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Ausdruck vom 27.11.

2013
Inhalt
Editorial 1
Thema: Terrorismus
Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 3
Sebastian Simmert
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 18
Bettina Koch
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 39
Sebastian Schnelle
Was ist böse am Terrorismus? 57
Adriano Teixeira
Einen absoluten Feind haben. 77
Alexander Aichele
Beiträge
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 97
Milan Kuhli
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 117
Paul Tiedemann
Rezensionen
Ius Post Bellum – Zielvorstellungen und Möglichkeiten 139
Martin Frank
Ausdruck vom 27.11.2013
Ausdruck vom 27.11.2013
Editorial
Terrorismus, vor allem in seiner islamistischen Ausprägung, steht seit über 12
Jahren im Zentrum der politischen Agenda. Dabei ist völlig unklar, was Terroris-
mus eigentlich heißt, ein Schicksal, das dieser Ausdruck mit der „Organisierten
Kriminalität“ teilt. Und wie jene dient die Beschwörung der Gefahr vor Terrorismus
zur Einschränkung von grundlegenden Menschen- und Bürgerrechten, wenn etwa
den Gefangenen in Guantanamo und auch anderswo die grundlegenden Habeas-
Corpus-Rechte verweigert werden, wenn den auf einer ständig aktualisierten Liste
des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen als Terrorverdächtigen erfassten Perso-
nen jegliche wirtschaftlichen Ressourcen entzogen werden sollen
1
oder wenn sich
nach § 89 a Abs. 2 Nr. 3 StGB strafbar macht, wer Alltagsgegenstände erwirbt, so-
fern sich daraus eine Bombe basteln lässt.
2
Wer hätte gedacht, dass die National
Security Agency unter dem Deckmantel des „war against terror“ ein weltüberspan-
nendes Überwachungssystem installiert, dass selbst die frühere Staatssicherheit der
DDR vor Neid erblassen ließe.
3
Es wäre also aus vielen Gründen höchst nützlich,
über einen klaren Begriff des „Terrorismus“ zu verfügen. Das vorliegende Heft soll
dazu einen bescheidenen Beitrag leisten.
Sebastian Simmert (Halle) widerlegt die von Bin Laden und anderen behaup-
tete Übereinstimmung der Legitimation des islamistischen Terrors mit dem Kampf
der Assassinen zur Bewahrung ihrer Form des Islam. Wie schnell die Begrifflich-
keiten verschwimmen, zeigt der Beitrag von Bettina Koch (Blacksburg): Staatliche
Maßnahmen zur Terrorbekämpfung scheinen sich nicht wesentlich von terroristi-
schen Gewaltakten zu unterscheiden. Die von Seiten des Terrorismus gerne in Kauf
genommenen Opfer unter der Zivilbevölkerung lassen sich, wie Sebastian Schnel-
le (Halle) ausführt, nicht unter Berufung auf unklare Thesen einer Kollektivschuld
rechtfertigen. Aber was ist Terrorismus überhaupt? Zeigt sich Terrorismus an be-
stimmten Handlungen, wie Adriano Teixeira (München) meint, oder kommt es auf
die Einstellung der jeweiligen Akteure an, so Alexander Aichele (Halle) anhand von
Carl Schmitts Begriff des absoluten Feindes. Für einen Rechtsstaat darf es allerdings
keine absoluten Feinde geben.
1
Rechtsgrundgrundlage ist die Resolution 1390 des UN-Sicherheitsrates vom 16.1.2002. Folge ist
der „bürgerliche Tod“; eine Rechtsschutzmöglichkeit ist nicht vorgesehen. Vgl. auch Bundesamt für
Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, Merkblatt „Länderunabhängige Embargomaßnahmen zur Terroris-
musbekämpfung“, Stand: 28.8.2009.
2
Krit. dazu Gazeas/Grosse-Wilde/Kießling, Die neuen Tatbestände im Staatsschutzstrafrecht – Ver-
such einer ersten Auslegung der §§ 89a, 89b und 91 StGB, NStZ 2008, S. 593 (598).
3
Zu den überwachten Personen gehörte u.a. der jetzige Papst Franziskus und frühere Kardinal Bergo-
glio. Ein Liebhaber kruder Vergleiche denkt da an John Locke, A Letter Concerning Toleration,
1689), in: The Works of John Locke, London 1823, Vol. VI, S. 46: „Again: That church can have no
right to be tolerated by the magistrate, which is constituted upon such a bottom, that all those who
enter into it, do thereby, ipso facto, deliver themselves up to the protection and service of another
prince.“
Ausdruck vom 27.11.2013
2 Editorial
Damit wird die Frage nach der Möglichkeit eines Feindstrafrechts aufgeworfen,
der Milan Kuhli (Frankfurt am Main) mit einem Blick auf Thomas Hobbes nach-
geht. Ein weiterer Beitrag außer dieser Reihe von Paul Tiedemann (Frankfurt) wid-
met sich dem Begriff der Menschenwürde. Abgeschlossen wird das Heft mit einer
Besprechung eines Sammelbandes von Patterson zur wichtigen Frage, welche Wege
das Recht weist, wenn der Krieg zu Ende ist (Martin Frank, Berlin).
Das nächste, für das Frühjahr 2014 geplante Heft wird sich im Schwerpunkt mit
dem Thema „Rechtsästhetik“ befassen. Zum Schluss laden wir alle potentiellen Au-
torinnen und Autoren herzlich dazu ein, uns ihre zahlreichen Beiträge – in elektroni-
scher Form bei renzikowski@jura.uni-halle.de – einzureichen. Auf der Homepage
renzikowski.jura.uni-halle.de/links/ finden Sie unten einen Link zu den Hinweisen
für die Autoren. Wir bitten um sorgfältige Beachtung.
Halle, im November 2013
Alexander Aichele Matthias Kaufmann Joachim Renzikowski
Ausdruck vom 27.11.2013
Thema: Terrorismus
Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen
Über die Unvereinbarkeit ismailitischen Gedankenguts mit terroristischen
Handlungen
Sebastian Simmert, Halle (Saale)
I. Einleitung
Die Kriegsakte islamischer Terrororganisationen sind eine der bemerkenswer-
testen Erscheinungen des 21. Jahrhunderts, welche in der Öffentlichkeit ihr prä-
gendstes Erscheinungsbild im Flugzeuganschlag des 11. September 2001 auf das
World Trade Center in New York haben dürfte. Dass solche Kriegsakte jedoch nicht
erst seit diesem Datum bekannt sind, ist daraus ersichtlich, dass die Bildung und
Aktivität erster terroristischer Organisationen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
nachgewiesen werden kann.
1
Ein charakteristisches Merkmal solcher Gruppen ist
es, dass sie in ihrer Terminologie immer wieder auf Begrifflichkeiten und die Tradi-
tion der Kreuzzüge zurückgreifen. So bezeichnen sie sich selbst oftmals als fidâ’î,
i.e. jemand der bereit ist sein Leben für eine Sache zu opfern, und greifen damit auf
eine Tradition zurück, die ihre Wurzeln bei den Nizârî-Ismailiten hat,
2
welche zu
Zeiten der Kreuzzüge bekannter unter der Bezeichnung „Assassinen“ waren.
3
Denn
diese nannten sich selbst fidayeen, welches vom arabischen Wort fidâ’î stammt.
4
Dass sowohl die Anschläge des 11. September als auch die darauf folgenden
Anschläge Al-Qa’idas ganz im Sinne solcher Tradition stehen sollten, wird vor al-
lem aus den Reden Osama Bin-Ladens ersichtlich. Denn dieser wies als Anführer
Al-Qa’idas in seinen Briefen und Reden immer wieder in ähnlicher Weise darauf
hin, dass die Anschläge auf einem „Krieg der Religionen“
5
basieren. „Die Musli-
me des Ostens unterstützen die anderen Muslime gegen die Völker des Westens, die
Kreuzfahrer.“
6
Indem folglich die Völker des Westens als „Kreuzfahrer“ bezeichnet
werden und es sich um einen „Krieg der Religionen“ handelt, wird eine Analogie
zu den Kreuzzügen des Mittelalters geschaffen, die sowohl eine religiöse Dichoto-
mie enthält als auch die Vorgehensweise jeglicher islamischen Terrororganisationzu
rechtfertigen scheint. Denn auf den ersten Blick scheint es durch den historischen
Verweis so auszusehen, dass z.B. Al-Qa’ida nur jenes Projekt im Namen des Islams
fortsetzt, welches bereits bei den Assassinen seinen Anfang nahm, sofern diese als
verdeckt operierende und religiös motivierte Meuchelmörder verstanden werden.
1
Vgl. Lewis, The Crisis of Islam. Holy War and Unholy Terror, 2004, S. 145.
2
Vgl. Daftary, The Ismâ’îlîs. Their history and doctrines, 1990, S. 18 f.
3
Vgl. Lewis (Fn. 1), S. 144 f.
4
Vgl. ibid., S. 145.
5
Vgl. Abou-Taam/Bigalke (Hrsg.), Die Reden des Osama bin Laden, 2006, S. 111.
6
Ibid.
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4 Sebastian Simmert
Solch eine Bezugnahme ist jedoch, wie versucht wird im Folgenden zu zeigen,
widersinnig. Denn das theologisch-philosophische Fundament, unter welchem die
Assassinen handelten, sofern sie Ismailiten waren, lässt eine Analogiebildung zu
heutigen islamischen Terrororganisationen nicht zu, da die Rechtfertigungsgründe
der Ismailiten für die Mordattentate und deren Umsetzung vollständig von denen
heutiger Terroristen differieren.
II. Historische Grundlage des Ismailismus
Um verstehen zu können, worin der genaue Unterschied in den Rechtfertigungs-
gründen der Ismailiten in Bezug islamischen Terrororganisationen liegt, ist es nötig,
dass man sich den historischen Hintergrund vergegenwärtigt, der jegliche islamische
Sekten- bzw. Gruppenbildung erst ermöglicht hat. Denn insofern dieser nämlich die
notwendige Bedingung darstellt, ohne welche keine islamische Lehre auskommen
kann, können diese nicht ohne ihn verstanden werden. Daher ist zunächst auf die
Gründung des Islams und die Zeit der Bildung der ersten Splittergruppen einzuge-
hen.
1. Das Erbe Muh
.
ammads
Die Gründung des Islam wird auf das Jahr der Umsiedlung des Muh
.
ammad von
Mekka nach Medina 622 n. Chr. datiert. Als rasûl Allâh, was so viel wie „Botschaf-
ter Gottes“ bedeutet, verkündete er während seiner Reise zunächst den Beduinen
seine Lehre, welche sogleich auch seine erste Gefolgschaft bildeten, da sie ihn als
den Propheten Gottes anerkannten.
7
Die Lehre die Muh
.
ammad von Gott erhalten
haben soll, ist im Koran, was so viel wie „die Lesung“ bedeutet, festgehalten. In
6348 Versen handelt er vor allem von „alltägliche[n] Aufgaben, Gebote[n] und Ver-
bote[n], die für ein reines Leben zu beachten sind“, der Barmherzigkeit Gottes, dem
Jenseits, dem Strafgericht und den Wegen zur Vergebung.
8
Nach dem Tod des Propheten im Jahr 632 n. Chr. kam es zu einer ersten großen
Krise bei der Frage um seine Nachfolge. Denn während eine Gruppe die Wahl ei-
nes geeigneten, talentierten Mannes präferierte, war eine andere Gruppe der Mei-
nung, dass nur die Familie des Propheten dazu geeignet sein kann, die islamische
Gemeinde zu führen. Dies führte letztlich zu einer Aufspaltung der Anhänger des
Islams in die Gruppe der Sunniten und die der Shî’at Alî, d.h. der Gruppe um Alî,
den Schwiegersohn und Cousin Muh
.
ammads, die auch Schiiten genannt werden.
9
Die Begründung für die Art der Nachfolge ist dabei entscheidend, um zu verstehen,
warum sich Sunniten und Schiiten voneinander getrennt haben. Denn die Sunniten
glauben, dass die Worte des Propheten und somit die Worte Gottes so eindeutig
waren, dass der Nachfolger Muh
.
ammads nicht mehr vollbringen darf, als die is-
lamische Gemeinschaft, die von Muh
.
ammad durch göttliche Weisung eingerichtet
7
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 34
8
Vgl. Ahmad (Hrsg.): Koran. Der heilige Qur-ân. Arabisch und Deutsch, 2012, Vorwort, S. I.
9
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 35.
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Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 5
wurde, gemäß des Korans zu verwalten. Daher schufen diese das Amt des kalifat
rasûl Allâh, welches heute unter der Kurzform des Kalifen bekannt ist. Die Schi-
iten hingegen glauben, dass im Koran noch mehr Weisheit und Wahrheit verborgen
liegt, die aber nur für den ersichtlich sein kann, der von Gott mit der Gabe versehen
wurde, diese zu erkennen. Denn sowohl die einzelnen Botschaften im Koran, wie
die in ihm enthaltene Sharî?a, i.e. das heilige Recht des Islam, ist für die Schiiten
in einer Erkenntnis begründet, die den menschlichen Verstand übersteigt und daher
nicht von jedem in der Weise verstanden werden kann, wie Gott es gewollt hat.
10
Daher kann den Willen Gottes nur jener umsetzen, der per göttlichem Befehl dazu
auserwählt wurde und mit der Gabe des ilm, i.e. intellektuelles Wissen, versehen ist.
Ein Mensch, dem diese Eigenschaften zukommt, bekleidet gemäß schiitischer Leh-
re das Amt des Imâm und muss ein Mitglied der Familie des Propheten sein. Denn
nach schiitischer Lehre sind die besonderen Eigenschaften Muh
.
ammads all seinen
Familienmitgliedern inhärent und werden somit mit der Geburt mitgegeben.
11
Hieraus werden nun die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ersichtlich, die das
Amt des Kalifen und das des Imâm betreffen. Sowohl der Kalif als auch der Imam
werden in den jeweiligen Splittergruppen als die Führer der islamischen Gemein-
schaft angesehen. Insofern kommt ihnen beiden die oberste Leitung in allen Ange-
legenheiten zu, welche die islamische Gemeinde betrifft. Folglich handelt es sich
in beiden Fällen um ein theokratisches Herrschaftsmodell, welches eine Trennung
von Religion und Staat nicht zulässt, da jegliche staatliche Ordnung und Rechtspre-
chung durch die islamische Lehre begründet wird. Der Unterschied beider Ämter
liegt darin, dass der Kalif nur als ein Verwalter dieser Ordnung angesehen werden
kann, der kontrolliert, ob die einzelnen gesellschaftlichen Prozesse sich gemäß der
islamischen Lehre vollziehen oder ihr entgegen stehen. Der Imâm hingegen soll die
Gesetze nicht nur verwalten, er fungiert auch als das spirituelle Oberhaupt, das die
Botschaften des Koran immer wieder neu interpretieren muss und somit seiner Ge-
meinde den Weg weist, den Gott zum jeweiligen Zeitpunkt für sie vorgesehen hat.
12
Diese Sichtweise gibt dem Imâm eine größere Verfügungsgewalt, als diejenige, die
der Kalif innehat. Denn aufgrund dessen, dass der Kalif gewählt wird, bleibt er im-
mer noch ein Mensch unter anderen Menschen, die durchaus fehlbar sein können.
Dem Imâm hingegen muss das Attribut der Unfehlbarkeit zukommen, da er von
Gott mit dem intellektuellen Wissen versehen wurde, welches ihn für die Botschaf-
ten und Wahrheiten empfänglich macht, die sich zu bestimmten Zeitpunkten für ihn
gemäß des göttlichen Willens aus der islamischen Lehre ergeben. Folglich muss
aus schiitischer Sicht gesagt werden, dass der Kalif, solang er nur ein Mensch ist,
nicht die nötige Kompetenz besitzen kann, um die islamische Gemeinde gemäß des
Willens Gottes zu führen.
Nun ist es jedoch auf den ersten Blick wenig plausibel, warum einem einzel-
nen Menschen solch eine Verfügungsgewalt über seine Gemeinde erteilt werden
soll, wie sie der Imâm innehat, wenn diese nicht irgendwie besser gerechtfertigt ist.
10
Ibid., S. 38.
11
Ibid., S. 39.
12
Vgl. ibid., S. 38 f.
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6 Sebastian Simmert
Daher bedarf es einer genaueren Erklärung, die sich zunächst nur innerhalb des his-
torischen Kontextes ergibt. Die schiitischen Gelehrten rechtfertigten dies zunächst
durch eine Aussage (Hadith), die Muh
.
ammad selbst bei einer Pilgerfahrt bei Ghadir
Khumm gemacht haben soll, und von ihnen als sein Vermächtnis gedeutet wurde.
So sprach der Prophet Muh
.
ammad:
„Oh ihr Menschen! Ich hinterlasse euch zwei Kleinodien; an sie haltet euch, dann werdet
ihr nach meinem Tod nicht irregehen: das Buch Gottes und meine Nachkommenschaft, die
Familie des Hauses [ahl al-bait].“
13
Dies lässt sich so interpretieren und wurde auch so interpretiert, dass
Muh
.
ammad mit dem Ausspruch sagen wollte, dass sich die wahre islamische Ge-
meinschaft sowohl an den Koran als auch an seine Nachkommen halten muss, sofern
sie als Rechtgläubige gelten wollen. Insofern kann auch nur ein Mitglied seiner Fa-
milie die Nachfolge des Propheten antreten und die Botschaft des Islams bewahren,
was folglich durch das Amt des Imâm und dessen Besetzung durch Alî gesichert
ist.
14
2. Bildung der Ismailiten
Diese Erbfolge des Imâmat, führte sich bis zum 6. Erbfolger in das Jahr 765
n. Chr. erfolgreich fort. Als jedoch der Imâm Ja?far al-Sâdiq seinen Sohn Ismaî’il
gemäß des na??, des heiliges Dekret des Imâm, zu seinem Nachfolger erklärte,
führte diese Entscheidung zu einer Teilung der Schiiten.
15
Denn noch während der
Lebenszeit al-Sâdiqs verstarb sein Sohn, was die Anhänger des Imâms zu großem
Zweifel führte. Denn wenn der Imâm in seinen Worten unfehlbar ist und ihm durch
Gott das intellektuelle Wissen gegeben ist, ist es nicht möglich, dass er sich in seinen
Worten irren kann. Gerade dies ist jedoch bei der Ernennung seiner Nachfolge der
Fall.
16
Daher hätte al-Sâdiq wissen müssen, dass Ismaî’il vor ihm stirbt, und ihn
somit nicht zum Nachfolger ernennen dürfen. Da er dies jedoch getan hat, muss er
fehlbar sein, d.h. ihm müsste das intellektuelle Wissen aberkannt werden und somit
auch das Amt des Imâm.
Diese Erkenntnis führte in der Folgezeit dazu, dass sich die Schiiten in sechs
Gruppen aufteilten, wovon aber nur zwei Gruppen zu den Ismailiten gezählt wer-
den. Eine dieser beiden Gruppen, welche die reine Ismâ?îliyya’ genannt wird, lehnte
die Fehlbarkeit al-Sâdiqs ab und behauptete, dass Ismaî’il nicht gestorben, sondern
lediglich weggegangen sei, um als Mahdî bzw. Qâ’îm, i.e. der letzte Prophet, wie-
derzukehren.
17
Dass al-Sâdiq Ismaî’ils Tod verkündete, sei daher nur zu seinem
Schutz geschehen. Die andere Gruppe, die sogenannten Mubârakiyyah, meinte, dass
Ismaî’il zwar gestorben sei, aber dass seine Nachfolge auf seinen ältesten Sohn
13
Ende, Die Ursprünge der Zwölferschia, in: Haarmann (Hrsg.), Der Islam. Ein Lesebuch, 2002, S. 54
f.
14
Vgl. ibid., S. 58.
15
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 93.
16
Vgl. ibid., S. 94.
17
Vgl. ibid., S. 95 f.
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Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 7
Muh
.
ammad übergegangen sei.
18
Diese Gruppe siedelte letztlich mit Muh
.
ammad
in den Irak und nach Persien über. Dabei entschieden sie sich dafür, um weite-
ren Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen, im Versteckten zu leben.
19
Doch auch
diese Gruppe teilte sich nach dem Tod Muh
.
ammads auf und verkündete zugleich,
dass Muh
.
ammad der letzte Imâm sei und als Madhî zurückkehren
20
und mit seiner
Rückkehr ein neues religiöses Gesetz bringen werde, welches dasjenige des alten
Propheten ablösen wird.
3. Die Herausbildung ismailitischen Gedankenguts unter den Fâ?imiden
Nach diesen Ereignissen entwickelte sich die ismailitische Gemeinschaft durch
rege Missionierung immer weiter, bis neben den Gebieten des Irak und Persien auch
weite Teile des Nordens Afrikas zu ihrem Gebiet zählten.
21
Im Norden Afrikas bil-
dete sich, wie in der Forschung betont wird, aufgrund noch unklarer Gründe gegen
das 909 n. Chr. eine weitere Gruppe der Ismailiten, die sich selbst die Fâ?imiden
nannten und auf eine Erbfolge des Sohnes Ismails beriefen, die lediglich als die
„verdeckten Imâme“ bekannt sind.
22
Der Herrschaftsbereich dieser Gruppe, die von
einem Imâm-Kalifen angeführt wurde,
23
nahm das bis dahin größte Gebiet ein, wel-
ches den Ismailiten unterstellt war. Dies trug unter anderem dazu bei, dass während
der Herrschaft der Fâ?imiden die ismailitische Lehre ihre weitgehend endgültige
Form erhielt und somit auch für die Lehre der so genannten Nizârî-Ismailiten als
gültig anerkannt werden muss. Daher ist es für die Untersuchung im Folgenden
vollständig ausreichend darzulegen, mit welchem Gedankengut die Ismailiten ihre
Lehre zur Zeit der Fâ?imiden fundierten, um daraus die Rechtfertigungsgründe der
Assassinen ableiten zu können.
III. Die Verschmelzung von neuplatonischen und ismailitischen Gedankengut
Wie im vorangegangenen Kapitel dargelegt, erreichte das Gebiet der Ismaili-
ten zur Zeit der Herrschaft der Fâ?imiden eine bis dahin unerreichte Größe. Dies
führte letztlich zu einem regen kulturellen Austausch, der mit der Konvertierung
Andersgläubiger und der Übersetzung von griechischen Texten einherging, die vor
allem neuplatonisches Gedankengut enthielten. Durch diesen Austausch bedingt,
kam es letztlich zu einer Synthese von islamischem Gedankengut mit dem anderer
Religionen und den neuplatonischen Schriften,
24
welches zur Herausbildung einer
eigenständigen islamischen Philosophie (falsafa) führte.
25
Dabei profitierte die is-
mailitische Lehre vor allem von den Enneaden Plotins und den Texten seiner Schü-
18
Vgl. ibid., S. 96.
19
Vgl. ibid., S. 102.
20
Vgl. ibid., S. 103.
21
Vgl. ibid., S. 106.
22
Vgl. ibid., S. 108.
23
Vgl. ibid., S. 30.
24
Vgl. ibid. S. 239.
25
Vgl. Ziai, Islamic philosophy (falsafa), in: Winter (Hrsg.), The Cambridge companion to classical
Islamic theology, 2012, S. 55 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
8 Sebastian Simmert
ler Porphyrios und Iamblich.
26
Denn in der Auseinandersetzung mit diesen Texten
stellte ein Großteil der islamische Gelehrten fest, dass sich viele Fragen, die sich aus
den Lehren des Koran ergeben, wie es z.B. das Dasein Gottes, die Beschaffenheit
der Welt und die Rolle des Menschen ist, methodisch auf bessere Weise beantwor-
ten ließen, als es zuvor der Fall war. Besonders für die Ismailiten erwies sich daher
der Neuplatonismus als eine Quelle, durch welche sowohl ihre Handlungsweisen als
auch das Amt des Imâm eine bessere Begründung erfahren konnte, als es durch den
historischen Verweis auf Mohammad der Fall gewesen ist.
27
Daher ist im Folgen-
den diese Synthese von neuplatonischen und ismailitischen Gedankengut genauer
zu untersuchen, um den Motivationsgrund hinter den Mordanschlägen der Assassi-
nen verstehen zu können.
1. Neuplatonische Kosmologie in ismailitischen Gewand
Diese Verschmelzung fand zunächst in der Kosmologie der Ismailiten statt, die
hauptsächlich von den ismailitischen Gelehrten al-Sijistânî und al-Nasafî ausgear-
beitet wurde.
28
. So übernahmen sie von den Neuplatonikern den Begriff eines Got-
tes, von dem nichts gewusst werden kann, da er ontologisch so verstanden werden
muss, dass er ein transzendentes Sein und Nicht-Sein ist, welches den Ursprung
der Möglichkeit aller Seins-Zustände begründet hat. Insofern kann er von keinem
endlichen und geschaffenen Verstand erfasst werden,
29
da dieser begrifflich nur das
erfassen kann, welches in irgendeiner Art ein aktuales Dasein der Möglichkeit nach
besitzen kann, nicht aber auf das, was selbst kein aktuales Dasein der Möglichkeit
nach besitzen kann, da es die Möglichkeit jeden möglichen Daseins erst ermög-
licht. Ein wenig genauer ausgedrückt: Wenn eine Entität vorausgesetzt wird, die
das mögliche Dasein aller Dinge begründet, so muss sie sich in einem bestimmten
Modus befinden, der weder möglich, noch wirklich, noch notwendig ist, sondern
jenseits dieser ontologischen Bestimmungen liegt, da er jede ontologische Daseins-
weise erst ermöglicht, d. h. sie muss transzendent sein. Daraus ist folglich abzu-
leiten, sofern sich die Begrifflichkeiten eines begrenzten menschlichen Verstandes
nur auf notwendig, wirklich oder möglich Seiendes beziehen kann, dass von Got-
tes Eigenschaften, wie al-Sijistânî in seinen Schriften dargelegt hat, auf begriffliche
Weise nichts gewusst werden kann.
30
Dennoch kann er gemäß der ismailitischen Lehre erkannt werden, sofern man
sich dem Intellekt (al-?aql) zuwendet. Denn dieser war das erste, was von Gott
durch seinen Willen (al-amr) emaniert sein soll
31
und somit als dessen Repräsen-
tation in der Welt angesehen werden muss.
32
Emanation muss dabei offenbar so
verstanden werden, dass es die Erweiterung einer Entität durch sich selbst ist, in-
dem etwas hervorgebracht wird, das zwar als eine eigenständige differenzierbare
26
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 239.
27
Vgl. Ziai (Fn. 25), S. 56.
28
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 240 f.
29
Vgl. ibid., S. 240.
30
Vgl. Walker, Abu Ya?qub al-Sijistani. Intellectual Missionary, 1996, S. 87 f.
31
Vgl Daftary (Fn. 2), S. 241.
32
Vgl. Walker (Fn. 30), S. 88.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 9
Entität existiert, aber nur solange, wie dasjenige existiert, dessen Erweiterung es ist.
Insofern nämlich der Intellekt das erste Geschaffene ist, kann er nicht in Beziehung
zu anderen Dingen außer zu Gott stehen. Daher steht seine Existenz unter keiner an-
deren Bedingung als unter dem Dasein Gottes. Daraus kann abgeleitet werden, wie
es die ismailitischen Gelehrten taten, dass der Intellekt selbst ewig, bewegungslos,
vollkommen und sowohl potenziell als auch aktual sein muss.
33
Dies lässt sich so
begründen: Wenn die Existenz einer Entität unter keiner anderen Bedingung steht
als der ihrer eigenen Möglichkeit, die durch Gottes Dasein gegeben ist, so kann
diese Entität nicht temporal sein, denn Temporalität ist eine Relation, die sich über
verschiedene Zustände von wirklichen Dingen erstreckt und folglich zur Differen-
zierung von Zuständen eines Dinges dient. Wenn Gott jedoch nicht temporal sein
kann und die Gegebenheit des Intellekts durch sein Dasein gegeben ist, so kann
der Intellekt selbst ebenfalls nicht temporal sein, da sein Dasein durch Gott bedingt
ist, der über jeden differenzierbaren Zustand erhaben ist, und somit gleichermaßen
außerhalb jeglicher Temporalität verortet werden muss.
Wenn es des Weiteren nur eine Entität gibt, die in ihrer Existenz unmittelbar
durch das Dasein Gottes bedingt ist, dann gibt es keine Entität außer ihr, die in
gleicher Weise ein Dasein hat wie sie. Folglich ist jegliche Art von Bewegung aus-
geschlossen, da dies die Möglichkeit zur Lageveränderung voraussetzt, durch die
mindestens eine zweiwertige Relation ausgedrückt wird. Wenn letztlich der Intel-
lekt durch Gott geschaffen wurde und in seinem Dasein vom Dasein Gottes abhän-
gig ist, so besteht die Möglichkeit, dass der Intellekt auch nicht sein kann, jetzt aber
ist, weil es für ihn aufgrund des Daseins Gottes möglich ist zu sein. Folglich muss
geschlossen werden, dass, wenn der Intellekt durch die Existenz Gottes ist und der
Intellekt auch nicht-sein kann, er jetzt zwar aktual ist, aber nur aufgrund seiner ei-
genen Möglichkeit, die nur solang aktual ist, wie Gott ist.
Weiterhin emanierte gemäß der ismailitischen Lehre vom Intellekt eine univer-
sale Seele, die, da sie in ihrem Dasein von Gott und dem Intellekt bedingt ist, unter
komplexeren Existenzbedingungen angesehen und daher auf einer anderen Ebene
des Dasein verortet werden muss,
34
die sie zu etwas Unvollkommenerem macht.
35
Denn insofern sich eine Entität zu mindestens zwei anderen Entitäten bestimmen
lässt, wie es bei der universalen Seele der Fall ist, kann gefolgert werden, dass sich
diese Seele zunächst durch die Operation der Identifikation auf den ewigen Intellekt
und Gott beziehen kann. Erkennt sie jedoch, dass Intellekt und Gott voneinander
verschieden sind, so ist ihr die Operation der Differenzierung gegeben und somit
die Möglichkeit, sich vom Intellekt und Gott abzuwenden und sich in einem Akt
des Versuches der eigenen Identifizierung auf sich selbst zu richten. Aus diesem
Akt der Identifikation und Differenzierung heraus geht die Tätigkeit der Seele her-
vor, die man Bewegung nennt und aus der heraus Materie, Form und andere Seelen
33
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 241
34
Vgl. Walker (Fn. 30), S. 39.
35
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 241 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
10 Sebastian Simmert
hervorgingen,
36
die von den Ismailiten als integraler Teil der universalen Seele an-
gesehen werden.
37
Als solch integraler Teil der universalen Seele ist zumindest den rationalen See-
len die Fähigkeit gegeben, ihre eigene Unvollkommenheit im ständigen bewegten
Herumirren zu erkennen. Diese Unvollkommenheit kann nur dann überwunden wer-
den, wenn die einzelne Seele einen Zustand anstrebt, der in seiner Aktualität unter
möglichst wenigen Bedingungen steht. Dies muss genau dann der Fall sein, wenn
ihr Zustand durch eine Entität bedingt ist, deren Erkenntnis für sie möglich ist, die
aber selbst höchste Vollkommenheit besitzt und selbst im Zustand vollkommenen
Stillstands verharrt. Diese Entität ist der zuvor genannte Intellekt,
38
denn da er in
seinem Dasein nur von Gott abhängig und selbst einzeln ist, kann sich die Seele,
sofern sie durch den Verstand erkennt, allein auf den Intellekt als ein vollkommenes
Seiendes richten und somit in einen Zustand absoluten Stillstands gelangen.
39
Aus dieser Überlegung ist nun abzuleiten, dass wenn jede menschliche Seele ein
integraler Teil der universalen Seele ist und der Mensch von Gott mit dieser streben-
den Natur geschaffen wurde, dann seine Bestimmung darin liegen muss, dass er der
universalen Seele bei ihrer Erlösung hilft. Folglich muss jeder Mensch als von Gott
dazu verpflichtet angesehen werden, dass er zum Ziel der Erlösung beiträgt, die nur
durch die Vervollkommnung aller Seelen erreicht werden kann. Denn insofern Ver-
vollkommnung bedeutet, dass sich eine Seele von allen Bedingungen befreit, die ihr
Dasein unvollkommen machen, muss dies der von Gott durch die islamische Lehre
versprochenen Erlösung gleichkommen. Da nun jede Seele als ein integraler Teil
der universalen Seele angesehen wird, kann die Erlösung nur dann erreicht wer-
den, wenn alle Seelen sich der vollkommenen Entität, i.e. dem Intellekt, zugewandt
haben.
40
Folglich besteht die von Gott gegebene Verpflichtung, dass allen Seelen
geholfen werden muss, um die Erlösung der universalen Seele zu erlangen.
Somit muss die Geschichte der Menschheit als eine Erlösungsgeschichte ge-
deutet werden, die erst dann endet, wenn sich die letzte Seele dem Vollkommenen
zuwendet. Hieraus ist demnach die Übereinstimmung mit der islamischen Lehre
des Koran ersichtlich, welche keine ewige Verdammnis zulässt und sich somit auch
jeder Schuldfrage eines Einzelnen in Bezug auf die Erlösung der islamischen Ge-
meinschaft entledigt. Denn aufgrund dessen, dass alle einzelnen integralen Seelen
dem Zweck dienen, dass die universale Seele, und somit auch jede ihrer Teile, Er-
lösung erlangt, kann keine Handlung eines beseelten Menschen im religiösen Sinn
verurteilt bzw. als schlecht beurteilt werden, da seine Seele ihn stets zu Handlun-
gen antreibt, die der Erlösung förderlich sind. Dies schließt jedoch nicht aus, dass
einzelne Handlungen als gut beurteilt werden können, sofern sie der Erlösung aller
besonders dienlich sind. Denn wie im Folgenden zu zeigen ist, geht die ismailitische
Lehre nicht davon aus, dass der Mensch von seiner Seele allein beeinflusst wird.
Schließlich kann der Mensch mit der universalen Seele nicht identisch sein, sondern
36
Vgl. ibid., S. 242.
37
Vgl. ibid., S. 244.
38
Ibid.
39
Vgl. Walker (Fn. 30), S. 41.
40
Vgl. Daftary (Fn. 2), S. 244.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 11
ihm muss eine eigene Natur zukommen, die ihn von ihr unterscheidet. Andernfalls
würden die Menschen nämlich immer den Strebungen ihrer Seele nachkommen, d.h.
alle Menschen würden bereits die Erlösung herbeigeführt haben, indem sie sich alle
dem ewigen Intellekt zugewandt hätten.
2. Die Natur des Menschen
Die Ismailiten entwickelten weiterhin ein System, welches, auf den Lehren des
Korans aufbauend, besagt, dass sich die Geschichte der Menschheit in sieben Zy-
klen vollziehen wird. Der Beginn eines jeden Zyklus geht mit dem Auftreten eines
Propheten einher, der neue Gesetze erlässt, die direkt von Gott stammen
41
und ihm,
wie aus dem vorherigen Kapitel hervorgeht, allein durch den Intellekt unmittelbar
mitgeteilt werden konnte. Für den wahren Gläubigen kann es jedoch nicht ausrei-
chen, dass er von diesen Gesetzen weiß, wenn er nicht versteht, weshalb sie von
Gott erlassen wurden. Insofern hat der wahre Gläubige danach zu fragen, welche
Erkenntnis den Gesetzen zugrunde liegen, um sie verstehen zu können. Da diese
Gesetze durch den Intellekt mitgeteilt werden, kann alles, was von ihnen gewusst
werden kann, auch nur durch weitere Erkenntnisse vom Intellekt erfahren werden.
Da dieser selbst ewig ist, muss gefolgert werden, dass alle Erkenntnisse über ihn
ewig sind, d.h. dass jede Erkenntnis von ihm wahres Wissen darstellen muss. Denn
nach ismailitischer Lehre ist nur das Wissen wahr, welches selbst ewig ist.
42
Werden nun die Gesetze Gottes über den Intellekt dem Propheten und seinen
Nachfolgern mitgeteilt, so sind sie durch ihn bedingt, da sie sonst nicht Gegenstand
eines menschlichen Verstandes sein könnten. Folglich muss jede Erkenntnis vom
Intellekt auch zum wahren Verständnis der Gesetze führen, da er als die Ursache
identifiziert werden kann, dessen Wirkung unter anderemdie Gesetze sind. Insofern
folglich die Gesetze die Wirkung ihrer Ursache, des Intellekts, darstellen, bilden
sie eine erste Form der Erkenntnis, die es dem Menschen erst ermöglicht, sich dem
Intellekt selbst zuzuwenden und somit Erlösung zu erlangen. Denn von der bekann-
teren Wirkung schreitet der menschliche Verstand zur unbekannteren Ursache.
Hieraus wird nun eine bemerkenswerte Erkenntnis ersichtlich. Wenn der
Mensch nämlich erst durch den Propheten und seine Nachfolger Kenntnis von den
göttlichen Gesetzen erlangen kann, so ist jegliche Erkenntnis, die vom ewigen In-
tellekt gehabt werden kann – und somit die Erkenntnis jeder ewigen Wahrheit –,
durch den Umstand bedingt, dass dem Menschen die Gesetze mitgeteilt werden, da
er ohne deren Unterweisung sich nicht dem Intellekt zuwenden würde und folglich
Erlösung unmöglich wäre. Somit muss geschlossen werden, dass sich der Mensch
nicht von Natur aus dem Intellekt zuwendet, wenn er nicht geleitet würde.
Folglich liegt der ismailitischen Lehre ein bestimmter Begriff der menschlichen
Natur zu Grunde, aus dem heraus begründet werden kann, weshalb der wahre Gläu-
bige auf die Worte der Propheten und seiner Nachfolger hören muss. Dieser Begriff
kann aus den Schriften eines weiteren ismailitischen Gelehrten des 10. Jahrhunderts
41
Vgl. ibid., S. 234.
42
Vgl. ibid., S. 244 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
12 Sebastian Simmert
entnommen werden, dessen Lehre für die Ismailiten als grundlegend anerkannt wur-
de,
43
nämlich Abû ?âtim al-Râzî. Dieser schreibt im siebten Kapitel seines Buches:
„A?lâm al-nubuwwah“:
„But the goose is in no need of instruction, even at the beginning, he needs neither someone
to make him swim nor someone to teach him how to swim; [. . . ] But man absolutely requires
instruction at the beginning; if he does not receive instruction at the beginning, he achieves
nothing by his nature. [. . . ] By his nature man only does things which his nature cannot go
against, such as his sensory acts – seeing, hearing, smelling, tasting, touching – for these he
is compelled to do. [. . . ] All people are naturally created to do these things, just as geese
are naturally created to swim, [. . . ] Every species of animals is naturally created to do its
own act, and does not go against what it is naturally created to do. Man, however, is both
naturally created for things, and given choice in things; he shares the former with animals,
but us distinguished by the latter.“
44
Wie nun daraus zu entnehmen ist, besteht nach ismailitischer Lehre die Natur
des Menschen zunächst vor allem in seinen sensorischen Fähigkeiten, die ihm wie
der Gans all jene Tätigkeiten ermöglichen, die daraus hervorgebracht werden kön-
nen. Würde sich daher sein Dasein nur auf seine Natur beschränken, so wäre er
nicht mehr als ein Tier. Der Mensch ist jedoch anders als Tiere in der Lage, sich für
verschiedene Dinge zu entscheiden, d. h. er kann sich entweder gemäß seiner Natur
verhalten oder ihr entgegen. Dass diese Möglichkeit besteht, ist nach al-Râzî aber
nur dann für den Menschen ersichtlich, wenn er dazu angeleitet wurde, d. h. wenn
ihm das Wissen von außen über die Sprache vermittelt wurde,
45
die den Tieren nicht
zukommt. Insofern können Tiere auch das göttliche Gesetz nicht kennen, da ihnen
keine Sprache beigebracht wurde. Daher ist es ihnen auch nicht möglich, sich auf
den ewigen Intellekt zu beziehen und Erlösung zu erlangen. Doch wenn die Sprache
die notwendige und hinreichende Bedingung für die Kenntnis von Gesetzen ist und
der Mensch geschaffen wurde, so ist danach zu fragen, wie denn der erste Mensch
vom göttlichen Gesetz gewusst haben kann, da es Sprache doch noch nicht gegeben
haben kann.
Al-Râzî, der Adam nicht nur als ersten Menschen sieht, sondern auch als ersten
Propheten, antwortet darauf durch einen Hinweis auf den Koran. In diesem heißt es
nämlich: „Und Er [Gott] lehrte Adam alle Namen; [. . . ]“.
46
Aus dieser Stelle geht
für Al-Râzî hervor, dass Gott Adam die Sprachen gelehrt hat, damit er seine Bot-
schaft versteht
47
und folglich verschiedene Dinge differenzieren und somit wählen
kann. Insofern wurde dem Menschen durch Gott die Möglichkeit gegeben, dass er
durch die Sprache Kenntnis vom göttlichen Gesetz und somit Anteil am ewigen In-
tellekt haben kann. Dies beschränkt ihn folglich nicht mehr allein auf seine Natur,
sondern kann ihn über sie erhaben machen. Da ihm die Sprache jedoch nicht von
43
Vgl. ibid., S. 234.
44
Nasr/Aminrazavi, An Anthology of Philosophy in Persia, Bd. 2: Ismaili Thought in the Classical Age.
From Jâbir ibn ?ayyân to Na?îr al-Dîn ?ûsî, 2008. S. 154.
45
Vgl. ibid., S. 155.
46
Koran Sure 2:32.
47
Vgl. Nasr/ Aminrazavi (Fn. 44), S. 155 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 13
Geburt an zur Verfügung steht, bedarf es immer eines Lehrmeisters, der ihm die
Sprache beibringt.
Doch allein aufgrund der Gegebenheit der Sprache geht damit noch nicht die
Kenntnis des göttlichen Gesetzes hervor. Insofern nun, wie im Vorherigen gezeigt
wurde, jede menschliche Seele ein integraler Teil der universalen Seele ist und dar-
aus die Verpflichtung hervorgeht, dass man anderen auf demWeg zur Erlösung hilft,
muss dem Menschen zu jeder Zeit auch das göttliche Gesetz gelehrt werden, damit
er sich dem ewigen Intellekt zuwenden kann und somit an diesem durch Erkenntnis
Anteil hat.
IV. Die Unvereinbarkeit ismailitischen Gedankenguts mit terroristischen
Handlungen
Wie aus den vorangegangenen Kapiteln ersichtlich wird, basiert die Lehre,
auf die sich die Assassinen berufen konnten, auf weitreichenden theologisch-
philosophischen Überlegungen zum menschlichen Dasein und dem Ziel allen
menschlichen Strebens. Grundsätzlich lässt sich daraus sehen, dass jede Handlung,
die imSinn der ismailitischen Lehre vollzogen wurde, der Verwirklichung eines Zie-
les diente, nämlich der Erlösung aller Menschen. Aus der Synthese von islamischen
mit neuplatonischen Gedankengut kann weiterhin gesehen werden, dass, sofern ein
Prophet sein Wissen unverfälscht von Gott bekommen hat und durch die Kennt-
nis der Sprache zur Erkenntnis des ewigen Intellekts geführt wurde, er sein Wissen
theoretisch über die Sprache unverfälscht weitervermitteln kann. Wenn folglich ein
Prophet seinen Nachkommen sein Wissen gelehrt hat, so müssten auch diese über
das intellektuelle Wissen verfügen und einsehen, dass sie dazu verpflichtet sind, den
anderen Menschen bei ihrer Vervollkommnung zu helfen. Da der Mensch jedoch
fehlerhaft ist, kann praktisch nicht davon ausgegangen werden, dass jeder Nach-
komme die Lehre so unverfälscht aufnimmt, wie sie Gott den Propheten mitgeteilt
hat. Daher ist die Festlegung eines Nachfolgers nötig und verpflichtend, damit für
die islamische Gemeinschaft erkenntlich ist, in welchem Menschen das intellektu-
elle Wissen am meisten aktualisiert ist.
Weiterhin kann ein fehlerhafter Mensch, der durch die Lehren der Propheten
und ihrer Nachfolger erkannt hat, wie er Erlösung erlangen kann, einsehen, dass
er verpflichtet ist, jenem Gehorsam zu leisten, dessen Erkenntnis vom ewigen In-
tellekt in einem höheren Maß aktualisiert ist. Denn seine Urteile beruhen auf der
Erkenntnis der Wahrheiten des ewigen Intellekts und müssen daher als vollkom-
mener angesehen werden, als es die Urteile sind, die auf bloßer Spekulation oder
Intuition beruhen.
Wenn daher nur die Propheten und ihre Nachfolger, die nach der ismailitischen
Lehre die Imâme sind, allein das Höchstmaß an intellektuellen Wissen besitzen,
hat der wahre Gläubige ihnen zu gehorchen. Doch stehen auch die Propheten bzw.
Imâme in der Pflicht, dass sie die Lehre Gottes schützen, da sie nur so die Vervoll-
kommnung aller Seelen gewährleisten können. Folglich muss jede Anweisung des
Propheten oder des Imâm der Vervollkommnung der integralen Seelen dienen. Ein
Ausdruck vom 27.11.2013
14 Sebastian Simmert
Gläubiger, der sich diesen Anweisungen widersetzt, kann daher keine Erlösung er-
langen, da er sich von den absoluten Wahrheiten des ewigen Intellekts abwendet,
die von Gott selbst stammen.
Genau diese Überlegungen bieten das Einfallstor, das jenen offensteht, die ih-
re eigenen Handlungen in Analogie zu den Muslimen der Kreuzzüge setzen. Denn
insofern ein einzelner Mensch als das Sprachrohr der gesamten islamischen Ge-
meinschaft auftritt und sich immer wieder als Anführer der Gegner von Kreuzfah-
rern profiliert, nimmt er selbst die Stellung ein, die einem Imâm oder Propheten
zukommt. Insofern nimmt er auch alle Eigenschaften in Anspruch, die diese kenn-
zeichnet. Dass dies jedoch nichts mit der Tradition der Kreuzfahrer zu tun hat, soll
im Folgenden exemplarisch an einem abschließenden Vergleich der Reden Osama
bin Ladens mit den sich aus den vorangegangenen Kapiteln ergebenden Rechtfer-
tigungsgründen für Mordattentate gezeigt werden, welche die Ismailiten, sofern sie
Assassinen waren, gehabt haben.
1. Bin Ladens Botschaft als Gegner der Kreuzfahrer
Wie eingangs dargelegt, stellt Osama Bin Laden die Anschläge, die durch die
Mitglieder von Al-Qa’ida verübt wurden, in Analogie zu den Kreuzzügen des Mit-
telalters. Auffällig bei seinen Botschaften ist dabei stets, dass er nicht in der Rolle
eines einzelnen Muslim spricht, sondern durch ein „wir“ kennzeichnet, dass er für
die gesamte islamische Gemeinschaft zu sprechen beansprucht und dass die Hand-
lungen, die auf seinen Befehl hin ausgeführt wurden, ganz im Sinn derselben wa-
ren. Doch lässt sich aus dem Verweis auf die Kreuzzüge noch mehr entnehmen,
denn dadurch versuchte er, wie aus der Videobotschaft vom November 2001 hervor-
geht, die einzelnen Attentate nicht als Kriegsakte des Terrors darzustellen, sondern
sie als Maßnahmen islamischer Gläubiger gegen die Ungläubigen zu charakterisie-
ren.
48
Insofern folglich Bin Laden der Auftraggeber dieser Attentate war, nimmt er
in seiner Botschaft genau die Position ein, die ein Imâm zu Zeiten der Kreuzzüge
innegehabt hätte. Denn als solcher spricht er nicht nur im Namen der islamischen
Gemeinschaft, sondern veranlasst auch jene Maßnahmen, die für sie die besten sind.
Charakteristisch dabei ist, dass Bin Laden seine Entscheidungen mit einem ein-
zigen Prinzip rechtfertigte, nämlich der Wiedervergeltung. Denn, so Bin Laden in
seiner „Nachricht an die Verbündeten Amerikas“ vom 12. November 2002, „Vergel-
tung ist ein Teil von Gerechtigkeit“.
49
So sind „die [. . . ] Angriffe[. . . ] auf New York
und Washington [. . . ] nur Reaktionen und Vergeltungsaktionen“.
50
Doch wie sein
„Brief an Amerika“ zeigt, ist dieses Prinzip weder theologisch rechtfertigbar, noch
handelt es sich dabei um ein symmetrisches Wiedervergeltungsverhältnis. Denn ob-
wohl er sich anfangs auf die Sure 22,39 des Koran bezieht, um damit die Kämpfe
gegen die Vereinigten Staaten von Amerika und ihrer Verbündeten mit dem islami-
schen Recht als eine Art von Wiedervergeltung zu legitimieren,
51
ergibt sich daraus
48
Vgl. Abou-Taam/Bigalke (Fn. 5), S. 111.
49
Ibid., S. 128.
50
Ibid.
51
Vgl. ibid., S. 132.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 15
keine Rechtfertigung für die Vorgehensweise der Umsetzung der Vergeltung. Diese
Sure besagt nämlich nur, dass es denjenigen Gläubigen gestattet ist, sich gegen die-
jenigen zu verteidigen, die sie aus Unrecht heraus bekämpfen. Folglich kann auch
nur denjenigen Gläubigen ein Recht auf Widervergeltung an den Menschen, die ih-
nen Unrecht angetan haben, zugesprochen werden, die unmittelbar vom Unrecht
betroffen sind. Insofern das Unrecht von einzelnen Menschen oder Menschengrup-
pen verübt wird, kann sich jegliche Wiedervergeltung auch nur auf die einzelnen
Individuen beziehen. Denn andernfalls würden auch Menschen bekämpft werden,
die an der Zufügung des Unrechts nicht beteiligt waren, was somit selbst als Un-
recht gedeutet werden kann, da dies gemäß islamischer Lehre nicht gestattet ist.
Bin Laden weitete in seinem Brief dieses Recht jedoch über die Grenzen der
islamischen Lehre aus. Denn neben den militärischen und ökonomischen Eingriffen
der USA in muslimischen Gebieten
52
zieht er die politische und kulturelle Verfas-
sung der USA als Grund für jeden Muslim heran, sie zu bekämpfen, da diese nicht
der islamischen Lehre entspreche.
53
Insofern diese Verfassung durch die amerika-
nischen Bürger bedingt ist, da diese durch Wahlen ihre politische Ausrichtung und
ihren Lebenswandel selbst bestimmen, ist nach Bin Laden auch jeder einzelne ame-
rikanische Bürger als Feind des Islams zu betrachten
54
, „hat doch das amerikanische
Volk seine eigene Regierung aus freien Stücken gewählt, und diese Wahl basiert auf
der Zustimmung zu ihrer Politik“.
55
Folglich könnte dadurch auch der Tod derje-
nigen Bürger gerechtfertigt werden, welche nicht unmittelbar an der Ausführung
einer ungerechten Handlung gegen die Mitglieder der islamischen Gemeinschaft
beteiligt waren. Aus dieser Betrachtung wird folglich die Asymmetrie der Wieder-
vergeltungsverhältnisse ersichtlich, welche durch die Ausweitung einer islamfeind-
lichen Gesinnung auf die Politik und Lebensweise der Amerikaner ermöglicht wird.
Denn wenn zum einen die amerikanische Lebensweise als islamfeindlich angesehen
werden muss und zum anderen die Partizipation am politischen System der USA
genauso islamfeindlich ist, so muss jeder Bürger der USA durch sein bloßes Bür-
gersein als ein Unrecht auf Erden gegen den Islam angesehen werden. Folglich ist
es nicht einmal nötig, dass irgendeine Handlung stattgefunden haben muss, damit
ein Muslim ein Unrecht an einem Bürger der USA vergelten kann. Des Weiteren
ist es somit gleichgültig, an wie vielen, an wem und wie ein Muslim Vergeltung
übt. Denn wenn er hunderte amerikanische Kinder tötet, so ist dies dieselbe Art
von Bekämpfung von Unrecht, wie wenn er von einem Dieb 100¤Schadensersatz
einforderte.
Insofern dies der Grundgedanke ist, den Bin Laden als Anführer Al-Qa’ida hatte,
und den er als Lehrer der islamischen Gemeinschaft verbreitete, ist es, wie abschlie-
ßend im Folgenden gezeigt wird, unhaltbar, dass er sich und die Handlungen der
Muslime, die ihm unterstellt waren, in eine Analogie zu den Muslimen der Kreuz-
züge setzte.
52
Vgl. ibid., S. 133 ff.
53
Vgl. ibid., S. 138 ff.
54
Vgl. ibid., S. 136.
55
Ibid.
Ausdruck vom 27.11.2013
16 Sebastian Simmert
2. Mordattentate im Zeichen ismailitischer Tradition
Aus vorangegangen Kapitel wurde exemplarisch ersichtlich, dass ein Großteil
terroristischer Handlungen durch eine Deutung und Ausweitung des islamischen
Rechts auf Wiedervergeltung beruht. Dabei wurde ersichtlich, dass aufgrund der
Deutung Bin Ladens, das bloße Dasein eines amerikanischen Bürgers als Unrecht
gegen den Islam angesehen werden muss und somit eine asymmetrische Relation
zwischen denjenigen geschaffen wird, die Vergeltung ausüben und denen die sie
erleiden.
Solch eine Asymmetrie steht aber im klaren Gegensatz zur ismailitischen Lehre
der Muslime der Kreuzzüge. Denn wenn auch der Imâm als Anführer der islami-
schen Gemeinschaft aufgrund seines Wissens einen Mordanschlag befehlen darf
und derjenige, der den entsprechenden Auftrag erhält, dazu verpflichtet ist, ihn aus-
zuführen, so kann dies nur innerhalb der Grenzen der Lehre von der Erlösung aller
Menschen geschehen. Wie nämlich oben gezeigt wurde, besteht für den Imâm eine
göttliche Verpflichtung, dass seine Anweisungen der Vervollkommnung aller inte-
gralen Seelenteile dienen. Dies ist genau dann gegeben, wenn er sowohl die islami-
sche Botschaft lehrt, als auch die islamische Gemeinschaft vor Übergriffen anderer
Gemeinschaften insoweit schützt, wie es der Erlösung aller dienlich ist.
Genau darin ist ein Unterschied zu terroristischen Handlungen zu sehen. Denn
insofern der Imâmdazu verpflichtet ist, allen Menschen bei ihrer Vervollkommnung
zu helfen, so bezieht dies auch Ungläubige mit ein. Wie oben dargelegt, kann die
Vervollkommnung nur dann erreicht werden, wenn sich der Mensch zum ewigen In-
tellekt zuwendet. Dies ist nur dann möglich, wenn er die Lehre des Korans in richti-
ger Weise gelehrt bekommen hat. Folglich müssen Ungläubige erst belehrt werden.
Weiterhin aus dem Obigen ersichtlich, dass, wenn der Imâm über die unverfälschte
Kenntnis der islamischen Lehre verfügt, es für die Vervollkommnung aller Seelen
sein muss, wenn er verhindert, dass falsche Lehren gepredigt werden. Insofern er-
gibt sich eine Rechtfertigung für die Ermordung falscher Propheten und Imâme,
sofern diese nicht von ihren falschen Lehren ablassen wollen. Diese Verpflichtung
des Imâm rechtfertigt aber nicht die Ermordung derjenigen, die den falschen Lehren
zu Lebzeiten der falschen Propheten und Imâme folgen. Denn da der Mensch sich
erst durch die Sprache über seine Natur erheben kann und Erlösung erst dann er-
langen kann, wenn ihm die islamische Lehre in richtiger Weise gelehrt wurde, darf
er nicht dafür bestraft werden, dass ihm falsches beigebracht wurde. Des Weiteren
ergibt sich auch keine Rechtfertigung einer Ermordung, wenn an den falschen Leh-
ren festgehalten wird, solange sie nicht gelehrt wird, um Muslime zu konvertieren.
Denn allein aufgrund dessen, dass ein Individuumoder eine Gruppe von Individuen
nicht der wahren Lehre folgen, ist nicht die gesamte islamische Gemeinschaft in
Gefahr.
Daraus ergibt sich, dass allein der Anführer einer islamischen Gemeinschaft ein
Angriffspunkt für ein Mordattentat sein kann, da er durch seine „falschen“ islami-
schen Lehren seine Mitglieder nur instrumentalisiert und jene, da sie es nicht besser
wussten, sich instrumentalisieren haben lassen. Insofern durfte ein Attentäter der
Assassinen auch nur jene Person umbringen, die als der Ursprung jeglicher gegen
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus im Zeichen falscher Traditionen 17
die islamische Lehre gerichteten Handlung angesehen wurde.
56
Daher richteten sich
die Attentate der Assassinen hauptsächlich gegen andere sunnitische Muslime und
nur mit sehr wenigen Ausnahmen, bei denen nicht einmal sicher ist, ob sie über-
haupt von Assassinen begangen wurden, gegen die Kreuzfahrer
57
– nicht jedoch,
wie es bei den Handlungen islamischer Terrororganisationen der Fall ist, unter In-
kaufnahme von Kollateralschäden
58
oder gar allein durch die gezielte Ermordung
von Zivilisten, die nicht einmal in der Nähe des Anführers sind.
Hieraus ist abschließend zu ersehen, dass zwischen den Handlungen der Assas-
sinen und denen der islamischen Terroristen keine Analogie bestehen kann. Denn
die Handlungen der Assassinen beruht auf einem Erlösungsgedanken, der fest mit
der Kenntnis und Erkenntnis der islamischen Lehre verbunden ist. Ein Mord kann
gemäß dieser Lehre nur dann gerechtfertigt sein, wenn er den Ursprung der Gefahr
für den Islam betrifft und der Vervollkommnung aller Seelen dient. Die Handlungen
der islamischen Terroristen, soweit sie durch die Worte Bin Ladens dargestellt wur-
den, beruhen jedoch auf einem Prinzip der Wiedervergeltung von Unrecht, welches
neben militärischen und ökonomischen Schäden auch das Dasein ganzer Bevölke-
rungsgruppen allein aufgrund ihrer Lebensweise einschließt. Auch wenn jegliche
terroristische Maßnahme scheinbar dem Schutz des Islams dienen soll, so wird ein
Erlösungsgedanke, der Ungläubige mit einbezieht, nicht ersichtlich. Dies kann letzt-
lich auch nicht der Fall sein, da dadurch jegliche Maßnahme, die Andersgläubige
schädigt, nicht mehr gerechtfertigt werden kann.
56
Vgl. Lewis (Fn. 1), S. 145.
57
Vgl. Lewis, The Assassins. A Radical Sect in Islam, 1970, S. 132 f.
58
Vgl. Lewis (Fn. 1), S. 147.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter
Terrorismusverdacht
Zur kritischen Bewertung eines Aspekts in der aktuellen Terrorismusdebatte
*
Bettina Koch, Blacksburg, Virginia
I. Einleitung
Mit Abschluss des Verfahrens um die Tötung eines deutschen Staatsangehö-
rigen durch einen US-Drohneneinsatz im Norden Pakistans ist die Bundesanwalt-
schaft zu dem Schluss gekommen, dass die gezielte Tötung rechtens war. Folgt man
der Begründung der Bundesanwaltschaft, so ist allein die Teilnahme an einem Ter-
rorcamp ausreichend, um eine gezielte Tötung der betreffenden Person zu legiti-
mieren. In ihrer Begründung widerspricht die Bundesanwaltschaft auch der Auf-
fassung, der Drohneneinsatz könne zu leichtfertigen Tötungen führen; sie sieht in
Drohnen „vielmehr ein ‚überlegenes Instrument‘, weil sie eine genaue Beobachtung
und präzise Angriffe ermöglichen – zur Schonung von Zivilisten.“
1
Wie schonend
für Zivilisten das US-amerikanische Drohnenprogrammtatsächlich ist, bleibt unbe-
stimmt. Schätzungen gehen von mindestens 3000 Opfern aus. Offizielle Zahlen sind
der Öffentlichkeit nicht bekannt. Zudem bedürfen die gezielten Tötungen nach US-
amerikanischer Auffassung auch keiner legislativen oder judikativen Kontrolle. Die
USA gehen von einer Kriegssituation aus und verweisen auf das staatliche Recht auf
Selbstverteidigung.
2
Diese Auffassung ist völkerrechtlich umstritten. Neben völ-
kerrechtlichen Bedenken werden immer wieder ethisch-moralische Bedenken laut.
Zudem gibt es grundsätzliche Zweifel, wie sinnvoll die Strategie der gezielten Tö-
tungen durch Distanzwaffen ist. Für Hamid Dabashi meint diese Strategie, „smart
bombs are guided by very stupid strategists“, in deren Folge mehr, anstatt weniger
Gewalt entsteht.
3
Gezielte Tötungen sind weder in der politischen Geschichte noch in der poli-
tischen Ideengeschichte oder Theorie ein Novum. Neu sind die zum Einsatz kom-
menden Technologien. Neu ist auch die Tatsache, dass Staaten, die sich als liberale
Rechtsstaaten verstehen, die gezielte Tötung sowohl ihrer eigenen als auch fremder
Staatsbürger außerhalb ihres souveränen Territoriums als legitim auffassen. Neu ist
zudem die Einbettung des Problems der gezielten Tötung in einen Diskurs um den
*
Teile des hier vorgetragenen Arguments basieren auf meinen Aufsatz, Yesterday’s Tyrannicide, To-
day’s Terrorist? Historic Acts of ‘Terror’ in Islam and in the West in Light of the Contemporary
Debates on Terrorism, in: Kalaitzidis (Hrsg.), International Relations, Culture and Global Finance,
2011, S. 111-126.
1
Janisch, Zum Abschuss freigegeben. Bundesanwaltschaft setzt niedrige Hürden für gezielte Tötung,
Süddeutsche Zeitung vom 1. 8. 2013, S. 5.
2
Richter, Schneller Tod. Die amerikanische Regierung lehnt Kontrolle ihrer Drohnenangriffe durch
Gerichte ab, Süddeutsche Zeitung vom 6. 2. 2013, S. 7.
3
Dabashi, Islamic Liberation Theology. Resisting the Empire, 2008, S. 56.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 19
sogenannten „internationalen Terrorismus“, in dem die Strategie der gezielten Tö-
tung als ein legitimes Mittel im anti-Terrorkampf oder counter-terrorism gerecht-
fertigt wird. Aus einer historischen Perspektive ist die gezielte Tötung zuvörderst
in theoretischen Diskursen sowie in der politischen Praxis des Tyrannenmordes zu
verorten; in der überwiegenden Mehrheit der Fälle wird Tyrannenmord als legitim
betrachtet, weil tyrannische Herrschaft per se Unrecht und Illegitimität impliziert
und der Bürger oder Untertan keine Rechtsmittel hat, um sich gegen das Unrecht
zur Wehr zu setzen.
Auch wenn, wie Magnus Ranstorp hervorhebt, der weitaus größte Teil der Pu-
blikationen zum Terrorismus unter „the very absence [of] against-the-grain theo-
ries and rigorous intellectual debates and critiques among scholars“ leidet
4
und die
historische Perspektive vernachlässigt wird, fehlen historische Darstellungen nicht
gänzlich. Gleichwohl wird „Terrorismus“ meist als ein geschichtsloses Phänomen
behandelt, welches mit dem 11. September 2001 in die Welt gekommen ist. Nicht
erkenntnisfördernd ist zudem der politisch-polemische Gebrauch des Terminus Ter-
rorismus, denn
„[t]he term [terrorism] is both popular and its meaning is hotly contested amongst political
actors, giving rise to sensationalism and political name-calling which rarely serves the cause
of defining an intellectual concept.“
5
Damit ist Terrorismus zuvörderst ein politischer Begriff und nur bedingt ein ana-
lytischer. Dies spiegelt sich auch in der Rückwärtsprojizierung von Terrorismus wi-
der. In den wenigen Studien, die eine historische Perspektive einnehmen, sind zwei
historische Beispiele omnipräsent: die Theorie des Tyrannenmordes, die fast durch-
gängig mit Johannes von Salisburys Policraticus (1159) in Verbindung gebracht
wird, und die Nizari Ismailiten oder Nizariten unter Hasan-i Sabbah (1050-1124)
aus demausgehenden 11. Jahrhundert, die auch unter dempolemischen Namen „As-
sassine“ bekannt sind, weil ihnen die Praxis der vereinzelten Tötung von Kreuzfah-
rern sowie von Führungspersonendes Seldschukenreiches nachgesagt wird. Randall
Law sieht in den Nizariten „one of the most illuminating pre-modern examples of
terrorism“.
6
Für Gérard Chaliand und Arnaud Blin ist der Tyrannenmord eine der
frühsten Manifestationen einer terroristischen Technik.
7
Beides, der Tyrannenmord wie die den Nizariten zugeschriebene Technik, sind
gezielte Tötungen. Folgt man den hier skizierten Positionen, dann sind die geziel-
ten Tötungen durch US-Drohnen in Afghanistan und Pakistan Maßnahmen gegen
Terrorismus. Gleichzeitig wird der Tyrannenmörder, der im 11. oder 12. Jahrhun-
dert eine ähnliche Taktik anwendet, wenn auch mit dem technischen Mittel des
Dolches und nicht mit einer Hightech-Distanzwaffe, mit Terrorismus oder terro-
4
Ranstorp, Mapping Terrorism Studies After 9/11. An Academic Field of Old Problems and New
Prospectives, in: Jackson/Breen Smyth/Gunning (Hrsg.), Critical Terrorism Studies: A New Research
Agenda, 2009, S. 13 (15).
5
Neumann/Smith, The Strategy of Terrorism: How it Works, and Why it Fails, 2008, S. 94.
6
Law, Terrorism. A History, 2009, S. 39-40.
7
Chaliand/Blin, Introduction, in: dies. (Hrsg.), The History of Terrorism: From Antiquity to AL Qa-
eda, 2007, S. 1 (8)
Ausdruck vom 27.11.2013
20 Bettina Koch
ristischer Technik assoziiert. Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit es gerechtfer-
tigt ist, sowohl Johannes von Salisbury als auch die Nizariten als Terroristen oder
zumindest Protagonisten eines Terrorismus zu klassifizieren und welche Implika-
tionen dies für die US-amerikanische Politik der gezielten Tötung durch Drohnen
hat. Dass die Rückprojizierung des modernen Konzepts des Terrorismus in das 11.
und 12. Jahrhundert ein Anachronismus ist, braucht nicht eigens betont zu werden.
Auch wenn die Anwendung aktueller Konzepte auf Phänomene in einer Vergangen-
heit, der diese Konzepte unbekannt waren, zumindest aus historischer Perspektive
fragwürdig ist, so legitimiert sich dieser Ansatz dennoch epistemologisch. Zudem
eröffnet sich die Perspektive, die Theorien und historischen Konstellationen im 11.
und 12. Jahrhundert nach heutigen Maßstäben zu analysieren, auch wenn diese den
Menschen des Mittelalters unbekannt waren. Vor der Analyse muss die Begriffs-
klärung stehen. Welches Konzept liegt der Zuordnung Johannes’ von Salisbury und
der Nizari Ismaeliten zum Terrorismus zugrunde? Welcher Definition folgt die hier
vorgetragene Analyse?
II. Terrorismus, ein Chamäleon
Im Kontext des Tyrannenmordes sprechen Gérard Chaliand und Arnaud Blin
von einer „terroristischen Technik“. Gleichzeitig führen sie eine politische Defini-
tion ein, indem sie als terroristische Organisationen all jene Organisationen verste-
hen, die in gewaltsamer Opposition zum Staatsapparat stehen; ausgehend von der
Doktrin des staatlichen Gewaltmonopols sprechen sie dem Staat(sapparat) nicht nur
das Recht, sondern auch die Pflicht zu, sich selbst zu verteidigen.
