Scanned & corrected by himmelreich

Es ist schon eine sehr geheimnisvolle und rätselhafte Sache, wie Nico und Tiny zu einer richtigen Weltraumrakete kommen. Und als sie dann gemeinsam mit der Schildkröte Line in unbekannte Fernen starten, erleben sie die sonderbarsten Abenteuer. Sie lernen die Schwerelosigkeit des Weltraums kennen und die Anziehungskraft fremder Sterne, die auf ihr Raumschiff nicht ohne Einfluß bleibt. Schließlich landen sie auf einem merkwürdigen Planeten, der von seltsamen Wesen, den Utzebules, bewohnt wird. Und damit beginnt eine Kette aufregender und gefährlicher Abenteuer, in denen die drei beweisen müssen, wie man sich auch unter ganz außergewöhnlichen Verhältnissen in einer fremden Welt zurechtfindet. Diese Geschichte, die schon mehrfach gesendetes Hörspiel viele Jungen und Mädchen begeisterte, ist ein ebenso spannen des wie modernes Abenteuerbuch, aus dem man gleichzeitig auch noch viele wichtige Dinge erfährt.

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bestimmt!!!

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LOTHAR STREBLOW

Raketenreise zu den Utzebules

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Einband und Illustrationen: MICHAEL HAYWARD

ISBN 3 7966 0476 5 © Schwabenverlag Ruit bei Stuttgart1974
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Gesamtherstellung SV-Druck Ruit

FÜR MEINEN KLEINEN GROSSEN SOHN

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NICOS NEUE RAKETE Es fing eigentlich alles recht harmlos an. Nico hatte eine funkelnagelneue Rakete bekommen, eine richtige kleine ModellWeltraumrakete: als Belohnung für sein gutes Schulzeugnis. Und dann war er mit seinen Eltern in die großen Schulferien gefahren, auf einen Zeltplatz ans Meer. Jetzt saß er vor dem Zelt im Gras und betrachtete voll Besitzerstolz seine Rakete. Er hatte sie mit Hilfe seines Vaters zum ersten Mal zusammengebaut. Und er konnte sich gar nicht satt sehen daran. Sie stand steil aufgerichtet an der Abschußrampe und funkelte und glänzte in der Sonne. Es war wirklich eine prächtige Rakete. Und sie konnte sogar fliegen und an Fallschirmen wieder zur Erde gleiten. Gar zu gern hätte er sich selber in die Raumkapsel gesetzt und sich in den Weltraum schießen lassen. Aber damit mußte er noch warten, mußte erst groß und erwachsen werden und sehr viel lernen. Manchmal fand er es furchtbar lästig, noch ein kleiner achtjähriger Bub zu sein. Und er seufzte tief und sehr laut. »Was hast du denn?« fragte Tiny, das kleine Mädchen aus dem Nachbarzelt, teilnahmsvoll. Nico runzelte unwillig die
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Stirn. Er mochte Tiny sonst ganz gern, aber da sie ein Jahr jünger war als er und in der Schule eine Klasse tiefer ging, behandelte er sie immer ein bißchen von oben herab. »Das verstehst du nicht«, sagte er kurz. »Hm«, machte Tiny. »Stimmt etwas nicht mit deiner Rakete?« »Unsinn«, knurrte Nico. Tiny setzte sich neben ihn ins Gras und musterte eine Weile stumm die Rakete. Schließlich sagte sie nachdenklich: »Hübsch ist sie Ja, nur ein bißchen klein.« Nico nickte zustimmend: »Reinsetzen können müßte man sich. Und richtig starten!« »Das wäre fein«, sagte Tiny begeistert. »Würdest du mich dann mitnehmen?« Nico zog erstaunt die Brauen hoch. »Wieso denn dich? Du bist doch ein Mädchen!« »Na und?« sagte Tiny ein wenig schnippisch. »Es gibt auch Frauen als Raumfahrerinnen. Ich glaube, bei den Russen. Das weißt du wohl gar nicht?« Nico schluckte heftig. Er mochte es nicht sehr gern, wenn Mädchen recht hatten. »Naja«, sagte er rauh. »Aber die ersten Mondfahrer waren Männer.«
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Tiny lächelte schelmisch. »Also haben wir beide recht. Nimmst du mich nun mit?« »Hm«, machte Nico. Dann sagte er unwirsch: »So ein Quatsch. Es geht ja gar nicht.« »Eigentlich schade«, murmelte Tiny kleinlaut. Sie schien über irgend etwas sehr angestrengt nachzudenken, sagte es aber nicht und ging langsam und mit gekrauster Stirn zum Strand. »Mach’s gut«, rief sie ihm noch zu. Nico stand seufzend auf. Er hatte plötzlich keine Lust mehr, mit seiner Rakete zu spielen. Die erinnerte ihn nur daran, daß er noch so klein war. Und daran wollte er nicht erinnert werden, jedenfalls jetzt nicht. Er wollte lieber nach Line, seiner Schildkröte, sehen und ihr ein schönes Löwenzahnblatt bringen. Line fraß leidenschaftlich gern Löwenzahn. Vor Jahren hatten sie Line in Montenegro gefangen. Jetzt war sie ganz zahm und fraß aus der Hand. Und wenn sie wegfuhren, kam Line immer mit: sie gehörte zur Familie. Außerdem hatte Line Eigenschaften, die Nico sehr schätzte: Line konnte stundenlang geduldig zuhören, ohne ihn mit unbequemen Fragen zu unterbrechen. Und sie war trotz ihrer stattlichen Größe von einem Viertelmeter

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ihm gegenüber doch ziemlich klein. Bei ihr kam er sich schon beinahe erwachsen vor. Und das konnte er jetzt brauchen. Gerade wollte er zum Zelt gehen, da kamen seine Eltern in Badesachen heraus. Und sein Vater rief: »Kommst du mit ins Wasser, Nico?« Auch nicht schlecht, überlegte Nico. Vielleicht war Tiny noch am Strand, und sie konnten zusammen Wasserball spielen? »Klar!« rief er zurück. »Ich komme!« Er schnappte seinen Ball, Badehose hatte er schon an, und rannte hinter seinen Eltern her zum Strand. Seine neue Rakete hatte er völlig vergessen.

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TINY UND DIE GIESSKANNE Als Nico ans Meer kam, sah er seine Eltern durch die flache Brandung springen. Sie bespritzten sich lachend gegenseitig mit Wasser und winkten ihm zu, er möge hereinkommen. Aber er hatte keine Lust. Suchend sah er sich um. Dann entdeckte er Tinys knallroten Badeanzug. Sie war sehr beschäftigt, ihre kleine Gießkanne mit Meerwasser zu füllen. »Hör mal, Tiny«, rief er, »spielst du mit Wasserball?« Tiny schüttelte ihren Wuschelkopf. »Keine Zeit«, sagte sie geheimnisvoll. »Was machst du denn da?« fragte er überflüssigerweise. Tiny lachte. »Wird nicht verraten«, sagte sie prustend. Sie schöpfte noch einmal und verschwand, vorsichtig ihre randvolle Gießkanne balancierend, eilig zwischen den Zelten. »So was Albernes«, knurrte Nico und sah ihr wütend nach. Langsam stapfte er ins Wasser. Das Meer war warm und hatte kaum Wellen,

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genau richtig zum Wasserballspielen. Aber mit wem? Seine Eltern tobten ausgelassen und wüst spritzend durch die Brandung. Er rief. Aber sie hörten ihn natürlich nicht. Nico wurde noch wütender. Das sollte ich mal machen, dachte er, einfach nicht hören, wenn man ruft. Nur Kinder müssen immer hören. Wenn ich doch bloß endlich erwachsen wäre! Und plötzlich fiel ihm seine Rakete ein. Mit ein paar gewaltigen Sätzen sprang er an den Strand und lief, so schnell er konnte, zurück zum Zeit. Und was er dort sah, ließ ihn wie angewurzelt stehenbleiben. Seine Rakete war weg! Nur ein kleines Mädchen stand dort in einem knallroten Badeanzug. Das mußte Tiny sein. Sie starrte wie gebannt auf etwas, das er nicht erkennen konnte. Er stürmte auf sie zu und schrie schon von weitem: »Wo hast du meine Rakete?« Tiny wandte sich erschrocken um. »Deine Rakete?« sagte sie erstaunt. »Da steht sie doch. Kannst du nicht mehr gucken?« Nico kam heran. Tatsächlich, da stand die Rakete an ihrem Platz. Er hatte sie nur nicht sehen können, weil Tiny genau davor stand. Er atmete erleichtert auf. Und er schämte sich ein bißchen wegen seiner grundlosen Verdächtigung. Aber
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das wollte er sich nicht anmerken lassen, vor Tiny schon gar nicht. »Und was machst du hier?« fragte er barsch. Tiny lächelte geheimnisvoll.

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»Ich beobachte »Was denn?«

was«,

flüsterte

sie.

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Tiny schüttelte den Kopf und betrachtete gespannt die Rakete, als erwarte sie etwas ganz Besonderes. Plötzlich hob sie ihre Gießkanne und spritzte noch ein paar Tröpfchen über die Rakete. »Bist du verrückt!« brüllte Nico. »Die Rakete wird doch ganz naß!« »Soll sie ja«, sagte Tiny ernsthaft. »Außerdem ist sie es schon.« Nico verschlug es die Sprache. Er starrte entsetzt auf seine Rakete. Tiny hatte recht. Die Rakete war pitschnaß, von oben bis unten, überall auf ihr glitzerten dicke Wassertropfen in der Sonne. »Warst du das?« »Natürlich«, antwortete Tiny und schlenkerte vergnügt ihre Gießkanne. »Ich habe sie gegossen.« »Du hast sie gegossen?« stammelte Nico fassungslos. »Na klar«, sagte Tiny eifrig. »Und jetzt passe ich auf, ob sie wächst.« Nico spürte plötzlich eine ungeheure Wut. »Du dummes Stück!« schrie er außer sich. »Mach bloß, daß du wegkommst!« Zornbebend ging er auf Tiny los. Und das kleine Mädchen wich entsetzt zurück. Da sagte eine Stimme: »Was soll denn

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das Gebrüll?« Nicos Eltern waren aus dem Wasser gekommen und betrachteten etwas verblüfft die erregten Kinder. »Diese Tiny«, keuchte Nico vor mühsam unterdrückter Wut, »sie hat die Rakete mit der Gießkanne begossen.« »Und warum?« erkundigte sich Nicos Vater und gab sich Mühe, ernst zu bleiben. Tiny kam zaghaft heran, dicke Kullertränen in den hellblauen Augen. »Ich wollte ihm doch helfen«, flüsterte sie verschüchtert. »Nico war so traurig, weil seine Rakete so klein ist und er nicht damit fliegen kann. Und da habe ich sie gegossen, damit sie noch wächst.« »So ein Blödsinn«, knurrte Nico. Nicos Mutter strich Tiny tröstend über den Wuschelkopf. »Tiny hat es doch nur gut gemeint«, sagte sie lächelnd. »Und sie tut es bestimmt nicht wieder.« »Aber die Rakete ist hin«, maulte Nico. »Naß ist sie«, sagte sein Vater beruhigend. »Weiter gar nichts. Und sie wird auch wieder trocken. Laß sie einfach in der Sonne stehen.« Damit ging sein Vater zum Zelt. Und
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seine Mutter sagte noch: »Nun vertragt euch wieder.« Aber Nico hatte genug von Tiny. Er nahm sich vor, nie wieder mit ihr zu spielen, überhaupt nie mehr mit Mädchen. Und er sagte: »Hau ab, du Mädchen!« Tiny schluchzte, dicke Tränen rollten über ihr sonnengebräunten Wangen. Langsam wandte sie sich um und trippelte mit ihrer Gießkanne davon. Plötzlich drehte sie sich noch einmal um und rief trotzig: »Und sie wächst doch!«

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NÄCHTLICHE ÜBERRASCHUNG Nico wälzte sich unruhig in seinem Schlafsack. Er schlief schlecht, denn der Tag war zu aufregend gewesen. Und er träumte lauter wirres Zeug: von Gießkannen und riesigen Wassertropfen auf seiner Rakete. Und die Tropfen wuchsen und wuchsen, bis von der Rakete nichts mehr zu sehen war. Plötzlich schreckte er auf und blinzelte. Und er seufzte erleichtert. Er lag im Zelt, auf seiner Luftmatratze. Draußen war es still. Es mußte mitten in der Nacht sein. Nur der Vollmond stand als undeutlich heller Fleck über dem Zeltdach. Beruhigt wollte er sich auf die andere Seite drehen, da fiel ihm etwas ein: die Rakete. Hatte er vorhin wirklich nur geträumt? Was war mit den riesigen Wassertropfen? Und was war mit seiner Rakete? Er gab sich alle Mühe, aber er konnte nicht wieder einschlafen. Erst mußte er nachsehen. Vorsichtig schälte er sich aus dem Schlafsack, um seine Eltern nicht zu wekken. Einmal quietschte leise die Luft matratze. Er hielt den Atem an, doch nichts rührte sich. Seine Eltern schliefen. Er rutschte weiter nach vorn. Das Schwierig-17-

ste war der Reißverschluß am Zelteingang. Der machte immer so ein ratschendes Geräusch. Ganz langsam zog er ihn auf, so viel nur, daß er bequem durchschlüpfen konnte, und kroch hinaus. Das Vorzelt stand offen. Er hatte es geschafft. Nico blinzelte in das bleiche Licht des Mondes. Es war sehr hell draußen. Eine richtige südliche Vollmondnacht. Aber das interessierte ihn jetzt nicht. Noch etwas (schlaftrunken tappte er in das feuchte Gras, den Blick suchend nach unten gerichtet. Doch er kam nicht weit. Eine riesige metallisch schimmernde Wand versperrte ihm den Weg. Erschrocken sah er auf. Er wußte genau, daß es auf dem Campingplatz keine Wände gab. Jedenfalls nicht solche, und schon gar nicht aus Metall. Und doch war hier etwas, das wie eine Wand aussah. Er rieb sich die Augen und trat ein paar Schritte zurück. Und jetzt begriff er. Das war keine Wand. Das war ein riesiges zylindrisches Gebilde, oben mit einer Spitze drauf. Es war: eine Rakete. Eine richtige ausgewachsene Rakete! Sprachlos vor Staunen starrte er empor. Das Mondlicht glitzerte auf dem Metall. So stand er eine Weile, ganz versunken in den Anblick. Plötzlich hörte er ein Ge-

