Erich Honecker: Gedanken zum Jubiläum
Als Stadt des Friedens weltbekannt,
zeugt Berlin vom Schöpf ertum des Volkes
und der Lebenskraft des Sozialismus
Der Generalsekretär des ZK der SED und
Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich
Honecker, auf der 2. Tagung des Komitees
der Deutschen Demokratischen Republik zum
750jährigen Bestehen Berlins am 26. Septem-
ber 1986:
B
erlin ist die Hauptstadt der Deutschen
Demokratischen Republik. Es ist das
geistig-kulturelle Zentrum der sich in
der DDR herausbildenden sozialistischen
deutschen Nation. Einst Ausgangspunkt von
zwei verheerenden Weltkriegen, ist Berlin
heute als Stadt des Friedens weltbekannt.
Das Jubiläum gibt reichlich die Möglichkeit,
unseren Blick sowohl auf die 750jährige
Vergangenheit als auch auf die Gegenwart
und Zukunft Berlins zu schärfen.
750
JAHRE
BERLIN
Berlin erblüht schöner denn je auf dem be-
währten Weg der Politik zum Wohle des
Volkes. Der XI. Parteitag der SED hat die-
ser Arbeit neue Impulse gegeben. Diese Er-
gebnisse künden vom Schöpf ertum der
Menschen unseres Landes und von der Le-
benskraft des Sozialismus auf deutschem
Boden.
Mit Genugtuung können wir feststellen, daß
sich das Antlitz unserer Hauptstadt täglich
verschönert. Berlin wächst, drei Stadtbe-
zirke, Berlin-Marzahn, Berlin-Hohenschön-
hausen, Berlin-Hellersdorf, im Umfang von
drei Großstädten sind ihm hinzugefügt wor-
den. Weitere Neubauviertel entstehen und
prägen ihre kommunale Struktur aus. Kul -
SEITE 2
turstätten und kulturhistorische Bauten er-
strahlen im neuen Glanz.
In den traditionellen Wohnbezirken verän-
dern ganze Straßenzüge ihr Antlitz. Wo einst
Baulücken waren, sind attraktiv gestaltete
neue Häuser entstanden. So zeigt sich, daß
wir das Jubiläum Berlins vorbereiten, indem
wir entsprechend unserem großen Woh-
nungsbauprogramm die Wohn- und Lebens-
verhältnisse der Bürger ständig verbessern
und konsequent die Einheit von Wirt-
schafts- und Sozialpolitik realisieren.
I
eh möchte die Gelegenheit nutzen, um
den Berliner Bauarbeitern und allen ih-
ren fleißigen Kollegen aus den Bezirken,
insbesondere auch unseren Freunden von
der »FDJ-Initiative Berlin«, für ihre Arbeit
zur attraktiven Ausgestaltung der Haupt-
stadt sehr herzlich zu danken.
Man kann schon heute sagen, daß wir das
750jährige Bestehen Berlins als ein großes
Volksfest der Lebensfreude und unseres
Friedenswillens begehen. Jeder, der mit of-
fenen Augen und offenem Herzen dabei ist,
wird sehen, daß in unserer Deutschen De-
mokratischen Republik alles, aber auch alles
getan wird, damit von deutschem Boden nie-
mals mehr Krieg, sondern nur Frieden aus-
geht.
f
ür das Volk der DDR bilden der Kampf
um den Frieden und die weitere Gestal-
tung der entwickelten sozialistischen Ge-
sellschaft eine unlösbare Einheit. Diese Ein-
heit ist eine wichtige Wurzel des unerschüt-
terlichen Vertrauens, das unser Volk und un-
sere Partei verbindet. Das kommt in den
Leistungen der Arbeiterklasse und der Ge-
nossenschaftsbauern, der Wissenschaftler
und Künstler, der Handwerker und aller
Werktätigen zum Ausdruck, die sich unab-
hängig von ihrer Weltanschauung oder Kon-
fession für die Stärkung des Sozialismus, für
die Sicherung des Friedens einsetzen. Das
zeigt sich nicht zuletzt darin, daß die Werk-
tätigen ihren Arbeitsplatz zu Recht als einen
Kampf platz für den Frieden betrachten und
auch dementsprechend handeln.
Die produktive und zugleich schöpferische
Aneignung des humanistischen, progressi-
ven und revolutionären Erbes, das mit der
Geschichte Berlins verbunden ist, unter-
streicht: In der Deutschen Demokratischen
Republik wird dafür gearbeitet, die Schön-
heit und den Sinn des Lebens im Sozialis-
mus mit all dem zu verbinden, was es in der
Geschichte der Menschheit, in der Ge-
schichte Berlins an Gutem und Fortschrittli-
chem gegeben hat. Die Ideen und Taten der
besten Söhne und Töchter des deutschen
Volkes gehören wie das progressive Gedan-
kengut der anderen Völker ebenso zu den
Quellen unseres Lebens, wie all das, was die
Arbeiterklasse und alle Werktätigen unseres
Landes beim Aufbau der sozialistischen Ge-
sellschaft auf deutschem Boden geschaffen
haben.
M
it freudiger Erwartung sehen wir den
zahlreichen internationalen Gastspie-
len und den Festbeiträgen unserer
Künstler entgegen. Es wird schwer, sich eine
Veranstaltung auszusuchen, aber jeder wird
etwas für seinen Geschmack finden. Ein be-
sonderer Höhepunkt wird sicher der histori-
sche Festumzug am 4. Juli 1987 sein. An die-
sem Tag, am 4. und 5. Juli auf dem histori-
schen Markt im Zentrum Berlins werden die
Besucher der Geschichte und Gegenwart
der Stadt in Bildern und Darbietungen be-
gegnen. Bürger in Kostümen der vergange-
nen Jahrhunderte, hoch zu Roß oder in hi-
storischen Fahrzeugen, die Berliner Origi-
nale vom Eckensteher Nante bis zum
Hauptmann von Köpenick, die Leierkasten-
männer und viele andere werden sich auf
Straßen und Märkten ein stimmungsvolles
Stelldichein geben. Volksfeste in allen Stadt-
bezirken vom »Sommer in Monbijou« über
den »Köpenicker Sommer« bis zum »Wei-
ßenseer Blumenfest« und dem »Erntefest in
Hellersdorf«, das große Berliner Wasserfest
auf allen Seen der hauptstädtischen Umge-
bung, repräsentative Ausstellungen zu
Kunst, Wissenschaft und Produktion, die
neueröffnete »Berliner Gartenschau« im
künftigen Erholungspark in Berlin-Marzahn
und viele andere Veranstaltungen werden
das Jahr des Jubiläums zu einem Jahr voller
Erlebnisse und bleibender Erinnerungen ge-
stalten. Mehr denn je wird man sagen kön-
nen: Berlin war eine Reise wert.
G
emeinsam mit ihren Gästen aus nah
und fern werden die Berliner in einer
weltoffenen Atmosphäre das Jubiläum
ihrer Stadt feiern, ein Jubiläum, das vom
Glück des Volkes, vom Geist des Friedens
und der Völkerverständigung künden wird.
Dafür lohnt es sich, täglich seine ganze
Kraft einzusetzen.
Rechts: Bei der Schlüsselübergabe des Sport-
und Erholungszentrums. Foto: Sandberg
NBI 1987 „
Gruß den Berlinern und ihren Gästen
Von Erhard K.rack, Oberbürgermeister von Berlin
B
erlin feiert sein Jubiläum. In
den Thesen zu diesem Ereignis
wird die Metropole der Deut-
schen Demokratischeri Republik
»eine politisch stabile, leistungsfä-
hige und attraktive Weltstadt« ge-
nannt, »die durch wirtschafiliches
Wachstum und soziale Errungen-
schaften, durch eine Blüte der Wis-
senschaft und Kunst gekennzeichnet
ist«. Zugleich heißt es: »Diese Stadt
ist das Werk ihrer Bewohner, das
Werk der ganzen Bevölkerung der
DDR.«
Unter Führung der Arbeiterklasse
und ihrer Partei, durch das Zusam-
menwirken aller mit ihnen verbünde-
ten Kräfte wurden beispielhafte Lei-
stungen vollbracht.
11.
e Berliner haben sich auf die
SO-Jahr-Feier mit erfüllten Plä-
nen und vielen gesellschaftli-
chen Aktivitäten gut vorbereitet.
Hohe Leistungen in Industrie und
Bauwesen. in Forschung und Ent-
wicklung, in der Kunst und in vielen
kommunalen Bereichen trugen dazu
bei, das Leben der Menschen zu be-
reichern und die Stadt immer anzie-
hender und liebenswerter zu gestal-
ten.
Noch nie wurde in Berlin so viel und
so schnell gebaut wie in den letzten
Jahren. Ob im Zentrum, in den tradi-
tionsreichen Gebieten anderer Stadt-
bezirke oder in den neuen, großen
Wohnkomplexen an der Peripherie
- überall verwirklichen Architekten
und Bauarbeiter die gute, auf das
Wohl des Volkes gerichtete Politik
der SED.
D
en Bauschaffenden aus der
Hauptstadt und ihren hier täti-
gen Berufskollegen aus der gan-
zen Republik, insbesondere den De-
legierten der »FDJ-Initiative Berlintc
möchte ich - zugleich im Namen de
Magistrats - meinen Dank für ver-
antwortungsvolle Arbeit sagen, die
sie links und rechts der Spree leisten.
So wie sich Zehntausende Werktä-
tige aus den Bezirken des Lande
täglich für ihr Berlin engagieren, so
unterstützen die Berliner auf ver-
schiedene Weise die dynamische
Entwicklung der ganzen Republik.
Mit gewohntem »Berliner Tempo«
vollbringen sie Beispielgebendes in
Wissenschaft, Produktion und Tech-
nologie. Die Früchte ihrer Arbeit
werden vielfältig zwischen Rügen
Im Herzen der Hauptnadt: Dis Mn-Engels-Forum mit dem w.n Bildhauer Ludwig Engelhardt gestll/tften Denkmal
SEITE4
und Fichtelberg, zwi eben Oder und
Werra spürbar und bringen auch
dort meßbaren Nutzen für unseren
Staat.
D
ie Bürger der DDR und Besu-
cher aus aller Welt sind will-
kommen, die in Berlin deutlich
sichtbaren Erfolge des Sozialismu
in Augenschein zu nehmen und ge-
meinsam mit uns dieses Fest der Le-
ben freude und des Friedenswillens
zu begehen Volksfeste, Märkte, Aus-
teilungen, Kongres e und andere in-
ternationale Begegnungen, Sport-
ereigni. e owie weit mehr als tau-
end kulturelle Veran taltungen sor-
gen dafür, daß 1987 diese Stadt im-
mer etwas für Auge und Ohr zu bie-
ten hat. Wir \\Ollen dabei zugleich
deutlich machen: Berlin ist eine
Stadt des Fneden . Berlin zeigt sich
auch 19 7 eltoITen und freut sich
auf viele Begegnungen mit Gästen,
die gemein m mit uns für eine
glückliche Zukunft der Menschheit
eintreten.
NBI 1987
Wo Berlins w„ stand
S. 6 Ein Streifzug durch das
hi torische Nikolaiviertel
Stimmen ,;,,,, St.ldt
S. U Humanistisches Credo
aus drei Jahrhunderten
Eine 9f!le Messe
S. 16 Bertin - Treffpunkt der
Ventlndigung, Stitte konstrukti-
ven Oialop
IJotlchalt in Liedern
S. 20 Weltbekannte Künstler
zu Gast in Bertin
Berlin, meine Liebe
S. 22 Eine Bildbetrachtung
von Gisela K.arau
Für die Augen
nicht „,,.,, machen
S. 38 Friu Cremer und seine
»Muttervordem Perpmonaltar4C
Gllle ,._,pi..
S. "1 Geburtstappost aus
Moskau, Wien, Mexico-Stadt „.
Spcntr ins Heute
S. '2 Ein Stadtplan enlhlt
Geschichte
Lichtlabrilt ,,, ,,,;,,;,,,.,
S. '8 Von der Geburt eines
Mikrochips und der Ehe zwi -
schen Praxis und Forschuna
Einblicke
S. 52 Bilder und Bilanzen vom
Alltaa an der Spree
Mn und Engels in Berlin
S. 60 Vom Doctorclub bis zu
den Concordia-Festsllen
NBI 1987
Rückblick
Bilder einer Stadt
und ihrer Geschichte
,,,..,,,
S. 6' Ausflüge in die
königliche Bibliothek, das neue
Grandhotel, an Berliner Bade-
strlnde und viele andere Schau-
plitze
Mitten im MiHjiJh
S. 70 Erlebnisse der Rentnerin'
R.ambalski und einer Bauarbei-
terbrigade aus Schwedt
Einsteinlnldal
w,,,,__,,
S. 76 Der Appell des großen
Gelehrten für ein neues Denken
im Atomzeitalter
Oie ToltJrlnzstnlk
S. 80 Heinz Knobloch führt
durch die Große Hamburger
Litfallslule
S. 83 Ein Wepeiser zu
Berlins Attraktionen bei Taa und
bei Nacht
Nicht mehr IHlller fremden
Himmelnc
S. 9' Vertreibung, Exil und
Heimkehr namhafter Geistes-
§Chaffender
Perspft tiren
S. 96 Ansehnliches am Rande
der Stadt
Der lmte Tag neigt sich zwn
Ende
S. 98 Eine Erinnerung an
Helden des antifaschistischen
Widerstandes
Gefragte Präzision
S. 100 Spitzenleistungen des
Berliner Werkzeu&Jllaschinen-
kombinats
Chefredakteur:
Wolfgang Nordalm
Stellvertretende Chefredakteure:
Kart Barth, Dr. Günter Blutke,
Siegfried Schröder
Gestaltuna: Gerhard Schmidt
Bild: Peter Leske
Innenpolitik: Volker Schielke
Wirtschaft/WwenschaO:
Klaus George
Außenpolitik: Peter Jacobs
Tatsachenberichte:
Gerhard Sch1esser
Kultur/ Sport : Joachim Muß
Ratgeber/ Freizeit: Hans Prana
Panorama: Heinz Rosenkranz
Leserverbindungen:
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Redaktionelle Mitarbeit an
diesem HeO: Günter K.araut,
Jochen Moll, Horst Wagner,
Heiner Feil
nach vorn
NBl-Soadenusg•be
litelgestaltung: Jo Fritsche
Farbfoto: Gerhard K.ieshna
Neue Berliner Illustrierte
Karl-Liebknecht-Str. 29
Berlin
1026
Telefon: 2440 (Auskunft)
Telegramm-Adresse:
Illustrierte Bertin: Telex
0 114 854
Gatitten, Berlin/
S. 103 Von Leuten, die mit
hauptstldtischem Namen leben
0. Licht sei ein Zeichen
S. 1tU Begegnungen in der
Marienkirche
Des KIJnigs /lock
S. 106 Ökonomie und
Machtpolitik in der brandenbur-
gisch-preußischen Residenzstadt
Hohe Schule der Medizin
S. 108 Oie Charite, wie sie
noch keiner sah
Oie Lindenoper
s. n2 Knobelsdorffs
traditionsreiches Haus in neuem
Glanz
Superlatire
S. "' Du HOchste, Ungste
und Ausgefallenste in Berlin
Eisbein, Bocbnnt und
,.,,,,,
S. tt5 Berliner Küche im
Wandel der Zeiten
Stimmtisch
S. tt6 Ein Disput in der
»Letzten lnstanz4C
Sourenirs
s. n9 Jubiliumsvorschllge der
NB 1-H umorzeicbner
Unsere Abbildungen zeigen:
Berlin um 1688
Revolutionstage IMS (Neu-
ruppiner Bilderbogen) •
Unter den Linden heute
Foto: Gerhard K.ieslina
Repros: Archiv
NBI erscheint im
Allgemeinen Deutschen Vertag
Verlagsdirektor: Erich Reimann
Lizenz-Nr. 229 des Presseamtes
beim Vorsitzenden des
Ministerrates der DDR
Druck: Berliner Druckerei
Artikel-Nummer (EDV) 960 006
Redaktion schluß: Februar 1987
SEITES


Wo Berlins
Erntezeit vor den Toren Berlins - dieser Kupf etstich
ist eine der schönsten Darstellungen der
mittelalterlichen Stadt. Man erkennt
unter den vielen Türmen auch den
der Nikolaikirche.
X
iegestand
H
ier, wo Berlins Wiege war, ist in den letzten Jahren
ein neues Viertel entstanden, ein beispiel-
haftes architektonisches Ensemble
moderner Wohnhäuser und
historischer Bauten.


Berlin um 1650, Kupferstich von Merias
Gehörten einst zum ln-
rentar des Berliner Ra-
~ jagdtlitMgell/J in
fonR„ ....
(15. }ahrflundert) und ein
rergoldeter Trinkb«her
(17. jahrlwndert) mit den
Symbolen W1l1 Berlin
{Bit} und Cölln (Adler)
Die Katte zeigt Berlins Urstromtal um das Jahr
1237. An der Rachsttn Stelle der Spm, einer
Furt, lagen die Sdtwesterstldte Cölln und Ber-
lin. Seide Orte, W1l1 Kaufleuten, Handwerkern
und Ackerbürgern gegründet, sind als Rast-
si«Jlungen entlang wichtiger Handelsstraßen
entstanden. Sie wnn lnstJlstidte, und ihre
einzige Verbindung wir der Müh/endamm.
Dieser führte zum .Olde Markt•, splterhin
Molkenmrit genannt, dessen Mittelpunkt die
aus Feldsteinen erbaute Nikolaikirche bildete.
Im Jahre 1237 wurde Cölln und im Jahre 1244
Berlin erstmals ur*undlich f1rWihnt. Doku-
mente lmen wmnuten, daß beide Siedlungen
zwischen 1230und1250 das Stadtl'teht trhiel-
ten, retliehen W1l1 johlnn /. und Otto III.,
Urenktl des ISUnischen Eroberers der Mn
Brlndenbwg, Albtecbt des Bllen.
NBI 1987
Wo Berlins Wiege stand
Dieser Konsolkopf aus
dem 15. J""hundert
stammt '°"' 111111$ des
Std' 111;_;„_
U W U U l ~ H   l l l O l l •
Thomas Blankenfelde,
der einst am alten Niko-
llMerttl wohnte. Der
Kopf btlindel sich im
Mlriischen Museum.
Der Neuaufbau am Gründungsort Berlins be-
gann ror S«hs Jahren. Um die Kirche herum
entstand ein Ring moderner Wohngebäude und
rieler kleiner Bürgerhäuser, die den Baustilen
des 17. und 18. Jahrhunderts nachempfunden
sind. Ein Handwerkermuseum erinnert daran,
wem die mittelalterlichen Städte Berlin und
Cölln ihren wirtschaftlichen Aufschwung zu
rerdanken hatten. Die iltesten ur*undlich er-
wihnten Berliner Gewerbe waren Bäcker,
Schuhmacher, Tuchmacher und Fleischer. Sie
erhielten bereits im 13. Jahrhundert eigene
Satzungen. Aus dieser Zeit stammt die histori-
sche Berliner Gerichtslaube, die in der Post-
stn& originllgt!treu ......
Einst befand sich hier der Sitz des Rates. Heute
beherbergt das Haus mit seinen gotischen
Maden eine Gaststltte.
SEITE9
SEITE 10
So sah die Baustelle noch
1981, zu Beginn der Arbeiten
aus. 1982 erliielt Berlins ilte-
stes Bauwerk wieder beide
Türme. In nur sechs Jahren
wurde das Viertel von Bau-
leuten und Spezialisten aus
Berlin und den Bezirten Pots-
dam, Suhl, Kar/-Man-
Stadt, Cottbus und Leipzig
errichtet. Es entstanden neue
Wohnungen für rund 2000
Eimrlbhner. In den Stra8en
und Gassen gibt es 32 Läden
und 23 Gaststätten.
NBI 1987
NBI 1987
Von links nach rechts:
Dezember 1981: Die
Tunnhtlme wetden am
Boden montiert.
August 1981: Eine tech-
nische Meisterleistung
gelang Spezialisten aus
Leipzig, als sie mit Hilfe
eines Mobilkranes der
Nikolaikirr:he beide
Türme aufsetzten.
Oktober 1981: Die
Türme sind aufgtsetzt,
Klempner aus Bad Sal-
zungen decken Bleche
auf die Spitzt.
Bauleiter Uwe Strathmann:
Ein Werk des ganzen Landes
Wo Berlins Wiege stand
Wenn ich über die Baustelle
gehe, passiert es schon, daß
ich angesprochen werde:
Touristen suchen das
Ephraim-Palais, Bewohner
laden zur ersten Hausver-
sammlung ein, ältere Bürger
drücken ihre Begeisterung
aus über vieles, was das Vier-
tel wohnlich macht - Blu-
menrabatten, Parkbänke und
anderes mehr. Wir Bauleute
freuen uns, mit welcher Ent-
deckerlust die Berliner und
ihre Besucher durch die
neuen Gas en und Straßen
strömen. Und welche Neu-
gier erst bei den Mietern, die
ihre neuen Wohnungen in
Augenschein nehmen. Zuerst
der Blick aus dem Fenster:
Aha, da sind Türme! Dann
sucht man die mittelalterliche
Gerichtslaube oder das re-
konstruierte Knoblauchhaus
mit den historischen Wein-
stuben. Man ist sich derbe-
sonderen Wohnlage bewußt.
Und des Menschengewim-
mels, sobald man seinen Fuß
vor die Haustür setzt.
Dieses Kommen und Gehen
- vor sechs Jahren konnte
sich das wahrlich keiner vor-
stellen.
Für uns war es zunächst nicht
immer die reine Lust, den
Baugrund freizulegen. Wel-
ches Bild bot sich uns, als wir
verschüttete Keller öffneten.
Der Krieg war plötzlich wie-
der gegenwärtig: Alles war
verbrannt und verkohlt,
selbst Rohrleitungen und
Klinkerziegel geschmolzen.
So einen Stein habe ich auf-
bewahrt; er stammt aus den
alten Grundmauern jenes
Hauses, auf dem heute in
großen Lettern steht : Berlin
- Stadt des Friedens.
Unsere Zeit ist schnellebig.
Wie viele Ereignisse haben
sich für uns auf diese weni-
gen Jahre zusammenge-
drängt. Unvergeßlich aber ist
für mich jener Tag, an dem
wir Berlins ältestem Bauwerk
- der Nikolaikirche - im
Sommer 1982 wieder beide
Türme aufsetzten. Als Bau-
leute spüren wir besonders
deutlich, daß unser aller Mü-
hen Sinn und Zukunft hat. In
unserem lande ist das große
Bauprogramm erklärte
Staatspolitik. Für mich ein
überzeugendes Symbol unse-
res Friedensstrebens.
Als wir mit dem Wiederauf-
bau des Viertels begannen,
waren wir ein junges Kollek-
tiv. Beileibe nicht alles Berli-
ner. Ich stamme beispiels-
weise aus Neuruppin. An-
dere kamen aus Suhl, Nauen
oder Plauen. Bauleiter im Ni-
kolai-Viertel zu sein, bedeu-
tete für mich eine Herausfor-
derung. Tagsüber arbeitete
ich auf der Baustelle, und
Abend für Abend saß ich
über Büchern und histori-
schen Berlin-Dokumenten.
Nach alten Unterlagen bau-
ten wir zum Beispiel am Ni-
kolaikirchplatz jenes Bürger-
haus wieder auf, in dem
Lessing von 1752 bis 1755 ge-
wohnt hat. Wir machten uns
kundig über Lessings Wirken
in Berlin, über seine Freund-
chaft mit Moses Mendels-
sohn, dem er mit seinem
»Nathan<< ein Denkmal
setzte. Dieses Theaterstück
hat ja in der Geschichte Ber-
lins seine besondere Bedeu-
tung: Es war die erste Auf-
führung nach dem Krieg, als
die verwüstete Stadt zu
neuem Leben erwachte.
Das Nikolai-Viertel steht auf
geschichtsträchtigem Boden.
So wurde die Idee geboren,
die wichtigsten Daten der
Stadtgeschichte hier auf ei-
nem Denkmal in Stein zu
meißeln. Dort wird auch an
jüngste Vergangenheit erin-
nert, daran, daß die weitere
Ausgestaltung der Haupt-
stadt zur Sache des ganzen
Landes wurde. Es ist für
mich und alle meine Kolle-
gen eine besondere Ehre, daß
auf diese Weise festgehalten
wird, wie Tausende junge
Bauleute vor allem in der
FDJ-Initiative, aus den Bezir-
ken nach Berlin gekommen
sind. Schließlich haben wir
gemeinsam mit den Berlinern
die Stadt zu dem gemacht,
was sie heute ist. Und wir
werden weiter bauen.
SEITE II

en
Lebendiges Vermächtnis, verpflichtendes
Credo sind diese Stimmen: Worte
einiger hervorragender Frauen und Männer,
deren Wirken ganz wesentlich verbunden
ist mit der Geschichte Berlins.


Fol#:J. Mol
1'1-Aldtlr,
lllpo: • ....
......
B erlin, Haus des
Staatsrats der DDR:
Das Staatsoberhaupt
empfängt das
Diplomatische Korps,
Abgesandte von Staaten
aller Kontinente.
Wer Partner sucht
für auf richtigen
politischen Dialog und
gleichberechtigte
Kooperation, für den
ist unser Berlin
eine gute Adresse,
ist es doch Hauptstadt
eines Staates,
der nach einem Wort
Erich Honeckers
bestrebt ist, »zum
Zusammenschluß
derjenigen in der Welt
beizutragen, die der
Vernunft und dem
Realismus folgen,
der Zusammenarbeit
den Vorzug vor der
Konfrontation,
der Abrüstung vor der
Hochrüstung geben«.
SEITE 16
Eineguö
NBI 1987

dresse
SEITE 17
E
s geschah im Gebäude des
Staatsrates, als am Welt-
friedenstag des Jahres 1986
Volk und Staatsführung der
DDR, wie schon oft zuvor,
ihr auf gegenseitigem Ver-
trauen beruhendes gemeinsames Wir-
ken für den Frieden manifestierten.
Am Vorabend des Jubiläums der sie-
benhundertfünfzigjährigen Stadt
wurde erneut sichtbar, daß sich un-
ser Berlin des ihm 1979 verliehenen
Ehrentitels »Stadt des Friedens«
würdig erweist. Professor Günther
Drefahl, der Präsident des Friedens-
rats der DDR, überreichte Erich
Honecker den Report »Die DDR im
Internationalen Jahr des Friedens«,
eine Bilanz vielfältiger Aktivitäten
der Bürger unseres Landes, und be-
tonte: >>Buchstäblich das gesamte
Volk der DDR reiht sich ein in die
alle Kontinente, alle Länder der
Erde, alle Klassen und Schichten,
alle Weltanschauungen und poli -
tischen Strömungen, alle Generatio-
nen und Geschlechter umfassende
Front des Friedens und des Lebens,
in diese immer mächtiger werdende
weltweite Koalition des politischen
Realismus und menschlicher Ver-
nunft.«
Dieses Friedensstreben ist in unserer
Republik Staatspolitik. Erich Hon-
ecker bekräftigte das in seinen Dank-
worten. »Im Namen der Partei- und
Staatsführung der DDR erkläre ich«,
sagte er, »daß die DDR auch künftig
in vorderster Reihe der Verteidiger
des Friedens stehen wird. Wir wer-
den alles tun, damit die J(jnder und
ihre Eltern, damit die Bürger unseres
Landes, ja alle Menschen in Europa
und in der Welt vor der atomaren
Vernichtung bewahrt bleiben.«
Diesem Credo ist jede politische Ak-
tivität verpflichtet, die von unserer
Republik und ihrer Hauptstadt aus-
geht. So hat der X 1. Parteitag der
SED die Notwendigkeit bekräftigt,
in der internationalen Arena »nicht
in den Denkschablonen der Kon-
frontation und des Strebens nach mi-
litärischer Überlegenheit zu verhar-
ren, sondern auf neue Weise an die
Dinge heranzugehen, neue Formen
und Verfahren in den Beziehungen
zwischen den verschiedenen sozialen
Systemen, Staaten und Regionen zu
finden«.
Eng verbunden mit der Sowjetunion
und den anderen sozialistischen
Staaten, was Jahr für Jahr gerade
auch in Berlin durch herzliche Be-
gegnungen führender Repräsentan-
ten der sozialistischen Länder doku-
mentiert wird, führen die Staatsmän-
ner unserer Republik das Gespräch
mit verantwortungsbewußten Poli-
tikern aus aller Welt. Oft erlebt Ber-
lin den Besuch von Staats- und Re-
gierungschefs, Parlamentspräsiden-
ten und Ministern, Parteivorsitzen-
SEITE 18
den und führenden Vertretern inter-
nationaler Organisationen. Reprä-
sentanten aller Staaten Europas, der
Bewegung der Nichtpaktgebunde-
nen, aus Ländern unterschiedlicher
Regierungsformen treffen sich im
Zentrum unserer Hauptstadt im
Geist friedlicher Koexistenz. Bedeu-
tende internationale Treffen verei-
nen in Berlin Abgesandte aus allen
Kontinenten. So die 1983 anläßlich
des hundertsten Todestages von Karl
Marx veranstaltete Wissenschaftli-
che Konferenz »Karl Marx und un-
sere Zeit - der Kampf um Frieden
und sozialen Fortschritt«, an der
sich 145 kommunistische und Arbei-
terparteien, revolutionäre Vorhutpar-
teien, nationalrevolutionäre Parteien
und Befreiungsbewegungen, soziali-
stische und sozialdemokratische Par-
teien aus 111 Ländern beteiligten. So
die Weltfestspiele von 1973, der
Weltfrauenkongreß von 1975, die Ta-
gung des Weltfriedensrates von 1979,
die Konferenz der Interparlamenta-
rischen Union von 1980 oder der
Weltgewerkschaftskongreß von 1986.
Die Zeit liegt nicht allzuweit zurück.
als man westlich unserer Staats-
grenze noch diejenigen mit Sanktio-
nen bedrohte, die in offiziellen Kon-
takt mit der DDR treten wollten. Die
Geschichte hat darüber ihr Urteil ge-
sprochen. Die Wahrheit aber ließ
sich schon damals nicht verkleistern.
1951 war es, als sich die Jugend der
Welt in Berlin zu einem ihrer schön-
sten Festivals traf. »Zum erstenmal
in der deutschen Geschichte«,
schrieb Erich Honecker, damals Vor-
sitzender der FDJ, »kam es in den
Augusttagen des Jahres 1951 zur
massenhaften Begegnung der deut-
schen Jugend mit Jugendlichen aus
Ländern aller Kontinente nicht auf
dem Schlachtfeld, sondern auf dem
Feld des Friedens und der Völkerver-
ständigung.«
In dieser Stadt hatte Erich Honecker
1935 an der Spitze ~   r illegalen Ber-
liner Organisation des Kommunisti-
schen Jugendverbandes Deutsch-
lands gegen die heraufziehende
Kriegsgefahr gekämpft, ehe ihn die
Faschisten in Brandenburg einker-
kerten. In dieser Stadt wirkt er heute
als Generalsekretär der führenden
Partei unseres Landes und Staats-
oberhaupt der DDR, als ein in aller
Welt geachteter Staatsmann des Frie-
dens. Von ihm stammt das Wort, daß
es angesichts der Drohung eines nu-
klearen Infernos nun erst recht gilt,
für den Frieden zu kämpfen. Allein
schon diese Verpflichtung, knappste,
aber sinnfälligste Zusammenfassung
der Politik unseres sozialistischen
Staates, erklärt, warum seine Haupt-
stadt für alle, die den Weltfrieden be-
wahren wollen, eine solch gute
Adresse ist.
Hans-Dieter Bräuer
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Eine gute Adresse
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ergangene Wirklichkeit erscheint den
Menschen mit den Jahrzehnten un-
wirklich, selbst denen, die sie durch-
lebt haben. Dieser verwüstete Alex-
anderplatz - bin ich wirklich einmal dort
langgelauf en, die Sohlen so löchrig wie das
Pflaster? Unglaublich. Häuser, in die man
von oben hineinsehen konnte wie in abge-
deckte Töpfe. Mauerfiligran, die alten
Strukturen erkennbar, doch nicht mehr be-
Gisela Karau
ders ist das Gewordene nicht zu begreifen
und zu bewerten. Fragen, warum, und nicht
gleich mit der Antwort zufrieden sein, so
wird Selbstverständliches faßbar, Auf erste-
hung aus einem überirdischen Begriff zur
menschlichen Tat. Millionen mußten sich
auf richten, um das Gestürzte aufzurichten,
in neuen Strukturen, doch nicht geschichts-
los - Geschichte vollstreckend.
nutzbar. Berlin, meine Liebe, was haben sie a ch habe mich durch die Zeiten ge-
mit dir gemacht? Wer? Warum? schrieben mit einem untilgbaren Op-
Ich war ein kleines Mädchen, als mich diese timismus. Heute frage ich mich
Fragen bestürmten. Wessen Bomben es wa- manchmal, wo hatten wir den her? Es
ren, das wußte ich wohl. Das hatten wir in war ja kein individueller, es war ein gesell-
der Schule gelernt, bevor die Schule ausfiel schafilich geprägter Optimismus, der von
wegen Alarm. Was die Bomberschwärme den Kämpfern zu lernen war: Sie hatten ge-
auf gescheucht und herbeigezogen hatte wie warnt, als das faschistische Unheil noch ab-
ein Rachegewitter, das lernten wir nicht. zuwenden gewesen wäre; sie hatten den Wi-
Das kriegten wir später. derstand gegen die Nazidiktatur organisiert,
Begreifen ging mit Zugreifen Hand in Hand.
Die Trümmerfrauen mit den zum Turban ge-
schlungenen Kopftüchern und den Schuhen
ihrer nicht heimgekehrten Männer an den
müden Füßen - sie ahnten nicht, daß sie in
die Stadtgeschichte eingehen würden. Der
Wind wehte über die kahlen Flächen, die
Straßenbahn quietschte im Kreisverkehr am
Alex, es zog, und niemanden zog es sonder-
lich zum alten Zentrum, in dessen dichtem
Häusermeer einst Franz Biberkopf herumge-
schwommen war, auf- und untertauchend,
sauf end und ersaufend. Weggeblasen das
Döblinsche Milieu, in alle Winde zerstoben
die Ringvereine Felsenfest und Immertreu.
Wo es keinen Grund mehr gibt, ist auch kein
Untergrund. Nur die Untergrundbahn
blieb.
Ein Platz mit seltsamer Biografie. Benannt
nach dem Zaren Alexander, dessen Kosaken
die Preußenstadt von den Franzosen be-
freien halfen, eineinhalb Jahrhunderte spä-
ter wiederum befreit durch die Alexanders,
Nikolais, Wladimirs, die der rote Stern an
der Mütze als Zarenbezwinger auswies. Dia-
lektik der Geschichte. Wissen, was war, an-
BERLIN
IN DATEN
SEITE 30
Noch vor der endgülti
gen Kapitulation der
faschistischen Wehr
macht begannen Ende
April/ Anfang Mai 1945
deutsche Kommunisten,
Sozialdemokraten und
bürgerliche Antifaschi
sten - aus Konzentra
tionslagem und Zucht
häusem befreit, aus
dem illegalen Wider-
standskampf oder dem
Exil kommend - erste
demokratische Verwal
tungsorgane zu bilden.
Am 19. Mai 1945 nahm
der demokratische Ber
liner Magistrat unter
Oberbürgermeister Ar-
thur Werner die Arbeit
auf Ihm gehörten u. a.
der Kommunist Karl
Moron, der Sozialde
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Oktober 1939: Ille-
gal in Bertin ge-
druckte Zeitung des
antifaschistischen
Widerstandes (o. 1.).
21. Mai 1945:
Die erste
Nummer der Berti-·
ner Zeitung (o. r.).
März 1946: Die
1. Reichskonferenz
der KPD ehrt das
Andenken Ernst
Thilmanns und be-
rät über den demo-
kratischen Neuauf-
bau. Erich Honecker
(links) wird ins ZK
gewählt.

BERLIN-
und kein Terror hatte ihren Mut brechen
können; nun stellten sie sich an die Spitze
des Neubeginns und übertrugen ihre auf
Wissen gegründete Zuversicht allen, die aus
bitterer Erfahrung zu lernen suchten.
Uns Jungen von damals schien: Das
Schlimmste haben wir hinter uns. Vorne
kann's nur besser werden. Die Jungen von
heute haben weniger hinter sich. Was aber
liegt unter dem Schleier der Zukunft? Wie-
der jener Rauch, durch den wir geschritten
sind, erstickend fast, doch noch zu retten 1
Was bliebe beim nächsten Feuersturm
übrig? Die Frage zu stellen ist jedennanns
Recht, wenn nicht Pflicht. In ihr steckenzu-
bleiben wäre Selbstaufgabe. Wir bauen da-
gegen an, schaffen vollendete Tatsachen, für
die zu streiten lohnt. Die Schönheit des Frie-
dens gegen die Häßlichkeit des Krieges.
Es wurde der Stadt nicht an der Wiege ge-
NBI 1987

MEINE LIEBE
sungcn, daß sie einmal Stadt des Friedens
heißen würde. Von hier waren die Angreif er
auf gebrochen, sie hatte als erste deren
Marschtritte gespürt, die Brandfackeln gese-
hen, sie war das Letzte, was brannte und
barst und sich wehrte gegen den Ansturm
der Gerechten. Als sie vier Jahre später wie-
der von Fackeln erhellt wurde, waren es die
eines neuen Staates, der ersten Republik der
deutschen Arbeiterklasse, die ein schweres
Erbe antrat, materiell und ideell. Dieser
Klasse ist noch nie etwas in den Schoß ge-
fallen. Um alles hat sie hart kämpfen müs-
sen, am härtesten um die Macht.

nfang der fünfziger Jahre wurde uns
die Frage gestellt: Wäre es schön?
Und die Antwort folgte auf dem
fuße : Es wäre schön. Eine kühne Vi-
sion entwarf die Partei Piccks, Grotewohls
und Ulbrichts vor den Augen des Volkes:
Leben ohne Trümmer. Die Hauptstadt frei
von Ruinen.
scn. Sie hatte uns in diese Steinzeit zurück-
geschleudert.
Es war dunkel , als das Nationale Aufbau-lllintcnn Brandenburger Tor entstand
werk begann. Ich erinnere mich, wie wir das Hansa-Viertel neu. Das Kapital
unter Bogenlampen und Schcinwcrf crn be- hatte sich prächtig erholt, es gab sich
klommen die Steingebirge erklommen, die modern. Massen fuhren hin, sich das
noch immer, trotz jahrelanger Angriffe mit anzusehen: konzentriertes Experiment,
Spitzhacke und Schauf cl, unbesiegbar schie- glatte Fassaden, krcuzlose Fenster, keine
ncn. Wenn wir unsere freiwillige Feier- Schnörkel. Kühner Schwung des Kongrcß-
abcndschicht beendet hatten und einen hallcndachcs, beliebtes Sujet des Wcrbef crn-
Blick zurückwarf cn auf die amorphen Schat- schcns. Leider war der Beton gepfuscht,
tcnrisse, sah es aus, als hätte niemand sich dem exemplarischen Bauwerk war kein lan-
da Blasen geholt. An künftige Schönheit ges Dasein beschieden - einer der vielen Skan-
dachten wir nicht. Um Räumung ging es, um dalc, die zu dieser Art »Baufreiheit« gehören
die Freilegung verschwundener Straßen- wie Bodenspekulation und Mietwucher.
fluchten, um Stapel sauber abgeputzter Bei uns baute Hcnsclmann die große Alice,
Steine und Futter für den Ziegelbrecher, der verspottet von Besserwissern. Zuckcrbäckcr-
Splitt ausspie, erstes Baumaterial. Armselige stil. Der Quadratmeter Wohnung kostete
Technik. Die des Krieges war perf ckt gewc- neunzig Pf cnnig. Heute hat die Allee ihre Pa-
• tina, sie unterscheidet sich von Marzahn,
vom Thälmannpark und auch vom Nikolai-
vicrtel. Vieles unterscheidet sich jetzt von-
einander, vom großen Unterschied gesell-
schaftlicher Besitzverhältnisse diesseits und
jenseits der Quadriga ganz zu schweigen.
/j]
ie goldene Göttin der Tugend ist auf
den Deutschen Dom zurückgekehrt.
Dome waren sie nie, die flankieren-
den Tunnbauten am Schauspielhaus.
Aber selbst das Lexikon nennt sie so, der
Begriff ist eingebürgert. Aus dem Gendar-
mcnmarkt wurde der Platz der Akademie.
Der Name ist den Wissenschaften geschul-
det, Voraussetzung und Konsequenz neuer
Blüte. Sie geht einher mit der geschicht-
lichen Tatsache, daß der Sozialismus selbst
von einer Utopie zur Wissenschaft gewor-
den ist.
Als die Alexandrows die Ruine des Schau-
spielhauses mit Gesängen vom Hcideröslein
und dem schönsten Wiesengrunde belebten,
wuchs Gras zwischen Pflastersteinen und
ein Birkenwald in Dachrinnen. Wenn ich
Fortsetzung auf Seite 34
mokrat Josef Orlopp,
der Chirurg Ferdinand
Sauerbruch an.
dende Kraft, um die
antifaschistisch-demo-
kratische Umwälzung
zu Ende, den Sozialis-
mw auf deutschem Bo-
den zum Siege zufüh-
-en.
Friedrich Ebert, Arthur Werner, auf Otto Grotewohl
Von Berlin aw rief die
KPD am JJ. Juni 1945
zu einem breiten Bünd-
nis aller antif aschisti-
schen Kräfte, zum .Auf-
bau eines neuen demo-
kratischen und f riedlie-
benden Deutschland
auf
Am 7. Oklober 1949
wurde die Deutsche De-
mokratische Republik
gegründet und Wilhelm
Pieck zu ihrem Präsi-
denten gewählt. Berlin
wurde die Hauptstadt
eines Staates, der erst-
mals in der deutschen
Geschichte die Interes-
sen und den Willen der
Werktätigen verkörpert,
der nicht Krieg, son-
dern Frieden und Völ-
kerfreundschaft zu sei-
nem Programm erklärt.
NBI 1987
Oberbürgermei- dem Titel des er- und seine Frau jo-
ster Berfins von sten Heftes der hanna. An der Ent-
1948 bis 1967, NBI, Oktober 1945. trümmerung Ber-
beim Enttrümmern Oben: Beginn des lins beteiligten
in der Stralauer nationalen Aufbau- sich damals
Allee, Oktober werkes (NAW) im 200 000 Werkti-
1950. Darüber: janu.1952. Unter tige aus aJlen Tei-
Der erste Ober- den 50 000 Berli- len der DDR.
bürgermeister ner Aufbauhelfern
Berfins nach dem in der heutigen
Kriege, der partei- Kali-Marx-Allee
lose Antifaschist Ministerprisident
Im Berliner .Admirals-
palast, dem heutigen
Metropol-711eater, ver-
einigten sich am
21. April 1946 KPD
und SPD zur Sozialisti-
schen Einheitspartei
Deutschlands. Wilhelm
Pieck und Otto Grote-
wohl wurden zu Vorsit-
zenden gewählt. Damit
entstand die entschei
SEITE 31
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SEITE 33
Fortsetzung von Seite 31
den Glanz und das Gold der neuerstande-
nen Bauten sehe, fallen mir noch immer die
alten Bilder ein. Sie gehörten lange Zeit zu
meinem Arbeitsweg durch die Friedrich-
stadt; ich sah das Schweizerhaus an der
Ecke Unter den Linden, unversehrt, als hät-
ten die Bomben einen respektvollen Bogen
darum gemacht, und dachte an Schweizer
Käse und an Schokolade, deren Geschmack
ich vergessen hatte. Wir hatten Hunger, wir
mußten die Suppe auslöffeln, die wir uns
hatten einbrocken lassen. Die verbrannte
Erde, die im Namen Deutschlands anderen
Völkern zugemutet worden war, lag vor un-
serer eigenen Haustür.
Auch mein Haus war verbrannt. Ich sehnte
mich nach bewohnbaren Straßen, die nicht
irgendwo im Abbruch endeten. Wie häßlich
war das Stück.werk, das uns geblieben war.
Alles schien geeignet, die Menschen apa-
thisch zu stimmen, die leeren Mägen, die
leeren Schränke, die toten Augen der Rui-
nen. Die Bilder von damals zeigten aber
auch etwas anderes. Frauen setzten kecke
Hüte auf und eilten mit lebensgierigen, neu-
gierigen Blicken durch die Stadt. Da waren
Signale erklungen, Zeichen gesetzt, es gab
Arbeit, es gab Ziele. Bewährung war mög-
lich und nötig.

llmählich sickerten auch die Männer
zurück. Ihre Anzüge hatten helle
Stellen, die vorher bedeckt waren mit
Rangabzeichen der Großdeutschen
Wehrmacht. Mein Biologielehrer stand Tag
für Tag in so einem Anzug vor mir. Mich be-
schäftigte beim Blick auf seine immer faden-
scheiniger werdenden Hosen, wo er mit de-
nen wohl gewesen war, als sie noch neu und
rauh seine K.riegerbeine bekleideten. Ei
sprach im schönsten Berlinisch von Mit-
sehurins sibirischem Beerenappelboom und
ließ kaum Zweifel daran, daß er keine Ah-
nung und noch weniger Lust hatte, sich mit
BERLIN
IN DATEN
SEITE 34
Am Ende des zweiten
Weltkrieges waren
48 Prozent aller Ge-
bäude total zerstört,
185 000 Wohnungen
vernichtet, 400 000
schwer beschädigt. Nur
37 000 waren noch be
wohnbar. Von 1945 bis
1949 wurden fünf Mil-
lionen Kubikmeter
Trümmer beseitigt.
1946 wurde der erste
 
1952 begann der plan-
m4JJige in
der Kar/-
Marx-Allee.
Seit dem VI 11. Partei
tagderSED 1971 zo
gen über 8()() 000 Ber/i
ner - mehr als die
Hälfte der Einwohner -
in oder modemi
sierte Wohnungen.

