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2014 KZfSS In memoriam Ernst Topitsch
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In memoriam Ernst Topitsch
(20.03.1919-26.01.2003)
Nachruf von Prof. Dr. Karl Acham, Graz
[KZfSS, 55, 2003: 409-412]
Am 26. Januar 2003 starb in Graz Ernst Topitsch, der zu den namhaftesten Vertretern der
Weltanschauungsanalyse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt. Auf diesem Feld der
wissenschaftlichen Forschung hat er sich geradezu den Rang eines Gegenwartsklassikers erworben.
Geboren am 20. März 1919 in Wien, absolvierte Topitsch hier das Akademische Gymnasium, war dann in
verschiedenen Verwendungen von Kriegsbeginn bis 1945 in der Deutschen Wehrmacht tätig und beendete
das nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945 wieder aufgenommene Studium im
Jahr 1946 mit der Dissertation Mensch und Geschichte bei Thukydides. Von 1948 an war er als Assistent
am Philosophischen Institut der Universität Wien beschäftigt - ab 1956 allerdings mit dem Titel eines
außerordentlichen Universitätsprofessors. Im akademischen Jahr 1953/54 hielt er sich zu Forschungszwecken
an der Harvard University auf, wo er mit Philipp Frank und Carl Gustav Hempel fachlich in enger Beziehung
stand. 1962 erhielt Topitsch einen Ruf auf eine ordentliche Professur für Soziologie an der Universität
Heidelberg, wo er bis 1969 den Max Weber-Lehrstuhl innehatte, danach war er bis zu seiner Emeritierung im
Jahr 1989 als ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Graz tätig.
Topitsch war als akademischer Lehrer bis November 2002, und als Autor bis in seine letzten Lebenstage
aktiv. 14 Bücher und rund 150 Aufsätze - das letzte Buch ("Im Irrgarten der Zeitgeschichte", Berlin: Duncker
& Humblot 2003) wurde eine Woche nach dem Ableben des Verfassers ausgeliefert - belegen die
Schaffenskraft dieses als Philosoph und Soziologe tätigen Gelehrten. Lebenslang der Erkenntnishaltung von
Thukydides und Max Weber und deren realistischen Analysen der gesellschaftlich-geschichtlichen Welt
verpflichtet, fählte er sich unter seinen älteren akademischen Zeitgenossen besonders Heinrich Gomperz,
Hans Kelsen, August Maria Knoll und Stanislaw Ossowski nahe. Alois Dempf wiederum betrachtete
Topitsch als seinen Lehrer und Mentor, der ihn auf Max Weber hingewiesen und in ihm als jungem
Altphilologen den Sinn für Wissenssoziologie und Weltanschauungsanalyse geweckt hatte. In den beiden
letzten Lebensjahrzehnten entdeckte Topitsch zudem eine gewisse Wahlverwandtschaft eigener Auffassungen
mit jenen der genetischen Erkenntnistheorie von Konrad Lorenz.
