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Kann man Charisma lernen?

Was kann Musik? Was kann
sie nicht?
Liebe Leserin, lieber Leser,
der Macht der Musik kann sich keiner entzie-
hen. Überall auf der Welt lösen bestimmte
Tonfolgen ähnliche Emotionen aus - meistens
die gleichen: Freude und Angst, Trauer und
Feierlichkeit. Bei Rap und Punk auch Wut.
Bereits Ungeborene ab der 21. Schwanger-
schaftswoche nehmen Melodien war, in den
Jahren nach der Geburt verfeinert sich das
Gehör immer mehr. Ihre intensivste Kraft übt
die Musik in der Wirkung auf Gruppen aus.
Dass Dur und Moll, schnell und langsam
sehr unterschiedliche Gefühle ansprechen, ist
so neu nicht. Erstaunlich ist jedoch, dass sie es
auch bei 1-1enschen tun, die mit dem Sound
des Westens bisher noch nicht mal in Gestalt
eines Transistorradios in Berührung gekom-
men sind. Das haben Forscher herausgefun-
den, die Angehörigen des Mafa-Stammes im
abgelegenen Mandara-Gebirge in Kamerun
Bach und Beethoven zu Gehör brachten, um
herauszufinden, ob sie zwischen Wohl- und
Missklang unterscheiden können.
Dabei stellten sie fest: Die Einheimischen
reagierten auf die Klangfolgen ebenso gefühlig
wie wir. Kurz gesagt: Sie verstanden »Die
globale Matrix der Musik«. Was diese Er-
kenntnis zu bedeuten hat, erfahren Sie in un-
serer gleichnamigen Titelgeschichte von Isabell
Winklbauer auf Seite 38.
Offenbar ist die Kunst des Menschen, Me-
lodien zu lesen, uralt. Hirnforscher gehen
sogar davon aus, dass die Musik älter ist als
die Sprache. Beide liegen im Gehirn nahe bei-
einander und sind dadurch sozusagen Ge-
schwister. Nach neuesten Studien soll von
beiden die 1tlusik den größeren Einfluss auf
uns haben. Deshalb überrascht es auch nicht,
wenn immer mehr Wissenschaftler von der
Musik als einer Universalsprache reden, die
rund um den Globus von jedermann verstan-
den wird. Das klingt logisch, denn sie hat einen
großen Vorteil: Musik muss nicht übersetzt
werden.
Hans-Hermann Sprado
Chefredakteur
Manchmal springt der Funke einfach über. Wie bei den Recherchen
von P.M.-Autorin CAROLA KLEINSCHMIDT (Foto) zum Artikel
über das Charisma. Aus dem kurzen Recherchetelefonat mit
einem Psychoanalytiker wurde eine fast einstündige Diskussion.
Später fragte der Experte per Mail sogar höflich an, ob er
wohl die Mitschrift des Gesprächs bekommen könne. Er habe in
dem Telefonat Ideen entwickelt. die er gern weiterverfolgen
möchte. Jetzt warten wir gespannt auf weitere Arbeiten von ihm.
Editorial
04 / 2010 PM. 3
7 2
Grausiger Handel
mit Reliquien
Von der Vorhaut Jesu bis zu den Federn
des Heiligen Geistes: Die Geschäfte im
Namen des Herrn florieren. Viele Reliqui-
en sind natürlich Fälschungen - aber sie
sichern die Herrschaft der Kirche
8 PM. 04 1 2010
4 6
Kann Technik das
Klima retten?
Die Politik hat bei der Reduzierung der
Klimagase versagt. Jetzt woll en
Forscher die Erderwärmung mit aben-
teuerlichen Manipulationen stoppen.
Keiner weiß, ob das gutgehen kann
2 0
Neues Risiko
Monsterviren ?
Wissenschaftler diskutieren über
ungewöhnlich große Viren, die sich
abseits der Evolution entwickelt
haben. Sind diese unheimlichen
Erreger eine Gefahr für uns?
9 2
Väter sind oft die
besseren Mütter
Vielen Menschen-Männern wird
vorgeworfen, die Brut zu vernachläs-
sigen. Im Tierreich sind liebevolle Väter
weit verbreitet - wenn auch die Motive
der Fürsorge sehr unterschiedlich sind
TITEL-THEMA
38 EVOLUTION & KULTUR
Die globale Matrix der Musik
12 RADAR
Wissen zum Mitreden
20 MEDIZIN & EVOLUTION
Sie tarnen sich als Bakterien.
Aber sie sind Monsterviren
26 PSYCHOLOGIE
Erfolgsgeheimnis Charisma
32 RAUMFAHRT
Pannenhilfe im All
46 GEO-ENGINEERING
Kann Technik das Klima
retten?
59 SPECIAL
Intelligenter wohnen
72 RELIGION
Der grausige Handel mit
Reliquien
80 BÜCHER, DIE DIE WELT
VERÄNDERTEN
Ȇber die Pflicht zum Unge-
horsam gegen den Staat«
von Henry David Thoreau
84 HI- FI & AUTOTECHNIK
Wie klingt eigentlich Ihr Auto?
92 VERHALTENSFORSCHUNG &
ZOOLOGIE
Vater unser!
STANDARDS
S4 LOGIK- TRAINER
SS KREUZWORTRÄTSEL & LÖSUNGEN
82 FRAGEN & ANTWORTEN
90 LESER BRIEFE
91 IMPRESSUM & SERVICE
100 ZITATE
106 VORSCHAU
04/ 2010 PM. 9
Wissen zum Mitreden
REKORDSPRÜNGE
Richtung Schallmauer
Im Jahr 1960 wagte der amerikanische Luftwaffenpilot Joseph Kittinger etwas bis dahin
Beispielloses: Er flog mit einem Heliumballon 31 Kilometer hoch bis an den Rand des Weltalls,
sprang von dort ins Leere und erreichte eine Geschwindigkeit von fast 1000 km/ho Es war der
längste freie Fall aller Zeiten. Nach 15 Minuten schwebte Kittinger an seinem Fallschirm zur Erde und rauchte
erst mal eine Zigarette. Seitdem gab es immer wieder Versuche, sein Heldenstück zu übertreffen, aber sie
scheiterten. Dieses Jahr jedoch könnte sein Rekord fallen: Der Österreicher Felx Baurngartnerwllaus 37
Kilometer Höhe abspringen. Sonst ist Baumgartner eher niedrige Fallhöhen gewohnt; er ist Base-Jumper,
springt also mit dem Fallschirm von festen Objekten. 2007 war er vom damals höchsten Gebäude der Welt
gesprungen, dem Taipei 101 in Taipeh. 2003 glitt er von einem Flugzeug über den Ärmelkanal, mit Kunst-
stoffflügeln auf dem Rücken. Wie Kittinger will auch Baumgartner mit einem Heliumballon von den USA aus
starten. Und er will schaffen, was auch Kittinger nicht gelang: die Schallmauer im freien Fall zu durchbre-
chen, Allerdings hat er Konkurrenz: Auch der britische Stuntman Steve Truglia plant einen Sprung aus 37
Kilometer Höhe. Der Franzose Michel Fournier hat für dieses Jahr sogar einen Sprung aus 40 Kilometer
Höhe angekündigt. Bei früheren Versuchen ist Fournier jedoch immer gescheitert.
Fellx Baumgartner
wagte 2007 den
niedrigsten Base-
Jump, von der
Christus-Statue in
Rio de Janeiro (I.).
Jetzt plant er einen
Sprung aus noch
größerer Höhe als
1960 Joseph
Kittinger (r.)
 
/ //
Ritt auf dem Schwarzen Drachen
'" Wenn die Flut auf die Küste der chinesischen Stadt von ihnen auf der Welle gleiten, die »Schwarzer Drache« genannt
  Hangzhou zurollt, passiert etwas Ungewöhnliches: Im wird. Manche sind darauf sogar über eine Stunde unterwegs -
Fluss baut sich eine neun Meter hohe Welle auf, die landeinwärts länger als sonstwo auf der Welt. Der Star der Szene, der Brasilia-
schwappt. Sie ist ein Schrecken für Schiffer, aber ein Traum für ner Sergio Laus, soll letztes Jahr auf dem Schwarzen Drachen
Surfer. Mehr als eine halbe Stunde am Stück können die Besten mehr als 14 Kilometer weit geritten sein: Weltrekord.
16 PM. 04 1 2010
»Ich bin
nicht sicher,
ob ich an
ihrer Stelle
ans Telefon
gehen
würde.«
Der englische Biologe Conway Morris vermutet,
dass fremde Zivilisationen im All deshalb nicht
auf unsere Funkrufe antworten, weil sie Ärger
mit uns fürchten.
Die seltsame Handschrift gibt Forschern seit fast 100
Jahren Rätsel auf.JR1)ahr 1912 erwarb der amerikanische
Antiquar Wilfrid Voynich diese geheimnisvollen Seiten, die
mit botanischen, astronomischen und anatomischen
'Bildern illustriert sind. Das Manuskript ist in einer unbe-
kannten Schrift verfasst. die seither unzählige Experten zu entschlüsseln
versuchten - vergeblich. Das Gerücht kam auf, das Manuskript sei eine
Fälschung. Jetzt haben Materialwissenschaftler es mit der Radiokarbon-
methode datiert und festgestellt: Die Schrift Ist alt! Zwischen 1404 und
1438 muss sie entstanden sein. Damit ist das Voynich-Manuskript wahr-
scheinlich ein echtes, gehaltvolles Schriftstück, Was drinsteht, ist noch
immer rätselhaft. Die meisten Experten vermuten, dass ein italienischer
Renaissance-Gelehrter darin sein Geheimwissen festgehalten hat.
18 PM. 04 / 2010
IMPLANTATE

- woran denken Sie da?
An dralle Frauenbrüste?
Ingenieure der elitären
Prlnceton Unlverslty In
den USA denken dabei an
Stromerzeugung. Sie
haben eln.....ups
SIIallmplantat entwi-
ckelt, das die Bewegungen
des Körperteils, in dem es
sitzt, in Elektrizität
umwandelt. Dazu haben
sie dem Silikon eine
Substanz namens
Blel-llrkonat - lltanat
(PlT) zugesetzt. PlT ist
piezoelektrisch, gerät also
unter elektrische Span-
nung, wenn es gedrückt,
geknetetodergeschwab-
belt wird. Der Strom
könnte ein Mobiltelefon
oder einen Herzschritt -
macher speisen - falls
Dolly Buster mal einen
braucht. Die Entwicklung
der Implantate, von Ihren
Erfindern »PIezo-Ci&a'n-
mI-CIIIps« genannt,
wurde von den US-Ge-
heimdiensten finanziert.
Die Spione verraten nicht,
was sie damit vorhaben.
PSYCHOLOGIE
Später ziehen, länger leben
  Typisches Duell in einem Westernfilm: Die Kontra-
henten stehen sich reglos gegenüber. Der eine zieht
den Revolver. Der andere reagiert blitzschnell - und trifft! Wer
später zieht. gewinnt. das ist tatsächlich so, haben britische
Neurowissenschaftler in einem Experiment bestätigt. Andrew
Welchman von der University of Birmingham hat Probanden in
Laborduellen gegeneinander antreten lassen. Ihre Aufgabe war:
die Hand von einem Knopf heben, dann möglichst schnell zwei
andere Knöpfe drücken und zum ersten Knopf zurückkehren.
Es gab kein Startsignal. Erstaunliches Ergebnis: Meistens war
der Proband. der sich zuerst rührte, langsamer als jener, der
reagierte. Das liegt daran, vermuten die Forscher, dass die
reaktiven SIgnalwege In unserem Gehirn schneller funktionie-
ren als die spontanen. Und so gilt eben auch bei Revolverhelden:
Wer zuerst die Nerven verliert. verliert eher sein Leben.
So sieht cIe Tolette der Zukunft aus, wenn
es nach dem chinesischen Designer Dang
Jingwel geht: das ganze Bad in einem kompakten
Stück! Die Studie Horne (ore vereint die Toilette mit
dem Waschbecken, dem Spiegel und dem Schminktisch.
Das spart Platz und Wasser, denn auf Knopfdruck speichert
das Gerät das Abwasser vom Händewaschen in einem Tank, der
die ToIlettenspülung speist. Zudem kann die Stärke des Wasserstrahis
aus dem Hahn dem Bedarf angepasst werden.
04/2010 19
r die Welt der Mikroben in
es gab Bakterien und Viren. Doch
einmal ist alles anders: Neu entdeckte
.i .. ,. ..... entziehen sich dem bekannten
a. Können die unheimlichen Erreger
Gefahr für den Menschen werden?
04/2010 PM. 21
ie ersten Opfer:
Schulkinder in Cux-
haven. Sieben von
ihnen kommen ins
Krankenhaus, zwei
sterben. Die Ärzte
sind ratlos. Die Presse schreibt
von einer »gefährlichen Todes-
seuche«. Die Forscher erklären, sie
wollen das unbekannte Virus
schnell analysieren.
Angst geht um. Wer erkrankt,
wer stirbt als Nächster?
Diese Meldung betraf nicht die
Schweinegrippe im Jahr 2009,
nicht die Noroviren 2007, nicht die
Vogelgrippe 2006, auch nicht die
SARS-Viren 2003 - die Nachricht
ist 43 Jahre alt.
Aber die Zeit spielt eigentlich
keine Rolle. Denn der Mechanis-
mus ist stets der Gleiche: Ein neu-
artiges Virus taucht auf, sorgt mit-
hilfe der Medien für Unruhe und
gerät ein paar Wochen später in
Vergessenheit. Bis das nächste un-
bekannte Virus erscheint und das
makabre Spiel von vorn beginnt.
22 PM. 04/ 2010
Die Schweinegrippe forderte
2009 in Deutschland weniger als
200 Tote. An den Noroviren im
Jahr 2007 starben 75 Menschen.
An der Vogelgrippe: keiner. An den
SARS-Viren: keiner. Dabei hatten
alle Erreger für Schlagzeilen und
Aufregung gesorgt. Zum Vergleich:
Die normale Grippe fordert in
Deutschland pro Jahr durch-
schnittlich 8000 Menschenleben,
ohne dass diese Toten ein großes
Thema für die Medien wären. Wa-
rum sollten sie auch? An Herz-
Kreisla uf -Erkrankungen sterben
in Deutschland jedes Jahr mehr
als 40-mal so viele Menschen (rund
350000), an Krebs rund 200000,
das sind 550 Krebstote jeden Tag.
Daraus zu schließen, Viren seien
harmlos, wäre falsch. Ihre Gefahr
Alle Jahre
wieder: In der
Vergangenheit
haben neuartige
Grippe-Erreger
mehrfach für
Aufregung
gesorgt - aber
die Zahl der
Todesopfer ist
immer gering
geblieben
lauert nur nicht in Gestalt eines
neuen Grippe-Erregers. »Es wird
in Zukunft mit neuen Viren als
Seuchenerregern zu rechnen sein«,
sagt Hans-Georg Kräusslich, Vi-
rologe an der Uni Heidelberg.
»Welche das sind, lässt sich leider
nicht vorhersagen.«
DIE ARMEE DER VIREN ist groß. Sie
schlägt zu, wenn niemand damit
rechnet. Rund 4000 verschiedene
Virusarten sind bis heute bekannt
und klassifiziert - raffinierte Über-
lebenskünstler und in der Lage,
ihre Struktur so zu verändern, dass
ein bisher wirksamer Impfstoff
nicht mehr zu ihrer neuen Form
passt. Dann bricht das Virus aus
dem üblichen Schema aus. Das
heißt: Ein Erreger, der bisher nur
in Tieren existierte, kann plötzlich
auf den Menschen überspringen.
In den letzten Jahren und Mo-
naten haben Wissenschaftler eine
Reihe von unbekannten Viren ent-
deckt, darunter solche, die ihnen
Kopfzerbrechen bereiten: Monster-
Um das Virus zu erforschen, musste es »rasiert« werden
viren von nie gesehener Größe. Auf
so ein Riesenvirus stieß zufällig ein
Mikrobiologe bei der Untersuchung
des Wassers im Kühlturm eines
Krankenhauses in Bradford, Eng-
land. Er fand merkwürdige Mikro-
ben, die er aufgrund ihres unge-
wöhnlichen Umfangs zunächst für
Einzeller hielt. Mit 400 Nanome-
tern waren sie rund 15-mal so groß
wie Schnupfenviren und viermal so
groß wie die meisten anderen be-
kannten Viren.
Konserviert in einer Tiefkühl-
box wurde der Fund an den Viren-
spezialisten Didier Raoult an der
Universität Marseille geschickt.
Der betrachtete die sensationelle
Lieferung zunächst unter dem Mi-
kroskop und erblickte eine mit
Fasern besetzte Oberfläche. Ein
Bakterium, dachte er, da Viren für
Lichtmikroskope normalerweise
zu klein sind. Anschließend legte
Raoult den Erreger unter ein Elekt-
ronenmikroskop. Was er jetzt sah,
raubte ihm den Atem: ein Riesen-
VIrus.
Der amerikanischeWissen-
schaftsautor Michael Brooks be-
schreibt die Entdeckung (in sei-
nem Buch »Das Licht war früher
auch mal schneller«) so: »Stellen
Sie sich vor, Sie stehen neben
einem Mann, der so groß ist wie
ein zwölfstöckiges Bürohochhaus.
So sieht dieses Monstrum für an-
dere Viren aus.«
Doch es war nicht allein die
Größe, die den Forschern einen
Schreck einjagte.
VIREN EXISTIEREN in einem Zwi-
schenbereich, der weder zur leben-
digen Natur noch zur toten Mate-
rie gehört. Um zu leben, braucht
jedes Virus einen Wirt: eine Zelle.
Wenn es die Zelle infiziert, pro-
grammiert es sie so um, dass sie
innerhalb von wenigen Stunden
Hunderttausende neuer Viren pro-
duziert, die dann wiederum über
andere Zellen herfallen. Für dieses
Programm verwenden die Viren
Gene. Normale Viren enthalten
zehn oder 100 Gene, manche auch
300. Das neu entdeckte Riesenvi-
rus aber besitzt 1262 Gene. Da-
runter befinden sich welche, die
für die Herstellung von Proteinen
zuständig sind - eine Aufgabe, die
Viren sonst von ihren Wirtszellen
erledigen lassen. Dieses seltsame
Exemplar aber war dazu selbst in
der Lage.
Dass sich das so reichlich aus-
gestattete Monstervirus als Bak-
terie tarnt, also eine Mikrobe mimt
(englisch: »mimicking microbe«),
trug ihm die Bezeichnung »Mimi-
virus« ein. Doch der verniedlichen-
de Name täuscht.
Derzeit diskutiert eine interna-
tionale Schar von Wissenschaft-
lern darüber, ob man ein solches
Virus nicht der lebendigen Welt
zuordnen müsste. Die Biologin Si-
yang Sun von der Purdue Univer-
04 I 2010 PM. 23
sity im US-Staat Indiana sagt:
»Das Mimi-Virus ist wie ein Mit-
telding zwischen einer lebenden
Zelle und einem Virus.«
WELCHE FOLGEN hätten die Mons-
terviren, die bisher nur Amöben
befallen, für den Menschen? Kön-
nen sie für uns zur Bedrohung
werden? Die Größe allein ist nicht
gefährlich. Zwar sind die Pocken-
viren, die schon in der Antike fünf
Millionen Opfer forderten und
später noch viele Millionen mehr,
mit rund 300 Nanometern auch
recht groß. HIV-Erreger jedoch,
die heute Tag für Tag 5000 Men-
schen an Aids dahinraffen, haben
mit 120 Nanometern eine eher be-
scheidene Größe.
Nicht alle Viren sind gefährlich.
Es gibt sogar welche, die so harm-
los sind, dass sie schon immer in
unserem Erbgut schlummern. Die-
se Humanen endogenen Retrovi-
ren (HERV) existierten schon vor
mehr als zehn Millionen Jahren
in unseren Vorfahren, den Pri-
maten - zu einer Zeit, als es noch
24 PM. 04 I 2010
keine Menschen gab. Forscher
schätzen diesen Anteil an unserer
Erbmasse (unserem Genom) auf
neun Prozent.
Gefährlich sind Viren vor allem
dann, wenn sie mutieren, wenn sie
sich verändern. Dann können so-
gar altbekannte Erreger zur Gefahr
werden. »Sorgen macht uns derzeit
das Dengue-Fieber«, sagt der Viro-
loge Dr. Matthias Niedrig vom
Robert-Koch-Institut in Berlin.
Dengue (sprich: »Dengi«) ist seit
über 200 Jahren bekannt und galt
bis vor Kurzem als seltene Tropen-
krankheit. Inzwischen hat es sich
zu der am häufigsten durch Stech-
mücken übertragenen Viruskrank-
heit entwickelt.
Solche Bedrohungen motivieren
weltweit mehrere tausend Spezia-
listen in ihrem Kampf gegen die
Viren. Etwa 500 bis 600 Experten
arbeiten allein in Deutschland, so
wie die Virologin Simone Backes,
die in einem Labor der TU Mün-
chen und der Helmholtz-Gesell-
schaft vor allem Hepatitis-B-Viren
erforscht. Die 30-Jährige experi-
mentiert mit einem Impfstoff, der
das Immunsystem chronisch infi-
zierter Patienten ankurbeln soll -
»um die Virusvermehrung zu brem-
sen oder das Virus im besten Fall
zu eliminieren«, sagt sie. Sie weiß,
dass es noch Jahre dauert, bis so
ein Impfstoff auf den Markt kom-
men wird. Und sie weiß auch, dass
es ein Wettlauf gegen die Zeit und
gegen die Konkurrenz ist: Sie und
ihre Kollegen wollen schneller sein
als vergleichbare Teams in anderen
Ländern - vor allem aber wollen
sie schneller sein als die Viren.
Der größte Traum der Forscher
wäre ein Medikament, das gegen
alle Virenarten wirkt wie ein Breit-
band-AntibiotikmTI gegen Bakte-
rien. Die bekannten antiviralen
Medikamente können allenfalls
einen Erreger bei seiner Arbeit stö-
ren und ihn in Schach halten - zum
Beispiel, indem sie bestimmte En-
zyme hemmen, die er braucht, um
seine Gene zu vermehren.
Töten können sie ihn nicht.
Haben die Wissenschaftler über-
haupt eine Chance gegen die Or-
Über Monsterviren wissen wir bisher nur wenig:
Sie haben einen Weg abseits der Evolution gefunden
ganismen, die seit Jahrmillionen
erfolgreich ihr eigenes Überleben
optimieren? Hier raffinierte Viren,
dort engagierte Virologen: Werden
die einen den anderen immer einen
Schritt voraus sein? Simone Backes
ist optimistisch: »Den Kampf ge-
gen die Pockenviren hat der Mensch
ja auch gewonnen. « Dank eines
konsequenten Impfprogramms
sind die Pocken seit mehr als 3 °
Jahren ausgerottet, nur in For-
schungslabors liegen noch Rest-
bestände unter Verschluss.
VIELLEICHT MÜSSEN sich die Viro-
logen bald auch mit Impfstoffen
gegen Monsterviren beschäftigen.
»Ob diese Erreger gefährlich wer-
den, kann heute noch niemand
sagen«, erklärt Matthias Niedrig
vom Robert-Koch-Institut in Ber-
lin. Beunruhigend ist jedoch die
Tatsache, dass in Patienten, die
eine gefährliche Lungenentzün-
dung hatten, Antikörper gegen
Mimi-Viren entdeckt wurden. Also
muss es bereits erste Kontakte zwi-
schen Mensch und Monstervirus
gegeben haben.