Gisela Karau BERLIN-
solchen Themen zu beschäftigen. Das aber. as? Wer? Warum? Die Fragen der
mußte er, das mußten wir, das Muß gehörte Kindheit haben mich nie mehr los-
zum schweren Anfang. Es war ein inneres gelassen. Die Antworten sind her-
Gesetz unseres Handelns, da wir neue Ver- ausgewachsen aus dem Gewirr
hältnisse anstrebten. Die große Chance
mußte genutzt werden, mit den Wurzeln
auszureißen, was ganz Europa und zuletzt
uns selbst ins Elend gestürzt hatte.
Nebenan blockten sie sich ab gegen den
Fortschritt. Ausgezogen aus dem Roten Rat-
haus, konservierten sie unter dem Schutz-
schirm der Besatzungsmacht die alten Ver-
hältnisse versuchten sich als Frontstäd-
ter des kalten Krieges. Ein Reaktionär er-
fand das zynische Wort von Westberlin als
der »billigsten Atombombe«. Ein Spötter
nannte es später den »teuersten Blindgän-
ger«. Aggressive Bosheit und Konfrontation
brachten nichts ein, am wenigsten den West-
berlinern. Vernunft ist gefragt.
Dem weiteren Aus-
bau Berlins gelten
die besondere Auf-
merksamkeit und
Unterstützung der
Pstei- und Staats-
führung: Baumini-
ster Wolfgang Jun-
ker (2. v. 1.) und
Chefarchitekt Dr.
Roland Korn (rechts
vom) ertiutem die
P.ekonstruktion der
Altstadt Köpenick.
Weltbekannte Magi-
strale entsteht neu:
die Friedric:hstra8e,
wo 3000 Wohnun-
gen, 150 Geschifte,
ein Einkaufszentrum
und Kaufhof sowie
Gaststitten mit über
6000 Plitzen errich-
tet werden. Von
links nach rechts:
Wohnhäuser gegen-
über dem Friedrich-
stadtpalast, Eckhaus
Kronenstra8e (Ar-
beitsmodell), Win-
tergarten am S-
Bahnhof mit Urauf-
führungskino,
Spreeterrassen an
der Weidendammer
Brücke.

von Schutt und Irrtümern, sie wurden her-
ausgearbeitet. Nur solche Antworten zählen.
Theorien, die nicht zur materiellen Gewalt
werden, da sie an den Massen vorbeige:
dacht sind, können noch so glanzvoll lcJin-
gen, sie verändern die Welt nicht. Eine der
großen Fragen unseres Zeitalters ist die
Wohnungsfrage. Wie anders sollte sie zu lö-
sen sein als durch massenhaften Bau von
Wohnungen, die jeder sich leisten kann?
Als Anfang der siebziger Jahre die SED auf
ihrem VIII. Parteitag Kurs darauf nahm, mit
geballter Kraft Wohnungssorgen des Landes
und seiner am schlimmsten mitgenommenen
Hauptstadt aus der Welt zu schaffen, schien
manchem die neue, höhere Stufe von »Wäre
NBI 1987

MEINE LIEBE
es schön? Es wäre schön!« als Wunsch-
traum wie einst das trümmcrf rcic Berlin.
Nun hat das Programm schon längst Gc-
ist einbetoniert in die Zeit. verbunden
mit dem Namen seines Initiators, Erich
Honecker. Die Erwartungen sind nicht klei-
ner geworden, aber die Gewißheit größer für
jeden: Was die Partei verspricht. hält sie.
Plakate mit so einer Losung wären wir-
kungslos. wären sie nicht umgeben von
neuen und erneuerten Häusern.
Gebaut wird überall in der Welt. auch und
Erscheinung. In Industriebetriebe kann
nicht jeder schauen. Was aus den ehemali-
gen Konzernwerken geworden ist. liest man
nicht an den alten Werkmauern ab, auch
nicht an den neuen. Aber was Volkseigen-
tum an den Produktionsmitteln hervorbringt
fürs Volk, das zeigen die Gesichter unserer
Städte mit Berlin an der Spitze. wie es sich
für die Landeshauptstadt gehört. Darum
wirkt das ganze Land mit seiner Jugendkraft
daran mit.
vor allem da, wo es das große Geschäft ist DJcrlin, meine Liebe - lange Zeit war es
bis hin zum großen Betrug. Bei uns ist es • eine schmerzhafte Liebe. die ich vol-
kcin   sondern ein Zuschußuntcr- • lcr Trotz empfand. Meine Heimat-
nehmen. Wer einen Beleg dafür stadt sollte mir niemand verleiden.
was Herrschaft der Arbeiterklasse auszeich- Hier wurde ich geboren als Nachkomme der
nct vor Herrschaft der Profitmachcr, der dritten Generation, die an der Spree zu
kann sich am Bauen orientieren. Hier tritt Hause war, frühere Vorfahren lebten in
das soziale Wesen des Staates öff cntlich in Schlesien. in Sachsen. arri Rhein. wir stam-
mcn alle mehr oder weniger von Rucksack-
bcrlincrn ab. Mischvolk. lebendig und frech.
Die Geschichte Berlins ist eine Geschichte
der Vermischung. So entstehen Groß-
städte.
Unser Berlin ist eine Liebe wert. Verjüngt ist
es und gereift. Der alte König reitet wieder
Unter den Linden, das Gesicht nach Osten
eine imposante Silhouette gegen
den Abendhimmel hinterm Brandenburger
Tor. Nicht weit davon ein neues Denkmal
für die Väter unserer Weltanschauung. Wel-
ten liegen zwischen den Statuen. Marx und
Engels wären die letzten. die etwas dagegen
hätten, im Ensemble der Denkmale Berlins
gleich neben Friedrich genannt zu werden.
Sie sind schließlich die Begründer des dia-
lektischen und historischen Materialismus.
Jeder Geist muß aus seiner Zeit heraus beur-
teilt werden. Von niemandem ist auch die
Bourgeoisie tief er verstanden worden als
von den beiden, die deren Totengräber ent-
deckten.
Ihre Standbilder sind heiß diskutiert wor-
den. von Fachleuten und von Laien. Als der
Bildhauer Rauch F Zwo in Bronze goß. soll
es auch Debatten gegeben haben. Doch wen
im Volk ging es an. ob der Herr richtig ge-
troffen war? Er saß hoch oben auf seinem
Roß. niemand konnte ihm Auge in Auge ge-
genüberstehen. Zwischen den Knien von
Marx fotografieren die Leute ihre Kinder.
die Hosenbeine sind schon ganz abgcgrif-
f cn. nicht weniger als die Nixenbuscn am
Neptunbrunncn. Begreifen geht mit Zugrei-
f cn Hand in Hand. auch beim Umgang mit
Kunst und Geschichte. Diese Sammlung
von Fingerabdrücken an den Metallstelen
des Marx-Engels-Forums. Wahrscheinlich
sind auch Nasenabdrücke darunter. die Be-
trachter gehen so dicht an die Fotos heran.
als wollten sie daran schnuppern. Mit allen
Sinnen wird wahrgenommen. auf genommen
und angenommen. was unser Berlin heute
ist.
64 Prount aller Ntu-
bauwohnungen erhiel-
ten Arbeiterfamilien,
jede fünfte bezog ein
junges Ehepaar. Der
Mietpreis beträgt unver-
ändert 0,80 bis 1,20
Marle pro m1.
Mit Berlin-Marzahn,
Berlin-Hohenschönhau-
sen und Berlin-Hellers-
dorf entstanden drei
völlig ntue Stadtbe
zirlu, die ihrer Einwoh-
nerzahl nach Großstäd-
ten vergleichbar sind.
Im Fünjjahrplanzeit
raum 1986 bis 1990
werden durch Ntubau
oder Modernisierung
163 000 Wohnungen
geschaffen - 30 250 da-
von im Jahre 1987- ,so
daß 1990jede Berliner
Familie über eine ei
gene warme, trockene
und sichere Wohnung
verfügen kann.
Bis 1990 kommen 2092
Unterrichtsträume,
32 U8 Kindergarten-
und 12 640 Kinderkrip-
penplätze sowie 5600
Plätze in Feierabend-
und Pflegeheimen
hinzu.
Weitere Erholungs-
möglichluitenfür die
Berliner werden u. a.
mit der Anlage von
20 000 KleinRärten bis
1990 geschaffen. Im
Stadtbezirk Hohen-
schönhausen entsteht
ein Naherholungspark,
1987 lädt erstmals die
Berliner Gartenschau in
Marzahn zum Besuch.
SEITE 35
BERLIN
IN DATEN
SEITE 36
Der am 8. Juni 1986 gewählten
Stadtverordnetenversamm/ung
gehören 225 Abgeordnete an,
darunter 110 Arbeiter,
76 Frauen und 27 Jugendliche
unter 25 Jahren. 56 Abgeord-
nete wurden von der SED nomi-
niert.je 22 von der CDU, der
LDPD, der NDPD und der
DBD. Die übrigen 81 wurden
von Massenorganisationen vor-
geschlagen: dem FDGB, der
FDJ, dem DFD, dem Kultur-
bund und der VdgB. Den JJ
Stadtbezirksversammlungen ge-
hören 2135 gewählte Volksver-
treter an. In 167 ständigen
Kommissionen der örtlichen
Staatsmacht sind mehr als 3300
Bürger tätig.
Mehr als 15 ()()() Berliner neh-
men in den 610 Wohnbezirks-
ausschüssen der Nationalen
Front an der Leitung gesell-
schaftlicher Angelegenheiten im
Wohngebiet teil.
5320 Bürger sind als Schöffen
und 18 ()()()als Mitglieder der
über 1800 gewählten Konflikt-
kommissionen an der sozialisti-
schen Rechtsprechung beteiligt.
Den gewählten Elternvertretun-
gen der Berliner Schulen gehö-

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ren über 42 800 Mütter und Vä-
ter an.
In der Bürgerinitiative »Mach
mit« haben sich die Berliner für
1987 u. a. vorgenommen, 6()()()
Wohnungen älterer Bürger
neuen Glanz zu geben,
1400 Wohnungen zu moderni-
sieren, 450 ()()() Quadratmeter
Grünflächen anzulegen und
50 ()()() Bäume zu pflanzen.
NBI 1987

Für die Augen
nicht vergessen machen
Er schuf die Denkmale für die antifaschistischen Kämpf er in Buchenwald, Mauthausen,
Ravensbrück, Berlin; Fritz Cremers künstlerisches Werk ist Mahnung und Bekenntnis zum Leben.
•Ich bin nun mal durch
Etfahnmg und E1*ennt-
nis auch ein betont
politisch Denkender.
So fühle ich mich nicht
nur berechtigt, sondern
auch rerpflichtet, zu
gesellschaftlichen Er-
eignissen, die ich di-
rekt oder indirekt er-
lebe, meine Ansicht zu
iu/Jern. Dabei geht es
mir hauptsächlich um
die geistige Herausfor-
derung des Betrach-
ten.•
D
as erste Mal durchJitt dieser Mann in
Berlin den Tod. Der beute 80jährige
weltbekannte Bildhauer Fritz Cremer
hatte damals, 1937, in der Porträtbü-
ste »Kopf eines sterbenden Soldaten«
sein Antlitz abgebildet. »Ein
Mensch«, wie der Schriftsteller Günther Rücker
Jahrzehnte später tief berührt sagt, »beschreibt
sich im Augenblick des Todes, eines Todes, den
er erwartet. Wenn er ihn nicht treffen sollte, wäre
es ein Glück, aber gegen jede Vernunft, denn es
war eine Zeit des Todes für seinesgleichen.«
Cremers bildgewordene Mahnung war von den
Ereignissen j ener Zeit des Faschismus geprägt.
Der junge Fritz Cremer, Ende der sogenannten
goldenen zwanziger Jahre nach Berlin gekom-
men, beobachtete wachen Auges seine Zeit. die
immer mehr aus den Fugen geriet. Erlebte den
braunen Aufmarsch, die »Nächte der langen
Messer«, faschistischen Terror und nackte Ge-
walt. Und diese Ereignisse ließen ihn leiden und
verzweifeln, widerstehen und handeln. Sein Mit-
tel war die Kunst. und für den, der sehen wollte,
war es Kunst im Widerstand. Als er 1936 das Re-
lief »Trauernde Frauen« vollendete, wurden
staatspolizeiliche Untersuchungen vorgenom-
men. Dennoch erhielt er für dieses Werk, damals
in Freundeskreisen unter dem Titel »Gestapo«
bekannt. den Preußischen Staatspreis. Zweifels-
ohne war dies auch eine oppositionelle Ent-
scheidung einiger Akademiemitglieder gegen die
völkisch ausgerichtete Kulturpolitik der Nazis.
Doch jene Auszeichnung trübte nicht Fritz Cre-
mers Blick auf die brutale Realität, der wenige
Jahre später seine Freunde und Genossen, unter
ihnen Walter Husemann und Oda Schottmüller,
Elisabeth und Kurt Schumacher, zum Opfer fie-
len. Die Erfahrungen dieser Zeit formten in ihm
jenes künstlerische Programm, dem sich Cremer
zeitlebens verpflichtet fühlt. Gegen das Unrecht
anzugehen, wo auch immer es geschieht, gegen
die Feinde der Menschlichkeit sieb zu erheben.
SEITE 38
Fritz Crcmers künstlerisches und politisches
Credo ist ablesbar an Skulpturen und eindringli-
chen Denkmalen: den Geschlagenen und Kämp-
f enden, den Aufsteigenden und Stürzenden, den
Siegern und den Opfern. Viele kennen sein Bu-
chenwald-Denkmal oder das Mauthausen-Mahn·
mal »0 Deutschland, bleiche Mutter«, den »Ga-
lilei« und den »Aufsteigenden«, die Ravensbrük-
kcr Müttcrgruppc oder die vor wenigen Jahren
geschaffene Grafikfolge »Für Mutter Coppi und
die Anderen, Alle!«
Als die NBI vor drei Jahren in ihrer Serie »Erin-
nerung für morgen« erstmals diese Blätter der
Öffentlichkeit vorstellte, sagte uns Fritz Cremcr:
»Ich wollte das, was ein Teil meiner unmittelba-
ren Genossen mit ihrer tiefsten und wahrhaftigen
Überzeugung zu Ende taten, nicht nur in ge-
schriebenen Worten, sondern auch für die Augen
nicht vergessen machen.« Es sind Bilder mensch-
lichen Leids und unfaßbarcr Brutalität, klagend
und aufschreiend, mahnend und protestierend.
Die Schicksale seiner Freunde, Mitglieder der
Widerstandsgruppe Schulze-Boysen-Harnack,
die in Plötzcnsec gemordet wurden, sind er-
schreckend, geben aber auch Zeugnis von der
Größe dieser Menschen, von ihrem Kampf gegen
Terror und Unrecht. Sie hatten ihr Leben einge-
setzt für eine menschliche Zukunft, die sie wie
viele andere nicht mehr erleben konnten. Diesen
Helden fühlt sich der Künstler und Kommunist
Fritz Cremer immer wieder verpflichtet; er ver-
folgt ihre Lebensschicksale und wird von deren
Lebensschicksalen verfolgt. Und so entstand eine
Kunst aus Engagement und Erkenntnis, die nicht
museal, sondern gegenwärtig ist. Die Vergangen-
heit ist aktuell, sie fordert den Künstler immer
wieder heraus. In fünf Punkten bat er für sich
selbst und zur Beurteilung seiner Zeitgenossen
die Feinde der Menschlichkeit, »die keine Natur-
gesetze sind(<, so beschrieben: Ausbeutung und
Krieg, Armut und Rassenverfolgung, direkter
oder indirekter Mißbrauch von Religion. Aus

In der Portrltbüste
•Kopf eines strrbenden
Soldaten« ist Fritz
Clemen 5"/bstbildnis
zu triennt!!ll.
R«hts: Dieses Blatt,
darstellend Mutter
Coppi WJt' dem Fries
des PergamonaltatS,
stanmt aus der Grafik-
folge mir Mutter
Coppi und die Ande-
ren, Allel•.
Fotos: Ludwig /laJdr (1),
An:hw
dieser Siebt beurteilt er die Haltung der Künstler
und bekennt sich gleichsam, wie in vielen seiner
sinnenvollcn Plastiken und Grafiken erkennbar,
zum Leben, zur Freude, Farbe, Liebe, Schönheit.
Gesellschaftliches Eingreifen und LcbenwolJen
gehören für ihn zusammen.
Wer Fritz Crcmer kennt und seine Kunst, weiß
von seiner unmißverständlichen Aufforderung,
dialektisch zu denken. Für manche mag seine for-
dernde Art ungewöhnlich, unbequem sein. Kon-
rad Wolf bezeichnete ihn als einen Arbeiter in
der Kunst. der nicht begafft zu werden wünscht.
Crcmcr selbst zitiert oft Freund Brecht. demnach
man nicht »glotzen(<, sondern »sehen« müsse.
Sehen, um zu erkennen, immer wieder, unermüd-
lich, mit allem Risiko, sich nicht schonend.
Crcmers jüngstes Werk, das vor dem Berliner
Ensemble stehen wird, belegt des
Künstlers Ansicht. Er nennt es ein »Mal zum
Denken«: Bertolt Brecht, fast zu ebener Erde auf
einer Bank sitzend. Das Steinrondell, eine Dreh-
bühne assoziierend, ist mit Cremcrschen Zeich-
nungen zu Brcchts dialclctiscbcr Theaterarbeit
umsäumt. Dahinter drei Säulen, die Grundele-
mente der Dialektik - These, Antithese, Synthese
- symbolisierend. Auf den Säulen sind Zeugnisse
dialektischen Denkens eingraviert. von der An-
tike bis zur Gegenwart. Brecht lädt mit Cremer
den Besucher ein. Nehmt Platz! Vielleicht auch
zum Denken.
Bei dieser Arbeit wird Crcmcr auch an folgenden
Gedanken Brecbts erinnert worden sein: »Die
Völker, die sich eine sozialistische Wirtschaft er-
kämpft haben, haben eine wunderbare Position
bezogen, was den Frieden betrifft. Die Impulse
der Menschen werden friedlich. Der Kampf aller
gegen alle verwandelt sich in den Kampf aller für
alle. Wer der Gesellschaft nützt, nützt sich selbst.
Wer sich selbst nützt, nützt der Gesellschaft. Gut
haben es die Nützlichen, nicht mehr die Schädli-
chen.((
Joachim Maaß
NBI 1987

NBI 1987
SEITE 39
E
nde August 1983 besuchte
ich Berlin. Es war nur ein
kurzer Aufenthalt, aber der
herzliche Empfang und die mir von
den Berliner Bürgern erwiesene lie-
benswürdige Gastfreundschaft sind
mir noch gut in Erinnerung.
Der Zweck meines Besuches war,
dem Vorsitzenden des Staatsrats der
Deutschen Demokratischen Repu-
blik, Herrn Erich Honecker, für
seine Anwesenheit bei der Enthül-
lung des Denkmals »Statue der Völ-
kerfreundschaft« im Mai 1981 zu
danken und der Eröffnungszeremo-
nie der Ausstellung »Hiroshima-Na-
gasaki Atombombe« in Magdeburg
beizuwohnen.
In der DDR traf ich mit dem Vorsit-
zenden Honecker, den Bürgermei-
stern von Berlin und Magdeburg und
zahlreichen anderen Menschen zu
Gesprächen zusammen. Ich war von
der heißen Friedenssehnsucht, die
die Bürger Berlins erfaßt hat, tief be-
eindruckt; das sind erfahrene Kriegs-
nöte. Die Bürger von Nagasaki ha-
ben unnachgiebig zur Abschaffung
der Kernwaffen und zur Schaffung
echten Friedens aufgerufen, und
während meines Berlin-Besuches er-
kannte ich, daß unsere beiden Städte
die gleichen Sehnsüchte teilen.
Bei der Stadtbesichtigung beein-
druckte mich die vorzügliche Restau-
Nagasaki
rierung der Stadt und die große
Energie der Bürger der Deutschen
Demokratischen Republik. Ich be-·
wunderte auch die Anstrengungen,
die gemacht wurden, um die traditio-
nelle Kunst und Kultur Berlins zu er-
halten und späteren Generationen
weiterzugeben. Ein unvergeßliches
Erlebnis war eine Bootsfahrt auf ei-
SEITE 40
Gäste lassen
nem See mit dem Berliner Bürger-
meister und die Schönheit und
Größe der Landschaft, die uns um-
gab.
Zum 750. Jahrestag der Gründung
der schönen Stadt Berlin möchte ich
meine herzliche Gratulation ausspre-
chen und auch meine besten Wün-
sche, daß Ihre Stadt weiterhin als ein
internationales Friedenszentrum ge-
deihen möge.
Hitoschi Motoschima
Bürgenneister von Nagasaki
M
eine erste Begegnung mit
Berlin liegt fast ein halbes
Jahrhundert zurück und
ist mir in wenig angenehmer Erinne-
rung. Nach Absolvierung der Mittel-
schule schickte man uns »Matu-
ranten« zu einem Besuch nach Ber-
lin. Es war im Frühjahr 1939, und
der Zweck der Reise war wohl, den
»ins Reich heimgekehrten« Österrei-
chern den gebührenden Respekt vor
der »Reichshauptstadt« beizubrin-
gen.
Zwischen meinem ersten Besuch und
meinem nächsten liegen 31 Jahre.
Welche Jahre! Im Sommer 1970 war
ich in Berlin zu einem Vortrag einge-
laden - es war gleichzeitig mein er-
ster Besuch in der DDR. Abgesehen
von der ehrenden Einladung war ich
- ich muß es gestehen - mit ge-
mischten Gefühlen gekommen. Ob-
gleich trotz allen >>Informationsnot-
standes« auch in Österreich bekannt
geworden war, welch' neuer deut-
scher Staat mit der Gründung der
DDR entstanden war, fiel es doch
nicht leicht, sich ganz von Ressenti-
ments und Vorurteilen freizuma-
chen, die ihre Wurzel in leidvoll er-
lebter Geschichte hatten; und Berlin
war nun einmal für viele von uns das
Symbol erst des preußisch-deutschen
Militarismus und dann des Hitlerfa-
schismus gewesen.
Aber zugleich war ich mit einer gro-
ßen Neugierde gekommen: Sollten
hier Anzeichen zu finden sein, daß
es gelungen war, die Vergangenheit
zu überwinden, so mußte das für den
ganzen neuen Staat gelten.
Soll ich heute, nach mehr als einund-
einhalb Jahrzehnten, meinen damali-
gen Eindruck zusammenfassen, so
läßt er sich am besten mit den Wor-
ten: Sauberkeit, Kargheit, Strenge
wiedergeben. Unübersehbar - selbst-
verständlich! - die Folgen der
Kriegszerstörungen; unübersehbar
aber gleichermaßen das systemati-
sche, planmäßige Bemühen des Wie-
deraufbaus.
Wien
Im Herbst 1971 erfolgte die Grün-
dung der Freundschaftsgesellschaft
Österreich - DDR. Von da an hatte
ich als Präsident dieser Organisation
durchschnittlich zweimaJ im Jahr
Gelegenheit. Berlin einen Besuch ab-
zustatten. Dabei kam mir der Vorteil
zugute, den gelegentliche Besucher
im Vergleich mit ständig Anwesen-
den haben: ich konnte die schritt-
weise gemachten Fortschritte leichter
erkennen und beurteilen. Aus dieser
»bildrafferartigen« Betrachtungs-
weise konnte das Erreichte deutli-
cher und eindrucksvoller gesehen
werden. Das bezieht sich nicht al-
lein, ja vielleicht nicht einmal in er-
ster Linie auf den Wiederaufbau
durch Schaffung neuen Wohnraums,
obgleich hier die Erfolge besonders
imponierend sind; vielmehr fällt auf,
wie sehr die Hauptstadt der DDR
ein von pulsierendem Leben erfüllter
Ort geworden ist; das Angebot an
künstlerischen und kulturellen Ereig-
nissen kann sieb mit jeder Metropole
Europas messen.
Mit einem Wort: ich habe in diesen
Jahren Berlin lieben gelernt! Jetzt,
da ich es aufschreibe, staune ich
selbst ein wenig darüber, wenn ich
den Ausgangspunkt bedenke.
Hofrat Prof Dr. Friedrich Epstein
D
as erste Mal kam ich nach
Berlin kurz nach dem
Kriege. Welch ein trostloser
Eindruck! Überall nur Ruinen, ein
Trümmerhaufen. Damals hätte ich
nicht geglaubt, daß diese Stadt bald
meine zweite Heimat werden, daß
ich sie lieb gewinnen würde.
1955 erhielt ich überraschend ein En-
gagement ans Berliner Ensemble. Ich

erinnere mich noch genau: Wir saßen
im kleinen Garten des Theaters am
Schiffbauerdamm, Bertolt Brecht,
Helene Weigel und andere Schau-
spieler. Es war unser erstes Zusam-
mentreffen. Sie kannten mich aber
aJle aus dem Film »Salz der Erde«,
den ich in den USA gedreht hatte.
Nach einer kurzen Unterhaltung, in
der Brecht sich nach meinen zukünf-
tigen Arbeitsplänen erkundigte,
sagte er: »Warum bleiben Sie nicht
hier, um mit uns zu arbeiten? Wir
sind gerade dabei, die >Ziehtochter<
von Ostrowsk:i auf die Bühne zu
bringen, und haben noch keine
Schauspielerin für die Titelrolle.«
So begann der schönste und reichste
Abschnitt meines Lebens. In Berlin
waren damals zwar die Schäden des
Krieges noch überaJI gegenwärtig.
Aber man spürte: Die Bewohner
sind dabei , sich unbeirrt und zielstre-
big eine neue Welt aufzubauen. Die
Zusammenarbeit mit Brecht war für
mich ein unvergeßliches Erlebnis,
seine Ratschläge erwiesen sich als
unschätzbare Hilfe. Leider war diese
Zeit viel zu kurz. 1957 kehrte ich
nach Mexiko zurück.
1985 war ich wieder in Ihrem Land,
besuchte neben Berlin auch Dresden
und Karl-Marx-Stadt. Ich kannte
diese Städte aus der Zeit, als ich mit
dem Film »SaJz der Erde« durch die
DDR reiste. DamaJs erwachten sie
gerade aus den Trümmern. Und
jetzt! Was hatten die Bewohner die-
ses Landes daraus gemacht! Mo-
Mexiko-Stadt
NBI 1987

grüßen Briefe an NBI: Berlin-Besucher erinnern sich
dcrnc Städte - Städte der Kultur,
der Kunst und der Wissenschaften.
Und die Menschen! Ich fand überall
Kontakt, wurde mit Herzlichkeit und
Respekt empfangen, auch von ganz
jungen Menschen, die mich viel-
leicht nur vom Hören kannten. Man-
che älteren Leute kamen zu mir mit
Fotos und Programmen, die ich für
sie vor über 30 Jahren signiert hatte.
Die Begegnung mit Freunden und
ehemaligen Kollegen des Berliner
Ensembles war so, als ob wir uns nie
getrennt hätten.
Ich verließ die Deutsche Demokrati-
sche Republik voll von unvergeßli-
chen Eindrücken von Menschen, die
gut und sicher leben. Von einem
Land, das für den Frieden und den
Wohlstand seiner Bewohner kämpft.
Ich bin sehr dankbar, daß ich die
Gelegenheit hatte, das zu erleben.
Rosaura Revueltas,
Schauspielerin
M
eine Liebe zu Berlin be-
gann, als ich »Goodbyc
to Berlin« von Christo-
phcr lshcrwood las, den vergnügli-
chen doch gefühlvollen Bericht über
die Erfahrungen, die dort ein junger
Engländer des gehobenen Bürger-
tums Ende der zwanziger und An-
fang der dreißiger Jahre machte.
(Später mit Welterfolg unter dem Ti-
tel »Cabaret« verfilmt. d. Red.)
Ich stellte mir vor: gemütliche Gast-
stätten - Kneipen - warme Würst-
chen - leidenschaftliche Gespräche
- sehr linksgerichtete politische An-
sichten - groteske Karikaturen und
verrückte Individualisten.
Meine erste persönliche Begegnung
hatte ich 1964 mit Berlin, wohin ich
von Thcatcrschaffcndcn eingeladen
wurde. Ich war damals Vorstands-
mitglied des Nationaltheaters von
Großbritannien und brachte Plakate
und Programme von unseren für
Ihre Schauspieler. Unser größter
Schauspieler, Sir Laurencc Olivicr,
gab mir eine Botschaft für Brcchts
Witwe Helene Wcigcl. Sie wiederum
lud mich ein, einige der großen
Schauspieler der DDR bei Proben zu
beobachten.
Bei weiteren Besuchen war es nicht
nur das Theater, das mir gefiel, wo-
bei ich sagen muß, daß die Komi-
sche Oper eine Einrichtung ist, die
ich gerne in London sehen würde.
Das Pcrgamonmuscum ist bestimmt
eines der großartigsten Museen in
der Welt, und immer wieder hat es
mich dort hingezogen. Richtig nei-
disch bin ich auf die großen Berliner
NBI 1987
Seen und sehne mich nach einer die-
ser heißen Sommernachmittagsfahr-
ten bei einem ständig gefüllten Glas
Bier. Auch entzückte mich das Vier-
tel um die Nikolaikirchc und der
Platz zwischen dem Deutschen und
dem Französischen Dom.
Welcher Eindruck, die Berliner in
den S-, U- und Straßenbahnen, in
den Gaststätten und in den Sportsta-
dien zu beobachten oder bei Zusam-
menkünften mit Wirtschaftsfachleu-
ten, Politikern und Wissenschaftlern.
Es ist unhöflich, auf das Alter einer
Dame zu verweisen. Aber nun, da sie
bald 750 ist, ist sie, glaube ich, froh,
die Lebensweise und Zuversicht ih-
rer Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel zu se-
hen, die ich zuletzt im vergangenen
Jahr auf der großen internationalen
Journalistcnvcranstaltung auf dem
Alexanderplatz erlebte. Die großu-
tigstc aller persönlichen Begegnun-
gen, die ich in dieser großartigen
Stadt gehabt habe.
Jl/tyd Harrington,
ehemaliger Vorsitzender des Rates
von Groß-London.
A
n Berlin, an die Berliner
denke ich gern, es verbindet
mich in meinem Leben, in
meiner Arbeit vieles mit dieser Stadt.
Und als ich lange Zeit mehrere hun-
dert Kilometer von unserem Blauen
Planeten entfernt hoch im Kosmos
als Bordarzt in der Orbitalstation Sa-
lut 7 arbeitete, fühlte ich mich mit
meiner Arbeit auf eine bestimmte
Weise auch meinen Berufskollegen
in Berlin nahe. Mehrere Male war
ich Gast in Berlin-Buch, wo ich seit
Jahren mit Medizinalrat Prof. Dr. sc.
mcd. Heine, dem Direktor des Zen-
tralinstituts für Herz-Kreislauf-For-
schung der Akademie der Wissen-
schaften der DDR, und seinen Kol-
legen zusammenarbeite. Ebenso
herzlich empfingen wir die Wissen-
schaftler von der Spree bei uns an
der Moskwa. Meine Kontakte mit
Kollegen in der DDR erweitern sich.
Inzwischen komme ich zu ihnen
nicht mehr nur als ein Kardiologe,
Herzspezialist, sondern auch als Mit-
arbeiter am Programm »lntcrkos-
mos«.
An Berlin erinnern mich aber auch
ganz persönliche Erlebnisse, die bis
in meine Kindheit und Jugend zu-
rückführen, als ich hier einige Zeit
verbrachte. An den Plätzen unserer
Kinderspiele in der damals noch von
Kriegswunden so zemarbtcn Stadt
stehen heute neue Wohnhäuser. Wie
einzigartig und unverwechselbar ist
dieses Berlin, die Hauptstadt der
DDR, geworden!
Jede neue Reise nach Berlin bringt
nicht nur Arbeit, sondern auch Be-
gegnungen mit neuen Menschen,
neuen Genossen und Freunden. Las-
sen Sie mich grüßend sagen: »Ich
wünsche dieser Stadt und ihren
Menschen Frieden und Wohlerge-
hen!«
Dr. med. Oleg Atkow
f1iegerkosmonaut der UdSSR
Moslcau
B
erlin ist mir immer ein Stück
Heimat gewesen, denn meine
Mutter stammt von dort.
Während des Krieges studierte ich
an der Berliner Universität und
sah die Stadt nach und nach in
Trümmer versinken. Im Jahre 1966
besuchte ich dann zum erstenmal
Ihre Hauptstadt, um im Bertolt-
Brecht-Archiv zu forschen. Seither
komme ich regelmäßig jedes Jahr
wieder. Ich habe in Ihrer Hauptstadt
Kollegen kennengelernt und
Freunde gewonnen und habe den
Oxford/Ohio
enormen Wiederaufbau mit verfolgt
- den Wohnungsbau, die Rekon-
struktion der Kulturdenkmäler und
die Verbesserung des Lebensstan-
dards. Ich habe auch mein Stück
Heimat wiedergefunden. Denn wenn
auch viele jetzige Berliner aus ande-
ren Gegenden der DDR zugezogen
sind, so finde ich doch noch immer
den kräftigen Berliner Dialekt und
viele Eigenschaften, die für mich
»typisch berlinisch« sind: den trok·
kencn Humor, eine selbstverständli-
che Hilfsbereitschaft, eine ganz un-
sentimentale Treue und einen reali-
stischen Sinn fürs Machbare. Eine
Figur wie die Wally in dem Film
»Paulines zweites Leben« repräsen-
tiert für mich genau das, was ich an
den Berlinern liebe und schätze und
was mir seinerzeit, in den Bomben-
nächten, das Durchhalten erleichtert
hat. Ich bin sicher, daß diese schöne
Tradition in Ihrer Hauptstadt wei-
terleben wird, und sende Ihnen
zur 750-Jahr-Feier meine besten
Wünsche.
Dr. Gisela Bohr,
Professor of German,
Miami University
SEITE 41
r11 r J t J t t 11111 !l·
t111of rattc.
„ ....... a.. ,....,.. 1 .... 1 .... „
~ ·   I I \ . ...... _,,.._ t

Es ist ein geschichtsträch Piiaster, diese Meile
rund um den heutigen Marx-Engels-Platz.
1848 ist auch hier die ArbeiterkJaise zum t!l'Stenma mit einem
Prognmn angetreten, das jahrluKJertealt Hoffnungen AUSdruck
rerlieh, das den Enttechteten Arbeit und Brot rerhie8,
der ganzen Gesellschaft ein Leben frei von Existenzangst
u n   ~ den Nachbamlkem das Ende der Furcht
W1t' Überflll und Expansion.
Nach hundertjährigem Kampf der Weltveränderer
gegen tfe Welteroberer wurde im Herzen Berlins der deutsche
Arbeiter-und-Bauernstaat geboren.
. -
Spuren ins Heute
SEITE 44
Hennann Kant:
Denn wir haben ge/emt
ie Kämpfe unserer Zeit sind die
Folgen und sind die Vorläufer
anderer Kämpfe. Dem, was ist,
werden wir nur gerecht, wenn wir
nicht vergessen, was war und was
werden soll. Geschichtsbewußtsein,
wir führen das Wort vielleicht schon
zu oft und zu unbedacht im Munde,
o ist es in Gefahr, zu einem fugen-
lo verglätteten Begriff zu werden.
Es handelt sich aber um das Bewußt-
sein von der Ge chichte, e handelt
sich darum, bewußt in der Ge-
schichte zu sein, sich seiner in der
Ge chichte bewußt zu sein. Um Wi -
sen und Gewis en geht e da. Wo
man von Ursachen weiß und auf
Folgen sieht und sich zu Folgen und
L rsachen eine Haltung macht. dort
ist Geschichtsbewußtsein - eine Hal-
tung für die Kämpfe unserer Zeit. So
werden Jahrestage nützlich: indem
man sich bei ihrer Gelegenheit um-
sieht, in die Programme und in die
Bilanzen, in die Erfolgslisten und in
die Vertu tlisten.
von Geschichte. Ein paar hunden
Schritte in den Zirkel genommen
und einen Kreis um den Sitz der
höchsten Volltsvertretung und um
den Palast der Republik geschlagen
- was für eine Rundmeile voll Ge-
schichte, was für eine Kreisfläche,
geprägt von den Kämpfen verschie-
denster Zeiten stellte sich dann her!
enn man den Punkt sucht, an
dem - nach aller Kenntnis
zum ersten Mal in Berlins
Geschichte - das Volk der ihm auf-
gezwungenen kurfürstlichen Macht
und deren Söldnern kräftig Zähne
und Fäuste zeigte und kräftig Ge-
brauch machte von den Fäusten,
beim sogenannten »Berliner Unwil-
len« vor über fünfhundert Jahren -
wenn man den Punkt suchte, hier,
unter unseren Füßen, hätte man ihn.
Und hätten wir das millionenfach
feinere Gehör, von dem Stephan
Hennlin einmal gesprochen hat und
von dem er meinte, mit seiner Hilfe
würde »uns ein erschütterndes, uner-
trägliches Chaos von Lauten aus
Jahrtausenden erreichen. In diesem
Lautchaos würde das Gebrüll von
Sterbenden und der Schrei von Neu-
geborenen sein . .. « - hätten wir das
Dieser Platz ist ein Ballungsraum Gehör, so vernähmen wir in dem en-
NBI 1987

