte, wenn auch
dieRücktransporteder beteiligtenTruppen, soweitsiefürden Rußlandfeldzug
bestimmtwaren, nochsoschnell durchgeführtwurden:einegewisseVerzögerung
desBeginnesunserer Bewegungenin Rußlandistdochwohl eingetreten.Abge-
sehen davonhatten wir imJahre1941ein ungewöhnlichnassesFrühjahr;der
BugundseineNebenflüssewiesen bisindenMai hineinHochwasser auf und
diesiebegleitendenWiesenwarensumpfigundkaumbeschreitbar.Von diesem
Umständekonnteich mich bei meinen Truppenbesichtigungen impolnischen
Räumepersönlichüberzeugen.
FürdenAngriffaufdieSowjetunionwurdendrei Heeresgruppen gebildet:
DieHeeresgruppe„Süd"unter Feldmarschall vonRundstedtsüdlichder Pripet-
sümpfe,
130
dieHeeresgruppe„Mitte"unter Feldmarschall vonBook zwischen den Pripet-
sümpfenunddemZipfel vonSuwalki, und
dieHerresgruppe„Nord"unter FeldmarschallRitter vonLeebin Ostpreußen.
Diesedrei Heeresgruppen sollten indasrussischeGebietvorgehen mitdem
Ziel, diein GrenznähebefindlichenrussischenTruppenzudurchstoßenunddurch
Umfassungen zuvernichten.DiePanzergruppen sollten indieTiefedesrussi-
schenRaumesvordringen, umdasEntstehen neuer Fronten zuverhindern. Ein
Schwergewichtder Operationen war nichtfestgesetzt. Diedrei Heeresgruppen
wiesen annäherndgleicheStärkenauf, dabei verfügteallerdingsdieHeeres-
gruppe„Mitte"überzwei Panzergruppen, dieHeeresgruppen „Süd"und „Nord"
hingegennur überjeeine.
Diemir unterstelltePanzergruppe2trat, ebenso wiedieweiter nördlichge-
bildetePanzergruppe3desGeneraloberstHoth, unter den Befehl der Heeres-
gruppe„Mitte".
DiePanzergruppe2war wiefolgtzusammengesetzt:
Befehlshaber:GeneraloberstGuderian.
ChefdesStabes:OberstleutnantFreiherr von Liebenstein.
XXIV.Panzer-Korps(Pz.K.):Generald.Pz.Tr.Freiherr Geyr vonSchweppenburg.
3.Panzer-Division(Pz.D.):GeneralleutnantModel.
4.Panzer-Division:Generalmajor Freiherr vonLangermann und Erlencamp.
10.(motorisierte) Infanterie-Division (mot.) I.D.:Generalmajor von Loeper.
1.Kavallerie-Division(K.D.):GeneralleutnantFeldt.
XXXXVI.Panzer-Korps:General d.Pz.Tr.Freiherr vonVietinghoffgen.Scheel.
10.Panzer-Division:GeneralleutnantSchaal.
SS-Infanterie-Division (mot.) „DasReich":GeneralleutnantHaußer.
Infanterie-Regiment „Großdeutschland*(LR.„G.D."):Generalmajor von Stock-
hausen.
XXXXVII.Panzer-Korps:General d.Pz.Tr.Lemelsen.
17.Panzer-Division:Generalmajor von Arnim.
18.Panzer-Division:Generalmajor Nehring.
29.Infanterie-Division (mot.):Generalmajor von Boltenstern.
Der Panzergruppeunterstandenferner eineReihevon Armeetruppen,
eineGruppeNahkampfflieger unter General Viebig,
dasFlak-Regiment„HermannGöring"unter General von Axthelm.
DieArtilleriebetreuteGeneral Heinemann, diePioniereGeneral Bacher, die
NachrichtentruppeOberstPraun, dieAufklärungsfliegerOberstleutnantvonBarse-
wisch (anfänglichOberstvonGerlach; dieser tapfereOffizier wurdeamdritten
Angriffstageabgeschossen).DenJagdschutz überdemAngriffsraumder Panzer-
gruppeübteindenerstenWochen OberstMöldersaus. (Siehe Anlage 21)
131
MeinePanzergruppeerhieltden Auftrag, amAngriffstagebeiderseitsder
FestungBrest-Litowsk denBugzuüberschreiten,dierussischeFrontaufzureißen
und in rascher AusnutzungdesAnfangserfolgesden RaumRoslawl—Jelnja—
Smolensk zuerreichen.Hierbei kamesdaraufan, denGegner amerneutenFest-
setzenundBildeneiner FrontzuverhindernundsodieVoraussetzungfüreinen
entscheidenden ErfolgdesFeldzugesnochimJahre1941zuschaffen.Nach dem
ErreichenihreserstenZielessolltediePanzergruppeneueWeisungen erhalten.
DieAufmarschanweisungdesOKHdeutetean, daßdanneinAbdrehender Pan-
zergruppen3(Hoth) und2in nördlicherRichtungzur WegnahmeLeningradsin
Fragekäme.
DieGrenzezwischen demdeutscher Verwaltungunterstehenden Generalgou-
vernementPolen und demsowjet-russischen Gebietwurdedurchden Bugge-
bildet! hierdurchwurdedieFestungBrest-Litowsk geteilt, undzwar dergestalt,
daßdieZitadellezuRußlandgehörte.Nur diewestlichdesBuggelegenen alten
Fortswarenindeutscher Hand.IchhattedieFestungimPolenfeldzugbereitsein-
malerobert; nunstandichzumzweitenmal vor der gleichenAufgabe, allerdings
unter schwereren Umständen.
DieAnsichtender oberstendeutschen FührungüberdieVerwendungder Pan-
zerverbändewaren trotz der eindeutigen Lehren desWestfeldzugesnichtein-
heitlich.Diestratbei verschiedenen Kriegsspielen inErscheinung, diezur Klä-
rungder Auffassungen und zur Ausbildungder Führer fürihrebevorstehende
Aufgabeveranstaltetwurden.Dienichtausder Panzertruppestammenden Gene-
raleneigten zuder Ansicht, denerstenEinbruchmitInfanterie-Divisionen unter
starker Artillerievorbereitungvorzunehmen und diePanzer erst einzusetzen,
wenn der EinbrucheinegewisseTiefeerreichthatteund sichzumDurchbruch
ausgestaltete.DiePanzergeneralehingegen legtenWertdarauf, von Anbeginn
diePanzer invorderer Liniezuhaben, weilsiegeradeindieser WaffedieStoß-
kraftdesAngriffserblickten, vonihremEinsatz einenschnellenundtiefen Ein-
brudi erwartetenunddiesenAnfangserfolgunverzüglichdurchdieSchnelligkeit
der Motoren auszunutzenstrebten.SiehatteninFrankreicherlebt, daßdasum-
gekehrteVerfahren dazuführte, daßimAugenblick desErfolgesdieStraßen
durch dieunendlichen, langsamen, pferdebespannten Kolonnen der Infanterie-
Divisionenbedecktwaren, diedieBewegungender Panzer hemmten.Für siekam
esalso darauf an, indenAbschnitten, indenender Durchbrucherstrebtwurde,
diePanzer-DivisionenindievordereLiniezunehmen, unddort, woandereAuf-
gaben zulösenwaren, z.B.dieEroberungeiner Festung, Infanterie-Divisionen
einzusetzen.
Dieser Fall war imAngriffsraumder Panzergruppe2gegeben. DieFestung
Brest-Litowsk, derenWerkezwar veraltet, aber durchdenBug, den Muchawiec
undnasseGräbenpanzersicher waren, konntenur durchInfanterieangegriffen
werden.MitPanzern hättesienur durchHandstreichgenommenwerden können,
132
wieesimJahre1939versuchtworden war. Hierfürwaren aber 1941dieVor-
aussetzungennichtmehr gegeben.
Ich entschloßmichdaher, beiderseitsBrest-Litowsk mitPanzer-Divisionen über
denBughinweganzugreifen, fürdenAngriffaufdieFestungselbstaber umUn-
terstellungeinesInfanteriekorpszubitten. DiesesKorpsmußteder 4. Armee
entnommen werden, diehinter der Panzergruppefolgen sollte. Die4. Armee
mußteauch fürden FlußübergangweitereKräfteanInfanterieundvor alleman
Artillerievorübergehendzur Verfügungstellen.UmeinheitlicheBefehlsführung
herbeizuführen,batich, mir dieseTruppen vorübergehendzuunterstellenunder-
klärtemichbereit, fürdiegleicheZeitmeinerseitsunter denBefehl desOber-
befehlshabersder 4.Armee, desFeldmarschallsvonKluge, zutreten.DieseRege-
lungder Befehlsverhältnissewurdevonder Heeresgruppeangenommen.Siebe-
deutetefürmicheinOpfer, dennFeldmarschall von Klugewar ein schwieriger
Vorgesetzter.Ichhieltsieaber imInteresseder Sachefürnotwendig.
DasAngriffsgeländewar durchdenBugfrontal abgegrenzt. Der Flußübergang
angesichtsdesFeindeswar unsereersteAufgabe.SeinGelingen konntedurch
Überraschungwesentlicherleichtertwerden.DaichnichtmitdemsofortigenFall
der FestungBrest-Litowsk rechnete, mußteich dafürsorgen, daßder Angriff der
beiderseitsder FestungvorgehendenPanzerkorpsdurchdieseanfänglicheTren-
nungnichtlittund daßdiebeiderseitsoffenen Flanken der Panzergruppege-
sichertwurden.Rechtsder Panzergruppelagennach ÜberschreitungdesBugdie
unwegsamen und schwer gangbaren Pripet-Sümpfe,durchwelcheschwachein-
fanteristischeKräfteder 4.Armeevorgehensollten.Linksder Panzergruppegrif-
fenTeileder 4.Armee, sodanndie9.ArmeemitInfanteriean.DieselinkeFlanke
war hauptsächlichbedroht, weil imRäumevonBialystok einestarkerussische
Massierungerkanntwar, von der manannehmen mußte, daßsiesichnachEr-
kennnender durchdiePanzer inihremRückenentstehendenGefahr, der Haupt-
straßefolgend, überWolkowysk—Slonimder drohenden Einschließungzuent-
ziehenversuchen würden.
Dieser doppelten Flankenbedrohungwollteichdurchzwei Maßnahmenentge-
genwirken:
a) durch Tiefengliederung, besondersauf demamstärkstenbedrohten linken
Flügel,und
b) durchVerwendungder zur Panzergruppegehörenden1. Kavallerie-Division
indemfürmotorisierteVerbändeschwer fahrbaren Sumpfgebietaufdemrech-
ten Flügel.
EineweitereSicherungbotendiedenPanzer-Divisionen folgenden Infanterie-
Divisionender 4.ArmeeundweitreichendeLuftaufklärung.
134
DiePanzergruppeerhieltdemgemäßfolgende
AngriSlsgliederung:
Rechter Flügel:
XXIV.Panzer-Korps(Gen.d.Pz.Tr.Frhr.vonGeyr.):
255.I.D.(nur fürdenBug-Ubergangunterstellt) vonWlodawaauf Maloryta,
1.Kavallerie-Divisionvon SlawatyczeüberMalorytaaufPinsk,
4.Panzer-DivisionvonKodengegendieStraßeBrest—Kobryn,
3.Panzer-Division von nördlidi KodengegendieStraßeBrest—Kobryn,
10.(mot.) I.D, dahinter alszweitesTreffen.
Mitte:
XII.A.K.(Gen.d.Inf.Schroth) fürdieerstenAngriffstageunterstellt, mit
45.I.D.und
31.I.D.ausder LinienördlichKoden—Neplezur EinschließungvonBrest-Litowsk
undmitdenhierzunichtbenötigtenKräftenzumVorgehenzwischenden Straßen
Brest-Litowsk—Kobryn—BeresaKartuskaundMotykaly—Piliszcze—Pruzana—
Slonim, umdasGeländezwischen demXXIV.Panzer-Korpsund demlinksan-
schließendenXXXXVII.Panzer-KorpszusäubernunddieinnerenFlankenbeidei
Panzerkorpszusichern.
Linker Flügel:
XXXXVII.Panzer-Korps(Gen.d.Pz.Tr.Lemelsen):
18.Panzer-Division und
17.Panzer-Division zwischen Legi und Pratulin zumVorgehen überBugund
Lesnaauf Widomla—Pruzana—Slonim,
29.(mot.) I.D.dahinter alszweitesTreffen,
167.I.D.(nur fürden Bug-Übergangunterstellt) westlich Pratulin.
Reserve der Panzergruppe:
XXXXVI Panzer-Korps(Gen.d.Pz.Tr.Frhr.vonVietinghoff) mit
10.Panzer-Division,
SS-Division.DasReich* und
I.R..G.D.* imRäumeRadzyn—Lukow—Deblin zurückgehalten,umnach Frei-
werdender Bug-BrückendemXXXXVII.Panzer-Korpshinter demlinken Flügel
der Panzergruppenachgeführtzuwerden.
Am6.Juni besuchteder ChefdesGeneralstabesdesHeeresdenStabder Pan-
zergruppe.Er äußertehierbei dieAnsicht, daßdieAufgabeder Panzer imStoße
indieTiefeder feindlichen Stellungen bestündeund daßdiePanzer-Divisionen
für dieseAufgabeintakterhaltenwerden sollten, währendfürden Absprung
Infanterie-Divisionen benutztwerdensollten.AusdenbereitserwähntenGrün-
densahichvoneiner Änderungmeiner Anordnungen ab.
überdieoperativen Absichten der Obersten FührungfürdieFortsetzungdes
KampfesnachErreichen der ersten Ziele(fürdiePanzergruppe2desRaumes
135
Roslawl—Jelnja—Smolensk) drangen nur Andeutungen biszumeinemStabe.
Siebesagten, daßzunächstLeningradunddieOstseeküsteinBesitz genommen
werden sollten, umdieVerbindungmitdenFinnenherzustellen und dieVer-
sorgungder Heeresgruppe„Nord"aufdemSeewegesicherzustellen. Daßderar-
tigeGedankengängetatsächlichbestanden, wurdedurchdieAufmarschanweisung
bestätigt, daßdiePanzergruppe3unter GeneraloberstHothundunter Umständen
auchmeineeigenePanzergruppesichnachErreichendesRaumesumSmolensk
bereitzuhalten hätten,nach Norden abzuschwenken, umdieOperationen der
Heeresgruppe„Nord"zuunterstützen.DieseOperation hätteden großenVorteil
gebracht, dielinkeFlankeder gesamtendeutschen Streitkräftein Rußlandein für
allemal zusichern.Ichglaube, daßdiesder bestePlangewesen wäre,den man
hätteanwenden können,aber ichhabeleider niewieder etwasüberihn gehört.
Am14.Juni versammelteHitler dieFührerder Heeresgruppen, Armeen und
Panzergruppen inBerlin, umseinen EntschlußzumAngriff auf Rußlandzube-
gründenunddieabschließendenBerichteüberdieVorbereitungen entgegenzu-
nehmen.Er führteetwaaus:Er könneEnglandnichtschlagen.Daher müsseer,
umzumFrieden zukommen, aufdemFestland einensiegreichen Abschlußdes
Kriegeserzwingen.UmeineunangreifbarePositionaufdemeuropäischenFest-
landezuerringen, müsseRußlandgeschlagenwerden.—Seineeingehenden Dar-
legungen überdieGründe,dieihnzumPräventivkrieggegen Rußlandgeführt
hatten, warennichtüberzeugend.DieSpannungeninfolgeder EroberungdesBal-
kansdurchdieDeutschen, dieEinmischungder RusseninFinnland, dieBesetzung
der baltischenRandstaatenvermochtenebensowenigeinen so schwerwiegenden
Entschlußzurechtfertigen, wiedieideologischen Gründeder nationalsozialistischen
Parteilehreund gewissemilitärischeNachrichten über Angriffsvorbereitungen
russischerseits.Solangeder KriegimWestennichtzumAbschlußgebrachtwar,
mußtejedeneuerlichekriegerischeUnternehmungzumZweifrontenkriegführen,
und demwar dasDeutschland AdolfHitlersnochweniger gewachsen, alsdas
von1914.DieVersammlungnahmdennauchHitlersRedeschweigend entgegen
und ging, daeineAussprachenichtstattfand, schweigend undinernster Stim-
mungauseinander.
Bei der amNachmittagestattfindenden militärischenBerichterstattungüberdie
Angriffsvorbereitungen wurdeich lediglichgefragt, wieviel Tageich brauchen
würde,umMinsk zuerreichen.MeineAntwortlautete: „FünfbissechsTage."
Der Angriff begannam22.Juni undam27.erreichteichMinsk, währendHoth,
vonSuwalki vorgehend, dieStadtbereitsam26.vonNordenher besetzte.
Bevor ichmidi der Schilderungder Ereignissebei meiner Panzergruppezuwende,
sei einkurzer Blick auf dieGesamtlagedesdeutschenHeeresbei Beginn des
entscheidenden Rußlandfeldzugesgerichtet.
136
Nachdenmir zugänglichenUnterlagen verteiltensichdie205deutschen Divi-
sionenam22.Juni 1941 folgendermaßen:
38deutscheDivisionen bliebenimWesten,
12deutscheDivisionenbliebeninNorwegen,
1deutscheDivisionbliebin Dänemark,
7deutscheDivisionenblieben aufdemBalkan,
2deutscheDivisionenwareninLibyen,
145standenalso fürdenOstfeldzugzur Verfügung.
DieseKräfteverteilungbedeuteteeineunangenehmeZersplitterung. Besonders
der AnteildesWestensmit38Divisionenerscheintsehr hoch.Auch Norwegen
war mit12Divisionenstark ausgestattet.
Der Balkanfeldzughattezur Folge, daßdieBewegungenin Rußlanderstspät
imJahrebeginnen konnten.
Weitverhängnisvolleralsdiesebeiden Umständewirktesich aber dieUnter-
schätzungdesrussischen Gegnersaus. Hitler hatteden ihmvon militärischer
SeiteerstattetenBerichten überdiemilitärischeKraftdesRiesenreiches, beson-
dersdenen unseresvortrefflichen MilitärattachesinMoskau, desGenerals
Köstring,ebensowenigGlauben geschenkt, wieden Meldungen überdieindu-
strielleLeistungsfähigkeitunddieFestigkeitdesstaatlichenZusammenhaltsdes
Systems.Er hatteeshingegenverstanden, seinen unbegründetenOptimismusauf
seineunmittelbaremilitärischeUmgebungzuübertragen.ManrechneteimOKW
undimOKHsosicher mitdemAbschlußdesFeldzugesbiszumBeginndesWin-
ters, daßimHeerenur fürjeden fünftenMann Winterbekleidungvorgesehen
wurde.
Erstam30.August1941 beschäftigtesichdasOKHmitder Frageder Winter-
ausrüstungfür größereHeeresteileernstlich.An diesemTageverzeichnetein
Tagebuch:„AufGrundder Entwicklungder Lage, diedieDurchführungörtlicher
OperationenmitbegrenztenZielenauchnochimWinter notwendigmachenwird,
wirdbei der OperationsabteilungeineVortragsnotiz überdiehierfür erforder-
licheWinterausrüstungausgearbeitetund nach Vorlagebei Chef Gen.St.d.H.
dieOrganisationsabteilungmitder Durchführungder erforderlichen Maßnahmen
beauftragt.
DiejetztgelegentlichauftauchendeBehauptung, nur Hitler sei andemFehlen
der WinterbekleidungimHeere1941Schuld, kannichnichtgeltenlassen, denn
dieLuftwaffeunddieWaffen-SS warengutundreichlichdamitausgestattetund
hatten sieauch rechtzeitigvorgeführterhalten. Aber man träumtebei der
Obersten Führungdavon, Rußlandin8bis10Wochen militärischniederwerfen
zukönnenund anschließendpolitischzumZusammenbruchzubringen, und man
fühltesichindiesemWahn sosicher, daßdieKriegsindustriedesHeeres1941
bereitsmitwesentlichenTeilenaufandereProduktionsgebieteumgestelltwurde.
137
Man erwogsogar, mitWinterbeginn 60bis80Divisionen desOstheeresnach
Deutschland zuverlegen, weil man mitdemRestzumNiederhalten Rußlands
währenddesWintersauszukommen glaubte.DiesenRestwolltemannach Ab-
schlußder Operationen imHerbstin guten Unterkünftenin einer Stützpunkt-
linieüberwinternlassen.Allesschien bestensgeregeltund sehr einfach. Be-
denken wurden optimistisch zurückgewiesen.DieSchilderungder Ereignisse
wirdzeigen, wieweitmansichmitdiesen Gedanken vonder harten Wirklich-
keitentfernthatte.
Schließlichmußnocheiner AngelegenheitErwähnunggetanwerden, dieinder
FolgedemdeutschenAnsehen höchstabträglichwurde.
Kurz vor Beginnder FeindseligkeitenergingeinBefehl desOKW überdieBe-
handlungder Zivilbevölkerungundder Kriegsgefangenen in Rußlandunmittel-
bar andieKorpsundDivisionen.Er enthieltBestimmungen, diedieAnwendung
desMilitär-Strafgesetzesin FällenvonAusschreitungengegendieZivilbevölke-
rungundgegenKriegsgefangenenichtmehr unter allen Umständenerforderlich
machten, sondern indasBeliebender direktenDisziplinarvorgesetzten stellten.
Der Befehl war imhöchstenMaßegeeignet, dieManneszuchtzuschädigen.Of-
fenbar hatteder Oberbefehlshaber desHeeresdiegleicheEmpfindunggehabt,
denndemBefehl war einZusatz desFeldmarschallsvonBrauchitsch beigefügt,
der besagte, daßder Befehl dannnichtanzuwenden sei, wenndieGefahr einer
Schädigungder Manneszuchtbestünde.DadieseGefahr nachmeiner und meiner
Kommandierenden GeneraleübereinstimmendenAuffassungvonvornherein ge-
gebenwar, habeichdieAusgabedesBefehlsan dieDivisionen verboten und
seineRücksendungnachBerlin angeordnet. Der Befehl, der nach demKriege
eineerheblicheRolleindengegen GeneralegeführtenProzessen unserer ehe-
maligenFeindespielte, istinfolgedesseninmeiner Panzergruppenieangewen-
detworden.IchhabedamalsdieNichtbefolgungdesBefehlspflichtgemäßdem
Oberbefehlshaber der Heeresgruppegemeldet.
Der gleichfallsunrühmlichbekanntgewordenesogenannte.Kommissarbefehl"
gelangteüberhauptnichtzur Kenntnismeiner Panzergruppe.Er istanscheinend
bereitsbei der Herresgruppe.Mitte"angehaltenworden.Auchder .Kommissar-
befehl"istbei meinenTruppen nichtangewendetworden.
Rückschauendkann man nur schmerzlich bedauern, daßdiesebeiden Befehle
nichtbereitsvomOKHoder OKWangehaltenwurden.Vielentapferenundun-
tadeligenSoldaten wärebitteresLeid, demdeutschenNameneinegroßeSchmach
erspartgeblieben. Gleichgültigob dieRussen der Haager Landkriegsordnung
beigetreten waren oder nicht, ob siedieGenfer Konvention anerkannten oder
nicht, diedeutschenSoldaten mußtennachdieseninternationalen Bestimmungen
undnachdenGesetzenihreschristlichenGlaubensihr Verhalteneinrichten.Der
KrieglasteteauchohnediescharfenBefehleschwer genugaufder Bevölkerung
desfeindlichenLandes, unddiesewar jaanseinemAusbruchgenauso unschul-
digwiedieunsere.
138
Die ersten Operationen.
Dienun folgenden Ereignissehabeich zumTeil unter genauen Zeitangaben
übermeineTätigkeitgeschildert, umzuzeigen, welchenseelischen und körper-
lichen Beanspruchungen der Befehlshaber einer PanzergruppeimFeldzugege-
gen Rußlandgenügenmußte.
Nachder AnspracheHitlersandieGeneralevom14.flogicham15.Juni 1941
von BerlinnachWarschau, womeinStab untergebrachtwar.DieTagebiszum
Angriffsbeginn am22. Juni vergingen mitBesichtigungen der Truppen und
Ausgangsstellungen undmitBesuchender Nachbarn, umdasZusammenwirken
sicherzustellen. Der Aufmarsch und dieBereitstellungzumAngriff vollzogen
sichreibungslos.Am17.Juni erkundeteichden FlußlaufdesBug, der unsere
vordereLiniebildete.Am19.besuchteichdasrechtsnebenmeiner Panzergruppe
angesetzteIII.A.K.unter General vonMackensen. Am20.und 21.Juni über-
zeugteichmichindenvorderenLiniender Korpsvonder Beendigungder Vor-
bereitungen. Durch eingehendeBeobachtungder Russen erhieltich dieUber-
zeugung, daßsienichtsvon unserenAbsichten wußten.AufdemHofder Zita-
dellevon Brest, inden wir Einblick hatten, übtensienachden Klängeneiner
Musik Parademarsch in Zügen.DieUferbefestigungen längsdesBugwaren un-
besetzt.DieArbeitenandenBefestigungenhatten indenletztenWochen kaum
wahrnehmbareFortschrittegemacht.DieAussichtenaufdasGelingender Über-
raschungwarenalso groß,undesentstanddieFrage, obunter diesen Umständen
eineArtillerie-Vorbereitungvon einer Stunde, wiewir sievorgesehen hatten,
überhauptnotwendigsei.Lediglich ausVorsicht, umnichtimAugenblick des
FlußübergangsdurchunerwarteteMaßnahmender RussenvermeidbareVerluste
hinnehmenzumüssen, beließichesbei der befohlenen Feuervorbereitung.
Amschicksalschweren22.Juni 1941begab ichmichum2,10Uhr morgensauf
den Gruppengefechtsstand beimBeobachtungsturmsüdlichBohukaly, 15km
nordwestlichBrest-Litowsk.Eswar noch dunkel, alsichum3,10Uhr dortein-
traf.Um3,15Uhr begannunser Artilleriefeuer. Um3,40Uhr erfolgteder erste
Stuka-Angriff. Um4,15Uhr fingdasUbersetzen der vordersten Teileüberden
Bugbei der 17.und18.Panzer-Divisionan.Um4,45Uhr durchfurteten dieersten
Panzer der 18.Panzer-Division den Fluß.Siebenutztendabei diefürdasUnter-
nehmen .Seelöwe"erprobteAusrüstung,dieihnen dasDurchwaten von Ge-
wässernbiszu4mTiefeerlaubte.
Um6,50Uhr ließichmichbei KolodnomittelseinesSturmbootesüberdenBug
setzen.MeineBefehlsstaffel, bestehendauszwei gepanzertenFunkstellen, eini-
gen Geländewagenund Krafträdern,folgtebis8,30Uhr. Anfänglichden Panzer-
spurender 18.Panzer-Divisionfolgend, fuhr ichandieLesna-Brückevor, deren
Besitz fürdasVorwärtskommendesXXXXVII.Panzer-Korpswichtigwar, traf
dortaber außereiner russischenPostierungniemandan.DieRussensuchten bei
139
meiner AnnäherungdasWeite.Zwei meiner Ordonanzoffiziereließensich ent-
gegenmeiner Weisungzur Verfolgunghinreißen;siesindleider beidehierbei
gefallen.
Um10,25Uhr erreichtedievorderstePanzerkompaniedieLesnaund überschritt
dieBrücke.Ihr folgteder Divisionskommandeur, GeneralNehring.Ichbegleitete
nundenweiteren Vormarsch der 18.Panzer-Division biszumNachmittagund
begab mich um16,30Uhr zur Brückenstellenach Kolodno und von dortum
18,30Uhr aufmeinen Gefechtsstand.
DieÜberraschungdesGegnerswar aufder ganzenFrontder Panzergruppege-
lungen. SüdlichBrest-Litowsk fielen dieBrückenüberdenBugdemXXIV.Pan-
zerkorpsunversehrtindieHand. Nordwestlich der Festungwar der Brücken-
schlagandenvorgesehenen StellenimGange.Der Gegner hattesichaber von
seiner anfänglichenÜberraschungbald erholtund setztesich in seinen Unter-
künftenzähezur Wehr.Besondershartnäckighielter diewichtigeZitadellevon
BrestmehrereTageundsperrtedadurchdieBahnunddieStraßenüberBugund
Muchawiec.
AmAbend kämpftediePanzergruppeumMaloryta, Kobryn, Brest-Litowsk und
Pruzana. Bei letztgenanntemOrtgerietdie18.Panzer-Division in dieersten
Panzerkämpfe.
Am23.Juni verließichmeinenGefechtsstand um4,10Uhr undbegabmichzu-
nächstzumXII.A.K., womichGeneralSchroth überdenVerlaufdesKampfesum
Brest-Litowskunterrichtete.Vondortfuhr ichzumXXXXVII.Panzer-Korpsnach
dem23kmnordnordostwärtsBrest-LitowskgelegenenDorfeBildejki.Dorthatteich
eineAussprachemitGeneral Lemelsen und erhieltFernsprechverbindungzu
meinemGefechtsstand zur OrientierungüberdieGesamtlage. Anschließendbe-
gabichmichzur 17.Panzer-Division, bei der ichum8Uhr eintrafundvon dem
Kommandeur der Schützen-Brigade,General Ritter vonWeber, überseineMaß-
nahmenunterrichtetwurde.Um8,30Uhr trafichGeneral Nehring, 18.Panzer-
Division, und anschließendnochmalsGeneralLemelsen.Dannfuhr ichnachPru-
zana, wohin der Gefechtsstand der Panzergruppevorgezogen wurde.DieFüh-
rungsabteilungdesStabestrafum19Uhr dortein.
DasXXIV.Panzer-KorpskämpftesichandiesemTagelängsder StraßeKobryn
—BeresaKartuskaaufSluzk vorwärts.SeinKorpsgefechtsstandgingnachBeresa
Kartuska.
Ich gewann den Eindruck, daßbeimXXXXVII.Panzer-Korpsbereitsernstere
KämpfemitdenausRichtungBialystok nach SüdostenzurückgehendenRussen
bevorstünden, und entschloßmich daher, den nächstenTagabermalsbeim
XXXXVII.Panzer-Korpszuzubringen.
Am24.Juni verließichalsoum8,25 Uhr meinen Gefechtsstand und fuhr in
RichtungSlonimlos.IndieseStadtwar inzwischendie17.Panzer-Division ein-
gedrungen.ZwischenRozanaundSlonimstießichaber aufrussischeInfanterie,
140
welchedurchFeuer dieMarschstraßebeherrschte.EineBatterieder 17.Panzer-
DivisionundabgesesseneKraftradschützenführtenander Straßeeinnichtsehr
eindruckvollesFeuergefecht. Ich mußteeingreifen undbrachtedurch dasFeuer
meinesM.G.ausdemBefehlswagen den Feind ausseinen Stellungen, so daß
ichmeineFahrtfortsetzen konnte.Um11,30Uhr trafichaufdemGefechtsstand
der 17.Panzer-DivisionamWestrand von Slonimein, wo ich außerdemDivi-
sionskommandeur, General vonArnim, auch den Kommandierenden General,
Lemelsen, antraf.Noch währendunserer AusspracheüberdieLageerscholl in
unseremRückenlebhaftesGeschütz-und M.G.-Feuer; einbrennender Lkw ver-
sperrtedieSichtaufdievonBialystok heranführendeStraßeunddieLageblieb
solangeungeklärt,bissichausdemRauchzwei russischePanzer abzeichneten,
dieunter lebhaftemFeuer ausKanonen und M.G.nachSlonimhineinstrebten,
verfolgtvondeutschenPanzernIV, diegleichfallslebhaftfeuerten.DieRussen-
panzer erkannten unsereAnsammlung, und so erhielten wir eineAnzahl von
GranatenaufwenigeSchritte, daßunsHörenundSehenverging.AlsalteKrie-
ger hattenwir unssofortzuBodengeworfen; nur der desKriegesungewohnte,
vomBefehlshaber desErsatzheereszuunsentsandte, armeOberstleutnantFel-
ler, der sichnichtschnell genughingelegthatte, wurderechtunangenehmver-
wundet, ebenso der Kommandeur einer Panzerjäger-Abteilung, Oberstleutnant
Dallmer-Zerbe, der seiner schweren WundenacheinigenTagen leider erlag.In
der Stadtgelanges, dierussischenPanzer außerGefechtzusetzen.
Ich besichtigteanschließenddievordereKampflinieinSlonimund fuhr dann
ineinemPanzer IV durchNiemandsland zur 18.Panzer-Division.Um15,30Uhr
war ichwieder inSlonim, nachdemdie18.Panzer-Division denAuftragerhalten
hatte, inRichtungBaranowiczevorzugehen, und der 29.(mot.) I.D.aufgetragen
war, ihren Vormarschin RichtungSlonimzubeschleunigen.Sodann begab ich
mich zumGruppengefechtsstand zurück.DieseFahrtführteunerwartet durch
russischeInfanterie, diemitLastkraftwagen bisdichtan Slonimherangeführt
war undgeradeimBegriff standauszuladen.Der nebenmir sitzendeFahrer er-
hieltdenBefehl „Vollgas"und danngingesdurch dieerstaunten Russen, die
bei der plötzlichenBegegnungkeineZeitzumSchießenfanden.DieRussen müs-
sen mich aber docherkannthaben, denn siesagten mich inihrer Pressetot;
deshalbwurdeich veranlaßt,ihrenIrrtumdurchdendeutschenRundfunk richtig-
zustellen.
Um20,15Uhr war ichwieder bei meinemStabe.DortfandichdieNachrichtvon
heftigen Kämpfeninunserer tiefen rechtenFlankevor, wodasLIII.A.K. seit
dem23.Juni bei MalorytarussischeAngriffeerfolgreich abwehrte. Zwischen
demXXIV.Panzer-KorpsunddemXXXXVII.Panzer-KorpsbegannenTeiledes
XII.A.K.eineloseVerbindungherzustellen, währenddielinkeFlankeder Pan-
zergruppedurchdenzunehmenden Druck der von Bialystok zurückströmenden
Russen ernstlichbedrohtwar.Hier mußtedurch schnellesNachführender 29.
(mot.) I.D.unddesXXXXVI.Panzer-KorpsfürSicherunggesorgtwerden.
141
ZumGlückahntenwir nicht, daßbereitsandiesemTageHitler nervöswurde
und auf dieGefahr hinwies, daßesden starkenrussischen Kräftengelingen
könnte,an irgend einer StelledieUmfassungzusprengen. Hitler erwog, die
Panzergruppen anzuhalten und sievorzeitiggegen dieKräfteimRäumeum
Bialystok einzudrehen.DiesesMal erwiessichdasOKHnochalsstark genug,
an dembisherigen Entschlußfestzuhalten und dieUmfassungdurch Vorgehen
aufMinsk zuvollenden.
Wilnawurdegenommen, desgleichen Kowno.
DieFinnen besetztenkampflosdieAalands-Inseln.DasnickelhaltigePetsamo-
Gebietwurdedurch dasdeutscheI.Gebirgskorpskampflosbesetzt.
Am25.Juni frühbesuchteichVerwundeteimLazarett, dieeinemtagszuvor
aufunserenGefechtsstandniedergegangenen Bombenangriff zumOpfer gefallen
waren, demichdurchmeineAbwesenheitander Frontentgangenwar.Um9,40
Uhr fuhr ichsodannzumXII.A.K.nachLinowo, 9kmsüdlichPruzana, unter-
richtetemich überdessenLageundsetztemeineFahrtzumXXIV. Panzer-Korps
nachZarzeczne, 37kmsüdlichSlonim, fort.Nach RücksprachemitGeneral Frhr.
vonGeyr besuchteichnochdie4. Panzer-Divisionundwar um16,30Uhr wieder
auf demGruppengefechtsstand.
NeueFeindkräftebewegtensichandiesemTageausdemRäumevon Bialystok
inRichtungaufSlonim, darunter auchPanzer.Die29.(mot.) I.D.trafauf dem
Gefechtsfeld einund übernahmdieAbriegelunggegendieaufSlonimdrängen-
denRussen.Hierdurch wurdendieHauptkräfteder 17.und 18.Panzer-Division
zubeweglicher VerwendunginRichtungMinsk frei.Letzterewar bereitsim
VorgehenaufBaranowiczebegriffen.
Am26.Juni frühfuhr ichandieFront desXXXXVII.Panzer-Korps, umdas
Vorgehen auf Baranowiczeund Stolpcezuüberwachen.DasXXIV, Panzer-
KorpserhieltdieWeisung, dasVorwärtskommenseinesnördlichenNachbarn
zuunterstützen.
Um7,50Uhr trafichbei der 17.Panzer-Division einundbefahl ihr, unverzüg-
lichaufStolpceanzutreten.Um9Uhr war ichaufdemGefechtsstandder 18.Pan-
zer-Division, wosich außerdemDivisionskommandeur auchder Kommandierende
General aufhielt.Dieser Gefechtsstand lagander StraßeSlonim—Baranowicze
bei Lesna, 5kmhinter denvorderstenTeilender Division.Vonhier austratich
erneutmitdemXXIV. Panzer-KorpsinFunkverbindung, umdessen Unter-
stützungbeimAngriffaufBaranowiczesicherzustellen.DieseerfolgtedurchTeile
der 4.Panzer-Division, vonder eineKampfgruppeseit6Uhr imVorgehennach
Norden war.
Um12,30Uhr meldetedasXXIV.Panzer-KorpsdieEinnahmevon Sluzk.Das
war einesehr guteLeistungvon FührungundTruppe.IchsandtedemKomman-
dierendenGeneral einenanerkennendenFunkspruchundbegabmichsodann in
142
dievordereLinieder 18.Panzer-Divisionbei Tartak.AmfrühenNachmittagkam
dieNachricht, daßHoth30kmnördlichvonMinsk stehe.
Um14,30Uhr gingeinBefehl der Heeresgruppeein, der michanwies, mitder
MasseaufMinsk, mitdemXXIV.Panzer-KorpsaufBobruisk vorzugehen. Ich
konntemelden, daßdasXXIV.Panzer-KorpsbereitsaufBobruisk angesetztsei
unddasXXXXVII.Panzer-KorpsüberBaranowiczeaufMinsk angriffe. Sodann
befahl ichVorziehender FührungsstaffelmeinesStabesnachTartak, wosieum
23,30Uhr eintraf.
ImLaufedesNachmittagshattedie17.Panzer-Divisionnochgemeldet, daßsie
aufbrauchbarer StraßeimVorgehenaufStolpcesei.Sieerreichteihr Ziel am
Abend. Der Divisionskommandeur, General von Arnim, wurdeleider bei den
KämpfendiesesTagesverwundetund mußtedasKommando an den General
Ritter vonWeber abgeben.
DiePanzergruppewurdeneuerdingsdemArmee-Oberkommando 4unterstellt
underhieltvondiesemdenBefehl zur Sperrungder LinieZadworze(9kmnörd-
lich Slonim)—Holynka—Zelwa—Zelwianka-FlußgegendenvonBialystok heran-
drängendenFeind.
AndiesemTagetrafdasXXXXVI.Panzer-Korpsmitseinenvordersten Teilen
aufdemGefechtsfeldbei Tartak einund übernahmvondiesemZeitpunktabdie
Verbindungzwischen demXXIV.undXXXXVII.Panzer-Korps.AlleKräftedes
XXIV. Panzer-Korpswurden hiermitfürdessen Hauptaufgabe, den Stoßauf
Bobruisk, frei.
Bei der Heeresgruppe.Nord"gelangder 8.Panzer-Division dieWegnahme
Dünaburgsundder dortigen Brücken.
Am27.Juni erreichtedie17.Panzer-Division den Südrandvon Minsk und
stelltedamitdieVerbindungmitder Panzergruppe3her, welchebereitsam
26.Juni indievondenRussenstark zerstörteStadteingedrungen war.Dierus-
sischen Kräfte,diesichimRäumeBialystok befundenhattenundvergeblich da-
nach strebten, ausder nunmehr vollzogenen Umklammerungzuentkommen,
wurden eingeschlossen. Nur schwachen Teilen war esgelungen, vor Beendi-
gungder Einkesselungnach Osten zuentweichen. Der erstegroßeErfolgdes
Feldzugesbahntesichan.
FürdieFortführungder Operationenkamesnachmeiner Meinungdarauf an,
dieEinschließungder Russenbei Bialystok miteinemMinimuman Kräftenaus
der Panzergruppedurchzuführenund dafürdieInfanterie-Armeenzuverwenden,
ummitden schnell beweglichen, motorisierten Verbändendemersten opera-
tivenZiel desFeldzugeszuzustreben, demRäumeSmolensk—Jelnja—Roslawl.
AllemeineMaßnahmenstanden inden nächstenTagen unter diesemZeichen.
IchbefandmichdamitimEinklangmitdengrundlegendenBefehlen fürdieOpe-
rationen.DieseunbeirrtdurchdieWechselfälleder Kämpfeauszuführen, schien
mir vonausschlaggebender BedeutungfürdasGelingen desganzen Feldzuges.
DaßdamiteingewissesRisiko verbunden war, war mir klar.
143
Diese Überlegungenveranlaßtenmich, auch am28. Juni wiederzumXXXXVII.
Panzer-Korps zufahren, umdemam stärkstenbedrohtenVerband nahe zusein
und imNotfall rechtzeitigeingreifenzu können. Ich traf denKommandierenden
General inSwojaticze (23 km südwestlichNieswiez), unterrichtete mich überdie
Lage seinerDivisionenund befahl durch Funkspruch anmeinenStab, denMarsch
der29. (mot.) I.D. nach Nordenzubeschleunigenund überden StraßenNowo-
grodek—Minskund Nowogrodek—Baranowicze—Turzec Luftaufklärunganzu-
setzen. Dannsuchte ich noch die 18. Panzer-Divisionauf, bei derdurch Verfahren
einerKolonne einige Störungendes Vormarsches eingetretenwaren, die jedoch
ohne nachteilige Folgenbehobenwurden.
MeinChef Liebensteinhatte inzwischeneine Abriegetungslinie aus Divisionen
verschiedenerKorps gegendrohende Ausbrüchedes Feindes westlich Kojdanow
—Piaseczna(nordwestlich Mir)—Horodyszcze—Polonkaangeordnet, eine Maß-
nahme, die meine Zustimmungfand.
Das XXIV. Panzer-Korps gelangte andiesemTage bis dichtvorBobruisk; es
hatte seinenGefechtsstand seitdem25. inFilipowicze.
DerGefechtsstand derPanzergruppe wurde am28. Juni nach Nieswiez, einem
Radziwill'schenSchlosse, verlegt, indemein höhererrussischerStabgelegen
hatte. VonderaltenEinrichtungdes Schlosses fand sich nurimoberstenStock-
werknoch die Photographie einerJagdgesellschaftmitKaiserWilhelmI. als
Gast. Die BevölkerungvonNieswiez batumdie Genehmigung, einenDankgot-
tesdienst fürihre Befreiungabhaltenzu dürfen, eine Bitte, die ihrgernerfüllt
wurde.
AndiesemTage hattenerreicht:
3. Panzer-DivisionBobruisk, 4. Panzer-DivisionSluzk, 10. (mot.) I.D. Siniawka,
1. K.D. denRaum ostwärtsDrohiczyn.
17. Panzer-DivisionKojdanow, 18. Panzer-DivisionNieswiez, 29. (mot.) I.D. den
Zelwianka-Abschnitt.
Teile der10. Panzer-DivisiondenZelwianka-Abschnitt, Masse dieserDivision
Siniawka, SS-„Reich"BeresaKartuska, LR. „G.D."dieGegend nordostwärts
Pruzana.
Die Gruppe Hoth stand mitder7. und 20. Panzer-Divisionbei Minsk. Inder
tiefenrechtenFlanke kamendie Kämpfedes LIII. A.K. bei Malorytazusieg-
reichem Abschluß. Die Gefahrauf diesem Flügelwardamit fürserste behoben.
Der29. Juni brachte die Fortsetzungder Kämpfeauf derganzenFront der
Panzergruppe, die besonders amZelwianka-Abschnittzu großerHeftigkeitauf-
flammtenund die Besorgnis des AOK 4erregten, die sich ineinerReihe von
Eingriffenbemerkbarmachte, die vonmirsehrnachteiligempfundenwurden,
daich sie zumTeil zunächstgarnichterfuhr.
Die Heeresgruppe „Nord"gewannJakobstadt, Liewenhof und den Südteilvon
Rigamitderdortigen Eisenbahnbrücke überdie Düna.
Abb. 15 /ImSturmboot überdenDniepr bei Kopys (11.7. 1941)
Abb. 16 /AmDniepr bei Kopys mit General Marras, dem
jetzigen italienischen Generalstabschef (11.7.1941)
Den30. Juni benutzte ich zueinemFlugzurPanzergruppe 3, ummich mitHoth
überdas weitere Zusammenwirkenins Benehmenzusetzen. Oberstleutnantvon
Barsewisch flogmich selberineinerKampfmaschine überdie PuszczaNalibocka,
ein großesWaldgebiet, aus demdie 4. Armee ständigrussische Durchbruchsver—
suche erwartete. Ich gewanndenEindruck, daßderFeind dortkeine nennens-
werten Kräftehabe und somitauch keine Gefahraus dieserRichtungdrohe. Mit
Hoth vereinbarte ich das Zusammenwirkenmeiner18. Panzer-Divisionmitsei-
nemrechten FlügelbeimVorgehenauf Borissow und beimGewinneneines
Brückenkopfes überdie Beresinabei diesemOrt.
Das OKH erteilte andiesemTage denBefehl zumErreichenderDniepr-Linie
mit Kampfkräften.
Das OKH wies die Heeresgruppe auf die entscheidende BedeutungderFort-
setzungderOperationeninRichtungSmolenskhinund wünschte, daßso rasch
wie möglichdie Übergänge überdenDniepr bei Rogatschew, Mogilew und
Orschasowie die Übergänge überdie Dünabei Witebskund Polotskmitkampf-
kräftigenTeileninBesitz genommen würden.
Am nächstenTage, dem1. Juli, flogich zumXXIV. Panzer-Korps, weil unsere
einzige sonstige Verständigungsmöglichkeit, derFunk, auf die Dauerdoch zu
dürftigwar. Geyrs EindruckvomGegnerwarunseren zukünftigenAbsichten
günstig. Erhatte vorwiegend mitzusammengerafften Verbändenzutun. Der
gegnerische Zugverkehrwargering. Eine amVortag überBobruiskstattgefundene
Luftschlachthatte miteinerNiederlage derRussengeendet. Trotzdemleistete
derGegner, wie stets, zähenWiderstand. Seine Kampftechnik, besonders seine
Tarnungwargut, die Führunganscheinend noch nichtwiedereinheitlich. Es war
demKorps gelungen, die Brückenüberdie Beresinabei Swislotsdi zubesetzen.
Um9.30 Uhrwareine verstärkte Aufklärungs-Abteilungaus demBeresina-
Brückenkopf ostwärtsBobruiskauf Mogilew angetreten, derdie Masse der
3. Panzer-DivisionmitderMarschrichtungnach Ostenfolgte, wobei sich General
Frhr. vonGeyrvorbehielt, seinenSchwerpunktje nach derEntwicklungderLage
auf Rogatschew oderauf Mogilew — beide amDniepr— zulegen. Um10.55 Uhr
tratenstarke Teile der4. Panzer-DivisiondenVormarsch vonSwislotsch nach
Ostenan. Die Betriebstoff lägemachte keine Sorge; Munition, Verpflegungund
SanitätsdienstewareninOrdnung. Die Verluste warenbishererfreulich gering.
Es fehlte jedoch an Brückenkolonnenund Bautruppen. Die Zusammenarbeitmit
denFliegernunterOberst Mölderswarausgezeichnet. MitdenNahkampfflie-
gernunterGeneral Fiebigarbeitete die Verbindungnichtschnell genug. Die
1. K.D. hatte sich imEinsatz bewährt.
Die Luftaufklärungstellte im übrigenandiesemTage fest, daßdie Russenim
RäumeSmolensk—Orscha—Mogilew frische Kräfteversammelten. Wenndie
Wegnahme derDniepr-Linie gelingensollte, ohne auf das EintreffenderInfan-
terie wartenzu müssenund damitWochenzuverlieren, warEile geboten.
10 ErinnerungeneinesSoldaten < AC
DieKämpfeander EinschließungsfrontdesKesselsvon Bialystok gingen in-
dessen mitgroßerHeftigkeitweiter. Inder Zeit vom26.bis30.Juni hatte
allein dasLR.71der 29.(mot.) I.D.diegewaltigeZahl von36000 Gefangenen
eingebracht—einBeweisfürdieMassen, mitdenendieRussen durchzubrechen
versuchten.DieseTatsachebeeindrucktedasAOK 4sotief, daßesweiterhin an
einer dichtbesetzten Einschließungsliniefesthielt.Feldmarschall vonKlugever-
botdaher denvonmir bereitsbefohlenenAbmarschder 17.Panzer-Division in
RichtungBorissow, wodie18.Panzer-Divisioninzwischen allein angelangtwar
undeinen BrückenkopfüberdieBeresinagewonnenhatte, vondessen Behaup-
tungdieFortführungder BewegungendesXXXXVII.Panzer-KorpsinRichtung
aufdenDniepr wesentlichabhing.IchhabedenBefehl desAOK 4trotz meiner
BedenkenandieTruppeweitergeleitet.
Am2.Juli überzeugteichmichbei Mir beimMG-Btl.5, dasdieVerbindung
zwischen der 17.Panzer-Division und der 29.(mot.) I.D.zuhalten hatte, per-
sönlichvon demZustand der Einschließungsfrontund hörtemir dieAuffassung
der OffiziereüberdenGegner an, umzueiner zutreffendenBeurteilungder Lage
zukommen.Dann fuhr ichzuGeneralLemelsen, befahl ihmunddemdortan-
wesendenKommandeur der 29.(mot.) I.D., denKesselgeschlossenzuhalten, und
begabmichsodannzur 17.Panzer-DivisionnachKojdanow. General Ritter von
Weber meldeteerfolgreicheAbwehr feindlicher Durchbruchsversuche.Von dort
fuhr ichnachdemneuenGefechtsstandder Panzergruppebei Sinilo, südostwärts
Minsk.Bei meinemEintreffen erfuhr ich, daßbei der Befehlsübermittlungandie
17.Panzer-Division ein Mißgeschickeingetretenwar, indemTeileder Division
denBefehl zumVerbleib ander Einschließungsfrontnichterhaltenhatten und
nachBorissowinMarschgesetztwaren.Ich ließdieseTatsachesofortdemAOK 4
melden.Zuändernwar sienichtmehr.Ichwurdefür den nächstenMorgen8Uhr
zumFeldmarschall vonKlugeindessenHauptquartier Minsk befohlen undwe-
gendesVorfallszur Redegestellt.Nachdemichdieerforderlichen Aufklärungen
gegebenhatte, sagteFeldmarschall vonKluge, daßer eigentlichdieAbsichtge-
habthabe, Hoth und michvor einKriegsgerichtzustellen, dabei Hoth das
gleicheMißgeschickeingetreten war und er daher geglaubthabe, einer Gene-
ralsfrondegegenüberzustehen.Nun, darüberkonnteich ihn beruhigen. Nach
dieser Aussprachefuhr ichzumXXXXVII.Panzer-KorpsnachSmolewicze(35km
nordostwärtsMinsk) und, weilichdasGeneralkommandodortnochnichtantraf,
weiter zur 18.Panzer-Division nachBorissow.Dortbesichtigteichden Brücken-
kopf überdieBeresinaund sprach dieversammelten Kommandeureder Divi-
sion.DieDivision entsandteeineVorausabteilungauf Tolotschino. Auf dem
Rückwegtraf ichinSmolewiczeden Kommandierenden General und besprach
mitihmdenEinsatz der 18.und 17.Panzer-Division. Währenddieser Unterhal-
tunghörtendieFunker meinesBefehlspanzersdieNachrichtvomAngriff rus-
sischer Panzer undFlieger aufdieBeresina-Ubergängebei Borissow. Das
146
XXXXVII.Panzer-Korpswurdeverständigt.DieAngriffewurden unter schwe-
renrussischenVerlustenabgewiesen, aber der Eindruck aufdie18.Panzei-Divi-
sion war dochnachhaltiggenug, weil hierbei dieersten T34-Panzer aufder
Feindseiteaufgetreten waren, denen unseredamaligen Geschützenichtviel an-
haben konnten.
Am2.Juli standdiePanzergruppewiefolgt:
1.K.D. südlichSluzk, 3.Panzer-Division Bobruisk, Vorausabteilungvor Rogat-
schew, 4.Panzer-DivisionSwislotsch, 10.(mot.) I.D. ostwärtsSluzk.
SS-„Reich"nördlichBalusewicz a.d.Beresina, 10.Panzer-Division Tscberwen,
I.R.,,GD."nördlichBaranowicze.
18.Panzer-DivisionBorissow, 17.Panzer-DivisionKojdanow, 29.(mot.) Stolpce,
MG-Btl.5südostwärtsBaranowicze.
Am3.Juli hattendieRussenimKesselvonBialystokkapituliert.Meineganze
Aufmerksamkeitrichtetesichnun aufdieFortführungder Bewegungen inRich-
tungaufden Dniepr.
Den 4.Juli benutzteich zueinemBesuch beimXXXXVI. Panzer-Korps. Die
Fahrtgingvon Sinilo überSmolewicze—Tscherwen—SlobodkazumGefechts-
standder 10.Panzer-Division undvon dortzur SS-„Reich".AufdemWegedort-
hintrafichdenKommandierenden General, demichaufseineFragenach dem
VerbleibdesI.R.„G.D.*nur antwortenkonnte, daßdiesesRegimentalsReserve
der 4.Armeenochimmer bei Baranowiczefestgehalten werde. Dann zur SS-
„Reich"nachSt.Retschki.General Hausser berichtete, daßsein Kraftradschützen-
BataillonnachschweremKampfeinen BrückenkopfüberdieBeresinabei Brodez
(17kmsüdlichBeresino) gebildethabe.Bei Jakschizy sei dieBeresina-Brücke
gesprengt, einUberselzen von Fahrzeugen noch nichtmöglich.DiePioniere
seien noch mitdemFahrbarmachen der sumpfigen Zufahrten beschäftigt.Ich
fuhr dorthinund fand diePionierefleißigamWerk:sieversprachen, biszum
5.Juli frühmitihrenArbeitenfertigzuwerden.
AndiesemTageerreichtedasXXIV.Panzer-KorpsdenDniepr bei Rogatschew
und erkämpftesich weitereUbergängeüberdieBeresina.Amgleichen Tage
standen dieDivisionender Panzergruppefolgendermaßen:
1.K.D. ostwärtsSluzk, 3.Panzer-Division vor Rogatschew, 4.Panzer-Division
Starij Bychow, 10.(mot.) I.D.Bobruisk.
SS-„Reich"Balusewicz, 10.Panzer-Division Beresino, I.R.„G.D.* ostwärts
Stolpce.
18.Panzer-Division ostwärtsdesNatscha-Abschnittes, Teile17.Panzer-Division
Borissow, Massedieser DivisionMinsk, 29.(mot.) I.D.Kojdanowa—Stolpce, MG-
Btl.5westlich Stolpce.
Am6.Juli überschrittenstarkerussischeKräfteden Dniepr bei Shlobin und
griffen den rechten FlügeldesXXIV.Panzer-Korpsan.Siewurden durch die
148
N
10. (mot.) I.D.abgewiesen.WeitereKräftewurden durchunsereLuftaufklärung
imAntransportausdemRäumeOrel—Brjansk inRichtungGomel gemeldet.Im
RäumeOrschawurdeeinneuesrussischesAOK gepeilt. EineneueVerteidi-
gungsfrontamDniepr schieninder Bildungbegriffen.Dasmahntezur Eile.
Biszum7.Juli erreichten:
DiePanzergruppemitdemGefechtsstand Borissow.
XXIV.Panzer-KorpsBortniki.
1. K.D.Bobruisk, 10. (mot.) I.D.Shlobin, 3.Panzer-Division Rogatschew—Nowij
Byohow, 4. Panzer-Division Starij Byohow.
10. Panzer-DivisionBjalynicy, SS-.Reich"Beresino, I.R. »G.D."Tscherwen.
18. Panzer-DivisionTolotschino, 17.Panzer-Division Senno, 29.(mot.) I.D.Bo-
rissow.
Die17.Panzer-Divisionwar bei Senno inheftigeKämpfemitstarkemFeinde
verstrickt, der insbesonderezahlreichePanzer insFeuer führte.Auchbei der 18.
Panzer-DivisionwarenlebhafteKämpfeimGange.DadasXXIV. Panzer-Korps
denDniepr bereitserreidithatte, mußteein EntschlußüberdieFortführungder
Operationen gefaßtwerden. Von meinen Vorgesetzten hatteich keineneuen
Weisungen erhalten, mußtealso annehmen, daßdieAufmarschanweisung, der
zufolgediePanzergruppe2den RaumSmolensk—Jelnja—Roslawl erreichen
sollte, nochvolleGültigkeitbesaß.Ichvermochteauchkeinen Grund füreine
Abänderungdieser Anweisungzuerkennen. DaßinzwischendieAnsichten Hit-
lersund desOKH weitgehend auseinander klafften, blieb mir zudiesemZeit-
punktverborgen. DieseTatsachehabeichinihrer ganzen Tragweiteerstviel
spätererfahren.DieReibungenund Mißhelligkeitenbei Ausführungder bisheri-
gen Operationen werden aber erstverständlich,wenn man einen Blick hinter
dieKulissender deutschen Obersten FührungindiesenTagen tut.
Hitler hatteausdenAugenverloren, daßer selbsteineschnelleOffensivemit
demZieleSmolensk befohlen hatte.Er sah währendder verflossenen Kampf-
tagenur den Kessel umBialystok.Feldmarschall vonBrauchitsch wagtenicht,
der Heeresgruppe„Mitte"seinen abweichenden StandpunktzumAusdruck zu
bringen, weil ihmdieAuffassungHitlersbekanntwar.Feldmarschall von Bock
wünschtenacheigener Äußerung,diePanzergruppen2und3unter den gemein-
samenOberbefehl desFeldmarschallsvonKlugezustellen, umsichvonder un-
mittelbaren Verantwortungfürderen Führungzuentlasten.Feldmarschall von
Klugewollte—in Übereinstimmungmitder offiziellen Hitlerschen Ansicht—
denRingumBialystok dichtbesetzenundabwarten, bisdieRussen kapituliert
hätten,bevor er dieFortsetzungder BewegungennachOstenerlaubte.Hoth und
ich drängten—imGegensatz zudieser Auffassung—mitunseren Panzerkräf-
tenimSinneder ursprünglichen,bisdahinnichtaufgehobenen Anweisungzum
Vormarsch nachOsten, unseren erstenAngriffszielen entgegen.Wir wollten —
wiegesagt—den Feindbei Bialystok miteinemMinimuman Panzerkräften
150
binden undseineGefangennahmeden unsfolgenden Infanterie-Armeen über
lassen.Und währenddasOKHinsgeheimhoffte, daßdieBefehlshaber der Pan-
zergruppen ihren ursprünglichenAngriffszielen auch ohneBefehl und sogar
gegendenBefehl zustreben würden,wagteesnicht, denOberbefehlshabern der
HeeresgruppenundArmeeneineAndeutungzugeben, umsiezudemgewünsch-
ten Entschlußzubringen.
Sokames, daßdiePanzergruppe2befahl, den EinschließungsringumBialystok
miteinemMinimuman Kräftenzuhalten, mitallenirgend verfügbarenTruppen
aber den Feind überdieBeresinaund den Dniepr zuverfolgen. Feldmarschall
vonKlugegabGegenbefehle, diealleander Einschließungbeteiligten Truppen
inihrenStellungen festhielten und sieauf Befehlezur Fortsetzungder Bewe-
gungenin ostwärtigerRichtungwarten ließen.EinTeilder Truppenerhieltdiese
Befehlenichtrechtzeitigund setztedieBewegungen aufdieBeresinafort. Dem
Ganzen geschah indiesemFalleglücklicherweisekeinSchaden hierdurch, aber
unerfreulicheSpannungenund Auseinandersetzungen warendieFolge.
Der Übergang über den Dniepr.
Am7.Juli standichvor demEntschluß,ob ichden bisherigen raschen Vor-
marschfortsetzen und den UbergangüberdenDniepr mit den Panzerkräften
allein erzwingen sollte, ummeineersten Zielesoschnell zuerreichen, wiees
imSinnedesursprünglichenFeldzugsplaneslag, oder obichangesichtsder rus-
sischen Maßnahmenzur Verteidigungder FlußliniedenVormarsch unterbrechen
und fürdenKampf umden FlußabschnittdasHerankommen der Infanterie-
Armeenabwarten müßte.
Fürden sofortigenAngriff sprachdieaugenblicklicheSchwächeder russischen
Verteidigung, dieerstimAufbauwar.Zwar bestanden stark besetzteBrücken-
köpfebei Rogatschew, MogilewundOrscha; dieVersuche, Rogatschewund Mo-
gilewdurchHandstreichezunehmen, warendaher auchgescheitert.Zwar waren
dieAntransporterussischer Verstärkungengemeldet, einestarke, russischeMas-
sierungentstand imRäumeumGomel, eineschwächerenördlichOrscha, bei
Senno; bei demletztgenannten Ortewaren bereitsheftigeKämpfeimGange.
Aber biszumEintreffender Infanteriemußtenetwa14Tagevergehen.Bisdahin
mußtedierussischeVerteidigungerheblich stärkerwerden. Ob esdann noch
der Infanteriegelingen würde, einewohlorganisierteFlußverteidigungüber
denHaufenzuwerfen und anschließendwieder zumBewegungskriegzukom-
men, war fraglich. Noch mehr inFragegestelltwurdedasErreichen unserer
erstenoperativenZieleunddieBeendigungdesFeldzugesnochimHerbst1941.
Geradehieraufaber kamesan.
Ichwar mir der SchweredesEntschlussesvoll bewußt.Mitder Gefahr starker
GegenwirkunggegendienachUberschreiten desDniepr bei allen drei Panzer-
151
korps entstehenden offenen Flanken habe ich gerechnet. Trotzdemwar ich so
durchdrungen vonder Wichtigkeit undLösbarkeit der mir gestelltenAufgabeund
zugleich so überzeugt von der ungebrochenen Leistungsfähigkeit und Angriffs-
kraft meiner Panzertruppen, daß ichden sofortigenAngriff über den Dniepr und
die Fortsetzung der Bewegungen auf Smolensk befahl.
Hierzu ordnete ich an, die Kämpfe auf beiden Flügeln bei Shlobinund Senno
abzubrechen undsich dort mit Beobachtung des Gegners zu begnügen.
Die Räume für den Flußübergang wurden durch diestark besetzten russischen
Brückenköpfe bestimmt: für das X X I V . Panzer-Korps wurde imEinvernehmen
mit General Frhr. von Geyr Starij Bychow und als Angriffstag der 10. J uli be-
stimmt, für das X X X X V I . Panzer-Korps Schklow, für das X X X X V I I . Panzer-Korps
Kopys, zwischenMogilew undOrscha, und als Angriffstag der 11. J uli. Alle Be-
wegungen und Bereitstellungen waren sorgfältig zu tarnen; es wurde nur bei
Nacht marschiert. DieLuftherrschaft über demBereitstellungsraumsicherten die
J äger des tapferen Oberst Mölders, der seine Gefechtslandeplätze unmittelbar
hinter der vordersten Linieeinrichtete. Wo er sichzeigte, war dieLuft inKürze
rein.
Den 7. J uli benutzte ichzu Besuchen beimX X X X V I I . Panzer-Korps, umdieAb-
sichtenfür den Dniepr-Ubergang mündlich zu erläutern. Unterwegs sah ichmir
einenerbeuteten russischen Panzerzug an. Dann ging es zumGeneralkommando
nach Natscha (30 kmostwärts Borissow), vondort nach Tolotschino zur 18. Pan-
zer-Division, die im Gefecht mit russischen Panzern stand. General Nehring
wurde auf die Wichtigkeit des Freikämpfens des Raumes umKochanowo, west-
lich Orscha, und der Einengung des dortigenrussischen Brückenkopfes für die
bevorstehenden Operationen hingewiesen. Der Truppe, die wieder einen her-
vorragenden Eindruck machte, konnte ichmeine besondere Anerkennung aus-
sprechen.
Am 8. J uli besuchte ichdas X X X X V I . Panzer-Korps zu demgleichen Zweck
wie tags zuvor das X X X X V I I . Das Korps hatte bei der SS-„Reich" noch Kämpfe
auf demWestufer des Dniepr.
Der 9. J uli zeichnete sich durch besonders heftige Aussprachen über die beab-
sichtigte Operation aus. Zunächst erschien amfrühen MorgenFeldmarschall von
Kluge auf meinemGefechtsstand undließ sichüber dieLageundmeineAbsich-
ten unterrichten. Er war ganz und gar nicht mit demEntschluß zumsofortigen
Dniepr-Ubergang einverstanden und verlangte sofortiges Abbrechen dieser Ope-
ration und das Abwartender I nfanterie. I chwar tief betroffen und verteidigte
meineMaßnahmen nachhaltig. Schließlich, nach Darlegung der bereits angeführ-
ten Gründe, sagte ichihm, daß die Vorbereitungen bereits zu weit gediehen
seien, umsie noch rückgängig machen zu können, daß dieTruppen des X X I V .
Panzer-Korps und X X X X V I . Panzer-Korps großenteils schon in ihren Ausgangs-
stellungen massiert seien, undich dieseMassierung nur kurzeZeit aufrechterhal-
152
ten könne, ohne vonder russischen Luftwaffe gefunden undangegriffen zu wer-
den. I mübrigen sei ichvondemGelingen des Angriffes durchdrungen und er-
wartete— wenn überhaupt — von dieser Operation dieEntscheidung des Ruß-
landfeldzuges noch in diesemJ ahre. Feldmarschall vonKlugewar durch meine
zielbewußten Darlegungen sichtlich beeindruckt. Mi t den Worten: „I hre Opera-
tionen hängen immer an einemseidenen Faden!" gab er widerwillig seineZu-
stimmung zu meinemVorhaben.
Nachdieser erregten Aussprache fuhr ichzumX X X X V I I . Panzer-Korps, das in
schwieriger Lage einer besonderenStütze zubedürfen schien. Um12.15 Uhr war
ich auf demGefechtsstand Krupkabei General Lemelsen. Dieser bezweifelte, daß
es der 18. Panzer-Divisionundeiner aus Panzer J ägern undAufklärern gebildeten
Kampfgruppe des Generals Streich möglich sein werde, den Raumvon Kocha-
nowo zu nehmen, weil dieTruppezuabgekämpft sei. I chbestand auf meinemBe-
fehl und ordnete an, daß die 18. Panzer-Divisionnach Erfüllung ihres Auftrages
— ebenso wiedie17. Panzer-DivisionnachAbschütteln des Gegners beiSenno—
nach Südosten auf den Dniepr abzudrehen sei. V omGeneralkommando fuhr
ich zur Front. Unterwegs begegneteichdemGeneral Streich und gab ihmdie
erforderlichen Weisungen. Dann traf ichNehring, der imGegensatz zur Auffas-
sung seines Korps erklärte, daß die Einnahme der befohlenen Bereitstellungs-
räume keine Schwierigkeitenmachen würde. Anschließend sprach ichden Kom-
mandeur der 29. (mot.) I .D., der ebenfalls erklärte, seinen Auftrag — Kopys zu
erreichen — ohne weiteres ausführen zu können. Den Divisionenwurde einge-
hämmert, nochin dieser Nacht den Dniepr und diebefohlenen Bereitstellungs-
räume zu erreichen.
Die 17. Panzer-Divisionbestand an diesemTagenochheftige Kämpfe mit feind-
lichen Panzern, diemit demV erlust von 100 Russenpanzern ein für die tapfere
Division günstiges Ergebnis zeitigten.
Am Abend des 9. J uli standen:
Gruppengefechtsstand Borissow (wurde am10. 7. nach Tolotschino verlegt).
1. Kavallerie-Division imFlankenschutz südostwärts Bobruisk, 3. Panzer-Division
im Räume Shlobin—Rogatschew—Nowij Bychow I nder Versammlung nach Nor-
den, 4. Panzer-Divisionbei Starij Bychow, 10. (mot.) I .D. bei Starij Bychow an der
Ubergangsstelle.
10. Panzer-Divisionsüdlich Schklow, SS „Reich" bei Pavlowo, Teilesüdlich Mogi-
lew zumFlankenschutz rechts, LR. „GD." bei Bjalynicy.
18. Panzer-Divisionsüdlich Tolotschino, 17. Panzer-Divisionbei Zamosja, 29. (mot.)
I .D. südwestlich Tolotschino i nder Versammlung inRichtung Kopys.
Die uns folgende I nfanterie hatte an diesemTage mit schwachen Vorausabtei-
lungen dieLinieBobruisk—Swislotsch—Borissow, mit der MassedieLinie Sluzk
—Minsk erreicht.
Hoth hatte Witebsk genommen, Hoepner Pleskau.
153
Am 10. und 11. J uli vollzog sieb der Dniepr-Ubergang sodann planmäßig und
unter geringenVerlusten.
Nachdemdas X X I V Panzer-Korps am10.-mittags gemeldet hatte, daß sein"Über-
gang bei Starij Bychow gelungen sei, begabichmich am10. nachmittags noch-
mals zumX X X X V I I . Panzer-Korps, ummich von der Bereitstellung und der
Kampfkraft der Truppe zu überzeugen. General Streichhatte seine Sicherungs-
linie gegenüber demrussischen Brückenkopf westlich Orscha erreicht. Nordwest-
lich Orschawar eineweitereSicherungsgruppe unter Oberst Usinger gebildet wor-
den. DieAufklärungs-Abteilung der 29. (mot.) I .D. hatte nachrechts Verbindung
mit der SS „Reich" hergestellt. Die 18. Panzer-Divisionwar inihrer Bereitstel-
lung. Die17. Panzer-Divisionwar um10 Uhr mit ihren Anfängen ander Auto-
bahnbei Kochanowo angelangt. Teiledieser Division standen bereits südwestlich
Orscha imGefecht auf demWestufer des Dniepr. Die29. (mot.) I .D. hatte ihre
Räume erreicht. I chlegtedemDivisionskommandeur nocheinmal ans Herz, daß
der rasche Durchstoß auf Smolensk nach geglücktem Flußübergang von äußer-
ster Wichtigkeit sei. Somit war auch beimX X X X V I I . Panzer-Korps dieschwie-
rigeVersammlung undBereitstellung gelungen, und ichsah denEreignissen des
kommenden Tages mit Zuversicht entgegen.
Für das VorgehennachUberschreitendes Dniepr warenfolgende Aufträge er-
teilt:
Das X X I V . Panzer-Korps sollte gegen die Straße Propoisk—Roslawl vorgehen.
Es hatte auf dieSicherung seiner rechtenFlankegegenShlobin—Rogatschew und
seiner linken Flankegegen Mogilew Bedacht zu nehmen.
Dem X X X X V I . Panzerkorps wurde aufgetragen, über Gorki—Potschinok auf
J elnja vorzugehenunddabei seine rechte Flankegegen Mogilew zu sichern.
Das X X X X V I I . Panzer-Korps erhielt Smolensk als Hauptziel unddazu den Auf-
trag der Flankensicherung links gegen die Dniepr-Linie zwischen Orscha und
Smolensk, sowie gegen Orscha selbst. Der Feindbei Orscha wurde außerdem
westlich undnordwestlichdes Dniepr durchdieGruppenStreichundUsinger be-
obachtet.
Am Abenddes 10. J uli erschien der italienischeMilitär-Attache, General Mar-
ras, der mir aus Berlin bekannt war, bei meinemStabezu Besuch. Er war von
Kapitän z. S. Bürkner begleitet. I chluddiebeidenHerrenein, mich amnächsten
Tage zu dembeabsichtigten Dniepr-Ubergang bei Kopys zu begleiten. Außer
diesen Besuchern erschienandiesemAbendOberstleutnant vonBelow, der Luft-
waffenadjutant Hitlers, umsich nach der Lage bei der Panzergruppe zu er-
kundigen.
Am 11. J uli verließ ichbei strahlendemSonnenschein inBegleitung meiner bei-
den Gäste um6.10 Uhr meinenGefechtsstand Tolotschino, der imJ ahre1812 be-
reits NapoleonI . als Quartier gedient hatte, ummich an den Dniepr bei Kopys
zu begebenund demUbergang des X X X X V I I . Panzer-Korps beizuwohnen. Die
154
Der Dniepr- Übergang
und Smolensk
10 5 o 10 10 30 U0 SOkm
1 1 1 1 >
Lage am 11.7.¥7.
• Entwicklung bis zum 73.7. ¥1.
•••••> Märsche bis ium 16.7.¥1. SnjO/ enski
Skizze 77
°p o Surash
o Klinzy
155
Fahrt längs der demFluß zustrebenden Kolonnenwar infolgedes dichten Stau-
bes recht beschwerlich. Menschen, Waffen und Motorenlitten ingleicher Weise
unter dieser wochenlang anhaltenden Plage. I nsbesonderewurden die Zylinder
der Panzermotoren so ausgeschmirgelt, daß ihreLeistung erheblich absank. Auf
demGefechtsstand der 29. (mot.) I .D., dicht bei Kopys, traf ichden Kommandie-
renden General und den Divisionskommandeur und wurde über dieLage unter-
richtet. DieRegimenter 15 und 71 hatten den Fluß bereits überschritten undden
Waldrand östlich Kopys erreicht; wir sahen sie imVorgehen gegen etwa zwei
feindliche Divisionen (russisches L X V I . A.K. mit 18. und54- Schützen-Division).
Schwaches Artillerie-Störungsfeuer lag auf dem Gelände des Gefechtsstandes,
das außerdem durch Minen verseucht war. Mankonnte das Vorgehen unserer
I nfanterie gut beobachten, ebenso den Brückenbau dicht unter unserem Stand-
ort. Nachdem mich der italienische Attache verlassen hatte, ließ ich mich im
Sturmboot auf das Ostufer des Flusses übersetzen, ummich von den Fortschrit-
tender Truppezuüberzeugen. MeineAbsicht, vonKopys zumX X X X V I . Panzer-
Korps zu fahren, ließ sich nicht verwirklichen, da noch keine gesicherte Land-
verbindung nach Schklow geschaffen werden konnte.
I nzwischen hatte sichherausgestellt, daß die17. Panzer-Divisionsüdlich Orscha
auf so starken Feind gestoßen war, daß es unzweckmäßig schien, aus dembe-
reits gewonnenen, kleinen Brückenkopf heraus auf dem Ostufer weiter anzu-
greifen. Der an Ort und Stelle führende Regimentskommandeur, Oberst Licht,
hatte sich daher richtigerwerseentschlossen, denBrückenkopf wieder zu räumen.
Die 17. Panzer-Divisionsolltenunmehr über Kopys hinter der 29. (mot.) I .D. nach-
gezogen werden.
Auf der Rückfahrt zumGruppengefechtsstand traf ichbei Kochanowo denFeld-
marschall vonKlugeund berichtete ihmüber die Entwicklung der Lage. Er be-
stätigte die von mir erteilten Befehle, und ichbat ihn meinerseits das Heran-
kommen der Vorausabteilungen der I nfanteriekorps an den Dniepr zumAb-
sperren der stark besetzten russischen Brückenköpfe zu beschleunigen. Auf
meinem Gefechtsstand traf ich den Chefadjutanten Hitlers, Oberst Sdimundt,
und hatte eine Aussprache über dieLageder Panzergruppe mit ihm.
Nach kurzemAufenthalt in Tolotschino brachichum18,15 Uhr zum X X X X V I .
Panzer-Korps nach Schklow auf. DieWege waren schlecht, dieBrücken notdürf-
tig wieder inStand gesetzt. Um21.30 Uhr war ichdort. Starkes Artilleriefeuer
und mehrfache feindliche Bombenangriffe auf die Brückenstelle der 10. Panzer-
Division hatten den Ubergang schwieriger gestaltet, als beimX X X X V I I . Panzer-
Korps. Audi bei der SS „Reich" war die Brücke durchLuftangriffe beschädigt
worden. Trotzdemwar der Ubergang gelungen undbereits eine Vorausabteilung
auf Gorki angesetzt worden. I chwies das Korps auf dieNotwendigkeit nächt-
lichen Vorgehens hin, umdie Wirkung der Überraschung auf den Gegner aus-
zunützen, und fuhr sodann zur 10. Panzer-Division, ummich vomAntreten der
156
Vorausabteilung zuüberzeugen. Dies erwies sichauch als sehr notwendig, denn
die Truppe war tatsächlich bei meinemEintreffen nochnicht unterwegs.
Nachschwieriger Nachtfahrt war icham12. 7. um4.30 Uhr früh wieder inTolo-
tschino.
Am 11. J uli hatten dieDivisionender Panzergruppe erreicht:
1. Kavallerie-Division Shlobin—Rogatschew, 4. Panzer-Division und 10. (mot.)
I .D. bei und nördlich Starij Bychow einen Brückenkopf ostwärts des Dniepr,
3. Panzer-Division den Raum südlich Mogilew im Flankenschutz gegen den
russischen Brückenkopf.
10. Panzer-DivisionundLR. „G.D." südlich Schklow, SS „Reich" bei Schklow einen
Brückenkopf ostwärts des Dniepr.
29. (mot.) I .D. ostwärts Kopys einen Brückenkopf über den Dniepr, 18. Panzer-
Division westlichKopys, 17. Panzer-Division südwestlich Orscha.
Die Gruppen Streich und Usinger sicherten westlich und nordwestlich Orscha
gegen den russischen Brückenkopf.
Die Masseder I nfanteriehattedieLinie ostwärts Sluzk — ostwärts Minsk, ihre
Vorausabteilungen die Beresina erreicht. Hoth stand bei Witebsk.
Am 12. J uli wurdeder Ubergang fortgesetzt. I chflog andiesemTagezumX X I V .
Panzer-Korps. Der Besuch dauerte 8 Stunden; danach empfing ich Sdimundt.
BeimOKH bestand andiesemTage noch kein klares Bild darüber, ob der Geg-
ner inder Lage sein würde, vor den Panzergruppen der Heeresgruppe „Mitte"
weiterhin hartnäckigen Widerstand zu leisten, oder ob er sich absetzen würde.
Es wünschte jedenfalls, daß diebeiden Panzergruppen versuchen sollten, diesioh
im Gebiet westlichSmolensk bildende Front aufzureißen und diedort auftreten-
den Kräfte zu zerschlagen. Es wurdedarüber hinaus erwogen, ob gegebenenfalls
Teile der Panzergruppe 3 (Hoth) in Richtung Nordosten abzudrehen seien, um
dievor demrechten Flügel der 16. Armee stehenden Feindkräfte durch Umfas-
sung zu vernichten.
Smolensk — Jelnja — Roslawl
Am 13. J uli verlegteichmeinenGefechtsstand auf das Ostufer des Dniepr, nach
Sjachody (6 kmsüdostwärts Schklow). I ch besuchtean diesemTagedie 17. Pan-
zer-Division amDniepr; diesetapfere Division hatte seit Beginnder Bewegungen
502 feindlichePanzer vernichtet. Anschließend sah ichTeileder SS „Reich" beim
Flußübergang und sprach die Generale Haußer und von Vietinghoff. Das V or-
gehen der SS bedurfte der Beschleunigung und der Aufklärung inRichtung Mo-
nastirsohtsdiina südlich Smolensk, weil sich nach den Ergebnissen der Luftauf-
klärung südwestlich Gorki russischeDurchbruchsversuche in Richtung auf den
Dniepr abzeichneten.
Die vorzüglich geführte 29. (mot.) I .D. kaman diesemTage bis auf 18 kman
Smolensk heran.
157
Am 17. J uli flog ich zum X X I V . Panzer-Korps und besuchte die in heftigem
Kampf gegen russischeAngriffe stehende 1. Kavallerie-Divisionauf dem rech-
ten Flügel am Dniepr.
An diesemTage erreichten:
1. Kavallerie-Divisionsüdlich Starij Bychow, 10. (mot.) I .D. westlich Tscherikow,
4. Panzer-Division Kritschew, 3. Panzer-Division Lobkowitschi.
10. Panzer-Division zwischen Potschinok und J elnja, SS „Reich" Mstislawl, LR.
„G.D." Rekotka.
29. (mot.) I .D. Smolensk, 18. Panzer-Division Katyn—Gusino,
17. Panzer-Division Ljady—Dubrowno.
Bei und ostwärts Mogilew, ostwärts Orscha, nördlich und südlich Smolensk
traten starke Feindgruppen auf. Hoth gelangteinden Raumnördlich Smolensk.
Die uns folgende I nfanterie schloß amDniepr auf.
Der Heeresgruppe „Süd" gelang es, Brückenköpfe über den Dniestr zu bilden.
An diesemTage erhielt ich zugleich mit Hoth und Richthofen das Eichenlaub
zumRitterkreuz, als Fünfter imHeere, als 24. in der Wehrmacht.
Arn 18. J uli befand ichmichbeimX X X X V I I . Panzer-Korps. Die 17. Panzer-Divi-
sion war aus ihrer Flankenschutz-Aufgabe ostwärts Orscha inden Raum südlich
Smolensk gezogen, umdenvon Süden gegendie Stadt vorgehenden Russenent-
gegenzutreten. Bei den Kämpfen, die sich hier entwickelten, wurde der tapfere
Führer dieser Division, General Ritter von Weber, tödlich verwundet.
I n den folgenden Tagen nahmdas X X X X V I . Panzer Korps J elnja und die Um-
gebung dieser Stadt gegenzähen russischen Widerstand in befestigten Stellun-
gen. DieKämpfe inder rechten Flanke und imRücken der Korps gingen weiter.
Bis zum20. J uli erreichten:
1. Kavallerie-Divisionsüdostwärts Starij Bychow, 10. (mot.) I .D. westlichTscheri-
kow, 4. Panzer-Division Tscherikow—Kritschew, 3. Panzer-DivisionLobkowitschi.