Angeregt durch diese ihm zum Teil auch freundschaftlich verbundenen Lehrer und Kollegen, aber auch in
produktiver Auseinandersetzung mit ihnen, entwickelte Topitsch nach und nach sein Gedankengebäude -
allerdings ohne jeglichen Anspruch auf irgendeine Art von System. Die Entfaltung des für Topitschs Oeuvre
charakteristischen Themenkatalogs scheint durch das Bestreben nach Aufklärung über einen Sachverhalt
bestimmt zu sein, dem er schon im Oktober 1941 - als 22-jähriger Soldat - in einem Brief an den damals mit
Lehrverbot belegten Alois Dempf als einem für ihn essentiellen Problem Ausdruck verliehen hat: "Die Rolle,
die die fixe Idee in der Geschichte spielt, ist ja in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen, ja sie ist vielleicht die
grüßte treibende Kraft in ihrer unduldsamen Einseitigkeit. Das 'falsche Bewusstsein', gezüchtet zur
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grundsätzlichen Ablehnung aller Selbstkritik, wirkt wie Sprengstoff, vernichtend und doch irgendwie
notwendig in der Ökonomie des Weltgeschehens." Die zu Ende des Briefes formulierte Frage: "Ist nicht
irgendwo schon eine eingehende Psychologie der fixen Idee als historischer Macht geschrieben?", von der
unbekannt ist, ob sie durch seinen Lehrer beantwortet wurde, scheint jedenfalls Topitsch selbst in ein ihn
durch Jahrzehnte hindurch leitendes und ganz verschiedene Gesichtspunkte des Generalthemas variierendes
Forschungsprogramm transformiert zu haben. Denn die Aufklärung über die Metamorphosen der "fixen Idee"
erfolgte, wenn auch nicht ohne gelegentliche Redundanz, Schritt für Schritt. Im Besonderen sind hier die
folgenden Bücher zu er wähnen: "Vom Ursprung und Ende der Metaphysik", 1958; "Sozialphilosophie
zwischen Ideologie und Wissenschaft", 1961, 1971; "Logik der Sozialwissenschaften", (dieser von Topitsch
herausgegebene Sammelband brachte es auf 12 Auflagen) 1965, 1993; "Die Sozialphilosophie Hegels als
Heilslehre und Herrschaftsideologie", 1967; "Die Freiheit der Wissenschaft und der politische Auftrag der
Universität", 1968, 1969; "Mythos - Philosophie - Politik", 1969; "Erkenntnis und Illusion", 1979; "Heil und
Zeit", 1990; "Studien zur Weltanschauungsanalyse", o. J. [1996].
Durchgehend in seinem Werk geht es Topitsch um Fragen nach der Beziehung von Theorie und Erfahrung,
Werten und Tatsachen, wie überhaupt um das Verhältnis von "überprüfbarkeit und Beliebigkeit" - so der Titel
der letzten, kurz vor seinem Ableben vollendeten Abhandlung. Daher kann es auch nicht verwundern, dass
Topitsch ganz wie Max Weber oder Hans Kelsen, die wiederum beide in der Nachfolge von Hume und Kant
standen, einen strengen Dualismus von Sein und Sollen vertrat. Doch, wie vor allem Weber, so endet auch
Topitsch nicht einfach achselzuckend mit dem Befund über die Wissenschaft, dass diese uns
Tatsachenzusammenhänge vor Augen führe, sondern er verweist auf die Kulturbedeutung von Wissenschaft,
deren methodisches Axiom der Werturteilsfreiheit eine zweifache Besinnung möglich mache: erstens auf die
letzten eigenen Werte und eine durch kein Beweisverfahren zu ersetzende persönliche Stellungnahme zu ihnen;
zweitens aber auf das, was Sache oder Gegenstand der Wertung selber ist.
In verschiedenen Studien zeigt Topitsch, wie die einander manchmal sogar krass widersprechenden
moralisch-politischen Auffassungen und Zielsetzungen mit Hilfe derselben wert- und emotionsgeladenen
Ausdrücke - der französische Psychologe Th. Ribot spricht von abstraits émotionnels - gerechtfertigt oder
bekämpft werden. Die Problematik der Steigerungsfähigkeit, geschichtlichen Wandelbarkeit und
gegenseitigen Unvereinbarkeit von Wertgesichtspunkten tritt nach Topitsch besonders in den
Gottesvorstellungen monotheistischer Religionen hervor, wo ja Vollkommenheitsprädikate eine zentrale Rolle
spielen: Während es nämlich im Polytheismus eigene Kriegsgötter gibt, welche die übrigen Gottheiten vom
blutigen Geschäft der Züchtigung und Rache entlasten, befiehlt etwa der Gott des Alten Testaments - eines
auch für die Christen heiligen Buches - nicht nur den Völkermord, sondern begeht ihn selbst. Demgemäß trägt
der jüdisch-christliche Gott einen zutiefst widerspruchsvollen Charakter, und sein Spektrum reicht vom
Allerbarmer (Panteleimon) über den unerbittlich strengen Richter und Schlachtenlenker bis zum zornmütigen
Tyrannen, der nicht-willfährige Völker sowie Ketzer und Ungläubige vernichten lässt oder selber vernichtet.