Didier Raoult, der das Mimi-
Virus in seinem Labor analysiert
hat, wurde inzwischen erneut fün-
dig: Im Dezember 2009 gab er be-
kannt, dass er ein zweites Riesenrus
entdeckt hat. Das » Marseille-Virus«
ist mit 250 Nanometern zwar nicht
ganz so groß wie das Mimi-Virus,
aber kaum weniger rätselhaft: Es
enthält Gene aus verschiedenen
Quellen: aus Pflanzen, Tieren, Bak-
terien - und Mimi-Viren.
Es gilt als sicher, dass die Wis-
senschaftler in Amöben weitere
Monsterviren finden werden, die
möglicherweise einen langen Weg
abseits der bekannten Evolution
zurückgelegt haben: »In Amöben
findet ein permanenter Schöp-
fungsprozess statt, der ganz neue
Forscherin in
einem Hoch-
sicherheitslabor
für Viren. In
Deutschland
gibt es bisher
nur zwei dieser
Einrichtungen
mit der höchsten
Schutzstufe 4.
Zwei weitere
sollen folgen
Viren entstehen lässt«, sagt Raoult.
»Das widerspricht Darwins Vor-
stellung von einem gemeinsamen
Ursprung aller  
Alle Indizien deuten darauf hin,
dass die Wissenschaft dabei ist, die
Tür zu einer unbekannten Welt
aufzustoßen. Eines lässt sich beim
Blick durch einen schmalen Spalt
schon heute sagen: Die Monster-
viren hinter dieser Tür werden
noch einige Überraschungen für
die Menschheit bereithalten. .... ....
WEBWEISER
Aktion des Robert -Koch- Instituts:
www.wir-gegen-viren.de ----.
Vermellrung und Aufbau von Viren:
www.onmeda.de/lexika/krankheits-
erreger /uebersichtlviren.html
Infos über Riesenviren (engl.):
www.giantvirus.org
04 I 2010 PM. 25
TEXT: CAROLA KLEINSCHMIDT
V
ielleicht sitzt Barack Obama
manchmal zu Hause und
verflucht sein Charisma. Auf
seinen kometenhaften Aufstieg
folgte Kritik von allen Seiten, und
in Massachusetts musste seine Par-
tei eine Niederlage bei der Nach-
wahl zum Senat einstecken. Viele
Amerikaner sind enttäuscht von
Obama. Und wütend: Schon wur-
den Demonstranten mit Transpa-
renten gesichtet, die ihn mit Hitler-
bärtchen zeigen. Wie kann es
passieren, dass Euphorie so schnell
in Feindseligkeit umschlägt?
Für Psychologen ist der Fall klar:
Gerade weil Obama den Wahl-
kampf mit dem Charismafaktor
gewonnen hat, fliegt ihm jetzt der
Hass um die Ohren. »Die Bewun-
derung für Obama hatte fast reli-
giöse Dimensionen«, sagt Hans-
Jürgen Wirth, der in seinem Buch
»Narzissmus und Macht« die Per-
sönlichkeit und politische Lauf-
bahn von Politikern unter die Lupe
28 PM. 04/ 2010
nimmt. »Die Idealisierung des
Charismatikers ist auch die Bruch-
stelle.«
Natürlich kann auch ein Obama
nicht über Nacht den Krieg in Af-
ghanistan be enden, er kann die
Auswirkungen der Finanzkrise
nicht von Amerika fernhalten, und
er kann keine Gesundheitsvorsorge
für alle auf den Weg bringen, die
nichts kostet. Einem eher pragma-
tisch orientierten Politiker würde
man Abweichungen vom Wahlver-
sprechen wohl verzeihen - einem
Charismatiker nicht. Die Geister,
die Obama im Wahlkampf mit sei-
ner Beschwörung einer besseren
Zukunft Amerikas rief - sie ma-
chen ihm jetzt das Leben schwer.
Was ist das für eine Fähigkeit,
die manchen Menschen ermöglicht,
die Massen mitzureißen, für Neues
zu begeistern und zu aktivieren?
Die aber auch wie ein Bumerang
auf den Charismatiker zurück-
schlagen kann - in Form von Ab-
Jesus Christus
gilt bis heute als
der Prototyp des
Charismatikers
(Bild von
Lorenzo Lotto,
1480 -1557)
lehnung, Hass, Morddrohungen?
Je tiefer die Wissenschaft in das
Wesen des Charismas vordringt,
desto deutlicher werden auch seine
dunklen Seiten. Lange Zeit sah
man das Charisma - was so viel
wie »göttliche Gnadengabe« be-
deutet - ausschließlich positiv. Es
sei bestimmten Menschen in die
Wiege gelegt. Sie seien sozusagen
von höherer Stelle dazu befähigt
und bestimmt, andere Menschen
zu inspirieren, zu überzeugen, zu
führen. Der Prototyp des Charis-
matikers: Jesus Christus.
Dementsprechend konzentrierte
man sich in der Psychologie zu-
nächst darauf zu untersuchen, wel-
che besonderen Eigenschaften
Menschen besitzen, die andere von
ihren Idealen überzeugen und mit-
reißen können, die also geborene
Führungskräfte sind. Der Sozial-
und Organisationspsychologe
Ronald Riggio, Professor am kali-
fornischen Claremont McKenna
College, hat festgestellt: Menschen
mit Charisma zeichnet vor allem
eine hohe emotionale Ausdrucks-
fähigkeit aus.
Riggio hat das »Social Skills In-
ventory« (SSI) entwickelt, einen
psychologischen Test mit 90 Fragen,
mit dem man die verbalen und non-
verbalen sozialen Fähigkeiten einer
Person ermitteln kann. Charisma-
tiker stechen in diesen Tests hervor,
weil sie ihre Gefühle und Einstel-
lungen allein durch ihre Gestik und
Mimik so überzeugend ausdrücken,
dass andere Menschen von ihren
Gefühlen mitgerissen werden.
IHRE SPRACHBEGABUNG unterstützt
diese Wirkung. Der Psychologe
Dean Simonton von der University
of California hat in seiner Studie
über die erfolgreichsten amerika-
nischen Präsidenten herausgefun-
den: Wenn Charismatiker ihre
Anhänger ansprechen, dann ist am
häufigsten von großen Gefühlen
wie Stolz, Liebe und Hass die Rede.
Sie zielen eher auf das Herz als das
Hirn, sie formulieren ihre Ideen in
positiven Visionen, die sie mit Bil-
dern und Metaphern so plastisch
ausschmücken, dass der Zuhörer
sie schier greifen kann. Dabei wis-
sen charismatische Persönlich-
keiten genau, welche Worte und
Visionen auf ihre Zuhörer optimal
wirken, denn ihre emotionale In-
telligenz ist hoch. Sie können ihren
Auftritt darauf abstimmen, was
gerade am besten zur Situation
passt: eine leise, einfühlsame An-
sprache oder ein wütender, heraus-
fordernder Auftritt.
Manchmal addieren sich diese
Fähigkeiten so perfekt, dass alle
Welt von einem historischen Auf-
tritt spricht, der die Welt verändern
könnte. Martin Luther King
schaffte das mit seiner weltbe-
rühmten Rede »I have a Drean1«,
in der er das Bild einer Gesellschaft
ohne Rassenschranken entwarf.
Obama gelang dieses Kunststück
in seiner ersten Rede als Präsident-
schaftskandidat Ende August 2008
im Fußballstadion von Denver.
Vor 80 000 Live-Zuhörern und
Millionen am Fernseher versprach
er: ))Amerika, wir sind besser als
diese letzten acht Jahre.«
Die neuere Forschung beschäf-
tigt sich genau mit solchen ma-
gischen Momenten: Was macht
es möglich, dass eine charisma-
tische Persönlichkeit Massen mo-
bilisiert?
Dabei hat man herausgefunden,
dass sowohl die Zuhörer als auch
der Zeitgeist viel stärker am Erfolg
einer charismatischen Führungs-
kraft beteiligt sind, als man bisher
dachte. Die Charismaforscher Ka-
therine J. Klein und Robert J.
Hause, beide Professoren für Ma-
nagement an der Wharton School
of Business der University of Penn-
sylvania, sagen: ))Charisma ist wie
ein Feuer. « Das brennbare Materi-
al sind die Anhänger, die empfäng-
lich und offen für die Ideale der
Führungsperson sind. Eine Krise
oder Notsituation ist der Sauer-
stoff, der aus dem Flämmchen
Charisma ein loderndes Feuer ma-
chen kann. Denn gerade in der
Erweiß,wie
Charismatiker
ticken: der
Psychologe
Dean Simonton
Verehrt vor und
nach Ihrem Tod:
Präsidentengat -
tin Evita Per6n
wird in ihrer
Heimat Argenti-
nien von vielen
als größte
Wohltäterin
des Landes
angesehen
Krise sehnen sich die Menschen
nach einer starken Führungsper-
son, die überzeugend sagt, wo es
langgeht.
Am Ende der Bush-Ära hatten
viele Amerikaner das Gefühl, vor
einem Scherbenhaufen zu stehen.
Obama war ihr Messias. In einer
anderen Zeit hätte vermutlich ein
anderer Mensch mit charisma-
tischen Fähigkeiten das Rennen
gemacht. Denn jede Zeit und jede
Gruppe hat ihre Charismatiker, im
Guten wie im Schlechten.
Die Diplompsychologin Anja
Geßner und der Psychologie-Pro-
fessor Lothar Laux von der Otto-
Friedrich-Universität Bamberg
haben dieses komplexe Wechsel-
spiel zwischen Anhängern, Anfüh-
rer und Zeitgeist am Beispiel Adolf
Hitlers genau untersucht. Anhand
der Tagebücher von Hitler-Anhän-
gern und Widerstandskämpfern
konnten sie zeigen, dass die grund-
legenden Einstellungen der Men-
schen maßgeblich darüber ent-
schieden, ob sie sich vom Charisma
und den Ideen Hitlers mitreißen
ließen oder nicht:
04 / 2010 PM 29
-+»]oseph Goebbels und andere
Anhänger Hitlers teilten Hitlers
Werte und Feindbilder teilweise
bereits vor dem Beginn der charis-
matischen Beziehung. « Die Auf-
zeichnungen zeigen, dass die
Schreiber sich nach einem Führer
sehnten, der die Notsituation in
Deutschland beenden sollte. Die
Gegner Hitlers »vertraten dagegen
Werte, die Hitlers Ideologie grund-
legend widersprachen«. Schon un-
mittelbar nach Hitlers Macht-
ergreifung sahen sie deutlich, wo-
hin seine Politik führen würde.
-+»Die Anhänger Hitlers empfan-
den tiefe Zuneigung für Hitler und
erhielten für ihr hitlertreues Ver-
halten positive Anerkennung.« Ihre
Haltung wurde immer weiter ver-
stärkt. Hitlers Schwächen wurden
systematisch ausgeblendet, jede
positive Nachricht dem »Führer«
zugeschrieben. »Diese Menschen
hatten all ihre Hoffnung in Hitler
gesetzt und wollten ihr idealisiertes
Bild um keinen Preis aufgeben. «
Die Regimegegner setzten sich da-
gegen gezielt mit Hitlers Schwä-
chen auseinander, indem sie aus-
führlich und regelmäßig in ihren
Tagebüchern darüber reflek-
tierten.
-+Während die Tagebücher der An-
hänger von dem Glauben an eine
»glorreiche Zukunft Deutsch-
lands« berichten, liest man in den
Tagebüchern der Gegner zur selben
Zeit von großer Hoffnungslosig-
keit und Verzweiflung. Sie er-
kannten die fatalen Folgen von
Hitlers Politik frühzeitig, sahen die
Verbrechen in aller Klarheit. »Bei
den Regimegegnern ergab sich auf
diese Weise eine Art Engelskreis.
Ihre distanzierte Haltung verfes-
tigte sich immer mehr. « Die An-
hänger gerieten dagegen in einen
Teufelskreis, den sie selbst nicht
erkannten.
GANZ OFFENSICHTLICH machte es die
Stimmung in Deutschland und die
Haltung der Deutschen erst mög-
lich, dass ein despotischer Gewalt-
30 PM. 04 / 2010
täter wie Hitler sein Charisma
entfalten, die Mehrheit der Men-
schen mitreißen und viele sogar
zum Mord an Millionen anstiften
konnte. Die Kraft des Charismas
ist nicht den Guten vorbehalten.
Die Wissenschaft unterscheidet
deshalb zwischen der »dunklen«
und der »guten« Seite einer charis-
matischen Beziehung.
DER GRÖSSTE UNTERSCHIED zwi-
schen den guten und dunklen Cha-
rismatikern ist der Grad des Nar-
zissmus, der Selbstverliebtheit.
»Narzissmus beruht letztlich auf
einem instabilen Selbstwert«, er-
klärt Astrid Schütz, Professorin für
Persönlichkeitspsychologie an der
TU Chemnitz. »Menschen mit
einem instabilen Selbstwert sind
sehr stark von der Anerkennung
von außen abhängig. Sie fühlen
sich nur gut, wenn sie bewundert
werden. Aber sie stürzen schnell
ab, wenn sie ohne Anerkennung
sind. «
Popstar Michael Jackson war
vermutlich so ein Narziss: Auf der
Bühne fühlte er sich wohl, konnte
sein Charisma wie einen Turbo-
Negativbeispiel:
Adolf Hitler,
Despot mit
dunklem
Charisma, zog
Millionen
Menschen in
seinen Bann
- und riss die
Welt inden
Abgrund
Verstärker für seine Kunst einset-
zen, und die Massen jubelten ihm
zu. Allein zu Hause empfand sich
der Megastar jedoch als klein und
hilflos wie ein Kind.
Narzisse mit Charisma können
die Massen mitreißen. Aber sie
nutzen diese Gabe vor allem selbst-
süchtig. In letzter Konsequenz ist
ihnen das Wohl der Masse ihrer
Anhänger egaL Manche setzen es,
wenn es dem Erhalt ihres Selbst-
wertes dient, sogar willentlich aufs
Spiel, indem sie ihre Anhänger aus-
beuten oder sogar für sich töten
lassen. Wie Hitler, wie mancher
Sekten- oder Terroristenführer.
»Gute« Charismatiker behalten
dagegen das Allgemeinwohl im
Auge. Sie treten mit ihrer ganzen
Persönlichkeit für ihre Ideale ein,
können aber auch Kritik anneh-
men. Sie sind starke Persönlich-
keiten mit einem stabilen Selbst-
wertgefühl, das auch von Schwie-
rigkeiten, Widersachern oder
Niederlagen nicht ins Schwanken
gebracht wird.
J esus Christus war ein Mensch,
der für seine Vorstellung von
Nächstenliebe bis zur Selbstopfe-
rung eintrat. Rosa Luxemburg
setzte ihr Charisma für die deut-
sche Arbeiterbewegung ein - und
wurde I9I9 von politischen Geg-
nern ermordet. Martin Luther King
kämpfte trotz Morddrohungen
weiter - und wurde 1968 von einem
Rassisten umgebracht. Dass Cha-
rismatiker Glückskinder sind, de-
nen alles zufliegt, entpuppt sich als
Vorurteil, wenn man sich das Le-
ben der guten Charismatiker an-
sieht. Ihnen fliegt bestimmt vieles
zu - aber sie tragen zum Teil auch
schwer an ihrer Verantwortung.
ANDERS SCHEINT es mit den Men-
schen zu sein, die sich Charisma
antrainieren wollen. Entsprechende
Kurse, in denen man Ausstrahlung
und Selbstdarstellung einübt, boo-
men. An den einzelnen Komponen-
ten des Charismas wie Körperprä-
senz und Rhetorik lässt sich tat-
sächlich feilen. Und wer möchte
nicht, dass ihm seine Kollegen oder
Mitarbeiter zuhören, ihn kompe-
tent und mitreißend finden? Au-
ßerdem ist die Ausstrahlung so-
wohl beim Einstieg ins Berufsleben
als auch für den Aufstieg inzwi-
schen genauso wichtig wie persön-
liche Beziehungen, zeigen die Stu-
dien der Wirtschaftsprofessorin
Sonja Bischoff von der Universität
Hamburg.
Allerdings warnen Experten vor
überzogener Selbstdarstellung:
»Führungskräfte tun sich keinen
Gefallen, wenn sie durch Selbstdar-
stellung eine Kompetenz darstellen,
die sie nicht wirklich abdecken«
erklärt Rolf Haubi, Professor für
Psychologie, Gruppenanalytiker
und Direktor des Sigmund-
Freud-Instituts in Frankfurt: » Mit-
arbeiter ahmen dieses Verhalten
nach. Es entsteht eine Unterneh-
menskultur, in der jeder dem ande-
ren misstraut, ob eine dargestellte
Fähigkeit wirklich vorhanden ist
oder nicht. «
Michael Jackson
wurde weltweit
für seine Kunst
bewundert und
respektiert.
Doch seine
Einsamkeit und
Unsicherheit
ließen ihn
letztendlich am
Leben scheitern
Ein Funken Misstrauen ist aller-
dings immer angebracht, wenn
charismatische Menschen auf die
Bühne des Weltgeschehens treten.
Die Menschen, deren Charisma
tatsächlich der äußere Ausdruck
innerer Stärke ist, halten das aus-
und gehen ihren Weg unbeirrt wei-
ter. Viele Experten sehen in Barack
Obama so einen. »Er hat nun ein-
mal sehr viel mehr kraftvolle Per-
sönlichkeitseigenschaften als nur
das Charisma«, meint Psychologe
Wirth: Intelligenz, innere Ruhe,
soziale Kompetenz, Pragmatismus.
Sein Charisma hat ihn nach oben
geschleudert. Jetzt muss er zeigen,
was er sonst noch draufhat.    
WEBWEISER
Verschiedene Tests. die einem
ermöglichen, seine Charakterstärken
herauszuarbeiten:
www.charakterstaerken.org
04 / 2010 PM. 31
D
er Angreifer ist ein
echtes. Schwergewicht ..
Stolze 2426 Kilogramm
bringt er auf die Waage
- zumindest war das so,
als Menschen ihm zum letzten Mal
gefahrlos näherkommen konnten.
Das ist lange her. Inzwischen ist er
zur wilden Furie geworden. Er rast
und taumelt und bedroht die ge-
samte Erde.
Der Angreifer heißt »Rosat«. Er
ist ein ausgedienter Röntgensatellit,
der größte jemals in Deutschland
gebaute. Am 8. Dezember 1998 hat
er seine letzten Bilder gesendet.
Seitdem verliert der Gigant, der
einst 580 Kilometer hoch über der
Erde kreiste, kontinuierlich an
Höhe. Das Problem: An Bord des
Röntgenspähers befindet sich fast
eine Tonne Glaskeramik - viel zu
viel, als dass der Satellit einfach in
der Atmosphäre verglühen könnte.
Ein Absturz scheint unvermeidlich.
»Wenn >Rosat< dabei über be-
wohntem Gebiet herunterkommt
und vielleicht sogar ein Gebäude
trifft, hat die Raumfahrt ein Rie-
senproblem«, warnt Gerd Hirzin-
ger, Robotikexperte am Deutschen
Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Ein Service-
Roboter (Mitte)
nähert sich
einem Satelliten
durch trickreiche
Navigation
mittels Boden-
radarund
Relaisstationen
Das Andocken ähnelt dem Einfädeln eines Fadens
in ein Nadelöhr. Nur: Faden und Nadel wiegen Tonnen -
eine falsche Bewegung führt zur Katastrophe
(DLR) in Oberpfaffenhofen.
Höchste Zeit also, den Weltraum-
ADAC zu rufen.
Der allerdings kommt nicht -
zumindest im Moment noch nicht.
Das aber soll sich ändern: »Wir
haben viel zu lange nur zugeschaut,
was mit dem Schrott passiert«, sagt
Gerd Hirzinger. »Jetzt müssen wir
endlich lernen, von der Erde aus im
Weltraum zu agieren.« In Ober-
pfaffenhofen, vor den Toren Mün-
chens, arbeiten die Ingenieure daher
am fliegenden Gelben Engel. Kleine
Service-Roboter sollen liegen ge-
bliebene Satelliten reparieren, wie-
der auf Trab bringen oder notfalls
einfach an den Haken nehmen.
Was das DLR bereits vorweisen
kann, macht dabei einen durchaus
vielversprechenden Eindruck.
UM DEN EINSATZ ihrer Pannenhelfer
zu üben, haben die DLR-Ingeni-
eure im Keller des Deutschen
Raumfahrt-Kontrollzentrums ei-
nen Teststand aufgebaut. Auf einer
25 Meter langen Schiene proben
zwei Roboter den Ernstfall. Einer
spielt den gestrandeten Satelliten,
der zweite übernimmt die Rolle des
orbitalen Abschleppdienstes. Im-
mer wieder fahren die beiden Ma-
schinen aufeinander zu, erkennen
sich gegenseitig und simulieren die
Annäherung - genau so, wie es
künftig im All passieren soll.
Behutsam nähert sich der Satel-
lit seinem Ziel. Die Bewegungen
sind geschmeidig, in der Goldfolie,
die die Elektronik schützt, spiegelt
sich die Sonne. Das Gerät bremst
ab, dreht sich leicht nach links,
setzt seinen Flug fort. Millimeter
für Millimeter. Auf dem Schwarz-
weiß-Bildschirm im Kontrollzent-
rum taucht schemenhaft ein zwei-
ter Satellit auf, der Abschleppdienst.
Die Umrisse werden deutlicher, ein
Triebwerk ist zu erkennen, alsbald
füllt er den ganzen Monitor aus.
Präzisionsarbeit
beim Ankoppeln:
Laserstrahlen
vermessen die
Antriebsdüse
des defekten
Satelliten - an
ihr macht der
Service-Roboter
fest
Dann geht alles- gauz- Ein
leichter Ruck, ein unsichtbares Zu-
schnappen, und der anvisierte Sa-
tellit hängt am Haken.
»Modernen Kommunikations-
satelliten geht nach etwa 15 Jahren
der Treibstoff aus, auch wenn sie
ansonsten noch prächtig funktio-
  sagt Florian Sellmaier, der
die Satelliten-Studien in Oberpfaf-
fenhofen koordiniert. »Ein Service-
Satellit könnte die Lebenszeit sol-
cher Systeme locker um ein Dutzend
Jahre verlängern.« Die Idee: Wäh-
rend der große Trabant weiter Te-
lefongespräche oder Fernsehpro-
gramme überträgt, übernimmt der
kleine Schlepper das Steuer. Er kor-
rigiert die Bahn und stabilisiert die
Lage des hochfliegenden Gespanns.
Spielen beim großen Satelliten eines
Tages auch die Transponder nicht
mehr mit, kann der Schlepper ihn
in eine noch höhere Umlaufbahn
bugsieren. In diesem Friedhofsorbit
kann der Havarist für alle Zeiten
bleiben. Der Pa nnenhelfer koppelt
sich ab und sucht den nächsten
altersschwachen Trabanten.
Das Problem dabei: Modernen
Kommunikationssatelliten fehlt ei n
Abschlepphaken. »So ein Griff
würde vielleicht ein paar tausend
Euro kosten«, sagt Gerd Hirzinger.
»Aber weil bislang niemand einen
Griff gebraucht hat, ist an den Sa-
telliten natürlich auch keiner dran.«
04 / 2010 PM. 35
Es gibt aber eine Gemeinsamkeit,
die alle Trabanten aufweisen: ihre
trichterförmige Steuerdüse, der so
genannte Apogäumsmotor.  
eine Zecke soll sich unser kleiner
Satellit in dieser Düse festbeißen«,
sagt Sellmaier.
Dass das gar nicht so einfach ist,
zeigen die beiden Roboter auf dem
Teststand in Oberpfaffenhofen.
Ein Theaterscheinwerfer mit gut
20 Kilowatt Leistung simuliert
dort die Sonne. Sein Licht wird
von der Isolierfolie des Zielsatel-
liten stark reflektiert. Folglich ist
das Videobild, das der anfliegende
Roboter in den Leitstand sendet,
deutlich überbelichtet. Ein großes
Problem - allerdings keines, das
die Steuersoftware durcheinander-
bringen darf.
