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Berliner Mathematik-Professur
Männerdiskriminierung an der Humboldt-
Universität
Bestenauslese oder Frauenförderung - das war die Frage bei der Besetzung einer
Mathematik-Professur in Berlin. Jetzt kriegt keiner die Stelle, weil die
Universität lieber verzichtet, als einen Mann zu berufen.
27.06.2014, von HERMANN HORSTKOTTE
G
egenwärtig studieren ungefähr so viel junge Frauen wie Männer, jeweils gut eine
Million. Bei den Professoren ist das Gleichgewicht der Geschlechter aber längst
nicht erreicht. Aufs Ganze gesehen, ist lediglich jeder fünfte Hochschullehrer weiblich.
Aktuelle Zahlen von 2012 können das trübe Bild ein wenig aufhellen: Der Anteil von
Frauen bei Habilitationen, also den traditionellen Hochschullehrerprüfungen, und
Bewerbungen auf Professuren liegt bei rund einem Viertel, bei Berufungen bei knapp
dreißig Prozent.
Die Bildungspolitik will diesen Trend nachdrücklich verstärken. So ist die steigende Zahl
von Forscherinnen ein Wettbewerbskriterium in den milliardenschweren
„Exzellenzinitiativen“ des Bundes und der Länder. Die Deutsche
Forschungsgemeinschaft und andere Wissenschaftsorganisationen haben sich
verpflichtet, den Frauenanteil in den akademischen Hierarchien stufenweise zu
erhöhen. Mit Unterstützung des Bundesbildungsministeriums fordert ein Netzwerk
„Frauen in Wissenschaft und Forschung“ einen Stellenanteil für Professorinnen, der der
Quote von Studentinnen im jeweiligen Fach entspricht.
Ein Stellenstreit an der Berliner Humboldt-Universität (HU) zeigt indes, zu welchen
Irrungen und Wirrungen das Ideal der Gleichstellung im real existierenden
wissenschaftlichen Wettbewerb führen kann. Die HU hat vor anderthalb Jahren eine
Professur für „Reine Mathematik“ ausgeschrieben, die sie jetzt aber offenbar gar nicht
braucht. Denn trotz vierundvierzig männlichen und weiblichen Bewerbern aus dem In-
und Ausland und einer fertigen Berufungsliste hat die Fakultät das Berufungsverfahren
jüngst ergebnislos beendet.
Prinzip der Wahscheinlichkeitsrechnung
Das erstaunt umso mehr, weil die neue Stelle ausdrücklich der „Verbesserung der
Studienbedingungen und der Lehre“, der Betreuung der Studierenden also, gewidmet
war. Dafür gibt es einen besonderen Finanztopf des Bundes und der Länder. Konkret
© F1ONLINE ;
Man sieht es den Gleichungen oft gar nicht an, wer sie angeschrieben hat
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ging es an der HU um eine vorgezogene Neuberufung. Der bald ausscheidende
Lehrstuhlinhaber und der oder die Neue sollten ab kommendem Wintersemester bis
Frühjahr 2016 die wachsende Zahl von Studierenden im Doppel versorgen.
Das Vorhaben war in der geschlechtsneutralen Stellenausschreibung für „Bewerber und
Bewerberinnen“ allerdings mit dem „Ziel der Förderung der Chancengleichheit von
Frauen“ verbunden. Dieser fast floskelhaft klingende Hinweis sollte laut Unileitung
allerdings ein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Denn damit sei von vornherein „absehbar
und rechtzeitig erkennbar“ gewesen, dass Männer keine Chance hätten, meint die
Leiterin des Präsidialbüros im Nachhinein gegenüber einem verdutzten
Beschwerdeführer. Also entweder eine Frau oder keiner.
