iPod & Co versus Entschleunigung (in) der Musik

Richard Graf ©2006
veröffentlicht in: Musikerziehung April/Juni 2007, S. 242

Musik, Digitalisierung und Internet Musik ist Teil unseres Lebens. Ob bewusst oder nicht – sie umgibt uns fast unausweichlich. Mit der „Digitalisierung unserer Welt“ und der zunehmenden Dominanz von Computern und Internet ist die Präsenz und der Zugriff von Musik inflationär geworden. Aber genauso wie das Vorhandensein von Information durch digitale Medien noch keinen Anspruch auf Weisheit bedeutet, ist die Omnipräsenz der Musik noch lange kein Hinweis auf eine aktive und bewusste Erfahrungsqualität durch den Konsumenten. Hörgewohnheiten und Auswirkungen Die Individualisierung der Musikauswahl und dem damit provozierten „Hör-Autismus“ hat bei gleichzeitig steigender auditiver Reizüberflutung sich nicht nur bei Jugendlichen auf die Klangvorstellung bzw. auf „das Hören“ an sich ausgewirkt. Da Musik in verstärktem Maße auf diesem Weg konsumiert wird und der Bezug zu „echten“ akustischen Instrumenten mehr und mehr verloren geht, Quantität über Qualität steht, das visuelle Element zunehmend überwiegt (Musikvideos), darf man sich nicht wundern, wenn Jugendliche mit dem traditionellen Musikunterricht ihre Probleme haben. Zusätzlich zu den Problemen der Rezeption von Musik gibt es nicht zu unterschätzende irreparable Schäden durch zu hohe Lautstärken, bedingt durch das Hören mit Kopfhörern (bis zu 120dB). „Chill Out“ versus „bpm“ Das veränderte „Bild“ der Musik unserer Gesellschaft zeigt sich auch deutlich in der Sprache. Jugendliche reagieren auf Trends naturgemäß rasch und sind dabei wichtige Indikatoren für zukünftige Entwicklungen. MP3 gilt mittlerweile als Synonym für digitale Musik und hat mithilfe des Internets den Siegeszug rund um die Welt angetreten. Die Entwicklung von Music-Player wie dem iPod bieten eine Handhabe, wie es früher undenkbar war. Hunderte Stunden Musik passen in ein kleines Gerät, wofür früher unzählige Schallplatten oder Tonbänder nötig gewesen wären. Dadurch wird eine Verfügbarkeit der Musik möglich, die eine Selbstverständlichkeit und schließlich auch eine Beliebigkeit provoziert. Während Schallplatten als Musikmedien noch die Chance zur Entschleunigung boten, war die CD schon viel handlicher und in einem DiscWalkman auch unterwegs einsetzbar. Die mit zunehmenden Maße schwindenden Ausmaße der mp3-Player bewirken eine vollständige Entkopplung in Bezug auf „wo und wann“ Musik individuell konsumiert werden kann. Die Entschleunigung des 21. Jhs. heißt deshalb „Chill Out“ und wird anhand reduzierter „beats per minute“ indiziert.
© Richard Graf www.RichardGraf.com