JÜRGEN BOSSE. Geschäftsführer der
Firma Robo Technology, die das
Testsystem baut, klickt mit der
Maus in das unscharfe Schwarz-
weißbild. Augenblicklich markiert
der Computer das, was er für den
Rand der Düse hält. Weil die Kan-
te des Triebwerks auf der einen
Seite heller schimmert als der Hin-
tergrund, glaubt der Rechner, sein
Ziel erkannt zu haben. Er setzt den
Anflug fort. »Genau solche Ver-
fahren sollen hier überprüft wer-
36 PM. 04 / 2010
sagt Bosse. Durch eine Ple-
xiglasscheibe hat er den Teststand
gut im Blick. Der rote »Not-Aus«-
Schalter ist immer in Griffweite.
Niemand hat daran gedacht,
Kommunikationssatelliten mit
Abschlepphaken auszustatten
Kontrollraum :
Die Abschlepp-
dienste werden
per Computer
dirigiert. Viele
teure-5atellitell
ließen sich allein
durch eine Bahn-
korrektur retten
Noch kann die Anlage lediglich
den Anflug nachspielen. Schon
bald soll aber auch das Andocken
simuliert werden - einschließlich
aller Kräfte und Drehmomente, die
dabei auftreten können. »Man
muss bei so etwas höllisch aufpas-
sen«, sagt Gerd Hirzinger. Wird
der Zielsatellit nur einmal leicht
angestupst, kann er sofort unkont-
rolliert ins Taumeln geraten. Die
gesamte Mission wäre gefährdet.
Der von Hirzinger und seinem
Team entwickelte Andockstutzen
soll sich daher mit gehörigem Re-
spekt in die Düse vorarbeiten.
Rundum bestimmen Laser-Entfer-
nungsmesser den Abstand zum
Rand. Höchste Präzision ist gefor-
dert: An seiner dünnsten Stelle,
dort, wo der Haken des Schleppers
einrasten muss, ist der Apogäums-
motor nur zwei Zentimeter breit.
Rechts und links bleibt weniger als
ein halber Millimeter Spielraum.
»Die meisten Menschen haben
schon auf der Erde das Problem_,
einen Faden in ein Nadelöhr zu
bekommen«, sagt Toralf Boge,
einer der Entwickler des Test-
stands. »Wir aber wollen so etwas
im Weltall versuchen - und Nadel
und Faden sind bei uns beweg-
liche, mehrere Tonnen schwere
Kolosse. « Dass solch ein Manöver
überhaupt klappen kann, muss die
Anlage im Keller des DLR erst
noch beweisen.
KLAR IST DAGEGEN, wie eine künf-
tige Rettungsrnission ablaufen soll:
Nach dem Start mit einer handels-
üblichen Rakete wird der etwa
eineinhalb Tonnen schwere Satel-
litenschlepper die Erde zunächst in
geringer Höhe umkreisen. Dann
zündet er sein Ionentriebwerk. Das
schleudert geladene Xenon-Atome
ins All und erzeugt so einen klei-
nen' aber permanenten Schub. Io-
nentriebwerke, die bislang haupt-
sächlich bei wissenschaftlichen
Raumsonden zum Einsatz gekom-
men sind, werden mit Strom ge-
speist und sind sechsmal so effizi-
ent wie herkömmliche Antriebe.
»Das hat den Vorteil, dass wir
deutlich weniger Treibstoff mitneh-
men müssen«, sagt Florian Sellmai-
er. Der Nachteil: Die Reise zu
einem geostationären Satelliten in
knapp 36 000 Kilometer Höhe
dauert etwa 20 Wochen. Nichts für
Notfälle.
Am Zielort angekommen, sucht
der Schlepper mittels Radar nach
seinem Opfer und dockt schließlich
- wie in Oberpfaffenhofen trainiert
- an den großen Satelliten an. Die
Probleme sind damit aber noch
lange nicht aus der Welt: Um einen
Satelliten kontrolliert steuern zu
können, muss der Schub stets in
Richtung des Massenschwerpunkts
gehen - andernfalls entstehen stö-
rende Drehmomente, der Trabant
gerät ins Schleudern. Bei einem
orbitalen Gespann liegt der Schwer-
punkt allerdings außerhalb des
Schleppers. »Das verlangt sehr
trickreiche Steuermanöver«, sagt
Sellmaier.
Noch schwerer wird es, wenn
ein taumelnder Trabant wie »Ro-
sat« eingefangen werden soll. Bis-
lang war das die Spezialität von
Astronauten, die mit dem Space-
shuttle zum Satelliten geflogen wer-
den mussten - ein teures und ge-
fährliches Unterfangen. Der Shuttle
wird im September allerdings zum
letzten Mal starten. »Wir müssen
eh davon wegkommen, alles mit
Astronauten machen zu wollen«,
sagt Gerd Hirzinger. Der DLR-
Forscher setzt stattdessen auf einen
Service-Satelliten mit einem fle-
xiblen Roboterarm. Der soll das
widerspenstige Raumfahrzeug an
einer exponierten Stelle, zum Bei-
spiel an einem Sonnensegel, packen
und dann gezielt über dem Südpa-
zifik in den Abgrund reißen.
Dass so etwas prinzipiell mög-
lich ist, haben die Roboterforscher
bereits vor I5 Jahren gezeigt. An
Bord der Raumfähre» Columbia«
gelang es ihnen, einen frei herum-
fliegenden Würfel mit einem fern-
gesteuerten Roboterarm zu pa-
cken - damals schon eine Art
Vorbereitungsexperiment für den
Weltraum-ADAC. Heute sind sol-
che und ähnliche Kunststücke,
wie Hirzinger vor wenigen Wo-
Andockstutzen
des Pannenhel-
fers: Die Spitze
spreizt sich
in der Antriebs-
düsedes
Havaristen auf
- der beschä-
digte Satellit
hängt am Haken
ehen demonstrieren konnte, mit-
tels Laptop vom heimischen Sofa
aus möglich.
Die deutschen Roboterforscher,
deren Einfang-Projekt im März in
eine 16-monatige Entwicklungs-
phase starten soll, sind nicht die
Einzigen, die sich um den Job als
Pannenhelfer bewerben. Auch Chi-
na, Japan und die USA versuchen
sich als Retter in der Not - zum
Teil sogar mithilfe des Militärs. So
schoss die Forschungsabteilung des
Pentagons vor einigen Jahren zwei
speziell ausgerüstete Testsatelliten
ins All, die in einem erdnahen Or-
bit eine ganze Reihe von Service-
Manövern flogen: Die Trabanten
dockten automatisch an, tankten
sich auf und wechselten mit ihrem
Roboterarm sogar einzelne Bau-
teile aus. Möglich war das aber
nur, weil die Satelliten extra für
solche Aktionen gebaut worden
waren - mit Tankstutzen, aus-
tauschbaren Modulen und Kom-
ponenten, die sich einfach heraus-
ziehen ließen. »In der Praxis kann
man so etwas allerdings erst mit
der nächsten Generation von Satel-
liten machen, also in frühestens 20
Jahren«, sagt Florian Sellmaier.
So lange wollen die DLR-Inge-
nieure nicht warten. Die Forscher
hoffen, in drei bis vier Jahren ihre
Manöver erstmals auch im Welt-
raum fliegen zu können - vielleicht
gerade noch rechtzeitig, um »Ro-
sat« in geordnete Bahnen zu lenken
und das Schlimmste zu verhindern.
Bis es so weit ist, müssen sie im
Keller des Komrollzentrums aber
noch ein ums andere Mal Gelber
Engel spielen. ... ...
WEBWEISER -,
Der deut sch- schwedische Weltraum-
Pannendienst Smart OLEV (engl. ):-,.
www.orbitalsatelliteservices.com I
Video der amerikanischen Mission
»Orbital Express« (engl.):
tinyurl.com/orbitalexpress
,
04 / 2010 PM. 37
TEXT: ISABEL WINKLBAUER
s gibt Menschen, die von Lady Gaga
keine Ahnung haben. Die in ihrem ganzen
Leben noch nie Radio oder Fernseher
gesehen haben. Auch keinen Computer,
und schon gar keinen MP3-Player. Jung-
fräuliche Ohren sozusagen, deren Reak-
tion auf westliche Musik ein Knüller für
Musikforscher wäre. Nicht weil sie stau-
nen oder kichern würden. Sondern weil
sie darin das Gleiche hören wie wir - das hat der
Leipziger Kognitionswissenschaftler Thomas Fritz
jetzt bewiesen. Eine Studie, die er beim isolierten
Bergvolk der Mafa durchgeführt hat, zeigt: Auch
Menschen ohne jegliche Vorkenntnisse sind in der
Lage, in westlicher Musik die wichtigsten darin aus-
gedrückten Gefühle zu erkennen. Zudem ähnelt ihr
Klanggeschmack demjenigen westlicher Hörer. Lieder
besitzen also Merkmale, die von Los Angeles
bis Mikronesien ausnahmslos jeder interpretieren
kann. Damit wird Musik erstmals in der Geschichte
Jeder Menschen hat einen angeborenen
Musikverstand. Schnelle Tempi in Dur
signalisieren Freude, Moll steht für Angst
Musikforscher
Thomas Fritz
beim Hörtest mit
Angehörigen des
Mafa-Stammes
in Kamerun. Sie
haben sofort die
unterschied-
lichen Emoti-
onen in west-
IicherMusik
erkannt
40 PM. 04 / 2010
von den Forschern als eine Art Universal sprache iden-
tifiziert.
Blickpunkt Kamerun, nördliches Mandara-Gebir-
ge: Die Mafa sind ein Stamm, der wie seine Vorfahren
naturverbunden und ohne Elektrizität lebt. Es dauerte
einige Tage, bis Musikforscher Thomas Fritz das
Vertrauen der Männer und Frauen gewann. Schließ-
lich waren sie im Leben noch nicht einmal an einem
Transistorradio vorbeigegangen und auch nicht an
einer Kirche, aus der sie christliche Lieder hätten hören
können. Vor Fritz' Tonbandgerät mit Kopfhörern
fürchteten sie sich anfangs. Doch als das Eis gebrochen
war, staunten die Forscher. »Die Mafa waren auf
Anhieb in der Lage, die Ge-
fühle in den westlichen Stü-
cken zu entdecken, die wir
ihnen vorspielten«, erzählt
Thomas Fritz.
In den computergene-
rierten Klaviermelodien, die
er verwendete, sollten seine
21 Probanden Freude, Trau-
er oder Angst identifizieren.
Ihren Tipp sollten sie dabei
ausdrücken, indem sie auf
eines von drei Fotos mit ent-
sprechenden Gesichtsausdrücken deuteten. Sie lagen
in rund 60 Prozent aller Fälle richtig, also doppelt so
oft, als wenn sie nur geraten hätten (33 Prozent). Fritz
fand auch heraus, dass sie sich bei ihrer Interpretation
auf das Tempo der Stücke verließen und das Tonge-
schlecht Dur oder Moll erfassten. Wie westliche Hörer
deuteten sie Schnelligkeit und Dur als freudig, Lang-
samkeit als traurig und Moll als angsterfüllt. Zwar
erwies sich eine deutsche Kontrollgruppe mit einer
Trefferquote von über 80 Prozent als erfolgreicher.
»Doch ich bin sicher, dass die Mafa noch besser gewe-
sen wären, wenn ihnen der Versuchsaufbau nicht so
neu gewesen wäre«, sagt Thomas Fritz.
IN EINEM ZWEITEN Experiment spielte der Leipziger
Mafa wie Deutschen harmonische Stücke und ihre
disharmonisch verfremdeten Pendants vor, darunter
sowohl westliche Musik als auch Stücke für Mafa-
Flöten. Ergebnis: Beide Gruppen bevorzugten die
Lieder, in denen keine Dissonanzen vorkamen - also
nach der klassischen Musiklehre Akkorde, in denen
die Töne nahe beieinander liegen und sich »reiben«.
Tempo, Dur und Moll, Wohl- und Missklang sind
also die Größen, nach denen Menschen grundsätzlich
Musik erfassen. Bisher haben sich Experten darüber
gestritten, ob Musik bestimmten Zeit- und Tonregeln
folgen muss, um als angenehm empfunden zu werden,
oder ob, wie in der Zwölftonmusik, auch beliebige
mathematische Komponiersysteme funktionieren.
»Doch nun ist die Mafa-Studie einer der wenigen
Hinweise, dass es in der Musik wirklich universelle
Regeln gibt«, sagt der Hannoveraner Musikphysiolo-
ge Eckart Altenmüller. Der Direktor des Instituts für
Musikphysiologie und Musikmedizin arbeitet gerade
an einem Buch über Musikevolution und wundert sich
nicht, dass jedem Menschen offenbar ein gewisser
Musikverstand angeboren ist. »Menschen sind allein
durch ihr Sprach- und Umweltgehör musikalisch«,
sagt er. »Im Laufe der Jahrtausende haben sie gelernt,
aus Stimmen und Geräuschen Stimmungen zu lesen,
manche davon angenehmer zu finden als andere.« Ein
Beispiel: Ist unser Gegenüber aggressiv und knurrt,
hat seine Stimme einen stärkeren Grad an Rauigkeit
- eine Dissonanz, die Gefahr bedeutet. Freut sich
dagegen jemand, spricht er schnell und hell - eine
atemlose Sequenz in Dur. Und wer traurig ist, schlägt
langsame, abfallende Moll-Töne an.
Die menschliche Kunst, Melodien zu lesen, muss
uralt sein, denn laut Computertomografien werden
beim Musikhören Teile des Stammhirns aktiv, die
schon unsere reptilen Vorfahren lenkten. Auch dass
Saurier ihre Angriffe in gleichmäßigen Rhythmen
liefen oder Wale in Strophen und Refrains singen, lässt
ahnen, dass Musik bedeutend älter sein muss als
Sprache. Und das nicht, obwohl sie scheinbar nutzlos
ist, sondern genau deshalb. Sie könnte seit je der Fort-
pflanzung gedient haben: Männchen, die sich über-
flüssiges Gebaren leisten können, drücken durch Ge-
sang vor Weibchen ihre Fitness aus. Musik könnte aber
auch ein Testprogramm für den wachsenden Verstand
sein: Wichtige Fähigkeiten wie das Sprechen erwarb
der Mensch nicht über Nacht, sondern die dafür ent-
wickelten Gehimareale mussten sich über Jahrtausen-
de mit Melodien und Rhythmen warmlaufen.
MUSIK UND SPRACHE sind Geschwister. Das zeigt unter
anderem die gemeinsame Zuständigkeit von Hirnare-
alen wie dem Gyrus temporalis superior und dem
Broca-Areal. Nur, Musik ist mächtiger als Sprache.
Das beginnt schon damit, dass Musik nicht übersetzt
werden muss. Musik ist schneller: Schon ein einziger
Fanfarenton bedeutet uns, dass es jetzt offiziell wird.
Musik darf mehr: Worte, die Südstaaten-Sklaven einst
die Peitsche einbrachten, blieben als gesungener Gospel
ungestraft. Musik öffnet das Herz: Kompositionstricks
wie Tempowechsel oder überraschende Stimmeinsätze
verursachen Herzklopfen, Tränen, Lachen und Gän-
sehaut. »Wenn ein SS-Mann Musik hört, vor allem
solche, die er besonders mag, beginnt er sich irgendwie
in ein menschenähnliches Wesen zu verwandeln«, er-
zählte der jüdisch-polnische Komponist Szymon Laks
aus seiner Gefangenschaft in Auschwitz. Und Musik
kühlt die Gemüter: 2003 zähmte der britische Choreo-
graf Royston Maldoom mit Strawinskys »Le sacre du
printernps« 250 beinharte Straßenkids.
Die größte Macht aber, die Musik entwickeln
kann, liegt in ihrer Wirkung auf Gruppen. »Sie weckt
das kooperative Verhalten von Individuen«, weiß
Eckart Altenmüller, »deshalb kann sie Massen mo-
bilisieren. « Man denke an die Wagner-Opern in der
NS-Zeit, die das Bildungsbürgertum über die Kunst
dem Nationalsozialismus einverleibte. Doch auch die
Abschaffung der Apartheid in Südafrika ist ein Werk
der Musik. Ohne das Lebenswerk von Bob Marley,
Pop-Festivals für Nelson Mandela und Hits wie Ed-
die Grants »Gimme Hope, Jo'anna« hätte sich in den
USA und Europa weniger geistige Verbundenheit zu
den Unterdrückten aufgebaut, es wäre weniger poli-
tischer Druck entstanden. »Durch Musik kann man
sich heute mit den Rastafari verbunden fühlen, ohne
je einen gesehen zu haben«, meint Mafa-Forscher
Thomas Fritz. »Für bestimmte Ethnien können Mu-
sik und die Nutzung des weltweiten Medienflusses
deshalb unter Umständen eine Chance sein, auf Miss-
stände aufmerksam zu machen. «
Hat Musik also das Talent zum Allheilmittel? Es
gibt auch kritische Stimmen. Experten wie der fran-
zösische Musikethnologe Emmanuel Bigand sehen den
Kunstcharakter von Musik missachtet, wenn sie nur
auf ihre manipulativen Qualitäten reduziert wird.
»Dass bestimmte Klänge Emotionen wecken, mag
schon sein«, meint Bigand, »aber Musik ist mehr. Sie
ist ein komplex strukturiertes Werk aus Spannung,
Erwartungen und Überraschungen, mit denen der
Hörer nur in Vibration treten kann, wenn er den kul-
turellen Hintergrund des Komponisten teilt.« Sprich:
Ein afrikanischer Bergbewohner könnte in Smetanas
»Moldau« beispielsweise das finale Prag-Moriv nicht
genießen, weil er es nicht erkennt. Musik kann folglich
immer nur sehr schlichte Botschaften schicken. Das
musste auch Thomas Fritz erfahren, als seine deutschen
Probanden Mafa-Musik beurteilen sollten: Sie verstan-
den, anders als die Mafa in den westlichen Tönen, rein
garnichts. »ln den Flötenliedem derMata scheirtrder
emotionale Ausdruck nicht so eine wichtige Rolle zu
spielen«, erklärt Fritz, »sie betonen eher etablierte
Rituale und damit sozialen Zusammenhang. Für West-
ler klingt das anfangs wie ein Autohupkonzert. Erst
als wir mehr über die Flöten und ihren Gebrauch bei
Festen erklärten, erkannten die deutschen Hörer Struk-
turen in den Liedern. Dass
Musik eine Universalsprache
ist, kann ich daher nur be-
dingt bestätigen. Sie ist oft
genug eine spezialisierte Lo-
kalsprache. «
JEDOCH: Musikalische Hin-
tergründe lassen sich rasend
schnell lernen. »Schon Un-
geborene bilden ab der 21.
Schwangerschaftswoche ihr
11usikgehör, ohne es zu
merken«, erklärt Eckart Al-
tenmüller. »Nach der Geburt geht das ständig weiter,
durch zufälliges Hören in der Kirche, im Autoradio,
unfreiwillige Beschallung auf dem Markt oder be-
wussten Musikgenuss. Diesem Lernprozess kann sich
niemand verschließen. Darum hat jeder die grund-
sätzliche Kompetenz, jede Musik zu verstehen. « Wer
nicht taub ist oder an Amusie leidet, so Altenmüller,
lerne automatisch, schon während er neue Klänge
hört.
Ob auch die Mafa grundsätzlich in der Lage sind,
komplexere musikalische Bedeutungen zu erkennen,
hat Thomas Fritz mit einem dritten Experiment getes-
tet. Hierbei sollten die Probanden verschiedene Mu-
sikstücke mit je einem von drei vorgegebenen Wörtern
verbinden. Anschließend wurden die gewählten Asso-
ziationen mit den Ergebnissen einer deutschen Kont-
rollgruppe verglichen. Zwischen Afrikanern und Deut-
schen gab es dabei nicht viele Übereinstimmungen,
Zwei Mafa-
Männer
studieren Bach:
Sie hatten
keine Mühe, den
festlichen
Charakter des
Stücks zu
erkennen
04 / 2010 PM. 43
Musik-
Dompteur:
Der Choreograf
Royston
Maldoom (0.)
hat mit
Strawinskys
Musik 250
verwilderte
Straßenkinder
»gezähmt «
44 PM. 04 / 2010
Die moderne Hirnforschung zeigt, dass die Musik bedeutend
älter als die Sprache sein muss. Heute bilden bereits Ungeborene ab
der 21. Schwangerschaftswoche ein Musikgehör aus
denn der kulturelle Erfahrungsschatz, der den Wort-
bedeutungen zugrunde liegt, ist doch zu unterschied-
lich. Dennoch erhielt Fritz in Einzelfällen Hinweise
darauf, dass auch Mafa mehr als Basisemotionen aus
Melodien heraushören. Johann Sebastian Bachs »Re-
jouissance« etwa assoziierten sie mit dem Wort »Stier«,
weil es bei ihnen jährlich ein großes Stierfest gibt und
sie die Festlichkeit des Stücks begriffen.
MIT DIESEM WISSEN wird klar, dass der Siegeszug der
Pop-Musik über den Globus nicht unbedingt der
Musikindustrie und ihren Einhämmerungsmethoden
zu verdanken ist, wie 1962 der Philosoph und Sozio-
loge Theodor Adorno beklagte. Es sind vielmehr ein
wacher Musikverstand und die Liebe zu neuen
Gefühlserlebnissen, die Menschen rund um den Glo-
bus aufgeschlossen gegenüber neuen Tönen machen.
Offenbar brauchen wir musikalische Abwechslung,
und der internationale Austausch von Musik ist ab-
sehbar. »Das, was sich heute weltweit durchsetzt, ist
trotz einiger Penetranz in der Verbreitung nicht das
Produkt einer westlichen Vormacht«, sagt Eckart
Altenmüller, »sondern vereint Elemente aus vielen
Gattungen aus aller Welt. Nehmen Sie Mozarts >Ron-
do alla turca<, die war schon im I8. Jahrhundert
türkisch inspiriert. Sogar Wale haben schon zu Ur-
zeiten ihre Gesänge getauscht. « Gleichzeitig ist der
Nlusikphysiologe wie viele Fachleute der Meinung,
dass Hits von Lady Gaga und Michael Jackson loka-
len Musiktraditionen nicht schaden. »Auf der einen
Seite gibt es ebenso wie weltweit gültige Produkte auch
weltweit gültige Lieder«, erklärt er. »Doch auf der
anderen Seite bleibt lokale Musiktradition bestehen,
weil sie Identität und Zusammenhalt stiftet. Diese
beiden musikalischen Sprachen existieren heute ne-
beneinander. «
Werden wir die kommunikativen Chancen einer
neuen Weltmusik nutzen, statt uns von simplem Ein-
heitsbrei einlullen zu lassen? Altenmüller sieht es ge-
lassen. Für ihn ist das anspruchsvoll erzogene Hörsys-
tem des Menschen, wie es sich auch in der Mafa-
Studie gezeigt hat, ein höchst beruhigender Faktor.
»Eine globale Musikkultur, verbreitet durch Massen-
medien, ist eigentlich ein riesiges gesellschaftliches
Gehörbildungsprojekt«, findet er, »das ist prima. «
Wann der Weltfrieden also auch komnlt, er kommt
mit guter Musik. ... ...
BUCHTIPP
Musikpsych()logie. Das neue Handbuch. rowohlt 2008. 19.95 Euro
Exzellenter Uberblick über die neurologischen und psycholo-
gischen Wirkungen von Musik. mit Beiträgen von vielen
namhaften Musikforschern
WEBWEISER
Detailinfos zur Mafa-Studie mit den Hörproben des
Konsonanz - Dissonanz - Experiments:
www.cell.com/current -biology / supplemental/
50960-9822(09)00813-6 ----------.