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räusch. Eine helle, dünne Stimme rief leise seinen Namen, immer wieder. Er sah sich um. Und da sah er Tiny. Sie stand direkt neben ihm. »Da staunst du, Nico?« sagte sie triumphierend. Nico sagte gar nichts. Er sah nur abwechselnd von Tiny zur Rakete und wieder zu Tiny. Und er fragte sich ernsthaft, ob er nun träume oder wache. Aber das war im Moment nicht herauszufinden. »Hm«, machte er gedehnt. Tiny kicherte. »Nun sag schon was, los«, forderte sie ein wenig ungeduldig und stupste ihn leicht an die Schulter. Nico schrak zusammen. Die Berührung war echt. Es hatte ihn tatsächlich jemand gestupst. Das mußte wirklich Tiny sein. Er sah sie ganz deutlich im Mondlicht. Und wenn Tiny wirklich war, dann war es auch die Rakete. »Hm«, seufzte er noch einmal. »Siehst du«, erklärte Tiny mit unverkennbarem Stolz. »Ich habe recht gehabt. Sie ist gewachsen.« Nico fand das alles sehr verwirrend. Er war darauf gefaßt gewesen, seine Rakete pitschnaß und bedeckt mit riesigen Wassertropfen vorzufinden, wie er es geträumt hatte. Und jetzt war auf einmal alles ganz anders. Irgendwie paßte das
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nicht zusammen: diese gewaltige Rakete, und dann diese Tiny mit ihrer albernen Gießkanne, Er schüttelte den Kopf. »Zwick mich mal«, sagte er ein wenig ratlos. Tiny lachte. »Du meinst wohl, du träumst?« Immer noch lachend zwickte sie ihn kräftig in den Arm. »Auutsch«, machte Nico. Tiny hatte ihn ziemlich heftig gezwickt. Das würde einen blauen Fleck geben. Aber das war jetzt unwichtig. Da stand die Rakete, riesengroß und wohl hundert Me ter hoch. Ein gewaltiges Ding, viel größer, als er es von Bildern kannte. Er ließ Tiny einfach stehen und ging rund um die Rakete. Ein bißchen unheimlich war ihm dabei. Und er erwartete jeden Augenblick, daß die Rakete verschwinden würde. Aber sie blieb. Als er wieder zurückkam, sagte Tiny: »Glaubst du mir nun, daß sie gewachsen ist?« »Hm«, machte Nico, noch ein wenig zweifelnd. »Hm«, äffte Tiny ihn nach. »Außer hm kannst du wohl überhaupt nichts mehr sagen, was? Und du willst ein Junge sein?«

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»Quatsch«, knurrte Nico und kam sich ein bißchen dumm vor. »Gar kein Quatsch«, sagte Tiny ärgerlich. »Wenn ich sie nicht gegossen hätte, wäre sie immer noch ganz winzig klein. Und jetzt ist sie groß und dick und lang und eine richtige Rakete. Wie findest du das?« »Prima«, sagte Nico, jetzt hellwach. »Und du meinst, das ist wirklich meine Rakete?« »Natürlich«, erklärte Tiny überzeugt. »Man muß nur richtig gießen, dann wächst alles.« Nico zog die Brauen hoch. Er hatte so was noch nie gehört. »Auch Raketen?« meinte er nachdenklich. »Das siehst du doch«, sagte Tiny energisch. »Und jetzt starten wir. Los, sei nicht so schlafmützig!«

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START INS UNBEKANNTE Nico kletterte als erster die steile Leiter hinauf. Tiny blieb ihm dicht auf den Fersen. Schnell hatten sie die Raketenspitze erreicht. Die Luke war nur angelehnt. Und mit einem Satz sprangen sie in die geräumige Kapsel. »Toll«, sagte Nico begeistert. Tiny nickte. »Und wie das blinkt und glitzert. Ein richtiger Zauberkasten.« »Unsinn«, entgegnete Nico. »Das sind die Bedienungsknöpfe.« Diese Unmenge von Schaltern, Hebeln, Kontrollämpchen und seltsamen technischen Vorrichtungen war faszinierend. Er konnte sich gar nicht satt sehen daran. Nachdenklich kratzte er sich hinter dem Ohr. Ihm fiel plötzlich ein, daß er keine Ahnung hatte, wie man eine Rakete bedienen muß. So kompliziert hatte er sich das nicht vorgestellt. Aber irgendwie mußte er das her auskriegen. Auf keinen Fall durfte er sich vor Tiny blamieren. Zunächst einmal mußte er Zeit gewinnen. »Und wo fliegen wir hin?« fragte er. »Vielleicht zum Mond?« Tiny schüttelte heftig ihren Wuschel-

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kopf. »Auf keinen Fall«, sagte Tiny entschieden. »Der Mond ist mir viel zu steinig. Und Steine mag ich nicht. Außerdem waren schon die Amerikaner dort. Wir müssen etwas Neues entdecken.« Nico fand das einleuchtend. Tiny war offenbar gar nicht so dumm, wie er gedacht hatte. Aber wohin? Die Venus fiel ihm ein, und Mars und Saturn. Aber diese Namen kannte jeder. Das war auch nicht das richtige. Es mußte etwas völlig Neues sein. Und ganz weit weg. Er dachte angestrengt nach. Irgendwo hatte er mal einen ganz seltsamen Namen gelesen. Da müßten sie hin. Und dann fiel ihm der Name ein. »Beteigeuze«, sagte er mit bedeutungsvoller Miene. »Beteigeuze?« wiederholte Tiny zweifelnd. »Das klingt aber komisch. Gibt es das überhaupt?« »Natürlich«, sagte er streng. »Ein bißchen weiß ich schließlich auch.« »Na gut«, meinte Tiny. »Dann los.« Nico zögerte. »Moment noch«, sagte er ausweichend. »Ich will erst noch die Line holen.« »Die Line? Warum?« »Schildkröten sind kluge Tiere. Das kann uns nützlich sein. Außerdem sind wir nicht so allein, falls auf Beteigeuze

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niemand wohnt.« Tiny nickte zustimmend. »Aber beeil dich.« Nico kletterte schnell hinab, holte Line aus ihrer Schlafkiste und turnte mit ihr die Leiter wieder hinauf. Als er oben ankam, hörte er zu seiner Verblüffung eine fremde Stimme. Sie kam aus der Raumkapsel. Hastig stieg er durch die Luke. »Mit wem sprichst du denn da?« fragte er. »Mit der Kontrollstation natürlich«, antwortete Tiny, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. »Hm, hm«, machte Nico. »Und was sagt sie?« »Wir sollen die Raumanzüge anlegen. Dort liegen sie.« Nico setzte Line vorsichtig auf den Boden und sah sich um. Tatsächlich, da lagen zwei türkisblaue Raumanzüge. Und daneben die Helme, Aber ob die paßten? Jedenfalls konnten sie nichtgut in ihren Schlafanzügen fliegen. »Hilf mir mal bitte«, sagte Tiny. Sie schlüpfte in ihren Raumanzug und versuchte, den Verschluß zuzumachen. Aber sie schaffte es nicht. Irgend etwas klemmte. Nico lachte. »Ein Zipfel von deinem Schlafanzug. Du hast ihn eingeklemmt. Und jetzt siehst du

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aus wie eine Puppe mit Schwanz.« »Huch«, machte Tiny. »So was bin ich aber nicht. Hilf mir doch endlich.« Nico zupfte ein wenig, bis der Verschluß zuging. Dann zog er seinen Raumanzug an. Er paßte. Und auch die Helme paßten wie für sie gemacht. Sie sahen beide wie richtige Raumfahrer aus. Tiny betrachtete sich aufmerksam. »Meinst du, daß ich den Beteigeuzern so gefalle?« meinte sie schließlich. Nico fand die Frage albern. Aber ehe er antworten konnte, war plötzlich wieder die fremde Stimme im Raum. »Fertig zum Countdown?« fragte die Stimme. Nico biß sich auf die Lippen. Was sollte er sagen? Er hatte keine Ahnung. Zwar wußte er, was Countdown bedeutet. Das war das Auszählen bis zum Start. Aber was er dabei zu tun hatte, wußte er natürlich nicht. Doch Tiny nahm ihm die Antwort ab. »Fertig«, sagte sie unbefangen. Na schön, dachte Nico. Vermutlich brauche ich dabei gar nichts zu tun, und alles geht automatisch. Er fand das sehr beruhigend. Und er sah hinüber zu seiner Schildkröte. Line gähnte verschlafen und suchte gemächlich nach einer Ecke, wo sie sich

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verkriechen konnte. Offenbar interessierte sie sich wenig für Raumfahrt. Plötzlich klang wieder die Stimme aus dem Lautsprecher. Langsam zählte sie abwärts. »Es geht los«, sagte Nico heiser. »Los, hinsetzen!« Und dann ging es los. Ein ohrenbetäubender Lärm ließ die Kapsel erzittern, Sie wurden mit unheimlicher Gewalt in ihre Sessel gedrückt. Und beide spürten ein sonderbares Gefühl in der Magengrube. Aber es dauerte nicht lange. Der Lärm wurde schwächer und hörte schließlich ganz auf. Und der Druck ließ nach. Sie konnten sich wieder bewegen. »Uff«, machte Nico erleichtert. Und Tiny murmelte undeutlich: »Heiliger Bimbam!« Sie waren beide ein wenig blaß um die Nase. Aber sonst fühlten sie sich ganz wohl. Der Start war gelungen.

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AUF GROSSER FAHRT Nico betrachtete gespannt die Instrumente und überlegte, was als nächstes zu tun sei. Er hatte gehört, daß Raketen von Computern gesteuert wurden. Aber der Kommandant konnte sie auch selbst steuern. Das kam ganz auf die Lage an. Im Moment jedenfalls hatte er offenbar nichts zu tun. Er sah sich beruhigt um und entdeckte einen Schaltplan über der Armaturentafel. Interessiert studierte er die vielen Zeichen. »Wirst du daraus schlau?« fragte Tiny neugierig. »Klar«, sagte Nico. »Kein Problem für mich.« Tiny seufzte unter ihrem Helm. »Aber bequem ist das nicht«, meinte sie. Es war wirklich nicht sehr bequem. Zwar konnten sie sich durch die eingebauten Mikrophone und Kopfhörer gut verständigen, aber die schweren Helme waren doch ziemlich lästig. »Ich komme mir vor, als hätte ich einen Kürbis als Kopf«, maulte Tiny. »Raumfahrt ist eben doch nichts für Mädchen«, sagte Nico und grinste. Tiny zog einen Flunsch. »Unsinn«, sagte sie. »Das kommt nur, weil ich noch etwas klein bin. Und außer-

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dem ist es blöd, daß wir Helme brauchen. Line braucht ja auch keinen.« Das stimmte. Die Schildkröte hatte vorhin einfach ihren Kopf unter den Panzer gezogen. Jetzt kam sie gemächlich quer durch die Kapsel gekrabbelt und beäugte aufmerksam die vielen bunten Lämpchen. »Tatsächlich«, murmelte Nico verblüfft. »Line braucht genauso Luft zum Atmen wie wir. Und wenn Line atmen kann, können wir es auch. Es muß also Luft in der Kapsel sein.« Schnell nahmen sie ihre Helme ab und atmeten ein paar mal tief durch. »Wie auf der Erde«, sagte Tiny anerkennend. »Wirklich toll.« Nico schnupperte noch etwas skeptisch. »Stimmt«, erklärte er dann. Aufseufzend stupste Tiny ihren Helm in eine Ecke. »Endlich«, stöhnte sie. »Ich habe wirklich nicht gern einen Kürbiskopf.« »Vorsicht«, mahnte Nico. »Die Helme sind kompliziert und empfindlich. Und wir brauchen sie sicher noch. Außerdem sind sie schick.« Tiny schwieg betroffen. Nico wandte sich wieder dem Armaturenbrett zu. Vorhin beim Start hatte er beobachtet, daß hintereinander drei Kon-

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trollämpchen aufleuchteten und wieder erloschen. Was konnte das gewesen sein? Vielleicht die Zündung der drei Raketenstufen? Möglich. Auf jeden Fall war offenbar nichts schiefgegangen. Alles schien normal zu arbeiten. »Alles in Ordnung?« fragte die Lautsprecherstimme. »Klar«, antwortete Nico ruhig. Die Stimme schwieg. Das Raumschiff zog ruhig seine Bahn. Nico sah zu Tiny hinüber. Aber Tinys Sessel |war leer. Sie stand vor einem der dick verglasten Bullaugen, hatte den Mund weit offen und starrte mit großen Kulleraugen auf etwas, das sie ganz zu fesseln schien. Neugierig trat er hinzu. Und er spürte, daß auch er Kulleraugen bekam. Was er sah, war wirklich überwältigend. Und es war viel spannender und aufregender als im Fernsehen. Draußen vor dem Bullauge schimmerte die Erde, ein ungeheurer bläulicher Ball, der fast den ganzen Himmel verdeckte. Und über dem gekrümmten Rand lag der Himmel wie nachtschwarzer Samt. »Schön«, flüsterte Tiny leise. So standen sie eine Weile, ganz versunken in den faszinierenden Anblick. Plötzlich rief Tiny aufgeregt:
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»Und wo ist der Mond? Nico, hörst du nicht? Wir müssen aufpassen, daß wir nicht mit ihm zusammenstoßen!« »Unsinn«, knurrte Nico unwirsch. Aber ganz so sicher fühlte er sich nicht. Und er eilte hinter Tiny her von Bullauge zu Bullauge, um nach dem Mond zu suchen. Endlich, beim letzten, quiekste Tiny auf: »Da ist er!« Nico starrte hinaus. Tatsächlich, das mußte der Mond sein. Aber so groß? »Hm«, machte er unsicher. Tiny wandte sich ängstlich um. »Ist er das wirklich?« fragte sie zaghaft. »Ja, sicher«, sagte Nico tapfer. »Und je näher wir ihm kommen, desto größer wird er. Das ist ganz klar. Also muß das der Mond sein.« Tiny schien überzeugt. »Wie klug du bist«, sagte sie anerkennend. Und Nico dachte geschmeichelt: Eigentlich ist sie sehr nett, die kleine Tiny. Dann vertiefte er sich wieder in den Schaltplan. Er mußte das unbedingt herauskriegen. Egal wie. Schließlich war er der Kommandant. Und Kommandanten müssen mit ihrem Raumschiff Bescheid wissen. Mit einem Mal schrak er zusammen. »Vier Stunden Schlafpause«, tönte die Stimme aus dem Lautsprecher. »Huch«, machte Tiny verdutzt.
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Nico überlegte kurz. »Und die Flugrichtung?« fragte er. »Wie programmiert«, sagte die Stimme. »In vier Stunden geben wir Wecksignal.« Nico erwiderte nichts. Er betrachtete das Armaturenbrett und dann die Schildkröte, die friedlich in einer Ecke saß. Line schlief bereits, als habe sie das Kommando genau verstanden. »Eine schöne Bescherung«, murmelte er. Tiny kam langsam zu ihrem Sessel zurück. »Ich mag aber nicht schlafen«, maulte sie und stampfte mit dem Fuß. »Auf der Erde kommandieren einen die Eltern. Und nicht mal in einem Raumschiff kann man machen, was man will. Immer wird herumkommandiert. Puh!« »Ruhig«, zischte Nico. Aber Tiny murrte: »Jetzt fängst du auch noch an!« Da tönte die Lautsprecherstimme schon wieder: »Bitte, die Schlafpause einhalten.« »Da hast du es«, sagte Nico ärgerlich. Tiny starrte ihn verblüfft an. »Hören die denn alles mit?« fragte sie leise. Nico nickte. »Vermutlich ja.« »Oh weia«, machte Tiny. »So was Dummes.« »Quatsch«, brummte Nico. »Los, jetzt

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wird geschlafen.« Aber ganz so schnell ging das nicht. Sie waren beide viel zu aufgeregt. Und sie hätten viel lieber etwas anderes getan als Schlafen: aus den Bullaugen in den nächtlichen Raum geschaut oder den Schaltplan studiert und sich überhaupt mit dem Raumschiff und ihrer tollen Fahrt durch den Weltraum beschäftigt. Doch sie lehnten sich beide gehorsam in ihre Sessel zurück. Und nach einer Weile schliefen sie tatsächlich ein.