10. Panzer-Division J elnja, SS „Reich" Kusino, LR. .G.D." westlich Chislawitschi.
17. Panzer-Division südlich Smolensk, 29. (mot.) I .D. Smolensk,
18. Panzer-Division Gusino.
Die russischen Gegenangriffe beimX X I V . Panzer-Korps und auf Smolensk dau-
erten an; neueAngriffe entwickelten sich bei J elnja. Dieuns folgende I nfanterie
überschritt den Dniepr. Hothwar imBegriff, nordostwärts Smolensk starke rus-
sische Kräfte einzuschließen. Hierzu bedurfte es der Mitwirkung der Panzer-
gruppe 2 von Süden, in Richtung auf Dorogobush. I ch hatte den lebhaften
Wunsch, ihmzu helfen, und begabmich am21. J uli zumX X X X V I . Panzer-Korps,
um die erforderlichen Bewegungen zu veranlassen. Der Süd- und Westteil von
Smolensk lag unter feindlichem Artilleriefeuer, so daß ichdie Stadt in einem
Bogen querfeldein umfahren mußte. Gegen Mittag erreichte ich bei Sloboda
ein Regiment der 17. Panzer-Division, das die Südostflanke sicherte. 45 kmsüd-
ostwärts Smolensk traf ich sodann den Gefechtsstand des X X X X V I . Panzer-
160
11 Erinnerungen eines Soldaten
161
Korps in Kisseljewka, unterrichtete mich über die Lage undbesichtigte sodann
die Stellungen des I.R. . G. D . ' südlich Bhl. Waskowo, 35 km nördlich vonRos-
lawl, gegenüber zur Zeit noch schwachem Feind mit Artillerie. Alle Kräfte des
X X X X V I . Panzer-Korps waren inKämpf e verstrickt und im Augenblick gebun-
den. Ich entschloß mich daher, I.R. . G. D. " durch die in dennächsten Tagen bei
Gusino am Oberlauf des Dniepr entbehrlich werdende 18. Panzer-Division abzu-
lösen, um das X X X X V I . Panzer-Korps in die Lage zu versetzen, mit Nachdruck
zur Unterstützung Hoths einzugreifen. V om Gefechtsstand des X X X X V I . Panzer-
Korps aus gab ich durch Funkspruch die erforderlichen Befehle. Dieses Korps
sollte alle verf ügbaren Kräfte inRichtung Dorogobush ansetzen, der Nahkampf-
führer der Flieger die im Gange befindlichen russischen Gegenangriffe Südost-
wärts Jelnja aus Richtung Spasz-Djemjenskoje abwehren. Während der Rück-
fahrt erhielt ich mehrere Funksprüche meines Stabes, die auf Veranlassung
höherer Stellen den Einsatz der SS.Reich" inRichtungDorogobusch dringendmach-
ten. Es konnte jedoch im Augenblick nicht mehr getan werden, als durch das
X X X X V I . Panzer-Korps bereits veranlaßt war. Auch vom X X X X V I I . Panzer-
Korps, bei dem ich auf dem Rückweg noch einmal vorsprach, war zur Zeit nicht
mehr zu erreichen. Alles hing davon ab, bald die 18. Panzer-Division aus dem
Flankenschutz bei Gusino herauszuziehen und dadurch die Kräfte zum Vorgehen
nach Norden frei zu machen. Aber gerade hier griff Feldmarschall vonKluge in
seiner Sorge um die linke Flanke der Panzergruppe l ängs des Dniepr wiederholt
persönlich ein undhielt die 18. Panzer-Division fest, wieder, wie bei Bialystok,
ohne mich von seinen unmittelbaren Eingriffen in Kenntnis zu setzen. Für den
Angriff auf Dorogobush fehlten infolgedessen leider die Kräfte.
Abends durch feindliches Artilleriefeuer bei Smolensk, das meinen wackeren
Kraftradmelder Höl l riegel aus dem Sattel warf —zum Glück, ohne ihn zu ver-
letzen —zum Gruppengefechtsstand Chochlowo, westlich der Stadt.
Die Stadt Smolensk hatte durch die um sie gef ührten Kämpf e wenig gelitten.
Die 29. (mot.) I.D. war nach der Eroberung der südlich des Dniepr gelegenen Alt-
stadt am 17. Juli über denFluß gegangen und hatte auf dem Nordufer das Indu-
strieviertel der Stadt genommen, um die Verbindung mit Hoth zu erleichtern.
Gelegentlich eines Stellungsbesuches indiesen Tagen sah ich mir die Kathedrale
an. Sie war unversehrt. Beim Betreten überraschte denBesucher ein Gottlosen-
museum, mit dem der Eingang und die linke Hälf te des Gotteshauses ausgestattet
war. Am Tor stand die Figur eines Almosen erflehenden Bettlers aus Wachs.
Innen stellten l ebensgroße Wachsfiguren die bürgerlichen Stände inbeachtlicher
Übertreibung dar, um zu zeigen, wie sie das Proletariat benachteiligt undaus-
gebeutet hätten. Schön war das nicht. Die rechte Hälf te der Kirche war dem reli-
giös en Gebrauch überlassen. Manhatte wohl versucht, die silbernen Altargeräte
und Leuchter zu bergen, war aber bis zu unserem Erscheinen nicht mehr fertig
geworden. Jedenfalls lag dieser große Schatz auf einem Haufen inder Mitte des
162
Raumes. Ich ließ nach einem Russen fahnden, dem ich die Verantwortung für die
wertvollen Geräte über geben könnte. Manfand denKüster, einen alten Mann
mit großem weißem Bart, denich durch einen Dolmetscher beauftragte, die Kost-
barkeiten unter seine Obhut zu nehmen und zu entfernen. Die wertvollen, ver-
goldeten Holzschnitzereien der Ikonostase waren unversehrt. Was später aus
der Kirohe geworden ist, weiß ich nicht. Wir haben uns damals jedenfalls be-
müht, sie zu erhalten.
Am 23. Juli traf ich in Talaschkino, 15 km südlich Smolensk, den an General
Ritter vonWebers statt mit der Führung der 17. Panzer-Division beauftragten
General Ritter vonThoma, einen unserer äl testen underfahrensten Panzeroffi-
ziere, der sich durch seine eiserne Ruhe undhervorragende Tapferkeit bereits im
ersten Weltkrieg und in Spanien ausgezeichnet hatte undsich nunerneut be-
währte. Die Division hielt die Verbindung zwischen dem X X X X V I . und X X X X V I I .
Panzer-Korps aufrecht undsicherte am Dniepr gegen die von der 4. Armee im-
mer noch befürchteten russischen Durchbruchsversuche nach Süden. Im Walde
11 km westlich Jelnja lag der Gefechtsstand des X X X X V I . Panzer-Korps. General
Vietinghoff berichtete über die russischen Gegenangriffe auf Jelnja, die von
Süden, Osten undNorden unter sehr starker Artillerie-Unterstützung vor sich
gingen. Wegen des erstmals auftretenden Munitionsmangels konnte das Korps
nur die wichtigsten Ziele bekämpf en. Vietinghoff wollte, sobald I.R. „G.D." durch
die 18. Panzer-Division abgel ös t sei, inRichtung Dorogobush zur Unterstützung
Hoths antreten. Bisher waren alle Versuche, über dem Usha-Abschnitt nordwest-
lich Jelnja in Richtung Swirkolutschje vorwärts zukommen, gescheitert. Die in
unseren Karten als „gut" eingetragene Straße Glinka—Klimjatino bestand tat-
sächlich gar nicht. Die Wege nach Norden waren sumpfig undfür Kraftfahrzeuge
nicht passierbar. Alle Bewegungen mußten sich zu Fuß vollziehen und waren da-
her sehr anstrengend und zeitraubend.
Sodann fuhr ich zur 10. Panzer-Division, wo General Schaal eine eindrucksvolle
Sdül derung der bisherigen Kämpf e um Jelnja gab. Seine Truppen hatten an
einem Tage 50 Feindpanzer abgeschossen, waren dann aber an den gut aus-
gebauten Stellungen der Russen festgefahren. Er rechnete mit dem Ausfall eines
Drittels seiner Fahrzeuge. Die Munition mußte ineinem Landmarsch von450 km
herangebracht werden.
Schließlich noch zur SS „Reich" nördlich Jelnja. Die Division hatte tags zuvor
1100 Gefangene gemacht, war aber zwischen Jel nja undDorogobush nicht vor-
wärts gekommen. Starke russische Bombenangriffe hatten das Vorgehen ver-
zögert. Ich begab mich zu den vordersten Postierungen, den Kraftradschützen
unter dem tapferen Hauptsturmf ührer Klingenberg, um einen persönlichen Ein-
druck vonGelände undLage zu gewinnen. Das Ergebnis war die Uberzeugung,
daß das Eintreffen vonI.R. . G. D. " abgewartet werden müsse, bevor der Angriff
in Richtung Dorogobush anfangen könne.
Um 23Uhr auf dem neuen Gruppengefechtsstand 2 km südlich Prudki.
163
Die starken russischen Angriffe setzten sich in den nächsten Tagen mit unver-
minderter Heftigkeit fort. Trotzdem konnten auf dem rechten Flügel noch Fort-
schritte erzielt werden, während in der Mitte die 18. Panzer-Division und die
ersten Infanterie-Divisionen als willkommene V erstärkungen eintrafen. Die V er-
suche, in Richtung Dorogobush vorwärtszukommen, scheiterten allerdings völ l ig.
Aus den Auf kl ärungsergebnissen der letzten Tage ergab sich, daß mit dem Auf-
treten von 4 neuen russischen Armee-Stäben ostwärts der Linie Nowgorod-Se-
werskj —• westlich Brjansk—Jelnja—Rshew—Ostaschkow, in welcher die Russen
schanzten, zu rechnen ist.
Bis zum 25. Juli erreichten:
1. Kavallerie-Division den Raum südostwärts Nowij Bychow, 4. Panzer-Division
Tschernikow—Kritschew, 10. (mot.) I.D. Tschewikow, 3. Panzer-DivisionLobko-
witschi.
263. I.D., MG-Batl. 5, I.R. „G.D.", 18. Panzer-Divisionund 292. I.D. den Raum süd-
lich Prudki und den Flugplatz Schatalowka, auf dem unsere Nahkampfflieger
eingefallen waren, undden wir deshalb gegenBeschuß durch russische Artillerie
und Granatwerfer sichern mußten.
10. Panzer-Division Jelnja, SS „Reich" nördlich Jelnja.
17. Panzer-Division Tsrhenzowo und südlich, 29. (mot.) I.D. südlidi Smolensk,
137. I.D. Smolensk.
Feindliche Kavallerie trat bei Bobruisk an der Rollbahn auf.
Am 26. Juli setzten die Russen ihre Angriffe bei Jelnja fort. Ich beantragte die
Zuführung der 268. I.D., um die Front im Jelnja-Bogen zu verstärken und den
Panzern die ihnen nach den anstrengenden Märschen und Kämpf en dringend
nötige Ruhe und Zeit zum Uberholen des Geräts geben zu können. Mittags bei
der 3. Panzer-Division gratulierte ich Model zum wohlverdienten Ritterkreuz und
ließ mir von ihm über den Zustand seiner Division berichten. Anschließend bei
der 4. Panzer-Division Zusammentreffen mit den Generalen Frhr. von Geyr und
Frhr. von Langermann. Gegen Abend kam die Nachricht, daß die Russen bei der
137. I.D. in den Brückenkopf Smolensk auf dem Nordufer des Dnjepr eingebro-
chen waren.
Die Funkauf klärung hatte ergeben, daß zwischen der russischen 21. Armee in
Gomel, der 13. Armee in Rodnja und der 4. Armee südlich Roslawl ein Zusam-
menhang bestand.
Bei Hoth war es an diesem Tage gelungen, den Kessel ostwärts Smolensk von
Norden her zu schließen. Die Reste von etwa 10 russischen Divisionen gerieten
damit in die Gewalt der Panzergruppe 3. Inunserem Rücken wurde der noch bei
Mogilew befindliche, starke Feind vernichtet.
Nach Rückkehr auf den Gefechtsstand erhielt ich um 22 Uhr die Aufforderung
der Heeresgruppe, am nächsten Tage um 12 Uhr zu einer Besprechung auf dem
Flugplatz Orscha zu sein. Diese Aussprache war um so nötiger, als sich in den
164
letzten Tagen Verschiedenheiten in den Auffassungen über die Lage herausge-
stellt hatten, die dringend der Klärung bedurften. Während nämlich die 4. Armee
die Bedrohung des Raumes von Smolensk für sehr ernst ansah, waren wir bei
der Panzergruppe der Auffassung, daß der gef ährlichere Feind nunmehr im Sü-
den bei Roslawl und os twärts bei Jelnja stünde. Infolge des Festhaltens von
V erbänden am Dniepr westlich von Smolensk waren in den letzten Tagen im
Räume von Roslawl Krisen und Verluste verursacht worden, die sich hätten ver-
meiden lassen. Das V erhäl tnis zwischen dem Oberbefehlshaber der 4. Armee und
mir hatte sich infolgedessen in unerwünschtem Maße verschärft.
Am 27. Juli flog ich, begleitet von dem Chef meines Stabes, Oberstleutnant Frhr.
von Liebenstein, über Orscha nach Borissow zum Stabe der Heeresgruppe, um
neue Weisungen für die Fortf ührung der Operationen einzuholen und über den
Zustand der Truppe zu berichten. Ich erwartete, die Stoßrichtung auf Moskau
oder allenfalls auf Brjansk zu erhalten, erfuhr aber zu meiner Uberrasdiung,
daß Hitler einen Stoß der 2. Armee und der Panzergruppe 2 auf Gomel — für die
Panzergruppe 2 also in südwestl icher Richtung, in der Richtung auf die Heimat
— befohlen habe, um die dort befindlichen 8—10 russischen Divisionen einzukes-
seln. Uns wurde gesagt, der Führer stehe auf dem Standpunkt, große Umfassungs-
operationen seien eine falsche Generalstabslehre, die im Westen Berechtigung
gehabt habe. Hier aber komme es darauf an, durch Bilden kleiner Kessel die
lebendige Kraft des Feindes zu vernichten. Alle an der Besprechung Beteiligten
waren der Ansicht, daß dadurch der Feind immer wieder Zeit erhielte, Neu-
formationen aufzustellen, mit seinen unerschöpflichen Kräften rückwärtige Linien
auszubauen, und daß der Feldzug auf diese Weise nie zu dem so dringend not-
wendigen, schnellen Abschl uß gebracht werden könne.
Auch das OKH war wenige Tage vorher ganz anderer Ansicht gewesen. Zum
Beweise meiner Behauptung sei nachstehende Eintragung aus einer mir zugäng-
lichen, dienstlichen Quelle angef ührt; sie stammt vom 23. Juli 1941 und lautet:
„Der Entschluß für den weiteren Ansatz zur Fortsetzung der Operationen geht
von der Auffassung aus, daß mit dem Erreichen des durch die Aufmarschanwei-
sung gegebenen 1. Operationszieles die Masse des operationsf ähigen russischen
Heeres geschlagen ist. Es wird andererseits damit gerechnet, daß der Gegner mit
Hilfe seiner starken personellen Reserven und durch weiteren rücksichtslosen
Einsatz es möglich machen wird, in den für ihn wichtigen Richtungen dem wei-
teren deutschen Vorgehen zähen Widerstand entgegenzusetzen. Hierbei wird der
Schwerpunkt des feindlichen Widerstandes in der Ukraine, vor Moskau und vor
Leningrad zu erwarten sein.
Absicht des OKH ist, die noch vorhandenen oder sich neu bildenden feindlichen
Kräfte zu zerschlagen und durch rasche Inbesitznahme der wichtigsten Industrie-
gebiete in der Ukraine westlich der Wolga, im Gebiet Tula—Gorki—Rybinsk—
Moskau und um Leningraddem Feind die Mögl ichkeit einer materiellen Wieder-
165
aufrüstung zu nehmen. Die sich hieraus für die Heeresgruppen im einzelnen er-
gebenden Aufgaben und die im großen vorgesehene Kräf teverteilung werden
zunächst durch o. a. Fernschreiben festgelegt und in einer Weisung näher aus-
gearbeitet."
Gleichviel welchen Entschluß Hitler nun endgül tig fassen würde, für die Panzer-
gruppe 2 war es notwendig, zunächst einmal mit dem gef ährlichsten Feind in der
rechten Flanke abzurechnen. Ich trug daher dem Oberbefehlshaber der Heeres-
gruppe meinen Entschluß zum Angriff auf Roslawl vor, um von diesem Straßen-
knotenpunkt aus die Wege nach Osten, Süden oder Südwes t en in gleicher Weise
zu beherrschen, und bat um die Unterstellung der hierzu notwendigen Kräfte.
Der Panzergruppe 2 wurden in Genehmigung meines Antrages unterstellt:
a) für den Angriff auf Roslawl das V II. A. K. mit der 7., 23., 78. und 197 I.D.,
das IX . A. K. mit der 263., 292. und 137. I.D.
b) für die Abl ös ung der ruhe- und instandsetzungsbedürf tigen Panzer-Divisionen
im Jelnja-Bogen das X X . A. K. mit der 15. und 268. I.D.
Die 1. Kavallerie-Divisionwar inzwischen der 2. Armee unterstellt worden.
Die Unterstellung der Panzergruppe unter die 4. Armee wurde aufgehoben
Meine Truppen führten für die nächste Zeit die Bezeichnung „Armeegruppe Gu-
derian".
Der Angriff zur Beseitigung der Flankenbedrohung von Roslawl wurde folgen-
dermaßen angesetzt:
Das X X I V . Panzer-Korps hatte mit zwei Divisionen, der 10. (mot.) I.D. und der
7. I.D. vom V II. A. K. den Schutz der tiefen rechten Flanke gegen den vom Feinde
besetzten Raum Klimowitschi—Miloslawitsohi zu übernehmen. Mit der 3. und
4. Panzer-Division hatte es den Auftrag, Roslawl zu nehmen und von dort Ver-
bindung mit dem von Norden zwischen Oster-Bach und Desna angesetzten IX .
A. K. sicherzustellen.
Das V II. A. K. hatte mit der 23. und 197. I.D. über Petrowitschi—Chislawitschi im
Anschluß an die 3. Panzer-Division gegen die Straße Roslawl—Stodolischtsche—
Smolensk vorzugehen. Die 78. I.D. folgte in zweiter Linie.
Das IX . A. K. sollte mit der 263 I.D. zwischen der genannten Chaussee und dem
Oster-Bach, mit der 292. I.D. zwischen Oster-Bach und Desna von Norden nach
Süden mit Schwerpunkt links gegen die Straße Roslawl—Jekimowitsohi—Mos-
kau vorgehen. Den Schutz seiner linken Flanke hatte die von Smolensk heran-
gezogene 137. I.D. zu übernehmen. Außerdem wurde es durch Teile des X X X X V I I .
Panzer-Korps, besonders durch dessen Artillerie, verstärkt.
Der Angriff wurde für das X X I V . Panzer-Korps und V I I . A. K. auf den 1. August,
für das IX . A. K. , welches nicht glaubte, rechtzeitig fertig werden zu können, auf
den 2. August angesetzt.
Die nächsten Tage waren der Vorbereitung des Angriffs gewidmet. Insbesondere
mußten die neu unterstellten Infanteriekorps, welche bisher kaum gegen die
166
Russen im Gefecht gestanden hatten, mit meinen Angriffmethoden bekannt ge-
macht werden. Da sie noch nie mit Panzern in so enge Fühl ung gekommen waren,
gab es gewisse Zweifel, besonders beim IX . A. K. , dessen vortrefflicher Komman-
dierender General Geyer mir als mein f rüherer Vorgesetzter aus dem Truppen-
amt des Reichswehrministeriums und aus dem Wehrkreis V , zu welchem Würz-
burg gehört hatte, sehr gut bekannt war. General Geyer war bekannt durch
seinen „messerscharfen Verstand", den schon General Ludendorff im ersten
Weltkrieg rühmend erwähnt hat. Er durchschaute nun natürlich die Schwächen
meines Angriffverfahrens und brachte sie bei der Aussprache mit den Komman-
dierenden Generalen zur Sprache. Ich versuchte, seine Bedenken gegen meine
Taktik mit den Worten zu beseitigen: „Dieser Angriff ist Mathematik!" was be-
sagen sollte: „Sein Erfolg ist gewiß. " General Geyer war aber keineswegs über-
zeugt, daß dem so sein würde, und ich hatte in der kleinen russischen Schul-
stube, in welcher die Zusammenkunft stattfand, eine schweren Stand gegen mei-
nen alten Chef. Erst auf dem Gefechtsfeld sah er die Richtigkeit des befohlenen
Verfahrens ein und hat dann mit großer persönlicher Tapferkeit wesentlich zum
Erfolg des Angriffs beigetragen.
Am 29. Juli überbrachte Oberst Schmundt, der Chefadjutant Hitlers, mir das
Eichenlaub zum Ritterkreuz und benutzte die Gelegenheit zu einer Aussprache
über meine Ansichten. Er f ührte aus, daß es für Hitler drei Ziele gäbe:
1. Nordost, d. h. Leningrad. Dieses müs s e auf alle Fäl l e genommen werden, um
die Ostsee frei befahrbar zu machen für die Zufuhr aus Schweden und den Nach-
schub für die Heeresgruppe Nord.
2. Moskau, dessen Industrie wichtig sei, und
3. Südosten, also die Ukraine.
Aus seinen Darlegungen ergab sich, daß Hitler noch nicht endgül tig zum Angriff
auf die Ukraine entschlossen war. Ich legte Schmundt daher dringend ans Herz,
bei Hitler für den Durchstoß geradeaus auf Moskau, das Herz Rußlands, einzu-
treten und ihm abzuraten, kleine Schläge zu f ühren, die uns nur Verluste bräch-
ten, aber nichts entschieden. Außerdem bat ich, die neuen Panzer und die Ersatz-
teile nicht zurückzuhalten, da sonst dieser Feldzug nidit rasch beendet werden
könne.
Am 30. Juli wurden 13 Angriffe auf Jelnja abgewiesen.
Am 31. Juli kam der zum OKH entsandte Verbindungsoffizier, Major von Be-
low, zurück und brachte mir folgende Orientierung: „Die für den 1. Oktober ge-
steckten Ziele Onega-See—Wolga werden nicht mehr für erreichbar gehalten.
Man glaubt mit Sicherheit, die Linie Leningrad—Moskau und südlich erreichen
zu können. OKH und der Chef des Generalstabes stehen vor einer sehr undank-
baren Aufgabe, da alle Operationen von ganz oben geleitet würden. Der end-
gültige Entschluß über die Weiterf ührung der Operationen sei nodi nicht gefaßt."
167
I
V on demendgültigen Entschluß über die Weiterführung der Operationen hing
nun allerdings alles ab, selbst eineEinzelfrage, obder über unsereFront hinaus-
ragende Stellungsbogen von J elnja gehalten werden solle, wenn nicht in Rich-
tung Moskau weiter vorgegangen würde, weil dieser Bogen dieGefahr dauern-
der, starker Verlustebarg. Der Nachschub anMunition für denhier entstehenden
Stellungskrieg war unzulänglich. Kein Wunder, denn die Entfernung vom lei-
stungsfähigen Eisenbahnendpunkt betrug 750 km. Die Bahn war zwar schon
bis Orscha auf deutsche Spur umgenagelt, sie war aber wenig leistungsfähig.
Für dienoch nicht umgenagelten Strecken fehlte es an russischenLokomotiven.
I mmerhinwar nochHoffnung vorhanden, daßHitler zu einemanderen Entschluß
käme, als uns bei der Besprechung inBorissow am27. J uli bei der Heeresgruppe
.Mitte" gesagt worden war.
Am 1. August begann der Angriff auf Roslawl beimX X I V . Panzer-Korps und
V I I . A.K. I ch begabmich amfrühen Morgenzunächst zumV I I . A.K., konnte aber
längs der V ormarschstraße die Gefechtsstände des Korps und der 23. I .D. nicht
finden. Auf der Suchenach ihnen erreichte ichgegen 9 Uhr dieReiterspitze der
23. I .D. Da weiter vorne kein Stabmehr sein konnte, hielt ichan und ließ mir
von den Reitern berichten, was sie bisher vomFeinde wahrgenommen hätten.
Sie waren sehr erstaunt über diesen unerwarteten Besuch. Dann ließ ich das
I nfanterie-Regiment 67 unter Oberstleutnant Frhr. von Bissing, meinem lang-
jährigen Hausgenossen aus Berlin-Schlachtensee, an mir vorbeimarschieren. Die
Bemerkungender Soldaten, als siemich erkannten, verrietengleichfalls freudiges
Erstaunen. Auf dem Wege zur 3. Panzer-Division geriet ich sodann auf der
Marschstraße der 23. I .D. in einen Bombenangriff eigener Flieger, der ernste
Verluste hervorrief. Die erste Bombe schlug 50 m vor meinemWagen ein.
Mangelhafte Ausbildung und ungenügende Fronterfahrung junger Leute hatten
trotz deutlicher Kennzeichnung der Truppe undklarer Befehleüber die von uns
belegten Straßen zu diesem bedauerlichen V orfall geführt. Abgesehen hiervon
hatte sichder Vormarsch der 23. I .D. ohne ernsthaften Widerstandvollzogen.
Nachmittags war ich bei den vordersten Teilen der 3. Panzer-Division hart
westlichdes Oster-Abschnittes südlich Choronjewo. General Model meldete, daß
er die Brücken über den Bach unzerstört genommen und dabei eine feindliche
Batterie erobert habe. I ch sprach einer Reihe von Bataillons- undAbteilungs-
kommandeurenanOrt undStellemeinenDank für dieLeistungender Truppe aus.
Abends sprach ichnoch beimGeneralkommando X X I V . Panzer-Korps vor, um
mich über das Gesamtergebnis des Tages zu unterrichten, und war um2 Uhr
morgens wieder auf dem Gruppengefechtsstand. Die Fahrt hatte 22 Stunden
gedauert.
Das Hauptziel des Angriffs, Roslawl, war genommen!
168 169
t
Am 2. August begabichmich vormittags zumI X . A.K. V omGefechtsstand des
LR. 509 der 292. I .D. konnte man das Zurückgehen der Russen beobachten. I ch
setztedie Truppe zumVorgehen nach Süden an und wies Einwendungen des
Korps hiergegen zurück. Dann fuhr ichzumLR. 507, das mit einer Vorausabtei-
lung auf Kosaki angesetzt wurde. Schließlich begab ichmich nochzu den Regi-
mentern und zumStabeder 137. I .D. undversah sie mit der Weisung, während
der Nacht weiter zu marschieren, umdieMoskauer Chausseebaldzu erreichen.
Um22,30 Uhr war ichauf meinemGefechtsstand zurück.
Sehr überzeugend waren die Leistungen des I X . A.K. am2. August nicht ge-
wesen. Daher entschloß ichmich, am 3. August erneut bei diesem Korps zu
weilen, umdas VorgeheninFluß zu bringenundden Erfolg des Angriffs sicher-
zustellen. I chfuhr zunächst zumGefechtsstand der 292. I .D. bei Kowali und von
dort zumLR. 507. Auf diesemWege traf ichdenKommandierenden General und
hatte mit ihmeine eingehendeAussprache über dieKampfführung. BeimLR 507
marschierte ichsodann zu Fuß bei der vordersten Kompaniemit und verhinderte
auf dieseWeiseohnevieleWorteunnötige Halte. Drei Kilometer vor der großen
Moskauer Straße erkannte man durchs Glas Panzer nordostwärts Roslawl. Alles
hielt prompt. I chließ darauf von demSturmgeschütz, das die I nfanteriespitze
begleitete, weiße Leuchtzeichen abschießen, das Zeichen für eigene Truppen:
„Hier binich!" underhielt dieAntwort durchdas gleicheSignal vonder Moskauer
Straße. Es waren meinePanzermänner vomPanzer-Regiment 35 der 4. Panzer-
Division!
Nun setzteichmich inmeinen Wagen und fuhr zu meinen Panzern. Dieletzten
Russenwarfen dieGewehre fort und flohen, und ander Moskauer Chaussee, an
der gesprengten Brücke über den Ostrik-Fluß, klettertendieMänner der 2. Kom-
panie des Panzer-Regiments 35über Balkenund Bretter, ummich zu begrüßen.
Es war dieKompanie, diebis vor kurzemnochmeinältester Sohn geführt hatte.
Er besaß das Herz seiner Soldaten, undsie übertrugen ihr V ertrauenund ihre
Zuneigung auf mich. Oberleutnant Krause, der nunmehrigeKompanieführer schil-
derteseineErlebnisseundichbeglückwünschte dieKompaniezu ihrenLeistungen.
Der Kessel umdieRussenbei Roslawl war hiermit geschlossen. 3—4 russische
Divisionen mußten in ihmeingeschlossen sein. Es kamnur darauf an, den Ring
zu halten, bis die Russen sich ergaben. Als daher eine halbe Stunde später
General Geyer gleichfalls an Ort und Stelle erschien, wies ichihn eindringlich
auf die Wichtigkeit des Haltens der Moskauer Chausseehin. Die292. I .D. sollte
die Einschließung mit der Front nach Westen zumKessel hin, die 137. I .D. mit
der Front nachOsten längs der Desna sichern.
Auf meinenGefechtsstand zurückgekehrt, erfuhr ich, daß beimV I I . A.K. bereits
3700 Gefangene, 60Geschütze, 90 Panzer undeinPanzerzug erbeutet waren.
170
I nzwischentobtenbei J elnja dieschweren Kämpfe unter erheblichemMunitions-
verbrauch weiter. Wir gaben unsereletzteReserve, dieSicherungskompanie des
Gruppengefechtsstandes dorthinab.
Am3. August hatten erreicht: 4. Panzer-DivisionRoslawl,
7. I .D. und3. Panzer-DivisionwestlichKlimowitschi, 10. (mot.) I .D. Chislawitsdii, 78. I .D.
Ponetowka, 23. I .D. Roslawl, 197. I .D. nördlich Roslawl, desgleichenMG-Btl. 5.
263. I .D. südlich Prudki, 292. I .D. Kosaki, 137. I .D. dieOstflankean der Desna.
10. Panzer-Division, 268. I .D., SS „Reich", LR. „G.D." umJelnja, 17. Panzer-Divisionnörd-
lich J elnja, 29. (mot.) I .D. südlich Smolensk, 18. Panzer-DivisionPrudki.
Das Generalkommando XX. A.K. traf geradeein.
Für den4. August früh wurde ichzumHauptquartier der Heeresgruppe befoh-
len, umzumerstenmal seit Beginndes Rußlandfeldzuges Hitler V ortrag zu hal-
ten. Wi r standen vor einem entscheidenden Wendepunkt des Krieges!
Moskau oder Kiew?
Die Besprechung mit Hitler fand in Nowy Borissow im Hauptquartier der
Heeresgruppe „Mitte" statt. Zugegen waren Hitler undSchmundt, Feldmarschall
von Bock, Hoth und ich, sowie als Vertreter des OKH Oberst Heusinger,
Chef der Operationsabteilung. Wi r hatten Gelegenheit, nacheinander unseren
Standpunkt vorzutragen und zwar einzeln, so daß niemand wußte, was der
Vorredner gesagt hatte. Al l e Generale der Heeresgruppe urteiltenübereinstim-
mend, daß dieFortsetzung der Offensive auf Moskau entscheidend wäre. Hoth
meldete den 20. August als den frühesten Zeitpunkt ihres Beginns bei seiner
Panzergruppe; ichgab den 15. August als solchen an. Dann begann in Gegen-
wart aller Hitler zu sprechen. Er bezeichnete als sein erstes Ziel das I ndustrie-
gebiet umLeningrad. Obsodann Moskau oder dieUkraineerstrebt werden sollte,
wurde nochnicht endgültig entschieden. Hitler schien der letzterenLösung zuzu-
neigen, weil sich jetzt auch bei der Heeresgruppe „Süd" ein Erfolg anzubahnen
schien, weil er ferner glaubte, die Rohstoffe und Lebensmittel der Ukrainefür
die weitere Kriegführung nötig zu haben, und schließlich, weil er glaubte, die
Halbinsel Krim als „Flugzeugträger der Sowjetunion gegen die Erdölfelder Ru-
mäniens" ausschalten zu müssen. Bis zumEinbruch des Winters hoffte er im
Besitz von Moskau und Charkow zu sein. Eine Entscheidung über diese, für
uns wesentlichste Frage der Kriegführung wurdeandiesemTage nicht getroffen.
Die Besprechung wandte sich dann Einzelfragen zu. Für meine Panzergruppe
war wichtig, daß eine Räumung des J elnja-Bogens abgelehnt wurde, weil sich
nochnicht übersehen ließ, ob dieser V orsprung nicht doch als Ausgangsstellung
für den Angriff inRichtung Moskaubenötigt würde. I chbetonte, daß der starke
V erschleiß unserer Motoren durch dieungeheure Staubplage deren Erneuerung
dringlich mache, wennman nochindiesemJ ahreweitreichende Operationenmit
Panzern zu führen gedächte. Auch der Ersatz der ausgefallenen Panzer aus der
171
Neuerzeugung sei dringlich. Hitler sicherte nach einigemHinund Her 300 Pan-
zermotoren für die ganzeOstfront zu, eine Zahl, die ichals völlig ungenügend
bezeichnete. Neue Panzer wurden uns überhaupt nicht zugebilligt, weil Hitler
sie für Neuformationen inder Heimat zurückhalten wollte. Bei der Debatte hier-
über hielt ichihmdiestarkeÜberlegenheit der Russenan Panzernentgegen, der
wir nur gewachsen wären, wenn dieVerluste bald ausgeglichen würden. Hierbei
entfuhr Hitler der Satz: „Wenn ichgewußt hätte, daß diePanzerzahlen der Rus-
sen, dieSieinI hremBucherwähnt haben, tatsächlich stimmen, dann hätte ich—
glaube ich— diesen Krieg nicht angefangen.* I ch hatteinmeinem1937 erschie-
nenenBuch„Achtungl Panzerl* die Zahl der inRußland bereits damals vorhan-
denen Panzer mit 10 000 angegeben, mit dieser Ziffer aber den Widerspruch des
Chefs des Generalstabes des Heeres Beck und der Zensur erregt. Es kostete
Mühe, dieseZiffer druckenzu lassen; ich konnte aber nachweisen, daß die mir
zur V erfügung stehenden Nachrichten von 17 000 Russenpanzern sprachen und
ich also mit meiner Angabe für die V eröffentlichung sehr vorsichtig gewesen
war. Mankann janicht durchdiePolitik des Vogels Strauß eine heraufkommende
Gefahr bannen; gerade dies aber hatten sowohl Hitler, wie auch sehr maßge-
bendeRatgeber auf politischem, wirtschaftlichemund auch militärischem Gebiet
immer wieder getan. Die Folgen dieses gewaltsamen V erschließens der Augen
vor der harten Wirklichkeit wurden verheerend, und wir müssen sie nun
tragen. —
Auf demRückflug beschloß ich, den Angriff in Richtung auf Moskau auf alle
Fälle vorzubereiten.
Auf meinen Gefechtsstand zurückgekehrt, erfuhr ich, daß das I X . A.K. aus Be-
sorgnis vor einem russischen Durchbruch bei J ermolino am Südostrande des
Kessels dieMoskauer Chausseefreigegeben hatteund daß die Gefahr bestünde,
daß dieRussenaus demam3. August geschlossenenKessel ausbrechenkönnten.
Am 5. August früh eilteich daher zumV I I . A.K., umvondort aus die Moskauer
Chausseeentlang zu fahren und die Lücke von Süden her wieder zu schließen.
Unterwegs traf ich Teile der zumEinsatz bei J elnja bestimmten 15. I .D. und
unterrichtete den Divisionskommandeur kurz über die dortigeLage. Dann ging
es zur 197. I .D., wo mir der Divisionskommandeur, General Meyer-Rabingen, mel-
dete, daß der Kessel nicht mehr geschlossensei und die Russendie Moskauer
Chausseejedenfalls mit Feuer beherrschten. Bei der 4. Panzer-Division erfuhr
ich, daß die Panzer des Regiments 35 abgelöst seien. I ch machte sofort durch
Funkspruch das X X I V . Panzer-Korps für die Sicherung der Moskauer Chaussee
verantwortlich und fuhr dann zumV I I . A.K. Dieses Korps hattedie Aufklärungs-
Abteilung der 23. I .D. bereits beauftragt, einen Ausbruch der Russen aus dem
Kessel zu verhindern. Mir schien dieseMaßnahme aber unzulänglich, undichbe-
gab mich daher mit demChef des Stabes des V I I . A.K., Oberst Krebs,*) einem
altenKameraden vondenGoslarer J ägern, nachRoslawl. Dort traf ichdiePanzer-
Kompanie des Oberleutnants Krause (2./35) auf dem Abmarsch ins Ruhequar-
tier; der Kompanieführer selbst war noch amFeinde. Die Kompanie hatte bis
zum MorgenfeindlicheDurchbruchsversuche abgewehrt, mehrere Geschütze ab-
geschossen und einige hundert Gefangenegemacht. Dann war sie befehlsgemäß
abgerückt. I chdrehte die wackere Kompanie sofort umund befahl ihr, die alte
Linie wieder zu besetzen. Dann setzteichdas I I . LR. 332 an die Ostrik-Brücke in
Marsch, alarmierte schließlich noch bei Roslawl verfügbare Flak-Artillerie
und fuhr dann selbst an die Front. I ch traf gerade indemAugenblick an der
Ostrik-Brücke ein, als eine Gruppe von etwa 100 Russen sich vom Norden
her der Brücke näherte. Sie wurde vertrieben. DiePanzer überschritten die in
den letzten Tagen wieder fahrbar gemachte Brücke und verhinderten ein Aus-
brechen des Gegners. NachdemdieV erbindung mit der 137. I .D. durchdiePanzer
hergestellt war, fuhr ichzumGefechtsstand des V I I . A.K. zurück, übertrug die
Aufsicht über die gefährliche Stelle an der Moskauer Chausseedem bewährten,
ausgezeichneten österreichischen General Martinek, dem Artillerieführer des
V I I . A.K., und flog imStorch auf meinen Gefechtsstand. Das I X . A.K. wurde von
dort angewiesen, für V erbindung mit der Gruppe Martinek zu sorgen.
Mein Staberhielt nun vonmir den Auftrag, den Vormarsch auf Moskau der-
gestalt vorzubereiten, daß die Panzerkorps auf dem rechten Flügel längs der
Moskauer Chaussee angesetzt werden konnten, während dieI nfanteriekorps in
der Mitte und auf demlinken Flügel vorgeführt werden sollten. I chwollte mit
Schwerpunkt reohts die zur Zeit recht dünne, russische Front beiderseits der
Moskauer Chausseedurchstoßen und über Spasz Djemjenskoje auf Wjasma auf-
rollen, hierdurch Hoths V orgehen erleichtern und den Vormarsch auf Moskau
in Fluß bringen. I n V erfolg dieses Gedankens sträubte ich mich am6. August,
einem Wunsch des OKH stattzugeben, Panzerdivisionen für den Angriff auf
Rogatschew, amDniepr weit hinter meiner Front gelegen, abzugeben. Meine Auf-
klärung stellte an diesem Tage fest, daß imweiten Umkreis umRoslawl kaum
noch Feind vorhanden war. I n Richtung Brjansk und nach Süden stand 40 km
weit kein Feindmehr. Dieser Eindruck bestätigte sichamnächsten Tage.
Bis zum8. August ließ sichdas Ergebnis der Schlacht vonRoslawl einigermaßen
übersehen. Wir hatten 38 000 Gefangenegemacht und200 Panzer und ebensoviele
Geschütze erbeutet. Ein sehr erfreuliches und beachtliches Ergebnis.
Bevor jedochder Angriff auf Moskau oder irgendeine andereOperation unter-
nommen werden konnte, mußte noch eine Voraussetzung erfüllt werden: die
Sicherung unserer tiefen, rechten Flanke bei Kritschew. DieBereinigung dieser
Flanke war auch unerläßlich, um die Angriffshandlungen der 2. Armee gegen
Rogatschew zuermöglichen. DieHeeresgruppe versprach sich außerdem, ebenso
") meinem Vertreter vom Frühjahr 1945.
173
wie die Panzergruppe, daß durch sie die Abgabe von Panzerkräften an die
2. Armee und der mit den weiten Märschen (Roslawl—Rogatschew = 200 km,
hin und zurück = 400 km) verbundene V erschleiß an Gerät unnötig gemacht
würde. Beide Stäbe sahen das große Ziel in der Fortsetzung der Bewegungen
auf Moskau. Trotz dieser klaren Erkenntnis kamen noch wiederholte Anfor-
derungen der Heeresgruppe — anscheinend auf Drängen des OKH — „einige
Panzer inRichtung Propoisk abzugeben". Alle dieseErörterungen wurden durch
den Entschluß des Generals Frhr. von Geyr erledigt, der den ständigen Belästi-
gungen in seiner rechten Flanke durch Angriff auf den Feind südlich Kritschew,
bei Miloslawitschi, den Boden entziehen wollte. I ch stimmte diesem Entschluß
zu und erreichte auchdieGenehmigung der Heeresgruppe, dieauf dieAbstellung
von Panzern nach Propoisk verzichtete.
Am 8. August begab ich michzu den Korps und Divisionenbei Roslawl und
südlich, und am9. August nahmichamAngriff des X X I V . Panzer-Korps bei der
4. Panzer-Division teil. DieAngriffe des Panzer-Regiments 35 unddes Schützen-
Regiments 12 verliefenmustergültig und wurden durchdieArtillerie des Oberst
Schneider sachgemäß unterstützt.
Für die Haltung der Bevölkerung war kennzeichnend, daß Frauen aus einem
Dorf imKampfgelände mit Brot, Butter undEiern auf Holztellernan mich heran-
traten undnicht eher ruhten, als bis ich etwas genossenhatte. Leider hielt diese
günstige Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Deutschen nur so lange
an, wie die wohlwollendeMilitärverwaltung regierte. Diesogenannten „Reichs-
kommissare" haben dann in kurzer Zeit verstanden, jede Sympathie für die
Deutschen abzutöten und damit demPartisanenunwesen den Boden zu bereiten.
Aus mir nicht bekannten Gründen wurde am 10. August die bisher inder Re-
servedes OKH zurückgehaltene 2. Panzer-Division nach demWesten, also nach
Frankreich, abbefördert.
Das Vorgehen der 2. Armee auf Gomel litt in den letzten Tagen unter grund-
losen Wegen; dieseTatsache animierte gerade nicht zumFolgen indie gleiche
Gegend.
Bis zum 10. August hatten erreicht:
7. I.D. den Raum südlich Chotowitschi, 3. und 4. Panzer-Division im Angriff die Gegend
südwestlich Miloslawitschi, 10. (mot.) I.D. Miloslawitschi, 78. I.D. Sloboda, Vorausabteilung
Buchau, 197. I.D. Ostrowaja, Vorausabteilung Aleschnja.
29. (mot.) I.D. Roslawl, 23. I.D. nördlich Roslawl in Ruhe, 137. I.D. und 263. I.D. die
Desna-Front.
268., 292. und 15. I.D. den Jelnja-Bogen.
10. Panzer-Division westlich Jelnja, 17. Panzer-Division nordwestlich Jelnja, 18. Panzer-
Division ostwärts Prudki, SS „Reich" nordwestlich Jelnja, desgleichen I.R. .G.D." zur
Auffrischung.
174
Bisher hatten alleMaßnahmen der Panzergruppe demGedanken Rechnung ge-
tragen, daß sowohl dieHeeresgruppe als auchdas OKH die Operationi nRich-
tung Moskau als entscheidend ansahen. I ch hatte trotz der Besprechung vom
4. August inNowy Borissow immer nochgehofft, daß auchHitler sichdieser —
wie mir schien— so natürlichen, ja selbstverständlichen Auffassung anschließen
würde. Am11. August mußte ichdieseHoffnung zu Grabetragen. Mein Angriffs-
plan mit Schwerpunkt über Roslawl inRichtung Wjasma wurdevomOKH abge-
lehnt undals „ausgefallen" bezeichnet. Einen besseren Planhat das OKH nicht
hervorgebracht, statt dessen aber eine unendliche Kettevon Schwankungen in
dennächsten Tagen, diejedevorausschauende Planung der nachgeordneten Kom-
mandostellen unmöglich machten. DieHeeresgruppe hatte sich anscheinend mit
der Ablehnung meiner Angriffsabsichtenabgefunden, obwohl sie nocharn4. Au-
gust eindeutigdafür eingetreten war. Leider erfuhr ichdamals nicht, daß Hitler
wenige Tage später demGedanken eines Angriffs auf Moskau zustimmte, seine
Zustimmung allerdings von der Erfüllung gewisser Voraussetzungen abhängig
machte. J edenfalls hat das OKH denkurzenAugenblick der Zustimmung Hitlers
damals nicht zu nutzen gewußt. Wiederumeinige Tage später hatte sich das
Blatt erneut gewendet.
Am 13. August besuchte ichdie Front an der Desna ostwärts Roslawl, beider-
seits der Moskauer Chaussee. WehenHerzens sah ichdievonder Truppeinder
sicheren Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Vormarsches auf dierussi-
scheHauptstadt überall angebrachten Schilder undWegweiser mit der I nschrift
„Nach Moskau". DieSoldaten, dieichinder vorderenLinie der 137. I .D. sprach,
redeten nur von dem baldigen Wiederaufnehmen der Bewegungen in ostwär-
tiger Richtung.
Am 14. August gingen die Kämpfe beim X X I V . Panzer-Korps imRäume um
Kritschew siegreich zu Ende. DieZerschlagung von drei russischen Divisionen
brachte 16 000 Gefangene undgroße BeuteanGeschützen. Kostjukowitschi wurde
genommen.
NachdemmeinAngriffsvorschlag abgelehnt war, schlug ichfolgerichtig vor, den
nunmehr nicht benötigten undständige Verlustefordernden J elnja-Bogen aufzu-
geben. DieHeeresgruppe unddas OKH lehnten aber auch diesen Vorschlag ab.
Die fade Begründung, „dem Feind gehe es nochviel schlechter als uns", stieß
am Wesen des Vorschlages, demSparen von Menschenleben, vorbei.
Am 15. August hatte ichMühe, demAnsinnenmeiner Vorgesetztenzu wider-
stehen, dieden Erfolg des X X I V . Panzer-Korps zumVorgehen auf Gomel be-
nutzenwollten. I nmeinenAugenhättees sichbei diesemMarschnach Südwesten
um einZurückgehen gehandelt. Die Heeresgruppe versuchte, uns eine Panzer-
division für diesen Zweck zu entziehen, berücksichtigte aber nicht, daß manmit
einer Division nicht durch den Feind hindurchoperierenkann. Manhätte also
das ganzeX X I V . Panzer-Korps ansetzen und dessenlinke Flankedurchweitere
Kräfte sichernmüssen. Das X X I V . Panzer-Korps hatte zudembisher seit Beginn
176
Smolensk
Skizze 75
10 5 0
' • I
Russische Ansammlungen
Bereitstellungen
<==> Bewegungen
vaaa Stellungsbauten
Entwicklungb. 20.8.
6omel
12 Erinnerungen eines Soldaten
1
der Bewegungen am22. 6. nochkeinenTag Ruhe gehabt und bedurftedringend
einer Pausezur I nstandsetzung der Panzer. Nachdemes gelungenwar, dieHeeres-
gruppe zu beruhigen, erfolgte eine halbe Stunde später der Befehl vomOKH,
doch eine Panzer-Divisionauf Gomel zu entsenden. DemX X I V . Panzer-Korps
wurde nunmehr befohlen, mit der 3. und4. Panzer-Divisioninvorderer Linie,
mit der 10. (mot.) I .D. dahinter, nach Süden i n Richtung Nowo Sybkow und
Starodub anzutreten, umnach erfolgtemDurchbruchdie rechte Flügel-Division
auf Gomel abdrehen zukönnen.
Am 16. August nahmdie 3. Panzer-Divisionden Straßenknotehpunkt Mglin
Die Heeresgruppe „Mitte" mußte das X X X I X . Panzer-Korps mit der 12. Panzer-
Division, der 18. und20. (mot.) I .D. andieHeeresgruppe .Nord" abgeben.
I ch übergehe dieverschiedenen Schwankungen inder Auffassung der Heeres-
gruppe „Mitte", die sich in den Ferngesprächen der nächsten Tage erkennen
ließen. Am17. August blieb der rechte Flügel des X X I V . Panzer-Korps vor star-
kem Widerstandhängen, während diebeiden linken Divisionen, die 10. (mot.)
I .D. undvor allemdie3. Panzer-Divisionüber den Eisenbahnknotenpunkt Unet-
scha hinaus gut vorwärts kamen. Hiermit wurdedieBahnGomel-Brjansk unter-
brochen und ein tiefer Einbrucherzielt. Wiekonnnte er genutzt werden? Man
hätte annehmen sollen, daß die2. Armeenun inAnlehnung an meinen rechten
Flügel mit starkemlinken Flügel zumAngriff auf Gomel antreten würde. Dies
geschah jedochmerkwürdigerweise nicht. StarkeKräfte der 2. Armeemarschier-
ten vielmehr vonderen linkemFlügel nach Nordostenab, weit hinter der Front
des X X I V . Panzer-Korps entlang, während dieses inschweremKampf bei Staro-
dub—Unetscha stand. I ch wandte mich an die Heeresgruppe, umzu erreichen,
daß die V erbände der 2. Armeezunächst einmal den Feindinunserer rechten
Flanke angriffen. Dies wurde mir auch zugesagt, aber meine Erkundigungen
beimAOK 2, obes einenentsprechenden Befehl erhaltenhabe, ergaben imGegen-
teil, daß dieHeeresgruppe selbst dieVerschiebungeninnordostwärtiger Richtung
befohlen hatte. Dabei wäre entschlossenes Handelnumso angebrachter gewesen,
als bereits seit dem17. August der Eindruck bestand, daß der FeindGomel ge-
räumt habe. Bereits an diesemTage hatte das X X I V . Panzer-Korps den Befehl
erhalten, demFeindbei Unetscha undStarodubdenWeg nachOstenzu verlegen.
Am 19. August gewann diePanzergruppe 1 bei der Heeresgruppe „Süd" einen
kleinen Brückenkopf über den Dniepr bei Saporoshje. Bei der 2. Armee wurde
Gomel genommen. Bei meiner Armeegruppeerhielt das X X I V . Panzer-Korps den
Auftrag, über dieLinie Klinzy—Starodubauf Nowosybkow durchzustoßen, wäh-
rend das X X X X V I I . Panzer-Korps mit dem Schutz der Ostflanke des X X I V .
Panzer-Korps beauftragt wurde. Es stieß bei Potschep auf stärkeren Widerstand.
Der Oberbefehlshaber des Heeres machte unter dem Datumdes 18. August
einenVorschlag für dieFortführung der Operationen ander Ostfront an Hitler.
(V gl. S. 183)
178
Am20. August wehrtedas X X I V . Panzer-Korps aus der LinieSurash—Klinzy—
Starodub feindliche Angriffe ab. Teilkräften gelang der Durchbruchnach Osten
südlich vonUnetscha. Angriffe auf J elnja wurden abgewiesen.
Am 20. August ordneteder Feldmarschall vonBock fernmündlich an, nicht mehr
in südlicher Richtung auf Potschep am Sudost, amlinken Flügel der Panzer-
gruppe 2, „weiterzubohren". Er wünschte alleTeile der Panzergruppe bei Ros-
lawl inRuhe zu legen, umfür den von ihmerhofften Vormarschauf Moskau
über frischeKräfte verfügen zu können. Er wußte nicht, weshalb die 2. Armee
nicht schneller vorwärts gegangen sei; er habeimmer zur Eile getrieben.
Am 21. August wurden beim X X I V . Panzer-Korps Kostobobr, 40 km südlich
Starodub, beimX X X X V I I . Panzer-Korps Potschep genommen.
Am 22. August wurde der Befehl über das X X ., I X . und V I I . A.K. an die
4. Armee abgegeben. Der Gefechtsstand der Panzergruppe wurde nachSchum-
jatschi, westlich Roslawl verlegt, umder Masse der Divisionen näher zu sein.
An diesemTageerfolgteum19 Uhr eineAnfrageder Heeresgruppe, obes mög-
lich sei, mit verwendungsbereitenPanzerverbänden imRäumeKlinzy—Potschep
aufzumarschieren zu einer Operationamlinken Flügel der 2. Armeeinsüdlicher
Richtung zumZusammenwirkenmit der 6. Armeeder Heeresgruppe „Süd". Es
ergabsich, daß einBefehl vomOKH oder OKW vorlag, nachwelchemeinschnel-
ler Verbandsichan demAngriff der 2. Armeebeteiligensollte. I cherklärte der
Heeresgruppe, daß ich die Verwendung der Panzergruppe in dieser Richtung
für grundfalsch, ihreTeilung aber geradezu für einVerbrechenhielte.
Für den23. August wurdeichzu einer Besprechung zur Heeresgruppe befohlen,
an der der Chef des Generalstabes des Heeres teilnahm. Dieser teilte mit, daß
Hitler sichnunmehr entschlossen habe, weder die OperationinRichtungLenin-
grad noch die inRichtung Moskau auszuführen, sondern sich zunächst in den
Besitz der Ukraineundder Krim zu setzen. Der Chef des Generalstabes, General-
oberst Halder, machte einen tief erschütterten Eindruck über das Fehlschlagen
seiner Hoffnungen auf eine Weiterführung der Operationen auf Moskau. Es
wurde lange verhandelt, was geschehen könne, umden „unabänderlichen Ent-
schluß" Hitlers dennoch zu ändern. Wir waren uns alle darüber einig, daß die
nunmehr befohlene Richtung auf Kiew zwangsweise zu einem Winterfeldzug
führen müsseundalledieSchwierigkeitenherbeiführen würde, diezu vermeiden
das OKH allenGrundhatte. I chführte diebereits jetzt hervorgetretenen Wege-
und Versorgungsschwierigkeitenan, die sich demUnternehmen der Panzer in
südlicher Richtung entgegenstellen mußten, und äußerte Zweifel, obdas Panzer-
gerät denneuen Strapazen undeinemanschließenden Winterfeldzug inRiditung
Moskau gewachsen sein würde. Ferner wies ich auf den Zustand des X X I V .
Panzer-Korps hin, das seit Beginn der Bewegungen in Rußland noch keinen
Tag der Ruhe und I nstandsetzung gehabt habe. Mi t diesen Hinweisenerhielt
der Chef des Generalstabes die Handhabe für einen nochmaligen Einspruch
gegen den Entschluß Hitlers. Feldmarschall von Bock verstand mich auch und
179
machte daher nach langem, fruchtlosemHin und Her den Vorschlag, ich solle
den Generaloberst Halder ins Führerhauptquartier begleitenund gegebenenfalls
als fronterfahrener General die angeführten Gründe Hitler unmittelbar vor-
tragen, umeine letzteAktion des OKH zu unterstützen. Dieser Vorschlag wurde
angenommen; wir starteten amspäten Nachmittag und landeten inder Dämme-
rung auf demFlugplatz Lotzenin Ostpreußen.
Nach der Landung meldete ichmich beimOberbefehlshaber des Heeres. Feld-
marschall von Brauchitsch empfing mich mit den Worten: „I ch verbiete I hnen,
mit demFührer dieFrage Moskau zu erörtern. Der Ansatz nach Süden ist befoh-
len, es handelt sichnur nochumdas Wie. J edeErörterung ist nutzlos." Darauf-
hin bat ichumdie Erlaubnis, zu meiner Panzergruppe zurückfliegen zu dürfen,
da unter diesen Umständen eine Auseinandersetzung mit Hitler zwecklos sein
würde. Dies wollte Feldmarschall vonBrauchitsch aber auchnicht. Er befahl mir,
zu Hitler zu gehen undüber dieLage bei meiner Panzergruppe V ortrag zu hal-
ten, „ohne jedochMoskau dabei zu erwähnen!"
I ch begabmich also zu Hitler und trug inGegenwart eines großen Kreises von
Zuhörern, darunter Keitel, J odl, Schmundt und anderen, leider jedochohneBrau-
chitsch und Halder oder einen anderen Vertreter des OKH, über die Lage bei
meiner Panzergruppe, über ihren Zustand und über die Geländegestaltung vor.
Nachdem ich geendet hatte, fragte Hitler: „Halten Sie I hre Truppen nach den
bisherigen Leistungen noch einer großen Anstrengung für fähig?"
I ch antwortete: „Wenn den Truppen eingroßes, jedemSoldaten verständliches
Ziel gesteckt wird: J al"
Darauf Hitler: „Sie meinen natürlich Moskaul"
loh: „J a. ErlaubenSiemir, meineGründe zu nennen, nachdemSie dieses Thema
angeschnitten haben."
Hitler stimmte zu, und ich setzte gründlich und eindringlich alle die Gründe
auseinander, die für die Fortsetzung der Operationen inRichtung Moskau und
gegen Kiew sprachen. I chführte aus, daß es vommilitärischen Standpunkt aus
nun darauf ankäme, die feindlichen Streitkräfte, die in den letzten Kämpfen
schwer gelittenhätten, vollends zu schlagen. I chschilderte ihmdie geographi-
scheBedeutung der Hauptstadt Rußlands, die in ganz anderer Weise als z. B. Paris,
dieVerkehrs- und Nachrichtenzentrale, der politischeMittelpunkt, einwichtiges
I ndustriegebiet sei, und deren Fall außerdemvoraussichtlicheinen ungeheueren
moralischen Eindruck auf das russische V olk, aber auch auf die übrige Welt
machen müsse. Ich wies auf die Stimmung der Truppe hin, die nichts anderes
erwarte, als den Vormarsch auf Moskau, und die hierfür mit Begeisterung alle
Vorbereitungen bereits getroffen habe. I chversuchte darzulegen, daß uns nach
Erringen des militärischen Sieges inder entscheidenden Richtung und über die
feindlichen Hauptkräfte dieWirtschaftsgebiete der Ukraineumso eher zufallen
müßten, als dieEroberung der Verkehrsspinne Moskau den Russendie Möglich-
keit vonKräfteverschiebungen von Nordennach Süden außerordentlich erschwe-
180
181
ren würde. I chgab zu bedenken, daß die Truppen der Heeresgruppe „Mitte" für
ein Vorgehen inRichtung Moskau bereitstünden, während sie für die beabsich-
tigte Operation in Richtung Kiew zeitraubende Bewegungen in südwestlicher
Richtung machen müßten, also in Richtung auf die Heimat, daß bei einem an-
schließenden Vorgehen auf Moskau die gleichen Entfernungen — Roslawl—
Lochwiza = 450 km— abermals zurückgelegt werden müßten, mit abermaligem
V erschleiß von Kraft und Gerät. I chschilderte den Zustand der Wege in dem
mir zugewiesenen Vormarschraumauf Grundder bereits bis Unetscha gemachten
Erfahrungen, die bestehenden Nachschubschwierigkeiten, die beim Abdrehen
nach der Ukraine von Tag zu Tag größer werden müßten. Schließlich wies ich
auf den schweren Nachteil hin, der entstehenmüßte, wenndieOperationen nicht
so schnell, wieerwartet, beendet werden könnten, sondern indieSchlechtwetter-
periode hineinreichen würden. Dann würde es für den geplanten, letzten Schlag
auf Moskau in diesemJ ahrezu spät werden. I chschloß mit der Bitte, alle an-
deren Erwägungen, mochten sie nochso berechtigt erscheinen, hinter der zwin-
genden Notwendigkeit zurückzustellen, zuerst eine militärische Entscheidung zu
erzwingen. Alles anderewürde uns dannzufallen.
Hitler ließ mich ausreden, ohne auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen.
Dann ergriff er das Wort, umineingehenden Darlegungen auseinanderzusetzen,
weshalb er zu einemanderen Entschluß gekommen sei. Er bezeichnete dieRoh-
stoffe und die Ernährungsbasis der Ukraine als lebensnotwendig für die Fort-
setzung des Krieges. I ndiesemZusammenhang erwähnte er erneut die Wichtig-
keit der Krim, die „als Flugzeugträger der Sowjetunion imKampfe gegen die
rumänischen ölfelder" ausgeschaltet werden müßte. I ch vernahm zum ersten
Male den Satz: „Meine Generale verstehen nichts vonKriegswirtschaft.* Hitlers
Ausführungen gipfeltenin demstriktenBefehl, zumAngiff auf Kiew als näch-
stemstrategischemZiel unverzüglich anzutreten. Was ichspäter nochoft erleben
sollte, trat hier für mich zumersten MaleinErscheinung: Alle Anwesenden nick-
ten zu jedem SatzeHitlers und ich stand mit meiner Ansicht allein. Offenbar
hatte er dieRede zur Begründung seinesmerkwürdigen Entschlusses schon öfters
gehalten. I ch bedauerte sehr, daß weder Feldmarschall von Brauchitsch noch
Generaloberst Halder mich zu diesemV ortrag begleitet hatten, von dessenAus-
gang dochauchihrer Ansicht nach so viel, vielleicht dieEntscheidung des Krieges
abhing. Angesichts der gegen mich gerichteten Einheitsfront des OKW habeich
an diesem Tage auf weiteres Streiten verzichtet, weil ichdamals noch glaubte,
demOberhaupt des Reiches nicht inGegenwart seiner ganzen Umgebung eine
erregte Szeneliefern zu können.
Nachdemdie Entscheidung zugunsten des Angriffs auf die Ukraineerneut be-
stätigt war, bemühte ichmich, sienunwenigstens inder besten Weise zur Aus-
führung zu bringen. Daher bat ichHitler, von der bis dahin geplantenTeilung
meiner Panzergruppe abzusehen und zu befehlen, daß die ganze Panzergruppe
an dieneueAufgabezu setzensei, umeinen raschen Erfolg nochvor Eintritt der
182
Herbstwitterung zu erzielen, weil dieHerbstregen das straßenlose Land grund-
los machen unddieBewegungen motorisierter V erbände lahmlegenwürden. Die
Erfüllung dieser Bitte wurdemir zugesagt.
Es war langenach Mitternacht, als ichmeinQuartier erreichte. Nochan diesem
23. August war durch das OKH der Befehl an dieHeeresgruppe „Mitte" erteilt
worden, daß es nunmehr darauf ankäme, „noch möglichst starke Kräfte der russi-
schen 5. Armee zu vernichten und der Heeresgruppe „Süd" den Dniepr-Uber-
gang baldmöglichst zu öffnen. Hierzu soll, möglichst unter Generaloberst Gu-
derian, eine Kräftegruppe gebildet werden, diemit rechtemFlügel über Tscherni-
gow vorzutreiben ist." V ondiesemBefehl wußte ich bei meinem V ortrag vor
Hitler nichts. Auch Generaloberst Halder hatte imLaufe des 23. keine Gelegen-
heit genommen, mich über ihnzu informieren. AmMorgendes 24. August begab
ich mich zumChef des Generalstabes des Heeres und berichtete über den Fehl-
schlag des letzten Versuches, Hitler doch noch umzustimmen. I ch glaubte
Halder nichts überraschendes damit zu sagen, erlebte aber zu meinem Erstaunen
einen Nervenzusammenbruch bei ihm, der ihn zu völlig ungerechtfertigten Be-
schuldigungen und V erdächtigungen verleitete. Nur aus diesem Nervenzustand
Halders erklären sich dievon ihmgeführten Telefongespräche mit der Heeres-
gruppe „Mitte" über mich und die völlig unzutreffenden Darstellungen unter-
geordneter Angehöriger dieses Stabes in Nachkriegsveröffentlichungen. Beson-
ders böse war er über mein Bestreben, die nuneinmal befohlene Operationvon
Anbeginn mit ausreichenden Kräften unternehmen zu wollen. Er zeigte hierfür
nicht das geringste V erständnis undhat es auch inder Folge zu verhindern ge-
wußt. Wir trennten uns, ohne eine V erständigung erreicht zu haben. I chflog zu
meiner Panzergruppe zurück mit dem Befehl, die Bewegungen i nRichtung auf
die Ukraineam25. August zu beginnen.
Am24. August wurdebeimX X I V . Panzer-Korps Nowosybkow genommen und
der Feindbei Unetsoha—Starodub geworfen.
Die Schlacht um Kiew.
Der Befehl Hitlers vom21. August 1941, der dieGrundlage für die bevorstehen-
den Operationen bildete, hatte inseinen wichtigstenTeilenfolgenden Wortlaut:
„Der Vorschlag des Heeres für dieFortführung der Operationen imOsten vom
18. 8. stimmt mit meinen Absiditennicht überein.
I ch befehle folgendes:
1. Das wichtigstenochvor Einbruchdes Winters zu erreichende Ziel ist nicht die
Einnahme von Moskau, sondern die Wegnahme der Krim, des I ndustrie- und
Kohlen-Gebiets amDonez unddieAbschnürung der russischen Olzufuhr aus dem
Kaukasus-Raum, imNorden die Abschließung Leningrads und die V ereinigung
mit den Finnen.
183
2. Dieoperativ seltengünstige Lage, diedurchdas Erreichender LinieGomel—
Potschep entstanden ist, muß zu einer konzentrischen Operation mit den inneren
Flügeln der Heeresgruppen Süd und Mitte unverzüglich ausgenutzt werden. I hr
Ziel muß sein, diesowjet. 5. Armeenicht nur durch alleinigenAngriff der 6. Ar-
mee hinter den Dniepr zu drücken, sondern diesen Feindzu vernichten, bevor er
hinter die Linie des Desna—Konotop—Sula-Abschnitt ausbrechen kann. Dadurch
wird die Sicherheit für die Heeesgruppe Süd gegeben, östlich des mittleren
Dniepr Fuß zu fassen und die Operationen in Richtung Rostow—Charkow mit
der Mitte unddemlinken Flügel weiterzuführen.
3. V onder Heeresgruppe Mitte sindhierfür ohne Rücksicht auf spätere Opera-
tionen so vieleKräfte anzusetzen, daß das Ziel, dieVernichtung der 5. russischen
Armee, erreicht wird unddie Heeresgruppe dabei inder Lage bleibt, feindliche
Angriffe gegen dieMitte ihrer Front inkräftesparender Stellung abzuwehren.
4. DieEinnahme der Halbinsel Krim ist von allergrößter Bedeutung für unsere
gesicherte Ölversorgung aus Rumänien . . .
Dieser Befehl, dessenWortlaut mir bei meinemV ortrag vom23. 8. noch unbe-
kannt war, bildetedieUnterlage für dienunmehr seitens des OKH undder Hee-
resgruppe „Mitte" an meine Panzergruppe erteiltenWeisungen. DieherbsteEnt-
täuschung für mich war das Ausscheiden des X X X X V I . Panzer-Korps aus der
Panzergruppe. Entgegen der Zusicherung Hitlers bestimmte die Heeresgruppe
dieses Korps zur Reserve hinter der Front der 4. Armee imRäume Roslawl—
Smolensk. I chmußte mit den vonvornhereinals unzulänglich erkannten und be-
zeichnetenKräften desX X I V . undX X X X V I I . Panzer-Korps in die neueBewegung
eintreten. Mein Einspruch hiergegen verhallte bei der Heeresgruppe ungehört.
Als erstes Angriffsziel wurdemir Konotop gesetzt. Die weiteren Weisungen
über das Zusammenwirken mit der Heeresgruppe „Süd" blieben vorbehalten.
Bei der gegenwärtigen Gruppierung der Panzergruppe war es unvermeidlich,
dembereits imRäume umUnetscha befindlichenX X I V . Panzer-Korps die Auf-
gabeerneuten Durchbruchs durch die Russenzu stellenundihmgleichzeitig die
Sicherung der rechten Flanke gegen den von Gomel nach Osten abfließenden
Feind zu übertragen. DemX X X X V I I . Panzer-Korps wurde der Auftrag erteilt,
mit der einzigen, sofort verfügbaren Division, der 17. Panzer-Divisiondie linke
Flanke der Panzergruppe durch Angriff auf die südlich Potschep auf dem Ost-
ufer des Sudost-Flusses stehenden beträchtlichen russischen Kräfte zu schützen.
Der Sudost-Fluß war imübrigen kein Hindernis, auf das mansichinder trocke-
nen J ahreszeit verlassen konnte.
Bereits jetzt decktedie29. (mot.) I .D. ander Desna undamoberen Sudost einen
Raumvon 80 km. Ostwärts Starodub stand der Feind noch auf dem Westufer
des Sudost-Abschnittes, inder Flanke des X X I V . Panzer-Korps. Nach Ablösung
der 29. (mot.) I .D. durchI nfanteriebetrug dieFlanke von Potschep bis zumersten
Angriffsziel Konotop 180 km, und dort fing die Hauptoperation und somit die
184
Hauptbedrohung erst an. DieStärke des Feindes inder Ostflanke war nur sehr
lückenhaft aufzuklären gewesen. J edenfalls mußte damit gerechnet werden, daß
dieKräfte des X X X X V I I . Panzer-Korps durch die Aufgabe des Flankenschutzes
voll beansprucht würden. DieKampfkraft der Angriffsspitzelitt ferner unter der
Tatsache, daß das X X I V . Panzer-Korps ohne Ruhe undAuffrischung an die neue
Operation herangehen mußte, nachdem es eine unaufhörliche Folge schwerer
Kämpfe undMärsche zu überstehen gehabt hatte.
Am25. August gingen vor:
Das X X I V . Panzer-Korps mit der 10. (mot.) I .D. über Cholmy undAwdejewka,
mit der 3. Panzer-Divisionüber Kostobobr—NowgorodSewerskij auf die Desna,
während die 4. Panzer-Divisionzunächst das Westufer des Sudost vom Feinde
säuberte undnach Ablösung duchTeiledes X X X X V I I . Panzer-Korps der 3. Pan-
zer-Division folgen sollte.
Das X X X X V I I . Panzer-Korps mit der 17. Panzer-Divisionüber Potschep auf das
Südufer des Sudost zumAngriff in Richtung Trubtschewsk, umsodann durdi
Ubergang auf das linke Ufer der Desna und V orstoß längs dieses Flusses nach
Südwesten demX X I V . Panzer-Korps den Ubergang über den breiten Stromzu
erleichtern. Dieübrigen Kräfte dieses Korps waren noch imAnmarsch aus dem
Räume vonRoslawl.
Für meinePerson begabichmich amfrühen Morgendes 25. August zur 17. Pan-
zer-Division, umdemAngriff über denSudost und den südlich davon fließenden
Rog beizuwohnen. DieFahrt ging auf elenden Sandwegen unter Reibungen und
demAusfall mehrerer Fahrzeugevor sich. Bereits um12.30 Uhr mußte ichvon
Mglin Ersatz anBefehlspanzern, Personenkraftwagen undKrafträdern anfordern.
Das eröffnete dieheitersten Aussichten für dieZukunft. Um14.30 Uhr erreichte
ich denGefechtsstand der 17. Panzer-Division5 kmnördlich Potschep. Der Kräfte-
einsatz für denschwierigenAngriff schienmir zu gering bemessenundzu schmal.
Daraus mußte sich ein imV erhältnis zum X X I V . Panzer-Korps zu langsames
V orwärtskommen ergeben. Der Divisionskommandeur, General Ritter von
Thoma, und der balddarauf eintreffende Kommandierende General wurden auf
diesen Umstandhingewiesen. Umeinen Eindruck vomFeinde zu bekommen, be-
gab ichmich indie vordere Linie des Schützen-Regiments 63 und machte einen
Teil des Angriffs zu Fuß mit. DieNacht verbrachte ichin Potschep.
Am 26. August früh suchteichmit meinemAdjutanten, Major Büsing, einevor-
geschobene Artillerie-Beobachtungsstelle auf dem Nordufer des Rog auf, um
mich vonder Wirkung unserer Stuka-Bomben auf dierussische Flußverteidigung
zu überzeugen. Die Bomben lagen gut, die tatsächliche Wirkung war minimal.
I mmerhin gestatteteder moralische Eindruck, der die Russen inihren Schützen-
löchern niederhielt, den Flußübergang fast ohne Verluste. Durch leichtfertiges
V erhalten eines Offiziers wurde unser Aufenthalt von russischen Beobachtern
erkannt und unter wohlgezieltes Granatwerferfeuer genommen. Ein Treffer in
185
unmittelbarer Nähe verwundete 5 Offiziere, darunter Major Büsing, der auf Tuch-
fühlung nebenmir saß. Wiedurch ein Wunder bliebichunverletzt.
Uns gegenüber standen Russender 269. und 282. Division. Nachdem ich noch
demUbergang über den Rog und demFertigstellen einer Brücke beigewohnt
hatte, fuhr ich nachmittags über Mglin zum neuen Gruppengefechtsstand
Unetscha. Unterwegs erhielt ichdieerfreuliche undüberraschende Meldung, daß
die 3. Panzer-Division die 700 mlange Desna-Brücke ostwärts Nowgorod Se-
werskij durch schneidiges Zupacken der Panzer unter Oberleutnant Buchterkirch
(Panzer-Regiment 6) unversehrt genommen habe. Dieser Glücksumstand sollte
unseredemnächstigen Operationen wesentlich erleichtern.
Erst gegenMitternacht traf ichauf dem neuen Gefechtsstand ein. Dort war in-
zwischen am Nachmittag General Paulus, der Oberquartiermeister I aus dem
OKH und operative Mitarbeiter Halders erschienen um sich zu unterrichten.
Vollmachten zu Entscheidungen hatte er nicht. Paulus hattesich in meiner Ab-
wesenheit mit Oberstleutnant Frhr. vonLiebenstein über die Lage unterhalten
und sich danachmit dem OKH in V erbindung gesetzt, demer einheitliche Be-
fehlsführung über die linken Flügelkorps der 2. Armee und die Panzergruppe
sowie den Einsatz der 1. Kavallerie-Division amlinkenFlügel der Panzergruppe
vorschlug. Er erhielt die mysteriöse Antwort, daß die Unterstellung vonTeilen
der 2. Armee zur Zeit nicht in Fragekomme unddieBewegungen der 2. Armee
„nur taktisch zu bewerten seien". Die 1. Kavallerie-Divisionblieb bei der
2. Armee, die ihren Schwerpunkt nach rechts legte. Die Panzergruppe erhielt
einen Tadel, weil sie „ausholende Bewegungen" mache. Der Feindan der Desna
war aber zu stark, umunbeachtet inder tiefenlinkenFlanke stehengelassenzu
werden, wie dem OKH anscheinend vorschwebte. Er mußte geschlagen werden,
bevor wir weiter nach Süden vorgehen konnten. Amnächsten Morgen hatteich
noch eineAussprachemit Paulus, umihninmeine Gedankengänge einzuweihen.
Er hat sie auch getreulich demChef des Generalstabes des Heeres vorgetragen,
ohne bei der herrschenden Animosität damit Eindruck zu machen.
Am 26.August abends stand der linkeFlügel der 2. Armee dicht südlich Nowo-
sybkow, die Trennungslinie zur 2. Armeelief von Klinzy über Cholmy auf Sos-
niza (nordostwärts Makoschino an der Desna), diezur 4. Armeevon Surash über
Unetscha—Potschep—Brassowo.
V om X X I V . Panzer-Korps standen die 10. (mot.) I .D. bei Cholmy und Awde-
jewka, die 3. Panzer-Division an der Desna-Brücke südlich Nowgorod Sewerskij,
die 4. Panzer-Division imKampf mit Feind südostwärts Starodub.
BeimX X X X V I I . Panzer-Korps kämpfte die 17. Panzer-Division bei Semzy, süd-
lich Potschep, die 29. (mot.) I .D. sicherte die linkeFlanke der Panzergruppezwi-
schenPotschep und Shukowka. Sie zog ihre Kräfte mit demHerankommen der
I nfanterie-Divisionen des X I I . undL I I I . A.K. nach demrechten Flügel zusammen.
Die 18. Panzer-Division hatteimAnmarsch vonNorden mit den vordersten Tei-
len Roslawl durchschritten.
186
Smolens
Urse ha
j Kopys
i Schklow
\ Mogilew
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Skiz z e 17
Lage am 26.81311.
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1 0 0 I I 1 0 30 V« SOk m
Entwicklung bis 31.8.<*1.
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frubtschewsk
187
Senkrecht zu den Bewegungen der Panzergruppe marschierten von Westen
nachOsten die167. I .D. über Mglin, die31. I .D. nördlich davon, die34. I .D. über
Kletnja, die 52. I .D. über Perelasy, die 267. und 252. I .D. auf der Straße Krit-
schew—Tscherikow—Propoisk. Alle diese Divisionen gehörten zur 2. Armee.
Wäre nur ein Teil von ihnen bei Beginn der Offensive auf Kiew in südlicher
Richtung angesetzt worden, so hätte man demX X I V . Panzer-Korps diewieder-
holtenKrisen seines rechten Flügels ersparen können.
Am26. August versteiftesichder Widerstanddes Gegners vor der 2. Armeean
der Desna. Umzu einemsohneilenErfolg zu gelangen, erbat ichdas Nachführen
des X X X X V I . Panzer-Korps. MeineBitte wurdevonOKH abgelehnt.
Am 29. August griff der Gegner das X X I V . Panzer-Korps mit starken Kräften
unter Einsatz vonFliegernvonSüden und Westenan. Das Korps war gezwun-
gen, den eigenenAngriff der 3. Panzer-Divisionund 10. (mot.) I .D. einzustellen.
Die 4. Panzer-Divisionwurdenach Erledigung ihres Auftrages, der Säuberung
des westlichenSudost-Ufers, über Nowgorod Sewerskij andie3. Panzer-Division
herangezogen. I chüberzeugte mich an diesemTage selbst beimX X I V . Panzer-
Korps, sodann bei der 3. und4. Panzer-DivisionvomStande der Dingeund ent-
schloß mich, demX X I V . Panzer-Korps für den 30. dieBeseitigung der Flanken-
bedrohung vonrechts, für den 31. dieFortsetzung des Angriffs nach Südwesten
aufzutragen, während das X X X X V I I . Panzer-Korps den Angriff auf demOstufer
des Sudost und später der Desna in Richtung Nowgorod Sewerskij fortsetzen
sollte. Um18 Uhr flog ichmit demStorchzu meinemGefechtsstand zurück. Der
I a der Panzergruppe, Oberstleutnant Bayerlein, begleitetemich hierbei zumletz-
ten Male; er war nach Afrika versetzt. Sein Nachfolger wurdeMajor Wolf.
Bis zum31. August wurdeder Brückenkopf über die Desna wesentlich erwei-
tert, die4. Panzer-Divisionüber den Fluß gezogen. Die 10. (mot.) I .D. gelangte
nördlich Korop über dieDesna, wurdeaber durcheinenheftigen russischen Ge-
genangriff wieder über den Fluß zurückgeworfen undaußerdem inihrer rechten
Flanke von starkemFeind angegriffen. Durch Einsatz der letzten Kräfte, der
Mannschaften einer Bäckerei-Kompanie, gelang es mit Mühe, eine Katastrophe
des rechten Flügels zu verhindern. Beim X X X X V I I . Panzer-Korps griffen die
Russen mit der 108., und ab1. September auchmit der 110. Panzer-Brigadevon
Trubtschewsk nach Westen und Nordwesten an und bedrängten die tapfere 17.
Panzer-Divisionhart. Die29. (mot.) I .D. war über dieBrücke vonNowgorod Se-
werskij nachgezogen wordenunddann nachNordenvorgegangen, umdieNord-
flanke des vomX X I V . Panzer-Korps gebildetenBrückenkopfes zu sichern und
der 17. Panzer-Divisionvorwärts zu helfen. Die 18. Panzer-Divisionhatte die
4. Panzer-DivisionamSudost-Abschnitt zwischender Einmündung dieses Flusses
in dieDesna undPotschep abgelöst. Bisher waren seit Beginnder Bewegungen
am25.8. beimX X I V . Panzer-Korps 7 500, beimX X X X V I I . Panzer-Korps 12 000
Gefangene eingebracht worden.
188
Angesichts der Angriffe auf beidenFlankenunddes starken russischenDruckes
in der Front, besonders bei der 10. (mot.) I .D., schienes mir zweifelhaft, ob die
vorhandenenKräfte zur Fortsetzung des Angriffs genügen würden. I chbat daher
die Heeresgruppe erneut umFreigabe des X X X X V I . Panzer-Korps. Fürs erste
wurde aber am30.8. nur das LR. .G.D." freigegeben, dem dann am 1.9. die
I . Kavallerie-Division undam2. 9. dieSS-„Reich" vonSmolensk aus folgten. Ein
10 kmtiefer Einbruchder Russen bei der 23. I .D. südlich J elnja führte zumEin-
satz der 10. Panzer-Divisioni nfrontalemGegenstoß. LR. .G.D." wurdenach Now-
gorod Sewerskij geleitet, dieSS-.Reich" nachdemrechtenFlügel des X X I V . Pan-
zer-Korps. LR. .G.D." traf am2. September imBrückenkopf von Nowgorod Se-
werskij ein, dieSS-„Reich" vom3. September an auf demrechten Flügel.
Das tropfenweiseFreigeben der Kräfte hatte mich am1. September zu einem
Funkspruch an die Heeresgruppe veranlaßt, in welchemich um Freigabe des
ganzen X X X X V I . Panzer-Korps und darüber hinaus umZuführung der 7. und
I I . Panzer-Divisionundder 14. (mot.). I .D. bat, vondenen iohwußte, daß siezur
Zeit nicht eingesetzt waren. Mit diesem ausreichenden Maß an Kräften wäre
meiner Ansicht nach die Operation gegen Kiew zu einem sohneilen Ende zu
bringen gewesen. DieunmittelbareFolgedes Funkspruchs war dieFreigabe der
SS-„Reidi". Darüber hinaus aber hatten die Funküberwachungsstellen des OKH
den Spruchmitgehört, under schlug nunhaushohe Wellen. Dies zeigte sicham
3. September gegenüber dem Verbindungsoffizier des OKH, Oberstleutnant
Nagel, führte zu einemV ortrag bei Hitler und zu Maßnahmen des OKW, die
für mich recht bedauerlichwaren. Hiervon wird nochdieRede sein.