8
Walter Laqueur,
der ebenfalls die Nizariten und Johannes von Salisbury dem vormodernen Terroris-
mus zuordnet, verfolgt eine ähnliche Praxis, ohne sich explizit zu einer Definition
zu bekennen; vielmehr negiert er den Nutzen von Terrorismusdefinition(en). Eine
Annäherung bietet sein Hinweis,
„[m]ost experts agree that terrorism is the use or threat of violence, a method of combat or a
strategy to achieve certain goals, that its aim is to induce a state of fear in the victim, that it is
ruthless and does not conform to humanitarian norms, and that publicity is an essential factor
in terrorist strategy.“
9
Sieht man einmal von dem Aspekt der Öffentlichkeit ab, bleibt diese Annä-
herung inhaltsleer, da anzunehmen ist, dass Gewaltanwendung (fast) immer Angst
im Opfer erzeugt und physische Gewalt höchstens zur Abwendung von Gewalt ge-
gen Unschuldige oder im Sinne einer Schadensabwägung humanitären Normen ent-
spricht. Auch wenn es Laqueurs Intension widerspricht, die definitorische Annä-
herung würde auch die Gewaltanwendung eines Polizisten, der auf offener Straße
einen Verdächtigen prügelt, abdecken. Die Abwesenheit einer klaren Terrorismus-
definition in den Arbeiten Laqueurs wurde von Tamar Meisels kritisiert, die anhand
zahlreicher Beispiele aus der jüngeren Terrorismusliteratur belegt, dass Laqueur
8
Ibid., S. 6, 10.
9
Laqueur, Reflections on Terrorism, Foreign Affairs 65 (1986), S. 86 (88).
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 21
kein Einzelfall ist.
10
Zudem ist zu beobachten, wie Terrorismus als politisches Eti-
kett, je nach politischer Opportunität, anders mit Inhalt gefüllt wird, um politische
Gewalt staatlicher Akteure zu legitimieren, die sich gegen echte oder vermeintliche
Terroristen richtet. Rémi Brulin hat dies eindrucksvoll am Beispiel des politischen
Gebrauchs des Wortes Terrorismus in den USA materialreich untersucht.
11
Sieht man sich die weiteren vormodernen Beispiele an, die Laqueur heranzieht,
dann ist zumindest ein Muster zu erkennen. Walter Laqueur stellt Johannes von
Salisbury in eine Reihe mit Aristoteles, Lukian von Samosata und Cicero.
12
Was
diesen Denkern gemein ist, ist die Kritik an der Tyrannis. Sucht man also nach ei-
nem gemeinsamen Merkmal, so kristallisiert sich heraus, dass Walter Laqueur jede
Legitimation von Gewaltakten sowie die Gewalt selbst, die sich gegen ein bestehen-
des Regime richtet, tendenziell als terroristisch einstuft. Diese staatszentristische
Sicht korrespondiert mit Chaliand und Blin und lehnt sich an die US-amerikanische
Auffassung an.
Eine Terrorismusdefinition, die sich allein darauf bezieht, dass nichtstaatliche
Akteure sich gegen einen Staat wenden, geht von der Absolutheit des staatlichen
Gewaltmonopols aus und ignoriert die im modernen Verfassungsrecht implizierte
Verrechtlichung des Gewaltmonopols, die wiederum die Verteidigungsmöglichkei-
ten gegen den Missbrauch des Gewaltmonopols im Regelfall ebenfalls verrechtlicht.
Das Recht, Gewalt gegen den Staat auszuüben, bleibt „für den Fall, dass die rechtli-
chen Verteidigungsmittel ausfallen, in Reserve“.
13
Dieses Recht wird im modernen
Verfassungsstaat nie ganz aufgegeben. In vormodernen Staaten oder in Staaten, de-
ren Herrschaftsstrukturen nicht am modernen Verfassungsstaat orientiert sind, exis-
tieren in der Regel keine rechtliche Mittel, mit denen gegen staatliche Gewalt vor-
gegangen werden kann. Hier bleibt nur ein moralisches Recht, welches sowohl von
Chaliand und Blin als auch von Laqueur grundsätzlich in Frage gestellt wird, weil
nach ihrer Auffassung jeder Gewaltakt gegen den Staat als „terroristisch“ anzusehen
ist. Die Legitimationsfrage wird nicht gestellt oder wird durch die Existenz des Staa-
tes als beantwortet angesehen. Dass ein Staat selbst terroristischer Akteur sein kann,
wird ausgeschlossen und folgt damit der gleichen Logik, wie sie u.a. der syrische
Machthaber Assad an den Tag legt, der alle syrischen Aufständischen als Terroristen
bezeichnet und ihnen damit, zumindest verbal, jede Legitimation entzieht.
14
10
Meisels, Defining Terrorism – A Typology, Crit Rev Int Soc Polit Philos 12 (2009), S 331-351.
11
Brulin, Le discours Américain sur le terrorisme: Constitution, évolution et contextes d’énonciation
(1972-1992), thèse en vue de l’obtention du doctorat de l’Université de la Sorbonne Nouvelle, Paris
3, 2011.
12
Laqueur (Hrsg.), Voices of Terror. Manifestos, Writings and Manuals of Al Qaeda, Hamas, and Other
Terrorists from Around the World and Throughout the Ages, 2004.
13
Grimm, Das staatliche Gewaltmonopol, in: Anders/Gilcher-Holtey (Hrsg.) Herausforderungen des
staatlichen Gewaltmonopols: Recht und politisch motivierte Gewalt am Ende des 20. Jahrhunderts,
2006, S. 18 (25 f.).
14
Syriens Machthaber Assad im F.A.Z.-Gespräch. „Europa wird den Preis für Waffenlieferungen
zahlen“ (http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/syriens-machthaber-assad-im-f-
a-z-gespraech-europa-wird-den-preis-fuer-waffenlieferungen-zahlen-12224899.html, abgerufen
am 17. 6. 2013).
Ausdruck vom 27.11.2013
22 Bettina Koch
Ein weiteres Problem ergibt sich aus den beiden definitorischen Hinweisen, die
Chaliand und Blin einführen und die nur auf den ersten Blick komplementär wirken:
Terrorismus ist einerseits eine Technik, anderseits ist er durch den Akteur (nicht-
staatlich) und die Richtung der Gewalt (gegen den Staat) definiert. Wird Terrorismus
durch eine bestimmte Technik definiert, so ist diese unabhängig vom Akteur; d.h.,
es ist unerheblich, ob die Technik von staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren
ausgeht.
In diesem Sinne argumentiert auch ein Teil der Forschung, der sich der Criti-
cal Terrorism Studies verschrieben hat. Während beispielsweise Ariel Merari die
Integration von Staaten als terroristische Akteure polemisch als Vernebelung des-
sen, was Terrorismus ist, bezeichnet und mit Propaganda gleichsetzt,
15
wird von
den Critical Terrorism Studies gerade die Auslassung des Staates kritisiert: „states
and non-state terrorism utilizes violence instrumentally in identical ways and of-
ten for similar reasons.“
16
Zudem hebt Ruth Blakeley hervor, dass Staatsterrorismus
zwar nicht im internationalen Recht als illegal kodifiziert ist, in ihm aber Handlun-
gen involviert sind, die Verletzungen des internationalen Rechts sind und dass durch
diese illegalen Aktivitäten andere terrorisiert werden.
17
Mehr noch als die Gewalt,
die sich gegen den Staat richtet, wendet sich Staatsterrorismus gegen die eigene
Bevölkerung, also gegen genau diejenigen, deren Schutz vornehmste Aufgabe des
Staates ist. Gegen den Staat gerichtete Gewalt ist in vielen Fällen eine Reaktion auf
staatliche Unterdrückung und Repressalien. Ein Problem, welches sich bei der Beur-
teilung ergibt, ob staatliches Handeln als Staatsterrorismus qualifiziert werden kann,
liegt in der Schwierigkeit, die Absichten hinter staatlicher Gewalt zu identifizieren,
da staatliche Gewalt, auch und gerade wenn sie sich gegen die eigene Bevölkerung
richtet, meist als „normale“ Polizei- und damit Ordnungshandlung tituliert wird.
18
Gleichwohl besteht dieses Problem nicht nur bei staatlichen Akteuren, sondern be-
zieht sich auf alles Handeln, welches sich terroristischer Taktik bedient.
Da eine akteursbezogene Definition von Terrorismus nicht befriedigen kann (sie
sagt nichts über Ziel und Motivation aus und bleibt sozioökonomischen und po-
litischen Kontexten gegenüber blind), ist ein Weg aus dem Dilemma, sich dem
Phänomen über den Ursprung des Wortes zu nähern. Dieser führt zur Schreckens-
herrschaft der Französischen Revolution. Die erste Definition findet sich im Dic-
tionnaire Française, genauer, im Supplementband von 1798. Hier wird Terrorismus
als systematische Anwendung von Terror oder unvorhersehbare Gewalt bestimmt,
die sich gegen Regierungen, Politiken oder Individuen richten kann, um politische
Ziele zu erreichen.
19
Nah an dieser Ursprungsdefinition bewegen sich Peter R. Neu-
mann und M.L.R. Smith, die sich auf das Mittel und das Ziel konzentrieren, wenn
15
Merari, Terrorism as a Strategy of Insurgency, in Chaliand/Blin (Hrsg.), The History of Terrorism,
S. 12 (13).
16
Jackson/Murphy/Poynting, Introduction: Terrorism, the State and the Study of Political Terror, in:
dies. (Hrsg.), Contemporary State Terrorism. Theory and Practice, 2010, S. 5 (1 ff.).
17
Blakeley, State Terrorism in the Social Sciences: Theories, Methods and Concepts, in: Jackson/ Mur-
phy/Poynting (Hrsg.), Contemporary State Terrorism, S. 12 (15).
18
Ibid., S. 18.
19
S. Goodin, What’s Wrong with Terrorism?, 2006, S. 46.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 23
sie schreiben, Terrorismus sei „the deliberate creation of a sense of fear, usually by
the use of symbolic acts of physical violence, to influence the political behaviour
of a given target group“. Sie ergänzen ihre Definition um den Aspekt der Unvor-
hersehbarkeit der Gewalt, der auch im Dictionnaire Française reflektiert ist, wenn
sie darauf verweisen, dass, um Angst erzeugen zu können, die Opfer der Gewalt-
anwendung unterschiedslos, also ohne Ansehen der Person sein müssen. Sind die
Opfer nur Politiker oder Militärs, wird sich in der breiten Bevölkerung kaum das
Gefühl einstellen, dass auch Zivilisten Opfer sein können. Solange die Vorstellung
„mir kann das nicht passieren“ bleibt, schlägt das mittelbare Ziel, Angst zu verbrei-
ten und damit Handlungen zu beeinflussen, fehl.
20
In diesem Sinne definiert auch
Richard Jackson Terrorismus „fundamentally as a strategy or tactic of political vio-
lence that can be, and frequently is, employed by both state and non-state actors.“
Jackson bezieht explizit zivile Opfer mit ein, denn „terrorism involves the delibe-
rate targeting of civilians in order to intimidate or terrorise for distinctly political
purposes“.
21
Ähnlich argumentiert auch Robert E. Goodin wenn er schreibt, „[t]errorism is
first and foremost, a tactic, adopted for socio-political ends;“ seine „intention [is] to
produce fear for socio-political purposes.“
22
Einer ähnlichen Logik wie Neumann
und Smith folgend hebt Goodin hervor, dass die Angst vor unvorhersehbaren Ge-
waltakten auch von der Gruppe genutzt werden kann, gegen die sie eigentlich ge-
richtet sind, indem, wie in dem US-amerikanischen „War on Terror“, unspezifisch
vor einer Terrorgefahr gewarnt wird, um für ein politisches Ziel (Wiederwahl, Zu-
stimmung für die Beschneidung demokratischer Rechte, Kriegseintritt) Angst in der
Bevölkerung zu schüren.
23
Auch wenn der letzte Punkt in vormodernen Kontexten zu vernachlässigen ist,
stützt sich die folgende Analyse zuvörderst auf die Definitionen von Neumann und
Smith sowie Goodin und Jackson. Da nicht auszuschließen ist, dass auch Staaten
oder ihre vormodernen Pendants terroristisch agieren, wird zunächst untersucht, ob
Johannes’ von Salisbury Theorie des Tyrannenmordes und die Strategie der Nizari-
ten als Terrorismus verstanden werden kann und im Weiteren analysiert, inwiefern
diejenigen, gegen die sich die Gewalt richtet, also im konkreten Fall der Tyrann und
das Seldschukenreich, als (Staats)Terroristen einzuordnen sind. Mit Richard Jack-
son sei erinnert, dass es sich bei jeder Zuordnung zum Terrorismus um eine Zuord-
nung zu einer sozialen Tatsache handelt. Terrorismus als solcher existiert nicht, nur
Klassifikationen unterschiedlicher Formen politischer Gewalt.
24
III. Tyrannenmord in Johannes’ von Salisbury Policraticus
Sucht man in Johannes’ Policraticus nach einer konkreten Anleitung zum Ty-
rannenmord, so wird man enttäuscht. Gleichwohl sind inzwischen, wie Cary Ne-
20
Neumann/ Smith (Fn. 5), S. 36.
21
Jackson, The Core Commitments of Critical Terrorism Studies, EPS 6 (2007), S. 244 (248).
22
Goodin (Fn. 19), S. 36 f. (Hervorhebung im Original).
23
Ibid., S. 78-83.
24
Jackson (Fn. 21), S. 247.
Ausdruck vom 27.11.2013
24 Bettina Koch
derman, der wohl beste Kenner Johannes’ von Salisbury, überzeugend darlegt, die
immer wieder erhobenen Zweifel, ob Johannes’ Werk überhaupt eine Theorie des
Tyrannenmordes enthält, ausgeräumt.
25
Die in sich relativ geschlossene Theorie prä-
sentiert sich dem Leser allerdings nicht in einem Kapitel. Sie verteilt sich über
mehrere Bücher und Kapitel, die sich zu einer Theorie zusammenfügen lassen.
26
Die Quintessenz seiner Theorie findet sich in einem der kürzesten Kapitel, in dem
er ausführt, dass es nicht gestattet sei, einem Freund zu schmeicheln, wohl aber
einem Tyrannen. Wem man schmeicheln dürfe, dürfe man auch töten. Dahinter
steht die Überlegung, dass man Freunden, was legitime Herrscher explizit mit ein-
schließt, immer die Wahrheit sagen muss und kann, weil man sie nicht mit Lügen
und Schmeicheleien korrumpieren soll. Johannes setzt die Möglichkeit, gerade vor
dem Herrscher frei sprechen zu können, mit Freiheit gleich. Berücksichtigt man zu-
dem, dass es keine institutionellen Kontrollmechanismen gibt, wie sie im modernen
Verfassungsstaat zur Verfügung stehen, ist die Rede eine der wenigen Optionen, oh-
ne physische Gewaltanwendung korrigierend auf den Herrscher einzuwirken. Diese
auch zu nutzen sieht Johannes als die Pflicht jedes aufrichtigen Menschen an.
27
Im Gegensatz zum legitimen Herrscher ist der Tyrann bereits völlig korrupt;
Schmeichelleien können im Zweifelsfall dazu dienen, das eigene Leben zu schützen
und noch größeren Schaden abzuwenden. In diesem Sinne impliziert die Unfähig-
keit, offen mit dem Herrscher sprechen zu können, Unfreiheit und Unterdrückung.
Wesentlicher als die einfache Formel ist Johannes’ Annahme, der Tyrann sei im
Grunde nichts anderes als ein Usurpator, der die von Gott verliehene Gewalt miss-
braucht, denn wer immer Gewalt von Gott bekommt, ist Diener der Gerechtigkeit
und des Rechts (iustitiae & iuris famulus est). Der Usurpator unterdrückt die Ge-
rechtigkeit und unterstellt das Gesetz seinem Willen. Gerechtigkeit ist für Johannes
das zentrale Konzept. Wenn der Tyrann das Recht entwaffnet, muss sich die Gerech-
tigkeit gegen den Tyrannen bewaffnen. Der Tyrann ist für Johannes ein Hochverrä-
ter. Tyrannei ist ein öffentliches Verbrechen, und wenn es etwas gäbe, was darüber
hinausginge, so wäre es auch dies. Für Johannes wird es zu einer Pflicht, gegen
den Tyrannen vorzugehen und ihn notfalls auch zu töten, denn wer nicht gegen den
öffentlichen Feind vorgeht, macht sich gegenüber dem gesamten weltlichen Ge-
meinwesen schuldig (Certe hostem publicum nemo ulciscitur, & quisquis eum non
persequitur, in seipsum, & in totum reipublicæ mundanæ delinquit).
28
Johannes’ Folgerung basiert auf der Unterscheidung zwischen einem Fürsten
(princepts) und einem Tyrannen (tyrannus). Der eine herrscht nach Recht und Ge-
25
Nederman, A Duty to Kill. John of Salisbury’s Theory of Tyrannicide, ROP 50 (1988), S. 365-389.
26
Eine vollständige Übersetzung des Policraticus liegt nicht vor. Für den vollständigen Texts sei auf
Johannes Saresberiensis, Keats-Rohan (Hrsg.), Ioannis Saresberiensis Policraticus, 2 Bde, 1993 und
frühe Drucke verwiesen. Die umfangreichte Übersetzung ist immer noch John of Salisbury, Neder-
man (Hrsg.) Policraticus. Of the Frivolities of Courtiers and the Footprints of Philosophers, 1990.
Die deutsche Auszugsübersetzung Johannes von Salisbury, Seit (Hrsg.), Policraticus. Eine Textaus-
wahl Lateinish/Deutsch, 2008 ist weniger umfangreich und deckt gerade die für Johannes’ Theorie
des Tyrannenmordes wesentlichen Kapitel nicht ab.
27
Nederman, Lineages of European Political Thought. Explorations Along the Medieval/Modern Divi-
de from John of Salisbury to Hegel, 2009, S. 67.
28
Policraticus (Fn. 26), III, 15.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 25
setz; der andere unterdrückt das Volk gewaltsam und stellt sich über das göttliche
Gesetz.
29
Der Tyrann regiert durch gewaltsame Unterdrückung, der Fürst bestraft
Rechtsübertretungen. Ihm ist nichts erlaubt, was den Prinzipien von Gerechtigkeit
und Billigkeit widerspricht; er ist für die Sicherheit seiner Untergeben verantwort-
lich. Johannes setzt der legitimen Gewalt Grenzen: Sie ist nicht absolut, sondern
untersteht dem, was Recht und Gesetz ist. Zudem impliziert er, dass die Gewalt
des Herrschers immer nur eine geliehene Gewalt ist, wenn auch nicht wie im Sinne
einer neuzeitlichen Souveränitätstheorie, vom Volk, so doch von Gott. Hüter einer
gerechtigkeitskonformen Herrschaftsausübung ist aber nicht Gott allein. Johannes
nimmt die Beherrschten in die Pflicht, die im Zweifelsfall Abhilfe gegen Unter-
drückung schaffen müssen.
30
Dabei stützt er sich auf unzählige historische wie bib-
lische Beispiele, die ihn zu dem Schluss kommen lassen, alle Nationen stimmten
darüber überein, dass Tyrannei dem Gemeinwesen abträglich und die Bestrafung
eines Tyrannen rechtmäßig sei. Das Töten eines Tyrannen entspricht sowohl dem
göttlichen als auch dem menschlichen (moralischen) Gesetz. Fast schon lakonisch
stellt Johannes fest, dass die Schlechtigkeit des Tyrannen immer von Gott bestraft
wird, mal nimmt er sein eigenes Schwert, mal bedient er sich eines menschlichen
Schwertes (Punitur autem malitia semper a domino, sed interdum suo, interdum
quasi hominis utitur telo, in pœnam impiorum).
31
Johannes belässt es nicht dabei, den Tyrannenmord zu legitimieren. Zusätzlich
zeichnet er das Bild eines völlig korrupten Regimes, in dem jeder, so er denn die
Möglichkeit dazu hat, sich nimmt, was er bekommen kann. Er beschreibt ein Re-
gime der Pleonexie auf allen staatlichen Ebenen. Die Höflinge sind von Gier zer-
fressen und tun nichts ohne Bestechung; die Moral ist zerrüttet und unterliegt dem
Verlangen nach immer mehr materiellen Gütern. Die Untertanen können nur Kom-
pensation für geschehenes Unrecht erlangen, indem sie Höflinge und Richter be-
stechen. Richter schikanieren die Menschen und plündern sie aus, anstatt ihnen zu
ihrem Recht zu verhelfen. Steuereintreiber wirtschaften in ihre eigene Tasche und
treten das Recht mit den Füßen, denn anders als der gemeine Dieb, der den Arm
des Gesetzes fürchten muss, wähnen korrupte Beamte das Recht auf ihrer Seite und
beugen es nach Belieben.
32
Das Problem korrupter Beamter, welches Johannes kritisiert, ist im 21. Jahr-
hundert so aktuell wie im 12. Jahrhundert. Johannes’ Vorschlag, wie die Korruption
zumindest zum Teil unterbunden werden kann, enthält einen fixen Gebührenkatalog
und das Verbot, Geschenke anzunehmen. Ausgenommen ist nur die Annahme von
Speisen und Getränken in geringem Umfang, damit der Richter, der über das Land
reist, versorgt werden kann.
33
Die bestehende Willkür und Korruption untergraben
neben der Gerechtigkeit im Allgemeinen zwei wesentliche Aspekte: Sicherheit und
Subsistenz. Johannes sieht es als elementare Aufgabe des Herrschers an, für die all-
29
Nederman und Campbell, Priests, Kings, and Tyrants: Spiritual and Temporal Power in John of Sa-
lisbury’s Policraticus, Speculum 66 (1991), S. 572 (582).
30
Policraticus (Fn. 26), IV, 1; VIII; 17.
31
Ibid., VIII, 18; VIII, 21 (Zitat).
32
Ibid., V, 7; V, 9-10; V, 17; VI, 1.
33
Ibid., V, 15.
Ausdruck vom 27.11.2013
26 Bettina Koch
gemeine Sicherheit zu sorgen und sie für jeden Einzelnen zu gewährleisten.
34
Das
Recht auf Sicherheit und Subsistenz wird fortwährend verletzt, wenn das Volk der
Willkür von Richtern und Steuereintreibern ausgesetzt ist. Johannes geht dabei da-
von aus, dass sich auf unterer Ebene fortsetzt, was vom Herrscher vorgeführt wird.
Dabei hat Johannes grundsätzlich nichts dagegen, wenn der Herrscher zu Reichtum
kommt. Es geht ihm aber um Habsucht, die das Volk ausbeutet und ruiniert.
35
Am
Ende zeichnet er ein Bild, in dem die Situation für die Untergebenen so ausweglos
erscheint, dass der Tod dem Leben vorzuziehen ist (sic vivere quam mori miserius
est).
36
Auch wenn das Recht auf Subsistenz, welches hier eindeutig verletzt ist, schon
relativ früh in der scholastischen Literatur formuliert ist,
37
so nimmt Johannes von
Salisbury hier in der Substanz Henry Shues Grundrechtediskurs vorweg. Wie Shue
in seinem Klassiker Basic Rights hervorhebt, „without security and subsistence one
is helpless, and consequently one may also be helpless to protect whatever can be
protected only on the risk of security and subsistence.“
38
Zudem regelt Johannes
die Verantwortung eindeutig: Wenn Privilegien und Ämter missbraucht werden und
der Herrscher nichts dagegen unternimmt, dann ist es, als würde er selbst das Un-
recht begehen. Zwar muss der Herrscher nicht vollkommen sein. Ihm werden, wie
jedem Menschen, Fehler zugestanden. Wenn er unabsichtlich unfähige und korrup-
te Beamte bestellt, dann muss er unverzüglich Abhilfe schaffen, sobald er Wissen
von dem Missstand erlangen kann. Er darf sich einmal gegen seine Untertanen ver-
sündigen. Spätestens nach einer Verfehlung eines Offiziellen, der in seinem Auftrag
handelt, muss er das Unrecht und die Inkompetenz abstellen.
39
Unterlässt er es, so
verstetigt sich diese und ruiniert im Zweifelsfall das gesamte Gemeinwesen; am En-
de bleibt dem Volk nur noch, sich selbst zu befreien und sei es durch die Absetzung
oder den Tod des Tyrannen.
Folgt man der Auffassungen von Laqueur sowie der von Chaliand und Blin,
würde sich die Analyse Johannes’ von Salisbury Policraticus darauf reduzieren, ob
Johannes von Salisbury den Tyrannenmord legitimiert, um den Terrorismusvorwurf
zu verifizieren, da für diese Autoren hinreichend ist, dass nichtstaatliche Akteure
Gewalt gegenüber dem bestehenden Regime verüben. Beim Tyrannenmord handelt
es sich per definitionem um einen Akt gegen den Staat, wenn auch in einer vor-
modernen Ausprägung. Somit wäre der Tatbestand des Terrorismusverfechters er-
füllt, da Johannes den Tyrannenmord zumindest moralisch legitimiert. Allerdings
muss einschränkend berücksichtigt werden, dass Johannes die Argumentationsli-
nie umkehrt. Es ist nicht der Tyrannenmörder, der sich des Hochverrats schuldig
macht, sondern der Tyrann, den Johannes mit einem Usurpator gleichsetzt. Zudem
34
Ibid., III, 1.
35
Ibid., IV, 5.
36
Ibid., V, 7.
37
Mäkinen, Rights and Duties in Late Scholastic Discussion on Extreme Necessity, in: Mäki-
nen/Korkman (Hrsg.), Transformations in Medieval and Early-modern Rights Discourse, 2006, S. 37
(41).
38
Shue, Basic Rights. Subsistence, Affluence, and U.S. Foreign Policy, 2. Aufl., 1996, S. 30.
39
Policraticus (Fn. 26), V, 11.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 27
impliziert der organologische Aufbau des politischen Körpers im Policraticus die
gegenseitige Abhängigkeit von Regierenden und Regierten. Daraus resultieren ge-
genseitige Pflichten,
40
die zwar noch keine volle Vertragstheorie ergeben, wohl aber
in diesem Sinne gedeutet werden können. Wie Tilman Struve hervorhebt, liegt Jo-
hannes’ Theorie eine kosmische Ordnung zugrunde. Gegen diese versündigt sich
der Tyrann. Selbst bei Jean Bodin, der nicht unbedingt mit subversiven Theorien
hervorgetreten ist, legitimiert sich der Tötungsakt, insbesondere wenn der Tyran-
nenmörder im göttlichen Auftrag oder als göttliches Werkzeug operiert.
41
Ignoriert man diese Einwände und legt Laqueurs definitorische Annäherung als
Maßstab an, so ist das Ergebnis nicht mehr so eindeutig, auch wenn mit ihr je-
de angsteinflößende Gewaltanwendung abgedeckt ist, die sich in der Öffentlichkeit
vollzieht. Eine explizite Forderung, der Tyrannenmord müsse in der Öffentlichkeit
stattfinden, findet sich im Policraticus nicht. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, so-
bald man sich dem Tyrannenmord bei Johannes aus der Perspektive der Critical
Terrorism Studies nähert. Die Kriterien, die zusammengenommen vorliegen müs-
sen, um von Terrorismus sprechen zu können, sind: (a) physische Gewaltanwen-
dung, (b) soziopolitische Ziele, (c) zivile Opfer, (d) Unvorhersehbarkeit der Gewalt-
anwendung und (e) das Schaffen des Gefühls der Angst oder Unsicherheit in der
Bevölkerung.
Von diesen Kriterien sind zumindest (a) und (b) erfüllt, allerdings (a) nur inso-
fern tatsächlich der Dolch zumEinsatz kommt oder der Tyrann durch andere explizi-
te Gewaltanwendung zu Tode kommt. Das soziopolitische Ziel (b) ist selbstredend,
denn das Ziel ist ein Regimewechsel von der Tyrannis hin zu einer gerechten Ord-
nung. Die Unvorhersehbarkeit (d) muss zu einem gewissen Maße erfüllt sein, damit
der Tyrannenmord erfolgreich sein kann. Zivile Opfer (c) sind explizit nicht vor-
gesehen. Genauso verhält es sich mit (e), denn es ist ja gerade das soziopolitische
Ziel, Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung aufzuheben und die Voraussetzun-
gen für ein neues Regime zu schaffen, welches die Bevölkerung vor willkürlichen
Gewaltakten schützt und sie nicht verübet. Aus kritischer Perspektive kann also der
Tyrannenmord nicht mit Terrorismus in Zusammenhang gebracht werden, weil das
Ziel das Ende von Terror ist und zivile Opfer nicht vorgesehen sind.
Wenn der Tyrannenmörder nicht als Terrorist gelten darf, wie sieht es da mit
dem Tyrannen selbst aus? Erfüllt er den moralischen Tatbestand des Staatsterroris-
mus oder entzieht sich das Gewaltregime dieser Zuordnung? Folgt man der Logik
von Laqueur, Chaliand und Blin, dann kann der Tyrann als staatlicher Akteur kein
Terrorist sein oder sich der Anwendung terroristischer Techniken schuldig machen.
Diese Logik ist durch internationales Recht abgedeckt, weil der juristische Tatbe-
stand des Staatsterrorismus nicht existiert. Bedenkt man, wer Autor internationa-
lem Rechts ist, ist die Abwesenheit der juristischen Tatsache des Staatsterrorismus
naheliegend, denn es liegt nicht im Interesse des Staates, diesen juristischen Tatbe-
stand zu schaffen oder anzuerkennen. Die Nichtexistenz der juristischen Tatsache
40
Ibid., VI, 20; VI, 29. Struve, Die Entwicklung der organologischen Staatsauffassung im Mittelalter,
1978, S. 129.
41
Bodin, Mayer-Tasch (Hrsg.), Sechs Bücher über den Staat, 2 Bde.,1981, II, 5.
Ausdruck vom 27.11.2013
28 Bettina Koch
schließt allerdings nicht die Existenz des Staatsterrorismus als soziale Tatsache aus.
Folgt man zudem Johannes von Salisbury, dann ist der Tyrann kein Exponent (le-
gitimer) staatlicher Gewalt, sondern jemand, der Gewalt widerrechtlich und wider
die göttliche wie menschliche Gerechtigkeit gegen Gott und gegen die Menschen
ausübt.
Bevor die gleichen Kriterien an den tyrannischen Herrscher angelegt werden,
sei darauf hingewiesen, dass Johannes im Policraticus das Wort terror lediglich in
einem Kapitel verwendet, welches nicht im Zusammenhang mit seiner Tyrannis-
lehre oder -analyse steht; das schwächere timor kommt nur im Kontext mit Gott
oder dem gerechten Fürsten vor.
42
Die Abwesenheit einer auf Terror verweisenden
Sprache meint allerdings nicht notwendig die Abwesenheit von Terror. Terror und
Terrorismus sind für Johannes keine analytischen Begriffe, zumal sie ihm so, wie
sie im heutigen Sprachgebrauch vorzufinden sind, unbekannt waren. Gleichwohl
schließt terminologische Abwesenheit nicht sachliche Anwesenheit aus.
Die Analyse des Policraticus hinsichtlich der Existenz einer Staatsterrorismus
wird dadurch erschwert, dass Johannes’ Traktat keine Rechtfertigung aus der Per-
spektive des Regimes bietet und somit die Motive weitgehend verborgen bleiben.
Zudem weist der Policraticus keine expliziten Hinweise auf (a) physische Gewalt-
anwendung auf, auch wenn man davon ausgehen kann, dass ein korrupter Steuer-
eintreiber zu willkürlicher Gewalt greift. Zudem beklagt Johannes die Abwesenheit
physischer Sicherheit. Die Unsicherheit geht vom Herrscher selbst und seinen Be-
diensteten aus. Darum ist es plausibel, dass (a) erfüllt ist. Ähnlich problematisch ist
(b), klare soziopolitische Ziele zu benennen. Zwar kann grundsätzlich die Aufrecht-
erhaltung der bestehenden „Ordnung“ als Ziel angenommen werden, das unmittel-
bare Ziel ist aber eher in ökonomischer Bereicherung und persönlicher Vorteilnahme
zu sehen. Während (c), (d) und (e) als erfüllt gelten dürfen, deutet im Policraticus
nichts darauf hin, dass bewusst eine Taktik oder Technik angewandt wird. Wenn
man hier also von Staatsterrorismus im modernen Sinne sprechen möchte, dann ist
dies ein Terrorismus, der nicht bewusst von oben gelenkt wird. Vielmehr wird das
Volk durch Rechtlosigkeit und Korruption tyrannisiert, die sich über die Jahre ver-
stetigt haben. Auch wenn das Ergebnis aus der Sicht der betroffenen Bevölkerung
sich nicht von der bewussten Anwendung terroristischer Taktik unterscheidet, so
scheint es im Kontext des Policraticus angemessener, von einer gesetzlosen Gewalt-
herrschaft zu sprechen, die Züge eines Staatsterrorismus aufweist, diesen aber nicht
manifestiert.
IV. Die Nizariten unter Hasan-i Sabbah und das Seldschukenreich
Hat man es mit Johannes’ von Salisbury Policraticus mit einem geschlossen
Textkorpus zu tun, so kann man bei den Nizariten unter Hasan-i Sabbah nicht auf
Texte zurückgreifen, die von den Nizariten aus dieser Zeit selbst stammen. Nizari-
tische Textzeugnisse wurden bei der Eroberung durch die Mongolen vernichtet. Da
42
Policraticus (Fn. 26), VII, 10 (terror und tremor), V, 9 (timor).
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 29
die Nizariten das Mittelalter hindurch diejenige Gruppierung war, die in der musli-
mischen Welt am meisten der Verfolgung ausgesetzt war und vielerorts Massakern
zum Opfer fiel,
43
stammen die meisten historischen Quellen, die Auskunft über die
Nizariten geben, von ihren Gegnern. Objektiv sind diese Quellen mitnichten. In
diesen Quellen werden sie mit der Taktik der gezielten Tötung in Zusammenhang
gebracht und sogar als Erfinder dieser Taktik dargestellt, auch wenn sie kaum die
ersten gewesen sein dürften, die gezielte Tötungen als Mittel einsetzen, um politi-
sche Ziele durchzusetzen.
44
Und sie waren auch nicht die letzten. Selbst wenn man
von gezielten Tötungen durch Drohnen abzieht, sind andere Formen der politisch
motivierten gezielten Tötung in der jüngeren Vergangenheit keine Seltenheit. Ei-
nes der prominenteren Beispiele aus den letzten Jahren ist die Tötung Mahmoud
al-Mabhouds, eines hochrangigen Vertreters von Hamas, in einem Hotel im Januar
2010 in Dubai.
Da die Nizariten in dem Ruf standen, gezielte Tötungen als Taktik anzuwenden,
wurden ihnen fast alle Tötungen, die der ihnen zugeschriebenen Taktik entsprachen
und in ihrer aktiven Phase stattfanden, die mit der Etablierung und demAusbau ihres
Machtzentrums in der Festung Alamut einhergeht, zugeschrieben. Dabei wird Niz-
am al-Mulk, der Großwesir des Seldschukenreiches, meist als ihr erstes und promi-
nentestes Opfer angesehen.
45
In jüngerer Zeit ist die Annahme, die Nizariten seien
für die Tötung Nizam al-Mulks verantwortlich, kritisch hinterfragt worden. Neguain
Yavari belegt beispielsweise, dass der Sultan Malik-Schah zumindest um das bevor-
stehende Attentat auf seinen Großwesir wusste; Omid Safi sieht den Hintergrund
des Attentats in den zunehmenden Spannungen zwischen dem Sultan und seinem
Großwesir über die Rolle und Machtbefugnis des Kalifen. Tilman Nagel führt die
Dissonanzen zwischen Malik-Schah und Nizam al-Mulk auf den zunehmenden Ein-
fluss der Nizari Ismailiten auf den Schah zurück.
46
Es spricht für sich, dass über
Jahrhunderte nicht angezweifelt wurde, die Nizariten seien für den Tod Nizam al-
Mulks verantwortlich. Auch wenn die Zweifel an ihrer Schuld inzwischen überwie-
gen, so hätten sie hinreichend Grund gehabt, sich Nizam al-Mulks zu entledigen.
Als real oberster Repräsentant des Seldschukenreiches, der Sultan war dies nur dem
Namen nach, kann Nizam al-Mulk ohne Zweifel als größter Feind der Nizariten gel-
ten, der, um es mit Farhad Daftary auszudrücken, „natured a deep hattred for the
Isma’ilis.“
47
Warum sollten die Nizariten Nizam al-Mulk töten wollen und warum
nährt Nizam al-Mulk die Feindschaft gegenüber den Nizariten? In anderen Worten,
43
Daftary, The Assassin Legends: Myths of the Isma’ilis, 1995, S. 6.
44
Ibid., S. 34.
45
Cook, Martyrdom in Islam, 2007, S. 168. Bartlett, The Assassins. The Story of Medieval Islam’s
Secret Sect, 2001, S. 39.
46
Yavari, Mirrors for Princes or a Hall of Mirrors? Nizam al Mulk’s Siyar al-muluk Reconsidered,
Al-Masâq 20 (2008), S. 47 (55). Safi, The Politics of Knowledge in Premodern Islam. Negotiating
Ideology and Religious Inquiry, 2006, S. 74-77. Nagel, Staat und Glaubensgemeinschaft im Islam.
Geschichte der politischen Ordnungsvorstellungen der Muslime, Bd 2: Vom Spätmittelalter bis zur
Neuzeit, 1981, S. 91.
47
Daftary, ?asan-i ?abbâ? and the Origins of the Nizârî Isma’ili Movement, in: ders. (Hrsg.), Medieval
Isma’ili History and Thought, 1996, S. 181 (187).
Ausdruck vom 27.11.2013
30 Bettina Koch
in welchen historischen Kontext steht der Vorwurf, die Nizariten unter Hasan-i Sab-
bah seien „one of the most illuminating pre-modern examples of terrorism“?
Die Nizariten waren überwiegend in schiitisch dominierten Regionen ansässig,
besonders in den Territorien des heutigen Irans und Syriens. Seit der EroberungBag-
dads 1055 durch die sunnitischen Seldschuken herrschten diese über ein Territori-
um, welches sich über den heutigen Iran, die Türkei, den Irak und Syrien erstreckte.
Auch wenn es naheliegend ist, den Hauptgrund des Konfliktpotentials zwischen den
Seldschuken und den Nizariten in konfessionellen Gegensätzen zu suchen, so greift
dies zu kurz. Richard W. Bulliet hat dies eindrucksvoll mit einer Untersuchung zu
lokalen Machtstrukturen belegt.
48
Gleichwohl wird der konfessionelle Gegensatz
als Propagandamittel heute wie damals eingesetzt. Dieser überlagert allerdings in
den meisten Fällen die grundlegenderen Probleme. Fest steht, dass in dem Territo-
rium, welches in etwa dem heutigen Iran entspricht, die seldschukischen Eroberer
bei der Persisch sprechenden Bevölkerung unbeliebt waren. Das ist bei Eroberern
meistens so. Im spezifischen Fall sind insbesondere sozioökonomische und „na-
tionalkulturelle“ Faktoren relevant, die religiös aufgeladen werden. Die Eroberer
werden als kulturlose Barbaren wahrgenommen. Zudem belasten sie die Bevölke-
rung mit hohen Steuern und durch die repressiven fremden und undisziplinierten
Herrscher.
49
Zusätzlich zu der Fremdherrschaft kommen hier also Faktoren, die be-
reits von Johannes von Salisbury bekannt sind: die Unterdrückung der Bevölkerung
durch drückende Lasten und Willkür.
In diesem Szenario formieren sich die Nizariten als Widerstandsbewegung. Ab-
hängig von der jeweiligen Sichtweise werden sie entweder als schismatische Be-
wegung oder als revolutionäre Bewegung mit „nationalen“ Idealen dargestellt, die
bestrebt waren, eine Gemeinschaft zu errichten, die auf egalitären Prinzipien auf-
baut. Letzteres wird unter anderem dadurch unterstrichen, dass sie sich gegenseitig
mit rafîq (Kamerad) angeredeten. Ihr bevorzugter Gebrauch des Persischen auch für
religiöse Belange hebt die nationalkulturelle Komponente hervor. Ihre kommunalen
Projekte und ihre egalitären Prinzipien sorgten zudem dafür, dass die Bewegung bei
der schiitischen Bevölkerungsmehrheit populär war. Gleichwohl sind sie auch eine
religiöse Bewegung, die für die strenge Auslegung religiöser Gesetze bekannt war.
50
Ähnlich wie bei Hamas oder der Muslimbruderschaft heute, kam bei den Nizariten
zu den sozialen Aktivitäten ein militanter Flügel, der sich dem aktiven Kampf gegen
die seldschukischen Eroberer verschrieben hatte.
In ihrem Kampf gegen die Seldschuken kam ihnen entgegen, dass das Seld-
schukenreich nicht über eine geeinigte Militärmacht verfügte. Das Reich was in
zahlreiche kleinere Herrschaftsgebiete unter der Führung von Emiren aufgeteilt, die
jeweils über eigene Truppen verfügten. Folglich versuchten die Nizariten, ein Emi-
rat nach dem anderen zur erobern. Dabei bedienten sie sich der Konversion, der
Infiltration und der gezielten Tötung. Für die gezielten Tötungen bedienten sich die
48
Bulliett, Local Politics in Eastern Iran under the Ghaznavids and Seljuks, Iranian Studies 11 (1978),
S. 35-56, bes. S. 41.
49
Bartlett (Fn. 45), S. 46.
50
Daftary (Fn. 47), S. 181, 189.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 31
Nizariten der sogenannten fidâwîs (Freiwilliger, Opferer). Über die fidâwîs ist nur
bekannt, dass es sich um junge Männer handelte, die sich in gezielten Tötungsaktio-
nen selbst opferten. Im Gegenzug zu gezielten Tötungsaktionen der Nizariten rea-
gierte das Seldschukenreich mit Massakern, die wiederummit Selbstmordattentaten
beantwortete wurden.
51
Die Nizariten befürworteten gezielte Tötungen aus humanitären Gründen, um
unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Die Attentate wurden so öffentlich wie mög-
lich ausgeführt, da es auch Absicht war, tatsächliche wie potentielle Feinde einzu-
schüchtern. Als Ziele kamen zuvörderst Politiker und hochrangige Mitglieder des
Militärs in Frage. Vereinzelnd waren auch Zivilisten, die als Gefahr für das Über-
leben der Bewegung und der Gemeinschaft der Nizariten angesehen wurden, das
Ziel. Obwohl die Nizariten unter der schiitischen Bevölkerungsmehrheit starke Un-
terstützung genossen, war ihnen die sunnitische Minderheit weitgehend negativ ge-
sonnen. Die Tötung eines sunnitischen Qadis führte beispielsweise in einer Stadt zu
einem Aufruhr unter den Sunniten, die daraufhin versuchten, jeden umzubringen,
von dem angenommen wurde, dass er entweder Ismailit oder Unterstützer der Niza-
riten was. Die Reaktion der sunnitischen Bevölkerungsteile stand im Einklang mit
der seldschukischen Politik gegenüber den Nizariten, möglichst alle Ismailiten zu
töten.
52
Gleichwohl kann die Strategie der Nizariten als weitgehend erfolgreich ein-
gestuft werden. Ihnen gelang es im heutigen Grenzgebiet zwischen Iran und Syrien
einen nizaritischen „Staat“ zu gründen. Dieser „Staat“ im „Staat“ bestand von 1090
bis zur Eroberung durch die Mongolen 1256. Letztere markiert auch das Ende des
Seldschukenreiches.
53
Fragt man nun, ob der Terrorismusvorwurf gegenüber den Nizariten gerecht-
fertigt ist, so ist es in diesem Fall sinnvoll, auch das heute geltende internationale
Recht mit einzubeziehen, da im Zusatzprotokoll I (Art. 1, Abs. 4) zu den Genfer
Konventionen u.a. vorgesehen ist, Befreiungskriege zu legitimieren. Darunter fallen
„bewaffnete Konflikte, in denen [ein Volk] gegen Kolonialherrschaft und fremde Be-
satzung sowie gegen rassistische Regimes in Ausübung ihres Rechts auf Selbstbe-
stimmung kämpfen“.
54
Sieht man einmal davon ab, dass das Zusatzprotokoll gerade
wegen dieser Regelung von den USA nicht ratifiziert wurde, so würde sich unter
Anwendung des Zusatzprotokolls die Frage erübrigen, ob nach Chaliand und Blin
sowie nach Laqueur die Nizariten als Terroristen gelten, denn alles deutet darauf
hin, dass sie sich in einen gewaltsamen Konflikt mit einer fremden Besatzung be-
fanden und sich auf ihr Recht auf Selbstbestimmung berufen konnten. Das schließt
gleichwohl nicht aus, dass sie sich in ihrem Befreiungskampf terroristischer Takti-
ken und Techniken bedienten.
Kehrt man zu der weiter oben eingeführten Liste mit Kriterien zurück, die er-
füllt sein müssen, um eindeutig von Terrorismus sprechen zu können, so steht man
vor dem Problem der unklaren Faktenlage. Ebenso wie beim Tyrannenmord dürfen
51
Ibid., S. 192 f.
52
Daftary, The Ismâ’îlîs. Their History and Doctrines, 1990, S. 353 f.
53
Ibid., S. 324.
54
Zit. n. Höfer, Gezielte Tötungen. Terrorismusbekämpfung und die neuen Feinde der Menschheit,
2013, S. 224.
Ausdruck vom 27.11.2013
32 Bettina Koch
selbstredend (a) physische Gewaltanwendung, (b) soziopolitische Ziele und (d) Un-
vorhersehbarkeit der Gewaltanwendung als erfüllt gelten. Bei (c), den zivilen Op-
fern, wird es bereits schwierig, zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. Zwar
spricht Farhad Daftary, der wohl beste Kenner der Ismailiten, von vereinzelten zi-
vilen Opfern, doch deutet das Beispiel des getöteten Qadi darauf hin, dass es sich
dabei eher um (zivile) Vertreter des Regimes handelt. Auch bleibt unklar, wie vie-
le und welche der Opfer tatsächlich auf das Konto der Nizariten gehen. Obwohl
die Einschüchterung des Gegners zu den expliziten Zielen der Nizariten gehörte, so
kann davon ausgegangen werden, dass die Attentatsziele nicht willkürlich ausge-
wählt wurden. Belege dafür, dass ordinäre Sunniten ohne offizielle Funktion Ziele
der Tötungen waren, existieren nicht. Ein Mangel an Belegen ist aber, insbesonde-
re bei quellenarmen Sachverhalten, kein Beweis. Zudem fehlen Belege, dass (e),
das Schaffen des Gefühls der Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung erfüllt
ist. Das oben angeführte Beispiel des getöteten Qadis und insbesondere die Reakti-
on der sunnitischen Bevölkerungsteile deuten auf das Gegenteil hin. Die schiitische
Bevölkerungsmehrheit, die die Aktionen der Nizariten befürworteten, war nicht Ziel
gezielter Tötungen. Bei den tatsächlichen Attentaten kann davon ausgegangen wer-
den, dass weitere Opfer außer dem Attentäter selbst ausgeschlossen waren, denn
der Tot des fidâwî war explizit einkalkuliert. Das heißt, der fidâwî konnte nicht in
die Verlegenheit kommen, seinen Opferkreis auszudehnen, um sein eigenes Leben
zu retten. Nimmt man alle Aspekte zusammen, so muss zumindest fraglich bleiben,
ob die Nizariten tatsächlich als eine Gruppe anzusehen sind, die sich terroristischer
Taktiken bedienten, da nicht alle der aufgestellten Kriterien als voll erfüllt gelten
dürfen. Die Kriterien, die ohne Frage erfüllt sind, manifestieren politische Gewalt,
die nicht immer terroristisch sein muss, auch wenn sie von nichtstaatlichen Akteu-
ren ausgeht.
Hier schließt sich die Frage an, wie die Gewaltanwendungen von Seiten des
Seldschukenreiches zu bewerten sind. Dass gezielte Tötungen durch fidâwîs mitun-
ter mit Massakern beantwortet wurden, geht aus den obigen Ausführungen bereits
hervor. Da offenbar ist, dass die Nizariten für mehr gezielte Tötungen verantwort-
lich gemacht wurden, als sie tatsächlich verübt haben, ist auch nicht ausgeschlos-
sen, das Schuldzuweisungen benutzt wurden, umweitere Massaker zu rechtfertigen.
Nicht nur in dieser Hinsicht ist die historische Faktenlage alles andere als eindeutig.
Zunächst kann, insbesondere nach Nizam al-Mulks Tod, nicht von einer konzertier-
ten Aktion des Seldschukenreiches gegen die Nizariten ausgegangen werden. Das
Reich war mit sich selbst beschäftigt. Kurz nach Nizam al-Mulk stirb Malik-Schah
auf ungeklärte Weise (Fremdeinwirkung ist explizit nicht ausgeschlossen), gefolgt
vom mysteriösen Tod seiner Frau und seines Enkels. Neben internen Streitigkei-
ten und Machtkämpfen werden vor allen die erstarkenden Fatimiden als Bedrohung
wahrgenommen. Die Fatimiden, eine schiitische Dynastie mit engen Verbindungen
zu den Ismailiten, herrschen zunächst in Nordafrika und später bis 1171 in Ägyp-
ten (das schiitische Kalifat von Kairo). Der Nachfolger Malik Schahs, Sultan Mu-
hammad, hat sich nie persönlich an Militäroffensiven gegen die Nizariten betei-
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 33
ligt, sondern diese einem Sohn Nizam al-Mulks überlassen.
55
Ein weiteres Problem
ist das Schweigen der Quellen, die reich an anti-ismailitischen Ressentiments sind,
über die Motivationen, die hinter einzelnen Militäroffensiven stehen. Als alternative
Quelle bietet sich hier Nizam al-Mulks Siyar al-Mulûk an.
56
Da dieser Fürstenspie-
gel, der Züge eines administrativen Handbuchs trägt und als solcher noch bis zum
Ende des Osmanischen Reiches in Gebrauch war, zu Beginn der Bedrohung durch
die Nizariten geschrieben wurde, fokussiert der Text zuvörderst auf die Taktik der
Infiltration und Konversion, nicht aber auf die Taktik der gezielten Tötungen. Letz-
teres erklärt sich schon dadurch, dass Nizam al-Mulk lange nicht nur als das pro-
minenteste Opfer, sondern auch als das erste Opfer der Nizariten angesehen wurde.
Für unseren Thema ist der Text relevant, weil er, wie Farhad Daftary ausführt, „an
official anti-Isma’ili attitude“ widerspiegelt.
57
Anders als die Nizariten, die nicht nur eine religiöse Gruppierung mit entspre-
chender religiöser Agenda sind, sondern eben auch eine sozioökonomische und
politische Bewegung, die Zuspruch gerade auch wegen ihrer sozioökonomischen
Aktivitäten bekommen haben, fokussiert Nizam al-Mulk im Siyar al-Mulûk auf die
vermeintliche Irreligiosität der Nizariten und versucht, sie als Feinde des Islams zu
diskreditieren. Diesem Ziel verpflichtet schafft Nizam al-Mulk eine Genealogie des
Irrglaubens, die er auf den vorislamischen Religionsgründer Mazdak zurückführt.
Die heutigen Ismailiten sind für ihn nichts anderes als neue Manifestationen des
gleichen Irrglaubens. Wie Julie Scott Meisami ausführt, ist seine Darstellung „lar-
gely inaccurate“ und „highly fancyful“.
58
Die relevanten Passagen befinden sich im
zweiten Teil des Siyar al-Mulûk, der kurz vor seinem Tod vollendet wurde. Der ers-
te Teil, der zwischen 1086 und 1090/1 verfasst wurde, entspricht dem Inhalt nach
eher demklassischen Fürstenspiegel.
59
Gleich zu Beginn des zweiten Teils des Siyar
al-Mulûk wird klar, dass Nizam al-Mulk Rechtgläubigkeit als primären Legitimati-
onsgrund für das Seldschukenreich etablieren will. Für ihn ist erwiesen, dass Gott
die Türken [Seldschuken] favorisiert, weil sie orthodoxe Muslime sind, die keine
Eitelkeiten und Häresien dulden.
60
Demgegenüber sind seine Gegner irreligiös und
pervertiert, sie verstecken sich, um im Verborgenen Verschwörungen vorzubereiten
und das Reich und die Religion zu zerstören. Er bezeichnet sie als „Hunde“, die
gegen das Reich revoltieren und die Sache der Schiiten unterstützen.
61
55
Hillenbrand, The Power Struggle Between the Seljuqs and the Isma’ilis of Alamût, 487-518/1094-
1124. The Seljuq Perspective, in: Daftary (Hrsg.), Medieval Isma’ili History and Thought, 1996,
S. 205 (208, 217).
56
Da die deutsche Übersetzung Nizâmulmulk, Schabinger von Schowingen (Hrsg.), Das Buch der
Staatskunst Siyâsatnâma. Gedanken und Geschichten, 1987, fragwürdig ist, wird im Folgenden Niz-
am al-Mulk, Drake (Hrsg.), The Book of Government or Rules for Kings. The Siyâsat-nâma or Siyar
al-Mulûk of Ni?âm al-Mulk, 1960, herangezogen. Es sei darauf hingewiesen, dass auch die Kapitel-
zählung, nach der die Zitation erfolgt, nicht immer übereinstimmt.
57
Daftary, The Assassin Legends. Myths of the Isma’ilis, 1995, S. 24.
58
Meisami, Persian Historiography to the End of the Twelfth Century, 1999, S. 160f.
59
Simidchieva, Kingship and Legitimacy in Mizam al-Mulk’s Siyasatnamam Fifth/Eleventh Century,
in: Gruendler und Marlow (Hrsg.), Writers and Rulers. Perspectives on their Relationship from Ab-
basid to Safavid Times, 2004, S. 97 (99).
60
Siyar al-Mulûk (Fn. 56), XL1, 4.
61
Ibid., XLIII, 2.
Ausdruck vom 27.11.2013
34 Bettina Koch
Nizam al-Mulks „Rat“ kommt in den Kapiteln, in denen er sich mit den Gegnern
auseinandersetzt, nicht als klare Handlungsanweisung daher. Vielmehr bedienter er
sich historisch-fiktiver Geschichten. Die konstruierten Beispiele der Vorderen sol-
len beispielhaft für das Handeln in der Gegenwart wirken und sind zur Nachahmung
empfohlen. Die Botschaft, die in verschiedenen Geschichten wiederholt wird, ist die
Legitimation eines gewaltsamen Vorgehens gegen die Glaubens- und Reichsfein-
de. Sie müssen, ebenso wie ihre Unterstützer, getötet werden; ihre Häuser müssen
geplündert, ihre Frauen und Kinder in Gefangenschaft genommen werden.
62
Am
Schicksal der männlichen Rebellen ändert sich in allen Beispielen nichts: sie müs-
sen durchgängig getötet werden. Frauen und Kinder werden entweder, wie erwähnt,
in Gefangenschaft genommen oder sie werden als Sklaven verkauft.
63
Möchte man Nizam al-Mulks Legitimation der unbedingten Tötung aller
religiös-politischen Gegner historisch bewerten, so ist die rechtliche Grundlage in
der klassischen Dschihadtheorie zu suchen. Da er die Ismailiten, Nizariten und all-
gemein alle Schiiten grundsätzlich als Glaubensabtrünnige darstellt, ist die Tötung,
zumindest aus seiner Sicht, durch das islamische Recht gedeckt. Allerdings hat er
selbst dazu beigetragen, die Rechtsgrundlage zu etablieren, indem er al-Ghazali,
dem wohl bekanntesten Gelehrten seiner Zeit, der für die unbedingte Todesstrafe
für (ismailitische) Apostaten eintritt, eine Anstellung an einer von ihm gegründeten
madrasa verschafft.
64
Zudem wird in jüngerer Zeit immer wieder betont, dass die
Todesstrafe für Glaubensabtrünnige eine politisch motivierte Erfindung des Mittel-
alters sei, um sich politischer Gegner entledigen zu können, die aber keine Grund-
lage im Islam hat.
65
Betrachtet man Nizam al-Mulks Lehre von der unbedingten
Tötung im Kontext des klassischen Dschihads, so ist anzumerken, dass dieser von
Beginn an ein legitimes Mittel der politischen Expansion war; ebenso würde er ge-
gen rivalisierende Gruppierungen geführt. Gleichwohl untersteht der Dschihad einer
relativ klaren Regelung. Nicht aktiv am Kampf beteiligte müssen, ebenso wie ihr Ei-
gentum, verschont bleiben; Frauen, Kindern, Alten und Invaliden darf kein Schaden
zugefügt werden.
66
Nimmt man die klassische Dschihadlehre als legal-moralischen Standard der
Zeit an, so sind die tatsächlichen Aktionen gegen die Ismailiten, die auf ihre Ausrot-
tung zielen, ebenso wie die von Nizam al-Mulk angeführten „historischen“ Beispie-
le, die nachahmenswert sind, zumindest als Kriegsverbrechen einzustufen. Gleich-
zeitig ist zu bedenken, dass Dschihad immer, außer im konkreten und spontanen
Verteidigungsfall, zeitlich begrenzt war. Obwohl das Seldschukenreich für sich ei-
ne permanenten Verteidigungsfall (ähnlich dem War of Terror) in Anspruch nimmt
und die Nizariten als externen Gegner bewertet, handelt es sich eher um ein mit ei-
nem Bürgerkrieg vergleichbares Szenario. Im letzteren Fall wäre die Gewaltanwen-
dung zunächst einmal eine „Polizeiaktion“ gegen Aufständische. Folgt man hinge-
gen al-Mawardi, dann behalten Aufständische ihr Eigentum. Ebenso dürfen Frauen
62
Ibid., XLV, 2; XLV, 21; XLV, 30.
63
Ibid., XLVII, 2.
64
Griffel, Al-Ghazali’s Philosophical Theology, 2009, S. 34, 102f.
65
Charfi, Islam and Liberty. The Historical Misunderstanding, 2005, S. 50.
66
Esposito, The Future of Islam, 2010, S. 48f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 35
und Kinder nicht versklavt werden. Der Tötungsakt ist nur gegenüber Apostaten
erlaubt.
67
Manifestiert sich in diesen Gewaltanwendungen und Rechtsverletzungen oder
zumindest „Rechtsbeugungen“ Staatsterrorismus? Zunächst ist anzumerken, dass
die Gewaltanwendung gegen die Nizariten und ihre Unterstützung asymmetrische
Vergeltung ist. Auf einzelne Attentate wird mit demVersuch geantwortet, ganze Ge-
meinschaften zu vernichten. Die physische Gewaltanwendung, um soziopolitische
Ziele (Regimeerhalt) durchzusetzen, nimmt also nicht nur billigend zivile Opfer in
Kauf, sie zielt explizit auf sie ab. Dabei ist davon auszugehen, dass in der poten-
tiell betroffenen Bevölkerung ein Gefühl der Angst und Unsicherheit entsteht, da
ungewiss ist, welche Gemeinschaft wann das Ziel der Gewalt ist. In diesem Sinne
ist es gerechtfertigt, die Gewalt des Seldschukenreiches gegenüber den Nizariten
als Staatsterrorismus zu klassifizieren. Einschränkend sei angemerkt, dass die Kon-
flikte innerhalb der seldschukischen Führungsschicht eine konsequente Umsetzung
zumindest behindert haben.
V. Implikationen: Gezielte Tötung durch Drohen – ein Akt des
(Staats)Terrorismus?
Bei den hier herangezogenenhistorischen Beispielen der gezielten Tötung konn-
te weitgehend ausgeschlossen werden (oder es war zumindest fraglich), dass terro-
ristische Taktik insbesondere von nichtstaatlichen Akteuren angewandt wurde, ob-
wohl sowohl die Nizariten als auch Johannes von Salisbury in der Literatur mit
Terrorismus in Zusammenhang gebracht werden. Was diese Beispiele auch verdeut-
lichen, sind die Schwierigkeiten, aufgrund der problematischen Quellenlage, zu ein-
deutigen Bewertungen kommen zu können. Das ist weder für das 11. noch für das
12. Jahrhundert verwunderlich. Wendet man sich zeitgenössischen Phänomenen zu,
so geschieht das meist mit der Erwartung, hinreichend verwertbare Daten zur Verfü-
gung zu haben, um eindeutige Schlüsse ziehen zu können. Für die im 21. Jahrhun-
dert wohl am weitesten verbreitete Technik der gezielten Tötung durch Drohnen ist
dies eindeutig nicht der Fall. Die Daten liegen sicher vor, nur sind sie als Materialien
unter Verschluss nicht öffentlich zugänglich.
Die eingangs genannten 3000 Opfer durch US-amerikanische Drohnenangriffe
beruhen auf Schätzungen, nicht auf offiziellen Zahlen. Die Problematik, an verläss-
liche Zahlen zu kommen, wurde vom Living Under Drones-Projekt der Stanford
Law School eindrucksvoll beschrieben. Das Problem der Datengrundlage besteht
nicht nur in der Verlässlichkeit der Daten, die über die Gesamtzahl der Opfer Aus-
kunft geben, sondern auch darin, zu bestimmen, wie viele der Opfer Zivilisten sind.
Je nach Interessenlage steigt oder sinkt der Anteil ziviler Opfer.
68
Zahlen rangieren
zwischen 50 Zivilisten auf einen „Terroristen“ und (fast) gar keinen zivilen Op-
67
Al-Mawardi/ Wahba (Hrsg.), The Ordinances of Government. Al-a?kâm al-sul?âniyya w’al-wilâyât
al-dîniyya, 1996, V, 2.
68
Stanford Law School, Living Under Drones. Numbers (http://www.livingunderdrones.org/numbers/)
2012.
Ausdruck vom 27.11.2013
36 Bettina Koch
fern.
69
Letzteres ist auch davon abhängig, wie legitime Ziele (Terroristen) definiert
werden. Folgt man der jüngeren US-amerikanischen Auffassung, dann ist jeder, der
sich in der Nähe von Terroristen aufhält oder ein männlicher Erwachsener ist, der
sich in einem bestimmten Gebiet bewegt, ein legitimes Ziel.
70
Diese Rechtsauffas-
sung steht naturgemäß in der Kritik. Gleichwohl erlaubt diese Auffassung, fast alle
Opfer als legitime und damit nicht zivile Ziele zu definieren. In der Kritik stehen
insbesondere die sogenannten „signature strikes“, die im Gegensatz zu den „indivi-
dual strikes“, bei denen die Identität des Opfers bekannt ist oder zumindest ange-
nommen wird, ihre Ziel nach bestimmten (geheimen) Verhaltensmustern auswäh-
len. Insbesondere in den föderal verwalteten Stammesgebieten im Norden Pakistan
sind wiederholt Treffen der Stammesjirgas Ziele von „signature strikes“ geworden.
In der Folge wurden Jirgas, die eigentlich Konfliktlösungen voranbringen sollen,
aus Angst vor Drohnenangriffen zögerlicher abgehalten. Das gleiche gilt in einigen
Gemeinden für Beerdigungen, die ebenfalls Ziele von „signature strikes“ waren.
71
Wie Kevin Jon Heller überzeugend darlegt, verletzen eine nicht geringe Zahl
der „signature strikes“ sowohl das Humanitäre Völkerrecht als auch das Internatio-
nale Gesetz für Menschenrechte. Vom Humanitären Volkerrecht sind insbesondere
vier Merkmale, die nach US-Auffassung einen „signature strike“ rechtfertigen, nicht
abgedeckt: „(a) Military-age male in an area of known terrorist acticity“, „(b) Con-
sorting with known militanty“, „(c) Armed men travelling in trucks in Al-Qaeda in
the Arabian Peninsula-controlled area“ und „(d) ‚suspicious‘ camp in AQ-controlled
area.“
72
Einige „Signaturen“, die nach dem Humanitären Völkerrecht noch als le-
gal angesehen werden können, verstoßen gegen Internationale Menschenrechtsstan-
dards und können bei positiver Beweislage als Verbrechen gegen die Menschlichkeit
angesehen werden. Darunter fallen „‚facilitating‘ AQ; being present in an AQ com-
pound; and operating an AQ training camp.“
73
Auch wenn die „individual strikes“ nach internationalem Recht weit weniger
bedenklich sind, sind diese ebenso umstritten. Insbesondere nachdem Anfang Fe-
bruar 2013 ein „White Paper“ des US-amerikanischen Justizministeriums öffentlich
wurde, richtete sich die Kritik darauf, wer („informed, high-level official“) darüber
entscheidet, ob jemand zu der Zielgruppe („senior operational leader of Al Qaeda or
an associated force“) gehört und eine unmittelbare Bedrohung darstellt („imminent
threat of violent attack“). In einem Editorial der New York Times heißt es dazu:
„It never tries to define what an „informed, high-level official“ might be, and the authors of
69
US terror drones kill more civilians than terrorists. ICG report (http://muslimstoday.info/content/
news/us-terror-drones-kill-more-civilians-terrorists-icg-report, abgerufen am 22. 5. 2013).
70
Balko, U.S. Drone Policy: Standing Near Terrorists Makes You A Terrorist (http://www.
huffingtonpost.com/2012/05/29/drone-attacks-innocent-civilians_n_1554380.html, abgerufen am
29. 5. 2012).
71
International Crisis Group, Drones. Myths and Reality in Pakistan, Crisis Group Asia Report 247,
21. 5. 2013, S. 11.
72
Heller, ‚One Hell of a Killing Machine‘. Signature Strikes and International Law, JICJ 11 (2013),
S. 89 (97 ff.).
73
Ibid., S. 117.
Ausdruck vom 27.11.2013
Johannes von Salisbury und die Nizari Ismailiten unter Terrorismusverdacht 37
the memo seem to have redefined the word „imminent“ in a way that diverges sharply from
its customary meaning.“
74
Kurz, es ist nicht klar, wer, mit welcher Legitimation darüber entscheidet, wer als
Ziel eines Drohnenangriffs ausgewählt wird. Zudem wird aus einer unmittelbaren
Bedrohung eine zeitlich ausdehnbare mögliche Bedrohungslage. Das Unmittelbare
wird in eine unbestimmte Zukunft verlagert.
Während die juristische Bewertung bereits ihre Tücken hat, ist hier abschließend
darzulegen, ob die gezielten Tötungen durch Drohnen als terroristische Technik an-
zusehen sind. Folgt man Laqueur sowie Chaliand und Blin, so manifestieren sich
durch die Drohnenangriffe keine terroristischen Akte, da der Staat sich auf sein
Selbstverteidigungsrecht berufen kann und nur Handlungen gegen den Staat terro-
ristisch sein können. Bewertet man die gezielten Tötungen allein nach juristischen
Kriterien, so haben ist ihnen zuzustimmen, da die juristische Tatsache des Staats-
terrorismus nicht existiert. Dies heißt aber nicht, dass er als soziale Tatsache nicht
existiert. Gleichzeitig sei daran erinnert, dass nicht jede extralegale Gewaltanwen-
dung terroristisch ist.
Legt man die eingangs eingeführten fünf Kriterien an, die nach den Critical Ter-
rorism Studies vorliegen müssen, um von terroristischen Akten sprechen zu können,
dann dürfen die Kriterien (a) und (b) (physische Gewaltanwendung und soziopo-
litische Ziele) als erfüllt gelten. Auch wenn hier nicht geklärt werden kann, wie
viele zivile Opfer (c) es seit der Einführung des Drohnenprogramms 2004 gegeben
hat, kann ausgeschlossen werden, dass den Drohnenangriffen keine Zivilisten zum
Opfer gefallen sind, auch wenn von US-amerikanischer Seite versucht wird, zivile
Opfer wegzudefinieren. Werden zivile Opfer billigend in Kauf genommen oder sind
sie explizites Ziel? Auch wenn diese Frage nur abschließend von den Strategen des
Drohnenprogramms selbst beantwortet werden kann, so deutet die Ausdehnung der
legitimen Ziele auf Menschen, die sich in der Nähe der eigentlichen Ziele aufhal-
ten oder nichtspezifizierte Verhaltensmuster aufweisen, darauf hin, dass man nicht
mehr davon reden kann, zivile Opfer würden lediglich billigend in Kauf genommen.
Es ist mindestens eine Inkaufnahme plus X. Mehr noch, sowohl bei den „individual
strikes“ als auch bei den „signature strikes“ ist zudem (d), die Unvorhersehbarkeit
der Gewaltanwendung, gegeben. Im ersten Fall weiß weder das potentielle Opfer
noch sein Umfeld explizit, ob er (oder sie) auf der Liste steht. Eine Ausnahme bil-
den nur sehr exponierte Mitglieder einzelner Organisationen. Selbst mit dem Wis-
sen, dass jemand Ziel eines „individual strike“ werden kann, bleibt die Unvorher-
sehbarkeit, da dem Opfer und seinem Umfeld nicht bekannt sein dürfte, wann und
wo genau ein Angriff stattfinden wird. Die Unvorhersehbarkeit und die Breite der
Ziele, insbesondere bei den „signature strikes“, fördert (e) ein Gefühl der Angst oder
Unsicherheit in der Bevölkerung. Auch wenn das Gefühl der Angst regional unter-
74
Editorial. To Kill an American (http://www.nytimes.com/2013/02/06/opinion/to-kill-an-american.
html?hp&_r=0, abgerufen am 6. 2. 2013). Da es mir nicht möglich ist, die Authentizität des White
Papers (http://msnbcmedia.msn.com/i/msnbc/sections/news/020413_DOJ_White_Paper.pdf) zu ve-
rifizieren, wurden die vorangegangenen Zitate ebenfalls dem Editorial der New York Times entnom-
men.