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DIE FLIEGENDE SCHILDKRÖTE Ein durchdringendes schrilles Geräusch tönte durch die Raumkapsel. Tiny öffnete träge die Augen und schloß sie wieder. Alles kam ihr unwirklich vor: das metallische Schimmern der Kapselwände, das magische Glühen der vielen bunten Signallämpchen auf der Armaturentafel und all die seltsamen Hebel und Schalter. Sie glaubte zu träumen. Nur das verrückte schrille Geräusch störte sie. Krampfhaft riß sie die Augen auf. Nein, sie träumte nicht. Sie saß tatsächlich in einer Raumkapsel auf dem Sessel. Und im Sessel daneben saß Nico und schlief. Jetzt begriff sie. Und sie dachte: Verflixt, hat der aber einen guten Schlaf. Sie gähnte herzhaft und wartete, daß Nico endlich aufwache. Doch als das schrille Geräusch verstummte und Nico immer noch schlief, wurde sie unruhig. »Aufwachen, Nico!« rief sie. »Das Wecksignal!« Sie hob den Arm, um ihm einen ermunternden Stups zu geben. Und sie wunderte sich, denn ihr Arm war ganz leicht, als habe er plötzlich das Gewicht verloren. »Uuuaaach«, machte Nico verschlafen. Na endlich, dachte Tiny. Sie fühlte sich jetzt ganz munter und sah sich neugierig

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um. Und vor Verblüffung blieb ihr der Mund offen stehen. Die Schildkröte schwebte direkt über ihr mitten in der Luft! Eine Weile saß Tiny wie gebannt. Dann schrie sie aus Leibeskräften: »Nico, die Line fliegt!« Erschrocken zuckte Nico zusammen. Schlaftrunken blinzelte er in die Gegend. Und man sah ihm an, daß er sich erst zurechtfinden mußte. Aber bei ihm ging es etwas schneller als bei Tiny. »Warum brüllst du denn so entsetzlich?« fragte er noch etwas träge. »Ist was?« »Und ob!« fauchte Tiny. »Du bist mir ein schöner Kommandant. Alles verschläfst du. Sogar das Wecksignal. Und alles andere auch. Los, guck dich mal um!« Nico tat es. Aber nach oben sah er nicht. »Es ist doch alles in Ordnung«, knurrte er verdrießlich. »Was soll also dein Gebrüll?« Tiny kicherte. »Guck mal an die Decke«, sprudelte sie. Nico sah nach oben. Verdutzt rieb er sich die Augen, denn er glaubte, er sähe nicht recht. »Siehst du, die Line fliegt«, rief Ti-

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ny triumphierend. Nico sagte erst einmal gar nichts. Er beobachtete die Schildkröte und dann die Armaturentafel der Kapsel. Alles schien normal zu funktionieren. Aber seit wann konnten Schildkröten fliegen? Das war sonderbar. Spukte es im Raumschiff? Oder war Line gar nicht Line, sondern ein Raumgeist in Gestalt einer Schildkröte? Er kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr. Und mit einemmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: die Schwerkraft! Die Rakete hatte, während sie schliefen, das Schwerefeld der Erde verlassen. Und jetzt waren sie im schwerelosen Raum. Das war des Rätsels Lösung. Daß ihm das nicht gleich eingefallen war. Sein Vater hatte ihm das einmal ganz genau erklärt. Er hatte es sich damals nur nicht richtig vorstellen können. Und jetzt erlebte er es selbst. Die Line flog gar nicht, sie schwebte. So einfach war das. »Na und?« sagte er schmunzelnd. »Warum sollen Schildkröten nicht fliegen? Meine Line kann das eben.« »So ein Blödsinn!« fauchte Tiny wütend. »Wieso Blödsinn?« grinste Nico. »Du siehst doch, daß sie es kann. Schau nur, wie sie mit den Beinen rudert.« Sie blickten beide zu Line hinauf. Es sah wirklich zu drollig aus: eine Schildkröte

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freischwebend in der Luft. Sie konnten sich zwar nicht vorstellen, was eine Schildkröte beim Fliegen dachte, aber Line schien sich dabei sehr wohl zu fühlen. Bedächtig ruderte sie mit ihren vier kurzen stabilen Beinen, hatte den schlanken Hals weit aus dem Panzer herausgestreckt und äugte aufmerksam in die Gegend. Es machte ihr offensichtlich Spaß. Und sie kam auch tatsächlich voran. Gemächlich ruderte sie über Tinys Kopf hinweg in Richtung auf die Armaturentafel zu. Vermutlich interessierten sie die vielen bunten Lämpchen. Und die beiden sahen ihr zu. »Toll«, murmelte Tiny. Nico lachte. »Paß auf«, sagte er betont ruhig. »Das kann ich auch.« Er stieß sich leicht von seinem Sessel ab. Und schon schwebte er seitlich über Tiny mitten in der Kapsel. Es war ein ganz sonderbares Gefühl. »Huch«, machte Tiny entsetzt. »Kannst du vielleicht zaubern?« »Klar«, grinste Nico. Er streckte seinen Arm nach unten und zog Tiny sanft am Ohr. Und tatsächlich spürte Tiny, wie der Sessel unter ihr wegsank und sie frei in die Kapsel hineinschwebte. »Huch«, machte sie noch einmal. Sie
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zappelte und strampelte und versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Aber durch die heftige Bewegung drehte sie sich plötzlich um ihre eigene Achse, so daß oben und unten vertauscht waren. »Aufhören!« schrie sie. »Sofort aufhören damit!« Nico prustete vor Lachen. »Das geht doch gar nicht«, kollerte er vergnügt. Inzwischen war er an der Decke der Kapsel gelandet und kroch langsam an der Wand hinunter auf seinen Sessel zu. Er fand das wahnsinnig lustig. Trotzdem tat ihm die kleine Tiny leid, die so gar keine Ahnung hatte, was eigentlich mit ihr geschah. »Warte«, sagte er tröstend. »Ich hole dich.« Vorsichtig stellte er sich auf den Sessel, hakte sich mit einem Fuß an der Armlehne fest, packte Tinys linkes Bein und zog sie langsam zu sich herab. Aufatmend schmiegte Tiny sich in ihren Sessel. Sie war ganz blaß um ihre kleine Stupsnase, und ihre großen Augen blickten erschrocken auf Nico. »Nur keine Aufregung«, erklärte er beruhigend. »Das alles ist ganz natürlich. Wir sind einfach im schwerelosen Raum. Und da ist das eben so.« Tiny musterte ihn stirnrunzelnd. »Stimmt das auch?« fragte sie zweifelnd. »Stimmt«, bestätigte Nico.

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»Im schwerelosen Raum haben wir praktisch kein Gewicht. Und die Line natürlich auch nicht. Daher kommt das.« »Aha«, machte Tiny. Allmählich erholte sie sich wieder von ihrem Schreck. Und dann meinte sie: »Eigentlich ganz hübsch.« Plötzlich gab es einen leichten Plumps. Erschrocken sahen die beiden in die Richtung des Geräusches. Es war Line. Sie war auf ihrer Ruderwanderung quer durch die Luft der Kapsel schräg vor die Wand gestoßen und durch den Aufstoß gegen die Armaturentafel getrieben worden. Jedenfalls saß sie jetzt mitten zwischen den Schaltern und Kontrollämpchen und schnappte andächtig nach einem knallroten Schalter. Und ehe Nico, durch die Schwerelosigkeit behindert, zu ihr kommen konnte, hatte Line den Schalter mit ihren kräftigen Kiefern gepackt und in eine andere Stellung gedrückt. Irgendwo in der Rakete gab es einen dumpfen Stoß. Sonst geschah nichts. »So ein Mist!« knurrte Nico wütend. Aber jetzt war daran nichts mehr zu ändern. Endlich bekam er Line zu fassen. Er schnappte sie, gab ihr einen leichten Klaps auf das Hinterteil ihres Panzers und setzte sie in eine Ecke. »Damit sie nicht wieder solchen Unfug

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macht«, brummte er. »Ist denn was passiert?« fragte Tiny ein wenig ängstlich. Nico schüttelte langsam den Kopf. Er wollte Tiny nicht schon wieder beunruhigen, denn im Grunde schämte er sich noch ein bißchen wegen vorhin. Aber er hatte jetzt doch allmählich einige Zweifel an einem guten Ausgang ihrer Weltraumreise.

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STERN IN SICHT Eine ganze Weile waren sie nun schon mit ihrer Rakete durch den Weltraum gezogen. Nach der Panne mit Line und dem knallroten Schalter hatte Nico aufmerksam die Armaturentafel und das Verhalten der Rakete beobachtet, doch er hatte nichts Außergewöhnliches feststellen können. Nichts schien gegen vorher Verändert. Und so hatte er sich allmählich wieder beruhigt. Tiny hatte den Vorfall offenbar völlig vergessen. Und ssie hatte sich, genau wie Nico, inzwischen auch an die Schwerelosigkeit gewöhnt. Behutsam und vorsichtig bewegte sie sich durch die Kapsel, um nicht jedesmal gleich an der Decke zu landen. Jetzt ging sie gerade wieder zu ihrem Lieblingsplatz vor dem Bullauge, um nach draußen zu spähen. Doch es mußte wohl das falsche gewesen sein, denn sie sah nur kurz durch und lief zum nächsten. Und dann wieder zum nächsten, und so fort, bis sie mindestens ein mal durch jedes Bullauge geschaut hatte. Und ihr Gesicht wurde dabei immer ratloser. Plötzlich sagte sie mit zitternder Stimme: »Sie ist weg!«
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»Wer ist weg?« fragte Nico. »Die Erde. Einfach weg!« »Blödsinn«, grunzte Nico. Er erhob sich gemächlich und spähte der Reihe nach durch sämtliche Bullaugen. Aber er wurde nun doch allmählich unruhig, denn von der Erde war tatsächlich weit und breit nichts zu sehen. Was sollte das nun schon wieder bedeuten? »Komische Sache«, murmelte er vor sich hin. Tiny schluchzte auf: »Ich finde das gar nicht komisch.« »Ruhig«, knurrte Nico. »Komisch oder nicht, jedenfalls ist sie weg. Oder vielmehr nicht weg: wir können sie nur von hier aus nicht sehen.« Aber Tiny fand das gar nicht beruhigend. »Das ist doch dasselbe«, schluchzte sie weiter. »Hör auf«, sagte Nico ungeduldig. »Heulen nützt jetzt auch nichts.« Tiny wischte sich gehorsam die Tränen ab und begann von neuem, durch sämtliche Bullaugen zu spähen. Mit einem Mal schrie sie wieder: »Und der Mond ist auch weg!« Nico holte tief Luft. Und er ersparte sich, selbst noch einmal durch die Bullaugen zu sehen. »Klar«, sagte er mühsam be-

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herrscht. »Ist doch alles ganz klar. Der Mond ist viel kleiner als die Erde. Und wenn wir die Erde von hier aus nicht sehen können, sehen wir den Mond erst recht nicht. Ist doch klar?« Tiny nickte noch etwas zweifelnd. »Hm«, machte sie. »Wenn du meinst?« Nico seufzte abgrundtief. Er begriff mit einem Mal, daß sie sehr weit von der Erde entfernt sein mußten, sehr sehr weit. Ziemlich hoffnungslos ging er noch einmal von Bullauge zu Bullauge. Er tat es eigentlich nur, weil er nicht wußte, was er sonst tun sollte. Und er ließ sich viel Zeit dabei. Doch an dem letzten Bullauge stieß er plötzlich einen wilden Schrei aus: »Dort!« Tiny eilte so schnell wie möglich zu ihm. »Was ist dort?« fragte sie aufgeregt. »Sieh nur«, stammelte er. »Sieh!« Und jetzt sah es Tiny auch: vor ihnen strahlte ein gewaltiger rosaroter Stern. »Ist das die Erde?« fragte Tiny am ganzen Leibe zitternd. Nico schüttelte den Kopf. »Nein«, erklärte er ernst. »Die Erde ist blau, jedenfalls vom Weltraum aus gesehen. Das dort muß ein anderer Stern sein. Du siehst ja, er ist rosarot. Und er

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ist jetzt schon fast so groß wie vorhin die Erde.« »Und hübsch ist er«, flüsterte Tiny begeistert. »Hm«, machte Nico wortkarg. Mit einem Mal lachte Tiny strahlend auf. »Weißt du, was das ist?« rief sie. »Das ist Beteigeuze. Wir sind da!« Nico schluckte krampfhaft. Er hatte keine Ahnung, wo sie eigentlich waren und was das für ein Stern sein konnte. Und ihm wurde ziemlich unheimlich bei dem Gedanken. Denn er sah, daß sie dem fremden rosaroten Stern immer näher kamen. Er überlegte. Wenn sich doch bloß endlich die Kontrollstation auf der Erde wieder melden würde. Aber sie meldete sich nicht. Alles blieb still, unheimlich still. Nur irgendwo war ein seltsames kratzendes Geräusch. Er sah sich um. Line krabbelte gemütlich an der gegenüberliegenden Wand hinauf. Er ließ sie krabbeln, denn er hatte jetzt keine Zeit für Schildkröten. Er mußte nachdenken.

