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DI SCUSSI ON

Michael Wolff u¨ ber Kant als Logiker. Eine
Stellungnahme zu Wolffs Metakritik
Theodor Ebert
Published online: 5 December 2010
Ó Springer Science+Business Media B.V. 2010
Abstract In an earlier article (see J Gen Philos Sci (2009) 40: 357–372) I have discussed
the arguments brought forward by Michael Wolff against the interpretation given in the
commentary by Ebert and Nortmann on Aristotle’s syllogistic theory (Aristoteles Analytica
Priora Buch I, u¨bersetzt und erla¨utert von Theodor Ebert und Ulrich Nortmann. Berlin
2007) and against the critique of Kant’s adaption of the syllogistic logic. I have dealt with
Wolff’s arguments concerning (Ebert/Nortmann’s interpretation of) Aristotle in the paper
mentioned and with his attempts to defend his critique in this subsequent article (part 1; see
J Gen Phils Sci (2010) 41: 215–231). Part 2 (the paper below) is concerned with Wolff’s
renewed attempts to defend Kant as a logician. In particular I point out that if, as Wolff
claims, the nota notae relation in Kant is restricted to subordinated concepts, then it can
hardly serve as a principle for syllogistic logic, as Kant claims. Against Wolff’s attempts to
defend Kant’s claim that o-propositions are simpliciter convertible, I point out two argu-
ments: (1) Even if Kant, following the Vernunftlehre by Meier, has assumed that an
o-proposition can be turned into an i-proposition, this conversion is useless for the
reduction to first figure syllogisms since we are no longer dealing with three syllogistic
terms but with four. (2) It is quite unlikely that Kant has a conversion of this type in mind
since the texts of his students always talk of the group of either the particular propositions
or else of the negative propositions. Given Kant’s mistakes concerning the convertibility
simpliciter of o-propositions, it is no wonder that he overlooks the special status of the
moods Baroco and Bocardo. Wolff’s attempts to provide Kant with what he claims are
direct proofs for these moods can be shown to rely on a reductio ad impossibile. Kant
mistook what are parts of the proofs for the validity of moods in figures two to four as parts
of these moods themselves. Wolff—who tries to defend Kant on this point—is forced to
an artificial and unconvincing reading of the Kantian texts.
Keywords Aristotle Á Wolff Á Michael Á Kant Á Syllogistic Á o-Proposition
T. Ebert (&)
Schobertweg 41, 91056 Erlangen, Germany
e-mail: trebert@gmx.de
1 3
J Gen Philos Sci (2010) 41:373–382
DOI 10.1007/s10838-010-9137-6
1 Michael Wolff zur Kritik an der Transitivita¨t der Merkmalsrelation bei Kant
Michael Wolff hat meinem Gegenbeispiel zu Kants Rede von nota notae, von der
Transitivita¨t der Merkmalsrelation, entgegengehalten, dass sich mit einer
Zukommensformulierung dieses Beispiels auch gegen die Gu¨ltigkeit von Barbara
argumentieren ließe (Wolff (C) 360).
1
Das ist richtig, zeigt aber nur, dass mit diesem
Beispiel irgend etwas nicht stimmt, nicht jedoch, dass es zur Kritik von Kants These
ungeeignet ist. In Weiterfu¨hrung dieser Kritik behauptet Wolff dann, dass fu¨r Aristoteles
ein Satz des Typs ,a kommt jedem b zu‘ (Wolff: ,,Begriffsrelation‘‘) so zu verstehen sei,
dass er ,,nicht im Besitzen einer Eigenschaft a durch b besteht, sondern darin, daß ein
Begriff b einem Begriff a subordiniert ist‘‘ (Wolff (C) 360f). Eine Begru¨ndung fu¨r diese, ja
nicht ohne weiteres einleuchtende, These wird nicht angefu¨hrt. Nun untersucht Aristoteles
zwar in den Kapiteln, in denen er mit der ,Analyse‘ von normalsprachlichen Argumenten
befasst ist (I 32–39), auch Fa¨lle, in denen es um Scheinargumente geht, die den Anschein
ihrer Korrektheit einer seiner terminologischen Formulierungen verdanken, etwa bei dem
Beispiel, das in I 34 diskutiert wird. Aber weder wird dabei in der Weise eine Therapie
versucht, dass Aristoteles fu¨r die Allaussagen in seinen Schlussformen nur Verha¨ltnisse
einander subordinierter Begriffe zuließe, noch la¨sst sich sonst beobachten, dass er in seiner
Syllogistik Aussagen, in denen Eigenschaften allgemein von einem Gegenstand ausgesagt
werden, nicht als Fa¨lle des Typs ,a kommt jedem b zu‘ zulassen wu¨rde. So wird etwa in
APr. II 27, 70a13–15 ein Beispiel diskutiert, in dem die obere Pra¨misse lautet: ,,Jede Frau,
die Milch hat, ist schwanger.‘‘ Dass hier ein Fall der Unterordnung des Begriffs ,Milch
haben‘ unter den Begriff ,Schwangersein‘ vorliegt, la¨sst sich nicht sehen, auch wenn nur
Frauen, die schwanger sind (oder gewesen sind), Milch haben. Warum sollte Aristoteles
auch eine derartige Festlegung fu¨r den Sinn von Allaussagen vornehmen, die den
Anwendungsbereich seiner syllogistischen Logik ohne Not einschra¨nken wu¨rde?
