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2014 liberal
IM GESPRÄCH
liberal: Der schmerzhafte Blick zurück wird sich nicht ganz ver-
meiden lassen, noch ist die Talsohle wohl nicht durchschritten.
Wie sehen Sie das?
KUBICKI: Ja, wir durchwandern noch die Talsohle, aber das
ist auch kein Wunder, denn die Nachhalleffekte der Regierungs-
beteiligung der FDP, des Absturzes von 15 Prozent auf unter 5
Prozent sind nach wie vor vorhanden. Christian Lindner geht es
ja wie mir: Unsere Veranstaltungen sind wirklich überlaufen und
überfüllt, die Leute sagen auch: „Toll, was ihr sagt, aber warum
habt ihr es die letzten vier Jahre nicht durchgesetzt?“ Das unter-
streicht es ja noch einmal: Wir müssen neues Vertrauen schaffen.
Wir haben natürlich das Riesenproblem, dass viele Strukturen in
Hinblick auf Personal, Geld, Öffentlichkeit weggebrochen sind.
Außerdem werden von der Bundespartei derzeit nur wenige
Persönlichkeiten auch von den überregionalen Medien angefragt.
Abgesehen von den aktuellen Wahlkämpfen, in denen die Kolle-
gen hervorragende Arbeit leisten, mangelt es uns auf Bundesebe-
ne zum Teil noch an einer Visualisierung von liberaler Politik. Mit
entsprechenden Wahlerfolgen können wir aber dokumentieren,
dass wir auch wieder in der Lage sind, Menschen zu binden.
Das bedeutet: Diejenigen, die Wahlerfolge für die FDP einfahren
werden, werden auch das Bild der FDP mitprägen.
Wie ist denn die Resonanz bei den Veranstaltungen, bei denen
Sie in letzter Zeit auftraten?
Es ist sehr oft überlaufen, die Leute wundern sich ja selbst,
dass sie zu kleine Säle anmieten, dass sie noch Stühle heran-
schleppen müssen. Interessanterweise sind die Besucher nur zu
rund 20 Prozent Parteifreunde und zu 80 Prozent interessierte
Bürger. Leider muss ich aber manchmal feststellen, dass meine
Parteifreunde verlernt haben, am Ball zu bleiben. Wenn jemand
kommt und sagt: „Ich will jetzt Mitglied der FDP werden, kann ich
bitte einen Aufnahmeantrag haben?“, dann ist oft keiner greifbar.
Im Onlinemarketing nennt man solche Hürden „conversion
killer“.
Ich war in Kitzbühel bei einer Veranstaltung mit einer Vertreterin
der NEOs aus Österreich. Es war wunderbar, und zum Schluss
hat der Moderator erklärt: „Herr Kubicki, das was Sie sagen, ist
alles wunderbar, wenn die FDP so wäre wie Sie, dann würde ich
eintreten.“ Dann habe ich gesagt: „Sehr geehrter Herr, ich bin
stellvertretender Bundesvorsitzender, ich bin ein Teil der FDP. Sie
können jetzt eintreten!“ – hat er getan. Er ist übrigens Professor
für Kommunikation und hat der FDP diese Hausaufgabe gegeben:
Am Außenauftritt arbeiten, auf Leute zugehen, sie mitnehmen!
Auch wenn Leute mich anpöbeln, nehmen sie Kontakt mit
mir auf und nehmen mich wahr. Und dann darf man nicht
zurückweichen, sondern muss darauf freundlich eingehen oder
möglicherweise auch mit einem bösen Spruch antworten.
Bedauerlicherweise ist es in den letzten Jahren so, dass durch die
vielen Einschläge einige Parteifreunde den inneren Mut verloren
haben, sich solchen Auseinandersetzungen zu stellen und damit
auch für die FDP zu werben.
Was geben Sie den Parteifreunden mit, was können Sie ihnen
als Motivationsschub geben?
