Wahrnehmung und Kognition

WS 12/13
Achtung:
Die folgenden Folien stellen lediglich Illustrationen
zur Vorlesung dar und nicht den Inhalt der Vorlesung;
sie können daher den Besuch der Vorlesung nicht ersetzten
„Wenn wir die Wissenschaft für etwas Hohes und
Ehrwürdiges erachten und die eine mehr als die andere
entweder nach ihrer Strenge, oder weil ihr Gegenstand
vorzüglicher oder erstaunlicher ist, müssen wir aus den
beiden Gründen die Erforschung der Seele füglich
obenan stellen.“
Aristoteles
Über die Seele (Περ Ψυχ−ς)
333 v.Z.
Beginnende Reflexion über:
- Begegnungen mit dem Tod Anderer
- eigene Sterblichkeit und Lebenszeit
- Zuverlässigkeit eigener Erfahrungen

Mythen über Fortleben einer
‚Seele‘ nach dem Tod
Totengötter, welche die ‚Seele‘
nach dem Tod bergen
animistische Seelenauffassun-
gen: strafangstfreie Projektion
eigener Vorstellungen und
Empfindungen auf Himmel und
Erde
Ursprünge des Seelenbegriffs
Anubis
(Ägypten)
Vorsokratiker (um 500 v. Z.)
Gegenüberstellung einer Welt des Scheins, wie sie durch die Sinnes-
organe gegeben ist, und einer ‚wahren Welt’, die es mit Hilfe des
Verstandes hinter der Vielfalt der Erscheinungsweisen zu erkennen
gilt
Beginn des naturwissenschaftlichen Denkens
Erlebte Welt und ‚wahre Welt‘ werden in einen Gegensatz gebracht.
Spaltung der Welt in ‚Innenwelt’ und ‚Außenwelt’, in subjektive
und objektive Aspekte; Entstehung des Konzepts der Objektivität
Ursprung abendländischer Wissenschaft
Außenwelt – Sinne - Geist
Auge: “Der Stab ist geknickt.”
Hand: “Der Stab ist gerade.”
Heraklit, fr. 107:
“Schlechte Zeugen sind Augen und
Ohren den Menschen, wenn die
Seele deren Sprache nicht
versteht.”
Dem Verstand kommt die Aufgabe zu, die „Unzuverlässigkeit der
Sinnesorgane“ zu erkennen und gedanklichen Zugang zur
‚wahren Welt‘ zu suchen, die hinter der Welt des Scheins
verborgen ist.
Empedokles:
„Denn engbezirkt sind die Sinneswerk-
zeuge, die über die Glieder der Menschen
gebreitet sind.“
Empedokles
ca. 490 – 430 v.Z.
Welt des Scheins
Chaos der Erscheinungen
“Scheinbar nur ist Farbe,
scheinbar nur Süßigkeit,
scheinbar Bitterkeit…
Wahre Welt
tiefere Ordnung
hinter den Erscheinungen
“…wirklich sind nur Atome
und Leeres”
Demokrit
Spaltung der Welt in ‘objektiv’ und ‘subjektiv’
Alltagskonzeption
der Welt
Alltagsverständnis Naturwissenschaftliches
Verständnis
Theoretische Konzeption
der Welt
Die Dinge der realen
2
Welt
Die Dinge unserer realen
1
Welt
Nichts ist ‚wirklich‘ so, wie es den Sinnen erscheint.
Es gibt eine ‚tiefere Ordnung‘ hinter der ‚Welt der Erscheinungen‘.
Die ‚wahre Welt‘ hinter der ‚Welt der Erscheinungen‘ kann nur
auf sehr mühevolle Weise durch den Verstand erkundet werden.
Die Vielheit der Erscheinungen auf ein Weniges, ‚Wahres‘
ordnend zu reduzieren (= ‚Theorie‘) zu suchen, war von nun an
gleichbedeutend mit dem Streben nach Erkenntnis.
Die ‚Theorie‘ ist also die Beschreibung der ‚Welt‘, wie sie
‚wirklich‘ ist.
Ursprung abendländischer Wissenschaft
Heraklit (ca. 500 v. Z.)
„Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, und
ob du jegliche Straße abschrittest; so tiefen Grund
(βαθύν λόγον) hat sie.“
Naturerkenntnis als nach außen gerichtetes, Selbsterkenntnis als
nach innen gerichtetes Streben, sind die Aufgaben des nach der
Wahrheit suchenden Geistes.
Leib und Seele, physische Welt und psychische Welt werden als
gegenüberstehend begriffen.
Die Entdeckung des Geistes in der Antike
Ursprünge des Seelenbegriffs
Versuche, die Vielheit ‚psychischer‘ Erscheinungen auf ein
Weniges, ‚Wahres‘ ordnend zu reduzieren, um so die
‚Wahrheit‘ des Psychischen zu erfassen:
Was also liegt allem ‚Psychischen‘ zugrunde ?
in vermutlich allen Kulturen verbreitete Vorstellung
einer Atemseele oder Hauchseele als das, was den
Lebenden kennzeichnet und was mit dem Tode
entweicht.
bei den Griechen: pneuma
Die Entdeckung des Geistes in der Antike
„Ebenso wie unsere Seele, welche Luft ist, uns mit ihrer Kraft
zusammenhält, so umfaßt auch den ganzen Kosmos Wind
[oder Atem] und Luft (B<,Ø:" 6" •¬D) .“
Der Ausdruck „Pneuma“ für ein
stoffliches Prinzip findet sich bereits im
6. Jh. v. Z. bei Anaximenes von Milet:
s. Kirk, Raven & Schofield (1994). Die Vorsokratischen
Philosophen. Stuttgart: Metzler (p.173)
Ursprünge des Seelenbegriffs
entsprechend im chinesischen Daoismus:
Ch'i: Luft, Hauch, Energie, Atem, Kraft
Das Ch'i durchdringt und begleitet alles,
was existiert und geschieht.
Es ist weder physischer noch geistiger
Natur.
Es stellt die sich in einer ständig sich
verändernden Wirklichkeit ewig gleich
bleibende Energie und Kraft dar, aus der
das ganze Universum besteht.
Das deutsche Wort ‚Seele‘ stammt vom urgermanischen saiwalo ‚die vom
See stammende, zum See Gehörende‘ ab.
Nach germanischer Vorstellung waren die Seelen der Ungeborenen und der
Verstorbenen Teil eines Mediums ähnlich dem Wasser.
Zhuangzi (Dschuang Dsi, Chuang-tzu)
(ca. 369–298 v. Z.)
Nanhua zhen jing („Das wahre Buch vom
südlichen Blütenland“)
Daran schließt Galen an mit der bis zum
Beginn der Neuzeit einflußreichen
Unterscheidung dreier pneumatischer
Prinzipien, die aus dem Zusammenwirken von
eingeatmeter Luft und der im Herzen
hervorgebrachten Lebenswärme entstehen:
ein physisches pneuma (spiritus naturalis),
das die vegetativen Funktionen erhält;
ein lebendiges pneuma (spiritus vitalis),
ein Lebens- und Bewegungsprinzip;
ein psychisches pneuma (spiritus animalis),
die Seele.
Pneumalehren findet sich auch in den Anfängen der Medizin:
Im 3. Jh. v. Z. unterscheidet Erasistratos das Lebenspneuma, dessen Zentrum im
Herzen liegt, vom psychischen Pneuma, dessen Sitz im Gehirn angenommen wird.
Galenos von Pergmon
(129-199)
Seele als Gespann unterschiedlich
gearteter Pferde,
Vernunft als Roßelenker
Platons (427-347 v. Z.)
Architekturtheorie der Seele
Ausgangsfrage:
Warum handeln wir so oft
entgegen unseren
Einsichten ?
Konflikt von drei unterschiedlichen
Seelenteilen:
Vernunftseele (logistikon)
wie Denken, Erkenntnis, Vernunft
Affektseele (thymoeides)
wie Vertrauen, Liebe, Angst, Hass
Triebseele (epithymetikon)
wie Nahrungs-, Geschlechts-, Schlaftrieb
Der Mensch kann die ‚wahre Natur‘ der Dinge (‚Wirklichkeit‘)
nicht direkt erfassen, denn die Seele, die allein zu dieser Erkennt-
nis befähigt ist, ist an das Verlies des Körpers mit seinen Trieben
gebunden.
