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Internationale Passivhaustagung 2007 PLENUM

Aufbruch zur Energieeffizienz

Dr. Wolfgang Feist
Passivhaus Institut, Rheinstr. 44-46, D-64283 Darmstadt
Tel. (+49) 6151 82699-0, Fax (+49) 6151 82699-11, mail@passiv.de

1 Ausgangslage – Wissenschaft
Klimaforschung. Der neue Bericht des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change)
vom Februar 2007 hat eindeutige Ergebnisse gezeigt:

• Der Klimawandel ist in vollem Gang; er wird sich bei „business as usual“ noch in
diesem Jahrhundert in einem Ausmaß auf das Ökosystem, die Wirtschaft und die
Lebensbedingungen der Menschen auswirken, dass historisch keine Parallele hat.

• Der Klimawandel wird durch Einflüsse des Menschen, weit überwiegend durch die
energetische Nutzung der fossilen Energieträger verursacht. Wie groß das künftige
Ausmaß der Klimaveränderungen ist, hängt entscheidend von unseren weiteren
Emissionen von CO2 in die Erdatmosphäre ab.

• Noch lassen sich die schlimmsten Auswirkungen der globalen Erwärmung
abwenden, wie ein umfassendes Schmelzen der Festlandeismassen in Grönland
und auf der Antarktis. Dies erfordert allerdings eine entschiedene Reduktion der
weltweiten CO2-Emissionen weit unter das gegenwärtige Ausmaß.

Welt-Energiewirtschaft. Das Standard-Szenario der IEA (Internationale Energie Agentur)
steht in scharfem Gegensatz zu den oben genannten Anforderungen des Klimaschutzes.
Teilt man die Auffassung der IEA, dass die Versorgung der Menschen mit lebenswürdigen
Bedingungen weltweit eine Voraussetzung für die soziale und friedliche Entwicklung
darstellt, so ergibt sich für die nächsten 20 Jahre eine weitere Steigerung des Bedarfs an
Primärenergie von mehr als 50% des heutigen Verbrauchs. Bisher wird davon
ausgegangen, dass der überwiegende Teil dieses Mehrbedarfs aus zusätzlich zu
fördernden fossilen Energieträgern zu decken sein wird. Dies hätte keine Reduktion,
sondern eine enorme Steigerung der CO2-Emissionen zur Folge und würde die Erde auf
einen gefährlichen Kurs mit schwer kalkulierbaren Folgeschäden bringen.

Weltwirtschaft. A. Stern hat in seiner Studie für die britische Regierung die Dringlichkeit des
Klimaschutzes für die Stabilität der Weltwirtschaft herausgehoben. Eindringlich macht
dieser Report klar, dass die größeren Risiken für Wachstum und Wohlstand nicht durch
Kosten der Einführung von Klimaschutzmaßnahmen, sondern in der Beibehaltung des
bisherigen Kurses steigender CO2-Emissionen liegen.

Wir fassen die Ergebnisse aus den verschiedenen Wissenschaftsfeldern zusammen:

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• Der weltweite CO2-Ausstoss muss in den kommenden Jahrzehnten deutlich
gesenkt werden: Über 50% bis zur Jahrhundertwende sind der Zielwert.

• Der Wunsch nach Wohlstand und gerechter weltweiter Entwicklung führt derzeit
jedoch zu einer bedeutenden Steigerung der klimaschädlichen Emissionen.

• Die Schäden bei fortgesetzter Untätigkeit werden alle bisherigen Erfahrungen mit
Umweltkatastrophen in den Schatten stellen. Insbesondere die Wirtschaft und der
Wohlstand der menschlichen Gesellschaften wird unter diesen Folgen leiden.

2 Ausgangslage – Politik
Auf der politischen Ebene bekommt die Aufgabe durch den besser gesicherten
Kenntnisstand immer mehr Gewicht. Allerdings ist die Gegenwart noch durch einen Streit
zwischen den „klassischen Wirtschaftspolitikern“ und den Fachministerien geprägt. Die
Ursache dafür liegt vor allem in zwei Punkten:

• Maßgebliche Kreise der Wirtschaft haben sich bisher nicht ernsthaft mit den verfügbaren
Ansätzen einer Wirtschaftsentwicklung mit einer klaren Nachhaltigkeits-Zielsetzung
auseinandergesetzt. Sie sehen das Instrumentarium daher beschränkt auf solche
Maßnahmen, die ihren Interessen oberflächlich betrachtet entgegenstehen. Daraus
resultiert ein bedeutender Teil der Abwehrhaltung.