Anders liegt nun der Fall in der Tat bei Kant, jedenfalls dann, wenn ,Merkmal‘ bei Kant
nicht im Sinn von ,Eigenschaft‘ verwendet werden darf, sondern nur fu¨r einen Begriff, dem
Dinge bzw. andere Begriffe untergeordnet sind. Wolff sieht ja in der Verwendung von
,Merkmal‘ im Sinne von ,Eigenschaft‘ den Grund dafu¨r, dass in meinem Gegenbeispiel
(s. Ebert 366) ,,die Pra¨missen als wahr gelten ko¨nnen, wa¨hrend die Konklusion falsch ist.‘‘
(Wolff (C) 360). Da ich diesen technischen Sinn von ,Merkmal‘ nicht beachtet habe, kann
Wolff mir dann vorhalten, dass ich ,,Kant nur missverstanden‘‘ habe (Wolff (C) 361). Das
du¨rfte so sein, nur hat Kant und mit ihm sein Verteidiger dann ein anderes Problem. Dass
Kant bei seiner nota notae These tatsa¨chlich an die Ordnung von Begriffen in Reihen
logischer Subordination denkt, zeigen folgende Texte: ,,Ein Merkmal vom Merkmal—ein
entferntes Merkmal ist ein ho¨herer Begriff, der Begriff in Beziehung auf ein entferntes
Merkmal ein niederer. (…) Der ho¨here Begriff heißt in Ru¨cksicht seines niederen Gattung
(genus), der niedere in Ansehung seines ho¨heren Art (species).‘‘
2
Wenn aber die Regel nota
notae an dem speziellen Fall der Ordnung einander subordinierter Begriffe abgelesen ist,
1
Kant, Logik (ed. Ja¨sche), Akademie-Ausgabe, Bd. IX, 96. Ich zitiere Kant im folgenden nach den Ba¨nden
der Akademie-Ausgabe, abgeku¨rzt AA, und der ro¨mischen Bandnummer. Ich zitiere Wolffs ersten Beitrag als
Wolff (A), seinen zweiten als Wolff (B), seinen in dieser Zeitschrift vorhergehenden Beitrag als Wolff (C),
meinen eigenen ersten Diskussionsbeitrag als Ebert. Der Kommentar von Ebert/Nortmann zu den Analytica
Priora (Berlin 2007) wird lediglich mit einer Seitenzahl, die Analytica Priora werden stets ohne eine
Abku¨rzung fu¨r den Titel, nur mit Buch und Kapitel zitiert.
2
Wolff verweist dazu auf Wolff 1995. Dazu ist die Kritik von A. Beckermann und U. Nortmann in der
Zeitschrift fu¨r philosophische Forschung 52 (1998) 422-34 und 406-421 sowie Wolffs Replik 435-459 zu
vergleichen.
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1 3
dann taugt sie nicht als ,,die erste und allgemeine Regel aller bejahenden
Vernunftschlu¨sse‘‘ (AA II, 49) bzw. zusammen mit der negativen Formulierung (repugnans
notae, repugnat rei ipsi), so in der Logik Ja¨sche, als ein ,,Prinzip, worauf die Mo¨glichkeit
und Gu¨ltigkeit aller kategorischen Vernunftschlu¨sse beruht‘‘ (AA IX, 128). Denn die
kategorischen Vernunftschlu¨sse, Kants Begriff fu¨r die Syllogismen des Aristoteles, mu¨ssen
auch fu¨r die Fa¨lle gelten, in denen man es mit a-Aussagen oder e-Aussagen zu tun hat, die
Gegensta¨nden ganz kontingente Eigenschaften zu- oder absprechen. Kant, so scheint es, ist
damit in eine Falle getappt, die Aristoteles gerade vermieden hatte.
2 Michael Wolff u¨ ber leere Begriffe bei Kant und bei Aristoteles
Ich hatte in meiner ersten Replik auf Wolff gesagt, es sei ,,doch sehr fraglich, ob Meier und
Kant eine klare Vorstellung der Probleme hatten, die mit der Annahme leerer Begriffe in
der Syllogistik, etwa fu¨r die Modi Darapti und Felapton, und insbesondere fu¨r die
Gegensatzbeziehungen im logischen Quadrat verbunden sind‘‘ (Ebert 367). Wolff tritt
dem mit der Versicherung entgegen, es gebe ,,deutliche Indizien dafu¨r, daß Kant von
verneinenden Sa¨tzen (…) angenommen hat, ihr Wahrsein ha¨nge im Unterschied zum
Wahrsein bejahender Sa¨tze nicht von Existenzpra¨suppositionen ab‘‘ (Wolff (C) 362). Da
ich durch meine Formulierung keine bestreitende Behauptung aufgestellt, sondern, wie
Wolff richtig sagt, lediglich einen Zweifel angemeldet hatte, darf ich mir vielleicht
erlauben, die Diskussion u¨ber diesen Punkt, soweit er Kant betrifft, mit dem Bemerken
abzuschließen, dass mir Wolffs ,,deutliche Indizien‘‘ fu¨r die Ausra¨umung meines Zweifels
einfach nicht ausreichend sind.
Was Aristoteles zur Frage leerer Begriffe angeht, so hatte Wolff in seinem ersten
Beitrag die These vertreten, dass das ,Von-jedem-Ausgesagtwerden‘ bei Aristoteles so zu
verstehen sei, dass die hinter dem ,,jedem‘‘ sinngema¨ß enthaltene Leerstelle durch eine
Begriffsvariable auszufu¨llen sei, ,,von der anzunehmen ist, dass sie beliebige, auch leere
Begriffe vertreten darf‘‘ (Wolff (A) 350). Dabei sollte diese Annahme leerer Begriffe bei
Aristoteles nur Wolffs Interpretation einer Redeweise Kants bzw. Meiers, na¨mlich ,,von
einem Begriff allgemein bejaht werden‘‘, rechtfertigen, weil sie ,,in wesentlicher Hinsicht‘‘
dem Aristotelischen Ausdruck entspreche. Wolff hatte in seinem ersten Beitrag daran
Anstoß genommen, dass in unserem Kommentar von dieser Redeweise gesagt wurde, sie
sei, ,,wenn damit Aussagen des Typs ,Jeder Mensch ist sterblich‘ gemeint sind, zumindest
sehr missversta¨ndlich. Denn nicht von einem Begriff wird hier etwas bejaht, sondern von
jenen Individuen, die unter den Begriff des Menschen fallen‘‘ (165f.). Doch, so jetzt Wolffs
Einwand, man du¨rfe den Ausdruck ,a wird von jedem b ausgesagt‘ nicht so verstehen, als
werde in ihm etwas von jenen Individuen bejaht, die unter b fallen. ,,Denn wenn b leer ist,
gibt es keine Individuen, die unter b fallen‘‘ (Wolff (A) 350).