Am 2. September erschien Feldmarschall Kesselring, Befehlshaber einer Luft-
flotte, zu einer Aussprache bei der Panzergruppe. Er brachte die Nachricht, daß
es bei der Heeresgruppe „Süd" anscheinend vorwärts ginge, und sie mehrere
Brückenköpfe über den Dniepr gewonnenhabe. Uber diezukünftige Operations-
richtung herrschte Unklarheit; dieAnsichtenschwankten zwischenCharkow und
Kiew.
An diesemTagewurdendieGenerale Model undRitter vonThoma leicht ver-
wundet.
Am 3. September fuhr i di an den rückwärtigen Teilen der 10. (mot.) I .D. und
anden zumKampf eingesetzten Männern der Bäckerei-Kompanie entlang zu den
Kraftradschützen der SS-„Reich" bei Awdejewka. Westlich dieses Ortes stand
der Feind, gegen den die SS-Aufklärungs-Abteilung vorging. Anfänglich
herrschte ein ziemliches Durcheinander, das sich aber unter der zielbewußten
Führung des Divisionskommandeurs, General Hausser, baldklärte. Diesentraf ich
in Awdejewka und trug ihmauf, sichfür den 4. September zumAngriff auf Sos-
nitza bereitzustellen. Das von Roslawl her neu eingetroffene MG-Bataillon 5
wurde ihmunterstellt.
189
Mittags war ichbei der 10. (mot.) I .D., dieindenletztenTagen schwere Kämpfe
mit bitteren Verlusten zu bestehen hatte. Sie erfuhr durch den Einsatz der 4.
Panzer-Division auf demSüdufer der Desna eine gewisse Entlastung. I nsbeson-
dere hatte der Russediebereits beobachteten Vorbereitungenfür den Übergang
über den Fluß eingestellt. Der 10. (mot.) I .D. hatten in den letztenTagen die
10. russische Panzer-Brigade, die293., 24., 143. und42. Division gegenübergestan-
den, also eine ungeheure Überlegenheit. I chunterrichteteden Divisionskomman-
deur, General von Loeper, über die Lage und den Auftrag der benachbarten
SS.-„Reich" und stellte die Mitwirkung des rechten Flügels der 10. (mot.) I .D.
für den Angriff der SS für den nächsten Tag sicher. Dann begab ich mich
in den vom I I ./LR. 20 gehaltenen Brückenkopf südlich der Desna, dessen
Besatzung einengutenEindruck machte, undsprach anschließend das I . Bataillon
des gleichen Regiments, das vor einigen Tagen den Rückschlag in dem
Brückenkopf erlitten, die Scharte aber alsbald wieder ausgewetzt hatte. Auch
dieses Bataillon machte einen gutenEindruck, und ichkonnte ihmmeineUber-
zeugung aussprechen, daß es auchinZukunft seine Pflicht erfüllen würde.
Durch Funksprucherfuhr ichvonmeinemStabe, daß die 1. Kavallerie-Division
der Panzergruppe wieder unterstellt sei undinRichtung auf den rechten Flügel
der SS-„Reich" herangeführt werde. Dann suchte ich nochmals den Divisions-
kommandeur der SS-Division auf, umzu veranlassen, daß dieNachschubeinrich-
tungen der 10. (mot.) I .D. durchdieSS-„Reich" gesichert würden, undbegab mich
zu meinemGefechtsstand zurück. Dort erfuhr ich, daß dieinunserer bisherigen
Stoßrichtung liegenden Orte Borsna und Konotop unser nächstes Angriffsziel
blieben. Das Generalkommando X X X X V I . Panzer-Korps mit der Hälfte der
Korpstruppen wurde der Panzergruppe wieder unterstellt. Diebeiden Korps in
der Front meldetenje2 500 Gefangene, der zumRückenschutz gebildeteVerband
des Pioniergenerals Bacher machte 1 200 Gefangene. Das X X I V . Panzer-Korps
wies eindringlich auf die zunehmende Bedrohung der immer länger werdenden
Südflanke und die zunehmende Schwäche der Keilspitze hin. Krolewez fiel in
unsereHand.
An diesemTage nahmder Verbindungsoffizier des OKH, Oberstleutnant Nagel,
an einer Besprechung bei der Heeresgruppe in Borissow teil, zu welcher der
Oberbefehlshaber des Heeres erschienen war. Nagel hatte dort meine Beurtei-
lung der Lagevorgetragen; er wurdedaraufhinals „Lautsprecher und Propagan-
dist* bezeichnet undsofort abgelöst. I ch habe sehr bedauert, daß dieser klar-
blickende Offizier, der übrigens ein hervorragender Kenner der russischen
Sprache war, dafür bestraft wurde, daß er pflichtgemäß die an der Front herr-
schendeAnsicht vortrug.
Damit aber nicht genug. AmAbend setzteRegenwetter ein, das inkurzer Zeit
die Wege grundlos machte und zwei Drittel der anmarschierenden SS-„Reich"
festlegte.
190
Skizze 18
100 Kn,
oLebedin
ßjelgorodo
Charkow*®
4
Kleist
oPoltaws
Krementschug
IXArmee
DniepropetrowskA
191
Den4. September brachteichander Front bei der 4. Panzer-Divisionzu, wo
ichauchGeneral Frhr. vonGeyr traf. Um75kmWeges zurückzulegen,brauchte
ichAY2 Stunden, soaufgeweicht warendieWegedurchdenkurzenRegen. Die
4. Panzer-Divisionwar imBegriff, inRichtungKorop-Krasnopoljeanzugreifen. Der
Gegner vor dieser Divisionhattesichbisher zähgewehrt, auchgegen unsere
Panzer. NachdemEinsatz vonStukaschienjedochder Hauptwiderstand nun-
mehr gebrochen. General Frhr. vonGeyr hatteausBeutepapierendenEindruck
gewonnen, daßdieFortsetzungdesAngriffs inRichtungSosnitzabesonders er-
folgversprechendsein würde,weil manhier auf dieNaht zwischender russischen
13. und21. Armeetreffen würde.Essei möglich, daßmandort überhaupteine
Lückevorfände.Die3. Panzer-DivisionmeldeteFortschritte. Ichsuchtesieauf
undtraf sieimVorgehen überMutinound Spaßkojeauf denSejm-Aschnitt. Audi
General Model hattedenEindruck, auf eineweicheStelle, wennnicht gar auf
eine LückedesGegners gestoßenzusein. lohwiesModel an, nach Überschreiten
desSejmbiszur BahnKonotop—Bjelopolje vorzustoßenunddieseBahnzuun-
terbrechen. Währendder RückfahrtgabichdieBefehle fürden nächstenTag
durch FunksprücheanmeinenStab. Icherfuhr meinerseits, daßein Eingreifen
HitlersindieOperationender Panzergruppezuerwartensei.
EinFernspruchder Heeresgruppehattemitgeteilt, dasOKWsei unzufriedenmit
denOperationender Panzergruppe, insbesonderemit demAnsatzdesXXXXVII.
Panzer-Korps auf demOstufer der Desna. EineBeurteilung der Lageund der
Aussichtenwurdegefordert. Nachtskamdannbereitsder Befehl desOKH, der
dieEinstellungdesAngriffsdesXXXXVII. Panzer-Korpsunddessen Uberführung
auf das Westufer desFlusses anordnete. Dies alles erfolgte insehr schroffer
Form, diemichbetroffen machte. DieWirkungdes Befehls auf das XXXXVII.
Panzer-Korpswar niederschmetternd. DasGeneralkommandounddieDivisionen
standenunter demEindruckdesreifenden Erfolges. Das Herausziehenundder
Neuansatz auf demanderen Desna-Ufer mußtenmehr Zeit erfordern als die
DurchführungdesAngriffs. FürdiealleinvondiesemKorpsseit dem25. 8. ein-
gebrachten155 Geschütze,120Panzer und17000Gefangene, zudenensichnoch
13000Gefangene beimXXIV. Panzer-Korps gesellten, kamkeinWort der An-
erkennung.
Am5. September wurdedie1. Kavallerie-DivisionnachPogar geleitet undder
4. Armeeunterstellt. Wir hättensielieber beweglichauf unseremlinken Flügel
imFlankenschutz beimXXXXVII. Panzer-Korpsverwendet gesehen. Sowurde
ihreBeweglichkeit imstehendenFlankenschutz amSudost-Abschnitt nicht aus-
genutzt.
Die SS-„Reich"nahmandiesemTageSosnitza.
Bei der 4. Armeewurdedie RäumungdesJelnja-Bogens angeordnet, nachdem
dieVerlustenunmehr eingetretenwaren, dieichimAugust durchrechtzeitiges
Ausweichenhattevermeidenwollen.
192
Den6. September benutzteichwieder zueinemBesuchder SS-,Reich". Siebe-
fandsichimAngriff auf die EisenbahnbrückeüberdieDesnabei Makoschino. Ich
bemühtemidi, ihr hierzu Luftwaffenunterstützungzuverschaffen. DieDivision
war infolgeder sdileditenWegenochnicht versammelt. Unterwegstraf icheine
ReihevonFormationenteilsauf demMarsch, teilsinden Wäldernrastend. Die
Truppe machte einen besonders disziplinierten Eindruck und verlieh ihrer
Freude, wieder bei der Panzergruppezusein, lebhaften Ausdruck. Nachmittags
wurdedie Brückegenommen, einweiterer Ubergang überdieDesnagewonnen.
MeineFahrzeugstaffel mußtemehrfachfeindlichesArtilleriefeuer durchfahren, er-
litt aber keineVerluste. Auf der Rückfahrtbegegnetenwir Teilender 1. Kaval-
lerie-Divisionundwegen der schlechten Wegezu Fußvormarschierenden SS-
Einheiten. BeimDivisionsgefechtsstand angelangt, gab ich denBefehl, den
Brückenkopf überdieDesnasozuerweitern, daßdieDivisionvondort auszum
Angriff auf demWestufer desSejmantreten könne,umdasVorgehendesXXIV.
Panzer-Korps überdiesenAbschnitt zuerleichtern.
Am7. September gelangder 3. und4. Panzer-DivisiondasBildenvon Brücken-
köpfenauf demSüduferdesSejm. DieHeeresgruppebefahl andiesemTageein
VorgehengegendieLinieNeshin—Monastirischtsdie, mit demSchwerpunkt auf
Neshin. Dieser Befehl wurdeam8. September früh5,25Uhr durchdieWeisung
„NeueRichtungBorsna—Romny, Schwerpunkt rechts"abgeändert.An diesem
Tagebesprachder Oberbefehlshaber desHeeres inGomel beimAOK 2mit mir
die fürAnfangOktober geplanteneueOperation inRichtungMoskau. Abge-
sehenhiervonkamFeldmarschall vonBraudiitsdi nocheinmal auf die Kämpfe
desXXXXV1I. Panzer-Korps inRichtungTrubtschewsk zusprechen, beanstan-
detemeinenFunkspruchvom1. 9. mit der BitteumVerstärkung,weil er vom
OKW hättemitgehörtwerden können,undmeinte, diePanzergruppehabeihre
Operationendamals unnötigausgeweitet. Ichrechtfertigtemeine Maßnahmenmit
der Meldung, daßder starkeFeindinmeiner linkenFlankenicht unbeachtet blei-
benkonnteundgeschlagenwerden mußte.Wir hattenbiszudiesemTage40000
Gefangene gemacht und250 Geschützeerbeutet. Unsere Anfängenähertensich
der BahnBachmatsch—Konotop.
Die2. ArmeenahmandiesemTageTschernigow. Sieerhielt die Stoßrichtung
auf Neshin—Borsna.
AndiesemTage verließunsOberstleutnant Nagel undseinNachfolger, Major
vonKahldentraf ein. Er hat seineMissionmit demgleichen Takt und Ver-
ständniswahrgenommen, wievordemNagel undzeitweise Below.
Bei der Heeresgruppe „Nord"stellten sichdie Panzergruppe 4und die18.
ArmeezumAngriff auf die äußerenBefestigungenvonLeningradbereit. Der An-
griff sollteam9.9. beginnen.
13 ErinnerungeneinesSoldaten 193
Am 9. September überschritt das X X I V . Panzer-Korps den Sejm. I chwohnte den
Kämpfen dieses Tages bei der 4. Panzer-Division bei und sah Einheiten der
Schützen-Regimenter 33 und 12 imVorgehen auf Gorodischtsche. Stuka unter-
stützten dieAngriffsspitzender Schützen .unddes Panzer-Regiments 35 wirkungs-
voll. Die geringen Gefechtsstärken aller V erbände bewiesen aber, daß dieTrup-
pen nach den anstrengenden und verlustreichen Kämpfen von 2V2 Monaten
dringend der Auffrischung bedurft hätten. Leider konnte davon vorläufig nicht
dieRedesein. Amspäten Nachmittag erfuhr ichbeimGeneralkommando X X I V .
Panzer-Korps durchGeneral Frhr. vonGeyr, daß auch dieSS imAngriff stehe, daß
ferner die3. Panzer-Division dieAbsicht habe, inRichtung Konotop vorzugehen.
Gefangenenaussagen ergaben, daß zwischen der russischen13. und21. Armee die
40. Armee eingeschoben sei. Die Munitionslage war leidlich, die Betriebsstoff-
lagegespannt.
Abends flog ichmit demStorch zurück zumGefechtsstand nachKrolewetz. Dort
war inzwischen von der Heeresgruppemitgeteilt, daß die 1. Kavallerie-Division
nicht amSudost-Abschnitt stehenbliebe, sondern weiter nachNorden verschoben
werden müsse. Die18. Panzer-Divisionkonntealso nicht der Panzergruppe nach-
gezogen werden; zur Ausnutzung des Erfolges amSejm hätte es frischer Kraft
bedurft. AmAbend kamdie erfreuliche Nachricht, daß das X X I V . Panzer-Korps
zwischen Baturinund Konotop tatsächlich die weiche Stelleder feindlichenFront
getroffen habe, und daß eine Vorausabteilung der 3. Panzer-Division auf dem
Vormarsch nach Romny, unsermAngriffsziel sei. DieDivision gelangtedamit in
den Rücken des Feindes. Nun kam es darauf an, diesen Erfolg rasch auszu-
nutzen, bei demKräftemangel, den schlechten Wegen und besonders angesichts
der bereits 240 kmtiefen Südostflanke keine leichte Aufgabe. Da mir Reserven
nicht zur V erfügung standen, blieb mir nur übrig, durch persönliches Erscheinen
demVorgehen der 3. Panzer-Division das nötige Gewicht zu verleihen. I ch ent-
schloß mich daher, am10. September wieder an dieFront zu fahren.
Bei meinemEintreffeninKsendowka berichtete General Frhr. vonGeyr, daß die
3. Panzer-Division Romny genommen und einen Brückenkopf über den Romen-
fluß gebildet habe. Die3. Panzer-Divisionwar an Konotopvorbeigestoßen, ohne
die Stadt zu nehmen. Die4. Panzer-Division befand sich imVorgehen auf Bach-
matsch, dieSS-„Reich" auf Borsna. Aus den AussagenGefangener ergabsich, daß
die inder Ukraine fechtenden russischen V erbände zwar nochdie Kraft hatten,
sichzu verteidigen, daß aber ihreAngriffskraft gebrochen war. General Frhr. von
Geyr wurde angewiesen, für die baldige Besetzung des wichtigenBahnhofs von
Konotop zu sorgen, über den unser Nachschub geleitet werden mußte, sowie die
4. Panzer-Division von Bachmatsch nach Süden und die SS-„Reich" von Borsna
auf Kustowzy anzusetzen. Letztere Division sollte Verbindung mit der 2. Armee
aufnehmen. Danach setzteichmeine Fahrt zur 3. Panzer-Division fort.
194
An der Sejm-Brücke erlebten wir einen russischen Bombenangriff, auf der
Marschstraße lag Artilleriefeuer. Der Weg wurde durch Regenwetter immer
schlechter und stecktevoll liegen gebliebener Fahrzeuge. Die Kolonnen waren
auf ein Vielfaches ihrer sonstigen Marschlänge auseinandergezogen. Die Zug-
maschinen der Artillerie mußten bereits die Lkw schleppen.
In Chmeljow ließ ichbeimStabeder 3. Panzer-DivisionUnterkunft für die Nacht
vorbereiten, da mit einer Rückfahrt an diesemTagenicht mehr zu rechnen war.
Dann fuhr ichweiter nach Romny. Nördlich der Stadt bildet der Romen einen
starken Abschnitt, der überdies durch Panzergräben und Drahthindernisse der
Russengesichert war. Daß die Russendiesenstarken Abschnitt nicht hatten hal-
ten können, bewies, daß das Erscheinen der 3. Panzer-Division sie völlig über-
rascht hatte, unddaß mit diesemStoß der Durchbruchvollzogenwar. Unmittelbar
vor Romny traf ichGeneral Model, der Einzelheiten berichtete. DieStadt war in
seiner Hand, jedoch trieben sich noch Versprengte in den Gärten herum, und
man konnte sie nur im gepanzerten Fahrzeug durchqueren. Um 17 Uhr sollte
eine Säuberungsaktion beginnen. Im Nordteil der Stadt stieß ichauf eine Gruppe
von Stabsoffizieren beim Befehlsempfang unter Oberst Kleemann. Sie war beson-
ders durchdie russisdien Fliegerangriffe gestört worden, denenkeine genügende
Abwehr entgegengeflogen werden konnte, weil die Russen aus einer Gutwetter-
zone starteten, während unsere Flugplätze ineiner Schlechtwetterzone lagen, die
den Start an diesem Regentage unmöglich machte. Wir wurden sodann auch
prompt von drei russischen Fliegern mit MG-Feuer angegriffen, während die
Bomben anderwärts fielen.
Von Romny aus funkte ichdie Direktivenfür den nächsten Tag an meinen Stab,
durch die das inzwischen eingetroffene X X X X V I . Panzer-Korps mit der ihmun-
terstellten 17. Panzer-Division und L R. „G.D." auf Putiwl—Schilowka(17 kmsüd-
lich Putiwl) angesetzt wurde. Für Model wurde starker J agdschutz erbeten.
An diesem Tage wurde Bachmatsch genommen. L R. „G.D." erreichtePutiwl. Wir
erhielten denAuftrag der Heeresgruppe, uns zumAngriff auf denUdaj-Abschnitt
beiderseits Priluki bereitzuhalten.
DieHeeresgruppe „Süd" bereiteteden Ubergang über denDniepr bei Krement-
schug vor, von wo aus sie nach Norden vorgehen sollte, umuns bei Romny die
Hand zu reichen.
DieganzeNacht hindurchgoß es inStrömen. DieRückfahrt gestaltetesich daher
am11. September recht beschwerlich. Als erste gingen die Krafträder verloren.
Auch mein sehr guter Vierrad-angetriebener Geländewagen bliebstecken. Unsere
Befehlspanzer und eine von der Artillerie entliehene Zugmaschine machten uns
wieder flott. In 10-km-Tempo ging es durch den Schlamm nach Gi rowka, wo ich
den Regimentsstab des Oberstleutnants Audörsch antraf; wegen der gestörten
Fernsprechverbindungen versuchte ich vergeblich mich über die Lage zu unter-
richten. Schließlich erfuhr ich von Kraftradschützen der 3. Panzer-Division, daß
Konotop in unserer Hand sei. 6 kmnördlidi Girowka stieß iohauf die Aufklä-
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rungs-Abteilung der 10. (mot.) I .D. Um14 Uhr begegneteichsodann inKonotop
dem General vonLoeper, sagteihmüber dieEreignisse bei Romny Bescheidund
war um15,30 Uhr beimX X I V . Panzer-Korps. Dort erfuhr ichdieEinnahmevon
Borsna durchdieSS-„Reidi". Das Korps erhielt dieWeisung, mit rechtemFlügel
über Monastyrischtsche, mit linkem über Pirjatin auf Romny vorzugehen. Das
X X X X V I . Panzer-Korps wurdeüber Putiwl nachSüden angesetzt.
Um 18,30 Uhr war ichauf meinemGefechtsstand. I chhatteam10. 165 kmin10
Stunden, am11. 130 kminlQVz Stunden zurückgelegt. Dieaufgeweichten Wege
gestatteten kein schnelleres V orwärtskommen. Diesezeitraubenden Fahrten hat-
ten mir einen genügenden Einblick in die uns von nun an bevorstehenden
Schwierigkeiten verschafft. Nur wer das Leben auf diesen Schlammkanälen bis
hin zu den vordersten Einheiten selbst erlebt hat, kann sich eine V orstellung
von der Beanspruchung der Truppe und des Geräts machen, dieLage an der
Front richtig beurteilen und zutreffende Folgerungen aus den Geschehnissen
ziehen. Daß unsere militärischen Spitzen keine Erfahrungen indieser Hinsicht
sammelten und unseren Berichten anfänglich keinen Glauben schenken wollten,
hat sichbitter gerächt unduns unsägliche Opfer undmanchevermeidbaren Rück-
schläge gekostet.
Die Heeresgruppe teiltean diesemAbend mit, daß die Panzergruppe l unter
Generaloberst vonKleist wegen des Schlammes ihre Ziele nicht erreicht hatte.
Wir müßten weiter nach Süden vorgehen. Wer dieobengeschildertenWegever-
hältnisse kannte, wunderte sichdarüber nicht.
Die 17. Panzer-Division erreichteam10.9. Woronesh—Gluchow und am11.9.
Gluchow.
Während am12. September die Panzergruppe 1 ihren Vormarschüber Seme-
nowka auf Lubny antrat, stieß die 3. Panzer-Divisionauf Lochwiza vor und ge-
wann die Ssula-Brücke hart nördlich dieses Ortes. Die2. Armee näherte sich,
durchschlechte Wege behindert, Neshin.
Bei der Heeresgruppe „Nord" glaubte man, einen entscheidenden Einbruchin
die Leningrader Verteidigungsfront erzielt zu haben.
Am 13. September lehnte dieHeeresgruppe „Mitte" unsern Antrag, die 18.
Panzer-Division, die nochimmer amSudost-Abschnitt unseretiefelinke Flanke
sicherte, durchI nfanterieabzulösen, mit demBemerkenab, siekäme für dieEnt-
scheidung dochzu spät. Dieungeklärte Lageunserer Ostflanke und dieaus ihr
möglicherweise drohenden Gefahren, diedas Entstehen einer schwachen Reserve
dringend notwendig machten, wurden nicht berücksichtigt.
Die Panzergruppe 1 nahm Lubny.
Am14. September verlegtemeinePanzergruppe ihrenGefechtsstand nach Kono-
top. Das sohlechte Wetter hielt an. DieLuftaufklärung versagte völlig. DieErd-
aufklärung bliebimSchlammstecken. Diezur Flankensicherung bestimmtenV er-
bände des X X X X V I . undX X X X V I I . Panzer-Korps wurdennahezu unbeweglich.
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Die Unsicherheit inder langen Sudostflanke wudis vonTag zu Tag. Umjeden-
falls die Verbindung mit der Panzergruppe Kleist sicherzustellen, entschloß ich
mich, trotz der bestehenden SchwierigkeitenzumX X I V . Panzer-Korps zu fahren.
Der Wegführte über Krolowez—Baturin—Konotop—Romny nach Lochwiza. Ge-
neral Frhr. vonGeyr, denichinMitschenki (6 kmsüdostwärts Baturin) traf, be-
richtete, daß sichder Gegner anscheinend bei Lochwitza staue, und daß es darauf
ankäme, die noch bestehendeLücke zu Kleist baldzu schließen. Er hattehierzu
angeordnet, daß seineDivisionen denSsula-Abschnitt erreichenundsperren soll-
ten. Bei Ssentscha, 11 kmsüdlich Lochwiza, waren starke russische Ansammlun-
generkannt. I ch setztemeineFahrt durchRomny fort, indemsicheine sonntäg-
lich gekleidete Menschenmenge friedlich bewegte. Nächst Potschep undKonotop
war Romny diebesterhaltene russische Stadt, die ichbisher getroffenhatte. Bei
Einbruch der Dunkelheit war ich bei Model inLochwiza. Er hatte bisher nur ein
Regiment seiner Division dorthin bringenkönnen; der Rest wand sichnoch weit
rückwärts durch den Schlamm. Er berichtete, daß die starken russischen An-
sammlungen sich großenteils aus Nachschubeinheiten zusammensetzten. Nur
teilweise seien diese V erbände kriegsgemäß ausgerüstet. Dieerkannten russi-
schen Panzer seien wahrscheinlichaus rückwärtigen Werkstätten zusammenge-
kratzt, umden Rückzug zu decken. I ndemgewaltigen Kessel umKiew mußten
sichTeile vonfünf Armeen, der 21., 5., 37., 26. und38. befinden.
FeindlicheAngriffe auf unsereSüdostflanke südlich Putiwl undbei J ampol konn-
ten abgewiesen werden.
I ch bliebdieNacht mit Büsing undKahldenimSchulhaus vonLochwiza undver-
ständigte durchFunk Liebenstein, für beschleunigtes Vorziehender 10. (mot.) I .D.
nach Romny zu sorgen, umdie rückwärtigen Teile der 3. Panzer-Divisionfür
Lochwiza frei zu machen. Das Schulhaus war einsolider Bau mit zweckmäßiger
Einrichtung, wieüberhaupt dieSchulen inSowjetrußland fast durchweg in guter
Verfassung waren. Für Schulen, Krankenhäuser, Kinderheimeund Sportstätten
war viel getan. DieseEinrichtungenwurden sauber undordentlichgehalten; Aus-
nahmen bestäti gten — wieallerwärts — dieRegel.
Amfrühen Morgendes 15. 9. suchteichdieV oraus-Abteilung der 3. Panzer-Divi-
sionunter Major Frank auf, diesüdlich vonLochwiza amVortagedieRussen nach
Westenzurückgeworfen und inder Nacht 15Lkw mit russischenSchützen teils ab-
geschossen, teils gefangengenommen hatte. Von Franks Beobachtungsstelle nörd-
lichLubny hattemaneinen sehr gutenÜberblick über das Gelände und konnte
russischeNachschubkolonnenimMarsch von Westen nachOsten sehen. DieseBe-
wegung wurde durchArtilleriefeuer angehalten. Beim I I . Bataillon des Schützen-
Regiments 3traf ichModel, der mir seineAbsichtenvortrug. Anschließend sahich
eine Reihe von Verbänden der 3. Panzer-Division, undsprach dannmit Oberst-
leutnant Munzel, demKommandeur des Panzer-Regiments 6. Munzel verfügte
andiesemTagenur über 1 Panzer I V , 3 Panzer I I I und6 Panzer I I , also über 10
Panzer seines ganzen Regiments. Diese Zahlengeben einerschütterndes Bild der
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Ruhe- undI nstandsetzungsbedürftigkeit der Truppe. Siebeweisen, daß diebraven
Männer ihr letztes hergegebenhatten, umdas ihnen gesteckteZiel zu erreichen.
Durch Funkspruch wies ichLiebenstein an, demX X I V . Panzer-Korps aufzutra-
gen, die SS-„Reich" nach Süden bis an den Udaj-Abschnitt zwischen Kustowzy
und Perewolotschnoje und anschließend die 4. Panzer-Division auf Ssrebnoje—
Beresowka anzusetzen. Die 10. (mot.) I .D. sollteauf Glinsk, westlichRonuiy vor-
gehen. Dann nahmmichsüdlich Romny einStorch zumRückflug ins Hauptquar-
tier der Panzergruppe auf.
Die 17. Panzer-Divisionwar an diesemTageinRichtung auf Putiwl angetreten.
Abends traf ichinKonotop mit Liebenstein zusammen, der inzwischen imFlug-
zeug bei der Heeresgruppegewesen war, umindieuns bevorstehenden neuen
Aufgaben inRichtung Moskau eingewiesen zu werden. DieneueOperation sollte
demZiele dienen, „die letzten kampfkräftigen Teile der Heeresgruppe Timo-
schenko zu vernichten'. % des deutschen Heeres seien hierzu angesetzt. Lieben-
steins erneut vorgebrachte BitteumFreigabe der 18. Panzer-Divisionwurde von
Feldmarschall von Bock mit dem Bemerken abgelehnt, er habe Generaloberst
Halder gefragt, was wichtiger sei, dieSüdsacheoder dieVorbereitung des neuen
Unternehmens, worauf Generaloberst Halder das letztere genannt habe.
Am 16. September verlegten wir unseren vorgeschobenen Gefechtsstand nach
Romny. DieEinkreisung der Russen machte Fortschritte. Wir traten inFühlung
mit der PanzergruppeKleist. DieSS-„Reich" nahmPriluki. Das AOK 2 wurdefür
die neueAufgabe aus der Front gezogen. — Romny war vor der Schlacht von
Poltawa imDezember 1708 einigeTagedas Hauptquartier König Karls des Zwölf-
ten vonSchweden gewesen. —
Den 17. September benutzte ichzu einemBesuch der 4. Panzer-Divisionin Ssreb-
noje. Dazwischenihr undder rechts danebenangesetzten SS-„Reich" noch keine
sichereFühlung bestand, beschloß ich, zu dieser Division hinzufahren. Der Weg
führte durch Niemandsland. I n den Wäldern beiderseits des Weges sah man
zahlreiche frische, russische Lagerspuren. Dicht vor Perewolotschnoje bemerkte
ich zwei drohend auf uns gerichtete Geschützrohre; wi r durchlebten einigepein-
lich gespannte Minuten, bis ichfeststellen konnte, daß die Bedienung geflohen
war unddieBespannung hinter demnächsten Heuschober hattestehenlassen. I n
der Mitte des Ortes stieß ichauf dieimKampf umden Udaj-Ubergang stehenden
Kraftradschützen der SS. V on hier ging es nach Kustowzy, gleiohfalls am Udaj
gelegen, wo andereTeileder SS fochten. Oberst Bittrich erstatteteBericht über
das Gefecht. Dann folgte eine Rückfahrt von 100 kmdurch Niemandsland über
I waniza—J aroschewka nach Romny. Der Weg war entsetzlich schlecht, so daß ich
erst gegenMorgenbeimGruppengefechtsstand eintraf.
Am 17. 9. verabredeten wir mit der Panzergruppe Kleist die Ablösung der 3.
Panzer-Division durchdie 25. (mot.) I .D., umder braven Panzer-Division endlich
dieMöglichkeit zumUberholen ihrer Fahrzeugezu geben.
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An diesemTagemachten sich russischeAnstrengungen fühlbar, in unserer Ost-
flanke offensiv zu werden. Die 10. (mot.) I .D. und das LR. „G.D." hatten heftige
Kämpfe imRäume vonKonotop zu bestehen. V or unseremBrückenkopf über die
Desna bei NowgorodSewerskij verstärkte sich der Gegner. Dierussischen Bah-
nen, die vonOsten auf Kiew heranführten, waren zwar mehrfach durch unsere
Bomber unterbrochen worden; dieRussenbewiesen aber einegroße Gewandtheit
in ihrer Wiederherstellung, so daß mit dem baldigen Auftreten frischer Kräfte
aus der über Gebühr gedehnten Flankezu rechnen war.
Bei der Heeresgruppe„Nord" wurdeder Angriff auf Leningrad nach Gewinnen
von Djetzkoje Sselo, dem früheren Zarskoje Sselo, eingestellt. Die Masse
der eingesetzten Panzer-Divisionen setztesichzur V erwendung bei der Heeres-
gruppe „Mitte" nach Süden in Marsch (Stab der Panzergruppe 4, Generalkom-
mando X X X X I ., L V I . undL V I L , 3.(mot.)I .D., 6., 20. undspäter 1.Panzer-Division).
Der 18. September brachte uns bei Romny eine Krise. Seit demfrühen Morgen
war aus der Ostflanke Gefechtslärm zu hören, der sichimLaufedes V ormittags
verstärkte. Frischer Feind — die 9. russischeKavallerie-Division und eine wei-
teremit Panzern— ging in drei Kolonnen von Osten auf Romny vor und kam
bis auf 800 man den Rand der Stadt heran. V on einem der hoch gelegenen
Wachttürme des Gefängnisses amStadtrandevon Romny konnte ichden feind-
lichenAngriff einwandfrei beobachten. Das X X I V . Panzer-Korps wurdemit seiner
Abwehr betraut. Zur V erfügung standen zwei Bataillone der 10. (mot.) I .D. und
einige Flak-Batterien. Unsere Luftaufklärung hatte gegen überlegenen Feind
einen schweren Stand. Oberstleutnant von Barsewisch, der persönlich flog, ent-
ging mit knapper Not denrussischen J ägern. Auf Romny erfolgteein beachtlicher
Fliegerangriff. Schließlich gelang es aber, die Stadt und unseren vorgeschobenen
Gefechtsstand zu halten. J edoch hielten die russischen Antransporte auf der
Strecke Charkow—Sumy, sowie die Ausladungen bei Sumy und Shurawka an.
Zu ihrer Abwehr wurden durch das X X I V . Panzer-Korps Teile der SS-„Reich"
und der 4. Panzer-Divisionaus der Kesselfront herausgezogenundnach Konotop
und Putiwl inMarsch gesetzt. Diebedrohliche Lage vonRomny veranlaßte uns,
am 19. September den Gruppengefechtsstand nach Konotop zurückzuverlegen.
General Frhr. von Geyr bemühte sich, uns den Entschluß hierzu zu erleichtern,
indemer funkte: „Eswi rd der Panzergruppe vonder Truppe nicht als Feigheit
ausgelegt, wenn sieihren Gefechtsstand aus Romny verlegt.* I nKonotop lagen
wir außerdemgünstiger für diebevorstehendeneueOperation inRichtung Orel
—Brjansk. Das X X I V . Panzer-Korps wünschte denAngriff auf den neu vonOsten
herankommenden Gegner zu verschieben, um ihn mit versammelten Kräften
packen zu können. Leider konnte ichauf diesen begreiflichen Wunsch nicht ein-
gehen, weil dieMitwirkung der SS-„Reich* bei diesemUnternehmen voraussicht-
lich nur nochfür wenige Tagegesichert war; sie sollteunter demX X X X V I . Pan-
zer-Korps zusammen mit LR. „G.D.* zur'Panzergruppe 4 in den Raumvon Ros-
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lawl abgegeben werden. Außerdem mahnten neue Ausladungen bei Seredlna
Budaund neue Antransporte über Sumy nach Norden zur Eile.
An diesemTage fiel Kiew. Das X X X X V I I I . Panzer-Korps der Panzergruppe1
nahmGorodischtsche und Belousowka.
Der 20. September brachte geringe Erfolge gegen den Feind imOsten, aber
fortgesetzte Kämpfe an der Kesselfront bei der 3. Panzer-Division, vor der sich
der Stabder russischen 5. Armee befand, sowie weiter südlich bei der 25. (mot.)
I .D., wo Teiledes Feindes durchgebrochen zu sein schienen.
Seit dem13.9. hatten wir 30 000 Gefangene gemacht.
I ch besuchteam 20. 9. das X X X X V I . Panzer-Korps. General von Vietinghoff
schilderte die Schwierigkeiten des Durchkämpfens von Gluchow nach Süden in
den letzten Tagen. Besonders tapfer hatten auf russischer Seitedie Charkower
Kriegsschüler unter der Führung ihrer Lehrer gefochten. Verminungen und
schlechtes Wetter hatten verzögernd gewirkt. Bei Putiwl, Schilowka und bei
Bjelopolje wurde noch heftig gekämpft. I ch suchtedas LR. „G.D." ostwärts Schi-
lowka auf, das unter neuer Führung des Oberst Hörnlein tapfer focht. Bjelopolje
wurde genommen.
Am 21. September verstärkte sich der feindliche Druck bei Gluchow. Nördlich
dieser Stadt wurden russische Ansammlungen gemeldet. Ein eigener Angriff
wurde inRichtung auf Nedrigailow begonnen.
Die Panzergruppe 1 meldete 43 000 Gefangene, die6. Armee 63 000 Gefangene
seit Beginnder Schlacht umKiew.
Am 22. September fuhr icherneut andie Front über Putiwl inRichtung Rylsk,
um dieSicherungen indiesembedrohten Abschnitt zu überprüfen. I n Wjasenka
traf ich den Stab der 17. Panzer-Division mit demvon seiner V erwundung bei
Stolpce genesenenGeneral vonArnim, der seit einigen Tagen den General Rit-
ter von Thoma abgelöst hatte. Der Gegner griff Gluchow und Cholopkowo von
Osten und Nordosten an und hatte die Verteidiger teilweise eingeschlossen.
Zwei neuerussischeDivisionenwarenvor der Front der 17. Panzer-Division fest-
gestellt. Auf der Rückfahrt zumGefechtsstand des X X X X V I . Panzer-Korps muß-
ten wir durch einen erheblichen russischen Feuerüberfall hindurch, zum Glück
ohneVerluste. I ch verabschiedetemich sodannmit herzlichemDank von. General
von Vietinghoff, der zu seiner neuenEinsatzfront bei der Panzergruppe4 abfuhr,
und unterstellte die 17. Panzer-Divisionunmittelbar der Panzergruppe, das LR.
„G.D." der 17. Panzer-Division. Die 17. Panzer-Divisionerhielt den Auftrag, den
Feind bei Gluchow zu schlagen. Siehat diesen Befehl ausgeführt.
Die Gefangenenzahl umKiew stieg auf 290 000 insgesamt.
V om 23. September an begannen dieUmgruppierungen für dieneueOperation.
Der Schwerpunkt der Panzergruppe2 hierfür wurde inden Raumvon Gluchow
und nördlich gelegt.
200 201
Durch Angriff der 4. Panzer-Divisionund der SS-»Reich* wurde der Feind bei
Karnlitscha nach Osten zurückgeworfen. Starke Belegung der Strecke Brjansk—
Lgow deuteteauf das Heranführen weiterer russischer V erstärkungen hin.
Am24. September flog ichzur abschließenden Besprechung über dieneue Offen-
sive zumStabder Heeresgruppe „Mitte* nach Smolensk. Der Oberbefehlshaber
des Heeres und der Chef des Generalstabes waren zugegen. Bei dieser Bespre-
chung wurdefestgelegt, daß dieHauptoffensiveder Heeresgruppe am2. Oktober,
der Angriff der Panzergruppe 2 amäußersten rechten Flügel aber bereits am
30. September beginnen solle. DiesezeitlicheStaffelung erfolgteauf meine Bitte,
weil in demzukünftigen Angriffsraum der Panzergruppe 2 keine feste Straße
vorhanden war undichdievoraussichtlichnur nochkurzeSpanneZeit der guten
Witterung ausnutzen wollte, umvor Einbruchder Schlammperiode wenigstens
diefesteStraße bei Orel zu erreichen, dieQuerverbindung vonOrel nachBrjansk
herzustellen undmir damit gesicherte Nachschubverhältnisse zu schaffen. Außer-
dembewog mich dazu die Überlegung, daß icheine starke Unterstützung durch
dieLuftwaffe nur erwarten konnte, wenn ichden Einsatz der Flieger zwei Tage
vor demAngriff der übrigen Armeender Herresgruppe „Mitte" bewerkstelligen
konnte.
Die nächsten Tage mußten ausgenutzt werden, die Kesselschlacht bei Kiew ab-
zuschließen und dieVersammlung meiner Korps für den neuen Angriff, ihreEr-
holung nachdenanstrengenden Märschen undKämpfen der verflossenen Monate,
und für dieI nstandsetzung des Geräts durchzuführen. Mehr als drei Tage konn-
ten den braven Truppenohnehin nicht gewährt werden, und selbst diese kurze
Spanneder Erholung haben nicht alle V erbände genießen dürfen.
Die heftigen feindlichenAngriffe ostwärts Gluchow undgegen den Brückenkopf
von NowgorodSewerskij mit offenbar frischen feindlichenKräften füllten die
nächsten Tage aus. Am25. September griff der FeindBjelopolje, Gluchow und
J ampol an, konnte aber abgewiesen werden. ZahlreicheGefangene fielen inun-
sereHand.
DieHeeresgruppe „Nord" meldete andiesemTage andas OKH, daß siemit den
ihr verbliebenenKräften denAngriff auf Leningradnicht fortsetzen könne.
Bis zum26. September wurdendieKämpfe umden Kessel vonKiew zumsieg-
reichen Abschluß gebracht. Die Russenkapitulierten. 665 000 Mann gerieten in
Gefangenschaft. Der Oberbefehlshaber der Südwestfront und sein Stabschef fie-
len in den Schlußkämpfen beimVersuch durchzubrechen. Der Oberbefehlshaber
der 5. Armeegeriet in unsereGefangenschaft. I chhattemit ihmeine interessante
Unterhaltung, bei der ichihmeinigeFragen vorlegte:
1. Wannhaben SiedenAnmarschmeiner Panzer inI hrenRücken erfahren? Ant-
wort: Etwa am8. September.
2. Warumhaben Sie daraufhin Kiew nicht geräumt?
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Antwort: Wi r hatten denBefehl zur Räumung undzumRückzug nach Ostenvon.
der Heeresgruppe erhalten und waren bereits auf den Rückzug, als ein Gegen-
befehl uns zwang, wieder Front zu machen und Kiew unter allenUmständen zu
verteidigen.
Die Ausführung des Gegenbefehls hattedie Vernichtung der russischen Heeres-
gruppe Kiew zur Folge. Damals wunderten wir uns sehr über solchen Eingriff.
Der Feindhat ihn in dieser Formnicht wiederholt. Wi r aber habenleider selbst
die trübsten Erfahrungen mit gleichartigenEingriffen machen müssen.
Die Schlacht bei Kiew bedeuteteunzweifelhaft einen großen taktischen Erfolg.
Obaber der taktische Erfolg auchgroße strategische Wirkungenauslösen würde,
bliebzweifelhaft. Alles hing davon ab, obes den Deutschen gelingenwürde, noch
vor Eintritt des Winters, ja vor Eintritt der herbstlichen Schlammperiode ent-
scheidende Ergebnisse zu erzielen. Zwar mußte der geplante Angriff zur engen
Einschließung Leningrads bereits aufgegeben werden. Aber das OKH erwartete,
daß der Gegner nicht mehr inder Lagesein würde, vor der Heeresgruppe „Süd"
eine geschlossene, noch zu ernsthaftem Widerstand befähigte Abwehrfront auf-
zubauen. Es wollte noch vor Eintritt des Winters mit dieser Heeresgruppe das
Donez-Becken gewinnen undden Don erreichen.
Der Hauptschlag aber solltemit der verstärkten Heeresgruppe „Mitte" auf Mos-
kau geführt werden. Blieb dazu noch die Zeit?
DI E SCHLACHT BEI OREL UND BRJ ANSK
Für die Offensive auf Orel—Brjansk — die notwendige Vorstufe des Angriffs
auf Moskau — erhielt die Panzergruppe2 eine neueGliederung:
Das X X X X VI. Panzer-Korps wurde mit der SS-„Reich" und dem I.R. „G.D." an die
Panzergruppe 4 in Richtung Roslawl abgegeben.
Die 1. Kavallerie-Division trat wieder unter den Befehl der Panzergruppe 2. Außerdem
wurden der Panzergruppe 2 unterstellt:
Das X X X X VIII. Panzer-Korps unter General der Panzertruppen Kempf mit der 9. Pan-
zer-Division, der 16. und 25. (mot.) I.D.,
das Höhere Kommando X X X IV unter General Metz mit der 45. und 134. I.D. und
das Höhere Kommando X X X V unter General Kaempfe mit der 293., 262., 296. und 95. ID.
I ch entschloß mich, den Angriff mit demSchwerpunkt über Gluchow auf Orel zu
führen und hierzu das X X I V . Panzer-Korps dort einzusetzen. Rechts vomX X I V .
Panzer-Korps wurde das X X X X V I I I . Panzer-Korps über Putiwl angesetzt, links
vom X X I V . Panzer-Korps das X X X X V I I . Panzer-Korps von Schostka aus. Der
Schutz der Flanken solltedurch das HöhereKommando X X X I V rechts, durch das
Höhere Kommando X X X V und die 1. Kavallerie-Division links wahrgenommen
werden, welche sämtlich den Panzer-Korps rückwärts gestaffelt folgen sollten.
Für die Versammlung zumAngriff hatte ich angeordnet, daß das X X X X V I I I .
Panzer-Korps über Sumy undNedrigailow unter Angriff auf dendort gemeldeten
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Gegner denVersammlungsraumbei Putiwl erreichen solle. Hierdurchwollteich
mir von vornherein eine gesicherte rechte Flanke schaffen. Mit dieser kühnen
I deehatte ich aber dochdieWiderstandskraft der Russenaußerhalb des Schlacht-
teldes von Kiew unterschätzt. Das X X X X V I I I . Panzer-Korps vermochte — wie
nochzu schildern ist — den ihmentgegenstehendenFeindnicht zu werfen, son-
dern mußte den Kampf abbrechen und hinter der Front des LR. „G.D." entlang
seinen Versammlungsraumerreichen. Das Abbrechendes Gefechts gestaltetesich
bei der 25. (mot.) I .D. schwierig: eineAnzahl Fahrzeugeging leider verloren. I ch
hätte besser getan, demRateLiebensteins zu folgen und vonvornherein hinter
der Front entlang zu marschieren. Allerdings wäre hierzu einfrüheres Eintreffen
der I nfanteriedes Höheren Kommandos X X X I V erforderlichgewesen. Mit dieser
aber war erst in5 Tagenzu rechnen.
Man hatte uns endlich 100 neue Panzer für die Auffrischung unserer Panzer-
Divisionen zugesagt. Leider wurden50 vonihnennach Orschafehlgeleitet, so daß
siezuspät kamen. Auch der Brennstoff kamnicht inder erforderlichenMengean.
Die stärkste Massierung der Kräfte für die Gesamtoperation fand im Räume
um Roslawl statt. Dort standen bei Beginndes Angriffs hinter der Front: 1. Pan-
zer-Division, SS-„Reich\ 3. (mot.) I .D. und I .R. „G.D.". Dort wurden auch diebis-
her in Reservezurückgehaltene 2. und 5. Panzer-Divisioneingesetzt. Man kann
zweifeln, ob die Massierung der Panzerkräfte in der Front des Angriffs richtig
war. Nachmeiner Ansicht hättesicheinBelassen des X X X X V I . Panzer-Korps bei
der Panzergruppe 2 besser gelohnt. Auch die ausgeruhten beiden Panzer-Divi-
sionen wären besser zumFlankenstoß als zumFrontalangriff angesetzt worden.
Am 27. September suchteichdas X X X X V I I I . Panzer-Korps auf, ummir ein Bild
von seinemZustand zu machen. Nachkurzer Aussprache beimGeneralkommando
in Romny fuhr idi zur 9. Panzer-Divisionunter General Hubitzki nach Krasnaja
(10 kmsüdostwärts Nedrigailow), und vondort über Nedrigailow zurück.
Am 28. und 29. September ergab sich klar, daß der Versuch des X X X X V I I I .
Panzer-Korps, direkt auf Putiwl vorzugehen, gescheitert war. Dessen Angriff
wurdedaher indembisherigen Raumabgebrochen. EinTäuschungserfolg ist bei
Schtepowka wahrscheinlicherreicht worden, indemder Gegner über unserewahre
Stoßrichtung imunklaren blieb. Hinter demSicherungsschleier des noch inseiner
alten Stellung befindlichenI .R. „G.D." wurde das X X X X V I I I . Panzer-Korps nach
Norden verschoben.
Am 30. September traten an:
Das X X X X V I I I . Panzer-Korps aus demRäume Gadjatsch—Schtepowka über Ne-
drigailow auf Putiwl, mit der 9. Panzer-Division voraus, sodann mit der 25. und
16. (mot.) I .D., diesebeiden erst nachAblösung durch dieI nfanterie des Höheren
Kommandos X X X I V , das X X I V . Panzer-Korps mit der 3. und 4. Panzer-Division
in vorderer Linie, mit der 10. (mot.) I .D. dahinter, von Gluchow längs und süd-
ostwärts der Straße nach Sewsk—Orel.
206
DasXXXXVII. Panzer-Korps mit der 18. und 17. Panzer-DivisionvonJampol mit
demrechten Flügel auf Sewsk. Die29. (mot.) I.D. solltelinks rückwärtsgestaffelt
auf SeredinaBudafolgen.
Der Flankenschutzder beiden HöherenKommandoswar imAnmarsch, teils über
Kostobobr, teils überRomny. Die1. Kavallerie-Divisionstandauf demWestufer
desSudost-Abschnittesbeiderseits Pogar.
Unser Angriff traf denFeind überraschend.BesondersdasXXIV. Panzer-Korps
kamgut vorwärts,bisindie HöhevonChinel. DasXXXXVII. Panzer-Korpsnahm
Shurawkaunddrangweiter nachNordostenvor.
Ichbegabmicham30. September frühnachGluchow, wowir unserenneuenGe-
fechtsstandeinrichteten. Vondort wiesichGeneral Kempf auf dieNotwendig-
keit hin, bald KräftezumSchutzder OstflankedesXXIV. Panzer-KorpsimRäume
umPutiwl bereitzuhalten. Kempf meldeteseinerseits, daßdieRussen in den
Kämpfenbei Schtepowkazwei Bataillonedes LR. 119 überraschtundihnendie
Fahrzeugeabgenommen hätten.Es hattesichumeinenAngriff mit schweren
Panzerngehandelt. Daswar einunangenehmer Verlust. Teileder 9. Panzer-Divi-
sion mußtennochmalskehrtmachen, umdieLagewieder herzustellen. General
Frhr. vonGeyr meldete, daßdieStukawegenschlechtenWettersnicht hätten
starten können.Er vermuteteimübrigen,nur feindlicheNachhutenvor sichzu
haben, währendGeneral Lemelsenvon völliger ÜberraschungdesGegners be-
richtete.
Der Heeresgruppewurdegemeldet, daßdasHerausziehendes LR. „G.D."sich
hinauszögere,weil dasKorpsKempf vonstarkemFeindangegriffen werdeund
die Anfängedes HöherenKommandosXXXIV erst am1.10. abends zuseiner
Ablösungzur Verfügungstünden.BiszumEintreffen der Masseder Infanterie-
Divisionen würdeesnochweiterevier Tagedauern.
Die BevölkerungvonGluchowbat unsumdieErlaubnis, ihr Gotteshauswieder
benutzenzu dürfen.Wir gabenes gernefrei.
Am1. Oktober nahmdasXXIV. Panzer-KorpsSewsk. Der Durchbruchdurchdie
feindlicheFront war gelungen. Die Vorwärtsbewegungwurde nachdrücklichfort-
gesetzt, soweit der Brennstoff reichte. Ichfuhr vonGluchow überEssmannach
Sewsk zur 4. Panzer-Division. Längsder Vormarschstraßelagen zerschossene
Russenfahrzeuge aller Art, einBeweis, daßder Gegner durchunseren Angriff
überraschtwurde. Auf einemWindmühlenhügel inder Näheder Marschstraße
sahichdieGeneraleFrhr. vonGeyr undFrhr. vonLangermann. Wesentliche
Teileder 4. Panzer-DivisionhattenSewsk bereits erreicht. Das Geländezeigte
dieSpurenheftigenKampfes. ToteundverwundeteRussenwarenzusehen, und
auf demkurzenWegevonder Straßebiszur Windmühlemachteichmit meiner
Begleitung14unverwundeteRussen, diesichimhohenGraseverborgengehalten
hatten, zuGefangenen, darunter einenOffizier, der nocheinen Fernsprechanschluß
nachSewskbediente. 4kmnördlichSewsk, dasbereitsinunserer Handwar, traf
ichOberst Eberbach, dentapferen Führerder Panzer-Brigadeder 4. Panzer-Divi-
208
Abb. 23 /Nachtkampf vor Moskau1941
sion. Er bejahtemeineFrage, ober denVormarschnochbisDmitrowsk fort-
setzen könne.InfolgedessenordneteichdieweitereVerfolgungan, obwohl mir
dieGeneralevorher irrtümlichberichtet hatten, daßsieausBrennstoffmangel den
Vormarsch einstellen müßten. Währendder Besprechungmit Eberbach fielen
mehrfachrussischeBombenauf die VormarschstraßeundnachSewskhinein. Ich
fuhr dannnochbiszudenvorderstenTeilender siegreichenPanzer unddankte
den Männernunter Major vonJungenfeldt fürihr tapferes Verhalten. Auf dem
RückwegteilteichdemKommandierendenGeneral meinenBefehl zur Fortset-
zungdesVormarschesmit. DieAngriffsspitzedesXXIV. Panzer-Korps legtean
diesemTage130kmzurück!
DieVorausabteilungenunseresrechtenNachbarn, der 6. Armee, trafenbei Ga-
djatschein, weiterewarenauf MirgorodimVorgehen, umdie Lückezwischen
unsundder 17. Armeezu schließen.
Am2. Oktober wurdeder Angriff mitWucht fortgesetzt. Einvollendeter Durch-
bruchwurdeerzielt unddie13. russischeArmeenachNordosten zurückgeworfen.
Ichbesuchtedie10. (mot.) I.D. unddaszuihr gehörigeLR. 41unter Oberst Traut.
ErfreulichgeringeVerlusteindiesenTagenI Aber wennmannachdemGesamt-
verlust seit Beginnder Bewegungenfragte, kamendochernsteZiffern heraus.
DieTruppehatteeinigenErsatz erhalten, aber dieser brachtezwar denguten
Willen, jedochnicht dieKampferfahrungund Härteder altenLeutemit.
Die4. Panzer-DivisionnahmKromyunderreichtedamit diefeste Straßenach
Orel.
DiegesamteHeeresgruppe .Mitte* befandsichseit demMorgendieses Tages
inerfolgreichemAngriff, der durchgutesWetter begünstigtwurde. Unser linker
Nachbar, die2. Armee, durchbrachdieSudost—Desna—Stellunggegen zähen
Widerstand.
Am3. Oktober erreichtedie4. Panzer-DivisionOrel. Damit hattenwir auf der
festen StraßeFußgefaßtundeinenwichtigenEisenbahn- und Straßenknotenpunkt
gewonnen, der unsereBasis fürdieweiterenUnternehmungenwerdensollte. Die
Eroberungder Stadt vollzogsichso überraschendfürdenGegner, daßdieelek-
trischenBahnennochfuhren, alsunserePanzer eindrangen. DievondenRussen
offenbar sorgsamvorbereiteteindustrielle Räumungkonntenicht durchgeführt
werden. Zwisdien denFabriken unddemBahnhof lagen allerwärtsdieMa-
schinenundKistenmitWerkzeugenundRohstoffen anden Straßen.
DasXXXXVII. Panzer-Korpserhielt dieRichtungauf Brjansk.
Die6. Armeereditsvonunswurdemitihremrechten Flügel auf Charkow, mit
demlinken überSumyundBjelgorodangesetzt. Dieswar fürdieSidierungun-
serer rechtenFlankebedeutungsvoll. DiePanzergmppe4hattedenFeinddurch-
brochenundgingauf Mosalsk—SpassDjemjenskojevor, umdiewestlichWjasma
stehenden Feindkräftezuumfassen. DiePanzergruppe3gewanneinen Brücken-
kopf überdenoberenDniepr bei Cholm.
U Erinnerungenelnci Soldaten
209
Der 4. Oktober brachte den vorderen Teilen des X X I V . Panzer-Korps die Ein-
nahme vonMoin ander Straße nachTula. Die3. und 18. Panzer-Divisiongingen
auf Karatschew vor. Die 17. Panzer-Divisionbildete einen Brückenkopf über
die Nerussa undgewanndamit dieMöglichkeit weiterenVorgehens nachNorden.
Unser linker Nachbar überschritt dieBolwa. DieBahnlinieSuchinitschi—J elnja
wurde erreicht. Die Panzergruppe 3 nahmBjeloi. I mrückwärtigen Gebiet der
Heeresgruppe machten sichdieersten Partisanen bemerkbar.
Da ichamnächsten Tagedas X X X X V I I . Panzer-Korps besuchen wollte, sandte
ich meineFahrzeugstaffel voraus nach Dmitrowsk, wo sie mich auf demStorch-
landeplatz erwarten sollte. Auf diese Weise sparte ichdie lange Fahrt auf den
schlechten Wegenundtraf am5. Oktober, 10,30 Uhr, bei General Lemelsenein.
Die 18. Panzer-Divisionwurdeüber die Straße Orel—Brjansk nach Norden an-
gesetzt, während die 17. Panzer-Divisionden Auftrag erhielt, sichdurchHand-
streich indenBesitz vonBrjansk zu setzen. V onLemelsens Gefechtsstand Loba-
nowo flog ichimStorchzumGeneralkommando X X I V . Panzer-Korps nach Dmi-
trowsk. General Frhr. vonGeyr klagteüber dieschlechte Betriebsstofflage, von
derenRegelung allerdings der weitereVerlauf der Bewegungenentscheidend be-
einflußt wurde. Erbeutet hattenwir leider nur wenig. Aber dader Flugplatz Orel
in unsereHand gefallen war, richteteichan den Befehlshaber der Luftflotte 2
die dringende Bitte, uns dorthin auf demLuftwegedie notwendigeVersorgung
von 500 cbmzuzuführen. V onder regenTätigkeit der russischenLuftwaffe erhielt
ich übrigens an diesemTage eineindrucksvolles Bild. Unmittelbar nach meiner
Landung auf demFlugplatz Sewsk, auf demgeradeetwa 20 deutsche J äger ein-
gefallen waren, erfolgteeinrussischer Bombenangriff, dembald darauf einwei-
terer auf den Korpsgefechtsstand folgte, so daß uns die Fensterscheiben umdie
Ohren flogen. I ch begab mich sodann auf die V ormarschstraße der 3. Panzer-
Division. Auch hier erlebtenwir eineReiherussischer Bombenabwürfe durchKet-
ten von3—6 Flugzeugen, allerdings aus großer Höhe und daher einigermaßen
unwirksam. Für den 6. Oktober wurdeuns durchdieLuftflotte eine V erstärkung
an J ägern zugesagt, so daß wir auf eine Besserung der Lagerechnenkonnten.
An diesemTage erhielt diePanzergruppe 2 dieBezeichnung „2. Panzerarmee".
Die 25. (mot.) I .D. wurdenachSewsk zur V erfügung der Armee heranbefohlen.
Das X X X X V I I I . Panzer-Korps nahmRylsk, das X X I V . erweiterteseinen Brücken-
kopf über dieSushanördlich Orel, das X X X X V I I . nahmKaratschew.
Unser rechter Nachbar hoffte am6. 10. die Linieunserer Sicherungen amPsiol
zu erreichen. Links vonuns gingenX X X X I I I . undX I I I . A.K. auf Suchinitschi vor.
J uchnow fiel indeutscheHand.
Am 6. Oktober wurdeunser Gefechtsstand nach Sewsk verlegt. Die4. Panzer-
Division wurdesüdlich Mzensk vonrussischen Panzern angegriffenund erlebte
böse Stunden. Zumersten Male zeigte sich die Überlegenheit des russischen
210
211
T 34 in krasser Form. DieDivision hattebetrübliche Verluste. Der beabsichtigte
rascheVormarsch auf Tula mußte vorerst unterbleiben.
Erfreulich war dagegen, daß die 17. Panzer-Division Brjansk und die dortige
Brücke über die Desnanehmen konnte und damit die sichere Aussicht auf V er-
bindung mit der westlich der Desna vorgehenden 2. Armee schuf. Unser Nach-
schubhing sehr wesentlich vonder Herstellung der Straßen- und Bahnverbindung
Orel—Brjansk ab. DieEinkesselung des imRäume zwischen Desnaund Sudost
fechtenden Feindes zeichnete sich ab. Nördlich Borsditschew wurde einBrücken-
kopf über dieNawlja gewonnen.
Erfreulich war weiter die bisherige Ruhe in unserer offenen Flanke, wo das
Korps Kempf langsamdurch den Morast nach Dmitrijeff aufschloß, während das
HöhereKommando X X X I V unter General Metz nach Rylsk kam.
Die 1. Panzerarmeeder Heeresgruppe „Süd" erhielt dieRichtung auf das Asow-
scheMeer. Unser rechter Nachbar beabsichtigte, inRichtung auf Schtepowka vor-
zugehen. Bisher noch dort gebundeneTeileder 25. (mot.) I .D. wurden somit frei
und dem Korps Kempf nach Putiwl nachgeführt. Unser linker Nachbar nahm
Shisdra und erhielt die Richtung auf Brjansk, umzumZusammenwirken mit der
2. Panzerarmeezu gelangen.
I n der Nacht vom6. zum7. Oktober fiel der ersteSchneedieses Winters. Wenn
er auch nicht lange liegen blieb, so verwandelte er doch die Wege in der be-
kannt kurzen Frist ingrundlose Schlammkanäle, auf denensich unsereFahrzeuge
nur imSchneckentempo und unter übermäßiger Abnutzung bewegen konnten.
Wi r wiederholten unsere, bereits früher erhobene Bitteum Winterbekleidung,
erhielten aber nur den Bescheid, daß sie rechtzeitig zugewiesen würde undwir
überflüssige Mahnungen unterlassen sollten. I ch habe dann noch mehrfach ge-
mahnt, aber ihr Eintreffen an der Front indiesemJ ahrenicht mehr erlebt.
Das X X X X V I I I . Panzer-Korps bewegte sich zu Fuß durch den Schlammauf
Dmitrijeff. RussischeGegenangriffe auf Brjansk scheiterten. Die29. (mot.) I .D. er-
reichte dieRewna-Mündung.
Unser rechter Nachbar näherte sich Schtepowka, der linke wies das L I I I . A.K.
von Westen auf Brjansk. Hierdurch hofften wir auf Erleichterung der Lage des
X X X X V I I . Panzer-Korps und auf Freimachen des Nachschubweges Roslawl—
Brjansk—Orel. Die 2. Armee nahm weiter nördlich Suchinitschi und Mesch-
tschewsk. Bei Wjasma schlössen die4. und 9. Armeeetwa 45 russischeV erbände
ein. Die10. Panzer-Division nahm Wjasma.
Nach der Auffassung des OKH wurde durch diese günstige Entwicklung das
Weiterführen der Operationen auf Moskau ermöglicht. Man wollte verhindern,
daß dieRussensich westlich Moskau noch einmal zu gegliederter V erteidigung
festsetzten. Für die 2. PanzerarmeeschwebtedemOKH der weitere Vormarsch
über Tula auf die Oka-Ubergänge zwischen Kolomna undSerpuchow vor — ein
allerdings sehr weites Ziell Diesem Streben sollte das Vorgehen der Panzer-
212
gruppe 3 nördlich umMoskau herum entsprechen. Der Oberbefehlshaber des
Heeres fand bei der Heeresgruppe „Mitte" volleUbereinstimmung mit seinen
Gedankengängen.
Am 8. Oktober flog ichmit demStorch über unserer „Straße" von Sewsk über
Dmitrowsk nach Orel, wo ichdievorausgeschickte Fahrzeugstaffel traf. Das V er-
kehrsbild auf der „Straße" gab bis Kromy eintrübes Bild; vondort abhatten wir
feste Straße bis Orel, auf der allerdings bereits jetzt ein Bombentrichter am an-
dern lag. General Frhr. von Geyr berichtete, daß der Feind vor der 4. Panzer-
Division sich verstärkt habe; eine Panzer-Brigade und eineI nfanterie-Division
waren neu festgestellt. Die 3. Panzer-Division marschierte nach Norden mit dem
Auftrag, Bolchow zu nehmen. Die4. Panzer-Division hattefür den 9. 10. den Auf-
trag, Mzensk zu nehmen. Sehr unerfreulich war der Bericht über die Wirkung
und besondersüber dieveränderteTaktik der russischen Panzer. Gegen denT 34
hatten unseredamaligen Abwehrwaffen nur unter besonders günstigen Umstän-
den Wirkung. Mit der kurzen 7,5-cm-Kanone des Panzers I V mußteman denT 34
von rückwärts angreifen, umihn durch die Grätings über demMotor zu erledi-
gen. I hnschußgerecht vor das Rohr zu bekommen, war einKunststück. DieRussen
griffen uns frontal mit Schützen anund setztendie Panzer gegen unsereFlanken
an, und zwar inMassen. Sie hatten etwas gelernt. DieSchwereder Kämpfe übte
allmählich ihre Wirkung auf unsere Offiziere und Soldaten aus. General Frhr.
vonGeyr beantragteerneut die beschleunigte Beschaffung vonWinterbekleidung
aller Art. Es fehlte vor allenDingen anStiefeln, HemdenundStrümpfen. Der Ernst
dieser Berichte stimmte bedenklich. I chentschloß mich, sofort die4. Panzer-Divi-
sion aufzusuchen, umunmittelbare Eindrücke zu erhalten. Auf dem Gefechtsfeld
des 6. und 7. Oktober schilderte der Kommandeur der an der Front sichernden
KampfgruppedenVerlauf der Kämpfe. Diebeiderseits ausgefallenen Panzer stan-
den noch an Ort und Stelle. DieBeschädigungen der Russen waren wesentlich
geringer als dieder unseren.
Nach Orel zurückgekehrt, traf ichOberst Eberbach, der mir gleichfalls den V er-
lauf der letzten Gefechte schilderte, dann abermals General Frhr. von Geyr
und den Kommandeur der 4. Panzer-Division, Frhr. vonLangermann. Zumersten-
mal während dieses anstrengendenFeldzuges machteEberbach einen mitgenom-
menen Eindruck, und es war nicht diekörperliche, sondern dieseelischeErschüt-
terung, die man ihmanmerkte. Daß unsere besten Offiziere durch die letzten
Kämpfe so stark beeindruckt waren, mußtestutzig machen.
Welch Gegensatz zu der Hochstimmung, in die sich das OKH und das Ober-
kommando der Heeresgruppe „Mitte" versetzt fühlten! Hier tat sich eine Kluft
der Anschauungen auf, diespäter kaumzu überbrücken war, zumal die2. Panzer-
armeedamals von der siegestrunkenen Einstellung ihrer Vorgesetzten nichts er-
fuhr.
213
Abends meldete das Höhere Kommando X X X V , daß nördlich Sisemka — west-
lich Sewsk — verstärkter Feinddruck zu spüren sei. Mankonnte hieraus schlie-
ßen, daß die südlich Brjansk eingeschlossenen Russen versuchen würden, nach
Osten auszubrechen. I ch setztemich mit der unverändert amWestufer des Sudost
stehenden 1. Kavallerie-Division in Verbindung, ob sie keine V eränderung im
V erhalten des Feindes wahrgenommen habe. Dies war zwar nicht der Fall, den-
noch befahl ichder Division, sichdurch Angriff in den Besitz des Ostufers des
Flusses zu setzen. Dabei mußte sich herausstellen, ob der Gegner noch hielt
oder imAbbauen war. Die1. Kavallerie-Division gewann alsbald einen Brücken-
kopf.
Am Abend rief dieHeeresgruppe an und teiltemit, daß sie uns die Sorge um
dielinkeFlankedadurchabnehmen wolle, daß siedas Höhere Kommando X X X V
der 2. Armeeunterstelle. IcherhobEinspruch, da nur einer ander Einschließungs-
front des Trubtschewsker Kessels südostwärts der Desna befehligen könne. Auch
dieSorge umdierechte Flankesollteuns durchUnterstellung des Höheren Kom-
mandos X X X I V unter die 6. Armee abgenommen werden, welche damit Kursk
zu nehmen hätte. Dieser Vorschlag, der anscheinend vomOKH oder OKW aus-
ging, schien gleichfalls zur Zeit nicht ausführbar, weil sonst unser Flankenschutz
rechts entfiel. Zwar war an diesemTageDmitrijeff genommen, aber die schlech-
ten Wege behinderten das Aufschließen der rückwärtigen Teiledes X X X X V I I I .
Panzer-Korps undverlängerten dieKrise.
Am 9. Oktober erfolgte der tags zuvor angekündigte russische Durchbruchs-
versuch bei Sisemka. Die293. I .D. wurde auf ihremrechten Flügel heftig ange-
griffen und über Sisemka und Schilinka zurückgedrückt. Da die 25. (mot.) I .D.,
welche als Reserve der Panzerarmeedienen sollte, nochnicht heran war, mußte
das I .R. 41 der 10. (mot.) I .D. vorerst die Lücke zwischen der 29. (mot.) I .D. und
der 293. I .D. schließen. DasX X X X V I I I . Panzer-Korps, welches durchWeisung der
Heeresgruppe „Mitte" auf Kursk undLiwny angesetzt war, erhielt nunmehr den
Befehl, alles V erfügbare nach Sewsk zu ziehen. Um12 Uhr traf der Kommandeur
der 25. (mot.) I .D., General Clößner, inSewsk einundübernahmden Befehl über
diezwischen der 29. (mot.) I .D. und der 293. I .D. fechtenden Einheiten. Während
hier einheftiger Kampf tobte, war die1. Kavallerie-Division mit der Masseihrer
Truppen ohne ernstlichenWiderstand über den Sudost gelangt und imVorgehen
auf Trubtschewsk. Siehatte sich vomFeinde täuschen lassenund suchte nun, das
V ersäumte nachzuholen. I mLaufe des Tages bildeten sich längs der Straßen
Trubtschewsk — Sewsk, Trubtschewsk — Orel und Trubtschewsk — Karatschew
Hauptdruckstellen heraus, jedochgelang es nur geringen Teilender Russen, über
die Straße Seredina Buda—Sewsk zu entkommen, dabei leider wahrscheinlich
demStabeder 13. russischen Armee.
Bei dichtemSchneetreiben wurdeder Gefechtsstand der PanzerarmeenachDmi-
trowsk verlegt. DieWege wurden durch das Wetter immer trostloser. Zahllose
Fahrzeugeblieben auf der sogenannten „Rollbahn" stecken.
214
Trotz allemwurde Bolchow genommen. Die 18. Panzer-Division schloß nörd-
lich Brjansk imZusammenwirken mit der 2. Armee (X X X X I I I . A.K.) die dort
kämpfenden Russen ein.
Gleichzeitig mit diesen Ereignissen bereitete der Südflügel der Ostfront das
Vorgehenauf Taganrog und Rostow vor. DievorderstenTeileunseres Nachbarn,
der 6. Armee, näherten sich AchtyrkaundSumy.
Links von uns wurde dieUgrainRichtung Moskau überschritten, Gschatsk ge-
nommen.
Der 10. Oktober brachte uns neue Weisungen der Heeresgruppe: Die Weg-
nahme vonKursk, dieErledigung des Kessels vonTrubtschewsk, dievollständige
Abriegelung des sich bildenden Kessels nordostwärts Brjansk und den V orstoß
auf Tula, natürlich alles sofort. Liebenstein erkundigte sich ganz richtig nach
der Dringlichkeit dieser offenbar von einer höheren Stelle ausgehenden For-
derungen. Wir erhielten aber keine Antwort.
Die nächsten Wochen standen nun ganz imZeichen der Schlammperiode. Die
Räderfahrzeuge konntennur mit Hilfe der Kettenfahrzeuge bewegt werden. Diese
wurden durch die damit verbundene Überlastung, auf die sie nicht konstruiert
waren, übermäßig abgenutzt. Da es an Kuppelungen und Ketten zumZusam-
menkoppeln der Fahrzeuge fehlte, wurden Bündel von Strickenaus Flugzeugen
über den steckengebliebenen Fahrzeugen abgeworfen. DieVersorgung Hunder-
ter solcher Fahrzeugeund ihrer Besatzungen mußte vonnun an wochenlang auf
demLuftwegeerfolgen. DieWintervorbereitungen waren ohnehin kläglich. Das
seit etwa 8 Wochenangeforderte Glysantinfür das Kühlwasser der Motorenwar
ebenso wenig eingetroffen, wie die Winterbekleidung für die Truppe. Dieser
letztgenannte Umstand bereitete demSoldaten in den folgenden schweren Mo-
naten diegrößten unddabei leicht vermeidbaren SchwierigkeitenundLeiden.
Die feindlichen Durchbruchsversuche bei der 29. (mot.) I .D. und der 293. I .D.
dauerten an. Der 4. Panzer-Division gelang es, inMzensk einzudringen.
Rechts vonuns nahmdie 6. ArmeeSumy, links gelangte das X I I I . A.K. an und
über dieUgra westlichvonKaluga. Auch hier machte sichdie Wetterverschlech-
terung nachteiligfühlbar.
Am 11. Oktober versuchten die Russen, beiderseits Nawlja aus dem Trub-
tschewsker Kessel auszubrechen. Zwischender 29. und 25. (mot.) I .D. klaffte eine
nur notdürftig durch das MG-Bataillon 5 gesperrte Lücke, gegen die der Feind
vordrang. Gleichzeitig entwickeltensich beimX X I V . Panzer-Korps heftige Orts-
kämpfe inMzensk, nordostwärts Orel, indas die4. Panzer-Division eingedrungen
war, aber wegen des Schlammes nicht schnell genug unterstützt werden konnte.
Zahlreiche russische Panzer vomTyp T 34 traten auf und verursachten starke
deutschePanzerverluste. Diebisherige, materielle Überlegenheit unserer Panzer
verkehrte sichbis auf weiteres indas Gegenteil. DieAussichtenauf rasche, durch-
schlagendeErfolgeschwanden dahin. I chverfaßte über diese, für uns neueLage
215
einen Bericht andieHeeresgruppe, inwelchemichdieV orzüge des T 34 gegen-
über unseremPanzer I V klar schilderte und daraus dieFolgerungen für unsere
künftigen Panzerkonstruktionen zog. Der Bericht gipfelte in dem Antrag, als-
baldeine Kommissionan meineFront zu entsenden, die sichaus V ertretern des
Heeres-Waffenamts, des Rüstungsministeriums, der Panzerkonstrukteure und
der panzerbauenden Firmen zusammensetzen sollte. Mit dieser Kommission
sollte an Ort und Stelle und unter demEindruck der zerschossenenPanzer auf
den Gefechtsfeldern über dieBedingungenberaten werden, dieandieNeubauten
zu stellenwären. Auch die beschleunigteFertigung einer schweren Panzerabwehr-
kanone mit genügender Durchschlagskraft gegen die Panzerung des T 34 wurde
gefordert. DieKommission erschien am20. November bei der 2. Panzerarmee.
Am 11. Oktober wurde der Armee das I .R. „G.D." angekündigt, welches auf
Befehl Hitlers zur Abdichtung der verhältnismäßig dünnen Linien der 18. Pan-
zer-Division nordostwärts Brjansk an der Straße Karatschew—Chwastowitschi
eingesetzt werden sollte. Uns wurde ferner mitgeteilt, daß eine Neugliederung
beabsichtigt sei, durch welche die 2. Armee rechts neben uns gesetzt werden
sollteundihr die Höheren Kommandos X X X I V und X X X V unterstellt würden,
während wir dafür Teileder 2. Armee erhalten sollten. Mankonnte daraus auf
Fortsetzung der Bewegungen nach Nordosten schließen.
Die Kämpfe zur Verengerung der Kessel setzten sich fort.
Am Südflügel der Ostfront endetedie Schlacht amAsow'schen Meer mit einem
deutschen Sieg, der 100 000 Gefangene, 212 Panzer und672 Geschütze als Beute
brachte. DieobersteFührung rechnete mit der Vernichtung der 6., 12., 9. und
18. russischen Armee und glaubte, die Voraussetzung geschaffen zu haben, den
Angriff auf den Unterlauf des Don fortzusetzen. Die SS-„A.H." stand 20 km
nordwestlich Taganrog. Langsamer gestaltetesich das Vorgehen der 17. Armee
südlich Charkow und der 6. Armee bei Sumy. Hier zwangen frische russische
Kräfte mit Panzern stellenweise zumUbergang zur Abwehr. Das wirkte sichauf
meinenrechtenFlügel nachteilig aus. Da die11. Armeezur Eroberung der Krim
nach Süden abgedreht war, flatterte der Stoß der Heeresgruppe „Süd" fächer-
förmig auseinander.
I mNordender Heeresgruppe „Mitte" verlangsamten sichdieBewegungen durch
Schneetreiben. DiePanzergruppe 3 erreichte die obereWolgabei Pogoreloje.
Die Schneefälle dauerten auch am 12. Oktober an. Wi r saßen immer noch in
demkleinen Nest Dmitrowsk mit dementsetzlichen Lehmbrei auf den Straßen
und wartetenauf dieangekündigten neuen Weisungendes OKH für dieUmglie-
derung. Der große Kessel südlich Brjansk und der kleinenördlich dieser Stadt
war geschlossen, aber die Truppen lagen imSchlammbewegungsunfähig fest,
auchdas X X X X V I I I . Panzer-Korps, das ichbei Beginnder Bewegungen so gerne
über Sumy auf der festen Straße vorgeführt hätte und das nun mühsam auf
Fateshvordrückte. Bei Mzensk dauerten dieKämpfe mit frischemFeind an. Die
216
I nfanterie des Höheren Kommandos X X X V wurde auf die Notwendigkeit des
Säuberns der Waldgebiete des Trubtschewsker Kessels hingewiesen.
Nicht nur wir, auch dieHeeresgruppe „Süd" bliebnunmehr mit Ausnahme der
1. Panzerarmee imSchlamm stecken. Der 6. Armee gelang die Einnahme von
Bogoduchow, nordwestlich von Charkow. Nördlich von uns fiel Kaluga i n die
Hand des X I I I . A.K. DiePanzergruppe 3 nahmStariza und ging inRichtung Ka-
linin weiter vor.
Das OKH erließ Weisungen zur Abschließung vonMoskau, dieuns aber nicht
erreichten.
Am 13. Oktober setzten die RussenihreDurchbruchsversuche zwischen Nawlja
und Bortschewo fort. Das X X X X V I I . Panzer-Korps mußte durchTeileder 3. Pan-
zer-Divisionund 10. (mot.) I .D. des X X I V . Panzer-Korps verstärkt werden. Trotz-
demgelang es angesichts der Unbeweglichkeit unserer Einheiten einer Gruppe
von etwa 5 000 Russen, sich bis in die Gegend vonDmitrowsk durchzuschlagen,
wo sie gestellt werden konnte.
Die Panzergruppe 3 drang i nKalinin ein. Die9. Armeeerreichte den Westrand
von Rshew.
Am 14. Oktober verlegtenwir unser Hauptquartier nachOrel, wo wir imSowjet-
Gebäude eine gute Unterkunft fanden. DieBewegungen beider Parteien blieben
in den nächsten Tagen gering. Mit Mühe stellte sich das X X I V . Panzer-Korps
mit der 4. und3. Panzer-DivisionimSchlammbei undnordwestlichMzensk zum
Angriff über die Sushabereit, während das X X X X V I I . Panzer-Korps nach Ab-
schluß der Kesselschlacht längs der Straße Orel—Karatschew—Brjansk ge-
sammelt und geordnet wurde. Das I .R. „G.D." wurde demX X I V Panzer-Korps
unterstellt und nach Mzensk zugeführt. Das X X X X V I I I . Panzer-Korps gliederte
sichzumAngriff auf Fateshmit HilfevonTeilender 18. Panzer-Division, die über
Kromy auf der festen Straße herangeführt wordenwaren, undsolltesichanschlie-
ßend zumAngriff auf Kursk vonNordwesten her bereitstellen, während das Hö-
hereKommando X X X I V vonWesten auf Kursk vorgehen sollte, umdieindie-
semRäume stehende, starke russische Kräftegruppe des Generals J efremoff zu
schlagen und damit eine ständige Bedrohung unserer rechten Flanke auszu-
schalten.
Unter heftiger russischer Gegenwehr gelang der 6. Armee die Einnahme von
Achtyrka. I mübrigen stockte das Vorgehen der Heeresgruppe „Süd" infolge des
Schlammes.
Auch bei der Heeresgruppe „Mitte* litt der Angriff unter der Witterung. Bo-
rowsk — 80 kmvor Moskau — fiel demL V I I . A.K. indieHand.
Am 15. Oktober nahmdie 6. Armee Krasnopolje, ostwärts Sumy.
Zur Vorbereitung des Vormarsches über Mzensk besuchteicham16. Oktober
die 4. Panzer-Division.
Die Rumänen nahmen an diesem Tage Odessa. Das X X X X V I . Panzer-Korps
näherte sichMoshaisk.
217
Am 17. Oktober kapitulierteder Kessel nördlich Brjansk. über 50 000 Gefangene,
400GeschützewurdenimZusammenwirkenmit der 2. Armeeerbeutet, dieMasse
der 50. russischen Armeevernichtet. FeindlicheGegenangriffe bei Fatesh.
Am 18. Oktober begann der Angriff der 11. Armee auf dieKrim. Die1. Panzer-
armee ging nach Eroberung von Taganrog auf Stalino vor. Die6. Armee nahm
Graiworon.
Nördlich der 2. Panzerarmee fiel Malojaroslawez in die Hand der 19. Panzer-
Division. Moshaisk wurde genommen.
Am 19. Oktober begann die 1. Panzerarmee sich zumVorgehen auf Rostow
bereitzustellen. Sie drang inStalino ein. 17. und 6. Armee errangen Erfolgein
Richtung auf Charkow und Bjelgorod. Schlechtes Wetter behinderte die V erfol-
gung. Das Gleiche galt für dieHeeresgruppe „Mitte". Das X X X X I I I . A.K. nahm
Lichwin. Es trat für 24 Stunden unter die2. Panzerarmee.
Am 20. Oktober kapitulierteder Trubtschewsker Kessel. Der Schlammlegte die
ganzeHeeresgruppe fest.
Die 1. Panzerarmeebrach in Stalino ein. Die6. Armee näherte sich Charkow.
Sie kämpfte sich am21. Oktober durch den Schlammbis an den Westrand der
Stadt heran.
Am 22. Oktober scheiterte der Angriff des X X I V . Panzer-Korps über Mzensk
hinaus an der ungenügenden Zusammenfassung der Artillerie- und Panzerwir-
kung. Er wurde am 23. unter Vereinigung aller verfügbaren Panzer bei der
3. Panzer-DivisionnordwestlichMzensk wiederholt und gelang nun. I nder V er-
folgung des geschlagenen Feindes wurde am 24. Oktober Tschern genommen.
