Lebendiges Wasser

eine Wasserpredigt von Thomas Noack Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser. (Joh 4,10)

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ine Frau geht zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Ihren Krug hat sie bei sich, den Krug aus gebrannter Erde. Das Wasser des Brunnens ist frisch, und ausgetrocknet ist ihre Kehle. Die Glut der Mittagshitze treibt sie zum Brunnen, wo sie sich einen labenden Trunk holen

will. Sie sagt: »Diesen köstlichen Brunnen hat uns unser Vater Jakob gegeben, und er, seine Kinder und sein Vieh haben daraus getrunken.« Den Brunnen und seine Geschichte kennt sie. Aber den, der ihr dort entgegenkommt, den kennt sie nicht, – noch nicht. r ist ein Jude; sie eine Samariterin. Anfangs achtet sie auf ihn gar nicht; sie sieht nur den Krug und das Wasser und den Krug voll Wasser, den sie aus dem Brunnen zieht. Doch als sie ihren Krug absetzt, öffnet er seinen Mund und spricht zu ihr: »Gib mir zu trinken!« Sie erwidert: »Wieso verlangst du

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von mir, dass ich dir zu trinken gebe. Ihr stolzen Juden, in der Not wäre euch ein armes samaritisches Weib auch gut genug, aber sonst habt ihr keine Augen und Ohren mehr für uns.« Sein milder Blick streift ihre Augen. Sie wirft nur mit den Steinen, mit denen man nach ihr geworfen hat. Er kennt ihr Herz; es ist nicht böse. Etwas schnippisch ist sie, gewiss; manchmal auch sehr kurz angebunden, aber das beirrt ihn nicht. Er kennt die Menschen, kennt ihre Geschichten, ihre Fragen, ihre Nöte. Er kennt auch sie. Ihre Männergeschichten, weswegen man sie meidet, aber auch ihr neugieriges, offenes Wesen. Sie sucht den, dessen Namen man nicht aussprechen darf. Wo kann ich Ihn anbeten? Wo? Ach, wo? Auf unserem Berge? Oder im Tempel in Jerusalem? Wenn Er Einer ist, wo ist die Stätte der Begegnung? Er kennt die Sehnsucht ihrer Seele. Deswegen sitzt er jetzt am Brunnen, selber durstig, um ihren Durst zu löschen. Er preist die selig, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Selig sind sie nicht, weil sie hungern und dürsten, oh nein, der Durst nach Gerechtigkeit kann die Seele verzehren. Sie ist eine Samariterin; sie weiß das.
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Die frommen Leute, die wohnen in Jerusalem, möglichst nahe beim Tempel. Diese frommen Leute sind so gerecht, dass sie mit ihr, der Samariterin, keine Gemeinschaft haben möchten. Sie könnten sich ja verunreinigen. So furchtbar gerecht sind sie. Sie weiß, da stimmt etwas nicht; aber sie weiß nicht weiter. Und nun sitzt er bei ihr am Brunnen. Und seine Botschaft lautet: Selig seid ihr, die ihr nach der wahren Gerechtigkeit hungert und dürstet, denn ihr sollt satt werden. Euer Durst soll euch nicht verzehren, denn ich bin die wahre Speise und der wahre Trank. Ich kann das Bedürfnis deines Lebens stillen. Noch kennt sie seine Botschaft nicht. Noch steht sie am Brunnen, noch schöpft sie das Wasser, noch ist sie allein, allein mit sich und ihrem Krug Wasser beschäftigt. Er hat gesagt: »Gib mir zu trinken!« Er hat Durst und sie schöpft Wasser. Und doch ist sie die Dürstende! Seinen Durst wird sie nie begreifen können, denn seine Liebe ist unfassbar. Aber dieser, sein Durst ist nun die Brücke zwischen ihnen. Öffne dein Herz, schütte es vor mir aus! Lasse deine Tränen fließen; öffne dich! Gebe mir von dir zu trinken! Denn dein Gemüt ist

aufgepeitscht; Gedanken zucken hin und her und wehrlose Wut lässt dich nicht zur Ruhe kommen. Sie ist eine Samariterin! Sie hat es tausendmal gehört. Sie ist eine Frau; viele Männer hat sie gehabt; tausendmal dieselben Worte. Man hat sie zugemauert und vergessen. Und nun will er ihr Wasser trinken und sich an ihrer Gabe laben. Schon hüpft ihr Herz; doch ihre Zunge ist noch scharf. Doch er achtet auf das Herz, nicht auf die Zunge. Er hat sie gewonnen, hat die Wand des Schweigens durchbrochen und sagbar gemacht, was nie zur Sprache kommen sollte. Und ihre Seele öffnet sich; Worte, Fragen, alles sprudelt empor. Sein Durst war stärker als ihr Schweigen. Oft ist sie zum Brunnen gegangen, und oft musste sie erfahren: dieses Wasser tröstet nicht. Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder und immer wieder dürsten. Der Wissensdurst ist nicht zu stillen. Jede Antwort gebiert neue Fragen, und jeder Fortschritt kann morgen schon nicht mehr befriedigen. Und der Lebensdurst? Auch sein Maß heißt Unendlichkeit, die sie mit ihrem Krug aus gebrannter Erde nicht einfangen kann. Und doch muss sie immer wieder zum Brunnen ihrer Väter

gehen, um aus seinem Reichtum zu schöpfen. Doch im Brunnen ihrer Väter fließt immer nur Vergangenheit. Deren Reichtum füllt die Leere ihrer Tage nicht aus, kann sie auch gar nicht ausfüllen. Wie oft schon musste sie das erfahren! Aber wo ist die Fülle des Lebens zu finden? Wo? Ach wo? Sie weiß es; und sie weiß es nicht, denn im Brunnen ihrer Väter findet sie immer nur die halbe Antwort: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.« Er führet mich zum frischen Wasser; Er erquicket meine Seele. Aber wo ist Er zu finden? Wo ist die Stätte der Begegnung? Wo? Ach wo? Das selbstgeschöpfte Wasser, selbst das des ehrwürdigen Jakobsbrunnens, kommt über das Maß der menschlichen Begrenzung nicht hinaus. Es ist zwar lebensnotwendiges Wasser, aber kein lebendiges Wasser. Das kann nur Einer geben. Am Jakobsbrunnen verbindet sich sein Durst mit ihrem Dürsten. Und der Segensstrom der Ewigkeit ergießt sich in ihr Herz: »Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in
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Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.« Noch umfängt ein zarter Schleier ihre Augen. Was heißt das wohl? Halb ahnt sie es; halb fragt sie noch. In Deiner Nähe sprudelt Leben; Licht und Leben sind die Worte, die Du sprichst. Sie erquicken meine Seele; und die welken Halme blühen wieder. Was machst Du fremder Gast aus

meiner Seele? Du öffnest Tore, die ich selbst nie kannte, und gibst die Kraft hindurchzugehen. In Deiner lichten Nähe wird das Wort zum Lebensquell. Du sagst: »Wer an mich glaubt, wird keinen Durst mehr haben; Ströme lebendigen Wassers werden von seinem Leib fließen. Denn das ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.« wurde uns von der anderen Seite aufgezwungen. Unseren Lebensstil würden wir eher als Freiheit von dem Joch, immer gut sein zu müssen, bezeichnen. Oder als Zwang, alles Gute zu verteufeln? M: Sehr witzig. Lassen wir das erst mal. Was die Leser unter anderem interessiert, ist die Geografie der Hölle. Wo befindet sich eigentlich dieser berühmte Raum? Wir haben durch Sie nun endlich einen kompetenten Augenzeugen. Wie Sie sicher wissen, gab es ja schon die fantastischsten Theorien über den Ort der Hölle. Er befände sich in der Mitte der Erde in einem Hohlraum. Es gäbe

Lust auf Hölle?
von Albrecht Gralle Herr M! Unsere Leser kennen Sie wahrscheinlich aus dem Faust. Und wenn man an Sie denkt, hat man unwillkürlich das bleiche Gesicht von Herrn Gründgens vor Augen und sein teuflisch – menschliches Grinsen. Sie sind sozusagen zu einer Kultfigur geworden. Auch Thomas Mann widmet Ihnen ein Kapitel, durch das die Kälte weht. Uns geht es heute mehr um Ihr Zuhause. Also: die Hölle, als Raum für alles Böse und …

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Vorsicht mit dem Bösen. Meine Mitbewohner und ich empfinden unser Dasein nicht als etwas Negatives. Das Wort
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dort sogar verschiedene Sphären, in denen ganze Zivilisationen lebten, dachte man noch im 19. Jahrhundert. Die meisten kennen ja Jules Vernes Roman. Manche vermuteten den Einstieg zum Mittelpunkt der Erde an den Polarkappen. Und im Mittelalter siedelten manche Gelehrten die Höllenbewohner im Inneren der Sonne an, in der … M: Hören Sie auf! Das hört sich ja furchtbar an. Sie bewegen sich auf einem völlig falschen Gleis. Ich bin ein Geist der stets verneint, und habe mit Sonnenfeuer oder mit irdischem Schlamm, mit Felsen, Tiefbohrungen und weiß der Henker nichts zu tun. Schauen Sie mich an, habe ich etwa Dreck unter den Fingernägeln? Lassen Sie mal sehen! Tatsächlich sind Ihre Nägel gut geschnitten. Dann ist das mit der Hölle also nur eine Art Symbol für alles Negative oder das Nichtige? Nur Bilder? Und sind Sie dann womöglich auch nur eine Einbildung? M: Unverschämtheit! Ich hasse, also bin ich. Sie müssen sich allerdings von ein paar irrigen Vorstellungen trennen, als sei die Hölle irgendwo in Ihrer Welt vorhanden. Die Hölle ist eine geistige Welt. Aber nichts Nebulöses. In-

nerhalb der geistigen Welt sind alle Dinge sehr handfest. Wir haben hier eine völlig andere Form von Materie vor uns: Geistige Materie. Die Höhlen in der Erde und das Feuer sind ein Ausdruck der Höhlen und des Feuers einer geistigen Welt. Geistige Höhlen! Geistiges Feuer! Das hört sich sehr nach Platon an! Die geistige Welt der Ideen, die durch eine grobkörnige Schöpfung materialisiert wird… M: Die alten Griechen haben eben alles schon einmal gründlich durchdacht und gar nicht so schlecht. Wahrscheinlich haben sie die Wirklichkeit schärfer empfunden, als der so genannte moderne Mensch. Aber wo ist dann nun genau die geistige Hölle, dieser riesige Raum von dem Sie reden? M: Großer Teufel, Sie wissen aber auch gar nichts. Geistige Dinge sind unabhängig von Raum und Zeit. Die Hölle kann mitten in ihrer Stadt existieren, während Sie über den Marktplatz gehen. Genauso wie der widerliche Himmel überall sein kann. Oben und unten sind Zustandsbegriffe in dieser Welt und keine geografischen Orte. Und wenn Ihre geistigen Sinne ganz
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geöffnet wären, könnten Sie jetzt und hier vor Ihren Füßen in wirkliche Abgründe blicken, denn das Geistige bietet eine noch schärfere Sinneswahrnehmung. Und Sie könnten Engel sehen und ihren ekligen leichten Geruch riechen oder den kräftig würzigen Geruch der Hölle. Wie? Also auch riechen und tasten? M: Natürlich, Sie Idiot. Und auch Freude und Schmerz? M: Sicher. Den Schmerz gibt es bei uns immer umsonst. Bei der Freude kann ich nur mit der Schadenfreude dienen. Wer hätte das gedacht: die Hölle mitten unter uns! Dann sind also die Vorstellungen, die wir von der Hölle haben, gar nicht so weit hergeholt? Unterirdische Höhlen, die dunkle Unterwelt, das Bild des lodernden, vernichtenden Feuers …? Aber, du liebe Zeit, das hört sich an, als ob wir uns in einem antiken Weltbild befinden oder in einem mittelalterlichen Bild von Hieronymus Bosch. M: Na und? Es kann doch wohl nicht sein, dass Ihre Zeitgenossen nur an eine dreidimensionale Welt glauben und dann Ihr Denken abschalten? Das wäre
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ja eine Zurückentwicklung! Ein geistiges Universum, eine Handbreit neben uns, ist doch das mindeste, was man gedanklich zulassen sollte. Es gibt eben viele Welten. Der Tod ist nur eine Tür oder ein neuer Geburtskanal. Also, dann gibt es diese Hölle tatsächlich …? M: Natürlich, sie beginnt in Ihrem Inneren und wird in einer geistigen Welt Realität. Ich wette, dass die meisten Menschen schon einen kleinen Vorgeschmack der Hölle gespürt haben… Und einen Vorgeschmack des Himmels! M: Na ja, das auch. Und diese ganze Quälerei in Ihrer Hölle …? M: Qual! Schon wieder so ein Wort im falschen Zusammenhang! Wenn ich mich einmal rein geschäftlich in den Himmel verirre, was ziemlich selten vorkommt, dann halte ich das nur sehr kurz aus. Diese Atmosphäre um mich herum nenne ich eine Qual. Ich komme in Atemnot. Auch hängt ein unangenehmer Geruch in der Luft. Es ist nicht von ungefähr, dass der Prolog im Faust nur sehr kurz ist.

Und doch sagen Sie dort: Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern… M: Aber ich bitte Sie! Herr Goethe hat mir diese Worte in den Mund gelegt. Für mich ist der Himmel die Hölle! Der Kontakt mit der reinen Güte verursacht bei mir Brechreiz. Und wenn ich noch mal auf die Bemerkung von vorhin zurückkehren darf, dann möchte ich sagen, dass das Bild der unterirdischen Höhle bei mir durchaus angenehme Assoziationen hervorruft: unergründliche Tiefe, angenehme Dunkelheit, Schutz vor … … Schutz vor dem himmlischen Licht! M: Aber natürlich müssen wir uns schützen vor dieser ständigen Offenheit und Durchsichtigkeit im Himmel, vor diesem Glänzen, diesem Strahlen, dieser … dieser entsetzlichen Helligkeit und Weite. Das ist für einen wie mich kaum zu ertragen. Da lob ich mir die höllischen Schutzräume. Aber – ist es denn nicht befreiend, sich nicht mehr verstecken zu müssen? Ich finde es furchtbar, wenn man dauernd auf der Hut sein muss. Gibt es denn in ihrer Hölle keine richtige Offenheit?

M: Um Höllens willen! All das ist grässlich für mich. Wo bleibt da das Privatleben, das keinen etwas angeht? Ach! Privatsphäre in der Hölle! Das hört sich ja direkt gemütlich an. Nun sagen Sie bloß noch, dass man dort abends vor dem Lagerfeuer sitzt, Lieder singt und Toastbrote röstet! M: Nein, Nein! Keine Idylle! Wir sind in der Hölle richtig böse. Ich liebe dieses Wort und finde es gut. Na also. M: In der Hölle kämpfen wir gegeneinander, versuchen die anderen zu übertrumpfen, wir baden in Hass und Verachtung, und das Wort Liebe gibt es nur im Zusammenhang mit Narzissmus. Wir lieben nur eine Person: uns selbst. Und das radikal. Wir machen uns das Leben gegenseitig zur Hölle. Der Teufel ist ein Egoist Und tut nicht leicht um Gottes Willen, was einem andern nützlich ist … M: Sie sagen es. Diesmal hat der Dichterfürst vollkommen Recht, und aus dieser Kraft schöpfen wir unser Leben. Das ist der Brennstoff des höllischen Feuers.
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Es gibt keine betuliche, süßliche Harmonie. Wenn ich das Wort schon höre, wird mir übel. Unsere Herzen sind aus Stein, und wir brauchen das Feuer um sie wenigstens ein bisschen zu erwärmen. Wir haben Freude an gegenseitiger Quälerei … Qualen, die wehtun. M: Ja, zugegeben, aber eine Qual, nach der wir uns sehnen, auch wenn wir sie verabscheuen. Deshalb brauchen wir die Hölle, um uns von dem albernen Einfluss des allzu hellen Himmels abzuschirmen. Da haben wir’ s schon wieder: Die Hölle als Schutz vor dem Licht. M: Schutz vor dem Licht! Wie das klingt! Es ist ja nicht so, dass ich kein Licht mag, aber bitte nur: gedämpftes Licht. Denn dieses himmlische Licht ist dermaßen unangenehm. Es muss von einer miesen Qualität sein. Es reizt und zwickt wie Salz in einer Wunde. Wie herrlich ist dagegen unsere eigene höllische Atmosphäre: Wir machen uns gegenseitig fertig. Es gibt Kampf und Anstrengung, wir verletzen uns, Entspannung gibt es nicht. Aktion ist angesagt. Wir leiden ohne Ende. Wir lieben es, Fallen zu stellen oder die
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Schadenfreude auszukosten. Wir sind verrückt nach immer neuen Perversionen. Wir wälzen uns im Dreck. Wir würden morden, wenn es bei Toten einen Sinn hätte. Und ich lade alle ein, die das genießen, den Rest ihres ewigen Lebens in der Hölle zu verbringen. Das ist es doch, was einen lebendig hält. Und wer das nicht merkt, ist ein Naivling. Bei uns ist eben etwas los. Klar! Bei Ihnen ist der Teufel los. M: Und hören Sie doch nur, was der Herr da oben selbst sagt:
Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen. Er liebt sich bald die unbedingte Ruh, drum geb’ ich gern ihm den Gesellen zu, der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.