gen Zirkel, den wir um uns gezogen
haben, das Triumphgeschrei der Ber-
liner Bürger von 1448 wie den Tri-
umphgcsang der Berliner Bürger von
1848, die just an dieser Stelle den
König gezwungen hatten, seinen Hut
vor den Revolutionstoten zu ziehen.
Wir hören beißende, zerreißende
Flammen, und wir riechen brennen-
des Papier und brennendes Flei eh
und sehen weit im Osten brechendes
Licht. Und alles hat miteinander zu
tun, und fast alles war von diesem
Platz aus mit wenigen Schritten zu
erreichen.
enige Schritte von hier, dort
ungefähr, wo sich die Touri-
sten am Brunnen fotografie-
en lassen, erhob sich im Jahre 1510
ein bemerkenswertes dreistöclcigcs
Gerüst, entworfen vom Berliner
Scharfrichter, e r   ~ h t und errichtet,
achtunddreißig Juden, deren Schuld
es war, Juden zu sein, öffentlich so
zu verbrennen, daß sie einander
beim Feuertod zusehen konnten,
vom ersten hinauf in den zweiten
und dritten, vom dritten hinab in den
zweiten und ersten Stock des sinnrei -
chen Mordgebäudes - Treblinlta,
sieht man, hat früh begonnen, und
Auschwitz., so lesen wir Prozeßbe-
NBI 1987
richte, ist noch nicht zu Ende. Aber
bleiben wir bei den anderen Kämp-
fen der Zeiten, die in diesem Zirkel
ihre Zeichen ließen.
it unserem überschärften Ohr
hören wir hinter der Oper
das Johlen der Menge und
das Jaulen der Flammen, wenn dort
im schönen Monat Mai von den vie-
len schönen deutschen Büchern viele
der schönsten und vielleicht auch
viele der deutschesten verbrennen.
Und fast ein Jahrzehnt später, ein
Jahrzehnt näher an uns heran, ist
noch einmal Feuer, gleich in unserer
Nähe. Ober die Straße dort, im Lust-
garten, brennt eine Ausstellung, mit
der die Nazis rechtfertigen wollen,
warum sie die Welt angezündet ha-
ben. Es sind junge Leute um den
Jungkommunisten und Elektriker
Herbert Baum gewesen, die dieses
Schandmal zerstörten. Sie haben es
mit ihrem Leben bezahlt, denn auch
das gehört zum Kampf, wenn die
Zeiten es so wollen.
ber die Zeiten, die Geschichte,
will einmal auch anders : Schon
sechs Jahre nach dem Unter-
gang der Gruppe Baum spricht im
selben Lustgarten, das war am
30. November 1948, der Genosse
Wilhelm Pieck über die Bildung der
demokratischen Verwaltung von Ber-
lin. Und wären da nicht in eim:m an-
deren Mai welche gekommen, auch
sie über die Straße, von der ein Teil
den Durchmesser hergibt zu uns"trem
Kreis, wären nicht die Soldaten mit
den roten Fahnen, den roten Ster-
nen, den roten Liedern und den blu-
tigroten Verbänden in unseren Kreis
getreten, wer weiß, was dann noch
übrig wäre von uns.
Aber wir sind da, wir sind tätig, und
wir sorgen, daß der Bereich um uns
herum ein Friedenskreis bleiben
wird. Denn wir haben gelernt. Das
kreisrunde Areal, in dessen Mitte wir
uns befinden, ist voll Spuren derer,
an die wir uns halten. Schließlich ist
Marxens Universität in der Nähe,
die auch die Universität Hegels und
Fichtes und der Humboldts war.
Schließlich ist Llebltnechts Balkon in
der Nähe. Schließlich ist da unten
der Heine herumgelaufen, hat da
drüben der Gottfried Keller gewohnt
und da hinten der Lessing logiert.
Und schließlich, aber wirklich nicht
zuletzt, hört unser überscharfes Ohr
die Schwüre der Jugend noch, die
auf dem Platz hier unten, dem Marx-
Gruß der jun-
gen Generation
an die Partei
der Arbeiter-
klasse - Mani-
festation der
FDJ zum
XI. Parteitag
....___...a......;.;.., der SED
Engels-Platz., gesprochen worden
sind, den Schwur, dem Frieden die
Treue zu halten und ihn zu verteidi-
gen, den Schwur, ein neues Leben
aufzubauen und es zu verteidigen,
den Schwur, die Humanität zu ver-
teidigen.
laue Fahnen nach Berlin, haben
wir gesungen - die blauen Fah-
nen sind hier und bleiben hier.
Und die roten dazu.
Du hast ja ein Ziel vor den Augen.
haben wir gesungen - wir haben das
Ziel immer noch vor Augen: wir sind
ihm näher gekommen und sehen es
genauer.
Bau auf, bau auf, haben wir gesun-
gen - und ob wir aufgebaut haben!
Wir sind immer noch dabei.
Aber von den vielen Liedern, die wir
gesungen haben und die auf ihre Art
auch Schwüre waren, wollen wir das
eine nicht vergessen, da mit den
Worten endet : )> Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.<<
(Aus einer Rede, gehalten vor dem
VIII. Schriftste//erlcongreß der DDR,
für unser Sonderheft bearbeitet und
autorisiert)
SEITE 45
Volker Schielke:
Die Schicksale der
Friedensgöttin
s ist ein Berliner Wahrzeichen
geworden, das massive Tor mit
dem trabenden Viergespann und
der grazilen Göttin, die die edlen
Ro sc bändigt. »Die gute Frau hat
auch ihre Schicksale gehabt«, meinte
einst Heinrich Heine in einem Brief
aus Berlin, »man sicht's ihr nicht an,
der mutigen Wagenlenkerin.«
Wie wahr: Gespann und Lenkcrin
haben ihre Schicksale gehabt, und
das schrecklichste konnte der Dich-
ter nicht vorau ahnen. Man sieht es
ihr, muß man heute sagen, nicht
mehr an, der Friedensgöttin auf dem
Brandenburger Tor, für die die
schöne Schmicdcstochtcr Ulrike Jury
au dem Berliner Bullenwinkel ein-
mal Modell gestanden. Man sieht sie
nicht mehr, die Wunden, die Ge-
schosse geschlagen, die Verstümme-
lungen, die Granaten hintcrlas cn
hatten. Als sowjcti ehe Soldaten am
1. Mai 1945 ihre rote Fahne auf dem
Tor hißten, war von Pferden, Wagen
und Lenkcrin ein kümmerlicher
Spuren
Schrotthaufen geblieben. Aber sie ist
wicdcrcrstandcn, die Quadriga, die
nach dem Willen des Baumeisters
Langhans den »Triumph des Frie-
dens« vorstellen sollte. Sie ist stärker
geworden, kraftvoller mit ihrer Neu-
geburt ; stärker das Kupfer, aus dem
sie getrieben, kraftvoller der Ge-
danke, für den ic gc chaffcn.
1 Heinrich Heine dem Bcrlin-
Bcsuchcr empfahl, vor dem
Brandenburger Tor stille zu
stehen und die Göttin »da oben« zu
betrachten, waren erst wenige Jahre
vergangen, cit sie auf ihren luftigen
Platz zurückgekehrt. Nach dem Sieg
über Preußen bei Jena und Aucrstcdt
und Napoleons triumphalem Einzug
in Berlin hatte sie dem Korsen, den
Berliner Temperament darob einen
»Pfcrdcdicbcc nannte, nach Pari fol-
gen müssen und acht Jahre im er-
zwungenen Exil verbracht. Doch was
war schon dieser Paris-Aufenthalt
der »guten Frau«, wie Heine sie
nannte, gegen das traurige Ende, das
sie im April 1945 genommen?
Ein »Tor des Frieden << wollte Carl
Gotthard Langhan erbauen und auf
dem Attikarclicf den Sieg des Frie-
dens über den Krieg dargestellt ha-
ben. Achtzig Jahre nach der Vollen-
ins Heute
dung des Bauwerks ziehen staubbc-
dcckt Eskadronen und Bataillone
durch Brandenburger Tor, zurück-
gekehrt aus dem Krieg gegen Frank-
reich, in dem sie Elsaß-Lothringen
für das neue deutsche Reich erobert
und die Pariser Kommune im Blut
erstickt haben. Die Göttin da oben,
die auf den Zug hinunterschaut, an
dessen Spitze der in Versaille ge-
kürte Kaiser reitet, wird nun eine de
Sieges geheißen.
Noch viele Soldaten wird sie dort
unten paradieren sehen, in unter-
schiedlichsten Uniformen, erst blau
und rot mit funkelndem Gold, päter
dem Felde angepaßtes Grau. Und sie
wird Worte von Donnerhall,
Schwertgeklirr und Wogcnprall ver-
nehmen, hören, daß sie gegen Engc-
land fahren und siegreich Frankreich
schlagen, daß sie schließlich, weil ih-
nen heute Deutschland und morgen
die ganze Welt gehöre, wcitcrmar-
chicren wollen, bis alles in Scher-
ben fällt. Und dann fällt ja auch sie.
wcimal in diesem Jahrhundert
sieht unsere Göttin Soldaten
hinausziehen, die Welt, zumin-
dest große Teile von ihr, zu erobern;
zweimal geht von dieser Stadt, von
diesem Land ein furchtbarer Krieg
aus. Die Liaison zwischen Militär,
das mit Glanz und Gloria paradiert,
und Kapital, da auf Schau tcllung
meist verzichtet, kostet die Völker
unsäglich viel Leid und Blut.
Doch unsere Göttin hat auch andere
Züge durchs Brandenburger Tor
kommen sehen, Menschen, die rote
Fahnen trugen, die Arbeit forderten
und Brot und Völkerfrieden.
Während des Krieges, in dem das
imperialistische Deutschland gebo-
ren wurde, sandten sie ihren franzö-
sischen Klassengenossen Botschaf-
ten des Friedens und der Freund-
schaft. »Diese einzige große Tatsa-
che, ohnegleichen in der Geschichte
der Vcrgangcnhcitcc, bemerkte dazu
der Mann in London, der dem
Kampf der Arbeiter das wisscn-
schantiche Fundament gab, »eröff-
net Aussicht auf eine hellere Zu-
kunft. Sie beweist, daß, im Gegen-
satz zur alten Gesellschaft mit ihrem
'
ökonomischen Elend und ihrem
politischen Wahnwitz, eine neue Ge-
sellschaft entsteht, deren internatio-
nales Prinzip der Friede sein wird,
weil bei jeder Nation dasselbe Prin-
zip herrscht - die Arbeit!«
ls un crc Göttin nach ihrem
schwersten Schicksalsschlag
wiedergeboren wurde, waren
jene die Bauherren des Brandenbur-
ger Tores, die sich im Kampf für das
Glück des Volkes als die Standhafte-
sten gezeigt und unter faschisti ehern
Terror am meisten gelitten haben. Im
Herzen Berlins hatten sie 1918 die
Kommunistische Partei gegründet
und 1946 die beiden Arbeiterpar-
teien zu einer großen Kraft vereint.
Nun errichteten sie auf deutschem
Boden jene Gesellschaft, von der
Karl Marx gesprochen hatte. Das
Prinzip Friede wußten ie zu vertei-
digen; nicht zuletzt als andere davon
träumten, daß die Bundeswehr mit
klingendem Spiel durchs Branden-
burger Tor ziehen könnte. Am
13. August 1961 chufcn sie an der
Staatsgrenze klare Verhältnis c. Sie
retteten den Frieden und erteilten
eine Lektion in politischem Realis-
mus. Zu Füßen der Friedensgöttin
scheiterte Politik der Stärke, zerbar-
sten gefährliche Illusionen, wurde
anderen Einsicht   daß es
zu friedlicher Koexistenz keine ak-
zeptable Alternative gibt.
Könnte unsere Göttin reden, ic
würde zu olchcr Vernunft mahnen.
Und kennte sie den Heine, 1c würde
meinen, es ci nun de chlimmcn
Schicksals genug gewesen.
Fotos: Th. Sandberg. ZB. Archiv.
Fotografik: Joachim Jansong
- - -
SEITE 47
D
ie fabelhafte »ZOS-Ameise« ist
Günter Butzlce nicht unbe-
kannt. Seit Jahren arbeitet der
Bereichsleiter aus der Abteilung For-
schung des Werkes für Fernsehelek-
tronik Berlin mit Partnern im Zen-
tralinstitut für Optik und Spektro-
skopie der Akademie der Wissen-
schaften der DDR (ZOS) zusammen.
So weiß er auch vom optischen
Scherz der Wissenschaftler. Unter
dem Elektronenmikroskop vergrö-
ßerten sie die nun wie ein Fabelwe-
sen wirkende Ameise, um einen Win-
zigkeitsvergleich zu demonstrieren :
So klein wie das Auge des Insekts
etwa ist der sogenannte Laserchip,
Herzstück eines optoelektronischen
Bauelementes, das Forscher aus dem
WF und Wissenschaftler der Akade-
mie gemeinsam entwickelten und in
die Produktion überführten. Die
Größe der mit dem Nationalpreis ge-
würdigten Leistung steht im umge-
kehrt proportionalen VerhäJtnis zur
Winzigkeit des Laserchips. »Der
Vergleich mit dem Auge der Ameise
veranschaulicht die neue Qualität
optoelektronischer Bauelemente«,
benutzt Günter Butzlce das Bild, um
den unaufhaltsamen Vorstoß in die
Winzigkeit als ein Merkmal vieler
Hochtechnologien zu beschreiben.
Ein Laser ist gewöhnlich eine ziem-
lich kompakte technische Anlage,
mit deren Hilfe Liebt verstärkt und
seine Energien so gebündelt werden,
daß mit dem Strahl selbst stärkste
Stahlplatten zu durchbohren sind.
Auf die Idee jedoch, einen Laser im
Mikrobereich, im Halbleitennaterial
zu erzeugen, waren sowjetische Wis-
senschaftler bereits vor Jahrzehnten
gekommen. In enger Beziehung zu
ihnen erforschten auch Wissen-
schaftler unserer Akademie beharr-
lich den Miniaturlaser. Denn weit·
weit entwickelte sich die Llchtleiter-
nachrichtentechnik - die Übertra-
gung von Bild, Text und Ton per
Glasfaser - die auf ein geeignetes
Sendeelement angewiesen ist. fie-
berhaft wurde seit Beginn der 70er
Jahre daran gearbeitet.
Dieses Sendeelement ist ein Laser-
chip. Er wandelt elektrische Signale
in optische um und sendet je Se-
kunde Millionen solcher Lichtim-
pulse durch eine Glasfaser. Am
Ende der Lichtleitung werden die
optischen Signale dann wieder in
elektrische umgewandelt. Das lei-
stungsstarke Laser-Schnippelchen
mißt nicht mehr als 0,2 mal 0,4 mal
0,1 Millimeter. Es steckt zusammen
mit einem Minikühlsystem, das eine
Arbeitstemperatur von 25 Grad Cel-
sius garantiert, und anderen Bauele-
menten in einem Gehäuse. Dieser so-
genannte La ennodul ist eine minia-
turisierte Lichtfabrik, die Spitzenlei-
stungen aufweist.
SEITE SO
»Unsere Technologie, solch einen
Spitzen-Chip in Serie herzustellen,
beruht sowohl auf den Forschungs-
ergebnissen der WissenscbanJer als
auch auf dem technischen Know-
how des Werkes für Fernsehelektro-
nik«, erklärt Günter Butzlce und ver-
weist auf eine lange Tradition in der
Zusammenarbeit mit wissenschaftli-
chen Institutionen und die reichen
technologischen Erfahrungen im
WF. Sein Betrieb war 1951 auf dem
europäischen Kontinent der erste,
der die Serienproduktion von Fern-
sehbildröhren aufnahm. Inzwischen
sind Farbbildröhren das Haupter-
zeugnis. Aus dem WF als Alleinher-
steller von optoelektronischen Bau-
elementen in der DDR kommen op-
tische Sensoren für die Robotertech-
GottfritJd Wil'-lm Leibniz begtiindete
"" n. Juli 1100 die .clufintlich-
Brlndenburgiscfte Societlt der Wis-
  Uber ihte Aufgaben
schrieb er: .Solche Churfint/iche
Societlt müste nicht IUf bio& Curio-
sidt oder Wmens-Bl!gitrde und un-
fruchtbare Experimenta gerichttt
.,,,, sondern """ müste gleich 111-
fangs da Wen:k samt der WISStfJ-
schaft IUf den Nutzen richten«.
nik, alle Anzeigeelemente, die rot,
gelb, grün und orange an Konsum-
gütern aufleuchten, jegliche Bildauf-
nahmeröhren in Fernsehkameras so-
wie die Senderöhren der Post. ..
»Die Schlüsseltechnologie Optoelek-
tronik erschließt sieb laufend neue
Anwendungsgebiete. Um mit dem in-
ternationalen Tempo Schritt halten
zu können, müssen wir alle wissen-
schaftlichen und produktiven Poten-
zen entfalten«, sagt der Forscher aus
dem Werk für Fernsehelektronik.
»Wir hatten den denkbar besten Pra-
xispartner, als es den Mini-Laseref-
fekt technisch nutzbar zu machen
galt«, bekräftigt Dr. Jürgen Frahm
aus dem Akademieinstitut für Optik
und Spektroskopie die Notwendig·
keit, wissenschaftliches und techno-
logisches Wissen zu verbinden.
»Neues erforschen und vorhandene
Kenntnisse praktisch anwenden, ge-
hört zusammen«, meint er. »Man
muß dabei von den Erfordernissen
unserer Zeit und den Bedürfnissen
unseres Landes ausgehen. Theoria
cum praxi lautet das verpflichtende
Motto unserer Akademie, das schon
auf ihren Begründer Gottfried Wil-
helm Leibniz zurückgeht.« Rücken-
wind erhielten die Wissenschaftler
bei ihrem Gang in die betriebliche
Praxis nicht nur durch technisch her-
angereifte Fragen, sondern auch mit
den Beschlüssen des Zentralko-
mitees der SED zur verstärkten Zu-
sammenarbeit der Akademie mit Be-
trieben und Kombinaten. Das führte
zu neuen vertraglichen Regelungen
johlnnes Stroux, der erste Prlsident
der im }6hte 1946 rtiedetaNflmn
Akademie, trillttt in seiner Anspfl-
che: 1IDie Sorge, lii den gemeiffSl-
men Nutzen und die Wohlflhtt des
Volkes zu rieiten, die schon Leibniz
ran im fol'derte, wird ein Chnkter-
zug ihm neuen Wesens sein, der
sich 1US der Einordnung der M,._
mie in den neuen sozialen Aufbau der
Gesellschaft ergibt .•

Im l.6ser-Ubor: Günter Butzie
(rechts) und Dr. Jiirgen Frlhm geh6-
ren zu einem Kollektir ran Prllktikem
und Wissenschlft/em 111$ der Akade-
mie und der Industrie, da Llserdio-
den erlot'SCht und entwickelt.
im beiderseitigen wirtschaftlichen
Interesse.
»Nur mit Hilfe der Wissenschaft
kann Berlin seinen anerkannten
Stand auch in der be-
  sagt Dr. Frahm. Er erin-
nert an große Namen der Vergangen-
heit, an Planck, Helmholtz und Ein-
stein, die für die Entwicklung der
Physik in Berlin und ihre industriel-
len Wirkungen stehen. Werner von
Siemens nutzte schon vor der Jahr-
hundertwende in dieser Stadt das
von ihm entdeckte dynamoelektri-
scbe Prinzip, mit dem Elektrotech-
nik, Funk und Telegrafie überhaupt
erst möglich wurden. Die Berliner
S-Bahn beruht auf Gemeinschaftslei-
stungen von Wissenschaftlern, Inge-
nieuren und Technikern, wie auch
die Gründungen der Elektrizitäts-
gesellschaften der Stadt. Nicht zu.
letzt sind in Berlin moderne elektri-
sche Lichtquellen entwickelt wor-
den. Zwischen 1880 und 1890 ging in
Berlin auf Straßen und Plätzen das
Licht an: 1882 wurde die Leipzi-
ger Straße beleuchtet, 1884 das
erste öffentliche Gebäude der Stadt,
das berühmte »Cafe Bauer« Unter
den Linden. Ab 1885 brannten elek-
trische Kerzen im Schauspielhaus.
Mit der Beleuchtung begann die
Elektrifizierung Berlins, Elektromo-
toren in Fabriken und Werkstätten
beschleunigten den technischen
Fortschritt. Der Ruf nach mehr Licht
und die Anwendung physikalischer
Erkenntnisse waren also frühe
Schlüssel zur industriellen Entwick-
lung Berlins.
Doch die stehen uns
noch bevor: »Mit der Optoelektro-
nik gehen wir einen revolutionieren-
den Weg in der Technik. Unsere
>Lichtfabrik<, der Lasermodul, gibt
dabei wichtige Impulse«, sagt der
Wissenschaftler. Die Optoelektronik
kann Roboter sehend machen, sich
selbst kontrollierende Maschinen
schaffen. Sie wird es den Menschen
ennöglichen, sich schnell und umfas-
send zu informieren, Studioqualität
über Funk und Fernsehen zu emp-
fangen, per Lichtleitung Buchungen,
Bestellungen und Einkäufe zu erledi-
gen.
»Wissenschaftler und Praktiker wer-
den von den faszinierenden Möglich-
keiten dieser neuen Technologie be·
wegt«, sagt Dr. Jürgen Frahm, »da
sie unter sozialistischen Verhältnis-
sen der Volkswirtschaft wie dem ein-
zelnen neue Perspektiven eröffnet,
oder wie Leibniz es einst vor-
schwebte, auf den Nutzen für >Land
und Leute< ausgerichtet ist.«
Text: Ursula
Grafik:
Fotos: Archiv
Farbfoto: Eberhard Klöppel
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An dtr lbn-Engtls-Briäe
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Altag „ der Sptee:
e

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Ein Blick in den Altag Betfins, in die ganze V'telfalt der
LebensiulJerung seiner 1,2 Millionen Einwohner: Geschäftigkeit und
Wohlll!finden, 111f11!$tl't!flgte Arbeit, rerdiente Freizeitfreuden ••• Tag
fii Tag wild hier 132mM Einzug gefeiert, werden Waren im Werte W1t1
über 100 Ailooen Mn eneugt, hohe Leistungen W1t1 der ganzen und
fii die ganze Republik etbtacht.
Einblicke in Struktlnn llJd Potenzen tleser Stadt gibt der folgende
Beitrag des Wlftst:haltspubl Dr. Kid-Heinz Arnold. Einblicke in
Inn Altag rennitteln lllCh die Fotos W1t1 Biktepotter Thomas
SantlJetg, die - ""diesen Seitet1 zusammenstelten.
B
erlin am Morgen. Hunderttau-
sende sind zur Arbeit unter-
wegs. Bahnen und Busse knak-
kend voll, die Straßen von einer vier-
tel Million Autos mehr oder weniger
verstopft. Die Stadt scheint aus den
Nähten zu platzen. Aus angrenzen-
den Kreisen kommen Zehntausende,
um hier zu arbeiten, Einpendler
nennt sie die Statistik. Nicht zuletzt
packen 25 000 Dauergäste gut zu:
junge Bauleute und weitere Fach-
kräfte aus allen Bezirken der Repu-
blik.
Bei 1). Millionen Einwohnern
kommt die Hauptstadt und größte
Industriestadt der DDR auf 670 000
Berufstätige. Das heißt., fast alle Bür-
ger im arbeitsfähigen Alter (67,5 Pro-
zent der Einwohner) stehen im Ar-
beitsprozeß. Und so mancher Berli-
ner im Rentenalter (14,3 Prozent der
Einwohner) ist noch berufstätig.
Unterwegs an diesem Morgen, allein
oder von Eltern begleitet., sind auch
viele Kinder, die insgesamt 18,2 Pro-
zent der Bevölkerung ausmachen:
Sie traben zur Schule, werden in den
Kindergarten oder in die Krippe ge-
bracht.
D
ie Stadt am Morgen - das ist
zuerst eine Leistung des Ver-
kehrswesens. Die fast 1000 Stra-
ßenbahnen Berlins haben die mei-
sten Fahrgäste, 200 Millionen im
Jahr, gefolgt von S-Bahn (167 Millio-
nen), Omnibussen (138 Millionen)

und U-Bahn (89 Millionen Fahrgä-
ste). Tendenz steigend: Das Netz von
S- und U-Bahn wird ausgebaut., wei-
tere Straßenbahn- und Buslinien
kommen hinzu.
Berlin am Morgen - das läßt auf den
ersten Blick erkennen: Hier ist eine
Stadt voll gesunden, kraftvollen Le-
bens. Dies ist eine der wenigen
Hauptstädte der Welt ohne Arbeits-
lose und ohne Obdachlose. Hier sind
die Kinder behütet., und alle können
lernen, sollen lernen und nochmals
lernen, alle haben die gleichen Chan-
cen - ein großer Vorzug unserer Ge-
sellschaft. Dafür sind in den letzten
15 Jahren über 250 neue Schulen er-
richtet worden - eine in der Ge-
schichte Berlins beispiellose Lei-
stung. (Zum Vergleich: In den 75
Jahren von 1870 bis 1945 wurden 127
Schulen gebaut.)
D
ies ist eine Stadt mit wachsen-
der Bevölkerung, ohne daß da-
mit., wie weltweit anzutreffen,
die sozialen Probleme wachsen. In
anderthalb Jahrzehnten sind etwa
130 000 Einwohner hinzugekommen.
In dieser Zeit sind rund 800 000 Ber-
liner in neue oder modernisierte
Wohnungen gezogen - das größte
aus dem Kapitalismus übernommene
soziale Problem wird Schritt für
Schritt gelost. Kein Zufall also: Seit
1979 hat Berlin Geburtenüberschuß
und verjüngt sich immer mehr. Um
Fortsttzung auf Stitt 54
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Auf dem Miiggt/•
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Einblicke
Fortsetzung von Seite 52
die gesundheitliche Betreuung der
Berliner sorgen sich über 6200 Ärzte
und Zahnärzte.
N
icht alle, die früh in Berlin
unterwegs sind, fahren zur Ar-
beit. Viele haben jetzt am Mor-
gen Feierabend. In einem großen
Teil der 156 Industriebetriebe wird
rund um die Uhr Dampf gemacht,
werden die laufenden Maschinen
von einer Schicht an die andere
übergeben. Tag und Nacht rollt der
Güter- und Personenverkehr, werden
die Dienst- und Versorgungsleistun-
gen erbracht, die zu einer Großstadt
gehören. Man muß also ständig hin-
schauen und auch hinter die Werk-
tore blicken, um voll ermessen zu
können, welche Quantitäten an Wer-
ten die Stadt hervorbringt und wel-
che Qualitäten sie dabei schafft -
zum Nutzen der g a n z e n Repu-
blik.
Dies stellt sicherlich die wichtigste
Vorleistung für das Jubiläumsjahr
1987 dar: Die Berliner Industriepro-
duktion 1986 überstieg erstmalig
20 Milliarden Mark. Das ist die bis-
herige Krönung eines ununterbro-
chenen Aufschwungs. Besonders er-
folgreich war die Entwicklung in den
70er und 80er Jahren. In anderthalb
Jahrzehnten seit 1971 wurde eine In-
dustrieproduktion erreicht, die fast
doppelt so hoch ist wie in den
21 Jahren von 1949 bis 1970.
A
n diesem erstaunlichen Auf-
schwung - Berlin war 1945 eine
der am stärksten zerstörten
deutschen Großstädte - ist die Elek-
troindustrie besonders beteiligt. Der
traditionsreiche Industriezweig er-
wies sich unter sozialistischen Ver-
hältnissen stets als Schrittmacher ei-
ner krisenfreien, mehr und mehr dy-
namischen Entwicklung der Berliner
Wirtschaft. Die Elektrotechnik/Elek-
tronik: hatte stets die höchsten Steige-
rungsraten der Produktion, und mit
fast 78 000 Beschäftigten bewältigt
sie heute ein Drittel der Industrie-
produktion unserer Hauptstadt. Ber-
lin hat von allen Städten der DDR
die größte Konzentration der Elek-
troindustrie, liefert 16 Prozent der
gesamten Produktion dieses Bereichs
und entwickelt sich immer mehr zu
einem Zentrum der Mikroelektronik.
Die Fertigung von optoelektroni-
schen Bauelementen für die Automa-
tisierungstechnik: ist einer der neuen
Tempobeschleuniger: Der l 985er
Produktionsumfang soll bis 1990 ver-
doppelt werden.
Auch das kennzeichnet die Bedeu-
tung der Hauptstadt für die ganze
Republik: Aus Berlin kommen alle
optoelektronischen Halbleiter-Bau-
elemente, sämtliche AJlgebrauchs-
Glühlampen bis 200 W, alle Radio-
recorder, alle Farbbildröhren, die
Hälfte aller elektrotechnischen Aus-
Fortsetzung auf Seite 57
SEITE S-4
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Einblicke
Fortsetzung von Seite 54
rüstungen für Industrieanlagen,
45 Prozent aller Kabel und Leitun-
gen, die in der DDR produziert wer-
den.
In der Elektrotechnik/Elektronik
wie in den anderen Arbeitsbereichen
der Hauptstadt haben die
F r a u e n entscheidenden Anteil
an der Gesamtf eistung. Genau
49,5 Prozent aller ständig Berufstäti-
gen gehören zum angeblich »schwa-
chen Geschlecht«. Ohne ihre Stärke,
ihren Einsatz wäre die eindrucks-
volle Entwicklung der Berliner Wirt-
schaft nicht denkbar.
I
n allen Prozessen, die mit dem
Vormarsch der Schlüsseltechnolo·
gien und der Produktion modern·
ster Berliner Erzeugnisse verbunden
sind - ob Lichtleitkabel oder lndu·
strieroboter, Automatisierungsanla-
gen oder Schleifmaschinen mit mi-
kroelektronischer Steuerung -, er-
weist sich das Bündnis der Industrie
mit Instituten der Akademie der Wis-
senschaften, der Humboldt-Universi-
tät sowie anderen Stätten der Lehre
und Forschung als zunehmend
fruchtbar (es gibt in Berlin weitere
sieben Hoch- und 17 Fachschulen).
Sehr viel hängt für die gesamte Re-
publik davon ab, wie es in der
Hauptstadt gelingt, diese Gemein-
schaftsarbeit zu höchster Wirksam-
keit zu führen. Immerhin ist hier ein
Fünftel des gesamten Forschungs-
und Entwicklungspotentials der
DDR konzentriert.
F
ast ein weiteres Drittel der Indu-
strieproduktion Berlins geht auf
das Konto des Maschinen- und
Fahrzeugbaus, hier vor allem des
Werkzeugmaschinenbaus, sowie der
Leichtindustrie, speziell der Möbel-
industrie und der Konfektion.
D
as dritte Drittel wird von Betrie-
ben bestritten, die wiederum
eine erhebliche »Bandbreite«
aufweisen, andererseits aber Ge-
meinsamkeiten haben: Nahrungs-
und Genußmittelindustrie, Kosme-
tik, Pharmazie und Chemie - das
meiste, wlls hier produziert wird, ist
zum alsbaldigen Verzehr, zum heilsa-
men Verbrauch oder zu unserer Ver-
schönerung bestimmt. Hier spielt
auch ein zukunftsträchtiges Stich-
wort eine besondere Rolle: die Bio-
technologie. Für ihre unterschiedli-
chen Einsatzgebiete gibt es in Berlin
bereits ein bedeutendes Potential.
Und was die nahe Zukunft betrifft,
so hat Berlin die Aufgabe, in der
Wirtschaft der DDR eine bestim-
mende Rolle bei der raschen Anwen-
dung biotechnologischer Verfahren
zu spielen.
Sichtbare Anstrengungen werden
unternommen, um aus Berliner Be-
trieben mehr neue hochwertige Kon-
sumgüter auf den Markt zu bringen.
Dazu sind auch alle jene Großbe-
Fortsetzung auf Seite 58
SEITE 57
Einblicke
Fortsetzung von Seite 57
triebe aufgefordert, die traditionell
lnve titionsgüter herstellen. Übri-
gens setzt der Handel in der Haupt-
stadt schon seit Mitte der 70er Jahre
mehr Industriewaren als Nahrungs-
und Genußmittel um, eine positive
Tendenz, die ich offenbar verstärkt.
W
are für 12 Milliarden Mark
wird jetzt jährlich vom Berli-
ner Einzelhandel verkauft (da-
von 1,2 Milliarden Mark Gaststätten-
umsatz) - eine bedeutende Leistung,
an der die Mitarbeiter von rund 600
Kaufhallen einen besonders großen
Anteil haben. Täglich werden in Ber-
lin 17 500 Pakete Wäsche gewa-
schen, 9000 Schuhreparaturen ausge-
führt, 14 500 Bürger beim Fri eur be-
dient. Oberhaupt: Was wäre Berlin
ohne seine fast 4700 Handwerksbe-
triebe, die Bäcker und Fleischer,
Schneider und Schuhmacher, Polste-
rer und Schlosser. Allein im vergan-
genen Jahr wurden mehr als 150 neue
Gewerbegenehmigungen erteilt.
Das Leben in Berlin wird nicht zu-
letzt von seinen Besuchern geprägt.
Rund sechs Millionen waren es 1986.
Im Jubiläumsjahr werden es sicher
bedeutend mehr sein. Besonderer
Anziehungspunkt auch für sie:
12 Theater und 25 Museen der
Hauptstadt, die Leistungen von rund
10 000 Künstlern und Kulturschaf-
fenden Berlins.
Z
urück zum Beginn - Berlin am
Morgen. Dies wird ein beson-
derer Tag für so manchen, der
heute unterwegs ist. Er wird - allein
oder zu zweit oder mit der ganzen
Familie - in eine neue oder moder-
nisierte Wohnung ziehen. Das ge-
schieht im Durchschnitt an jedem
Arbeitstag des Jahres 132mal. So war
es im vorigen Jahr, so ist es in die-
sem Jahr, so wird es im nächsten
Jahr ein. Tag für Tag 132mal bes e-
res Wohnen - für junge Eheleute,
für Arbeiterfamilien, für Rentner.
Und wenn dann die Möbel einge-
räumt sind, soll es an einem kräfti-
gen Schluck Bier nicht fehlen. Das
traditionelle Berliner Getränk - dar-
unter das Bier zum Fest »Jubilar« -
wird in guter Qualität und bemer-
kenswerter Quantität gebraut :
292 Millionen Liter im Jahr - jeden
Tag 800 000 Liter, ob Sonntag oder
Werktag. Das reicht auch fürs Jubi-
läum unserer Stadt.
Gestaltung: Dietrich Otte
SEITE 58
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;.;. 1 1'« .„ --...
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Von oben nlClr unten: Dis 1'Buch der
Ue/Je. enthllt tinen Ttil der Ge-
dichte, die Karl Mn in Berlin für
mnt Verlobte }t!nny schrieb I Aus-
zug IU$ dem Matriktlbuch der Berli-
ner Unirersitlt mit der Eintragung
W1t1 KM'f Mn am 22. Oktober 1836 I
Sie begründeten um 1830 den Ruf
Berlins als Stltte der GelehrsMnlctit:
1. W. .-. Humboldt, 2. C. W. Hulr-
/and, 3. A • .-. Humboldt, 4. C. Ritter,
5.J. A. NMK/er, 6. F. E. 0. Schltier-
tnllChlr, 7. G. W. F. Hegel (Uthogrl-
phit W1t1 J. Schoppe)
SEITE 62
Zusammen sind sie nje in Berlin ge-
wesen, obwohl sich ihre Wege hätten
kreuzen kOnnen zwischen Friedrich-
straße und Gendarmenmarkt. Unter
den Linden oder auf dem Scbloß-
platz, der heute ihren Namen trägt.
Um ein paar Monate nur verfehlten
sie sich bei ihrem ersten Aufenthalt
in dieser Stadt. Freilich: Verfehlen
ist wohl nicht das richtige Wort.
denn sie kannten einander noch
nicht. die beiden Zwanzigjährigen,
deren Namen heute immer in einem
Atemzuge genannt werden: Karl
Marx und Friedrich Engels.
Das Denkmal an der Spree im Mit-
telpunkt des neuen Marx-Engels-Fo-
rums zeigt sie beide vereint. Marx
sitzend, Engels neben ihm stehend,
im reifen Alter, auf dem Höhepunkt
ihres Wirkens: die Begründer des
wissenschaftlichen Kommunismus,
die Führer der ersten Internationale.
Ihr Blick geht hinüber zu den neuen
Häusern der Rathausstraße, wo der
achtzehnjährige Marx vor etwas
mehr als 150 Jahren, im Herbst 1836,
und fünf Jahre später der einund-
zwanzigjährige Engels an der zentra-
len Posthalterei in der damaligen
KOnigstraße zum erstenmal Berliner
Boden betraten.
In dieser Zeit ist Berlin, wie Frie-
drich Engels schreibt. eine »kleine
sogenannte >Residenz< von kaum
350 000 Einwohnern und lebte vom
Hof, vom Adel, von der Garnison
und der Beamtenwelt«. Die Stadt
zählt 17 Tore, 290 Straßen und Gas-
sen, 24 Offentlicbe Plätze und
Märkte, 32 Kirchen, ein Schloß, 20
Paläste, ein Museum und eine Uni-
versität. Und diese Universität ist
nach Engels »das Allerbedeutendste
in Berlin. das, wodurch die preußi-
sche Hauptstadt sich so sehr vor al-
len andern auszeichnet«. Keine
zweite Universität steht wie sie »in
der Gedankenbewegung der Zeit«,
hat sich »so zur Arena der geistigen
Kämpfe gemacht«. Unter den akade-
mischen Lehrern wirken Vertreter al-
ler Richtungen, was eine lebendige
Polemik möglich macht. wie wir sie
später in allen Schriften von Marx
und Engels wiederfinden.
SCHWÄRMERISCHE
LIEBESBRI EFE UND DER DRANG
ZUR PHILOSOPHIE
Im Oktober 1836 wird Marx unter
der Nummer 973 an der Königlichen
Friedrich-Wilhelms-Universität zu
Berlin immatrikuliert. um, wie es der
Vater wünschte, Jurisprudenz zu stu-
dieren. Das Universitätsgebäude
Unter den Linden, das eigentlich als
prinzliches Palais errichtet worden
war, wird gerade umgebaut. Aber
auch im geistigen Leben der Univer-
sität ist nach dem Tode Hegels
( 1831) manches in Bewegung gera-

ZudmSDten60/ 6/ Marx und
ten. Der junge Marx bricht. wie er
seinem Vater schreibt. »alle bis da-
hin bestandenen Verbindungen ab,
machte mit Unlust seltene Besuche
und suchte in Wissenschaft und
Kunst zu versinken«.
Doch zunächst schreibt er seiner
heimlich Verlobten Jenny von West-
phalen zahllose schwärmerische Lie-
besgedichte, die er in drei Bänden an
sein »süßes Herzens-Jennychen«
nach Trier schickt. Aber je mehr er
sich in die Wissenschaft vertieft. um
so mehr tritt dje Poesie zurück. Er
fühlt »vor allem Drang, mit der Phi-
losophie zu ringen«.
Überarbeitet vom nächtelangen Stu-
dieren, wird er im Winter 1836/ 37
ernstlich krank. Auf ärztliches Anra-
ten verläßt er im Frühjahr seine
Wohnung in der Innenstadt und
zieht hinaus vor die Tore Berlins,
nach Stralau. Dieser Aufenthalt »an
der Spree schmutzigem Wasser, das
Seelen wäscht und Tee verdünnt«,
wie er in Abwandlung eines Heine-
Wortes an den Vater schreibt, kräf-
tjgt seine Gesundheit. Er nimmt an
einer Jagdpartie mit dem Wirt teil,
vergnügt sieb beim Stralauer Fisch-
zug, erholt sich in stillen nachdenkli-
chen Stunden am Spreeufer.
Wiederhergestellt von der Krankheit,
verbrennt er alle Gedichte und Anla-
gen zu Novellen, vertieft sich in He-
gels Werke, die er bisher nur frag-
mentisch gelesen hat, um sie »von
Anfang bis Ende, samt den meisten
einer Schülern, zu studieren.
IM CAFE »STEHELY«
TRAF SICH DER DOCTORCLUB
Georg Wilhelm Friedrich Hegel war
der Stolz der Berliner Universität .. Er
war jahrelang ihr Rektor gewesen,
und unter den Professoren gab es
viele, die seine Lehre gegen aJle reak-
tionären Angriffe verteidigten. Ein
Teil seiner Anhänger ging bereits
über Hegels philosopbjsche Schluß-
folgerungen hinaus. Zu ihnen ge-
hörte Professor Eduard Gans, bei
dem Marx im ersten Semester Krimi-
nalrecht und preußisches Landrecht
horte, ein liberaler Wissenschaftler,
der sich nicht scheute, »ein kühnes
Wort zu sagen«. Angeregt von Gans,
suchte Marx über das Hegelsche Sy-
stem, das die Wirklichkeit nur als
Abbild der Idee betrachtete, hinaus-
zukommen und »im Wirklichen
selbst die Idee zu suchen<<. So heißt
es in einem seiner Hegel-Epigramme
aus dieser Zeit:
»Kant und Fichte gern zum Aether
schweifen,
Suchten dort ein fremdes Land,
Doch ich such' nur tüchtig zu Mgrei-
fen ,
Was ich - auf der Strq/Je fand.«
Durch Freunde in Stralau kommt
Marx Mitte 1837 in den sogenannten

Doctorclub, eine Zusammenkunft
von Privatdozenten und Studenten,
die sich an bestimmten Wochentagen
im Cafe »Stehely« am Gendarmen-
markt (heute Platz der Akademie)
treffen. Hier werden eigene Arbeiten
diskutiert. die verbotenen Bücher
von Heine und BOrne gelesen und
mit großem Eifer über Hegels Philo-
sophie gestritten. Marx gehörte zu
der Gruppe der »linken Hegelianer«
um den Privatdozenten Bruno Bauer,
die, wie Lenin sagte, »aus der Hegel-
schen Philo ophie atheistische und
revolutionäre Schlußfolgerungen zu
ziehen suchten«.
Der Doctorclub und der Kreis um
die Zeitschrift »Athenäum«, in der
Marx seine ersten Gedichte verOf-
f ent.lichte, sind über Jahre dje wich-
tigsten Foren, in denen der junge
Marx seine Gedanken darlegen und
sich in streitbaren Diskussionen, in
der Argumentation und Polemik
üben kann. Und hier finden wir auch
die erste Verbindung zwischen Karl
Marx und Friedrich Engels. Der
junge Engels, der im Herbst 1841 zur
Ableistung seines Militärdienstes als
Einjährig-Freiwilliger nach Berlin
kommt. hauptsächlich aber diese
Garnison gewählt bat. um als Gast-
hörer an der Berliner Universität
sein philosophisches Wissen zu er-
weitern, bOrt hier im Frühjahr 1842
zum erstenmal von Karl Marx, der
Berlin ein Jahr zuvor verlassen bat.
Obwohl der Student Marx wesent-
lich jünger war als die meisten Mit-
glie6er des Doctorclubs, ist der
»schwane Kerl aus Trier« allen
noch in lebhafter Erinnerung. In ei-
nem Spottgedicht auf Bruno Bauer,
der darin als wilder Robespierre da-
binjagt. kommt auch der junge Marx-
vor, wie Engels ihn sieb nach den
Berichten der Freunde vorstellte:
»Wer jaget hinterdrein mit wildem
Ungestüm?
Ein schwarzer Kerl aus Trier, ein
marlc.haft Ungetüm.
Er gehet, hüpfet nicht, er springet auf
den Hacken,
Und raset voller Wut, und gleich, als
wollt' er packnr,
Das weite Himmelszelt, und zu der
Erde ziehen, .. . «
Marx' engster Freund aus der Stu-
dentenzeit. Friedrich Koppen,
nannte ihn »ein Magazin von Ge-
danken, ein Arbeitshaus, oder um
berlinisch zu reden, ein Ochsenkopf
von Ideen«. (Ochsenkopf hieß im
Volksmund das Arbeitshaus am
Alexanderplatz, das ehemalige Haus
des Berliner Schlächtergewerbes.)
Die Berliner Jahre haben Marx und
Engels entscheidend geprägt, doch
»seinen Anschauungen nach«,
schrieb Lenin, »war Marx zu dieser
Zeit noch Hegelianer und Idealist«,
und für Engels gilt das gleiche. Aber
die Zeit in Berlin war für beide eine,
vermutlich 4ie entscheidende Vor-
NBI 1987

Engels in Berlin
stufe in der Ausarbeitung des wissen-
schaftlichen Kommunismus. Hier
entdeckten sie im Studium der klassi-
schen deutschen Philosophie eine
der drei geistigen Hauptströmungen
des 19. Jahrhunderts, die neben der
klassischen englischen Ökonomie
und dem französischen Sozialismus
zu den Quellen des Marxjsmus
wurde.
SCHLÜSSEL
ZUM ENTWICKLUNGSGESETZ
DER GESCHICHTE
In Hegels Methode des Denkens, der
Dialektjk, fand Marx, wie Engels
schrieb, »die ganze natürliche, ge-
schichtliche und geistige Welt als ein
Prozeß, d. h. als in steter Bewegung,
Veränderung, Umbildung und Ent-
wicklung begriffen, dargestellt«.
Die Verbindung dieser Entwick-
lungslehre mit dem Materialismus
befähigte Marx, gemeinsam mit En-
gels, zu. seiner weltverändemden wis-
senschaftlichen Leistung: der Ent-
deckung des Entwicklungsgesetzes
der menschlichen Geschichte, wo-
nach »die Menschen vor allen Din-
gen zuerst essen, trinken, wohnen
Am jetzigen Sitz der Akademie der
Künste der DDR in der Hermann-
Matem-Straße wird daran erinnert,
daß Karl Marx 1838/ 39 in diesem
Haus - damals Louisenstraße 45a -
wohnte.
Gedenktafel an der heutigen Frie-
drich-Engels-Kaserne der Nationalen
Volksarmee, in der 1841 der Mitbe-
gründer des wissenschaftlichen Sozia-
lismus seinen Militärdienst leistete
NBI 1987
und sich kleiden müssen, ehe sie
Politik, Wissenschaft, Kunst, Reli-
gion usw. treiben können«, zu der
Erkenntnis, daß das Sein das Be-
wußtsein bestimmt und nicht umge-
kehrt.
Marx und Engels sind später noch
mehrmals nach Berlin gekommen,
ohne daß ihnen die Stadt ans Herz
gewachsen wäre, was wohl mehr den
gesellschaftlichen Verhältnissen in
der preußischen Residenz geschuldet
ist als den Berlinern. 1848 war Marx
einige Tage hier, um Geldgeber für
die in Köln erscheinende »Neue
Rheinische Zeitung« zu suchen.
Doch nur von den in Berlin leben-
den polnischen Emigranten konnte
er eine größere Summe bekommen.
Im Frühjahr 1861 wohnte Marx meh-
rere Wochen bei Ferdinand Lassalle
in der Bellevuestraße, um seine preu-
ßische Staatsbürgerschaft wiederzu-
erlangen, die ihm nach 1848 aber-
kannt worden war, und um die Her-
ausgabe einer sozialistischen Zeit-
schrift zu prüfen, die in Berlin er-
scheinen sollte, »so widrig mir per-
sönlich der Platz ist«. Den Ton, der
in Berlin herrschte, fand Marx frech
und frivol. In seinen Briefen nennt er
die Stadt eine »Metropole von
Tschakos ohne Köpfe«, eine »Sa-
hara« ... Er hatte in diesen Wochen
den Kopf voller Sorgen, sein Leber-
leiden machte ihm zu schaffen, und
auch mit der Einbürgerung ging es
nicht voran. Sie scheiterte schließ-
lich, und so auch das Projekt mit der
Zeitung.
Noch einmal 1874 besucht er die
Stadt auf der Durchreise von Karls-
bad, um seinen Schwager Edgar von
Westphalen zu treffen. Er muß unter
falschem Namen reisen, um der
preußischen Polizei zu entkommen.
So stand auch Marx' letzter Besuch
in Berlin unter keinem guten Stern
und weckte nicht den Wunsch in
ihm, die Stadt noch einmal wiederzu-
sehen, in der vier Jahre später das
Sozialistengcsetz ausgerufen wurde.
Auch Engels' Verhältnis zu Berlin
war zeitlebens nicht ungetrübt, nicht
frei von Spott und Ironie, die oft bis
zum Sarkasmus ging. Selbst im Alter,
schrieb er, spürte er noch den Sand
zwischen den Zähnen, wenn er das
Wort Berlin hörte, und der Berliner
Dialekt weckte in ihm immer die Er-
innerung an den schnoddrigen Ton
der preußischen Leutnants, den er
beim Exerzieren auf dem Grützma-
chcr, wo heute das Stadion der Welt-
jugend steht, bis zum Überdruß hö-
ren mußte.
Minna Kautsky schreibt er 1885:
»Apropos Berlin. Ich freue mich,
daß es diesem Unglücksnest endlich
gelingt, Weltstadt zu werden. Aber
schon Rahe! Vamhagcn sagte vor
siebzig Jahren: In Berlin wird alles
ruppig, und so scheint Berlin der
Welt zeigen zu wollen, wie ruppig
Von Manfred Gebhardt
eine Weltstadt sein kann. Vergiften
Sie alle jcbildctcn Berliner und zau-
bern Sie eine wenigstens erträgliche
Umgebung dorthin, und bauen Sie
das ganze Nest von oben bis unten
um, dann kann vielleicht noch was
Anständiges draus werden. So lange
aber der Dialekt da gesprochen wird,
schwerlich.«
»HIER IST DER SCHWERPUNKT
DER ARBEITERBEWEGUNG«
Erst einundfünfzig Jahre nach sei-
nem ersten Aufenthalt, im Septem-
ber 1893, kommt Engels auf Einla-
dung der deutschen Sozialdemokra-
tie wieder nach Berlin, wo ihm ein
begeisterter Empfang bereitet wird.
Am 22. September findet ihm zu Eh-
ren eine Festveranstaltung in den
Concordiasälcn in der Andrcas-
straßc statt, an der 4000 Berliner So-
zialdemokraten teilnehmen. Diese
Veranstaltung ist für den Drciund-
sicbzigjährigcn ein beglückendes Er-
lebnis, er sieht, daß die von Marx
und ihm in Jahrzehnten ausgearbei-
tete Theorie des wissenschaftlichen
Kommunismus die Massen ergriffen
hat und zur materiellen Gewalt
wurde.
Er findet Berlin vollständig umge-
wandelt. Die kleine Residenzstadt,
die er 1842 verlassen hatte, ist zu ei-
ner großen Hauptstadt mit fast zwei
Millionen Einwohnern geworden,
die von der Industrie lebt. Die
sprunghafte industrielle Entwicklung
Berlins hat eine mächtige Arbeiter-
klasse hervorgebracht. Bei den
Reichstagswahlen im Juni 1893 er-
reichte die Berliner Sozialdemokra-
tie fast 160 000 Stimmen und gewann
fünf Sitze von insgesamt sechs. »In
dieser Beziehung«, sagt Engels auf
der Kundgebung, »steht Berlin an
der Spitze aller europäischen Groß-
städte und hat selbst Paris weit über-
flügelt.«
An Marx' Tochter Laura Lafargue
schreibt er Ende September 1893:
»Du kannst mir glauben, daß es ein
Vergnügen war, diese Menschen zu
sehen und zu hören .... Wenn man
unter diese Menschen kommt, die
deutsch sprechen - und das einheit-
liche Ziel, die ausgezeichnete Orga-
nisation sieht, die Begeisterung er-
lebt, den unverwüstlichen Humor,
der aus der Siegesgewißheit quillt,
muß man mitgerissen werden und sa-
gen: Hier ist der Schwerpunkt der
Arbeiterbewegung.«
Heute erinnert das Marx-Engels-
Denkmal im Zentrum Berlins nicht
nur an den Aufenthalt der beiden
größten Söhne unseres Volkes als
lernende in dieser Stadt. Es bezeugt
zugleich die Veränderung dieser
Stadt - durch ihre Lehren.
Zeichnung S. 60/ 61: Harald Larisch
Theorie
und politischer Kampf
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1.llBBlEBI
Von oben nach unten: Das erste so-
zialistische Abrüstungsprogramm,
Engels Artikelserie •Kann Europa ab-
rüsten«, erschien 1893 zunächst im
Berliner •Vondrts• /Einladung zur
Veranstaltung mit Friedrich Engels in
den Concordia-Festsilen 1893 I Me-
daille zur Erinnerung an die Aufhe-
bung des Sozialistengesetzes 1890
SEITE 63
HOTELNEUBAU
Vom Panoptikum
zum Grand-Hotel
Schon im vorigen Jahrhun-
dert zählte sie zu den belieb-
testen Berliner Ecken: Die
Kreuzung Unter den Lin-
den/ Friedrichstraße. Auf al-
ten Fotografien siebt man
dort ein dichtes Gewimmel
von Pferdedroschken (später
Omnibussen), von Schutzleu-
ten mit Pickelhauben und
flanierenden Passanten. Da
gab es neben Hotels die be-
rühmten Cafes »Bauer« und
»Kranzier«, in denen sieb
die sogenannte elegante Welt
traf. Schließlich bohrte sich
auch die 1873 eröffnete
Am Modell:
Prof. Erhardt Gißke,
Architektin Solweig Steller
prunkvolle »Kaisergalerie«
zur Bebrenstraße durch die
Häuser. In dieser Passage
gab es neben Läden, Reise-
büros und Lokalitäten bald
auch das berühmte Panopti-
kum.
Buntes Treiben prägt auch
heute wieder das Bild der be-
rühmten Straßenkreuzung.
Nach der Eröffnung des
Grandhotels dürfte dies erst
recht gelten. Mit der Errich-
tung dieses neuen Hotels
wurde der ständig steigenden
Zahl internationaler Gäste
unserer Stadt Rechnung ge-
tragen. Viele der gastronomi-
schen Einrichtungen des
Hauses werden allerdings
nicht nur Hotelgästen vorbe-
halten sein. Das betrifft den
Bierpub im holzgetäfelten
englischen Stil, das Speziali-
tätenrestaurant und das Kon-
zertcafe, das in Anlehnung
an das alte »Cafe Bauer«
konzipiert ist. Und das gilt
auch für die künftigen Bouti-
quen in der Behrenstraße.
SEITE 64
Panorama
Unter den Linden Ecke Friedrichstraße vor 1900: Wo damals
Cafe Bauer war, steht heute das Lindencorso
Behrenstraße Ecke Friedrichstraße 1879: damals Eingang zur
Kaisergalerie .. .
... heute Eingang zum Grand Hotel: Behrenstraße Ecke
Friedrichstraße heute
Der Hotelneubau - Teil der
Gesamtrekonstruktion der
Friedrichstraße - lehnt sieb
an die für Berlin typische
Karree-Bebauung an. Als
Kristallisationspunkt im In-
neren wird sich die geräu-
mige Hotellobby (mit Hal-
lenbar) erweisen, die - mit
einer großen Glaskugel über-
dacht - viele Flure auf-
nimmt.
Die technischen Systeme des
Hauses weisen internationa-
les Spitzenniveau auf, sind
doch die Erkenntnisse und
Erfahrungen der japanischen
Kajima-Corporation, der
schwedischen Baufirma
SIAB sowie von 50 DDR-Be-
trieben in den Bau eingeflos-
sen. Die Projekterarbeitung
erfolgte in enger Koopera-
tion mit der Baudirektion
Berlin (Leitung Prof. E.
Gißke), dem Büro für Städte-
bau sowie der Vereinigung
Interhotel.