Ausdruck vom 27.11.2013
38 Bettina Koch
schiedlich ausfallen mag, so deuten die Beispiele aus dem Bericht der International
Crisis Group darauf hin, dass Menschen ihre Gewohnheiten der Bedrohungslage an-
passen und entsprechend anders handeln: Jirgas treffen sich unregelmäßiger, wenn
überhaupt; Beerdigungen finden nicht mehr statt oder werden anders gestaltet, um
die Teilnehmer geringerer Gefahren auszusetzen. Somit steht zumindest fest, dass
die gezielten Tötungen durch Drohnen, anders als der Tyrannenmord im Mittelalter,
zumindest als soziale Tatsache als Terrorismus anzusehen ist.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten
*
Sebastian Schnelle, Halle
I. Einleitung
Terroristen unterscheiden sich von gemeinen Kriminellen unter anderem dar-
in, dass sie Gewalt anwenden, um politische Ziele zu verfolgen. Bei der Verfol-
gung dieser Ziele kommen jedoch unweigerlich immer wieder auch Zivilisten zu
Schaden, sei es als unbeteiligte Umstehende oder als bewusst gewähltes Ziel eines
Angriffs. In ersterem Fall wird zur Rechtfertigung der eigenen Handlung von Ter-
roristen oder deren Sympathisanten oft angeführt, dass es sich bei den Zivilisten um
bedauerliche, jedoch notwendige Opfer handele, die keineswegs das Ziel des An-
griffs darstellten. Vielmehr wären diese analog zu zivilen Opfern im Krieg zu sehen,
welche sich eben manchmal trotz aller zumutbaren Sorgfalt nicht vermeiden ließen.
Für diese Art der zivilen Opfer im Krieg hat sich heute der euphemistische Begriff
„Kollateralschäden“ eingebürgert. Die philosophischen Argumente für oder wider
eine Gewaltrechtfertigung gegen Zivilisten auf Basis dieser Rechtfertigungsstrate-
gie sollen in diesem Beitrag jedoch nicht erörtert werden. Im Rahmen der Theorie
vom gerechten Krieg sind diese wohl bekannt und werden ausführlich behandelt.
Sie lassen sich analog direkt vom Kriegsfall auf den Terrorismus übertragen.
1
Der interessantere Fall ist jedoch der, in dem die zuvor genannte Art der mo-
ralischen Rechtfertigung nicht möglich ist. Dieser ist weniger gut bekannt und soll
deshalb durch diesen Artikel näher beleuchtet werden. Bewusst als Ziele gewählte
Zivilisten lassen sich nämlich kaum als „Kollateralschäden“ bezeichnen. Dies be-
deutet jedoch nicht, dass Handlungen, bei denen Zivilisten direkt von Terroristen
als Ziele angegriffen werden, sich nicht moralisch rechtfertigen ließen bzw. dass
nicht zumindest der Versuch unternommen würde, diese moralisch zu rechtfertigen.
Die am häufigsten gewählte Rechtfertigungsstrategie in diesem Zusammenhang be-
steht darin, zu argumentieren, dass Zivilisten keineswegs Unschuldige seien, die
Immunität vor Angriffen genießen, sondern vielmehr direkt mit ihren Regierungen
verbunden seien, wobei die Verbindung ausreichend stark sei, dass nicht nur die
Regierung und deren Bedienstete, sondern alle Bürger des betreffenden Staates le-
gitime Ziele für einen Angriff darstellen.
Zwei bekannte Vertreter dieser Rechtfertigungsstrategie sind Ayman al-
Zawahiri und Osama bin Laden, unter anderem verantwortlich für die Angriffe auf
die Türme des World Trade Center in New York, bei denen etwa 3000 Menschen ihr
Leben verloren. Mit der bewussten Auswahl eines zivilen Ziels setzte al-Qaida eine
*
Dieser Artikel basiert auf einem Kapitel aus meiner Dissertation „Im Namen Allahs? Gewaltrechtfer-
tigungsstrategien islamischer Fundamentalisten aus westlicher Perspektive“, die 2013 im Peter Lang
Verlag erschienen ist.
1
Beiträge dazu finden sich u.a. in Orend, The Morality of War, 2006; Schmücker, Gibt es einen ge-
rechten Krieg?, DZPhil 48 (2000), S. 319-340; Walzer, Just and Unjust Wars, 2000.
Ausdruck vom 27.11.2013
40 Sebastian Schnelle
Strategie um, die Ayman al-Zawahiri in einem zu Beginn des Jahres 2001 erschie-
nenen Buch mit dem Titel “Ritter unter dem Banner des Propheten“ verteidigte.
Zawahiris Strategie zur Rechtfertigung von Angriffen auf zivile Ziele stützt sich da-
bei auf die Argumentation, dass die Bevölkerungen westlicher Staaten dadurch, dass
sie Steuern zahlen und in einem demokratischen Prozess ihre Regierung wählen, für
die Taten dieser Regierungen mitverantwortlich zu machen sind.
2
In Zawahiris Au-
gen ist diese Mitverantwortung ausreichend, um zu einem legitimen Angriffsziel für
direkte Angriffe zu werden. Osama bin Laden machte sich diese Argumentation in
seinem Brief an das amerikanische Volk im folgenden Jahr ebenfalls zu Eigen.
3
In der westlichen Welt wird die Ansicht Zawahiris und bin Ladens im Allgemei-
nen nicht geteilt. Darüber hinaus leidet sie unter einigen offensichtlichen Schwächen
in Bezug auf die Attentate vom 11. September 2001. Der zugrunde liegende Kon-
flikt, der den Angriff auf amerikanische Ziele in Zawahiris und bin Ladens Augen
legitimiert, ist ein Krieg gegen den Islam, den beide den Vereinigten Staaten unter-
stellen. Damit wären selbst mit Zawahiris Argumentation nur Angriffe auf amerika-
nische Bürger legitimiert, nicht jedoch Angriffe auf Zivilisten mit anderer Nationa-
lität. Selbst wenn man unterstellt, dass alle Länder der westlichen Welt in den Au-
gen Zawahiris an diesem Konflikt beteiligt sind, so bleiben noch immer Opfer aus
Ländern wie Pakistan (8) oder Bangladesch (6), die keine legitimen Angriffsziele
darstellen und für die dann doch wieder ein Kollateralschadenargument verwendet
werden müsste. Auch kamen bei den Attentaten Kinder ums Leben, die zwar ameri-
kanische Bürger waren, jedoch weder Steuern zahlten, noch das Wahlrecht besaßen,
womit die Verbindung zu amerikanischemRegierungshandeln nicht vorhanden war,
die Zawahiri postuliert. Auch hier wäre ein Kollateralschadenargument vonnöten.
Sieht man jedoch einmal über diese offensichtlichen Schwächen hinweg, die
sich aus der konkreten Anwendung auf den Beispielfall 11. September ergeben, so
findet sich hier jedoch ein durchaus interessantes philosophisches Problem. Die Be-
hauptung, dass Bürger unter Umständen durch die Unterstützung ihrer Regierung
zu legitimen Zielen werden könnten, speziell in Demokratien, bei denen die Unter-
stützung durch das Volk für eine Regierung von relativ höherer Bedeutung ist als
etwa in einer Diktatur, verdient durchaus einen zweiten Blick.
Die Entscheidung Zawahiris und bin Ladens nicht etwa zu behaupten, dass die
getöteten Zivilisten nur das unglückliche Nebenprodukt eines anderweitig notwen-
digen und gerechtfertigten Angriffs darstellen, sondern zu behaupten, dass die Zi-
vilisten eben nicht als unschuldige Unbeteiligte zu gelten haben und dass sie genau
deshalb legitime Angriffsziele darstellen ist sicherlich nicht im Einklang mit gelten-
dem internationalem Recht. Dieses besteht auf einer strikten Unterscheidung von
zivilen und militärischen Zielen. Es ist jedoch eine Haltung, die auch einige westli-
che Autoren attraktiv finden. Virginia Held z.B. schreibt, dass
„[especially] in the case of a democracy, where citizens elect their leaders and are ultimately
responsible for their government’s policies, it is not clear that citizens should be exempt
from the violence those policies may lead to while the members of their armed services are
2
Mansfield, His Own Words: A Translation of the Writings of Dr. Ayman al Zawahiri, 2006, S. 198 f.
3
McMahan, Killing in War, 2009, S. 232 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 41
legitimate targets. If a government’s policies are unjustifiable and if political violence to resist
them is justifiable [. . . ], then it is not clear why the political violence should not be directed
at those responsible for these policies.“
4
Genau diese, von Held aufgeworfene Frage soll im Folgenden in diesem Bei-
trag näher untersucht werden: Ob und wenn ja, unter welchen Umständen Zivilisten
von direkten Angriffen ausgenommen bleiben sollten, wenn doch die Mitglieder
der Streitkräfte eines Landes für seine Politik geradezustehen haben. Um jedoch ei-
ne Antwort auf diese Fragen geben zu können, muss zunächst untersucht werden,
was überhaupt die moralische Rechtfertigungsarbeit leisten kann, die es erlaubt,
moralisch gerechtfertigt zu töten, und worin in Hinsicht darauf der moralische Un-
terschied zwischen Zivilisten und Mitgliedern der Streitkräfte besteht. Dabei wird es
entscheidend sein, eine Bedingung x zu finden, die für all diejenigen gilt, die legiti-
me Angriffsziele darstellen, und Zawahiris Argument kann nur dann als erfolgreich
gelten, wenn dieses x eine Eigenschaft aller Zivilisten ist.
Um ein Verzetteln auf Nebenkriegsschauplätzen zu vermeiden sollen vorweg
einige Annahmen getroffen werden, die Zawahiris Argument die bestmöglichen
Chancen geben vor unseren Augen zu bestehen. So soll zumZwecke der Diskussion
davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem diskutierten Angriff auf Zivilisten
im Folgenden tatsächlich um einen Fall legitimer Gewaltanwendung gegen einen
Staat handelt und das es sich bei den zivilen Zielen ausschließlich um volljährige
Steuerzahler mit Wahlrecht handelt.
II. Zivilisten als Unschuldige
Um die von Held aufgeworfene Frage beantworte zu können, ist zunächst zu
klären, wieso überhaupt ein Unterschied zwischen Angehörigen der Streitkräfte und
Zivilisten gemacht werden sollte. Dass ein derartiger Unterschied faktisch existiert,
ist keine Frage und schon daran ersichtlich, dass das Verbot eines direkten absichtli-
chen Angriffs im Krieg auf Zivilisten fest in internationalen Gesetzen und Konven-
tionen verankert ist. Die Regierenden von über 100 Staaten müssten mit Strafver-
folgung vor einem internationalen Gerichtshof rechnen, würden sie solche Angriffe
veranlassen.
5
Woher jedoch rührt diese Unterscheidung?
Im täglichen Sprachgebrauch scheint es häufig so, als wäre die Tatsache, dass
Zivilisten zunächst als unschuldig zu gelten haben, der Grund, warum direkte und
absichtliche Angriffe auf sie nicht erlaubt sind. Angehörige der Streitkräfte gelten
im Kriegsfall hingegen zunächst pauschal als legitime Ziele, die während Kampf-
handlungen getötet werden dürfen. Lässt sich daraus im Umkehrschluss ableiten,
dass sich diese in jedem Fall schuldig gemacht haben müssen?
Folgt man der Vermutung, dass der Grund für den Unterschied zwischen Zivilis-
ten und Angehörigen der Streitkräfte im Status von Zivilisten als Unschuldige liegt,
so ist man gezwungen zu behaupten, dass Soldaten den Status als Unschuldige nicht
4
Held, How Terrorism is Wrong: Morality and Political Violence, 2008, S. 20.
5
Bellamy, Fighting Terror: Ethical Dilemmas, 2008, S. 37.
Ausdruck vom 27.11.2013
42 Sebastian Schnelle
besitzen und somit Schuld auf sich geladen haben müssen. Während man also davon
ausgehen muss, dass Zivilisten als Unschuldige nichts getan haben, das es erlauben
würde, dass diese in einem anderweitig gerechtfertigten Krieg legitimerweise ange-
griffen werden dürfen, müssten nach dieser Logik alle Soldaten etwas getan habe,
das sie den Status als Unschuldige verlieren lässt. Geht man etwa davon aus, dass je-
dermann ein Recht auf Leben besitzt, außer er hat etwas getan, das ihn dieses Recht
verlieren lässt, dann ist davon auszugehen, dass Zivilisten eben nichts getan haben,
das diesen Tatbestand erfüllt, wohingegen alle Soldaten einen Akt begangen haben
müssen, der sie ihr Recht auf Leben verlieren lässt, welches sie als Menschen sonst
ebenso besitzen würden wie Zivilisten. Im Folgenden wird argumentiert werden,
dass dies jedoch keine korrekte Beschreibung der Verhältnisse darstellt.
Michael Walzer, einer derjenigen, die der Theorie vom gerechten Krieg in der
modernen Philosophie wieder Leben einhauchten, definiert „Unschuld“ als einen
Begriff, der auf solche Personen angewendet wird, die „have done nothing, and are
doing nothing, that entails the loss of their rights“.
6
Nach Walzer hätte eine Person
also so lange als unschuldig und somit als illegitimes Ziel im Krieg zu gelten, wie
sie nicht eine Tat begangen hat, die den Verlust eines Rechts nach sich zieht. Ein
Beispiel für eine solche Tat wäre ein unberechtigter Angriff auf eine zufällig ausge-
wählte Person, durch die der Angreifer etwa sein Recht auf körperliche Unversehrt-
heit verlieren könnte. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird dann oft so gesprochen
als wäre es die Tatsache, dass sich der Angreifer durch seine Tat schuldig gemacht
hat, die ausschlaggebend dafür ist, dass ihm nun das Opfer in Notwehr oder ein
in Nothilfe agierender Dritter Gewalt antun darf. Wäre diese Darstellung korrekt,
so müssten folglich alle Soldaten Taten begangen haben, die sie schuldig werden
lassen, so dass sie alle ihr Recht auf Leben verlieren.
An dieser Stelle ist zunächst darauf hinzuweisen, dass die Definition von Walzer
jedoch zwei verschiedene Situationen beschreiben kann. Einerseits kann die rechts-
auflösende Handlung in der Vergangenheit stattgefunden haben, andererseits kann
es sich um eine gerade stattfindende Handlung handeln. Im Allgemeinen wird heute
nur noch eine aktuell stattfindende Handlung als ausreichend angesehen werden, um
Notwehrhandlungen zu legitimieren. Zwar sah noch Hugo Grotius (1583-1645), ei-
ner der Väter des internationalen Rechts, die Berichtigung eines vergangenen Scha-
dens als legitimen Grund zur Kriegführung an, vorausgesetzt dieser bestand tatsäch-
lich nach wie vor unberichtigt.
7
Heutzutage wird Bestrafung vom internationalen
Recht jedoch nicht mehr als Kriegsgrund akzeptiert. Der Reflex, nach Bestrafung
zu rufen, ist jedoch menschlich und auch heute weit verbreitet. Jürgen Habermas
merkte etwa nach den Attentaten vom 11. September an, dass „die Sprache der Ver-
geltung, in der nicht nur der amerikanische Präsident auf das Unfassbare reagierte,
einen alttestamentarischen Klang [erhielt]“.
8
Nach den Regeln des internationalen
Rechts sind Streitfälle um Schäden in der Vergangenheit jedoch heute mit Mitteln
unterhalb der Gewaltschwelle zu lösen. Zu diesem Zwecke existieren zahlreiche in-
6
Walzer (Fn. 1), S. 34 und 41.
7
Vgl. Orend (Fn. 1), S. 18.
8
Habermas, Glauben und Wissen. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2001, S. 10.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 43
ternationale Verträge, Organisationen und sogar internationale Gerichtshöfe. Auch
wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass in der internationalen Ordnung
der Leviathan fehlt, der die Einhaltung der beschlossenen Normen garantieren könn-
te, so funktioniert dieses System doch zumindest leidlich gut.
Interessant ist auch, dass ein Verständnis von internationalem Recht, in dem
die Vergeltung vergangenen Unrechts nicht erlaubt ist, besser mit nationalem Recht
übereinstimmt als eines, in dem Vergeltung gestattet ist. Betrachtet man z.B. den
Fall individueller Notwehr, in dem es einer Person unter bestimmten Umständen er-
laubt ist, sein Leben auch durch tödliche Gewalt zu schützen, so wird dies ausdrück-
lich nicht als Vergeltung verstanden. Die Notwehr ist auch nur solange zulässig, wie
eine andauernde Bedrohung besteht, die es abzuwehren gilt. Für Schadensfälle aus
der Vergangenheit sind Gerichte anzurufen. In diesen Fällen besitzt der Staat ein
Gewaltmonopol, welches ausdrücklich keine Selbstjustiz zulässt.
Kommen wir jedoch auf die Frage nach Schuld als desjenigen, das die mora-
lische Arbeit leistet zurück, so ist der bedeutendste Einwand dagegen sicherlich
der, dass die Kategorien von Schuld und Unschuld individuelle Kategorien sind.
Diese müssen für jedes Individuum einzeln festgestellt werden, will man nicht ei-
ner Kollektivschuld das Wort reden. Weder findet jedoch im Kriegsfall eine solche
individuelle Prüfung statt, noch ist sie vorgesehen. Auch gibt es keinen Grund an-
zunehmen, dass jedes einzelne Mitglied bestimmter Streitkräfte individuell in Akte
verstrickt wäre, die dazu führen würden, dass es persönliche Schuld auf sich lädt,
noch dazu in einem Ausmaß, das im Gegenzug einen Angriff auf Leib und Leben
rechtfertigt. Zwar ist es sicherlich der Fall, dass Infanteristen und Kanoniere im
Feld direkt feindliche Ziele beschießen, ein Akt, der von der Sorte sein könnte, die
zu persönlicher Schuld führt, und damit dazu, dass die Akteure manche ihrer Rechte
verlieren. Das ist jedoch nicht, wie der Rechtsverlust in den verbreitetsten Versionen
der Theorie vom gerechten Krieg oder im internationalen Recht verstanden wird.
Im Allgemeinen gehen diese davon aus, dass es Soldaten im Feld durchaus er-
laubt ist, feindliche Kräfte zu attackieren. Wenn es einem Soldaten jedoch erlaubt
sein sollte, die Soldaten gegnerischer Streitkräfte zu attackieren, wieso sollte er
durch solch eine prima facie erlaubte Handlung Schuld auf sich laden?
Auch ist sehr schnell ersichtlich, dass eine direkte Attacke auf gegnerische
Streitkräfte eine Handlung ist, die nur von einem Teil der Streitkräfte ausgeführt
werden wird. In modernen Streitkräften sind Soldaten in vielfältigen Positionen be-
schäftigt. Sei es in der Feldküche, in einer Rechtsabteilung oder in einer sonstigen
Servicefunktion, in der der Dienst primär ohne Waffe ausgeführt wird. Gleichwohl
werden auch solche Mitglieder der Streitkräfte nach gängigem Moralverständnis
und gängiger Rechtsprechung als rechtmäßige Ziele angesehen, obwohl sie im zu-
vor besprochenen Sinn keine Schuld auf sich laden.
Darüber hinaus können auch Zivilisten Kriegsschuld auf sich laden, ohne dass
sie deswegen allesamt automatisch zu legitimen Angriffszielen erklärt werden wür-
den. Nehmen wir einmal an, dass eine Zivilperson sich freiwillig meldet, umin einer
Munitionsfabrik auszuhelfen, da sie davon ausgeht, dass dies die beste Möglichkeit
für sie darstellt, einen Kriegseinsatz zu unterstützen. Nehmen wir außerdem wei-
Ausdruck vom 27.11.2013
44 Sebastian Schnelle
terhin an, dass dies eine Handlung ist, die ausreicht, um ein Maß an persönlicher
Schuld auf sich zu laden, das diese Person zu einem legitimen Angriffsziel werden
lässt. Nach konventionellemDenken wird hier oft zugestanden, dass die Zivilperson
als Arbeitskraft in einer Munitionsfabrik ein legitimes Ziel darstellt, jedoch nur, so-
lange sie sich an ihrem Arbeitsplatz aufhält. Ist der Arbeitstag jedoch beendet und
befindet sich die Person in ihrer Freizeit, so hört sie auf, ein legitimes Ziel darzustel-
len. Sollte eine Kategorie persönlicher Schuld oder Unschuld jedoch dasjenige sein,
was eine Person zum erlaubten Ziel macht, so wäre die Unterscheidung zwischen
Arbeitszeit und Freizeit nicht zu rechtfertigen. Die Schuld, die jemand möglicher-
weise durch die Unterstützung eines ungerechten Krieges auf sich lädt, ändert sich
schließlich nicht mit dem aktuellen Aufenthaltsort oder mit der gegenwärtigen Be-
schäftigung. Hätte sich eine Person ausreichend schuldig gemacht, dann hätte sie
nicht nur in der Munitionsfabrik als schuldig zu gelten, sondern auch nach Dienst-
schluss in ihrer Freizeit.
Auch gilt die Tatsache, dass einige wenige Zivilisten in Munitionsfabriken und
ähnlichen Anlagen arbeiten, kaum als ausreichende Begründung, alle Zivilisten zu
moralisch erlaubten Angriffszielen zu erklären. Das britische Bombercommand mag
im zweiten Weltkrieg noch so argumentiert haben, heute ist diese Art der Argumen-
tation jedoch weithin als inakzeptabel anerkannt. Die weithin akzeptierte Lehrmei-
nung ist, dass es Aufgabe von Gerichten ist, individuelle Schuld festzustellen und
eine resultierende Bestrafung festzulegen, wofür es ordentlicher rechtsstaatlicher
Abläufe bedarf. Alex Bellamy hat dies auf die folgende Formel gebracht:
„. . . unless one believes that private individuals and groups have a right summarily to deter-
mine an individual’s guilt or innocence and execute them without due process – a belief that,
thankfully, is not shared very widely – the relative moral guilt or innocence of an individual
is irrelevant to the question of whether they can be justly attacked.“
9
Wenn aber Angehörige der Streitkräfte erlaubte Ziele darstellen, auch wenn sie kei-
ne persönliche Schuld auf sich geladen haben, Zivilisten hingegen keine erlaubten
Ziele darstellen, auch wenn sie persönliche Schuld auf sich geladen haben, dann
scheint es eindeutig zu sein, dass Schuld und Unschuld nicht die richtige Kategorie
sind, um Gewaltanwendung gegen Zivilisten (oder auch ganz allgemein) zu recht-
fertigen.
In der Tat hat Judith J. Thomson überzeugend argumentiert, dass die individuelle
Schuld oder Unschuld eines Angreifers bei der Frage nach der Legitimität gewaltsa-
mer Selbstverteidigung gegen einen Angreifer keine Rolle spielt. Um ihr Argument
zu untermauern, hat sie das Beispiel eines unschuldigen Angreifers vorgeschlagen,
dem keinerlei moralisches Fehlverhalten vorzuwerfen ist, gegen den aber dennoch
notfalls tödliche Gewalt angewendet werden darf.
10
Thomson nutzt etwa folgendes
Beispiel:
Man stelle sich vor, dass eine Frau, ohne dass dies irgendjemandem bewusst
wäre, an einer seltenen Krankheit leidet, die sie in einen Gewaltrausch verfallen
9
Bellamy (Fn. 5), S. 39 (Hervorhebung von mir).
10
Thomson, Self-Defense, Philosophy and Public Affairs 20 (1991), S. 283-310.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 45
lässt, sobald sie Mangos isst. Besagte Frau ist nun zum Abendessen bei einer guten
Freundin eingeladen. Zum Nachtisch serviert die Gastgeberin Mangos, da die von
ihr eingeladene einmal erwähnt hat, dass sie noch nie Mango probiert hat. Nachdem
die Eingeladene nun die Mango gegessen hat, verfällt sie in den Gewaltrausch und
attackiert die Gastgeberin mit einem Messer. Die einzige Chance, die der Gastgebe-
rin bleibt, um ihr Leben zu retten, ist, die Angreiferin notfalls mit tödlicher Gewalt
zu stoppen.
Wie bereits zuvor erwähnt, argumentiert Thomson, dass es nicht eine Frage von
Schuld oder Unschuld in einem moralischen Sinn ist, die es der Gastgeberin erlaubt,
notfalls tödliche Gewalt anzuwenden. Wie könnte man auch davon sprechen, dass
die Eingeladene moralisch verwerflich gehandelt hat? Ex hypothesi weiß die arme
Frau nichts von ihrer seltenen Krankheit, so dass man ihr den Verzehr von Mangos
nicht vorwerfen kann. Nach dem Verzehr der Mangos wird sie von einem Wahnsinn
befallen, über den sie keine Kontrolle hat, so dass man ihr den Angriff schwerlich als
schuldhafte Handlung auslegen kann. Wenn aber die Eingeladene schuldlos ist und
Schuld bzw. Unschuld moralisch entscheidend sind, so bleiben nur noch zwei Mög-
lichkeiten. Entweder darf die Gastgeberin zur Verteidigung keine Gewalt anwenden
weil die Angreiferin unschuldig ist, oder die Gastgeberin darf Gewalt anwenden und
das, obwohl die Angreiferin unschuldig ist.
Wie bereits zuvor erwähnt, hält Thomson die obige Beschreibung jedoch für
einen Kategorienfehler und bietet eine andere Alternative. Für Thomson ist die mo-
ralisch relevante Tatsache die, dass die Angreiferin im Begriff ist, ein fundamentales
Recht ihrer Gastgeberin zu verletzen, was dieser im Gegenzug erlaubt, Gewalt ein-
zusetzen. Durch den Angriff auf das Recht der Gastgeberin, so Thomson, verliert die
Angreiferin ihr eigenes Recht auf körperliche Unversehrtheit, was sie zumlegitimen
Angriffsziel in diesem tragischen Fall werden ließe.
Im folgenden Abschnitt wird gezeigt werden, dass sich in Anlehnung an die zu-
vor ausgeführte Argumentation in der Unterscheidung zwischen Unschuldigen und
Nichtkombattanten wie sie in der heutigen juristischen Literatur gemacht wird, ein
Hinweis auf ein besseres Kriterium zur Unterscheidung dessen, wer ein legitimes
Angriffsziel darstellt, gefunden werden kann. Zur Zeit Vitorias (1492-1546) war es
noch üblich, davon zu sprechen, dass Unschuldige von direkten Angriffen auszuneh-
men sind.
11
Die Genfer Konventionen und die Haager Landkriegsordnung hingegen
sprechen von „Nichtkombattanten“ anstelle von „Unschuldigen“. Der Terminus des
Kombattanten wurde als juristischer Fachbegriff eingeführt und ist zum Beispiel
in Sektion I, Artikel 1 der Haager Landkriegsordnung von 1899 definiert. Er be-
zeichnet dabei all diejenigen Personen, die zur Kriegsführung berechtigt sind, und
damit in den Einflussbereich der Kriegsordnung fallen. In der Haager Landkriegs-
ordnung sind dies definitionsgemäß die uniformierten Mitglieder der ordentlichen
Streitkräfte, oder Mitglieder von Milizen und Freiwilligencorps, sofern diese offen
ihre Waffen und auf eine Distanz erkennbare Embleme tragen, die sie als Mitglie-
der einer bewaffneten Gruppierung auszeichnen.
12
Kombattanten bilden diejenige
11
Pagden/Lawrence (Hrsg.), Vitoria: Political Writings, 2003, S. 304.
12
Eine interessante Ausnahme bilden medizinisches Personal sowie Militärseelsorger, die aufgrund
Ausdruck vom 27.11.2013
46 Sebastian Schnelle
Gruppe, die zur Kriegsführung berechtigt ist, aber auch ohne weitere Ansehung ih-
rer persönlichen Schuld als legitimes Angriffsziel gilt.
III. Kombattanten, Zustimmung und das „Schadensprinzip“
Wenn alle uniformierten Mitglieder der Streitkräfte als Kombattanten und somit
als legitime Ziele zu gelten haben, so stellt sich die Frage warum dem so sein sollte?
Was ist es, das Kombattanten von Nichtkombattanten in einem moralisch relevanten
Sinn unterscheidet und darüber hinaus für alle Mitglieder der jeweiligen Gruppe
gilt?
Eine Ansicht, die in der Literatur vertreten wird, basiert auf einem vertragstheo-
retischen Ansatz.
13
Nach diesem Ansatz entscheiden sich Mitglieder der Streitkräfte
freiwillig dafür, sich zum Dienst zu verpflichten, und durch diese Entscheidung, so
das Argument, geben sie auch implizit ihre Zustimmung, erlaubterweise angegriffen
und möglicherweise sogar getötet zu werden. Nun ist es auch so, dass Personen, die
sich für den Militärdienst entscheiden, die Risiken einer Verpflichtung bewusst sein
sollten, dennoch ist diese Position nicht unproblematisch.
Erstens verpflichtet sich schließlich nicht jedes Mitglied einer Freiwilligenarmee
notwendigerweise aus einem reinen freien Willen. So existieren etwa wirtschaftli-
che Zwänge, die jemanden dazu drängen können sich dem Militär anzuschließen.
Dies würde auch die überproportionale Anzahl von Rekruten aus niedrigeren sozio-
ökonomischen Schichten in der US Armee erklären. Zweitens gibt es außerdem
Wehrpflichtigenarmeen, deren Mitglieder unter Umständen durch die Androhung
von Sanktionen gegen die Wehrpflichtigen selbst oder ihre Angehörigen zum Dienst
an der Waffe gezwungen werden. In beiden Fällen kann man zumindest berechtigte
Zweifel an der Freiwilligkeit der Entscheidung der Rekruten besitzen.
Darüber hinaus gilt, dass die angeblich freiwillige Zustimmung zum Dienst an
der Waffe im internationalen Recht keinerlei Rolle spielt, und auch moralisch frag-
lich ist, ob es wirklich eine Rolle spielen sollte, ob ein Soldat sich freiwillig gemel-
det hat oder zum Dienst gezwungen wurde. Für die Frage nach einer persönlichen
Schuld mag dies einen entscheidenden Unterschied darstellen. Für die Frage, ob
ein Kombattant ein legitimes Angriffsziel darstellt, eher nicht. Der Grund für diese
Einschätzung liegt darin, dass sich für den Fall, dass zwischen Kombattanten un-
terschieden werden müsste, je nachdem ob sie freiwillige oder gezwungene Kom-
battanten sind, höchst problematische Konsequenzen ergeben würden. Man stelle
sich nur einmal vor, im 2. Weltkrieg hätten die Alliierten zwischen solchen deut-
schen Soldaten unterscheiden sollen, die sich aus persönlicher Überzeugung dazu
entschieden hatten, für Nazi-Deutschland zu kämpfen, und solchen, die aus Furcht
vor dem Regime Dienst taten. Eine solche Unterscheidung ist schlicht nicht reali-
sierbar, was zu zwei möglichen Schlüssen führt. Entweder schließt man daraus, dass
selbst ein aggressives Regime wie das Nazi-Deutschlands nicht mit Waffengewalt
ihrer Funktion von manchen Bestimmungen der Landkriegsordnung ausgenommen sind. Diese An-
omalie wird zu einem späteren Zeitpunkt noch von Interesse sein.
13
Man siehe zum Beispiel die Diskussion in McMahan (Fn. 3), S. 51-60.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 47
bekämpft werden darf, oder man schließt daraus, dass die Unterscheidung zwischen
Freiwilligen und Zwangsverpflichteten für ihren Status als legitime Angriffsziele
nicht moralisch relevant ist. Die zweite Option scheint dabei vernünftiger, da an-
sonsten ein polnischer Soldat, der sein Heimatland gegen die Invasion Deutschlands
verteidigte, denjenigen deutschen Soldaten Unrecht angetan hätte, die zwangsrekru-
tiert waren, auch wenn diese es waren, die an einem Angriffskrieg gegen seine Hei-
mat beteiligt waren. Dieses moralische Urteil scheint unserer moralischen Intuition
jedoch entgegenzustehen.
Des Weiteren ist bei der Analyse dessen, wozu angeblich zugestimmt wird, Vor-
sicht geboten. Es ist nämlich plausibler, davon auszugehen, dass Soldaten, wenn
überhaupt, in ein Risiko, getötet zu werden, einwilligen, und nicht darin, tatsächlich
getötet zu werden. Um den Unterschied zwischen diesen beiden Konzepten zu ver-
deutlichen, sei das Beispiel eines Polizisten genannt, der, wenn er dem Polizeidienst
beitritt, ebenfalls bereit sein muss, dass Risiko auf sich zu nehmen, von Verbrechern
angegriffen zu werden. Das Risiko, angegriffen zu werden, ist jedoch alles, das er
bereit sein muss, zu tragen. Es ist nicht notwendig, darin einzuwilligen, seine Rech-
te auf körperliche Unversehrtheit oder Leben einzuschränken. Es ist schließlich so,
dass im Falle eines Angriffs auf Polizisten durch einen Verbrecher im Allgemeinen
davon ausgegangen wird, dass es sich um ein Fehlverhalten handelt, welches auch
die Rechte der beteiligten Polizisten verletzt. Eine Verteidigungsstrategie, in der ein
Verbrecher vor Gericht anmerken würde, dass er zwar eines Banküberfalls schuldig
sei, nicht jedoch schuldig in Bezug auf einen Angriff auf einen Polizisten in Folge
des Banküberfalls, würde absurd anmuten, wenn die Begründung nicht hieße, dass
ein solcher Angriff nicht stattgefunden habe, sondern der Täter stattdessen argumen-
tieren würde, dass ein Polizist um Polizist sein zu können schließlich sein Recht auf
körperliche Unversehrtheit aufgegeben haben müsste. Damit hätte der Verbrecher
dann jedoch keine Rechtsverletzung mehr begangen. Auch im Lichte dieser Argu-
mentation ist es also fraglich, ob ein legitimes Angriffsrecht auf der Basis eines
vertragstheoretischen Ansatzes zu begründen ist.
Drittens wäre aber auch für den Fall, dass tatsächlich alle Soldaten in ein Ver-
tragsverhältnis eingewilligt hätten, welches ihre Rechte in der zuvor beschriebenen
Art einschränkt, nicht klar, dass dies überhaupt ausreichend wäre, sie zu legitimen
Angriffszielen zu erklären. Schließlich kennen Rechtssysteme auf der ganzen Welt
Regeln, die es verbieten, eine Person zu töten, selbst wenn die ausdrückliche Zu-
stimmung der betroffenen Person vorliegt. Illustriert werden soll dies an einem Fall,
der es zu internationaler Bekanntheit gebracht hat. Es handelt sich um den Fall von
Armin Meiwes, besser bekannt als der „Kannibale von Rotenburg“.
14
Meiwes suchte
über das Internet einen Freiwilligen, der sich bereiterklären würde, von ihm getö-
tet und anschließend verspeist zu werden. Er wurde bei seiner Suche in dem 42-
jährigen Bernd Brandes fündig. Obwohl die Internetkorrespondenz zwischen den
beiden Männern eindeutig belegt, dass es sich um ein einvernehmliches Tötungs-
delikt handelte und sogar ein Video mit der Einwilligung des Opfers sowie der Tat
14
Ausführlich dazu Scheinfeld, Der Kannibalen-Fall – Verfassungsrechtliche Einwendungen gegen die
Einstufung als Mord und gegen die Verhängung lebenslanger Freiheitsstrafe, 2009.
Ausdruck vom 27.11.2013
48 Sebastian Schnelle
selbst existiert, wurde Meiwes jedoch des Mordes angeklagt und zu lebenslänglicher
Haft verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde unter anderem darauf hingewiesen,
dass es nach deutschem Recht nicht zulässig ist, Menschen zu töten, unabhängig
davon, ob deren ausdrücklicher Wunsch vorliegt oder nicht.
Auf ähnliche Weise haben Moralphilosophen oft das Recht auf Selbstmord be-
stritten. So argumentierte zum Beispiel John Locke, dass das Recht auf Leben ein so
fundamentales Recht darstelle, dass selbst der Rechteinhaber dieses nicht aufgeben
könne. Zwar gibt es auch diejenigen Philosophen, die im Gegenzug für ein Recht
auf Selbstmord plädiert haben, David Hume wäre zu ihnen zu zählen, die Sachlage
scheint jedoch zu kontrovers, um davon auszugehen, dass ausgerechnet ein Prinzip
wie das der Angreifbarkeit von Kombattanten, welches so breite Zustimmung zu
finden scheint, auf einem Prinzip beruhen soll, das höchst umstritten ist.
Wenn dem aber so ist, bedeutet dies, dass mit dem Ende des vertragstheoreti-
schen Ansatzes auch die Unterscheidung von Soldaten und Zivilisten nicht länger
zu halten ist? Diese Schlussfolgerung wäre an dieser Stelle sicherlich verfrüht. In
der Literatur findet sich ein weiterer Ansatz, wie sich der Unterschied zwischen Sol-
daten und Zivilisten normativ rechtfertigen ließe. Dieser Ansatz betont die Gefahr,
die von ausgebildeten Soldaten ausgeht. Das Argument lautet in einfachster Form
so, dass ein Soldat ausgebildet ist, Waffen zu nutzen, und damit für andere potentiell
zu einer lebensgefährlichen Bedrohung wird. Diese Bedrohung, die von einem Sol-
daten in Kriegszeiten ausgeht, ist dann der Grund, warum ein Soldat ein legitimes
Angriffsziel darstellt, während für Zivilisten gilt, dass diese zwar möglicherweise
„[. . . ] inwardly approve, or even have voted in favour of, an unjust war effort, they neverthe-
less remain externally non-threatening. They do not bear arms effectively, nor have they been
trained to kill, nor have they been deployed against the lives and vital interests of the oppo-
sing side. Civilians, whatever their internal attitude, are not in any external sense dangerous
people.“
15
Wenn dieses Argument eine Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilsten stüt-
zen soll, dann kann eine abstrakte Gefährdung jedoch nicht ausreichend sein. Im
zivilen Leben wird schließlich auch nicht für vogelfrei erklärt, wer an der Waffe
ausgebildet ist. Die Handlung, die jemanden seiner Rechte beraubt muss mehr sein
als eine reine Ausbildung an der Waffe und darüber hinaus so geartet sein, dass
Aussagen, die über Zivilisten und Soldaten getroffen werden, für alle Mitglieder
der jeweiligen Gruppe Gültigkeit besitzen.
Im Folgenden wird jedoch gezeigt werden, dass beide Bedingungen nicht erfüllt
sind. Bedenkt man die Größe und Komplexität von modernen Armeen, so ist offen-
sichtlich, dass nicht jeder einzelne uniformierte Soldat in seinem täglichen Dienst
Waffen trägt oder direkt daran beteiligt ist, anderen Soldaten Schaden zuzufügen.
Moderne Armeen verfügen über eine große Zahl an Service- und Verwaltungsper-
sonal, für die dies nicht der Fall ist. Beispiele wären Mechaniker, die den Fuhrpark
betreuen und statt der Waffe mit Schraubenschlüsseln hantieren, Köche, die den
Rest der Truppe mit warmen Mahlzeiten versorgen und deren Waffe der Kochlöffel
15
Orend (Fn. 1), S. 112 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 49
ist, oder Verwaltungsangestellte, die für alles vom Einkauf bis zur Organisation des
Solds zuständig sind. All diese Personen wären zwar uniformierte Mitglieder der
Streitkräfte und damit nach internationalem Recht legale Ziele, jedoch nicht direkt
an der Bekämpfung feindlicher Truppen beteiligt. Dies bedeutet aber, dass, wenn
zum Beispiel ein Marineschiff unter Beschuss gerät, der Schiffskoch ebenso ein le-
gales Ziel darstellt wie der Richtschütze, der eine der Bordkanonen bedient. Man
kann jedoch vom Schiffskoch schwerlich behaupten, dass er direkt an der Bekämp-
fung feindlicher Schiffe beteiligt wäre, was die Voraussetzung wäre, um ihn nach
obigen Maßstab zu einem moralisch gerechtfertigten Ziel werden zu lassen.
Um diesem Problem zu begegnen, könnte man argumentieren wollen, dass er
indirekt am Schaden beteiligt ist, der anderen Schiffen zugefügt wird. Schließlich
ist der Schiffskoch derjenige, der dadurch, dass er die Verpflegung zubereitet, die
Kampfkraft der Truppe mit erhält. Wenn man jedoch gewillt ist, diesen Schritt von
direkter zu indirekter Beteiligung zu gehen, dann stellt sich sofort die Frage, ob dies
dann nicht auch für jeden Zivilisten zu gelten hat, der Nahrungsmittel an Militär-
basen verkauft und ob damit nicht auch diese Zivilisten zu legitimen Zielen werden
müssten? In anderen Worten stellt sich damit die Frage, wo die moralisch relevan-
te Unterscheidung zwischen einem Schiffskoch an Bord eines Marinekreuzers und
einem Pizzajungen liegt, der Pizzas an eine Militärbasis liefert?
Brian Orend versucht das Problem zu lösen, indem danach differenziert, ob der
Service, der erbracht wird, für einen Kombattanten (und damit ein legitimes Ziel)
als Soldat notwendig ist oder als Mensch benötigt wird. Darauf aufbauend argumen-
tiert er anschließend, dass derjenige, der eine Serviceleistung erster Art erbringt, an
dem Schaden, den der Soldat anrichtet, (wenn auch möglicherweise nur indirekt)
beteiligt ist, während derjenige, der Serviceleistungen zweiter Art erbringt, als nicht
beteiligt und damit als illegitimes Ziel zu gelten hat.
16
Um sein Argument weiter
auszuführen, zitiert er Michael Walzer, der schreibt, dass „the relevant distinction
is [ . . . ] between those who make what the soldiers need to fight and those who
make what they need live like all the rest of us“.
17
Diese Unterscheidung mag zwar
prima facie einleuchtend erscheinen, sie kann jedoch nicht vollständig sein, wenn
sie nicht sogar schlicht falsch ist. Betrachtet man nämlich das Beispiel des Mari-
nekreuzers erneut, so ist offensichtlich, dass die vorgeschlagene Unterscheidung in
diesem Fall nicht funktioniert. Der Schiffskoch erbringt durch seine Arbeit schließ-
lich eine Leistung, welche die Soldaten als Menschen benötigen und nicht nur als
Soldaten. Nach der Unterscheidung, wie sie von Orend und Walzer vorgeschlagen
wird, blieben der Schiffskoch und vermutlich eine ganze Reihe anderen Personals
auf dem Schiff verbotene Ziele für einen Angriff und damit wäre ein Angriff auf das
Schiff als Ganzes nicht mehr legitim, wenn man nicht Kollateralschaden oder ein
ähnliches Prinzip bemühen möchte. Es ist jedoch nicht so, dass das allgemeine Ver-
ständnis der Situation so geartet ist, dass der Koch als illegitimes Ziel nur zufällig
mit zum Opfer wird. Im allgemeinen Verständnis ist der Koch ebenso ein legitimes
Ziel wie der Rest seiner Kameraden, inklusive der Richtschützen an Bord.
16
Ibid., S. 114 f.
17
Ibid., S. 114.
Ausdruck vom 27.11.2013
50 Sebastian Schnelle
Das zuvor beschriebene Problembleibt also zunächst bestehen. Einerseits liefert
die Tatsache, dass jemand daran beteiligt ist, anderen Menschen körperlichen Scha-
den zuzufügen, einen moralisch relevanten Anhaltspunkt, warum er legitimerweise
zum Ziel von Gewalt werden darf, andererseits gilt dies nicht für alle uniformierten
Mitglieder einer Armee. Dieses Problem könnte dann zwar dadurch gelöst werden,
dass man eine indirekte Beteiligung am Zufügen von Schaden als ausreichend an-
sieht, die dann aber die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Armeeangehöri-
gen aufheben würde, da diese nicht so fein säuberlich funktioniert, wie von Orend
oder Walzer gedacht. Nimmt man die enge Verwobenheit moderner Gesellschaf-
ten und Wirtschaften, so ließe sich mit dem Argument der indirekten Beteiligung
vermutlich eine gesamte Bevölkerung (oder zumindest sehr große Teile) zu legi-
timen Zielen erklären, was sicherlich als unbefriedigendes Resultat zu gelten hat.
Im Folgenden soll deshalb argumentiert werden, dass Orend und Walzer auf dem
richtigen Weg zu einer gelungenen Rechtfertigung waren, dass ihre Analyse jedoch
unvollständig geblieben ist. Durch das „Schadensprinzip“ lässt sich immerhin eine
Verbindung herstellen, die erklärt, wieso manche Armeeangehörige legitimerweise
zum Ziel von Gewalt werden. Es wird im Anschluss daran nun gezeigt werden, dass
mit einem weiteren Prinzip, welches sich an der strafrechtlichen Form der Mittäter-
schaft orientiert, tatsächlich eine Unterscheidung zwischen Zivilisten und Soldaten
aufrechterhalten lässt.
IV. Mittäterschaft
Soll die Verantwortlichkeit all derer erfasst werden, die an einem Verbrechen
beteiligt sind, auch wenn durch individuelles Verhalten direkt keine Strafnorm ver-
letzt wird, so bedient sich das Strafrecht der Form der Mittäterschaft. Ein einfacher
Fall dies zu demonstrieren wäre ein Bankraub, begangen von den Tätern A, B und
C. Man stelle sich vor, dass die Täter gemeinschaftlich planen eine Bank auszurau-
ben. Die Aufgabenteilung für diesen Coup ist folgendermaßen vorgesehen: A soll
mit einer Pistole in die Bank stürmen und das Geld erbeuten, B das Fluchtfahrzeug
fahren und C an einer Straßenecke nach der Polizei Ausschau halten.
Es ist in diesem Beispiel klar ersichtlich, worin A’s Verbrechen besteht. A ist
derjenige, der mit vorgehaltener Waffe die Bank betritt und sich somit direkt ei-
nes bewaffneten Raubüberfalls schuldig macht. Was nicht so leicht ersichtlich ist,
ist worin eigentlich die Verbrechen von B und C bestehen. Betrachtet man die von
B und C ausgeführten Handlungen isoliert, so lässt sich nämlich keine Straftat er-
kennen. Im Allgemeinen stellen Auto fahren und an einer Straßenecke stehen keine
Rechtsnormverletzungen dar. Wäre es nicht der Fall, dass B hier das Fluchtfahrzeug
in einemBanküberfall steuern würde, so wäre sein Handeln nicht strafrelevant. Das-
selbe gilt für C.
Erst eine Verbindung der Handlungen des Autofahrens und des an einer Straßen-
ecke Stehens mit dem bewaffneten Raubüberfall sorgt dafür, dass sich zwei prima
facie nicht strafbewehrte Handlungen in Straftaten verwandeln. Im Strafrecht wird
diese Verbindung durch das Konstrukt der Mittäterschaft hergestellt. Um zu zeigen,
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 51
dass B’s und C’s Handlungen strafrechtlich nicht zulässig waren, ist zu beweisen,
dass ein gemeinsamer Tatplan vorliegt. So schreibt es zumindest § 25 Abs. 2 StGB
vor.
Auch das englische Common Law kennt dieses Konstrukt, wobei dort anstelle
von einem gemeinsamen Tatplan von mens rea gesprochen wird. Erst diese verbin-
det die prima facie nicht strafbewehrten Handlungen B’s und C’s mit der eigentli-
chen Straftat von A, welche als actus reus bezeichnet wird.
Es sind also zwei Bedingungen zu erfüllen, die jede für sich notwendig und
zusammen hinreichend sind, um Mittäterschaft zu begründen. So muss erstens ei-
ne primäre Straftat vorliegen, die eine Strafrechtsnorm verletzt, sowie zweitens ein
gemeinsamer Tatplan vorhanden sein, der einen gemeinsamen Zweck etabliert, der
alle Handlungen zusammenführt. Ersteres ist in dem Beispiel durch den bewaffne-
ten Überfall gegeben, letzteres durch einen Tatplan mit dem gemeinsamen Zweck,
das Geld der Bank zu erbeuten. Erst beide Bedingungen zusammen führen dazu,
dass A, B und C zu einer gemeinsamen Täterschaft verbunden werden.
Wie könnte das Konstrukt der Mittäterschaft nun genutzt werden, um eine Un-
terscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten in einem moralisch
relevanten Sinne zu etablieren? Die Lösung des Problems führt über die Frage,
wann ein gemeinsamer Tatplan vorliegt, was wiederum mit dem Vorliegen eines
gemeinsamen Handlungszwecks einhergeht. Den Mitgliedern einer Armee einen
gemeinsamen Zweck ihres Handelns zu unterstellen, ist dabei sicherlich nicht zu
weit hergeholt, auch wenn der Begriff der „Mittäterschaft“ hier leicht missverstan-
den werden kann. Als Begriff aus dem Strafrecht impliziert er Schuldhaftigkeit, was
in Bezug auf die Angehörigen von Streitkräften nicht intendiert ist. Den Mitglie-
dern von Streitkräften zu unterstellen, dass sie einen gemeinsamen Daseinszweck
teilen, ist jedoch zulässig. Worin dieser genau besteht, mag nicht ganz leicht zu de-
finieren sein. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass dieser mit Kampf-
oder Verteidigungsbereitschaft zu tun hat, da dies Kernaufgaben von Streitkräften
sind. Armeeangehörige werden dafür ausgebildet und bezahlt, kampfbereit zu sein.
Durch einen Beitritt zu den jeweiligen Streitkräften erklärt jeder Armeeangehörige
seine Bereitschaft, sich an diesem Handlungszweck zu beteiligen. Analog zur straf-
rechtlichen Mittäterschaft macht es dann aber auch Sinn, jedem einzelnen Soldaten
einen Teil der Verantwortung an diesem Zweck zuzuschreiben, der primär im Zu-
fügen von Schaden gegenüber anderen Streitkräften zu verorten sein wird. Dies ist
unabhängig davon der Fall, in welcher Weise ein einzelner Soldat sich an diesem
Zweck beteiligt, insbesondere ist also auch davon unabhängig, ob er eine direkte
Gefahr für die Soldaten anderer Streitkräfte darstellt.
Auf diese Weise wäre auch erklärt, wieso ein Schiffskoch auf einem Marine-
kreuzer ein legitimes Ziel darstellt. Eben weil er an dem Zweck der Streitkräfte
beteiligt ist, da er seinen Dienst verrichtet, um das Schiff und seine Besatzung als
solche einsatzbereit zu halten. Damit erfüllt er eine Rolle, die der eines Fluchtfah-
rers nicht unähnlich ist. Der Fahrer des Fluchtfahrzeugs hat selbst keinen bewaffne-
ten Raubüberfall begangen, aber er ist trotz allem für den Erfolg des Banküberfalls
wichtig. Wenn also der Fahrer eines Fluchtfahrzeugs für den gesamten Banküber-
Ausdruck vom 27.11.2013
52 Sebastian Schnelle
fall mitverantwortlich zeichnet und die entsprechenden Folgen zu tragen hat, warum
sollte dann nicht auch der Schiffskoch für die Folgen des militärischen Unterneh-
mens mitverantwortlich zeichnen, zumal er ja nicht ein beliebiger Koch ist, sondern
einer, der sich dem Militär angeschlossen hat. Hierin liegt denn auch der Unter-
schied zum Pizzaboten, der sich dem Militär nicht angeschlossen hat und lediglich
Pizza an eine Militärbasis liefert. Dieser ist an dem Daseinszweck der Streitkräfte
nämlich nicht beteiligt.
In Hinsicht auf die notwendigen Bedingungen stellte sich die Lage dann der-
gestalt dar, dass eine primäre Handlung vorliegt, die den Einsatz von Gewalt le-
gitimiert. Diese Handlung liegt in dem Zufügen von körperlichem Schaden, dem
Kernanliegen jeglicher Streitkräfte. Darauf kann Thomsons Argument in Bezug auf
individuelle Notwehr ebenso angewendet werden wie Orends „Schadensprinzip“.
Die zweite Bedingung, dass ein gemeinsamer Tatplan vorliegt, kann so interpretiert
werden, dass sich dieser in einem gemeinsamen, der Unternehmung Streitkräfte ur-
eigenen Zweck findet, der in dem Zufügen dieses Schadens liegt. Damit wären die
beiden notwendigen Bedingungen erfüllt, die zusammen hinreichend sind, und da-
mit wäre das erreicht, was aus Orends und Walzers Theorien nicht abzuleiten war,
nämlich dass jeder Soldat ein legitimes Angriffsziel darstellt, wobei sich die Legiti-
mität letztendlich aus der Rechtsverletzung durch das Unternehmen Militär bezieht.
Damit wäre aber auch eine Unterscheidung zu erklären, die in einer Fußnote
zuvor schon angedeutet wurde. Dort wurde darauf hingewiesen, dass zwei Gruppen
innerhalb der uniformierten Mitglieder von Streitkräften ausdrücklich davon ausge-
nommen werden, legitime Ziele zu sein. Es handelt sich um Militärgeistliche und
medizinisches Personal. Diese werden nicht deshalb davon ausgenommen, ange-
griffen werden zu dürfen, weil sie nicht aktiv daran beteiligt sind, anderen Scha-
den zuzufügen. Dies tun Militärköche und Verwaltungsangestellte schließlich auch
nicht. Auch geht es nicht darum, dass medizinischer oder geistlicher Beistand Dinge
sind, die von Soldaten als Menschen benötigt werden und nicht nur in ihrer Rolle
als Soldaten, da auch dies auf die Dienstleistungen eines Kochs in Militärdiensten
zutreffen würde. Vielmehr wird so argumentiert, dass Militärgeistliche und medi-
zinisches Personal ihre Rolle anders definieren als der Rest der Truppe. In ihrem
Selbstverständnis werden diese beiden Berufsgruppen ihre Aufgabe weniger darin
sehen das Militär als solches am Laufen zu halten. Zwar tragen sie auch dazu bei,
die Kampfkraft des Militärs zu erhalten. So wird ein ordentlich medizinisch ver-
sorgter Verwundeter vermutlich eher wieder einsatzbereit sein. Nach ihrem Selbst-
verständnis ist dies jedoch nicht der primäre Grund ihres Handelns. Dieser wird im
Falle eines Sanitäters eher darin liegen, einem Verwundeten Beistand zu leisten und
Leiden zu reduzieren. Diese Ansicht lässt sich auch dadurch stützen, dass medizini-
sches Personal, zumindest in der Theorie, bereit ist, jedem Verwundeten zu helfen,
unabhängig davon, auf welcher Seite er gekämpft hat. Daran ändert sich auch nichts,
wenn man in diese Überlegung mit einbezieht, dass es in der Realität durchaus sein
kann, dass ein bestimmter Sanitäter im Ernstfall dazu neigt, seine Kameraden be-
vorzugt zu behandeln. Im Prinzip sind medizinische Einheiten bereit, allen Verwun-
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 53
deten Hilfe zu leisten, auch wenn dies möglicherweise bedeuten würde, die eigenen
Kriegsanstrengungen indirekt zu hintertreiben.
Auch schützen die zuvor erwähnten Einschränkungen individuelle Mitglieder
der Streitkräfte davor, für Handlungen in Mithaftung genommen zu werden, die
nicht zum allgemein anerkannten Grundzweck des Militärs gehören. So kann man
durchaus davon ausgehen, dass von den meisten Soldaten das Kriegsrecht als bin-
dend anerkannt wird und somit Kriegsverbrechen nicht unter den gemeinsamen
Zweck fallen, zu dem sich die Mitglieder einer Armee zusammen gefunden ha-
ben, auch wenn jedem bekannt sein müsste, dass sich solche Verbrechen gelegent-
lich ereignen. Diejenigen Soldaten, die sich an geltendes Kriegsrecht halten, sind
dementsprechend nicht mitverantwortlich zu machen für Gräueltaten, die von einer
Minderheit begangen werden, da und soweit kein gemeinsamer Tatplan vorliegt.
Was aber ist nun mit Zivilisten? Während es eine sichere Annahme scheint,
dass jegliches militärisches Personal (die zuvor angeführten Spezialfälle ausgenom-
men) einem gemeinsamen Zweck zuarbeiten, so ist dies für Zivilisten keineswegs
der Fall, womit auch der moralisch relevante Unterschied in Hinsicht auf ihren Sta-
tus als legitimes oder illegitimes Ziel benannt wäre. Was könnte ein solches Ziel
sein, das allen Zivilisten gemeinsam ist und das auch noch gleichzeitig eine direk-
te Verbindung zu einer Handlung enthielte, die so geartet wäre, dass sie den Ver-
lust einiger Rechte nach sich zöge? Sicherlich liegt ein solches Ziel nicht darin,
einen Krieg zu führen. Man wird kaum eine Bevölkerung finden, die zu 100% einen
Krieg unterstützt. Selbst in hochgradig fanatisierten Gesellschaften, wie sie etwa
im Deutschland der Nazizeit vorgelegen haben könnte, wird diese Bedingung nicht
erfüllt werden. Es wird schwierig sein, einen ausreichenden Grund zu finden. Das
Zahlen von Steuern und die Beteiligung an Wahlen dürften kaum genügen, da Steu-
ern für eine Vielzahl von Maßnahmen nötig sind, nicht nur für die Kriegsführung.
Ebenso kann die Beteiligung an Wahlen nicht als ausreichend angesehen werden,
da immer die Möglichkeit besteht, gegen die Regierung zu stimmen. Selbst wenn
ein Wähler für eine bestimmte Regierung gestimmt haben sollte, so ist es immer
noch der Fall, dass Regierungen für eine Vielzahl von Dingen nötig sind, nicht nur
für die Kriegsführung. Wenn also ein Bürger Steuern zahlt und sich an demokrati-
schen Wahlen beteiligt, so heißt das noch lange nicht, dass damit ein gemeinsamer
Tatplan mit der Regierung existieren würde, da ein bestimmter Bürger Kriegsfüh-
rung unter Umständen dezidiert ablehnt, auch wenn er für eine Regierung gestimmt
hat, die nun Krieg führt. Dies ist auch der Grund, warum Zawahiris Argument am
Ende scheitern muss, selbst wenn man die eingangs schon erwähnten, offensichtli-
chen Schwächen hinsichtlich des 11. September zunächst unbeachtet lässt. Einzelne
Zivilpersonen mögen eine Mitschuld an einem Krieg tragen und dafür auch zur Re-
chenschaft gezogen werden können. Da dies jedoch nicht für alle Zivilisten zutrifft,
muss diese Schuld auch individuell festgestellt werden und kann nicht einfach ver-
allgemeinernd zugeteilt werden. Bei Kombattanten ist dies nicht der Fall, da diese
über den gemeinsamen Zweck der Kriegsführung gewissermaßen einen gemeinsa-
men Tatplan besitzen.
Ausdruck vom 27.11.2013
54 Sebastian Schnelle
V. Mittäterschaft ohne gemeinsamen Tatplan?
Nach der vorangegangenen Diskussion ist es eine interessante Frage, ob sich
Mittäterschaft auch ohne gemeinsamen Tatplan denken lässt. Diese Mittäterschaft
würde sich dann vermutlich eher in Unterlassungen als in direkten Handlungen wi-
derspiegeln. So lässt sich Zawahiris Argument auch so verstehen, dass er die An-
griffe auf das World Trade Center nicht dadurch rechtfertigen wollte, dass die US-
Bürger ihre Regierung aktiv unterstützten, sondern es könnte sein, dass er sie einer
Unterlassung beschuldigt. So könnte man etwa argumentieren, dass mehr öffent-
licher Druck vielleicht dazu geführt hätte, dass die US- Regierung keine Truppen
nach Afghanistan oder in den Irak geschickt hätte. Wäre dies der Fall, so könnte
man Zawahiri unterstellen, dass es in seinen Augen die Unterlassung dieser Pro-
teste und somit eine indirekte Unterstützung der Regierung war, die amerikanische
Zivilisten für die Taten ihrer Regierung mitverantwortlich werden lässt.
Um die Möglichkeit einer derartigen Gewaltrechtfertigung zu diskutieren, soll
im Folgenden ein Beispiel dienen, das von Jürgen Rödig erdacht wurde.
„Ein Holzfäller arbeitet alleine im Wald, als er aus Unachtsamkeit unter einem umgestürzten
Baum eingeklemmt wird. Der Baum ist so schwer, dass der Holzfäller alleine nicht in der
Lage ist, diesen anzuheben. In der Tat braucht es zwei weitere Personen, um den Holzfäller
aus seiner misslichen Lage zu befreien. Wie der Zufall so spielt, ist jedoch ein Wilderer in
der Gegend, der die verzweifelten Schreie des Holzfällers ebenso hören kann, wie ein Philo-
soph, der gerade einen Waldspaziergang unternimmt und über den Sinn des Lebens nachsinnt.
Unglücklicherweise für den Holzfäller befürchtet der Wilderer, Ärger zu bekommen, sollte
er dem Holzfäller zur Hilfe eilen, schließlich ist seine Tätigkeit im Wald illegal und so be-
schließt der Wilderer, die Hilferufe zu ignorieren. Auch der Philosoph entscheidet sich seines
Weges zu gehen, da er denkt, dem Sinn des Lebens ein Stück näher gekommen zu sein, so
dass er seine Überlegungen nicht an einer solch kritischen Stelle unterbrechen möchte. Da
die einzigen beiden möglichen Retter unbeirrt ihrer Wege gehen, bleibt der arme Holzfäller
unter dem Baum eingeklemmt und verstirbt.“
18
Schaut man sich dieses Beispiel an, so stellt sich ein starkes Gefühl ein, dass
jemand für den Tod des Holzfällers zur Verantwortung gezogen werden sollte, da
das Beispiel bewusst so konstruiert war, dass der Tod des Holzfällers leicht zu ver-
meiden gewesen wäre. Die Frage, wer genau zur Verantwortung zu ziehen ist und
auf welcher Grundlage, ist jedoch nicht so ohne weiteres zu beantworten.
Konfrontiert man den Philosophen mit den Folgen seines Handelns, so kann
er sich auf den Standpunkt zurückziehen, dass er sich keinesfalls der unterlassenen
Hilfeleistung schuldig gemacht hat, da es nichts gab, das er hätte tun können, umdas
Leben des Holzfällers zu retten. Schließlich wäre der Holzfäller auch zu Tode ge-
kommen, wenn der Philosoph den Rufen nachgegangen wäre und den Eingeklemm-
ten gefunden hätte. Da der Baum zu schwer war, um ihn alleine zu heben, bestand
niemals eine Chance für den Philosophen allein, den Holzfäller zu retten. Nachdem
es nichts in seiner Macht stehende zu tun gab, so argumentiert der Philosoph nun,
besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen seiner Entscheidung weiterzugehen
18
Rödig, Die Denkform der Alternative in der Jurisprudenz, 1969, S. 130.
Ausdruck vom 27.11.2013
Terrorismus und Immunität von Zivilisten 55
und dem unglücklichen Tod des Holzfällers. Ohne die Unterstützung des Wilderers,
seine freie Entscheidung, auf die der Philosoph keinerlei Einfluss hatte, musste je-
der mögliche Rettungsversuch des Philosophen erfolglos bleiben. Nachdem es aber
keinen Sinn macht, etwas Unmögliches zu verlangen, setzt ein moralisches „Sollen“
immer ein tatsächliches „Können“ voraus, und da dieses nicht gegeben war, so der
Philosoph, trage er keinerlei Verantwortung am Tod des Holzfällers.
Interessanterweise hat nicht nur der Philosoph damit ein gutes Argument für
seine Unschuld am Tod des Holzfällers, sondern diese Verteidigung steht in ihrer
spiegelbildlichen Variante dem Wilderer ebenso offen. Dies mag absurd erschei-
nen, aber so lange, wie eine der beiden Personen die vom anderen unabhängige und
nicht zu beeinflussende Entscheidung trifft, nicht auf die Hilferufe zu hören, könnte
die jeweils andere Person zwar willens sein zu helfen, aber sie wäre niemals dazu
in der Lage. In jeder Variante ist nur die Unterlassung einer der beiden Personen
vonnöten, um den Tod des Holzfällers zu erklären. Dementsprechend gibt es auch
keine kausale Erklärung für den Tod des Holzfällers, in der die Entscheidung ei-
ner der beiden beteiligten Personen für sich genommen ausreichend wäre, um den
Fortgang der Geschichte zu ändern. Aus dieser Beschreibung des Vorgangs jedoch
ergibt sich, dass keine der beiden Personen für den Tod zur Verantwortung gezogen
werden kann, da Verantwortung Kausalität voraussetzt.
19
Es scheint so, dass, wenn
überhaupt jemand (oder etwas) moralisch verantwortlich gemacht werden kann, es
das Duo von Wilderer und Philosoph gemeinsam ist, da sie zusammen den Holz-
fäller hätten retten können. Es wäre dann gewissermaßen eine kollektive Entität aus
Wilderer und Philosoph, welche die Verantwortung zu tragen hätte. Dies liegt nicht
völlig fern, da wir ja auch juristische Personen wie zum Beispiel Staaten und Fir-
men ebenso kennen wie eine kollektive Verantwortung, die sich aus dem Konstrukt
der Mittäterschaft ergibt. Wieso also sollte dies hier nicht der Fall sein?
In den Fällen, in denen eine kollektive Verantwortung vorliegt, lässt sich diese
eigentlich nur aus einem gemeinsamen Handlungsplan ableiten, sei es koordiniertes
Vorgehen im Sinne einer geschäftlichen Unternehmung oder ein konkreter Tatplan
für ein Verbrechen. In all diesen Fällen ist entscheidend, dass tatsächlich Abspra-
chen die gemeinsame Unternehmung betreffend ebenso stattfinden wie eine per-
sönliche Entscheidung, daran beteiligt zu sein. Im strafrechtlichen Sinne wurde dies
bereits als mens rea benannt. Der interessante Aspekt amHolzfäller-Beispiel ist aber
gerade, dass mens rea dort nicht vorliegt. Der Wilderer und der Philosoph haben kei-
ne Absprachen getroffen und auch kein gemeinsames Ziel verfolgt. Zu keiner Zeit
bestand eine Übereinkunft darüber, den Holzfäller sterben zu lassen. Es ist sogar
so, dass davon ausgegangen werden kann, dass keiner der beiden von der Existenz
des jeweils anderen wusste, was es noch unplausibler macht, von beiden als einer
kollektiven Einheit auszugehen. Die Situation war ja gerade so konstruiert, dass die
beiden völlig unabhängig voneinander agierten und dass zu keinem Zeitpunkt eine
19
Ähnlich sieht auch Kaufmann, Aufgeklärte Anarchie: Eine Einführung in die politische Philosophie,
1999, S. 47, die Unterscheidung zwischen Moral und Recht unter anderem in der Tatsache, dass man
moralisch „nur für das gelobt oder getadelt [wird], für das man auch persönlich verantwortlich ist“,
was für rechtliche Haftbarkeit nicht gilt.
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56 Sebastian Schnelle
Möglichkeit bestand, die Entscheidung des jeweils anderen zu beeinflussen. Damit
stellt sich aber wieder die Frage, wo die Verantwortung ohne Kausalität herkommen
sollte.
20
Zawahiris Argument scheint in allen wesentlichen Merkmalen auf einer ähnli-
chen Situation zu beruhen, wie sie im Holzfäller-Fall konstruiert wurde. Zivilisten,
die sich untereinander nicht kennen, nicht notwendigerweise ein gemeinsames Ziel
im Leben verfolgen und als jeweils einzeln Handelnde keinerlei Einfluss auf den
Lauf der Ereignisse haben, sollen für etwas verantwortlich gemacht werden, auf
das sie höchstens als Kollektiv Einfluss hätten nehmen können. Dafür, dass ein ko-
ordinierter Versuch unternommen wurde, ein solches Kollektiv zu formen, gibt es
jedoch keinen Anlass. Genau wie im Holzfäller-Fall kann die kollektive Verantwor-
tung, die bestehen mag oder auch nicht, jedoch auf keinen Fall auf das Individuum
heruntergebrochen werden. Damit stellen die Zivilisten aber auch keine legitimen
Angriffsziele dar. Zwar mag es der Fall sein, dass eine primäre Handlung erfolgte,
die von der Art ist, dass sie den Verlust bestimmter Rechte nach sich ziehen kann.