Klingt ja nicht gerade schmeichelhaft für Sie! M: Wieso? Na ja, es hört sich so an, als ob Sie und Ihre Kollegen ungewollt doch Gott dienen müssen, als Flöhe Gottes so zusagen, die uns zwicken, damit wir uns endlich waschen … M: Sollte das eine Beleidigung sein? Nur heraus damit! Dieses Gespräch ist mir im Grunde viel zu lahm und zu langweilig. Ich

würde so gerne ihren ganzen Hass herauslocken! Schwierig bei einem Naivling wie ich es bin. Aber es ist nun mal so, ich kann mich einfach nicht an Ihren höllischen Werten ergötzen. Und Sie lügen, wenn sie behaupten, die ganze Quälerei mache Ihnen Spaß. Das scheint mir eine billige Propagandamasche zu sein. Ich liebe zum Beispiel die Weite einer Landschaft oder den Glanz, wenn die Sonne sich auf dem Meer spiegelt. Ich mag es, wenn ich einem Menschen nahe komme, mich öffnen und mich selbst vergessen kann. Ich bekomme Herzklopfen, wenn ich das Magnifikat von Bach höre, das Violinkonzert A-Dur von Brahms oder You steal my heart away. Ihre höllischen Höhlenwerte lassen mich kalt. Ich will mich nicht verkriechen wie ein blasser Wurm, der Angst vor dem Licht hat. M: Na, na! Wollen wir doch mal ehrlich sein! Sie können mir nicht weismachen, dass Sie nicht auch gelegentlich Lust auf die unterirdischen Perversionen der Hölle haben. Haben Sie noch nie Schadenfreude bei einem Menschen gespürt, der Ihnen zuwider war? Hätten Sie ihn nicht am liebsten ermordet? Haben Sie nie davon geträumt, Ihre Macht auszunützen oder andere hereinzulegen?

Haben Sie nicht Ihre Bitterkeit gehätschelt wie ein Baby, oder ihren Groll mit sich herumgetragen wie eine Rüstung? Haben Sie noch nie Lust gehabt auf eine wirklich böse Orgie oder auf den Rausch der Zerstörung? Zugegeben. Einige von diesen Dingen haben eine gewisse Anziehungskraft und ich bin darauf hereingefallen und werde wahrscheinlich irgendwann wieder darauf hereinfallen. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Glauben Sie bloß nicht, dass nur das Böse das wirklich interessante Leben gepachtet hat. Leute, wie Gandhi, Martin Luther King, Astrid Lindgren, Franz von Assisi und Jeanne d’ Arc haben weiß Gott kein langweiliges Leben geführt. Es war voller Saft. Also kommen Sie mir nicht mit diesem billigen Trick, das Böse sei spannend und das Gute langweilig. Das ist doch der letzte Quatsch, Sie Armleuchter. Die Vorgärten der Häuser, wo die richtig bösen Feten steigen, sind hinterher alle voll gekotzt. Und wenn ich mir vorstelle, dass das alles auch noch unterirdisch in einer Höhle ohne frische Luft geschieht, stelle ich mir einen wirklich ekligen Gestank bei Ihnen vor. Es wird ja auch nie richtig gelüftet.
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M: Hallo! Jetzt kommen Sie aber in Fahrt. Aber keine Angst. Früher oder später werden alle in den Strudel gerissen, der in meinem Reich endet. Es gibt keine echte Veränderung. Das Raubtier in euch, könnt ihr nur verstecken, aber niemals ausrotten. Es muss nur eine kleine Katastrophe kommen und die dünne Haut der abendländischen Erziehung platzt auf und die Gier leckt sich die Lippen nach mehr.
Du bist am Ende, was du bist! Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken. Du bleibst doch immer, was du bist.

M: Verdammt! Das stimmt! Auf diese Weise ist mir schon mancher durch die Finger geglitten. Aber einen Trost gibt es. So? M: Die Leute müssen es freiwillig wollen. Der Herr da oben liebt die Freiwilligkeit, dieses kindische Geschenk von ihm! Und bevor jemand freiwillig die Nächstenliebe wählt, Nachteile in Kauf nimmt und Beziehungen zu einem Gott unterhält, den man nicht einmal sehen kann, bleiben sie lieber bei ihrem eigenen Mief. Jeder riecht seinen Schweiß doch am liebsten. Ach wirklich? Sie waren wohl noch nie verliebt? M: Die dümmste Form einer Beziehung. So kann man es natürlich auch sehen. Und übrigens: Gott ist nicht unsichtbar. M: Ach? Habe ich da etwas verpasst? Die Menschwerdung Gottes. Weihnach… M: Kommen Sie mir nicht mit diesem abscheulichen Wort. Wir sind gerade dabei, dieses grässliche Fest aufzumöbeln, etwas quirlige Hektik unterzubringen,

Aha! Das ist also des Pudels Kern, das also ist Ihr geheimes Glaubensbekenntnis, Herr M. Und ausnahmsweise stimme ich Ihnen zu! M: Was? Ich habe mich wohl verhört! Sie stimmen mir zu, dass sich der Mensch nicht wirklich ändern kann? Natürlich kann er es nicht. Der Trieb, nur sich allein zu lieben und sonst niemanden, ist zu stark. Er kann sich erst dann vergessen, wenn er der großen Liebe des Schöpfers begegnet ist. Man kann sicht nicht selbst aus dem Sumpf ziehen.
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den Erwartungsdruck nach einer unrealistischen Harmonie zu erhöhen, damit der Streitwert steigt. Und dann gibt es noch eine der größten Attraktionen des Himmels: Die Schönheit! M: Die Schönheit? Ist doch nur äußerer Schein. Aber wir bieten auch eine gewisse Schönheit an: Die Schönheit des Monströsen, Hässlichen. Das ist viel beeindruckender, wissen Sie. In der Hölle zeigen wir wirkliche Ungeheuer, bei denen Sie eine echte, geistige Gänsehaut bekommen. Dagegen wirken Ihre Horrorfilme im Kino wie Schlaftabletten. Ich rede von einer Schönheit, die einen innerlich erhebt. Und die gibt es eben nur im Himmel, dort, wo der Mensch aus der Höhle tritt und staunend über eine Wiese geht, die aus wilden Blumen gewoben ist, von Schmetterlingen umflattert und von einer atemberaubenden Berglandschaft gesäumt ist. Musik, bei der einem vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Und der freie Flug durch einen Himmel, dessen Luft nach Freiheit riecht. M: Es riecht dort nach Sklaverei. Die Engel sind nicht frei. Sie dienen.

Weil sie selbst es wollen und weil es Ihnen Freude macht. Sagen Sie mal, kennen Sie das: ein vertrauliches Gespräch, bei dem man den Eindruck hat, dass der andere einen versteht und das Glück dabei Zentimeter um Zentimeter näher rückt? M: Widerliche Harmonie! Illusion! Da lob ich mir die wilden Höhlenfeste. Bei denen man bis zur Erschöpfung tobt und lärmt und anderen auf die Nerven geht. Ein höllischer Lärm, der eben nur in abgeschlossenen Höhlen entstehen kann. Ich liebe eher einen erhabenen Lärm, den Lärm eines Wasserfalls, eine donnernde Brandung oder einen fröhlichen Lärm, wenn Kinder spielen. Und zwischendurch mag ich die himmlische Ruhe, die wie eine Wolke über dem Himmel schwebt und bei der man die Kelche der Osterglocken läuten hört. M: Ich sehe schon, dass ich Sie nicht begeistern kann für meine Art zu leben. Sie haben Recht. Wo gehen Sie hin? M: Es ist doch sinnlos, mit jemandem zu reden, der so verbohrt ist wie Sie. Wo bleibt die viel zitierte Offenheit? Mich zieht es in den Schutz meiner Hölle, in den Gestank von Eigenlob und
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Heuchelei, von faulen Kompromissen und dumpfen Trieben. Was für ein aromatischer Duft! Der Geruch von abgestandenem Urin vermutlich. Ist denn bei Ihnen kein Rest von Sehnsucht nach dem Licht eines klaren Morgens geblieben, auf dem die Tautropfen glitzern und funkeln und wo es nach reifen Äpfeln riecht? Haben Sie niemals den Wunsch gehabt, jemandem zu begegnen, der sich einem ohne Hintergedanken zuwendet? M: So etwas gibt es nicht. Ich bin Realist. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Und außerdem: Im Himmel gibt es keine Gemütlichkeit. Alles ist aus Glas und man kann nicht lügen. Es soll dort schöne Wohnungen geben, heißt es. Und wenn es Wohnungen gibt, dann gibt es auch knisternde Kaminfeuer, die den Raum mit Liebe füllen. Und ich stelle mir vor, dass ein früher Abend im Himmel wie dunkelblauer Samt über den Häusern der Engel liegt. Allerdings soll die Nacht, in der die Angst zu Hause ist, ausgestorben sein. Wenn es dort eine Nacht gibt, dann erinnert sie eher an funkelnde Sterne, an einen nächtlichen Ritt auf leuchtenden Einhörnern, an vertrauliche Gespräche unter ei12
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nem silbernen Mond und an einen tiefen, erfrischenden Schlaf. M: Schluss! Hören Sie auf mit ihrem poetischen Gefasel. Ich lasse mir meine Hölle nicht nehmen. Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Herr M. M: Mag sein. Dann muss ich mir wenigstens nicht die Mühe machen, gegen alle Vernunft zu hoffen. Was für eine Energieverschwendung! Ich liebe das Ewig-Leere. Auf Nimmerwiedersehen!
Ein guter Schluss, der deutlich zeigt, was man von dieser finstren Welt am Ende halten muss. Es ist verrückt: Obwohl mit Hass bis oben voll Ist alles hohl.