Seite eines international en Forschungsprojekts zu
Musik und Gefühlen:
,..-___________ www.bralntuning.fi
Walgesänge zum Anhören:
www.whalesong.infol?q=node/461
TEXT: ALEXANDER STIRN
A
m Anfang war das
Wort, und das Wort
war ketzerisch: »Gebt
mir einen halben
Tanker voll Eisen,
und ich gebe euch eine Eiszeit«,
prophezeite der US-Meeresforscher
John Martin Anfang der 1990er
Jahre. Dem Wort sollten alsbald
Taten folgen. Rund um den Globus
stachen Wissenschaftler in See, um
ein klein wenig Gott zu spielen.
Der Eisendünger in ihren Tanks,
so die Hoffnung, sollte das Algen- ....
wachstum in den Ozeanen anre-
gen. Die Algen sollten Kohlendi- -'.
oxid aufnehmen und am Ende
ihres Lebens auf den Meeresgrund
sinken - mitsamt dem schädlichen
Gas. Aus den Augen, aus dem Kli-
makreislauf, aus dem Sinn.
AUCH DEUTSCHE FORSCHER konnten
der Versuchung nicht widerstehen.
Anfang vergangenen Jahres kipp-
ten sie sechs Tonnen Eisen in den
Südatlantik - verteilt auf eine 300
Quadratkilometer große Region.
Wie erhofft, fingen die Algen an zu
blühen. Doch dann passierte das
Unerwartete: Anstatt sich mit Koh-
lendioxid vollzupumpen und abzu-
sterben, lockten die Algen hungrige
Ruderfußkrebse an. Die wiederum
weckten das kulinarische Interesse
der Flohkrebse. Das große Fressen
begann. Zurück blieben etliche
wohlgenährte Krebse und genauso
viel Klimagas wie zuvor.
Immerhin haben sie es versucht
- und liegen damit voll im Trend:
»Geo-Engineering«, das Herum-
doktern an der Erde in der Hoff-
nung, den Klimawandel aufzuhal-
ten, ist gesellschaftsfähig geworden.
Eisen im Ozean, Schwefel in der
Atmosphäre, Spiegel im Weltall, ja
sogar riesige Kohlendioxid-Staub-
sauger sollen die Erde vor dem
Hitzetod bewahren. Und das, ob-
wohl völlig unklar ist, wie die Na-
tur auf die abenteuerliche Manipu-
48 PM. 04 I 2010
Test im Süd-
atlantik (0.): Die
»Polarstern« (r.)
hat das Meer mit
sechs Tonnen
Eisen gedüngt
Wunschgemäß
vermehrten sich
die Algen, der
Chlorophyll-
gehalt stieg -
fiel dann aber
schnell ab, weil
die Pflanzen
gefressen
wurden
Die Alge Chaeto-
ceros (ganz 0.) und
eine Kieselalge
(darunter). Füttert
man sie mit Eisen,
wachsen sie rasch.
Für ihren Stoff-
wechsel benötigen
sie große Mengen
CO
2
, das sie der
Atmosphäre
entziehen. Noch
bevor diese
Entgiftung
einsetzte, wurden
die Algenkolonien
von hungrigen
Ruderfußkrebsen
(I.) entdeckt-
und gefressen.
Diese wurden dann
ihrerseits von
Flohkrebsen
verspeist. Die
Aktion der
»Polarstern«
brachte also
Bewegung in die
Nahrungskette
-aber nicht
ins Klima
Selbst wenn wir
die CO
2
-Emissionen
sofort auf null
bringen, steigt die
Temperatur noch
jahrzehntelang an
lation reagiert und ob Politik und
Menschheit überhaupt verantwor-
tungsvollmit den neuen Möglich-
keiten umgehen können.
Nicht zuletzt deshalb war allein
schon der Gedanke an Geo-Engi-
neering lange Zeit verpönt. Wer
das Thema trotzdem ansprach, galt
als Anhänger eines unverbesser-
lichen Technikwahns, als Pfuscher,
der sich über die Natur und ihre
ehernen Gesetze erheben wollte.
In den letzten Monaten hat sich
das grundlegend geändert: Spätes-
tens seit dem Scheitern des Klima-
gipfels in Kopenhagen ist vielen
Wissenschaftlern klar, dass sie sich
im Kampf gegen die steigenden
Temperaturen auf die Politik und
den gesunden Menschenverstand
nicht mehr verlassen können.
»Immer hieß es, die Möglich-
keiten des Geo-Engineerings sollten
so lange zurückgehalten werden,
bis wir vor einem echten Notfall
stehen«, sagt Michael MacCra-
cken, wissenschaftlicher Leiter am
Climate Institute in Washington.
) Dabei stecken die Menschen in
der Arktis bereits heute in einer
äußerst bedrohlichen Situation.«
Für März hat MacCracken führen-
de Köpfe aus dem Bereich des Geo-
Engineerings nach Kalifornien
eingeladen, um über Konzepte für
die Zukunft zu sprechen.
SELBST DIE BRITISCHE Royal Society,
eigentlich kein Anhänger eines
blinden Technikglaubens, schlägt
Alarm. In der bislang ausführ-
lichsten Studie zum Thema, vorge-
stellt im vergangenen September,
04 1 2010 PM. 49
fordert die Wissenschaftsorganisa-
tion »unverzügliche« Anstren-
gungen, um Chancen und Risiken
des Geo-Engineerings besser ab-
schätzen zu können. »Wenn sich
die Menschheit nicht auf deutliche
Einschnitte beim Ausstoß schäd-
licher Gase einigen kann, brauchen
wir neue Methoden, um in Zu-
kunft den Klimawandel aufzuhal-
ten«, sagt John Shepherd von der
University of Southampton, der die
Studie federführend verfasst hat.
Auch die Politik bewegt sich.
Für James Holdren, wissenschaft-
licher Berater von US-Präsident
Barack Obama, ist Geo-Enginee-
ring eine Option. »Wir können uns
den Luxus, einen solchen Ansatz
von vornherein vom Tisch zu fe-
gen, nicht mehr leisten«, sagt der
Klimaexperte. » Es kann gut sein,
dass wir irgendwann so verzweifelt
sein werden, dass wir nicht mehr
drum herumkommen.«
Klar ist: Selbst wenn die Mensch-
heit auf einen Schlag sämtliche
Kohlendioxid-Emissionen einstel-
len würde, wäre der Klimawandel
noch lange nicht gestoppt. Die
Temperaturen würden, so die
Überzeugung der meisten Klima-
forscher, noch mehrere Jahrzehnte
steigen. Bis der Kohlendioxid-Ge-
halt in der Atmosphäre wieder auf
Werte wie vor der industriellen Re-
volution absinkt, dürften sogar
mehr als 1000 Jahre verstreichen.
MIT GEO-ENGINEERING könnte das
deutlich schneller gehen. Zwei
Möglichkeiten bieten sich Wissen-
schaftlern, die am irdischen Ther-
mostat drehen wollen: Sie können
wie die deutschen Forscher im Süd-
atlantik versuchen, das schädliche
Kohlendioxid direkt aus der Atmo-
sphäre zu entfernen. Oder sie sor-
gen mit einer Art Sonnenschirm
dafür, dass weniger Wärmestrah-
lung am Erdboden ankommt -
unabhängig von der Menge an
Klimagasen in der Luft.
Besonders der zweite Weg steht
bei den Geo-Engineering-Fans
50 PM. 04 / 2010
Was ist der bessere
Sonnenschirm:
Millionen Tonnen
Schwefel oder
Billiarden Spiegel in
der Atmosphäre?
hoch im Kurs. Vor drei Jahren
schockte Paul Crutzen, Chemie-
Nobelpreisträger und Entdecker
des Ozonlochs, seine Kollegen mit
dem Vorschlag, Millionen Tonnen
Schwefeldioxid in der Stratosphäre
zu verteilen. Dort, in mehr als zehn
Kilometer Höhe, soll sich das gif-
tige Gas mit anderen Bestandteilen
der Luft verbinden und kleine
Tröpfchen bilden. Die Partikel
würden einen Teil des Sonnenlichts
zurück ins All reflektieren.
Die Folge: ein bleicher Himmel,
intensivere Sonnenuntergänge, vor
allem aber weniger Energie, die die
Erde erreicht. Nach Berechnungen
der Geo-Ingenieure müssten ledig-
lich zwei Prozent des Sonnenlichts
zurückgeworfen werden, um den
Anstieg des Kohlendioxids in der
Atmosphäre zu kompensieren. Bis
zu 50 Milliarden Dollar wären da-
für jährlich nötig. Ballons, flug-
zeuge oder 25 Kilometer lange
Feuerwehrschlä uche könnten die
Schwefelwolken erzeugen.
Crutzen und Kollegen nehmen
sich dabei die Natur zum Vorbild:
Auch bei Vulkanausbrüchen wer-
den große Mengen an Schwefel-
gasen in die Luft geschleudert - mit
durchaus spürbaren Folgen. Als
der philippinische Feuerberg Pina-
tubo im Juni 1991 ausbrach,
pumpte er bis zu 20 Millionen Ton-
nen Schwefeldioxid in die Atmo-
sphäre. Am Erdboden ging die
Ausbeute des Sonnenlichts um fünf
Prozent zurück, weltweit sanken
die Temperaturen um etwa ein
halbes Grad Celsius. Erst nach drei
Jahren lösten sich die Wolken wie-
Der Ausbruch des Pinatubo:
1991 schleuderte der Vulkan
20 Millionen Tonnen Schwefel-
dioxid in die Luft. Es verrin-
gerte die Sonneneinstrahlung
um fünf Prozent; die globale
Durchschnittstemperatur sank
um 0,5 Grad Celsius. Den
gleichen Abkühlungseffekt
erzielen künstliche Schwefel-
wolken, sagen Klimaforscher
Ausbreitung der Ganz oben: die
Pinatubo-Wolke: Klima-Strategie
Das Bild (I.) zeigt der Universität
die Schwefel- von Arizona. Sie
verteilung vier will mit elektro-
Monate nach magnetischen
dem Ausbruch. Kanonen 16
Die höchste Billiarden Spiegel
Konzentration ins All schießen,
(rot) findet sich um so die Erde
am Äquator. zu verschatten.
Alternative: die
Installation
riesiger EinzeI-
spiegel (0.).
Sie könnten aber
auch bewirken,
dass Tempera-
turenund
Niederschläge
verrückt spielen
der auf. »Das zeigt uns, dass die
Reflexionspläne funktionieren
können«, schreibt John Shepherd
in seinem Bericht für die Royal
Süciety »Di.eMethode wirkt. sehr
schnell, und ihre Effekte lassen sich
- wie die Vulkanausbrüche bewei-
sen - nach einiger Zeit sogar wie-
der umkehren.«
Genau hier liegt aber auch eines
der großen Risiken. Sollte es der
Menschheit eines Tages an Geld,
Lust oder politischem Willen feh-
len, immer größere Mengen Schwe-
fel in die Atmosphäre zu pumpen,
wären die Folgen umso drama-
tischer: Da das Kohlendioxid nach
wie vor in der Luft schwebt, stiegen
die Temperaturen innerhalb weni-
ger Jahre extrem stark an - etwa
zehnmal so schnell wie heute.
KRITIKER DES PROJEKTS sehen noch
weitere Gefahren. Der schweflige
Sonnenschutz könnte die überaus
empfindliche Dynamik der Atmo-
sphäre durcheinanderbringen. We-
niger Niederschlag, wärmere Win-
ter, kühlere Sommer wären die
Folge. Vor allem aber könnte die
Schwefelpackung dem Planeten ein
neues Ozonloch bescheren.
Vielleicht geht es ja auch ohne
Schwefel: Von US-Astronomen
kommt die Idee, zwischen Erde
und Sonne Billionen kleine Spiegel
zu verteilen und so das Sonnenlicht
schon im Weltall abzulenken. Fast
genauso ambitioniert ist der Plan,
mit großen Schiffen das Meerwas-
ser zu vernebeln und dadurch die
Wolkenbildung zu intensivieren.
Ob so etwas überhaupt technisch
und finanziell machbar ist, ist noch
nicht einmal ansatzweise geklärt
- genauso wenig wie die möglichen
Folgen für die Umwelt. Sicher ist
nur: Wer sich zum Herrn über das
Weltklima aufschwingen will, darf
sich über Risiken und Nebenwir-
kungen nicht wundern.
Die könnten bei der zweiten Me-
thode des Geo-Engineerings im-
merhin etwas kleiner ausfallen.
}) Kohlendioxid komplett aus der
04 1 2010 PM. 51
Ganz oben:
Dieses Roboter-
Schiff vernebelt
Salzwasser
und erzeugt
künstliche
Wolken,die
Sonnenlicht
absorbieren.
Schon 1000
solcher Wolken-
Schiffe könnten
die Fieberkurve
der Erde merk-
  i c h abflachen
lassen Oben: 100
Meterhohe
Staubsauger
entziehen der
Erdatmosphäre
das Kohlendioxid
und injizieren es
in den Boden.
Doch bildet es
dort wirklich das
gewünschte
Kalkgestein
- oder quillt es
wieder an die
Erdoberfläche?
Diese Frage ist
noch nicht
beantwortet
Das Klima wird zur
Machtfrage: Wer es
mit den raffiniertesten
technischen Mitteln
steuern kann,
regiert die Welt
52 PM. 04 1 2010
Atmosphäre zu entfernen ist der
bessere Ansatz, weil er das Übel bei
der Wurzel packt und das Klima
wieder zurück in seinen natür-
lichen Zustand versetzt«, sagt John
Shepherd. Die Düngung der Oze-
ane bleibt dabei - trotz des jüngsten
Rückschlags im Südatlantik- eine
Option. Möglicherweise hilft es
aber auch, Bioabfälle ohne Luft
und unter großem Druck in Holz-
kohle zu verwandeln. Dabei würde
sich das Kohlendioxid zwangsläu-
fig in den verkokelten Pflanzen
festsetzen. Es könnte zum Beispiel
im Boden vergraben werden.
Klaus Lackner von der Colum-
bia-Universität in New York will
einen anderen Weg einschlagen.
Der Physiker plant, das Kohlendi-
oxid einfach mit einer Art Staub-
sauger aus der Luft zu holen. Spe-
zielle Membranen, die norma-
lerweise dazu benutzt werden,
Wasser zu reinigen, sollen das Kli-
magas absorbieren.
Kleiner Schönheitsfehler: Welt-
weit müssten mindestens 30 Milli-
onen Sauger aufgestellt werden.
Und die hätten einiges zu tun: Ver-
glichen mit einem künstlichen Son-
nenschutz, wirkt sich das Absaugen
des Kohlendioxids nur quälend
langsam auf den Klimawandel
aus.
Doch selbst wenn eines Tages
die technischen und wissenschaft-
lichen Herausforderungen des
Geo-Engineerings gelöst sind,
bleibt ein weiteres, noch viel grö-
ßeres Problem: der verantwor-
tungsvolle Umgang mit den neuen,
fast schon gottgleichen Möglich-
keiten. »Soziale, rechtliche, ethische
und politische Aspekte dürfen kei-
nesfalls vernachlässigt werden«,
warnt John Shepherd.
Skeptiker sehen bereits den Tag
kommen, an dem Geo-Engineering
zum Spielball der Interessen einzel-
ner Staaten oder finanzkräftiger
Organisationen wird. Die USA
dürften zum Beispiel alles daran
setzen, Grönlands Gletscher zu
erhalten und Florida so vor dem
Untergang zu retten. Russland da-
gegen hätte nichts dagegen, wenn
seine arktischen Permafrostböden
langsam auftauten und fruchtbar
würden. Wer letztlich die Hand am
globalen Thermostat haben wird
oder haben darf, ist völlig offen.
Kritiker wie Douglas Parr, Wis-
sensehaftschef von Greenpeace,
sehen noch eine weitere Gefahr:
Angesichts der neuen Möglich-
keiten könnten Politiker ohne Not
den »Panik-Knopf drücken« und
dem Geo-Engineering Vorrang vor
anderen, weitaus unbequemeren
Alternativen geben - in der Hoff-
nung, dadurch eine Atempause zu
bekommen. Verzicht und Reduk-
tion von Kohlendioxid-Emissionen
wären dann auf einmal kein The-
mamehr.
Allerdings: Die Bereitschaft
dazu ist - wie Kopenhagen gezeigt
hat - auch ohne Geo-Engineering
derzeit nur äußert dürftig ausge-
prägt. ~ ....
WEBWEISER
Das deutsch- indische Eisen-
düngungs-Experiment Lohafex:
www.lohafex.com ------.
Der Bericht der britischen Royal
Society zum Geo-Engineering (engl)
royalsociety.org/
geoenglneerlngclimate
  Logik-Trainer
Das Wartezimmer des Kinderarztes Dr. Manfred Schmldt ist voll. Mehrere Kinder-
jeweils in Begleitung eines Elternteils - warten darauf, dass sie aufgerufen werden. Wer
(Vorname) besucht mit seinem Kind (Vorname, Alter) weswegen den Kinderarzt?
• Das Wort »Patient« erlaubt
keinen Rückschluss auf das
Geschlecht.
1. Dagmars Kind, das einen starken
Hustenreiz hat, ist nicht sechs
Jahre alt.
2. Der kleine Pat ient mit dem Heu-
schnupfen ist jünger als der mit
dem Hautausschlag.
3. Der fünfjährige Felix, der von
seinem Vater begleitet wird, hat
heftige Ohrenschmerzen.
4. Hannas Kind und Philipp sind zu-
sammen genauso alt wie Ben und
das Kind mit dem Hautausschlag;
es handelt sich hier um vier
verschiedene Kinder.
5. Klaus ist der Vater des ältesten
I---+--+-----l- +--+---+-+---+--+-----ll---+---+---+-+--; Patienten.
6. Das siebenjährige Kind - es heißt
I---+--+---l--+--I---t-+--+--+---lf---!--+---t-+--f nicht Nele -leidet unter Schlaf-
störungen.
AUFLÖSUNG IM NÄCHSTEN HEFT
54 PM. 04 / 2010
UND SO GEHT'S:
Zum Lösen des Logik-Trainers
brauchen Sie nichts weiter als
einen Stift und einen kühlen Kopf.
Lesen Sie bitte zunächst den T
ext des Rätsels und die Hinweise
im Kasten. Wenn Sie nun alle
Informationen aus den Hinweisen
in das nebenstehende Diagramm
eintragen, dann kommen Sie
Schritt für Schritt auf die Lösung.
Machen Sie ein Pluszeichen (»+«)
für jedes sichere »Ja« und ein
Minuszeichen (»-«) für jedes
eindeutige »Nein«. So ergeben
sich im Diagramm neue (positive
und negative) Informationen,
die sich wiederum mit einem
Plus- oder Minuszeichen markie-
ren lassen. (Wenn Sie zum Beispiel
wissen, dass x=y ist, und dann
herausfinden, dass y nicht z ist,
dann haben Sie die neue Informa-
tion gewonnen, dass x nicht z ist.
Machen Sie also in das Feld x/z ein
Minuszeichen.)
Sämtliche gesuchten Angaben
entstehen logisch »zwingend«.
Sie brauchen also nicht zu
probieren oder gar zu raten. Aber:
Lesen Sie jeden einzelnen Hinweis
genau. Tragen Sie bitte in die
Tabelle unten Ihre Ergebnisse ein.
Übrigens: Auch kluge Köpfe
brauchen für dieses Rätsel
durchaus 30 Minuten oder mehr.
AB 9.4.2010 IM HANDEL:
Die Sonderausgabe P.M. Logik- Trainer
4/10: 28 unterschiedli ch schwere
Aufgaben mit ausgewählten
Lösungsbesprechungen, 1,90 Euro
Rätsel
WAAGERECHT
1 Verfalltes persönliches Fürwort 4 Abgesondertes Stadt-
viertel 9 Nicht eben 14 Der mit» To be, or not to be« 15 Von
ihnen/durch sie gibt es viele Reliquien (s. Bericht) 16 Maler
der zerfließenden Uhren 18 Antikes Rechenbrett, auch
heute noch benutzt 19 Brötchen 21 Volk in Nigeria
22 Schopfers Pseudonym 23 Brutstätte 24 Hawaiiinsel
25 In Monsterform auch monstergefährlich? (s. Bericht)
27 Fränk. Hausflur 29 Schneehaus der Inuit 31 Wichtige
Computertaste 34 Längster Fluss in Meckpomm 36 Kurzes
Erbmolekül 37 Kurze offizielle Fahrzeugbeleuchtung
39 Terrierfluss 41 Muse der Sternkunde 43 Sorgen sich
auch um die Nachkommen (s. Bericht) 45 Kurzfamilie
46 Hauptstadt Apuliens 49 Emoticon 53 GLEIER 55 Name
mehrerer brit. Flüsse 56 Rechts- wie linksrheinischer Fluss
58 Ital. Adriahafen 61 SLEIEW 63 Kurze Ausfuhrkreditan-
stalt 64 Aufs Geld achtend 69 Dicker Bauch, oft von Bier
72 Zurzeit Imperativ an Sie! 75 Bete! lateinisch 76 Drehflügel
77 Nutztierunterkunft 79 »Der« FilmdeHin 81 Lichthof um
Leuchtendes 83 Eng!. Nebel 85 Skandalatommülldeponie
86 Mit Aceh 2004 tsunamlzerstörte Stadt 87 EMEBAO
88 Extremität 89 Istform 90 Katzennachtfarbe 91 Hat
sächsischer Landtag am Auto 92 Engl. Osten 93 Austral.
Wildhund 94 Die derZukunft wird anders gestaltet werden
müssen (s. Bericht).
SENKRECHT
1 VEIENID 2 (1- 3 Meeresraubfisch 4 Fluss in Kärnten 5 Im-
perativ an den Kran 6 Haushaltsplan 7 Professor Capellari in
echt 8 Wird eingehakt -9 Nordir. Mantelprovinz 10 Zu keiner
Zeit 11 Goethes holl. Freiheitskämpfer 12 An die zahlt, wer
öffentlich Musik macht 13 Berg-Oper 17 Kurze Reifeprü-
fung 20 Eigentlich »aus Erz bestehend« 22 Kurzanlage
26 Bördestädtchen an der Bode oder sich wie ein Blut-
sauger benehmen 28 Tochter von Harun al Raschid in
»Oberon« 30 Schwed. »Stadt der Birken« 32 Kollege
vom »Roten Baron« 33 Tor 35 Häufiger Papageienna-
me 38 Bei Ihnen treiben gelegentlich auch Männer Brut-
pflege (s. Bericht) 39 Auftaktbewegung des Dirigenten
40 Unentschieden (beim Spiel) 41 Das rettende ist manch-
mal fern 42 Binion in Mathematik und Lotto 44 Vater des
kleinen Disney-Wolfs 47 Aufschlag auf den Nennwert 48
Eßmüllert im Fernsehen 50 Ist das die Universalsprache? (s.
Bericht) 51 Geistliches Lied des Mittelalters 52 Shetlandinsel
54 Verfalltes persönliches Fürwort 57 Engl. Abbiegerichtung
58HoheSpielkarte59BesondereAusstrahlung,dieMenschen
für Menschen einnimmt (s. Bericht) 60 Hat Schwalestadt am
Auto 61 Liegt bei Niedrigwassertrocken (z. B.anderNordsee)62
Eng!. Adeliger 65 Eine besondere geometrische Verbindungs-
linie 66 Ölpflanze 67 Schweizer Flächenmaß 68 Krankhaft
69 Special-Thema (s. Bericht) 70 Stadt in Rumänien 71 Änti-
NNW 73 Stadt bei Hildesheim 74 Stadt Im Hegau 78 Mittello-
sigkeit 80 Schwarzer Tod 82ltalosee 84 Essbare Früchte 87
Verwesender lierkörper.