So zumindest kann man den Konflikt zwischen der arabischen Welt und demWesten
interpretieren, wenn man denn möchte. Es fehlt jedoch die Verbindung, die diesen
Rechtsverlust an jedes Individuumüberträgt. Interessanterweise kam Virginia Held,
die sich 2008 so skeptisch äußerte und Zawahiris Argument zumindest eine theo-
retische Chance einräumte, in einem ihrer früheren Aufsätze zu einem ähnlichen
Schluss. Sie schrieb: „From the judgement ‚Collectivity C ought (ought not) to have
done A‘, judgements of the form‚Member M of Cought (ought not) to have done A‘
cannot be derived.“
21
Sollte dies korrekt sein, und es wurde zuvor so argumentiert,
dass dem so ist, dann ist es unmöglich, Zivilisten in einem Land eine individuelle
Schuld aufzubürden, zumindest keine, die ausreichend schwerwiegend wäre, um sie
für legitime Angriffsziele zu halten.
20
Dazu auch Joerden, Zurechnungsprobleme bei Gruppen und Kollektiven, in: Kaufmann/Renzikowski
(Hrsg.), Zurechnung als Operationalisierung von Verantwortung, 2004, S. 135-146.
21
Held, Can a Random Collection of Individuals be Morally Responsible?, The Journal of Philosophy
67 (1970), S. 474 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus?
Zugleich Vorüberlegungen zu einer Definition des Terrorismus
Adriano Teixeira, München
I. Einführung
Was Terrorismus ist, weiß man nicht genau; man glaubt aber zu wissen, dass es
sich um Böses handelt, das Unrecht verkörpert. Diese zwei Fragen – „Was ist böse
am Terrorismus?“ und „Was ist Terrorismus?“ – sind der Gegenstand der vorlie-
genden Abhandlung. Die intuitive Gewissheit, dass es sich beim Terrorismus nicht
schlechthin um „normale“ Kriminalität handelt, sondern um eine gravierende oder
sogar „besondere“ Form von Kriminalität,
1
soll der Ausgangspunkt eines moral-
phänomenologischenVersuchs sein, die Merkmale oder Eigenschaften, die für diese
eigentümliche Bosheit des Terrorismus konstitutiv sind, zu erfassen (III.). Anschlie-
ßend und auf dieser Grundlage wird sich dieser Beitrag der semantischen Frage nach
dem heillos umstrittenen Begriff des Terrorismus zuwenden (IV.).
Dass hier allein die zwei genannten Fragen behandelt werden, bedeutet zugleich
und vor allem, dass die dritte Frage nach der möglichen Rechtfertigung des Ter-
rorismus außer Betracht bleiben muss. Diese Frage ist den zwei anderen logisch
nachgeordnet; erst wenn man weiß, was das spezifisch Böse am Terrorismus ist,
kann man eine präzisere Definition des Begriffs entwickeln, und erst dann wird
es möglich sein, die Rechtfertigungsfrage auf sinnvolle Weise zu behandeln. Das
Verhältnis zwischen diesen Fragen wird dadurch enger, dass die Postulierung eines
definitorischen Merkmals häufig schon die moralische Bewertung des Phänomens
vorwegnimmt.
2
Die Frage, ob eine terroristische Handlung unter gewissen Umstän-
den gerechtfertigt sein kann, muss einer weiteren Untersuchung vorbehalten blei-
ben. Es ist bereits viel gewonnen, wenn mehr Klarheit darüber herrscht, was wir als
Terrorismus bezeichnen dürfen und warum.
1
So wird beispielsweise versucht, den Terrorismus als internationales Verbrechen anzuerkennen bzw.
dazu zu erheben; dazu etwa Ambos, Judicial Creativity at the Special Tribunal for Lebanon: Is There a
Crime of Terrorism under International Law?, Leiden Journal of International Law 24 (2011), S. 655
(665 ff.).
2
Kapitan, ‚Terrorism‘ as Method of Terrorism, in: Meggle (Hrsg.), Ethics of Terrorism & Counter-
Terrorism, S. 21 (21); Primoratz/Meßelken, Einleitung, in: Primoratz/Meßelken (Hrsg.), Terrorismus:
Philosophische und politikwissenschaftliche Essays, 2011, S. 7 (8). Das lässt sich deutlich zeigen
bei der häufig diskutierten Frage, ob der Angriff auf unschuldige Menschen bzw. Zivilisten Teil der
Definition eines Terroraktes sein muss. Diejenigen, die diese Frage bejahend beantworten, neigen zu
der Annahme, dass die absichtliche Tötung oder Verletzung von Unschuldigen eben das Böse am
Terrorismus sei (s.u. III. 1.).
Ausdruck vom 27.11.2013
58 Adriano Teixeira
II. Methodische Überlegungen
1. Das Böse an was?
Die hiesige Vorgehensweise, zuerst nach dem Bösen am Terrorismus zu suchen,
und sich erst anschließend um eine präzisere Definition zu bemühen, steht vor der
Schwierigkeit, über etwas sprechen zu müssen, von dem man noch nicht weiß, was
genau es ist.
3
Gewiss ist nur, dass Terrorismus ein negativ besetztes Wort ist,
4
und dass dieses
Wort häufig als politischer Kampfbegriff manipulativ benutzt wird.
5
Die tenden-
ziöse Verwendung dieses Wortes ist Bestandteil einer geläufigen politischen bzw.
ideologischen Strategie, den Gegner mit dem Stempel „Terrorist“ zu versehen. Die
Terroristen, die Bösen, sind immer die Anderen.
6
Es ist deshalb eine wichtige Auf-
gabe der Geisteswissenschaften, insbesondere der politischen Philosophie, eine po-
litisch nicht manipulierbare Definition des Terrorismus zu finden.
Es fragt sich, wie man eine vorläufige Definition gewinnen kann, die eine
brauchbare Reflexionsgrundlage für die moralphänomenologische Betrachtung bie-
tet. Dies kann nicht durch schlichte Festsetzung erfolgen, da dabei die Gefahr be-
steht, den Anschluss an den Gebrauch des Wortes im Alltag vollständig zu verlie-
ren. Hier soll deshalb versucht werden, von einer minimalistischen, enumerativen
Vorstellung vom Begriff des Terrorismus auszugehen, die bestimmte Fälle erfasst,
deren Bezeichnung als terroristische Handlungen völlig unumstritten ist. Diese Bei-
spiele sollen als Prüfstein jeder Beschreibung des Bösen am Terrorismus dienen;
die gewonnene Beschreibung wird dann wiederum den festen Boden liefern, der es
gestattet, zu prüfen, ob die Bezeichnung weiterer, zweifelhafter Fälle als „terroris-
tisch“ konsistent ist oder nicht.
Zu diesen völlig unumstrittenen Fällen gehören etwa: die Terroranschläge vom
11. September 2011 durch die Organisation Al-Qaida, bei denen zwei Verkehrsflug-
zeuge in die Türme des Word Trade Centers in New York gelenkt und ca. 3000
Menschen – die meisten Zivilisten – getötet wurden; die am 11. März 2004 durch
Islamisten begangenen Zuganschläge in Madrid, die aus einer Serie von Bomben-
explosionen bestanden, bei der 191 Menschen ums Leben kamen und 82 schwer
3
Klassische Formulierung dieses Problems bei Platon, Menon, 80 C ff.
4
Laqueur, Krieg dem Westen: Terrorismus im 21. Jahrhundert, 2003, S. 246, der den Kontrast etwa zu
dem Wort Guerrilla betont, welches weitgehend positiv besetzt sei.
5
Meggle, Terror und Gegenterror. Erste Reflexionen in: Primoratz/Meßelken (Hrsg.), Terrorismus:
Philosophische und politikwissenschaftliche Essays, 2011, S. 29 (30). Jeremy Waldron spricht in die-
sem Zusammenhang von einer „persuasiven Definition“ (Waldron, Torture, Terror, and Trade-Offs –
Philosophy for the White House, 2012, S. 77).
6
Waldron (Fn. 5), S. 77; Meggle, Terrorismus, in: Kirloskar-Steinbach/Dharampal-Frick/Friele
(Hrsg.), Die Interkulturalitätsdebatte – Leit- und Streitbegriffe, 2012, S. 331 (337). – Das wider-
spricht interessanterweise der Etymologie des Begriffs Terrorismus, welche auf die politische Stra-
tegie des „Terrors“ der Jakobiner in der Französischen Revolution zurückzuführen ist, wobei der
Begriff damals eine positive Konnotation hatte; zu diesem Bedeutungswandel siehe Laqueur, Terro-
rismus: Die globale Herausforderung, 1987, S. 19 ff.; Teichman, How to Define Terrorism, Philoso-
phy 64 (1989), S. 505 ff. und Hoffman, Terrorismus: Der unerklärte Krieg: Neue Gefahren politischer
Gewalt, 2008, S. 23 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 59
verletzt wurden; das 1974 durch die separatistische baskische Organisation ETA be-
gangene „Cafeteria Rolando“-Attentat, ein Bombenanschlag auf ein Café in Zen-
trum von Madrid, durch den 12 Personen getötet wurden; der durch die Irisch-
Republikanische Armee (IRA) 1992 in London an der Stelle des Gebäudes 30 St.
Mary Axe verübte Bombenanschlag, bei dem drei Menschen getötet und 91 verletzt
wurden; die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer und seiner vier
Begleiter durch die RAF 1977.
Demgegenüber kann man Vorfälle nennen, deren terroristische Qualität umstrit-
ten bzw. zweifelhaft bleibt, wie etwa: die Bombardierung von Hiroshima, Nagasa-
ki und Dresden im Zweiten Weltkrieg;
7
der 1983 mit einer Autobombe durchge-
führte Selbstmordanschlag auf die Kaserne amerikanischer Marines auf dem Beiru-
ter Flughafen, bei dem 241 Menschen getötet wurden;
8
der staatliche Terrorismus;
schließlich der sogenannte Cyberterrorismus. Die Einordnung dieser Fälle (IV. 4.)
soll eine Art Feuerprobe für die hierzu entwickelnden Überlegungen darstellen.
2. Moralphänomenologie ohne naive Ontologismen
Geht man also von einer vorläufigen, minimalistischen und enumerativen Vor-
stellung vom Begriff des Terrorismus aus, läuft damit der hypothetische Vorwurf
ins Leere, bereits die Fragestellung setze naiv voraus, dass es so etwas wie ein „We-
sen“ des Terrorismus gebe, das aus einer bestimmten Gestalt des Bösen bestehe. Es
wird bloß theoretisch bescheiden ein tatsächlicher Sprachgebrauch festgestellt und
unter ein Konsistenzgebot gestellt. Denn die oben unter Ziffer 1. genannten unum-
strittenen Fälle und die Verbrechen wie z. B. Mord, Entführung usw. oder andere
politische Gewalttaten wie etwa der Krieg werden für verschieden gehalten. Ob das
stimmt und warum, muss geklärt werden. Es kann nicht ausgeschlossen werden,
dass am Ende einem skeptischen Standpunkt, der die Besonderheit des Terrorismus
ablehnt, Recht zu geben ist. Dies wird sich aber erst nach einem solchen moralphä-
nomenologischen Versuch herausstellen.
3. Terrorismus als Tätigkeit
Vereinzelt und insbesondere im strafrechtlichen Schrifttum bestreitet man die
Besonderheit der terroristischen Tat und weist auf eine besondere Gefährlichkeit
des terroristischen Täters hin.
9
In der vorliegenden Abhandlung soll schlicht ange-
nommen werden, dass ein Terrorist derjenige ist, der eine terroristische Tätigkeit
ausübt und nicht umgekehrt; die Täterbeschreibung ist als logisch sekundär anzu-
sehen. Davon scheint auch der Sprachgebrauch auszugehen. Die Anschläge vom
11. September machen Bin Laden zum Terroristen und nicht umgekehrt. Wenn Bin
Laden Brot kauft, kann von Terrorismus nicht die Rede sein.
7
Bejahend etwa Primoratz, Terrorism: APhilosophical Investigation, 2013, S. 126 ff.; ablehnend Held,
How Terrorism is Wrong, Morality and Political Violence, 2008, S. 18.
8
Bejahend etwa Held (Fn. 7), S. 17, ablehnend Steinhoff, Zur Ethik des Krieges und des Terrorismus,
2011, S. 113; wohl auch ablehnend Hoffman (Fn. 6), S. 67.
9
Etwa Kühne, Unzeitgemäße Betrachtungen zum Problem des Terrorismus, FS Schwind, 2006, S. 103;
krit. und m.w.N Cancio Meliá, Zum strafrechtlichen Begriff des Terrorismus, GA 2012, S. 1 (5).
Ausdruck vom 27.11.2013
60 Adriano Teixeira
III. Das Böse am Terrorismus
In diesemAbschnitt werden zunächst verschiedene, insbesondere in der philoso-
phischen Diskussion zu findende Ansätze, die den Unrechtsgehalt des Terrorismus
erklären wollen, dargestellt und kritisch überprüft; am Ende wird der eigene Ansatz
dargeboten (4.).
1. Terrorismus als ungerechte Kriegsführung, als Angriff auf „Unschuldige“
bzw. Nicht-Kombattanten
Der wohl am meisten verbreitete und diskutierte philosophische Ansatz zur mo-
ralischen Erfassung des Terrorismus knüpft an die Theorie des gerechten Krieges
an.
10
Der Ausgangspunkt ist das Prinzip der Nicht-Kombattanten-Immunität, wel-
ches im Rahmen des sog. jus in bello (d. h. des Rechts der Kriegsführung, im
Gegensatz zum jus ad bellum – des Rechts des Kriegseintritts bzw. der Fortset-
zung des Krieges) gilt.
11
Nach diesem Prinzip können im Krieg nur Kombattan-
ten bzw. „Schuldige“ ein legitimes Angriffsziel sein. Daher ist es verboten, Nicht-
Kombattanten absichtlich anzugreifen, wohingegen solche militärische Aktionen er-
laubt sind, bei denen der Tod von Nicht-Kombattanten vorausgesehen und in Kauf
genommen wird (sog. Lehre von der doppelten Wirkung).
12
Nach diesem Grund-
gedanken liegt das Böse am Terrorismus in der Verletzung des Prinzips der Nicht-
Kombattanten-Immunität, das heißt, in der absichtlichen Tötung oder Verletzung des
Unschuldigen.
13
Nach einer eher instrumentellen oder konsequentialistischen Richtung innerhalb
dieses Ansatzes ist die grundlegende Unrechtsqualität des Terrorismus in der Ab-
weichung von den Kriegsregeln und in ihrer über das Opfer des Angriffs hinausge-
henden Bedeutung begründet. Jedes Instrument, das die moralische Katastrophe des
Krieges einzuschränken vermag, ist demnach wertvoll. Da die Kriegsregeln einen
solchen einschränkenden Faktor darstellen, sei der im Terrorismus verkörperte Ver-
stoß gegen diese Normen moralisch falsch.
14
Nach Noah Smith z.B. ist der terroris-
tische Akt das Spektakel der Überschreitung von gemeinsamen Regeln, die das Ver-
trauen zwischen den Nationen stützen. Der Terrorismus sei falsch, weil er eben diese
beiden instrumentell wertvollen Aspekte – die gemeinsame Regel und das von ihr
gestützte Vertrauen zwischen den Ländern – zu zerstören drohe.
15
Das bedeute, dass
der Terrorismus ohne diese beiden Gegebenheiten nicht existieren würde.
16
Nach ei-
10
Zu der modernen Fassung dieser Theorie grundlegend Walzer, Just and Unjust Wars: A Moral Argu-
ment with Historical Illustrations, 2006.
11
Steinhoff (Fn. 8), S. 12.
12
Ibid, S. 39.
13
Zohar, Innocence and Complex Threats: Upholding the War Ethic and the Condemnation of Ter-
rorism, Ethics 114 (2004), S. 734 (735); Jollimore, War, and The Killing of the Innocent, Ethical
Theory and Moral Practice 19 (2007), S. 353 (354).
14
Noah Smith, The Moral Significance of Terrorism, in: Feinberg/Coleman (Hrsg.), Philosophy of Law,
8. Aufl., 2007, S. 456; ähnlich Elshtain, Terrorism, Regime Change, and Just War: Reflections on
Michael Walzer, Journal of Military Ethics 2007, S. 131 (135).
15
Ibid, S. 456 f.
16
Ibid, S. 467.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 61
nem ähnlichen Ansatz von Michael Baur liegt die Besonderheit des Terrorismus in
der Verweigerung der Anerkennung jedweder Regel im Rahmen von bewaffneten
Konflikten. Das bedeute, dass der Terrorist stillschweigend an den Grundsatz des
uneingeschränkten und ständigen Krieges gebunden wäre, welcher nie durch Ver-
handlung und gegenseitige Anerkennung zu einem Ende kommen könne.
17
Gegen diese Auffassung wendet sich etwa Jeremy Waldron, der zu zeigen ver-
sucht, dass der Verstoß gegen Kriegsregeln nicht bloß die Verletzung einer Kon-
vention bedeutet, sondern einen intrinsischen moralischen Unwert verkörpert. Nach
dieser nicht konsequentialistischen, sondern deontologischen Deutung des Ansatzes
beinhalten die Kriegsregeln nicht lediglich einen instrumentellen Unwert – etwa die
Verringerung der moralischen Katastrophe oder der Brutalität des Krieges – sondern
sind bereits per se wertvoll.
18
In diesem Sinne sind sich viele Autoren darin einig,
dass der abstoßende Charakter des Terrorismus selbst im wohlüberlegten, willkürli-
chen Angriff auf Unschuldige liegt, also auf diejenigen, die an einem Konflikt mit
dem Täter nicht beteiligt
19
oder keineswegs für das behauptete Unrecht, gegen das
der Terrorist kämpft, verantwortlich sind.
20
Als besonders verwerflich wird dabei
die Beliebigkeit des Angriffs, das Fehlen der Anvisierung eines bestimmten Opfers
genannt. Die zufällige Auswahl und das Fehlen jeglicher persönlicher Relationen
seien wichtige Faktoren dafür, dass Terrorismus als ein so abstoßendes Phänomen
betrachtet wird.
21
Eine vergleichende Bewertung von Terrorismus und Krieg sprengt den Rahmen
dieser Studie. Dennoch darf ich meine Skepsis gegenüber diesem Ansatz äußern,
und dies in eigentlich dreierlei Hinsicht.
Die erste Schwäche des ganzen Ansatzes liegt darin, dass er zu kurz greift. Es
wird verkannt, dass terroristische Akte oft nicht im Kontext eines Krieges im klassi-
schen Sinne geschehen. Folglich kann die „Tradition des gerechten Krieges“ bei der
Analyse von terroristischen Aktionen, die nicht im Zusammenhang eines militäri-
schen Konflikts stattfinden und bei denen es dementsprechend keine Kombattanten
gibt, die angegriffen werden können, und keine Kriegsregeln, gegen die ein Verstoß
17
Baur, What is distinctive about terrorism, and what are the philosophical implications?, in: Shanahan
(Hrsg.), Philosophy 9/11: Thinking About the War on Terrorism. 2005, S. 3 (18).
18
McMachan, The Ethics of Killing in War, Ethics 114 (2004), S. 693 (730): „the laws of war, which
are conventions established to mitigate the savagery of war“; kritisch Zohar (Fn. 13), S. 736, der
darauf hinweist, dass die Nicht-Kombattant-Immunität nur eine Konvention sei; vgl. auch Jollimore
(Fn. 13), S. 363; Nathanson, Terrorism and the Ethics of War, 2010, S. 229 ff.
19
Walzer, Was ist falsch am Terrorismus?, Mittelweg 36 (2004), S. 73: „Unbeteiligte Zivilisten sind,
ungesehen ihrer persönlichen moralischen und politischen Überzeugung, unschuldig“.
20
Rodin, Terrorism without Intention, Ethics 114 (2004), S. 752 (757); Primoratz (Fn. 7), S. 20; Na-
thanson (Fn. 18), S. 33.
21
Meßelken, Guerrila und Terrorismus – Formen des (gerechten) Krieges?, in Primoratz/Meßelken
(Hrsg.), Terrorismus: Philosophische und politikwissenschaftliche Essays, 2011, S. 143 (153); ähn-
lich Zohar (Fn. 13), S. 735: „The special evil of terrorism lies in its very nature as indiscriminate
killing, that is to say, in its purposeful slaying of the innocent“ und Cancio Meliá (Fn. 9), S. 168.
Ausdruck vom 27.11.2013
62 Adriano Teixeira
vorliegen kann, nicht weiterhelfen.
22
Das ist bei allen fünf oben genannten Beispie-
len der Fall.
Zweitens müssen Zweifel bezüglich des Kriteriums angemeldet werden, das
nach der traditionellen Theorie des Gerechten Krieges und im Zusammenhang mit
der Lehre der doppelten Wirkung das subjektive Element einer erlaubten militä-
rischen Aktion bestimmt. Der Angriff auf Nicht-Kombattanten soll legitim sein,
wenn er voraussehbar ist und in Kauf genommen wird, wenn also die Tötung Un-
schuldiger als bloße Nebenfolge bzw. als Kollateralschaden betrachtet wird.
23
Wenn
man das klassische Prinzip der Nicht-Kombattanten-Immunität in die strafrechtliche
Sprache übersetzt, stellt sich heraus, dass die Tötung von Zivilisten mit direktem
bzw. bedingtem Vorsatz nach diesem Prinzip erlaubt ist, was sich aber als ein absur-
des Ergebnis erweist.
24
Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund wird etwa versucht,
den Begriff des Terrorismus dergestalt zu erweitern, dass auch eine fahrlässige Ge-
waltanwendung gegen Nicht-Kombattanten als eine terroristische Handlung ange-
sehen wird.
25
Damit wird aber bereits das Grundprinzip aufgegeben.
26
Entscheidend scheint mir aber, dass das Abstellen auf die Tatsache, dass terro-
ristische Akte auf unschuldige Opfer zielen, nicht erklären kann, inwiefern sich eine
terroristische Handlung z.B. von einem„normalen“ Mord unterscheidet.
27
Man den-
ke an einen Raub mit (absichtlich verursachter oder in Kauf genommener) Todesfol-
ge. Wie bei einer terroristischen Handlung ist das Opfer im Prinzip unschuldig und
seine Identität spielt für den Täter keine Rolle, denn, um das Geld zu bekommen, ist
er grundsätzlich bereit, irgendjemanden zu töten, egal wen. Warum neigt man trotz-
dem dazu, eine terroristische Handlung für besonders verwerflich zu halten oder als
besonders abstoßend zu empfinden?
28
Der Bezug zum unschuldigen Opfer allein
22
Goodin, What is Wrong with Terrorism, 2006, S. 14: „Just-war theory is essentialy a framework
for governing state-on-state violence. In trying to shoehorn terrorism into that framework, we are
implicity agreeing to treat terrorist groups ‚as if‘ they were states and ‚as if‘ they were waging war.“
Ähnliche Kritik bei Schwenkenbecher, Terrorism: APhilosophical Enquiry, 2012, S. 14, 80; Wellman,
Terrorism and Counterterrorism: A Moral Assessment, 2013, S. 11.
23
Krit. Meggle, Kollateralschäden, in: Lumer/Meyer (Hrsg.), Geist und Moral: Analytische Reflexionen
für Wolfgang Lenzen, 2011, S. 257 (258 ff.).
24
So auch die Ansicht Steinhoffs (Fn. 8), S. 48; vgl. auch Schlüßler, Terrorismus und Menschenwürde,
in: Fehige/Lumer/Wessels (Hrsg.), Handel mit Bedeutung und Handeln mit Gewalt: Philosophische
Aufsätze für Georg Meggle, S. 272 (280): „Wo ist der moralische Unterschied zwischen den tödlichen
Kollateralschäden des Militärs und der Terroristen?“
25
Rodin (Fn. 20), S. 752 ff.
26
Man verfolgt dabei das Anliegen, die unterschiedliche Bewertung der moralischen Falschheit von
Krieg und Terrorismus zu relativieren. Beide wären mit gleicher Intensität, auch wenn auf unter-
schiedliche Art, falsch, da beide Gewalt gegen Unschuldige bewirken würden. Es wird behauptet,
dass militärische Aktivität tendenziell mehr (numerisch) Unschuldige opfert als terroristische Ak-
tionen. Zusammenfassend dazu die prägnanten Worte Olaf Müllers, Benign Blackmail: Cassandra’s
Plan or What is Terrorism?, in: Meggle (Hrsg.), Terrorism & Counter-Terrorism, 2005, S. 39 (49):
„Terrorismus ist böse, Krieg ist böser“.
27
Goodin, (Fn. 22), S. 10: „If the wrongness of terrorism is exhausted by the wrongness of ‚killing those
who are innocent‘, then terrorists have done nothing morally worse than ordinary murder.“ Ähnlich
Waldron (Fn. 5), S. 109 und Schwenkenbecher (Fn. 22), S. 10.
28
Schwenkenbecher (Fn. 22), S. 10.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 63
kann das nicht erklären, sondern vermag höchstens – wenn überhaupt – den Unter-
schied, wenn auch einen geringen, zu einem („legitimen“) Kriegsakt zu markieren.
2. Terrorismus als Instrumentalisierung von Unschuldigen zu politischen
Zwecken
Eine andere Herangehensweise, die wohl als eine Variante oder Verfeinerung
des Ansatzes der Theorie des Gerechten Krieges angesehen werden kann, besteht
darin, darauf hinzuweisen, dass der Terrorist sein (unschuldiges) Opfer zu politi-
schen Zwecken instrumentalisiert.
29
In diesem Zusammenhang ist das unmittelbare
Opfer nur ein Mittel zu weiteren, normalerweise politischen Zwecken. Man weist
darauf hin, dass das kantische Gebot, wonach der Mensch immer als Selbstzweck
und nie als Mittel behandelt werden soll, durch den terroristischen Akt verletzt sei.
30
Der deskriptive Aspekt des Arguments ist zwar berechtigt, nämlich das Mit-
tel/Zweck Verhältnis, das heißt, die Tötung oder Verletzung Einiger zur psycho-
logischen Einwirkung auf Andere. Fraglich ist aber, ob der Instrumentalisierungs-
gesichtspunkt für die Bewertung oder Findung der moralischen bzw. rechtlichen
Besonderheit des Terrorismus tauglich ist. Wenn man von der Perspektive einer
Tugend- oder Gesinnungsethik ausgeht, könnte die Antwort durchaus positiv ausfal-
len. In diesem Sinne dürfte man daher sagen, dass wegen der Instrumentalisierung
des Opfers der Terrorist besonders böse sei. Unter der in dieser Studie angenom-
menen externen Perspektive allerdings, die den Unrechtsgehalt der terroristischen
Handlung bewerten will (s.o. II. 3.), ist das Instrumentalisierungsargument nicht
weiterführend. Abgesehen von der Art der Tatbegehung im Hinblick auf das Opfer
selbst (heimtückisch, grausam) oder im Hinblick auf Andere (z.B. gemeingefährli-
che Mittel), aufgrund derer eine Tat gravierend ist, und der Art der Tatmotive, deren
Relevanz für die Bewertung einer Handlung höchst strittig ist und hier nicht näher
behandelt werden kann,
31
stellt die Verletzung des Rechtes auf Leben einer Per-
son das schlimmste Übel dar.
32
Hörnle weist im Zusammenhang mit der Erörterung
29
Bauhn, Political Terrorism and the Rules of Just War, in: Meggle (Hrsg.), Terrorism & Counter-
Terrorism, 2005, S. 123: „Accordingly, a distinctive feature of political terrorists, in contrast to po-
litical assassins generally, is that the victims of their violent acts are only instrumentally important,
as a means to intimidate the target group.“ Webel, Terror: The Neglected but Inescapable Core of
Terrorism, ibid., S. 83 (88); Fotion, Die Bürden des Terrorismus, in: Primoratz/Meßelken (Hrsg.),
Terrorismus: Philosophische und politikwissenschaftliche Essays, 2011, S. 61 (63); Schwenkenbe-
cher (Fn. 22), S. 65; Wellman (Fn. 22), S. 22 ff.
30
Scheffler, Is Terrorism Morally Distinctive?, The Journal of Political Philosophy 14 (2006), S 1 (9);
Goodin (Fn. 22), S. 19; Helmerich, Wider den Etikettenschwindel – Ein politikwissenschaftlicher
Erklärungsversuch des Begriffs „Terrorismus“, in: Bos/Helmeich (Hrsg.), Neue Bedrohung Terroris-
mus: Der 11. September 2011 und die Folgen, 2003, S. 13 (19); dezidiert Meisels, The Trouble with
Terror: Liberty, Security, and the Response to Terrorism, 2008, S. 51: „Terrorism, as defined in the
previous sections, defies a most basic standard od liberal-humanistic morality, at least since Kant and
up to Rawls, which fundamentally forbids the use of human beings as means to an end only, and
commands their treatment as ends in themselves. Certainly, this imperative would categorically pro-
hibit the arbitrary use, and intentional killing, of innocents, as mere means towards attaining practical
ends.“
31
Weiterführend Peralta, Motive im Tatstrafrecht, FS Roxin, 2011, S. 257 ff.
32
Schlüßler (Fn. 24), S. 275.
Ausdruck vom 27.11.2013
64 Adriano Teixeira
des Instrumentalisierungsansatzes im Rahmen der Definition des Begriffs der Men-
schenwürde zutreffend darauf hin, dass „Misshandlungen, die nicht zielorientiert-
instrumentell der Verfolgung weiterer Zwecke dienen, nicht weniger eingriffsinten-
siv ausfallen können“.
33
In der Tat kann aus der Opferperspektive
34
nicht behauptet
werden, dass etwa eine „bloß“ heimtückische Tötung weniger verwerflich sei als
eine „terroristische Tötung“, dass es Hamlets Vater, der vergiftet wurde, besser er-
ging als jemandem, der am 11. September 2001 im World Trade Center gestorben
ist. Wenn man dem zustimmt, muss man eine andere Erklärung für die negative
Besonderheit eines terroristischen Aktes suchen.
Das alles zeigt, dass allein die Fokussierung auf den Angriff auf das unmittel-
bare Opfer für die Erklärung des Bösen am Terrorismus nicht tauglich ist.
3. Terrorismus als Herbeiführung von Furcht und Schrecken
Zuletzt sieht eine andere Strömung die moralisch negative Besonderheit des Ter-
rorismus in der Herbeiführung von Furcht und Schrecken.
35
Der Bezugspunkt ist
dann die Auswirkung der terroristischen Handlung auf ein mittelbares Opfer, wel-
ches normalerweise eine Gruppe ist, die wegen des Angriffs auf das unmittelbare
Opfer Furcht, Schrecken, Unruhe empfindet.
36
Hierbei besinnt man sich zurück auf
die etymologische Wurzel des Ausdrucks Terrorismus und stellt auf die psychologi-
sche Effekte der Handlung ab.
37
Man weist dementsprechend in erster Linie auf die
unerwünschten mentalen Zustände der indirekten Opfer hin. Dadurch, dass der Be-
völkerung Angst und Schrecken eingeflößt werde, unterminiere man die Fähigkeit
der Einzelnen, autonome Entscheidungen zu treffen.
38
Der Terrorismus sei deshalb
besonders verwerflich, weil er eine Kommunikationsstrategie der massiven Bedro-
hung
39
oder eine Art von psychologischem Krieg
40
sei. Andere sagen, dass diese
politische Bedrohungsstrategie, soweit der Zusammenhang von Angst und Gewalt
genutzt wird, die ganze bestehende soziale Ordnung zu beeinträchtigten oder desta-
bilisieren vermag.
41
Das Problem dieser letzten Auffassung, die die besondere moralische Verwerf-
lichkeit des Terrorismus in der Destabilisierung der sozialen Ordnung sieht, ist, dass
in vielen Fällen diese Absicht oder dieser Erfolg nicht vorliegen. Es mag Fälle ge-
ben, in denen das Ziel der terroristischen Aktion „bescheidener“ ist, etwa eine Re-
gierung zu einer bestimmten Maßnahme zu zwingen – so verhielt es sich bei der
Schleyer-Entführung, deren direkter Zweck die Befreiung anderer RAF-Mitglieder
33
Hörnle, Zur Konkretisierung des Begriffs „Menschenwürde“, in: Joerden/Hilgendorf/Petrillo/Thiele
(Hrsg.), Menschenwürde und moderne Medizintechnik, 2011, S. 57 (71).
34
Vgl. ibid, S. 71.
35
Ausdrücklich und dezidiert Goodin (Fn. 22), S. 31 et passim.
36
Scheffler (Fn. 30), S. 9.
37
Ibid, S. 16 f.
38
Goodin (Fn. 22), S. 158; zustimmend Wellman (Fn. 22), S. 21.
39
Cancio Meliá (Fn. 9), S. 12.
40
Ganser, Fear as a Weapon: The Effects of psychological warfare on domestic and international poli-
tics, World Affairs 9 No. 5 (2005), S. 28 (30).
41
Scheffler (Fn. 30), S. 16.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 65
war.
42
Ein anderer nahe liegender Einwand ist, dass es nicht weniger verwerflich
erschiene, wenn Terrorakte mit der Absicht begangen würden, die bestehende Ord-
nung zu stabilisieren.
43
4. Stellungnahme: Terrorismus als doppeltes bzw. mehrfaches Unrecht
Allerdings leistet die von der soeben untersuchten Auffassung vorgenommene
Fokussierung auf die indirekte (aber nicht notwendige Fern-)Wirkung des terroris-
tischen Aktes einen wesentlichen Beitrag zur Findung der moralischen bzw. recht-
lichen Besonderheit des Terrorismus. Denn gerade die absichtliche Einwirkung auf
das mittelbare Opfer ist das, was die terroristische Handlung von der regulären Kri-
minalität unterscheidet. Pointiert (und etwas ungenau) wird gesagt: Terroristen kön-
nen Mörder sein, aber nicht alle Mörder sind Terroristen.
44
Das heißt allerdings
nicht, dass der prima facie ungerechtfertigten Verletzung oder Tötung des direkten
Opfers eine sekundäre Bedeutung zugemessen werden soll. Das, was eine terroris-
tische Handlung besonders macht – die beabsichtigte psychologische Einwirkung
auf Andere – muss nicht das Schlechteste an ihr sein.
45
Die moralische und rechtliche Besonderheit oder das Böse am Terrorismus dürf-
te in dieser Verknüpfung von verschiedenen gleichzeitigen Unrechtsverwirklichun-
gen liegen. Allen oben genannten klaren Beispielen terroristischer Handlungen ist
gemeinsam, dass sie eine Doppelstruktur aufweisen, welche darin zu sehen ist, dass
typischerweise zwei Arten von Opfern betroffen sind: ein unmittelbares und ein mit-
telbares. Das erste Opfer ist die Person (bzw. Personengruppe), die getötet, verletzt,
entführt wird usw. Das zweite Opfer ist normalerweise die Personengruppe oder so-
gar die ganze Bevölkerung eines Landes, die bedroht oder „terrorisiert“ wird. Beim
Terrorismus handelt es sich strukturell um eine indirekte Strategie, indem die psy-
chologische Einwirkung auf das mittelbare Opfer durch den Angriff auf das unmit-
telbare Opfer geschieht.
46
Was die Unrechtsqualität dieser Tätigkeit anbelangt, kann man von einer doppel-
ten Rechtsgutbeeinträchtigung
47
sprechen. Das erste Unrecht oder die erste Rechts-
gutbeeinträchtigung fällt es leicht zu bestimmen, denn es handelt sich um allgemein
bekannte Straftaten, die in jedem nationalen Strafgesetzbuch geregelt werden, wie
42
Primoratz (Fn. 7), S. 115.
43
Dazu stellvertretend Primoratz (Fn. 7); S. 30 ff.
44
Walzer (Fn. 19), S. 76; Goodin (Fn. 22), S. 31.
45
Goodin (Fn. 22), S. 49; insofern zustimmend Primoratz (Fn. 7), S. 122, 124.
46
Primoratz (Fn. 7), S. 15; Steinhoff (Fn. 8), S. 120.
47
Anlehnend an Schünemann, Politisch motivierte Kriminalität, in: de Boor (Hrsg.), Politisch moti-
vierte Kriminalität – echte Kriminalität?, 1978, S. 49 (60), der den Unrechtsgehalt der Verbrechen im
Kontext der politisch motivierten Kriminalität an der Verwirklichung einer doppelten Rechtsgutbe-
einträchtigung, nämlich der Beeinträchtigung eines individuellen und einen kollektiven Rechtsgutes,
festmacht. Man kann die Struktur dieses Gedankens m.E. durchaus auf das spezifische Phänomen
des Terrorismus anwenden, obwohl Differenzierungen angebracht erscheinen. Schon zum Terroris-
mus vgl. Mavany, Terrorismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit – Analyse und Konsequen-
zen der Zuordnung zum Völkerstrafrecht, ZIS 8/2007, S. 324 (330), der die Bedrohung sowohl von
Individualrechtsgütern als auch von Gemeinschaftsrechtsgütern „wie das friedliche Zusammenleben
der Völker“ erwähnt und die völkerstrafrechtliche Verfolgbarkeit des Terrorismus für wünschenswert
hält.
Ausdruck vom 27.11.2013
66 Adriano Teixeira
Körperverletzung, Mord, Entführung usw. Darüber hinaus kann man bei der Art der
Verwirklichung dieser Delikte regelmäßig ein entscheidendes Merkmal beobachten,
und zwar die Heimtücke.
48
Einer der Gründe dafür, dass ein terroristischer Akt als
so abstoßend empfunden wird, ist, dass die konkrete Handlung meistens unvorher-
sehbar
49
ist und dass die Opfer völlig überraschend betroffen werden, etwa wenn sie
arglos alltäglichen Tätigkeiten nachgehen.
50
Das soll ein wesentlicher Unterschied
zu einem Kriegsakt sein. Obwohl im Krieg die Parteien regelmäßig versuchen, ihre
Gegner zu überraschen, befinden sich beide Seiten normalerweise in einem Zustand
ständiger Bereitschaft. Bei einer terroristischen Handlung ist das typischerweise ge-
rade nicht der Fall, zumal wenn Zivilisten betroffen werden. Ein anderes typisches
Merkmal des Terroraktes ist die Publizität der Tat.
51
Es erscheint sogar sinnwidrig,
dass sich ein Terrorist dazu entscheiden könnte, eine heimliche Tat zu begehen.
52
Allerdings, wie schon mehrmals angedeutet, erschöpft sich der Unrechtsgehalt
des Terrorismus nicht im Angriff auf das unmittelbare Opfer. Es gilt die Natur die-
ses zweiten Unrechts zu bestimmen. Oben (III. 3.) wurde schon darauf hingewiesen,
dass ein anderer Zug der terroristischen Handlung die Erregung von Furcht und
Schrecken sowie die weitreichenden psychologischen Auswirkungen sind, die über
das jeweilige unmittelbarere Opfer oder Ziel hinausreichen,
53
M.a.W.: die Bedro-
hung einer Kollektivität. Wenn man etwa das deutsche Strafrecht ins Auge fasst
und nach einem entsprechenden durch das zweite Unrecht des Terroraktes verletz-
ten Rechtsgut sucht, findet man bei §§ 125, 126, 129 StGB u.a. das problematische
Rechtsgut des „öffentlichen Friedens“.
54
Auch deshalb, weil die vorliegende Un-
tersuchung keine spezifisch strafrechtliche ist, kann auf die Auslegung des Schutz-
zweckes dieser Tatbestände nicht eingegangen werden. Die vorliegende Studie kann
allerdings von den Versuchen, diesem Rechtsgut einen konkreteren Gehalt zu verlei-
hen, profitieren. In diesem Sinne bietet sich etwa Hörnles Interpretation von § 126
StGB (Androhung von Straftaten) an.
55
Durch die verbotene Handlung sind nach
48
Isensee, Nachwort: Der Terror und der Staat, dem das Leben lieb ist, in: Isensee (Hrsg.), Der Terror,
der Staat und das Recht. Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und
Geistesgeschichte, 2004, S. 83 (95), spricht auch von einem „arglos[en] Opfer“.
49
Vgl. Habermas, in: Borradori (Hrsg.), Philosophie in Zeiten des Terrors, 2004, S. 53: „Gewiß, die
Unbestimmbarkeit des Risikos gehört zum Wesen des Terrorismus“.
50
Waldron (Fn. 5), S. 81.
51
Hoffman (Fn. 6), S. 80.
52
Baier, Violent Demonstrations, in: Frey/Morris (Hrsg.), Violence, terrorism, and justice, 1991, S. 33:
„The person we call a terrorist typically does her violence in the public eye, and lets the public know
whose cause she believes to justify her violence. She is a violence demonstrator.“
53
Hoffman (Fn. 6), S. 79.
54
Man ist bemüht, diesem Rechtsgut nähere Konturen zu geben. Vgl. etwa Ostendorf, in: Nomos Kom-
mentar zum Strafgesetzbuch, Band 2, 4. Aufl. 2012, § 126 Rn. 6, öffentlicher Friede sei das „Freisein
von öffentlichen Androhungen schwerer Rechtsbrüche“; und Schroeder, Die Bedrohung mit Verbre-
chen, FS Lackner, 1987, S. 665 (671), zum Rechtsgut des § 241: „Was hier in Wahrheit beeinträch-
tigt ist, ist die Freiheit des einzelnen von Furcht, vergleichbar der Zufügung seelischer Leiden nach
§ 222b StGB oder Kränkung des subjektiven Ehrgefühls nach § 185 StGB.“
55
Hörnle, Der Schutz von Gefühlen im StGB, in: Hefendehl/von Hirsch/Wohlers (Hrsg.), Die Rechts-
gutstheorie: Legitimationsbasis des Strafrechts oder dogmatisches Glasperlenspiel?, 2003, S. 268
(275); dies., Grob anstößiges Verhalten, 2005, S. 227 f. und ausführlich S. 231 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 67
Hörnle die möglichen Opfer der angekündigten Taten gefährdet.
56
§ 126 StGB er-
gänzt die Regelung, die § 241 StGB für die Bedrohung individualisierter Perso-
nen enthält: Der Schutzzweck beider Normen sind die Interessen der jeweils von
der Drohung (potenziell) Betroffenen.
57
In der Tat richtet sich die Bedrohung, die
der Begehung des ersten Unrechts des Terroraktes entspringt, an eine unbestimmte
Zahl von Personen, die als potentielle Opfer die Wiederholung der Tat
58
fürchten.
Verletzt wird dann, der zu bevorzugenden Auslegung des Bedrohungstatbestandes
folgend, das Recht auf Freiheit von Angst und Schrecken
59
. Natürlich ist die völlige
Freiheit von Schrecken nichts, was der Staat zu garantieren hätte, aber ein Leben
ohne beständigen, qualifizierten Schrecken sollte eine minimale Bedingung für ein
würdiges und freies Menschendasein sein.
60
Folglich betrifft das zweite Unrecht der
terroristischen Tat nicht ein echtes kollektives Rechtsgut,
61
sondern die Summe vie-
ler individueller Rechtsgüter.
Anzumerken ist, dass das Verhältnis zwischen beiden essentiellen Unrechtsele-
menten des terroristischen Aktes nicht in einer bloßen Addition besteht, sondern in
einer engen Verknüpfung. Denn schon die oben erwähnte Art und Weise der Be-
gehung, die Heimtücke bzw. Unvorhersehbarkeit, und die absichtliche Publizität
des ersten Unrechts deuten die zweite Rechtsgutbeeinträchtigung an, nämlich die
Bedrohung einer Personengruppe oder einer Bevölkerung. Der regelmäßig heim-
tückische Angriff auf Personen, die nicht an irgendeiner militärischen Aktion be-
teiligt sind und nur deswegen attackiert werden, weil sie zu einer (kleineren oder
größeren) Gruppe gehören, trägt zur Verunsicherung der ganzen Gruppe bei.
62
Die
typische Beliebigkeit der Auswahl des Opfers erzeugt die Unberechenbarkeit der
weiteren Aktionen
63
und somit die Verunsicherung weiterer potentieller Opfer. Der
„Terroreffekt“ besteht genau darin, dass die Einzelnen nicht wissen, wann und unter
welchen Umständen die Gewalt wieder vorkommen wird.
64
Es stellt sich heraus,
dass ein terroristischer Akt eine hochqualifizierte Bedrohung darstellt, eine Bedro-
56
Hörnle, Schutz (Fn. 55), S. 275: „Vernünftige Personen können in solchen Situationen bestimmte
Verkehrsmittel nicht mehr benutzen oder müssen bestimmte Orte meiden. Eine solche indirekte Frei-
heitseinschränkung, die über das sozialübliche Maß der Behinderungen und Einschränkungen (durch
temporäre Verkehrsstatus und ähnliches) hinausgeht, beeinträchtig Sicherheitsinteressen und darauf
beruhende Rechte.“ Ähnlich Waldron (Fn. 5), S. 66.
57
Hörnle, Verhalten (Fn. 55), S. 228.
58
Die Drohung mit der Wiederholung der Tat sieht Steinhoff (Fn 8.), S. 123 als wesentliches Merkmal
des Terrorismus an.
59
Schroeder (Fn. 53), S. 671; Teuber, Die Bedrohung, 2001, S. 66.
60
Schlußler (Fn. 25), S. 281.
61
Umfassend hierzu Hefendehl, Kollektive Rechtsgüter im Strafrecht, 2002, S. 111 ff., 237 ff.; s. auch
Greco, Gibt es Kriterien zur Postulierung eines kollektiven Rechtsguts?, FS Roxin, 2011, S. 199 ff.
62
Vgl. Walzer, Terrorism and Just War, Philosophia 2006, S. 3 (7); ders. (Fn. 19), S. 76; der das Böse
am Terrorismus in der Kollektivierung des unmittelbaren Angriffszieles, die zur Verunsicherung der
ganzen betroffenen Gruppe führt, sieht; ähnlich Card, Recognizing Terrorism, The Journal of Ethics,
11 (2007), S. 1 (21).
63
Zöller, Terrorismusstrafrecht: Ein Handbuch, 2009, S. 212.
64
Fletcher, Journal of International Criminal Law 2006, S. 894 (907, 909): „Terrorism depends on the
fear of repetition, either from the agent who has already struck or from his associates committed to the
same cause.“ Vgl. auch Habermas (Fn. 48), S. 50, demzufolge „die vage Angst und eine unbestimmte
Alarmbereitschaft“ in der Absicht des Terroristen liege.
Ausdruck vom 27.11.2013
68 Adriano Teixeira
hung also, die durch die Haupttat (erstes Unrecht) stattfindet. Die Besonderheit des
Terroraktes ist es, dass, während bei einer normalen Bedrohung der versprochene
Akt immer und nur in der Zukunft liegt, die Bedrohung hier durch die Zufügung
des Übels erbracht wird, die Bedrohung also nach oder mit der Übelzufügung ent-
steht.
65
Die Bedrohung ist keine bloße Ankündigung, sondern reell.
An dieser Stelle könnte man einwenden, dass nicht nur der Terrorakt die Bedro-
hung oder die Verunsicherung der ganzen Personengruppe, zu der normalerweise
das Opfer gehört, verursacht. Wenn z. B. eine Diebesbande die Geschäfte in einem
bestimmten Stadtteil überfällt, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Bevölkerung die-
ses Viertels sich verunsichert fühlt. Somit wäre diese doppelte Rechtsgutbeeinträch-
tigung keine Besonderheit des Terrorismus. Jedoch liegt der Unterschied im subjek-
tiven Element des Terroraktes. Die Herbeiführung von Furcht und Schrecken gegen
die mittelbaren Opfer wird immer absichtlich oder zumindest vorsätzlich herbeige-
führt, was die vom Täter manchmal selbst vorangebrachte und mindestens immer
von ihm gebilligte Publizität der Tat zu belegen vermag. Dahingegen sind diese
vom terroristischen Täter erzielten Nebeneffekte dem „regulären“ Kriminellen un-
erwünscht, kontraproduktiv, denn für ihn ist es besser, dass die von ihm begangenen
Taten geheim bleiben.
66
Ein weiteres Unrecht, das sich bei vielen (aber nicht allen)
67
terroristischen Ak-
tionen finden lässt, ist die besonders geartete, man könnte sagen moralische Nö-
tigung. In den modernen Beispielen terroristischer Aktionen – wie den Terroran-
schlägen der ETA und IRA (s.o. II. 1.) – wird versucht, eine Regierung, genau-
er: denjenigen, der eine Schutzpflicht gegenüber der bedrohten Personengruppe hat
oder als ihr Beschützer angesehen wird, zu einer bestimmten politischen Maßnah-
me oder Unterlassung dadurch zu zwingen, dass ein oder (normalerweise) mehrere
Bürger unmittelbar verletzt werden und eine größere Gruppe oder die gesamte Be-
völkerung durch ähnliche Angriffe bedroht wird.
68
Folge einer derart strukturierten
Handlungsstrategie ist, dass die Regierung bzw. der Beschützer öffentlich in die
Rolle eines Mitverantwortlichen für die weitere Entwicklung gedrängt wird. Die
verunsicherten indirekten Opfer erwarten von dem Beschützer allein, dass er etwas
gegen die Bedrohung unternimmt, und diesen Erwartungen kann sich der Beschüt-
zer kaum entziehen, ohne dass noch Schlimmeres erfolgt. Man stelle sich vor, ei-
65
Waldron (Fn. 5), S. 69, meint: „He [der Terrorist] doesn’t make a threat, he carries it out in part, in
order to show that he has the will and ability to keep imposing H in the event of non-compliance by
Q.“
66
In diesem Sinne zutreffend Hoffman (Fn. 6), S. 74: „Darüber hinaus zielt die Gewalttat eines gewöhn-
lichen Kriminellen im Unterschied zum Terrorismus nicht darauf ab, Konsequenzen zu haben oder
psychologische Auswirkungen zu erzielen, die über die Tat selber hinausreichen.“
67
Denn man kann sich expressive terroristische Handlungen vorstellen, wie Waldron, (Fn. 5) S. 70 ff.,
richtig anmerkt, deren Ziel lediglich darin bestehen, jemanden – nicht das unmittelbare, sondern das
mittelbare Opfer – durch die psychologischen Auswirkungen der Tat zu bestrafen oder vergelten,
ohne weitere politische Absichten, oder einfach Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeu-
gen. Laut Schlüßler (Fn. 24), S. 282 f., würden etwa die Anschläge vom 11. September nicht dem
Muster der klassischen Provokationsstrategie entsprechen, denn sie seien sicherlich Vergeltung für
US-Operationen im Nahen Osten und für eine Politik der konsequenten Unterstützung Israels gewe-
sen.
68
Waldron (Fn. 5), S. 61.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 69
ne Regierung würde nach einem terroristischen Anschlag erklären, sie könne nicht
verhindern, dass sich solche Taten wiederholten. Der Umstand also, dass der Be-
schützer gewissermaßen zum Mitverantwortlichen für die Begehung von weiteren
terroristischen Handlungen wird, stellt ein häufig vorhandenes und besonders nie-
derträchtiges Element der terroristischen Strategie dar.
Was den Terrorismus besonders gravierend macht, dürfte also die Verknüpfung
mehrerer Unrechtselemente sein. Das ist das Böse am Terrorismus: Zwar beinhaltet
er wie bestimmte andere Taten die absichtliche heimtückische Verletzung oder Tö-
tung von Menschen, aber anders als jede andere Handlung vermag er gleichzeitig
und vorsätzlich mehrere Personen zu bedrohen oder nötigen und deren Freiheits-
bzw. Sicherheitsinteressen zuwiderzulaufen.
69
Diese Bedrohungswirkung ist nicht
zu unterschätzen und mag eine Erklärung dafür sein, warum der Terrorismus regel-
mäßig mit dem Bösen verknüpft wird, obwohl die Zahl der Opfer im Vergleich zum
Krieg und sogar zur normalen Kriminalität in Schwellenländern relativ gering ist.
IV. Schlussfolgerungen für die Bestimmung des Begriffs des Terrorismus
Aus dem in der Diskussion über die Unrechtsqualität des Terrorismus gewon-
nenen Ergebnis kann man einige Schlussfolgerungen für die sehr umstrittene Frage
der Bestimmung des Begriffs des Terrorismus ziehen.
1. Irrelevantes: Täter, Güte der Motive bzw. Fernziele
Zunächst einmal ermöglicht die oben genannte doppelte (oder sogar dreifache)
Struktur des terroristischen Aktes eine manipulationsfeste Definition des Terroris-
mus dadurch, dass sie bereits zwei Gruppen von Merkmalen für vornherein für irre-
levant erklärt.
Erstens wird klar, dass grundsätzlich jedermann, jede Personengruppe, ein-
schließlich des Staats, eine terroristische Aktion begehen kann.
70
Dem widerspricht
etwa die Gewohnheit vor allem von Regierungen und offiziellen Organisationen,
71
69
So auch die Auffassung Primoratz (Fn. 7), S. 125: „By compounding violence against the innocent
by deliberate intimidation and coercion, terrorism differs from both and constitutes a distinctive moral
wrong“.
70
Natürlich gilt das nicht, wenn man etwa eine Definition des Terrorismus für ein nationales Straf-
gesetzbuch sucht. In diesem Fall kann der Staat kein Täter in Sinne des Gesetzes sein. In diesem
Zusammenhang meint Cancio Meliá (Fn. 9), S. 9, der einen strafrechtlichen Begriff des Terrorismus
formulieren will, dass ein einzelner Täter kein Terrorist sein könne, weil ein einzelnes Subjekt nicht
imstande sein könne, die dem Terrorismus eigene politische Kommunikationsstrategie in Gang zu
setzen.
71
Beispielsweise das United States Law Code, Titel 22, Section 2656f (d) (2), deren Definiti-
on von Terrorismus durch das CIA übernommen wird (https://www.cia.gov/news-information/
cia-the-war-on-terrorism/terrorism-faqs.html); krit. Coady, Terrorism and Innocence, Journal of
Ethics 8 (2004), S. 37 (40); Scheffler (Fn. 30) S. 1; Meßelken (Fn. 21), S. 151. Die Bezeichnung von
Terrorismus als „von unten“ ausgehende Gewalt ist auch in der wissenschaftlichen Diskussion zu fin-
den, etwa bei Helmerich (Fn. 30), S. 17, die zwischen staatlicher Terror und Terrorismus unterschei-
det – ohne dabei aber gute Gründe für die Unterscheidung zu liefern –, und Pawlik, Der Terrorist und
sein Recht, 2008, S. 17.
Ausdruck vom 27.11.2013
70 Adriano Teixeira
den „außerstaatlichen“ Charakter des Täters
72
in die Definition des Terrorismus ein-
zubeziehen, was in der philosophischen Diskussion meistens zu Recht als falsch
angesehen wird.
73
Auf der Definitionsebene kommt es zweitens nicht darauf an, ob der Beweg-
grund oder das Endziel des Handelnden be- oder verachtenswert, legitim oder il-
legitim ist.
74
Die Motivation einer terroristischen Aktion mag für die Erörterung
ihrer virtuellen Rechtfertigung oder Entschuldigung wichtig sein; diese Frage – die
jüngst lebhaft philosophisch diskutiert wird und hier nicht näher angesprochen wer-
den kann
75
– gehört aber nicht zur Ebene der Definition des Begriffes des Terro-
rismus. Es ist also gleichgültig, ob sich der Akt gegen eine bestimmte Regierung
oder einen status quo richtet oder ob er diese unterstützen soll. In diesem Zusam-
menhang ist der Ausspruch zu vermeiden, dass „des einen Terrorist des anderen
Freiheitskämpfer ist“.
76
Dasselbe gilt für die verbreitete Ansicht, nach der der Ter-
rorismus eine „Waffe der Schwachen“ sei,
77
denn diese Aussage könnte zwar wohl
eine deskriptive, phänomenologische sein, soll aber keine Allgemeingültigkeit auf
der Definitionsebene beanspruchen.
2. Erste Annäherung: Terrorismus als besondere Strategie
Der Terrorismus muss dementsprechend nicht als Ideologie, nicht als politische
Bewegung verstanden werden, sondern als eine doppelstrukturierte Strategie
78
, eine
bestimmte Methode
79
, ein modus operandi.
80
Genau die Beschreibung dieser Stra-
tegie ermöglicht es, den Terrorismus von anderen Tätigkeiten, insbesondere anderen
politischen Gewalttaten wie politischem Mord, Krieg, Guerrillakampf, Genozid u.a.
72
Hoffman (Fn. 6), S. 67.
73
Rodin (Fn. 20), S. 758; Goodin (Fn. 22), S. 53; Held (Fn. 7), S. 16. Steinhoff (Fn. 8), S. 111, spricht
von einer Doppelmoral.
74
Ebenso Armborst, Terrorismus und politische Gewalt: Nutzen, Präferenz und Zweckerwartung,
MschrKrim 96 (2013), S. 1 (6).
75
Vgl. nur Held (Fn. 7), S. 76 ff, Steinhoff (Fn. 8), S. 123ff.; Wellman (Fn. 22), S. 33 ff.; Primoratz
(Fn. 7), S. 65 ff.
76
Diesen Ausdruck gebraucht – unter vielen anderen – Laqueur (Fn. 6), S. 14 f.; Meggle, Was ist Ter-
rorismus, in: Kronfeld-Goharani (Hrsg.), Friedensbedrohung Terrorismus – Ursache, Folgen und
Gegenstrategien, 2005, S. 15 (18), spricht hier von Standpunkt-Relativität und nennt das Beispiel
von Osama Bin Laden: „1989, also vor dem Sieg der Taliban über die Sowjetunion, war er für die
USA der von ihnen stark geförderte Mudschahid, ihr Vorzeige Freiheitskämpfer.“ Bis seinem Tod,
„obwohl sich an seinen Grundeinstellungen und Tätigkeiten nicht allzu viel verändert haben dürfte“,
war er der globale Mega-Terrorist.
77
Pawlik (Fn. 71), S. 11; so auch m.w.N Helmerich (Fn. 30), S. 17; a.A Primoratz/Meßelken (Fn. 2),
S. 10: „Terrorismus ist nicht nur ein Mittel der Schwachen“ und Steinhoff (Fn. 29), S. 137: „Terro-
rismus ist keineswegs das Mittel der Schwachen, wie gerne behauptet wird, sondern routinemäßiges
Mittel der Starken und eher letztes der Schwachen“.
78
Laqueur (Fn. 6), S. 11: „Anders als der Marxismus ist der Terrorismus keine Ideologie, sondern eine
auffrührerische Strategie, die von Menschen ganz unterschiedlicher politischer Gesinnung angewandt
werden kann.“ Vgl. auch Nathanson (Fn. 18), S. 19: „According to the most plausible definitions,
terrorism is best understood as a tatic, a means of fighting.“
79
Steinhoff (Fn. 8), S. 113; in diese Richtung auch Scheerer, Nachteil und Nutzen kritischer Krimino-
logie in Zeiten des Terrorismus, Kriminologisches Journal 34 (2002), S. 35 (39 f.).
80
Baur (Fn. 17), S. 13; Armborst, (Fn. 74), S. 6.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 71
abzugrenzen,
81
was nicht nur im öffentlichen Diskurs, sondern auch in der Fachlite-
ratur meistens geschieht. Die Besonderheit der terroristischen Strategie wurde oben
schon geschildert, nämlich ihr bifokaler Charakter – der vorsätzliche Angriff sowohl
auf ein unmittelbares Opfer als auch auf mittelbare Opfer.
82
Bereits mit dieser methodischen Annäherung an eine Definition des Terrorismus
kann mit der Beantwortung der Frage begonnen werden, ob die oben erwähnten um-
strittenen Fälle doch unter den Begriff des Terrorismus fallen oder nicht. Man kann
beispielsweise nicht den Bombardierungen auf Hiroshima, Nagasaki und Dresden
die Qualität von Terrorismus absprechen, nur weil sie nicht durch substaatliche Par-
teien, sondern durch den Staat begangen wurden oder weil mit ihnen vermutlich ein
hochrangiges Ziel (etwa bei den Bombardierungen: die Zerstörung des Nationalso-
zialismus und das Ende des Zweiten Weltkrieges) verfolgt wurde. Ob diese Fälle
allerdings letztendlich als echte terroristische Akte angesehen werden sollten, wird
noch u. 4. zu erörtern sein.
3. Konkretisierung
Damit ist die Definition des Terrorismus noch nicht vollständig. In der Diskussi-
on umden Begriff des Terrorismus werden drei Merkmale genannt, zu denen auf der
Grundlage der bereits entwickelten Gedanken Stellung genommen werden soll: ob
von Terrorismus nur bei tatsächlicher Anwendung von Gewalt die Rede sein kann;
ob es bei den unmittelbaren Opfern um Unschuldige oder Nicht-Kombattanten ge-
hen muss; und zuletzt, ob für einen terroristischen Akt eine politische Motivation
erforderlich ist.
3.1. Strategie der Gewalt?
Zunächst wird diskutiert, ob Gewalt notwendiger Bestandteil terroristischer Ak-
te ist. Konkret wird zum Beispiel gefragt, ob eine „bloße“ Bombendrohung schon
eine terroristische Aktion ist.
83
Wenn man die paradigmatischen Fälle anschaut
(11. September, Madrid usw.), stellt man fest, dass die Verwendung von Gewalt im-
mer anwesend ist. Wenn man allerdings an den Fall denkt, in demjemand eine Bom-
be in einen Park legt und dies der Öffentlichkeit ankündigt, wird man schwerlich
bestreiten, dass es sich bereits um einen terroristischen Akt handelt. Man könnte in
diesem Zusammenhang auch behaupten, dass es dabei schon um psychische Gewalt
geht. Ich möchte hier auf die unendliche Diskussion um den Begriff der Gewalt
84
nicht eingehen. Dementsprechend werde ich schlicht annehmen, dass auch ein sol-
cher Fall – das heißt: eine Drohung mit Gewalt – als eine terroristische Handlung
81
Zur Notwendigkeit dieser Unterscheidung vgl. Meisels (Fn. 30), S. 11.
82
Ebenso Khatchadourian, The Morality of Terrorism, 1998, S. 6, 11; Meggle (Fn. 5), S. 31; Scheffler
(Fn. 30), S. 16; Steinhoff (Fn. 8), S. 120; Baur (Fn. 17), S. 11; Schwenkenbecher (Fn. 22), S. 18, 21;
Primoratz (Fn. 7 ), S. 15.
83
Affirmativ Hoffman (Fn. 6), S. 79.
84
Aus philosophischer Sicht Meßelken, Terrorismus als kollektive Gewalt: Implikationen für morali-
sche Überlegungen, in: Fehige/Lumer/Wessels (Hrsg.), Handeln mit Bedeutung und Handeln mit Ge-
walt: Philosophische Aufsätze für Georg Meggle, S. 290 (291 ff.); aus strafrechtlicher Sicht Eidam,
in: Matt/Renzikowski (Hrsg.), StGB, § 240 Rn. 14 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
72 Adriano Teixeira
angesehen werden kann, wenn sie auch selbstverständlich weniger gravierend ist
als der Fall, in dem die Bombe tatsächlich explodiert. Denn auch in einem solchen
Fall gibt es unmittelbare und mittelbare Opfer und die oben beschriebene bezeich-
nende Verknüpfung. Verunsichert sind nämlich nicht bloß diejenigen, die sich zum
Zeitpunkt der Ankündigung im Park befinden (unmittelbare Opfer), sondern viele
weitere Menschen.
3.2. Strategie des Angriffs auf Unschuldige?
Andererseits ist die Qualität des Opfers einer terroristischen Handlung wohl das
umstrittenste Merkmal im Rahmen der Definition des Terrorismus. Viele Autoren
sehen das kennzeichnende Merkmal einer terroristischen Handlung in Anknüpfung
an die Tradition der Theorie des Gerechten Krieges darin, dass Zivilisten bzw. Nicht-
Kombattanten absichtlich angegriffen werden. Dies stelle, wie oben schon gesehen,
den wesentlichen Unterschied dar zwischen Terrorismus und Kriegsführung, bei der
in der Regel zwar Zivilisten betroffen werden, aber nicht absichtlich, sondern als
„Kollateralschaden“.
85
Nach dieser Auffassung sollte man zwischen Terrorismus
und politischem Mord unterscheiden. Die Ermordung eines Tyrannen sei demnach
kein Terrorismus, sondern ein politischer Mord.
86
Wenn man wieder die paradigmatischen Fälle ins Auge fasst, merkt man, dass
bei terroristischen Anschlägen die Zivilbevölkerung oft absichtlich betroffen wird.
In eine Grauzone oder in den Begriffshof
87
sollten allerdings die Fälle fallen, in
denen Politiker, Regierungsmitglieder, Beamte und Soldaten außer Gefecht die un-
mittelbaren Opfer sind, wie etwa der oben erwähnte Selbstmordanschlag auf die
Kaserne der amerikanischen Marines auf dem Beiruter Flughafen.
Schwierigkeiten bereitet bei dieser Auffassung die Bestimmung des Begriffs des
„Unschuldigen“.
88
Nach der traditionellen Theorie des gerechten Krieges ist „Un-
schuldiger“ einfach der Nicht-Kombattant. Danach wäre dieser Begriff eher ein for-
maler und hätte nichts mit der aktuellen Schuld des Individuums zu tun.
89
Jedoch
bieten andere Autoren differenzierte Ansichten an.
90
Nach Primoratz etwa sollte
dieser Begriff aus der Perspektive des Terroristen bestimmt werden.
91
Andererseits
will McMahan von dem Begriff „Nicht-Kombattant“ diejenigen Personen ausneh-
men, die die moralische Verantwortung für eine ungerechte Drohung tragen, gegen
die die Terroristen kämpfen, wie z. B. die Unternehmer, die 1954 den Präsident der
USA Eisenhower überzeugten, die demokratische Regierung Guatemalas zu stür-
zen.
92
Das Problem dabei ist, dass Terroristen dazu geneigt sind, ihre Opfer als
85
Coady, The Morality of Terrorism, Philosophy 60, No. 231 (1985), S. 47 (52, 54, 65); ders. (Fn. 71),
S. 39, 43 ff; Steinhoff (Fn. 8), S. 12.
86
Teichman (Fn. 6), S. 513; Khatchadourian (Fn. 82), S. 10 ff.
87
Zum Begriffskern-Begriffshof Ansatz grundlegend Heck, Gesetzauslegung und Interessenjurispru-
denz, AcP 112 (1914), S. 1 (173 et passim).
88
Diese Schwierigkeit als Problem für die Bestimmung einer Definition von Terrorist sieht Armborst
(Fn. 73), S. 7 an.
89
Walzer (Fn. 19), S. 73.
90
Dazu ausführlich Steinhoff (Fn. 8), S. 65 ff.
91
Primoratz (Fn. 7), S. 17.
92
McMahan (Fn. 18), 718 ff.; krit. Jollimore (Fn. 13), S. 355 ff; Waldron (Fn. 4), S. 83.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 73
schuldig anzusehen,
93
etwa durch die Heranziehung der Idee einer kollektiven Ver-
antwortlichkeit.
94
Ein Abstellen auf ihre Perspektive würde deshalb dazu führen,
dass kein Akt mehr als terroristisch bezeichnet werden dürfte.
Wenn man, wie hier, das Wesen der terroristischen Handlung in der doppelten
Rechtsgutbeeinträchtigung sieht, braucht man diese Kontroverse nicht zu lösen. Ist
der Angriff auf das unmittelbare Opfer das Mittel zum Angriff auf die mittelbaren
Opfer, liegt ein terroristischer Akt vor, gleichgültig ob Unschuldige betroffen sind
oder nicht.
Man könnte insoweit mit Meggle das Problem der Einbeziehung oder Nicht-
einbeziehung des unschuldigen Opfers in die Definition des Begriffs Terrorismus
dadurch umgehen, zwischen schwachen und starken terroristischen Akten zu unter-
scheiden, wobei nur bei Letzteren Unschuldige, Zivilisten oder Nicht-Kombattanten
ausschließlich die Opfer wären.
95
Starke terroristische Aktionen wären dann solche,
die den Begriffskern des Wortes unschuldig betreffen würden, das heißt, bei denen
Bürger betroffen wären, die gar kein Verhältnis zum angeblichen Unrecht haben,
gegen das der Terrorist kämpft. In der Tat ist der Unwert des ersten Unrechts grö-
ßer, wenn Zivilisten angegriffen werden, aber dies ist beim zweiten ebenso der Fall,
da der Terroreffekt, also die Bedrohung, weitreichender ist als in einem Fall, in dem
sich der Kreis potentieller Opfer auf eine bestimmte Personengruppe beschränkt,
wie zum Beispiel auf Regierungsmitglieder, Soldaten usw.
3.3. Politische Strategie?
Schließlich wird oft gesagt, dass Terrorismus immer eine politisch motivierte
Aktion sei. Auch dann, wenn es auf die moralische Güte der Motivation nicht an-
komme (s.o. 1.), solle es nicht gleichgültig sein, welche Motivation hinter der Tat
steht. Viele sehen hierin das den Terrorismus prägende Element, welches ihn von
krimineller Gewalt unterscheide.
96
Mit anderen Worten: Terrorismus sei die politi-
sche oder ideologische Version normaler Gewaltverbrechen.
97
Allerdings wird, um
auch den sog. religiösen Terrorismus unter den Terrorismusbegriff fassen zu kön-
nen, von politischen Zielen im weiteren Sinne gesprochen.
98
Diese Ansicht ver-
mag – auch bei einer weiten Auslegung des Adjektivs politisch – trotzdem nicht
zu überzeugen, obwohl sie im Hinblick auf die bekannten Terrorismusfälle zuge-
gebenermaßen intuitiv plausibel erscheint. Denn es ist nicht auszuschließen, dass
es eine reine kriminelle terroristische Handlung, losgelöst von irgendeinem politi-
93
Schlüßler (Fn. 24), S. 275.
94
Dazu Primoratz (Fn. 7), S. 47.
95
Meggle (Fn. 5), S. 39.
96
So etwa Cancio Meliá (Fn. 9), S. 12.
97
McPherson, Is Terrorism Distinctively Wrong?, Ethics 117 (2007), S. 524 (525); Helmerich (Fn. 30),
S. 16 („Wie bereits angedeutet, unterscheidet sich Terrorismus hierdurch von krimineller Gewalt“);
Rodin (Fn. 20), S. 756, 757; ebenso Zöller (Fn. 63), S. 146: „Terroristische Kriminalität ist die Be-
gehung von Straftaten zur Verwirklichung eines nach Tätervorstellung legitimen Gesellschaftszu-
stands.“
98
Coady (Fn. 71), S. 41.
Ausdruck vom 27.11.2013
74 Adriano Teixeira
schen Ziel, m.a.W. den Terrorismus als Selbstzweck, geben kann.
99
Diese Vorstel-
lung liegt z. B. Rainer Werner Fassbinders Film „Die Dritte Generation“ zugrunde,
in dem die Terroristen der dritten Generation der Rote Armee Fraktion so dargestellt
werden, als ob die von ihnen begangenen terroristischen Handlungen frei von jeder
politischen oder ideologischen Motivation gewesen wären, als ob ihre Aktionen nur
durch den Willen motiviert gewesen wären, das angesichts der Gefahr ausgeschüt-
tete Adrenalin zu genießen, „im Rausch erlebte Abenteuer zum Selbstzweck“.
100
Dementsprechend, obwohl dies eher selten vorkommen wird, sollte man einer
Handlung die Qualifikation als terroristisch nicht nur deswegen absprechen, weil
mit ihr kein politisches Ziel (auch i.w.S.) verfolgt wird. In der Tat kann man, wenn
man es schafft, das Wesen der terroristischen Handlung zu beschreiben – nach der
hiesigen Auffassung: die bifokale Strategie –, so dass der terroristischen Akt von
anderen gewaltsamen Tätigkeiten unterschieden werden kann, problemlos auf das
politische Element in der Definition verzichten.
4. Feuerprobe: Einordnung der umstrittenen Fälle
Somit befinden wir uns nun in der Lage zu erörtern, ob die oben angeführten
zweifelhaften Fälle nach dem hier vertretenen Definitionsansatz als Terrorismus zu
bezeichnen sind. Natürlich ist die Bewertung dieser Fälle auf die empirische bzw.
geschichtliche Beschreibung der zu diskutierenden Ereignisse angewiesen. Die da-
bei eigentlich erforderliche geschichtliche Genauigkeit ist allerdings im hiesigen
Zusammenhang nicht zu erreichen; Vermutungen und Generalisierungen sind im
Hinblick auf die Absicht der vorliegenden Studie nicht zu vermeiden.
Die Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki durch die USA und von
Dresden und anderen deutschen Städten durch Großbritannien am Ende des zweiten
Weltkrieges werden soweit ersichtlich nur in der philosophischen Diskussion über-
wiegend als Terrorismus bezeichnet. Angenommen bei beiden Bombardierungen
handelte es sich um den vorsätzlichen Angriff auf Unschuldige, und beide Bom-
bardierungen wurden mit der Absicht durchgeführt, durch die Terrorisierung der
Bevölkerung die unbedingte Kapitulation von Japan und Deutschland zu erzwin-
gen,
101
sollte man nicht verneinen, dass es sich um Terrorismus handelt. Denn je-
denfalls kam es den Tätern nicht darauf an, die unmittelbaren Opfer zu eliminieren,
sondern darauf, ihre Tötungen als Drohmittel einzusetzen. Der Grund dafür, dass
diese Fälle selten im öffentlichen Diskurs als Fälle des Terrorismus benannt wer-
den, dürfte auf der oben erwähnten Tendenz beruhen, Terrorismus mit substaatli-
cher politischer Aktion zu identifizieren. Dies darf aufgrund der hier postulierten
99
Harte, A Taxonomy of Terrorism, in: Shanahan (Hrsg.), Philosophy 9/11: Thinking about the War
on Terrorisms, S. 23 (27); Khatchadourian (Fn. 82), S. 6 („predatory terrorism“); Steinhoff (Fn. 8),
S. 120; Wellman (Fn. 22), S. 10 f.; Primoratz (Fn. 7), S. 23; dagegen Nathanson (Fn. 18), S. 26.
100
Fassbinder, aus dem Exposé von „Die Dritte Generation“, abrufbar unter http://www.
fassbinderfoundation.de/de/texte_detail.php?id=39&textid=99; vgl. auch Walzer (Fn. 19), S. 73:
„Wir können uns eine terroristische Organisation problemlos ganz ohne Zwecksetzung vorstellen,
wie sie etwa Franz Kafka porträtiert hätte“.
101
So etwa Primoratz (Fn. 7), 132 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Was ist böse am Terrorismus? 75
methodischen Neutralität der Definition des Terrorismus allerdings kein Grund für
eine Verneinung des terroristischen Charakters der genannten Taten sein.
Die Polemik um die Charakterisierung des 1983 im Libanon verübten Bomben-
anschlags auf die US-amerikanische Marineinfanteriekaserne knüpft an die Diskus-
sion an, ob auch Angriffe auf Kombattanten (bzw. „Nicht-Unschuldige“) als Terro-
rismus bezeichnet werden können. Es wird hier zwar vertreten, dass diese Frage an
sich nicht entscheidend ist. Andererseits wurde auch gezeigt, dass der angestrebte
Schockeffekt regelmäßig mit dem Angriff auf Zivilisten erzielt wird. Es kommt da-
her in diesem Fall darauf an, ob die den Terrorismus ausmachende Doppelstruktur
gegeben ist, ob der Angriff auf die Soldaten lediglich dazu diente, ein breiteres Pu-
blikum zu bedrohen oder zu erschüttern. In diesem Fall, einem durch die religiöse
Bewegung Hezbollah durchgeführten Angriff,
102
scheint der symbolische Charakter
des Angriffs eine prominente Rolle zu spielen. Dementsprechend kann man, wenn
man daran festhält, dass das primäre Ziel des Täters nicht die Eliminierung des mi-
litärischen Gegners war, sondern die Vermittlung einer Botschaft an ein breiteres
Publikum, den Selbstmordanschlag auf die Hauptquartiere der US-Marines 1983 in
Beirut als einen terroristischen Akt bezeichnen.
Es wird auch diskutiert, ob man überhaupt von Staatsterrorismus sprechen kann.
Wie gesehen wird der Terrorismus oft als eine Tätigkeit definiert, die von nicht-
staatlichen Akteuren begangen wird. Es gibt allerdings keinen Grund, zumindest
aus philosophischer Sicht,
103
von vornherein auszuschließen, dass der Staat dieselbe
den Terrorismus ausmachende Strategie gebrauchen kann.
104
Der Staat kann Ter-
rorismus ausüben sowohl gegen andere Staaten – wie bei den oben besprochenen
Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg – als auch gegen seine eigenen Bürger,
wie bei den Terrorregimes der Sowjetunion und des Dritten Reiches. Viele unge-
rechte Inhaftierungen und Tötungen in der jeweiligen Zeit wurden mit der Absicht
durchgeführt, ein psychologisches Klima zu erzeugen, in dem jeglicher Widerstand
gehemmt wurde.
105
Das heißt, nicht nur die unmittelbaren Opfer selbst, sondern
auch alle anderen Bürger hatten Angst, Opfer von weiteren ähnlichen Verbrechen
zu werden.
106
Schließlich, wenn es auch um ein in den Medien bereits verbreitetes Wort geht,
steht der Cyberterrorismus mit dem hier vertretenen Definitionsansatz nicht im Ein-
klang. Zunächst entbehren die Attacken gegen Webseiten, Bürger, Regierungen oder
andere feindliche Hackergruppe jedemGewaltelement – selbst in Formder Drohung
mit Gewalt –, welches, wie oben gesehen, ein notwendiges Element jeder terroris-
tischen Aktion ist. Auch wenn solche Attacken von terroristischen Organisationen
begangen werden, bedeutet das nicht, dass es sich um terroristische Handlungen in
engerem Sinne handelt.
102
S. Hoffman (Fn. 6), S. 152 f.
103
Primoratz (Fn. 7), S. 31.
104
Ebenso Schwenkenbecher (Fn. 22), S. 24.
105
M.w.N Primoratz (Fn. 7), S. 33 ff.
106
Schwenkenbecher (Fn. 22), S. 27.
Ausdruck vom 27.11.2013
76 Adriano Teixeira
V. Schluss
Der terroristische Akt verkörpert einen höheren und qualitativ besonderen Un-
rechtsgehalt. Dieser liegt weder nur im absichtlichen Angriff auf unschuldige Men-
schen bzw. in deren Instrumentalisierung zu politischen Zwecken noch allein in
der Herbeiführung von Furcht und Schrecken, sondern besteht aus einer doppelten
Rechtsgutbeeinträchtigung.
Der Terrorismus ist eine qualifizierte Bedrohungsstrategie, die an ein unmit-
telbares Opfer begangene Verbrechen wie Mord, Körperverletzung, Entführung
usw. beinhaltet, die heimtückisch und öffentlich begangen werden, und die durch
die beabsichtigten psychologischen Auswirkungen dieser Taten gleichzeitig die
Sicherheits- und Freiheitsinteressen einer Personengruppe oder einer ganzen Bevöl-
kerung (mittelbares Opfer) beeinträchtigt. Dies, der vorsätzliche und gleichzeitige
Angriff auf ein direktes und auf ein indirektes Opfer, macht das Wesen des Ter-
rorismus aus, der eher als ein modus operandi, eine Handlungsstrategie, als eine
politische Bewegung oder Ideologie zu begreifen ist.
Dieses Verständnis ermöglicht es, Vorurteile zu entlarven und die tendenziöse
politische Verwendung des Begriffs des Terrorismus zu vermeiden, welche sich
mehr auf die Qualität des Akteurs und die Motivation der Handlung und weniger
auf das Wesen des terroristischen Aktes konzentriert.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben.
Ein Versuch darüber, was es heißt, ein Terrorist zu sein, im Anschluss an Carl
Schmitt.
Alexander Aichele, Halle
Man hat dich belogen, der Teufel ist nicht der
Fürst der Materie, der Teufel ist die Anmaßung
des Geistes, der Glaube ohne ein Lächeln, die
Wahrheit, die niemals vom Zweifel erfaßt wird.
Umberto Eco
I. Einleitung
Es ist ebenso üblich wie nahe liegend, besondere Personengruppen durch ihre
Tätigkeit von anderen zu unterscheiden. Dies zeigt sich vor allem an klassischen
Berufsbezeichnungen aus dem Handwerk: Ein Bäcker ist jemand, der bäckt; ein
Schreiner jemand, der schreinert; usw. Die Klassifikation dessen, was jemand (von
Beruf) ist, ergibt sich aus dem, was er (berufsmäßig) tut. Die Klassifikation einer
bestimmten Art innerhalb einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung, hier der
Handwerksberufe, folgt der Bestimmung einer Tätigkeit, die erlernt und von Berufs
wegen ausgeübt wird. Von den nicht erhobenen Anforderungenvon Ausbildung und
Berufsmäßigkeit abgesehen verfährt das Strafrecht ganz ähnlich: Jemand, der mor-
det, ist ein Mörder; jemand, der raubt, ein Räuber; usw. Trotzdem, oder vielleicht
auch: deswegen, hat das Strafrecht – und ebenso die Rechtsphilosophie – erhebli-
che Schwierigkeiten damit zu erfassen, was eine Person eigentlich zum Terroristen
macht, mithin zu bestimmen, was ein Terrorist ist. Denn Terroristen tun ja eigent-
lich gar nichts anderes als andere Verbrecher auch: Sie morden, rauben, entführen,
bilden kriminelle Vereinigungen usw. Es scheint daher durchaus hinreichende straf-
rechtliche Handhabe beim Umgang mit sogenannten Terroristen zu geben. Gleich-
wohl ist die Auffassung verbreitet, dass Terroristen keine „gewöhnlichen“ Verbre-
cher seien, d. h. dass ihre Taten entweder irgendwie schlimmer oder edler als die
„gewöhnlicher“ Mörder, Räuber, Entführer usw. seien. Letzteres wird gerne durch
eine Gleichsetzung – und damit Verwechslung – von Terroristen mit irgendeiner
Art von Kämpfern für das Gute, d. h. so etwas wie Freiheit, Gerechtigkeit, ewigen
Frieden, Humanität u. ä. – begründet, ersteres in der Regel durch eine Wirkung ih-
res Tuns, die zwar über die einzelnen begangenen Taten hinausgeht, aber gerade
dadurch ihre Eigenart bestimmen soll. Dies geschieht jedoch trotzdem nach dem
gerade beschriebenen Schema der Klassifikation der Person durch ihre Tätigkeit:
Demnach ist ein Terrorist jemand, der terrorisiert, d. h. andere Leute in Schrecken
versetzt, und zwar ohne dass diese das, wie etwa Besucher eines Horrorfilms oder
Ausdruck vom 27.11.2013
78 Alexander Aichele
eines Teenager-Melodrams im Kino, wollen würden. Terroristen gehen nicht un-
mittelbar dem Handwerk des einvernehmlichen Leute-Erschreckens nach, wie dies
manche Literaten oder Filmregisseure oder vielleicht auch Geisterbahnbetreiber und
-angestellte tun. Terroristen versetzen vielmehr andere Leute in Schrecken, gerade
indem sie Verbrechen an wieder anderen Leuten begehen oder damit drohen. Die
unmittelbaren Opfer ihrer Verbrechen wären demnach nur Mittel zu einem davon
unterscheidbaren Zweck, der nun im Schrecken derer läge, die gerade nicht unmit-
telbare Opfer des vomTerroristen begangenen Verbrechens wären. Deren Schrecken
ist aber nun wiederum nicht der eigentliche Zweck des terroristischen Verbrechens.
Terroristen können, müssen aber nicht zu dieser Sorte von Psychopathen gehören.
Vielmehr soll der erregte Schrecken selbst Mittel zum Zweck politischer Verände-
rungen nach dem Willen der Terroristen sein.
1
Sie verfolgen demnach einen öf-
fentlichen Zweck und benötigen für ihr Anliegen größtmögliche Öffentlichkeit, um
möglichst viele Angehörige der politischen Gemeinschaft, die zu Veränderungen
in dieser oder zu Veränderungen in anderen politischen Gemeinschaften gebracht
werden soll, in Schrecken zu versetzen – und nicht etwa „die“ Gesellschaft, de-
ren soziologisches, aber keineswegs personales Wesen solches nicht zulässt. Damit
dies gelingt, müssen die begangenen Verbrechen so auffällig, spektakulär und öf-
fentlichkeitswirksam wie nur möglich sein und freilich darüber hinaus einem be-
stimmten Veränderungsanliegen zugeordnet werden können. Im Stillen begangene
Verbrechen, die ohne weiteres mit nicht-terroristischen, mithin „gewöhnlichen“ Ta-
ten verwechselt werden können, ohne dass die Täter die Öffentlichkeit auf ihre po-
litischen Änderungswünsche aufmerksam machten, verdienten demnach nicht das
Prädikat des Terroristischen.
2
II. Die Schwierigkeiten einer funktionalen Definition von Terrorismus
So plausibel dieser Versuch einer funktionalen Definition von Terrorismus durch
das, was Terroristen intentional tun, wie ihn derzeit wohl am prominentesten Robert
E. Goodin vertritt,
3
auf den ersten Blick auch aussehen mag, bringt er doch wenigs-
tens drei unübersehbare Schwierigkeiten mit sich.
Die erste davon, die Goodin allerdings als analytische Konsequenz nicht ohne
Emphase bejaht,
4
liegt in der erheblichen Ausweitung des Terrorismus-Begriffs. So
fasst er etwa angesichts der weitgreifenden Abwehrmaßnahmen der Regierung von
George W. Bush gegen weitere Terroranschläge nach dem 11. September 2001 in-
nerhalb der USA und des allgemein erklärten „War on Terror“, in dessen Rahmen es
sowohl zur Eroberung des Irak wie zur Intervention in Afghanistan kam, auch derar-
tige Aktivitäten von staatlicher Seite als terroristisch auf, wenn sie definitionsgemäß
1
Das ist die zentrale These zur Definition von Terrorismus von Goodin, What’s Wrong with Terro-
rism?, 2006, S. 1 et passim.
2
Vor dem Hintergrund dieses skizzierten Terrorismusbegriffs scheint die Berichterstattung und die
politische Auseinandersetzung mit der Mordserie des sog. „NSU“ an erheblicher Begriffsverwirrung
zu kranken.
3
Vgl. Goodin (Fn. 1), S. 37.
4
Vgl. ibid., S. 2 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 79
vermittels der Verbreitung von Schrecken politische Veränderungen herbeizuführen
suchen – mögen diese nun in Einschränkungen der Freiheitsrechte im Inland, in
der gezielten Tötung missliebiger Personen aus dem Hinterhalt durch den Einsatz
von Kampfdrohnen oder in militärisch herbeigeführten Regimewechseln in anderen
Staaten bestehen. So nahe liegend diese Sichtweise auf den ersten Blick sein mag,
scheint sie doch zu einer wiederum wenig einleuchtenden Konsequenz zu führen,
nämlich der Entkoppelung der Begriffe Terrorismus und Verbrechen. Denn schränkt
ein demokratisch legitimierter Gesetzgeber in den Grenzen der für ihn gültigen, den
Bürgern subjektive Rechte garantierenden Verfassung einige Freiheitsrechte auf-
grund einer besonderen Bedrohungslage für eine gewisse Zeit gesetzlich ein, kann
diese Handlung schon deswegen kein Verbrechen sein, weil sie auf demBoden einer
freiheitlichen Verfassung per Gesetz beschlossen worden ist, ohne diese Verfassung
selbst abzuschaffen. Allerdings kann die solches vollziehende Regierung dabei in
der Tat politische Veränderungen dadurch intendieren, dass sie ihre eigenen Bürger
in Schrecken versetzt – etwa zur Hinnahme äußerst weitgehender Einschränkun-
gen von Freiheitsrechten durch die Bürger. Unbeachtlich des notorischen Problems,
ob sich eine Regierung mit derartigem Vorgehen nicht eigentlich selbst zum Erfül-
lungsgehilfen terroristischer Intentionen macht, ist doch klar, dass sie selbst dabei
kein Verbrechen begeht, auch wenn sie nach Goodins Begriff terroristisch vorgehen
mag. Diplomatische und/oder militärische Aktivitäten eines Landes oder eines wie
immer gearteten Staatenbundes mit dem Ziel, irgendwie die politischen Verhältnisse
in einem anderen Land zu beeinflussen, sind indes kaum etwas anderes als die Exis-
tenzberechtigung von Außenpolitik. Und da Goodin den Terrorismus-Begriff auch
von der Ausübung physischer Gewalt abkoppelt,
5
fehlt hier auch die Möglichkeit,
einen womöglich völkerrechtlich problematischen oder gar illegitimen Militärein-
satz mit dem Ziel des Regimewechsels gegen einen irgendwie missliebigen Staat
ohne weiteres schon als terroristisch zu deklarieren. Denn es muss der Schrecken
sein, der den Regimewechsel bewirkt; etwa so, dass die fremdstaatliche Bevölke-
rung selbst, getrieben durch schreckenerregende diplomatisch formulierte Kriegs-
drohungen oder militärische Aktionen einen Regimewechsel einzuleiten versucht.
M. a. W.: Entweder wird die gebotene Definition von Terrorismus durch eine ent-
sprechend trennscharfe Definition von Schrecken bzw. Terror vervollständigt oder
jeder Versuch der Beeinflussung von politischen Verhältnisses, der die Voraugen-
führung oder Inaussichtstellung irgendwie übler Folgen beinhaltete, ohne aber dabei
auf physische Gewalt oder verbrecherische Taten zurückzugreifen, müsste als Ter-
rorismus deklariert werden. Man wäre dann gezwungen, gerade aus dem von Goo-
din angeführten Grund analytischer Strenge, bereits negative Wahlwerbung in ihrer
mildesten Form – etwa: „Wenn ihr X wählt, werdet ihr schon sehen, dass manche
Häschen weniger flauschig sein werden. (Also wählt besser uns.)“ – als Terrorismus
begreifen.
Die zweite Schwierigkeit der Definition liegt genau in ihrer Fokussierung auf
die „Absicht, eine psychologische Wirkung herbeizuführen.“
6
Dabei bereitet die
5
Vgl. ibid., S. 100 ff.
6
Ibid., S. 46.
Ausdruck vom 27.11.2013
80 Alexander Aichele
Intentionalität terroristischer Akte kein Problem. Denn sie sind in der Regel viel zu
komplex, um überhaupt unabsichtlich vollzogen werden zu können. Die Schwie-
rigkeit liegt vielmehr in der Einführung eines psychologischen Kriteriums, nämlich
der Erzeugung von Schrecken als intendierter Wirkung einer Handlung. Die Deut-
lichkeit und Brauchbarkeit der Definition erfordert also ebenfalls die Definition von
Schrecken, da dieser einen Teilbegriff der Terrorismus-Definition bildet und schon
ihre logische Möglichkeit unentschieden bleibt, wenn nicht all ihre Teilbegriffe de-
finiert sind. Was Schrecken aber ist, sagt Goodin nicht ausdrücklich. Allenfalls aus
seinem Sprachgebrauch wird klar, dass er den Ausdruck synonym mit Furcht ver-
wendet.
7
Jemanden in Schrecken versetzen, hieße demnach, ihn in einen Zustand
der Furcht zu bringen, d. h. für die Zukunft schlechte Zustände seiner selbst bzw.
der Welt zu erwarten oder ihr Eintreten wenigstens für recht wahrscheinlich zu hal-
ten und dabei auch das damit verbundene Gefühl zu haben. Die dadurch wieder-
um intendierten politischen Veränderungen sollten demnach aus der Absicht des
in Schrecken Versetzten hervorgehen, diese für die Zukunft in Aussicht gestellten
schlechten Zustände zugunsten anderer, der terroristischen Absicht entsprechender
Zustände zu vermeiden, d. h. letztere herbeizuführen. Die eher definitorische und
vermutlich weniger praktische Schwierigkeit besteht letztlich darin, dass sich nur
einzelne Personen in solchen mentalen bzw. emotionalen Zuständen befinden kön-
nen, wie sie der Ausdruck „Schrecken“ nach Goodin bezeichnen zu sollen scheint.
Abstrakta haben keine Emotionen, auch die Gesellschaft o. ä. nicht. Erinnert man
sich an diesen Sachverhalt, erkennt man leicht die Schwierigkeit, welche die Ein-
führung eines solchen psychologischen Kriteriums in die Definition macht. Ihre
Erfülltheit hängt stets von der einerseits generellen und andererseits momentanen
Verfassung einzelner Personen ab, die sich gerade im Zustand des Schreckens be-
finden können. Die Definition erhält damit eine subjektive Komponente, die ihre
Anwendbarkeit deswegen in Zweifel zieht, weil sie diese gänzlich beliebig zu ma-
chen droht. Terroristisch wäre dann eine Handlung nur in Abhängigkeit davon, dass
möglichst viele Leute – wie viele eigentlich genau? –, aber jedenfalls kaum alle,
mental oder emotional auf diese Handlung hin sich im Zustand des Schreckens be-
finden. Mehr noch, dieser Zustand soll eine Wirkung jener Handlung sein, so dass
eine Beziehung der Kausalität, mithin eine notwendige Beziehung, zwischen phy-
sischer Handlung und psychischer Wirkung besteht. Man muss nicht einmal die
allgemeine Möglichkeit einer solchen Kausalbeziehung bestreiten – was vermutlich
recht getan wäre
8
–, um die Gefahr subjektivistischer Beliebigkeit zu erkennen: Ob
nämlich die psychische Wirkung eingetreten ist, entscheidet allein der Zustand der
Psyche dessen, welcher der Handlung ausgesetzt war. Dieser mag sich zwar durch
externe Handlungen irgendwie beeinflussen lassen, aber von seiner Kontrolle durch
diese, wie sie erforderlich wäre, um von einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang
sprechen zu dürfen, kann kaum die Rede sein. Denn sowohl die Komplexität als
auch die Singularität der Psyche einer Person lassen deren vollständige externe
Kontrolle und damit auch nicht die beliebige Verursachung psychischer Zustände
7
Ibid., S. 45 ff.
8
Vgl. Renzikowski, Ist psychische Kausalität dem Begriff nach möglich?, FS Puppe, 2011, S. 201-216.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 81
durch externe Handlungen nicht zu. Es ist daher die Unkontrollierbarkeit psychi-
scher Zustände durch externe Handlungen, die gegen Goodins immerhin angedeu-
tete Bestimmung von Schrecken spricht. Aus ihr folgt aber gerade umgekehrt die
vollständige Subjektivität des Vorliegens jenes psychischen Zustands bzw. seine ex-
klusive Zugänglichkeit in der Ersten Person Singular. Ob sie sich gerade im Zustand
des Schreckens befindet, darüber befindet eine Person allein, und dies gilt vor allem
auch für den Grund dieses Zustandes. Wenn dies auch nur annähernd zutrifft, folgt
daraus wiederum, dass es sehr leicht möglich ist, unabsichtlich terroristische Hand-
lungen zu begehen. Freilich versucht Goodin diese subjektivistische Interpretation
seiner Definition auszuschließen, die allein einzelnen Personen auf der Basis ih-
rer psychischen Zustände das Urteil über die terroristische Natur der Handlungen
beliebiger anderer Personen zubilligte. Denn er betont ja das Element der Intentio-
nalität, das sich sowohl auf die Bewirkung des betreffenden psychischen Zustands
als auch auf die Veränderung der politischen Umstände bezieht. Nun ist aber schon
klar geworden, dass bestimmte Emotionen nicht mit der hinreichenden Sicherheit in
anderen Personen durch externe Handlungen bewirkt werden können. Dies gilt aber
nicht für rationale Vorstellungen übler zukünftiger Zustände seiner selbst oder der
Welt. Denn diese kann man immerhin versuchen, mit rationalen Mitteln zu erklä-
ren. Dafür spricht nebenbei auch das große Interesse einer Vielzahl terroristischer
Vereinigungen, ihre Taten und Ziele – unter welch verqueren Prämissen auch im-
mer – der Allgemeinheit durch die Verbreitung von Erklärungen, Pamphleten oder
anderen Elaboraten einsichtig zu machen und so zu legitimieren. Der Schrecken,
den Goodin meint, wäre also eher die klassische Furcht als Erwartung des Eintre-
tens übler zukünftiger Zustände, das aber durch geeignete Handlungen vermieden
werden kann. Dies ist eine durchaus rationale Einstellung, die womöglich von Emo-
tionen begleitet werden kann, aber nicht muss. Allerdings sieht dann das, was ein
Terrorist tut, wiederum dem verdächtig ähnlich, was ein Erpresser tut. Jedoch soll
es hier ja um die Veränderung der politischen Umstände und nicht um persönliche
Bereicheung oder die Befriedigung sonstiger private Gelüste gehen. Da aber Goo-
din ausdrücklich die Begriffe von Gewalt und Verbrechen aus seiner Definition von
Terrorismus ausgeschlossen hat, scheinen auch die Mittel, mit denen üblicherweise
Koalitions- oder andere politische Verhandlungen geführt werden, unter diese Defi-
nition zu fallen.
Diese Rationalisierung führt zur Politisierung des Terrorismus-Begriffs, die nun
durchaus unverzichtbar scheint. Terroristen verfolgen politische Absichten.
9
Sie
sind aber keine Politiker. Denn sie tun dies mit anderen Mitteln als diese. Spätes-
tens hier müsste Goodin Einspruch erheben und darauf verweisen, dass dies seiner
Definition gemäß durchaus der Fall sein kann, wenngleich nicht notwendigerwei-
se. Denn sowohl Terroristen als auch Politiker gebrauchen das Mittel der Erregung
von Schrecken: Die einen immer und notwendigerweise, die anderen manchmal und
9
Dass dies elementar für den Begriff sei, hält auch Michael Ignatieff fest: „Terrorismus ist eine ge-
walttätige Form der Politik.“ (Das kleinere Übel. Politische Moral in Zeiten des Terrors, 2005, S. 120
ff.) Dass wenigstens diese Formulierung aber zugleich unnötigerweise ebenfalls die begrifflichen
Grenzen zwischen gehegtem und entgrenztem Krieg verwischt, wird noch zu zeigen sein.
Ausdruck vom 27.11.2013
82 Alexander Aichele
kontingenterweise. Wenn Politiker dies gebrauchen, sind sie Terroristen. Und Per-
sonen, die dies Mittel nicht gebrauchen, aber trotzdem nach der Veränderung der
politischen Umstände streben, können keine Terroristen, sondern müssen Politiker
sein. Jede Person, die nach der Veränderung der politischen Umstände strebt, ist
also per definitionem eine potentielle Terroristin. Denn es kommt allein darauf an,
welche Mittel sie bei der Verfolgung dieses Unternehmens gebraucht. Verwendet
sie also absichtlich und bewusst das Mittel der Erzeugung von Schrecken in ande-
ren Personen, wird sie von einer potentiellen zu einer wirklichen Terroristin. Man
kann fragen, ob das umgekehrt auch geht: Hört eine Terroristin auf, Terroristin zu
sein, und fängt an, Politikerin zu sein, wenn sie aufhört, absichtlich das Mittel der
Erzeugung von Schrecken in anderen Personen zu gebrauchen? Dann wäre jede
Terroristin eine potentielle Politikerin. Wenn aber sowohl alle Politikerinnen Terro-
ristinnen als auch alle Terroristinnen Politikerinnen sein können, dann können beide
auch nicht ihrem Wesen nach verschieden sein. Denn mit welchen Mitteln sie das
Ziel der Veränderung der politischen Umstände verfolgen, ist offenkundig akziden-
tiell: Sie vermögen ja beides. Das begriffliche Fundament bzw. das genus proximum
von Goodins Terrorismus-Begriff scheint demnach das Streben nach Veränderung
der politischen Umstände zu sein, während die spezifische Differenz im absichtli-
chen Gebrauch des Mittels der Erzeugung von Schrecken besteht, mithin darin, was
eine Person, Terroristin genannt, tut. Gerade dies aber ist unter Wegfall der weite-
ren begrifflichen Elemente von Verbrechen und Gewaltanwendung außerordentlich
schwer trennscharf zu bestimmen. Denn es sieht zumindest sehr danach aus, als sei-
en dann alle Politikerinnen jedenfalls die meiste Zeit Terroristinnen und als könnten
alle Terroristinnen schlagartig damit aufhören, Terroristinnen zu sein, und anfangen,
Politikerinnen zu sein.
Wenn man denn eine solche ziehen möchte, um terroristische Handlungen zu
ächten, wäre die rechtliche Konsequenz ein strafbewehrtes Verbot des absichtlichen
Gebrauchs des Mittels der Erregung von Schrecken zur Herbeiführung politischer
Veränderungen. Dieses Delikt könnte gar nicht fahrlässig vollzogen werden, weil
hier die Intentionalität der Handlung Bestandteil ihrer Definition sein muss, um die
Beliebigkeit ihrer Anwendung zu verhindern. Und weiterhin müsste seine Bestim-
mung eine Definition von Schrecken enthalten, die aus den genannten Gründen je-
dem Subjektivismus-Verdacht entzogen ist. Dies scheint indes ausgeschlossen, weil
Schrecken zumindest ein mentaler Zustand einzelner Personen sein muss, dessen
Bewirkung, Eintreten und Vorlegen gerade nicht allgemeingültig festgestellt oder
kontrolliert herbeigeführt werden kann. Es bleibt also stets unklar, was jemand ei-
gentlich tun muss, um solchen Schrecken zu erregen, der geeignet ist, irgendwie die
Veränderung politischer Umstände herbeizuführen. Was eine Terroristin tut, lässt
sich offenkundig nicht in derselben Weise bestimmen, wie das, was ein Bäcker tut.
Die rechtliche Konsequenz daraus wäre, auf eine eigene strafrechtliche Definition
von Terrorismus zu verzichten, die einschlägigen Normen des Strafrechts anzuwen-
den und auf diese Weise Terroristinnen schlicht wie die gewöhnlichen Verbreche-
rinnen zu behandeln, die sie auch sind. Dies bedeutet indes nicht den Verzicht auf
eine Bestimmung dessen, was eine Terroristin ist. Diese dürfte allerdings nicht mehr
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 83
dadurch versucht werden, dass angegeben wird, was eine solche tut bzw. welche
äußeren Handlungen sie vollzieht, sondern dadurch, dass angegeben wird, was sie
denkt.
Ein solcher Versuch soll im Folgenden im Anschluss an einige Überlegungen
gemacht werden, die Carl Schmitt imRahmen seiner „Theorie des Partisanen“ ange-
stellt hat. Dabei ist zunächst zu zeigen, warumder Partisan kein Terrorist ist, obwohl
er durchaus das Mittel gebrauchen kann, das Goodin als wesentlich für terroristische
Handlungen auszeichnet. Aus der im Weiteren damit einhergehenden Differenzie-
rung des Begriffs des Feindes soll hervorgehen, dass ein Terrorist ist, wer einen
absoluten Feind hat. Schließlich ist zu untersuchen, ob man einen absoluten Feind
haben kann, ohne äußere Handlungen zu dessen Eliminierung zu unternehmen und
seine Existenz derart zu dulden. Denn wäre dies der Fall, wäre das Haben eines
absoluten Feindes so lange erlaubt, wie keine Versuche zu dessen physischer Be-
kämpfung oder Eliminierung vollzogen würden. Terroristische Einstellungen und
aber auch Handlungen wären also so lange erlaubt, wie sie nicht gegen die Normen
des Strafrechts verstießen, das selbst weder spezielle Verbote terroristischer Hand-
lungen noch dementsprechender „Gesinnungen“ zu enthalten bräuchte und dürfte.
III. Konventionelle und wirkliche Feindschaft: Der Partisan ist weder Soldat
noch Terrorist
Nach Schmitt tritt der Partisan im eigentlichen, militärisch und völkerrechtlich
relevanten Sinne erst im Übergang von den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts
zum Volkskrieg, d. h. spätestens mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht,
auf. Kennzeichnend ist zunächst die Irregularität seines Tuns, die durch die Kon-
ventionen des klassischen Kriegsrechts nicht abgedeckt wird. Der Partisan zählt
daher noch nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 nicht als Kombattant,
da er die Kriterien für Regularität – „verantwortliche Vorgesetzte, festes sichtba-
res Zeichen, offenes Tragen der Waffen, Einhaltung der Regeln und Gebräuche des
Kriegsrechts“ – nicht erfüllt.
10
Da er deswegen außerhalb des Kriegsrechts steht,
gilt er gemäß dieser Regelung, ganz unabhängig von seinen Motiven, als „Verbre-
cher nach gemeinem Recht“.
11
Dies bringt den Partisanen auf den ersten Blick in
außerordentliche Nähe zum Terroristen. So heißt es bei Schmitt:
„Grundsätzlich bleibt der Krieg gehegt, und der Partisan steht außerhalb dieser Hegung. Es
wird jetzt sogar sein Wesen und seine Existenz, daß er außerhalb jeder Hegung steht. Der
moderne Partisan erwartet vom Feind weder Recht noch Gnade. Er hat sich von der konven-
tionellen Feindschaft des gezähmten und gehegten Krieges abgewandt und in den Bereich
einer anderen, der wirklichen Feindschaft begeben, die sich durch Terror und Gegen-Terror
bis zur Vernichtung steigert.“
12
10
Carl Schmitt, Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen, 7. Aufl.
2010, S. 30.
11
Ibid.
12
Ibid., S. 17.
Ausdruck vom 27.11.2013
84 Alexander Aichele
Diese knappe Bestimmung enthält sowohl einen negativen als auch einen positi-
ven Teil. Ersterer besteht in der Selbst-Exemption des Partisanen aus dem gehegten
Krieg, zweiterer in der Ersetzung des konventionellen Feindes durch einen wirkli-
chen Feind. Beides gilt es näherhin zu verdeutlichen.
Die genuine Leistung – Schmitt nennt sie gelegentlich gar ein „Wunder“
13

des jus publicum Europaeum bestand in der „Rationalisierung und Humanisierung“
„der Brutalität von Religions- und Parteikriegen, die ihrer Natur nach Vernichtungs-
kriege sind“, bzw. von „Kolonialkriegen“.
14
Deren spezifische Brutalität folgt aus
der wechselseitigen Diskriminierung des jeweiligen Gegners als Verbrecher oder –
im zweiten Fall – der einseitigen Diskriminierung der Gegner als „‚wilde‘ Völ-
ker“ außerhalb jedes zwischenstaatlichen Rechts.
15
Die genannte Rationalisierung
und Humanisierung indes gelingt „mit Hilfe des Staatsbegriffs“,
16
der das syste-
matische Zentrumdes klassischen europäischen Völkerrechts bildet. Kriege werden
nun zwischen Staaten geführt, die als solche gleichberechtigt sind und sich wech-
selseitig als Staaten anerkennen. Daraus folgt die wechselseitige Anerkennung des
Feindes als gleichberechtigtem Kriegsteilnehmer, der als solcher nicht mehr krimi-
nalisiert und demzufolge wie ein Verbrecher behandelt werden darf, sondern einen
bestimmten, durch das für alle Kriegsparteien gültige Recht definierten Status ge-
nießt. Das Ziel eines derart rechtlich konventionalisierten Krieges kann daher nicht
mehr die Bestrafung oder Auslöschung des Feindes während oder nach Ende der
Kampfhandlungen sein, sondern die Möglichkeit des Friedensschlusses, der „sogar
das normale, selbstverständliche Ende des Krieges bleibt“.
17
In dieser völkerrecht-
lich kontrollierten Zwischenstaatlichkeit mit ihren „klare(n) Unterscheidungen [. . . ]
von Krieg und Frieden, von Kombattanten und Nicht-Kombattanten, und von Feind
und Verbrecher“ liegt, was Schmitt die Hegung des Krieges nennt.
18
Der Partisan stellt sich nun außerhalb dieser rechtlichen Ordnung. Er steht aber
nicht außerhalb jeder rechtlichen Ordnung. Dies zeigt sich schon daran, dass er nach
gemeinem Recht behandelt wird, d. h. zwar als Verbrecher, aber nicht als Feind der
Menschheit, Schädling o. ä., der seinen Status als Rechtsperson verlöre. Seine Irre-
gularität stellt ihn zwar außerhalb des Kriegsrechts, aber nicht außerhalb des Straf-
rechts. Daraus folgt, dass es den Partisanen überhaupt nur im Zusammenhang einer
konventionellen kriegerischen Auseinandersetzung geben kann. Denn seine Irregu-
larität negiert genau die Regel, welche das zwischenstaatliche Kriegsrecht bildet.
Sein ‚Wesen‘ setzt also ebendiese Norm voraus, und sein Begriff wird nur durch
deren Negation verständlich. Er ist daher auch logisch nicht selbständig, sondern
nur unter jener Bedingung definabel. Der Begriff kann folglich nur erfüllt werden,
indem er auf Zivilpersonen angewendet wird, die sich an kriegerischen Handlungen
im Sinne des Völkerrechts beteiligen, ohne aber diese Normierung anzuerkennen.
13
Carl Schmitt, Der Nomos der Erde im Völkerrecht des jus publicum Europaeum, 3. Aufl. 1988,
S. 123.
14
Ibid., S. 114.
15
Ibid.
16
Ibid.
17
Schmitt, Partisan (Fn. 10), S. 16; vgl. zum vorstehenden auch ders., Nomos (Fn. 13), S. 114.
18
Schmitt, Partisan (Fn. 10), S. 16.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 85
Also dependiert auch die ‚Existenz‘ des Partisanen vom aktualen Zustand des zwi-
schenstaatlichen Krieges: Die „Irregularität des Partisanen (bleibt) vom Sinn und
Inhalt eines konkret Regulären abhängig“.
19
Dies Reguläre kann nur der konven-
tionelle Krieg sein. Wird dieser beendet, hört folglich auch ein Partisan auf, ein
solcher zu sein – was ihn freilich nicht vor strafrechtlicher Verfolgung schützt. Es
liegt auf der Hand, dass eine solche bloß negative Definition, die letztlich ja nur
sagt, was etwas im Verhältnis zu einem gegebenen anderen Gegenstand nicht ist,
nicht zur selbständigen Identifikation des Definiendum ausreicht, sondern allenfalls
zu seiner Unterscheidung unter der Bedingung der Gegebenheit dessen, wovon er
unterschieden wird. Zwar ist ein negatorischer Beginn ebenso gebräuchlich wie un-
problematisch, um schließlich zu einer relativen Identifikation des Definiendum im
Sinne einer Nominaldefinition zu gelangen. Jedoch kann es immer noch unendlich
viele Gegenstände geben, denen die aufgefundenennegativen Eigenschaften in glei-
cher Weise zukommen. Es muss daher jeweils wenigstens eine positive Eigenschaft
angegeben werden, die – klassisch ausgedrückt – zum einen das genus proximum
und zum anderen die differentia specifica des zu bestimmenden Gegenstands aus-
sagt.
Im Fall des Partisanen ergibt sich ersteres immerhin schon aus Schmitts erster,
negativer Teilbestimmung: Ein Partisan ist eine Zivilperson, die sich an den Kampf-
handlungen im Rahmen eines zwischenstaatlichen Krieges beteiligt, der in seiner
Gesamtheit unter den Konventionen des Völkerrechts steht, ohne diese Normen an-
zuerkennen oder für sich in Anspruch zu nehmen. Ein Partisan ist daher ein irregu-
lärer Kämpfer in einem regulären Krieg. Man sieht auf den ersten Blick, dass diese
Bestimmung keinesfalls ausreicht, um zu einemauch nur einigermaßen spezifischen
Begriff zu gelangen. Denn keineswegs jeder solcherart irreguläre Kämpfer wird Par-
tisan genannt. Vielmehr lässt sich eine Vielzahl von Arten irregulärer Kämpfer den-
ken, die sich ohne weiteres auf Seiten aller beteiligten Kriegsparteien finden lassen:
Söldner, die unabhängig von regulären Truppen agieren und ihre eigenen Interessen
verfolgen mögen; Agenten fremder Mächte; Soziopathen, die einen Krieg als Gele-
genheit sehen, unauffällig ihren Neigungen nachzugehen; und dergleichen mehr.
Schmitt gibt nun – so die nun zu begründende These – in der zitierten, zusam-
menfassenden Passage die erforderliche spezifische Differenz mit dem Begriff des
‚wirklichen Feindes‘ an, den der Partisan habe. Er führt zwar noch weitere Kriteri-
en an, nämlich – neben dem hier außer Acht zu lassenden rein militärtechnischen
der „gesteigerten Mobilität des aktiven Kampfes“, die gleichfalls durch den Einsatz
leichter regulärer Truppenteile oder Sondereinheiten erzielt werden könnte – die
„gesteigerte Intensität des politischen Engagements“ und „den tellurischen Charak-
ter“ des Partisanen.
20
Es scheint aber, dass diese beiden Elemente durchaus auf das
Haben eines wirklichen Feindes zurückgeführt werden können bzw. diese Bestim-
mung zu explizieren geeignet sind. Denn solches scheint durchaus nötig: Schmitt
selbst räumt ja in seinem Vorwort zur Neuausgabe des „Begriffs des Politischen“
aus dem Jahr 1963 ein, „dass die verschiedenen Arten des Feindes – konventionel-
19
Ibid., S. 90.
20
Ibid., S. 26.
Ausdruck vom 27.11.2013
86 Alexander Aichele
ler, wirklicher oder absoluter Feind – nicht deutlich und präzise genug getrennt und
unterschieden werden“.
21
Trotz dieser Selbstkritik bereitet zumindest die Bestimmung des Begriffs des kon-
ventionellen Feindes kaum Probleme. Er bezeichnet ganz offenkundig zunächst
einen Angehörigen des regulären Militärs eines Staates der einem Angehörigen
des regulären Militärs eines anderen Staates in einem Krieg gegenübersteht, den
diese beiden Staaten miteinander führen und sich also beide im völkerrechtlich nor-
mierten Kriegszustand befinden, der staatlicherseits begonnen bzw. erklärt und auch
wieder durch einen Friedensvertrag beendet wird. Die Relation der Feindschaft, in
welcher die Soldaten beider Seiten zueinander stehen, ist symmetrisch und folgt
allein aus dem politischen Entschluss der Souveräne der beteiligten Staaten zum
Krieg. Für dessen Führung sind die jeweiligen Streitkräfte zuständig, die der Staat
zu genau diesem Zweck unterhält. Demnach obliegt zwar Planung und Vollzug der
Kampfhandlungen der militärischen Leitung und der Truppe, jedoch weder die Ent-
scheidung über deren Beginn und Ende noch die Definition der durch den Krieg zu
erreichenden Ziele. Das Militär handelt also stets im Auftrag der politischen Füh-
rung. Folglich ist es letztere, die von Fall zu Fall darüber bestimmt, wer der Feind
ist und warum er dies ist.
22
Die Angehörigen des Militärs erfüllen daher eine eigens
politisch gewünschte und legitimierte öffentliche Funktion, die darin besteht, den
jeweils angewiesenen Feind mit allen kriegsrechtlich zulässigen Mitteln zu bekämp-
fen und dadurch die ebenfalls vorgegebenen Kriegsziele zu erreichen. Die Soldaten
sind demzufolge nur insofern persönlich in Anspruch genommen, als sie kraft ihrer
Funktion mit allen ihren Kräften zu den Kampfhandlungen beitragen. Ihre persön-
liche bzw. innere Einstellung gegenüber den zu bekämpfenden Feinden hingegen
ist irrelevant, solange sie professionell, d. h. im Rahmen der dienst- bzw. kriegs-
rechtlichen Normierung, bleibt. Die Soldaten der sich bekriegenden Parteien sind
einander also rechtlich gleichgesetzt. Darin besteht die Symmetrie der konventio-
nellen Feindschaftsbeziehung. Sie brauchen, um es etwas lax zu formulieren, nichts
gegeneinander haben, umsich zu bekämpfen, und zwar weder persönlich noch ideo-
logisch noch ethnisch noch politisch. Es ist vermutlich diese – freilich den Idealfall
beschreibende, aber durch die Konventionalität des Krieges jedenfalls intendierte –
interne Neutralität, die sowohl den fairen und rechtlichen Umgang mit dem geschla-
genen Gegner als auch den schnellen Übergang zum Frieden nach Abschluss der
Kampfhandlungen ermöglicht. Es ist klar, dass ein solcher auf dem Begriff des kon-
ventionellen Feindes beruhender gehegter Krieg die vollständige Vernichtung des
Feindes als Kriegsziel ausschließt.
Bei dem, was Schmitt den ‚wirklichen Feind‘ nennt, liegt die Sache signifikant
anders. Er entnimmt diesen Ausdruck, der „eines Clausewitz würdig (ist) und den
Kern trifft“,
23
dem berühmten Brief vom 3. Januar 1813 an Friedrich Wilhelm III.,
mit dem der General Hans David Ludwig Yorck von Wartenburg die Neutralitätser-
klärung des von ihm geführten preußischen Korps der auf dem Rückzug von Mos-
21
Schmitt, Der Begriff des Politischen, 1963, S. 16 f.
22
Vgl. ibid., etwa S. 25 f. et passim.
23
Schmitt, Partisan (Fn. 10), S. 90.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 87
kau befindlichen Grande Armée, die sog. „Konvention von Tauroggen“, rechtfer-
tigt.
24
Der Brief endet mit dem folgenden Absatz:
„Ich erwarte nun sehnsuchtsvoll den Ausspruch Ew. Maj., ob ich gegen den wirklichen Feind
vorrücke, oder ob die politischen Verhältnisse erheischen, daß Ew. Majestät mich verurteilen.
Beides werde ich mit treuer Hingebung erwarten, und ich schwöre Ew. Königl. Majestät, daß
ich auf dem Sandhaufen ebenso ruhig wie auf dem Schlachtfelde, auf dem ich grau geworden
bin, die Kugel erwarten werde. Ich bitte daher Ew. Majestät um die Gnade, bei dem Urteil,
das gefällt werden muss, auf meine Person keine Rücksicht nehmen zu lassen. Auf welche
Art ich sterbe, ich sterbe immer wie Ew. Majestät alleruntertänigster und getreuester Untertan
Yorck.“
25
Yorck ist sich offensichtlich vollständig im Klaren darüber, dass die unautori-
sierte Vereinbarung, die er getroffen hat, den Tatbestand des Hochverrats erfüllt,
der gleichsam die Mutter aller politischen Verbrechen darstellt. Dieser besteht hier
darin, dass er sich als Untertan ein Recht anmaßt, das allein dem Souverän, d. h.
dem König, zukommt. Auch hierüber ist sich Yorck bewusst, wie die erste Hälfte
des Briefes zeigt:
„Ew. Königl. Majestät Monarchie, obgleich beengter, als im Jahre 1805, ist es jetzt vorbehal-
ten, der Erlöser und Beschützer Ihres und aller deutschen Völker zu werden. Es liegt klar am
Tage, daß die Hand der Vorsehung das große Werk leitet. Der Zeitpunkt muss aber schnell
benutzt werden. Jetzt oder nie ist der Moment, Freiheit, Unabhängigkeit und Größe wieder zu
erlangen, ohne zu große und blutige Opfer bringen zu müssen. In dem Ausspruch Ew. Maje-
stät liegt das Schicksal der Welt. Die Negociations, so Ew. Majestät Weisheit vielleicht schon
angeknüpft, werden mehr Kraft erhalten, wenn Ew. Majestät einen kraftvollen und entschei-
denden Schritt tun. Der Furchtsame will eine Beispiel, und Östreich wird dem Wege folgen,
den Ew. Majestät bahnen. Ew. Königl. Majestät kennen mich als einen ruhigen, kalten, sich
in die Politik nicht mischenden Mann. So lange alles im gewöhnlichen Gang ging, mußte
jeder treue Diener den Zeitumständen folgen, das war seine Pflicht. Die Zeitumstände aber
haben ein ganz anderes Verhältnis herbeigeführt, und es ist ebenfalls Pflicht, diese nie wieder
zurückkehrenden Verhältnisse zu benutzen. Ich spreche hier die Sprache eines alten treuen
Dieners; und diese Sprache ist die fast allgemeine der Nation. Der Ausspruch Ew. Majestät
wird alles neu beleben und enthusiasmieren; wir werden uns wie alte echte Preußen schlagen,
und der Thron Ew. Majestät wird für die Zukunft felsenfest und unerschütterlich dastehen.“
26
Der ‚im gewöhnlichen Gang‘ der Dinge ‚sich in die Politik nicht mischende‘
Yorck trifft mit seiner Neutralitätserklärung eine politische Entscheidung, die ihm
nicht zusteht. Sie ist nach Schmitt sogar diejenige Entscheidung, die das eigentliche
Wesen des Politischen ausmacht, nämlich die über Freund und Feind. Nun gilt aber:
„Die legale Regierung entscheidet darüber, wer der Feind ist, gegen den die Armee zu kämp-
fen hat. Wer für sich in Anspruch nimmt, den Feind zu bestimmen, nimmt eine eigene, neue
24
Vgl. dazu etwa Clark, Iron Kingdom. The Rise and Downfall of Prussia 1600-1947, 2007, S. 358 ff.
25
Yorck an Friedrich Wilhelm III; Tilsit, 03.01.1813, http://www.lexikus.de/bibliothek/Die-Befreiung-
1813-1814-1815-Teil-2/General-Yorck-an-seinen-Koenig-Friedrich-Wilhelm-III-ueber-die-
Konvention-von-Tauroggen (abgerufen am 31.10.13, 13:32)
26
Ibid.
Ausdruck vom 27.11.2013
88 Alexander Aichele
Legalität für sich in Anspruch, wenn er sich der Feindbestimmung der bisherigen legalen
Regierung nicht fügen will.“
27
Weil Yorck das von seinem König französischem Oberbefehl unterstellte preu-
ßische Korps dem bisherigen Feind, d. h. Russland, gegenüber für neutral erklärt,
tut er genau das, da er dadurch ebendiesen bisherigen Feind zum Freund erklärt,
28
ohne noch indes die Waffen gegen den empfohlenen neuen und wirklichen Feind
zu erheben. Yorck und sein Korps sind nicht zu Partisanen geworden. Sie mussten
dies auch nicht, da der König etwas später, Ende Februar, nach seiner Flucht nach
Breslau, ein Bündnis mit dem Zaren schloss und am 17. März mit dem Aufruf „An
mein Volk“ die preußischen Provinzen zum allgemeinen Aufstand gegen die fran-
zösische Besatzung aufforderte.
29
Gleichwohl wäre nach Schmitt „vom Sinn und
Begriff des wirklichen Feindes her der Schritt ins Partisanentum weder sinnwidrig
noch folgewidrig gewesen“.
30
Liegt der „intensiv politische Charakter des Partisanen“
31
demnach offenkundig
in der autonomen und daher illegalen Feindbestimmung, die er vornimmt, ist damit
allerdings noch nicht die spezifische Wirklichkeit eines solchen Feindes geklärt. Sie
transzendiert dessen Konventionalität, die darin bestand, dass Kriege von regulären
Truppen auf Weisung des Souveräns gegen andere reguläre Truppen professionell
ohne eigene politische Interessen geführt werden: Derartige gehegte Kriege erfol-
gen aus dem Gebrauch des jus ad bellum des Souveräns gegen einen im Grunde
genommen beliebigen fremdstaatlichen Gegner unter Achtung des jus in bello im
Idealfall an der Zivilbevölkerung vorbei. Gerade aus dieser geht aber der Partisan
hervor, und er bleibt ihr auch insofern zugehörig, indem er äußerlich nicht von ihr
zu unterscheiden ist
32
und nach Beendigung des Kampfes ohne weitere Formalitä-
ten wieder in sie zurücktritt. Ist der Partisan ein Zivilist, der zur Waffe greift, um
sich außerhalb der regulären Truppe an einem Krieg zu beteiligen, setzt dies jeden-
falls voraus, dass er selbst und persönlich die Entscheidung trifft, wer der Feind ist,
gegen den er kämpft. Dies gilt auch dann, wenn er sich zu diesem Zweck anderen,
gleich gesinnten Parteigängern anschließt. Anders als der reguläre Soldat, der die
Entscheidung über Freund und Feind allein seinem Souverän überlässt, kann der
Partisan gar nicht ohne persönliches Interesse handeln.
33
Dies kann nicht im gewaltsamen Schutz der eigenen, individuellen oder famili-
ären Existenz oder des eigenen Eigentums oder auch dessen gewaltsamer Mehrung
bestehen; sonst wäre jeder, der Notwehr übt, oder jeder Räuber Partisan. Das per-
sönliche Interesse muss vielmehr politischer Natur sein, d. h. bezogen auf die den
privaten Verbindungen übergeordnete Gemeinschaft und deren Ordnung, in welcher
der Zivilist lebt, der Partisan wird. Damit ist der tellurische Charakter des Partisanen
angesprochen, den Schmitt für „notwendig“ erachtet, „um die Defensive, d. h. die
27
Schmitt, Partisan (Fn. 10), S. 87.
28
Vgl. Schmitt, Nomos (Fn. 13), S. 136 und 272 f.
29
Vgl. Clark (Fn. 24), S. 360 ff.
30
Schmitt, Partisan (Fn. 10), S. 90.
31
Ibid., S. 21.
32
Vgl. ibid., S. 42.
33
Vgl. ibid., S. 20-26.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 89
Begrenzung der Feindschaft, raumhaft evident zu machen“.
34
Ohne noch den Be-
griff näher analysieren zu müssen, wird auf diese Weise bereits klar, dass die Feind-
bestimmung, die der Partisan vollzieht, gar nicht absolut sein kann, wenn anders
dies Prädikat nicht zumindest Unbedingtheit aussagen soll. Denn die Feindbestim-
mung des Partisanen steht unter einer strategischen Bedingung, die geographisch
beobachtbare Konsequenzen hat, nämlich der Verteidigung der eigenen Heimat. Der
Partisan „verteidigt ein Stück Erde, zu dem er eine autochthone Beziehung hat“.
35
Seine Kampfhandlungen finden daher nur in dem beschränkten Raum statt, in dem
er seine Herkunft hat bzw. lebt, sei dieser eher national oder regional bestimmt,
und sie dauern daher nur so lange an, wie deren Bedrohung gebannt ist. Diese kann
unter der Voraussetzung der Regularität, ohne die es die Irregularität des Partisa-
nentums nicht geben kann, nur in der Eroberung bzw. Besetzung der Heimat durch
eine fremdstaatliche reguläre Truppe in einem zwischenstaatlich geführten Krieg
geschehen. Der Partisan steht daher von selbst auf der Seite der eigenen regulären
Truppe, ohne ihr jedoch anzugehören, bzw. der eigenen Bevölkerung und erhält und
benötigt deswegen auch von beiden Unterstützung, soweit dies möglich ist, so dass
sich hier stets eine „Zusammenarbeit von Regulär und Irregulär“ ergibt.
36
Jedoch
bekämpft der Partisan die fremdstaatliche Truppe aus eigenem Entschluss, der aus
persönlichem politischen Interesse folgt. Wie sich nun zeigt, kann dies allein in der
Aufrechterhaltung der eigenen hergebrachten und gewohnten Existenzweise liegen,
die gegen ihre Auswechslung durch eine solche verteidigt werden soll, die als fremd
und unangemessen empfunden wird, d. h. genauer: die gegen ihre Eliminierung ver-
teidigt werden soll. Darin besteht die Wirklichkeit des Feindes des Partisanen im
Unterschied zur Konventionalität des Feindes des Soldaten. Zwar sind beide zwei-
fellos stets der Gefahr gewaltsamen Todes ausgesetzt. Dies bedeutet jedoch nicht
beidenthalben die Bedrohung der eigenen Existenzweise. Denn zur Existenzweise
des Soldaten gehört diese Todesgefahr wesentlich und wird durch die Entscheidung
für den Soldatenberuf bejaht – mag dies direkt im Falle des Freiwilligen oder in-
direkt im Falle des Wehrpflichtigen erfolgen. Der Krieg bedroht also zwar die in-
dividuelle Existenz eines jeden einzelnen Soldaten, aber nicht seine Existenzweise
als Soldat; er bestätigt sie vielmehr. Der Partisan hingegen greift nach einer persön-
lichen und keiner Rechtspflicht folgenden Entscheidung für die damit verbundene
Todesgefahr zu den Waffen, um seine hergebrachte Existenzweise innerhalb einer
national oder regional bestimmten Gemeinschaft zu verteidigen, wie er sie außer-
halb einer kriegerischen Auseinandersetzung führt bzw. weiter führen will.
Schmitt hat also mit seiner angeführten Selbstkritik hinsichtlich der mangelhaf-
ten Differenzierung des Feindbegriffs im „Begriff des Politischen“ durchaus recht.
Er führt ihn dort nämlich von vorneherein als wirklichen Feind ein, wenn er etwa
schreibt:
„Namentlich kann jeder von ihnen (sc. der Beteiligten in einem extremen Konfliktsfall) nur
selbst entscheiden, ob das Anderssein des Fremden im konkret vorliegenden Konfliktsfalle
34
Ibid., S. 26.
35
Ibid., S. 93.
36
Ibid., S. 23.
Ausdruck vom 27.11.2013
90 Alexander Aichele
die Negation der eigenen Art Existenz bedeutet und deshalb abgewehrt oder bekämpft wird,
um die eigene, seinsmäßige Art von Leben zu bewahren.“
37
Trotz der etwas verblasenen, vor allem an Hegels frühes sog. „System der Sitt-
lichkeit“, dessen erlesen unverständliche Definition des Feindbegriffs er gelegent-
lich ohne weiteren Kommentar zitiert,
38
angelehnten Diktion ist leicht zu sehen,
dass Schmitt hier von derjenigen Feindbestimmung spricht, die er in der „Theorie
des Partisanen“ zuallererst dem Partisanen zuschreibt.
An dieser Vorgängigkeit des Partisanen und des ihn bestimmenden Begriffs des
wirklichen Feindes ändert die von Schmitt im Rahmen seiner Verfallsgeschichte des
jus publicum Europaeum unter Verweis auf Clausewitz konstatierte allgemeine Ent-
wicklung hin zu National- bzw. Volkskriegen, die nun ebenso regulär wie irregulär
gegen wirkliche Feinde geführt werden,
39
indes nichts. Vielmehr führt diese Ent-
wicklung eher zu Integrationsversuchen des dann letztlich nur noch äußerlich von
der eigenen regulären Truppe unterscheidbaren Partisanen in das Normengeflecht
des Völkerrechts, wie dies die Genfer Konventionen von 1949 mit ihrer rechtli-
chen Gleichstellung von organsisierten Widerstandskämpfern mit regulären Solda-
ten zeigt.
40
Diese Annäherung oder vielleicht auch Verwischung der begrifflichen
Grenzen zwischen konventioneller und wirklicher Feindschaft bestätigt indes durch-
aus Schmitts These von der wesentlichen Relativität beider: „Der Partisan hat also
einen wirklichen, aber nicht einen absoluten Feind.“
41
IV. Absolute Feindschaft: Das Zeichen des Terroristen
Sowohl der Soldat als auch der Partisan kämpfen im Rahmen eines regulären
Krieges zwischen Staaten oder auch Nationen bzw. Völkern gegen einen relativen
Feind. Die jeweilige Feindbestimmung steht also unter einer Bedingung. Diese be-
steht im Falle des Soldaten in der politischen Entscheidung des Souveräns, sein jus
37
Schmitt, Begriff (Fn. 21), S. 26.
38
Sie lautet: „Diese Bewegung aber dieser absoluten Sittlichkeit, wie sie im absoluten Begriff ist, läuft
alle Tugenden durch, aber fixiert sich in keiner. In der Bewegung geht das Sittliche in Differenz und
hebt sie auf: die Erscheinung des Übergangs vom Subjektiven zum Objektiven und das Aufheben
dieses Gegensatzes. Diese Tätigkeit des Produzierens geht nicht auf ein Produkt, sondern zerschlägt
es unmittelbar, und macht die Leerheit der Bestimmtheiten eintreten. Jene Differenz in ihrer Erschei-
nung ist die Bestimmtheit, und diese gesetzt aks ein zu Negierendes. Aber dieses zu Negierende muß
selbst eine lebende Totalität sein; das Sittliche muß in seiner Differenz selbst seine Lebendigkeit an-
schauen, und hier so, daß das Wesen dieses gegenüberstehenden Lebendigen als ein Fremdes und zu
Negierendes gesetzt ist – nicht wie in der Erziehung, daß die Negation, Subjektivität nur die Ober-
fläche des Kindes ist. Eine solche Differenz ist der Feind, und die Differenz in Beziehung gesetzt ist
zugleich als ihr Gegenteil des Seins der Gegensätze als das Nichts des Feindes, und dies Nichts auf
beiden Seiten gleichmäßig ist die Gefahr des Kampfes. Dieser Feind kann für das Sittliche nur ein
Feind des Volkes, und selbst nur ein Volk sein. Weil hier die Einzelnheit auftritt, so ist es für das Volk,
daß der Einzelne sich in die Gefahr des Todes begibt.“ G. W. F. Hegel, System der Sittlichkeit [Critik
des Fischteschen Naturrechts] (mit einer Einl. von Kurt Rainer Meist hrsg. von Horst D. Brandt),
2002, S. 52 f. Schmitt, Begriff (Fn. 21), S. 58, zitiert freilich nur die letzten drei Sätze und gebraucht
sie auch nicht weiter.
39
Vgl. Schmitt, Partisan (Fn. 10), S. 46-50.
40
Vgl. ibid., S. 33 f. und 35 f.
41
Ibid., S. 93.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 91
ad bellum zu gebrauchen, und im Falle des Partisanen in der persönlichen politi-
schen Entscheidung eines Zivilisten, seine hergebrachte Existenzweise in der Ge-
meinschaft mit anderen gegen deren Bedrohung durch einen fremden und regulär
militärisch organisierten Eindringling zu verteidigen. Der Soldat hat daher einen
konventionellen, der Partisan einen wirklichen Feind. Keiner von ihnen hat einen
absoluten Feind. Die Frage ist also, was ist ein absoluter Feind und wer mag einen
solchen haben?
Die geläufige Formulierung vom Haben eines Feindes ist hier mit Bedacht ge-
wählt. Denn anhand ihrer lässt sich bereits die Differenz von relativer und absoluter
Feindschaft recht genau erkennen. Denn einen relativen Feind kann man so ein-
fach gar nicht haben. Er steht ja unter der Bedingung der Feindbestimmung, d. h.
er muss einem entweder gemäß der Entscheidung einer anderen Instanz, nämlich
des Souveräns, angewiesen werden oder er entspringt der eigenen und persönli-
chen politischen Entscheidung im Kontext eines konventionellen, zwischenstaatli-
chen Krieges. Nimmt man den Ausdruck „absoluter Feind“ mit dem gebührenden
begrifflichen Ernst, muss genau diese Bedingung wegfallen. Daraus folgt, dass man
einen bzw. den – denn es fragt sich, ob es davon mehrere geben kann – absolu-
ten Feind von selbst haben muss, weil er eo ipso Feind ist. Man hat ihn eigentlich
schon, sofern man überhaupt existiert. Der absolute Feind ist gleichsam der Feind,
den man sich nicht aussuchen und dem man sich auch nicht neutral gegenüber ver-
halten kann, weil er schlechterdings nicht Freund sein kann. Folglich ist er jederzeit
von jedermann zu bekämpfen, solange es ihn gibt, also bis zu seiner endgültigen
Vernichtung. Wie ist das zu verstehen?
Fühlt man sich durch solche Rede an malerische Wendungen wie die vom ‚ul-
timativen Bösen‘, vom ‚Großen Satan‘, von der ‚Achse des Bösen‘, o. ä. erinnert,
ist dies keineswegs verkehrt. Denn mit dem Sprung – und ein solcher muss es sein,
weil es aufgrund ihres kontradiktorischen Verhältnisses von der Relativität zur Ab-
solutheit kein Drittes und also keinen Übergang gibt – vom wirklichen zum abso-
luten Feind ändert sich auch die Relation der Feinde zueinander radikal. Sie kann
nämlich gar nicht mehr durch wechselseitige rechtliche Anerkennung symmetrisch
gemacht werden, wie dies etwa die angesprochenen Einbindungsversuche des Par-
tisanentums ins Völkerrecht anstreben. Der absolute Feind ist nunmehr tatsächlich
„etwas, das aus irgendeinemGrunde beseitigt und wegen seines Unwertes vernichtet
werden muß“.
42
Er kann folglich gar kein Rechtssubjekt mehr sein, muss also genau
genommen nicht einmal mehr etwas tun, mithin einen Krieg führen oder verbreche-
rische Handlungen begehen, um seine Bekämpfung zu rechtfertigen. Hierzu reicht
seine bloße Existenz. Die „Kriminalisierung des Feindes“, von der Schmitt spricht,
stellt also erst die letzte Stufe wirklicher Feindschaft dar, in welcher „der Partisan
zum wahren Helden des Krieges wird“.
43
Die freie und daher ebenso kontingente
wie rechtlich bewertbare Entscheidung zur Feindbestimmung wird demzufolge ab-
gelöst durch den theoretischen Akt der Erkenntnis des absoluten Feindes. Daraus
42
Ibid., S. 87.
43
Ibid., S. 36.
Ausdruck vom 27.11.2013
92 Alexander Aichele
folgt schon die Legitimität seiner Vernichtung. Denn es kommt nicht mehr darauf
an, was er tut, sondern nur noch darauf, was er ist.
Geht es bei der Feststellung absoluter Feindschaft allererst um theoretische Er-
kenntnis, braucht es ein entsprechendes Kriterium. Auch hierbei erleichtert die Ab-
solutheitsannahme die argumentative Arbeit ungemein, wenngleich ihre Grundla-
gen wiederum unangenehm nach Hegel oder auch durchaus manichäisch klingen.
Allerdings geht es hier ja nicht darum zu untersuchen, ob der Begriff des absoluten
Feindes logisch möglich ist – das ist er wohl nicht –, so dass er in einer wenigstens
wahrheitsfähigen Aussage auftreten und also rational gerechtfertigt werden kann,
sondern allenfalls darum, was man – wenigstens implicite – für wahr halten muss,
um einen absoluten Feind zu haben und demgemäß zu handeln. Zudem verortet
Schmitt den Ursprung des Begriffs absoluter Feindschaft historisch bei Lenin,
44
und
es dürfte unstrittig sein, dass für dessen Überlegungen Hegel bzw. der Hegelianis-
mus Marxens mindestens so wichtig waren wie Clausewitz.
Die Erkenntnis des absoluten Feindes ist ihrem Wesen nach eine politische Ein-
sicht. Verfügt man über genau und nur eine politische Theorie, die notwendigerwei-
se wahr sein muss, weil sie aus einer positiv bestimmten, absolut wahren Erkenntnis
mit Notwendigkeit folgt, muss jede andere Theorie falsch sein. Also existiert je-
de politische Gemeinschaft und jeder Begriff einer solchen, die nicht jener wahren
Theorie entsprechen, als deren Negation. Das hat zur Folge, dass diese Negativität
auch dann für sich selbst existieren kann, wenn entweder das Wesen der wahren
politischen Gemeinschaft noch nicht entdeckt ist oder diese selbst noch nirgends
existiert. Weder ihre Existenz noch ihre Negativität selbst ist daher bedingt durch
die Existenz der wahren Gemeinschaft oder das Wissen um sie. Sie ist deswegen
in beider Hinsicht absolut. Ist aber der Begriff der wahren, absoluten Gemeinschaft
entwickelt, ist jede andere existente Gemeinschaft ihr Nichts, d. h. ihre unbedingte
Verneinung, und dies Verhältnis ist wechselseitig.
45
Die Position ist Negation der
Negation. Eine derartige politische Differenz ist Feindschaft. Sie muss jedenfalls
auf Seiten der positiven Wahrheit ebendiese Erkenntnis involvieren, da sich diese
selbst nicht als absolute Position und jede andere als ihre eigene absolute Negation
wissen könnte. Der Vertreter der ersteren muss also einen absoluten Feind haben,
der womöglich in vielerlei Gestalt auftreten kann, für den Vertreter der zweiteren
gilt dies nicht mit Notwendigkeit und er wird ersteren als relativen Feind behan-
deln, wenn dies nicht der Fall ist. Er ist dann freilich im Nachteil, weil er unter
Grenzen des Rechts kämpft, die für den anderen kraft seiner überlegenen Einsicht
gar nicht gelten können.
Freilich ist diese schwer verständliche, weil offenkundig ebenso Metaphysik
und Logik wie Kontradiktorizität und Kontrarietät kaum sauber auseinander hal-
tende bzw. permanent vermischende Begründung eigentlich kaum nötig, wenn man
Schmitts durchaus einleuchtende Erklärung des Begriffs absoluter Feindschaft ver-
stehen will. Sie läuft darauf hinaus, dass einen absoluten Feind hat, ja haben muss,
wer sich im Besitz einer absoluten, nicht nur moralischen, d. h. primär auf die eigene
44
Vgl. ibid., S. 55 ff.
45
Vgl. Fn. 38.
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 93
individuelle Person bezogenen, sondern auch politischen, d. h. auf die Organisati-
on des gemeinschaftlichen Zusammenlebens aller Personen bezogenen, Wahrheit
glaubt. Folgt man nämlich Schmitts zentraler These, dass der Begriff des Politi-
schen durch die nicht auf andere Begriffe reduzible Unterscheidung von Freund
und Feind definiert ist, führt der Besitz absoluter politischer Wahrheit mit Notwen-
digkeit zur Nichtanerkennung schon der Möglichkeit anderer Organisationsformen
gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Da es diese gibt, obzwar es sie nicht geben
dürfte, müssen sie vernichtet werden – entweder um die dort lebenden Menschen
durch eine politische Revolution zu einem ihnen erst würdigen Dasein, gleichsam
in einem Akt tätiger Aufklärung, zu befreien oder um die Welt von Unmenschen zu
säubern, die im eigentlichen Sinne gar nicht zur Menschheit gehören. Aus der Er-
kenntnis des absoluten Feindes, die keine politische Entscheidung mehr erfordert,
folgt die moralische Pflicht zu seiner Bekämpfung – egal, wann, wo und wie. Es gibt
daher auch keine unschuldigen Opfer. Mehr noch: Wäre der absolute Feind selbst
fähig, sein Wesen einzusehen – was er naturgemäß nicht ist –, müsste er eigentlich
zur Eliminierung seiner selbst schreiten.
46
Die vollständige Entgrenzung des Feindbegriffs, die ihm das Prädikat des Ab-
soluten beifügt, ist augenfällig. Da sich Absolutes nicht zu verändern pflegt, weil es
unter keiner Bedingung steht, ist es gleichgültig, in welcher historischen Situation
und in welcher Gestalt der absolute Feind auftritt. Weiterhin ist es definitive Ver-
nichtung, die er heischt, nicht die bloße Zurückweisung in seine Grenzen.
47
Seine
Bekämpfung ist also nicht mehr an einen bestimmten geographischen Raum, das
‚Stück Erde‘ des Partisanen, gebunden: Sie ist prinzipiell international und offensiv,
da ihr Kampfauftrag nicht auf die Wiederherstellung eines friedlichen Zustands zwi-
schen Kriegsparteien gerichtet ist, sondern auf die Unmöglichmachung zukünftiger
Kriege durch die konkrete Realisierung des eigenen Absolutheitsanspruchs vermit-
tels des gerne berufenen Krieges zu enden alle Kriege. Schmitt hält diese Konse-
quenz des Begriffs absoluter Feindschaft zurecht für „unmenschlich“.
48
Allerdings
versucht er ihren Träger, d. h. denjenigen, der einen absoluten Feind hat, trotz seiner
vorhergehenden Analysen immer noch über eine Modifikation des Begriffs des Par-
tisanen schaffen. Dieser steht nunmehr nämlich im Dienst der absoluten Partei, die
jeden Staat transzendiert, indem sie ihn zu ihrem bloßen Instrument auf dem Weg
der konkreten Realisierung des positiv Absoluten in der Welt gebraucht:
49
„Mit der
Absolutsetzung der Partei (sc. durch Lenin) war auch der Partisan absolut geworden
und zum Träger einer absoluten Feindschaft erhoben.“
50
Auch hier lässt sich wieder Schmitts begriffliche Verlegenheit sehen, die sich
an dieser Stelle terminologisch äußert. Es scheint ihm das rechte Wort für jenen
absoluten Parteigänger zu fehlen, den er – die Etymologie legt es ja nahe – zum
absoluten Partisanen erklärt und damit seinem durchaus mit Sorgfalt und kohärent
entwickelten Begriff des Partisanen als Träger zwar wirklicher, aber relativer Feind-
46
Vgl. Schmitt, Begriff (Fn. 21), S. 35: Hinweise, 110.
47
Vgl. ibid., S. 35.
48
S. Fn. 38.
49
Vgl. Schmitt, Partisan (Fn. 10), S. 94.
50
Ibid.
Ausdruck vom 27.11.2013
94 Alexander Aichele
schaft widerspricht und diesen damit unnötig verunklärt. Es mag sowohl das Ele-
ment des Terrors sein, das offenkundig zur Taktik des Partisanen gehört,
51
als auch
mangelnde historische Erfahrung, die Schmitt zu dieser Verabsolutierung bewegt,
obwohl er durchaus einen Terminus kennt und auch in diesem Kontext gebraucht,
der geeigneter wäre, jenen gesuchten Träger absoluter Feindschaft zu fassen. Denn
ein absoluter Partisan ist kein Partisan mehr, weil der Partisan einen wirklichen und
keinen absoluten Feind hat und vom Bedingten zum Unbedingten kein Weg führt.
Dieser geeignetere Terminus ist vielmehr „Terrorist“, und Schmitt scheint zumindest
einem solchen Gebrauch zuzuneigen, da er in der entsprechenden Passage einerseits
auf revolutionäre kommunistische Bewegungen und andererseits auf gegenwärtige
Erfahrungen verweist.
52
Der Terrorist allerdings ist wiederum kein Partisan, weil
der Terrorist keinen wirklichen, sondern nur einen absoluten Feind hat; wenngleich
der Terrorist – Beispiele aus der jüngeren Geschichte für beides sind zahlreich und
bekannt genug – sich gern mit dessen Heldenruch des Freiheits- oder Widerstands-
kämpfers schmücken oder – womöglich noch lieber – dessen seit der Genfer Kon-
vention gewachsene rechtliche Anerkennung genießen möchte, ohne diese, wie sich
versteht, selbst seinen Gegnern zukommen lassen zu können.
So betrachtet ist ein Terrorist zunächst einfach jemand, der eine Meinung hat.
Diese jedoch hält er nicht für eine solche, d. h. für grundsätzlich wahrheitsfähig und
unter Gegebenheit einer bestimmten Bedingung auch wahr, sondern für absolut, al-
so ohne jede Bedingung, wahr. Der Gegenstand dieser besonderen Wahrheit, die den
Terroristen erst zu einem Terroristen macht und nicht etwa nur zu einem besonders
eifrigen Anhänger irgendeiner Religion o. ä., ist allerdings politisch. Daraus folgt
die Erkenntnis, dass all jene, die nicht die Absolutheit jener Wahrheit anerkennen
und sie folglich ebenfalls vertreten, absolute Feinde sind. Zu deren Eliminierung
besteht eine moralische Pflicht. Der Terrorist kennt daher keine unschuldigen Opfer
seines Tuns. Zugleich mag es eine Vielzahl von Gründen geben, die ihn – aus sei-
ner Perspektive – von der unmittelbaren Aktion, d. h. – aus der Perspektive seines
absoluten Feindes – von der Begehung von Verbrechen, abhalten. Diese mögen in-
dividueller persönlicher Natur sein, wie etwa mangelnde Entschlossenheit, Furcht
vor Strafe oder ein eher theoretisches Interesse, oder aus schlichtem Mangel an Ge-
legenheit, Finanzmitteln oder Kenntnissen bzw. Klugheitserwägungen folgen. Weil
es aber für sein Terroristentum nur darauf ankommt, einen absoluten Feind zu ha-
ben, so dass jederzeit die reale Möglichkeit seiner aktiven Bekämpfung und deren
Rechtfertigung besteht, muss ein Terrorist auch keine Verbrechen begehen, umeiner
zu sein. Er kann, oder besser: darf, dann aber nicht dafür bestraft werden, einer zu
sein.
Man kann also nicht einfach daran, was jemand tut, sehen, ob er ein Terrorist
ist: Es kann hier nicht heißen: „I know it, when I see it.“ Denn was er tut, tun andere
Verbrecher auch. Man muss ihn vielmehr fragen, warum er tut, was er tut. Zeigt
sich an seiner Antwort, dass er einen absoluten Feind hat, ist er ein Terrorist – egal,
51
Vgl. ibid., S. 76.
52
Diese Hinweise bleiben jedoch kryptisch. Schmitt (ibid.) benutzt jedenfalls den Ausdruck: „Wenige
Terroristen genügen, um große Massen unter Druck zu setzen.“
Ausdruck vom 27.11.2013
Einen absoluten Feind haben. 95
was er tut. Verfolgt und bestraft werden kann er aber nur dafür, was er tut, also nur
dann, wenn er Verbrechen begeht. Denn sonst erklärte ihn das verfolgende Recht
selbst zum absoluten Feind und wäre damit selber terroristisch. Der Rechtstaat kann
keinen absoluten Feind haben, ohne aufzuhören, Rechtstaat zu sein, wenngleich er
versuchen sollte, diesen Begriff zu verstehen.
Ausdruck vom 27.11.2013
Ausdruck vom 27.11.2013
Beiträge
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts
Milan Kuhli
*
, Frankfurt am Main
I. Einleitung
Kaum ein Thema hat den Strafrechtsdiskurs der letzten Jahre so sehr geprägt
wie die von Günther Jakobs angestoßene Debatte um das sogenannte Feindstraf-
recht. Mit dem vorliegenden Beitrag soll ein Aspekt beleuchtet werden, der in jün-
gerer Zeit in diesem Zusammenhang diskutiert wird: Jakobs’ Rekurs auf Thomas
Hobbes
1
, der in zahlreichen Repliken in der Literatur aufgegriffen wurde
2
und der
Anlass geben soll, die Staats- und Straftheorie des englischen Philosophen näher in
den Blick zu nehmen. Es wird im Folgenden die These entwickelt und begründet,
dass Hobbes’ Theoreme nur auf den ersten Blick als Beleg für eine eindeutige Di-
stinktion zwischen einem Feindstrafrecht auf der einen Seite und einem sogenann-
ten Bürgerstrafrecht auf der anderen Seite herangezogen werden können. Damit soll
die Untersuchung belegen, dass die Straftheorie von Thomas Hobbes gerade solche
Elemente aufweist, die – nach ihrer Transformation aus dem 17. in das 21. Jahrhun-
dert – Argumente gegen das Konzept des Feindstrafrechts evozieren.
Die folgenden Ausführungen werden sich zunächst der Lehre vom Feindstraf-
recht im Allgemeinen und den in dieser Lehre zu findenden Bezugnahmen auf Tho-
mas Hobbes im Besonderen zuwenden (dazu II.). Daran anschließend werden Hob-
bes’ theoretische Reflexionen zu Staat und Strafe in den Blick genommen (dazu III.
und IV.), ehe die Ergebnisse dieser Darlegung als Ausgangspunkt einer spezifischen
Kritik des Feindstrafrechts fruchtbar gemacht werden (dazu V.).
*
Milan Kuhli ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Exzellenzcluster „Die Herausbildung normati-
ver Ordnungen“ an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Der Autor dankt
Dr. Martin Asholt und Dr. Antonio Martins, LL.M., für ihre wertvollen Anregungen zu diesem Bei-
trag.
1
Jakobs, Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht, HRRS 2004, S. 88 (89 ff.).
2
Vgl. etwa Ambos, Feindstrafrecht, in: Vormbaum (Hrsg.), Kritik des Feindstrafrechts, 2010, S. 345
(371); Bung, Feindstrafrecht als Theorie der Normgeltung und der Person, in: Uwer (Hrsg.), „Bit-
te bewahren Sie Ruhe“. Leben im Feindrechtsstaat, 2006, S. 249 (263 f.); Cavaliere, „Feindstraf-
recht“ und „Bekämpfungsstrafrecht“ – Zwei unhaltbare Rechtfertigungen für eine Differenzierung
von Verfassungsgrundsätzen nach Tätertypen, in: Vormbaum (Hrsg.), Kritik des Feindstrafrechts,
2010, S. 315 (318, 323); Donini, Bekämpfungsstrafrecht. Oder: Warum die Diskussion über das
Feindstrafrecht sich nicht auf dessen Exorzierung beschränken darf, in: ibid., S. 279 (291); Saliger,
Feindstrafrecht: Kritisches oder totalitäres Strafrechtskonzept?, in: ibid., S. 203 (209); Schünemann,
Feindstrafrecht ist kein Strafrecht!, in: ibid., S. 11 (14-17).
Ausdruck vom 27.11.2013
98 Milan Kuhli
II. Die Lehre vom Feindstrafrecht
1. Grundlagen und Kritik
Im Jahre 1985 vertrat Jakobs in seinem Vortrag auf der Strafrechtslehrertagung
in Frankfurt am Main die Ansicht, dass sich in der Strafrechtswirklichkeit Erschei-
nungsformen zeigen, die man als Elemente eines Feindstrafrechts einem Bürger-
strafrecht gegenüberstellen müsse
3
und in denen ein spezifisches Täterbild zum
Ausdruck komme.
4
Beispiele jener feindstrafrechtlichen Entwicklung, bei der der
Täter ausschließlich als eine frühzeitig zu bekämpfende Gefahrenquelle angesehen
wird
5
, seien etwa „alle Kriminalisierungen materieller Vorbereitungen, soweit das
Vorbereitungsverhalten im Privatbereich vollzogen wird“.
6
Während beim Bürger
mit strafrechtlichen Mitteln erst dann reagiert werde, wenn dieser seine Tat ex-
ternalisiert habe, werde der Feind schon zu einem früheren Zeitpunkt bekämpft.
7
Was die Legitimität eines solchen Feindstrafrechts anbelangt, waren die Ausfüh-
rungen des Referenten im Vergleich zu seinen späteren Darlegungen noch verhält-
nismäßig zurückhaltend: Feindstrafrecht sei „nur als ein ausnahmsweise gelten-
des Notstandsstrafrecht legitimierbar“.
8
Vom normativen Ausnahmecharakter des
Feindstrafrechts spricht Jakobs zwar auch in neuerer Zeit
9
, allerdings macht er hier-
bei immer wieder deutlich, dass er diesen Ausnahmecharakter nicht zwingend tem-
porär verstanden wissen will: Zum Instrument des Feindstrafrechts bestehe – so
heißt es in einem Beitrag von 1999/2000 – „keine heute ersichtliche Alternative“
10
;
es handele sich – so eine Formulierung einige Jahre später – um zum „Überleben in
einer schmutzigen Welt nun einmal notwendige[. . . ] Ausnahmen“.
11
Jakobs äußert sich aber in seinen neueren Arbeiten nicht nur stärker affirmativ
zugunsten dessen, was er als Feindstrafrecht kennzeichnet
12
, sondern legt auch aus-
führlicher dar, was er unter Feinden und Bürgern versteht und in welcher Weise mit
beiden Tätergruppen zu verfahren sei. Mit dem Begriff des Feindes bezeichnet er
„ein Individuum, das sich in einem nicht nur beiläufigen Maß [. . . ] vermutlich dauerhaft vom
Recht abgewandt hat und insoweit die kognitive Mindestsicherheit personellen Verhaltens
nicht garantiert und dieses Defizit durch sein Verhalten demonstriert“.
13
3
Jakobs, Kriminalisierung im Vorfeld einer Rechtsgutsverletzung, ZStW 97 (1985), S. 751 ff.
4
Vgl. Greco, Über das so genannte Feindstrafrecht, GA 2006, S. 96.
5
Jakobs, Kriminalisierung (Fn. 3), S. 753 f.
6
Ibid., S. 756 f.
7
Vgl. auch Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 92.
8
Jakobs, Kriminalisierung (Fn. 3), S. 784.
9
Jakobs, Terroristen als Personen im Recht?, ZStW 117 (2005), S. 839 (850).
10
Jakobs, Das Selbstverständnis der Strafrechtswissenschaft vor den Herausforderungen der Gegen-
wart (Kommentar), in: Eser/Hassemer/Burkhardt (Hrsg.), Die Deutsche Strafrechtswissenschaft
vor der Jahrtausendwende. Rückbesinnung und Ausblick. Dokumentation einer Tagung vom 3.-
6. Oktober 1999 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 2000, S. 47 (53).
11
Jakobs, Terroristen (Fn. 9), S. 851.
12
Vgl. Gierhake, Feindbehandlung im Recht? Eine Kritik des so genannten „Feindstrafrechts“ und
zugleich eine Auseinandersetzung mit der Straftheorie Günther Jakobs’, ARSP 2008, S. 337 (338
[Fn. 7]); Greco, Feindstrafrecht, 2010, S. 15; Roxin, Strafrecht Allgemeiner Teil, Bd. 1: Grundlagen.
Der Aufbau der Verbrechenslehre, 4. Aufl., 2006, § 2 Rn. 127.
13
Jakobs, Selbstverständnis (Fn. 10), S. 52.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 99
Hierunter fasst er etwa gewohnheitsmäßige Sexualverbrecher, Terroristen, Beteilig-
te der organisierten Kriminalität, aber auch Wirtschaftskriminelle.
14
Liest man die
zitierten Zeilen vor dem Hintergrund der von Jakobs vertretenen Variante der posi-
tiven Generalprävention
15
, so lassen sich die genannten Täter als solche auffassen,
denen gegenüber „die Normgeltung nicht mehr durch kontrafaktische Behauptung
der Norm mittels Strafe stabilisiert werden kann“.
16
Das Feindstrafrecht diene also
der bloßen Bekämpfung von Gefahren, wohingegen das Bürgerstrafrecht die Auf-
gabe habe, die unveränderte Fortgeltung der verletzten Norm zu kommunizieren.
17
Was Feinde von Bürgern unterscheide, sei die Tatsache, dass jene nicht ein Min-
destmaß an erforderlicher Rechtstreue an den Tag legen und deshalb Jakobs’ zu-
folge im Gegensatz zu den Bürgern keinen Anspruch auf Behandlung als Person
besitzen.
18
Die angesprochene Entpersonalisierung ermögliche es, Feinde als rei-
ne Gefahrenquellen zu behandeln.
19
Während der Bürger im Bürgerstrafrecht als
Adressat von Rechten und Pflichten – eben als Person – gesehen wird
20
, bezieht
das dem Feindstrafrecht zugrunde liegende Rechtsverhältnis den Adressaten der
Zwangsmaßnahme nicht ein
21
– es ist einzig und allein „das Recht derjenigen, die
gegen den Feind stehen; dem Feind gegenüber ist es nur physischer Zwang, bis hin
zum Krieg“.
22
Da die als Feinde gekennzeichneten Menschen nicht die nötige Ge-
währ bieten, auf rechtlichemWege angesprochen zu werden, findet ihnen gegenüber
im Strafrecht kein freier Diskurs, sondern bloßer Zwang statt.
23
Es soll damit beim
Feindstrafrecht primär um die Sicherung vor dem Täter gehen.
24
In der Konsequenz
dessen liegt es, dass im Feindstrafrecht weitergehende Maßnahmen möglich sein
sollen als im Bürgerstrafrecht; so sollen etwa „Terroristen, die zumindest der Pla-
nung (§ 129a StGB) überführt sind, auch jenseits der durch § 136a StPO gezogenen
Grenzen zur Offenbarung von großen Gefahren gezwungen werden“ können.
25
Da der durch das Feindstrafrecht zu verwirklichende Wert nach Jakobs einzig in
der Gewährleistung von Sicherheit gegenüber den vom Feind ausgehenden Gefah-
ren liegen soll, muss die Frage, inwieweit eine feindstrafrechtliche Maßnahme zur
Gefahrenabwehr erforderlich ist, zum hauptsächlichen Maßstab rechtlicher Beurtei-
lung werden.
26
Abgesehen von diesem Bezugspunkt ist das Feindstrafrecht für sich
genommen bei Jakobs grundsätzlich schrankenlos. Zwar kann seiner Meinung nach
14
Ibid., S. 52.
15
Vgl. hierzu Jakobs, Strafrecht Allgemeiner Teil. Die Grundlagen und die Zurechnungslehre, 2. Aufl.,
1991, 1/4 ff.; ders., Norm, Person, Gesellschaft. Vorüberlegungen zu einer Rechtsphilosophie, 3.
Aufl., 2008, S. 113 ff.
16
So die Rekonstruktion bei Vormbaum, Einleitung: Das Feindstrafrecht und seine Kritik, in: ders.
(Hrsg.), Kritik des Feindstrafrechts, 2010, S. VII (XXXII).
17
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 88 f.; vgl. Schünemann (Fn. 2), S. 17.
18
Jakobs, Terroristen (Fn. 9), S. 843.
19
Ibid., S. 851.
20
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 90.
21
Ibid., S. 93.
22
Ibid., S. 90.
23
Jakobs, Terroristen (Fn. 9), S. 844 f.
24
Ibid.
25
Ibid., S. 849.
26
Vgl. ibid., S. 848.
Ausdruck vom 27.11.2013
100 Milan Kuhli
der Staat durchaus auf feindstrafrechtliche Maßnahmen verzichten
27
, doch betrifft
dies lediglich den Bereich der Zweckmäßigkeit und des Beurteilungsspielraums,
nicht aber den Bereich (sonstiger) normativer Grenzen. Das kritische Potenzial von
Jakobs’ Analyse richtet sich letztlich nicht gegen das Konzept des Feindstrafrechts
an sich, sondern gegen dessen verdeckte Einwebung in das StGB. Jakobs’ primäre
Forderung zielt auf eine spezifische Ausgestaltung des feindstrafrechtlichen Au-
ßenverhältnisses zum Bürgerstrafrecht: Wenn auch beide Konzepte als Idealtypen
zu verstehen seien, „die sich kaum je rein verwirklicht finden lassen“
28
, bestehe
die Notwendigkeit, den Bereich des Feindstrafrechts in eindeutiger Weise – und
das meint auch gesetzessystematisch – vom Bereich des Bürgerstrafrechts zu unter-
scheiden.
29
Historisches Vorbild einer solchen klar erkennbaren Sonderstrafgesetz-
gebung ist für Jakobs etwa die 1977 im Zuge des sogenannten Deutschen Herbstes
30
eingeführte gesetzliche Regelung der Kontaktsperre, die außerhalb der StPO
31
nor-
miert wurde.
32
Soweit eine legislative Trennung nach Art des eben genannten Bei-
spiels nicht vorgenommen werde, bestehe die Gefahr, dass die normativen Grenzen
des Bürgerstrafrechts feindstrafrechtlich aufgeweicht würden.
33
Sowohl im Jahre
1985 als auch im Jahre 2003/04 konstatiert Jakobs, dass das allgemeine Strafrecht
in seiner jeweiligen Fassung eine solche hinreichende Abgrenzung zum Feindstraf-
recht vermissen lasse.
34
Allerdings wird mit dem vorliegenden Beitrag der Fra-
ge nachzugehen sein, ob die Zulassung eines Konzepts des Feindstrafrechts nicht
zwangsläufig und denknotwendig Auswirkungen auf das – von Jakobs Bürgerstraf-
recht genannte – allgemeine Strafrecht besitzt.
Jakobs’ Darlegungen lösten national und international heftige Kritik aus. Waren
die Reaktionen auf seinen Vortrag aus dem Jahre 1985 noch eher verhalten
35
, so än-
derte sich dies, als er in seinen neueren Beiträgen deutlich machte, dass der von ihm
postulierte Ausnahmecharakter des Feindstrafrechts einer weitläufigen Normierung
dieses Konzepts nicht entgegenstehe.
36
Die Kritik gegen sein Konzept ist äußerst
vielschichtig
37
und kann hier nur in Ansätzen wiedergegeben werden. Sie bewegt
sich ebenso auf normativer wie auch auf empirischer und semantischer Ebene. In
zuerst genannter Hinsicht wird etwa abgelehnt, dass es im Rechtsstaat ‚Unpersonen‘
27
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 90.
28
Ibid., S. 88.
29
Jakobs, Terroristen (Fn. 9), S. 850; ders., Kriminalisierung (Fn. 3), S. 783 f. – Vgl. auch dens., Bürger-
strafrecht (Fn. 1), S. 93, wonach „die Einführung einer mittlerweile kaum noch übersehbaren Menge
an feindstrafrechtlichen Strängen und Partikeln in das allgemeine Strafrecht aus rechtsstaatlicher
Sicht ein Übel“ sei.
30
Vgl. hierzu BVerfG NJW 1978, S. 2235 (2235).
31
§§ 31 ff. EGGVG.
32
Vgl. Jakobs, Kriminalisierung (Fn. 3), S. 783 f., der allerdings offen lässt, ob das EGGVG das ad-
äquate Gesetz zur Regelung der Kontaktsperre ist.
33
Ibid.
34
Ibid., S. 783 f.; Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 93.
35
Vgl. etwa die Vortragsreaktionen bei Gropp, Tagungsbericht: Diskussionsbeiträge der Strafrechts-
lehrertagung 1985 in Frankfurt a. M., ZStW 97 (1985), S. 919 (920 ff.).
36
Vgl. zu dieser Entwicklung Greco (Fn. 4), S. 96-99 m.w.N.
37
Einen Überblick bietet etwa: Vormbaum (Fn. 16), S. XXVII-XLII m.w.N.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 101
gibt
38
; es wird betont, dass ein Feindstrafrecht gegen die Menschenwürdegarantie
verstoße.
39
Auf empirischer Ebene wird Jakobs’ Behauptung, es gebe Individuen,
die sich dauerhaft vom Recht abwenden
40
, in Zweifel gezogen.
41
Was die semanti-
sche Ebene anbelangt, wird ein besonderes Augenmerk auf den Terminus ‚Feind-
strafrecht‘ gelegt, der mitunter als „anstößig[. . . ]“
42
kritisiert wird. Die weitgehende
Ablehnung dieser Begrifflichkeit spiegelt sich mittlerweile darin wider, dass in vie-
len kritischen Anmerkungen zu Jakobs’ Konzept nur noch vom sogenannten
43
oder
in Anführungszeichen gesetzten Feindstrafrecht gesprochen wird.
44
2. Rezeption von Thomas Hobbes
Es ist zu vermuten, dass es die eben dargestellte Kritik war, die Jakobs veran-
lasste, das Konzept des Feindstrafrechts in seinem Aufsatz ‚Bürgerstrafrecht und
Feindstrafrecht‘
45
rechtsphilosophisch zu untermauern. Er beruft sich hierbei nicht
nur auf Kant
46
, sondern vor allem auch auf Hobbes, welcher nach Jakobs eine Un-
terscheidung zwischen einem Bürgerstrafrecht und einemFeindstrafrecht vertrete.
47
Während etwa nach Rousseau ein jeder Straftäter seine Mitgliedschaft in der Gesell-
schaft verwirke
48
, belasse Hobbes in den Worten von Jakobs „dem Verbrecher im
Grundsatz seine Bürgerrolle“.
49
Eine Ausnahme gelte lediglich für Rebellen und
Hochverräter, die bei Hobbes als Feinde behandelt würden. Jakobs verweist hierfür
auf das 28. Kapitel des Leviathan, Hobbes’ Hauptwerk aus dem Jahre 1651
50
, in
welchem es heißt:
„Denn die Natur dieses Verbrechens [scil. der Rebellion, M.K.] liegt in der Aufkündigung der
Unterwerfung, was einen Rückfall in den Kriegszustand bedeutet [. . . ]. Und diejenigen, die
sich auf diese Weise vergehen, werden nicht als Untertanen, sondern als Feinde bestraft.“
51
38
Schünemann (Fn. 2), S. 19.
39
Roxin (Fn. 12), § 2 Rn. 129.
40
Jakobs, Selbstverständnis (Fn. 10), S. 52.
41
Schünemann (Fn. 2), S. 18 f.; vgl. zur Frage der strafrechtlichen Kommunikation mit Terroristen auch
Kuhli, Der internationale Terrorismus als Herausforderung des deutschen Strafrechts – Erwägungen
zu einer Gratwanderung, Sicherheit und Frieden 2010, S. 104 (106 f.).
42
Kindhäuser, Schuld und Strafe. Zur Diskussion um ein „Feindstrafrecht“, in: Vormbaum (Hrsg.),
Kritik des Feindstrafrechts, 2010, S. 63 (83).
43
Gierhake (Fn. 12), S. 337; Greco (Fn. 4), S. 96.
44
Asholt, Die Debatte um das „Feindstrafrecht“ in Deutschland. Aufleben eines alten Dilemmas am An-
fang des 21. Jahrhunderts?, ZIS 2011, S. 180 (180); Gierhake (Fn. 12), S. 337; Kindhäuser (Fn. 42),
S. 63; Prittwitz, „Feindstrafrecht“ als Konsequenz des „Risikostrafrechts“, in: Vormbaum (Hrsg.),
Kritik des Feindstrafrechts, 2010, S. 169 (169); Cavaliere (Fn. 3), S. 315 (315).
45
Der Aufsatz erschien zunächst in: Yu-hsiu Hsu (Hrsg.), Foundations and Limits of Criminal Law and
Criminal Procedure (Gedächtnisschrift Prof. Fu-Tseng-Hung), Taipei 2003, S. 41 ff.; in Deutschland
wurde er sodann publiziert als Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 88 ff.
46
Kritisch hierzu Bung (Fn. 2), S. 263; Schünemann (Fn. 2), S. 15 f.
47
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 90 m.w.N.
48
Ibid., S. 89 m.w.N.
49
Ibid., S. 89 f., unter Hinweis auf das 28. Kapitel von Hobbes’ Leviathan.
50
Fetcher, Einleitung, in: Hobbes, Leviathan oder Stoff und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen
Staates. Herausgegeben von Fetcher, übersetzt von Euchner, 15. Aufl., 2011, S. IX (XV).
51
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 242; vgl. Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 89 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
102 Milan Kuhli
Aus dieser Unterscheidung zwischen dem durchschnittlichen Verbrecher, dem der
Bürgerstatus zuerkannt bleibe, und demHochverräter, der diesen Status verliere, lei-
tet Jakobs ab, auch Hobbes habe zwischen einem Bürgerstrafrecht und einemFeind-
strafrecht unterschieden.
52
Diese Bezugnahme auf den englischen Philosophen fand
in der Literatur regen Widerklang.
53
So weist etwa Schünemann kritisch darauf hin,
dass
„(erstens) die von Jakobs getroffene Auswahl der von ihm zitierten Autoritäten [scil. Kant
und Hobbes, M.K.] zu kurz greift, dass (zweitens) die von ihm getroffene Unterscheidung
von Bürgerstrafrecht und Feindstrafrecht dort gerade nicht zu finden ist und dass schließlich
(drittens) gerade die heutigen Probleme des Terrorismus und der organisierten Kriminalität
im theoretischen Bezugsrahmen der von Jakobs bevorzugten Staatsphilosophie der Aufklä-
rung nicht angemessen erfasst werden können.“
54
Hinsichtlich Hobbes
55
verzichtet Schünemann zwar auf eine eingehende Darle-
gung der eben an zweiter Stelle genannten These
56
, doch wird der von ihm ange-
deutete Weg mit dem vorliegenden Beitrag eingeschlagen und die Frage untersucht,
ob die von Jakobs postulierte Unterscheidung zwischen einem Bürger- und einem
Feindstrafrecht in entsprechender Weise bei Hobbes vorzufinden ist. Aus diesem
Grund wird sich die Abhandlung im Folgenden zunächst der Staats- und Straftheo-
rie bei Hobbes widmen.
III. Hobbes’ Staatstheorie
1. Der Naturzustand
Hobbes’ Straftheorie lässt sich nur dann angemessen erfassen, wenn man ihren
theoretischen Kontext – seine Staatstheorie – in den Blick nimmt. Zum richtigen
Verständnis der entsprechenden Reflexionen ist es wiederum hilfreich, den histori-
schen Kontext zu sehen, in dem Hobbes sein Werk verfasst hat, wirkte er doch in
einer Zeit, die durch den lang andauernden Kampf zwischen englischer Krone und
Parlament geprägt war – eine Auseinandersetzung, die sich zeitweilig zum Bürger-
krieg entwickelte und durch die sich Hobbes veranlasst sah, einige Jahre seines Le-
bens im französischen Exil zu verbringen.
57
Es dürfte einiges dafür sprechen, dass
dieser historische Kontext den englischen Philosophen motiviert hat, eine Theorie
zu entwickeln, die die Wahrung von Sicherheit und Frieden im Inneren eines Staates
in den Vordergrund ihrer Betrachtungen rückt.
58
52
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 90.
53
Vgl. die Literaturhinweise oben in Fn. 2.
54
Schünemann (Fn. 2), S. 14; vgl. auch Ambos, der die im vorliegenden Kontext interessierende Kate-
gorie des Feindes primär auf Carl Schmitt zurückführt (Ambos [Fn. 2], S. 351 m.w.N.).
55
Vgl. jedoch Schünemanns ausführliche Kritik an Jakobs’ Bezugnahme auf Kant: Schünemann (Fn. 2),
S. 14-16. Vgl. auch Gierhake (Fn. 12), S. 348 ff., die sich kritisch mit Jakobs’ Verweis auf Kant
auseinandersetzt.
56
Vgl. aber Schünemanns weitere Ausführungen ([Fn. 2], S. 14-17).
57
Vgl. zu Hobbes’ Person im englischen Bürgerkrieg: Münkler, Thomas Hobbes, 2. Aufl., 2001, S. 11
ff.; Fetcher (Fn. 50), S. XIV-XVII.
58
Vgl. Münkler (Fn. 57), S. 11 f., 40.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 103
Grundlage von Hobbes’ Staatstheorie ist die Unterscheidung zwischen einem
Naturzustand auf der einen und einem Gesellschaftszustand auf der anderen Sei-
te. Während Letzterer durch eine souveräne Gewalt geordnet ist, handelt es sich
beim Naturzustand gerade um eine Situation, in der das menschliche Dasein einer
zentralen Macht entbehrt.
59
Der Naturzustand hat bei Hobbes die Funktion eines
Gegensatzes zum Gesellschaftszustand, der idealtypisch gedacht ist
60
und auch nor-
mative Implikationen aufweist: Idealtypisch ist er deswegen, da er zwar durchaus
auf tatsächliche Entwicklungen der Menschheitsgeschichte verweisen mag, jedoch
niemals identisch mit diesen ist
61
; als normativ lässt er sich charakterisieren, weil
der Naturzustand bei Hobbes zwar ein Gedankenexperiment bildet
62
, dem Leser je-
doch zugleich als Warnung dient, in welche Richtung die menschliche Entwicklung
führen kann, wenn gegen die Herrschaft der souveränen Gewalt opponiert wird.
63
Im Gegensatz zur klassischen Naturrechtstheorie vertritt Hobbes die Idee eines
Naturzustands, der durch Güterknappheit gekennzeichnet ist.
64
Betrachtet man in
diesem Zusammenhang den Umstand, dass im Naturzustand keine Zentralgewalt
existiert und dass die menschlichen Individuen in körperlicher und geistiger Hin-
sicht wesentlich gleich sind
65
, ergibt sich die Konsequenz, dass die Individuen in
diesem Zustand in extremer Unsicherheit leben müssen. Jedem Menschen kommt
zwar ein subjektives, natürliches und absolutes ‚Recht auf alles‘ zu
66
, doch ist inso-
weit zu vergegenwärtigen, dass der den Naturzustand betreffende Rechtsbegriff bei
Hobbes grundsätzlich asymmetrischer Natur ist.
67
Dies bedeutet, dass dem Recht
einer Person keine entsprechende Verpflichtung einer anderen Person korrespon-
diert.
68
Im Naturzustand besteht demnach keine Pflicht des Einzelnen, das genannte
‚Recht auf alles‘, das einem anderen zukommt, in Bezug auf ein bestimmtes Gut zu
respektieren. Im Gegenteil, tritt das einem Einzelnen zufallende ‚Recht auf alles‘ in
59
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 14. Kapitel, S. 108.
60
Dusch, Staat und Strafe. Eine Studie zum Verhältnis von Staats- und Straftheorie bei Thomas Hobbes
und Immanuel Kant, 2011, S. 58; Münkler (Fn. 57), S. 94 f.; vgl. auch Fetcher (Fn. 50), S. XXII
[„heuristische Hypothese“].
61
Münkler (Fn. 57), S. 97.
62
Höffe, Thomas Hobbes, 2010, S. 125; vgl. Dusch (Fn. 60), S. 58.
63
Münkler (Fn. 57), S. 94 f.
64
Vgl. Nida-Rümelin, Bellum omnium contra omnes. Konflikttheorie und Naturzustandskonzeption
im 13. Kapitel des Leviathan, in: Kersting (Hrsg.), Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines
kirchlichen und bürgerlichen Staates, 2. Aufl., 2008, S. 89 (91 f.); Münkler (Fn. 57), S. 103 f.
65
So heißt es im 13. Kapitel des Leviathan unter anderem: „Denn was die Körperstärke betrifft, so ist
der Schwächste stark genug, den Stärksten zu töten – entweder durch Hinterlist oder durch ein Bünd-
nis mit anderen, die sich in derselben Gefahr wie er selbst befinden“ (Hobbes, Leviathan [Fn. 50],
S. 94); vgl. hierzu Dusch (Fn. 60), S. 48 ff.
66
Hobbes, Vom Bürger, in: ders., Vom Menschen. Vom Bürger. Elemente der Philosophie II/III.
Herausgegeben und eingeleitet von Gawlick, Neuausgabe auf der Grundlage der Übersetzung von
Frischeisen-Köhler, die von Gawlick berichtigt wurde, 3. Aufl., 1994, 1. Kapitel, Nr. 10 (S. 82); Hob-
bes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237. – Vgl. Brandt, Der Leviathan und das liberale Common-
wealth, DZPhil 56 (2008), S. 205 (206); Günther, Kopf oder Füße? Das Rechtsprojekt der Moderne
und seine vermeintlichen Paradoxien, FS Simon, 2005, S. 255 (259).
67
Dusch (Fn. 60), S. 144.
68
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 91; Hüning, Naturrecht und Strafgewalt. Die Begründung des
Strafrechts in Hobbes’ Leviathan, in: ders. (Hrsg.), Der lange Schatten des Leviathan. Hobbes’ Phi-
losophie nach 350 Jahren, 2005, S. 235 (271); Höffe (Fn. 62), S. 126.
Ausdruck vom 27.11.2013
104 Milan Kuhli
Konkurrenz mit unendlich vielen anderen (Dritten zufallenden) ‚Rechten auf alles‘.
In der Konsequenz stellt das ‚Recht auf alles‘ bei Hobbes zwar ein Nutzungsrecht
an den im Naturzustand vorzufindenden Gütern dar, jedoch keineswegs das Recht,
andere vom entsprechenden Gebrauch auszuschließen, geschweige denn, einen sol-
chen Ausschluss normativ durchzusetzen.
69
Verknüpft man diese naturrechtstheo-
retischen Betrachtungen über die ungesicherte Position des ‚Rechts auf alles‘ mit
Hobbes’ oben genannter Prämisse, dass die irdischen Güter knapp sind, so folgt
hieraus der viel zitierte „Krieg aller gegen alle“
70
(bzw. genauer: eines jeden gegen
jeden
71
) – ein Krieg, der nur auf eine Art beendet werden kann.
2. Der Gesellschaftsvertrag und die Einsetzung des Leviathan
Es ist der Abschluss eines gemeinsamen Kontrakts, der für die Menschen den
Ausweg aus dem unsicheren Naturzustand weist.
72
Die Struktur dieses – in Hob-
bes’ Theoremen wiederum idealtypisch zu begreifenden
73
– Gesellschaftsvertrags
besteht darin, dass alle Menschen gegenseitig erklären, zukünftig auf die Ausübung
ihres natürlichen ‚Rechts auf alles‘ zu verzichten.
74
Diese Erklärung wird zuguns-
ten des durch den Vertrag einzusetzenden Souveräns abgegeben, dem hierdurch zu-
gesagt wird, sein verbliebenes ‚Recht auf alles‘ zukünftig frei von Widerständen
auszuüben.
75
Der Gesellschaftsvertrag konstituiert demnach kein neues Recht des
Souveräns, sondern ermöglicht lediglich die ungehinderte Ausübung seines schon
vorher bestehenden ‚Rechts auf alles‘.
76
Der Souverän wird dabei nicht in eigener
Person Partei des Gesellschaftsvertrags
77
, sondern durch diesen lediglich – gleich-
sam als treuhänderischer Dritter – begünstigt. Er wird nicht durch den Vertrag ge-
bunden
78
, sondern steht als legibus solutus über dem Recht, das er im Gesellschafts-
zustand setzen wird.
79
Die Möglichkeiten der Zähmung und Domestizierung dieses ‚Leviathan‘ – Hob-
bes spielt mit diesem Namen
80
für den Herrscher auf das alttestamentliche Meeres-
ungeheuer aus dem Buch Hiob an
81
– werden erst von späteren Staatstheoretikern,
69
Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 1. Kapitel, Nr. 11; vgl. Hüning (Fn. 68), S. 237.
70
Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 1. Kapitel, Nr. 12.
71
Münkler (Fn. 57), S. 100.
72
Höffe (Fn. 62), S. 145; Münkler (Fn. 57), S. 107 f.
73
So verwendet Hobbes für die Darstellung des Vertragsschlusses die konjunktivische Formulierung
„[. . . ] als hätte jeder zu jedem gesagt [. . . ]“ (Hobbes, Leviathan [Fn. 50], 17. Kapitel, S. 134). – Vgl.
auch Münkler (Fn. 57), S. 117; Fetcher (Fn. 50), S. XXIV.
74
Günther, in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259; Kersting, Vertrag, Souveränität, Repräsentation.
Zu den Kapiteln 17 bis 22 des Leviathan, in: ders. (Hrsg.), Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt
eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, 2. Aufl., 2008, S. 173 (175 f.); Kremkus, Die Strafe und
Strafrechtsbegründung von Thomas Hobbes, 1999, S. 87.
75
Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 5. Kapitel, Nr. 11; vgl. Brandt (Fn. 66), S. 211.
76
Kersting (Fn. 74), S. 177.
77
Dusch (Fn. 60), S. 178.
78
Münkler (Fn. 57), S. 117 f.
79
Brandt (Fn. 66), S. 205, 216.
80
Vgl. zu diesem Namen Fetcher (Fn. 50), S. XL-XLII.
81
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 244; vgl. Günther, in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66),
S. 259 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 105
wie etwa Rousseau oder Locke, diskutiert.
82
Für Hobbes hingegen stellte sich diese
Frage nicht – die konsequente Umsetzung seiner Staatstheorie war der Absolutis-
mus.
83
Dementsprechend obliegt es dem Leviathan im Inneren des Staates bei Hob-
bes lediglich, durch Erlass und Sicherung allgemeingültigen Rechts für den Schutz
des Lebens der Untertanen zu sorgen.
84
Hierfür wird er durch den Gesellschafts-
vertrag mit absoluter Macht ausgestattet.
85
Unmittelbarer normativer Maßstab wer-
den im Hobbesschen Staat einzig die vom Herrscher erlassenen Gesetze, womit der
höchst auslegungsbedürftige Begriff der Gerechtigkeit durch das Attribut des bloßen
Gesetzesgehorsams ersetzt wird.
86
Die Motivation zum Abschluss des Gesellschaftsvertrags sieht Hobbes im ver-
nunftmäßigen Selbsterhaltungsinteresse
87
, das den Einzelnen veranlasst, den letzt-
lich unsicheren Naturzustand zu verlassen und in den Gesellschaftszustand über-
zutreten, da nur dieser die Gewähr für ein sicheres Leben bietet.
88
Hobbes wendet
sich damit gegen die Idee teleologischer Gemeinschaftsethiken.
89
Der im Vertrags-
schluss erklärte Verzicht der Einzelnen auf ihr ‚Recht auf alles‘ stellt gleichsam die
Gegenleistung für die Aussicht dar, dass der Souverän für alle Untertanen
90
geltende
Gesetze erlässt, die ein Leben in Frieden gewährleisten.
91
Als Ersatz für das aufge-
gebene ‚Recht auf alles‘ erhalten die Gesellschaftsmitglieder ein positives Freiheits-
recht innerhalb des gesetzlichen Rahmens.
92
Dieser Rahmen kann zwar vom Levia-
than beliebig geändert werden, jedoch wird die Planungssicherheit des Einzelnen
dadurch gewährleistet, dass rückwirkende Gesetzesänderungen grundsätzlich unzu-
lässig sind.
93
Aus diesem Zweck des Staates ergibt sich auch die Möglichkeit des
Endes des Gesellschaftszustands: Ein legales Absetzungsrecht steht den Untertanen
gegen den Herrscher zwar nicht zu, doch erlischt ihre Gehorsamspflicht, sobald der
Souverän seine Schutzobliegenheiten nicht mehr erfüllt – in der Konsequenz würde
82
Brandt (Fn. 66), S. 205; Günther in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259 f. – Vgl. Rousseau, Vom
Gesellschaftsvertrag Oder Grundsätze des Staatsrechts. In Zusammenarbeit mit Pietzcker übersetzt
und herausgegeben von Brockard, 2011, insb. 3. Buch, Kapitel 9 ff. (S. 93 ff.); Locke, Zweite Abhand-
lung über die Regierung: Über den wahren Ursprung, die Reichweite und den Zweck der staatlichen
Regierung, in: ders., Zwei Abhandlungen über die Regierung. Herausgegeben und eingeleitet von
Euchner, 13. Aufl. 2008, insb. Kapitel 9 ff. (S. 278 ff.).
83
Münkler (Fn. 57), S. 129.
84
Günther in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259 f.
85
Münkler (Fn. 57), S. 56 f.
86
Ibid., S. 56 f.; vgl. hierzu auch Aponte, Krieg und Feindstrafrecht. Überlegungen zum „effizienten“
Feindstrafrecht anhand der Situation in Kolumbien, 2004, S. 99 f.
87
Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 1. Kapitel, Nr. 15.
88
Vgl. Günther in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259; Münkler (Fn. 57), S. 89.
89
Vgl. Günther, Von der Rechts- zur Pflichtverletzung. Ein „Paradigmawechsel“ im Strafrecht?, in: In-
stitut für Kriminalwissenschaften Frankfurt a. M. (Hrsg.), Vom unmöglichen Zustand des Strafrechts,
1995, S. 445 (445).
90
Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 5. Kapitel, Nr. 11.
91
Brandt (Fn. 66), S. 211.
92
Günther in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259 f.
93
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 27. Kapitel, S. 226. – Vgl. hierzu: Hüning (Fn. 68), S. 257 f.; Günther
in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
106 Milan Kuhli
die Gesellschaft in den Naturzustand zurückfallen.
94
Es wird zu zeigen sein, dass
dieser Umstand auch für Hobbes’ Straftheorie bedeutsam ist.
IV. Hobbes’ Straftheorie
1. Definition und Zweck der Strafe
Mit der Konzeption der Strafe beschäftigt sich Hobbes unter anderem im 28.
Kapitel seines Werkes ‚Leviathan‘: Als Arten menschlicher
95
Strafe nennt er die
körperliche Strafe (einschließlich der Todesstrafe), die Geldstrafe
96
, den Entzug der
Ehrenrechte, die Inhaftierung sowie schließlich das Exil.
97
Nach Hobbes’ Definition
soll Strafe ein Übel
98
sein,
„das die öffentliche Autorität demjenigen auferlegt, der getan oder unterlassen hat, was die-
se Autorität als Gesetzesübertretung beurteilt, und zwar zu dem Zweck, den menschlichen
Willen zum Gehorsam anzuhalten.“
99
Strafe muss danach durch den Souverän autorisiert werden, wobei der Bezug
zum Willen des Herrschers sowohl die Androhung als auch die Verhängung sowie
die Vollziehung der Strafe betrifft. Vor allem die beiden zuletzt genannten Akte kön-
nen allerdings auch von solchen Personen vorgenommen werden, die vom Souverän
hierzu ermächtigt werden.
100
Jedoch weist Hobbes darauf hin, dass Strafe stets eine
öffentliche Verurteilung voraussetzt.
101
Wenn eine der Voraussetzungen für die Verhängung einer Strafe nach dem oben
Gesagten darin besteht, dass der Täter etwa getan hat, was die „Autorität als Geset-
zesübertretung beurteilt“
102
, so folgt hieraus zweierlei: Erstens können nur tatsäch-
liche Handlungen (oder Unterlassungen im Falle einer Handlungspflicht) bestraft
werden, nicht aber bloße Gedanken
103
, die höchstens Sünde sein können, niemals
jedoch Verbrechen, solange sie sich nicht durch Akte in der Außenwelt niederschla-
gen.
104
Zweitens können nur solche Handlungen und Unterlassungen bestraft wer-
94
Höffe (Fn. 62), S. 154; Münkler (Fn. 57), S. 122-124.
95
Hobbes grenzt die menschliche von der göttlichen Strafe ab (Hobbes, Leviathan [Fn. 50], 28. Kapitel,
S. 239); vgl. Hüning (Fn. 68), S. 239, 245.
96
Vgl. zu Hobbes’ Erwägungen, Geldstrafe unter bestimmten Bedingungen als Preis für die Befreiung
von den gesetzlichen Verpflichtungen zu interpretieren: Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 14. Kapi-
tel, Nr. 23; ders., Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 238; vgl. hierzu Renzikowski, Straftheorie bei
Hobbes und Bentham – zur Unterscheidung zwischen Verhaltens- und Sanktionsnormen, Leipziger
Juristisches Jahrbuch 2010/11, S. 9 (13).
97
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 239 f. – Vgl. Dusch (Fn. 60), S. 157; Brandt (Fn. 66),
S. 211 f.
98
Hobbes weist an anderer Stelle darauf hin, dass diese Übelszufügung eine Verschlechterung der Si-
tuation des jeweiligen darstellen muss, sodass etwa die bloße Verweigerung einer Beförderung keine
Strafe sein soll (Hobbes, Leviathan [Fn. 50], 28. Kapitel, S. 238); vgl. Dusch (Fn. 60), S. 155 f.
99
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237.
100
Ibid.
101
Ibid., 28. Kapitel, S. 238.
102
Ibid., 28. Kapitel, S. 237.
103
Dusch (Fn. 60), S. 150.
104
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 27. Kapitel, S. 223 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 107
den, die die Übertretung eines positiven Gesetzes darstellen.
105
Allerdings macht die
eben zitierte Formulierung deutlich, dass die gesetzliche Interpretationsmacht stets
der öffentlichen Autorität zufällt.
106
Das Institut der Strafe ist bei Hobbes grundsätzlich akzessorisch zu seinem
Staatszweck. Ein Leben in Frieden, das der Abschluss des Gesellschaftsvertrags
verspricht, lässt sich nämlich nur dann erlangen, wenn die vom Souverän erlasse-
nen Gesetze strikt eingehalten werden. Die Sicherheit, die der Untertan im Staatszu-
stand erhält, basiert demnach wesentlich darauf, dass er sich darauf verlassen kann,
dass die anderen Untertanen den vom Souverän erlassenen Gesetzen unbedingten
Gehorsam entgegenbringen. Aus der Sicht von Hobbes stellt die Androhung und
Verhängung von Strafe für den Fall einer Gesetzesverletzung ein probates Mittel
dar, um Gesetzestreue zu erzwingen.
107
So schreibt er im Leviathan, dass die Strafe
dazu diene, „den Täter oder – durch sein Beispiel – andere Menschen zum Gehor-
sam gegen die Gesetze zu bringen“.
108
Der hiermit einhergehende Rationalitätsgedanke beinhaltet eine Absage an theo-
logische Strafzwecksetzungen.
109
Brandt weist in diesem Zusammenhang zu Recht
darauf hin, dass Strafe bei Hobbes „rein funktional begriffen“ wird
110
– ein Insti-
tut, das ausschließlich präventiv ausgerichtet ist und der Aufrechterhaltung des Ge-
setzesgehorsams, und nicht etwa dem Schuldausgleich, dient.
111
Hobbes betont im
Leviathan ausdrücklich, dass „der Zweck der Strafe nicht Rache, sondern Abschre-
ckung“ sei.
112
Die Annahme einer solchen Wirkung wird dadurch begünstigt, dass
Hobbes in seinen anthropologischenErwägungen von einer Furchtsamkeit des Men-
schen ausgeht
113
– hatte diese Furchtsamkeit im Naturzustand noch dazu geführt,
dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, so musste sie sich nun aus Sicht des
Souveräns im Gesellschaftszustand gerade als nützlich erweisen, da sie das Verhal-
ten des Untertanen kalkulierbar und steuerbar zu machen schien.
114
Das Problematische einer solchen rein präventiv – und noch dazu primär
negativ-präventiv
115
– ausgerichteten Sichtweise besteht darin, dass die Schwere
und Art und Weise des jeweiligen Verbrechens für die Festlegung der Strafe nur
noch nachrangige Bedeutung hat. Wird die Tat lediglich in ihrer sozialschädlichen
Dimension betrachtet, kann es nach einer solchen Logik sogar gerechtfertigt sein,
geringe Gesetzesübertretungen, die als hochgradig sozialschädlich ausgemacht wer-
den, besonders hart zu bestrafen. Bezeichnenderweise hebt Hobbes hervor, dass zu
105
Vgl. Dusch (Fn. 60), S. 150.
106
Ibid.
107
Hüning (Fn. 68), S. 259.
108
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 238; vgl. auch dens., Vom Bürger (Fn. 66), 6. Kapitel, Nr.
4.
109
Vgl. Hüning (Fn. 68), S. 235, 238, 259.
110
Brandt (Fn. 66), S. 211.
111
Dusch (Fn. 60), S. 158 f.; vgl. auch Kremkus (Fn. 74), S. 60-82.
112
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 238.
113
Dusch (Fn. 60), S. 164.
114
Vgl. ibid.
115
Hüning (Fn. 68), S. 261.
Ausdruck vom 27.11.2013
108 Milan Kuhli
milde Strafen mangels abschreckender Wirkung schädlich seien
116
, wohingegen von
zu harten Strafen in diesem Kontext keine Rede ist.
2. Abgrenzung der Strafe zum feindseligen Akt
Das Institut des feindseligen Aktes stellt bei Hobbes den Gegenbegriff zur Strafe
dar
117
: Zwar sind auch feindselige Handlungen ebenso wie Strafen Übelszufügun-
gen, doch entbehren sie im Übrigen einer der oben genannten Kriterien der Strafe.
118
Als feindselige Akte bezeichnet Hobbes etwa Übelszufügungen ohne öffentliche
Verurteilung
119
, Übelszufügungen ohne die Intention, den Delinquenten oder ande-
re Menschen zum zukünftigen Gesetzesgehorsam zu motivieren
120
, sowie Übelszu-
fügungen, die für Taten verhängt werden, die vor Erlass des betreffenden Verbots-
gesetzes begangen wurden.
121
Darüber hinaus soll ein feindseliger Akt auch dann
vorliegen, wenn ein Delinquent ein höheres Strafmaß erhält, als das jeweilige Straf-
gesetz vorsieht, wobei dies wiederum nur dann gelten soll, wenn die gesetzliche
Regelung eine bestimmte Rechtsfolge normiert; wo hingegen „vom Gesetz über-
haupt keine Strafe festgesetzt wurde, hat alles, was verhängt wird, die Natur einer
Strafe. Denn wer es unternimmt, ein Gesetz zu übertreten, in welchem keine Strafe
festgesetzt ist, erwartet eine unbestimmte, das heißt willkürliche, Strafe“.
122
Ob die Qualifizierung als feindseliger Akt bei Hobbes grundsätzlich normati-
ve Implikationen in dem Sinne aufweist, dass auf derartige Akte zu verzichten sei,
lässt sich nicht allgemein beantworten, sondern hängt zum Teil von der Gruppe der
betroffenen Individuen ab. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass etwa solche
Übelszufügungen, die ohne die Intention vorgenommen werden, den Delinquenten
oder andere Menschen zum zukünftigen Gesetzesgehorsamzu motivieren, aus einer
Hobbesschen Perspektive nutzlos sind. Schädlich müssen grundsätzlich aber solche
Übelszufügungen sein, die rückwirkend für Taten verhängt werden, die vor Erlass
des jeweiligen Verbotsgesetzes verübt wurden. Wenn man sich vergegenwärtigt,
dass die menschliche Motivation zum Abschluss des Gesellschaftsvertrags daraus
resultierte, dass nur der Gesellschaftszustand Gewähr für ein sicheres und planbares
Leben bietet
123
, so müssen sich rückwirkende Verbotsgesetze als kontraproduktiv
erweisen. Die Möglichkeit, feindselige Akte mit Rückwirkung zu erlassen, verhin-
dert demnach die Erreichung des auf ein Leben in Ruhe und Sicherheit gerichteten
Staatszwecks.
Lässt sich demnach hinsichtlich eines maßnahmebezogen verstandenen Begriffs
des feindseligen Aktes nicht allgemein festhalten, dass derartige Maßnahmen nütz-
116
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 238.
117
Hüning (Fn. 68), S. 246.
118
Dusch (Fn. 60), S. 167.
119
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 238.
120
Ibid.; vgl. hierzu Dusch (Fn. 60), S. 178.
121
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 239.
122
Ibid. – Hobbes weist im Übrigen darauf hin, dass die Regel der Vernunft von einem Richter gebiete,
vor Verkündung der Strafe den Souverän zu konsultieren, wenn das Strafmaß nicht positivrechtlich
bestimmt ist (Hobbes, Dialog zwischen einem Philosophen und einem Juristen über das englische
Recht. Herausgegeben und kommentiert von Willms, 1992, S. 165; vgl. Kremkus [Fn. 74], S. 50 f.).
123
Vgl. Günther, in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259; Münkler (Fn. 57), S. 89.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 109
lich oder ausdrücklich zulässig sind, so gilt etwas anderes, wenn man Unterschei-
dungen anhand des Kreises betroffener Individuen trifft. Hobbes erklärt ausdrück-
lich solche feindseligen Akte für rechtmäßig, die sich gegen Aufständische rich-
ten.
124
Da aufrührerische Untertanen ihre Feindseligkeiten gegenüber dem Staat –
ausdrücklich oder konkludent – erklärt haben, sind sie zumindest der Sache nach
125
dem Gesetz nicht unterworfen. Da sie das Gesetz in der Konsequenz auch nicht
übertreten können, kann eine Übelszufügung nicht in Form einer Strafe, sondern
nur als feindselige Handlung erfolgen. So erklärt Hobbes für derartige feindseli-
ge Akte ausdrücklich: „Bei erklärter Feindschaft ist [. . . ] jede Zufügung von Übel
rechtmäßig“
126
; „gegen Feinde, die nach Urteil des Staates in der Lage sind, ihm
zu schaden, darf nach dem ursprünglichen natürlichen Gesetz rechtmäßig Krieg ge-
führt werden“.
127
Ziel ist es, den Staatsfeind zu vernichten
128
, doch Hobbes spricht
in diesem Kontext ausdrücklich auch von „Rache“
129
– ein Motiv, das er als Straf-
zweck explizit ablehnt.
130
Feindselige Handlungen bedürfen nach alledem der diffe-
renzierten Betrachtung. Während feindselige Akte (wie etwa Übelszufügung ohne
richterliches Urteil oder rückwirkende Übelszufügung) für sich genommen nicht
ausdrücklich für rechtmäßig erklärt werden, gilt etwas anderes, wenn sie – oder
sonstige feindselige Akte – gegenüber Aufständischen vorgenommen werden.
Es ist einzig diese zuletzt genannte Fallgruppe der feindseligen Handlungen –
nämlich Akte gegenüber erklärten Feinden –, auf die Jakobs nach dem oben Gesag-
ten zur Begründung seines Konzepts des Feindstrafrechts rekurriert. Wenn er sich
nämlich für seine Annahme, auch Hobbes habe zwischen einem Bürgerstrafrecht
und einem Feindstrafrecht unterschieden
131
, auf das 28. Kapitel des Leviathan be-
zieht, wo es heißt:
„Denn die Natur dieses Verbrechens [scil. der Rebellion, M.K.] liegt in der Aufkündigung der
Unterwerfung, was einen Rückfall in den Kriegszustand bedeutet [. . . ]. Und diejenigen, die
sich auf diese Weise vergehen, werden nicht als Untertanen, sondern als Feinde bestraft“
132
,
so sind damit nicht feindselige Akte im Generellen gemeint, sondern nur solche, die
sich gegen Aufständische richten. Auf den ersten Blick scheinen derartige Hand-
lungen bei Hobbes in der Tat eindeutig von gewöhnlichen Strafen unterscheidbar zu
sein. Gleichwohl stellen sich Zweifel an einer eindeutigen Gegenüberstellung von
124
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 239.
125
Hobbes lässt dabei gleichberechtigt die zwei Fälle gelten, dass der erklärte Feind „entweder nie-
mals dem Gesetz unterstand und es deshalb nicht übertreten kann, oder, falls er ihm unterstand und
nun erklärt, ihm nicht mehr zu unterstehen, konsequenterweise bestreitet, es übertreten zu können“
(Hobbes, Leviathan [Fn. 50], 28. Kapitel, S. 239).
126
Ibid.
127
Ibid., 28. Kapitel, S. 242.
128
Vgl. Hüning (Fn. 68), S. 246 f.; Dusch (Fn. 60), S. 168. – Die feindselige Handlung soll sich dabei
ausdrücklich nicht nur auf die Person des Aufständischen erstrecken, sondern auch seine Nachkom-
men bis in die vierte Generation erfassen (Hobbes, Leviathan [Fn. 50], 28. Kapitel, S. 242).
129
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 242.
130
Ibid., 28. Kapitel, S. 238 f.
131
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 90.
132
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 242; vgl. Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 89 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
110 Milan Kuhli
Bürger und Feind bei Hobbes, wie Jakobs sie zeichnet. Um dies darzulegen, wird
im Folgenden die Begründung der Strafe bei Hobbes in den Blick genommen.
3. Begründung der Strafe
Im 28. Kapitel des Leviathan führt Hobbes zur Begründung der Strafe einleitend
aus:
„Bei der Schaffung eines Staates gibt jeder das Recht auf, einen anderen zu verteidigen, aber
nicht das Recht der Selbstverteidigung. Auch verpflichtet er sich, dem Inhaber der Souverä-
nität bei der Bestrafung eines anderen beizustehen, nicht aber bei der eigenen Bestrafung.“
133
Diese Unterscheidung zwischen der Bestrafung eines anderen und der eigenen Be-
strafung rechtfertigt es, in den folgenden Ausführungen zwischen der Begründung
der abstrakten Institution des Strafrechts (dazu 3.1.) und der Begründung des kon-
kreten Strafaktes gegenüber dem Delinquenten (dazu 3.2.) zu trennen. Diese Unter-
teilung ist jedoch nicht in einem strikten Sinne zu verstehen, sondern lässt sich als
eine Art Stufenverhältnis der Legitimation des Strafrechts bei Hobbes begreifen.
3.1. Abstrakte Institution des Strafrechts
Was die abstrakte Institution des Strafrechts anbelangt, stellt Hobbes zunächst
klar, dass die Strafgewalt nicht durch eine vertragliche Übertragung entstanden sein
könne. So schreibt er im 28. Kapitel seines Leviathan: „Es ist [. . . ] klar, daß das
Strafrecht des Staates – das heißt dessen oder derer, die ihn vertreten – auf keinem
Zugeständnis oder einer Überlassung der Untertanen beruht“.
134
Die Begründung
für die an dortiger Stelle
135
vertretene Auffassung, die die Idee einer Autorisierung
des Herrschers ablehnt
136
, erschließt sich, wenn man den von Hobbes gezeichneten
Naturzustand erneut in den Blick nimmt. Nach dem oben Gesagten kommt jedem
Menschen in diesem Zustand ein subjektives, natürliches und absolutes ‚Recht auf
alles‘ zu.