Das Interview mit Herrn Mephisto führte Albrecht Gralle am 26. September 2005

Kain und Abel
2. Teil von Thomas Noack

Eine Auslegung von Genesis 4,1 bis 16 in der Tradition Swedenborgs

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u Genesis 4,3: »Und es geschah am Ende der Tage (miqqez jamim)«, so habe ich den Grundtext in Übereinstimmung mit der neukirchlichen Tradition übersetzt. Nicht unbeabsichtigt weckt diese Verdeutschung die Vorstellung einer Endzeit, »es geschah in der Endzeit (am Ende der Tage)«. Die hebräische Wendung »miqqez jamim« wird von Swedenborg jedoch ganz wörtlich mit »a fine dierum« übersetzt. Die möglichst wörtliche deutsche Übersetzung lautet »vom Ende von Tagen«. Diese für unsere Ohren etwas fremde Formulierung meint einfach nur »nach dem Verlauf einer geraumen Zeit«1. Auch nach Swedenborg meint die hebräische Wendung »ein Fortschreiten in der Zeit« (»progressus temporis«, HG 347). Swedenborg enthüllt hier also nicht den inneren Sinn, sondern beschreibt einfach nur den natürlichen Wortsinn. Solche Beobachtungen machen wir bei der aufmerksamen Lektüre der »himmlischen Geheimnisse« oft. Der Enthüller des inneren Sinnes ist oft nur ein guter Kenner der hebräischen Sprache. Das Wesen Kains braucht eine gewisse Zeit, um sich auch nach außen hin so darstellen zu können, wie es innerlich beschaffen ist. Zeiten bezeichnen Zustände, die durchlebt werden müssen, um das Wesen vollständig zu verwirklichen oder um alles, was nur potentiell ist endlich aktuell in Erscheinung treten zu lassen. Die Endzeit ist so gesehen die Zeit der Vollendung, das heißt der vollendeten Darstellung des verborgenen Wesens auf der Ebene der äußeren Handlungen. Die Endzeit ist die Zeit der Apokalypsis bzw. der Enthüllung (des bis dato verborgenen Wesens). Den Gedanken eines »Fortschreitens in der Zeit«, das zur sukzessiven Enthüllung des bösartigen Antriebs führt, äußert Swedenborg auch im eschatologischen Kapitel der »Wahren Christlichen Religion«: »Es hat auf der Erde mehrere Kirchen gegeben, und sie alle sind im Verlauf der Zeit (successu temporis) zu ihrem Ende gelangt (consummatae
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sunt).« (WCR 753). So braucht es also eine gewisse Zeit bis das bloße Fürwahrhalten oder die religiöse Rechthaberei ihr wahres Gesicht vor aller Welt enthüllt. Der Buchstabenglaube oder der Fundamentalismus ist der Vater des Fanatismus und der Glaubenskriege. Gleiches gilt für die säkularen Verwandten, die Ideologien. Sie würgen skrupellos die zarte Stimme des Gewissens im Dienste der hemmungslosen Selbstverwirklichung ihrer eigenen Interessen ab. Früchte stehen in der Bildersprache der heiligen Schrift für die Hervorbringungen oder Produkte des menschlichen Geistes. Früchte stehen für seine Werke. Psalm 1 ist die Seligpreisung des Mannes, dessen Freude die Tora (Weisung) Jahwes ist. Dieser Mann »ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen (Einflüsse aus der Gnadenquelle des göttlichen Lichtes), der seine Frucht bringt (seine Werke hervorbringt) zu seiner Zeit (in den dafür vorgesehenen Zuständen seines äußeren Lebens)« (Ps 1,3). Nach Jesus zeigt sich im (äußeren) Wirken das (innere) Wesen: »So bringt jeder gute Baum gute Früchte, der faule Baum aber bringt schlechte Früchte … Darum sollt ihr sie an ihren Früchten erkennen.« (Mt 7,17.20). Die Verbindung von »Frucht« und »Boden« in Genesis 4,3 lenkt unsere Betrachtungen auf die Tatsache, dass Werke immer nur auf der Grundlage von Bedingungen, Umständen und Situationen verwirklicht werden können. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Werken und empirischen Gegebenheiten. Im Falle Kains wird das irdische Geschäft von der Hochmacht des Geistes allerdings nicht durchdrungen, denn Kain stellt die Eigenmächtigkeit des Menschen dar. Die Früchte seines Bodens sind ausschließlich Produkte seiner eigenen Klugheit, leblose Konstrukte, leeres Stroh. Nach Swedenborg sind es »Werke des Glaubens ohne Liebe« (HG 348). Solche Werke heißen zwar auch Früchte, im Gegensatz zu den Früchten von oben fehlt ihnen aber der Saft aus der Wärme und dem Licht der Sonne.2 Daher schrieb Swedenborg: »Früchte des Glaubens ist (eigentlich) eine leere und sinnlose Redensart.« (KD 49). Zwar ist mit Abel die Bedeutung von Hauch und Nichtigkeit verbunden, doch im Grunde sind die »Werke des Glaubens ohne Liebe« null und nichtig. Swedenborg übersetzt »minchah« hier in Genesis 4,3 mit »munus« (»Gabe«, siehe Swedenborgs Übersetzung zwischen HG
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323 und 324).3 Oft übersetzt er das hebräische Wort aber auch nicht, so dass wir im lateinischen Text entweder »mincha« oder »minchah« finden.4 Einen Grund für diese uneinheitliche Praxis konnte ich nicht entdecken. »Mincha« bedeutet nach Swedenborg »Gabe« (»munus«, HG 4262), gemeint ist die vegetabilische Opfergabe, das Speiseopfer. Daher findet der Leser der deutschen Übersetzung der »himmlischen Geheimnisse« hinter »mincha« manchmal in Klammern »Speisopfer«5. Die Opfergabe (»munus«) ist ein Bestandteil der Kultfeier (»cultus«). Daher bezeichnet sie Pars pro toto den Kult oder das Gottesverhältnis Kains (HG 349). Auch diese Deutung Swedenborgs ist keine Enthüllung des inneren Sinnes, sondern einfach nur ein Schluss vom Teil auf das Ganze. Die Erzählung von Kain und Abel und ihren Opfergaben spielt in der Zeit der Ältesten Kirche. Doch von dieser Kirche sagt Swedenborg: Sie »wusste nichts von Opfern (de sacrificiis)« (HG 2180).6 Dieser Widerspruch lässt sich meines Erachtens wie folgt auflösen. Die Erzählung vom Brudermord aus der Zeit der Ältesten Kirche ist mit Vorstellungen gestaltet, die aus einer späteren Zeit stammen. Zu Genesis 4,4: Abel brachte »von den Erstgeburten7 seiner Herde« dar. Manfred Lurker weist auf die weite Verbreitung des Erstlingsopfers hin: »Der Brauch eines Primitialopfers ist von vielen Naturvölkern her bekannt. Jägerstämme opfern das erste erlegte Wild oder einen Teil von ihm zu Beginn der Jagdsaison … In Ägypten wurde die erste, vom König selbst geschnittene Ähre dem Fruchtbarkeitsgott Min geweiht … Die vorislamischen Araber haben während des Frühlingsfestes Erstlinge der Herden geopfert. Das griechische aparchae (Erstling, Erstlingsopfer) läßt erkennen, dass auch im ägäischen Raum der Brauch bekannt war, durch die Darbringung eines Teiles das Ganze zu weihen. Der Philosoph Aristoteles vertrat in seiner ›Nikomachischen Ethik‹ die Auffassung, dass das Primitialopfer die älteste Form des Opfers überhaupt sei.«8 Von Swedenborg erfahren wir: »Nach den Ordnungen der alten Kirche sollten die Erstgeborenen Gott geheiligt werden.« (HG 8080). Heute glauben viele Menschen an die glückbringende Eigenschaft des Geldes. Daher nimmt der archaische Glaube an
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die Besonderheit des Erstgeborenen eine dieser Vorstellungswelt entsprechende Gestalt an. Das Symbol dieses Kultes ist der Bankier Dagobert Duck, der seinen sagenhaften Reichtum auf seinen ersten selbstverdienten Taler gründet und ihm magische Kräfte zuspricht (das Motiv des Glückstalers). Im Glauben der alten Kirche stellte die Erstgeburt den Herrn und die Mächte seiner unmittelbaren Umgebung dar (HG 352). Indem Abel die Erstgeburten seines Reichtums dem Herrn darbringt, weiht er das Ganze dem Herrn, denn das Erste ist der Inbegriff des Ganzen. Abel gehört als Ganzer dem Herrn, weil er seine Habe im Prinzip (= in Gestalt des Ersten) dem Herrn übergeben hat. So wird Abel zur ersten Vorbildung Christi, der sich als Ganzer der Urmacht seines Vaters darbrachte, indem er seinen menschlichen Eigenwillen ganz und gar Gott übergab. So wurde Christus »der Erstgeborene von den Toten« (Offb 1,5), wobei die Toten diejenigen sind, die im Machtbereich des Eigenwillens gefangen und erstarrt sind. Kain ist zwar der Erstgeborene von Adam und Eva (HG 338) und auch derjenige, der zuerst seine Gabe darbringt, aber Abel ist der Darbringer des Erstgeborenen. Daher entbrennt ein Rangstreit, denn beide sind irgendwie Erste. Swedenborg sah darin die Rivalität von Glaube (Dogmatik) und Liebe (Ethik) in der Kirche: »Der Glaube … ist zwar das Erste der Zeit nach, die Liebe aber … ist es dem Endzweck nach. Sie ist also das Vorzüglichere und damit in Wirklichkeit das Erste und Erstgeborene. Was nur zeitlich vorhergeht, ist bloß dem Schein nach das Erste, nicht aber in Wirklichkeit.« (WCR 336). Ebenso ist die irdische Geburt zwar zeitlich die erste, aber die zweite Geburt oder die Wiedergeburt ist in Wahrheit die erste, denn sie ist die beabsichtigte. Ebenso war das Volk Israel zwar zeitlich das erste Volk Gottes, aber zugleich war es eine Vorbildung des neuen Gottesvolkes, das sich um den Messias sammelte. Die Blüte ist das Erste im zeitlichen Entwicklungsgang, aber die Frucht ist das Ziel und somit das Erste in der Absicht. Die Blüte sollte anerkennen, dass sie um der Frucht willen da ist, wenn sie das nicht tut, dann wird die schöne Blüte zum Brudermörder. »Von den Erstgeburten seiner Herde« brachte Abel »die fetten Stücke« dar. Unser Blick wird vom Allgemeinen (die Erstgeburten) auf das Besondere (die fetten Stücke der Erstgeburten) gelenkt.
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Diesen Sinn scheint hier die hebräische Kopula »we« zu haben, die wir deswegen mit »und zwar« übersetzt haben.9 Eine Auswirkung auf die Übersetzung hat auch die eigentümliche Punktation (= Vokalisation) von »cheleb« (»Fett«) im masoretischen Text. Sie setzt »cheleb« in den Plural. Daher »stritt bereits der Talmud darüber, ob es sich um Fettstücke … oder um fette Tiere … handelte.« (Seebass 151). Swedenborg übersieht den Plural oder trennt sich bewusst von den Punktatoren und interpretiert die Konsonantenfolge »chlb« als Singular, so dass wir bei ihm lesen: »et de pinguedine eorum« (= und vom Fett der Erstgeborenen). Wir halten den Plural jedoch für die bessere Lesart, zugleich aber folgen wir Swedenborg darin, dass hier das fettreiche Gewebe gemeint ist, nicht die fetten Tiere. Diese Vorüberlegungen führen dann zu der folgenden Übersetzung: »Auch Abel, (ja) auch er, brachte (Jahwe eine Gabe) dar, (eine Gabe) von den Erstgeburten seiner Herde und zwar von ihrem Fett.« Um den Plural von »cheleb« in der deutschen Übersetzung auftauchen zu lassen, könnte man statt »von ihrem Fett« »von ihren fetten Stücken« wählen. Soweit zur Übersetzung. Sie ist wichtig, aber nur ein erster Schritt. Das Ziel sind die Gipfelerlebnisse der Innensinnerfassung. Sie werden dem, der geduldig das Gebirge der göttlichen Wortoffenbarung besteigt, am Ende gegeben. Die große Synthese des geistigen Verständnisses läßt sich mit Worten der äußeren Sprache nicht mehr mitteilen. So können die Eingeweihten die »Arcana Caelestia« nicht verraten. Aber bis zu einem gewissen Grade können wir uns verbal austauschen und gegenseitig ein Stück weit mitnehmen. In diesem Sinne weise ich darauf hin, dass uns nicht selten bereits ein Blick in ein umfangreicheres hebräisches Lexikon wichtige Winke gibt, die wir dankbar aufgreifen können. Vom Hebraisten Wilhelm Gesenius (1786 – 1842) erfahren wir in seinem Wörterbuch das Folgende: »Cheleb« bedeutet »eigentlich das fettreiche, die Eingeweide bedeckende Netz«, dann »Fett« und schließlich »bildlich das Beste, Vorzüglichste«10. Insbesondere die in »cheleb« enthaltene Bedeutung »das Beste« läßt uns aufhorchen. Demnach gibt Abel das Beste von den Erstgeburten seiner Herde. Wenn wir bedenken, dass schon die Erstgeburten etwas Besonderes sind, dann sehen wir auch, dass Abel das Beste
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vom Besten gibt, gewissermaßen »die Creme de la Creme«. Doch damit sind die Zugänge zu einem tieferen Verständnis, die uns allein schon ein gutes Wörterbuch eröffnet, noch nicht erschöpft. Mit Gesenius kommen wir zumindest im vorliegenden Fall fast so weit wie mit Swedenborg. Denn wir erfahren, dass »nach den Arabern«11 »cheleb« der »Sitz der Gefühle« ist. Deshalb heißt es in Psalm 17,10: »Sie verschließen ihr cheleb«, das heißt sie »sind fühllos« (siehe Gesenius 231). Hier hat »cheleb« beinahe die Bedeutung von Herz (das Herz als »Sitz der Gefühle«), und dementsprechend finden wir in der Zürcher Bibel die Übersetzung: »Ihr Herz haben sie verschlossen«. Einmal auf diese Fährte gebracht, entdecken wir dann auch, dass »ch-lb« die Konsonanten des hebräischen Wortes für »Herz« enthält, nämlich »lb«.12 Diese Gedanken bringen uns ganz in die Nähe von Swedenborg, denn nach ihm bezeichnet Fett »das Himmlische«, wobei »das Himmlische« in seiner Terminologie alles bezeichnet, »was zur Liebe gehört« (»caeleste est omne quod est amoris«, HG 353). Abel ist also derjenige, der das darbringt, was im Menschen dem Herrn gehört (das sind die Erstgeburten), nämlich die Kraft des Herzens oder die Macht der Liebe (das ist das Fettreiche). Abel ist sonach derjenige, der sich mit ganzer Liebe dem Herrn hingibt. Daher wundern wir uns nun nicht mehr, wenn es im Folgenden heißt: »Und Jahwe schaute auf Abel und auf seine Gabe hin. Aber auf Kain und seine Gabe schaute er nicht hin.« (Gen 4,4.5). Den Exegeten des äußeren oder historischen Sinnes muss die Annahme des einen und die Ablehnung des anderen Opfers als reine Willkür Jahwes erscheinen. Denn ein Grund ist auf der Ebene des Buchstabens nicht erkennbar. Horst Seebass schreibt: »Wenn man bedenkt, dass noch keine Opferanordnung ergangen war, kann man zwar Unterschiede zwischen den Opfern Kains und Hebels, aber keine hinreichende Begründung für die Ablehnung des Opfers finden« (151). Der Buchstabe ist der Schatten des Wortes, und als solcher zeigt er uns die Wahrheit nur in einem dunklen, allgemeinen Umriss. »Der innere Sinn« hingegen ist »das Licht des Himmels« (HG 3438, 4783), und als solcher führt eben nur er uns in die geistige Organik des Wortes ein und lässt uns Zusammenhänge erkennen, die bei der ausschließlich buchstäblichen
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Untersuchung des Wortes im Dunkeln bleiben. Der Erforscher der geistigen Organik des Wortes kann sich die Annahme der einen und die Ablehnung der anderen Gabe aus vielen Hinweisen, die wir besprochen haben, verständlich machen. Dazu gehören die Bedeutungen der Namen »Kain« und »Abel«, der Akkusativ Jahwe (Gen 4,1), die Tätigkeiten Abels als »Hirt der Herde« und Kains als »Knecht des Bodens« (Gen 4,2) und die »Erstgeburten« oder genauer ihr »Fett« (Gen 4,4). Zu Genesis 4,5: »Und es entbrannte dem Kain (der Zorn) sehr«. Swedenborgs lateinische Übersetzung der Genesis ist eine sehr wörtliche. Er übersetzt jedes hebräische Wort eins zu eins, das heißt für ein hebräisches Wort steht in der lateinischen Übersetzung auch nur ein lateinisches Wort. Das jedenfalls ist die Regel oder die allgemeine Tendenz. Hier aber übersetzt Swedenborg die Verbform »wajjichar« mit »et accensa est ira« (und der Zorn ist entzündet worden), das heißt mit einer Verbform und zusätzlich einem Nomen. Diese Ausnahme von der Regel ist gut begründet, denn das hebräische Verb »charah«, das ursprünglich wohl »brennen« bedeutete, wird im Alten Testament nur vom Zorn ausgesagt (siehe Gesenius 258). Der Zusatz »ira« (Zorn) hebt also nur das hervor, was im Verb schon enthalten ist. Die auf diese Übersetzung folgende Auslegung des inneren Sinnes ist vor diesem Hintergrund nur eine Ausschöpfung des den Worten bereits innewohnenden Sinnes. Wo der Zorn entbrennt, da weicht die Liebe zurück (siehe HG 357). Dass die Lieblosigkeit das Regiment übernimmt, wird auch der Fortgang der Erzählung zeigen, nämlich der Brudermord (siehe HG 357). Die Auslegung des inneren Sinnes ergibt sich wieder einmal ganz zwanglos aus der genauen Erfassung des Textes. Infolge des Zornes senkte sich Kains Angesicht. Swedenborg sagt: »Das Angesicht bezeichnete bei den Alten das Innere, weil durch das Angesicht das Innere hervorleuchtet.« (HG 358). Das Hebräische belegt diese Interpretation. »Panim« ist das hebräische Wort für »Angesicht«. Nominale Weiterbildungen der Wurzel sind »penimah« mit der Bedeutung »inwendig« und »penimi« mit der Bedeutung »innerer«. Das Angesicht meint demnach »das Innere«, allerdings nur insoweit es sich äußert bzw. dem Äußeren zuwendet. Denn das Verb »panah« bedeutet »sich zuwenden«.13
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Manche Sprachforscher leiten »panim« (Angesicht) überdies von »Peh«, das »Mund« bedeutet, her (THAT II,436). Sollte diese (unsichere) Herleitung stimmen, dann würde sie ihrerseits zeigen, dass das Angesicht ein Ort der Äußerung des Inneren ist. Auf dem Angesicht kommt das Innere zum Vorschein, weswegen es schon den alten Weisen als »Spiegel der Seele« galt (vgl. Sirach 13,25). Kains Angesicht »fiel« oder »senkte sich«. Die Übersetzung von Seebass »und sein Angesicht verfiel« (143) wirkt wie eine Verlegenheitslösung. Einerseits soll der Sinn des hebräischen Verbs »napal« (fallen) möglichst direkt wiedergegeben werden, andererseits erfasst Seebass den Sinn offenbar nicht, sondern verschleiert ihn eher. Dabei ist die Aussage leicht nachvollziehbar. Denn der sich senkende Blick unterbricht die zwischenmenschliche Verbindung (den Blickkontakt). Wenn wir nun noch den Kontext bedenken, wonach vom fallenden Gesicht im Anschluss an den entbrennenden Zorn die Rede ist, dann sind wir bei Swedenborgs Deutung. Der gesenkte Blick stellt die Lieblosigkeit oder die zwischenmenschliche Kälte sehr anschaulich dar. (HG 358). Wenn wir die Grundbedeutung von »napal«, nämlich »fallen«, noch offenkundiger in unsere Überlegungen einbeziehen wollen, dann können wir sagen: Kain wird gewissermaßen von der Schwerkraft seines eigenen Wesens angezogen. Er fällt in den Abgrund seiner unwiedergeborenen Natur. Er verfällt dem todbringenden Hass. Zu Genesis 4,6: Jahwes Sprechen bezieht Swedenborg auf »das Gewissen« (HG 359), das nach seinem Verständnis »eine innere Stimme« (dictamen internum, NJ 139) ist. Damit stimmt er mit der christlichen Tradition und Kant überein, die das Gewissen als Stimme Gottes im Menschen gedeutet haben. Swedenborg spricht hier im Zusammenhang der ältesten Kirche von »Gewissen«. Darin kann man eine sprachliche Inkonsequenz erblicken, denn andernorts sagt er, dass die älteste Kirche kein »Gewissen«, sondern ein »Innewerden« oder eine »innere Wahrnehmung« (perceptio) hatte (HG 597, 393). Doch abgesehen von dieser terminologischen Inkonsequenz steht fest, dass sich Jahwe in Kain noch immer bemerkbar machen kann, und zwar um eine »Selbstbesinnung über seinen Zustand«14 herbeizuführen. Das zweimalige »Warum« in Vers 6 greift das in Vers 5 geschilderte Geschehen
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auf. Kain wird damit die Möglichkeit gegeben, die Vorgänge, die sich in und an ihm ereignen, zu betrachten und zu bewerten. Kain steht in der Gefahr, von den in ihm wirkenden Affekten ergriffen und fortgerissen zu werden. Jahwes Einsprache eröffnet ihm demgegenüber die Chance, doch noch den Affekten zu entkommen, die ihn zu ihrem Spielball machen wollen. Jahwe als der Seiende will, dass auch Kain ein freies Subjekt wird. Zu Genesis 4,7: Diesem Vers geht der Ruf voraus, der dunkelste der Genesis zu sein (Seebass 152). Beschränken wir uns zunächst auf die erste Vershälfte. Ein Blick in einige deutsche Bibeln zeigt, dass unterschiedliche Übersetzungen möglich sind. Die Elberfelder Bibel hat den folgenden Text: »Ist es nicht (so), wenn du recht tust, erhebt es sich? Wenn du aber nicht recht tust, lagert die Sünde vor der Tür.« Das Pronomen »es« steht für »Gesicht«. Aber erhebt sich das Gesicht Jahwes15 oder Kains? Ganz anders versteht Hermann Menge den Urtext, denn in seiner Übersetzung lesen wir: »Wird nicht, wenn du recht handelst, dein Opfer angenommen? lagert (oder: lauert) nicht, wenn du böse handelst, die Sünde vor der Tür«. Von der Erhebung eines Gesichtes ist hier gar nicht die Rede. Stattdessen soll es um die Annahme des Opfers von Kain gehen. Wiederum eine ganz andere Variante fand Swedenborg in der lateinischen Bibel von Sebastian Schmidt. Dort las er: »Nonne si bene feceris (munus tuum pro peccato,) erit remissio : si vero non bene feceris, ad ostium peccatum est cubans quis?« Die deutsche Übersetzung dieser Lesart lautet: »Ist es nicht so, wenn du sie (= deine Gabe für die Sünde) gut darbringst, dann wird Vergebung erfolgen? Wenn du sie aber nicht gut darbringst, ist dann nicht die Sünde eine Lagernde vor der Tür?« Nach Schmidt geht es also um »Vergebung«. Der Grund für diese Vielfalt ist die Mehrdeutigkeit des hebräischen Wortes »se’et«, das Erhebung, Annahme oder Vergebung bedeuten kann. Eine weitere Schwierigkeit in der ersten Vershälfte besteht darin, dass das weibliche Substantiv »Sünde« mit dem männlichen Partizip »robez« (der Lagernde) verbunden ist. Daher kann man nicht übersetzen: »die Sünde lagert«. Zwei Hinweise können zur Lösung des Problems beitragen. Erstens ist im Akkadischen »rabisum« als Wort für einen Dämon belegt.16 Zweitens ist »nachasch«, die »Schlange«
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von Genesis 3, ein männliches Substantiv. Daher könnte Genesis 4,7 Genesis 3 aufnehmen, so dass sich die folgende Übersetzung ergäbe: »Wenn du aber nicht Gutes tust, dann ist die Sünde ein lauernder Schlangendämon vor der Tür.« Betrachten wir nun die zweite Vershälfte. Der hebräische Text ist zweideutig. Denn die männlichen Suffixe (= die Personalendungen) sind sowohl auf den Lagernden (»robez«) als auch auf Abel beziehbar. Daher ist im ersten Fall zu lesen: »… und nach dir (Kain) ist sein Verlangen (das Verlangen des lagernden Dämons), du (Kain) aber sollst ihn (den Dämon) beherrschen.« Im zweiten Fall hingegen ist zu lesen: »… und nach dir (Kain) ist sein (Abels) Verlangen, du (Kain) aber willst Herr über ihn (Abel) sein.« Ein so wenig eindeutiger Vers lenkt unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf die Entscheidungen, die Swedenborg als Übersetzer und Ausleger der Genesis getroffen hat. Swedenborg wurde bereits als Student in Uppsala in die hebräische Sprache eingeführt. Und bevor er »die himmlischen Geheimnisse« schrieb, nahm er das Studium dieser Sprache wieder auf und vertiefte seine Kenntnisse. Swedenborg besaß mehrere hebräische Bibeln und lateinische Übersetzungen derselben, außerdem hebräische Wörterbücher, wenigstens eine hebräische Grammatik und sonstige Literatur zum Alten Testament. Mit diesen Hilfsmitteln erarbeitete er sich, soweit es der Forschungsstand seiner Zeit erlaubte, eine klare Vorstellung vom Buchstabensinn, den wir heute den historischen Sinn nennen.17 Hinzu kommt bei jedem Übersetzer das Gespür für das Gemeinte. Dieses Gespür wird besonders dann entscheidend, wenn der Urtext mehrdeutig ist. Dieser hier nur angedeutete kenntnisreiche Hintergrund, über den Swedenborg verfügte, führte im vorliegenden Fall zu der folgenden Übersetzung: »Annon si benefacis, elevatio? et si non benefacis, ad januam peccatum cubans; et ad te desiderium ejus, et tu dominaris ei.« (Tafels Übersetzung dieser Übersetzung Swedenborgs: »Nicht wahr? wenn du Gutes thust, so ist Erhebung; und wenn du nicht Gutes thust, so liegt die Sünde vor der Thür, und zu dir ist sein Verlangen, und du herrschest über dasselbe.«18). Aus dieser Übersetzung und der Auslegung von Vers 7 in HG 361 bis 365 können wir nun Swedenborgs Verständnis des berüchtigten dunkelsten Verses der gesamten Genesis entnehmen.