Ich ha¨tte mich natu¨rlich damit verteidigen ko¨nnen, dass ich schließlich von einer
Missversta¨ndlichkeit der von Meier und Kant benutzten Redeweise fu¨r ,,Aussagen des
Typs ,Jeder Mensch ist sterblich‘‘‘gesprochen hatte, Aussagen also, bei denen Begriffe nun
einmal nicht leer sind. Mit dem Hinweis auf die, im u¨brigen durch keinen Beleg
bewiesene, Annahme leerer Begriffe bei Aristoteles und der ebenfalls unbewiesenen
These, diese Redeweise Kant/Meiers entspreche ,,in wesentlicher Hinsicht‘‘ der Wendung
,Von-jedem-Ausgesagtwerden‘ bei Aristoteles, will Wolff sich dann einen Beweis fu¨r die
Annahme leerer Begriffe bei Kant/Meier ersparen. Fu¨r seine Aristoteles betreffende
Ansicht hatte er sich auf unseren Kommentar berufen und gesagt, dass fu¨r uns ,,jedenfalls
in der assertorischen Logik leere Begriffe zula¨ssig sind‘‘ (Wolff (A) 350). Darauf hatte ich
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ihm entgegengehalten, dass eine so allgemeine Zula¨ssigkeit leerer Begriffe von uns gar
nicht behauptet wurde, da wir leere Begriffe nur bei verneinenden syllogistischen
Aussagen zulassen, fu¨r bejahende dagegen eine Existenzbindung annehmen, so dass es
nach unserer Ansicht ausgeschlossen sei, dass hinter ,jedem‘ in ,Von-jedem-
Ausgesagtwerden‘ leere Begriffe stehen ko¨nnten (Ebert 367). Das mo¨chte Wolff nun
wiederum mit dem Bemerken konterkarieren, dass die Annahme einer solchen
Existenzbindung doch nur ausschließe, dass bejahende Sa¨tze mit leerem Subjektbegriff
wahr seien (vgl. Wolff (C) 24). Ich hatte die Rede von der Zula¨ssigkeit leerer Begriffe
eigentlich immer so verstanden, dass damit ihre Zula¨ssigkeit in wahren Aussagen gemeint
sei; was soll auch mit der Nicht-Zula¨ssigkeit leerer Begriffe anderes gemeint sein als dass
sie fu¨r wahre Aussagen nicht zugelassen sind? Im u¨brigen ist gar nicht zu sehen, was Wolff
fu¨r von ihm vertretene Position damit nun gewonnen haben will. Fu¨r seine Behauptung,
,,daß Kant die traditionelle Redewendung ,etwas von einem Begriff bejahen‘ im klaren
Bewußtsein des Umstands gebraucht, daß die Annahme der strengen Allgemeingu¨ltigkeit
syllogistischer Regeln (…) mit der Zulassung der Annahme leerer Begriffe verbunden ist‘‘,
(Wolff (C) 361) ist ihm hier ein auch nur halbwegs plausibles Argument nicht gelungen.
3 Michael Wolff zu Kant u¨ber Beweise syllogistischer Schlu¨sse
Wa¨hrend die beiden gerade diskutierten Punkte nicht von wirklich zentraler Bedeutung
sind, geht es bei den zwei im folgenden zu diskutierenden Fragen um logische Fehler Kants
von grundsa¨tzlicher Art. In unserem Kommentar hatte ich Kant vorgehalten, dass er die
unrichtige Ansicht vertrete, ,,die Modi der Figuren zwei bis vier ließen sich alle durch
unmittelbare Schlu¨sse, also Konversionen, in Modi der ersten Figur umformen‘‘ (166), und
des weiteren, dass er die Konversionen syllogistischer Aussagen, mit deren Hilfe sich
Syllogismen der Figuren zwei bis vier aus den Modi der ersten Figur ableiten lassen, zu
Teilen dieser Syllogismen macht, statt ihnen den Status von Beweismitteln fu¨r ihre
Gu¨ltigkeit zu geben (vgl. 167). In keinem dieser beiden Punkte ist Wolff eine Verteidigung
Kants gelungen. Ich beginne mit dem zweiten, da sich von ihm aus der Fehler im ersten
Punkt, na¨mlich die mangelnde Beru¨cksichtigung der Modi Baroco und Bocardo, die nur
durch eine reductio ad impossibile auf einen Modus der ersten Figur zuru¨ckgefu¨hrt werden
ko¨nnen, leichter erkla¨ren la¨sst.
Kant hat den ,,vermengten‘‘ (oder ,,vermischten‘‘) Vernunftschluss (Kants Wort fu¨r
,Syllogismus‘) im Unterschied zum ,,reinen Vernunftschluss‘‘ als einen Vernunftschluss
definiert, der ,,nur mo¨glich [ist], indem mehr wie drei Urtheile mit einander verbunden
sind‘‘ (AA II, 50). Ein vermengter oder vermischter Vernunftschluss besteht also immer
aus (wenigstens) vier Urteilen, im Unterschied zu einem reinen Vernunftschluss, der ,,nur
durch drei Sa¨tze geschieht‘‘ (AA II, 50). Von den Figuren zwei bis vier heißt es nun
ausdru¨cklich, dass in ihnen ,,lediglich vermischte [Vernunftschlu¨sse mo¨glich sind]‘‘ (AA
II, 51). Klarerweise sind diese Schlu¨sse in Kants Augen also immer aus (wenigstens) vier
Aussagen zusammengesetzt. Dass diese vier Aussagen in Kants Augen tatsa¨chlich Teile
des Schlusses und damit erforderlich sind, damit dieser Schluss den Charakter der
Allgemeingu¨ltigkeit hat, das hatte ich nun durch drei Zitate aus Kants Aufsatz zusa¨tzlich
klar gemacht.