Da die Seele jedoch, bevor sie an den Körper gebunden wurde, an
der Welt der Ideen partizipiert hat (Seelenwanderung, Metem-
psychose), kann sie sich trotz der Trübung ihres Erkenntnis-
vermögens durch die Bindung an den Körper undeutlich an die
‚wahre Natur‘ der Dinge erinnern und durch den Verstand ver-
suchen, näher an die ihr eingeschriebene Erkenntnis gelangen.
Sind wir in der Lage, die ‚Wahrheit‚ hinter der
Vielfalt der Phänomene zu erkennen ?
Platons Erkenntnistheorie
Wie ein Gefangener in einer Höhle vermag der Mensch also nur die Schatten
der Dinge an der Wand („Schein des Scheins“) wahrzunehmen – die er
irrtümlich für die wahre Wirklichkeit hält.
Platons Erkenntnistheorie
auch bei Aristoteles Einteilung in
unterschiedliche Seelenvermögen:
- anima vegetativa: Lebenskraft
- anima sensitiva: sinnliche Wahrnehmung
- anima appetitiva: triebhaftes Streben
- anima motiva: Bewegungsfähigkeit
- anima rationalis: Verstand
Aristoteles
(384-322 v. Z.)
Die auch heute noch zugrunde gelegte Zergliederung des Seelischen in
- Wahrnehmung
- Motivation
- Emotion
- Lernen und Gedächtnis
- Denken
geht weitgehend auf die Klassifikation von Aristoteles zurück.
Es spricht viel dafür, daß sie zum Verständnis der theoretischen
Prinzipien unseres Geistes nicht brauchbar ist.
Architekturtheorie der Seele
Alles Psychische spiegelt die
unvollkommene Kenntnis
ewiger Ideen wider, an
denen der unsterbliche Teil
der Seele (die Verstandes-
seele) teilhat.
Alles ‚wahre Wissen‘ ist nur
ein Wiedererwecken bereits
in uns vorhandener Ideen;
Man kann nichts lernen, was
man nicht bereits weiß.
Die Seele bildet sich erst durch die
Erfahrung, sie gleicht einer leeren
„Schreibtafel“ (tabula rasa), die
erst durch die Erfahrung gestaltet
wird.
Platon Aristoteles
Die Entdeckung des Geistes in der Antike
René Descartes
(1596-1650)
Descartes hielt es für eine Erklärung
von Eigenschaften (u.a. Kreativität)
mentaler Prozesse für explanatorisch
notwendig, neben der materiellen
Substanz (res extensa), die rein
mechanisch miteinander interagiert,
eine ‚mentale Substanz‘ (res
cogitans) zu postulieren
(Dualismus).
Dabei entsteht das Problem, wie
geistige Prozesse kausal auf
materielle einwirken können (Leib-
Seele-Problem).
Das sog. Leib-Seele-Problem
Baruch de Spinoza
(1632-1677)
Psychisches und Physisches stellen nur
zwei unterschiedliche Perspektiven auf
dieselbe Grundsubstanz dar (neutraler
Monismus).
Goethe
G. Th. Fechner
Einstein

Lösungen des sog. Leib-Seele-Problems
„Ebensowenig vermag der Körper den Geist
zum Denken zu veranlassen wie umgekehrt
der Geist den Körper zur Ruhe oder
Bewegung.“
Gottfried Wilhelm Leibniz
(1646-1716)
„Gott hat die Seele so geschaffen,
dass sie das der Reihe nach
hervorbringen und vorstellen muss,
was im Körper geschieht, und der
Körper ist derart geschaffen, dass er
tun muss, was die Seele gebietet.“
Leib und Seele wirken also überhaupt
nicht aufeinander ein, sondern
harmonieren wie zwei von einem
Uhrmacher aufeinander abgestimmte
Uhren.
Lösungen des sog. Leib-Seele-Problems
Die Lehre von den geistigen Substanzen war die
Pneumatologie.