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DIE LANDUNG Tiny war vor dem Bullauge stehengeblieben. Sie fand den riesigen rosaroten Stern wunderschön. Und sie überlegte, wie es dort wohl aussehen würde. Für sie war es völlig selbstverständlich, daß sie dort landeten. Und sie konnte die Zeit kaum erwarten. Dann fiel ihr etwas auf. »Schau doch, Nico!« rief sie. »Man sieht fast keinen Himmel mehr. Nur noch den Stern. Wir müssen schon ganz nahe sein!« Nico antwortete nicht. Er saß wieder in seinem Sessel vor der Armaturentafel und studierte eifrig den Schaltplan. Und er fand, was er suchte: eine Anweisung für Landemanöver. Das zu wissen konnte auf keinen Fall schaden. Trotzdem hoffte er immer noch, daß die Kontrollstation sich wieder melden oder sonst etwas unternehmen würde. Schließlich hatte die Stimme vorhin gesagt, es sei alles programmiert. Warum meldete sie sich bloß nicht? Plötzlich bekam er einen dumpfen Schlag auf den Kopf. Und ein schwerer klumpenartiger Gegenstand rollte über seine Schulter hinweg in seinen Schoß. »Auuh«, stöhnte Nico und rieb sich die
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schmerzende Stelle. Tiny bog sich vor Lachen. »Diese Line«, prustete sie. »Sie ist von der Decke direkt auf deinen Kopf gefallen.« Nico blickte noch etwas benommen auf den Gegenstand in seinem Schoß. Es war tatsächlich die Schildkröte. Der Sturz hatte ihr offenbar nichts geschadet. Sie war gerade dabei, ihre Beine wieder auszustrecken, und äugte noch etwas verdutzt aus ihrem Panzer. »So ein Biest«, murmelte er undeutlich. »Macht nichts als Unsinn.« Nachdenklich betrachtete er die Schildkröte. Irgendetwas stimmte da nicht Wieso war Line heruntergefallen? Wieso fiel sie überhaupt? Im schwerelosen Raum konnte doch eigentlich gar nichts fallen? Oder? Und er sagte zu Tiny: »Komm mal schnell her!« »Warum?« fragte Tiny erstaunt. »Schnell, schnell, es ist wichtig!« Tiny lief die paar Schritte zu ihm hinüber. Nico beobachtete sie gespannt. Sie lief tatsächlich, lief leichtfüßig auf ihn zu. Sie schwebte nicht. Sie lief! Er stutzte: das war des Rätsels Lösung! »Merkst du was?« rief er aufgeregt. Tiny blieb ver-

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blüfft vor ihm stehen: »Was soll ich merken?« »Du läufst! Merkst du’s nicht? Du bist eben gelaufen, nicht geschwebt! Weißt du, was das bedeutet?« Tinys Gesicht war ein einziges Fragezeichen. »Die Schwerkraft«, erklärte Nico erregt. »Wir haben wieder Gewicht, sonst könntest du gar nicht laufen. Und deshalb ist Line von der Decke gefallen.« Tiny begriff allmählich. »Du meinst, der Stern.?« »Genau«, sagte Nico. »Wir sind im Schwerefeld des rosaroten Sterns.« Er sprach nicht weiter. Gespannt beobachtete er die Armaturentafel. Dort waren jetzt einige Lämpchen aufgeleuchtet. Aber die KontraIIStation meldete sich noch immer nicht. Er mußte handeln, sonst würden sie auf dem fremden Stern zerschellen. Gut, daß er jetzt Bescheid wußte. Er gab sich einen Ruck. »Schnell die Helme auf«, kommandierte er heiser. »Und hinsetzen und anschnallen. Wir landen. Und halt’ die Line fest!« Nico setzte Line auf Tinys Sessel und stülpte seinen Helm über. Tiny hatte wortlos ihren Helm geschnappt, obwohl sie den gar nicht mochte. Schon saß sie

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auf ihrem Platz, die Schildkröte auf dem Schoß. Als sie angeschnallt waren, zündete Nico die Steuerraketen zum Wenden. Das Raumschiff drehte folgsam in Gegenrichtung. Sie atmeten auf. Alles schien einwandfrei zu funktionieren. »Und jetzt die Bremsraketen«, flüsterte Nico tonlos. Er schaute noch einmal kurz auf den Schaltplan und drückte sorgfältig nacheinander ein paar Knöpfe. Ein Geräusch klang auf, wie ein fernes Donnern. Und sie spürten, wie sie fest auf ihre Sitze gepreßt wurden. Es war, als ob ihr Gewicht immer mehr zunähme: ein seltsames Gefühl. Die Rakete bremste ab. Dann erlosch das Geräusch. Eine unheimliche Stille erfüllte die Raumkapsel. Sie wagten kaum zu atmen. Nico sah auf. Vor den Bullaugen schimmerte ein sonderbar grelles Licht. Es sah aus, als glitten sie durch ein Meer von rosaroter Milch. Sonst war nichts zu erkennen. Und immer tiefer sank das Raumschiff. Dann gab es einen ganz sanften Stoß. Die Rakete stand. Sie waren gelandet.

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AUF FREMDEM BODEN Eine Weile warteten sie gespannt, ob irgend etwas passieren würde. Aber es geschah nichts. Alles blieb ruhig. Auch von draußen kam nirgendwo ein Geräusch. Niemand schien sich für sie zu interessieren. Der rosarote Stern war offenbar eine durchaus angenehme Gegend. »Uff«, sagte Nico erleichtert. »Wir sind gelandet.« Tiny nickte ernsthaft. »Auf Beteigeuze«, murmelte sie entzückt. Nico war nicht ganz so sicher. Es war ihm auch ziemlich egal, ob sie auf Beteigeuze gelandet waren oder auf irgendeinem anderen Stern. Hauptsache war, daß sie gut gelandet waren. Und das waren sie wohl. Jedenfalls schien die Rakete keinen Schaden genommen zu haben. Und das war das Wichtigste, schließlich mußten sie ja wieder zur Erde zurück. Doch das hatte noch Zeit. Erst wollten sie einmal den unbekannten Stern erkunden. Sie lösten die Haltegurte und standen vorsichtig auf. Das ging ohne Schwierigkeiten. Der Stern besaß offenbar genügend Schwerkraft. Nur kam ihnen alles viel leichter vor als auf der Erde. Doch das schadete nichts, im Gegenteil, das
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konnte lustig werden. Und das seltsame rosarote Licht mit dem milchigen Schimmer beunruhigte sie etwas. Aber da würden sie schon noch irgendwie dahinter kommen. »Steigen wir jetzt aus?« fragte Tiny ungeduldig. »Klar«, sagte Nico. »Ich glaube, wir können es wagen. Nur die Sauerstoffgeräte müssen wir noch umschnallen.« Eilig setzte Tiny die Schildkröte, die sie immer noch in der Hand gehalten hatte, auf den Boden der Kapsel und schnappte sich eins der Geräte. Es sah aus wie ein Rucksack und wurde auch genau so getragen. Als sie mit Nicos Hilfe die Luftschläuche montiert hatte, schnupperte sie neugierig. Alles funktionierte einwandfrei. Nico war schon fertig. Er hatte inzwischen die Luke geöffnet und sah hinaus. Aber er sah nur diese seltsame rosarote Milch. Sonst war nichts zu erkennen. Immerhin: die Rakete stand völlig ruhig. Also mußte unten fester Boden sein. Und wenn der Boden das schwere Raumschiff aushielt, mußte er auch sie tragen können. Nico holte die zusammengerollte Strickleiter und ließ sie aus der Luke gleiten. Und er wunderte sich ein bißchen, daß das so langsam ging. Dann kletterte er vorsichtig hinab, immer tiefer, bis er

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so etwas wie festen Grund unter den Füßen spürte. Seine Vermutung stimmte also. Aber zu sehen war nichts. »Kommst du?« rief er zu Tiny hinauf. »Natürlich«, rief Tiny zurück. Kurze Zeit später stand sie neben ihm. Doch er sah kaum ihre Umrisse. »Wie im Nebel«, murmelte er ein wenig bedrückt. Tiny hatte im Moment andere Sorgen. »Dieser Helm«, stöhnte sie. »Muß man hier wirklich immer mit diesem blöden Ding herumlaufen?« »Ich glaube schon«, sagte Nico. »Wir haben doch keine Ahnung, ob wir die Luft hier atmen können.« »Hm«, machte Tiny. »Eine komische Luft. Sieht aus wie Himbeermilch.« Nico wurde ernst. »Jedenfalls müssen wir dicht zusammenbleiben«, sagte er streng. »Damit wir uns nicht verlieren. Selbst unsere riesige Rakete ist kaum zu erkennen.« Tiny schwieg eine Weile. Dann sagte sie ruppig: »Ich finde, das ist ein reichlich doofer Stern.« Plötzlich wurde das rosarote Licht heller. Es schien seine Quelle direkt hinter dem Horizont zu haben. Und die Helligkeit nahm allmählich immer mehr zu. Die bei-

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den schwiegen betroffen und starrten zu der fernen Lichtquelle. Jetzt konnten sie sich beide schon recht gut erkennen. Und auch die Rakete ragte deutlich wie ein gewaltiger hoher Turm neben ihnen auf. »Die Sonne«, flüsterte Tiny leise. Nico murmelte etwas Undeutliches. Ihm fiel ein, daß sie ja gar nicht wußten, wo sie eigentlich waren. Und deshalb war er auch nicht sicher, ob das die Sonne war. Jedenfalls wurde es offenbar hell. Und dieser verflixte rosarote Milchnebel wurde durchsichtiger. Das war die Hauptsache.

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EIN SONDERBARER STERN Neugierig blickten die beiden sich um. Aber soweit sie sehen konnten, schien alles topfeben: kein Baum und auch kein Strauch, kein Berg und kein Hügel. Und auch der Boden schien lediglich aus diesem sonderbar rosarot Milchigen zu bestehen. Immerhin konnte man darauf laufen. »Verrückte Gegend«, murmelte Nico. »Und was nun?« fragte Tiny zaghaft. Aber ehe Nico sich eine Antwort einfallen lassen konnte, geschah etwas sehr Seltsames. Ein dunkler Klumpen schwebte plötzlich zwischen ihnen nieder und plumpste sanft vor ihre Füße, wo er liegen blieb. Es war Line, die Schildkröte. Erschrocken beugten sie sich herab. Sie fürchteten, daß es mit Line nun endgültig vorbei war. Vorsichtig nahm Nico sie hoch und betrachtete sie traurig. Und er erschrak zum zweiten Mal. Die Schildkröte fauchte unwillig und begann zu strampeln. »Huch, die faucht ja!« rief Tiny verdutzt. »Also ist sie gar nicht tot.« Nico schüttelte nachdenklich den Kopf. Auf der Erde wäre Line bei einem Sturz

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aus solcher Höhe sicher tot gewesen. Aber hier war offenbar alles anders. »Das muß an der veränderten Schwerkraft liegen«, meinte er. »Schon vorhin ist mir das aufgefallen, als ich die Strickleiter herunterließ. Und auch als ich hinunterkletterte. Hier ist alles viel leichter, vermutlich ähnlich wie auf dem Mond. Deshalb hat der Sturz Line nichts geschadet.« Tiny seufzte erleichtert. »Da bin ich aber froh«, sagte sie kleinlaut. »Denn diesmal war ich schuld an Lines Unfug. Ich habe vergessen, die Luke zu schließen.« »Macht nichts«, sagte Nico großzügig. »Aber was machen wir jetzt mit der Line?« »Mitnehmen natürlich.« Nico setzte die heftig zappelnde Line auf den Boden. Und jetzt sah er erst, was das für ein sonderbarer Boden war. Der Grund war weich und nachgiebig wie Gummi. Und das Sonderbarste: der ganze Boden war mit haardünnem rosarotem Gras bewachsen. »Guck dir das an«, murmelte er verblüfft. Tiny tat es. »Ein Stern aus Kaugummi!« rief sie begeistert. »Und auch noch mit Haaren

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drauf, mit rosaroten Haaren. Huch, ist das toll!« Eine Weile hockten sie am Boden und untersuchten neugierig die seltsamen Haare. »Ob das wohl Pflanzen sind?« meinte Tiny. »Weiß ich nicht«, antwortete Nico. »Aber es könnte sein.« »Hm«, machte Tiny nachdenklich. »Dann müßten sie auch riechen.« »Möglich.« Plötzlich fiel Tinys Blick auf Line, die ein paar Schritte entfernt durch das Haargras kroch und eifrig daran schnupperte. »Natürlich riecht es«, erklärte sie überzeugt. »Sonst würde Line nicht daran schnuppern. Wir können es bloß nicht riechen, weil wir diese blöden Helme aufhaben.« »Was?« brüllte Nico auf einmal los. Tiny starrte ihn verständnislos an. »Warum brüllst du denn so?« Nico schien plötzlich völlig aus dem Häuschen. »Begreifst du denn nicht?« sprudelte er aufgeregt. »Der Stern hat Luft, richtige Luft zum Atmen. Sonst wäre die Line längst tot. Vor Aufregung überall das Neue haben wir es bloß noch nicht gemerkt. Dabei atmet die Line schon die

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ganze Zeit die Luft dieses Sterns. Und sie scheint sie ganz ausgezeichnet zu vertragen.« Tiny sagte erstmal gar nichts. Dann murmelte sie leise: »Stimmt tatsächlich.« Nico beobachtete gespannt die Schildkröte. Aber die schien sich sehr wohl zu fühlen. Sie wirkte sogar noch lebhafter und munterer als auf der Erde. »Können wir das auch?« fragte Tiny neugierig. »Vermutlich«, bestätigte Nico. Tiny begann sofort, an ihrem Helm herumzubasteln. »Dann aber nichts wie weg mit diesem albernen Kürbiskopf«, erklärte sie energisch. Und ehe Nico sie daran hindern konnte, hatte sie schon die Schläuche gelöst und den Helm abgenommen. Mit weit geöffneten Nüstern sog sie die Luft ein. »Hm, wie das riecht«, flüsterte sie entzückt. »Wie Rosen und Pudding und Erdbeereis.« »So ein Quatsch«, grunzte Nico. Aber er nahm seinen Helm ebenfalls ab und schnupperte. Es roch wirklich ganz phantastisch. »Na sowas«, murmelte er. »Das riecht tatsächlich wie in einer Bonbonfabrik.« »Prima«, jubelte Tiny. »Vielleicht gibt’s hier auch welche!«

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»Was soll es geben?« „Bonbons natürlich! »Blödsinn«, sagte Nico ärgerlich. »Sieh dich mal um. Alles flach wie ein Brett. Wo soll es da überhaupt etwas geben?« Tiny krauste die Stirn. »Naja«, meinte sie nachdenklich. »Aber irgendwo muß der Geruch doch herkommen. Dann müssen wir eben suchen.« «Also gut«, sagte Nico. »Ich bringe nur schnell unsere Helme und Sauerstoffgeräte hinauf. Dann können wir gehen. Irgendetwas müssen wir hier ja schließlich unternehmen. Zum Beispiel: Bonbons suchen.« Grinsend stieg er die Leiter hinauf. Und als er wieder zurück war, gingen sie los.