• Immer noch ist der Zeithorizont der meisten wirtschaftspolitischen Entscheidungen zu
gering. Die Ursachen dafür sind sehr vielfältig, sie gehen von überzogenen
Gewinnerwartungen über falsches Risikoverständnis bis zu den kurzen Zeiträumen, in
denen Spitzenmanager Verantwortung tragen für die Folgen ihrer Entscheidungen.

An beiden Hindernissen lässt sich etwas bewegen; positive Ansätze gibt es heute bereits
auf allen Ebenen:

• Durch das Grünbuch des EU-Energiekommissars Piebalgs wird Energieeffizienz
bereits zur obersten Priorität der europäischen Energiepolitik. Dort wird z.B.
ausgeführt: „Wie im Plan dargestellt, schlägt die Kommission vor, durch Aktivitäten
sicherzustellen, dass auf längere Sicht unsere Gebäude zu ‚Nahezu-
Nullemissionshäusern’, auch ‚Passivhäuser’ genannt, werden.“ [Piebalgs 2006]

• Auf nationaler Ebene ist derzeit die österreichische Bundesregierung weltweit
ganz vorn: Bei Neubauten forciert die österreichische Bundesregierung gemeinsam
mit den Bundesländern Niedrigenergie- und Passivhaus-Standards. Ab dem Jahr
2015 sollen im Bereich der Wohnbauförderung nurmehr Häuser und Bauten im
großvolumigen Wohnbau gefördert werden, die dem "Klima-Aktiv-
Passivhausstandard" entsprechen (Vgl. Beitrag in diesem Tagungsband).

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• Und regional wurde vielerorts die Wirksamkeit des Ansatzes „Global denken, lokal
handeln“ erkannt und umgesetzt. Seit der vergangenen Passivhaus-Tagung gibt es
die folgenden beispielhaften Festlegungen auf regionaler Ebene:

- Bundesland Vorarlberg: Seit 1.1.2007 ist hier für den öffentlich geförderten
sozialen Wohnbau der Passivhaus-Standard verpflichtend. Vorarlberg ist
damit Vorreiter einer vorbildlichen Entwicklung (vgl. Beitrag Krapmeier).

- Stadt Frankfurt: Mit Beschluss des Stadtparlamentes wird bei allen
Neubauvorhaben der Stadt Frankfurt künftige der Maßstab des
Passivhausstandards angelegt.

- FAAG, die Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Frankfurt, hat erklärt, künftig
Wohnbau nur noch im Passivhausstandard zu errichten.

3 Fragestellung: Warum nicht noch mehr und warum nicht
noch schneller?
Vermutungen I: Irgendeinen Nachteil muss es doch geben? Diese Frage wird uns
interessanterweise immer wieder von den Journalisten gestellt. Sie sind verblüfft über die
Größe des Potentials – und noch mehr verblüfft über die Tatsache, dass dieses nicht nur
theoretisch vorhanden ist, sondern auch in der Praxis demonstriert. Warum breitet sich
dieser Ansatz dann nicht schneller aus? Vermutet werden vor allem verborgene Nachteile
(Sie kennen die leidige Diskussion über verschimmelte Wohnungen ausgerechnet nach
einer umfassenden Modernisierung), sehr hohe Kosten (tatsächliche erfordert höhere
Energieeffizienz eine höhere Investition in die bauliche Qualität) oder mangelnde
Akzeptanz bei den Nutzern (Wenn ein Gebäude so viel Energie einspart, dann muss das
doch mit einschneidenden Veränderungen für den Nutzer verbunden sein?). Zu diesen
Vermutungen finden Sie umfassende Informationen in diesem Tagungsband. Lassen Sie
mich die Ergebnisse des heutigen Erkenntnisstandes zu allen diesen Fragen kurz
zusammenfassen: Keiner der vermuteten Nachteile ist wirklich vorhanden. Nachteilig wirkt
sich ausschließlich aus, dass solche Vermutungen immer wieder behauptet und langwierig
diskutiert werden. In bezug auf diese Fragen geht es ausschließlich um solide und seriöse
Aufklärung der Öffentlichkeit. Das ist manchmal anstrengend, weil liebgewonnene
Vorurteile betroffen sind; aber es wird immer leichter, weil immer mehr Gebäude mit wirklich
hoher Energieeffizienz existieren und positiv ausstrahlen.