Sie gliederte sich in die
Angelologie
Psychologie
Dämonologie
Psychologie als Disziplin
Das Wort ‚Psychologie‘ scheint erstmals Philipp
Melanchthon verwendet zu haben.
Im Mittelalter bezogen sich die Wissenschaften von der Natur auf die ‚Arten
des Seienden‘.
Philipp Melanchthon,
eigentlich Philipp Schwartzerdt
(1497-1560)
Die Psychologie zählt also seit ihren Anfängen zu den
Wissenschaften von den Naturphänomenen, zur philosophia
naturalis.
Befaßt sich die Physik mit der unbelebten Natur, die Biologie mit der
belebten Natur, so könnte man es als Aufgabe der Psychologie
ansehen, die ‚beseelte Natur‘ zu verstehen.
Bezog sich der Begriff Geist ursprünglich auf psychische Funktionen
wie Verstand, Urteilskraft oder Intellekt, umfasst er heute alle mentalen
(mens = Geist) Fähigkeiten.
Beachte: Einteilung natürlicher Phänomene in mentale, biologische,
chemische, optische, etc. ist keine (ontologische) Einteilung in
unterschiedliche ‚Substanzen‘, sondern stellt nur eine Gliederung von
Phänomenen dar, über die man hofft, in einheitlicher Weise theoretische
Einsichten zu erlangen.
Psychologie als Lehre von mentalen Phänomenen
Wilhelm Dilthey
(1833-1911)
„Verstehende Psychologie“ bzw.
„Geisteswissenschaftliche Psychologie“
Wilhelm Dilthey stellte einer „erklärenden“
naturwissenschaftlichen Psychologie eine
„beschreibende und zergliedernde Psycho-
logie“ gegenüber, als deren Ziel er ein
„Verstehen des Seelischen aus Motivations-
und Sinnzusammenhängen“ sah.
„Die Natur erklären wir,
das Seelenleben verstehen wir“.
„Die Tatbestände in der Gesellschaft sind uns von innen
verständlich; wir können sie in uns, auf Grund der Wahrnehmung
unserer eigenen Zustände, bis auf einen gewissen Punkt
nachbilden, und mit Liebe und Hass, mit leidenschaftlicher Freude,
mit dem ganzen Spiel unserer Affekte begleiten wir anschauend
die Vorstellung der geschichtlichen Welt.
Die Natur ist uns stumm. Nur die Macht unserer Imagination
ergießt einen Schimmer von Leben und Innerlichkeit über sie...
Die Natur ist uns fremd. Denn sie ist uns nur ein Außen, kein
Inneres....“
W. Dilthey (1883). Einleitung in die Geisteswissenschaften. (p.36)
„Verstehende Psychologie“
„Verstehende Psychologie“
„Aus Steinen, Marmor, musikalisch geformten Tönen, aus
Gebärden, Worten und Schrift, aus Handlungen,
wirtschaftlichen Ordnungen und Verfassungen spricht
derselbe menschliche Geist zu uns und bedarf der
Auslegung.“
W. Dilthey (1900). Die Entstehung der Hermeneutik.
Naturwissenschaftlich
Psychologie als „nomothetische“
(„Gesetz-orientierte“) Disziplin
(Windelband)
Zielt auf naturwissenschaftliches
Verstehen und Erklären
universeller Aspekte psychischer
Phänomene
Geisteswissenschaftlich
Psychologie als „idiographische“
(auf die Charakteristika des
Einzelfalls orientierte) Disziplin
Zielt auf ein nachvollziehendes
Verstehen der psychischen
Charakteristika des einzelnen
Menschen
„Naturwissenschaftliche“ vs.
„geisteswissenschaftliche“ Psychologie
- Selbsterkenntnis
- individuelle Lebensbewältigung,
Systematisierung der Alltagspsychologie
- Entw. von Sozialtechniken zur Vorhersage und Beherrschung
komplexer Systeme
- Verstehen
- Verstehen und Erklären im Gefüge der Naturwissenschaften
Ziele der Psychologie ?
- Selbsterkenntnis
z.B. Heraklit, Sokrates; wiederum dem Ziel untergeordnet,
das Leben in Einklang mit höheren Zielen zu bringen
- individuelle Lebensbewältigung,
Systematisierung der Alltagspsychologie
ist und war nie Teil des Faches.