HANDWERK
Welche Wurst
wie würzen?
Nein, Stierkampf ist nicht
angesagt, schon gar nicht
hier in der ruhigen Wolliner
Straße nördlich des Berliner
Stadtzentrums. Vielmehr ver-
weist das Zunftzeichen des
Ochsenkopfes über den bei-
den geschränkten Beilen auf
jenes alte Handwerk, dessen
Vertreter einst »Fleisch-
hauer<< hießen - damals, als
noch der offene Marktstand
Arbeitsplatz war. Damit bat
Fleischermeister Siegfried
Kaysers einladendes Ge-
schäft nebst Handwerksbe-
trieb nichts mehr gemein au-
ßer dem neu angefertigten at-
traktiven Zeichen.
Die gesamte Wohngegend
um den Arkonaplatz kennt
sich ja selbst kaum wieder,
nachdem sie während der
siebziger und beginnenden
achtziger Jahre in einer bis
dahin beispiellosen, genau
koordinierten Bauaktion
komplex rekonstruiert
wurde. Einstige Proletarier-
quartiere - mehr muß man
zur Charakterisierung der to-
tal komfortlosen Hinterlas-
senschaft des Kapitalismus
nicht sagen - sind nun wirk-
lich Wohnungen. Und auch
in der Fleischerei K.ayser ver-
besserten sich seither die Ar-
beitsbedingungen dermaßen,
daß das jetzt 52 Jahre lang
von Familienhand geführte
Geschäft die Versorgungslei-
stungen um fast 30 Prozent
erhöhen konnte.
Dabei haben der Meister und
seine Mitarbeiter dem kriti-
schen Geschmack ihrer täg-
lich rund 1000 Stammkun-
den standzuhalten. Ältere
Käufer bevorzugen mild ge-
würzte Wurst, jüngere halten
sieb gern an eine Pfeffersa-
lami, die zu den teils selbster-
dachten Kayserschen Spezia-
litäten gehört. Siegfried Kay-
ser, Freund etwas schärferer
Sorten und unlängst anläß-
lich einer Urlaubsreise sehr
ausdauernd beim Erjagen ei-
ner ungarischen Wurst-
rezeptur, bet1rteilt das reali-
stisch: Ihre jeweiligen Vorlie-
ben müsse er den Kunden
schon lassen; seine Sache sei
es, sich mit vielseitigem Sor-
timent auf alle einzustellen.
Der 50jährige Meister und
stellvertretende Vorsitzende
der Einkaufs- und Lieferge-
nossenschaft des Fleischer-
handwerks Berlin (Ge-
schäftszeichen: zwei Bock-
würste umspannen den Fern-
sehturm) verweist stolz dar-
auf, daß sein Beruf hierorts
ähnlich lange urkundlich be-
zeugt ist wie die Existenz der
ganzen Stadt - seit 1311 !
Was Berlins Fleischer durch
annähernd sieben Jahrhun-
derte hindurch geleistet ha-
ben, half er in einer gemein-
sam mit zwei Berufskollegen
verfaßten historischen Skizze
festzuhalten. Die kleine
Schrift entstand aus demsel-
ben Beweggrund, den Sieg-
fried Kayser, Mitglied des
DDR-Komitees zum 750jäh-
rigen Bestehen von Berlin,
für all seine Tätigkeit nennt :
»Freude an der Arbeit.«
Ständig steigende Versorgungsleistungen: F1eischermeister
Siegfried Kayser
NBI 1987

Panorama
GEDENKSTÄTIE
Zu Ehrender
KPD-Begründer
In ihrem Tagesrapport vom
17. Januar 1935 meldete die
Gestapoleitstelle Berlin die
Festnahme der Bauarbeiter
Karl Otto und Xaver Steidle
auf dem Friedhof in Fried-
richsfelde. Die beiden Anti-
faschisten hatten versucht,
was dem jungen japanischen
Journalisten Etsuji Sumiya
wenig später unbemerkt ge-
lang: zu fotografieren, wie
kommunistischen Magistrat
- die revolutionären Berliner
Arbeiter ihre von der Reak-
tion ermordeten Vorkämpfer
beigesetzt hatten.
Ludwig Mies van der Robe,
1930 bis 1933 Direktor des
Bauhauses in Dessau, später
von den Faschisten ins Exil
gezwungen, bekannte noch
als ?!jähriger 1957 vor dem
McCarthy-»Ausschuß zur
Untersuchung unamerikani-
scher Betätigung«, daß er
»verdammt stolz darauf<< ist,
dieses Denlcmal geschaffen
zu haben.
Im Mittelpunkt der heutigen
Gedenkstätte: der 20 Tonnen
schwere Porphyrstein.
Beste Berliner Tradition: Januardemonstration zu Ehren von
Karl und Rosa
So wie von 1927 bis 1933 ist
auch seit 1946 wieder Fried-
richsfelde alljährlich im Ja-
nuar Ziel machtvoller, zu be-
ster Berliner Tradition ge-
wordener Demonstrationen.
Auf Anregung Wilhelm
Piecks wurde nach der Be-
freiung vom Faschismus hier
- nun im vorderen Teil des
Friedhofes - die neue Ge-
denkstätte der Sozialisten ge-
schaffen und von ihm als er-
stem deutschen Arbeiterprä-
sidenten 1951 eingeweiht. Im
Jubiläumsjahr Berlins schrit-
ten über 200 000 an Por-
phyrstein und Tribüne vor-
über. Die DDR, unsere so-
zialistische Gesellschaft - so
Hermann Axen in seiner Ge- ·
denkrede -, »das ist das
schönste Denkmal für die
Märtyrer des proletarischen
Befreiungskampfes«.
braune Leichenfledderer die
Gräber von Karl Lieblcnecht
und Rosa Luxemburg um-
wühlten und das vom weltbe-
kannten Architekten Mies
van der Rohe geschaffene
Ehrenmal für die Begründer
der Kommunistischen Partei
Deutschlands zerstörten.
Durch Arbeitergroschen und
Spenden progressiver Künst-
ler wie Käthe Kollwitz finan-
ziert, von der »Bauhütte«, ei-
ner Genossenschaft organi-
sierter Bauarbeiter errichtet.
war dieses erste deutsche Re-
volutionsdenkmal im Juni
1926 von Ernst Thälmann
und Wilhelm Pieck enthüllt
worden. Das zwölf Meter
lange, etwa sechs Meter hohe
Monument aus dunklen
Hartbrandlc.Jinkern erhob
sich an der Stelle im hinteren
Teil des Friedhofes, wo 1919
- nach langen Auseinander-
setzungen mit einem anti-
NBI 1987
Januar 1930: RFB-Abordnung am Revolutionsdenkmal
Mies van der Rohes
SPORTIRADITION
Jahn und Fichte
aufdemExer
1825 war das sandige Ge-
lände bei der einsamen Pap-
pel an das preußische Militär
verkauft worden. Von nun an
exerzierten dort Rekruten.
Der Spitzname » Exern ist
dem heutigen Friedrich-Lud-
wig-Jahn-Sportpark an der
Cantianstraße treu geblie-
ben.
Doch auch progressive Tra-
ditionen sind mit diesem Ge-
lände verbunden : Am
26. März 1848 hatten sich
dort 20 000 Berliner zu einer
öffentlichen Versammlung
eingefunden und soziale und
politische Forderungen ge-
stellt. Ab 1912 war der
»Exer« als Schulsportplatz
und von Arbeitersportverei-
nen genutzt worden. 1951
Werner Seelenbinder, von den
Faschisten ermordeter
Arbeitersport/er
Jahrhundertwende zahlrei-
che Arbeitersportvereine -
darunter 1890 der Arbeiter-
Turn-Verein Fichte, Berlin.
Mit der Polarisierung der
Klassenkräfte in der Zeit der
Weimarer Republik wurde
1931 auf Initiative der KPD
der Zentrale Arbeitersport-
Nach 1912: Arbeitersport/er auf dem » Exer((
entstand dort durch den Ein-
satz Tausender freiwilliger
Helfer anläßlich der 3. Welt-
festspiele ein neues Stadion,
dem später der Name Fried-
rich-Ludwig-Jahn-Sportpark
verlieben wurde.
Seit 1974 gibt es dort auch
das Sporthistorische Kabi-
nett des Bezirksvorstandes
Berlin des DTSB. Es erteilt
Auskunft über 175 Jahre pro-
gressive Berliner Sporttradi-
tionen. Seine Mitarbeiter
sind ehemalige Arbeiter-
sportler. In diesem Kabinett
findet man u. a. Darstellun-
gen des ersten Turnplatzes
auf der Berliner Hasenheide,
den 1811 deutsche Patrioten
unter Jahns Führung schu-
fen.
Als Gegengewicht zur späte-
ren elitären und ins chauvini-
stische Fahrwasser abgleiten-
den bürgerlichen Sportbewe-
gung entstanden vor der
verein »Fichte<< als größte
damalige deutsche Sportver-
einigung gegründet. Mit wirt-
schaftlichen Schikanen sowie
mit dem Verbot, städtische
Sportstätten und Grund-
stücke zu nutzen, antwortete
die bürgerliche Republik.
Nach Hitlers Machtantritt
wurden dann sämtliche Ar-
beitersportvereine verboten,
ihre Kassen und Sportstätten
beschlagnahmt, viele ihrer
Funktionäre ins KZ gewor-
fen oder umgebracht.
Das Sporthistorische Kabi-
nett und seine Mitarbeiter
wollen die Erinnerung daran
wachhalten, berichten von
den progressiven Traditionen
und dokumentieren den Auf-
bau einer sozialistischen
Körperkultur bis hin zu den
jüngsten Erfolgen Berliner
Sportler bei Olympischen
Spielen und Weltmeister-
schaften.
SEITE 65

Panorama
BADESIITEN
Bei Herren
mindestens die
Oberschenkel ...
Schon im Mittelalter pflegte
man den Brauch des geselli-
gen Badens. Später ließ das
nach: man puderte sich lie-
ber. Im Jahre 1803 allerdings
machte als erste öffentliche
Badeanstalt Berlins und
»weltstädtische Einmalig-
keit« nahe der heutigen Rat-
hausbrücke das » Welpersche
Badehaus« auf sich aufmerk-
sam: Ein Badeschiff, auf
dem Begüterte unter Auf-
sicht das ganze Jahr über
warm und kalt baden konn-
ten. Die Aufsicht war wich-
tig, denn in Berlin bestand,
um Badeunfälle sowie »Sit-
tenlosigkeit(( zu verhindern,
ein polizeiliches Freibadever-
bot. Bei Zuwiderhandlung
Kamen im vorigen Jahrhun-
dert auf: Rußbadeanstalten
wurde mit Ruten gepeitscht,
eine Geldstrafe verhängt
oder abgelegte Oberbeldei-
dung polizeilich konfisziert.
Im Laufe des vorigen Jahr-
hunderts kamen entlang der
Spree mehrere städtische
Außbadeanstalten hinzu, so-
genannte »Magistrats-
schwemmen((, in denen auch
Schwimmunterricht erteilt
wurde. Selbstverständlich
waren die kurzen Strände
nach Geschlechtern unter-
Um /9/2: Strandleben, beobachtet von Zille
Zwölf Freibäder laden zum Bade: FKK-Bereiche dehnen sich aus
SEITE 66
teilt. Meterhohe Umbauun-
gen schützten vor unbefugten
Blicken. Vor allem wegen der
engen und unhygienischen
Verhältnisse in den Berliner
Mietskasernen forderten
dann die Arbeitersport- und
-schwimmvereine eine Auf-
hebung des Badeverbots. An-
fang unseres Jahrhunderts
mußten schließlich die ersten
Uferstreifen, darunter auch
am Müggelsee, zum öffentli-
chen Baden freigegeben wer-
den. Doch Tugendwächter in
Pickelhaube und hoch zu
Roß kontrollierten streng die
Einhaltung der polizeilichen
Bekleidungsvorschriften. Der
Badeanzug mußte bei Da-
men Schulter und Leib be-
decken und bis zum Knie ge-
hen, bei Herren mindestens
die Oberschenkel umhüllen.
In dem 1912 am Müggelsee
eröffneten Strandbad schuf
Zille manche seiner berühm-
ten Zeichnungen. Heute geht
es auch dort wesentlich frei-
zügiger zu. Jährlich werden
über 200 000 Besucher in
dem 12, 1 Hektar großen
Strandbad Rahnsdorf ge-
zählt. Auch an den sonstigen
Seen von Berlin und Umge-
bung und auf den Liegewie-
sen der städtischen Freibäder
gilt der Grundsatz: laßt Luft
und Sonne ran.
Das 1960 nach zweijährigem
NA W-Einsatz Tausender
freiwilliger Helfer eröffnete
Freibad Pankow zählte bis-
her über zwölf Millionen Be-
sucher.

STERNWARTE
Arcbenbold und die
Sterne von Rio
Sie ist die größte und älteste
Volkssternwarte der DDR:
die Archenhold-Sternwarte
in Berlin-Treptow. 1896
unter dem Leitgedanken ei-
ner »Astronomie für jeder-
das Riesenfernrohr seit 1983
auch wieder für Demonstra-
tionsvorführungen genutzt.
Heutiger Direktor der Ar-
chenhold-Sternwarte ist
Prof. Dr. Dieter B. Herr-
mann. Mit populären Vorträ-
gen, unter anderem über die
schönsten Sternsagen der
Griechen, hat sich die Ar-
chenhold-Sternwarte einen
... und das neue Zeiss-Planetarium Ernst-Thälmann-Park
(Modell)
mann« gegründet und eng
mit der URANIA-Gesell-
schaft verbunden, verdankt
sie Gründung und Bedeu-
tung ganz wesentlich dem
jahrzehntelangen unermüdli-
chen Wirken eines Mannes:
des Astronomen Friedrich
Simon Archenhold
(1861-1939).
Durch die von ihm initiierte
Sammelaktion - später auch
unterstützt von den Berliner
Gewerkschaften - konnte
anläßlich der Treptower Ge-
werbeausstellung im Jahre
1896 das mit einer Brenn-
weite von 21 Meter längste
bewegliche Linsenfernrohr
der Welt, der sogenannte
Große Refraktor, in Betrieb
genommen werden. Bis heute
ist dieses technische Denk-
mal das Wahrzeichen der
1946 nach ihrem langjähri-
gen Direktor benannten
Sternwarte geblieben. Nach
sechsjähriger komplizierter
Rekonstruktion durch die
Berliner Firma Heinrich wird
festen Platz im Kulturange-
bot der Hauptstadt gesichert.
Die nach dem Kriege unter
Leitung von Prof. D. Watten-
berg mühsam wiederherge-
stellte Sternwarte verfügt
heute auch über eine Samm-
lung von Meteoriten und hi-
storischen astronomischen
Geräten, ein Planetarium,
den astronomischen Garten
sowie eine Schulstation für
praktische Übungen inner-
halb des Astronomieunter-
richtes.
Ganz neue astronomische
Perspektiven eröffnet - und
das wiederum für jedermann
- das künftige Zeiss-Groß-
planetarium im Ernst-Thäl-
mann-Park. An die Decke
der Kuppel dieses hochmo-
dernen Planetariums kann
der Sternenhimmel aus den
verschiedensten Sichten pro-
jiziert werden. So wird man
in Berlin erleben können, wie
die Sterne über Rio leuchten
oder wie sie sich vom Raum-
schiff aus darstellen.
NBI 1987

Panorama
MÜNZWESEN
Wo die
Prägestempel
stampfen
Das Berliner Münzwesen
kann auf ein stattliches Alter
zurückblicken: 1980 beging
man das Jubiläum »700
Jahre Münzprägung in Ber-
lin((. Natürlich wurde dazu
eine Gedenkmünze herausge-
geben. Sie zeigt einen 1369
geprägten sogenannten
»Ewigen Pfennigcc. Die älte-
sten in Berlin herausgegebe-
nen Münzeinheiten aller-
dings waren Denar und
Schilling.
richtete Ephraimpalais. Auch
das ist mit Münzgeschichte
verbunden. Der Fabrikant,
Bankier und Hofjuwelier
Veitel Ephraim ließ es einst
bauen, und man nannte es
bald »die schönste Ecke Ber-
linscc. Ephraim hatte von
Friedrich II. alle preußischen
Münzstätten gepachtet.
Durch Herabsetzung des
Edelmetallgehaltes - wahr-
scheinlich im Auftrage, zu-
mindest jedoch mit Duldung
des Königs - half er, die
preußischen Staatsfinanzen
aufzubessern. Derartige
1980 geprägt: Ewiger Pfennig
Münzverschlechterung war
allerdings nichts Ungewöhn-
liches. Mit dem »Kippen
und Wippen(( (der Waage
beim betrügerischen Um-
tausch edelmetallreicher ge-
gen edelmetallarme Münzen)
hatte mancher Geldhändler
schon im 17. Jahrhundert sei-
nen Schnitt gemacht.
Nach 1871 bis zum ersten
Weltkrieg nahm die Berliner
Münze, die seit 1750 bis
heute als Münzzeichen den
Buchstaben A trägt. etwa 55
Prozent aller Münzprägun-
gen des Reiches wahr. Ab
Sommer 1947 begannen am
Molkenmarkt/ Rolandufer
die Prägemaschinen wieder
zu stampfen. Heute stellt der
VEB Münze im Auftrag der
Staatsbank der DDR sämtli-
che Münzen unseres Landes
her, überdies Orden, Ehren-
zeichen und Medaillen der
DDR. Seit 1966 werden jähr-
lich Gedenkmünzen als ge-
setzliche Zahlungsmittel ge-
prägt, die vor allem bei den
Sammlern sehr beliebt sind.
Der erste Sitz einer Münze
lag in der heutigen Kloster-
straße. Später befanden sich
Münzprägungsstätten u. a.
im Berliner Schloß, in der
Unterwasserstraße, Münz-
straße und am Werderschen
Markt. Die im Jahre 1800 er-
baute, doch schon 1886 wie-
der abgerissene Königliche
Münze erhielt einen 36 Me-
ter langen Relieffries nach
Entwürfen von Friedrich
Gilly und Johann Gottfried
Schadow. Er stellt in antiki-
sierender Form die Arbeits-
gänge der Münzprägung dar.
Man kann ihn - als Kopie -
noch heute bewundern: an
der Außenfront der in den
30er Jahren errichteten
Reichsmünze am Molken-
markt. Heute teilen sich die-
ses Gebäude das Kulturmini-
sterium der DDR und der
VEB Münze der DDR.
Gegenüber steht das neu er- 1800 eröffnet: Königliche Münze am Werderschen Markt
Aus dem Schadow-Fries: Arbeitsgang der Münzherstellung
NBI 1987
BIOGRAPHIE
Das gute alte
Wort »Geschichts-
schreibung«
Sie hat die erste Seite eines
international stark beachte-
ten Buches für sich: Dr.
Waltraud Engelberg. »Mei-
ner lieben Frau, der selbstlo-
sen Mitarbeiterin((, schrieb
Prof. Dr. Ernst Engelberg an
den Anfang seines funda-
mentalen 855-Seiten-Werkes
»Bismarck - Urpreuße und
Reichsgründercc (Akademie-
Verlag Berlin). Ein schönes,
Urpreuße und Reichsgründer:
Bismarck
Gemeinsame Arbeit an Bismarck-Biographie: Autor Prof. Dr.
Ernst Engelberg und seine Frau Dr. Waltraud Engelberg
ein herzliches Wort für die
Germanistin aus schlesischer
Arbeiterfamilie. »Sie beglei-
tete michcc, so ihr Mann nach
Jahrzehnten der Verbunden-
heit auch durch historische
Forschung, »in die meisten
Archive und arbeitete mit
mir Bismarcks Werke durch,
so daß ständiger Gedanken-
austausch möglich war.cc
Außerdem begleitet sie ihn
vor die immer interessierte
Öffentlichkeit. Der 77jährige
Prof. Engelberg spricht über
sein lebenslanges Thema
(schon der kommunistische
Doktorand hatte Anfang der
dreißiger Jahre Bismarck
zum Gegenstand seiner Dis-
sertation gemacht) in der
Berliner URANIA, im Klub
der Kulturschaffenden »Jo-
hannes R. Bechercc ...
»Die Bezeichnung >Erzähl-
werkc für mein Buch würde
ich nicht ablehnen. Man
sollte sich auf das gute alte,
vielleicht sogar altbacken
wirkende Wort >Geschichts-
schreibungc besinnen((, be-
tont Professor Engelberg.
Die aber schließe Kolorit
ein, Menschenschilderung
und eine Sicht nicht bloß auf
die jeweilige Hauptfigur,
sondern zugleich auf deren
soziale Verwobenheit und
Umwelt. »Man muß den
Mut haben, die Person in
den Mittelpunkt zu stellen
und von ihr aus die Verbin-
dungslinien finden zu den
politisch-ideologischen Ent-
wicklungen der Zeit.(( Daß
dies niemals unkritisch ge-
schieht, beweisen die Lektüre
des Engelbergschen Buches
und - eine manchmal leicht
belustigt. häufiger jedoch
von ernsthaftem Verdacht
diktierte Frage, die sich das
Ehepaar oft als Ermunterung
zu genauestem Prüfen der
Quellen stellte: »Ob Otto da
wohl gemogelt hat?cc Ihr ist
Prof. Dr. Ernst Engelberg
unter anderem nachgegan-
gen in DDR-Archiven, im
Zentralen Staatlichen Histo-
rischen Archiv der UdSSR,
im Politischen Archiv des
Auswärtigen Amtes in Bonn
und vor l • ~ m im Nachlaß
der Familie Bismarck in
Friedrichsruh, BRD. Der Bio-
graph lächelnd und mit Be-
zug auf den noch zu vollen-
denden zweiten Band '>Bis-
marck - Reichskanzler und
Widersachercc : »Man muß
nicht nur den Kopf anstren-
gen, sondern obendrein Sitz-
leder haben.(( Dr. Waltraud
Engelberg nickt sehr wis-
send.
SEITE 67
Panorama
PIONIERPALAST
Junge Historiker
und Kosmonauten
Fünf Stunden Tonbandpro-
tokoll, persönliche Erinne-
rungen an das Berliner Le-
ben um 1900, liegen schon
vor. Daneben: Schulfotos
aus jenen Jahren, die Zeich-
nungen einer heute 93jähri-
gen aus ihrem Zeiehenunter-
richt 1905, Schulzeugnisse
aus der Zeit vor und nach
der Novemberrevolution ...
Der Fleiß der Arbeitsgemein-
schaft »Berliner Heimatge-
schichte« im Pionierpalast
Kinderalltag heute: Beim Gleichgewichtstest im Kosmonautenzentrum
»Ernst Thälmann« trägt erste
Früchte. Im September 1986
unter Leitung von Ge-
schichtslehrer Meinhard
Stark gegründet, steht sie je-
dem Jugendlieben im Alter
zwischen 14 und 20 offen,
seinen Spaß am Abenteuer
Geschichte vorausgesetzt. Die
Jungen und Mädchen neh-
men das Berlin-Jubiläum
zum Anlaß, um sich ausführ-
lich mit den revolutionären
Traditionen in ihrer Heimat-
stadt zu beschäftigen. Sie se-
hen sich Archivfilme aus der
Zeit der Weimarer Republik
an, betrachten die Ausstel-
lung über das Berliner Groß-
stadtproletariat, bereiten sich
auf das Gespräch mit Berli-
ner Arbeiterveteranen vor,
mit dem 78jährigen Hans
Thurack zum Beispiel, des-
sen Leben eng mit dem
Prenzlauer Berg verbunden
ist. Wann und wo wurde das
Arbeiterkind Hans Thurack
eingeschult? Hatte es ein
SEITE 68
Pausenbrot? Wie war es ge-
kleidet? Wieviel Zeit verblieb
ihm zum Spielen? Mußte es
vor und nach dem Unterricht
wie andere Kinder arbeiten?
»So konkret betrachtet, wird
Geschichte lebendig und
spannend<<, sagt Rene
Libske, Schüler der
11 . Klasse der EOS »Albert
Einstein«. »Besonders reiz-
voll ist für mich, daß unsere
Arbeit gebraucht wird, das
Einmalige der Geschichte ei-
nes Menschen im neuen Mu-
seum Arbeiterleben um 1900
in der Husemannstraße Platz
finden wird.«
Andere Arbeitsgemeinschaf-
ten des Pionierpalastes
»Ernst Thälmann« erfor-
schen den Weg der Sowjet-
soldaten, die ihren Stadtbe-
zirk 1945 befreiten. Sie wen-
den sich der Geschichte Ber-
liner Großbetriebe wie des
Kabelwerkes Köpenick zu.
Oder sie vertiefen sich in
Wissenschaft und Technik.
Der Fliegerkosmonaut Sig-
mund Jähn weihte mit seinen
kosmischen Brüdern Kowal-
jonok und Iwantschenko das
Kosmonautenzentrum ein.
Mehr als zwei Millionen
Kinder haben den Palast bis-
her besucht. Und Gäste aus
aller Welt formulierten ihre
Eindrücke im Ehrenbuch.
Eine Delegation aus Japan
zeigte sich besonders beein-
druckt davon, daß bei uns
alle Kinder - unabhängig ih-
rer sozialen Herkunft - das
Recht auf Bildung und freie
Entfaltung ihrer Fähigkeiten
haben. Und der amerikani-
sche Freiheitskämpfer Ben
Chavis schrieb: »Mögen ei-
nes Tages alle Kinder der
Welt so aufwachsen können
wie die Jüngsten dieser Re-
publik.«

BERLINBESUCHER
Ein Rechtsanwalt
in der »Kommode<<
Am 14. August 1895 trug sieb
als Leser Nummer 11 in der
Berliner Königlichen Biblio-
thek am Opernplatz, dem
heutigen Bebelplatz, ein jun-
ger Mann ein: »Rechtsan-
walt W1adimir Ulianoff«.
Eine Gedenktafel an der Au-
ßenwand des im Volksmund
wegen seiner äußeren Gestalt
»Kommode« genannten Ge-
bäudes sowie das farbig ge-
staltete Glasfenster im heuti-
gen Lenin-Lesesaal der
Humboldt-Universität Berlin
erinnern daran. Uljanow,
später Lenin genannt, stu-
dierte damals vor allem ihm
in seiner Heimat nicht zu-
gängliche russische und
deutsche historische und so-
zialwissenschaftliche Unter-
suchungen zur Lage seiner
Heimat sowie »Die heilige
Familie« von Karl Marx und
Friedrich Engels.
Lenins erster Aufenthalt in
der Hauptstadt des deut-
schen Kaiserreiches war Teil
einer Westeuropa-Reise, die
ihn auch in die Schweiz und
nach Paris führte. Offizieller
Grund: um sich von einer
eben überstandenen Lungen-
entzündung zu erholen. Vor
allem aber wollte er als Füh-
rer der Petersburger marxisti-
schen Arbeiterzirkel Verbin-
dungen zu westeuropäischen
Revolutionären knüpfen und
die Möglichkeiten eines re-
einen der Führer der kampf-
erprobten deutschen Sozial-
demokratie, zu treffen sowie
einer sozialdemokratischen
Volksversammlung (in der
heutigen Frankfurter Allee
102) beizuwohnen.
Noch weitere neunmal weilte
Lenin bis 1914zu kurzen
Aufenthalten und Bespre-
chungen in Berlin. Seit 1970,
dem 100. Geburtstag Lenins,
gibt es eine eigene Gedenk-
stätte »Lenin in Berlin« im
Museum für Deutsche Ge-
schichte Unter den Linden.
Dort finden die Besucher
u. a. eine Nachgestaltung des
Arbeitsplatzes Lenins im
Großen Lesesaal der König-
lichen Bibliothek, eine 1946
von Ruthild Hahne geschaf-
fene Leninbüste sowie Faksi-
miles wertvoller Dokumente
Das Lenin-Denkmal am
gleichnamigen Platz in Berlin
Wo Lenin arbeitete: Die »Kommode« am August-Bebet-Platz
gelmäßigen illegalen Trans-
ports revolutionärer Schrif-
ten nach Rußland erkunden.
»Bis jetzt gefällt mir Berlin.
Ich fühle mich sehr wohl«,
schrieb er von hier aus seiner
Mutter. Den Aufenthalt
nutzte er zugleich, eine Auf-
führung des damals Aufse-
hen erregenden Hauptmann-
Dramas »Die Weber« im
Deutschen Theater zu besu-
chen, Wilhelm Liebknecht,
und Schriften Lenins, die
vom Zentralen Lenin-Mu-
seum Moskau übergeben
wurden. Und schließlich
ehrte die Hauptstadt der
DDR den großen Revolutio-
när, indem sie einem neuge-
schaffenen zentralen Platz
sowie der heute mit 11 km
zweitlängsten Straße Berlins
seinen Namen gab.
NBI 1987

Panorama
SPORT
Fotovermerk:
WoHgang Behrendt
»Leute macht hinne - wir es-
sen zeitig!« Dieser aus ge-
sundem Mutterwitz geborene
Satz ist typisch für den agilen
kleinen Ur-Berliner. Viele
kennen ihn, und der Kreis
seiner persönlichen Freunde
und Bekannten umschließt
inzwischen wohl fünf Konti-
nente. Als Fotoreporter des
»Neuen Deutschland« ist
Wolfgang Behrendt viel in
der Welt herumgekommen.
Er kennt sich auf den Lang-
laufstrecken am Mount van
Hoevenberg in Lake Placid
oder im Moskauer Lushniki-
Sportpark genauso aus wie
etwa in der Berliner Werner-
Seelenbinder-Halle oder auf
den Rodelpisten in den Müg-
gelbergen.
Beim Zusammentreffen mit
Sportlern spricht er deren
Sprache, denn er ist einer
von ihnen - noch immer -
und ein ganz Besonderer
dazu.
Am 1. Dezember 1956 be-
zwang der von Trainer Erich
Sonnenberg geführte Berli-
ner Boxer Wolfgang Beh-
rendt im Melbourner Finale
des Bantamgewichts den
Südkoreaner Soon-Chung
Song nach Punkten. Das war
die erste von 123 Goldme-
daillen, die DDR-Sportler
seit 1956 bei Olympischen
Sommerspielen erkämpft ha-
ben. Seither haben allein
Berliner Sportlerinnen und
Sportler bei Olympischen
Spielen 55mal, bei Weltmei-
sterschaften l 75mal und
Ulf 1immerman„, Hallenwelt-
meister im Kugelstoßen
Heute renommierter Sport-
fotograf-
Bildreporter Behrendt
»Das war mein bisher schön-
stes Erlebnis. Olympiasieger
wird man ja nicht alle Tage«,
erinnert sich Wolfgang Beh-
rendt an Melboume. Seit die-
sem unvergessenen Triumph
hat er nunmehr als Foto-
reporter schon die fünfte Ge-
neration von Olympioniken
vor seinen Kameras. Und die
Skala seiner Begegnungen
bei Europameisterschaften
130mal Gold erobert (Stand
1. Januar 1987). Sylvia Gerasch, Weltmeisterin im 100-m-Brustschwimmen
Erkämpfte die erste olympische Goldmedaille für die DDR: der
Berliner Boxsport/er Wolfgang Behrendt
NBI 1987
reicht von unserem legendä-
ren »Täve« über Alberto Ju-
antorena (Kuba) und Lasse
Viren (Finnland) bis zu der
für den Berliner Dynamo-
klub startenden Schwimm-
weltmeisterin Sylvia Ge-
rasch.
Hinsetzen müßte er sich mal
und über seine Erlebnisse
mit so vielen interessanten
Menschen schreiben. Aber
dazu erklärt er freundlich lä-
chelnd: »Wir essen zeitig!«
Was auf die feine Berliner
Art beißt: »Lcida hab ick
noch keene Zeit für sowat.«
VERKEHRSGESCHICHTE
Von Pferden,
Dampfrös.wm und
Elektrischen
Die Hugenotten führten die
Sänfte ein, mit Friedrich 11.
kamen die Fiaker, nach den
Befreiungskriegen die
Droschken. Noch bis in un-
ser Jahrhundert hinein do-
minierte der »Hafermo-
tor«. Die Pferdeomnibusse,
1840 aufgekommen, wur-
den zum ersten Massenver-
kehrsmittel an der Spree im
fahrplanmäßigen Linienbe-
trieb. Ab 1865 rollten als
Konk.urenz auf Gleisen ver-
kehrende private Pferde-
bahnen.
1880 gelangten neue An-
triebsarten zum Einsatz.
Die erste Dampfstraßen-
bahn in Berlin mußte aller-
dings wegen der damit ver-
bundenen Rauch- und
Rußbelästigung ihre Fahr-
ten schon nach wenigen
Wochen wieder einstellen.
Kurz darauf wurde im Vor-
ort Lichterfelde-Ost die er-
ste elektrisch betriebene
Straßenbahn der Welt in
Dienst gestellt. Werner von
Siemens hatte sie entwik-
kelt.
Ab 1904 gab's einen elek-
trisch angetriebenen Obus
als »gleislose Straßen-
bahn«. Ein Jahr später fuhr
der erste Kraftomnibus mit
Benzinmotor, auf den als-
bald ein großer Ansturm
der Berliner einsetzte. Die
erste Motortaxe war 1899
aufgetaucht.
1896 war der Spatenstich
für den Bau der ersten
»Unterpflasterbahn« er-
folgt - zunächst auf einem
Hochbahnstück. 1902 ver-
kehrte dann die erste
U-Bahn auf acht Kilometer
Länge.
Die längste Einführungs-
phase hatte die S-Bahn.
Viele solcher Tafeln ...
mo:i
... zur Geschichte . ..
. .. des Verkehrs in Berlin .. .
Eine erste Teilstrecke war -
vor allem wegen der Verle-
gung der Industrie in die
Vororte - bereits 1882 ein-
geweiht worden. Der An-
trieb erfolgte noch mit
Dampf. Trotz erfolgreicher
Testversuche um 1900 ver-
hinderte die Kohle- und
Lokomotivindustrie die
technisch mögliche Elektri-
fizierung bis in die 20er
Jahre, unter anderem mit
dem Gutachten eines Tier-
schutzvereins, wonach
Luftschiffe und Vögel die
elektrifizierten Gebiete we-
gen Lebensgefahr im Um-
kreis von 30 Kilometern
meiden müßten.
Texte: Günther Bel/mann,
Bärbel Henniger, Lutz
Pretzsch, Klaus Ramm,
Fotos: Archiv Märkisches
Museum, BV-Archiv, Wolf
gang Behrendt, Klaus Fischer,
Pierre Guillaume. Eberhard
Klöppel, Harald Mohr,
Klaus Morgenstern, Lutz
Pretzsch, Thomas Sandberg,
Hemd H. Sefzik, Uwe
Steinberg, ZB/ Ritter,
IML,privat
... schmücken heute den U-Bahnhof Klosterstraße
SEITE 69

Mitten im
Ein Beitrag von Helgard Behrendt mit Fotos von Eberhard Klöppel
Der Hintergnmd:
EIN RIESENAUFWAND
Zwei Kilometer lang ist die Berliner
Wilhelm-Pieck-Straße - pulsierende
Magistrale, nördlicher Abschluß des
Stadtzentrums. Zur Zeit erlebt sie -
wie viele andere Straßen der Haupt-
stadt - ein Wunder der Verwand-
lung. Mit zahlreichen Nebenstraßen,
mit den Hinterhöfen und Seitenflü-
geln wird sie von Grund auf saniert.
NBI 19,87
Bauleute aus vielen Bezirken sind
daran beteiligt. Der · exakten Organi-
sation wegen sind sie einzelnen Ab-
schnitten der Straße zugeordnet. Am
östlichen - zwischen Gormann-
straße und der allseits bekannten
Schönhauser Allee - ist der Standort
Frankfurt (Oder). Da ist beispiels-
weise das Haus Lottumstraße 16, wie
die meisten Gebäude hier um die
hundert Jahre alt. Die Mieter sind
ausgezogen. Aus gutem Grund, denn
damit hier wieder Grund reinkommt,
muß buchstäblich alles - bis auf die
Mauem - erneuert werden: das
Dach, die Decken und die Fußbö-
den, die Fenster und die Öfen. die
Elektro- und die Sanitärleitungen.
Der Schwamm ist zu bekämpfen. Zu-
sätzlich wird ein Stockwerk mit zwei
Wohnungen aufgebracht. Ein riesi-
ger Aufwand, körperlich anstren-
gende und schwere Arbeit ist zu lei-
sten. Staub, Kälte und Hitze machen
den Bauleuten zu schaffen. Allein
aus diesem Haus haben sie 100 m
3
Schutt abtransportiert.
In den ersten drei Jahren ihres Ein-
satzes konnten die Frankfurter hier
bereits 625 Wohnungen in solchen
vom Fundament bis zum Dach sa-
nierten Häusern an die Familien
übergeben. Pro Jahr stehen für die
Truppe von 180 Mann 200 erneuerte
Wohnungen zu Buche.
Fortsetzung auf Seite 74
SEITE 71
BERLIN
IN DATEN
Über 25 ()()() Werktätige
aus allen Bezirken der
DDR, darunter mehr als
20 ()()() Jugendliche der
FDJ-Initiative Berlin.
leisten bei der
Gestaltung der
Hauptstadt einen
hervorragenden Beitrag.
Es wirken bzw. wirklen
u. a. mit: die Bezirke
Erfurt, Gera,
Karl-Marx-Stadt,
Potsdam, Cottbus,
Leipzig und Dresden
am Emst-Thälmann-Park,
Magdeburg am
Bersarinplatz, Suhl am
Palisadendreieck,
Frankfurt (Oder) am
Amimplatz, Schwerin,
Rostock und
Neubrandenburg in
Hohenschönhausen,
Halle und Gera in
Marzahn-West, Erfurt
in der Köllnischen
Vorstadt (Köpenick).
Im Jubiläumsjahr
werden in U Bezirks-
jugendobjekten 16()()
Wohnungen, in 10 Kreis-
jugendobjekten des
Berliner Bauwesens 1776
Wohnungen modernisiert.
Fortsetzung von Seite 71
Die Geschichte:
DER KONTAKT
WIRD GEKNÜPFT
Eines Tages fegt die Rentnerin Elisa-
beth Rambalski in der Cbristinen-
straße den Bürgersteig vor ihrer
Haustür. Gerade kommt ein Trupp
Bauarbeiter vorbei. »Na Oma, bei
euch gibt's wohl keine Männer im
Haus«, meint einer, ergreift den Be-
sen und erledigt die Arbeit im Hand-
umdrehen. Ein Wort ergibt das an-
dere. Der Kontakt ist geknüpft. Mal
brauchen »die Jungs« ein paar Tas-
sen, mal möchte einer seine Hose ge-
bügelt haben, weil er zur Disko will.
Dann sitzt man schon mal gemütlich
beisammen, und bald wird es zur Ge-
wohnheit, einmal in der Woche in ei-
ner Gaststätte gemeinsam ein Bier zu
trinken. »Da haben se mir denn be-
kniet, det ick eenen sollte uffneh-
men<<, erzählt Mutter Rambalski .
»Wo ick nie im Leben vermieten
wollte. Aber det Zimmer stand ja
leer, und ick hab se ja nun schon je-
kannt. Da konnte ick sc mir eben
aussuchen.«
SEITE 74