LÖSUNGEN AUS P.M. 3/2010
Uhrzeit Name Auto Geschwindigkeit
8.20 Uhr Herr lotz Audi 139 km/h
9.00 Uhr Frau Fuchs BMW 124 km/h
9.40 Uhr Herr Becker Porsche 117 km/h
10.20 Uhr Frau Auer Chevrolet 142 km/h
11 .00 Uhr Herr Diebel VW 148 km/h
AUFLÖSUNG IM NÄCHSTEN HEFT
...-..........., ........     ZU gewinnen*
B
el cUesem Rätsel geht es nicht ntr um DefinItIonen und Ihre Auslegung. EInIge
der gesuchten Wörter stehen schon fertig da - allerdngs als »Buchstabensa-
Iat«, der entwirrt werden muss (NERG = GERN, ABST = BAST oder
STAB). DIe Buchstaben In den grünen Feldern ergeben das
Lösungswort. Unter den Einsendern des Lösungsworts
verlost P.M.10 Jahres-Abomements Im Wert von je
38,40 Euro. SIe haben drei MöglIchkeIten. das
swort an P.M. zu schicken: per Postkarte
Redaktion P.M., Kennwort: Kreuzworträtsel,
Positfat:h 801527, 81615 München. per Fax an
089) 4152-500 oder an folgende E-Mal-
. raetsel@>pm-magazln.de
Ist der 5.4.2010.
Der Rechtsweg Ist ausgeschlossen .
., Aus rechUchen GrOnden gUt dieses Angebot nicht In ÖSterreich.
GEWINNER DES KREUZWORTRÄTSELS
AUS P.M. 2/2010
Das Lösungswort hieß » Menschheit«.
Der vergrößerte Bildausschnitt befand sich auf S. 96.
Die 10 P.M. - Jahresabos haben gewonnen:
Simon Armln, Mömbris; Ute Halbig, Eichstätt; Manfred
Vollmer, Neuburg/ Donau; Dorte Krolop, Werder I Havel;
Harri Pfaff, Meckesheim; Helmut Kestler, Bensheim; Fritz
Wiese, Laatzen; Irene Schwerdtfeger, Wunstorf; Elisabeth
Stukenbrok, Lemgo; Renate Burkard, Zeltz.
S
teilen Sie sich vor, Sie leben in
Hamburg und wollen (oder
müssen) nach München um-
ziehen. Ein Problem, wenn
Ihnen Ihr Heim ans Herz gewach-
sen ist. Kein Problem, wenn Sie
stolzer Besitzer eines mobilen
Hauses sind - dann können Sie es
mitnehmen. Mehr als ein bis zwei
Lkws braucht es meist nicht, um
das Heim abzurüsten und zu ver-
laden. Kompakte Modulhäuser
wie der weiße Wohnwürfel »Loft-
cube«, den Designer Werner Aiss-
linger gemeinsam mit den Archi-
tekten Achim Aisslinger und An-
dreas Bracht entwickelt hat, lassen
sich in zwei Tagen ab- undgenau-
so schnell wieder aufbauen. Die
mobilen Designhäuser verfügen
Passt sich der aktuellen Lebenssituation an:
Das »Nomadhome« aus Österreich kann durch
sein modulares Bausystem erweitert werden
über Wohnflächen zwischen 40
und 65 Quadratmetern und sind
vorrangig für Singles konzipiert.
Der Clou jedoch ist, dass mithilfe
von Zusatzmodulen bestehende
Konfigurationen beliebig erweiter-
bar sind. Verändert sich der Fami-
lienstatus oder kommt unerwartet
Geld aufs Konto, kann man die
mobilen Häuser nach Belieben er-
weitern. Gerade diese Flexibilität
macht das Konzept des mobilen
Wohnens sehr interessant. Seit es
den Loftcube gibt, sind mehr als
1 1 000 Anfragen aus über 50 Län-
dern eingetrudelt. Tendenz stei-
gend! Zielpublikum ist dabei die
junge, urbane und finanziell po-
tente Elite. Kein Wunder, kostet
der Loftcube doch rund 90 000
Euro.
Ein weiterer Vorteil der mobilen
Wohnträume ist der sehr gute
Schutz vor Wertverlust. Wird hin-
In drei Tagen fix
und fertig: Das
»Perrinepod«-
Haus aus
Australien. Die
Designer achten
hier besonders
auf recycelbare
Baustoffe
ter Ihrem Haus ein neuer Auto-
bahnanschluss gebaut oder verliert
das Stadtviertel plötzlich an Wohn-
qualität, kann man das Haus ein-
packen und sich an einer anderen
Stelle niederlassen. In der Theorie
klingt das ganz einfach, in der Pra-
xis ist es natürlich komplizierter,
denn auch für das Mobilheim muss
ein Standort gefunden werden, was
in urbanen Zentren nicht so leicht
sein dürfte. Allerdings haben Loft-
cube & Co. bei der Standortsuche
gegenüber dem festen Haus einen
Vorteil: Für die Aufstellung reicht
ein Kleingrundstück aus - das man
unter Umständen noch nicht ein-
mal kaufen muss, sondern pachten
kann.
So verlockend der neue Wohn-
trend auch sein mag, zumindest in
den nächsten zehn Jahren wird er
den Immobilienmarkt nur margi-
nal beeinflussen. Noch träumen die
meisten vom Massivbau auf eige-
nem Grund und Boden. Dennoch
wird Mobilität sicher immer mehr
zum Attribut des modernen Men-
schen dieses Jahrtausends.    
www.aisslinger.de/loftcube/main.html
www.nomadhome.com/conceptl
www.perrinepod.com/default.aspx
I
n Megacitys wie Lagos oder
Mumbai breiten sich die Slums
rasant wie Krebsgeschwüre
aus, in ostdeutschen Städten
verwaisen ganze Wohnviertel. Zu-
gleich erzielen in pulsierenden Met-
ropolen wie Sydney oder Barcelona
Wohnungen immer neue Rekord-
preise. Die Entwicklung der Städte,
in denen mittlerweile über die
Hälfte der Menschheit lebt, ver-
läuft extrem unterschiedlich. Intel-
ligente Entwürfe und eine nachhal-
tige Stadtplanung gehören zu den
gräßtenHerausforderungen un-
serer Zeit. Doch worin liegt das
Geheimnis einer lebenswerten und
attraktiven Stadt?
»Stahl, Brot, Frieden« - unter
diesem Leitspruch hat die DDR-
Regierung am 18. August 1950
den Grundstein für Eisenhütten-
stadt gelegt. Am Reißbrett entwor-
fen, sollte die urbane Retorte vor
allem dem Wohl der Arbeiter und
deren Familien dienen. Mit Wohn-
blöcken in direkter Nachbarschaft
der Hochöfen, mit nah gelegenen
Läden, Restaurants und Theater
galt das einige Jahre später in Sta-
linstadt umbenannte Projekt als
Ideal städtischen Lebens. »Eisen-
hüttenstadt ist ein klassisches Bei-
spiel für sozialistische Stadtpla-
n u n g < ~   sagt Sebastian Seelig,
Stadtplaner an der Technischen
Universität Berlin. Heute schrumpft
das oft als »Schrottgorod« verball-
hornte Vorzeigeprojekt. Tausende
Einwohner sind seit 1990 wegge-
zogen, ganze Wohnviertel stehen
leer und werden abgerissen. Was
bleibt, ist - trotz guten Willens -
ein Beispiel kurzsichtiger und ver-
fehlter Stadtplanung.
64 PM 04 / 2010
Im Kontrast dazu hatte Zar Pe-
ter der Große 1703 mit St. Peters-
burg an den Ufern der Newa wohl
kaum das Wohlbefinden der zu-
künftigen Bürger im Sinn. Der
Herrscher versprach sich Ruhm,
Prestige und Unsterblichkeit. Heu-
te boomt die zweitgrößte Stadt Rus-
slands und erfreut sich eines stetigen
Zustroms neuer Einwohner. Zar
Peter war in Europa beileibe nicht
der einzige absolutistische Herr-
scher, der sich unter immensen Kos-
ten mit Pr unkbauten einen Platz
in der Geschichte sichern wollte -
wie unzählige Schlösser und Kathe-
dralen auf dem gesamten Kontinent
belegen. » Das waren Imageprojekte
für Herrscher, die sich ein Denkmal
setzen wollten«, sagt Seelig. »Mit
der heutigen Vorstellung von Stadt-
planung hat das nichts zu tun.«
Dennoch zählen gerade Städte mit
pompösen architektonischen Zeug-
nissen maßloser Herrscher heute zu
den begehrtesten Wohnorten. Rei-
ner Zufall?
»IN EINER ATTRAKTIVEN Stadt ist es
wichtig, dass sich die Einwohner
mit ihr identifizieren können«, sagt
Vittorio Magnago Lampugnani,
Professor für Geschichte des Städ-
tebaus an der Eidgenössischen
Technischen Hochschule Zürich
(ETHZ). »Und Monumental-
bauten können das unterstützen.«
Nicht nur während des Absolutis-
mus, auch in jüngerer Zeit finden
sich dafür viele Beispiele. Sei es
Gaudis Kathedrale »Sagrada
Familia« in Barcelona, der Eiffel-
turm in Paris oder das Opernhaus
in Sydney. Zu Bauzeiten war kei-
nes dieser Bauwerke wirtschaftlich
sinnvoll, sie haben sich aber alle
im Laufe der Jahrzehnte zu den
bedeutendsten Symbolen und Tou-
ristenmagneten ihrer Stadt entwi-
ckelt. Ein Wert, der sich heute
nicht mehr in Euro oder Dollar
bemessen lässt.
Von heute auf morgen erlangt
ein Identifikationsbau aber nur
selten seine prägende Bedeutung,
mit vielleicht einer Ausnahme: der
futuristischen Retortenstadt Bra-
silia. Innerhalb von vier Jahren
wurde die 1960 gegründete Me-
tropole aus dem Boden gestampft.
Der Architekt Oscar Niemeyer
verlieh der brasilianischen Haupt-
stadt mit Präsidentenpalast, Ka-
thedrale, Universität und Ministe-
rien ein unverwechselbares
Gesicht. »Brasilia ist teilweise sehr
gelungen«, sagt Lampugnani. Nur
die anfangs einseitige Ausrichtung
auf den Autoverkehr, der kaum
belebte öffentliche Räume er-
laubte, kritisiert der Stadthistori-
ker. »Wir sind nun einmal Fußgän-
ger, ehe wir zum Autofahrer
werden. Und das muss zeitgemäße
Stadtplanung unbedingt berück-
sichtigen. « So behauptet sich Bra-
silia, obwohl fast 1000 Kilometer
von der belebten Küste entfernt im
Landesinneren gelegen, mehr und
mehr und wandelt sich von einem
Beamtenghetto zu einer lebendigen
Großstadt.
Erfolgsgarantien gibt es aber
nicht. »Stadtplanung ist so kom-
plex wie Hirnchirurgie«, weiß Se-
bastian Seelig. Und immer neuen
Herausforderungen müssen die
urbanen Siedlungen gerecht wer-
den. So erfordert der Klimawandel
ökologisches Bauen, um den Ener-
giehunger einer Stadt deutlich zu
senken. Noch in diesem Jahr ent-
steht in Singapur ein Testlabor für
die Stadt von morgen. Unterstützt
von der ETH Zürich konzentriert
sich das »Future Cities Laborato-
ry« auf eine intelligente Vernetzung
von öffentlichem und privatem
Verkehr, neuen Baustoffen, intelli-
genter Gebäudetechnologie und
einem harmonischen Verhältnis
Unverwechselbarkeit ist
wichtig: Der Eiffelturm (r.)
ist das Wahrzeichen der
französischen Haupt-
stadt. Im chinesischen
Lingang New City soll
eine 300 Meter hohe
Stahlnadel mit
Wasserfontäne (0.)
den gleichen
Effekt haben
zwischen Stadt und Land. »Die
Resultate werden die Städtepla-
nung prägen - in der Schweiz, in
Singapur und weltweit«, sagt ETH-
Präsident Ralph Eichier.
Während in Singapur erst die
Pläne für die nachhaltige Stadt der
Zukunft erdacht_werden,. baut-das.
Emirat-Abu Dhabi bereits arr der
Realität. Neben den Großstädten
Abu Dhabi und Dubai wächst die
Öko-Stadt Masdar City aus dem
Wüstenboden. Die Retorten-Sied-
lung soll die Umwelt weder mit
Treibhausgasen noch mit Abfällen
belasten. Insgesamt 50 000 Men-
schen werden nach den Plänen des
Emirats auf dem gut sechs Quad-
ratkilometer großen Areal leben
und ihren Energiebedarf aus-
schließlich aus regenerativen
Quellen decken. Damit der Strom
aus den Solarthermie- und Photo-
voltaik-Kraftwerken ausreicht,
soll der Strom bedarf auf ein Fünf-
tel im Vergleich zur benachbarten
Hauptstadt Abu Dhabi gesenkt
werden. Der anfallende Müll wird
sortiert oder kompostiert, Abwäs-
ser gereinigt oder für die Biogas-
gewinnung genutzt. Gebäude und
Fußwege sollen auf Betonstelzen
sieben Meter über dem Boden ste-
hen: Das erhöht die kühlende
Luftzirkulation und gibt auf der
5 unteren Ebene genug Raum für
  die Elektroautos. »Das wird die
i Stadt der Zukunft«, ist Khaled
§ Awad, Baudirektor von Masdar
  City, überzeugt.
  Nach Plänen des britischen Ar-
  chitekten Norman Foster könnte
  allein das Ziel, in einer Nu 11-Emis-
§ sion-Stadt zu leben, ausreichen,
  dass sich die Bewohner mit ihrer
  Stadt identifizieren. Doch ob Mas-
  dar City tatsächlich zum Erfolg
66 PM. 04 / 2010
wird, bleibt fraglich. »Schon deut-
lich weniger komplexe Projekte
sind in der Praxis gescheitert«, sagt
Stadtplaner Roberto Sanchez-Rod-
riguez von der University of Cali-
fornia in Riverside. »Der ökolo-
gische Aspekt der Stadt ist nur eine
Dimension. Für eine langfristige
Identifikation der Einwohner mit
ihrer Stadt ist es damit sicher nicht
getan«, meint Stadthistoriker Lam-
pugnani skeptisch.
AUCH IN DER RETORTENSTADT » King
Abdullah Economic City«, die seit
2005 an der saudi-arabischen
Küste des Roten Meeres entsteht,
fehlen die architektonisch heraus-
stechenden Monumente. Mit Ha-
fen, Finanzbezirk, Forschungszen-
tren für Pharmaunternehmen und
Petrochemie legen die Saudis zwar
die Grundlage für eine halbe Mil-
lion neue Arbeitsplätze. Doch
drängt sich mit dieser einseitig
wirtschaftlichen Ausrichtung einer
Stadt der Vergleich mit Eisenhüt-
tenstadt auf.
Die boomende Wirtschaft ist
auch der Motor für insgesamt
Berühmte
Identifikations-
bauten bekann-
ter Städte:
die Kathedrale
von Brasilia
(oben) und die
»Sagrada
Familia«in
Barcelona
neun sogenannte »New Towns«
im Ballungsraum Shanghai. Für
eine davon - Lingang New City
- zeichnet das Hamburger Archi-
tektenbüro von Gerkan, Marg
und Partner verantwortlich. Seit
2003 entsteht 60 Kilometer von
Shanghai entfernt eine Planstadt
für bis zu 800 000 Menschen.
Geplante Fertigstellung: 2020.
Für diese neue Küstenstadt wurde
das bis zu drei Meter tiefe Meer
zugeschüttet. Die Stadt ist in kon-
zentrischen Ringen angeordnet, in
denen derzeit Stadtviertel aus dem
Boden schießen. Auch in Lingang
steht das Funktionelle mit Woh-
nungen, Einkaufspassagen, Büros
und einem ausgeklügelten Ring-
bahn-Netz im Mittelpunkt. Den-
noch verzichten Meinhard von
Gerkan und Kollegen nicht auf
einen städtebaulichen Höhepunkt.
»In Lingang New City ist der
Mittelpunkt der Stadt ein kreis-
runder See. Er prägt die Stadt
und verleiht ihr Identität«, sagt
Bernd Pastuschka, Pressespre-
cher des Architekturbüros.
In die Mitte dieses Sees
mit 2,5 Kilometer Durchmesser
sollte auf einer kleinen künst-
lichen Insel eine 300 Meter hohe
Stahlnadel als Vision entstehen,
aus deren Spitze Wasser sprüht.
Eine Gestaltungssatzung begrenzt
die Gebäudehöhen, sodass Selbst-
darstellungsbedürfnisse von Inves-
toren das Stadtbild nicht dominie-
ren können. »So erhält die geplante
Stadt die Chance, ihre Einheit in
der Vielfalt zu erlangen«, sagt Pas-
tuschka.
Nicht nur nagelneue Planstädte
haben Chancen auf symbolträch-
tige Bauten. Jede Stadt, so unat-
traktiv sie heute auch sein mag,
kann durch einzelne spektakuläre
Gebäude mit herausragender Ar-
chitektur gewinnen.     Das Guggen-
heim-Museum von Frank Gehry
in Bilbao ist ein solches Gebäude
mit stadtprägender Wirkung«, sagt
Lampugnani. Seit der Fertigstel-
lung 1997 nahmen die Besucher-
zahlen der baskischen Stadt rapide
zu. Leider bringen die lokalen Ent-
scheider allzu selten so viel Mut auf
wie die Stadtpolitiker Bilbaos.
»IM 19JAHRHUNDERT war man mu-
tiger, es haben auch weniger Leute
reingeredet«, sagt Lampugnani.
Als herausragende Beispiele nennt
er den gelungenen Stadtumbau von
Paris mit den breiten Boulevards,
entworfen von Stadtplaner
Georges-Eugene Haussmann.
Oder die 1882 in Barcelona von
Antoni Gaudi begonnene Kathe-
drale »Sagrada Familia«, die noch
immer auf ihre Fertigstellung war-
tet. Aber Lampugnani gibt die
Hoffnung auf eine moderne, fan-
tasievolle Stadtplanung nicht auf.
»Man braucht ein radikales Kon-
zept und muss es stringent, mög-
liehst ohne Abstriche durchsetzen.
Dabei darf man nicht immer nur
das Allerbilligste auswählen. « Wer
weiß, vielleicht finden sich dann
auch mutige Planer und willige
Geldgeber für ein spektakuläres
Bauwerk in Eisenhüttenstadt.  
Testlabor for die Stadt von morgen:
www.ethllfe.ethz.ch/archive_arti-
cles/091028 _ futurecitieslab _MM/index
Virtuelle Stadtplanung (Innenstadt):
www.vlrtuelle-stadtplanung.de
Detsche Akademie für
Srädtebau und Landesplanung:
www.dasl.de
04 / 2010 PM. 67
m
an weiß nicht:
Ist es Natur-
verbundenheit,
Avantgardismus
oder die nostalgische Verklä-
rung der Vergangenheit, als das
Baumhaus kindlichen Träumen ein
Zuhause gab? Auf jeden Fall steigt
plötzlich die Nachfrage nach der
Behausung in der Baumkrone-
nur dass es diesmal die Erwachse-
nen sind, die dem Himmel näher
sein wollen. Vom Luxusapparte-
ment über das Wochenendhäus-
chen bis hin zum Büro auf demAst
ist alles im Angebot. Wer es sich
leisten kann, lässt sich vom Archi-
tekten im Garten ein Baumhaus als
Refugium oder Gästehaus planen
und bauen - vorausgesetzt, der pas-
sende Baum dafür existiert.
Der Trend ist international. Allein
in den USA haben mittlerweile
mehr als 8600 Familien ein Baum-
haus als Hauptwohnsitz. In
Deutschland ist das noch unvor-
stellbar, da hierzulande strenge
Ein Kindheitstraum - nur etwas
komfortabler: In Frankreich
wurden schon ganze Ferienanlagen
in die Bäume gebaut
68 PM. 04 / 2010
Vorschriften den Bau größerer Im-
mobilien in Baumwipfeln erschwe-
ren. So gibt es in jedem Bundesland
andere Bauvorschriften und Richt-
linien, die den Architekten das
Leben schwer machen. Und wenn
mehr als etwa vierzig Kubikmeter
umbaut werden sollen, ist es fast
unmöglich, eine Genehmigung zu
bekommen.
Frankreich ist weitaus Baum-
haus-freundlicher: In den Arden-
nen beispielsweise gibt es eine kom-
plette Ferienanlage in den Bäumen.
Die großzügig dimensionierten und
familiengerechten Bauten mit 51
Quadratmeter Wohn fläche und 30
Quadratmeter Terrasse bieten in
acht bis 16 Meter Höhe allen Kom-
fort, den man sonst von Hotelzim-
mern gewohnt ist. Sämtliche Häu-
ser wurden in ökologischer Bau-
weise und ohne Schrauben und
Nägel errichtet. Zu buchen sind
diese außergewöhnlichen, natur-
nahen Unterkünfte über den Rei-
severanstalter France ecotours.
In Deutschland hat sich Andre-
as Wenning dem Bau von Baum-
häusern verschrieben und 2004 die
Firma Baumraum gegründet. Der
innovative Architekt möchte das
Thema Baumhaus in Deutschland
populär machen. Sein Plan scheint
Ein Refugium, in
dem man Kraft
schöpfen kann.
Die Firma
Baumraum
möchte das
Wohnen im
Baumhaus auch
in Deutschland
populär machen
aufzugehen, wenn auch zunächst
erst einmal auf internationaler Ebe-
ne: Seit Firmengründung hat er
weltweit schon an die zwanzig
Designer-Baumhäuser verkauft.
Warum er so erfolgreich in diesem
neuen Marktsegment ist, erklärt er
damit, dass immer mehr Erwach-
sene sich nach einem Refugium in
den Bäumen sehnen. Die Menschen
wünschen sich zunehmend Abge-
schiedenheit und Ruhe, wenn auch
nur für wenige Stunden, um die
Akkus wieder aufzuladen. Was ist
da besser geeignet als ein schickes
Baumhaus im eigenen Garten - zu
erreichen garantiert ohne Stau.  
France ecotours:
www.france-ecotours.com/145-0-baumhaus-
ferlen.html
Baumraum:
www.baumraum.de
04 / 2010 PM. 69
o ist die heilige Vor-
haut, das Sanctum
Praeputium? Wer
hat die verehrte Re-
liquie gestohlen?
Bis 1983 wurde das ringförmige
Stöckchen vom Körper des Gottes-
sohnes alljährlich bei einer fest-
lichen Prozession in Italien den
Gläubigen gezeigt. Wie üblich nach
jüdischer Religionsvorschrift war
dem kleinen Jesus, Söhnchen des
Zimmermanns Josd von Naza-
reth/Judäa, acht Tage nach seiner
Geburt die Vorhaut vom Penis ge-
schnitten worden. Dieser Knabe
aber war Gottes Sohn, wie sich
herausstellte; sein Körperteil wur-
de zur kostbaren, Segen spen-
denden Reliquie (lat. für Überbleib-
sel). Als solche hatte die Vorhaut
fast zweitausend Jahre lang ihren
festen Platz im christlichen Ritus.
Noch bis 1962 stand der 1. Januar
im Kirchenkalender als »Tag der
Beschneidung des Herrn«.
DOCH DANN WURDE dieser Feiertag
plötzlich abgeschafft. Der Vatikan
wollte es so. Warum das auf ein-
mal, fragten sich verwirrte Katho-
liken, doch der größere Schock
sollte erst noch kommen. Gut 20
Jahre später, im Sommer 1983, tritt
Dario Magnoni, Dodpfarrer in
Carcata nördlich von Rom, vor die
gläubige Menge, welche auf die
al ljährliche Prozession wartet. Be-
daure, sagt Monsignore Magnoni.
