http://www.faz.

net/-gqz-7i50h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANKSCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Feuilleton
Artikel
Home Feuilleton Im Gespräch: Gidon Kremer: „Aus Liebe zu Russland, nur, zu welchem?“
Im Gespräch: Gidon Kremer
„Aus Liebe zu Russland, nur, zu welchem?“
07.10.2013 · Der Violinist Gidon Kremer hat berühmte Musiker nach Berlin
eingeladen. Mit dem Konzert „To Russia with love“ erinnern sie an den 7. Oktober
2006, den Tag der Ermordung von Anna Politkowskaja.
H
err Kremer, hätte Peter
Tschaikowsky es heute in seiner
Heimat schwerer als seinerzeit im
zaristischen Russland?
Wahrhaftige Künstler haben es immer schwer.
Auch Béla Bartók hatte es in Amerika nach
seiner Emigration aus Ungarn nicht leicht.
Künstler sollten nicht bequem im breiten
Strom mitschwimmen. Sie sind dazu berufen, mit den Sternen zu kommunizieren, im
ständigen Kampf mit allem Trivialen zu sein und ihre Umgebung herauszufordern.
Denken Sie an Schostakowitsch, der alles andere als begeistert war von dem, was um
ihn herum herrschte. Als Mstislaw Rostropowitsch 1974 die Sowjetunion verließ, hatte
ich das Gefühl, hier hört einer auf zu kämpfen. Tschaikowsky hatte damals auch seine
Lebenskrisen, aber im heutigen Russland hätte er aufgrund seiner Veranlagung, die
einer staatlichen Diskriminierung unterliegt, sehr zu kämpfen. Ein Staat ist fähig,
Künstler, überhaupt Menschen zum Schweigen zu bringen oder vor die Frage zu stellen:
Kann ich bleiben, ohne mich verleugnen zu müssen? Ich erinnere mich an ein Wort
meines Freundes Alfred Schnittke, der meinte, die Selbstzensur sei schlimmer als die
Zensur.
Mir kommt Zensur schlimm genug vor.
Es gab ein gewisses Spiel mit der Zensur in der Sowjetunion. Ein Theaterregisseur wie
Juri Ljubimow brachte oft etwas auf die Bühne, was eigentlich nicht genehmigt war.
Aber er fand dafür eine so intelligente künstlerische Form, dass man es ihm nicht
verbieten konnte und das Publikum dennoch seine wahre Absicht erkannte.
Tschaikowsky hatte sicher auch mit solchen Problemen zu tun. Er würde aber heute
auch im Westen zu kämpfen haben, weil man dort vermutlich den Nussknacker mehr
schätzen würde als manche gewichtigere Werke wie die Symphonien oder etwa das
Klaviertrio. Vielleicht hätte Tschaikowsky im Westen sich den Zwängen des Marktes
anpassen und sich fragen müssen, wie weit er offenherzig sein darf.
Die Sowjetunion war keine Demokratie, das heutige Russland aber hat
diesen Anspruch. Die Frage, wie weit es damit her ist, stellt auch jetzt Ihr
Konzert.
Einige meiner Freunde in Russland finden vieles in ihrem Land abscheulich, und
gleichzeitig sagen sie voller Stolz, so viel Verrücktes könne eigentlich nur hier passieren,
solche Widersprüche könne man im Westen gar nicht finden. Diese Begeisterung für
eine Krankheit drückt sich auch im schwarzen russischen Humor aus. Die heutige Als-
ob-Demokratie Russlands befindet sich im Rausch, vor allem im Geldrausch. Und Geld
und Macht gehören zusammen. Es ist kein Zufall, dass manche Künstler, genau wie
früher, einen Lobgesang auf die heutige Ideologie und die heutigen Herrscher
anstimmen. Natürlich muss ein Künstler nicht unbedingt ein schlechter Künstler sein,
wenn er kein Dissident ist, und nicht unbedingt ein guter, wenn er einer ist. Viele
Künstler in Russland heute sind keine Opportunisten und keine Dissidenten. Sie tun
aber so, als wüssten sie von all den Problemen nichts. Sie sind Patrioten. Dass ein
Gidon Kremer, bei einer Konzertprobe
© SIMON ANNAND/KRONBERG ACADEMY
07 .1 0.201 3, 07 :1 3 Uhr
Dissident ein Patriot sein kann oder dass jemand, der seit zehn Jahren im Gefängnis
sitzt, auch ein Patriot sein kann, kommt diesen Künstlern oder den Regierenden dieses
Landes überhaupt nicht in den Sinn. Sie haben eine andere Auffassung von dem, was
Russland sein soll. Eine davon abweichende Meinung wird einfach nicht geduldet. Und
das erinnert mich doch mehr und mehr an das, was sich in der Sowjetunion abgespielt
hat.
Das betrifft auch Vorkommnisse in der jüngsten Vergangenheit, etwa um
die Punkband Pussy Riot. Es gibt offenbar genaue Vorstellungen von dem,
was ein Künstler darf und wie er zu sein hat.
Jeder Künstler braucht kritische Distanz zu dem, was gesagt und was erwartet wird, sei
es zu einer politischen Struktur in Russland oder einer kommerziellen Haltung wie in
westlichen Staaten. Es ist doch völlig normal, wenn man etwa auch vom ersten Mann im
Staat sagt, er habe besondere Energien oder diese und jene Situation gut bewältigt.