Ziele der Psychologie ?
- Verstehen
anthropologisches Problem: Was ist der Mensch?
Kunst, Literatur, hermeneutischer Zugang
- Verstehen und Erklären im Gefüge der
Naturwissenschaften
Ziele der Psychologie ?
Je nach Zielsetzung finden sich in der Geschichte der
Psychologie unterschiedliche Zugangsweisen zur
Psychologie unter den Stichworten:
- Geisteswissenschaft vs. Naturwissenschaft
- idiographische vs. nomothetische Psychologie
(Dilthey, Windelband)
- Psychotechnik (Münsterberg)
mehr dazu später
Ziele der Psychologie
Wir können diese Zugangsweisen daran erkennen,
- welche Fragen sie stellen
- was sie als Antwort auf diese Fragen akzeptieren
(d.h. was unter 'Erklärung' verstanden wird)
- in welcher Theoriesprache Fragen und Antworten formuliert sind
(Alltagssprache, abstrakte theoretische Konzepte,
mathem. Konzepte)
- was sie für mentale Prozesse als 'Daten' akzeptieren
(z.B. Introspektion vs. reine Verhaltensdaten,
neurophysiologische Daten)
und welche Methoden sie verwenden:
(z.B. Befragung, Exploration, Lebenslaufanalyse,
Einzelfallbeobachtung, Feldforschung, Ex-post-facto-Studie,
Korrelationsstudie, Experiment)
Zugangsweisen der Psychologie
Weil er nicht auf beiden Augen sehuntüchtig ist.
Weil er nicht farbenblind ist.
Weil die retinale Erregung als ein bestimmtes Nervensignal zum visuellen Cortex
weitergeleitet wird und dort als "Grün" interpretiert wird.
Weil von den Rezeptoren über den visuellen Cortex und den Assoziationscortex ein
sensorisches neurales Signal zu motorischen Arealen führt, das zu einem moto-
rischen neuralen Signal führt, durch das der rechte Fuß bewegt wird.
Weil er eine kognitive Repräsentation seiner Umgebung hat, die zusammen mit dem
perzeptuellen Input "Grünes Licht" zu einem mentalen Zustand führt, der zu einer
bestimmten Körperbewegung Anlaß gibt.
Weil er bestrebt ist, mit sozialen Vorschriften konform zu gehen.
Warum trat Kevin auf das Gaspedal, als die Ampel auf Grün sprang?
Was ist eine Erklärung ?
Kontextabhängigkeit des Erklärungsbegriffs
Weil er glaubt, dadurch ungefährdet über die Kreuzung zukommen.
Weil er es so gelernt hat.
Weil er sich der Konsequenzen eines falschen Verhaltens bewußt ist.
Weil er nicht den Verkehr aufhalten möchte.
Weil er überzeugt ist, daß die Bedienung des Gaspedals zu einem Fortbewegen des
Autos führt.
Weil er es eilig hat.
Weil er vorhat, seinen Freund zu besuchen.
….
Was ist eine Erklärung ?
Kontextabhängigkeit des Erklärungsbegriffs
Warum trat Kevin auf das Gaspedal, als die Ampel auf Grün sprang?
Allgemeine Psychologie
historischer und systematischer Kern des Faches;
untersucht universelle Gesetzmäßigkeiten des
Mentalen
Differentielle
Psychologie
Angewandte Psychologie/Psychotechnik
Klinische
Psychologie
Sozial-
psychologie
Entwicklungs-
psychologie
Diagnostik
Forensische
Psychologie
Pädagogische
Psychologie
AOM-
Psychologie
Verkehrs-
psychologie
Militär-
psychologie
Gliederung des Faches
Der Der Der Der Schmeichler Schmeichler Schmeichler Schmeichler
…auch Differentielle Psychologie bzw. Charakterologie hat eine alte Geschichte
Beobachtung:
es gibt typologische
Gesetzmäßigkeiten
seelischer Beschaffen-
heit, die sich auch im
Äußeren manifestieren
Aristoteles’
Konzept der Entelechie
Theophrast “Charakterskizzen”
Wahrnehmung und Kognition
Dieser Teil der Allgemeinen Psychologie heißt auch
Kognitionsforschung
Allgemeine Psychologie
Die Allgemeine Psychologie beschäftigt sich mit der
Untersuchung universeller Aspekte mentaler Leistungen,
d.h. mit Eigenschaften unseres Geistes,
die strukturell bei allen Menschen gleich sind,
die also Teil unseres biologischen Designs sind.