Das Sanctum Praeputium ist ver-
schwunden. Die Reliquie war bei
ihm im Pfarrhaus verwahrt, nun
ist sie weg. Die Menschen sind fas-
sungslos.Wer war das? Gewöhn-
liche Diebe, geldgeile Reliquien-
händler - der Pfarrer selbst?
Ungläubige Gotteslästerer, Sata-
nisten, die das Requisit nun bei
Schwarzen Messen entweihen?
Oder steckt der Vatikan dahinter,
gibt es ein kirchenpolitisches Inte-
resse, diese spezielle Reliquie ve -
74 PM. 04 / 2010
Finger der
heiligen
Katharina von
Siena
(1347-1380):
Im Traum war
ihr Jesus
erschienen -
er streifte ihr
seine Vorhaut
als Ring um
den Finger
und sagte:
»Nur du wirst
sie sehen
können«
schwinden zu lassen? Das Rätsel
ist bis heute ungelöst. Aus dem Va-
tikan werden alle diesbezüglichen
Fragen mit vielsagendem Schwei-
gen beantwortet - und mit einer
Drohung: Wer über das heilige
Praeputium unerlaubt spricht oder
schreibt, kann mit Exkommunika-
tion bestraft, also aus der Kirche
ausgeschlossen werden.
Die seltsame Geschichte von der
Vorhaut Jesu führt mitten hinein
in die mysteriöse Welt der religi-
ösen Reliquien. Diese Welt ist ge-
prägt von tiefer Volksfrömmigkeit
und ebenso tiefen Widersprüchen,
von Glaube und Geschäft, Wun-
dern und Voyeurismus. Schon beim
ersten Blick auf berühmte Reli-
quien drängen sich Zweifel auf:
Wie kommt's, dass das Hautstück-
ehen jenes Arbeiterkindes aus Na-
zareth nach der Routineprozedur
überhaupt aufgehoben wurde? Wie
kann sich Marias Brustmilch als
Reliquie viele Jahrhunderte lang
erhalten haben? Wie echt können
Abertausende Holzstückehen vom
Kreuz Christi sein, wenn sie zu-
sammengesetzt ein ganzes Mittel-
meerschiff ergeben würden?
Derlei Fragen des »gesunden
Menschenverstands« sind mehr als
berechtigt. Aber es sind die falschen
Fragen. Allein mit skeptischer Ver-
nunft sind Reliquien und ihre Wir-
kungsmacht nicht zu begreifen.
Dari n ähneln sie den Placebos, je-
nen Scheinmedikamenten ohne
jeden pharmazeutischen Wirkstoff,
aber mit vielfach erwiesenem Heil-
effekt. Wer das Reliquienwesen
erfassen will, sollte nicht nach
Wahrheit suchen. Sondern nach
Nützlichkeit: fürs gläubige Volk,
für die Herrschaft der Kirche.
Dann finden sich Antworten -
auch im Fall des kleinen, schrumpe-
ligen, zweitausendjährigen Prae-
putiums.
Reliquien gibt es nicht erst seit
Jesus Christus und nicht nur in
Haut des Heilands verschwand unter
mysteriösen Umständen. Wollte der
Vatikan verhindern, dass das Gewebe
zum Klonen verwendet wird?
seiner Religion. Im antiken Grie-
chenland ebenso wie im Römer-
reich wurden wundertätige Grab-
stätten von Helden und Göt-
tersöhnen verehrt, zu denen
Kranke in der Hoffnung auf Hei-
lung kamen. Nach dem Tod und
der Einäscherung Buddhas teilten
mehrere indische Regionalkönige
seine Asche, Knochen und Zähne
untereinander auf: als überir-
dischen Beistand und Ausweis ih-
rer Macht. Auch im Shintoismus,
der Hauptreligion Japans, und im
Islam sind Reliquien - materielle
Reste verstorbener Heiliger - Teil
des religiösen Kults.
Genau daran, an Ritualen, kul-
tischen Inszenierungen, an Dekor
und Spektakel mangelte es dem
Christentum zunächst. In den ers-
ten 250 Jahren kam die neue Erlö-
sungslehre gleichsam in Sandalen
und schmucklosem Gewand daher
wie ihr Gründer, der besitzlose
Wanderprediger aus Judäa. Ver-
glichen mit den kultreichen Nach-
barn rund ums Mittelmeer, hatte
die Jesus-Religion »ZU wenig Reli-
gion« in ihrem Angebot ans Volk,
schreibt der deutsche Reliquienex-
perte Arnold Angenendt - zu we-
nig zum Anschauen und Anfassen,
zu wenig irdische Sinnlichkeit.
Das änderte sich auf makabre
Weise: mit den Märtyrern. Die
Jünger Jesu wurden wie ihr Meister
von den römischen Herrschern ver-
folgt, gefoltert und getötet, zuerst
seine Apostel, die den neuen Glau-
ben missionierend verbreiteten,
dann die Bekehrten, sofern sie
Beschneidung
des Jesuskindes
(Gemälde 1523):
Seine Vorhaut
wurde in
einem Zylinder
aufbewahrt.
Aber warum
rettete jemand
den Hautfetzen
eines Arbeiter-
kindes?
nicht abschworen. Die ausgeklügel-
ten Körperqualen dieser Männer
und Frauen waren grauenhaft, fas-
zinierend anschaulich, und ebenso
leuchtete dem frommen Volk der
Lohn dafür ein: die Erlösung, das
Ende aller irdischen Plagerei, das
ewige Wohlleben im Himmel-
reich.
Damit hatte der neue Glaube
seine Kultfiguren gefunden, seine
Heiligen. Wie schon zu »heid-
nischen« Zeiten wurden ihre Über-
bleibsel zu Kultobjekten. Schon um
das Jahr 150 schrieb ein Zeitzeuge
04/2010 PM. 75
nach der Bestattung des Märtyrers
Polykarp von Smyrna: »So sammel-
ten wir später seine Gebeine auf,
die wertvoller sind als kostbare
Steine und besser als Gold.«
Die massenhafte Christenverfol-
gung endete im Jahr 3 13, als Kaiser
Konstantin religiöse Toleranz be-
fahl. 380 wurde das Christentum
Staatsreligion im Römischen Reich,
und 398 trafen die Leiter der ex-
plosiv gewachsenen' Erfolgskirche
einen folgenschweren Beschluss:
Neue christliche Altäre durften nur
noch über Reliquien von Heiligen
errichtet werden. Die Nachfrage
wurde riesig, das Angebot immer
knapper; denn ohne Verfolgung
gab es keine Märtyrer mehr, ohne
Märtyrer keine neuen Reliquien.
Die Kirche hatte ein klassisches
Marktproblem. Sie reagierte da-
rauf weltlich klug und theologisch
flexibel, mit den Eigenschaften, die
ihr bis heute helfen, gesellschaft-
liche Umbrüche und politische Sys-
temwechsel zu überstehen. Fol-
gende Maßnahmen sicherten den
Reliquiennachschub:
• Als Heilige galten nun auch un-
blutige »weiße Märtyrer«. Das
76 PM. 04 / 2010
Hand des
heiligen Attalia
(697-741) und
Skelettteile-
des heiligen
Nikolaus (4. Jh.):
Die Knochen
stammen aus
Grabplünde-
rungen, an denen
auch hohe
kirchliche
Würdenträger
teilnahmen
Die wundersame Vermehrung der
christlichen Reliquien: Vom Kreuz Jesu
gibt es so viele Splitter, dass
man daraus ein Schiff bauen könnte
waren Asketen, Eremiten, sich
selbst quälende Gottsucher, aber
auch mildtätige, Wunder wirkende
Bischöfe. Zu den Ersten am Ende
des 4. Jahrhunderts gehörten der
heilige Nikolaus aus Myra in der
heutigen Türkei (seine Reliquien
wurden dort gestohlen und werden
im süditalienischen Bari verehrt)
und der heilige Martin aus Toursl
Frankreich (über seinem Reliqui-
engrab steht eine populäre Wall-
fahrtskirche) .
• Das seit Urzeiten geltende sakrale
Gebot, die Verstorbenen ruhen,
ihre Gräber ungeöffnet und ihre
Gebeine intakt zu lassen, wurde
aufgehoben. Pietät und Totenruhe
galten für Heilige nicht mehr, als
Kirchenführer dem Volk erklärten:
»Virtus«, die wundertätige Kraft
des Heiligen, bleibt erhalten »in
jeder unscheinbaren und winzigen
Reliquie, auch wenn die Leiber zer-
teilt sind« (Theodoret von Kyros/
Türkei um 430). Es begann ein
Ausgraben, Skelettezerlegen, Kno-
chenzertrümmern, das viele Jahr-
hunderte lang anhielt.
• Trotz allen Zerkleinerns wurden
die Originalteile - die Körperreli-
quien - knapp. Da installierten
die guten Hirten der Kirche in den
Köpfen ihrer Schäflein die geniale
Idee der »Berührungsreliquie«. Al-
les, was je mit dem Körper des oder
der Heiligen Kontakt gehabt hatte,
galt nun als Reliquie: Kleidung,
Schuhe, Becher, Wanderstab, be-
sonders Werkzeuge, mit denen
Märtyrer gefoltert worden waren,
aber auch Gegenstände aus Heili-
gengräbern wie Lampenöl und
Wachs, bis hin zu Staub und Erd-
krumen. Selbst nachträglich auf
einen Heiligenknochen gelegtes
Material wurde zum Segensträger.
Als Beweis diente ein Experiment
mit den Knochen des heiligen Ni-
kolaus in Tours: Auf sein Skelett
gelegte Tücher wurden über Nacht
deutlich schwerer. Erklärung der
mittelalterlichen Theologen: Die
Stoffe hatten sich vollgesaugt mit
»virtus«.
SO ENTSTAND EINE Rangordnung,
die den geistigen und marktwirt-
schaftlichen Wert der heiligen
Überbleibsel regelte. Auf die Kör-
perreliquien folgten die Berüh-
rungsreliquien erster und zweiter
Klasse, über allem aber standen die
Herrenreliquien: der materielle
Nachlass des Herrn Jesus Christus.
Körperliche Überbleibsel konnte es
nicht viele geben: Der Sohn Gottes
war ja nach christlicher Lehre vom
Grab auferstanden und zu seinem
Vater im Himmel aufgefahren, real
und leiblich. Was kam infrage?
Einst abgeschnittene Haare
Jesu, Finger- und Zehennägel, so-
gar seine Nabelschnur - all dies
wurde wundersamerweise aufge-
funden. Den höchsten Rang hatte
die heilige Vorhaut. Eingebettet in
ein goldenes Kreuz gehörte sie jahr-
hundertelang zum Kirchenschatz
des Vatikans. Karl der Große hat-
te sie anläßlich seiner Kaiserkrö-
nung am 25. Dezember 800 in
Rom Papst Leo In. geschenkt; Karl
selbst hatte sie von einem Engel
bekommen, nach anderer Darstel-
lung von Kaiserin Irene von By-
zanz. 1527, bei der Plünderung
Roms, stahl ein deutscher Söldner
die Reliquie und versteckte sie nach
seiner Gefangennahme in seiner
Zelle im Dorf Carcata, wo sie 1557
wiedergefunden wurde. Carcata
entwickelte sich daraufhin zum
wohlhabenden Wallfahrtsort.
Im Lauf der Zeiten behaupteten
nicht weniger als I4 Städte, das
Sanctum Praeputium zu besitzen,
darunter Chartres und Santiago de
Compostela sowie Kloster Andechs
Tuchwunder zu Aachen:
Alle sieben Jahre stellen
Geistliche die Windeln des
Gottessohnes zur Schau
in Oberbayern. Und überall wirk-
ten die heiligen Vorhäute Wunder.
Zumal bei Frauen, in Angelegen-
heiten wie Fruchtbarkeit und
Schwangerschaft.
Weniger rar als die Reliquien
vom Körper des Herrn sind die
heiligen Requisiten seines Alltags-
lebens. Es gibt die Sandalen Jesu
(verehrt in Prüm/Eifel), Windel
und Lendenschurz (in Aachen),
den heiligen Rock (in Trier), ein
Stück vom Tischtuch des letzten
Abendmahls (in Mönchenglad-
bach). Zum Reliquienschatz des
Vatikans gehörten auch Krümel
und Gräten vom Brot und den Fi-
schen, die Jesus vermehrt hatte,
sowie die Treppe, auf der er zu Pon-
tius Pilatus geführt worden war.
Den größten Teil der Herren-Kate-
gorie bilden die Passions- oder
Blutreliquien: Dinge, die mit Jesu
Blut in Berührung kamen, etwa
Teile des
Kreuzes, an dem
der Heiland
festgenagelt
wurde. Sie sind
in Gold gefasst
und in der
Wiener Hofburg
zu sehen, einem
Pilgerziel vieler
Katholiken
die Dornenkrone (in Notre-Dame,
Paris), die Lanze, mit der ein rö-
mischer Hauptmann dem Gekreu-
zigten den Todesstoß gab (in der
WienerHof-
burg), das
Schweiß-
tuch der
Veronika
(eingemau-
ert in die
Veronika-
Säule des Pe-
tersdoms), das Grabtuch von Tu-
rin, viele hundert Nägel und viele
tausend Holzsplitter vom Kreuz
Jesu.
Die spöttische Bemerkung, man
könne aus all dem ein hochseetüch-
tiges Schiff bauen, stammt von
Erasmus von Rotterdam, dem
papsttreuen, aber kirchenkritischen
Gelehrten des 15./16. Jahrhun-
derts. Erasmus war ein Zeitgenos-
se und Diskussionspartner Luthers:
Der grassierende Reliquienwahn
war eine der Fehlentwicklungen
des römischen Katholizismus, ge-
gen die Luther protestierte und die
zur Spaltung der Christenheit
führten. Bis heute lehnt die protes-
tantische Kirche Reliquienvereh-
rung weitgehend ab.
Das Sortiment von Reliquien
wurde in der Tat grotesk. Alles
konnten geschickte Händler verhö-
kern, was spezialisierte Fälscher-
werkstätten sich einfallen ließen:
den Bart von Noah, den Geldbeu-
tel von Judas, das Menstruations-
blut Marias, ihr Schwangerschafts-
kleid, die Brustmilch. Das Heu aus
der Krippe, die Krippe selbst. Das
abgeschlagene Ohr des Petrus, ein-
zelne Lederriemen von der Geißel
Christi, Federn vom Hahn, der
dreimal gekräht hatte, Steine vom
Berg Golgatha, auf die Christi Blut
gefallen war.
Einfallsreich: Schwanzfedern
und ein Ei des Heiligen Geistes, der
sich den ersten Christen als Taube
gezeigt hatte. Das Ei gehörte um
1520 zur genau I8 970 Stück zäh-
lenden Reliquiensammlung Fried-
04 I 2010 PM. 77
Der Reliquienwahn machte Städte
reich und Fürsten mächtig. Luther
wetterte gegen den Schwindel und
spaltete damit das Christentum
richs des Weisen von Wittenberg
- eben dort lebte Luther zu jener
Zeit und regte sich auf.
Zweifel am Reliquienglauben
konnten gefährlich werden. Un-
gläubige hatten mehr zu fürchten
als Fälscher. Das analphabetische
Volk war unwissend und fromm,
die gelehrten Mönche waren
schweigsam und gehorsam, und
grundsätzlich galt der logische Zir-
kelschluss: Je größer das Wunder-
bare an einer Grabauffindung, ei-
ner Reliquienentdeckung, desto
mehr offenbarte sich darin der
göttliche Wille.
Zwei Beispiele: Zum Märtyrer-
grab des Apostels Jakob, der im
Jahr 44 in Judäa hingerichtet wor-
den war, wurde der spanische Ein-
siedler Pelagus 800 Jahre später
von himmlischen Klängen auf
einem Feld beim heutigen Santiago
de Compostela geleitet; er fand
dort Reste einer römischen Grab-
stätte mit Knochen. Reliquienhan-
del und -verehrung waren auf
einem ersten Höhepunkt; eine pas-
sende Legende zur wundersamen
Verbringung der Apostelleiche von
Palästina nach Nordspanien
tauchte auf - binnen wenigen
Jahrzehnten wurde das Jakobsgrab
zu einem der wichtigsten Pilgerziele
der Christenheit und Santiago zu
einer reichen Stadt.
Zweites Beispiel: Das Kreuz Jesu
Christi wurde von Helena, der
Mutter Kaiser Konstantins, im
Jahr 328 gefunden, als sie auf einer
Reise nach Jerusalem auf dem Berg
Golgatha graben ließ. Drei Kreuze
kamen zum Vorschein, eine tote
Frau wurde daraufgelegt, beim
richtigen wurde die Leiche leben-
dig. Der massenhafte Vertrieb von
78 PM. 04 / 2010
Heiligkreuz-Reliquien begann. Ein
17 mal acht Zentimeter großes
Stück ist bis heute die Attraktion
im Dom von Hildesheim.
FÜR KLÖSTER, KIRCHEN und Städte
bedeutete der Besitz hochrangiger
Reliquien wirtschaftlichen Reich-
tum, vor allem durch den Pilger-
tourismus, für Fürstenhäuser be-
deutete er politischen Macht-
zuwachs. »Herrenreliquien«
signalisierten die Gottgewolltheit
eines Königs und haI fen ihm,
Schlachten zu gewinnen. Bei derart
hohem Wert einer Handelsware,
materiell und ideell, konnten neben
Fälschung auch Diebstahl und
Raub nicht ausbleiben.
Nach dem Tod der schon im Ruf
der Heiligkeit stehenden Elisabeth
von Thüringen um 1200, so eine
Chronik, »rissen viele Leute Teile
von den Tüchern, um Reliquien zu
haben, schnitten ihr Haupthaar
und Nägel ab, einige stutzten ihr
die Ohren, andere schnitten ihr die
Brustwarzen weg«. Das Verlangen
der Menschen nach Segen spen-
denden Teilen war hysterisch
geworden. Noch lebende
Personen, die im Ver-
dacht künftiger Heilig-
keit standen, mussten
um ihr Leben fürchten,
unter ihnen Romuald
von Camaldoli und
Franz von Assisi.
Wenn Hochgestellte
zu Reliquienräubern
wurden, beschönigte
die Kirche das als
»Sacra rapina«: lob-
würdigen Diebstahl
aus frommem Verlan-
gen. Also brach Bischof
Dieses Behältnis
enthält einen
Zahn des heiligen
Patrick (um SOO),
der Irland
missionierte.
Noch heute
schöpfen
Menschen aus
solchen Reliquien
Glück und Kraft
Otwin von Hildesheim in Pavia
Altäre auf und stahl die Gebeine
der Heiligen Epiphanius und Spe-
ciosa. Erzbischof Anno von Köln
klaute im Kloster Saint-Maurice
d'Agaune Überbleibsel der Heiligen
Innocentius und Vitalis, und Kai-
ser Barbarossa entführte mit Waf-
fengewalt die Gebeine der Heiligen
Drei Könige aus Mailand nach
Köln. In aller Frömmigkeit.
Sacra rapina, heiliger Raub: In
dieser paradoxen theologischen
Konstruktion wird wieder das
Nützlichkeitsdenken der Kirche
deutlich. Seit Urzeiten brauchen die
Menschen Amulette und Fetische,
von denen sie Schutz, Glück, Hei-
lung erhoffen - und häufig, wie
von Placebo-Medikamenten, auch
bekommen. Es ist magisches Den-
ken, eine anthropologische Kons-
tante. »Eine Reliquie ist wie ein
Telefonhörer zum Himmel«, sagte
ein wohlhabender Franzose, der
eine große Privatsammlung besitzt:
»Ich nehme ein Knochenteil in die
Hand und sage, heiliger Josef, bit-
te mach, dass es mir gut geht.«
Die Kirche lenkte vormals »heid-
nische« Kultbräuche ins Christliche
um und ließ das Volk im guten
Glauben auch bei Reliquien, deren
Echtheit Gebildete wie Erasmus
von Rotterdam belächelten. Aller-
dings wurden mit dem Wandel der
Zeiten, dem Fortschritt von Auf-
klärung und Naturwissenschaft,
bestimmte Reliquien immer wieder
ganz einfach zu peinlich
- womit wir zurück
sind bei der heiligen
Vorhaut und ihrem
Verschwinden 1983
im Dorf Carcata. Seit
den 1970er Jahren
hatten sich viele Hip-
pies dort angesiedelt,
nicht weit von Rom,
der Ewigen Stadt.
Die sexuelle Revolu-
tion hatte Italien
überschwemmt, jun-
ge Leute handelten
und sprachen tabulos
freizügig auch über horribile dictu,
den Penis des Herrn.
Dazu kam, dass ein neuer Wis-
senschaftszweig die Fachleute im
Vatikan beunruhigte: Durch Klo-
nen sollte es möglich werden, Le-
bewesen aus wenigen Zellkernen
zu reproduzieren. Was, wenn je-
mand aus dem Sanctum Praeputi-
um einen neuen Jesus erschaffen
wollte? Wenige Tage bevor Dorf-
pfarrer Magnoni 1983 das Ver-
schwinden der Reliquie verkündete,
war er nach Augenzeugenberichten
von einer schwarzen Limousine
abgeholt worden lund Richtung
Rom gefahren. Vermutlich ist das
die Lösung des Rätsels: Die proble-
matisch gewordene Vorhaut war
mit im Wagen und wird nun im
Vatikan verwahrt - still und
heimlich wie so viele Geheimnisse
der Römischen Kirche.
Abermals gut 20 Jahre später
kniet der neue Papst Benedikt,
Josef Ratzinger aus Marktl am Inn,
im August 2006 in der kleinen
Wallfahrtskirche des Abruzzen-
dorfs Manopello und betet vor
einer besonders schönen, beson-
Schrein mit den
Gebeinen der
heiligen lherese
von Lisieux
(1873-1897). Die
französische
Nonne bezeugte
ihre Liebe zum
Erlöser in vielen
einzigartigen
Zitaten (»Jesus
ist mein
Blutbräutigam.
der das ganze
Herzblut
verlangt «).
Papst Johannes
Pauill. erhob sie
zur Kirchenleh-
rerin
ders oft angezweifelten Reliquie.
Es ist ein Seidentuch, das beim Be-
gräbnis Jesu auf seinem Antlitz
gelegen haben soll, was sich im
Stoff abgedrückt hat. Auf Zei-
tungsbildern wirkt die Szene fast
so, als knie der Papst vor dem Foto-
T-Shirt eines bärtigen Männerge-
sichts. Was wird Benedikt über die
Echtheit der Reliquie wohl sagen?
Er ist der erste Papst seit Men-
schengedenken, der nach Mano-
pello kommt, dieser Besuch ist ein
Statement. Doch der Theologe ist
viel zu klug, um sich auf die Echt-
heits-Debatte einzulassen. Auch
modernste wissenschaftliche Me-
thoden - wie DNA-Untersu-
chungen von Leichenteilen, Radio-
karbonmessungen zur Alters-
bestimmung von Kreuz-Reliquien
- werden Fragen nach Sinn und
Unsinn von Reliquien nie beant-
worten können. Ihr religiöser Wert
bemisst sich anders, und dazu sagt
Papst Benedikt zwei ebenso from-
me wie menschenfreundliche Sätze.
Zun1 Sinn speziell dieses mysteri-
ösen Tuches: »Das Antlitz Jesu zu
suchen muss das Streben von uns
Christen sein. « Zum Sinn der Re-
liquienverehrung allgemein, also
der Überbleibsel von Heiligen:
»Nach dem Vorbild der Heiligen
sollen wir Gott besonders in den
Armen und Notleidenden erken-
nen.« Wer möchte dem wider-
sprechen.    