137
Da dieses Recht etwa auch die Befugnis einschließt, zum Zwecke der
Selbsterhaltung „jeden zu unterwerfen, zu verletzen oder zu töten“
138
und da es im
Naturzustand grundsätzlich keine Verbotsgesetze gibt, ist es für die Menschen in
diesem Zustand unmöglich, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden
139
, was
aber zwingende Voraussetzung für die Ausübung eines Bestrafungsrechts im Natur-
133
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237; vgl. auch Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 5. Kapitel,
Nr. 11, 6. Kapitel, Nr. 5.
134
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237.
135
Vgl. zur Frage, ob Hobbes’ Darlegungen des 28. Kapitels des Leviathan mit der Figur der Herr-
schaftsautorisierung, auf die das 18. Kapitel hindeutet, im Widerspruch steht: Hüning (Fn. 68),
S. 263-265; Brandt (Fn. 66), S. 214 f.
136
Günther, Ein Modell legitimen Scheiterns. Der Kampf um Anerkennung als Opfer, in: Hon-
neth/Lindemann/Voswinkel (Hrsg.), Strukturwandel der Anerkennung. Paradoxien sozialer Integra-
tion in der Gegenwart, 2013, S. 185 (195); Brandt (Fn. 66), S. 214 f.
137
Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 1. Kapitel, Nr. 10; ders., Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237. – Vgl.
Günther, in: Kiesow/Ogorek/Simitis (Fn. 66), S. 259; Brandt (Fn. 66), S. 206.
138
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237.
139
Brandt (Fn. 66), S. 214 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 111
zustand wäre.
140
Hobbes lehnt demnach die Annahme ab, dass dem Souverän durch
den Gesellschaftsvertrag ein Bestrafungsrecht übertragen worden sei, und geht statt-
dessen von der Idee eines originären Bestrafungsrechts des Herrschers aus.
141
Dieses
Recht ist schlichtweg Bestandteil des ‚Rechts auf alles‘, das der Souverän im Ge-
sellschaftszustand zum Erhalt des eingerichteten Staates einsetzt.
142
Allerdings wird
imFolgenden zu untersuchen sein, ob diese Legitimation des abstrakten Instituts des
Strafrechts auch den konkreten Strafakt gegenüber dem Täter trägt.
3.2. Konkreter Strafakt gegenüber dem Täter
Wenn die Menschen durch den Gesellschaftsvertrag dem Souverän zusagen,
dass dieser sich seines ‚Rechts auf alles‘ grundsätzlich frei von Widerständen bedie-
nen kann
143
, so folgt hieraus keineswegs, dass der einzelne Untertan mit Abschluss
des Gesellschaftsvertrags in seine eigene – eventuell einmal eintretende – Bestra-
fung eingewilligt hat. So schreibt Hobbes:
„[Es] kann von niemandem angenommen werden, daß er vertraglich verpflichtet sei, der Ge-
walt keinen Widerstand zu leisten [. . . ]. Bei der Schaffung eines Staates gibt jeder das Recht
auf, einen anderen zu verteidigen, aber nicht das Recht der Selbstverteidigung. Auch ver-
pflichtet er sich, dem Inhaber der Souveränität bei der Bestrafung eines anderen beizustehen,
nicht aber bei der eigenen Bestrafung.“
144
Wenn also etwa ein Dieb im Hobbesschen Staat für seine Tat bestraft werden soll,
so sind alle anderen Untertanen kraft ihrer Beteiligung am Abschluss des Gesell-
schaftsvertrags dem Souverän gegenüber verpflichtet, diesem bei der Bestrafung
des Täters zu helfen. Im Gegensatz dazu ist dieser gegenüber dem Souverän nicht
zur Unterstützung seiner eigenen Bestrafung verpflichtet.
Soweit man das Nichtvorliegen einer Gehorsamspflicht positiv als Widerstands-
recht interpretiert
145
, ist festzuhalten, dass diesem Recht jedenfalls keine Verpflich-
tung des Souveräns entspricht. Es liegen hier vielmehr zwei Rechte mit entgegen-
gesetzter Zielrichtung vor – auf der einen Seite ein Bestrafungsrecht des Souveräns,
auf der anderen Seite ein Widerstandsrecht des zu bestrafenden Untertanen. Aller-
dings lässt sich durchaus die Auffassung vertreten, dass diese Situation nur dann zu
einem faktisch bedeutsamen Konflikt führt, wenn als Strafe die Verhängung der To-
desstrafe (deren Zulässigkeit nach dem oben Gesagten von Hobbes bejaht wird
146
)
140
Offen ist insoweit, ob den Menschen im Naturzustand überhaupt kein Bestrafungsrecht zufällt oder
ob das natürliche ‚Recht auf alles‘ zwar ein Bestrafungsrecht umfasst, dieses sich aber im Naturzu-
stand mangels der Möglichkeit, ein Verbrechen zu begehen, niemals in einem Bestrafungsakt reali-
sieren kann. Im Sinne der zuletzt genannten Möglichkeit Günther, in: Honneth/Lindemann/Voswinkel
(Fn. 136), S. 195.
141
Hüning (Fn. 66), S. 265 f.
142
Brandt (Fn. 66), S. 214 f.
143
Hobbes, Vom Bürger (Fn. 66), 5. Kapitel, Nr. 11; vgl. Brandt (Fn. 66), S. 211.
144
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237.
145
So hinsichtlich der Fälle, in denen die Strafe die Selbsterhaltung des Einzelnen tangiert: Dusch
(Fn. 60), S. 144; ablehnend gegenüber der Annahme eines Widerstandsrechts bei Hobbes jedoch:
Fetcher (Fn. 50), S. XXXII.
146
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 240.
Ausdruck vom 27.11.2013
112 Milan Kuhli
oder eine andere schwere Strafe im Raum steht. Bei geringeren Strafen – also etwa
Geldstrafen – dürfte die Vernunft dem Straffälligen grundsätzlich raten, die Sank-
tion zu erdulden, da Widerstand seine Situation in aller Regel verschlimmern dürf-
te.
147
Nun ändert dieses Gebot der Klugheit zwar nichts an dem grundsätzlichen
Umstand, dass sich hier zwei Rechte gegenüberstehen, doch mag man diese Lö-
sung für leichtere Strafen hinnehmen. Sobald jedoch bereits erheblichere Sanktio-
nen, wie etwa eine länger dauernde Inhaftierung oder eine schwere Körperstrafe
im Raum stehen, wird zweifelhaft, ob sich die Situation des Straffälligen durch die
Ausübung von Widerstand dramatisch verschlechtert. Keinesfalls vermag das Kri-
terium des vernünftigen Handelns denjenigen Konflikt zwischen Bestrafungsrecht
und Widerstandsrecht aufzulösen, der im Falle einer drohenden Todesstrafe besteht.
Sieht man hier einmal von der Möglichkeit ab, durch bestimmte besonders grausa-
me Methoden der Tötung das Leid des Hinzurichtenden zu erhöhen, so kann nicht
davon auszugehen sein, dass der Versuch eines Widerstands die Situation des Todes-
kandidaten verschlimmert. Die Vernunft muss ihm hier also dazu raten, sich seiner
Hinrichtung zu widersetzen; demgegenüber wird der Souverän ein Interesse haben,
aus Gründen der Staatsräson – und unterstützt durch die anderen Gesellschaftsmit-
glieder, die hierzu kraft des Gesellschaftsvertrags verpflichtet sind – von seinem
Bestrafungsrecht Gebrauch zu machen.
Wenn nach alledemin Konstellationen wie der eben genannten zwei unvereinba-
re Rechte gegenüberstehen, so ist der Konflikt zwischen ihnen nicht mehr normativ,
sondern nur noch faktisch aufzulösen – was zählt, ist das Recht des Stärkeren. Im
Falle einer drohenden Todesstrafe befindet sich der Einzelne daher wieder in demje-
nigen nicht-normativen Zustand, der bereits den Naturzustand gekennzeichnet hat.
Eine solche Entsprechung ist kein Zufall, da es sich letztlich in beiden Situatio-
nen um denselben Zustand handelt.
148
Dies wird deutlich, wenn man noch einmal
den Blick auf den Staatswerdungsprozess bei Hobbes richtet: Es war das Selbst-
erhaltungsinteresse gewesen, das den Menschen dazu veranlasst hatte, den Gesell-
schaftsvertrag abzuschließen, der ursprünglich den Ausweg aus demunsicheren Na-
turzustand wies.
149
Der Mensch verzichtete bei Abschluss dieses Kontrakts jedoch
grundsätzlich nicht auf sein Recht auf Selbsterhaltung
150
, sodass seine Gehorsams-
pflicht stets nur solange gilt, wie seine eigene Existenz nicht auf dem Spiel steht.
151
Begeht der Untertan im Staat ein Verbrechen und droht ihm hierfür eine schwer-
wiegende Strafe, so weist ihn sein (dem Grundsatz nach gleichbleibendes, nämlich
auf Selbsterhaltung gerichtetes) Nutzenkalkül in eine neue Richtung
152
: Nun ist es
nämlich nicht mehr der Gesellschaftszustand, der (im Gegensatz zum Naturzustand)
die Selbsterhaltung des Individuums garantiert, sondern es sind gerade der Staat
147
Brandt (Fn. 66), S. 212.
148
Dusch (Fn. 60), S. 175-177.
149
Münkler (Fn. 57), S. 107 f.
150
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 27. Kapitel, S. 224; vgl. Hüning (Fn. 68), S. 266 f.; Brandt (Fn. 66),
S. 212.
151
Hüning (Fn. 68), S. 268 f.
152
Brandt (Fn. 66), S. 214.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 113
sowie der Souverän, die die Existenz des Straffälligen bedrohen.
153
Da sich nun
also der Gesellschaftszustand für den Verurteilten als mindestens ebenso gefähr-
lich erweist, wie es der Naturzustand getan hat, verlässt der Straffällige – etwa der
Todeskandidat, aber auch derjenige, dem eine schwere Körperstrafe
154
droht – aus
wohlverstandenem Eigeninteresse die Gesellschaft und kehrt in den Naturzustand
zurück, in dem er seine Selbsterhaltung mit Gewalt durchzusetzen versucht.
155
Dieser Naturzustand ist allerdings nur ein relativer, da er lediglich das Verhältnis
zwischen dem zu Bestrafenden auf der einen Seite und den Strafenden – also dem
Souverän sowie allen Untertanen, die den Herrscher unterstützen (müssen) – auf
der anderen Seite betrifft. Im Übrigen besteht der staatliche Zustand fort, sodass die
sonstigen Untertanen demHerrscher weiterhin zur Unterstützung bei der Bestrafung
des Einzelnen verpflichtet sind.
156
Die Tatsache, dass im Verhältnis zu dem Straffäl-
ligen der Naturzustand wieder ausgebrochen ist, erklärt letztlich auch, warum das
Bestrafungsrecht des Souveräns und das Widerstandsrecht des Straffälligen mitein-
ander unvereinbar sind. Bei beiden handelt es sich um natürliche Rechte – ein Um-
stand, der im Hinblick auf den Straffälligen, der den Gesellschaftszustand verlässt,
offensichtlich ist, aber auch für den Souverän gilt. Verwiesen sei insoweit auf die
obigen Ausführungen, wonach das Bestrafungsrecht des Herrschers daraus resul-
tiert, dass ihm durch den Gesellschaftsvertrag zugesichert wird, sich seines ‚Rechts
auf alles‘ frei von Widerständen zu bedienen
157
; wie im idealtypischen absoluten
Naturzustand gilt auch im relativen Naturzustand der konkreten Bestrafungssitua-
tion ein asymmetrischer Rechtsbegriff
158
, sodass dem Recht eines Einzelnen keine
entsprechende Verpflichtung des jeweils anderen korrespondiert.
159
Hieraus folgt
einerseits, dass dem Widerstandsrecht des Untertanen nicht die Verpflichtung des
Souveräns entspricht, auf die Durchführung der Bestrafung zu verzichten; und an-
dererseits ergibt sich hieraus, dass sich aus dem originären Bestrafungsrecht des
Souveräns keine Verpflichtung des Untertanen zum Gehorsam ableiten lässt.
160
Nach alledem vermag Hobbes das Strafrecht nur bis zu einem gewissen Grad
mit seiner Staatstheorie in Einklang zu bringen: Das Strafrecht lässt sich aus Sicht
des nach Selbsterhaltung strebenden Untertanen so lange begründen, als nur andere
in die Gefahr einer strafrechtlichen Sanktion kommen; soweit der Einzelne selbst
von einer Strafe bedroht wird, ist das Strafrecht zumindest dann nicht mehr in Kon-
kordanz mit dem Selbsterhaltungsstreben dieses Untertanen zu legitimieren, wenn
schwerere Sanktionen im Raum stehen.
161
Für Hobbes stellt Strafe grundsätzlich
immer einen Akt der Exklusion dar, sodass sich das Strafrecht gegenüber dem zu
Bestrafenden in bloßen Strafzwang verwandelt. Dieser Umstand, der bei Hobbes
153
Ibid.
154
Vgl. Hüning (Fn. 68), S. 270.
155
Brandt (Fn. 66), S. 214.
156
Dusch (Fn. 60), S. 146.
157
Hobbes, Leviathan (Fn. 50), 28. Kapitel, S. 237; vgl. auch Brandt (Fn. 66), S. 214 f.
158
Dusch (Fn. 60), S. 144.
159
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 91; Höffe (Fn. 62), S. 126.
160
Hüning (Fn. 68), S. 271.
161
Vgl. auch ibid., S. 266 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
114 Milan Kuhli
generell für Strafen gilt, erinnert jedoch an Jakobs’ Charakterisierung des Feind-
strafrechts, was den Blick auf das folgende abschließende Kapitel überleitet.
V. Die Lehre aus Hobbes’ Straftheorie und das Feindstrafrecht
Es ist evident, dass Hobbes’ Theorie der Strafe die bei Jakobs anzutreffende
Unterscheidung zwischen einem Bürgerstrafrecht und einem Feindstrafrecht nicht
trägt. Der konkrete Strafakt ist bei jenem gerade dadurch gekennzeichnet, dass der
zu Bestrafende nicht in ein reziprok bestehendes Rechtsverhältnis eingebunden ist.
Ihm mag zwar ein eigenes Recht – verstanden als Widerstandsrecht – zukommen,
doch stellt dieses nach den obigen Ausführungen bloß ein asymmetrisches Recht
dar
162
, das keinen anderen – schon gar nicht den Souverän oder die ihn bei der Be-
strafung unterstützenden anderen Untertanen – bindet. Das Widerstandsrecht des
Straffälligen ist im wahrsten Sinne des Wortes „sein eigenes Recht“, da Dritte von
den Wirkungen dieses Rechts nur im faktischen – nicht aber im normativen – Sinne
betroffen sind. Aber auch der Souverän als Gegenpart des zu bestrafenden Verbre-
chers hat ein solch eigenes Recht, dem der Straffällige nicht verpflichtet ist. Bei-
de Kontrahenten befinden sich im Verhältnis zueinander (wieder) im Naturzustand,
wohingegen die Einzigen, die in das Strafrechtsverhältnis des Herrschers involviert
sind, diejenigen anderen sind, die demSouverän zur Unterstützung des Bestrafungs-
aktes verpflichtet sind; zwischen diesen anderen besteht der Gesellschaftszustand
mithin fort.
Jakobs’ Aussage, Hobbes belasse „dem Verbrecher im Grundsatz seine Bürger-
rolle“
163
, ist demnach zurückzuweisen. Es spricht vielmehr einiges dafür, dass der
Verbrecher bei Hobbes Züge aufweist, die mit denjenigen des Feindes bei Jakobs
identisch sind. Wenn dieser ausführt, Feindstrafrecht sei einzig und allein „das Recht
derjenigen, die gegen den Feind stehen; dem Feind gegenüber ist es nur physischer
Zwang, bis hin zum Krieg“
164
, so trifft sich diese Charakterisierung in bemerkens-
werter Weise mit der Umschreibung des allgemeinen Strafrechts bei Hobbes, in der
bereits der einfache Verbrecher Anlagen eines Subjekts trägt, das analog zur Situati-
on im ursprünglichen Naturzustand zu bekämpfen ist. Wenn auch Hobbes termino-
logisch ausdrücklich zwischen Strafe und feindseligen Akten trennt und wenn auch
zuzugeben ist, dass Unterschiede zwischen beiden Instituten bestehen, so ist gleich-
wohl festzuhalten, dass sie in nicht unerheblicher Weise verknüpft sind. Eine solche
Konnexität zwischen der Behandlung von Feinden und der von Verbrechern hängt
bei Hobbes damit zusammen, dass der Naturzustand als Idealtypus stets virulent
bleibt. Bei Feinden des Staates und des Souveräns droht er ganz offen, doch ist er
auch bei einfachen Verbrechern stets omnipräsent, da sie ihr Selbsterhaltungsrecht
nie aufgegeben haben
165
, was insbesondere bei Verhängung schwererer Strafen ein
erhebliches Drohpotenzial begründen muss. Eine solche Gefahrenquelle muss nach
162
Dusch (Fn. 60), S. 144.
163
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 89 f., unter Hinweis auf das 28. Kapitel von Hobbes’ Leviathan.
164
Jakobs, Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 90.
165
Vgl. Dusch (Fn. 60), S. 144.
Ausdruck vom 27.11.2013
Thomas Hobbes und das Konzept eines Feindstrafrechts 115
Hobbes stets bekämpft werden, da die Nichtahndung dieser Tat andere Untertanen
zur Nachahmung animieren könnte.
166
Es wäre nun freilich verkürzt, die vorliegenden Erwägungen zu Hobbes’ Straf-
theorie vollständig auf Jakobs’ Konzept des Feindstrafrechts zu übertragen. Doch
wäre es auf der anderen Seite ebenso verkürzt, aus der hier getroffenen Feststel-
lung, dass sich die von Jakobs postulierte strenge Unterscheidung zwischen einem
Feindstrafrecht und einem Bürgerstrafrecht bei Hobbes nicht finden lässt, folgern zu
wollen, dass lediglich eine argumentative Säule für Jakobs’ Konzept weggebrochen
sei. Vielmehr zeigt sich im hier aufgezeigten Zusammenhang zwischen Strafen und
feindseligen Akten bei Hobbes ein Umstand, der nicht zufällig ist, sondern zwangs-
läufig erscheint. Das enge Verhältnis zwischen der Behandlung von Feinden und
von Verbrechern stellt die logische Konsequenz einer Staatsgrundlegung dar, die
einzig auf dem Aspekt des Friedens und der Sicherheit aufbaut. Wird die Idee der
Gerechtigkeit durch diejenige der bloßen Normgeltung ersetzt, so müssen Selbster-
haltungstendenzen der Untertanen für das Staatswesen zumindest latent gefährlich
werden.
Damit deutet die vorliegende Analyse von Hobbes darauf hin, dass die (feindli-
che oder strafrechtliche) Sonderbehandlung bestimmter Personengruppen regelmä-
ßig auf Ideen beruht, die für das allgemeine Strafrecht ebenso gelten, dort allerdings
aufgrund abweichender tatsächlicher Gegebenheiten eine andere Wirkung erzielen –
eine Feststellung, die sich auch an anderen historischen Beispielen verdeutlichen
lässt.
167
Nun könnte man aus der Perspektive Jakobs’ einwenden, dass das Feind-
strafrecht selbstredend auf dieselbe Grundlage wie das Bürgerstrafrecht zurückzu-
führen ist – eine Grundlage, die in beiden Rechtsbereichen unterschiedliche Wir-
kung zeitigt. Wenn es Jakobs um eine strikte Grenze zwischen dem Feindstrafrecht
und dem Bürgerstrafrecht geht, so bezieht er diese Forderung nach einer Beschrän-
kung offensichtlich nicht auf die jeweilige Grundlage, sondern auf die Abschottung
der unterschiedlichen Regelungsbereiche. Insoweit lässt sich Hobbes’ Straftheorie
allerdings als ein Indiz dafür werten, dass Jakobs’ Forderung nach einer strikten
Grenze zwischen einem Bürgerstrafrecht und einem Feindstrafrecht
168
unerfüllbar
ist.
169
Eine solche Brüchigkeit der Trennung zwischen beiden Bereichen lässt sich
auf unterschiedlichen Ebenen ausmachen.
170
Wird ein Konzept des Feindstrafrechts
erst einmal zugelassen, so bedingt dies die permanente Gefahr einer extensiven Aus-
legung dieses Konzepts. Roxin verweist zutreffend auf das Risiko des Missbrauchs
166
Ibid., S. 175 f.
167
So weist etwa Naucke für das (materiell) zwischen 1886 und 1918 geltende deutsche Kolonialstraf-
recht darauf hin, dass dieses Rechtsgebiet letztlich die Umsetzung eines Zweckmäßigkeitsgedankens
darstellte, der im allgemeinen Reichsstrafrecht ebenso vorhanden war, dort allerdings andere Wirkun-
gen zeitigte (Naucke, Deutsches Kolonialstrafrecht 1886-1918, in: ders., Über die Zerbrechlichkeit
des rechtsstaatlichen Strafrechts. Materialien zur neueren Strafrechtsgeschichte, 2000, S. 265 [281]).
168
Vgl. zu dieser Forderung: Jakobs, Terroristen (Fn. 9), S. 850; ders., Kriminalisierung (Fn. 3), S. 783
f. – Vgl. auch dens., Bürgerstrafrecht (Fn. 1), S. 93, wonach „die Einführung einer mittlerweile kaum
noch übersehbaren Menge an feindstrafrechtlichen Strängen und Partikeln in das allgemeine Straf-
recht aus rechtsstaatlicher Sicht ein Übel“ sei.
169
Kritisch diesbezüglich auch Vormbaum (Fn. 16), S. XXXIV; Ambos (Fn. 2), S. 361.
170
Vgl. hierzu auch Asholt (Fn. 44), S. 191 f.
Ausdruck vom 27.11.2013
116 Milan Kuhli
des Feindbegriffs
171
; doch ist zugleich festzuhalten, dass sich die Gefahr einer Ero-
sion dieses Begriffs auch losgelöst von zweckwidrigen Absichten politischer Ent-
scheidungsträger ergibt. Beginnt die Rechtspolitik erst einmal damit, bestimmte Per-
sonengruppen aus dem Schutzbereich des allgemeinen Strafrechts zu exkludieren,
so stellt dies ein Präjudiz dar, das als Orientierungshilfe für weitere Exklusionen
dient, die scheinbar nur noch empirisch, nicht aber mehr normativ legitimiert wer-
den müssen. Eine solche Eskalationsgefahr des Feindstrafrechts in Form der Exklu-
sion weiter Personengruppen ist insbesondere deshalb virulent, da der Feindbegriff
bei Jakobs „konturenlos“
172
ist und da die Spannweite dessen, was unter den Begriff
des ‚Feindstrafrechts‘ gefasst werden kann, äußerst weit erscheint.
173
Besteht demnach die Gefahr einer Ausdehnung des Feindstrafrechts zulasten
des Bürgerstrafrechts, so ist darüber hinaus auch das drohende Risiko einer Vermi-
schung beider Bereiche zu verzeichnen.
174
Lässt man im Strafrechtsdiskurs erst ein-
mal eine Terminologie zu, die auf Kriterien der Feindschaft abstellt, so besteht das
Risiko, dass eine solche täterorientierte Sichtweise Auswirkungen auf das allgemei-
ne Konzept das Tatstrafrechts zeitigt.
175
Jenseits feindstrafrechtlicher Erwägungen
zeigt etwa § 2 des Völkerstrafgesetzbuchs, der die subsidiäre Anwendbarkeit des all-
gemeinen Strafrechts im Bereich des deutschen Völkerstrafrechts normiert
176
, dass
eine strikte Trennung zwischen allgemeinemStrafrecht und einem strafrechtlich be-
griffenen Spezialbereich bereits aus dogmatischen Erwägungen nahezu unmöglich
ist.
177
Wenn nach alledemaber bereits gegen das Konzept des Feindstrafrechts per se
schwerste Bedenken anzumelden sind – man denke nur an den im Hinblick auf die
Menschenwürdegarantie problematischen Umstand, dass bestimmte Personengrup-
pen exkludiert und im Dienste der Sicherheit bekämpft werden sollen –, so müssen
sich derartige Bedenken in dem Maße verstärken, in dem eine Kontamination des
allgemeinen Strafrechts mit feindstrafrechtlichen Elementen droht. Die Auseinan-
dersetzung mit Thomas Hobbes möge deshalb verdeutlichen, dass ein rechtsstaatli-
ches Strafrecht weder Freund noch Feind kennen sollte.
171
So Roxin (Fn. 12), § 2 Rn. 129.
172
Ambos (Fn. 2), S. 356. – Vgl. auch Bung (Fn. 2), S. 262; Streng, Vom Zweckstrafrecht zum Feindstraf-
recht? Überlegungen zu den Auswirkungen des neueren Sicherheitsdenkens auf ein „demokratisches
Strafrecht“, in: Vormbaum (Hrsg.), Kritik des Feindstrafrechts, 2010, S. 181 (199).
173
Asholt (Fn. 44), S. 185.
174
Eine solche feindstrafrechtliche Infizierung des gesamten Strafrechts wird etwa von Prittwitz konsta-
tiert (Prittwitz [Fn. 44], S. 178).
175
Vgl. Sinn, Moderne Verbrechensverfolgung auf dem Weg zu einem Feindstrafrecht?, in: Vormbaum
(Hrsg.), Kritik des Feindstrafrechts, 2010, S. 221 (240).
176
Vgl. hierzu Kuhli, Das Völkerstrafgesetzbuch und das Verbot der Strafbegründung durch Gewohn-
heitsrecht, 2010, S. 42 ff.
177
Vgl. auch Vormbaum, der kritisch auf „das historische Beispiel des Jugendstrafrechts“ verweist, „des-
sen dem Erziehungsgedanken geschuldete Flexibilität im Lauf der Jahrzehnte [. . . ] ins ‚Hauptsystem‘
des Strafrechts eingesickert ist“ (Vormbaum [Fn. 16], S. XXXIV).
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde
Humiliationismus oder Identitätstheorie der Menschenwürde?
Paul Tiedemann
*
, Frankfurt am Main
I. Einleitung
Wenn mein Eindruck nicht täuscht, dann ist mit dem Erscheinen von Avishai
Margalits Buch „The Descent Society“ im Jahre 1996
1
und der deutschen Über-
setzung im Jahr darauf
2
der Diskurs über Menschenwürde in ein neues Stadium
eingetreten. Das gilt sowohl für den philosophischen als auch für den juristischen
Diskurs. Während die ältere Debatte sehr heterogen war und sehr unterschiedliche,
miteinander kaum zu vermittelnde Ansätze vertreten wurden
3
, scheint die jünge-
re Debatte mit zunehmender Eindeutigkeit um die individuelle menschliche Person
und den Respekt vor ihrer Personalität sowie um die sich daraus ergebenden subjek-
tiven Rechte zu kreisen. Eine der offenen Fragen der aktuellen Diskussion betrifft
den Zusammenhang von Menschenwürde und Demütigung. Konkret geht es darum,
ob es bei der Menschenwürde im Kern um den Schutz vor Demütigung geht.
In meinem eigenen Versuch der Rekonstruktion der Menschenwürde als Rechts-
begriff bin ich zu dem Ergebnis gelangt, dass sich der Ausdruck „Menschenwürde“
auf ein Werturteil bezieht, mit welchem der Personalität des Individuums – darunter
verstehe ich die Authentizität und Identität der Person – ein absoluter Wert zuge-
sprochen wird, so dass die notwendigen Bedingungen zu deren Entwicklung und
Aufrechterhaltung absolut, d.h. abwägungsresistent zu schützen sind. Dies ist die
Funktion der Menschenrechte. Für diesen Ansatz habe ich den Namen Identitäts-
theorie der Menschenwürde gewählt.
4
Menschenrechte haben danach den Zweck,
Personen davor zu bewahren, unter menschenunwürdigen Bedingungen leben zu
müssen. Lebensbedingungen sind menschenunwürdig, wenn sie die personale Au-
thentizität und Identität zerstören, beeinträchtigen oder jedenfalls ernsthaft gefähr-
den und von Menschen herbeigeführt oder aufrechterhalten werden. Eine Situation
ist in diesem Sinne menschenunwürdig, wenn es unmittelbar oder jedenfalls auf
Dauer nicht möglich ist, die leibseelische Integrität, die geistige Integrität und die
Integrität der Privatsphäre aufrechtzuerhalten.
5
Erstere ist beispielsweise verletzt,
wo Personen gefoltert werden und unter der Folter ihren Selbstbezug verlieren;
*
Paul Tiedemann, Dr. iur. Dr. phil., Jahrgang 1950, ist Richter am Verwaltungsgericht Frankfurt am
Main, Honorarprofessor an der Justus-Liebig-Universität Gießen und apl. Professor an der Özyeðin-
Universität Istanbul.
1
Cambridge (Mass.), Harvard University Press 1996.
2
Margalit, Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung, 1967. Im Folgenden zitiert nach der
Taschenbuchausgabe Frankfurt/M, Fischer Taschenbuch Verlag 1999.
3
Dazu der Überblick bei Tiedemann, Menschenwürde als Rechtsbegriff. Eine philosophische Klärung,
2012, S. 71 ff.
4
Ibid., S. 282.
5
Ibid., S. 331 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
118 Paul Tiedemann
zweitere ist beispielsweise verletzt, wo Personen durch Zensur und Meinungsver-
bot geistig manipuliert werden; letztere ist verletzt, wo Personen daran gehindert
werden, sich in einen Raum der Privatheit zurückziehen zu können, wo sie jeglicher
Kontrolle und Beobachtung durch Dritte entzogen sind und zu sich selbst kommen
können. In all diesen Fällen werden Menschen daran gehindert, ein authentisches
Leben zu führen, d.h. auf der Grundlage eigener Überlegungen und Reflexionen
einen eigenen nicht von außen bestimmten und insoweit freien Willen zu bilden und
sich in diesem Sinne selbst zu bestimmen. Nur wer frei ist zu eigenen, weder durch
Panik noch durch Zensur oder permanente öffentliche Kontrolle manipulierten, ei-
genen Überlegungen und Reflexionen, kann sich selbst als Autor seines Lebens ver-
stehen, als ein Jemand und nicht nur als ein Etwas.
6
Er begreift sich als der, der er
durch den lebenslangen Prozess eigener Überlegungen und Reflexionen sowie der
darauf beruhenden Authentizitätserlebnisse geworden ist.
Obgleich diese Rekonstruktion durchaus auf der Traditionslinie liegt, auf der
sich auch die Überlegungen Margalits bewegen, weist sie doch auch einen entschei-
denden Unterschied auf, um den es in diesem Aufsatz gehen soll: Der Aspekt der
Demütigung spielt in der Identitätstheorie keine Rolle. Bei Margalit und vielen Au-
toren in seiner Nachfolge sind die faktischen Beeinträchtigungen der Personalität
dagegen nicht entscheidend. Sie fungieren bestenfalls als Indizien für das Vorliegen
von etwas, das als solches weit weniger deutlich oder gar nicht empirisch in Erschei-
nung tritt, aber letztlich maßgeblich ist, nämlich das, was sie Demütigung, Entwür-
digung oder Erniedrigung nennen. Einem Vorschlag von Christoph Horn folgend
bezeichne ich diese Position als „Humiliationismus“.
7
Der Humiliationismus stellt
einen Aspekt in den Vordergrund, den die Identitätstheorie bewusst vernachlässigt.
In diesem Aufsatz soll es darum gehen, die Identitätstheorie im Lichte des humilia-
tionistischen Ansatzes kritisch zu überprüfen. Ich werde also der Frage nachgehen,
ob Demütigung nicht vielleicht doch einen wesentlichen Aspekt der Menschenwür-
de ausmacht und es deshalb notwendig ist, die Identitätstheorie aufzugeben. Bevor
ich dies tue, will ich aber zunächst erklären, warum der Humiliationismus mit der
Identitätstheorie unvereinbar ist und ersterer deshalb als eine grundstürzende Her-
ausforderung der letzteren anzusehen ist.
Die Identitätstheorie bemüht sich um eine Rekonstruktion des Begriffs der Men-
schenwürde als Rechtsbegriff. Ihr geht es um einen juristisch handhabbaren Begriff,
der eine überprüfbare Subsumtion von Lebenssachverhalten erlaubt und damit den
Aufbau einer juristischen Dogmatik. Das ist der Grund, warum Demütigung in die-
semKontext keine Rolle spielen sollte. Denn Demütigung und ein davon abhängiges
Konzept von Menschenwürde erscheint juristisch kaum operabel und daher für eine
Deutung der Menschenwürde als Rechtsbegriff ungeeignet zu sein.
Ein kleines Beispiel, an dem sich dies erläutern lässt, lieferte kürzlich der Eu-
ropäische Gerichtshof für Menschenrechte:
8
Der Gerichtshof bestätigte das Verbot
6
Spaemann, Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas“ und „jemand“, 1996, S. 38.
7
Horn, Die verletzbare und die unverletzbare Würde des Menschen – eine Klärung, Information Phi-
losophie 2011, S. 30 (32).
8
EGMR v. 8. 11. 2012 – 43481/09 (Peta Deutschland gegen Deutschland), DÖV 2013, S. 118 (red.
Leitsatz).
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 119
einer Plakataktion, mit der eine Tierschutzvereinigung unter dem Motto „Der Ho-
locaust auf Ihrem Teller“ auf Tierquälerei in Schlachtereien aufmerksam machen
wollte. Die Plakate zeigten beispielsweise nackte KZ-Insassen neben Fotos ver-
hungernder Rinder und Stapel menschlicher Leichen neben Stapeln geschlachteter
Schweine unter dem Titel „Endgültige Erniedrigung“. KZ-Überlebende empfanden
das als Angriff auf ihre Menschenwürde und verlangten das Verbot. Die Ordnungs-
behörden kamen dem nach und die Klage der Tierschutzvereinigung blieb erfolglos.
Das Beispiel zeigt deutlich das Problem. Was eine Demütigung ist, lässt sich nicht
mit empirischen Methoden feststellen, denn es handelt sich um einen symbolischen
Akt, der interpretiert werden muss, wobei die Interpretation mit all den Risiken
verbunden ist, die die moderne Hermeneutik bewusst zu machen versucht. Ist der
beschriebenen Plakataktion im Wege zutreffender Deutung tatsächlich das Wertur-
teil zu entnehmen, dass die Opfer des Holocaust den Tieren gleichgestellt werden?
Oder ging es den Tierschützern nicht vielleicht doch eher darum, die Tiere den Men-
schen gleichzustellen, indem auch für sie eine Behandlung gefordert wird, die nicht
in Quälereien besteht? Inwiefern wird die Würde des Menschen tangiert, wenn man
auch fordert, Tiere nicht zu quälen.
9
Welche kontraintuitiven Folgen es haben kann, wenn man Menschenwürde als
Schutz vor Demütigung auffasst, zeigen auch zwei andere Beispiele aus der Recht-
sprechung. So hat der österreichische Verfassungsgerichtshof etwa entschieden,
dass die polizeiliche Gewaltanwendung gegen Demonstranten schon deshalb die
Menschenwürde nicht verletzen könne, weil sie allein zu dem Zweck erfolge, eine
Demonstration aufzulösen und nicht etwa, um die Demonstranten zu demütigen.
10
Das Bundesverfassungsgericht schloss einst eine Verletzung der Menschenwürde
durch die heimliche Telefonüberwachung mit der Begründung aus, diese erfolge nur
bei begründetemVerdacht schwerster Straftaten und sei nicht Ausdruck der Verach-
tung des Wertes, der dem Menschen kraft seines Personseins zukomme.
11
In bei-
den Fällen sorgt eine humiliationistische Interpretation dafür, dass bei der Prüfung
der Frage, ob ein bestimmter Lebenssachverhalt eine Verletzung der Menschenwür-
de darstellt, nicht darauf abgestellt wird, was den Betroffenen tatsächlich zugefügt
wird, sondern auf die Motivation der Täter und den bloß symbolischen „Mehrwert“
ihrer Handlungen. Es erscheint deshalb möglich, dass Menschen zwar objektiv in
eine Situation versetzt werden, die ihnen die Möglichkeit zu einem authentischen
Leben nimmt, aber dennoch nicht die Feststellung der Verletzung der Menschen-
würde erlaubt, weil es nicht die Absicht der Täter war, die Opfer zu demütigen.
Es gibt also gute Gründe für eine gewisse Skepsis gegen eine Rekonstrukti-
on des Begriffs der Menschenwürde, für die es entscheidend auf den Aspekt der
Demütigung ankommt. Um diese Skepsis zu überwinden bedarf es besserer oder
9
Der Fehler der Plakataktion dürfte darin liegen, dass im Falle des Quälens von Menschen ein Schutz-
gut verletzt wird, das im Falle von Tierquälerei gar nicht getroffen werden kann, nämlich die Perso-
nalität, die nur dem Menschen, nicht aber dem Tier eigen ist. Indessen leugnet die Aktion nicht die
Personalität des Menschen, sondern behauptet möglicherweise nur, dass auch Tiere Personen seien.
Das ist falsch, aber keine Herabsetzung des Menschen, sondern eine Überbewertung der Tiere.
10
Österr. VfGH, VfSlg 11095.
11
BVerfGE 30, 1 (25 f.).
Ausdruck vom 27.11.2013
120 Paul Tiedemann
gewichtigerer Gründe dafür, warum der Aspekt der Demütigung gleichwohl unver-
zichtbar sein soll. Um diesen Gründen auf die Spur zu kommen, bietet es sich an,
der Frage nachzugehen, warumdie Verfechter des Humiliationismus so großen Wert
auf diesen Aspekt legen. Dazu werde ich im Folgenden die Argumentationen von
drei philosophischen Vertretern des Humiliationismus untersuchen, und zwar die
von Avishai Margalit, Ralf Stoecker und Peter Schaber. Ich beschränke mich auf
die Überlegungen dieser Philosophen, weil ich unter den Juristen bisher niemanden
entdeckt habe, dessen Gedanken dazu von vergleichbarer Tiefe sind. Es sei jedoch
erwähnt, dass der Humiliationismus durchaus auch unter den Juristen seine Freunde
hat.
12
II. Das Konzept der Demütigung in der gegenwärtigen Philosophie
1. Avishai Margalit
Margalit definiert Demütigung als eine Verhaltensform, die einer Person einen
rationalen Grund gibt, sich in ihrer Selbstachtung verletzt zu sehen.
13
Unter Selbst-
achtung versteht er zunächst jene Ehre, die Menschen sich aufgrund ihres Mensch-
seins selbst entgegenbringen.
14
Diese Ehre als Selbstachtung nennt Margalit auch
Würde.
15
„Selbstachtung“ und „Würde“ sind also Synonyme. Sie bezeichnen den-
selben Begriff. Von der Selbstachtung/Würde unterscheidet Margalit das Selbst-
wertgefühl. Dieses schöpfen wir aus unseren Leistungen, Erfolgen und den Fähig-
keiten, die wir uns zutrauen.
16
Was aber soll es bedeuten, dass Demütigung einen rationalen Grund liefert, sich
in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen? Margalit führt hier zunächst die Verlet-
zung von Menschenrechten an.
17
Die Verletzung der Menschenrechte ist für ihn
eine Form der Demütigung. Sie liefert einen rationalen Grund dafür, sich in seiner
Selbstachtung oder Würde verletzt zu fühlen. Was Margalit damit genau meint, wird
nirgends in seinem Buch klar ausgesprochen. Es spricht aber Einiges dafür, dass
Margalit glaubt, die Verletzung von Menschenrechten führe dazu, dass sich der Be-
troffene in seinem Wert als Mensch herabgemindert oder entwertet fühlt. Was aber
gibt dem Menschen überhaupt den Wert, dessen Verlust er durch eine Menschen-
rechtsverletzung erfährt?
Den Grund für die Selbstachtung (Würde) des Menschen als Menschen sieht
Margalit in dessen Fähigkeit, „dem eigenen Leben zu jedem beliebigen Zeitpunkt
eine völlig neue Bedeutung zu geben und es dadurch radikal zu ändern. Dies schließt
die Fähigkeit ein, seine Sünden zu bereuen“ und vom Bösen abzulassen. „Jeder
12
Enders, Die Menschenwürde in der Verfassungsordnung, 1997, S. 85; Seelmann, Respekt als Rechts-
pflicht, in: Brugger/Neumann/Kirste: (Hrsg.): Rechtsphilosophie im 21. Jahrhundert, 2008, S. 418
(421, 423).
13
Margalit (Fn. 2), S. 23.
14
Ibid., S. 41.
15
Ibid., S. 63.
16
Ibid., S. 67.
17
Ibid., S. 45.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 121
Mensch ist in der Lage, mit seiner Vergangenheit zu brechen und sein Leben auf
gänzlich andere Weise fortzusetzen.“
18
Bis zu diesemPunkt der Argumentationwird
nicht recht klar, warum Margalit so großen Wert auf den Aspekt der Demütigung,
bzw. der Selbstentwertung legt. Würde es nicht einfach genügen zu sagen, dass die
Fähigkeit, seinem eigenen Leben jederzeit eine neue Bedeutung geben und seine
Sünden bereuen zu können von bestimmten Lebensbedingungen abhängt und es
deshalb Aufgabe der Menschenrechte ist, diese Lebensbedingungen unbedingt zu
schützen. Das wäre dann genau das, was auch die Identitätstheorie der Menschen-
würde sagen will. Aber das ist nicht, worum es Margalit geht. Entscheidend ist für
ihn nicht die Zerstörung oder Minderung der Fähigkeiten, denen die Selbstachtung
gilt, obwohl die Zerstörung oder Minderung dieser Fähigkeiten doch gerade den ra-
tionalen Grund für die Minderung der Selbstachtung darstellen. Vielmehr betrachtet
er die Minderung der Selbstachtung isoliert und ohne den Gründen dafür die erfor-
derliche Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Grund dafür scheint mir in dem Anliegen Margalits begründet, keinem
Menschen den Schutz der Menschenwürde vorzuenthalten. Wenn man die rationa-
len Gründe für eine Minderung der Selbstachtung darin sieht, dass die Fähigkeit zur
authentischen Selbstbestimmung verloren gegangen ist, dann ist die Selbstachtung
von vorneherein auf jene Menschen beschränkt, die diese Fähigkeiten tatsächlich
oder jedenfalls potenziell besitzen. Nicht erfasst werden dagegen alle Menschen, die
diese Fähigkeit aus prinzipiellen Gründen nicht haben. Ihnen fehlt das, was Grund
zur Selbstachtung wäre, weshalb eine Minderung oder Zerstörung ihrer Selbstach-
tung gar nicht in Betracht kommen kann. Dabei denkt er vor allem an geistig Behin-
derte.
19
Menschenrechte können nur die authentische Selbstbestimmung von Men-
schen schützen, die über die Fähigkeit dazu verfügen. Menschenrechte schützen also
nur Personen und nicht Menschen. Das aber hält Margalit für ungenügend. Die Auf-
fassung, dass nur die Personalität von Personen geschützt werden muss und nicht
die Menschlichkeit von Menschen nennt er „Eigenschaftsrassismus“.
20
Das scheint mir der wesentliche Grund dafür zu sein, warum Margalit nicht
entscheidend auf den Schutz der Fähigkeit zum selbstbestimmten Leben abstellt,
sondern auf Demütigung. Offenbar glaubt er, dass erst dadurch die Menschenwürde
tatsächlich allen Menschen zugesprochen werden kann. Argumentativ erreicht er
dieses Ziel dadurch, dass er Demütigung als Oberbegriff einführt und die Verletzung
der Menschenrechte nur als einen, aber nicht den einzigen Fall von Demütigung
betrachtet. Eine andere Weise der Demütigung sieht er in erniedrigenden Gesten,
also in symbolischen Akten, die die Missachtung oder Entwertung eines Menschen
als Menschen zum Gegenstand haben.
21
Indessen ist Margalits Gedankengang insoweit nicht schlüssig. Denn es bleibt
ja dabei, dass er in der Fähigkeit zur Selbstbestimmung den Grund für die Selbst-
achtung sieht. Von dieser Position ausgehend hätte er konsequenterweise folgern
18
Ibid., S. 92 f.
19
Ibid., S. 104.
20
Ibid., S. 103.
21
Ibid., S. 73.
Ausdruck vom 27.11.2013
122 Paul Tiedemann
müssen, dass ein Mensch, der diese Fähigkeit nicht besitzt, sich auch unmöglich
dessentwegen schätzen oder achten kann. Er hätte daher erkennen müssen, dass
seine Definition der Demütigung als etwas, das einem Menschen einen rationalen
Grund liefert, sich in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen, zwingend dazu führen
muss, dass Menschen, die mit der Fähigkeit zu rationaler Überlegung und Reflexion
nicht ausgestattet sind, niemals gedemütigt werden können, weil sie niemals einen
rationalen Grund haben können, sich in einer Selbstachtung verletzt zu sehen, die
gar nicht bestehen kann.
Diese Inkonsequenzen treten nur deshalb nicht sofort ans Licht, weil Marga-
lit an dieser Stelle seiner Argumentation plötzlich die Worte „Selbstachtung“ und
„Würde“ nicht mehr als Synonyme benutzt, sondern mit unterschiedlicher Bedeu-
tung belegt: Demütigende Gesten verletzen danach die Würde, während die Verlet-
zung von Menschenrechten die Selbstachtung verletzt.
22
Indem er an dieser Stelle
den Begriff der Würde unter der Hand mit einer neuen Bedeutung belegt, operiert
er mit einer logisch unzulässigen quaeternio terminorum.
Was ist eigentlich der Grund, warum Margalit unzufrieden damit ist, die Men-
schenwürde nur Personen zuzusprechen und nicht allen Menschen? – Wie bereits
erwähnt, denkt er dabei an die Exklusion von geistig Behinderten. Die will er nicht
hinnehmen, weil er dabei an das Euthanasieprogramm der Nazis denkt. Doch bei
Licht besehen scheint es ihm weniger um den Schutz der geistig Behinderten als
solchen zu gehen, als vielmehr um die Senkung der Hemmschwelle, die mit der
Grausamkeit gegen sie einhergeht. Das liest sich bei ihm so:
„Der Fall geistig Behinderter scheint mir nämlich ein schwerwiegendes Argument dafür zu
sein, respektvolles Verhalten auf andere Weise zu rechtfertigen als mit einer kantischen Ei-
genschaft wie Vernunft oder der Fähigkeit, moralisch zu handeln. [. . . ] Eigenschaftsrassisten
beginnen oft bei den geistig Behinderten, um dann zu Angehörigen anderer Rassen fortzu-
schreiten. Der so genannten ‚Endlösung‘ für Juden sowie Sinti und Roma ging das ‚Euthana-
sieprogramm‘ voraus. Die geistig Behinderten wurden als erste ins Gas geschickt, und die bei
ihrer Tötung entwickelten Methoden kamen später in den Vernichtungslagern systematisch
zur Anwendung.“
23
Das Zitat weckt Zweifel, ob es Margalit um die geistig Behinderten um ihrer selbst
willen geht, oder ob ihr Schutz eigentlich nur dem Schutz der „anderen Rassen“
dienen soll.
Lässt Margalits Argumentation deshalb auch zwiespältige Gefühle zurück, so
sollte doch nicht unerwähnt bleiben, dass geistig Behinderte auch von der Iden-
titätstheorie erfasst werden. Denn selbstverständlich können sich auch Menschen,
die durch Schwachsinn behindert sind oder an Psychosen leiden, aus eigenem Wil-
len selbst bestimmen. Sie können z.B. selbstständig den Entschluss fassen, Hilfe in
Anspruch zu nehmen oder sich in Behandlung zu begeben. Sie können lieben und
hassen, Gutes und Böses tun. Deshalb können sie auch ihrem Leben eine Wende ge-
ben und ihre Sünden bereuen. Sofern Menschen dazu aktuell entwicklungsbedingt
22
Ibid.
23
Ibid., S. 104.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 123
noch nicht in der Lage sind (Embryonen, Kleinkinder), verfügen sie doch aktiv po-
tenziell über diese Fähigkeiten. Denn diese werden sich beim ungestörten weiteren
Verlauf der Entwicklung von selbst einstellen. Nur bei wenigen Menschen wird man
deshalb die Personalität verneinen müssen. Aber da, wo sie nicht vorhanden ist, ist
sie nun einmal nicht vorhanden. Und was nicht existiert, das kann man auch weder
beschädigen noch zerstören und man kann die Existenz von Nichtexistentem auch
nicht wertschätzen.
So kann der Grund, den Margalit dafür geltend macht, bei der Menschenwürde
entscheidend auf die Demütigung abzustellen, nicht wirklich überzeugen. Wenn es
sonst keine Gründe für den Humiliationismus geben sollte, wäre dies jedenfalls kein
guter Grund, die Identitätstheorie aufzugeben.
2. Ralf Stoecker
Während Margalit die Demütigung deshalb ins Zentrum seiner Würde-
Konzeption rückt, weil ihm daran liegt, auf diese Weise den persönlichen Schutzbe-
reich der Menschenwürde zu erweitern, geht es Ralf Stoecker um die Klärung der
Frage, ob man den vergleichsweise neumodischen Ausdruck der Menschenwürde
überhaupt braucht, um eine Ethik vollständig zu beschreiben. Der Ausdruck „Men-
schenwürde“ ist für die vollständige Beschreibung der Ethik nur dann unverzichtbar,
wenn er etwas zum Ausdruck bringt, für das kein anderer Begriffe zur Verfügung
steht.
24
Wenn es bei der Menschenwürde nur um das Verbot von Handlungen wie
Quälerei, Freiheitsberaubung und Gewalt ginge, würde man den Begriff, so meint
Stoecker, nicht benötigen. Auch ohne den Begriff der Menschenwürde ließe sich
eine Ethik begründen, der zufolge Quälerei, Freiheitsberaubung und Gewalt ver-
werflich seien. Bei der Menschenwürde, so Stoecker, muss es also um eine verwerf-
liche Handlung eigener Art gehen, um etwas, das man mit den zahlreichen anderen
Namen für verwerfliche Handlungen (Mord, Folter, Freiheitsberaubung, Manipula-
tion etc.) nicht zum Ausdruck bringen kann. Auf der Suche nach einer verwerfli-
chen Handlung, die in dem herkömmlichen moralischen Begriffsarsenal nicht vor-
kommt, entdeckt Stoecker die Entwürdigung, was synonym ist mit Erniedrigung
oder Demütigung. Diese drei Ausdrücke beschreiben eine spezifische Art unmora-
lischen Handelns, die als solche von der bloßen Gewaltausübung etc. unterschieden
werden muss. Der Begriff Menschenwürde bezeichne damit positiv das Schutzgut,
das durch Demütigung verletzt oder beschädigt werde. Die Menschenwürde sei ge-
wahrt, solange keine Demütigung stattfindet.
Sobald sich Stoecker daran macht, das Schutzgut der Menschenwürde, bzw. die
Verletzungshandlung der Demütigung näher zu beschreiben, gerät er nun allerdings
in erhebliche Schwierigkeiten. Interessant ist zunächst, dass er an Margalits De-
finition der Demütigung als einer Handlung anknüpft, die dem Betroffenen einen
rationalen Grund liefert, sich in seiner Selbstachtung verletzt zu sehen.
25
Im Unter-
schied zu Margalit versteht er unter Selbstachtung aber nicht die Wertschätzung der
24
Stoecker, Menschenwürde und das Paradox der Entwürdigung, in: ders. (Hrsg.), Menschenwürde.
Annäherung an einen Begriff, 2003, S. 133 ff.
25
Ibid., S. 140.
Ausdruck vom 27.11.2013
124 Paul Tiedemann
eigenen Person, sondern etwas anderes. Dabei macht er sich die Vieldeutigkeit des
deutschen Wortes „achten“ zu Nutze macht und deutet dieses Wort nicht im Sinne
eines Werturteils über sich selbst oder eine Haltung des Sich-Selbst-Wertschätzens,
sondern vielmehr im Sinne von „achten auf etwas“. Selbstachtung, so Stoecker, sei
keine Meinung über sich selbst, sondern eine Haltung, nämlich die Haltung, auf sich
selbst so zu achten, wie die Mutter auf das Kind achtet. So wie das Kind geschä-
digt werden könne, obwohl die Mutter auf es achtet, sei es möglich, das Selbst zu
verletzen, obwohl die Person auf es achtet.
26
Damit stellt Stoecker im Unterschied zu Margalit nicht mehr auf eine Verlet-
zung der Selbstachtung ab, sondern auf eine Verletzung des Selbst, die eingetreten
ist, weil eine Person nicht ausreichend auf ihr Selbst geachtet hat oder vielleicht
auch, obwohl eine Person ausreichend auf ihr Selbst geachtet hat. Indessen fasst
Stoecker die Verletzung des Selbst nicht im Sinne einer Minderung oder Zerstörung
der Fähigkeit zur authentischen Selbstbestimmung der Person, also als Minderung
der Personalität auf, also dessen, was den Wert einer Person ausmacht. Er fasst das
Selbst vielmehr ausgehend von dem römischen Begriff der persona als soziale Rol-
lenidentität. Das, was geschützt werden muss, ist deshalb für Stoecker nicht die Fä-
higkeit, sich aus eigenen Reflexionen und Überlegungen selbst zu bestimmen und
ein authentisches Leben zu führen, sondern vielmehr die Fähigkeit den Rollener-
wartungen gerecht werden zu können, die die Gesellschaft an den Träger einer be-
stimmten Rolle stellt und die der Inhaber der Rolle deshalb auch an sich selbst stellt.
Demütigend ist es, wenn der Rollenträger entweder aufgrund eigenen Versagens den
an ihn gestellten Erwartungen nicht gerecht wird, oder aber, wenn die Mitmenschen
ihn in einer Weise behandeln, die es ihm nicht mehr erlaubt, den Erwartungen ge-
recht zu werden, die mit seiner Rolle verbunden sind.
27
Stoecker erläutert das an
dem Beispiel eines Geschichtslehrers, der in der Zeit des Nationalsozialismus unter
existenziellen Druck geriet, weil er öffentlich geäußert hatte, dass auch Schwarze
Menschen seien. Indem jener Geschichtslehrer gezwungen wird, derartige Tatsa-
chen zu verschweigen, kann er nicht mehr den Erwartungen gerecht werden, die
an die Rolle eines seriösen Geschichtslehrers gestellt werden, nämlich Tatsachen
beim Namen zu nennen. Deshalb ist die existenzielle Bedrohung, unter der jener
Lehrer stand, zugleich auch demütigend für ihn gewesen. Er kann die Rolle eines
Geschichtslehrers nicht mehr angemessen spielen, sondern muss in andere Rollen
ausweichen, zum Beispiel in die des linientreuen Gefolgsmanns des herrschenden
Regimes.
Nicht jede Verletzung der Rollenidentität in diesem Sinne ist für Stoecker nun
aber auch schon eine Verletzung der Menschenwürde. Das ist erst dann der Fall,
wenn die Beeinträchtigungen so weit gehen, dass es den Betroffenen überhaupt
nicht mehr möglich ist, in irgendeine andere Rolle auszuweichen, wenn also ein
Mensch überhaupt der Möglichkeit beraubt wird, irgendeine persona aufrecht zu
erhalten. Als Beispiel dafür führt er u.a. die Folter an.
26
Ibid., S. 141.
27
Ibid., S. 145.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 125
Eine Kritik der Stoecker’schen Argumentation muss zunächst mit der Zustim-
mung zu demAnsatz beginnen, dass es keinen Sinn macht, neue Ausdrücke oder Be-
griffe in die Ethik einzuführen, wenn damit nicht auch etwas Neues gesagt werden
kann. Es ist deshalb richtig, wenn amBeginn jeder Diskussion über Menschenwürde
die Frage steht, ob wir diesen Ausdruck überhaupt brauchen. Ob man auch der The-
se Stoeckers zustimmen kann, dass die Demütigung als eine verwerfliche Handlung
in den Katalog der moralisch verbotenen oder jedenfalls fragwürdigen Handlungen
aufgenommen werden muss und es deshalb nötig ist, den Ausdruck „Menschen-
würde“ zur Bezeichnung des positiven Schutzgutes einzuführen, das durch Demü-
tigung verletzt wird, ist dagegen noch nicht hinreichend überzeugend dargetan. Sto-
ecker selbst anerkennt ja Demütigungen, die keine Verletzung der Menschenwür-
de darstellen und zeigt damit, dass der Ausdruck „Menschenwürde“ zur Bezeich-
nung jenes positiven Schutzgutes, das durch Demütigung verletzt wird, jedenfalls
nicht hinreichend bestimmt ist. Darüber hinaus bleibt auch offen, ob Demütigung
überhaupt in jedem Fall eine moralisch verwerfliche Handlung ist. Um darauf eine
Antwort zu geben, müsste man zunächst genauer klären, was eine Demütigung ei-
gentlich überhaupt ist. Dieser Frage werde ich im zweiten Abschnitt nachgehen. In
jedem Fall hätte Stoecker seinen terminologischen Vorschlag, den Ausdruck Men-
schenwürde zur Bezeichnung des positiven Schutzgutes zu verwenden, das durch
Demütigung verletzt werden kann, jedoch dadurch absichern müssen, dass er auf-
zeigt, dass eine alternative Verwendungsweise sich entweder nicht nahelegt oder
jedenfalls weniger relevant oder gar überflüssig ist. Solche alternativen Verwendun-
gen diskutiert Stoecker nicht, obwohl es einen Kandidaten gibt, der sich zumindest
aus rechtlicher Sicht geradezu aufdrängt. Ich denke dabei an die Präambeln der
Internationalen Pakte über bürgerliche und politische sowie über wirtschaftliche,
soziale, kulturelle Rechte vom 19. Dezember 1966
28
sowie zahlreiche weitere Do-
kumente der Vereinten Nationen.
29
Dort heißt es nämlich, dass die Menschenrechte
aus der Menschenwürde abzuleiten seien. Diese Formulierung in den wichtigsten
Menschenrechtspakten sollte auch den Philosophen Anlass geben, darüber nachzu-
denken, ob dem Ausdruck „Menschenwürde“ nicht eine fundamentalere Bedeutung
zukommen sollte als die der Bezeichnung eines weiteren Schutzgutes neben den
vielen anderen. Diese fundamentale Bedeutung liegt darin, dass die Menschenwür-
de den Grund dafür liefert, warum es richtig ist, bestimmte politische und morali-
sche Forderungen als Menschenrechte zu qualifizieren.
30
Zugleich liefert die Men-
schenwürde damit auch ein Kriterium, mittels dessen unbegründete Ansprüche auf
die Anerkennung bestimmter Interessen als Menschenrechte zurückgewiesen wer-
den können. Stoecker liefert kein Argument, das gegen eine solche Verwendung des
Ausdrucks „Menschenwürde“ spricht. Deshalb ist sein Vorschlag, damit das Schutz-
gut zu bezeichnen, das durch Demütigung verletzt wird, zumindest nicht zwingend.
Es gibt gute Gründe, sich dem nicht anzuschließen. So vermag auch Ralf Stoecker
28
http://treaties.un.org/pages/UNTSOnline.aspx?id=.
29
Nachweise bei Tiedemann (Fn. 3), S. 28 ff.
30
Tiedemann (Fn. 3), S. 555 ff.; vgl. für einen anderen Ansatz: Lohmann, Menschenwürde als „Basis“
von Menschenrechten, in: Joerden/Hilgendorf/Thiele (Hrsg.): Menschenwürde und Medizin. Ein in-
terdisziplinäres Handbuch, 2012, S. 179 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
126 Paul Tiedemann
keine überzeugende Begründung dafür zu liefern, warumes bei der Menschenwürde
um Demütigung gehen sollte.
3. Peter Schaber
Peter Schabers Erkenntnisinteresse gilt der Frage, was es bedeutet, einen an-
deren bloß als Mittel zu behandeln.
31
Einen anderen als bloßes Mittel behandeln
bedeutet nach Schaber, ihn in einer Weise zu instrumentalisieren, die seine Wür-
de verletzt oder die Rechte, die sich aus der Würde ergeben.
32
Würde definiert er
als „Anspruch auf Selbstachtung“: „Wer sich selbst achtet, achtet sein Recht, über
wesentliche Bereiche seines Lebens verfügen zu können.“
33
Verletzung der Würde
bedeutet also, das Recht einer Person zu missachten, das darin besteht, über sich
selbst verfügen zu dürfen.
Bis dahin weist die Explikation bereits einige Unklarheiten und Dunkelheiten
auf, die der Autor auch im weiteren Verlauf seines Buches nicht beseitigt. So bleibt
u.a. ungeklärt, was „wesentliche Bereiche des Lebens“ sind und was hier unter ei-
nem „Recht“ zu verstehen ist. Diesen Fragen soll hier aber nur insoweit nachgegan-
gen werden als es für die Klärung des Stellenwertes von Demütigung in Schabers
Konzeption darauf ankommt. Insoweit fällt auf, dass schon die Rede von der Verlet-
zung des Rechts, über wesentliche Bereiche des Lebens verfügen zu können, eine
wichtige Ambivalenz aufweist. Zum einen kann man nämlich unter der Verletzung
eines Rechts die Verletzung des Gutes verstehen, auf das man ein Recht hat. So
verstanden ginge es also im Wesentlichen um die Verletzung oder Beeinträchtigung
der Fähigkeit oder Macht, über sich selbst – bezogen auf wesentliche Bereiche des
Lebens – verfügen zu können. Zum anderen kann man unter der Verletzung eines
Rechts aber auch die Verneinung des Rechts selbst verstehen. Von einer Verletzung
des Rechts in diesemSinne könnte man beispielsweise sprechen, wenn jemand zwar
nicht gefoltert wird, aber behauptet wird, der Betroffene habe jedenfalls kein Recht
darauf, nicht gefoltert zu werden. In diesem Fall wird kein Gut des Betroffenen ver-
letzt, sondern nur verneint, dass er einen anzuerkennenden Anspruch auf dieses Gut
hat.
An dieser Stelle führt Schaber nun den Begriff der Demütigung ein, indem er
die Verletzung des Rechts, in wesentlichen Bereichen über sich selbst verfügen zu
können, als Demütigung bezeichnet.
34
Wegen der beschriebenen Ambivalenz bleibt
aber offen, ob die Demütigung darin liegt, dass ein Gut des Betroffenen verletzt
wird, oder darin, dass ein Recht des Betroffenen verneint wird. Allerdings lenkt das
intuitive Verständnis des Begriffs der Demütigung die Vorstellungskraft in Rich-
tung auf die Verneinung des Rechts und nicht auf die Beeinträchtigung des Gutes.
Das wird dann auch an den Beispielen deutlich, die Schaber präsentiert. So kann er
im 6. Kapitel seines Buches ausführen, die Folter verletze nicht deshalb die Men-
schenwürde, weil sie dem Opfer Schmerzen zufüge, sondern weil sie das Opfer als
31
Schaber, Instrumentalisierung und Würde, 2010, S. 11.
32
Ibid., S. 13.
33
Ibid., S. 15.
34
Ibid., S. 49.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 127
Wesen behandele, dessen Wille nicht zähle, weshalb es nicht darauf ankomme, ob
das Opfer die Folter gut überstehe oder gebrochen werde.
35
Ebenso verletze Skla-
verei die Menschenwürde nicht deshalb, weil die Sklaven daran gehindert würden,
selbstbestimmt zu leben, sondern deshalb, weil mit der Sklaverei die Botschaft ver-
mittelt werde, dass die Betroffenen rechtlose Wesen seien, die beliebig behandelt
werden könnten, weil ihr Wille nicht zähle.
36
Weiterhin sei Armut auch nur dann
menschenunwürdig, wenn im Akt ihrer Zufügung symbolisch die Botschaft mit-
schwinge, dass die Betroffenen nicht zählten.
37
Schließlich folgert Schaber, dass
die Tötung eines Menschen nicht an sich schon seine Würde verletze, sondern nur
dann, wenn sie aus Verachtung erfolge, also wiederumbloß Ausdruck der Botschaft
sei, dass es auf den Betroffenen nicht ankomme.
38
In all diesen Fällen sieht Schaber
die Verletzung der Menschenwürde nicht darin, dass das Vermögen der Selbstbe-
stimmung der Betroffenen, also der Macht, über wesentliche Bereiche ihres Lebens
selbst zu verfügen, beeinträchtigt wird, sondern nur darin, dass solche Beeinträch-
tigungen gewissermaßen propagandistisch vorbereitet oder gerechtfertigt werden,
indem den Betroffenen ein Recht auf das jeweilige Schutzgut abgesprochen wird.
Indessen spricht er die klare Unterscheidung zwischen der Verletzung des Schutz-
gutes und der Verneinung des Rechts auf dieses Schutzgut an keiner Stelle seines
Buches klar aus. Deshalb sieht er sich auch nicht aufgefordert, eine Begründung
dafür zu liefern, warum die Verneinung eines Rechts wichtiger oder fundamenta-
ler sein soll, als die Verletzung des Schutzgutes, das Gegenstand dieses Rechts ist.
Aus diesem Grunde ist seine Argumentation ebenfalls nicht überzeugend. Sie liefert
keinen Grund, die Identitätstheorie aufzugeben.
Um klären zu können, in welchem Verhältnis die Menschenwürde zur Demüti-
gung steht, erscheint es zunächst unverzichtbar, sich Klarheit darüber zu verschaf-
fen, was eigentlich eine Demütigung ist. Nur so kann vermieden werden, dass man
diesen Begriff, wie Schaber das tut, vorschnell zur Rekonstruktion des Begriffs der
Menschenwürde verwendet und dadurch eine falsche Fährte legt.
III. Was ist Demütigung?
In Wikipedia findet sich zum Eintrag „Demütigung“ folgende Definition: „De-
mütigung ist die den Selbstwert, die Würde und den Stolz angreifende beschämen-
de und verächtliche Behandlung eines Anderen, oft auch im Beisein oder vor den
Augen anderer Personen.“
39
Diese Begriffsbestimmung bildet die Vagheit des um-
gangssprachlichen Gebrauchs des Wortes ziemlich gut ab. Diese Vagheit kommt
schon in der Auflistung von Selbstwert, Würde und Stolz zum Ausdruck, die selbst
mindestens ebenso unklar sind wie der Ausdruck, den sie erläutern sollen. Das gilt
auch für die Bezugnahme auf Beschämung und Verächtlichmachung. Umdiese Vag-
35
Ibid., S. 109.
36
Ibid., S. 111.
37
Ibid., S. 114.
38
Ibid., S. 120.
39
http://de.wikipedia.org/wiki/Dem%C3%BCtigung, abgerufen am 6. 12. 2012.
Ausdruck vom 27.11.2013
128 Paul Tiedemann
heit überwinden zu können, empfiehlt sich eine Analyse, die mit den etymologi-
schen Wurzeln des Wortes beginnt.
„Demütigung“ hängt zusammen mit demWort „Demut“. Demut geht zurück auf
die mittelhochdeutsche Wurzel „diemuot“ und „dê muot“, wobei „die“ oder „dê“
die Bedeutung von Knecht, Diener hat und „muot“ die von Sinn oder Gesinnung.
Demut ist danach also die Gesinnung eines Knechts, der sich seiner Niedrigkeit
und Unterwürfigkeit gegenüber einem Herrn bewusst ist.
40
Von daher nahm der Be-
griff die Bedeutung von Bescheidenheit an und dient bei Luther zur Bezeichnung
des Bewusstseins der Niedrigkeit des Menschen im Verhältnis zu Gott. In diesem
Sinne ist Demut eine christliche Tugend, während sie in der Antike als eine dem
Menschen unwürdige Haltung der Selbsterniedrigung gesehen wurde, die kein Lob,
sondern Verachtung verdient.
41
„Demut“ ist also zweideutig. Sie kann im Sinne von
angemessener Bescheidenheit verstanden werden, aber auch im Sinne von unange-
messener Selbsterniedrigung.
„Demütigung“ bezeichnet dagegen keine Haltung, sondern eine Handlung, näm-
lich die Handlung, durch die ein Mensch dazu gebracht werden soll, die Haltung
der Demut anzunehmen. Da diese Haltung, wie dargelegt, zweideutig ist, kann man
unter Demütigung den Vorgang verstehen, durch den Menschen dazu gebracht wer-
den sollen, ihren wirklichen Wert im Vergleich zu Gott, zur Gesellschaft oder zu
anderen Personen anzuerkennen und nicht wirklichkeitsfremd zu überhöhen. In die-
sem Sinne hat Demütigung den Zweck, die Attitüde des Hochmuts, der Selbstüber-
schätzung, des Größenwahns oder der Arroganz zu bekämpfen. Dies entspricht dem
christlichen Verständnis von Demut. Andererseits kann Demütigung aber auch ein
Verhalten bezeichnen, durch das das Opfer der Demütigung die Haltung der Demut
im antiken Sinne annehmen soll, die darin besteht, seinen angemessenen Wert zu
unterschätzen, sich also in ungerechtfertigter Weise selbst zu entwerten und sich
dadurch selbst zu erniedrigen.