Sehnsüchtig hatten die Bewohner darauf gewaltet, da8 auch der neue grolle Hof fertig wird.
So zogen also »mein Kurtcben« und
»mein Manfred« bei Lieschen Ram-
balski ein. Bald danach war das
Haus mit dem Sanieren an der
Reihe. »'ne Neubauwohnung ham se
mir anjeboten. Nich für tausend
Mark hätte ick die jenommen. Ick
wollte zurück in mein Kiez. Und
Kurtchen sagte: Ick lasse Lieschen
nich alleene. So sind wa zusammen
in die Ausweichwohnung jezogen,
und beede Male hat die janze
Truppe beim Umzug jeholfen.«
Einschnitte:
BLEIBEN
ODER NICHT BLEIBEN?
Aus dem Scherz im Vorübergeben ist
eine herzliche und nun schon fast
vier Jahre dauernde Freundschaft
geworden. »Ums Kohlenholen
brauche ick mir nicht zu sorgen«,
sagt Frau Rambalski. »Wenn ick ver-
reise, schaffen se mir den Koffer
zum Bahnhof. Und als ick mir beim
Besuch bei meinem Kurtchen in
Schwedt die neue Schrankwand aus-
jesucht hatte, sagten se: Lieschen,
mach dir keen Kopp, wir erledigen
det schon.«
Leider, so sagt sie, übersiedelte ihr
Kurtchen zur Arbeit an die Erdgas-
trasse in die Sowjetunion. Aus der
Gegend von Perm ist bereits Post
eingetroffen. Gemeinsam mit seiner
Frau hat er sich dort schon gut einge-
lebt.
Nun ist der junge Wolfgang Zimmer-
riemer aus Angermünde bei Mutter
Rambalski eingezogen, ebenso wie
sein Freund Falk Stockfisch aus
Schwedt Schlosser von Beruf und
ebenso wie dieser fest entschlossen,
seine Zukunft in der Hauptstadt zu
suchen. » Een Mädel hat der Falk
schon jefunden«, sagt Frau Ram-
balski und blickt liebevoll auf den
hübschen Blondschopf. »Nun war-
ten wir auf det Brigadebaby.«
Anders sehen die älteren Kollegen
die Dinge, wenn sie wieder mal an
Lieschens Kaffeetisch sitzen und
über Gott und die Welt reden. Der
SOjährige Kraftfahrer Rudi Schmidt
etwa, der auf jeden Fall in Schwedt
wohnen bleiben möchte. weil er dort
an seiner Wohnung und an seinem
Garten hängt und mit seiner Frau
noch seine beiden Enkelkinder groß-
zieht. Oder der 44jährige Brigadier
Peter Fischer: »Ich bin zwar ledig,

aber ich habe in Schwedt meine
Neubauwohnung, außerdeß\ die al-
ten Kumpels. Wir haben dort schon
die Stadt wachsen sehen, da fühlt
man sich eben verbunden.«
Zur Brigade Technik zählen insge-
samt acht Mann. Sie steuern alle
Fahrzeuge, die hier auf dem Bau ein-
gesetzt sind - vom Bagger bis zum
Trecker. Und sie leisten die Repara-
turen, die dabei anfallen. Sie sind es
gewohnt, sich den vielfältigen Pro-
blemen zu stellen, die die kompli-
zierten Arbeiten in der Rekonstruk-
tion mit sich bringen. Wenn es not-
wendig ist, hängen sie Überstunden
an oder machen mal ein .Wochen-
ende durch. »Hier muß man häufig
auch improvisieren können.<<
Erinnerung:
DREIZEHN GESCHWISTER
»Auf meine alten Tage mache ick
mir ein schönes Leben«, sagt Mutter
Rambalski. »Jetzt hab ick die herrli-
che Wohnung mit Bad - und allet
neu einjerichtet. Eenmal in de Wo-
che jeb ick ins Freizeitzentrum
schwimmen. Außerdem hab ick nich
nur die Jungs hier, sondern noch die
NBI 1987
vielen anderen Kollegen aus meinem
alten Betrieb. Öfter verreise ick vom
FDGB, jerade bin ick von Stollberg
im Harz zurüclcjekommen. Kinder,
hätte man sich det früher allet mal
träumen lassen?«
Wenn Lieschen Rambalski aus ihrem
Leben erzählt, wird es mucksmäus-
chenstill am Tisch. »Dreizehn Je-
schwister warn wa, icke die fünfte
oder sechste. Vadder war Malennee-
ster. Jewohnt ham wa in anderthalb
Zimmern, jeschlafen zu zweet oder
zu dritt in een Bett. Später, als Vad-
der arbeitslos war, stiegen wa ab in
ne Kellerbehausung. Butter ham wa
nich jekannt, wenns hoch kam, jabs
eenmal Aeisch inne Woche. Seit 1920
war Vadder KPD ... «
Geschichtliches:
TYPISCH »MIETSKASERNE«
Die Kindheit der Elisabeth Ram-
balski fiel in die »goldenen« zwanzi-
ger Jahre. Allein im Stadtbezirk
Prenzlauer Berg lebten damals an
die 300 000 Menschen - die Proleta-
rier in den miesesten Behausun-
gen, den »Mietskasernen«, mit ähnli-
chem Schicksal wie ihrem. Die Le-
benserwartung betrug bei den Män-
nern durchschnittlich 24,3 Jahre, bei
den Frauen 27,/J Jahre - bedingt
durch eine hohe Säuglingssterblich-
keit, durch die schweren Arbeitsbe-
digungen, durch gefürchtete Krank-
heiten wie die lbc. (Heute rechnen
wir bei den Männern mit 70, bei den
Frauen mit 75 Lebensjahren.)
Es ist interessant, daß gerade im
Viertel um die heutige Wilhelm-
Pieck-Straße jene stürmische Ent-
wicklung begonnen hatte, die Berlin
in kurzer Zeit von der Residenz- zur
Industrie- und Arbeiterstadt wan-
delte. In unmittelbarer Nähe - in der
Chausseestraße - wurden Mitte des
vorigen Jahrhunderts die ersten gro-
ßen Industriebetriebe gegründet.
Hier baute Borsig 1840 seine erste
Lokomotive, hier siedelten sich so
bekannte Finnen wie Wöhlert,
Hoppe oder SchwarzkopfT an. Mas-
senhaft kamen die Arbeitskräfte vom
Lande in die Stadt. Massenhaft
wuchsen die Wohnblocks aus der
Erde. Bis zu 68 Prozent aller er-
werbsfähigen Berliner waren in den
Spitzenzeiten im Baugewerbe tätig.
Mit dem Bebauungsplan von 1862
wurden auch die Lottum-, Anger-
münder-, Christinen- und viele an-
dere Straßen trassiert und bald da-
nach bebaut. Es ist nicht zu verken-
nen, daß die Übersiedlung für die er-
ste Generation der Zuwanderer zu-
nächst einen relativen Fortschritt
brachte. Sie kamen weg von den pa-
triarchalischen Verhältnissen beim
Handwerksmeister oder dem
Bauern. Sie hielten zum ersten Mal
Geld in der Hand, hatten eine gere-
gelte Arbeitszeit, eine eigene Woh-
nung mit fließendem Wasser, mit
Gasanschluß usw. Doch rasch wur-
den die Verhältnisse für Hunderttau-
sende unerträglich. Mietshäuser wur-
den nicht mehr für einen bestimmten
Nutzer und in dessen Auftrag ge-
NBI 1987

baut, sondern als Massenprodukt für
den Markt. Die Bodenpreise stiegen
und stiegen. Stets war die Nachfrage
nach Wohnungen größer als das An-
gebot. Im gleichen Maße wie die
Mietpreise kletterten, nahm die An-
zahl der billigen Wohnungen ab. In
den Jahren zwischen 1902 und 1914
standen dem durchschnittlichen Wo-
chenlohn eines Arbeiters von 26,90
Mark Lebenshaltungskosten für eine
vierköpfige Familie von 28,90 Mark
gegenüber. Das Existenzminimum
überschritt also bereits den Ver-
dienst. Auch deshalb lebten Arbei-
terfamilien in überbelegten Wohnun-
gen und hatten dazu meist noch ei-
nen Schlafburschen. Ein Viertel bis
ein fünftel ihres Monatslohnes muß-
ten sie aufbringen, um eine Küche-
Stube-Wohnung zu mieten. Übri-
gens: Elisabeth Rambalski zahlt
heute nach der Rekonstruktion ihrer
Drei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung
wie zuvor 64 Mark Miete.
Wohnungspolitik:
ZUM WOHLFÜHLEN
Sehnsüchtig hatte Elisabeth Ram-
balski auch darauf gewartet, daß der
schöne große Hof in ihrem Karree
fertig wurde: Hinterhäuser und Sei-
tenflügel sind verschwunden und ha-
ben Platz gemacht für Spielplatz, fri-
sches Grün und Bänke zum Ausru-
hen. Für die Rentnerin wie für die
vielen anderen, vornehmlich jungen
Familien, die hier eingezogen sind,
werden die Anstrengungen sozialisti-
scher Wohnungsbaupolitik immer
spürbarer. Da schlägt nicht nur die
Wohnlichkeit in den eigenen vier
Wänden zu Buche. Da wachsen in
gleichem Maße all die anderen Ein-
richtungen mit, die für die Bedürf-
nisse des täglichen Lebens erforder-
lich sind: Kinderkrippe und Kinder-
garten, Schule und Kaufhalle, Gast-
stätte und Poliklinik. Wer die Gegen-
wart wie Elisabeth Rambalski an den
Erlebnissen der Vergangenheit mißt,
weiß die Vorzüge sozialer Sicherheit
und Geborgenheit in besonderem
Maße zu schätzen. Mehr als vierzig
Jahre ihres Lebens hat sie im Haus
Christinenstraße 7 gelebt. Zu Kriegs-
ende ist sie mit ihrem damals 16jäh-
rigen Bruder in eine winzige Mansar-
denwohnung unterm Dach gezogen.
Glückliche Jahre hat die gelernte
Näherin dann dort mit ihrem Mann
- mit Etc, dem Kraftfahrer - verlebt,
bis dieser vor zehn Jahren starb.
Wen wundert's, daß Lieschen Ram-
balski in diesem Viertel bleiben
wollte.
Vieles ist hier noch zu tun. Auch die
Bauleute aus dem Bezirk Frankfurt
(Oder) haben sich darauf eingerich-
tet, noch über Jahre hinaus Häuser
im Berliner Prenzlauer Berg zu re-
konstruieren. In welchem Klima dies
geschieht - dafür legt die Freund-
schaft in der Chri stinenstraße ein be-
redtes Zeugnis ab.
Wissenschaftljche Beratung:
Dr. Horst- Werner Rohls
Ergänzungsfotos: Archiv
Hlusenchluchten,
wie sie eine
Wohnungspolitik
hertotbl'achte,
die auf Profit
aus war.
Wohnungselend
1907: In ärmlicher
Stube und Kiiche
lebte diese Familie
mit zehn Kindern.
(Foto Mitte)
KellelWOhnung 1917
mit feuchtem und
finsterem Kochraum
SEITE 75

3IXJO W ~ IUS EllOpl.
dtn USA und rc.t nieten Kont1Mttt8
diauti«ttn im Nofetnbff 1986 auf dtm
inttrrlltioMltn KongrtB dtr Nltur-
~ Notwendigitit und
M6glicMtit. dwch DiMog rJJ
politiden i n     .     dtr
nukltMtn Abrüst!Nlg zu kommtn.
Einstein und das
Weltgewissen
Von 1914 bis 1932 wirkte Albert Ein-
stein, einer der größten Physiker, in
Berlin. Diese Jahre gelten als die
fruchtbarsten seines Lebens. Hier
stellte er 1915 seine Allgemeine Rela-
tivitätstheorie auf, leitete seit 1917
das Kaiser-Wilhelm-Institut für Phy-
sik in Dahlem und wurde 1921 mit
dem Nobelpreis ausgezeichnet. In
Berlin war Einstein Mittelpunkt
eines Kreises von Gelehrten, zu de-
nen Max Planck. Max von Laue,
Walther Nernst. Fritz Haber und
Otto Hahn gehörten.
Der »Kopernikus des 20. Jahrhun-
derts«, wie Planck Einstein einmal
nannte, hat wie kein anderer Natur-
forscher unseres Zeitalters zur Erfül-
lung der faustischen Sehnsucht bei-
getragen, zu erkennen, was die Welt
im Innersten zusammenhält - den
Mikrokosmos, die Welt der Atome,
ebenso wie den Makrokosmos, die
Welt der Sterne. Mit der berühmten
Formel E = mc2 - Energie gleich
Masse mal Quadrat der Lichtge-
schwindigkeit - erfaßte er zu Beginn
unseres Jahrhunderts die dialekti-
sche Gleichwertigkeit von Energie
und Masse, nach der in einem
Gramm Materie die Kran von
1,5 Milliarden Kilowattstunden
schlummert.
»ICH LIEBE DEN FRIEDEN«
Wenn wir heute Atome spalten, Mo-
leküle zählen, Laser erzeugen und
Computer nutzen können, so verdan-
ken wir dies nicht zuletzt dem
Schöpfer der Relativitätstheorie und
Mitbegründer der Molekularphysik.
f
otodoltumente aus Einsteins Wir'ttn in BMin.
Fünf Nobelpreisträger in der Wohnung Max "111 Laues
(auf dem Foto obtn, r. I. n. r.): W. Nernst, A. Einstein, M. Plllnck,
R. A. Millikan, M. r. Laue.
Foto darunter: Albert Einstein hilt im Oktober 1932 seinen
Abst:hiedmxtrag in der Berliner Philharmonie.
SEITE 78

Der Schlüssel zu Albert Einsteins
universellem Wesen und Werk ist
wohl am ehesten in seinen eigenen
Worten zu finden, die er dem von
ihm verehrten Isaac Newton wid-
mete: »Ein solcher Mann kann nur
verstanden werden, wenn man ihn
als einen Schauplatz begreift, auf
dem der Kampf um die ewige Wahr-
heit stattfand.«
Werden Einsteins wissenschaftliche
Leistungen mit denen von Johannes
Kepler und Isaac Newton vergli-
chen, so sein persönliches Leben mit
dem tragischen Schicksal eines Gali-
leo Galilei und Giordano Bruno. Im
Jahre 1913 wurde der am 14. März
1879 in Ulm geborene Gelehrte zum
Mitglied der Berliner Akademie ge-
wählt. Als Demokrat und Kriegsgeg-
ner kam er im April 1914 in das Ber-
lin der Hohenzollern. »Ich liebe
Deutschland, ich liebe seine Spra-
che, ich liebe sein Volk. Aber ich
liebe nicht den Krieg, ich liebe den
Frieden«, hatte er schon vor seiner
Übersiedlung aus der Schweiz zu
Planck und Nernst gesagt, die ihn in
Zürich besuchten.
»ERST JETZT FÜHLE ICH
MICH IN BERLIN WOHL«
Vier Monate später lösten die deut-
schen Imperialisten den ersten Welt-
krieg aus, der für Einsteins weitere
politische Haltung entscheidend
war. Gemeinsam mit wenigen Gesin-
nungsgenossen wie dem Physiologen
Georg Friedrich Nicolai und dem
Astronomen Wilhelm Förster wandte
er sieb im Oktober 1914 mit einem
»Aufruf« an die Europäer und trat
einen Monat später dem »Bund
Neues Vaterland« bei, einer Vereini-
gung pazifistischer Intellektueller,
die sieb für einen baldigen Friedens-
schluß ohne Gebietsforderungen ein-
etzte. In einem Brief an den großen
französischen Romancier Romain
Rolland, mit dem er sich mitten im
Krieg, am 16. September 1915, in
dem Schweizer Ort Vevey zum Ge-
dankenaustausch traf, schrieb Ein-
stein von der »tückischen epidemi-
schen Krankheit«, die grassiere und
dazu geführt habe, daß sich manche
Wissenschaftler verschiedener Län-
der gebärden, >>wie wenn ihnen im
August 1914 das Großhirn amputiert
worden wäre«.
Einstein begrüßte als einer der weni-
gen großen Naturforscher die Okto-
berrevolution in Rußland und die
Novemberrevolution in Deutsch-
land. Lenin bezeichnete er als einen
»Hüter und Erneuerer des Gewis-
sens der Menschheit<<, und am
11. November 1918 schrieb er an
seine Mutter in der Schweiz: »Erst
jetzt fühle ich mich in Berlin richtig
wohJ.«
Gemeinsam mit Walther Ratbenau,
Wilhelm Külz, Otto Nuschke und
anderen aufrechten bürgerlichen De-
mokraten gehörte Einstein am
16. November 1918 zu den Unter-
zeichnern des Gründungsaufrufes
der Deutschen Demokratischen Par-
tei.

MORDE
UND MORDDROHUNGEN
Einstein schätzte Rosa Luxemburg
und Karl Liebknecht. Darum ent-
setzten ihn die kaltblütigen Morde,
später auch an Walther Rathenau,
mit dem er persönlich befreundet
war, ebenso wie die konterrevolutio-
nären Putsche von Kapp-Lüttwitz
1920 und Hitler-Ludendorff 1923.
Wochenlang, monatelang war er ver-
zweifelt und stellte sich die Frage, ob
es sinnvoll und möglich sei, weiter in
Berlin zu bleiben. Seine die Wissen-
schaft revolutionierenden Theorien
wurden bereits in den 20er Jahren
von der Reaktion als »Bolschewi-
stenphysik« beschimpft, und er
selbst - der seit 1923 die »Gesell-
schaft Freunde des Neuen Rußland«
unterstützte - war Morddrohungen
ausgesetzt. Die letzte öffentJiche Ver-
anstaltung, die Einstein in Deutsch-
land besuchte, war der Empfang,
den der Botschafter der UdSSR in
einem Haus Unter den Linden an-
läßlich der »Deutsch-Sowjetischen
Medizinerwocbe« am 29. November
1932 gab.
Als die Faschisten den Reichstag in
Brand steckten, befand sieb Einstein
auf einer Vortragsreise in den USA.
Er erklärte sich öffentlich gegen da
»Dritte Reich« und legte seine Aka-
demiemitgliedschaft nieder.
DER »FRIEDENSHETZERcc
UND DIE ATOMBOMBE
Als es immer offenkundiger wurde,
daß Hitler den zweiten Weltkrieg
entfesseln wird, entschloß sich Ein-
tein auf Drängen junger ebenfall
vom Faschi mus vertriebener Phy i-
ker, wie sein Berliner Schüler Leo
Szilard und Egon Wigner, an Prä i-
nt Roo evelt zu schreiben und an-
rc en, die USA-Regierung möge
rglich die Anwendbarkeit der
cmenergie für militäri ehe Zwecke
priifen. Albert Einstein handelte in
der tiefen Sorge, die im faschi ti·
hen Deutschland verbliebenen be-
deutenden Physiker würden im
Auftrag Hitlers die Atombombe
bauen. Nachdem sich diese An·
nahme dann später - 1945 - als irrig
erwies, bedauerte Einstein seinen
Schritt zutiefst : »Wenn ich damal ,
1939, bestimmt gewußt hätte, daß es
den Deutschen nicht gelingen würde,
E
illlttins Frau
{im Auto stehend) 1921 bei
tiner
im Berliner Lustgarten.

die Bombe herzustellen, hätte ich da-
von Ab tand genommen, Roo evelt
den Rat zu geben.cc Auf einem Emp-
fang für Nobelpreisträger im New
Yorker Waldorf-Astoria-Hotel er-
klärte er am 10. Dezember 1945:
»Der Krieg ist gewonnen, der Friede
nicht. „ Wir übertreiben nicht, wenn
wir behaupten, daß die Lösung des
wahren Problems einzig von der Ver-
ständigung großen Stils zwi eben
diesem Land und Rußland ab-
hängt . .. Nicht Drohung, nur der ehr-
liche Wille, ein gegenseitiges Ver-
trauen zu schaffen, kann einen
dauerhaften Frieden herbeiführen.cc
Nach dem militärisch sinnlo en Ab-
wurf der Atombomben auf Hiro-
shima und Nagasaki, den Einstein
gemeinsam mit anderen amerikani-
schen Kernphysikern zu verhindern
suchte, bezeichnete er sich selbst
gern als einen »Friedenshetzer«, der
im Dienst der Erhaltung des Welt-
friedens seine wertvolle Zeit noch
bewußter »zwischen der Politik und
den Gleichungencc teilt.
FÜR EINE KOALITION
DER VERNUNFT
»Die Naturwissenschaft hat zwar die
gegenwirtige Gefahr herbeigeführt,
aber das wirkliche Problem liegt im
Denken und im Herzen der Men-
schencc , stellte Albert Einstein in
Übereinstimmung mit seinen beiden
bedeutendsten Mitstreitern im
Kampf gegen den Atomtod, Albert
Schweitzer und Bertrand Ru seil,
1946 fest. Bis zu seinem Tode wie-
derholte er die Forderung, daß »eine
neue Art des Denkenscc notwendig
sei, wenn die Menschheit fortbe te·
hen und sich weiterentwickeln wolle.
Die Atombombe habe das Wesen
der Welt von Grund auf verändert,
das Men chengeschlecht sei in eine
neue Umgebung versetzt, der e ein
Denken anpassen mü e. Da es ge-
gen Kernwaffen, die die gesamte Zi-
vilisation vernichten können, keinen
wirksamen Schutz gäbe, müs e die
Außenpolitik eines jeden Staates
darauf gerichtet sein, den Atomkrieg
zu verhindern.
Das geistige Erbe seines neuen Den-
kens verwirklicht sich in allen Über-
legungen und Forderungen, in allen
Warnungen und vor allem in den Ta-
ten, die darauf gerichtet sind, die
Menschheit vor dem nuklearen In-
ferno zu retten. Dieser Aufstand des
Weltgewis ens gegen die Gefahr ei-
ner Selbstvernichtung der Mensch-
heit, die aktive Verständigungs- und
Friedenspolitik der oziali tischen
Länder, ihre konstruktiven Vor-
schläge zur nuklearen Abriistung
wirken im Sinne von Einsteins Ver-
mächtnis.
So veröffentlichten kürzlich die Na-
turwi enschaftler der DDR im Ein-
stein-Haus Caputh eine Erklärung,
zu deren Unterzeichnern die Profes·
soren Robert Rompe, Peter Adolf
Thießen und Klaus Fuchs gehören,
die noch bei Einstein Vorlesungen
hörten. In die cm Dokument heißt
es: »Vor fünf Jahren, im Oktober
1981, wiesen wir als Schüler und
Schülers-Schüler Albert Einsteins im
Appell von Caputh auf die Bedeu-
tung des Einstein-Russell-Aufrufes
für die totale nukleare Abriistung
hin. Dieser Aufruf wurde 1955 von
Albert Einstein unterschrieben und
ist sein politische Testament.
Die Warnung Einsteins: >Jede neue
Ladung der Waffe bringt die Kata-
strophe nähere i t heute von furchter-
regender Aktualität. Daher ist es im-
perativ, die zweite Forderung Albert
Ein teins zu erfüllen und keine
neuen Waffen zu entwickeln.cc
Horst Hoffmann
Fotos: Simon, Wa//och, Zentralbild,
N BI-Auslandsdienst, B V-Archiv

Die Toleranzstraße Von Heinz Knob/och
Diesen Namen gibt es nicht als Straßenschild.
Die Große Hamburger wird so genannt. Sie ist eine der zahlreichen,
niemals vornehmen Straßen im alten Berlin,
schon 1740 gepflastert; nicht länger als vierzig Hausnummern.
Wir kommen von Süden, wie die Stadt, als sie
sich dehnte über ihre mittelalterlichen Befesti-
gungen hinweg, auf deren Wall inzwischen die
Stadtbahn rollt. Als mit der Spandauer Vorstadt
ein neues Viertel entstand, durfte die jüdische
Gemeinde ziemlich am Anfang des uralten Heer-
weges, der über Neuruppin nach Hamburg
führte, 1672 ihren Friedhof anlegen. Nach hun-
dertjähriger Unterbrechung waren Juden wieder
zugelassen in Berlin. Aus Wien hergeführte, sorg-
fältig nach Handwerkskunst und Gewerbe ausge-
lesene Familien, mit denen die neue Geschichte
der Berliner Juden begann.
Neben dem Friedhof entstand ein Krankenhaus,
ein Altenheim kam dazu. Es gab eine christliche
Hebamme im »Judenbaus<<. Wo ist das? Nur we-
nige Schritte bis zu dem breiten Eingang in eine
Grünanlage. Rasen und alte Bäume. Ein Fried-
hof'? Wo sind die Gräber? Mißtraut den Grünan-
lagen, denn die Geheime Staatspolizei hat diesen
Friedhof umgebracht wie Millionen Menschen.
Dreitausend Grabsteine sind verschwunden. Ei-
ner wurde neu geschaffen nach dem Kriege und
vermutlich an die Stelle gesetzt, wo Anfang Ja-
nuar 1786 Moses Mendelssohn begraben wurde,
wo Anfang September 1929 der Magistrat einen
Kranz niederlegte mit der Aufschrift : »Ihrem
großen Mitbürger die Stadt Berlin«.
D
er Philosoph, Schriftsteller und Menschen-
freund, der Berliner Aufklärer, der die kul-
turelle und bürgerliche Emanzipation der
Juden in Preußen verfocht und einleiten konnte.
Der Journalist, Buchhalter, Shakespeare- und Bi-
bel-Übersetzer, »Schutzjude« unter Friedrich II.,
der ihn nie in seine Akademie der Wissenschaf-
ten aufnahm, allen Legenden über religiöse und
intellektuelle Toleranz in Preußen-Deutschland
zum Trotz. »Herr Moses« nannten ihn seine
Freunde Lessing und Nicolai.
Manchmal bringt jemand einen kJeinen Stein mit,
wie man sie statt Blumen auf jüdische Gräber
legt. Aber spielende Kinder und der Ordnungs-
zwang Unwissender wischen diese Grüße oft wie-
der herunter.
Seit der Renovierung des Begräbnisplatzes vor
hundert Jahren sind etwa zwanzig Steine mit he-
bräischen Inschriften in die Grundstücksmauer
eingelassen. Sie deuten stumm an, was für eine
Kulturstätte Berlin besäße, wäre nicht...
Auf diesem Gelände sind in den Maitagen 1945
Soldaten beigesetzt worden und manche aus der
Nachbarschaft, die es beim Wasserholen oder
Anstehen nach Brot getroffen hat. Das Andenken
dieser Opfer ehrt an der Mauer eine wegen unge-
lenker Buchstaben für fremde nicht leicht les-
bare Tafel. Wer zum erstenmal durch diese
Straße geht, erwartet er solche Begegnung mit
deutscher Geschichte?
Draußen statt eines Hauses ein Rasen mit einem
Gedenkstein. »An dieser Stätte befand sich das
erste Altersheim der Jüdischen Gemeinde.« 1942
zog die Gestapo ein und verwandelte es in ein
SEITE 80
Sammellager. 50 000 Berliner sind von hier in
den Tod verschleppt worden nach Auschwitz
oder Theresienstadt. (Da wagst du, von Toleranz-
straße zu reden?)
E
in mehrstöckiges Haus. Die Kommunale Be-
rufsschule »Prof. Dr. Richard Fuchs<<. An
die blaßgrüne Jugendstil-Haustür durfte ein
farbenblinder einen tiefblauen Briefbehälter
schrauben. Über dem Tor, in Stein gemeißelt und
deutlich lesbar: »Knabenschule der jüdischen
Gemeinde«. Dazu der Stern Davids. Das be-
rühmte Schulhaus.
1778 hatten Moses Mendelssohn und sein
Freund Friedländer in Berlin die erste deutsche
jüdische Freischule öffnen können, in der auch
christliche Knaben zugelassen waren und christli-
che Lehrer neben ihren andersgläubigen Kolle-
gen unterrichten durften, bis dieser tolerante Zu-
stand 1819 verboten wurde. Die später gegrün-
dete jüdische Knabenschule erhielt 1863 einen
Neubau, hier in der Großen Hamburger Straße,
wo seit 1906   i ~ s e s denkwürdige Schulgebäude
steht. Nachdem 1942 sämtliche jüdische Schulen
verboten worden waren, wurde dieses Haus zum
Ort des Schreck.liehen und der Tränen. Die zur
Deportation aus ihren Wohnungen abgeholten
alten Menschen erlebten auf dem Weg ins Kon-
zentrationslager in dem Schulhaus, das nicht we-
nige an Kindertage erinnerte, ihre letzten Berli-
ner Stunden. So ist der Name »Große Hambur-
ger« zum Inbegriff des Sammellagers geworden
»und in dieser Bedeutung in die jüdische Ge-
schichte eingegangen« (Hermann Simon).
Figurengruppe ron Will Lammert am Eingang
zum Alten jiidischen Friedhol

Im Vorgarten des Schulhauses, heute steinern,
stand einst als augenfäJliger Mittelpunkt eine
Mendelssohn-Büste. Enthüllt am 15. Februar
1909. Kein zufälliges Datum, sondern der 128.
Todestag seines Freundes Lessing. Im November
1938 steinigten Nazis das Antlitz, bis es zer-
brach.
Herr Moses kehrte zurück. 1983 wurden an der
Fassade eine Gedenktafel und ein Porträtrelief
enthüllt. Am 18. März. Kein zufälliges Datum,
sondern der 250. Geburtstag seines Freundes
Friedrich Nicolai. Dabei wiederholte der Vorsit-
zende der jüdischen Gemeinde einen Satz, der an
dieser Stätte bereits 1909 gesprochen worden
war : »Das Denkmal, es wird den Schritt manches
Vorübergehenden anhalten.« Ein weiterer Satz
aus der Rede von 1909 bestimmt unseren Weg.
»Die Große Hamburger Straße, sie wird im
Volksmunde die Toleranzstraße genannt, weil
Wohltätigkeitsanstalten und Beerdigungsplätze
der verschiedenen Konfessionen in ihr sich befin-
den.«
D
er jüdische Friedhof grenzt an die evangeli-
sche Gemeinde. Deren Sophien-Kirche ent-
stand durch Eingaben. Immer mehr Berli-
ner wohnten um 1700 in der Spandauer Vorstadt
und baten den Magistrat um ein eigenes Gottes-
haus. Gleichzeitig wandten sie sich an die from-
men Wünschen geneigte Königin Sophie Louise.
Sie spendete 4000 Taler und legte 1712 den
Grundstein. Doch das Baugelände reichte nicht.
Da schenkte die jüdische Gemeinde ein Stück ih-
res Friedhofs - es war der Beginn guter Bezie-
hungen.
Bei der Einweihung der in einem Jahr erbauten
Kirche fehlte die Patin. König Friedrich Wil-
helm 1., der seine Stiefmutter nicht leiden konnte,
ließ das turmlose Haus in Spandauische Kirche
umtaufen und befahl, einen Turm zu bauen. Au-
ßer für überlange Soldaten hatte er eine Schwä-
che füc hohe Türme. Der im Grundriß quadrati-
sche, rund 69 Meter hohe, 1976177 restaurierte
Turm der Sophienkirche gilt als der schönste Ba-
rockturm der ganzen Stadt. Kaum war der König
tot, da lebte der im Volksmund bewahrte Name
wieder auf: Sophiengemeinde, Sophienfriedhof,
und vor genau 150 Jahren wurde aus der Kirch-
gasse die Sophienstraße, die in die Große Ham-
burger mündet.
Als man 1771 in der Kirche Grabgewölbe an-
legte, half den Maurern ein Lehrling namens Zel-
ter. Er brachte es später zum Meister, im Bauge-
werbe und als Direktor der Singakademie; be-
kannt als Förderer des jungen Moses-Enkel Felix
Mendelssohn Bartholdy. Zelter, in enger Alters-
freundschaft mit Goethe verbunden, liegt hinter
der Kirche begraben. Deren Hof enthält noch be-
merkenswerte Tafeln und Gräber. Kinder bauen
mit und auf Sand, der Zufall will's, gleich neben
Rankes ansehnlichem Grab, der als Historiker
die Geschichte schreiben wollte, wie sie »eigent-
Fortsetzung auf Seite 82
NBI 1987
Etwa 20 in die Grundstix:ksmauer i ~ Steine mit hebräischen
lnschrihen überdauerten das Zentörungswri der Gestapo.
NBI 1987

SEITE 81

Die Toleranzstraße
Fortsetzung von Seiu 80
lieh gewesen ist«. In diesem Kindergarten steckt
Kulturtradition. 1885 richtete die Sophienge-
meinde eine der ersten Kleinkinderbewahranstal-
ten ein. Ein von Lächeln begleitetes Wort ; end-
lich ein Name ohne Grauen.
D
ie Häuser Nr. 29 bis 31 , um 1905 mit Ver-
stand angelegt, danut sie in der Mitte den
Blick auf die Barockkirche freigeben. fünf-
geschossig, das ist mehrdeutig, mittlerweile, denn
ihre Fassade wurde von Geschossen zerlöchert,
kugelhageldicht bis in die oberen Stockwerke.
Die Spur des zweiten Weltkriegs, als er durch die
Krausnickstraße in die Große Hamburger drang
- Anschauungsunterricht, wie Geschichte eigent-
lich und tatsächlich gewesen ist.
Krausnickstraße. Diese Verbindung wurde erst
1861 durch ein Grundstück gezogen, das der
Schutzmanns-Pensions-Zuschußkasse gehörte.
Sogar im Zuschuß steckt das Schießen. Unsere
Sprache, unsere Vergangenheit. Neu angelegte
Straßen brauchen einen Namen. Die Einwohner,
Anlieger, Abräumer und andere Mitdenker schlu-
gen ungefragt und unbefugt vor, sie nach Hum-
boldt zu benennen oder nach Schinkel. Den Kö-
nig von Preußen interessierte das nicht. Die
Straße mußte »zu Ehren des Oberbürgermeisters
Krausnick« heißen. Warum nicht? Doch wenn
man nachsieht, unnachsichtig, sieh da, ein ge-
meinsames Erlebnis vom März 1848 verband Kö-
nig und Krausnick. Beide waren schleunigst aus
Berlin geflohen.
Als die Straße seinen Namen erhielt, lebte Kraus-
nick noch. Er war fast echsundzwanzig Jahre
Oberbürgermeister gewesen, mit Unterbrechun-
gen. Ein korrekter, tets obrigkeitshöriger Be-
amter, der in jenen Märztagen versäumt hatte, was
ihm im Mai ein Flugblatt in jiddisch-deutscher
Sprache vorhielt: »Sie haben immer gekonnt
chön reden, aber Sie hätten gemußt schön han-
deln. Sie haben immer nur geblinzelt nach oben,
und unten i t für Sie alles gewesen finster. Sie
sind gewesen taub für die Stimme der ZeiU< Ein
publizistisches Glanzstück, gegen das Krausnick
später klagte. Es gab acht solcher Briefe an Ber-
lin, denen größter, nachhaltigster Publikum er-
folg beschieden war. Anreger und Vorfahren; nur
kann leider niemand sagen, ob der Journalist
Louis Weyl sie schrieb oder Samuel Loewenherz,
der Verleger.
M
an bekam das Flugblatt für Krausnick
gleich um die Ecke in der Sophienstraße.
Dort, an der Ecke Große Hamburger,
stand im März 1848 eine Barrikade. Wir bringen
mit un eren Augen Gedenktafeln an für die drei
Märzgefallenen aus dieser Straße. Der Buchbin-
dergeselle Menge! wohnte Nummer 8, der Ar-
beitsmann Dauerfeld in der 30 und der Privat-Se-
kretär C. W. Blumenthal in der 16, wo heute das
Cafe ist mit dem kleinen Vorgarten. Im steiner-
nen Bogen über der Haustür ein altes Relief. Vier
Kindlein, wie Puppen, an eine dicke Girlande ge-
lehnt. Wie beim Tanz der kleinen Schwäne in
»Schwanensee« halten sie sich an den Händen
und damit fest. Jedes ist für die anderen da, er-
fährt Gemein chaft, bietet Halt, steht deshalb
nicht allein. Zeigt dieses Relief etwa die Idee die-
ser Straße; nicht nur dieser?
Blick auf das Haus gegenüber; an dessen Fassade
zwei große Engel im Geschmack der Jahrhun-
dertwende. Unten hat das Burckhardthaus sein
Büro, eine mit Aus- und Weiterbildung befaßte
Einrichtung der evangelischen Kirche. Der Name
erinnert an einen Pfarrer, der vor hundert Jahren
SEITE 82
Mädchen betreute, die vom lande und aus der
Kleinstadt nach Berlin kamen, um in der Groß-
stadt als Dienstbote oder Arbeiterin ihr Glück zu
suchen. Wer erzählt solche Leben läufe? Wer
weiß etwas über Napoleon Soldaten, die 1806 in
der Sophienkirche lagerten? 1848 bot sie nicht
nur Barrikadenkämpfem Zuflucht, sondern
diente danach als Wahllokal für die Nationalver-
ammlung. Wenn Fontane uns das hätte beschrei-
ben können ...
Er lernte in der Großen Hamburger Straße ein
kleines Mädchen kennen, die Adoptivtochter des
Kommissionsrats Kummer, die er fünfzehn Jahre
später heiratete: Emilie. Fontane wohnte damals
als junger Mann mit Onkel und Tante im Parterre
eines Neubaus. Sein Zimmer, »das so feucht war,
daß das Wasser in langen Rinnen die Wände hin-
unterlief«, lag in einem »uns von dem alten Ju-
denfriedhof abtrennenden Seitenflügel«. Des-
halb nehmen viele an, Fontane hätte in der Num-
mer 25 gewohnt. Doch den alten Fontane
täuschte die Erinnerung, als er die e Zeilen sei-
•Wie beim Tanz der kleinen Schwine ... •
Relief im Türbogen des Hauses Nr. 16
Pottrltrtliel und Gedt!!nlttafel für
Moses Mendelssohn "" Gebiude der themaligen
Knabenschule der jiidischen Gemeinde.
nes »Von Zwanzig bis Dreißig« schrieb. Er hatte
auf den Sophienfriedhof geblickt, denn er
wohnte im Doppelhaus Nr. 30/ 30a, damals -
Ostern 1835 - ein Neubau. »lauter gescheiterte
Leute hatten hier, als Trockenwohner, ein billiges
Unterkommen gefunden.« Das Wort will gedeu-
tet sein. Aus Neubauten mußte die Nässe heraus-
gewohnt werden durch Familien, die dafür kaum
oder keine Miete, aber mit ihrer Gesundheit zahl-
ten. »Anne Künstler, noch ärmere Schriftsteller
und bankrotte Kaufleute«, an der Kas enprüfung
»gescheiterte Bürgermeister aus Kleinstädten«,
verkommene Adlige. Dazu Alma, >>eine kleine,
sehr wohlgenährte Person mit roten Backen und
großen schwarzen Augen, die mit seltner Stupidi-
tät in die Welt blickten. Ihre Hauptschönheit und
zugleich auch das Zeichen ihres Berufes war eine

mit minutiö er Sorgfalt gepflegte Sech e, die sie
glatt angeklebt zwi chen Ohr und Schläfe trug.«
Vater Fontane, al er seinen Sohn besuchte, er-
kannte Alma ofort sachverständig als öffentli-
ches Mädchen.
Solche täu chten gern mit dem Familien tand
»Witwe« die Sittenpolizei. 1901 nennt das Adreß-
buch im Haus Nr. 34 unter sechzehn Mietern
zehn Witwen. Berufsangabe? Oder war der Tod
o unbarmherzig? Die Witwe Hunold unterhält
ein Sargmagazin. Jedem Krankenhaus sein
Gegenüber.
1854 eröffnete die katholische St. Hedwigs-Ge-
meinde ihr Krankenhaus, geleitet von den
»Barmherzigen Schwestern von der Gesellschaft
des heiligen Karl Borromäus«. 1881 wurde das
Gebäude erweitert. »Nimmt Kranke aller Kon-
fes ionen auf«, heißt es vor hundert Jahren in ei-
nem Stadtführer. Das St. Hedwigs-Krankenhaus
grenzt an das Grundstück der Synagoge Oranien-
burger Straße und an die »Jüdische Kranken-
Verpflegungs-Anstalt<< (heute Max-Planck-Ober-
schule}, gleich um die Ecke in der Auguststraße.
Dort gab es siebzig Betten »für Kranke (auch
christlicher Konfession)«. Toleranzgegend.
Die Große Hamburger Straße endet dort, wo sie
amtlich mit der Hausnummer 1 beginnt und ge-
genüber die 40 zeigt. In dieser Nr. 40 lebte Ba-
ruch Zeisel, bis er 39jährig in Buchenwald ermor-
det wurde.
Wer hier die Auguststraße überquert, was emp-
fohlen ei, gelangt auf einen Platz mit merkwür-
dig erhöht gelegener Grünanlage. Der Koppen-
platz. Benannt nach einem Stadthauptmann und
Ratsherrn, der vor gut dreihundert Jahren da un-
bebaute Gelände erwarb und der Armenverwal-
tung chenkte, damit für alte Frauen ein Wohn-
haus gebaut und ein Annenfriedhof eingerichtet
werden konnte. So mündet die Toleranzstraße in
einem aus Nächstenliebe geborenen Platz.
An der Ecke Sophienstraße, wo jüngste Neubau-
ten mit Läden entstanden, hämmerte vor zwanzig
Jahren weit hörbar ein Steinmetz auf diesem ent-
trümmerten Stück Stadt. Ein Berliner Original.
Er hatte gegenüber dem St. Hedwig -Kranken-
haus einen winzigen Laden mit allerlei Krims-
krams im Fenster. An der Tür ein Foto seines
Sohnes, den ihm der Hitlerkrieg genommen
hatte. Das stand dort ge chrieben als Friedens-
kundgebung eine einzelnen, Betroffenen.
N
achbarschaft. Vor hundert Jahren ind in
der Straße, in der vormals Büch enmacher,
Postschirrmeister, Handwerker und Diener
wohnten, sehr viele kleine Fabriken: Mineralwas-
ser, Wäsche, Farben, Treibriemen. 1901 in den
Häusern 18/ 19/20: Privatklinik, Kur- und Bade-
anstalt »Monbijou«, Poliklinik, Gewehrfabrik.
ferner die 1818 gegründete Luxu papierfabrik
C. Schauer Nachf. (Knallbonbons, Oblaten, Bon-
bon-Einwickelpapier). - 1914: Verband und Ar-
beitsnachweis der Gastwirtsgehilfen mit ihrem
Zentralorgan »Der Gastwirtsgehilfe«, gewerk-
schaftsähnliche lntere enverbände, auch für
Cafe-Angestellte. - 1943 unterhält der Caritas-
Verband ein katholische Jugend- und Lchrlings-
heim. Und was geschieht gegenüber? Für die
Häu er 26/27 ist der Eigentümer »ungenannt«.
Er heißt Hitler-Himmler-Eichmann-IG-Farben
und andere. 1937 stand als Eigentümer: »Jüdi-
sche Gemeinde«. Die >> Endlösung« ist im Berli-
ner Adreßbuch nachzulesen.
Wir verlassen diese Straße nicht ohne den Satz,
den der vielgeehrte, oft gedemütigte, gütige
Weise Mose Mendels ohn als Motto seines Da-
seins in manches Stammbuch schrieb. Zum Wei-
tersagen steht am Schulhaus neben seinem Bild:
»Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gu-
tes wollen, das Be te tun«.
Fotos: Pierre Guillaume
NBI 1987
s
Sie hat ein Geburtsdatum.
die dicke, runde
Eckensteherin-
Am 5. Dezember J 854
erteilte der Königliche
General-Polizei-
direktor
von f{inckeldey
dem Berliner
vruckereibesitzer
Ernst Litf aß
die J(onzession,
J 80 Anschlagsäulen
in den Straßen
der Stadt
auf zustellen.