I ch hatte an beiden Angriffstagen teilgenommen und mich von den Schwierig-
keiten überzeugt, diedurch den nassenBoden und die ausgedehnten russischen
Verminungen hervorgerufen wurden.
Die 18. Panzer-Division hatte am22. Oktober Fatesh genommen.
Am 24. Oktober besetztedie6. Armeedas vomFeinde geräumte Charkow und
Bjelgorod. Links vonuns hei Bjelew an der Oka indieHanddes X X X X I I I . A.K.
Am 25. Oktober wohnte ich demVormarsch des I .R. „G.D." auf Tschern und
den Kämpfen der Gruppe Eberbach umden Nordteil dieses Ortes bei.
Mit dem 25. Oktober können die Kämpfe bei Brjansk als abgeschlossen be-
zeichnet werden. AndiesemTage trat die bereits angekündigte Neugliederung
der Armeen des rechten Flügels der Heeresgruppe „Mitte" inKraft. DieHöheren
Kommandos X X X I V und X X X V , sowie das X X X X V I I I . Panzer-Korps — ohne
die25. (mot.) I .D. — wurden an die2. Armee abgegeben. Die1. K.D. ging indie
Heimat nach Ostpreußen, um dort in die 24. Panzer-Division umgewandelt zu
werden. Die2. Panzerarmeeerhielt dafür das X X X X I I I . A.K. unter General Hein-
rici mit der 31. und 131. I .D. und das L I I I . A.K. unter General Weisenberger mit
218
219
der 112. und 167. I .D. Später wurde der Armee nochdie296. I .D. unterstellt. Die
25. (mot.) I .D. bliebbei der 2. Panzerarmee.
Aufgabe der 2. Panzerarmeewar nunmehr der V orstoß auf Tula, während die
neue2. ArmeenachOsten angesetzt wurde, also wieder auseinanderstrebend.
Mit der siegreich beendetenDoppelschlacht vonBrjansk undWjasma war aber-
mals eingroßer taktischer Erfolg bei der Heeresgruppe »Mitte* errungen. Ob sie
noch die Kraft zu weiteremAngriff besaß, umden taktischen Sieg operativ zu
nutzen, war die ernstesteFrage, dieder Krieg der obersten Führung bisher ge-
stellt hatte.
Der Vorstoß aut Tula und Moskau
Die 2. Panzerarmeesetztenunden Vormarschauf Tulafort. Dieeinzige Straße
Orel—Tula, auf der sich diese Bewegung vollziehenmußte, war der Beanspru-
chung durch schwere Fahrzeuge und Panzer in keiner Weise gewachsen und
brach nach wenigenTagen zusammen. Zudemhatten dieRussen, Meister i n der
Zerstörung, auf ihremRückzug alleBrücken gesprengt undangeeigneten Stellen
umfangreiche Minenfelder beiderseits der Straße angelegt. Kilometerlange
Knüppeldämme mußten gebaut werden, umdenspärlichen Nachschub zur Truppe
zu schaffen. DieStärke der vormarschierenden Einheitenhing weniger von der
verfügbaren Truppenzahl ab, als von der Möglichkeit, siemit Brennstoff zu ver-
sorgen. Daher wurde die Masse der noch verfügbaren Panzer durch das X X I V .
Panzer-Korps unter demBefehl des Oberst Eberbach vereinigt und mit demI .R.
.G.D." zu einer V orhut zusammengestellt, dienuninRichtung TulainBewegung
gesetzt wurde. Das L I I I . A.K. erreichte am26. Oktober dieOka, das X X X X I I I .
A.K. erweiterteden Oka-Brückenkopf der 31. I .D. bei Belew. Unser rechter Nach-
bar lenkte sein X X X X V I I I . Panzer-Korps auf Kursk. Links von uns, vor der
4. Armee, Gegenangriffe der Russen, diezumUbergang zur Abwehr zwangen.
Am 27. und28. Oktober begleitete ichdenVormarschEberbachs. Am27. spielte
das OKW mit demGedanken, uns auf dieMeldung vonrussischen Antransporten
von Osten auf Woronesh abzudrehen. Dorthin führten aber keineStraßen. J eden-
falls mußten wir als Voraussetzung einer solchen Operation erst imBesitz von
Tula sein. I chbat Liebenstein, den Vorgesetzten diesen Gedanken auszureden.
Die Nacht vom27. zum28. Oktober bliebichinTschern, in einem verlassenen,
völlig verwanzten, kleinen Kinderhospital. Unser Anfang hatte die Gegend von
Plawskoje erreicht. Das L I I I . und X X X X I I I . A.K. erweitertenihre Oka-Brücken-
köpfe. Die4. Armee wies heftige russischeAngriffe ab.
Am 28. Oktober erfuhr ichdurch Liebenstein den Verzicht des OKW auf das
Abdrehen nach Woronesh. Der Vormarsch auf Tula wurde fortgesetzt. Aus
Brennstoffmangel ließ Eberbach ein Bataillon „G.D." auf die Panzer aufsitzen.
Wir kamen bis Pissarewo, 30 kmsüdlich Tula. Aufklärer des X X X X I I I . A.K. er-
reichten Odojewo. DieNacht verbrachte ichwieder inTschern, umamnächsten
Morgenmit demStorchzumArmeehauptquartier zurückzufliegen.
220
Skizze 25
10 S 0 10 20 30 tO SO km
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Vormarsch auf Tula
Serpuchow^
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Entwicklung
bis 14.11. h1
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• • » •
Jefremow
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221
Am 28. Oktober erfuhren wir noch vomWunsche Hitlers, die Oka-Brücken
ostwärts von Serpuchow .durch schnelle Abteilungenin die Hand zu bekom-
men". Wi r konntennur so viel vortreiben, wiesichversorgen ließ. Auf der völlig
zusammengebrochenen Straße Orel—Tulaerreichten unsereFahrzeuge gelegent-
lich eine Höchstgeschwindigkeit von20 km. .SchnelleAbteilungen" gab es nicht
mehr. Hitler lebte ineiner I llusion.
An diesemTage gewann die 1. Panzerarmeeeinen Übergang über den Mius,
die 17. Armeeden Donez.
Am 29. Oktober kamdiePanzerspitze bis auf 4 kmanTula heran. Der Versuch,
die Stadt durchHandstreich zu nehmen, scheiterte durchstarke Abwehr an Pak
und Flak unter erheblichen Verlustenan Panzern und Offizieren.
Der stets sachlich und nüchtern urteilende Kommandierende General des
X X X X I I I . A.K., Heinrici, suchte mich auf und schilderte die schlechte Versor-
gungslage seiner Truppen, die unter anderem seit dem20. Oktober kein Brot
mehr erhaltenkonnten.
Bis zum30. Oktober war das L I I I . A.K. von Westen her an dieStraße Orel—
Tula herangekommen. Das Korps war unter General Weisenberger nachBeendi-
gung der Kesselschlacht vonBrjansk am19. Oktober mit der 167. I .D. über Bol-
chow—Gorbatschewo und mit der 112 I .D. über Bjelew-Arsenjewo-Zarewo her-
angezogen. Es hatteauf diesemMarscheunter denUnbilden der Schlammperiode
zu leidenund konntenicht alle Fahrzeuge, besonders nicht seine schwere Ar-
tillerie mitführen. DiemotorisiertenTeile des Korps mußten den Umweg über
Orel—Mzensk auf der .festen" Straße machen. Die uns seit dem27. Oktober
gemeldeten russischen Transporte von Osten veranlaßten mich, das L I I I . A.K.
zur Sicherung der rechten Flanke gegen die Linie J epifan—Stalinogorsk anzu-
setzen.
Der Zustand der Straße Orel—Tulawar inzwischenso schlecht geworden, daß
für dievor Tula angelangte 3. Panzer-Division, welcheder GruppeEberbach ge-
folgt war, Versorgung aus der Luft angeordnet werden mußte.
Angesichts der Unmöglichkeit imFrontalangriff bei Tula weitere Fortschritte
zu erzielen, schlug General Frhr. vonGeyr vor, dieStadt ostwärts zu umgehen.
I ch pflichteteihmbei undbefahl dieFortsetzung des Angriffs inRichtung Dedi-
lowo und die Wegnahme der Ubergänge über den Srhat. General Frhr. von
Geyr war imübrigen der Auffassung, daß dieMöglichkeit der V erwendung mo-
torisierter Truppen bis zumEintretendes Frostes erschöpft sei. Er hatte damit
sicher recht. Mankonntenur sehr langsamGelände gewinnen, undnur auf Ko-
sten des Geräts. Bei dieser Lage gewann die Wiederherstellung der Eisenbahn
Mzensk—Tula erhöhte Bedeutung. Die Arbeiten machten trotz redlichen Be-
mühens nur langsamFortschritte. Der Mangel anLokomotiven veranlaßte mich,
auf Aushilfen zu sinnen unddieBeschaffung von Schienenautos vorzuschlagen;
I ch konnteaber keineerhalten.
Das X X I V . Panzer-Korps gelangte am1. November bis westlich Dedilowo.
222
Als sicham2. November dieAnfänge des L I I I . A.K. Teplojenäherten, stießen
sie überraschend auf Feind. Es handelte sich umeine starke russische Kräfte-
gruppe vonzwei Kavallerie-Divisionen, fünf Schützen-Divisionen undeiner Pan-
zer-Brigade, dielängs der Straße J efremow—Tula offenbar mit der Absicht vor-
gingen, denvor Tula festliegendenV erbänden des X X I V . Panzer-Korps inFlanke
und Rücken zu stoßen. DieRussen warenvomAuftreten des L I I I . A.K. offenbar
ebenso überrascht, wiedieses über das ihre. Es kamzu einer vom3. bis 13. No-
vember dauernden Schlacht imRäume umTeploje, inder es demL I I I . A.K. nach
V erstärkung durchdiePanzer der BrigadeEberbach gelang, den Feindzu schla-
gen und unter Verlust vonmehr als 3 000 Gefangenen und einer großen Zahl
von Geschützen inRichtung auf J efremow zurückzuwerfen. DieBewegungen der
Truppewurdenzwar durchden inder Nacht vom3. zum4. November einsetzen-
den Frost erleichtert, dem standen jedoch die Erfrierungen gegenüber, unter
denen dieTruppe zu leiden begann. Zur Sicherung der tiefen Flanke der Pan-
zerarmee imRäume Mzensk—Tschern und ostwärts wurdendieinzwischenvon
Karatschew nachgezogenen, ungepanzerten Teile der 17. Panzer-Division ver-
wendet. An der Ausbesserung der Straße Orel—Tulaarbeiteten ständig Pio-
niere, Bau-Batailloneund Reichsarbeitsdienstgruppen.
Das X X X X V I I I . Panzer-Korps nahmindiesen Tagen Kursk.
Am 5. November empfing icheinenkurzenBesuchdes Feldmarschalls vonBock.
Die Heresgruppe war am4. November zu der Ansicht gekommen, daß die Russen
das Gebiet westlich des Don zwischen Woronesh und Stalinogorsk plangemäß
räumten und hatte dieseAnsicht demOKH gemeldet. Durch die Ereignisse bei
der 2. Panzerarmeefand dieser Glaubekeine Stütze mehr. Bei Teplojegriff der
Feind vielmehr anl
Am 6. November flog ichan dieFront. MeineEindrücke vondiesemFluge gab
nachstehender Brief wieder: „Für dieTruppeist es eine Qual und für dieSache,
ein großer J ammer, dennder Gegner gewinnt Zeit undwir kommenmit unseren
Plänen immer tiefer inden Winter. So binichalso recht traurig gestimmt. Der
besteWille scheitert andenElementen. DieeinzigartigeGelegenheit, einen ganz
großen Schlag zu führen, entschwindet immer mehr, und ichweiß nicht, ob sie
je wiederkehrt. Wiedas noch werden soll, weiß Gott allein. Man muß hoffen
und darf den Mut nicht sinken lassen, aber es ist gegenwärtig eine harte Prü-
fung..."
„Hoffentlich kann ichbald etwas frohere Töne anschlagen. Ansich liegt mir
das Klagennicht. Aber zur Zeit ist es schwer, guter Launezu sein."
Am 7. November traten bei uns dieersten, schweren Frostschäden auf. V on
der 1. Panzerarmee hörten wir, daß sie seit dem5. imAngriff auf Rostow am
Don stehe.
223
Das L I I I . A.K. machte am8. November bei TeplojeFortschritte. DasX X I V . Pan-
zer-Korps wies feindlicheAngriffe aus Tula ab.
Am 9. November machten sichauch ostwärts und westlichTula feindlicheAn-
griffsabsichten fühlbar. Das X X I V . Panzer-Korps ging infolgedessen nach Ab-
gabe der Panzer-Brigade Eberbach an das L I I I . A.K. zur Abwehr über. Die 17.
Panzer-Division — ohne ihrePanzer — wurde demX X I V . Panzer-Korps unter-
stellt und nach Plawskoje nachgezogen. Da sich ostwärts Tschern neuer Feind
zeigte, wurde dieDivision imRäume Mzensk—Tschern durch andere Teile des
X X X X V I I . Panzer-Korps imFlankenschutz ersetzt. Wiegespannt die Lage um
Tula indiesen Tagenbereits war, geht daraus hervor, daß die4. Panzer-Division
mit vier schwachen Schützen-Bataillonen einen Raumvon 35 kmwestlich Dedi-
lowo decken mußte, umdie V erbindung zwischen dem L I I I . A.K. und der bei
Tula kämpfenden 3. Panzer-Division sicherzustellen.
Am 12. November sank die Temperatur auf —15 Grad, am 13. auf —22 Grad.
An diesem Tage fandin Orscha eine Besprechung der Armeechefs der Heeres-
gruppe „Mitte" unter Leitung des Chefs des Generalstabes des Heeres statt, bei
der der „Befehl für dieHerbstoffensive 1941" ausgegebenwurde. Dieser Befehl
setzte der 2. Panzerarmee die Stadt Gorki — früher Nishnij Nowgorod— rund
600 kmvon Orel entfernt, als Ziel. Liebenstein meldete sofort, daß die Armee
unter den gegebenen Umständen nur noch bis Wenew kommen könne. Wir
waren ja nicht mehr imMai undinFrankreichI I chteiltedieAuffassung meines
Chefs des Stabes vollkommenund berichtete zunächst schriftlich an den Ober-
befehlshaber der Heeresgruppe, daß diePanzerarmeenicht mehr inder Lage sei,
diesen Befehl auszuführen. Bei Abfassung meines Berichts konnte ichmich auf
diefrischen Eindrücke einer Frontfahrt stützen, diemich am13. und 14. Novem-
ber zumL I I I . A.K. undX X I V . Panzer-Korps geführt hatte.
Am 13. November starteteichmit demStorchvon Orel, geriet jedoch nördlich
von Tschern in einenSchneesturm, der mich zur Landung auf demFeldflugplatz
Tschernzwang. V ondort fuhr ichmit demWagen bei 22 GradKälte nadi Plaws-
koje zu General Weisenberger. Es war der letzte Tag der Schlacht umTeploje,
und Weisenberger berichtete über seineErfahrungen. Er erhielt dieRichtung auf
Wolowo—Stalinogorsk und die Zusicherung, die Panzer-Brigade Eberbach so-
lange zu behalten, bis die 18. Panzer-Division zur Sicherung seiner rechten
Flanke gegen die auf J efremow ausgewichenen Russenheran sei. Die Gefechts-
stärken der I nfanterie waren auf rund 50 Mannje Kompanieabgesunken. Das
Fehlen der Winterbekleidung wurdeimmer fühlbarer.
BeimX X I V . Panzer-Korps machte sichdieGlätte unangenehm bemerkbar, weil
die Panzer ohneKettenstollenan den vereistenHängen nicht mehr bergauf fah-
ren konnten. General Frhr. von Geyr glaubte nioht, vor dem19. 11. zum Angriff
antreten zu können. Er benötigte dazu die Panzer-Brigade Eberbach undBrenn-
224
stoff für 4 Tage; vorhanden war nur ein Tagessatz! I chglaubte, den Beginn der
Bewegungen bereits auf den 17. 11. festsetzen zu sollen, umimEinklang mit
den Bewegungen des L I I I . A.K. zu bleiben und den Gegner amBilden einer
neuen Front in Linie Wolowo—Dedilowo zu hindern. Außerdem wurde das
X X X X I I I . A.K. westlich Tula angegriffen und bedurfte der Entlastung. Die
rechte Flankesolltedurchdas X X X X V I I . Panzer-Korps mit der 18. Panzer-Divi-
sion, der 10. und29. (mot.) I .D. gesichert werden.
I ch bliebdieNacht inPlawskoje.
Am 14. November vormittags besuchte ich die 167. I .D. und sprach mit einer
Reihe vonOffizieren und Soldaten. DieV ersorgung der Truppe war schlecht.
Schneehemden, Stiefelschmiere, Wäsche und vor allemTuchhosen fehlten. Ein
großer Teil der Männer lief inDrillichhosen, unddas bei 22 GradKälte! Strümpfe
und Stiefel wurden gleichfalls dringend gebraucht. Mittags bei der 112. I .D. bot
sich das gleiche Bild. Unsere Männer hatten sich russische Mäntel und Pelz-
mützen beschafft undwaren nur nochan den Hoheitsabzeichen als deutscheSol-
daten zu erkennen. Was die Panzerarmee an Bekleidungsvorräten noch besaß,
ging unverzüglich andieFront. Es war bei demBedarf allerdings nur einTröpf-
chen auf den .kalten" Stein.
Eberbach hatte etwa noch 50 Panzer in seiner stolzen Brigade. DieZahl der
Panzer vondrei Divisionenhätte 600 betragen müssen. DieGlätte machte große
Schwierigkeiten, da dieKettenstollennoch nicht eingetroffenwaren. I nfolge der
Kälte beschlugen die Optiken; die Salbe, die das verhinderte, war gleich-
falls nicht eingetroffen. Das Anlaufender Panzermotoren mußtedurchAnzünden
von Feuern unter den Wannen erleichtert werden. Der Betriebsstoff fror teil-
weise, das öl wurde dick. Auch bei dieser Truppe fehlte dieWinterbekleidung
und das Glysantin.
Das X X X X I I I . A.K. meldete verlustreiche Kämpfe.
Zur Nacht abermals i nPlawskoje.
Am 15. November setzten dieRussenihreAngriffe auf das X X X X I I I . A.K. fort.
Am 16. November besuchte mich General Heinrich Frostschäden, Kleidernot,
Verlausung!
Am 17. November erhieltenwir Nachrichtenüber das AuftretenvonSibiriern bei
Uslowaja undüber weitere Ausladungen an der Strecke Rjasan—Kolomna. Die
112. I .D. geriet andiefrischenSibirier. Al s nun gleichzeitig aus Richtung Dedilowo
feindliche Panzer gegen die Division vorgingen, war die geschwächte Truppe
dieser Belastung nicht mehr gewachsen. Man möge bei der Beurteilung ihrer
Leistungen berücksichtigen, daß jedes Regiment bereits 400 Mann durch Erfrie-
rungen verloren hatte, daß die Maschinenwaffen infolge der Kälte nicht mehr
schössen, unddaß unsere3,7-cm-Pak sich gegen den russischen T 34 als unwirk-
samerwies. Es kamhier zu einer Panik, diesichbis Bogorodisk auswirkte. Diese
15 Erinnerungen eines Soldaten
225
erstmals imRußlandfeldzuge auftretende Panik war ein ernstes Warnungszeichen,
daß die Kampfkraft unserer I nfanterie amEnde war und starken Belastungen
nicht mehr ausgesetzt werdenkonnte. DurchAbdrehen der 167. I .D. auf Uslowaja
konnte das L I I I . A.K. die Lage bei der 112. I .D. aus eigener Kraft wiederher-
stellen.
I nzwischenwurdedietiefeFlankeder Panzerarmeedurchdie herankommenden
Einheiten des X X X X V I I . Panzer-Korps gesichert. .Wi r nähern uns unsenn End-
ziel nur schrittweise bei eisiger Kälte und bei schlechtester Unterkunft für die
arme Truppe. DieNachschubschwierigkeiten auf der Eisenbahn wachsen ständig.
SiesinddieHauptursache unserer Not, denn ohneBetriebsstoff können dieAu-
tos nicht fahren. Wi r wären sonst demZiele schon umvieles näher. Dennoch
erringt diebrave TruppeeinenV orteil nachdemanderen undkämpft sichinbe-
wundernswerter GedulddurchalleWidrigkeiten hindurch. Manmuß immer wie-
der dankbar sein, daß unsere Männer so gute Soldaten sind . . . " (aus einem
Brief vom17. 11.41.).
Während also diewinterlichenOperationen fortgesetzt wurden, kümmerten wir
uns umdie Ernährung der Heimat, der Armeeund der russischen Zivilbevölke-
rung. Nach der reichen Ernte des Herbstes 1941 fandsichüberall imLande eine
Menge Brotgetreide. Auch an Schlachtvieh herrschte kein Mangel. V on der 2.
Panzerarmeekonntebei der jämmerlichen Bahnlage nach der Heimat nicht viel
abbefördert werden. Für die Truppe wurde der Bedarf gesichert und sodann
der russischen Zivilbevölkerung in den Städten, zumal in Orel, der Bedarf
bis zum31. März 1942 zu eigener V erwaltungausgehändigt. Maueranschläge in
Orel machten dieseFürsorge bekannt, umdieBevölkerung indieser Hinsicht zu
beruhigen. DierussischeRegierung hatte indemfruchtbaren Gebiet der schwar-
zen Erde riesige Getreidesilos angelegt, in denen die goldene Frucht gelagert
war. Wenn auch einTeil dieser Speicher auf demRückzug vonden Russenzer-
stört war, so konntedocheinTeil erhalten undauch aus den bereits brennenden
Silos noch viel gerettet werden, was zummindesten der Bevölkerung zugute
kam.
I n Orel wurden einige Fabriken, deren Maschinenpark von den Russen nicht
mehr hatte abtransportiert werden können, wieder i n Betrieb genommen, um
den Bedarf der Armeezu decken und der Bevölkerung wieder Arbeit und Brot
zu geben. Hierzugehörten eine Blechwarenfabrik, Leder- und Filzbearbeitungs-
werkstätten zur Schuhfabrikation.
Für dieStimmung der russischen Bevölkerung war übrigens eineUnterhaltung
kennzeichnend, die ichmit einemalten, zaristischen General inOrel in diesen
Tagen hatte. Er sagte: „Wenn I hr vor 20 J ahren gekommen wäret, dann hätten
wir Euchmit Begeisterung empfangen. Aber nun ist es zu spät. Wi r fingen ge-
rade an wiederaufzuleben, und nun kommt I hr und werft uns um20 J ahrezu-
rück, so daß wi r wieder von vorne anfangen müssen. J etzt kämpfen wir für
Rußland, unddarinsindwir einig."
226
Am 18. November trat die2. Panzerarmeezu demam13. 11. inOrscha befohle-
nenAngriff an. Es gingenvor:
vom X X X X VII. Panzer-Korps
die 18. Panzer-Division auf den Fabrikort Jefremow, der am 20.11. nach harten Straßen-
kämpfen genommen und gegen starke Gegenangriffe gehalten wurde,
die 10. (mot.) I.D. auf Jepifan—Michailow,
die 29. (mot.) I.D. auf Spaskoje—Gremjatschi, mit dem Auftrag, die Ostflanke der Armee
gegen die aus dem Räume Rjasan—Kolomna erwarteten frischen russischen Kräfte
zu sichern;
die 25. (mot.) I.D., die zur Zeit noch durch eine Druschaktion des OKW festgehalten
wurde, sollte als Korpsreserve folgen, sobald sie freigegeben wurde,
vom L ITI. A.K.
die 167. I.D über Stalinogorsk auf Wenew,
die 112. I.D. in den Raum um Stalinogorsk, wo sie wegen ihres mangelhaften Kräftezu-
standes zur Ablösung durch die aus dem Räume von Karatschew heranzutrans-
portierende 56. I.D. der Heeresgruppe-Reserve stehen blieb und einen Brückenkopf
über den Don ausbauen sollte;
das XXIV. Panzer-Korps mit der 17., 3. und 4. Panzer-Division, dem I.R. „G.D." und der
im Anmarsch von Süden befindlichen
296. I.D. mit dem Auftrag, Tula durch beiderseits umfassenden Angriff zu nehmen.
Vor der Front dieses und des L III. A.K. ging eine Kampfgruppe der 17. Panzer-
Division auf Kaschira vor, um sich in den Besitz der dortigen Oka-Brücke zu
setzen und das Herankommen feindlicher Verstärkungen aus dem Räume von
Moskau zu verhindern;
das XXXXIII. A.K., mit der 31. und 131. I.D. über L ichwin und Kaluga herangekommen,
zwischen Upa und Oka, mit dem Auftrage, diesen Raum vom Feinde zu säubern
und zwischen Tula und Aleksin die Verbindung zwischen 2. Panzerarmee und
4. Armee sicherzustellen.
Die 2. Armee, welche rechts der 2. Panzerarmee in unserer tiefen rechten
Flankestand, hatte den Befehl, ostwärts Orel nach Osten vorzugehen. Mi t einer
Unterstützung durch dieseArmeewar also nicht zu rechnen. Siestellteindiesen
Tagen russische Schanzarbeiten westlich der Straße J elez—J efremow fest und
schloß daraus, daß dieseinerzeit gehegteHoffnung auf Abmarschder Russenhin-
ter den Donfehlgeschlagen sei.
Links der 2. Panzerarmeesolltedie4. Armeeüber dieOkanördlich von Alek-
sin und in Richtung auf Serpuchow angreifen. Diese Armee zählte etwa 36 Di-
visionen.
I m Gegensatz zur 4. Armee verfügte die 2. Panzerarmeenur über 12% stark
mitgenommene Divisionen. DieI nfanterie war immer noch ohneWinterbeklei-
dung undnahezu bewegungsunfähig. I hreTagesleistungen betrugen 5, höchstens
10 kml ObdieArmeeder ihr gestellten Aufgabenochgewachsen war, erschien
mehr als fraglich.
Mit wirksamer Luftwaffenunterstützung gelang am 18. November die Weg-
nahme vonJ epifan durchdas X X X X V I I . Panzer-Korps undvonDedilowo durch
227
das X X I V . Panzer-Korps, das am19. 11. Bolochowo erreichte. Am21.11. fiel Us-
lowaja demL I I I . A.K. in dieHand, am24. 11. Wenew demX X I V . Panzer-Korps,
welches hierbei 50 russische Panzer abschoß. Das X X X X I I I . A.K. marschierte
langsam auf die Upa los. Während sich dieseBewegungen vollzogen, trat seit
dem21. 11. starker, neuer Feind, die50. russischeArmeemit der 108. Panzer-Bri-
gade, der 299. Schützen-Division, der 31. Kavallerie-Division und weiteren Kräf-
ten vor den vorderen Teilen des X X X X V I I . Panzer-Korps auf. DieLage wurde
erneut ernst.
Bei der Heeresgruppe „Süd" erreichte am 19. November die 1. Panzerarmee
nach langen Mühen inSchlammund Eis den NordrandvonRostow amDonund
stand dort inschweren Kämpfen. Rostow fiel am21.11. vollständig inihreHand.
Die Don-Brücken waren vonden Russenzerstört. DieArmee rechnetemit baldi-
gen Gegenangriffen und ging zur Verteidigung über. Am20. 11. nahm das
X X X X V I I I . Panzer-Korps bei der 2. Armee Tim, wo es bereits am23.11. von
einemrussischen Gegenangriff betroffen wurde.
„Die eisige Kälte, die elenden Unterkünfte, die mangelhafte Bekleidung, die
hohen Verluste an Menschen und Material, der klägliche Brennstoffnachschub
machen die Kriegführung zu einer Qual, und ich werde je länger je mehr be-
drückt durch die ungeheure Verantwortungslast, die trotz aller schönen Worte
niemand mir abnehmen kann.
Drei Tage war ichnun wieder vorne, ummir ein einwandfreies Bild von den
Zuständen an der Front zu machen, und nun wi l l ich, wenn die Kampflage es
gestattet, Sonntag zur Heeresgruppe zum V ortrag über die Gestaltung der
nächsten Zukunft, über dienochnichts verlautet. WiesichdieLeutedas denken,
weiß ich nicht, auch nicht, wie wir bis zumnächsten Frühjahr wieder in Ord-
nung seinsollen . . . " (aus einemBrief vom21. 11. 1941.).
Am 23. November nachmittags entschloß ichmich, den Oberbefehlshaber der
Heeresgruppe „Mitte" persönlich aufzusuchen und umAbänderung meines un-
durchführbar gewordenen Auftrages zu bitten. I chtrug demFeldmarschall von
Bock den Ernst der Lage der 2. Panzerarmee vor, schilderte den erschöpften
Zustand der Truppe, vor allemder I nfanterie, das Fehlen der Winterbekleidung,
das Versagen des Nachschubes, die geringen Panzer- und Geschützzahlen, die
Bedrohung der tiefen, ungenügend gesicherten Ostflanke durch die Ausladun-
genfrischer russischer Kräfte aus demfernen Osten imRäume Rjasan—Kolomna.
Feldmarschall von Bock erwiderte, daß er meine früheren Berichte bereits im
Wortlaut demOKH übermittelt habe, und daß dieses über diewirkliche Lage an
der Front zutreffend unterrichtet sei. Er ließ sich darauf telefonisch mit dem
Oberbefehlshaber des Heeres verbinden und forderte mich unter Uberreichen
eines Kopfhörers auf, das Gespräch mitanzuhören. Nach Wiederholung meines
Lageberichts erbat er vomOberbefehlshaber des HeeresAbänderung meines Auf-
228
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Washiru Zaraisk
träges, Aufhebung des Angriffsbefehls und Übergang zur Abwehr in geeigneter
Winterstellung.
Der Oberbefehlshaber des Heeres war offenbar nicht mehr frei inseinen Ent-
schlüssen. Seine Antworten wichen den wesentlichenSchwierigkeiten aus; er
lehntemeineAnträge abundbefahl dieFortsetzung des Angriffs. Auf erneutes
Drängen, wenigstens ein erreichbares, nicht zu fernes Ziel in einer verteidi-
gungsfähigen Linie zu nennen, gab er schließlich die Linie Michailow—Zaraisk
an und erklärte die gründliche Zerstörung der BahnlinieRjasan—Kolomna für
wichtig.
Dieses Ergebnis meines Fluges zur Heeresgruppe war unbefriedigend. Amglei-
chen Tage hatte ichden Verbindungsoffizier des OKH bei meinemStabe, den
Oberstleutnant von Kahlden, zur Berichterstattung zumChef des Generalstabes
des Heeres gesandt. Er sollte gleichfalls den Versuchmachen, dieEinstellung
des Angriffs zu erwirken, kamaber ohneErgebnis zurück. Mankann aus der ab-
lehnenden Haltung des Oberbefehlshabers des Heeres und seines General-
stabschefs nur folgern, daß sie selbst, und nicht nur Hitler, die Fortsetzung der
Offensive wollten. J edenfalls wußten diemaßgebenden militärischen Stellenüber
die höchst unsichere Lagebei meiner ArmeenunBescheid, undichmußte damals
annehmen, daß sie auchHitler zutreffend unterrichten würden.
Am 24. November nahmdie 10. (mot.) I .D. Michailow. Die29. (mot.) I .D. gewann
über J epifannaohNordenüber 40 kmBoden. Am25. November näherte sichdie
vorgeschobene Kampfgruppe der 17. Panzer-DivisionKaschira. Unser rechter
Nachbar nahmLiwny.
Am 26. November erreichtedas L I I I . A.K. den Don, überschritt den Fluß bei
I vanozero mit der 167. I .D. und griff nordostwärts des genannten Ortes, bei
Danskoj diedort stehenden Sibirier an. Dietapfere Division nahm42 Geschütze
und eineAnzahl Fahrzeugeundmachte4 000 Gefangene. V onOstenher ging die
29. (mot.) I .D. des X X X X V I I . Panzer-Korps gegen den gleichenGegner vor, und
es gelang, ihneinzuschließen.
I ch befand mich an diesem Tage beimL I I I . A.K. und entschloß mich nun, am
27. November über das Generalkommando X X X X V I I . Panzer-Korps zur 29.
(mot.) I .D. zu fahren. AmMorgen erfuhr ichinJ epifan durchGeneral Lemelsen,
daß es bei der 29. (mot.) I .D. während der Nacht zu einer Krise gekommensei.
Die Masse der 239. sibirischenSchützen-Division war unter Zurücklassen ihrer
Geschütze und Fahrzeuge nach Osten ausgebrochen. Diedünne Einschließungs-
linie der 29. (mot.) I .D. hatte den Durchbruch nicht verhindern können und
schwere Verluste erlitten. I chbegab mich über den Divisionsstabzu dem am
härtesten betroffenen I nfanterie-Regiment 71. Zunächst war ich des Glaubens,
eine V ernachlässigung des Aufklärungs- und Sicherungsdienstes hätte das Un-
glück verursacht. DieBerichtedes Bataillonskommandeurs und der Kompanie-
führer anOrt undStelleließen jedochklar erkennen, daß dieTruppeihrePflicht
230
getanhatte undnur der Übermacht erlegen war. DiezahlreichenToten, diealle
in voller Uniform mit der Waffe inder Hand gefallenwaren, bewiesen in er-
schütternder Sprache die Wahrheit der Meldungen. I chbemühte mich, diesehr
bedrücktenMänner aufzurichtenundüber ihr Mißgeschick hinwegzubringen. Die
Sibirier waren— wennauchohne ihreschweren Waffen undFahrzeuge — ent-
wischt, undwir hatten nicht dieKraft gehabt, siezu halten. Das war das betrüb-
licheErgebnis des Tages. Diesofort eingeleitete Verfolgung durchdie Kraftrad-
schützen der 29. (mot.) I .D. blieb ergebnislos.
Meine Weiterfahrt führte mich zu der Aufklärungs-Abteilung, sodann zum
Schützen-Regiment 33 der 4. Panzer-Divisionundfür dieNacht zumX X I V . Pan-
zer-Korps. Nur wer dieendlosenWeitender russischen Schneeflächen indiesem
Winter unseres Unheils gesehen hat, über welcheder eisige Wi nd strich und
jedeUnebenheit des Bodens verwehte, nur wer Stunden umStunden durchNie-
mandsland gefahrenist, umdann auf dünne, nur zu dünne Sicherungen schlecht
gekleideter, schlecht ernährter Männer zu treffen, wer imGegensatz hierzu die
vorzüglich für den Winter ausgerüsteten, gut genährten, frischen Sibirier ge-
sehenhat, kanndienunfolgenden, erasten Ereignisserichtig beurteilen.
Oberst Balde, damals Sachbearbeiter für Panzertruppen imOKH, hattemich auf
dieser Fahrt begleitet. I chbat ihn, demOberbefehlshaber des Heeres über seine
EindrückeV ortrag zu halten.
Unsere dringendsteAufgabewar nun dieWegnahme vonTula. OhnedenBe-
sitz dieses Verkehrsknotenpunktes und Flugplatzes war ein Weiterführen der
Operationen nach Norden oder Osten inRichtung auf dienächsten Ziele nicht
denkbar. MeineBesuche bei denKommandierendenGeneralen dientender V or-
bereitung dieses Angriffs, über dessen Schwierigkeitenich mir klar war. Wir
wollten dieStadt durchdoppelteUmfassung zuFall bringen: mit demX X I V . Pan-
zer-Korps vonNordenundOsten, mit demX X X X I I I . A.K. vonWesten. Das L I I I .
A.K. solltewährend dieser OperationdieNordflankegegen Moskau sichern, das
X X X X V I I . Panzer-Korps dieausgedehnteOstflankegegen dieAntransporte aus
Sibirien. Die10. (mot.) I .D. dieses Korps' hattenachErreichenvonMichailow am
27. 11. — wiebefohlen— Sprengtrupps gegen dieEisenbahn Rjasan—Kolomna
entsandt, die jedoch leider ihr Ziel nicht erreichten; die russische Gegenwehr
war zu stark. I nfolge der Einwirkung der Kälte fiel dieArtillerie der 18. Panzer-
Division auf demMarschnach J efremow zumgroßen Teil aus. Am29. Novem-
ber bereits machtesicherstmals überlegener Druck des Feindes auf die10. (mot.)
I .D. geltend. Skopinmußte deshalb geräumt werden.
Auch die Angriffskraft der Truppen des X X I V . Panzer-Korps hatte durch die
monatelangen Kämpfe schwer gelitten. Die Korps-Artillerie zählte nur noch
11 Rohre.
I m Süden der Ostfront begannen am27.. 11. überlegene russische Angriffe auf
Rostow; die Lage dort wurdegespannt. V or der 2. Armeerechts vonuns ver-
231
stärkte sich der Feind. Auf dem linken Flügel meiner Armee erreichte das
X X X X I I I . A.K. dieStraße Tula—Aleksin. Es stieß auf starken Feind, der alsbald
zum Gegenangriff schritt.
Bei der 4. Armee erreichte die 2. Panzer-DivisionKrasnaja Polnaja, 22 km
nordwestlichvonMoskau.
Am 28. November drangen die Russen wieder in Rostow ein. Die 1. Panzer-
armeemußte die Räumung der Stadt ins Auge fassen.
Unsere FortschrittebeimX X X X I I I . A.K. blieben gering. DieHeeresgruppe ver-
zichtete an diesemTage auf dievomOKH und OKW gesteckten, weitenZiele
und befahl vorerst: .Durchschlagen der Schlacht bei Tula."
Am 30. November äußerte das OKW Bedenken, ob dieKräfte für den Angriff
auf Tulagenügend zusammengefaßt seien. I hreV erstärkung hätte sichnur durch
Vermindern des Flankenschutzes beimX X X X V I I . Panzer-Korps erreichen lassen.
Dies aber erschien mir angesichts der zunehmenden Bedrohung von Osten zu
riskant. AmgleichenTage aber trat auf demäußersten Südflügel der deutschen
Ostfront einEreignis ein, welches unsere Gesamtlage blitzartig beleuchtete: die
Heeresgruppe .Süd" räumte andiesemTageRostow. I hr Oberbefehlshaber, Feld-
marschall von Rundstedt wurde amnächsten Tage durchFeldmarschall von Rei-
chenau ersetzt. Das war das ersteLäutenl Aber es wurdekeineWarnung, weder
für Hitler und das OKW, nochfür das OKH.
Die Gesamtverluste der Ostfront seit dem22. J uni 1941 beliefen sich bereits
jetzt auf 743 000 Mann; das waren23% der durchschnittlichenGesamtstärke von
3%Milionen Mann.
Am gleichen 30. November verstärkte sich der Feind vor meiner Nordflanke
bei Kaschira. Der Eindruck entstand, daß er Kräfte aus der Mitte seiner Front
westlich Moskau nach den bedrohten Flanken verlegte.
I ch erfuhr den Tod des Obersten Mölders, meines Kampfgefährten vomSom-
mer, und war sehr betrübt über diesen schmerzlichen V erlust eines unserer
bestenSoldaten.
Zunehmender Bandenkrieg auf demBalkan machtedenEinsatz immer stärkerer
Kräfte dort untenerforderlich.
Die Räumung Rostows und die Zurückverlegung der Front der 1. Panzerarmee
hinter den Mius-Absdmitt wurde auch nach Ansicht des neuen Oberbefehls-
habers der Heeresgruppe .Süd*, des Feldmarschalls vonReichenau, unabwend-
bar. DieEntfernung Rundstedts erwies sich innerhalb von24 Stunden als über-
flüssig.
I nzwischen wurde die Bereitstellung meiner Armee zumAngriff dergestalt
durchgeführt, daß imZusammenwirkenmit demgleichzeitig beabsichtigten V or-
gehen der 4. Armeeam2. Dezember angetreten werdenkonnte. Am1. Dezember
aber erfuhren wir, daß die4. Armeeerst am4. Dezember antreten würde. Ich
232
hätte den eigenen Angriff gerne gleichfalls verschoben, umgleichzeitig mit der
4. Armeezu handelnunddas Herankommen der 296. I .D. abzuwarten. Das X X I V .
Panzer-Korps glaubteaber, nicht länger inseiner dicht gedrängten Bereitstellung
warten zu können, und daher entschloß ichmich, mit diesemKorps bereits am2.
anzutreten.
Wir hatten uns in J asnaja Poljana, demGut des Grafen Tolstoj, einen vorge-
schobenen Gefechtsstand eingerichtet, den icham2. Dezember aufsuchte. J asnaja
Poljana lag dicht hinter demRegimentsgefechtsstand des I .R. .G.D.", 7 kmsüd-
lichTula. Das Gut bestand aus zwei Wohngebäuden, dem.Schloß" und dem„Mu-
seum", beideimLandhausstil der zweitenHälfte des X I X . J ahrhunderts gehalten,
und aus einer ReihevonWirtschaftsgebäuden. I chbestimmte das „Schloß" zum
ausschließlichen Gebrauch der FamilieTolstoj. I m.Museum" wurde unsereUn-
terkunft eingerichtet. Soweit nochMöbel undBücher aus Tolstoj'schemBesitz vor-
handen waren, wurdensieinzwei Zimmer zuammengetragen unddieTüren ver-
siegelt. Wi r begnügten uns mit einfachen, selbstgezimmerten Möbeln aus rohen
Brettern. DieHeizung erfolgtemit Holz aus demnahen Walde. Kein Möbelstück
wurde verheizt, kein Buch oder Schriftstück berührt. Alle gegenteiligen russi-
schen Behauptungen der Nachkriegszeit gehören ins Reich der Fabel. I ch habe
das Grab Tolstojs selbst besucht. Es befand sichinguter Verfassung. Kein deut-
scher Soldat hat es berührt. Bis zumVerlassen des Gutes ist es dabei geblieben.
Leider hat sichdierussischePropagandader haßerfüllten Nachkriegszeit nicht vor
gröblichen Entstellungen der Wahrheit gescheut, um unser angebliches Bar-
barentumzu beweisen. Es leben aber nochgenug Zeugenfür dieRichtigkeit mei-
ner Darstellung. Wohl aber hatten dieRussendie Umgebung des Grabes ihres
großen Sdiriftstellers vermint!
Am 2. Dezember glückte der 3. und 4. Panzer-Divisionsowie demI .R. „G.D."
der Durchbruch durch die vordersten feindlichen Stellungen. Der Angriff kam
demGegner überraschend. Er wurde am3. Dezember bei starkemSchneefall und
Wind fortgesetzt. Die Wege vereisten, die Bewegungen wurden erschwert. Die
4. Panzer-Division sprengtedieBahnTula—Moskau und erbeutete6 Geschütze;
sie erreichte schließlich die Straße Tula—Serpuohow. Damit war aber auch die
Kraft der Truppe und der Betriebsstoff amEnde. Der Feind wich nach Norden
aus. DieLagebliebgespannt.
Die Aufklärung des 4. Dezember ergabstarken Feind nördlich und südlich des
an die Straße Tula—Serpuchow vorgestoßenen Angriffskeils. Bei der 3. Panzer-
Division entwickeltensichschwere Kämpfe imWaldgelände ostwärts Tula. Die
Fortschritte andiesemTage waren gering.
Entscheidend für die Gesamtlage bei Tula waren aber die Fragen, ob das
X X X X I I I . A.K. noch genügend Angriffskraft besaß, umden Ring umdie Stadt
zu schließen unddieV erbindung zur 4. Panzer-Divisionnördlich Tulaherzustellen,
233
obferner der Angriff der 4. Armeewenigstens so viel Druck auf den Gegner aus-
üben würde, umdas AbziehenvonKräften inRichtung Tulazu verhindern.
I ch hattemich am3. Dezember zumX X X X I I I . A.K. nachGrjasnowo begeben, um
einen persönlichen Eindruck vomKräftezustand der Truppe zu gewinnen. Am
4. Dezember früh fuhr ichauf den Gefechtsstand der 31. I .D. und von dort zum
I.R. 17 und zu dessen I I I . (J äger) Bataillon, meinen alten Goslarer J ägern, aus
deren Reihen ichhervorgegangen, undderen 11. Kompanieich1920—22 geführt
hatte. Eine eingehende Aussprache mit den Kompanieführern galt der ernsten
Frage, obdieTruppe nochgenügend Angriffskraft für den bevorstehenden Auf-
trag besaß. DieOffiziere brachten ihre Sorgen klar zumAusdruck, bejahten al-
lerdings die Frage nach der Angriffsfähigkeit: .Einmal wollen wir den Feind
schon noch aus seinen Stellungen stoßen.' Ob die anderen Einheiten des
X X X X I I I . A.K. von der gleichen Tatkraft beseelt waren, wiemeine alten Gos-
larer J äger, bleibedahingestellt. Der Eindruck, den ichhier erhielt, ließ mich den
Angriff nocheinmal wagen.
Die Rückfahrt war endlos und durch Schneewehen und vereiste Hänge gefähr-
lich. Schließlich rollte mein Befehlspanzer in eine Rachel, eine der bekannten
Schluchten, diedurchAuswaschungen tief indenlehmigenBodengefurcht waren,
und aus der es in der Dunkelheit für die Fahrzeuge kein Hinauskommen gab.
Zum Glück traf ich auf dem anderen Hange ein Nachrichtenfahrzeug meines
Oberkommandos, das mich nochimLaufeder Nacht nach J asnaja Poljana brachte.
Am4. Dezember hatte sichdas X X X X I I I . A.K. zumAngriff bereitgestellt, hatte
die296. I .D. unter General Stemmermann ihrenmühevollen Marsch inRichtung
Tula fortgesetzt. ZumAngriff kames an diesemTage für sie nicht mehr. Aber
das Thermometer fiel auf —35 Grad. DieLuftaufklärung meldete starken Feind
imVorgehenaus KaschiranachSüden. Starker russischer J agdschutz verhinderte
näheren Einblick.
Am5. Dezember versuchte das X X X X I I I . A.K. anzugreifen, kamaber über An-
fangserfolge bei der 31. I .D. nicht hinaus. Die296. I .D. erreichte dieUpa erst in
der Dunkelheit in stark erschöpftem Zustande. I chhatte mir ein Regiment per-
sönlich angesehen. Bei der 29. (mot.) I .D. griff der Russenordostwärts Wenew
mit Panzern an. DieFlanken- und Rückenbedrohung für dienördlich Tula ste-
henden, imstrengen Frost von—50 Gradnahezu unbeweglichgewordenenTrup-
pen des X X I V . Panzer-Korps wurde bedrohlichund zwang zu der Überlegung,
obsichdieFortsetzung des Angriffs noch lohne. Dies konnte nur dann der Fall
sein, wenn die4. Armee gleichfalls — und zwar erfolgreich— angriff. Davon
war aber leider keine Rede. Das Gegenteil trat vielmehr ein. Die Mitwirkung
der 4. Armee an der Oka beschränkte sich auf ein Stoßtruppunternehmen mit
zwei Kompanien, dienachDurchführung ihrer Aufgabewieder inihre Ausgangs-
stellung zurückgingen. Diese Episode übte keinerlei Einfluß auf den Feind vor
demX X X X I I I . A.K. aus. Die4. Armee war zur Abwehr übergegangen!
234
Angesichts der Bedrohung vonFlanke und Rücken undder durch die abnorme
Kälte eingetretenen Unbeweglichkeit der Truppen entschloß ich mich i n der
Nacht vom5. zum6. Dezember zumerstenmale indiesemKriegezumAbbrechen
des Angriffs, eines isoliertenAngriffs, und zumZurücknehmen der weit vorge-
stoßenen Teilein die allgemeine Linie oberer Don—Schat—Upa zur V erteidi-
gung. Kein Entschluß des Krieges war mir bis dahin so schwer gefallen, wie
dieser. DieÜbereinstimmung der Ansichtenmit meinemChef des Stabes, Lieben-
stein, und mit dem ältesten Kommandierenden General, Frhr. von Geyr, half
darüber nicht hinweg.
I n der gleichenNacht meldete ichmeinenEntschluß demFeldmarschall vonBock
fernmündlich. SeineersteFragelautete: „Wo haben sieeigentlichenI hrenGefechts-
stand?" Er glaubtemichwohl inOrel, zu weit vondenEreignissen entfernt. Aber
diesen Fehler haben Panzergenerale nie begangen. I ch stand den Ereignissen
nahegenug, undmeinen Soldaten auch, umsie zutreffend beurteilenzu können.
Die Lage zeigte nicht nur bei meiner 2. Panzerarmeeein so ernstes Gesicht. I n
der gleichen Nacht vom5. zum6. Dezember mußten auch die 4. Panzerarmee
unter Hoepner unddienördlich Moskau bis auf 35 kmandenKreml herangekom-
mene3. unter Reinhardt den Angriff einstellen, weil dieKräfte fehlten, um das
auf nächste Entfernung winkende große Ziel zu erreichen. Bei der 9. Armee
gingen die Russenbeiderseits Kalinin sogar zumAngriff über.
Unser Angriff auf Moskau war gescheitert. Alle Opfer undalle Anstrengungen
der braven Truppe waren umsonst gebracht. Wi r hatten eine böse Niederlage
erlitten, die sichinden nächsten Wochen durch die Starrheit der Obersten Füh-
rung verhängnisvoll auswirkte, weil dieMänner des OKW und OKH imfernen
Ostpreußen trotz aller Berichte sich keinen Begriff von der wahren Lage ihrer
Truppen imWinterkrieg bildeten. Diese Unkenntnis führte zu immer neuen
Überforderungen.
Ein rechtzeitiges und ausreichendes Absetzen in eine Stellung, die durch das
Gelände begünstigt wurdeundbereits befestigt war, schiendas besteund kräfte-
schonendsteMittel zu sein, umdie Lage wiederherzustellen und bis zumFrüh-
jahr zu festigen. I mBereichder 2. Panzerarmeebot sichdieimOktober teilweise
ausgebaute Susha—Oka-Stellung hierfür geradezu an. Aber gerade hierzu
wollte sichHitler nicht bereitfinden. Obaußer Hitlers Starrsinndie Außenpolitik
bei den Entscheidungen dieser Tage eine ausschlaggebende Rollegespielt hat,
entzieht sich meiner Kenntnis. I chmöchte es aber annehmen, denn am8. De-
zember erfolgte der Eintritt J apans in den Krieg, dem am 11. Dezember die
deutscheKriegserklärung andieV ereinigten StaatenvonAmerikafolgte.
Der Soldat wunderte sich in diesen Tagen, daß Hitler zwar an die USA den
Krieg erklärte, daß aber J apanseinerseits nicht gleichfalls eine Kriegserklärung
an die Sowjetunionergehen ließ. I nfolgedieser Unterlassung blieben die russi-
schenKräfte aus demFernen Osten zur V erwendung gegen die Deutschen frei.
Sie wurden in bisher nicht gekannter Geschwindigkeit und in dichter Zugfolge
235
an unsereFronten gefahren. Nicht eine Erleichterung, sondern eine erneuteBe-
lastung vonschwer übersehbaren Ausmaßen war dieFolgedieser eigentümlichen
Politik. DieSoldaten hatten siezu büßen.
Der Krieg war nun wahrlich.total" genug. Das wirtschaftlicheund militärische
Potential des größten Teiles der Erdevereinte sich gegenDeutschland und seine
schwachen V erbündeten.
Doch zurück nach Tula. Das Absetzen vomFeinde gelang in den folgenden
Tagen plangemäß beimX X I V . Panzer-Korps, während starker Druck von Ka-
schira sich beimL I I I . A.K. auswirkte und beimX X X X V I I . Panzer-Korps i n der
Nacht vom7. zum8. Dezember Michailow durchrussischen Uberfall unter erheb-
lichen Verlusten der 10. (mot.) I .D. verloren ging. Rechts von uns verlor die
2. Armee an diesemTageJ elez; der Gegner drang auf Liwny vor und verstärkte
sichvor J efremow.
Meine damalige Ansicht ergibt sich aus einemBrief vom8. Dezember: „Wir
stehenvor der traurigen Tatsache, daß dieobereFührung denBogen überspannt
hat, den Meldungen über die sinkende Kampfkraft der Truppe nicht glauben
wollte, immer neueForderungen stellte, für dieharteWinterszeit nicht vorsorgte
und nun durch die russischeKälte von —35 Grad überrascht wurde. Die Kraft
der Truppe hat nicht mehr genügt, umden Angriff auf Moskau siegreich durch-
zuführen, und so habeichmicham5. 12. abends schweren Herzens entschließen
müssen, den aussichtslos gewordenen Kampf abzubrechen und in eine bereits
vorher ausgewählte, verhältnismäßig kurze Linie zurückzugehen, dieichmit dem
Rest an Kraft hoffe, gerade noch halten zu können. Der Russe drängt lebhaft
nadi und man muß noch auf allerhand peinlicheZwischenfälle gefaßt sein. Die
Verluste, zumal an Krankenund Erfrierungen waren schlimm, und wenn auch
hoffentlich ein Teil dieser Ausfälle nach einiger Ruhe wieder zur Truppezurück-
kehrt, so ist doch imAugenblick nichts zu wollen. DieAusfälle an Kraftfahrzeu-
gen und Geschützen durch Frostschäden übersteigen alle Befürdrtungen. Wi r
helfen uns notdürftig mit Panjeschlittenj aber diese leisten naturgemäß sehr
wenig. Unserebraven Panzer haben wir zumGlück, soweit sie überhaupt noch
liefen, erhalten können. Wielange sie aber bei dieser Kälte benutzbar bleiben,
wissen dieGötter.
Das Unglück fing mit Rostow an; es war bereits ein Menetekel. Trotzdemfuhr
manhier fort, anzugreifen. Mein Flug zur Heeresgruppeam23. 11. zeitigte weder
Ergebnis noch Klärung; es wurde fortgewurstelt. Dann brach mein nördlicher
Nachbar nieder; meinsüdlicher war ohnehin nicht sehr kampfkräftig, so daß mir
schließlich keine Wahl blieb, denn alleinekann ichdieganzeOstfront nicht um-
schmeißen, noch dazu bei —35 Grad.
I ch hattenochBalck gebeten, meine Beurteilung der Lagedem Oberbefehlshaber
des Heeres vorzutragen, weiß aber nicht, ob er dazu kam.
236
Gestern besuchte michRichthofen.*) Wi r hatten eine lange Aussprache unter
vier Augenundstelltenfest, daß wir gleicher Ansicht über die Gesamtlage wa-
ren. Anschließend sprach ichmichmit General Schmidt aus, der mit mir amglei-
chen Ort sitzt und dierechteNachbararmee führt. Auch er stimmt mit mir über-
ein. I di stehealso jedenfalls mit meiner Meinung nicht allein, was aber völlig
belanglos ist, dajadochniemand danachfragt
I ch hätte selbst nicht geglaubt, daß man eine geradezu glänzende Kriegslagein
zwei Monaten so verb kann. Wenn man rechtzeitig den Entschluß ge-
faßt hätte, abzubrechen und sichfür den Winter in geeigneter Linie zur V ertei-
digung und wohnlicheinzurichten, konnte nichts Gefährliches passieren. So ist
alles auf Monate eineinziges Fragezeichen . . . . Es geht mir nicht ummich, son-
dern umviel mehr, umunser Deutschland, undda ist mir bange. — "
Am 9. Dezember erweiterte der Gegner seinen Erfolg bei Liwny imRäume
der 2. Armeeund schloß Teileder 45 I .D. ein. Bei meiner Armee setzte sichdas
X X X X V I I . Panzer-Korps nach Südwesten ab; das X X I V . wies russische Angriffe
aus Tula ab.
Am 10. Dezember berichtete ichbrieflich an Schmundt, den Chefadjutanten des
Führers, und an den jüngeren Keitel, den Chef des Heerespersonalamtes, über
unsereLage, umzu verhindern, daß man sich dort weiterhinin I llusionenbe-
wege. Amgleichen Tageschrieb ichan meineFrau: „Hoffentlich kommen meine
(oben erwähnten) Briefe noch rechtzeitig an die richtige Adresse, denn noch
könnte bei klarer Erkenntnis und festemWillen geholfen und manches gerettet
werden. Manhat den Gegner, die Weiteseines Landes und dieTücken des Kl i -
mas erheblich unterschätzt, und das rächt sichnun. . . . Nur gut, daß ichwenig-
stens am 5.12. aus eigenem Entschluß abbrach, sonst wäre eine Katastrophe
unvermeidlich geworden."
Am 10. Dezember wurden russischeAusladungen bei Kastornaja und J elez be-
obachtet. Bei der 2. Armee erweiterte der Gegner seinen Einbruch und über-
schritt die Straße Liwny—Tschernowa. Bei meiner Armee verteidigte die 10.
(mot.) I .D. J epifan. Das L I I I . A.K. undX X I V . Panzer-Korps erreichten dieDon—
Sohat—Upa-Linie.
Zwischender 296. und31. I .D. entstand in diesenTageneineunangenehmeLücke.
Am 11. Dezember setztensichdieKorps unseres rechten Nachbarn weiter nach
Westen ab. J efremow war bedroht und wurde am12. Dezember aufgegeben.
Zum Schließen der Lücke beimX X X X I I I . A.K. sollte die 4. Armee die 137. I .D.
abgeben. Das Eintreffen dieser Division mußte aber bei der weiten Entfernung
und schlechten Witterung nocheinigeZeit dauern. Alle verfügbaren, beweglichen
Kräfte der Armeemußten am12. Dezember deminNot geratenenrechten Nach-
barn zugeführt werden.
') Feldmarschall der Luftwaffe.
237
Am 13. Dezember setzten sich dierückläufigen Bewegungen bei der 2. Armee
fort. DieAbsicht der 2. Panzerarmee, dieLinieStalinogorsk—Schat—Upa zu hal-
ten, ließ sich unter diesen Umständen nicht verwirklichen, zumal die 112. I .D.
nicht mehr die erforderliche Widerstandskraft besaß, umdemAngriff frischer
russischer Kräfte standzuhalten. DieRückzugsbewegung mußte hinter den Ab-
schnitt der Plawa fortgesetzt werden. Auch bei der links von uns befindlichen
4. Armee, zumal bei den Panzergruppen 4 und 3 konnten die Stellungen nicht
gehalten werden.
Am 14. Dezember traf ichden Oberbefehlshaber des Heeres, Feldmarschall von
Brauchitsch in Roslawl. Feldmarschall von Kluge war gleichfalls zugegen.
Zu diesemTreffenmußte icheine 22stündige Autofahrt imSchneesturm zurück-
legen. I chschildertedemOberbefehlshaber des Heeres eingehend dieLage mei-
ner Truppe und erbat und erhielt die Genehmigung, mit der Armee auf die
Linie der Sushaund Oka auszuweichen, dieinden Oktoberkämpfen einigeZeit
hindurch unserevordereLinie gebildet hatte undseither einen gewissen Ausbau
aufwies. Bei dieser Gelegenheit wurdedieFrage erörtert, wiediezwischen dem
X X I V . Panzer-Korps und demX X X X I I I . A.K. klaffende Lückevon etwa 40 km
geschlossen werden könnte. Die4. Armee hatte zu diesemZweck die 137. I .D.
andie2. Panzerarmeeabgebensollen. Feldmarschall vonKlugehatte aber fürs
erste nur 4 Batailloneunter dem Divisionskommandeur in Bewegung gesetzt.
I ch bezeichnete dies als völlig ungenügend undbat umunverzügliche Zusendung
der fehlenden Hälfte. Bei den Kämpfen dieser Division zur Herstellung des An-
schlusses fiel der tapfere General Bergmann. DieverhängnisvolleLücke konnte
nicht beseitigt werden.
Das Ergebnis der Besprechung vonRoslawl war folgender Befehl: „Die2. Armee
wird demOberbefehlshaber der 2. Panzerarmeeunterstellt. BeideArmeensollendie
Stellung vorwärts Kursk — vorwärts Orel—Plawskoje—Aleksin, nötigenfalls die
Oka halten." I ch durfte mit Recht annehmen, daß der Oberbefehlshaber des
Heeres dieseErmächtigung Hitler mitteilen würde; aber diespäteren Ereignisse
lassen zummindesten zweifelhaft erscheinen, ob dies geschah.
An diesemTage wirkte sichbei der 2. Armeeeinam13. Dezember begonnener,
tiefer russischer Einbruchüber Liwny i nRichtung Orel aus, bei demdie45. I .D.
eingeschlossen und teilweise vernichtet wurde. Glatteis erschwerte alle Bewe-
gungen. Erfrierungen verursachten stärkere Ausfälle als das feindliche Feuer.
Das X X X X V I I . Panzer-Korps mußte zurückgenommen werden, da sein rechter
Nachbar, die 293. I .D. der 2. Armee von J efremow zurückging.
Am 16. Dezember kamauf meine dringende Bitteder in unserer Nähe weilende
Schmundt für einehalbeStunde auf denFlugplatz Orel, wo wir uns sprachen. I ch
gabihmeineernsteDarstellung der Lageundbat umUbermittung andenFührer.
Für dieNacht rechneteichmit einemAnruf Hitlers undder Antwort auf meine,
Schmundt mitgegebenen Anträge. Bei dieser Unterredung erfuhr ich durch
Schmundt den bevorstehenden Wechsel imOberkommando des Heeres, denAb-
gang des Feldmarschalls von Brauchitsch. I ndieser Nacht schrieb ich: «Nachts
liegeichviel schlaflos und zermartere mir das Gehirn, was ichnochtun könnte,
um meinen armen Männern zu helfen, dieindiesemwahnsinnigenWinterwetter
schutzlos draußen sein müssen. Es ist furchtbar, unvorstellbar. DieLeute beim
OKH und OKW, die die Front nie gesehenhaben, können sichkeinen Begriff
von diesen Zuständen machen. Sie drahten immer nur unausführbare Befehle
und lehnen alle Bitten und Anträge ab."
I n dieser Nacht erfolgtedann der erwartete Anruf Hitlers, der zumAushalten
aufforderte, Ausweichbewegungen untersagte und Zuführung von Mannschafts-
ersatz — wennichnicht irre — von500 Mannl — auf demLuftwege versprach.
Hitlers Anrufe wiederholten sich bei sehr schlechter V erständigung. Was die
Ausweichbewegungenbetraf, so warensie auf Grundder Besprechung mit Feld-
marschall vonBrauchitsch inRoslawl bereits inder Durchführung begriffen und
ohne weiteres nicht aufzuhalten.
Am 17. Dezember suchte ich die Kommandierenden Generale des X X I V . und
X X X X V I I . Panzer-Korps sowiedes L I I I . A.K. auf, ummich erneut über denZu-
stand der Truppezu unterrichtenund über dieLage auszusprechen. Diedrei Ge-
nerale waren der Auffassung, daß es mit den vorhandenen Kräften nicht mög-
lich sei, eine nachhaltige V erteidigung ostwärts der Oka durchzuführen. Es
käme darauf an, die Kampfkraft der Truppe zu erhalten, bis durch Zuführung
frischer Kräfte eine V erteidigung aussichtsreich sei. Sie berichteten, daß die
Truppeander obersten Führung zu zweifeln beginne, diedenletzten, verzweifel-
ten V orstoß in vollkommenfalscher Feindeinschätzung befohlen habe. .Wenn
wir nochbeweglichwären unddiefrüheren Gefechtsstärken hätten, wäre es ein
Kinderspiel. Glatteis erschwert alle Bewegungen. Der Russe ist für den Wi n-
ter eingerichtet undausgerüstet undwi r habennichts."
Die 2. Armeebefürchtete andiesemTage einen Durchbruchauf Nowosil.
Angesichts dieser Lageentschloß ichmich, mit Genehmigung der Heeresgruppe,
ins Führerhauptquartier zu fliegenundHitler dieLagemeiner Armeepersönlich
zu schildern, da alleschriftlichenundtelefonischen Darlegungennichts gefruchtet
hatten. DieAussprache wurde für den 20. Dezember festgesetzt Bis zu diesem
Tage hatte sichFeldmarschall vonBock krank gemeldet undwar imKommando
über die Heeresgruppe „Mitte* durch Feldmarschall von Klugeersetzt worden.
Am 18. Dezember wurde der 2. Armeebefohlen, die Linie Tim—Liwny—Wer-
chowje zu verteidigen und i nden nächsten Tagen imAnschluß an den rechten
Flügel der 2. Panzerarmeebis i n die Linie Bolschaja Reka—Susha zurückzu-
gehen. Die2. Panzer-Armee solltesichindieLinie Mogilki—Werch, Plawy—Sso-
rotschenka—Tschunina—Kosmina absetzen.
Das X X X X I I I . A.K. wurdeder 4. Armeeunterstellt.
238
239
Am 19. Dezember bezogen das X X X X V I I . Panzer-Korps und das L I I I . A.K. die
Plawa-Stellung. I ch entschloß mich, das X X X X V I I . Panzer-Korps in die Linie
Oserki — nordwestlichPodissiniowkezurückzunehmen und das X X I V . Panzer-
Korps imRäume umOrel als Armeereserve zu versammeln, umihmeine kurze
Ruhe zu verschaffen und sodann eine operative, bewegliche Kraft zur V erfü-
gung zu haben.
Die4. Armeewurde auf ihremrechtenFlügel stark angegriffen und stellenweise
zurückgeworfen.
Meine erste Entlassung.
„Mönchlein, Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang!" Dieses Wort, abge-
wandelt auf unsereLage, bekamichvon meinen Kameraden zu hören, als ich
meinen Entschluß bekanntgab, zu Hitler zu fliegen. I ch war mir auch darüber
klar, daß es nicht leicht sein würde, Hitler zu meiner Auffassung zu bringen. Da-
mals besaß ich aber noch das Vertrauen zu unserer Obersten Führung, daß sie
vernünftigen Darlegungen zugänglichwäre, wennsievoneinem fronterfahrenen
General vorgetragen würden. Dieses V ertrauen begleitete mich auf demFlug
von der winterlichenFront nördlich Orel nach demfernen Ostpreußen mit dem
gepflegten und gut geheizten Führerhauptquartier.
Am 20. Dezember um15.30 Uhr landete ichauf demFlugplatz Rastenburg zu
meiner etwa 5 Stunden währenden Aussprache mit Hitler, die nur zwei kurze,
halbstündige Unterbrechungen erfuhr, zumAbendessen und zumV orführen der
Wochenschau, diesichHitler immer selbst anzusehenpflegte.
Gegen 18 Uhr wurde ichinGegenwart von Keitel, Schmundt und einigen an-
deren Offizierenvon Hitler empfangen. Weder der Chef des Generalstabes des
Heeres noch ein anderer Vertreter des OKH nahman diesemV ortrag bei dem
nunmehrigen Oberbefehlshaber des Heeres, zu welchemsichHitler nach der Ab-
lösung des Feldmarschalls vonBrauchitsch gemacht hatte, teil. I chstand somit —
wie am23. August 1941— demGremiumdes OK W allein gegenüber. Während
Hitler sichzur Begrüßung auf michzu bewegte, empfand ichzumerstenMalemit
Befremden einen starren, feindseligen Blick, einen Zug inseinen Augen, der in
mir die Uberzeugung entstehenließ, daß er von anderer Seitegegen michvor-
eingenommen sei. Diedüstere Beleuchtung des kleinen Raumes verstärkte den
unbehaglichen Eindruck.
Der V ortrag begann mit meiner Schilderung der operativen Lage der 2. Panzer-
armeeund der 2. Armee. Sodann ging ichauf dieAbsicht ein, beide Armeenin
die Susha-Oka-Stellung abschnittsweise zurückzuführen, die ich, wie erwähnt,
am14. Dezember inRoslawl demFeldmarschall vonBrauchitschunterbreitet und
für die ich dessen Genehmigung erhalten hatte. I chwar überzeugt, daß Hitler
darüber unterrichtet sei. Umso größer war meine Überraschung, als er mit Hef-
tigkeit ausrief: „Nein, das verbiete ich!" I chmeldete, daß dieBewegung bereits
240
im Gange sei, und daß es vorwärts der genannten Flußlinie keine geeignete
Dauerstellung gäbe. Wenner Wert darauf lege, dieTruppezu erhalten und eine
Dauerstellung für den Winter zu gewinnen, dann bliebe ihmgar keine andere
Wahl.
Hitler: „Dann müssen Sie sich in den Boden einkrallen und jeden Quadrat-
meter Boden verteidigen!"
I ch: „Das Einkrallen in den Boden ist nicht mehr überall möglich, weil er
1—1% mtief gefroren ist, und wi r mit unseremkümmerlichen Schanzzeug nicht
mehr in die Erdekommen."
Hitler: „Dann müssen Siesichmit schweren Feldhaubitzen eineTrichterstellung
schießen. Wir habendas imerstenWeltkrieg inFlandern auch getan."
I ch: „I mersten Weltkrieg hatten unsere Divisionen i n Flandern Abschnitts-
breitenvon4—6 kmundzu ihrer V erteidigung zwei bis drei Abteilungenschwe-
rer Feldhaubitzen mit verhältnismäßig reichlidier Munition. Meine Divisionen
haben 20—40 kmFrontbreite zu verteidigen und ich besitze je Division noch
4 schwere Haubitzenmit jeetwa 50Schuß. WennichsiezumSchießen vonTrich-
tern verwenden wollte, so würde ichmit jedemGeschütz 50 flache Muldenvon
Waschschüsselgröße und rund herumeinen schwarzen Fleck erzeugen, aber nie-
mals eine TrichterstellungI I nFlandern hat es nie solche Kältegrade gegeben,
wie wir sie jetzt erleben. I ch brauche meine Munition außerdem zur Abwehr
der Russen. Wir bringenja nicht einmal spitze Stangenfür den Leitungsbau un-
serer Fernsprecher in den Boden; selbst die Löcher hierfür müssen gesprengt
werden. Woher sollen wir dieSprengmunition für den Stellungsbau in solchem
Ausmaß nehmen?"
Hitler bestand aber auf der Ausführung seines Befehls zumHalten, wo wir
geradestünden.
I ch: „Dann bedeutet dies den Übergang zumStellungskrieg in ungeeignetem
Gelände, wie an der Westfront des ersten Weltkrieges. Wi r werden dann die
gleichen Materialschlachten und die gleichen ungeheueren Verluste erleben,
wiedamals, ohneeine Entscheidung erkämpfen zukönnen. Schon indiesem Wi n-
ter werden wir durch eine solche Taktik die Blüte unseres Offizier- und Unter-
offizierkorps und den für beide geeigneten Ersatz opfern, und dieses Opfer
wird ohneNutzensein und außerdem unersetzlich."
Hitler: „Glauben Sie, die Grenadiere Friedrichs des Großen wären gerne ge-
storben? Sie wollten auch leben, und dennoch war der König berechtigt, das
Opfer ihres Lebens vonihnen zu verlangen. I chhalte michgleichfalls für berech-
tigt, vonjedemdeutschenSoldaten das Opfer seines Lebens zu fordern."
I ch: „J eder deutscheSoldat weiß, daß er imKriege sein Leben für sein Vater-
land einzusetzen hat, und unsere Soldaten haben bisher wahrhaftig bewiesen,
daß siebereit sind, dieses Opfer auf sichzu nehmen. Mandarf dieses Opfer aber
nur verlangen, wenn sichder Einsatz lohnt. Diemir erteilteWeisung muß aber
19 Erinnerungen elaej Soldaten
241
zu V erlustenführen, die ingar keinemV erhältnis zu den erreichbaren Ergeb-
nissen stehen. Erst in der von mir vorgeschlagenen Susha-Oka-Stellung findet
die Truppe aus den Herbstkämpfen herrührende Stellungsbauten und Schutz
gegendieWitterung. I chbittezu bedenken, daß nicht der Feinduns vieleblutige
Verlustezugefügt hat, sondern daß dieabnorme Kälte uns doppelt so viel Leute
kostet, als das feindlicheFeuer. Wer dieLazarette mit den Erfrorenen gesehen
hat, weiß, was das zu bedeuten hat.'
Hitler: „I ch weiß, daß Siesich sehr eingesetzt haben undviel bei der Truppe
waren. I cherkenne das an. Aber Sie stehen den Ereignissenzu nahe. Sielassen
sichzu sehr vondenLeidendes Soldaten beeindrucken. Siehaben zuviel Mitleid
mit demSoldaten. Sie solltensichmehr absetzen. Glauben Siemir, aus der Ent-
fernung sieht man dieDinge schärfer.'
I ch: „Selbstverständlidi ist es meine Pflicht, die Leiden meiner Soldaten zu
mildern, so gut ichkann. Das ist aber schwer, wenndieMänner jetzt nochimmer
keine Winterbekleidung haben und die I nfanteriegroßenteils in Drillichhosen
herumläuft. Stiefel, Wäsche, Handschuhe, Kopfschützer fehlen entweder ganz
oder befinden sichintrostloser Verfassung."
Hitler brauste auf: „Das ist nicht wahr. Der Generalquartiermeister hat mir
gemeldet, daß dieWinterbekleidung zugewiesen ist."
I ch: „Freilich ist sie zugewiesen, aber sie ist noch nicht eingetroffen. Ichver-
folge ihrenWeg genau. Sieliegt jetzt auf demBahnhof inWarschau undkommt
von dort seit Wocheninfolge vonLokomotivmangel undVerstopfung der Strek-
ken nicht weiter. Unsere Anforderungen imSeptember und Oktober wurden
schroff zurückgewiesen, und jetzt ist es zu spät."
Der Generalquartiermeister wurde geholt und mußte meine Darstellung bestä-
tigen. — Göbbels Bekleidungsaktionzu Weihnachten 1941 war dieFolge dieser
Aussprache. I hr Ergebnis kamimWinter 1941/42 nicht mehr in dieHände der
Soldaten. —
Dann wurde dieFrage der Gefechts- und V erpflegungsstärken erörtert. I nfolge
der starkenAusfälle anKraftfahrzeugenwährend der Schlammperiodeunddurch
die große Kälte reichte der Transportraum für den Nachschub weder bei der
Truppe nochbei den Kolonnen. Da kein Ersatz der ausgefallenen Tonnage ge-
liefert wurde, mußte sichdie Truppemit den Mitteln des Landes selbst helfen.
Diese bestanden inPanjewagen und -schütten, die einganz geringes Fassungs-
vermögen hatten. V iele derartige V ehikel warenerforderlich, umdie fehlenden
Lastkraftwagen zu ersetzen. Sieerforderten einVielfaches anMenschen zu ihrer
Bedienung. Hitler stelltenun dieForderung, dienach seiner Ansicht übermäßig
ausgestatteten Nachschubeinheiten und den Troß der Truppe rücksichtslos zu
verringern, umGewehre für dieFront freizumachen. So weit sichdies ohne Ge-
fährdung der Versorgung durchführen ließ, war es selbstverständlich schon ge-
schehen. Ein Mehr ließ sich nur durch Verbesserung der anderen Nachschub-
mittel, insbesondere der Eisenbahn erzielen. Es hielt schwer, dieseeinfache Tat-
sacheHitler begreiflich zu machen.
Dann kamdas Gespräch auf die Unterkünfte. Wenige Wochenzuvor war i n
Berlin eine Ausstellung gezeigt worden, die die Fürsorgemaßnahmen umfaßte,
welchedas OKH für denWinter beabsichtigt hatte. Der Feldmarschall vonBrau-
chitschhatte sichnicht nehmen lassen, Hitler persönlich zu führen. DieAusstel-
lung war wunderschön undauchi nder Wochenschau zu sehen. Leider aber be-
saß dieTruppenichts von diesen schönen Dingen. I nfolge des ununterbrochenen
Bewegungskrieges hatte nichts gebaut werden können, und das Land bot sehr
wenig. UnsereUnterkünfte warenjammervoll. Auchhierüber herrschte bei Hitler
Unklarheit. Bei diesemTeil der Aussprache war der Rüstungsminister Dr. Todt
zugegen, ein verständiger Mann mit gesundem, menschlichemEmpfinden. Tief
beeindruckt vonmeiner Schilderung der Zustände an der Front, machte er mir
zwei Schützengrabenöfen zum Geschenk, die er im Begriffe war, Hitler
vorzuführen, und dieals Modell für die Truppe dienen sollten, umsie mit den
Mitteln des Landes selber herzustellen. So erhielt ichwenigstens ein positives
Ergebnis der langenUnterredung.
Während des Abendessens saß ichneben Hitler undbenutzte die Gelegenheit,
ihmEinzelheitenüber das Leben an der Front zu schildern. DieWirkung dieser
Darlegungen war aber nicht so, wieichgeglaubt hatte. Hitler sowohl wieseine
Umgebung hieltensieoffenbar für übertrieben.
Nach Tisch, als dieAussprache fortgesetzt wurde, schlug ichdaher vor, in das
OKW und indas OKH Generalstabsoffiziere zu versetzen, die diesen Krieg in
Frontstellungenerlebt hätten. I ch sagte: „Aus der Reaktionder Herrendes OKW
habeichdenEindruck gewonnen, daß unsereMeldungenundBeriohtenicht richtig
verstanden und I hnen infolgedessen auchnicht richtig vorgetragen werden. I ch
halte daher für notwendig, fronterfahrene Offiziere i n die Generalstabsstellen
des OKH und OKW zu versetzen. Nehmen Sie einen Wechsel der Wache vor.
I n denbeidenStäben hier oben sitzen dieOffiziere seit Kriegsbeginn, also über
zwei J ahre, ohne die Front gesehen zu haben. Dieser Krieg ist so verschieden
vomerstenWeltkrieg, daß eineFronttätigkeit imersten Weltkrieg keineKennt-
nis des jetzigenvermittelt.*
Damit hatte ichnun inein Wespennest gestochen. Hitler erwiderte entrüstet:
„I ch kann midi jetzt vonmeiner Umgebung nicht trennen."
I ch: „SiebrauchensichauchvonI hrenpersönlichen Adjutantennicht zu trennen;
darauf kommt es nicht an. Wichtig ist dagegen eine Neubesetzung der maßge-
benden Generalstabsstellen mit Offizieren, welchefrische Fronterfahrungen, be-
sonders imWinterkrieg besitzen."
Auch dieseBitte wurdeschroff abgelehnt. MeineAussprache endetemit einem
großen Mißerfolg. Als ich den Vortragsraum verließ, sagte Hitler zu Keitel:
„Diesen Mann habe ichnicht überzeugtI " Damit war ein Bruch vollzogen, der
nie mehr geheilt werden konnte.
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Am nächsten Morgen rief ich vor dem Start zumRückflug nochmals den Ge-
neral J odl, den Chef des Wehrmachtführungsstabes an, umihmzu wiederholen,
daß diegegenwärtigen Methodenzu unerträglichen Menschenopfern führen müß-
ten, die nicht zu verantworten seien. Reserven, und diesesofort, seien erforder-
lich, umdie Lage ineiner vomGegner abgesetzten, rückwärtigen Stellung zu
festigen. Dieser Anruf hattekeine erkennbare Wirkung.
Am 21. Dezember flog ich nach demFemgespräch mit J odl nach Orel zurück.
Auf Hitlers Befehl wurde meine linke Armeegrenze an die Einmündung der
Shisdra indie Oka verlegt. Mi t dieser Änderung wurde dieV erantwortlichkeit
der PanzerarmeeinunerwünschtemAusmaße erweitert. Der Rest des Tages war
ausgefüllt mit der Bearbeitung und Ausgabe der Befehle, die den Absichten Hit-
lers Rechnung tragen sollten.
Um die Ausführung dieser Befehle sicherzustellen, fuhr ich am 22. Dezember
zu den Divisionendes X X X X V I I . Panzer-Korps. Nach kurzer Aussprache beim
Generalkommando begabichmichnachTschern zur 10. (mot.) I .D. und erläuterte
demDivisionskommandeur, General von Loeper, denZweck des Befehls und die
Gründe, die Hitler zu ihmveranlaßt hatten. Anschließend besuchte ich in den
Nachmittagsstunden die 18. und 17. Panzer-Division zu dem gleichen Zweck.
Gegen Mitternacht war ichnach eisiger Fahrt wieder inOrel. Die wesentlichsten
Kommandeure waren nun jedenfalls von mir persönlich über die durch Hitlers
Befehle herbeigeführte Änderung der Sachlage eingehend unterrichtet, undich
glaubte, den Ereignissen der nächsten Tagemit gutemGewissen entgegensehen
zu können.
Der 23. Dezember verging mit der Unterrichtung der anderen Kommandierenden
Generale. Das L I I I . A.K. meldete, daß nun auch die 167. I .D. stark angeschlagen
sei. Die296. I .D. wich auf Belew aus. DieWiderstandskraft dieses Korps war
nur nochgering zu bewerten. Zwischen seinemlinken Flügel und demX X X X I I I .
A.K. klaffte nach wie vor eine große Lücke, die mit den vorhandenen, abseits
der Wege nahezu unbeweglichen Kräften bei der Unwegsamkeit des Geländes
nicht geschlossenwerden konnte. I chentschloß mich daher, die3. und 4. Panzer-
Division auf der ChausseeTula—Orel nach Orel zurückzunehmen, dort indrei-
tägiger Ruhe kurz wiederherzustellen und beide Divisionenunter demGeneral-
kommando X X I V . Panzer-Korps über Karatschew—Brjansk nach Norden gegen
die Flanke des über die Oka vordringenden Gegners zumAngriff vorzuführen.
TiefefeindlicheEinbrüchebei der 2. Armeezwangen jedochzumAbdrehen eines
Teils dieser Kräfte nach demneu entstandenenKrisenpunkt undverzögerten die
Versammlung inRichtungLichwin. UnbeweglicheTeiledes X X I V . Panzer-Korps
wurden zu einer Sicherheitsbesatzung für Orel zusammengefaßt.
Den 24. Dezember benutzte ichzumBesuch einer Reihe von Weihnachtsfeiern
in den Lazaretten. I chkonnte manchembraven Soldaten eine kleine Freude be-
reiten. Aber es war einwehmütiges Beginnen. I chverbrachte den Abend allein
244
bei meiner Arbeit, bis Liebenstein, Büsing und Kahlden kamen und mir in ka-
meradschaftlicher Gesinnung einige Zeit Gesellschaft leisteten.