WEBWEISER
Reliquien - Reliquienverehrung -
Fetisch - Fetischismus:
www.gavagai.de/themen/
HHPT19RF.htm -----...... ,
Reliquien und Rosenkranzatel ier, •
Arbeit, Mittel und Erlebnisse aus dem
Alltag des Rel iquienmacher s:
www.philomena-chapel.org/
atelier.htm
BÜCHER
Arnold Angenendt:
Heilige und Reliquien - Die Geschichte
Ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur
Gegenwart. 2007
Horst Hermanll :
Lexikon der kuriosesten Reliquien - Vom
Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds, 2003
Karlheinz Deschner:
Kriminalgeschichte des Christentums,
Band 3, 1990
04 / 2010 PM 79
Bücher, die die Welt              
HENRY DAVID THO
Ȇber die
Ungehorsa
gegen den Sta
A
m 23· Juli I846 kommt der
29-jährige Amerikaner Hen-
y David Thoreau in die
Stadt Concord (Bundesstaat Mas-
sachussets), um Vorräte einzukau-
fen. Jeder kennt den schrulligen
jungen Mann, der derzeit in einer
selbst gebauten Blockhütte im Wald
wohnt, um der Natur näher zu sein.
Auf dem Weg spricht ihn Sam
Staples an, der städtische Steuerein-
treiber: Thoreau habe seit Jahren
seine Gemeindesteuer nicht mehr
bezahlt. Thoreau antwortet lapidar,
er gedenke auch nicht zu zahlen,
weil er sonst mit seinem Steuergeld
die Sklaverei und den Krieg gegen
Mexikomitfinanzieren würde.
Prompt wird er verhaftet, kommt
allerdings am nächsten Tag wieder
frei, nachdem seine Tante die Steu-
erschuld beglichen hat.
Der empörte Aussteiger kehrt
in seine Blockhütte zurück und
schreibt sich seine Wut VOITI Leib.
80 PM. 04 / 2010
Unter dem Titel »Civii Disobe-
dience«, zu Deutsch »Über die
Pflicht zum Ungehorsam gegen den
Staat« outet Thoreau sich als Anar-
chist: Die beste Regierung sei, »die-
jenige, welche überhaupt nicht re-
giert«. Er träume von einer Gesell-
schaft, in der intelligente Indivi-
dualisten das Sagen haben, wisse
aber, dass die Menschheit noch
nicht so weit ist. Seine vorläufige
Lösung: Man müsse für die Rechte
von Minderheiten kämpfen.
Sorgfältig analysiert er die beste-
henden Machtstrukturen. Juristen,
Politiker und Richter würden zu
unmoralischem Handeln neigen,
weil sie eigene Interessen verfolgen.
Es liege also am Einzelbürger, Wi-
derstand etwa gegen Korruption zu
leisten. Und erhebe man seine Stim-
me nicht gegen das Übel der Skla-
verei und des ungerechten Krieges,
so sei man für diese Übel mitver-
antwortlich. »Will das Gesetz, dass
Thoreaus Ideen
bereiteten
den Boden tür
Mahatma
Gandhiund
Martin
LutherKing
CIVIL
DISOBEDIENCE
Sie zum Agenten der Ungerechtig-
keit gegen andere werden, dann
sage ich: Folgen Sie dem Gesetz
nicht!«
Auch wenn die Regierung ihre
Kritiker verfolge, sei der Bürger
aufgefordert, Mut zu zeigen. Wür-
den Tausende aus Protest z. B. ihre
Steuer nicht bezahlen, wäre die
Regierung schneller bereit, einzu-
i[enken und Reformen durchzu-
führen.
I848 trug Thoreau die erste Fas-
sung seiner Protestschrift bei einer
öffentlichen Lesung in Concord vor.
Die Reaktion war wohlwollend,
und der Text erschien ein Jahr spä-
ter in gedruckter Form. »Civii Dis-
obedience« wurde allerdings nicht
zum Fanal eines neuen politischen
Bewusstseins. Als der lungenkran-
ke Querdenker I862 starb, waren
seine Schriften, auch das Meister-
werk »WaIden«, eine Meditation
über Natur und Politik, fast ver-
gessen.
Erst I907 zeigte »Civii Disobe-
dience" erste Wirkung. Dem jun-
gen indischen Rechtsanwalt Ma-
hatma Gandhi, der sich damals für
die Rechte diskriminierter Inder in
Südafrika einsetzte, fiel ein Exem-
plar in die Hände. Das Buch verhalf
ihm zu seiner Taktik des »passiven
Widerstands«. Auch Bürgerrechtler
Sein Vorschlag, um
Reformen zu
erzwingen: keine
Steuern zahlen
Martin Luther King hat die Bot-
schaft Thoreaus früh entdeckt.
Fakt ist: Immer wieder haben sich
friedliche Demonstranten gegen
das Unrecht - ob bei den Montags-
märschen in Leipzig, den Protesten
in Peking oder jetzt im Iran - direkt
oder indirekt auf »Civil Disobe-
dience« bezogen. Es gilt als das
Lehrbuch für den friedlichen Wi-
derstand schlechthin. .... ....
Können
Tiere
erben?
»Hund erbt zwölf Millionen Dollar von Society-Lady«, meldeten
die Tageszeitung »Die Welt« und das Nachrichtenmagazin »Der
Spiegel« 2007 auf ihren Internetseiten. Demnach hatte die
exzentrische Milliardärin Leona Helmsley ihrem weißen Malteser
namens Trouble dieses beachtliche Sümmchen vermacht, zwei
Enkel dagegen vom Erbe ausgeschlossen, Und der »Express«
wusste im vergangenen Herbst von einem Hund namens Lucky
aus Euskirchen zu berichten, der testamentarisch zum Erbe gleich
mehrerer Häuser bestimmt worden war. Wohl jeder kennt Zei-
tungsmeldungen von erbenden Haustieren - es sind jedoch
allesamt »Enten«. Oder geben zumindest den wahren Sachverhalt
stark verkürzt wieder. Denn: Juristisch gesehen sind Tiere Sachen
- und die können nicht erben, Das können nur Menschen und
juristische Personen, Stiftungen etwa oder der Tierschutzverein.
Das ist in den USA nicht anders als in Deutschland, Man kann
seinem Haustier also nichts vererben - wohl aber einem Menschen
mit der Auflage, sich angemessen um das Tier zu kümmern. Oder
man gründet eine Stiftung für herrenlose Tiere, die dann auch für
das hinterlassene Haustier sorgen muss,
Was wurde beim Hornberger
Schießen verschossen?
Jede Menge Munition, allerdings fälschli-
cherweise vollkommen nutzlos. Das
Sprichwort »Das geht aus wie beim
Hornberger Schießen«, das eine ergeb-
nislose Bemühung oder Unternehmung
bezeichnet, hat seinen Ursprung in einer
Geschichte, die sich in der baden-würt-
tembergischen Kleinstadt Hornberg im
Schwarzwald ereignet haben soll. Die
häufigste Version: 1564 erwarten die
Bürger Hornbergs den Besuch des
Herzogs Christoph von Württemberg,
82 PM. 04 / 2010
Eine große Ehre für die Stadt, deshalb
werden die Kanonen geputzt, um den
hohen Herrn standesgemäß mit ordent -
lichem Donnerhall zu begrüßen. Aufgabe
des Wächters auf dem Schlossturm ist
es, durch ein Hornsignal zu verkünden,
wann sich der Herzog und sein Gefolge
dem Städtchen nähern. Als er eine
Staubwolke in der Ferne erblickt, bläst er
kräftig in sein Horn - und gibt damit das
Zeichen, mit dem Kanonendonner zu
beginnen. Zum Verdruss aller entpuppt
sich der Urheber der Staubwolke jedoch
nur als Postkutsche. Die Panne wieder-
holt sich sogar noch zweimal , einmal , als
ein Krämerkarren, und später, als eine
Rinderherde auf die Stadt zusteuert. Als
endlich Christoph von Württemberg
erscheint, haben die Hornberger bereits
alles Pulver verschossen!
TEXT: WOLFGANG STEGERS
W
enn ein Startenor etwas
über Musik sagt, kann
man sicher sein: Da ist
was dran. So geschehen im letzten
Konzertsommer. Juan Diego F16-
rez, brillanter Rossini-Interpret aus
Peru und Meister des hohen C, saß
im Fond einer VIP-Limousine, die
ihn nach seinem strapaziösen Auf-
tritt bei den Salzburger Festspielen
zurück ins Hotel bringen sollte.
Eine CD lief, und plötzlich rief der
gefeierte Sänger von hinten: »Da
capo« - der Chauffeur sollte das
gerade beendete Musikstück noch
einmal spielen. F16rez konnte sich
an dem klaren Klang aus den Laut-
sprechern gar nicht satt hören. Sei-
ner mitfahrenden Begleitung
schwärmte er vor, der Sound an
Bord des Audi A8 sei besser als in
jeder Konzerthalle.
Auf diese Anekdote angespro-
chen, muss Adam Sulowski
schmunzeln. Er ist Hobbymusiker,
arbeitet beim Automobilhersteller
Audi im Entwicklungsbereich
»Schall & Fun« - und hat seinen
Anteil daran, dass Fl6rez enthusi-
astisch Zugabe gefordert hat. Ähn-
liches hat der Ingenieur auch selbst
erlebt, als der chinesische Starpia-
nist Lang Lang beim Testhören
gestand, zum ersten Mal seinen
eigenen Anschlag auf den 88 Tas-
ten eines Steinway gehört zu haben.
Sulowski hat das Soundpaket im
Flaggschiff A8 zusammen mit den
Klangspezialisten von Bang &
Olufsen entwickelt. Es zählt zu den
Besten der Tonbranche. Im Fach-
jargon heißen solche Edelappara-
turen Highend-Anlagen. Preislich
beginnen sie sich bei 6000 Euro
einzubremsen.
Musikhören im Auto, das ist ja
nicht einfach Musik hören, son-
dern man nimmt teil an etwas, was
der Künstler Johannes S. Sister-
mann »auto-mobile Selbstverge-
wisserung« nennt: Fahren, also
86 PM. 04/ 2010
auch das Hören beim Fahren, spie-
gelt den Fahrer wider, seine Inte-
ressen, seine Vorlieben. Das wissen
die Anbieter von Luxusgefährten.
Um der Selbstvergewisserung der
Kunden den größtmöglichen Vor-
schub zu leisten, ist jetzt ein Tanz
um den goldenen Ton entbrannt.
Jede Automarke gönnt sich für
ihre Luxuslimousinen einen eige-
nen Hoflieferanten. Aston-Martin
und Audi haben sich für » Bang &
Olufsen« entschieden, BMW will
demnächst von »Harman/Kar-
don« ebenfalls auf die Dänen um-
schwenken, entwickelt aber auch
eigene Komponenten. Bentley ver-
traut der britischen Luxus-Hi-Fi-
Marke »Naim«, Jaguar lässt sich
von »Bowers & Wilkins« beschal-
len, Lexus kapriziert sich auf
»Mark Levinson«, und Mercedes
arbeitet mit »Bose« zusammen.
Porsche hat für seinen Panamera
den Berliner Highend-Guru Die-
ter Burmester verpflichtet, Auf-
steiger Volkswagen lässt im Passat
CC die Firma »Dynaudio« akus-
tisch walten.
ALL DIE FREQUENZEXPERTEN sind
um ihren Job im Automobil nicht
zu beneiden. Denn ein ganz an-
deres Orchester fährt bereits mit:
Der Auspuff posaunt, Blech dröhnt,
der kalte Dieselmotor hämmert,
der hochdrehende Vierventil-Di-
rekteinspritzer tiriliert wie die Cal-
las in ihren besten Jahren. In diese
Kakophonie stimmen je nach Tem-
po ein: pfeifende Blechkanten,
fiepende Antennen, brummende
Pneus, waberndes Schiebedach.
Alles zusammen: der Feind jegli-
cher High Fidelity.
In der gehobenen Luxusklasse
ist das Problem naturgemäß gerin-
ger als bei den auf Sportlichkeit
getrimmten S-Modellen. Aber auch
hier wird versucht, die Fahrge-
räusche möglichst komplett he-
rauszufiltern oder zumindest zu
dämmen. Dazu werden die Mo-
toren gekapselt, Pfeifgeräusche
durch kleine Spoiler unterbunden,
Abrollgeräusche mittels Spezial-
profil und Gummimischung elimi-
niert, Doppelglas-Scheiben in Fo-
lien-Sandwich gepackt.
Dass die Autohersteller heute
Akustik-Simulationsräume unter-
halten, ist mittlerweile genauso
zwingend wie ein eigener Wind-
und Klimakanal. Ein Akustikraum
ähnelt mehr einem hochwertigen
Aufnahmestudio als einem Labo-
ratorium. Vom einfachen Sprech-
mikrofon bis zum Kunstkopf -
hier sind alle Aufnahmetechniken
möglich. Mit ihnen wird regis-
triert, was die akustischen Kandi-
daten aus der highfidelen Ober-
schicht über den Preis hinaus zu
bieten haben. »Die Lautsprecher
des amerikanischen Herstellers
>Wilson Audio< kosten 40 000
Euro«, berichtet Peter Kohl-
schmidt, Direktor des Audi-
Soundparks in Ingolstadt, von den
streng abgeschirmten Testreihen.
»Pro Stück«, setzt er süffisant hin-
zu. Die Referenzboxen werden von
Endstufen angesteuert, die an
einem Vorverstärker hängen - al-
les in Röhrentechnik, versteht sich,
auch wenn die Geräte, wie Sound-
~
~
__   ~                                             ~ r o
experte Kohlschmidt sagt, »eine
Stunde zum Warmwerden benöti-
gen«. »Das Schönste dabei «, er-
gänzt Sulowski begeistert, »Sie
können den Unterschied hören. «
Darauf legt die Kundschaft
auch größten Wert, und entspre-
chend ist der Entwicklungsauf-
wand bei allen Autofirmen drama-
tisch gestiegen.
Beim Porsche Panamera waren
Dieter Burmester und sein »Auto-
motive Team« schon sehr früh in
die Planung des neuen Modells
eingebunden. Fünf Jahre hatten sie
Zeit, den Innenraum zu studieren
und die von Porsche-Soundchef
Mathias Renz vorgegebenen Ein-
bauplätze und -größen für die ins-
gesamt I6 Lautsprecher festzule-
gen. Alle zusammen haben eine
akustische Abstrahlfläche von
2400 Quadratzentimetern - um
auf das gleiche Verhältnis von
Membranfläche zu Rauminhalt zu
kommen, müssten in einem Wohn-
Kunstkopf-
Stereofonie
soll optimalen
Klang sichern.
Spezialmikro-
fone daneben
nehmen die
störenden
Geräusche
der unterschied-
lichsten
Frequenzen
auf; protokolliert
und ausgewertet
werden sie
im Computer
raum rund 70 Lautsprecherpaare
stehen.
Die Lautsprecherakustik ans
Interieur eines Autos anzupassen
- Leder- oder Stoff bezug, Textil-
himmel oder schallschluckendes
Alcantara - ist kein Problem, nur
die Glasflächen können Schwierig-
keiten machen. Vor allem die Sei-
tenfenster erzeugen ungewünschte
Reflexionen, Front- und Heck-
scheibe dagegen können als Refle-
xionsfläche das Klangbild positiv
verändern. Ihre große Abstrahlflä-
che sorgt dafür, dass der Sound
sich gleichmäßig im Innenraum
verteilt. Aus diesem Grund ist der
Subwoofer meist in der Hutablage
untergebracht. Für großflächige
Abstrahlung sorgt auch der Tief-
töner, den BMW im extrem steifen
Seitenschweller versteckt.
RECHTS UND LINKS im Armaturen-
brett sind die Hochtöner unterge-
bracht, hier bewirkt die Wind-
schutzscheibe ein räumliches
Klangempfinden. Psychoakustiker
überlegen sogar, »diese Glasfläche
als große Membran für einen Laut-
sprecher zu nutzen«, sagt Albert
Kaltenhauser, Akustiker in BMWs
»Münchner Soundlab«.
Auf seiner Visitenkarte steht
»)Leiter Luftschall«: Sein Job ist es,
Störgeräusche zu eliminieren, die
den highfidelen Genuss stören
04 1 2010 PM. 87
Wenn die Reifen über Kopfsteinpflaster rumpeln, reguliert die
Soundanlage im Innern die Lautstärke der Musik automatisch
könnten. Eine komplexe Angele-
genheit, denn die Karosserie wirkt
selbst wie ein Lautsprecher - Kal-
tenhauser demonstriert den Effekt
mit einem vibrierenden Impulsge-
ber, der das Blech zum Schwingen
bringt: Beethovens ))Für Elise«
oder Vivaldis »)Vier Jahreszeiten«
klingt brillant, ohne dass ein Laut-
sprecher zu sehen wäre. Aber das
genau gilt es im fertigen Auto zu
vermeiden: Deshalb müssen die
eingebauten Lautsprecher von der
Karosserie entkoppelt werden.
VOR ALLEM DIE TÜREN können zum
Problem werden: Nicht entkop-
pelte Lautsprecher bringen die In-
nenverkleidung zum Scheppern,
und bei höherer Lautstärke beginnt
sogar das Außenblech zu flattern
- die bis zu zwei Millimeter starken
Schwingungen sind von geschulten
Augen zu sehen und mit den Fin-
gerspitzen zu fühlen. Damit nichts
schwingt, was nicht schwingen
soll, werden bei Highend-Anlagen
in der Regel komplett abgekapselte
Lautsprecherboxen eingebaut.
Störgeräusche dringen aber auch
von außen in die Karosserie ein.
Rollen die Reifen über Kopfstein-
pflaster, kann die Geräuschdäm-
mung noch so aufwendig sein -
aber »Belgischer Blaugranit« ist
88 PM. 04 / 2010
immer zu hören. Um solche Ein-
flüsse zu minimieren, behelfen sich
die Spezialisten mit einem Trick:
Ein in der Armaturentafel einge-
lassenes Mikrofon nimmt die Fre-
quenzen von draußen auf, Compu-
ter analysieren sie in Echtzeit, und
Soundprozessoren heben diese Fre-
quenzen der Musik etwas an, so-
dass sie etwa beim Überfahren von
Kopfsteinpflaster lauter klingt.
Dass die Störgeräusche draußen
bleiben, macht das Innere eines
Autos allerdings noch nicht zum
Konzertsaal. Dazu sind weitere
Manipulationen notwendig, denn
in einer Fahrgastzelle herrschen
andere Bedingungen als in einer
Laser messen,
wie stark
eingebaute
Lautsprecher
TLirenzum
Schwingen und
damit zum Tönen
bringen. Die
Kunst dabei: den
Wohlklang
verstärken, die
Störgeräusche
ausmerzen
nach den Gesetzen der Akustik
speziell ausgetüftelten Philharmo-
nie. Um dennoch beim Klang mit-
halten zu können, wird eine auf-
wendige S urround -Elektronik
eingesetzt, die alle Lautsprecher
zeitversetzt mit elektrischen Sig-
nalen beliefert. Erreicht wird, »dass
jeder Insasse, wo er auch sitzt, das
gleiche Klangerlebnis wie die aus
der ersten Reihe hat«, sagt Edgar
Kirk, bei BMW verantwortlich für
Audioakustik.
Was die Elektronik sonst noch
beherrschen muss, steht auf dem
Wunschzettel der Sicherheitsinge-
nieure. Die Musik wird automa-
tisch leiser, wenn es die Verkehrs-
situation erfordert. Etwa bei
Durchsagen des Navigationssys-
tems oder beim Einlegen des Rück-
wärtsgangs, wenn das Warnpiep-
sen ertönt.
Überhaupt heißt gut hören nicht
unbedingt laut hören. Mit Highend-
Komponenten und gewitzter Sur-
round-Technik hört man auch leise
den vollen Ton. Der Bundesverband
der Hals-Nasen-Ohrenärzte emp-
fiehlt einen Schalldruck von höchs-
tens 85 Dezibel (dB): Das ist mehr
als Straßenlärm (65 dB) und weni-
ger als die Geräuschkulisse im of-
fenen Cabrio (89 dB). Über 85 dB
drohe ein bleibender Gehörschaden,
warnen die Fachärzte. Und ob die
Dauerberieselung am Steuer so toll
ist, dazu hat einer, der wie Juan
Diego Florez etwas vom Klang ver-
steht, eine eindeutige Meinung:
))Für mich ist die ständige Präsenz
von Musik problematischer als die
von Verkehrsgeräuschen« - sagte
kein Geringerer als der Tonkünstler
John Cage.   .....
WEBWEISER
Audi und die Bang&Oluf senanlage:
www.audi.de
Aus der Manufaktur des Porschever -
edlers und Klangpuristen:
www.burmester.de
LESERBRIEFE
Menschenverachtung
Zum Bericht »Kennen Sie Ihre dunkle
Seite?« In P.M. 2/2010:
Der größte Feind des Menschen ist
der Mensch, das haben die von
Ihnen zitierten »Monsterstudien«
eindrucksvoll bewiesen. Letzten
Endes geht's immer um die
Steuerung von anderen - mal mit
körperlicher , mal mit psychischer
Gewalt. Vielleicht wäre das mal ein
schönes Ziel für unser
Bildungssystem: den Kids beizu-
bringen, auch die feineren Psycho-
tricks der Menschenverführer
rechtzeitig zu »riechen«.
Dann würden sie vielleicht
(unter anderem) merken,
was verstärker Kon-
sumdrill mit ihnen macht
- auch der ist nämlich
eine Form der Men-
schenverachtung.
Fred Fink. Hannover
Blindes Vertrauen
Zum Bericht »Digitale Schutzengel«
In P.M. 2/2010:
Das Problem in dieser Technik ist
nicht die Akzeptanz der Fahrer,
sondern das Abschieben der
Verantwortung vieler Fahrer auf
die neuen Assistenzsysteme. Dies
ist leicht an den vielen Meldungen
über das »blinde« Vertrauen in die
Navigationsgeräte festzustellen,
wo diese dann im Wasser, Sand-
haufen oder der Gegenfahrbahn
Leserbrief des Monats
Sportroboter an den Start!
Zum Bericht »Doping aus der Steckdose« In P .M. 2/2010:
landen. Und die Meldungen sind
nur die Eisspitze. So werden
auch jetzt viele Fahrer reagie-
ren: Das Auto macht das schon.
Insbesondere bereits überfor-
derte Fahrer halten sich so länger
auf den Straßen und gefährden
sich und andere.
Uwe Jontzen. Bremen
Richtig zitiert
Zum Bericht» ltidllche Schönheiten«
In P.M. 2/2010:
In der wie immer sehr interes-
santen P.M. Februar 2010 wird im
Artikel» Tödliche Schönheiten«
gleich zweimal Paracelsus zitiert
mit den Worten: »Allein die Dosis
macht das Gift.« Aber ist die
Aussage nicht wie folgt überlie-
Der Sport ist inzwischen dermaßen techniSiert, dass man sich fragen muss: Warum
gehen überhaupt noch Menschen an den Start? Soll man doch gleich Roboter auf die
Absprungschanzen stellen - dann ist man auch auf einen Schlag das Dopingproblem
los, außerdem haben die Maschinen nicht im falschen Moment Magengrimmen oder
Monatsblutung. Und spannend bleibt der Ausgang der Wettbewerbe trotzdem: Der
Sportroboter ist auch nur so gut wie das Programm, das ihn steuert. Und bei Kurz-
schluss gibt's eine lustige Schlitterpartie auf dem Eis. Nur beim Singen der National-
hymne müssen die Damen und Herren Roboter wahrscheinlich passen.