Der ambivalente Sinn von „Demütigung“ kommt auch in den englischen Aus-
drücken „humility“ und „humiliation“ zum Ausdruck. Darin steckt das lateinische
Wort humus (= Erde). Humility kann die Haltung des Geerdetseins ausdrücken, also
eine Haltung, die durch ein gesundes Selbstwertgefühl ohne Selbstüberhöhung und
Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist; es kann aber auch das Auf-dem-Boden-
Kriechen meinen, so dass „humiliation“ als eine Handlung zu verstehen ist, ande-
re zu Boden zu werfen und ihnen die Fähigkeit und Bereitschaft zum „aufrechten
Gang“ zu nehmen.
Trotz der Zweideutigkeit der Ausdrücke „Demut“ und „Demütigung“ lässt die
etymologische Analyse aber jedenfalls die Erkenntnis zu, dass Demütigung eine
Handlung ist, deren Zweck darin besteht, in einem anderen eine bestimmte Haltung
zu sich selbst zu evozieren, nämlich die Haltung der Demut, wobei zunächst offen
bleiben kann, in welcher der beiden beschriebenen Bedeutungen Demut zu verste-
hen ist. Demütigung ist damit etwas, das vom jeweils Handelnden aus verstanden
werden muss und nicht von demjenigen aus, an den sich die Demütigung richtet.
40
Artikel „Demut“ in: Regenbogen/Meyer (Hrsg.), Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 1998.
41
Ibid.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 129
Daraus folgt, dass Demütigung nicht mit Beschämung gleichgesetzt werden darf.
Denn ob eine Beschämung stattfindet oder nicht, kann nur aus der Perspektive des
Opfers heraus beurteilt werden. Beschämung ist eine Handlung, durch die in einem
Menschen das Gefühl der Scham hervorgerufen wird.
42
Ein Akt, dessen Ziel es ist,
in dem Opfer das Gefühl der Scham hervorzurufen, muss als gescheitert angesehen
werden, wenn dieses Gefühl tatsächlich nicht ausgelöst wird. In diesem Falle sollte
aus der Perspektive des Akteurs eine Beschämung stattfinden, sie hat aber tatsäch-
lich nicht stattgefunden.
Anders verhält es sich mit der Demütigung. Zwar zielt sie ebenso wie die Be-
schämung darauf ab, die geistige Haltung eines Adressaten zu sich selbst zu verän-
dern, indem er die Haltung der Demut annimmt. Aber die Annahme dieser Haltung
ist kein Definitionsmerkmal der Demütigung. Die Vorgänge bei der Demütigung
sind nämlich folgende:
1. Eine Person D spricht einer anderen Person G einen bestimmten Wert W
D
zu.
D trifft also ein Werturteil über eine Person G. [„Du bist nicht besser als jeder
andere!“ oder „Du bist ein Unmensch, niedriger als normale Menschen!“
2. Der Wert W
D
liegt unter dem Wert W
G
, den sich zu diesem Zeitpunkt die Per-
son G selbst zuspricht [„Ich bin der Größte!“ oder „Ich bin als Person genauso
wertvoll wie jeder andere Artgenosse!“].
3. D sendet an G eine Botschaft, die das Werturteil W
D
zum Inhalt hat. Das tut D
mit der Absicht, dass G sich W
D
zu eigen macht und dafür W
G
aufgibt, also die
Haltung der Demut annimmt.
4. G empfängt die Botschaft und versteht, dass D das Werturteil W
D
für richtig hält
und dem G empfiehlt, sich W
D
zu eigen zu machen.
Damit ist die Demütigung vollzogen. Darauf, ob G der Empfehlung des D tat-
sächlich folgt und sich das Werturteil W
D
zu eigen macht oder nicht, kommt es für
die Vollendung der Demütigung nicht an. Das zeigt sich darin, dass es gemäß den
sprachlichen Konventionen zum Begriff der Demütigung zulässig ist, wenn G die
Botschaft des D als Demütigung auffasst und sie sich gerade deshalb nicht zu eigen
macht, sondern zurückweist. Man kann sich gedemütigt fühlen, obwohl oder gerade
weil man sich das Werturteil nicht zu eigen macht, das der Demütiger ausgesandt
hat. [„Ich verbitte mir Deine Demütigung!“] Eine Demütigung kann also auch dann
vorliegen, wenn sie im Ergebnis nicht zur Demut führt. Im Unterschied dazu kann
man eine Beschämung nicht zurückweisen. Wenn ich beschämt worden bin, schäme
ich mich wirklich. Da gibt es nichts zurückzuweisen. Empfinde ich dagegen keine
Scham, dann hat auch keine Beschämung stattgefunden, die ich zurückweisen könn-
te. [„Wenn Du mich beschämen willst, musst Du Dir schon was Besseres einfallen
lassen!“]
Demütigung darf also nicht als eine Handlung verstanden werden, durch die die
Unterwerfung des Opfers oder die Vernichtung von dessen Stolz und Selbstwertge-
fühl bewirkt wird. Es handelt sich vielmehr umeine komplexe Handlung, die aus der
42
Hilgers, Scham. Gesichter eines Affekts, 2006, unterscheidet verschiedene Typen von Schameffek-
ten. Einer davon ist die Schande, also jenes Schamgefühl, das durch Demütigung ausgelöst werden
kann.
Ausdruck vom 27.11.2013
130 Paul Tiedemann
Bildung und Aussendung eines Werturteils besteht, sowie in der Empfehlung an den
Adressaten, sich dieses Werturteil über sich selbst zu eigen zu machen. Es handelt
sich also durchgehend um rein kommunikative Akte, auf die der Adressat auf der
kommunikativen Ebene erwidern kann, indem er das ihm anempfohlene Werturteil
über sich selbst entweder annimmt oder zurückweist.
Die vorstehenden Darlegungen gewinnen ihre Rechtfertigung allein aus dem
Sprachgebrauch, also aus dem, was wir in unserem alltäglichen Sprachgebrauch
unter Demütigung verstehen und wie wir den Begriff der Demütigung benutzen.
Dieser Sprachgebrauch verweist darauf, dass es sich bei der Demütigung schon aus
rein begrifflichen Gründen um nichts handelt, dass als solches auf die physische,
psychische oder intellektuelle Situation einer Person in dem Sinne einwirkt, dass
es deren Haltung zu sich selbst verändert. Dem etwa von Evelin Lindner vertre-
tenen psychologischen Ansatz bei der Bestimmung des Begriffs der Demütigung,
der auf die psychischen Wirkungen beim Opfer abstellt, sollte deshalb nicht gefolgt
werden.
43
Auch das Problem der Unterscheidung zwischen „echten“ und „unech-
ten“ Demütigungen, die Alexander Hevelke für notwendig hält, um zwischen De-
mütigungen unterscheiden zu können, die berechtigterweise das Gefühl der Scham
auslösen, und solchen, bei denen das nicht der Fall ist, erweist sich bei genauerer
Analyse des Begriffs der Demütigung als ein Scheinproblem.
44
Eine Demütigung ist
keine „erniedrigende Behandlung“ im Sinne des Artikels 3 der Europäischen Men-
schenrechtskonvention oder des Artikels 4 der Europäischen Grundrechts-Charta.
Demütigung ist eine erniedrigende Botschaft, aber keine erniedrigende Behandlung.
Der aus dieser Analyse gewonnene Begriff der Demütigung erlaubt es nun auch,
den entscheidenden Unterschied zwischen einer Demütigung und der Brechung des
Willens einer Person durch Folter oder der Manipulation des Willens durch Zensur
deutlich zu machen. Denn sowohl die Brechung des Willens als auch die Manipu-
lation führen dazu, dass dem Opfer die Fähigkeit geraubt wird, sich auf der Basis
eigener Überlegungen und Reflexionen einen authentischen Willen zu bilden und
sich so selbst zu bestimmen. Es handelt sich also um Einwirkungen auf den Körper
oder auch um Einwirkungen auf den Geist, aber nicht um die bloße Mitteilung eines
Werturteils.
IV. Demütigung als Epiphänomen der Menschenrechtsverletzung
Äußere Handlungen wie Foltern, Vergewaltigen, Terrorisieren, Betrügen, Mani-
pulieren, der Entzug intimer Rückzugsräume etc. sind als solche keine kommunika-
tiven Handlungen. Sie sind darauf gerichtet, Willen zu brechen, Macht auszuüben,
Verhalten zu manipulieren, Kontrolle auszuüben, Selbstbestimmung zu verunmögli-
chen. Was sich an diesen Handlungen unmittelbar zeigt, ist nicht eine Nachricht, die
übermittelt werden soll, nämlich die Nachricht von einem Werturteil. Das, was sich
43
Lindner, Die Psychologie der Demütigung, 2001 (unter: www.sbap.ch/aktivitaeten/pdf/preis/
publ-PsychologieDerDemuetigung.pdf); ebenso: Vogt, Die Sozialität der Scham, EuS 12 (2001),
S. 328; Jacoby, Scham-Angst und Selbstwertgefühl, 2004, S. 9.
44
Hevelke, Echte und eingebildete Demütigungen, ZRPh 10 (2012), S. 79.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 131
unmittelbar als Wirkung der Handlung zeigt, ist vielmehr der Verlust der Fähigkeit
des Betroffenen oder die ernsthafte Bedrohung der Fähigkeit, aus eigenen Überle-
gungen und Reflexionen einen eigenen freien Willen zu bilden und auf dieser Ba-
sis authentische Entscheidungen zu treffen. Deshalb definieren die Menschenrechte
Schutzbereiche, die der Abwehr der die Authentizität einer Person gefährdenden
Handlungen dienen.
Für die Frage, ob eine Verletzung der Menschenwürde vorliegt, muss allein da-
nach gefragt werden, ob durch die betreffende Handlung die Authentizität und Iden-
tität einer Person ernsthaft gefährdet, beschädigt oder zerstört wird. Das allein muss
um jeden Preis verhindert werden und dies allein ist für die juristische Operationa-
bilität des Begriffs der Menschenwürde entscheidend. Auf die Frage, ob und inwie-
weit eine Demütigung vorliegt, kommt es deshalb nicht an. Deshalb sind juristische
Definitionen der Menschenwürde, die entscheidend auf den Begriff der Demütigung
abstellen, unzureichend, bzw. unterbestimmt. Der absolute Schutz der Menschen-
würde fordert die juristische Reaktion auf Menschenwürdeverletzungen erst dann,
wenn sie geschehen oder unmittelbar zu geschehen drohen und nicht schon dann,
wenn über ihre Möglichkeit oder Rechtfertigung Meinungen geäußert werden.
Das bedeutet indessen nicht, dass Handlungen, durch die Menschenrechte ver-
letzt werden, nicht auch eine Botschaft transportieren können.
45
Das wird auch re-
lativ oft der Fall sein. Wer einen anderen foltert, um seinen Willen zu brechen oder
wer ihn manipuliert, so dass er sein Leben nicht mehr nach eigenen authentischen
Überlegungen und Reflexionen führen kann, oder wer einen anderen unablässiger
Kontrolle unterzieht, so dass dieser ständig zur Selbstdarstellung gezwungen ist und
sich deshalb nur noch mit den Augen der anderen aber nicht mehr mit den eigenen
Augen sehen kann, der wird damit in der Regel zugleich zum Ausdruck bringen,
dass es auf die Authentizität und Identität der betroffenen Person nicht ankommt
und die Personalität der betroffenen Person nicht relevant ist, so dass mit ihr um-
gegangen werden kann wie mit einem Tier oder mit einem Ding. Dieses Werturteil
und das daraus folgende Legitimitätsargument für die Beeinträchtigung der Authen-
tizität und Identität einer Person kommen in dem eigentlichen Verletzungsakt kon-
kludent zum Ausdruck. Der Verletzungsakt gewinnt damit zusätzlich auch noch eine
symbolische Funktion, nämlich die Funktion, das besagte Unwerturteil über die be-
troffenen Personen zu transportieren. Dabei handelt es sich um eine Demütigung
nicht im christlichen, sondern im antiken Sinne. Der gedemütigte Mensch soll ver-
anlasst werden, sich selbst als wertlos zu verstehen, als bloßes Ding oder Tier, das
keinerlei Anspruch erheben kann, auf Augenhöhe als Mensch unter Menschen be-
handelt zu werden.
Diese Demütigung tritt im Verhältnis zur Menschenrechtsverletzung aber als
Epiphänomen auf. Für die rechtliche Beurteilung kommt es allein auf die Men-
schenrechtsverletzung als solche an und nicht auf die Demütigung. Deshalb sind
auch „gut gemeinte“ Menschenrechtsverletzungen nichts anderes als Menschen-
rechtsverletzungen. Erich Mielke konnte sich deshalb dem Vorwurf massiver Men-
45
Meyer, Dignity as a (modern) Virtue, in: Kretzmer/Klein (Hrsg.), The Concept of Human Dignity in
Human Right Discourse, 2002, S. 199.
Ausdruck vom 27.11.2013
132 Paul Tiedemann
schenrechtsverletzungen während seiner Amtszeit als Minister für Staatssicherheit
der DDR nicht durch den Hinweis entziehen, er liebe doch alle Menschen.
46
Ob ei-
ne polizeiliche Maßnahme zu Menschenrechtsverletzungen geführt hat, hängt aus-
schließlich davon ab, was passiert ist und nicht von den Absichten und Motiven der
Polizei. Und ebenso hängt die Frage, ob das heimliche Abhören von Telefonen mit
der Menschenwürde vereinbar ist, nicht davon ab, dass die staatlichen Organe kei-
ne Demütigung der Betroffenen im Sinn haben. Der Jurist, der die Menschenrechte
anwenden will und dem es um die Achtung und den Schutz der Menschenwürde als
Rechtsbegriff geht, hat allein darauf abstellen, was in der Welt an Verletzungshand-
lungen tatsächlich geschieht, während er sich nicht mit der Frage auseinandersetzen
muss, ob der Verletzungshandlung darüber hinaus noch eine symbolische Dimensi-
on zukommt und was genau auf dieser Ebene kommuniziert wird. Die Bestimmung
des Begriffs der Menschenwürde als Rechtsbegriff durch den Begriff der Demüti-
gung ist weder notwendig noch hinreichend. Eine Verletzung der Menschenwürde
liegt nicht schon dann vor, wenn jemand es für gut befindet, die Menschenwürde
einer Person zu missachten oder zu verletzen, sondern erst dann, wenn er die Men-
schenwürde tatsächlich missachtet oder verletzt.
Der Unterschied zwischen einer Demütigung im Sinne einer erniedrigenden
Botschaft und einer erniedrigenden Behandlung, die von einer Demütigung als Epi-
phänomen begleitet wird, lässt sich gut an einem Beispiel diskutieren, das von Mar-
galit
47
erwähnt sowie von Stoecker
48
und Schaber
49
diskutiert wird. Es geht um die
Szene auf einem Foto, das nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Wien
geschossen worden ist. Die Szene zeigt eine Gruppe jüdischer Männer, die unter
dem Spott des darum stehenden Pöbels gezwungen werden, mit der Zahnbürste ei-
ne mit Splittern übersäte Straße zu reinigen. Zeigt diese Szene eine Demütigung
oder zeigt sie eine erniedrigende Behandlung und damit eine Verletzung der Men-
schenwürde? – Hier müssen wir m. E. zwei Aspekte voneinander unterscheiden.
Zum einen geht es darum, dass Menschen gezwungen werden, mit der Zahnbürste
eine Straße zu säubern. Das ist als solches keine Menschenwürdeverletzung, denn
durch das Schrubben von Pflastersteinen mit einer Zahnbürste verliert niemand die
Fähigkeit, sich aus eigenen Überlegungen und Reflexionen selbst zu bestimmen.
Allerdings handelt es sich eindeutig um eine Demütigung. Denn in der Nötigung,
mit der Zahnbürste die Straße zu reinigen, liegt zugleich die Botschaft eines Wertur-
teils über die betroffenen Personen und über Juden generell. Das Werturteil besagt,
dass Juden kein personaler Wert zukommt, so dass ihre Fähigkeit zu authentischer
Selbstbestimmung unerheblich ist und keinerlei Rücksicht verlangt. Das kommt dar-
in zum Ausdruck, dass man sie zwingt, eine offensichtlich ganz und gar ineffektive
Tätigkeit zu verrichten, nämlich das Reinigen einer Straße mit der Zahnbürste. Denn
dabei geht es erkennbar nicht darum, die Straße sauber zu bekommen, sondern viel-
mehr darum zu zeigen, dass die Lebenszeit der Opfer so unbedeutend ist, dass man
46
http://www.n-tv.de/politik/dossier/Gelaechter-fuer-Mielkes-Liebeserklaerung-article588170.htm.
47
Margalit (Fn. 2), S. 156.
48
Stoecker (Fn. 24), S. 135 ff.
49
Schaber (Fn. 31), S. 55 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 133
sie nach Belieben zwingen darf, sie durch sinnloses Tun zu vergeuden. Mit diesem
Werturteil wird zugleich das Legitimationsargument dafür geliefert, dass Juden kei-
ne Menschenwürde zukommt, so dass es erlaubt sei, sie wie Tiere oder wie Dinge
zu behandeln.
Die Szene weist aber auch noch eine zweite Dimension auf. Die eigentliche
Perfidität liegt nämlich nicht darin, dass hier ein Unwerturteil über Juden kommuni-
ziert wird, sondern darin, dass die von dem Werturteil betroffenen Menschen dieses
auch noch selber kommunizieren müssen. Man verlangt also von den betroffenen
Menschen, dadurch dass sie mit den Zahnbürsten die Straße reinigen, selbst sym-
bolisch zum Ausdruck zu bringen, dass es auf sie nicht ankommt, dass es keinen
Grund gibt, auf sie Rücksicht zu nehmen, weil sie nicht wie Menschen, sondern wie
Dinge behandelt werden dürfen. Die Szene lässt sich gewissermaßen zu einem öf-
fentlichen Bekenntnis der betroffenen Juden verdichten, das in der Aussage besteht:
„Wir sind keine Menschen. Wir nehmen keine Menschenwürde in Anspruch. Ihr
dürft mit uns umgehen wie mit Tieren oder Sachen.“ Hier geschieht mehr als nur
die Aussendung einer Botschaft. Dieses Mehr besteht darin, dass es die Betroffenen
selber sind, die die Botschaft aussenden müssen. Die Betroffenen sind dadurch nicht
nur Objekt des kommunizierten Werturteils, sondern sie sind zugleich auch diejeni-
gen, die sich selbst als Autoren des Werturteils darstellen müssen. Sie werden nicht
nur von anderen gedemütigt, sondern sie werden zugleich auch genötigt, sich selbst
zu demütigen. Sie müssen sich gewissermaßen selber einreden, nichts wert zu sein.
In diesem zusätzlichen Element ist eine Menschenrechtsverletzung zu sehen. Sie
besteht in dem unmittelbaren Angriff auf die Authentizität und Identität der Person
durch Gehirnwäsche. Wer sich selbst ständig bestimmte Eigenschaften oder Werte
zuspricht, der fängt unweigerlich früher oder später an, selbst daran zu glauben (Au-
tosuggestion). Man kann sich deshalb nicht nur dadurch tatsächlich stark machen, in
dem man sich selbst zuspricht „Ich bin stark!“, sondern man kann sich auch selbst
schwächen, indem man sich selbst zuruft „Ich bin schwach!“ Jeder Fußballtrainer
kann das bestätigen. Nicht anders aber verhält es sich mit dem Zuruf „Ich bin nichts
wert!“. Es führt auf die Dauer zu der inneren Überzeugung, nichts wert zu sein. Die
Mechanismen, die hier am Werk sind, hat Sebastian Haffner in seinen Erinnerungen
an die Infizierung des deutschen Volkes mit dem Ungeist des Nationalsozialismus
imJahre 1933 sehr eindrucksvoll geschildert.
50
Eine einmalige und zeitlich begrenz-
te Situation der Demütigung führt zwar nicht gleich zu dieser geistigen Umpolung.
Aber jeder einzelne Akt ist ein Schritt in diese Richtung. Deshalb muss der Zwang,
vor spottendemPublikummit der Zahnbürste die Straße zu reinigen, ebenso als eine
Verletzung der Menschenwürde angesehen werden, wie die einmalige bloße Andro-
hung von Folter.
51
So lässt sich an der Zahnbürsten-Szene besonders deutlich klar
machen, was bloße Demütigung und Menschenwürdeverletzung unterscheidet.
50
„Man begann mitzumachen – zunächst nur aus Furcht. Nachdem man aber einmal mitmachte, wollte
man es nicht mehr aus Furcht tun – das wäre ja gemein und verächtlich gewesen. So lieferte man die
zugehörige Gesinnung nach. Dies ist die seelische Grundfigur des Sieges der nationalsozialistischen
Revolution.“ (Haffner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914 – 1933, 2002, S. 127.)
51
EGMR v. 1. 6. 2010 – 22978/05 – (Gäfgen gegen Deutschland), EuGRZ 2010, S. 417.
Ausdruck vom 27.11.2013
134 Paul Tiedemann
V. Menschenwürde und Tötung
In der bisherigen Erörterung wurden nur Handlungen betrachtet, durch die Men-
schen in eine menschenunwürdige Situation versetzt werden, indem sie in irgendei-
ner Form daran gehindert werden, sich aus eigenen Überlegungen und Reflexionen
selbst zu bestimmen. Ob solche Handlungen mit einer Demütigung verbunden sind
oder nicht, braucht aus juristischer Sicht nicht weiter aufgeklärt zu werden. Es lässt
sich auch so feststellen, dass eine Verletzung der Menschenwürde und von Men-
schenrechten vorliegt. Es gibt nun aber einen Fall, in dem man nicht behaupten
kann, dass Menschen in einen menschenunwürdigen Zustand versetzt werden, und
in dem wir gleichwohl eine Menschenwürde- und Menschenrechtsverletzung kon-
statieren müssen, obwohl hier tatsächlich nur die symbolische Bedeutung eine Rolle
spielt. Dies ist die Tötung eines Menschen. Dadurch dass ein Mensch vom Leben
zum Tode befördert wird, gerät er nämlich nicht in einen menschenunwürdigen Zu-
stand. Denn er hört auf zu existieren und befindet sich deshalb in überhaupt keinem
Zustand mehr.
52
Dass wir gleichwohl berechtigt sind, in der Tötung eines Menschen
eine Verletzung der Menschenwürde zu sehen, hängt allein mit dem symbolischen
Gehalt dieser Handlung zusammen. Dabei zeigt sich zugleich, worum es bei diesem
symbolischen Gehalt eigentlich geht. Denn jener Mensch, der getötet wird, kann
das im Akt der Tötung liegende Werturteil gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen,
so dass es auf seine Belange insoweit nicht ankommen kann. Was die Tötung ei-
nes Menschen so unerträglich macht, ist vielmehr das Unwerturteil, dass damit über
alle Menschen getroffen wird. Denn im Akt der Tötung wird allen Menschen ver-
mittelt, dass ihr Wert höchst relativ ist und von verschiedenen mehr oder weniger
kontingenten Bedingungen abhängt, bei deren Wegfall sie wertlos werden und getö-
tet werden können. Anton Leist ist dieser Frage im Zusammenhang mit der verbrau-
chenden Embryonenforschung nachgegangen und schließt seine Überlegungen mit
dem Satz: „Wichtiger als der mögliche medizinische Gewinn durch die Forschung
mit Embryonen scheint deshalb die Frage, was die Gesellschaft damit sagen will,
dass sie verbrauchend forscht.“
53
Diese Frage stellt sich indessen nicht nur im Fal-
le der Vernichtung von Embryonen. Sie stellt sich in jedem Fall einer Tötung von
Menschen. Das, was eine Gesellschaft damit sagt, dass sie die Tötung von Men-
schen aus fremdnützigen Gründen für vertretbar hält, wirkt autosuggestiv auf das
Bewusstsein der Mitglieder dieser Gesellschaft zurück, indem es den Sinn für den
absoluten Wert von Personen zum Verschwinden bringt und die damit verbundenen
Schamgefühle ob der eigenen Minderwertigkeit evoziert.
Wenn also im Falle der Tötung die symbolische Funktion die allein maßgebliche
ist, so ändert dies doch nichts an der juristischen Operationalität der Menschenwür-
de in diesem Falle. Denn der Jurist muss sich auch hier nicht damit auseinanderset-
zen, ob und inwieweit eine Demütigung vorliegt. Er hat es vielmehr mit einer ohne
weiteres erkennbaren äußeren Tatsache zu tun, nämlich mit der Tötung eines Men-
schen. Der Zusammenhang von Tötung und Demütigung und die darauf beruhende
52
Dazu ausführlich Tiedemann, Is there a Human Right to Life?, JRE 20 (2012), S. 345.
53
Leist, Menschenwürde als Ausdruck. Ein nicht-metaphysischer Vorschlag, DZPhil 53 (2005), S. 597
(610).
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 135
Zuordnung des Rechts auf Leben zu den Menschenrechten beruht auf einer theo-
retischen Reflexion über eben dieses Recht. Bei der praktischen Subsumtion unter
dieses Recht kommt es aber auf diese theoretische Reflexion nicht an. Sie ist nur
erforderlich, um sich Bedeutung, Rechtsnatur und Umfang des Rechts auf Leben
klar zu machen.
VI. Demütigung als eigenständige Kommunikation
Die vorstehenden Überlegungen führen allerdings nicht dazu, dass sich das
Recht um das Phänomen der Demütigung als solcher überhaupt nicht kümmern
müsste. Ihre rechtliche Relevanz und richtige Einordnung tritt aber erst zutage, wenn
man an Fälle denkt, in denen zwar eindeutig eine Demütigung, aber ebenso eindeu-
tig keine Menschenrechtsverletzung vorliegt, also in Fällen, wo die Demütigung
gleichsam isoliert in Erscheinung tritt.
Als Beispiel sei der Fall einer öffentlichen Kundgebung gewählt, auf der durch
Reden, Parolen und Plakate demWerturteil Ausdruck verliehen wird, dass es auf die
authentische Selbstbestimmung bestimmter Bevölkerungsgruppen, beispielsweise
Ausländern oder den Zugehörigen einer bestimmten Ethnie (Juden, Roma etc.) oder
einer sexuellen Orientierung (Homosexuelle) nicht ankommt, so dass mit den Be-
troffenen ohne Rücksicht auf deren Belange verfahren werden kann wie mit Tie-
ren, Sachen oder jedenfalls Menschen zweiter Klasse. Solche öffentlichen Kundge-
bungen erfüllen den Begriff der Demütigung der Betroffenen, aber sie beeinträchti-
gen nicht unmittelbar deren Fähigkeit zur authentischen Selbstbestimmung. Deshalb
stellen Kundgebungen dieser Art als solche zunächst keine Menschenrechtsverlet-
zung dar.
Allerdings darf man nicht übersehen, dass öffentliche Meinungsäußerungendie-
ser Art auf die Dauer doch die Selbstachtung der betroffenen Personen mindern
kann, nämlich genau dann, wenn es niemanden gibt, der ihnen widerspricht. Das
muss bei den Betroffenen nämlich zu dem Eindruck stillschweigender Zustimmung
der gesamten Gesellschaft führen, in der sie leben. Unabhängig davon, ob die all-
gemeine gesellschaftliche Überzeugung von der Richtigkeit der menschenverach-
tenden Unwerturteile tatsächlich besteht oder von den Betroffenen nur auf Grund
des allgemeinen Schweigens unterstellt wird, führt dies früher oder später jeden-
falls zu enormen existenziellen Ängsten, weil sie damit rechnen müssen, tatsächlich
demnächst wie Tiere oder Dinge behandelt zu werden. Diese Ängste können als
solche die Qualität von Panik einnehmen, die die davon ergriffene Person erheb-
lich in ihrer Fähigkeit einschränkt oder hindert, sich aus eigenen Überlegungen und
Reflexionen selbst zu bestimmen. Darüber hinaus wirkt das unterstellte oder tat-
sächliche allgemeine Unwerturteil der Gesellschaft auf Dauer auch suggestiv auf
die davon Betroffenen. Sie fangen dann an, sich selbst für minderwertig zu halten
und zu glauben, dass ihre personale Authentizität keinen Wert hat. Damit verlieren
sie aber die Fähigkeit, sich aus eigenen Überlegungen und Reflexionen selbst zu
bestimmen. Sie führen kein authentisches Leben mehr, sondern lassen vielmehr ihr
Leben von anderen führen. Diese Situation dürfte beispielsweise für die Frauen in
Ausdruck vom 27.11.2013
136 Paul Tiedemann
streng islamische Gesellschaften zutreffen. Weil seit Jahrhunderten niemand jemals
der Aussage widersprochen hat, dass sie weniger wert sind als Männer und daher
auch weniger Rechte haben und dem Mann gehorchen müssen
54
, glauben sie auch
selbst daran und sind deshalb ihr Leben lang heftigen Schamgefühlen ausgesetzt,
die sie daran hindern, sich authentisch selbst zu bestimmen.
Diese Analyse zeigt, dass die isolierte Demütigung als solche zwar noch keine
Menschenrechtsverletzung darstellt, dass sie aber doch dazu führen kann, wenn die
Gesellschaft darauf nicht abweisend reagiert. Damit sich aus Demütigungen keine
Menschenrechtsverletzungen entwickeln, kommt es deshalb darauf an, Äußerungen
dieser Art gesellschaftlich nachhaltig entgegenzutreten. Wenn dies geschieht, ler-
nen die von der Demütigung Betroffenen, dass es sich um eine Meinung handelt,
deren Äußerung ihnen keine amorphe Angst machen muss, weil sie auf den Schutz
der Gesellschaft vertrauen können, und es keinen Grund gibt, sich das demütigen-
de Unwerturteil zu eigen zu machen, da der Abwertung durch eine Minderheit die
Anerkennung und Achtung seitens der Mehrheit gegenübersteht.
Deshalb ist eine Neonazi-Kundgebung, auf der menschenverachtende Parolen
skandiert werden, solange keine Menschenrechtsverletzung wie sie deutlich über-
wiegende zivilgesellschaftliche Gegenreaktionen in Formvon Kundgebungengegen
die Nazi-Ideologie hervorrufen. Solange das so ist, muss auch nicht unbedingt auf
das hoheitliche Instrumentarium des Demonstrationsverbotes oder der strafrecht-
lichen Verfolgung zurückgegriffen werden. Straftatbestände, die menschenverach-
tende Hetzreden unter Strafe stellen, können eine nützliche flankierende Maßnahme
sein, die die Absage der Gesellschaft gegen Menschenverachtung dokumentiert und
für die Betroffenen sichtbar macht. Solche Strafvorschriften kriminalisieren men-
schenverachtende Meinungsäußerungen also nicht deshalb, weil es sich um Men-
schenrechtsverletzungen handelt, sondern vielmehr, um Menschenrechtsverletzun-
gen vorzubeugen.
VII. Schluss
Die Untersuchung hat gezeigt, dass es keinen guten Grund gibt, die Identitäts-
theorie der Menschenwürde aufzugeben und den Ausdruck „Menschenwürde“ nur
zur Bezeichnung jenes Schutzgutes zu verwenden, das durch Demütigung verletzt
wird. Denn nur wenn man unter Menschenwürde das Prinzip oder die Basis der
Menschenrechte versteht, kann sie uns begreifbar machen, was es mit den Men-
schenrechten eigentlich auf sich hat. Nur so können wir sicherstellen, dass Men-
schenrechte die erforderliche Stärke entfalten können, die erforderlich ist, um mit
ihrer Hilfe den Kern der menschlichen Personalität vor Verletzungen zu bewahren.
Denn als Prinzip der Menschenrechte vermittelt die Menschenwürde jene Resistenz
gegen Derogation, Relativierung und Abwägung, ohne die Menschenrechte ihren
Sinn verlieren. Demütigung und Schutz vor Demütigung erweisen sich dagegen als
wesentlich weniger bedeutend. Denn entweder tritt Demütigung nur epiphänome-
nal bei einer menschenrechtlichen Rechtsgutverletzung auf, dann trifft sie auf den
54
Koran 2, 228; 4, 34.
Ausdruck vom 27.11.2013
Demütigung – Beschämung – Menschenwürde 137
Widerstand jenes Menschenrechts aus dem herkömmlichen Kanon, welches das be-
treffende Rechtsgut schützt. Oder sie tritt isoliert auf, dann ruft sie eine Beeinträch-
tigung hervor, die die Integrität der Person unberührt lässt und daher keinen men-
schenrechtlichen Schutz erfordert. Deshalb gibt es kein Bedürfnis für das Postulat
eines weiteren Menschenrechts, das gegen Demütigung schützt und dafür den Be-
griff der Menschenwürde okkupiert.
Ausdruck vom 27.11.2013
Ausdruck vom 27.11.2013
Rezensionen
Ius Post Bellum – Zielvorstellungen und Möglichkeiten
Eine Besprechung von Eric Patterson (Hrsg.): Ethics Beyond War’s End, 2012,
246 S.
Martin Frank, Berlin
I. Ausgangspunkte
Das ius post bellum wird zumeist als dasjenige Beurteilungs- und Regelungsset
verstanden, das sich mit dem Übergang vom Ende der Feindseligkeiten zum Frie-
denszustand befasst. Es hat dabei einen reflexiven Aspekt, als es sich mit den noch
offenen ad bellum- bzw. in bello-Fragen des Krieges beschäftigt, wie z.B. der Straf-
verfolgung von Kriegsverbrechen, der Wiedergutmachung ungerechtfertigter Schä-
den oder der Wiederherstellung der verletzten Rechte, die den Anlass zum Krieg
bildeten. Es hat aber auch prospektive Aspekte, insofern es sich um die Friedens-
sicherung und -konsolidierung kümmert. Da dabei auch Entscheidungen getroffen
werden müssen, die nicht unmittelbar etwas mit den ad bellum-Gründen des Kriegs
zu tun haben (Nachkriegsordnung, Wiederherstellung normaler zwischenstaatlicher
Beziehungen etc.), bedarf das ius post bellum auch einer gewissen Eigenständigkeit.
Verschiedene Forschungsrichtungen befassen sich aus unterschiedlichen Per-
spektiven mit diesem Übergang. Das post-conflict peacebuilding etwa untersucht
die dafür notwendigen oder förderlichen praktischen Maßnahmen. Der Ansatz des
transitional justice kümmert sich um die Aufarbeitung der Massenverbrechen auto-
ritärer oder krimineller Regime. Die rechtshistorische Forschung betrachtet die his-
torische und gegenwärtige Staatenpraxis anhand von Friedensverträgen. Das inter-
nationale Recht versucht, einen kohärenten Rechtsrahmen für die Zeit militärischer
Besatzungen oder internationaler Verwaltungen von Konfliktparteien zu formulie-
ren. Die Theorie des gerechten Krieges schließlich betrachtet das ius post bellum
als den komplementären dritten Teil der Kriegsbewertung, der mit dem Recht zum
und im Krieg in eine integrative Konzeption zusammengeführt werden sollte.
Etwas vereinfachend kann man die normative und rechtliche Diskussion um
das ius post bellum der letzten Jahre auch entlang der Entwicklungen der Kriege
im Irak und in Afghanistan nachvollziehen. In der ersten Phase wurde unter ande-
rem darüber gestritten, ob ein erzwungener Regimewechsel ein legitimes Kriegsziel
sei
1
und ob ein als ungerechtfertigt betrachteter Krieg umfassendere post bellum-
Verpflichtungen nach sich ziehe.
2
Die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer früh-
zeitigen Nachkriegsplanung wurde ebenso zum Allgemeingut wie die Erkenntnis,
1
Walzer, Regime Change and Just War, Dissent (2006), S. 103; Elshtain, Jean Bethke Elshtain Re-
sponds, Dissent (2006); Elshtain, Terrorism, Regime Change, and Just War: Reflections on Michael
Walzer, Journal of Military Ethics 6 (2007); Orend, The Morality of War, 2006, Kap. 7.
2
Orend (Fn. 1), S. 162 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
140 Martin Frank
dass entsprechende theoretische und praktische Konzeptionen so gut wie nicht vor-
handen waren. In der zweiten Phase der militärischen Okkupation standen etwa die
möglichen Berechtigungen bzw. Pflichten des Besatzers, die akzeptable Dauer oder
die Frage, ob eine Nachkriegsbesatzung eine Pflicht oder Selbstverpflichtung des
okkupierenden Staates sei, im Mittelpunkt.
3
Nachdemsich die ganze Angelegenheit
in die Länge zog und ständig neue Konfliktherde und Aufstände auftraten, dominier-
te lange Zeit die Frage der Alternative zwischen vorzeitigem Abzug oder Truppen-
verstärkung die Auseinandersetzung.
4
Dabei wurde eine Reihe von exit-Strategien
vorgeschlagen, die Stufenmodelle eines geordneten Abzugs und der Übergabe der
durch die Okkupation übernommenen Verantwortlichkeiten skizzierten.
5
Die spe-
ziellen Probleme der nichtregulären Kriegsführung, des Antiterrorkampfes und der
Bewältigung von Aufständen wurden ebenfalls unter normativen und rechtlichen
Gesichtspunkten beleuchtet.
6
Die Skepsis, ob für diese Phänomene das gegenwär-
tige Kriegsrecht bzw. die Theorie des gerechten Krieges relevant oder ausreichend
seien, ist nach wie vor ausgeprägt. Der vorliegende Sammelband von Eric Patterson
gehört in die bislang letzte Phase. Entlastet von den tagespolitischen Ereignissen,
des dominierenden Irak-Falls und der Fixierung auf den Spezialfall der militärischen
Besatzung konnten und können nun Lehren aus den Nachkriegsentwicklungen ge-
zogen und grundlegende Fragen des ius post bellum angegangen werden.
II. Doppelte Skepsis
Die normative Skepsis hält das ius post bellum entweder für zu unausgereift,
um nützlich zu sein,
7
für wenig hilfreich, da die Aufgaben und Prinzipien besser
außerhalb der Begrenzungen der Theorie des gerechten Krieges aufgehoben wä-
ren
8
oder für überflüssig, weil die meisten post bellum-Prinzipien schon in den ad
3
McMahan, The Morality of Military Occupation, Loy. Los Angeles. International & Comparativ Law
Review 31 (2009), S. 101; Walzer, Just and Unjust Occupations, Dissent 51 (2004), S. 61; Evans, Ba-
lancing Peace, Justice and Sovereignty in Jus Post Bellum: The Case of ‚Just Occupation‘, Millenium
36 (2008), S. 533; Thürer/MacLaren, „Ius Post Bellum“ in Iraq: A Challenge to the Application and
Relevance of International Humanitarian Law?, FS Delbrück, 2005, S. 753; Schaller, Peacebuilding
and „ius post bellum“. Völkerrechtliche Rahmenbedingungen der Friedenskonsolidierung nach mili-
tärischen Interventionen, SWP-Studie, 2006.
4
Walzer, Exit or No Exit? Michael Walzer’s Response, Dissent (2009); Elshtain, Exit or Not Exit?
Jean Bethke Elshtain’s Response, Dissent (2009); Elshtain, The Ethics of Fleeing:What America
Still Owes Iraq, World Affairs 170 (2008), S. 91; Power, Exit or No Exit? Gerard Power’s Response,
Dissent (2009).
5
Iasiello, Jus Post Bellum. The Moral Responsibilities of Victors in War, Naval War College Review
57 (2004), S. 33; Walzer, Erklärte Kriege – Kriegserklärungen, 2003, 82 ff; Walzer (Fn. 3); Hanson,
From Intervention to Local Ownership: Rebuilding a Just and Sustainable Rule of Law after Conflict,
in: Stahn/Kleffner (Hrsg.), Jus Post Bellum. Towards a Law of Transition From Conflict to Peace,
2008, S. 131.
6
Johnson, Jus Post Bellum and Counterinsurgency, Journal of Military Ethics (2008), S. 215.
7
Bellamy, The responsibilities of victory: Jus Post Bellum and the Just War, Review of International
Studies 34 (2008), S. 601 (602 f.).
8
Lazar, Skepticism about jus post bellum, in: May/Forcehimes (Hrsg.), Morality, Jus Post Bellum, and
International Law, 2012, S. 204 (215 ff.).
Ausdruck vom 27.11.2013
Ius Post Bellum – Zielvorstellungen und Möglichkeiten 141
bellum-Prinzipien der Proportionalität und der rechten Absicht enthalten wären.
9
Andere kritisieren, dass die vermeintlichen historischen Vorläufer (Vitoria, Gentili,
Kant) mit ihren Nachkriegsüberlegungen etwas anderes im Sinne gehabt hätten als
den Übergang zum Friedenszustand.
10
Diese skeptischen Ansichten haben jedoch
dann einen schweren Stand, wenn sich, wie oben angedeutet, zeigen lässt, dass die
Übergangsphase eigenständige Fragen aufwirft und die Prinzipien in eine umfas-
sende Konzeption integriert werden können. Selbst wenn es richtig wäre, dass die
Vorläufer etwas anderes im Sinn hatten (was nicht in jedem Fall plausibel ist), folgt
daraus weder, dass ihre Überlegungen nicht nutzbar gemacht werden können, noch
dass ein ius post bellum nicht sachlich gerechtfertigt werden könnte.
Die rechtliche Skepsis scheint noch ausgeprägter zu sein, da viele an der Zwei-
Zustände-Theorie von Kriegs- und Friedensrecht festhalten,
11
während andere das
ius post bellum nur für neue Schläuche für alten Wein halten.
12
Die rechtliche Nor-
mierung des Besatzungsrechts, des humanitären Völkerrechts, des Rechts externer
internationaler Verwaltungen etc. sei inzwischen so weit ausgeformt, dass ein ei-
genes rechtliches ius post bellum eine überflüssige Verdopplung wäre.
13
Das nor-
mative ius post bellum sei aus den gleichen Gründen nicht nur entbehrlich, son-
dern auch schädlich, da es die Neutralität der Kategorien nicht akzeptiere, sich in
Sachen einmische, von denen es nichts verstünde und mit moralischen Forderun-
gen falsche (rechtliche) Erwartungen befördere.
14
Verlangt man nur eine rechtliche
Abdeckung der (aus juristischer Sicht weitgehenden) Zuständigkeiten bzw. einen
Ausgleich möglicher Normenkollisionen, ist eine weitergehende theoretische Inte-
gration unnötig.
15
Das Ziel des Nachkonfliktrechts ist nicht, den Krieg und seine
Folgen zum Abschluss zu bringen, sondern eine rechtliche Ordnung für einen be-
stimmten Zeitraum und ein abgegrenztes Gebiet zu schaffen, bis das gewöhnliche
Friedensrecht wieder Anwendung findet.
9
Fischer, Morality and War: Can War Be Just in the Twenty-first Century, 2011, S. 79 f.; Rengger, The
judgement of war: on the idea of legitimate force in world politics, Review of International Studies
31 (2005), S. 143 (154)
10
Cryer, Law and the jus post bellum: counceling caution, in; May/Forcehimes (Fn. 8), S. 223; Lew-
kowicz, Jus Post Bellum: vieille antienne ou nouvelle branche du droit? Sur le mythe de l’origine
vénérable du Jus Post Bellum, Revue Belge de Droit International 44 (2011), S. 5 ff.
11
Stahn, Jus Post Bellum: Mapping the Discipline(s), in: Stahn/Kleffner (Fn. 5), S. 99 f.
12
Österdahl/van Zadel, What Will Jus Post Bellum Mean? Of New Wine and Old Bottles, Journal of
Conflict and Security Law 14 (2009), S. 175.
13
De Brabendere, International Territorial Administrations and Post-Conflict Reforms: Reflections on
the Need of a Jus Post Bellum as a Legal Framework, Revue Belge de Droit International 44 (2011),
S. 69 (70, 78 f.).
14
De Brabandere (Fn. 13), S. 78 f.; ders., The Responsibility for Post-Conflict Reforms: A Critical
Assessment of Jus Post Bellum as a Legal Concept, Vanderbilt Journal of Transnational Law 43
(2010), S. 120 (121,134, 139).
15
Dass es eine „offene Flanke“ des Völkerrechts (Schaller [Fn. 3], S. 8) oder ein legal „lacuna“ bzw.
„gap“ (Boon, Obligations of the New Occupier: The Contours of a Jus Post Bellum, Loyola of Los
Angeles International and Comparative Law Review 31 [2008], S. 101; Stahn [Fn. 11], S. 101 f.)
gibt, bzw. dass das internationale Recht wie ein „Flickenteppich“ erscheint (Epping, Ius post bellum –
Völkerrechtliche Grauzone und Flickenteppich, FS Bothe, 2008, S. 65 [79]), kann nicht nur empirisch
festgestellt werden, sondern bedarf systematischer Erwartungen.
Ausdruck vom 27.11.2013
142 Martin Frank
In der von Eric Patterson herausgegebenen Aufsatzsammlung dagegen wird ei-
ne normative Skepsis nicht thematisiert. Die Notwendigkeit und Dringlichkeit eines
ius post bellum wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Viele der Autorinnen und
Autoren aus der Philosophie, Theologie oder dem Militär waren schon in früheren
Phasen der Diskussion beteiligt. Es werden auch keine bisher unbekannten Aufga-
ben oder Prinzipien für den Nachkriegszeitraumvorgeschlagen. Die Autorinnen und
Autoren konzentrieren sich stattdessen auf die Diskussion der Bedeutung bzw. des
Umfangs einzelner Aufgabenbereiche. Es sind vor allem vier Fragen, die im Zen-
trum vieler Beiträge stehen: die Verrechtlichung des ius post bellum, die politische
Transformation von beteiligten Staaten, die Idee eines gerechten Friedens sowie die
Versöhnung der Konfliktparteien.
III. Verrechtlichung
Brian Orend ist einer der Autoren, welche die normative Diskussion um das ius
post bellum angestoßen haben. Er hat in einer Reihe von Schriften sieben Prinzipien
vorgeschlagen, die sich an bekannte ad bellum- bzw. in bello-Prinzipien anlehnen
und die von vielen Autorinnen und Autoren aufgenommen und inhaltlich erweitert
wurden. Er schlägt vor, die weithin akzeptablen normativen post bellum-Prinzipien
zu verrechtlichen und einklagbar zu machen. Sie sollten parallel zum ius ad bellum
und ius in bello in einer neuen Genfer Konvention international kodifiziert wer-
den. Die Verregelung erhöhe nicht nur die Erwartungssicherheit aller Beteiligten,
sondern würde auch kriegsverkürzende oder abschreckende Effekte zeitigen. Nach
dem oben Gesagten scheint er damit nicht nur offene juristische Türen einzurennen,
sondern auch durch rechtliche Unkenntnis die juristische Kritik normativer Vorstel-
lungen zu bestätigen.
Doch das Verhältnis von Recht und Moral erweist sich als deutlich komplizier-
ter. Problematisch sieht Orend zunächst das internationale Aushandlungsverfahren,
das eine größere Wahrscheinlichkeit für fragwürdige Kompromisse und tagespoliti-
sche Opportunitäten an den Tag legen würde als für vernünftige und sachgerechte
Regelungen. Er scheint also entgegen der rechtlichen Skepsis als Philosoph der Mei-
nung zu sein, dass bisher nicht alles und nicht alles so rechtlich geregelt ist, wie es
normativ sein sollte. Im Gegensatz dazu hält James T. Johnson in seinem Beitrag
die Aufgaben des ius post bellum für zu umfassend und divers, als dass man sie
überhaupt verrechtlichen könnte. Die Anwendung der meisten Prinzipien erfordere
politische Urteilskraft und angemessene Situationseinschätzungen, wofür Gerichte
gerade am wenigsten geeignet seien.
Man könnte auch bezweifeln, ob alle Prinzipien überhaupt positivierbar seien.
Die rechte Absicht hat sich schon beim ius ad bellum als resistent erwiesen. Ebenso
fraglich ist, ob etwa die Höhe und Dauer von Wiederaufbauhilfen oder ein externer
Regimewechsel einklagbar sein könnten. Wie oben erwähnt, haben schließlich auch
juristische ius post bellum-Befürworter nicht die Absicht, nur etwas normativ Vor-
gegebenes zu positivieren. Sie sehen in einem ius post bellum die Möglichkeit eines
Ausdruck vom 27.11.2013
Ius Post Bellum – Zielvorstellungen und Möglichkeiten 143
einheitlichen rechtlichen Rahmens für Nachkriegsokkupationen,
16
Friedenskonsoli-
dierung
17
oder Konfliktfolgenbewältigung.
18
Sie wollen vielmehr etwas anderes. Sie
haben zum einen die Vorstellung einer umfassenden, alle Lebensbereiche einschlie-
ßenden Zuständigkeit für ein bestimmtes Territorium, die weit über das von der
Theorie des gerechten Krieges Beabsichtigte hinausgeht.
19
Zumanderen verteidigen
sie heftig die Unabhängigkeit der Beurteilungskategorien sowie die Neutralität der
in bello- und post bellum-Regelungen.
20
Der zentrale Zweck der Theorie des gerech-
ten Krieges ist es jedoch, an die Feststellung der ad bellum-Gerechtigkeit eines Krie-
ges normative Folgen anzuschließen. Die drei Teile der Theorie sind deshalb nicht
bzw. nicht gänzlich unabhängig voneinander, und die in bello- und post bellum-
Regelungen können nicht ohne Verlust gerechtigkeitsneutral verstanden werden.
21
Wenn aber die Projekte wirklich so unterschiedlich sind, liegt die Vermutung nahe,
dass mehr als eine partielle Überlappung und Arbeitsteilung
22
nicht zu haben sind.
23
IV. Politische Transformationen
In der bisherigen Diskussion haben sich verschiedene Positionen bei der Frage
der post bellum-Transformation von Konfliktparteien herausgebildet, die sich auch
in verschiedenen Beiträgen wiederspiegeln. Die restaurative Position hält eine strik-
te Ausrichtung am status quo ante bellum für erforderlich und erlaubt nur minimale
Abweichungen aus unabhängigen Gründen. Die Position der Transformationsnor-
malisten hält politische Umwandlungen imNachkriegszeitraumstets für legitimund
erforderlich. Orend z.B. spricht gelegentlich sogar von einer Transformationsprä-
sumption.
24
Als Begründung wird auf Sicherheitsbedürfnisse, Abschreckung oder
16
Thürer/MacLaren (Fn. 3); Boon (Fn. 15), S. 103; ders., Legislative Reform in Post-conflict Zones:
Jus Post Bellum and the Contemporary Occupant’s Law-Making Powers, McGill Law Journal 50
(2005), S. 285; Cohen, The Role of International Law in Post-Conflict Constitution-Making: Toward
a Jus Post Bellum for „Interim Occupations“, New York Law School Law Review 51 (2006/2007),
S. 496.
17
Schaller (Fn. 3), S. 5 f.; Epping (Fn. 15), S. 66; Krajewki, Schadensersatz wegen Verletzungen des
Gewaltverbots als ius post bellum am Beispiel der Eritrea-Ethiopia Claims Commission, ZaöRV 72
(2012), S. 147 (152).
18
Marauhn, Konfliktfolgenbewältigung statt Legalisierung. Die Vereinten Nationen nach dem Irak-
Krieg, Vereinte Nationen 4 (2003), S. 113; ders., Konfliktfolgenbewältigung zwischen Legitimität
und Legalität, in: Bruha u.a. (Hrsg.), Legalität, Legitimität und Moral, 2008, S. 249 (263); ders., The
Silent Threat: Explosive Remnants of War, FS Bothe, 2008, S. 193 (194).
19
Stahn (Fn.11), § 2; Boon (Fn. 16), S. 290 f.; Epping (Fn.15), S. 66 f.
20
Stahn (Fn. 11), S. 110; de Brabandere (Fn. 14), S. 139 f.; Boon (Fn. 16), S. 290 f.
21
Larry May lehnt dagegen die Abhängigkeit der anderen Teile von der ad bellum-Gerechtigkeit ab
(After War Ends. A Philosophical Perspective, 2012, S. 15 f.). Für die gerechtigkeitsneutrale For-
mulierung der meisten seiner Prinzipien ist er bereit, weitgehende Abstriche von der Theorie des
gerechten Krieges zu machen.
22
So könnte sich Orend (Fn. 1), S. 170 f., 181 f. z.B. damit bescheiden, die Notwendigkeit der Straf-
verfolgung von ad bellum- und in bello-Verbrechen normativ darzulegen und die näheren Umstände
(Strafmaß, Rechtsdurchsetzung, Verfahren etc.) den juristischen Profis zu überlassen.
23
Das wechselseitige Aneinandervorbeireden ist gut im Sammelband von Stahn/Kleffner, Jus Post Bel-
lum. Towards a Law of Transition From Conflict to Peace, 2008 dokumentiert.
24
Vgl. Orend, Justice after War, Ethics and International Affairs 1 (2004), S. 43 (51).
Ausdruck vom 27.11.2013
144 Martin Frank
die Beseitigung kriegsunabhängiger Ungerechtigkeiten verwiesen. Die dritte Positi-
on geht darüber hinaus und fordert aufgrund eines humanistischen Ideals oder eines
aufgeladenen Begriffs von gerechtemFrieden einen Transformationsmaximalismus.
Die Nachkriegszeit biete die einmalige Gelegenheit, die Gesellschaften, die interna-
tionale Gemeinschaft oder die Welt insgesamt in einen besseren politischen und
sozialen Zustand zu versetzen. Resultierte die status quo ante bellum-Orientierung
aus der Interpretation der Zuständigkeit der Theorie des gerechten Krieges, so lässt
die maximalistische Position die Theorie weit hinter sich.
Der wohl wichtigste Vertreter der restaurativen Position ist Michael Walzer. In
früheren Schriften schien es, als ob er die schlichte Restauration ablehnen würde, da
er einen „better state of peace“ als Ziel bevorzugen würde.
25
Die Rückkehr zumVor-
kriegszustand sei unsinnig, da sie einerseits empirisch unmöglich ist und da dieser
andererseits ja gerade den Konflikt herbeigeführt habe.
26
So ist der Vorschlag auch
in der Literatur oft aufgenommen worden. Doch in dieser Allgemeinheit ist er un-
plausibel, denn im Falle einer nichtprovozierten Aggression ist das nahe liegendste
Ziel die Abwehr und die Wiederherstellung der beeinträchtigten Rechte. Der status
quo ante bellum meint daher die unbeschädigte rechtliche Situation. Zu sagen, dass
diese Situation die Aggression herbeigeführt habe, ist ohne weiteres abwegig. Daher
ist es besser, seinen Vorschlag so zu verstehen, dass die schlichte Restauration dann
nicht gesucht werden sollte, wenn die Vorkriegssituation den Konflikt mitverursacht
hat. Sein Beispiel ist ein Regime, das wie in Ruanda, aktiv am Genozid beteiligt
war. In diesem Fall wäre es merkwürdig, wenn nach einer Intervention das Regime,
also die Kriegsursache, im Amt gelassen würde.
Auch in seinem Beitrag verteidigt Walzer seine Auffassung der Restauration
plus. Die Beseitigung der zum Krieg führenden Ungerechtigkeit, also die Wieder-
herstellung des status quo ante bellum sei das primäre Ziel der Theorie des gerech-
ten Krieges. Allerdings rechtfertigen auch Friedenssicherungs- und Friedenskon-
solidierungsüberlegungen oder das Auftreten kontingenter Umstände transformati-
ve Ausnahmen. Die Abweichungen sind klar als Ausnahmen gekennzeichnet und
durch Gründe gestützt, die im engen Zusammenhang mit der Theorie des gerech-
ten Krieges stehen (Kriegsursachenbeseitigung, Verhinderung neuer bzw. des Wie-
deraufflammens alter Kriege). James T. Johnson und Robert Royal lassen in ihren
Beiträgen eine Nähe zu dieser Position erkennen. Die Frage, ob explizite ad bellum-
Transformationsziele (externe Regimewechsel oder Demokratisierung) legitim sein
können, wird jedoch nicht weiter diskutiert.
Eine transformatorische Position wird in den Beiträgen von Elshtain, Orend,
Evans und Williams vertreten. Post bellum-Transformationen sind dabei keine blo-
ßen Reaktionen auf unerwartet auftretende Umstände (im Gefolge des Kriegs zu-
sammenbrechende Staatswesen) oder Ausnahmen, sondern der Normalfall. Das ius
post bellum soll in der Regel Transformationsziele vorschreiben. Orends Rehabi-
litationsmodell sieht für den gerechten Sieger neben der Verpflichtung zum Wie-
25
Walzer, Just and Unjust Wars, 2006, S. 121.
26
Walzer (Fn. 5), S. 47, 109f; ders., The Argument about Humanitarian Intervention, Dissent (2008);
Bass, Jus Post Bellum, Philosophy & Public Affairs 32 (2004), S. 384 (390 f.).
Ausdruck vom 27.11.2013
Ius Post Bellum – Zielvorstellungen und Möglichkeiten 145
deraufbau auch die Erlaubnis zum externen Regimewechsel vor. Politische Trans-
formationen umfassen allerdings auch institutionelle Reformen, Demilitarisierung
oder den Elitenaustauch. Seine Gründe dafür sind im Wesentlichen dieselben wie
die von Walzer, Sicherheits- und Friedenserhaltungserwägungen. Der weitgehende
politische Umbau wird zumeist als notwendiges Mittel zur langfristigen Friedens-
sicherung gerechtfertigt. Eine solche transformative Position hat aber auch einige
schwierige Fragen zu beantworten. Ist es z.B. nach jeder zurückgeschlagenen Ag-
gression notwendig, den Aggressorstaat zu reformieren? Ist die Idee der Souveräni-
tät wirklich so einfach zu übertrumpfen? Ist die Aussicht wirklich so gewiss, dass
der reformierte Staat langfristig friedlicher oder ziviler ist?
Jean Elshtain geht in ihrem Beitrag noch etwas weiter, insofern sie einen dritten
Weg vorstellt. Das ius post bellum habe die Herstellung eines minimal anständigen
und stabilen Staates durch demokratische Prozesse zum Ziel. Es bleibt dabei je-
doch unklar, ob Elshtain wie in früheren Schriften eine Anknüpfung an die Theorie
des gerechten Krieges sucht,
27
oder ob sie ein davon unabhängiges Ziel formulieren
will, das die Anständigkeit und Stabilität nicht mehr (ausschließlich) am beendeten
Krieg bemisst. Im letzteren Fall wäre ein weiterer Schritt in Richtung auf ein maxi-
males Ziel getan. Das ius post bellum sollte nicht mehr nur den Krieg abschließen,
sondern Anständigkeit, Stabilität und Demokratie auf der Welt verbreiten. Robert
Williams scheint in seinem Beitrag etwas Ähnliches zu wollen, wenn er seine Idee
eines „more perfect peace“ mit höheren Ambitionen ausstattet. Diese ist auf einen
stabilen Frieden gerichtet, in dem die aktuellen und möglichen Kriegsursachen be-
seitigt und eine friedfertigere politische Landschaft etabliert ist. Bei Mark Evans
ist es ein reichhaltiger Begriff von gerechtem Frieden, der primär zukunftsorientiert
über die Beschränkungen der Restauration hinausweist. Beide nehmen die Theo-
rie des gerechten Krieges gerade nicht als Ausgangspunkt für die Entwicklung ihrer
Konzeptionen. Ihre Ideale stammen aus anderen, nicht weiter explizierten Quellen.
28
Dennoch werden post bellum-Transformationenauch kritisch gesehen. Die Idea-
le alleine reichten nicht aus, um Art und Dauer der Maßnahmen zu bestimmen
(Royal). Zudem sei alles, was über minimale Forderungen hinausgeht, schwer zu
begründen und dem Vorwurf der Willkür und des Kolonialismus ausgesetzt (Orend,
Elshtain). Wer politische Veränderungen beimVerlierer nicht auf bestimmte, kriegs-
bezogene Umstände einschränkt (Friedenssicherung, Kriegsursachenbeseitigung),
öffnet nicht nur dem Missbrauch Tür und Tor, sondern muss auch politische Ziel-
vorstellungen vorbringen können, die allgemein akzeptabel sein können und von
den Betroffenen nicht schlicht als (westlichen) Paternalismus verstanden werden.
29
Es ist schwer zu sehen, ob mehr konsensfähig wäre, als dass das neue Regime
zwischenstaatlich nichtaggressiv und intern nichtmörderisch sein sollte. Schließlich
stelle sich auch die Frage, ob denn dafür die Theorie des gerechten Krieges über-
27
Vgl. Elshtain (Fn. 1).
28
Die (soweit ersichtlich) bisher am weitesten gehende, theologisch begründete Position findet sich in
Winright/Allman, After the Smoke Clears. The Just War Tradition and Post War Justice, 2010, Kap. 6.
29
Bellamy (Fn. 7), S. 619 ff.
Ausdruck vom 27.11.2013
146 Martin Frank
haupt zuständig sei (Evans), bzw. ob diese Ziele nicht besser mit anderen Mitteln
verfolgt werden sollten.
V. Gerechter Frieden
Fasst man das ius post bellum als Regelung eines Übergangs vom Kriegs- in
einen Friedenszustand auf, dann lassen sich die relevanten Aufgaben und Prinzipien
erst identifizieren, wenn man den anzustrebenden Endzustand kennt. Die Schwierig-
keiten, dass Ziel zu bestimmen, sind nicht neu. Mark Evans geht deshalb in seinem
Beitrag einigen praktischen und konzeptionellen Problemen nach, die den Begriff
des gerechten Friedens als ein „elusive ideal“ kennzeichnen. Wer die Gerechtigkeit
des Friedens hervorhebt, ist zumeist nicht mit irgendeinem bzw. einem schlichten
Frieden (just a peace) zufrieden. Ein rein auf die subjektive Akzeptabilität der Kon-
fliktpartien ausgerichteter Zustand, wird ebenfalls nicht in Frage kommen. Für die
meisten Autoren ist es klar, dass der Endzustand nicht schon erreicht ist, wenn die
Feindseligkeiten beendet, die Aggression zurückgedrängt oder die verletzten Rech-
te wiederhergestellt sind. Dem reflexiven Aspekt des ius post bellum muss ein zu-
kunftsorientierter Aspekt zur Seite gestellt werden. James Johnson greift dafür auf
die augustinische Vorstellung der tranquilitas ordinis zurück. Für Robert Williams
ist der perfektere Frieden harmonischer, stabiler, gerechter und weitreichender als
der Vorkriegszustand, wobei wahrscheinlich der Stabilität des Friedens das größ-
te Gewicht zukommt. Für Elshtain und Evans scheint dagegen Gerechtigkeit der
zentrale Wert zu sein. Wenn aber die Prioritätssetzung zwischen den Werten der
Gerechtigkeit, Ordnung und Stabilität nicht willkürlich sein soll, wäre es günstig,
wenn man eine Begründung vorbringen könnte, die eine Verbindung zu den anderen
Teilen der Kriegsbeurteilung herstellen könnte. Für Crocker, Elshtain, Evans und
Patterson jedenfalls ist die Versöhnung der Kriegsparteien eine notwendige Bedin-
gung des Endzustands. Ohne diese Dimension sei der Friede entweder nicht stabil
oder nicht gerecht.
VI. Versöhnung
Die Idee der Versöhnung ist deshalb so beliebt,
30
weil sie einen klaren Endpunkt
markieren kann, in dem der Konflikt überstanden ist, erneute Feindseligkeiten un-
wahrscheinlich sind und auf keiner Seite weiter Ressentiments bestehen. Die Idee
und Vorstellung der Versöhnung stammt zunächst aus dem Ansatz der transitional
justice und ist primär für innerstaatliche Aussöhnungen nach Bürgerkriegen, ethni-
schen Auseinandersetzungen oder autoritären Regimen gedacht. Für Elshtain und
Evans ist Vergebung ein notwendiger Bestandteil der Versöhnung. Vergebung be-
steht für beide nicht im Vergessen des Vergangenen, sondern in der Abkopplung
30
Rigby, Forgiveness and Reconciliation in Jus Post Bellum, in: Evans (Hrsg.), Just War Theory. A
Reappraisal, 2005, S. 177; Winright/Allman (Fn. 27), Kap. 4; May (Fn. 21), Teil II; Govier, War’s
Aftermath. The Challenges of Reconciliation, in: May (Hrsg.), War: Essays in Political Philosophy,
2008, S. 229.
Ausdruck vom 27.11.2013
Ius Post Bellum – Zielvorstellungen und Möglichkeiten 147
normativer Folgen. Die Befreiung von der Last der Vergangenheit ermöglicht al-
len Beteiligten die Reparatur ihrer Beziehung. Elshtain geht dabei der Frage nach,
wie authentische kollektive Formen der Vergebung aussehen könnten und warnt zu-
gleich vor zu hohen Erwartungen. Sie hält die Vergebung für einen zweiseitigen
Prozess, da sie zur Wiederherstellung alter oder neuer Beziehungen führen soll. Je-
doch ist die Vergebung am plausibelsten im individuellen Fall, in dem allerdings
nur eine Person vergeben kann. Die andere Person kann nicht gleichzeitig vergeben,
sondern nur darum bitten.
Die angestrebte Versöhnung lässt sich verschieden beschreiben. In einer Mini-
malversion meint es im Grunde einen modus vivendi, in dem die früheren Kontra-
henten gewaltlos zusammenleben (Evans). Eine weitergehende Version strebt dage-
gen freundschaftliche oder harmonische Beziehungen an (Crocker). Da Evans die
aktive Teilnahme an Vergebung und Versöhnung als ein post bellum-Erfordernis
verstanden wissen will, ergibt sich daraus folgendes Paradox. Akzeptiert man die
minimale Version, dann kann man die gewaltfreie Koexistenz sicherlich als eine
Verpflichtung verstehen, doch scheint dafür der Ausdruck „Versöhnung“ zu hoch
gegriffen und „Respekt“ eine angemessenere Beschreibung zu sein. Die weiterge-
hende Version hingegen kommt dem Konzept der Versöhnung wesentlich näher,
doch nimmt im Maße der Annäherung auch der Verpflichtungscharakter ab. Mehr
als ein respektvolles, gewaltloses Zusammenleben kann man von den Konfliktpar-
teien nicht fordern. Anders als nach innergesellschaftlichen Konflikten, wo ein en-
geres Zusammenleben unvermeidlich ist, ist bei zwischenstaatlichen Konflikten eine
distanzierte Haltung der Parteien nicht inakzeptabel.
Betrachtet man schließlich den Versöhnungsprozess, dann ist Eric Pattersons
Warnung, Aussöhnung als eine selbstlaufende Entwicklung zu betrachten, von ent-
scheidender Bedeutung. Versöhnung lässt sich nicht verordnen
31
und wird wahr-
scheinlich auch in einer neuen Genfer Konvention keinen rechtlichen Platz finden.
Versöhnung ist zudem eher ein Nebenprodukt als ein direkt zu verfolgendes Ziel.
Daher könnte ein post bellum-Prinzip allenfalls darin bestehen, Voraussetzungen zu
schaffen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, damit ein Aussöhnungsprozess
in Gang kommen kann.
VII. Fazit
Das vorliegende Buch bietet eine Sammlung wichtiger Texte. Es präsentiert eine
Bandbreite von unterschiedlichen Ansichten von Befürwortern eines ius post bel-
lum. Die Texte sind dort am besten, wo sie konzeptionelle und praktische Probleme
aufzeigen und verschiedene Lösungsmöglichkeiten untersuchen. Pattersons Band
fügt sich so ein in eine Reihe weiterer neuer Sammelbände zum Thema, die eben-
falls in diese Phase fallen, aber entsprechend andere Schwerpunkte setzen (Verhält-
nis zu transitional justice, Fallbeispiele oder Kindersoldaten).
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31
Von einer Pflicht zur Versöhnung sprechen May (Fn. 21), S. 21, 97 und Evans (in diesem Band, 208).
32
May/Forcehimes (Hrsg.), Morality, Jus Post Bellum, and International Law, 2012; May/Edenberg
(Hrsg.), Jus Post Bellum and Transitional Justice, i.E.