Zu den abstraits émotionnels zählt aber insbesondere auch der Ausdruck "Gerechtigkeit", von dem Topitschs
Lehrer Hans Kelsen in mehreren Schriften gezeigt hat, wie wenig es gelingen konnte, ihn zu präzisieren, oder
ihm gar einen objektiv oder absolut begründbaren Inhalt zu verleihen.
Dem entspricht auch der von Topitsch selbst immer wieder herangezogene historische Befund: Niemals, so
stellte er fest, sei ihm bekannt geworden, dass je ein Fürst, ein Diktator oder auch eine demokratische
Regierung erklärt hätte, einen ungerechten Krieg zu führen. Kriege werden allerdings - bis auf den heutigen
Tag - gerne aus der geschichtsphilosophischen Gesamtanlage eines religiösen oder eines
fortschrittsmetaphysischen Systemdenkens dadurch gerechtfertigt, dass sie gemeinsam mit anderen sozialen
oder politischen Erscheinungen auf die Schnur einer festen Werteskala gefädelt werden, die an ein in ferner
Zukunft liegendes Ziel geknüpft wird. Stets verbergen sich jedoch hinter der Berufung auf gerechte Kriege
Machtinteressen, und entledigt man die kommunikationstheoretischen und ökonomistischen Formeln wie
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"Herrschaftsfreiheit" bzw. "ursprüngliche Akkumulation" ihres moralisierenden oder auch
geschichtsmechanistischen Charakters, so wird für den historischen Betrachter die Bedeutung des politischen
Mittels in der Geschichte unmittelbar evident.
Im Namen der Dialektik hat sich im Denken des 20. Jahrhunderts allerlei ereignet. Neuerlich hat sich
bestätigt, dass die schon von Kelsen als Leerformeln entlarvten Denkfiguren gerade infolge ihrer Leerheit von
den verschiedensten, ja gegensätzlichen ideologischen Richtungen in Dienst genommen werden und so auch
erhebliche Schwankungen des politischen Klimas überdauern können. Richtete sich die Kritik Kelsens in den
von Topitsch herausgegebenen Aufsätzen zur Ideologiekritik, die unter dem Titel Staat und Naturrecht
erschienen sind (1964,
2
1989), vor allem gegen antiliberale und antidemokratische Strömungen von "rechts",
die im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt fanden, so traten, wie Topitsch selber zu zeigen bestrebt war, seit
den 1960er Jahren verschiedene Versuche einer Wiederbelebung längst überholt erscheinender Denkfiguren
im Dienste von politisch "links" stehenden Kräften in oft spektakulärer Weise hervor. Ohne Rücksicht auf die
Rolle, die sie in der Vorbereitung und im Dienste des Nationalsozialismus gespielt hat, wurde nun die
Dialektik als das wahre Palladium progressiven, emanzipatorischen und echt demokratischen Denkens
gepriesen.