Vermutungen II: Die Verschwörungs-Theorien. An sich naheliegend: Die Nutznießer der
derzeitigen hohen Nachfrage nach Energieträgern und die Hersteller der Systeme mit
hohem Energieverbrauch sind nicht gerade begeistert davon, dass es hoch effiziente
Lösungen gibt, die den Verbrauch auf einen Bruchteil des bisher gewohnten reduzieren.
Sicher sind auch einige Lobbyisten unterwegs, die versuchen, allzu weitgehenden
Ansätzen das Leben zu erschweren. Aber gerade diesen Einfluss sollten wir nicht
überschätzen: Niemand kann es sich heute leisten, als aktiver Bremser in Sachen

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Klimaschutz zu gelten. Wenn überhaupt, dann ist der Weg der Einflussnahme subtiler. Er
versucht die entscheidenden Bremsfaktoren zu nutzten – und die liegen an anderer Stelle.

Die Wahrheit: Trägheit, Selbstzufriedenheit, Mutlosigkeit. Erschreckend fand es eine
Journalistin, die nach dem Interview genau dies feststellen musste: Es sind weder
technische Probleme noch mächtige Interessen, die eine schnellere Umsetzung aufhalten,
sondern vor allem ganz banale, nur allzu menschliche Gründe:

• Trägheit. Bis sich neue Erkenntnisse gegen alte Vorurteile verbreitet haben, dauert es
regelmäßig einige Zeit. Das hat sogar möglicherweise einen rationalen Kern; nicht
immer ist das Neue auch wirklich das Bessere. Das Neue muss sich somit vor dem
Hintergrund des Althergebrachten bewähren. Wenn von einer Innovation rational
erkannt wurde, dass in ihren Auswirkungen das Positive weit überwiegt, so könnte es
eine wichtige Aufgabe der Politik sein, dies auch zu kommunizieren.

• Selbstzufriedenheit. Weit verbreitet ist die Position „Wir sind doch gut genug (in
Sachen Energieeffizienz). Sollen doch erst einmal die Anderen etwas tun.“ Immer, wenn
„gut genug“ in diesem Satz nicht mit „ausreichend gut für Zukunftsfähigkeit“
übereinstimmt, ist dies nämlich eine Bremser-Position. So kommen wir an dieser Stelle
zu der Erkenntnis, dass die Bremser noch nicht einmal überwiegend die Lobbyisten der
alten Strukturen sind, sondern dass sie ganz weit verbreitet vorkommen und teilweise
sogar in uns selbst stecken. Wichtig ist daher die Frage, wie gut denn „ausreichend gut
für Zukunftsfähigkeit“ ist. Dazu haben wir eben etwas von Mark Zimmermann gehört –
und ich werde das anhand weiterer Untersuchungen unterstreichen und ergänzen.

• Mutlosigkeit. Ich will versuchen, es positiv zu formulieren:

o Wenn die Probleme (Klimaschutzaufgabe, Energiepreiskrise, Importabhängigkeit)
zweifelsfrei auf dem Tisch liegen, und

o wenn es praktikable Lösungen zur Abhilfe bzgl. der Probleme gibt, die sich in
jeder Beziehung bewährt haben und die, wenn auch mit gewissen
Anstrengungen, umsetzbar und finanzierbar sind

dann sollte die Politik den Mut aufbringen, sich für eine rasche Umsetzung der
Lösungen in aller erdenklichen Weise zu engagieren. Das dies dann auch für den
Erfolg solchermaßen mutiger Politiker mehren wird, das kann ich Ihnen ohne
prophetische Gaben, die man dazu auch nicht braucht, vorhersagen:

o Die negativen Auswirkungen des Klimawandels werden in den kommenden
Jahren leider noch messbar und erkennbar zunehmen. Die Forderungen nach
wirksamen Gegenmaßnahmen werden somit lauter werden. Wer dies heute
erkannt hat, wird morgen besser dastehen. Aber nur dann, wenn er auch wirklich
einen substantiellen Beitrag zur Minderung geleistet hat.