In einem Text, den ich bereits im Kommentar ausgehoben hatte (vgl. 167), erla¨utert
Kant einen (aus drei Aussagen bestehenden) Syllogismus vom Modus Bamalip mit den
Worten: ,,Hier leuchtet deutlich in die Augen, daß das Schlußurtheil, so wie es da steht, aus
den Vordersa¨tzen gar nicht fließen ko¨nne.‘‘ (AA II, 54) Meine Erkla¨rung dazu: ,,(…) hier
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wird deutlich ausgesprochen, dass die Konklusion aus den beiden Pra¨missen nicht folge,
dieser Syllogismus also nicht schlu¨ssig sei. Erst von der um einen vierten Satz erweiterten
Darstellung dieses Schlusses heißt es dann: ,Dieses schließt ganz richtig (…)‘ (AA II, 56).‘‘
(Ebert 371) Dazu Michael Wolff: ,,Wird dies wirklich deutlich ausgesprochen?‘‘ (Das
,,deutlich‘‘ hatte ich immerhin dem Zitat entnommen.) ,,Die Metapher des Fließens muß
hier nicht fu¨r logisches Folgen stehen,‘‘ so Wolff, vielmehr ko¨nnte die Ausdrucksweise
Kants bedeuten, dass es nicht mo¨glich sei, die Konklusion aus den Pra¨missen ,,unmittelbar
zu folgern‘‘ (Wolff (C) 367). Kant wu¨rde na¨mlich ,,die Metapher des Fließens als
Bezeichnung eines logischen Folgens von Sa¨tzen aus anderen Sa¨tzen dann verwenden,
wenn es sich um ein logisches Folgen ohne ,Spru¨nge‘, d. h. ohne Vermittlung durch eine
unmittelbare Konsequenz, handelt.‘‘ (Wolff (C) 367). (Wenn das so wa¨re, wu¨rde die
Metapher des Fließens doch, entgegen der Erkla¨rung Wolffs, ganz wohl fu¨r ein logisches
Folgen, eben eines ohne Spru¨nge, stehen. Wolff scheint die Widerspru¨chlichkeit seiner
Rede nicht bemerkt zu haben.) Als Beleg fu¨r diese Verwendung von ,,fließen‘‘ bei Kant
wird in der Fußnote auf zwei Stellen aus der Logik Hechsel verwiesen, ohne dass dazu der
Text selbst angefu¨hrt wird.
3
Zusa¨tzlich verweist Wolff auf eine Fußnote Kants zum § 4 des
Spitzfindigkeitsaufsatzes, in der es mit Bezug auf einen Schluss des Modus Bamalip heißt,
dass die dort als Zwischenkonklusion zu ziehende a-Aussage ,,aus den Vordersa¨tzen un-
mittelbar fließt‘‘ (AA II, 55).
Diese Stelle beweist nun ganz und gar nicht das, was Michael Wolff ihr entnehmen
mo¨chte, sondern das Gegenteil. Der Umstand na¨mlich, dass ,fließen‘ hier durch ,unmittelbar‘
na¨her bestimmt wird, zeigt ja, dass dieses Verb ohne diesen Zusatz eben keineswegs bereits
den Sinn eines ,Folgens ohne Spru¨nge‘ hat. Auch im Text des § 4, aus dem das diskutierte
Beispiel stammt, ist von einem Satz die Rede, aus dem ein anderer ,,als eine unmittelbare
Folge fließt‘‘ (AA II, 54; ganz a¨hnlich auch AA II, 52 und 58). Dass Kant diesen
Sprachgebrauch nicht auf Fa¨lle unmittelbarer Folgerungen eingeschra¨nkt sieht, la¨sst sich
auch durch eine Stelle aus der Logik Ja¨sche belegen: Dort heißt es zu Beginn des § 64
(,,Regeln fu¨r die kategorischen Vernunftschlu¨sse‘‘) ,,Aus der Natur und dem Princip der
kategorischen Vernunftschlu¨sse fließen folgende Regeln fu¨r dieselben:‘‘ (AA IX, 123). Die
dann aufgefu¨hrten acht Regeln lassen sich kaumunmittelbar aus ,,der Natur und demPrincip
der kategorischen Vernunftschlu¨sse‘‘ folgern. Im u¨brigen wu¨rde, wenn die Metapher des
Fließens nur bei unmittelbaren Folgerungen angewendet werden sollte, die Bemerkung
Kants zu dem diskutierten Schlußbeispiel trivialerweise wahr sein, da bei jedem, also auch
etwa bei einem reinen Vernunftschluss, die Konklusion nicht aus den Pra¨missen fließen
ko¨nne. Offenbar will Kant aber doch zum Ausdruck bringen, dass der vorgestellte Schluss
des Modus Bamalip durch spezifische Eigenheiten ausgezeichnet ist und dass wegen dieser
Eigenschaften die Konklusion aus den Pra¨missen nicht fließen ko¨nne. Ich gehe auf Wolffs
Deutungsversuche der anderen beiden Stellen nicht na¨her ein. Auch bei ihnen ist er damit
befasst, Kants Worte entgegen ihrem offen zu Tage liegenden Sinn zu interpretieren.
4
Bei Kant werden, so hatte ich abschließend festgestellt, ,,Verfahren, die bei Aristoteles
und in der ihm folgenden logischen Tradition als Verfahren zum Beweis der
Allgemeingu¨ltigkeit von syllogistischen Schlu¨ssen dienen, […] als Verfahren
missverstanden […], die fu¨r die Herstellung der Allgemeingu¨ltigkeit von syllogistischen
3
Hier der Text des ersten Belegs: ,,so sehen wir, es fließt nicht also, wie in der ersten Figur, und wir machen
Springe‘‘ (Logik Hechsel, ed. T. Pinder (1998, 463). Der Text zeigt, dass ,fließen‘ jedenfalls fu¨r ein
logisches Folgen im Fall der ersten Figur und damit fu¨r ein logisches Folgen ,,ohne Vermittlung durch eine
unmittelbare Konsequenz‘‘ benutzt werden kann.