Die Menschen wollen von uns nicht wissen, warum die anderen
schlecht sind, sondern, was wir besser machen. Die Leute
müssen nachvollziehen können, dass es ihnen am Ende des
politischen Prozesses besser geht als vorher, wenn sie die FDP
wählen. Kassan dra wird nicht gewählt. Und wir müssen unsere
Ideen mit plastischen Beispielen kommunizieren. Niemand wählt
einen, weil man so irre sophisticated ist und alles besser weiß
als alle anderen. Und unsere eigenen Parteifreunde erinnere ich
gerne mal daran: Ich war sechsmal Spitzenkandidat der FDP zur
Landtagswahl, fünfmal ist der FDP der Untergang vorausgesagt
worden, und jedes Mal haben wir erfolgreich abgeschnitten. Man
„ Die Menschen wollen von uns
wissen, was wir besser machen“
liberal hat mit dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der FDP, Wolfgang Kubicki,
über die Lage der FDP, Deutschlands Verhältnis zu den USA und über sein Verhältnis zu
Parteichef Christian Lindner gesprochen. // INTERVIEW // DAVID HARNASCH // FOTOS // TINA MERKAU
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kann es also auch schaffen, die Menschen dazu zu bringen, die
FDP zu wählen. Es sind immerhin mehr als 30 Prozent, die sich
zur FDP bekennen könnten. Wir haben die Europawahl nicht
verloren, weil diejenigen Menschen, die uns wählen könnten,
zu anderen Parteien abgerauscht sind, sondern weil sie in die
Wahlenthaltung gegangen sind. Es gab über 800.000 Menschen,
die nicht zur Wahl gegangen sind, aber die FDP gewählt hätten,
wenn es uns gelungen wäre, sie hierzu zu motivieren!
Woran mangelt es denn außer der Kommunikation? Geschlos-
senheit oder Pluralität?
Auch in unserer eigenen Partei müssen wir wieder lernen zu
akzeptieren, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt. Es geht
nicht darum nachzubeten, was der Bundesvorsitzende oder ein
Stellvertreter sagt. Wir müssen wieder lernen, dass sich in Partei-
en auch unterschiedliche Auffassungen und Interessen organi-
sieren, und müssen das wollen. Zum Beispiel Holger Zastrow und
ich: Wir sind in vielen Fragen nicht einer politischen Meinung,
und trotzdem ist er vom Typ her jemand, den ich in der FDP
nicht missen will, sondern er gehört einfach dazu. Die Reibung
und die Auseinandersetzung in der Sache – nicht persönlich, wir
mögen uns beide persönlich –, die dient dann dazu, zu einem
ordentlichen Ergebnis zu kommen. Auch in Schleswig-Holstein
ist das so, unsere besten Parteitage waren die, wo wir sehr kon-
trovers diskutiert haben – über Energieversorgung, Wehrpflicht
ja oder nein, Sterbehilfe ja oder nein. Da prallten Meinungen
aufeinander. Anschließend sind alle nach Hause gegangen und
auch die Unterlegenen haben gesagt, wir haben uns ordentlich
eingebracht, es ist ordentlich diskutiert worden. Und am Ende
muss man akzeptieren, dass es eine Mehrheitsentscheidung
gab – Punkt aus. Das können sie auch eher akzeptieren, als wenn
es heißt: Da hat sich der Bundesvorsitzende über Nacht etwas
überlegt und da muss die Partei folgen, weil sie sonst aussieht, als
sei sie ein zerstrittener Haufen.
Welche inhaltlichen Fehler bedauern Sie in den letzten Wochen?
Die Parteifreunde müssen sich daran gewöhnen, dass die Politik
in der außerparlamentarischen Opposition etwas anders sein
muss, als wenn man im Parlament sitzt. Eine Vielzahl von State-
ments könnten sie abliefern, wenn unsere amerikanischen Bünd-
nispartner wirklich darauf Wert legen würden, was die Liberalen
Lesen Sie weiter in der
aktuellen liberal
Z U R P E R S O N
WOLFGANG KUBICKI, 62, ist ge-
lernter Volkswirt und Rechtsanwalt
und mit kurzer Unterbrechung seit
1992 Vorsitzender der FDP-Land-
tagsfraktion in Schleswig-Holstein.
Kubicki galt lange Zeit als Enfant
terrible seiner Bundespartei, wurde
aber Ende 2013 auf dem Bundes-
parteitag in Berlin mit fast 90
Prozent der Stimmen zum stell-
vertretenden Bundesvorsitzenden
gewählt.