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o Die Maßnahmen, die durch Techniken mit hoher Energieeffizienz heute
bereitstehen, zeichnen sich rundweg durch hohe Beiträge zur regionalen
Wertschöpfung aus. Es ist das regionale Handwerk, das Brennwertkessel
installiert, Fenster erneuert, Fassaden wärmedämmt, Lüftungsanlagen einbaut.
Wer diese Entwicklung sät, wird regionales Wirtschaftswachstum und regionale
Beschäftigung ernten. Wer noch darüber hinausgeht und Industriebetriebe
anlocken kann, oder vorhandene davon überzeugen kann, hocheffiziente
Systeme zu fertigen und weiter zu entwickeln, der erwirbt sogar Vorteile in der
vielbeschworenen internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

4 Wie gut ist “gut genug”?
Lassen Sie mich den letzten Teil meiner Analyse der Frage widmen, welche energetischen
Standards wir bei Neubau und Sanierungen anstreben müssen, um „gut genug“ zu sein für
die Anforderungen der Zukunft.

Welches sind die Anforderungen der Zukunft? Es besteht kaum noch ein Zweifel daran,
dass ein zukunftsfähiges Energiesystem nachhaltig wird sein müssen. Dieser Begriff ist
durch modische und unscharfe Verwendung ein wenig abgegriffen – und dabei ist dennoch
klar, dass dies sehr konkrete und scharfe Konsequenzen gerade für das Energiesystem
hat. Im Schlussbeitrag zur 6. Passivhaustagung hieß es: „Nachhaltiges Wirtschaften kann
dauerhaft in der Zukunft fortgesetzt werden, ohne dass bedeutende Nachteile für Mitwelt,
Umwelt und Nachwelt entstehen.“

Ein nachhaltiges Niveau der Energieeffizienz. Mit dem Passivhaus ist der
Energieverbrauch so gering, dass sich eine Familie nie mehr Sorgen um Energiepreis-
steigerungen machen muss. Ohnehin ist das Haus von importierten Energieträgern
praktisch unabhängig - und sogar vollständig mit erneuerbarer Energie zu versorgen, wenn
ein Wärmepumpenkompaktgerät und ein Öko-Strom-Anbieter gewählt werden (oder ein
Anteil an einer Windkraftanlage erworben wird oder eine Pelletheizung gewählt wird). Durch
den geringen Energieverbrauch des Passivhauses reichen die regional verfügbaren
erneuerbaren Energiequellen aus, eine Versorgung dauerhaft für alle möglich zu machen.

Damit nicht genug: In einem Passivhaus gibt es keine verschimmelten Wände, keine
Zugluft, keine kalten Füße. Dafür immer und überall frische Raumluft und weniger
Innenraumluftbelastung. Wie hat es Robert Hastings auf der 8. Passivhaustagung
formuliert: „Passivhäuser sollen auf Minimierung der Umweltbelastung optimiert und auf
Lebensfreude maximiert werden“ [Hastings 2004].

Und auch an der Verringerung der Umweltbelastung wird die Baufamilie Freude haben:
Denn die Folgen des Klimawandels treffen jeden; die klimawirksamen Emissionen sind im
Passivhaus gegenüber "normalen" Neubauten um mehr als einen Faktor 4 reduziert. Diese
Beiträge zum Umweltschutz sind umso wirksamer, je mehr Baufamilien sich für den Bau

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von energieeffizienten Neubauten oder die Modernisierung bestehender Häuser
entscheiden.