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Demnach meint »se’et« hier »Erhebung« (elevatio). Swedenborg übernahm nicht die Übersetzung »Vergebung« (remissio), die er bei Sebastian Schmidt vorfand. Die »Erhebung« ist auf das Gesicht Kains zu beziehen. Das geht hinreichend deutlich aus HG 363 hervor. Der biblische Autor will dem Senken oder dem Fall des Gesichtes (= des Inneren) die Erhebung desselben gegenüberstellen. Bevor der Erzähler zum Brudermord kommt, schaltet er einen Augenblick der Besinnung ein. Dadurch nimmt er dem Geschehen das Unausweichliche. Kain war seiner Natur (= der Beschaffenheit seiner Geburt) nicht zwingend ausgeliefert. Er hatte noch immer das »liberum arbitrium«, das heißt die »freie Wahl« zwischen der Sünde vor seiner Tür und der Stimme Gottes. Obwohl sich sein Inneres schon bedrohlich gesenkt oder verfinstert hatte, stand ihm noch immer die Möglichkeit offen, sein Gesicht wieder zu erheben. Die Sünde ist nicht nur ein persönliches Fehlverhalten, das jederzeit korrigierbar ist, sondern eine überindividuelle Macht, die um so größer und unbeherrschbarer wird, je mehr wir ihr nachgeben. Wir sahen bereits: Die hier vorliegende hebräische Konstruktion soll uns wahrscheinlich die Sünde als einen Dämon oder als die Schlange von Genesis 3 ansichtig werden lassen. Ob auch Swedenborg diese Verständnismöglichkeit gesehen hat, ist aufgrund seiner Übersetzung nicht entscheidbar, weil das Lateinische das männliche und das weibliche Partizip nicht unterscheidet. Einen schwachen Hinweis darauf, dass Swedenborgs Feinsinn hier die Komponente »Dämon« wahrgenommen haben könnte, liefert uns seine Aussage in HG 364, dass »Sünde« in der Sprache der Bibel »für den Teufel« stehen kann. Bleibt noch die Frage, auf wen die Suffixe in der zweiten Vershälfte zu beziehen sind. Aus Swedenborgs Auslegung geht hervor, dass er die zweite der oben genannten Lesarten für die richtige hielt (siehe HG 361, 370, 372). In der Tradition Swedenborgs müssen wir also unter Zuhilfenahme von verdeutlichenden einschüben in Klammern übersetzen: »… und nach dir (Kain) ist sein (Abels) Verlangen, du (Kain) aber willst über ihn (Abel) herrschen.« Man muss »die himmlischen Geheimnisse« allerdings schon sehr genau lesen, um erkennen zu können, dass das das Verständnis
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Swedenborgs vom Urtext war. Daher ist es verzeihlich, dass selbst der Übersetzer und der Revisor der Neukirchenbibel den Vers 7 gemessen an Swedenborgs Entscheidungen nicht vollkommen richtig ins Deutsche übertragen haben. Bei Leonhard Tafel lesen wir: »Wenn du aber nicht Gutes thust, lauert die Sünde vor der Thür und begehrt nach dir, aber du sollst darüber herrschen.« Und bei Ludwig H. Tafel lesen wir: »Wenn du aber nicht Gutes tust, lagert die Sünde vor der Tür, und verlanget nach dir aber du sollst darüber herrschen.« Beide Swedenborgianer geben also hier gegen Swedenborg der ersten Lesart den Vorzug. Der Vers 7 des 4. Kapitels der Genesis ist offenbar wirklich der dunkelste dieses Buches und als solcher voller Tücken. Doch was ist vermutlich gemeint? Ich kann nicht ausschließen, dass die Doppeldeutigkeit gewollt ist, aber im komplexen Gewirr der Bedeutungsfäden möchte ich an dieser Stelle das Verständnis Swedenborgs verdeutlichen. Nach ihm handelt die Erzählung von einem Herrschaftskonflikt. Wir sahen bereits, dass mit Abel als »Hirte« die Vorstellung von einem Herrscher verbunden ist. Doch Kain will sich von Abel nicht beherrschen lassen. Deswegen wird ihm entgegen gehalten: »Nach dir (Kain) ist sein (nämlich Abels) Verlangen, du aber willst Herr über ihn sein.« Und deswegen wird Kain nach dem Mord unwillig ausrufen. Ich paraphrasiere: »Bin ich etwa der Hüter meines Brüders? Der erhebt doch selbst den Anspruch ein Herrscher zu sein! Warum also sollte ausgerechnet ich den behüten, der selbst das wachsame Auge des Herrschers (= der Hirt) sein will?« Wer ist in Wahrheit in der Kirche zum Herrscher berufen? Die Dogmatik (= der Glaube) oder die Ethik (= die geschwisterliche Liebe)? Das Gerangel um die Vorherrschaft ist in der Kirchenund Theologiegeschichte allenthalben zu beobachten. Auch in den Körperschaften der Neuen Kirche, die sich im Anschluss an Swedenborg gebildet haben, ist die Orthodoxie (= die rechte swedenborgsche Lehre) zum dominierenden Prinzip geworden. Und dementsprechend ist auch in der Neuen Kirche der Stein der eigenen Wahrheit rechthaberisch erhoben worden. Auf der Strecke ist Abel geblieben, blutüberströmt, erschlagen mit tausend Worten. Wie sähe eine Kirche aus, in der Abel der gute Hirte sein kann, in der er das Hirtenamt ausüben kann? Kains Mund bringt Einwände
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über Einwände gegen die Gemeinde der geschwisterlichen Liebe hervor: In einer Kirche muss doch Ordnung herrschen! Wo soll das hinführen, wenn jedes Schaf seine eigene Glaubenswahrheit suchen und womöglich auch noch finden darf? Doch Abels Kirche würde die Vielfalt der Glaubensmeinungen nicht als ein Zeichen des Zerfalls der Einheit fürchten, sondern sich an dieser bunten Blumenwiese erfreuen, denn sie zeigt den Frühling des geistigen Lebens an. Aber Abel wird von Kain mundtot gemacht, sein Blut versickert noch immer im Boden und schreit zu Gott. Zu Genesis 4,8: »Und Kain sprach zu seinem Bruder Abel: ›…‹«. Was Kain zu Abel sagte, ist im masoretischen Text (dem sogenannten »Urtext«) nicht überliefert. Eine Reihe alter Textüberlieferungen – nämlich der samaritanische Pentateuch, die Septuaginta, die Peschitta und die Vulgata – haben jedoch: »Lass uns auf das Feld gehen!« Swedenborg hält sich an den masoretischen Text. Die Formel »A sagte zu B«, die eigentlich eine direkte Rede erwarten läßt, meint nach ihm hier »den Zug der Zeit« (tractus temporis, HG 366). Swedenborg führt diesen Gedanken nicht weiter aus, aber vermutlich meint er: Kain, der ja die sich verselbständigende Glaubenslehre (Dogmatik) verkörpert, verwickelt Abel mit der Zeit immer mehr in das theologische Streitgespräch. Kain zieht Abel also gewissermaßen auf sein »Feld«, das heißt auf das Feld der dogmatischen Auseinandersetzungen. Die Folge ist der Brudermord. Denn Abel oder das Tatchristentum ist, indem es sich »im Verlauf der Zeit« ganz und gar auf das Feld Kains ziehen läßt, schon verloren, weil es durch die Totalisierung des Diskutierens nicht mehr zu sich selbst kommen kann. Deswegen heißt es weiter: »Es geschah bei ihrem Sein auf dem Feld«. Wo sonst kann der Brudermord geschehen? Abel kann nur auf dem Feld Kains, in der Domäne des »obed adamah« erschlagen werden, und zwar mit harten Fakten und spitzen Argumenten. Das Feld bezeichnet »die Lehre« und somit auch die Diskussionen auf dem Feld von Forschung und Lehre (HG 368). »Adam« (Mensch) und »adamah« (Erdreich) hängen in der Bildersprache der Bibel eng zusammen. Auch im Lateinischen finden wir diesen Zusammenhang von »Homo« (Mensch) und »Humus« (Erdreich). Die Aufgabe des »Erdlings« (= des Menschen) ist die
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Kultivierung der Erde, ihre Vergeistigung. Der Mensch ist das Nadelöhr, durch das alles aus dem Erdreich hindurch muss, um in das Himmelreich zu kommen. Der Begriff »Feld« ist im Zusammenhang dieser Kulturtätigkeit des geistbegabten Erdlings zu sehen. In der Bibel begegnen uns die Begriffe »Erde« (»arez«), »Erdreich« (»adamah«) und »Feld« (»sadeh«). Swedenborg gibt einige Hinweise zum tieferen Verständnis dieses Trios. Er schreibt: »Die Erde ist die Grundlage (wörtlich: das Enthaltende) des Erdreichs, und das Erdreich ist die Grundlage des Feldes (oder des Ackers)« (»terra est continens humi, et humus est continens agri«, HG 620, vgl. auch HG 377). Die drei Begriffe bauen also im Sinne der erwähnten Kulturtätigkeit aufeinander auf: Ohne die Erde kein Erdreich, und ohne das Erdreich kein Feld (= kein kultiviertes Erdreich). Im geistigen Verständnis ist »das Erdreich« ein Bild für die Empirie, das heißt für die Erfahrung des Irdischen durch die fünf Sinne. Die Empirie oder das Bild der Erde im Bewusstsein des äußeren Menschen ist die Grundlage für die Tätigkeit des Geistes. Der kann nämlich die Empirie mit der Saat seiner Gedanken befruchten; und wenn das geschieht, dann wird aus dem Erdreich ein Acker, auf dem die Früchte von Himmel und Erde heranreifen können. Im Trio »Erde«, »Erdreich« und »Feld« sind »Feld« bzw. »Acker« am engsten mit dem Samen oder der Saat verbunden.19 Diese gedankliche Verknüpfung dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, wenn wir das Folgende verstehen wollen: »Da erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und erschlug ihn.« Abel wird ausgerechnet dort erschlagen, wo die Erde zum Leben erweckt werden soll, auf dem Acker, der nun jedoch nicht die Samenkörner Kains, sondern die Blutstropfen Abels aufnehmen wird. Achten wir auf die Feinheiten der Sprache! »Kain erhob sich«. So wird der Aufstand Kains, seine Überheblichkeit dargestellt, als ein Akt des sich Erhebens. Zugleich bedeutet das Verb »qum« aber auch »zustande kommen«, »Bestand haben« und »gelten«. Die Seele der Glaubenswissenschaft (Kain) ist die Glaubenspraxis (Abel). Theologie ist Denken aus Glauben, das heißt sie muss das Glaubensleben (Abel) voraussetzen. Sie kann den Glauben, insofern er eine innere Festigkeit, ein Gegründetsein in der Erfahrung des lebendigen Gottes ist, nicht erzeugen. Sie kann nur über die
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vorgegebene Wirklichkeit des Glaubens nachdenken. Den Brudermord kann man als die Befreiung der Glaubenswissenschaft (Kain) aus der Abhängigkeit vom Glaubensleben der Kirche (Abel) interpretieren. Durch diesen Akt der Erhebung mag sich die Theologie als etwas Selbständiges geltend machen, aber welchen Preis muss sie dafür bezahlen? Ich will denselben Gedanken noch einmal etwas handgreiflicher formulieren. Die Glaubenswissenschaft kann natürlich im Interesse ihrer Wissenschaftlichkeit die Auferstehung Jesu in Frage stellen oder auch leugnen. Denn die wissenschaftlich saubere Exegese des Neuen Testaments liefert keinen wirklich hieb- und stichfesten Beweis für diesen unerhörten Vorgang, der das Fundament der Kirche und das Wesentliche des Glaubens ist. Aber wenn die Theologie der Kirche auf diese Weise wissenschaftlich korrekt ins Gesicht schlägt, dann schwächt das zwar das Glaubensleben, vielleicht stirbt es sogar, zugleich aber wird dadurch auch die theologische Arbeit unfruchtbar. Der Boden, der das Blut Abels verschluckt, wird am Ende auch den Brudermörder entkräftet zurücklassen, weil er (= der Boden des Wortes) ihm (= dem Exegeten) seine Kraft nicht mehr geben wird. Die wissenschaftliche Exegese wird unfruchtbar, wenn sie sich nicht in den Dienst der Kirche stellt, wenn sie sich nicht dem guten Hirten unterordnet. Eine Theologie, die irgendwo jenseits des Glaubens Bestand haben will, wird am Ende nur eins sein: »unstet und flüchtig«. Zweimal werden wir in Vers 8 daran erinnert, dass Abel der Bruder Kains ist. Dadurch kommt die Ungeheuerlichkeit um so krasser zu Vorschein, dass sich die Glaubenswissenschaft gegen das Glaubensleben erhebt. Beide Glaubensgestalten sind doch Brüder! Das Wesen des Brudermords haben wir uns ein wenig verdeutlicht. Unklar bleibt allerdings das Wie. Das hebräische Verb »harag« bedeutet anscheinend nur höchst allgemein »töten« (Gesenius 187), so dass die Phantasie des Bibelinterpreten die Einzelheiten ergänzen kann und sogar muss, wenn das Bild anschaulich werden soll. Die deutschen Bibelübersetzungen bevorzugen »schlagen«, entweder in Form von »totschlagen« oder »erschlagen«.20 Auch der Swedenborgianer Leonhard Tafel wählte »erschlagen«, während sich der Revisor seiner Neukirchenbibel Ludwig H. Tafel für
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»erwürgen« entschied und damit aus der Reihe fällt. Swedenborg hat »occidere«. Das kann »totschlagen« bedeuten, wird aber von ihm wohl einfach nur im Sinne von »töten« verwendet, denn das 5. Gebot (»Du sollst nicht töten«) übersetzt er mit »Non occides« (WCR 309). Eine Besonderheit beobachten wir beim Verfasser des 1. Johannesbriefes, nach dem Kain seinen Bruder »schlachtete« (1. Joh 3,12). Dieses Wort finden wir in der Johannesoffenbarung in Verbindung mit »Lamm« (5,6.12; 13,8). Sieht der Verfasser dieses neutestamentlichen Briefes also in Abel bereits eine Präfiguration Christi, des Lammes Gottes? Wir haben uns für »erschlagen« entschieden, weil wir in der Tradition Swedenborgs in Kain eine Personifikation des rechten Glaubens der Orthodoxie sehen, wo man sich mit Worten zu erschlagen pflegt. Schließlich noch ein Blick auf die Ikonographie. Anna Ulrich weist auf »die Vielfalt der Werkzeuge« hin: »Betrachtet man die Darstellungen der Tötung Abels, so fällt die Vielfalt der Werkzeuge auf, die Kain benutzt: vom Stein über die Keule bis zu Ackergeräten; vom Messer bis zum Eselskinnbacken. Es gibt Darstellungen, auf denen Kain mit Abel ringt, ihn erwürgt oder durch einen Biß tötet.«21 Zu Genesis 4,9: »Wo ist dein Bruder Abel?« Eine harmlose Frage. Jahwe erkundigt sich einfach nur nach dem Aufenthaltsort des Bruders von Kain. Auch nach dem Sündenfall stellte Jahwe eine solche Frage, damals an Adam: »Wo bist du?« (Gen 3,9). Doch die harmlose Wo-Frage hat es in sich. Sie deckt nämlich den Zustand desjenigen auf, der nun eine Antwort geben muss. Gerhard von Rad (1901–1971) weist auf einen Unterschied dieser beiden Wo-Fragen hin: »… die Frage Gottes an den Menschen lautet jetzt nicht ›Wo bist du?‹, sondern ›Wo ist dein Bruder?‹. Die Verantwortung vor Gott ist die Verantwortung für den Bruder; ›die Gottesfrage stellt sich jetzt als soziale Frage‹.«22 In Genesis 3 kam es zum Bruch im Verhältnis des Menschen zu Gott (= im vertikalen Verhältnis), in Genesis 4 ist es nun zum Bruch im zwischenmenschlichen Verhältnis (= im horizontalen Verhältnis) gekommen. Kain muss vor Gott nun das verantworten, was er seinem Bruder (an)getan hat. Das erinnert an die Schilderung des Gerichtes im Matthäusevangelium (25,31-46). Die Szene mündet in die Worte: »Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner
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geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.« Und: »…was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan.« Kain hat somit im Grunde Gott oder das Göttliche in sich (ab)getötet. Und tatsächlich wird die kainitische Menschheit auch noch den töten, den Abel nur im voraus, schwach darstellte, nämlich Jesus Christus, den Sohn Gottes. Kain will sich durch seine Antwort nicht verraten. Auf die Frage: »Wo ist dein Bruder?« erwidert er: »Ich weiß es nicht.« Das ist eine unverdächtige Reaktion. Aber es ist auch eine freche Lüge. Franz Delitzsch schrieb: »Welch schauriger Fortschritt von der schamhaft ängstlichen Flucht und Entschuldigung der Ureltern nach ihrem Falle zu diesem frechen Trotze, dieser unverschämten Verleugnung, dieser lieblosen Rohheit!« (167). Dieses verdorbene Wesen Kains bricht im zweiten Teil seiner Antwort hervor. »Bin ich der Hüter (oder Bewacher) meines Bruders?« Kain verrät sich nun doch. Denn diese heftige Gegenwehr zeigt, dass er aus seinem argen Bewußtsein in die »arglose Alltagsfrage« (Seebass 154) etwas Arges hineinspiegelt. Er spricht nämlich, ohne dass das irgendeinen Grund in der Wo-Frage hat, plötzlich von hüten oder bewachen. Damit gibt er zu erkennen: Ich weiß, dass Abel etwas Böses widerfahren ist (denn ich habe ihn ja selbst umgebracht). Der Ausruf »Bin ich der Hüter meines Bruders?« bringt die ganze Geringschätzung und Verachtung zum Vorschein, die Kain gegenüber Abel empfindet. Nach Swedenborg bedeutet er, dass Kain seinen Bruder Abel »für nichts hielt« (nihili faceret, HG 370). Abel ist etwas so Nichtswürdiges, dass man es nicht wie ein kostbares Kleinod sorgsam behüten muss. Der »Hüter« spielt auf den Beruf Abels an (Hirt = Hüter der Herde). Daher können wir Kains dreiste Antwort so umschreiben: »Soll ich, der Ackerbauer, der Hüter eines Hirten sein, dessen Tätigkeit nun einmal von Natur aus voller Gefahren ist, auf die er sich mit seiner Berufswahl eingelassen hat.« (siehe Seebass 154). Abel ist also selbst schuld, wenn ihm etwas zustößt. Der Zusammenhang von Hirt (»ro‘eh«) und Hüter (»schomer«) ist im Alten Testament gut bezeugt: »Der Israel zerstreut hat, wird es (wieder) sammeln und wird es hüten (uschemaro) wie ein Hirt (kero‘eh) seine Herde!« (Jer 31,10). »Und Jakob sagte: Du sollst mir gar nichts geben;
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wenn du mir diese (eine) Sache zugestehst, dann will ich wieder deine Schafe weiden (er‘eh) (und) hüten (eschmor).« (Gen 30,31; vgl. Hos 12,13). In 1. Samuel 17,20 steht das Partizip Wächter, Hüter für den Hirten: »Da machte sich David des Morgens früh auf und überließ die Schafe einem Hüter (schomer).« Und im Neuen Testament lesen wir: »Und Hirten (poimenes) waren in derselben Gegend im Freien und hüteten (phylassontes phylakas = hielten Wache) des Nachts bei ihrer Herde.« (Lk 2,8). Nach Swedenborg drückt sich in dem unwilligen Ausruf: »Bin ich der Hüter meines Bruders?«, noch einmal die Rebellion Kains gegen den Dienst, das heißt gegen die Unterordnung unter Abel aus. Diesen Dienst vergleicht er mit dem der Türhüter (»scho‘arim«) und der Hüter der Schwelle (»schomere hasaf«)23: »›Hüter sein‹ bedeutet dienen, gleichsam wie die Türhüter und die Hüter der Schwelle in der jüdischen Gemeinde« (HG 372). Was könnte Swedenborg mit dieser ungewöhnlichen gedanklichen Verbindung meinen? Der Glaube (Kain) als Schwellenwächter hat die Aufgabe darauf zu achten, dass nur diejenigen Gedanken in das Innere hineingelassen werden, die der freien Tatentfaltung des Geistes in seiner Gemeinschaft dienen. Der Hüter der Schwelle weist die Fremden zurück, nur die Freunde des Hausherrn, die mit seinem Leben inniglich verbunden sind, läßt er hinein. Diesen unter- oder vorgeordneten Dienst soll der Glaube dem geistigen Leben leisten. Stattdessen aber schwingt er sich zum Herrn auf und würgt das innere Leben durch seine rechthaberische Tyrannei ab. »Schamar«, das wir bisher immer mit »hüten« übersetzt haben, kann auch »beobachten«, »Acht geben«, (den Bund oder die Gebote Gottes) »halten« und »verehren« bedeuten. Wenn der Glaube seine Position als Schwellenwächter willig annimmt, dann richtet er sich innerlich auf seinen Herrn aus. Er beobachtet ihn. Er gibt Acht auf seine Winke. Er hält sich an die Weisungen seines Herrn. Mit einem Wort: Er verehrt ihn. Doch der selbstherrliche Glaube ruft empört aus: Bin ich der Verehrer meines Bruders? Zu Genesis 4,10: Die zweite Frage Jahwes oder die zweite Äußerung des Gewissens nach der schrecklichen Tat lautet: »Was hast du getan?« Swedenborg legt sie hier nicht aus. Aber dieselbe Frage kommt auch in Genesis 20,9 und 31,26 vor, und dort geht
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er bei seiner Auslegung von den Affekten oder Emotionen aus, die gleichsam das Leben dieser Worte sind (siehe HG 2546 und 4132). Daher achten wir besonders auf die Exegeten, die ebenfalls vom affektiven Gehalt ausgehen. Nach August Dillmann (1823–1894) ist »Was hast du getan?« in Genesis 4,10 »eine Frage des Entsetzens«.24 Und auch nach Gerhard von Rad bringt der Ausruf »Gottes Entsetzen über diese Tat« zum Ausdruck (77). Aus der »Was hast du getan?« Frage von Genesis 31,26 hört Swedenborg den Stimmungston der »Entrüstung« heraus (HG 4132). Ein anderer Ansatzpunkt für die Deutung von Sprache ist die Suche nach einem »Sitz im Leben«, das heißt nach einer Situation, in der typischerweise so und nicht anders gesprochen wird. In diesem Sinne erkennt Horst Seebass in den Versen 10 bis 12 »eine Reihe juristischer Vorstellungen«. So sei »Was hast du getan?« eine »Formel«, die man vor einem »Gerichtsverfahren zur Behaftung des Täters« verwandte (155). Kains Tat erscheint nun im Lichte der göttlichen Wahrheit als das, was sie ist, nämlich als ein himmelschreiendes Unrecht. Und sie wird anschließend mit den Folgen konfrontiert, in die sie verwickelt wird. In diesem Sinne wird Kain gerichtet. Die Frage »Was hast du getan?« kann man auch auf der Subjektstufe deuten. Dann lautet sie: »(Mein Gott), was habe ich getan?« Die Frage leitet die Bewusstwerdung der Tatfolgen ein. Die Deutung auf der Subjektstufe ist auch nach Swedenborg angemessen, weil er das Sprechen Jahwes mit dem Gewissen in Verbindung bringt und das Gewissen die innere Stimme Gottes ist. Hier spricht also die höhere Ebene im Subjekt zu der niederen Ebene im Subjekt. »Horch! Das vergossene Blut deines Bruders schreit zu mir vom Boden.« So haben wir die zweite Vershälfte übersetzt. Das hebräische Wort »qol« bedeutet zwar eigentlich »Stimme«, so übersetzt es Swedenborg. Aber im Alten Testament ist auch der Gebrauch von »qol« als Interjektion belegt (Gesenius 707), und dann bedeutet es »horch!«. Wir haben uns hier gegen Swedenborg für »horch!« entschieden, weil für »schreien« im Urtext eine Pluralform steht, die sich nur auf den Plural »Blut« beziehen kann, nicht aber auf den Singular »Stimme«. Damit ist schon die nächste Beobachtung genannt: »Blut« steht im Urtext im Plural. Nach Franz Delitzsch ist das der »Pl(ural) des Products«. Er bedeutet »als solcher das aus dem Innern des
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Leibes, wo es heimisch ist, tropfen- oder flußweise zur Erscheinung kommende Blut und zwar immer gewaltsam verströmtes Menschenblut«, das ist »ein fester Sprachgebrauch« (167)25. Auch Swedenborg gibt eine Erklärung für den Plural von »Blut«: »Blut im Plural heißt es, weil die Gesamtheit des Ungerechten und Abscheulichen aus dem Hass Entspringt, wie die Gesamtheit des Guten und Heiligen aus der Liebe« (HG 374). Das Blut steht sonach für das gewaltsam produzierte (Plural des Produkts), das heißt für das vergossene Blut. Oder, um Swedenborg aufzugreifen: Abels Blutlache steht für alle Gewalttaten, die sich die Menschen gegenseitig zufügen. Das Blut steht für die Bluttat oder, wenn wir von der Tat auf die Gesinnung schauen, für den »Hass« (HG 374). Nach diesen Überlegungen könnten wir den Vers auch so übersetzen: »Was hast du (nur) getan? Horch! Die Bluttat an deinem Bruder, sie schreit zu mir vom Boden (empor).« Das Geschrei der zahllosen Blutstropfen klagt Kain vor Gott an (siehe »anklagen« in HG 374 und 375). So wird er zu einem Angeklagten. Durch das Jammergeschrei wird er in den Zustand eines Beschuldigten versetzt, denn jede Tat begründet einen Zustand. Das Geschrei der Blutlache ist also ein archaisches Bild für diesen »Schuldzustand« (HG 376) Kains. Das Blut sickert in den Boden ein. Die Bluttat durchtränkt und durchdringt ihn, sie erfüllt ihn ganz und gar. Dadurch wird die Gewalt ein Teil dieses Bodens, ein Bestandteil seines Wesens. Gleiches gilt für die Schuld. Denn mit dem Blut dringt auch sie in den Boden ein. Er ist nun als der Boden des Brudermörders wie dieser schuldbeladen. So waren die Erzählungen der Alten beschaffen. An dem für unser Empfinden unschuldigen Boden klebt nun das Blut Abels und damit die Schuld Kains. Daher klagt der Boden seinen Herrn, gemeint ist Kain, vor Gott an, denn aus allen seinen Furchen dringt das Gejammer des unschuldig vergossenen Blutes zu Gott empor. Im geistigen Sinn meint der Boden den geistigen Boden oder die geistige Grundlage Kains, das heißt dasjenige gedankliche System, das seiner Gedankenproduktion oder seiner geistigen Fruchtbarkeit zugrunde liegt. Dieser fundamentaltheoretische Boden ist im Falle Kains »eine Abspaltung« (schisma) oder »eine von der Kirche abweichende Lehre« (haeresis) (HG 377).
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Konkret denkt Swedenborg an die Lehre von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben. Diese Lehre hat das geistige Leben (Abel) in der Kirche im Grundsatz ausgelöscht. Denn wo sind die christlichen Meister, die den Weg der geistigen Wiedergeburt gegangen sind und Schüler aufnehmen können? Kains Acker ist ein Friedhof geworden, aber anscheinend hört nur Gott das Stöhnen Abels, das schwache, das aus diesem Blutacker emporsteigt. Schluss folgt