4
Vgl. auch die daru¨ber hinaus in Ebert/Nortmann 166f. angefu¨hrten Stellen aus dem Aufsatz Kants.
Michael Wolff u¨ber Kant als Logiker 377
1 3
Schlu¨ssen erforderlich sind‘‘ (Ebert 371). Dieses Missversta¨ndnis erkla¨rt nun wohl auch,
warum Kant der Meinung ist, ,,die Modi der Figuren zwei bis vier ließen sich alle durch
unmittelbare Schlu¨sse, also Konversionen, in Modi der ersten Figur umformen‘‘ (166).
Kant behauptet etwa in der Logik Ja¨sche, dass auf die erste Figur (gemeint, auf deren
Modi) ,,alle u¨brigen [Vernunftschlu¨sse], sofern sie Gu¨ltigkeit haben sollen, durch
Umkehrung der Pra¨missen (metathesin praemissorum) zuru¨ckgefu¨hrt werden mu¨ssen‘‘
(AA IX, 126; a¨hnlich AA II, 58). Denn wenn, wie der Kant des Spitzfindigkeitsaufsatzes
meint, die Modi der Figuren zwei bis vier sich durch die ,,nothwendige Dazwischensetzung
von andern Urtheilen‘‘ (AA II, 56) von den Modi der ersten Figur unterscheiden, dann
kommen fu¨r solche dazwischenzusetzende Urteile nur Konversionen in Frage. Dabei
bleiben dann die Fa¨lle Modi Baroco und Bocardo unberu¨cksichtigt, fu¨r deren Beweis
Konversionen nicht in Frage kommen und die nur durch indirekte Beweisverfahren auf
einen Modus der ersten Figur zuru¨ckgefu¨hrt werden ko¨nnen.
5
Erstaunlicherweise scheint
auch Michael Wolff Kant in dem Irrtum zu folgen, dass fu¨r die Beweise der Gu¨ltigkeit aller
unvollkommenen Syllogismen unmittelbare Folgerungen ausreichen. Denn er behauptet
von der ,,Gu¨ltigkeit gu¨ltiger vermischter Vernunftschlu¨sse‘‘: ,,Ihre Gu¨ltigkeit beruht
vielmehr nur darauf, dass erstens bestimmte reine Vernunftschlu¨sse (die vier Modi der
ersten Figur) gu¨ltig sind und zweitens bestimmte unmittelbare Folgerungen gu¨ltig sind, so
daß eine logisch notwendige Folgebeziehung zwischen einem der Sa¨tze eines reinen
Vernunftschlusses und einem der drei Sa¨tze des jeweils vorliegenden vermischten
Vernunftschlusses besteht‘‘ (Wolff (C) 366f).
Wolff mo¨chte nun nachweisen, dass Kants Rede von einer ,,logischen Vera¨nderung‘‘
(AA II, 50) einer der Pra¨missen eines aus drei Urteilen bestehenden Schlusses der Figuren
zwei bis vier auch so verstanden werden kann, dass damit außer den von Kant bezeichneten
Verfahren ,,einer erlaubten logischen Umkehrung [oder] Contraposition‘‘ (ebda.) im Falle
Baroco auch die ,,logische Abschwa¨chung der universellen Pra¨misse‘‘ (Wolff (C) 363)
gemeint sein ko¨nne. Bei Baroco wu¨rde na¨mlich die erste Pra¨misse A a B (ich ersetze
Wolffs Notation durch die von mir benutzte) zu einer schwa¨cheren, hypothetischen
Pra¨misse, (B a C) . (A a C), umgewandelt, aus der dann nach dem Modus tollendo tollens
auf die Verneinung des Antecedens und damit auf die Konklusion von Baroco geschlossen
wu¨rde (Wolff (C) 363). Dazu ist zuna¨chst einfach anzumerken, dass der in Wolff (A) 352
beschriebene Beweis fu¨r Baroco gar nicht mit einer Abschwa¨chung der universellen
Pra¨misse dieses Syllogismus arbeitet, sondern zu der hypothetischen Pra¨misse (B a C) .
(A a C) u¨ber die Konditionalisierung von Barbara gelangt, nach dem aussagenlogischen
Schema p, q ‘ r, daher: p ‘ q . r. Dass ein Beweis, der mit einer Abschwa¨chung der
5
In meiner ersten Replik auf Wolff hatte ich unachtsamerweise von den indirekten Beweisverfahren gesagt:
,,nur mit denen ist ein Beweis von Baroco (oder Bocardo) mo¨glich‘‘und im folgenden Satz, ,,dass Baroco
(und analog Bocardo) nur auf indirektem Weg zu beweisen ist‘‘ (Ebert 369), und dabei den einschra¨nkenden
Zusatz weggelassen, wenn mit diesen Beweisen eine Reduktion auf einen Modus der ersten Figur erreicht
werden soll. Tatsa¨chlich ist sowohl fu¨r Bocardo als auch fu¨r Baroco ein Ekthesis-Beweis mo¨glich. Fu¨r
Bocardo wird ein solcher Beweis, dem Hinweis des Aristoteles (I 6, 28b20f.) folgend, in Ebert/Nortmann
337 gegeben. Fu¨r Baroco la¨sst sich ein ganz analoger Beweis fu¨hren, der nur statt eines Modus ponendo
ponens von einem Modus tollendo tollens Gebrauch macht. Allerdings fu¨hren diese Ekthesis-Beweise nicht
auf Modi der ersten Figur, wenn man aus dem in Anm. 13 dargelegten Grund auf die Anwendung von a-
bzw. e-Aussagen bei einer Ekthesis verzichtet. Michael Wolff hat diesen lapsus (in Ebert 369) bemerkt, aber
nur zum Teil, denn er mo¨chte mir darin recht geben, ,,ein Beweis von Baroco sei immer nur indirekt
mo¨glich‘‘ (Wolff (C) 24). Was Kant angeht, so ko¨nnen ekthetische Beweisverfahren fu¨r Modi der Figuren
zwei bis vier bei ihm außer Betracht bleiben, denn es gibt bei ihm keinerlei Hinweis auf die Nutzung solcher
Verfahren, und im u¨brigen ist eine Ekthesis nicht eine bloße Umformung einer Aussage.