J..,itfaß' sauten waren
ein Erfolg,
sie wurden poptiliir
und sind noch heUte
unentbehrliche
J(ommunikations-
mittel. Also
nutzen auch wir
die Litfaßsäule
zur J(undgabe
berlinischer
Spezialitäten:

Sinfonie
Solopart
P
aris hatte seinen Jac-
ques Offenbach,
Wien seinen Johann
Strauß - da kam den Berli-
nern der fleißige Paul Llncke
gerade recht. Der hatte gro-
ßen Vorbildern in die Noten-
blätter und den Gassenhauer
singenden Berlinern aufs
Maul geschaut. Seine »Frau
Luna« traf 1899 genau ins
Schwane. Da war sie, die
Berliner Luft, Luft, Luft. Die
Melodien zündeten, und Paul
Lincke eröffnete damit den
Reigen der Komponisten
spezifisch berlinischer Ope-
retten. der über Jean Gilbert,
WaJter Kollo und Nico Do-
stal bis ins Heute zu Gerd
Natschinski und Guido
Masanetz
reicht.
R
ock in Berlin - tra-
ditionell und inter-
nationaJ besucht
sind Treffen wie »Rock für
den Frieden« und »Lleder-
sommer der FDJ«.
SEITE S4
M
usiziert W\l'de
im alten Bertin
bereits, als am
Mühlendmun die ersten Hiu-
ser wuchsen. Eine Holbpelle
jedoch entstand erst Anfang
des16.jahrhunderts,und
unter Friedrich II. dann 1742
die Undenoper, die allerdings
nur vor geladenen Gisten
spielte. Das aufsbebende
Bürgertum suchte daher in
Laienvereinigungen Wege zur
pflege der Musik. Bedeutend
war dabei 1790 die Gründung
der Singakademie, deren
unter Fasch und Zelter be-
gründete Tradition des Chor-
gesangs bis in die GegenWlrt
fortgeführt wird. Im 19. Jahr-
IMnlert profilierte sich Bertin
als Stadt der Musik. Albert
Lortzing, Franz Uszt und Felix
Mendelssohn Blrtholdy wur-
den umiubelt. 1821 W\l'de die
Uraufführoog des »Frei-
schütze von c.t Maria von
Weber im Bertiner Schau-
spielhaus zur Geburtsstunde

der deutschen Volksoper. Das
traditionsreiche Theater be-
reidwte bis in das 20. Jahr-
tuMlert hinein Berlins Musik-
leben dwch Konzerte. Es
spielten führende Ordlester
unter Richard Strauss, Otto
Klemperer, Wilhelm Furt-
wingler und Herbert von
Kn;an. Heute, nach glanz-
voller Weedereröffnung im
Jahre 1984, ist das Bertiner
Schauspielhaus als Konzert-
haus Zentrum des
Musik-
A
n die zweitausend Be-
sucher können im
Schauspielhaus Berlin
zu gleicher Zeit Platz finden :
im Großen Konzertsaal (mit
der prachtvollen Orgel,
links), im Kammermusiksaal
und im Musikclub. Dennoch
ist das Haus meist ausver-
kauft. Nicht nur während der
Internationalen Musikbien-
nalen und anderer Musikfe-
stivals. Etwa 700 Veranstal·
tungen zählt man in einer
Spielzeit. es gastieren Orche-
ster, Ensembles und Solisten
aus aller Welt. Eine ständige
Heimstatt fanden im Schin-
kelbau das Berliner Sinfonie-
orchester und die traditions-
reiche Singakademie, ständig
mit Konzerten zu Gast sind
die vor mehr als 400 Jahren
gegründete Staatskapelle, das
Rundfunk-Sinfonieorchester
und andere bedeutende
KJangkOrpcr
Berlins.
E
ine Tuba macht
noch keinen Som-
mer, aber die Teil-
nahme vieler Orchester,
Chore und Solisten den »Ber-
liner Sommer« seit Jahren zu
einem HOhe-  
punkt im
KuJturleben
der
Hauptstadt.
M
usik findet mate-
riaJisierte Gestalt
in der Innenarchi-
tektur des Schauspielhauses,
die den Schinkelschen Ideen
verpnichtet ist. Sie prägt aber
auch Ausstellungen wie jene,
bei der man dieses »Musik-
objekt« von Jürgen Ammer
sehen konnte.
Fotos: Guillaume, Breiten
bom, Lamme/, Reutermann
NBI 1987
A
us Arnarna stammen
die kostbarsten, um
1360 v. u. Z. entstan-
denen Kunstwerke des Ägyp-
tischen Museums, Bildnisse
der Familie der Königin No-
fretete, darunter der Statuen-
kopf ihrer Tochter Merit-
Aton (unten), und Reliefs aus
dem Grab des späteren Kö-
nigs Haramhab. Bedeutsam
ist auch die Papyrussamm-
lung mit annähernd 30 000
Texten.
N
ach dem Louvre in
Paris und dem Bri-
tischen Museum in
London besitzt Berlin die
drittgrößte Sammlung orien-
talischer Altertümer. Den
Weltruhm seines Vorderasia-
tischen Museums haben vor
allem die aus farbig glasier-
ten Reliefziegeln zusammen-
gesetzten Architekturdenk-
mäler begründet: die Prozes-
sionsstraße mit dem lschtar-
U
mflossen von den
Wassernder
Spree und des
Kupfergrabens birgt Berlin
eine Schatzkammer der Welt-
kultur: die Museumsinsel.
Dort sind die meisten der 14
NBI 1987
D
as Bildnis des Ichi-
kawa Omczo ist ei-
nes der berühmten
Schauspielerporträts des ja-
panischen Meisters Sharaku
aus dem Besitz der Ostasiati-
Tor und die Thronsaalfas-
sade von Babylon, um 580
v. u. Z. unter Nebukadnezar
erbaut, um 1900 ausgegraben,
in dreißigjähriger Arbeit re-
konstruiert. Erfolgreiche
Grabungen in Babylon, Tel
HaJaf und anderen Orten des
Orients führten 1899 zur
Gründung des Museums, das
1930 im neuen Gebäude des
Pergamonmuseums repräsen-
tative Räume erhielt.
Museen und Sammlungen der
Staatlichen Museen zu Berlin
konzentriert, dort ist die Ent-
widdung von Kunst und Kul-
tur der Menschheit seit der
Urzeit bis in die Gegenwart
nacherlebbar wie an nur weni-

Haramhab
sehen Sammlung. Ihre Be-
stände wurden durch Kriegs-
folgen erheblich
dezimiert, doch
Neuerwerbungen
komplettierten
den Fundus
u. a. bei
ostasiatischem
Kunsthandwerk
so, daß heute
z. B. die Entwicklung
chinesischer Keramik
über 4000 Jahre
lückenlos durch
Exponate dokumentiert  
werden kann.
Faschismus und Krieg, um
auch dem kulturellen Gut der
Museumsinsel unermeßlichen
Schaden zuzufügen. Weltgel-
tung erlangten die Berliner
Sammlungen erst wieder
1958, als mit den in der
W
eltwunder nannte
man bereits in
der Antike den
Altar von Pergamon, dessen
kunstvoller Marmorfries
(links) den Kampf der Götter
und Giganten darstellt. Das
aus OriginaJteilen rekonstru-
ierte Bauwerk ist im Perga-
monmuseum Hauptanzie-
hungspunkt für Besucher aus
allen Erdteilen, die in diesem
ersten Architekturmuseum
der Welt auch das unver-
gleichliche Markttor von Mi-
let und außergewöhnlich
kostbare Werke der Plastik
und Kleinkunst des grie-
chisch-römischen
Altertums
besich-
tigen
können.
B
is in die jüngste Ver-
gangenheit führen die
Exponate des Mu-
seums für Volkskunde auf
der Museumsinsel. Mit einer
Ausstellung »Großstadtpro-
letariat« gibt das Haus Ein-
blicke in die Lebensweise der
Industriearbeiter vornehm-
lich in den Mietskasernen-
vierteln Berlins.
Fotos: Guillaume, Murza
UdSSR sichergestellten und
restaurierten Exponaten - sie
kamen in mehreren hundert
Eisenbahnwaggons zurück
nach Berlin - die Bestände
der Museen aufgefülh
werden konnten.
SEITE 85
Bauernheer
W
eil 1685 das Edikt
von Potsdam den
in Frankreich ver-
folgten Hugenotten Zuflucht
versprach (Abbildung rechts :
Refugies danken dem Gro-
ßen Kurfürst für die Auf-
nahme), kamen 20 000
Flüchtlinge, von denen sich
etwa 6000 in Berlin niederlie-
ßen. Sie trugen entscheidend
zur Belebung der Wirtschaft
und zur geistig-kulturellen
Entwicklung der Stadt bei. In
den Räumen der Französi-
schen Friedrichstadtkirche
am Platz der Akademie ist
das Hugenottenmuseum ihrer
für Berlin so außerordentlich
bedeutenden Geschichte ge-
widmet.
G
rößtes regionalge-
schichtliches Mu-
seum der DDR ist
das 1847 gegründete Märki-
sche Museum, in dem u. a.
A
ls Karl Friedrich
Schinkel das Alte
Museum am Lustgar-
ten, das erste Museum Ber-
lins, erbaute, formulierte er
dazu 1828 in einer Denk-
schrift den Grundsatz •Erst
SEITE 86
F
ünfnadeltelegraf von
1837 aus dem Post-
museum, das über
das Post-, Fernmelde- und
Nachrichtenwesen informiert.
die Automatophone, die me-
chanischen Musikinstru-
mente, immer wieder begei-
sterte Betrachter und Zuhö-
rer finden.
erfreuen, dann belehren«.
Diesem Leitgedanken folgten
später viele Berliner Museen,
nicht nur die der Museumsin-
sel. Im Kriege wurden einige
davon (z.B. das Neue Mu-
seum und das Museum für
J
ahrhundertelang war
das Zeughaus Waffen-
arsenal und Ruhmes-
halle der Könige und Kaiser.
Heute vermittelt dort das
Museum für Deutsche Ge-
schichte ein wissenschaftli-
ches Bild von der Historie
und von der gesellschaftli-
chen Kraft der Volksmassen.
(Abbildung: Revolutionäre
Bauern aus der Zeit des Gro-
ßen Deutschen Bauernkrie-
ges, 1525).


j E
in Kleinod der Bau-
kunst ist das 1681 er-
baute Barockschloß
.a-....,..... zu Köpenick, und nicht weni-
~ .J ger beachtenswert sind die
&-;; darin seit 1963 befindlichen
~   ~ Exponate des Kunstgewerbe-
. · museums. Zu den besonde-
Z
u den einmaligen
Schaustücken des
Museums für Natur-
kunde - es zählt mit seinen
Sammlungen zu den größten
der Welt - gehören der Ar-
chaeopteryx (Abbildung), der
Urvogel, der zugleich Wap-
pentier des Hauses ist, und
das mächtigste Skelett eines
Sauriers, das
jemals in einem
Museum
aufgestellt wurde.
Der 12 Meter hohe
Brachiosaurus ging
trotz seines hohen Alters
(er lebte vor etwa
150 Millionen Jahren) auf
Reisen. Jüngst wurde er auf
einer als Sensation gewerte-
ten Ausstellung des DDR-
Museums in Japan vorge-
führt.
Drei Museen sind in diesem
einen vereinigt: das Paläon-
tologische, das Mineralogi-
sche und das Zoologische
Museum. Alle gehören zur
Humboldt-Universität.
gen und Gedenkstätten hinzu.
So erinnert in der Fritz-
Schmenkel-Straße in Karls-
horst ein Museum der Sowjet-
armee an die opferreiche
Schlacht um Berlin und an die
in jenem Gebäude unterzeich-
ren Kostbarkeiten gehören
vor allem der in der Schatz-
kammer des Hauses gezeigte
»Giselaschmuck«, ein En-
semble von Gold und Edel-
steinen aus dem 11. Jahrhun-
dert, berühmte Porzellane
aus Berliner Manufakturen
und wertvolle Möbel aller
Stilarten. Aus dem zerstörten
Stadtschloß stammt das Ber-
liner Silberbüfett, eine Kol-
lektion kostbarer Gefäße,
Kannen und
Becken aus dem
Jahre 1698, mit
denen König
Friedrich 1. einst seine Macht
und seinen Reichtum demon-
strieren wollte. Der Entwurf
dafür stammte vermutlich
von Eosander von Göthe.
Fotos: Guillaume. Breiten-
bom. Archiv
nete Kapitulation der faschi-
stischen Wehrmacht. Memo-
rialmuseen ehren das Wirken
solchei Künstler wie Bert
Brecht, Johannes R. Becher,
Otto Nagel, Ernst Busch und
Arnold Zweig.
NBI 1987

Bärenfels Tropenhaus
M
it gerade einmal
400 Tieren (in 120
Arten) stellte sich
der Tierpark im Jahre 1955
erstmals seinen Besuchern
vor. Heute besitzt er mehr als
6600 Tiere (in über 900 For-
men), wobei bemerkenswer-
terweise die Zahl der Vögel
(rund 2400) die der Säuge-
tiere (etwa 2200) nur
knapp
übertrifft.
S
tolz kann der Tier-
park Berlin auf seine
Zuchterfolge sein.
Methusalem machte 1961
den Anfang, ein Pelikan, der
- und das ist einmalig - dort
an die dreißig Nach-
folger bekommen hat.
Im gleichen Jahr kam
der ersten Malaien-
bär zur Welt.
Seitdem
Tierpark mehr dieser Bären
gezüchtet, als sonst in allen
Zoos der Welt aufwuchsen.
Und was noch nirgendwo ge-
lang, war die Aufzucht von
Harpyien, seltenen Riesenad-
lern, von denen in Berlin be-
reits mehrere groß geworden
sind.
Ei.Parte
der Superlative
zieht seit
dem 2. Juli 1955
von Jahr zu Jahr
mehr Besucher nach
Berlin-Friedrichs-
felde. An jenem
Tage wurde
der Berliner Tierpark
eröffnet. Bereits
lange vorher waren
unzählige Berliner
in den ehemaligen
Schloßpark gezogen,
um beim Aufbau
mit Hand
anzulegen.
Unter der Leitung
von Prof. Dr.
Dr. Heinrich Dathe
G
ut für eine Tierpark-
bummel-Kaffee-
pause: das Terras-
sencafe (Bild). An die
800 000 Tassen werden dort
und an den anderen gastli-
chen Stätten des Tierparks
alljährlich ausgeschenkt.
U
nterricht im Tier-
park ist lehrreich
und macht Schü-
lern wie Lehrern Spaß, vor
allem dann, wenn er von Mit-
arbeitern der pädagogischen
Abteilung des Parks abgehal-
ten wird. Zu den Aufgaben
dieser seit 1967 bestehenden
Einrichtung gehören nicht
nur Lehrstunden, sondern
auch thematische und Spe-
zialführungen (z. B. die be-
liebten Vogelstimmenführun-
gen), Vorträge vor Lehrern
und Erziehern, in Heimen
und Klubs. Die Statistik be-
sagt, daß alljährlich die Ver-
anstaltungen der Tierpark-
pädagogen um 40 000 Teil-
nehmer haben.
wurde
Berlins Tierpark
zu einerder
größten und
schönsten
zoologi-
schen
Einrich-
tungen der
Welt.
Und seit
nun über
30 Jahren
hater
stabile Ein-
trittspreise:
1 Mark
für Erwach-
sene und
50 Ptennig
für Kinder.
A
ls erstes schaffte der
Tierpark ein Kamel
an. Dann kamen Stif-
tungen von Betrieben, Orga-
nisationen, Einzelpersonen.
Der VEB Kälte z. B. spendete
einen Eisbären, das Ministe-
rium für Schwermaschinen-
bau einen
Elefanten,
eine Schlafzimmerfabrik
Störche. Die Spendenfreudig-
keit hat nie nachgelassen. So
wurden in 30 Jahren mehr als
5,6 Millionen Mark in bar
übergeben, eine Lotterie er-
brachte knapp 5,5 Millionen
Mark, Tiergeschenke mach-
ten mehr als 304 000 Mark
F
ür naturwissenschaft- aus. Alles in allem wurden
lieh interessierte Ju- dem Tierpark - einschließ-
gendliche gibt es seit lieh der Erbschaften und Le-
1958 im Tierpark einen äu- gate - über 12,8
ßerst beliebten Jugendklub. Millionen Mark
In seinen 30 Arbeitsgruppen übereignet.
- von allgemeiner Biologie Es ist abzu-
über zoologische Präparation sehen, daß
bis zur Tierfotografie - ge- dieser Rekord
hen regelmäßig rund 350 der ersten
Mitglieder einem anspruchs- 30 Jahre noch
D
en alten Schloß-
park Friedrichs-
f elde hat einst der
bekannte Gartenarchitekt
Lenne gestaltet. Ihm zu Eh-
ren wurde 1956 dieser Pavil-
lon im Tierpark: errichtet,
Teil der vielfältigen künstleri-
schen Ausgestaltung, zu der
vor allem beeindruckende
Tierplastiken
gehören.
I
m Alfred-Brehm-Haus
sind die Raubkatzen zu
Hause. Und in diesem
weithin gerühmten Bauwerk
leben auch etwa l 00 Vögel
unterschiedlichster Art zu-
sammen mit Augfüchsen und
fruchtfressenden Aedennäu-
sen in einer riesigen Tropen-
halle, in die Besucher auch
hineingehen können.
A
uf einem kurfürstli-
chen Gut wurde 1695
das Schloß Frie-
drichsf elde erbaut. Heute ist
es allen zugänglich, es finden
dort Konzerte, Dichterlesun-
gen, Vorträge und Ausstel-
lungen statt.
Fotos: Rudloff. Guillaume
 
NBI 1987 SEITE 87
U
rplötzlich wurde
Köpenick weltbe-
rühmt. Ein Schuh-
macher Wilhelm Voigt hatte
1906 mit falscher Uniform
und echten Gardesoldaten
den Bürgermeister »verhaf-
tet« und die Stadtkasse mit-
gehen beißen. Ohne eigentli-
che Absicht gab Voigt damit
den preußischen Untertanen-
geist der Lächerlichkeit preis.
Der »Hauptmann von Köpe-
nick<< wurde zur Berliner
Volksfigur. Als solche mar-
schiert er heute mit Eskorte
zum Rathaus, wenn der
Stadtbezirk den » Köpenicker
Sommer« feiert. Freilich
plündert er dann keine
Kasse, sondern nimmt die
»Kassette der guten Taten«,
eine Erfolgsbilanz der Kö-
penicker Bürger, in
Empfang.
K
inderfest ist ange-
sagt. Für Berlins
Jüngste gibt es im-
mer wieder etwas zu feiern:
Ferienspiele in der Schule,
Hausfest auf dem Hof, Stra-
ßenfete im Wohngebiet, Pfla-
stermalcn auf dem Alexan-
derplatz oder Kindertag im
Pionierpark und im Pionier-
palast.
SEITE 88
Jubel & Trubel
A
ls Freizeit noch sehr
rar war (Arbeitszei-
ten wie vom Magi-
strat 1854 festgelegt: .t.oh-
gerber von 5 Uhr morgens bis
7 Uhr abends, Nagelschmiede
montags und sonnabends von
4 Uhr früh bis 4 Uhr abends,
die anderen Wochentage bis
6 Uhr abendsc usw. galten
jahrhundertelang als normal),
da nutzten die Berliner zumin-
J
eder Stadtbezirk bat
sein eigenes Volksfest,
entstanden aus Über-
lieferungen und aus Gewohn-
heiten einer mo<lernen Zeit.
Nichts ist starr, alles in Bewe-
gung. Als z. B. im Prenzlauer
Berg das moderne Wohnge-
biet des Thälmannparks ent-
standen war, erweiterte der
Stadtbezirk sein »Praterfest«
prompt zum »Fest zwischen
Prater und Ernst-Thälmann-
Park«.
Und die
jüngsten

dest Sonn- und Feiertage fürs
Amüsement. Von ihren Volks-
festen und Belustigungen sind
viele noch populir, einige
vergessen, neue hinzugekom-
men.
Stadtbezirke bereichern
den Reigen der
alljährlichen
regionalen Volks-
feste durch das
Hobenscbönbausener
»Erntefest« und
durch die
»Hellersdorfer
Festtage«.
So wird jeder
Stadtbezirk
einmal im Jahr
zum Gastgeber für alle.
D
er Berliner liebt den
Rummel. Schon vor
mehr als 150 Jahren
wußten Gastwirte umliegen-
der Dörfer - Pankow, Wei-
ßensee oder Treptow - ihr
Publikum mit »theatralischen
Künsten«, mit Habnenkämp-
f en, SackJaufen, Stangenklet-
tern und dergleichen anzu-
locken und zu belustigen.
Und dann kam der echte
Rummel mit Karussells, Gei-
sterbahn und Haut-den-Lu-
kas. Ältere Berliner erinnern
sich noch des Lunaparks in
Treptow mit seiner Achter-
bahn. Seine moderne Nach-
folge bat seit 1969 der Kul-
turpark Plänterwald angetre-
ten. Nun lockt der mit sei-
nem 43 Meter hohen Riesen-
rad (links) zu einem Urberli-
ner Sommervergnügen.
Und alljährlich
kommen an
die 1,4 Millionen
dorthin.
S
o richtig voll
muß es sein, dann
fühlt sieb
der Berliner auf dem Volks-
fest wohl. Zum Beispiel am
1. Mai, wenn am Nachmittag
die Besucher zu bunten Ver-
anstaltungen, Basaren und
Wettkämpfen drängen. Oder
beim Pressefest des ND, das
ebenso zum Volksfest wurde
wie der alljährliche Solidari-
tätsbasar der Journalisten auf
dem Alexanderplatz. Und
nicht zu vergessen der Trubel
auf dem Weihnachtsmarkt,
wo die Fülle schon seit je zur
Tradition gehört.
Fotos: Kraemer, Steinberg ·
NBI 1987

Premiere
Reprisen
A
ls am 11. Januar 1949
zum ersten Male der
Karren der Mutter
Courage im Deutschen Thea-
ter über die Bühne rollte,
wurde ein neues Kapitel der
Theatergeschichte aufge-
schlagen. Bert Brecht und
Helene Weigel (im Bild
rechts) stellten eine Schauspie-
lertruppe vor, die als »Berli-
ner Ensemble« weltberühmt
werden sollte. In der Haupt·
stadt der DDR erhielt das
Ensemble 1954 am Schiffbau-
erdamm ein eigenes Haus, in
dem Brecht seine Ideen zur
Erneuerung des Theaters ver-
wirklichen konnte. Durch
aufsehenerregende Auffüh-
rungen nicht nur der Werke
Brechts wurde dann
in diesem Hause
der Ruf Berlins als Stadt
des Theaters auf neue
Weise begründet.
F
riedrich II . hatte ei-
gene Vorstellungen
von Musik. Zwar ließ
er in Berlin ein Opernhaus
errichten, doch meinte er
auch : »Lieber möchte ich mir
ja von einem Prerd eine Arie
vorwiehern lassen, als eine
Deutsche in meiner Oper zur
Primadonna zu haben!« und
also hatte dort alles italie-
nisch zu singen. Das ist wahr·
haftig kein Vorbild für die
Deutsche Staatsoper, die
heute in dem prachtvollen
Bau des G. W. von Knobels-
dorff residiert. 1955 bezog sie
dieses im Kriege zerstörte
Stammhaus Unter den Lin·
den wieder und weihte es mit
einer Festaufführung von
A
m Anfang war das
Laienspiel: Mönche
vom Berliner Grauen
Kloster führten im 14. Jahr-
hundert erste Komödien auf.
Dann produzierten sich Schau-
spielertrupps. Feste Thl?ater
NBI 1987
Wagners »Meistersinger von
Nürnberg« ein. Stätte der
Pflege des klassischen Erbes
(Bild: Aufführung des »Lo-
hengrin«) ist das National-
theater der Oper und des Bal-
letts, und es ist zugleich Fo-
rum des musikalischen Ge-
genwartsschaffens in- und
ausländischer Komponisten.
Die Llndenoper kann sich
z. B. rühmen, als einziges
Opernhaus der Welt alle
Bühnenwerke des Komponi-
sten Schostakowitsch insze-
niert zu haben.
Von besonderem Reiz sind
dort Aufführungen kleinerer
Opern- und Ballettwerke im
architektonisch bemerkens-
werten Apollosaal.
gab es noch nicht. 17 42 erst
wurde die Lindenoper eröffnet,
später ein bescheidenes Thea-
ter auf dem Gendannenmarkt.
1786 etablierte sich dort das
Nationaltheater, und 1821
wurde unter Schinkels Lei-
Z
auberer nannte man
Max Reinhardt, der
1905 das Deutsche
Theater übernahm-und ein
Jahr später auch die Kam-
merspiele gründete. Seine
glanzvollen Inszenierungen
setzten Maßstäbe, er machte
aus dem bekannten Theater
ein weltberühmtes. Die von
Reinhardt
begründeten Tra-
ditionen des Hauses als füh-
rendes deutsches Theater
wurden in unserer Zeit von
Intendanten wie Wolfgang
Langhoffund Wolfgang
Heinz fortgesetzt.
stactt, deren Ruhm - ver-
knüpft mit Namen wie Otto
Brahm, Max Reinhardt und
Erwin Piscator - internatio-
nale Dimensionen bekam. Mit
o.stellem wie Eduard von
Winterstein, Ekkehard Schall
I
n der Behrenstraße ge-
wann das Musikthea-
ter neue Qualität. Im
damals erst notdürftig ausge-
besserten Bühnenhaus des
ehemaligen Metropoltheaters
erhielt am 5. Juni 1947Wal-
ter Felsenstein die Lizenz-
urkunde für die Komische
Oper Berlin. Der Meister der
Regie stellte sich »ein neues
Theater als lebendigen Aus-
druck einer neuen Zeit« zum
Ziel. Und er erreichte es in
genialer Weise. Bereits seine
erste Inszenierung, die » Fle-
dermaus«, mit der das Haus
am 23. Dezember 1947 eröff-
net wurde, geriet zu einem
überragenden Erfolg. Mehr
als 214mal ging sie in andert-
halb Jahren über die Bühne.
Das realistische Musiktheater
überzeugte von Aufführung
zu Aufführung mehr. Als Fel-
senstein 1975 starb, waren
seine 29 Inszenierungen, vor
allem die der Werke Mozarts,
Verdis, Offenbachs und Jana-
~ k s   bereits in die Musikge-
schichte eingegangen. Und
sein Werk wirkt fort, bestätigt
sich in phantasievoller Wei-
terentwicklung (Bild: Auf-
führung der Händeloper
»Giustino«). Nach wie vor
sind die Interpretationen der
Komischen Oper richtung-
weisend für die Arbeit ande-
rer Musiktheater des In- und
Auslandes.
Fotos: Ber/au, Schöne, Lagen-
pusch, Archiv
oder Gisela May, mit Sängern
wie Peter Schreier oder Theo
Adam setzen seit 1945
Berlins Bühnen - heute sind
es 13 Theater mit 27 Spiel-
stätten - diese Traditionen
mit Spitzenleistungen fort.
SEITE 89
Maske
S
traßentheater ist wie-
der modern. In der
Art umherziehender
Schauspielercompagnien
des 17. Jahrhunderts
sich
heute zur
Sommerzeit Studen-
ten des jeweils zweiten
Semesters der Staatlichen
Schauspielschule in den Stra-
ßen Berlins, auf Podien unter
freiem Himmel zwischen
Fernsehturm und Rathaus-
passage etwa (Bild unten)
oder auf der KOpenicker
Schloßinsel. Täglich stehen
dann vier bis fünf ergötzliche
Stückchen auf dem Pro-
gramm - heitere meist, oft
parodistisch und derb -, und
ebenso kleine Konzerte, weil
auch Studenten der Berliner
Musikhochschule mit von
der alljährlichen Berliner
Kultursommer-Partie sind.
Ihr Spectaculum beweist:
Auch im Juli/ August gibt's in
Berlin keinen „ Urlaub von
der Kunst„.
I
n vieler Hinsicht nicht
mehr in den Kinder-
schuhen steckt ein
1965 in Berlin entstandenes
Theater, obwohl es in erster
Linie für Kinder spielt. Die
Marionetten tanzen, die
Stab- und Handpuppen agie-
ren und auch das Schatten-
theater hat sein Domizil im
Puppentheater Berlin in der
Greifswalder Straße (nebst
zweiter Spielstätte im Kultur-
haus des Ernst-Thälmann-
Parks). Das Repertoire ist
weit gefächert. Märchen aus
aller Welt stehen an der
Spitze, es sind auch zeitge-
mäße Kinderstücke zu fin-
den, eine Berliner Puppen-
Revue und nicht zuletzt
Stoffe aus der Mythologie
SEITE 90
Berlins
Theaterland-
schaft hat für
jeden etwas
zu bieten:
für die jungen
das Theater der
Freundschaft und
das Puppentheater,
für Musikliebhaber
Staatsoper, Komische
Oper und Metropol-Theater,
für Freunde der Schauspielkunst
der VOiker - genug, um auch
Erwachsene zu gefesselten
Zuschauern zu machen.

Mimen
E
r ist ein Kind des
Berliner Theaters
und hatte um 1830
mindestens drei Väter: Ek-
kensteher Nante. Im ehedem
höchst populären KOnigstäd-
tischen Theater brachte Karl
von Holtei erstmals einen
Nante auf die Bühne. Schau-
spieler Beckmann, der ihn
darstellte, schrieb darauf eine
Posse um den Eckensteher,
und Adolf Glaßbrenner
machte ihn dann schließlich
als Urtyp aus dem Volke
endgültig zu einer
Berliner Symbolfigur
und damit für
alle Zeiten
unsterb-
lich.

das Deutsche
Theater
und die
Kammerspiele,
das Berliner
Ensemble, Maxim
Gorki Theater,
Volksbühne und das
Theater im Palast,
für den, der's
locker mag,
die Distel
und das Ei.
L
eute soll es geben,
die ins Theater ge-
hen, um seine Tiere
zu sehen: Eduard Fischer ist
als Berliner Kostümplastiker
weltberühmt geworden. Seine
Ochsen posieren in »Giu-
stino« (siehe Seite zuvor),
seine Kühe aus dem »Pur-
purstaub<< wurden sogar ex-
portiert, sein »Drache«
machte am Deutschen Thea-
ter Furore. Oberstes Gebot
bei Fischers Arbeiten (auch
bei den Masken auf dieser
Seite) : sie sollen sich einord-
nen in die Diktion der Büh-
nenwerke. Ohne Zweifel set-
zen sie ihnen Lichter auf.
D
ie Schuchische Ge-
sellschaft gastierte in
der Mitte des
18. Jahrhunderts in Berlin,
gut zweihundert Jahre zu
früh, um zum Beispiel an den
Berliner Festtagen des Thea-
ters und der Musik teilzuneh-
men, zu denen der Magistrat
erstmals im Oktober 1957
eingeladen hatte. Alljährlich
sind sie seitdem Magnet für
Künstler aus dem In- und
Ausland.
,
F
ranz Biberkopf aus
»Berlin Alexander-
platz« war just da zu
Hause, wo die Volksbühne
nun den DOblin-Roman in ei-
ner Bühnenfassung vorstellt :
Inmitten einer Proletarierge-
gend war das Theater
1913/ 14 erbaut worden; sein
erster Intendant hieß Max
Reinhardt, und Erwin Pisca-
tor inszenierte dort politisch-
proletarisches Theater. Eine
Geschichte, die Verpflich-
tung ist.
Fotos: Guillaume,
Fischer, Archiv
NBI 1987
E
ndspurt in Berlin -
das ist immer ein
Etappenhöhepunkt
der Internationalen Friedens-
fahrt. Die Stadt empfängt die
Radamateure stets herzlich,
hat sie doch besondere Bezie-
hungen zum Radsport. Am
7. August 1881 startete
hier das erste
öffentliche Radren-
nen (auf Hochrä-
dern), und gut 20
Jahre darauf die
Fernfahrt »Rund
um Berlin«, die
noch heute ausgetra-
gen wird. Bahnren-
nen sind ebenso
noch gefragt: auf
der Radrennbahn
Weißensee und zur Winter-
saison in der Werner-
Seelenbinder-Halle.
B
erlin hat am Wasser
gebaut. Wen wun-
dert's da, daß dort
nach wie vor die Wassersport-
ler eine Hochburg haben.
1876 wurde der erste Berliner
Ruderverein gegründet, und
NBI 1987
Sport Spiele
F
ußball spielte man in
Berlin auch vor 100
Jahren, damals je-
doch kaum vor so tempera-
mentvollem Publikum wie
heute bei einem Treffen der
Lokalmatadore Dynamo und
Union.
seit 1880 gibt es Regatten.
Das damals stinkvornehme
Segeln wurde erst ab 1886
populär, als ein Verein Berli-
ner Segler auch »kleine
Leutec aufnahm. Gewaltig ist
die Zahl derjenigen, die am
D
ie Post geht ab - auf
der Trabrennbahn
Berlin-Karlsborst ist
jeder Renntag ein besonderes
Erlebnis für Zehntausende
von Besuchern. An über 90
Tagen im Jahr geht es um
Sieg und Plätze auf dem ein-
zigen Traberrondell der
DDR, das am 1. Juni 1945 -
nur 23 Tage nach Kriegsende
- eröffnet worden war.
Heute wird die Sportstätte
auch als ganzjährig geöffne-
tes Naherholungsgebiet ge-
schätzt. Wer allerdings Ga-
lopp- und Hindernisrennen
vorzieht, muß sieb schon ins
unfeme Hoppegarten bege-
ben, dort gibt es dafür eine
nicht minder populäre Renn-
bahn.
J
eder kann mitmachen
beim Sport in Berlin.
Gelegenheiten gibt es
genug: beim Fahrrad-Trial
am Volkssportsonntag (Bild),
bei Wohngebiets- und Haus-
festen, beim Friedens- oder
Neujahrslauf. Für
Spaß wird garantiert.
175 000 Berliner Mitglieder,
und unzählbar sind die, die
sonstwie am Sport Gefallen
finden.
Berlin hat für sie in 41 Sport-
stadien und -plätzen, etwa
350 Kleinsportanlagen, rund
F
riedrich Ludwig Jahn
konnte nicht ahnen,
welche Entwicklung
der Sport nehmen würde,
aber er war mutig genug, den
ersten Schritt zu tun: in Ber-
lin richtete er 1811 den ersten
öffentlichen Turnplatz ein.
S
port, Spiel und Unter-
haltung: im SEZ, dem
Sport- und Erholungs-
zentrum an der Leninallee,
gibt's alles unter einem Dach.
30 Sportarten stehen zur Aus-
wahl - im Schwimmbecken,
auf Eis- und Rollschuhbah-
nen, in Gymnastik- und
Spielballen. Die Kugel rollt
beim Bowling und beim Bil-
lard, der Ball tanzt über
Tischtennis- und Volleyball-
netze. Und immer bleibt's ein
Spiel, bei dem jeder mitma-
chen kann. locker auch das
Unterhaltungsangebot von
der Polar-Disko über Bade-
bälle bis zum Kabarett und
zum Chansonabend.
Fotos: Moerl, Schulze, Kilian.
Behrendt, Archiv
400 Sporthallen und mehr als
30 Hallenschwimmbädern
und Schwimmstadien, bei na-
tionalen und internationalen
Ausscheiden und bei massen-
sportlichen Wettbewerben
immer etwas zu bieten.
SEITE 91
J
cdc Kneipe, die etwas
auf sich hielt, hatte
früher ihren »Hunger-
turm«, einen verglasten Ka-
sten auf dem Tresen, in dem
für den mehr oder weniger ei-
ligen Gast zur Molle und
zum Korn ein »Happen-Pap-
pen« angeboten wurde. Ein
Rollmops etwa, der ebenso
wie der Brathering unbedingt
zum Sortiment gehörte. Auch
das Solei und die Karbonade
durften nicht fehlen. Lecker-
bissen waren die »Schuster-
jungen«, herzhafte Roggcn-
mchlbrötchcn, die ganz be-
sonders gut mit Schmalz und
Harzer Käse
munden. In vie-
len Gaststätten, die auf berli-
nische Traditionen
achten,
erlebt der Hungerturm
heute schon eine fröh-
liche Wiedergeburt.
Und wo es möglich
ist, erhält der
hungrige Gast auch
warme Spezialitäten
aus der Berliner
Küche: Eisbein,
Rinderbrust oder
Kassler Rippenspeer.
B
crlinischcs von der
Speisekarte (wie es
manchmal noch heute
zu lesen ist): Bricfträgcrcis-
bcin = Rollmops; Orchester-
suppe "" Erbscncintopf; Pi-
prikaschnatzcl = Paprika-
schnitzel ; Gulpopo = Gu-
lasch; Ofenrohr = Roulade;
Radfahrcrbccnc = Wiener
Würstchen; Ulstcrknöppe =
Buletten.
SEITE 92

Motte Korn
W.„ mit Schu8
ist das Leibgetränk
der Berliner. Sagt man.
Es stimmte unbedingt vor hundert
Jahren. Da trank man Weiße mit
Schuß (mit Himbeenaft) oder u:h
mit Strippe (Kümmelschnaps)
noch an allen Berliner
Ecken. Dann jedoch
wurde das leicht
säuerliche Weißbier
aus Gersten- und
S
icbcn in einem Kartell
- dem Ring - vereinte
Brauereien Berlins
unterstützten 1894 die Aus-
sperrung von 300 Böttchern,
die an Feiern zum 1. Mai teil-
genommen hatten. Berlins
Brauereiarbeiter erklärten
sich mit den Gemaßregelten
solidarisch und riefen zum
Bierboykott auf. Lokale, die
Ring-Bier anboten, wurden
gemieden. Flaschenbiere aus
Ring-Brauereien nicht ge-
kauft. Sieben Monate lang.
Dann mußte das Kartell
nachgeben.
F
önnlichc Wirtshaus-
sicdlungcn gab es
ehedem in Trcptow.
Die Berliner waren gute Kun-
den, sächsische Kolonisten
hingegen beim Ausschanlc
von Kaffee arge Konlcurrcn-
tcn. Trcptowcr Wirte erwirk-
ten ein Verbot wegen Ge-
schäftsschädigung. Eine Frau

Weizenmalz durch Biere
bayrischer und böhmischer
Art mehr und mehr von den
Stammtischen verdringt. Erst in
jüngster Zeit erinnert man sich
wieder der Weißen und
schätzt sie,
besonders an
heißen Tagen,
als erfrischendes
Getränk. Mit und
u:h ohne Schuß.
Taube soll es umgan-
gen haben. Sie bot nun
heißes Wasser und
leeres Geschirr zur
Selbstbedienung. Es
wurde ein Riesen-
erfolg. Bald hieß
es überall:
»Hier könn' Fami-
lien Kaffee kochen!«
Gastronomen traditionsbc-
wußt sind. Beweise dafür
gibt's: die »Zillcstubcn« im
Hotel Berlin, das »Nantc-
Eck« im Palasthotel, die
»Alte Münze« am Alexan-
derplatz (Bild), viele kleine
Gaststätten im Nikolaivicrtcl
und anderswo - es macht
Spaß, eine Molle zu zischen.
W
cinhändlcr Hopf
wettete 1822, daß
er ein Bier in der
Art des bislang importierten
»bayrischen<< Bieres auch in
Berlin brauen könne. Er ge-
wann die Wette, gründete in
der Fricdrichstraßc 126 eine
Brauerei und eröffnete damit
den Siegeszug des untergäri-
gen Bieres in der Hauptstadt.
Hundert Jahre später war
Berlin größte Brauereistadt
des Kontinents. Wenn dieser
Rang auch heute nicht mehr
gehalten wird -
»Berliner Pilsner«
ist ein nach wie
vor gefragter
Exportartikel.
Nicht minder be-
gehrt, doch saison-
gcbundcn ist das
süffige Bockbier,
das im Herbst
zum Ausschank
kommt. Hell oder dunkel -
der Berliner trinlct's
mit Leidenschaft.
''"„"-''O&o""
Z
um Nußbaum hieß
das Gasthaus mit
der Jahreszahl 1507
auf dem Kellerbalken. Zu-
letzt Treff von Dirnen und
Ganoven, hatte es Glück,
Heinrich Zille zum Stamm-
gast zu haben. Er machte es
berühmt. Die älteste Gast-
stätte Berlins wurde im Niko-
laivicrtcl neu aufgebaut.
Fotos: Guillaume
NBI 1987
H
autnah erlebt der
Gast in der »Klei-
nen Revue«, dem
Nachttheaterehen des Fried-
richstadtpalastes, die Stars
und Girls bei leichtgeschürz-
ter Kleinkunst, exquisiter Ar-
tistik und charmanter Confe-
rence auf lockerem Mini-
brettl (rechts). Ein neues
Genre bat damit in Berlin ei-
nen Showplatz gefunden, de-
spektierlich und leicht frivol,
erinnernd an die Tingeltangel
der 20er Jahre und doch mo-
dern. Ein Mitternachtsspaß
mit Tanz bis in den frühen
Morgen.
A
rtisten, Sänger
und Ensembles
aus aller Welt
waren schon im Weltstadt-
variete an der Spree
zu Gast. Noch im alten
Hause traten z. B. Louis
Armstrong, Ella Fitzgerald
und Josephine Baker,
Juliette Greco und
Gilbert Bccaud auf,
im neuen Haus gastier-
ten u. a. Caterina Valente,
Miriam Makeba, Adamo,
Ricchi e Poveri und
Udo Jürgens.
D
reifache Premiere
gab es am 27. April
1984 in der Fried-
richstraBe 107. Das Ensemble
des weithin gerühmten Fried-
richstadtpalastes stellte sei-
nem Publikum ein neues i>.e-
NBI 1987
Stars Girls
K
napp 35 Jahre ver-
banden den Fried-
richstadtpalast mit
seiner ehemaligen Spielstätte
>>Am Zirkus 1 « und dessen
wechselvoller Geschichte.
1867 als Stahlgerüst (Bild)
auf 863 Pfählen im morasti-
gen Boden gegründet, war
das Haus kurze Zeit erste
vueprogramm vor und beging
mit ihm zugleich die festliche
Einweihung seines neuen
Hauses, das mit modernster
Ausstattung vor, auf und hin-
ter der Bühne einen Theater-
bau internationalen Spitzen-
Markthalle Berlins, dann
lange Jahre Zirkus. Max
Reinhardt machte es 1919
zum »Großen Schauspiel-
haus«, anschließend insze-
nierte Eric ChareU dort groß-
artige Revuen. Damals war
das Haus auch Stätte poli-
tischer Veranstaltungen der
Arbeiterldasse. Künstler wie
Erich Weinert, Ernst T.oller,
John Heartfield und Erwin
Piscator setzten z. B. 1925 die
politische Revue »Trotz alle-
dem« in Szene. 1945 begann
die Ära des Varietes. Der
Friedrichstadtpalast feierte
bis 1980 am Sprccufer Tri-
umphe. Dann senkten sich
die Grundmauern. Das alte
Haus mußte abgerissen wer-
den. ---"'""'-
Friedrichstra8e. Die 195 000
Kubikmeter seines umbauten
Raumes haben das Amphi-
theater der »Großen Revue«
mit 1900 Plätzen zum
Mittelpunkt, enthalten das
intime Theater der •Kleinen
N
ichtnurfrivolam
Abend ist man in
der »Kleinen Re-
vue«, sondern auch theatra-
lisch am späten Nachmittag.
Dann nämlich
überlassen die
Damen
und Herren der
Nachtrevue das Podium zu-
nächst einmal den »Unter-
mietern«, dem Team vom
»Ei«, das mit Komödien und
Possen, Schwänken und Bou-
levardstücken, Nonsens und
literarisch-musikalischer
Unterhaltung ein spezielles
Element in das Berliner
Theaterleben einbringt. In
der sonnigen Urlaubszeit al-
lerdings agiert das "Ei" nicht
im Tief geschoß des Fried-
richstadtpalastes, sondern
spielt im Hof des histori-
schen Nikolaihauses in der
Brüderstraße 13 zum Som-
mertheater auf. Natürlich mit
Altberliner Lokalgeschichten.
Und mit durchschlagendem
Erfolg.
Fotos: Gutffrov.
Stolpmann.
Guillaume
S
ie treiben es auf die
Spitze: Ohne die
Girls vom Ballett
läuft kein Programm. Doch
wenn sie ihr Feuerwerk. nach
Art des Hauses abbrennen,
sind die 24 Meter Bühnen-
breite fast noch zu wenig.
Revue« (200 Plätze), groß-
zügige Foyers und einen
ausgedehnten Funktionstrakt
mit allen technischen und so-
zialen Einrichtungen, die dem
Ensemble beste Bedingungen
für die Arbeit bieten.
SEITE93