Aber in anderen Situationen stimme man nicht mit ihm überein und halte die Aktion für
völlig falsch. Fatal ist es, wenn dann die Selbstzensur einsetzt und man sich etwas zu
sagen verbietet, weil dann vielleicht die Subventionskasse schließt oder eine öffentliche
Sanktion erfolgt. Heute scheint in Russland wieder der alte Slogan vorzuherrschen: Wer
nicht mit uns ist, ist gegen uns. Dieses schwarzweiße Bild akzeptiere ich nicht. Deswegen
steht das Konzert in Berlin auch unter dem Titel „Aus Liebe zu Russland“. An meiner
Liebe zu Russland, wo ich mit der Kultur aufgewachsen bin, muss man nicht zweifeln.
Deshalb tut es mir auch so weh, wie sich die Politik dort entwickelt.
Das Konzert möchte am Jahrestag der Ermordung der Journalistin Anna
Politkowskaja aufmerksam machen auf mangelnde Rechtsstaatlichkeit
und Verletzung der Menschenrechte in Russland, im Falle Chodorkowskij,
im Falle von Pussy Riot oder bei der Verfolgung Homosexueller ...
Man könnte viele Namen in diesem Zusammenhang nennen. Ich spüre dieses Bedürfnis,
denjenigen, die leiden, eine Nachricht zu schicken: Ich leide mit dir. Es ist schlicht das
Mitgefühl für jene, die in eine lebensbedrohende, inhumane Situation geraten sind. Ein
kleines Zeichen.
Weitere Artikel
Dem Geiger Gidon Kremer zum sechzigsten Geburtstag
Russland: Elf Jahre Haft für Tathelfer im Fall Politkowskaja
Fall Politkowskaja: Ohnmacht gebiert Mut
Nachrichten aus dem GULag: „Pussy Riot“-Sängerin Tolokonnikowa berichtet über das
Straflager
Vielleicht ist es mehr als ein kleines Zeichen. Daniel Barenboim hat doch
mit seinem West-Eastern-Divan-Orchestra das Bewusstsein vieler
Palästinenser und Israelis verändert. Helmuth Rilling hat in Moskau die h-
Moll-Messe von Bach, zur Zeit der Sowjetunion fast ein verbotenes Werk,
vor enthusiastischem Publikum aufgeführt. Und ich behaupte nach wie
vor, auch solche Ereignisse haben zum Fall der Sowjetunion mit
beigetragen.
Es ist für mich nicht erschreckend, dass es einen übermächtigen Mann in Russland gibt.
Erschreckend ist, wie viele Menschen seinen rigiden Standpunkt unterstützen. Ich
glaube, durch das Fehlen eines Nürnberger Prozesses in Russland sind ein Großteil der
Symbolik und die Einstellungen zu Verbrechen weiter im Bewusstsein geblieben. Mir ist
total fremd, was Pussy Riot in der Kirche aufgeführt hat. Aber der Staat hat darauf
vollkommen unsouverän überreagiert. Die Bestrafung steht in keinem Verhältnis zur
Aktion. Heute ist man stolz auf einen Brodsky, den man ins Exil gezwungen hat, stolz auf
einen Solschenizyn, der zurückkam, auf einen Rostropowitsch, der ebenfalls zurückkam.
Aber dieses Denken, man sei nur ein russischer Patriot, wenn man die jetzige Regierung
bedenkenlos unterstütze, diese Idee, dass ich nur dazugehöre, wenn ich völlig identisch
denke mit dem heutigen Politbüro, ist absurd. Russland ist ein wichtiges Land in
meinem Leben. Aber jeder, der Russland liebt, muss sich doch bewusst sein, dass in
diesem wunderbaren und großen Land viel Gutes existiert, aber auch vieles, mit dem
man einfach nicht einverstanden sein darf. Dieses Konzert ist der Versuch einer
Erinnerung daran.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2014
Alle Rechte vorbehalten.
Zur Homepage FAZ.NET
20.03.2014, 23:23 Uhr | Feuilleton
28.03.2014, 10:53 Uhr | Feuilleton
30.03.2014, 13:59 Uhr | Feuilleton
Die Fragen stellte Wolfgang Sandner.
Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben
Themen zu diesem Beitrag: Amerika | Anna Politkowskaja | Berlin | Pussy Riot | Russia | Russland |
Sowjetunion | Ungarn | Alle Themen
Weitere Empfehlungen
Film über Künstler vor Gericht
Zivilgesellschaft ist möglich - auf dem
Theater
Wenn schon Schauprozess, dann richtig: Für seinen Film „Die
Moskauer Prozesse“ hat der Schweizer Regisseur Milo Rau
Strafverfahren gegen russische Künstler im Theaterexperiment
neu verhandelt. Mehr Von KERSTIN HOLM
Interview mit Regisseurin Aladag
Unsere Frau in Afghanistan
In ihrem neuen Film „Zwischen Welten“ erzählt die Regisseurin
Feo Aladag Schicksale von Bundeswehrsoldaten und
Übersetzern in Afghanistan. Wie dreht man in einem
Kriegsgebiet einen Spielfilm? Mehr Von JOHANNA ADORJÁN
Donna Tartt im Gespräch
Niemand kommt hier lebend raus
Die Autorin Donna Tartt verrät die Maxime, der sie bei der Arbeit
an ihrem Weltbestseller „Der Distelfink“ folgte: „Nur was mich
selbst überrascht, überrascht auch meine Leser.“ Mehr

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful