Agesilaos

Der Spartaner Agesilaos wird sowohl von den übrigen Geschichtsschreibern, als auch im
Besonderen von Xenophon, dem Schüler des Sokrates, gelobt. Mit ihm war er nämlich eng
befreundet. Kaum dass Agesilaos die Herrschaft übernommen hatte, überzeugte er die
Spartaner, dass sie ein Heer nach Asien schicken und gegen den Großkönig Krieg führen
sollten, indem er ihnen bewies, dass es günstiger sei in Asien als in Europa zu kämpfen. Denn
das Gerücht hatte sich verbreitet, dass Artaxerxes eine Flotte und ein Landheer ausrüstete, das
er nach Griechenland schicken wollte. Nachdem ihm die Vollmacht erteilt worden war, ging
er mit so großer Geschwindigkeit vor, dass er mit den Truppen in Asien ankam, bevor die
königlichen Satrapen erfahren hatten, dass er überhaupt aufgebrochen war. Dadurch kam es,
dass er alle ungerüstet und unvorsichtig überraschte. Als Tissaphernes davon erfuhr, der
damals den höchsten Oberbefehl unter den königlichen Beamten hatte, bat er den
Lakedaimonier um einen Waffenstillstand, wobei er so tat, als ob er sich darum bemühe, dass
es zwischen Lakedaimoniern und Großkönig zu einer Übereinkunft komme, in Wahrheit aber
(bat er darum), um Truppen zusammenzuziehen, und so erreichte er drei Monate. Alle beide
Parteien hatten aber geschworen, dass sie den Waffenstillstand ohne Hinterlist einzuhalten.
Agesilaos hielt diese Abmachung mit größter Treue ein : dagegen arbeitete Tissaphernes auf
nichts als den Krieg hin. Auch wenn der Spartaner das merkte, blieb er seinem Eid treu und
sagte, dass im großer Vorteil daraus entstehen würde, weil Tissaphernes durch seinen Meineit
sowohl seine Männer von sich entfremde, als auch die Götter gegen sich erzürne ; er selbst
aber stärke durch die Bewahrung der heiligen Pflicht sein heer, da es sähe, dass die Gottheit
auf ihrer Seite stehe, und die Menschen mache er sich geneigter, weil die sich jenen
zuzuwenden pflegten, die sie ihre Versprechen halten sehen.
Nachdem die Frist des Waffenstillstands abgelaufen war und der Barbar (=Tissaphernes), zog
seine Truppen in Karien zusammen, nicht zweifelnd, dass die Feinde am ehstens dort
einfallen würden, da er selbst sehr viele Ansitze dort hatte und diese Region zu jener Zeit für
die bei weitem reichste gehalten wurde. Aber Agesilaos wandte sich nach Phrygien und
verwüstete es, bevor Tissaphernes sich dorthin bewegte. Nachdem sich die Soldaten mit
großer Beute bereichert hatten, führte er das Heer ins Winterlager nach Ephesos und nachdem
er dort Waffenschmieden eingerichtet hatte, rüstete er mit großem Eifer für den Krieg. Und
damit man sich (quo=ut eo) ausrüstete und sich umso glänzender ausrüstete, setzte er Prämien
aus, die jenen übergeben werden sollten, deren Fleiß in der Sache herausragend sei. Dasselbe
machte er bei den Waffenübungen, sodasser jene, die sich vor den übrigen auszeichneten, mit
mehr Geschenken bedachte. Durch diese Maßnahmen erreichte er, dass er ein ausgezeichnet
gerüstetes und auch trainiertes Heer hatte. Als ihm die Zeit gekommen schien, die Truppen
aus dem Winterquartier ausrücken zu lassen, sah er, dass, wenn er offen sagen sollte, wohin
die Reise gehen sollte, die Feinde das nicht glauben würden und andere Gebiete mit Truppen
besetzen und nicht zweifeln würden, dass er etwas anderes tun würde als das, was er gesagt
hatte. Als er also sagte, dass er nach Sardes gehen würde, meinte Tissaphernes, dass
wiederum Karien zu verteidigen sei. Als er sich hierin getäuscht und überlistet sah, brach er
zu spät auf, den Seinigen Hilfe zu bringen. Denn als er dorthin kam, hatte Agesilaos sich
schon großer Beute bemächtigt. Als der Spartaner sah, dass die Feinde durch ihre Reiterei
überlegen waren, ließ er sich nie auf ein Gefecht in der Ebene ein und kämpfte nur an solchen
Orten, an denen Fußsoldaten wertvoller sind als Berittene. Er schlug also, sooft es zu einem
Kampf kam, die viel größeren Truppen der Feinde in die Flucht und hielt sich also auf solche
Weise in Asien auf, dass er nach der Ansicht aller als Sieger galt.
Als er sich schon mit dem Gedanken trug, nach Persien zu marschieren und den Großkönig
selbst anzugreifen, kam ein Bote aus der Heimat auf Befehl der Ephoren zu ihm (und
meldete), dass die Athener und die Böotier den Spartanern den Krieg erklärt hatte : deshalb
dürfe er nicht zögern, zurückzukehren. Hierin ist die Pflichtergebenheit des Agesilaos nicht
weniger zu beachten als seine Tüchtigkeit im Kampf : obwohl er einem siegreichen Heer
vorstand, und obwohl er die besten Aussichten hatte, das Perserreich zu erobertn, gehorchte er
mit einer solchen Disziplin dem Befehl der fernen Beamten, als wenn er ein einfacher
Privatmann in Sparta wäre. Wenn doch nur unsere Herrscher seinem Beispiel gefolgt wären !
Agesilaos zog der gewaltigsten Herrschaft einen guten Ruf vor, und er hielt es für bei weitem
ruhmvoller, wenn man den Gesetzen des Vaterlandes folgte, als wenn man im Krieg Asien
überwindet. Mit einer solchen Einstellung führte er seine Truppen über den Hellespont und
beeilte sich dabei so sehr, dass er den Weg, den Xerxes im Laufe eines ganzen Jahres
zurückgelegt hatte, innerhalb von 30 Tagen bewältigte. Als er nicht mehr weit vom
Peloponnes entfernt war, versuchten die Athener und Boeotier und deren Verbündete sich ihm
bei Koroneia entgegenzustellen ; sie alle besiegte er in einer harten Schlacht. In diesem Sieg
gewann er den meisten Rum dadurch, dass er, als die meisten sich auf der Flucht schleunigst
in den Tempel der Minerva begaben und er gefragt wurde, was mit ihnen geschehen solle, er,
obwohl er einige Wunden in der Schlacht empfangen hatte und voller Zorn gegen jene, die
gegen ihn die Waffen erhoben hatten, schien, dass er eben dann trotzdem fommes Verhalten
über den Zorn stellte und verbat, jenen ein Leid zuzufügen. Und das hat er nicht nur in
Griechenland so gemacht, dass er die Tempel er Götter für heilig hielt, sondern auch bei den
Barbaren hat er in höchster Frömmigkeit alle Opfer und Altäre gewahrt.
Mittlerweile widerfuhr den Spartanern jenes Unlück bei Leuktra. Dorthin wollte er überhaupt
nicht ausziehen, obwohl er von sehr vielen zum Auszug gedrängt wurde, so als ob er ein
Vorwissen über den Ausgang der Sache besessen hätte. Als Epaminondas Sparta begrängte
und die Stadt ohne Mauern war, bewährte er sich als solcher Feldherr, dass es zu jener Zeit
allen klar war, dass es Sparta nicht mehr gäbe, wenn er nicht gewesen wäre. Bei jener
Bedrohung bewirkte die Schnelligkeit seiner Entscheidung die Rettung für alle. Denn als
einige Jüngelchen, die durch die Ankunft des Feindes voll Angst waren, zu den Thebanern
überlaufen wollten und einen erhöhten Platz außerhalb der Stadt befestigt hatten, kam
Agesilaos mit seinen Leuten dort hin, der wusste, dass es überaus verderblich sein würde,
wenn man merkte, dass jemand zu den Feiden überlaufen wolle, und er lobte die Jünglinge,
als ob sie es in guter Absicht getan hätten, weil sie diesen Ort besetzt hatten, und weil auch er
sich gedacht habe, dass das so gemacht werden müsse. So gewann er durch das vorgetäuschte
Lob die Jünglinge zurück und nachdem er ihnen einige seiner Begleiter bei ihnen gelassen
hatte, ließ er den Ort gesichert zurück. Denn nachdem die Zahl der Jünglinge durch einige
erhöht worden war, die nicht in ihrem Plan eingeweiht waren, wagten sie es nicht mehr, sich
zu rühren und das um so lieber, weil sie glauben, dass es verborgen geblieben sei, was sie im
Sinn gehabt hatten.
Ohne Zweifel erholten sich die Lakedaimonier nach der Schlacht von Leuktra niemals und
gewannen nicht mehr den vorherigen Einfluss wieder, wenngleich auch Agesilaos niemals
aufhörte, auf jeder erdenklichen Weise, auf die er konnte, dem Vaterland zu helfen. Denn weil
die Lakedaimoniern vornehmlich an Geld fehlte, kam er allen, die vom Großkönig abgefallen
waren, zur Hilfe; von diesen wurde er mit großen Geldsummen beschenkt und half damit
seiner Heimat aus. Dabei ist hauptsächlich das zu bewundern, dass er, obwohl ihm reichste
Geschenke von Königen, Fürsten und Staaten gemacht wurden, er niemals das Geringste
davon in sein Haus brachte und in nichts von der Lebensweise und dem Gewand der
Spartaner abwich. Wer sein Haus betrat, konnte kein Anzeichen von Genusssucht oder Liebe
zum Luxus erkennen, vielmehr viele Anzeichen der Genügsamkeit und Bescheidenheit: denn
so war es eingerichtet, dass es sich in keiner Sache von dem eines beliebigen armen Bürgers
ohne Amt unterschied.
Und wie groß dieser Mann auch war, sodass er die Natur als Gönnerin bei der verteilung von
Tugenden des Geistes hatte, so war sie ihm gegenüber dennoch missgünstig bei der
Gestaltung seines Körpers. Denn er war von niedriger Gestalt, hatte einen schwächlichen
Körper und zog den einen Fuß nach. Diese Tatsache trug einiges zur allgemeinen Hässlichkeit
bei, und jene, die ihn nicht kannten, verabscheuten ihn, wenn sie sein Gesicht sahen; die aber,
die seine Tugend kennen gelernt hatten, konnten ihn nicht genug bewundern. So erging es
ihm wirklich, als er mit 80 Jahren zur Untersützung des Tachos nach Ägypten gegangen und
sich ohne Dach am Strand zum Schlafen hingelegt hatte und seine Matratze so beschaffen
war, dass die erde mit Stroh bedeckt und darauf nichts als eine Tierhaut geworfen worden
war, und als er dort also mit allen seinen Gefährten lagerte, in bescheidener und abgenutzer
Kleidung, sodass ihre Aufmachung nicht nur nicht darauf hindeutete, dass ein König unter
ihnen war, sondern dass man sogar vermuten konnte, es handelte sich um nicht gerade die
wohlhabendsten Leute. Als die Kunde von seiner Ankunft den Leuten von König Tachos
überbracht worden war, wurden ihm sofort geschenkealler Art überbracht. Als sie den
Agesilaos suchten, konnten sie kaum überzeugt werden, dass es einer von denen war, die
damals dort lagerten. Nachdem sie die Geschenke, die sie herangebracht hatten, im Namen
des Königs (lies: verbis statt veribis) übergeben hatten, nahm Agesilaos nichts an bis auf
Kalbfleisch und andere Lebensmittel, die sie zu dem Zeitpunkt benötigten; Salben, Kränze
und Nachtisch verteilte er unter den Sklaven, den Rest befahl er zurückzubringen. Deshalb
verachteten ihn die Barbaren noch mehr, weil sie meinten, dass er eben jene Dinge gewählt
hatte, weil er die guten Dinge nicht kannte.
Als er Ägypten gerade verließ, von König Nektanibis mit 220 Talenten beschenkt, die er dem
Volk zum Geschenk machen wollte, und in den Hafen gekommen war, der Menelaos-Hafen
genannt wird und zwischen Kyrene und Ägypten liegt, befiel ihn eine Krankheit und er starbt.
Seine Freunde umgaben ihn, um ihn leichter nach Sparta schaffen zu können, mit Wachs, da
sie keinen Honig hatten, und brachten ihn so nach Hause zurück.