Nicht mehr
>>Unter fremden Himmeln<<
Vertreibung, Exil und Heimkehr nach Berlin
N
ur zwei Wochen nach dem
Machtantritt der Faschisten
setzte die »Säuberung« der
Preußischen Akademie der Künste
zu Berlin ein. Heinrich Mann und
Käthe Kollwitz wurden zum Austritt
gezwungen. Die secbsundsechzigjäh-
rige Graphikerin und Bildhauerin
notiert in ihrem Tagebuch: »Am
15. Februar müssen Heinrich Mann
und ich aus der Akademie austreten.
Verhaftungen und Haussuchungen.
Vollkommene Diktatur.« Im April
1933 folgte die faschistische »Säube-
rung« und Gleichschaltung der Sek-
tion Dichtkunst an der Akademie,
der Heinrich Mann seit 1931 vor-
stand. Alfred Döblin, Leonhard
Frank, Georg Kaiser, Bernhard Kel-
lermann, Thomas Mann, Rene Schik-
kele, Franz Werfe! sowie sechs wei-
tere Schriftsteller wurden ausge-
schlossen, dafür faschistische »Blut
und Boden«-Autoren unter Vorsitz
von Hanns Johst neu aufgenommen.
Dieser hatte bereits 1931 in seinem
Stück »Schlageter« den programma-
tischen Satz geschrieben: »Wenn ich
das Wort Kultur höre, entsichere ich
meinen Browning.« Was folgte, wa-
ren Bücherverbrennung, Verbot aller
progressiven Künstlerorganisatio-
nen, »Säuberung« der Museen, der
Verlagsprogramme, Theater und
Konzertspielpläne.
Viele Geistesschaffende hatten
Deutschland bereits nach der Nacht
des Reichstagsbrandes und den da-
mit einsetzenden Verhaftungswellen
verlassen. Ein in der Geschichte ein-
maliger »Auszug des Geistes« be-
gann. Tausende Schriftsteller, Jour-
nalisten, Musiker, bildende Künstler,
Theaterleute und Wissenschaftler -
die besten Kräfte Deutschlands -
verließen ihre Heimat, um im Aus-
land neue Arbeitsmöglichkeiten zu
suchen und sich, ungeachtet unter-
schiedlicher weltanschaulicher Posi-
tionen, unter der übergreifenden
·Aufgabe des antifaschistischen
Kampfes zu sammeln. Einige blieben
in Deutschland (etwa Käthe Koll-
witz, Bernhard Kellermann, Erich
Kästner oder Günther Weisenborn),
wo sie mit Veröffentlichungsverbot
belegt, verhaftet oder in eine innere
Emigration gezwungen wurden. Die
Emigranten aber widmeten sich von
der ersten Stunde des Exils an mit
den Mitteln ihrer Kunst dem Kampf
gegen den Faschismus. Es entstan-
den Bücher, Kompositionen, Zeich-
nungen und Gemälde, die sowohl
den »Gegenangriff« führten (so der
programmatische Titel einer der er-
sten antifaschistischen Zeitungen des
SEITE 94
Exils, die Bruno Frei und Alexander
Abusch 1933-1936 in Prag und Paris
herausgaben) als auch die » Verteidi-
gung der Kultur« (so das Motto des
antifaschistischen Schriftstellerkon-
gresses vom Juli 1935 in Paris) vor
dem Zugriff der Faschisten in das
Zentrum stellten. Verstreut über bei-
nahe den ganzen Erdball - von Mos-
kau bis New York, von Mexico-City
bis Shanghai, von Stockholm bis
Anna Seghers
nach ihrer Heimkehr 1947
mit Johannes R. Becher
auf einer Tagung
des Friedenntes
Buenos Aires - entstand nunmehr
die eigentliche deutsche Kunst der
Jahre 1933 bis 1945 beinahe aus-
schließlich »Unter fremden Him-
meln<<, wie F. C. Weiskopf seinen
1946 geschriebenen Abriß der deut-
schen Literatur im Exil genannt hat.
A
nna Segbers schrieb 1939/ 40 in
Frankreich »Das siebte
Kreuz«, das Buch erschien
erstmals 1942 in Mexiko und den
USA; Heinrich Manns »Henri Qua-
tre«-Romane entstanden zwischen
1934 und 1937 in Frankreich; Hanns
Eisler komponierte ab 1938 in den
USA seine »Deutsche Sinfonie«; in
Moskau entstand 1936 Willi Bredels
Roman »Dein unbekannter Bruder«;
John Heartfield schuf ab 1933 in
Prag neue antifaschistische Foto-
montagen für die nun im Exil weiter
erscheinende »A-1-Z«; Wolfgang
Langhoff spielte 1941 in der Züri-
cher Uraufführung von Brcchts 1939
in Schweden entstandenem Anti-
kriegsstück »Mutter Courage und
ihre Kinder«.
In dem Maße, wie sich mit dem hel-
denhaften Kampf der Roten Armee
ab 1942 die Wende des zweiten Welt-
krieges und die Zerschlagung des Fa-
schismus immer deutlicher abzeich-
neten, wuchs die Hoffnung der Emi-
granten auf Rückkehr in ein befreites
Deutschland. 1943 notiert Hanns
Eisler im fernen Kalifornien auf ei-
nem Notenblatt seines Liederzyklus'
»Hollywooder Liederbuch<<: »In ei-
ner Gesellschaft, die ein solches Lie-
derbuch versteht und liebt, wird es
sich gut und gefahrlos leben lassen.
Im Vertrauen auf eine solche sind
diese Stücke geschrieben.« Doch
nicht nur Hoffnung, sondern tätige
Mitarbeit an den Konzepten für ein
neues Deutschland prägte die Hal-
tung vieler der emigrierten Künstler.
Unter den Gründungsmitgliedern
des Nationalkomitees »Freies
Deutschland« befinden sich im Juli
1943 in Moskau u. a. Johannes R.
Becher, Friedrich Wolf, Willi Bredel
und Gustav von Wangenheim, als er-
ster Präsident wird Erich Weinert ge-
wählt. Der von hier auf mehrere
Exilländer ausstrahlenden Bewe-
gung »Freies Deutschland« schlos-
sen sieb auch in Mexiko, Großbri-
tannien und der Schweiz namhafte
emigrierte Künstler an. In den Doku-
menten der Jahre 1944/ 45 finden
sich neben den Konzepten für die
politische und ökonomische Umge-
staltung auch weitreichende Überle-
gungen für den geistigen Neuaufbau
des Heimatlandes. Mit der Befreiung
des deutschen Volkes vom Faschis-
mus begann ab Mai 1945 in der da-
maligen sowjetischen Besatzungs-
zone die so lange mit heißem Herzen
von allen Antifaschisten herbeige-
sehnte Errichtung einer neuen, anti-
faschistischen Ordnung. Berlin
wurde zum Zentrum des kulturellen
Neuaufbaus.
D
aran hatten aus dem Exil heim-
kehrende Künstler ebenso
maßgeblichen Anteil wie Über-
lebende der faschistischen Konzen-
trationslager und Zuchthäuser. Am
3. Juli 1945 fand die Gründungsver-
sammlung des Kulturbundes zur de-
mokratischen Erneuerung Deutsch-
lands statt, zu dessen erstem Präsi-
dent Johannes R. Becher gewählt
wurde. Am 18. August 1945 erfolgte
die Gründung des Aufbau-Verlages,
in dem in der Folgezeit die wesentli-
chen Werke der Exilliteratur erschie-
nen. Gustav von Wangenheim, spä-
ter Wolfgang Langhoff übernahmen
die Leitung des Deutschen Theaters.
1946 erfolgte die Gründung der
DEFA, die mit ihren ersten Filmen
eine bis beute wirkende antifaschisti-
sche Tradition begründete. 1948
gründeten Bertolt Brecht und Helene
Weigel das Berliner Ensemble, das
am 11 . Januar 1949 im Deutschen
Theater erstmals »Mutter Courage
und ihre Kinder« aufführte. Als 1949
die Deutsche Demokratische Repu-
Bettolt Brecht, Riickkehr nach Deutschland zusammen mit Helene Weigel,
Oktober 1948
NBI 1987

blik entstand, schufen zwei aus der
Emigration Heimgekehrte ihre Na-
tionalhymne: Johannes R. Becher
und Hanns Eister. Aus Kalifornien
schrieben Heinrich Mann und Lion
Feuchtwanger am 14. Oktober 1949
einen gemeinsamen Brief an den
ersten Präsidenten des neuen deut-
schen Staates: „ Lieber, sehr verehr-
ter Präsident Wilhelm Pieck, / Erlau-
ben Sie uns, Ihnen und dem Kanzler
Otto Grotewohl unsere herzlichsten
Wünsche auszusprechen. Wir brau-
chen Ihnen nicht zu versichern. mit
welch tiefer Teilnahme wir das
Schicksal der jungen Republik unter
Ihrer beider Führung verfolgen./ In
aufrichtiger Verehrung / Heinrich
Mann Lion Feuchtwanger.«
Arnold Zwrig {/.) und
AJeander Abusch auf dem
2. Kongre8 des
Kulturbundes, 1949
E
iner der ersten Beschlüsse der
Regierung der DDR war die
Neugründung einer »Deut-
schen Akademie der Künste«, zu de-
ren erstem Präsidenten programma-
tisch Heinrich Mann berufen wurde.
Dieser nahm Ende 1949 das Amt an,
jedoch verhinderte sein Tod am
12. März 1950 die Heimkehr nach
Berlin. So wurde am 25. März 1950
Arnold Zweig zum Präsidenten beru-
fen, der aus dem Exil in Palästina
nach Berlin zurückgekehrt war. Für
ihn war die ehemalige Wirkungs-
stätte der Jahre bis 1933 nun ebenso
wieder zur geistigen Heimat gewor-
den, wie für Brecht und Becher, Eis-
ler und Dessau, Bredel und Uhse,
Heartfietd und Lingner - um nur ei-
nige Namen zu nennen. Hier wurde
verwirklicht, wofür sie alle in den
zwölf Jahren der faschi stischen
Nacht fern von Deutschland mit ih-
rem Wort, ihrer Musik und ihren
Bildwerken gekämpft hatten.
Dr. Jürgen   c h e ~ r a
Fotos: Gerhard Kiesling,
BV-Archiv
NBI 1987

Als erste ging
Frida Wesolek, fiinfundfünfzig,
Näherin, Kommunistin.
Da zeigte die Uhr
neun Minuten nach sieben.
Als letzte starb
Liane Berkowitz, Schülerin,
Katholikin, neunzehn
Jahre alt. Da war es
ein viertel vor acht.
Am Abend dieses
5. August 1943 ließen
innerhalb einer halben Stunde
dreizehn Berliner Frauen
auf dem Schafott in
Plötzensee ihr Leben.
SEITE 98



ie penibel geführten Akten der Henker
vennerken zum letzten Gang einer je-
den der Frauen das Wort : »Gefaßt«.
Ein einziges Wort - doch wieviel Kraft
steht dahinter und wieviel Menschen-
würde. Da geht als erste Frida Wesolek. Und als
sie geht. weiß sie, daß ihr Mann und ihr 8 ljähri-
ger Vater wenige Minuten vor ihr den gleichen
Weg zur gleichen Stätte hatten.
Da steht Marie Terwiel vor dem Scharfrichter.
Und vergebens haben die Eltern, die Kinder zu
retten, durch gefälschte Papiere die jüdische Fa-
milie »arisiert«.
Da wird Rose SchlOsinger in den Hinrichtungs-
schuppen geführt. Und sie folgt nun ihrem
Mann, der sich das Leben genommen, als er er-
fuhr, daß seine Frau zum Tode verurteilt ist.
Da schlägt die Stunde für Hilde Coppi. Und sie
hätte sich gewünscht, diesen letzten Weg gemein-
sam mit ihrem „großen Hans« gehen zu können,
der im Dezember 1942 hingerichtet wurde. Und
sie sorgt sich in ihrem letzten Brief um den „klei-
nen Hans«, den sie im Gefängnis gebar.
Da greifen die Henkersknechte Ingeborg Kum-
merow. Und sie stirbt mit dem Wissen, daß ihr
der Mann aufs Schafott folgen wird, daß die bei-
den kleinen Kinder bald Vollwaisen sein werden.
Da kommt als letzte die jüngste, Liane Berkowitz,
in die Richtstätte. Auch sie hat im Kerker ein Kind
geboren, und man hat es ihr sofort genommen.
In dieser Abendstunde fällt. wie so oft in PIOtzen-
sce, das Beil im Abstand von Minuten: 19.09
Uhr Frida Wcsolek, Näherin, Kommunistin; 19.12
Uhr Ursula Goctze, Studentin, Kommuni tin;
19.15 Uhr Marie Terwiel, Telefonistin, parteilos,
Jüdin; 19.18 Uhr Oda Schottmüller, Tänzerin,
pirteilos; 19.21 Uhr Rose SchlOsinger, Sekretä-
rin, Kommunistin; 19.24 Uhr Hilde Coppi, Ange-
stellte, Kommunistin; 19.27 Uhr Klara Schabbel,
Stenotypistin, Kommunistin; 19.30 Uhr EI e
Imme, Abteilungsleiterin, parteilos; 19.33 Uhr
Eva-Maria Buch, Assistentin, parteilos, katho-
lisch; 19.36 Uhr Anna Krauss, Geschäftsfrau, partei-
los; 19.39 Uhr Ingeborg Kummerow, Sachbear-
beiterin. parteilos; 19.42 Uhr Cato Bontjes van
Beek, Keramikerin, parteilos, evangelisch; 19.45
Uhr Liane Berkowitz, Schülerin, parteilos, katho-
lisch.
Für dreizehn Frauen der »Roten Kapelle« - ein
Codewort der Häscher, das zum Ehrennamen
wird - neigt sich an diesem 5. August mit dem
Tag das Leben zum Ende. Manche ihrer Lieb-
sten, Freunde, Genossen, Mitkämpfer waren
schon vor ihnen gegangen, andere müssen ihnen
noch folgen. 31 Männer und 18 Frauen dieser be-
deutenden Widerstandsorganisation, in der Ar-
beiter und Künstler, Kommunisten und Christen
sich zusammengeschlossen hatten, den Faschis-
mus zu stürzen, den Krieg zu beenden und ein
neues, besseres Deutschland zu erbauen, starben
in PIOtzensee, in Brandenburg, in Halle und auf
dem Schießplatz in Tegel. Zweimal hunderttau-
end deutsche Männer und Frauen fielen im
Kampf gegen die faschistische Diktatur.
Berlin war ein Zentrum des Widerstandes: Die
Mitglieder der illegalen Gruppen der KPD, So-
zialdemokraten und bürgerliche Antifaschi ten,
Männer und Frauen des 20. Juli 1944 um Claus
Graf Schenk von Stauffenberg - sie handelten
als Patrioten, weil Veranwortung füi das Schick-
sal ihres Volkes und ihr Gewissen es geboten.
Eine jede der Frauen, vermerkten die Hen-
ker auf ihren Vordrucken, sei »gefaßt« in den
Tod gegangen. „Ich liebe da Leben«, hatte die
22jährige Cato Bontjes van Beek in einem Brief
aus dem Kerker ge chrieben, und: »Nur leben
will ich, leben!<<
Aber auch das ist eine der Zeilen: »Ich habe
nicht um mein Leben gebettelt.«
Volbr c h i ~ l k ~
SEITE 99
F
ast 6000 Werkzeugmaschi-
nenbauer sind allein im
Weißenseer Stammbetrieb
und in der zum Kombinat
gehörenden Berliner Werk-
zeugmaschinenfabrik
(BWF) beschäftigt. Doch das
Kombinat selbst ist noch viel größer.
Insgesamt 22 000 Werktitige zählt
es. Seine Betriebe finden sich u. a. in
Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Dresden
und Magdeburg. Spezialität der Ber-
liner dabei : Zahnflanltenschleifma-
schinen in Weißensee sowie Innen-
und Außenrundschleifmaschinen in
der BWF. Jahrzehntelange Entwick-
lungsarbeit steckt in diesen Maschi-
nen. Ihr Niveau genügt höchsten in-
temlltionalen Ansprüchen.
Für die Berliner Werkzeugmaschi-
nenbauer spricht die Tatsache, daß
heute bereits mehr als die Hälfte al-
ler Maschinen mit mikroelektroni-
schen Steuerungen ausgerüstet wer-
den. 1990 sollen es dann 90 Prozent
sein. Wie man überhaupt im Kombi-
nat auf die Schlüsseltechnologien
setzt, Mikroelektronik, Roboter- und
Computertechnik für die eigene Fer-
tigung nutzt und seine Erzeugnisse
damit versieht. Vorteile, die bei Pro-
duzenten und Anwendern gleicher-
maßen zu Buche schlagen.
Mit Erfolg gehen die Berliner Werk-
zeugmaschinenbauer neue Wege.
Ein Beispiel dafür ist die im Stamm-
betrieb entwickelte und gebaute
StirnradwälzschJeifmaschine, die
erstmals über ein mikroelektroni-
sches Getriebe verfügt. Zwei von vie-
len Effekten dabei : über 1000 Bau-
teile fallen weg, das erspart pro Ma-
schine eine Tonne Stahl und Guß.
Der Fertigungsaufwand verringert
sich um etwa 400 Stunden.
Das Kombinat hat sich in den letzten
Jahren immer mehr zu einem Produ-
zenten flexibler Fertigungslinien pro-
filiert. Sie arbeiten heute in einigen
Betrieben der DDR (u. a. im
Dresdner Elektromotorenwerk, wo
auch unser Foto entstand), aber auch
in Unternehmen des Auslands.
Größter Abnehmer ist dabei die So-
wjetunion.
Der Bau flexibler automatisierter
Fertigungsabschnitte und Maschi-
nensysteme für das Inland und den
Export stellt völlig neue Ansprüche
an die Arbeit der Maschinenbauer.
Mit Zuversicht gehen sie an ihre
Aufgaben. Achim Rother, seit über
20 Jahren Monteur in der Berliner
Werkzeugmaschinenfabrik. ist sich
sicher, daß sie die Mikroelektronik
und Computertechnik auch künftig
meistem werden. »Natürlich«, sagt
er, »sind solche Schlüsseltechnolo-
gien für uns ein harter Brocken, weil
sie den klassischen Maschinenbau
verlndern. Ums Lernen wird also
keiner herumkommen. Doch Furcht
davor haben wir nicht. Schließlich
verliert in unserem Land niemand
durch neue Technik seinen Arbeits-
platz. Im Gegenteil, wir wissen aus
Erfahrung, daß wachsende Leistun-
gen jedem von uns zugute kommen.
Und gerade dafür müssen wir die
Voraussetzungen schaffen.« Der er-
fahrene Monteur weiß nur zu gut,
wovon er spricht. »Was letztlich
beim Kunden zählt, ist Qualität und
Produktivität unserer Maschinen. Sie
schine ist mehr als nur ein techni-
sches Produkt. Sie kündet von der
Leistungsfähigkeit des Betriebes und
des gesamten Landes. Hi ufig werde
ich nach dem Leben in der DDR ge-
fragt, was wir geschaffen hU>en und
was wir uns weiter vornehmen. Ich
erzähle dann nicht nur von meinem
Betrieb, sondern zum Beispiel auch
von unserem neuen Stadtbezirk Mar-
zahn. wo mittlerweile über 150 000
Menschen in modernen Wohnungen
leben. Und daß wir mit unserer Ar-
beit dazu beigetragen haben.«
Für Achim Rother sind solche Ge-
spräche wichtig. Manches gehe ihm
dabei durch den Kopf. Gerade jetzt,
da Berlin sein 750jlhriges Jubiläum
feiert. »Unsere Stadt hat in den letz-
ten vierzig Jahren einen Entwick-
lungsabschnitt durchlaufen, der der
lebendigste, interessanteste und
menschlichste in ihrer Geschichte
war. Und wenn ich sehe, was wir uns
in Berlin und im ganzen lande für
die Zukunft vorgenommen haben,
dann wird mir unsere Verantwortung
klar. Wir Berliner Werkzeugmaschi-
nenbauer haben dafür zu sorgen,
daß >made in DDR< stets und über-
all in der Welt seinen guten Klang
behält.«
Uhlmann
Fotos: K. H.  
E. Klöppel, Th. Neumann, B Y-Archi11
müssen zuverllssig sein, und der Ser-
vice muß klappen. zu jeder Stunde
und an jedem Tag.« Als Kunden-
dienstmonteur erfährt Achim Rother
ganz unmittelbar, wie die Leistungs-
flhigkeit seines Kombinats beim
Kunden bewertet wird. Seine Hin-
weise, Vorschläge und Ideen fließen
darum direkt in die Arbeit von For-
schung und Entwicklung ein. Ober
25 Neuerervorschllge hat er bereits
unterbreitet.
»Noch etwas anderes«, sagt er,
»habe ich durch meine Arbeit im
Ausland gelernt. Eine Werkzeugma-

Hattmut Berlin sah sich um „ Gestatten, unter seinen Namensrettem
 
dcm auch noch so heißt, ist gern, von ihrem Geburtsna- naturhch m Berhn.
sich des Privilegs, das ihn men Nescmann. Der Meck.lenburger Bernd B.
aus der Masse Hunderttau- Britta Barbara B. ( 19) wurde Wir Berliner Berlins sind folgte dem Ruf seines Ju-
scndcr Berliner Bürger her- anhaltend von einem Nicht- nicht sämtlich durch Fami- gendverbandes und kam mit
aushebt, natürlich voll be- berlin umworben. Sie erlag licn- oder andere Bande mit- der Berlin-Initiative der FDJ
wußt. den Werbungen, gab ihrem einander verbunden. Zu be- sowie dem Zug aus Hagenow
Aber wir Berliner Berlins ma-
chen davon nicht viel her.
Es sind immer die ande-
ren.
»Und Sie heißen wirklich
Berlin? Genau wie unsere
Stadt?« - »Ich möchte nicht
wissen, wo Sie herkommen,
sondern wie Sie heißen. -
Was!«
Bewunderung von ganzem
Herzen und unverhohlener
Neid begegnen uns, wo auch
immer wir namhaft in Er-
scheinung treten. Wir winken
in unserer bescheidenen Art
ab. »Ein Name wie jeder an-
dere auch«, sagen wir.
Das ist, zugegeben, nicht die
ganze Wahrheit. Nicht ein-
mal die halbe.
Tauschen würden wir um
keinen Preis. Mit nieman-
dem. Keiner von uns vermag
sich ein Leben als Schulze,
Müller oder Lehmann vorzu-
stellen.
Insbesondere Damen unserer
Berliner Namensfamilie, die
sich im heiratsfähigen Alter
beziehungsweise Stadium
befinden, sehen sich ständig
der Gefahr ausgesetzt. ihren
guten Namen zu verlieren.
Petra B. wurde aus Berlin
nach Woltersdorf bei Bernau
weggeheiratet. Sie trägt heute
den Namen Waldschmidt.
Ihr Ehemann ist Förster, und
um nichts in der Welt wollte
er sich von dem berufsbe-
zeichnenden Namen Wald-
schmidt trennen. Bei genann-
tem negativen Beispiel han-
delt es sich jedoch um eine
Ausnahme.
Zugänge zu unserer Gemein-
schaft der Berliner Berlins
sind die Regel.
Christei B. wurde infolge
Heirat eine Berlin und
trennte sich liebend und
NBI 1987
Künftigen jedoch rechtzeitig obachten ist allerdings, daß in die Hauptstadt. Als gelern-
zu verstehen, der Weg in den viele von uns aus Gebieten ter Fernmeldemechanik.er
sogenannten Hafen der Ehe nördlich Berlins zurcistcn. hatte er alle Hände voll zu
führe nur über eine Namens- Aus der Uckermark und aus tun bei der Verlegung und
änderung seinerseits, »sonst
spielt sich gar nichts ab«.
Unserer Berliner Namensfa-
milie gehören derzeit über
zweihundert Mitglieder bei-
derlei Geschlechts und unter-
schiedlicher menschlicher
Reife an.
Wir Berlins durchdringen
alle wichtigen Bereiche von
Wirtschaft, Wissenschaft,
Kultur und Politik der
Hauptstadt. Mit einem Wort :
Wir sind überall. Zum Bei-
spiel haben wir eine Pro-
grammiererin im Werk für
Fernsehelektronik, einen
Baumaschinisten im VEB
Baukombinat Köpenick, ei-
nen Medizinstudenten an der
Humboldt-Universität, einen
Artisten beim Zirkus Bero-
lina (natürlich Berolina!), ei-
nen promovierten Diplom-
wirtschaftler in einem Mini -
sterium, einen Schausteller
auf Rummelpläizen der
Stadt, einen Autor beim Eu-
lenspiegel und Schüler,
Schüler und nochmals Schü-
ler sowie diesen und jenen
an weiteren Brennpunkten
des gesellschaftlichen Le-
bens. Wir Berliner Berlins
stammen überwiegend, und
das wird jetzt viele Men-
schen mit einem, sagen wir
mal Dutzendnamen sehr
überraschen - wir stammen
in der Mehrheit nicht aus
Berlin. Und so gesehen sind
wir für die ethnische Zusam-
mensetzung der Berliner Be-
völkerung repräsentativ. Der
Volksmund nennt solche
Berliner bezeichnenderweise
Rucksackbcrliner.
Die nächste Überraschung:
Mecklenburg beispielsweise. Instandsetzung von Telcfon-
ln den Geburtsurkunden un- anschlüssen. Er wohnte zur
serer Eltern und Großeltern Untermiete. Seine Wirtin
stehen Orte wie Templin, hatte eine Tochter. Sie war
Siggelk.ow, Zarrentin oder ihm von allen in Frage kom-
Finow. Auch Leipzig natür- menden Berlinerinnen von
lieh. Anfang an am nächsten. In
Elsbcth B., geborene Gentz, der Berlin-Initiative des
kam vor dem Krieg im zarten Mccklcnburgers entstanden
Alter von neun Jahren zu ei- nicht nur zahlreiche Telcfon-
ner Zeit nach Berlin, als die anschlüsse, sondern auch der
Mädchen Bubikopf trugen. berlingebürtige Sohn Robert.
Sie lernte im damaligen Die drei bewohnen eine
Kaufhaus Hertie in der Reko-Wohnung (rekonstru-
Chaussccstraßc Verkäuferin ierte Wohnung nach dem
und erinnert sich daran, daß Prinzip aus alt mach neu)
man damals als Verkäuferin und hoffen auf einen eigenen
»ganz schön flitzen und Telefonanschluß.
springen mußte, und wehe, Frank B. sieht sich als Urber-
wenn man mal pampig zu liner, obwohl auch er nicht in
den Kunden wurde, dann Berlin geboren wurde. Seine
wurde man gleich gefeu- Ursprünglichkeit leitet er von
ert«.
Martin B. wurde in Greifs-
wald geboren und suchte
später als Berliner den Makel
seiner Geburt durch die Hei-
rat mit einer gebürtigen Ber-
linerin wettzumachen. Es ge-
lang ihm. Beide, seine Frau
und er, leisteten in der Folge-
zeit Großartiges für den Zu-
wachs der Berliner Berlins.
Ihre fünf Söhne wurden in
der Hauptstadt geboren und
setzen die Familientradition
erfolgreich fort . Martin B. ist
vierfacher Opa. Bis jetzt. Die
Jungs haben Reserven noch
und   meint er. Auch be-
ruflich gibt es für Martin B.
Reserven zu entdecken. Er ist
einer der leitenden Produk-
tionsorganisatoren im Fern-
sehen der DDR, dessen Zen-
trum nicht etwa in Suhl oder
seinem Anteil am Aufbau der
Stadt her. Der gelernte Mau-
rer und heutige Hauptdirek-
tor für Material- und Lager-
wirtschaft im Berliner Woh-
nungsbaukombinat könnte
auch als Stadtführer tätig
sein. Seine Spur der Steine
reicht vom Berolina-Haus (!)
über die Charite, den Pio-
nierpalast bis tief in den
Stadtbezirk. Marzahn hinein.
Um hier nur einige herausra-
gende Bauwerke zu nennen.
»Es gibt kaum eine Bau-
stelle, an der ich nicht mitge-
arbeitet habe. Ich bin aus
dem Sprint nicht herausge-
kommen. Erst 1977 haben
wir in Marzahn den ersten
Grundstein gelegt. Oder neh-
men wir Kaulsdorf. Als Pie-
pet habe ich mit meinem
Großvater auf den Wiesen
Heu gemacht. Heute stehen
da Häuser. Wer hätte je ge-
dacht, daß nach Kaulsdorf
mal eine U-Bahn fahren
wird.« Frank B. wohnt mit
seiner Familie in der
22. Etage eines Hochhauses,
und sein Überblick. gestattet
ihm die Aussage: »Die Stadt
ist unglaublich gewach-
sen.«
Immer, wenn wir Berlins
vom Leben in unserer Stadt
sprechen, ist die Rede vom
Umziehen und von neuen
und noch neueren Wohnun-
gen.
Rainer und Bettina B. hatten
ihre erste Wohnung in einem
Uraltbau in der Stargarder
im Stadtbezirk Prenzlauer
Betg. Das sagt alles. Über
damals. Die zweite Wohnung
war schon »Luxusklasse«,
weil mit IWC und Bad. Ihre
Arbeiterwohnungsbaugenos-
senschaft verschaffte der in-
zwischen vierköpfigen Fami-
lie eine 4-Raum-Wohnung
im Thälmannpark.. Wohnen
und Wohlfühlen in Berlin, so
sagen sie im modernen
Sprachgebrauch, waren für
sie immer eine Einheit. Im
Thälmannpark ist für sie je-
denfalls Endstation. Woh-
nungsmäßig. Was sie aller-
dings nicht davon abhält. an
Wochenenden, wenn es
Wind und Wetter sowie an-
dere Unbilden der Natur er-
lauben, blitzartig die Stadt zu
verlassen, um ein Plätzchen
im ganz Grünen aufzusu-
chen.
Auch diese Angewohnheit
teilen wir Berliner Berlins
mit den vielen nam-
haften Hauptstadtbewoh-
nern. Wir sind überhaupt für
ausgleichende Gerechtigkeit
und haben nichts gegen ein
Zusammenleben in einer
Hausgemeinschaft oder ein
friedliches Nebeneinander in
einer Reihenhaussiedlung
mit Bürgern, die - meist
ohne eigenes Verschulden -
Schulze, Lehmann oder Mül-
ler heißen.
Wir sind ausgesprochen tole-
rant.
Auch in diesem Jahr, in un-
serem 750. Jahr, stört es uns
keineswegs, wenn man uns
anerkennende Pfiffe nach-
schickt und ausruft : 0 la Ja,
Berlin, Hauptstadt der
DDR!
Oder wenn Witzbolde ulken :
Mensch, 750. Geburtstag!
Das sieht man dir gar nicht
an.
Uns macht das nichts aus.
Wir haben gelernt, mit unse-
rem hauptstädtischen Na-
men zu leben. Und das nicht
schlecht.
Zeichnungen:
Barbara Tucholke
SEITE 103
l'farrer
Helmut Orphal
S
o frei hat sie früher nie
gestanden. Wie fast jede
Kirche, nahm sie sich im
engen Kranz der kleinen
Häuser mächtig aus.
Heute ist sie weithin
sichtbar; in Nachbarschaft des sie an
Höhe überflügelnden Fernsehturms,
umrahmt von Wohn- und Geschäfts-
bauten. Die Marienkirche - reizvol-
ler Kontrapunkt der Stadtlandschaft.
Hinter dem hohen Westportal des
mehr als 700jährigen gotischen Baus
zieht sich in der Turmvorhalle ein
mittelalterliches Fresko über die
linksseitigen Wände. »Die meisten
Menschen gehen nichtsahnend an
diesem einzigartigen Kunstwerk vor-
bei, weil sie direkt auf das Kirchen-
schiff zusteuern«, sagt Pfarrer
Orphal. Dabei mißt der Berliner To-
tentanz immerhin 22 Meter. Er ist
heute das einzige nahezu vollständig
erhaltene Wandbild dieses Sujets in
Europa. Auf dem halbkreisförmig
verlaufenden Fries schreiten Vertre-
ter geistlicher und weltlicher Stände,
von Leichnamen mit dem Bahrtuch
geführt, um das Kreuz christlicher
Erlösung. Wer an dem Fresko vor-
übergeht schließt gleichsam selb t
diesen nach einer Seite offenen Rei-
gen - der magische Totentanz zieht
jeden Sterblichen in seinen Kreis.
In den Pestjahren um 1480, mutmaß-
licher Anlaß der Entstehung des
Frieses, flüchteten viele Berliner in
die Kirche. Draußen spielte die Seu-
che zum Tanz des Verderbens auf,
erfaßte die Menschen oho' Ansehn
der Geburt. Unter dem gemalten
Kartäuser-Mönch mahnt ein Begleit-
vers »Sterben ist das gemeine Recht,
sterben müssen beide, Herr und
Knecht.«
Pfarrer Orphal meint, daß der im
Klima bevorstehender Reformation
und frühbürgerlicher Revolution ge-
schaffene Berliner Fries auch nach
über 500 Jahren dem Betrachter viel
zu sagen habe. »Ich denke, daß die-
ser Totentanz nicht das Ende, son-
SEITE 104

Das Licht
sei ein Zeichen
Begegnungen in Sankt Marien
dem das Leben predigt, wie es in ei- 1 Wer weiß schon, daß St. Marien das
nem Gebet Moses' heißt: >Lehre uns einzig bedeutende Bauwerk des Zen-
bedenken, daß wir sterben müssen, trums von Berlin ist. welches das In-
auf daß wir klug werden.c Klugheit femo des Weltkrieges unzerstört
gleich Fähigkeit. miteinander leben überstanden hat? Damals im Kriege,
zu können und zu wollen: Christen als die Schwesterkirche St. Nikolai
mit Atheisten, Weiße mit Schwarzen, unterging, wimmerten noch im
alle Menschen dieser Welt. Wenn Hitzewirbel deren Glocken, ehe sie
wir bedenken, daß wir einmal ster- schmolzen. Heute ist von den unsäg-
ben müssen, wird uns das Leben um liehen Zerstörungen im neuen Stadt-
so kostbarer erscheinen. Deshalb zentrum nichts mehr zu sehen.
sollten wir jeden Tag nutzen, hier »Aber gegenwärtig ist das alles
und jetzt. mit guter Arbeit für den schon wieder bedroht«, sagt der
Frieden! Im Sinne eines Wortes des Pfarrer, »bedroht durch die unge-
Propheten Jeremia: >Suchet der heure Vermehrung der Vemichtungs-
Stadt Bestesc.« potentiale, bedroht vom Sternen-
Ausschnitt aus dem Berliner Totentanz: Ein geistlicher Richttr (li.), ein
Augustiner und dazwischen ein tanzender Tod. In den Venen wird
frühbürgerliche Kritik an den Zeitzustinden laut.

kriegsprogramm der USA. Das ist
wider die heilige Gabe des Lebens.
Wir Christen stehen hinter den uner-
müdlichen, von Vernunft und Ver-
antwortung getragenen Friedensbe-
mühungen unseres Staates, der mit
Besonnenheit handelt.«
Pfarrer Orphal zündet eine Kerze an.
»Das Licht will ich als Sinnbild des
Lebens verstanden wissen. Es soll
auch ein Zeichen sein, daß diese Kir-
che kein Museum ist, sondern Mit-
telpunkt und Versammlungsstätte ei-
ner Gemeinde unserer Zeit, einer
Gemeinde, die im Sozialismus mit
Liebe und Phantasie ihren Raum
ausfüllen kann. Und so wirken wir
mit für die höchsten Ideale unserer
Gesellschaft, für Frieden und soziale
Gerechtigkeit, weil sie der christli-
chen Ethik entsprechen.«
Licht durchflutet die hohe Kirchen-
halle, die heller ist als andere goti-
sche Schiffe. Ihre zum Kreuzrippen-
gewölbe aufstrebenden Bündelpfei-
ler strahlen Eleganz aus. »Dieser
Raum ist wie ein Festsaal. Ich liebe
ihn. Und ich bin froh, hier predigen zu
können.« Ober dem Kopf des fast
zwei Meter großen Pfarrers soll der
engelbekrönte Schalldeckel der Kan-
zel die Stimme des Predigers verstär-
ken. Aber das hat die des Helmut
Orphal gar nicht nötig. Zudem be-
sitzt St. Marien eine fabelhafte Aku-
stik. Hier Oratorien von Bach zu er-
leben - ein Fest für die Ohren 1 Das
Echo klingt in verschiedenen Stufen
nach, von den Erbauern so gedacht,
daß Ton und Wort widerhallen und
sie fahren mögen aus dem Raume in
die Unendlichkeit. Am Totentanz
vorbei in das Leben vor dem Tore.
»Suchet der Stadt Bestes«, wieder-
holt der Pastor in der Predigt den
Propheten. Und das Beste ist der
Friede. Friede diesem Berlin. Friede
auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.
Bt!md Hahlwq
Fotos: Ht!inz Dargt!lis
NBI 1987
E
ine Wüste! - so nann-
ten die zeitgenössischen
Schriftsteller das Kur-
fürstentum Branden-
burg nach dem Dreißig-
jährigen Kriege. Der
damalige Herrscher, militärisch völ-
lig hilflos, hatte sich baJd der kaiser-
lich-habsburgischen, bald der schwe-
dischen, baJd überhaupt keiner
Politik angeschlossen, und so zählte
die Marlt Brandenburg zu den am
meisten verwüsteten Gebieten
Deutschlands. Zur Kriegsgeißel ge-
sellten sieb Hungersnöte und Seu-
chen, so daß um die Mitte des 17.
Jahrhunderts das Land beinahe nur
noch die Hälfte seiner Einwohner
zählte, die Residenz Berlin noch
nicht einmal ein Drittel.
Friedrich Wilhelm, hobenzollern-
scher Erbe dieser Konkursmasse,
überlegte >>wie Unsere durch bishe-
rige langwierige Kriegsunruhen an
Einwohnern und Mannschaft sehr
entblösete und desolierte Lande bin-
wieder mit Volk besetzet und selbige
dadurch in mehreres Aufnehmen ge-
bracht werden könnten.« Die Kame-
ralisten rechneten ihm vor, daß
selbst bei weitgehender Förderung
von Heiraten und Geburten es min-
destens zweier Generationen be-
dürfe, bis die Marlt Brandcoburg die
. alte Zahl an Einwohnern haben
könnte, und Sachsen beispielsweise
würde dann immer noch dreimal
mehr Menschen pro Quadratmeile
haben, Frankreich gar viermal soviel.
Aber Menschen - das war doch der
wicltJiche Reichtum eines Landes,
das waren Produzenten, Steuerzah-
ler, Soldaten. Soldaten sollten den
von der Memel bis zum Rhein zerfa-
serten Besitzstand der Hohenzollern
schützen. Dabei war passives Bewah-
ren des Ererbten gar nicht Ziel des
gedrungenen, aber ehrgeizigen Man-
nes. Mit dem ersten stehenden Heer
gab Kurfürst Friedrich Wilhelm dem
Hause Hohenzollern ein Instrument,
mit dem es mehr als 250 Jahre lang
europäische Politik, oft blutige
Politik, machte. Den Bedürfnissen
dieses Machtmittels, der Stlrltung
des absolutistischen Staates über-
haupt, dienten solche Entscheidun-
gen: Man lud friesische Bauern und
holländische Meier zur Ansiedlung
ein, man übersprang das einhundert-
jährige Siedlungsverbot für Juden
und man bot 20 000 verfolgten Huge-
notten eine neue Heimstatt. Die
Hälfte dieser Zuwandernden waren
Textilproduzenten, Garner und
Zwirner, Weber und Wirker, Sticker
und Schneider. Diese Gewerke ge-
hörten seit langem zu den wichtig-
sten der Mark, ihre Meister saßen
seit jeher im Berliner Magistrat.
SEITE 106
Die Kunstfertigkeit insbesondere hu-
genottischer Handwerker und Manu-
facturiers fand in Friedrich 111.,
Nachfolger in der brandenburgi-
schen Kurwürde, einen verständigen
Konsumenten. Sein Hof verzehrte
für Tausende Pasteten und Braten,
Schokolade und französischen Wein.
Allein die Rechnung des Hofkondi-
tors weist für das Jahr 1701 5144 Ta-
ler aus, eine Summe, die den Lebens-
mittelbedarf von 150 Berliner Fami-
lien für ein ganzes Jahr befriedigt
hätte. Auch der Wert der begehrten
Allongeperücken, der seidenen
Strümpfe und der silber- und gold-
durchwirkten Westen ging in die
Tausende und Abertausende.
Die Krone, die sich Friedrich in Kö-
nigsberg aufs Haupt setzte, kostete
das Land nicht nur die Unterord-
nung unter die habsburgische Kai-
serpolitik. Die Ausgaben am Berliner
Hof schnellten noch mehr in die
Höhe. Mußte doch selbst der Hof-
zwerg seinen silberverzierten Kittel
mit einer goldverbrämten Livree ver-
tauschen. Den Wert seines Galarolt-
lces, ließ der nunmehrige König Frie-
drich 1. selbstgefällig durchblicken,
schätzten Sachverständige auf eine
Million Taler: Friedrich 1. spielte
Sonnenkönig. Doch Brandenburg-
Preußen war nicht Frankreich, der
Staatsbankrott war somit unaus-
weichlich.
War es ein Glück für das Land, daß
der Nachfolger wie ein biederer
Hausvater daherkam? Friedrich Wil-
helm 1. strich den Hofetat auf 20
Prozent zusammen. Doch nicht nur
Minister und Pagen, Federschmült-
lter und Livreebewahrer verloren ih-
re Posten, auch die vielen Gewerke,
die der Luxusproduktion gedient
hatten, gingen ihrer Existenzgrund-
lage verlustig. »Geld muss im Lande
bleiben.« war Friedrich Wilhelms
Muime, und er verbot die Ausfuhr
einheimischer Rohstoffe, den Import

Das Potsdamer Einladungsedikt für
mfolgte frlnzösische Protmanten
.,. Grundlage für die Einnnderung
t01 20 000 Hugenotten
Aufsicht angekurbelt werden. Im
Haus zum Schwarzen Adler, der ehe-
maligen Wohnung der Kurfürsten in
der Klosterstraße, entstand das »La-
gerhaus«, Modell einer preußischen
Staatsmanufaktur.
Hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm
mit dem stehenden Heer die Macht
der alten Obristen beseitigt und sich
die ersten eigenen Untertanen ge-
schaffen, so sollte nun, wer des Kö-
nigs Soldat war, auch des Königs
Rock tragen. Friedrich Wilhelm ver-
schmähte den Pomp der französi-
schen Mode und lief tagein, tagaus
selbst in Uniform. Kurz nach Eröff-
nung des Lagerhauses im Jahre 1714
erging der Beschluß, daß den Regi-
mentern eine einheitliche BeltJei-
Eine Prämie m 100 Ta/em für das erste ,,_in Berlin nicht mit
der Hand erzeugter Strümpfe! Einwandt!rnde Franzosen produzierten
w auf dem Strumpfwirkstuhl en mme
ausländischer Produlcte. Statt die
Wolle nach Sachsen oder Flandern
auszuführen und teures Geld für Tu-
che in jenen Ländern zu lassen, soll-
ten die Rohstoffe jetzt hier verarbei-
tet werden. Während man die Lei-
nen- und groben Wolltuche dem
platten Lande überlassen konnte,
mußte die anspruchsvolle Produk-
tion sogenannter spanischer oder
Londoner Tuche unter staatlicher
dung zur Verfügung gestellt werden
sollte. Nicht das bunte Zeug der ver-
schiedenen Compagnien war er-
wünscht, sondern der preußisch-
blaue Rock. In der Kanzlei des Ma-
jors von Massow wurden die Unifor-
men entworfen. ein gewisser Stender,
Schneider auf dem Berliner Werder,
nähte Proben, und die mit Armeesie-
gel gekennzeichneten Uniformen gal-
ten als verbindliche Muster. Nun sa-
ßen Hunderte Schneider und Nähe-
rinnen, um die Armee alle zwei
Jahre, seit 1725 sogar jedes Jahr, zum
einheitlichen Montierungstermin mit
einheitlichen, mustergerechten Uni-
formen zu versehen.
Und im zivilen Leben sollte alles
nach dem alten Schlendrian geben 1
»Sollen Zeug tragen! Und nicht Cat-
tun!« hieß es von oben. Kattun und
Zitz, leichte Baumwollstoffe, durften
nicht mehr importiert oder produ-
ziert, j a sie durften nicht einmal
mehr getragen werden. Wer weiter
Vorhange tn den Stuben oder Klei-
der aus Baumwolle nutzte, wurde be-
traft. So heißt es im Protokollbuch
des Berliner Magistrats unter dem
28. 11. 1722: »Haben drei Frauens-
leute am Hals-Eisen gestanden we-
gen verbotenen Cattun.«
Um den Absatz wollener Zeuge zu
forcieren, schlug man ein Gesetz vor,
die Leichen mit wollenen Strümpfen,
Kleidern und Mützen zu beerdigen.
Bei durchschnittJich 60 000 preußi-
schen Toten im Jahr errechnete man
sich eine erhebliche Nachfragcstei-
gerung. freilich war die übergroße
Masse der Bauern und Handwerker
viel zu arm, um ihre Toten teuer zu
begraben.
Das wirkliche Antriebsrad der preu-
ßischen Industrie blieb die Armee.
Wer Mann war und nicht invalid
oder unabkömmlich, wurde Soldat.
Und die enorm vergrößerte Armee
verlangte Unterordnung der ganzen
Wirtschaft. Stärker als in anderen
Territorialstaaten wuchs in Preußen
ein unheilvoller Militarismus heran.
Berlin wurde Vorratshaus des
Kriegsgottes Mars.
Dem Soldatenkönig folgte mit Frie-
drich II. ein Monarch, der sich selbst
gern als Philosoph sah und einen
»aufgeklärten Absolutismus« prakti-
zierte. Wer wollte, sollte sich auch
mit Kattun kleiden dürfen. Und wer
es sich leisten konnte, mit Seide. So

beschloß Friedrich II., eine Seiden-
produktion aufzubauen. Maulbeer-
setzlinge wurden importiert und Al-
leen, Wälle, selbst Friedhöfe mit der
Lebensgrundlage der Seidenraupe
bepnanzt. Küster und Schulmeister
hatten die Raupcnzucht zu propagie-
ren. Französische Seidenhersteller
wurden eingeladen, sich in Preußen
niederzulassen. Reisegelder und
Startprämien sollten den fremden
den Import ihrer Kunstfertigkeit lu-
krativ machen. Den bedeutenden
Seidenfabrikanten Girard und Mi-
cbelet wurde am Spittelmarkt ein
großes Gebäude kostenlos überlas-
sen, eine Privilegierung, die in der
hohenzollern chen Kolonisationspo-
litik gang und gäbe war, jetzt aber
nur noch ausgesuchten Gewerben
und Männern zukam. Dabei sollte
nur Leistung zählen; Glaube, Natio-
nalität seien gleichgültig. »Alle Reli-
gionen seindt gleich guth«, schrieb
Friedrich II. in schlechtem Deutsch,
»wan nuhr die Leute, so sie profcsi-
ren, Erlige leute seindt, und wen Tür-
ken und Heiden kähmen und woll-
ten das Land pöpliercn, so wollen
wir sie Mosqueen und Kirchen
bauen.<<
Doch die Einwanderung reichte
nicht, und da Friedrich mit seiner
Konservierungspolitik gegenüber
dem Feudaladel eine Freisetzung
ländlicher Produzenten selbst unter-
bunden hatte, mußten Kinder und
Frauen in die Manufakturen. Waisen
wurden an Unternehmer verliehen,
Bettler und Vagabunden in Zucht-
und Spinnhäuser gesteckt. War am
Anfang des 18. Jahrhunderts jeder
IOO. Berliner im Textilgewerbe tätig
gewesen, so am Ende desselben jeder
zehnte. Berlin war zur bedeutendsten
deutschen Textilstadt geworden und
eine der größten europäischen dazu.
Die Bedürfnisse jener Armee, die
Friedrich II. zur Verfolgung poli-
tischer Großmachtziele einsetzte,
hatten einerseits der ökonomischen
Entwicklung Preußens starke Im-
pulse gegeben. Andererseits brachte
die kriegerische Außenpolitik der
Hohenzollern der Bevölkerung im-
mer wieder Entbehrungen und
schweres Leid, fügte der Wirtschaft
großen Schaden zu.
So vertief die Entwicklung Berlins zu
dieser Zeit sehr widersprüchlich -
im Spannungsfeld zwischen aufblü-
hendem Manufakturwcsen und ja-
nusköpfiger Machtpolitik.
Dr. Klaus Brandenburg
Reproduktionen:
A.rchi„ Dr. Brandntburg,
BV-Archiv

-
DES KÖNIGS
Manufakturen und Machtpolitik
Berlins ökonomische Entwicklung
im 17. und 18. Jahrhundert
Des Königs
Soldattn sollten
IUCh des Königs
Rock tragen:
einheitlich
preußisch Tuch
in dem betühmten
Berliner Blau
-
1
1 •
. .