Am 24. Dezember verlor die 2. ArmeeLiwny. Nördlich Lichwin überschritt der
Feind die Oka. Auf Befehl des OKH wurde die4. Panzer-Division auf Belew in
Marsch gesetzt, umden Gegner aufzuhalten. Der von mir geplante einheitliche
Gegenangriff des X X I V . Panzer-Korps drohte sichinTeilhandlungen aufzulösen.
I n der Nacht vom24. zum25. Dezember verlor die 10. (mot.) I .D. durch umfas-
sendenrussisdien Angriff Tschern. Der Erfolg der Russenwar überraschend groß,
weil dielinks der 10. (mot.) I .D. fechtenden Teiledes L I I I . A.K. nicht mehr hiel-
ten, so daß dem Gegner hier der Durchbruch gelang. Teile der 10. (mot.) I .D.
wurden inTschern eingeschlossen. I chmeldete dieses unglückliche Ereignis un-
verzüglich der Heeresgruppe. Feldmarschall von Klugemachte mir die heftigsten
V orwürfe, die darin gipfelten, ich müßte die Räumung von Tschern befohlen
haben, undzwar nicht erst i n dieser Nacht, sondern mindestens schon 24 Stunden
vorher. Das Gegenteil war der Fall gewesen. I ch hatte— wiegeschildert — per-
sönlich den Befehl Hitlers zumHalten des Ortes überbracht. Also wies ichden
mir gemachten, ungerechtfertigten V orwurf entrüstet zurück.
Am 25. Dezember gelang es den eingeschlossenenTeilender 10. (mot.) I .D., den
russischen Ring zu durchbrechen undmit mehreren hundert Gefangenen die eige-
nenLinien zu erreichen. Der Abmarsch indieSusha-Oka-Stellung wurde befoh-
len. AmAbend kames erneut zu einer scharfen Auseinandersetzung mit Feld-
marschall von Kluge, der mir vorwarf, ihmeine falsche, dienstliche Meldung
erstattet zu haben, und mit den Worten den Fernsprecher anhängte: „I ch werde
über Sie demFührer berichten." Dies ging denn doch zu weit. I ch teilte dem
Chef des Stabes der Heeresgruppe mit, daß ichnach einer solchen Behandlung
nicht mehr gewillt sei, meine Armee weiter zu führen und umEnthebung vom
Kommando bittenwürde. Diesen Entschluß führte ichunverzüglich telegrafisch
durch. Feldmarschall von Kluge kammir indessen beimOKH zuvor, indemer
meine Ablösung beantragte, die ich amMorgen des 26. Dezember unter V er-
setzung indieFührerreserve des OKH vonHitler aucherhielt. Mein Nachfolger
wurdeder Oberbefehlshaber der 2. Armee, General Rudolf Schmidt.
Am 26. Dezember verabschiedeteichmichvon meinemStabeund erließ einen
kurzen Tagesbefehl an meine Truppen. Am27. Dezember verließ ichdie Front,
bliebdieNacht inRoslawl, dieNacht vom28. zum29. inMinsk, die Nacht vom
29. zum30. inWarschau, vom30. zum31. in Posen, und traf amSylvester in
Berlin ein.
Uber denAbschiedsbefehl anmeineSoldaten kames nochzu einer Auseinander-
setzung zwischenFeldmarschall vonKlugeundmeinemStabe. DieHeeresgruppe
wollte die Herausgabe des Befehls verhindern, weil Feldmarschall von Kluge
befürchtete, er könne eine Kritik der Vorgesetzten enthalten. Der Befehl war
natürlich einwandfrei; Liebenstein sorgte dafür, daß meine Männer wenigstens
meinen Abschiedsgruß erhielten.
245
Der Abschiedsbefehl hatte folgenden Wortlaut:
Der Oberbefehlshaber der 2. Panzerarmee. A. H. Q., den26. 12. 1941.
Armee-Tagesbefehl.
Soldatender 2. Panzerarmee!
Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht hat mich mit dem
heutigenTage des Kommandos enthoben.
I n demAugenblick, indemichvonEuchscheide, gedenke ichder 6 Monate
gemeinsamen Kampfes für die Größe unseres Landes und den Sieg unserer
Waffen, gedenke ichinEhrfurcht all derer, dieBlut undLeben für Deutsch-
land dahingaben. Euch, meinen Kampfgefährten, danke ichaus tiefstemHer-
zenfür alleTreue, Hingabeund echteKameradschaft, dieI hr indieser langen
Zeit immer aufs Neue bewiesen habt. Wir waren miteinander auf Gedeih
und Verderbverbunden, und es war meine größte Freude, für Euch sorgen
und für Eucheintretenzu dürfen.
Lebt wohl!
I ch weiß, I hr werdet wie bisher tapfer streiten und trotz Wintersnot und
Übermacht siegen. MeineGedankenbegleitenEuchauf EueremschwerenGang.
I hr geht ihnfür Deutschland!
Heil Hitler!
gez. Guderian.
246
V I I . AUSSER DI ENST
Di e ungerechte Behandlung, diemir zuteil gewordenwar, hattemich anfänglich
begreiflicherweise sehr erbittert. V onBerlin beantragte ichdaher inden ersten
Tagendes J anuar 1942 einekriegsgerichtlicheUntersuchung gegen mich mit dem
Ziel, dieV orwürfe des Feldmarschalls vonKlugezu widerlegenunddie Gründe
meines Handelns klarzustellen. Mein Antrag wurde vonHitler abgelehnt. Eine
Begründung für diese Maßnahme erfuhr ichnicht. Manwollte offenbar keine
Klärung. Manwußte genau, daß man mir unrecht getan hatte. Unmittelbar vor
meiner AbreisevonOrel erschien Oberst Schmundt, umimAuftrag Hitlers den
Tatbestand zu klären. Er erfuhr durchLiebenstein und eine Reihe von Front-
generalen dieWahrheit und setzteseinen V ertreter imFührerhauptquartier mit
folgenden Worten davon in Kenntnis: „Dem Manne ist umecht getan worden.
Die ganzeArmeetritt für ihneinundhängt anihm. Wi r müssen sehen, wiewir
das wieder inOrdnung bringen." Das ehrlicheWollen des I dealisten Schmundt
steht außer Zweifel. Es gelang ihmaber nicht, seinen guten Vorsatz durchzu-
setzen. DieGründe hierfür liegenindemWirken anderer Persönlichkeiten.
Nun saß ichinBerlin untätig herum, während meine Soldatenihren schweren
Weg weiter gehen mußten. I chwußte, daß man jeden meiner Schritteund jede
Äußerung überwachte. Daher hielt ichmich i nden ersten Monaten vollständig
zurück undverließ kaummeine Wohnung. Nur wenigeBesucher wurden emp-
fangen. Einer der ersten war SeppDietrich, der Kommandeur der Leibstandarte,
der aus der Reichskanzlei anrief, umsichanzumelden. Er erklärte, er habe dies
mit Absicht getan, umden „Leuten oben" zu zeigen, daß sie mir unrecht getan
hätten, unddaß er dabei nicht mitmachte. Dietrich hat auchHitler gegenüber aus
seiner Meinung keinenHehl gemacht.
Die personellen V eränderungen inden Führerstellen des Heeres warenmit der
Ablösung des Feldmarschalls von Rundstedt und mit der meinigen keineswegs
abgeschlossen. Zahlreiche, bis dahin bewährte Generale wurdenohne oder mit
sehr fadenscheinigenBegründungen abgesetzt, unter anderen dieGenerale Geyer,
Förster und Hoepner. Feldmarschall Ritter vonLeebund General Kubier gingen
auf eigenen Wunsch. Generaloberst Strauß meldete sichkrank.
Diese „Reinigung" vollzog sichnicht ohne erhebliche Proteste. Besondere Fol-
gen hatte der Fall des Generaloberst Hoepner, demFlitler bei der Entlassung
das Recht zumTragen der Uniform und der Orden, sowie die Pension und die
Dienstwohnung aberkannte. Hoepner erkannte diese rechtswidrigen Befehle
nicht an, unddieJ uristen des OKH undOKW warenmannhaft genug, Hitler vor-
zutragen, daß er zu solchenSchrittennicht berechtigt sei, sondern einDisziplinar-
247
verfahren gegen Hoepner einleiten müsse, dessen Ausgang zugunsten Hoep-
ners nicht zweifelhaft seinkönne. Hoepner hatte seineFront selbständig verkürzt
und sichineinemFemgespräch mit seinemdirektenVorgesetzten, demFeldmar-
schall von Kluge, über die „laienhafte Führung' entrüstet geäußert; dieser mel-
dete Hoepners Maßnahmen weiter. Hitler geriet darüber in großen Zorn. Das
Ergebnis dieser Ärgernisse war ein Gesetz über dieBeseitigung der letztenHem-
mungen auf demGebiet der Legislative, Exekutiveund Gerichtsbarkeit, das der
Reichstag am26. Apri l 1942 einstimmig bewilligte. Dieses Gesetz hat denSchluß-
steinunter dieEntwicklung gesetzt, diemit demunseligenErmächtigungsgesetz vom
23. März 1933 eingeleitet wurde, und verschaffte demDiktator Deutschlands die
rechtlicheGrundlagefür jedeArt vonWillkür. Deutschlandhattedamit aufgehört,
ein modemer Rechtsstaat zu sein. — An demZustandekommen beider Gesetze
warendieSoldaten unbeteiligt. Siehatten nur dieunheilvollenFolgenzu tragen.
Die Ärgernisse der letzten Monate hatten mein beginnendes Herzleiden ver-
stärkt; deshalb entsdiloß ichmich auf Anraten des Arztes, Ende März 1942 mit
meiner Frau zu einer vierwöchigen Kur nachBadenweiler zu gehen. Der Frieden
der schönen Frühlingslandsdiaft und die Bäder des Kurorts wirkten nach den
Erlebnissen inRußland beruhigend auf Herz und Gemüt. Aber nach der Rück-
kehr nach Berlin machte mir meineliebeFrau große Sorge, weil siedurch eine
böse Blutvergiftung für Monate ans Krankenbett gefesselt wurde. Abgesehen
hiervon waren diepersönlichen V erhältnisse inBerlin durchzahlreiche Besucher
und lästige Frager so unerfreulich geworden, daß wir beschlossen, eine kleine
Erbschaft zumErwerbeines Häuschens amBodenseeoder imSalzkammergut zu
verwenden, umuns der Atmosphäre der Reichshauptstadt zu entziehen. I chbean-
tragte Ende September den erforderlichen Urlaub durch die V ermittlung des
hierfür zuständigen Generals Fromm, des Befehlshabers des Ersatzheeres, der
mich bat, ihnaufzusuchen. WenigeTagezuvor hatte ichvonRommel aus Afrika
die telegrafische Mitteilung erhalten, daß er krankheitshalber nach Deutschland
zurückkehren müsse und bei Hitler beantragt habe, mir seine Stellvertretung
zu übertragen. Dieser Antrag wurde aber von Hitler abgelehnt. Frommstellte
mir nun dieFrage, obichmit einer Wiederverwendung rechnete. I chverneinte.
Am Tage nach meiner Rückkehr aus demSalzkammergut rief er erneut anund
bat ummeinenBesuch. Er teiltemir mit, daß er tags zuvor mit Schmundt gespro-
chen und von ihmerfahren habe, daß von meiner Wiederverwendung keine
Redesein könne. Der Führer habeaber gehört, daß ichmich in Süddeutschland
anzukaufen gedächte. Er wisse, daß ich aus demWarthegau oder Westpreußen
stamme undwünsche daher, daß ichmich dort und nicht inSüddeutschland seß-
haft mache. Er beabsichtige, allen I nhabern des Eichenlaubes zumRitterkreuz
des Eisernen Kreuzes eineDotationdes Reiches zu gewähren, diein erster Linie
in Landbesitz bestehen solle. I chmöchte mir i nmeiner Heimat ein geeignetes
Objekt aussuchen. Nachdieser Eröffnung konnte ichjedenfalls den grauen Rock
anden Nagel hängen undmich ganz demUbergang inden Zivilberuf widmen.
248
Vorerst kames jedoch nicht dazu. Mein Herzleiden verschlimmerte sich im
Herbst 1942 zusehends. EndeNovember erlitt icheinenvollständigen Zusammen-
bruch, bliebmehrereTagenahezu ohneBewußtsein undohne Nahrungsaufnahme
und erholte mich nur langsamdurch die sachgemäße Behandlung des vortreff-
lichen Professors vonDomarus, eines der ersten Berliner Spezialisten. Zu Weih-
nachten konnte ich auf Stunden das Bett verlassen, und imJ anuar machte die
Genesung langsamFortschritte, so daß ichEnde Februar an die Auswahl eines
Hofes imWarthegau gehen undmeinen neuen Zivilberuf als Landwirt überneh-
menwollte. Hierzu solltees jedoch auch nicht mehr kommen.
I m J ahre 1942 hatte das deutsche Ostheer noch einmal imAngriff — vom
28. J uni bis Ende August — Erfolge erzielt, die den Südflügel (Kleist) auf den
Kammdes Kaukasus, dienördlich davon vorgegangene 6. Armee (Paulus) nach
Stalingrad ander Wolgaführten. DieOperationen waren wiederumexzentrisch
angesetzt. Dieihnen gesteckten Zielestanden nicht imEinklang mit den durch
die Strapazen des Winterfeldzuges 1941/42 geschwächten Kräften. Wie imAu-
gust 1941 jagte Hitler wirtschaftlichenund ideologischen Zielennach, bevor die
militärische Kraft des Feindes gebrochen war. Der Besitz der ölfelder des Kaspi-
schenMeeres, dieUnterbindung der Schiffahrt auf der Wolga, sowiedieLähmung
der I ndustrievon Stalingrad dienten ihmals Begründung für die vommilitäri-
schen Standpunkt unverständlichen Operationsrichtungen.
I di konntedieseEreignissenur anHandder Presseunddes Rundfunks undnach
gelegentlichen Berichten von Kameraden verfolgen. Aber dies genügte, umzu
erkennen, daß sidi die Lage erheblich verschlechtert hatte und nach der Kata-
strophe vonStalingradEnde J anuar 1943 bereits ohne das Eingreifender West-
mächte bedrohlidi genug war. Diese zweite Front kündigte sich aber durch die
englische Probelaadung bei Dieppe am19. August 1942 inFrankreich schon an.
I mNovember 1942 landeten dieAlliierten inNordafrika. DieLageunserer dort
fechtenden Truppenwurdedamit bedrohlich.
Am25. September hatteHitler übrigens denChef des Generalstabes des Heeres,
Generaloberst Halder, abgelöst undden General Zeitzier an seineStelle gesetzt.
Gelegentlich dieser Änderung wurde die Bearbeitung der Personalien des Ge-
neralstabes demChef dieser Dienststelle entzogen und dem Heerespersonalamt
übertragen, das Hitler unmittelbar unterstand. Diese einschneidende Maßnahme
beraubte denChef des Generalstabes eines seiner letztenRechte auf demGebiet
der Führung des Gesamtgeneralstabes. Zeitzier protestierte vergeblich dagegen.
Mit der Ablösung Halders hatte Hitler endlichden Schnitt vollzogen, den er im
Herbst 1939 nicht durchführte, obwohl bereits damals tiefes, unüberbrückbares
Mißtrauen gegen dieführenden Persönlichkeiten des Heeres inihmglomm. Drei
J ahrelang hatten gegen ihreinnere Uberzeugung Männer zusammengearbeitet,
dieeinander widerstrebtenundzutiefst mißtrauten. Würde dies nun anders wer-
den? Würde Hitler zu Zeitzier mehr V ertrauen haben, als zu Brauchitsch und
249
Halder? Würde er nunmehr demRate der Fachleute folgen? Das Geschick des
deutschen V olkes hing von der Antwort auf dieseFragen ab.
J edenfalls ging der neueMann mit größtem Eifer an sein Werk. Er hat auch
Hitler gegenüber offen seine Meinung vertreten und für seine Überzeugung
gekämpft. Er hat ihmfünfmal sein Portefeuille zur V erfügung gestellt und ist
fünfmal abgewiesen worden, bis Hitlers Mißtrauen gegenihnso groß geworden
war, daß er die Trennung vollzog. Sich gegen Hitler durchzusetzen, war ihm
nicht gegeben.
Den Ablauf der Ereignisse an der Ostfront während Zeitzlers Amtsführung
zeigen dieKarten27 und28.
250
V I I I . DI E ENTWI CKLUNG DER PANZER WAFFE V OM J ANUAR 1942
BI S ZUM FEBRUAR 1943
Nach der Übernahme des Oberbefehls über das Heer imDezember 1941 begann
Adolf Hitler, sichder waffentechnischen Entwicklung des Heeres in verstärktem
Maße anzunehmen. Der Panzertruppewidmete er sein besonderes I nteresse. Die
nachstehenden Daten entstammen zum Teil Aufzeichnungen des ehemaligen
Hauptdienstleiters Saur, des Mitarbeiters des Ministers für Rüstung undKriegs-
produktion Albert Speer. Sie beweisen den Eifer Hitlers, die Entwicklung vor-
wärts zu treiben, werfen aber auch einLicht auf seinen sprunghaften Charakter
und verdienen deshalbI nteresse.
Wie bereits erwähnt, besuchten die maßgebenden Konstrukteure, I ndustriellen
und Offiziere des Heereswaffenamtes imNovember 1941 meine Panzerarmee,
um sich an Ort und Stelle und an Hand der frischen Kriegserfahrungen gegen
den überlegenen russischen Panzer T 34 über die Maßnahmen klar zu werden,
die uns wieder zur technischen Überlegenheit über die Russenverhelfen konn-
ten. Der Gedankeder Frontoffiziere, den russischen T 34 nachzubauen, umauf
schnellste Art dieaußerordentlich unglückliche Lage der deutschenPanzertruppe
zu bessern, fand bei den Konstrukteuren keinen Anklang. Hierfür war wohl
weniger die Eitelkeit des Erfinders ausschlaggebend, als die Unmöglichkeit, mit
der erforderlichen Schnelligkeit wesentliche Bestandteile des T 34, besonders
seinen Aluminium-Dieselmotor nachzubauen. Auch in der Legierung des Stahls
waren wi r durch Rohstoffbeschränkungen den Russen gegenüber benachteiligt.
Man kaminfolgedessen zu der Lösung, diebereits vorher inAngriff genommene
Konstruktion des „Tiger", eines Panzers vonetwa 60 t, durchzuführen und außer-
demeinen leichterenTyp, den man„Panther" taufte, imGewicht zwischen 35 und
45 t zu entwerfen. Am23. J anuar 1942 wurde dieser Entwurf Hitler vorgelegt.
Bei diesem V ortrag ordnete Hitler an, die Panzerkapazität der deutschen I ndu-
strie auf 600Stück imMonat zu erhöhen. I mMai 1940 hatteunsereKapazität —
alle Typen zusammengerechnet — monatlioh 125 Stück betragen. Die Leistungs-
steigerung der I ndustrie i nder Fertigung eines der wichtigstenKampfmittel war
also imLaufe von beinahe zwei Kriegsjahren erstaunlich gering gewesen, ein
Beweis, daß weder Hitler noch der Generalstabsich der Bedeutung des Panzers
für unsereKriegführung hinreichendbewußt waren. Hieranhatten auch diegro-
ßen Erfolgeder Panzertruppe in den J ahren 1939—41 nichts geändert.
Bei demVortrag des 23. J anuar 1942 trat eine Ansicht Hitlers zutage, dieihm
immer wieder Hemmungen i nder technischen Entwicklung wieinder taktischen
251
und operativen V erwendung der Panzer verursachte: Er glaubte, daß die Hohl-
ladungs-Granate, die bei der Artillerie neu eingeführt werden sollte und die
eine erhöhte Durchschlagsleistung gegen Panzer aufwies, den Wert der Panzer-
waffe inZukunft erheblich herabsetzenwürde. Er glaubte, falls diese Entwicklung
Tatsachewerden sollte, ihr durcheinevermehrte Selbstfahrlafetten-Artilleriebe-
gegnenzu könnenundwolltehierzu Panzerfahrgestelle verwenden. Daher verlangte
er gelegentlichdes Vortrages vom23. J anuar 1942, dieseEntwicklung einzuleiten.
Am 8. Februar 1942 verunglückte der Reichsminister für Rüstung und Kriegs-
produktion, Dr. Todt, mit demFlugzeug tödlich. Er wurdedurch Speer ersetzt.
I m März ergingen an dieFirma Krupp undan Professor PorscheAufträge auf
Konstruktion von Panzern imGewicht von 100 t. DieEntwicklung sollte so be-
schleunigt werden, daß die Probepanzer imFrühjahr 1943 vorgeführt werden
konnten. UmdiePanzerentwicklung beschleunigen zu können, waren mehr Kon-
strukteure erforderlich; umsie zu gewinnen, wurdedieFriedensentwicklung bei
den Automobilfabriken eingestellt. Am19. März 1942 meldete Speer demFührer,
daß bis zumOktober 1942 60 Porsche-Tiger und 25 Henschel-Tiger fertiggestellt
seinwürden, unddaß man bis zumMärz 1943über weitere 135 Tiger, insgesamt
also über 220 Tiger verfügen könne — falls sie alleverwendungsbereit bliebenl
I m Apri l stellteHitler dieForderung auf Konstruktionvon Panzergranaten für
die8,8-cm- und7,5-cm-Kanonender Tiger und Panther. Dieersten Versuchs-Tiger
der FirmenHenschel und Porschewurden vorgeführt.
I mgleichenMonat trug sichHitler offenbar mit demGedanken einer Expedition
gegen Malta, denn er stellte die Forderung auf 12 Panzer I V mit 80 mm Stirn-
panzerung für den Angriff auf die I nselfestung. Man hörte aber später nichts
mehr von dieser sehr notwendigenAbsicht.
I mMai 1942 genehmigte Hitler dieKonstruktiondes „Panther" nach demV or-
schlag der FirmaMAN underteiltedenAuftrag zumBau von Schienenfahrzeugen
für den Transport schwerster Panzer. DieProduktionan Sturmgeschützen sollte
auf 100Stück, diean Panzer I I I auf 190Stück monatlichgesteigert werden.
I m J uni 1942 beschäftigte Hitler dieSorge, ob die Panzerung ausreiche. Er be-
fahl die V erstärkung der Bugpanzer beimPanzer I V und beim Sturmgeschütz
auf 80 mmund erklärte, nicht sicher zu sein, ob die Bugpanzerung des neuen
„Panther" mit 80 mmimFrühjahr 1943 noch ausreichend seinwürde. Er ordnete
demzufolge an, zu untersuchen, ob eine V erstärkung des Panzers auf 100 mm
durchführbar sei und forderte, mindestens allesenkrechten Teileauf 100 mmzu
verstärken. Für den „Tiger" ließ er dieV erstärkung des Bugpanzers auf 120 mm
untersuchen.
Beim V ortrag am23. J uni 1942 wurden für den Mai 1943 folgende Fertigungs-
zahlen veranschlagt:
Panzerspähwagen auf der Basis des alten Panzers I I 131 Stück
Panther 250 Stück
Tiger 285 Stück
252
Hitler war mit diesemProgrammsehr zufrieden. Er wünschte die beschleunigte
Entwicklung eines luftgekühlten Dieselmotors für Panzer, einWunsch, den Ge-
neral Lutz bereits imJ ahre 1932 ausgesprochenhatte, der aber — was die Luft-
kühlung anbetraf — nur für den kleinen Panzer I der FirmaKrupp in Erfüllung
gegangen war. Hitler ging weiter auf grundsätzliche Fragen des Panzerbaus ein
und stimmte den ihmvorgetragenen Grundsätzen zu, daß beim Panzerbau in
erster Linie schwerste Bewaffnung, inzweiter Linie große Schnelligkeit und in
dritter Linie schwere Panzerung wichtig seien. Aber in seiner Brust wohnten
zwei Seelen, denn er meinte, daß dochdieschwerePanzerung unumgänglich not-
wendig wäre. Dann schweifte seine Phantasie ins Gigantische. Die I ngenieure
GroteundHacker erhieltendenAuftrag auf Konstruktion eines Großpanzers von
1 000 t. Für den in der Konstruktionbegriffenen Porsche-Tiger wurden 100 mm
Bodenpanzer befohlen und als Bestückung wahlweise eine 15-cm-Kanone L 37
oder eine 10-cm-Kanone L 70 vorgesehen. Professor Porschesagtedie Abliefe-
rung der ersten Fahrzeugeseines Namens zum12. Mai 1943 zu.
Am 8. J uli 1942 sollte die ersteTiger-Kompaniebeschleunigt für den Einsatz
bei Leningrad fertig gemacht werden. Am23. J uli, also 15 Tage später, hatte
Hitler seinen Entschluß geändert und verlangte, die Tiger spätestens imSep-
tember für Frankreich frontreif zu stellen. Anscheinend befürchtete er damals
bereits größere Anlandungender Westmächte.
Zur Verbesserung der alten Panzer I I I befahl Hitler ihreUmbewaffnung mit der
7,5-cm-Kanone L 24. DieAusweitung der Panzerkapazität lag ihmamHerzen. I m
gleichen V ortrag aber spielte die Frage der Selbstfahrlafetten auf Panzerfahr-
gestellen erneut eine große Rolle, obwohl durch deren vermehrte Fertigung die
Panzerproduktion geschmälert werden mußte.
I m August 1942 ließ Hitler Ermittlungenanstellen, in welcher Frist die lange
8,8-cm-Kanone imTiger eingebaut werden könne. Sie sollte eine Panzerdurch-
schlagsleistung von200 mmaufweisen. Er befahl dieAusstattung der in Repara-
tur kommenden Panzer I V mit langen Rohren, umso dieLeistung der Panzer zu
erhöhen.
I m September 1942 wurde ein neues Bauprogrammaufgestellt, nach dem bis
zumFrühjahr 1944 folgende Fertigungsziffernerreicht werdensollten:
Leopard (leichter Aufklärungspanzer) 150 Stück
Panther 600 Stück
Tiger 50 Stück
Panzer insgesamt 800 Stück
Sturmgeschütze 300 Stück
leichte Selbstfahrlafetten 150 Stück
schwere Selbstfahrlafetten 130 Stück
schwerste Selbstfahrlafetten 20 Stück
Artillerie auf Panzerbasis 600 Stück
253
UmdiePanzerproduktionnicht zu sehr zuschädigen, wurdebefohlen, dieSelbst-
fahrlafetten in unvergütetem Stahl herzustellen. Trotzdemwar klar, daß der
Schwerpunkt der Produktion sich bedenklich von der Panzerfertigung auf die
Artillerie verlagerte, d. h. vomAngriff auf dieVerteidigung, und zwar dieV er-
teidigung mit unzulänglichen Mitteln, denn schon indiesemZeitpunkt wurden
Klagen der Truppe vorgebracht, daß die Selbstfahrlafetten auf der Basis des
Panzers I I unddes Tschechenpanzers 38 t denAnforderungennicht genügten.
Bei der Aussprache über denPorsche-Tiger äußerte Hitler, daß er diesen Panzer
wegen seines Elektro-Antriebes undseiner luftgekühlten Motorenfür besonders
geeignet für Afrika halte, daß aber sein Aktionsradius mit nur 50 kmuntragbar
sei undauf 150 kmerhöht werdenmüsse. Mi t letzterer Forderung hatteer zwei-
fellos recht, sie hätte nur beimersten Konstruktionsentwurf bereits erhoben
werden müssen.
Die Erörterungen des September standen bereits unter demEindruck der schwe-
ren Kämpfe um und in Stalingrad. Erwägungen über die Verbesserung der
Sturmgeschütze wurdenangestellt. Siesolltendielange 7,5-cm-KanoneL 70 und
100 mmFrontpanzer erhalten. I nSturmgeschütze oder Panzer I V sollten schwere
I nfanterie-Geschütze eingebaut werden. Der imBau befindliche Porsche-Tiger
sollteteilweiseals Sturmgeschütz, d. h. unter Verzicht auf denDrehturm, mit der
8,8 cm-Kanone lang und mit 200 mmFrontpanzer durchgearbeitet werden. Der
Einbau des 21-cm-Mörsers in diesen Panzer wurde erwogen. Zweifellos waren
unsere damaligen Panzer keine Waffe für den Straßenkampf; dennoch war es
abwegig, unausgesetzt Konstruktionsänderungen in die laufende Produktion
hineinzubefehlen und dadurch eine Unzahl verschiedener Typen mit einer noch
größeren Zahl von Ersatzteilen zu schaffen. DieI nstandsetzung der Panzer im
Feldewurde dadurch zu einemunlösbaren Problem.
Der September 1942 brachte auch den ersten Einsatz der „Tiger". Alte Kriegs-
erfahrung aus dem ersten Weltkriege besagte, daß man beim Einsatz neuer
Kampfmittel so lange Geduldüben müsse, bis dieMassenproduktion und damit
der Masseneinsatz gesichert seien. Bereits imersten Weltkrieg haben dieFran-
zosenundEngländer ihrePanzer vorzeitig inkleinenGebindeneingesetzt und sie
dadurch umden sonst zu erwartenden, großen Erfolg gebracht. Die militärische
Fachkritik hatte diesen Fehler festgestellt und gerügt. I di selbst habe darüber
oft gesproohen undgeschrieben. Hitler wußte darum. Dennochbrannte er darauf,
den großen Schlager zu erproben. Er bestimmte eine ganz nebensächliche Auf-
gabe, nämlich einen örtlich begrenzten Angriff in einem völlig ungeeigneten
Gelände: die sumpfigen Wälder bei Leningrad, in denen schwere Panzer
nur inKolonnezu einemauf den Schneisen vorfahrenkonntenundsomit direkt
vor die Rohre der natürlich auch an den Wegen postierten Abwehrgeschütze
fuhren. Schwere, vermeidbare VerlusteunddiePreisgabedes Geheimnisses und
damit zukünftiger Überraschungen warendieFolge. DieEnttäuschung war umso
größer, als der Angriff ander Ungunst des Geländes scheiterte.
254
I m Oktober wurdediePanzerproduktionzugunsten der Sturmgeschützfertigung
weiter benachteiligt, indemder Bau von Sturmgeschützen auf demFahrgestell
des Panzers I V mit der langen 7,5-cm-Kanone L 70 undauf demFahrgestell des
Panthers mit der langen8,8-cm-KanoneL 71 befohlenwurde. Ferner wurden40 bis
60 schwere I nfanteriegeschütze auf Fahrgestelle des Panzers I V gesetzt. Hitler
erwog darüber hinaus, Mörser auf Panzer-I V-Fahrgestelle zu montierenund sie
mit verkürztem Rohr undMinengranaten auszustatten. So interessant allediese
Konstruktionen seinmochten, imErgebnis zehrten sieallesamt ander Fertigung
unseres damals einzigen, brauchbaren Kampfpanzers, eben des Panzers I V , des-
sen Produktionzumersten MaleindiesemMonat diewahrlich bescheideneZahl
von 100 Stück erreichte. Aber nicht genug hiermit; man machte von seiten des
Rüstungsministeriums den Vorschlag, neben demgeplanten Leopard auch den
Panther als Aufklärungsfahrzeug zu bauen. ZumGlück kames nicht dazu.
Ganz imGegensatz zu diesen I rrwegenimPanzerbau äußerte Hitler dierichtige
Ansicht, daß für den Tiger dielange 8,8-cm-Kanone mit ihrer rasanten Flugbahn
wichtiger sei als einschweres Kaliber mit geringer Anfangsgeschwindigkeit. Die
Panzerkanone muß inerster Linie demKampf gegen diefeindlichen Panzer die-
nen, und vor dieser Hauptaufgabe müssen alle nebensächlichen I nteressen zu-
rücktreten.
I mNovember verlangteunderreichteHitler dieSteigerung der Tiger-Produktion
von 13 auf 25Stück imMonat. Bereits dieNovemberfertigung wies dieZiffer 25
auf. DieSturmgeschütz-Produktion erreichteerstmals 100Stüde.
Neue Debatten umdieFrage des Panzereinsatzes entstanden Anfang Dezem-
ber 1942. Hitler wurdedarauf aufmerksamgemacht, daß der zersplitterteEinsatz
der Tiger große Nachteile mit sich bringe. Er äußerte nun die Ansicht, daß im
Osten der aufgesplitterte Einsatz angemessen sei, während man in Afrika zu
einemkonzentrierten Einsatz kommenmüsse. DieBegründung für diese unver-
ständliche Ansicht ist mir leider nicht zugänglich geworden.
Der Bau des Panzers I I I wurde nun ganz eingestellt, seineKapazität der Fer-
tigung von Sturmgeschützen zugeführt. Der Ausstoß an Sturmgeschützen sollte
bis J uni 1943 auf 220 Stück imMonat gesteigert werden, davon sollten 24 mit
leichten Feldhaubitzen ausgerüstet werden. DieAusrüstung mit diesemGeschütz
mit geringer Anfangsgeschwindigkeit undstark gekrümmter Flugbahntrug zwar
den Anforderungendes I nfanteriekampfes Rechnung, schwächte aber erneut die
Abwehrkraft gegenfeindlichePanzer.
Gelegentlich eines Vortrages der I ngenieure Porsche und Dr. Müller (Krupp)
sprach Hitler die Erwartung aus, daß das Versuchsfahrzeug „Mäuschen", des
100 t-Panzers, bis zumSommer 1943fertig werde; er verlangte danneine Serien-
produktion von5Stück monatlichbei der FirmaKrupp.
Meldungenüber Schwierigkeiteninder Ersatzteilbeschaffung infolge dauernder
Vermehrung der Typen als Folge der fortgesetzten Änderungen liefen ein.
255
I mJ anuar 1943 wurde die Diskussionüber dieFragen der Panzerung, der Ge-
schützausstattung und der Mammutpanzer fortgesetzt. Für die alten Panzer I V
wurde eine schrägeBugpanzerung von 100 mmbefohlen, für diePanther 100 mm
Frontpanzer. Der leichteAufklärungspanzer Leopard wurdeaus der Produktion
gestrichen, bevor er i nsieeingetreten war, weil er „weder i nder Panzerung noch
in der Bewaffnung den Bedingungen entsprechen wird, dieimJ ahre 1944 auf-
treten werden."
Für die Tiger wurde die Ausstattung mit der langen 8,8-cm-Kanone und eine
Frontpanzerung von 150 mmsowieeine Seitenpanzerung von80 mm angeordnet.
Porsches „Mäuschen" wurde zur Einführung bestimmt, seine Monatsserie auf
10 Stück erhöht. Dieses gigantische Kind der Phantasie Hitlers und seiner Ge-
folgsleute existierte vorläufig noch nicht einmal imHolzmodell. Trotzdembe-
schloß man das Anlaufender Serienfertigung für Ende 1943, dieBestückung mit
der 12,8-cm-Kanone und darüber hinaus das Studiumdes Einbaus der 15-cm-
Kanone.
Zum Kampf in Städten verordnete Hitler den Bau von drei Ramm-Tigernauf
Porsche-Fahrgestellen. Sie kamen nicht zur Ausführung. Aber man stelle sich
dieritterlicheKampfweise dieser neuestenErzeugnisse der Phantasieder Büro-
strategen vor! Damit diese Giganten des Städtekampfes auch mit genügendem
Sprit versehen werden konnten, wurde der Bau von Brennstoffanhängern und
Zusatzbehältern befohlen. Hitler forderte ferner den Bau vonNebel werf eraggre-
gaten für Panzer und erklärte den Hubschrauber als das geeignete Flugzeug für
Artillerie-Beobachtung und für Panzerverbände.
Ein Aufruf Hitlers „AnalleSchaffenden imPanzerbau* vom22. J anuar 1943 so-
wie neue Vollmachtenzur Steigerung des Panzerprogramms an den Minister
Speer zeigten die zunehmende Besorgnis um die absinkende Kampfkraft der
deutschen Panzertruppe gegenüber der imgleichbleibenden Serienbau des vor-
trefflichen russischen T 34 ständig wachsenden feindlichen.
Trotz dieser Erkenntnis befahl Hitler Anfang Februar denBau der sogenannten
Hummel (der schweren Feldhaubitze) und der Hornisse (der 8,8-cm-Kanone) als
Selbstfahrlafetten auf dem Fahrgestell des Panzers I V . Er stellte die gesamte
Produktion des Panzers I I auf Selbstfahrlafetten für leichteFeldhaubitzen, und
die des Panzers 38 t (des alten Tscbechenpanzers) auf Selbstfahrlafetten für die
Pak 40 um. Er befahl, 90 Porsche-Tiger „Ferdinand" besdileunigt fertig zu stellen.
Für diePanzer I V , diePanther und dieSturmgeschütze wurdenzumSchutz gegen
diepanzerbrechendeI nfanterie-Munition der Russensogenannte„Schürzen" ein-
geführt, lose an den Außenwänden der Panzer angehängte Panzerbleche, welche
diesenkrechten Teileder Wanne unddas Laufwerk schützten.
Schließlich mischtesichder Generalstab indieErörterung der immer schwieriger
werdenden Panzerlage einund verlangte die Aufgabe des Baues aller Typen
mit Ausnahme der Tiger undder noch nicht serienreifen Panther. Hitler war nur
zu geneigt, diesem Vorschlag zuzustimmen, und auch das Rüstungsministerium
256
begrüßte diedamit herbeizuführende Vereinfachung der Produktion. DieseArt
von Neuerern bedachte nur das eine nicht, daß mit der Einstellung des Baues
des Panzers I V das deutsche Heer bis auf weiteres auf dieMonatsproduktion
von 25 Tigern besdiränkt worden wäre. Das hätte allerdings die völlige V er-
nichtung des deutschen Heeres in sehr kurzer Frist zur Folgegehabt. DieRussen
hätten ohne die Hilfe ihrer westlichenAlliierten denKrieg gewonnen undEuropa
überflutet. KeineMacht der Erdehättesieaufzuhaltenvermocht. Die europäischen
Probleme hätten eine wesentliche Vereinfachung erfahren. Wir wüßten dann
alle, was wahre Demokratieist.
Die Gefahr, die hier drohte, war so riesengroß, daß nun aus der Panzertruppe
selbst und von einigen wenigen einsichtsvollenLeuten aus der militärischenUm-
gebung Hitlers nach einem Manne Umschau gehalten wurde, der in der Lage
wäre, das drohende Chaos in letzter Stunde zu vermeiden. Man legte Hitler
meine Vorkriegsschriften auf den Tisch und erreichte, daß er sie las. Dann machte
man ihmden Vorschlag, mich kommen zu lassen. Man überwand schließlich
das Mißtrauen Hitlers gegen meinePerson so weit, daß er einwilligte, mich we-
nigstens einmal anzuhören, und so wurde ich am 17. Februar 1943 zu meiner
größten Überraschung vom Heerespersonalamt angerufen und zu einer Aus-
sprachemit Hitler ins Führerhauptquartier nach Winnizabestellt.
17 Erinnerungen eines Soldaten
257
I X . GENERALI NSPEKTEUR DER PANZERTRUPPEN
Ernennung und erste Maßnahmen
Al s icham17. Februar 1943 anden Fernsprecher gerufen wurde, umeinen An-
ruf des Heerespersonalamtes entgegenzunehmen, ahnte ich nicht, was mir be-
vorstand. Noch vor wenigenWochenwar ichnachWiederherstellung vonmeinem
Herzleiden bei General Bodewin Keitel, demChef des Personalamtes, gewesen,
ummich nachder Gesamtlage undnachverschiedenenPersonalien zu erkundigen.
Nach seinen Auskünften ließ nichts auf eine Wiederverwendung schließen, im
Gegenteil. Nunteiltemir General Linnarz, der GehilfeKeitels, mit, ichsollemich
unverzüglich inWinniza beimFührer melden. DenZweck dieser Berufung konnte
er nicht angeben. Mir war klar, daß nur große Not Hitler zu diesemSchritt ver-
anlaßt haben konnte. Der Fall Stalingrads, dieunerhörte Kapitulation einer gan-
zen Armeeimfreien Felde, dieschwerenVerluste, diedieses nationale Unglück
imGefolgehatte, dieschwere Niederlageder Bundesgenossen, diedieAnschluß-
fronten andievernichtete6. Armeemit ihren unzulänglichenMitteln nicht hatten
halten können, dies alles hatte zu einer schweren Krise geführt. DieStimmung
imHeere undimV olkewar tief gesunken.
Zu der militärischen Katastrophegesellten sichnochaußen- undinnenpolitische
Schläge.
Die Westmächte hatten nach ihrer Landung auf afrikanischem Boden rasch
Fortschritte gemacht. Die wachsende Bedeutung dieses Kriegsschauplatzes trat
augenfällig inErscheinung, als sichvom14. bis 24. J anuar 1943 Roosevelt und
Churchill inCasablanca zu einer Konferenz trafen, deren für uns wichtigstes Er-
gebnis dieForderung nach bedingungsloser Kapitulation der Achsenmächte war.
Die Wirkung dieser brutalen Forderung auf das deutsche V olk und vor allem
auf das Heer war tief. Zumal für den Soldaten konntevonnun ab kein Zweifel
mehr herrschen, daß unsereFeindevonVernichtungswillengegenüber demdeut-
schen V olkeerfüllt waren, daß ihr Kampf sichnicht nur — wiesiedamals propa-
gandistischbehaupteten — gegen Hitler unddensogenannten Nazismus richtete,
sondern gegen den tüchtigen, daher unbequemen wirtschaftlichen Konkurrenten.
Lange Zeit rühmten sich die V äter des vernichtenden Gedankens von Casa-
blancaihres Werkes. Am5. J anuar 1945 sprach Winston Churchill imUnterhaus:
„Nur nach voller, durchdachter, nüchterner und reiflicher Erwägung aller Tat-
sachen, vonwelchenunser Leben und unsereFreiheit abhängen, hat der ameri-
kanische Präsident mit meiner vollen Zustimmung als Beauftragten des Kriegs-
kabinetts beschlossen, die Konferenz von Casablanca auf die Note der vollen
258
und bedingungslosen Kapitulation aller unserer Feinde abzustimmen. Daß wn
unbeugsamauf der bedingungslosenKapitulation bestehen, heißt nicht, daß wir
unsere siegreichen Waffen mit ungerechter und grausamer Behandlung ganzer
V ölker befleckenwerden.")
Kurz vorher, am14. Dezember 1944 hatte Winston Churchill den Polen Ost-
preußen versprochen— mit Ausnahme vonKönigsberg, das den Russen zufallen
sollte—, er hatteihnenDanzig und200Meilen Ostseeküste versprochenunddie
Freiheit, „ihre Grenzen auf KostenDeutschlands nach Westenauszudehnen.' Er
hatte wörtlich erklärt: „V on Osten nachWesten oder nach Nordenwird es eine
Umsiedlung mehrerer Millionen Menschen geben; die Deutschen werden ver-
trieben werden— denn geradedies wird vorgeschlagen — ja, es wird eineTo-
talaustreibung der Deutschen aus den Gebieten stattfinden, diePolen imWesten
und Nordenerhalten soll. Manwünscht keineVermischung der Bevölkerung."*)
War diese Behandlung der ostdeutschen Bevölkerung nicht grausam? War sie
nicht ungerecht? Das Unterhaus war offenbar nicht einmütig der Auffassung von
Churchill, denn am18. 1. 1945 verteidigteer sie erneut: „Wie muß unsereHal-
tung gegenüber dem schrecklichen Feind sein, mit demwir es zu tun haben?
Muß es eine bedingungslose Kapitulation sein oder sollen wir mit demFeind
einen Verhandlungsfrieden schließen und ihm die Möglichkeit lassen, nach
einigenJ ahrenwieder zumKriegezu schreiten? Das Prinzip der bedingungslosen
Kapitulation wurde vomPräsidenten der VereinigtenStaaten und von mir in
Casablanca proklamiert, und ichverpflichtetemich dafür dort und auch seither
für das Land. Ichbinsicher, daß wir richtig gehandelt haben, auchals vieleDinge
noch ungeklärt waren, dieseither zu unseren Gunstenentschieden wordensind.
Sollen wir also jetzt dieseErklärung ändern, diewir inder Zeit unserer Schwäche
eingegangen sind, jetzt wo wir eine Periode der Stärke erreicht haben? Es ist
für mich klar, daß für uns keine Gründe vorliegen, vomGrundsatz der bedin-
gungslosenKapitulation abzuweichen. Es liegenkeine Gründe vor, mit Deutsch-
land oder J apan irgendwie in Verhandlungen einzutreten, die die bedingungs-
lose Kapitulation einschränken würden . . ." *)
Winston Churchill ist heute nicht mehr so sicher, damals richtig gehandelt
zu haben. Er sowohl wie Bevin rückten hörbar von der damaligen Forde-
rung ab. Aber auch die Ergebnisse der Konferenz von J alta vomFebruar 1945
möchtemangerneabschwächen. Dahieß es: „Es ist nicht unser Ziel, das deutsche
V olk zu vernichten, aber erst nach Ausrottung des Nazitums unddes Militaris-
mus wird Hoffnung auf ein anständiges Leben für Deutsche bestehen undauf
einen Platz für sie inder Gemeinschaft der Nationen."*) Besteht diese Hoffnung
nun endlich?
") Angegeben nach Keesings Archiv 1945.
259
Freilich, imneutralen Ausland sah man schon imFebruar 1943, also zu dem
Zeitpunkt meiner Schilderung, über diezukünftige Entwicklung der europäischen
Dinge klarer als inden Kabinettender Westmächte. Am21. Februar 1943 rich-
tete der spanischeStaatschef Franco eineNoteanden britischenBotschafter Sir
Samuel Hoare, darin heißt es: „Wenn sich der Verlauf des Krieges nicht ent-
scheidend ändert, werden die russischen Armeen tief nach Deutschland vordrin-
gen. Würden dieseEreignisse — imFalle ihres Eintreffens — nicht Europa und
England außerordentlich gefährden? Ein kommunistisches Deutschland würde
Rußland seinemilitärischen Geheimnisse und seine Kriegsindustrie übergeben.
DeutscheTechniker und Spezialisten würden Rußland indieLage versetzen, ein
Riesenreich vomAtlantik bis zumPazifischen Ozean aufzurichten.
I ch frage mich: gibt es in Mitteleuropa, imKunterbunt uneiniger Rassenund
Nationen, diedurchdenKrieg verarmt undausgeblutet sind, eineMacht, dieden
Bestrebungen Stalins Einhalt gebietenkönnte? Nein, es gibt keine. Wir können
sicher sein, daß alle dieseLänder früher oder später unter die Herrschaft des
Kommunismus geraten. Wir betrachten deshalb dieSituationals außerordentlich
ernst und ersuchen das britische V olk, die Lage sorgfältig zu erwägen. Erhält
Rußland die Erlaubnis, Deutschland zu besetzen, wird niemand imStande sein,
einemweiterenV ordringender Sowjets Einhalt zu gebieten.
Wenn Deutschland nicht bestehen würde, müßten wir es schaffen. Zu glauben,
daß sein Platz durch eine Föderation vonLetten, Polen, Tschechen und Rumänen
eingenommenwerdenkönnte, ist lächerlich. Einsolcher Staatenbund würde rasch
unter russische Gewalt kommen.**)
Sir Samuel Hoareantwortete am25. Februar 1943, wir dürfen wohl annehmen,
imAuftrageundmit Genehmigung seiner Regierung: „I ch kanndieTheorie, daß
Rußland nach demKriegeeineBedrohung für Europa bilden wird, nicht akzep-
tieren. Ebenso weise ich den Gedanken zurück, Rußland könnte nach Abschluß
der Kämpfe eine politischeKampagnegegen Westeuropa starten. — Siestellten
fest, daß der Kommunismus diegrößte Gefahr für unseren Kontinent bildet und
ein russischer Sieg demKommunismus zumTriumph über ganz Europa verhelfen
würde. Wi r sindganz anderer Ansicht. — Kanndenn nach diesemKriege eine
Nation — völlig auf sich gestellt — Europa beherrschen? Rußland wird mit
seinemWiederaufbau beschäftigt seinundist dabei größtenteils auf dieHilfe der
Vereinigten Staaten und Großbritanniens angewiesen. Rußland nimmt bei dem
Kampf umden Sieg keineführende Stellung ein. Diemilitärischen Anstrengun-
gen sind völlig gleich und den Sieg werden die Alliierten gemeinsamerringen.
Nach Kriegsende werden große amerikanische und britische Armeenden Kon-
tinent besetzen. Sie werden aus erstklassigen Soldaten bestehen und nicht, wie
die russischen Einheiten, angeschlagen und erschöpft sein.
") Aus denEuropa-Briefendes Frhr. vonStauffenberg 1950
260
I ch wage zu prophezeien, daß die Engländer die kraftvollsteMilitärmacht auf
demKontinent seinwerden. Der britischeEinfluß auf Europa wird dann ebenso
stark sein wieinden Tagen des Sturzes Napoleons. Gestützt auf unseremilitä-
rischeStärke wird unser Einfluß inganz Europaspürbar seinundwir werden uns
am Aufbau Europas beteiligen."*)
Soweit Sir Samuel, der Wortführer Großbritanniens imneutralen Spanien Fran-
cos. Das klang sehr selbstbewußt. Hitler in seinem instinktiven Widerwillen
gegen diplomatischeVerhandlungenwußte genau, daß er mit den Westmächten
zu keiner Einigung kommen konnte. SeinSchicksal — aber auch das des deut-
schen Volkes — hing an der Spitze des Schwertes.
I nnenpolitischwaren durchdieEntlassung Raeders und Schachts neueSpannun-
gen erkennbar geworden. I rgendwieschien es imGebälk zu knistern.
Unter demDruck dieser Ereignisse trat icham18. Februar 1943, von Oberleut-
nant Becke begleitet, die Fahrt mit der Bahn nach Rastenburg in Ostpreußen
an, umsievondort mit demFlugzeug fortzusetzen. I mZugetraf ichden General
Kempf, meinenaltenWaffengefährten, underfuhr vonihmmancherlei über den
Verlauf der Operationenwährend des verflossenen J ahres. I nRastenburg wurde
ich vonKeitels Adjutanten, Major Weiß, empfangen, der mir allerdings über den
Zweck meiner Reisenichts Genaues sagenkonnte. Mi t Kempf undmeinemalten
Mitarbeiter vonder I nspektionder Kraftfahrtruppenund der 2. Panzer-Division
aus Friedenszeiten Chales deBeaulieuflog ichalsdann nachWinniza, wo wir am
19. nachmittags eintrafen und imMilitärgasthaus „J ägerhöhe" untergebracht
wurden.
Am 20. Februar vormittags erschien General Schmundt, der Chefadjutant Hit-
lers, zu einer eingehenden Aussprache über Hitlers Absichtenund die Möglich-
keiten ihrer V erwirklichung. Schmundt eröffnete mir, daß die deutsche Panzer-
truppeinfolgeder zunehmenden Überlegenheit der russischen ineine so schlechte
Lagegekommensei, daß dieNotwendigkeit ihrer Erneuerung nicht mehr von der
Hand zu weisen sei. DieAnsichtendes Generalstabes unddes Rüstungsministe-
riums gingen stark auseinander, besonders aber hätte die Panzertruppe selbst
das Vertrauen indie Führung verlorenund verlange dringend nach einer tat-
kräftigen und sachverständigen Leitung der Waffe. Hitler habe sich daher ent-
schlossen, mir die Obhut über die Panzertruppe anzuvertrauen. Er frage nach
meinen V orschlägen für die Ausführung dieses Wunsches. I ch antwortete
Schmundt, daß ichangesichts der Not meines V olkes und meiner Waffe bereit
wäre, dem Rufe Hitlers zu folgen. I ch könnte aber eine erfolgreiche Tätig-
keit nur unter bestimmten Voraussetzungen entfalten, und dies umso mehr,
als icherst kürzlich vonschwerer Krankheit genesen sei und meine Kraft nicht
in fruchtlosen Kompetenzkonfliktenzerreiben wolle, wiesie mir inmeinen frü-
heren Stellungenimmer aufgezwungen worden seien. Ichmüsse also verlangen,
*) Aus den Europa-Briefen des Frhr. von Stauffenberg 1950.
261
nicht demChef des Generalstabes des Heeres und ebenso wenig demBefehls-
haber des Ersatzheeres unterstellt zu werden, sondern Hitler unmittelbar. Ferner
müssemir der Einfluß auf dieEntwicklung des Panzergeräts beimHeereswaffen-
amt undbeimRüstungsminister zugestanden werden, ohne den die Wiederher-
stellung der Kampfkraft der Waffe nicht denkbar sei. Schließlich müsse ichauf
die Organisation und Ausbildung der Panzerverbände der Luftwaffe und der
Waffen-SS dengleichenEinfluß erhalten, wieüber diedes Heeres. Es sei selbst-
verständlich, daß diePanzerverbände des Ersatzheeres und dieSchulen mir un-
terstellt würden.
I ch bat Schmundt, dieses ProgrammdemFührer vorzutragen und mich nur im
Falle seiner Genehmigung zu Hitler zu rufen. Andernfalls sei es besser, mich
nach Berlin zurückkehren zu lassen und auf meine Verwendung zu verzichten.
Die Aussprache mit Schmundt dauerte zwei Stunden.
Sehr bald nach Schmundts Rückkehr ins Führerhauptquartier erfolgte einAn-
ruf, der mich um15,15 Uhr zumV ortrag zu Hitler bestellte. I di wurde pünktlich
empfangen, anfänglich in Gegenwart von Schmundt, sehr bald aber in Hitlers
Arbeitsraumunter vier Augen. I chhatte Hitler seit demdunklen 20. Dezember
1941 nicht mehr gesehen. Er war inden verflossenen 14 Monaten sehr gealtert.
SeinAuftreten war nicht mehr so sicher wiedamals, seineSprachezögernd; seine
linke Handzitterte. Auf seinemSchreibtischlagenmeineBücher. Er eröffnete die
Unterhaltung mit den Worten: „Unsere Wege haben sich 1941 getrennt. Es gab
damals eine Reihe von Mißverständnissen, die ich sehr bedauere. Ich brauche
Sie." Ich antwortete, daß ich bereit sei, wenn er mir die Voraussetzungen zu
einemgedeihlichenWirken schaffen könne. Hitler eröffnete mir nun, daß er die
Absicht habe, mich zum Generalinspekteur der Panzertruppen zu ernennen.
Schmundt habe ihmmeineAuffassung zu dieser Frage mitgeteilt. Er billige sie
und bitte, auf dieser Grundlage eine Dienstanweisung auszuarbeiten und ihm
vorzulegen. Er erwähnte, daß er meineVorkriegsschriftenüber die Panzertruppe
erneut gelesen und aus ihnen ersehenhabe, daß ichschon damals den Gang der
Entwicklung richtig vorausgeahnt hätte. I chsolle meine Gedanken nunmehr in
dieTat umsetzen.
Hitler ging dann auf die gegenwärtige Kriegslage ein. Er war sich über den
schwerenRückschlag klar, den wir militärisch, politisch undmoralischdurch Sta-
lingrad und dieanschließenden rückläufigen Bewegungen imOsten erlitten hat-
ten, undbrachte — vonseinemStandpunkt nur natürlich — seine Entschlossen-
heit zumDurchhaltenundWiederherstellender KriegslagezumAusdruck. Dieses
ersteZusammentreffen mit Hitler endete nach etwa 45 Minuten sachlicher Aus-
sprachegegen 16 Uhr.
V on Hitler begab ichmich zumChef des Generalstabes, General Zeitzier, um
michüber diemilitärischeLageunterrichtenzu lassen. DenAbendverbrachteich
sodann inGesellschaft der Generale Köstring, früher Militärattache inMoskau,
von Prien, Feldkommandant von Winniza, undBuschenhagen, Kommandeur der
262
15. I nfanterie-Division, diemir allegut bekannt waren, undvon denen ichnadi
meiner langen Abwesenheit mancherlei Aufklärung erhielt. Was über die deut-
scheVerwaltung durch Prien berichtet wurde, war sehr unerfreulich. Die deut-
schen Methoden, besonders diedes deutschen Reichskommissars Koch, hatten die
Ukrainer aus Freundender Deutschen zu unseren Feindengemacht. Leider waren
diemilitärischen Stellengegen dieseMachenschaften wehrlos. Sievollzogensich
auf demPartei- undVerwaltungswegeohne Mitwirkung der Soldatenundinder
Regel ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen. Nur Gerüchte über die ver-
schiedenartigen Ubergriffe drangen an unser Ohr.
Den 21. Februar benutzte ichzu Aussprachen mit J odl, Zeitzier und Schmundt
und mit demOberst Engel, einemder Adjutanten Hitlers, über die Grundzüge
meiner neuen Dienstanweisung.
Am22. Februar flog ichnach Rastenburg, umdort mit Feldmarschall Keitel, der
nicht indemvorgeschobenen Führerhauptquartier i nWinniza weilte, dieDienst-
anweisung fertigzustellen. Hierzu wurde am23. auch noch der Befehlshaber des
Ersatzheeres, Generaloberst Fromm, hinzugezogen. DieDienstanweisung wurde
in den nächsten Tagen vollendet und am28. Februar vonHitler genehmigt und
unterschrieben. Weil siefür meineTätigkeit indenfolgendenJ ahren vongrund-
legender Bedeutung wurde, lasseichsieimWortlaut folgen.
DIENSTANWEISUNG
FÜR DEN GENERAL INSPEKTEUR DER PANZERTRUPPEN.
1. Der Generalinspekteur der Panzertruppen ist mir verantwortlich für eine der kriegs-
entscheidenden Bedeutung entsprechende Weiterentwicklung der Panzertruppen.
Der Generalinspekteur der Panzertruppen untersteht mir unmittelbar. Er hat die Dienst-
stellung eines Oberbefehlshabers einer Armee und ist oberster Waffenvorgesetzter der
Panzertruppe.')
2. Dem Generalinspekteur der Panzertruppen obliegt Organisation und Ausbildung der
Panzertruppe und der großen Schnellen Verbände des Heeres im Einvernehmen mit dem
Chef des Generalstabes des Heeres.
Er hat außerdem das Recht, in meinem Auftrage der Luftwaffe und der Waffen-SS auf
dem Gebiete der Organisation und Ausbildung der Panzertruppen Weisungen zu geben.
Grundsätzliche Entscheidungen behalte ich mir vor.
Seine Forderungen für die technische Weiterentwicklung seiner Waffen und für die
labrikatorischen Planungen trägt er mir in enger Verbindung mit dem Reichsminister für
Bewaffnung und Munition zur Entscheidung vor.
3. In seiner Eigenschaft als Waffenvorgesetzter ist er auch Befehlshaber der Ersatztrup-
pen seiner Waffen. Es ist seine Aulgabe, für das Feldheer laufend voll brauchbaren Er-
satz an Personal und Panzerfahrzeugen sicherzustellen, gleichgültig, ob es sich um Einzel-
fahrzeuge, Auffrischung oder Neuaufstellung von Verbänden handelt.
Die Verteilung der Panzer und gepanzerten Fahrzeuge auf Feld- und Ersatzheer ist seine
Aufgabe nach meinen Weisungen.
•) Die Bezeichnung „Panzertruppen" in dieser Dienstanweisung umfaßt: Panzertruppen,
Panzergrenadiere und Infanterie (mot.), Panzeraufklärungstruppen, Panzerjägertruppen
und schwere Sturmgeschützeinheiten.
263
4. Der Generalinspekteur der Panzertruppen stellt die planmäßige und zeiffferechte
Durchlähmng der belohlenen Neuaulstellungen und AuflrisAungen von Panzertruppen
und schnellen Verbänden sicher. Er sorgt hierzu im Einvernehmen mit Generalstab des
Heeres für eine zweckmäßige Verwendung panzerloser Besatzungen des Feldheeres.
5. Der Generalinspekteur der Panzertruppen hat die Kriegserfahrungen für Kämpft üh-
rung, Bewaffnung, Ausbildung und Organisation der Panzertruppen auszuwerten.
Hierzu hat er das Recht, alle Panzertruppenteile der Wehrmacht und der Waffen-SS
aufzusuchen und zu besichtigen.
Dem Generalinspekteur der Panzertruppen berichten die Panzertruppen des Feldheeres
über Erfahrungen aller Art unmittelbar. Seine Wahrnehmungen und Erfahrungen bringt
er allen zuständigen Dienststellen einschließlich Reichsminister für Bewaffnung und Mu-
nition zur Kenntnis.
Der Generalinspekteur der Panzertruppen leitet die Bearbeitung aller Vorschriften für
die Panzertruppen. Dabei ist vor Herausgabe von Vorschriften, die die Führung von Ver-
bänden und das Zusammenwirken mit anderen Waffen betreffen, das Einverständnis
des Chefs des Generalstabes herbeizuführen.
6. Dem Generalinspekteur der Panzertruppen als Waffenvorgesetzten sind dauernd un-
terstellt:
a) die Ersatz- und Ausbildungstruppenteile der Schnellen Truppen (außer Kavallerie- und
Radfahr-Ersatztruppenteile), die unter besonderen Kommandobehörden zusammengefaßt
sind,
b) die Schulen für Schnelle Truppen (ohne Kavallerie- und Radfahrlehreinrichtungen) des
Feld- und Ersatzheeres mit den dazu gehörigen L ehrtruppen.
7. Der Generalinspekteur der Panzertruppen ist ermächtigt, im Rahmen seiner Befug-
nisse bindende Weisungen an alle Dienststellen des Heeres zu erteilen. Alle Dienststellen
sind gehalten, dem Generalinspekteur der Panzertruppen die von ihm benötigten Unter-
lagen zur Verfügung zu stellen.
Führerhauptguartier, den 28. Februar 1943
Der Führer
gez. Adoll Hitler.
Die Dienstanweisung enthielt eine Reihe von Befugnissen, die weit über die-
jenigen der sogenannten .Waffengenerale" imOKH, meinen Kollegenvon den
anderen Waffen, hinausgingen, welche demChef des Generalstabes des Heeres
unterstanden, für jede Reisezur Truppe dessenGenehmigung erbitten mußten,
keinerlei Einfluß auf das Ersatzheer unddieSchulen hatten undkeineVorschrif-
ten herausgebendurften. DieLeistungen dieser beklagenswerten Soldaten blie-
ben natürlichbeschränkt. Nur so ist es zu erklären, daß bis dahin auchdieWaf-
fengenerale der Panzertruppen nichts Grundlegendes zu Wege gebracht hatten.
Die erfahrenen Frontoffizieredrängten sichnicht zu diesemPosten und versuch-
ten, wennsiegezwungen wurden, ihndennochzuübernehmen, mit allenMitteln,
wieder an dieFront zu kommen, wo sie sichauswirkenkonnten. Für diePanzer-
truppen jedenfalls wurde dieser Zustand mit meiner Ernennung zum General-
inspekteur behoben. I chwunderte mich nicht, daß der Generalstab, zumal sein
Chef, und das OKH wenig entzückt von dieser Dienstanweisung waren und sie
als einenEingriff inihregeheiligtenRechte empfanden. I ch habedennvon dieser
Seite auch eine Kette von Schwierigkeiten und Hemmungen zu erdulden ge-
264
habt, die sichbis indie Nachkriegszeit fortsetzten und selbst vor Entstellungen
nicht zurückschreckten. Der großen Sachegeschahjedenfalls durch die Neurege-
lung kein Abbruch, die Panzertruppe aber blieb bis zumbitteren Ende eine
scharfe, auf der Höhe der Zeit undihrer Aufgabe gehaltene Waffe.
Nur einschwerwiegender Fehler hatte sich in dieDienstanweisung eingeschli-
chen, während sie vonRastenburg nach Winnizaauf den Schreibtisch Adolf Hit-
lers reiste: I ndieFußnote zur Ziffer 1, die den Begriff „Panzertruppen" umriß,
hatte ichdieSturmgeschützeinheiten aufgenommen, diebisher der Artillerie zu-
gerechnet wurden. Dies geschah aus guten Gründen, denn die Produktion an
Sturmgeschützen bildete einen erheblichen Teil der Panzerproduktion; die Lei-
stungsfähigkeit der Sturmgeschütze auf demGebiet der Panzerabwehr war aber
demgegenüber gering, weil siemit unzulänglichen Kanonenbestückt waren. Noch
geringer freilich war die Leistung der von Berufs wegen zur Panzerabwehr be-
stimmten Einheiten der „Panzerjäger" geworden. Sie mußten sich immer noch
mit vonHalbkettenfahrzeugen gezogenen Geschützen mit ungenügender Durch-
schlagsleistung gegen die feindlichen Panzer begnügen, waren also praktisch
nutzlos. Hier wollte ichWandel schaffen. Durchdas hinter meinemRücken indie
Fußnote eingeschmuggelte Wort „schwere" beschränkte man nun die Abgabe
vonSturmgeschützen andenGeneralinspekteur auf dieschwerenEinheiten dieser
Waffe, die erst entstehenundmit den Panzerjägern auf der Basis der Tiger und
Panther bewaffnet werden sollten. Schon bei meinemersten V ortragmußte ich
erkennen, welchen Streich man mir damit gespielt hatte, d. h. nicht mir persön-
lich, sondern der Panzerabwehr des Heeres unddamit demHeere selbst.
Während die Dienstanweisung den bürokratischen Weg durchlief, begab ich
mich nachBerlin, ummeinen Stabzusammenzustellen undarbeitsfähig zu machen.
I ch verschaffte mir mein altes Bürogebäude inder Bendlerstraße, indemich als
Chef der Schnellen Truppen vor demKriegegehaust hatte. Zu meinemChef des
Stabes wählte icheinen erfahrenen Frontoffizier und begeisterten Panzermann,
den Oberst Thomale, der seineneue Aufgabe mit größter Hingabe in Angriff
nahmund sichihr bis zumZusammenbruch ingleichbleibender Pflichttreue wid-
mete. Bei der Besetzung dieser wichtigstenStellemeines Stabes kames mir auf
persönliche und sachliche Eignung besonders an. Zwei Generalstabsoffiziere für
die Gebiete der Organisation und Verwendung, der infolge schwerer V erwun-
dung nicht ganz frontdienstfähige Oberstleutnant Freyer und der frische, junge
Major Kauffmanntraten hinzu. Letzterer wurde später durchdenMajor Freiherr
von Wöllwarth ersetzt. Adjutant wurde der schwer verwundete Oberstleutnant
Prinz Max zu Waldeck. Für jede Gattung der Panzertruppen wurdeein Bearbei-
ter aus demKreiseder fronterfahrenen Offiziere der Waffeberufen, inder Regel
schwer verwundete, einige Zeit schonungsbedürftige, ältere Offiziere, die von
Zeit zu Zeit ausgetauscht wurden, wenn sie genesen waren und den Staub des
Büros mit demfrischenWind der Front vertauschen wollten. Durch dieses System
des Wechsels blieb die Generalinspektion in enger, lebendiger Fühlung mit der
265
Front. Für die Ersatztruppenteile wurde ein I nspekteur der Panzertruppen des
Heimatgebietes, zeitweilig General Eberbach, ernannt, der seinen Sitz in Berlin
nahm. Sein Chef des Stabes, Oberst Bolbrinker, war gleichzeitig Chef der I n6,
der Abteilung für Panzertruppen imAllgemeinenHeeresamt des Befehlshabers
des Ersatzheeres, eine Regelung, die ichimEinveraehmen mit Frommzu dem
Zweck herbeigeführt hatte, meine Maßnahmen mit denen des Ersatzheeres zu
koordinieren, soweit gemeinsame Belange inFrage kamen; siehat sichbis zum
Schluß des Krieges bewährt. DieSchulender Panzertruppen wurdeneinemKom
mandeur der Schulen unterstellt, lange Zeit dem schwer verwundeten General
von Hauenschild. Schließlich kommandierteicheinebegrenzte Anzahl vonReise-
Offizieren inmeinen Stab, Genesende, dienoch nicht front-, aber doch begrenzt
heimatdienstfähig waren, und die zur Beschaffung undAuswertung vonKriegs-
erfahrungen undzu Untersuchungen besonderer Vorkommnisseander Front ver-
wendet werdensollten.
Die Vorschriftenstelle wurde dem Oberst Theiß übertragen, dembereits aus
demJ ahre 1938 bekannten, damaligenKommandeur des österreichischen Panzer-
Bataillons. Er hat siebis zumZusammenbruch geleitet undsich außerdem große
Verdienste umdieSammlung kriegsgeschichtlicher Unterlagen erworben.
I n Berlin suchte ichdiemilitärischen Dienststellenauf, mit denen ichin Zukunft
zu arbeiten haben würde. Unter anderen ging ichauch ins Luftfahrtministerium
zu Feldmarschall Milch, den ichaus der Vorkriegszeit gut kannte und schätzte.
Milch gab mir eine eingehende und sehr aufschlußreiche Charakteristik der da-
mals maßgebenden Persönlichkeiten. Er hielt aus dem großen Kreis national-
sozialistischer Würdenträger nur sehr wenige für wichtig und von Einfluß bei
Hitler und empfahl mir, diese aufzusuchen. Es waren Goebbels, Himmler und
Speer, den ichals Munitionsminister ohnehin besuchen mußte.
Auf Grund des Vorschlages von Milch machte icham6. 3. Dr. Goebbels einen
Antrittsbesuch und stellte mich ihmin meiner neuen Eigenschaft als General-
inspekteur der Panzertruppen vor. I ch wurde sehr freundlich empfangen und
sofort ineinlängeres Gespräch über unserepolitischeundmilitärischeLage ver-
wickelt. Dr. Goebbels war zweifellos einer der klügsten Männer aus der engeren
Umgebung Hitlers. V onihmwar vielleicht eine Mitwirkung zur Besserung der
Lage zu erhoffen. Deshalb lag mir daran, sein V erständnis für dieNotwendig-
keiten der Front undder Kriegführung zu gewinnen. Als er sichindieser ersten
Unterredung, die wir miteinander hatten, zugänglich zeigte, machte ichihnauf
die schlechteOrganisation und die nochschlechterepersonelle Zusammensetzung
unserer obersten militärischen Führung aufmerksam. I chbat ihn zu bedenken,
daß sich aus demNebeneinander der verschiedenen I nstanzen — OKW, Wehr-
machtsführungsstab, OKH, Luftwaffe, Kriegsmarine, Waffen-SS, Rüstungsminister
— ein Durcheinander inder Führung entwickelt habe, daß dieses V ielerlei dem
Führer, der immer mehr I mmediatstellen schüfe, auf die Dauer über den Kopf
wachsen müsse, daßHitler kein gelernter Generalstäbler sei unddaher gut täte.
266
sich einen Chef des Wehrmachtgeneralstabes an dieSeite zu stellen, der opera-
tiv zu führen verstünde und dieser Aufgabe besser gewachsen sei als Feldmar-
schall Keitel. I chbat Dr. Goebbels, sichder Aufgabe zu unterziehen, dies alles
in geeigneter FormHitler zu unterbreiten, da ichmir mehr Erfolg verspräche,
wenn diese entscheidende Angelegenheit von einemNichtsoldaten seines eng-
sten Vertrautenkreises an ihnherangetragen würde, als von einemGeneral, zu
dem er nach meiner bisherigen Erfahrung kein uneingeschränktes V ertrauen
habe. Dr. Goebbels meinte, das sei ein sehr heißes Eisen, aber er wolle versuchen,
bei günstiger Gelegenheit die Sprache darauf zu bringen und Hitler zu einer
wirksameren Organisation des militärischen Oberbefehls zu veranlassen.
Sodann begabichmich indiesen Tagen zu Speer, der mir mit offener Kamerad-
schaft begegnete. Mit diesem verständigen, natürlichen Manne habe ichin der
Folge aufs beste zusammengearbeitet. Speer ließ sich in seinen Überlegungen
und Entschlüssen vom gesunden Menschenverstand leiten und war frei von
krankhaftem, persönlichem Ehrgeiz und Ressortpartikularismus. Freilich, damals
war er noch sehr vonHitler eingenommen; aber er besaß doch ein so unabhän-
giges Urteil, daß er dieFehler und Mängel des Systems sah unddanach strebte,
sie abzustellen.
Ummir einen Einblick in den Stand der Panzerfabrikation zu verschaffen, be-
suchte ich alsbald die Firmen Alkett in Spandau und Daimler-Benz in Berlin-
Marienfelde.
Schließlich entwarf ich neue Kriegsgliederungen für die Panzer- und Panzer-
grenadier-Divisionenfür das J ahr 1943 und— soweit dies vorausschauend mög-
lich war — für 1944, mit demZiel, Einsparungen an Menschen undMaterial bei
gleichzeitiger Steigerung der Kampfkraft durch neuzeitliche Bewaffnung und
Fechtweise herbeizuführen. Auf dieser Arbeit baute sichauch der erste V ortrag
auf, den icham9. März Hitler haltenwollte. Zu diesemBehuf flog ichmit Oberst
Thomalenach Winniza. Dort fand ichum16 Uhr eine große Versammlung vor,
die meinemDebüt beiwohnenwollte. I chwar sehr entsetzt, als ichdiesen Auf-
marsch sah, denn ichhatte gehofft, meine Angelegenheiten inkleinstemKreise
vortragen zu können. Aber ich hatte den Fehler begangen, der Adjutantur
Hitlers den I nhalt meines Vortrages inStichwortenanzumelden. Nun erschienen
alle I nteressenten, das gesamte OKW, der Chef des Generalstabes des Heeres
mit einigenseiner Abteilungschefs, die Waffengenerale der I nfanterie undAr-
tillerie und schließlich Schmundt als Chef der Adjutantur. Alle hatten an
meinen Plänen etwas auszusetzen, besonders aber an der von mir gewünschten
Unterstellung der Sturmgeschütze unter den Generalinspekteur und an der Um-
bewaffnung der Panzer J äger-Abteilungen der I nfanterie-Divisionenmit Sturmge-
schützen anStelleder durchHalbkettenfahrzeuge gezogenen, unzulänglichen Ge-
schütze. I nfolge dieser, nicht von mir vorhergesehenen, heftigen Widerstände
dauerte der V ortrag vier Stunden undwar für midi so erschöpfend, daß ichnach
Verlassen des Raumes das Bewußtsein verlor undder Länge nachauf denBoden
267
fiel. ZumGlück dauertedieOhnmacht nur einen Augenblick undwurde von nie-
mandem bemerkt.
Die Vortragsnotiz zu dieser Aussprache, d. h. diestichwortartigenAufzeichnun-
gen, die ich mir als Gedächtnisstütze angefertigt und mitgenommen hatte, ist
durch einenglücklichenZufall erhaltengeblieben, und ich lasse sie nachstehend
folgen, weil sie kennzeichnend für die vielen Besprechungen mit Hitler ist, die
dieser ersten folgen sollten:
Vortragsnotiz
1. Die Autgabe iär 1943 lautet, für Angriffe mit begrenztem Ziel eine gewisse Anzahl
von Panzerdivisionen vollkampikräitig zur Verfügung zu stellen.
Für 1944 müssen wir zum Angriff großen Stils befähigt sein. Vollkampfkräftig ist eine
Panzerdivision nur dann, wenn die Zahl ihrer Panzerkampfwagen in angemessenem Ver-
hältnis zu den übrigen Waffen und Fahrzeugen steht. Die deutschen Panzer-Divisionen
sind in dieser Hinsicht auf 4 Panzer-Abteilungen mit rund 400 Panzern zugeschnitten.
Sinkt die Zahl der Panzer erheblich unter 400, so steht der Apparat (Zahl der Menschen
und Radfahrzeuge) in keinem Verhältnis zur wahren Stoßkraft. Zur Zeit besitzen wir
leider in diesem Sinne überhaupt keine voll kampfkräftigen Panzer-Divisionen mehr.
Von ihrer Wiedererrichtung hängt aber der Schlachterfolg in diesem und erst recht im
nächsten Jahre ab. Gelingt die L ösung dieser Aufgabe, so werden wir im Zusammen-
wirken mit der Luftwaffe und U-Bootwaffe den Krieg gewinnen. Gelingt sie nicht, —
so wird der Erdkampf langwierig und verlustreich. (Artikel L iddell Hart --- leider nicht
mehr vorhanden.)
Es kommt also darauf an, unverzüglich und unter Verzicht auf alle Sonderinteressen
vollkampikräftige Panzer-Divisionen zu schaffen, wobei es besser ist, sich mit wenigen,
aber starken Divisionen zu begnügen, statt viele, mangelhaft ausgerüstete zu besitzen.
Letztere verbrauchen unverhältnismäßig viel Radfahrzeuge, Brennstoff und Menschen
ohne entsprechenden Nutzeffekt, belasten die Führung und Versorgung und verstopfen
die Straßen.
2. Um das gesteckte organisatorische Ziel zu erreichen, schlage ich für 1943 folgende
Kriegsgliederung vor: (Skizze 1, leider nicht mehr vorhanden).
Hierzu ist bezüglich der Panzerausstattung zu sagen:
Die Bewaffnung mit Panzern ruht zur Zeit ausschließlich auf dem Panzer IV. Unter Be-
rücksichtigung des laufenden Ersatzbedarfes für das Ostheer und Afrika, sowie des Be-
darfes an Ausbildungsgerät kann monatlich eine Abteilung neu aufgestellt oder voll auf-
gefüllt werden. Ferner kann 1943 mit der Aufstellung einer begrenzten Zahl von Panzer-
Abteilungen mit „Panther" und „Tiger" gerechnet werden, die jedoch — was die „Panther"
anlangt — nicht vor Juli/August frontverwendbar sein dürften.
Um dennoch die aufzufrischenden Panzer-Divisionen einigermaßen vollkampfkräftig zu
machen, ist daher der Rückgriff auf die in verhältnismäßig großer Zahl anfallenden, leich-
ten Sturmgeschütze erforderlich.
Ich halte es für unabweisbar, monatlich eine Panzer-Abteilung mit leichten Sturmge-
schützen bewaffnet aufzustellen und in die Panzer-Divisionen einzugliedern, solange bis
der Fabrikausstoß an Panzern allein genügt, um den Bedarf der Panzer-Divisionen zu
decken.
Ferner wäre der Weiterbau des Panzers IV durch das Jahr 1944/45 hindurch mit Hoch-
druck fortzusetzen, ohne jedoch hierdurch den Ausstoß an Panthern und Tigern zu ge-
fährden.
268
3. Für 1944 schlage ich eine Kriegsgliederung nach Skizze 2 vor (leider nicht mehr vor-
handen). Sie enthält gegenüber der Skizze 1 lediglich bei den Panzern: Auffüllen des
Regiments auf eine Brigade zu vier Abteilungen.
4. Die Panzerzahlen der vorgeschlagenen Gliederungen lassen sich erreichen durch zu-
nehmende Fabrikation an Panzern IV, Panthern und Tigern, und — bis diese ausreicht —
durch Rückgriff auf die leichten Sturmgeschütze auf dem Fahrgestell des Panzers IV mit
der 7,5-cm-Kanone L 48.
Sie lassen sich ferner nur erreichen, wenn die Grundlagen für die längere L ebensdauer
des einzelnen Panzers geschaffen werden. Hierzu ist erforderlich:
a) Ausreifenlassen der Neukonstruktionen (Pantherl)
b) Gründliche Ausbildung der Besatzungen (Beteiligung an der Fertigmontage, Einzel-
und Verbandsausbildung),
c) Zuweisung genügenden L ehrgeräts an die Ausbildungseinheiten (s. Anlage — nicht
mehr vorhanden). Brief General Hube über dessen Fronterfahruugen (nicht mehr vor-
handen),
d) Stetigkeit der Ausbildung und die nötige Zeit hierfür (kein Verlegen von Neu-
formationen während der Ausbildung von ihren Standorten und aus der Fabriknähe).
5. Der unerläßliche Schlachteriolg läßt sich nur erreichen durch schärfste Konzentration
aller Panzerkräfte auf den entscheidenden Raum im geeigneten Gelände und durch Uber-
raschung in Bezug auf Zahl und Gerät.
Hierzu ist erforderlich:
a) Verzicht auf Ausstattung der Nebenkriegsschauplätze mit Panzern neuer Bauart und
Beschränkung auf Beutepanzerverbände an diesen Fronten,
b) Zusammenfassen aller Panzereinheiten (einschließlich Tiger, Panther, Panzer IV und
vorläufig auch eines Teils der leichten Sturmgeschütze) in den Panzer-Divisionen
und -Korps unter sachverständiger Führung,
c) Berücksichtigung der Geländeverhältnisse beim Ansatz zum Angriff,
d) Zurückhalten neuen Geräts (d. h. jetzt noch Tiger, Panther und schwere Sturmge-
schütze) bis eine genügende Anzahl dieser Waffen einen durchschlagenden Uber-
raschungserfolg gewährleistet.
Vorzeitige Preisgabe neuen Geräts lädt uns für das nächste Jahr bereits eine wirk-
same Abwehr auf den Hals, der wir dann so schnell nichts entgegensetzen können.
e) Verzicht auf Neuformationen: die Stämme der alten Panzer- und mot. Divisionen
enthalten in ihren geschulten Menschen und dem Bestand an Gerät für die Auf-
frischung unentbehrliche Hilfe, denen Neubildungen niemals gleichwertig sind.
Der zur Zeit bestehende Dauereinsatz von Panzer-Divisionen in reiner Abwehr ist
verschwenderisch. Er verzögert die Auffrischung und damit die Angriffsbereitschaft.
Es käme darauf an, alsbald zahlreiche Stämme von Panzer-Divisionen zur Auf-
frischung aus der Front zu lösen.
6. Die Panzerabwehr wird mehr und mehr zur Hauptaufgabe des Sturmgeschützes wer-
den, da alle anderen Panzerabwehrwaffen dem neuen Feindgerät gegenüber zu gering
wirken oder zu starken Verlusten ausgesetzt sind.
Alle Divisionen an den Hauptkampffronten bedürfen daher einer gewissen Ausstattung
mit dieser Waffe, während man sich an den Nebenfronten damit begnügen muß, Re-
serven der höheren Führung an Sturmgeschützen zu schaffen und die Divisionen zunächst
mit Panzerjägern auf Selbstfahrlafetten auszustatten. Um Personal und Material zu
sparen, wird eine allmähliche Verschmelzung der Sturmgeschütz- und Panzerjäger-
Abteilungen sich nicht umgehen lassen.