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EIN MERKWÜRDIGER SONNENAUFGANG Sie waren schon eine ziemliche Weile gewandert, aber die Gegend zeigte nicht die geringste Veränderung. Wenn sie nicht ab und zu zurückgeschaut und dabei gesehen hätten, wie ihre Rakete allmählich immer kleiner wurde, hätten sie glauben müssen, noch an derselben Stelle zu stehen wie vorhin. Nur eines war ihnen aufgefallen: es wurde allmählich immer heller. Und nur der Himmel und der ferne Horizont zeigten noch diesen seltsamen dichten milchigrosaroten Nebel. Mit einem Mal deutete Tiny aufgeregt zum Horizont. »Sieh doch!« rief sie. »Da geht die Sonne auf!« Über den Horizont schob sich langsam eine riesige rosarote Scheibe. Sie war viel größer, als man die Sonne von der Erde aus sieht. Aber sie war längst nicht so hell. Es sah aus, als habe man eine gewaltige Sonne hinter einer dichten Nebelwand versteckt. Fasziniert starrten die beiden auf die eigenartige Naturerscheinung. Und Nico überlegte krampfhaft, ob das nun die Sonne sei oder nicht. Schließlich schüttelte er etwas ratlos den Kopf. »Was ist los mit dir?« fragte Tiny. »Ich weiß nicht«,
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sagte Nico ausweichend. »Hier ist alles so anders. Sogar die Sonne.« »Na und?« meinte Tiny. »Das ist doch ganz natürlich. Wir sind doch auch auf einem anderen Stern.« Sie wollte noch mehr sagen, aber das Wort blieb ihr buchstäblich im Hals stekken. Denn direkt neben der eben zur Hälfte aufgegangenen Sonne tauchte eine zweite Sonne auf, noch größer als die erste. »Nein«, murmelte Tiny tonlos. »Das gibt es doch gar nicht.« »Hm«, machte Nico zweifelnd. Wortlos sahen die beiden dem Aufgang der zweiten Sonne zu. Und es war keine Täuschung: dort standen tatsächlich zwei Sonnen am Himmel. »Verrückt so was«, knurrte Nico. Tiny hatte sich inzwischen wieder etwas gefaßt. »Dann ist das also doch nicht unsere Sonne«, meinte sie stirnrunzelnd. »Oder was meinst du, Nico?« »Hm«, machte Nico wieder. »Auf jeden Fall sind es zwei. Stimmt doch?« »Es sind zwei«, bestätigte Tiny. »Also gut«, überlegte Nico weiter. »Wenn wir beide zwei Sonnen sehen, kann es gar nicht unsere Sonne sein. Ist doch klar?«

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»Klar«, sagte Tiny und wollte sich nochmal mit einem Blick überzeugen. Doch plötzlich schrie sie: »Nein, nein, nein, nein, nein! Da ist ja noch eine!« Nicos Blick folgte Tinys weit ausgestreckter Hand zum Horizont, wo sich der Rand einer riesenhaften rosaroten Sonne langsam emporschob. Und diese dritte Sonne war noch größer als die beiden ersten zusammen. Verschüchtert faßten die beiden sich an den Händen. Und Nico drückte die zappelnde Line fest an seine Brust. So standen sie, bis alle drei Sonnen völlig aufgegangen waren und sie mit einem milden Licht überstrahlten. »Hm«, machte Nico nach einer Weile. »Also drei.« Entschlossen setzte er Line neben sich auf den Boden und musterte aufmerksam die Gegend. Seit die drei Sonnen aufgegangen waren, war es viel heller geworden. Trotzdem war es kaum wärmer, denn die Sonnen lagen offenbar alle hinter einer dichten Nebelschicht, die den ganzen Himmel und den Horizont bedeckte. Auch das milchigrosarote Licht war geblieben, nur war es jetzt viel stärker. Und man konnte jetzt auch viel weiter sehen.
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»Hübsch ist es hier«, rief Tiny begeistert. »Ein Stern mit drei Sonnen. Das finde ich fabelhaft!« Nico schüttelte nachdenklich den Kopf. Dann sagte er entschieden: »Das ist gar kein Stern. Das ist ein Planet. Ein Planet wie die Erde, nur daß er eben drei Sonnen hat. Eigentlich ist das ganz normal.« »Wieso normal?« fragte Tiny verdutzt. »Eigentlich sind es doch zwei zuviel?« »Nur für uns Erdbewohner«, erklärte Nico. »Aber im Weltraum gibt es viele Planeten mit mehreren Sonnen. Und der hier ist eben einer davon.« Tiny blickte Nico bewundernd an. »Ist das auch wahr?« fragte sie noch ein wenig unsicher. »Natürlich«, antwortete Nico ein bißchen großspurig. »Und jetzt wollen wir endlich diesen verrückten Planeten besichtigen. Ich glaube, da hinten ist etwas, das anders aussieht als hier.«

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IM PILZWALD Nico nahm seine Schildkröte auf, faßte Tiny an der Hand und stiefelte los. Er hatte vorhin nach dem Aufgang der drei Sonnen etwas entdeckt. Von weitem sah es aus wie ein langer dunkler Strich. Aber gab es das überhaupt: einen Strich in der Landschaft? Da mußte etwas anderes dahinterstecken. Und das wollte er herauskriegen. »Was meinst du, was das ist?« fragte Tiny neugierig. »Keine Ahnung«, murmelte Nico. »Auf jeden Fall wird es langsam größer.« Als sie näher herankamen und der dunkle Strich immer breiter und höher wurde, meinte Tiny: »Ich glaube, das ist Wald.« »Wenn es hier überhaupt Wald gibt«, antwortete Nico zweifelnd. Ohne daß sie es merkten, liefen sie mit einem Mal schneller. Sie waren beide sehr neugierig. Und nach kurzer Zeit konnten sie schon ein paar Einzelheiten erkennen. Das war kein Strich, es war vielmehr eine Art Wand: so ähnlich wie auf der Erde ein Waldrand von Ferne aussieht. Nur daß hier alles rosarot war. Und dann entdeck-

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ten sie auch so etwas wie Bäume, aber die sahen ganz komisch aus. »Guck mal, Bäume!« rief Tiny. Nico kniff die Augen zusammen und erklärte dann überzeugt: »Nein, keine Bäume. Jedenfalls keine richtigen.« »So ein Unsinn«, sagte Tiny. »Falsche Bäume gibt es ja gar nicht.« »Das werden wir sehen«, knurrte Nico. Und wie auf Verabredung rannten sie beide auf die sonderbaren Gebilde zu, die vor ihnen in den rosaroten Nebelhimmel hochragten. Plötzlich blieb Nico stehen. »Pilze!« schnaufte er. »Es sind Pilze!« Tiny war ebenfalls stehengeblieben und betrachtete abwechselnd die sonderbaren Gebilde und ihren dagegen winzig kleinen Begleiter. Nachdenklich legte sie ihren Zeigefinger an die Nase und meinte: »Eigentlich sind es mehr Pilzbäume. Oder auch Baumpilze. Jedenfalls sind sie so groß wie Bäume, auch wenn sie wie Pilze aussehen. Wir haben wieder mal beide recht.« Und bei dem letzten Satz kicherte sie vergnügt. Nico fand das albern. »Das ist doch egal«, knurrte er unwillig. »Pilzbäume oder Baumpilze! So ein Quatsch! Das sind ganz einfach riesengroße Pilze!« Aber Tiny kicherte weiter.
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»Na schön«, sagte sie glucksend. »Und das ganze ist dann eben ein Pilzwald.« Nico nickte ergeben. »Einverstanden«, brummte er. »Und jetzt werden wir deinen Pilzwald besichtigen.« Sie gingen noch etwas näher, aber bis ganz heran trauten sie sich nicht gleich. Es war tatsächlich ein Wald: ein Wald aus lauter Pilzen. Und sie sahen ähnlich aus wie die Pilze auf der Erde, nur waren sie viel viel größer: so hoch wie ausgewachsene Bäume, mit gewaltigen Pilzschirmen und dicken vorgewölbten Bäuchen, — so dick, daß man meinte, vor einem Haus zu stehen. Und dazwischen standen kleinere Pilze in allen möglichen Größen. Aber alle hatten sie diese seltsame rosarote Grundfarbe, die im Licht der drei Sonnen in allen Schattierungen schimmerte. Manche wirkten beinahe violett, andere wieder fast gelblich. Und wieder andere leuchteten in Farben, die es auf der Erde gar nicht gab. Es war ein überwältigendes Farbenspiel. Eine Weile standen die beiden ganz versunken in den Anblick. Dann flüsterte Tiny aufgeregt: »Guck doch, der dort sieht aus wie ein Steinpilz. Und der da drüben könnte ein Hexenröhrling sein. Es sind überhaupt ziemlich viele Röhrlinge dabei, alle möglichen Sorten. Und da
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hinten steht eine ganze Morchelversammlung.« »Hm«, machte Nico. Er war sehr beeindruckt von Tinys Pilzkenntnissen, denn er selbst wußte über Pilze eigentlich gar nichts.

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Nur eine Sorte kannte er. Und dann entdeckte er auch einen, der so aussah.

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»Und das ist ein Fliegenpilz«, verkündete er nicht ohne Stolz und zeigte auf ein riesiges baumlanges Gebilde. »Stimmt«, bestätigte Tiny und machte ein erschrockenes Gesicht. »Ich hoffe nur, daß die Fliegen hier nicht auch so groß sind.« Nico sah sich betroffen um. Dann murmelte er beruhigend: »Ich glaube, hier gibt es gar keine Fliegen.« Tiny schien beruhigt. »Komm«, sagte sie. »Wir wollen uns im Schatten etwas ausruhen. Wir sind weit gelaufen. Und mir tun meine Füße verflixt weh.« Nico fand die Idee gut. Langsam und vorsichtig traten sie zwischen die riesigen Pilze. Im Schatten ihrer gewaltigen Schirme war es angenehm kühl. Aufatmend setzten sie sich in das weiche rosarote Haargras, das den ganzen Boden zwischen den Pilzen bedeckte. Es roch phantastisch, viel stärker noch als vorhin. Ein betäubend süßer Duft. Die beiden fühlten sich mit einem Mal sehr schläfrig. Auch Line gähnte dösig. Und nach einer Weile waren sie fest eingeschlafen.

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EINE TOLLE GESCHICHTE Als Nico die Augen öffnete, sah er sich verblüfft um. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er sich darauf besann, wo sie sich eigentlich befanden. Dann entdeckte er Tiny neben sich in ihrem schicken Raumanzug. Und ihm war alles klar. Behaglich dehnte er seine Glieder. Er fühlte sich wieder völlig frisch. »Auf geht’s!« rief er unternehmungslustig. Tiny fuhr erschrocken hoch und rieb sich die Augen. Sie gähnte herzhaft und murmelte schläfrig: »Mach doch nicht so einen Krach.« Aber plötzlich wurde sie ganz munter, sprang auf die Füße und fragte: »Weißt du, wie lange wir geschlafen haben?« Nico schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung«, sagte er unbekümmert. »Aber das macht nichts. Hier ist jedenfalls noch alles genauso wie vorhin.« Tiny sah aufmerksam musternd in die Runde. Offenbar hatte Nico recht. Die drei Sonnen schienen unentwegt und standen kaum ein Stückchen weiter. Und
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auch im Pilzwald war alles unverändert. Nur etwas fehlte. »Die Line ist weg!« rief sie plötzlich. Nico bekam einen Schreck. Er kannte sich mit Schildkröten recht gut aus. Und er wußte, daß Line ziemlich schnell laufen konnte, wenn sie wollte. Aber vorhin war sie doch auch so dösig gewesen? Sehr weit konnte sie also nicht sein. Aber wo? »Sie wird sich zum Schlafen irgendwo verkrochen haben«, meinte er. »Wir müssen sie suchen.« »So eine Frechheit«, stöhnte Tiny. »Einfach auszubüchsen!« Nico grinste nur. Dann begannen sie beide, in verschiedenen Richtungen zu suchen. Aber das war recht schwierig. Denn die Pilze standen teilweise ziemlich dicht. Und nach kurzer Zeit hatten die beiden sich aus den Augen verloren. Tiny war schon ganz verzweifelt. »Nico! Nico!« rief sie laut durch den Pilzwald. »Was ist?« rief Nico zurück und lief wieder in Richtung auf ihren Schlafplatz zu, wo Tiny ihm bekümmert entgegensah. »Mir ist von den vielen Pilzen schon ganz pilzig«, seufzte sie. »Und die Line ist auch nirgends zu finden.«

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»Hm«, machte Nico. »Diese Sucherei ist wirklich blöd. Dabei habe ich so einen Hunger.« »Ich auch«, gestand Tiny kleinlaut. Nico verzog nachdenklich sein Gesicht. Dann hellte sich seine Miene auf. »Ob wir mal von den Pilzen probieren?« meinte er. »Sicher sind da auch eßbare dabei.« Tiny nickte erfreut und zeigte auf einen kleineren rosaroten Steinpilz, dessen oberen Rand sie gut erreichen konnten. »Den da vielleicht«, sagte sie. »Das scheint eine Art Steinpilz zu sein.« Vorsichtig brachen sie jeder ein winziges Stück vom Rand ab und schnüffelten daran. »Merkst du was?« rief Nico plötzlich triumphierend. »Deine Bonbonfabrik! Das ist sie!« Tiny, die ja genau wußte, wie Pilze gewöhnlich riechen mußten, war verblüfft. »Nein«, murmelte sie. »Pilze, die wie Bonbons riechen, das ist toll!« »Und sie schmecken auch so!« brüllte Nico begeistert und biß schon ein neues Stück ab. Jetzt war auch Tiny nicht mehr zu halten. Sie kauten beide mit vollen Backen bis der ärgste Hunger gestillt war.
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Dann meinte Nico besorgt: »Aber wo steckt unsere Line?« Plötzlich geschah etwas ganz Sonderbares. Obwohl sie beide eigentlich keine Stimme hörten, vernahmen sie doch deutlich: »Hier bin ich.« Verblüfft starrten sie sich an. Dann sahen sie sich suchend um. Aber es war nirgends etwas zu sehen. »Ich glaube, es spukt«, murmelte Nico. »Blödsinn«, klang es wieder von irgendwoher. »Schildkröten spuken nicht. Das solltet ihr Schafsköpfe eigentlich wissen.« Tiny riß entsetzt die Augen auf. »Die Line«, flüsterte sie fassungslos. »Hm«, machte Nico und kratzte sich hinterm Ohr. Plötzlich sah er Line gemächlich herankrauchen. Sie kaute noch und hatte offensichtlich gerade ausgiebig von den Pilzen gefressen. »Na, ihr beiden«, sagte sie gemütlich. »Hat es euch geschmeckt?« Nico kauerte sich vor Line auf den Boden und betrachtete sie neugierig. »Sag mal, Line«, fragte er streng. »Seit wann kannst du denn mit uns reden?« Line gähnte zunächst einmal sehr unbefangen. Dann sagte sie bedächtig: »Seit

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wir diese Pilze gegessen haben.« »Die Pilze?« fragten die beiden wie aus einem Mund. Line nickte gelassen. »Diese Pilze haben einen besonderen Saft«, erklärte sie, »Und dieser Saft fördert die Verständigung. So einfach ist das.« Die beiden hörten verwundert zu. Und irgendwie fanden sie das auch sehr einleuchtend. Denn eines wußten sie: Schildkröten gab es schon sehr sehr lange, viel länger als Menschen. Und deshalb hieß es allgemein, Schildkröten seien sehr weise. Vielleicht waren sie es wirklich? Und deshalb beschlossen sie, ihre Schildkröte in Zukunft sehr respektvoll zu behandeln.