Und zudem hat der Bauherr auch etwas davon, wenn Dienstleistung in der Region
geschaffen werden und nicht durch Import von Energierohstoffen aus instabilen Teilen der
Welt. Wenn ein Passivhaus als EFH derzeit ca. 14 000 Euro "mehr" kostet als ein üblicher
Neubau - dann sind dies 14 000 Euro, die zu 75% als Handwerksleistung erbracht werden.
Und auch die restlichen 25% stammen überwiegend aus Europäischer Wertschöpfung. Das
erhält und schafft Arbeitplätze - und es "rechnet" sich sogar. Die der Gemeinschaft
ersparten Kosten für die Bewältigung internationaler Spannungen wollen wir hier gar nicht
diskutieren.

Aber reicht nicht auch schon ein weniger ehrgeiziger Standard? „Niedrigenergie-
standard ist doch gut genug – wir erreichen doch damit bereits deutliche Einsparungen
gegenüber dem Altbau und somit hohe Umweltentlastungen.“ So schmerzhaft es sein mag,
aber gerade diese Aussage ist eines der größten Hindernisse auf dem Weg der
nachhaltigen Entwicklung. Das hat zwei Gründe, die durch eine Betrachtung der Zeitreihen
des gesamten Heizenergieverbrauchs (vgl. Abbildung 1) deutlich werden.

Abbildung 1 Erreichbare Energieeinsparungen im Szenario mit maximaler
Umsetzungsgeschwindigkeit: Nur unter Einsatz von höchster Effizienz in jedem
Einzelfall ist bis zum Jahr 2040 die erforderliche Einsparung von 50% zu erreichen. Die
„alte“ Niedrigenergietechnologie kann nur die Hälfte dieser Zielsetzung erreichen.

Bewusst wurde hier das Szenario mit der maximal sinnvollen Umsetzungsrate von
Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz im Gebäudebestand gewählt. Diese
maximale Umsetzungsrate ergibt sich aus den Erneuerungszyklen der Bauteile: Jede
Maßnahme am Gebäude ist ökonomisch nur dann sinnvoll ausführbar, wenn sie im

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natürlichen Zyklus der Bauteilerneuerung erfolgt. Dies sei am Beispiel illustriert: Es ist
weder heute noch irgendwann in der Zukunft sinnvoll, ein intaktes Fenster nur aus Gründen
der Energieeinsparung durch ein neues Fenster zu ersetzen; dazu sind die Basiskosten
des Fensterersatzes einfach zu hoch (über 270 €/m²; die Kosten für eine eingesparte
Kilowattstunde würden dann bei über 25 €Ct/kWh liegen). Die Bauteile werden also dann
verbessert, wenn sie ohnehin ersetzt oder renoviert werden. Die Abbildung zeigt die
Ergebnisse für zwei unterschiedliche Handlungsweise:

Verwendung von „normaler“ Niedrigenergie-Technologie, die wie folgt angesetzt wurde:

o Erreichte U-Werte bei Wänden, Dächern, Kellerdecken von etwa 0,3 W/(m²K)
entsprechend Dämmstärken von 10 bis 15 cm mit konventionellen Dämmstoffen.

o Verwendung von heute üblichen neuen Fenstern (Uw = 1,46 W/(m²K).

o Mindestlüftung ohne Wärmerückgewinnung.

o Versorgungstechnik: Brennwertkessel oder gute elektrische Wärmepumpen.

Mit dieser Strategie ist bei maximal sinnvoller Umsetzungsrate eine
Heizenergieverbrauchsreduktion von 25% bis zum Jahr 2040 möglich. Alle
Einzelmaßnahmen sind für die Gebäudeeigner wirtschaftlich durchführbar.

Verwendung von hocheffizienten Sanierungsmaßnahmen, wie folgt angesetzt:

o Erreichte U-Werte bei Wänden, Dächern, Kellerdecken von etwa 0,15 W/(m²K)
entsprechend Dämmstärken von 20 bis 30 cm mit konventionellen Dämmstoffen

o Verwendung von dreischeibenverglasten Warmfenstern (Uw = 0,8 W/(m²K)).

o Einbau einer Lüftung mit effizienter Wärmerückgewinnung (WRG ≥ 85%)

o Versorgungstechnik: Brennwertkessel oder elektrische Wärmepumpen, u.a.
Wärmepumpenkompaktgeräte.