Die neuen schweren Sturmgeschütze wären nur auf Hauptkampffronten und für Sonder-
aufgaben einzusetzen. Sie sind in erster L inie Panzerjäger.
269
Der Wert des 7,5-cm-Sturmgeschützes L 70 ist noch unerprobt.
7. Die Panzer-Aulklärungs-Abteilungen sind ein Stiefkind der Panzer-Divisionen ge-
worden. Ihre Bedeutung tritt in Afrika klar hervor, während sie an der Ostfront gegen-
wärtig getrübt ist. Man darf sich jedoch hierdurch nicht täuschen lassen. Wenn wir —
wie zu hoffen — 1944 wieder in großem Stil angreifen können, brauchen wir auch eine
leistungsfähige Erdaufklärung.
Hierzu sind erforderlich:
a) eine genügende Zahl leichter Panzergrenadier-Wagen 1 to (zur Zeit noch im Bau,
läuft aber aus),
b) ein Panzerspähwagen mit großer Geschwindigkeit (60—70 km/Stde.) bei ausrei-
chender Panzerung und Bewaffnung.
Gegenwärtig wird kein derartiges Fahrzeug mehr gebaut. Ich erbitte Ermächtigung, im
Einvernehmen mit Minister Speer diese Frage zu untersuchen und Vorschläge zu machen.
8. Für die Panzergrenadiere ist die Hauptsache der Weiterbau des Panzergrenadier-
Wagens 3 to in Großserie unter Verzicht auf alle Änderungen.
Mit diesem Fahrzeug müssen auch die Bedürfnisse der Panzer-Pioniere und -Nachrichten-
truppe befriedigt werden.
9. Die Artillerie der Panzer- und mot. Divisionen erhält nunmehr die seit 10 Jahren
erhofften Selbstfahrlafetten in reichlicher Menge. Gliederung s. Anlage (nicht mehr vor-
handen). Panzerkampfwagen neuester Bauart können für Artillerie-Beobachter nicht ab-
gezweigt werden.
10. An grundsätzlichen Entscheidungen erbitte ich:
a) Genehmigung der Gliederung des Stabes des Generalinspekteurs mit dem Sitz im
Führerhauptquartier und des Stabes des Inspekteurs der Heimattruppen mit dem
Sitz in Berlin,
b) Genehmigung der Kriegsgliederungen,
c) Unterstellung der gesamten Sturmartillerie unter den Generalinspekteur,
d) Verzicht auf Neuformationen an Panzer- oder mot. Divisionen beim Heer und bei
der Waffen-SS, Angleidiung dieser Divisionen, sowie der Division Hermann Göring
an die neue Kriegsgliederung,
e) Genehmigung des Weiterbaues des Panzers IV für 1944/45,
f) Konstruktion eines Panzerspähwagens, wenn angängig auf der Grundlage vorhan-
dener Bauelemente,
g) Nochmalige Uberprüfung der Notwendigkeit der Konstruktion eines leichten Sturm-
geschützes mit der 7,5-cm-Kanone L 70. Gegebenenfalls Fortfall dieses Vorhabens
unter Ersatz durch das leichte Sturmgeschütz mit 7,5-cm-Kanone L 48 und Schützen-
panzer."
Ueber alle Vortragspunkte entstand eine lebhafte Erörterung. Alle Punkte wur-
den —wenigstens theoretisch — anerkannt bis auf einen, die Unterstellungder
Sturmartillerie unter den Generalinspekteur. Bei dieser Fragebrausteein Sturm
der Entrüstung durch den ganzen Raum. Alle Anwesenden, außer Speer, waren
dagegen, besonders natürlich die Artilleristen, aber auch der Chef der Adjutan-
tur des Führers mit der Begründung, die Sturmartilleriesei die einzige Waffe,
bei der Artilleristen sich das Ritterkreuz verdienen könnten. Hitler sah mich
schließlich mitleidig an und sagte: „Sie sehen, Siehabenallegegensich. Dakann
ich auch nicht zustimmen." Die Folgen dieser Entscheidung waren verhängni s-
voll, denn nun bliebdie Sturmartilleriefür sich, diePanzerjäger-Abteilungen be-
270
hielten ihre unzulänglichen, traktorbespannten Geschütze, die I nfanterie-Divi-
sionen blieben ohne eine wirksame Panzerabwehr. Es dauerte 9 Monate, bis
Hitler vondiesemFehler überzeugt werden konnte, undes gelang bis zumEnde
des Krieges nicht mehr, allenDivisionendieso dringend benötigte Abwehrwaffe
in die Hand zu geben. I mübrigen wurden leider und zumNachteil der Sache
auch die genehmigten V orschläge ständig durchkreuzt und in ihrer Ausführung
behindert, in erster Linie meine eindringlichenund immer wiederholten Bitten
um rechtzeitiges Herausziehen und Auffrischen der Panzer-Divisionen, um der
obersten Führung bewegliche Reserven an dieHand zu geben. Das V erständnis
geradeder militärischen obersten Führung für die ausschlaggebende Bedeutung
beweglicher und kampfkräftiger operativer Reserven hat unserer Kriegführung
bis zumbitteren Ende gefehlt und war wesentlich an unserer Niederlage mit-
schuldig. I n dieseSchuld teilt sichHitler mit seinen militärischen Beratern, denn
diese haben mich in meinem Streben, Reserven zu schaffen, nicht unterstützt,
sondern behindert.
Am 10. März flog ichnach Berlin zurück undging an dieArbeit. Am12. März
besichtigte ichdie PanzerschuleinWünsdorf, am 17. März die Henschel-Werke
in Kassel, welche unsere Tiger, wesentliche Teile des Panther und die Pak 43
(8,8 cm) bauten, am18. März die Panzer-Abteilung 300 inEisenach, welcher die
Erprobung der Fernlenk-Panzer oblag, sowie die Unteroffizierschule der Panzer-
truppe inEisenach, undam19. März war ichinRügenwalde zu einer V orführung
des Eisenbahngeschützes „Gustav" des Panzers „Ferdinand" und des Panzers I V
mit „Schürze" vor Hitler.
Der Panzer „Ferdinand" war eine Tiger-Konstruktiondes Professors Porsche
mit Elektro-Antriebund einer 8,8-cm-Kanone L 70 imfeststehenden Turm nach
Art der Sturmgeschütze. Er führte außer der langenKanonekeine Waffean Bord,
war also imNahkampf wehrlos. Hierin lag trotz seiner starken Panzerung und
seiner guten Kanone seine Schwäche. Da er nun einmal gebaut war, und zwar
in einer Serie von90Stück, mußte ichihnauch verwenden, wenn ichauchHitlers
Begeisterung über dieses Bauwerk seines Lieblings Porsche vom taktischen
Standpunkt nicht teilen konnte. Aus den 90 „Ferdinand"-Tigern wurde ein
Panzer-Regiment zu 2 Abteilungen zu je 45 Panzern aufgestellt.
Die „Schürzen" waren Panzerbleche, dielose umdenRumpf der Panzer I I I und
I V und der Sturmgeschütze gehängt wurden, umdie Geschosseder russischen
Panzerbüchsen abzulenken und unwirksamzu machen, die sonst die verhältnis-
mäßig dünnen, senkrechten Panzerwände der Wannen der genannten Typen
durchstanzten. Diese Neuerung bewährte sich.
Der „Gustav" war ein gewaltiges 80-cm-Eisenbahngeschütz, das nur auf zwei-
gleisigen Strecken bewegt werden konnte. Es gingmich eigentlichnichts an, und
ich hatte mich nach der V orführung des Ladens und Schießens bereits fortbe-
geben, als ich plötzlich zu Hitler gerufen wurde: „Hören Sie! Der Dr. Müller
(von der FirmaKrupp) sagtemir gerade, mankönne mit dem„Gustav" auch auf
271
Panzer schießen. Was meinenSiedazu?" I chwar imersten Augenblick verblüfft
und sah den „Gustav" schonindieGroßserie gehen, faßte mich aber schnell und
antwortete: „Schießen wohl, aber treffen nie!" Dr. Müller protestierte lebhaft.
Aber wie wollte man mit einemGeschütz Panzer bekämpfen, das zumLaden
eines jeden Schusses 45Minuten benötigte? DieFrage nachder kürzesten Schuß-
entfernung brachte auchHerrn Dr Müller auf das Unmögliche seiner Behauptung.
Am 22. März verhandelte ich mit dem Kommandeur der Fallschirm-Division
„Hermann Göring" über eine vernünftige Reorganisation dieses Verbandes, der
damals für eine einzige, an der Front tätige Division insgesamt 34 000 Mann be-
saß. DieMehrzahl dieser Leutefühlte sichinHolland wohl. Bei unserer Ersatz-
lage war das schon 1943 untragbar.
Schließlich wurdeEndeMärz nochdieNeugliederung unserer Panzergrenadiere
auf Grundder letztenErfahrungen festgelegt.
Die Besuche Dr. Gördelers
I n diesen Tagen intensivster fachlicher Arbeit führte mir ein alter Bekannter,
der General vonRabenau, den Dr. Gördeler zu, der mich gerne einmal sprechen
wollte. Herr Dr. Gördeler setztemir auseinander, daßHitler seiner Aufgabe als
Reichskanzler und Oberster Befehlshaber der Wehrmacht nicht gewachsen, und
daß es daher geboten sei, ihninseinen Befugnissen zubeschränken. Er schilderte
mir ausführlich sein Regierungs- undReformprogramm, das vongroßemI dealis-
mus zeugte undeinensozialenAusgleich vorsah, der sicher wünschenswert war,
wenn auch die doktrinäre Art Dr. Gördelers die Lösung der Frage erschwert
haben würde. Auslandsunterstützung für den Fall des Gelingens seiner Pläne
konnte Dr. Gördeler nicht als gesichert angeben. Offenbar hatte man ihmbei
seinen schon längere Zeit zurückliegenden Anknüpfungsversuchen die kalte
Schulter gezeigt. DieForderung der „bedingungslosen Kapitulation" hatten un-
sereFeindeauchfür denFall eines Erfolges Dr. Gördelers nicht fallen gelassen.
I ch fragte Dr. Gördeler, wieer sich die Beschränkung der Befugnisse Hitlers
vorstellte. Er antwortete, daß man ihnnominell als Oberhaupt des Reiches be-
lassen sollte, aber ihnauf demObersalzberg oder einemanderen, sicheren Ort
internieren könne. Meine Frage nach der Art der Beseitigung der führenden
Nationalsozialisten, ohne dieder geplante Systemwechsel vonvornhereinschei-
tern müsse, wurde dahin beantwortet, daß dies Sacheder Wehrmacht sei. Dr.
Gördeler hatte aber nochkeinenimDienst befindlichenTruppenführer für seine
Gedanken gewinnenkönnen. Er bat mich, bei meinenFrontreisenErhebungenin
seinemSinne anzustellen und ihmmitzuteilen, obund welche Generale seinen
I deen zu folgen bereit wären. Auf meineFrage, wer denn überhaupt dieses Un-
ternehmen führe, nannte er den Generaloberst Beck. I chwar sehr überrascht,
einen Mann wieBeck, dessenzaudernder Charakter mir genau bekannt war, in
ein solches Unternehmenverstrickt zu sehen. Einsolcher Mann war wohl diefür
272
einen Staatsstreich ungeeignetste Persönlichkeit, weil er niezumEntschluß kom-
men würde, keine Resonanz in der Truppe besaß, ja geradezu unbekannt war;
ein Philosoph, aber kein Revolutionär.
Die Mängel und Mißstände des nationalsozialistischen Systems und die
Fehler der Person Hitlers lagen damals klar zutage — auchfür mich; man mußte
danach streben, sie abzustellen. Bei der gefahrvollenLage, inder sichdas Reich
aber infolge der Katastrophe von Stalingradund durch dieForderung auf be-
dingungsloseKapitulation — auchvor der Sowjetunion— bereits befand, mußte
ein Weggewählt werden, der nicht zu einer Katastrophedes Reiches undV olkes
führte. Hierin lag die ungeheure V erantwortung und Schwierigkeit, wenn man
im Stillen hoffte, das Reichnochrettenzukönnen. I chkamdaher zu demSchluß,
das VorhabenDr. Gördelers als für dieGesamtinteressen schädlich undpraktisch
undurchführbar abzulehnen. Wiedas gesamte Heer fühlte auch ichmich durch
denFahneneid gebunden. Daher bat ichDr. Gördeler, vonseinemVorhabenab-
zustehen.
Dr. Gördeler bat mich, ungeachtet meiner Bedenken, ihmdennochdiegewünsch-
ten Auskünfte zu verschaffen. Auf dieses Ansinnenging ichein, umDr. Gördeler
den Beweis zu liefern, daß nicht nur ich, sondern auch andereGenerale so däch-
ten, in der Hoffnung, diesen zweifellos ideal gesinnten Mann hierdurch von
seinemunheilvollen Wege abzubringen. I mApri l habeichsodann Dr. Gördeler
nocheinmal gesehenundihmversichernkönnen, daß ichkeinenGeneral getrof-
fen hätte, der geneigt gewesen wäre, auf seine Pläne einzugehen. Dievonmir
sondierten Persönlichkeiten hatten unter Berufung auf ihren Fahneneid undauf
die ernste Lage an der Front jedes Eingehen auf Herrn Dr. Gördeler abgelehnt.
I ch bat Dr. Gördeler erneut, auf seine Absichtenzu verzichten.
Dr. Gördeler, der imübrigen inunseren Unterredungen jedeAbsicht eines At-
tentates ausdrücklich bestritt, bat mich abschließend, über unsere Aussprachen
zu schweigen, undich habe dieses Versprechen gehalten, bis ich1947 aus dem
Buchedes Rechtsanwalts FabianvonSchlabrendorff „Offiziere gegen Hitler" ent-
nehmenmußte, daß Dr. Gördeler oder General vonRabenau ihrerseits das gegen-
seitige Versprechen nicht gehalten haben. DieAngaben des erwähnten Buches
Schlabrendorff's über mich sind wahrheitswidrig.
I ch habeDr. Gördeler seit demApri l 1943 nicht wieder gesprodien und von
seinen Absichtennichts mehr erfahren.
Doch zurück zu meiner dienstlichen Tätigkeit.
Die .Citadelle"
Am 29. März flog ichnach Saporoshe zur Heeresgruppe „Süd" zumBesuch des
Feldmarschalls vonManstein. Hier war gerade ein großer Erfolg erzielt, indem
Charkow durchden richtigen, operativen Einsatz von Panzerverbänden wieder-
erobert war. Diehierbei gewonnenen Erfahrungen, besonders die beim Einsatz
18 Erinnerungen eines Soldaten
273
der Tiger-Abteilungender Divisionen.Großdeutschland" und SS-Leibstandarte
.Adolf Hitler", waren Gegenstand der Aussprache mit Manstein. I n seinem
Hauptquartier traf ichmeinen alten Freund Hoth, den Oberbefehlshaber der 4.
Panzerarmee, der mir gleichfalls seineErfahrungen mitteilte. Erneut wurdemir
klar, wiebedauerlich es war, daß Hitler außerstande war, eine so befähigte, sol-
datische Persönlichkeit wie Manstein in seiner Nähe zu ertragen. Die beiden
Naturen warenzu verschieden: auf der einen Seite der WillensmenschHitler mit
seinemmilitärischen Dilettantismus undseiner blühenden Phantasie, auf der an-
deren Manstein mit seiner hervorragenden, militärischen Beanlagung und der
Schulung des deutschen Generalstabes, mit seiner nüchternen, kühlen Urteils-
kraft, unser bester operativer Kopf. I ch habei n späterer Zeit, als ich mit der
Wahrnehmung der Geschäftedes Chefs des Generalstabes des Heeres beauftragt
war, mehrfach Hitler denVorschlag gemacht, Mansteinanstelle Keitels zumChef
OKW zu machen, aber immer vergebens. Freilich, Keitel war für Hitler bequem;
er suchtejedenGedanken anHitlers Augenabzulesen undauszuführen, noch be-
vor er ausgesprochen wurde; Mansteinwar unbequem; er hatte eigeneAnsich-
ten und sprach sie aus. Hitler äußerte auf meine V orschläge schließlich: „Man-
stein ist vielleicht der besteKopf, den der Generalstab hervorgebracht hat. Aber
er kann nur mit frischen, guten Divisionenoperieren, nicht mit den Trümmern,
über diewir jetzt nur noch verfügen. Da ichihmkeinefrischen, operationsfähi-
gen V erbände schaffen kann, hat seine Ernennung keinen Zweck." Er wollte
ebennicht und verschanzte sichhinter solchen abwegigen Entschuldigungen.
Mein Flugführte mich sodann nach Poltawa zur Armee-AbteilungKempf und
von dort zur Division „Großdeutschland" (30. 3.), zur SS-Panzer-Division Leib-
standarte „Adolf Hitler" undzumKorps des Generals vonKnobeisdorff (31. 3.);
bei allendiesenDienststellenbemühte ichmich in erster Linie umunsereneuesten
Erfahrungen mit den „Tigern", umein klares Bild ihrer taktischen und tech-
nischen Leistungsfähigkeit zu gewinnen und daraus Folgerungen für diezukünf-
tige Organisation der Tiger-Einheitenzu ziehen. EinAbschiedsbesuch bei Man-
steinin Saporosheam1. 4. beendetedenersten Frontflug als Generalinspekteur.
Die Ergebnisse dieser ersten Frontreise fanden ihren Niederschlag in einer
Aussprache mit Speer über dieSteigerung der Tiger- undPanther-Produktion und
einen anschließenden V ortrag bei Hitler am 11.4. in Berchtesgaden auf dem
Obersalzberg, den ichbei diesemAnlaß zumersten Male sah. Die Führervilla,
der „Berghof", zeichnete sich dadurch aus, daß es indemuns zugänglichen Teil
keine zwei zusammenhängende Zimmer gab. I mponierend war lediglich der
große Vortragssaal mit seinem Aussichtsfenster, einigen wertvollen Teppichen
und Gemälden, darunter einem wunderbaren Feuerbach, und einem erhöhten
Platz vor demKamin, an demHitler die Nachtstunden nach der sogenannten
Abendlage imKreise seiner engeren Umgebung, der militärischen und Partei-
Adjutantur und der Sekretärinnen zubrachte. I chzählte niezu diesemKreise.
274
Am gleichen Tage machte ichHimmler einen Besuch, umdie Organisation der
Panzerverbände der Waffen-SS der des Heeres anzupassen. I chhatte mit meinem
Streben nur teilweise Erfolg. I nsbesondere ging Himmler nicht auf meinen drin-
genden Wunsch ein, auf Neuformationen zu verzichten. Zwar hatte Hitler mir
bei meinem V ortrag am 9. März zugestimmt, daß Neuformationen Nachteile
aufwiesen; was die Waffen-SS anbetraf, so steckte er aber hinter demRücken
aller Soldaten mit Himmler unter einer Decke, immer inder I dee, sich unab-
hängig vomHeer, dessenFührung er niemals voll vertraute, eine Privatarmee
zu schaffen, vonder er sicheinegrößereTreueversprach, eine Prätorianergarde,
die zu allembereit wäre, auch dann, wenn etwa das Heer in seiner Bindung
an die alte, preußisch-deutsche Tradition ihmdie Gefolgschaft versagen sollte.
Die Zwiespältigkeit Hitlers und Himmlers hat die Waffen-SS nach demKriege
in eine sehr unangenehmeLageversetzt, denn manmachte ihr dieVerfehlungen
der übrigen SS, insbesondereder Einsatzkommandos des SD zumV orwurf. Aber
auch während des Krieges erwecktedieunausgesetzteBevorzugung der Waffen-
SS inder Auswahl und Mengedes Ersatzes, sowie inder Bewaffnung und Aus-
rüstung denberechtigten Unwillen der weniger glücklichen V erbändedes Heeres.
Wenn trotzdem an der Front das Gefühl der Kameradschaft all das über-
wand, so spricht das für die selbstlose Art des deutschen Soldaten, gleich welche
Farbe seinWaffenrock trug.
I ch benutzte den 12. April, umdemChef des Generalstabes der Luftwaffe, Ge-
neraloberst J esrhonnek, einen Besuchabzustatten, und fand einen müden Mann
in ausgesprochener Verzichtstimmung. Wi r kamen zu keiner offenen Aussprache
über die Dinge, die beide Waffen— die Luft- und die Panzerwaffe — gemein-
samberührten, und erst recht zu keiner menschlichen Annäherung. J eschonnek
nahm sich bald darauf —i mAugust 1943— aus Gramüber die ihmvon Hitler
und Göring gemachten V orwürfe über das Versagen der Luftwaffe das Leben.
Er folgte damit seinem Kameraden Udet, der diesen verzweifelten Schritt im
November 1941 getan hatte, weil er keinen anderen Ausweg aus seiner Lage
zwischen den erkannten Kriegsnotwendigkeiten und der Unfähigkeit und Un-
tätigkeit Görings fand. Meine Meldung beim Oberbefehlshaber der Luftwaffe
kam wegen der starken außerdienstlichen Beanspruchung dieses Herrn nie zu-
stande.
Nach Berlin zurückgekehrt, hatte icham 13. Apri l eine lange Aussprache mit
Schmundt, umihndazu zu bewegen, mir behilflich zu sein, aus der hoffnungslos
gewordenen Situation in Afrika die vielen, überzählig gewordenen Panzerbe-
satzungen, besonders die unentbehrlichen, langjährig geschulten Führer und
technischen Helfer herauszufliegen. Anscheinend habeichnicht überzeugend auf
Schmundt gewirkt, oder er hat meinen Wunsch nicht nachdrücklich Hitler vor-
getragen, denn als ichbei meinemnächsten V ortrag mit meiner Bitte bei Hitler
selbst heraustrat, hatte ich keinen Erfolg. Prestige-Gründe siegten — wie so
oft — über dieVernunft. ZahlreicheMaschinen, dieleer nachI talien flogen, hät-
275
ten diese wertvollen Menschen mitnehmen und uns die Aufstellung von Ver-
bänden unddieAuffrischung inder Heimat undan der Front erleichternkönnen.
Dieser V ortrag hatte am29. April abermals auf demObersalzberg stattgefunden;
Besprechungen mit Buhle, Keitel und Speer über Organisations- und Rüstungs-
fragen konntenan diesemTage erledigt werden.
I mmer noch wurden V erbände nach Afrika gebracht und dort .verheizt", u.a.
unsereneuesteTiger-Abteilung. Kein Einspruchhiergegen fand Berücksichtigung;
später war es bei der Verteidigung Siziliens ebenso. Hier mischte sich Göring
ein, als ich die Tiger auf das Festland zurückholen wollte. „Die Tiger können
dochnicht Stabhochsprung über dieEngevonMessina machen. Das müssen Sie
doch einsehen, Generaloberst Guderianl" MeineAntwort: „Wenn Sie wirklich
dieLuftherrschaft über der Enge vonMessina besitzen, dann werden dieTiger
auf die gleiche Weise von Sizilien zurückkommen, wie sie hingelangt sind.
Darauf schwieg der Luftfachmann; dieTiger bliebeninSizilien.
V on Berchtesgaden aus flog icham30. April nach Paris, umdemOberbefehls-
haber West, Feldmarschall vonRundstedt, meinenAntrittsbesuchzu madien, im
Westen liegende Panzerverbände zu besichtigen und mir einen Uberblick über
die V erteidigungsfähigkeit des Atlantikwalles gegen anlandende Panzer zu
verschaffen. Ich unterrichtete mich beim L X X X I . A.K. bei meinemalten Mit-
kämpfer aus Frankreich, General KuntzeninRouenüber dieFragen der Küsten-
verteidigung und konnte noch in Yvetot das mit französischen Beutepanzern
bewaffnete Panzer-Regiment 100 besuchen, dann rief mich einTelegrammHitlers
nachMünchen zu Besprechungen.
I n München traf icham2. Mai ein. Am3. Mai war dieersteBesprechung, am
4. Mai inAnwesenheit meines inzwischenmit neuemMaterial aus Berlin heran-
geholten Chefs Thomale eine zweite. Gegenstand dieser Zusammenkünfte, an
denen das OKW, der Chef des Generalstabes des Heeres mit seinenwichtigsten
Mitarbeitern, die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen „Süd", vonManstein,
und „Mitte", von Kluge, der Oberbefehlshaber der 9. Armee, Model, der Mini-
ster Speer und andere teilnahmen, war die sehr ernste Frage, ob die Heeres-
gruppen „Süd" und „Mitte" der Ostfront in absehbarer Zeit — nochimSommer
1943 — offensiv werdensollten. DieFrage war durcheinen Vorschlag des Chefs
des Generalstabes des Heeres, General Zeitzier, entstanden, der durch doppelte
Umfassung des nadt Westen vorspringenden russischen Stellungsbogens bei
Kursk eine Anzahl russischer Divisionen vernichten und durch diesen Schlag
die Angriffskraft des russischen Heeres so entsdieidend schwächen wollte, daß
der deutschen Führung günstigereAussichtenfür dieWeiterführung des Kampfes
im Osten daraus erwüchsen. Diese Frage war bereits imApril eifrig erörtert
worden, jedoch konnte man so kurz nach demsdiweren Rückschlag von Stalin-
grad undder anschließenden Niederlageder südlichen Hälfte der deutschen Ost-
front wohl kauman eine große Angriffshandlung denken. Nun aber wollte der
276
277
Generalstabschef unter Einsatz der neuen Panzer .Tiger" und „Panther", von
denen er sich einen durchschlagenden Erfolg versprach, die I nitiative wieder-
gewinnen.
Hitler leitete die Besprechung mit einer etwa dreiviertelstündigen Redeein, in
welcher er dieLagean der Ostfront sachlich schilderte und sodann die ihmge-
machten V orschläge des Generalstabschefs unddiehierzu vorgebrachten Gegen-
gründe des Generals Model zur Erörterung stellte. Model hatte an Hand ein-
gehender Erkundungsergebnisse, vor allemvonFliegeraufnahmen, nachgewiesen,
daß dieRussen geradeanden Abschnitten, gegen welcheder Angriff der beiden
Heeresgruppen gerichtet werden sollte, eine tiefe, sehr sorgfältig organisierte
Abwehr vorbereiteten. DieRussenhattenbereits zu diesemZeitpunkt dieMasse
ihrer beweglichen Kräfte aus demvorgeschobenen Stellungsteil herausgezogen
und sich an den voraussichtlichen Einbruchsstellen eines Zangenangriffs nach
demvon uns vorausgesetzten Angriffs-Schema ungewöhnlich stark an Artillerie
und Panzerabwehr gemacht. Model zog daraus die richtigeFolgerung, daß der
Gegner mit unserem Angriff rechne und daß man, umzu einemErfolg zu kom-
men, eine andereTaktik befolgen müsse, wennman nicht auf den Angriff über-
haupt verzichten wolle. DieArt, wieHitler dieseAuffassung Models vorbrachte,
ließ einwandfrei erkennen, daß er von ihr stark beeindruckt und keineswegs
fest entschlossen war, den Angriff imSinneZeitzlers zuführen. Er forderte nun
den Feldmarschall von Manstein auf, sich als erster zu demVorschlag Zeitzlers
zu äußern. Manstein hatte — wie öfters Auge in Auge mit Hitler — keinen
gutenTag. Er meinte, der Angriff hätte wohl Aussicht gehabt, wenn er imApril
hätte geführt werden können; jetzt sei der Erfolg zweifelhaft, und er benötige
noch zwei weitere, vollkampfkräftige I nfanterie-Divisionen, umihn durchführen
zu können. Hitler erwiderte, daß diese zwei Divisionennicht verfügbar seien,
und daß Mansteinmit demauskommen müsse, was er habe; er wiederholte so-
dann seineFrage, erhielt aber leider keine eindeutige Antwort. Er wandte sich
sodann an den Feldmarschall vonKluge, der sich eindeutig für den Vorschlag
Zeitzlers aussprach. I chbat umdas Wort und erklärte, daß der Angriff zwecklos
wäre; unsere soebenvollzogene Auffrischung an der Ostfront würde bei einem
Angriff nach demVorschlag des Generalstabschefs durch diemit Sicherheit ent-
stehenden, schweren Verluste an Panzern wieder zerschlagen; wir seien nicht
in der Lage, dieOstfront imLaufedes J ahres 1943 nocheinmal aufzufrischen und
müßten vielmehr daran denken, nun die Westfront mit neuzeitlichen Panzern
zu versehen, umder 1944 mit Sicherheit zu erwartenden Landung der West-
mächte mit beweglichen Reserven entgegentreten zu können, überdies wies ich
darauf hin, daß diePanther, auf deren Einsatz der Chef des Generalstabes des
Heeres so großen Wert legte, noch zahlreiche Kinderkrankheiten einer Neu-
konstruktion aufwiesen, und daß es unwahrscheinlichsei, dieseMängel bis zum
Beginn des Angriffs behebenzu können. Speer unterstützte meine Darlegungen
vom Standpunkt der Rüstung. Aber wir beide blieben dieeinzigen Teilnehmer
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dieser Sitzung, die ein klares Nein zu Zeitzlers Vorschlag vorbrachten. Hitler,
immerhinvondenBefürwortern des Angriffs nicht voll überzeugt, kaman diesem
Tage zu keinemendgültigen Entschluß.
Abgesehen vondemmilitärischen Teil der Besprechung inMünchen erlebte ich
noch einen persönlichen: ich begegnetezumerstenmal nach den Ereignissen des
Dezember 1941 demFeldmarschall von Klugewieder. Die unkameradschaftliche
Art der Begrüßung riß inmir allealtenWundenwieder auf. I chbliebsehr kühl.
Nach der Besprechung bat midi Herr vonKlugeineinen Nebenraumundstellte
mich wegenmeines abweisenden Verhaltens zur Rede. I chmußte ihmnun sagen,
was ichgegen ihnauf demHerzen hatte, insbesondere, daß er mir für sein Ver-
halten imDezember 1941 nach der inzwischen erfolgten Klärung des Sachver-
haltes eineGenugtuung schuldig sei. Wir trennten uns ohne Ergebnis.
Einige Zeit später suchtemich Schmundt inBerlin auf und gab mir einen Brief
des Feldmarschalls vonKlugeanHitler zu lesen, inwelchemer mich zumZwei-
kampf forderte. Herr von Klugewußte ganz genau, daß Zweikämpfe verboten
waren, und daß Hitler imKriegeniemals dulden würde, daß Generale sichduel-
lierten. Trotzdemwählte er Hitler als seinen Kartellträger.
Schmundt erklärte mir imAuftrage Hitlers, der Führer wünsche keinen Zwei-
kampf; er wünsche ferner, die Angelegenheit ingeeigneter Formaus der Welt
zu schaffen. I chkamdemWunsche Hitlers nach und schrieb an den Feldmar-
schall, daß ich bedauerte, ihn durch mein V erhalten in München gekränkt zu
haben, daß ich aber angesichts der schweren, ungesühnt gebliebenen Kränkung,
die er mir 1941zugefügt hätte, nicht anders hätte handeln können.
Auf demGebiet des Panzerbaues wurde imApri l beschlossen, den Panzer I V
— meinen Anträgen entsprechend — so lange weiter zu bauen, bis der Hochlauf
des „Panther" imSerienbau absolut sichergestellt sei. Diemonatliche Panzerpro-
duktion sollte auf 1955 Stück gesteigert werden. Die V erstärkung des aktiven
Luftschutzes für diewesentlichsten Produktionsstätten der Panzerwaffe, für Kas-
sel, Friedrichshafen, Schweinfurt wurde angeordnet. I n demV ortrag am4. 5. in
München hatte ichaußerdemdenBau vonAusweich-Produktionsstätten für diese
Betriebe beantragt, hierbei allerdings den Widerstand des ersten Mitarbeiters
Speers, des Herrn Saur, gefunden, der behauptete, die feindlichenFlieger kon-
zentrierten ihre Anstrengungen nur auf die Produktionsstätten der Luftwaffe,
und der nicht glauben wollte, daß nach Zerstörung der Fabriken der Luftwaffe
nachmenschlichemErmessen dieder Panzerwaffe an dieReihe kommen würden.
Am 10. Mai war Hitler inBerlin, und ichwurde zu einer Besprechung über die
Panther-Fertigung indie Reichskanzlei gerufen, weil dieI ndustriedie ursprüng-
lich gemeldeten Termine nicht innehalten konnte. Als Entgelt sollte allerdings
eine erhöhte Zahl, statt 250 bis zum31.5. die stattlicheZahl von 324 fertigge-
stellt sein. Nach Beendigung der Besprechung hielt ichHitler bei der Hand fest
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und bat ihn, mir ein offenes Wort zu gestatten. Er stimmte zu, und ichbat ihn
inständig, auf denAngriff an der Ostfront zu verzichten; er sähe doch, mit wel-
chen Schwierigkeiten wir jetzt bereits zu kämpfen hätten; der große Einsatz
lohne sich bestimmt nicht; die Vorbereitung der Abwehr imWesten müsse er-
heblich leiden. I chschloß mit der Frage: .Warumwollen Sie in diesem J ahre
im Osten überhaupt angreifen?' Hier mischte sich Keitel ins Gespräch: .Wi r
müssen aus politischen Gründen angreifen.* I ch erwiderte: „Glauben Sie, daß
ein Mensch weiß, wo Kursk liegt? Es ist der Welt völlig gleichgültig, ob wir
Kursk haben oder nicht. I ch wiederhole meine Frage: Wozu wollen wir im
Osten indiesemJ ahreüberhaupt angreifen?* Hitler sagtedarauf wörtlich: „Sie
haben ganz recht. Mi r ist bei demGedanken an diesen Angriff auch immer ganz
mulmig imBauch." I cherwiderte: „Dann haben Sie das richtigeGefühl für die
Lage. Lassen SiedieFinger davon!* Hitler versicherte, daß er sichnochinkeiner
Weise gebunden habe, und die Unterredung war beendet. Außer demFeldmar-
schall Keitel, der nicht mehr unter den Lebenden weilt, waren noch meinChef
Thomale und Herr Saur vomRüstungsministerium Zeugen dieses Gesprächs.
Tags darauf begabichmich mit der BahnnachLotzen, wo mein Stabprovisorisch
untergebracht war, und sah mir unsere dortigen Unterkünfte an. Am13. Mai
hatte icheine Aussprache mit Speer und nachmittags V ortrag vor Hitler. Am
14. Mai wurde Hitler das Holzmodell der „Maus* vorgeführt, eines Panzers
des Professors Porsche und der Firma Krupp, der mit einer 15-cm-Kanone ar-
miert werden sollte. Der Panzer sollte ein Gesamtgewicht von 175 to erhalten;
man mußte also damit rechnen, daß er inWirklichkeit unter Einkalkulierender
üblichen, nachträglichen Änderungen durch Hitler auf 200 to kommen würde.
Das Modell wies kein einziges Maschinengewehr für den Nahkampf auf. I ch
mußte es schon aus diesemGrunde ablehnen. DieKonstruktionhatte damit den
gleichen Fehler, der den Tiger „Ferdinand" von Porsche untauglich für
den Nahkampf machte, und schließlich ist dochder Nahkampf für Panzer unver-
meidlich und zumZusammenwirken mit der I nfanterie unerläßlich. Es gab eine
sehr heftige Aussprache, weil außer mir alleBeteiligtendie „Maus* sehr schön
fanden. Sie versprach eben, „gigantisch* zu werden. Außer der „Maus* wurde
nochdas wohlgelungeneHolzmodell des Panzerjägers der FirmaVomag auf der
Basis des Panzers I V vorgeführt; Gesamthöhe nur 1,70 m, und damit an der
Grenze des praktisch imGelände tragbaren. Ferner wurdeein Sturmpanzer mit
demschweren I nfanteriegeschütz und das Modell eines Flakpanzers mit 3,7 cm-
Doppelflak gezeigt.
Anschließend an dieseV orführung flog ichnach Berlin.
Der 24. und 25. Mai wurde mit der Besichtigung der Panzer-Abteilung 654 in
Bruck a.d. Leithazugebracht. DieAbteilung war mit denerwähnten Porsche-Tigern
ausgestattet. Sodann besuchte ichdas Nibelungenwerk inLinz, welches Panther
und Pak produzierte, und flog vondort am26. Mai nach Paris, umdie Abtei-
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lungsführer-Schule der Panzertruppen zu besichtigen. Am27. sah ich die Pan-
zer-Abteilung 216 inAmiens, am28. einen Kompanieführer-Lehrgang inV ersail-
les und dieKommandeure der 14. und 16. Panzer-DivisioninNantes. Schließlich
besuchte ich am29. noch die Festung St. Nazaire und verschaffte mir einen
Einblick in die Verteidigungsabsichten amAtlantikwall. Der Eindruck, den ich
von diesen Befestigungen erhielt, entsprach nicht einmal meinen, durchdie laute
Propaganda herabgestimmten Erwartungen. Dann flog ich am 30. nach Berlin,
am31. nach I nnsbruck zu einem Zusammentreffen mit Speer, am 1. J uni nach
Grafenwöhr zur Besichtigung der beiden Panther-Abteilungen 51 und 52 und am
gleichen Tage nach Berlin zurück.
I nzwischenwar das OKW auf dieabsonderliche I deegekommen, die1. Panzer-
Division als Wache gegen englische Landungen nach Griechenland auf den Pe-
loponnes zu entsenden. Diese Division war geradeaufgefüllt undmit der ersten,
fertig gewordenen Panther-Abteilung ausgestattet worden. Sie stellte unsere
stärkste Reservedar. NunsolltesieindenSkat gelegt werden. Mein entrüsteter
Einspruch verhallte unter den grotesken Argumenten Keitels, der behauptete,
man könne eine Gebirgsjäger-Division, die ioh als wesentlich geeigneter für
Griechenland empfahl, nicht mit demnötigen Rauhfutter versorgen, weil dieses
zu viel Transportraumbeanspruche. Dagegen war ichmachtlos, verhinderte aber
auf eigeneFaust den Abtransport der Panther. EinimFlugzeug zur Erkundung
nach Griechenland entsandter Panzeroffizier meldete mir alsbald, daß die engen
Gebirgswege und -brücken für diePanther mit ihrer breiten Kettenspur unpas-
sierbar seien. Mit diesem Argument erreichte ichsodann von Hitler die nach-
trägliche Genehmigung für meinenSchritt. Die1. Panzer-Divisionsollteuns bald
in Rußland bitter fehlen.
Am 15. 6. war icherneut bei unseren Sorgenkindern, den Panthern, deren Sei-
tenvorgelege nicht inOrdnung waren, unddieauchandenOptikennochMängel
aufwiesen. Amnächsten Tage trug ichHitler meine Bedenken gegen den Ein-
satz der Panther imOsten vor. Sie waren ebennochnicht frontreif.
I n München, inden „V ier J ahreszeiten*, traf ichFeldmarschall Rommel zu ei-
nem Austausch von Erfahrungen vomafrikanischen Kriegsschauplatz. Abends
flog ichnachBerlin zurück, sah mir am18. inJ üterbog artilleristischeWaffen an
und flog amgleichen Tage nach Berchtesgaden zumV ortrag bei Hitler. Eine
kurzeZwischenlandung inGrafenwöhr gab mir abermals Gelegenheit, die Män-
gel der Panther-Abteilungen 51 und 52 zu untersuchen und anschließend Hitler
darüber zu berichten. Abgesehen von den technischen Mängeln des nicht aus-
gereiften Panzers waren auch die Besatzungen und die Führer nicht genügend
mit demneuen Gerät vertraut, zumTeil auch nochnicht genügend kriegserfah-
ren. Alle dieseBedenkenhaben leider weder Hitler nochden Chef des General-
stabes des Heeres von der unglückseligen Offensive abgehalten, die unter
demDecknamen „Citadelle" imOsten gestartet wurde.
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Der afrikanische Kriegsschauplatz war am 12. Mai mit der Kapitulation von
Tunis endgültig verlorengegangen. Am10. J uli landeten dieAlliierten auf Si-
zilien. Am25. wurde Mussolini abgesetzt und verhaftet. Der Marschall Badoglio
wurde mit der Regierung betraut. Der Abfall I taliens wurde damit zu einer
Frage der nächsten Zeit.
Während diese Ereignisse imSüden den Krieg immer näher an Deutschland
herantrugen, begann Hitler seine in Anlage und Ausführung unzulängliche
Offensive imOsten. Aus demRaumumBjelgorod imSüden griffen 10 Panzer-
Divisionen, 1 Panzergrenadier-Divisionund7 I nfanterie-Divisionenan, aus dem
Räume westlich Orel imNorden 7 Panzer-Divisionen, 2 Panzergrenadier-Divi-
sionen und9 I nfanterie-Divisionen. Was das deutscheHeer anAngriffskraft auf-
zubringen vermochte, war an dieses Unternehmen gewendet, von dem Hitler
selbst mit Recht inMünchen gesagt hatte, daß es nicht scheiterndürfe, weil selbst
ein Zurückgehen in die Ausgangsstellungen für uns bereits die Niederlage be-
deutete. WieHitler schließlich zu demEntschluß zumAngriff gebracht wurde,
ist noch nicht aufgeklärt. Wahrscheinlich hat das Drängen des Chefs des Gene-
ralstabes des Heeres den Ausschlag gegeben.
Der Angriff begann am5. J uli inder den Russen aus zahlreichenfrüheren Bei-
spielen bekannten und daher imvoraus berechenbaren Art. Hitler hatte seine
beiden Gegenvorschläge, entweder über Sewsk die russische Keilspitze' anzu-
greifen oder vonCharkow nach Südosten dierussische Front zudurchstoßen und
aufzurollen, zugunsten des Zeitzlerschen Planes aufgegeben, der den vorsprin-
genden russischen Stellungsbogen durch doppelte Umfassung in Richtung Tim
zu Fall bringenunddamit dieI nitiative an der Ostfront wiedergewinnen wollte.
I ch suchte die beiden Angriffsfronten in den Tagen vom10. zum15. J uli auf,
zuerst diesüdliche, sodann die nördliche und verschaffte mir durch Aussprache
mit den Panzerführern an Ort und Stelle einen Uberblick über den Gang der
Ereignisse, die Mängel unseres Angriffsverfahrens und unseres Geräts. Meine
Befürchtungen bezüglich der mangelnden Frontreifeder Panther hatten sichbe-
stätigt. Ebenso konnten die 90 Porsche-Tiger, welchebei der ArmeeModel ein-
gesetzt waren, den Anforderungendes Nahkampfes nicht genügen, weil sie eine
zu geringe Ausstattung mit Geschützmunition aufwiesen, dienoch dadurch ver-
schärft wurde, daß diese Panzer über keine Maschinengewehre verfügten und
nach demEindringenindiefeindlicheI nfanterie-Kampfzonebuchstäblich mit Ka-
nonen auf Spatzen schießen mußten. Es gelang ihnen nicht, die feindlichen
Schützen- oder M.G.-Nester so niederzuhalten, oder gar auszuschalten, daß die
eigene I nfanteriezu folgen vermochte. I nder russischen Artilleriestellung ange-
langt, sahen sie sich allein. Trotz tapfersten Verhaltens und unerhörter Opfer
konnte die I nfanterie der Division Weidling den Erfolg der Panzer nicht aus-
nutzen. Der Angriff Models bliebnach etwa 10 kmstecken. I mSüden war der
Erfolg zwar größer, er genügte aber nicht, umden Stellungsbogen abzuschnüren
282
oder dieRussen zumNachgeben zu zwingen. Am15. J uli begann ein russischer
Gegenangriff auf Orel, dessen V erteidigung zugunsten der eigenen Offensive
geschwächt wordenwar. DieStadt mußteam4. August geräumt werden. Amglei-
chen Tagefiel Bjelgorod.
Bis zu diesem Tage hatte die Susha—-Oka-Stellung nordostwärts Orel allen
Stürmen getrotzt. Es war die gleiche Stellung, die ich imDezember 1941 für
meine2. Panzerarmee ausgewählt, und in die ich sie hineingeführt hatte. I hret-
wegen entstand meinKonflikt mit Hitler, welcher dann durchFeldmarschall von
Kluge zu meinemSturz ausgenutzt wurde.
Wir hatten durchdas Mißlingen der „Citadelle* eineentscheidende Niederlage
erlitten. Diemit großer Mühe aufgefrischten Panzerkräfte warendurchdieschwe-
ren Verluste anMenschen und Gerät auf lange Zeit verwendungsunfähig. I hre
rechtzeitigeWiederherstellung für dieV erteidigung der Ostfront, erst recht aber
für die Abwehr der imnächsten Frühjahr drohenden Landung der Alliierten an
der Westfront war inFrage gestellt. Selbstverständlich nutzten dieRussen ihren
Erfolg aus. DieOstfront kamnicht mehr zur Ruhe. DieI nitiative war endgültig
auf den Gegner übergegangen.
Die Streitfragen des zweiten Halbjahres 1943
I ch hatte mich nach dem15. J uli nach Frankreichbegeben und dort Panzerver-
bände besichtigt. Ende J uli besuchte ich Tiger-V erbände auf dem Truppen-
übungsplatz Sennebei Paderborn. V ondort rief mich einTelegrammHitlers nach
Ostpreußen. Bei meinemersten V ortrag dort wurde ichkrank. Eine inRußland
durch Ansteckung entstandene Ruhr, die ichanfänglich nicht beachtete und be-
kämpfte, warf mich aufs Krankenlager. Transportfähig geworden, flog ichnach
Berlin, umganz gesund zu werden, mußte mich aber inden ersten Augusttagen
einer Operationunterziehen, diemich bis zumMonatsende ans Bett fesselte.
Unmittelbar vor dieser Operation suchte mich der General von Treskow, der
frühere I a des Feldmarschalls von Kluge, auf. Er gaban, imAuftragedes Feld-
marschalls zu kommen. Dieser ließ mir sagen, er würde sichmit mir aussöhnen,
wennichden ersten Schritt täte. Er wollte dann mit mir gegen Hitler vorgehen,
umeineEinschränkung von dessenBefehlsbefugnissen als Oberster Befehlshaber
der Wehrmacht zu erreichen. Auf dieses Angebot einzugehen, verbot mir meine
genaue Kenntnis des schwankenden Charakters des Feldmarschalls von Kluge.
Ich mußte daher den Vorschlag des Generals von Treskow ablehnen.*)
Mein Zustand bessertesichnur langsam. DieimAugust 1943 einsetzende, er-
höhte Bombardierung Berlins durchdiefeindlicheLuftwaffe ließ zudemnicht die
für eine Rekonvaleszenz nötige Ruheaufkommen. So folgte ichmit meiner Frau
einem Angebot Speers, der mir in einem Gästehaus der Reichsregierung in
•) Meine eigenen Bemühungen in dieser Richtung s. S. 268
283
Oberösterreich in schöner Gebirgslage ein Erholungsheim verschaffte. Kaum
dort am3. 9. eingetroffen, erreichte uns am4.9. dieNachricht, daß unsereBer-
liner Wohnung durch Bombenvolltreffer großenteils zerstört und jedenfalls un-
benutzbar geworden war. Der Rest unserer Habe war in einem Kasernenkeller
in Wünsdorf geborgen worden. Das war ein harter Schlag. Wi r überlegten, ob
sich eine Ubersiedlung nach Oberösterreich ermöglichen lassen würde, als uns
ein Telegrammdie Zuweisung der imHerbst 1942 verliehenen Dotation des
Reichs ankündigte. Schmundt, welcher vonder Zerstörung unseres Heims erfuhr,
hatte diesen Ersatz veranlaßt. Nach Lage der Dingebliebnichts übrig, als dem
gut gemeinten Angebot stattzugeben. I mOktober 1943 zog meine Frau nach
demimKreiseHohensalza gelegenen Deipenhof, der ihr bis zumErscheinen der
Russen am20. J anuar 1945 als Wohnsitz diente.
I nzwischen benutzte man meine Abwesenheit zu einemVersuch, die Produk-
tion an Panzern I V auf Sturmgeschütze umzustellen. Die Organisation Todt,
welcheden Atlantikwall und andereBefestigungen baute, machte denVorschlag,
Panther-Türme ortsfest auf Betonbunker zu setzen, zweifellos bei unserer ge-
ringen Produktionein schwerer Schlag gegen die bewegliche Führung der Pan-
zerwaffe, der vonvollständiger V erständnislosigkeit zeugte.
Unmittelbar nachmeiner Rückkehr vomErholungsurlaubgriff ichdieFrage der
Flak-Panzer erneut auf. Hitler genehmigte die Konstruktionvon 3,7-cm-Zwil-
lingsgeschützen. Dagegen fand einbehelfsmäßig hergestellter 2-cm-Vierling auf
demFahrgestell des Panzers I V erneut nicht seineZustimmung, so daß die so-
fortige Herstellung dieser wichtigenAbwehrwaffeeine abermalige V erzögerung
erfuhr.
Am 20. Oktober 1943 wurden Hitler auf dem Truppenübungsplatz Arys die
Holzmodelledes „Tiger I I " — des später vonunseren Feinden „Königstiger" ge-
tauften, hervorragend gelungenen neuen Tigermodells —, des Vomag-Panzer-
jägers, des J agd-Panthers, das Eisenmodell des J agd-Tigers mit der 12,8-cm-Ka-
none, des Panzer-Mörsers 38 cmauf Tiger-Fahrgestell, des Panzers I I I für Eisen-
bahnschienen-Transport, sowie verschiedene leichte und schwere Panzerdraisi-
nen vorgeführt.
Ein schwerer Bombenangriff suchteam22 Oktober dieHenschel-WerkeinKas-
sel heimund störte vorübergehend dieProduktion. J etzt zeigte sich, daß ichim
Frühjahr recht gehabt hatte, als ich baldige Luftangriffe auf die Produktions-
stätten der Panzerwaffe voraussagte. I ch begabmich alsbald nachKassel indas
Werk, umder Belegschaft, diegroßenteils ihr HeimverlorenundTododer Ver-
wundung vieler Angehöriger zu beklagen hatte, meine Anteilnahme auszu-
drücken. I n der zerbombten großen Montagehalle wurde mir Gelegenheit ge-
geben, zu der Arbeiterschaft zu sprechen; meine Wortehieltensichfrei vonden
üblichen Phrasender Zeit, diebei einemso ernsten Anlaß auch doppelt unan-
284
gebracht gewesen wären; dieAufnahme durchdieArbeiterschaft war sehr warm-
herzig; wir verstanden uns. Noch oft erhielt ichBeweise hierfür durch freund-
liche Grüße von Werkangehörigen, über die ich mich stets besonders gefreut
habe.
Diesem Bombenangriff folgte am 26. November ein Angriff auf die Berliner
Werke Alkett, Rheinmetall-Borsig, Wimag und Deutsche Waffen- und Muni-
tionsfabriken.
Am 7. 12. wurde die Kapazi tät des Tschechenpanzers 38 t, für die Produktion
des leichtenPanzerjägers, der sichaus Bauelementen des alten 38 t zusammen-
setzte, eine Panzerung mit schrägen Flächen, eine rücklauflose Kanone und ein
Maschinengewehr mit gebogenem L auf erhielt und als eine sehr gelungene Kon-
struktion bezeichnet werden konnte, bestimmt. Dieser Panzerjäger wurde dann
dazu ausersehen, die Bewaffnung der Panzerjäger-Abteilungen der I nfanterie-
Divisionen zu bilden und damit endlich meiner Forderung vom9. März genügt.
Die Wehrlosigkeit der I nfanterie gegen die in immer größerer Zahl auftreten-
den russischen Panzer hatte zu steigenden Verlusten geführt, so daß eines
Abends Hitler beimLagevortrag außer sich geriet und einen langen, heftigen
Monolog über den Unsinn anstimmte, den I nfanterie-Divisionenkeine ausrei-
chendePanzerabwehr zuzubilligen. Zufällig war ichbei diesemLagevortrag zu-
gegen. I chstand Hitler gegenüber, während er seinemHerzenLuft machte, und
muß ihmwohl ein einigermaßen sarkastisches Gesicht gezeigt haben, denn er
brachplötzlich ab, sah midi schweigend an und fuhr dann fort: „Sie haben recht
gehabt I Sie haben mir das schon vor 9 Monaten gesagt. Leider bin ichI hnen
nicht gefolgt." Ich konnte nun endlich meine Absicht durchsetzen, aber leider
zu spät. Nur ein Drittel der Panzerjäger-Kompanien konnte bis zum Beginn der
russischen Winteroffensive 1945 mit der neuen Waffe ausgestattet werden.
So weit diepanzertechnische Entwicklung bis zumJ ahresende 1943. Die opera-
tiveLagehatte sichinder zweitenHälfte des J ahres 1943 weiter zu unseren Un-
gunsten entwickelt.
Beim Abbrechen unserer unglücklichen Offensive auf Kursk verlief die Ost-
front von Taganrog am Asowschen Meer hart westlich Woroschilograd vorbei
an den Donez, folgte diesem Fluß bis an das Knie südlich Charkow, umschloß
Belgorod—Ssumy—Rylsk—Sswesk —- Dimitro wsk—Trossna—-Mzensk (nordost-
wärts Orel)—Shisdra—Spass-Djemjenskj—Dorogobush—Welish — westlichWe-
likije Luki, und ging sodann über den I lmen-See längs des Wolchow nordost-
wärts Tsdiudowa in die Linie südlich Schlüsselburg — südlich Leningrad—-
südlich Oranienbauman die Küste des Finnischen Meerbusens.
Gegen diese Front riditetensichnunmehr die Angriffe der Russen, und zwar
in erster L inie gegen dieHeeresgruppen A, Südund Mitte. I nder Zeit vom16.
285
bis 24. 7. scheiterte ein. russischer Angriff in Richtung Stalino. Hingegen führte
ein mit 52 Schützenverbänden und 10 Panzerkorps unternommener Stoß zu ei-
nemtiefen Einbruchin Richtung Charkow und Poltawa. EinDurchbruch konnte
verhindert werden, aber Charkow ging umden20.8. verloren. I nder am24. 8. be-
ginnenden, erneuten Offensive aus der LinieTaganrog—Woroschilograd gelang
den Russender Durchbruch. DiedeutscheFront mußte bis zum8. 9. indie Linie
Mariupol — westlich Stalino — westlich Sslawiansk zurückgenommen werden.
Bis Mitte September wurde die Donez-Liniepreisgegeben; Ende dieses Monats
standendieRussenvor Melitopol—Saporoshe undvondiesemOrt an amDniepr
bis zur Pripet-Mündung.
Bei der Heeresgruppe »Mitte* begannendie russischen Gegenangriffe nördlich
Kursk am11. 7. Sie führten bis zum5. 8. zur Eroberung vonOrel. Zwischendem
26. 8. und4. 9. gelang demFeinde eintiefer EinbruchinRichtung Konotop—Ne-
shin, der indennächsten Tagen erweitert werden konnte. EndeSeptember hatten
dieRussen den Dniepr an der Einmündung des Pripet erreicht; dieFront verlief
von hier über Gomel ostwärts des Dniepr nach Norden bis Welish.
I n der zweiten Oktoberhälfte vollzogen die Russen den Ubergang über den
Dniepr zwischen Dniepropetrowsk und Krementschug, Ende des Monats wurde
die deutscheFront südlich SaporoshezumEinsturz gebracht und bis Mitte No-
vember über den Dniepr zurückgeworfen. Zwei Brückenköpfe blieben bestehen,
ein großer bei Nikopol, einkleiner weiter südlich bei Cherson. Weiter nördlich
eroberten dieRussenzwischen dem3. und 13. 11. Kiew undstießen bis Shitomir
durch.
Hitler entschloß sich zum Gegenangriff. Nach seiner schlechten Gewohnheit
sollte diese Aktion mit unzulänglichen Kräften geführt werden. Daher benutzte
ich imEinvernehmen mit demChef des Generalstabes des Heeres am9. 11.43
einen V ortragüber Panzerfragen, umHitler vorzuschlagen, vonden verzettelten
Gegenstößen abzusehen und zu dem beabsichtigten Gegenangriff über Berdit-
schew in Richtung Kiew alle südlich Kiew vorhandenen Panzerdivisionen zu-
sammenzufassen. Hierzu schlug ich auch das Heranziehen der Panzer-Division
aus dem Brückenkopf von Nikopol, der von Sohörner verteidigt wurde, sowie
der Panzer-Divisionen der Heeresgruppe Kleist, die den Dniepr bei Cherson
hüteten, vor. I ch gebrauchteHitler gegenüber meinen alten Grundsatz: „Klotzen,
nicht Kleckern!" Er hat ihnsichauchgemerkt, aber niedanach gehandelt. Meine
kurze Denkschrift wurde zur Kenntnis genommen, aber der Einspruch der ört-
lichen Befehlshaber hinderte Hitler, meinemVorschlag zu folgen. Der mit unzu-
länglichen Kräften angesetzteGegenangriff bei Berditschew bliebnach schweren
Winterkämpfen imDezember stecken. DieWiedereroberung von Kiew und das
Gewinnen der Dniepr-Liniemißlangen. Am24. 12. 43 holten die Russen erneut
zumSchlageaus und warfen die deutscheFront über Berditschew bis vor Win-
niza zurück.
286
Besonders kennzeichnend für Hitlers Angriffstaktik war der Einsatz der 25. Pan-
zer-Division. Dochhierzu muß ich etwas zurückgreifen.
Nach der Katastrophe von Stalingrad hatte icheine Anzahl der dort verloren
gegangenen Panzer-Divisionen aus den bescheidenen Stämmen neu aufgestellt,
die wegen Verwundung, Krankheit oder aus anderen Gründen der Gefangen-
schaft entronnen waren. NachdemV erlust Afrikas verfuhr ichmit den vondort
geretteten Resten ebenso. Die 21. Panzer-Division entstand in Frankreich aus
Besatzungstruppen, die mit Beutegerät ausgestattet waren.Die 25. Panzer-Divi-
sion wurde auf gleiche Weise inNorwegen gebildet. Diese Division stand unter
demBefehl des Generals vonSchell. Schell war meinMitarbeiter imReichswehr-
ministeriumgewesen, als ichvon 1927—30 die Frageder Truppentransporte auf
Kraftwagen bearbeitete. Er hatte dann ein längeres Kommando nach den V er-
einigten Staaten von Amerikaerhalten, umdie Motorisierungsfragen imLande
Henry Fords zu studieren, undkamvondort mit vielenAnregungen zurück. Kurz
vor demKriegewurde er Chef der Abteilung I n 6 (K) imAllgemeinen Heeres-
amt und damit der Hauptberater der Heeresmotorisierung. Bei dem großen I n-
teresse Hitlers an diesem Problem konnte nicht ausbleiben, daß die beiden
Männer innähere Berührung traten. Schell war ein kluger, entschlossener und
beredter Mann. Er verstand, Hitler von seinen Gedankengängen über Typen-
vereinfachung, Großserienbau und andere Dinge zu überzeugen und wurdein-
folgedessen — ein inDeutschland seltener Fall — zumUnterstaatssekretär im
Reichsverkehrsministeriumernannt undmit der Entwicklung des Kraftfahrwesens
des Reichs betraut. I n dieser Tätigkeit begegneteer allerdings balddemWider-
stand der I ndustrieund der mit ihr zusammenhängenden Parteistellen, dienicht
von der hergebrachten Produktionsmethode abgehen wollten. Diese Kreise un-
tergruben Hitlers Vertrauen indie Person Schells, so daß Hitler ihnfallen ließ.
Er wurde nachNorwegenversetzt, ineinruhiges Land, wo er keine kriegerischen
Lorbeeren ernten konnte. Der rührige, nimmermüde Mann schuf sich aber bald
aus den spärlichen Besatzungseinheiten eine brauchbareTruppe. I chunterstützte
sein Streben nach Ergänzung seiner Kräfte auf eine Panzer-Division und veran-
laßte die Verlegung dieser Einheit nach Frankreich, als der Bedarf der Ost-
front nach der Katastrophe der „Citadelle" Kräfte aus Frankreich abzog und die
dortigeBesatzung so stark schwächte, daß Ersatz notwendig wurde. Naturgemäß
bedurfte die junge Truppe der Umbewaffnung mit neuzeitlichem, statt des bis-
herigen Beutegeräts. Fast noch mehr bedurfte sieder Ausbildung andiesen Waf-
fen und imV erbände. Siemußte mit den Osterfahrungen vertraut gemacht wer-
den und sie hätte dann zuerst einmal vor eine Aufgabe gestellt werden sollen,
der sienach ihremAusbildungsstand gewachsen war.
Was aber geschah? Anfang Oktober 1943mußte dieDivision auf Befehl Hitlers
über 600 der soeben erhaltenen Kraftfahrzeuge an die für den Ostkriegsschau-
platz bestimmte, ebenfalls neu formierte 14. Panzer-Division abgeben, weil das
OKW und das OKH der Ansicht waren, die25. Panzer-Divisionwürde noch lange
287
in Frankreich bleiben und könnte daher mit geringwertigem, französischem Ge-
rät vorliebnehmen. Durch dieseAbgabe wurde in erster Linie das Nachschubwe-
sen der Division geschädigt, das hinfort nur für den Westkriegsschauplatz ver-
wendbar blieb. Die Panzer-Aufklärungs-Abteilung befand sich zu dieser Zeit
in der Umbewaffnung auf Schützen-Panzerwagen. Die Pioniere erhielten neue
Fahrzeuge. Das I . Panzergrenadier-Regiment 146 erhielt neue Schützen-Panzer-
wagen. Das Panzer-Regiment 9 war noch nicht voll ausgestattet. Das Artillerie-
Regiment 91 mußte von polnischen Beutegeschützen auf deutsche leichte Feld-
haubitzen und 10 cm-Kanonen umbewaffnet werden. Der Flak-Abteilung fehlte
noch eineBatterie, der Panzerjäger-Abteilung eineKompanie mit Sturmgeschütz-
bewaffnung. Die Funkausrüstung war unvollständig. Alle diese Mängel waren
bekannt. Sie sollten in Frankreich in Ruhebehoben werden.
Trotzdemwurde die Division Mitte Oktober zumAbtransport nach dem Osten
befohlen. I cherhob sofort Einspruch bei Hitler und bat ihn, einenochmalige Be-
sichtigung durch michabzuwarten, umein einwandfreies Bild von der Leistungs-
fähigkeit der Division zu gewinnen und sie nidit unfertig demschweren Kampfe
ander Ostfront auszusetzen. I ch reisteunverzüglich nach Frankreichund meldete
von dort nach Besichtigung der Truppe und eingehender Aussprachemit Schell
und den Truppenkommandeuren, daß die Division noch mindestens 4 Wochen
benötige, ummit ihremneuen Gerät ausgestattet und notdürftig ausgebildet zu
werden. Diese Meldung erging telegrafisch. Siekreuzte sich bereits mit demBe-
fehl zumAbtransport. Hitler, das OKW und das OKH hatten weder auf die Mel-
dungen der Truppe noch auf diedes verantwortlichen Generalinspekteurs Rück-
sicht genommen. Der Abtransport wurde auf den 29. Oktober endgültig fest-
gesetzt.
Nicht genug mit dem unfertigen Zustand. Die Transportfolge nach dem Osten
entsprach weder den Wünschen der Division noch der Lage an der Front. Sie
wurde außerdemunterwegs mehrfach geändert. DiePanzerjäger-Abteilung wurde
gesdiützweise auf den ganzenTransport verteilt. UmdieKampfkraft der Division
zu erhöhen, hatteich ihr die neu aufgestellte Tiger-Abteilung 509 zuteilen lassen.
Allerdings war auch die Ausstattung dieser Abteilung nochnicht vollendet; man
hattezudemin diesemAugenblick einen Kommandeurwechsel befohlen. I mAu-
genblick des Abtransportes war der alte Kommandeur schon abgereist, der neue
nochnicht eingetroffen.
Die Division wurde in dieser überhasteten Weise der Heeresgruppe „Süd" zu-
geführt. Diese bestimmte die Ausladung der Räderteile der Division imRäume
Berditschew—Kasatin, dieder Kettenteile imRäume Kirowograd—Nowo Ukra-
inka, wobei die Division imunklaren blieb, ob die Zugmasdnnen der Artillerie
und die Schützenpanzerwagen zu ersteren oder zu letzteren rechneten. Diebei-
denAusladeräume lagen etwa drei Tagemärsche auseinander. Der ersteGeneral-
stabsoffizier mit dem vorausbeförderten Personal ging über Berditschew nach
Nowo Ukrainka, der Divisionskommandeur zur Meldung bei der Heeresgruppe
288
nach Winniza. I nBerditschew sollteeinAuslade-Offizier die Ausladung und die
Versammlung der Räderteile — also der mit Radfahrzeugen ausgestatteten Ein-
heiten — regeln. Am6. November sollten dieV ersammlungsmärsche beginnen.
Fernsprechverbindungen zu den ausgeladenenEinheiten bestandennicht. DieBe-
fehlsübermittlung mußte durch Befehlsempfänger in Kraftfahrzeugen erfolgen.
Am 5. November entstand ein tiefer, feindlicher Einbruch bei Kiew. Am6. No-
vember befahl dieHeeresgruppedemSinne nach: „Die 25. Panzer-Division wird
der 4. Panzerarmee unterstellt und mit den verfügbaren Räderteilen, noch am
6. 11. aufbrechend, nach BialaZerkow zugeführt. Sie ist imRäume Biala Zerkow
—Fastow zu versammeln. Sie schützt ihre Versammlung selbst. Kettenteile wer-
den aus demRäume Kirowogradwieder zugeführt."
Der Heeresgruppe war der Zustand der Division bekannt.
Um 16,00 Uhr versammelte der Divisionskommandeur die bis dahin eingetrof-
fenen Kommandeure zumBefehlsempfang. Manbesaß für jeden Regiments- und
Abteilungskommandeur nur eineKarte 1 : 300 000.
Der Divisionskommandeur verfügte zu diesem Zeitpunkt über folgende Ein-
heiten:
Panzer-Gren.-Rgt. 146 Rgts.-Stab, 2 Btls.-Stäbe (teilweise) je Btl. 2 Kompanien.
Panzer-Gren.-Rgt. 147 desgl.
Panzer-Rgt. 9 Rgts.-Stab, Stab II, Abt., Teile verschiedener Kompanien, im
ganzen 30 Panzer IV und 15 Tiger.
Panzer-Artl.-Rgt. 91 Rgts.-Stab, Stab I. Abt., 1. u. 2. Batterie; außerdem die Personal-
einheit der III. Abt. (ohne Geschütze).
Panzer-Jäger-Abt. Stab und eine zusammengesetzte Kompanie.
Panzer-Nachr.-Abt. Ziemlich vollzählig, jedoch ohne Kommandeur, der sich beim
Vorausbef.-Personal befand.
Panzer-Pionier-Btl. voll, ohne leichte Pionier-Kolonne und ohne Brücken-Kolonne.
Flak-Abt. Stab und 1 Batterie.
BeimDivisionskommandeur befanden sich lediglich der Adjutant und 2 Ordon-
nanzoffiziere mit einigen Kraftfahrzeugen und Kraftradmeldern.
Angesichts der drängenden Lage entschloß sich der Divisionskommandeur in
mehreren Marschgruppen, deren Zusammensetzung sich nach der Marschbereit-
schaft der Truppen und ihrer Entfernung vomAblaufpunkt der Division richtete,
über Kasatin—Skwira den Abschnitt westlichBialaZerkow zu erreichen. I mdor-
tigen Räume wollteer die Versammlung des Restes der Division abwarten und
sichern. Er glaubte, am6. 11. nicht vor 22,00 Uhr antreten zu können, weil die
Befehlsübermittlung durch Kraftfahrzeuge lange Zeit in Anspruch nahm. Die
Funkunterlagen fehlten noch; außerdem war vorerst Funkstille angeordnet.
Nachdem die Kommandeure zu ihren Truppen entlassen waren, befahl die 4.
Panzerarmee, mit der eineFernsprechverbindung zustandegekommen war: „Die
25. Panzer-Division erreicht beschleunigt Fastow, das unter allen Umständen zu
halten ist. Der Kommandeur der 25. Panzer-Division wird Kampfkommandeur
von Fastow. I hmwerden dort 2 Landesschützen-Bataillone und ein Urlauber-
19 Erinnerungen eines Soldaten
289
Bataillon, sowie ein am Abend eintreffendes Regiment der SS-Panzer-Gren.-
Division .Reich' unterstellt." Als Marschweg wurde Kasatin—Skwira—Popelnja
—Fastow befohlen; dieser Wegmußte aber wegen einer Brückensprengung durch
Partisanen verlassen und an seiner statt ein Feldweg ostwärts Skwira gewählt
werden.
Der Divisionskommandeur entschloß sich, amAnfang der ersten Marschgruppe
zu fahren. Der Marschwurde pünktlich angetreten und verlief zunächst glatt. I n
der zweiten Nachthälfte traten durch zurückflutende Kolonnen, die fast aus-
schließlich der Luftwaffe angehörten, erhebliche Stockungen ein, die das ener-
gischeEinschreitendes Divisionskommandeurs erforderten. Das bis dahintrockene
Wetter verschlechterte sich; ein Dauerregen setzteein, der die nächsten Tage
hindurch anhielt und die Wege in grundlosen Zustand versetzte. Die Radfahr-
zeuge wurden zu großen Umwegen gezwungen, während die Kettenfahrzeuge
denWeg allein fortsetzten. DieVerbindung zwischen den Marschgruppen riß ab.
Am 7. 11. gegen 12.00 Uhr mittags wurdedurch zurückkommende Soldaten be-
kannt, daß der Gegner bereits in Fastow eingedrungen sei. Der Divisionskom-
mandeur eiltemit einemseiner Ordonnanzoffiziere nach vorne, umden Angriff
auf Fastow anzusetzen. Da er bereits unterwegs mehrfach Gewehrfeuer erhielt,
bestieg er einen Schützenpanzerwagen; sein Ordonnanzoffizier bildetein einem
anderendieSpitze. I n dieser Verfassung stieß er auf russischePanzer T 34. Die
ihm folgende 9. Kompanie 146 mit ihren 4 schweren I nfanterie-Geschützen er-
hielt Feuer undverfiel einer Panik. Der Divisionskommandeur fuhr nun demim
Anmarsch begriffenen I I ./Panzer-Gren.-Rgt. 146 entgegen. Er traf auch diese
Truppe imZurückfahren, jedoch gelang es ihm, sie zumStehenzu bringen, neu
zu ordnen und auf Trilissy vorzuführen. Er bliebbei der Truppe, umes nicht er-
neut zu einer Panik kommen zu lassen, undbefahl ihr, sicheinzugraben, als die
Dämmerung einbrach. I nder Dunkelheit gerieten russischePanzer inden Troß
des Bataillons und setzten ihn teilweise außer Gefecht. Der Divisionskomman-
deur entschloß sichnun, i nder Nacht inRichtung Fastow durchdieihnumschwär-
menden russischen Panzer durchzubrechen, umden Anschluß an diedorthinvor-
gegangenenTeileseiner Division zu erreichen. J e eine Kompaniezu Fuß bildete
Anfang undSchluß der kleinenKampfgruppe; dieFahrzeugeundschweren Waf-
fen kamen in die Mitte. General von Sohell marschierte an der Spitze. So ge-
langte er unter heftigen Gefechten gegen 4.00 Uhr morgens am8. 11. aus dem
ihn einschließenden Ring der russischen Panzer und gegen 14.00 Uhr zumGe-
fechtsstand des X X X X V I I . Panzer-Korps nach Biala Zerkow, demdie Division
nunmehr unterstellt wurde.
I nzwischen waren andereTeileder Division unter Oberst Frhr. von Wechmar
über Grebenki—Slawiaauf Fastow angesetzt worden. Zu diesen begabsich Gene-
ral von Schell am9.11. früh. Das ostwärts Fastow gelegeneDorf Fastowez er-
wies sich als stark besetzt und mußte angegriffen werden. Es wurde unter per-
sönlicher Führung des Divisionskommandeurs gegenMittag genommen, der An-
290
griff auf Fastow alsdann fortgesetzt. Der Gegner erlitt schwere Verluste. Am
10. 11. gelangte der Angriff bis an den Ortsrand vonFastow, stieß aber dannim
Ort und südlich davon auf überlegenen Feind, so daß man sich mit der Säube-
rung von Slawia begnügen mußte. I mmerhinwar auch der Gegner anweiterem
Vordringen verhindert worden.
Die Division war in unfertigem Zustande und verzettelt in eine besonders
schwierigeLage gebracht worden, inder ihr — trotz des persönlichen Einsatzes
des Generals von Schell — kein Erfolg beschieden sein konnte. Sie hatte zwar
demGegner starke Verluste beigebracht, aber auch selber erhebliche Einbußen
erlitten. Mangelnde Kampferfahrung der jungen Truppe führte anfänglich zu
einigen Panikerscheinungen, bis dieMänner sichan die schwierigeLage imöst-
lichen Winterkrieggewöhnt hatten. Dieörtliche Führung (Heeresgruppe, Armee
und Panzerkorps), wurdedurchdieNot des Augenblicks veranlaßt, die Division
sofort in der geschilderten Weise einzusetzen. Der obersten Führung muß je-
doch der V orwurf gemacht werden, daß sie nicht sparsamer mit der Kraft der
jungen Truppe umzugehen verstand.
I n den späteren Kämpfen vom24.—30. 12. 43 wurde diebedauernswerte Divi-
sion abermals ineine unglüddiche Lage gebracht und auf einer Front von40 km
Breite von überlegenen Kräften angegriffen und geworfen. Sieerlitt so schwere
Verluste, daß eine fast vollständige Neuaufstellung erforderlich wurde. Hitler
und das OKH wollten sie auflösen. I ch habe das damals verhindert, weil die
Division an ihremSchicksal unschuldig war. General vonSchell erkrankte schwer
und mußte dieFront verlassen. Er hat unter demunverdienten Zusammenbruch
seiner inmonatelanger Arbeit mit großer Liebeundmit großem Geschick aufge-
bauten Division sehr gelitten. Hitlers Mißtrauen gegen ihn verhinderte, daß er
wieder ein Kommando erhielt. So blieben seine Arbeitskraft, sein großes Or-
ganisations- undLehrtalent ungenutzt.
Umwenigstens noch etwas für die Westfront zu schaffen, ordnete i di dieZu-
sammenfassung aller Lehrtruppen der Schulen zu einer „Panzer-Lehr-Division"
an, dieinFrankreichausgebildet wurde. Sieerhielt neues Gerät und ausgesudite
Offiziere. I hr Kommandeur wurdemeinalter I a, der General Bayerlein. DieFor-
mation dieser Division wurde imDezember von Hitler genehmigt. „Eine uner-
wartete Hilfe, mit der ichnicht gerechnet habe."
An der Front wareninzwischen dieheftigenKämpfe fast ununterbrochen weiter-
gegangen. Bei der Heeresgruppe „Mitte" gelang den Russen einEinbruch zwi-
schen Pripet undBeresina über Retschiza. UmWitebsk undNewel wurdeerbit-
tert gerungen. Gomel und Propoisk gingen verloren, aber ostwärts Mogilew
und Orscha bliebeinBrückenkopf auf demOstufer des Dniepr bestehen.
Die Frage ist berechtigt, ob das Festhalten vonBrückenköpfen über den Dniepr
in dieser Lage, dieeine Wiederaufnahme der Offensiveinostwärtiger Richtung
wohl für immer ausschloß, nocheinen Sinn hatte. Bei Nikopol wollteHitler die
292
dortigen Manganvorkommen ausbeuten. Das war wenigstens ein kriegswirt-
sdiaftlicher Grund, allerdings ein schwacher und — wie wir gesehenhaben —
ein operativ schädlicher. Bei allen übrigen wäre es besser gewesen, hinter den
breiten Flußabschnitt zurückzugehen, Reserven auszuscheiden, in erster Linie
Panzer-Divisionen, und mit den so gewonnenen Kräften beweglichzu fechten, zu
„operieren". Aber wenn Hitler das Wort „operieren" hörte, wurde er böse. Er
glaubte, daß die Generale unter „operieren" stets einZurückgehen verstünden,
und beharrte daher mit fanatischem Starrsinn auf demFesthalten am Gelände-
besitz auch da, wo es schädlich war.
Die schweren, verlustreichen Kämpfe des Winters hatten das OKH vollständig
in ihren Bann geschlagen. Kein Gedanke an das Bereitstellenvon Kräften für
den Westen und die imFrühjahr 1944 mit Sicherheit dort zu erwartende I n-
vasionkamauf. Daher hielt iches für meine Pflicht, immer wieder an das recht-
zeitige Herausziehen der Panzer-Divisionen aus der Front und deren Auffri-
schung zu erinnern. Obwohl das OKW für seinen demnächst wichtigstenKriegs-
schauplatz das größte I nteressehätte bekunden müssen, fandichvonseiner Seite
keine Unterstützung. So verzögerte sichdas Freimachen der Kräfte für den We-
sten immer wieder, bis ich eines Tages inZeitzlers Gegenwart Hitler noch ein-
mal darüber V ortrag hielt. Es handelte sichumdas Herausziehen einer Panzer-
Division. Zeitzier meldete, daß das Herausziehen klar befohlen sei. I ch mußte
ihmwidersprechen, weil dieBefehledes OKH zahlreicheHintertürchen für eigen-
nützige Frontgenerale offen ließ. Meinediesbezügliche Bemerkung fandden ent-
rüsteten Einspruch des Generalstabschefs. Aber der letztergangene Befehl des
OKH zumHerausziehen einer Division hatte etwa folgenden Wortlaut: „Die
X . Panzer-Divisionist möglichst sofort aus der Front zu ziehen, sobalddieKampf-
lage es gestattet. Kampfgruppenbleibenb. a. w. amFeinde. Der Beginndes Her-
ausziehens ist zu melden." Für die Worte „bis auf weiteres" wurde inden Be-
fehlen des OKH dieAbkürzung „b. a. w." verwendet, woraus zu ersehenist, daß
sie sehr gebräuchlich waren, ja, dieRegel bildeten. DieFolge eines solchen Be-
fehls war nun, daßzunächst der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe oder Armee,
die dieDivision abgeben sollte, erklärte, dieKampflagegestattedas Herausziehen
nochnicht. Bis sie es gestattete, vergingen oft Wochen. DieKampfgruppen, die
selbst dann noch amFeinde blieben, umfaßten natürlich die kampfkräftigsten
Teile der Division, besonders die Panzer und Panzergrenadiere, auf deren Auf-
frischung es geradeangekommen wäre. Praktischerschienen also zuerst dieohne-
hin vollständigen Nachschubkolonnen, dann allenfalls der Divisionsstabund die
leidlich vollzählige Artillerie, während ich an die Hauptaufgabe nicht heran-
gehenkonnte, weil diewichtigstenV erbände eingesetzt blieben. Zeitzier war sehr
böseauf mich, aber das I nteressedes Westens durftenicht vernachlässigt werden.
Bis zumBeginnder I nvasion am6. J uni 1944 gelang es notdürftig, 10 Panzer-
und Panzergrenadier-Divisionen imWesten bereitzustellen, einigermaßen aufzu-
293
füllen und auszubilden. Hierauf wird noch zurückzukommen sein. Mi t der Aus-
bildung dieser V erbände, denen sich noch drei Reserve-Panzer-Divisionen aus
Ersatztruppenteilenzugesellten, dieaus demReichnachFrankreichverlegt wurden,
betraute ichmeinen alten bewährten Waffengefährten, den General Frhr. von
Geyr, demHitler nach wiederholtenAuseinandersetzungen ein Frontkommando
noch nicht wieder anvertrauen wollte. Geyr's Dienststelle nannte sich .General
der Panzertruppen West*. Er unterstand territorial und operativ dem Ober-
befehlshaber West, Feldmarschall von Rundstedt, hinsichtlich seiner Tätigkeit
innerhalb der Panzertruppen aber mir. Unsere Zusammenarbeit war abermals
vertrauensvoll und— wieichglaube — für dieTruppe nützlich.
Aus demereignisreichen J ahre 1943 sindnocheinigeBegegnungen erwähnens-
wert. I cherzählte bereits, daß ichbei meinemAntrittsbesuch bei Goebbels auf
die unzulängliche Handhabung des militärischen Oberbefehls zu sprechen kam
und den Minister gebeten hatte, sich bei Hitler für dessenNeuregelung einzu-
setzen, durch welche der persönliche Einfluß Hitlers auf dieFührung der Opera-
tionen durchErnennung eines Chefs des Generalstabes der Wehrmacht mit den
nötigen Vollmachten zurückgedrängt werden sollte. Goebbels hatte zwar die
Frage für sehr heikel erklärt, aber trotzdemseineMitwirkung zu gegebener Zeit
zugesagt. Gelegentlich eines Aufenthaltes des Ministers in Ostpreußen Ende
J uni 1943 suchteichihnerneut auf underinnerte ihnan unsereerste Aussprache.
Er ging sofort auf das Thema ein, gab die zunehmende Verschlechterung der
Kriegslagezu undmeintenachdenklich: „Wenn ichmir vorstelle, daß dieRussen
nach Berlin kämen und man womöglich Frau und Kinder vergiften müßte, um
sie nicht indieHand dieser grausamen Feinde fallen zu lassen, dann liegt I hre
Frage immer wie einAlpdruck auf meiner Seele.* Goebbels war sich über die
Folgen klar, welche eine Weiterführung des Krieges nach den bisherigen Ge-
pflogenheiten haben mußte, aber er hat leider keineFolgerungen aus seiner Er-
kenntnis gezogen. Er hat nie gewagt, Hitler imSinne meiner Anregungen zu
sprechen und zu beeinflussen.
Daher versuchte ichzunächst, Himmler zu sondieren, stieß aber auf eineso un-
durchsichtigeHaltung, daß iches aufgab, mit ihmüber dieFrage der Einschrän-
kung der Befugnisse Hitlers zu verhandeln.