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1 3
a-Pra¨misse in Baroco arbeitet, ebenfalls zum Ziel des Gu¨ltigkeitsnachweises von Baroco
fu¨hren kann, heißt nicht, dass man beide Beweisverfahren einfach als dieselben behandeln
du¨rfte. Es handelt sich bei dem von Wolff tatsa¨chlich dargestellten Beweis gar nicht um die
Umformung einer Pra¨misse des Modus Baroco, auch wenn Wolff das nun mit der Rede
von der ,,Umformung, die ich als ,Konditionalisierung‘ bezeichnet habe,‘‘ (Wolff (C) 363)
so hinzustellen versucht; das Wort ,,konditionalisiert‘‘ in seinem Beweis bezog sich auf den
Modus Barbara, nicht auf die universelle Aussage im Modus Baroco. Daher la¨sst sich das
von ihm gewa¨hlte Verfahren auch nicht als ,,logische Vera¨nderung eines dieser
Vorderurtheile‘‘ (AA II, 50) beschreiben, von der bei Kant die Rede ist. Somit ist sein
Vorwurf, Ebert setze ,,unbegru¨ndet voraus, daß die von Kant erwa¨hnte ,logische Ver-
a¨nderung‘ keine logische Abschwa¨chung der beschriebenen Art sein kann‘‘ (Wolff (C)
363) schon deshalb recht erstaunlich, weil ich ja eine solche Abschwa¨chung bislang bei
ihm gar nicht habe finden ko¨nnen. Wenn hier jemand etwas unbegru¨ndet voraussetzt, dann
Michael Wolff, der doch zuna¨chst einmal zu zeigen ha¨tte, dass die ,,logische Abschwa¨-
chung der beschriebenen Art‘‘ unter die von Kant erwa¨hnte ,logische Vera¨nderung‘ einer
Aussage fallen kann. Aus der Tatsache, dass bei Kant von ,,einer andern logischen
Vera¨nderung der Vorderurtheile‘‘ neben der ,,erlaubten logischen Umkehrung [oder]
Kontraposition‘‘ (AA II, 50) die Rede ist, la¨sst sich keinesfalls folgern, dass er an eine wie
immer geartete Abschwa¨chung einer Pra¨misse gedacht hat. Ganz im Gegenteil: abgesehen
davon, dass die Kontraposition fu¨r die Ru¨ckfu¨hrung eines Syllogismus der Figuren zwei
bis vier auf einen Modus der ersten Figur schon deshalb untauglich ist, weil durch diese
Operation die Anzahl der Termini vermehrt wird, so zeigt dieser Text Kants, dass er
offenbar Verfahren vor Augen hat, bei denen es zu einer Umstellung der Termini kommt.
Das entspricht auch der oben angefu¨hrten Bemerkung in der Logik Ja¨sche, dass ,,alle
u¨brigen [Vernunftschlu¨sse], […] durch Umkehrung der Pra¨missen (metathesin
praemissorum)‘‘ auf Modi der ersten Figur zuru¨ckgefu¨hrt werden mu¨ssen (AA IX, 126).
Dafu¨r, dass Kant die von Wolff hier ins Spiel gebrachte logische Abschwa¨chung als Fall
einer der von ihm ins Auge gefassten logischen Vera¨nderungen einer syllogistischen
Aussage hat gelten lassen, hat Wolff nicht den mindesten Beweis geliefert. Wenn er
schreibt, Ebert setze ,,unbegru¨ndet voraus, daß die von Kant erwa¨hnte ,logische
Vera¨nderung‘ keine logische Abschwa¨chung der beschriebenen Art sein kann‘‘ (Wolff (C)
363), so ist das nur der untaugliche Versuch, seiner Beweispflicht durch eine unzula¨ssige
A
¨
nderung der Beweislastregelung zu entkommen.
Ich hatte argumentiert, dass Kant wegen seiner Fixierung auf die Konversion von
Pra¨missen und Konklusionen als Mittel zur Reduktion auf Modi der ersten Figur, die
Sonderstellung von Baroco und Bocardo, die nicht durch Konversionen, sondern nur durch
indirekte Beweisverfahren auf einen Modus der ersten Figur ru¨ckfu¨hrbar sind, nicht
erkannt hat. Und ich hatte des weiteren erkla¨rt: ,,Aber um die Sonderstellung der beiden
Modi zu erkennen, ha¨tte Kant sich zumindest daru¨ber im klaren sein mu¨ssen, dass ihre
partikula¨ren verneinenden Pra¨missen nicht konvertierbar sind, also gar nicht zum
Gegenstand jener Operation werden ko¨nnen, die in den von ihm behandelten Fa¨llen stets
fu¨r die Einmischung einer ,unmittelbaren Folgerung‘ (AA II, 51) dienlich war‘‘ (Ebert
369). Und um zu belegen, dass Kant sich wohl nicht daru¨ber im klaren war, dass die
partikula¨ren verneinenden Pra¨missen dieser beiden Modi gar nicht konvertierbar sind, hatte
ich sodann auf die erstaunliche, durch zahlreiche Schu¨lernachschriften von Kants
Logik-Vorlesung belegte These verwiesen, die partikula¨r verneinende Aussage sei
konvertierbar. Mein Argument lief also, was die Modi Baroco und Bocardo angeht, darauf
hinaus, Kant ein Wissen u¨ber die Erforderlichkeit indirekter Beweisverfahren fu¨r die
Reduktion dieser beiden Modi auf einen Modus der ersten Figur abzusprechen. Kant in
Michael Wolff u¨ber Kant als Logiker 379
1 3
diesem Punkt Unkenntnis zuzusprechen, heißt nicht, ihn das Gegenteil dessen, was er ha¨tte
wissen sollen, behaupten zu lassen. Nicht wissen, dass p, impliziert eben nicht, behaupten,
dass nicht-p. Ich hatte das U
¨
bersehen der Sonderstellung der beiden erwa¨hnten Modi bei
Kant dann durch seine irrige Meinung u¨ber die Konvertierbarkeit partikula¨rer verneinender
Aussagen zu erkla¨ren versucht (Ebert 369f.), nicht ohne darauf hinzuweisen, dass aus
dieser irrigen Annahme noch keineswegs folge, Kant mu¨sse der Meinung gewesen sein,
auf diesem Wege ließe sich Baroco auf einen gu¨ltigen Modus der ersten Figur reduzieren.
Denn auch mit einer Konvertierbarkeit der o-Aussage komme man so gar nicht zu einem
gu¨ltigen Modus der ersten Figur. Ich hatte allerdings bezweifelt, dass Kant ,,bei der doch
eher skizzenhaften Behandlung von syllogistischen Modi in seinem Spitzfindigkeitsaufsatz
sich u¨ber diese Konsequenz seiner Auffassung, partikula¨re verneinende Aussagen seien
simpliciter konvertierbar, Klarheit verschafft hat‘‘ (Ebert 370). Wolffs Bemerkung, es gebe
,,kein unzweideutiges Indiz dafu¨r, daß Kant die abwegige Meinung vertreten ha¨tte, die
Anwendung einer Konversion partikula¨r verneinender Urteile auf Baroco und Bocardo
wu¨rde eine Zuru¨ckfu¨hrung dieser Schlu¨sse auf reine Vernunftschlu¨sse bewirken ko¨nnen‘‘
(Wolff (C) 364), kann daher wohl kaum als Kritik einer von mir vertretenen Ansicht
gemeint sein. Wenn Michael Wolff von den erwa¨hnten Schu¨lernachschriften sagt,
diese ,,enthalten keine irrtu¨mliche Aussage Kants u¨ber eine vermeintliche Zur-
u¨ckfu¨hrbarkeit von Baroco oder Bocardo auf einen reinen Vernunftschluss mit Hilfe einer
O-Konversion‘‘ (Wolff (C) 363), so muss ich sagen, dass ich dort auch danach gar nicht
gesucht habe.
Dass Kant allerdings fu¨r die Modi der zweiten und dritten Figur nur Konversionen als
Mittel der Ru¨ckfu¨hrung auf Modi der ersten Figur vor Augen hat, zeigt nicht allein der
Text, der im Kommentar (168f.) aus der Logiknachschrift Dohna (AA XXIV, 776) zitiert
wurde (bei Wolff (C) 364 angefu¨hrt), das belegen auch die Angaben, die sich in der Logik
Ja¨sche unter der Regel der zweiten bzw. der dritten Figur finden (AA IX, 127). Hier ist mit
,,umgekehrt werden‘‘ genau das gemeint, was in der Logik Dohna als ,,metathesis
terminorum‘‘ bezeichnet wird. Wolffs Versicherung, dieser Terminus bedeute ,,nicht
(jedenfalls nicht unbedingt)‘‘ (Wolff (C) 365)—wobei zwischen ,nicht‘ und ,nicht
unbedingt‘ doch ein gewisser Unterschied besteht—,,eine Konversion im technischen
Sinne‘‘, ist nur ein verzweifelter Versuch, aus dem Text etwas herauszulesen, was nun
wirklich nicht da steht. Die von Wolff angefu¨hrte Notiz (Refl. 3259) (vgl. Wolff (C) 365)
entspricht fast wo¨rtlich der Regel der dritten Figur in der Logik Ja¨sche. Es grenzt schon an
Irrefu¨hrung des Lesers, wenn es mit Bezug auf diese Notiz dann heißt, ,,die hier
beschriebene Metathesis terminorum ist bei Bocardo und Disamis nur aufgrund einer
vorangehenden Ekthesis mo¨glich‘‘ (Wolff (C) 28), und wenn ,,der entsprechende Beweis
fu¨r Bocardo‘‘, bei dem die Konversion einer u¨ber die Ekthesis einer i-Aussage erreichten
a-Aussage in Zeile [5] des Beweises steht und bei dem mit Hilfe von Ferio schließlich das
Beweisziel zustande kommt, als das von Kant intendierte Beweisverfahren ausgegeben
wird. Was die Modi der dritten Figur angeht, so hat Kant sich offenbar in den Fa¨llen von
Darapti, Felapton, Datisi und Ferison an der Konvertierbarkeit der unteren Pra¨misse
orientiert und dann im Fall Disamis die Notwendigkeit einer Umstellung der Pra¨missen
zusammen mit der abschließenden Konversion der nach Darii ableitbaren Konklusion
u¨bersehen. Dass ihm fu¨r die Modi Bocardo und Disamis ein Beweis mit Hilfe u. a. zweier
Ekthesis-Schritte, wie Wolff ihn liefert, vor Augen stand, wird durch nichts wahrscheinlich
gemacht. Hinzu kommt, dass Kant unter dem Titel ,,Regel der zweiten Figur‘‘ fu¨r den Fall
eines bejahenden Maiors, also fu¨r die beiden Modi Camestres und Baroco, behauptet: ,,so
muß er [sc. der Maior] contraponiert werden‘‘ (AA IX, 127). Mit dem Verfahren der
Kontraposition, so wie es in Friedrich Georg Meiers Auszug aus der Vernunftlehre i § 352
380 T. Ebert
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beschrieben ist,
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wird zwar eine allgemein verneinende Aussage erreicht, aber mit der
Ersetzung des Pra¨dikatterminus durch sein Komplement kommt es zu einer Vermehrung
der Termini des syllogistischen Termtripels, was eine Reduktion auf Modi der ersten Figur
unmo¨glich macht.
Wolff will die durch zahlreiche Schu¨ler-Nachschriften belegte These Kants, partikula¨re
verneinende Aussagen seien simpliciter konvertierbar, nun auf die Weise ,,als eine korrekte
Aussage erkla¨ren‘‘ (Wolff (C) 363) dass er auf den von Kant benutzten Auszug aus Meiers
Vernunftlehre verweist, in dem in § 351 gesagt wird, dass wenn man in den partikula¨r
verneinenden Urteilen ,,die Verneinung zum Pra¨dicate setzt‘‘, sie dann partikula¨r
bejahende Urteile werden und ,,alsdenn schlechtweg umgekehrt werden [ko¨nnen]‘‘ (zitiert
bei Wolff (C) 363). Wolff will diese Auffassung Kants also unter Berufung auf Meiers
Auszug in der Weise rechtfertigen, dass Kant mit Meier eben an die Obverse der o-Aussage
gedacht habe, die nun als i-Aussage mit verneintem Pra¨dikat klarerweise simpliciter
konvertierbar ist. Dieser Ausweg ist aber aus einem sehr einfachen Grunde versperrt: Im
Unterschied zu Meier, der sich spezifisch zu den partikula¨ren verneinenden Urteilen a¨ußert,
spricht Kant na¨mlich an den Stellen, die ich aus den Schu¨lernachschriften zitiert habe, gar
nicht u¨ber partikula¨re verneinende Aussagen fu¨r sich genommen, sondern sagt stets von
der Gruppe der partikula¨ren Urteile oder von der Gruppe der verneinenden Urteile, dass die
darin befassten Urteile simpliciter umkehrbar sind.
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Mein Referat von Kants ,,These,
partikula¨re bejahende oder verneinende Sa¨tze ließen sich simpliciter umkehren‘‘ bzw. von
seiner ,,Behauptung, alle verneinenden Urteile ließen sich simpliciter konvertieren‘‘ (Ebert
369), hat die Formulierungen Kants insoweit korrekt abgebildet, auch wenn ich fu¨r die
Stellennachweise selbst auf den Kommentar verwiesen habe. Wolff fu¨hrt zwar alle diese
Stellen auf (Wolff (C) 363, Anm. 14), zitiert aber keine einzige der Formulierungen Kants.
Ha¨tte er das getan, so mu¨sste ihm die Unhaltbarkeit seiner Verteidigung Kants eigentlich
klar geworden sein. Denn Kant kann wohl kaum bei diesen Aussagen u¨ber die Gruppe der
partikula¨ren oder die Gruppe der verneinenden Aussagen fu¨r den einen Teil der Urteile an
die Konversion simpliciter der e- bzw. der i-Aussage selber gedacht haben, fu¨r den anderen
aber an die Konversion der Obverse einer o-Aussage. Der Sinn der Worte Kants ist in allen
diesen Fa¨llen klar: eine partikula¨re verneinende Aussage ist in demselben Sinn simpliciter
umkehrbar wie eine partikula¨re bejahende oder wie eine allgemeine verneinende Aussage.
Ich komme zum Schluss:
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Was gerade die zentralen Punkte der Auseinandersetzung
u¨ber Kants logische Auffassungen angeht, so kann ich nicht erkennen, dass Michael Wolff
auch nur in einem dieser Punkte eine Verteidigung Kants gelungen ist. Der Leser/die
Leserin mag entscheiden, ob er/sie Kant eher fu¨r einen Tief- oder einen Ho¨hepunkt in der
Rezeptionsgeschichte der Syllogistik des Aristoteles ha¨lt. Ich selbst bin u¨berzeugt, dass es
jedenfalls den ,,Ru¨ckschritt von Kant zu Patzig‘‘ (Wolff (C) 371) in der Geschichte der
Logik nur im Kopf von Michael Wolff gibt und dass die Schar der Personen, die Wolff auf
dem Weg von Patzig zuru¨ck zu Kant begleiten mo¨chten, einigermaßen u¨berschaubar
bleiben wird.
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,,Ein allgemein bejahendes Urtheil wird contraponirt (contrapositio), wenn man sein Pra¨dicat in einen
verneinenden Begriff verwandelt, und das vorige Subject von demselben allgemein verneinet. ‘‘(Meier,
Auszug § 352).
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Ein Beispiel: ,,Alle particulaere Urtheile laßen sich simpliciter umkehren, sie mo¨gen bejahend oder
verneinend seyn.‘‘(Logik Hechsel, ed. T. Pinder (1998, 447).
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Ich verzichte darauf, mich mit Wolffs These auseinanderzusetzen, Kants Kritik an der angeblichen
Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren beziehe sich nicht auch auf Aristoteles, zumal da hier zum
Teil auch (etwa Wolff (C) 369) Dinge vorgetragen werden, die bereits im Aristoteles-Teil behandelt worden
sind.
Michael Wolff u¨ber Kant als Logiker 381
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References
Ebert, T., & Nortmann, U. (2007). Aristoteles, Analytica Priora, Buch I u¨bersetzt und erla¨utert. Berlin.
Kant, I. (1905). Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe) Bd. II. Berlin.
Kant, I. (1907). Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe) Bd. IX. Berlin.
Meier, F. G. (1752). Auszug aus der Vernunftlehre. Halle.
Pinder, T. (Hg.). (1998). Immanuel Kant, Logik Hechsel, Warschauer Logik. Hamburg.
Wolff, M. (1995). Die Vollsta¨ndigkeit der Urteilstafel. Mit einem Essay u¨ber Freges Begriffsschrift.
Frankfurt.
382 T. Ebert
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