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SELTSAME BEWOHNER Line hielt das Gespräch offenbar für beendet. Sie machte kehrt und tappelte gemächlich tiefer in den Pilzwald hinein. Und die beiden folgten ihr langsam. Mit einem Mal blieb Tiny stehen. »Und wenn wir uns nun verlaufen?« fragte sie ängstlich. Line beruhigte sie. »Schildkröten verlaufen sich nicht«, sagte sie würdevoll. »Ich finde immer dahin, wo ich hin will.« »Das stimmt«, bestätigte Nico. »Schildkröten haben einen tollen Orientierungssinn.« Tiny nickte erleichtert. Und so wanderten die drei immer weiter, kosteten da und dort von einem Pilz und fanden es herrlich, daß ihnen die Leckereien buchstäblich in den Mund wuchsen. Plötzlich schrie Nico auf. »Da!« brüllte er. »Seht doch! Dieses komische Ding da oben!« Wie angewurzelt blieben sie stehen, über ihnen schwebte ein seltsamer Gegenstand: groß und rund wie ein Fußball und buntschillernd wie eine Seifenblase. Und an der Seifenblase hingen lange

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dünne Fäden, die bei jeder Bewegung hin- und herwedelten. Tiny drängte sich schutzsuchend an Nicos Seite und flüsterte: »Was kann das sein?« »Weiß nicht«, murmelte Nico. Line schwieg und lugte aufmerksam aus ihrem Panzer hervor auf das seltsame Ding. Die Seifenblase kam langsam tiefer, immer tiefer, bis sie direkt über ihren Köpfen schwebte. Dort blieb sie fadenwedelnd hängen. Und jetzt entdeckten die beiden, daß die Seifenblase auch eine Art Gesicht hatte, zumindest so etwas wie Augen: rosarot und ungefähr handtellergroß und in der Mitte einen knallroten Punkt wie eine überreife Kirsche. Und aus diesen Augen musterte das sonderbare Ding sie neugierig. »Huch«, machte Tiny. »Das ist ja unheimlich.« »Still«, zischte Nico. Aber die Seifenblase rührte sich nicht vom Fleck. Line schob gemächlich ihren langen Hals aus dem Panzer, legte den Kopf ein wenig schief und sagte gemütlich: »Guten Morgen.« Die Seifenblase hielt ruckartig ihre Wedelfäden still und wandte sich zu der

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Schildkröte. Dann sagte sie mit einer schrillen hohen Diskantstimme: »Guten Morgen. Was macht ihr hier?« »Laufen«, antwortete Line gelassen. »Was ist das?« fragte die Seifenblase. »So was«, sagte Line und machte es vor. Die Seifenblase sah aufmerksam zu.

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»Sehr umständlich«, bemerkte sie und wandte sich dann an Tiny und Nico: »Macht ihr das auch so?«
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Die beiden schüttelten die Köpfe und liefen ein paar Schritte hin und her. »Aha, Zweibeiner«, sagte die Seifenblase. »Also eine andere Sorte. Und was macht ihr sonst noch?« »Pilze naschen«, antwortete Line. »Weiß ich«, sagte die Seifenblase. »Alle naschen hier Pilze, wegen der Verständigung. Aber es sind gar keine.« »Was sonst?« fragte Line interessiert. Die Seifenblase gab eine Art drolliges Kichern von sich. »Wird nicht verraten«, erklärte sie würdevoll und wackelte heftig mit ihren Wedelfäden. »Auch gut«, sagte Line freundlich. »Hauptsache, sie schmecken.« Die Seifenblase wedelte sich dicht vor Tinys und Nicos Nase und fragte streng: »Warum sagt ihr nichts? Seid ihr stumm?« Tiny schüttelte heftig den Kopf. Nico machte: »Hm.« Er hatte sich allmählich von seiner Verblüffung wieder erholt. Und jetzt überlegte er krampfhaft, wie dieses seltsame sprechende Ding wohl anzureden sei. Sollten sie es nun Siezen oder Duzen?

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Siezen war höflicher und in diesem Fall auch angebrachter, schließlich kann ten sie sich ja gar nicht. Außerdem wirkte das sonderbare Wesen irgendwie erwachsen. Also mußte man wohl Sie sagen. Aber: mußte das nun Herr oder Frau Seifenblase heißen? Oder überhaupt nicht Seifenblase? Sie hatten ja keine Ahnung, ob es überhaupt eine war. Jedenfalls konnten Seifenblasen eigentlich gar nicht reden. Oderdoch? Vielleicht konnten sie es hier? Wegen der Pilze? Nico fand das alles sehr kompliziert. Endlich sagte er entschlossen. »Ich heiße Nico. Und das kleine Mädchen heißt Tiny. Und das dort ist die Line. Und wie heißt du?« Er stockte. Jetzt hatte er die Seifenblase doch geduzt. Aber die schien das nicht zu stören. »Utzebule«, sagte sie freundlich. »Ein hübscher Name«, meinte Tiny. »Wir heißen alle so«, erklärte die Seifenblase. »Wie verwirrend«, murmelte Nico und versuchte, sich das vorzustellen. Tiny zog nachdenklich ihre Stirn kraus. Dann fragte sie: »Ich denke, ihr heißt Beteigeuzer?«
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Die Seifenblase kicherte. »Nein«, sagte sie belustigt. »Warum denn das?« »Weil euer Stern Beteigeuze heißt«, erklärte Tiny ernst. »Stimmt nicht«, entschied die Seifenblase. »Bei uns heißt immer alles anders, als ihr denkt. Ist doch ganz klar.« Die beiden schwiegen verblüfft. Aber sicher hatte die Seifenblase recht. Schließlich hieß auf der Erde in den verschiedenen Sprachen auch immer alles anders. Dann mußte es hier wohl auch so sein. Plötzlich stieß die Seifenblase einen entsetzlich schrillen Quiekser aus. Und dann kamen von allen Seiten Seifenblasen angeschwebt: größere und kleinere und ganz klitzekleine mit winzigen Wedelfädchen. »Guck mal«, rief Tiny entzückt. »Lauter Utzebules.« Daraufhin kicherten die Seifenblasen alle los. Es war ein unbeschreiblicher Lärm. Sie hüpften begeistert mit ihren Wedelfädchen wackelnd um sie herum und schienen sich unbändig zu freuen. »Mahlzeit«, schrie die erste Seifenblase in den Lärm. Und wie auf Kommando sausten die Utzebules zwischen die sie umgebenden Pilzbäume und begannen

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genießerisch zu knabbern. »Also essen«, sagte Nico trocken. »Mir scheint, das ist ein Festmahl zu unserem Empfang.« Tiny nickte zustimmend. Aber ehe sie etwas sagen konnte, schwebten vier große schillernde Seifenblasen heran. Und in ihrer Mitte hielten sie an ihren Wedelfäden ein riesiges Stück Pilzfleisch von ungewöhnlicher Farbe. Vorsichtig setzten sie es vor ihnen ab. »Guten Appetit!« riefen sie im Chor und entschwebten. Die beiden griffen emsig zu. Und sie futterten, bis sie sich die Bäuche halten mußten und vom vielen Essen ganz schläfrig wurden. »Komm, laß die Utzebules allein weiterfuttern«, stöhnte Nico. »Wir machen erst einmal ein kleines Nickerchen.« »Gute Idee«, seufzte Tiny und rieb sich ihr Bäuchlein. Und die erste Seifenblase rief herüber: »Immer los!« Gemächlich machten sie es sich unter einem dicken Pilz bequem. Und ehe sie einschliefen, sagte Tiny noch: »Eigentlich sind sie doch furchtbar nett, die Utzebules.«

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DAS GEFÄHRLICHE El Nico mußte schon eine Weile geschlafen haben, als ihn plötzlich etwas an der Nase kitzelte. Unwirsch wischte er sich über die Nase, aber das Kitzeln kam immer wieder. Und dann mußte er gewaltig niesen. Noch etwas verschlafen blickte er sich um und mußte lachen. Direkt vor seinem Gesicht tanzte eiine klitzekleine Seifenblase und trieb ein neckisches Spiel. Sie ließ sich einfach vom Luftstrom seines Atems treiben. Wenn er ausatmete, wurde sie ein Stück davongeblasen. Und wenn er einatmete, wurde sie so dicht an sein Gesicht herangezogen, daß ihre winzigen Wedelfädchen ihn an der Nase kitzelten. »So ein kleines Luder«, knurrte er belustigt und pustete ein wenig. Die kleine Seifenblase hüpfte erschrocken auf einen dicken Pilz. Dort blieb sie sitzen und beobachtete ihn ängstlich. »Komm ruhig herunter«, rief Nico. »Nur hör auf zu kitzeln, sonst muß ich wieder niesen.« »Ich kitzle dich ja gar nicht«, murmelte Tiny noch im Halbschlaf. »Du nicht, aber dieses verflixte kleine

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Utzebulchen.« Langsam richtete Tiny sich auf. »Was redest du da eigentlich?« erkundigte sie sich träge. »Guck dort«, erklärte Nico. »Das kleine Biest da auf dem Pilz hat mich im Schlaf an der Nase gekitzelt.« »Aha«, machte Tiny und rieb sich die Augen. »Und wo sind die anderen?« Nico guckte etwas verdutzt in die Gegend. Tatsächlich war nirgendwo jemand zu sehen. »Weiß ich nicht«, murmelte er. »Vermutlich sind sie auch schlafen gegangen.« Aber Nico täuschte sich. Die Seifenblasen schliefen nicht. Im Gegenteil, sie waren sogar sehr aufgeregt. Denn sie hatten etwas außerordentlich Beunruhigendes entdeckt. »Dort sind ja welche!« rief Tiny mit einem Mal. Zwischen den Pilzbäumen kam eine ganze Kolonne Seifenblasen würdevoll herangeschwebt. Das sah sehr drollig aus, aber ihre Gesichter waren ernst. Stumm bildeten sie einen Halbkreis um die beiden. Und die Seifenblase, mit der sie zuerst gesprochen hatten, verharrte direkt vor ihnen. Plötzlich hatte Nico einen Einfall. Er

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spitzte die Lippen und pustete die Seifenblase kräftig an, so daß sie ein Stück durch die Luft taumelte. Aber die Seifenblase fand das gar nicht lustig. Sie bremste sofort ab, machte kehrt und wedelte sich dicht vor seiner Nase. »Laß den Unsinn«, sagte sie streng. »Ich habe mit dir zu reden.« Nanu, dachte Nico und betrachtete sie neugierig. Und da entdeckte er etwas Merkwürdiges. Zwischen ihren Wedelfäden hielt die Seifenblase einen sonderbaren Gegenstand. Es sah aus wie ein kleiner, nicht ganz runder Ping-Pong-Ball. Oder auch wie ein kleines weißes Vogelei, so ähnlich jedenfalls. Und mit diesem Gegenstand fuchtelte die Seifenblase ihm direkt vor der Nase herum. »Habt ihr das mitgebracht?« fragte die Seifenblase mit schriller Stimme. »Nein«, antwortete Nico erstaunt. »Du lügst«, sagte die Seifenblase. »Bei uns gibt es nichts, das eine weiße Farbe hat. Und das Ding hier ist weiß. Also könnt nur ihr es mitgebracht haben.« »Hm«, machte Nico und kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr. Ihm fiel ein, daß hier tatsächlich alles irgendwie rosarot war. Alles was sie bisher gesehen hatten: das komische Haargras, die riesen-82-

haften Pilze, sogar die Luft und auch diese seltsamen Utzebule-SeifenblasenLebewesen. Alles rosarot in den unterschiedlichsten Farbtönen. Etwas Weißes schien es auf diesem sonderbaren Planeten wirklich nicht zu geben. Aber was konnte das sein? »Zeig mal her«, sagte Nico entschlossen und nahm den Gegenstand aus den Wedelfäden der Seifenblase. Vorsichtig drehte er das Ding zwischen den Fingern. Und dann lachte er so laut, daß die Seifenblasen entsetzt zurückwichen. Er wußte, was es war. »Aha«, machte die Seifenblase vieldeutig. Nico grinste. »Weißt du, was das ist?« sagte er vergnügt. »Das ist ein Ei!« »Ist das etwas Gefährliches?« fragte die Seifenblase streng. »Wieso gefährlich?« murmelte Nico verdutzt. »Weil ihr es versteckt habt! Wir haben es gefunden, gut verborgen zwischen angeknabberten Pilzstückchen. Also ist es gefährlich!« Plötzlich rief Tiny aufgeregt: »Die Line! Sicher hat Line das Ei gelegt Du hast mir doch davon erzählt.« »Klar«, sagte Nico. »Das macht sie öfter.«

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Die Seifenblase schwieg einen Moment. Dann fragte sie lauernd: »Legt ihr auch Eier?« Die beiden lachten. »Nein«, sagte Nico. »Nur unsere Schildkröte.« »Und warum tut sie das?« »Natürlich wegen der Fortpflanzung«, antwortete Nico. »Nach einer Weile kommt aus dem Ei eine kleine Schildkröte heraus.« Aber jetzt wurde die Seifenblase böse. »Das gibt es ja gar nicht!« behauptete sie. Nico schwieg. Er hatte keine Ahnung, was er darauf erwidern sollte. Doch Tiny hatte einen Einfall. »Bei euch gibt es das vielleicht nicht«, erklärte sie ener gisch. »Aber bei uns ist das so. Und es ist sehr dumm, etwas zu bestreiten, nur weil man nichts davon weiß.« Die Seifenblase packte mit ihren Wedelfäden das Ei und nahm es an sich. Dann verkündete sie schrill: »Gut. Wir werden prüfen, ob das stimmt. Aber wenn etwas Schlimmes dabei passiert, werdet ihr verpilzt!«

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IN GEFANGENSCHAFT Die Seifenblase stieß ein seltsam kreischendes Geräusch aus. Und dann stürzten sich die anderen Seifenblasen von allen Seiten wüst quieksend auf die beiden, umfuchtelten sie mit ihren Wedelfäden und trieben sie auf einen gewaltigen dunkelrosaroten Pilz zu. Die beiden flüchteten erschrocken. Und sie waren sehr froh, als sie in dem Pilz eine Öffnung entdeckten, in die sie hineinkriechen konnten. Aufatmend verbargen sie sich in der dunklen Höhle. »Hihihihihi!« tönte es schrill von draußen. »Jetzt seid ihr gefangen!« Und plötzlich wurde es immer dunkler. Die Seifenblasen schleppten unermüdlich eine Menge Pilzstücke herbei und stopften sie in die Öffnung der Höhle, bis sie völlig verschlossen war. Kein Lichtschimmer drang mehr herein. Dann wurde es still. Tiny schluchzte: »Ich hab solch eine Angst.« Auch Nico spürte ein ziemlich unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Aber so schnell ließ er sich den Mut nicht nehmen. »Immer mit der Ruhe«, brummelte er.