Anmerkungen
1 Nach Delitzsch meint die hebräische Wendung »nach Verlauf geraumer Zeit« (163). Nach Gesenius bedeutet »miqqez« »m. folg. Zeitbestimmung: n. Verlauf von« (719). Der Plural »jamim« kann auch »einige Zeit« bedeuten (Gesenius 294). 2 Manfred Lurker sieht in der Frucht eine Verbindung von innen (Sonne) und außen (Erde): »Als Symbiose aus Erdtiefe und Lichthöhe ist die Frucht das Produkt irdischen Gedeihens und sichtbares Zeichen göttlichen Segens.« (Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole, 1990, Seite 130). 3 »Munus« als Übersetzung für »minchah« konnte ich auch in HG 3079 (für Jesaja 66,20), HG 9293 (für Maleachi 3,3.4), HG 2906 (für Maleachi 3,4) und in HG 9293 (für Psalm 72,10) entdecken. 4 Siehe »mincha« in HG 440, 1462, 2177, 2276, 2280, 2342, 2588, 3654, 3881, 4262, 5620, 7356, 7602, 7978, 8159, 8540, 9207, 9295, 9298, 9475, 9993, 9995, 10079, 10137, 10140, 10176, 10177, 10206, 10248, 10262, 10300, 10603. Siehe »minchah« in HG 4581, 5144, 6280, 6377, 7356, 7602, 7906, 7978, 8159, 9475, 9992, 10129. 5 Siehe HG 2276, 3654, 7356, 7602, 9207, 9295, 9298, 9475, 10176, 10177, 10206 (Himmlische Geheimnisse, orthographisch und typographisch revidierter Nachdruck der Basler Ausgabe von 1867-69, Zürich 2000). 6 »Die Alten (antiqui) vor Eber wussten nichts von Opfern (de sacrificiis)« (HG 10042). Nach HG 349 wurden im Judentum (Ecclesia Judaica) »Opfer (sacrificia) aller Art« »Gaben (munera)« genannt. Demnach wäre »Gabe« der Oberbegriff, jedes Opfer wäre als Gabe zu verstehen. 7 Es besteht ein Zusammenhang zwischen »erstgeboren« und »segnen«. »Bekor« (Konsonantenfolge »bkr«) bedeutet »erstgeboren«, »berak« hingegen (Konsonantenfolge »brk«) bedeutet »segnen«. Beide Worte werden im Hebräischen aus denselben Konsonanten gebildet. 8 Manfred Lurker, Wörterbuch der biblischen Bilder und Symbole, 1990, Seite 97f. 9 Wir folgen damit Franz Delitzsch, der hier ein »we« »der erklärenden Anknüpfung des Besonderen an das Allgemeine« sieht (163). 10 Wilhelm Gesenius‹ hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, bearbeitet von Frants Buhl, unveränderter Neudruck der 1915 erschienenen 17. Auflage, Berlin, Göttingen, Heidelberg 1962, Seite 231 (Sigel:
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Gesenius). Die Abkürzungen wurden im Interesse der leichteren Lesbarkeit durch die Vollform ersetzt. Arabisch ist ebenso wie Hebräisch eine semitische Sprache. Vgl. die Ausführungen von M. Kahir zum Wortstamm »Keleb«: »Nimmt man … K als Vorsatzlaut und leb als Wurzel, ergibt sich die Bedeutung: k = die Kraft, leb = des Herzens, der Liebe! Und das ist wieder das göttliche Schöpfungswort, dem alles Geschaffene das Leben verdankt. Findet sich auch diese Lautverbindung im Hebräischen vor? Ja, und zwar als das aspiriert gesprochene ›cheleb‹ = das Beste, Vorzüglichste! Wir sehen damit, daß die alten Wortbildner chaleb, die Kraft der Liebe, wirklich als das Beste und den höchsten Aspekt der Gottheit auffaßten. Wie jedes ursprünglich geistige Wort erhielt auch cheleb später von den ›Kindern der Fleischtöpfe Ägyptens‹ einen rein materiellen Sinn unterlegt. Das Wort nahm die Bedeutung ›das Fetteste, das Beste vom Eingeweidefett‹ an und der einstige Sinn verlor sich gänzlich.« (Das verlorene Wort, 1960, Seite 277). Das deutsche Wort »Antlitz« bedeutet »das Entgegenblickende«. August Dillmann, Die Genesis, 1886, Seite 93. So zum Beispiel im aaronitischen Segen: »Jahwe erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!« (Numeri 6,26). Seebass zitiert Speiser mit den Worten: »… well known in Akkadian as rabisum, a term for ›demon‹. These beings were depicted both as benevolent, often lurking at the entrance of a Building to protect or threaten the occupants.« (Seebass 144). Einzelheiten bei Alfred Acton, An Introduction to the Word Explained, 1927, 124–125. Diese Übersetzung ist dem ersten Band der Übersetzung der himmlischen Geheimnisse von Immanuel Tafel entnommen, die in Tübingen 1845 erschienen ist. Einige Stellen zur Verbindung von Acker und Saat bei Swedenborg: »Die Lehre heißt Acker, weil er (wie die Lehre) den Samen aufnimmt« (»doctrina vocatur ›ager‹ ex semine«, HG 368). »›Acker‹ bedeutet Kirche, weil sie wie ein Acker die Samen des Guten und Wahren aufnimmt« (HG 3766). »›Erdreich‹ (humus) bezeichnet die Kirche aus einem ähnlichen Grund wie ›Acker‹ (ager), nämlich wegen der Aufnahme verschiedener Samen, ihrem Wachstum und Ertrag« (HG 10570). Wegen der Empfänglichkeit für die Aussaat ist »Acker« gleichbedeutend mit »gutes Erdreich« (HG 3577). »Totschlagen« finden wir in der Zürcher Bibel (1931), in der Lutherbibel (1984), in der »Gute(n) Nachricht Bibel« (1997), in der »Hoffnung für alle« (2002) und in der Bibelübersetzung von Hermann Menge. »Erschlagen« finden wir in der Elberfelder Bibel (1991) und in der katholischen Einheitsübersetzung. Anna Ulrich, Kain und Abel in der Kunst: Untersuchungen zur Ikonographie und Auslegungsgeschichte, 1981, Seite 137. Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose: Genesis, Göttingen und Zürich 1987, Seite 77. (Sigel: v. Rad) Biblische Belegstellen zu Torhüter (»scho‘er«) bei Gesenius 815 und zu »Hüter der Schwelle« (»schomere hasaf«) bei Gesenius 549. August Dillmann, Die Genesis, Leipzig 1886, Seite 95. (Sigel: Dillmann) Vgl. auch Horst Seebass: »Der Pl. von dam ›Blut‹ steht nur für vergossenes Blut und ganz überwiegend für die Blutschuld (KBL3).« (155).
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Zum 100. Geburtstag von Gerhard Gollwitzer
von Christiane Gollwitzer
»Jedes Stäublein predigt durch sich selbst die Geheimnisse des Himmels. Wer den Schlüssel zu den Entsprechungen der Dinge besäße, dem würde der Staub die Wahrheit des Himmels verkündigen, der könnte auf den Flügeln der Anschauung sich von der erdenschweren Welt in den Bezirk der himmlischen Freiheit und Wahrheit emportragen lassen.«1