Diese An- oder Aussicht wurde auch gleich über weibliche Info-Kanäle verbreitet. „Ich
hatte über Umwege gehört, dass auf einer Mailingliste für Frauen in der Mathematik
stand, dass die Stelle nur für Frauen sei oder so was in der Art“, erklärt ein Bewerber
aus England dieser Zeitung. Schließlich landete er auf dem dritten Listenplatz. Er habe
einfach darauf vertraut, dass im Berufungsverfahren „rechtzeitig bemerkt wird, dass
auch männliche Kandidaten laut Ausschreibung akzeptiert werden müssen.“
Tatsächlich nahm die Auswahlkommission, die mit Professoren der HU und
Auswärtigen besetzt war, „Andeutungen“ über eine hochschulamtliche
Männerdiskriminierung, zur Kenntnis, „aber nicht zu Protokoll“, wie Teilnehmer
berichten. Denn den meisten von ihnen erschien ein Abweichen von einer
geschlechtsneutralen Bestenauslese „juristisch zu zweifelhaft“, wie der Freiburger
Mathematiker Martin Ziegler dieser Zeitung erklärt. Er stellt klar: „An einem
Verfahren, das männliche Bewerber benachteiligt, hätte ich mich nicht beteiligt.“ Dass
am Ende jedenfalls ein Mann auf Platz eins kam, ist zumindest nach der
Wahrscheinlichkeitsrechung kaum überraschend, weil sich ja viel weniger, nämlich nicht
mehr als fünfzehn Frauen beworben hatten.
Chancengleich heißt nicht vorrangig
Dem Streit zwischen der Bestenauslese und Frauenförderung, zwischen der
Auswahlkommission und der entscheidenden Fakultät liegt eine rein interne Anweisung
der Universitätsleitung an alle Fachbereiche und Institutsdirektoren zugrunde. Danach
sollen die Sondermittel für „vorgezogene Neuberufungen“ allein für erstplazierte Frauen
zur Verfügung stehen. Im Ausschreibungstext für „Bewerber und Bewerberinnen“ steht
das freilich nicht. Andernfalls wäre womöglich jemand direkt wegen
Männerdiskriminierung vor Gericht gezogen. Denn das proklamierte „Ziel der
Förderung der Chancengleichheit von Frauen“ ist keineswegs nur dann erreicht, wenn
sie in jedem Falle den Vorrang vor Männern bekommen. Das Grundgesetz (Artikel 33)
erklärt vielmehr „Eignung, Befähigung und fachliche Leistung“ zu den einzigen
Wettbewerbskriterien beim Zugang in den öffentlichen Dienst.
Viele Hochschullehrerinnen für Geschlechterstudien wollen diese Rechtslage auf
Nachfrage lieber nicht kommentieren. Eine Ausnahme ist Susanne Ihsen, Professorin
für „Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften“ an der Technischen Universität
München. Sie erklärt klipp und klar: „Bei der Besetzung von Professuren steht immer
die ,gleiche Qualifikation‘ im Vordergrund.“ Es könne mithin nur darum gehen, dass sich
von Fall zu Fall „auch die besten Frauen bewerben“, nicht aber „um eine Förderung von
Frauen zuungunsten einer ,Bestenauslese‘.“ Demnach kann allenfalls bei gleicher
Eignung ein gutgemeinter Frauen-Bonus im Berufungsverfahren ausschlaggebend
werden. Im konkreten Fall an der HU kamen vier Frauen und vier Männer in die
engere Auswahl, ein Bewerber aus den Vereinigten Staaten wurde Erster, eine
Kandidatin ebenfalls aus den Vereinigten Staaten Zweite.
Der Pressesprecher der Humboldt-Universität, Hans-Christoph Keller, sucht die
Nichtberufung des Besten und damit den Abbruch des Auswahlverfahrens mit dem
Vorbild eines exklusiven „Professorinnenprogramms des Bundes und der Länder“ zu
rechtfertigen. Diese Initiative unterstützt die „Gleichstellung“ der Geschlechter mit „bis
zu drei Berufungen von Frauen“ je Hochschule, also in ganz engen Grenzen und nicht



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uferlos.
Demgegenüber geriert sich die HU mit der Null-Toleranz für Männer auch beim ganz
anderen Förderprogramm für eine verstärkte Lehre wie in einem Spiel ohne Regeln und
Grenzen. „Das ist ein politisch gewolltes Prinzip“, bemerkt der HU-Sprecher. Mag sein,
trotzdem ist es ein Foul, bei dem es für den Spielverderber, die Universitätsleitung,
auch eine Rote Karte geben könnte. Statt dessen aber jetzt umgekehrt der Platzverweis
für den Besten, die Zweitbeste und alle anderen männlichen und weiblichen
Wettbewerber. Das war nichts anderes als eine bloße Tatsachenentscheidung, über die
wie immer wenigstens gestritten werden darf.
Quelle: F.A.Z.
Themen zu diesem Beitrag: Bundesbildungsministerium | Humboldt-Universität | Deutsche
Forschungsgemeinschaft | Alle Themen
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