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»Heulen nützt jetzt auch nichts. Wir sollten lieber nachdenken. Irgendwie müssen wir doch hier wieder herauskommen.« »Aber wie?« fragte Tiny kleinlaut. »Das weiß ich auch noch nicht.« Tiny schluchzte noch ein bißchen. Plötzlich sagte sie zornig: »Ich finde die Utzebules gar nicht mehr nett. Wie kann man nur einen so hübschen Namen haben und dann so grauslich böse sein!« »Blödsinn«, knurrte Nico. »Das ist doch völlig unlogisch.« Tiny biß sich auf die Lippen und schwieg. Nico überlegte angestrengt, aber ihm fiel im Moment nichts ein. Nach einer Weile fragte Tiny: »Was heißt das eigentlich: verpilzen? Ob das etwas sehr Schlimmes ist?« »Keine Ahnung«, brummte Nico. »Vielleicht sollen wir hier in diesem Pilz eingesperrt bleiben, bis wir selbst ein Stück Pilz geworden sind.« »Schrecklich«, stöhnte Tiny. »Aber nur, wenn wir hier drin bleiben«, beruhigte Nico sie. »Und das werden wir auf keinen Fall.« »Und wie willst du das machen?« fragte

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Tiny hoffnungsfroh. »Paß auf«, erklärte Nico. »Sicher ist dieser Pilz eßbar. Jedenfalls riecht er ganz gut und auch irgendwie süßlich. Wir essen einfach an einer Stelle ein Loch hinein, bis wir hindurchkriechen können.« »O fein!« jubelte Tiny. »Wie im Schlaraffenland durch den Reisbrei.« »Stimmt«, grinste Nico. »Und was wir nicht essen können, werfen wir hier in die Höhle; groß genug ist sie ja.« Tiny zog ein bedenkliches Gesicht. »Aber der Pilz ist so furchtbar dick«, meinte sie ernüchtert. »Ach was«, knurrte Nico. »Los, anfangen!« Eifrig begannen die beiden, Pilzstücke aus der Innenwand herauszubohren. Aber das war viel schwieriger, als sie gedacht hatten. Der Pilz war tatsächlich sehr groß und dick. Und das Pilzfleisch war alt und ziemlich zäh. Außerdem schmeckte es ein bißchen muffig. Seufzend gab Tiny es auf. Aber dann hatte sie einen Einfall: »Warum bohren wir eigentlich nicht dort, wo wir hereingekommen sind? Da müßte es doch viel leichter gehen?« »Donnerwetter«, brummte Nico anerkennend. »Du bist ein kluges Mädchen.«

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Mit neuem Eifer suchten sie nach der früheren Öffnung. Doch auch das war nicht einfach. Denn in der Höhle war es stockdunkel. Und als sie endlich glaubten, den verstopften Eingang gefunden zu haben, erlebten sie eine neue Enttäuschung. Der klebrige Pilzsaft hatte die einzelnen Stücke inzwischen zu einer zähen Masse verbacken. Trotzdem ging es ein wenig leichter als an der alten Stelle. Und diese Pilzstücke schmeckten auch besser. »Wenigstens etwas«, murmelte Nico. Verbissen wühlten die beiden weiter. Sie hatten keine Ahnung, wie lange sie schon an der Öffnung arbeiteten. Nur an ihren klebrigen Händen und ihren müden Gliedern spürten sie, daß es schon ziemlich lange sein mußte. Doch allzu groß waren ihre Fortschritte nicht. Endlich legten sie eine Pause ein. »So was Dummes«, maulte Tiny. »Was muß die Line auch auf fremden Sternen Eier legen. Das macht man doch nicht.« »Quatsch«, knurrte Nico. »Line legt Eier, wenn sie muß. Dafür kann sie nichts. Diese Utzebules sind an allem schuld. Wie kann man nur Eier für gefährlich halten! So ein Blödsinn!« Tiny weinte wieder ein bißchen. »Es hat

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doch alles keinen Zweck«, schluchzte sie. »Wenn aus dem Ei nichts rauskommt, sperren uns die Utzebules wieder ein. Und wir werden verpilzt.« Nico antwortete nicht. Er wußte genau, daß Tiny recht hatte. Das war wirklich ein Problem. Zwar hatte Line zu Hause im Garten oft die Gesellschaft anderer Schildkröten aus der Nachbarschaft, doch niemand konnte wissen, ob das Ei wirklich befruchtet war. Und selbst wenn das zuträfe, nützte es gar nichts, wenn das Ei nicht die richtige Temperatur bekam. Und wer weiß, was die Utzebules mit dem Ei anstellten. Nico stöhnte abgrundtief. Schließlich sagte er tröstend: »Wir werden auf jeden Fall aus diesem verflixten Pilz ausbrechen. Und dann nichts wie weg zu unserem Raumschiff. Vermutlich ist Line schon dort und wartet auf uns.« Tiny nickte beruhigt und gähnte. »Ich bin so müde«, murmelte sie leise. »Ich auch«, antwortete Nico. »Sicher buddeln wir schon eine ganze Ewigkeit.« »Bestimmt«, meinte Tiny schläfrig. »Weißt du was?« sagte Nico. »Wir ruhen uns ein bißchen aus und buddeln dann weiter. Einverstanden?«

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Doch Tiny gab keine Antwort mehr. Sie war schon eingeschlafen. Und kurz darauf schlief Nico auch.

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LINE ALS RETTER Tiny und Nico schliefen den tiefen Schlaf der Erschöpfung. Und weil es in dem türen- und fensterlosen dunklen Pilz niemals hell wurde, hätten sie wohl noch sehr lange geschlafen – wenn nicht etwas Unvorhergesehenes passiert wäre. Nico hatte sich im Schlaf gerade auf die andere Seite gewälzt, da spürte er, wie ihn etwas in den Finger zwickte. Entsetzt fuhr er hoch und stieß einen dumpfen Schrei aus. »Nur keine Aufregung«, sagte plötzlich eine Stimme neben ihm. »Ich wollte bloß mal sehen, wo ihr eigentlich steckt.« »Die Line«, murmelte Nico erleichtert. Er war sofort hellwach und stupste Tiny aufgeregt in die Seite. »Wach auf, Tiny!« schrie er. »Line ist da!« Tiny rieb sich verschlafen die Augen. Aber dann begriff sie alles. »Linchen!« rief sie begeistert. »Wo kommst du denn her?« »Von draußen natürlich«, brummte Line gemütlich. »Von draußen?« fragten die beiden wie aus einem Munde. »Woher denn sonst?« brummelte Line.
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»Und wie bist du hereingekommen?« »Ich habe mich durch den Pilz gewühlt«, erklärte Line ruhig. »Ihr habt nur nichts davon gemerkt, so fest habt ihr geschlafen: tiefer als eine Schildkröte im Winterschlaf.« Die beiden lachten. »Und wie hast du uns gefunden?« fragte Nico. Line gähnte zunächst einmal ausgiebig. Dann sagte sie bedächtig: »Immer der Reihe nach. Ich werde euch alles erzählen. Hört zu: Als nach unserer Unterhaltung mit dieser drolligen Seifenblase plötzlich all die anderen vielen Utzebules auftauchten, habe ich mich verzogen. Es war mir einfach zuviel Betrieb. Und das mag ich nicht. Ich suchte mir etwas abseits ein stilles Plätzchen und legte mein Ei. Mir war gerade danach. Dann habe ich ein Weilchen geschlafen. Und als ich wieder wach wurde, war mein Ei weg. Das fand ich sehr unfein, denn ich mag nicht, wenn man mir die Eier mopst. Später sah ich dann, wie die Utzebules euch mit meinem Ei vor der Nase herumfuchtelten und euch schließlich hier einsperrten. Dann wedelten sie davon. Und mein Ei nahmen sie mit. Also folgte ich ihnen, um zu sehen, was sie damit machten. Das ging ziemlich langsam, denn so
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schnell wie die Utzebules bin ich nicht. Aber dann entdeckte ich sie – und ein Stückchen weiter auch mein Ei. Und natürlich hatten sie Unfug damit getrieben. Es lag nämlich im Schatten. Da habe ich es einfach an ein sonniges Plätzchen gerollt, damit es schön gewärmt wird. Denn das ist wichtig, sonst wird nichts daraus. Und dann bin ich den Weg zurückgelaufen, um euch zu suchen. Den Pilz hatte ich mir ja gemerkt. Und jetzt bin ich da.« »Prächtig«, rief Tiny. »Du bist ein kluges Tierchen.« »Und wie hast du dich so schnell durch den dicken Pilz gewühlt?« fragte Nico interessiert. »Wir haben es nämlich von hier aus auch versucht. Aber weit sind wir dabei nicht gekommen.« »Eigentlich ging das gar nicht: so schnell«, erklärte Line gemächlich. »Und ich habe erst zwischendurch ein kleines Nickerchen gemacht, um mich etwas auszuruhen. Euch kam das nur nicht so lange vor, weil ihr die ganze Zeit geschlafen habt. Aber natürlich kann ich mich mit meinen scharfen Krallen besser durch etwas hindurchwühlen als ihr mit euren Menschenpfoten.« »Klar«, sagte Tiny. »Nur warum ist es hier drin trotzdem noch so dunkel?«
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Nico überlegte kurz. Dann meinte er: »Vermutlich sind die losen Pilzstücke nachgerutscht. Und deshalb kann kein Licht herein.« »Dann aber nichts wie raus!« rief Tiny ängstlich. »Sonst klebt das Zeug womöglich wieder zusammen.« »Nur keine Angst«, murmelte Line beruhigend. »Ich wühle uns schon heraus.« Nico erhob sich lebhaft. »Also los!« kommandierte er. »Ich habe jetzt genug von dieser pilzigen Dunkelkammer.« Mit vereinten Kräften begannen sie, sich durch den Pilz zu wühlen. Jetzt ging es mit einemmal viel leichter. Line kroch vornweg und kratzte mit den Krallen ihrer kräftigen Vorderbeine die Pilzstücke aus dem schmalen Durchgang, den sie vorhin gegraben hatte. Und die beiden vergrößerten den Gang so weit, daß sie hindurchkriechen konnten. Nach kurzer Zeit sahen sie schon einen Lichtschimmer, der immer stärker wurde, je mehr sie vorankamen. Und plötzlich wurde es ganz hell. Sie waren durch. Aufatmend krochen sie ins Freie. »Und was nun?« fragte Tiny und richtete sich auf. Nico musterte mißtrauisch die Gegend. Aber im Pilzwald rührte sich nichts. Niemand war zu se-94-

hen, kein Laut zu hören. Nur die drei riesigen rosaroten Sonnen schienen unentwegt. Und es sah so aus, als habe sich überhaupt nichts verändert. »Zum Raumschiff!« rief Nico. »Da sind wir auf jeden Fall sicher.« Er nahm Line auf den Arm, damit sie schneller vom Fleck kamen. Und dann stapften sie mit großen Schritten auf den Rand des Pilzwalds zu.

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NEUE FREUNDE Sie waren noch gar nicht weit gegangen, da hörten sie mit einemmal ein sehr eigenartiges Geräusch. Es klang wie ein fernes unwirkliches Singen. Und es kam immer näher. »Wie hübsch«, flüsterte Tiny entzückt und blieb lauschend stehen. »Aber was kann das sein?« »Weiß nicht«, knurrte Nico unwirsch. »Ist auch egal. Wir müssen weiter.« Doch sie kamen nicht weiter. Plötzlich war das seltsame Singen direkt über ihnen. Und als sie aufblickten, entdeckten sie diie Ursache des Geräusches. Es waren – die Utzebules! Sie schwebten dicht unter den gewaltigen Schirmen der Pilzbäume, mindestens hundert Stück! Vor Schreck wagten Tiny und Nico sich nicht zu rühren. Langsam schwebten die Utzebules herab. Dabei wurde das sonderbare Geräusch immer lauter. Und jetzt sahen die beiden auch, wie es zustandekam. Mit blitzschnellen Bewegungen schlugen die Utzebules ihre langen Wedelfäden aneinander, spielten gewissermaßen auf sich selbst Gitarre. Und es klang sehr hübsch. Plötzlich erlosch das

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Geräusch. Und die Seifenblase, mit der sie zuerst gesprochen hatten, löste sich aus dem Kreis der anderen und kam auf sie zugeschwebt. »Wir müssen uns bei euch entschuldigen«, sagte sie feierlich. »Denn wir haben euch großes Unrecht getan.« »Hm«, machte Nico verblüfft. »Und wir haben uns sehr dumm benommen«, fuhr die Seifenblase fort. »Man soll wirklich nie etwas behaupten, was man nicht weiß.« »Stimmt«, brummte Line befriedigt. »Aber was ist denn auf einmal los?« fragte Tiny aufgeregt. »Seid ihr denn gar nicht böse, weil wir euch ausgebüxt sind?« »Nein, nein«, sagte die Seifenblase begütigend. »Im Gegenteil. Es ist nämlich etwas ganz Außerordentliches geschehen.« Sie winkte zu den anderen hinüber. Daraufhin kamen vier große Seifenblasen angeschwebt, die mit ihren Wedelfäden gemeinsam ein stattliches Stück Pilz zwischen sich trugen. Und auf dem Pilzstück saß etwas Winziges drauf. »Ein kleines Tier«, erklärte die Seifenblase strahlend. »Und es krabbelt herum

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und ist sehr niedlich.« »Ein Schildkrötenbaby!« quietschte Tiny vor Begeisterung. Nico starrte verdutzt auf die klitzekleine Schildkröte, der man es ansah, daß sie gerade erst ausgeschlüpft sein mußte. »Nanu«, murmelte er erstaunt. »Das dauert doch sonst viel länger.« »Schon«, meinte Line. »Aber bei drei Sonnen geht es eben schneller. Und außerdem ist es hier schön warm. Babys mögen das.« »So ist es«, verkündete die Seifenblase freundlich. »Und wie gefällt euch unsere Musik?« »Fabelhaft«, erklärte Tiny eifrig. Die Seifenblase wackelte befriedigt mit ihren Wedelfäden und erläuterte: »Es ist das Versöhnungskonzert. Jetzt sind wir Freunde.« »Einverstanden«, nickten die beiden erleichtert. Daraufhin setzte die Musik wieder ein, daß es weithin durch den Pilzwald hallte. Und alle lauschten sehr andächtig. Nur Line gähnte. Die Seifenblase beobachtete sie. Und als die Musik verklungen war, sagte sie entzückt:

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»Wenn Schildkröten gähnen, sind sie besonders niedlich.« »Nein, müde«, brummte Line. »Und das könnt ihr euch gleich merken: Schildkröten müssen viel schlafen, vor allem die Babys.« »Aha«, machte die Seifenblase verständnisvoll und beugte sich über das Schildkrötenbaby: »Ich glaube, es schläft.« Auf einen Wink hin schwebten die vier Seifenblasen mit dem Baby auf dem Pilzstück zu Boden und setzten es vorsichtig ab. »Und was ist sonst noch zu beachten?« erkundigte sich die Seifenblase. Statt einer Antwort kniete Nico sich neben Line nieder und kraulte sie liebevoll unterm Kinn. Und Line streckte ihren Hals aus dem Panzer, so weit sie konnte. Sie hielt ganz still, zwinkerte nur hin und wieder behaglich mit den Augen. »Kraulen haben sie sehr gern«, erklärte Nico. »Oh«, rief die Seifenblase. Und wie auf Kommando kamen die Utzebules von allen Seiten herangestürmt und umfuchtelten die verdutzte Line, die sofort den Kopf einzog. Aber das nützte nicht viel. Mit ihren dünnen Wedelfäden