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amit wuchsen wir auf und ich kann es bis heute nicht anders denken. Mein Vater, Gerhard Gollwitzer, war ein rationaler Geist. Als bildender Künstler sehr an der streng und klar aufgebauten Kunst Cezannes orientiert, versuchte er auf allen Ebenen, das »Kompositionsprinzip« des Lebens im Diesseits und Jenseits zu ergründen. Cezannes Ausspruch, die Natur sei »das Schauspiel, das der pater omnipotens aeterne Deus vor unseren Augen ausbreitet«, war, solange ich mich an ihn erinnern kann, eines seiner Lieblingsworte. Und, da hinzugefügt, Swedenborgs »nunc licet!« (Nun ist es erlaubt, mit der Vernunft in die Geheimnisse des Glaubens einzudringen). Wie muss es ihn getroffen haben, als er zum ersten mal auf dieses Weltbild stieß! Und dazu noch die Vorstellung vom »homo maximus« – sozusagen das Ur-Kompositionsprinzip der Menschheit konsequent weiterentwickelt zur Jenseitsschau. Oder überwog bei GG zuerst das Interesse an der Schau, am Visionär? Er, der selbst so streng im Denken verhaftet war, sehnte sich, als Künstler, doch zeitlebens auch nach dem anderen, dem »numinosen«, was er von Angelus Silesius und, als protestantischer Pfarrerssohn, z.B. durch die Lieder Gerhard Tersteegens längst kannte. Immer neu bemühte er sich, mehr den »homo ludens« zu verkörpern als den »homo faber« und war doch selbst seinem Wesen nach einem Swedenborg viel näher als z.B. Angelus Silesius. Wann genau mein Vater Swedenborg entdeckte konnte ich nicht mehr zweifelsfrei in Erfahrung bringen. Fast alle, die man danach hätOFFENE TORE 1/06

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te fragen können, sind bereits in der jenseitigen Welt. Der Verleger K.H. Henssel in Berlin und unser altes Swedenborg-Mitglied Frau Ruth May sagten übereinstimmend, dass meine Eltern in Berlin ab 1937/38 am Lesekreis eines Herrn Brecht, der in der Schauspieler-Ausbildung tätig war, teilnahmen. Wer dieser Herr B. war konnte ich nicht mehr herausfinden. Am 24.7.1941 kam der jüngste Bruder der 6 GollwitzerGeschwister, Uwe, mit erst 20 Jahren, im Gefecht in der Ukraine ums Leben. Im Tagebuch für seine Kinder schrieb GG: »Nun ist Uwe bei den Engeln. Wenn es nach unserem leiblichen Tod so ist, wie Emanuel Swedenborg uns berichtet, dann war dein 1. Geburtstag sein 1. Tag in der geistigen Welt. – Meteorologie wollte er studieren, nun ist er bei dem, ›dem Wind und Wetter gehorsam sind‹.« Als im November 1941 ihr kleiner Sohn, Michael, 4-jährig starb, schrieb er ins Tagebuch: »wer konnte ahnen, dass es ihn so bald schon ins Land des Wesens und der Wahrheit ziehen würde.« Zu dieser Zeit war das Wissen um die Jenseitsschau Swedenborgs ein unendlicher Trost und bereits feste Gewissheit im Denken und Glauben meiner Eltern. Nachdem unser Haus in Berlin den Bomben zum Opfer fiel, wurde meine Mutter mit uns Kindern in die Heimat der Familie Gollwitzer, nach Franken evakuiert und meine Eltern waren bis zum Ende des Kriegs getrennt. GG wurde von der Staatlichen Porzellanmanufaktur (KPM) als »unabkömmlich« erklärt und mit dem Betrieb nach Karlsbad und Selb evakuiert. Von dort schrieb er am 25.10.43 an meine Mutter: » … Gerade seit wir getrennt sind, verstehe ich viel mehr, was unser Swedenborg mit ›ehelicher Liebe‹ meint im Gegensatz zu dem, was er ›geschlechtliche Liebe‹ nennt … « (hier beginnt wohl schon die geistige Vorarbeit für das 1973 im Swedenborg-Verlag erscheinende Buch: Der Mensch als Mann und Weib – Sexualität und eheliche Liebe in der Schau Emanuel Swedenborgs – erläutert von Gerhard Gollwitzers). Am 25.10.45 steht in einem Brief aus Selb: » …schick mir bitte den Swedenborg-Vortrag … Eingeschrieben!« Am 23.11.46 in einem Brief aus Berlin: » … war ich bei Trude (Petri) … dann ein gutes Gespräch über Swedenborg, Entsprechungen, Menschentum usw. Frl. Mayer hat … begeistert ›Himmel und Hölle‹ gefressen und das lockte Trude, sich auch mal hinein zu vertiefen.« 36
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Nach und nach wurde Swedenborgs Werk zum Angelpunkt seines ganzen Denkens, deutlich ablesbar an der Reihenfolge seiner Buch-Veröffentlichungen (abgesehen von den vielen Vorträgen und auch den Beiträgen zur Swedenborg-Zeitschrift »Offene Tore«). »Die Durchsichtige Welt« – »Die Geisterwelt ist nicht verschlossen« – »Der Mensch als Mann und Weib« – sind expressis verbis Swedenborgbücher. Doch auch seine Kunstbücher sind von da an durchdrungen von der Schau Swedenborgs: In seinem kunstschriftstellerischen Hauptwerk »Die Kunst als Zeichen« (Chr. Kaiser Verlag Mü. 1958) hat er auf Seite 81 folgenden Abschnitt aus seinem Swedenborg-Brevier »Die Durchsichtige Welt« ganzseitig als Leitmotiv in Großdruck hineingesetzt:
ENTSPRECHUNG Alle Dinge, die in der Natur entstehen, von ihrem kleinsten bis zu ihrem größten, sind Entsprechungen, denn die natürliche Welt mit all dem Ihrigen entsteht und besteht aus der geistigen Welt. Alles, was in der geistigen Welt existiert, ist Ursache der irdischen Wirkungen. Ein Natürliches, das nicht seinen Ursprung im Geistigen hätte, gibt es nicht. Von daher stammen die Verschiedenheiten der einzelnen Formen, von daher die Ordnung aller Dinge, ihre Funktionen insgesamt und im einzelnen. Sie entsprechen genau den erhabensten und den geistigen Ursachen, sie sind die äußersten Bilder. An keinem Tiere findet sich ein Härchen, an keinem Vogel ein Federfäserchen, an keinem Fisch ein Floßgrätchen, das nicht vom Geistigen herrührte. Weil nun alles und jedes vom Göttlichen besteht, das heißt fortwährend entsteht, und alles und jedes, was davon her ist, nichts anderes sein kann als Bild derjenigen Dinge, durch welche es entstanden ist, so folgt, dass das sichtbare Weltall nichts anderes ist als eine Schaubühne, die das Reich des Herrn abbildet und dass dieses Reich wiederum eine Schaubühne ist, die den Herrn selbst abbildet. Das Irdische bildet das Letzte, in das der göttliche Einfluss des Herrn sich endigt. Emanuel Swedenborg

»Der Mensch«, fährt er im Text seines Buches fort, »ist das Zentralwesen, die Schlüsselfigur der Schöpfung. Er, als einziges Erdenwesen gehört beiden Welten, der sichtbaren und der unsichtbaren, gleichzeitig an. Von daher rührt die Entsprechung der von ihm aus sich herausgestellten Formen und ihrer Beziehungen mit den Formen und Formgesetzen der Natur. Deshalb ist in ihm, in seiner Körpergestalt die Schöpfung konzentriert. Und umgekehrt: Die Natur um ihn ist
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der auseinandergefaltete Mensch.« Mit diesen Worten umschreibt er 1958 in »Die Kunst als Zeichen« seine eigene Schau, die deutlich von Swedenborg geprägt ist. 1967 veröffentlicht er im Klett-Verlag Stuttgart ein kleines Werk, das nun ganz um dieses Thema kreist: »Die Menschengestalt – Anregungen zu einer anschaulichen Anthropologie«. Und auch dieses enthält wieder ein langes Swedenborg-Zitat: dem Kapitel V, »Die Menschengestalt als Darstellung der Struktur des Menschenwesens« sind folgende Sätze als Leitmotiv vorangestellt (Seite 39):
»Die Engel staunen, wenn sie hören, dass es Menschen gibt, die alles der Natur zuschreiben, nichts aber dem Göttlichen, die glauben, ihr Leib, in dem so viel bewundernswerte himmlische Zeichen zusammengebildet sind, habe sich nur aus der Natur gebildet. Würden sie ein wenig den Geist erheben, so könnten sie sehen, dass dergleichen aus dem Göttlichen und nicht aus der Natur stammt und dass die Natur nur erschaffen ist, um das Geistige in entsprechender Weise im Letzten der Ordnung darzustellen.« Emanuel Swedenborg

Im Kapitel XII, »Die Menschengestalt als Aufgabe und Verheißung«, schreibt er auf Seite 100 unten: »Verstehen wir die Zentralgestalt der Schöpfung, die Menschengestalt, als irdisch-sichtbare Darstellung des gemeinten Menschenwesens, dann rückt uns auch Swedenborgs Schau näher« und zitiert an dieser Stelle und in den Anmerkungen S. 114-119 ausführlich Swedenborg, sowohl aus »Himmel und Hölle« als auch aus Ernst Benz, Swedenborg:
»In den Himmeln ist alles, was vom Herrn im Größten und Kleinsten ausgeht, entweder in menschlicher Gestalt oder bezieht sich darauf. Sowohl der Himmel in seiner Gesamtheit wie auch jeder Engel für sich ist in menschlicher Gestalt. Mir wurde enthüllt, dass alles, was vom Herrn ausgeht, in dieser Gestalt ist, Ausbild von ihm. Daher ist von Adam und Eva gesagt, sie seien zum Bilde Gottes und zur Ähnlichkeit Gottes geschaffen worden. Daher rührt auch, dass die Engel in den Himmeln als die Aufnahmegefäße des Göttlichen, das vom Herrn ausgeht, Menschen von wunderbarer Schönheit sind.« (Seite 100f.).

GG wurde am 7.6.1906 in Pappenheim/Bayern geboren, als zweites von 6 Kindern des Lutherischen Pfarrers Wilhelm Gollwitzer und seiner Ehefrau Barbara, geb. Löffler. Von 1925-31 studierte er Kunst an der Akademie in München und Berlin. 1931 Staatsexamen 38
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für Kunsterziehung in München. 1931-37 Kunsterzieher am Landerziehungsheim Schondorf/Bayern. 1937 wurde er erst Künstlerischer Mitarbeiter, dann Künstlerischer Leiter der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Berlin. 1937 Eheschließung mit Lalita G., geb. Schrader. In diesen Jahren auch erste Begegnung mit Swedenborg, vermutlich über die Lesung eines Theaterstücks von Hasenclever. Und nicht zuletzt der Tod seines kleinen Sohnes Michael mag dazu beigetragen haben, dass er von dieser Jenseitsschau sofort tief ergriffen wurde. Bis 1943 lebte und arbeitete GG in Berlin, dann in Selb, wohin die KPM ausgelagert wurde. 1942-45 war er zudem Künstlerischer Mitarbeiter der »Staatl. Glasmanufaktur Karlsbad«. 1946 Berufung an die Staatl. Akademie der Bild. Künste Stuttgart, wo er bis 1968 lehrte. Wann die Verbindung meines Vaters zu Dr. Friedemann Horn und dem Swedenborg-Verlag Zürich begann, konnte ich leider nicht herausfinden. Jedoch ist ab Mai 1951 in seinen Terminkalendern fast allmonatlich am ersten Montag des Monats »Swedenborg-Abend« vermerkt. Bei einem Besuch bei Frau Ruth May im März 2003 erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass ihr verstorbener Ehemann, Wil Steinberg, ebenfalls schon zu jenem Lesekreis um 1940 in Berlin gehörte und hier erstmals mit GG zusammentraf. Auch er war nach Kriegsende nach Stuttgart übergesiedelt und gehörte dann, zusammen mit seiner Frau, zu den treuesten Mitgliedern unseres Swedenborg-Lesekreises, den mein Vater in den 50er Jahren in Stuttgart begann und der sich ziemlich regelmäßig allmonatlich am ersten Montag in unserer Wohnung in der Gänsheidestraße versammelte, und zwar durchgehend bis zum Jahr 1966, wo die Eltern bereits mit der Übersiedlung in ihren Alterssitz in Mühlheim im Altmühltal begannen. Zu vermerken wäre noch, wie aus der Zusammenarbeit von Dr. Fr. Horn und meinem Vater der Altarteppich für den Kirchensaal in der Apollostraße in Zürich entstand. Auf dem Foto, das nach der Einweihung im September 1957 entstand, hat mein Vater auf der Rückseite Folgendes notiert: Wandbehang: Applikation mit Goldkordelstickerei. Thema: Offenbarung Joh. Kap. 4: Steine Jaspis und Sarder (weiss und rot). Alpha und Omega, umgeben vom Smaragdfarbenbogen (grün), die 4 »Tiere« mit je 6 Flügeln, das gläserne Meer, die 24 Ältesten mit goldenen Kronen – Die Sonne mit Strahlen in Gold (Liebe, das Gute) und Silber (Weisheit, das Wahre) – Vor dem »Thron« auf dem
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Wandbehang: 7 Fackeln = Kerzen. – Tuch auf dem Altar, im Zentrum, rot, goldgerändert. Wand rechts und links weiß, Vorhang ganz rechts und links blau, hellblau. Holz von Altar, Kanzel, Lesepult und Stufen: Birnbaumholz (Fruchtbaum!) Gerhard Gollwitzer Hier möchte ich eine persönliche Erinnerung einfügen: Der Altarteppich wurde in Stuttgart nach dem Entwurf und unter der Aufsicht meines Vaters angefertigt und bestickt. Nach Fertigstellung sollte er nach Zürich gebracht werden, wo er – wie ich vermute, im Rahmen der »Neue Kirche« Jahresversammlung 1957 – feierlich eingeweiht werden sollte. Vermutlich aus Ersparnisgründen hatten meine Eltern sich angeboten, selbst den Transport des Teppichs nach Zürich zu übernehmen. Da sie kein Auto besaßen, musste das mit dem Zug bewerkstelligt werden. (Wer GG kannte, weiß, dass er vor keiner Herausforderung zurückschreckte; und meine Mutter hat ihn immer gutwillig unterstützt.) Sehr gut erinnere ich mich an die Erzählung, wie sie die schwere dicke Stoffrolle mit Hilfe anderer Fahrgäste im Zug auf die Gepäckablage hinaufwuchteten. Doch das echte Problem kam erst an der Grenze, die damals ja noch nicht so einfach passiert werden konnte. Die Grenzkontrolle erschien und fragte, was das für ein Riesenpaket sei und wie sie das zu verzollen gedächten? Mein Vater erklärte, dass es sich um einen Altarteppich und nicht um eine Handelsware handle. Doch für solch ein Kunst-Objekt gab es keine Zollbestimmungen. Man war ratlos, der Zug musste weiter, und so mussten meine Eltern mit dem Teppich den Zug verlassen und zu einer langen Diskussion in die Zollstation – in großer innerer Spannung, ob sie nun noch rechtzeitig zu der Einweihungsveranstaltung nach Zürich kämen. Man ratschlagte hin und her, wie man das Problem lösen könne und schließlich kam meinem Vater der rettende Gedanke: man könne das Ganze doch einfach als Stoff verzollen. Dafür gab es Bestimmungen, man konnte feststellen, was das kostet, es wurde bezahlt und mit dem nächsten Zug erreichten sie tatsächlich noch im letztmöglichen Moment den Zielpunkt des ganzen Unternehmens: die Apollostrasse 2 in Zürich. Als Pfarrer Thomas Noack (ordiniert 1994) 1999 die Nachfolge Dr. Horns antrat, begann eine Umgestaltung im Inneren sowohl als im Äußeren der Züricher Gemeinde. Schließlich wurde auch der Kirchenraum neu gestaltet. Pfarrer Noack fand keine Möglichkeit zur Weiterverwendung bzw. sachgemäßen Lagerung des Wandteppichs. 40
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Er war zufrieden, dass unsere Familie bereit war, den Teppich in den Werkbestand meines Vaters aufzunehmen. Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg, wo sich der schriftliche Nachlass von Gerhard Gollwitzer befindet, archiviert nur Gedrucktes. So war ich erfreut als ich hörte, dass Dr. Johannes Wertz, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, den Wandteppich gerne in einem seiner großen Praxisräume in dem schönen denkmalgeschützten Haus in der Tübinger Haaggasse aufhängen würde. (Er übernahm auch die notwendig gewordene Restaurierung). Der Vater von Dr. J. Wertz, Dr. Ernst Wertz, ein ebenso an Rudolf Steiner wie an Jakob Böhme orientierter Grenzgänger des Geistes, war bis zu seinem Lebensende ein treues Mitglied unseres Stuttgarter Swedenborg-Kreises. Er war ein großer Fragender und brachte viele geistige Anregungen in die Gespräche mit ein. Wenn es ein Wiedersehen im Jenseits zwischen ihm und meinem Vater gibt, so vermute ich, dass die beiden sich über diese Lösung freuen werden. Drei Jahre nach Gerhard Gollwitzers Tod veröffentlichte der Swedenborg Verlag dessen letzte Arbeit, die er selbst nicht mehr abschließen konnte, – erst als bibliophilen Sonderdruck, dann als Nachdruck in »Offene Tore«: den Aufsatz über einen modernen Psalm von Ezra Pound, »Der Fehler liegt im Nichttun«. Die ganzseitigen Linolschnitte dazu hatte er bereits fertiggestellt, als ihn der Tod überraschte. In ihrem Vorwort zu dieser kleinen posthumen Werkveröffentlichung charakterisiert Hella Horn meinen Vater so treffend, dass ich einen Auszug davon zum Abschluss hier wiedergeben will: » … Wie in einem Brennspiegel gesammelt, wird in diesen Zeilen noch einmal sichtbar, was er als seine Aufgabe, als die Aufgabe des Menschen überhaupt, ansah: Mittler zu sein zwischen Schöpfer und Schöpfung, in tätiger Verantwortung mitzuhelfen, die Zielidee Gottes von Liebe und Harmonie im Himmel wie auf Erden zu verwirklichen. Aus diesem Selbstverständnis heraus war er vor allem Erzieher, – danach erst Künstler, Politiker, Mitmensch, der nichts beließ ›in des Gedankens Blässe‹, sondern dem alle Ideen und Dinge lebendig wurden in praktischen Beispielen und Bildern. Indem er auf seinen Schöpfer lauschte und in die Schöpfung hineinschaute, wurde er selbst angeregt zu lebendiger Tätigkeit in einer Fülle, die seinen Freunden unvergesslich ist.«