I m November begabichmich zu J odl und legte ihmeinen Vorschlag für eine
andere Organisation des Oberbefehls vor, bei welcher gleichfalls ein Chef des
Wehrmachtgeneralstabes dietatsächliche Leitung der Operationenausüben sollte,
wodurch Hitler auf seineigentliches Betätigungsfeld, dieOberleitung der Politik
undKriegführung beschränkt wordenwäre. NachdemichmeinenVorschlag ein-
gehend begründet hatte, antwortete J odl lakonisch: .Wissen Sie einen besseren
Obersten Befehlshaber als Adolf Hitler?" Sein Gesicht war unbeweglichgeblie-
ben und seineganzeHaltung drückte eisige Ablehnung aus. Unter diesen Um-
ständen packte ichmeinen Vorschlag zusammen und verließ das Zimmer.
294
I mJ anuar 1944 wurde ichvonHitler zumFrühstück eingeladen: .Manhat mir
eine Krickentegeschenkt. Sie wissen, ichbin Vegetarier. Wollen Sie mit mir
frühstücken und die Krickente essen?" Wi r aßen unter vier Augen i n einem
kleinen, nur durch ein Fenster spärlich erhellten Zimmer an einem kleinen
runden Tisch. Nur dieSchäferhündin Blondi war i mZimmer. Hitler fütterte sie
mit einigenStückchen trockenen Brotes. Der uns bedienendeDiener Lingekam
und ging schweigend und geräuschlos. Dieseltene Gelegenheit war gekommen,
um heikle Fragen anzuschneiden und zu erörtern. Nach einigen einleitenden
Redewendungen wandte sich das Gespräch der Kriegslage zu. I ch brachte die
voraussichtlich im Frühjahr bevorstehende alliierte Landung imWesten zur
Spracheundbemerkte, daß diebisher verfügbaren Reserven ungenügend seien.
Ummehr Kräfte frei zu bekommen, müsse der Ostfront eine stärkere Defensiv-
kraft verliehenwerden. I chsei erstaunt, daß man nicht daran denke, durch eine
gute Landesbefestigung und durch Errichten rückwärtiger Verteidigungszonen
der Front den Rücken zu steifen. Zumal die Wiederherstellung der alten deut-
schenundrussischen Festungen sei meines Erachtens geeignet, bessereV erteidi-
gungschancen zu bieten, als die Erklärung von offenen Orten zu .Festen
Plätzen" — und dies inder Regel erst imletzten Augenblick, wenn nichts mehr
getanwerden könne, umden Namenzu rechtfertigen. I chhatte hiermit gleichin
ein Wespennest gestochen.
.Glauben Sie mirl I chbinder größte Festungsbauer aller Zeiten. I ch habeden
Westwall errichtetj ich habeden Atlantikwall errichtet. I ch habeso und so viel
Tonnen Betoneingebaut. I chweiß, was Festungsbauen bedeutet. Für den Osten
fehlt es anArbeitskräften, anMaterial, anTransportmitteln. DieEisenbahn reicht
schon jetzt nicht aus, umdieFront zu versorgen. Dakannichnicht auchnochdie
Züge mit Baustoffen an die Front transportieren." Er hatte seineZahlen gut im
Kopf und verblüffte — wie immer — durch genaueAngaben, die man i mAu-
genblick zu widerlegennicht inder Lagewar. Trotzdemwidersprachichlebhaft.
I ch wußte, daß der Engpaß der Eisenbahn erst ostwärts Brest-Litowsk begann,
und versuchte, ihmklar zu machen, daß der von mir vorgeschlagene Ausbau
keine Transporte an die Front verlange, sondern nur bis an die Linie des Bug
undNjemen, daß bis dorthindieLeistungsfähigkeit der Eisenbahn ausreiche, daß
an landeseigenen Baustoffen und an Arbeitskräften kaumMangel sein dürfte,
daß man aber den Zweifrontenkrieg nur dann mit Hoffnung auf Erfolg weiter-
führen könne, wenn man wenigstens die eineFront vorübergehend stillzulegen
vermöchte, und dies wenigstens so lange, bis die andere wieder gefestigt sei.
Nachdemer so gut für denWestenvorgesorgt habe, stündedochnichts i mWege,
das Gleicheauch für den Osten zu tun. I ndie Enge getrieben, kamHitler nun
aber mit demviel gehörten Argument, dieGenerale imOsten würden nur an
Rückzug denken, wenn er hinter ihrer Front feste Stellungen oder Festungen
bauen ließe. Nichts konnte ihnvon dieser vorgefaßten Meinung abbringen.
295
Das Gespräch wandte sich hiermit den Generalen und demOberbefehl zu. Da
meineV orschläge, auf indirektemWege zu einer Konzentrationdes militärischen
Kommandos und zu einer Eindämmung des unmittelbaren Einflusses Hitlers zu
gelangen, gescheitert waren, hielt ichmich für verpflichtet, nunmehr Hitler selbst
vorzuschlagen, einen General seines Vertrauens zum Wehrmachtgeneralstabs-
chef zu ernennen, umdas Neben- und Durcheinander von Wehrmachtführungs-
stab, OKH, Luftwaffe, Marine, Waffen-SS zu beseitigen und eine erfolgreichere
Leitung der Gesamtoperationen zu erzielen, als bisher. Aber dieser Versuch
scheiterte vollständig. Hitler lehnte ab, sichvonFeldmarschall Keitel zu trennen.
I n seinemMißtrauen spürte er sofort, daß man ihneinschränken wollte. I ch er-
zielte kein Ergebnis. Gab es überhaupt einen General, demHitler traute? Nach
diesem Gespräch war mir klar, daß diese Frage nur mit „Nein" beantwortet
werden konnte.
Also blieb alles beimalten. Es wurde weiter umjeden Quadratmeter Boden
gekämpft. Niewurdeeinehoffnungslos gewordene Lagedurchrechtzeitiges Aus-
weichen wiederhergestellt. Aber noch mehrfach fragte Hitler mich mit erlosche-
nemBlick: „I ch weiß nicht, weshalb seit 2 J ahrenbei uns alles mißlingt?", ohne
jedoch auf meine jedesmalige Antwort einzugehen: „Ändern Siedas Verfahren."
Das Jahr dei Entscheidung.
Das J ahr 1944 begann ander Ostfront mit wütenden russischen Angriffen umdie
Mitte des J anuar. Bei Kirowograd wurdendie Russenzunächst abgewiesen. Am
24. und26. 1. begann einZangenangriff auf den vorspringenden deutschen Stel-
lungsbogen westlichTscherkassi, am30. 1. ein Stoß gegen den deutschen Stel-
lungsvorsprungostwärts Kriwoirog. BeideAngriffe gelangen. DierussischeÜber-
macht war beträchtlich. Es griffen an:
Bei der Heeresgruppe „Südukraine" 34 Schützenverbände,
11 Panzerverbände,
Bei der Heeresgruppe „Nordukraine" 67 Schützenverbände,
52 Panzerverbände.
I n der zweiten Februarhälfte herrschte verhältnismäßige Ruhe an der Front,
aber am3., 4. und5. März setztesichder Russewieder inBewegung und warf
die deutscheFront anund über den Bugzurück.
Bei der Heeresgruppe „Mitte" gelang es, die Front imwesentlichen bis Ende
März zu behaupten.
I m Apri l ging imSüden dieHalbinsel Krim bis auf Sewastopol verloren. Der
Bug wurde überschritten, ebenso der Oberlauf des Prath und Sereth. Tscherno-
witz fiel i nFeindeshand. Danntrat hier nach demScheitern eines letzten, russi-
schenGroßangriffes undnachdemVerlust vonSewastopol bis zumAugust Ruhe
ein.
296
I mJ anuar hatte sichauch vor der Heeresgruppe „Nord" der Feindzum Angriff
entschlossen. Er erzielte anfänglich nur geringe Erfolge nördlich des I lmen-Sees
und südwestlich Leningrad. V om21. J anuar ab jedoch brachte er starke Kräfte
ins Feuer undwarf diedeutscheFront hinter dieLuga, undim Februar hinter die
Narwa zurück. Bis Ende März waren die Deutschen hinter die Welikaja, den
Pleskauer- und den Peipus-Seezurückgedrängt. Hier gelang es zu halten.
Die Ostfront hatte nun eine kurze Atempause bis zum22. J uni. Der Kräfte-
verbrauch des Winterfeldzuges war groß gewesen. Reserven standen nicht zur
V erfügung. Was entbehrlichwar, mußte hinter den Atlantikwall, der kein Wal l
war, sondern eine Festungsattrappezur Abschreckung.
In dieser Zeit wurde mir noch ein unangenehmer Sonderauftrag Hitlers zuteil.
Wie üblich, suchte er nach den Sündenböcken für die verschiedenen Rückzüge
und Kapitulationen des verflossenen Winters. Unter anderen machte er den
Generaloberst Jaenecke für den Verlust der Kri m verantwortlich. Angebliche
Äußerungen hoher Parteifunktionäre bestärkten ihn in diesem Verdacht. I ch
erhielt den Auftrag, den Fal l Jaenecke zu untersuchen, zugleich mit dem Hinweis,
daß ein Opfer für die Krim fallen müsse. Bei der damaligen Einstellung Hitlers
konnte nur eine hinhaltende Behandlung der Untersuchung helfen. I chging also
sehr gründlich zu Werke und vernahmalle irgend inBetracht kommenden Per-
sönlichkeiten, insbesondere die Partei funkti onäre eingehend. Jaenecke beschwerte
sich gelegentlich über meine langsame Methode. I ch bin aber überzeugt, ihm
mit dem schließlich zustandegekommenen Freispruch mehr gedient zu haben,
als mit einer schnellen Untersuchung und dem Vortrag ihres Ergebnisses imun-
gelegenen Augenblick.
Wie bereits erwähnt, beschäftigte mich die Frage der V erteidigung der West-
front bereits imJ ahre1943 stark. UmdieJ ahreswendenahmdieseFrage immer
breiteren Raumein. I mFebruar begabichmich nach Frankreich zu Besichtigun-
gen und zu Aussprachen mit Feldmarschall von Rundstedt und General Frhr.
von Geyr. Wir waren übereinstimmend der Ansicht, daß angesichts der Über-
legenheit der feindlichenFlottenundLuftwaffen dieV erteidigung sehr erschwert
sei. Besonders nachteilig mußte sich dieLuftüberlegenheit auf alle Bewegungen
auswirken. Sie würden voraussichtlichnur bei Nacht schnell und konzentriert
genug stattfinden können. Nach unserer Ansicht kames vor allemdarauf an,
ausreichendeReserven an Panzer- und Panzergrenadier-Divisionen bereitzustel-
len, undzwar so weit vondemsogenannten Atlantikwall abgesetzt, daß ihreBe-
wegungen nach Erkennen der I nvasionsfront noch durchführbar blieben und
durch Vorbereitungenhinsichtlich des Ausbaues des Straßennetzes undder Fluß-
übergänge (Unterwasser- und Schiffbrücken) erleichtert werden konnten.
Bei den Truppenbesichtigungen ergabsichbereits jetzt, wiegewaltig die feind-
liche Luftüberlegenheit war. Die feindlichen Fliegerverbände exerzierten über
297
unseren übenden Truppen, und man war niesicher, ob nicht plötzlich der Bom-
bensegenüber demÜbungsfeld herniedergehen würde.
I ns Führerhauptquartier zurückgekehrt, unterrichtete ich mich über die vom
OKW für dieWestfront gegebenen Kampfanweisungenund dieverfügbaren Re-
serven. Hierbei ergabsich, daß zumal diePanzer-Divisionen, auf diees in erster
Linie ankam, sehr dicht ander Küste standen. Aus ihrer Aufstellung konnten sie
imFalleeiner Landung des Feindes an anderer als der erwarteten Stelle kaum
schnell genug herausgezogenundverschoben werden. I cherwähnte diesen Feh-
ler bei einemV ortrag vor Hitler undschlug eineandereGliederung der motori-
sierten Kräfte vor. Hitler erwiderte: „Die gewählte Gliederung beruht auf V or-
schlägen des Feldmarschalls Rommel. I chmöchte nicht über denKopf des an Ort
und Stelle Befehl führenden Feldmarschalls hinweg und ohne ihn gehört zu
haben, etwas ganz anderes befehlen. Fahren Sie noch einmal nach Frankreich
und reden Sie noch einmal mit Rommel darüber.'
I mApri l begabichmich erneut nachFrankreich. DieLuftwaffe des Feindes übte
nochfleißiger undbegann auchbereits mit operativenBombardements. So wurde
unser Panzerlager imCamp deMailly einigeTage nachmeiner dortigenBesich-
tigung völlig zerstört. Der Umsicht des Generals Frhr. vonGeyr war es zu dan-
ken, daß Truppeund Gerät — sehr zumUnwillen der Männer — inDörfern und
Wäldern abseits des Lagers untergebracht waren, so daß keine nennenswerten
Verluste entstanden.
Nacherneuter Rücksprache mit Feldmarschall vonRundstedt undden General-
stabsoffizieren seines Stabes über die Gliederung der Reserven begab ich mich
auftragsgemäß mit Geyr zu Feldmarschall Rommel nach La Roche Guyon. I ch
kannte Rommel schon aus der Friedenszeit. Er war Kommandeur des Goslarer
J äger-Bataillons gewesen, aus demichhervorgegangen bin, undzu demich stets
diebestenkameradschaftlichen Beziehungen unterhalten hatte. Dann waren wir
uns imPolenfeldzug begegnet, als Hitler imSeptember 1939 meinKorps nachder
Korridorschlacht besuchte. Rommel war damals Kommandant des Führerhaupt-
quartiers. Später war er i n die Panzertruppe übergetreten undhatte mit Aus-
zeichnung die 7. Panzer-Division in Frankreioh 1940, sodann das Afrikakorps
und diePanzerarmeei nAfrika befehligt und dort seinen Kriegsruhmbegründet.
Rommel war nicht nur einoffener, gerader Charakter undeinmutiger Soldat; er
war darüber hinaus einFührer von großen Gaben. Er besaß EnergieundFinger-
spitzengefühl, fand aus den schwierigsten Lagen immer noch einen Ausweg,
zeigte Herz für die Soldaten und besaß seinen Ruf zu Recht. Wi r hatten uns in
den verflossenen J ahrenöfters zumAustausch vonErfahrungen gesprochen und
standen imbestenEinvernehmen. I mSeptember 1942 hatte Rommel, als er krank-
heitshalber indie Heimat zurückkehren mußte, Hitler gebeten, mich zu seinem
Vertreter inAfrika zu ernennen, obwohl er wußte, daß ichmich mit Hitler über-
worfen hatte. Dieser Vorschlag wurdedamals schroff abgelehnt. Das wurdemein
Glück, denn kurz darauf kames zu der Niederlage vonEl Alamein, diezu ver-
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hindern ichwahrscheinlich ebensowenig imstande gewesen wäre, wie Stumme
und dessenNachfolger, Rommel selbst.
Die traurigen Erfahrungen, die Rommel aus Afrika mitbrachte, hatten ihnvon
der gewaltigen Luftüberlegenheit der Westmächte so gründlich überzeugt, daß
er Bewegungengrößerer V erbände für ausgeschlossenhielt. Er glaubteauchnicht
einmal mehr an die Möglichkeit nächtlicher Verschiebungen der Panzer- und
Panzergrenadier-Divisionen. Diese seineAnsicht war durch seine Erlebnisse in
I talien imJ ahre1943 noch bestärkt worden. General Frhr. von Geyr war daher
bei seinen V orträgen über dieGruppierung der beweglichenReserven hinter der
Atlantikfront bereits inWiderspruch zu Rommels Ansichtengeraten, als er für
eine beweglicheV erwendung dieser Kräfte und ihre entsprechendeAufstellung
eintrat. I chwußte über das negative Ergebnis dieser Aussprachen Bescheid. Da-
her überraschte mich die sehr temperamentvoll und entschieden vorgebrachte
Ablehnung Rommels nicht, als icheinemAbsetzen der Panzerkräfte vonder Küste
das Wort redete. Rommel lehnte diesen Vorschlag rundweg ab, wies mich darauf
hin, daß mir als Ostfrontkämpfer seineErfahrungen aus Afrika und I talien fehl-
ten, daß er mir darin über sei und nicht gewillt wäre, sich inseinen Überzeu-
gungen irremachenzu lassen. EinStreit umdieFrageder Gliederung der motori-
sierten Reserven mit Rommel versprach angesichts dieser Einstellung kein Er-
gebnis. I chverzichtete angesichts dieser deutlichenAblehnung auf weitere Über-
redungsversuche und beschloß, nochmals bei Rundstedt und Hitler meine abwei-
chendeAnsicht vorzutragen. Mi r war dabei klar, daß die Westfront nicht mehr
Panzer- und Panzergrenadier-Divisionen zugeführt bekommen konnte, als sie
bereits hatte. Lediglich zwei SS-Divisionen, die9. und 10., die imFrühjahr naoh
demOsten verliehen' waren, sollten bei Eintreten der I nvasion wieder nach
demWesten zurück. I chkonnteRommel daher auch keinedarüber hinausgehen-
denZusagenmachen. DieGesamtführung imWesten durchden Oberbefehlshaber
West konnte nur dadurch erleichtert werden, daß diesem. d
J
° OKW-Reserven
freigegeben wurden und ihmdieuneingeschränkte Kommandogewalt über die
Heeresgruppe Rommel eingeräumt wurde. Beides geschahnicht.
Rommel hatte seit der Übernahme des Kommandos über dieHeeresgruppe „B*
in Frankreich sehr viel für die V erteidigungsfähigkeit des Atlantikwalles in
seinem Bereich getan. Entsprechend der Weisung, die Küste als Hauptkampf-
linie anzusehen, hatte er für die V orfeldverteidigung der Küste durchAnlegen
von Hindernissen imWasser gesorgt. I mHinterlandwurdedas Gelände, indem
er Luftlandungen für wahrscheinlichhielt, durchPfahlhindernisse, diesogenann-
ten Rommel-Spargel, verseucht. Umfangreiche Verminungen wurden angelegt.
Alle Truppen seines Befehlsbereiches mußten jede, nicht zur Ausbildung be-
nötigte Zeit demSchanzen widmen. I n der Heeresgruppe „B* herrschte reges
Leben. So rückhaltlos man dieseAnstrengungen anerkennen muß, so sehr muß
man aber andererseits bedauern, daß Rommel für dieFrage der beweglichenRe-
serven kein V erständnis aufzubringen vermochte. Die große Operation mit be-
299
weglichenKräften zu Lande, dieangesichts der hoffnungslosen Unterlegenheit in
der Luft und zur See unsereeinzige Chancedarstellte, wurde von ihmnicht für
möglich gehalten und daher nicht gesucht oder erleichtert. Hinzu kamnoch, daß
sich Rommel — jedenfalls zur Zeit meines Besuches — einer vorgefaßten Mei-
nung über die voraussichtliche Landungsstelle hingab. Er versidierte mir mehr-
fach, daß die Engländer und Amerikaner voraussichtlich nördlich der Somme-
Mündung landen würden, lehnte jede andere Möglichkeit ab und begründete
seineAnsicht damit, daß der Feindbei einer so schwierigen Übersee-Operation
mit starken Kräften allein aus Nachschubgründen die kürzeste Entfernung von
seinen Einschiffungshäfen zur Landestelle wählen müsse. Die leichtere Unter-
stützung der Landung durch dieLuftwaffe indemGebiet nördlidi der Sommebe-
stärkte ihn in seiner Auffassung. Audi in dieser Frage sdiob er damals jeden
Einwand beiseite.
I n allen diesen Fragen begegneten sich Rommels Ansichten mit denenHitlers,
wenn auch aus anderen Gründen. Hitler war der Mann des Schützengraben-
krieges von 1914—18 geblieben und hatte die bewegliche Kriegführung nie be-
griffen. Rommel hielt siewegen der feindlichenLuftüberlegenheit für nicht mehr
anwendbar. So war es keinWunder, daß sowohl der Oberbefehlshaber West wie
auch ichvonHitler unter Hinweis auf diefrischere Fronterfahrung Rommels mit
unseren abweichenden V orschlägen für die Gliederung der motorisierten V er-
bände abgewiesen wurden.
Am 6. 6. 1944, demTage der I nvasion, befanden sich in Frankreich:
48 Infanterie-Divisionen, davon 38 in der Front, 10 hinter der Front; von diesen standen
5 zwischen Scheide und Somme, 2 zwischen Somme und Seine
und 3 in der Bretagne.
! 0 Panzer- und Panzergrenadier-Divisionen; von diesen standen
1. SS-Panzer-Division „L.A.H." in Beverloo (Belgien),
2. Panzer-Division im Räume Amiens—Abbeville,
116. Panzer-Division ostwärts Rouen (nördl. der Seine),
12. SS-Panzer-Division „H.J." bei L isieux (südl. der Seine),
21. Panzer-Division bei Caen,
Panzer-L ehr-Division im Räume L e Mans—Orleans—Chartres,
17. SS-Panzer-Grenadier-Division um Saumur—Niort—Poitiers,
11. Panzer-Division um Bordeaux,
2. SS-Panzer-Division .Reich" um Montauban—Toulouse,
9. Panzer-Division um Avignon—Nimes—Arles.
DieganzeHoffnung auf einen Abwehrerfolggründete sich auf diese letztgenann-
ten 10 Panzer- und Panzer-Grenadier-Divisionen. Mi t Mühe war es gelungen,
dieseDivisioneneinigermaßen aufzufrischen und auszubilden.
V on diesen Divisionen unterstanden Rommel vier — die 2., 116., 21. und die
12. SS-Panzer-Division. Zu OKW-Reserven wurden bestimmt die 1. SS-, die
Panzer-Lehr- und die 17. SS-Panzer-Grenadier-Division. Die 9., 11. und 2. SS-
Panzer-DivisionwurdeninSüdfrankreich gegeneine an der Mittelmeerküste er-
wartete Landung bereitgestellt.
300
Diese Aufsplitterung machte einen großen Abwehrerfolg von vornherein un-
möglich. Der V erlauf der Ereignisse war aber abgesehendavon so unerfreulich
wie nur denkbar. Zunächst war Rommel amTageder I nvasion in Deutschland
auf demWege zu einemV ortrag bei Hitler. Hitler hattesichnadi seiner Gewohn-
heit spät zu Bett begeben und sollteam6. J uni, als die ersten Meldungen ein-
liefen, nicht gestört werden. J odl, welcher an seiner Stelle die Operationen lei-
tete, konnte sichnicht entschließen, dieOKW-Reserven — immerhindrei Panzer-
Divisionen — sofort freizugeben, weil er sich nicht sicher fühlte, ob dieAnlan-
dung inder Normandie bereits die Hauptoperation, oder ob sie nur eine Täu-
schung sei. Weil das OKW audi über dieFrageder Landung imMittelmeer nicht
klar sah, wurdenauch diePanzer-Divisionen aus Südfrankreich nicht sofort heran-
gezogen. Die 2t. Panzer-Division, die an der I nvasionsfront stand, war — ent-
gegenden Ausbildungsanordnungen des Generals Frhr. vonGeyr — an Rommels
Genehmigung zum Beginn ihres Gegenstoßes gebunden und versäumte darob
den geeignetsten Zeitpunkt zum Angriff auf die englischen Luftlandetruppen.
Rommel schobinder Tat die 116. Panzer-Division noch näher an die Küste auf
Dieppe heran, als sie schon stand, und hielt siedort bis Mitte J uli fest. DieUn-
kenntnis mancher höherer Führer in der V erwendung der Panzer, ausdrücklich
befohlene Anmärsche bei Tage unter der Einwirkung der feindlichen Luftwaffe
— besonders bei der Panzer-Lehr-Division — Einsätze zu frontalen Gegenstößen
im Bereich der überlegenen feindlichen Schiffsartillerie zerrieben vorzeitig die
einzige, kampfkräftige Waffe, die das deutsche Reich der I nvasion entgegenzu-
stellenvermochte. DiePanzertruppeerlitt ungeheuereVerluste. Diese aber konn-
ten wegen der inzwischen imOsten eingetretenen Katastrophe nicht mehr er-
setzt werden, weil der nach dem22. J uni drohende, völlige Zusammenbruch der
Ostfront gebieterisch die Zuführung von Ersatz an diese, bisher zu Gunsten des
Westens vernachlässigte Front erforderte.
Die Abwehr der I nvasion wäre wesentlich erleichtert worden, wenn Hitler und
das OKW demVorschlag des Generals Frhr. von Geyr und des Generalinspek-
teurs der Panzertruppenstattgegebenhätten, die dieBereitstellung aJfer Panzer-
und Panzer-Grenadier-Divisionen des Westens in zwei Gruppen nördlich und
südlich von Paris und sorgsameV orbereitung der nächtlichen Anmärschezur tat-
sächlichen I nvasionsfront gefordert hatten.
Aber auch aus der schließlich befohlenen Aufstellunghätte sich bei zielklarer
Führung erheblich mehr erreichen lassen. Noch am 16. J uni, zwei Wochen nach
Beginn der I nvasion, standendie 116. Panzer-Division zwischen Abbevilleund
Dieppe ander Küste, die 11. Panzer-Division bei Bordeaux, die9. Panzer-Division
bei Avignon, die SS-Panzer-Division „Reich" imBandenkampf in Südfrankreich,
während die übrigen, vermehrt umdie inzwischen aus dem Osten antranspor-
tierten (9. und 10.) SS-Panzer-Divisionen, in schwerem, frontalemAbringen an-
gesichts der Schiffsartillerie ihre Kräfte verzehrten. Abgesehen von den Panzer-
Divisionen standen an diesem Tage aber auch noch 7 I nfanterie-Divisionen
301
nördlich der Seinetatenlos inKüstennähe, inErwartung einer Landung, die nie
erfolgte.
An Einzelheiten sei folgendes berichtet:
Am7.6. übernahm General Frhr. von Geyr den Befehl imAbschnitt Caen, an-
fänglich unter demOberbefehl des A.O.K. 7, dann unter der Heeresgruppe„B".
Die 12. SS- und die Panzer-Lehr-Divisionwurden links neben der bereits im
Kampfe stehenden21. Panzer-Division eingesetzt. Am10.6. wollte General Frhr.
von Geyr zumGegenangriff antreten, aber einerfolgreicher feindlicher Bomben-
angriff setzte den Stabder Panzergruppe West außer Gefecht. Das Kommando
ging auf das I . SS-Panzer-Korps über. Mi t einer V erzögerung vonvielen Tagen
kamen dieSS-Leibstandarte .A.H.* unddie2. Panzer-Divisionzu zersplittertem
Einsatz. Am28. 6. übernahm die wiederhergestellte Panzergruppe West erneut
das Kommando über das I . undI I . SS-Panzerkorps, das L X X X V I . undX X X X V I I .
Panzerkorps. Die V orschläge des Generals Frhr. von Geyr für einen Angriff
mit zusammengefaßten Kräften wurden jedoch von Rommel, der den Glauben
an Angriffserfolgeverloren hatte, abgelehnt. Ob auch noch andere, politische
Gründe an demverspäteten und aufgesplitterten Einsatz der Reserven Anteil
hatten, bleibe dahingestellt.*)
Am 28.6. starbder Oberbefehlshaber der 7. Armee, Generaloberst Dollmann.
An seineStelle trat Generaloberst Hausser.
Am 29. J uni fand auf dem Obersalzberg bei Hitler eine Besprechung der
Führer der Westfront statt. Die Feldmarschälle von Rundstedt, Sperrle und
Rommel waren zugegen. Es war das letzte Mal, daß ich Rommel sah. Wieder
hatte ichden gleichen Eindruck, den ich bereits Ende Apri l in seinem Haupt-
quartier inLa Roche Guyon gewonnen hatte, daß Rommel unter der Wirkung
der feindlichen Luftüberlegenheit eine bewegliche V erteidigung für ausge-
schlossen hielt. Bei dieser Besprechung ging es denn auch in erster Linie um
die V erstärkung unserer J agdfliegerverbände. Göring sagte800 J agdflugzeuge
zu, wenn Sperrle die erforderlichen Besatzungen stellen könne. Dies konnte er
nicht, er besaß — soviel ichmich erinnere — nur 500 Besatzungen und erregte
damit den Zorn Hitlers. Das trübe Ergebnis des Tages war die bald darauf er-
') Vgl. Hans Speidel, .I nvasion 1944", Rainer WunderlichVerlag, Hermann Leins,
Tübingen und Stuttgart, S. 71: .Auch aus politischen Erwägungen erschien es dem
Feldmarschall zweckmäßig, zuverlässige Panzer-Verbände für etwa kommende Ereig-
nisse greifbar zu haben.* Vgl. ferner Frhr. von Geyr, „I nvasion without Laureis" in
Nr. 1, 1950 der IrischenZeitschrift „AnCosantoir": The2ndPanzer-Division (anArmy,
not an SS-unit) was held back by Rommel for sometime, becausein expectation of
the.20thJ uly Plot" to assassinateHitler, hewishedto havea„reliable" Army division
availablefor any emergency. Although theSituationat thefront obligedhimto commit
the2nd Panzers onthewestemsector of thebattlefield, whereit opposed theI st U.S.-
Division, Rommel did manageto keep the 116th Panzer Division in reserveuntil the
middleof J uly." Undspäter: .His refusal (Rommels) may havehad apolitical reason."
302
folgende Ablösung Rundstedts, Geyrs und Sperrles. An Rundstedts Stelle trat
der Feldmarschall von Kluge, der seit mehreren Wochen i mFührerhauptquar-
tier geweilt hatte, umi n die Gesamtlage eingeweiht zu werden und für alle
Eventualitäten zur Hand zu sein. Herr vonKluge war damals .persona gratis-
sima" bei Hitler.
Das neue Oberkommando West, das am 6. J uli ins Amt trat, vermochte am
Ablauf der Dinge nichts zu ändern. Feldmarschall von Kluge kamunter dem
Einfluß des Optimismus des Führerhauptquartiers nach Frankreich. Er hattedie-
serhalb zunächst einen Zusammenstoß mit Rommel, mußte sich aber sehr bald
dessen wesentlich nüchternerer Beurteilung der Lage anschließen.
Herr von Kluge war ein fleißiger Soldat, ein guter Kleintaktiker, aber von
der Verwendung der Panzereinheiten i n beweglicher Führung verstand er
nichts. Sein Einfluß auf die Führung der Panzerverbände war, wo ich ihn er-
lebte, hemmend. Er war ein Meister imZerreißen der V erbände. Kein Wunder
daher, daß die Führung i mWesten weiterhinan den Symptomen herumflickte,
anstatt das Übel an der Wurzel zu packen und mit demRest der noch bewe-
gungsfähigen Panzerverbände zumBewegungskrieg zu schreiten. I n frontalen
Gegenstößen mit begrenztem Ziel im Bereich der überlegenen, feindlichen
Schiffsartillerie wurde der Rest an beweglicher Kraft zerrieben.
Am 11. J uli fiel Caen. Am17. J uli wurde Rommel durch englische J agdbom-
ber auf demRückweg von einer Frontfahrt gefaßt, der Fahrer seines Wagens
wurde schwer verwundet, der Feldmarschall selbst herausgeschleudert und mit
einem Schädelbruch und weiteren Verletzungen in ein Hospital eingeliefert.
Mi t ihmschied die stärkste Persönlichkeit vomKriegsschauplatz imWesten.
An diesemTage verlief die I nvasionsfront von der Ornemündung über den
Südrand Caen—Caumont—St. Lö—Lessay zur Küste.
Während sich au der Front in der Normandie der Aufmarsch der Stoßtruppen
der Westallüerten für den Durchbruch aus demgewonnenen Brückenkopf an-
bahnteunddieLage dort bereits als äußerst gespannt bezeichnet werden mußte,
hatten sichimOsten Dingeereignet, welcheeine Riesenkatastrophein unmittel-
bareNähe rückten.
Am 22. J uni 1944 traten die Russen auf der ganzen Front der Heeresgruppe
.Mitte*, dieunter demBefehl des Feldmarschalls Buschstand, mit 146Schützen-
Divisionen und 43 Panzerverbänden zumAngriff an. Sie erzielten einen vollen
Erfolg. Bis zum3. J uli erreichte der russische Stoß den Nordrand der Pripet-
Sümpfe und die Linie Baranowitsche—Molodeczno—Koziany. V on dort flutete
er unaufhaltsam weiter, griff auf den Raumder Heeresgruppe .Nord" über und
gelangte bis Mitte J uli etwa bis Pinsk—Pruzana—Wolkowysk—Grodno—Kow-
no—Dünaburg—Pleskau. An den Schwerpunkten, in Richtung auf die Weichsel
bei Warschau und inRichtung auf Riga, brandetedie Flut scheinbar unaufhalt-
samweiter. Seit dem 13. J uli dehnten sich die Angriffe auch über den Bereich
303
der Heeresgruppe „A" aus undgewannen inRichtung Przemysl—San-Linie—Pu-
lawy a. d. Weichsel Boden. Das Ergebnis dieses Stoßes war dieVernichtung der
Heeresgruppe „Mitte". Wir erlitteneinen Totalverlust vonetwa 25 Divisionen.
Angesichts dieser erschütternden Ereignisse verlegte Hitler sein Hauptquar-
tier Mitte J uli vom Obersalzberg nach Ostpreußen. Alle irgend verfügbaren
Kräfte wurden nach der zusammenbrechenden Front geworfen. Anstelle des
Feldmarschalls Busch erhielt Feldmarschall Model, Oberbefehlshaber der Hee-
resgruppe „A", zugleich den Befehl über die Heeresgruppe „Mitte", oder
richtiger gesagt, über deren leeren Raum. Da sich diese Doppelrolle auf die
Dauer nicht spielen ließ, wurde Generaloberst Harpe zum Oberbefehlshaber
der Heeresgruppe „A" ernannt. Model war mir aus der Zeit seines Komman-
dos über die3. Panzer-DivisionimJ ahre 1941 gut bekannt. Er ist bei der Schil-
derung des Rußlandfeldzuges von 1941 genügend charakterisiert als ein küh-
ner, unermüdlicher Soldat, der dieFront kannte, sichpersönlich rückhaltlos ein-
zusetzen pflegte und dadurch das Vertrauen seiner Soldaten genoß. Faulen und
unfähigen Untergebenen wurde er bald unbequem. Er setzte seinen Willen ent-
schlossen durch. Für die unendlichschwere Aufgabe der Wiederherstellung ei-
ner Front inder Mitte des Ostens war er der gegebene Mann. Harpe war ein
alter Panzeroffizier, westfälischer Abstammung, ruhig, sicher, tapfer und entschlos-
sen. EinMann nüchternen Verstandes und klarer Erkenntnis. Auch er war für
die ihmgestellte Aufgabe der richtigeMann. Der hervorragenden Haltung und
Führungskunst dieser beiden Generale ist in erster Linie die Wiederherstellung
einer Front imOsten zu danken. Allerdings bedurfte es dazu einer gewissen
Zeit, zumal ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat, welches alle Bemühungen
umdie V erteidigung der Heimat illusorischzu machen drohte.
304
10 Erinnerungen eine» Soldaten
305
X . DER 20. J ULI 1944 UND SEI NE FOLGEN.
Angesichts der Gefahr, die aus demrussischen Sieg und bei demFehlen jeg-
licher Reserven der nächst der Durchbruchsfront gelegenen Provinz Ostpreußen
drohte, hatte ich als Vorgesetzter der Lehrtruppen der Panzerwaffe um den
17. J uli 1944 angeordnet, diekampffähigen V erbände aus Wilnsdorf undKramp-
nitz bei Berlin nach Ostpreußen in den Festungsbereich von Lotzen zu ver-
legen.
Am 18. J uli meldete sich nachmittags ein mir von früher bekannter General
der Luftwaffe und bat umeine Unterredung. Er teiltemir mit, daß der neueBe-
fehlshaber West, Feldmarschall von Kluge, beabsichtige, ohne Wi ssen
Hi tl er s einen Waffenstillstand mit den Westmächten zu schließen und zu
diesem Zweck demnächst in Verhandlungen mit demFeinde einzutreten. Diese
Nachricht wirkte auf mich wieein Keulenschlag. V or meinem geistigen Auge
zeichneten sich sofort die Folgen ab, die dieser Schritt Kluges und seine Aus-
wirkungen auf die schwankende Ostfront und auf das gesamtdeutsche Schicksal
nach sich ziehen mußte. Er hätte den sofortigen Zusammenbruch unserer Ver-
teidigung in West und Ost zur Folge gehabt und zu einem nicht aufzu-
haltenden russischen Vormarsch geführt. Bis zu diesem Augenblick hatte ich
mir nicht vorstellen können, daß ein amFeinde stehender deutscher General
im Gegensatz zumOberhaupt des Reiches zu einemsolchen Entschluß kommen
würde. Da ich die mir gewordene Mitteilung nicht glauben konnte, fragte ich
meinen Gesprächspartner nach seiner Quelle. Er weigerte sich, sie anzugeben.
Er sagtemir auch nicht, weshalb er mir diese erschütternde Mitteilung machte,
und was er sich davon versprach. Auf meine Frage, ob sichder geplante Schritt
schon in nächster Zukunft ereignen würde, anwortete er mit Nein. Ich hatte
also Zeit, mir in Ruhe zu überlegen, was mit dieser merkwürdigen Mitteilung
gemacht werden konnte. Da ich imHauptquartier durch fortwährende Vor-
träge und Besuche nicht zu ruhiger Überlegung kam, entschloß ich mich, am
19. J uli zu Besichtigungen nachAllenstein, ThornundHohensalza zu fahren und
mir während der Fahrt Klarheit über meinen Entschluß zu verschaffen. Meldete
ich das Gehörte Hitler, ohnedie Quelle der Nachricht zu kennen, so setzteich
den Feldmarschall vonKlugeunter Umständen zu Unrecht einemschweren und
falschen Verdacht aus. Die Auswirkung auf Herrn von Kluge und die West-
front mußte sehr schlecht sein. Behielt ich die Nachricht aber für mich, und sie
traf zu, dann machte ichmichzumMitschuldigenan den schlimmen Folgen, die
sie nach sich ziehen mußte. Es war also sehr schwer, den richtigen Weg aus
dieser Situationzu finden.
306
Am 19. J uli vormittags besichtigte ichdie Panzerjäger inAlienstein. Während
dieser Tätigkeit wurde ichdurch meinen Chef des Stabes, General Thomale, an
den Fernsprecher gerufen und gebeten, den Befehl zumAbtransport der Pan-
zer-Lehrtruppen von Berlin nach Ostpreußen umdrei Tagezu verschieben. Der
General Ulbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes in Berlin, habe ihn ange-
rufen und ihn darum gebeten, weil morgen — also am 20. J uli 1944 — eine
.Walküre'-Übung der Ersatz- und Lehrtruppen inder Umgebung Berlins statt-
fände, die ohne die Teilnahme der Panzerlehrtruppen nicht zustande kommen
würde. Das Deckwort „Walküre" diente zur Tarnung der Übungen zur Abwehr
feindlicher Luftlandungen und innerer Unruhen, wenigstens war dies diemir be-
kannte Bedeutung des Wortes. NachdemThomale michüber die augenblickliche
Lage an der ostpreußischen Grenze beruhigt und versichert hatte, daß der Ab-
transport noch 2—3 Tage Zeit habe, gab ich innerlichwiderstrebend meine Zu-
stimmung zu der Teilnahme der Lehrtruppen an der Übung.
Am Machmittag dieses Tages besichtigte ich Ersatztruppen in Thorn und fuhr
am20. J uli vormittags nach Hohensalza zur Besichtigung der dortigen Panzer-
jäger. Den Abend verbrachte ich zu Hause in Deipenhof. I ch hatte mich aufs
Feld begeben und wurde von dort gegen 19.00 Uhr durch einen Kraftradfahrer
an den Fernsprecher geholt, weil ein Gespräch aus demFührerhauptquartier er-
wartet würde. Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich durch meine Angehörigen
dieRadiomeldungen über das Attentat auf Hitler. Erst gegenMitternacht erhielt
ich sodann die V erbindung mit General Thomale. und erfuhr von ihmin Kürze
dieTatsachedes Attentats, den Namen des Attentäters, den Befehl Hitlers, mich
am nächsten Tage bei ihm zu melden und seine Absicht, mich an Zeitzlers
Stelle inden Generalstab zu berufen. Das Flugzeug für die Rückkehr nach Ost-
preußen solltemicham21. J uli um8.00 Uhr inHohensalza abholen.
Alle anders lautenden Angaben über meine Tätigkeit am20. J uli 1944 sind er-
funden. I ch habevon demAttentat nichts geahnt, habemit niemandem darüber
gesprochen und am20. J uli nur ein einziges Telefongespräch geführt, das eben
erwähnte umMitternacht mit General Thomale.
Der Vorgang, welcher zu meiner Berufung in den Generalstabführte, hat sich
nach einer in meinemBesitz befindlichen eidesstattlichen Erklärung des Gene-
rals Thomale folgendermaßen abgespielt:
Am 20. J uli 1944, gegen 18.00 Uhr, wurde General Thomale in seiner Dienst-
stelle von Oberstleutnant imGeneralstabe Waizenegger aus dem Wehrmacht-
führungsstabe des Generaloberst J odl angerufen und nach mir gefragt. Thomale
gab meinen Aufenthalt an. Er erhielt darauf den Befehl, selbst sofort ins Füh-
rerhauptquartier zu kommen und sich bei Hitler zu melden. Er traf gegen
19.00 Uhr dort ein. Hitler empfing ihn inGegenwart seines Adjutanten, Oberst
von Below; er fragte zunächst noch einmal, wo ichmichbefände, und ob ich ge-
sund sei, was Thomale bejahte, und sagtesodann, er sei entschlossen gewesen,
den General Buhle zumChef des Generalstabes zu ernennen. Da dieser aber
307
bei demAttentat verletzt sei, und er nicht wisse, wie lange die Heilung der
Wunden Bühles dauern würde, habeer sich entschlossen, an Bühles Stelle den
Generaloberst Guderian mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Chefs des
Generalstabes zu beauftragen. Thomale erhielt den Auftrag, dafür zu sorgen,
daß ichmich amnächsten Morgenbei Hitler melden könne.
Aus diesem Tatbestand ergibt sich, daß Hitler ursprünglich nicht die Absidit
hatte, mich zumNachfolger Zeitzlers zu machen, mit demer seit einiger Zeit
in Konflikten lebte. Er hat seine Wahl erst auf mich gerichtet, nachdem durch
das Attentat der für diesen wenig beneidenswerten Posten vorgesehene Kan-
didat ausfiel. Alle Folgerungen, die aus meiner Beauftragung mit der Wahr-
nehmung der Geschäfte des Chefs des Generalstabes von seifen der Gegner
Hitlers inder Nachkriegszeit gezogen wurden, zerfallen inNichts. Sie gehören
in das Reich der Fabel oder stellen sich gar als böswillige Verleumdungen dar.
Eigentlich könnten sich die Gerüchtemacher selber sagen, daß es nicht ver-
lockend war, sich imJ uli 1944 freiwillig zur Bearbeitung der Angelegenheiten
der Ostfront zu drängen — und vorwiegend umdiesehandelte es sich bei der
Stellung mit demhochtönenden, historischen Namen.
Natürlich werde ich oft gefragt, warumich den schweren Posten überhaupt
angenommen habe. Mankönnte einfach sagen: Weil es mir befohlen wurde. Die
Schilderung der nun folgenden Ereignisse wird aber zeigen, daß die Ostfront
sich amRande eines Abgrundes befand, aus dem es Millionen deutscher Sol-
daten und die Zivilbevölkerung zu retten galt. I ch wäre in meinen eigenen
Augen ein Schuft und Feigling geworden, wenn ich nicht den Versuch unter-
nommenhätte, das Ostheer und dieHeimat — Ostdeutschland — zu retten. Daß
mir dies schließlich doch nicht gelang, bleibt bis zu meinemTode das Unglück
und der Kummer meines Daseins. Kaum einer kann das Schicksal unseres
deutschen Ostens und seiner unschuldigen, wackeren, treuen und tapferen Men-
schen schmerzlicher empfinden als ich. I chbinja doch selber ein Preuße!
Am21. J uli 1944 flog ichvon Hohensalza nach Lotzen ab. Nach meinemEin-
treffen hatte ichzunächst einekurzeAussprache mit Thomale, der mir den V er-
lauf seiner Unterredung mit Hitler vomVortage und den Verlauf des Atten-
tats schilderte. Sodann traf ich mich mit Feldmarschall Keitel, Generaloberst
J odl und demNachfolger des schwer verwundeten Schmundt als Chefadjutant
Hitlers und Chef des Heerespersonalamtes, dem General Burgdorf, umdiemit
der Neubesetzung der Stelle des Chefs des Generalstabes des Heeres zusam-
menhängenden Fragen zu klären. I nsbesonderehandelte es sichumeine nahezu
vollständige Neubesetzung der Generalstabsstellen des OKH. Die bisherigen
Stelleninhaber waren teilweise bei dem Attentat verletzt, wie der Chef der
Operationsabteilung General Heusinger und sein erster Mitarbeiter Oberst
Brandt, teils waren sie der Mitwisserschaft verdächtigt und bereits verhaftet,
teils waren sie mir aus ihrer bisherigen Tätigkeit bekannt und als Mitarbeiter
308
unerwünscht, teils hatten sie die Front noch nie gesehen und mußten aus
diesem Grunde ausgewechselt werden. V or dieser Besprechung hatte ichmein
Eintreffen zur Übernahme der Geschäfte in der Dienstbaracke des OKH auf
16.00 Uhr angemeldet.
Nach Erledigung der Aussprache mit den Offizieren des OKW begabichmich
gegen Mittag zur Meldung zu Hitler. Er machte einen ziemlich mitgenommenen
Eindruck; das eine Ohr blutete etwas; der rechte Armwar durch eine Prellung
nahezu unbeweglich und lag in einer Binde. Geistig war er erstaunlich ruhig,
als er mich empfing. Er beauftragte mich mit der Wahrnehmung der Geschäfte
des Chefs des Generalstabes des Heeres und erklärte, daß er mit meinem
V orgänger Zeitzier seit einiger Zeit nicht mehr einig gewesen sei. Zeitzier habe
ihm fünfmal sein Portefeuillezur V erfügung gestellt; das ginge imKriegenicht
an, und er könne den maßgebenden Generalen in dieser Hinsicht nicht mehr
Rechte zugestehen, als den Männern an der Front. Diese könnten auch nicht
kündigen oder den Abschied nehmen, wenn ihnen etwas nicht passe. Er ver-
bot mir in aller Form, ihmAbschiedsgesuche vorzulegen.
Das Gespräch wandte sich dann den Personalien zu. Meine Wünsche zu der
Stellenbesetzung im OKH wurden genehmigt. Die Stellenbesetzung der wich-
tigsten Frontkommandos wurde berührt. Hierbei bemerkte ich, daß der neue
Oberbefehlshaber West keine glückliche Hand in der Führung großer Panzer-
verbände besitze, und daß ich daher vorschlagen müsse, ihn an anderer Stelle
zu verwenden. Hitler fiel ein: „Und imübrigen ist er ein Mitwisser des Atten-
tats!" Keitel, J odl und Burgdorf bemerkten alledrei, daß der Feldmarschall von
Kluge „das beste Pferd imStalle" wäre, und daß man daher trotz seiner Mit-
wisserschaft nicht auf ihn verzichten könne. Mein Versuch, Herrn von Kluge
unauffällig von der Westfront zu entfernen, war damit gescheitert. Da Hitler
aber offenbar über die Haltung des Feldmarschalls von Klugeweit besser un-
terrichtet war als ich, sah ichvon weiteren Schritten meinerseits ab.
An die dienstliche Erörterung knüpften sich noch einige persönliche Bemer-
kungen Hitlers. Er teiltemir mit, daß mein Leben gefährdet sei, und daß er da-
her eine Bewachung meiner Person durch die Geheime Feldpolizei angeordnet
habe. Diese durchsuchte auch gründlich meine Wohnung und meine Kraftwagen,
fand aber nichts V erdächtiges. I chentschloß mich jedochzumerstenmal, seit ich
Soldat war, eine militärisdie Wache aus genesenden Panzermännern mit dem
unmittelbaren Schutz meines Quartiers und meines Dienstgebäudes zu be-
trauen, dieihrenDienst bis zu meiner Entlassung treu versehen hat. Sie wurde
von Zeit zu Zeit abgelöst.
Hitler riet mir sodann, seinen Leibarzt Morell wegen meines ihm bekannten
Herzleidens zu konsultieren und mich von ihmspritzen zu lassen. Die Konsul-
tation habe ich ausgeführt. Nach Befragen meines Berliner Arztes lehnte ich
die mir dargebotenen Spritzen aber ab. Das Beispiel Hitlers ermutigte nicht
geradezu einer Behandlung durch Herrn Morell.
309
Hitler hatte sich durch das Attentat eine Prellung des rechten Armes zuge-
zogen; beide Trommelfellewaren zerstört und imrechten Ohr die Eustachische
Röhre verletzt worden. Er erholte sich sehr schnell von diesen äußeren V er-
letzungen. Seine bereits bestehende Krankheit, welche sich in zunehmendem
Zittern der linken Hand und des linken Beines für jedermann sichtbar äußerte,
stand nicht mit demAttentat in Zusammenhang. Schwerwiegender als die kör-
perlichen Auswirkungenmachten sich die seelischen bei ihmgeltend. Seinem
Charakter entsprechend, verwandelte sich sein tief eingewurzeltes Mißtrauen
gegen die Menschen imallgemeinen und gegen den Generalstab und die Ge-
nerale imbesonderen nunmehr in abgrundtiefen Haß. I mZusammenhang mit
seiner Krankheit, die unmerklich zu einer Umwertung der Moralbegriffe im
Menschen führt, wurde aus Härte nunmehr Grausamkeit, aus der Neigung zum
Bluffen Unwahrhaftigkeit. Er sagte oft die Unwahrheit, ohne es zu bemerken,
und setztevon den Menschen voraus, daß sie ihnbelogen. Er glaubte nieman-
dem mehr. Die Verhandlungen mit ihm, die schon vorher schwierig genug
waren, gestalteten sich nunmehr zu einer Qual, die sichvon Monat zu Monat
steigerte. Er verlor oft die Selbstbeherrschung und ließ sich in seinen Aus-
drücken immer mehr gehen. I n seiner engeren Umgebung fand er kaum ein
Gegengewicht mehr, seit der höfliche und verbindliche Schmundt durch den
ungehobelten Burgdorf ersetzt war.
Nach der Meldung bei Hitler betrachtete ichkurz das sogenannte .Lagenzim-
mer", den Schauplatz des Attentats vomVortage, dessen Zustand des öfteren
geschildert wurde, und begab mich dann zum OKH in die Geschäftszimmer-
baracke des Chefs des Generalstabes des Heeres, meinen nunmehrigen Ar-
beitsplatz. I ch fand die Baracke leer. Niemand war zu meinem Empfang zur
Stelle. Nach Absuchen aller Räume traf ich imletzten einen schlafenden Ge-
freiten namens Riehl. Diesen braven Mann schickte ich auf die Suchenach ei-
nem Offizier. Nach einiger Zeit brachte er den Major Baron Freytag von
Loringhoven, der mir aus der Panzertruppe bekannt und 1941 bei meiner
Panzerarmee einer meiner Ordonanzoffiziere gewesen war. I ch bat Freytag,
die Geschäfte meines Adjutanten zu übernehmen. Dann versuchte ichdie Hee-
resgruppen anzurufen, ummich über dieLage an der Front zu unterrichten. I m
Zimmer des Chefs des Generalstabes standen drei Fernsprechapparate, deren
Bestimmung mir nicht klar war. I chhob den ersten Hörer ab. Eine weibliche
Stimme meldete sich. Als ichmeinen Namen nannte, schrie sie auf und hängte
ab. Es dauerte lange, bis ichdieNachrichtenhelferinnen so weit beruhigt hatte,
daß sie mir die gewünschten Verbindungen herstellten.
Die Entwicklung der Lage bis zum20. J uli 1944 ist im vorigen Kapitel zu
lesen. Sie war erschütternd. Umzu helfen, mußte zuerst das OKH arbeitsfähig
gemacht werden. Diese Zentralstelle der Ostfront war inverzweifelter Verfas-
sung. Mein V orgänger hatte dieAbsicht gehabt, das OKH nach demMaybach-
310
Lager bei Zossen bei Berlin zu verlegen. Wesentliche Teilewaren bereits dort,
so der Generalquartiermeister mit allenseinen Organen, der Wehrmachts- und
Heerestransportchef und zahlreiche andere wichtige Abteilungen. Die Nach-
richtenverbindungen waren großenteils bereits umgelegt. Aus Ostpreußen
konnten nur unter Schwierigkeitendie Gespräche zur Front und für den Nach-
schub des Gesamtheeres, der demOKH oblag, durchgeführt werden. Der erste
Entschluß, der gefaßt werden mußte, war der über den zukünftigen Sitz des
OKH. I chentschloß mich für Ostpreußen, wo auchHitler und das OKW blieben.
Die bereits getätigten Verlegungen nach Zossen mußten unverzüglich rück-
gängig gemacht werden.
Der nächste Schritt zur Wiederherstellung geordneter Zustände war die Stel-
lenbesetzung. I chberief den General Wenck, der zur Zeit Chef des Stabes bei
Schörner war, zumChef der Operations-Abteilung, erweiterte aber bald seine
Stellung zumChef des Führungsstabes des OKH und unterstellte ihm außer
der Operations-Abteilung noch die Organisations-Abteilung und die Abteilung
Fremde Heere Ost, umden gesamten operativen Apparat in eine Hand zu le-
gen. Mit der Leitung der Operationsabteilung wurde der Oberst von Bonin be-
traut, mit der der Organisations-Abteilung der Oberstleutnant Wendland. Die
Abteilung Fremde Heere Ost behielt der bewährte Oberst Gehlen. General-
quartiermeister wurde anstelle des durch Selbstmord endenden Generals Wag-
ner der Oberst Toppe. ZumGeneral der Artillerie beimOKH wurde General
Berlin, mein artilleristischer Berater aus Frankreich und Rußland ernannt, zum
Heeres- und Wehrmacht-Nachrichtenchef der General Praun, mein alter Nach-
richtenkommandeur aus den Feldzügen 1940/41. Bis alle diese Männer kommen
konnten, vergingen einigeTage, bis sie eingearbeitet waren, weitereZeit. V on
den wichtigsten Mitgliedern des alten OKH blieb nur der Wehrmacht- und
Heerestransportchef, der tüchtige General Gercke, in seinemAmt.
I n den ersten Wochen meiner Tätigkeit hatte ichvollauf zu tun, die Maschine
im Laufen zu halten. ZumNachdenken über die sonstigen Probleme der Zeit
blieb keine Muße. Dinge, die heuteden Gegenwartsmenschen von Wichtigkeit
scheinen, berührten mich damals kaumamRande. I mDrangeder Geschäfte blieb
für die Tagesereignisse abseits der Front keine Zeit. Meine neuen Mitarbeiter
und ichselbst arbeiteten bis tief indieNacht, umdie Front zu retten.
Welche Wirkung übte das Attentat vom20. J uli nun tatsächlich aus?
Der Mann, auf den es abgesehenwar, wurdeleicht verletzt. Seine körperliche
Verfassung, die ohnehin nicht die beste war, wurde noch mehr geschwächt.
Sein seelisches Gleichgewicht wurde für immer gestört. Alle bösen Geister, die
in ihmgeschlummert hatten, wurden auf den Plan gerufen. Er kannte nun keine
Hemmungen mehr.
Sollte das Attentat ernste Auswirkungenauf den deutschen Regierungsappa-
rat haben, so hätten die wichtigstenTräger des nationalsozialistischen Regimes
311
1
gleichzeitig mit Hitler beseitigt werden müssen. Aber von diesen war niemand
bei demAttentat zugegen. Für dieBeseitigung vonHimmler, Göring, Goebbels,
Bormann — umnur die Wichtigstenzu nennen — war nicht vorgesorgt. Die
Verschworenen hatten sich nicht die geringste Gewähr zu verschaffen gesucht,
daß sie ihre politischenPläne imFalle des Gelingens des Attentats auch wirk-
lich durchführen konnten. Der Attentäter, Graf Stauffenberg, war sich dieser
Schwäche seines Planes auch klar bewußt, denn er hatte seine Absicht bereits
einmal aufgegeben, als er wenige Tage zuvor auf demObersalzberg bemerkte,
daß Himmler und Göring, mit deren Anwesenheit er gerechnet hatte, nicht im
Saalewaren. Mir ist nicht bekannt, weshalb Graf Stauffenberg am20. J uli zur
Tat schritt, obwohl dieVoraussetzungen für den vollen, politischenErfolg seines
Schrittes fehlten. Vielleicht hat ihnder Haftbefehl gegen Dr. Gördeler zur Tat
getrieben.
Sollte das Attentat ferner selbst imFalle der Tötung Hitlers zur Übernahme
der Macht durch die Verschworenen führen, so mußten die hierzu nun einmal
notwendigen Truppen sicher sein. Die Verschworenen verfügten aber über
keine einzige Kompanie. Sie waren daher nicht einmal in der Lage, dieMacht
inBerlin ansichzu reißen, als Graf Stauffenberg mit der falschen Nachricht vom
Erfolg seines Anschlages aus Ostpreußen in Berlin landete. Die Offiziere und
Männer der für „Walküre" aufgebotenen V erbände hatten keine Ahnung,
worum es ging. Daraus erklärt sich auch ihr „V ersagen" imSinne der V er-
schwörer. Auch die von mir aus ganz anderen Gründen genehmigte V erzöge-
rung des Abtransportes der Lehrtruppen der Panzerwaffe konnte nicht zumEr-
folg beitragen, weil die V erschwörer gar nicht wagen konnten, dieTruppe und
ihreFührer inihrePläne einzuweihen.
Die außenpolitischen Voraussetzungen für einen Erfolg des Attentats waren
nicht gegeben. DieBeziehungen der Verschworenen zu maßgebenden Politikern
des feindlichenAuslandes waren spärlich. Keiner der maßgebenden, feindlichen
Politiker hatte sich auch nur immindesten zu Gunsten der Verschworenen fest-
gelegt. Mangeht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, daß die Aussichten des
Reichs bei Gelingen des Attentats um nichts besser gewesen wären, als sie
es heuteleider sind. Es ging unseren Feinden ebennicht nur umdieBeseitigung
Hitlers und des Nazismus.
Die ersten Opfer des Attentats waren der Oberst Brandt vonder Operations-
Abteilung des OKH, der General Korten, Chef des Generalstabes der Luft-
waffe, der General Schmundt, Chefadjutant Hitlers, und der Stenographist
Berger. Abgesehen hiervon waren viele Mitglieder des OKH und OKW ver-
letzt. Dieses Opfer war unnötig.
Dienächsten Opfer waren dieMitwirkenden oder Mitwisser der V erschwörung
undderenFamilien. Nur einekleineZahl der Hingerichtetenwar tatsächlich aktiv
an der V erschwörung beteiligt. Ein sehr großer Teil hatte etwas davon gehört
und bezahlte kameradschaftlich gedachtes Schweigen über Gerüchte und V or-
zimmergespräche mit einembitteren Tode. Als erstefielen dieHauptführer, so-
weit sie nicht — wie Generaloberst Beck, Generalquartiermeister Wagner, Ge-
neral von Treskow, Oberst Baron Freytag von Loringhoven und andere —
selbst ihremLeben ein Ziel setzten, oder durch die Standgerichtsjustiz von
Fromm erschossen wurden — wieGraf Stauffenberg, Ulbricht, Mertz vonQuirn-
heimund von Haeften.
Hitler ordnete an, daß alle Beklagten vor einem gemeinsamen Gericht, dem
Volksgerichtshof, abgeurteilt werden sollten. Für die Soldaten bedeutete dieser
Befehl, daß nicht das zuständige Reichskriegsgericht über sie zu urteilen hatte,
sondern einSondergericht aus Zivilrichtern, daß nicht die üblichen militärischen
Strafgesetze undStrafvollstreckungsvorschriften für sie galten, sondern die von
Haß und Rachsucht diktiertenSonderbefehle Hitlers. Unter der Diktatur gab es
gegen dieseBefehle kein Rechtsmittel.
Um die Soldaten, die der Mittäter- oder Mitwisserschaft verdächtig waren,
dem Volksgerichtshof zuführen zu können, war ihre vorherige Entlassung aus
der Wehrmacht erforderlich. Diese sollte auf Grund der Untersuchung durchge-
führt werden, mit welcher Hitler einen sogenannten „Ehrenhof" beauftragte, in
welchen unter dem V orsitz des Feldmarschalls von Rundstedt neben Keitel,
Schroth, Kriebel und Kirchheim auch ichberufen wurde. Meine Bitte, mich we-
gen Überlastung durch das neueAmt, welches ichzusätzlich zu meiner Stellung
als Generalinspekteur der Panzertruppen wahrzunehmen hatte, nicht mit die-
ser unglückseligen Aufgabe zu belasten, blieb unberücksichtigt. I ch konnte nur
erreichen, daß icheinen ständigen V ertreter — eben General Kirchheim— er-
hielt, wenn mich meine anderen Dienstpflichten an der Teilnahme an den
Sitzungen hinderten. I ch nahm anfänglich überhaupt nicht an den Verhand-
lungen teil, bis Keitel mich imAuftrage Hitlers aufsuchte und aufforderte, doch
wenigstens gelegentlichzu erscheinen. Wohl oder übel mußte ichalso an zwei
oder drei dieser entsetzlichen Verhandlungen teilnehmen. Was ichda zu hören
bekam, war tieftraurig und erschütternd.
Die Voruntersuchung wurde durch Kaltenbrunner und den SS-Gruppenführer
Müller von der Gestapo geführt. Der erstgenannte war österreichischer J urist,
der zweitebayerischer Beamter. Beide hatten kein V erständnis für das Offizier-
korps; von Müller kann man sagen, daß er ihmmit einer Mischung von Haß
und Minderwertigkeitsgefühlen gegenüberstand; imübrigen war er eine eis-
kalte, ehrgeizige Natur. Außer diesen beiden nahmen der Chef des Heeres-
personalamtes, General Burgdorf, und dessenerster Mitarbeiter, General Mei-
sel, an den Sitzungen teil; sie waren Protokollführer und Beobachter im Auf-
trage Hitlers. Die Akten der Voruntersuchung enthielten die selbstverfaßten
Angabender Beschuldigten, meist Geständnissevoneiner nahezu unbegreiflichen
Offenheit, wieeben Offiziere vor einemEhrengericht auszusagen pflegten, das
sich aus Standesgenossen von gleicher Ehrauffassung zusammensetzte. Daß die
Unglücklichen sich aber bei der Gestapo vor ganz anders denkenden Unter-
312
313
suchungsführern befanden, war ihnen offenbar niemals zu Bewußtsein gekom-
men. Die Aussagen enthielten daher nicht nur das, was die betreffenden selber
anging, sondern auchdieNamen undHandlungen oder Unterlassungen anderer.
J eder, dessen Name in einer dieser Niederschriften erwähnt war, wurde ver-
haftet und verhört. So gelang es der Gestapo bald, ein nahezu lückenloses Bild
von demUmfang der V erschwörung und demKreis der Beteiligten zu gewin-
nen. Aber nicht nur das. Angesichts der offenen Geständnisse war es oft un-
möglich, ihre Verfasser für unschuldig oder unbeteiligt zu erklären. Ich habe
bei den wenigenAnlässen meiner Anwesenheit redlichversucht, zu retten, wen
ich irgend retten konnte. Es waren leider nur wenige, bei denen mir dieser
Liebesdienst gelang. I mgleichen Sinne wie ich wirkten die anderen Beisitzer,
besonders Kirchheim, Schroth undKriebel. Feldmarschall vonRundstedt hat uns
stets unterstützt.
Der „Ehrenhof" hatte lediglich zu untersuchen, ob der Beschuldigte nach dem
Ergebnis der Voruntersuchung voraussichtlich vor demVolksgericht als Mit-
schuldiger oder Mitwisser verurteilt werden würde oder nicht. Traf die erstge-
nannte Voraussetzung zu, dann schlug das zuständige Personalamt den Betref-
fenden zur Ausstoßung aus der Wehrmacht vor. Damit war dann nicht mehr die
Zuständigkeit des Reichskriegsgerichts gegeben. Diese Untersuchung konnte
lediglich auf Grund der vorliegenden Akten gefällt werden. Vernehmungen der
Beschuldigten waren nicht zugelassen.
Man geriet bei diesentrüben Verhandlungen indiegrößten Gewissenskonflikte.
J edes Wort mußte überlegt werden, wollte man nicht durch die Entlastung des
einen andere, noch nicht bekannte oder gar verhaftete Kameraden ins Unglück
bringen.
Die Todesurteile des Volksgerichts wurden durch Erhängen vollstreckt, eine
Todesart, diedas deutscheStrafrecht und erst recht das Militärstrafrecht vorher
nicht kannte. Bis dahin wurden Soldaten, die des Todes für schuldig befunden
wurden, durch die Kugel getötet. Die Vollstreckung der Todesstrafe durch Er-
hängen wurde von Österreich importiert. Aber sie wird leider auch heutenoch
angewandt.
Wer einen Staatsstreich ausführt, muß damit rechnen, daß er imFalle des
Mißlingens wegen Hochverrats sein Leben verwirkt hat. Aber wie viele von
den für den 20. J uli 1944 Hingerichtetenwaren sich dessenbewußt? Wohl nur
die wenigsten. Dieses Argument fand allerdings vor Hitler keine Gültigkeit.
So kames, daß Offiziere verurteilt wurden, die von der Absicht eines Staats-
streiches erst unmittelbar vor dem20. J uli Kenntnis erhielten und nun nicht
sofort Meldung erstatteten, weil siesichder Tragweitedes Gehörten wohl kaum
so schnell bewußt werden konnten. V öllig Unbeteiligte wurden in den Todes-
wirbel hineingerissen, weil sie versuchten, Kameraden zu helfen. Das vielleicht
erschütterndste Beispiel hierfür ist der Fall des Generals Heisterman von Ziehl-
berg, des Schwiegersohnes meines hochverehrten, früheren I nspekteurs und
314
Divisionskommandeurs, des Generals von Tschischwitz. Ziehlberg war am
20. J uli 1944 Kommandeur einer Division an der Ostfront. Sein erster General-
stabsoffizier, Major Kuhn, früher in der Organisations-Abteilung des OKH un-
ter General Stieff, war Mitwisser der V erschwörung. Ziehlberg erhielt einTele-
grammmit demBefehl, Kuhn sofort festzunehmen undunter scharfer Bewachung
nach Berlin zu schicken. Er gestattete Kuhn, zu einem neuen Gefechtsstand
allein vorauszufahren. Er wollte ihmdamit eine Chance geben. Kuhn benutzte
die ihmgeboteneGelegenheit aber nicht, umsichzu erschießen, wieZiehlberg
angenommen hatte, sondern umzumFeinde überzugehen. Ziehlberg wurde ver-
haftet undvor ein Kriegsgericht gestellt. Dieses urteilte milde. Nach einiger
Zeit erfuhr Hitler von demUrteil. Er befahl ein neues Verfahrenmit demZiel,
auf Todesstrafe zu erkennen, weil Kuhn als ehemaliges Mitglied der Organi-
sations-Abteilung des OKH Kenntnis der geheimsten Dingeerhalten habe, und
sein Ubertritt zumFeinde daher einen erheblichen Nachteil für die Kriegfüh-
rung bedeute. Ziehlberg wurde imFebruar 1945 erschossen. Auch der zweite
Schwiegersohn meines unglücklichen Vorgesetzten, der herzensgute General
Gothsche, erlitt das gleidieSchicksal, allerdings aus einemanderen Grunde: er
hatte geäußert, daß dieser Krieg wohl nicht mehr gewonnen werden könne.
So traurig die Schicksale der V erurteiltenwaren, fast noch schlimmer gestal-
tete sich das Los der Hinterbliebenen. Die Sippenhaft, die über sie verhängt
wurde, schuf große Not und Seelenpein. Nur wenig konnte man helfen und
lindern.
Das Ergebnis des Attentats ist furchtbar, wie immer man die Dinge auch be-
trachten mag. I ch selbst lehne den Mord in jeder Formab. Unsere christliche
Religion gibt darüber ein eindeutiges Gebot. Deshalb kann ich den Entschluß
zumAttentat nicht gutheißen. Abgesehen vondiesemreligiösen Grundmuß ich
aber auch feststellen, daß weder die innen-, noch die außenpolitischen Voraus-
setzungen für das Gelingen des Staatsstreiches gegeben waren. DieV orberei-
tungen waren völlig unzulänglich, die Auswahl der Persönlichkeiten für die
wichtigsten Stellungen unverständlich. Die treibende Kraft war ursprünglich
Dr. Gördeler, einI dealist, der glaubte, den Staatsstreich ohne Attentat ausführen
zu können. Er und seine Mitverschworenen waren zweifellos von dem Ge-
danken beseelt, das beste für ihr V olk zu tun. Dr. Gördeler hat auch die Aus-
wahl der Mehrzahl der führenden Persönlichkeiten getroffen und darüber
Listen geführt, die durch eigene Unvorsichtigkeit der Gestapo in die Hand
fielen. Uber den Charakter des zum Oberhaupt des Reiches bestimmten
Generaloberst Beck habe ich mich bereits oben geäußert. Sein V erhalten am
20. J uli bestätigt die Richtigkeit meiner Ansicht. Feldmarschall vonWitzleben
war ein kranker Mann. Er haßte zwar Hitler glühend, besaß aber schwerlich
die Entschlossenheit zur Durchführung eines Militärputsches in so gespannter
Lage. Generaloberst Hoepner war ein tapferer Frontsoldat; ichbezweifle aber,
315
ob er sich der Tragweiteseiner Handlungenam20. J uli voll bewußt geworden
ist. General Ulbricht war ein sehr tüchtiger Offizier undbeherrschte seinen Auf-
gabenkreis ; er hatte aber keineKommandogewalt undkeineTruppe, auf diesich
ein Staatsstreich hätte gründen können. Bis zum20. J uli 1944 war jahrelang dis-
kutiert und verhandelt worden. Der Kreis der Mitwisser erweiterte sich stän-
dig. Es nimmt nicht Wunder, daß die Gestapo schließlich Wind von dem einen
oder anderen der verschiedenen Zirkel der Verschworenen erhielt, unddaß nun
eine Verhaftungswelle drohte. Diese drohende Verhaftungswelle wiederumer-
weckte wahrscheinlich in dem impulsiven Grafen Stauffenberg den Entschluß
zumAttentat, den die anderen Verschworenen kaumgefaßt haben würden. Die
Ausführung des Attentats mißlang. Der Attentäter aber irrte sich vollständig
bezüglich der Wirkung seiner Bombeundverhielt sichmehr als unbesonnen. Ge-
neraloberst Fromm, der Befehlshaber des Ersatzheeres, spielte eine undurch-
sichtige Rolle. Auch er wurde schließlich ein Opfer des unglückseligen Atten-
tats. General Heinrich von Stülpnagel, der Militärbefehlshaber in Frankreich,
ein großer I dealist, den ichgut kannte und bei jeder Anwesenheit inParis auf-
suchte, mußte auf schreckliche Art sterben. Das Furchtbarste aber war das Ende
des Feldmarschalls Rommel, über welches ich erst in der Gefangenschaft die
Wahrheit erfuhr. Erst dannkamdie ganzeTragik, inder wir gelebt hatten, mir
zu vollem Bewußtsein.
Natürlich wird immer wieder die Frage aufgeworfen, was geschehen wäre,
wenn das Attentat gelungen wäre. Niemandkann das sagen. Nur eines scheint
sicher: Damals glaubte ein sehr großer Teil des deutschen Volkes noch an
Adolf Hitler und wäre zu der Uberzeugung gekommen, daß die Attentäter den
einzigen Mann beseitigt hätten, der vielleicht noch in der Lage gewesen wäre,
den Krieg zu einemglimpflichen Ende zu bringen. Mit diesemOdium wäre das
Offizierkorps, die Generalität und der Generalstab inerster Linie belastet wor-
den, schonwährend des Krieges, aber auch hinterher. Der Haß und dieVerach-
tung des Volkes hätte sich gegen die Soldaten gekehrt, die mitten in einem
Ringen auf Leben und Tod durch den Mord amOberhaupt des Reiches unter
Bruch des Fahneneides das bedrohte Staatsschiff führerlos gemacht hätten. Daß
unsereFeinde uns deshalb besser behandelt hätten, als es nachdemZusammen-
bruch geschah, ist unwahrscheinlich.
Nun wird man fragen: Was also hätte geschehen sollen? Da kann ich nur
sagen: Es wird so viel von Widerstand gegen das Hitler-Regimegeredet und
geschrieben. Wer von den noch Lebenden, den Rednern undSchreibern, die an
Hitler hätten herankommen können, hat denn selber wirklich auch nur ein ein-
ziges Mal Widerstand geleistet? Wer hat gewagt, auch nur ein einziges Mal
Hitler seine abweichende Ansicht mitzuteilenund gar Auge inAuge mit dem
Diktator auf seiner Meinung zu beharren? Das hätte geschehenmüssen! I n den
Monaten, in welchen ich die Lagevorträge und zahlreiche militärische, tech-
nischeund politischeBesprechungen bei Hitler erlebte, taten das nur sehr we-
316
nigeMenschen, von denen leider nur diewenigsten noch unter den Lebenden
weilen. I chmuß aber ablehnen, jene LeuteWiderstandskämpfer zu nennen, die
nur hinter den Kulissengetuschelt haben, daß sie anderer Ansicht seien, dienur
andere Leute anzustiften versuchten. Hier scheiden sich die Geister. Wer
anderer Ansicht war als Hitler, hatte diePflicht, ihmdas offen zu sagen, wann
immer sich ihmdie Gelegenheit darbot. Dies gilt inerster Linie und ganz be-
sonders für dieZeit, als es noch Zweck hatte, nämlich für die Zeit vor dem
Kriege. Wer sich darüber klar zu sein glaubte, daß Hitlers Politik zu einem
Kriege führen mußte, daß ein Krieg verhindert werdenmußte, daß er zu einem
Unglück für unser V olk werden mußte, der hätte vor demKriegedie Gelegen-
heit suchen undfinden müssen, dies Hitler und demdeutschen V olke inun-
mißverständlicher Deutlichkeit zu sagen, wenn nicht imI nlande, dann aus dem
Ausland. Haben dieseinerzeit Verantwortlichendas getan?
I ch habediedeutschen Soldaten in zwei schweren Kriegen gesehen und hatte
im zweiten Weltkriege die Ehre, sie zu führen. So wie sie gekämpft haben,
treu bis indenTod, treu ihremEidtrotz drohender Niederlage, so treu sollen sie
bleiben. Nur aus dieser Treue, aus diesem Opfermut, aus diesem unausgespro-
chenen Heldentumkann die Wiedergeburt eines starken und gesunden Volkes
und Staates hervorgehen. Gebe Gott, daß es der jungen Generation gelinge,
auf dieser edlen Grundlage ein neues Deutschland in Frieden aufzubauen, ein
Deutschland, vor demdie anderen V ölker wieder Achtung haben, wie einst.
317
X I . CHEF DES GENERALSTABES.
JrVehreri wir wieder zu den ernsten, kriegerischenEreignissen zurück.
Nachdemder Generalstab des OKH arbeitsfähig gemacht war, ergab sich, iafj
die Geschäfte einen sehr schleppenden Verlauf nahmen, weil Hitler sichdieGe-
nehmigung aller Einzelheitenvorbehielt und demChef des Generalstabes nicht
die geringsten Befehlsbefugnisse zubilligen wollte. I ch stellte daher den An-
trag, mir in allen Angelegenheiten, die nicht grundsätzlicher Art waren, ein
Weisungsrecht an die Heeresgruppen der Ostfront zuzugestehen. Ferner bat
ich, mir in den Dingen, welche den gesamten Generalstab angingen, ein Wei-
sungsrecht an alle Generalstabsoffiziere des Heeres zu verleihen. Beide Bitten
wurden von Hitler abgelehnt. An der Ablehnung waren Keitel und J odl be-
teiligt. Keitel hatte sie eigenhändig geschrieben. J odl sagtemir auf meine Vor-
würfe: „Der Generalstab gehört überhaupt aufgelöstl" Wenn allerdings dieein-
flußreichsten V ertreter der karmesinfarbenen Zunft den Ast, auf dem sie
saßen, selber absägten, dann war der ganzen I nstitution nicht mehr zu helfen.
Die Folgen dieser Ablehnung zeigten sich sofort ineiner Reihe grober Diszi-
plinwidrigkeiten, die mich zwangen, ihre Urheber in den Stab des OKH ver-
setzen zu lassen, über welchenallein mir einebegrenzteDisziplinarstrafgewalt
zustand. Dort habeichdiesehr selbstbewußten, jungenHerrenmehrere Wochen
über ihreHaltung nachdenken lassen. Hitler habe ichgelegentlich von meiner
Aushilfe Mitteilung gemacht. Er sahmich sehr erstaunt an, sagteaber kein Wort.
Sodann bat ich an einemder ersten Tage meiner neuen Tätigkeit Hitler um
eineUnterredung unter vier Augen. Er fragte: „Handelt es sichumeine dienst-
liche oder umeine private Angelegenheit?" Natürlich war es eine dienstliche
Frage, die nur unter vier Augenmit der wünschenswerten Deutlichkeit erörtert
werden konnte. J eder dritte war für solche Fragen bereits zuviel. Das wußte
Hitler ganz genau. Daher lehnte er meineBitte ab und bestimmte, daß bei al-
len dienstlichen Besprechungen mit mir der Feldmarschall Keitel und zwei
Stenographisten zugegen sein sollten. I ch habe infolge dieser Anordnung nur
noch selten Gelegenheit gehabt, dem Obersten Befehlshaber so ungeschminkt
die Meinung zu sagen, wieman es eben — ohne die Gefahr einer Schmälerung
der Autorität — nur imZwiegespräch tunkann. Auch an dieser, sehr nachteili-
gen Regelung war Feldmarschall Keitel beteiligt, weil er fürchtete, wichtige
Dingenicht rechtzeitig zu erfahren undallmählich beiseitegeschoben zu werden.
I ch mußte mein Amt unter den gleichen Einschränkungen führen, unter denen
mein V orgänger zu leidenhatte. Dies trug nicht zu einer Milderung des Tones
und der Gegensätze bei.
318
Die militärische Lage der Ostfront war am21. J uli 1944, als ichdie Geschäfte
des Chefs des Generalstabes zu übernehmen gezwungen war, alles andere, als
günstig.
Am gefestigtsten schien dieHeeresgruppe „Südukraine", welche sich aus der
deutschen 6. und 8. Armee, sowie den rumänischen Truppen zusammensetzte,
und auch einen Teil der ungarischen Armee in ihrem Befehlsbereich hatte.
I hre Front erstreckte sich von der Einmündung des Dniestr in das Schwarze
Meer längs dieses Flusses bis ostwärts Kischinew und verlief sodann nördlich
an J assy undsüdlich an Falticeni vorbei quer über dieFlüsse Pruthund Sereth,
schließlich innordwestlicher Richtung indas Quellgebiet des Sereth. DieHeeres-
gruppe hattenach den Frühjahrskämpfen imMärz undApri l feindliche Angriffe
nördlich Jassy abzuweisen und anschließend eine Anzahl von Divisionen als
Reserven auszuscheiden vermocht. Sie wurde indiesemAugenblick vonGeneral
Schörner befehligt, der sich des besonderen Vertrauens Hitlers erfreute.
An dieHeeresgruppe „Südukraine" schloß sichdieHeeresgruppe „Nordukraine".
Sie hatte bis zum12. J uli 1944 in leidlich erfolgreicher Abwehr gestanden, in
einer Front, die sich aus der Gegend von Radautz amoberen Sereth, ostwärts
Delatyn über Buczacz—Tarnopol—J ezierna—Beresteczko in den Raum süd-
lich Kowel hinzog. Mit dem 13. J uli waren die Russen aber zumAngriff ange-
treten, hatten die Front der Heeresgruppe an drei Stellen durchbrochen und
bis zum21. J uli Lemberg, das San-Knie nördlich Przemysl, Tomaszow, Cholm
und Lublin genommen und mit demamweitesten vorgedrungenen Flügel etwa
die Linie Pulawy an der Weichsel—Brest-Litowsk amBug erreicht.
War dieses Bild schon schlimm, so hatte sichdie Lage bei der Heeresgruppe
„Mitte" seit dem22. J uni 1944 zu einer Katastropheausgewachsen, wiesie übler
kaumgedacht werden konnte. I n der Zeit vom22. 6. bis zum3. 7. 44 hatte der
russische Angriff zwischenPripet undBeresina, bei Rogatschew, bei Tschaussy,
nördlich Orscha und beiderseits Witebsk die deutsche Front durchstoßen und
sie unter Totalverlust von etwa 25 Divisionen bis in dieLinie Davidgrodek—
Baranowicze—Molodeczno—Koziany—Düna nördlich Polozk zurückgeblasen. I n
dennächsten Tagen nutzten die Russen ihren überraschend großen Erfolg kräf-
tig aus und gewannen Pinsk, sowie die LiniePruzana—Wolkowysk—Njemen
ostwärts Grodno—Kowno—Düna ostwärts Dünaburg—I driza. Damit war nicht
nur die Heeresgruppe „Mitte", sondern auch dieHeeresgruppe „Nord" in den
Zusammenbruch hineingerissen. Bis zum21. J uli waren die Russen in schein-
bar unaufhaltsamem Vorgehen auf die Weichsel-Linievon Sandomir bis War-
schau, sowie über Siedice—Bielsk Podlaski—Bialystock—Grodno—Kowno und
— was das unangenehmste war — über Ponjewisch auf Schaulen und Mitau.
Nördlich Mitau erreichtensie die Küste des Rigaischen Meerbusens und trenn-
ten hierdurchdieHeeresgruppe „Nord" von der übrigen Front ab.
Die Heeresgruppe „Nord", deren rechter Flügel nördlich Polotzk gestanden
hatte, hielt eine Front von dort über I driza—Ostroff—Pleskau—Peipus-See—
319
Narwa bis zur Küste des Finnischen Meerbusens. I nfolge der Katastrophe der
Heeresgruppe .Mitte" mußte sie ihren rechten Flügel bis zum 21. J uli 1944 in
die Linie Mitau—Dünaburg—Pleskau zurücknehmen. Aber hier war natürlich
auch noch kein Halten.