Die Analyse der impressiven Funktion von Leerformeln hat Topitsch in den 1980er Jahren ergänzt um das
1985 erstmals veröffentlichte Buch Stalins Krieg (1998; übers. ins Englische und Polnische). Auch hier
handelt es sich um eine Analyse bestimmter psychologisch wirksamer Argumentations- und Handlungsweisen,
wobei die ursprüngliche Fragestellung des Weltanschauungsanalytikers und Ideologiekritikers unverändert
erhalten bleibt. Topitsch umkreist mit seinen Ausführungen einerseits die verschiedenen Formen
propagandistisch wirksamer Kriegsführung, insbesondere aber auch die vielfältigen Techniken der
Illusionierung und Selbsttäuschung sowie der Instrumentalisierung von Moral im allgemeinen und von
Schuldzuweisungen im besonderen. Er analysiert aber auch den Zusammenprall zweier Stoßrichtungen
totalitärer Eroberungspolitik, bei dem der eine Aggressor dem anderen um eine nicht allzu große Zeitdifferenz
zuvorgekommen ist. Im Verlauf dieser Analysen hat Topitsch, ohne bestimmte ruchlose Aspekte der
nationalsozialistischen Eroberungspolitik zu verharmlosen, im Stil des US-amerikanischen Soziologen Robert
Nisbet zu zeigen versucht, wie auch politische Anwälte der westlichen Aufklärung nicht davor gefeit waren,
dem Mythos der moralischen Arglosigkeit des sowjetischen Generalissimus und seinen Schalmeienklängen
von Friedensliebe und internationaler Solidarität bis herauf in die 1950er Jahre zu erliegen. So hat denn auch
für Topitsch das Reich der Lüge nicht erst 1933 begonnen und auch nicht schon 1945 geendet.
Topitsch erweist sich in seinem gesamten Schrifttum als ein politisch nicht festgelegter und gewissermaßen
antizyklisch argumentierender Autor in der Tradition des klassischen Liberalismus: Stand für ihn in den 1950er
Jahren die Geistesfreiheit unter den Vorzeichen klerikal-restaurativer Tendenzen auf dem Spiel, in den späten
1960er Jahren unter denen des utopistischen Enthusiasmus der Neuen Linken, so ab den 1980er Jahren unter
denen eines massenmedial wirksam gewordenen, aber häufig undurchschauten Widerspruchs zwischen einer
herrschaftskritischen Ideologie und der pseudomoralischen Rechthaberei von Sprachpolizisten und
Gesinnungswarten. Er selbst war weder geeignet als "Nato-Philosoph" noch als zelebrierter
Regierungsphilosoph, dessen Ruhm sich auf Schuldzuweisungen an weltpolitisch längst Unterlegene und auf
die Beschwärung der Gefahr ihrer möglichen Renaissance gründet. Denn die letzte und verfänglichste Frage,
so meint er im Vorwort seines posthum erschienenen Buchs Im Irrgarten der Zeitgeschichte, laute: "Was
sind die Wertmaßstäbe, nach denen Schuld beurteilt werden kann und wie sind sie begründbar? Oft dient ja
die Moral als Instrument reiner Machtpolitik, und die furchtbarsten Gräuel geschehen unter den erhabensten
Titeln: Gott selbst ist Täter des Völkermordes und die absolute Humanität rechtfertigt den Massenterror. Dies
sollte wenigstens zu denken geben."
Es ist sein Sinn für Psychologisches, für Betrug und Selbsttäuschung, der den an Thukydides und Max Weber
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Geschulten als Desillusionisten erscheinen lässt. Kritik erntete Topitsch dafür häufig - in seiner Frühzeit
zumeist von "rechts", seit den späten 1960er Jahren von "links". Doch er war nie ein Lehrer der mattherzigen
Anpassung angesichts der wechselnden Dominanz von Lebens- und Denkformen, und dem Zeitgeist war er
kein guter Begleiter. Wie bereits seinem Landsmann Karl Kraus erschienen ihm, dessen Leben in eine
politisch sehr bewegte Zeit fiel, vor allem jene Menschen verachtenswert, denen es - unabhängig von ihrer
politischen oder weltanschaulichen Provenienz - gelang, die Vorteile der Welt mit den Benefizien des
Verfolgtseins zu vereinigen.
So war Topitsch zwar jemand, der seine Zeit in Gedanken zu fassen suchte, aber nie ein in vordergründigem
Sinne "zeitgemäßer" Denker. Er war eher ein Denker gegen die wechselnden Machtkonstellationen und
Modeströmungen seiner Zeit, der es sich stets versagte, ihren jeweiligen Götzen das Weihrauchopfer
darzubringen.
Karl Acham
Datei aktualisiert am 15.09.2003 in der Redaktion der KZfSS
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