Tirn Michelmann, Husurn
90 PM. 04 1 2010
fert?: »Alle Ding' sind Gift und
nichts ohn' Gift; allein die Dosis
macht, das ein Ding kein Gift ist. "
Ich sehe im ersten »Zitat« nicht
nur eine Verkürzung sondern auch
eine Sinnänderung dahingehend,
dass man alles normalerweise
Harmlose zu Gift machen kann,
wenn man es nur hoch genug
dosiert. Demgegenüber sagte
Paracelsus im Zitat, wie ich es
kenne, dass erst einmal alles Gift
iSt, nur in entsprechender Dosie-
rung kann man die Wirkung so
abschwächen, dass es kein Gift
mehr ist. Also wäre das die
genau entgegengesetzte Sicht-
weise.
Oieter Schulz, per E- Mail
Strompreis
Zum Bericht »Ein Gewitter für 22 Euro«
In P.M. 2/2010:
Sie schreiben auf Seite 14, dass
1000 kWh 22 Euro kosten. Nennen
Sie mir den Stromanbieter, denn
ich möchte auch in den Genuss
dieses Preises kommen. Zurzeit
zahle ich 21,6 c/kWh.
GUnter Meier. per E-Mail.
Sie haben recht, uns ist tatsächlich
eine null abhanden gekommen.
Natürlich kosten 1000 kWh rund
200 Euro. Sorry.
P.M - RedaktionRedaktion
TEXT: BETTINA GARTNER
eribert ist der beste
Papa der Welt. So-
bald sich Nach-
wuchs ankündigt,
baut er ihm ein
Nest. Bei der Ge-
burt zieht er ihn
eigenhändig aus dem Geburts-
kanal, entfernt die Fruchtblase und
wischt ihn sauber, damit er gut
atmen kann. Außerdem betätigt er
sich als Babysitter, wenn Mama
mal nicht zu Hause ist. Von Heri-
bert könnte sich selbst manch
menschlicher Vater einiges ab-
schauen. Heribert ist kein Mensch.
Er ist ein Campbell-Zwerghamster:
ein Vieh mit Vorbild-Funktion.
Andere Tierväter nehmen es mit
ihrer Aufgabe im Familienverbund
weniger genau. Würmer treffen
sich nur zum Sex. Die meisten In-
sekten, Amphibien und Reptilien
machen sich nach der Eiablage aus
94 PM. 04 / 2010
dem Staub. Fische wie der Sand-
grundler tun besorgt um ihre Eier,
solange sie unter der Kuratel ihrer
Herzdame stehen. Ist sie außer
Sichtweite, scheren sie sich nicht
mehr um den Nachwuchs. Störche
werfen die schwächsten Küken
manchmal aus dem Nest, Mäuse
beißen ihre Neugeborenen unter
Umständen tot.
MÖGLICHST VIELE WEIBCHEN begat-
ten, um die eigenen Gene zu streu-
en - dieses Verhalten wird dem
männlichen Geschlecht von der
Evolutionsbiologie gern zugeschrie-
ben. Ein richtiger Kerl sei dazu da,
Vater zu werden, und nicht, Vater
zu sein, heißt es. Doch es geht auch
anders, wie Hamster Heribert
zeigt. Ob ein Männchen ein guter
Vater ist, hängt neuen Erkenntnis-
sen zufolge von vielen Faktoren ab:
den Genen, der Umwelt, den Hor-
Liebevoller Papa:
Ein männlicher
Campbell-
Zwerghamster
ist nicht nur
Babysitter,
sondern auch
Geburtshelfer.
Und das Nest für
den Nachwuchs
hat er auch
gebaut
monen und den persönlichen Er-
fahrungen. Verhaltensforscher und
Biologen zimmern ein immer kom-
plexeres Bild vom Vatersein.
Statt mit schnellem Sex mög-
lichst viele Nachkommen zu zeu-
gen, kann ein Männchen sich um
seinen Nachwuchs kümmern und
dadurch dessen Überlebenschance
erhöhen. Welche Strategie die bes-
sere ist, hängt vom Sozialsystem
der Tierarten, vor allem aber von
ihrer Umwelt ab. Striemengras-
mäuse, die in der Halbwüste Süd-
afrikas leben, sind fürsorgliche
Väter, ihre Verwandten im feuch-
ten Grasland nicht. Wie kann es
sein, dass in einer Art Hausmänner
und Hallodris zugleich vorkom-
men? »Ein Striemengrasmaus-
Männchen in der Halbwüste lebt
mit mehreren Weibchen zusammen
und hat deshalb genügend Zeit und
Energie, sich um den Nachwuchs
zu kümmern«, erklärt Carsten
Schradin, Biologe und Tierväter-
Experte an der Universität Zürich.
)) Ein Striemengrasmaus-Männchen
im Grasland muss ein einen Hektar
großes Gebiet abklappern, um
überhaupt ein Weibchen zu finden
- da bleibt weder Zeit noch Kraft
fürs Vatersein.« Dass die Wüsten-
mäuse einen Harem bilden, die
Graslandmäuse Junggesellen blei-
ben, hängt auch mit der Ernäh-
rungssituation in ihrer Heimat
zusammen: In der Halbwüste gibt
es für die Mäuse mehr zu knabbern
als im Grasland, wo zwar saftige
Gräser, aber kaum nahrhafte Sa-
men wachsen.
Väter kommen ihren Pflichten
vor allem dann nach, wenn sie si-
cher sein können, dass der Nach-
wuchs von ihnen stammt. Wer
zieht schon gern ein Kuckuckskind
groß? Laut einer Studie der ameri-
VIEL SEX, VIEL NACHWUCHS: NICHT IMMER
DIE BESTE STRATEGIE, WENIGER SEX
UND MEHR BRUTPFLEGE KANN BESSER SEIN
kanischen Virginia Common-
wealth University sind fünf bis
zehn Prozent der Menschenkinder
den vermeintlichen Vätern unter-
geschoben - keine motivierende
Aussicht. Auch die Männchen im
Tierreich fürchten die Eskapaden
der Weibchen, die manchmal mehr
auf die Fitness der Väter als auf die
eigene Treue achten. Um sicherzu-
gehen, dass sie ihre Kraft nicht in
fremde Brut investiert, wickelt sich
die männliche Geburtshelferkröte
die von den Weibchen gelegten Ei-
schnüre um die Hinterbeine und
trägt sie mit sich spazieren. Männ-
liche KreuzweIse brüten ihren
Nachwuchs in ihrem Maul aus.
Die Gene machen den Vater zur
Glucke.
VIELE FISCHE UND VÖGEL legen sich
aber auch ohne einen solchen ))Va-
terschaftstest« mächtig ins Zeug.
Das Stichlingsmännchen fächelt
den Eiern Frischwasser zu und säu-
bert das Nest von Pilzen. So viel
Fürsorge macht sexy und lockt
weitere Weibchen zur Eiablage an.
Der Thermometerhahn misst mit
seinem Schnabel regelmäßig die
Temperatur im Nest. Bei Lauf-
vögeln wie Emus und Kiwis über-
nehmen die Männchen das Brüten
sogar allein.
Nach der Geburt kümmern sich
70 Prozent der Vogelarten gemein-
sam um den Nachwuchs. Bei Sing-
vögeln hören die Jungen in erster
Linie auf den Papa: Der nämlich
trällert, während die Mama meist
den Schnabel hält. Sogar alleiner-
ziehende Väter sind im Tierreich zu
finden: Der Grillkuckuck über-
nimmt die komplette Aufzucht der
Jungen, während das Weibchen
sich anderweitig vergnügt und mit
einem neuen Grillkuckuck eine
Oberes Bild:
Männliche
Striemengras-
mäuse sind
nur in der Wüste
gute Vater-
wenn sie im
Grasland leben,
haben sie keine
Zeit für den
Nachwuchs
Zweitfamilie gründet. Auch Frauen
können ihre Männer ganz schön
sitzen lassen.
Dabei zeigt Mann sich mitunter
bereits während der Schwanger-
schaft solidarisch mit den Frauen:
Wie sie legt auch er ein paar Kilo
zu. Wie sie leidet auch er an Kopf-
schmerzen und Übelkeit. Schwan-
gerschaftssyndrom oder Couvade-
Syndrom wird dieses Phänomen
genannt. 20 bis 50 Prozent der
Menschenväter in Europa entwi-
ckeln es - vor allem mitfühlende
04 / 2010 PM. 95
und engagierte Männer oder sol-
che, die »Gebärneid« gegenüber
ihren Frauen entwickeln, vermuten
Psychologen.
Lange war das Couvade-Syn-
drom nur beim Menschen bekannt.
Vor einigen Jahren aber wurde es
auch bei Weißbüschelaffen ent-
deckt. Während das Weibchen
trächtig ist, nimmt auch das Männ-
chen einige Gramm zu. Dieser
Schwangerschafts-Speck hat einen
praktischen Nutzen. Nach der
Geburt ist der Papa nämlich als
Babysitter gefragt: Geht die Familie
auf Nahrungssuche, krallt sich der
Nachwuchs am liebsten am Fell des
Vaters fest. 20 Prozent seines eige-
nen Körpergewichts muss er zusätz-
lich mit sich herumschleppen - von
morgens bis abends. Da kommt das
Energiepolster gerade recht.
BEREITS VOR DER GEBURT läuft im
männlichen Gehirn ein tief veran-
kertes Programm ab - das der
aktiven Vaterschaft, meint die Psy-
chologin Anne Storey von der Me-
morial University of Newfound-
land. Der Motor für dieses
Programm sind die Hormone. Sie
spielen während der Schwanger-
schaft nicht nur bei Frauen, son-
dern - man höre und staune - auch
bei Männern verrückt, bei Tieren
ebenso wie bei Menschen.
Storey zapfte 34 Menschen-
vätern vor und nach der Geburt
ihres Kindes Blut ab und fand
heraus: Drei Wochen vor der Ge-
burt steigt der Prolaktin-Wert der
Männer um durchschnittlich 20
Prozent an. Prolaktin ist das Hor-
mon, das bei Frauen die Milchpro-
duktion anregt. Außerdem löst es
mütterliches Verhalten aus: Wenn
man es Ratten verabreicht, begin-
nen selbst jungfräuliche Tiere
Nester zu bauen und fremde Jun-
ge abzulecken. Auch bei Tier-
vätern wie Weißbüschelaffen,
Königspinguinen, Kalifornischen
Hirschmäusen und Wölfen wur-
den erhöhte Prolaktinwerte ge-
messen. Bei den Menschenvä-
96 PM. 04 / 2010
tern wird die Ausschüttung des
Hormons wahrscheinlich durch
bestimmte Geruchsstoffe der
Schwangeren oder durch das ver-
änderte Paarverhalten während
der Schwangerschaft ausgelöst,
vermutet Storey.
Männersache:
Nachdem
Laichakt
vertreibt das
Männchen
seine Partnerin
SCHWANGERE
MÄNNCHEN: BEI DEN
SEEPFERDCHEN
DER NORMALFALL
Nach der Geburt mutieren viele
Männer - hormonell gesehen -
vom Macho zum Familienmen-
schen. Der Gehalt des Männlich-
keitshormons Testosteron in ihrem
Blut sinkt um durchschnittlich ein
Drittel ab, und ihre Fürsorglichkeit
steigt.
Das Erstaunliche ist: Der Hor-
moncocktail kommt nicht nur bei
Stichlinge
(oben): Wenn
das Männchen
dafür sorgt, dass
das Nest sauber
bleibt, kommen
weitere Weib-
chen und legen
ihre Eier hinein
leiblichen Vätern, sondern auch bei
Adoptiveltern in Wallung.
Zu den bekanntesten Adoptiv-
vätern im Tierreich zählt Spindie,
ein halbwüchsiges Schirnpansen-
männchen im afrikanischen Gom-
be-Nationalpark. Unter den Augen
der Verhaltensforscherin Jane
Goodall nahm Spindie den kleinen
Mel auf, dessen Mutter gestor-
ben war. Ohne Hilfe wäreMel ver-
endet. Spindie aber kümmerte sich
um ihn, obwohl die heiden Schim-
pansen weder verwandt noch ver-
schwägert waren. Was, wenn nicht
die Gene, ließ Spindie zum Sama-
riter werden? Die Hormone? Ein
einprogrammiertes FÜIsorge-Not-
fallprogramm? Seine Moral? Oder
positive eigene Erfahrungen?
Präriewühlmäuse werden besse-
re Papas, wenn sie selbst von einem
guten Vater aufgezogen wurden.
Weißbüschelaffen sammeln wert-
volle Erfahrungen, indem sie ihre
jüngeren Geschwister betreuen.
Werden sie selbst Vater, stellen sie
sich von Mal zu Mal geschickter
mit dem Nachwuchs an. Vaterliebe
ist nicht nur angeboren, sondern
auch anerzogen. Sie wächst und
gedeiht - ebenso wie Mutterliebe.
Lange Zeit wurde Mutterliebe
als »basic instinct« betrachtet, als
ein »Verhaltensmuster, das nicht
erlernt, sondern genetisch vorgege-
ben ist«, wie das Lexikon den Be-
griff Instinkt definiert. Stimmt
nicht, meinen immer mehr Wissen-
schaftler. »Die Idee der unbe-
dingten Bindung einer Mutter an
ihr Kind ist ein Mythos«, sagt die
amerikanische Anthropologin
Sarah Blaffer Hrdy.
Die Natur hat den Frauen ein
Fenster gelassen, um sich ohne all-
zu große emotionale Kosten von
ihrem Kind zu trennen - bis zu 72
Stunden nach der Geburt bleibt
es offen. Danach wird alles auf
Abhängigkeit gepolt: Schon der
Blick ins Babygesicht aktiviert das
Belohnungssystem im Gehirn. Da
geht es Müttern und Vätern ganz
ähnlich.  
Ein besonders skurriler Fall von
Vaterliebe findet sich in einem Tier-
park nahe London. Dort leben
Carlos und Fernando, zwei schwu-
le Flamingos. In guter Vogelmanier
wünscht sich das Paar nichts sehn-
licher als Nachwuchs und klaut
anderen, heterosexuellen Paaren
immer wieder die Eier. Fürsorglich
brüten die beiden das Diebesgut
aus und ziehen die Jungtiere groß.
Das geht auch ohne weibliche Hil-
fe, weil Flamingos in ihrem Kehl-
kopf die sogenannte Kopfmilch
produzieren - ein fetthaltiges, dun-
kelrotes Sekret -, mit dem sie den
Nachwuchs füttern.
BEI DEN SÄUGETIEREN HINGEGEN ist
die Milch-Produktion den Müttern
vorbehalten - meistens jedenfalls.
Zwei asiatische Fledermausarten
bilden die Ausnahme: Bei ihnen
haben auch die Männchen manch-
mal Milch. Allerdings ist nicht
ganz klar, ob dies freiwillig ge-
schieht. Vielleicht, vermuten Wis-
senschaftler, bringen Pestizide den
Hormonhaushalt der Männchen
durcheinander. Ob die Milchmän-
ner ihre Fähigkeit als Amme tat-
sächlich nutzen, ist ebenfalls un-
bekannt.
Es liegt in der Natur der Sache,
dass bei Säugetieren in der ersten
Zeit nach der Geburt vor allem die
Mutter für den Nachwuchs sorgt.
Der Vater bleibt außen vor. Seine
Fürsorge aber ist wichtig. Während
die Mutter die Kinder vor allem
hegt und pflegt, sorgt der Vater für
Unterhaltung und Bewegung. Wie
sicher er im körperlichen Umgang
mit den Kleinen ist, hängt unter
anderem davon ab, ob er bei ihrer
Geburt dabei war oder nicht: 90
Prozent der Menschenväter erleben
diesen Augenblick bei uns mittler-
weile mit. Das tut gut: In der Folge
verbringen sie mehr Zeit mit ihren
Kindern und haben mehr Freude
an ihrer Aufgabe.
Für die Kinder ist die Präsenz
des Vaters langfristig wichtig. Un-
tersuchungen zufolge entwickeln
04 / 2010 PM. 97
Jungs mit Vater ein stärkeres
Selbstwertgefühl als Jungs ohne
Vater. Außerdem werden sie sel-
tener straffällig und haben weniger
Probleme, intim zu sein. Vaterlose
Mädchen kommen, statistisch ge-
sehen, früher in die Pubertät, ha-
ben früher Sex, werden früher
schwanger und sind im späteren
Leben anfälliger für Stress.
98 PM. 04 / 2010
Eines aber kann selbst der beste
Mann seiner Frau nicht abnehmen:
die Geburt! Oder etwa doch? Bio-
loge Schradin weiß es besser: »Bei
den Seepferdchen hat die Natur
den Spieß umgedreht. Dort ist Kin-
derkriegen Männersache. «
Zum Vorspiel treffen sich die
Seepferdchen im Morgengrauen.
Die Schwänze ineinandergehakelt,
SCHWULE VÄTER,
ALLEINERZIEHENDE
VÄTER - IM TIERREICH
IST ALLES MÖGLICH
Kiwi in Neusee-
land (0. links)
und Emu in
Australien
(daneben):
Beibeiden
Laufvögeln ist
das Brüten
Männersache
Flamingos:
Auch männliche
Tiere können
Junge groß-
ziehen, weil sie
in ihrem Kehlkopf
eine fetthaltlge,
milchartige
Nahrungs-
flüssigkeit
produzieren
tänzeln sie stundenlang durchs
Wasser. Nach ein bis zwei Tagen
schiebt das Weibchen seine Eier in
die Bruttasche des Männchens -
Befruchtung einmal anders.
Diese Bruttasche war ursprüng-
lich wahrscheinlich eine einfache
Falte am Bauch des Männchens, in
der es den Nachwuchs herum-
schleppte. Im Laufe der Zeit wurde
aus der Falte ein verschließbarer
Beutel. Ist er mit Eiern gefüllt, hat
das Seepferdchen-Männchen einen
richtigen Schwangerschaftsbauch.
In ihm werden die Eier mit Sauer-
stoff und wahrscheinlich auch mit
Nährstoffen versorgt. Nach eini-
gen Wochen schlüpfen die Jungen
aus den Eiern, und der Vater presst
sie unter stundenlangen Win-
dungen aus dem Brutbeutel hervor.
Pro Wurf können es locker tausend
Jungtiere sein. Sie sind nur wenige
Millimeter groß, aber schon richtig
selbstständig. Eine reife Leistung
vom Seepferdchen-Papa. Hamster
Heriberts Thron als bester Vater
wackelt.    
BUCHTIPP
Carsten Schradin: Die Biologie des
Vaters. Was uns die Verhaltens-
forschung über Vater berichten kann,
Fi/ander Verlag, 2007
WEBWEISER
Die Biologie des Vaters:
www.uzh.ch/news/articles/
2007/2424.htmi
Wißbüscheläffchen mit
Schwangerschaft ssymptomen:
sclencev1.orf.at/science/
news/143248
Zitate
In dem Maße, wie der Wille und
die Fähigkeit zur Selbstkritik stei-
gen, hebt sich auch das Niveau
der Kritik am andern.
CHRISTIAN MORGENSTERN.
deutscher Dichter (1871-1914)
Was das Meckern angeht, landet
die Ziege weit abgeschlagen hin-
ter dem Menschen.
RUPERT SCHÜTZBACH,
deutscher Aphoristiker (geb. 1933)
Als Physiker kann man davon
ausgehen, dass ein Elekt ron wie
das andere ist, während Sozial-
wissenschaftIer auf diesen Luxus
verzichten müssen.
WOLFGANG PAULI,
schweizerisch-amerikanischer Physiker
und Nobelpreisträger (gefunden von P.M.-
Leser Hubert Bodächtel, Flachslanden)
Kann sich jemand an Zeiten erin-
nern, die nicht hart waren und in
denen das Geld nicht knapp war?
RAl PH WAlDO EMERSON,
umerikanischer Philosoph und Dichter
(1803-1882)
Von einem guten Kompliment
kann ich zwei Monate leben.
MARK TWAIN.
amerikanischer Schriftsteller (1835-1910)
100 PM. 04 / 2010
Das Bauen starrer Festungen
zeugt von menschlicher Dumm-
heit. Denn wenn man Berge,
Flüsse, ja sogar Weltmeere über-
winden kann, wieso dann keine
Festungen?
DWIGHT D. EISENHOWER,
34. Präsident der USA (1890-1969)
(gefunden von P.M.-Leser Steffen Walther.
per E-Mail)
Ohne Vorbehalte kann man nur
dann mit jemandem diskutieren,
wenn dieser von der Sache nichts
versteht.
ERNST R. HAUSCHKA,
deutscher Aphoristiker (geb. 1926)
Nur wo es Entscheidungsfreiheit
gibt, kann sich Mut entfalten.
HANS-JüRGEN QUADBECK-SEEGER,
deutscher Chemiker und Manager (geb.
1939)
Man kann auch mit Anstand
außer sich sein.
JEAN ANOUl lH,
französischer Dramatiker (1910-1987)
Kleine Stationen sind stolz darauf,
dass die Schnellzüge an ihnen vor-
beifahren müssen.
KARl KRAUS,
österreichischer Schriftsteller (1874-1936)
HENRY FORD 1. .
amerikanischer
Industrieller
(1863- 1947)
ZUM THEMA
MUSIK
Es ist nicht wenig Zeit, die wir
zur Verfügung haben, sondern es
ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.
SENECA,
römischer Dichter (4 v. Chr . - 65 n. Chr.)
(gefunden von P.M. Leser in Eva-Maria
Woblistin, per E-Mail)
Eine Ehefrau muss Gott danken,
dass ihr Mann Fehler hat; ein feh-
lerfreier Mann ist ein gefährlicher
Beobachter.
LORD HALIFAX,
britischer Staatsmann (1881 - 1959)
Erfinden ist eine weise Antwort
auf eine vernünftige Frage.
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE,
deutscher Dichter (1749- 1832)
Die Praxis ist immer fantasie-
voller als die Theorie.
MANFRED ROMMEl ,
deutscher Politiker (geb. 1928)
Keine Regel ohne Ausnahme,
aber wehe, wenn die Ausnahme
zur Regel wird.
HANS KASPER,
deutscher Schriftsteller und Journalist
(1916-1990 )
Es wäre wenig in der Welt unter-
nommen, wenn man nur immer
auf den Ausgang gesehen hätte.
GOTT HOLD EPHRAIM LESSING,
deutscher Dichter (1729-1781)
Mithilfe der göttlichen Tonkunst
lässt sich mehr ausdrücken und
ausrichten als mit Worten.
CARl MARIA VON WEBER,
deutscher Komponist, Dirigent und Piani st
(1786-1826)
Die Musik spricht nicht die Leidenschaft,
die Liebe, die Sehnsucht dieses oder jenes
Individuums in dieser oder jener Lage
aus, sondern die Leidenschaft, die Liebe,
die Sehnsucht selbst.
RICHARD WAGNER ..
deutscher Komponist (181 - 1883)
Musik allein ist die Weltsprache und
braucht nicht übersetzt zu werden.
BERTHOlD AUERBACH,
deutscher Schrift steller (1812-1882)
ACKER IM HOCHHAUS
Die Landwirtschaft zieht in
die Städte. In gigantischen
Bauwerken wachsen Tomaten
im 36. Stock, zehn Etagen
darüber wird Weizen geerntet.
Reine Fantasie? Nein! Die Pläne
für das »Vertlcal Farmlng« sind
schon fertig (Bild: Projekt
»Dragonfly« In New York)
HYPERCANES
Sie sind die aggressivsten Hurrikans,
die es gibt. Mit 500 km/h stürmen sie
über Land und Meer - und vernichten
alles, was sich ihnen in den Weg stellt
106 PM. 04 / 2010
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Cum 8{ priwlcgio
Carfarco.
DIE ERSTEN RECHENMEISTER
Sie brachten Europa den
Umgang mit Zahlen bei. Das ist
noch gar nicht so lange her!