Mit dieser Strategie ist bei maximal sinnvoller Umsetzungsrate bis 2040 eine
Heizenergieverbrauchsreduktion von 50% möglich. Auch bei dieser Strategie sind
alle Einzelmaßnahmen für die Gebäudeeigner wirtschaftlich durchführbar, auch
wenn die energiebedingten Investitionskosten insgesamt etwa doppelt so hoch sind:
Auch die Energiekosten-Einsparungen sind doppelt so hoch.

Der Vergleich der beiden Zeitreihen zeigt, wie wichtig es ist, bei jeder Einzelmaßnahme die
höchste ökonomisch vertretbare Energieeffizienz zu erreichen. Nur so ist nämlich eine
Halbierung des Energieverbrauchs in der dafür zur Verfügung stehenden Zeit möglich.

Aus der Zeitdynamik dieser Entwicklung folgt ein zweiter, noch bedeutenderer Grund für die
Notwendigkeit des Grundprinzips „Wenn schon, denn schon“. Dies sei wieder an einem

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PLENUM 11. Internationale Passivhaustagung 2007

Beispiel illustriert: Wird z.B. bei einer Fassade durch Anbringung einer Wärmedämmung mit
10 cm Dämmstärke eine (nicht unerhebliche) Energieeinsparung erreicht, so ist diese
Fassade für die nächsten 50 Jahre erledigt. Solange muss eine Sanierung nämlich halten,
wenn sie überhaupt ökonomisch vertretbar sein soll – übliche Putzfassaden haben diese
Dauerhaftigkeit, wie erst unlängst wieder systematisch nachgewiesen wurde. Die Fassade
weist dann einen U-Wert von 0,31 W/(m²K) auf. Dann lohnt es sich aber unter keinerlei
Umständen mehr, diese Fassade zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal wärme zu
dämmen. Die fixen Kosten einer solchen Maßnahme, die im Erstellen eines Gerüstes und
der Neuanbringung des Putzes liegen, sind mit mindestens 70 €/m² so hoch, dass die
Ausführung niemals sinnvoll sein wird (die Kosten für eine eingesparte Kilowattstunde
würden dann bei über 16 €Ct/kWh liegen). Ähnlich stellt sich dies auch für alle anderen
Maßnahmen dar: Die Ausführung einer nur mäßigen Verbesserung an einem bisher
schlechten Bauteil ist ein Hemmnis, das auf absehbare Zeit die Erschließung
weitergehender Einsparpotentiale verhindert. Durch die systematische Analyse dieser
Zusammenhänge wird deutlich, warum das Grundprinzip „Wenn schon, denn schon“ bei
Neubau und Modernisierung einen so hohen Stellenwert hat.

5 Aufbruch zu Nachhaltigkeit heißt: keine Chance für
bessere Energieeffizienz auslassen
Mit den Beiträgen zur 11. Passivhaustagung liegen detaillierte, praxiserprobte und
wissenschaftlich belegte Nachweise dafür vor, dass der Bausektor heute in der Lage ist,
den Energieverbrauch von Neubauten und bei der Sanierung von Altbauten auf Werte von
nur noch etwa 10% des heutigen Durchschnittsverbrauchs zu senken. Diese Fähigkeit der
Architekten, Fachplaner, Bauhandwerker und Bauunternehmer steht gerade im richtigen
Zeitpunkt zur Verfügung, um die Verhinderung der schlimmsten Folgen des Klimawandels
noch zu erreichen. Dazu bedarf es eines gemeinsamen Aufbruchs auf allen Ebenen; sehr
konkrete Beispiele dafür, wie erfolgreich ein solcher Aufbruch sein kann, zeigen die
Beiträge zur Umsetzung in diesem Tagungsband.

6 Literatur
[Feist 1999] Feist, Wolfgang: Energieeffizienz – Wohlstand – Lebensqualität;
im Tagungsband zur 3. Passivhaustagung, Bregenz 1999.

[Hastings 2004] Hastings, Robert: Passivhäuser und Lebensfreude; im
Tagungsband zur 8. Passivhaustagung, Krems 2004.

[Piebalgs 2006] Piebalgs, Andris: Energy efficiency: the best way towards a
sustainable, competitive and secure energy system; Round table
on in the Committee of Regions Brussels, 7 December 2006

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