Anmerkung
1 Ernst Benz, Swedenborg: Naturforscher und Seher, Zürich 1969, S. 369f
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»Himmel und Hölle« im marixverlag
Eine Rezension von Thomas Noack

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berrascht und erfreut haben wir zur Kenntnis genommen, dass endlich einmal wieder ein Werk Swedenborgs außerhalb des Swedenborg Verlags veröffentlicht worden ist. Und es ist wieder einmal »Himmel und Hölle«, der Klassiker des »Geistersehers«. 1924 erschien dieses populärste Werk Swedenborgs im Verlag Richard Halbeck, Berlin, damals mit einem Vorwort von F. A. Brecht. Und im Jahr darauf, 1925 erschien erschien Walter Hasenclevers Nachdichtung »Himmel, Hölle, Geisterwelt« im Verlag Die Schmiede, ebenfalls in Berlin. Gerne würde ich der Frage nachgehen, ob ein Zusammenhang zwischen einem vermehrten Interesse am Jenseits in der Öffentlichkeit und den herrschenden Zeitumständen erkennbar ist. Doch ich will mich nicht allzu sehr auf Spekulationen einlassen. Aber die seinerzeitigen Veröffentlichungen von »Himmel und Hölle« fielen in die Zeit der instabilen Weimarer Republik. Auch heute ist
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der Glaube an die Sicherheit der äußeren Lebensverhältnisse erschüttert, und der Glaube an Engel und eine jenseitige Welt ist nicht mehr abwegig. Die Herausgabe von »Himmel und Hölle« im marixverlag scheint ein weiterer Indikator dieser Entwicklung zu sein. Wenden wir uns dem Buch zu! Herausgegeben und kommentiert wurde es von HansJürgen Hube (geb. 1933). Er studierte Germanistik, Nordistik und Altphilologie. Von 1974 bis 1998 war er am Nordeuropainstitut der Humboldt-Universität Berlin tätig. Von ihm stammen Veröffentlichungen zur skandinavischen Sprachwissenschaft und Literaturgeschichte sowie literarische Übersetzungen. Außerdem gab er Übersetzungen nordischer Märchen, Sagen und Mythen heraus. »Himmel und Hölle« wird dem Leser »in einer bearbeiteten Übersetzung von J. F. J. Tafel« (gemeint ist J. F. I. Tafel) (Seite 15) dargeboten. Bearbeitung meint in diesem Zusammenhang eine eher zurückhaltende sprachliche Auffrischung eines schon etwas altertümlichen Textes aus dem 19. Jahrhundert. Eine Stichprobe (mehr kann es nicht sein)

möge das geringe Ausmaß der Bearbeitung etwas veranschaulichen. Bei Tafel heißt es: »Die Geisterwelt ist nicht der Himmel, und ist auch nicht die Hölle, sondern ein Mittelort oder Mittelzustand zwischen beiden; denn dahin kommt der Mensch nach dem Tode zuerst, und dann nach vollbrachter Zeit wird er gemäß seinem Leben in der Welt entweder in den Himmel erhoben, oder in die Hölle geworfen.« (HH 421). Der Text in der Bearbeitung von Hube lautet: »Die Geisterwelt ist nicht der Himmel und ist auch nicht die Hölle, sondern ein Mittelort oder Mittelzustand zwischen beiden; denn dahin kommt der Mensch nach dem Tode zuerst, und dann – nach vollbrachter Zeit – wird er entsprechend seinem Leben auf Erden entweder in den Himmel erhoben oder in die Hölle geworfen.« (HH 421). Hube avanciert also nicht zum ersten Swedenborgübersetzer des 21. Jahrhunderts, sondern greift auf die Altvorderen zurück, deren Frack (= sprachliches Gewand) ein wenig der neueren Mode angepasst wird. Die Besonderheit dieser Neuausgabe ist daher weniger die Übersetzung, sondern eher schon die Kommentierung

des Werkes in 157 Anmerkungen, einer 7seitigen, im wesentlichen biografischen Einführung, einem 12seitigen Nachwort und einem 6seitigen Literaturverzeichnis. Die Anmerkungen bieten vielfach zusätzliche Informationen zum Denken Swedenborgs (tlw. gestützt auf Swedenborgs eigenen Anmerkungen), gelegentlich werden auch Brücken zum zeitgenössischen Denken geschlagen. So lesen wir in der Anmerkung 125: »Ohnmacht. Viele zeitgenössische Werke des 18. Jahrhunderts enthalten Beschreibungen von Ohnmachtsgefühlen, gerade die Bewegung des Sturm und Drang lebte auch vom Gefühlsüberschwang; auch Swedenborg lebte im ›Zeitalter der Empfindsamkeit‹.« Für den der Swedenborgs Denken kennt, stellen vielleicht diese Ausflüge in das zeitgenössische Umfeld den interessantesten Teil der Kommentierung dar. Seitdem Olof Lagercrantz Swedenborg zum Dichter hat schrumpfen lassen, ist diese These wohl diejenige mit der unsere Zeit zum Ausdruck bringen kann, dass sie Swedenborg nicht zum Spinner erklären möchte, dass sie sein Jenseits
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aber auch nicht einfach so als Wahrheit annehmen möchte. Im Nachwort schreibt Hube: »Man muss … Swedenborgs Werke als große Dichtungen eines genialen Geistes auffassen. Wir verstehen, dass seine Engel und Geister, gute wie böse, eigentlich seine Geschöpfe sind, zu Papier gebracht von einem, der durch sein großes Wissen über die biblischen Dinge, über die Kultur des alten Orients, über die Geschichte des alten Europa zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen ist. Im selben Jahrhundert, in dem Swedenborg seine wunderbaren Phantasien formulierte, gab es viele andere Autoren, die utopische oder religiöse Schriften veröffentlichten, und nicht selten waren es große Geister, die – auf der Suche nach der ›besten aller Welten‹ – zu abenteuerlichsten und realitätsfernen Darstellungen Zuflucht nahmen, um – etwa in einem allegorischen Gewand – versteckte Kritik an heimischen Zuständen zu üben. ›Gullivers Reisen‹ zu den Liliputanern von Jonathan Swift ist so ein Werk, das im ›Märchen‹ über Zwergmenschen und Riesen die Verhältnisse der Gegenwart kritisch beleuchtet.« (Seite
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397). Ist das Jenseits Dichtung oder Wahrheit, – oder in einer geheimnisvollen coincidentia oppositorum beides zugleich? Wenn der Himmel in uns ist, wenn er unsere Schöpfung ist, dann ist er wohl beides zugleich: unsere Dichtung und unsere Wahrheit, die uns in sich hineinzieht. Wir sollten uns nicht in Alternativen verstricken lassen, die womöglich gar keine sind. Das Buch trägt den Titel: Emanuel Swedenborg, Himmel und Hölle nach Gesehenem und Gehörtem, herausgegeben und umfangreich kommentiert von Hans-J. Hube, Wiesbaden: marixverlag 2005. Interessanterweise ist damit der Urtitel falsch wiedergegeben, denn nach Swedenborg müsste es heißen: nach Gehörtem und Gesehenem (»ex auditis et visis«). Ich vermag nicht zu beurteilen, ob diese Umstellung beabsichtigt ist oder ein Versehen darstellt. Vermutlich ist hier die verbreitete Vorstellung vom »Geisterseher« Swedenborg durchgeschlagen. Das Buch ist nicht beim Swedenborg Verlag erhältlich, dafür aber leicht beim Buchhandel oder im Internet.

Das Buch zur Jubiläumstagung über Friedrich Christoph Oetinger
Eine Rezension von Thomas Noack

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nlässlich des 300. Geburtstages von Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782) fand im Oktober 2002 eine Internationale Fachtagung im Großen Senat der Universität Tübingen statt. Während frühere Tagungen über Oetinger bei seinen zentralen Ideen einsetzten und möglichst viele zentrale Aspekte seines Denkens beleuchteten, konzentrierte sich diese Tagung auf das wissenschaftliche Umfeld. Es wurde gefragt, welche Ausbildung Oetinger an der Universität Tübingen genoss und was er von seinen akademischen Lehrern übernehmen konnte. Und es wurde der Stand der Wissenschaften skizziert, mit denen sich Oetinger besonders auseinandersetzte: der Mathesis, der Naturphilosophie und den Arkanwissenschaften. Die

Beiträge liegen jetzt in einem Tagungsband vor. Unsere Leser dürfte vor allem der Beitrag von Eberhard Zwink interessieren, weil Swedenborg darin eine zentrale Rolle spielt. Daher sei nur am Rande erwähnt, dass in dem Tagungsband insgesamt 15 Autorinnen und Autoren zu Wort kommen. Mit unseren persönlichen Fragestellungen berührten sich am meisten die Ausführungen von Eva Johanna Schauer über »Friedrich Christoph Oetinger und die kabbalistische Lehrtafel der württembergischen Prinzessin Antonia in Teinach« und Pierre Daghaye über »Oetinger und Böhme, von der verborgenen Gottheit bis zum offenbaren Gott«. Im Mittelpunkt aber stand für uns natürlich der Beitrag von Eberhard Zwink. Er betreut in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart unter anderem die Swedenborg-Sammlung und ist durch mehrere, ambitionierte Arbeiten über den schwedischen Gelehrten und seine Rezeption publizistisch in Erscheinung getreten.
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»›Schrauben-förmige Bewegung ist in allem‹ – Oetinger lenkt den Blick auf Swedenborgs ›irrdische Philosophie‹«, so lautet Zwinks Thema. Worum geht es? Um historische Wissenschaft! Während bei vielen Swedenborgianern eine Vorliebe für die Wirkungsgeschichte ihres Meisters zu erkennen ist, ist es Zwink, der gerne betont, dass er keiner Neuen Kirche angehört, eine Freude, in die andere Richtung zu gehen, das heißt traditionsgeschichtliche Studien zu betreiben. So geht er hier beispielsweise der Frage nach, welche Einflüsse zu Swedenborgs »Principia rerum naturalium« von 1734 geführt haben. Und damit sind wir en passant schon bei einem weiteren Punkt, auf dem wir unsere an dem Theosophen Swedenborg interessierten Leser hinweisen müssen. Zwink wendet sich nämlich dem Naturphilosophen Swedenborg zu, über den »bis heute« Oetinger »am ausführlichsten … publiziert hat.« (Seite 197). Das war in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts! Wenn sich so selten
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die Gelegenheit bietet, auf die unterbelichteten Seiten eines großen Geistes hingewiesen zu werden, dann sollte man sie ergreifen, wenn sie sich endlich einmal wieder bietet. In dem Beitrag von Eberhard Zwink stößt der Leser immer wieder auf neue Informationen und Hinweise. Mitunter sind es nur Details. Mitunter aber auch Thesen, die der Swedenborgforschung neue Impulse geben. Im Rahmen dieser Rezension möchte ich einen Punkt herausgreifen, der dem Autor und auch mir wichtig ist, die gedankliche Verbindung Swedenborgs mit der Kabbala. Zwink formuliert seine These so: »Es ist … offensichtlich, dass Swedenborgs späteres theosophisches System ohne die Emanationsvorstellungen der Kabbala nicht denkbar wäre.« (Seite 216). Diese Sicht dürfte nicht unwesentlich durch die Historikerin Marsha Keith Schuchard angeregt worden sein. Sie hielt 1988, anläßlich eines Symposions zum 300. Geburtstag Swedenborgs, einen Vortrag unter dem Titel »Swedenborg, Jacobitism, and

Freemasonry« (deutsche Übersetzung siehe OT 4 (2002) 168-192). Swedenborgs Beitrag zur Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts bestand nach Schuchard unter anderem in seiner Absicht, »seltene Lehren der jüdischen Kabbala bekannt zu machen«. Im deutschsprachigen Raum hat sich seitdem vor allem Zwink dieser Spur angenommen. Und tatsächlich gelingen ihm beachtenswerte Entdeckungen. So spricht Swedenborg in der Kosmogonie seiner »Principia« nicht nur vom natürlichen Punkt, sondern bringt diesen auch etwas geheimnisvoll mit dem Begriff des Samens in Verbindung (Princ. II,7). In seinem Beitrag für die Oetingertagung weist Zwink nun darauf hin, dass der Zohar, die Hauptquelle der Kabbala, »in den ersten Auslegungen zu Gen 1 auch einen Zusammenhang zwischen Punkt … und Same …« bringt. Solche Beobachtungen dienen der Untermauerung der These durch das Quellenstudium. Einige Hinweise deuten darauf, dass Swedenborg von der historischen Forschung seit einiger Zeit vermehrt wahrge-

nommen wird. Wir sind sehr gespannt, wie sich die Diskussion der traditionsgeschichtlichen Einordnung Swedenborgs weiterentwickeln wird. Der Beitrag von Eberhard Zwink enthält noch weitere Beobachtungen. Wer nur den Theosophen Swedenborg kennt, wird den Ausführungen des Autors manchmal nur mit Mühe folgen können, aber wenn er diese nicht scheut, wird er mit einer näheren Bekanntschaft mit dem Naturphilosophen Swedenborg belohnt. Sabine Holtz, Gerhard Betsch, Eberhard Zwink (Hrsg.), Mathesis, Naturphilosophie und Arkanwissenschaft im Umkreis Friedrich Christoph Oetingers (1702–1782) (Contubernium, Band 63), Stuttgart 2005, ISBN 3515-08439-8, 54,– Euro. Das Buch ist nicht beim Swedenborg Verlag erhältlich. Bitte wenden sie sich an ihren Buchhändler!

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Christliche Ikonographie
Eine Buchvorstellung von Thomas Noack

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as »Wörterbuch der christlichen Ikonographie« wendet sich zwar im wesentlichen an »Studenten der Kunstgeschichte und der Theologie sowie interessierte Laien«, dennoch möchte ich es gerade auch unseren Lesern vorstellen. »Interessierte Laien« sind sicher unter ihnen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund meines Hinweises auf dieses Wörterbuch. Was dann? Emanuel Swedenborg stellte bekanntlich das Bild in den Mittelpunkt des Christentums. Denn es spricht tiefere Schichten des Seelenlebens an als der unanschauliche Begriff. Während der Begriff oder Terminus begrenzt (terminare = begrenzen), öffnet das Bild ein Tor in die geistige Welt. Die Ostkirche weiß das seit jeher, denn sie versteht die Ikone als ein Fenster zwischen der irdischen und der himmlische Welt. Daher halte ich die Ikonographie für eine Hilfswissenschaft der Entsprechungskunde. Und damit sind wir im
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Zentrum unseres Anliegens, was den Hinweis auf dieses Wörterbuch mehr als rechtfertigt. Das »Wörterbuch der christlichen Ikonographie« liegt bereits in der 8. Auflage vor. Die knappen, gut lesbaren und allgemein verständlichen Texte vermitteln die Kenntnisse, die zum Verständnis christlich geprägter Kunst aus allen Epochen nötig sind. Biblische Themen kommen ebenso zu Wort wie Heiligendarstellungen, theologisch-liturgische Begriffe ebenso wie symbolisch-typologische. Die geistige Welt des Christentums prägte über Jahrhunderte die Kunst in Europa und dies weit über den engeren Bereich des Kultes hinaus. Im Zuge der Moderne mit der zunehmenden Säkularisierung des Lebens ging das Wissen um religiöse Inhalte, Zeichen und Symbole weitgehend verloren. Damit fehlt ein wesentlicher Schlüssel zu einem umfassenden Verständnis großer Teile der abendländischen Kunst aller Gattungen: Architektur, bildende Kunst und Kunsthandwerk. Das Ziel dieses Handbuchs ist es, dem Leser diesen Schlüssel wieder in die Hand zu geben. Es stützt sich in der Beschreibung und

Deutung der religiösen Grundlagen künstlerischen Gestaltens auf die biblischen Bücher des Alten und Neuen Testaments, die Apokryphen, die christliche Legendenliteratur, die Kirchenväter, Viten von Heiligen und Ordensgründern sowie auf Schriften bedeutender Gestalten der Kirchengeschichte. Der Schwerpunkt liegt in der Kunst Mittel- und Westeuropas, wobei Vergleiche mit Werken aus dem ostkirchlichen Bereich zu vertiefter Kenntnis beitragen. Rund 50 Holzschnittzeichnungen dienen der Veranschaulichung. Bibliographische Angaben regen zum weitergehenden Studium an. Als Kostprobe drucken wir den Artikel »Makrokosmos und Mikrokosmos« ab. Denn dieses Begriffspaar spielt bei Swedenborg eine zentrale Rolle: »Makrokosmos und Mikrokosmos (griech., lat.: mundus major und mundus minor), Vorstellung von der Abbildung des Weltalls (Makrokosmos) im Körper des Menschen (Mikrokosmos). Ursprung dieser Vorstellung sind oriental. Schöpfungsmythen und die späthellenist. Astrologie. Erste Rezeptionen finden sich in der westeurop. Kunst des 11.