Die Allgemeine Psychologie ließe sich besser als
Universelle Psychologie bezeichnen.
 Fokussierung auf universelle Prinzipien,
d.h. Prinzipien, die Teil unserer biologischen Grundausstattung
sind
 nicht individuelle Lerngeschichte und Variationen, welche die
Vielfalt kultureller Erscheinungsformen und Alltagsphänomene
hervorbringen
Kennzeichen der Kognitionsforschung
Geist/Gehirn als Erkenntnisobjekt und
Gegenstand der theoretischen Neugierde
Wie kann ein biologisches System
mentale Zustände und ‚Bedeutung‘
hervorbringen ?
Kernfrage:
Wie kann ein biologisches System
mentale Zustände und ‚Bedeutung‘
hervorbringen ?
Transduktion physikalischer Energie
in einen neuralen Code
Neurale Re-codierungen
Perzept, Sinneseindruck.
Idee, .....
Kernfrage:
‚Außenwelt‘
Welche anderen Arten der Zugangsweise
zu psychischen Phänomenen gibt es?
Was charakterisiert eine
naturwissenschaftliche Zugangsweise?
naturwissenschaftlich
Zugangsweise der Allgemeinen Psychologie
Welche anderen Arten der Zugangsweise
zu psychischen Phänomenen gibt es?
alltagspsychologische Zugangsweise
geisteswissenschaftliche Zugangsweise
pragmatisch-problemorientierte Zugangsweise
(‚Psychotechnik‘)
naturwissenschaftlich
Zugangsweise der Allgemeinen Psychologie
alltagspsychologische Zugangsweise:
- Die Alltagspsychologie ist ein höchst zweckmäßiges und effizientes
System, psychische Phänomene des Alltags zu systematisieren und im
Rahmen der Konzepte, welche die Alltagspsychologie bereitstellt zu
‚verstehen‘ oder zu ‚erklären‘.
- Konzepte und Kategorien der Alltagspsychologie sind im Kern seit
Aristoteles unverändert.
- Alltagspsychologie kann vieles nicht erklären:
Geisteskrankheiten, kreative Imagination, Träume, Synästhesien,
dreidimensionales Sehen, Gedächtnis, Farbkonstanz,
Sprachproduktion, Kategorienbildung, etc.
- Die Verfügbarkeit einer ‚Alltagspsychologie‘ (ebenso wie die
einer ‚Alltagsphysik‘ und ‚Alltagsbiologie‘) ist selbst eine
Leistung des Gehirns, d.h. für eine naturwissenschaftliche
Zugangsweise etwas, das es zu erklären gilt.
geisteswissenschaftliche Zugangsweise:
- geht zurück auf Windelband („idiographische Psychologie“),
Dilthey („beschreibende Psychologie“) und Wilhelm Wundt.
- Sie bleibt nahe an den Kategorien und Konzepten der
Alltagspsychologie und sucht in diesem Rahmen
Gesetzmäßigkeiten zu finden, die den Besonderheiten des
spezifischen Einzelfalles gerecht werden.
- Methode: empathisch nachvollziehendes Verstehen,
Hermeneutik
- Material: alles, was der menschliche Geist hervorbringt:
Befragungen, Tagebücher, autobiographisches Material, Literatur,
Kunst, Musik,…
- kein Teil der akademisch institutionalisierten Psychologie mehr
pragmatisch-problemorientierte Zugangsweise:
- zielt direkt auf Lösungen individueller und gesellschaftlicher
Probleme, d.h. ist durch psychologie-externe Determinanten
geleitet
- stellt heute den überwiegende Teil des Faches dar: Diagnostik,
Therapie, forensische Psychologie, Arbeitspsychologie, etc.