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fuhren sie Line unter den Panzer und begannen, sie unter dem Kinn zu kraulen. Es kitzelte fürchterlich. »Hihihihi«, kicherte Line. »Nicht so wüst.« Die Utzebules hörten sofort auf. »So war das nun auch nicht gemeint«, brummelte Line gemütlich und schob den Kopf wieder hervor. »Nur immer einer hübsch nach dem anderen.« »Halt!« rief Nico lachend dazwischen. »Wir haben doch hier kein Kitzelfest.« Alle lachten. Und die große Seifenblase sagte: »Aber ein Fest haben wir. Und außerdem haben wir noch viele Fragen.« Sie schwebte auf Nico zu, strich ihm mit ihren We delfäden über den Haarschopf und erkundigte sich höflich: »Was ist das?« »Haar«, sagte Nico verblüfft. »Und wozu braucht man das?« fragte sie weiter. Komische Frage, dachte Nico und antwortete nach einer Weile: »Man braucht es überhaupt nicht, man hat es.« »Wir haben so etwas nicht«, sagte die Seifenblase ein wenig traurig. »Schade, es sieht so hübsch aus.«

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Tiny drängte sich eifrig vor. »Meins ist noch hübscher«, erklärte sie stolz. »Dann gib mir bitte etwas ab«, bat die Seifenblase. »Du hast sowieso zuviel davon.« »Wieso zuviel?« fragte Tiny ein bißchen empört. »Lange Haare sind doch etwas sehr Feines!« »Natürlich«, bestätigte die Seifenblase. Tiny war schon wieder versöhnt. Sie faßte in ihren Haarschopf, zog ein langes seidiges Haar heraus und reichte es der Seifenblase. »Bitte sehr«, sagte sie höflich und machte einen Knicks. »Danke schön«, flüsterte die Seifenblase. Sie angelte entzückt nach dem Haar und versuchte, es sich irgendwo oben anzukleben. Aber es hielt natürlich nicht. Sie versuchte es immer wieder, bis sie vor Aufregung ihre Wedelfäden so mit dem Haar verheddert hatte, daß sie sich kaum noch bewegen konnte. Das sah sehr komisch aus. »So ein Blödsinn«, brummte Line. »Schildkröten haben doch auch keine Haare und sind trotzdem glücklich.« Die Seifenblase hörte auf zu zappeln und bemühte sich, das Haar vorsichtig abzustreifen, was ihr nach einer Weile auch gelang. Dann gab sie es Tiny zurück und bemerkte:
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»Ich fürchte, es wird nicht halten.« »Ohne bist du viel hübscher«, sagte Nico tröstend. Tiny kicherte. Die Seifenblase hatte ihren Kummer schnell vergessen. »Und jetzt kommt das Festmahl!« verkündete sie. Es wurde tatsächlich ein Festmahl. Von allen Seiten brachten die Utzebules die köstlichsten Pilze angeschleppt: welche, die nach Honig schmeckten, nach Erdbeerpudding und nach Schokoladeneis. Und die beiden futterten, bis einfach nichts mehr in ihre Bäuche paßte. Als sie endlich fertig waren, seufzte Tiny genießerisch: »Hier könnte ich es ewig aushalten.« »Ich auch«, stimmte Nico zu. »Aber irgendwann müssen wir ja auch mal wieder zur Erde zurück.« »Wie schade«, maulte Tiny. »Das ist wirklich sehr schade«, sagte die Seifenblase bedauernd. »Doch wir verstehen das natürlich. Aber wenn ihr wiederkommt, könnt ihr so viele Pilze essen, wie ihr wollt.« »Machen wir bestimmt«, erklärte Nico vergnügt. »Und jetzt auf zum Raumschiff.«

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ABSCHIED VON DEN UTZEBULES Die Seifenblase stieß einen ihrer entsetzlich schrillen Quiekser aus. Offenbar war das eine Art Signal zum Sammeln. Und als alle versammelt waren, bildeten sie über den Köpfen der drei eine riesige Wolke aus Seifenblasen, die sie mit ihren unzähligen Wedelfäden geschickt emporhob und wie an einem Luftballon sicher durch den Pilzwald geleitete. Kurze Zeit später erreichten sie schon den Rand des Pilzwaldes, Und nun ging es noch schneller. Wie ein Sturmwind fegten sie über die weite, flache, von rosarotem Haargras bewachsene Ebene. »Heiliger Bimbam!« schrie Tiny. »Die düsen ja ab wie Miniaturraketen!« Nico grinste. Ihm machte das Spaß. Er war nur etwas besorgtwegen Line, diewar schließlich sowas nicht gewöhnt. Aber Line schien das nicht zu stören. Sie hatte den Kopf ein wenig schräg gelegt und äugte neugierig nach unten. Mit unheimlicher Geschwindigkeit näherten sie sich ihrem Raumschiff. Schon tauchte es gleich einem gigantischen schimmernden Pfeil am Horizont auf. Die Seifenblasen rasten mit ihrer Last direkt auf die Spitze der Kapsel zu.
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Nico erschrak. Wenn sie nun dagegenprallten? Nicht auszudenken! »Halt!« brüllte er aus Leibeskräften. »Abbremsen! Langsam abbremsen!« Doch seine Sorge war unbegründet. Die Utzebules zogen eine elegante Schleife rund um das Raumschiff und setzten sie sanft neben der Strickleiter ab. »Fffffft«, machte Line und murmelte: »Ich bin auch schon bequemer gereist.« Die Utzebules hörten es zum Glück nicht. Und die große Seifenblase, die offenbar eine Art Utzebule-Häuptling war, erkundigte sich: »Nun, wie gefiel euch das?« »Prächtig«, strahlte Nico. Tiny nickte eifrig. Plötzlich kamen die vier Seifenblasen mit der kleinen Schildkröte auf dem Pilzstück angeschwebt und setzten es vor ihnen nieder. »Euer Baby«, sagte der UtzebuleHäuptling. Line betrachtete es eine Weile nachdenklich und erklärte dann: »Ich glaube, wir lassen es hier. Weltraumreisen sind noch nichts für Babys. Und das Klima ist hier ganz ausgezeichnet. Außerdem seid ihr sehr nette Wesen. Da wird es sich wohl fühlen.«

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»Ist das wahr?« rief der UtzebuleHäuptling erfreut. »Dann hätten wir ja ein richtiges kleines Erdenkind.« Line nickte bedächtig: »Ihr müßt es nur gut füttern, am besten klitzekleine Pilzstückchen. Und baut ihm eine kleine Höhle zum Schlafen. Schildkröten brauchen so was. Sonne sucht es sich schon von allein.«

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»Machen wir«, erklärte der UtzebuleHäuptling. »Und vielen Dank für euer Vertrauen.« »Aber dann hat es doch gar keine

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Schildkrötengesellschaft«, wandte Tiny mitleidig ein. »Wir kommen ja wieder«, tröstete Nico. »Und dann legt Line wieder ein Ei, damit das Baby Gesellschaft hat.« »Wunderbar!« riefen die Utzebules ganz begeistert. »Und nun los«, sagte Nico energisch. »Wir müssen starten. Und vorher müßt ihr alle noch in den Pilzwald zurück. Da seid ihr sicher, wenn ich die Startraketen zünde.« »Aha«, machte der Utzebule-Häuptling. »Das ist sehr einleuchtend.« »Also alles klar«, stellte Nico fest. Der Utzebule-Häuptling schwebte dicht vor sie hin, verneigte sich liebenswürdig und sagte feierlich: »Wir wünschen euch eine gute Fahrt und baldige Rückkehr. Habt Dank für euren Besuch. Auf Wiedersehen.« »Auf Wiedersehen!« jubelten die Utzebules im Chor. »Auf Wiedersehen!« riefen die drei. Und dann waren die Utzebules verschwunden wie ein Spuk.

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RÜCKKEHR ZUR ERDE Endlich saßen sie wieder in der Kapsel ihres Raumschiffs, die Strickleiter war eingezogen, die Luke dichtgemacht. Es konnte losgehen. Line hatte sich schon in ihre Lieblingsecke verkrochen. »Puh«, machte Tiny. »Jetzt müssen wir wieder diese doofen Helme aufsetzen.« Aber sie folgte gehorsam Nicos Beispiel und schnallte sich dann an. »Auf geht’s«, sagte Nico kurz. Er studierte stirnrunzelnd noch einmal die Startanleitung und verglich sie mit den Schaltern auf der Armaturentafel. Es schien alles ganz einfach. Entschlossen zündete er die Startraketen. Und dann ging alles ganz schnell. Plötzlich erzitterte die Kapsel von einem ohrenbetäubenden Lärm. Sie schmiegten sich unter dem gewaltigen Druck in ihre Sessel. Und sie spürten wieder dieses sonderbare Ge fühl in der Magengrube, das aber bald nachließ, als der Lärm verklang. Es war alles genau wie bei ihrem Start von der Erde, nur daß hier alles viel schneller zu gehen schien. Nico atmete auf. Es war geschafft. Da

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flüsterte Tiny ängstlich: »Wir haben das Zählen vergessen.« Nico bekam einen Schreck. Aber er faßte sich schnell wieder. »Na und?« sagte er betont gleichmütig. »Wir sind doch ganz ordentlich gestartet. Das ist schließlich die Hauptsache.« Tiny kicherte: »Du bist mir vielleicht ein sonderbarer Kommandant.« Nico spürte, wie er einen roten Kopf bekam. Aber das konnte Tiny unter seinem Helm nicht erkennen. Das fiel ihm gerade noch rechtzeitig ein, und er verkniff sich eine ruppige Antwort. Außerdem wurde seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Aus seinen Kopfhörern klang plötzlich ein eigenartiges Tuten. »Nanu?« brummte er verdutzt. »Was tutet denn da?« »Das Rufzeichen«, erklärte eine fremde Stimme. »Unsere Verbindung war eine Zeitlang unterbrochen. Jetzt funktioniert sie wieder. Wie geht es euch?« »Gut«, murmelte Nico erleichtert. »Hat sich inzwischen etwas ereignet?« erkundigte sich die Stimme. Nico zögerte einen Moment. Dann antwortete er: »Wir haben den Stern der Ut-

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zebules besucht. Es war nett dort.« »Aha«, sagte die Stimme. »Ihr habt vorhin plötzlich eine Richtungsänderung vorgenommen, deshalb seid ihr dort gelandet.« Nico schwieg verblüfft. Denn er wußte genau, daß er nichts dergleichen getan hatte. »Das war die Line«, zischelte Tiny vergnügt. »Waaas?« knurrte Nico aufs höchste erstaunt. Tiny kicherte wieder: »Weißt du nicht mehr? Aber ich! Das war auf der Hinfahrt, als Line an dem roten Schalter herumgeknabbert hat.« Nico verschlug es buchstäblich die Sprache. Da fragte die Stimme aus dem Kopfhörer: »Was sagtet ihr soeben? Wir haben euch nicht verstanden.« Nico gab einen ellenlangen Seufzer von sich und murmelte dann: »Nichts von Bedeutung. Das war ganz privat.« »So«, machte die Stimme, aber sie fragte nicht weiter. Eine Weile herrschte Stille, und Nico hing seinen Gedanken nach. Er war noch ziemlich verwirrt über diese Neuigkeiten. Was hätte dabei bloß alles passieren können? Trotzdem: es war ja noch einmal alles gut gegangen. »Diese Line«, brummelte er kopfschüt-

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telnd vor sich hin. Plötzlich war die Stimme wieder da und erklärte: »Wir haben inzwischen alle Systeme überprüft. Das Raumschiff funktioniert einwandfrei. Ab jetzt übernehmen wir die Steuerung. Ihr könnt schlafen.« »In Ordnung«, sagte Nico erleichtert. Die Stimme schwieg. Und auch das Tuten kam nicht wieder. Tiny gähnte. »Diesmal habe ich ausnahmsweise nichts gegen Schlafen«, meinte sie. »Ich bin ganz verflixt müde.« »Stimmt«, gab Nico zu. »So eine Weltraumreise ist doch ziemlich anstrengend.« Und ehe sie es sich versahen, waren sie beide schon fest eingeschlafen. Und sie schliefen so lange, tief und fest, bis ein sanfter, dumpfer Stoß sie weckte. Schläfrig rappelte Nico sich auf und lauschte. Es war still, völlig still. Die Rakete rührte sich nicht. »Ich gliaube, wir sind gelandet«, flüsterte Tiny. »Scheint so«, grunzte Nico. Sie lösten Helme und Gurte und schlüpften flink aus ihren Raumanzügen. Dann lugten sie neugierig durch die Bullaugen. Draußen war es Nacht. Und als sie ihre Augen an das Dunkel gewöhnt hatten,

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sahen sie, daß die Rakete mitten zwischen den Zelten auf dem Campingplatz stand, genau an ihrer alten Stelle. Niemand war zu sehen. Und nichts schien gegen früher verändert. »Na so was«, murmelte Tiny. »Ist es nun noch Nacht oder schon wieder?« »Ist doch egal«, brummelte Nico, der plötzlich an seine Eltern und an noch so einiges dachte, »Das werden wir schon noch früh genug erfahren. Los, aussteigen.« Er öffnete die Luke, ließ die Leiter hinab und angelte Line aus ihrer Schlafecke hervor. Tiny war inzwischen schon hinuntergeklettert. Schnell folgte er ihr und sprang von der letzten Sprosse auf den Boden in das kühle, feuchte Gras. »Brrr«, machte Tiny. »Ist das aber kalt hier.« Nico schwieg. Er betrachtete ganz versunken den stählernen Rumpf der Rakete, der silbern im Mondlicht glänzte. »Komisch«, sagte er nach einer Weile. »Jetzt kommt es mir so vor, als seien wir eben nur mal eingestiegen und dann wieder raus. Und alles scheint mir wie ein Traum.« »Mir auch«, flüsterte Tiny. Nico schüt-

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telte verwundert den Kopf. »Was wohl unsere Line dazu sagen wird?« meinte er leise und streichelte Line liebevoll über den Panzer. Aber Line sagte nichts. Sie schlief den tiefen Schlaf der Schildkröten, wie es sich gehört.

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INHALT Nicos neue Rakete Tiny und die Gießkanne Nächtliche Überraschung Start ins Unbekannte Auf großer Fahrt Die fliegende Schildkröte Stern in Sicht Die Landung Auf fremdem Boden Ein sonderbarer Stern Ein merkwürdiger Sonnenaufgang Im Pilzwald Eine tolle Geschichte Seltsame Bewohner Das gefährliche Ei In Gefangenschaft Line als Retter Neue Freunde Abschied von den Utzebules Rückkehr zur Erde

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