Jh. in Tierkreis-Darst., auf denen inschriftlich die einzelnen Tierkreiszeichen mit Teilen des menschl. Körpers in Beziehung gesetzt werden. Daraus entstehen später die Bilder von Menschen, in die die Tierkreiszeichen eingezeichnet sind (siehe Tierkreis). Die bedeutendste ma. Verarbeitung des Themas ist die Miniatur im Luccheser Liber divinorum operum der Hildegard von Bingen aus dem 13. Jh.: Der Mikrokosmos als nackter Mensch steht im Luftkreis, der die Erde umgibt, und reicht mit den Gliedmaßen an den Kreis der vielfachen Sphären, der seinerseits vom Makrokosmos (doppelköpfig: Gottvater + Christus?) mit ausgebreiteten Armen umfaßt wird. Die Figur eines Menschen als Mikrokosmos in einer Prüfeninger Handschrift des 12. Jh. beweist durch Beischriften ebenfalls die Kenntnis einer oriental. (pers.) Schöpfungsmythe: Die Füße bedeuten die Erde, die Knochen die Steine, die Nägel die Bäume, die Haare das Gras, der Bauch das Meer, die Brust die Luft, der Kopf den Himmel, seine sieben Öffnungen die Planeten. Dieser Bildtypus wird bis ins 14. Jh. kopiert. Der Liber
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floridus kennt die Antithese von M. und M. mehr in einer von Augustinus beeinflußten Fassung: In zwei dekorativen Kreiskompositionen stehen sich Mundus maior (ein bärtiger Mann, Annus oder Chronos vergleichbar, mit den Symbolen der Zeit, Tag und Nacht in den Händen, umgeben von den sechs Tagen der Schöpfung [Sechstagewerk] und den sechs Weltaltern) und Mundus minor (bartlose Gestalt, umgeben von den vier Elementen, den Jahreszeiten und den sechs Lebensaltern) gegenüber. Im 15. Jh. treten die Planeten stärker zum Thema hinzu: Der menschl. Körper wird zum Träger der sieben Himmelskörper, der Kopf entspricht dabei der Sonne (Paracelsus: »Im Menschen sind Sonne, Mond und alle Planeten«). MikrokosmosDarst. sind umgeben von den Bahnen der Planeten in ihren sieben Firmamenten und vom Tierkreis. Schließlich kann auch der Kopf eines Menschen, der nach den oriental. Schöpfungsmythen den Himmel abbildet, allein von den Planeten umkreist wiedergegeben werden. Planetenkinderbilder, die kosm. Einwirkung der Gestirne auf
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menschl. Charaktere, Schicksale und Tätigkeiten darstellen, gehören ebenfalls in diesen astrolog. Vorstellungskomplex. Eine Übertragung des Themas in die Monumentalkunst kann in der Figur eines Menschen gesehen werden, der mit seinen Gliedmaßen entsprechend dem Verlauf der Diagonalrippen eines Kreuzgewölbes angelegt ist (Vorhalle der sog. Ritterkapelle, 15. Jh., Haßfurt; ältere Beispiele in Mainz nicht erhalten). Lit.: H. v. Einem: Der Mainzer Kopf mit der Binde. Köln und Opladen 1955. – F. Saxl: Macrocosm and Microcosm in Medieval Pictures (1927/28). In: Lectures I. London 1957. – A. J. Gurjewitsch: M. u. M. In: Das Weltbild des ma. Menschen. Dresden 1978.« Hannelore Sachs, Ernst Badstübner, Helga Neumann, Wörterbuch der christlichen Ikonographie, Regensburg 2004, ISBN 3-7954-1653-1, 29,90 Euro. Das Buch ist nicht beim Swedenborg Verlag erhältlich. Bitte wenden sie sich an ihren Buchhändler!

Bericht vom Herbsttreffen der Gemeinde der Neuen Kirche
von Elke Barduhn

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as Herbsttreffen der Gemeinde der Neuen Kirche wurde vom 7. bis 9. Oktober 2005 wie immer im Hause Völker in Moos-Weiler abgehalten und begann mit einem Vortrag von Heinz Grob am Freitag Nachmittag über das Thema »Raum und Zeit«, der mit einem Ausflug in die Mathematik startete. Ein mathematischer Punkt, der zwar genau definiert ist und im Koordinatensystem jeweils exakt lokalisiert wird, besitzt keine räumliche Ausdehnung. Von daher ist er eigentlich eine Null, ein Nichts. Demzufolge besteht eine mathematische Linie, die mathematisch aus lauter aneinandergereihten Punkten besteht, eigentlich aus »auseinandergezogenen Nullen« und hat ebenfalls keine räumliche Ausdehnung. Konsequenterweise ergibt sich dasselbe in der dritten Dimension, und

also ist auch der Raum ein Nichts und existiert gar nicht. Dasselbe Spiel lässt sich mit der Zeit anstellen, wobei der Punkt dann dem »Jetzt« entspricht, einer nicht messbaren Größe mit dem Wert Null. Die gesamte Zeit besteht aus lauter aneinandergereihten »Jetzts«, also ebenfalls aus aneinandergesetzten Nullen und existiert also in Wirklichkeit nicht. Was unseren eigenen Erfahrungen so eklatant widerspricht, erinnert aber doch unübersehbar an das, was Swedenborg über das Jenseits aussagt: Es existieren dort weder Zeit noch Raum. »In dem Sinne, wie wir Zeit und Raum im Diesseits erfahren«, setzt der Swedenborg-Kenner hier in Gedanken dazu. Denn erstens weiß man, dass das, was man an Hetze und Rennerei zuweilen durchmacht, sich mathematisch als nicht existent beweisen lässt (s.o.). Und zweitens schreibt Swedenborg an ebenso vielen Stellen, dass alles in dieser Welt Abbild oder Entsprechung von etwas Geistigem ist. Wenn wir also hier in Raum und Zeit erfahrbar leben, dann sind Raum und Zeit
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auch Entsprechungen von etwas, das im Jenseits zwar möglicherweise ebenfalls nicht existiert, aber von dortigen Bewohnern als ebenso real erfahren wird, wie wir von Raum und Zeit geprägt werden. Der Vortrag enthielt einen kurzen Überblick über den Zeitbegriff in den verschiedenen Zeiten, von der griechischen Philosophie bis zu den Wissenschaftlern der Aufklärung. Heinz Grob machte uns klar, dass zu allen Zeiten die Zeit wichtiger gewesen zu sein schien, weil sie »präsenter« ist, als der Raum. Dies äußert sich nicht zuletzt in der Sprache, denn eine Fülle von Redewendungen befasst sich mit der Zeit (Zeit ist Geld, Zeit ist Macht, Zeichen der Zeit, Zahn der Zeit, Zeit heilt Wunden, das Zeitliche segnen). Mit dem Raum setzt sich auch die Sprache nicht auseinander. Doch zurück zu den Überlegungen, wie Zeit und Raum im Jenseits erlebt werden. Swedenborg spricht von unterschiedlichen Zuständen, in denen sich die Geister befinden, sowie den Zustandsveränderungen, die jeder Einzelne
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dort immer wieder durchlebt. Dadurch entsteht sicherlich ein unserem Gefühl für Zeit und Raum ähnliches Empfinden. Die einzige Ausnahme stellt Gott dar. Einzig Gott ist völlig außerhalb von Zeit und Raum, von Ewigkeit her und allgegenwärtig. Da drängt sich die berechtigte Frage auf, wie wir als in Raum und Zeit gefangene Wesen jemals zu etwas außerhalb von Raum und Zeit Befindlichem, also zu Gott, gelangen sollen? Es ist typisch für einen Vortrag von Heinz Grob, dass er mit einer überraschenden Wendung oder Sichtweise endet. Und so musste am Freitag zur Beantwortung dieser schwierigen Frage nochmals die Mathematik herhalten: Unter anderem bei der Berechnung von Krümmungen oder Brechungskurven arbeiten die Mathematiker mit »Ableitungen« und »Grenzübergängen«, was ihnen erlaubt, etwas festzustellen, was wir eigentlich nicht feststellen oder berechnen können. Analog dazu lässt sich das Hinübergelangen aus einem Dasein in Raum und Zeit zu einem Wesen außerhalb von Raum und

Zeit denken wie ein mathematischer »Grenzübergang«. Mit ganz schlichten Worten drückt die Bibel diese komplizierten Überlegungen aus: Wenn es dort heißt »Gott ist«, dann entspricht dies dem Wesen Gottes aus der Perspektive des Menschen. Und wenn es an anderer Stelle heißt »Ich bin, der ich bin«, so gibt dies Gottes eigene Sicht wieder. »Gott ist« und »Ich bin, der ich bin« – dem ist nichts hinzuzufügen. Der Samstag war dem Thema »Kain und Abel« vorbehalten. Pfarrer Thomas Noack zeigte uns als Einstieg in seinen Vortrag eine kleine Auswahl von bildlichen Darstellungen dieses berühmtesten Brudermordes der Menschheitsgeschichte. Der kurze Blick auf die unterschiedlichen Bilder machte schon deutlich, was beim anschließenden Vergleich von acht verschiedenen Übersetzungen des Textes in Kap. 4 der Genesis unübersehbar wurde: Dieser kurze Text lässt erstaunlich viele Möglichkeiten zu, ihn zu verstehen. Eine Fülle von Interpretationsweisen und Lesarten hat die Fantasie der Menschen im allgemeinen

und der Künstler im besonderen zu allen Zeiten angeregt. Der sehr interessante Vergleich der unterschiedlichen Übersetzungsmöglichkeiten lenkte unseren Blick rasch auf die Verse 1, 7 und 13, weil an diesen Stellen das Textverständnis Swedenborgs, wie es in der Tafelbibel zum Ausdruck kommt, ganz offensichtlich von allen anderen Übersetzern abweicht. Diese völlig »aus dem Rahmen fallenden« Übersetzungen Tafels versteht man aber nur, wenn man Swedenborgs Deutung des inneren Sinns für das ganze Kapitel 4 kennte (HG Nr. 362): Danach steht Kain für den bloßen, sinnentleerten Glauben, der auf keinen verlässlichen Boden gründet, und Abel repräsentiert das, was Tafel mit Liebtätigkeit übersetzt, also die Nächstenliebe, die guten Werke, das gelebte Gute. Swedenborgs Deutung des Brudermordes ist insofern ein Anachronismus, als er darin ein Bild sieht für die Auseinandersetzungen der unterschiedlichen Konfessionen um die Priorität von Glaube oder guten Werken.
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Auf dieser Grundlage wird verständlich, warum Tafel in Vers 1 den Ausruf der Eva übersetzen kann mit »Ich haben einen Mann erworben, den Jehovah.«, wo alle anderen Übersetzer Formulierungen in der Art von »Mit Hilfe des Herrn habe ich einen Sohn zur Welt gebracht« wählen. Als erster Mensch, der etwas nicht von Gott unmittelbar Geschaffenes hervorgebracht hat, verwechselt Eva in ihrer Euphorie über die »Tat« das Geschöpf mit dem Schöpfer selbst. Gemäß der Deutung dem inneren Sinn nach sieht Swedenborg darin den Grund für die Intoleranz der Konfessionen untereinander, da sie den Glauben (Kain) mit Gott gleichsetzen oder verwechseln und deshalb so erbittert um die Einhaltung der Glaubensgesetze kämpfen. In Vers 7 stellt sich die Frage nach dem Bezug des »Du sollst darüber herrschen.« Der Urtext lässt den Bezug ebenso offen wie die Tafelsche Übersetzung. Alle anderen Übersetzer entscheiden sich jedoch ganz eindeutig für die Sünde, die von Kain beherrscht werden soll. Swedenborgs Aus54
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legung dieses Verses in HG Nr. 365 führt allerdings zu einer anderen Lesart: Das Gute (Abel) hat ein Verlangen nach dem Glauben, den Glaubenswahrheiten (Kain). Der Glaube aber will stets herrschen über das Gute. Dieser Herrschaftskonflikt ergibt sich bereits aus den Berufen von Kain und Abel. Das Wort für Bauer im Urtext ist dasselbe wie für Sklave oder Diener oder Minister. Es bedeutet »der dem Dienen Verpflichtete«, der Dienende schlechthin, der durch seinen Dienst an den anderen über sie bestimmt, sie beherrscht. Doch auch der Schäfer war im alten Orient ein Herrscher, der die wilden Tiere von der Herde fernhalten sollte, also das Böse vom Guten. Der Hirt ist der Beherrscher des Bösen. Swedenborg macht mit seiner Lösung dieses Herrschaftskonfliktes jedoch in einem Satz klar, dass es Alternativen gibt zu Kains Zorn, der im Brudermord gipfelte: Der Glaube ist das Erste der Zeit nach, die Nächstenliebe ist das Erste dem Zweck nach. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, alle Aspekte dieses

sehr reichhaltigen Vortrages von Thomas Noack zu erwähnen, zumal auch die ausgedehnte nachmittägliche Aussprache noch viele weitere, sehr interessante Einsichten in den inneren Sinn dieses Textes erbrachte. So z.B. im Vers 10 und 11: Der Fluch der Erde, der ja schon von Genesis 3, 17 bekannt ist, bedeutet, dass Kain abhängig ist von der Erde. Die Erde steht hier für das Eigene, also ist der Glaube gefangen in der Ich-Abhängigkeit. Dieser bloße Glaube ohne die Nächstenliebe kann folglich auch keine Früchte hervorbringen, keinen Nutzen schaffen (Vers 12). Bei Vers 14 fallen dem Swedenborg-Kenner die von Swedenborg mehrfach erwähnten unbelehrbaren Geister ein, die heimatlos in der Geisterwelt von einer Gesellschaft zur nächsten umherirren und sich nirgends dazugehörig fühlen, weil ihr Glaube keinen festen Boden hat. Erst wenn diese Geister gelernt und akzeptiert haben, dass der Glaube sich auf den Herrn allein gründen kann, finden sie ihre endgültige Heimat. Auch der problematische Vers 15 wird durch den inneren

Sinn verständlich: Was oberflächlich betrachtet so klingt, als müsse Fundamentalismus in jeglicher Form toleriert werden (man kann an Al-KaidaTerroristen ebenso denken wie an die in jeder christlichen Gemeinde zu findenden intoleranten »Hardliner«), liest sich in der Auslegung vielmehr so: Auch in Kain ist noch etwas Heiliges, nämlich er selbst, sozusagen das Gefäß, und deshalb darf er nicht getötet werden. Selbst der Glaube ohne Boden, der sinnentleerte Glaube, ist noch ein Gefäß, das vom Herrn gefüllt werden könnte. Deshalb wird siebenfach bestraft, wer diesem Gefäß etwas zufügt. Das Siebenfach ist der Hinweis auf eine göttliche Entscheidung. Für mich persönlich ist diese Auslegung unter anderem eine unumstößliche Antwort in der hochaktuellen Diskussion um die Todesstrafe. Das Herbsttreffen wurde am Sonntag beschlossen mit einem von Pfarrer Thomas Noack sehr innig gestalteten Gottesdienst, der natürlich auch die Verse 1 bis 16 aus Genesis 4 zum Thema hatte.
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Jahrestagung vom 13. bis 18. Juni 2006

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ie traditionelle Jahrestagung der Swedenborgfreunde ist das einzige überregionale Treffen dieser Art im deutschen Sprachraum. Nur hier haben sie die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, die an Swedenborgs Gedanken und Visionen interessiert sind. Die Vorträge befassen sich dieses Jahr vor allem mit der geistigen Schriftauslegung und der Jenseitslehre Swedenborgs. Als Gastreferentin begrüßen wir Frau Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender von der Universität Paderborn. Das Familien- und Tagungshotel im Ferienland Hunsrück ist der ideale Ort für unsere Zusammenkunft. Hier werden die gemeinsamen Tage zu einem Urlaub für Leib und Seele. Die Vorträge bilden das Gerüst unserer Tagung. Die Seele aber sind die Teilnehmer und die Gespräche bei den gemeinsamen Mahlzeiten und am Abend bei einem Gläschen
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Moselwein. Unser Tagungsausflug führt uns zur Klosterruine Disibodenberg. Schon die Kelten errichteten hier eine Kultstätte. Die heilige Hildegard von Bingen hatte hier ihre Wirkungsstätte und schrieb hier ihr berühmtes Buch Scivias (Wisse die Wege). Unser Hotel liegt auf dem sanften Südhang über Horath. Mitten im Grünen erholen sie sich bei herrlicher Weitsicht vom Lärm und Stress der Stadt. Das Haus ist in den vergangenen Jahren stetig verschönert worden und ist nun eine Perle im Hunsrück. Für unsere Gruppe stehen Zimmer in allen drei Kategorien zur Verfügung. Sie können also die einfachen Standard-, die mittleren Komfort- und die gehobenen, großen Premiumzimmer belegen. Einzelzimmer gibt es diesmal nur im Komfortbereich. Bei Interesse melden Sie Sich beim Swedenborg Zentrum, Apollostraße 2, CH–8032 Zürich an. Für Auskünfte sind wir dort unter der Telefonnummer 0041-44-3835944 erreichbar.

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