- geht historisch zurück auf Alfred Binet (Intelligenzmessung) und
Hugo Münsterberg („Psychotechnik“)
- prädiktive oder manipulative Beherrschung eines komplexen
Systems setzt nicht notwendig ein theoretisches Verständnis
voraus: Psychotechnik entwickelte sich weitgehend unabhängig
von Grundlagenforschung
naturwissenschaftlich
Was charakterisiert eine naturwissenschaftliche Zugangsweise?
Auf allgemeinster Ebene ließe sich das Ziel einer naturwissenschaftlichen
Zugangsweise so beschreiben:
in einem einheitlichen methodischen Rahmen die abstrakten und
nicht direkt beobachtbaren Prinzipien zu erkennen, welche die
Vielheit der Erscheinungen hervorbringen
In anderen Worten: Ziel der Naturwissenschaften ist es,
explanatorisch erfolgreiche Theorien hervorzubringen,
also Theorien mit hinreichender explanatorische Tiefe und
explanatorische Breite.
Zugangsweise der Allgemeinen Psychologie
- Erklärung theoretisch zentraler Phänomene
durch tieferliegende allgemeine Prinzipien
(explanatorische Tiefe)
- Grad der explanatorischen Vereinheitlichung von
unterschiedlichen Phänomenbereichen
(explanatorische Breite)
z.B. in der Physik: Planetenbewegung und
Mechanik im Kleinen (Newton)
Was ist das Kriterium für eine gute Theorie?
In weiten Teilen der Psychologie hingegen findet sich meist ein
degenerierter Theoriebegriff, d.h. ein lokaler und an der Oberfläche von
Alltagskonzepten bleibender ‚Theorie‘-Begriff.
Abstraktion und Isolation von allem, was hinsichtlich einer
erfolgreichen Theoriebildung als irrelevant erachtet wird
z.B. - in der Mechanik von Reibung, Luftwiderstand, etc.
- in der Evolutionsbiologie von den Erscheinungsformen (z.B.
Bestimmung des Verwandtschaftsgrades durch Aminosäuren-
Sequenzvergleich)
damit verbunden: hochgradige Idealisierung bei der Theoriebildung
z.B. Physik: Gesetze gelten für idealisierte Situationen, die nirgends gelten
(Vakuum, reibungslose Bewegung auf euklidischer Geraden, ideales Gas,
etc.)
Konsequenz davon wiederum:
extreme Entfernung von Alltagsvorstellungen
Alltagsintuitionen sind in keiner Naturwissenschaft ein
brauchbarer Leitfaden für die Theorieentwicklung !
Was charakterisiert eine naturwissenschaftliche Zugangsweise?
Loslösung von Alltagsintuitionen:
Jede Wissenschaft nimmt zwar historisch bei der Alltagserfahrung ihren Ausgang
Physik: Optik, Wärmelehre, Akustik, Mechanik ...
doch löst sie sich mit zunehmendem Fortschritt der
Theorieentwicklung von der Alltagserfahrung und folgt
internen Determinanten der Theorieentwicklung.
Nicht die Alltagserfahrung bestimmt also, was ein interessantes,
erklärungsbedürftiges Phänomen ist
Physik: Fall eines Blattes im Wind? Form der Wolken?
Bewegungen von Sanddünen? …etc…:
keine zentralen Phänomene bei der Entstehung physikalischer Theoriebildung !
sondern die Theorie selbst.
Was charakterisiert eine naturwissenschaftliche Zugangsweise?
Seit der Entstehung des naturwissenschaftlichen Denkens gibt es Bemühun-
gen, neben physikalischen, chemischen und biologischen Phänomenen auch
psychologische Phänomene – und damit die Leistungen des Gehirns –
naturwissenschaftlich zu verstehen.
Prämisse: mentale Phänomene haben eine ‚natürliche‘ Erklärung und sind
nicht durch etwas bedingt, das außerhalb der ‚Natur‘ liegt.
Dualismus, Monismus, Materialismus, Idealismus, Physikalismus, …
seit Helmholtz eigenständiges Forschungsprogramm einer
naturwissenschaftlichen Psychologie
Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung beruhen auf natur-
wissenschaftlicher Zugangsweise.