I ch übernahm von meinemV orgänger nicht nur einen desorganisierten Stab,
sondern auch eine in voller Auflösung begriffene Front. Reserven des OKH
waren nicht vorhanden. Die einzigen, sofort verfügbaren Kräfte standen in. Ru-
mänien hinter der Heeresgruppe.Südukraine". Ein Blick auf die Eisenbahnkarte
zeigte, daß ihr Antransport langeZeit beanspruchenmußte. Die geringen Kräfte,
welche aus dem Ersatzheer verfügbar gemacht werden konnten, befanden sieb
bereits imAntransport zur meist zerschlagenen Heeresgruppe .Mitte".
I mEinvernehmen mit dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe .Südukraine",
dessen Chef, General Wende, mein erster operativer Mitarbeiter wurdeund die
V erhältnisse in Rumänien kannte, sdilug ich Hitler vor, alle aus Rumänien ver-
fügbar zu machenden Divisionen von dort abzutransportieren und zur Wieder-
herstellung der Verbindung zwischen den Heeresgruppen „Mitte" und „Nord"
einzusetzen. DieseTransporte wurden unverzüglich in die Wegegeleitet. Hitler
verfügte außerdem den Austausch der Oberbefehlshaber der Heeresgruppen
„Südukraine" (Schörner) und „Nord" (Frießner). über die Kampfführung der
Heeresgruppe „Südukraine" wurden Weisungen erteilt, die dem Oberbefehls-
haber eine für Hitler'sche Führung ungewöhnliche Selbständigkeit gewährten.
Durch diese energischen Maßnahmen gelang es, den russischen Angriff im
Räume Doblen—Tuokum—Mitau zum Stehen zu bringen. Meine Absiebt war
nun, nicht nur die Wiedervereinigung der beiden Heeresgruppen, sondern die
Räumung der baltischen Länder zum Zwecke einer radikalen Frontverkürzung
herbeizuführen. Diese Operation war ohnehin notwendig, wollte man nioht die
Heeresgruppe .Nord" in ihrer weit gespannten Aufstellung der Vernichtung
aussetzen. General Schörner erhielt den Befehl, einen Vorschlag für die Räu-
mung einzureichen. Er wollte sie in drei bis vier Wochen durchführen. Hierzu
war aber keine Zeit. Wir mußten schnell handeln, um dem Gegner zuvorzu-
kommen und die Kräfte der Heeresgruppein kampffähiger Verfassung nach Ost-
preußen ziehen zu können. I ch veranlaßte daher die Durchführung der Räu-
mung Estlands und Livlands innerhalb von sieben Tagen, das Einnehmen eines
Brückenkopfes um Riga und die unverzügliche Versammlung aller motorisierten
und Panzertruppen westlich Schaulen. Dort erwartete ich den nächsten Stoß der
Russen. Dort mußte er abgefangen werden, um die Heeresgruppe „Nord" in
Kurland in V erbindung mit der Heeresgruppe „Mitte" neu zu gliedern.
Der deutsche Angriff stellte in der Zeit vom 16. bis 26. September 1944 die
Verbindung zwischen den beiden Heeresgruppen her. Daß sie zustandekam, ist
dem tapferen Verhalten des Obersten Graf Strachwitz und seiner zusammen-
gestellten Panzer-Division zu danken. Alles kam darauf an, die günstige Lage
unverzüglich auszunützen. Hier versagte die Heeresgruppe „Nord". Schörner
320
Erinnerungen eines Soldaten
321
glaubte nicht an einen erneuten russischen Angriff westlichvonSchaulen, son-
dern er vermutete ihn bei Mitau. Deshalb hielt er — entgegen der mit Hitlers
Unterschrift erteiltenWeisung — seinePanzertruppen bei Mitau an. MeineBit-
ten, die Weisung auszuführen, wurden nicht berücksichtigt. Ob Schörner unter
der Hand Hitlers Genehmigung zu seinem Schritt erhalten hat, ist mir unbe-
kannt geblieben. Er besaß direkte Fäden zu ihm. So kames, daß imOktober
die dünne deutsche Front westlich Schaulen erneut durchbrochen wurde. Die
Russen gelangten zwischen Memel undLibau an dieOstsee. Die Heeresgruppe
„Nord" bliebnach Fehlschlagen eines nochmaligen Versuches, dieVerbindung
längs der Küste zu schaffen, abgetrennt und mußte ohne Zusammenhang mit
der übrigen Ostfront über See versorgt werden.
Ein erbitterter Kampf zwischen Hitler und mir um die Rückführung dieser
wertvollen undfür dieV erteidigung des Reiches unentbehrlichen Truppen setzte
nunmehr ein, vergiftete dieAtmosphäre und blieb doch ohne Erfolg.
Während sich diesewichtigenBewegungen und harten Kämpfe auf demlinken
Flügel der weiten Front abspielten, während Feldmarschall Model unter tapfer-
stempersönlichem Einsatz die Front der Heeresgruppe „Mitte" imRäume ost-
wärts Warschau wieder zumStehen brachte, brach am 1. August 1944 in War-
schau ein polnischer Aufstand aus, der unter der Führung des Generals Bor-
Komorowski unmittelbar hinter unserer Front einen Gefahrenherd erster Ord-
nung schuf. DieV erbindung zur Front der 9. Armeedes Generals vonVormann
wurde unterbrochen. Die Möglichkeit eines alsbaldigen Zusammenwirkens der
Russenund der aufständischen Polen war nicht vonder Handzu weisen. I cher-
bat die Einbeziehung Warschaus in das Operationsgebiet des Heeres, aber der
Ehrgeiz des Generalgouverneurs Frank und des Reichsführers SS Himmler er-
wirkten bei Hitler, daß Warschau — obwohl dicht hinter, und schließlich sogar
in der Front liegend— nicht zumOperationsgebiet des Heeres geschlagen wurde,
sondern demGeneralgouverneur unterstellt blieb. Mi t der Niederwerfung des
Aufstandes wurde der Reichsführer SS beauftragt, der seinerseits den SS-Grup-
penführer von demBach-Zelewski und eine Anzahl SS- undPolizeiformationen
hierzu einsetzte. Der Kampf, der sich durch Wochen hinzog, wurde mit großer
Härte geführt. Die beteiligten SS-V erbände — übrigens nicht zur Waffen-SS
gehörig — waren zumTeil inihrer Disziplin nicht einwandfrei. DieBrigadeKa-
minski setzte sich aus ehemaligen Kriegsgefangenen zusammen, zumeist Rus-
sen, die den Polen nicht günstig gesinnt waren; die Brigade Dirlewanger be-
stand aus deutschen Strafgefangenen auf Bewährung. Als nun diese zweifelhaf-
ten Elemente inden Straßen- undHäuserkampf eines erbarmungslosen Ringens
umdas nackteLeben verstrickt wurden, versagteihreMoral vollends, v. ü. Bach
selbst berichtete mir gelegentlich eines Vortrages über Bewaffnungsfragen von
den Ausschreitungen seiner Untergebenen, deren er nicht Herr zu werden ver-
mochte. Was ichda erfuhr, war so haarsträubend, daß ichmich veranlaßt sah,
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323
noch amgleichen AbendHitler darüber V ortrag zu halten und die Entfernung
der beiden Brigaden vonder Ostfront zu fordern. Hitler war anfangs nicht ge-
neigt, auf meine Forderungen einzugehen. Aber selbst der SS-Brigadeführer
Fegelein, der Verbindungsmann Himmlers bei Hitler, mußte bestätigen: „J a-
wohl, meinFührer, das sindwirklich Strolche!* Nunbliebkeine Wahl, als mei-
nemAntrag stattzugeben, v. d. Bachließ vorsorglichKaminski noch erschießen
und beseitigte damit einen nicht einwandfreien Zeugen.
Erst am2. Oktober 1944 brach der Aufstand zusammen. Angesichts der Nei-
gung der Aufständischen zur Kapitulation hatte ich Hitler geraten, ihnen die
Behandlung als Kriegsgefangene nach den Regeln des V ölkerrechts zuzusichern,
um den sinnlosen Kampf abzukürzen. Auf diesen Rat ging Hitler auch ein.
Generaloberst Reinhardt, seit dem15. August an Models Statt Oberbefehlshaber
der Heeresgruppe „Mitte", erhielt eine entsprechende Weisung. Nach dieser
Weisung hat das Heer gehandelt.
Wie immer inKämpfen gegen Aufständische war es schwer, die organisierten
Kämpfer von den unbeteiligtenZivilisten zu unterscheiden. General Bor-Komo-
rowski schreibt selbst hierüber: „I nden Kämpfen konnten unsereFührer kaum
die Soldaten von den Zivilisten unterscheiden. Unsere Leute hatten keine Uni-
formen, und wir konntendieZivilisten nicht hindern, dieweiß-roten Armbinden
anzulegen. Sie sowohl wie die Soldaten der Heimatarmee benutzten deutsche
Waffen und erschwerten hierdurch den sparsamen Munitionsverbrauch. Denn
die Zivilisten verschwendeten auf einen einzelnen deutschen Soldaten einen
Hagel von Geschossenund Handgranaten. J eder der frühen Berichte, die icher-
hielt, klagte über die große Verschwendung von Munition."*) Da die Polen
außerdem deutsche Uniformenaus erbeuteten Magazinen benutzten, wurde die
Unsicherheit auf deutscher Seite unddamit dieNeigung zurücksichtsloser Kampf-
weise noch größer. Kein Wunder, daß auch Hitler, demdie Warschauer Ereig-
nisse regelmäßig durch Fegelein oder Himmler selbst vorgetragen wurden, in
Zorn geriet und scharfe Befehle für die Kampfführung wie für die Behandlung
Warschaus erließ. Dieser Groll fand Ausdruck ineiner Weisung der „Nachrich-
tenstelle des Höheren SS- und Polizeiführers Ost" an den Generalgouverneur
Dr. Frank inKrakau vom11. Oktober 1944: „Betr.: Neue Polenpolitik. — Ober-
gruppenführer von demBach hat den Auftrag erhalten, Warschau zu pazifizie-
ren, d. h. Warschau noch während des Krieges demErdboden gleichzu machen,
soweit nicht militärischePläne des Festungsbaues entgegenstehen. V or demAb-
reißen sollen aus Warschau alle Rohstoffe, alle Textilien und alle Möbel ge-
räumt werden. Die Hauptaufgabe fällt der Zivilverwaltung zu."**) V on diesem
Befehl, der auf demSS-Wege ergangen war, bekamichdamals keine Kenntnis.
I ch las ihn erstmals imGefängnis in Nürnberg 1946. EinGerücht über dieAb-
*) Aus „The Unconquerables", The Reader's Digest, Febniary 1946, von General Bor-
Komorowski.
") Aus der Isar-Post, Nürnberg, 23. 2. 46 (Dana).
324
sieht der völligen Zerstörung Warschaus, das imHauptquartier umging, sowie
ein gelegentlicher Zornes au sbruch Hitlers über Warschau inmeiner Gegenwart
veranlaßten mich jedoch beim V ortrag, auf die Notwendigkeit der Erhaltung
der Stadt hinzuweisen, die auf Befehl Hitlers zur Festung erklärt war undin-
folgedessen deutscheTruppen beherbergen mußte. Die Erhaltung der Gebäude
war umso notwendiger, als die Weichsel damals bereits die vordere Linie der
Front bildete, welche also mitten durch die Stadt lief.
Die wiederholten Aufstände der J ahre 1943 und 44 hatten ohnehin viel zur
Zerstörung beigetragen, und dieKämpfe des Herbstes 1944 bis zumBeginn des
russischen Angriffs imJ anuar 1945 gaben der unglücklichen Stadt den Rest.
Nach der Kapitulation wurden diegefangenen Aufständischen durchdieSS be-
treut. Bor-Komorowski war ein Bekannter Fegeleins, mit demer wiederholt auf
internationalen Turnieren zusammengetroffen war. Fegelein hat sich seiner an-
genommen.
Mehrfach wurde die Frage aufgeworfen, warumwohl die Russen, denen der
Ausbruch des Aufstandes i n Warschau bekannt war, nicht mehr zu seiner Un-
terstützung vonaußen getan, ja sogar ihren Angriff an der Weichsel angehalten
hätten. DieAufständischen gehörten zweifellos zu den sogenannten Exilpolen,
deren Regierung in London saß, und die von dort ihre Weisungen erhielten.
Sie verkörperten die konservativen, westlich orientierten, polnischen Kreise.
Man könnte annehmen, daß die Sowjetunion kein I nteresse an ihrer Stärkung
durch einen gelungenen Aufstand und durch die Eroberung der Stadt hatte.
Wahrscheinlich wollte die Sowjetunion diese zugkräftigen Parolen ihren An-
hängern aus demLubliner Lager zuschanzen. Aber das mögen die ehemaligen
Alliierten unter sich ausmachen. Uns war wichtig, daß der russischeAngriff da-
mals die Weichsel nicht überschritt und uns eine kurze Atempause gewährt
wurde.
Am 25. J uli 44 scheiterte jedenfalls der Versuch des russischen X V I . Panzer-
Korps, bei Deblin über die Eisenbahnbrücke die Weichsel zu überschreiten, un-
ter Verlust von 30 Panzern. Die Brücke konnte rechtzeitig gesprengt werden.
Weitere russische Panzerkräfte wurden nördlich Warschau aufgefangen. Wir
Deutschen hatten den Eindruck, daß unsereAbwehr dieRussenzumStehen ge-
bracht habe und nicht der russisdie Gedanke an eine Sabotage des polnischen
Aufstandes.
Am 2. August griff die 1. polnische Armee des „Polnischen Freien Demokra-
tischen Heeres" mit drei Divisionen imAbschnitt Pulawy—Deblin über die
Weichsel an. Sie erlitt hierbei schwere Verluste, konnte aber doch einen Brük-
kenkopf bildenundbis zumEintreffen sowjetischer V erstärkungen halten.
Auch bei Magnuszew gelang demFeinde das Bilden eines Weichsel-Brücken-
kopfes. Die hier übergesetzten Kräfte hatten den Auftrag, entlang der Ufer-
straße auf Warschau vorzustoßen, konnten aber an derPilica aufgehalten werden.
325
Die deutsche9. Armee hatte am8. August jedenfalls den Eindruck, daß der
russischeVersuch, sich durch Handstreich aus der bis dahin nahezu ungehindert
durchgeführten V erfolgung heraus inden Besitz von Warschau zu setzen, trotz
des polnischen Aufstandes an ihrer Abwehr gescheitert sei, und daß der Auf-
stand — mit den Augen des Gegners gesehen — zu früh begonnen habe. Sie
meldete aus der Zeit vom26. 7. bis 8. 8. 44 603 Gefangene, 41Uberläufer; ferner
die Zerstörung von 337 Panzern, die Erbeutung von 70 Geschützen, 80 Pak, 27
Granatwerfern und 116 M.G. Das warenimmerhinbeachtliche Zahlen nach einem
Monat fortgesetzter RückzugskämpfeI
War schon bisher imOsten wie imWesten nichts für die Landesbefestigung
getan, weil Hitler imWesten glaubte, sich auf den Atlantikwall verlassen zu
können, und weil er imOsten mit demArgument arbeitete, die Generale wür-
den sichdurchdas Vorhandensein vonBefestigungen verleiten lassen, dieFron-
ten weniger energisch zu verteidigen, und leichter geneigt sein, rückwärtige
Stellungen vor der Zeit zu beziehen, so mußte nunmehr, nach den Rückschlägen,
dieuns den bisher verfügbaren RaumimOsten größtenteils genommen und die
Front in bedenkliche Nähe der Reichsgrenze gerückt hatten, unter allen Um-
ständen etwas geschehen, wenn nicht jeder kleine Rückschlag gleich Auswir-
kungen auf ganze Fronten zeitigen sollte. Nach meiner — Hitler bereits im
J anuar vorgetragenen — Uberzeugung mußten in erster Linie die ehemaligen
deutschen Ostbefestigungen wiederhergestellt werden. Sodann mußten die wich-
tigsten Verbindungen zwischen diesen Festungen und die großen Stromlinien
befestigt werden. I ch fertigte, zusammen mit dem General der Pioniere beim
OKH, dem General J akob, einen Ausbauplan an. Für die Bearbeitung der
Festungsangelegenheiten befahl ich die Wiedererrichtung der von meinen Vor-
gängern aufgelösten Festungs-Abteilung des Generalstabes unter Oberstleutnant
Thilo. Den von uns ausgearbeiteten Plan gab ichauf eigeneV erantwortung als
Befehl an allebetroffenen Stellen und legte ihnanschließend Hitler vor mit der
Meldung, die Sache sei mir so wichtig und eilig gewesen, daß ich seine Ge-
nehmigung nachträglich erbitten müsse. Hitler stimmte nur unwillig zu; oft
konnte ich dieses Verfahren nicht anwenden. J edenfalls kamder Festungsbau
nun in Gang. Die Erdarbeiten wurden zum großen Teil durch Freiwillige —
Frauen, Kinder und Greise — geleistet, soweit die Heimat eben nochArbeits-
kräfte hergeben konnte. DieHitlerjugendhat sich ein großes Verdienst hierbei
erworben. Alle diese wackeren, deutschen Menschen arbeiteten trotz der bald
schlecht werdenden Witterung mit großem Eifer und V erständnis und in der
Hoffnung, ihrer Heimat, an der sie mit großer Liebe hingen, einigen Schutz zu
verschaffen, ihren Soldaten einen Rückhalt in ihremschweren Abwehrkampf zu
gewähren. Daß ihre Arbeit später nicht alle an sie gesetzten Hoffnungen er-
füllen konnte, die sie und ich gehegt hatten, lag nicht an ihnen, auch nicht an
einemfehlerhaften Prinzip, sondern an der Unmöglichkeit, die Besatzungen und
326
die Bewaffnung für die Werke zu schaffen, weil der Westen i n seiner etwas
früher einsetzendenNot alles beanspruchteund erhielt, was für den Osten vor-
gesehen war. DemOsten blieb nur die schale Neige dessen, was der Westen
nicht gebrauchen konnte. Den Helfern von damals aber sei an dieser Stelle
herzlich für ihre aufopfernde und treue Hilfe gedankt. Dennoch haben eine
ganzeReihe der damals aufgeführten Werke ihren Zweck lange Zeit hindurch
erfüllt. DieVerteidigung vonKönigsberg, von Danzig, vonGlogau und Breslau
wird in späterer Zeit hoffentlich gerecht betrachtet werden, und niemand kann
sagen, wieschnell der russische Vormarsch sich vollzogen hätte und wie weite
Landstriche Deutschlands seine sengende Hand zu spüren bekommen hätten,
wären diedeutschen Befestigungen damals nicht gebaut worden.
I ch war mir darüber klar, daß die entstehenden Werke, umeiner Belagerung
standzuhalten, der Besatzungen, der Bewaffnung und der Bevorratung bedurf-
ten. Daher ordnete ich die Aufstellung von Festungstruppen an, die sich aus
solchen Wehrpflichtigen zusammensetzen sollten, die nicht mehr voll feldver-
wendungsfähig, wohl aber noch be? richtiger Pflege zumDienst inständigen Be-
festigungen brauchbar waren. Fürs erste wurden 100 Festungs-I nfanterie-Ba-
taillone und 100 Batterien aufgestellt. Festungs-M.G.-, Panzerjäger-, Pionier-
und Nachrichteneinheiten solltenfolgen. Aber noch bevor dieersten dieser Ein-
heiten dienstfähig waren, wurden 80% von ihnen an die Westfront geschickt.
Meine heftigen Proteste blieben unberücksichtigt; ich erfuhr erst nachträglich,
was sich abgespielt hatte und vermochte es nicht mehr zu ändern. I m Westen
wurden dieunfertigen Einheiteninden Strudel des Zusammenbruchs verwickelt
und gingen ohne nennenswerten Nutzen zu Grunde. I m Osten blieben die
schönen Stellungen und Festungen leer und konnten den zurückgehenden Front-
truppen später nicht den erwarteten Rückhalt bieten.
Wie mit den Festungstruppen ging es mit der Armierung. Mein erster Antrag,
mir die Depots der Beutegeschütze zur V erfügung zu stellen, wurde von Keitel
und J odl fast mit Spott abgetan; sie meinten, es gäbe keine ungenutzten Beute-
geschütze in Deutschland mehr; aber der Chef der Heeresabteilung des OKW,
General Buhle, teilte mit, daß noch Tausende von Geschützen und anderen
schweren Waffen in den Zeugämtern lagerten; sie wurden seit J ahren monat-
l i di hauchartig eingefettet und betreut, aber nicht genutzt. I ch ordnete ihren
Einbau indenOstfestungen und den wichtigstenStellungen und dieAusbildung
der Bedienungen an. J odl erwirkteaber, daß alle Geschütze von mehr als 5 cm
Kaliber und mehr als 50 Schuß je Rohr an die Westfront abgegeben werden
mußten. Auch dieseMaßnahme kamdort zu spät, während sieder Ostfront eine
unschätzbare Hilfe hätte werden können. Die5-cm- und die 3,7-cm-Pak waren
schon seit 1941 gegen den russischen T 34 wehrlos, und gerade gegen Panzer
brauchte der Osten die Gesdrütze vonwirksamemKaliber.
Für die Bevorratung wurde angeordnet, daß die Festungen auf drei Monate
einzudecken seien. Funkstellen wurden erriditet, Brennstoffvorräte angelegt. I ch
327
benutzte jede meiner Fahrten, umdie Arbeiten an Ort und Stelle zu kontrol-
lieren. I n meinen Bestrebungen wurde ich von zahlreichen Kameraden, beson-
ders von Generaloberst Strauß, in selbstlosester Weise unterstützt. Sie stellten
sich ohne Rücksicht auf ihre früheren Positionen, aus denen sie Krankheit oder
der Machtspruch Hitlers verdrängt hatte, wieder zur Verfügung. Auch einige
Gauleiter halfen tatkräftig mit, und wenn es auch imUbereifer manchmal zu
Reibungen kam, so muß doch der gute Wille zu helfen anerkannt werden.
Als mir die Verfügung über die Festungstruppen größtenteils entzogen wurde,
verfiel ich auf einen Gedanken, der schon vor längerer Zeit von der Opera-
tions-Abteilung des OKH unter General Heusinger vorgeschlagen, seinerzeit
von Hitler aber abgelehnt war, der Errichtung eines Landsturmes in den be-
drohten Ostprovinzen. Mir schwebte vor, aus felddienstfähigen, aber durch
kriegswichtige Berufe nicht zum Waffendienst eingezogenen Wehrpflichtigen
in den Ostgebieten unter der Führung von Offizieren Landsturmverbände auf-
zustellen, die nur imFalle des Gelingens eines russischen Durchbruchs einbe-
rufen werden sollten. Mit diesemVorschlag ging ich zu Hitler und beantragte,
die SA, soweit sie aus zuverlässigen Leuten zusammengesetzt sei, mit dieser
Aufgabe zu betrauen. Der Mitwirkung des Stabschefs der SA, des verständigen
und wehrmachtfreundlichen Schepmann, hatte ich mich vorher versichert. Hitler
genehmigte meinen Antrag zunächst, teilte mir jedoch am nächsten Tage mit,
er habe sich anders entschlossen und wolle dieses Aufgebot nicht durch die SA,
sondern durch die Partei, d. h. durch den Reichsleiter Bormann aufstellen lassen
und ihmdie Bezeichnung „Volkssturm" verleihen. Bormann tat zunächst nichts;
von mir mehrfach gemahnt, beauftragte er schließlich die Gauleiter — nicht nur
die der Grenzgebiete, sondern alle — mit der Durchführung der Maßnahme.
Hierdurch erhielt der Volkssturmeine ungebührliche Aufblähung, für die weder
die geschulten Führer noch die Waffen vorhanden waren, ganz abgesehen da-
von, daß es der Partei nicht auf geschulte Führer, sondern auf fanatische Partei-
genossen in den maßgebenden Stellen ankam. Mein alter Kriegskamerad,
General von Wietersheim, stand in Reih und Glied, während ein ungedienter
Parteifunktionär seineKompanie kommandierte. Unter solchen Umständen wur-
den die braven, opferbereiten Männer vielfach in sinnloser Weise mit demEin-
üben des deutschen Grußes anstatt mit der Ausbildung an den ihnen unbekann-
ten Waffen besdiäftigt. Auch in diesen Reihen fand großer Idealismus und große
Opferbereitschaft einen schlechten Lohn und keinen Dank. Ich möchte ihn hier-
mit nachholen.
Alle diese fast verzweifelt scheinenden Maßnahmen wurden nötig, weil das
letzte Aufgebot an Kampftruppen, das in der Heimat durch das Ersatzheer auf-
gestellt wurde, nicht der Verteidigung des Ostens, sondern einer Offensive im
Westen dienen sollte. ImAugust und September hatte die Westfront ihren Halt
verloren und sich mangels geeigneter rückwärtiger Stellungen oder Festungen
auf den Westwall zurückzogen. Der Westwall war aber keine vollwertigeBe-
festigung mehr, da seine Armierung zur Ausstattung des Antlantikwalles heran-
gezogen und größtenteils verlorengegangen war. Der Rückzug erfolgte so plötz-
lich und das Folgen der westlichen Alliierten so kühn, daß sich wiederholt La-
gen boten, diebei Vorhandensein von Reserven zu erfolgversprechenden Gegen-
schlägen hätten ausgenutzt werden können. Hitler geriet jedesmal in Wut,
wenn eine solche Lage eintrat, und er ihre Ausnutzung verlangte, aber keine
Truppen dazu besaß. ImSeptember entschloß er sich daher, die gesamte Kraft
der Heimat zu einer letzten, gewaltigen Anstrengung zusammenzufassen. Mit
der Leitung des Ersatzheeres war nach dem Attentat des 20. J uli 1944 der
Reichsführer SS Himmler betraut worden. Er hatte sich die Bezeichnung „Ober-
befehlshaber" zugelegt und organisierte nun den politischen Soldaten, wie er
ihmund Hitler vorschwebte, besonders den politischen Offizier. Die Neuforma-
tionen erhielten die Bezeichnung „Volks'grenadier-Division, „ Volks "artillerie-
Korps usw. Ihre Offizierkorps wurden durch das Heerespersonalamt unter Gene-
ral Burgdorf, demwenig idealistischen Nachfolger des Idealisten Schmundt, aus-
gesucht und durften nicht i n andere, profane Heeresteile versetzt werden. Die
NS-Führungsoffiziere wurden aktiviert. Als sich allerdings einige dieser Herren
von der Ostfront bemüßigt fühlten, unmittelbar an Bormann zu berichten, und
dieser glühende Feind des Heeres mit seiner Weisheit zu Hitler lief, wurde mir
die Sachezu bunt, und ich verbat mir jedederartigeEinmischung. Die Schuldigen
wurden bestraft. Natürlich trug dieser Krach, zusammen mit der Verschleppung
des Volkssturmplanes, nicht dazu bei, die Atmosphäre imFührerhauptquartier
zu entgiften.
Mit diesem letzten Aufgebot aktiver Kraft wollte Hitler zu einem geeigneten
Zeitpunkt imNovember offensiv werden, mit demZiel, die Westmächte zu schla-
gen und in den Atlantik zu werfen. Diesem gigantischen Plan sollten die Neu-
formationen nutzbar gemacht werden, die mit unserer letzten Kraft in der Hei-
mat entstanden. Hierauf wird noch zurückzukommen sein.
Am 5. August 1944, während die Ereignisse des Attentats und des Zusammen-
bruchs der Ostfront die Gemüter noch heftig bewegten, erschien der Staatschef
Rumäniens, Marschall Antonescu, zum Besuch bei Hitler in Ostpreußen. Ich
erhielt den Auftrag, dem Marschall über die Lage an der Ostfront Vortrag zu
halten. Hitler, Keitel und die üblicherweise an den Lagebesprechungen teilneh-
menden Offizierewaren zugegen, außerdemRibbentrop und seineGehilfen vom
Auswärtigen Amt. Mein Vortrag sollte durch den Gesandten Schmidt, den Chef-
dolmetscher des Auswärtigen Amts, ins Französische übertragen werden. Der
GesandteSchmidt war nicht nur ein sehr netter Mann, mit demman gerneplau-
derte, sondern er war der besteDolmetscher, der mir bisher begegnet ist, von
einem außergewöhnlichen Einfühlungsvermögen in die Gedankengänge, die er
zu übertragen hatte. Er hatte seit J ahrzehnten an unendlich vielen und schwie-
rigen Verhandlungen über alle nur denkbaren Gebiete teilgenommen. Nur über
328
329
militärische Lagen hatte er noch nie zu dolmetschen gehabt. Bereits nach weni-
gen Sätzen trat in Erscheinung, daß ihmdiemilitärischen Fachausdrücke fehlten.
Mir schien einfacher, meinen Vortrag gle.ich auf Französisch zu halten, und ich
hatte die Genugtuung, von Antonescu gut verstanden zu werden.
Bei diesem Vortrag bewies Antonescu volles Verständnis für unsere schwie-
rige Lage und für dieNotwendigkeit, zuerst dieFront der Heeresgruppe „Mitte"
wiederherzustellen und sodann die Verbindung zwischen den Heeresgruppen
„Mitte" und „Nord" neu zu schaffen. Er bot von sich aus an, die Moldau zu
räumen und auf die Linie Galatz—Focsani—Karpatenkamm zurückzugehen,
wenn das Gesamtinteresse der Verbündeten dies erforderlich mache. Ich habe
diesen großherzigen VorschlagHitler sofort verdolmetscht und ihn später daran
erinnert. Hitler hat das Angebot Antonescus dankbar angenommen und — wie
wir noch sehen werden — seine Folgerungen daraus gezogen.
Am nächsten Vormittag bat mich Antonescu zu einer Aussprache unter vier
Augen, die in seinemQuartier in der „Wolfsschanze" stattfand. Sie war mir sehr
aufschlußreich. Der rumänische Marschall erwies sich nicht nur als ein guter
Soldat, sondern auch als ein genauer Kenner seines Landes, der Verkehrs- und
Wirtschaftsbeziehungen desselben und der politischen Notwendigkeiten. Alles,
was er sagte, hatte Hand und Fuß und war dabei in der Formvon vollendeter
Liebenswürdigkeit und Höflichkeit, Eigenschaften, mit denen wir: in Deutschland
damals nicht gerade verwöhnt wurden. Er kam sehr bald auf das Attentat zu
sprechen und verhehlte sein Entsetzen darüber nicht: „Glauben Sie mir, ich
kann mein Haupt in den Schoß jedes meiner Generale legen. Bei uns ist eine
Beteiligung von Offizieren an einem solchen Staatsstreich undenkbar!" Ich
konnte damals nidits auf seine schweren Vorwürfe antworten. Aber 14 Tage
später stand Antonescu vor einer ganz anderen Lage, und wir mit ihm!
In des Marschalls Begleitung befand sich der rumänische Außenminister Michai
Antonescu. Dieser Mann machte zwar einen gerissenen, aber keinen sympathi-
sdien Eindruck. SeineFreundlichkeit hatte etwas Klebriges. Von deutscher Seite
war der Gesandte von Killinger und der deutsche General inRumänien Hansen
mitgekommen. Ich habe mich mit beiden eingehend über ihre Auffassungen
unterhalten. Sie hieltennidit allzu viel von Antonescu, sondern waren der Auf-
fassung, daß der junge König die Figur sei, auf die man sich deutscherseits
stützen müsse. Damit gaben sie sich allerdings einem folgensdiweren Irrtum
hin, der wesentlich dazu beitrug, die deutsdien militärisdien Stellen in eine
trügerische Sicherheit zu wiegen und den spärlichen Nadirichten über drohen-
den Verrat keinen Glauben beizumessen.
Der Ende J uli 1944 neuernannte Oberbefehlshaber der Heeresgruppe „Süd-
ukraine", der an Schörners Stelle getretene Generaloberst Frießner, teilte die
Auffassung Antonescus und richtete kurz nach dessen Besuch imFührerhaupt-
quartier einen Antrag auf Zurückverlegen der Front in die Linie Gnlatz—Foc-
sani—Karpatenkamm an Hitler. Dieser entschloß sich auch ausnahmsweise zu-
330
zustimmen, machte aber die Herausgabe endgültiger Befehle und die Ausfüh-
rung seines Entschlusses davon abhängig, daß positive Anzeichen für die feind-
liche Angriffsabsicht gemeldet würden. Bis dahin sollten die gegenwärtigen
Fronten gehalten werden. DieNachrichten, welche das Führerhauptquartier über
die Lage in Rumänien erhielt, waren in den nächsten Tagen recht widerspruchs-
voll; zumeist lauteten sie — der Einstellung der deutschen amtlichen Vertreter
entsprechend — günstig. Immerhin mißtraute selbst der Reichsaußenminister
von Ribbentrop den Berichten seines Gesandten so sehr, daß er die Verlegung
einer Panzer-Division nach Bukarest für angezeigt hielt und von Hitler erbat.
Ich war bei diesemVortrag zugegen und hielt Ribbentrops Wunsch für gerecht-
fertigt. Von den Divisionen der Ostfront allerdings konnte ich keine zur Ver-
fügung stellen; dazu war die Gesamtlagedort zu stark gespannt. Daher schlug
ich vor, die 4. SS-Polizei-Division aus der Bandenbekämpfung in Serbien zu
lösen und für diese dringendere Aufgabe nach Rumänien zu verlegen. Diese
Division war motorisiert, hätte also die rumänische Hauptstadt schnell genug
erreichen können. J odl erklärte sie jedoch für unabkömmlich, obwohl die Wa-
lachei damals zu den sogenannten OKW-Kriegsschauplätzen und nicht zur Ost-
front rechnete, also unter J odls Zuständigkeit fiel. Hitler blieb unentschlossen.
Es geschah nichts.
Nicht nur in Rumänien, auch in Bulgarien kriselte es. Ich erhielt Berichte des
zur Ausbildung von bulgarisdien Panzereinheiten an deutschem Gerät in Bul-
garien tätigen Oberst von J ungenfeldt, die ein düsteres, aber leider zutreffendes
Bild der wahren Lage, nämlich der schlechten Stimmung und der unzuverlässi-
gen Haltung der bulgarischen Truppen zeichneten. Ich trug diese Berichte Hitler
vor, aber er glaubte ihnen nicht; vielmehr gab er seiner Gewißheit Ausdruck,
daß die Bulgaren den Bolschewismus so sehr haßten, daß sie niemals freiwillig
auf Seiten der Russen fechten würden. MeineBitte, kein deutsches Panzergerät
mehr an dieBulgaren zu liefern und das bereits unten befindliche zurückzuholen,
wurde abgelehnt, der Versuch, es gewaltsam abzuholen, von J odl vereitelt.
Am 20. August 1944 begann der russische Angriff auf die Front der Heeres-
gruppe „Südukraine". Er gelang in den Abschnitten, in welchen rumänischeTrup-
pen standen. Aber nicht genug damit: diese rumänischen Truppen gingen zum
Feinde über und kehrten die Waffen gegen den Bundesgenossen von gestern.
Mit einer solchen Treulosigkeit hatte die deutscheFührung und die Truppe nicht
gerechnet. Obwohl Hitler seine Ermächtigung zum Ausweichen der Heeres-
gruppe gegenüber sofort erteilte, versuchte die Truppe stellenweise, ihre Front
zu halten und sich schrittweise kämpfend zurückzuziehen. Umsich dem völligen
Zusammenbruch, der Vernichtung zu entziehen, hätte es eines sofortigen Rück-
zuges und der schleunigen Besetzung der Donau-Brücken bedurft. Da dies nicht
geschah, kamen die Rumänen den Deutschen zuvor, sperrten die Ubergänge und
lieferten die deutschenVerbände den Russen aus. 16 deutscheDivisionen gingen
total verloren, ein unersetzlicher Verlust in unserer ohnehin schon so schweren
Lage. Diese deutschen Truppen haben bis zumbitteren Ende treu gekämpft; an
ihrer Soldatenehre haftet kein Makel. Sie sind an ihrem schweren Schicksal
unschuldig. Dieses Unglück hätte nur abgeschwächt werden können, wenn man
sich entschloß, schon vor Beginn des russischen Angriffs auf die genannte Linie
Galatz—Focsani—Karpatenkamm auszuweichen, den Russen dadurch das Kon-
zept zu verderben und die Front so zu verkürzen, daß man sie auch ohne die
Rumänen halten konnte. Hierzu hätte es aber einer klaren Erkenntnis der poli-
tischen Lage und der moralischen Eigenschaften der rumänischen Führer bedurft.
Antonescu selbst gab sich einer großen Täuschung über den Wert seines Instru-
ments hin und mußte seinen I rrtum mit dem Tode bezahlen. Seine Zuversicht
hinsichtlich seiner Generaleund Offiziere war leider unbegründet; aber siehatte
doch einen gewissen Eindruck auf die deutsche Führung gemacht und auch sie
getäuscht. In wenigen Wochen ging ganz Rumänien verloren. Am1. September
drangen dieRussen in Bukarest ein. Bulgarien, dessen König Boris am28. Aug.
1943 unter merkwürdigen Umständen gestorben war, fiel vomBündnis ab und
ging am8. September zumFeinde über. Wi r verloren unsere 88 Panzer I V und
50 Sturmgeschütze, die wir den Bulgaren geliefert hatten. Hitlers Hoffnungen
auf wenigstens zwei Divisionen antibolschewistischer bulgarischer Kämpfer tro-
gen. Diedeutschen Soldaten in Bulgarien wurden entwaffnet und gefangen. Auch
die Bulgaren gingen zu den Russen über und kämpften fortan gegen uns.
Nun wurde auch Hitler klar, daß der Balkan nicht mehr zu verteidigen war.
Eine schrittweise, zögernde Räumung wurde zugestanden. Umaber Kräfte für
die Verteidigung des Reiches frei zu machen, ging auch diese Bewegung viel
zu langsam vor sich.
Am 19. September 1944 schloß Finnland Waffenstillstand mit England und
Rußland. Dieser Schritt hatte den Abbruch der Beziehungen zu Deutschland zur
Folge. Der Besuch des Feldmarschalls Keitel bei Feldmarschall Mannerheimvom
20. August 1944 war ergebnislos geblieben; bereits am3. September baten die
Finnen umWaffenstillstand.
Kein Wunder, daß nach diesen Vorgängen auch die Bündnistreue der Ungarn
ins Wanken geriet. Der Reichsverweser, Admiral von Horthy, war ohnehin nie
mit dem Herzen bei dem Zusammengehen mit Hitler gewesen, sondern dem
politischen Zwange gefolgt. Diese vorsichtige, zurückhaltende Einstellung trat
schon bei seinem Besuch in Berlin imJ ahre 1938 in Erscheinung. Während des
Krieges hatte es wiederholt eines starken Druckes von seifen Hitlers bedurft,
um Horthy zu den vomReich gewünschten Maßnahmen anzuhalten. Nun wurde
ich Ende August 1944 von Hitler nach Budapest geschickt, um dem Reichsver-
weser einen Brief zuüberbringen und einen Eindruck von seiner Haltung zu ge-
winnen. Auf der Burg in Budapest wurde ich mit den üblichen Ehren höflich
empfangen. Die ersten Worte des Reichsverwesers, nachdem wir uns gesetzt
hatten, lauteten: „Schauen Sie, Herr Kamerad, in der Politik muß man immer
332 333
mehrere Eisen imFeuer haben.* Ich wußte genug. Der kluge, erfahrene Poli-
tiker hatte mehrere Eisen imFeuer, oder er glaubte zummindesten, sie zu haben.
Admiral von Horthy unterhielt sich längere Zeit sehr liebenswürdig mit mir
über das Bevölkerungsproblem in Ungarn, einem Lande, in demdie verschie-
densten Nationalitäten seit J ahrhunderten zumNebeneinanderwohnen gezwun-
gen waren. Er betonte die engen Beziehungen, die seit je zu dem befreundeten
Polen bestanden hätten und auf die Hitler seiner Ansicht nach zu wenig Rück-
sicht genommen habe. Er bat umbaldige Rücksendung der noch imRäume War-
schau fechtenden ungarischen Kavallerie-Division; in dieser Hinsicht konnte ich
ihm eine Zusagemachen; wir waren imBegriffe, die noch impolnischen Räume
fechtenden Ungarn in ihre Heimat zu befördern. Ein positives Bild habeich aber
nicht gewinnen können und mußte Hitler dieses auch melden. Alle schönen
Worte des ungarischen Generalstabschefs Vörös konnten an diesem Eindruck
nichts ändern.
Bis Ende August waren die Russen vor die Tore von Bukarest gelangt und i n
Siebenbürgen eingedrungen. Der Krieg klopfte an die Grenzen Ungarns. Unter
diesem Eindruck verlief auch mein Besuch in Budapest.
Die Westfront stand in diesen für den Osten so schweren Tagen gleichfalls i n
blutigen und verlustreichen Abwehrkämpfen. Am 17. J uli war Feldmarschall
Rommel das Opfer eines Angriffs englischer J agdbomber geworden. Feldmar-
schall von Kluge hatte dessen Aufgabe zu der Gesamtleitung der Westopera-
tionen hinzuübernommen. An diesemTage verlief die deutscheFront imWesten
noch von der Orne-Mündung amSüdrand von Caen entlang über Caumont—St.
Lö—Lessay zur Küste. Am30. J uli durchstießen die Amerikaner die deutsche
Front bei Avranches. Wenige Wochen später, am 15. August, stand die Masse
des deutschen Westheeres — 31 Divisionen — imKampfe umihre Existenz. 20
Divisionen, Vs dieser Macht, waren imBegriff, bei Falaise eingeschlossen zu
werden. Der Feind war mit Panzer- und motorisierten Verbänden imVorgehen
auf Orleans und über Chartres auf Paris. Die Normandie und die Bretagne
waren bis auf einen Teil der Festungen des Atlantikwalles, in denen 5 deutsche
Divisionen eingeschlossen wurden, verloren. DieAmerikaner waren an der Mit-
telmeerküste zwischen Toulon und Cannes mit schwachen Kräften gelandet. Die
zu ihrer Abwehr befähigte 11. Panzer-Division befand sich leider auf demWest-
ufer der Rhone bei Narbonne. Von den übrigen deutschen Divisionen standen:
2% Divisionen in Holland,
7 . a n der Kanalfront zwischen Scheide und Seine,
1 . auf den Kanalinseln,
2 . a n der Küste zwischenLoire und den Pyrenäen,
7% . an der Mittelmeerküste, und
1 . a n der Alpenfront an der italienischen Grenze.
334
Zur Abwehr des feindlichen Stoßes auf Paris konnten nur 2Y2 Divisionen ver-
fügbar gemacht werden. An frischen Kräften sollten 2 SS-Divisionen nach Bel-
gien befördert werden; 3 Infanterie-Divisionenrollten über Köln und Koblenz
nach Frankreich.
J etzt entsann sich der Wehrmachtführungsstab auch des Wertes rückwärtiger
Stellungen. Auf den Lagekarten finden wir die Seine-Stellung und die Somme-
Marne-Stellung eingezeichnet. Es blieb bei der Einzeichnung in den Karten.
J etzt entschloß sich auch Hitler, den Feldmarschall von Kluge durch Model zu
ersetzen und imweiteren Verlauf diesen Feldmarschall auf die Hauptinvasions-
front zu beschränken, mit der Gesamtleitung imWesten aber erneut den Feld-
marschall von Rundstedt zu betrauen.
Es gab einen stürmischen Tag imFührerhauptquartier an jenem 15. August
1944. Ich hatte auf Grund meiner Berichtevomwestlichen Kriegsschauplatz über
die Panzerlage Vortrag gehalten und dabei Hitler gesagt: .Die Tapferkeit der
Panzertruppe allein ist nicht in der Lage, den Ausfall zweier Wehrmachtteile
— der Luftwaffe und der Kriegsmarine— wettzumachen.' Hitler tobte. Er for-
derte mich auf, ihmin einen Nebenraumzu folgen. Dort ging die Auseinander-
setzung mit solcher Lautstärke weiter, daß einer der Adjutanten, Major von
Arnsberg, mit den Worten das Zimmer betrat: .Die Herren unterhalten sich so
laut, daß man draußen jedes Wort versteht. Darf ich das Fenster schließen?"
Ganz verzweifelt war Hitler über die Nachricht, daß der Feldmarschall von
Kluge von einer Frontfahrt nicht zurückgekehrt sei. Er vermutete, der Feldmar-
schall habeVerbindung mit demFeinde aufgenommen. Daher befahl er ihn zur
Berichterstattung ins Führerhauptquartier. Feldmarschall von Klugeaber machte
unterwegs seinemLeben durchGift ein Ende.
Am 25. August 1944 fiel Paris.
Hitler und der Wehrmachtführungsstab standen vor dem entscheidenden Ent-
schluß über die Weiterführung der Operationen. Man mußte sich darüber klar-
werden, wohin nunmehr der Schwerpunkt der Verteidigung der Festung Deutsch-
land gelegt werden sollte.
Daß dieVerteidigung fortgesetzt werden müsse, stand für Hitler wie für seine
militärischen Ratgeber außer Zweifel. J eder Gedanke an Verhandlungen mit
den Gegnern insgesamt oder mit demOst- oder Westgegner getrennt war durch
dieForderung der bedingungslosen Kapitulation, die von allen unseren Gegnern
gemeinsam erhoben war, von vornherein gegenstandslos geworden. Wollte
man sich auf die strikte Defensive beschränken, war zwar noch mit längerem
Widerstand, kaumaber mit einer günstigen Entscheidung zu rechnen.
Eine Verlegung des Schwerpunktes der Verteidigung nach dem Osten hätte
dort zu einer Festigung der Front geführt, welche dem weiteren Vordringen
der Russen Einhalt geboten hätte. Diekriegs- und ernährungswiditigen Gebiete
335
Oberschlesiens und weiter TeilePolens wären beimReich geblieben. Allerdings
wäre bei dieser Lösung der Westen sich selbst überlassen geblieben und in ab-
sehbarer Zeit der überwältigenden Ubermächt der Westmächte erlegen. Da Hitler
keinerlei Neigung der Westmächte zu einemSonderfrieden zu Ungunsten Ruß-
lands voraussetzen konnte, lehnte er diese Lösung ab.
Die Verlagerung des Schwerpunktes nach demWesten hingegen bot nach Hit-
lers Auffassung bei rechtzeitigem Einsetzen der verfügbaren Kräfte die Aus-
sicht, den westlichen Alliierten einen kräftigen Schlag zu versetzen, bevor sie
den Rhein erreicht oder gar überschritten hätten.
Voraussetzungen für diese Lösung waren:
1. Die Festigung der Ostfront und ihr Festhalten so lange, bis die Offensive
mit begrenztem Ziel imWesten abgeschlossen war und die frei gewordenen
Kräfte demOsten zugeführt werden konnten;
2. Festlegen dieser Offensive auf den frühest möglichen Zeitpunkt, um vor
Eintreten der Frostperiode, als demfür die Wiederaufnahme des russischen An-
griffs wahrscheinlichen Zeitpunkt, Reserven für den Osten frei zu machen;
3. Beschleunigte Bereitstellung der Angriffskräfte, um diesen Entschluß prak-
tisch durchführbar zu machen;
4. Erfolgreicher Kampf um Zeitgewinn an der Westfront bis zum Angriffs-
beginn.
Hitler und das OKW glaubten, den Beginn der Angriffshandlungen mit Sicher-
heit auf Mitte November ansetzen und die Uberführung starker Reserven nach
dem Osten für Mitte Dezember ins Auge fassen zu können. DieAussicht auf
einen milden Herbst mit spätem Eintreten der Frostperiode imOsten ließ den
Beginn der russischen Winteroffensiveerst nach Neujahr wahrscheinlich werden.
Unter diesen Voraussetzungen glaubte man, meine Bedenken hinsichtlich der
Ostfront zurückstellen zu sollen.
Daß ich als Bearbeiter der Ostfront dieser Entwicklung nur mit großer Sorge
entgegensehen konnte, ist klar. Nachdemdie Entscheidung für den Westen ge-
fallen war, sah ich meine Aufgabe darin, die' ersteVoraussetzung des Planes, die
Festigung der Ostfront zu erfüllen.
Außer den bereits erwähnten rückwärtigen Festungs- und Stellungsbauten
wurde der Ausbau der Stellungen an der Front mit allenMitteln gefördert. Die
Panzer- und Panzergrenadier-Divisionen wurden bis zum Dezember sämtlich
aus der Front gezogen, in vier Gruppen als bewegliche Reserven bereitgestellt
und nach Kräften wieder aufgefüllt. DieSchwäche der Ostfront an Infanterie ließ
allerdings nur zu, eine einzige Infanterie-Division aus der Front zu ziehen und
im Räume von Krakau als Reserve bereitzustellen.
Die in den Sommerkämpfen von den Russen errungenen Brückenköpfe über
die Weichsel sollten beseitigt oder doch wenigstens eingeengt werden, umden
feindlichen Angriffsbeginn zu verzögern oder zu erschweren.
336
Schließlich sollte zur Verkürzung der Front und zumSchaffen von Reserven das
Baltikum über See geräumt werden, nachdem der Versuch, diesesZiel auf dem
Landwege zu erreichen, gescheitert war.
Leider gelang es nicht, alle Punkte dieses Ostprogramms zu verwirklichen.
Zwar wurde der Stellungsbau erfolgreich fortgesetzt, aber die unerläßlichen
Besatzungen für die Festungen und Stellungen und deren Armierung flössen
infolge der katastrophalen und raschen Entwicklung der Westlage an die I n-
vasionsfront. Der Wert der Befestigungen blieb daher begrenzt. Er litt noch
mehr unter demBefehl Hitlers, die sogenannte .Großkampflinie*, welche un-
mittelbar vor Beginn eines feindlichen Großangriffs bezogen werden sollte,
nicht — wie die Heeresgruppen und ich vorschlugen — etwa 20 kmhinter der
normalen Hauptkampflinie (HKL) sondern mit demungenügenden Abstand von
nur 2—4 kmzu bauen.
An der Weichsel gelang die Beseitigung eines der russischen Brückenköpfe und
die Einengung der übrigen. Mi t demAbtransport einer Reihe von Divisionen
und der Versetzung des rührigen Oberbefehlshabers der 4. Panzerarmee, des
Generals Balde, an die Westfront trat leider kein weiterer Erfolg an dieser
entscheidenden Stelle mehr in Erscheinung. Die Brückenköpfe, zumal der von
Baranow, blieben als Gefahrenpunkte bestehen.
Besonders nachteilig wirkte sich aber die Nichterfüllung der Frontverkürzung
durch Festhalten der Heeresgruppe .Nord" in Kurland aus. Hitler lehnte teils
aus politischenGründen, teils gestützt auf die Bedenken des Oberbefehlshabers
der Kriegsmarine, des Großadmirals Dönitz, meine immer wieder vorgebrachten
Anträge auf Räumung Kurlands und Schaffung starker Reserven aus der Heeres-
gruppe .Nord" ab. Er befürchtete von dieser Maßnahme einen nachteiligen
Einfluß auf die neutrale Haltung Schwedens und eine Beeinträchtigung des «U-
Boot-Ubungsplatzes" in der Danziger Bucht. Außerdem gab er sich demGlau-
ben hin, durch Festhalten amBaltikum imNorden der Ostfront eine unverhält-
nismäßig große Zahl russischer Divisionen zu binden, die andernfalls an wesent-
lich unangenehmeren Stellen der Ostfront in Erscheinung treten würden. Die
wiederholten russischen Offensiven in Kurland bestärkten ihn in dieser Auf-
fassung.
Mit den gleichen und ähnlichen Argumenten wiesen er und der Wehrmacht-
führungsstab auch alle Vorschläge auf eine beschleunigte Räumung des Balkans
und Norwegens sowie auf Frontverkürzungen in Italien ab.
Aber nicht nur das Ostprogramm blieb großenteils unerfüllt. Weit unglück-
licher gestaltete sich die Lage imWesten.
Die Vernachlässigung der Westfestungen, einschließlich des Westwalles, seit
1940, die ausschließliche Konzentration aller Baukräfte auf den Atlantikwall
rächten sich jetzt auf das Schwerste. Nicht nur wurden dem Osten die spär-
lichen, höchstens drittklassigen Kräfte entzogen, die aus seiner I nitiative im
Herbst des J ahres 1944 noch entstanden waren; da dieseZuschüsse nicht aus-
22 Erinnerungen eines Soldaten
337
reichten und die Etappei n Frankreich zusammenbrach, blieben die nicht armier-
ten Werke wertlos. Ihr rascher Fall zwang zumBewegungskrieg imfreien Felde
mit fast unbeweglichen Verbänden, mit einem zerbombten Verkehrsnetz und
unter der Herrschaft der feindlichen Luftwaffe. Solange noch Panzerverbände
bestanden, hatte man in der Normandie Stellungskrieg geführt. J etzt, nachdem
die motorisierte Kraft verheizt war, mußte man den Bewegungskrieg führen,
den man vorher abgelehnt hatte. GünstigeChancen, die sich infolge der kühnen
amerikanischen Führung zeitweise boten, konnten nicht ausgenutzt werden. Die
ursprüngliche Absicht, gegen den amerikanischen Südflügel angriffsweise vor-
zugehen, mußte aufgegeben werden. Das Schlimmste aber war: der Zeitpunkt
für die Offensive, der auf Mitte November festgesetzt war, konnte nicht inne-
gehalten werden und wurde auf Mitte Dezember verschoben. Damit verschlech-
terte sich die Aussicht auf rechtzeitiges Freiwerden und Uberführen der Reser-
ven für den Osten und auf das Halten der geschwächten Ostfront überhaupt.
Das Bereitstellen der Angriffskräfte für den Westen gelang nicht rechtzeitig.
Der Kampf umZeitgewinn an der Westfront verlief nicht erfolgreich. Aber trotz
der Ungunst der Verhältnisse hielten Hitler und das OKW zäh an demeinmal
gefaßten Entschluß zumAngriff imWesten fest. Die Geheimhaltung ihrer Ab-
sicht gelang. Die Überraschung des Gegners wurde vollkommen. Die Geheim-
haltung gegenüber den eigenen Stäben und Truppen wurde allerdings so weit
getrieben, daß die Versorgung für den Angriff, besonders die Betriebsstoffbe-
vorratung darunter litt.
Die Operationen an der Ostfront
Während dieWestfront vomAtlantik- an den Westwall zurückgeworfen wurde,
gingen die schweren Kämpfe an der Ostfront ohne Unterbrechung weiter. I m
Süden dieser Front gelang es nicht mehr, die Russen zum Stehen zu bringen.
Ihr Angriff konnte mit kurzen Pausen ganz Rumänien, Bulgarien und schließlich
den größten Teil von Ungarn überfluten. I n Ungarn kämpfte die Heeresgruppe
„Südukraine" unter Generaloberst Frießner, welche vom25. September ab ihren
unzutreffend gewordenen Namen ablegte und sich Heeresgruppe „Süd" nannte.
I m Oktober fiel Siebenbürgen ganz in russischeHand, nicht ohneheftige Kämpfe
im Räume umDebrecen, wo deutscheGegenangriffe demFeinde vorübergehend
Halt geboten. ImBereich des Oberbefehlshabers „Südost", des Feldmarschalls
Freiherrn von Weichs, der OKW-Kriegsschauplatz blieb und dem OKH nicht
unterstellt wurde, obwohl die Balkanfront unmittelbar in die Ostfront überging,
fiel in diesemMonat Belgrad Als Grenze zwischen den Bereichen des OKH und
des OKW fungierte ein Dorf an der Donau zwischen der Einmündung der Drau
und der Baja. Das war völlig sinnlos. Südlich der Naht zwischen den beiden
obersten Führungsstäben überschritten die Russen denn auch die Donau im
Bereich des Oberbefehlshabers .Südost", dessen Aufmerksamkeit auf brüchige
338
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Skizze 32
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Lage am29. 11M mm
Russ. Angri / febi s20. i 2. &- a
Lage am21. 12.W •••
339
Frontabschnitte wei ter südl ich gerichtet war. Am 29. Oktober gel angten di e
Russen bis dicht vor Budapest, und am24. November erfol gte ihr Donau- Über-
gang bei Mohasc. I n dieser Zei t standen die deutschen Truppen noch i nSal oni ki
und Durazzo, während das Tal der Morawa bereits i n Feindeshand war. Durch
den auf dem Bal kan herrschenden Bandenkrieg wurde die Räumung dieses
Gebiets immer schwieriger. A m 30. November durchbrachen die Russen di e
Fi ont des Oberbefehl shabers „Südost" bei Pees, nördl i ch der Drau, sti eßen bis
an den Platten-See durch und rol l ten die Donau-Vertei di gung der Heeresgruppe
»Süd" auf. Bis zum 5. Dezember gel angten sie bis dicht südl ich Budapest. A m
gl eichen Tage überschri tten sie den Strom auch nördl i ch Budapest, drangen bis
Vac und konnten nur mi t Mühe ostwärts der Gran aufgefangen werden. Wei ter
nordostwärts nahmen sie Mi skok und kamen bis südl ich Kaschau. Die Räumung
des Bal kans war bis i n die L i ni e Podgorica—Uzice und nördl i ch durchgeführt.
Ein am 21. Dezember einsetzender Angri ff führte am Weihnachtstage 1944
zur Ei nschl i eßung von Budapest. Der Feind gel angte bis i n die L i ni e Pl atten-
See—Stuhl wei ßenburg — westl ich Komorn, sowie nördl i ch der Donau bis an die
Gran. Von dort ab deckte sich die Front etwa mi t der ungarischen Landes-
grenze. Die Kämpfe wurden beiderseits mi t großer Erbitterung geführt. Unsere
Verl uste waren schwer.
Bei der Heeresgruppe „Nordukrai ne", General oberst Harpe, die vom Sep-
tember ab den Namen Heeresgruppe „A" führte, hatten die Russen Ende J ul i
i n Verfol g ihrer Offensive den Lauf der Weichsel bis dicht vor Warschau er-
reicht. Wei ter südl i ch tobten Kämpfe zwischen San und Wi sl oka. Die Heeres-
gruppe setzte sich aus der 1. Panzer-Armee unter General oberst Hei nri ci i n den
Karpaten, der 17. Armee unter General Schultz zwischen dem Gebirge und der
Weichsel und der 4. Panzer-Armee unter General Balck — später unter General
Gräser — an der Weichsel zusammen. Umden 1. August errangen die Russen
eine Reihe von Brückenköpfen über die Weichsel , den bedeutendsten bei Bara-
now, kl einere bei Pul awyi Magnuszew, sowie an einer vi erten Stelle. Die russi-
schen Fortschritte i m Gebirge waren naturgemäß wesentl ich l angsamer und
geringer. Besonders kri ti sch gestal tete sich die Lage i n den Tagen vom 5. bis
9. August i mBrückenkopf von Baranow. Hi er standen die Russen tagel ang un-
mittel bar vor dem Durchbruch. Der unermüdl i chen Tatkraft und dem Führungs-
geschick des General s Balde war es zu danken, daß die Katastrophe hier ver-
mieden werden konnte. I n wochenl angen, heftigen Angri ffskämpfen gel ang
es Balck, den großen Brückenkopf von Baranow wesentl ich einzuengen, einen
kl ei nen ganz zu beseitigen und auch bei Pul awy Boden zu gewinnen. Die Rus-
sen verl egten daraufhin i hren Angriffsschwerpunkt ins Gebirge. Bei Sanok und
J aslo konnten sie einen Einbruch i n unsere Stel l ungen, aber keinen entschei-
denden Durchbruch erziel en. Der Kammder Ostbeskiden konnte so lange ge-
hal ten werden, bis die Ereignisse i n Ungarn zum Zurückbi egen der 1. Panzer-
Armee i n die L i ni e Kaschau—J aslo zwangen. Umdie J ahreswende verl ief die
340
Front dieser Heeresgruppe l ängs der sl owakischen Grenze bis ostwärts Ka-
schau, sodann von dort über J aslo — westl ich Debica — westl ich Staszow —
südl ich Opatow — Wei chsel nördl i ch der San- Mündung bis Warschau (mit Aus-
nahme der erwähnten Brückenköpfe).
Die Heeresgruppe „Mi tte" setzte sich aus der 9. Armee unter General von
Vormann, der 2. Armee unter General oberst Wei ß, der 4. Armee unter General
Hoßbach und der 3. Panzer-Armee unter General oberst Reinhardt, ab 15. August
unter Generaloberst Rauß, zusammen. Sie wurde vomFel dmarschal l Model und
nach dessen Versetzung an die Westfront am 15. August, von General oberst
Reinhardt befehl igt. Der Gegner war i m August bis dicht vor Warschau und
sodann i n die L i ni e Ostrow—Sudauen — ostpreußi sche Grenze — westl ich Schau-
ten — westl ich Mi tau gel angt. I mSeptember drang er nordostwärts Warschau
bis an den Narew vor, über den er i mOktober Brückenköpfe beiderseits Osten-
burg bil den konnte. I n der Zeit vom 5.—19. Oktober vol l zog sich der bereits
erwähnte russische Durchbruch durch die deutsche Front westl ich Schaulen, wel -
cher die Heeresgruppen „Mi tte" und „Nord" endgül ti g voneinander trennte.
Die Heeresgruppe „Mi tte" bog ihren l i nken Fl ügel am 19. Oktober auf die
Memel zurück und räumte am 22. Oktober die beiden auf dem Nordufer des
Flusses gehal tenen Brückenköpfe Ti l si t und Ragnit. I n der Zeit vom 16. bis
26. Oktober griffen die Russen bei Wol fsburg—Gumbi nnen— Gol dap Ostpreußen
an. I n schwerem Ringen wurden sie zum Stehen gebracht und teil weise wi eder
ein Stück zurückgeworfen. Was sich hier ereignete, gab dem deutschen Vol k
einen Vorgeschmack dessen, was i hmi mFal l e eines russischen Sieges bevorstand.
Die Heeresgruppe „Nord" war, wi e geschildert, i n der Zeit vom 14.—26. Sep-
tember i n einen Brückenkopf um Riga zurückgenommen worden, mi t dem Zi el ,
sie von dort beschl eunigt an die Heeresgruppe „Mi tte" heranzuführen. Diese
Absicht wurde durd: die abweichende Auffassung des Oberbefehl shabers der
Heeresgruppe, des General oberst Schörner, durchkreuzt. Dieser hiel t seine Pan-
zerkräfte bei Ri ga—Mi taufest, anstatt sie i n den Raum westl ich Schaulen zu
führen, und ermögl i chte dadurch den Durchbruch der Russen bei Schaulen und
die endgül ti ge Abtrennung der Heeresgruppe vom Hauptheer. Die Heeres-
gruppe bestand aus der 16. und 18. Armee und umfaßte i n diesem Rahmen an-
fängl ich 26 Divisionen, schl ießl ich, nach mehrfachen Abtransporten, i mmer noch
16 Divisionen, die der Reichsverteidigung bi tter fehl ten. Nachdem i n der Zeit
vom 7.—16. Oktober Riga geräumt war, verl i ef die Front der Heeresgruppe
nahezu unverändert bis zumJ ahresende von der Küste südl i ch L i bau über Pre-
kul n — südl ich Frauenburg — ostwärts Tuckumzur Küste des Rigaischen Meer-
busens.
I m al l gemeinen herrschte auf der weitgespannten Front zwischen den Kar-
paten und der Ostsee eine verhäl tni smäßi ge Stetigkeit, so daß die Befestigung
der Front und das Ausscheiden der Panzer- und Panzergrenadier-Divisionen
als bewegl iche Reserven gel ang. Freil ich, 12 schwache Di vi si onenbil deten eine
341
sehr geringe Reserve für eine solche Riesenfront von rund 1200 km und ange-
sichts einer so gewal ti gen Überl egenhei t, wi e sie die Russen nun einmal uns
gegenüber besaßenl
Der Stel l ungsbau an der Ostfront hatte inzwischen zu einer für ruhige Zeiten
genügenden Stärke unserer l angen, nur sehr dünn besetzten L i ni en geführt.
Wi r bemühten uns, die Erfahrungen der l etzten Kämpfe zu berücksi chti gen,
hatten aber dabei den Wi derstand Hi tl ers zu überwi nden. Eine der wesentl ich-
sten Forderungen der Front war eine Trennung der für gewöhnl i che Zeiten
gel tenden Hauptkampfl i ni e— i n der gebräuchl i chen Abkürzung HKL genannt —
von der für den Großkampf beabsichtigten Großkampfl i ni e. Die Front wünschte,
etwa 20 km hinter der HKL eine für den Großkampf ausgebaute Stel l ung zu
errichten, sie sorgfäl ti g zu tarnen und mi t Sicherheitsbesatzungen zu versehen.
Sie wünschte ferner eine Verteidigungs anWeisung, die i hr das Recht gab, vor
Einsetzen der feindl ichen Arti l l eri evorberei tung unter Zurückl assen von Nach-
huten mi t der Masse der Kampftruppen i n diese Großkampfl i ni e auszuweichen,
die feindl iche Arti l l eri evorberei tung dadurch vergebl ich zu machen, den feind-
l ichen Aufmarsch mi t al l seinen l angwi eri genVorberei tungen hinfäl l ig zu ma-
chen und den nunmehr gegen eine wohl vorbereitete Front stoßenden Feind
abzuwehren. Kei n Zwei fel , daß diese Forderung vol l berechtigt war. Ich machte
sie mi r zu eigen und trug sie Hi tl er vor. Er geriet außer sich, weigerte sich,
einen Gel ändeverl ust von 20 kmohne Kampf i nKauf zu nehmen und befahl , die
Großkampfl i ni e 2—4 km hinter der HKL anzul egen. Er l ebte ganz i n der Er-
innerung an den ersten Wel tkri eg, als er diesen Unsi nn befahl , und war durch
kei nerl ei Argumente von seiner Vorstel l ung abzubringen. Dieser Fehl er hat
sich schwer gerächt, als i mJ anuar 1945 der russische Durchbruch erfol gte und
die Reserven — abermal s auf ausdrückl i chen Befehl Hi tl ers und gegen meinen
Rat — auch noch i n Frontnähe gezogen wurden. HKL , Großkampfl i ni e und Re-
serven gerieten i n den Strudel des ersten russischen Einbruchs und wurden
gl eichzeitig über den Haufen gerannt. Hi tl ers Wut kehrte sich nun gegen die
Leute, die die Stel l ungen gebaut hatten, und — als ich widersprach — auch
gegen mich. Er l ieß das Stenogramm der Besprechungen vomHerbst 1944 über
die Lage der Großkampfl i ni e hol en, wei l er behauptete, immer für einen Ab-
stand von 20 km gewesen zu sein. „Wel cher Narr hat denn diesen Bl ödsi nn
befohlen?" I ch machte i hn darauf aufmerksam, daß er es selber getan habe.
Das Stenogramm kam und wurde verl esen. Aber nach wenigen Sätzen unter-
brach Hi tl er die Verl esung. Die Sel bstüberführung konnte nicht deutl icher sein.
Leider nützte sie nichts mehr, denn der russische Durchbruch war eine vol l -
zogene Tatsache.
Auf die Hitl ersche Kampftakti k wi rd bei Schil derung der großen russischen
Offensive noch zurückzukommen sein. Da er immer noch i n demGl auben lebte,
der einzige, wi rkl i che Frontsol dat seinesHauptquartiers zu sein, und den meisten
seiner mi l i täri schen Ratgeber gegenüber l eider auch recht damit hatte, da er
342
ferner durch die L obhudel eien seiner Parteigenossen — von Ribbentrop und
Göri ng angefangen — i n den Wahn versetzt war, auch ein Fel dherr zu sein,
nahm er keine Bel ehrungen an: „Sie brauchen mich nicht zu bel ehren! I ch führe
seit 5 J ahren die deutschen Heere i m Fel de und habe i n dieser Zeit so vi el
praktische Erfahrungen gesammel t, wi e die Herren vom General stabe sie nie
sammel n können. Ich habe Cl ausewitz und Mol tke studiert und al l e Aufmarsch-
pl äne Schlieffens gelesen. I ch bi n besser i mBil de als Sie!" Das war eine der
vi el en Zurechtweisungen, die mi r zuteil wurden, wenn ich mich bemühte, i hm
die Erfordernisse der Gegenwart nahe zu bringen.
Abgesehen von den eigenen Sorgen aber machte auch die Kampfkraft und die
Bündni streue der Ungarn ernsthafte Pein. I ch erwähnte bereits die Hal tung,
wel che der Reichsverweser von Horthy Hi tl er gegenüber einnahm. So verständ-
l ich diese Hal tung vomungarischen Standpunkt aus sein mochte, von unserem
deutschen Standpunkte aus war sie unzuverl ässi g. Der ungarische Reichsver-
weser hoffte auf ein Zusammengehen mi t den angel sächsi schen Mächten. Er
wünschte eine Verbi ndungmi t ihnen auf demL uftwege. Ob er sie versucht hat,
ob die Angl o- Ameri kaner geneigt waren, sie aufzunehmen, ist mi r nicht be-
kannt.*) I chwei ß aber, daß eine Anzahl hoher ungarischer Offiziere zum Feinde
übergi ng, so am 15. Oktober der General Mi kl os, den ich als Mi l i tärattache i n
Berl i n kennen gel ernt hatte, so der Chef des ungarischen Generalstabes, Vörös,
der mich kurz zuvor i n Ostpreußen besucht, seiner Bündni streue versichert und
von mi r einen Kraftwagen als Geschenk angenommen hatte. Mi t diesem Kraft-
wagen, meinem eigenen Mercedes, ist er sodann wenige Tage darauf zu den
Russen gefahren. Auf die Ungarn war kei n Verl aß mehr. Hi tl er stürzte also
das Regime Horthys und setzte an seine Stel l e Salaszy, einen ungarischen
Faschisten von geringen Gaben und noch geringerer Tatkraft. Dies geschah
am 16. 10. 1944. Die Zustände i n Ungarn besserten sich dadurch i nkeiner Weise,
wohl aber schwand der bescheidene Rest von gegenseitigem Vertrauen und
von Sympathie.
I n der Sl owakei, die anfängl i ch ganz auf deutscher Seite stand, herrschte
schon seit l angem rege Parti sanentäti gkei t. Der Eisenbahnverkehr wurde i m-
mer unsicherer. D-Züge wurden zum Hal ten gezwungen, die Insassen unter-
sucht, die deutschen Sol daten, besonders die Offiziere ermordet. Dies wi ederum
rief scharfe Gegenmaßnahmen hervor. Haß und Mord regierten das Land, wi e es
l eider anderwärts audi i n steigendem Maße der Fal l wurde. Das von den kri eg-
führenden Großmächten auf den Pl an gerufene Partisanentum mi t seiner völ ker-
rechtswidrigen Kampfesweise zwang zur Abwehr, und diese Abwehr wurde
uns dann von den Kl ägern und Richtern i n Nürnberg als völ kerrechtswi dri g
und verbrecherisch zum Vorwurf gemacht, obwohl die Al l i i erten bei m Ein-
marsch i n Deutschl and wesentl ich härtere Strafbestimmungen erl i eßen, als die
*) Die Stellungnahme Erich Kordts in seinem Buch .Wahn und Wirkl ichkeit" ist mir
bekannt.
343
Deutschen das jemal s getan hatten. Daß das entwaffnete und erschöpfte Deutsch-
l and ihnen kei nen Anl aß mehr bot, i hre Bestimmungen anzuwenden, steht auf
einem anderen Brett.
Um das Bi l d zu vervol l ständi gen, sei noch ein Bl ick auf I tal i en geworfen. A m
4. J uni 1944 waren die Al l i i erten i n Rom eingezogen. Der Oberbefehl shaber
Süd, Fel dmarschal l Kessel ring, verteidigte die Apenni nen nördl i ch der ewi gen
Stadt i n zähen Kämpfen gegen überl egenen Feind. Mehr als 20 Di vi si onen
bl ieben i n dieser Abwehr gebunden. Die Mussol ini-treuen I tal iener konnten
wegen ihrer geringen Kampfkraft nicht als zuverl ässi g gel ten und nur zum
Dienst an der Ri vi era verwendet werden. I mübri gen herrschte i mRücken der
deutschen Front ein erbitterter Partisanenkrieg, der mi t ital ienischen Grausam-
keiten begann und zu harten Gegenmaßnahmen zwang, wenn man Versorgung
und Nachrichtenwesen der Heeresgruppe nicht völ l i g preisgeben wol l te. Di e
Kriegsgerichte der Si egermächte haben sich nach dem Waffenstil l stand i n der
Beurteil ung dieser Tatbestände nicht mi t dem Mantel der Gerechtigkeit be-
kl eidet, sondern sehr ei gentüml i ch geurteil t.
Die Ardennenoffensive
Anfang Dezember verl egte Hi tl er sein Hauptquartier von Ostpreußen nach
Ziegenberg bei Gi eßen, um der Westfront näher zu sein, an wel cher nunmehr
der entscheidende, l etzte, deutsche Angri ff geführt werden sol l te.
Die ganze Kraft des deutschen Heeres, die i n den verfl ossenen Monaten
hatte zusammengerafft werden können, sol l te aus demRäume der Eifel i n Rich-
tung auf die Maas südl i ch von L üttich zum Durchbruch durch die hier verhäl t-
ni smäßi g dünne Front der Al l i i erten vorgehen und sodann nach Uberschreiten j
des Stromes i n der Richtung auf Brüssel und Antwerpen einen strategischen '
Durchbruch vol l enden, mi t dem Ziel , die nördl i ch der Durchbruchstel l e befind- |
l iehen feindl ichen Kräfte ei nzuschl i eßen und auszuschalten. Hi tl er versprach i
sich von einer solchen Offensive — wenn sie gel ang — eine nachhal tige j
Schwächung der Westmächte, die i hmdie Zeit gewähren würde, starke Kräfte )
nach dem Osten zu werfen, umdie i mWi nter zu erwartende russische Offensive
abzuschlagen. Er hoffte auf diese Weise, Zeit zu gewinnen, die Hoffnungen
seiner Feinde auf einen total en Sieg zu erschüttern und sie dadurch von i hrer
Forderung auf bedingungsl ose Kapi tul ati on abzubringen und einem Verstän-
digungsfrieden geneigt zu machen.
Wi tterungsgründe und die verspätete Bereitschaft der Neuformationen zwan-
gen ihn, den ursprüngl i ch auf Mi tte November gepl anten Schlag wiederhol t zu
verschieben, bis er am 16. Dezember endl ich fiel .
Für den Angri ff waren zwei Panzerarmeen, die 5. unter General vonManteuffel
und die 6. unter dem SS- Oberstgruppenführer Sepp Dietrich, gebil det worden.
Der Schwerpunkt des Angri ffs sol l te auf dem rechten Fl ügel bei der 6. Panzer-
armee l iegen, die mi t den am besten ausgestatteten Verbänden der Waffen-SS
versehen wurde. I n der Mi tte wurde die 5. Panzerarmee angesetzt. Der Schutz,
der l i nken Fl anke des Angri ffs wurde der 7. Armee des General s Brandenberger
übertragen; diese Armee ermangel te jedoch für i hre schwierige Aufgabe der
bewegl ichen Kraft.
Sowohl der Oberbefehl shaber West, Fel dmarschal l von Rundstedt, wi e der
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe „B*, Fel dmarschal l Model , hätten vorge-
zogen, demAngri ff ein begrenztes Zi el zu stecken, wei l sie die verfügbare Kraft
nicht für ausreichend hi el ten, umeine weitgehende operative Wi rkung i m Sinne
der Hitl erschen Pl anung zu erziel en. Sie wünschten, den Angri ff auf das öst-
liche Maas-Ufer zu beschränken und die ostwärts des Flusses zwischen Aachen
und L üttich stehenden feindl ichen Kräfte zu schlagen. Hi tl er wies jedoch^ihre
Gegenvorschl äge zurück und beharrte auf seiner umfassenderen Konzeption.
Der Angri ff begann also am 16. Dezember und führte bei der 5. Panzerarmee
des Generals von Manteuffel zu einem tiefen Einbruch i n die feindl ichen Stel -
l ungen. Die vordersten Panzereinheiten des Heeres, die 116. Panzer-Division
und die 2. Panzer-Division kamen bis dicht an die Maas. Teil e der 2. Panzer-
Di vi si on erreichten sogar den Strom. Die 6. Panzerarmee war weniger vom Er-
fol g begünsti gt. Starke Anhäuf ungen auf den engen, vereisten Gebi rgsstraßen,
verspätetes Abdrehen der rückwärti gen Kräfte i n den Bereich der 5. Panzer-
armee, nicht genügend schnelles Ausnutzen des Anfangserfol ges führten bei
dieser Armee zumVersi egen der Bewegl ichkeit, der Vorbedi ngung jeder großen
Operation. Da auch die 7. Armee i n Schwierigkeiten geriet, mußten bal d Teil e
von Manteuffel s Panzern nach Süden abgedreht werden, umdie bedrohte Fl anke
zu versteifen. Damit war von einem Durchbruch großen Stil s sehr bal d keine
Rede mehr. Bereits am 22. Dezember war zu erkennen, daß man sich i mZiel e
beschränken müsse. Bereits an diesem Tage hätte eine i mgroßen Rahmen den-
kende Führung sich der harrenden Ostfront eri nnern müssen, deren Bestehen
von dem rechtzeitigen Abbrechen des i m Großen bereits gescheiterten West-
unternehmens abhing. Aber nicht nur Hi tl er, auch das OK W und besonders der
Wehrmachtführungsstab dachten i n diesen schicksalschweren Tagen nur an i hre
eigene Westfront. Die ganze Tragi k unserer mi l i täri schen Führung offenbarte
sich gegen den Schl uß des Krieges noch ei nmal an diesem Beispiel der geschei-
terten Ardennen-Offensive.
A m 24. Dezember war für jeden einsichtigen Sol daten kl ar, daß die Offensive
endgül ti g gescheitert sei. Das Steuer mußte sofort auf den Ostkurs herumgel egt
werden, sollte es nicht zu spät werden.
Die Vorbereitung der Abwehr im Osten
Mi t hei ßem Herzen verfol gte ich von mei nem nach dem Maybachl ager bei
Zossen verl egten Hauptquarti er den Verl auf der Angriffsschl acht i m Westen.
344
345
Ich hätte ihr i mInteresse meines Vol kes einen vol l en Erfol g gewünscht. Nach-
dem aber am23. Dezember zu übersehen war, daß ei n ganz großer Erfol g nicht
mehr erkämpft werden konnte, entschl oß ich mich, ins Führerhauptquarti er zu
fahren und das Abbrechen der nunmehr schädl i chen Kraftanstrengung und den
unverzügl i chen Abtransport al l er entbehrl ichen Kräfte nach der Ostfront zu
verl angen.
Die Nachrichten über die bevorstehende Offensive der Russen hatten sich i n-
zwischen verdichtet. Die Aufmarschräume der Hauptkräfte l agen für uns fest.
Drei Hauptstoßgruppen der Russen waren erkennbar:
1. Aus dem Brückenkopf von Baranow standen 60 Schützenverbände, 8 Pan-
zerkorps, 1 Kaval l eri ekorps und 6 weitere Panzerverbände zumAngri ff bereit.
2. Nördl i ch Warschau waren 54 Schützenverbände, 6Panzerkorps, 1 Kaval l eri e-
korps und 9 weitere Panzerverbände versammel t.
3. Die Kräftegruppe an der ostpreußi schen Grenze bel ief sich auf 54 Schützen-
verbände, 2 Panzerkorps und 9 weitere Panzerverbände.
Außerdem befanden sich eine Gruppe von 15 Schützen- und 2 Panzerverbän-
den südl ich J aslo,
eine Gruppe von 11 Schützenverbänden, 1 Kaval l eri ekorps und 1 Panzerkorps
bei Pul awy,
eine Gruppe von 31 Schützenverbänden, 5 Panzerkorps und 3 weiteren Panzer-
verbänden südl ich Warschau.
Wi r rechneten mi t dem 12. J anuar 1945 als Angriffsbeginn. Die Überl egenhei t
der Russen betrug an I nfanterie 11:1, an Panzern 7: 1, an Geschützen 20: 1.
Bewertete man den Gegner i mganzen, so konnte man von einer etwa 15fachen
Überl egenhei t der Erdtruppen, von einer mindestens 20fachen i n der L uft
sprechen, ohne sich einer Übertrei bung schul dig zu machen. Ich l eide wahrl i ch
nicht an einer Unterschätzung des deutschen Sol daten. Er war hervorragend und
konnte ohne Bedenken i mAngri ff einer fünffachen Ubermacht entgegengefahrt
werden. Bei sachgemäßer Führung hat er eine solche Ubermacht an Zahl al l e-
mal durch seine gl änzenden Eigenschaften ausgegl ichen und gesiegt. Was i hm
jetzt aber bevorstand, war nach fünf J ahren schweren Kampfes gegen ständi ge
Ubermacht, bei absinkender Ernährung, Bewaffnung und Hoffnung auf den
Sieg eine ungeheure Bel astung. Die Oberste Führung, i n erster L inie Hi tl er
selbst, mußte alles tun, umi hmdiese ungeheure Aufgabe zu erl eichtern, ja erst
überhaupt zu ermögl i chen.
I ch stand vor der Frage, ob dies überhaupt noch menschenmögl i ch war. Man
wi rd mi r gl auben, wenn ich sage, daß mich dieser Gedanke seit Beginn des
Feldzuges gegen Rußl and, j a schon seit dem Mol otow-Besuch i m J ahre 1940
bedrückte. J etzt aber wurde er zu der beherrschenden Frage um Sei n oder
N i c ht s ei n1
Da standen Mi l l i onen deutscher Männer am Feinde, gewi l l t, den deutschen
Osten vor dem Furchtbarsten zu bewahren, was i hm beschieden sein konnte,
der Überfl utung durch die Russen. Was hatte der kurze Einbruchi n Ostpreußen
nicht schon an den Tag gebracht über unser Schicksal! Die Sol daten waren
sich genau so darüber kl ar, wi e ich. Siewu