Hohe Schule der Medizin
Die Charite wie sie noch keiner sah
SEITE 108
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A Rudolf Vin:how p
8 Johannes Müller \
- ---- . .
23
LAGE
DER KLINIKEN UND
INSTITUTE

1bis16:
Augenklinik · Chirurgische KJinik · Frauen-
klinik · HNO-K.linik · Orthopldische Kli-
nik · Urologische Klinik · Nukleannedizini-
sche Klinik · Institut rar Röntgendiagno-
stik · Institut rar K.ardiovaskullre Diagno-
stik . Institut rar Transfusiologie und Trans-
plantologie · Institut rar Pathologische- u.
Klinische Biochemie · Institut rar Medizini-
sche Immunologie · Institut rar Klinische
DENKMÄLER BERÜHMTER MEDIZINER AUF DEM GELANDE DER CHARltt
Pharmakologie · Institut rar Physiothera-
pie . Klinik rar Anlsthesiologie u. lntensiv-
therapie · Institut rar Experimentelle Endo-
krinologie ·
17 Zentrale Poliklinik · 18 Verwaltungs-
&eblude · 19 Kinderklinik · 20 Pathologisches
Institut · 21 Klinik rar Innere Medizin ·
22 Nervenklinik · 23 Geschwulstklinik ·
24 Sektion Stom.atologie ·• 25 Versor-
gunpzentrum · 26 Hautklinik . 27 Anatomi-
sches Institut · 2& Apotheke ·
H Adolf Bardeleben
1 Friedrich Kraus
J Otto Heubner
K Friedrich Althoff
L Ernst v. Leyden
M Albrecht v. Graeve
SEITE 109
E
rst knapp zwei Jahre sind
ergangen, seit die Berliner
Charitc ihr 250jähriges Jubi-
äum feiern konnte. Entstan-
den aus einem ehemaligen Pcsthaus,
hat sich die ehrwürdige Stätte medi-
zinischer Betreuung, Forschung und
Ausbildung heute zu einem Klini-
kum entwickelt, in dem etwa 20 Pro-
zent des Forschungspotentials der
medizinischen Hochschuleinrichtun-
gen der DDR konzentriert sind.
Unsere Bilder und Grafiken auf die-
sen Seiten verdeutJichen, wie die
Charitc nach dem endgültigen Ab-
schluß der Bauarbeiten in wenigen
Jahren aussehen wird.
Seit der Einweihung des Hochhauses
mit seinen 23 Etagen im Jahre 1982
hat sich die Zahl der medizinischen
Leistungen ständig vergrößert. Jähr-
lich werden von den etwa 5500 Mit-
arbeitern der Charitc über 40 000 Pa-
tienten stationär und etwa 800 000
Patienten ambulant behandelt Al-
lein das Hochhaus beherbergt 1200
Krankenhausbetten, die sich auf 30
Stationen und fünf Intensivstationen
verteilen. Hinzu kommen 26 Opera-
tionssäle mit modernster Medizin-
technik.
Der Name der Charitc ist mit dem
Wirken so hervorragender Gelehrter
verbunden wie Rudolf Virchow,
Emil Oubois-Reymond, Hermann
von Helmholtz, Robert Koch, Paul
Ehrlich und Ferdinand Sauerbruch.
Nach dem zweiten Weltkrieg waren
nur etwa neun Prozent der alten
Charitc-Gebäude unbeschädigt.
Daß die neue Cbarite in der Qualität
der medizinischen Betreuung wieder
Weltgeltung erlangt hat, ist Ärzten
wie Professor Moritz Mebel zu ver-
danken. der sich bereits frühzeitig
mit experimentellen Arbeiten auf
dem Gebiet der Nierentransplanta-
Redaktion: Helmut Lienemann
Fotos: Gerhard Kiesling
Grafik: Lutz Liiden
SEITE 110
tion beschäftigte. Zu nennen wären
auch Maxim Zetkin, der verdiente
Volksarzt und Pionier unseres Ge-
sundheitswesens, oder Professor Hel-
mut WolfT, der in der Nachfolge Pro-
fessor Sauerbruchs mit erfolgreichen
Transplantationen der Leber und des
Herzens chirurgische Meisterschaft
bewies.
Noch immer ist die Charite Bau-
stelle. Oie zweite Phase der inneren
Rekonstruktion der von wildem
Wein umrankten Klinkerbauten geht
gegenwärtig nahtlos in die letzte
Phase über, bei der unter anderem
über einen unterirdischen Tunnel
der Komplex medizinischer Einrich-
tungen auch organisatorisch und
technologisch noch besser verbun-
den wird.
Oie Charite ist ein Wahrzeichen für
die umfassende gesundheitliche und
soziale Fürsorge, die in unserem
lande jedem Bürger zuteil wird.
/
NBI 1987

von Seile 1 OQ Hohe Schule der Medizin - Die Charite im Überblick
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Dr • .c. Riidil/fl .an wtd AM/yJe ,,._ 0. W..... Otinq VI. 1111 Institut fii fllllfllbltbn. Sie tW-
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tionfn. O.S Institut ist schttl KW: OMR Ovritl zu._, be- Mtinhltd Lüning bti Ettrdungtn.
---
SEITE III
Die älteste erhaltene Zug-
brücke
heißt »Jungfernbrücke«, die
Fricdrichsgracht und Unter-
wasserstraße miteinander
verbindet. Der Name kommt
von den neun Töchtern der
Hugenotten-Familie Blan-
chct, die an ihrem Stand ne-
ben der Brücke Wäsche näh-
ten, ausbesserten und
wuschen - und nebenher
den neuesten Stadtklatsch
verbreiteten. Heute zählt Ber-
lin rund 640 Brücken: älte-
ster Spreeübcrgang ist die
Mühlcndammbrückc, die
einst zwischen Molkcnmarkt
und Nikolaivicrtcl die
Schwesterstädte Berlin und
COlln verband.
Das hOchstc Bauwerk
ist, unübersehbar von allen
Seiten, der Fcrnschtunn.
Seine Antenne kitzelt in
365 Meter HOhc die Wolken:
207 Meter über der Stadt, in der
Tclcturm-Silberkugcl,
schwebt das hOchstc Cafe
Berlins, dessen Scheiben von
den schwindclfreicstcn Fen-
sterputzern saubcrgchaltcn
werden. Vier Meter tiefer, an
der Aussichtsplattform, en-
det der längste Lift, den es je
in Berlin gab.
Die ungcwOhntichstc Kulisse
für Sommerkonzerte unter
SEITE 114
freiem Himmel ist der Innen-
hof des ehemaligen Zeug-
hauses und heutigen Mu-
seums für Deutsche Ge-
schichte - mit Andreas
Schlütcrs »Masken sterben-
der Krieger«.
Der hOchstc Berg
liegt j. w. d. (»janz weit drau-
ßen«) im Grünen und mißt
1 15 Meter: der Große Müg-
gclberg. 92 Meter hoch er-
hebt sich die spazicrgängcr-
f reundlich begrünte Odcr-
bruchkippe.
Das gewaltigste Rad
behängt mit 36 Gondeln ist
das Riesenrad im Pläntcr-
wald. 216 Vergnügungssüch-
tige passen bei jeder Fuhre
rein. Mit 43 Meter Hohe
überragt es seine Umgebung,
den Kulturpark Pläntcrwald,
und bietet einen windigen
Weitblick über Spree und
Trcptowcr Park bis zum alten
Ortsteil Stralau.
Die grOßtc Parkanlage der
Innenstadt
ist der Volkspark Fricdrichs-
hain mit 52 Hektar: zu ihm
gchOrcn der Märchenbrun-
nen und der 78 Meter hohe
Bunkerberg - künstlich an-
gefüllt mit über einer Million
Kubikmeter Trümmerschutt.
Die ausgefallensten Woh-
nungen
befinden sich in einem dcnk-
malgcschütztcn, 110 Jahre al-
ten runden Wasscrtunn auf
dem einstigen Windmühlcn-
bcrg von Prcnzlaucr Berg, in
dem seit 1914 nicht mehr gc-
pumpt wird, aber bis 1952
noch Wasser gespeichert
wurde. Danach baute die
K WV in die dicke » Litfaß-
säule mit Fenstern« zentral-
beheizte Wohnungen für 25
Mieter: die in vier- und
sechseckigen Räumen woh-
nen.
Das weitläufigste Natur-
schutzgebiet
der Hauptstadt liegt rund um
den sechs Hektar großen mo-
rastigen »Faulen Sec« und
ist ein Dorado Hunderter
Pflanzen- und 90 Vogelarten,
zu denen Nachtigall, Pirol,
Wendehals und Waldkauz
gchOrcn. Ein Naturlehrpfad
durch die urwaldähnlichc
Wildnis im Stadtbezirk Ho-
hcnschOnhauscn gibt Aus-
kunft über die seltene Flora
und Fauna dieses reizvollen
Gebietes.
Der beliebte tc Treffpunkt
für Liebespaare, Familien,
Schulklassen und Au flugs-


gcscllschaftcn ist die zehn
Meter hohe Weltzeituhr auf
dem Alex. Wem die Warte-
zeit zu lange dauert, der setzt
sich gleich nebenan auf die
längste Bank der Hauptstadt:
125 Meter.
Die älteste Apotheke
an der Ecke Roscnthalcr-
/ Ncuc SchOnhauscr Straße
besteht 255 Jahre, sie wurde
anno 1732 vom Hofrat und
Leibmcdicus Buddacus ge-
gründet. Dutzende von Kä-
sten und Fächern. kunstvolle
Holzschnitzereien und anmu-
tiges Deckengemälde ver-
breiten das Fluidum Alt-Ber-
liner Handelshäuser - das
heutige Interieur ist genau
100 Jahre alt.
Das modernste Fahrgast-
schiff
der »Weißen Flotte<< ist das
Flaggschiff» Wilhelm
Picck«. 31 Berliner Ausflug -
schiffe gehen mit fast 8000
Passagieren an Bord auf
Kurs über 160 Kilometer
Wasserstraße einschließlich
32 Seen in und um Berlin.
Oie flotten Weißen der Wei-
ßen Flotte verkehren im Takt
froher Weisen auf 36 Routen
- und sind damit die Größ-
ten im lande.
Die grOßtc Blume
blüht im Haupt-Foyer vom
»Palast der Republik« : Sie
wiegt zehn Tonnen, ist über
vier Meter breit, 5,20 Meter
hoch und besteht aus Glas
und Chromstahl. Oie Fläche
der zehn Blütenblätter ist aus
geschliffenem und behaue-
nem Kristallglas; Sehopfer
der gläsernen Blume sind Ri-
chard Wilhelm und Rcginald
Richter vom Kollektiv Bil-
dender Künstler »Glasgestal-
tung« Magdeburg.
Die glänzendsten Damen
blinken gülden im Sonnen-
licht auf den Kuppeln der
beiden Dome am Platz der
Akademie - 60 Meter über
Berlin. Vom Schauspielhaus
rechts, auf dem FranzOsi-
schcn Dom, steht die » Reli-
gion« mit einem Palmcn-
zwcig in der Hand; links, auf
dem Deutschen Dom, trium-
phiert die »Tugend« über die
Schlange der Versuchung zu
Füßen der mit 100 Gramm
Doppel-Dukatengold über-
zogenen Dame. Im August
1986 wurde die nach Fotos
wicdcrcrstandcnc Kuppclfi-
gur nach einem HOhcnflug
mit einem Hubschrauber auf
die Dom-Spitze gesetzt -
neuer Glanzpunkt für die
Hauptstadt-Silhouette.
Illustrationen:
Thomas Schleusing
NBI 1987
Wenn es um ihr leibliches
Wohl ging, haben schon Ber-
lins Altvordern, sofern sie es
sich leisten konnten, der Ma-
xime gehuldigt : »Lieber 'n
bißken mehr, aber dafür wat
Jutes!« Unter Gutem verstan-
den sie dabei Deftiges. Fisch
und Fleisch wurden in unge-
heuren Mengen verspeist. Zu
Beginn des 15. Jahrhunderts
- Berlin zählte kaum sechs-
tausend Seelen - waren in
der Stadt bereits vierundfünf-
zig Fleischer und vier Wurst-
macher ansässig, die alle
Hände voll zu tun hatten.
1565 bestimmte der Rat, daß
bei Gewerksversammlungen
einem jeden Meister nicht
mehr als vier Pfund Fleisch,
ein Huhn und eine Schüssel
gekochten Essens vorzuset-
zen sei, und bei einer Hoch-
zeit dürfe nicht mehr verzehrt
werden, »denn davon man
möchte ein Jahr haushalten«.
Stets gehörten Beilagen zum
Fleisch: Grütze oder Hirse,
Bohnen, Linsen und Reis.
Von Kartoffeln war noch
nicht die Rede. Die wurden
erst 1649 erstmaJig im Lust-
garten angebaut und von den
Bürgern mit Mißtrauen be-
trachtet. Doch schon wenig
später schrieb der kurfürstli-
che Leibarzt und Gartenmei-
ster Johann Sig.ismund Els-
holtz über die Knollen: »In
den Küchen werden sie für-
nemlich auf vielerlei Art zu-
bereitet. Erstlich siedet man
sie in Wasser mürbe, und
wenn sie erkaltet, so ziehet
man ihnen die außcnwendige
Haut ab; alsdann g.ießet man
Wein darüber und lasset sie
mit Butter, Salz, Muskaten-
blumen und dergleichen Ge-
würz von neuem kochen: so
sind sie bereit. Darnach kann
man sie mit Hühner-, Rind-
oder Kalbfleischbrühe ko-
chen und abwürzen oder sie
auch an Rind- und Hammel-
fleisch tun. Oder man
schneidet die abgekochten
Tartuffeln in runde Scheiben
und bratet sie in der Pfanne.
Oder viertens man schneidet
Zwiebeln und Essig daran
und lasset es also durchbra-
ten.«
Hundert Jahre später machte
Friedrich II. diese »Küchen-
wurzel « per Dekret zum
Hauptnahrungsmittel. Im-
merhin gelang es ihm damit,
der Hungersnöte Herr zu
werden, die unterdes nach
zehn Mißernten in Preußen
grassierten. Und in Berlins
Küchen wurden die Erdäpfel
NBI 1987

Küche
Eisbein, Bockwurst und Buletten
heimisch und nicht mehr selten geworden sind, weil
wegzudenken. Sie hannoni- ihr Anbau im märkischen
sierten schließlich auch mit Sand so arg beschwerlich ist.
den vielen neuen Speisen, die Solide Hausmannskost blieb
Zuwanderer aus allen Him- dennoch Charakteristikum
melsrichtungen mitbrachten: der hauptstädtischen Koch-
man aß sie zu den feinen Ge- lcunst, die damit wenig Chan-
müsen - Blumenkohl, Spar- cen hatte, Plätze auf den
gel und Salat -, die man den Speisekarten der intematio-
Hugenotten verdankte, zu nalen Gastronomie zu errin-
Aal grün mit Gurkensalat aus gen. Und doch hat sie es ge-
dem Spreewald oder zu den schaffi. Nicht nur mit dem
unübertrefflich zarten Tel- Holsteiner Schnitzel, dem
tower Rübchen, die heute so durchaus noblen Gericht, das
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gegen 1900 in der Französi-
schen Straße nahe dem Gen-
darrnenmarkt, dem heutigen
Platz der Akademie, kreiert
wurde. Dort, im Luxusrestau-
rant Borchardt, pflegte der
Vortragende Rat in Bis-
marcks Auswärtigem Amt,
Friedrich von Holstein, zu
speisen. Einmal - es pres-
sierte im Regierungsgeschäft
- ließ er sich Vorspeise und
Hauptgericht auf einer Platte
servieren: Das Holsteiner
Schnitzel war geboren. Sicher-
lich tut man ihm zuviel Ehre
an, es als berlinische Speise
zu preisen. Solch ein Prädi-
kat kommt wohl eher dem
weithin gerühmten Eisbein
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• ~ 1 •• \
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zu. Denn es ist nachzuwei -
sen, daß diese gepökelte
Schweinshaxe zuerst in einer
Berliner Kneipe in der Ge-
gend um den GOrlitzer Bahn-
hof angeboten wurde. Das
POkeleisbein wurde weltbe-
rühmt. Viele Prominente lob-
ten es - gekocht, gebraten
oder gebacken, mit Erbspü-
ree und Sauerkraut serviert -
in höchsten Tonen. Schon
Friedrich Gottlieb KJopstock
und Immanuel Kant fanden
dafür anerkennende Worte,
Marlene Dietrich - die aller-
dings auch Berlinerin war -
nannte es ihr Leibgericht,
und Louis Armstrong ließ
sich während seines Berliner
Gastspiels das herzhafte Ge-
richt gleich mehrmals täglich
und auch noch in der Nacht
auf sein Zimmer im Berolina-
Hotel kommen.
Nicht minder populär ist
Kassler, das leicht geräu-
cherte, in Salzlake gepökelte
Schweinefleisch, dessen Er-
findung dem Berliner Aei-
schenneister Cassel aus der
Potsdamer Straße 15 zuge-
schrieben werden kann. E
ist noch heute so beliebt wie
die Bockwurst, die als erster
Metzgermeister LOwenthal
vor hundert Jahren im Eck-
haus Friedrichstraße/ Krau-
senstraßc produziert hat. In
einer nahegelegenen Kneipe
verzehrten sie die Gä te zum
Bockbier und gaben ihr des-
halb ihren Namen. Eine Bcr
liner Gaststätte war ei. auch,
in der erstmals Hackepeter
angeboten wurde. Das war
1903 in der Landsberger
Straße (die vom Alexander-
platz zum heutigen Lenin-
platz führte). Das durch den
Wolf gedrehte frische
Schweinefleisch, gewürzt mit
Zwiebeln, Salz und Pfeffer,
bildete - mit Zusatz
von Rindfleisch und einge-
weichten Schrippen - die
Grundlage für die in Fett ge-
bratene Berliner Bulette.
Unvollständig wäre eine Ber-
liner Speisekarte ohne frische
Rinderbrust mit Brühkartof-
feln und Meerrettichsoßc,
ohne LOffelerbsen mit Speck
oder Schweineschnauze,
ohne Hammelfleisch mit grü-
nen Bohnen und ohne gebra-
tene Leber mit Zwiebel- und
Apfelringen. Ob aber auch
diese Speisen wirklich »echte
Bertinen< sind, läßt sich
kaum noch nachprüfen.
Hans Prang
SEITE 115
Ob es nun am sprichwörtli-
chen Berliner Tempo oder an
der oft behaupteten wißbe-
gierigen Besserwisserei lag,
war zunächst nicht auszuma-
chen. Aber ohne lange zu fak-
kcln wurde erst mal gleich
die Grundfrage gestellt, näm-
lich wer ein richtiger Berliner
sei. »Also, wer ein Berliner
ist, der sagt nicht berline-
risch, sondern berlinisch.«
Eine derartige Eröffnung ver-
riet schon einiges von dem
»verwegenen Menschen-
schlag«, wie ihn einst der
Wahlthüringer Goethe be-
schrieben hatte. So sei er
nicht aufs Maul gefallen und
frech wie Spucke, verfüge
über eine schnelle Schaltung
und ein schnoddrig-schlag-
fertiges Mundwerk. Auch
würde er nicht selten wider-
sprechen, gäbe seinen Senf
dazu, so wie wir es gleich von
Berta Watcrstradt vernah-
men:
» Was' n echter Berliner ist,
der kommt aus Schlesien.«
De facto sei sie zwar nur eine
»halbe<< Berlinerin, da ihre
Mutter nach Kattowitz gehei-
ratet hatte, aber schon 1923
ist sie hierher gekommen. So-
mit also - und das sei doch
klar wie Kloßbrühe - sei sie
eine echte Berlinerin.
»Aber keine waschechte«,
wie der »Jraukopp mit de
dicke Nccsc« namens Ernst
Kahler prompt reagierte:
»Da war ich nämlich schon
lange da.« Und mit Genugtu-
ung setzte er noch hinzu:
»Dicht daneben ist doch vor-
bei.«
Ermuntert durch die rich-
tungweisenden Ausführun-
gen seiner Vorrednerin er-
klang der Baßbariton Rudolf
Asmus: »Und ich bin Mähre,
stamme aus Gottwaldov und
lebe seit dreißig Jahren in
Berlin.«
»Also<<, dabei setzte Heinz
Oehling seinen halben Liter
Bier hörbar ab, »also sind Sie
mähr oder weniger Berliner.«
Und einmal am Zuge, fuhr er
selbstbewußt fort : »Ich war
mal fünfzehn Jahre auf dem
Lande, aber ich finde, wo ich
war, da war Berlin.«
>>Ich bin mit vier oder fünf
Jahren mit meinen Eltern
nach Berlin gezogen«, sagte
Barbara Thalheim. »Und ob-
wohl wir in Karlshorst eine
schöne Wohnung mit Wald
vor der Nase hatten, zog' s
mich nach' m Prenzlauer
Berg. Dort in den Hinterhö-
fen wohnten eben die ganzen
SEITE 116

Sta1010tisch
Dispute über Berliner und Berlinisches
Lokal-Termin
Stammtische gehören zur Berliner Geschichte. Erinnert sei nur an jene legendäre Runde um
E. T. A. Hoffmann und Ludwig Devrient im Weinkeller •Lutter und Wegenerc. Dort trafen sich
einst Schauspieler, Literaten, Gelehrte. Dort wurde getafeh und diskutiert und der Mit- und
Nachwelt so allerhand an Geschichten überliefert.
Angeregt durch diese feucht-fröhl ichen und geistvollen Vorväter lud NBI einige prominente
Zeitgenossen ein: Mit dem Schauspieler Ernst Kahler (2. v. r.), der Satirikerin Renate Holland-
Moritz (3. v. r.), dem K•ikaturisten Heinz Behling (3. v. 1.) und dem Historiker Dr. Laurenz
Demps (Mitte) vier waschechte, dazu mit der Schriftstellerin Berta Waterstradt (2. v. I.) einen
....... und der lildennll:heAn 8a'bara lhalheim (1.) sowie dem Opemsir.ger Baidolf Asm11s (r.)
zwei leidenschaftliche Wahl-Berliner. In der Destille •Zur letzten Instanz« belauschten wir ihren
•Lokal-Termine.

Kumpel und Studenten, da
war mein Berlin.<<
»Na bitte«, prustete sogleich
Renate Holland-Moritz los:
»Das Berlinische ist nicht
nur eine Frage, ob man hier
geboren ist und so spricht,
sondern eine Frage der
Denk- und Lebensweise.
Man muß berlinisch denken
und empfinden können. Das
stammt von Werner Klcmkc,
ist aber auch nicht schlecht.«
»Die Stadt und ihre Bevölke-
rung«, womit sich Dr. Lau-
renz Dcmps erstmals crbc-
bewußt zu Worte meldete,
»so wie wir sie kennen. ist in
ihrer Zusammensetzung
Ende des 17. Jahrhunderts
entstanden. Als ein nationa-
ler Schmelztiegel, mit der
Einwanderung der Hugenot-
ten, Juden, Holländer, Böh-
men und Polen.«
»Und de Sachsen«, die
Heinz Oehling nicht in Ver-
gessenheit geraten lassen
wollte. »früher gab's in Ber-
lin nämlich einen Beruf, der
nannte sieb ,Sächsischer Ko-
miker'. Und diese Leute ha-
ben damit einen Klotzen
Geld verdient.«
Damit war das Stichwort ge-
fallen, worauf sich Ernst
Kahler spontan zu Wort mel-
dete.
Kem•ta dn?
»Ein echter Witz, den ich in
unsa Kneipe erlebt hab'. Als
da nämlich ein angefeuchte-
ter Typ pausenlos zu mir
sagte: >Lern nie schwim-
men!< Und ich imma: >Ja,
doch, iss ja jut.c Aber der
quatschte imma weiter uff
mich ein. bis ich zu ibm
sagte: >Mann, dujcbst mir
ufrn Keks. Warum soll ich
nich schwimmen lernen? Au-
ßerdem kann ich schwim-
men.< Darauf er: >Eines Ta-
ges springt 'ne Frau vonne
Brücke ins Wasser, ich hin-
terher und kriegsc zu fassen.
Heute isset meine Frau -
lerne nie schwimmen!<«
Die Holland-Moritz: »Wir
hatten mal im Winter verges-
sen, vor unserem Haus zu
streuen. Ich gucke so aus
dem Fenster und sehe, wie
ein altes Mütterchen aus-
rutscht. Als sie mein er-
schrockenes Gesicht sieht,
sagt sie mit ruhiger Stimme:
>Mach dir nichts draus, dct
iss imma noch besser als
keen Kaffee.<«
»Mein typischster Berliner
Witz geht so«, läßt sieb Berta
NBI 1987
Waterstradt vernehmen:
»Wie einer fragt, wo die Ko-
mische Oper sei. Und der an-
dere sagt : >Könnse dit nich
freundlicher fragen?< Worauf
dieser kontert: >Nee, lieba
verloof ick mir.<«
Was also ist der Berliner Hu-
mor oder Witz? Ober die
Herkunft war man unter-
schiedlicher Auffassung.
Einig aber darin, daß der
Witz trocken, rauh, gelegent-
Aus Adolf G'4jlbrmnen
• lhrlinisdle Blumensprache•.
illustriert wm Cleo Kurze:
Joll, wat bist Du niedlich
Un so appaitlidt!
An Deine Bnut
Ist Jlittnlust!
lieh übertrieben ist und
manchmal auch »unter de
Jürtellinie« geht. Vermuteten
einige, daß er zu Zeiten des
Dreißigjährigen Krieges oder
während der Pest von
1637- 39 seinen Ursprung
hatte, bringen andere ihn
·wiederum mit dem Zuzug der
Hugenotten in Verbindung.
Behauptete Adolf Glaßbren-
ner: »Der Witz und Sarkas-
mus entspringt aus einer gro-
ßen Quelle preußischen Ruh-
mes ; aus dem Kopfe Fried-
rich des Großen«, o lSt von
Otto Julius Bierbaum überlie-
fert : »Humor ist, wenn man
trotzdem lacht.« Und in einer
Berliner Gazette von 17 3
hieß es : »Wahren Witz habe
ich hier oft im Ausdruck des
gemeinen Pöbels bei heftiger
Leidenschaft gehört: lang
ausgesponnene Flüche, Dia-
loge von Schimpfwörtern
und Ergüsse von bitterer
Galle, die wert wären, im
Shakespeare zu stehen.«
(Verständlicherweise verzich-
ten wir hier auf einige Kost-
proben verbaler Kunststücke,
NBI 1987

Stammtisch
wie sie in der Runde hin und
wieder fielen.)
»Nach meinen Erfahrun-
gen«, meinte Renate Hol-
land-Moritz, »gibt's gar kei-
nen Berliner Humor, sondern
nur den ganz spezifischen
Berliner Witz. Nicht zu ver-
gleichen mit dem sehr
freundlichen Sächsischen
Humor. Der Berliner hat's
nämlich gerne, wenn er ein
bißchen hämisch lachen
kann. Er nimmt's aber auch
nicht übel, wenn man über
ihn lacht.
Darauf Rudolf Asmus : »Ich
habe einen Berliner in der
Familie, meine Tochter Bar-
bara. Sie ist 20 Jahre alt und
in Berlin geboren. Die Berli-
ner Schnauze hat sie, auf den
Witz warte ich noch.«
Berliaer MißyerstilNl•isse
»Daß ich mal nach Berlin
ziehen würde, daran hatte ich
vor nun dreißig Jahren nie
geglaubt. Es war ein Zufall.
Walter Felsenstein von der
Komischen Oper bereitete
Lco Oper >Das
schlaue Füchslein< vor. Und
dies tat er sehr gründlich, ent-
deckte dabei eine komplette
>Füchslein<-Aufnahme aus
der CSSR. Die Partie des
Försters hatte ich gesun-
gen, da aber bei der Auf-
nahme keine Personen ange-
geben waren, reiste er selber
nach Prag. Als wir uns das
erste Mal trafen, kam er auf
Nadt du üdle Schleife
Wint umson.rt Du nuat!
Maclt mir m.e Pfeife,
Denn wud' idc Dir wat blasm.
mich zu, legte seine Hand auf
meine Schulter und sagte:
•D i er · Seit der Zeit wa-
ren •ir ein Herz und eine
Sttle. ich dann am
30 M n 1956 mit dem
pu ruich nach
zwe1stundiger Versp tung
eintraf - er stand da wohl
auf dem Bahnst ? Der Fel-
senstein. leb fühhc mich äu-
ßerst geehrt und sagte: > Wis-
sen Sie, Herr Intendant, ich
weiß gar nicht, was Sie von
mir erwarten 7< Darauf ant-
wortete er lächelnd: >Mir
reicht, wenn Sie kein Theater
spielen.<«
»Und bei mir«, wie Ernst
Kahler anhob, »begann das
Theater auch mit einem Miß-
Ullmann!
Sm. Sie nidt so nulrin1lidt '
verständnis.,Als ich nämlich
aus der Kriegsgefangenschaft
kam, dachte ich: Mensch,
jetzt noch mal uff de Schule,
wo du doch allet verjessen
hast. Wat machste nur? Und
da zu der Zeit allet ufrm
Kopp stand, dachte ich mir:
Da müßte doch wat mit' m
Theater zu machen sein. Ei-
ner Pianistin, die ich kennen-
lernte, erzählte ich dann von
meinen Plänen. Die wie-
derum kannte den Fritz Wi-
sten vom SchifTbauerdamm-
Theater. Ich also eenes Tages
dahin, und da lag er so in ei-
nem weißen Mantel ufrm
Sofa und sagte: >Ja, bitte!<
Und da hab ich dann drei
Nummern abgezogen, wor-
auf er sagte: >Also gut, ist ge-
macht, steigen Sie ein für 450
Mark Anfangsgage.< Und
dann sagte er >Eines
sage ich Ihnen, Sie sind ein
ganz ausgekochter Provinz-
jockei. So spielen Sie bei mir
nicht.< Erst nach eineinhalb
Jahren hat er mitbekom-
men, daß ich nie eine Schau-
spielschule besucht hatte.«
Von ähnlichen Umwegen be-
richtete auch Barbara Thal-
heim. Als gelernte Stenotypi-
stin ging sie zunächst als Bo-
tin ans DT, stapelte dann ir-
gendwann Tomatenkisten,
lernte an der Fachschule das
Schlagersingen, wurde von
Professor Wolfram Heiking
an die Musikhochschule »ge-
schleppt«. »Dann kam der
Punkt, wo ich begriff, daß
man nicht das Recht hat, den
Leuten von der Bühne runter
eine Welt vorzugaukeln, die
so nicht existiert.« Ihren Ur-
wunsch, nämlich lnspizientin
zu werden, hat sie noch im-
mer, und sie findet es ko-
misch, Lieder darüber zu ma-
chen, daß man sie nicht ln-
spizientin werden läßt.
» Wat nich iss, kann ja noch
werden«, kommentierte dies
der Behling. Er selbst habe
als Kinoreklamemaler fürs
Babylon begonnen, später im
Stahlwerk gearbeitet, dann
die Kunsthochschule absol-
viert und sei dann erst zum
»Eulenspiegel« gekommen.
Sein Vorbild - und dies sagt
er in typischer Berliner Be-
scheidenheit - ist er selbst.
»Allerdings ein besserer Beh-
ling. Einer, der mit den Un-
zulänglichkeiten des jetzigen
fertig wird.«
Ach, mein Herz bmint lidttnlolt.
Wie ftlljroßes Bündel Stroh!
Nimtals tttrd' idt Rultefuulai,
Kann u Dir nidtt auch mtziindm.
»Bei mir dagegen is allet glatt
jeloofen«, bekannte darauf
die Holland-Moritz. »Da-
mals, so in den 50er Jahren,
bin ich auf die Oberschule
gegangen, aurn sprachlichen
Zweig. weil ich in Naturwis-
senschaften absolut dämlich·
war. Aber auch von Sprachen
wußte ich zu wenig. Wir hat-
ten da so 'n netten Studien-
rat, der mir gewogen war,
und immer sagte: >Wie kann
ein so intelligentes Mädel
bloß so blöde sein?< Und
weiter: >Aus Ihnen wird
überhaupt nichts, es sei denn,
Sie gehen zum Film oder zur
Presse.< Ich hielt diesen Tip
für so eine Art Berufsbera-
tung. Also schrieb ich mir im
Namen meiner Mutter einen
Zettel, daß Tochter Renate
den Strapazen der Ober-
schule nicht mehr gewachsen
sei. Damit ging ich mich be-
werben. Erst zur Schauspiel-
schule, wo sie mich aber
nicht nahmen, da ich hen-
krank war. Das hat mich
nicht tief erschüttert, da ja
noch das mit der Presse war.
Bei der >Deutschen Woche<,
so einem richtigen Boule-
vardblättchen, fragte mich
dann einer, wann denn nun
meine Mutter käme. Als ich
ihn auflcJärte, riet er mir,
noch'n bißchen zur Schule zu
gehen. Also ich zur Handels-
schule, denn Tippen und
Steno wollte ich gerne lernen.
Wonadt idt la111e mu Jndutt
Und still IMin Au1e llat 1nWAI
Das llab' ich Jetzt i1I Dir 1efruuln.
Urtd aß Mii XIUflllln ut -a......_
Danach habe ich bet der 1o-
natszeitschrift >Neue Gesell-
schaft<, die damals Harald
Hauser leitete, eine Volon r-
stelle bekommen. Anschlie-
ßend zur >Friedenspo t ,,
ter war ich Gerichtsreponer.
Und da hatteo wir hier in der
>Letzten Instanz< einen
Stammtisch. Irgendwann hat
Rudi Hirsch zu mir gesagt.
ob ich nicht mal aufschreiben
wolle, was ich hier so beim
Bier alles erzähle. Und so
habe ich eine Geschichte aus
der S-Bahn aufgeschrieben,
wozu der Rudi sagte: >Oh, du
hast aber ein hübsches Feuil-
leton geschrieben.< Zu Hause
habe ich erst mal nachge-
schlagen, was ein Feuilleton
ist. Ich hab's dann dem >Eu-
lenspiegel< geschickt und be-
kam einen Antwortbrief von
Hans-Georg Stengel, der da-
rin schrieb: >Falls Sie in an-
gemessenen Grenzen hübsch
sind, nehmen wir Sie.< Da
bin ich im neuen Kleid, das
Geld dafür hatte mir Berta
gepumpt, hinmarschiert.
Und da fiel dem Stengel
noch ' ne Frage ein: >Sagen
SEITE 117
Sie, können Sie eigentlich
dichten?< Als ich verneinte,
sagte er den in mittlerweile
dreißig Jahren schönsten
Satz zu mir: >Dann können
Sie bleiben. Dichten kann
hier jeder Idiot.<«
Noch 'ae Rultde
Ziemlich lange hatten wir auf
diesen Kraftausdruck gewar-
tet, der zu den verschieden-
sten AnJässen benutzt wird.
Daß sein Ursprung nicht Ber-
liner, sondern lateinisch/
griechischer Art ist, ist dem
Berliner schnurz und piepe.
Hauptsache, er sitzt, und je
nach Anlaß gibt's dafür di-
verse sprachliche Entspre-
chungen. Ob nun bekloppt,
dämlich, plemplem, dußlig,
behämmert, beknackt, be-
scheuert oder meschugge,
mohndoof oder hirnrissig,
blöd oder falsch gelötet - das
Jttrt is Friütlin1! Ach. wit :Khttn!
Jttrt litbt Alltns! Sr.lbst dlt 11iitrt!
Jttzl kann idc Dir frti jr.stth 'n.
Wal idc län111 im Bustn sJIMrt!
Vokabular scheint unendlich.
Man schöpft aus dem Vollen,
aus einer Mixtur verschie-
denster Nationalsprachen
und Dialekte. Diese Ein-
flüsse, darauf verwies Dr.
Demps, ob nun aus dem
Französischen, Jiddischen,
Ober- oder Niedersächsi-
schen, Lateinischen oder
Schlesischen, sind noch
heute nachweisbar, nur den
meisten nicht bewußt.
So kommt der Muckefuck
vom französischen mocca
faux, mit dem sieb die Berli-
ner wegen der drastischen
Kaffeezölle aus der Brcdulljc
(französisch brcdouillc -
Pech) halfen und den Bam-
mel (jiddisch - Furcht) vor
Entzugserscheinungen nah-
men. Kccnc Menkenke (vom
Lausitzcr Mengenlee für Ge-
misch) iss dufte (vom jiddi-
schen tow für gut) und dar-
auf ' n Schluck aus de Pulle
(vom lateinischen ampulla)
SEITE 118
"
Stammtisch
oder ufrn Schwof (obcrsäch-
siscb) inne Destille, Stampc
oder Budike (alle aus dem
Französischen) - der Berli-
ner macht's möglich. Nimmt
sprachlich alles, was nicht
niet- und nagelfest ist und
gibt gelegentlich seinen Senf
dazu. Ein Beispiel lieferte
Heinz Bchling, der die
Runde aufforderte, einen
Satz mit den Worten
»Nonne, Mama und Feuer-
wehr« zu bilden. Also: »Ha-
ste nonnc Zijarcttc da, j ib
ma ma ccnc, Feuer wär ick
dir jcbcn.«
Eine Besonderheit ist auch
der Hang des Berliners zu
verdoppeln und zu übertrei-
ben: so wird eben neu reno-
viert und blutiger Ernst ge-
macht, und wenn ihn keiner
lobt, muß er sich eben selber
loben. Ist doch kJar: »lck bin
der Jrößtc - uns kann kcc-
ner!«
Und der Berliner verfüge, so
Renate Holland-Moritz, über
eine gehörige Portion an
Schlitzohriglccit. Forderte so-
mit unvermittelt Berta Watcr-
stradt auf, eine ihrer Ge-
schichten zu erzählen.
EIH Seefahrt, die ist lustig •••
Achtzchnjährig war Berta
Watcrstradt nach Berlin ge-
kommen, lernte durch einen
Freund den Bund proleta-
risch-revolutionärer Schrift-
steller kennen und somit Jo-
hannes R. Becher. Ihr erstes
Gedicht wurde auch vcröf-
f cntlicht. Den Nazis war sie
bald ein Dorn im Auge. »Ich
Ich, Miiusclltn, dtutlidt das Mia11
In Dtintn Blidct lat!
Bti Nacll t sind allt Katztn j ra11,
Un allt Miinntr böst.
hatte ein Gedicht geschrie-
ben, ein Spottgedicht auf
Gocbbcls. Als unser Bund
hochging, wurde ich einge-
sperrt. Einer der Richter
sagte, ich hätte ein kommuni-
stisches Gedicht verfaßt. Ich
aber verneinte, sagte, daß es
kein kommunistisches, son-
dem ein lustiges Gedicht sei.
Da es nicht veröffentlicht
war, trug ich es vor Gericht
vor. Natürlich in gemilderter
Form, wofür ich dann nur
zweieinhalb Jahre Gefängnis
bekam. Im wirklichen Text
hieß es u. a. so: >Ja, wir se-
geln schon drei Jahre auf
dem Schiffchen federleicht,
doch wir haben das vcrspro-
chnc Paradies noch nicht er-
reicht. Und das Kap der gu-
ten Hoffnung hängt uns
schon zum Halse raus, jedes
Eiland, das wir sichten, sieht
Wtnn idc. litbt Fritdtrilct,
Dir so still btsclltidtn lddct,
O. dann dtnkl mtin Haz bti sielt:
Dir.st odtr lctint nicll!
nach Teufelsinseln aus. Und
ein Kannibalcnhäuptling ist
der erste Offizier, buntbcfc-
dcrt, Blech am Hintern, jagt
er dort und klettert hier.<«
Nach dem Kriege, wie Re-
nate Holland-Moritz er-
gänzte, habe Berta mit »Die
Buntkariertcn« einen der er-
sten und erfolgreichsten
Filme geschrieben und sei als
erste Frau mit dem National-
preis geehrt worden. »Seht
ihr, Kinder«, kam's trocken
von Berta, »ich war schon
immer die erste.«
PreiSYenlächti1es
Natürlich verschwieg man
nicht, daß Rudolf Asmus als
erster ausländischer Künstler
1961 diese hohe Auszeich-
nung erhalten hatte. Auch
stellte man fest , daß sämtli-
che Stammtisch-Stars mit di-
versen Preisen bedacht wur-
den. In Heinz BchJing
begrüßte man sogar den Stif-
ter des ungewöhnlichen
»Eddi«-Prciscs, der jeweils
am Freitag, dem 13., über-
reicht wird.
»Bei uns kann eben jeder
werden«, so Bebling, »was er
will, ob er nun will oder
nicht.«

Wobei in unserer Runde
prompt wieder die Frage ge-
stellt wurde, wie denn eigent-
lich ein richtiger Berliner sei.
Darauf das mit lang anhal-
tendem Beifall bedachte
Schlußwort von Rehling:
»Jut!«
Die Stammtischgesellschaft
Ernst Kahler, Urberliner,
Jahrgang 1914, Schauspieler
am DT, kam spät mit Muse
Thalia in Kontakt. Lernte
nach 1946 unter Fritz Wisten,
Helene Weige/ und Brecht die
berühmten Bretter kennen, in-
szenierte selbst, schrieb den
Geschichtenband »Eine himm-
lische Rolle", ist Fußballfan
und leidenschaftlicher Nicht-
autobesitzer.
Renate Hol/and-Moritz,
waschechte Berlinerin, Jahr-
gang 1935. Seit 1956 beim
»Eulenspiegel", wo sie seit
1960 die »Kinoeule" fliegen
lq/Jt. Schrieb Geschichten
wie »Das Durchgangszim-
mer", »Grafunda räumt auf"
Kltidtmtaclltr, Sit sind scltwäclllidt
Majtr, dünn 11nd sthr ztrbttdilidt,
E.sstrt Sit sielt, Utbtr, sal/,
Dqß man was an lllntn hat!
oder »An einem ganz gewöhn-
lichen Abend", die auch ver-
filmt wurden.
Heinz Behling, Urberliner,
1920 nahe dem Alex geboren.
Machte 1934 seine erste poli-
tische Karikatur für den »Ro-
ten Stern". Seit vielen Jahren
»Eulenspiegel"-Mitarbeiter
und leidenschaftlicher Tabak-
verzehrer.
Rudolf Asmus, Wahlberliner,
Jahrgang 1921. Der singende
Erzkomödiant gestaltete viele
weltbekannt gewordene
Opernpartien, so u. a. in »Das
schlaue Füchslein", »Hoff-
manns Erzählungen", »Som-
mernachtstraum•, »Ritter
Blaubart", »Figaros Hoch-
zeit" und »Der Fiedler auf
dem Dach".
Berta Waterstradt. Als 18jäh-
rige kam sie 1925 nach Berlin.
Nach dem Krieg half sie den
Rundfunk mitaujbauen,
schrieb Hörspiele und Filme.
Mit Witz und Gerechtigkeits-
Einst, da litbttn Sit mir, Tobias,
Jttzt dh11n Sit mir hasstn,
Wdr' idc bti Krödttn tin SdtMpSflas,
Sit würdtn mir nit rtrlasstn.
fanatismus liebt sie ihr Berlin.
Barbara Thalheim, 1948 in
Leipzig geboren. Ihr bisheriger
Lebensweg ist »schwungvol/I<.
Mit ihren Chansons mischt sie
sich sensibel und angriffslustig
unter die Leute. Es sind Lie-
der zum Nachdenken.
l.Aurenz Demps, Jahrgang
1940. Nach Lehre bei der
Reichsbahn, ABF. Studium an
der Humboldt-Universität,
Aspirantur, Mitarbeit im An-
waltsbüro von Prof. F. K.
Kaul, promovierte er 1970 und
1982. Berlin-Geschichte ist
sein Hobby; heute ist er Do-
Wo Dll wtiltsl, dtnlc' an mir!
Mtin PrHtrail wmscllwtbt Dir!
zent für Berlin-Brandenburgi-
sche Territorialgeschichte und
Stadtverordneter in der zwei-
ten Wahlperiode.
Es protokollierte: Joachim
Maaß
Foto: Bernd Sefzik
NBI 1987

Souvenirs
NBI 1987 Es zeichneten: Manfred Bofinger, Nabil El-Solami, Heinz Jankofsky, Willi Moese, Wolfgang Schubert. Klaus Vonderwerth
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