Welche Berechtigung hat eine naturwissenschaftliche
Zugangsweise in der Psychologie ?
Auch in der Psychologie ist eine naturwissenschaftliche
Zugangsweise gekennzeichnet durch:
 Abstraktion, Isolierung und Idealisierung theoretisch
relevanter Phänomene
 zunehmende Entfernung der Theorieentwicklung von der
Alltagserfahrung
naturwissenschaftlichen Psychologie und Alltagspsychologie legen
unterschiedliche Erklärungsbegriffe zugrunde
keine Konkurrenz zwischen beiden Zugangsweisen
Was charakterisiert eine naturwissenschaftliche Zugangsweise?
Das Erklärungskonzept der Naturwissenschaften unterscheidet sich
radikal vom Erklärungskonzept unseres Alltags:
Erklären bedeutet zunächst, daß man etwas, was man beobachtet hat, auf etwas
zurückführt, das man für ‚real‘ hält.
Im Alltag hält man all die vertrauten Dinge, von deren Existenz wir überzeugt
sind, für ‚real‘ – diese machen gerade unsere ‚Realität‘ aus. Erklären im Alltag
bedeutet daher, daß man etwas Unbekanntes auf etwas Vertrautes und Bekanntes
zurückführt.
In der Naturwissenschaft wird hingegen erst durch die Theorie bestimmt, was
‚real‘ ist! Das, wodurch man etwas erklärt (z.B. Atome, Neutrinos, Gravitations-
felder) war häufig vorher noch völlig unbekannt.
In der Naturwissenschaft erklären wir also letztlich etwas
Bekanntes – nämlich ein Phänomen – durch etwas Unbekanntes!
Was charakterisiert eine naturwissenschaftliche Zugangsweise?
Wie können wir
- im Rahmen einer naturwissenschaftlichen Zugangsweise -
Aspekte mentaler Aktivität, wie der Wahrnehmung, untersuchen ?
Mehr als in anderen Naturwissenschaften bereitet dies
Probleme im Studium:
Anders als in den anderen Naturwissenschaften verfügen wir bei diesem
Forschungsgegenstand, der Wahrnehmung, sowohl über eine
(subjektive) ‚Innenperspektive‘ wie auch über (objektive)
‚Außenperspektive‘.
Wir neigen daher dazu, den Wert einer Theorie danach zu beurteilen,
in welchem Maße sie uns auf der Basis unserer eigenen intro-
spektiven Grunderfahrungen als plausibel erscheint.
Es fällt uns daher schwerer als in anderen Bereichen, uns von unseren
Alltagsintuitionen zu trennen.
Warum ?
Unsere Alltagskonzeptionen behindern stärker die Entwicklung
eines theoretischen Verständnisses als in anderen Naturwissen-
schaften.
Außenperspektive &
rot, hell, heiß
gefährlich, …
Innenperspektive
Naturwissenschaftliche Erforschung des Gehirns/Geistes
Das größte Hindernis für eine naturwissenschaftliche
Untersuchung der Prinzipien des Wahrnehmungssystems
sind also alltagspsychologische Vorurteile, die wir über
das Verhältnis von Außenwelt und Wahrnehmung und über
die Funktionsweise unseres Geistes haben.
Um die Wahrnehmungspsychologie verstehen zu können,
müssen wir uns von diesen Vorurteilen der Alltagspsychologie
lösen.
dazu später mehr
Literatur
Der menschliche Geist.
Wie die Wissenschaften versuchen,
die Psyche zu verstehen.
populärwissenschaftliche Einführungen in die Kognitionsforschung:
D.D. Hoffman
Visuelle Intelligenz. Wie die Welt im Kopf entsteht
dtv
Literatur zur Einführung in den Bereich ‚Wahrnehmung‘:
Mausfeld, R. (2011). Wahrnehmungspsychologie. In: Schütz, Brand, Selg &
Lautenbacher (Hrsg.), Einführung in die Psychologie. Kohlhammer.
verfügbar unter
http://www.uni.kiel.de/psychologie/psychophysik/teaching/Wahrnehmung.pdf
Vertiefungsliteratur zur Wahrnehmung:
(IB)